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44 Forschungsjournal NSB, Jg.

18, 2/2005

Hans-Jürgen Urban

Gewerkschaften als konstruktive Vetospieler


Kontexte und Probleme gewerkschaftlicher Strategiebildung

1 Das strategische Dilemma der mus ersetzen würde, dürfte die erhoffte Pers-
Gewerkschaften pektive nicht bieten. Sie wäre zwar durchaus
mainstream-kompatibel und könnte dem öffent-
Dass sich die Gewerkschaften in der politischen lichen Image der Gewerkschaften zuträglich
Defensive befinden, hat sich seit geraumer Zeit sein. Doch letztlich liefe eine solche Strategie
herumgesprochen. Die Indikatoren sind eindeu- auf ein Arrangement mit einem sozialökono-
tig: Mitgliederzahlen und betriebliche Organi- mischen Entwicklungsmodell hinaus, in dem
sationsgrade sinken, die verteilungspolitischen die sozialen Verteilungs- und Beteiligungsin-
Anteile der Lohnabhängigen bleiben hinter den teressen der Lohnabhängigen den Wettbe-
besitzstandsneutralen Verteilungsspielräumen werbs- und Renditeansprüchen der Unterneh-
aus Inflation und Produktivitätswachstum zu- men strukturell untergeordnet und die Vertei-
rück und auf betrieblicher Ebene unterliegen lungsrelationen in die gleiche Richtung ver-
Belegschaften, betriebliche Interessenvertretun- schoben werden. Auf die Lohnabhängigen und
gen und Gewerkschaften ein um das andere Mal ihre Gewerkschaften würde in diesem Modell
dem Erpressungsdruck transnationaler Kon- lediglich ein subalterner Status warten.
zernleitungen. Wenn aber weder Status-quo-Verteidigung
Für die Gewerkschaften und ihr politisches noch Mainstream-Orientierung Erfolg verspre-
und wissenschaftliches Umfeld gibt es also chen, rückt eine dritte Strategievariante in den
Anlässe genug, über Strategien zu einer um- Blick. Diese sieht ihre Perspektive in der Ent-
fassenden Revitalisierung der Gewerkschaf- wicklung eigenständiger Entwürfe einer grund-
ten zu forschen und zu debattieren.1 Dabei legenden Sozialreform, die dann als strategi-
dürfte weitgehend konsensfähig sein, dass die sche Reformkonzepte mittlerer Reichweite Ori-
Aneinanderreihung betrieblicher Abwehrkämp- entierungspunkte für die Ausrichtung und poli-
fe und die Verteidigung zentraler Basisinstitu- tische Erweiterung der mannigfachen Tages-
tionen des keynesianischen Wohlfahrtsstaates kämpfe liefern könnte.
keinen Ausweg aus der gewerkschaftlichen Mit einer solchen politischen Strategiebil-
Defensive eröffnen wird. So notwendig be- dung tun sich die Gewerkschaften jedoch schwer.
triebliche und gesellschaftliche Widerstands- Dies ist weniger auf das Fehlen eines adäquaten
aktionen auch sind, ohne eine Perspektive der Problembewusstsein, als vielmehr auf eine
Veränderung der Status-Quo-Bedingungen, die Zwangslage zurückzuführen, die sich als Di-
ja die Defensive hervorgebracht haben, ist lemma strategischer Politikplanung in Phasen
grundlegende Besserung kaum zu erwarten. der Defensive bezeichnen ließe. Einerseits
Aber auch ein strategisches Einschwenken auf wächst mit der gewerkschaftlichen Defensive,
den neu-sozialdemokratischen Modernisie- dem erhöhten Problemdruck und der Vehemenz
rungskurs, das strukturkonservative Abwehr- der organisationspolitischen Überlebensfragen
kämpfe durch eine wettbewerbskorporatisti- die Notwendigkeit systematischer strategischer
sche Einbindung in die Strategie des Umbaus Politikplanung als Voraussetzung der Überwin-
des Wohlfahrts- zum Shareholder-Kapitalis- dung der Defensive. Zugleich reduzieren Mit-
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glieder- und Einnahmeverluste die zur Verfü- können.2 Strategien in diesem, wohlverstande-
gung stehenden Ressourcen, die zudem in un- nen Sinne ließen sich als ‚situationsübergrei-
verzichtbaren Abwehrkonflikten mit Unterneh- fende, erfolgsorientierte Ziel-Mittel-Umwelt-
men, Arbeitgeberverbänden und Bundesregie- Kalküle‘ und strategisches Handeln als ‚darauf
rung gebunden sind; und die politische Defen- bezogenes Handeln‘ begreifen (ebd. 210). Auf
sive verringert die machtpolitischen Realisie- dieser Grundlage kann zwischen strategischem,
rungschancen weitreichender Strategiepläne. operativem und taktischem Handeln unterschie-
Diese gegenläufige Entwicklung aus steigen- den werden. „Die Unterschiede liegen auf der
dem Bedarf und mangelnder Fähigkeit zur stra- Ebene von Zeit-Raum-Ausdehnungen. Takti-
tegischen Politikplanung markiert eine dilem- sches ist situationsspezifisches Handeln, in Zeit
matische Problemkonstellation, die sich schnell und Raum am meisten begrenzt. Den Gegenpol
auch in einem rückläufigen Zutrauen in die ei- bildet strategisches Handeln, das in zeitlicher
gene Strategiefähigkeit und einer Hinwendung und räumlicher Hinsicht den größten Horizont
zu einem über-pragmatischen Politikverständ- aufweist. Eine Mittelposition nimmt das fort-
nis niederschlagen kann. laufende operative Handeln ein. Es ist ein ziel-
Wollen die Gewerkschaften dieses Dilem- rationales Handeln, das sich auf fortlaufende,
ma überwinden und verhindern, dass daraus aber auch größere Handlungszusammenhänge
ein sich selbst verstärkender Abwärtstrend re- unterhalb der für strategisches Handeln charak-
sultiert, so müssen sie trotz aller Widrigkeiten teristischen Zeit-Raum-Ausdehnung bezieht“.
ihre Anstrengungen zur Konzipierung und Prak- (ebd. 212)
tizierung politischer Krisenüberwindungsstra- Soll strategische Politikplanung in diesem
tegien verstärken. Dies erfordert ein zielgerich- Sinne gelingen, setzt dies die Erfüllung von
tetes Handeln, dass sich nicht in kurzatmigen zumindest drei Anforderungen hinaus: Erstens
Abwehrschlachten spontaner oder struktureller die Definition situationsübergreifender Ziele,
Probleme erschöpft. Es setzt, kurz gesagt, stra- wobei der Grad der Zielerreichung als Maßstab
tegische Politikplanung und strategisches Han- für den Planungserfolg herangezogen werden
deln voraus. Im Folgenden sollen dazu einige kann; zweitens die Analyse der Kontext- und
Überlegungen vorgetragen werden. Wirkungsbedingungen, innerhalb derer die Ziele
erreicht werden sollen oder müssen; und
schließlich drittens die Festlegung operativer
2 Kontextbedingungen gewerk-
Aufgaben, deren Bewältigung zur Realisierung
schaftlicher Strategiebildung
der strategischen Ziele führen würde. Dies gilt
In demokratischen Gesellschaften und Organi- selbstredend auch für die gewerkschaftliche Stra-
sationen haftet strategischer Politikplanung und tegieplanung.
-steuerung mitunter der „schlechte Ruf einer
hinterhältigen Schlauheit“ (Raschke 2002: 208),
2.1 Externe Restriktionen
der Geruch des Manipulativen an, da ihr die
Fähigkeit zugeschrieben wird, einer schlechten, Gewerkschaftliche Entscheidungsfindungen
von der Mehrheit nicht gewollten Sache durch vollziehen sich nicht im luftleeren Raum, son-
eine geschickte Strategie zum Sieg zu verhel- dern innerhalb spezifischer sozialökonomischer,
fen. Und dennoch ist evident, dass politische politischer und ideologischer Konstellationen.
Organisationen gerade in organisationspoliti- Diese determinieren Möglichkeiten und Gren-
schen Krisenphasen auf eine wohlverstandene zen gewerkschaftlichen Handelns in hohem
strategische Politikplanung kaum verzichten Ausmaß. Mit Blick auf den Handlungs- und
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Wirkungskontext gewerkschaftlicher Politik worden sind. Der eklatante Bedeutungszuwachs


sind folgende Restriktionen unübersehbar.3 der Finanzkapitalmärkte wirkt nicht nur als Re-
Zunächst setzt die strukturell verfestigte striktion staatlicher Wirtschafts- und Finanzpo-
Massenarbeitslosigkeit mit einem hohen Sockel litik sowie einer beschäftigungsorientierten Geld-
von Langzeitarbeitslosen den Mechanismus der politik der Europäischen Zentralbank; im Zuge
industriellen Reservearmee in Kraft und der Etablierung der unterschiedlichen Spielar-
schränkt durch die Verschärfung der Konkur- ten von Shareholder-Value-Regimen werden
renzbeziehungen auf den Arbeitsmärkten die sämtliche betrieblichen und gesellschaftlichen
Verhandlungsposition der Gewerkschaften in Sozialkompromisse zwischen Kapital und Ar-
Betrieb und Gesellschaft. Gleichzeitig führt die beit zur Disposition gestellt, um den gestiege-
ökonomische Stagnationskrise zu einer Verknap- nen Renditeansprüchen der institutionellen An-
pung zusätzlicher Wertschöpfungspotentiale und leger gerecht werden zu können. Erprobte posi-
damit zu einer Erhöhung der Konfliktintensität tive Routinen eines betriebs- oder gesellschafts-
betrieblicher und gesellschaftlicher Verteilungs- politischen Interessenausgleichs verlieren zu-
konflikte. nehmend an Relevanz.
Hinzu kommt der sozialökonomische Struk- Schließlich ist die Transformation des key-
turwandel und dabei insbesondere der Wandel nesianischen Wohlfahrtstaates zum kapitalori-
innerhalb der Berufs- und Sozialstruktur der entierten Wettbewerbsstaat als Restriktion einer
Gesellschaft. Während die Sektoren fertigungs- erfolgreichen Gewerkschaftspolitik zu nennen.
orientierter Industriearbeit, in denen die Ge- Diese geht mit einem marktorientierten Um- und
werkschaften traditionell stark vertreten wa- Rückbau von Arbeitnehmerrechten und sozia-
ren, an Bedeutung verlieren, wächst die Bedeu- len Sicherungssystemen einher. Zugleich set-
tung jener Sektoren und Beschäftigtengruppen zen ‚aktivierende Arbeitsmarktreformen’ auf
wirtschaftlicher Dienstleistungsarbeit, in denen eine Re-Kommodifizierung der Arbeitskraft und
die Gewerkschaften organisationspolitisch reduzieren ihrerseits die Verhandlungsmacht von
bisher kaum Fuß gefasst haben. Verstärkt wer- betrieblichen Interessenvertretungen und Ge-
den die daraus resultierenden Probleme durch werkschaften (Urban 2004). Den Gewerkschaf-
den politisch-kulturellen Wandel, der die gesamte ten tritt diese Politik in Form einer neoliberalen
Gesellschaft durchzieht. Die Herauslösung aus Konfrontations- oder einer wettbewerbskorpo-
traditionellen Sozialmilieus hat Prozesse einer ratistischen Einbindungspolitik gegenüber. Setzt
mentalen Individualisierung in Gang gesetzt und die Konfrontationsstrategie auf eine direkte
damit Mentalitäten hervor gebracht, die sich machtpolitische Schwächung der Gewerkschaf-
gegenüber kollektiven Interessenvertretungsmo- ten, die in ihren aggressiven Varianten bis zur
dellen als recht sperrig erweisen. Unterstützt wird Infragestellung ihrer Existenz gehen kann, so
diese Entwicklung durch die gesamtgesellschaft- ist die Einbindungsstrategie im Rahmen institu-
liche Hegemonie-Konstellation. Aus dem Sie- tioneller oder informeller ‚Sozialpakte‘ und auf
geszug des Neoliberalismus in den 1980er und der Grundlage eines zunehmend asymmetri-
1990er Jahren ist längst eine verfestigte Anti- schen ‚politischen Tausches‘ an einer Beteili-
Gewerkschaftsstimmung geworden. gung der Gewerkschaften an der neusozialde-
Ebenfalls von Bedeutung sind die Verände- mokratischen Modernisierungspolitik orientiert
rungen, die aus regulationstheoretischer Per- (Hassel 2003).
spektive als Übergang von der fordistischen Als Gegenleistungen für eine Zustimmung
Massenproduktion zu einem Finanzmarkt ge- und aktive Unterstützung des wettbewerbsori-
triebenen Akkumulationsregime beschrieben entierten Umbaus des Wohlfahrts- zum Wettbe-
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werbsstaat werden den Gewerkschaften politi- aus dem Status der abhängigen Lohnarbeit re-
sche Hilfestellungen beim organisatorischen sultieren, generieren diese Soziallagen unter-
Überleben in der Krise sowie einige Zugeständ- schiedliche Partikularinteressen, die ihrerseits
nisse in wettbewerbsunschädlichen Politikfel- unterschiedliche soziale Präferenzen und Erwar-
dern angeboten. Ein Angebot, dass für die durch tungshaltungen an eine gewerkschaftliche Inte-
Krise und Mitgliederverluste gebeutelten Ge- ressenvertretung hervorbringen. Unter diesen
werkschaften durchaus Attraktivität entfaltet. Bedingungen der politischen und sozialen He-
terogenität setzt politische Strategiefähigkeit im
Sinne interner Konzertierung ein Maß an Bün-
2.2 Interne Restriktionen
delung sozialer Interessenlagen und politischer
Ob politische Organisationen in adäquater Wei- Bewertungen voraus, das schwer zu erreichen
se auf die sich wandelnden Umweltbedingun- und stets gefährdet ist.
gen zu reagieren in der Lage sind hängt nicht Als Restriktion kann sich auch erweisen,
zuletzt von ihrer internen Verfasstheit ab. Die dass die Gewerkschaften nicht über ein einzi-
Ausstattung mit Ressourcen, die internen Kom- ges, dominierendes strategisches Zentrum ver-
munikationsstrukturen sowie die Fähigkeit ex- fügen, sondern als polyzentrale Organisationen
terne Anforderungen intern zu verarbeiten und zu begreifen sind. Ihre internen Organisations-
gegebenenfalls Strategierevisionen durchzufüh- strukturen sind somit durch eine Vielzahl poten-
ren, sind hier von zentraler Bedeutung. Kein zieller Blockadeakteure gekennzeichnet, die der
Zweifel: Die Gewerkschaften tun sich nicht nur Implementierung zuvor vereinbarter strategi-
wegen der Wucht der auf sie einwirkenden Pro- scher Schwerpunktes entgegen wirken können.
bleme schwer. Zusätzliche Restriktionen resul- Gerade in dieser Problemdimension wird das
tieren aus ihrer binnenorganisatorischen Ver- aus der Organisationstheorie bekannte Span-
fasstheit. nungsverhältnis zwischen demokratischer und
Das gilt zunächst für die strategischen Dif- tendenziell dezentraler Willensbildung bzw.
ferenzen, mit denen die politischen Strömungen Entscheidungsfindung auf der einen und effizi-
innerhalb der Gewerkschaften auf die Heraus- enter und tendenziell zentralistischer Strategie-
forderungen des kapitalistischen Formations- planungsprozesse auf der anderen deutlich. Be-
wechsel reagieren. Nach der traumatischen Er- greift man aber die Definition politikfeldüber-
fahrung des unzulänglichen und letztlich ge- greifender, strategischer Ziele sowie die an-
scheiterten Widerstandes gegen den Faschis- schließende Verpflichtung möglichst aller Ebe-
mus haben sich die Gewerkschaften nach 1945 nen und Einheiten der Organisation auf diese
als politische und soziale Einheitsgewerkschaf- Ziele als Essentials strategischer Planung, so
ten konstituiert. Als politische Einheitsgewerk- liegen in der politisch-sozialen Heterogenität und
schaften beherbergen sie unterschiedliche poli- der polyzentralen Binnenstruktur potenzielle
tisch-ideologische Strömungen unter ihrem or- Blockaden erfolgreicher Strategieplanungen.
ganisatorischen Dach. Historisch bündeln sich
im Konzept der politischen Einheitsgewerk-
3 Strategische Schlüsselziele
schaft die kommunistische, die sozialdemokra-
gewerkschaftlicher Politik
tische und die christlich-soziale Tradition der
deutschen Arbeiterbewegung. Hinzu kommen Trotz dieser internen wie externen Restriktionen
unterschiedliche Soziallagen der gewerkschaft- bleibt strategischen Politikplanung zur Überwin-
lich organisierten Beschäftigtengruppen. Im dung der gegenwärtigen Defensive notwendig
Rahmen der gemeinsamen Basisinteressen, die und auch möglich. Eine Voraussetzung ist jedoch
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die Identifizierung der strategischen Schlüssel- scheid/Matthes/Scherbaum 2001). In diesem


ziele, die für die gewerkschaftliche Strategiefä- Kontext ist in der industriesoziologischen De-
higkeit von besonderer Bedeutung sind. batte eine ,Internalisierung des Marktes‘ im Sinne
einer umfassenden Vermarktlichung von Pro-
duktions-, Organisations- und Sozialbeziehun-
3.1 Korrektur der Machtverschiebung
gen diagnostiziert worden. Unternehmensintern
im Kapital-Arbeit-System
werden hierarchische Anordnungsregime durch
Ein erstes Schlüsselziel besteht in der Korrek- marktförmige Konkurrenzbeziehungen zwi-
tur der Machtverschiebung in den Kapital-Ar- schen einzelnen Standorten, Abteilungen, Ar-
beit-Beziehungen, die sich seit der Krise des beitsteams oder Beschäftigten ersetzt (oder
fordistischen Kapitalismus zugunsten des Ka- zumindest ergänzt). Produkte oder Teilkompo-
pitals vollzogen hat. Dieser Machtgewinn des nenten werden mit Höchstpreisen und Min-
Kapitals beruht vor allem auf zwei Faktoren. destrenditen versehen und unternehmensintern
Zum einen erhöht die Transnationalisierung der als Aufträge ausgeschrieben, um die sich ein-
ökonomischen Beziehungen Möglichkeiten und zelne Standorte zu marktähnlichen Bedingun-
Wahrscheinlichkeiten der Verlagerung von Pro- gen zu bewerben haben.
duktionsstandorten und Arbeitsplätzen. In dem Zugleich greift die Ersetzung von Hierarchi-
Maße, in dem sich die räumliche Mobilität der en durch Marktkoordination auch auf die be-
Unternehmen erhöht, wächst ihnen die Mög- trieblichen Personalführungs- und Entwick-
lichkeit des Ausstiegs aus dem zumeist natio- lungsstrategien über. Einerseits eröffnen die
nalstaatlich organisierten Regulierungssystemen implementierten Marktmechanismen neue Au-
und damit den Geltungsbereichen sozialstaatli- tonomiespielräume für die Beschäftigten, an-
cher Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsrechten dererseits gehen sie mit einem neuen Kontroll-
zu. Dabei stärkt das taktische Spielen mit der modus und subtilen Formen der indirekten Steu-
Wahrnehmung dieser Exit-Option die Macht- erung einher. Auch die betrieblichen Aushand-
und Verhandlungsposition der Unternehmens- lungsroutinen zwischen Belegschaften und be-
leitungen auch in den Fällen, in denen Verla- trieblichen Interessenvertretungen sowie Unter-
gerungsankündigungen eher Drohungen als re- nehmens- bzw. Standortleitungen verändern sich
ale Möglichkeiten sind. Dies resultiert vor al- grundlegend. Entweder werden die eingefahre-
lem aus der asymmetrischen Verteilung strate- nen Kompromissstrukturen durch die Arbeit-
gisch relevanter Informationen. In der Regel geberseite grundlegend infrage gestellt, um auf
fehlen Belegschaften, betrieblichen Interessen- konfrontativem Wege eine Senkung der Arbeits-
vertretungen und Gewerkschaften schlichtweg kosten, eine Verlängerung der Arbeitszeiten und
die Informationen, um die Relevanz angedroh- die Rationalisierung der Organisationsabläufe
ter Verlagerungen beurteilen zu können. durchzusetzen. Oder die Leitungen der jeweili-
Eine weitere Tendenz zur Machtverschiebung gen Unternehmensstandorte versuchen über den
zu Lasten der Arbeit und zu Gunsten des Kapi- Weg standortspezifischer Wettbewerbskoalitio-
tals resultiert aus den Restrukturierungsstrate- nen die betrieblichen Interessenvertretungen in
gien, mit denen die Unternehmen auf die inter- die Realisierung ihrer Ziele einzubinden, um
nen Produktivitäts- und Rentabilitätskrisen der Kosten zu senken und bei der Konzernzentrale
fordistischen Arbeitsorganisation sowie die ein möglichst attraktives Angebot abgeben zu
Zwänge des externen ökonomischen Umfelds, können. Auch wenn es sich bei diesen Mecha-
insbesondere des Hineinwirkens der Finanzka- nismen vielfach um ‚inszenierte Märkte‘ han-
pitalmärkte in die Unternehmen, reagieren (Ehl- delt, so setzen sie doch mit Blick auf Arbeits-
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und Sozialkosten betriebsinterne Unterbietungs- Sozialstaates und der Beitrag der neuen Sozial-
konkurrenzen frei, die den Druck auf betriebli- demokratie zur Überführung des arbeitsschüt-
che und tarifliche Sozialstandards verfestigen. zenden Wohlfahrtstaates in einen kapitalfördern-
Wie immer man den Saldo aus produktiven und den Wettbewerbsstaat generieren vielfältige
restriktiven Faktoren neuer Produktions- und Spannungen zwischen Gewerkschaften und so-
Personalführungsstrategien einschätzen mag, zialdemokratisch geführten Regierungen.
für Modelle kollektiver Interessenvertretung Dies gilt auch für Deutschland. Auch hier
erhöhen sich die Hürden immens. hat der Konflikt zwischen der strategischen Po-
sitionierung der neuen Sozialdemokratie und den
Interessenlagen der Gewerkschaften und ihrer
3.2 Rückgewinnung des gewerkschaft-
Mitglieder das historisch relativ enge Bündnis
lichen Einflusses in den politischen
zwischen beiden Akteuren zerrüttet (Urban 2003/
Arenen
2004). Dadurch entsteht für die Gewerkschaften
Für gewerkschaftliche Interessenvertretungspo- eine schwierige Konstellation. Da Bündnis-Grüne
litik ist Einfluss auf das Regierungshandeln sowie PDS die historische Rolle der Sozialde-
insbesondere deswegen unverzichtbar, weil die mokratie nicht übernehmen wollen bzw. können
Vertretung der Reproduktionsinteressen der fehlt den Gewerkschaften ein politischer Adres-
Arbeitskraft auch auf die Durchsetzung außer- sat ihrer gesellschaftlichen Mobilisierungsbemü-
betrieblich allgemeingesetzlicher, vor allem so- hungen. Selbst wenn die gesellschaftliche Mobi-
zialpolitischer Regelungen und Gesetze ange- lisierung gelingt, fragt sich, wer die Protest- und
wiesen ist. Der gegenwärtig zu konstatierende Gestaltungsimpulse im politischen Raum auf-
Einflussverlust der Gewerkschaften in den po- nimmt und sie in Politik und Gesetze umsetzt.
litischen Arenen hat vielfältige Ursachen. Das ist für einen Akteur, der auf Regulierungen
Zweifelsohne liegt die Defensive der Gewerk- angewiesen ist, die nur im politischen Raum ent-
schaften nicht zuletzt darin begründet, dass ih- stehen können, hoch problematisch.
nen die notwendigen Machtressourcen zur
Mobilisierung gesellschaftlichen Einflusspoten-
3.3 Organisationspolitische
tials und damit zu einem aktiven Lobbying im
Stabilisierung
politischen Feld abhanden gekommen sind.
Doch zugleich muss auf den grundlegenden Im engen Zusammenhang mit den Machtver-
Wandel im Verhältnis zwischen Gewerkschaf- schiebungen im Kapital-Arbeit-System und der
ten und Sozialdemokratie verwiesen werden Schwächung des politischen Einflusspotenzials
Im Zuge ihrer programmatischen und strate- steht die drohende organisationspolitische De-
gischen Modernisierung haben viele Parteien stabilisierung der Gewerkschaften. Aktuell lei-
der europäischen Sozialdemokratie zu einem den alle Gewerkschaften an Mitgliederrückgän-
neuen politischen Selbstverständnis gefunden, gen, die ihre Durchsetzungskraft verringern und
das mit einer expliziten politischen Distanzie- ihre Finanzprobleme erhöhen. Soll dies korri-
rung gegenüber den Gewerkschaften verbun- giert werden, müssen zwei Dinge zugleich erle-
den ist. Im Selbstverständnis der neuen Sozial- digt werden.
demokratie sind die Gewerkschaften historisch Zum einen geht es um die Stabilisierung und
aus dem Rang eines Partners im Rahmen einer perspektivische Erhöhung des Organisations-
privilegierten Partnerschaft in den Status einer grades in den Branchen und Sektoren, in denen
beliebigen Lobby abgerutscht. Vor allem der die Gewerkschaften traditionell gut vertreten
neusozialdemokratische Entwurf eines aktiven sind.
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Zugleich müssen die Gewerkschaften die im eine mentale Öffnung gegenüber den genann-
Zuge des sozialen Strukturwandels an Bedeu- ten Problemkonstellationen.
tung gewinnenden neuen Sektoren- und Be-
schäftigungsbereiche organisationspolitisch er-
4 Idealtypen gewerkschaftlichen
schließen, um die Kluft zwischen dem sozialen
Selbstverständnisses
Profil der Mitgliedschaft und der gesellschaftli-
chen Sozialstruktur zu überbrücken. Perspekti- Für die Definition strategischer Schlüsselziele
visch müssen die strategischen Schlüsselgrup- ist das gewerkschaftspolitische Selbstverständ-
pen der traditionellen Wirtschaftssektoren so- nis von entscheidender Bedeutung. Das gilt
wie die Beschäftigungssegmente der neuen öko- insbesondere für die Definition der eigenen
nomischen Leitsektoren des produktions-, in- Rolle im Prozess der Herausbildung der post-
formations- und finanzorientierten Dienstleis- fordistischen Kapitalismusformation. Letztlich
tungssektors das organisationspolitische Rück- prägt die Grundhaltung, mit der sich die Ge-
grat der Gewerkschaften bilden, wollen sie nicht werkschaften den Veränderungsprozessen stel-
wirklich zu Traditionsverbänden der Moderni- len, ihre strategische Defizitanalyse wie die
sierungsverlierer degenerieren. Beide Zielset- Formulierung strategischer Zielsetzungen.
zungen erfordern massive organisationspoliti- Grundsätzlich lassen sich hier – in der Traditi-
sche Anstrengungen, sowohl in Form der Be- on Max Webers – drei Idealtypen gewerkschaft-
reitstellung der notwendigen materiellen und lichen Selbstverständnisses unterscheiden (sie-
personellen Ressourcen, als auch mit Blick auf he Abbildung).

Idealtypen gewerkschaftlichen Selbstverständnisses

pragmatischer strukturkonservative konstruktiver


Modernisierungs- Blockademacht Vetospieler
begleiter

Einstellung grundsätzlich grundsätzlich grundsätzlich


gegenüber positiv; ablehnend skeptisch;
neoliberaler/ Reduzierung auf Anspruch auf
neusozialdemo- geringfügige grundlegenden
kratischer Moderni- Teilkorrekturen ,Politikwechsel‘
sierungspolitik

Bedeutung eigener gering, da Vorgaben gering, da hoch, da alter-


Konstruktionspläne von Unternehmen/ status-quo-orientiert nativer Entwick-
für die neue Formation Staat akzeptiert werden lungspfad ange-
strebt wird

präferierte Durch- Lobbying im Rahmen Präferenz für strategisches


setzungsstrategie des ,Politischen Tauschs‘ Mobilisierung von Handling von
Veto-Macht Veto- und Ver-
änderungsmacht
Quelle: eigene Darstellung
Gewerkschaften als konstruktive Vetospieler 51

4.1 Pragmatischer fahrtsstaates. Eine gehörige Portion Struktur-


Modernisierungsbegleiter konservatismus wird weniger als Defizit son-
dern eher als Zielsetzung gewerkschaftlicher
Die Gewerkschaften können sich einerseits als
Politik definiert. Daraus ergibt sich die Not-
pragmatischer Modernisierungsbegleiter defi-
wendigkeit der Mobilisierung von Veto-Macht
nieren. Die mit einem solchen Selbstverständ-
zur Abwehr gesellschaftspolitischer Verände-
nis einhergehende strategische Grundausrich-
rungsstrategien. Betriebs- und gesellschaftspo-
tung setzt vor allem auf pragmatische Ad-hoc-
litischer Mobilisierung kommt ein hoher Stel-
Maßnahmen mit geringem Korrekturanspruch
lenwert zu. Dieses Selbstverständnis ist mit
gegenüber dem aktuellen Modernisierungspro-
Modellen der politischen Einbindung der Ge-
zess. Insbesondere dem neu-sozialdemokrati-
werkschaften in regierungsoffizielle oder staats-
schen Modernisierungskurs steht sie prinzipiell
nahe, institutionelle oder informelle Bündnisse
positiv gegenüber. Sie hält daher in der Regel
gänzlich inkompatibel. Vielmehr beruht es es-
weder eine grundsätzliche Kurskorrektur für
senziell auf einer Abwesenheit politischer An-
notwendig noch eine prinzipielle Oppositions-
bindungen und definiert gewerkschaftliche Au-
politik für sinnvoll. Letztlich akzeptiert sie die
tonomie nicht zuletzt als institutionelle Unge-
Dominanz und Führungsrolle von Staat und
bundenheit. Dabei legt die Status-quo-Orientie-
Unternehmen bezüglich der Frage, wie die Ver-
rung eine generelle Ablehung von Sozialpakten
schärfung der globalen Konkurrenzbeziehun-
nahe und bindet Beteiligungsbereitschaft oder
gen und die Überwindung der Produktivitäts-
-ablehnung nicht an die inhaltliche Ausrichtung
und Profitabilitätsklemme angegangen werden
der Politik.
soll. Institutionell hegt der pragmatische Mo-
dernisierungsbegleiter große Sympathien für das
Politikmodell der Sozialpakte, das in den 1990er 4.3 Konstruktiver Vetospieler
Jahren zu einem Markenzeichen neusozialde-
Der dritte Typ eines gewerkschaftspolitischen
mokratischer Modernisierungspolitik in Euro-
Rollenverständnisses gegenüber den aktuellen
pa wurde. Seine prinzipielle Nähe zu dieser Stra-
Umbruchprozessen ließe sich mit dem Begriff
tegie verhindert Mißtrauen gegenüber wettbe-
des konstruktiven Veto-Spielers beschreiben.4
werbskorporatistischen Modernisierungspakten
Dieses Selbstverständnis geht davon aus, dass
und der Logik des politischen Tausches und
sich der Übergang von der fordistischen For-
einer aktiven Beteiligung der Gewerkschaften
mation zu einem neuen sozial-ökonomischen
am wettbewerbsorientierte Umbau des Wohl-
Entwicklungsmodell über machtbasierte Vertei-
fahrtsstaates.
lungs- und Aushandlungskonflikte vollzieht und
die Fähigkeit einer hinreichenden Mobilisierung
von Machtressourcen die Voraussetzung dafür
4.2 Strukturkonservative
darstellt, sich als Mitspieler in den Konfliktare-
Blockademacht
nen etablieren und behaupten zu können. Inso-
Spiegelbildlich steht dem ein Selbstverständnis fern kommt auch hier dem Erhalt bzw. der Er-
der Gewerkschaften als strukturkonservativer höhung von Machtressourcen eine strategische
Blockademacht gegenüber. Dieses sieht sich in Schlüsselrolle zu. Gleiches gilt für Abwehrkon-
mehr oder weniger vollständiger Opposition zu flikte gegen inadäquate Problemlösungsstrate-
neoliberalen wie neusozialdemokratischen Mo- gien und dort errungene Erfolge im Rahmen
dernisierungsstrategien und präferiert die vor- einer Strategie der schrittweisen Überwindung
handenen Strukturen des fordistischen Wohl- der gewerkschaftlichen Defensive. Gleichwohl
52 Hans-Jürgen Urban

wird die darauf beruhende Veto-Macht ‚kon- hältnisse nicht mehr gedeckt ist. Vor allem das
struktiv‘ in dem Sinne eingesetzt, als sie nicht Prinzip der Parität, das mit einiger Berechti-
auf die Konservierung der Status-Quo-Struk- gung auch als die ‚korporatistische Friedens-
turen sondern auf die Präsentation und Durch- formel‘ (G. Lehmbruch) des Modells Deutsch-
setzung eigener Beiträge zur Neu-Konstruktion land bezeichnet wurde, stand für das relative
des sozial-ökonomischen Entwicklungsmodells Kräftegleichgewicht der Nachkriegsära. In den
setzt. Der Mobilisierung von Veto-Macht zur Konzepten der neuen Sozialdemokratie soll das
Verhinderung problemverschärfender Moder- Leitbild betrieblicher und gesellschaftlicher Wett-
nisierungsstrategien wird die Mobilisierung von bewerbskoalitionen an seine Stelle treten, das
Veränderungsmacht zur Durchsetzung problem- jedoch auf einer asymmetrischen Verteilungs-
lösender Politikkonzepte zur Seite gestellt. und Privilegienstruktur zu Lasten von Beleg-
In diesem Selbstverständnis wird gewerk- schaften und Gewerkschaften beruht.
schaftliche Autonomie politikinhaltlich und nicht Wenn bei den aktuellen institutionellen Re-
institutionell definiert.5 Da die Vertretung der formen des Wohlfahrtsstaates die paritätische
umfassenden Reproduktionsinteressen den in- Verteilung von Finanzierungslasten und Rech-
haltlichen Kern dieses gewerkschaftspolitischen ten zwischen Kapital und Arbeit zurückgedreht
Selbstverständnisses darstellt, ist es gegenüber und in eine strukturelle Bevorzugung der Kapi-
der politischen Form der Beteiligung an tripar- talseite überführt wird, geht es im Kern darum,
tistischen Sozialpakten zunächst indifferent. die institutionellen Verhältnisse den geänderten
Autonome Gewerkschaftspolitik kann der Sa- Machtverhältnissen anzupassen. Unter diesen
che nach innerhalb wie außerhalb korporatisti- Bedingungen konstituiert sich gewerkschaftli-
scher Bündnisse praktiziert werden; sie erfor- che Autonomie als Kritik des Um- und Rück-
dert sie nicht, schließt sie aber auch nicht aus.6 bau des Wohlfahrtsstaates und als Programm
Entscheidend sind die inhaltlichen Kontu- einer anderen, die sozialen Reproduktionsinter-
ren und die interessen- und verteilungspoliti- essen der Lohnabhängigen zum Ausdruck brin-
sche Drehrichtung des dahinterstehenden poli- genden Modernisierungspolitik.
tischen Projektes. Diese Definition von gewerk-
schaftlicher Autonomie berücksichtigt nicht
5 Schritte zur Überwindung der
zuletzt die Erkenntnis, dass die Gewerkschaf-
gewerkschaftlichen Defensive
ten in die Institutionen des keynesianischen Wohl-
fahrtsstaates bis heute vielfältig eingebunden Es ist evident, dass das Rollenverständnis des
waren und sind und dass sie dies im fordisti- konstruktiven Vetospielers der eingangs geschil-
schen Kapitalismus durchaus im Interesse der derten Problemkonstellation am ehesten gerecht
Lohnabhängigen nutzen konnten. Mehr noch: wird. Diese Einsicht führt zu der Frage, ob die
Wahrscheinlich hat die Verankerung der Ge- Gewerkschaften gegenwärtig über die Fähig-
werkschaften in den verrechtlichten Regelsys- keiten verfügen, diese Rolle auszufüllen. Die
temen des traditionellen Wohlfahrtsstaates, also Rolle des konstruktiven Vetospielers ist durch-
in den Sozialversicherungssystemen, der Tarif- aus anspruchsvoll und voraussetzungsreich. Ob
autonomie und der betrieblichen und Unterneh- die Gewerkschaften mit eigenen Konzepten an
mensmitbestimmung, ein gewerkschaftliches der Konstruktion des neuen Kapitalismusmo-
Einflusspotenzial erhalten, das dem sozialen dells mitwirken, ob sie Einfluss auf seinen Ent-
Klassenkompromiss der Nachkriegsära ent- wicklungspfad nehmen können, hängt nicht
sprach und durch die gegenwärtigen, zu Lasten zuletzt davon ab, ob sie sich in den gegenwärti-
der Gewerkschaften verschobenen Kräftever- gen machtbasierten Aushandlungsprozessen be-
Gewerkschaften als konstruktive Vetospieler 53

haupten können. Das erfordert zunächst eine 5.1 Machtpolitische Neufundierung


ausgeprägte Fähigkeit zur Entwicklung gesell- gewerkschaftlicher Kernfelder
schaftspolitischer Alternativentwürfe, die über
den gesellschaftlichen Status Quo hinaus- und Zunächst geht es um die machtpolitische Neu-
auf die Perspektive eines alternativen Entwick- fundierung in den gewerkschaftlichen Kernfel-
lungsmodells hinweisen. In diesem Sinne müs- dern. Damit sind insbesondere die Betriebs- und
sen die Gewerkschaften zweifelsohne mehr Tarifpolitik gemeint. Die unübersehbare Ten-
Energie auf die Frage verwenden, wie die Er- denz zur Verbetrieblichung von tarif- und be-
werbsarbeit, das Tarifsystem, die Systeme der schäftigungspolitischen Anforderungen sowie
sozialen Sicherung und das Europäische Sozial- die ebenfalls evidente Tendenz zur betriebssyn-
modell der absehbaren Zukunft aussehen sol- dikalistischen Abkoppelung der Betriebsräte
len. Hier sind politikfeldspezifische Reform- durch ihre Einbindung in betriebliche Wettbe-
pläne, ist mehr gesellschaftspolitische Konzept- werbskoalitionen stellt die Gewerkschaften vor
kompetenz gefragt. die Aufgabe, über ihre betriebliche Repräsen-
Aber neben dem gewerkschaftlichen Wol- tanz und betriebspolitische Verankerung neu
len spielt das gewerkschaftliche Können eine nachzudenken. Dabei dürfte eine Politik der ein-
ausschlaggebende Rolle. Es ist eine durchaus fachen Reaktivierung der traditionellen gewerk-
verbreitete Illusion zu glauben, mit attraktive- schaftlichen Vertrauensleutearbeit unzureichend
ren Zukunftsvisionen und besseren Kommuni- und kaum realistisch sein. Gefragt sind viel-
kationsstrategien alleine käme die gewerkschaft- mehr neue Formen unmittelbarer gewerkschaft-
liche Offensive zurück. In einer Gesellschaft, licher Repräsentanz in den Betrieben und
in der über den Ausweg aus einer gesellschaftli- gegebenenfalls neue Modelle einer die gewerk-
chen Strukturkrise in beinharten Macht- und schaftliche Durchsetzungskraft stärkenden Ko-
Verteilungskämpfen entschieden wird, stößt operation zwischen Gewerkschaften, betriebli-
auch die Kraft attraktiver Zukunftsvisionen chen Interessenvertretungen und Belegschaften.
schnell an Grenzen. Hier geht es letztlich um Auch im Kernfeld der tarifpolitischen Inter-
Machtfragen. Ob dem in die Krise geratenen essenvertretung und mit Blick auf den unver-
Fordismus ein vermarktlichter Shareholder- zichtbaren Ausbau tarifpolitischer Konfliktfä-
Kapitalismus oder ein neues Modell eines re- higkeit gewinnt die Betriebsebene an Bedeu-
regulierten Wohlfahrtskapitalismus folgt, ist tung. Durch die zunehmende Öffnung überbe-
letztlich Resultat sozialer Kämpfe und politi- trieblicher kollektiver Tarifregelungen für be-
scher Aushandlungsprozesse. Über deren Aus- triebsspezifische Abweichungen stellt sich die
gang entscheidet die Fähigkeit der Akteure, Frage nach einem neuen Verhältnis überbetrieb-
Machtressourcen zur Durchsetzung ihrer Leit- licher Standards und betrieblicher Diversifizie-
bilder und Konzepte zu mobilisieren.7 Mit Max rungen. Dabei dürfte der scheinbar einfache
Weber formuliert: Für die Gewerkschaften geht Ausweg, den eine weitere Forcierung der Ver-
es um die Fähigkeit, in sozialen Bezügen die betrieblichung tarifvertraglicher Regelungen zu
eigenen Zukunftskonzepte auch gegen die Ge- bieten scheint, schnell in die Irre führen. Denn
genentwürfe von Kapital und neusozialdemo- nach wie vor erweisen sich Interessenvertre-
kratischer Politik durchzusetzen (Weber 1921/ tungen und Belegschaften in krisengeschüttel-
1972: 28). Die Aneignung dieser Fähigkeiten ten Betrieben in der Regel nicht in der Lage, das
setzt die Bewältigung einiger Aufgaben voraus, Ausmaß an Vertretungsmacht zu mobilisieren,
die im Folgenden eher kurz benannt als aus- das für eine erfolgreiche Interessenpolitik not-
führlich diskutiert werden sollen. wendig wäre. Zielführender dürften Strategien
54 Hans-Jürgen Urban

einer betriebspolitischen Stabilisierung tarifli- ßer Acht bliebe. Insbesondere in den Feldern
cher Standards und Prozessrechte sein, die vor der aktiven Arbeitsmarkt- und Beschäftigungs-
allem auf eine systematischere und intensivere politik sowie der Ausgestaltung der Systeme
Einbeziehung der Belegschaften in die betrieb- der sozialen Sicherung werden Versorgungs-
liche Umsetzung und Verteidigung von Tarifre- standards und Beteiligungsansprüche vor allem
gelungen setzt. über Verordnungen und Gesetze geregelt, die in
Schließlich müssen sowohl eine neue ge- den politischen Arenen und damit außerhalb der
werkschaftliche Betriebspolitik als auch die Betriebs- und Tarifpolitik entstehen. Eine Ge-
Reaktivierung tarifpolitischer Konfliktfähigkeit werkschaftspolitik auf der Grundlage eines
einer erfolgreicheren Interessenvertretung und umfassenderen Interessenbegriffs bedarf also
damit der Stabilisierung und mittelfristigen Aus- zwangsläufig einer politischen Orientierung, die
weitung der gewerkschaftlichen Mitgliederba- gewerkschaftliches Engagement im Bereich der
sis dienen. Sollte den Gewerkschaften die orga- Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Sozialpoli-
nisationspolitische Erschließung dieser Schlüs- tik erfordert.
selgruppen und -branchen nicht gelingen, droht Ein solcher weitgehender Interessenvertre-
nicht nur eine finanzielle Auszehrung. Darüber tungsanspruch der Gewerkschaften ist in der
hinaus lässt ein permanent sinkender Organisa- Gesellschaft, insbesondere in Phasen neolibe-
tionsgrad die korporatismuspolitische Verpflich- ralen wie neusozialdemokratischer Hegemonie
tungsfähigkeit der Gewerkschaften und damit keineswegs überall anerkannt und muss heute
auch ihrer Attraktivität als Mitspieler in institu- erneut erstritten werden. Die Gewerkschaften
tionellen Sozialpakten erodieren. Dies untermi- sind gefordert, im Bewusstsein ihrer histori-
niert zugleich die Voraussetzungen der Teilnah- schen und sozialen Funktion in kapitalistischen
me an sozialpartnerschaftlichen Modernisie- Marktgesellschaften, diesen Anspruch mit hin-
rungskoalitionen in Betrieb und Politik; vom reichendem Selbstbewusstsein einzuklagen und
Verlust an Veto- und Veränderungsmacht ganz im Zuge einer politischen Selbstmandatierung
zu schweigen. entsprechende politische Konzepte zu entwi-
ckeln. Eine solche Reformulierung eines gesell-
schaftspolitischen Mandates auf der Grundlage
5.2 Gesellschaftspolitische
eines erweiterten Interessenbegriffs konfligiert
Selbstmandatierung
jedoch mit einem gewerkschaftlichen Selbstver-
So zentral die machtpolitische Neufundierung ständnis als ständepolitischer Verbandslobby.
in den gewerkschaftlichen Kernfeldern der Be- Vielmehr drängt sie zu einem gewerkschaftspo-
triebs-, Tarif- und Organisationspolitik zweifels- litischen Strategieverständnis, das Gewerk-
ohne ist, ein strategischer Rückzug auf diese schaften als Teil einer umfassenderen sozialen
Politikfelder wäre fatal. Die Gewerkschaften lie- Bewegung (Mahnkopf 2003) sieht und damit
fen Gefahr, in der Tat zur Lobby relativ privile- zu dem, was im angelsächsischen Sprachraum
gierter Beschäftigtengruppen zu degenerieren als Social-Movement-Unionism beschrieben
und damit ihren historisch erkämpften Anspruch wurde (Taylor/Mathers 2002).
auf eine klassenübergreifende Interessenvertre- Eine solche strategische Orientierung erfor-
tung sowie eine aktive Beteiligung an der Ge- dert zugleich eine neue Debatte über die For-
sellschaftsgestaltung preiszugeben. Zugleich mierung strategischer Allianzen mit anderen
könnten nicht einmal die vollständigen Repro- Bewegungen, Organisationen und Akteure der
duktionsinteressen der Beschäftigten vertreten Zivilgesellschaft (coalition building). Damit
werden, solange die Sphäre des Politischen au- geraten Fragen der Kooperation mit Kirchen,
Gewerkschaften als konstruktive Vetospieler 55

Wohlfahrtsverbänden aber auch lokalen Selbst- gien der Verschlagwortung politischer Analy-
hilfeorganisationen sowie der globalisierungs- sen und Konzepte, der Personalisierung inhalt-
kritischen Bewegung in das Blickfeld gewerk- licher Politikforderungen usw. als Essentials
schaftlicher Strategieüberlegungen. Dabei geht einer professionellen Medienarbeit anerkennen
es zum einen natürlich um Mobilisierungs-Alli- und souveräner als bisher handhaben; und
anzen zur Stärkung von Durchsetzungsmacht zugleich bedarf es innerhalb wie außerhalb der
in zugespitzten Konfliktsituationen. Die Ge- kommerziellen Medienwelt verstärkter Anstren-
werkschaften verfügen durchaus über solche – gungen, der systematischen Entpolitisierung der
zumeist sporadische – Erfahrungen. Nicht min- Subjekte im Rahmen der voranschreitenden
der bedeutend sind jedoch Konzept-Allianzen, Privatisierung und Kapitalisierung des Medi-
in denen unterschiedliche Akteure aus unter- ensektors entgegen zu wirken. Dies ist nicht
schiedlichen Interessenlagen und Wertorientie- nur aus legitimen organisationspolitischen Ei-
rungen gemeinsam an Konzepten einer alterna- geninteressen, sondern auch aus demokratiepo-
tiven, solidarischen Modernisierung der Gesell- litischer Verantwortung geboten, da die Entpo-
schaft arbeiten. All dies erfordert die selbstkriti- litisierung weiter Bevölkerungsgruppen sukzes-
sche Aufarbeitung bisheriger Erfahrungen so- sive die Funktionsbedingungen der parlamen-
wie den systematischen Ausbau von Mobilisie- tarischen Demokratie zu untergraben droht.
rungs-, Konzept- und Netzwerkkompetenzen Gleichzeitig ist dies notwendig, um zu verhin-
auch auf Seite der Gewerkschaften (Urban 2003/ dern, dass die sozialen Spaltungs- und Exklusi-
2004). onstendenzen im Zuge einer forcierten Polari-
sierung der Einkommens-, Vermögens- und Ver-
sorgungsverhältnisse abgesichert und anti-ge-
5.3 Mediale Profilierung
werkschaftliche Ressentiments systematisch
Zweifelsohne ist in einer Mediengesellschaft das verbreitet werden.
öffentliche Image eines politischen Akteurs für Darüber hinaus müssen die Gewerkschaf-
seine Durchsetzungskraft von hoher Bedeutung. ten den Stellenwert ihrer gewerkschaftseigenen
Die Gewerkschaften haben diese Erkenntnis Medien im Rahmen einer strategischen Aufwer-
bisher nur unzureichend angenommen. Das ist tung medialer Profilierungsprojekte klären.
einerseits wenig verwunderlich. Immerhin kön- Unter dem Druck der finanziellen Krise, aber
nen die kommerziellen Medien als zentrale Agen- sicherlich auch auf der Grundlage mangelnden
turen der Organisation der neoliberalen Hege- historischen Problembewusstseins haben die
monie gelten und sind weit davon entfernt, ge- Gewerkschaften die Pflege ihrer eigenen Medi-
gentendenziellen Politikkonzepten und ihren en in den letzten Jahren vernachlässigt. Das gilt
Trägern einen einer demokratischen Öffentlich- für die mitglieder- und funktionärsorientierten
keit entsprechenden Stellenwert zuzugestehen. Zeitungen und Zeitschriften ebenso wie für wis-
Die Gewerkschaften stehen hier vor einer senschaftliche Diskussionsmedien. Dies muss
schwierigen Gratwanderung. Einerseits müs- sich ändern.
sen sie die Spielregeln des Mediensystems ak- Auch hier können historische Erfahrungen
zeptieren und den Versuch unternehmen, sich als Basis dienen, gleichwohl müssen sie auf-
ihrer strategisch zu bedienen; andererseits ste- grund der veränderten Kommunikationsge-
hen sie vor der unverzichtbaren Aufgabe, weit wohnheiten und -medien weiterentwickelt wer-
stärker als bisher an einer informationellen und den. Insbesondere mit Blick auf die Zielgrup-
medialen Gegenöffentlichkeit zu arbeiten. Das pen der jüngeren und höherqualifizierten Be-
bedeutet: Die Gewerkschaften müssen Strate- schäftigten haben Online-Medien erheblich
56 Hans-Jürgen Urban

an Bedeutung gewonnen. Hier stellt sich die Gewerkschaftsrechten abgeleitet werden kann,
Frage, wie den Gewohnheiten des durchschnitt- so muss auf Seiten der Gewerkschaften ein ek-
lichen Medien-Konsumenten im digitalen Zeit- latanter Transnationalisierungsrückstand kon-
alter Rechnung getragen werden kann, ohne der statiert werden.
kommunikativen Form die emanzipatorischen Diesen zu beheben stellt eine strategische
Inhalte zu opfern. Aufgabe ersten Ranges dar. Das gilt etwa für
die betrieblichen und tariflichen Interessenver-
tretungsstrukturen. Die hier wartenden Aufga-
5.4 Strategische Transnationalisierung
ben reichen von einem Ausbau betrieblicher In-
Bliebe das Problem der strategischen Transna- teressenvertretungsstrukturen in transnationa-
tionalisierung gewerkschaftlicher Strukturen len Konzernen mit dem Ziel der konzernweiten
und Politikkonzepte. Wie immer man den hege- Durchsetzung arbeitsorientierter Sozialverfas-
monialen Globalisierungsdiskurs im Einzelnen sungen bis hin zur Nutzung der (sicherlich be-
einschätzen mag, an der objektiven Transnatio- grenzten) Einflusspotenziale im Rahmen des
nalisierung ökonomischer Beziehungen und sozialen Dialogs der Europäischen Gemein-
politischer Entscheidungsprozesse kann kaum schaft.
Zweifel bestehen. Auch wenn aus diesen objek- Außerdem bedarf es der Transnationalisie-
tiven Entwicklungstendenzen kein unentrinn- rung gewerkschaftlicher Organisations- und
barer Sachzwang in Richtung Abbau von Ein- Kommunikationsstrukturen. Hier geht es um
kommens- und Tarifstandards oder Sozial- und die Intensivierung der Kontakte zwischen na-
Gewerkschaften als konstruktive Vetospieler 57

tionalen Gewerkschaftsorganisationen sowie nicht um das Fehlen eines eigenen, gar eigen-
um den finanziellen und personellen Ausbau willigen gewerkschaftlichen Planes geht. Nicht
gewerkschaftlicher Dachorganisationen auf eu- mangelnde Reformphantasie, sondern politische
ropäischer und globaler Ebene. Anmaßung lautet der eigentliche Vorwurf. Nicht
Schließlich wäre der gewerkschaftliche Bei- zu Unrecht diagnostiziert Oskar Negt daher eine
trag zur Konstituierung einer transnationalen generelle „Schlacht gegen die machtpolitische
Gegenöffentlichkeit zu nennen. Die seit einigen Stellung der Gewerkschaften“ (2004: 12). Die
Jahren durch die transnationalen Nicht-Regie- Verschiebung der machtpolitischen Balance zu-
rungsorganisationen mit gewerkschaftlicher lasten der Lohnabhängigen und ihrer Gewerk-
Unterstützung organisierten europäischen und schaften im Zuge der sozialökonomischen, po-
Weltsozialforen können sich zu wichtigen Kno- litischen und hegemonialen Umbrüche hat die
tenpunkte eines Netzwerks öffentlicher Aktivi- Option auf eine grundlegende Schwächung der
täten entwickeln. Ähnlich die sozialen Protest- Gewerkschaften geschaffen. Dieser Versuchung
initiativen anlässlich der regelmäßigen Treffen können einige nicht widerstehen. Dabei wird
der wirtschaftlichen und politischen Eliten der den Gewerkschaften generell die Legitimation
entwickelten kapitalistischen Metropolen. Auch zur Mitwirkung an der Neuregulierung des zu-
hier werden Elemente einer Alternativkultur und künftigen Entwicklungsmodells mit eigenen
-bewegung deutlich, die sich als Träger einer Konzepten und damit letztlich das moralische
globalen Gegenöffentlichkeit erweisen könnten. und politische Existenzrecht abgesprochen.
Damit werden die Gewerkschaften nicht ledig-
lich als gesellschaftliche Reformkraft, sondern
6 Wozu noch Gewerkschaften?
letztlich als Organisationen insgesamt infrage
Kein Zweifel, mit Blick auf ihr gegenwärtiges gestellt.
Agieren können die Gewerkschaften, einem Sollte diese Diagnose zutreffen, wäre neben
Bonmot Joseph A. Schumpeters folgend, fachlichen Problemlösungskonzepten eine
durchaus „mit einem Reiter verglichen werden, grundsätzliche Überlebensstrategie der Gewerk-
der durch den Versuch, sich im Sattel zu halten, schaften gefordert. Dabei dürften Konzepte für
so völlig in Anspruch genommen wird, dass er die Zukunft von Erwerbsarbeit, Tarifautonomie
keinen Plan für seinen Ritt aufstellen kann.“ und Wohlfahrtsstaat nicht ausreichen. Vielmehr
(1950: 456) Und ohne einen Plan, auch das ginge es um diskursiv überzeugende und vor
wäre einzugestehen, wird der Ritt durch die allem machtpolitisch unterlegte Antworten auf
Stromschnellen des kapitalistischen Formations- die grundlegende Frage ‚Wozu noch Gewerk-
wechsels zu einem unkalkulierbaren Unterfan- schaften?‘ (Negt 2004). Dabei sollten die Ge-
gen. Doch das Problem erkannt, heißt leider werkschaften weder ein verträgliches Maß an
noch nicht, es gebannt zu haben. Natürlich sind ‚Utopie‘ noch einen gewissen ‚Radikalismus‘
die Gewerkschaften gefordert, auf die strategi- scheuen.9
schen Schlüsselprobleme, die sich aus der Trans- Die Aufgabe, Antworten auf diese Frage zu
formation des fordistischen Kapitalismus erge- formulieren, kann jedoch nicht ausschließlich
ben, adäquate Antworten zu finden. Insofern an die Gewerkschaften adressiert werden.
entscheiden sie zu erheblichen Teilen selbst über Schließlich steht hier die soziale Demokratie als
ihre zukünftige, gesellschaftspolitische Rolle. Gesellschaftsmodell zur Disposition. Somit sind
Doch das ist nur eine Facette des Problems. alle Akteure gefordert, denen der entfesselte
Es spricht nämlich einiges für die Feststellung, Shareholder-Kapitalismus, der sich gegenwär-
dass es beim gegenwärtigen union-bashing8 tig global Bahn bricht, eher Schreckens- als
58 Hans-Jürgen Urban

Wunschbild ist. Noch vor geraumer Zeit wären insbesondere dem Gebot einer hinreichenden
hier umgehend Selbstverständnis und Verant- Transparenz demokratischer Entscheidungspro-
wortung von Sozialdemokratie und kritischen zesse und dem Gebot der Mitgestaltung der
Sozialwissenschaften zur Sprache gekommen. Wahlbevölkerung an politischen Entscheidun-
Doch heute kann nicht einmal umstandslos davon gen. Auch wenn diese Einwände in unterschied-
ausgegangen werden, dass diese sich von der licher Gewichtung durchaus ihre Berechtigung
hier in Rede stehenden Anforderung überhaupt haben, soll im Folgenden ohne weitere Begrün-
angesprochen fühlen. dung von einer ausreichenden operativen Mach-
barkeit und einer hinreichenden demokratiepo-
Hans-Jürgen Urban ist Leiter des Funkti- litischen Legitimation strategischer Politiksteu-
onsbereiches ,Gesellschaftspolitik/Grundsatz- erung ausgegangen werden.
3
fragen‘ beim Vorstand der IG Metall. Als Restriktionen sollen Strukturen oder Pro-
zesse bezeichnet werden, die organisatorische
Ressourcen in anderen Bereichen binden, die
Anmerkungen
nicht mehr für die Realisierung strategischer
1
Zur Debatte über die Revitalisierung der deut- Ziele zur Verfügung stehen. Die gegenwärtigen
schen Gewerkschaften vgl. etwa Mahnkopf Restriktionen für gewerkschaftliches Handeln
2003, Funk 2003 und Deppe 2004; zur interna- resultieren aus dem krisenvermittelten Prozess
tional vergleichenden Debatte vgl. Hyman 2001, der Transformation des fordistischen Kapitalis-
Taylor/Mathers 2002, Panitch 2001 sowie die mus in eine neue Formation. Im Kern vollzieht
Beiträge in Huzzard/Gregory/Scott 2004 und sich dieser Prozess auf sozialökonomischer
Frege/Kelly 2004 und dem Schwerpunktheft Ebene als Übergang vom industriellen zu einem
der WSI Mitteilungen (9/2003) „Strategien zur finanzmarktdominierten Akkumulationsregime,
Neubelebung von Gewerkschaften. Ein inter- und auf politisch-institutioneller Ebene als Wan-
nationaler Vergleich“. del des marktkorrigierenden Wohlfahrtsstaates
2
Zu erwähnen ist, dass in der Literatur grundle- zum marktfördernden Wettbewerbsstaat (dazu
gende Einwände gegenüber Machbarkeit und die Beiträge in Bieling u.a. 2001).
4
Wünschbarkeit strategischer Planung und Steu- Der Begriff des konstruktiven Vetospielers
erung vorgetragen werden. Die Skepsis gegen- wurde von Artur Benz (2003) im Rahmen sei-
über der Machbarkeit, die der ‚Planungseupho- ner Analyse politischer Entscheidungs- und
rie‘ der 1970/80er Jahre folgte, verweist auf Problemlösungsprozesse in Mehr-Ebenen-Sys-
Steuerungsblockaden. Diese resultieren: aus der temen entwickelt. Er rekurriert auf die klassi-
funktionalen Ausdifferenzierung der Gesell- sche Veto-Spieler-Theorie, nach der soziale oder
schaft in autonome (‚autopoietische’) soziale politische Innovationen umso unwahrscheinli-
Systeme, aus dem (zu) hohen Komplexitäts- cher sind, je größer die Zahl der Veto-Spieler
grad der Steuerungsaufgabe in entwickelten ist, je größer die ideologische Distanz zwischen
Gesellschaften oder aus der Übermacht interes- diesen ist und je homogener die kollektiven
senegoistisch handelnder Vetoakteure. Die Skep- Akteure sind, die über Veto-Macht verfügen.
sis gegenüber der Wünschbarkeit verweist auf Benz formuliert nun die These, „dass die auf
die Gefahr unerwünschter (Neben-)Folgen po- einer Veto-Position beruhende Macht, Entschei-
litischer Steuerungsversuche und die damit ver- dungen zu verhindern, in der Regel nicht ausge-
bundenen Folgekosten sowie auf die potenziel- übt wird, um politische Prozesse zu blockieren.
le Kollision strategischer Steuerung durch poli- Vielmehr setzen Akteure Blockade-Drohungen
tische Eliten mit zentralen Demokratiegeboten, strategisch ein, um ihre eigenen Ziele zu errei-
Gewerkschaften als konstruktive Vetospieler 59

chen“. (211) Den Kern der These vom kon- integriert zu werden. Verhindert werden kann
struktiven Vetospieler macht die Auffassung aus, dies nur auf der Grundlage eigener, autonomer
dass diese eigenen Ziele durchaus mit konstruk- Politikpläne, einer ergebnisorientierten und kon-
tiven Beiträgen zur Erhöhung von Problemlö- fliktfähigen Verhandlungsstrategie, einer hinrei-
sungsfähigkeiten eines politischen Systems chenden Rückkoppelung an die Interessenla-
einher gehen können. Im vorliegenden Zusam- gen der betroffenen Basis sowie einer glaub-
menhang soll die These von Gewerkschaften würdigen Exit-Option, verbunden mit der Fä-
als konstruktive Vetospieler einerseits die Be- higkeit zu einer bündnisorientierten Mobilisie-
hauptung zurückweisen, die Gewerkschaften rungsstrategie (dazu ausführlich: Urban 1998).
7
wirkten im aktuellen Wandel ausschließlich als Diese Sicht der Dinge folgt dem ‚machtres-
strukturkonservative Blockademächte. Zugleich sourcentheoretischen Ansatz‘ der Analyse wohl-
steht das Konzept für ein politikstrategisch be- fahrtsstaatlicher Entwicklung, der in den 1980er
gründetes, normatives Konzept eines gewerk- Jahren vor allem durch Gòsta Esping-Ander-
schaftlichen Rollenverständnisses, das auf der sen (z. B. 1985) und Walter Korpi (z. B. 1989)
Basis gewerkschaftlicher Autonomie einen Bei- entwickelt wurde.
8
trag zur Neudefinition gewerkschaftlicher Poli- Eine kleine Auswahl der ‚Gewerkschaftsschel-
tik und zur Konstituierung der neuen Kapitalis- ten‘ aus der Tagespresse hat Gesterkamp (2004)
musformation leisten könnte. zusammengetragen.
5 9
Unter gewerkschaftlicher Autonomie wird eine Vielleicht wäre hier eine Anleihe bei einem der
strategische Grundausrichtung gewerkschaftli- Urväter des Neoliberalismus, Friedrich A. v.
cher Politik verstanden, die zum einen nicht die Hayek, weiterführend. Dieser hatte 1949 die
Wettbewerbszwänge betrieblicher oder volks- Liberalen aufgefordert, im Kampf gegen die
wirtschaftlicher Standorte, sondern die umfas- Ausstrahlungskraft des Sozialismus auf die In-
senden Reproduktions- und Entwicklungsinte- tellektuellen die Arbeit an einer ‚liberalen Uto-
ressen der Lohnabhängigen zum Ausgangs- und pie‘ und einem ‚liberalen Radikalismus‘ zu in-
Zielpunkt gewerkschaftlicher Politik nimmt; tensivieren, „der weder die Empfindlichkeiten
und die sich zum anderen unter Bezugnahme der bestehenden Interessengruppen schont,
auf die positiven Entwicklungspotenziale kapi- noch glaubt, so ‚praktisch‘ sein zu müssen,
talistischer Dynamiken um eine grundlegende dass er sich auf Dinge beschränkt, die heute
Reform der Institutionen und Regulierungsmo- politisch möglich erscheinen.“ (Hayek 1949/
di des fordistischen Wohlfahrtsstaates bemüht, 1992: 53) Dieser Aufruf stand am Beginn des
um den Interessen der Lohnabhängigen jeweils neoliberalen Radikalismus, der in den folgen-
‚auf der Höhe der Zeit‘, also entsprechend der den Jahrzehnten seine ‚Strategiefähigkeit‘ suk-
sozialökonomischen Bedingungen (‚Akkumu- zessive verbesserte und in eine globale Hege-
lationsregime‘) und den historischen Regulie- moniefähigkeit überführte. Ob ein ‚gewerk-
rungsnotwendigkeiten (‚Regulierungssystem‘) schaftlicher Radikalismus‘ ähnliches vollbrin-
gerecht werden zu können (Deppe 1979 und gen könnte?
2004).
6
Gleichwohl setzt zu viel politische Naivität ge-
Literatur
genüber der Teilnahme an solchen institutionel-
len Bündnissen die Gewerkschaften der Gefahr Benz, Arthur 2003: Konstruktive Vetospie-
aus, die politische Eigendynamik dieses Poli- ler in Mehrebenensystemen. In: Mayntz, Rena-
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