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Münsterische Beiträge zur Theologie

herausgegeben von
Univ.-Prof. Dr. F. Diekamp und Univ.-Prof. Dr. R. Stapper.
Heft 1.

Der 8. Brief des hl. Basilius,


ein Werk
'- des Evagrius Pontikus.

Von

Dr. Robert Melcher,


Regens der v. Detten'schen Stiftung zu Münster i. W.

Münster i. W. 1923.
-
Verlag der Aschendorffschen Verlagsbuchhandlung.
Münsterische Beiträge zur Theologie
herausgegeben von
Univ.-Prof. Dr. F. Diekamp und Univ.-Prof. Dr. R. Stapper.
Heft 1. -

Der 8. Brief des hl. Basilius,


· ein Werk
- des Evagrius Pontikus.·

Von

Dr. Robert Melcher,


Regens der v. Detten'schen Rtiftung zu Münster i. W.

Münster i. W. 1923.
Verlag der Aschendorffschen Verlagsbuchhandlung.
Imprimatur.
Monasteril, die 17. Januarii 1923.
Vicarius Eppi Gnlis.
De mand.
Nlenhaus, Cons. eccl.

Druck der Aschendorffschen Buchdruckerei, Münster i W.


Inhaltsverzeichnis.
Vorwort. . . . . . .V
Literaturverzeichnis .VII
Einleitung
1. Wichtigkeit des 8. Briefes . . . 1
2. Echtheit der anderen Schriften des hl. Basilius . . 3
1. Teil. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.
1. Kapitel, Handschriftliche Überlieferung . . . . . 4
2. Kapitel. Angaben des Briefes über den Verfasser 7
3. Kapitel. Glaube und Wissen . . . . 9
4. Kapitel. Abstufungen der Erkenntnis 17
5. Kapitel. Gottesbegriff . . . . . . . 29
6. Kapitel. Trinitätslehre . . . . 36
7. Kapitel. Sprachliche Verschiedenheiten 55
8. Kapitel. Datierung des Briefes . . . . 58
9. Kapitel. Abhängigkeit des Briefes von Origenes 61
10. Kapitel. Übereinstimmung zwischen .dem Briefe und GrPgor von Nazianz 65
Schlußfolgerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2. Teil. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.
1. Kapitel. Persönlichkeit des Evagrius 73
2. Kapitel. · Äußere Bezeugung 78
3. Kapitel. Innere Übereinstimmung . 81
a)
Allgemeines 81
b)
Betonung der Erkenntnis 83
c)
Abstufungen im Erkennen . 86
d)
Betonung der Einheit in Gott 92
e)
Trinitätslehre . . . . . . . 96
f) Einzelheiten in Ausdruck und Wortschatz . 97
Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . 99
Vorwort.
Der 8. Brief des hl. Basilius ist zwar nur ein kurzes Schrift-
stück. Aber er ist schon oft dad_urch aufgefallen, dafü er in man-
chen Punkten von den sonstigen Anschauungen des Kirchenvaters
und überhaupt von der damaligen Kirchenlehre merklich abweicht.
Man sah den Brief gewöhnlich als. ein Erstlingswerk .des grofüen
Bischofs an und glaubte, dadurch jene eigenartigen Äuffierungen er-
klären zu können.
Eine genauere Untersuchung zeigt, dafü der Brief von Basilius
nicht geschrieben sein kann; vor. allem innere Gründe lassen das
als ausgeschlossen erscheinen, machen es vielmehr wahrscheinlich,
dafü er erst das eine oder andere Jahrzehnt später, als man ge-
wöhnlich angenommen hat, entstanden ist. Jene absonderlichen
Lehrmeinungen kann man also nicht mehr dem hl. Basilius zur Last
legen, sodafü dieses Ergebnis eine gewisse Ehrenrettung für den
grofüen Kirchenvater ·darstellt. (1. Teil.)
Ich habe versucht, für den wahren Verfasser des Briefes ge- ·
wisse Anhaltspunkte zu gewinnen, und es ist gelungen, den Kreis,
in dem er zu suchen sein müfüte, ziemlich eng zu ziehen. Diese
Anhaltspunkte treffen nun sämtlich bei Evagrius Pontikus zu, bei
einem Manne, der später als Irrlehrer verurteilt und daher dem An-
denken der Nachwelt fast ganz entschwunden ist. Die Spur erwies
sich bei weiterer Verfolgung als richtig. Innere und äuraere Gründe
beweisen zwingend, dafü er der Verfasser ist. · (2. Teil.)
Den Gang der Untersuchung habe ich so gelassen, wie sie ent-
standen ist; denn der 2. Teil ist eine schöne Bestätigung für die
Richtigkeit des 1. Teiles, und es gewährt wohl auch einen gewissen ·
Reiz, zu . sehen, wie mühsames Suchen und ·Aufspüren erst nach
und nach auf die richtige Fährte gebracht haben. Wenn dabei das
Lehrsystem der beiden Männer ziemlich eingehend zm• Darstellung
kommen mufüte, so mag das nicht unwillkommen_ sein, da beide,
jeder in seiner Weise, für die Nachwelt von groraern Einflufü ge-
wesen sind. ·
VI Vorwort.

Die hohen Druckkosten machten es erforderlich, den Umfang


der Arbeit nicht zu sehr wachsen zu lassen. Daher mufüte ich mich
bei maricher Belegstelle darauf beschränken, nur auf sie zu ver-
weisen, ohne sie wörtlich anzuführen. Auch manches griechische
Zitat mußte aus diesem Grunde der deutschen Übertragung weichen.
Der 1. Teil dieser Abhandlung hat der Kath.-Theologischen
Fakultät der Universität Münster als Dissertation zur Erlangung
der Doktorwürde vorgelegen.
Manchen wertvollen Fingerzeig gab mir Herr Prof. Dr. Die -
k a 111 p, dem ich auch an dieser Stelle meinen tiefgefühlten Dank
ausspreche.
Der Verfasser.
Literaturverzeichnis.
(Andere Werke, die nur vereinzelt zitiert werden, werden im Texte mit
vollem Titel und genauen Angaben angeführt.)
Bardenl,iewer O., Geschichte der altkirchlichen Literatur. II2 Freiburg 1914.
III Freiburg 1912.
Bardenhewer O., Patrologie 3. Aufl. Freiburg 1910.
Batiffol P., Etudes d'histoire et de theologie positive n2. Paris 1905.
Bessieres H., La tradition manuscrite de Ja correspondance de St. Basile.
In The Journal of theol. studies vol. 21 (1919/20) p 1-50; p 289-310;
vol. 22. (1920/21) p 105-137; vol. 23 (1921/22) p 113-133; p 225-249,
Böhringer F., Basilius von Cäsarea. (Die Kirche Christi und ihre Zeugen
oder die Kirchengeschichte in Biographien. Die alte Kirche Bd. 7 : Das
vierte Jahrh. Die großen Kappadozier 1.) 2. Aufl. 2. Ausg. Stuttgart 1875.
Clarke W. K. L., St. Basil the Great. A study in monasticism. Cambridge 1913.
Die kam p F., Die Gotteslehre des hl. Gregor von Nyssa. Ein Beitrag zur
bogmengeschichte der patristischen Zeit I. Münster 1896. ·
Ernst V.,· Basilius' des Großen Verkehr mit den Okzidentalen. In Ztschr. fiir
Kirchengesch. Bd. 16. Jahrg. 1896 S. 626-664.
Farrar F. W., Lives of the fathers. 2. vol. Edinburgh 1889.
Fi alon E., Etude historique et litteraire sur St. Basile, suivie de !'Hexameron
traduit en fram;ais. 2. ed. Paris 1869.
Gröne V., Ausgewählte Schriften des hl. Basiliu.s d. Gr., übersetzt. (Bibliothek
der Kirchenväter ... 10, 3.) Kempten 1. Bd. 1875 2. Bd. 1877 3. Bd. 1881,
Harnack A., Lehrbuch der Dogmengesch. 14 und II4 Tübingen 1909.
Holl K., Amphilochius von Ikonium in seinem Verhältnis zu den großen Kap-
padoziern. Tübingen und Leipzig 1904.
Ho 11 K., Enthusiasmus und Bußgewalt beim griechischen Mönchtum. Leipzig 1898.
Hörmann J. 1 Untersuchungen zur griechischen Laienbeichte. Ein Beitrag zur
allgemeinen Kirchengeschichte. Donauwörth 1913.
Jackson B., Basil, Letters and select works. (A select library of Nicene and
Posl-Nicene fathers of the christian church. II, 8.) New York 1895,
Johnston C. F. H., The book of Saint Basil the Great ... on the holy spirit.
Oxford 1892.
K I ose C. R., Ein Beitrag zur Kirchengeschichte. Basilius d. Gr. nach seinem
Leben und seiner Lehre. Stralsund 1835.
Klose C. R, Geschichte und Lehre des Eunomius. Kiel 1833.
Kranich A., Der hl. Basilius in seiner Stellung zum Filioque. Braunsberg 1882.
Loo fs F., Eustathius von Sebaste und die Chronologie der Basiliusbriefe.
Eine patristische Studie. Halle 1898.
Loofs F., Leitfaden zum Studium der Dogmengeschichte. 4. Aufl. Halle 1906,
:\foriso'n E. F. St., Basil and bis rule. Oxford 1912.
Nager F., Die Trinitätslehre des hl. Basilius d. Gr. Eine dogmengeschicht-
liche Studie. Paderborn 19 t 2.
VIII Literaturverzeichnis.

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Rauscben G> Wittig J., Grundriß der Patrologie mit besonderer Berück-
sichtigung der Dogrnengeschichte. 6. und 7. 4"ufl. Freiburg 1921.
Sämtliche Schriften des hl. Basilius d. Gr. (Sämtliche Werke der Kirohe.nväter aus
dem Urtexte iil das Deutsche übersetzt. Bd. 19-26.) Kempten 1838-1842.
Schäfer J.; Basilius' des ·Großen Beziehu.ngen ztim Abendlande. Ein Beitrag
zur Geschichte des 4. Jahrh. nach Chr. Münster 1909.
Schermann Th., Die Gottheit des HI. Geistes nach den griechischen Vätern
des 4. Jahrhunderts. Eine dogmengei!ch. St.udie. (Straßb. Theol. Studien
IV, 4-5.) Freiburg 1901.
Scholl E., Die Lehre des hl. Basilius von der Gnade. Freiburg 1881-.
Schwane J., Dogmengeschichte. II 2; Freiburg 1895. ·
Seeberg R., Lehrbuch der Dogmengeschichtc 12 und II2. Leipzig1908 u. 1910.
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Vacant A. et Mangenot E., Dictionnaire de theologie catholique, II. Paris
1905 p 441_:455_
Weiß H., Die großen Kappadozier Basilius, Gregor von Nazianz und Gregor
von Ny'ssa als Exegeten. · Ein Beitrag zur Geschichte der Exegese. Brauns-
berg 1872.
W i ttig ·J., Leben, Lebensweisheit und Lebenskunde des hl. Metropoliten Basilius
· d. Gr. von .Cäsarea. (Ehrengabe deutscher Wissenschaft; herausg. von
F. Feßler. Freiburg 1920 S. 617-638).
Die Schrift.an des hl. Basilius zitiere ich nach der ersten l\faurineraus.
gabe. Paris 1721-30, 3 Bc(e., besorgt von J. Garnier und· Pr. Maran. Die
Seitenzählung dieser Ausgabe ist auch in dem späteren Nachdruck Paris 1839
und bei Migne P. gr. 29-32 angegeben.
Eine leider durch , viele· Druckfehler verunstaltete Sonderausgabe des•·
8. Briefes mit englischer Übersetzung ist erschienen unter dem Titel: 'l'he eighth
letter of St.. Basil the Great, in Greek and English, translated by B. Jackson.
Oxford 1905.·
Außerdem zui:n 2. Teile:
Butler C., The Lausiac history of Palladitis. (Texts and studies VI.) 1-II
Cambridge 1898-1904,
Frankenberg W., Euagrius Pontikus. (Abh. · der Kg!. Gesellsch. der Wissensch.
zil 'Göttingen. · Phil.-hist. Klasse N. F. XIII, 2.) Berlin 1912.
Gallandi A.; Bibliotheca veterum patrum. VII. Venedig 1.770.
Greßmann H., Nonnenspiegel und Mönchsspiegel des Euagrios Pontikos.
(Texte und Unters. 3. Reihe IX, 4.) Leipzig 1913. ·
Zöc.kler O, Evagrius Pontikus. (Biblische und kirchenhist. Studien 4.) Mün-
chen 1893.
Einleitung.
1. Wichtigkeit des 8. Briefes.
Unter den Briefen des hl. Basilius steht als Nr. 8 (früher als
Nr. 141) ein Schriftstück mit der Überschrift: An die Cäsareer,
Verteidigung wegen der Flucht und über den Glauben. Es beginnt
mit den Worten IIoV.6.xtr; N)avµaaa.
Dieser Brief ist ohne Zweifel einer der wichtigsten aus der
ganzen Sammlung von 365 Briefen, die unter dem Namen des hl.
Basilius zusammengefaßt sind. Da er in seinem Hauptteil gegen
Arianer und Pneumatomachen gerichtet ist und daher fast ganz
dogmatisch-polemischen Charakter hat, so ist er von recht grofüer
Bedeutung für unsere Kenntnis von den Lehranschauungen des
Verfassers, jedenfalls von grö.ßerer Bedeutung als etwa der Brief-
wechsel zwischen Basilius und dem Rhetor Libanius oder der Brief-
wechsel zwischen Basilius und Apollinaris von Laodizea, zwei
Briefgruppen, über deren Herkunft in letzter Zeit viel gestritten
worden ist.
Der 8. Brief wird demgemäß besonders oft zitiert, auch aus
dem Grunde, weil man manche darin ausgewrochene Lehre sonst
bei Basilius vergebens sucht. Wenn D. Petavius über die „negativen
Attribute Gottes" handelt, so kommt er immer wieder auf den
8. Brief des hl. Basilius zurück 1). Wenn Holl 2) oder Seeberg 3)
die Trinitätslehre des gro.ßen Kirchenvaters darstellen will, wenn
Böhringer 4) oder Klose 5) in einet· Monographie üher den hl. Basilius
dessen Glaubensanschauungen darlegt, wenn Fialon 6) den hl. Basilius
schildern will als Philosophen und Theologen, wenn Bethune-
Baker 7) die Bedeutung von ova{a und <pvatr; bei Basilius feststellen
1) Dogm. theol. De deo 1 2 c 6-8 Venedig 1745 I p 105-122; er macht
einmal die vorsichtige Bemerkung: ,, Wenn Basilius dieses wirklich ge-
schrieben hat ... " a. a. 0. c 7, 5 p 111.
2) Amphilochius von Ikonium S. 122-158.
B) Lehrb. der Dogmengesch. II2 S. 115-127.
~) Basilius von Cäsarea S. 62-90. 5) Basilius der Gr.... S. 21-52.
6) ~tude hist. et litt. .... p 227-284.
7) The meaning of homoousios in the „Constantinopolitan" creed. Textsand stu-
dies vol. 7, 1 Cambridge 1901 p 51.
Melcher, Der 8. Brief des hl. Basilius. 1
2 Einleitung.

will, wenn· Schermann 1) die Zeugnisse für die Gottheit des HI. Geistes
bei den Kirchenvätern des 4. Jahrh. sanimeln will, immer wieder greifen
sie auf diesen Brief zurück. Wenn Nager 2) untersucht, welche
Auffassung der hl. Basilius vom oµoovaw(; gehabt habe, so ist ihm
dieser Brief die einzige Quelle dafür. Turrpel 3) hat es. schon als
auffallend empfunden, daß Basilius auf eine hier geäußerte Ansicht
nienials später zurückgekommen sei. J. M. Schröckh 4) spricht
von „Einfällen" des hl. Basilius und meint, dieser müsse seinen
dort niedergelegten Standpunkt schon bald geändert haben. Um
die Abweichungen des Briefes von den sonstigen Schriften des hl.
Basilius zu erklären, weisen Holl 5) und Fialon 6) darauf hin, daß
wir es hier mit einer seiner frühesten Schriften zu tun hätten, daß
der Verfasser sich später von solchen Anschauungen frei ge-
macht hätte .
. Vor allem eine Stelle des Briefes, in der die Eucharistie in
symbolischem Sinne aufgefaßt wird 7), hat von jeher besondere Auf-
merksamkeit gefunden. Die Druckausgabe der Briefe des hl. Basilius
und des hl. Gregor von Nazianz 8) vom Jahre 1528 greift in der
Vorrede 9) einzig diesen Brief heraus und deutet an, daß die eucha-
ristische Stelle im Kampfe mit den .Oekolampadiern und Münze-
ranerh" eine wichtige Rolle spielen könne. :Mit der Erklärung
dieser Stelle haben sich dann die Mauriner in ihrer Praefatio zum
.3. Bd. 10) abgemüht, und noch heute sucht die Dogmatik zur Ehren-
rettung des hl. Basilius diesen Worten einen rechtgläubigen . Sinn
zu geben 11). Diese Stelle kehrt in fast allen dogmengeschichtlichen
und ähnlichen Werken wieder, so bei Harnack 12), bei Rauschen 13)
u. a., auch in theologischen Nachschlagewerken 14). Sie allein hat
es verschuldet, daß . man den hl. Basilius bezüglich seiner Lehre
über die Eucharistie ohne weiteres unter die Symboliker gerechnet
hat 15). Triumphierend wird verkündigt, daß es .für römische Er-

1) Die Gottheit des HI. Geistes ... S. 89-145.


2) Die Trinitätslehre des hl. Basilius d. Gr. S. 48. _
3) Histoire de la theol. posit. depuis l'origine jusqu'au concil de Trente. Paris
1904 p 42. 4) Christi. Kirchengesch. 13. Teil 2. Ausg. Leipzig 1802 S. 32 f.
5) Amphilochius. von Ikonium S. 250 Anm.
6) Etude hist. et litt.... p 251. 7) n 4 p 84 A.
S) Basilii M. et Gregorii Naz. theologorum epistolae Graecae . . . Ed. V. Ob-
sopoeus Haganoae 15.28. 9) A IV..c.VI. 10) § 7, 3 III. p XXX.
11) Siehe z. B. Chr. Pesch, Prael. dogm. VI 4 Freiburg 1914 p. 295.
12) Lehrb. der Dogmengesch. II S, 459. 13) Grundriß der Patrologie S. 166.
14) z. B. Dictionn. de theol. cath. V Paris 1913 p 1148.
16) So L. J. Rückert, Das Abendmahl. Sein Wesen und seine Geschichte. Leip-
zig 1866.. S. 350 Anm.; noch schärfer G. E. Steitz, Di_e Abendmahlslehre
der griech. Kirche in ihrer geschieht]. Entwickl. II. Jahr!!, für deutsche
Theol. X 1865 S. 127-129.
2. Echtheit der anderen Schriften des hl. Basilius. 3

klärer nicht leicht sei, Stellen zu zitieren, die ebenso deutlich die
weniger geistige Auffassung des Genusses verträten" 1).
Wenn dem 8. Briefe solche Bedeutung beigelegt wird, so ist
eine gründliche Untersuchung seiner Echtheit gewifü am Platze.

2. Echtheit der anderen Schriften des hl. Basilius.


Wenn man andere Schriften des hl. Basilius zur Vergleichung
heranziehen will, so kann man sich bezüglich deren Echtheit im
großen und ganzen nach dem Urteil der Mauriner richten 2).
Ihr Verwerfungsurteil über das 4. und 5. Buch gegen Eunomius
ist jetzt,-wohl allgemein angenommen. Der von ihnen als unecht
angesehene Isaiaskommentar ist nach J. Wittig 3) die nachträgliche
Niederschrift von Vorträgen des hl. Basilius. Da das geistige Eigentum
des Redners sich nicht von den Zutaten des Naehschreibers sondern
läßt und die Schrift für die vorliegende Untersuchung nur ganz wenig
bietet, mag von der Benutzung abgesehen werden.
Von den Homilien, die die Mauriner als unecht verworfen
haben, sind letzthin doch mehrere, die dem Zweck dieser Arbeit
dienen könnten, für Basilius reklamiert worden, m. E. mit Unrecht.
Die Predigt In Christi s. generationem 4) wird von H. Usener 5) als echt
verteidigt. Indessen beschäftigt sie sich meistens mit der Lösung von Fragen, die
fast ganz außerhalb des Gesichtskreises des hl. Basilius lagen. Die Stimmung
seiner Zeit kennzeichnet der Verfasser mit den Worten: ,,Die Magier verehren,
die Christen dagegen untersuchen, wie Gott im Fleische ist und in was für
einem Fleische, und ob der angenommene Mensch ein vollständiger oder ein
unvollständiger ist" 6). Die vielen Anmerkungen in der Spezialausgabe von
J. B. Carpzov 7) verraten zu wenig historischen Sinn, um etwas beweisen zu
können. Für die Homilie Adversus eos, qui per calumniam dicunt, dici a
nobis tres deos B) ist neuerdings Holl 9) eingetreten. Aber die Schrift ist der-
maßen weitschweifig, mit allen Mitteln der Rhetorik aufgeputzt, sie geht so
leicht mit hochtönenden Redensarten über die Sache selbst hinweg, daß Basilius
nicht der Verfa~ser sein kann. Auch J. Wittig 10) führt mehrere bisher ver-
worfene Homilien, wenigstens in ihrem Kern, auf Basilius zurück; dieselben
haben aber für die vorliegende Untersuchung keine Bedeutung.
Über die Echtheit der aszetischen Schriften, besonders der
kleineren Abhandlungen, herrscht keine volle Klarheit 11). Dem ge-
1) Jackson, St. Basil p 118 I note 2.
2) Siehe z. B. Bardenhewer, Gesch. der altk. Lit. III S. 137 ff.
S) Des hl. Basilius d. Gr. Geistliche Übungen auf der Bischofskonferenz von
Dazimon 374/5 im Anschluß an Jsaias 1-16. (Bresl. Stud. zur bist. Theol. I)
Breslau 1922. 4) II p 595 E-603 D.
5) ReligionBgesch. Unters. I Das Weihnachtsfest 2. Aufl. Bonn 1911 S. 249 f.
6) n 6 II p 602 E. 7) Basilii M. Oratio de humana Christi generatione ...
Helmstadii 1757. B) II p 609A - 612E.
9) Amphilochius von Ikonium S. 143 Anm. 10) Leben ... S. 617-638.
11) Vgl. Bardenhewer, a.a. 0. S. 140-145, dem ich mich im wesentlichen anschließe.
1•
4 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hL Basilius.

ringsten Verdachte unterliegen die Moralia samt den beiden un-


mittelbar vorhergehenden Abhandlungen De judicio dei und De fide 1), ·
sowie auch die beiden Sammlungen von Mönchsregeln 2). Indessen
ist bei all diesen Abhandlungen eine spätere Überarbeitung und Er-
weiterung als möglich anzusehen. Die übrigen von den Maurinern
aufgenommenen, kleinen aszetischen Traktate sind wohl überhaupt
nicht aus der Feder des hl. Basilius geflossen 3). Holl 4) und Clarke 5)
wollen diese kleineren Schriftstücke doch wohl als echt gelten lassen,
nur mif Ausnahme der Poenae und der Constitutiones monasticae 6 r \
Von den 365 Briefen, die die Mauriner aufgenommen haben,
sind im Laufe der Zeit eine ganze Reihe mit gröfierer oder ge-
ringerer Wahrscheinlichkeit als fremdes Gut bezeichnet worden,
sodafa die Unechtheit eines weiteren Briefes nichts besonders Auf-
fallendes haben würde 7). Hervorgehoben sei besonders, dafi die
Briefe 189 (gehört Gregor von Nyssa) und 361--364 (Briefwechsel
mit Apollinaris von Laodizea) sicher als unecht zu betrachten sind.

Erster Teil.
Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.
1. Kapitel.
Handschriftliche Überlieferung.
Die frühesten Druckausgaben der Werke des hl. Basilius, z. B.
von Grofienhain 1528 8), Basel 1532 und 1551, Paris 1618 und
1638, machen über die zugrunde gelegten Handschriften keine An-
gaben, die irgenq.wie wesentlich wären.
Die Mauriner geben in einer Vorbemerkung an, welche Hand-
schriften sie für die Briefe überhaupt benutzt haben 9). Besonders
kommen in Betracht 7 Handschriften, fast alle aus dem 10.-12.
Jahrhundert, deren jede etwa 250-350 Briefe enthält, aufierdem
1) II p 213-318. 2) II p 335---,526.
B) Ähnlich urtent Morison, St. Basil and his rule p 15-19.
4) Enthusiasmus und Bußgewalt ... S. 157 Anm.
5) St. Basil the Great p 63~79. 6) II p 526-582.
7) Siehe dazu die gute Zusammenstellung bei Bardenhewer a. a. 0. S. 154-157
und bei Schäfer, Basilius' d. Gr. Beziehungen zum Abend!. S. 4-7; bei
beiden auch die reiche Literatur.
B) Haganoae; nicht Hagenoae = Hagenau, wie vielfach irrtümlich zitiert wird.
9) III p CXCII. Vgl. auch Loöfs, Eustathius von Sebaste S. 3 Anm.; J. A. Fa-
bricius-Harles, Bibi. qraeca ed. nova tom. IX Hamburg 1804 p. 12 annot. v
/ und p 56-58.
1. Handschriftliche Überlieferung. 5

eine Reihe von Handschriften, deren jede nur weniger Briefe enthält.
Aus den Anmerkungen zum 8. Briefe ersieht man, dafü dieser sich
nur in zweien von all diesen Handschriften vorgefunden hat 1). Das
ist immerhin auffallend, denn z. B. für den 9. Brief oder für den
Briefwechsel zwischen Basilius und Libanius standen 7 bzw. 9 Zeugen
zur Verfügung 2).
Die Handschriften der Mauriner aufzuspüren, ist eine etwas
mühsame Arbeit. Die eine derselben war ein Codex Harlaeanus
aus dem 10. oder 11. Jahrhundert mit 249 Briefen. Loofs 3) be-
merkt dazu: ,,Steht im Catalogue of the Harleian Mss. in the British
Museum 1808--:-1812 nicht mehr." Indessen gehört ein Codex Har-
laeanus nicht zu der Bibliothek von Robert oder Edward Harley, die
im Britischen Museum in London ist und die Codices Harleiani um-
faßt, sondern zu der Bibliothek der französischen Familie Achille de
Harlay. Diese Sammlung kam später an die Abtei von St. Ger-
main-des-Pres und 1795 an die Bibliotheque Nationale in Paris 4).
Man mufü also die Handschrift nicht in London, sondern in Paris
suchen. Bei Omont 5) ist nun ein Kodex vermerkt ,,Supplement
grec n 1020. S. Basilii epistulae 196." Derselbe stammt aus dem
11. Jahrhundert und gehörte früher zur Bibliothek von St. Germain
und davor zur Sammlung Harlay. Trotz der Differenz in der Zahl
der Briefe ist anzunehmen, dafü es der von den Maurinern benutzte
Kodex ist.
Diese Vermutung ist zur Gewifüheit geworden durch die Fest-
stellungen von H. Bessieres, der neuerdings die handschriftliche Über-
lieferung der Basiliusbriefe eingehend untersucht hat 6). Aus seinen
Angaben 7) geht hervor, dafü der genannte Paris. 1020 Suppl. wirklich
den 8. Brief enthält.
Die Differenz bezüglich der Zahl der Briefe scheint auf dem Zusammen-
treffen von mehreren Versehen zu beruhen. Der Band enthält weder 249 Briefe,
wie die Mauriner sagen, noch 196, wie 0mont angibt, sondern 296. Die
Zahl 196 bei 0mont wird (lateinische Ziffern!) auf einem Druckfehler bzw.
Lesefehler beruhen. Die Mauriner dagegen haben wohl den 5. und 6. Brief,
die durch Ausfallen eines Blattes verschwunden sind, nicht mitgezählt und sind
so auf 294 gekommen; daraus wird durch einen Druckfehler 249 geworden sein.

1) III p 81 annot. b: ,, . . . duo codices Mss. Plures non habuimus." Vgl. III
p 82 annot. c.
2) III p 91 annot. h und III p 453 annot. e. 3) a. a. 0. S. 3 Anm.
4) Siehe dazu z. B. A. Franklin, Les anciennes bibliotheques de Paris I Paris
1867 p 122-124; H. 0mont, Inventaire sommaire des manuscrits Grecs de
la Biblioth. Nat. et des autres biblioth. de Paris et des depart, J' Paris 1886
p XXVII. 5) a. a. 0. III .Paris 1888 p. 331. -~
6) La tradition manuscrite ... (siehe Literatur-Verzeichnis).
7) vol. 21 p 50; vol. 22 p 131,
6 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl, Basilius,

Bessieres hat diejenigen Handschriften untersucht, die mehr als


100 Basiliusbriefe enthalten; er kennt deren 27. In keiner anderen
von diesen als nur dem Paris. 10.20 Suppl. findet sich der 8. Brief.
Besonders auffal]end ist eine Vergleichung dieser Handschrift mit zwei
nahestehenden Familien 1). Dabei ergibt sich nämlich, dafü die weitaus
meisten Briefe des Paris. 1020 S. in den beiden anderen Gruppen
stehen, dafü 34 in einer dieser Gruppen fehlen und dafü ·nur 6 in
beiden Gruppen fehlen. Dieses Sondergut des Paris. 1020 S. setzt
sich zusammen aus einem Briefe von Libanius, vier Briefen, die
zwischen Basilius und Apollinaris von Laodizea gewechselt sein
sollen, und dem 8. Briefe. Dieser befindet sich also ausschliefülich in
Gesellschaft von Schriftstücken, deren Echtheit sehr unwahrscheinlich,
zum mindesten sehr bestritten ist. Das ist ein starkes Argument
gegen die Echtheit des 8. Briefes.
Als zweite für den Brief benutzte Handschrift nennen die Mau-
riner einen Codex Regius, ohne ihn aber näher zu bezeichnen. In
der Vorbemerkung 2) geben sie an, daf.i sie für die Briefe überhaupt
4 Codices Regii benutzt hätten, nämlich n .2293, 2897, 2896, 2502.
Nach der jetzigen Zählung müssen es sein Fonds grec n 506, 967,
970, 1327 3). Die beiden ersten enthalten den Brief nicht, was sich
schon aus Bessieres 4) erkennen läßt. Einer brieflichen Auskunft der
Bibliotheque Nationale verdanke ich die Mitteilung, dafü auch in <ler
dritten Handschrift der 8. Brief nicht enthalten ist 5), wohl aber in der
vierten, dem Codex Paris. 1327, und zwar fol. 387-394. Die Hand-
schrift bringt von Basiliusbriefen nur solche dogmatischen Charakters.
Sie ist aber nicht etwa ein Auszug aus dem oben genannten Paris.
1020 S., denn sie enthält auch Stücke, die in diesem fehlen.
Die Angaben bei Omont II p 8-10 sind wieder irreführend. Denn er
gibt für f~l. 3 78.:._444 der Handschrift iediglich an: ,,Ejusdem (sc. Ba.silii) ad
Amphilochium epistulae dogmaticae 26." Unter _diesen könnte der 8. Brief
nicht enthalten sein, da er ja an die Cäsareer gerichtet ist. Indessen wird der
aufmerksame Leser der Notiz bei Omont nicht trauen; denn Basilius hat an
Ampbilochius überhaupt keirie 26 Briefe geschrieben. In Wirklichkeit heißt
auch die handschriftliche Notiz in dem Kodex: :rr120,; :4µ,p,J.6xwv, e:rrlaxo:rrov
'Ixovlov, ,:{q rov 'POV E'PEQ)'Sta - xat emaroJ.ai cJorwxuxai x,; 1• Die Worte „an
Amphilochius" gehören also nicht mehr zu dem zweiten Ausdruck, unter dem
dogmatische Briefe an verschiedene Adressaten zusammengefaßt sind.

1) Der Gruppe Bo Bu mit 8 Vertretern und der Gruppe Bz mit 2 Zeugen;


vol. 22 p 130-132, 2) III p CXCII,
3) Siehe Omont a. a. 0. I p 65; p 187; p 188f.; II p 8-10. DiedritteNum-
mer der Mauriner 2896 beruht offenbar auf einem Druckfehler für 2986;
denn der Regius 2896 ist jetzt Fonds grec 956 und enthält keinen Brief von
Basilius, während für de,n Regius 2986 =Fonds grec 970 die Angaben der
Mauriner stimmen. 4) vol. 21 p 30-31; p 33-34.
5) Bessieres hat diese dritte und vierte Handschrift nicht untersucht, weil beide
weniger als 100 Briefe enthalten.
2. Angaben des Briefes über den Verfasser. 7

Die Suche nach handschriftlicher Bezeugung des 8. Briefes hat


also bei den Maurinern wie auch bei Bessieres nur diese beiden
Zeugen zutage gefördert, was bei der überaus reichen Bezeugung
der meisten anderen Briefe sehr verdächtig ist. Gewifü ist es möglich,
dafü doch noch die eine oder andere Handschrift 1) an versteckter
Stelle das Schriftstück aufweist. Indessen würde das für die Frage
nach der Echtheit des 8. Briefes keine wesentliche Bedeutung haben.
In den wichtigsten und reichhaltigsten Sammlungen fehlt der Brief.

2. Kapitel.
Angaben des Briefes über den Verfasser,
Die Überschrift und die Einleitung 2) geben gewisse Andeutungen
über den Absender und Empfänger des Briefes. Aber diese Be-
merkungen sind zu allgemein gehalten, als dafü daraus ein sicherer
Schluß auf bestimmte Personen gezogen werden könnte. Die Über-
schrift heifüt: An die Cäsareer, Verteidigung wegen der Flucht und
über den Glauben. In der Einleitung drückt der Verfasser sein Er-
staunen darüber aus, dafü die Adressaten so sehr nach ihm ver-
langen. Er ist von ihnen geflohen und weilt schon einige Zeit fern
von ihnen. Der Grund dafür hat zunächst in seinem Erschrecken
über den „unvermuteten Vorfall" (ro &b6x17roy) gelegen, sodann in
seiner Sehnsucht nach den göttlichen Lehren. Jetzt hat er Gregor
gefunden und will noch eine kurze Zeit ausbleiben, um den segens-
reichen Verkehr mit den Heiligen zu geniefüen.
Man kann sich von der zugrunde liegenden Situatio11 nicht
mit Sicherheit ein klares Bild machen.
Tillemont 3) und Dupin 4) haben den Brief dahin verstanden,
dafu der Verfasser aus der Stadt in die Einsamkeit geflohen sei.
Sie meinen, Basilius habe als Priester in Cäsarea sich vielleicht
mit seinem Bischof nicht verstehen können und sei daher zu seinen
Genossen in die Wüste geflohe·n; von da aus habe er dann die;en
Brief an die Bewohner von Cäsarea gerichtet. Ramsay 5) sieht die
Sachlage ähnlich an.
Dagegen haben die Mauriner eine ganz andere Auffassung
aufgebracht, die dann fast herrschend geworden ist. Sie stützen
sich auf den Satz: oUyoy ~piY, naeaxaÄw, oUyov avyxwe~aau: xe6vov,
alrov,ud}a · ov T'YJV ev rat~ n6Äeat btaretßfJv aana(6µevot, ... aÄl,a
T'Yj'JJ OV'JJTVXfo'JJ T'YJV 7l(!O~ WV~ ayfov~ E7lW<pEAij pa.Ätara X(!fvO'JJTE~ 6).

1) die Bessieres wegen der geringen Anzahl von Basilinsbriefen übergangen hat.
2) n 1 p 80 D-81 C. 3) Memoires ... p 125-127.
4) Nouv. Bibliotheque des auteurs eccl. II nouv. ed. Utrecht 1731 p 158.
5) Basil of Caesareia p 59. 6) n 1 p 81 D.
8 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

Sie fassen diesen Satz in dem Sinne: "Gewährt uns bitte noch
eine kurze Zeit, wir bitten darum, nicht als ob wir den Aufenthalt
in den Städten liebten, ... sondern weil wir den Verkehr mit den
Heiligen für so nützlich halten" 1). Der Briefschreiber, nach der
Meinung der Mauriner Basilius, wäre also aus seiner Einöde im
Pontus in eine Stadt zu Gregor geflohen und schrieb von dort aus
an seine verlassenen Mitbrüder den vorliegenden Brief. Der „un-
vermutete Vorfall", der den Briefschreiber zur Flucht bewog, soll
dann die anderweltig 2) bezeugte Tatsache sein, dafi Dianius von
Cäsarea, der väterliche _Freund des hl. Basilius, im Jahre 360 die
homöische Formel von Nize unterschrieben hat 3).
Diese Hypothese der Mauriner hat Anklang gefunden. Was
sie nur vermutet und als· möglich hingestellt haben, wird vielfach ·
als feststehende Tatsache genommen, so von Böhringer 4), Fialon 5),
Jackson 6), Farrar 7), Johnston 8) u. a.
Gegen· diese Deutung der Mauriner, dafi der Brief von der
Stadt aus an die Einsiedler gerichtet sei, sprechen aber die gewich-
tigsten Gründe. ·
Die Empfänger haben den Schreiber zurückzugewinnen gesucht, indem
sie ihn an Freundschaft und Vaterland (bzw. Heimat, na,e{c;) erinnerten. Und
von all den Gütern des geistHchen Lebens, die das Aszetentum ihnen bot, sollten
sie nichts erwähnt haben V
Der Briefschreiber hat sich entfernt, weil er Sehnsucht nach den gött-
lichen Lehren und der Philosophie über diese! ben haite; er will einige Zeit
ausbleiben, da er den Verkehr mit den Heiligen für so nützlich hält; so hofft
er, eine nicht leicht wieder. zu verlierende Geneigtheit (Gewandtheit, ll;,c;) zu
solchen Lehren zu erlangen 9). So etwas konnte unmöglich jemand an Mönche
schreiben, die doch das Einsiedlerleben als besten Boden für die Beschäftigung
mit den göttlichen Lehren _und der. Philosophie betrachteten 10).
Der Brief erinnert an die Gefahren des Stadtlebens 11). Die Mauriner
. meinen, ein solcher Hinweis wäre Mönchen· gegenüber sehr gut am Platze
gewesen, um sie vor der. Rückkehr in die Welt zti bewahren 12). Aber eine
solche Bemerkung läßt sich noch besser verstehen, wenn sie an Stadtbewohner
gerichtet ist.
Die Gleichsetzung des „unvermuteten Vorfalles" mit der Kunde von der
Unterzeichnul).g des Dianius .ist eine reine Vermutung, die durch keinerlei
positive Gründe gestützt wird, Die starken Ausdrücke des Briefes: ,,Ich verlor

1) p 80 annot. e. 2) Ep 51, 2 III p 144A-C.


B) Vita S. Basilii c 7; 2 III p LVII. 4) Basili us von Cäsarea S. · 15 f.,
5 ) Etude, hist. et litt. . . . p 67. 6) St. Basil p XVIII und p 115 note 3.
7) Lives of the fathers II p 22.

8) The book of St. Basil ... p XXXVII und p LVII. 9) n 1 p 81 A-C.


10) Siehe z. B. Ep 210, 1 III p 313E; Ep 2, 2 III p 71C-72D; Ep 9, 3 III
p 91D; Ep 4 III p 760; Ep 223, 2 III p 337B-D. Was er unter „Philo-
sophie" meistens versteht, siehe unten S. 11. 11) n 1 p 81 B.
12 ) p 80 D annot. e; der Hinweis auf einen ähnlichen Gedanken in Ep 42, 4
III p 128 CD ist hinfällig, weil dieser Brief unecht ist.
3. Glaube und Wissen. 9
die ruhige Besinnung, wie diejenigen, welche durch plötzliches Getöse auf
einmal erschreckt werden" 1) passen auch schlecht auf eine Mitteilung, die der
Briefschreiber erhalten habe, sondern lassen viel eher an ein äußeres Ereignis
denken, das ihn unmittelbar berührt hat. Auch der 51. Brief 2), in dem Basi-
lius sehr ausführlich über sein Verhältnis zu Dianius und über dessen Unter-.
zeichnung sich ausspricht, erwähnt nichts von der hierdurch angeblich veran-
laßten Flucht, von einer längeren Abwesenheit und einer Stellungnahme
Gregors in dieser Sache.
Unter jenem Gregor verstehen die Mauriner dann den Vater des
„Theologen". Aber dieser hat selbst die gleiche Formel unterschrieben. Wenn
das auch vielleicht, wie die Mauriner meinen, erst etwas später geschehen ist,
so muß er doch von Anfang an auf einem ähnlichen Standpunkt gestanden
haben wie Dianius, und dann konnte Basilius in dieser Angelegenheit bei ihm
wahrhaftig keinen Rat und Trost finden, konnte ihn nicht mit solchen Lob-
sprüchen überhäufen, wie er es im 8. Briefe tut.
Daher kann der Brief nicht, wie die Mauriner wollen, an die
verlassenen Einsiedler gerichtet sein. Der Briefschreiber - wer
auch immer es gewesen sein mag - wird vielmehr aus der Stadt
in die Einsamkeit, "zu den Heiligen," zu einem Gregor geflohen
sein und richtet nun ein Trost- und Mahnwort an die verlassene
Gemeinde. Der oben griechisch zitierte Satz hat dann den Sinn:
„Gewährt uns noch eine kurze Zeit, wir bitten darum, weil wir
den Aufenthalt in den Städten nicht lieben, ... sondern den Verkehr
mit den Heiligen für sehr nützlich halten." (Allerdings sollte man
- das rnufü zugegeben werden - dann nicht erwarten ov div . ..
biaretß~v aana(611svoi, sondern r~v ... bwreiß~v ov (oder ;1~) aana-
(6µsvoi; aber auch die erste Form kann wie oben übersetzt werden.)
Die dem Briefe zugrunde liegende Situation läßt sich also
nicht in der Weise, wie die Mauriner es wollen, in das Leben des
hl. Basilius einfügen. Irgendwelche andere Tatsachen in seinem
Leben, auf die sich die Andeutungen des Briefes ungezwungen be-
ziehen lassen könnten, kennen wir nicht. Als ein Argument für
die Verfasserschaft des hl. Basilius können die Angaben der Ein-
leitung daher nicht gelten.

3. Kapi1el.
Glaube und Wissen.
a) Im 8. Briefe.
Gegen die Abfassung des 8. Briefes durch den hl. Basilius
sprechen innere Gründe der verschiedensten Art.
Das Schriftstück betont auffallend stark die verstandesmäßige
Seite der Religion. Gläubige Erkenntnis ist dem Verfasser alles.
Immer kehren die Worte wieder {}swe{a, {}swesT1•, {}swerinu6,;, {}sTa
{}swe~µara, {}fia b6yµara, voii;, vosiv, vorir6,;, yvwat,;, <pt1.oaoip{a u. ä.
1) n 1 p 81A. 2) III p 143 D-144 B.
10 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

Dabei wird ein scharfer Trennungsstrich gezogen zwischen


geistiger Erkenntnis und sinnlicher Erfahrung; beide Gebiete werden
auffallend. stark voneinander geschieden. Wenn auch die Möglichkeit
offen gelassen wird, da& ,,aus der Schönheit der Geschöpfe durch
Schlufüfolgerung der Schöpfer erkannt wird" 1), so stützt sich doch die
Verstandestätigkeit nicht etwa auf die Sinnlichkeit als auf ihre
Grundlage, sondern ist ganz selbständig: ,,Niemand soll uns vor-
werfen und sagen: »Du kennst nicht einmal da-;, was vor deinen
Füfüen liegt, und philosophierst uns etwas vor über das körperlose
und ganz immaterielle Wesen.« Denn ich halte. es für unsinnig,
wenn man die Sinne ungehindert mit ihren eigenen Gegenständen
angefüllt werden liefüe, aber den Verstand allein von der ihm eigen-
tümlichen Betätigung abhalten wollte. Denn wie der Sinn sich
auf die sinnlichen Dinge wirft, so der Geist auf die geistigen" 2).
Der Verfasser spinnt den Vergleich noch ,veiter aus: ,, Gleichwie
unsere Sinne, wenn sie etwas erleiden, nur der sorgsamen Pflege
bedürfen und dann leicht ihre eigene Betätigung ausüben, so bedarf
auch unser Verstand, der an das Fleisch gebunden ist und mit
Vorstellungen, die daraus hervorgehen, erfüllt ist, nur des Glaubens
und des rechten Lebenswandels; diese beiden machen seine Füfüe
schnell wie die des Hirsches und stellen ihn auf das Hohe" (vgl.
Ps 17, 34) 3). Die Beeinflussung, die der Geist von der Sinnlich-
keit im weitesten Sinne erfährt, wird hier also geradezu mit einer
krankhaften Störung der Sinnesorgane verglichen.
Der im Vorstehenden berührte Gedanke, dafü die Sinnlichkeit
nur eine Fessel, ein Bleigewicht für den Geist ist, kehrt mehrmals
wieder: ,,Unser Verstand ist noch grob und an die Erde gebunden
... und · kann noch nicht die unverhüllte Anschauung geniefüen" 4).
Andererseits enthält der Brief gar keine Gedanken moralischen
Charakters. Doppelt auffallen müfüte das, wenn es sich hier um
ein Schreiben des hl. Basilius an die Einsiedler handelte. Bei diesen
hätte es nahe gelegen, sie nicht nur vor Irrlehren zu. warnen und
über den Glauben zu belehren, sondern sie auch zur Übung aszeti-
' scher Tugenden, zur Frömmigkeit, zum Beten, zur Zurückgezogen-
heit, zur Demut zu ermahnen. Aber ein sittlich guter Lebenswandel
wird nur erwähnt gewissermafüen als Vorbedingung für die tiefere
Auffassung und Verarbeitung der Glaubenslehren: ,, Wegen der
Reinheit eures Lebenswandels vertraue ich zu Gott, da& ihr Frucht
bringen werdet, dreißigfach, ja sechzigfach, ja hundertfach" 5). ,, Wir
1) n 12 p 90A; vgl. auch n 7 p 86A.
2) n 12 p 89 CD. 3) n 12 p 89DE. 4) n 7 p 86A; vgl. p 860.
5) n 12 p 89 B; nach dem Zusammenhang sind mit den Früchten nicht gute
Werke gemeint, sondern eine vertiefte Gla.ubensauffassung.
3. Glaube und Wissen. 11

werden sie (die Urbilder, die überweltlichen Güter) schauen, wenn


wir unser Leben gut einrichten und für den rechten Glauben be-
sorgt sind, ohne ,velche Dinge niem 0nd den Herrn sehen wird" 1).
Der Briefschreiber begnügt sich nicht damit, die Glauhens-
lehren darzulegen und ·aus der Schrift zu beweisen. Aus all seinen
Ausführungen hört man immer wieder die Freude an der Speku-
lation heraus. Was ihn von seinem bisherigen Aufenthaltsorte in
die Fremde fortgelockt hat, das war neben anderem auch „die
Sehnsucht nach den göttlichen Lehren und nach der Philosophie
über dieselben" 2). Er suchte jemanden, der ihn „zu der höchsten
Philosophie führt" 3). Den jetzigen Verkehr mit den Heiligen schätzt
er deshalb besonders, weil er nun GelPgenheit hat, über die gött-
lichen Lehren zu sprechen und noch häufiger darüber zu hören 4).
Oft bezeichnet „Philosophie" bei Basilius eine einfache, beschauliche
Lebensweise, auch das christliche Leben und besonders das Aszetentum; siehe
z. B. Ep 186 III p 267 C; Ep 210, 1 III p 313 E; Ep 4 III p 76 C; Sermo
asceticus II (unecht?) 1 II p 323 E. Über den Gebrauch bei gleichzeitigen
Kirchenvätern siehe Hörmann, Unters. zur griech. Laienbeichte S. 18 Anm. 5
und Diekamp, Die Gotteslehre des hl. Gregor von Nyssa S. 47 f. Hier scheint
es aber doch im heutigen Sinne gebraucht zu sein und eine tiefere Erkenntnis
zu bezeichnen, wie die Verbindung mit „göttliche Lehren" und der Inhalt des
ganzen Briefes nahe legen.
Die Empfänger des Briefes mahnt der Verfasser nicht etwa,
sie sollten den Glauben, sondern sie sollten die Erkenntnis bezüglich
des Glaubens rein bewahren 5 ). Nachdem er seine weitläufigen und
oft recht subtilen Auseinandersetzungen über das Trinitätsgeheimnis
beendigt hat, fügt er im Schlufüwort nicht etwa die Mahnung hinzu,·
man solle sich treu. an sein Wort halten, sondern er vergleicht seine
Worte mit Samenkörnern, die noch aufsprossen, sich entwickeln und
Frucht bringen sollen; er betont, dafü er von seinen Belehrungen
auch Zinsen erwarte 6). Wenn er zwar einmal die „Weisheit von
aufüen" für die Quelle der Irrlehre erklärt 7) und die Gegner be-
zeichnet als "gewappnet mit der törichten Weisheit" 8), so verliert
er sich doch selbst in die feinsten Unterscheidungen spekulativen
Denkens.
Auch die Himmelsseligkeit faßt der Briefschreiber ganz intellek-
tualistisch auf. Immer gebraucht er Ausdrücke wie genaue Er-
kenntnis der Gedanken Gottes, immaterielle Gnosis, Anschauung der
Gottheit selbst, jene Gnosis, nach der (über die hinaus) es keine
andere mehr gibt 9). Von den sekundären Gütern des Himmels,

1) Ibd. C; vgl. auch auf S. 10 Mitte den Schlußsatz der da zitierten ,Stelle.
2) n 1 p 81 A. 3) n 1 p 81 B. 4J n 1 p 81 BC. 5) n 2 p 81 C.
6)n12p89AB. 7)n2p81C. 8)n7p86E.
9) Besonders n 7 p 85 B-86 D.
.,
12 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

Freiheit von Schmerz und Trauer, Fülle der Freude und des Trostes,
Gemeinschaft mit Engeln und Heiligen u. dgl. sagt er kein Wort.
_Er scheint solche Gedanken geradezu ausschliefüen zu wollen; denn
er sagt auffallend scharf: ,,Nichts anderes müfüt ihr unter dem
Himmelreich verstehen als die wahre Erkenntnis der Dinge, die von
der Schrift Seligkeit genannt wird. ,,Denn das Himmelreich ist in
euch« (vgl. Lc 17, 21). Bezüglich des inneren Menschen gibt es
aber nichts anderes als Erkenntnis. Also in der Erkenntnis besteht
offenbar das Himmelreich" 1). Dafü es bezüglich des inneren Menschen
auch noch etwas anderes gibt als nur Erkenntnis,. nämlich Richtung
des Willens auf das Gute, Liebe zu Gott, Stand der Gnade usw.,
davon klingt auch nicht der leiseste Gedanke durch.

b) Bei Basilius.
In all diesen Fragen bietet uns Basilius ein wesentlich anderes
Bild 2). Bei ihm spielt die Erkenntnis durchaus nicht die alles andere
überragende Rolle im geistigen, speziell im religiösen Leben. Schon
die Worte fJeweta, yvc'iJat; usw. kommen bei ihm nicht auffallend oft
vor. Als Ziel des Christentums bezeichnet er nicht etwa die Er-
kenntnis der Wahrheit oder die Erkenntnis Gottes, sondern „die
Nachfolge Christi gemäfü seiner Menschwe.rdung" 3). Auf die Frage
„mit w,elcber Gesinnung man Gott dienen müsse", antwortet er nicht
mit einem Hinweis auf das Streben nach Erkenntnis, sondern mit
dem Satze: ,, Eine gute Gesinnung ist ein inniges, unersättliches,
festes und unveränderliches Verlangen, Gott zu gefallen" 4). Im
Schlufükapitel der Moralia schildert_ er in knappen, markigen Zügen
das Idealbild des Christen. An die Spitze stellt er die Sätze: ,,Was
ist das Kennzeichen ·des Christen? Der Glaube, der durch die Liebe
wirksam ist." In der ganzen Ausführung geht er dann mit wenigen
Sätzen über den Glauben hinweg; um so ein-gehender wird aber das
sittliche Leben des Christen geschildert, Liebe zu Gott, Liebe zum
Nächsten, Abgestorbensein für die Sünde, Erneuerung des inneren
Menschen, Reinheit des Leibes und der Seele, würdiger Empfang
der Eucharistie, Andenken an den Tod Christi, wahre Gerechtigkeit,
Wandel in Gottes Gegenwart, Erwartung des Gerichtes 5). Ahnliche
Aufüerungen, in denen dem sittlichen Leben mindestens die gleiche
Bedeutung wie dem Gebiete des Erkennens, oft sogar ein gewisses
Übergewicht zugeschrieben wird, finden sich immer wieder bei ihm,
nicht nur in seinen erbaulichen Homilien und besonders in seinen
1) n 12 p~ 89 B. 2) Fialon, Etude hist. et litt.... p 228-230.
3) Moralia interr. 43, 1 II p 389 E-390 A.
4) Reg. brev. tract. interr. 157 II p 467 E.
5) Moralia reg. 80 1 22 II p 317 D-318 C.
3. Glaube und Wissen. 13

Briefen 1), sondern auch in seinen dogmatischen Werken 2). Wenn


er mahnt, ,,das ganze Leben lang an Gott zu denken" 3), oder „in
der Übung der Aussprüche des Herrn dahinzuleben" 4 ), so zeigt der
Zusammenhang, dafü hier ein vVandeln in Gottes Gegenwart gemeint
ist. Wenn er Weisheit, Verstand und Erkenntnis preist 5), so meint
er damit die Lebensweisheit des Christen.
Bezeichnend ist in dieser Beziehung die Exegese des hl. Basilius.
Wenn die Gegner sich auf Jo 10,4 „Ich bin der gute Hirt ... und
die Meinen kennen mich" stützen, um daraus die volle Begreiflichkeit
Gottes zu schliefüen, so versteht er dieses „Kennen" gar nicht von
der Erkenntnis Gottes, sondern fa§t es im moralischen Sinne: ,, Siehe,
wie Gott erkannt wird: dadurch, dafü wir auf seine Gebote hören
und sie dann auch befolgen. Das ist die Erkenntnis Gottes, die
Beobachtung der Gebote Gottes ... Es genügt dir zu wissen, dafi
er ein guter Hirt ist, dafü er sein Leben für seine Schafe hingegeben hat.
Das ist das Ziel (oder die Grenze, öeoc;) der Gotteserkenntnis" 6). In
ähnlichem Sinne nimmt er die Bezeichnungen Christi als Weg J o 14, 6 7 )
und als Tür Jo 10, 7 8). Selbst in Bibelworte, die offenbar von der
theoretischen Erkenntnis Gottes, sei es durch natürliche Vernunft, sei
es durch Glauben, handeln, legt Basilius fast immee Gedanken an
das sittliche Leben hinein, so in die Stellen Röm 1, 20 9) und
i Cor 13, 9 10).
Die neun Homilien über das Sechstagewerk bieten gewif.i viel
Belehrendes über Schöpfung und Schöpfer. Aber das Wissen über
Gott und Natur ist dem Verfasser niemals eigentlicher Zweck, sondern
bei allen Darlegungen kommt er immer wieder hinaus auf die Be-
wunderung der Macht und Weisheit und liebenden Vorsehung Gottes,
auf dankbare Liebe zu dem Geber alles Guten, auf Nutzanwendungen
für die Lebensführung des Christen 11).

1) Siehe z. B. Horn. in Ps 28 n 2 I p 115 B-E; Horn. in illud attende tibiipsi


6 II p 22 A-E; Horn. de grat. act. 2 II p 26 E-27 B; Horn. de fide 3 II
p 133B; Horn. ins. baptisma 5 II p 117D; Ep 9,1 III p90B; Ep175III
p 262D-263A; Ep 276 III p 421B; Ep 277 III p 422AB; Ep 292 III
p 431 B-b.
2) C. Eun. 1, 27 I p 238 A; De Spir. s. n 1 III p 2 CD; ibd. n 23 III p 20 C;
ibd. n 35-36 III p 29 D-30 A.
3) Ep 236 III p 450 B. 4) Ep 296 III p 434 B.
5) Horn. in princ. prov. II p 97 D-113 B.
6) Horn·. in Marnantern rnart. 4 II p 188 BC.
7) De Spir. s. n 18 III p 16A. 8) De Spir. s. n 17 III p 15 A.
9) Horn. 3 in Hex. 10 I p 32 E. 10) Ep 235, 3 III p 360 A.
11) Siehe z. B. Horn. 1 in Hex. 9 I p 9 E-10A; ibd. 10 I p 10 D; ibd. 11 I
p 11 D; Horn. 2 in Hex. 8 I p 21 E. Auch die 7. u. 8 Homilie sind reich
an solchen Gedanken.
14 I. Der 8, Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.
Die auf dem Glauben sich aufbauende Spekulation ist niemals
das Lieblingsgebiet des hl. Basilius gewesen 1). Er war in seiner
Jugendzeit sehr wohl ih die Tiefen der weltlichen Wissenschaften
eingedrungen, und Gregor von Nyssa sagt von ihm: ,,Er hat in seiner
Jugendzeit sich den ägyptischen Reichtum angeeignet, hat ihn Gott
dargebracht und hat mit solchem Reichtum das wahre Zelt der Kirche
ausgeschmückt" 2). Aber in Wirklichkeit hat Basilius diesen .ägyp;..
tischen Reichtum" fast nur angewandt, wenn er etwa über die
Schöpfungslehre sprach; auf das Gebiet der eigentlichen Theologie
dagegen hat er diese Kenntnisse nur sehr selten und mit äufüerster
Vorsicht übertragen 3).
Nicht die theologische Spekulation, sondern Kirchenlehre und
Schriftlehre sind die Stärke des grofüen Bischofs. Gegen alles, was
darüber hinausgeht, zeigt er mindestens immer ein gewisses Unbehagen
und eine vor-sichtige Zurückhaltung. .Er verschmäht es zuerst mit auf-
fallender Konsequenz, Eigenes aus eigener Seele hinzuzufügen" 4).
Das Werk gegen Eunomius hat er offenbar nur höchst ungern ge-
schrieben 5), das Werk über den HI. Geist dagegen mit Lust und
Liebe 6). Denn in der Schrift gegen Eunomius mußte er sich auf das
Gebiet der Spekulation begeben, muf.ite den verschlungenen Gedanken-
gängen und dialektischen Spitzfindigkeiten des Gegners nachgehen;
in letzterem Werke dagegen wollte er aus Schrift und Kirchenlehre
den Glauben über den HI. Geist darlegen. In den Briefen 233-'-235 7)
behandelt er eingehend die Frage der Gotteserkenntnis. Aber in diesen
Briefen weht auch nicht ein Hauch von dem Geiste des 8. Briefes;
nicht das Bewußtsein von der sieghaften Kraft des Geistes waltet
da vor, sondern eine fast an Skeptizismus grenzende Zurückhaltung.
Eine Predigt über den Glauben leitet er ein mit den Worten: ,, Immer
an Gott denken, ist fromm, . . . aber mit Worten die Wahrheiten
über Gott auseinandersetzen ist verwegen" 8). Bei Hehr 11, 6 betont
Basilius immer wieder, nicht die Erforschung des Wesens Gottes
1) Vgl. zum Folgenden K. Unterstein, Die natürliche Gotteserkenntnis nach der
Lehre der kappadozischen Kirchenväter Basilius, Gregor von Nazianz und
Gregor von Nyssa. II. Progr. des k. human. Gym. Straubing 1902-03, beson-
ders S. 63-70.
2) De vita Moysis. Migne P. gr. 44, 360 C.
3) Th. L. Shear, The. influence of ,Plato on Saint Basil. Diss. Baltimore 1906
weist das ausführlich nach. Vgl. dazu auch A. Dirking, Tertullian und Basi-
lius d. Gr. (Theol. und Glaube, Bd. 4. 1912. S. 189-201). A. Dirking,
S. Basilii Magni de divitiis et paupertate sententiae, quam habeant rationem
cum veterum philosophorum doctrina. Comm. phil. Münster 1911. K. Gronau,
Poseidonius, eine Quelle für Basilius' Hexahemeros Braunschweig 1912.
4) Wittig, Leben ... S. 637; vgl. S. 632-638. 5) C. Eun.' 1, 1 p 207 A-'-208 A.
6). De Spir. s. n t-2 III p 1 A-3 C. 7) III p 355 D -360 C.
8) Horn ..de fide 1 II p 130D; vgl. Horn. in Mamantem mart. 4 II p 1880.
3. Glaube undlWissen. 15
führe zum Himmel, sondern das Bekenntnis seines Daseins 1). Er
kennt auch den in der damaligen Literatur häufig vorkommenden
Gedanken, dafü man noch nicht einmal die irdischen Dinge erkennen
könne, also sicher nicht die überweltlichen. Aber er weist diesen
Gedanken nicht als falsch zurück, wie es im 8. Briefe geschieht,
sondern führt ihn selbst als Einwurf gegen Eunomius ins Feld, um
aus der Unzulänglichkeit unserer irdischen Kenntnisse die Unmög-
lichkeit einer vollen Gotteserkenntnis darzutun 2).
Die theologischen Ausdrücke und Stichwörter, wie nol'Y}µa,
yivv'Y}µa u. ä., die nicht in der Bibel vorkommen, sondern in der
Disputation allmählich ausgebildet wurden 1 ist Basilius immer geneigt
zu verwerfen. Er sah eben in den Ausdrücken der HI. Schrift keine
„Samenkörner", aus denen man hundertfältige Frucht aufsprieEien
lassen sollte, wie der 8. Brief es auffafüt. ,, Es genügt uns, jene
Namen zu bekennen, die wir von der HI. Schrift gelernt haben, und
die Neuerung in betreff derselben zu vermeiden. Denn unser Heil
besteht nicht in der Auffindung von Namen, sondern in dem gesunden
Bekenntnis bezüglich der Gottheit, an die wir geglaubt haben" 3).
Wenn diese Ausdrücke gut wären, meint er, hätte der HI. Geist sie
nicht verschwiegen 4). Selbst wenn sie folgerichtig aus den Bibelworten
· sich ergeben 5), wenn sie am besten seinen eigenen Ansichten zu ent-
sprechen ~cheinen 6), will er sie doch Heber vermieden wissen 7).
Das oµoovawr;; hat Basilius immer verteidigt und als Bekenntnisausdruck
verlangt; aber er beruft sich dabei weniger auf die innere Berechtig·ung
und Richtigkeit dieses Wortes als vielmehr auf die Autorität des
Konzils, auf das Ansehen der versammelten Väter, denen man folgen
müsse 8), auf den HI. Geist, der sie erleuchtet habe 9). Wenn neue
dogmatische Fragen auftauchen, so möchte er am liebsten der ganzen
Erörterung vön vorneherein ein Ende machen 10); die „Einfachheit des
Glaubens" steht ihm höher als die weitere Entfaltung der Offen-
barungs lehre.

1) z.B. Ep 234,2 III p 358A; C. Eun. 1,14 I p 227A; ibd. n 12 I p 224D.


2) C. Eun. 1,12 I p 225A und n 13 p 225E; ähnlichC.Eun3,6Ip277B-D;
Ep 313 III p 443 E.
3) Ep 175 III p 263 A.
4) C. Eun. 2, 2 I p 239 C; ganz ähnlich wiederholt, z. B. C. Eun. 3, 7 I p 278D.
5) C. Eun. 2, 7 I p 243B; vgl. ibd. n 8 I p 243DE.
6) C. Eun, 1, 5 I p 215A.
7) In diesem Sinne wird die Frage geradezu programmatisch behandelt in dem
aszetischen Traktat De fide, besonders n 1-2 II p 224 A--225 C, der aber
nur mit Vorbehalt als echt zu gebrauchen ist.
8) z. B. Ep 52, 1 III p 145 AB.
9) Ep 114 III p 207 BC; siehe darüber weiter unten S. 40 f.
10) Ep 258, 2 III p 393 D.

1 •
16 i. Der 8. Brief, nicht ein. Werk des hl. Basilius.

Man könnte vielleicht mit den Maurinern meinen; Basilius hätte den
8. Brief sehr früh geschrieben, und während dieser Zeit der Weltabgeschieden-
heit unter den Mönchen hätte er seinem spekulativen Geiste noch freien Spiel-
raum gewähren können; erst später, mitten im Gewirr der theologischen Kämpfe,
wäre er infolge von Anfeindungen und Mißdeutungen vorsichtiger geworden;
Aber einerseits bietet der 8. Brief gar nicht das Bild einer weltfremden Kloster-
einsamkeit, wohin die Wellen der Glaubenskämpfe nicht gereicht hätten; im
Gegenteil, Verfasser und Empfänger stehen offenbar mitten in dem Gewühl
dogmatischer Streitigkeiten. Andererseits haben wir gar keinen Grund, in Basi.-
lius eine solche Entwicklung anzunehmen. ,,Alles, was wir aus seinem Leben
wissen, (trägt) den Charakter des reifen Man_nesalters" 1). Die vorsichtige Zu-
rückhaltung der späteren Jahre finden wir auch schon au_snahmslos in jener
ersten Periode. Ob Basilius die Gründe beschreibt, die ihn selbst zum Ein-
siedlerleben geführt haben 2), ob er in begeisterten Worten das Mönchsideal
preist.B), ob er seinem Freunde Gregor das Leben und Streben der Mönche
schildert 4) 1 ob er genaue Lebensregeln fiir seine Genossen aufstellt 0): niemals
finden wir ein freudiges Eingehen auf die tiefere Erforschung der Glaubens-
wahrheiten, niemals ein Hervorheben des Studiums,· der Erkenntnis, der Er-
leuchtung, sondern höchstens eine Warnung vor dem unvorsichtigen Grübeln
über die göttlichen Geheimnisse 6),
Über das letzte Ziel des Menschen, besonders die ewige Selig-
keit, hat Basilius oft gesprochen 7). Die Ansicht, dafü das Ziel des
Menschen in der buar~µ'YJ bestehe, erwähnt er einmal als Meinung
der Philosophen; aber ·er weist sie ausdrücklich zurück und erklärt,
· das wahre Ziel des Menschen sei „das selige Leben in der Ewig-
keit; dieses wird dadurch vollendet, dafü wir von Gott beherrscht
werden" 8). Meistens spricht er von der Seligkeit in allgemeinen
Ausdrücken, wie Verherrlichung bei Gott, ewige Krone, ewige
Ruhe, ewiges Leben, Freuden der Engel, himmlische Güter usw. 9).
Wenn er das Leben bei Gott nach seinen verschiedenen Richtungen
hin zerlegt, so nennt er „die Betrachtung der Schönheit Gottes"
oder „das Verständnis der Geheimnisse" immer nur al~ eines unter

1) Wittig, Leben ... S. 617. 2) Ep 223, 2 III p 337 B-D.


3) Ep 22 III p 98D-101C; vgl. Ep 207,2 III p 310E-311A; Ep 295 III·
p 433 D. 4) Ep 21 2-4 III p 71 C-73 D.

5) Prooemium in reg, brev. tract. II p 413 B; Reg. brev. tract. interr. 157 II
p 467 E-468 A; Moralia reg. SO, 22 II p 317 D; Reg. fus. tract. interr.
5, 3 II p 342E.:....343D.
6) Siehe besonders die Schrift De fide II p 223 C-230 A, die mit Wahrschein-
lichkeit als echt anzusehen ist In der Ep 223, besonders n 3 III p 338 CD
und n 5 III p 339 E-340 A spricht er_ zwar von der Erörterung theolo-
gischer Fragen unter. den Mönchen, geht aber auffallend leicht darüber
hinweg. ·
7) Vgl. hierzu Scholl, Die Lehre des hl. Basilius von der Gnade, S. 222-2.33.
8) Horn. in Ps 48 n 1 I p 177 A. ·
9) z. B. Horn. 2 in Hex. 5 I p 17 D; Reg. fus. tract. interr. 2, 4 II p 339 C;

Horn. in 40 martyres 4 II p 151 D-152 B; De Spir. s. n 40 III p 34· BC,


4. Abstufungen der Erkenntnis. Allegorische Exegese. 17

den vielen Gütern, die den Seligen zuteil werden 1). Die Vervoll-
kommnung des Willens zur vollendeten Heiligkeit wird sogar er-
wähnt, ohne daß die höhere Erleuchtung des Verstandes überhaupt
genannt wirt.1 2). Kurz, eine so starke, alles andere ausschließende
Betonung dei- Anschauung Gottes, wie der 8. Brief sie enthält, sucht
man bei Basilius sonst vergebens.

4; Kapitel.
Abstufungen der Erkenntnis. Allegorische Exegese.
a) Im 8. Briefe.
Verschiedentlich klingt im 8. Briefe eine merkwürdige Unter-
scheidung durch zwischen niederei:n und höherem Sinn der Bibel,
zwischen einfacher und geistiger Erkenntnis, ja zwischen verschiedenen
Stufen der Gottesoffenbarung, wie wir sie bei Basilius niemals finden.
Von der Unkenntnis des Herrn über den Zeitpunkt des Ge-
richtes (Mc 13, 32) heißt es zunächst, daß der Herr diese Unkennt-
nis „vorschütze" (olxovoµeiv) mit Rücksicht auf die Menschen, um
den Guten nicht eine zu lange Prüfungszeit ·in Aussicht zu· stellen,
oder um die Bösen nicht mutlos zu machen durch den Gedanken,
daß sie keine Zeit mehr zur Buße hätten. Dann aber wird eine
neue Erklärung mit folgenden Worten eingeleitet: ,,Das möge nach
der ersten Auffassung gröber (naxvueov) gesagt sein. Aber man
muß nun noch höher ({np1JÄ6ieeov) den Sinn der Stelle erforschen
und an die Türe der Gnosis klopfen, ob ich vielleicht den Haus"".
herrn aufwecken kann, der die geistigen Brote den Bittenden gibt,
da es ja Freunde und Brüder sind, die wir sättigen wollen" 3).
Diese Worte scheinen anzudeuten, daß in der nun folgenden
Erklärung eine ~gewisse Geheimlehre oder doch eine höhere Auf-
fassung dargeboten werden soll, die nicht für die Allgemeinheit,
sondern nur für einen kleineren Kreis von Eingeweihten bestimmt
wäre. Darauf deutet schon die Gegenüberstellung „gröber - höher"
hin 4), sowie der Ausdruck .die geistigen Brote" (wohlgemerkt mit
dem Artikel, offenbar mit Bezug auf Lc 11, 5). Auch das Bild von
der Türe der Gnosis legt den Gedanken nahe, daß die nun folgende
1) Horn. in Ps 114 n 5 I p 203 A; De Spir, s. n 23 III p 20 C; vgl. Horn. in
mart. Julittain 7 IIp 41A.
2) De Spir. s. n 35 III p 29 E; ähnlich. von den Engeln ibd. n 38 III p 31 E.
S) n 6 p 85AB.
4) Allerdings hat der Brief n 2 p 81 D auch die Bemerkung: ,,Man muß be-
kennen,. daß der Vater Gott ist und der Sohn Gott und der HI. Geist Gott,
wie die HI. Schrift und diejenigen, welche. diese höher ({np11J,6ueov) verstanden
haben, lehren." Diese Worte zeigen, daß man den Ausdruck {11p11Mueov in
der obigen Stelle nicht in seiner Tragweite überschätzen darf.
Me I c her , Der 8. Brief des hl, BasHius. 2
18 I. Der 8, Brief, nicht ~in Werk des hl. Basilius.

Erklärung nicht jedem zugänglich sei, sondern nur solchen, denen


der Hausvater öffnet. Der Hinweis · auf die Freunde und Brüder,
die belehrt werden sollen, verstärkt diesen Eindruck; Fremden würde
also dieses geistige Brot, diese höhere Auslegung nicht geboten werden.
Im Anschlufü an diese einleitenden Worte gibt der Brief dann
eine weit ausgeführte, höhere Erklärung von der Unkenntnis des
Herrn. Danach bedeutet der Tag des Gerichtes die Erkenntnis der
Gedanken Gottes, die Stunde bedeutet die Anschauung der evd, ,ea1
µova.,, also die Anschauung Gottes selbst als des höchsten Wesens.·
Weil nun Christus, soweit sein irdischer Lebenswandel in Betracht
gezogen wird, jenes höchste Wesen nicht ist, so kann die Schrift
sagen, dafü er jene höchste Anschauung nicht hat, weil bei Gott
Sein und Wissen identisch ist 1).
Auffallend ist bei dieser Exegese maucherlei. Zunächstsind alle Begriffe
ihres .natürlichen Sinnes entkleidet und allegorisch verstanden; Gericht und
Enge der Welt, Tag und Stunde sind ganz in bildHchem Sinn genommen. Die
Auferweckung am jüngsten Tage (Jo 6, 40) wird dahin aufgefaßt, daß der
jüngste Tag als „die Gnosis, nach -welcher (über welche hinaus) es keine andere
mehr gibt," erklärt wird. Die Auferweckung ist dann „der. Übergang von der
materiellen Erkenntnis zur immateriellen Anschauung" 2).
Auffallend ist zweitens, daß bei .der allegorischen Exegese alles auf das
Gebiet des Erkennens hin umgedeutet ist. Andere Seiten des religiösen Lebens,
wie Gnade oder sittliche Vervollkommnung oder Glückseligkeit, treten ganz
zurück, werden geradezu ausgeschlossen.
Auffallend ist drittens, daß die Erkenntnis der Menschen und der Engel
und in etwa auch die Offenbarung von seiten Gottes in vielfacher Weise ab-
gestuft ist: ,,Stunden und Zeiten fasse nicht sinnlich wahrnehmbar auf, sondern
itls ·gewisse Unterschiede (Stufen) der Gnosis, die von der geistigen Sonne be-
wirkt werden" 3). Es ..wird unterschieden zwischen der genauen· Erkenntnis
der Gedanken Gottes und der Anschauung der lvac; na/ µov&.c; 4). Bei Christus
muß man die Rücksicht auf die Menschwerdung, die gröbere Anschauung, die
nur in bezug auf uns und nicht in bezug auf den ·sohn selbst verstanden wird,
unterscheiden von der Betrachtung des Logos. Nach jener Hinsicht ist er der
Erstling und· nicht das Ende 5),· nach dieser ist er selbst das Ende und die
höchste SeHgkeit 6). Christi Reich ist die materielle Gnosis, das Reich. des

1) n 7 p 85 B'-86.D.
2) n 7 p 85 E, Der Brief. erwähnt noch zweimal die Auferstehung, n 11 p 88 CD
und n 12 p 89 C, ohne allerdings deutlich auszudrücken, ob der. Verfasser
diesen Ausdruck nur im wörtlichen oder auch im bildlichen Sinne gelten läßt.
B) n 7 p 86 C. 4) p 85 B.
5) p 86 B: a:n:aex~ OJV xai ov dJ.09, xa1:a 1:~V :n:axvdeav, ci>c; frp11v, /JtlfoaxaUav,
{jnc; ci>c; :n:eoc; ~µii.c; xat ov neoc; av,ov 1:0V vlov {}swesi-rat.
6) p 85 DE: lau /Je xa/ o WV[!tO<;' ~µwv xa/ av1:o, 1:0 dloc; xat ~- tax&.,11 µaxaeufr11c;,
xa1:a 1:~v 1:0ii ).6yov t:n:lvotav. Fialon, der immer dem hl. · Basilius eine ge-
wisse Neigung zu subordinatianischer Trinitätslehre beizulegen sucht, will
auch diese Darlegung des·8. Briefes für seine Auffassung in Anspruch nehmen
(Etude hist. et litt .... p 251). Aber der Briefschreiber spricht in der ganzen
Ausführung von Christus in· seiner Erniedrigung; den Logos stellt er, wie
der 'in dieser Anmerkung zitierte Satz zeigt, ausdrücklich auf gleiche Stufe
mit dem Vater.
4. Abstufungen der Erkenntnis. Allegorische Exegese. 19
Vaters aber ist die immaterielle Anschauung, sozusagen die Anschauung der
Gottheit selbst 1 ). In den Evangelien zählt Christus sich selbst zu den Un-
wissenden, in der Apostelgeschichte aber nimmt er sich von den Unwissenden
aus 2). Da sind die Apostel Vollkommene, sie sind jenseits der Anschauung,
wie sie in dem Menschen ist 3).
Besonders merkwürdig ist eine Äußerung über die Engel. Auch sie
wissen nicht den Tag noch die Stunde, sie sind ja nicht das höchste Ziel, ihre
Erkenntnis ist ja von gröberer Art im Vergleich mit der Erkenntnis von An-
gesicht zu Angesicht 4). Daß ihre Erkenntnis später, etwa am Ende der Welt,
erhöht werden würde, ist mit keinem Worte angedeutet.
In ähnlicher, allegorischer Weise wie diese Stelle Mc 13, 32
wird auch die eucharistische Verheifmng J o 6, 58 "Wer mich ißt,
der wird leben um meinetwillen" erklärt: ,, Wir 5) essen sein Fleisch
und trinken sein Blut, da wir durch seine Menschwerdung und sein
sinnlich wahrnehmbares Leben 6) teilhaftig werden (oder teilhaftig
geworden sind) des Logos und der Weisheit 7). Denn mit Fleisch
und Blut bezeichnete er seinen geheimnisvollen Lebenswandel, und
damit meinte er seine Lehre, die aus praktischer und physischer
und theologischer besteht, durch welche die Seele genährt und zur
Erkenntnis der jetzigen Dinge befähigt wird."
Der Gedankengang des Verfassers ist folgender. Er hat vor-
her die Stelle Jo 6, 58 „Ich lebe um des Vaters willen" erklärt
und gegen die mißbräuchliche Ausdeutung derselben durch die
Arianer behauptet, diese Stelle beziehe sich gar nicht auf das Leben
des Logos, sondern auf das menschliche Leben Christi. Daß dieses
Leben gemeint ist, fährt er fort, geht auch daraus hervor, daß die
unmittelbar anschließenden Worte „Wer mich ißt, der wird leben
um meinetwillen" doch auch nicht vom vorweltlichen Leben Christi,
sondern nur von seinem Leben im Fleische gemeint .sein können.
Denn "mich essen" ist dasselbe wie "mein Fleisch essen und mein
1) n 7 p 85 D. 2) n 6 p 85 A. 3) n 6 p 85 A; n 7 p 85 B.
4) n 7 p 85 CD: ov/Je ~ SV avwir; {}eweia xai ol }.6yo, 'l"WV /5,axov,äiv elat 'CO eoxa-
wv O(!BXU>V. IIavia ya(! xai win:wv 1/ yväimr;, ovyxeloe, 'fOV neoownov neor;
neoawnov.
fi) n 4 p 84 A: 'l(!d.>yoµev _yCJ.e av-rov 1:~v a&exa xai nlvoµsv aln:oV 1:0 alµa, xotvrovol
yiv61ievot 15,a i-fjr; ei,ai,{}ewn1aewr; xai ,fjr; ala{}'l,fir; i;wfjr; rnii 26yov xai i-fjr;
aorplar;. .:Eaexa yae xai alµa :;,:{foav aihoii .~v µvaux,71 1 e,ti','lµlav WVOftaOB xai
i-~v lx nea>euufjr; xal, rpvaixfjr; xai {}eol.oyixrjr; avvea,äia<tv /5,/JaaxaUav M12wae,
/Jt' {ir; i-esrpnat ,pvx~ xa/ neor; ,~v i-wv önwv dwr; {}ewelav naeaaxevai;ern,.
6) Batiffol (Etudes d'histoire II 2 p 257) übersetzt „gräce a l'incarnation et gräce
a la vie de l'esprit". Aber ala{}'l~or; kann man doch wirklich nicht über-
setzen mit de l'esprit ! Außerdem zeigt der Zusammenhang auf das deutlichste,
daß es sich hier gerade nicht um das geistige Leben des Logos, sondPrn um
sein sinnlich wahrnehmbares Leben handelt, das er infolge der Mensch-
werdung führte.
7) Jackson (St. Basil p 118) übersetzt „of His Word and of His Wisdom".
Dann müßte man avwii dabei erwarten; außerdem ist zu Äoyo, xai aorpla zu
vergleichen unten Kap. 9 am Ende.
2*
20 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des ht Basilius.

Blut trinken". Dieses geschieht aber dadurch, dafü wir des Logos
-und der Weisheit teilhaftig werden; denn Fleisch und Blut bezeich-
net seinen geheimnisvollen Lebenswandel und seine Lehre. Eine·
solche Verbindung mit dem Logos ist aber nur möglich auf Grund
der Menschwerdung und des sinnlich wahrnehmbaren Lebens Christi.
Also gelten die Worte Christi „mein Fleisch essen, mein Blut trinken,
mich essen" von seinem menschlichen Leben, und deshalb müssen
auch die vorhergehenden Worte „Ich lebe um des Vaters willen"
von seiner Menschheit verstanden werden.
Der Verfasser nimmt offenbar die eucharistischen ·verheitiungs-
worte Christi nicht in realistischem, sondern in symbolischem Sinne.
Dabei haben wir auch hier wieder die Tatsache, dafü die allegorische
Umdeutung der Begriffe auf das Gebiet des Erkennens hinzielt.
Der geheimnisvolle Lebenswandel, dessen wir teilhaftig werden, wird
umschrieben als Logos, Weisheit, Lehre, wobei letzterer Ausdruck
durch den Zusatz „die aus praktischer und physischer und theolo-
gischer besteht" noch krasser hervorgehoben und verdeutlicht wird.
Auch der Ausdruck „der wird leben um meinetwillen" wird in ähn-
licher Weise verstanden. Nicht das Leben der Gnade oder das der-
einstige selige Leben bei Gott findet der Verfasser in diesen Worten
ausgesprochen, sondern er umschreibt sie mit dem Satze „ die Seele
wird genährt und zur Erkenntnis der jetzigen Dinge befähigt".
Daß,sich in dieser Stelle eine symbolische Auffassung der Eucharistie-
rede des Herrn kundgibt, wird fast allgemein anerkannt. Steitz 1) sieht sogar
in dieser Stelle den Schlüssel für das Verständnis des Mysteriums· und seines
litu'rgischen Sprachgebrauchs und glaubt, daß nach dieser dogmatischen Inter-
pretation die liturgischen Ausdrucksweisen erklärt werden müßten. Auch
Böhringer 2) findet, daß „unter dem Essen und Trinken die geistige Aneignung
des ... geoffenbarten Logos verstanden" sei. Batiffol3) meint vorsichtiger, diese
Auffassung hätte den hl. Basilius zu einer symbolischen Formel der Eucharistie
verleiten können; ·er fügt aber gleich hinzu, daß man eine solche vergebens.
in seinen sonstigen S<ihriften suche 4). P. Schanz spricht von „Versuchen zu
einer spiritualistischen Erklärung nach Jo 6" 5), während Glaube rihd Lehre
ganz auf dem Bodl,Jn des Realismus ständeh6).

1) Jahrbücher für deutsche Theologie X 1865 S. _127-129.


2) Basilius von Cäsarea S. 1_12f. 3) Etudes d'h_istoire II2 p 258.
4) ·Ähnlich äußern· sich L .. J .. Rückert, Das Abendmahl, sein Wesen und seine
Geschichte in der alten Kirche. Leipzig 1856 S. 350; G. Rauschen, Grund-
riß der Patrologfo S. 166 u. a. Die fragliche Stelle fehlt auffallenderweise
ganz in den beiden großen Sammelwerken N. et A. Arnauld et E. Renaudot,
La perpetuite de la foi de Peglise cath .. touchant l'eucharistie. 1-IV. Nouv. ed.
Paris. 1704-171_1 und J. Corblet, Hist. dogm., liturg. et archeol.. du sacra-
meni de l'eucharistie. I--,,H Paris 1885-1886.
5) Die Lehre ~on den hl. Sakramenten der kath. Kirche Freiburg 1893 S.. 339.
6) Wenn. er von den Kirchenvätern mit ausdrücklicher Beziehung auf Basilius
Ep 8, 4 sagt: ,,Sie anerkennen durchaus, daß wir das Fleisch Christi essen
und sein Blut trinken", so ist .das doch wohl zuviel gesagt. Denn an dieser
4. Abstufungen der Erkenntnis. Allegorische Exegese. 21
Nur die Mauriner wollen in den Worten des Briefes doch den realen
Genuß des Leibes und Blutes Christi ausgedrückt finden 1). Eine symbolische
Auffassung kann nach ihrer Meinung der Verfasser nicht gehabt haben. ,,Si
carnem · et sanguinem Christi non re, sed sola fide sumeremus, absurdum dictu
esset, ·nos per hanc' carnem et sanguinem participes fieri verbi et sapientiae."
Eine solche Auslegung der Worte des Briefes wird dem Texte nicht gerecht.
Der Verfasser des Briefes sagt ja gar nicht, daß wir durch dieses Fleisch und
Blut teilhaftig würden des Wortes und der Weisheit, sondern das Kausal-
verhältnis ist bei ihm umgekehrt: Wir essen sein Fleisch und trinken sein
Blut, indem (oder da) wir des Wortes und der Weisheit teilhaftig werden.
Also die Aufnahme der Lehre Christi, die geistige Gemeinschaft mit dem Logos
wird bezeichnet mit den Worten „sein Fleisch essen und sein Blut trinken".

b) Bei Basilius.
Der Standpunkt des hl. Basilius auf diesem ganzen Gebiete ist
ein anderer. Seiner Gesinnungsart lag alles Übertriebene und Auf.ier-
gewöhnliche fern. In Glaube und Lehre strebte er stets nach ab-
gerundeter Klarheit der Gedanken und nach einer gewissen Ein-
fachheit der ganzen Weltanschauung. Mit nüchternem Blick be-
urteilte · er Welt und Menschen; er schaute stets auf das Ganze, die
Allgemeinheit und suchte einen gesunden Mittelweg, auf dem sich
alle zusammenfinden könnten. Seine Verhandlungen mit den Abend-
ländern zeigen solche Eigenschaften im hellsten Lichte. Diese Sinnes-
art finden wir bei ihm nicht nur in späterer Zeit, da er als Ver-
treter seines Bischofs und dann als Bischof selbst mitten im prak-
tischen Leben stand, sondern schon von Anfang an. Bezeichnend
ist es, daf.i gerade er es war, der mit dem früheren Einsiedlerleben
brach und das gemeinsame Leben der Mönche einführte, weil Gott
den Menschen zum Zusammenleben erschaffen habe 2). Dieser
Charakter des hl. Basilius wirkt unverkennbar nach, wenn wir bei
ihm in den oben erwähnten Fragen eine ganz andere Haltung finden,
als in dem 8. Briefe zutage tritt.

1. Geheimlehre.
Jedem Gedanken an eine Geheimlehre oder auch nur eine
höhere Auffassung, die lediglich · für Auserwählte bestimmt wäre,
Stelle wird durch den Partizipialsatz deutlich genug gezeigt, daß der Brief-
schreiber Fleisch und Blut nicht im wirklichen Sinne anerkennt, sondern
nur im bildlichen Sinne gelten läßt.
1) Praefatio § 7, 3 III p XXX. Verfasser der Praefatio ist Pr. Maran, der
Herausgeber des 3. Bandes, der in seiner ganzen Richtung weniger kritisch
ist als J Garnier, der die beide11 ersten Bände bearbeitet hat.
2) Reg. fus. tract. interr. 7, 1-2 II p 345C-346E; ähnliche Gründe führt er
an Ep 295 III p 433 A-C. Daß Basilius dieses Zusammenleben nicht nur
als Vorstufe, als Noviziat für das Eremitenleben angesehen hat, sondern wirk-
lich als das Ideal, weist im einzelnen nach Clarke, St. Basil the Great
p 109-113.
22 I. Der 8. Bdef, nicht ein Werk des hl. Basilius.

steht Basilius µnbedingt ablehnend gegenüber. - Die „Einfachheit"·


des Glaubens, di~ ,, ungekünstelte" Art einer Lehre sind in seinen
Augen immer eine besondere Empfehlung, ein gew_isser Beweis für
ihre Richtigkeit,· und wiederholt wirft er den Gegnern vor, daf.i sie
diese Einfachheit zu Unrecht für sich in Anspruch nähmen 1); Wenn
seine Gegner offen zugeben, daf.i sie vori der Ansicht der grof.ien
Menge abweichen, und wenn sie vorgeben, die Lehre der· "Heiligen"
fortzupflanzen, so findet eine solche Geheimtradifion einer kleinen
Gruppe vor seiqen Augen niemals Gnade 2). Er sieht darin keine
höhere Lehre oder „geistige Brote" für Freunde und Brüder", wie
der 8 .. Brief, sondern er gebraucht dafür Bezeichnungen wie "ge-
künst_elte und sophistische Reden" 3). Wenn es.sich darum handelt,
die Bedeutung eines theologischen Ausdruckes oder den Sinn eines
Schriftwortes festzustellen, so .sind ihm mafigebend "die allgemeine
Gewohnheit· und der Gebrauch der Schrift" 4) oder "der einfache
und ungekünstelte Glaube der Menge" 5) 'bder „die Auffassung eines
jeden, der es hört" 6).
Gewiß finden wir auch bei Basilius Ausdrücke wie z. B. ,,höherer Sinn 11 7)
.oder „geistige Auffassung" 8); aber damit ist dann die christliche Auffassung iin
Gegensatz zur jüdischen oder zur .buchstäblichen· Erklärung gemeint 9). Schon
als Mönch h-ai Basilius diese Geistesrichtung verkörpert. Vielfach galten ja· die
Mönche in vorzüglicher Weise als Pneumatiker, als Empfänger besqnderer
Erleuchtungen und: Hüter höherer Erkenntnisse, als Träger b_esonderer Gnaden-
gaben. Aber bei Basilius finden wir auch in seinen Schriften aus .der Mönchs-
. z.eit nichts von solcher Einseitigkeit und Überhebung. Nach seiner Auffassung
sollen nicht besondere Erleuchtungen und Geistesgaben den Aszeten charakte-
risieren, sondern eine gesteigerte Liebe zu. Gott in allen Handlungen, eine be-
sondere Treue in der Haltung aller Gebote; die konsequente Anwendung aller. _

1) C. Eun. 1, 1-4 I p 207 A-213 B; De Spir. s. _n 13 III p 10D.


2) C. Eun. 31 1 I p 272 A. S) ibd. p 271 E.
4) C. Eun. 21 8 I p 243 E; ibd. p 244 BC.
o) C. Eun. 31 1 I p 271 E; vgl. auch C. Eun. 11 8 I p 220 A; C. Eun. 2, 20 I
p 256A. .
6) C. Eun. 21 10 I p 245 C; vgl. zum Vorstehenden besonders De Spir. s. n 16 III
·_ p 13B-D; C. Eun, 1,3 I p 210D.
7) De Spir. s. n 18 III p 16 A. 8) ibd. n 52 III p _45 A.
9) Vgl. auch z., B. H<ini. in Ps 44 n 2 I p 159 D. Die viel erörterte Unter-
scheidung von· Jorµa-r:a, die verschwiegen, und ienevrµara, die verkündet
werden (De Spir. s. n -_66 III p 55 E-'-56 E) will. gar keinen Unterschied
zwischen verschieden·en Glaubenslehren machen ; die· Beispiele zeigen ja, daß _
es sich um. liturgische Gebräuche handelt; iene~'}'µaia sind dann die Vor~
schriften und Anweisungen für den Gottesdienst, die offen gegeben wurden,
Jorµaia der Sinn;· die Erklärungen, Bedeutungen; die eben den Katechumenen
· noch verborgen waren, Die Unterscheidung zwischen festgelegten Glaubens-
formeln und freien Glaubensmeinungen,._ wie Johnston (The book- _of St. Basil
the Great ... p 127 note) sie trifft, paßt gar nicht zu den Beispielen, die
Basilius anführt. ' ·
4. Abstufungen der Erkenntnis. Allegorische Exegese. 23
Mittel zum geistlichen Fortschritt 1). ,,Basilius sieht in dem Mönch nur den
wahren Xeuniav6,, der. ganzer Jünger Christi sein und nach den Vorschriften
des Evangeliums leben will" 2). Besonders auffallend tritt diese Grundstimmung
der aezetischen Schriften des hl. Basilius hervor, · wenn man das ägyptische
Mönchtum, das er sehr wohl kennengelernt hat3), zum Vergleich heranzieht;
in diesem spielt das Außergewönliche, fast Überspannte, das Wunderbare eine
ganz andere Rolle 4).

2. Exegese im allgemeinen.
Dieser Standpunkt des hl. Basilius zeigt sich auch in seiner
Exegese. W eif.i 5 ) sagt darüber zusammenfassend: ,, Basilius darf nicht
kurzweg unter das Gros der sogenannten Allegoristen verwiesen
werden; er steht vielmehr von allen orientalischen Kirchenvätern
des 3. und 4. Jahrhunderts den Antiochenern am nächsten, d. h.
auf der Schwelle zu einer nüchternen, noch heute gebräuchlichen
Interpretationsmethode." Mir scheint dieses Schluforteil nicht glücklich
formuliert zu sein. Nach der vorausgehenden Untersuchung von
'\Veif.i sollte man. erwarten, daf.i er den Abstand des Kirchenvaters
von den „ Allegoristen" viel schärfer betont hätte. An einer anderen
Stelle 6 ) urteilt Weif.i auch, daf.i Basilius mehr an die Antiochener
als an die _Alexandriner grenze 7).
Basilius hat sich wiederholt über die allegorische Exegese aus-
gesprochen. Er erwähnt, dara er deren Gesetze wohl kenne, dafü
er auf die Arbeiten anderer gestof.ien sei, welche den gewöhnlichen
Sinn der Bibel nicht annähmen 8). Aber jedesmal lehnt er soiche
Exegese in der schärfsten Weise ab 9).
Aber wie ist es denn zu erklären, daf.i Basilius oft der allegorischen
Exegese reichlichen Tribut gezollt hat? Einmal geht er bei Erklärung
von Ps 18, 2 näher auf die Sache ein und sagt, eine bildliche Aus-
legung könne man zwar als fein erdacht annehmen, aber nicht für
wahr halten; wenn eine solche Redeweise von verständigen Menschen
im bildlichen Sinne verstanden würde, so trage sie mit dazu bei,
den Schöpfer zu verherrlichen 10). Das gibt uns einen deutlichen
1) Siehe z. B. Ep 22 III p 98 D-101 C.
2) Holl, Enthusiasmus und Bußgewalt ... S. 158; vgl. S. 166. Zu ähnlichen
Ergebnissen kommen Hörmann, Untersuchungen zur griechischen Laienbeichte
S. 29-32 u. Morison, St. Basil and his rule p 23--30. 3) Ep 223, 2 III p 337 DE.
4) Siehe z. B. Clarke, St. Basil the Great p 118-119.
5) Die großen Kappadozier . . . als Exegeten S. 71. 6) Ebenda S. 66.
7) Dabei ist zu berücksichtigen, daß Weiß den stark allegorisierenden Kom-
mentar zu Isaias als echt ansieht.
8) Horn. 9 in Hex. 1 I p 80BC; vgl. Horn. 2 in Hex. 5 I p 17A; Horn ..3
in Hex. 9 I p 31 B; Horn. 9 in Hex. 1 I p. 81 A.
9) z.B. Horn. 2 in Hex. 2 I p 13B; ibd. p 140; ibd. n 4 I p 15O--D;
Horn. 3 in Hex. 9 I p 31 C,
10) Horn. 3 in Hex. 9 I p 31 DE. Weiß a. a, 0. erwähnt diese doch gewiß sehr
wichtige Stelle überhaupt niemals.
24 I. Der 8. Brief, nicht. ein Werk des hl. Basilius.

Fingerzeig für das Verständnis der exegetischen Grundsätze· des


hl. Basilius. Mit einer allegorischen Erklärung der Bibel ist er nur
. einverstanden, wenn sie geschieht zum Schmuck der Rede, zur Ein-
kleidung moralischer Gedanken in biblische Ausdrücke, zur An-
wendung biblischer Erzählungen auf das christliche Leben. Handelt
es sich dagegen um den W a'.hrheitsgehalt der Worte der HI. Schrift,
um dogmatische Beweisführung oder auch um Berichte historischen
Geschehens, so läßt er nur den einfachen, ursprünglichen Sinn der
Worte gelten 1). Daher kommt es auch, daß Basilius z. B. in seinen
Homilien über die Psalmen sehr häufig .allegorische Erklärungen
bietet, dagegen selten in denPredigten über das Sechstagewerk und
niemals in der Behandlung des Neuen Testamentes 2) •.
BöhringerS) bemerkt ganz richtig, daß die Homilien über die Psalmen
reich sind an allegorischen Schrifterklärungen; für eine solche Auslegung von
neutestamentlichen Stellen kann er dagegen nur einen Beleg anführen, und der
ist eben wieder dem 8. Brief entnommen. Auch wenn Holl 4) schreibt, daß
die. Kappadozier sich gerne mit der pneumatis!Jhen Exegese „über die Schwie·
rigkeiten der Auslegung hinweggeholfen'' hätten, so kann er für dieses „Hin-
weghelfen" aus Basilius nur eine Stelle anführen, und die steht im 8. Briefe.
Seeberg5) hebt noch mit Recht besonders hervor, daß man durch die Gegner-
schaft der arian ischen Gelehrten genötigt war, ,,wenigstens im wissenschaftlichen
Kampfe auf die Hülfe der allegorischen Exegese zu verzichten". Es ist also
nicht richtig, wenn z.B. Chr. Pesch 6) meint, daß Basilius oft neben dem wört.
liehen Sinn einen höheren Sinn gelten lasse; das kann etwa für die Erklärung
einer. Psalrustelle zutreffen, aber nicht für die in Frage stehende Auslegung
von Jo 6, 57 f.
Diese Haltung des hl. Basilius könnte in dem Werke gegen
Eunornius durch · die Rücksicht auf die Gegner hervorgerufen sein,
die eine allegorische Exegese überhaupt nicht gelten lie.ßen. Aber
auch Schriften, die sich an kirchliche Kreise, an Freunde richteten,
zeigen dieselben exegetischen Grundsätze, so z. B. die Schrift über
den HI. Geist, der Brief 260, in welchem Gen 4,, 15; Gen 4, 23 und
Lc 2, 35 erklärt werden, und der Brief 236, der besonders über die Bibel-
stellen handelt, d.ie Christus eineUnkenntnis über den Zeitpunkt desWelt-
endes beilegen. Gerade bei diesen letzteren Stellen hätte es doch nahe-
gelegen, sich durch allegorische Erklärung „über die Schwierigkeiten
der Auslegung hinwegzuhelfen". Aber Basilius wählt diesen Weg
nicht, sondern hält sich an den natürlichen Sinn der Worte. Wenn
in dem 8. Briefe für eine dogmatische Beweisführung Stellen des
Neuen Testamentes, sogar Worte des Herrn ganz allegorisch aus-

. 1) Ähnliches findet man z. B. bei Gregor von Nyssa; siehe Diekamp, Die Gottes-
lehre des hl. Gregor von Nyssa S. 30-32. 2) Vgl. Weiß a. a. o, S. 68.
S) Basilius von Cäsarea S. 116. 4) Amphilochius von Ikonium S. 256.
5) .Lehrbuch der Dogmengeschichte II2 S. 115.
6) Praelectiones dogmaticae VI4 Freiburg.1914 n 622.
4. Abstufungen der Erkenntnis. Allegorische Exegese. 25

gedeutet werden, dazu noch iti der Polemik gegen die Irrlehrer, so
finden wir dafür in sämtlichen Schriften des hl. Basilius keine auch
nur annähernd ähnliche Stelle.

3. Auferstehung.
Von der Auferstehung der Toten am jüngsten Tage spricht
Basilius wiederholt. Aber niemals beschränkt er diesen Begriff, wie
der 8. Brief es tut, auf eine Erhebung zu höherer Erkenntnis. Ge-
wöhnlich betont er sogar besonders stark die leibliche Auferstehung.
Er spricht von der „Posaune, die gewaltig in die Gräber tönt und
das ihnen anvertraute Gut der Körper zurückfordert" 1). Er be-
zeichnet die Auferstehung als „Wiederbelebung der. Aufgelösten";
diese Wiederbelebung faßt zwei Momente in sich, das Leben aus der
Auferstehung und die Umgestaltung der Seelen zu jenem geistigen
Leben 2). Wenn Basilius die Auferstehung eine „Veränderung zum
Besseren und Geistigen" nennt, so schliefüt er wenigstens die leib-
liche Auferstehung hierin ein; denn er stützt sich auf 1 Cor 15,
42-44 und auf die zu erwartende Veränderung von Himmel, Sonne
und Mond 3). Auch wenn er das Wort „Auferstehung" nicht auf
die Erweckung am jüngsten Tage bezieht, sondern im übertragenen
Sinne versteht, so verlegt er den Begriff nicht auf das intellektuelle,
sondern auf das moralische Gebiet; Christus nennt sich die Auf-
erstehung, weil er den in Sünden gefallenen Menschen aufrichtet 4).
Eine besondere Hervorhebung oder gar alleinige Betonung der höheren
Erleuchtung, der immateriellen Gnosis, wie der 8. Brief sie hat,
finden wir bei ihm niemals.
4. Stufen der Offenbarung.
Die im 8. Briefe ausgesprochene Unterscheidung des Reiches
Christi oder seiner Lehre und Offenbarung von dem Reiche des
Vaters, im besonderen die Herabsetzung des ersteren ist der 1\.uf-
fasspng des hL Ba,silius fremd, ja sein.em System widersprechend.
Eine Grundanschauung .von ihm ist, dafü alle Offenbarungen Gottes,
in welcher Weise und durch welche Mittel ,sie sich auch äufüern,
durch den Sohn geschehen. Daher geht der Weg jeder Gottes-
erkenntnis für uns durch ihn. ,, Er (der Hl. Geist) zeigt dir das
Bild des Unsichtbaren. In der Anschauung des Bildes siehst. du
dann die unaussprechliche Schönheit des Urbildes" 5). Das ist nicht

1) Horn. quod mundanis . . . 12 II p 173 BC.


2) De Spir. s. n 49 III p 41D. 3) Horn. in Ps 44 n 2 I p 159C.
4) De Spir. s. n 19 III p 16 CD; ähnlich noch oft.
5) De Spir. s. n 23 III p 20B; vgl. ibd. n 47 III p 39C u. E; ibd. n 64 III
p ·53DE.
26 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

nur für diese Weltordnung oder Heilsordnung von Gott festgesetzt,


sondern ergibt sich aus dem Wesen Gottes 1).
Dabei ist der Sohn nicht etwa nur ein schwaches Abbild des
Vaters, sondern sein volles Ebenbild. Diesen Gedanken hat Basilius
häufig benutzt, um von hier aus die Gleichwesentlic.hkeit des Sohnes
sicherzustellen. ,,Der Sohn ist alles, was der Vater ist; ... denn
in Wirklichkeit gehört zum Abbild alles, was zum Urbild gehört" 2).
Daher offenbart er auch, was ihn angeht, die ganze, imendliche
Fülle des Vaters: ,,Der Sohn zeigt auch in sich den ganzen Vater,
da er aus seiner ganzen Herrlichkeit hervorgestrahlt ist" 3 ). Eine höhere
Erkenntnis als die, welche der Sohn vermittelt, ist daher auch gai
nicht denkbar. ,,Das Auge kann nicht außerhalb des Lichtes die
Sehkraft gebrauchen; wenn die Seele sich über den Gedanken des
Eingeborenen erhebt, so kann sie auch die Denkkraft nicht mehr
gebrauchen . . . Dinge, die über den Sohn hinaus wären, kann
man nicht denken; denn was dem Auge das sinnliche Licht ist, das
ist der Seele der Gott - Logos" 4). Daß über dem Reiche des
Sohnes noch ein Reich des Vaters sei, daß über der Weisheit und
Offenbarung des Sohnes noch eine Weisheit und eine vom Vater
selbst gegebene Erkenntnis sei, wenn auch erst in einem späteren
Stadium der Weltentwicklung, das ist alles ein Gedanke, für den
im System des hl. Basilius kein Platz ist.

5. Gottesanschauung der Engel und der Menschen.


Einen · Vorrang unserer dereinstigen Gottesanschauung vor
der jetzigen Gotteserkenntnis der Engel kennt Basilius nicht. Wenn
er auch in der Polemik gegen Eunomius, der in der Agennesie das
Wesen Gottes gefunden zu haben behauptete, die Unbegreiflichkeit
des göttlichen Wesens für jede geschaffene Substanz lehrt, so
schreibt er doch den Engeln und den Seligen eine wahre, unmittel-
bare Gottesanschauung zu. Bei den Engeln gebraucht er hierfür
dieselben Ausdrücke wie bei den Menschen im Himmel: ,,das An-
gesicht Gottes schauen" 5) oder "das Angesicht der Herrlichkeit
Gottes anblicken" 6}. Wenn er davon spricht, daß Moses Gott ge-
sehen habe, so bezefohnet er diese Gnade als Anschauung des
Angesichtes selbst, wie bei den Engeln 7). Er begründet diese

1) C. Eun. 2, 17 I p 252C.
2) Horn .. de fide 2 II p 132 A; vgl. Ep 38, 8 III p 121DE; C. Eun. 2, 16 I
p 252 A. 3) C. Eun. 2, 17 I p 252B.
4) C Eun. 2, 16 I p 251A-C; vgl. auch C. Eun. 2, 13 (die letzten Sätze) I
p 2480; C. Eun. 1,26 I p 237BC.
5) De Spir. s. n 38 III p 33A; vgl. Horn. in Ps 32 n 5 I p 137B.
.6) Horn. in Ps 33 n 11 I p 154 D. 7) Horn. 1 in Hex. 1 l p 2 CD.

7
4. Abstufungen der Erkenntnis. Allegorische Exegese. 27

Fähigkeit der Engel mit ihrer Geistigkeit, also einem Vorzug,


der , von den Menschen sicher nicht überboten werden kann:
„Da die Engel keine solche Binde haben wie unser Fleisch, so
werden sie von nichts gehindert, immer das Angesicht der Herr-
lichkeit Gottes anzuschauen" 1). Auch wenn Basilius die Gottes-
anschauung nicht direkt erwähnt, sondern ganz allgemein von
den Engeln und von unserm jenseitigen Leben spricht, dann kommt
ihm offenbar gar nicht der Gedanke, dafü wir vor jenen einen
Vorrang haben könnten, sondern er mißt geradezu unsere Erhöhung
an ihrer Herrlichkeit. So erinnert er in seinen Homilien sehr
häufig daran, dafü wir zur Gemeinschaft mit den Engeln berufen
sind 2), zu gleicher Würde mit ihnen 3), zu gleichen Gütern und
Freuden 4). Hätte er auch nur mit der Möglichkeit gerechnet, dafü
wir in der Gottesanschauung noch über die Engel würden erhöht
werden, ~ so hätte er sicher diesen Gedanken als ein viel durch-
schlagenderes, wirkungsvolleres Argument wenigstens hie und da
durchblicken lassen.
6. Eucharistie.
Die Verheifüungsrede Christi bei J o 6 zitiert Basilius wieder-
holt. Aber niemals deutet er in irgend einer Weise an, dafü er
die Worte bildlich auffasse. Auf die Zweifelrede der Juden und
auf die Antwort des Herrn (Jo 6, 53 f.) beruft er sich, um folgende
Mahnung zu begründen: ,,Man darf nicht schwanken und zweifeln
über das, was der Herr gesagt hat, sondern rnufü überzeugt sein
von der Wahrheit und Möglichkeit jedes Ausspruches Gottes, wenn
auch die Natur widerstrebt" 5). Dabei zitiert Basilius in dieser
Beweisführung noch mehrere andere Stellen der Bibel: Mt 14, 25-31
(Petrus zweifelt beim Wandeln über das Meer), Lc 1, 13. 18-20
(Zacharias zweifelt an der Botschaft des Engels) und Röm 4, 15-22
(Abraham zweifelt an der Verheifüung seiner Nachkommenschaft).
Bei all diesen Beispielen handelt es sich aber um die Verheifüung
ganz wunderbarer Dinge; also hat Basilius offenbar auch in den
eucharistischen Verheifüungsworten Christi etwas Wunderbares aus-
gedrückt gefunden, nicht etwa nur die geistige Anteilnahme am
Logos durch Aufnahme seiner Lehre.

1) Horn. in Ps 33 n 11 I p 154D.
2) Horn. in~- baptisrna 8 II p 122A; Horn. in Gordium rnart. 5 II p 1460;
Horn. quod rnundanis . . . 5 II p 167 B.
S) Horn. quod deus non est . . . 8 II p 80 D; Horn. in illud attende tibiipsi
6 II p 22B; Horn. in Ps 59 n 5 I p 192E.
'> Horn. de grat. act. 2 II p 27 A; ibd. 7 II p 32 D; Prooemium in reg. fus.
tract. 4 II 'p 330 C.
5) Moralia reg. s, 1 II p 240D-241 A.
28 I. Der 8; Brief, nicht ein Werk des· hl. Basi1ius.

Basilius bezieht die Verheifmngsworte Christi auch immer


ohne weiteres auf das eucharistische Mahl 1). Von der Eucharistie
aber hat er niemals anders gesprochen als mit einfachen, .deutlichen
Worten, die auf eine realistische Auffassung schliefien lassen,. sodafi
Harnack 2) bei den Kappadoziern die „handgreiflichste Theurgie"
findet. Wenn Harnack bei ihnen daneben auch symbolische Auf-
fassungen zu erkennen glaubt, so kann er bei Basilius wieder nur
auf den 8. Brief sich berufen. Basilius gebraucht von der Eucha-
ristie gewöhnlich einfach die biblischen Ausdrücke. Er spricht vom
Austeilen des Leibes Christi 3); er mahnt, man müsse den Leib und
das Blut Christi mit . Furcht und fester Zuversicht empfangen 4).
Wenn er zu den biblischen Ausdrücken Zusätze macht, so ver-
flüchtigen diese niemals den Sinn der Worte zur Bedeutung rein
geistiger Güter, sondern spielen immer auf das Gebiet der leib-
lichen Exi.stenz Christi hinüber, erinnern z. B. daran, daffi ter Herr
für uns gestorben und auferstanden ist 5), erinnern an den Gehor-
sam des Heri:n bis zum Tode 6). Auch als Frucht der Teilnahme
am Leibe des Herrn wird nicht etwa höhere Erkenntnis genannt,
sondern einfach das Leben der Gnade 7) oder das Leben für Christus 8)
oder das ewige Leben 9). Auch die überaus ernsten Mahnungen
zur guten Vorbereitung und zur Ehrfurcht deuten eher auf eine
realistische als eine symbolische Auffassung hin 10).
. Ich sehe ab von der Stelle Horn. in Ps 33 n 6 I p 148 E-149 A, weH
hier wohl der Besitz C,hristi in der ewigen Seligkeit gemeint ist. Horn. 1 de
jejunio 11 II p 10 AB wird z. B. von dem Dictionn. de theol. cath. V p 1148
eucharistisch gedeutet, handelt aber wohl nur von der gnädigen Einwohnung
Gottes in der. Seele. Das kleine Schriftstück Sermo ob sacerdotum instruct.,
das sich nicht in der Maurinerausgabe findet, aber wohl bei A. Mai, Nova
Patr. bibl. VI 2 Rom 1844 p 584 und danach bei Migne P. gr. 31, 1685-1688
spricht sehr deutlich und kraß von der Realität des Leibes und Blutes Christi
in der .. Eucharistie; aber der Wortschatz wie auch der Inhalt weisen unbedingt
auf eine spätere Zeit hin.
So finden wir bei Basilius keine Spur von den eigenartigen
Abstufungen der Erkenntnis, wie sie der 8. Brief in so mannig-
faltiger Weise vertritt: von der höheren Lehre für Auserwählte,
von dem höheren Sinn der Worte des Herrn neben dem wört-
lichen Sinn, von der allegorischen Auffassung der Auferstehung
1) z, B. Moralia reg. 21 II p 253 C; Ep 93 III p 186 CD.
2) Lehrbt1ch der Dogmengeschichte II4 S. 459.
B) Ep 199 .cim. 27 III p 294 B.
4) Reg. brev. tract. interr. 172 .II p 472 DE.
5) Moralia reg. 80, 22 lI p 318 B.
6) Moralia reg. 21, 3 II p 254A; vgl. auch Reg. brev. tract. interr. 172 II
p 472E_:_473A. 7) Ep 93 lII p 186D.
B) Moralia reg. 21 II p 254 A. . 9) ibd. p 253 B.
10) z. B. Reg. brev. tract. interr. 172 II p 4 72DE; .ibd. interr. 309 II p 525 A-C.
6. Gottesbegriff. 29
'
und der Eucharistie, von dem Unterschiede zwischen dem Reiche
des Vaters und dem ·Reiche Christi, von der Erhebung der Seligen
bezüglich ihrer Gottesanschauung über die Engel. . Wenn man . den
8. Bri~f von Basilius geschrieben• sein läf.it, sind diBse Abwei- so
chungen unerklärlich.

.5. Kapitel.
Gottesbegriff.
a) Im 8. Briefe.
Der Gottesbegriff ist in dem 8. Briefe merklich anders als· in
den sonstigen Schriften des . hl. Basilius. Vor . allem fällt es auf,
dara immer eine gewis!:le Neigung besteht, das Prinzip der _Einheit
oder der ·Einfachheit Gottes nach den verschiedensten Seiten hin
besonders hervorzuheben.·
Zunächst wird· Gott an 3 Stellen als lva~ ,eai µov&.~ b.ezeichriet.
An den beiden ersten Stellen handelt es sich um die · himmlische
Seligkeit; sie wird genannt f lv&."o~ xai µov&."o~ {}ewola 1) oder
{}eweeiv 'r:~v lv&.c5a ,eai µov&.c5a TOV Äoyov 2). Beide Male ist die
Wahl ·gerade dieser Bezeichnung für Gott h1 keiner W e.ise durch
den Zusammenhang . und. 0-edarikengang gef01:dert oder auch nur
nahegeiegt. Genauer wird diese Formel erklärt in der Darlegung,
dara die Zahl ganz von Gott auszuschlieraen sei. Da heißt ,es: .Jede
Zabl,bezeichnet die Dinge, deren Natur materiell und umß'renztist.
Die µova~ xai lv&.~ aber. bezeichnet die einfache und unµmgrenzte
. Wesenheit'' 3). Hier weist' also der Ausdruck auf den '.Gegensatz
zu den körperlichen, daher zusammengesetzten, räumlichen/begrenzten
Dingen'. hin. . . .
' Ein zweiter Gedankengang hängt mit dem .Vorstehen.den zu-
sammen. Um dem Vorwurf des Tritheismus zu begegnen, zieht
der Verfasser in ausführlichen Darlegungen ~ine scharfe Grenze ·
zwischen eins der Zahl nach und eins der Natur nach 4). ·. Beide
Ausdrücke schlieraen sich gegens~itig ausi Was eins det Zahl nach .
ist, qas ist in Wirklichk.eit nicht eins und nicht der 'Natur nach
einfach; umgekehrt gilt dasselbe. Welt, .Mensch oder Epgel können
wohl eins der Zahl nach genannt werden, aber nicht eins oder
einfach der Natur nach, weil sie zusammengesetzt sind. Die .Zahl

l)n 7 p 86B. 2) n.7 p 86A. S) n 2 p 82B,


4) n 2. p 81 E-82B. Die wichtigsten Sätze lauten: Iläv,. 8 Ev dg,{}µ,p Ur1rm1,
-roiiro ovx Ev 8-PuJJ,; ·o-M' d.n-J.oiiv ifj q;6,m tadv. '0 ~e
{}eo,; d.n-J.oii,; xai davv{}n:o,;
.n-aga .n-äaw &µ0J.oreiia1. 0/'n, lf.ga el',; ·a(Ji{}µ<ji tanv d {}eo,; , . • llwr; s.n-e1a-
aro1•<11v ~µiv fO'I' d.(Jt{}µov, aviov .n-avn1 ~µwv B~O(JICovirov iij,; µaxa(!las BXl/il"f/t;
xa1 v,011ifi,; :q;vatro,; · ·
I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

bedeutet immer ein gewisses Wieviel (noo6v), etwas Körperliches,


Umgrenztes, wobei umgrenzt auch geistig, also im Sinne von endlich
genommen werden kann. Gott ist dagegen eins der Natur nach,
einfach und unzusammengesetzt; daher kann die Zahl auf ihn
gar nicht angewandt werden 1).
Hierbei ist wo1,1 zu bemerken, daß der Briefschreiber nicht nur die
Zahlen der Mehrheit, sondern auch die Zahl eins von Gott ausgeschlossen
haben will. Auch will er nicht- nur die göttliche Natur aus dem Bereiche
der Zahlen ganz herausrücken, vielleicht weil die göttliche Natur unendlich
sei und daher nur einmal gesetzt werden könne 2). Er will vielmehr die Zahl
auch nicht auf die .einzelnen göttlichen Personen anwenden. Daher wirft er
dem Gegner vor: ,,Er nennt ihn (den HI. Geist) eins der Zahl nach. Alles
aber, was eins der Zahl nach ist, das ist nicht einfach, wie ich gesagt habe .•.
Wer ist wohl so unvernünftig, daß er den HI. Geist zusammengesetzt und
nicht einfach nennen würde?" 3) In, dem ganzen Briefe findet sich auch kein
einziges Mal eine fä:idewendung, die etwa von drei Hypostasen oder dgl. spräche.
Noch nach einer dritten Seite hin macht sich die Idee der
Einfachheit Gottes bemerkbar. Die Prädikate öµowc; und äv6µowc;
für den Sohn werden nämlich abgelehnt mit der Begründung:· ,,"Oµowc;
und äv6µowc; wird verstanden bezüglich der Eigenschaften; das Gött-
liche ist aber frei von Eigenschaft" 4). Den Eigenschaften wird gegen-
übergestellt die <pvatc;, die ovoia; diese Wesenheit ist der Boden für
die Gleichheit der .göttlichen Hypostasen: ,, Wenn wir aber die Gleich-
heit der Natur annehmen, so ... entgehen wir der Zusammensetzung,
da derjenige, welcher <lern Wesen nach Gott und Vater ist, den-
jenigen, welcher dem Wesen nach Gott und Sohn ist, gezeugt hat."
Also weil die Gleichheit sich auf die Natur (<pvotc;) bezieht, weil
beide dem Wesen (ovala) nach Gott sind, so ist die Zusammen-
setzung vermieden. · Der Verfasser meint also offenbar; das Vor-
handensein von Eigenschaften in Gott (und daher die Ähnlichkeit
in den Eigenschaften) würde Gott als zusammengesetzt hinstellen .
. Auch vom Hl. Geiste heifit es, dara er „gleichwesentlich nach dem
Begriffe der Einfachheit" ist 5).
· Noch ein vierter .Gedanke ist den vorigen anzuschlieraen: die
Einfachheit oder Einheit Gottes soll sich später auch nach auraen
hin kundtun und die ganze Welt zusammenfassen. Jo · 17, 21 „Gib
1) Th. Schermann, Die Gottheit des HI. Geistes . . . S. 102 findet in der Stelle
die Unterscheidung ,,zwischen Ideal- und Quantitativzahlen, welch erstere
auf die Gottheit, letztere auf die geschöpfliche Welt anzuwenden sind". Was
sind denn eigentlich Idealzahlen? Und mit welchen Worten im 8. Briefe
werden sie erwähnt? Vgl. zu dieser Stelle auch Schwane,· Dogmen-
geschichte 112 S. 153f.
2) So hat offenbar M. J. Scheeben, Handbuch der kath. Dogmatik I 1 Frei-
burg 1873 -S. 806 diese Stelle aufgefaßt.
8) n 10 p 88AB; vgl. n 2 p 82B, wo die Anwendung der Zahl auf den Sohn
und den HI. Geist verworfen wird. 4) n 3 p 82 C. 5) n 10 p 88 B.

7
5. Gottesbegriff. 31
ihnen, daß auch sie in uns eins seien, wie ich und du eins sind,
Vater" (frei zitiert) wird erklärt durch den Satz: "Denn da Gott
eins ist, so einigt er alle, indem er in jedem einzelnen wird; und
dann hört die Zahl auf, da die µ01 16.c; eintritt" 1). Das klingt ja wohl
etwas rätselhaft und vieldeutig. Aber von einer rein moralischen
Einheit aller Menschen iiJ der seligen Verbindung mit Gott ist hier
nicht die Rede. · Denn infolge dieser dereinstigen Einigung soll ja
nicht etwa die Sünde aufhören oder das verschiedene Streben,
sondern die Zahl, also etwas, was nicht so sehr die Willensrichtung
der einzelnen Menschen angeht, als vielmehr ihr Wesen, ihr sub-
stanzielles Sein 2). Anscheinend will also der Verfasser sagen, dafü
die Menschen in irgend einer Weise ihr persönliches Einzeldasein
verlieren und alle in dem einen Gott aufgehen werden 3).

b) Bei Basilius.
1. 'Evdc; xat µov6.c;.
Ein solcher Gottesbegriff ist dem hl. Basilius fremd.
"> Die Wortverbindung lvdc; xai µov&c; kommt in seinen Schriften
überhaupt nicht vor. Einzeln gebraucht er diese Worte oder ähn-
liche Bildungen nur dann, wenn der Gedankengang es irgendwie er-
fordert, und dann bezieht er sie auch nicht auf das eine göttliche
Wesen, sondern auf die einzelnen göttlichen Personen, um ihren
Unterschied von den geschöpflichen Ding·en zu betonen. Jede der
Hypostasen sprechen wir µovaxwc; aus 4). Der HI. Geist ist µovalJixwc;
t~ayydl6psvov 5), seine Natur ist µovalJixfJ, weshalb er dem All (wie;
nä.ai, den geschöpflichen Dingen} nicht beigezählt werden kann 6).
„Er ist nicht eines der vielen Dinge, sondern einer. Denn wie ein
Vater und ein Sohn, so ist auch ein HI. Geist; ... dem Vater und
dem Sohne ist er so viel geeint, wie eine .Monas zu einer anderen
Monas zugehörig ist" 7).

1) n 7 p 86 D: Et; ro.P. wv 6 {}eo;, lv tx&.anp rw61u110;, fro't wi,, n&.na; • uat
ünol.J.vrnt Ö Ü(!t{}µo;, 1:fi 1:fi,; ftoYai'Jo; Bnti'J'7µ{q.
2) &ei{)µ6; wird mehrmals in dem Briefe gebraucht, um die einzelne Person
selbst zu bezeichnen. So wird z. B. n 2 p 82 B von den Gegnern gesagt:
er nennt den Sohn Gottes oder den HI. Geist eine Zahl oder ein Geschöpf.
S) Damit hängt vielleicht zusammen, daß für den Teufel neben dem Ausdruck
i~faeae 1:fi; önw; (;wi'j; sich auch die Worte finden exneawv 1:fi; µov&.i'Jo;
(n 1O p 8 7 E-88 A). Dieses wird wohl nicht gemeint sein in dem Sinne „er
fiel ab von dem einzigen Wesen", sondern „er fiel aus der Einheit heraus";
die Einheit wäre dann als der Urgrund zu fassen, von dem die Geschöpfe
ausgehen und zu dem sie zurückkehren.
4) De Spir. s. n 44 III p 38 A.
5) Horn. de fide 3 II p 133 A; De Spir. s. u 45 III p 38 C.
6) C. Eun. 3, 7 I p 278 C. 7) De Spir. s. n 45 UI p 38 CD.
32 I. Der 8, Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

.. Nager, Die Trinitätslehre ... S. 100 fügt dieser Stelle die Worte an:
„Mit anderen.Worten, Vater und Sohn und Hl. Geist bilden zusammen die,,eine
unzertrennbare Monas." Diese Auslegung steht. mit dem Text. in offenkun<tigem
Widerspruch; Basilius bedenkt nicht die gemeinsame göttliche Natur mit dem
Prädikate Monas, sondern jede Person für sich, (Wenn Nager sich dabei auf
Ep 236 1 6 beruft, so ist das einer. der. außerordentlich vielen Druckfehler dieses
Buches; diese Verweisung gehört ~u • dem einige Zeilen weiter beginnenden
Zitat.) Wenn Nager S. 48 Anm. sagt: 11 Monas bezeichnet· die göttliche Natur,
die Gottheit und nicht die Person; es gibt nur eine Monas", so kann er sfoh
dabei mit Recht auf die fragliche Ep 8 berufen; wenn er aber ausser der
Ep 8 auch noch nach Hergenröther (Die. Lehre von der göttl. Dreieinigkeit
nach. Gregor von Naz.) zitiert „Basil. Ep 141 ", so hätte er wohl bemerken
dürfen, daß diese ehemalige Ep 141 nach der. jetzigen Zählung eben jener
8. Brief ist. Diese Unachtsamkeit, den 8. Brief doppelt, nach alter und neuer ·
Zählung, zu zitieren, findet sich auch sonst und erweckt dadurch unberech-
tigterweise den Anschein, als stände der 8. Brief doch nicht so allein da, so
· z. B. bei Scholl, Die Lehre des hl. Basilius von der Gnade S. 160 Anm. 3,
bei .Jackson, St. Basil ... p 278 l note 3 u. a. .
Nur ganz vereinzelt und ganz leise spielt der Begriff Monas
von den einzelnen Perso11en auf die eine göttliche Natur über: "wenn
wir einen Vater };)ekennen _und einen Sohn und eipen HI. Geist,
so wlrd auch in der Trinität das Prinzipder Monas gewahrt werden" 1). '~
Niemals aber gebraucht Basilius eines dieser Wörter sya~ oder.µoYa~
absolut; lediglich zur · Bezeichnung Gottes, ohne Beziehung auf die
Einzigkeit einer Person,· wie es der 8. Brief wiederholt tut 2).

2; Die Zahlin ,ihrer Anwendung aufGott.


Jene merkwürdige Unterscheidung zwischen eins der· Natur
nach (einfach) und eins der Zahl nach, als ob _beide Begriffe sich
völlig ausschlössen, als ob der erste nur auf Gott, der zweite nur auf
die Geschöpfe anwendbar sei, finden wir bei Basilius niemals.
Er nennt ·auch geschöpfliche Dinge einfach, z. B. den mensch-
lichen Körper 3) oder das Samenkorn 4). Bei Christus stellt er sogar
die Prädikate einfach und eins unmittelbar nebeneinander: .Er ist
eines (ey) nach dem Subjekt und eine Wesenheit, die einfach und
unzusammengesetzt ist". 5).
Andererseits wendet er die Zahl immer ·wieder auf die gött-
lichen Personen an. Wortreihen wie ein Vater und ein Sohn und
ein Hl. Geist und ähnliche sind ihm ganz geläufig 6). Niemals ist

1) C. Eun. 3, 6 I p 277E.
2) H 0m. 9 in Hex, 6 I p 88 BC bezieht sich das Wort gar nicht auf die Ein-
. zigkeit Gottes, sondern bedeutet die· Einzahl, die Singularform des Verbums
in Gen 1, 27 gegenüber Gen 1, 26.
8) C. Eun. 1, 6 I p 217 C. 4) ibd. 217 E-218 A. 5) c: Eun. 1, 7 I p 218 C.
6) Man lese nur z. B. das 18. Kapitel der Schrift De Spir. s. n 44-47 III
p 37 C-40 B oder die Horn. c. Sabellianos . . . II p 189 C-197 A.
5. Gottesbegriff.
irgendwie zu erkennen, daß der Ausdruck eins nicht im gewöhn-
lichen Zahlensinn, sondern in der Bedeutung einfach, eins der Natur
nach, aufgefaßt werden müsse. Auch die Mehrheitszahlen gebraucht
er für die göttlichen Personen. Unbedenklich spricht er immer wieder
von drei Hypostasen, unbedenklich bezeichnet er Vater und Sohn
als zwei 1). Gerade die Erfahrung, daß er sich selbst oft gegen den
Vorwurf des Sabellianisrnus wehren mußte, war ihm gewiß ein
Anlaß, das Prinzip der Einheit in Gott nicht zu überspannen und
die reale Verschiedenheit der göttlichen Personen und die Möglichkeit
ihrer Zählung zu betonen. Dabei unterscheidet er nicht etwa bei
Gott „Idealzahlen" und bei den Geschöpfen „Quantitativzahlen" 2),
sondern zählt auf beiden Seiten in gleicher Weise. Er sagt z. B.
mit Berufung auf Jo 8, 18 folgendes: ,,Zähle, wenn du willst, die
Personen. Ich, sagt er, gebe Zeugnis: einer. Und Zeugnis von mir
gibt der, der mich gesandt hat: zwei." Daran wird der Hinweis auf
die jüdische Vorschrift geschlossen, daß das Zeugnis von zwei Menschen
als wahr gelten solle 3).
Auch auf die eine göttliche Natur wendet Basilius die Zahl
an, ohne irgendwie anzudeuten, daß er hier nur eine „Idealzahl"
gelten lasse etwa im Sinne von einfach oder eins der Natur nach.
Er schreibt nicht nur ohne jede Bemerkung eine Gottheit, eine
Wesenheit, Einheit (ev6r17,;) der Gottheit, Einheit bezüglich der Wesen-
heit usw., sondern er gebraucht auch die Zahl für die göttliche
Natur in derselben Weise wie für die einzelnen Hypostasen: ,,Nach
der Eigentümlichkeit der Hypostasen sind sie (Vater und Sohn) einer
und einer, nach der Gemeinsamkeit der Natur sind beide eines" 4).
„In der Zahl und in den jeden einzelnen bezeichnenden Merkmalen
besteht ein Unterschied, in dem Begriff der Gottheit aber herrscht
die Einheit" 5).
Die Mahnung: ,,Das Unerreichbare sollte am besten über die Zahl er-
haben sein" 6) kann nicht hiergegen ins Feld geführt werden. Denn diese
kurz hingeworfene Äußerung soll lediglich zur Vorsicht mahnen. Es wird ja
auch sogleich beigefügt: ,,Entweder soll das Unaussp_rechliche mit Stillschweigen
geehrt werden oder das Heilige soll richtig (fromm, evoeßwq) gezählt werden."
In der nnn folgenden Ausführung n 45-47 III p 38 A-40 B wird denn
auch die richtige Art, die Zählung auf Gott anzuwenden, in der weitgehendsten
Weise dargelegt.

1) Sogar die Neutrumform r:ela oder Ta /Jvo kommt vor, so De Spir. s. n 38 III
p 32 B; Horn. c. Sabellianos ... 4 II p 193 A.
2) so Schermann oben S. 30 Anm. 1.
B) Horn. c. Sabellianos ... 2 II p 191 A.
4) Do Spir. s. n 45 III p 38 B.
ö) C. Eun. 1, 19 I p 231 C. 6) De Spir. s. n 44 III p 37 E.
M e I c h e r, Der 8. Brief des hl. Basilius. 3
34 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. BasiHus.

3. Eigens eh aften Gottes.


Die Idee des 8. Briefes, dafü Gott wegen seiner Einfachheit
von Eigenschaft frei sei, findet sich bei Basilius niemals und steht
in Widerspruch mit häufig wiederkehrenden, gut überlegten Beweis-
gängen in seinen Schriften.
Basilius vertritt stets einen "vollen" Gottesbegriff, den ·er nicht
nur durch Abstraktion, sondern vor allem durch Steigerung ge-
winnt 1). Besonders in seinen erbaulichen Schriften schildert er Gott
immer wieder als den Inbegriff aller guten Eigenschaften in höchster
Vollkommenheit 2).
Aber Basilius verteidigt und begründet in seinen dogmatischen
Schriften auch ausdrücklich das Vorhandensein von Eigenschaften
in Gott. Bei den geschöpflichen Dingen unterscheidet er das Wesen
(ovola, ·<pvatq, ro v:noxelµevov), welches einfach, unzug~nglich, un-
erkennbar ist, von den Eigenschaften, die uns durch ihre Wirk-
samkeit bekannt werden. Diese Anschauung sucht er nun auch auf
Gott zu übertragen. ,, Wir behaupten, die Herrlichkeit Gottes zu
kennen und seine Macht und Weisheit und Gnade und Vorsehung
... und die Gerechtigkeit seines Gerichtes, aber nicht die Wesenheit
selbst" 3). Indessen wird die Sache hier viel verwickelter als bei
den geschöpflichen Dingen. Denn hier stößt Basilius auf Eigen-
schaften oder Kennzeichen, die den einzelnen göttlichen Personen
besonders eigentümlich sind, und doch soll zwischen allen dreien
volle. Gleichheit herrschen, nicht nur in der eigenschaftslosen ovola,
sondern auch Gleichpeit in den Eigenschaften. Den Problemen, die
sich hier ergeben, geht Basilius nicht immer bis zu Ende nach, er
führt sie nicht zu einer vollen, klaren Lösung 4). Aber niemals läßt
er sich durch die auftauchenden Schwierigkeiten verleiten, _Gott jede
Eigenschaft abzusprechen. Das ist um so schwerwiegender, alf'l die
Polemik gegen Eunornius ihm wiederholt Gelegenheit bot, sich über
die Fülle der realen Eigenschaften in Gott genauer zu verbreiten.
Eunomius behauptete zunächst, daß „ungezeugt" die wahre und einzige
Wesenseigenschaft Gottes sei 5). Basilius zeigt nun, daß alle unsere Urteile und
Aussagen nicht nur in unserer Vorstellung (,ea~' br/1,otav) Berechtigung haben,
sondern daß ihnEin etwas Reales in den Dingen entspricht6). Das gilt von
unsern Aussagen über Christus, auch von. unsern Aussagen über Gott 7)

1) Siehe dazu K. Unterstein, Die natürliche Gotteserkenntnis nach der Lehre


der kappadozischen Kirchenväter Basilius, Gregor von Naz. und Gregor von
Nyssa. II. Progr. des k. hum. Gymn. Straubing 1902-03 S. 70-74.
2) Horn. de fide 1 II p 131 DE. 8) Ep 234, 1 III p 357 B.
4) Siehe darüber z. B. Holl, Amphilochius von Ikonium S. 134.
0) Siehe zum Folgenden Klose, Geschichte und Lehre des Eunomius S. 41---,-49;
Diekamp, Die Gotteslehre des hl. Gregor von Nyssa S. 137-141.
6) C. Eun. 1, 6 I p 216 E-218 B. 7) C. Eun. 11 7 I p 218 B-219 B.
5. Gottesbegriff. 35
Diese können aber nicht alle eine und dieselbe· Bedeutung haben, sondern jeder
dieser Bezeichnungen -muß etwas Beso_nderes in Gott zugrunde liegenl), ganz
gleich, ob die Aussagen positiver oder negativer Art sind 2). Also kann das
„ungezeugt" nicht die einzige Wesenseigenschaft Gottes sein. · Man sieht, der
Gedanke, Gott sei „frei von Eigenschaft", wii_rde der ganzen Beweisführung
den Boden entziehen.
Eunomius wollte weiterhin aus den Bezeichnungen des Vaters als unge-
zeugt und · des Sohnes als gezeugt die wes~ntliche Verschiedenheit beider
Personen herleiten. Sein großer Gegner verteidigt demgegenüber unbedingt
und entschieden die - Gleichberechtigung anderer Eigenschaftsaussagen von
Gott S). Den Einwurf des Eunomius, daß Gott jeinfach sei und daß deshalb
mit der Ungezeugtheit alle anderen Eigenschaften identisch sein ·müßten, läßt
Basilius durchaus nicht gelten: ,,Dann miißten wir ja ... nichts von Gott aus-
sagen als nur ungezeugt und müßten darauf verzichten, ihn unsichtbar zu
nennen, unvergänglich, unveränderlich, Schöpfer, Richter, und wm; wir sonst
noch alles zu seiner Verherrlichung heranziehen" 4). Die Frage, wie denn die
unübertragbaren Merkmale der einzelnen Personen sich zu den gemeinsamen
Eigenschaften der Gottheit verhalten, beantwortet Basilius nicht immer gleich.
Entweder geht er über eine klare Antwort hinweg 5) oder er faßt die Worte
ungezeugt _und gezeugt auf als Be_sitztitel, als Art und Weise des Daseins 6) oder
als Bezeichnungen des Verhältnisses zwischen beiden Personen 7) oder als
Merkmale, die gegenüber den anderen Eigenschaften nur nebensächlicher
Natur wären 8),
Mit so eingehenden, wohlerwogenen Darlegungen, die nach
allen Seiten hin verfolgt sind und doch im wesentlichen immer die-
selbe Grundanschauung· verraten, läßt es sich nicht gut vereinigen, daß
derselbe Verfasser im 8. Briefe eine von Grund aus andere Auffa_ssung.
vertreten und Gott als frei von jeder Eigenschaft bezeichnet haben soll.
4. Endliche Welteinheit.
Ein Aufgehen der einzelnen Menschenseelen in Gott deutet
Basilius für den Endzustand niemals auch nur irgendwie an. Wenn
er von der ewigen Seligkeit spricht, so tut er es immer in an-
schaulichen, dem menschlichen Leben entnommenen Bildern; er
-spricht davon, dara die Seligen an Gottes Thron stehen, daß sie
mit den Engeln gleiche Ehre und Freude genießen, dara sie gekrönt
werden, daß sie das Loh Gottes singen usw. Solche Bilder und Aus-
drücke würden sich immerhin schlecht mit der Idee von einem voll-
ständigen Aufhören des Einzeldaseins der Menschen zusammenreimen.
Die Stelle Jo 17, 21 zitiert Basilius nur einmal, und da versteht er
sie von der Eintracht und dem Frieden der Christengemeinden 9).
1) C. Eun. 11 8 l p 219E-220B. 2) C. Eun. 1, 9-10 I p 221D-223B.
B) C. Eun. 21 27 I p 264 AB. 4) C.. Eun. 21 29 I p 266 BC.
o) C. Eun. 2, 29 I p 266 D.
6) C. Eun. 2, 27 I p 264 AB; vgl. Ep 521 2 III p 145 D.
7) C. Eun. 21 22 I p 258 D.
8) C. Eun. 2, 29 I p 266B; vgl. C. Eun. 11 5 I p 2150-2160.
9) Prooemium de judicio dei 4 II p_ 216E.
I. Der $. Brief, nicht ein Werk -des hl. BasiHus.

6. Kapitel.
Trinitätslebre.
1. Allgemeine Grundzüge.
In der Trii1itätslehre vertritt der Verfasser des 8. Briefes die
orthodoxe Kirchenlehre. Aber bei ihm ist die Färbung in vielen
Punkten anders als beim · hl. Basilius. Diese Abweichungen be-
treffen zwar ganz auseinanderliegende Einzelheiten, sind aber doch
alle im wesentlichen auf eine Verschiedenheit der Grundanschauung
zurückzuführen. ·
In dem Briefe wird das Ursprungsverhältnis der drei göttlichen
Personen zueinander kaum berücksichtigt. Vor den Augen des Ver-
fassers. steht immer die fertige Trinität, die drei Hypostasen, wie sie
nebeneinander, und miteinander bestehen und die göttliche Natur
besitzen. Die Wesensgleichheit von Vater und Sohn und HI. Geist,
ja ihre Wesenseinheit tritt ganz foden Vordergrund. Der Briefschreiber
gebraucht zwar in dieser Beziehung keine Ausdrücke, die für sich
genommen etwa durch ihre Schärfe und Steigerung besonders auf-
fielen. Aber da_s Gesamtbild zeigf doch, dafü die Idee des .Mit-
einander" dei· göttlichen Personen, die Idee der Einheit in Gott dem
Verfasser in Fleisch und Blut übergegangen ist. Auf diesen Ge-
danken kommt er immer \vieder zu sprechen, ihn hat er bis in alle
Konsequenzen hinein durchgedacht, ihn merkt mall durchklingen bei
der Wahl einzelner Ausdrücke, von diesem Standpunkte erklärt er
die strittigen Bibelstell~n, löst er die gegnerischen . Einwürfe und
Schwierigkeiten..
Bei Basilius finden wir ein etwas anderes Gesamtbild.
Meistens wird in Darstellungen .seines Systems großes Gew{cht 'darauf
gelegt, daß er das Verhältnis von Gattung und Individuum herangezogen hat,
um die Lehre von einer Wesenheit und drei Hypoetasen verständlich zu machen_ 1),
Dadurch hat er allerdings der Terminologie feste Bahnen gewiesen. Aber
selbst im 38. Briefe, der für diese Auffassung fast allein in Betracht kommt,
macht er nur ganz vorsichtig und zurückhaltend die Anwendung auf das
göttliche Leben 2), Auch später ist er nur selten und ganz kurz auf diese Er-
klärung zurückgekommen 3). Es war ein neuer Weg, den er gezeigt hat;
aber er hat ihn in Wirklichkeit selbst. niemals eingeschlag_en, um zu einem
Beweise für seine Lehre, zu einer Lösung dunkler Probleme oder zu einer
Widerlegung gegnerischer Einwendungen zu kommen. ·
Der Ausgangspunkt für die trinitarische Auffassung des hl. Basi-
lius lag in dem: Ursprungsverhältnis der drei göttlichen Personen

1) z. B. von Seeberg, Lehrbuch der Dogmengesch. n2 S. 119--120; ebenso von


Schwane, Dogmengesch. 112 S. 151-153.
2) Besonders n 2-3 III p 115 D-117 A.
8) Ep 214, 4 III p 322 E; Ep 236, 6 III p 363 E-364 C.
6. Trinitätslehre. 37

zueinander. Das "Voneinander" der göttlichen Hypostasen, nicht


das „Miteinander" oder „Nebeneinander" oder gar „Ineinander" ist
bei ihtn die Grundlage, auf der er aufbaut. Diese Eigenart teilt er
in etwa mit den beiden anderen grofäen Kappacloziern: ,,Athanasius
geht aus von der einen göttlichen ovofo ( oder vn6aro.a1c;), das drei-
faltige Personenleben innerhalb derselben ist eine selbstverständliche
Voraussetzung, die nicht bewiesen wird. Die Kappadozier haben
ihren Ausgangspunkt an den drei göttlichen Hypostasen, und sie
mühen sich, dieselben unter den Begriff der einen göttlichen Usie zu
bringen" 1).
Verschiedene Momente mögen die Ausbildung dieser Eigenart bei Basi-
lius besonders gefördert haben. Sein praktischer Charakter brachte es mit
sich, daß er sich viel lieber dem Konkreten, Einzelnen, Anschaulichen zu-
wandte als dem Theoretischen, und daß er deshalb auch viel lieber bei den
Vorstellungen der drei Personen und ihrer Wirksamkeit verweilte als bei der
abstrakten Idee der göttlichen Natur. Sodann verlangte sein religiöses Gefühl
nach geistiger Vervollkommnung, nach ethischer Erhebung zu Gott 2); einem
solchen Gefühl entsprach es, Sohn und HI. Geist als gewisse Offenbarungen
des Vaters, als Mittelstufen des Aufstieges zu Gott aufzufassen. Weiterhin wird
auch der Einfluß von Origenes für die Ausbildung seiner Eigenart nicht ohne
Bedeutung gewesen sein. Auch der von den Homöusianern vielfach erhobene
Vorwurf, <laß die Vertreter des oµoova,or; schließlich doch einen versteckten
Sabellfanismus lehrten, wird ihm ein Grund gewesen sein, durch die Hervor-
hebung und allseitige Betonung des Ursprunges der göttlichen Personen
auseinander solchen Angriffen und .Bedenken den Boden zu entziehen.
Basilius hat die subordinatianischen Irrwege, die sich aus vor-
stehenden Gedankenkreisen hätten ergeben können, allerdings stets
vermieden. Sohn und Geist werden in immer wiederholten Be-
teuerungen dem Vater gleichgestellt und ganz in die göttliche Sphäre
hineingerückt. Aber das ist ihm eigentlich immer erst der zweite
Gedanke, der vorzugsweise verwendet wird, um die Grundlage der
ganzen Anschauung, die Idee von der Verursachung der Personen
durcheinander, von Unvollkommenheiten zu reinigen und gegen falsche
Schlufüfolgerungen zu schützen. Diese Grundlage blickt überall aus
seinen Worten hervor, von ihr geht er immer aus. Wenn er das
innergöttliche Leben durch Vergleiche zu veranschaülichen sucht, so
gebraucht er fast ausschliefilich Bilder, die in irgend einer Weise
dieses Ursprungsverhältnis darstellen. Der Sohn ist die Kraft und
die Weisheit Gottes, das Bild des Vaters, der Glanz seiner Herr-
lichkeit, die Darstellung seines Wesens, das Siegel, .dem die Wesen-
heit des Vaters eingeprägt ist. In solchen biblisch begründeten
Bildern denkt er vollständig, ·sodafi die ganze dogmatische Darlegung

1) Seeberg, Lehrbuch der Dogmengeseh. 1!2 S. 115 f.


2) Holl, Amphilochius von Ikonium S. 123; Seeberg, Lehrbuch der Dogmen-
gesch. JI2 S. 111-114.

38 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des· hl. Ba_silius.

häufig nur in solchen Redewendungen -erfolgt. Andere Vergleiche


hat er selbst ersonnen oder aus der theologischen Literatur über-
nommen, so die Gleichheit der Kenntnis, die ein Schüler hat, mit der
seines Lehrers oder die Übereinstimmung der Gedanken mit dem
denkenden Geiste 1) oder die des Spiegelbildes mit dem Gegenstande 2).
Vater und Sohn sind wie ein Körper und seine Gestalt oder wie
eine Person und ihr Antlitz 3). Die drei Personen sind wie eine
Kette, bei der die Berührung eines Gliedes immer zu den anderen
Gliedern überleitet 4). Dagegen ist es vielleicht bemerkenswert, dara
er den Vers Eccles 4, 12 "Die dreifache Schnur zerreirat nicht", der
damals viel auf die Dreifaltigkeit angewandt wurde, niemals zitiert.
Bei diesem Bilde fehlt eben ganz der Gedanke an den Ursprung
der einen Person aus der anderen.
Wenn er einmal weitläufig das anders geartete Beispiel des
Regenbogens mit seinen verschiedenen Farben ausführt, so gebraucht
er aber doch dieses Beispiel bezeichnenderweise nur, um zu zeigen,
daß Dinge voneinande_r geschieden und doch miteinander verbunden
sein können 5); ein~ eigentliche Anwendung auf das Trinitätsgeheimnis
selbst macht er nicht.
Diese verschiedene Färbung der Trinitätslehre oder besser Trini-
tätsauffassung, einerseits im 8. Briefe, andererseits beim hl. Basilius,
macht sich bis in die entferntesten Kleinigkeiten hinein bemerkbar,
wie die Gegenüberstellung folgender Punkte zeigen mag.

2. 'Oµoovaio; und ähnliche Stichwörter.


Gegenüber den Schlagwörtern _und Schulformeln, mit denen
man damals das Verhältnis des Sohnes zum Vater bezeichnete,
führt der Brief _den Gedanken der Wesenseinheit mit Konsequenz
durch, indem er nur das oµoovaw; gelten lärat. Dem Sohn kommt
dieses Prädikat zu, weil er kein Geschöpf ist: "Wenn er kein
Geschöpf ist, so ist er dem Vater gleichwesentlich" 6). Dabei wird
das oµoovaw; umschrieben mit den Worten rij; aviij; <pvaew; 7).
Auch aus der Stelle Jo 14, 28 .Der Vater ist gröraer als ich"
schliefit der Verfasser die Berechtigung des gleichwesentlich, weil
Vergleichungen nur bei Wesen statthaft sind, welche von derselben
Natur seien 8). Noch bemerkenswerter sind folgende Ausführungen:
"Da wir die Gleichheit (Identität) der Natur bekennen, so nehmen
wir einerseits das gleich wesentlich an, und andererseits entgehen
1) C. Eun. 2, 16 I p 251 E.:_252 A.
2) De Spir. s. n 20 III p 17E; Ep 38;8 III p 121E_:122A.
S) Ep 38, 7 III p 121 AB; ibd. n 8 III p 122 A. 4) Ep 38, 4 III p 118D.
b) Ep 38, 5 III.p 119A-120B. 6) n 9 p 87C; ebenso ibd. D.
7) n 9 p 87 C. 8) n 5 p 84 B. ·


6. Trinitätslehre. 39
wir dem zusammengesetzt, da derjenige. welcher dem Wesen nach
Gott und Vater ist, denjenigen gezeugt hat, welcher dem Wesen
nach Gott und Sohn ist. Denn daraus wird das gleichwesentlich
gezeigt. Derjenige nämlich, welcher dem Wesen nach Gott ist,
ist demjenigen, welcher dem Wesen nach Gott ist, gleichwesentlich" 1).
Das gleichwesentlich ergibt sich also nach dem ersten Satze -
wenn nicht methaphysisch, so doch logisch - aus der rnvr6r171; riji;
<pvaewi;. Es wird im letzten Satze aus der Tatsache hergeleitet,
dafi Vater und Sohn dem Wesen nach Gott sind. Daf.l auch der
Sohn dem Wesen nach Gott ist, scheint nach dem Mittelsatze nicht
als eine Folge der Zeugung gedacht zu sein, sondern als unab-
hängig davon; wenigstens wird die Wfü,enhafte Gottheit des Sohnes
einfach als Tatsache hingestellt ·und nicht etwa auf die Zeugung
zurückgeführt. ..
Über die Ausdrücke ,öµowi; und &v6µowi; stellt der Brief
folgende Sätze bedeutungsvoll an die Spitze: ,,Jedoch wir nennen
gemäf.i der wahren Lehre den Sohn weder ähnlich noch unähnlich
dem Vater. Denn beides ist in gleicher Weise unmöglich. Ähnlich
oder unähnlich wird nämlich verstanden bezüglich der Eigenschaften;
das göttliche Wesen ist aber frei von Eigenschaft" 2). Dem Ver-
fasser scheinen also die genannten Ausdrücke nicht etwa zu viel-
deutig oder zu unbestimmt oder zu schwach, sondern ganz falsch
(&dvvawv); er geht sogar so weit, das öµowi; auf gleiche Stufe zu
stellen mit dem &v6µowi;. Schärfer konnte in jener Zeit ein An-
hänger des Nizänums den Ausdruck wohl nicht verwerfen.
Auch vom HI. Geiste gebraucht der 8. Brief das f>µoovawi;.
Diese Benennung wird begründet mit seiner Nicht-Geschöpflichkeit:
„Nun ist der HI. Geist nicht Geschöpf; wenn er aber nicht Geschöpf
ist, so ist er Gott gleichwesentlich" 3). Positiv wird das gleich-
wesentlich zurückgeführt auf die Einfachheit des HI. Geistes: ,, Wer
ist wohl so unvernünftig, dafü er sagen würde, der HI. Geist sei
zusammengesetzt, sei nicht einfach, sei nicht gemäf.i dem Begriffe
der Einfachheit dem Vater und dem Sohn gleichwesentlich?" 4)
Auch hier fällt wieder die kurze Entschiedenheit des Urteils auf,
die schroffe Stellungnahme gegen Andersdenkende, die sofort mit
dem Prädikat unvernünftig bedacht werden. Als Grund der Gleich-
wesentlichkeit ist hier die Einfachheit genannt; offenbar ist damit
wieder die einfache, von Eigenschaften freie Wesenheit gemeint.
Auch der Ausdruck riji; avriji; cpvaewi; wird für die dritte Person
in ihrem Verhältnis zu den beiden anderen gebraucht 5).

3 p 82 CD.
1) 11 2) n 3 p 82C.
3)n10p87E. 4) 11 10 p 88B. 5) 11 11 p 89 A.
40 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basihus.

Die Haltung des hl. Basilius gegenüber diesen Stichwörtern °


erfordert einen viel weiteren Spielraum. Er · ist in dieser Frage
doch wohl vielfach· unentschieden, sicher sehr weitherzig und läEit
sich auf eine bestimmte Formel nicht ausschliefüich festlegen.
Über die Stellung des hl. Basilius z~r homöusianischen Partei und über
seine ganze Trinitätslehre siehe Harnack, Lehrbuch der Dogmengesch. U 4
S. 263-265; er. stellt Altnizäner und Ju:ngnizäner, Vertreter der Wesel)seinheit
und Vertreter der Wesensgleichheit einander schroff gegenüber. F. Cavallera,
Le schisme d' Antioche, Paris 190!\ p 303-318 bestreitet dagegen auch bei
Basilius und seinen Gesinnungsgenossen jeden neonicenisme doctrinal und läßt·
d!ls Wort nur im praktischen · Sinne gelten, um dadurch eine versöhnliche
Haltung gegenüber .den Schwankenden auszud•riicken. Bardenhewer, Gesch. d.
altk. Lit. III S. 158-160 und Nager, Die Trinitatslehre <les hl. Basilius S. 40-51
vertreten im wesentlichen dieselbe Meinung. J. Tixeront; Histoire des dogmes
II 3 Paris 1909 p 76-88 sieht in den beiden Richtungen - m. E. mit Recht -
keine Gegensätze, die sich ausschließen, sondern zwei .Versuche zur Erklärung
und zur sprachlichen Darstellung des Geheimnisses, die zwar von verschiedenen
Standpunkten ausgehen, aber doch in der Sache miteinander übereinstimmen.
Ähnlich urteilen J. Wittig, Die Friedenspolitik des Papstes Damasus I. und der
Ausgang der arfanischen Streitigkeiten (Kirchengesch. Abb. X) Breslau 1912
S. 29-38 und Schäfer, Basilius' d. Gr. Beziehungen zum Abendlande S. 41-61.
Vgl. auch Loofs, Leitfaden zum Studium der Dogmengesch. S. 251-261;
Seeberg, Lehrbuch der Dogmengesch. II 2 S. 101-126.
Das in Nizäa sanktionierte &µoovawq hat Basilirn~ vonAnfang
an vertreten, im Vertrauen auf die Autorität des Konzils 1) und auf
die Mitwirkung des HI. Geistes 2). Daher verlangt er so oft die
Anerkennung des Nizänums, auch von jenen, die er mit der
Kirche wieder vereinigen will 3). Wer das oµ,oovai~q verwirft, mit
dem soll man keine kirchliche Gemeinschaft haben 4).
Indessen ist es auffallend, "daß Basilius selbst. das &µoovawq
eigentlich sachlich niemals recht begründet und beweist, selbst dann
nicht, wenn er' den Arianern gegenüber das Wort in Schütz nimmt 5)
oder wenn er, die Formeln „aus der Wesenheit des Vater.s" und
. ,,Licht vom Liebte" näher erklärt und rechtfertigt 6). Nur einmal
geht er ziemlich kurz darauf ein, indem er u. a. sagt: ,,Da der
Vater anfangsloses Licht ist und ·der Sohn gezeugtes Licht, beide
also Licht und Licht sind, . so haben si.e (die Väter) mit Recht
&µoovawq gesagt, damit sie die gleiche Ehre der Natur ausdrückten.
Denn die brüderlichen Dinge sind einander nicht gleichwesentlich,
wie einige angenommen haben; sondern wenn· das Ursächliche und
das, was aus dem Ursächlichen sein Dasein hat, beide von der-

1) Ep 52, 1 III p 145 AB. 2) Ep 114 III p 207 C.


3) Man lese nur z. B. die Briefe 52, 90, 91 1 92 1 113 1 114, 125, 128 1 140, 159 1
204, 258, in de,nen solche Gedanken immer wieder auftauchen:
4) Ep 263, 3 III p 406 C; vgl: Ep 244, 9 .HI· p 382 A.
5) Ep 214, 3 III p 322 AB. 6) Ep 125 1 1 III p 2Hi D.
6'. Trinitätslehre. 41

selben Natur sind, dann· werden sie gleichwesentlich genannt" 1).


Interessant ist, dafi Basilius auch hier wieder auf den Ursprung
der einen Person aus der anderen eingeht, ja dafi er sogar dieses
Moment als notwendige Grundlage des gleich wesentlich betrachtet. ·
Basilius gibt sogar offen zu, dafi der Ausdruck leicht·• Mifi-
deutungen ausgesetzt ·sei und spricht in sehr entgegenkommender
Weise davon, dafi diejenigen, die ihn nicht annehmen wollten,
"doch der Verzeihung für würdig gehalten werden" müfüen 2).
Merkwürdig ist auch, dafi das oµoovawr; in der- ganzen Schrift De
Spiritu sancto keinmal vorkommt, obwohl da auch der Sohn irnm_er
in den Kreis der Beweisführung einbezogen wird 3). Alles dieses
scheint darauf hinzudeuten, dafi das oµoovawr; doch den Gedanken-
gängen des hl. Basilius etwas fern gelegen hat.
Neben IJµoovawr; gebraucht Basilius unbedenklich auch andere
Ausdrücke, selbst das ini 8. Briefe rundweg abgelehnte öµowr;. Das
tut er nicht nur in den Büchern gegen Eunomius, der nur eine
entfernte Ähnlichkeit zugab und dem gegenüber deshalb ein Nach-
weis der Wesensähnlichkeit, nicht der Wesensgleichheit, genügen
konnte, sondern auch in anderen Werken. lri einer Homilie gegen
die Sabellianer, Arius und die Anhomöer, also in einer Streitschrift;
in der doch gewiß jedes Wort überlegt sein mufite; werden wahllos
folgende Formeln nebeneinander gebraucht: ev6r'Y)r;, ro rfjr; cpvaewr;
anaeallaxwv, la6r'Y/r;, o,uor11ila, l'aor;, laal;uv "ard 1:~v cpvaw, 1:0 oµo-
ovawv 4). Basilius rechtfertigt ~uch das öµowr; ausdrücklich und
erklärt sogar, die Ähnlichkeit beziehe sich auf die Wesenheit selbst,
während nach dem 8. Briefe das öµow~ sich nur auf Eigenschaften
beziehen soll 5). Am genauesten spricht er darüber im 9. Briefe,
der - wohl mit Rücksicht auf den Empfänger, den Kyniker
0

1) Ep 52, 2 III p 145 DE; vgl. C. Eun. 1, 20 I p 231 D.


2) Ep 52, 1 III p 145A.
8) Johnston, The book of St. Basil the Gr(lat . . . p XLIII note macht hierauf
mit Recht aufmerksam. Ob Basilius dadurch einen Stein des Anstoßes für
die Gegner vermeiden wollte? . Oder ob er vielleicht das Wort für den Sohn
deshalb ausließ, weil sonst die Konsequenz auch für den Hl. Geist den Ge-
brauch dieses Wortes verlangt hätte, wovon er offenbar absehen wollte
(siehe unten S. 42 f,W
') Horn. c. Sabellianos . . . 2-4 II p 190 D-192 C; ähnlich C. Eun. 1, 23 I
p 234 D; De Spir. s. n 21 III p 18 B. Die Stelle Horn. in Mamantem mart.
4 II p 188E-189A ist textlich unsicher und auch in der Lefiart der Mau-
riner zu dunkel, als daß daraus sichere Schlüsse gezogen werden könnten.
5) C, Eun. 1, 23 I p 234 D; allerdings ist zu bemerken, daß hier Wesenheit im
weiteren Sinne genommrn ist, im Gegensatz zu äußerer Gestalt oder körper-
licher Form während im 8. Briefe das Wort Wesenheit enger begrenzt ist
und den Eigenschaften gegenübersteht. -
42 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

Maximus - besondere Sorgfalt in der Wahl der Ausdrücke er-


kennen lärat. Da sagt er: "Wenn ich meine eigene Meinung aus-
sprechen soll, so nehme ich den Ausdruck öµowr; 'Y.al o-öalav an,
wenn er den Zusatz ä.naea,Uaxrwr; hat, da er dasselbe bedeutet wie
öµoovawr;, riatürlich nach der richtigen Auffassung des oµoov,awr; ..•
Wenn aber jema.nd von dem öµowr; das ä:naeallaxrw~ fortlärat, ...
so ist mir der Ausdruck verdächtig, als ob er die Ehre des Ein-:
geborenen verkleinere. Denn wir verstehen das 8µowr; oft auch
von schwachen Vergleichen, die sehr weit hinter dem Urbilde
zurückbleiben. Da ich nun glaube, dara das oµoovawr; weniger
mirabraucht werde, so vertrete auch ich dieses" 1).
Wenn hier und auch sonst von verschiedenen Auffassungen des oµoovow,;
die Rede ist, so ist das nicht zu .verwundern. Auch unter .den Anhängern
dieser. Formel be$tand damals keine unbedingte Übereinstimmung über die·
Bedeutung und Tragweite derselben; gab es doch schon in der Auffassung des
Wortes ovo{a immerhin gewisse Verschiedenheiten. Cavallera geht offenbar zu
weit, wenn er \a. a. 0. S. 306) das für undenkbar hält. Richtiger sagt Schäfer
(a. a. O. S. 45 f): ,,Aus dem Vorkommen eines bloßen Wortes kann man nichts
beweisen . . . Nicht die Formel war dem Basilius heilig, sondern die Sache,
die er unter der Formel dachte und sicher stellte." Über die ursprüngliche
Bedeutung des oµoovowi; siehe bes.onders Th. Zahn, Marzellus von Arizyra
Gotha 1867 S. 11-27 und Nager a. a. 0. S. 34-39. J. Gummerus, Die
homöusianische Partei bis zum Tode des Konstantius Leipzig 1900 S. 85-87
faßt das öµow,; xal ovatav als wesensgleich, nicht als wesensähnlich, und das
oµoovow,; als wesenseins. .
Basilius hat den· HI. Geist niemals als oµoovawr; bezeichnet.
Er verlangt immer nur das Bekem1tnis des Nizänums und das Be-
kenntnis, da& der HI. Geist kein Geschöpf sei; das gleichwesenUich
wird wohl für den Sohn, niemals. für den HI. Geist gefordert. Da
Basilius häufig betont, dara der HI. Geist sich zum Sohne verhalte
t
wie dieser zum Vater 2 so hätte das gleich wesentlich für den
HI. Geist ganz in der Richtung seiner Gedanken und in der Kon_se-
quenz seiner Ausführungen gelegen. Wenn er dieses Wort trotzdem
vermeidet, so kann das nur auf bewußter Absicht beruhen. Das
ergibt sich auch aus ganz auffallenden ,Redewendungen, wie z. B.
folgende ist: "Der Sohn wird als gleichwesentlich (oµoovawr;) dem
Vater bekannt, und der HI. Geist wird in gleicher Ehre (oµorlµwr;)
mitgezählt und mitverehrt" 3). Wir. werden noch mehrere Punkte
finden, in denen Basilius sich scheut, eine von ihm vertretene Lehre
in einer festen Form auszusprechen, wenn diese Form noch nicht
durch eine kirchliche Entscheidung bestätigt ist.
Nager (a, a. 0. S. 116) schreibt allerdings wörtlich folgendes: ,,Alle drei,
sagt er, seien einander wesensgleich. Wie sich der Sohn zum Vater verhalte,
so verhalte sich der Geist zum Sohne, gemäß der Zusammenstellung in der

l) Ep 9, 3 III p 91 A-C; die Stelle Ep .361 III p 463 D scheidet als unecht aus.
2) De Spir. s. n 43 III p. 36E. 3) Ep. 90, 2 III p 182 C.
6. Trinitätslehre. 43
Taufformel. De Spir. s. c. 17)". Der letztere Satz findet sich zwar an der an-
gegebenen Stelle (n 4 3 III p 36 E). Aber der erste Satz findet sich dort nicht,
trotz der Anführung mit „sagt er"; er findet sich auch sonst nirgendwo in den
Schriften des hl. Basilius.
Überhaupt darf man sich nicht irre führen lassen durch Übersetzungen
von Basiliusstellen mit dem ,Worte gleichwesentlich, wie z.B. durch Schermann, Die
Gottheit des HI. Geistes . . . S. 128, wo die Stelle Horn. de fide 3 II p 132 D
mit dem Worte gleich wesentlich zitiert wird; denn im Griechischen steht nicht
oµoovato,;, sondern :n:a1rra fxov avvovatwµevws. Auch Schäfer spricht oft davon,
daß Basilius die Homousie des HI. Geistes gelehrt habe, so z. B. a. o. 0. S. 129
Arim: 1; S. 131 usw.; aber in den von ihm angeführten Stellen wird zwar die
Homousie des Hl. Geistes tatsächlich behauptet, das Wort öµoovaw,; selbst wird
aber nicht für ihn gebraucht.
Der Ausdruck fJ 6µoovawr; T(!tar; kommt in den unzweifelhaft
echten Schriften des hl. Basilius ebenfalls nicht vor, sondern nur in
einigen unter seinem Namen stehenden, kleineren aszetischen Ab-
handlungen 1), deren Echtheit bzw. Unversehrtheit aber sehr ver-
dächtig ist.
3. Die Bezeichnung des HI. Geistes als Gott.
Noch in einem weiteren Punkte zeigt sich deutlich, da& der
Brief die Wesenseinheit in Gott viel entschiedener dur<:hführt, als
Basilius es zu tun pflegt. Der Brief bezeichnet nämlich mehrere
Male und zwar an ganz verschiedenen Stellen den HI. Geist als
Gott. Das geschieht nicht etwa in Formeln oder stehenden Redens-
arten, bei denen man vielleicht an einen Zusatz aus späterer Zeit
denken könnte. Auch geschieht es nicht etwa nebenbei, ohne be-
sondere .Absicht, sondern es bildet geradezu den Gegenstand der
Beweisführung.
Den Irrlehrern gegenüber wird folgendes als Pflicht hin-
gestellt: ,,Man mufi bekennen, da& der Vater Gott ist und der Sohn
Gott und der HI. Geist Gott" 2). In den verschiedensten Gedanken-
gängen und auf Grund mehrerer Bibelstellen wird diese Benennung
verteidigt und wiederholt angewandt, z. B. in folgender Ausführung:
„Jeder Tempel ist ein Tempel Gottes. Wenn wir aber ein Tempel
des HI. Geistes sind (vgl. 1 Cor 6, 19 und 3, 16), so ist also der
HI. Geist Gott. Man spricht indessen auch vom Tempel Salomons,
aber in dem Sinne, dafi er ihn gebaut hat. Wenn wir aber iu
diesem Sinne Tempel des· HI. Geistes sind, dann ist der HI. Geist
Gott. Denn »derjenige, welcher alles erschaffen hat, ist Gott« (Hehr
3, 4). Wenn wir aber (Tempel des HI. Geistes sind) in dem Sinne,
dafi er in uns verehrt wird und in uns wohnt, so wollen wir zu-
1) Da aber auch wiederholt, z. B. Sermo de ascetica disciplina, quomodo mo-
nachum ornari oporteat 1 II p 212 C; De fide 4 II p 228 A.
2) n2 p 81D.
44 I. Der 8. Brie.f, nicht ein Werk des hl. Basilius.

geben, da& er Gott ist; denn ,,den Herrn, deinen Gott sollst du
anbeten und ihm allein dienen« (Mt 4, 10)" 1).
Der Verfasser hat offenbar Gegner im Auge, die an dem
Worte 1?eo; Ansto6 nehmen. Deshalb weist er auf dessen etymo-
logische Bedeutung hin: ,,Wenn sie aber den Ausdruck {h6; zurück-
weisen, so sollen sie wissen, was dieser Name bezeichnet. Gott wird
nämlich so genannt, weil er alles geschaffen hat (rdJwdvat) oder
weil er alles überschaut (i'hiia&at). Wenn nun Gott daher so ge-,-
nannt wird, dar.i er alles geschaffen hat oder alles überschaut, und
wenn der HI. Geist alles, was Gottes ist, erkennt, wie unser Geist
das Unsrige (vgl. 1 Cor 2, 10. 11), dann ist also der Hl. Geist Gott" 2).
Demgegenüber ist schon von jeher die auffallende Tatsache ver-
merkt worden, dafü der hl. Basilius es vermeidet, . dem Hl. Geiste
das Prädikat Gott zu geben 3). An dieser Regel hat er unbedingt
festgehalten, wenigstens in allen Schriften, die wir von ihm kennen.
. Man hat . wohl Ausnahmen davort konstatieren wollen 4), Aber die
Schriften, auf die man sich berief, waren immer nur das .4. und 5. Buch gegen
Eunomi\ls und der Brief 189 (in letzterem steht genau genommen nur Hl -rij,;
{h6-rriw,; övoµa n 7 lII p 281 A), die heute 11llgemein dem .h-1. Basilius abge-
sprochen werden,. und der 8; Brief. Wenn Chr. Pesch, Praelect. dogm. II 4
Freiburg 1914 n 479 sich auch auf Ep 179, 7 beruft, so ist das ein Druckfehler ·
für Ep 189, die eben unecht ist. Wenn er außerdem anführt 1,De Spir. s. c. 19 .
n 48", so können· damit nur die Worte gemeint sein nvev,ua &w6µaa-rat · w,;
nvev,,a 6 {}e6,; (III p 40 D). Indessen muß diese Stelle übersetzt werden: ,,Geist
wird er (der HI. Geist) genannt, wie (es ja auch heißt), Gott ist ein Geist
(Jo 41 24)". Dieses letztere Bibelwort Jo 4, 24 bezieht Basilius auf den Vater
und schließt daraus, daß vom Hl. Geiste dieselben Aussagen gelten wie vom
Vater. Von einer Bezeichnung des,,Hl. Geistes als Gott kann hier also keine
:Rede sein. Vgl. dieselbe Beweisführung C.. Eun. 31 3 I p 274 D..,....275 A. •
Wenn B;asilius den HI. Geist nicht Gott nennt, so kann das
nicht zufällig, sondern mu.fü beabsichtigt sein. Er gebraucht ja vom
Hl. Geiste Ausdrücke wie folgende: göttlich von Natur 5), das Gött-
liche seiner Natur 6), er schliefüt die hl. Dreifaltigkeit ab, ist teilhaftig
der göttlichen und seligen Natur 7), dem Vater und dem Söhne geeint

1) n U p 88DE. 2) n 11 p 88E,
B) Siehe Maran in der Praefatio § 3 III p XI sqq. Ausschließlich mit die-
ser Tatsache und Ihrer Rechtfertigung befaßt sich die Dissertation .von
M. J. G. Werenberg, Prudentia Basilii M:. in refutandis haereticis. Leipzig 1724.
Ein guter Auszug daraus steht bei Johnston, The. book of St. Basil the
Great . . . p XLVII-LIII.
') z. B. Maran in der Vita S. Basilii 43, 7 III p CLXXXVI; Werenberg a, a. 0.
p 16, der das Vorkommen dieses Wortes im 8. Briefe mit dessen früher Ab-
fassungszeit erklären will; Tillemont, Memoires ... IX, 1 p 258; Kranich,
Der hl. Basilius in seiner Stellung zum Filioque S. 20 Anm. 3; Jackson,
St. Basil p XXIII note.8, 5) De Spir. s. u54 III p 46E. 6) C. Eun, 3,4 I p. 275 E.
7) Ep 243j 4 HI p 375 c.
6. Trinitäts! ehre. 45
in allem in ... Herrlichkeit und Gottheit 1). Basilit:is verwirft es, ihn
zu nennen fremd der göttlichen Natur 2), unteilhaftig der Gottheit3).
Er will diejenigen mit dem Banne belegt wissen, welche ihn "von
der göttlichen und seligen Natur ausschliefien" 4), welche ihn "von
der Verbindung mit Vater und Sohn abschneiden" 5). Er sagt: ,,Ich
glaube an Gott Vater ... an Gott Sohn ... an den göttlichen
HI. Geist" 6). Aber das Wort „Gott" will ihm nicht aus der Feder.
Selbst wenn der. Gedankengang und die Beweisführung auf
den Ausdruck "Gott" fast zwingend hinführen, so vermeidet Basilius
ihn doch; lieber nimmt er geradezu gekünstelte Redewendungen
und Gedankensprünge dabei mit in Kauf. Bei der Stelle 1 Cor
3, 16 "Wisset ihr nicht, dafi ihr ein Tempel Gottes seid und dafi
der Geist Gottes in euch wohnt" hätte es doch nahe gelegen, die
Wörter Gott und Geist Gottes zu identifizieren. Aber Basilius
knüpft daran nur die Bemerkung: ,, Wenn also Gott durch den
HI. .Geist in uns wohnt, ist es dann nicht offenbar Gottlosigkeit,
zu behaupten, der HI. Geist sei unteilhaftig der Gottheit?" 7). Ganz
ähnlich vergleicht er in der Erzählung von Ananias und Saphira
Act .5, 9 "den Geist des Herrn versuchen" und Act 5, 4 .• Gott vor-
lügen". Aber auch hier begnügt er sich mit der Wendung, da&
die Sünden gegen den HI. . Geist und gegen Gott also gleich seien,
dafä demnach der HI. Geist nicht vom Vater und vom Sohne
getrennt werden dürfe 8). Eine Reihe von Bibelstellen prefit
Basilius geradezu, um die Bezeichnung „Herr" für den HI. Geist
daraus abzuleiten; andere Schriftworte, aus denen sich das Prädi-
kat „Gott" viel leichter und ungezwungener ergeben würde, zitiert
er zwar, nutzt sie aber nicht aus 9). Wegen dieser Unterlassung er-
fuhr Basilius sogar scharfe Angriffe 10). Aber auch in seinemAntwort-
schreiben läliit er sich das Wort {hoq für den HI. Geist nicht ent-
locken 11). Gregor von Nazianz gibt in seiner groäen Gedächtnis-
rede auf den toten Freund diese Vorsicht unum,vunden zu und
führt die mannigfachsten Gründe dafür an 12).

1) Ep 105 III. p 200 B. 2) Ep 159, 2 III p 248B. 3) C. Eun. 3, 6 I p 276 D.


4) Ep 125, 3 III p 216D. . 0 ) Horn. in Ps 32 n 4 I p 135D.
6) Ep 236, 6 III p 364 B; ähnlich De fide 4 II p 227 B-D.
7) C. Eun. 3, 5 I p 276D; auch aus der Zusammenstellung von 1 Cor 6, 19
(Tempel des Hl. Geistes) und 1 Cor 3, 17 (Tempel Gottes) zieht er nicht die
Folgerung, daß der Hl. Geist Gott sei: Horn. c. Sabellianos· ... 5 II p 194.A.
8) De Spir. s. n 37 III p 31 AB. 9) De Spir. s. n 62 III p 43 E-45 C.
10) Gregor Naz. Ep 58; Migne P. gr. 37, 113-117.
11) Ep 71 III p 164D-166A.
12) Gregor Naz. Or 43, 68-69; Migne P. gr. 36, 688 A-589 B; vgl. auch Or
· 41, 6-8; Migne P. gr. 36 1 437 A---'440 B; ebenso Photius, ne S. Spir. mysta-
gogia 77; Migne P. gr. 102, 357 sqq.
46 i. ber 8. Brief, nicht ein Werk des h1. Basiliu!!.

Gregor macht noch den Zusatz, wenn die umstände es erlaubten, habe
Basilius wiederholt öffentlich und im vertrauten Kreise die Gottheit des
HI. Geistes doch ausgesprochen. Indessen kann man dieser Äußerung, die wohl
gemerkt von dem Rhetor Gregor in einem Panegyrikus gemacht ist, keine ent­
scheidende Bedeutung beilegen; .hätte Gregor den 8. Brief gekannt, so würde
die Berufung auf diesen sicher eine wirkungsvollere Abwehr der Angriffe
gewesen seiJI, als der obige Zusatz mit seinen durch nichts belegten· allge-
meinen Redensarten..
Schäfer,Basilius' d. Gr. Beziehungen zum Abendlande S. 4 schreibt,Ep 8 und
Ep189 könnten Basilius nicht angehöwm, weil darin• der HI. Geist Gott genannt sei,
und Gregor von Nazianz hebe Or 43, 68 ausdrücklich hervor, daß Basilius dies
nicht getan habe. Schäfer scheint denoben genanntenZusatz,derOr43, 69steht,über­
sehen zu haben; ganz ignorieren kann man diesenZusatz doch nicht ohne weiteres.
Nach Holl, Amphilochius von Ikonium S. 159ff. lag der Differenzpunkt
zwischen Basilius und Gregor lediglich darin, daß Basilius beim HI. Geiste
sich über die Art seines Hervorgehen! nicht zu äußern. wagte. Aber dje Be­
richte zeigen, daß es sieb bei Basilius, wie überhaupt in der damaligen Zeit,
gerade immer um das Prädikat {}eo, für den HI. Geist handelte; man vgl. z.B.
die Stellen Gregor Naz. Or 43,68;; Migne P. gr. 36,588 A-B; ibd, n 69 p 589A;
Or 41,6 p 437 AB; ibd. n 7 p 439CD; ibd. n 8 p 440 B; siehe auch die Stelle
im 8. Brief oben S. 44.
Wenn Basilius den HI. Geist nicht Gott genannt hat, so kann diese
Tatsache nicht dadurch erklärt werden, daß das Wort {}eo, als Maskulinform
zu dem Worte nnvµa sprachlich nicht gut p asse; denn die Bezeichnungen
xv e w,, nae&x?. 17 -io, u. ä, bat Basilius oft genug vom · HI. Geiste gebra,ucbt.
Auch kann man, sich nicht, wie die Mauriner es tun (Maran in der Vita
S. Basilii 43, 7 III p CLXXXVI DE), darauf berufen, daß „die Sophistereien
des Eunomius ihm keine Gelegenheit gaben, diesen Ausdruck in der so kurzen
Abhandlung (dem 3. Buch gegen Eunomius) zu gebrauchen". Denn die Kürze
der Abhandlung wäre wirklich kein Grund gewesen, das Wort {}eo, durch ge­
künstelte, gezwungene Redewendungen zu umgehen. Außerdem ist der 8. Brief
kaum länger als das 3. Buch gegen Eunomius und ist auch gegen die Sophi­
stereien der Arianer gerichtet.

4. D i e Wirks a m k e it des HI. Geistes.


Auch bezüglich der Art und Weise, wie der 8. Brief von der
äufüeren Wirksamkeit des HL Geistes spricht, kann man sehr wohl
eine Verschiedenheit gegenüber den sonstigen Schriften des hl. Basi­
lius wahrnehmen, und zwar ist auch in diesem Punkte wieder die
Wesenseinheit des HI. Geistes mit dem Vater und dem Sohne viel
stärker in dem Briefe ausgeprägt als bei Basilius.
Der Brief stellt die Tätigkeit der dritten göttlichen Person
durchweg einfach der des Vaters und des Sohnes gleich: ,,Du wirst
finden, dafü der HI. Geist mit dem Vater und dem Sohne mitwirkt
(avvser6v); ... du siehst, dafü auch hier der HI. Geist mit dem
Vater und dem Sohne zugleich gegenwärtig ist" 1). • Im einzelnen
wird dann an Beispielen dargelegt, dafü in der Bibel vom HI. Geiste
dasselbe ausgesagt werde, wie vom Vater und vom Sohne bzw.
1) n 11 p BBC.
6. Trinitätslehre. 47
von Gott, z. B. die Ersehaffung der Welt, die Bfgnadigung der
Seelen, die Auferweckung am jüngsten Tage, die Einwohnung in
den Menschen, die Allwissenheit 1).
Bei Basilius findet man auch hier und da einen solchen Aus­
druck oäer eine solche Beweisführung 2). Gewöhnlich aber weist
er den einzelnen Personen einen bestimmten Anteil, eine bestimmte
Rolle bei dem gemeinsamen Wirken zu. "Es ist immer der gleiche
Gedanke, dafü Vater und Sohn und HI. Geist sich zueinander ver­
halten wie Prinzip, Verwirklichung und Vollendung" 3). Der Sohn
gibt die äufüere Daseinssetzung, der HI. Geist die innere Ausstattung,
Heiligung usw. 4). Der Vater ist die Ursache alles Guten, der Sohn
sendet, der HI. Geist teilt aus 5). Dei; Vater verleiht die Kräfte,
der Sohn die Dienste, der HI. Geist die Gnaden 6). Ganz geläufige
Formeln sind: Aus dem Vater, durch den $ohn, im Hl. Geiste; der
Vater will, der Sohn führt aus, der' HI. Geist vollendet; der Vater
ist die Ursache, der Sohn der Schöpfer, der HI. Geist die Festi­
gung; vom Vater geht das Gute aus, der Sohn verleiht es, der
HI. Geist bewahrt es 7).

5. D o x o l o gie.
Der Brief gebraucht am Schlusse der Ausführungen folgende
Formel: ,,Nun lasset uns Dank sagen dem Vater und dem Sohne
und dem HI. Geiste und das Schreiben -beschlieraen" 8). Dur�h ihre
Stellung am Schlusse des Briefes bildet sie eine gewisse Doxologie
oder legt mindestens den Gedanken an einen entsprechenden Typus
von Doxologie bei derri Verfasser nahe:
Basilius schliefüt sehr oft seine Predigten und Briefe mit doxo­
logischen Redewendungen. Ei· gebraucht stets Formeln, die im
wesentlichen auf den Typus "Ehre sei dem Vater durch den Sohn

1) Einmal wird allerdings dem Vater das l!; o{,, dem Sohne das �,• o{, reser­
viert (n 3 p 83 B) ; aber da führt die zitierte Bibelstelle 1 Cor 8, 6 auch
fast mit Notwendigkeit auf diesen Gedanken.
2) z. B. C. Eun. 3, 4 I p 275A-276B.
3) Seebevg, Lehrbuch der Dogmengesch. II2 S. 118. H. Schell, Das Wirken des
dreieinigen Gottes Mainz 1885 S. 92-96 zeigt, wie Basilius den einzelnen
göttli_chen Personen Werke beilegt, die sowohl ihrer persönlichen Eigenart,
wie auch ihrer göttlichen Würde entsprechen; er gebraucht aber das 4. und
5. Buch . gegen Eunomius als echt._
4) z. B. Horn. in Ps 32 n 4 I p 135E-136B.
o) De Spir. s. n 37 III p 31 C.
6) C. Eun. 3, 4 I p 275 D; De Spir, s. n 37 III p 31 B.
7) z. B. De Spir. s. n 38 III p 31 DE; ferner Ep 38, 4 III p 117 DE; Horn. de
fide 2 II p 131 E-132D. Siehe auch Schermann, Die Gottheit des HI. Geistes ...
S. 115-132; er verwertet fälschlicherweise immer den Brief 189 als echt.
8) n 12 p 90A.
i. ber 8. Brief, .nicht ein Werk des hl. Basilius•
. im HI. ·Geiste" zurückgehen oder_. auf die von ihm selbst in den
kirchlichen · Gebraucl:i ._ eingeführte oder · mindestens . sehr gefördertA ·
Form „mit dem Sohne immt dem HI. Geiste", deren Verteidigung
gegen erhobene Angriffe den eigentlichen Zweck seiner Schrift über
den HI. Geist bildete.
Dagegen eine Doxologie mit einfacher Nebeneinanderstellung
der göttlichen Personen hat er niemals; Das 'ist um so auffallender,
als seine dogmatischen Ausführungen eine solche Formel geradezu
verteidigen: ,,Wenn jemand in den Doxologien die Nam:en mit der
Silbe. "al verknüpfen will und, wie wir es in den Evangelien bei der
Taufe gehört haben, den Vater und den Sohn und den HI. . Geist
yerherrlichen (~o~&Ceiv) will, so mag das geschehen, niemand ·wird
widersprechen" 1). Er geht wiederholt auf die Taufformel und den
darln ausgesprochenen. Glauben ein und schliefüt dann: "Wir
müssen . . . lobpreisen, wie wir geglaubt haben, den Vater und <len
'Sohn und den HI. Geist~ 2). Eine solche "Weise der Doxologie·"
darf man nicht verwerfen 3). Trotzdem· hat er selbst eine solche
Schlufüformel nie gebraucht, obwohl seine Doxologien sonst die
gröfüte Mannigfaltigkeit aufweisen.

6. Die Bibelstellen der Arianer.


Die Verschiedenheit der trinitarischen Auffassung. im 8. Briefe
von der.Auffassung des hl._Basilius zeigt sich ·auch in der Behandlung
· der Bibelstellen, die von den Arianern für ihre Lehre in Anspruch
genommen wurden. Der Brief sucht -- getreu seinem ··Bestreben,
die Wesensgleichheit und W esetiseinheit · zwischen den göttlichen
. Personen möglichst konsequent durchzuführen - die Schriftworte,
· die von einer gewissen Unterordnung des Sohnes zu sprechen
scheinen, alle oline Ausnahme von der göttlichen Natur abzuwälzen
und ·dem Stande de'r Erniedrigung Christi, seinem_ irdischen Lebens-
wandel zuzuweisen. Basilius .dagegen geht anders vor. Wie er die
aus dem ewigen Zeugungsverhältnis ·sich ergebende Abhängigkeit des
Sohnes vom Vater sonst sehr stark hervorhebt, so trägt er auch
kein Bedenken, diese Bibelstellen aufdie göttliche Natur zu beziehen.
Er ·hat zwar einmal auf den Ausweg: hingewiesen, solche Aussprüche
dem Stande der ·Erniedrigung des· Sohnes zuzuweisen und ·hat die Anweisung
gegeben: ,,Von der. (göttiichtm) -Natur denke so, wie es Gottes würdig ist, die
niederen Aussprüche dagegen .verstehe .von_ der Menschwerdung" 4J. Es wird
auch . oft behauptet, Basjlius habe sich ,;im allgemeinen" an diese Auslegung
-- gehalten5). ,,Es ist in der Regel der alte Kunstgriff, zu dem auch Basil greift,

1) De:Spir; s. n60 IIIp51A; .vgl.ibd.n73IIIp62B. 2)Ep125,3IIIp216D.


S). i>e Spir. s. n 67 III p 5.7 A; siehe auch Ep 251 1 4 III p 388 B; Ep 1591 2 III
.p 248B; Ep 175 III p 263A. . 4) Hom. de fide .2 II p 132D.
5) So Holl; Ampbilochius von Ikonium .•. S. 156...
6. Trinitlitslehre. 49
um· die Schriftaussagen über Jesus seinem vorausgesetzten Dogma anzupassen" 1).
Aber dann muß gewöhnlich der 8. Brief die Hauptbeweisstellen abgeben. Zieht
man diese ab, so bleibt eigentlich nur eine .Stelle übrig, die auf jenem „Kunst-
griff" beruht 2). Sonst bezieht Basilius jene Schriftworte, auf die die Arianer
sich beriefen; stets auf das innergöttliche Leben.
Als erste Einwendung der Gegner führt der Brief Jo 6, 58 „Ich
lebe um des Vaters willen" an. Er begegnet dem Angriff, indem
er diese Worte auf das menschliche Leben Christi bezieht: ,, Die
Stelle nennt, wie ich glaube, nicht das vorweltliche Leben - denn
alles, was um eines anderen willen lebt, kann nicht Selbstleben
sein ... , -- sondern dieses Leben, das im Fleische und in dieser
Zeit geworden ist, welches er um des Vaters willen lebte. Denn
nach dessen Willen war er in dieses Leben der Menschen gekommen" 3).
Die Beziehung auf das innergöttliche Leben wird also durch den
Parenthesesatz als unmöglich ausgeschlossen; die eigene Ansicht
aber wird durch verschiedene Hinweise begründet: ,,Er sagte ja
auch nicht »ich lebte (e(17<m) « um des Vaters willen, sondern »ich
lebe ((w)«, deutlich die gegenwärtige Zeit anzeigend" 4). Sodann
wird noch auf die bei J o folgenden Worte aufmerks,am gemacht:
„Wer mich ißt, der wird leben um meinetwillen." Auch aus diesen
lasse sich ersehen, daß die ganze Stelle vom menschlichen, nicht
vom göttlichen Leben Christi handele.
Bei Basilius dagegen finden wir folgende Äußerung (er spricht
von der Liebe Christi zu den Menschen): ,,Damit wir niemals von
der Größe der Wohltaten aus zu dem unsinnigen Gedanken verleitet
werden, der Herr ser ohne Ursprung, was sagt da das Selbstleben?
»Ich lebe um des Vaters willen«. . .. Durch alles dieses führt er
uns zur Erkenntnis des Vaters und überträgt die Bewunderung der
erwiesenen Wohltaten auf diesen" 5). Basilius bezieht also die
Johannesstelle offenbar auf die göttliche Natur des Herrn; er findet
in den so aufgefaßten Worten sogar eine besondere Absicht Christi
und stellt das Wort „Selbstleben" ohne Bedenken neben "Ich lebe
um des Vaters willen", während der 8. Brief diese beiden Begriffe
für unvereinbar hält.
1) Böhringer, Basilius von Caesarea S. 72.
2) C. Eun. 2, 3 I p 239 E-240 A, wo Act 2, 36 „Gott hat ihn zum Herrn und
Christus gemacht" vom menschgewordenen Gottessohn verstanden wird.
3) n 4 p 83 E.
~) ibd. Eine nun folgende Bemerkung ovmrn, oe
uai ... wird von den Über-
setzern und Erklärern ganz verschiedenartig gedeutet, weil sie offenbar auf
das göttliche Leben Christi hinweisen will, dadurch aber den ganzen Gedan-
kengang verwirrt und den vorhergehenden Sätzen geradezu widerspricht.
Im syrischen Text (siehe weiter unten 2. Teil 2. Kap.) fehlt dieser Satz;
das zeigt offensir.htlich, daß die Bemerkung ein späterer Zusatz ist.
5) De Spir. s. il 19 III p 16E-17A.
Melcher, Der 8. Brief des hl. Basilius. 4
50 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

Jo 14, 28 „Der Vater ist gröfüer als ich" war-immer eine der
Hauptwaffen im Arsenal der Arianer. Der Briefschreiber bedient
sich bei Behandlung dieser Stelle zunächst eines von manchen
Kirchenvätern angewandten argumentum ad hominem, indem er
sagt, die Vergleichung des Vaters und des Sohnes zeige eigentlich
schon ihre Gleichwesentlichkeit; denn ganz verschiedene Dinge könne
man nicht miteinander vergleichen. Sodann aber sieht er von der
göttlichen Natur Christi ganz ab und verweist auf die Zeit seines
Erdenlebens: "Was ist es denn zu verwundern, wenn er den Vater
gröfüer nennt als er selbst ist, da er Logos ist und Fleisch ge-
worden ist? . • . Deshalb ist der Sohn geringer als der Vater,
weil er deinetwegen tot geworden ist" 1). ·
Basilius behandelt die Stelle mit allem Vorbedacht in langer
Beweisführung, der man anmerkt, welch grofüe Bedeutung dieser
Vorwurf hatte. Immer wieder erinnert er an das Vaterverhältnis,
das jede wesentliche Verschiedenheit ausschliefüe. Dann weist er
nach, dafü das „gröfüer" sich nicht auf Macht oder Würde oder
körperliche l\fasse heziehen könne und schliefüt daraus: ,,Folglich
bleibt nur übrig, dafü das gröfüer hier nach dem Begriffe der Ur-
sache gemeint ist. Denn da der Sohn vom Vater den Ursprung
(&ex~) hat, so ist der Vater in dieser Beziehung, als ursächlich und
Ursprung (al:no~ ,eal &ex~) gröfüer" 2). Ähnliche Gedanken finden
sich oft bei Basilius; nennt er doch den Sohn sogar .,,dem Vater
nachstehend in der Ordnung, weil er von jenem ist, und an Würde,
weil jener Ursprung und Ursache ist" 3).
Zu Prov 8, 22 „Der ß:err schuf mich als Anfang seiner Wege"
macht der Brief die Bemerkung: "Er ist nicht dem Wesen nach
Geschöpf, sondern gemäfü der Heilsveranstaltung ist er Weg ge-
worden; denn das ;geworden sein' und das ,geschaffen sein' be-
deuten dasselbe" 4).
Basilius hat eine solche Erklärung nicht. Einmal streift er
diese Stelle nur, ohne ihren Mifübrauch durch die Arianer zu er-
wähnen. Er findet darin ausgedrückt, daß die Weisheit, die sich
in der Ordnung der geschaffenen Dinge kundgebe, von Gott aus-
gegangen sei und nicht von selbst den Dingen innewohne 5). Ein
anderes Mal dagegen behandelt es dieses Schriftwort als Einwurf
der Arianer in aller Ausführlichkeit 6). Er betont zunächst, der

1) n 5 p. 84 B-D. 2) C. Eun. 1, 25 I .p 2360.


8) C. Eun. 3,1 I p 272B; vgl. ibd. 1,20 I p 232B. 4) n 8 p 86E.
6) Horn. in princ. prov. ~ II p 99 D; Gröne, Ausgewählte Schriften des hl. Basi-
lius I S. 363 scheint diese Stelle auf die Inkarnation der Weisheit in Chri-
stus zu beziehen; der griechische Wortlaut wie auch der Gedankengang
widerspricht dem unbedingt. 6) C. Eun. 2, 20 I .p 256 B-D.
6. 'rrinitätslehre. 5i
Ausdruck „er schuf" komme doch nur einmal in der HI. Schrift vor.
Er weist ferner auf die dunkle, gleichnisartige Sprache des Buches
der Sprichwörter hin. Weiterhin führt er die auch vorkommende
Lesart „er besafü" an, die ja den Arianern ungünstig sei. Schliefüich
vertröstet er den Leser darauf, dafü er später an besonderer Stelle
die falsche Auslegung der Gegner richtigstellen werde. Er ist offenbar
· von seinen Erklärungen nicht recht befriedigt. Trotzdem kommt
ihm nicht der Gedanke, die Stelle auf den irdischen Lebenswandel
Christi zu beziehen.
Das Apostelwort 1 Cor 15, 28 „Wenn ihm alles unterworfen
sein wird, dann wird auch der Sohn selbst dem unterworfen sein,
der ihm alles unterworfen hat" wagt der Briefschreiber nic:ht ein-
mal, auf dem bisher beobachteten Wege zu erklären, um es auf
den menschgewordenen Logos im Stande der Erhöhung zu beziehen.
Er weist das Unterworfensein dem erlösten Menschengeschlechte zu:
Der Herr macht unsere Unterwerfung zu der seinigen und nennt
deshalb jetzt, da wir noch sündhaft sind, sich selbst ununterworfen,
ungehorsam, gerade wie er sich verfolgt, nackt und gefangen nennt 1).
Basilius hat diese Stelle niemals erwähnt; aber er würde sicher
kein Bedenken getragen haben, das Unterworfensein auf Christus
selbst als das Haupt der Menschheit, ja sogar auf ihn als den Sohn
des Vaters zu beziehen. Denn er versteht z. B. Jo 14, 31 „ Wie
mir der Vater aufgetragen hat, so tue ich" vom . göttlichen Willen
Christi 2), ebenso Jo 12,49 3).
Die Stelle Ja 5, 19 „Der Sohn kann aus sich nichts tun" gibt
dem Briefschreiber Veranlassung zu dem Gedanken: Jeder geschöpf-
liche Geist kann aus sich handeln, kann sich zum Schlechten und
zum Guten wenden; .wenn der Sohn das nicht kann, so · ist er kein
Geschöpf, sondern dem Vater gleichwesentlich 4). Also auch hier
sucht der Verfasser jeden Gedanken einer Unvollkommenheit vom
Sohn fermmhalten, indem er das Unvermögen nicht als Mangel,
sondern als Vollkommenheit auffafüt.
Basilius, der diese Stelle in der oben S. 49 zitierten Beweis-
führung erwähnt, findet auch in diesen Worten die Absicht Christi,
seine Abhängigkeit vom Vater hervorzuheben 5).
Der Brief erörtert die Frage, wie sich Christus Mc 13, 32 eine
Unkenntnis über den Zeitpunkt des jüngsten Gerichtes beilegen könne 6).
Auch hier sucht er wieder von der göttlichen Natur des Herrn
jedes niedere Wort und jede niedere Vorstellung auszuschliefüen und
1) n 8 p 87 A. 2) De Spir. s. n 20 III p 17 DE; der Zusammenhang, beson-
ders die nachfolgenden Sätze sind für das Verständnis maßgebend.
B) De Spir. s. n 19 III p 17A; siehe auch den ganzen Abschnitt p 17A-D.
4) n 9 p 87BC. 5) De Spir. s. n 19 III p 17A. 6) n 6 p 84D-85A.
4•
52 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

betont sofort, dafü der wahren Weisheit und dem Schöpfer aller
Dinge nichts verborgen sein könne. Er sieht in dieser Redeweise
des Herrn eine Rücksichtnahme auf die Schwäche der Menschen,
ein „Haushalten", eine „vorgeschützte Unwissenheit" 1). Christus
habe seine Kenntnis verschwiegen, damit nicht die Sünder bei der
Kürze der Zeit verzweifelten oder die Guten bei längerer Zeit mut- .
los würden.
Von Basilius besitzen wir über diesen Gegenstand eine recht
ausführliche Abhandlung in seinem 236. Briefe 2). Über den Ausweg,
die Unkenntnis des Herrn auf seinen menschlichen Lebenswandel
zu beziehen, sagt er: ,,So wird auch hier einer, der die Unwissen-
heit auf den bezieht, der· alles infolge. der Menschwerdung auf sich
nahm, . . . die fromme Auffassung nicht verlassen" 3). Aber seine
eigene Meinung ist anders. Nach Berufung auf Mc 10, 18 und Mt
11, 27 sagt er: ,, So ist nach meiner Meinung auch der Ausspruch
„niemand weif.i« gesagt worden, um die erste Kenntnis ... auf
den Vater zurückzuführen und in allen ·Dingen den Menschen die
erste Ursache zu zeigen" 4). ,, Die Ursache der Kenntnis des Sohnes
geht vom · Vater aus; . . . denn vom Vater ist ihm die Kenntnis
geworden" 5). Dabei betont Basilius . zu Anfang der Abhandlung:
„Was ich von Jugend an von den Vätern gehört und aus Liebe
zum Guten ohne Schwanken angenommen habe, das will ich sagen" 6J.
Damit ist nicht gut zusammenzureimen, dafü erfrüher, im 8. Briefe,
eine ganz andere Auffassung sollte vertreten haben. Vielleicht ist
es immerhin bemerkenswert, dafü Gregor von Nazianz, da er über
das Nichtwissen Christi spricht, die beiden Lösungen aus dem 236.
Briefe des hl. Basilius anführt, die Erklärµng, wie der 8. · Brief sie .
bietet, aber nicht hat 7).

· 7. Verteidigung gegen den Vorwurf des Tritheismus.


Gegen den Vorwurf des Tritheismus verteidigJ sich der Brief-
schreiber, indem er auch hier wieder auf die Idee von der Wesens-
einheit Gottes zurückgeht: ,,Gegen die aber, welche uns die D_rei-
götterei vorwerfen, soll dieses gesagt sein, dafü wir einen Gott, nicht
der Zahl nach, sondern der Natur nach bekennen. Denn alles,
was eins der Zahl nach heifüt, das ist nicht in Wahrheit eins. und

· 1) n 6 p 84E.
2) VgL dazu E. Schulte, Die Entwicklung der Lehre vom menschlichen Wissen
Christi bis- zum· Beginn der Scholastik. (Forsch. zur christl. Lit. u. Dogmen-
gesch. XII, 2.) Paderborn 1914 S. 49-51. 3) n 1 III p 361 CD.
•) III p 361 AR 5) n 2 III p 362 C; ähnliche Gedanken bat er bei der Er-
klärung von Js 40, 13: De Spir. s. n 7 III p 7 A--"C. 6) n 1 III p 360 E
7) Gregor N'az. Or · 30, 15 ~16; Migne P. gr. 36, 124-126.

ll.
6. Trinitätslehre. 53

nicht der Natur riach einfach. Gott aber ist, wie von allen zugegeben
wird, einfach und unzusammengesetzt. Also ist Gott nicht eins der
Zahl nach .•. ,. Wenn wir riun ·... sagen, daf.i Gott eins der Natur
nach ist, wie legen sie dann uns die Zahl bei, da wir doch dieselbe
gänzlich von jener seligen und geistigen Natur ausschließen" 1)?
Über angeblichen Tritheismus hat Basilius wiederholt gesprochen.
Oft haben ihm seine Gegner diesen Vorwurf gemacht, wohl in. dem.
Sinne, daß seine Trinitätslehre folgerichtig auf drei Götter. hinaus-
komme; oft hat er sich auch selbst diesen Einwurf gemar.ht, um
daran sogleich ,seine Entgegnung zu knüpfen. Nur selten ist er
einPr eigentlichen Lösung der Schwierigkeitaus dem Wege gegailgen 2), ~
meistens hat er dem Vorwurf klar ins Auge geschaut und eine
Widerlegung versucht. Niemals findet er diese Widerlegung in jener
seltsamen Ansicht, daß die Bezeichnung eins nur im Sinne von eins
der Natur nach und nicht im Sinne von eins der Zahl nach
auf Gott angewandt werden könne. Er geht andere Wege. Immer
wieder kommt er irgendwie darauf hinaus, daß Sohn und HI. Geist
ihren Ursprung aus dem Vater hätten. Dieser quellenhafte Charakter
des Vaters verbürgt ihm die unzertrennliche Verbindung .der Per-
sonen und ihre Einheit in einer Gottheit.
Während Holl hierin nur einen „subsidiären Gedanken" siehtS), findet
Harnack richtiger, daß dieses bei Basilius ein „Grundpfeiler der Spekulation"
ist; ,,die Einheit Gottes ist hier. nicht allein durch die Hombusie getragen,
sondern im letzten Grunde, wie, bei Arius, auch durch die Monarchie des
Vaters" 4), Schermann stellt als Ansicht des hl. Basilius hin: ,,Eine unter-
schiedslose Mehrzahl stört die Einheit, ein sich gegenseitig bedingender, voraus-
setzender, einschließender und her.vorbringender Unterschied der Personen
stärkt die Einheit"•).
Gewiß beruftsich Basilius gegenüber dem Vorwurf des Polytheis-
rrms darauf, daß .der Sohn mit dem Vater Gleichheit (Identität,
wvr6r17~) hat", daß .in beiden die Wesenheit eine ist" 6). Aber
diese Gleichheit wird zurückgeführt auf den Ursprung der z,veiten und
dritten aus der ersten Person: .Nicht zwei Götter; denn es sind ja auch
nicht zwei Väter. Wer zwei ursprüngliche Wesen (aexat) behauptet,
der lehrt zwei Götter . . . Wo das ursprüngliche Wesen eines ist µnd
das,- was aus ihm ist, auch eines, ferner wo das Urbild eines ist
und das Abbild eines: da wird der Begriff der Einheit nicht zerstört" 7).
1) n 2 p 81D-82C.
2) So z. B. Ep 131, 2 III p 224D; Horn. 9 in Hex. 6 I p 880.
S) Amphilochius von Ikonium ... S. 145.
4) Lehrbuch der· Dogmengesch. II 4 S. 266.
5) Die Gottheit des HI. Geistes . . . S. 105. Dieser Satz ist übrigens wörtlich
entnommen aus H. Schell, Das Wirken des dreieinigen Gottes. Mainz 1885 S. 159,
ohne daß die Entlehnung bei Schermann irgendwie kenntlich gemacht ist.
6) Horn. c. Sabellianos ... 3 II p 191 DE. 7) Jbd. n 4 II p .192 A-C:
54 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

Wiederholt wird dann der allerdings recht· schwache Vergleich mit


dem Menschen und seinem Bilde herangezogRn: ,, Wenn einer auf
dem Markte das königliche Bild sieht' und den anf dem Bilde König
nennt, dann spricht er doch nicht von zwei Königen, nämlich von
dem Bilde und von dem, dessen Bild es ist" 1). Mehrma.ls wendet
er sich gegen den Gedanken, dafü es mehrere ursprüngliche Hypostasen
gebe 2), mehrere aexal 3), dafü Vater und Sohn wie brüderliche Wesen
nebeneinander ständen 4); immer wieder geht er dann zurück auf
die „erste Ursache", auf den „Urheber :von allem", und dadurch
allein hält er die Monarchie für· gewahrt 5).

8. Gleichsetzung von Vater und Gott.


Die starke Betonung der Wesenseinheit und die volle Gleich-
stellung der göttlichen Personen zeigt sich im 8. Briefe auch durch
eine ganz eigenartige Bemerkung zu 1 Gor 8, 6 „Uns aber ist ein
Gott, der Vater, aus welchem alles, und ein Herr Jesus Christus,
durch welchen alles". Der Briefschreiber fragt nun, weshalb wohl
· Paulus sich hier nicht mit den Worten „ein Gott" begnügt habe,
sondern die folgenden Worte vom Vater und von Christus beigefügt
habe 6). Er gibt darauf •die Antwort: ,,Ich vermute, dafü Paulus,
das Gefäfü der Auserwählung, glaubte, es genüge nicht, nur zu ver-·
künden, dafü der Sohn Gott ist und der HI. Geist Gott, was er durch
den Ausdruck ,ein Gott« anzeigte" 7). Der Zusatz Vater solle an
den Urgrund aller Dinge, der Zusatz Herr an den Logos als Vermittler
der Schöpfung und der Zusatz Jesus Christus an die Menschwerdung
erinnern. Bezeichnend und auffallend ist der wörtlich angeführte Satz.
Da findet also der Verfasser in dem Ausdruck „ein Gott" den Sohn
und den HI. Geist mit eingeschlossen. Merkwürdig ist allerdings,
dafü er nicht auch den Vater erwähnt. Wahrscheinlich hielt er es
für selbstv.erständlich, dafü dieser in dem Worte Gott einbegriffen sei.
Bei Basilius finden wir einen solchen oder ähnlichen Gedanken
niemals. (Difl Stelle 1 Gor 8,6 zitiert er zweimal, ohne eine ähnliche
Bemerkung) 8 ). Seiner ganzen Denk- und Redeweise nach kann man
ihm eine solche Äufüerung nicht leicht zutrauen. Bei dem Worte
Gott denkt er immer zunächst an den Vater als den Urgrund und
Repräsentanten der ganzen Gottheit; erst in zweiter Lini~ kommt
der Gedanke, da& vom Sohn und HI. Geist alles gilt; was vom
Vater ausgesagt wird.

1) Ibd. CD; ganz ähnlich De Spir, s, n 45 III p 38 B.


2) Ibd. n 38 III p 31 E. S) C. Eun. 2, 34 I p 271 A. 4) Ep 226, 3 III p 348 A.
5.) Vgl, auch De Spir. s. n 47 III p 39E. 6) n 3 p 83AB. 7) n 3 p .838.
8) De Spir. s. n .4 III p 4 C~E; ibd. n 7 III p 6D.
7. Sprachliche Verschiedenheiten. 55
So bezieht er speziell auf den Vater die Schriftworie Mc 10118 „Niemand
ist gut als Gott allein" 1) und J.o 4,24 „Gott ist ein Geist" 2), auch die Prädikate
& bd n&vrrov {h6, S) und_ besonders & fho, rwv öJ.rov, das er geradezu für den
Vater reserviert, fast unter Ausschließung der anderen göttlichen Personen 4).
Vom HI. Geiste sagt er immer wieder, daß er von Gott ausgehe oder von
G·ott sei5). Bei den biblischen Ausdrücken „Tempel Gottes" und „Gott belügen"
denkt er zunächst an den Vater 6), (Nager, Die Trinitätslehre des hl. Basi-
lius d. Gr. S. 99 und A. Kranich, Der hL Basilius in seiner Stellung zum
Filioque. S. 36 wollen aus diesen Stellen zu viel herauslesen, sie tragen
~remde Gedanken in die Worte des hl. Basilius hinein.)
In solche, sich stets gleichbleibende Gewohnheiten des hl.
Basilius in Lehre und Ausdruck pafüt die Bemerkung des 8. Briefes,
dafü in dem Ausdruck "ein Gott" Sohn und HI. Geist mit ein-
geschlossen seien, gar nicht hinein.
Zu der behandelten Stelle 1 Cor 8, 6 möge eine Bemerkung über den
zugrunde gelegten Bibeltext gleich hier Platz finden. Der Brief zitiert die
Verse ohne den Zusatz: ,,und einen HI. Geist, in welchem alles ist'', der damals
vielfach gebräuchlich -war 7). Die nachfolgenden Bemerkungen zeigen auch,
daß der Zusatz ursprünglich iin Briefe gefehlt hat und nicht etwa erst später
von Abschreibern ausgelassen worden ist.
Basilius dagegen hat in seinem Bibeltexte diese Worte wahrscheinlich
gelesen. Er zitiert die Bibelstelle in seinem Buche über den HI. Geists), und
zwar hat er da ursprünglich diesen Zusatz mit angeführt, wenn auch die
jetzigen_ Ausgaben ihn auslassen. Denn die anschließende Beweisführung geht
auch auf die Worte des -Zusatzes ein; wahrscheinlich haben spätere .Abschreiber
den Zusatz gemäß dem ihnen vorliegenden Bibeltexte getilgt 9). Wenn Basilius
an einer anderen Stelle 10) das Pauluswort ohne diesen Zusatz anführt, so ist das
daraus zu erklären, daß er hier nur das Verhältnis vom Sohne zum Vater be-
leuchten will.

7. Kapitel.
Sprachliche Verschiedenheiten.
Auch einige Abweichungen im Sprachgebrauch, die nicht aus
dogmatischen Gründen hervorzugehen scheinen, sind immerhin der
Beachtung wert.
· Der 8. Brief bezeichnet den HI. Geist als Finger Gottes 11).
Diese Benennung wird hergeleitet aus den Parallelstellen Lc 11, 20

1) Ep 236, 1 III p 361 A.


2) C. Eun. 31 3 I p 274 D; De Spir. s. n 48 III p 40D. S) Ep 38, 4 III p 117 E.
4) C. Eun. 1, 20 I p 231D; ibd_. 2, 34 I p 271A; ibd. 3, 6 I p 277D; ibd.
11 27 I p 238A.
5) DeSpir. s. n 4611Ip38E; Ep 126,3 III p 216E; besonders C. Eun.2 1 34I
p 271 AB. 6) Siehe oben S. 46. _
7) Siehe C. Tischendorf, Novum Testamentum graece. 11 8 Leipzig 1872
p 501-502; v. Dobschütz in der Theol. Literaturztg. 1913 Sp. 668f.
B) De Spir. s. n · 4 III p 4 C-E. 9) Siehe Tischendorf a. a. O.
10) De Spir. s. n 7 III p 6D. 11) n 11 p 89A,
56 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl.Basilius.

„Wenn ich im Finger Gottes die Teufel austreibe" und Mt 12,28


,, Wenn ich im Geiste Gottes die Teufel austreibe".
Basilius geht oft, besonders in der Schrift über den HI. Geist,
die verschiedensten Namen und Bezeichnungen und Titel für den
HI. Geist durch, erwähnt aber die Benennung .als Finger Gottes niemals.
Der Brief. zitiert den Apostel Paulus als· Ilavlo, ö äyw, 1).
Die Schriften des hl. Basilius enthalten diese Benennung
nicht. Statt dessen steht da gewöhnllch o µax& e w, llavlo, oder
einfach o &:n:6atolo,.
Der Ausdruck ol äytot kommt häufig vor und hezeichnet die Gesamt­
heit der inspirierten Schriftsteller oder der verstorbenen Väter. Dem 8. Briefe
kommen· nahe nur folgende wenige Ausdrücke: Ep 204, 1 III p 303 C: & äy w,
(gemeint ist der hl.Paulus); Prooemium de judicio dei · (echt?) 6 II· p 219 C:
o[ äytot &n6cn:0J.01; Horn.in Ps 45 n 6 I p 174E: � nae{Mvoq & y la; Ep 261, 2
III p 402 B: � &y la nag{}ivoq; Ep 262, 1 III p 404 A: � &y la Mae la 2); Horn. de
fine mundi: 3) Th() holy Virgin Mary.
Der Teufel bzw. seine verderbte Natur wird im 8. Briefe
dreimal als &vuxei1dvr; MJVaµt, bezeichnet 4), "so dafä man diese Be­
zeichnung . als einen stehenden Ausdruck des Briefschreibers · an­
sehen kann.
Bei Basilius trifft· das durchaus nicht zu. Er hat, · besonders
in seinen Homilien über das Sechstagewerk und in seinen mora­
lischen Homilien, sehr häufig über den Teufel gesprochen und zwar
oft in der weitläufigsten Weise 5). Aber nur ganz vereinzelt hat
er ähnliche Redewendungen, z. B. Horn. in ebriosos 8 II p 129E;
Horn. 2 in Hex. 4 I p 16 A; De Spir. s. n 38 III p 32 E;
Flom. c. Sabellianos .. ; 5 II p 194B. Fast stets geht die Erwäh­
nung eines gegenteiligen Begriffes vorher, entweder der guten Engel
oder des HI. Geistes oder dgl., so dafü dadurch die Wahl eines sol­
chen Ausdrucks nahegelegt ist.
Für den Namen Ju!,.ßolo, = Teufel scheint der Brief eine
merkwürdige, ganz ungewöhnliche Ableitung zu haben, nämlich von
dem Worte Jwß&.J..lw im Sinne von überlaufen. übergehen 6).
Der Verfasser geht davon aus, daß man dem HI. Geiste keine veränder­
liche Wesenheit (,eem:& ovaia) beilegen dürfe, wie dem Teufel, ,,welcher wie
ein Blitz vom Himmel fiel, .•• weil dem schlechten Entschluß die Veränderung
gefolgt war. Daher, als · er .aus der Monas herausgefailen war und die

1) n 11 p 88D.
· 2) Gegen die Echtheit dieser beiden Briefe 261 u. 262 kalin ich gewisse Be-
denken nicht unterdrücken. .
3) Coptic Homilies in the dialect of Upper Egypt ... ed. by E. A .. W. Budge,
London 1910 p 257. 4) n 6 p 84E; n 10 p 87E;n 10 p 88A.
5) Siehe z. B.Horn..quöd deus non est auctor inalorum II p 72-83; Horn. de
invidia II p 91-97.
6) Siehe H. Stephimus, Thesaurus linguae Graecae II3 Paris 1833 p 1109;
W. Pape, Handwörterb. der griech. Sprache I � Braunschweig 1864 S, 493.
7. Sprachliche Verschiedenheiten. 57
englische Würde von sich geworfen hatte, ano roii ,e6nov WVOflO.cd)17 r)laßolor;" 1).
Wenn man lhaßo?.or; auf 15wß6).2w in der Bedeutung anklagen, verleumden,
schmähen zurückführt, so hat die ganze Auseinandersetzung keinen logischen
Gedankengang; denn der Vordersatz (wie auch der Nachsatz) sprechen nicht
von Verleumdung, Anklage oder dgl., sondern von Veränderung, Umwandlung,
Abfall. Daher muß blaßo?.or; hier wohl als Überläufer gefaßt werden. Vielleicht
könnte man ,e6nor; dan� nicht als Sitte, Charakter verstehen, sondern als
eine ungewöhnliche Form für ,eon� = Änderung, besonders da vorher dem Teufel
eine ,eem;� ovala zugeschrieben wird.
Basilius führt biaßo).oc; natürlich auch auf l5wß6.).).w zurück,
nimmt aber dieses Wort, wie man allgemein zu tun pflegte, im
Sinne von verleumden oder anklagen 2).
Vvenn auch zugegeben werden muß, daß die sprachliche Dar­
stellung in einem Schriftstück vielfach von den besonderen Umständen
der Abfassung abhängt, so läßt sich doch nicht verkennen, daß die
Ausdrucksweise in dem Briefe an manchen Stellen sehr stark von
der Schreibweise des hl. Basilius absticht. Zu den Bibelstellen 1 Cor
8, 5. 6. zu Mc 13, 32 und zu 1 Cor 15, 28 hat der Brief so ver­
stiegene, phantastische Gedanken, in einer trotz aller sprachlichen
Glätte doch so unübersichtlichen Darstellungsweise, daß die stets
klare, nüchterne, verstandesrnäfüge Schreibweise des hl. Basilius in
starkem Gegensatz dazu steht.
Besonders zeigt sich dieser Unterschied in der Verwendung
der Bibel. Der Briefschreiber verwebt, wie es allerdings manche
seiner Zeitgenossen tun, biblische Worte und Sätze in reichstem
Maße in seine eigenen Darlegungen. Dabei löst er die Bibelstellen
oft ganz von i�rer ursprünglichen Bedeutung los und wendet sie
auf seine eigenen Lebensverhältnisse an, oft auf Begriffe, die dem
ursprünglichen Sinn sehr fern liegen.
Einige Beispiele seien angeführt. Die Apostel werden genannt „gereinigt
von dem Worte", vgl. Jo 15, 3 3), die Gegner sind „hartherzige und unbe­
schnittene Menschen", vgl. Act 7, 514) oder werden bezeichnet als Philister, die
die Brunnen verschütten und das Reine der gläubigen Erkenntnis be­
schmutzen und den Schafen verwehren, aus dem reinen Wasser zu trinken,
vgl. Gen 26, 1 4. 15 5). Die Brüder heißen „tönerne Gefäße, die. den Schatz
Gottes enthalten", vgl. 2 Co.r 4, 7 6). Sein Freund Gr„gor ist ein „Gefäß der
Auserwählung", vgl. Act 9, 15, ein „tiefer Brunnen", vgl. Jo 4, 11, ein „Laban,
der mich von diesem Esau befreit", vgl. Gen 27, 41- 45 7). Auf Gleichni;,se
Christi wird wiederholt angespielt: ,,Dieses alles nahm er (Christus) auf sich,
... damit er das verlorene Schaf wiedergewinne und das gewonnene wieder
(unter die Herde) mische, und damit er den, der von Jerusalem nach Jericho
gegangen und daher unter die Räuber gefallen war·, gesund in sein eigenes
Vaterland zurückführe" 8). Ähnlich wird das Gleichnis vom bittenden Freunde
verwertet 9) und die Gleichnisse von den Talenten und vom Säemanne lO), Seine

1) n 10 p 87E-88A. 2) Hom. quod deus non est auctor malorum 9 II


p 82A; Ep 203,2 III p 301A; Ep 204,2 III p 303E.
3) n 7 p 85 B. 4) n 7 p 86 E 5) n 2 p 81 CD. 6) n 7 p 86 D
7) n 1 p 81 B. 8) n 5 .p 840. 9) n 6 p 85AB. 10) n 12 p 89AB.
58 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

Flucht schildert der Briefschreiber mit den Worten des Psalmisten aus Ps
54, 81), die Erleuchtung des Verstandes mit Worten aus Ps 17, 34, die vom
Könige handeln 2).
Diese Art der Bibelverwendung ist bei Basilius aufüerordentlich
selten. Bibelstellen führt er gewöhnlich wörtlich an und macht
sie als Zitat. ausdrücklich kenntlich. Daf.i er qie Schrifttexte in seine
eigenen Worte hinein verflechtet, kommt nur sehr selten vor, und dann
fast nur bei den gebräuchlichsten Schriftworten, etwa bei Versen
aus dem Johannesprolog oder bei Phil 2, 5-7 oder bei Hebr 1, 3 u.ä.
Wenn Basilius einmal geistreiche Andeutungen und Anspielungen
hat, so .. beziehen sich diese nicht auf die Bibel, und sie finden
sich fast nur in Briefen an Sophisten oder weltliche Standes-
personen 3). Wir haben bei Basilius keinen Brief und keine Pre-
digt, die in so überraschend kühner und freier Weise die Schrift-
texte verwendet, wie es der 8. Brief in recht ausgiebigem Maf.ie tut.
Man könnte bezüglich der Bibelbenutzung versueht sein, eine Abweichung
des 8. Briefes von den echten Werken des hl. Basilius zu konstatieren, indem
man etwa schließen würde:. Der Brief enthalte die Bemerkung: ,,Der weise
Salomon ... führt uns ... das aus Wachs gebildete Werk der weisen Biene
vor4)." Der Briefschreiber könne hier nur Ecclus 11, 3 im Auge haben, er
schreibe also das Buch Ecclesiasticus dem Salomon zu, während Basilius dieses
nicht tue, obwohl er das Buch oft zitiere.
Indessen würde eine solche Schlußfolgerung nicht stichhaltig sein, denn
in dem LXX-Texte steht ein Vers Prov 6, Sb, der im Hebräischen fehlt: ,,Oder
gehe zur Biene und lerne, wie arbeitsam sie ist und wie sie ihr Werk herr-
lich bereitet". Wahrscheinlich hat der Briefschreiber diese Stelle im Auge
gehabt und nicht Ecclus 11, 3, da er llnmittelbar vorher „die Ameise, die
untadelige Arbeiterin" als von Salomon erwähnt, anführt, womit unzweifelhaft
Prov 6, 6-Sa gemeint ist. Das Buch der Sprichwörter hat aber auch Basilius
immer dem Salomon zugeschrieben, so daß sich hieraus eine Differenz gegen-
über dem 8. Briefe nicht ergibt.

8. Kapitel.
Datierung des Briefes.
Die Mauriner haben den 8. Brief in die erste Zeit des Aszeten-
tumes des hl. Basilius verwiesen. Die Abweichungen von den
späteren Werken des Kirchenvaters hat man dann vielfach mit dem
grof.ien Zeitabstand zu erklären versucht.
Indessen macht der Brief keineswegs den Eindruck eines Erst..:
lingswerkes. In dogmatischer Beziehung herrscht kein· mühsames

l)n 1 p 81A. 2) n 12 p 890.


B) Vgl. dazu J. Trunk, De Basilio M. sermonis Attici imitatore. Progr. des
Gymn. Ehingen a. D. für 1907-08 und 1910-11. Stuttgart 1911 S. 69,
4) n 12 p 89 E.
8. Datierung des Briefes. 59
Suchen und Tasten, sondern Sicherheit und Festigkeit im Urteil,
obwohl· der Verfasser sich durchaus nicht immer in gewohnten
Geleisen bewegt, sondern oft genug seine eigenen Wege geht. Dabei
ist aber alles miteinander in Übereinstimmung gebracht, von ein-
heitlichen Anschauungen und Grundsätzen getragen. So spricht nicht
ein Anfänger, sondern nur einer, der über die Probleme mit sich
im Reinen ist und von einem festen Standpunkt aus alles beurteilt.
Au.füerdem ist auch bei einer ganz frühen Datierung - das
Jahr 360 oder 361 könnte frühestens in Betracht kommen - der
zeitliche Abstand gar nicht so gro.fü. Denn manche Briefe und die
meisten aszetischen Schriften stammen aus derselben Zeit oder doch
aus den unmittelbar folgenden Jahren. Das Werk gegen Eunomius
ist nach gewöhnlicher Annahme etwa 364 verfaßt 1). Alle diese
Schriften zeigen aber, wie im Vorstehenden schon mehrfach betont
worden ist, mit den späteren in allen wesentlichen Punkten über-
einstimmend dasselbe Bild. Nur der 8. Brief weicht von diesem
einheitlichen Gesamtbilde ganz erheblich ab. Eine so starke, dazu
noch so schnelle Entwicklung wäre doppelt auffallend bei einem
Manne wie Basilius, der von sich sagen konnte: ,, Dieser einen Sache
wage ich mich im Herrn zu rühmen, da.fü meine Ansichten über
Gott niemals falsch gewesen sind, oder da.fü ich, anders denkend,
später umgelernt hätte" 2). Basilius betont auch zu Anfang seiner
Schrift gegen Eunomius, wenn die Gegner sich mit dem einfachen
Glauben begnügt hätten, ,, würden auch wir jetzt vollends das Schweigen,
das wir von Anfang an vorgezogen haben, gerne beibehalten haben" 3).
Dabei nennt er sich selbst „gänzlich ungeübt in solcher Art von
Reden" 4). Gewi.fü 'braucht man diesen Worten keine entscheidende
Bedeutung beizulegen; aber auffallend wäre es doch, wenn Basilius,
der diese Worte schre'ibt, trotzdem höchstens ein paar Jahre vorher
in dem 8. Briefe gegen die Arianer zu Feld gezogen wäre und fast
alle ihre Schriftargumente bekämpft hätte.
Der Brief kann auch schon deshalb nicht gut eine Erstlings-
schrift des hl. Basilius · sein, weil der grorae Kirchenvater dann in
manchen Punkten eine Entwicklung durchgemacht haben mürate, die
der Natur der Sache widersprechen und dem tatsächlichen Verlauf
der Lehrentwicklung durchaus zuwiderlaufen würde. Er hätte dann
in den ersten Jahren das oµoovawc; ausschließlich gefordert, später

1) Fr. Diekamp, Literargeschichtl. zur eunomianischen Kontroverse. Byz. Zeit-


schr. ßd. 18, Jahrg. 1909 S. 1-13 schließt die Abfassungszeit in die äußer-
sten G.renzen 361 und 366 ein.
2) Ep 223, 3 III p 338 D; ibd. n 5 III p 340 B. Siehe auch Ep 236, 1 III p 360 E.
3) C. Eun. 11 1 I p 207 A. 4) Ibd. p 207 C.
60 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

aber auch die andern Formeln zugelassen; er hätte auf den HI.
Geist das Wort „gleich wesentlich" und das Prädikat „Gott" zuerst
angewandt, später aber geflissentlich rermieden; er hätte zu Anfang
seines Wirkens die Wesenseinheit der drei Personen bis in alle Einzel.:
heilen durchgedacht und durchgeführt, später dagegen das Ursprungs-
verhältnis' viel mehr in den Vordergrund geschoben. Tatsächlich
ist aber der Verlauf bei Basilius wie überhaupt bei den Kappadoziern
und den ihnen geistesverwandten Kirchenvätern umgekehrt gmvesen 1).
Außerdem paßt der Brief in mancher Beziehung eher in die letzten
Jahrzehnte des 4. Jahrhunderts als etwa um das Jahr 360. Die Andeutungen
über die Lage auf dem Schauplatz der theologischen Kämpfe ermöglichen
allerdings in diesem Punkte keinen sicheren Schluß. Denn. wenn die Rede ist
von Streitigkeiten über gezeugt und ungezeugt, über ähnlich und 'unähnlich,
-über die Ewig)reit des Sohnes, Gottes usw., so läßt das doch ziemlich freien
Spielraum etwa zwischen 350 und 400. (Die weitläufige Behandlung der Lehre
vom HI. Geüi't würde allerdings schlecht zu einem frühen Termin innerhalb
dieser Grenzen passen.)
Aber andere Punkte sprechen eher für eine Entstehung gegen Ende des
4. Jahrhunderts als um die Mitte desselben. Eine Doxologie von dem ange-
deuteten Typus wäre lange vor 400, etwa um 360, eine große Seltenheit 2).
Auch d,ie ganze Färbung der Trinitätslehre paßt viel eher in die Zeit
von 380-400.als zwei Jahrzehnte früher.· Die dem hl. Basilius gleichzeitigen
Väter haben auch exegetische Lösungen, dogmatische Auffassungen und sprach-
liche Wendungen, die der Brief hat, aber nur vereinzelt. Der Brief dagegen
weist ausnahmslos in allen Einzelheiten einen Standpunkt auf, der ehva dem
Jahre 400 enlspricht. Ein Beispiel: Jo 14, 28 wird, wie im 8. Briefe, so auch
im (unechten) 4. Buch des hl. Basilius gegen Eunomius vom inner:göttlichen
Leben ausgeschlossen. Auf Grund dieser Schrifterklärung urteilt F. X. Funk B),
daß das 4. Buch einer späteren Zeit angehören müsse, als etwa die Schrift des
hl. Basilius über den Hl. Geist.
Die Bezeichnung IlavJ.o, o äyw,; findet sich, wie 'F. X. Kraus urteilt,
„seit dem Ende des 4. Jahrhunderts etwa" 1 ). Auch Gregor von Nazianz und
Gregor von Nyssa haben diese Redeweise nur ganz vereinzelt.
Die Benimhung des HI. Geistes als Finger Gottes kommt um die Mitte
des 4. Jahrhunderts noch n!c;ht vor 0 ).

1) Vgl. J. A. Dorner; Entwicklungsgesch. d. Lehre von der Person Christi.


Stuttgart 1846 I S. 929ff. Sehr gut hat diese Grundzüge im Großen darge-
stellt J. Bilz, Die Trinitätslehre des hl. Johannes von Damaskus. (Forsch. zur
christl. Lit. u. Dogmengesch. IX, 3) Paderborn 1909 S. 96-105.
2) Th, Schermann, Theol. Revue, Bd. 17, Jahrg. 1918, Sp. 211 und V. Thal-
hofer, Handb. d kath. Liturgik I2 hsgb. von L. Eisenhofer Freiburg 1912
S. 312 berufen sich dagegen auf den Taufbefehl und die Taufformel, welche
diese Doxologie nahegelegt hätte. Aber die Texte, auch die von Schermann
angeführten, zeigen eine andere Entwicklung; das Bewußtsein der Heilstat-
sachen hat 'offenbar mehr Einfluß gehabt als die Erinnerung an den Taufbefehl.
8) Kirchengesch. Abhandl, und Unters. II Paderborn 1899 S. 309.
4) Realenzykl. der christl. Altertümer, Freiburg 1882 I S. 654 f. Vgl. Funk
a. a. 0. S. 300 Anm.
5) Gregor von Nazianz erwähnt diese J3enennung, soviel ich sehe, nur einmal,
und zwar in einer Rede aus deni Jahre 380: Or 31, 29; Migne P. gr. 36, 165 C.
9. Abhängigkeit des Briefes von Origenes. 61

Der Brief kann also kein Erstlingsversuch des hl. Basilius sein.
Ihn einem späteren Lebensabschnitt des Kirchenvaters zuzuweisen,
wird durch die Abweichungen von seinen vielen, dann gleichzeitigen
Schriften verboten. Der Brief muß also einem andern Verfasser
gegen Ende des 4. Jahrhunderts angehören.

9. Kapitel.
Abhängigkeit des Briefes von Origenes 1).
Schon aus der bisherigen Darstellung geht hervor, dafü 1nanche
eigenartige Gedanken, die der Brief enthält, auf Origenes zurück-
weisen. J)ie Trinitätslehre macht hiervon· eine Ausnahme insofern,
als sich von den subordinatianischen Ansichten des großen Alexan-
driners im Briefe auch nicht eine Spur findet 2 ). Aber die anderen
Ideen, die im 8. Briefe auffallen, finden wir bei Origenes wieder,
so die starke Hervorhebung der Erkenntnis, die alle anderen Seiten
des religiösen Lebens zurückdrängt, die Freude an der auf dem
Glauben sich aufbauenden Spekulation, den erniedrigenden Einfluß
der Sinnlichkeit auf das Geiste:3Jeben, die Unterscheidung zwischen
niederer Erkenntnis für die gro.füe Menge und höherer Gnosis für
die Vollkommenen, die allegorische Bibelerklärung, die allseitige
Betonung der Einfachheit und Einheit Gottes.
An Einzelheiten sei folgendes angeführt 3).
Der Brief nennt den Himmel die wahre Erkenntnis der
Dinge 4), die genaue Erfassung der Gedanken Gottes 5); der Empfang
der Eucharistie bereitet vor auf die Erkenntnis der jetzigen Dinge 6).
Origenes stellt i rnmer die IMcenn tnis der Dinge in den Vorcler-
grund 7). Wenn er ein langes Kapitel schreibt „Über das Verhei.füene" 8),
1) Nur für besondere Einzelheiten führe ich die Belegstellen aus Origenes an.
Fiir die mehr allgemeinen Grundlagen seines Lehrsystems verweise ich. auf
eine der folgenden DarsteÜungen: Seeberg, Lehrbuch d. Dogmengesch. I 2
S. 406-455, wo sehr gut die leitenden Ideen im Systenr,deS' Origenes äuf-
gedeckt sind. Bardcnhewer, Gesch. der altkirchl. Lit. 112 S. 68-158. Har-
nack, Lehrbuch der Dogmengesch. 14 S. 650-697. L. Atzberger, Gesch. der
christl. Eschatologie, Freiburg 1896 S. 366-456. E. R. Redepenning, Ori-
genes I und II. Bonn 1841 und 1846.
2) Das mag damit zusammenhängen, daß man damals den Begriff des Dogmas
im strengen Sinne auf Trinitätslehre und Christologie beschränkte, dagegen
in anderen Lehrpunkten der Spekulation viel mehr Freiheit lit:iß; siehe dazu
Diekamp, Die Gotteslehre des hl. Gregor von Nyssa S. 32.
3) Ich zitiere nach der Berliner Kirchenväter,- Ausgabe (Die griech. christl.
Schriftsteller der ersten drei Jahrh.): Origenes Werke. Bd. 1-6. Leipzig
1899-1920 (kurz als GCS bezeichnet). Die in dieser Sammlung noch nicht
erschienenen Schriften zitiere ich nach Migne P. gr. 11-17.
4) n 12 p 89 B. 5) n 7 p 85 B. 6) n 4 p 84 A.
7) vgl. Seeberg a. a. O. Sc 414. 8) De princ. 2, 11 GCS 5 S. 183-192,
62 1. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

so schwelgt er in der Aufzählung all der Erkenntnisse und Ein­


sichten, die wir im Himmel gewinnen werden 1), aber die Anschauung
Gottes vergißt er beinahe zu erwähnen 2).
Die Unterscheidung zwischen verschiedenen Stufen der Offen­
barung, zwischen dem Reiche Christi und dem Reiche des Vaters,
zwischen der durch den Sohn vermittelten Gotteserkenntnis und
der A�schauung der lvdr; uat 1wv&r; ist aus den kurzen Äufüerungen
des 8. Briefes immerhin zu erkennen. Bei Origenes sind solche
Gedanken weitläufig ausgeführt 3). H;at der Logos die gesamte
Schöpfung zur alten Ordnung zurückgeführt, so wird er das Reich
dem Vater übergeben. Dann werden auch ;wir Menschen den· Vater
unmittelbar schauen, nicht mehr durch seln Bild, den Sohn, son­
dern in derselben Weise wie der Sohn, ja wir werden selbst ge-
radezu Sohn sein 4).
. Bei Origenes finden wir auch die Ansicht des 8. Briefes, dafü
die Engel jetzt noch nicht die höchste Stufe der Gotteserkenntnis
erreicht haben. ,,Noch viel Gröfüeres, als was Sonne und Mond
und der Chor der Sterne und der Engel . . . wissen, bewahrt Gott
und stell t es zurück, damit er es offenbare, wenn die ganze
Schöpfung von der Knechtschaft des Feindes befreit wird zur Frei­
heit der Herrlichkeit der Kinder Gottes" 5). Aus Js 6, 2. 3, wo
zwei Seraphim (Sohn und HI. Geist) das Angestcht und die Füfüe
Gottes bedecken, schliefüt er, dafü "auch die Scharen der hl. Engel ...
noch nicht vollkommen den Anfang aller Dinge und das Ende des
Alls erkennen könrien" 6).
Die allegorische Erklärung der eucharistischen Verheifüungs­
worte, die im 8. Briefe besonders stark aufgefallen ist, hat bei
Origenes ihre Gegenstücke in überraschender Ähnlichkeit 7). Er
warnt vor wörtlicher Auslegung von Jo 6, 54ff.; eine solche Aus­
legung würde töten, nicht nähren 8). Christus wird als Speise be-

1) n 5-7 S. 188-191. 2) n 7 S. 192.


S) Siehe z. B. Seeberg a. a. 0. S. 425,
4) Redepenning a. a, O. II S. 283-285. Comm. in Joh. 1, 16 GCS 4 S. 20;
ibd. 20, 7 S. 334.
5) Exhort. ad mart. 13 GCS 1 S 13f.
6) De princ. IV c 3, 14 (26) GCS 5 S. 346; vgl. Comm. in Joh. 20, 7 GCS 4
S. 334; . Redepenning a. a. 0. I S. 347 f.
7) Vgl. V. Schmitt, Die Verheißung der Eucharistie (Jo 6) bei den Vätern,
I. TheoL Diss. Würzburg 1900 S. 61-74. A. Struckmann, Die Gegenwart
Christi in der hl. Euch. nach den schriftl. Quellen der vorniz. Zeit Wien 1905
S. 140-204, G. Rauschen, Euch. und Bußsakr•. in den ersten sechs Jahrh.
der Kirche 2. Aufl. Freiburg 1910 S.7-10. P. Batiffol, Etudes d'histoire .... 112
p 192-201.
8) In Lev. Horn. 7, 5 GCS 6 S. 387,
9. Abhängigkeit des Briefes von Origenes. 63
zeichnet, wie man auch Petrus und Paulus und schliefüich alle
Menschen als Speise bezeiclrnen könne, da sie dem Nächsten ein
gutes Beispiel gäben 1). Unter Leib und Blut Christi sei seine Lehre
zu verstehen, ,, nämlich das Wort, welches von dem· göttlichen
Worte ausging" 2). Wir trinken .sein Blut .nicht nur durch die Feier
der hl. Geheimnisse, sondern auch, indem wir seine Lehre auf-
nehmen" 3). Dabei wird der Begriff „Lehre" mehreremal zerglie-
dert, wie es ja auch im 8. B1:iefe geschieht: ,,Das Brot ist die Lehre
der Gerechtigkeit . . . , der Trank ist die Lehre der Erkenntnis
Christi" 4). Wie er zu Jo 4, 34 bemerkt, bei Christus sei die Speise
io :nea,mx6v, der Trank . io {hwe17nx6v, so unterscheidet er auch
bei Jo 6, 56 Speise und Trank; Speise sei die :neMiq, Trank die
{}ewela 5). Das stimmt auffallend überein mit dem 8. Briefe, der
Fleisch und Blut Christi auffaßt als seine Lehre; ,,die aus prak-
tischer. physischer und theologischer besteht" 6).
Die merkwürdigen Gedankengänge und Ausdrücke des
8. Briefes über die Einheit in Gott sind. dem Origenes besonders
eigen. ,, Der Grundgedanke des Origenes ist die uranfängliche, un-
zerstörbare Einheit Gottes und aller geistigen Wesenheit" 7); ,,Als
das Eine steht Gott dem Vielen gegenüber" 8). Gott ist ihm .eine
einfache; geistige Natur, die gar keine Zusammensetzung zuläßt ... ,
so daß er in jeder Weise µova.q und sozusagen lva.q ist" 9), ,,Man
muß glauben, dafü er vollends über jede Zahl ist" 10). Alles an-
dere. dagegen gehört zur Vielheit, ist körperlich und zusammengesetzt.
Die Dinge dieser Welt sind nach Origenes durch Abfall von
Gott entstanden. Er nennt das einen Abfall der Wesen, die sich
„ von der Einheit losgelöst haben" 11}. Vom sündigen Menschen
gebraucht er den Ausdruck ifjq fr6117wq bml:mwv 12). Ähnlich
fanden wir im 8. Briefe vom Teufel die Bezeichnung lx:neawv ifjq µova.~oq.
Dem Origenes ist der Gedanke sehr geläufig, dara Gott nur
das Gute· kennt, das Böse aber nicht kennt 13). Das mag in etwa

1) ibd. S. 386-387. .
2) Iri Matth. comm. series 85; Migne P. gr. 13, 1734 B.
B) In Num. Horn. 16 1 9; Migne P. gr. 12, 701 B.
4) In Matth. comm series 85; Migne P. gr. 13 1 1735 A.
5) Comm. in Matth. tom. 16,7; Migne.P. gr. 13, 1385B-1388A.
6) n 4 p 84 A. Harnack a. a. 0. S. 459 hat diesen Satz schon als „echt ori-
genistisch" bezeichnet; ähnlich Batiffol a. a. 0. S. 258.
7) Harnack a. a, 0. S. 663. . S) ebenda S. 666.
9) De princ. I c 1, 6 GCS 6 S. 21.
10) In 1. regn. Horn. 11 4; Migne P. gr. 12, 999A.
11) De princ. II c 1, 1 GCS 6 S. 107,
12) Comm. in Oseam; Migne P. gr. 13,828 C.
lS) Comm. in epist. ad Rom. 7, 7; Migne P. gr. 14, 1123AB.
64 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. Basilius.

mit seiner Idee zusammenhängen, dara das Erkennen Gottes nicht


rein r�zeptiv, sondern zugleich bestimmend, bewirkend sei 1). Im
K Briefe klingt auch d.ieser Gedanke wieder; er wird noch dahin
erweitert, dafü Gott überhaupt nur dasjenige kennt, was er selbst
ist, und dasjenige nicht kennt, was er selbst nicht ist 2).
Am · Ende der Zeiten werden nach Origenes alle Wesen wie­
der zur vollen Einheit in Gott zurückkehren. Diese Einheit sieht
er nicht an als blofü mo,ralische, als Gesinnungseinheit oder Gnaden­
einheit, sondern als eine Eiriheit des Seins. Denn er setzt sie mit
der Einheit affi Anfang völlig gleich 3). Er gebraucht dafür die
stärksten Ausdrücke: ,, Eine Verschiedenheit wird nicht sein" 4). Er
untersucht, ob für diese Zeit nicht die Ablegung jeder Körperlich­
keit zu erwarten sei, weil jede Leiblichkeit doch immer eine gewisse
Verschiedenheit bedinge 5). Der 8. Brief betont ganz ähnlich: ,, Da
Gott einer ist, so einigt er alle, wenn er in jedem einzelnen wird,
und dann hört die Zahl auf, da die Monas eintritt" 6).
Verschiedene Einzelausdrücke,. die im 8. Briefe auffallen, .. weil sie. bei
Basilius nie oder nur . sehr selten vorkommen:, sind dem Origenes ganz geläufig 7).
Er nennt die bösen. Geister sehr häufig &n:ii<eiµivtJ l'Jvvaµiq 8).
Der 8. Brief bezeichnet die Gemeinschaft mit Christus durch die Worte:
„Wir werden teilhaftig ... des Logos und der Weisheit" 9). Bei Basilius . ist
diese Zusammenstenung J ).6yoq i<at � ao,pia ganz ungebräuchlich. · Bei Origenes
ist sie ein stehender Ausdruck für den Sohn Gottes 10).
Der 8. Brief hat für die Menschwerdung des Sohnes Gottes dreimal den
Ausdruck evav{}e w:n:tJoiq 11). Bei Basilius. ist dieses Wort sehr selten 12). Bei
Origenes kommt es oder Ableitungen von diesem Stamme sehr häufig vorl3).
Der Ausdruck paßt sehr gut zu seiner Anschauung von der präexistenten Seele
Christi 14).
Der 8. Brief hat auffallend oft die Ausdrücke „geistig (votj,6s)" und
;,sinnlich (alo{}tj,6s)". Beide Begriffe werden ausführlich miteinander ver-

1) Siehe Redepenning a. a. 0. II S. 285-287. 2) n 7 p 85 BC.


3) z. B. De princ. III c 6, 3-4 GCS 5 S. 283-285.
4) .De princ. III c 6, 4 GCS 5 S. 286. 5) De princ. III c 6,8 GCS 5 S.289.
6) n 7 p 86D.
7) Harnack reklamiert mehrere der im Folgenden genannten Ausdrücke als
für Origenes eigentümlich (Diobouniotis und A. Harnack,· Der Scholienkom,
mentar des Origenes zur Apokalypse Johannis. Texte und Unters.· 38' 3
Leipzig 1 911 S. 46-62).
8) Ich zitiere z. B. aus den Jeremiashomilien: c 1,
13 GCS 3 S. 11, 19;
C 1, 1 4 S 12, 14; C 512 S. 32,2; C 10,8 S. 78, 1 5; C 1 3,2 S. 1 03, 21; c 1 7,2
S. 1 44, 22; 9) n 2 p 84 A.
10) Im zweiten Buche des Werkes De princ. finde ich
diese Wendung achtmal
gebraucht: c 3, 2 GCS 5 S. 1 1 o, 14; c 3, 7 S.l26,7; .c 6, 2 S.140,28 .; c 6, 6
S. 1 45, 18; C 7, 1 S. 148, 3; C 7, 2 S.1 49, 2; C 8, 5 S. 163,5; C 9,4 S, 167, 27.
11) n 3 p 83 B; n 4 . p 84 A; n 7 p 85 C.
12) Zu seinem mehrmalig�m Vorkommen in Ep 261 u. 262 siehe oben S.56 Anm.2.
13) Siehe die Wortregister zu seinen Werken. 14) Seeberg a. a. O. S. 422.
10. Öbereinstimmuilgen zwischen dem Briefe und Gregor von Nazianz. 65
glichen 1). Gott wird genannt jene selige und geistige Natur 2) oder die geistige
Sonne 3). Das Leben Christi wird als ala{)17,ry t;w1 bezeichnet 4), die Zeit des
Weltgerichtes als xe6,,o, uai xa,eot . .. alafh7w{ 5 ). Bei Basilius fehlen diese
Worte zwar nicht, kommen aber nur selten vor. Bei Origenes spielen sie
eine sehr große Rolle, da der Gegensatz zwischen Geistigkeit und Sinnlichkeit
einer der Grundzüge seines Lehrgebäudes ist 6).
Über den Teufel hat der 8. Brief die merkwürdige Aussage: ,,Sein
früherer und seliger Zustand wurde ausgelöscht und jene entgegengesetzte
Macht wurde angezündet" 7). Das Bild vom Auslöschen und Anzünden müßte
bei Basilius sehr auffallen. Bei Origenes finden wir eine gleiche oder doch
ganz ähnliche Vorstellung. Er betont, daß alles Heilige, nämlich Gott, Engel
und gute Seelen, Feuer und Licht sind, daß die abgefallenen Seelen dagegen
kalt sind, weil sie den Anteil am göttlichen Feuer verloren haben. Das Wort
,pvx1 leitet er daher auch von 'Pvxe6, ab S).
Die angeführten Übereinstimmungen in ihrer Gesamtheit
zeigen, daf.i der Verfasser des 8. Briefes das Lehrsystem . des Ori-
genes sowohl in seinen Grundzügen als auch in seinen Einzelheiten
gut gekannt hat. Er ist den Ideen des gefeierten Meisters aber
nicht sklavisch gefolgt, sondern hat 8ie selbständig denkend auf die
schwebenden Probleme seiner Zeit angewandt.
Wenn auch Basilius von Origenes mit Hochachtung und Ver-
ehrung spricht und aus dessen Werken ge1rn:insam mit ·Gregor die
Philokalie zusammengestellt hat, so hat er sich doch niemals in
dieser Weise an Origenes angeschlossen, wie der 8. Brief es auf-
weist, weder in seinen Grundideen noch in seinen Ein.zelansichten
oder Einzelausdrücken. Diese Übereinstimmung des 8. Briefes mit
Origenes ist also ein weiterer Grund gegen die Abfassung des Briefes
durch Basilius.
10. Kapitel.
· Übereinstimmungen zwischen dem Briefe und
Gregor von N azianz.
Mehrere Stellen des 8. Briefes stimmen wörtlich überein mit
Äuf.ierungen des hl. Gregor von Nazianz. Es handelt sich nicht
etwa um feststehende Formeln oder gebräuchliche Schulausdrücke, die
Gemeingut gewesen sein könnten, sondern um ganz nebensächliche
Dinge. Dabei ist die Übereinstimmung so wörtlich, daf.i eine direkte
Benutzung der einen Seite durch die andere stattgefunden haben muf.i.
Zum Teil sind diese Parallelstellen schon den Maurinern auf-
gefallen. Entsprechend ihrer frühen Datierung des 8. Briefes sehen
sie Gregor als den Abschreiber an 9). Daf.i er Briefe des hl. Ba8i-

1)n12p89CD. 2)n2p82A. 3)n7p86C. 4)n4p84A. 5)n7p86C.


6) z. B. das Wortregister zum Johanneskommentar weist das Wort vo17,6,, aller-
dings nach verschiedenen Bedeutungen, 47mal nach. 7)· n 10 p 88 A.
8) De princ. II c 8, 3 GCS 5 S. 155-161. Vgl. Seeberg a. a. 0. S. 420.
9) III p 80 an not. f; vgl. III p 84 annot. c.

Me Ich er, Der 8. Brief des hl. Basi!ius. 6


ßß 1. Der 8. Brief, nicht ein Werk des h1. BasiHus.
lius gesammelt hat, könnte für diese Annahme sprechen 1). In-
dessen - abgesehen von allen Gründen für die Unechtheit des
8. Briefes - finden sfoh die Übereinstimmungen bei Gregor in drei
verschiedenen Reden, der Or 2 etwa aus dem Jahre 363, der
Or 36 aus dem Winter 380/81 und der Or 38, einer Weihnachts-
predigt (öder Epiphaniepredigt) von 379 oder 380 2). Es wäre nicht
recht zu verstehen, wenn der wortgewaltige, selbstbewußte Redner
in drei zeitlich weit auseinander liegenden Reden kleine Sätzchen
und Satzteilchen aus einem gw1z fernliegenden Briefe abgeschrieben
hätte. Die Sachlage mufü doch wohl eine andere sein.
Dafü die Parallelstellen erst später, bei der endgültigen Fixierung
und Sammlung der Reden Gregors; in diese eingedrungen wären,
ist durch den engen Zusammenhang ausgeschlossen, der jedesmal
zwischen· der betreffenden Stelle und dem Ganzen der Rede herrscht
(siehe die Einzelbeweise dafür im Folgenden). Gregor kann, nach
Inhalt und Ausdruck des Briefes zu urteilen, ihn auch nicht selbst
geschrieben haben.
Eine genauere Untersüchung der Parallelstellen ergibt vielmehr
gaüz offensichtlich die Priorität der Reden Gregors. Bei ihm ist
der fragliche Abschnitt immer anschaulich und frisch, er pafilt vor-
züglich zum Inhalt der ganzen · Rede, zum Konfext, zu den per-
sönlichen Verh,ältnissen des Redners; zu den Besonderheiten seiner
Redeweise,· während dieselbe Stelle im 8. Briefe abgeblafilter. allge-
meiner gehalten ist und eine solche Verknüpfung stets vermissen
lärat, so dafil die Wahrscheinlichkeit in jedem Falle für die Ursprüng-
lichkeit bei Gregor spricht.
Die Parallelen sind folgende:
1. Ep 8, 1 p 80 D Gregor Or 361 1; Migne P. gr. 36, 265A
:n-o./.Äa;et. e/}avµaaa 8) 1 lyw /}avµa?;w, Tt Jl:OTB
Tl :n-ou :n-e,k ~µiir; Bouv, 8 neO~ -r:o'Uq iµo'Vq
:n-sn6v{}a-,;s ual n6{}8'P ns:n:6v{}ars Ä&yovr; ual :n-6/}sv
Toaovrov ~TriiaDs Tijr; TOOOVTO'P ~TTIJO{}B T~t;;
~µsreear; ßeaxvnJTOt;;1 Tijt;; ~µedear; q;w,,ijr;, Tijr;
µiueiir; ual öÄiYIJ• uai fmseoeiov uai µiueär; 1awr;
oMev lawr; txoval'/r; ( OVO'f/r; ?) uai oi>Jev EXOVO'f/t;;
ieaaµto'P. le&aµwv.

1) Bessieres, La tradition ... vol. 23 p 245-248 glaubt, diese Briefsammlung


noch umgrenzen zu können, allerdings nicht mit viel Wahrscheinlichkeit; der
8. Brief ist nach ihm nicht darin enthalten.
2) Vgl. G. Rauschen, Jahrb. der christl. Kirche unter dem Kaiser Tbeodosius d. Gr.
Freiburg 1897 S 1l2f. und 78f. Bardenp.ewer, Gesch. der altk. Lit. III
S. 173-177. · H. Usener, Religionsgescli. Unters. 1. Das Weihnachtsfest 2. Aufl.
Bonn 1911 S. 260-268. Gegen letzteren A. Baumstark, Die Zeit der Ein-
führung des Weihnachtsf. in Konstantin. Oriens Christ. II 1902 S. 441-446.
S) Die Worte :n-oU&uir; J{}avµaaa waren eine beliebte Floskel für den Anfang
eines Schriftstückes. Xenophons Memorabilien und der Panegyrikus des
Jsokrates beginnen so.
io. Übereinstimmungen zwischen dem Briefe und Grego1' von Nazianz. 67
Gregor legt· in dieser Rede eingehende Rechenschaft ab über
seine Predigttätigkeit und untersucht die Gründe für die Hoch-
schätzung des Volkes gegen ihn. Daraus erklären sich seine Aus-
drücke ot il,uot Äoyot, ~ ~µer.eea cpwv1. Der Brief setzt dafür ein-
fach die Person ein: ~µei,; und ~ ~µerfea ßeaxi'n:ns:.
Gregor nennt in der obigen Parallelstelle seine Stimme eine
vnee6ew,;, eine fremde, weil er damals erst vor ein oder zwei Jahren
aus seiner Abgeschiedenheit in Isaurien nach Konstantinopel ge-
kommen war. Gregor liebte solche Anspielungen auf seine persön-
lichen Verhältnisse, speziell auf seine Vergangenheit. Er nennt sich
oft einen ;ivo,; 1), einen ex/Jnµo,; 2), einen 't!nYJÄv,; 3), einen rpvy6nme1,; 4),
einen O)'(}Otxo,; 5); sogar das oben gebrauchte Wort vnce6ew,; selbst
finden wir auch sonst bei ihm 6). Der Brief läf.it in der Parallel-
stelle das Wort vnee6ew,; aus; es hätte auch zu seinem veränderten
Text schlecht gepafü.
Es ist eher anzunehmen, daf.i jemand aus der Stelle Gregors
die für die eigene Person nicht passenden speziellen Beziehungen
auslief.! bzw. durch allgemeine Begriffe ersetzte, als daf.i Gregor in
dem mehr allgemein gehaltenen Satze erst durch Einfügung neuer
Worte und durch Spezialisierung der vorliegenden die Beziehung
auf sein Thema und auf seine Person hergestellt hätte.
2. Ep 8, 1 p 81 A Gregor Or 2, 6; Migne P. gr. 35 1 413 A
-c~v ~8 al1:lav µ&Don:' äv -ro'Vrov ~8 1:&q ah:laq &i-to'Vocr/ äv
ijt'ir; no{}ovner;. M 6.J,un:a µsv ijt'ir; naJ.a, noßovvur;. MaJ.,orn µ!w
up &t'iox~,<p ,6,e nJ.r;yelr;, uji ,Mox~i<p n?.r;yel,;,
xa{}anee ol Wts alcpv,cito,r; wonee ol wlq alcpv,Mo,q
,p6cpo,r; &&e6wr; xarnnJ.11yivur;, 1:WV ,p6cpwv xarnn?.17ye111:eq,
ov xadoxov W!)f; J.oyt<Jµovq, ov xadoxov wvr; J.oyt<Jµovr;.
Ibd. n 1 p 408 A
&U' sµaxevva cpvyacievwv tµaxev1 1a cpvyat'ievwv
xai 11vJ.lo{}17v xeovov xa, r;bUoß17v &cp' vµwv xe6vov
[xavOv &p' VµWv · ov µ,xeov t<JOJf; wt,: ye noßovotv.
Ibd. n 6 p 413B
fnen;a JE xal :rr6{}oq nq lnen;a µS nq VnetCJf;et
vne,ofle, µov TWV {}dwv eewr; wv xaJ.ov 1:ijq
t'ioyµa,wv. 1ovx{aq.

Gregor berichtet in dieser Rede, was ihn zur Flucht bewogen


habe: der unvermutete Vorfall (d. i. die wider Erwarten ihm er-

1) Or 3, 2 Migne P. gr. 35, 520A; Or 38, 6; Migne P. gr. 36, 317 A; Or 42 1 10;
Migne P. gr. 36,469 C.
2) Or 42, 1; Migue P. gr. 36, 457 A. 3) Or 22, 8; Migne P. g\'· 35, 1140 C.
4) Or 26, 14; Migne P. gr. 35, 1248 A. •) Or 38, 6; Migne P. gr. 36, 317 A.
6) Or 33, 11; Migne P. gr. 36 1 228 C; vgl. den ganzen Abschnitt n 6-11
p 221-228.
5•
68 I. Der 8. Brief, nicht ein Werk des hl. tlasiHus.

teilte Priesterweihe), die Liebe zum einsamen Leben (das er in


Todesgefahr Gott gelobt hatte), die Scham über die Mi@stände unter
den Priestern und die Furcht vor den Schwierigkeiten der Seel-
sorge. Jedes einzelne Moment begründet er in längerer Ausführung,
die ganz aus seinen persönlichen Lebensverhältnissen und tier Ver-
anlassung der Rede herausgewachsen ist 1). Der Brief hat nur die
zwei ersten Gründe, die mehr allgemeiner Natur sind und für die
verschiedensten Lebenslagen passen können. W ahrschein]icher ist
auch hier, dafü ein Briefschreiber aus der langen Rede Gregors die
allgemeinen Wendungen, die auch für ihn passen, herausgreift, als
dafü ein Redner aus einem vorliegenden Schriftstück einige allge~
meine ,v
endungen herausnimmt, diese auf sich anwendet und in
guter Gedankenfolge. erweitert.
Im zweiten Teilstück der Parallele sind die Worte „Ich weilte
auf der Flucht und lagerte draufüen" aus Ps 54~8 entnommen.
Aber bezeichnenderweise· macht. Gregor dazu den Zusatz „eine Zeit,
die wohl nicht kurz ist, wenigstens für die, die mich lieben." Das
gliedert sich wieder vorzüglich in den Ton der,,.ganzen Rede ein;
er spricht darin wiederholt von Parteien; die einen Gläubigen liebten
ihn und sehnten sich nach seiner Rückkehr, die anderen ständen
ihm feindlich gegenüber. · Ein paar :Zeilen weiter sind angeführt
„die uns hassen" und „die uns lieben". Der Brief hat wieder nur
den wenig sagenden, abgeblafüten Zusatz „eine geringe Zeit".
3. Ep 8, 5 p 84 C Gregor Or 38, 17; Migne P. gr.36,332 A
1J xat -r:1/v <p&.1:v11v a'V.ic[J xai t~v <plllVIJV
ovedil,m aleeui-io,, /Ji' ~- neoaxV1•nao11, ~t' t}v
CJ.J~oro.b ~V·_· e"1:e&.cp11 'VnO lUoyo, . &lv b:eaq,11, {m;o
wii Myov; roii Myov.
Bei Gregor handelt es sich um eine Festpredigt zur Weih-
nachtszeit. Der Reihe nach werden erwähnt die Empfängnis, die
Volkszählung, die Geburt, Bethlehem, die -Krippe, der Stern, die
Weisen, die Hirten, der Kindermord usw.; bei jedem Begriff wird
eine Anwendung auf die Gläubigen gemacht. Gregor h~t wieder-
holt in seinen Reden ähnliche Aufzählungen, in denen auch die
Krippe nicht· fehlt~), wie er diese überhaupt sehr häufig erwähnt 3).
Im Brief ergibt sich die Erwähnung der Krippe nicht in dieser Weise
fast mit Notwendigkeit; er spricht allgemein von der Erniedrigung
Christi in der Menschwerdung, erwähnt den Herrn als guten Hirten,
als barmherzigen Samaritan und knüpft daran den fraglichen Passus
über · die Krippe an.
1) n 6-10; Migne P. gr. 35, 413-420.
2) Or 41, 5; Migne P. gr. 36, 436 B; ähnlich Or 29, 19-20; Migne P. gr.
36, 100-101. 3) Bei Basilius finde ich die Krippe nur einmal genannt:
Horn. de humilitate 6 II p 161B.
10. Übereinstimmungen zwischen dem Briefe und Gregor von Nazianz. 69

Auch der Satzbau ist bei Gregor über einen recht langen Raum mit
Einschluß der Parallelstelle vollständig glatt und flüssjg durchgeführt. Das
ist nicht zu verwundern bei einem Redner, von dem es heißt, daß ,;die Har-
monie des Satzbaues die Signatur seines Stiles" sei 1). Die. einzelnen Satzteile
des ganzen Abschnittes beginnen folgendermaßen: ,,Nimm an die Empfängnis
... achte die Volkszählung ... verehre die Geburt ... preise Bethlehem .. .
verehre die Krippe ... erkenne den Eigentümer ... eile mit dem Sterne .. .
opfere mit den Weisen ... bete an mit den Hirten usw." Der Satzbau des
Briefes macht dagegen an der fraglichen Stelle einen gewaltsamen Sprung:
,,Alles dieses duldete er ... ; damit er .. rettete und ... hinbrächte ..• und
... zurückführte ... oder wird ihm der Häretiker auch die Krippe vorwerfen?"
Der folgende Gedanke ist dann allerdings dem letzten ganz ähnlich: ,,Und
wird er ihm die Armut vorwerfen?" Aber es ist bekanntlich leichter, einem
abgeschriebenen Sa:tzt einen zweiten, ähnlich lautenden anzufügen, als einem
abgeschriebenen Satze viele andere, nach Inhalt und ,Form ähnliche Wendungen
vorauszuschicken und anzuschließen, so daß der abgeschriebene Teil doch,
genau an seinem ihm zukommenden Platze steht. So läßt atich der Satzbau
es als wahrscheinlicher gelten, daß der Verfasser des Briefes· der Abschreiber ist
Die zweite Satzhälfte "durch welche du, ohne Logos seiend,
vom Logos genährt wurdest", enthält einen Gedanken, der bei
Gregor wieder vollständig zu dem Gedankengang der Rede paßt.
Bei jedem Ereignis aus der Kindheit Jesu ·nennt Gregor die. Wohl-
tat, die uns daraus erwachsen ist. Er erinnert daran ---e um nur
die unmittelbar v~rhergehenden Sätze zu nennen - , dafi wir durch
die Volkszählung dem Himmel beigezählt sind, durch die Geburt
Jesu von, den Fesseln irdischer Geburt befreit sind, durch das kleine
Bethlehem in das Paradies zurückgeführt sind, dm-eh die Krippe
vom Logos genährt werden. Beim 8. Briefe vermi.ffit man eine so
klare, harmonische Verbindung der Gedanken 2).
Die merkwürdige Gegenüberstellung ä).oyo,;-{m:o roii Äoyov (ohne
Logos seiend - vom Logos genährt werden) mufä ganz,besonders als
ursprürigliches gregorianisches Gut angesehen werden. Der Gebrauch
von Antithesen war damals allerdings ein allgemein übliches Mittel
der Redekunst. Aber als Eigenart Gregors ist es anzusprechen, dara
er mit besonderer Vorli.ebe Begriffe gegenüberstellt, die durch gleich
klingende oder ähnlich klingende Wörter ausgedrückt sind 3). Auch
mit Wortbildungen vom Stamme ).6yo,; macht er häufig solche
Wortspiele 4). Für die in der Parallelstelle vorkommende Antithese
1) So E. Norden, Die antike Kunstprosa. Leipzig 1915 I 3. Abdr. S. 565f.
2) Diesen Satz nach der Fassung des 8. Briefes hat E. Schulte (Die Entwicklung der
Lehre vom ·menschl. Wissen Christi bis zuin Beginn der Si)holastik. Forsch
zur christl. Lit. und Dogmengesch. XII, 2. Paderborn 1914 S. 48) dahin ver~
standen, daß JesuR, in der Krippe vernunftlos, vom Logos sei genährt worden.
Siehe dagegen Fr. Diekani.p, Theol. Revue Bd. 14 Jahrg. 1915 Sp. 107 u. 233.
a) Siehe die Belegstellen dazu bei M. Guignet, St. Gregoire de Nazianze et la
rhetorique. Paris 1911 p 95-104.
') Guignet a. a; O. p 103-104 führt 14 solcher Beispiele an.
70 I. Der 8, Brief, nicht ein Werk des hl. :Basilius.

von äloyor; und 26yor; finde ich bei Gregor noch 4 andere Belege 1).
Auch der Parallelstelle selbst gehen eine Reihe solcher Redeformen
,:, , :, :, ·, :, , , (X
voraus: anoyempYJ -- Etr; oveavovr; eyemptJr;; yeVVYJmr; etarov-,l1 -
{uaµot rfjq yevv1aewr;; BYJ{}Ädft :nae&.betaor;; tiloyor; - 26yor;.
4. Ep 8,5 p _84D Gregor0r38,14;MigneP.gr.36,3280
Wonee äv -et'· n~ xai i-OV el µ1'} xai i-Ov
, . - O'l:t
'. CJ.t'l:trpxo,
tO.'l:(!OV
~
l'1.-reOv· ai-ruj;fr& -it~, ön
ovynV111:wv Sni -rO. n&.D11 avyxvnut eni -,;a n&.frn
-,;ijq livawli ta; avvanoJ.avn. xal, livnwlita, &vsvrnt;
Gregor hat hier folgenden Gedankengang. Man darf keinen
Anstofü daran nehmen, wenn der Herr· seinen Jüngern die Füfüe
wäscht, wenn er sich zu den niedergebeugten Seelen herabläßt,
wenn er sich mit, den Zöllnern abgibt, wie sich ja auch der Arzt
zum Kranken niederbeugt oder der Mensch sich über den Brunnen
bückt, wenn ein Schaf hineingefallen ist. Alle fünf Beispiele geben
dieselbe Vorstellung, dasselbe Bild des Bückens, des Niederbeugens,
des geistigen oder körperlichen Herablassens wieder.
Eine so schön durchgeführte, einheitliche Vorstellung liegt in
dem Briefe nicht vor. Hier werden über die Erniedrigung des
Herrn die - verschiedensten Gedanken aneinander gefügt; an die
Erwähnung des. Todes des Herrn reiht sich dann der obige Ver-
gleich mit dem Arzte.
Auch hier bietet der Satzbau wieder eine weitere Stütze der
Beweisführung für die Priorität Gregors. Bei ihm schliefüt sich die
Stelle. ungezwungen an die vorhergehenden Sätze an. Difl oben
. angeführten Beispiele leitet er sämtlich mit Fragen ein, die den
Gedanken des Vorwurfes, der Anklage enthalten. Der Satzbau des
Briefes dagegen ist nicht so aus ·einem Gusse.
Inhaltliche Anklänge an Schriften des hl. Gregor finden sich sehr viel
im 8. Briefe. Man vergleiche z. B. Ep 8, 1 p 81 0 mit Gregor Or 36, 2; Migne
P. gr. 36, 2650; ferner Ep 8, 5. p 840 mit Or 14, 37; Migne P. gr. 35, 908A;
weiterhin Ep 8, 6 p 84 E-85 A mit Or 41, 5; Migne P. gr. 36, 4360; endlich
Ep 8, 3 p 83 B mit Or 38, 8; Migiie P„ gr. 36, 320 B. Indessen sind die Über-
einstimmungen so allgemein, diese Gedanken waren so verbreitet, daß man
daraus einen sicheren Schluß auf literarische Abhängigkeit nicht ziehen.·kann.
Die Vergleichung der Parallelstellen hat gezeigt, dafii alle Gründe
für die Ursprünglichkeit der Reden Gregors sprechen, kein Grund
zugunsten des Briefes. Der Verfasser des· Briefes - das lälät sich
mit höchster Wahrscheinlichkeit sagen - mufii also die Reden
Gregors benutzt haben. Da die beiden Reden 36 und 38 erst in
den Jahren 380 und 379 gehalten sein können, so mufii die Ent-
·stehungszeit des Briefes frühestens um 380 angesetzt werden. Dieses

1) Migne P. gr. 35 1 533 B; 35, 533 o.:...536 A; 35, 537 A; 35, 1136 A.
10. Übereinstimmungen zwischen dem Briefe und Gregor von Nazianz. 71

Ergebnis bestätigt also die obige Untersuchung, die aus inneren


Gründen die letzten Jahrzehnte des 4. Jahrhunderts als wahrschein-
lichere Abfassungszeit erschlossen hat.
Diese Datierung nach 379 ist dann ein weiterer Grund, der
die Autorschaft des hl. Basilius ganz ausschliefüt, da er am 1. Ja-
nuar 379 starb 1).
Wie verhält sich der Brief zu der sonstigen patristischen Literatur?
Irgendwelche Beziehungen zu echten Werken des hl. Basilius finden
sich nicht. Gewiß bietet n 12 p 89 AB einige Ähnlichkeiten mit Ep 118 III
p 210 AB und mit Ep 159, 2 III p 248D, ebenso n 1 p 81 AB mit Ep 2, 1
HI p 71 AB, aber nur in Gt>danken, die Gemeingut der damaligen Zeit waren,
ohne jede wörtliche Übereinstimmung.
Das 4. Buch des (Pseudo-)Basilius gegen Eunomius hat folgenden Satz:
o /5e /5t' frseov !;wv, m'no!;w~ olvat ov ,'Jvva-rat 2). Der 8. Brief sagt fast gleich-
lautend: :näv ro /5,' e'ueov -!;iiw, avro!;w,j slva, ov /5vvarat 3). Bei diesem kurzen,
formelhaften Satze wird es sich wohl um eine Schullösung handeln, die all-
gemein verbreitet war oder von beiden aus derselben Quelle übernommen
wurde. Sonst steht das 4. Buch gegen Eunomius von dem 8. Briefe nach
Inhalt und Form sehr weit ab.
Bei Gregor von Nazianz finden wir in seiner großen Gedächtnisrede auf
Basilius folgende Bemerkung: ,,(Basilius) lobte das «Jedes Maß ist am besten,
ganz besonders und beobachtete es sein ganzes Leben hindurch"4). Nun
schließt der 8. Brief mit den Worten: ,,Laßt uns ... das Schreiben beschließen,
da ja auch das Sprichwort sagt: Jedes Maß ist am besten"5). Indessen war
dieses Sprichwort, das einem der sieben Weltweisen, dem Kleobulos von Lindos,
zugeschrieben wurde, damals allgemein bekannt, so daß sein Vorkommen im
8. Briefe, auch bei einem anderen Verfasser als bei Basilius, nichts Auffallendes
haben kann. (Den wahren Sachverhalt siehe weiter unten S. 77.)
In der kirchlichen Literatur der folgenden Jahrhunderte finden wir den
Brief niemals zitiert oder stillschweigend benutzt. Das muß sehr auffallen
angesichts der sonstigen Beliebtheit von Basiliuszitaten, bei dem reichen Inhalte
des Schreibens und der Eigenartigkeit mancher Äußerungen, besonders da z. B.
Ambrosius sich in seiner Schrift über den HI. Geist außerordentlich stark an
Basilius anschließt 6) und Johannes von Damaskus andere mißverständliche
Äußerungen des von ihm hoch verehrten Kirchenvaters wiederholt verteidigt 7).
So mufi das Stillschweigen der späteren kirchlichen Literatur
über den 8. Brief immerhin als ein Argument gegen seine Echtheit
gewertet werden.
1) Zu diesem Datum vgl. G. Rauschen, Jahrbücher der christl. Kirche unter
dem Kaiser Theodosius d. Gr. Freiburg 1897 S. 476f; ferner Schäfer, Basi-
lius' d. Gr. Beziehungen zum Abendlande S. 30f.
2) I p 290D. 3) n 4 p 83E. 4) Or 43, 60; Migne P. gr. 36, 574B.
5) n 12 p 90A.
6) Siehe Th. Schermann, Die griech. Quellen des hl. Ambrosius in II. III de
Spir. s. Veröff. aus dem kirchenhist. Sem. München Nr. 10. München 1902.
7) De fide orth, 4, 13 ; Migne P. gr. 94, 1152 sq.; Dialectica 31; Migne P. gr.
94 1 597 AB,
72 II. Der 8. Brief, ein Werk. des Evagrius Pontikus.

Schlu1Molgerung.
Will man den wahren Verfasser des 8. Briefes ermitteln, so
ist der Kreis,. in dem ~r zu suchen -wäre, nicht allzu grofü. An eine
absichtliche Fälschung odAr an einen zur Übung angefertigten Auf-
satz aus späterer Zeit ist, besonders angesichts der Einleitung,
nicht zu denken.
Der Briefächreiber mufü gegen Ende des 4. Jahrhunderts ge-
lebt haben. Er :mufü einer Richtung angehört haben, die_ in etwa
spiritualistischen Neigungen zugänglich war. Den Mönchskreisen hat
er nahe gestanden, vielleicht selbst angehört. Mit den theologischen
l!,ragen seiner Zeit war er sehr gut vertraut. Er sc;heint aber nicht
nur in. gewohnten Geleisen sich _bewegt, sondern als spekulativer
Kopf· oft seine eigene Wege sich gesucht zu haben. In der Hl. Schrift
· war er besonders gut bewandert, so dafü er auch selten gebrauchte
Bibelstellen oft heranzieht. · ·
In doß'matischer Beziehung hat er zu den unbedingten Ver-·
tretern des &µoovaw<; gehört und jedes Paktieren mit der ho-
möusianischen Partei verworfen. Den Origenes hat er nicht nur
in seinen Grundanschauungen, sondern ·auch in manchen Einzel:. ·
heiten seiner Lehre gut · gekannt und -- hochgeschätzt. Zu dem
hl. Gregor von Nazianz hat er ·vielleicht besondere persönliche Be-
. ziehungen gehabt.

zweiter Teil..
' '

·Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.


Die genannten Kriterien für den wahren Verfasser des 8. Briefes
sind in auffallender Weise bei einem Manne erfüllt, der zu seiner
Zeit und bei den ersten nachfolgenden Generationen grofüe Berühmt-
heit genora, der aber später als Irrlehrer verurteilt wurde und da:..
her. fast aus der Erinnerung der Nachwelt verschwand, bis erst" die
neueste Zeit wieder versuchte, ihm in etwa gerecht zu werden :
Evagrius Pontikus. . _· ·
Über sein -Leben sind wir einigerrriaraen unterrichtet durch die
von Palladius verfaßte Historia Lausiaca.
Die Ges~hichte dieses Werkes ist allerdings recht verwickelt. Daß die
von Butler 1) herausgegebene Rezension die ursprüngliche sei, wird ,von E. l'reu•
•!!eben 2) und R. Reitzenstein 8) _bestritten. Aber auch wenn man ihnen folgt

· 1) The Lausiac history of Palladius. Palladius und Rufinus, Gießen 1897.


2)
D) Histori'a monachorum und Historia Lausiaca. Eine Studie zur Geschichte
des Mönchtums und der_ frühchristl. Begriffe Gnostiker und Pneumatiker
Göttingen 1916. ·
1. Persönlichkeit des Evagrius. 73
oder dem bei Migne 1) abgedruckten Text, so bleiben doch die Hauptzüge im
Lebensbilde des Evagrius dieselben. Auch die späteren Kirchengeschichts-
schreiber Sokrates 2) und Sozomenus 3) geben dem Bilde höchstens in Zügen
von untergeordneter Bedeutung mehr Farbe und Leben.
Von den Schriften des Evagrius kannten wir früher im wesent-
lichen nur die kleinen aszetischen Traktate, die Gallandi 4) heraus-
gegeben und Migne 5) abgedruckt hatte. Die anderen, viel wichti-
geren Werke, die im Urtext verloren gegangen sind, wurden 1912
auf Syrisch mit griechischer Rücküberfragung veröffentlicht durch
Frankenberg 6). Seitdem kennen wir erst das. groEie Zenturienwerk
(mit einem Kommentar des syrischen Abtes Babäus t 628), den
Gnostikus, den sog. groEien Antirrhetikus und über 60 Briefe.
Die Echtheit dieser Werke, von ganz kleinen Bruchstücken abgesehen,
kann keinem Zweifel unterliegen, wenn es auch nicht immer klar ist, wie die
einzelnen Schriften mit den anderweitig überlieferten Titeln zu identifizieren
sind. Greßmann „Nonnenspiegel und Mönchsspiegel ... " bietet zwei Abhand-
lungen, die auf Latein schon bei Gallandi und bei Migne stehen unter den
Titeln: Sententiae ad virgines und Sententiac ad eos, qui in coenobiis et in
xenodochiis habitant fratres (erstere auch bei Frankenberg). Eine armenische
Übersetzung der wichtigsten Werke von B. V. Sargisean 7) habe ich nicht be-
nutzen können.

1. Kapitel.
Persönlichkeit des Evagrius.
Die genannten Berichte der Geschichtsschreiber und die eigenen
Werke des Evagrius geben uns übereinstimmend folgendes Bild von
dem wechselvollen Leben dieses eigenartigen Mannes 8). Er war
geboren um die Mitte des 4. Jahrhunderts zu lbora im Pontus.
Von Basilius wurde er, wahrscheinlich in Cäsarea, zum Lektor ge-
weiht. Gregor von Nazianz weihte ihn nach des Basilius Tode
(1. Januar 379) zum Diakon. 381 finden wir ihn bei Gregor auf
1) P. gr. 34, 995-1278.
2) Hist. eccl. 4, 23; Migne P. gr. 67, 516 A-521 B.
3) Hist. eccl.. 6, 30; Migne P. gr. 67, 1384B-1388A.
4) Bibliotheca veterum patrum. VII p 551-581.
5) P. gr. 40, 1213-1286; ich behalte die Benennung und Einteilung von Migne bei
6) Leider bietet der Gebrauch des Buches manche Unbequemlichkeiten. Es
enthält weder ein Wortregister noch ein Sachregister noch überhaupt ein In-
haltsverzeichnis. Die 635 Seiten tragen immer nur den Kopfvermerk
„W. Frankenberg, Euagrius Pontikus", aber keine Angabe über den Inhalt
der Seiten. Die Briefe haben weder eine Kapiteleinteilung noch eine Zäh-
lung der Zeilen. Der griechische Text ist ohne Akzente, Spiritus und Kom-
mata gedruckt. (Bei Zitierung von Stellen aus den Briefen füge ich die
Zeile des Briefes bzw. der Seite bei.)
7) Des hl. Vaters Evagrius Pontikus Leben und Schriften aus dem Griech. ins
Armenische übertr. Venedig 1907.
S) Vgl. die schöne Übersieht bei Zöckler, Evagrius Pontikus, S. 2-17.
74 II. Der 8, Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

dem Konzil in Konstantinopel. Nach dem Weggange seines Bischofs


blieb er noch dort, um dem Nachfolger Nektarius eine gute Stütze
zu sein. In einem Traumgesicht wurde er bewogen, die Stadt zu
verlassen, da er im Herzen eine sündhafte Neigung zu einer ver-
heirateten Frau gefaßt hatte. Er lebte nun etwa ein Jahr in Jeru-
salem itn Kreise der Melania. Aber ein Rückfall in weltliche Ge-
sinnungen, eine schwere Krankheit und das Drängen der Melania
bestimmten ihn, sich dem ägyptischen Mönchtum anzuschließen.
Etwa Z\Vei Jahre lebte er zunächst in der Nitrischen Wüste, dann
in Kellia fo oder bei' der Skethischen Wüste, strengster Aszese hin-
gegeben, mit schriftstellerischen Arbeiten viel beschäftigt; hochbe-
rühmt bei seinen Genossen. Wahrscheinlich ist er im Jahre 400
auf Epiphanie gestorben.
Besondere Hervorhebung verdient es, dafä Evagrius in enger
persönlicher Beziehung zu Gregor von Nazianz gestanden hat Palla-
dius berichtet, da.& °Gregor ihn zum Diakon geweiht habe 1); dann
fährt er fort: .Auf der großen Synode zu Konstantinopel hinterließ
er ihn dem seligen Bischof Nektarius, weil er sehr geübt war in
der Bekämpfung aller Irrlehren; er war in der Großstadt bekannt,
da er durch Reden gegen jede Irrlehre glänzte" 2). Auch der Be-
richt des Sokrates 3) weiß von der Weihe zum Di1kon durch Gregor
von Nazianz; er fügt noch die Nachricht hinzu, dalii Evagrius zu-
. gleich mit jenem· nach Ägypten gekommen sei. Sozomenus weifä
noch mehr: ,, Er hatte philosophischen Unterricht und wurde in den
hl. Lehren ausgebildet von Gregor, dem B;schof von Nazianz; als
dieser die Kirche in Konstantinopel leitete, hatte er ihn zum Archi-
diakon" 4). Jedenfalls zeigen diese Berichte, dafü die Nachwelt das
Bewnßtsein hatte, Evagrius müfüe bei seinem Bischof eine hohe
Vertrauensstellung eingenommen ·haben.
Mit diesen Nachrichten aus fremden Federn stimmt überein,
was Evagrius selbst schreibt. Er spricht einmal von dem gerechten
Gregor, der ihn gepflanzt habe (vgl. 1 Cor 3, 6) 5). In einem anderen
Briefe redet er den ungenannten Empfänger an: ,, 0 Verehrter, der
du ehemals in mir den Sproß gepflanzt und ihn durch deine Briefe
mit Geduld getränkt hast!" 6) Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir
mit Babäus, dem syrischen Kommentator des Zenturienwerkes, diese
Stelle auf Gregor beziehen 7). Der Brief zeigt dann, daß der grofüe
Mönch noch während seines Aszetenlebens mit seinen'I früheren

1) Siehe dazu Butler II p XLIII und p 217. 2) ed. Butler 38 II p 116-117.


S) Hist. eccl. 4, 23; Migne P. gr. 67, 516 A.
4)Hist. eccl.6 1 30; Migne P. gr; 67,1384C.
0) Liber pract. 100; Migne P. gr. 40, 1252 C.
6) Ep 46, 1 Frankenberg 597. 7) Frank 21.
1. Persönlichkeit des Evagrius. 75

Lehrer und Bischof zeitweise in regem Briefwechsel gestanden hat.


Eine Erinnerung an das Schülerverhältnis blickt auch noc-h durch
in einer Stelle im Gnostikus: ,, Wir haben von dem gerechten Gregor
gelernt, da& es vier Tugenden und vier Lehren über sie gibt" 1).
In ähnlicher Weise finden wir bei Gregor von Nazianz Nach-
richten, die für ein vertrautes Verhältnis zu Evagrius sprechen. In
einem Briefe spricbt er von dem geliebten Bruder und Mitdiakon
Evagrius, der sich jetzt erst dem philosophischen Leben zugewandt
habe 2). Aufüerdem haben wir einen Brief Gregors „an den Mönch
Evagriuc:; über die Gottheit" 3). Das Schriftstück steht in einzelnen
Handschriften zwar auch unter dem Namen des hl. Gregor von
· Nyssa oder auch des hl. Basilius, in syrischen Handschriften unter
dem des hl. Gregor des Wundertäters mit der Efberschrift „an Phila-
grius über die Wesenseinheit". Heute nimmt man wohl meistens
an, da& Gregor von Nazianz der Verfasser und sein früherer Diakon
Evagrius der Adre?sat ist. Aus dem Inhalt ergibt sich, da& letzterer
auch später noch in schwierigen dogmatischen Fragen sich bei
seinem früheren Lehrer Rat und Belehrung holte. In dem Testa-
ment, welches Gregor wohl bei seinem Fortgange von Konstantinopel
geschrieben hat, heifüt es: ,, Dem Diakon Evagrius, der mit mir sich
viel gemüht und vieles ausgedacht hat, der auch durch vieles seine
gut!3 Gesinnung mir gezeigt hat, sage ich Dank" 4). Da& hier wieder
Evagrius Pontikus gemeint ist, kann nach clem Vorstehenden kaum
einem Zweifel unterliegen.

In das Leben dieses Mannes pafüt die Abfassung des 8. Briefes,


schon zeitlich genommen, viel besser hinein als etwa in die Jugend-

1) Gnost. 43; Frank 553, auch zitiert bei Sokrates, Hist. eccl. 4, 23; Migne
P. gr. 40, 1285 B und Migne P. gr. 67, 520A.
2) Ep 228; Migne P. gr. 37,372 B. Dagegen ist die Ep 3 ad Evagrium (al. 153)
Migne P. gr. 37, 24 B offensichtlich an einen anderen Evagrius gerichtet.
3) Ep 243 (früher Or 45); sie steht bei Gregor von Nyssa als Ep 26, Migne
P. gr. 46, 1101-1108. Vgl. besonders J. Dräseke, Über den Verfasser der
Schrift :neor; Eva.y(!toY µ61,axoy :nee'i, {}e6,riwr;. Jahrb. für prot. Tbeol. VIII
1882 S. 343-384; S. 553-568; auch abgedruckt in Ges. patrist. Unters.
Altona u. Leipzig 1889 S. 103-168; anders A. Harnack, Gesch. der alt-
cbristl. Lit. bis Eusebius 112 Leipzig 1904 S. 101. Die Herkunft von Gregor
von Naz. bat neuerdings eine weitere Stütze bekommen in den jetzt aus dein
Syrischen übersetzten Schriften des Evagrius; vgl. z. B. Gregor Naz. Ep 243;
Migne P. gr. 46, 1101AB mit Evagrius Ep ad Melaniam Frank 613-619,
besonders 617, 38-45.
4) Migne P. gr. 37, 393 B; es liegt kein nennenswerter Grund vor, an der Echt-
heit dieses. Testamentes zu zweifeln; siehe Dräseke, Ges. . . . S. 115-119;
G. Rauschen, Jahrb. der christl. Kirche unter dem Kaiser Theodosius d. Gr ..
Freiburg 1897 S. 111f.
76 II. Der 8. Brief, ein Werk des .Evagrius Pontikus.

zeit des hl. Ba,silius. Wenn seine Blütezeit zwischen 380 und 400
lag, wenn er auf den Schultern des .hl. ·Gregor von Naziatiz stand,
wenn er iri Konstantinopel 'lebte, wo alle theologischen Bewegungen
sofort ihren Wiederhall fänden, wenn er auch· in seiriem Charakter
anscheinenq nicht sehr bedächtig und zurückhaltend war 1), sondern
stürmisch gleich aufs Ganze ging. so erlauben alle diese Momente,
, ihin ei~en verhältnismäßig weit fortgeschrittenen Standpunkt · der
Lehrentwicklung zuzuschreiben, der etwa gegenüber defil Jahre 360
einen merklichen Abstand bedeuten würde, also einen Standpunkt,
· wie ihn der Verfasser des .8. Briefes gehabt haben mu.lt
· Die persönlichen Angaben des Briefes lassen sich leicht und ·
einfach aus. den Lebensverhältnissen des Evagrius erklären. Der
Briefschreiber ist geflohen, und zwar (wie oben S. 7-9 wahr-
·. scheiJJlich gernacht ist) aus der Stadt in die Einsamkeit. Es steht
nichts im Wege, diese Worte auf die Flucht des Evagrius aus Kon-
stantinopel Im beziehen. DerBriefschreiber ist damals .durch jenen
unvermuteten Vorfall ··getroffen", er "verlor die• ruhige Besinnung,
wie Leute, die durch plötzliches Getöse auf einmal erschreckt werden".
Das parat ganz zu den Drohungen des Traumgesichtes, die den
Evagrius bewogen, schon nach einem 'Tage die Stadt zu verlassen.
Wenn der Briefschreiber davon spricht, dara er .der bei ihm (,,bei
uns") wähnenden Bosheit habe entgehen ,vollen, wenn er -die.Adres-
saten vor den Gefahren des Stadtleb'eris warnt, durch die der Teufel
die Menschen verführe, so sind solche Worte sehr verständlich im
Munde eines Evagrius, der gerade auf dem schlüpfrigen Boden der
Grofistadt dem sittlichen Falle mi,ndestens seh1· nahe gekommen war.
Wenn der Verfasser die Adressaten mahnt und ,varnt, wenn er
Früchte von seiner Belehrung fordert, so entspricht das ganz der
Autoritätsstellung, die Evagrius in ·aer .Gemeinde der Hauptstadt
seit Jahren eingenommen hatte. WE:Jnn der Brief eindringlich vor
den Umtrieben der Häretiker „ warnt, so erkennen wir wieder Eva-'-
grius, der • sehr geschickt war in der Bekämpfung aller Häresien" 2).
· Der Briefschreiber hat in aller Verwirrung Zu einem Gregor seine
Zuflucht .genommen, den er offenbar aufs höchste verehrt., durch
den er hofft, endgültig befestigt und zur höchsten Philosophie ge-
führt zu werden. Das sind alles Ausdrücke, die sich aus dem oben
1dargelegten Verhältnis zwischen· Evagrius. und Gregor von Nazianz
aufs beste erklären.

1) Seine zie;rlicl,J.e Handschrift und seirie Yorliebe für schöne· Kleidung werden
besonders er;wähnt: ·mst. Laus. ed, Butler 38 II p 120; Sozomenus- Hist.
eccl. 61.30; M1gne P. gr. 67, 1384C. . .·
2) HiRt, Laus. ed. Butler 38 II p. 117 ; vgl. auch .weiter unten 3. Kap, 'a•.
i. f>ersönlichkeit d.es Evagrius Pondkus. 77
Allerdings berichtet die Historia Lausiaca nichts davon, daß Evagrius
auf seiner Reise von Konstantinopel nach Jerusalem zuerst bei Gregor Aufent­
halt genommen habe. Aber bei der gedrängten Kürze des Berichtes ist diese
Übergehung leicht erklärlich. Da er sich auch noch später in wichtigen Fragen
an seinen früheren Lehrer und Bischof um Rat gewandt hat, würde es fast
auffallend sein, wenn er in dieser wichtigsten Entscheidung seines Lebens sich
nicht erst mit Gregor besprochen hätte, obwohl sich doch mit der Reise ein
Besuch in Nazianz bzw. in Arianz sehr gut verbinden ließ. Sollten wir nicht
eine Spur von diesem Besuche in jener Notiz bei Sokrates finden, wonach
Evagrius zusammen mit Gregor nach Ägypten gekommen sei? Die Absicht des
Briefschreibers, demnächst zu den verlassenen Gläubigen zurückzukehren, kann
bei Evagrius sehr wohl vorgelegen haben; erst nach einjährigem Aufenthalt in
Jerusalem und nach längerem Schwanken kam er durch den Einfluß der Melania
zu dem Entschluß, sich dem Mönchsleben anzuschließen.
Von einem Evagrius könnte man sich auch leicht vorstellen,
dafü er aus den Reden Gregors wiederholt Entlehnungen gemacht
hätte, wie wir sie im 8. Briefe finden. Die Hochschätzung, mit der
er zu seinem redegewaltigen Bischof aufblickte, die enge Ziisammen­
arbeit mit ihm, wie wir sie nach Gregors Testament annehmen
müssen, lassen d::ts von vornherein als leicht möglich erscheinen.
Vielleicht ist auch der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, dafü
Evagrius gewissermaßen Geheimsekretär seines Bischofs war und
als solcher mit der schriftlichen Fixierung der Predigten desselben
besonders befaßt war. Die hervorragende Stellung, die er einnahm
(Archidiakon nennt ihn Sozomenus) und seine Gewandtheit im
Schreiben, die Palladius von ihm rühmt (er verdiente sich später
durch Abschreiben seinen Lebensunterhalt und schrieb besonders
gut die spitzschnauzige Schritt 1)) geben dieser Annahme eine ge­
wisse Wahrscheinlichkeit. Denn wir wissen, da& Gregor von Anfang
an für eine Aufzeichnung seiner Reden gesorgt hat; wen sollte er
damit eher betraut haben als Evagrius?
Bezeichnend ist auch, daß die beiden Reden 36 und 38, aus denen der
8. Brief besonders geschöpft hat, während des Aufenthalts Gregors in
Konstantinopel (379-381) gehalten sind, also zu einer Zeit, als Evagrius bei
ihm weilte. Die dritte benutzte Rede, Nr. 2, ist allerdings schon etwa 363 ge­
halten, aber gewiß nicht in der vorliegenden Form, weil sie für den münd­
lichen Vortrag viel zu lang gewesen wäre. Die später erfolgte schriftliche Aus­
arbeitung und die schon früh einsetzende weite Verbreitung der Rede (Chry­
sostomus hat sie schon in seinem Buche De sacerdotio naehgebildet) gaben dem
jungen Diakon GelegenheÜ genug, sie kennen zu lernen.
Die Verwendung des Sprichwortes näv µfre ov äe ww,, bei Gregor und im
8. Briefe findet auf diesem Wege eine leichte Erklärung. Gregor hat, wie wir
aus der Grabrede auf Basilius entnehmen können, dieses Wort gekannt und
häufig gebraucht; Evagrius hat es von ihm gehört und am Schlusse des
8. Briefes verwendet. Auch ist es möglich, daß dieser Spruch ein Lieblmgswort
oder Wahlspruch des hl. Basilius war. Gregors Grabrede ist dann in diesem
Sinne zu nehmen, und Evagrius hat das Wort von Basilius, der ihn ja zum
Lektor geweiht hat, übernommen.

1) ed. Butler 38 II p 120.


78 t. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.
Bemerkenswert ist immerhin, daß der Anfang des 8. Briefes noU&ie,.
U>avµ,aaa, der. allerdings auf · eine verbreitete Gewohnheit zurückgeht . (siehe
oben S. 66, Anm. 3)1 ganz ,ähnlich klingt wie der Anfang des Briefes 243 1 den
Gregor an Evligrius geschrieben hat und der mit den Worten acpo~ea TB -Davµ,al;ro
beginntl).
Die starke Abhängigkeit von Origenes, die im 8. Briefe hervor-
tritt, lenkt von selbst wieder die Blicke auf Evagdus, der als An-
hänger des Origenes von der Kirche verurteilt ist 2), · Die 15 Ana-
thematismen, die von dem 5. allgemeinen Konzil bzw. von den
schon vorher versammelten Bischöfen au'fgestellt sind, verurteilen
. auch einen Lehrsatz, der sich wörtlich bei Evagrius findet. Sein
Name selbst ist. dann von dem 6. und 7. Konzil geächtet worden.
ZöcklerB) will .zwar in Evagrius durchaus keinen Parteigänger des Ori-
genes sehen. Aber er fällt sein Urteil auf Grund der wenigen, von Gallandi
herausgegebenen aszetisch.en Schriften. Die jetzt· aµs dem Syrischen bekannt
gewo}'.delien dogmatischen Werke zeigen unverkennbar origenistisches Gepräge.
Vielleicht trat . dieses in der ursprünglichen Textgestalt noch schärfer hervor.
Wenigstens glaubt E. Preuschen 4) aus einer Vergleichung der armenischen
Übersetzung mit der syrischen dieses schließen zu können; er spricht von dem
1:
,,mumifizierten Evagrius der Klöster des Jahrhunderts". ,,Die Beliebtheit .••
und das Ansehen; das er trotz seiner origenistischen Ketzereien genoß, ..•
lassen es verstehen, warum an dem Texte eingreifende Veränderungen vorge-
nommen sein mögen1<5).

2. Kapitel.
-~ußere Bezeugung.·
Die bisherigen Gesichtspunkte haben für die Annahme, dafü
Evagrius den 8. Brief geschrieben habe, mindestens eine sehr hohe
Wahrscheinlichkeit ergeben. Denn· wir kennen niemanden, der zu
jener Zeit gelebt, der so enge persönliche Beziehungen zu ·· Uregor
von Nazianz gehabt und so zu Origenes hingeneigt hätte, wie der
Diakon des Nazianzeners. Diese Wahrscheinlichkeit wird zurGewifaheit
gesteigert durch eine Berücksichtigung der äufaeren · Bezeugung und
durch eine genaue Vergleichung des 8. Briefes mit den v,rerken des
Pontikers bezüglich des Lehrgehaltes. ·
. Zunächst findet man, dafa der Brief·. schon einmal unter dem
Namen des hl. Nilus · gedruckt ist, und zwar von .J. M. Suarez,
der 1673 eine Reihe von Werken dieses Kirchenvaters erstmalig

l) Migne P. gr. 46 1 1101 A.


2) F. Diekamp, Die origenistischen Streitigkeiten im 6. Jahrhundert und das
5; allg; Konzil. Münster 1899 S. 130-135.
B) Evagrius Pontikus S. 83~85.
4) Theol. Literaturzeitung 40. Bd. 1905 Sp. · 400-402.
5) Vgl. indessen H. Greßmann und W. Lüdtke, Euagrios Pontikos; Ztschr. für
Kirchengesch.. 35. Bd. 1914 S 87 -96.
2. Äußere Bezeugung. 79
herausgab 1). Der 8. Brief trägt hier die Überschrift l6yor; c1Joyµa­
uxor; neei -reuMor;. Dem hl. Nilus selbst kann die Abhandlung
"unmöglich gehören. Schon eine Durchsicht seiner über 1000 Briefe
zeigt, daß die Lehranschauungen dieses Schülers des hl. Johannes
Chrysostomus und seine ganze Ausdrucksweise diese Möglichkeit
unbedingt ausschließen.
Wenn der Brief nicht dem hl. Nilus zuzuschreiben ist, dann
ist aber init Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß er von Evagrius
stammt. Denn es ist eine bekannte und überall beobachtete Tatsache,
dara das geistig·e Eigenturri dieser beiden Schriftsteller in den Hand­
schriften oft gar nicht gesondert ist, daß vielmehr Schriften von
Evagrius außerordentlich häufig unter dem Namen des hl. Nilus
stehen 2). Gerade die spätere Verurteilung des ersteren legt.e es
nahe, seine Werke unter <lern Schutze eines geachteten Namens der
Nachwelt zu erhalten, und auf wen hätte man da eher kommen
sollen als auf den ihm in mancher Beziehung so geistesverwandten
Einsiedler vom Sinai? Auch der von Suarez gebrauchte Kodex hat
bei der vorhergehenden Nummer (Erzählung über den Mönch Pachom)
die Bemerkung: "Andere sag·en, sie (die Erzählung über Pachcirn) sei
von Evagrius, ebenso der darauf folgende c1Joyµanxor; l6 yor;" 3), d. i.
der 8; Brief. Suarez schließt sich dieser Ansicht an und meint, Nilus
habe die beiden Schriften von Evagrius bekommen, zu den seinigen
gemacht, gebilligt und seinen Mönchen zur Beherzigung geschickt 4 r
Suarez berichtet auch: ,,erat in m. s. codice titulus' wii a ylov
Evagrio :adscriptus, quem delevi" 5). Daraus geht deutlich hervor,
daß die obige Bemerkung über die Abfassung der zwei Abhandlungen
durch Evagrius wirklich in der Handschrift steht und nicht etwa
von Suarez stammt; dieser hat lediglich die Apposition .heilig"
gestrichen. Diese Bezeichnung des von des Kirche verurteilten
Irrlehrers als ,,heilig" muß sehr befremden. Der Verfasser dieser
Notiz in dem Kodex bzw. in der Vorlage desselben mufi wohl zu
einer Zeit gelebt haben, als jener Name noch nicht allgemein geächtet
war. D1mn hätten wir ein Zeugnis dafür, daß der Brief schon im
6. o<ier 7. Jahrhundert von den einen dem hl. Nilus, von anderen
dem Evagrius zugeschrieben worden ist.

1) Nili abbatis. tractatus seu opuscula. Rom 1673 p 358-376; vgl. dazu auch
in dem Index operum p 613-619.
2) Siehe z. B. Sum;ez I. c. p 613; Migne P. gr. 79, 1340 A ; J. B. Cotelier, Eccle­
siae Graecae rnonurnenta III. Paris 1686 p 644/6; J. S, Assemanus, Biblio­
tlieca Orientalis III. Rom 1725 p 46 annot. und p 48 annot .. 4.
3) Suarez 1. c. p 36 6; Migne P. gr. 79, 1386 C.
4) Suarez 1. c. p 618; Migne P. gr. 79, 1845 B; vgl. die Praefatio „Ca:ndidtl Lector".
6)1. c. p 610; Migne P. gr. 79,13360.
80 ii. Der 8, Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

Diese Entdeckung, daß das Schriftstück wohl dem Evagrius zugehöre,


hat aber nicht lange Bestand gehabt. Fabricius-Harles l) und C. Oudin 2)
folgen zwar noch dem Urteil. des. Suarez. Als aber der belesene I. B. Cotelier 3)�,
fand, daß dieser Sermo dogmaticus identisch sei mit dem 8. Briefe des hl.
BasHjus,• da war es ihm .eine ausgeinachte Sache, daß nicht Evagrius, son­
dern der große Basilius die.sen Brief geschrieben habe. Gallandi schloß sich
dieser Meinung . an 4). Daraufhin hat ·auch Migne ä), der sonst die Nilusausgabe
des Suarez abdruckt; dieses Schriftstück ausgelassen und auf Basilius, dem es
in Wahrheit gehöre, verwiesen. H. Hurter 6) erwähnt .die Schrift sowohl bei
Evagriils wie bei Nilus, fällt 'aber das Urt.eil: ,,ei. perperam tribuitur, est enim
ep. 8 s. Basilii M.", so daß das Stück nun allgemein als ,ein „notorisches
i>seudo-Evagrianum" galt 7i'.
Zu dieser ersten äu&eren Bezeugung, der inan aber keinen
Glauben geschenkt hat, kommt eine zweite, gewichtigere.. · In der ,
syrischen Übersetzung, die uns Frankenberg jetzt zugänglich gemacht
hat, steht der 8; Brief unter dem -Namen des Evagrius 8). Er ist
abgedruckt aus dein syrischen Kodex 743 (add. 17 16 7) des Britischen
Museums in London 9). Dieser enthält eine ganze Reihe von Evagrius­
schriften, zuletzt die Briefe, dann . ein . Glaubensbeken�tnis, darauf das
fragliche Stück unter den:t'Titel "Brief von Eva:grius über den Glauben".
Die Handschrift soll. aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammen.
lil einem zweiten Londoner Kodex, demSyr. 567 (add. 14 578),
in dem: gleichfalls die Briefe erithalten sind, fehlt dieser Brief 10).
Ebenso fehlen die sämtlichen Briefe in - den zahlre_ichen syrischen
Handschriften anderer Bibliotheken (soweit ich das aus den gedruck-
. ten Katalogen habe feststellen können). Immer sind nur die aszetischen
Schriften, die offehbar auläerordentliche Berühmtheit erlangten, oder
Auszüge daraus abgedruckt.
.· · Wir sirid also auf zwei ganz verschiedenen Wegen, über Nilus
f'. und über die syrische Übersetzung, auf Evagrius gekommen. Beide
Zeugnisse scheinen in die Zeit des 6. oder 7. Jahrhunderts hinaufzugehen.
Ein Gedanke scheint auffallenderweise auch von den vielen
. Beurteilern der Nilushandschrift gar nicht berücksichtigt zu sein: Wie
sollte. es denn gekommen sein, da& man .eine dogmatische Schrift ·
. des hl. Basilius unter dem Namen des hL Nilus oder gar des Ketzers
Evagrius überliefert hätte? Das wäre in der kirchlichen Literatur:

1) Bibliotheca. Graeca, Ed. nova. Hamburg i804 sq� IX p 286; X p 16.


2) Comme:iJ.tarius de scriptoribus eccles. Leipzig 1722 I p 887.
· S) Ecclesiae Graeca(l momim11nta ·IIL Paris 1686 p 548 annot.
4) Bibliotheca· veterum. patrum VII. Prolegomena p XXII. 5) P. gr'. 79, 3 i5/6.
6) Nomenclator literarius theologiae catholicae rs. Innsbruck 1903_p 229 u. p 330:
7) . So Zöckler, Evagrius Po:iJ.tikus S. 48.
8) S. 620-63/i; siehe auch. s. 5.
9) Siehe darüber W. , Wright,· Catalogue of Syriac manuscripts in the British
Museuin. l-III. London 1870-72. II p 676-678.
Ol) Frank S. li. Wright U.p. 445-449..
3. Innere Übereinstimmung. Bi
geschichte eine einzigartige , fast unbegreifliche. Erscheinung. Der
um�ekehrte Fall dagegen, dara · eine Schrift des geächteten Pontikers .
später unter dem schützenden Namen des groraen Kirchenvaters
Basilius oder des hochverehrten Mönches Nilus .Zuflucht gefunden
hätte; ist sehr leicht erklärlich..
Somit spricht auch die äuraere Bezeugung ein gewichtiges Wort
mit für die Verfasserschaft des Evagrius.

3. Kap i t el.

Innere Übereinstimmung.
a) Allgemeines.
Das bisherige Ergebnis wird vollauf bestätigt durch eine Unter­
suchung der Schriften des Evagrius auf ihren Lehrgehalt. Die Ari­
sichten und Aulilerungen im 8. Briefe, die wegen ihrer Eigenart
auffallen mufüen, finden sich fast sämtlich bei Evagrius wieder
oder ergeben sich naturgemära aus seinem Lehrsystem 1).
In einem Punkte scheint allerdings auf den ersten Blick ein
grofüer Geg�nsatz zwischen beiden Seiten zu bestehen. Der Mönch
tritt uns in seinen Geisteswerken vor allem als Mystiker entgegen.
"Die Erkenntnis Gottes hat nichts mit dem Kausalitätsgesetz, mit
Syllogismen und Gottesbeweisen zu tun, sie quillt von oben und
aus der Fülle des Herzens, sie ist ein Schauen der Seele . . . Keine
Scholastik, kein Zergliedern und Rationalisieren der Glaubensgeheim­
nisse, sondern stilles, seliges, inneres Schauen" 2). Der 8. Brief da­
gegen weist mit aller diaJektischen und exegetischen Gewandtheit
die Einwände der· Arianer zurück.
Indessen ist dieser scheinbare Widerspruch durchaus nicht un­
überbrückbar. Wir müssen eben· bei Evagrius starke innere Ent­
wickelungen annehmen. Der Diakon in Konstantinopel war nicht
derselbe wie der Mönch in Kellia. Ein Brief, bald nach dem Fort­
gange von der Hauptstadt geschrieben, kann sehr wohl einen anderen
Geist atmen wie die Schriften, die aus langjährigem Aszetenleben
als reife Frucht hervorgegangen sind.

1) Die Darstellung seiner Lehre bei Zöckler a. a. 0. S. 54-80 kann jetzt, nach­
dem die größeren Werke aus dem Syrischen bekannt geword.en sind, nicht
mehr genügen.
2) H. Koch, Theo!. Literaturzeitung Bd. 39 (1914) Sp. 299f. Wenn man früher,
vor dem Erscheinen des Buches von Frankenberg, Evagrius nur in solchem
Lichte sah, ·so lag das zum großen Teif daran, daß man nur seine aszetischen
Schriften kannte, in denen naturgemäß eine solche Auffassung stärker her­
vortritt.
M e 1 c her, Der 8. Brief des hl. Basi!ius. 6
82 II. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

Dara Evagrius in seiner ersten Zeit mehr .Scholastiker" als


.Mystiker" war, wird durch mancherlei Zeugnisse nahegelegt. Schon
sein Schülerverhältnis zu Gregor von Nazianz, dem "Theologen",
und die Vertrauensstellung, die er bei diesem genora, machen es
wahrscheinlich, dara er die Lehrpunkte und Beweisgänge der kirch-
lichen Wis::enschaft sehr wohl gekannt hat. Sodann nennt ihn
doch Palladius "sehr geübt in der Bekämpfung aller Irrlehren; er
war in der Grorastadt bekannt, da er durch Reden gegen jede Irr-
lehre glänzte" 1). Unter Irrlehren in .Konstantinopel können wir nur
die Lehren der Arianer der verschiedensten Richtungen und der
Apollinaristen verstehen. Diesen war mit mystischem Schauen nicht
beizukommen, sondern nur mit logischer, besonders mit dialektischer
Beweisführung, wie wir sie gerade im 8. Briefe finden.
Eineh Niederschlag des groraen Rufes, den Evagrius als erfolg-
reicher Bekämpfer der Häretiker genora, finden wir auch in dem
Berichte der Historia Lausiaca über seinen Kampf mit den Häre-
tiker-Dämonen 2). Danach wären ihm drei Dämonen in Gestalt von
Klerikern erschienen, von denen der eine ein Arianer, der zweite
ein Eunomianer, der dritte ein Apollinarist gewesen wäre. ,,Diese
überwand er mit seiner Weisheit durch kurze Beweisgründe." In
der koptischen Rezension wird diese Disputation ausführlich wieder-
gegeben. Die Dämonen bezeugen, dara ihr Gegner .gut über den
Glauben reden könne" 3). Die Historia monachorum entwirft ein
ähnliches Bild; sie berichtet von ihm: .Er ging oft (aus seiner Wüste)
nach Alexandrien und stopfte die Mäuler der Philosophen der
Griechen" 4). Auch Gregor von Nazianz betont im Anfang seines
Briefes an den Mönch Evagrius auffallend stark,. er wolle durch
klare Untersuchung und folgerichtige Gedankengänge die J.{iehtigkeit
seiner Ansicht darlegen 5). Also mura Evagrius, besonders in der
früheren Zeit, einer verstandesmäßigen Lösung der vorgelegten
Schwierigkeiten· wohl . zugänglich gewesen sein.
Die eigenen Schriften des groliien Mystikers, auch aus der
zweiten Lebensperiode, lassen gleichfalls erkennen, dara er doch
nicht das mystische Schauen Gottes allein hat gelten lassen. Zu-
nächst überrascht es immerhin, dalii er die Schriften der heidnischen
Philosophen sehr gut gekannt haben mulii. In seinen Sentenzen
benutzt er ausgiebig den kynischen Philosophen Sextus Pythagodkus,
ferner Klitarch, Porphyrius usw. 6). Gewira kennt er eine pneuma-
1) Hist. Laus. ed. Butler c. 38. II p 117. 2) ibd. p 121 sq.
3) c. 86 bei K Preuschen, Palladius und Rufinus. Gießen 1897. S. 117-119.
4 ) c. 27 bei Preuschen a .. a. 0. S'. 86. 5) Ep 243; Migne P. gr, 46, 1101 B.
6) A. Elter, Euagrii Pontici sententiae. Bonn Univ.-Schrift 1892/3; auch heraus-
gegeben unter dem Titel Gnomica I. Leipzig 1892. p 45-'-54.
8. Innere Übereinstimmung. 83
tische Gnosis, die dem Begnadigten wunderbar eingeflößt wird;
aber darum verwirft er die niederen Stufen als Vorbereitung dazu
durchaus nicht: er spricht immer wieder von einer physischen Gnosis,
die durch viele Mühen, durch angestrengtes Nachdenken erworben
wird, die von auf.Jen her durch Worte, also durch Unterricht und
Belehrung, gefördert wird, die hauptsächlich eine Gnosis der Dinge ist.
Evagrius kennt auch sehr wohl Häretiker, falsche Gnosis usw. 1).
Er verteidigt die schulmäfügen Fachausdrücke wie gleich wesentlich 2),
eine Natur, drei Hypostasen 3), er rechtfertigt das Wort „einge-
boren" gegenüber den Mif.ideutungen der Arianer 4), er führt Schlag-
\Vörter wie i;v, öu ovx i;v auf ihren richtigen Sinn zurück 5).
Der Kommentator Babaeus weist wiederholt darauf hin, daf.i
Evagrius an den einzelnen Stellen durch seine Ausführungen die
Irrlehrer widerlege, wenn er auch ihre Namen nicht nenne: ,,Da-
mit liegen Arius, Eunomius, Aetius, Paul und Photinus und alle
die am Boden, die sich erfrechen, den Schöpfer ein Geschöpf zu
nennen, anderen Wesens als der Vater. . . Kurz, aller ketzerische
Irrtum ist hier widerlegt, die wahre apostolische Lehre klar ver-
kündigt. Daher schreien und jammern die Ketzer über seine unwider-
leglichen Schriften, wie Legion über die Reliquien der Heiligen" 6).

b) Betonung der Erkenntnis . .


Die starke Betonung der Erkenntnis, wie sie im 8. Briefe zu-
tage tritt, finden wir bei Evagrius als Grundzug seines Systems
wieder, wie schon ein Blick in seine Werke zeigt. Erkenntnis-
theoretische Probleme im weitesten Sinne des Wortes sind es in
erster Linie, die ihn beschäftigen, alles andere tritt dagegen weit
zurück. Fast in jeder Sentenz stof.ien wir auf die Wörter vov;,
1fJVX1, J..oyUJµ6,;, evvow, alafhJ1:6,;, J..oyix6,;, ßsw(!/a, yvwat,;, yvwaux6,;

1) Sententiae ad ... fratres Migne P. gr. 40, 1282 B = Greßmann, Mönchs-


spiegel n 125sq. S. 163f.
2) Cent VI c 79 Frank 413; consubstantialis als Zitat aus Evagrius bei Babaeus
in dem Cod. Vatic. syr. 178, abgedruckt bei St. E. et J. S. Assemanus,
Bibliothecae Apost. Vatic. codicum manuscriptorum catalogus. I tom. 3.
Rom 1759 p 370. Das oµoovmo,; in Sent. ad virgines Migne P. gr. 40, 1286A
= Greßmann, Nonnenspiegel n 56 S. 151 {vgl. S. 144) mag als späterer Zusatz
gestrichen werden.
3) Ep ad Melaniam Frank 617 1 36; vgl. Frank 619, 10; 619 1 23.
4) Cent IV c 16 Frank 271. 5) Cent VI c. 18 Frank 375,
6) Cent VI c 79 Fr.ank 413. Ähnliche Bemerkungen macht er oft, z. B. in der
ersten Hälfte der 4. Zenturie zu den Kapiteln 9, 10, 13, 16, 19, 20, 21, 23 1
24, 27, 30, 34, 35 1 39; Frank 265-289. Neben Mani, Marcion und Origenes
findet er besonders die Irrlehrer des 4. Jahrhunderts widerlegt: Arius, Aetius,
Eunomius, Apollinaris, sodann auch spätere, wie Eutyches und die Mes-
salianer.
5• .
84 II. Der 8. Brief, ein Werk des Evagri~s Pontikus.

und deren Ableitungen. Nicht die Liebe zu Gott oder die Gnade
Gottes ist für unser Erdenleben das Höchste, sondern die yvwat;,
die {}eweta 1). "Jedes Wesen ist ein Ebenbild Gottes, welches die
Erkenntnis der ~l. Dreifaltigkeit aufnehmen kann" 2). ,, Ein geistiger
Tempel ist der, welcher gewürdigt ist, eine Wohnung zu sein für
die vielgestaltige Weisheit Gottes; ein vollkommener Tempel ist er,
wenn er der Erkenntnis· der hl. Dreifaltigkeit gewürdigt ist" 3). Bei
geistigen Wesen. (Engeln, Dämonen, Menschenseelen) gibt es keine
anderen Verschiedenheiten der einen von· den anderen als nur Grad-
unterschiede der Erkenntnis 4).
Das Tugendleben wird im wesentlichen nur als Weg zur Er-
kenntnis bewertet, gerade wie im 8. Briefe 5). . Selbst in den beiden
Spruchsamrrilungen Sententiae ad ... fratres und Sententiae ad vir-
gines (Mönchsspiegel und Nonnenspiegel), die gewissermaßen ein
Kompendium der Moral und Aszese für die Klosterleute darstellen,
leuchtet hinter jeder Mahnung, Belehrung und Verheißung immer
wieder die Erkenntnis auf. Sie ist das „Endziel der Liebe" 6), die
wahre Frucht der Tugend 7); die Liebe ist „eine Tür zur Erkennt-
nis" 8). Demgemäß besteht auch das Böse vornelimlich in der Ab-
wendung von der wahren Gnosis: ,,Jedes Wesen, das für die Er-
kenntnis Gottes empfänglich ist, aber die Unkenntnis der Erkenntnis
vorzieht, wird böse genannt" 9).
Bei Evagrius finden wir auch sehr. deutlich die starke Ver-
achtung der .Sinnlichkeit wieder, die im 8. Brief nur ganz leise
durchschien. Wenn in diesem die Vernunft (voii;} als naxvv{}el; be-
zeichnet wird 10. .
), so hat Evagrius denselben Ausdruck 11 ). Wenn der

1) Siehe z.B. Cap. pract. 21; Migne P. gr. 40, 1228A; beide Ausdrücke werden
trotz Cent III c 42 Frank .219 wechselweise gebraucht.
2) Cent III c 32 Frank 211 ; die Belegstellen zum Folgenden würden mit Leich-
tigkeit vermehrt werden können.
B) Cent V c 84 Frank 359; daß die Ebenbildlichkeit mit Gott sich nach dem
Grade der Erkenntnis richtet, wird noch schärfer betont Cent I c 70 Frank 109.
') Cent Suppl. 19 Frank 439. 5) Siehe oben S. 10f.
· 6) Sententiae ad . . . fratres Migne P: gr. 40, 1277 C = Greßmann, Mönchs-
spiegel n 3 S. 153; ibd. 128.2 D = n 133 S. 164; Cent IV c 25 Frank 281.
7) dap. pract; 62 Migne P. gr. 40, 1236 C; Sententiae ad . . . fratres Migne
P. gr. 40, 1282A = Greßmann, Mönchsspiegel n 116 S. 163; Ep 34, 8f.
Frank 589; Ep 10, 10f. Frank 573.
8) Cap. pract. introd. Migne P. gr. 40, 1221 C.
9) Ep 30, 15 f. Frank 587; vgl. Ep 28, Hf. Frank 585; Cap. pract. 32 Migne
P. gr. 40, 1229 D; Cent III c 53 Frank 225; Cent III c 28 Frank 207.
10) n 7. p 86 A; es wird auch von einer ~i~aouaUa :rrazvdea gesprochen, n 7
p 85 C und p 86 B, von einem :,,:azvueov eleijo{}ai .n 6 p 85 A, von einer
:,,:azeia rvroot, n 7 p 85 D.
11) Cap, · pract. 29 Migne P. gr. 40, 1229 B; vgl. :,,:azv-r:'I}, Cent II c 77 Frank 183;
Cent IV c 36 Frank 287; Cent IV c 46 Frank 291.
· 3. Innere Übereinstimmung. 85

Brief sagt, da.fü unser Verstand „an die Erde gebunden (avvMw)
und mit Schlamm vermischt ist" 1), dafü „die Apostel gebunden
waren an Fleisch und Blut" 2), so hat Evagrius diesen Gedanken
sehr häufig. In Anlehnung an Origenes sagt er, dafii der voi',: in-
folge der Sünde zur 1fJVX1J geworden und dann weiter zum awµa
„hinabgeglitten" sei 3). Für die Vereinigung von Leib und Seele
gebraucht er immer wieder das Wort avvbtw oder ähnliche Wörter 4).
Der Körper hindert uns am reinen Lobpreis Gottes 5). ,,Die Vor-
. stellungen der sinnlichen Dinge verhindern (verderben), solange sie
dauern, die Gnosis" 6). Ziel der Aszese ist darum eine „Trennung
der Seele vom Körper", ein „Verjagen des Leibes" 7), ein Freiwerden
von jeder Begierde, die &.nafhia 8).
Den Gedanken, dafii Sinneswahrnehmungen und Geistestätigkeit
zwei ganz verschiedene, getrennte Gebiete seien 9), spricht Evagrius
wiederholt aus 10): ,,Die Sinnlichkeit ist geschaffen, das Sinnliche
wahrzunehmen; das Geistesleben wartet allezeit, welche • geistige
Lehre sich ihm zur Betrachtung darbietet" 11). Auch die merkwürdige
Anschauung des 8. Briefes, daf.J der Einflu.fü, den der Geist von der
Sinnlichkeit erleidet, einer krankhaften Störung zu vergleichen sei 12),
kann nur aus einem Ideenkreis hervorgegangen sein, wie wir ihn
bei Evagrius finden. Ihm ist die Apathie die Gesundheit der Seele 13 ).
Wer sich noch mit den Lehren über die geschöpflichen Dinge ab-
gibt, gleicht einem Kranken, der aber nach Gesundheit strebt 14).
Dieser Anschauung entspricht es, da.fü Evagrius bei der Himmels-
seligkeit immer nur die „Erkenntnis", das „Schauen" erwähnt,
andere Momente aber ganz au.füer acht läßt, wie es ja auch der
8. Brief tut 15 ). Das Himmelreich ist „die Erkenntnis der Dinge"- 16);
es ist „ die Erkenntnis der erhabenen und geistigen, überhimmlischen

1) n 7 p 86A; vgl. n 12 p 89E. 2) n 7 p 86C. B) Ep ad Melaniam Frank 619,2-4.


4) Cap. pract. 33 Migne P. gr. 40, 1229D; ibd. 71; Migne P. gr. 40, 1244AB;
Ep 4, 19 Frank 569; Ep 39, 6 Frank 591; Ep 57, 10. 23 Frank 607.
5) Ep 56, 4 Frank 605; vgl. Ep 39, 5ff. Frank 591.
6) Cap. pract. 64; Migne P. gr. 40, 1237 D.
7) (Jap. pract. 33; Migne P. gr. 40, 1229 D; ibd. 38 Migne P. gr. 40, 1232 B.
8) Letzterer Begriff ist ein Kernpunkt seiner aszetischen Lehre.
9) Siehe oben S. 10.
10) Cap. pract. 54; Migne P. gr. 40, 1233 C (hier auch der Ausdruck oiima
tnfrnsia, wie Ep 8 n 12 p 89 C und D); Cent II c 83 Frank 185; sehr aus-
führlich und dem 8. Briefe recht nahe kommend Ep 56 Frank 605, 4ff.
11) Cent I c 34 Frank 79; vgl. Ep 8 n 12 p 89 C. 12) Siehe oben S. 10.
18) Liber pract. 56; Migne P. gr. 40, 1248A; vgl. Cent I c 70 Frank 109.
14) Gnost. 26 Frank 549. 15) Siehe oben S. 11 f.
16) Cent V c 30 Frank 331; da auch die Heranziehung der Bibelstelle Lc 17, 21
„das Himmelreich ist in euch", gerade wie Ep 8 n 12 p 89B; vgl. Ep 15
Frank 577, 3f.; Cap. pract. 2-3; Migne P. gr. 40, 1221 D.
86 II. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

Lehre" 1), oder "die Erkenntnis Gottes" 2). Dieser Gedanke be­
herrscht ihn so, dafü er trotz 1 Gor 13, 8 schreibt: ,,Eine ist die
Liebe . zum Guten, die ewig bleibt, nämlich die Liebe zur wahren
Gnosis" 3).
Danach ist es nicht zu verwundern 1 wenn auch bis in die
· einzelnen Wortwendungen hinein sich eine besondere Betonung der
· Erkenntnis bemerkbar macht. Der 8. Brief bezeichnet die Menschen
und Engel als :näaa � Äoytu� <pvmr; 4), Gott als µauaela luelv17 ual
vo171:� <pvatr; 5). Bei Evagrius sind das fast immer wiederkehrende
Benennungen. Im 8. Briefe heißt Gott geistige Sonne 6). Bei Eva­
grius finden wir diese Wendung wieder, sowohl für Gott selbst 7),
wie auch für das Vernunftwesen, das die Offenbarung Gottes auf­
nimmt 8). Der 8. Brief spricht davon, dafü die Seele „genährt" wird
durch die Lehre Christi 9). Evagrius gebraucht immer wieder dieses
Bild: ,, Wir betrachten qie Apathie als Gesundheit der Seele, die
Gnosis ·als Nahrung derselben" 10),

c) Abstufungen im Erkennen,
Die Unterscheidung gewisser Stufen in Erkenntnis, Offenbarung,
Auslegung usw., die im 8. Briefe verschiedentlich zu erkennen war, ist
bef Evagrius einer der hervorstechendsten Züge seines Lehrgebäudes.
Den Gedanken, dafü die volle Wahrheit nicht für alle sei, son­
dern nur für Eingeweihte, Fortgeschrittene 11), spricht er z. B. im
Anfaqg des Practicus, also einer Anleitung zur unteren Stufe des
Mönchslebens, offen aus. Da kündigt er an, er wolle alles vor­
tragen, ,, aber einiges verbergen, anderes nur andeuten, damit wir
nicht das Heilige den Hunden geben und die Perlen vor die Säue
werfen" 12). An anderen Stellen wird deutlich gesagt, dafü diese
Geheimhaltung aber nur den Einfältigen, Einfachen, Jungen und
Unmündigen gegenüber gelte: .oft ist es nötig, daf.i wir antworten,
wir wüfüten nichts, wegen derer, die uns fragen, aber nicht würdig
sind zu hören" 13).
1) Cent Suppl. c 44 Frank 461; ähnlich noch oft.
2) Ep 371 11ff. Frank 591; Cap. pract. 64; Migne P. gr.40 1 1237C.
8) Cent IV c 50 Frank 293.
4) n 2 p 82 C. 5) n 2 p 82 A. 6) n 7 p 86C.
7) Cap. 33 per gradus n 22; Migne P.gr. 40, 1268 A.
S) Cent IU c• 44 Frank 219; vgl.auch den Kommentar des Babaeus zu Cent I
c 15Frank 59. 9) n 4 p 84A.
t0)Libe r pract. 56; Migne P. gr. 40,1248A; vgl. Cent II c 32Frank 153;·
Cent II c 88 Frank 187; Cent III c 4Frank 191; Cent V c 35 Frank 331.
11) Siehe oben S. 17 f.
12) Cap.pract.introd. Migne P. gr. 40, 1221 C.
19) Gnost .23 Frank 549; .ganz ähnlich ibd.25Frank 549; ibd.36Frank 551;
ibd. 43 Frank 553.
3. Innere Übereinstimmung. 87
Im 8. Briefe mußte wiederholt die Einteilung der Lehre Christi
in praktische, physische und theologische 1) auffallen, weil ein solcher
Gedanke bei Basilius durchaus fremdes Gut sein würde. Bei Eva-
grius hat er rnlles Heimatrecht.
Das Christentum definiert er folgendermafien: "Das Christen-
tum ist die Lehre unsres Erlösers Jesus Christus, die aus praktischer,
physischer und theologischer besteht" 2). Gleichlautende oder ganz
ähnliche Wortreihen hat er oft 3). Er erklärt diese Ausdrücke auch
genauer: ,, Das Ziel der praktischen Lehre ist, den Geist zu reinigen
und für die Leidenschaften unempfänglich zu machen, der physischen
Lehre, die in den Dingen verborgene Wahrheit darzulegen, die Gnade
der Gottesschau aber ist es, wenn jemand seinen Verstand von
allem Irdischen fernhält und zu der höchsten Erkenntnis erhebt" 4).
Diese Begriffsreihe wird dann unter Beibehaltung des Grundgedankens
in der mannigfaltigsten Weise variiert 5). Für den zweiten Begriff physische
Lehre wird sehr oft der Ausdruck Lehre von den Dingen (nuv ovrnw) einge-
setzt 6). Im 8. Briefe hatten wir dieselbe Wendung, einmal in dem Gedanken,
daß durch die Eucharistie unser Verstand genährt und auf die Lehre von den
jetzigen Dingen vorbereitet werde, und ein zweites Mal in der Benennung der
Seligkeit als w'ahre ErkenntniG der Dinge 7).
Evagrius gliedert diese physische Lehre gewöhnlich noch weiter. Meistens
nennt. er dann nur die. unkörperlichen und körperlichen Wesen 8). Demgemäß
unterscheidet er immer eine {)ewela v,1,,"~ und eine {)eweia aiiJ,o,; 9). Beide Be-
griffe faßt er zusammen unter dem Namen vielgestaltige Weisheit Gottes 10), wo-
von die Erkenntnis der µ~va,; unterschieden wird.
Der 8. Brief spricht ganz ähnlich von Unterschieden der Gnosis, die von
der geistigen Sonne bewirkt werden 11), er unterscheidet bei den Aposteln
mehrere Stufen der Erkenntnis 12), Er spricht von einer lvvJ,oq yvwat,; und einer
aii2o,; {)eweia 13), von einer genauen Erkenntnis der Gedanken Gottes- im Unter-
schiede von der Erkenntnis der lva,
xai µova,; 14). Er gebraucht mit einer ge-
wissen Vorliebe die Worte aii2o,; und lvvÄo,; 15).

1) n 4 p 84A; ähnlich n 12 p 89E. 2) Cap. pract. 1 Migne P.gr,40,1221D.


8) Gnost 11 Frank 54 7: praktisch, physisch, theologisch; Gnost 12 Frank 54 7:
praktisch, Physiologie, Theologie; Cent I c 10 Frank 57: Beobachtung der
Gebote, Erkenntnis d_er Naturen, Lehren über die Gottheit; Cap. pract. 56
Migne P. gr. 40, 1233 C: praktisch, physische Lehre, .Theologie; vgL Cap.
pract. 38 Migne P. gr. 40, t 232 B. 4) Gnost 48 Frank 553.
5) Es ist immer zu beachten, daß wir für die meisten Schriften nicht den
griechischen Urtext, sondern eine Rückübersetzung haben.
6) Allein in der 5. Zenturie steht er in den Kapiteln 12, 30, 35, 43, 51, 63, 90.
Frank 323-361; auch in den Briefen kommt er oft vor.
7) Siehe oben S. 19 und S. 61.
8) z. B. Cent VI c 49 Frank 391; Cent V c 52 Frank 341; daher die Aus-
drücke erste, zweite und dritte Gnosis für die Erkenntnis Gottes, der Geister
und der Körper.
9) z. B. Cent IV c 81 Frank 311; ähnlich Cent II c 63 Frank 175; überhaupt
finden sich die Worte v2,"6,; und aii2o,; bei ihm fast auf jeder Seite.
10) z. B. Cent V c 84 Frank 359. 11) n 7 p 86 C. 12) n 7 p 85 B.
13) n 7 p 85 DE. 14) n 7 p 85 B. 15) n 12 p 89 C; n 9 p 87 C; n 2 p 82 B.
88 IL Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

Der dritte Begriff der oben erwähnten Reihe, die theologische


Erkenntnis, wird von Evagrius au.ffierordenllich oft als Erkenntnis
der hl. Dreifaltigkeit bezeichnet; diese Wendung kommt viel häufiger
vor als etwa vollkommene Erkenntnis Gottes 1). Ein Echo davon
finden wir wieder im 8. Briefe, wo ja als höchste Stufe des religiösen
Lebens die Lehre über die hl. Dreifaltigkeit genannt wird, obwohl
damit einfach die Gotteserkenntnis gemeint ist 2).
Auch die Wendung des 8. Briefes, daß die Lehre von der hl. Dreifaltig­
keHin der physischen Lehre „eingeschlossen" sei B), ist dem Pontiker ganz geläufig.
Oft betrachtet er allerdings diese .Erkenntnis Gottes als ein mystisches
Schauen, das uns geschenkt wird 4). Es hat mit unserer sonstigen geistigen
Tätigkeit, etwa dem J.oylt;;ea{}ai, gar nichts zu tun 5), Es ist, wenigstens für die
,,Reinen", ein unmittelbares Schauen Gottes, nicht eine Erkenntnis durch Ver­
mittlung der Geschöpfe 6). Es wird beschrieben mit den Worten „das Licht
Gottes, welches zur Stunde des Gebetes in unserm Herzen aufgeht" 7) oder „der
Ort. Gottes, den man zur Stunde des Gebetes sieht" B).
Aber sehr oft deckt Evagrius auch die Fäden auf, die von den beiden
ersten Stufen zur, dritten hinaufführen: ,,Die Erkenntnis der Dinge ist so, daß
sie die Seele, die an ihr Teil hat, zur Gnosis der hl. Dreifaltigkeit hinauf­
führt" 9), ,,Gott wird erkannt mitten zwischen der körperlichen und der geistigen
Natur" 10). Genauer wird das dahin bestimmt, daß wir auf diesem Wege nicht
die Natur Gottes, sondern seine Weisheit erkennen 11). Wie eine solche Erkenntnis
der Liebe, Macht qnd Weisheit Gottes doch eine Erkenntnis „der hl. Drei­
faltigkeit« genannt werden kann, das wird in der Epistula ad Melaniam 12)
weitläufig dargelegt.
Bei einer so weitgehenden Abstufung der Erkenntnis wäre
· es nicht zu verwundern, wenn Evagrius auch einen Unterschied
machte zwischen der Gottesanscham,:mg, die die Engel jetzt genie.ffien,
und jener, die uns in der Ewigkeit zuteil werden soll. Tatsächlich
finden wir, dafü er bei den Engeln immer nur von der Lehre von
den Dingen spricht 13) oder von der wahren Gnosis 14) oder von der
ersten geistigeri Lehre 15), aber niemals mit ausdrücklichen Worten
ihnen jene höchste Stufe zuschreibt. Einmal sagt er: .Bedenke,

1) Ich zitiere z. B. aus der zweiten Hälfte der ersten Zenturie die Stellen c 52,
54, 62, 6.5, 67, 70, 73; 74, 75, 77, 88 Frank 93-125.
2) n 12 p 89E. S) ibd.
•> Cent V c 79 Frank 355; Ep 29, 8 ff. Frank 587.
5) z . B. Ep 62, 1,---9 Frank 611. 6) Ep. ad Melaniam Frank 613, 45-615, 4
7) Ep 17 Frank 579, 5; ähnlich Antirrb. m. introd. Frank 475, 9; Cent Suppl.
c. 26· Frank 451:
_ 8) Cent Suppt c 26 Frank 451; Cap. pract. 71; Migne P. gr. · 40, 1244 A.
9) Cent II c 16 Frank 141; vgl. Cent III c 61 Frank 231; L i b e r pract. c 92;
Migne P. gr. 40, 1249 B.
10) Cent IV c 11 Frank 265; vgl. Sententiae ad ... fratres Migne P. gr. 40, 1282 D
= Greßmann, Möncbsspiegel n 136 S. 165.
11) Cent V c 51 Frank 339; Cent III c 13 Frank 197.
12) Besonders Frank 613, 28-615, 25. 13) Cent .III c 4 Frank 191.
14) Cent III c 5 Frank 191.. 15) Cent II c 61 Frank 173.
3. Innere Übereinstimmung. 89

daß du nicht glaubest, eines sei die Ursache aller gewordenen


Dinge, sondern es sind viele, und nach dem Maße des Lebens-
. wandels eines jeden werden auch diese ihm geoffenbart. Denn
auch die heiligen Gewalteii. kennen viele Ursachn1, aber nicht die
ersten Ursachen, die allein Christus bekannt sind" 1). Einern Manne,
der das geschrieben hat, kann man auch folgende "\Vorte des
8. Briefes zutrauen: ,,Auch die Engel wissen nicht (d. h. die Zeit
des Weltendes), d. h. auch ihr Schauen und die Lehren der dienen-
den Geister sind nicht. das letzte Ziel; denn auch ihre Erkenntnis
ist grob, im Vergleich zu der von Angesicht zu Angesicht" 2).
Für eine gewisse Abstufung zwischen der Offenbarung Gottes
und der Offenbarung Christi, für einen Unterschied zwischen dem
Reiche des Vaters und dem Reiche Christi ist in der Lehre des
Evagrius wohl Platz. Allerdings nennt er Christus einfach den
„Lehrer der Erkenntnis der hl. Dreifaltigkeit" 3); er schreibt ihm die
ganze Offenbarung zu: ,,Die Fülle (:nJ,,17ewµn) Christi ist die geistige
Erkenntnis der gewordenen (vergangenen) Äonen und der zukünf-
tigen mit wahrem Glauben an die hl. Dreifaltigkeit" 4). Aber schon
hier kann man es auffallend finden, dafü er bei Äonen von Erkennt-
nis, bei der Dreifaltigkeit von Glauben spricht. Einen ähnlichen
feinen Unterschied kann man wohl aus folgendem Spruche heraus-
lesen: .Der Leib Christi (d. h. seine Menschheit) empfing die viel-
gestaltige Weisheit (d. h. die Erkenntnis der Geschöpfe); in ihm
leuchtete uns auch die Gnosis der hl. Dreifaltigkeit auf" 5). Dazu
pafüt es ganz, wenn er an einigen anderen Stellen klar und deut-
lich die Offenbarung der Lehre von den Dingen dem Sohne zu-
schreibt, die Offenbarung der Dreifaltigkeit aber dem Vater vorbehält:
.Die vernünftige Natur (d. h. den Menschen), die von der Bosheit
getötet ist, erweckt Christus durch die Erkenntnis aller Äonen.
Sein Vater aber erweckt die Seele, die den Tod Christi gestorben
ist, durch die Erkenntnis seiner selbst" 6). ,,Ein Erbe Christi ist
der, welcher gewürdigt ist, die geschaffenen Dinge zu schauen. Ein
Miterbe Christi ist der, welcher in der Monas ist, sich erfreuend an
ihrer Erkenntnis" 7). Wir erben, bekommen also die Erkenntnis
der geschaffenen Dinge von Christus, die Erkenntnis des Wesens
Gottes aber erben wir mit ihm, also vom Vater. Wie Evagrius

1) Gnost 39 Frank 551. 2) n 7 p 85CD. 3) Cent IV c 18 Frank 271.


•) Ep 61,9-11 Frank 611. 5) Cent III c 11 Frank 195.
6) Cent Suppl. c 24 Frank 447, von hier ist die Stelle übergegangen in die
Sammlung Cap. pract. 69; Migne P. gr. 40, 1241 D-1244A; vgl. Cent IV
c 23 Frank 279, wo die Erkenntnis der Naturen unterschieden wird vom
Reiche Gottes; vgl. Cent VI c 33 Frank 383.
7) Cent IV c 4 und 8 Frank 263 und 265.
90 II. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

zu dieser Unterscheidung gekommen ist, ersehen wir vielleicht ~us


folgender Sentenz: .Christus hat, insofern 1) er Christus ist, die
wesenhafte Erkenntnis {d. h. die Erkenntnis Gottes), insofern er
Schöpfer ist, die Lehren von den Welten, insofern er· unkörperlich
ist, die Lehre von den unkörperlichen Dingen" 2 ).. Eine starke Be-
tonung des zugrunde liegenden Gedankens konnte zu der Äufüerung
führeri, dafü Christus in seiner menschlir,hen Erscheinung uns die
Erkenntnis der Dreifaltigkeit nicht vermittele, dara dieses vielmehr
dem Vater vorbehalten sei.
Eine Feder, aus der die vorstehend angeführten Sätze. geflossen
sind, konnte auch folgende Worte im 8. Briefe schreiben: "Von
dem, was Gott ist, wird gesagt, er würate es über sieb selbst und
von dem, was er nicht ist, wird gesagt, er wüßte es
nicht .. , · Nun
ist aber unser Herr rücksichtlich der Menschwerdung und der grö-
beren Lehre nicht das letzte Ziel. Also weifü unser Erlöser nicht
das Ende und· die letzte Seligkeit . . . Denn man s;igt, Christi
Reich sei die ganze materielle Erkenntnis, Gottes des Vaters Reich
sei· die immaterielle und sozusagen die Erkenntnis · der Gottheit
selbst" 3).
Die Unterscheidung einer niederen und einer höheren Bibel-
erklärung, wie der 8. Brief sie hat, parat ungezwungen in das System
des Evagrius hinein 4). · Er findet, ganz auf den Spuren des Ori-
genes, in allen Dingen dieser Welt einen höheren, geistigen Sinn
verborgen; der Ablauf dieser Welt ist nur ein Abbild von den Ge-
schehnissen einer übersinnlichen Ideenwelt. So erklärt er allegorisch
die körperlichen Krankheiten des Menschen 5), die einzelnen Kleidungs-
stücke und Gebrauchsgegenstände der Mönche 6), besonders alle
Einrichtungen des Alten Bundes, wie die Kleidung des Hohenpriesters 7),
die Örtlichkeiten der Stadt Jerusalem 8) usw. Oft weira nian dabei
nicht, oh er lediglich' einen geistreichen V~rgleich zwischen irdischen
und überirdischen Dingen ziehen will oder ob er dieser Welt jede
Realität absprechen und · sie nur als Schein und Trug gelten
lassen wilt
Die reale Auferstehung am jüngsten Tage will Evagrius offen-
bar nicht leugnen; er beschreibt sie einigemal in einfachen, dem

1) Frankenberg hat allerdings el übersetzt. 2) Cent Suppl. c 1 Frank 423.


8) n 7 p 85B-D.
4) Einmal stellt er allerdings den Grundsatz auf, man dürfe nicht alle -Aus-
drücke allegorisch deuten,· z. B. die Gerätschaften des Schiffes des Jonas,
Gnost 34 Frank 551.
5) Cap. 33 per gradus Migne P. gr. 40, 1264-1265.
6) Cap. pract. introd. Migne P. gr. 40, 12200-1221 C.
7) Cent IV c 63, 66, 69 1 72, 75, 79 Frank 301-309.
B) Cent V c 74; 77, 80, 82, 84, 88 Frank 353-361.
3. Innere Übereinstimmung. 91
natürlichen Sinn der Bibel entsprechenden Worten: "Die letzte
Posaune ist der Befehl des gerechten Richters, der die vernünftigen
Wesen mit ihren Körpern bekleidet, entsprechend der Beschaffenheit
ihres Lebenswandels" 1); Er bringt den Begriff Auferstehung aber
auch in Verbindung mit innerer l;Jmwandlung und Erleuchtung:
"Die kleine Auferstehung des Körpers ist sein Übergang vom Fall
der Lüsternheit zur Auferstehung der Heiligung. Die kleine Auf-
erstehung der '1/JVX~ ist der Übergang von der Sinnlichkeit (lµn&.lhta)
zur Auferstehung der Apathie. Die kleine Auferstehung des ·voii~
ist die Verwandlung von der Unwissenheit zur Gnosis" 2). Das klingt
wieder ganz ähnlich wie die Worte im 8. Biief, wo die Auferstehung
genannt wird ein Übergang von der materiellen .Gnosis zur im-
materiellen Beschauung 3). · . ·

Von der Eucharistie spricht Evagrius wiederholt .in Ausdrücken,


die eine symbolische Auffassung irgendwelcher ·Art durchblicken
lassen. "Das Fleisch Christi ist die praktische Tugend;. wer diese
irat, wird leidenschaftslos werden. Das Blut Christi ist die Erkennt-
nis der gewordenen Dinge; wer es trinkt, wird von ihm erleuchtet
werden. Die Brust des Herrn ist die Erkenntnis Gottes; wer daran
ruht, wird ein Gottgelehrter sein" 4). Die Anspielung auf die
Eucharistie bzw. auf das letzte Abendmahl ist hier wohl zweifellos ...
Unverkennbar ist at;ch die starke Älmliehkeit mit der eucharistischen
Stelle im 8. Briefe: "Wir essen sein Fleisch und trinken sein Blut, in-
dem wir durch seine Menschwerdung und sein sinnlich wahrnehmbares
Leben des Logos und der Weisheit teilhaftig werden. Denn mit Fleisch
und Blut· bezeichnete er seinen geheimnisvollen Lebenswandel, und
damit meinte er seine Lehre, die aus praktischer und physischer
und theologischer besteht, durch welche die Seele genährt und zur
Erkenntnis der jetzigen Dinge befähigt wird" 5). In beiden Stellen
wird die Eucharistie in engste Verbindung mit der Erkenntnis ge-
bracht; beidemal finden wir eine Dreiteilung in praktische Tugend-
übung, Erkenntnis der Dinge und Erkenntnis Gottes.
Auf Grund der zitierten Stelle werden wir auch in einigen
anderen Aussprüchen des Evagrius Anspielungen auf die Eucharistie

1) Cent III c 40 Frank 217; vgl. Cent III c 66 Frank 235; Cent VI c 58
Frank 399.
2) Cent V c 19, 22, 25 Frank 327-:329. Der Kommentator Babaeus versteht
darunter die Neuschaffung des Menschen in der Taufe; indessen handelt der
ganze Abschnitt vorwiegend vom ewigen Leben, daher wird .auch die Auf-
erstehung am jüngsten Tage gemeint sein; vgl. auch den oben S. 89 ange-
führten Spruch aus Cent Suppl. c 24 Frank 447.
S) n 7 p 85E.
4) Sententiae ad . . . •fratres Migne P. gr. 40, 1282A = Greßmann, Mönchs~
spiegel n 118-120 S. 163. ö) n 4 p 84 A.
92 II. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

seheri dürfen,z. B. wenn er sagt: ,, Tue Gutes den wahrhaft Armen,


und du wirst . Christus essen. Wahre Stärke ist, den Leib Christi
essen" 1). Bez~ichnenderweise ist auch·· hier wieder die Tugend-
übung mit <lern Essen seines Leibes; nicht mit dem Trinken seines
Blutes iri Verbindung gebracht, während an einer anderen Stelle
die „Weisheit Gottes" zu dem Weine iIJ Beziehung gesetzt wird:
„Wenn in uns die bewunderungswerte Weisheit Gottes wächst, dan~ ist
ihre Mischung in uns in Wein und 'Wasser (letzteres = Taufe!);
strebe mit Flei.lii nach .. der Erkenntnis dieser" 2). Irgendwelche
· Aufüerung, die ·in einfachen, klaren Worten von dem eucharistischen
Genusse des Leibes und Blutes Christi spräche, suchen wir bei Eva- .
grius vergebens.
. .·
d) Betonung der Einheit in Gott.

Wenn wir im 8. Briefe verschiedene Spuren davon entdecken,


dara der Verfasser die Einheit in Gott möglichst betonen · will, so
finden wir diese Tendenz bei Evagrius l:)esonders stark ausgeprägt.
Der 243. Brief des hl. Gregor von Nazianz berichtet, daf.i Evagrius
ihm die Fräge vorgelegt habe: ,,Ist (die Natur der drei göUlicheq,
Personen) einfach oder zusammengesetzt? Denn • wenn sie ein:
fach ist, wie kann sie dann die Zahl drei für die Genannten zu-
lassen? Das Einfache ist doch einzigartig (µovoet<'l~,) und zahlen-
los." . Auch hat der Fragesteller darauf hingewiesen, dara die
verschiedenen Namen Gottes mit seiner Einfachheit schwer zu ver-
einbaren seien 3f

. ·. 1. . . • •

Maximus Confessor berichtet Folgendes: ,,Dara er (Gott) lvd,


xat µov&, ist, das sagt auch der unheilige Evagrius . im zweiten
Hundert drittes K:apitel folgendermaraen: »Er ist µova,, da das Gött-
liche einfach und unteilbar ist, deswegen µova,. Denn µova, ist
zahlenmäßig zu sagen einfach und unzusammengesetzt. lva, aber
ist er deswegen, weil die ht Dreifaltigkeit auch in sich physisch
geeint ist und alle einigt, die sich ihr nahen,," 4). Diese Worte
finden sich indessen in dem uns jetzt aus dem Syrischen bekannt
gewordenen Zenturieriwerk nicht, weder an dem angegebenen Orte
noch anderswo. Auch sonst findet sich die Zusammenstellung lva,
. .
1) Aliae simtentiae n 18; 19; Migne P. gr. 40, 126!1 D.
2) Cent V c 32 Frimk 331; diese Auffassung und.Ausdrucksweise geht im letzten
Grunde wieder auf Origenes zurück, siehe oben S. 62 f .. ·
B) Migne P. gr. 46 1 1101 AB.
tf Commept. · in S. Dionysii Areop. opera; In 1. de c9elesti hierarchia c 7 ;
Migne P. gr. 41 76D-77.A.
:l. Innere Übereinstimmung. 93
uat µov&,; als Benennung für Gott nicht 1). Das Wort µova,; für
Gott steht auffallenderweise kein. einziges Mal in den anderen
Schriften, wohl aber ganz besonders häufig in den Zenturien 2). Da
wird nur selten die Wendung Erkenntnis Gottes gebraucht, Erkennt-
nis der Dreifaltigkeit schon häufiger, Erkenntnis der µova,; ist das
Gewöhnliche. Oft steht µova; zum Unterschiede von der vielge-
staltigen Schöpfungswelt 3), oft aber auch absolut, ohne jede solche
Beziehung 4). Ableitungen dieses Wortes werden wiederholt in
starker Häufung gebraucht 5).
Evagrius will auch die Zahl von der Anwendung auf Gott
ganz ausgeschlossen wissen; deshalb unterscheidet er scharf eins
der Zahl nach und eins der Natur nach 6): .Der Dreiheit der Zahlen
folgt die Vierheit; also ist die hl. Dreifaltigkeit keine Dreiheit der
Zahlen" 7). ,,Eine Dreiheit der Zahlen kommt zustande durch Zu-
sammensetzung des einen und des anderen; die hl. Dreifaltigkeit
besteht aber nicht in der Zusamrnensetzung von Zahlen, weil sie
keine Dreiheit der Zahlen ist" 8).
Diese Ausschließung der Zahlen von Gott wird auch begründet, und
zwar aus dem Wesen Gottes: ,,Die hl. Dreifaltigkeit ist nicht aufzufassen ähn-
lich wie eine Vierheit oder Fünfheit usw.; denn dieses sind Zahlen, die hl. Drei-
faltigkeit aber ist oiJa{a µorosd51c;" 9). Das Verständnis des letzteren Ausdruckes
gewinnt man vielleicht aus folgender Sentenz: ,,Die hl. Dreifaltigkeit ist nicht
eine von den Zusammensetzungen oder Eigenschaften oder Negationen oder
etwas positiv Ausgesagtes; denn sie ist oiJala µ01,osdNc;, ganz und durchaus
gleich" 10). Diese starke, uneingeschränkte Betonung des Gedankens, daß in Gott
keine Eigenschaften seien, kannten wir schon früher aus einem Evagriuszitat
bei Sokrates, der folgenden Spruch aus dem Gnostikus berichtete: ,,Wenn jeder
Begriff entweder eine Art oder Gestalt oder Unterschied oder Eigenschaft oder

1) Ich weiß nicht, ob vielleicht die Übersetzung in das Syrische die beiden
Worte zusammengezogen haben könnte, sodaß wir sie jetzt in dem wieder-
hergestellten griechischen Texte nicht mehr lesen.
2) z. B. in der 3. Zenturie kommt· es vor in den Kapiteln 1, 2, 3 1 28, 61, 72.
Frank 187-239.
B) z. B. Cent I c 71 Frank 111; Cent II c 3 und 5 Frank 131f.
4) z. B. Cent III c 28 Frank 207; Cent IV c 18 Frank 271.
5) z. B. Cent III c 1 Frank 187.
6) Von der oben zitierten, durch Maximus Conf. überlieferten Stelle, in der ja
unterschieden wurde zwischen µ0110.c; &ei{}µ'l'}r:txwc; sl:n:sir und cpvaixw,; lroi'Ja{}ai,
möge wegen ihrer mangelhaften Bezeugung abgesehen werden.
7) Cent VI c 11 Frank 371, der griechische Text ist klarer: ,fi &ed}µwr ,eta&
e:n:axo2ov{}s, .s,ea, • oiJx aea to.11, ~ ayta ,eia,; ,eia, &ei{}µwr. Ähnlich heißt
es Cent VI c 12 Frank 371, der zahlenmäßigen Dreiheit müsse eine Zwei-
heit vorhergehen, was unmöglich sei.
8) Cent VI c 13 Frank 371.
9) Cent VI c 10 Frank 367; µorosd'n7,; gebraucht er wiederholt für Gott, z. B.
Cent I c 54 Frank 93, oder für die einzelne göttliche Person, z. B. Cent III
c 1 Frank 1.87. 10) Cent V c 62 Frank 34 7.
94 II. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus.

Besonderheit oder etwas aus diesen zusammengesetztes bedeutet und wenn bei
der hl. Dreifaltigkeit nichts von den gesagten Dingen zu finden ist, so muß
das· Unsagbare (äee11 rov) mit Stillschweigen verehrt we.rden" 1), Eine Eigen­
schaft wird anscheinend nur bei körperlichen Dingen zugelassen 2),
Während Evagrius so jede Eigenschaft bei Gott negiert, ist die ofola das
Einzige, was er bei ihm gelten läßt. Aber sie ist etwas ganz Unbestimmbares,
„Unsagbares, das. mit Stillschweigen verehrt werden soll" (siehe oben). Daher
wird auch die Erkenntnis· Gottes, die uns hier aus Gnade verliehen wird. oder
die in der Ewigkeit unser wartet, als yvwai, ovoul,IJ 11, bezeichnet 3),
Auch in unserer Gotteserkenntnis hebt Evagrius immer eine gewisse Ein­
heitlichkeit hervor, im Gegensatz zu der vielseitigen Erkenntnis der Welt:
,,Eine andere_ ist die Kraft des Verstandes, wenn er hinschaut auf die Naturen,
eine andere seine Kraft, wenn er hinschaut auf deren geistige Bedeutung
(fJeroeia); aber eins .und in sich gleich ist die Kraft desselben, wenn er auf
die h°L Dreifaltigkeit hinschaut" 4),
Wenn auch in diesen Aussprüchen des Evagrius uns manches
unklar, vieldeutig und unausgeglichen erscheint - wie es schon
durch die sentenzenartige Darstellung und die bilderhafte Sprache
in etwa bedingt ist-:--, so kann doch kein Zweifel dqrüber bestel,:ten,
dafü sowohl die Grundtendenz wie auch die einzelnen Ausdrücke
mit manchen Äufüerungen des 8. Briefes auffallend starke Berührungs­
punkte haben. Bemerkten wir doch in diesem eine besondere Vor­
-liebe des Verfassers für die Worte §vdq xai µova.q 5). Wir lasen da,
dafü Gott nicht eins der Zahl, sondern eins der Natur nach sei 6), ·
dafü wir „die Zahl vollständig ausschlieraen von jener seligen, geistigen
Wesenheit" 7), dafü „ das göttliche Wesen frei von Eigenschaft" sei 8).
Wenn Evagrius sagt: ,,"Ei- lv uj'J ö.e ifJ11cp lO noaov xan7yoeei, a e116(et
()s neoq r�v awµau%�v cpvatv 9), so haben wir dazu im 8. Briefe ein
fast wöl'tlich gleiches Gegenstück: 6 ö.e ifJ1i6q lau wv noaov, ro ()s
noaov rfj awµaroqj cpvau avve(evxrat 10). Der 8. Brief betonte 3:uch
auffallend stark die ovala 11), er sprach davon, dafü ein Engel ·. aus
ofJala und &. yiaaµ6q bestehe 12), er legte dieselbe Behauptung bezüglich
des HI. Geistes den Gegnern -in den Mund 13), er sagte: 6 xal ofJalav
{}eoq -rcp xm' ofJalav fJecp &µoovat6q lauv 14). Das sind alles Äufüerun-
1) Gnost 40 Frank 551, auch bei Sokrates Rist. eccl. 13 c 7 Migne P. gr. 67,396 B.
2) Cent I c 2 Frank 49; Cent II c 18 Frank 143; Cent IV c 84 Frank 313.
B) Cent III c 12 Frank 197; Cent III c 49 Frank 223; Cent Suppl. c 21
Frank 441. Sehr oft sagt Evagrius, Gott selbst s e i die wesenhafte Erkenntnis,
z. B. Cent II c 47 Frank 161; Cent V c 56 Frank 343; Cent Suppl. c 19
Frank 439 usw., offenbar in dem Sinne, daß die Erkenntnis bei uns etwas
Akzidentelles sei, bei Gott aber sein Wesen ausmache; siehe den bezeich­
nenden Spruch Cent V c 56 Frank 343.
4) Cent V c 60 Frank 345; ähnlich Cent V c 63 Frank 347; auch Ep 58, 17-19
Frank 6071 wo die Einheitlichkeit oder Einfachheit unserer Gotteserkenntnis
darauf zurückgeführt wird, daß sie eben eine yvwo1, ovo1w/J 17 , sei.
5) Siehe oben S. 29. 6) n 8 p 81 E. 7) n 2 p 82A. S) n 3 p 82C.
9) Cent IV c 19 Frank 273. 10) n 2 p 82A. 11) Siehe oben S. 30.
12) n 2 p 82 A. 13) n 10 p 88 J:!, 14) n 3 p 82 D.
3. Innere Übereinstimmung. 95

gen, die nicht nur mit den Gedankenkreisen des Evagrius vereinbar
sind, sondern sich naturgernäfü daraus ergeben.
Das Streben, alles auf eine Einheit zurückzuführen, geht auch
durch die eschatologischen Anschauungen des Evagrius. Wie bei
Origenes, so finden wir bei ihm den Gedanken, dara im Endzustande
nicht nur die moralische, sondern auch die physische Verschieden-
heit oder sogar die Unterschiedenheit der geschöpflichen Dinge auf-
hören wird. Wenn wir dem Zeugnis des Maxirnus Conf. 1) Glauben
schenken dürfen, so hat Evagrius ja geschrieben: ,,(Die hl. Dreifaltig-
keit) einigt alle, die sich ihr nahen, nach dem Worte im Evange-
lium: »damit sie eins seien, wie auch wir eins sind« (Jo 17, 22}."
Damit stimmt ganz überein, was wir jetzt noch in den Zenturien
lesen: ,, Wenn das, was eins der Zahl nach ist, aufhört, dann hört
auch die Zahl auf, und wenn die Zahl aufhört, dann ist das, was
in uns ist, und das, in dem wir sind, eins" 2). Man könnte hier
vielleicht nur an die endliche Harmonie von Seele und Leib denken.
Aber folgender Spruch besagt doch offenbar mehr: ,,Wie mit den
Körpern auch die Farben und die Gestalten und die Zahlen ver-
schwinden, so verschwindet mit den vier Elementen auch die Ma-
terie" 3). Sehr ausführlich wird dieses Problem in der Epistula ad
Melaniam behandelt 4). In grorazügigen Gedankengängen wird da
ausgeführt, dafü ursprünglich beim Menschen nur die Vernunft (voii,)
erschaffen sei; infolge der Sünde sei die Vernunft „hin abgeglitten"
und so seien die Seele (ipvx~) und der Leib hinzugekommen 5). Ein-
mal solle der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt WArden:
,,Einmal wird die Zeit kommen, wo diese Namen und Zahlen, näm-
lich von Leib und Seele und Vernunft, verschwinden werden, da
sie zur Herrlichkeit der Vernunft hinaufgeführt werden, wegen der
Stelle: »damit sie eins seien, wie wir eins sind« (Jo 17, 22). So
wird auch einmal die Zeit kommen, wo die Namen und Zahlen
zwischen Vater, Sohn und HI. Geist (einerseits) und seiner ver-
nünftigen Schöpfung, die sein Leib ist, (andererseits) verschwinden
werden, wegen der Stelle: »damit Gott alles in allem sei« (1 Cor
15, 28)" 6). Die Verschiedenheit der göttlichen Personen wird bleiben;
aber die Vernunft wird dem Vater, die Seele dem Sohn, der Leib
dem HI. Geiste geeint 7). Wie die Flüsse von dem unermefüichen

1) Siehe oben S. 92.


2) Cent I c 7 Frank 53; zum Verständnis vgl. die vorhergehenden Kapitel 1, 2, 6.
3) Cent I c 29 Frank 75. 4) Frank 613-619, besonders S. 617 1 25-619, 10.
5) s. 619, 2-5.
6) S. 617, 25-30. Daß diese Übersetzung den Sinn richtig wiedergibt, ist aus
dem Zusammenhang, besonders schon aus den folgenden Sätzen, sicher zu
erkennen. 7) S. 617, 31-36.
96 lt. Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius. Pontikus.

Meere aufgenommen werden und ganz in ihm aufgehen, ohne ihr


eigenes Sein zu. behalten, so auch die Menschen in Gott 1). "Von
da an werden sie nicht mehr vieles sein, sondern eins, geeinigt mit
ihm, unaufhörlich und unveränderlich, wegen der Einigung und Ver­
mischung mit ihm" 2).
Auf Grund solcher Ausführungen verstehen wir erst recht,
was der 8. Brief in kurzen Worten nur andeutet, wenn er, auch
im Anschluß an Jo 17, 21 (22), sagt: ,, Denn da Gott eins ist, so
einigt er alle, indem er in jedem einzelnen wird, und dann hört
die Zahl auf, da die µ011 tk eintritt" 3). Mit solchen Anschauungen
stimmt es auch ganz überein, wenn das Wort „Zahl" zur Bezeich­
nung des gezählten Gegensta11des selbst gebraucht wird 4) und wenn
der Teufel lxneawv 1�� ,uovaöo� genannt wird 5).

e) Trinitätslehre.
Auf trinitarische Fragen kommt Evagrius sehr selten zu sprechen.
Nebenbei fallen nur einige Streiflichter auf dieses Gebiet, während
sein Hauptinteresse anderen Problemen zugewandt ist.
Die Trinitätslehre, die aus solchen gelegentlichen Bemerkungen
zu erkennen ist, bietet keine Besonderheiten. Auch sie ist gekleidet
in das Gewand einer bildetTeichen Sprache und ungewohnter Aus­
drücke. Aber dem Inhalte nach entspricht sie ganz den Anschauungen,
die in kirchlichen Kreisen gegc·n Ende des 4. Jahrhunderts herrschend
waren. Die Homousie des Sohnes und des HI. Geistes wird deutlich
und klar gelehrt: ,,Christi Leib ist von gleichem Geschlechte wie
unser Leib, seine Seele ist von der Natur unsrer Seele; so ist auch
seine Gottheit gleichwesentlich dem Vater" 6). Gewiß vergleicht
Evagrius in der Epistula ad Melaniam die zweite und dritte gött­
liche Person mit Hand und Finger, womit der Vater seine Werke
wie Briefe an die Menschheit geschrieben habe 7). Er vergleicht sie
sogar mit solchen Briefen selbst; aber er vergißt doch nicht hinzu­
zufügen, daß sonst ein Brief nicht die ganze Natur des Schreiben­
den kundgebe: ,, Der Logos aber und der Geist, diese Zeichen des
Vaters, wissen alles und zeigen alles, da sie ja nic}:it Geschöpfe
sind, sondern genaues Abbild und wahrer Abglanz der Wesenheit
des Vaters" 8).

1) Siehe diesen sehr schön ausgeführten Vergleich S. 619, 11-38.


2) s. 619, 17 f.
8) n 7 p 86 D. 4) Ep 8 n 2 p 82 B die (den Gegnern vorgeworfene) Benen-
nung des HI. Geistes als Zahl.
5) Ep 8 n 10 p 87E-88A; vgl. CentIII c 28 Frank207: rfj; 1:ij; ayla; µova/fo;
{}eroela; Si{JT:er1wv. 6) Cent VI c 79 Frank 413. 7) Frank 613, 29-615, 12.
B) Frank 6171 10-12.
3. Innere Übereinstimmung. 97
So finden sich 111 der Trinitätslehre des Evagrius keine Be-
sonderheiten, die irgendwie die Abfassung des 8. Briefes durch ihn
beweisen könnten; aber es findet sich darin auch gar nichts, was
dieser Annahme widersprechen könnte.

f) Einzelheiten in Ausdruck und Wortschatz.


Manche Eigenheiten des 8. Briefes in Ausdrucksweise und
Wortschatz, die für Basilius auffallen mufüten, finden ihre natür-
liche Erklärung in der Verfasserschaft des Evagrius.
Er verwendet Bibelstellen und biblische Ausdrücke in der
freiesten Weise 1). Immer wieder weifü er geistreich und wort-
gewandt biblische Anklänge in seinen Worten durchklingen zu lassen.
,,(Es) imponiert des Verfassers umfassende Belesenheit auf alt- wie
neutestamentlichem Gebiete und die Gewandtheit, womit er die bei-
gebrachten Aussprüche seinem jeweiligen Bedarf anzupassen weifü" 2).
Wenn er die Gnade schildern will, so sagt er: ,,Der· Geist des Herrn
wird über dich kommen" (vgl. Lc 1, 35) B). Für die Verwerfung gebraucht
er die Worte: ,,Wer von der Gnosis hinabgeht, wird unter die Räuber fallen"
(vgl. Lc 10, 30) 4). Wer schlechte GP-danken aus seiner Seele vertreibt, gleicht
demjenigen, ,,der seine (Babyions) Kinder an dem Felsen zerschmettert" (vgl.
Ps 136, 9) 5).
Im sogen. großen Antirrhetikus, in dem für jede Versuchung ein beson·
derer Bibelspruch aus dem A. oder N. T. als Schutzmittel genannt wird, feiert
diese geistreiche Verwendung von Bibelstellen ihren besonderen Triumph.
Z. B. im zweiten Buche wird der Kampf gegen den Dämon der Unzucht ver-
glichen mit dem Kampfe der Juden gegen feindliche Völkerschaften im Gelobtan
Lande (n 2, 3, 9), mit der Entrichtung des Zehnten vom Besitztum (n 4), mit
dem Kampf gegen Pharao und die Ägypter (n 8), mit dem Kampf gegen Sisara
(n 12), mit dem Kampf des. Samson gegen die Philister (n 13), mit dem Kampf
Davids gegen seine Feinde (n 21) 6), In ähnlicher Weise geht es durch die
ganze Schrift, die recht großen Umfang hat; Sätze aus dem A. T. werden auf
die entlegensten Gedankengebiete übertragen. Lehrreich ist es, wenn man diese
Abhandlung etwa mit der Schrift Moraiia des hl. Basilius 7) vergleicht; auch
er siellt Bibelsprüche für die verschiedensten Lebensverhältnisse zusammen;
aber er hält sich fast immer an den ursprünglichen, natürlichen Sinn der
Worte. Eine Schrift des Evagrius, der Protrepticus 8), bewegt sich fast ganz in

1) Siehe oben S. 57 f.
2) 0. Zöckler, Das Lehrstück von den sieben Hauptsünden (Bibi. und kirchen-
historische Studien Heft 3). München 1893. S. 27.
B) Sententiae ad ... fratres Migne P. gr. 40, 1281 B = Greßmann Mönchsspiegel
n 97 S. 161.
') Sententiae ad ... fratres Migne P. gr. 40 1 1280 A = Greßmann Mönchsspiegel
n 63 S. 158.
5) Sententiae ad ... fratres Migne P. gr. 40, 1279 C = Greßmann Mönchsspiegel
n 45 S. 156/7. 6) Frank 485-487. 7) II p 234A-318C.
8) Frank 555-557.
Melcher, Der 8. Brie! des hl. Basilius. 7
98 II.· Der 8. Brief, ein Werk des Evagrius Pontikus. ·

biblischen Ausdrücken und zeigt doch klaren, schönen Gedanlrnnfortschritt.


Der Verfasser ist· eben nicht ein· Sklave der Bibelstellen, -sondern ihr Meister,
Auch manche Briefe sind voll von solchen geistreichen Anspielungen 1). Wenn
wir auch diesil .Schreibweise mehr oder weniger bei manchen kirchlichen
Schriftstellern des Altertums linden, so läßt sich doch nicht verkennen, daß
Evagrius. und der Verfasser des ij, Briefes in dieser Beziehung ganz besonders
·
hervorragen. _
Gehen ,vir zu Einzelheiten des Worh;chatzes über, so finden ·
· wir z. B., dafl Evagrius, wie auch der 8. Brief 2), die Bezeichnung
des HI. Geistes als Finger Gottes kennt; auch er leitet diesen Namen
aus einer Vergleichung von Mt 12, 28 und Lc 11, 20 her 3).
Mit dem· Prädikat liyw� �) ist Evagrius sehr freigebig.:_ Die Alis­
cfrücke oi tlywi liyyelot, · aE liyiat �vv&.µet� kehren bei ihm sehr häufig
wieder 5). Aber auch einzelne Personen zeichnet er ; mit diesem
.Worte aus, so Paulus 6), Moses 7), Samuel 8), David 9), selbst Männer
· seiner Zeit, wie Athanasius 10), Makarius 11), Johannes aus der The­
bais 12). Wenn die Wortverbindung Ilavlo� ö liyw� nicht häufiger
vorkommt, so. ist zu bedenken, dafl Evagrius gemära seiner· Weise
der Bibel·verwendung nur äuflerst selten die hl. Schriftsteller . mit
Namen anführt.
Die Verwendung -des Wortes avnuelµevo� für den Teufel 13)
muflte im 8.· Briefe auffallen. Evagrius gebraucht dieses Wort- in
irgend welcher Gedankenverbindung mit der böseri Geisterwelt sehr_
häufig, 9ft um den Gege:nsatz zu guten Gedanken oder:-- dt:iit Gegen­
satz zwischen - verschiedenen Dämonen zu bezeichnen, oft aber auch
ohne solche Beziehung 14). •
Die Benennung der Feinde, der Häretiker als Philister 15), die
bei . Basilius g'i:mz einzigartig wäre 1 ist dem
.
Evagrius ganz
. .
geläufig.

1) z. B. Ep 6 Frank 571; Ep 10 Frank 673; Ep 26 Frank 583; Ep 28 Frank


685; Ep 33 _ Frank 589; Ep 66 Frarik 603.
2) Siehe oben S. 65f.
9) Ep ad Melanfam Frank 613, 42-45. 4) _Siehe oben S. 66;
5) z. · B. in der 6. Zenturie iri den Kapiteln 24, 36, 86, 88, 90. Frarik; 379-421.
6) Gnost 37 Frank 651. ·
7) Cap. pract. 26 Migne P. gr. 40, 1228D; Cent Suppl. c 61 (60 ist Druckfehler!)
Frank 399. · B) Cent VI c 61 Frank 399. .
9) Cap. pract. 1.8 Migne P. gr. 40, 1225 C; Cent Suppl. c 28 Frarik 463.
10) Gilost 46 Frank 563.
11) Cap. pract. 66 Migne P. gr. 40, ·1240D; Li b e r pract. c 94 Mi�ne P, gr '.
40, 12490; Antirrh. m. l 4 c 68 Frank 511.
12) Antirrb. m. l 6 c 16 Frank 626.
lS) Siehe oben S. 56.
14) In der kurzen Spruchsammlung Practicus kommt der Wortstamm achtmal
vor: Cap. pract. 30 1 611 65 (zweimal), Liber pract. 68 (dreimal), 60. Migne
P. gr. 40, 1229-124-8. In anderen Abhandlungen ist die Sachlage ähnlich.
16) Ep 8 n ·2 p 81CD.
Zusammenfassung. D9

· Die Feinde unseres Heiles, die Dämonen oder Versuchungen, Yer-


gleicht er wiederholt mit den Philistern 1). Er hat sogar eine
eigene Abhandlung verfafüt mit dem Titel "Über die philistergleichon
Dämonen" 2).
Die Apposition neoauvv1rr6; für die hl. Dreifaltigkeit :i) kommt
bei Basilius wohl niemals vor, bei Evagrius sehr oft 4).
Der 8. Brief. gebraucht viermal das Wort lmßallw bzw. eine
Ableitung davon in dem Sinne „sich einer Sache widmen, eine Sache
untersuchen" 5 ). Bei Basilius ist dieser Ausdruck ganz unbekannt
oder doch sehr ungewöhnlich. Evagrius hat ihn dagegen sehr
häufig im obigen Sinne gebraucht 6).
Die Psalmstelle Ps 54, 8 „Ich weilte auf der Flucht und lagerte
draufüen" gebraucht Evagrius in einem ganz ähnlichen Sinne wie
der 8. Brief7), nämlich da, wo es sich um den Aufenthalt des
Mönches in der Stadt oder in der Wüste handelt 8).

Zusammenfassung.
Überschauen wir den Beweisgang im Ganzen, so ergibt sich,
daf.i alle Wege, die man einschlagen mag, um den Verfasser des
8. Briefes zu ermitteln, von Basilius fortführen und auf Evagrius
hinführen.
Die handschriftliche Bezeugung für den hl. Basilius ist ver-
hältnismäßig schwach. Während wir für die meisten Basiliusbriefe
recht:, viele Zeugen haben, stehen für diesen nur zwei Handschriften
aus dem 10. Jahrhundert zur Verfügung. In einer derselben ge- -~
hört er zu einem Sondergut, welches nur noch fünf andere Briefe
umfafüt, die sämtlich bezüglich ihrer Echtheit mindestens sehr ver-
dächtig sind.

1) z. B. Antirrh. m. introd. Frank 473, 30; ibd. Frank 475, 3 (a.V.6q:,v?co, über-
setzt Frankenberg, Philister übersetzt F. Baethgen bei 0. Zöckler, F.vagrius
Pontikus S. 106); ibd. c 2 n 13 Frank 487 (a).26qn,).o,, Philister bei Baethgen
S. 117); Cent V c 30 Frank 331; Cent V c 68 Frank 349; Protrept. Frank
555, 11 usw.
2) Enthalten in dem Londoner Syr. 567 (add. 14 678) nach W. Wright, Cata-
logue of Syriac manuscripts in the British Museum. II London 1872 p 445-449.
3) Ep 8 n 12 p 89A.
4) z. B. Cent I c 74 Frank 113; Cent V c 50 Frank 339; Sententiae ad vir-
gines Migne P. gr. 40, 1286A = Greßmann Nonnenspiegel n 56 S. 151 (hier
auch nach dem griechischen Urtext!); Ep 56 Frank 605, 12 usw.
5) n 7 p 86D; n 12 p 89D; n 6 p 85A; n 12 p 89C.
6) Im griechischen Urtext: Cap. pract. 34 Migne P. gr. 40, 1232 A; ibd. 58
Migne P. gr. 40, 1236A; cap. 33 per gradus n 4 Migne P. gr. 40, 1265A;
aus dem Syrischen übersetzt: Paraen. Frank 569, 13; Gnost 5 Frank 647.
7) Siehe oben S. 67 f.
8) Rerum monachialium rationes c 6 M:igne P. gr. 40, 1257 B.
7•
100 Zusammenfassung;
. .

lrn Syrischen :steht · der Brief in einer Handschrift aus dem


6. oder 7.. Jahrhundert unter den Briefen .. des Evagrius. (Für · die ·
Evagriusbrief� haben wir au6erdem nur noch einen einzigen Zeugen;)
Eine griechisch� Handschrift führt d.en Brief unter· den. Werken des ·
hl. Nilus auf; eine dab�i eingetragene Notiz, die anscheinend auch
aüf das 6. oder. 7. Jahrhundert zmückgeht, läßt die Wahl zwischen
Nilus und Evagrius. Dabei ist zn beachten, _dafä vieM Schriften
des Evagrius . ünter · dem Namen des. hL Nilus überliefert . sind; Da
E,,agrius später als lrrle'hrer verurteilt worden ist, liegt der Ge�
danke sehr nahe, dara· man versucht hat,· ein gehaltvolles dogma-
tisches Schreiben von ihm unter dem schützenden Namen des hl.
Nilus und anderwärts unter· dem Namen des grofüen Basilius vor· ·
der drohenden . Vernichtung zu bewahren..
wenn der Brief vom hl. Basilius geschrieben wäre/ so könnte
.er höchstens in der ersten Zeit seines Wirkens, bald nach 360, ge..a
schrieben sein. Aber diese bisher i.\bliche Datierung verbietet. sich
aus mancherlei Gründen; besonders der· Standpunkt des Verfassers·.·
in trinilarischeh und christologischen Fragen weist eher auf die
letzten Jahrzehnte des 4. Jahrhunderts hin, und das isLgerade die
Zeit, in welcher Evagrius lebte, predigte und· schrieb.
.· Die persönlichen Angaben des. Briefes lassen sich auf irgend·.
welche bekannten Tatsachen im Leben des hl. BasUias nicht be- ·
ziehen: Der V�tsueh der Mauriner, in eiern ur:y, doch recht genau
bekannten Leben des Kirchenvaters eine · Situation aµsfindig zu .·
machen, wie der Brief sie voraussetzt, läuft· nicht nur auf eine 8tircb
nichts begründete· Verinutung hinaus, sonde.rn begegnet. auch den
gröfüten Schwierigkeiten und Unwahrscheinlichkeiten.
·. Lä6t rnan dagegen den Brief von Evagrius geschrieben sein
und zwar kurz nach seiner plötzlichen Flucht aus Konstantinopel, ·
so passen clie .i\,ngaben .der Einleitung nach Inhalt und Ton ausge­
zeichnet zu dieser Sach_lage 1): Der frühere "Archidiakon" von Kon- .
. ,
1) Es läßt sich auch eine. andere Situation denken. Die Ausgabe· von Suarez
(siehe oben S. 78f,) hat bei dem .8..Brief die Überschrift: ;,Als er in Konstan-;
tinopel war bei :dem seligen Bischof Gregor von Nazianz; dogmatischer Brief
über die hl. Dreifaltigkeit an die Einsiedler in der Heimat (narel,)." Der Titel
erweckt zw.ar ganz den. Anschein, als ob er auf Kombination eines Späteren
beruhte. WiU man aber· doch. dieser Notiz beipflichten, so müßte man den
Brief nicht nn.ch dem. Anfenthalt zu Konstantinopel, sondern zu ,Beginn. des­
selben setzen. Zu .dieser Sachlage würde der mehrfacherwährite Satz· der Ein�
leitung gut passen: ,;Gewährt uns bitte noch eine kurze Zeit, wir bitten darum,
nicht als ob .wir deri Aufenthalt in den Städten Iiebien, ... sondern weil
wir den Verkeh.r mit den Heiligen für so' nützlich halten." (Siehe oben S. 8.)
Der „unvermutete Vorfall" müßte dann irgend �in Ereignis sein, das·ihn·be­
wogen hätte, seine. bisherigen· Genossen· zu verlassen und sich Gregor anzu-
Zusammenfassung. 101

stantinopel besaß auch diejenige Erfahrung urid Gewandtheit in


der Widerlegung der Irrlehrer, wie wir sie an dem Briefschreiber
bewundern.
Der Verfasser des Briefes hat sich in Lehrmeinungen und Aus-
drücken in einer solchen Weise an Origenes angeschlossen, wie wir
es bei Basilius sonst niemals finden.
Evagrius ist unbedingt als ein Anhänger des großen Alexan-
driner szu bezeichnen, wie seine kirchliche Verurteilung als Origenes-
schüler sov\'ie auch der Inhalt und Ausdruck seiner jetzt aus dem
Syrischen bekanntgewordenen Schriften zur Genüge beweisen.
Die mehrfachen wörtlichen Übereinstimmungen des Briefes mit
mehreren Reden des hl. Greg·or von Nazianz lassen sich nicht, wie
man bisher gemeint hat, so erklären, daß Gregor den Brief benutzt
habe; vielmehr hat umgekehrt der Briefschreiber aus jenen Reden
geschöpft. Da zwei dieser Ansprachen erst nach dem Tode des
hl. Dasilius gehalten sind, so kann er nicht der Verfasser des
Briefes sein.
Von allen uns bekannten Männern der damaligen Zeit ist an
Evagl'ius am ersten zu denken, wenn es sich um Entlehnung·en aus
Reden Gregors handelt. Denn er war Schüler und Diakon des
bischöflichen Redners; alle Quellen lassen erkennen, daf.i zwischen
beiden das vertrauteste Verhältnis und die engste Zusammenarbeit
bestanden hat.
Gründe innerer Art sind es vor allem, die den 8. Brief mit
Gewif.iheit als fremdes Gut unter den Werken des hl. Basilius er-
weisen. Der Verfasser steht zwar auch auf dem Boden der ortho-
doxen Kirchenlehre. Aber in manchen Punkten unterscheidet er
sich merklich von dem grofien Kirchenvater. Solche Punkte sind:
Die starke Betonung des verstandesrnäfügen Elementes im religiösen
Leben, die Unterscheidung von verschiedenen Stufen in Erkenntnis
und Offenbarung, die Vertretung einer allegorischen Exegese, speziell
einer spiritualistischen Auffassung von der Eucharistie, die beson-
dere Hervorhebung der Einheit im Gottesbegriff, die konsequente
Durchführung der Wesenseinheit in den göttlichen Hypostasen, aufier-
dem manche Eigenheiten in sprachlicher Darstellung und im Wort-
schatz. Dabei handelt es sich nicht um einzelne Äußerungen, son-
dern um Grundanschauungen, die nach allen Seiten hin durchge-
führt sind und die ganze Auffassung und Ausdrucksweise durch-
tränkt haben. Da Basilius sich in all seinen sonstigen Schriften

schließen. Indessen sprechen manche der oben S. Sf. dargelegten Gründe


sowie die theologische Bildung und dialektische Gewandtheit des Verfassers
gegen diese Deutung, sodaß ich die andere Kombination als die viel wahr-
scheinlichere ansehe.
102 Zusainnienfassung.

stets gleich geblieben ist, so wäre es . unerklärlich, w'ie er· diesen


Brief geschrieben haben sollte; der allein so auflerordentHch stark·
von dem Gesamtbilde abweicht.
Diese Eigenarten finden sich sämtlich bei Evagrius · wieder.
Was im 8. Briefe mir _ leise durchschimmert, was sich aus den
kurzen. An,deutungen nur erraten oder ahi:;ien läflt, das tritt in seinen
Schriften .tnit voller · Klarheit hervor, sodafl aus seinen Werken
oft erst der wahre Sinn ähnlicher Auraerungeri im Briefe ·sich er-
kennen läflt. ·
Gewifl weist der Brief in manchen Teilen eii} al)deres Ge-­
präge auf _ als die sonstigen Schriften des . Evagiius, Er . bewegt 0

. sich vielf;ich · in lehrhaften, landläufigen Darlegungen, wie wir sie


später bei ,dem groflen Aszeten nicht mehr finden. Iri 'diese ge­
wohnten Beweisgänge der damaligen Theologie leuchten jene eigen­
artigen Gedanken hinein wie Geistesblitze aus einer andeten Welt.
Aber .das entspricht ganz der geistigen Verfassung\, in der
Evagrius sich nach · seiner Flucht alis Konstantinopel befunden ·
haben mu&. Damals stand er, nach den schwersten seelischen
Erschütterungen, auf der Schei�e zweier Geistesrichtungen. Er hatte
die alte Welt verlassen und suchte eine neue Zukunft. "Schola­
stik�· hatte er bisher betrieben, nun begann das Licht der "Mystik"
vor ihm aufzuleuchten. Er war auf deni Wege von der Reichs -:
hauptstadt iri die Wüste, auf einem Wege, der ihn vom Archidiakon
zum Mönchsvater werden Iiefl, der aus dem wortgewandtefr Ketzer­
bekämpfet den tiefdenkenderi Verfasser der Zenturien gemacht hat.
An . dtes'em · Wege steht wie ein Markstein in der · Entwicklung des
eigenartigen Mannes cier 8. Brief.
Beiträge zur Geschichte des
alten Mönchtums
und des Benediktinerordens.
Herausgegeben von Dr. lldefons Herwegen,
Abt von Maria-,Laach.
Es sind bis jetzt erschienen :
Heft 1/2. Das Buch Ezechiel in Theologie und Kunst bis zum
Ende des XII. Jahrhunderts. Ein Beitrag zur Entwicklungs-
geschichte der Typologie der christlichen Kunst, vornehmlich in den
Benediktinerklöstern von Dr. W. Neuß Mit 86 Abbild. XVI
u. 33, S. 1912. 10.-.
Heft 3. Studien zur benediktinischen Profeß.
L Zur Aufnahmeordnung der Regula S. Benedicti von
P. M. Rothenhäusler 0. S. B. .
II. Geschichte der benediktinischen Profeßformel von P.
1. Herwegen 0. S. B. VIII u. 168 S. 1912. 4.50.
Heft 4.... Die Klostergrundherrschaft Heisterbach. Studien zur Ge-
schichte ihrer Wirtschaft, Verwaltung u. Verfassung von Dr. H. Pa u en.
Mit 3 Karten. XII u. 220 S. 1913. 6.-.
Heft 5. Die Immunität der Abtei Groß-St. Martin zu Köln von
Dr. 0. Kühn. Mit einem Vorwort des Herausgebers und 4 Abbild.
XII u. 114 S. 1913. 3.50.
Heh 6. Der hl. Nilus Sinaita. Sein Leben und seine Lehre vom
Mönchtum von Dr. F. Degenhart. XII u. 188 S. 1915. 5~-.
Von demselben Verfasser e1·schien:
,,N.eue Beiträge zur Nilusforschung". VI u. 50 S. 1918. 1.50.
Heft 7. Das Mönchtum in der altfranzösischen Profandichtung
(12.-14. Jahrhundert) .von Dr. P. Scheuten. Mit einem Vorwort
des. Herausgebers. XX u. 124 S. 1919. 3,60.
Heft 8. Die Stifterdenkmäler der Abteikirche Maria Laach im
13. Jahrhundert. Von P. Adalbert Schippers, B~nediktiner
der Abtei Maria Laach. Mit einem Vorwort des Herausgebers und
21 Abbildungen. VIII u. 66 S. 1921. 2.50.
Heft-9.. Die Salzburger Benediktiner-Kongregation 1641"--1808
yon P. BI. Huemer 0. S.B. Mit 4 Abbildungen. XVI u. 160 S.
1918. 4.60.
Heft 10. Der Liber ordinarius des Lütticher St. Jakobs-Klosters.
Text und Studien. Von P. Dr. Paulus Volk 0. S. B. LXXX u.
155 s. 1923. 6.-.
Heft 11. Johann Rode vön St. Mathias bei Trier. Ein deutscher
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tiner der Abtei St. Mathias in Trier. (Im Druck.)
Original-Einbanddecken kosten für jedes Heft 2,50.
Asehendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster in Westf.'
Liturgiegeschichtliche Quellen
lVerein zur Pflege der Liturgiewissenschaft E. V., Sitz: Maria Laach)
herausgegeben von Dr. P .. Kunibert Mohlberg, Benediktiner der Abtei Maria Laach
und Dr. Adolph Rücker, Prof. a. d. Universität Breslau.
Heft 1 /2: Das Fränkische Sacramentarium Gelasianum in alam.
Überlieferung (C. Sangall. Nr. 348) St. Galler Sakr.-Forsch. I.
Hrsg. v. P. K. Mohlberg. Mit 2 Taf. CIV u. 292 S. 10,-----,,,,
Heft 3: Das Sacramentarium Gregorianum nach dem Aache-
ner Urexemplar. Von Prof. D. Hans Lietzman'n-Jena.
XLVIII u. 186 S. 6,-.
Heft 4: Die syrische Jakobusanaphora. Unter Benutzung
mehrerer Handschriften und der übrigen orientalischen
übersetzungeri mit dem griechischen Paralleltext hrsg. von
Dr. theol. et phil. Ad. Rücker, Prof. in Breslau. (Im Druck.)
Heft 5/ 6: Die ·Konstanzer Ritualientexte in ihrer Entwicklung
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Liturgiegeschichtliche Forschungen
(Verein zur Pflege der Liturgiewissenschaft E. V., Sitz: Maria Laach)
herausgegeben von Dr. Franz Dölger, Univ.-Prof., Münster, Dr. P. Kunibert
Mohlberg, Benedikt. von Maria Laach, Dr. Adolph Rücker, Univ.-Prof., Breslau.
Heft 1 : Ziele und Aufgaben der liturgiegeschichtlichen For-
schung. Von P. K. Mohlberg. VIII u. 52 S. 1.50.
Heft 2: Die Sonne der Gerechtigkeit und der Schwarze.
Eine religionsgeschichtliche Studie zum Taufgelöbnis. Von
Dr. Fr. J. Dölger. Mit 1 Tafel. XII u. 150 S. 4,50.
Heft 3 : Nichtevangel. syrische Perik openordnungen des ersten
Jahrtausends. Im Sinne vergleichender Literaturgeschichte
untersucht von Dr. A. Baumstark. XII u. 196 S. 5,20.
Heft 4/5: Sol salutis. Gebet und Gesang im christlichen
Altertum mit bes. Rücksicht auf die Ostung in Gebet und
Liturgie. Von Dr. F. J. D ölger. XII u. 342 S. i. Z. vergriffen.
Heft . 6: Aufgaben und Probleme auf dem Gebiete der
byzantinischen und orientalischen Kirchenmusik. Von
Egon Wellesz. (Im Druck.)

Jahrbuch für Liturgiewissenschaft


(Verein zur Pflege der Liturgiewissenschaft E. V., Sitz: Maria Laach)
in Verbindung mit Prof. Dr. Baumstark u. Dr. R. Guardiili hrsg.
von Dr. P. Odo Casel 0. S. B. I. Band 1921. 216 S, 5,50, geb. 7,50.
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