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Terrance Duncan
Prof. Goertler
GRM 461 001
5. April 2021
Portfolioaufgabe III: Gleichzeitiger zweisprachiger Spracherwerb nicht verwandter Sprachen

Oft leben Kinder der ersten Generation von Eltern mit Migrationshintergrund in zwei

verschiedenen Sprachwelten, einer, in der sie die Sprache ihrer Familie sprechen, und einer, in

der sie die Sprache der Gesellschaft sprechen, in der sie leben. Ihre Familiensprache

unterscheidet sich auch oft drastisch von der der Gesellschaft, in der sie leben. Dies zeigt sich bei

türkischen, griechischen und russischen Einwanderern und ihren Nachkommen, die längst ein

wesentlicher Bestandteil der deutschen Identität geworden sind und sprechen z.B. Sprachen wie

die der türkischen, griechischen und slawischen Sprachzweige zuhause, während sie sich

gleichzeitig in einer germanischsprachigen Welt orientieren müssen. Ich habe das persönlich

auch bei drei meiner besten Freundinnen bemerkt. Alle drei, wer als englische Muttersprachler

angesehen werden könnten, haben auch zuhause gesprochene Familiensprachen, nämlich die

polnische, die tagalogische und die montenegrinischen Sprachen. Unter allen dreien war

Englisch nicht ihre zuhause gesprochene Sprache. Aufgrund des Wunsches ihrer Eltern,

englische Muttersprachler zu werden, sprachen sie alles fließende Englisch, bevor sie mit 5

Jahren den amerikanischen Kindergarten begannen. Dies war schließlich die Grundlage meiner

Untersuchungsforschung und führte zur Entwicklung der folgenden Forschungsfragen: Was sind

einige Merkmale des zweisprachigen Spracherwerbs bei Kindern, die zwei Sprachen

sprechen, die nicht aus demselben Zweig einer Sprachfamilie stammen? Wie wirkt sich das

darauf aus, wie sie die Welt um sich herum wahrnehmen? Aus diesem Grund wurden Kinder,

die bspw. Sprachen wie Polnisch und Russisch oder Deutsch und Englisch sprechen, nicht

berücksichtigt.
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Sprache wird oft als integraler Bestandteil der eigenen Identität und Kultur angesehen.

Sprache kann die Art und Weise beeinflussen, wie man sich relativ zur Welt um sich herum

orientiert, wie man sich selbst und seine Umgebung beschreibt, und kann seinen Sprechern

kulturelle Einschränkungen auferlegen (Mak et al., 2020, S. 554). Dies kann implizit

Auswirkungen darauf haben, wie man ethische und moralische Werte bildet, sowie auf die

Beziehungen zu anderen. Aus diesem Grund kann die Sprache, insbesondere in Zeiten

zunehmender Migration, ein vorherrschender Faktor für die Fähigkeit sein, sich in die

Gesellschaft zu integrieren, in die sie sich bewegen (Kmiotek, 2017, S. 192-194). Bspw. wurde

unter zweisprachigen Studenten, die entweder in Frankreich oder Polen aufwuchsen, ein kulturell

abgeleitetes Meta-Framework erstellt, um die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen

französischsprachigen Studenten in Polen und polnischsprachigen Studenten in Frankreich zu

vergleichen und festzustellen, wie z.B. wie jene Sprache die Diskussion über Geschlechterrollen

dominierte und die Sprachfähigkeiten jener Schüler beeinflussten, Verbindungen zu ihren

Klassenkameraden herzustellen (Kmiotek, 2017, S. 197). Interessanterweise ist die dominierende

Sprache jedoch nicht immer die Sprache, die jede Form der Orientierung dominiert. Bspw.

wurde in einer von der Universität Kopenhagen und der Georgia State University durchgeführten

Studien festgestellt, dass in unterschiedlichen Sprachen (z.B. Polnisch und Deutsch) die L2-

Sprache einen größeren Einfluss auf die intratypologische Bewegungsbeschreibungen als die

zuhause gesprochene L1-Sprache hatte, stärker beeinflusst von der Gesellschaft, in der das Kind

lebt, aufgrund der größeren Anzahl gelebter Erfahrungen außerhalb der häuslichen Umgebung

(Lewandowski & Özçalışkan, 2019, S. 29). Dies kann zu Störungen durch die zuhause

gesprochene Sprache hinsichtlich des Spracherwerbs und der Grammatikbildung der

gesellschaftlichen Sprache führen (Sopata & Długosz, 2020, S. 271).

Eine solche Art und Weise, wie der Spracherwerb beurteilt werden kann, ist die Analyse

einer Äußerung der mittleren Länge eines Kindes (englische Abkürzung: MLU), die ungefähr
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100 von einem Kind gesprochene Äußerungen vergleicht und sie in einer Gesamtzahl einzelner

Morpheme unterteilt. In einer Studie zur Bewertung der MLUs zweisprachiger polnisch-

englischsprachiger Kinder, die in Großbritannien aufwuchsen, wurde festgestellt, dass

Zweisprachigkeit, insbesondere vor oder kurz nach der formellen Einführung der Schulbildung,

zu insgesamt höheren MLUs und damit zu einem insgesamt erhöhten Spracherwerb führen kann

(Otwinowska et al., 2020). Das ,,einheimische” zweisprachige Aufwachsen kann sich also nicht

nur auf die eigene Identität und die Sichtweise auf die Welt um sie herum auswirken, sondern

auch auf die allgemeine Sprachentwicklung. Dies könnte theoretisch eine positive

Rückkopplungsschleife bei jüngeren Kindern auslösen, wobei sich die Identität ändert, wenn sich

das Sprachverständnis auch ändert.

Aufgrund der großen Vielfalt an Literatur, die den Spracherwerb zwischen Deutsch und

Polnisch und Englisch und Polnisch vergleicht, und meine Freundin kann alle drei jeweiligen

Sprachen sprechen, förderte ihr Interview mein Verständnis dieser Phänomene besser dazu. Das

Interview bestand aus drei Teilen, die sich auf Sprachherausforderungen, Identität und

Wahrnehmung bezogen. In Bezug auf diese drei Themen antwortete meine Freundin, dass sie

sich wie immer am Scheideweg zweier Welten gesehen habe, die ihres polnischen Lebens und

die ihres amerikanischen Lebens. Deutsch sei für sie kein entscheidender Faktor gewesen, da sie

es nur für ein paar Jahre gelernt habe und erst mit 13 Jahren angefangen habe. Sie sei fort zu

erklären gefahren, wie sie sich je nach ihrer Umgebung und der Sprache, die sie gesprochen

habe, als eine völlig andere Person sehe, und schlug vor, dass sie nicht einmal sicher sei, wie sie

ihre Freundschaften, die sich um eine Sprache drehen, einer Freundschaft mit jemandem

beschreiben würde, der sich um den anderen drehe. Interessanterweise hatte sie die größten

Schwierigkeiten, Sprache in einem technologischen Kontext zu verwenden, was ihrer Ansicht

nach damit zu tun hatte, dass sie nicht mit Technologien wie einem Computer aufgewachsen sei.

Daher wäre es interessant zu sehen, wie sich die Trends zwischen Technologie und
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Spracherwerb für Kinder vergleichen lassen, die heute aufwachsen, im Gegensatz zu denjenigen,

die vor 15 bis 20 Jahren aufwuchsen, als Technologie vorhanden war, aber noch nicht ganz in die

Gesellschaft eingetaucht wurde.

Dies war in Wirklichkeit ganz anders als meine Erfahrungen, als ich ,,zweisprachig”

aufwuchs. Meine Zweisprachigkeit war rezeptiv, was bedeutete, dass ich zwar Deutsch verstehen

konnte, es aber nicht selbst sprechen konnte. Daher hatte Deutsch wenig damit zu tun, wie ich

die Welt um mich herum wahrnahm oder wie ich Positionierung oder Bewegung beschrieb,

obwohl dies wohl einen Einfluss auf meine Identität hatte. Sprache war schon immer ein Weg,

um mit meinem deutschen Erbe verbunden zu bleiben, obwohl ich Amerikaner der 3. Generation

bin (obwohl Familienmitglieder in meiner Generation Amerikaner der 2. Generation sind). Ich

nahm mich immer eher in einem Licht der zweiten Generation wahr, hauptsächlich aufgrund der

Tatsache, dass ich mit Familienmitgliedern aufwuchs, die unsere angestammte Sprache fließend

sprachen. Die Ergebnisse der gelesenen Studien sowie das durchgeführte Interview verstärkten

meine vorgefassten Vorstellungen, die Sprache mit Identität verbinden. Da die Sprache für mich

immer ein wesentlicher Bestandteil war wie ich mich als Individuum definierte, hatte ich

angenommen, dass dies für andere der Fall sein würde. Ich war auch nicht besonders überrascht,

dass die Sprache Einfluss darauf hat, wie man die Welt um sich herum wahrnimmt oder wie man

sie beschreibt. Obwohl nicht in so einer stärken Weise wie meine Freundin, sehe ich einige

Aspekte, wie die Sprache mein Denken und Kommunizieren veränderte, obwohl dies etwas

damit zu tun hat, dass meine Deutschkenntnisse, wie fortgeschritten sie auch sein mögen, immer

noch auf geringerem Niveau als meine Muttersprache Englisch bleibt.


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Quellen

Kmiotek, Ł. (2017). Language Proficiency and Cultural Identity as Two Facets of the

Acculturation Process. Psychology of Language and Communication, 21(1), 192–214.

https://doi.org/10.1515/plc-2017-0010

Lewandowski, W., & Özçalışkan, Ş. (2019). How language type influences patterns of motion

expression in bilingual speakers. Second Language Research, 37(1), 27–49.

https://doi.org/10.1177/0267658319877214

MacLeod, A. A. N., Fabiano-Smith, L., Boegner-Pagé, S., & Fontolliet, S. (2012). Simultaneous

bilingual language acquisition: The role of parental input on receptive vocabulary

development. Child Language Teaching and Therapy, 29(1), 131–142.

https://doi.org/10.1177/0265659012466862

Mak, P., Lomako, J., Abrosova, E., & Tribushinina, E. (2020). Keeping two languages apart:

Connective processing in both languages of Russian–German bilinguals. Bilingualism:

Language and Cognition, 23, 532–541. https://doi.org/https://doi.org/10.1017/

S1366728919000300

Otwinowska , A., Mieszkowska, K., Białecka-Pikul, M., Haman, E., Opacki, M., & Wodniecka,

Z. (2020). Polish–English bilingual children overuse referential markers: MLU inflation

in Polish-language narratives. First Language, 1–25.

Sopata, A., & Długosz, K. (2020). Deutsch als schwächere Sprache bei deutsch-polnisch

bilingualen Kindern: Studie zur Negation- und Verbstellung. Zeitschrift Für

Germanistische Linguistik, 48(2), 269–297. https://doi.org/10.1515/zgl-2020-2003