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Das Wesen der Technik und das ,andere Geschick‘: Ge-stell und Gegnet im Denken Martin
Heideggers
Author(s): Hans-Dieter Bahr
Source: Heidegger Studies, Vol. 29, Technicity, Language and Translation: Questions
Concerning the Parousia of the Divine (2013), pp. 89-120
Published by: Duncker & Humblot GmbH
Stable URL: https://www.jstor.org/stable/45014572
Accessed: 29-07-2020 07:20 UTC

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick'

Ge-stell und Gegnet im Denken Martín Heideggers

Hans-Dieter Bahr

Im Wesen moderner Technik, wie Martin Heidegger es vom Stellen (thesis,


posito) her zu denken sucht1, könnte, wie er meint, eine Gefahr aufblitzen, die von
anderer Art und weit gewaltiger sei als diejenige, die vom instrumentellen Handeln
und vom technischen Zeug ausgehe: die Gefahr, daß die Weisen des , Stellens4 sich
derart in sich »verstellten4, daß nicht nur das Wesen der Technik selbst, sondern
damit das »Wesensgeschick des Seins4 schlechthin der Vergessenheit verfiele.2 Die
, Gefahr der Gefahren4, die darin bestehe, daß sie ihrerseits verhüllt bleibe, bedrohe
zugleich das Wesen des Menschen, das sich in der denkenden Teilhabe an der Ent-
bergung der Wahrheit des Seins manifestiere. „Gemäß dieser Verstellung der
Gefahr durch das Bestellen des Ge-stells sieht es immer noch und immer wieder so
aus, als sei die Technik ein Mittel in der Hand des Menschen. In Wahrheit aber ist
jetzt das Wesen des Menschen darin bestellt, dem Wesen der Technik an die Hand
zu gehen.443 Blitze jedoch solche »Wahrheit4 auf, in welcher die Gefahr eigens ans
Licht komme, dann vermöge sich ein »Rettendes4, nämlich das Ereignis einer
»Kehre4, andeuten. Sie bleibe jedoch verhüllt, wenn der Mensch sich in seinem sich
selbst verkennenden »Willen zur Macht4 als Herrscher aufspiele.4 Heidegger wähnt
gleichwohl, wir könnten vielleicht im Schatten der Ankunft dieser Kehre4 stehen.5
Vielleicht deute sie sich bereits in der Besinnung auf die Kunst an, sofern durch sie

1 Die Nähe des Begriffs »Stellen* als Bewirkungswort von »Stehen*, also ,zum Stand
bringen* (und Heidegger wird von einem »Bestand* der Technik sprechen, der allerdings
nicht zum »Gegen-stand* werde) zu Fichtes Begriff des »Setzens* ist unübersehbar. Es
scheint mir nicht undenkbar, daß Heidegger dasjenige mit im Blick hatte, was das ,Setzen-
Stellen-Legen* (ponere) im Denken Fichtes darin zeigt, daß dieses weder theoretisch noch
praktisch zu einem Ende kommen kann, sondern unendlich einer Aneignung des »entge-
gengesetzten Nicht-Ich* und dessen Aufhebung durch das absolute Subjekt , zutreibt*. Vgl.
Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre von 1794, Fichtes
Werke Bd. I, Hg. I. H. Fichte (1845), Berlin 1971.
2 Martin Heidegger, Die Kehre, in: Die Technik und die Kehre, Pfullingen 1962, S. 37.
3 Ebd.
4 Heideggers Redewendungen lassen hier noch deutlich seine Auseinandersetzung mit
Friedrich Nietzsches Entwurf des »Willens zur Macht* erkennen, den er als den Höhepunkt
in der Geschichte der Metaphysik sieht. Vgl. Martin Heidegger, Nietzsche, 2 Bde, Pftillin-
gen 1961.
5 M. Heidegger, Die Kehre, a.a.O., S. 41.

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90 Hans-Dieter Bahr

verdeckte Züge der Technik kennt


dung des Ge-stells40 ereigne sich
Geschicks4.7

Gibt es eine Möglichkeit, sich dem Wesen dieses anderen, verhüllten Geschicks
zu nähern, ohne zu glauben, dessen Verborgenheit entbergen zu können, und sie
gleichwohl als bestimmte Verborgenheit sprechen zu lassen, nämlich als dasjenige,
was der Herrschaft des Stellens unzugänglich bleibt? Liegt sie vielleicht in dem,
was Heidegger mit dem Wort ,Gegneť anspricht? Zeigt sich in ihr vielleicht das-
jenige, was das Ge-stell an Welt verweigert und, - in der , Verwahrlosung des
Dings4, - gerade fern hält von jener Nähe, welche Menschen zum »Geviert von
Himmel und Erde, Sterblichen und Göttlichen4 gehören läßt?8 Liegt jenseits der
Region des Ge-stells eine ,Gegneť als deren mögliches anderes Geschick?

Um sich den Weisen des , Stellens4, wie sie sich im , Ge-stell4 sammeln, nähern
zu können, scheint mir zunächst ein kurzer Rückblick auf Heideggers Gedanken
zum ,zuhandenen Zeug4 sinnvoll, wie er sie in Sein und Zeit dargelegt hatte. Denn
mit der Frage nach der Welt erschließenden , Bewandtnis ' der Verweisungs- und
Zeigezusammenhänge berührte Heidegger die Grenzen jener »Intentionalität4, wie
sie von ihm in der Sorgestruktur des Daseins als existenzial weitergedacht worden
war. Und eine Kritik des Zeugs als »Mittel4, die, wie ich meine, weiterreichen
sollte als dessen Einbettung in »Kausalität4, wie Aristoteles sie beschrieben hatte,
wird uns zu einem Verständnis seiner unverfügbaren »Wendigkeit4 führen, die sich
durch keine Einbindung in die »Mitte4 von Zwecksetzung und -Verwirklichung
mehr begreifen läßt. Von da aus aber könnte die Seinsweise jenes Stellens ver-
ständlicher werden, das nicht nur zugleich sein Wesen verstellt, wie Heidegger
sagt, sondern es zudem entstellt und »zerstellt4 (dis-ponere) . Die Verstellungen
scheinen ihm dadurch möglich, daß das Wesen des Stellens von sich her dazu
verführt, die mannigfaltigen instrumentalen Ausrichtungen, die ontisch in ihm
wirken, zu einer ontologischen Gerichtetheit zusammenzufassen und so dem
Wesen der Technik als Ganzer zu unterstellen, nur Instrumentarium menschlicher
Interessen zu sein. Könnte nicht gerade das Wesen des Mittels, sein unverfügbares,
wendiges ,Dis-ponibel-sein4, auf ein ,Zer-stellen4 verweisen, das die Seinsweise
des Ge-stells nicht nur in seinem , Kreisgang4, sondern als unberechenbare Wen-
digkeit der Möglichkeiten entbirgt?

Im zweiten Teil werde ich die Rede von »Gegnet4, als dem Wo eines , anderen
Geschicks4, in den weiteren Bereich von »Landschaft4 überhaupt einbeziehen
(i choro-graphia , im Ausgang von , chora' gedacht). Denn an ihr findet das Wesen

6 Heidegger wehrt nun den früher gebrauchten Ausdruck der »Überwindung* ab. Es
wird nun die Kehre vom Geschehen einer Wende her gedacht.
7 Ebd., S. 39.
« S. 46.

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick4 9 1

der Technik die offene Grenze eines Horizonts, die nicht einmal den verstellenden
Schein einer Beherrschbarkeit zuläßt.

I. Weisen der Technik: Verweisen, Bringen und Stellen

1. Nicht anthropologisch also vom instrumentellen Handeln und dessen Mitteln,


dem technischen' sondern vom , Stellen' her suchte Martin Heidegger das Wesen
moderner Technik zu denken. Zwar sei es noch , wesensverwandt' mit dem Her-
Stellen einer nicht-modernen Technik, die mit einer Natur (physis) verbunden
bleibe, die sich selbst hervorbringe und so sich von sich selbst her zeige; doch
habe sich der , Grundzug' modernen Stellens gänzlich verwandelt.9 Was moderne
Technik herausfordere, vollziehe sich als ein Stellen im Sinne des Herausforderns
dessen, was sich andernfalls nicht von sich her zeige, und als ein , Bestellen' im
doppelten Sinne von Anfordern und Herrichten, nämlich als Weisen des Stellens,
die sich durch das beständige Bereitstellen, Zustellen, Durchstellen miteinander
verketteten und zugleich den Blick darauf ver-stellten.

Nun sind allerdings Heideggers knapp vorgebrachte Gedanken zur modernen


Technik bisher im philosophischen Denken kaum aufgegriffen und weitergedacht
worden. Der von ihm geprägte Ausdruck ,Ge-StelP, durch den nicht das Gerüst als
Träger maschinellen Getriebes gemeint sein soll, sondern die sich versammelnden
Weisen des Stellens, - dieser Ausdruck ging bisher nicht in einen breiteren philo-
sophischen Wortgebrauch ein. War die Zumutung einer Kehre im Denken zu groß,
die Heidegger mit jener Piatons vergleicht, der das Ansichtige (eidos) im Sinne des
Unsichtbaren der Ideen umgedacht hatte?10 Worin könnte die Schwierigkeit liegen,
im »Stellen' zureichend das Wesen moderner Technik verstehen zu können? Wie
ließe sich überhaupt das Moment des ,Forderns' im Stellen denken, ohne es einzig
aus dem Bedürfen und Verlangen menschlicher Subjekte zu deuten, wodurch dann
das Wesen der Technik doch wieder nur anthropologisch statt ontologisch be-
stimmt wäre?

2. Kurz sei daran erinnert, daß Heidegger bereits in Sein und Zeit das Dasein
nicht anthropologisch, sondern aus der ,Intentionalität' einer Seinsweise be-
schreibt, als die es - sich verstehend - sich zu seinem Sein verhalte. Dem Dasein
gehe es um sein Sein in der Welt, das sich zunächst in der Weise alltäglichen
Besorgens vollziehe.11 Im »herstellenden, bestellenden, verwendenden' Umgang

9 Martin Heidegger, Einblick in das Was ist. Bremer Vorträge (1949), in: Gesamtausga-
be Bd. 79, S. 67.
10 Martin Heidegger, Die Technik und die Kehre, a. a. O., S. 19.
11 Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1960, S. 52, S. 56 und S. 84. Heidegger
meidet zwar bekanntlich die Ausdrücke »Zweck4 und »Selbstzweck4. Gleichwohl kommt
die ontologische Bestimmung des Daseins als Existenz, dem es in seinem Sein um dieses
Sein gehe, derjenigen der , Vernunft des Lebens4 in seinem Begriff von sich selbst, wie
Hegel sie verstand, recht nahe: Im Gegensatz zu den nur »subjektiven Zwecksetzungen4,
deren »Verwirklichungen4 durch Mittel endlos wieder nur weitere »Mittel4 zu weiteren

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92 Hans-Dieter Bahr

mit zuhandenem Zeug halte es sich


alltäglich darin auf und deute sich
immer schon in Beziehung zu and
Dinge her zu entdecken, sondern
,Zuhandenheiť und der ihr eigenen
Weisen des Um-zu, - der Dienlichk
sichdie Struktur der , Verweisun
jeweils
mittels Zeug Her-zustellend
Verweisungsganzheit in sich.15 Al
Wozu seiner zumeist unauffälligen
barkeit umschlagen könne.16 Heideg
gen4 des Daseins, sondern erst das
in der Seinsart der Sorge konstituti
chen dagegen, die ihrerseits als Ze
die Umsichtigkeit des besorgenden
Weisungen folge. Sofern nun Seie
schon entdeckt sei als auf etwas ve
Bewandtnis habe, durch welche d

Z wecken ergäben, beruhe die , innere


der Zweck, für sich in , freie Existenz
sich zusammenschließe, also in seiner
halte, nur sich selbst bewirke und am E
liche Selbsterhaltung'. (Georg Wilhelm
gik Teil II, in: Enzyklopädie der philos
Werke in zwanzig Bänden, Hg. E. M
Mit diesem Hinweis sei allerdings die
keit' bei Heidegger und der , Wirklich
12 S. 54.
13 S. 69.
14 S. 68.
is Ebd.

i6 Heidegger schwankt in der Auffassung, ob aus der Defizienz von Zuhandenheit eben
diese sich auffallig zeige oder ob aus ihr vielmehr pure Vorhandenheit auftauche. Ergän-
zen möchte ich, daß ja in allen Lernvorgängen Zuhandenheit simulativ zum Vor-haben
wird. - Ich weise hier schon darauf hin, daß Immanuel Kant in der Kritik der Urteilskraft,
zumal in der ersten Fassung der Einleitung, diejenige Technik, die wir Menschen als
, Kunst' herstellen und verwenden (in Unterschied zu einer , Technik der Natur', die wir als
zweckmäßig beurteilen, ohne in ihr wirkende Zwecke erkennen zu können), gänzlich mög-
licher Naturerkenntnis und somit der , Theorie' zuordnet. Denn nicht nur die technische
Aufgabe, Zwecke auszuführen, gehöre als willkürliche Handlung den Naturursachen an,
sondern nicht weniger die Zweckvorstellungen als psychische Produkte unseres Begeh-
rungsvermögens, welche als Motive die Ausführungen leiten. (Immanuel Kant, Kritik der
Urteilskraft, 1. Fassung der Einleitung, Werke Bd. IX, Hg. W. Weischedel, Wiesbaden
1957, S. 174 und S. 178). - Der Sinn dieser Anmerkung wird sich im Folgenden weiter
entfalten.
17 M. Heidegger, Sein und Zeit, a. a. O., S. 76.

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick4 93

schlössen sind. Heidegger räumt zwar ein, daß das Dasein es bei der jeweiligen
Bewandtnis nicht bewenden lassen müsse, sondern Besorgtes bearbeiten, verbes-
sern oder zerstören könne.18 Doch das Ganze der Bewandtnis kenne kein weiteres
Wozu; sie betreffe vielmehr das Worum- willen des Daseins schlechthin.19 „Das
Worin des sich verweisenden Verstehens als Woraufhin des Begegnenlassens von
Seiendem in der Seinsart der Bewandtnis ist das Phänomen der Welt.4420

, Gegend' nennt Heidegger nun zunächst das , umsichtig im Blick gehaltene


Wohin zeughaften Hingehörens'. Im Gegensatz zu den geometrisch homogenen
Raumdimensionen werden in ihr Richtung und Umkreis nach Maßgabe der Zuhan-
denheit unterschieden. Die Räumlichkeit des Daseins selbst wird aus seiner
, wesenhaften Tendenz auf Nähe4 verstanden.21 Dasein verhalte sich »ausrichtend4
und ,ent-fernend4 - im Sinne einer Tilgung von Ferne. ,Nähe4 ist dabei nicht als
geringer Abstand zu verstehen, denn der unauffällig zuhandene Hörer des Telefons
oder die Straße unter den eigenen Füßen können »ferner4 sein als die Person, mit
der wir sprechen oder die wir gegenüber sehen.22 Jede »Näherung4 aber, als aus-
richtendes Ent-fernen, sei eine der Richtungen in der Gegend, die, wie »rechts und
links4, das Dasein stets mitnehme.23 Heidegger legt, bezüglich des Rundfunks,
solche Näherung von innerweltlich Seiendem als Tilgung von Ferne aus; er geht
jedoch der Frage nicht weiter nach, was es bedeute, daß dies zugleich als Erweite-
rung alltäglicher Umwelt4 geschehe.24 Nun besteht allerdings jede »Näherung4
eben darin, Reich-, Hör- oder Sichtweiten dessen zu gewinnen, was zuvor uner-
reichbar war. Die »Erweiterung4 betrifft demnach die wachsende Menge des Ver-
fugbar-Gewordenen, und das wird uns gleich zu einem grundsätzlichen Problem
fuhren.

3. Bevor Heidegger später auf das Wesen moderner Technik eingeht, das nicht
mehr durch Mittel-Zweck Beziehungen im Ganzen eines Bewandtniszusammen-
hangs zu verstehen sei, wendet er sich einer nicht-modernen Technik zu, in wel-
cher er, seinen Beispielen nach, eine engere Beziehung sieht zwischen natür-
lichem, handwerklichem und künstlerischem Hervorbringen (poiesis) sowie gesel-
ligem und kultischem Gebrauch. Gleichwohl sieht er auch deren Wesen nicht in
Mittel-Zweck Beziehungen, denn Menschen prägten zwar das Her-vor-bringen
mit, erzeugten und beherrschten es aber nicht von sich heraus. Es geht Heidegger
hier nicht um die Frage, wie und wozu technisches Zeug diene oder worin es viel-
leicht umgekehrt den Menschen beherrschen könnte oder sich angeblich gar »neu-
tral4 verhalte gegenüber den Gebrauchsweisen; sondern es geht um die Frage, wie

is Ebd.
i9 Ebd., S. 84.
20 S. 86.
2i S. 104.
22 S. 107.
23 S. 108.
24 s. 105.

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94 Hans-Dieter Bahr

und als was sich das Wesen der Tec


bergung von Sein es sei te und wie
Ich spreche von , nicht-moderner
einer vorindustriellen Technik brin
mögliche Gegentendenzen gegen d
nung auf die Kunst ihre Macht entf
logie in ein bestimmtes Verständn
verfolgt, Mittel verwendet werd
Ursächlichkeit, Kausalität."26

Wider die seit Galilei und Newton


seitig als causa efficiens verweist
einer Opferschale auf die von Aris
Weisen des , Verdankens' oder ,Ve
lische
oder rechtliche Verpflichtun
stimmten Zusammenkunft. Was d
von vornherein über das menschlic
verdanke dem Silber, woraus sie b
sehen, eidos, des Schalenhaften
Bereich der Weihe und des Spend
nicht als ,Ziel' oder , Zweck' zu v
Hervorbringens. Schließlich sei d
Bereitliegen des fertigen Opfergerä
einfach einen Effekt qua , causa e
, legein ' und , logos' die Weisen des
bringen und behalte das Aufsichbe
Das Her-vor-bringen, die poiesis, g
Menschen, wird aber schon deshalb
nicht einmal die eigene Geschic
physis, als derjenigen, die Seiendes
Her-vor-bringen mitverdankt. Dies
sie nicht, wie das von Menschen m
vor-bringens in
einem Anderen, d
ihr selbst habe. Der Mensch als de
anderen Ursachen im Sinne des log
(techne), ist gleichwohl durch sein
schein-bringen ein wesentlich Bet
und Erzeuger, dem nur Stoff als M
geben sei. Zusammen bringen und
endeten Anwesenheit in einen Bez

25 M. Heidegger, Die Technik und die


26 S.7.
22 S.9.

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick4 95

sei demnach eine Weise der »Entbergung4 der Wahrheit dessen, was sich uns als
Wesen dieser Technik zeige und worin erst die Möglichkeit aller herstellenden Ver-
fertigung beruhe.28 „Die Technik west in dem Bereich, wo Entbergen und Unver-
borgenheit, wo aletheia, wo Wahrheit geschieht."29 Im Sinne solcher Unverbor-
genheit ist techne, Wissen als Können, stets zugleich episteme, Wissen als Verneh
men. Und das geschieht nicht nur, wie wir gewohnt sind zu sagen, im Herstellen
und Verfertigen von »Zeug4, bis dieses schließlich bereit steht, um gebraucht und
weiter verwendet zu werden. Liegt denn in der Art des Gebrauchens, in der Weis
des instrumenteilen Umgangs mit dem Hergestellten nicht auch noch ein Her- und
Vor-Bringen, ein ,pro ducere', ein beförderndes Geleiten, ein Sorgetragen, daß da
zu Bringende in die Unverborgenheit ankommt und sich in dieser Ankunft als ein
bestimmtes »Seins-geschick4 zu wissen gibt?

Auf dieses »Geschick4 - das allerdings nichts mit einem unausweichlichen


Schicksal zu tun habe - geht Heidegger in den Bremer Vorträgen ein, sofern er
dem, was moderne Technik , stellt4, das Wesen des Dings entgegensetzt. Was das
Ding in einem Weinkrug als Ding versammle, sei nicht nur der Ton und das Her-
vorkommen seiner Gestalt durch den hervorbringenden Töpfer. Seit Piaton hätte
Philosophie das Ding nicht von seinem eigenen Wesen her gedacht, sondern es
zuvörderst als Gegenstand vom Aussehen her bestimmt.30 Jedoch: „Der Krug ist
nicht Gefäß, weil er hergestellt wurde, sondern der Krug mußte hergestellt werden
weil er dieses Gefäß ist.44 31 Im Fassenkönnen dieses Gefäßes liege ein bestimmter
Anspruch, dem das Verlangen des Menschen zu entsprechen vermag, indem er
jenen Anspruch übernehme und vollziehe. Nicht Boden und Wandung übernähmen
das Fassen des Gefäßes, sondern die »Leere4, bemerkt Heidegger in der Nähe eines
Gedankens Lao Tse's. Versuchte man dagegen, den Krug nur physikalisch als das
zu bestimmen, was er , wirklich4 sei, nämlich allemal schon erfüllt von Luft, ver
löre man gerade dieses fassende Ding aus dem Blick. Die Leere, oder wie man,
anstatt vom Mangel her, vielleicht besser sagen sollte: das Offene des Kruges ist
es, das fasse, indem es das, was eingegossen wird, nimmt und behält.32 Das aber
werde vom Ausgießen her bestimmt, welches ein Schenken ist. Das Krughafte des
Kruges wese daher im Geschenk des Gusses und dieser kann ein Trunk Wasser
oder Wein sein. Im Wasser oder Wein aber weile, was der Erde und dem Himmel
zugehöre, und der Trunk labe den Durst der Sterblichen, könne aber bisweilen
auch der Weihe dienen. Dann ist der Guß der den unsterblichen Göttern gespen-
dete Trank. Solches Gießen ist kein bloßes Ein- und Ausschütten, sondern ein

28 S. 12.
29 S. 13. Heidegger sprach zwar, wie gesehen, in Sein und Zeit bereits von den , er-
schließenden Weisen4 des zuhandenen Zeugs in seinem Bewandtniszusammenhang, aber
noch nicht explizit von der ,Entbergung4 seiner Seinsweise.
30 M. Heidegger, Das Dmg, m: Einblick m das was ist, a . a. O., S. 7.
« Ebd., S. 6.
32 S. 10.

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Spenden und Opfern.33 „Das Gesc


und Himmel, die Göttlichen und d
des Gevierts, von dem Heidegger s
unbegründbares Welten von Welť,
Menschen das Ding als das Ding sc
ten, seien wir selbst die Be-dingten
Ereignens4, durch welches das Din
stand gelöst wird. - Liegt demnach
mögliche Verwendungsweise des K
wird?

4.
Diese Auslegungen des Her-vor
nen mir bedeutsam, weil sie über
als Welt des zuhandenen Zeugs, hin
zwischen dem Ende, dem Fertigsei
brauchs zu unbestimmt. Er war,
Mittels bei Kant und Hegel nicht z
Mittels zum Zweck, des zuhanden
immer schon in Hinsicht auf den Er
zung, daß dessen Disponibilität im
Kausalität aufgehoben wird. Damit
, Bereitliegenden ' in der Wende vo
jener Verkettung, in welcher end
Mittel eines weiteren erweist, wo
meldet.

Als Zeug wird das Mittel erst kau


kung auf eine zuhandene zweckmä
»Mechanismus4 wird (oder eines »C
technik4, wie wir heute hinzufuge
in seiner Anwendung; wie auch im
»reflektiert4 - und gegebenenfall
werden kann.36 Die Schale wird im
Einschenken des Getränks, wie au
handwerklich oder maschinell. Vo
Anwendungsverlaufs her läßt sich a
stehen. Tatsächlich können nur in
Bedingungen, wie Hegel darlegte,

33 S. 12.
34 Ebd.
35 S. 19.

36 Heidegger hat klar gesehen, daß mit dem Vorrang der causa efficiens der ,Resť, die
,physis' zu etwas abstrakt Stofflichem in Bezug auf irgendwelche , Naturkräfte' herabge-
setzt wurde.

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick4 97

aus-Ge schickten' (prae-missum) und dem Schluß (conclusio) bezeichnet werden:


es ist die ver-mittelnde Tätigkeit des Zwecks selbst. Durch die Bestimmung kau-
saler Mechanismen als , zweckmäßig' hört der Zweck erst auf, nur als »wesent-
liches Streben und Trieb' zu beharren.37 „Der Zweck schließt sich durch ein Mittel
mit der Objektivität und in dieser mit sich selbst zusammen."38 - Sobald jedoch
das Mittel zweckmäßig wirkende Bedingung in einem aktuellen Gesamtverlauf
wird, ist es gerade nicht mehr als Mittel disponibel. Es ist, im Ganzen betrachtet,
scheinbar allein Bestandteil des Lebens, das sich selbst der sich erhaltende Zweck
ist; es wirkt ,umwillen' des Dasein, dem es um sein Sein geht.

Damit ist das Wesen des Mittels, seine Disponibilität, jedoch nicht zureichend
verstanden.39 Es ist ja gerade als in sich be-dingt niemals mit dem Zweck gesetzt
wie die Wirkung mit der Ursache; es ver-wendet vielmehr die Kausalität des
Mechanismus aus der ständig offenen Möglichkeit heraus, auch ganz anders ange-
wendet werden zu können ; wogegen keine Verursachung über die Änderung ihrer
Wirkung befinden kann. Der in eine Mauer gefugte Stein, das Rad am Wagen, das
ablaufende Rechenprogramm eines Roboters sind an sich keine disponiblen Mittel
mehr sondern zweckmäßige Bestandstücke einer Vorrichtung oder eines gesteuer-
ten Prozesses. Sofern diese jedoch als Mittel reflektiert werden, scheint in ihnen
von vornherein die Möglichkeit mit auf, auch als Material eines Bildhauers, als
Wurfgeschoß eines Kriegers oder als Werkstoff eines Videokünstlers verwendet
werden zu können. Es gehört demnach zum Wesen des Mittels, dis-ponibel zu sein,
hierhin oder dahin »stellbar', also in sich gleichsam ,zwie-gestellt' oder allgemei-
ner: ,zer-stellť, worin sich seine grundsätzliche Wendigkeit bezüglich jeder Zu-
ordnung zu bestimmten Zwecken zeigt. Kausalität schließt solche Wendigkeit aus,
zumal dann, wenn sie, wie Heidegger bemerkte, einzig vom »notwendigen und
blinden Effekt' anstatt vom »Verdanken eines Seinsgeschicks' her gedacht wird.
Diese Wendigkeit des Mittels kann nicht mehr ihrerseits »Mitte' und »Mittel'
genannt werden, weshalb es vielleicht weniger mißdeutbar schien, von »zuhande-
nem Zeug' zu sprechen. Wenn man allerdings von vornherein den Erfolg im Blick
hat, wird das Mittel stets nur von seiner jeweils kausal eingeschränkten Anwen-
dung her als »zweckmäßige Bedingung', als eindeutig verweisendes ,Für-Anderes-
sein' verstanden. Es gehört jedoch zum Wesen der Schale oder des Kruges, als
wendiges Mittel oder Zeug bereitzustehen, um außer Wein oder Wasser vielleicht
auch Öle oder Parfüms darin aufzubewahren oder weiterzureichen, Körner und
Pulver oder Münzen und Schmuckstücke zu fassen, als Beschwerer von Papieren
verwendet zu werden; man gebraucht sie als Andenken oder Geschenke; eine
gekränkte Geliebte kann sie im Streit als Wurfgeschosse verwenden, oder sie

37 Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik, 2. Teil, Teleologie, in:
Werke Bd. 6, a.a.O., S. 445.
38 Ebd., S. 448.
39 Ich nehme an, daß Heidegger deshalb vorzog, von ,zuhandenem Zeug' statt von
, Mittel' zu sprechen.

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98 Hans-Dieter Bahr

werden als herumstehender Kram be


Anwendungsweisen setzen andere v
volle Kunstwerke betrachten oder man
verwendet sie als Transportgüter, al
als Vorbilder von Gemälden, als G
Thema philosophischer Gedanken, al
tensweisen und so fort und so fort.
Bedingtheit unzählige Verwendungsw
sich nicht als Badewannen, Schreib-
doch keine definitive Grenze der we
Und es gibt sogar Forschungsrichtun
weisen von Mitteln zu entdecken suchen.

Unzählige Gebrauchsvorschriften werden nun diese unbegrenzten Möglichkei-


ten der Verwendung einschränken, so wenn etwa bestimmte Kulte, Sitten und
Gebräuche gebieten, mit einer Schale, einem Krug nicht - wie es heißt: , zweck-
entfremdet' - zu graben, zu hämmern, zu spielen, sie zu verunreinigen, zu zerstö-
ren etc. Rechtssysteme bestimmen sie als Eigentum, wodurch der Gebrauch durch
Andere ausgeschlossen wird, und so fort. Und diese Ausschlüsse werden ihrerseits
zu technischen Verschlüssen, Sperren und Sicherungen. Es gibt hochspezialisierte
Vorrichtungen wie Atomkraftraftwerke, chemische Verfahrensweisen, Banken oder
Rechner, deren Verwendungsmöglichkeiten als diese Dinge uns äußerst einge-
schränkt scheinen, weil ihre Disponibilitäten durch gewaltige soziale Mächte
begrenzt werden; wogegen deren Erzeugnisse, - elektrische Energie, Kapital oder
kombinierbare Rechensymbole, - unbeschränkt scheinende Verwendungsmöglich-
keiten anbieten, die wiederum durch andere Gebrauchsvorschriften reduziert
werden. Doch erst in der Anwendung, - im wirklichen Schlag des Hammers auf
den Nagel oder auf den Kopf, im Antippen eines Knopfes, um ein Rechenpro-
gramm ablaufen zu lassen oder einen Bombenangriff auszulösen, - wird dieses
Schlagen oder Tippen als Auslösung einer Verursachung gelten, welche die Einen
als zweckmäßig, die Andern als , zweckwidrig' und schädlich, wieder Andere als
belanglos oder als unvermeidliches Schicksal etc. einschätzen werden. Schon
daher wird das Wesen disponibler Mittel verkannt, sieht man sie einseitig nur in
den Dienst gestellt von zweckgerichteten Bedürfnissen und Begierden mensch-
lichen Lebens.

Zwecke und Mittel sind also nicht in einem kausalen Verhältnis miteinander ver-
kettet. Es ist nicht zureichend, mit Kant zu behaupten, die Vorstellung eines
Zwecks sei als Motiv die »Ursache' fur die Wahl dieses statt jenes Mittels. Der
apriorische Gebrauch des Schemas determinierender Verursachung kann die Wahl
nicht vollständig erklären, sofern sie auf abwägbaren Gründen beruht, die unsere
Motive abwandeln und unser Verhalten so oder anders steuern können.

Das könnte nun vielleicht so klingen, als gehörten disponible Mittel, als allge-
meines »Vermögen', einem »Reich der Freiheit' und damit auch der Unsicherheiten

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick4 99

an, so wie die wirkenden Ursachen als »effektive Zwänge' einem »Reich der Not
wendigkeit', aber damit auch der »Sicherheit und Berechenbarkeit'. Doch dann
übersähe man bereits, daß die Disponibilität des Mittels nur in engem Rahmen
Sache einzelner Personen ist, die frei entscheiden und wählen können. Sie ist vie
mehr weitgehend normativen Zwängen unterworfen, die sich gewöhnlich aus de
, Selbsterhaltung' eines bestimmten Zusammenlebens zu legitimieren suchen. Men
schen verwenden Mittel jedoch nicht nur im eigenen »vernünftigen' Interesse fü
sich oder gegen Andere, sondern ebenso häufig irrational aus Unkenntnis ode
Gedankenlosigkeit, aus Neid und Mißgunst, aus ihnen unbewußten Vorlieben un
Ängsten, aus Tötungs- und Zerstörungstrieben heraus, im Rahmen unbeeinflußb
rer äußerer Umstände oder in dem widersinnig gewordener Institutionen etc. Ma
begrüßt heute global Konkurrenz und Rivalität, weil sie »technischen Fortschrit
und »wirtschaftlichen Wohlstand' brächten, und übersieht dabei gerne, daß s
ebenso der Verarmungen, dem Betrug, der Korruption dienen, daß sie gewalttätige
Auseinandersetzungen und ausbeutende Machtmonopole mitbringen. Kurz: die
Wendigkeit der ständig in ihrer Reichweite und Wirksamkeit vermehrten Mitte
setzt Menschen derart der Menge ihrer unberechenbaren Verwendbarkeiten aus
daß man die Bedrohungen, die aus den unübersehbaren möglichen Gebrauchswe
sen folgen, stets durch neue Techniken einzudämmen sucht, Techniken, die jedoc
ihre eigene Art neuer Bedrohungen mit sich fuhren. Kulte, Sitten, Gebräuche, L
bensstile und Gewohnheiten, Eigentumsrechte, Macht- und Verfügungsmonopole
Ausbildungsnormen, besondere Zugangs- und Anwendungsberechtigungen in de
arbeitsteiligen Gesellschaft etc. verfolgen jedoch nur scheinbar den »allgemeine
negativen Zweck', den Bestand ,der Menschheit' zu erhalten und zu bewahren
Niemand wird wohl noch, wie im Zeitalter der Aufklärung, behaupten wollen, da
soziale Gewebe mit seinen technischen Mitteln sei im Ganzen einem menschlichen
Willen (ob als volonté des tous oder als volonté general) unterwerfbar und instru-
mental durch ihn steuerbar, um »Fortschritt' zu garantieren. Eher gilt umgekehrt,
daß selbst der repräsentative Einzelwille von den Verhältnissen in Anspruch ge-
nommen wird, wie bereits Adam Smith und Hegel bemerkt hatten, - wenn wir
auch heute in diesen Verhältnissen wohl kaum mehr optimistisch eine , invisible
hand ' oder eine ,List der Vernunft' zu erblicken vermögen. Das wendige Wesen
ständig erweiterter dis-ponibler Mittel besteht nicht in der Mitte zwischen gesetz-
ten und verwirklichten Zwecken des Lebens, es entzieht sich vielmehr jeder Ver-
fügung.

Könnte nun das von Heidegger als Wesen moderner Technik genannte »Stellen'
die Seinsweise dessen beschreiben, was sich als das unverfügbare Wesen der Wen-
digkeit disponibler Mittel gemeldet hat? Zeigt sich diese Wendigkeit in den Weisen
»universalen Stellens'? Das Ge-stell soll ja die ihm eigene Wahrheit entbergen
können, damit in der Gefahr seiner Selbstvergessenheit als Seinsweise , Rettendes'
durch das Denken möglich werde!

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100 Hans-Dieter Bahr

5. In Die Technik und die Kehre hei


die moderne Technik durchherrscht,
bringen im Sinne der poiesis. Das in
ein Herausfordern, das an die Natur
solche herausgefordert und gespeic
Bedeutungsvielfalt des Wortes , Stel
andeutet, werde ich zunächst versuc
legen, die in diesem Wort , Stellen' zu

Etwas kann sich an irgendeiner Stel


Ort, den eine Sache, etwa ein Baum,
hang, als ihren eigenen einnimmt,
einer anderen Stelle, so wie etwa ein
liegen könnte oder so wie es einerlei
einem Warenlager einnehmen. And
stimmte Stelle gestellt wird, so wenn
Schuh in den Schrank oder wenn jem
etwas Ausschau zu halten. In solchen
bige Stellvertretung mehr. Oft gesch
einen Stuhl oder sich selbst auf die
stellt Bücher auf, die herumliegen. W
das zum Ausdruck einer Bevorzugun
hältnissen überhaupt gut oder schlech
Menschen tätig eine Stelle aus, bezieh
haben eine höhere oder niedrigere St
geht es nicht mehr um eine beliebige
Ordnungen. Gegenstände, Abläufe, T
lung zueinander gebracht. So stellt m
Bewegungsform, man stellt eine M
Geschwindigkeit ein, damit sie angem
ein und stellt sie an, damit sie bestim
hier bereits ein Erstellen derart, da
Der Arzt stellt eine Diagnose, der Me
eine Rechnung, der Staat einen Haus
oder Leistungen hergestellt und zwa
gestellt sind, nämlich beendet und be
Sie werden zur Verfügung gestellt fü
schon zuvor ihre Herstellung bestellt
»Bestellen' und Herrichten ist dann m
bunden, etwas herzustellen, zu liefe
Bestellen kann auch an sich selbst g
bestellen hat oder überhaupt bestim

40 M. Heidegger, Die Technik und die K

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick4 1 0 1

denen es nicht gut bestellt ist. Im Sinne einer Anforderung sprechen wir auch
davon, jemanden auf die Probe zu stellen, uns einer schwierigen Aufgabe, einem
Problem zu stellen, einer Auseinandersetzung, einer unangenehmen Wahrheit oder
Pflicht. Dazu kann eine mutige Einstellung nötig sein, so daß man der Anforde-
rung nicht ausweicht, sondern bereit ist, sie auszutragen. Dann ist es mit Einem auf
bestimmte Weise bestellt.

Zu solchem Stellen gehört also, etwas auch wider dessen eigene Tendenz,
jemanden, wider die eigene Neigung, zum Anhalten und Stehen und zum Reagie-
ren zu bringen, gar mit Gewalt zu zwingen, eine veränderte Stellung zu beziehen
oder die eigene zu wahren und zu verteidigen. Darin liegt eine Herausforderung,
durch die etwas ,aus der Reserve gelockt4 wird, daß sich von ihm selbst her nicht
ohne weiteres gezeigt hätte, obwohl es wie ein Vermögen schon in ihm zu stecken
scheint. Denn man scheint nicht herausfordern zu können, was nicht in der Sache
selbst steckt. Man kann sich jemandem in den Weg stellen, seine Richtung verstel-
len, ihn vor Gericht stellen, ihm den Gestellungsbefehl zum Militärdienst aushän-
digen, von ihm eine Stellungnahme erzwingen und dabei selbst eine bestimmte
Stellung einnehmen und zu wahren suchen, so daß es zu einem , Stellungskrieg4
kommen kann. Und wenn der Gestellte ausweichen sollte, kann man ihm nachstel-
len. Versucht etwas sich dem herausfordernden Stellen zu entziehen, kann man
ihm eine Falle stellen. In diesem Sinne hatte man in einer falschlich Aristoteles
zugeschrieben Schrift um 200 n.Chr. mit dem Titel ,mechane' sogar von einer
, Überlistung der Natur4 gesprochen, da ja durch einen Hebelarm, der nach einer
Seite vom Drehpunkt aus verlängert wird, große Gewichte irgendwelcher Stoffe
durch kleinere menschliche oder tierische Kräfte bewältigt werden können. , Listig4
ist das deshalb, weil dort, wo keine Zeitökonomie herrscht, es keine Rolle spielt,
daß sich dadurch zugleich der Transportweg verlängert. Der Natur wird durch sol-
ches Stellen etwas abgewonnen, was sie in bestimmten Umständen so nicht von
sich aus hervorgebracht hat, auch nicht mit der versammelnden Werktätigkeit ein-
zelner Menschen. In jeder Herausforderung, zumal eines Gegners zum Kampf,
liegt eine Pro-vokation. Man zwingt den Anderen dazu, bestimmte Verhaltenswei-
sen einzunehmen und zu zeigen, die er von sich aus nicht eingenommen hätte, die
aber gleichwohl in seinen Vermögen zu »schlummern4 schienen. In diesem Sinne
ist jedes Herausfordern zugleich ein Herausfordern und Lichten dessen, was sich
unter gegebenen Umständen auf diese Weise nicht von sich her gezeigt hätte.

All diese Weisen des Stellens sind uns nicht verborgen, sondern das Stellende
und Gestellte ist uns mehr oder weniger vor Augen gestellt, zur Schau, verwerfend
an den Pranger oder verlockend in Aussicht gestellt. Deshalb können sie auch dar-
gestellt, das ins Werk Gestellte ausgestellt oder von uns selber vorgestellt werden.
Aber wir haben keine Sicherheit darüber, ob das derart Gestellte nicht entstellt
oder, wie bezüglich der Falle, wesentliche seiner Züge verstellt sind.

Da man sich gänzlich auf die naturwissenschaftliche Doktrin eingestellt hat,


wonach natürliche Vorgänge nicht auf Endzustände zielten und allenfalls entro-

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102 Hans-Dieter Bahr

pisch im Chaos aufgingen, will man


nischer Abläufe, nicht unterstellen,
Weise, Anderes zu stellen. So schein
Grund menschlichen Verlangens un
davon, daß auch natürliche Zustände
Abläufe uns herausfordern und von
könnte damit gemeint sein, das Stel
aus? - Ich möchte zunächst zwei Beis
lich wird, wie das Stellen über das Tun
dung hinausgeht und dieses Tun selb
einzieht:

Das Bestellen des Landes sei kein bä


sondern Teil einer motorisierten Ern
als Kohlenrevier. „Wohin wird nun
gestellt? Sie wird nicht hingestellt w
gleichwie der Erdboden auf Kohle,
Hitze; diese ist schon daraufhin ges
Getriebe treibt, das eine Fabrik in B
nen zu stellen, die Werkzeuge herste
gestellt und gehalten werden. - Ein
»Verkettung des Stellens und Bestelle
Stelle stehe »nicht um anzuwesen, so
daraufhin, anderes zu stellen'.42 Dem
ständiges Weiterstellen und Durchste
z. B., der im Wald das geschlagene H
sein Großvater in der gleichen Weise
verwertungsindustrie gestellt. Er i
Bestand-Stück des Zellulosebestande
das den Zeitungen und illustrierten M
lichkeit daraufhin stellen, verschlu
»Getriebe', vom »Umtrieb', von der »
das Bestellen', die sich nicht auf Mac
sondern das Sein moderner Technik
strie ebenso wie in der »Fabrikation
tungslagern'.Der Kreisgang des Best
Gier nach Beute und Gewinn aufrec
zurück.44 Allem Seienden ist allein a
Bestelltes eine beliebige Stelle zugew

41 M. Heidegger, Das Ge-Stell, a.a.O.,


42 Ebd.
43 Ebd., S. 38.
44 S. 27, S. 29 und S. 33.

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick' 1 03

gebracht wird, um ein weiteres Stellen und Bestellen herauszufordern. „Die Kette
solchen Bestellens läuft auf nichts hinaus, denn das Bestellen stellt nichts her, was
außerhalb des Stellens ein Anwesen fur sich haben könnte. Das Be-Stellte ist
immer schon und immer nur daraufhin hingestellt, ein Anderes als seine Folge in
den Erfolg zu stellen. Die Kette des Bestellens läuft auf nichts hinaus; sie geht
vielmehr nur in ihren Kreisgang hinein. Nur in ihm hat das Bestellbare seinen
Bestand."45 In die Sphäre moderner Technik gehöre daher nicht nur die Gesamt-
heit der Apparate und Maschinen sondern ebenso Techniken der Ökonomie, näm-
lich die Herausforderungen, mit geringstem möglichen Aufwand maximalen
Nutzen zu erzielen. Zwar spricht Heidegger hier nicht offen von der Funktion des
Geldes als Kapital, das ja den Forderungs- und Herausforderungscharakter wie
nichts anderes präsentiert. Doch seine Rede von , Kreisgang' und Zirkulation' des
Stellens läßt darauf schließen, daß er sie mit im Blick hatte. Die Erfahrung mit den
Kriegen und Massenmorden des 20. Jahrhunderts ließ ihn wohl zurecht zögern,
Kapital zum einzigen Medium des , Stellens' zu erheben. - Was also das Stellen
insgesamt herausfordert, sind nicht mehr nur, wie es zu Beginn hieß, »Energien',
sondern jedes Stellen fordert wesentlich ein anderes Stellen heraus, das seinerseits
wieder bereitgestellt ist fur ein weiteres Bestellen. Insofern stellt sich das Heraus-
geforderte nicht mehr gegen das Herausfordernde, um es seinerseits zu stellen, wie
es etwa bei einem Zweikampf der Fall ist. Das Stellen selbst ist ein , ungestelltes'
Entstellen: ein Zer-stellen.

Diese Form hatte sich bereits im Denken Hegels bemerkbar gemacht, nämlich in
seinem Begriff eines »Systems der Bedürfhisse', in welchem jeder erreichte Zweck
sich endlos wieder nur als Mittel weiterer Zwecke erweise. Karl Marx entdeckte
darin eine Struktur des Kapitals, in dessen Zirkulation die Bedürfhisse und Zwecke
der Menschen nur noch flüchtig nebensächliche Stationen bilden, gleichsam ver-
wendet von einer »List des Außervernünftigen'. Heidegger verweist nun auf die der
modernen techne eigenartige episteme hin: nichts stelle sich mehr her, um in seine
Wesenheit anzukommen. Es handelt sich um eine Seinsweise, die damit droht,
nicht mehr im Wesen von Seiendem und seinen Beziehungen zur Anwesenheit zu
kommen und daher der Vergessenheit zu verfallen.

Es reicht nach Heidegger offensichtlich nicht aus, einfach von den Funktions-
mechanismen einer hochtechnisierten, arbeitsteiligen, kapitalistischen Industriege-
sellschaft zu sprechen, die bei Androhung ihres Zusammenbruchs sich um die
Selbsterhaltung und Leistungssteigerung ihrer Systeme und Subsysteme bemüht,
von denen her die Gebrauchsweisen und Entwicklungen ihrer Techniken bestimmt
werden. Der Grundcharakter des Stellens ist vielmehr das An- und Herausfordern
dessen, was nicht, wie das Hervorzubringende, von sich her in seiner Anwesenheit
zur Ankunft und zur Ruhe als endlich Hergestelltes kommt: denn das je Gestellte,
Herausgeforderte und Herausgeforderte treibt sich gleichsam als seinerseits weiter

45 Ebd., S. 28/29.

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104 Hans-Dieter Bahr

zu Bestellendes immer schon beim Anderen seiner selbst herum. In der Selbst-
erhaltung oder -Steigerung eines hochtechnisierten sozialen Systems, wie es etwa
Niklas Luhmann im Blick hatte, könnte manja immerhin noch einen Sinn als End-
zweck sehen.46 Das Stellen aber, das endlos in sich zu kreisen scheint und so an
Hegels Begriff schlechter Unendlichkeit' erinnert, scheint zunächst jenseits der
Frage zu liegen, ob es einen Sinn hat oder nicht. Das Stellen in seiner Dynamik des
letztlich ent-stellenden Herausforderns bewirkt aber alles andere als eine mecha-
nisch vorstellbare Wiederholung des Gleichen. Es sei, wie Heidegger meint, »uni-
versal' und alles was ist, gehöre zu dessen Bestand und sei dessen Bestandstück in
dessen beliebiger Ersetzbarkeit.47 - Doch in welchem Sinne kann das Stellen dann
noch als wesentlich »herausfordernd' bestimmt werden, wenn das Herausfordern
überhaupt weder auf ein Endziel gerichtet noch nur ein mechanisch zwingendes
Bewirken und Erfolgen ist? - Heidegger betont, daß der Kreisgang des Stellens
nicht etwa von der Maschine her zu verstehen sei, sondern umgekehrt. „Die Ro-
tation der Maschine ist gestellt, d.h. herausgefordert und beständigt in der Zir-
kulation, die im Getriebe, dem Wesenscharakter des Ge-Stells, beruht."48 Die
Maschine stehe nur, sofern sie gehe und sie laufe im Getriebe des Betriebes, das
den Umtrieb des Bestellens des Bestellbaren betreibe.49

Wie aber könnten wir verstehen, daß eine stellende Herausforderung nicht nur
Seiendes herausfordert sondern zumal sich selbst als das Wesen der Technik
gleichsam herausstellt und zugleich diese seine Wahrheit verstellt in der Vorstel-
lung, sie sei einzig Erzeugnis der Menschen und diene deren Fortbestand? Das uni-
versale Stellen selbst ist, sofern es auf nichts zielt, auch nicht mehr durch eine
causa finalis mitbestimmt. Darin entspricht es dem Wesen des Mittels, seiner
unverfugbaren Wendigkeit, doch mit dem Unterschied, daß die Wendigkeit des
Mittels gerade den Raum der Möglichkeiten nicht verbirgt. Auch die verborgenen
Möglichkeiten des Ge-stells sind nicht aus einer Ursächlichkeit heraus zu denken.
Bei allem Kult um die großen technischen Errungenschaften, wie sie etwa in der
Raumfahrt zur Schau gestellt, in der Medizin gefeiert werden, voll-endet sich
nichts mehr in diesen, um zur Anwesenheit als Vollbrachtes zu gelangen. Sie
erweitern zwar Lebensräume und Lebenszeiten, fungieren aber nur als sich im Fol-
genden auflösende Bestandstücke.

46 Vgl. Niklas Luhmann, Zweckbegriff und Systemrationalität, Frankfurt/M. 1968.


47 M. Heidegger, Das Ge-Stell, a.a.O., S. 40.
4* Ebd., S. 34.
49 S. 35 - Im Mittelalter und in die Neuzeit hinein sah man das Wesentliche der Ma-
schine in der , Transmission Über die bloß mechanistische Auslegung der Trans-mission
hinaus, nämlich als Übertragung von Kräften auf ihre Werkzeugfunktion, hatte man noch
jenes »Hinüberschicken4 im Blick gehabt, in der zugleich eine Art »Widmen4 am Werke
war. Die Trans-mission der alten Mühlen berührte sich also noch mit dem , Bringen4 des
Her-vor-bringens. Vgl. dazu meine Arbeit: Über den Umgang mit Maschinen, Tübingen
1983.

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick4 105

Heidegger, der sich gegen eine Dämonisierung der Technik als einer Macht
wendet, die sich wider die Interessen der Menschen verselbständigt habe, spricht
von ihr doch als von einer Weise des Seins, die sich als etwas , Fortreißendes und
Rasendes' und in einem , Geraff entberge und zugleich verberge.50 Das heißt wohl,
daß sich der sinnenthobene , Reigen' des Stellens sich zudem mit einer zusam-
menraffenden Schnelligkeit vollziehe, die letztlich nicht mehr zulasse, daß das
Gestellte im Ausgestellten zur Anwesenheit kommen könne, um auch nur als
Gegenstand vorgestellt, geschweige als Welt versammelndes Ding vernommen
werden zu können. Die meisten technischen Vorgänge entziehen sich inzwischen
ohnehin der Sichtbarkeit, wenn auch manche sich dafür immer mehr dem Gehör
aufdrängen. Das , Rasen', die wachsende Geschwindigkeit des Stellens und Bestel-
lens scheint daher zum verbergenden Charakter des Wesens der Technik zu ge-
hören.51

Heidegger geht schließlich auf den möglichen Einwand ein, die Technik setze
doch Kräfte und Stoffe der Natur voraus, die nicht diesem universalen Ge-Stelle
angehören würden. Tatsächlich jedoch hätten die Naturwissenschaften die Natur
längst in den Bereich des technischen Bestandes einbezogen. Physikalisch seien
Naturkräfte nur in ihrer Wirkung zugänglich und einzig in dieser zeige die Kraft
das Berechenbare ihrer Größe. „Das Anwesen der Natur besteht in der Wirksam-
keit. In ihr kann die Natur auf der Stelle etwas zur Stelle bringen, d.h. erfolgen
lassen. - Die Kraft ist jenes, was etwas daraufhin stellt, daß aus ihm anderes in
einer übersehbaren Weise erfolge. Die Naturkräfte sind durch die Physik im Sinne
des Stellens vorgestellt, durch welches das Ge-Stell das Anwesende stellt. Die
Natur steht der Technik so und nur so gegenüber, daß Natur als ein System des
Bestellens von Erfolgen aus dem gestellten Wirksamen besteht."52 Und diese
,Bestellfahigkeit auf das Erfolgen' beziehe sich ebenso auf die wissenschaftliche
Bestimmung der Naturstoffe als , Materie': deren Grundzug werde als Trägheit
bestimmt, als ein Beharren im Bewegungszustand. Trägheit sei der Widerstand
gegen Bewegungsänderung. Stoff werde also seinerseits von der Kraft her vorge-
stellt. „Für die Physik ist die Natur der Bestand von Energie und Materie."53 Die
Vorausberechenbarkeit der Naturabläufe, die für alles naturwissenschaftliche Vor-
stellen maßgebend wurde, ist die vor-stellungsmäßige Bestellbarkeit der Natur als
Bestand eines Erfolgens. „Im Weltalter der Technik ist die Natur keine Grenze der

50 Ebd. Vgl. dazu: Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen Bd. II, Über die
Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980.
Anders entzieht dem , Stellen4 der Technik mit der ,Vor-stellbarkeiť überhaupt alles Ent-
bergende.
51 Das wurde bekanntlich zum vorherrschenden Thema Paul Virilios. Vgl. etwa: Ge-
schwindigkeit und Politik, Übers. R. Voullié, Berlin 1980.
52 S. 41.
53 S. 42. Man sollte vielleicht hinzufugen, daß es zugleich die Astronomie und die
Quantenphysik sind, die das mechanistische Weltbild längst zerschlugen.

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106 Hans-Dieter Bahr

Technik. Die Natur ist da vielmehr das Grundbestandstück des technischen Bestan-
des - und nichts außerdem."54

Wenn nun, wie Heidegger betont, der Mensch nicht etwa selbst nur als
Maschine diesem in sich kreisenden Stellen angehört, wie ist er dann in es einbe-
zogen? Die Einbeziehimg ist offensichtlich nur möglich, wenn auch die gesamte
Zirkulation des Stellens nicht als maschinelle und mechanische Wirkung abläuft.
Mag sie auch den Schein der totalen Kausierung eines Stellens durch das andere
erwecken, folgt sie dennoch keiner lückenlosen Beeinflussung. Nach Heidegger ist
der Mensch ein Wesen, das sich von den Dingen, den Geschehnissen und den eige-
nen Erlebnissen betroffen, angegangen, angesprochen versteht und darauf denkend
zu antworten weiß. In seinem Bedürfen liegt so wenig ein anfangs- und endloses
Getriebensein wie in seinem Wollen und Entscheiden ein absoluter Anfang aus
diesen selbst heraus. Das eigene Verlangen ist vielmehr die Weise, wie Menschen
dem, was sie anspricht, denkend zu entsprechen vermögen. Erst im und durch das
eigene Verlangen verstehen sie, was sie herausfordert und von ihnen abverlangt
wird und was sie seinerseits herausfordernd stellen und bestellen. Die Schwierig-
keit scheint mir darin zu liegen, das herausfordernde Stellen und Bestellen als ein
Seinsgeschehen zu verstehen, das sich zwar nicht ohne menschliches Denken, Ver-
langen und Tun vollzieht, vielmehr sich erst durch diese in seinem Bestand zeigt,
gleichwohl über sie hinausgeht und so von woanders her wie ein ständig erhobener
Anspruch und ein unentwegtes Abverlangen »geschickt4 scheint. Dieses Geschick
scheint sich in einer Geschehensweise zu vollziehen, in welcher menschliches Ver-
langen und Verlangtwerden den technischen Herausforderungen entspricht, wo-
durch sie den Menschen nicht nur nahe, sondern zu-nächst kommen, um sie ohne
weiteres in ihrer Fragwürdigkeit denken zu können. Darin und nicht in einer
naiven Abkehr von der Technik liege die eigentliche Gefahr.

Heidegger hatte, wie bemerkt, in Sein und Zeit noch davon gesprochen, daß
alles ,Zeug4 darauf angelegt wäre, Ferne zu »entfernen4, nämlich zu tilgen, um
Nähe herzustellen.55 „Allein", so heißt es nun nach der , Kehre4, „das hastige Besei-
tigen aller Entfernungen bringt keine Nähe; denn Nähe besteht nicht im geringen
Maß der Entfernung.4456 Was ist diese Nähe, wenn mit ihrem Ausbleiben auch die
Ferne wegbleibt? Die Tilgung von Ferne und die jederzeitige Zugänglichkeit von
allem und jedem bringe keine Nähe mehr, sondern schwemme alles in das gleich-

54 S. 43. Vgl. dazu die Pointierung des Gedankens durch Robert Spaemann: »Auch die
gänzliche Zerstörung dieser Biosphäre auf diesem Planeten durch den Menschen kann ja
als naturgeschichtliche Transformation verstanden werden. Eine Müllhalde ist - so ge-
sehen - nicht unnatürlicher als eine Bergquelle . . . Der vollendete Technizismus ist so
zugleich vollendeter Naturalismus.44 (Natur, in: Philosophische Essays, Stuttgart 1983,
S. 36.) - Ein Herausgehen aus der Natur finde nur statt, wo Natur als sie selbst erinnert
werde.
55 Martin Heidegger, Sein und Zeit § 23, a. a. O., S. 107.
56 M. Heidegger, Einblick in das was ist, a. a. O., S. 3.

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick4 1 07

förmig Abstandslose zusammen. „Ist das Zusammenrücken in das Abstandslose


nicht noch unheimlicher als ein Auseinanderplatzen von allem?4'57 In der ratlosen
Angst vor der Wasserstoffbombe, die genüge, um alles Leben auf der Erde auszu-
löschen, bleibe verborgen, daß das Entsetzliche schon geschehen ist, nämlich daß
alles, was ist, aus seinem vormaligen Wesen herausgesetzt sei.58

Bei allen Spuren, welche das Grauen des zweiten Weltkrieges und der Holocaust
auch in Heideggers Gedanken zur Technik hinterließen, lassen sich solche Sätze
leicht pessimistisch mißverstehen. Wohl gibt es eine Verborgenheit in der rasenden
Geschwindigkeit technischer Herausforderungen, in welcher Heidegger die große
Gefahr sieht, daß sie sich dem Denken und somit einer Offenbarung des Wesens
dieser Technik selbst entziehen könnte: moderne Technik vermag ihr eigenes ent-
bergendes Stellen derart zu verbergen und zu verstellen, daß dasjenige, was sich
als Epoche des Seins, nämlich in der Seinsweise moderner Technik vollziehe,
einzig für ein Tun des Menschen, das er selber zu steuern und abzusichern wisse,
gehalten werden kann. Vielleicht spüren wir das gerade auch als Problem der Spra-
che: Nicht nur darin, daß sie auf einen verrechenbaren Bestand von Signalen und
somit auf einen bestellbaren Bestand von Informationen reduziert werden kann,
die in uns Vorstellungen herzustellen hätten, sondern auch darin, daß sie uns vom
Stellen fast nur so reden läßt, als sei es entweder ein ,Tun' des Menschen oder ein
Geschehen, auf das es keinen Einfluß hat. - Gleichwohl, - wie ich darzustellen
suchte, - dieses , Herausgesetztsein' aus der erträumten , Mitte' des Subjekts zwi-
schen Setzung und Verwirklichung seiner Zwecke ist kennzeichnend für jene Wen-
digkeit der Mittel, die sich mit der endlos »erweiterten Umwelt' des Verfügbaren
ständig erhöht. Darin ,zer-stellť sich das Stellen des Stellens selbst in eine Seins-
möglichkeit.

So kündigt sich vielleicht im Besinnen auf das Wesen moderner Technik selbst
schon eine Wende an, aus dieser Gefahr gerettet werden zu können, - inmitten der
rasenden Abstandslosigkeit, welche die Verkettung des Stellens beherrsche, in wel-
chem ein Stellen dem andern nachstelle. Denn noch scheint das Wesen der moder-
nen Technik eine Weise des Entbergens von Wahrheit zuzulassen, selbst wenn es
die Einkehr in ein ursprünglicheres Entbergen noch verberge. Das unaufhaltsame
Bestellen und das Verhaltene des Rettenden bilden, so meint Heidegger abschlie-
ßend, eine »Konstellation', deren Geheimnis vielleicht in der Kunst liege. - Könnte
es nicht sein, daß diese sich bereits in jenem unverfügbaren Wesen des den Zwek-
ken »exzentrierten' Mittels zeigte und damit in der gleichwohl zu denkenden Dis-
Position seiner Wendigkeit, also in der Art eines »Stellens', welches das Ge-stell
selbst ,zer-stellť in eine Zwie- oder gespreizte Stellung, wodurch sich die nicht-
mechanistische Seinsweise des Stellens zu lichten beginnt? Wir können achten
lernen auf den ungeheuren Tanz der ,ent-mitteten' Mittel in ihren unbeschränkten

57 Ebd., S. 4.
58 Ebd.

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108 Hans-Dieter Bahr

Wendemöglichkeiten, ein Tanz, der vo


ten' schwer zu sehen ist. Und war solc
der Künste? - Wie, wenn sich in diese
noch , in jenen Sternen liegt', die zu de

II. Wege zur ,Gegneť und der

1. In Das Wesen der Sprache verwei


volle Landschaft, wo dichterisches Sag
grenze'.59 - Was hat es auf sich mit d
sie über solche Nachbarschaft? Wie k
Gewässer, die Gewächse und Lichter,
Wege und Geschicke der Menschen,
und Geschehnisse der Erde und des H
daß sie im Gedicht sich als Landschaft verlauten lassen? - In Rilkes Gedicht Vor-
frühling heißt es: „Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung / an der Wiesen
aufgedecktes Grau. / Kleine Wasser ändern die Betonung. / Zärtlichkeiten unge-
nau, / greifen nach der Erde aus dem Raum. / Wege gehen weit ins Land und zei-
gens. / Unvermutet siehst du seines Steigens / Ausdruck in dem leeren Baum."60 -
Hat hier Landschaft aus ihrer eigenen Poesie heraus den Dichter angesprochen?
Könnte sie das »andere Geschick' sein, das aus den verstellten, verborgenen Mög-
lichkeiten technisierter Welt zuspricht?

Im Folgenden werde ich manchen Gedanken Heideggers weniger nachfolgen als


sie auf deren Wegen begleiten, manchmal von diesen abweichen, sie kreuzen, viel-
leicht durchkreuzen, - damit uns vielleicht der Klang dieser geheimnisvollen
Landschaft abseits begangener oder zu bahnender Wege zu erreichen vermag.
Denn nichts in dieser Landschaft ist un-ent-wegt, vieles öffnet sich erst durch Ent-
wegungen.

Heidegger berief sich auf einen seinerseits landschaftlich gebundenen Aus-


druck, nämlich auf die schwäbisch-alemannische Mundart, um von Landschaft zu
sprechen: die Gegend als Gegnet. Dieser Name nennt, wie ich darlegen möchte,
das eigentümlich Raumhafte dieser geheimnisvollen Landschaft, ein Nennen, das
bei Plato seinen Ausgang genommen hatte, dort, wo Timaios von jenem rätselhaft
selbstlosen triton genos spricht, in welchem das Irdische und Überirdische tren-
nend aufeinander bezogen ist: von chora.61 - Worin aber sollte sich das Geheimnis
zeigen? Wird Landschaft nicht einfach erfahrbar durch den ,Gang auf einem Weg,

59 Martin Heidegger, Das Wesen der Sprache, in: Unterwegs zur Sprache, Pfullingen
1959, S. 171.
60 Rainer Maria Rilke, Vorfrühling, in: Deutsche Naturlyrik, Hg. G. E. Grimm, Stutt-
gart 1995, S. 288.
61 Piaton, Timaios, in: Sämtliche Werke Bd. 5, Übers. F. Schleiermacher, Hamburg
1959.

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick' 1 09

der durch diese Landschaft führt und ihr angehört', wie Heidegger sich aus-
drückt62, wie auch das Eigentümliche des Denkweges darin liege, sich in der
Gegend, worin sich das Denken aufhalte, umzublicken?63 - Blieben wir jedoch bei
dieser Auffassung stehen, kämen wir gerade in der Landschaft niemals an. Die
Rede als Dis-kurs legte nur Eines von vornherein öffentlich und allgemein an den
Tag: die Kategorien als die öffentlichen Plätze' solcher Denkwege, auf die hin
sich das in der Gegend Erblickte sammelt. Von der Landschaft zeigt sich dann nur
das Gelände, das an andere grenzt, und die Lage verschiedener Gestalten zueinan-
der. Ausgehend vom jeweiligen Standort, um den herum sich, in Hinsicht auf einen
unbeschränkten Horizont, eine begrenzte Umwelt zeigt, bildet sich ein Bezirk mög-
licher Perspektiven, unter dem das Wesen der Gegend eher verborgen bleibt. Und
dieser Bezirk mag sich, - mit Husserl zu sprechen, - zur Region erweitern, in wel-
cher ein »Oberstes' regiert, indem es das Mannigfaltige der »niedersten Differen-
zen' zu einer konkreten Gattungseinheit fügt.64 Auf diese Weise hat man auch
Landschaften nach obersten Kriterien unterschieden, wobei ein dominantes Merk-
mal die Funktion übernimmt, eine Gattungseinheit herzustellen. Man spricht von
Gebirgs- oder Küstenlandschaft, von Wüsten-, Industrie- oder Flußlandschaften
u. a. Durch das Gebietende wird die Region gebildet, wodurch das Landschaftliche
der Gegend sich eher unter der provinzia, der besiegten, verbirgt, denn sich kennt-
lich macht als bietende. Unbedacht bleibt, was je die Erde an unbesiegbaren
Fluten, Härten oder Erschütterungen, an Wucherndem und Verwitterndem, was
der Himmel an Zeiten und Wettern, an Lichtern und Nächtlichem darreicht. Ein
Gebiet ist in Grenzen eingeschlossen; eine Gegend aber ist zwar von endlicher,
nicht aber von meßbar begrenzter Raumhaftigkeit. Sie zeigt sich im je besonderen
Umeinanderspiel der Elemente und Dinge, die einander auf mannigfaltige Weise
erreichen, nähern und fernen. Ihr Raumhaftes zeigt sich in einem bewegten Umher,
nicht im Herum um ein festliegendes Zentrum. Mehr oft als durch den Wechsel
von Blickrichtungen und Gesichtsfeldern erschließt sich uns daher dieses Umher
durch Töne und Geräusche, Berührungen und Gerüche, die keine Anhalts-Punkte
liefern. Es gibt Himmels-Gegenden und irdische oder außerirdische, verlassene,
bewaldete, schmerzhafte Gegenden, reiche, unsichere oder solche, die nachdenk-
lich oder fröhlich anmuten. Zur »Region' werden sie erst, wenn etwas in ihnen über
anderes zu gebieten vermag.

Der Name »Region' läßt noch etwas nachklingen, an das ich zunächst erinnern
möchte: nämlich der Entwurf einer Geographia, wie ihn Claudius Ptolemäus II. in
der Nachfolge von Eratosthenes fortbildete. Von der Geographie an wird es darum
gehen, die Erde zunächst als eine Oberfläche nach Breiten- und Längengraden ein-
zuteilen, die Orte topographisch zu notieren sowie deren räumliche Lage zueinan-

62 M. Heidegger, Das Wesen der Sprache, a. a. O., S. 170.


63 Ebd., S. 179.
64 Edmund Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen
Philosophie, Halle 1922, S.30.

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110 Hans-Dieter Bahr

der in einer ,Chorographia' oder Län


an das Problem der chora erinnert. Mit Hilfe von Astronomie und Geometrie wird
der Boden der Erde zur bloßen »Fläche4, zur Oberfläche mit ihren Ländern und
Meeren, die immer schon virtuell durchzogen ist von endlos vielen Wegen zwi-
schen endlos vielen Orten. Und ihnen folgten dann die Wege auch ,nach unten4
durch die Erden und Gesteine hindurch zum »Unterirdischen4 und »nach oben4
durch die Lüfte zum »Überirdischen4. Durch die Gesamtheit aller möglichen Orte
ist jeder Aufenthalt schon zuvor gestellt, vor-gestellt und durch die Gesamtheit
aller möglichen Wege ist jeder Gang, jede Fahrt schon zuvor ausgerichtet, vor-
gerichtet. Von diesen vor-gedachten Orten und Wegen her werden nun in Wirklich-
keit die Orte als Plätze befestigt, die Landstriche als Strecken eingeebnet, bevor
man die Wege auch durch die Meere und Lüfte bahnte. Der Verläßlichkeit wegen
sollen sich die Orte und Wege ihrerseits nicht bewegen, was dadurch erreichbar
scheint, daß sie sich den unbewegt scheinenden Punkten und Linien am Firmament
und letztlich den ewigen Punkten und Linien der mathematischen Ideenwelt an-
nähern. Nur dann könnte man, wie es scheint, stets dahin zurückkehren, wo man
schon einmal war. Dieser Traum bestimmt bekanntlich die grundlegende abendlän-
dische Vorstellung von Raum in Analogie zur Statik, im Unterschied zu der von
Zeit in Analogie zur Dynamik. Sie wurden zu Parametern der Technik des Stellens.

Wege denkt man also gewöhnlich als feste Ibr-Richtungen, welche die Be-
wegungsweisen und gegenläufigen Richtungen, die sich einschlagen lassen, vor-
schreiben. Ihre berechenbare Verläßlichkeit ermöglicht, nicht nur sich bequemer
fortzubewegen, oder mehr und schwerere Dinge zu befördern, sondern vor allem
Geschwindigkeiten zu erhöhen. Hinter der bloßen Vermehrung von Leistungen, die
man als ökonomisches Motiv vorgibt, verbirgt sich jedoch ein tieferes technisches
Gefiige: mit dem Wachsen verfugbarer Verläßlichkeit wächst das Risiko, dem Men-
schen sich auszusetzen bereit sind. In den Methoden empirischer Experimente ver-
sucht man dieses Gefiige unter Kontrolle zu bringen: auf Grund der Festlegungen
der Wege geht man bestimmte Risiken ein, die sich dadurch kalkulieren und kon-
trollieren lassen. Auf der Basis ihrer Verläßlichkeit sprengt man mittels Versuch,
Irrtum und Korrektur unentwegt weitere Wege durch die Natur. Darin beruht das
Forsche des Forschens, das Erprobende des Erfindens, das Entblößende des Ent-
deckens. Das geschichtliche Ganze aber der sicheren Methoden und der begrenzt
erhöhten Risiken entzieht sich jeder Berechnung. Die äußerste Spannung zwischen
verläßlicher Vorrichtung und der Wagnis des Bahnbrechenden unterliegt nicht nur
Verschiebungen und Verzerrungen, sie reißt immer wieder und gerät außer Kon-
trolle, wie wir gerade wieder an der Geschichte der Atomkraftwerke erfuhren. Das
wiederum forciert den cartesischen Traum, mit der »Sicherheit und Evidenz mathe-
matischer Beweisgründe schrittweise die Erkenntnis zu erweitern4.65 Heidegger
war von dieser Allianz derart beunruhigt, daß er die Methode in krassen Worten

65 René Descartes, Von der Methode, Übers. A. Buchenau, Hamburg 1960, S. 6 und
S. 2.

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Das Wesen der Technik und das »andere Geschick4 1 1 1

als die »äußerste Ab- und Ausartung' dessen bezeichnete, »was ein Weg sei', und er
befürchtete, wir könnten dorthin gebracht werden, wo wir allenfalls noch als »tech-
nische, den Maschinen angepaßte Ungetüme' bestünden.66

Die vorgerichteten Wege der Vorgänger werden also befolgt von Bewegungen
der Menschen und ihrer Maschinen, indem zugleich auf das Wahrscheinliche
gewettet wird. Es ist genau diese rissige, ihrerseits explosive Spannung zwischen
den festgelegten Wegen und dem Aufs-Spiel-Setzen der Bewegungen, so will ich
behaupten, die, indem sie zur fuhrenden wird, eben durch keine Landschaft fuhrt,
sondern sich auf das bezieht, was bereits das römische Recht unter »Territorium'
verstanden hatte: terra plus terror. Die solcherart bewegten Wege, zu denen auch
das Um- und Abwegige und das Keineswegs gehören, reißen gewaltsam Schneisen
in die Landschaft und lassen diese als etwas nur Abseitiges und Entlegenes zurück:
als Schnitte und Aus-Schnitte eines Geländes, dessen Gesicht, wie man mit Ed-
mond Jabès sagen könnte, hinter einem »Schleier von Asche über den Sandkörnern
der Wüste' verschwindet.67 Solche Wege und Bewegungen mögen immer noch
Elemente einer Landschaft sein, wie uns Andrei Tarkowski eindringlich in seinem
Film Stalker vorführte, aber sie werden nicht mehr aus ihr heraus begehbar. Tech-
nisch deutet man dagegen umgekehrt Landschaft von solchen vorrichtenden,
unentwegten Wegen her.

Heidegger verweist nun auf einen anderen, den schonenden Weg, der sich am
Horizont des Territoriums abzeichnet und zugleich seine Spur verwischt. Wohl im
Seitenblick auf die Vor-Gänger, die für die Nachfolger bereits Orte zu Plätzen und
Wege zu Straßen geebnet und befestigt hatten, bringt Heidegger zum einen die
»Holzwege' ins Spiel, die »meist verwachsen jäh im Unbegangenen aufhören'.68
Doch nicht nur das Unentwegte der vorgerichteten Wege wird so im Verlauf eines
Holzweges entwegt. Der Holzweg endet zugleich vor den rasenden Bahnbrechnun-
gen, die dem Unwegsamen folgen können. Entwegungen jedoch markieren nicht
einfach das Ende eines möglichen Weges vor einer Macht, einem Abgrund, vor
einem Felsen, einer Wildnis; sie tauchen überall auf, wo eine Spur ihre Spur ver-
wischt69, wie unter den Sandverwehungen der Steppen und Wüsten, unter den
Erbeben, Überschwemmungen, Überwucherungen oder unter den industriellen
Verödungen auf dem Lande, unter dem Verschwimmen des Kielwassers, welches
das Schiff in ein aufgewühltes Meer zieht, wie unter den Wirrnissen der Slums und
der Bedenkenlosigkeiten der Massen und ihrer Mächtigen. Diesen verschwinden-
den Spuren gegenüber erinnert Heidegger an das Tao des Lao Tse, dem , alles be-
wegenden Weg, woraus wir erst zu denken vermögen', um das Sagen zugleich in

66 Martin Heidegger, Das Wesen der Sprache, a. a. O., S. 197 und S. 190.
67 Edmond Jabès, Das kleine unverdächtige Buch der Subversion, Übers. F. P. Ingold,
München/Wien 1985, S. 47.
68 Martin Heidegger, Holzwege, Frankfurt/M. 1980, Vorspann.
69 Vgl. dazu: Emmanuel Lévinas, Die Spur des Anderen, Übers. W. N. Krewani, Frei-
burg/München 1983, S. 209 ff.

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1 1 2 Hans-Dieter Bahr

das Angesprochene zurückkehren zu l


das chinesische Schriftzeichen für, Tao '
zusammengesetzt ist, im Unterschied zu
Zeichen fur ,Fuß' und ,Jeder' gebildet
Gabelungen niemals einer blinden N
müssen, entweder diesen oder jenen W
gewöhnlichen Füßen versagt ist, - den
die Möglichkeit jener entwegten Unmö
wirklichbaren Möglichkeiten unentwegt
also eine Weg-Bereitung aus der Gegen
lungsstätten, die Bezirke, Regionen und
Reichen ist: „Für das sinnende Denken
Gegend nennen. Andeutend gesagt, ist
bende Lichtung, in der das Gelichtete z
Freie gelangt. Das Freigebend-Bergend
sich die Wege ergeben, die der Gegend

Das , Gegnende' der Gegend läßt zunä


erinnern, die auch Kant im Blick hatte.7
Süden ziehen, der uns so entgegenzuko
zung von contrata regio, wovon sich a
ableiten. Das , Gegnende' verweist also
auch die Be-Gegnung auszeichnet, mag
zum Entgegenkommen und zum Verbin
das Kloster Bebenhausen in der Gegend
ein-deutigen Richtung auch die gebiete
und Be-Gleitenden des Nachbarschaftl
Landschaftlichen mit seinen offenen G
lieblicher, unheimlicher, trostloser Geg
sphärisch gestimmter erfaßt wird, gilt n
und Wegen zusammengesetzt, ohne de
Stimmungswerte reduziert zu sein, so
Trauernder keine heitere Landschaft vernehmen könnte. Im Unterschied zur unter-
bestimmten , Gegend' wird mit dem Wort , Landschaft' zudem ein je besonderer

70 Martin Heidegger, Das Wesen der Sprache, a. a. O., S. 198.


71 Vgl. vom Verfasser: Der Raum des Guten, in: Anthropologie nach dem Tode des
Menschen, Hg. D. Kamper und Ch. Wulf, Frankñirt/M. 1994, S. 34.
72 Edmond Jabès, Verlangen nach einem Beginn, Übers. F. P. Ingold, Stuttgart 1992,
S. 29.

73 Martin Heidegger, Das Wesen der Sprache, a.a.O., S. 197.


74 Immanuel Kant, Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im
Räume, in: Werke Bd. II, Hg. W. Weischedel, Wiesbaden 1960, S. 993 und S. 995. Vgl.
dazu auch: Werner Stegmaier, Ausrichtung der Orientierimg nach Horizonten, Standpunk-
ten und Perspektiven, in: Philosophie der Orientierung, Berlin/New York, 2008, S. 192 f.

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick4 1 13

Bereich von Erde und Himmel bezeichnet. In dieser Bedeutung taucht der Aus-
druck bei Albrecht Dürer auf und meint nicht mehr, - im Gegensatz zu »Herr-
schaft4, - die Standesvertreter des Landes, der Region, sondern das, was, im Unter-
schied zur »Historie', als Bereich einer zumeist weiten, offenen Natur zum Sujet
der Malerei wurde.75 Herkommend aus der Szenographie eines theatralischen
Schauplatzes76, schwankt die Sicht auf die Landschaft oft heute noch zwischen
scharfem und verschwommenem Durchblick, Anblick, Einblick, Überblick. Das
Gegendhafte an der Landschaft umschreibt dagegen jene Raumhaftigkeit, über die
sich in keiner Weise geometrisch verfugen läßt. Diese aber scheint Heidegger
zumal im Blick zu haben, wenn er von Gegend spricht. - Wie aber ergeben sich
aus einer Be-wëgung Wege, die weder in ein noch aus einem vorliegenden Ge-
lände fuhren noch nur durch dieses hindurch, sondern der Gegend zugleich in der
Weise einer, wie ich sagen möchte, , erwägenden' Freigebung und einer ,ent-
wegenden' Verbergung angehören? Wie können wir Wege denken, die nicht durch
eine Landschaft führen, sondern erst aus ihr heraus zu ihr geleiten? Es kann offen-
sichtlich nicht darum gehen, sich einen solchen Weg nur zum verfügbaren und gän-
gigen zu machen, denn dann verliert er sich in einem , Abseits', das uns als Land-
schaft nur näher kommt, wenn wir uns fern von ihm und seiner Durchgängigkeit
halten. - Wäre das die Andeutung eines sich spreizenden und windenden Weges,
durch den sich uns landschaftliche Gegend eröffnete?

6. Zu einer meta-tranzendentalen Auffassung von »Gegend' kommt Heidegger


in Zur Erörterung der Gelassenheit von 1944/5 in einer Zeit, da er die klassische
Metaphysik bereits mit dem Denken des Seins als Ereignis zu durchdringen
suchte.77 Mit dem landschaftlich geprägten Ausdruck »Gegnef setzt er sich vom
vormals pragmatischen Verständnis von »Gegend' ab. Als Gegnet öffnet sich ein
Raum, der weder durch das Hier und Dort der Orte und Lagen noch durch das Hin
und Her der Wege vordimensioniert ist oder entworfen wird, der aber auch dem
Gedanken von Leere oder Unendlichkeit entrückt bleibt. Heideggers Ausgang liegt
in der Frage nach dem Wesen des Menschen, die eine nach dem Wesen des Den-
kens sei, wie es sich im Zulassen einer Gelassenheit zeige, die das Aktive oder
Passive des Wollens ,bis auf eine Spur' hinter sich lasse.

Er beginnt mit der Darlegung des Denkens als eines transzendental-horizontalen


Vorstellens. Es stelle uns etwa das Krughafte des Kruges, das Baumhafte des
Baumes, das Steinige des Steines, das Tierische des Tieres als diejenige Aussicht
zu, die uns im Aussehen dieser Dinge entgegenstehe.78 Es wird uns also in den

75 Max J. Friedländer, Landschaft, in: Von Kunst und Kennerschaft, Frankfurt/M. 1955,
S. 73-80.
76 Alexander von Humboldt, Landschaftsmalerei, in: Kosmos. Entwurf einer physi-
schen Weltbeschreibung, Frankfurt/M. 2004, S. 226.
77 Martin Heidegger, Zur Erörterung der Gelassenheit, in: Gesamtausgabe Bd. 13,
Frankfurt/M. 2002.
™ Ebd., S. 44.

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1 1 4 Hans-Dieter Bahr

anschaulich gegebenen Dingen erst der


stand. - Hier will ich daran erinnern, d
sich das Einfache solcher Wesenheiten
hatte. Das läßt sich noch von ferne in de
sicht' vernehmen, der Aussicht etwa auf
schaftliche Elemente geht, die den Blic
dern auf das lenkt, was die Dinge versa
sprach Kant, da man zu seiner Zeit den
im Sinne von »Landschaftsgemälde' ve
Gegenstände »überhole und überträfe',
und Horizont. Als transzendente sind ja
lung und unter , Horizont' sei zu verst
halte. Das unvorstellbare Wesen des Ho
die »Gegend der Gegend'.80

Schauen wir einen Augenblick auf den


Transzendenz, welche die Welt-Landsch
scheinen, daß der Mensch auf sie Bezug
die scheinbare Begrenzungslinie zwisch
achter, der somit in den Mittelpunkt r
glauben können, das Himmelsgewölbe r
oberfläche. Mit dem Denken der Erde a
Ort als von seinem Horizont nur mehr
zung einer Grenze, die sich im Scheine
Metapher des Horizontes angesprochen
dem Horizont jede Vorstellbarkeit ȟbe
»Sprung' über die Möglichkeit allen Üb
ein Weg, der von niemandem begange
Denken immer schon angegangen ist.

Wenn Heidegger betont, das Aussehen d


zont »hineingesehen', also nicht transze
dern komme uns daraus, nämlich aus dem

79 „Noch sind schöne Gegenstände von sch


der Entfernung wegen nicht mehr deutlich
letzteren scheint der Geschmack nicht sowo
Felde auffaßt, als vielmehr an dem, was sie
ten." Immanuel Kant, Kritik der Urteilskra
baden 1957, S. 328.
80 M. Heidegger, Zur Erörterung der Gela
81 Unter »Metapher* verstehe ich nicht, w
im Gegensatz zur »eigentlichen Rede' über
sind, decken sie vielmehr an der Sache selbs
des Einen zum Anderen, mögen diese einan
82 M. Heidegger, Zur Erörterung der Gela

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick4 1 1 5

dann wendet er sich gegen ein Verständnis von Intentionalität, Horizont und Trans-
zendenz, in welchem der Mensch als Subjekt Zentrum und Ausgangspunkt bildet.
Doch liegt darin nicht bloß eine Abkehr: das Horizonthafte bleibt durchaus die
dem Menschen zugekehrte Seite eines ihn umgebenden Offenen. Das Andere aber
des Horizonts, das Andere seiner selbst, sei ,wie eine Gegend, durch deren Zauber
alles, was ihr gehört, zu dem zurückkehrt, worin es ruht4.83 Heidegger sagt also
nicht bloß, daß die Dinge, die uns als Gegenstände entgegenkommen, auch wieder
in ihre Gegenstandslosigkeit zurückkehren. »Zauberhaftes4 läßt sie in das Wo
zurückkehren, in welchem sie den ihnen eigenen Bestand haben, nämlich in der
Zugehörigkeit zur ,Gegneť. Es ist, als verließe das Steinige des Steins, das Baum-
hafte des Baumes, das Tierische des Tieres dort, wo es uns in seiner ,entlandschaf-
teten4 Gegenständlichkeit entgegenkommt, den ihm eigenen Raum, - entsprechend
der Rede der Metaphysik, wonach das allgemeine Wesen der Dinge nicht nur
unvergänglich, sondern auch ohne Raum sei. Warum aber war die Weltlandschaft
der Dinge in Vergessenheit geraten? Vielleicht deshalb, weil die Menschen der
Moderne ihre Bahnen nicht durch sie zu brechen vermögen?

Die eidetische Phänomenologie Husserls und die Hermeneutik des In-der- Welt-
seins reichen allein also nicht in das Andere des Horizonts, worin die Dinge ruhen.
Auf den Wegen der Intentionalität blieben sie selbst mitsamt dem Horizont immer
nur die Unerreichbaren. Die Menschen fänden den Weg zu ihnen nicht, kämen die
Dinge ihnen nicht entgegen. Dort aber, wo man die Dinge gänzlich zu durchdrin-
gen sucht, wie zumal mit den Techniken der naturwissenschaftlichen Industrie,
wird selbst das Gegenständliche, durch das sie sich uns vor-stellen, noch aufgerie-
ben durch die Maschinerie des »Zerstellens4. Zu denken aber ist mit der dem Men-
schen abgewandten Seite des Horizonts dieses ferne Wo, zu dem kein vorgerichte-
ter noch ein bahnbrechender Weg fuhrt, so daß die Dinge in ihm zu ruhen vermö-
gen, von dem aber ein Weg zu kommen scheint. Kann denn dieses entwegte
Denken gleichwohl den Zauber der ,Be-wëgung4 erahnen, in welchem die Dinge
ruhen? Um welche Ruhe geht es? Klingt hier noch jene Ruhe nach, wie sie
Newton dem absoluten Raum zugeschrieben hatte, nachdem unter seinem Blick
jene Statik der Dinge zerfallen war, von der man geglaubt hatte, unveränderliche
räumliche Dimensionen entnehmen zu können?84 Die ,Gegneť stellt sich jedoch
jener alten Deutung des Absoluten entgegen, der zufolge alle Relativität räum-
licher Beziehungen immer schon von der Idee der unendlichen Totalität eines ein-
zigen Raumes her begriffen wird. Und doch scheint die entwegte Gegnet, zu der es
keinen Schritt hinüber gibt, die somit also auch »entortete4 Gegnet ist, den Dingen
jene rätselhafte »Unterkunft4 zu gewähren, wie sie sich bereits in chora 's »Aufneh-
men4 angedeutet hatte. Wo den Menschen die Möglichkeit aufscheint, Dinge in

83 Ebd.
84 Isaak Newton, Mathematische Prinzipien der Naturlehre, Hg. J. Ph. Wolfers, Darm-
stadt 1963, S. 31.

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1 1 6 Hans-Dieter Bahr

sich - statt nur ,auf sich' oder ,an sich


wesenheit derselben denkbar jenseits von

„Die Gegnet", so schreibt Heidegger,


versammelnd, sich öffnet, so daß in ih
jegliches aufgehen zu lassen in seinem
das Freie der Weltlandschaft, wäre dem
Lassen wäre das »Vermögen' der Mögli
dessen, was erst durch jenes erscheinen
liche Nähe der Gegnet zu chora ist unü
aufnimmt, ohne doch das Aufgenomm
nehmenden wie in ein Gefäß zu zwänge
man sagen, ereignet sich als das Versam
Jeglichem. Wenn Heidegger meint, di
könne weder als ontische noch als onto
halb, weil zu denken ist, daß diese Bez
greife.86

Indem nun die Gegnet das Ding in ihm selbst als das Ding weilen lasse,
»bedinge' sie es zum Ding, sagt Heidegger. Wir werden an Piatons Gedanken er-
innert, wonach ,von jeglichem ein denkbares Wesen sei', wonach ,das Feuer und
alles Andere selbst fur sich selbst' sei und seine Wahrheit nicht in dem habe, was
wir bloß »vermittels des Körpers' wahrnehmen.87 Indem chora das gastlich auf-
nehmende Medium bildet zwischen einem an sich räum- und zeitlosen Bestand

der Wesenheiten und der chaotischen Flüchtigkeit der einzelnen Erscheinungen,


könnte ihr selbst solches »Weilen' zugeschrieben werden, denn weder währt chora
ewig noch verschwindet sie im Moment. Heidegger, sofern er dies im Blick hatte,
mußte dem Kantischen Gedanken des »Dings an sich' aus dem Wege gehen: man
denke dabei, so sagt er, nur an das, was bloß ,zu den Gegenständen hinzu vorge-
stellt werde'.88 Nach Kant allerdings kann zum Ding an sich gerade nichts »hinzu'
vorgestellt werden. Er sprach ihm jede Räumlichkeit ab und verschob die Frage,
wie das Ding je dieses sein könne, auf das transzendentale Subjekt.89 Hinter der
notwendigen Einschränkung der Verstandesbegriffe auf das in der Anschauung
sinnlich Gegebene, durch welche es allererst zu einer Bedingung der Dinge

85 M. Heidegger, Zur Erörterung der Gelassenheit, a. a.O., S. 47 (Hervorh. durch Verf.).


8* Ebd., S. 59.
87 Piaton, Timaios 5 le, Sämtliche Werke, Bd. 5; Übers. F. Schleiermacher, Hamburg
1957, S. 174.
88 M. Heidegger, Zur Erörterung der Gelassenheit, a. a.O., S. 58.
89 Diese Frage streift Heidegger später in Die Frage nach dem Ding, (Tübingen 1962,
S. 18), indem er mit Leibniz darauf hinweist, daß die Selbigkeit des Dings als je dieses
nicht durch die Bezugnahme auf seine Raum-Zeit-Stelle bestimmt werden muß, sondern
durch das principium identitāti s indiscernibilium. Die Frage nach dem Je-dieses-sein der
Dinge lasse er aber hier auf sich beruhen.

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick4 1 1 7

kommt, bricht die unüberbrückbare Kluft zwischen noumenon und phänomenon


auf, die das Denken der Gegnet zu überwinden trachtet.90

In Hinsicht auf das Ding nennt Heidegger die Gegnet das »Bedingnis4, um es
von der , Bedingung* als transzendentalem Grund einer Möglichkeit von Erfahrung
zu unterscheiden.91 Als »Bedingnis' wäre also die Gegnet eher der ,Ab-grunď der
Möglichkeit der Dinge zu nennen, womit weniger deren Unergründlichkeit als viel-
mehr die unermeßliche Tiefe der Kluft ihrer Möglichkeit in den Blick käme.

Heidegger wird in seinem Aufsatz Das Ding von 1950 dem Bedingen weiter
nachdenken, wobei der , Reigen* der Elemente, den Empedokles im Sinn hatte und
von dem auch Timaios sprach, im Ring, im ,Ge-ring* des »Spiegel-Spiels* der Welt,
nämlich des sich sammelnden Gevierts von Erde, Himmel, Göttlichen und Sterb-
lichen wiederkehrt und sich ereignet in einem geradezu landschaftlichen »Dingen*
von »Baurn und Teich, Bach und Berg, Reiher und Sammlung, die dem Denken
zugänglich ist.92 - Erinnern wir uns des Gevierts der empedokleischen Weltland-
schaft, das aus diesen Dingen spricht, des Gevierts der Weltgegenden, wie sie ,im
Streite' zusammengehören und im Geviert etwa jedes Gehöfts wiederkehren;
denken wir an jenes Geviert, von dem Timaios darüber hinaus spricht, nämlich an
den Tetraeder als der elementarsten, Körperlichkeit bildenden räumlichen Gestalt
aus vier Dreiecken, die dem Licht und Feuer zugeschrieben wird: dann ist in
diesem Vorkommen der einander zugehörenden Vier schon der ursprünglich ein-
räumende Sinn des Ereignisses angesprochen. Und zugleich kehrt in der äußersten
Auseinandersetzung des Heiligen und der nihilistischen Heillosigkeit, wie Heideg-
ger sie denkt, die Schärfe zurück jener göttlichen Dämonie von Freundschaft und
Feindschaft, die nach Empedokles das Geviert in Bewegung hält.

Anders nun verhält es sich mit der Bestimmung der Weite, die im Timaios nur
ungenannt zur Sprache kommt. In seinem Dialog Kritias hatte Piaton bemerkt, ,die
Erde, die Berge, die Flüsse, der Wald, der ganze Himmel und alles, was sich an
ihm findet und bewegt', das seien Dinge, von denen wir keine genaue Kenntnis
besäßen, so daß wir uns auch bei ihrer Darstellung in der Landschaftsmalerei mit
ungenauen Umrissen und einer groben Ähnlichkeit begnügten, im Gegensatz zu
solchen göttlicher oder menschlicher Gestalten.93 Man könnte sagen, daß dasje-
nige, was dem Gedanken weit weg ist, wie diese Dinge in ihren landschaftlichen
Elementen, von jeder auch verengenden Nähe fern bleibt. Ist es das Fehlen be-
stimmter Kenntnisse, in welchem Weite und Ferne sich erst zeigen? Diese Dinge
werden in ihrer weglosen Weite belassen, der Weite der Weltlandschaft, wie sie
den Menschen erscheint, hin zum unabschließbaren Horizont. Aber gibt es da nicht
auch eine unserem Horizont abgewandte Weite und Ferne, die somit auf keine

90 Im Rechtswesen verstand man unter »Bedingung4 »Einschränkung4.


91 M. Heidegger, Zur Erörterung der Gelassenheit, a. a . O., S. 58.
92 Martin Heidegger, Das Ding, in: Vorträge und Aufsätze, Pfullingen 1978, S. 166 ff.
93 Piaton, Kritias, Sämtliche Werke Bd. 5, 107 b, a.a.O., S. 217.

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1 1 8 Hans-Dieter Bahr

Beziehung mehr zu Enge und Nähe eing


genannt werden könnte? Haben die Din
ruhen, eine ihnen eigene Weite des uns
noch die entschwundene empedokleisch
Entwegtheit überhaupt noch denkbar?
kens der Sterblichen?

Daß die Rückkehr der Dinge in eine R


, vorstellbar' sei, schließe ein nennendes
Wesen dieses Denkens sei ein Warten a
in dessen Nähe es die Weile finde'. „Da
die wir wartend eingelassen sind, wenn w
lich weder das Erwarten von etwas noc
hier das Bild der Warte nachklingen,
sehen ist, nur daß die hier gemeinte Ge
hen ist, um sie wie im Sinne eines Land
Nicht durch Wille, allenfalls , ahnend'
einlassen, daß unserem Denken Offenhe
kende Wesen, d.h. als transzendental Vo
denz aufhalten'.95 Indem Denken sich d
der Gegend unser Denken erst auf den W
fehlte, würde es methodisch die Gege
Wege versichern wollen. Denn diese W
Gegend auf, um von Menschen , empfa
Denken die Gegend der Dichtung.

Der Gegend auf diese Weise ,ge-eig


schen98, und das Wesen des Denkens li
gegnis' der Gelassenheit.99 Da es nicht
hen, nicht um ,Gegnung/Begegnung' ge
er nicht das Suffix ,-ung' verwenden.
strakta kamen nicht in Frage, weil es hi
fenheit geht. So bot sich das Verbalsuff
nis, Verhältnis, Gedächtnis'. In diesem
Geschehensverlauf mit wie eine gewisse
der Ruhe. Zudem erinnert ,Gegnis' an
abheben soll: von bloßer Er -örterung
Ver- räumlichung bereits voraussetzt.

94 M. Heidegger, Zur Erörterung der Gelas


9* Ebd., S. 55.
9* Ebd., S. 51.
97 Ebd., S. 55.
98 Ebd., S. 56.
99 Ebd., S. 62 und S. 56.

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Das Wesen der Technik und das , andere Geschick4 1 1 9

Das Warten des Denkens auf die Gelassenheit des Offenen vollzieht sich weder
auf der Stelle noch unterwegs, aber es verharrt auch nicht in gänzlich unbestimm-
ter Leere, indem es bloß unfruchtbar ins Ungewisse wartet. So aber gerät das
Denken zwischen die hinterlassenen oder entworfenen Spuren, die es nach- oder
vorzeichnet und deren es sich erörtend und methodisch versichert, und jene Orte
und Wege, die ihm erst geheimnisvoll aus dem Freien der Weltlandschaft zukom-
men.100 Solches Zwischen aber ist schlicht-weg unmöglich. Es ist das »Unvor-
denkliche'.101 Denn einen schlichten Denkweg, der die bestehenden Wege mit den
entstehenden Wegen oder den vergehenden verbindet, gibt es nicht. Die imaginäre,
entwegte Grenze zwischen ihnen ist aber die offene Grenze zwischen Philosophie
und Dichtung, durch die sie in das Freie der Weltlandschaft eingelassen sind.
Daher kann Heidegger sagen, die Gegnet verberge sich, indem sie sich lichte, und
Menschen in ihrer Nähe zur Ferne der Gegnet und in der Ferne dieser Nähe gehör-
ten ihr an und gehörten ihr nicht an.102

Ich hatte zu Beginn die »geheimnisvolle Landschaft' erwähnt, von der Heideg-
ger sagte, in ihr grenze dichterisches Sagen an den geschickhaften Quell der Spra-
che. Dort heißt es weiter, die eigentliche Gebärde des Denkens sei nicht das
Fragen, sondern das Hören der Zusage dessen, was anfragt'.103 Und es gälte, das
Eigentümliche des Denkweges zu beachten, nämlich ,uns in der Gegend umzublik-
ken, worin das Denken sich aufhält, denn sie sei offen in die Nachbarschaft zum
Dichten', also dahin, wohin die Wege transzendentalen Vorstellens allein nicht hin-
reichen.104 Das zusagende Wort, das alles sprechend be-wëge, gehöre dieser nach-
barschaftlichen Gegend an, ,die Erde und Himmel, das Strömen der Tiefe und die
Macht der Höhe einander ent-gegnen läßt und sie zu Weltgegenden bestimmt'.105
Nun geht es nicht mehr allein um die Dinge, die zu ihrer Ruhe in der uns abge-
wandten Gegend zurückkehren, sondern zudem um ihren Sinn im Wort dort, der
uns nicht stets schon zugewandt ist: „Das verlautende Wort kehrt ins Lautlose
zurück, dorthin, von woher es gewährt wird: In das Geläut der Stille, das als die
Sage die Gegenden des Weltgevierts in ihre Nähe be-wëgt."106 - Das Verlauten
selbst gehöre den »landschaftlich verschiedenen Weisen des Sprechens' an und ,in
der Mundart spreche je verschieden die Landschaft und das heißt die Erde'.107 Hei-
degger nennt das Lautende der Stimme geradezu das »Erdige der Sprache', welches
»einbehalten in das Stimmen sei, das seinerseits die Gegenden des Weltgefuges, sie

loo Ebd., die Seiten 67, 57 und 66.


loi Ebd., S. 66.
102 Ebd., S. 69 und S. 71.
i°3 M. Heidegger, Das Wesen der Sprache, a.a.O., S. 175.
104 Ebd., S. 179.
ios Ebd., S. 207.
106 Ebd., S. 216.
107 Ebd., S. 205.

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120 Hans-Dieter Bahr

einander zuspielend, aufeinander ein


die empedokleische Weltlandschaft i
aber steht imG Geviert mit Himmel,
melt als das Be-wëgende des Weltge
über und zwar lautlos, so still, wie d
der Zeit-Spiel-Raum spielt."109 Woh
Kampf um Erdherrschaft, worin die L
Maschinerie der Information zerstört
indem sie das Geheimnis des Freien der Weltlandschaft wahrt. In den Worten Paul
Celans:

Unstetes Herz, dem die Heide die Stadt baut


inmitten der Kerzen und Stunden,
du steigst
mit den Pappeln hinan zu den Teichen:
im Nächtlichen schnitzt dort
die Flöte den Freund des Schweigens
und zeigt ihn den Wassern.
Am Ufer
Wandelt vermummt der Gedanke und lauscht:
Denn nichts
Tritt hervor in eigner Gestalt,
und das Wort, das über dir glänzt,
glaubt an den Käfer im Farn. 1 1 1

»<» Ebd., S. 208.


109 Ebd., S. 215.
110 Ebd., S. 213.
1 1 1 Paul Celan, Unstetes Herz, in: Deutsche Naturlyrik. Vom Barock bis zur Gegenwart,
Hg. G.E. Grimm, Stuttgart 1995, S. 376-377.

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