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»Gerade

wurden hier
drei junge
Männer er-
schossen«
»Es gibt zu viele Jugendliche,
die Drogen nehmen – die haben
diese Unruhen verursacht«

Tunesien

Marokko

Libyen

»Es ist alles gelogen,


wir sind glücklich, die
Straßen sind friedlich«

Fünf Mal Naher Osten, fünf Mal Chaos und Gewalt. Wie geht es
angerufen – irgendwo, irgendwelche Nummern, ganz zufällig: eine
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»Die meisten
Iraner fürchten
ein Blutbad wie
in Libyen«

»Wir schaffen das


allein, Inschallah.
Sagt das euren
Leuten!«
Iran

Ägypten

jetzt den Menschen dort? Wir haben in jedem Land hundert Mal
Sammlung unverfälschter Stimmen
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Ägypten 0020 Ein Mann geht an sein Handy. Ich betätige mich weiter politisch.
Wo sind Sie gerade? Vor einem Jahr, als El Baradei nach
In Ägypten hat sich die Lage beruhigt, Ich bin in Scharm El-Scheich. Aber ich Ägypten zurückkam, habe ich eine
zumindest scheint es so, seit der ehema- war in der letzten Zeit eher in einer Facebook-Seite erstellt, auf der sich
lige Präsident Hosni Mubarak am 11. Wassermelone (arabischer Ausdruck für: Menschen austauschen konnten, die
Februar das Feld geräumt hat. Die Men- Es hat mich alles nicht interessiert). Ich unzufrieden mit dem Regime waren.
schen warten nun auf die ersten fairen hätte nicht gedacht, dass die Revolu- Als wir uns dann das erste Mal persön-
Wahlen in der ägyptischen Geschichte, bis tion so erfolgreich wird. lich getroffen haben, hatten wir alle
dahin regiert ein Militärrat. Doch wird Hat sich für Sie persönlich etwas ver- große Angst vor der Polizei und dem
die Armee ihre Macht tatsächlich wieder ändert? Geheimdienst. Noch schlimmer wurde
abgeben? Schaffen es die Ägypter, in nur Ja! Ab jetzt werde ich nicht mehr passiv es, als wir mit der Unterschriftenakti-
sechs Monaten von einer Diktatur in eine sein. Ich mache alles, was ich kann, um on begonnen haben, wir wollten eine
Demokratie zu wechseln? Können sie die meinem Land zu helfen. Ich werde zur Million Unterschriften für El Baradei
neuen Freiheiten nutzen? Viele ungeklärte nächsten Wahl gehen. Und darf ich Ih- sammeln, und wir haben es wirklich
Fragen. nen noch was sagen? geschafft, mit der Hilfe der Muslim-
Gern. bruderschaft.
Beim ersten Anruf nimmt ein Mann ab. Als mein Bruder demonstrieren war, Aber jetzt ist die Angst vorbei?
Hallo, wir rufen aus Deutschland an habe ich ihm gesagt: »Hör auf, du Ja, weitgehend. Früher hätte ich so ein
und würden Sie gern fragen, welche kannst das Land nicht ändern.« Er aber Gespräch wie mit Ihnen gar nicht ge-
persönlichen Erfahrungen Sie mit der meinte: »Wenn jeder so denkt, werden führt. Ich hätte Angst gehabt, dass Sie
Revolution gemacht haben. wir wirklich nichts ändern.« Das hat von der Staatssicherheit sind.
Ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter mich schließlich überzeugt. Sie müs- Vertrauen Sie der Übergangsregie-
an der Universität in Kairo, und ich sen ihn mal anrufen, er ist jetzt in der rung?
glaube, jetzt werden endlich die poli- Bewegung für Veränderung aktiv, die Wir müssen ihr auf jeden Fall eine
tischen Hindernisse beseitigt, die un- von El Baradei gegründet wurde. Ich Chance geben. Dem Premierminis-
sere Forschung bisher aufgehalten ha- gebe Ihnen mal seine Nummer. ter Schafiq habe ich vertraut. Dass er
ben. Wir können nun richtig loslegen. von Mubarak eingestellt worden ist,
Wie machen sich die Veränderungen Den Bruder erreichen wir in Mansoura, bedeutet nicht, dass er schlecht war.
im täglichen Leben bemerkbar? 120 Kilometer nördlich von Kairo. Er ist Das Problem sind nicht die Personen,
Die Menschen finden jetzt zu ihrer bester Laune. sondern das System. Und entscheidend
Identität als Ägypter zurück! Viele Kri- Jetzt ändert sich alles: das Schulsystem, wird sein, dass das Volk die Regierung
minelle haben zum Beispiel aufgehört die medizinische Versorgung! Sogar kontrolliert.
zu klauen oder zu schlagen, die Men- wenn ich mein Brot kaufe, ist alles an- Vielen Dank für Ihre Zeit.
schen helfen einander jetzt. ders! Die Menschen sind freundlicher Nein, ich danke Ihnen!
Gibt es etwas, was Sie uns in Deutsch- als vorher. Sie haben die Moral der
land mitteilen wollen? Revolution gelernt. Selbst die Beam- Eine zufällige Handynummer. Ein Mann
Ich will Ihnen sagen, dass es den Ägyp- ten sind freundlicher. Früher hat man geht dran. Er sagt, er sei in Ismailia, einem
tern gut geht. Ägypten wird sehr bald immer gesagt: Dieses Land ist deren Ort im Osten Ägyptens.
ein fortschrittliches Land sein, Inschal- Land – also das Land von Mubarak und Wie finden Sie die gegenwärtige Situ-
lah (So Gott will). Aber noch etwas, et- seinen Anhängern. Jetzt ist dieses Land ation in Ägypten?
was sehr Wichtiges … unser Land! Ich kann dazu nichts sagen, ich arbeite
Ja, bitte? Was war für Sie der wichtigste Mo- als Offizier bei den ägyptischen Streit-
Ich hoffe, dass sich kein anderes Land in ment der Revolution? kräften. Ich kann mich nicht in poli-
unsere Situation einmischt. Wir schaf- Als die Menschen sich am 28. Janu- tische Sachen einmischen.
fen das allein, Inschallah. Sagt das euren ar gegen die Polizei erhoben haben. Aber ganz persönlich – sind Sie eher
Leuten! Sie waren voller Mut und Zorn. Sie pessimistisch oder optimistisch?
wussten, dass sie vielleicht sterben wer- Ich bin ziemlich optimistisch, alles
Rauschen, eine schlechte Verbindung. den, aber sie wollten diesen Preis für wird besser.
Was? Was? ihr Ziel bezahlen. Die Beamten vom Was können Sie uns noch sagen?
Guten Tag, wir rufen aus Deutschland Geheimdienst haben uns verprügelt, Ach, bringt mich nicht in Verlegenheit,
an und … aber es war uns egal, ob sie scharf schie- ich kann nichts sagen, unsere Telefone
Was? ßen oder nicht. Sie haben uns an unse- werden kontrolliert. Aber ich bin si-
Aus Deutschland. Wir wollen … re Grenze gebracht. cher, dass Ägypten viel Gutes erwartet.
Ich habe keinen Ausweis, keine Ge- Haben Sie eine Botschaft für den
burtsurkunde und weiß über nichts in Westen?
der Welt Bescheid! Besuchen Sie Ägypten wieder! Wenn
Was halten Sie von der Revolution? Sie jetzt kommen, lernen Sie ein völlig
Deine Zeit ist abgelaufen! anderes Land kennen. Keine unange-
Wie bitte? nehmen Polizeikontrollen mehr.
(legt auf ) Was tun Sie selbst als Nächstes?

12 Süddeutsche Zeitung Magazin

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Libyen 00218 Es ist alles gelogen, warum macht ihr Tunesien 00216
das? Bei uns sind alle glücklich, die
Tripolis meldet sich nicht. Misrata mel- Straßen sind friedlich. Die Tunesier waren die Ersten, die aufge-
det sich nicht. Und auch in Bengasi, der Sind Sie beide Kollegen? standen sind. Schon im Dezember gingen
Küstenstadt im Osten Libyens, aus der (Der Mann legt auf.) Tausende auf die Straßen, um für ein besse-
die Truppen von Staatschef Gaddafi be- res Leben zu demonstrieren. Aus den Unru-
reits vertrieben worden sind, klingen die Al-Mokhtar-Krankenhaus, Tripolis. Ein hen wuchs eine Revolution, die vier Wochen
Telefonleitungen tot. Immer wieder hören Mann meldet sich. später den Alleinherrscher Ben Ali zu Fall
wir dieselbe mechanische Ansage: »Dieser Haben Sie eine Minute Zeit für uns? brachte. Nun soll eine Übergangsregierung
Anruf kann nicht wie gewählt ausgeführt Ja, bitte. Sie rufen bestimmt wegen der das Land zu freien Wahlen führen. Keine
werden.« Libyen taumelt dieser Tage im Unruhen an. Hier ist alles hundertpro- leichte Aufgabe, in den vergangenen Tagen
Ausnahmezustand: Es soll Tausende Tote zentig ruhig. Ich kann nur von Tripolis hat es neue Proteste und Gewalt gegeben.
bei den Demonstrationen gegeben haben. sprechen, ich wohne hier, und hier ist Der Interimspräsident Mohamed Ghan-
Killerkommandos sollen in der Haupt- alles gut. nouchi musste sein Amt aufgegeben, das
stadt Tripolis durch die Straßen ziehen. War das auch in den letzten Tagen so? tunesische Volk hat dem einstigen Wegge-
Aber Genaues weiß niemand. Nachdem Die letzten Tage gab es einige kleine fährten Ben Alis kein Vertrauen geschenkt.
wir es drei Stunden wahllos auf Festnetz- Unruhen, aber nachdem er (gemeint ist Die Menschen, die wir erreichen, wirken
und Handynummern versucht haben, Gaddafi) aufgestanden ist und alle mo- trotzdem gelöst. Es scheint so, als würden
rufen wir schließlich gezielt in einigen Lu- tiviert hat, ist wieder alles in Ordnung. sie uns gern Auskunft geben.
xushotels und Krankenhäusern an – und Er hat versprochen, dass alles gut wird.
kommen wenigstens ein paar Mal durch. Glaubt das libysche Volk denn Gadda- In Tunis nimmt ein Mann ab.
fis Worten? Haben Sie Angst?
»Corinthia Hotel«, Tripolis, eine Frau geht Ja, wir glauben ihm. Hier arbeiten wie- Nein, das habe ich hinter mir.
ans Telefon. Sie spricht Englisch. der alle. Wie meinen Sie das?
Hallo, wir rufen aus Deutschland an. Waren die Geschäfte in den ver- Ich habe acht Tage lang sieben Meter
Wir wollten fragen, wie es Ihnen geht. gangenen Tagen geöffnet? tief unter der Erde im Dunkeln fest-
Alles ist gut hier, Sir. Ja, ich kann aber nur von Tripolis spre- gesessen. Ohne Telefon, ohne Toilette
Und draußen vor der Tür, haben Sie chen. – und das nur, weil ich für den Präsi-
Demonstranten gesehen? Haben Sie das Gefühl, dass die Men- denten gearbeitet habe. Das vergisst
Nein, Sir, hier ist alles ruhig. schen in Tripolis Angst haben? man nicht so schnell.
Auf Ihrem Weg nach Hause, ist Ihnen Nein, weil er uns motiviert hat. Ich Wie – Sie haben für den Präsidenten
da etwas aufgefallen? habe nur Angst vor Gott. Leider ist der gearbeitet? Was genau?
Nein, Sir, nichts, hier ist alles ruhig. Akku gleich leer, ich muss auflegen. Das sage ich Ihnen nicht.
Haben Sie zurzeit Gäste? Wäre es Ihnen lieber, der Präsident
Ja, Sir, wir sind ausgebucht. Ben Ali wäre noch im Amt?
Möchten Sie den Menschen in der Nein, nein, es ist in Ordnung, wie es
Welt etwas mitteilen, haben Sie eine gekommen ist. Aber jetzt braucht alles
Botschaft? seine Zeit.
Nein, Sir, ich habe keine Botschaft.
Was, glauben Sie, wird morgen pas- Eine zufällige Handynummer. Ein Mann
sieren? antwortet.
Niemand weiß, was morgen passieren Wie geht es Ihnen?
wird, Sir. Danke, gut, jetzt ist es viel besser. Mitte
Januar, da war es sehr schlimm, es wur-
Abu-Saleem-Krankenhaus, Tripolis, ein de viel geschossen, wir hatten Angst.
Mann hebt ab. Aber seit das Militär da ist, fühlen wir
Illustration Seite 10/11: Verena Hennig; Foto: Stephan Minx

Wie geht es Ihnen? uns viel sicherer.


Alhamdulillah (Gelobt sei Gott), uns Ist Ihnen denn persönlich etwas zu-
geht es allen sehr gut, wir sind fröhlich, gestoßen?
die Kinder spielen auf den Straßen. Al- Ja, mein Bruder ist Polizist, wir haben
les ist gelogen, was von euren Medien zwei Wochen nichts von ihm gehört.
berichtet wird, alles Lügen. Warum Aber jetzt hat sich die Lage beruhigt?
macht ihr das? Gott sei Dank, ja. Die Geschäfte haben
Was machen wir? endlich wieder geöffnet, wir können
Von Hunderten Toten berichtet ihr, wieder Brot kaufen gehen.
von Unruhen. Hier ist aber alles fried-
lich, Alhamdulillah. Ich gebe Ihnen Als Nächstes geraten wir an einen Mann,
noch mal jemand anderen, der Ihnen der erstaunlich viel lacht.
das bestätigen kann. Wir würden gerne wissen, wie es gera-
Jetzt spricht ein anderer Mann: de bei Ihnen im Land zugeht. >>>

Süddeutsche Zeitung Magazin 13

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Haha, verstehe. Kann ich Ihnen gern Iran 0098 Wird es in Iran auch bald so weit sein?
sagen. Bei mir ist überhaupt nichts los, Die meisten Iraner fürchten ein Blut-
haha. Im Februar haben auch im Iran die Men- bad wie in Libyen, aber viele sehen
Haben Sie Angst? schen demonstriert. Wieder einmal. Die auch die Erfolge in anderen Ländern.
Nein, wieso? Was die Sicherheit angeht, Situation blieb stabil, die Proteste waren Vielleicht ist das unsere Chance. Vor
ist jetzt alles viel besser. Das Militär er- nicht so heftig wie im Juni 2009, als die ein paar Wochen hat sich die Grüne Be-
füllt seine Aufgabe so, wie es sich ge- sogenannte Grüne Bewegung gegen die wegung wieder in Teheran versammelt.
hört. Die Revolution war ein erster gro- Wiederwahl des Präsidenten Mahmud Die Proteste sind doch gleich nieder-
ßer Schritt, jetzt müssen wir schauen, Ahmadinedschad mobil gemacht hat. Wir geschlagen worden.
dass wir am Ball bleiben, haha. versuchen es zuerst in der Provinz und Ja, aber das Regime hat Angst vor den
Ist Ihnen selbst etwas passiert? wählen die Vorwahl von Mazandaran am Grünen. Warum sonst fordern sie jetzt
Nein, mir nicht. Kaspischen Meer. die Todesstrafe für die Oppositionsfüh-
Welches Ereignis der letzten Zeit ist rer? Die Grüne Bewegung lebt. Sie lebt!
Ihnen besonders in Erinnerung? Eine Frau hebt ab. Viele haben Angst, so offen am Tele-
Ich werde nie vergessen, wie Ben Ali Haben Sie Zeit für ein paar Fragen? fon zu sprechen. Sie nicht?
abgehauen ist und den Schwanz einge- Ich hole meinen Mann. Ich bin ein alter Mann, was sollen sie
zogen hat, haha! Und seine Frau Leila Nein, warten Sie, wir würden gern mit mir noch anhaben?
erst, haha! Ihnen sprechen. Verfolgen Sie die Haben Sie eine Botschaft an die Welt?
Haben Sie eine Botschaft für die Men- Nachrichten? Lasst uns nicht alleine, wenn es bei uns
schen in der Welt? Nein, wir schauen nicht fern. Wenn so weit ist. Steht uns zur Seite!
Weit weg von der Gier sollt ihr sein, ich den Fernseher aufdrehe, sagt mein
wenn ihr uns helfen wollt! Realistisch Mann immer, ich soll leiser drehen. Teheran, ein Mann meldet sich, er sagt, er
sein, nicht nur Vorträge halten. Besucht Dann höre ich nichts und lasse es ganz sei Journalist.
uns weiterhin als Touristen, bleibt uns bleiben. Natürlich sind wir neidisch, wenn wir
treu. Wir müssen jetzt die Wirtschaft Haben Sie mitbekommen, dass Leute sehen, was in anderen Ländern passiert.
aufbauen, wir brauchen Arbeit. Ihr auf die Straße gegangen sind? Aber wir hatten in den vergangenen
könnt Firmen, Fabriken und Häuser Nein. Mein Mann nimmt mich ja nie hundert Jahren drei Revolutionen. Ir-
bei uns aufbauen, damit wir arbeiten mit nach draußen. gendwann reicht es. Unsere Bewegung
können. Oder ihr gebt uns langfristige Haben Sie Verwandte in Teheran? ist nicht so wütend und traurig wie die
Kredite für die Wirtschaft. Die Tunesier Ja, ja. in den arabischen Ländern. Bei uns
sind intelligente Menschen. Und was erzählen die? wird es so schnell keine Revolution
Ich weiß es nicht, ich rede nicht mit de- geben.
Eine Frau nimmt ab, sie spricht sehr laut. nen, das will mein Mann nicht, weil er Können Sie das genauer erklären?
Wo sind Sie genau? sagt, dass Telefonieren so teuer ist. Die Grüne Bewegung ist ein Mittel-
In Tunis. Das Licht ist aus, wir haben Das heißt, Sie haben gar nichts mitbe- schichtsphänomen, sie reicht nicht
Angst. Es geht uns hier so schlimm, kommen von den Protesten? weiter als in ein paar Großstädte. Die
alles versinkt im Chaos, ich kann nicht Hören Sie mal, ich kann nicht mal le- Bewegung braucht mehr Zeit und
mehr. Gerade wurden drei junge Män- sen. Mit mir zu reden bringt nicht viel. mehr Leute für einen friedvollen
ner erschossen. Jetzt ist mein Mann da, er beantwortet Wechsel, keine Revolution. Was heute
Wie, vor Ihrem Haus? bestimmt eure Fragen. (Sie reicht den in den arabischen Ländern passiert, ha-
Ja! Ich bin auf dem Balkon (sie schreit Hörer weiter. Ihr Ehemann ist deutlich ben wir vor 32 Jahren erlebt.
jetzt), hier ist gerade ein Hubschrauber schweigsamer.)
über uns. Die RCD (die einstige Regie- Wie geht es Ihnen? Als Nächstes versuchen wir es in der nörd-
rungspartei Ben Alis, die nun auch in der Ach, die üblichen Herzprobleme. Aber lichen Provinz Semnan. Ein Mann hebt ab.
Übergangsregierung sitzt) versaut uns was soll man machen … Was wollen Sie Hallo, wir rufen aus Deutschland an …
alles. Das ist unsere Revolution, was denn von mir? Warten Sie! Warten Sie! Er sagt zu jeman-
wollen wir mit so einem alten Sack wie Wir wüssten gern, wie sich die Lage dem im Hintergrund: Da rufen welche
Ghannouchi? Warum lassen sie nicht im Iran entwickelt. aus dem Ausland an! …Was wollen Sie?
die Jüngeren übernehmen? Hier ist alles ruhig. Sonst noch was? Wir wollen über die Ereignisse im Na-
Möchten Sie den Menschen in Was machen Sie morgen? hen Osten sprechen.
Deutschland etwas sagen? Morgengymnastik und dann zum Arzt. Über Politik geben wir keine Auskunft.
Glaubt der Presse kein Wort, sie lügen! Dafür ist unsere Behörde nicht zustän-
Wo ist die Ehrlichkeit? Die Journalisten In Teheran erreichen wir einen älteren dig.
sind ständig da und schauen zu, aber Herrn, der sich als Geschäftsmann vorstellt. Welche Behörde?
dann berichten sie nicht darüber! Keiner hat das hier erwartet, dass die Ja, wissen Sie denn nicht, wo Sie sind?
Noch einmal: Wo sind Sie genau? anderen Länder wie Dominosteine Um ehrlich zu sein, haben wir eine zu-
Sie können … (Die Verbindung bricht ab) umfallen. Selbst die nationalen Medi- fällige Nummer gewählt.
en berichten darüber. Gestern habe ich Was soll denn das? Wir geben ja nicht
im Radio gehört, wie sie mit Gaddafi einmal einem gewöhnlichen Studenten
abrechnen. Es ist unglaublich. Auskunft, wenn er hier reinkommt,

14 Süddeutsche Zeitung Magazin

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ohne die entsprechende Bewilligung Marokko 00212 Ein gezielter Anruf bei Said Benjebli, dem
vom Ministerium. Facebook-Aktivisten, der die »Bewegung
Welches Ministerium? In Marokko ist es lange ruhig geblieben. des 20. Februar« ins Leben gerufen hat.
Haha, das hätten Sie wohl gern, das Fast schien es so, als wollten sich die Men- Was machen Sie gerade?
sage ich Ihnen aber nicht! schen von den Protesten in den Nach- Wir planen eine große Demo. Gestern
Wollen Sie uns denn vielleicht erzäh- barstaaten nicht anstecken lassen. Bis hatte ich Gespräche mit Aktivisten aus
len, was sich außerhalb Ihres Büros zum 20. Februar. Da zogen auch durch anderen Ländern, 40 bis 50 Leute. Wir
abspielt? Rabat und Tanger Demonstranten. Die planen eine Pressekonferenz für die
Gar nichts. Holen Sie sich eine Geneh- Lage eskalierte in Straßenschlachten und ausländischen Medien, ich weiß aber
migung vom Ministerium, dann kann Plünderungen. Anders als in Tunesien noch nicht genau, wie und wo.
ich vielleicht Ihre Fragen beantworten. oder Libyen kämpfen die Marokkaner Werden Sie wegen Ihrer Aktivitäten
Welches Ministerium war das noch? aber nicht für einen radikalen System- bedroht?
Haha. Wie gesagt, ich kann Ihnen wirk- wechsel. Sie fordern vor allem Reformen, Täglich! Per Mail, am Telefon. Ich be-
lich nicht helfen. Haben Sie noch ei- die Legitimität der konstitutionellen komme viele Morddrohungen.
nen schönen Tag. Monarchie unter König Mohammed VI. Haben Sie jemanden, der Sie be-
zweifeln aber nur die wenigsten an – bis- schützt?
Wir erreichen noch eine jugendlich klin- her zumindest. Nur Gott. Aber bitte informieren Sie
gende Frau auf ihrem Mobiltelefon. Ihre Leute, was hier passiert. Wir leben
Ich weiß nicht, ob ich die geeignete Ge- Eine Handynummer, ein Mann meldet in Armut, und wir müssen das ändern!
sprächspartnerin für Sie bin. sich, er klingt schläfrig. Es muss alles anders verteilt werden.
Warum denn? Oh, Entschuldigung, schlafen Sie
Mein Lifestyle entspricht nicht unbe- noch? Jetzt wieder per Zufall: Ein Mann meldet
dingt dem eines Durchschnitts-Iraners. Ja. Geh du auch mal schlafen. sich am Handy.
Ich arbeite nicht, ich gehe nicht aus, ich Wir rufen aus Deutschland an und Wie beurteilen Sie die Situation in
sitze nur zu Hause. Mein Leben spielt wollten wissen, was bei Ihnen los ist. Ihrem Land?

Telefonate und Produktion: Ilhem Ajili, Christoph Cadenbach, Amr Elhadad, Max Fellmann, Ellhem Hysene, Solmaz Khorsand, Wolfgang Luef,
sich eher auf Facebook ab. Ich denke Bei uns ist alles okay. Macht euch keine In Marokko ist es nicht so wild, nicht
eigentlich nur noch daran, so schnell Sorgen. so wie in anderen Ländern. Uns geht es
wie möglich das Land zu verlassen. Und was ist mit Tanger? Im Norden? gut. Sagen Sie mir doch mal irgendwas,
Wohin wollen Sie denn? In Tanger gibt es zu viele Jugendliche, was bei uns nicht in Ordnung ist!
Europa, England oder Deutschland. die Drogen nehmen, die haben diese Man hört zum Beispiel, dass es will-
Ich will Soziologie studieren oder Psy- Unruhen verursacht. kürliche Anti-Terror-Verordnungen gibt.
chologie. Ich habe mich auch in Ma- Also halten Sie nichts von den Pro- Das stimmt. Ich habe selber jemanden
laysia an Universitäten beworben, aber testen? in der Familie, der wurde ins Gefängnis
dort wurde ich abgelehnt. Ich will Ihnen mal was sagen: Sie ken- gesteckt – ohne dass sie ihm den Pro-
Haben Sie das Gefühl, dass sich in Iran nen Marokko nicht. Hier ist alles gut. zess gemacht haben. Er ist unschuldig.
bald etwas ändern wird? Der König arbeitet und macht seinen Nehmen Sie selbst an den Demons-
Nein, das braucht Zeit. Die Leute ge- Job. (Er zitiert aus dem Koran) »Gott trationen teil?
hen nicht mehr auf die Straße. Sie erin- wird die Lage der Menschen nicht Ich bin 42, ich war früher auch mal po-
nern sich noch zu gut daran, was nach ändern, bis sie den Zustand ihres ei- litisch aktiv. Aber ich komme aus einer
den Präsidentschaftswahlen hier pas- genen Ichs verändern.« armen Familie, ich bin jetzt Angestell-
siert ist, die Toten, die Eingesperrten, Aber die Menschen, die demonstrie- ter. Ich will meinen Job nicht gefähr-
die Verprügelten. ren, wollen doch etwas ändern. den. Uns geht es sowieso ziemlich gut.
Was halten Sie von den Protesten in Diese Leute sind von einer Fliege ge- Was in den anderen Ländern passiert,

Burhan Schawich, Anna Schmidhauser, Laura Selz, Zeidan Ali Zeidan


Ägypten und Libyen? schlagen (eine Redensart, die besagt: Sie passiert doch nur, weil die Führer dort
Ich glaube ja, dass das von Amerika sind unwichtig). Es gibt da so ein Video Marionetten des Westens sind. Deren
geplant war. Keiner kann mir erzählen, von einem Hurensohn, der auf You- Zeit ist abgelaufen. Bei uns ist die Zeit
dass das aus heiterem Himmel passiert Tube den König anprangert. Der er- für den Wechsel noch nicht gekommen.
ist und dann auch noch funktioniert. zählt, dass er einem Bürgermeister 200 Wir haben kein Volk, das reif ist, wir ha-
Ohne Amerikas Hilfe hätte es keinen Dirham (ca. 20 Euro) zahlen musste ben keinen Führer, der weg muss, wir
Umsturz in Ägypten gegeben. Aber das für einen Reisepass – dabei ist er doch haben auch keine klaren Ziele.
wird sowieso nichts mit der Demokra- selbst korrupt, wenn er das zahlt!
tie in Ägypten. Vielleicht ging es nicht anders.
Wie meinen Sie das? Ihr da in Deutschland, ihr lebt doch
Wir sind immer noch im Nahen Osten. selber nicht in einer Demokratie.
Wir werden hier nie Demokratien wie Ich war schon oft bei euch, habe in
in Europa oder Amerika haben. Bei uns Deutschland gearbeitet. Stellt euch
mischen sich einfach immer zu viele einen Arzt vor, der schwarz und Ma-
Leute ein. rokkaner ist – glaubt ihr wirklich, dass
sich irgendein Deutscher von dem be-
handeln lassen würde?

16 Süddeutsche Zeitung Magazin

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