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CONTROLLING (WS 19/20) Prof. Dr.

Gunther Friedl

Lösungsskizze zu Übung 1:
Koordination des Informationssystems: Lücke-Theorem

1.1 Kapitalwertbestimmung auf Basis kalkulatorischer Gewinne (1)

a)

Bestimmung des Kapitalwerts auf Basis von Zahlungen (übliche Vorgehensweise bei der
Kapitalwertmethode zur Bewertung von Projekten/Investitionen):

1.060
𝐾𝑊(𝑍𝑎ℎ𝑙𝑢𝑛𝑔𝑠𝑠𝑡𝑟ö𝑚𝑒) = −1.000 + = −36,36 €
1,1

Bestimmung des Kapitalwertes auf Basis von kalkulatorischen Gewinnen:

Anmerkung:

1. Hinter der Auszahlung von 1.000 € können bspw. Zahlungen für die Anschaffung von
Maschinen stehen. Die Einzahlungen in t = 1 stammen bspw. von Verkäufen der hergestellten
Produkte.
2. In der Lösung verwenden wir die Begriffe Erträge und Aufwendungen (externes
Rechnungswesen). Bei diesem Beispiel gibt es keine Unterschiede zum internen
Rechnungswesen (Kostenrechnung). Es können also genauso die Begriffe Erlöse und Kosten
verwendet werden.

Die in t = 0 angeschafften Vermögensgegenstände werden in t = 0 aktiviert (und damit in t = 0 nicht als


Aufwand verbucht bzw. nicht erfolgswirksam). Für Gewinngrößen werden die Zahlungen periodisiert.
Das heißt, die Anschaffungsauszahlung in t = 0 wird als Aufwand (nämlich Abschreibungen) auf
diejenigen Perioden verteilt, in denen die Erträge erwirtschaftet werden. In diesem Fall ist das t = 1.

In t = 0 fällt dementsprechend kein Gewinn an (weder Erträge noch Aufwendungen). G0 = 0.

In t = 1: G1 = Erträge – Aufwendungen = 1.060 – 1.000 = 60 €. Die Erträge stammen aus den


Produktverkäufen (entsprechen also den Einzahlungen). Die Aufwendungen sind die Abschreibung auf
die Maschinen. Da das Beispiel nur eine Periode umfasst, wird praktisch der gesamte Wert in t = 1
abgeschrieben.

60
𝐾𝑊(𝑘𝑎𝑙𝑘. 𝐺𝑒𝑤𝑖𝑛𝑛𝑒) = 0 + = 54,54 €
1,1

Die Berechnung auf Grundlage der kalkulatorischen Gewinne führt zu einem anderen Kapitalwert und
damit u. U. zu einer falschen Aussage über die Vorteilhaftigkeit eines Investitionsprojektes (wie dies im
Beispiel der Fall ist). Denn ein Projekt mit positivem Kapitalwert sollte durchgeführt werden, eines mit
negativem Kapitalwert sollte nicht durchgeführt werden.

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b)

Erklärung der Ursachen des Unterschiedes zwischen den beiden Kapitalwerten:

Andere Periodisierung der anfänglichen Investitionsauszahlungen über die Verrechnung von


Abschreibungen. Im Beispiel: Die Anschaffungsauszahlungen von 1.000 € werden um eine Periode
nach hinten verschoben. Die Auszahlungen gehen so den Aufwendungen voraus. Die Differenz der
Kapitalwerte lässt sich auf diese Nachverlagerung der anfänglichen Auszahlung zurückführen.

Differenz zwischen den Kapitalwerten: 54,54 –(– 36,36) = 90,90.

60 1.060 1.060 − 1.000 1.060


−( − 1.000) = + 1.000 −
1,1
⏟ ⏟ 1,1 ⏟ 1,1 1,1
𝐾𝑊 𝑎𝑢𝑓 𝐾𝑊 𝑎𝑢𝑓 𝐵𝑎𝑠𝑖𝑠 𝑑𝑒𝑟 𝐾𝑊 𝑎𝑢𝑓 𝐵𝑎𝑠𝑖𝑠 𝑑𝑒𝑠
𝐵𝑎𝑠𝑖𝑠 𝑑𝑒𝑠 𝑍𝑎ℎ𝑙𝑢𝑛𝑔𝑒𝑛 𝑘𝑎𝑙𝑘. 𝐺𝑒𝑤𝑖𝑛𝑛𝑠
𝑘𝑎𝑙𝑘. 𝐺𝑒𝑤𝑖𝑛𝑛𝑠

1.060 − 1.000 − 1.060 1.000 100


= + 1.000 = − + 1.000 = = 90,90
1,1 1,1 1,1

𝐵𝑎𝑟𝑤𝑒𝑟𝑡
𝑑𝑒𝑟 𝑍𝑖𝑛𝑠𝑒𝑛
𝑎𝑢𝑓 𝐴𝑢𝑠𝑧𝑎ℎ𝑙𝑢𝑛𝑔
𝑖𝑛 𝑡=0

Die Differenz zwischen beiden Kapitalwerten gleicht dem Barwert der Zinsen auf das gebundene
Kapital.

Maßnahme:

Zur Herstellung der Äquivalenz der Kapitalwerte muss der Gewinn um den Barwert der Zinsen auf die
nachverlagerte Auszahlung von 1.000 vermindert werden:

60 − 0,1 ∙ 1.000 −40


0+ = = −36,36
1,1 1,1

Auf diese Weise wird der Effekt der Periodisierung (bei der Gewinnermittlung wird die Auszahlung von
1.000 € erst in t = 1 statt in t = 0 berücksichtigt) auf die Kapitalwertermittlung neutralisiert. Ohne diese
Verzinsung wird so getan, als wäre es egal, ob die minus 1.000 € in t = 0 oder in t = 1 anfallen.

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c)

Die Kapitalbindung im Lücke-Theorem ist durch das Bilanzidentitätsprinzip definiert. Für jeden
Zeitpunkt wird die Differenz aus kumulierten Gewinnen und kumulierten Zahlungsüberschüssen
berechnet:
𝑡−1 𝑡−1

𝑉𝑡−1 = ∑ 𝐺𝑠 − ∑ Ü𝑠
𝑠=0 𝑠=0

Im obigen Beispiel beträgt die Differenz 1.000 €:


0 0

𝑉0 = ∑ 𝐺𝑠 − ∑ Ü𝑠 = 0 − (−1.000) = 1.000
𝑠=0 𝑠=0

Diese Differenz ist beim Lücke-Theorem die Kapitalbindung, auf die der Zins berechnet und vom
Gewinn abgezogen wird. Das Resultat ist ein Residualgewinn (RG):

𝑅𝐺 = 60 − 0,1 ∙ 1.000 = −40

Wird dieser in t = 1 entstehende Residualgewinn diskontiert (Kapitalwert des Residualgewinns), erhält


man

−40
𝐾𝑊(𝑅𝑒𝑠𝑖𝑑𝑢𝑎𝑙𝑔𝑒𝑤𝑖𝑛𝑛) = = −36,36
1,1

Unter Residualgewinn versteht man den erwirtschafteten Überschuss, der über den zur Deckung der
Kapitalkosten notwendigen Gewinn hinausgeht und somit im Unternehmen Wert schafft.

Zusatzfrage zu Aufgabe 1.1:

Im obigen Beispiel für das Lücke-Theorem wird das gebundene Kapital der Vorperiode verwendet. In
der Kostenrechnung werden oftmals kalkulatorische Zinsen auf das durchschnittlich gebundene
Kapital (nicht gewichtetes Mittel aus dem Kapital der Vorperiode und der betrachteten Periode)
berechnet. Warum?

Antwort:

Im obigen Beispiel sind die Zeitpunkte der Zahlungsströme (Investitionen in Vorratshaltung, Maschinen
etc., Einzahlungen aus Produktverkäufen etc.) eindeutig definiert. In der Realität sind diese entweder
nicht bekannt (Betrachtung von extern) und man versucht, sich mit einem Mittelwert zu behelfen. Oder
die Zeitpunkte sind bekannt (unternehmensinterne Betrachtung), jedoch sind es in der Regel so viele
einzelne Zahlungsströme, dass eine taggenaue Berechnung der Kapitalbindung nicht mehr
handhabbar ist. Der Mittelwert ist eine gute Approximation, wenn sich der Wert des gebundenen
Kapitals linear verändert.

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1.2 Kapitalwertbestimmung auf Basis kalkulatorischer Gewinne (2)

a)

01.01.2019 31.12.2019 31.12.2020 31.12.2021


Et 1.600 1.800 1.600
At 800 + 1.500 = 2.300 600 900 800
Üt = E t - A t -2.300 1.000 900 800

1.000 900 800


𝐾𝑊10% (Ü𝑡 ) = −2.300 + + + = −46,06 €
1,1 1,12 1,13

Die Investition ist nicht profitabel und sollte nicht durchgeführt werden.

b)

01.01.2019 31.12.2019 31.12.2020 31.12.2021


Vorräte 800 800 600 0
Vermögen Anlagen 1.500 1.000 500 0
Summe 2.300 1.800 1.100 0
Vorräte [800] 0 -200 -600
ΔVermögen Anlagen (Afa) [1.500] -500 -500 -500
Summe [2.300] -500 -700 -1.100
Zahlungsüberschüsse [-2.300] 1.000 900 800
Gewinn [0] 500 200 -300
Kalk. Zinsen 230 180 110
Residualgewinn 270 20 -410

270 20 410
𝐾𝑊10% (𝑅𝐺𝑡 ) = + 2
− = −46,06 €
1,1 1,1 1,13

c)

Kongruenzprinzip:
𝑇 𝑇

∑ 𝐺𝑡 = ∑ Ü𝑡
𝑡=0 𝑡=0

500 + 200 + (−300) = 400 = (−2.300) + 1.000 + 900 + 800

Bilanzidentitätsprinzip (Definition der Kapitalbindung):


𝑡−1 𝑡−1

𝑉𝑡−1 = ∑ 𝐺𝑠 − ∑ Ü𝑠
𝑠=0 𝑠=0

𝑉0 = [0] − [−2.300] = 2.300

𝑉1 = [0 + 500] − [−2.300 + 1.000] = 500 − [−1.300] = 1.800

𝑉2 = [0 + 500 + 200] − [−2.300 + 1.000 + 900] = 1.100

Da die Kapitalbindung der Vorperiode ausschlaggebend ist, muss V 3 nicht berechnet werden.

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d)

Bedingung ist, dass das Kongruenzprinzip eingehalten wird. Das bedeutet, dass der Buchwert des
Anlagevermögensgegenstandes (Maschine etc.) genau auf null abgeschrieben wird. Weder darf zum
Ende des betrachteten (Investitions-)Projekts ein Restwert stehen bleiben. Noch darf mehr
abgeschrieben werden (durch bspw. kalk. Abschreibungen auf bereits abgeschriebene aber weiterhin
genutzte Anlagen) als der ursprüngliche Wert (Anschaffungswert).

e)

Vereinfachende Annahme zur Veranschaulichung: Der Spartenleiter erhält in jeder Periode den
kompletten Residualgewinn ausgezahlt (genauso könnte es ein Bonus in Höhe von bspw. 2 % des
Residualgewinns sein). Wird er wie in Aufgabenteil b) rechnen? Er wird die Bonuszahlungen (in diesem
Beispiel also die berechneten Residualgewinne) anschauen, die er bei Durchführung des Projekts
erhalten wird. Sie fallen natürlich erst in der Zukunft an. Er wird sie entsprechend diskontieren, um den
Wert des Projekts für sich persönlich zu bestimmen.

270 20 410
𝐾𝑊10% (𝑅𝐺𝑡 ) = + 2
− = −46,06 €
1,1 1,1 1,13

Warum aber sollte der Spartenleiter seine Bonuszahlungen mit 10 % diskontieren? Er hat doch
möglicherweise einen anderen Zeithorizont (verlässt eventuell das Unternehmen vor Ablauf der drei
Jahre) und eine andere Risikoeinstellung (das spielt bei realistischerweise vorliegender Unsicherheit
bzgl. der Plandaten eine Rolle). Dies bedeutet, dass er einen anderen Diskontierungssatz bei seiner
Kalkulation verwendet. Nehmen wir zur Veranschaulichung an, dass sich die Zeitpräferenzen des
Spartenleiters durch einen Zinssatz in Höhe von 30 % darstellen lassen. Seine persönliche Bewertung
der Bonuszahlungen bei Durchführung des Projekts wäre:

270 20 410
𝐾𝑊30% (𝑅𝐺𝑡 ) = + − = 32,91 € > 0
1,3 1,32 1,33

Der Spartenleiter würde dieses Projekt also gern durchführen, auch wenn es eigentlich nicht profitabel
ist für das Unternehmen. (Ähnliche Probleme der Fehlentscheidung würden bei abweichenden
Diskontierungssätzen des Bereichsleiters auch bei einer Entlohnung auf Basis der Zahlungsströme
auftreten.)

 Wichtig zu merken: Die Gültigkeit des Lücke-Theorems erfordert, dass der Kapitalwert der
Zahlungsströme und der Kapitalwert der Residualgewinne mittels des gleichen Diskontsatzes
berechnet werden. Ist dies nicht der Fall, führt dies natürlich zu einer anderen Bewertung.

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Add on: Wozu dient das Lücke-Theorem?

Gewinngrößen (im Endeffekt nichts Anderes als periodisierte Zahlungsgrößen) werden oft als Basis für
Bewertungen genommen und dienen vor allem häufig der Steuerung von Entscheidungsträgern. Wenn
also Gewinngrößen statt Zahlungsströme als Basis für Investitionsentscheidungen herangezogen
werden, dann sollte man diese Gewinngrößen geeignet definieren, damit ihre Verwendung zur gleichen
Beurteilung bzgl. der Vorteilhaftigkeit eines Investitionsprojekts führt wie die Verwendung von
Zahlungsströmen.

Anhaltspunkte dafür gibt das Lücke-Theorem, nämlich

(i) die Berechnung von kalkulatorischen Zinsen auf das (lt. Bilanzidentitätsprinzip definierte)
gebundene Kapital und
(ii) die Beachtung des Kongruenzprinzips, dass die Summe der buchhalterischen Gewinne
(nicht (!): Residualgewinne) über die Laufzeit des Projekts der Summe der Zahlungsströme
entsprechen soll. Das Kongruenzprinzip beinhaltet also unter anderem (wie im Beispiel in
der Vorlesung) die Bedingung, dass zwar jedes Abschreibungsschema verwendet werden
kann, zum Ende des Projekt-/Investitionszeitraums der Investitionsgegenstand allerdings
exakt auf null abgeschrieben sein muss.

Wenn wir dieses berücksichtigen, können wir die Vorteilhaftigkeit von Investitionen auch auf Basis der
durch sie verursachten Residualgewinne als geeignete Gewinngrößen bestimmen. Wichtig ist, dass bei
der Kapitalwertberechnung ein konsistenter Zins verwendet wird: Der gleiche Zinssatz, der beim
Kapitalwert auf Basis der Zahlungsströme verwendet wird, muss auch für die Berechnung der
kalkulatorischen Zinsen bei der Residualgewinnbestimmung genommen werden und natürlich auch für
die Ermittlung des Kapitalwertes auf Basis dieser Residualgewinngrößen.

Das Lücke-Theorem zeigt also, dass unter bestimmten Voraussetzungen (Prämissen) Entscheidungen
auch auf Basis periodisierter Erfolgsgrößen getroffen werden können.