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Etymologie und Syntax der Konjunktion daß

in der deutschen Grammatik von ihren Anfängen bis 1800


vor dem Hintergrund antiker und moderner daß-Forschung

RHOMBOS-VERLAG
I
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Satz, Umschlag: Rhombos-Verlag, GARIP SARI

VK-Nr. 65 859
www.rhombos.de
verlag@rhombos.de

RHOMBOS-VERLAG, Kurfürstenstr. 17, 10785 Berlin

Druck: dbusiness GmbH, Berlin, Eberswalde

ISBN 3-938807-03-2
II
Etymologie und Syntax der Konjunktion daß
in der deutschen Grammatik von ihren Anfängen bis 1800
vor dem Hintergrund antiker und moderner daß-Forschung

Inaugural-Dissertation
zur
Erlangung der Doktorwürde

vorgelegt der
Philosophischen Fakultät
der
Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität
zu Bonn

von
Ingeborg Dorchenas

aus
Forchheim/Oberfranken

Bonn 2005

III
Gedruckt mit Genehmigung der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

1. Berichterstatter: Professor Dr. Werner Besch


2. Berichterstatter: Professor Dr. Ulrich Engel

Tag der mündlichen Prüfung: 2. Mai 2001

IV
Für Anton und Kunigunde Kiefhaber

V
„Gott heiligte ihn“ [den Brunnen], antwortete
Joseph, „indem er ein Auge auf ihn hatte und
mich nicht verderben ließ, sondern euch des
Weges vorübersandte, daß ihr mich errettet.“
– „So daß?“ fragte der Kaufmann. „Oder auf
daß“? „So daß und auf daß“, versetzte Joseph.
„Beides, und wie man es nimmt.“

(aus Thomas Manns Josephs-Tetralogie)

VI
Inhaltverzeichnis
A. EINLEITENDER TEIL 1
I. Vorwort 3
1. Der Forschungsgegenstand 3
2. Methodische Fragestellungen 3
3. Die Quellen 5
II. Die Konjunktion daß einst und heute 7
1. Die Bedeutung der Konjunktionen für die Entwicklung des Satzgefüges 7
2. Die Entwicklung der daß-Sätze 9
3. Die sprachhistorische Entwicklung der daß-Satz-Typen bis zum
Frühneuhochdeutschen 13
3.1. daß als multifunktionale Konjunktion 13
3.2. daß-Sätze in Subjekt- und Objektfunktion 13
3.3. Pronominale Korrelat-Sätze und Präpositionalobjektsatz 14
3.4. Attributsätze 14
3.5. Adverbiale daß-Sätze 15
4. Die Entwicklung der daß-Kombinationen 16
5. Spektrum der daß-Kombinationen im Frühneuhochdeutschen 17
III. Die Konjunktion daß in der modernen Grammatik 23
1. Methodische Fragen 23
2. Die Funktion der Konjunktion daß im heutigen Deutsch 24
2.1. Nebensatz-Status und Polyvalenz 24
2.2. Operationale Trennung von Inhalts- und Adverbialsätzen 28
3. Auflistung der zur Untersuchung herangezogenen Grammatiken 29
4. Übersicht über die Kategorialisierung der Konjunktion daß 30
4.1. daß rein syntaktisch 30
4.2. daß semantisch 31
4.3. daß-Kombinationen: 32
5. Kommentar 40
5.1. Bloßes daß 40
5.1.1. daß in rein syntaktisch bindender Funktion – Charakteristik
und grammatische Modelle 40
5.1.1.1. Einteilung der syntaktischen daß-Sätze nach Funktionstypen 43
5.1.2. daß in semantischer Funktion: 45
5.1.2.1. daß = kausal im engeren Sinn 46
5.1.2.2. daß konditional 48
5.1.2.3. daß final 48
5.1.2.4. daß konsekutiv 48
5.1.2.5. daß Folgerung-Vermutungsbeleg 50
5.1.2.6. daß Folgerung-Bewertungsgrundlage 50
5.1.2.7. Resümee 51
5.2. Die daß-Kombinationen 52
5.2.1. Sprachlicher Strukturwandel und grammatische Klassifikation 52
5.2.2. Funktionale und terminologische Problematik 53
5.2.2.1. damit daß 54
5.2.2.2. außer daß und nur daß 54
5.2.2.3. Die Kombinationen der Konsekutivgruppe 57

VII
5.2.2.4. zu – als daß 63
6. Fazit 64
IV. Kleiner Exkurs zur Terminologie 65

B. Die Konjunktion daß in der griechischen und lateinischen Grammatik 75


I. Die Vorbilder 77
1. Legitimation des Rückgriffs auf die antike Grammatik 77
2. Rezeptionslinie von der Antike bis zur Neuzeit 78
II. Die griechische Grammatik 81
1. DIONYSIOS THRAX: Téchne Grammatiké (2.Jh. v. Chr.) 81
2. APOLLONIOS DYSKOLOS: Perì Syndésmon (2.Jh. n. Chr.) 84
3. Resümee 93
III. Die lateinische Grammatik 97
1. Die römische Grammatik 97
1.1. Aelius Donatus: Ars Grammatica (4.Jh.n.Chr.) 97
1.2. Priscianus Caesariensis 99
2. Die humanistische Grammatik 107
2.1. MELANCHTHON, Philipp 107
3. Resümee 113
3.1. Die Konjunktion daß in den griechischen und lateinischen Grammatiken 113
3.1.1. Die daß-haltigen Klassen 113
3.1.2. Kategoriale Charakterisierung der Konjunktion daß 115
3.1.3. Die Bedeutung der Kausalklassen für
die Kategorialisierung der Konjunktion daß 116

C. Die Konjunktion daß in der frühen deutschen Grammatik 123


I. Grundstrukturen der frühen deutschen Grammatik
und Systematisierungsmuster konjunktionaler Kategorien 125
1. Die Abteilungen der klassischen Grammatik 125
2. Lateinische und „muttersprachliche“ Terminologie 126
3. Die Wortarten - Partes orationis 126
4. Die Wortart Konjunktion 126
5. Die konjunktionalen Kategorien 127
II. Das 16. Jahrhundert 129
1. Vorläufer und erste deutschen Grammatiken im 16. Jh. 129
2. Die Grammatiker 131
2.1. ALBERTUS, Laurentius 131
2.2. ÖLINGER, Albert 138
2.3. CLAJUS, Johannes 141
3. Resümee 144
3.1. Die Konjunktion daß in der deutschen Grammatik des 16. Jahrhunderts 144
3.1.1. auf daß als erste daß-Manifestation in der deutschen Grammatik 145
3.1.2. Modellfunktion der Kausalklasse als ursprünglicher daß-Kategorie 145
III. Das 17. Jahrhundert 151
1. Die Situation der deutschen Sprachlehre im 17. Jahrhundert 151
2. Die Grammatiker 153
2.1. RITTER, Stephan 153

VIII
2.2. KROMAYER, Johannes 157
2.3. RATKE, Wolfgang (gen. Ratichius) 158
2.4. HELWIG, Christoph 159
2.5. BRÜCKER, Jacob 162
2.6. SCHÖPF, Heinrich 164
2.7. OLEARIUS, Tilemann 165
2.8. GUEINTZ, Christian 167
2.9. GIRBERT, Johannes 171
2.10. SCHOTTEL, Justus Georg 173
2.11. PÖLMANN, Isaac 177
2.12. PUDOR, Christian 177
2.13. J.L.P. [= Johann Ludwig PRASCH] 181
2.14. BÖDIKER, Johann 183
2.15. STIELER, Kaspar 185
2.16. LANGJAHR, M. Joh. Jacob 189
3. Resümee 191
3.1. Allgemeines 191
3.2. Zur Konjunktionenforschung im 17. Jahrhundert 192
3.2.1. Die Erfassung der semantischen daß-Klassen 192
3.2.2. Das faktische daß in der deutschen Sprachlehre des 17. Jahrhunderts 195
3.2.3. Die daß-Kombinationen 197
3.3. Die daß-Syntax 197
3.4. Übersicht über das daß-Aufkommen in der deutschen
Grammatik des 17. Jahrhunderts 199
IV. Das 18. Jahrhundert 205
1. Die Situation der deutschen Sprachlehre im 18. Jh. 205
2. Die Grammatiker 208
2.1. LONGOLIUS, Johann Daniel 208
2.2. STEINBACH, Ernst 214
2.3. WAHN, Hermann 215
2.4. HENTSCHEL, Salomon 218
2.5. KRAMER, Matthias 220
2.6. GOTTSCHED, Johann Christoph 226
2.7. WIPPEL, Johann J. (Bearbeitung v. Johann Bödiker) 230
2.8. VON ANTESPERG, Johann Balthasar 233
2.9. POPOWITSCH, Johann Siegmund Val. 237
2.10. AICHINGER, Carl Friedrich 242
2.11. HEMPEL, Christian Friedrich 245
2.12. BEL, Mathias/ KÖRBER,C.A. 247
2.13. GERLACH, Friedrich Wilhelm 250
2.14. BASEDOW, Johann Bernhard 252
2.15. WEBER, J.G.H. 256
2.16. BRAUN, Heinrich 261
2.17. FABER, D. Johann Heinrich 264
2.18. BODMER, Johann Jakob 266
2.19. WEITENAUER, Ignaz 276
2.20. HEMMER, Jakob 276
2.21. DONATUS HOFFMANN a. fig. Domini 279
2.22. HEYNATZ, Johann Friedrich 281
2.23. BOB, Franz Joseph 284

IX
2.24. FELBIGER, Johann Ignaz von 287
2.25. FRÄNKLIN, Georg 289
2.26. Anleitung zur deutschen Sprachlehre zum Gebrauch
der Nationalschulen in dem Königreiche Hungarn, und Kroatien. 295
2.27. MEINER, Johann Werner 297
2.28. ADELUNG, Johann Christoph 311
3. Resümee: Die Konjunktion daß in der Grammatik des 18. Jahrhunderts 331
3.1. Der Abschied von den alten Normen 331
3.2. Grammatische Rezeption 332
3.3. Rangfolge der Konjunktionen im Wortartsystem 333
3.4. Lateinische und deutsche Klassenbezeichnungen 334
3.5. Die wichtigsten Forschungsergebnisse im Bereich der daß-Spezifik 334
3.5.1. Die Systematisierung des rein syntaktischen daß im 18. Jahrhundert 335
3.5.2. Die Erfassung der semantischen daß-Funktionen 337
3.6. Zur daß-Syntax 338
3.6.1. Der Problemkreis 338
3.6.2. Satz- und Verbstellungslehre 339

D. ZUSAMMENFASSUNG 355
I. Die Entwicklung der Kategorialisierung der Konjunktion
daß in den deutschen Grammatiken von 1600 - 1800 357
1. Leitlinien 357
2. Rund um die Wortart Konjunktion 358
3. Varianz der konjunktionalen Kategorienerfassung 358
4. Die Klassenterminologie 359
5. Das Problem der Unterscheidung von Konjunktionen und Adverbien 360
6. Die daß-haltigen Klassen 362
6.1. Die Causales 363
6.1.1. Die Causales als ererbte Sammelklasse 363
6.1.2. Auflistung der Kausal-Klassifizierung von daß und auf daß 364
6.1.3. Fazit 365
6.2. Die Adiunctivae 366
6.3. Die Conditionales 366
6.4. Die Finales 369
6.5. Die Illativen und andere Konsekutivklassen 373
6.5.1. Probleme einer werdenden Konjunktionenkategorie 373
6.5.2 Auflistung der Klassen mit partieller Konsekutivbelegung oder
Konsekutivbezeichnung 375
6.5.3. Auflistung der Klassen mit so (-) daß-Belegung 377
6.5.4.1. Der Konsekutiv-Komplex 377
6.5.4.2. Der Modalkomplex 380
6.5.4.3. Der Temporal-Komplex 380
6.5.4. Profil der Klassen mit Konsekutivbelegung oder
Konsekutivbezeichnung 377
6.5.5. So - daß-Klassifizierung 381
6.5.6. Zusammenfassung 382
6.6. Das syntaktische daß 382
6.6.1. Die Erfassung des sinneutralen daß 382
6.6.2. Die Entwicklung des Subjekt- und Objektbegriffs 389

X
6.6.3 Die syntaktischen daß-Kategorialisierungen und syntaktische
Anschlußwertung signalisierende Klassen 392
7. Zu den daß-Kombinationen 393
8. Erwähnungshäufigkeit der daß-Kombinationen in der
deutschen Grammatik von 1600 bis 1800 398
9. Formelhafte Optative in Gestalt elliptischer daß-Sätze 398
II. Die daß-Syntax in der deutschen Sprachlehre von 1600-1800 401
1. Leitfragen 401
2. Die Frage des Modus im daß-Satz 402
2.1. Voraussetzungen 402
2.2. daß im Verbparadigma des Konjunktivs 404
2.3. Die Entwicklung der Moduszuweisung im daß-Satz 405
2.4. Die Verquickung von Konjunktiv und Verbstellungsopposition im daß-Satz 406
3. Stilistische Fragen und Konstruktionsregeln 406
3.1. Korrelierende Partikeln 406
3.2. Alternativkonstruktionen: Usus omittendi und AcI 407
4. Zur Satzlehre 408
4.1. Die Wortstellung im daß-Satz und Nebensatz allgemein 408
4.2. Zur Unterscheidung von Haupt- und Nebensatz und das Problem der
Verbstellungsopposition 409
4.3. Die Entwicklung des Begriffs Nebensatz im Überblick 417
III. Schlußbetrachtung: Die daß-Forschung einst und heute 419
1. Das Fehlen des Objektbegriffs und seine Auswirkung 419
2. Die Entwicklung der semantischen daß-Kategorialisierung 420
3. Die grammatische Erfassung der daß-Kombinationen 420
4. Schwerpunkte der Forschungsergebnisse bis 1800 423
4.1. daß in der Wortartlehre 423
4.2. daß in der Syntax 423

E. ANHANG 429
Tabelle I 431
Tabelle II 447
Tabelle III 461
Tabelle IV 469

F. LITERATURVERZEICHNIS 475
Quellen 477

XI
XII
A. EINLEITENDER TEIL

1
2
I. Vorwort

1. Der Forschungsgegenstand

Laut Häufigkeitswörterbuch1 gehört daß nach den Artikeln, der Konjunktion und,
den Präpositionen in, zu, von, mit, den Pronomen sie und sich und dem Adverb nicht
zu den häufigsten Wörtern der deutschen Sprache. Daß ist die häufigste Konjunkti-
on noch vor als (Platz 25), aber (Platz 32) und wenn (Platz 49). Es nimmt mit 87.969
Belegen aus über 10 Mill. Wörtern (genau: 10 910 777) Platz 16 in der Häufigkeits-
rangfolge ein und bildet damit 1% des deutschen Gesamtwortschatzes.
Für frühere Sprachphasen des Deutschen wird das Bild nicht viel anders ausgese-
hen haben, zumal die Konjunktion daß im Mittelhochdeutschen und Frühneuhoch-
deutschen noch einen weitaus größeren Bedeutungsradius hatte als heute, so daß
sich der Prozentsatz eher zu seinen Gunsten verschieben müßte.
Grund genug, ihm eine sprachhistorische Untersuchung zu widmen und der Frage
nachzugehen, in welchem Rahmen und in welcher Form sich die ältere deutsche
Grammatikschreibung bis hin zu Adelung dieser deutschen Universalkonjunktion
annimmt.
Die zu untersuchende Zeitspanne von den frühesten Anfängen deutscher Gram-
matikschreibung in den 70er Jahren des 16. Jh.s bis zum Ende des 18. Jh.s markiert
die Eckpunkte zwischen dem ausklingenden Frühneuhochdeutschen, jener Spra-
chepoche zwischen 1350 und 1650, die in Abhebung vom mittelhochdeutschen
Formen- und Lautbestand die erste Phase unseres modernen Neuhochdeutschen
bezeichnet, und der Stabilisierung der während der Ausbauphase bis ca. 1800
etablierten Sprachnormen, die sich aus einem Ausgleichsprozeß aller beteiligten
Sprachlandschaften herausgebildet hatten. Diese zeitliche Zäsur markiert zugleich
auch die Ablösung des älteren Grammatiktyps durch die historisch-philologische
Grammatik des 19. Jh.s, wie sie etwa Grimm verkörpert.

2. Methodische Fragestellungen:

Nach dem oben Gesagten ist es nicht verwunderlich, daß die „Standardkonjunktion“
daß bis auf wenige Ausnahmen in fast allen Grammatiken vorkommt – in der reinen,
unkombinierten Form, häufig aber auch mit semantisierendem Partikelzusatz.
Es soll nun untersucht werden, welchen Merkmals- bzw. Funktionsgruppen
(Kategorien bzw. Klassen) sie zugeordnet wird, welche immer wiederkehrenden
Standards es gibt, ob sich Differenzierungen, Erweiterungen oder Abänderungen
der kategorialen Zuweisungen ergeben, welche daß-Kombinationen aufgenom-
men und schließlich, welche syntaktischen Regeln im Zusammenhang mit dem daß-
Komplex eruiert werden und inwieweit hier die Frage der Modusgebung eine Rolle
spielt.2

3
Angesprochen ist damit auch die Relevanz von Vorbildern und präskriptiven Nor-
men, die weiterentwickelt werden oder eventuellen Neuansätzen sogar hemmend
entgegenstehen.
Die Frage nach Konstanten oder Wandel in der grammatischen Analyse und
Beschreibungsweise unserer kleinen, aber effektiven Konjunktion kann nun nicht
ganz ohne Reflexion auf das größere grammatische Bezugssystem – die Wortab-
teilung Konjunktion – auskommen. Nur im Kontext des gesamtkategorialen Erfas-
sungsschemas der einzelnen Grammatiken ist jeweils eine zuverlässige Analyse der
Konjunktion daß zu gewährleisten.
Da aber eine übergreifende Forschungsarbeit zum Thema Konjunktionen in der
älteren Sprachlehre noch aussteht, sollen hier jeweils vorab die kompletten Katego-
rienschemata der einzelnen Grammatiker aufgeführt werden – vertieft jedoch nur
da, wo es für die Konjunktion daß von Belang sein sollte.
Gegebenermaßen bietet sich eine chronologische Abfolge an; Bezüge zu jeweils
vorausgehenden Sprachlehren und damit zusammenhängende Teilauswertungen
werden bereits kapitelimmanent thematisiert.
Besonders interessant wird es sein, die Entwicklungslinien zwischen Tradition und
Innovation zu verfolgen, denen die abschließende Auswertung der Forschungser-
gebnisse (Teil D) nachgehen wird. Erwartungsgemäß vermag erst die vergleichende
Synopsis der (in den 48 deutschen Sprachlehren) untersuchten Einzelphänomene
einen tieferen Einblick in eventuelle Veränderungen der deskriptiven Ansätze und
Analysemodelle zu geben.
Um jedoch die progressive Kohärenz übersichtlicher zu machen, sollen Erstzusam-
menfassungen für die einzelnen Jahrhunderte die Hauptaspekte innerhalb kürzerer
Zeiträume als der zu behandelnden Gesamtspanne von 230 Jahren reflektieren.
Um die Leistungen der historischen deutschen Sprachlehre in ein vergleichendes
Bezugssystem bringen zu können, das diese auch vor dem Hintergrund der heutigen
daß-Forschung auslotet, wird sich ein weiterer Abschnitt dieser Arbeit mit der kon-
trastierenden Darstellung dieses Problemfelds in der Grammatik der Gegenwarts-
sprache beschäftigen. Denn erst vor der Folie einer kritischen Sichtung moderner
sprachwissenschaftlicher Methoden werden Veränderungen oder Konstanten der
deskriptiven Ansätze und Analysemodelle ablesbar.

Ein tabellarischer Anhang (Teil E) soll der schnellen Orientierung über die wich-
tigsten Arbeitsergebnisse auf dem Gebiet der Klassifizierung dienen:
• Tabelle I erlaubt einen Überblick über die konjunktionalen Kategorien in den
einzelnen Grammatiken,
• Tabelle II gibt eine Gesamtübersicht der klassifiktorischen daß-Zuweisungen
und ermöglicht (auch im Zusammenhang mit Tabelle I) die schnelle Sichtung der
kontextuellen Einordnungen;
• Tabelle III zeigt die kategoriale Einordnung der Konjunktion daß einschließlich
ihrer kombinierten Form,
• und Tabelle IV gibt Aufschluß über das Gesamtaufkommen aller in der deut-
schen Sprachlehre von 1600-1800 erfaßten daß-Formen.

4
Ansonsten folgt die Einzeldarstellung dem Aufbau der jeweiligen Grammatiker,
zumal hier, auch bei gewissen Konformitäten, doch keine direkten Fixierungen der
Gliederung gegeben sind. Eine allgemeine Grundstruktur, die zum einen aus den
sprachimmanenten Gesetzlichkeiten der Konjunktionen selbst, zum andern aus der
allgemein üblichen Aufteilung der Sprachlehren in Etymologie und Syntax resul-
tiert, ermöglicht jedoch eine relative Konstante, der die äußere Form der Analyse
folgen kann.

3. Die Quellen

Ein Blick über die tabellarische Aufstellung des Konjunktionensystems bei den deut-
schen Grammatikern zwischen 1600 und 1800 gibt ein aufschlußreiches Bild über das
quantitative Aufkommen von Sprachlehren in den einzelnen Jahrhunderten. Nach
zögerlichem Beginn – nur drei Grammatiken im 16. Jh. – steigt die Produktion im 17.
Jh. auf 16 an, und im 18. Jh. folgen dann die Erscheinungsjahre dicht an dicht.
Insgesamt sind hier zusammen mit den vier antiken Sprachlehren, Melanchthons
Schrift und einer zum Vergleich herangezogenen französischen Grammatik des 18.
Jh.s alles in allem 53 Grammatiken des Zeitraums von 1573 bis 1782 untersucht wor-
den. Dieses Kontingent umfaßt alle Sprachwerke, die mir zugänglich waren.
Der Großteil der hier kommentierten Schriften lag mir im Original vor, einige
waren dank der verdienstvollen Reihe des Olms-Verlages auch als Reprint zugängig.
Infolge der Seltenheit der Bücher und des damit verbundenen Aufwandes, an die
Texte zu kommen, habe ich alle Buchtitel, wie lange auch immer sie waren, komplett
zitiert. Dies schien schon deshalb sinnvoll, insofern auch Jellinek3, dem meine Arbeit
die Kenntnis aller frühen deutschen Grammatiker und sonstige wertvolle Hinwei-
se verdankt, und Fleischmann4, der zudem nur die leicht zugänglichen Lehrwerke
behandelt, die Titel stets abkürzen, so daß sie hier einmal alle vollständig greifbar
sind.
(Inzwischen, d.h. nach Fertigstellung meiner Analysen der vorliegenden Sprach-
werke, sind die beiden Bände von Moulin-Fankhänels Bibliographie zu deutschen
Grammatiken und Orthographielehren des 16. und 17. Jahrhunderts erschienen, die
ebenfalls die kompletten Titel nennen. Der Band für das 18. Jahrhundert steht aller-
dings noch aus.)
Für das einzige Lehrwerk des 16. Jh.s, das ich trotz intensiver Recherchen nicht
auffinden konnte – Johann Becherer, Synopsis grammaticae Germanicae quam lati-
na et Graeca. Mühlhausen 1593 – wird bei Moulin-Fankhänel eine handschriftliche
Abschrift von M.H. Jellinek in der Universitätsbibliothek Wien ausgewiesen.5
Ebenfalls nicht auffindbar waren von den Sprachlehren des 18. Jh.s folgende Titel:
• Johann Max, Teutscher Schlüssel zu allen Sprachen, Oder Grund-Sätze der Teut-
schen Sprache..., Liegnitz 1728
• Johann Gottlieb Lindner, Grundlegung zur deutschen Sprachlehre für Anfän-
ger, Arnstadt 1772
• Peter Habendorff (anonym erschienen), Anleitung zur Teutschen Sprache für
die in den Schulen der Gesellschaft Jesu lehrbeflissene Jugend, Breslau 1744.

5
Fußnoten

1. vgl. Meier 19672, Bd.2, S.211f.


2. Der Fragekomplex nach den Querbezügen zwischen Nebensatz-Gesetzlichkei-
ten (Verbendstellung, Definition des Nebensatzes) und konjunktionaler Ein-
leitung war ursprünglich Teil dieser Arbeit, mußte jedoch wegen deren großen
Umfangs aufgegeben werden.
3. Jellinek 1913-14, Bd. 1-2.
4. Fleischmann 1973.
5. vgl. Moulin-Fankhänel, Bd.1 1994, S. 45.

6
II. Die Konjunktion daß einst und heute

1. Die Bedeutung der Konjunktionen für die


Entwicklung des Satzgefüges

Die Konjunktion daß ist eng verbunden mit der Entwicklung des Nebensatzes. Als
subordinierende Konjunktion hat sie nun seit mehr als 1000 Jahren die Aufgabe,
einen untergeordneten Satz an einen Hauptsatz anzuschließen. Sie verbindet also
nicht zwei grammatisch gleichwertige Sätze miteinander, sondern formuliert ein
Abhängigkeitsverhältnis (Hypotaxe). In dieser Funktion ist der daß-Satz Teil eines
Systems, das wir Satzgefüge nennen.
Die Vorteile eines solchen, durch Abhängigkeit definierten Satzgefüges liegen
auf der Hand: anstelle bloßer Reihung, die ihre Inhalte nicht in der Beziehung der
verschiedenen Teile zueinander modifiziert, sondern nur nebeneinandersetzen
kann, vermag die Hierarchie eines Satzgefüges durch die Art der Abhängigkeit alle
Relationen genau zu profilieren. Zudem entlastet sie Satzglieder und Gliedteile,
wenn diese die Fülle von Sachverhalten nicht mehr aufnehmen können.
Die Nebensätze ermöglichen also eine Differenzierung der Sinnbezüge. Sie wer-
den mit dem Hauptsatz durch besondere einleitende Partikeln verbunden, deren
Aufgabe es ist, den formalen und inhaltlichen Anschluß innerhalb des Satzgefüges
herzustellen. Entsprechend diesen Anschlußwörtern (Relativpronomen, Konjunkti-
onen usw.) teilt man sie auch in Relativsätze, Konjunktionalsätze und indirekte Fra-
gesätze ein. (Dieses Einteilungsschema wird allerdings in neueren Ansätzen nicht
ganz zu Unrecht kritisiert, da sich Überschneidungen der grammatischen Ebenen
ergeben; so können beispielsweise indirekte Fragesätze auch Konjunktionalsätze
sein, so im Fall der wie- und ob-Anschlüsse. Das Problem liegt hier in der kategoria-
len Vermischung formaler und inhaltlicher Ebenen).
Als Relativsatz kann der Nebensatz an ein Nomen, als Konjunktionalsatz und indi-
rekter Fragesatz an das Prädikat des Hauptsatzes anknüpfen und durch die Unter-
ordnung ein Spannungsgefüge, respektive eine genaue Bestimmung der semanti-
schen Abhängigkeit schaffen, das die gleichberechtigte Nebeneinanderstellung der
Aussagen nicht gewährleisten würde.

Indem der Relativsatz formal diese Gleichberechtigung zweier Aussagen und


damit die syntaktische Autonomie beider Bestandteile auflöst, macht er die syntak-
tisch abhängige zur substantivcharakterisierenden Nebeninformation:

Der Hund bellt. Er freut sich >


Der Hund, der sich freut, bellt/
Der Hund, der bellt, freut sich.

7
Die Konjunktionalsätze decken andere Arten der Unterordnung ab, wobei es hier
zwei verschiedene Typen gibt:

1. die rein strukturell-syntaktische Funktion,


2. die syntaktisch-semantische Relation.

Der rein syntaktische Typ des Konjunktionalsatzes erfordert als Bindeglied ein
„Struktursymbol“1 mit nur syntaktischem Beziehungswert, wie es die Konjunktion
daß verkörpert.

Der daß-Satz übernimmt Satzteil- oder Satzglied-Substitution, d.h. er fungiert ent-


weder als Objekt-, Subjekt-, Gleichsetzungskasus- oder Attributsatz.

Die Subordination durch die Konjunktion daß macht hier den wesentlichen Inhalt
der Gesamtaussage aus, weshalb man auch gerne von „Inhaltssatz“ spricht2, z.B.:

Er weiß, daß der Hund bellt.

Will man jedoch die Art der Beziehung zum Ausdruck bringen, genügt das
gedankliche Ordnungsprinzip der Abstufung von Einzelaussagen im Satz nicht,
dazu bedarf es eines semantisch differenzierten konjunktionalen Anschlusses:

Der Hund bellt, weil/obwohl/wenn/bis/damit/indem er sich freut.

In diesem Zusammenhang spielen die Konjunktionen eine außerordentlich wichti-


ge Rolle. Das Deutsche besitzt heute eine Vielfalt von Konjunktionen, die die inhalt-
liche Artung des Nebensatzes in seinem Verhältnis zum Hauptsatz bestimmen. Der
genau festgelegte Bedeutungsradius dieser Konjunktionen gewährleistet optimale
Verständlichkeit und Exaktheit der Aussage – eine generelle Tendenz moderner
gegenüber älteren Sprachformen, die häufiger zur Mehrperspektivität neigen.
All dies ist Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, der ansatzweise schon
in der Zeit ältester literarischer Überlieferung des Deutschen, im 9. Jh., nachweisbar
ist. So kennt das ältere Deutsch um 800 noch keine Nebensätze. Alle Aussagen wer-
den in einer Satzform getroffen, die man als Hauptsatz bezeichnen muß.3
Schon bald aber, noch im althochdeutscher Zeit, bilden sich nebensatzeinleitende
Konjunktionen, die aus anderen Wörtern entstehen, wie z.B. relatives und konjunk-
tionales thaz.
Im Mittelhochdeutschen kommt eine Gruppe formelhafter Wendungen hinzu,
die das lokale und temporale Verhältnis zweier Aussageinhalte zueinander kenn-
zeichnen und infolge häufigen Gebrauchs bald zu einsilbigen Konjunktionen
zusammenschmelzen.4 Da das Bedürfnis nach vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten
der Haupt- und Nebensatz-Beziehungen wächst, entstehen immer mehr Konjunkti-
onen, oft als synonyme Varianten, oft werden sie aber auch zu Trägern unterschied-
lichster Bedeutungen, und es ist nicht zuletzt dieser schwankende, unscharfe Kon-
junktionengebrauch, der das Übersetzen aus dem Mittelhochdeutschen manchmal
schwierig macht, denn bei fehlender kontextueller Eindeutigkeit ist die Konjunkti-

8
on oft einziger Anhaltspunkt für die Interpretation des Sinnbezugs von Haupt- und
Nebensatz. Ist die Konjunktion nicht hinreichend präzisiert wie gerade im Falle der
ererbten Bedeutungsvielfalt der Konjunktion daß, kann die Art der Satzverknüp-
fung polyvalent sein.
Zu Beginn des Frühneuhochdeutschen standen noch jene Konjunktionen im Vor-
dergrund, die hauptsächlich auf die Bezeichnung von Raum und Zeit hinzielten, d.h.
auf eher konkrete Sachverhalte.5
Doch reichten sie bald nicht mehr aus, komplizierte gedanklich-abstrakte Inhalts-
verflechtungen adäquat zu transponieren. So entstand eine Vielzahl neuer „abs-
trakter“ Konjunktionen, doch starben derartige Neubildungen teilweise schnell
wieder ab oder wanderten in andere Bedeutungsbereiche. Oft überlappten sich
die Bedeutungen, so daß der Konjunktionenbestand gerade im Frnhd. sehr instabil
war. Es läßt sich beispielsweise an Luthertexten wie der Bibel-Übersetzung sehr gut
nachvollziehen, daß hier durchaus ein Ungenügen empfunden wurde. So bemühte
sich Luther in seinem Streben nach klarer sprachlicher Vermittlung, das inhaltlich so
wenig fixierte daß durch Hinzufügung von Adverbien (also, darumb) oder Präposi-
tionen (auf, bis) zu differenzieren. Zwar waren diese Konjunktionenverbindungen
schon vor Luther vorgebildet, gelangten aber erst durch seine Schriften zu weiterer
Verbreitung.
In den folgenden Jahrhunderten, besonders im Zuge der Aufklärung, entstand
eine neue Gruppe modaler, finaler, kausaler, konzessiver, adversativer, konditiona-
ler und instrumentaler Nebensätze6. Solch eindeutige Konturierung dokumentiert
anschaulich jene allgemein zu beobachtende Tendenz hin zu stärker rezipienten-
bezogener Schriftsprachlichkeit, die nicht zuletzt zu einer fortschreitenden Spezifi-
zierung und Ökonomisierung sprachlicher Mittel geführt hat.7 Nur die Konjunktion
daß hat etwas von ihrer alten Vielfalt behalten, die bis heute nachhallt.

2. Die Entwicklung der daß-Sätze

Die Konjunktion daß ist auch heute noch die Konjunktion mit der vielfältigsten Ver-
wendung, obgleich sie seit dem Frühneuhochdeutschen infolge der zunehmenden
Spezialisierung der Nebensätze zumindest im semantischen Bereich längst nicht
mehr in dem Umfang eingesetzt wird wie noch zu Luthers Zeiten – ungeschmälert
dagegen ihre Verwendung in Objekt- und Subjektsatzfunktion.
Im Ablauf des Althochdeutschen, das ursprünglich die Aufgliederung in Haupt-
und Nebensatzgefüge nicht kannte, hat sich die subordinierende Konjunktion daß
aus dem Demonstrativpronomen thaz bzw. der neutralen Form des bestimmten
Artikels entwickelt und in dieser Form überdies objektsatzeinleitende Funktion
übernommen.
Der konjunktionale Gebrauch von daß ist schon in althochdeutscher Zeit belegt.
„Die Entwicklung des Demonstrativs zur Konjunktion beruht auf der Fähigkeit des
Neutrums, sich auf einen Vorstellungskomplex zu beziehen.“8
Der hypotaktische Satztypus ‘Ich weiß, daß er kommt’ hat sich demzufolge höchst-
wahrscheinlich aus dem parataktischen Typus ‘Ich weiß das: er kommt.’ entwickelt.9

9
Daraus resultiert die Fähigkeit der Konjunktion daß, als bedeutungstragendes
Element fungieren zu können: Da der daß-Satz mit dem Prädikat des übergeordne-
ten Satzes in Verbindung steht, kann er die inhaltliche Beziehung von Haupt- und
Nebensatz artikulieren.
„Als eine der universalen und polyfunktionalen Konjunktionen konnte sie in mehre-
ren Gliedsatzarten auftreten. Sie gehörte ursprünglich meistens zu jenen Konjunkti-
onen, die lediglich den Gliedsatz formal eröffneten, sonst aber unspezifisch waren.
Zu ihrer Spezifizierung sind später Adverbien oder andere ergänzende lexikalische
Indikatoren hinzugetreten, die den jeweiligen Nebensatz-Inhalt näher bestimmt
haben.“10

Müller/Frings betrachten den Subjekt- bzw. Objektsatz als Urtypus, aus dem sich
daß als Einleitung semantischer Nebensätze entwickelt.

Sie zeigen am Beispiel des Hildebrandliedes, wie sich die Konjunktion aus der
deiktischen Funktion des Demonstrativpronomens thaz entwickelt hat. Das satz-
vorausnehmende thaz tritt ans Satzende und weist so direkt auf den folgenden
Sachverhalt hin. Somit bedarf es nur der Verschiebung der Satzgrenze, um das
Demonstrativpronomen in die gleichlautende Konjunktion umzuwandeln:
„joh gizalta in sar thaz/thiu salida untar in was“>
thaz = Demonstrativpronomen (mit Zäsur)
„hiar ist ana funtan/thaz er hiar ward biscoltan“.11

Dieser Umwandlungsprozeß ging ganz allmählich vor sich, so daß die Partikel
thaz am Übergang zwischen Sätzen des o.g. Typus steht. So kann sie einerseits noch
dem ersten angehören, andererseits aber auch schon dem zweiten.12
Stand sie im ersten Satz, so hatte sie, nach Verben sentiendi und declarandi, die
ja einer Ergänzung bedürfen, hinweisende Funktion und konnte von da aus in den
zweiten Satz gelangen, wo sie keine eigene Bedeutung mehr hatte, sondern zum
Einleitungswort wurde.13 Vorverweisendes thaz/dat und (wahrscheinlich formel-
haft) wiederaufgenommenes thaz/dat muß aber – so Fleischmann14 – noch nicht hei-
ßen, daß wir es hier bereits mit einem Hauptsatz-Nebensatz-Bezug zu tun haben, in
dem der Nebensatz Satzgliedstelle einnimmt.

Bei folgender Hildebrandt-Stelle etwa:


„dat sagetun mi usere liuti..., dat Hiltibrant haetti min fater“ (Typ: pronominaler
Hinweis + dat-Satz)15

kann gerade die Wiedereinsetzung der Partikel im zweiten Satz, die im Nhd. meist
ausfallen kann, als Bestätigung der grammatikalischen Unabhängigkeit beider
Sätze gesehen werden.16 Noch im Ahd. hat sie sich gelegentlich zu iz/es vereinfacht.
Jedenfalls liegt hier ein Übergangsphänomen vor, und der Übertritt muß sich in
der gesprochenen Sprache vollzogen haben, wo der Einschnitt weniger stark mar-
kiert ist als im Vers und es für das Sprachgefühl noch nicht so wichtig war, welchem
Satz thaz zuzurechnen war, so daß es selbst bei Einbeziehung in den zweiten Satz
zunächst als „nachgetragenes Objekt“ gelten konnte.17

10
Die wachsende Beliebtheit der einleitenden Partikel begünstigt die Versetzung
des finiten Verbs „in den Hintergrund“18 und damit die Entwicklung zu einer
hypotaktischen Ausdrucksweise. Dennoch gilt, daß das Ahd. noch die Parataxe
bevorzugt, was sich besonders augenfällig bei Übertragungen von hypotaktischen
Fügungen lateinischer Texte in parataktische Reihen zeigt. Und auch noch im Mhd.
und früheren Frnhd., wo die Verbstellungsopposition schon weitgehend durchge-
führt ist, stößt die Syntaxforschung auf das Neben- und Ineinander von Para- und
Hypotaxe.19 Im Laufe des Frnhd. vollzieht sich dann die grammatische Eingliederung
des Endstellungssatzes in den Zweitstellungssatz (Hauptsatz). Die Grammatikali-
sierung der Verb-Endstellung20, die aufs engste mit der Entwicklung des daß-Satzes
verbunden ist, muß als eine in der Sprache angelegte Tendenz angesehen werden,
die durch das Bemühen der deutschen Sprachlehrer sicherlich eine Verstärkung
erfuhr, nicht aber primär deren Ergebnis ist.

Da thaz bedeutungsneutral war, ergab sich die Art des Sinnverhältnisses aus dem
Gesamtinhalt der beiden durch thaz in ein Bedeutungsverhältnis gesetzten Sätze,
aus dem sich dann ein semantisch-syntaktisches Beziehungsverhältnis entwickelt:

„Indem thaz Einleitung von satzteilvertretenden Sätzen geworden war, war es zu


einer Partikel geworden, deren Bedeutung nur mehr darin lag, einen Tatbestand
einem anderen hinzuzufügen; die Bedeutung der solcherart zusammengefügten
Sätze mußte sich aus dem jeweiligen Kontext ergeben. Daher wurde thaz nun auch
als Satzeinleitung für Nebensätze gebraucht, die keine eigene einleitende Partikel
besaßen und deren Bedeutung sich alleine schon aus der Nebeneinanderstellung
mit einem vorhergehenden Satz ergaben.“21
Die im 9. Jh. einsetzende Verschiebung des stimmlosen Dentals ‘th’ zu ‘d’ formt
das alte thaz in daz um; das Graphem z für den s-Laut wurde in der Übergangsphase
vom Mittelhochdeutschen zum Neuhochdeutschen allmählich durch s (meist aus-
lautend) bzw. ſ ( meist in- und anlautend) ersetzt.22
Schon im Mittelhochdeutschen deckte die Konjunktion daz ein weitgefächertes
Spektrum konjunktionaler Ausdrucksmöglichkeiten ab, das in die frühe Neuzeit
weitertransportiert wurde. Dank der überlieferten Multifunktion von daß kam die-
ser Konjunktion somit auch im Frühneuhochdeutschen der Löwenanteil konjunkti-
onaler Nebensatz-Einleitung zu.
Generell läßt sich sagen, daß der textuelle Kontext infolge der Polyvalenz von
bloßem daß für die frnhd. Texte weitaus wichtiger war als heute, wo solche Mehr-
deutigkeiten meist bewußt eingesetztes Sprachmittel sind.23
Gerade die extrem vielgestaltige und seit dem Frnhd. in der Schriftlichkeit gehäuft
auftretende Kombinierung der Konjunktion daß mit spezifizierenden Partikel-
Zusätzen (vgl. die nachfolgende Übersicht) zeigt ein verstärktes Bemühen, sinnbe-
zugsklärende Verbindungsmittel zwischen gedanklich differenzierten Teilsätzen
zu schaffen. Das hat einerseits mit dem starken, geradezu zeittypischen Anwach-
sen hypotaktischer Gefüge im Frnhd. zu tun, die nach Profilierung der Teilbezüge
verlangten (während etwa im 20. Jh. diese Tendenz zugunsten einer strukturellen
Vereinfachung der Satzgestalt rückläufig ist24), aber auch mit dem zunehmenden
Bedürfnis nach semantischer Differenzierung überhaupt.

11
Bereits die erste Etappe des Frnhd. ist durch einen enormen Aufschwung des
Satzgefüges gekennzeichnet. Die komplizierte hypotaktische Satzgestaltung hat
Hochkonjunktur.
Gerade die Sprache der Urkunden bekundet eine ausgesprochene Vorliebe für
mehrgliedrige, teilweise wahrhaft auswuchernde Satzgefüge; es gibt Texte, die
allein 39 Nebensätze in einem einzigen Satzgefüge aufweisen.25 Hier ist sicherlich
(im Gegensatz zur Beeinflussung der Verbendstellung im Nebensatz) ein wichti-
ger Anstoß vom Lateinischen her anzunehmen, insofern die Ausbildung längerer
Satzperioden natürlicherweise in der Schriftsprache zu Hause ist, die nicht nur nach
komplexen, abstrakten Bezugssetzungen verlangte, sondern sich auch intensiv mit
der lateinischen Grammatik auseinandersetzte. Dies beweisen nicht zuletzt etliche
Nebensatz-Typen, die dem Lateinischen nachgebildet sind.
Die daß-Sätze sind hier eine Ausnahme: Sie „wurzeln fest in der deutschen Sprache
und überwiegen bei weitem die quod-Sätze.“ (Man bedenke, daß dort der AcI die
entsprechende meistfrequentierte Parallelkonstruktion für „Inhaltssätze“ ist). So
muß auch die Wortfolge eher „auf einheimischen Traditionen als auf lateinischem
Einfluß beruhen.“26

Was das Verhältnis von reiner daß-Einleitung und daß-Kombinationen betrifft,


so war schon im Frnhd. der Anteil an reinen daß-Sätzen wesentlich höher. Meine
Untersuchung von 40 Texten aus dem Grundkorpus der Bonner Forschungsstelle für
Frühneuhochdeutsch ergab von insgesamt 6.680 daß-Stellen 5064 Satzeinleitungen
mit bloßem daß und 1616 Sätze mit daß-Kombinationen, was immerhin ein Anteil
von rund 20% ist; dieser Anteil bleibt übrigens relativ konstant.
Auch läßt sich ein eindeutiger Überhang syntaktischer daß-Sätze gegenüber
Adverbialsätzen konstatieren. Allerdings hat sich der Umfang an daß-Kombinatio-
nen insgesamt stark verringert, da die meisten Bildungen nur zeitweilig existierten,
um der obengenannten Aufgabe gerecht zu werden, die redundanten daß-Zusätze
dann aber meist wieder verschwanden und die präzisierenden Zusatzindikatoren
(Präpositionen, Adverbien, pronominale oder auch nominale Bestandteile), sofern
nicht auch sie im Laufe der Zeit wieder untergingen, ihre Funktion alleine überneh-
men konnten.
Gerade aus einer solchen Entwicklung wird anschaulich, daß daß vor allem als
„Konjunktionalisierungsmittel“ diente.
Die Konjunktion daß – dies sollte dieser kurze Abriß verdeutlichen – spielt somit
sprachhistorisch und syntaktisch eine wichtige Rolle: Sie ist mitverantwortlich für
die Herausbildung des Satzgefüges und damit des Nebensatzes schlechthin, soz. das
„Urbild“ aller anderen Konjunktionen, die wie sie selbst komplizierte semantische
und syntaktische Zusammenhänge innerhalb eines hierarchisch gestuften gedankli-
chen Bogens schaffen, wie er speziell in der deutschen Sprache zu finden ist.

12
3. Die sprachhistorische Entwicklung der daß-Satz-Typen
bis zum Frühneuhochdeutschen

3.1. daß als multifunktionale Konjunktion

Im letzten Viertel des 16.Jh. tritt Albertus mit der ersten deutschen Grammatik her-
vor. Bis zu diesem relativ späten Zeitpunkt des Frnhd. hatte sich eine Vielfalt spezi-
fizierter Konjunktionen herausgebildet, die ein differenziertes Satzgefüge ermög-
lichten, in dem die Konjunktion daß und ihre Kombinationen einen nicht geringen
Anteil funktionaler Satzverknüpfung leisteten.
Um die Multifunktionalität der Konjunktion daß im Frnhd. kurz umreißen und
den Stellenwert der frühen grammatischen daß-Analysen am Stand der sprachli-
chen Gegebenheiten einigermaßen messen zu können, sei hier kurz ein sprach-
geschichtlicher Überblick über die Entwicklung der wichtigsten Funktionen und
Formen von daß und daß-Sätzen bis zum Frnhd. gegeben.
Die Partikel thaz, deren orthographische Differenzierung im übrigen eine spätere
Entwicklung27 ist, spielt für die Ausbildung der deutschen Nebensätze eine zentrale
Rolle. Ihr ungemein vielseitiger Verwendungsradius, der sich infolge anderer, stär-
ker spezialisierter Konjunktionen erst im späteren Nhd. wieder verengte, erklärt
sich entstehungsgeschichtlich daraus, daß ihr als allgemeiner, neutraler Hinweis-
bzw. Verstärkungspartikel ursprünglich kein eigener spezifischer Wert zukam.
Da sie bedeutungsneutral war, ergab sich die Art des Sinnverhältnisses aus dem
Gesamtinhalt der beiden durch thaz in ein Bedeutungsverhältnis gesetzten Sätze,
aus dem sich dann ein semantisch-syntaktisches Beziehungsverhältnis entwickelte.
Für das unmittelbare Entstehen der daß-Sätze gilt, was bereits an früherer Stelle
gesagt wurde: daß die vorverweisende Partikel durch die Verschiebung der Satz-
grenzen in den Folgesatz überwechselt und dort zur formelhaften Satzeinleitung
wird, wobei im ahd. Schrifttum oft sämtliche Stufen der Entwicklung nebeneinan-
der zu finden sind.

3.2. daß-Sätze in Subjekt- und Objektfunktion

Als Nebensätze in Objekt- und Subjektfunktion hatten thaz-Sätze „einen minima-


len semantischen Wert, der sich aus der Verbindung mit dem übergeordneten Prädi-
kat, aus dem Modus im thaz-Satz und aus dem weiteren Kontext ergibt.“28
Diesem „minimalen semantischen Wert“, den Ebert hier den historischen daß-Sät-
zen zuspricht, entsprechen neuere Grammatiken mit ihrer Unterscheidung von
referierendem und faktischem daß.29

Daß-Sätze dienten (und dienen) vor allem als Subjekt- und in den allermeisten
Fällen als Akkusativ-Ergänzung des Hauptsatzes. Aber auch in genitivischer Funkti-
on findet sie sich seit frühester Zeit, so bei Otfrid:
„batun tho ginuagi, thaz man nan irsluagi“.30

13
Besonders häufig war diese Verwendung des daß-Satzes im Mhd., wo sich der
Genitiv (mit und ohne Hauptsatz-Korrelat) als obliquer Kasus großer Beliebtheit
erfreute, beispielsweise:
„Swie wir des vergâzen, daz wir stille sâzen.“31

Im Laufe der Jahrhunderte nahm jedoch die Genitiv-Rektion immer mehr ab und
wurde zunehmend von Präpositionalanschlüssen verdrängt.32

3.3. Pronominale Korrelat-Sätze und Präpositionalobjektsatz

Auch den korrelatbezogenen daß-Satz-Typus gab es schon in ahd. Zeit. Nachdem


der Inhalt des daß-Satzes durch ein Pronomen im Hauptsatz zusammengefaßt wer-
den konnte, etwa: es/das..., daß..., und sich die Konjunktion daß vom Pronomen das
isoliert hatte, waren die Bedingungen geschaffen, den daß-Satz auch an andere
Pronominalkasus anknüpfen zu lassen.33
So kann er sich schon im ältesten Ahd. an einen Instrumental anschließen:
„iu quimit salida thiu mer, thaz sie so ahtent iuer“ (Otfrid)34
(euch kommt dadurch mehr Seligkeit zu, daß sie euch so verfolgen),
und später auch – wie schon oben dargestellt – an ein genitivisches Korrelat:
„ich han des reht, daz mîn lîp truric sî“ (Hartmann).35

Eng damit verwandt ist die heute so geläufige Konstruktion des Präpositionalob-
jektsatzes, dessen Vordringen im Frnhd. allgemein beobachtet werden kann. Hier
knüpft der daß-Satz an einen präpositional regierten Kasus an, meist mit dem Prä-
positionaladverb da(r) als Korrelat.
Diese Entwicklung setzt ein mit dem Absterben des alten Instrumentals, der oft
neben Präposition in der Konstruktion vorkam; Pronominaladverbien konnten nun
für das Pronomen einspringen (darana, darazuo, herazuo).

3.4. Attributsätze

Während die bisherigen daß-Satztypen als Vertreter von Satzteilen fungierten,


hängen die Attributsätze nur von einem Nomen ab, dessen notwendige Ergänzung
sie herstellen. So ist etwa der Gebrauch von daß-Sätzen als Apposition oder ergän-
zenden Erläuterungen zu Nomina actionis seit ältester Zeit belegt und findet sich in
mhd. Texten bereits häufig:
„den wan, daz ich iemer würde iuwer wîp“ (Hartmann).36

Dazu kommen Adjektivabstrakta (z.B. Gewißheit, Freude, daß) und Substantive


ähnlicher Bedeutungskategorien. So heißt es schon bei Otfrid:
„Thiu kraft ist iu gimeini, thaz...“37.

14
Bei weitem die größte Gruppe dieser daß-Satz-Art – das gilt zumindest für Otfrid –
bezieht sich auf einen Zeit-Ausdruck wie etwa: „tho ward irfullit thiu zit, thaz...“38.

Aus dieser Konstruktionsweise heraus entstand etwa die daß-Kombination im


Falle, daß.

3.5. Adverbiale daß-Sätze

Die Entwicklung des thaz vom ursprünglichen Demonstrativpronomen zur Konjunk-


tion führt noch im Ahd. zur Erweiterung seiner Verwendungsweise: Als explikative
Konjunktion ist sie nicht nur in Objekt- und Subjektsätzen, sondern auch in Kausal-,
Final- Konditional- und Konsekutivfunktion zu belegen.39
Schon bei Otfrid, der immerhin 25% aller Nebensätze mit thaz einleitet, findet
sich eine breite semantische Auffächerung verschiedenster Adverbialsatztypen.40
Im Mittelhochdeutschen konnte unsere Konjunktion, inzwischen zu daz umfor-
miert, beinahe das ganze konjunktionale Bedeutungsfeld repräsentieren: Es stand
sowohl für das Neutrum des Demonstrativpronomens und den bestimmten Artikel
(Nom./Akk.), für das Relativum im Beginn von Adjektiv- und Substantivsätzen als
auch für die Konjunktion in Modal-, Konsekutiv-, Temporal-, Kausal-, Final- und
Konzessivsätze.41
Etwa:
„ich unsæliger man, daz sî mîn ouge ie gesach.“42 (kausal)
„sê hie, die nim in dîne hant: daz dir niemer ze Irlant bî mînem lebene leit
geschiht.“43 (final)
„ich wil iu volgen,..., daz ich var zuo den Hiunen“44 (instrumental)
„und also rehte tugentsam, daz ichz an kinde nie vernam“45
(modal/Vergleich; mit Korrelat)
„Si hete noch des goldes...daz ez wol hundert moere ninder kunden tragen“46
(konsekutiv)
„got hôrte Moyses gebet, daz er den munt nie ûf getet.“47 (konzessiv) ...

Daz vermochte sowohl das Hauptsatz-Prädikat zu modifizieren, als auch die


explikative Bestimmung einzelner Hauptsatz-Glieder zu übernehmen (wodurch der
Nebensatz eine kausale oder konsekutive Komponente erhielt):

„do lebte ir noch dar inne sehs hundert küener man,


daz nie künec deheiner bezzer degene gewan“48

Gerade wegen der Polyvalenz von daz und der oft nur lockeren Anbindung an die
bezogenen Bestandteile im Hauptsatz sind eindeutige semantische Zuordnungen
mittelhochdeutscher daß-Sätze häufig nicht möglich. Das gilt in hohem Maße auch
noch für die erste Phase des Frnhd. und ändert sich erst mit deutlich zunehmendem
Gebrauch kombinierter daß-Formen.

15
4. Die Entwicklung der daß-Kombinationen

Seit Beginn des Nhd. dient eine breite Gruppe von zweiteiligen daß-Kombinatio-
nen dazu, einen möglichst exakten Sinnanschluß an den übergeordneten Satz zu
gewährleisten. Ihren Anfang nimmt diese Entwicklung jedoch schon in ahd. Zeit.
Während im 12. Jh. die Zahl der daß-Kombinationen noch relativ gering ist, treten
sie im Mhd. und im früheren Frnhd., vor allem zwischen dem 13. und 15. Jh., ver-
stärkt auf. Eine zweite Welle – wohl im Zusammenhang mit der „Hochkonjunktur“
des hypotaktischen Satzgefüges – läßt sich zwischen dem 16. und 18. Jh. nachwei-
sen. Im modernen Deutsch dagegen sind die daß-Kombinationen auf eine eher
kleine Zahl begrenzt.
Ermöglicht wurde ein derartiger Wortbildungs-Prozeß dadurch, daß in „derselben
Weise wie das einfache das“ die „Verbindung von Präposition mit das oder einem
anderen Kasus des Demonstrativpronomens in den Nebensatz übertreten und als
Konjunktion fungieren“49 konnte (Präposition mit Kasus des Demonstrativprono-
mens als Konjunktion).
Zu den ältesten Verbindungen gehören die Kombinationen in thiu thaz, nah thiu thaz
und unz (thaz) thaz50, etwa mit indem, nachdem, bis (daß) wiederzugeben. Thaz muß
hier als Verweisungspartikel verstanden werden, wobei durchaus eine Nähe zu thaz =
daß gegeben sein konnte. Im Mhd. greifen Partikeln, die vorher adverbial gebraucht
wurden, dann über die Verbindung mit daz in den konjunktionalen Bereich über, wobei
diese als eine Art übergangsmäßige Hilfskonstruktion nur kurzlebig war. Das beziehen-
de daz (wobei sich im Mhd. konjunktionales und relatives daz noch näher standen als
heute) wurde, nachdem die ehemals adverbiale Partikel in den Folgesatz übergewech-
selt war, oft wieder abgestoßen, wohl auch dadurch erleichtert, daß in mhd. Zeit kon-
junktionale und adverbiale Funktion der Partikeln noch nicht strikt getrennt waren.51
Solche Verbindungen waren: dadurch, damit, (in)maßen, nachdem, nach dem mahle,
seit dem male, sintemalen daz.
ûf, ane und um daz unterliegen den gleichen Gesetzmäßigkeiten, verlieren jedoch ihr
Bezugswort daz nicht. (Möglicherweise verhinderte dies bei um daz die Konstruktion
mit um zu + Inf., und bei ûf daz ist das zweite daz von ûf daz daz vermutlich als ausgefal-
len zu betrachten.52
Eine zweite Gruppe von Partikeln, die mit daz eine konjunktionale Verbindung ein-
ging, trat – neben adverbialer oder präpositionaler Verwendung – bereits vorher als
Einzelpartikel in konjunktionaler Funktion auf. Zu erklären ist dieses Phänomen aus der
Unsicherheit infolge gleichzeitiger adverbialer Verwendung, so daß man sie, um sie ein-
deutig als konjunktionale Einleitungspartikel zu kennzeichnen, sicherheitshalber mit
dem bedeutungsneutralen daz verband. Es handelt sich hierbei um Partikeln wie damit,
ehe, nun, ob(e), seit sint, swanne, unz, wie die wile, wo bis daz.53
Daz fungierte hier also als konjunktionales Signalement gegenüber adverbialer Ver-
wendung. Solche Verbindungen, wie sie gehäuft im Frnhd. auftraten, haben im späten
Nhd., sofern sie nicht ganz untergingen, ihr daß oft wieder abgestoßen.
Einige Verbindungen, wie bi (be) daz (= während, um die Zeit), das es schon im Ahd.
gab, sind heute wieder ausgestorben, manche wie das kausale bzw. finale zi thiu thaz,
diu daz verschwanden bereits im Laufe des Mhd.54.

16
Andere daß-Verbindungen aber haben sich bis heute erhalten, so âne daz, wel-
ches ebenfalls seit ahd. Zeit auftritt, ursprünglich aber – und so noch im Mhd. und
im älteren Frühneuhochdeutschen – eine Ausnahme bezeichnete, etwa:
Salomon „wandelt nach den Sitten seins Vaters Dauid/
on das er auf den Höhen opfferte und reucherte...“55,
d.i.: „nur daß er auf den Höhen opferte...“.

Grundsätzlich lassen sich aus diesen Umschichtungen zwei miteinander gekop-


pelte Bestrebungen als sprachliche Entwicklungstendenzen eruieren, die sich dann
in frnhd. Zeit endgültig etablieren:

Einmal die Tendenz zu stärkerer semantischer Differenzierung des Bezugsverhält-


nisses zwischen Vorder- und Folgesatz, und schließlich das verstärkte Bedürfnis des
Mhd. nach satzeinleitender Partikel bei Endstellung des Verbs.56

5. Spektrum der daß-Kombinationen im Frühneuhochdeutschen:

Natürlich haben auch die deutschen Grammatiker des 16. bis 18.Jh.s daß-Kombina-
tionen in ihre Untersuchungen zu den Konjunktionen miteinbezogen, aber längst
nicht alle.
Um hier ein zuverlässiges Bild der Sprachwirklichkeit in diesem Bereich zu gewin-
nen, und einen Vergleich mit den in der Sprachlehre behandelten anstellen zu kön-
nen, mußte eine größere Textbasis zugrundegelegt werden.
Um nun diese breite Basis zur Erfassung der realiter im Schrifttum vorkommenden
daß-Kombinationen zu gewährleisten, habe ich 60 Schriften aus dem Bonner Text-
korpus57, das nicht nur diverse Textgattungen, sondern auch alle Phasen des Frnhd.
erfaßt, auf ihre daß-Kombinationen hin untersucht.

Dabei wurde auf die zahlreichen Schreibvarianten verzichtet und die moderne
Schreibweise (soweit möglich) gewählt:

allein daß
als daß
als fern daß
als lang daß
anderst daß
anstatt daß
auf daß
ausgenommen daß
außer daß
besonders daß
bis daß
dadurch daß
dafür, daß

17
dahin.., daß
damit daß
darum daß
dem daß
dem nach daß
denn daß
dermaßen/dergestalt daß u.ä.
deswegen daß
die weile daß
doch daß
durch (...) daß
ehe daß
es sei denn daß
in bedacht daß
in dem daß
in der Weise/ in dem Maße daß u.ä
(das) ist (wär) das Sache daß/ ob (...) das wäre daß
jedoch daß
kaum daß
kommt daß
mit dem daß
neben dem daß
nur daß (14. Jh. nuwan daß)
ohne daß
seit (...) daß
so (...), /solch daß u.ä.
sondern daß
sofern daß
soweit daß
trotz daß
um daß
unangesehen daß
unz (an die Zeit) daß
von des daß
von wegen daß
weder daß
wenn (...) daß
wie daß
wohl daß
zu ... daß.

Fleischmanns Auflistung der daß-Kombinationen seit dem Ahd. zeigt, daß mit
diesen 52 im Bonner Textkorpus vorkommenden Varianten noch nicht alle Möglich-
keiten abgesteckt sind. Grimm58 nennt weitere zwei: jedesmal daß und überdem
daß.

18
Zur Ergänzung des Spektrums frühneuhochdeutscher daß-Kombinationen sollen
aus der Fleischmannschen Aufstellung noch die 16 hinzufügt werden, die im Bonner
Korpus nicht vorkamen. Im übrigen wurden bis 1350 ausgestorbene Formen, als
älteren Sprachstufen zugehörig, ausgelassen und auf jene Kombinationen verzich-
tet, bei denen die jeweiligen Einzelpartikeln nicht konjunktional verwendet wer-
den können, da Fleischmann Präpositionalverbindungen wie etwa außer daß oder
ausgenommen daß beiseite läßt.59

angesehen daß
in Ansehen daß
derweil daß
im Falle daß
gelich daß
gestaltsam daß
nachdem daß
ob daß
schon daß
seither daß
statt daß
unerachtet/ungeachtet daß
unterdessen daß
während daß
wo daß
zudem daß.

Diese stattliche Anzahl von rund 75 daß-Kombinationen diversester semantischer


Provenienzen spricht wohl für sich. Für uns besonders interessant wird nun sein, ob
und inwieweit diese Fülle von den deutschen Sprachlehren repräsentiert wird.

Zum Schluß sei hier noch kurz ein Aspekt angesprochen, der sonst für das Frnhd.
von tragender Bedeutung ist: die Frage nach möglichen regionalen Varianten. Ganz
davon abgesehen, daß auch hier im Verlauf des späten 16. Jh. allmählich eine Nor-
menstabilisierung zu verzeichnen ist, spielt dieses Phänomen für den Bereich des
Konjunktionenbestandes kaum eine Rolle. Die Variabilität beschränkt sich hier mehr
oder weniger auf das Orthographische. Als mehr abstrakte Wortart ist die Konjunk-
tion sprachlandschaftlichen Unterschieden weniger unterworfen als andere, so daß
diese Betrachtungsweise hinter der funktionalistischen zurücktreten kann.

19
Fußnoten

1. vgl. Erben 198212, S.3.


2. vgl. beispielsweise Der Große Duden, Bd.4, Grammatik, 1973 und ältere Aus-
gaben.
3. vgl. Tschirch 1966, S.79.
4. vgl. ebd.
5. vgl. ebd., S.80.
6. vgl. ebd.
7. Diese Entwicklungstendenz bestätigen auch die Ausführungen von Koen-
raads 1953, S.92f, desgleichen die von Rieck 1977, vgl.S.244.
8. Ebert 1978, S.26.
9. vgl. ebd.
10. Masařík, 1985, S. 174.
11. Otfrid, Evangelienbuch, II. 2,8 u. III. 19,13.
12. vgl. Fleischmann 1973, S.162.
13. vgl. Wunder 1965, S.255.
14. vgl. Fleischmann S.163f.
15. Hild.17; vgl. Müller/Frings 1959b, S.171.
16. vgl. Fleischmann 1973, S.163f.
17. vgl. ebd., S.164f.
18. vgl. ebd., S.162. Fleischmann sieht darin das wachsende Bedürfnis nach einer
Begründung für die hypotaktische Verbstellung; in Anschluß an Weinrich
1977 interpretiert er das Haupt- und Nebensatz-Gefüge als „Vordergrunds-
und Hintergrundsgeschehen“; vgl. Weinrich 1977, S.143-157.
19. vgl. Ebert 1978, S.20.
20. Eine ausführliche Zusammenfassung der Forschungsdiskussion um die Grün-
de der Grammatikalisierung der Verbstellungsopposition bietet Fleischmann
1973, S.33-72.
21. Wunder 1965, S.265.
22. Zum Zeichen z vergleiche Moser 1929, 45, S.69. Das Zeichen ß für stimmlosen
s-Laut entstand im 14. Jh. als Ligatur aus ß (vereinzelt schon althochdeutsch).
s. auch unter I.3.3.1.
23. vgl. die als eine Art Motto eingangs zitierte Sequenz aus Thomas Manns Jose-
phs-Tetralogie.
24. vgl. Admoni 1990, S.150f.
25. vgl. ebd. Es handelt sich um das Schreiben des Trierer Erzbischofs Werner und
des Kurfürsten Ludwig von der Pfalz an die Stadt Frankfurt vom 11.3.1411.
26. Stolt 1964, S.163f.
27. Früheste Differenzierung findet sich bereits im 14. Jh.; so ist sie im „Weist-
hum über die rechte der von Eisenbach zu Lauterbach“ von 1341 bereits zu
90% durchgeführt. Allgemein beginnt sie sich aber erst im Laufe des 16. Jh.s
durchzusetzen. Vgl. Michel 1957.
28. Ebert, 1978, S.26.
29. Etwa Böttcher/Sitta 1972 und Duden 1984 und 1995.
30. Otfrid, Evangelienbuch, IV. 23,17.

20
31. Hartmann von Aue, Iwein 133.
32. Heute regieren nur noch wenige Verben wie beispielsweise ‘sich rühmen’,
‘jd. beschuldigen’, ‘harren’, ‘einer Sache anklagen’, ‘wert sein’ ausschließlich
den Genitiv; ‘sich erinnern’, ‘sich freuen’, ‘zufrieden/froh sein’ u.ä. dagegen
werden meist mit einem Präpositionalobjekt verbunden.
33. Vgl. Dal 1966, S.192.
34. Otfrid, Evangelienbuch, II. 16,34.
35. Hartmann von Aue, Sît ih den sumer truoc, 3,1. Aus: Minnesangs Frühling,
S.405.
36. Bsp. ebd.
37. Otfrid, Evangelienbuch, V. 16,41.
38. Otfrid, Evangelienbuch, I. 9,2.
39. vgl. Masařík 1985, S. 174.
40. Laut Wunder 1965, S.237, lassen sich zwölf verschiedene Bedeutungsberei-
che erkennen, die bei näherer Hinsicht aber wenig mit der in der heutigen
Grammatik üblichen Anschlußwertigkeit gemein haben und daher mit Vor-
sicht zu genießen sind. Bei genauer Analyse der Beispielsätze ergibt sich oft
abweichende kategoriale Zugehörigkeit. So z.B., wo er thaz in der Bedeu-
tung es sei denn, daß (II. 17,9) final oder als indem kausal einstuft.
41. vgl. Mhd. Wörterbuch 1963, Bd. 1, S.321.
42. Hartmann, Iwein 328.
43. Tristan, 9563-65.
44. Nibelungenlied, 1264.
45. Tristan, 3279f.
46. Nibelungenlied, 1271, 1-3.
47. Vridankes bescheidenheit 5, 16.
48. ebd., 2124.
49. Dal 1966, S.193.
50. vgl. Fleischmann 1973, S.178.
51. vgl. ebd. S.170ff., 178ff.
52. vgl. ebd., S.179.
53. vgl. ebd.
54. Entstanden war sie im Ahd. durch Verbindung der Dativpräposition mit der
sog. Instrumentalform diu des substantivischen Neutrums, an die sich ein
daß-Satz anschließen und die schließlich auch in den Nebensatz hinübertre-
ten konnte: „thie ungiloubîge gikêrit er zi lîbe, zi thiu thaz er gigarawe thie
liuti wirdîge“ (die Ungläubigen kehrt er zum Leben, damit er die Leute wür-
dig mache. Otfrid I. 4,43).
55. Luther-Bibel 1545, 1972, Bd. I, 628.
56. vgl. ebd.
57. Bonner Quellenkorpus der Forschungsstelle Frühneuhochdeutsch der Uni-
versität Bonn.
58. Grimm, 1984, Bd. 2, S.811-825 (Nachdruck des 2. Bd. von 1860).
59. vgl. Fleischmann 1973, S.170-177.

21
22
III. Die Konjunktion daß in der
modernen Grammatik

1. Methodische Fragen

Wenn auch unsere Kernfrage die nach den Beschreibungsmustern der frühen deut-
schen Grammatik ist, so kann die begleitende Frage nach den heutigen Verhältnissen
in der daß-Kategorialisierung schon deshalb nicht ganz außer acht gelassen werden,
weil sonst weder Konstanten noch Entwicklungen in der einschlägigen Grammatik-
schreibung sichtbar werden.
Die Frage ist nun: Stellt man die kurze Bestandsaufnahme moderner Analysen der
sprachhistorischen Untersuchung voraus, oder läßt man sie ihr folgen?
Vorteil des letztgenannten Verfahrens wäre die Authentizität der chronologischen
Sukzession. Man muß aber davon ausgehen, daß die älteren Beschreibungsmodelle
teilweise unbeholfen, operationell weniger effizient und zudem nicht immer ange-
messen sind, was die Problemorientierung nicht eben erleichtern würde.
Ganz davon abgesehen, daß die sukzessive Abfolge der Darstellung ohnehin durch
die Zäsur am Ende des 18. Jh.s unterbrochen ist, die den Abschluß dieser Arbeit mar-
kiert, spricht daher einiges für die Vorwegnahme der modernen Grammatik – vor
allem die größere Überschaubarkeit und Vertrautheit mit dem Begriffsinstrumen-
tarium. So soll denn hier der Beitrag über die zeitgenössische daß-Grammatikalisie-
rung der älteren vorausgehen.
Mit „moderner“ Grammatik seien hier die Sprachlehren der 2. Hälfte des 20. Jh.s
gemeint. Die Auswahl der Autoren ist zwar repräsentativ, aber, wie der Begriff Aus-
wahl schon sagt, ohne Vollständigkeitsanspruch.
Berücksichtigung fanden im übrigen nur solche Modelle, die einen „klassischen“
Ansatz, d.h. eine Einteilung in Wortart- und Satzlehre bieten, so daß etwa die Gene-
rative Transformationsgrammatik oder die Dependenzgrammatik als mit den alten
Grammatiken nicht kompatibel ausgespart werden mußten, zumal sie keine klassifi-
katorischen Konjunktionenschemata bereitstellen.
Es werden sechzehn Sprachlehren herangezogen, dazu die sechs Duden-Ausga-
ben von 1935 bis 1995, also insgesamt zweiundzwanzig. Sieht man einmal von der
Duden-Ausgabe von 1935 ab, die aus Gründen der Auflagen-Vollständigkeit mitbe-
rücksichtigt wurde, stützt sich also der kontrastive Vergleich nur auf Sprachlehren
zwischen 1950 und heute, so daß das ganze 19. Jh. und die Grammatik der ersten
Hälfte des 20. Jh.s in unserer Präsentation fehlen.
(Eine Durchsicht der Wörterbücher ergab im übrigen, daß hier für unsern Zweck
eine Auswertung wenig sinnvoll ist, da die kategorialen daß-Anschlußwerte oft
nicht terminologisch fixiert, sondern nur beschreibend umrissen sind. Auf die Auf-
nahme der Wörterbücher konnte also verzichtet werden.)
Im Gegensatz zu der nachfolgenden Untersuchung der antiken und älteren deut-
schen Konjunktionenmodelle ist hier im Prinzip keine profunde Analyse angestrebt,
sondern lediglich eine kurz kommentierte Bestandsaufnahme von daß-Zuordnun-
gen und Klassifizierungsterminologie. Nur die Fokussierung einzelner begrenzter

23
Problembereiche wird selektiv einen exemplarisch gedachten Ausschnitt repräsen-
tieren, der Einblick in die Arbeitsweisen und -ergebnisse zeitgenössischer Sprachfor-
schung gibt (Problematik der Satztypfrage und variable Einordnung ausgesuchter
daß-Kombinationen).

2. Die Funktion der Konjunktion daß im heutigen Deutsch

2.1. Nebensatz-Status und Polyvalenz

Der daß-Satz ist Teilsatz eines Satzgefüges, das auf dem Prinzip der Abhängigkeit
beruht und zweierlei Grundrelationen zwischen über- und untergeordneten Sätzen
herzustellen vermag: Erstens eine strukturell-syntaktische und zweitens eine syn-
taktisch-semantische.

Dementsprechend kann die subordinierende Konjunktion daß :


• rein syntaktische, satzverknüpfende Funktion innehaben;
sie tritt dann ohne eigenen semantischen Gehalt auf und
kennzeichnet lediglich ein grammatisches
Abhängigkeitsverhältnis,
• selbst Bedeutungsträger sein und gibt dann die Art des
Bezugsverhältnisses beider Aussageinhalte (Haupt- und
Nebensatz) an.

Steht der daß-Satz in erstgenannter Funktion, so vertritt er :


a) ein Satzglied (Subjekt-/Objektsatz) oder
b) steht anstelle eines Attributs und ist dann Teil eines Satzgliedes (Attributsatz).
(Ob, als, wie und – bedingt – auch wenn können im übrigen ebenfalls in dieser
Funktion stehen.)1

Während rein syntaktische daß-Sätze nichts über die inhaltliche Beziehung von
Haupt- und Nebensatz aussagen, bringt daß, oft zusammen mit einer Kombinati-
onspartikel, als syntaktisch-semantisches Anschlußmittel vielfältige „Verhältnis-
beziehungen“ zum Ausdruck, wobei sich die Hauptkategorien intern weiter auffä-
chern lassen.
Die Konjunktionalsätze der verhältnisstiftenden, also semantischen Nebensatz-
Gruppe werden meist Adverbialsätze oder auch Umstandssätze bzw. Angabesätze2
genannt, die des nur syntaktisch-bindenden Typs in Satzgliedfunktion Gliedsätze3
oder Ergänzungssätze bzw. Ergänzungsklassen4 etc., meist aber Inhaltssätze, da sie
trotz ihrer grammatikalischen Unterordnung den wesentlichen Inhalt der Gesamt-
aussage ausmachen.
Boettcher/Sitta unterscheiden hier Verhältnis- und Inhaltssetzungen, bzw. -bezie-
hungen5, desgleichen der Duden ab 1984.
Der große Komplex der semantischen Konjunktionalsätze wird nach den jeweili-
gen logischen Bezugsverhältnissen kategorial erfaßt und oftmals in Typen differen-

24
ziert, denen mitunter weitere Varianten subsumiert werden können, wie das etwa
die Strukturtyp-Analyse von Boettcher/Sitta sehr anschaulich darlegt.
Im folgenden wollen wir derartige Sinnrelationen als Kategorien, Klassen oder
auch „Anschlußwert“6 bezeichnen.

Es gibt Modelle, die nur ganz wenige Grundrelationen ansetzen. Eisenberg weist
darauf hin, daß manche Klassifizierungen die temporalen Konjunktionen dem gan-
zen Rest gegenüberstellen, den man dann kausal im weiteren Sinn nennt.7
Fritsche, der betont, daß solche „Beziehungssysteme für Verknüpfungsrelatio-
nen“ als „eine grobe intuitive semantische Klassifikation der Konjunktionen auf-
gefaßt werden“, arbeitet für den Gesamtbereich der ko- und subordinierenden
Konjunktionen fünf Grundbeziehungen heraus, die er als die und-, oder-, aber-,
weil- und wenn-Relationen bezeichnet, die von anderen Sinnkategorien (temporal,
lokal, Vergleich) zu unterscheiden seien.8
Das gebräuchlichste System ist jedoch das des Duden, der die vier Großgruppen
„temporal, modal, kausal, ohne eigene Bedeutung“ hat. In diesen Systemen erschei-
nen dann z.B. Kausalität, Finalität, Konsekutivität, Konzessivität, Konditionalität als
Subklassen des Kausalverhältnisses; Umstandsbezeichnung, Restriktivität, Vergleich
und Adversativbeziehung gelten dagegen als modale Typen, wobei dann Begleit-
umstand, fehlender oder stellvertretender Umstand wiederum Varianten dieser
modalen Subklassen wären.
Es gibt natürlich auch andere Aufteilungen im Bereich des Ursache-Wirkungs-
Gefüges. Genzmer etwa trennt hier die Kategorie „Grund, Ursache“ (mit den
Subkategorien kausal, konzessiv, konditional) von der Kategorie „Zweck, Absicht,
Konsequenz (mit den Subkategorien final und konsekutiv).

Zifonun teilt in der „Grammatik der deutschen Sprache“9 den ganzen Komplex
der Adverbialsätze in zwei Gruppen ein, denen dann die einzelnen semantischen
Grundfunktionen zugeordnet werden:
1. Satzadverbiale,
2. verbgruppenbezogene Adverbialsätze.

Unter dem Begriff Satzadverbiale sind


a) die etablierten verhältnisbezeichnenden Termini anzutreffen, während
die verbgruppenbezogenen Adverbialsätze ganz anderen Kriterien folgen.

Darüberhinaus umfassen die Satzadverbialen auch


b) die „peripheren Satzadverbialsätze“ (Kommitativ- und Konfrontativsätze),
sowie
c) die sog. modusdifferenzierenden und diktumsaufgreifenden bzw. -kom-
mentierenden Averbiale.

Die in dieser Grammatik zentralen Begriffe Diktum, Modus (dicendi), die auch zur
Kategorialisierung konjunktionaler Typen herangezogen werden, beziehen sich
auf folgende Sachverhalte:

25
Der Terminus Diktum meint die „Bedeutung einer kommunikativen Minimalein-
heit“, das, „was mit ihr... gesagt werden kann“10, Modus die Weise des Sagens11,
während die Proposition als weitere Hauptkomponente den Entwurf des Sachver-
halts selbst meint, also die Sinnebene.

Zifonun faßt alle Kausal-, Konsekutiv-, Final-, Konzessiv-, Konditional- und Irre-
levanzkonditionalsätze als konditional fundierte Verhältnisse auf: „Diese durch
Adverbialsätze ausgedrückten propositionalen Verhältnisse basieren auf der logi-
schen Struktur des Konditionals.“12
Zu den konditional motivierten Satzadverbialen treten noch die oben erwähnten
„peripheren Satzadverbialsätze“ hinzu, die im Gegensatz zu diesen „keinen der
möglichen einschlägigen Aspekte des Obersatzes“ modifizieren oder spezifizieren
– „weder die Proposition noch den Modus – ebensowenig sind sie als ein Kommentar
auf Modus- oder Diktumsebene zu betrachten.“13 Man hat darunter die Komitativ-
und Konfrontativsätze14 zu verstehen, daneben auch die peripheren Temporal- und
Vergleichssätze.15 Ebenfalls zu den Satzadverbialen gehören die sog. modusmodifi-
zierenden, diktums- und propositionsaufgreifenden Nebensätze.
Die modusmodifizierenden schränken den Gültigkeitsanspruch (gemeinhin Rest-
riktiv- oder Exzeptivsätze genannt) ein; die aufgreifenden, die in der Literatur oft
als „weiterführende Nebensätze“ geführt werden, verweisen auf einen Hauptsatz-
Sachverhalt.16 Charakteristisch für diese dritte Gruppe von Satzadverbialen ist, daß
nicht allein das Einleitungselement, sondern die „lexikalische Füllung des Neben-
satzes“ den Status des Nebensatzes erkennen läßt.17

Während bei den Satzadverbialen ein gewisser allgemeiner Konsens vorhanden


ist, herrscht bei den verbgruppenbezogenen Adverbialsätzen in der Literatur große
Unklarheit. Es handelt sich hier im großen und ganzen um Sätze, die in der Regel mit
dem traditionellen Begriff „modal“ umrissen werden. Das Ungenügen an der all-
zuglobalen Zuordnung durchaus divergenter Bezugsverhältnisse, wie wir sie etwa
bei kategorienvaribalen Konjunktionen wie ohne daß, wie, anstatt daß haben,
führte hier zu einer Umstrukturierung. In der Tat sind gerade im Modalbereich die
Kategorialisierungen äußerst problematisch und dementsprechend uneinheitlich;
neben dem instrumentalen ist der Modalkomplex mit den stärksten Zuordnungsab-
weichungen behaftet.
Unter den „dimensionsmodifizierenden und dimensional bewertenden Modifika-
toren“ sind durch wie eingeleitete Vergleichssätze zu verstehen18 – in Abgrenzung
zu den „bezugsbereichsvariablen Vergleichssätzen“, die durch „einfache, dimen-
sionsmodifizierende und dimensional bewertende“ Adverbien erläutert werden
können (etwa durch so, ebenso).19
Adverbialsätze als dimensionseinführende und resultative Ereignismodifikato-
ren sind dagegen das, was man als instrumentale Abläufe bezeichnen könnte; sie
umfassen die indem-, dadurch daß und damit daß-Sätze. (Geläufige Bezeichnung
dieser Satztypen: Instrumentalsätze).

26
Zur besseren Überschaubarkeit dieser komplexen Struktur sei hier eine Übersicht
über die kategorialen Typen bei Zifonun gegeben:

1. Satzadverbialsätze
a) Konditionalsätze
konditionalfundierte Verhältnisse (Kausal-, Konsekutiv-,
Final-, Konzessiv-, Irrelevanzkonditionalsätze)
b) periphere Satzadverbialsätze
Komitativsätze
Konfrontativsätze
periphere Temporal- und Vergleichssätze
c) modusmodifizierende und diktums- oder propositionsaufgrei
fende Nebensätze.
2. Verbgruppenbezogene
a) dimensionsmodifizierende, dimensional bewertende
Modifikatoren (wie-Sätze)
b) Adverbialsätze als dimensionseinführende undresultative
Ereignismodifikatoren (indem, ohne daß, dadurch, daß, damit daß).

So weit das Gliederungsmuster der subordinierenden Konjunktionalsätze in der


„Grammatik der deutschen Sprache“. Im übrigen muß auf eine nähere Ausführung
aller einzelnen Termini verzichtet werden, da folgend nur die daß-tangierten Berei-
che gestreift werden können.

Was die Darstellungsstruktur betrifft, haben die Verfasser herkömmlicher Gram-


matiken und Wörterbücher die semantischen Grundrelationen wenigstens stich-
wortartig charakterisiert, wobei zu ihrer Explikation meist entsprechende Konjunk-
tionen, oft mit Beispielsätzen, angegeben werden.
Nicht immer lassen sich die Umstände der daß-Sätze genau voneinander trennen,
auch liegt keine völlige Übereinstimmung in der Kategorialisierung der einzelnen
Funktionstypen vor: Es finden sich sowohl Unterschiede in den Kategorienbezeich-
nungen selbst, als auch in der Zuordnung der daß-Anschlußwerte. Das gilt selbst für
so „stabile“ Modelle wie den Duden, der bis zur Edition von 1973 relativ gleichblei-
bende Terminologie und Zuordnung aufweist, sich aber seit der 1984er Ausgabe
sehr stark an den differenzierteren Kategorien von Boettcher/Sitta orientiert.
Zifonun nennt nicht eindeutig festlegbare Nebensatz-Typen „kategorienvariable
Nebensätze“. Das sind solche, „die bei gleicher Gestalt und gleicher semantischer
(Grund-)Funktion unterschiedlichen Bezug aufweisen können. Sie sind also i.S. kate-
gorial grammatischer Kategorisierung variabel, was ihren Operanden angeht.“20 Zu
diesem Nebensatz-Typ gehören Vergleichssätze (reine und Vergleichssätze als Teile
von Gradphasen, kurz Gradsätze genannt), dann Proportional-, Restriktiv- und
Negationsssätze. Außer den Proportionalsätzen haben alle diese Kategorien daß-
Kombinationen.

27
2.2. Operationale Trennung von Inhalts- und Adverbialsätzen

In einigen Bereichen gibt es gewisse Diskrepanzen, was die Beurteilung des gram-
matischen Nebensatz-Status angeht. So etwa bei der Bewertung nominaler bzw.
partizipialer daß-Kombinationen (etwa angenommen, daß) und bei der Zuordnung
korrelativer Elemente (kausaler oder Präpositionalobjekt-Satz?).

Die „Grammatik der deutschen Sprache“ des Autorenkollektivs Zifonun u.a.


unterscheidet „Termsätze“ von Adverbialsätzen folgendermaßen:

- Termsätze charakterisieren „Gegenstände, die als Argumente eines Prä-


dikats fungieren, sie können in der Regel mit dem Fragewort was erfragt
werden“,
- Adverbialsätze dagegen charakterisieren „Gegebenheiten oder Modali-
täten, die z.B. ein durch einen Satz charakterisiertes Ereignis näher spezi-
fizieren.“21 Sie sind nicht mit was erfragbar, sondern durch auf Umstände
zielende Fragewörter wie wo, wann, wie, warum etc. (Zur Typologie der
verschiedenen Adverbialsatzarten s. obige Übersicht).

Eine präzise logisch-strukturelle Trennung von rein syntaktischen und semanti-


schen Beziehungen liefern Boettcher/Sitta: Sie bemühen sich um eine operationale
Trennung der Inhaltsbeziehungen von den Verhältnisbeziehungen, indem sie als
Kriterien das Verhalten der kategorialen Werte untersuchen.
Für die adverbialen daß-Sätze (Verhältnisbeziehungen) konstatieren sie als Cha-
rakteristikum die Unveränderbarkeit des kategorialen Werts auch bei Veränderung
der beiden „Setzungen“ (= Teilsätze) und umgekehrt Ablösbarkeit des kategorialen
Werts von den vorliegenden Setzungsinhalten (Anschluß mit anderen Konjunktio-
nen) bei Inhaltsbeziehungen.
D.h., daß bei Inhaltsbeziehungen kategorialer Wert und Setzungsinhalt des
Hauptsatzes in gegenseitigem Zusammenhang stehen, bei den Verhältnisbeziehun-
gen aber nicht.22

Für Adverbialsätze gelten also folgende Gesetzmäßigkeiten:


1. Kategoriale Unveränderlichkeit auch bei Veränderung der Hauptsatz- oder
Nebensatz-Setzung.
D.h., der kategoriale Wert bleibt konstant, auch wenn eine der beiden Setzun-
gen sich inhaltlich verändert (allenfalls entsteht ein absurder Sachverhalt, doch
berührt dieser nicht die strukturelle Ebene):
„Er aß alles auf, weil er großen Hunger hatte“ ist ebenso kausal wie „Er fuhr
Auto, weil er großen Hunger hatte“,
und die Nebensatz-Setzung:
„Er fuhr Auto, obwohl er Hunger hatte“ ist ebenso konzessiv wie der absurde
Bezug: „Er aß alles auf, obwohl er Hunger hatte“. Denn auch, wo ein inhaltlich
unsinniger Sachverhalt zustande kommt, wird die grammatische Richtigkeit
davon nicht berührt.

28
2. Konstanz der Inhalte beider Satzeinheiten bei Veränderung des kategorialen
Werts.
Umgekehrt kann der kategoriale Wert verändert werden, während die Inhalte
beider Setzungen bleiben (Ersatz durch Konjunktionen mit anderen Anschluß-
werten): Er fuhr Auto, weil/ obwohl/ wenn/ kaum daß...

Kriterien für die Inhaltsbeziehungen:


Das alles ist bei Inhaltssetzungen nicht möglich. Hier verändert sich – sofern andere
Verbvalenz vorliegt – bei Austausch des Hauptsatzes sofort der kategoriale Wert:
„Ich weiß sicher, daß er gekommen ist“ ist ein Akkusativobjekt-Satz. Ein Präpositio-
nalobjektsatz aber liegt vor, wenn der Hauptsatz heißt: „Er freute sich sogar darü-
ber, daß er gekommen ist“, oder aber der Anschluß wird ganz unmöglich „Er aß es
auf, daß er nicht gekommen ist“.

3. Auflistung der zur Untersuchung herangezogenen Grammatiken

Die nachstehenden Untersuchungen stützen sich auf folgende Sprachlehren, die


hier in alphabetischer Reihenfolge aufgeführt werden:

BOETTCHER, WOLFGANG/ SITTA, HORST, DEUTSCHE GRAMMATIK III, FRANKFURT/MAIN 1972.


BRINKMANN, HENNING, DIE DEUTSCHE SPRACHE. GESTALT UND LEISTUNG. DÜSSELDORF 19712.
DUDEN GRAMMATIK, MANNHEIM/WIEN/ZÜRICH: AUSGABE 1935, 1959, 1966, 1973, 1984, 1995.
EICHLER, WOLFGANG/ BÜNTING, KARL-DIETER, DEUTSCHE GRAMMATIK, FRANKFURT/MAIN 19894.
EISENBERG, PETER, GRUNDRISS DER DEUTSCHEN GRAMMATIK, STUTTGART 19943.
DERS., GRUNDRISS DER DEUTSCHEN GRAMMATIK, BD. 2: DER SATZ, STUTTGART/WEIMAR 1999.
ENGEL, ULRICH, DEUTSCHE GRAMMATIK, HEIDELBERG 19963.
ERBEN JOHANNES, DEUTSCHE GRAMMATIK. EIN ABRISS, MÜNCHEN 198212.
FLÄMIG, WALTER, GRAMMATIK DES DEUTSCHEN, BERLIN 1991.
GENZMER, HERBERT, DEUTSCHE GRAMMATIK, FFM., 1995.
HELBIG, GERHARD, DEUTSCHE GRAMMATIK, GRUNDFRAGEN UND ABRISS, MÜNCHEN 1991.
JUNG, WALTER, GRAMMATIK DER DEUTSCHEN SPRACHE, LEIPZIG 1980 UND 199010.
KARS, JÜRGEN/ HÄUSSERMANN, ULRICH, GRUNDGRAMMATIK DEUTSCH, FRANKURT, MAIN/WIEN/AARAU,
1988.
KÜRSCHNER, WILFRIED, GRAMMATISCHES KOMPENDIUM, TÜBINGEN/BASEL, 19933.
SCHULZ DORA/ GRIESBACH, HEINZ, GRAMMATIK DER DEUTSCHEN SPRACHE, 19708.
SOMMERFELDT, KARL-ERNST/ STARKE, GÜNTER, EINFÜHRUNG IN DIE GRAMMATIK DER DEUTSCHEN GEGEN-
WARTSSPRACHE, TÜBINGEN 19922.
WIESNIEWSKI, ROSWITHA, DEUTSCHE GRAMMATIK, HEIDELBERG, 1978.
ZIFONUN, GISELA/ HOFFMANN, LUDGER/ STRECKER, BRUNO, GRAMMATIK DER DEUTSCHEN SPRACHE, HG.V.
H.-W. EROMS, G. STICKEL, G. ZIFONUN), BD.1-3, BERLIN, NEW YORK, 1997, AUS DER SCHRIF-
TENREIHE DES INSTITUTS FÜR DEUTSCHE SPRACHE.

29
4. Übersicht über die Kategorialisierung der Konjunktion daß

Im folgenden sei nun überblicksartig die Kategorialisierung der verschiedenen


daß-Gruppen in der modernen deutschen Grammatikschreibung der letzten Jahr-
hunderthälfte aufgezeigt. Dabei wird zuerst einfaches daß berücksichtigt, dann
(alphabetisch geordnet) das Spektrum der daß-Kombinationen aufgelistet.

Anmerkungen:

• Für Autorenkollektive werden folgende Kürzel benutzt:


Boettcher/Sitta: Boettcher/S., Eichler/-Bünting: Eichler/B., Grammatik der deut-
schen Sprache (Zifonun/Hoffmann/Strecker): Gr.dt.S., Kars/Häussermann: Kars/
H., Schulz/Griesbach: Schulz/G., Sommerfeldt/Starke: Sommerf./St.
• Da die Dudenausgaben 1959 und 1966 völlig identisch sind, werden sie stets
zusammen aufgeführt.
• Im Duden 1984/95 wurden die „Verhältnisbeziehungen im Überblick“ zugrun-
degelegt; wo sich jedoch in der Wortlehre noch Ergänzungen finden ließen,
wurden diese hinzugenommen.

4.1. daß rein syntaktisch:

Boettcher/S. 1. Inhaltssetzung:
a) faktisch
b) referierend
c) modal
Brinkmann Inhaltssatz (als Glied- und Teilsatz)
Duden 1939 „Satzartikel“ in „hauptwörtlichen Sätzen“ = Substantivsätze zur
Bez. des Aussageinhalts (Satzgegenstand, Ergänzung, Beifügung)
Duden 1959/66 Satzglied: Subj.-, Objekt-S. (Gen.-, Akk.-, Präpositional-Objekt),
Gleichsetzungsnominativ; Attributsatz
Duden 1984 Inhaltsbez.: faktisch, anführend, referierend
Duden 1995 syntakt. Funktion: faktisch, referierend, modaler Rahmen
Engel bedeutungsleerer Subjunktor
Gliedsatz (Subj., Obj., Präp. Obj.) Attributsatz
Gr.dt.S. Termsatz, 4 Einleitungsklassen nach Art der Prädikatsausdrücke:
I: faktisch fundierend ohne Wahrheitsbestimmtheits-
Präsupposition
II: nicht-faktisch fundierend +
Wahrheitsunbestimmtheits-Präsupposition
III: faktisch fundierend mit
Wahrheitsbestimmtheits-Präsupposition
IV: faktisch fundierend mit
Wahrheitsunbestimmtheits-Präsupposition

30
Jung 1980/90 Gliedsatz (Subjekt, Objekt)
Attributsatz (bei Abstrakta)
Prädikativsatz
Kars/H. Kj. ohne eigene Bedeutung
Kürschner generell

4.2. daß semantisch

d a ß kausal:
Duden 1935 wirklicher Grund (im HS die „Deutewörter“
davon, dadurch, daraus, daran; indem = dadurch daß)
Duden 1959/66 rein kausal (mit HS-Korrelaten)23
Duden 1973 kausal im engeren Sinn
Duden 1984 kausal im engeren Sinn24
Gr.dt.S. kausal – reduktiver Schluß25
Wisniewski kausal – begründend

d a ß final:
Brinkmann kausal- beabsichtigte Wirkung
Duden 1935 Grund – Zweck + Absicht
Duden 1959/66 kausal – final
Duden 1973 kausal – final
Duden 1984/95 final – Motivation – kausal
Eichler/B. final
Erben final
Flämig kausal – Zweck (Finalität)
Gr.dt.S. final
Jung kausal – final
Schulz/G. final (Zweck, Ziel)
Wisniewski kausal – final

d a ß konsekutiv:
Boettcher/S. konsekutiv – speziell
Brinkmann kausal – unbeabsichtigte Wirkung (Folge)
Duden 1935 Weise – Folge (daß = so daß)
Duden 1959/66 kausal – konsekutiv
Duden 1973 kausal – konsekutiv
Duden 1984 kausal – Folge26
Duden 1995 kausal – konsekutiv
konsekutiv27
Eichler/B. konsekutiv
Gr.dt.S. konsekutiv
Flämig kausal – Folge (Konsekutivität)
Helbig kausal – Folge

31
Jung kausal – konsekutiv
Kars/H. Folge
Kürschner konsekutiv
Schulz/G. konsekutiv (Folge, Wirkung)

daß konditional:
Duden 1973 für wenn in bestimmten Fällen

daß Folgerung-Vermutungsbeleg:
Boettcher/S.
Duden 1984/95

daß Folgerung-Bewertungsgrundlage:
Boettcher/S.

4.3. daß-Kombinationen:

abgesehen davon, daß:


Boettcher/S. Inhaltssetzung
Schulz/G. Einschränkung

als daß und Varianten:


Genzmer konsekutiv
Wisniewski konsekutiv
ander() – als daß:
Gr.dt.S. 1. vergleichender Gradsatz
2. restriktiv
Komparativ Adv. – als daß
Eichler/B. adversativ – Gleichzeitigkeit
Engel nichterfüllte Norm
Gr.dt.S. Vergleich

zu – als daß:
Boettcher/S. konsekutiv – speziell – negativ
Duden 1935 Grad – Vergleichung
Duden 1959/66 kausal – konsekutiv
Duden 1973 kausal – Folge
Duden 1984/95 kausal – Folge28
konsekutiv- negative Folge29
Eichler/B. konsekutiv
Engel modal – komparativ

32
Erben Grund/ Ursache – (nicht eintretende) Folge
Gr.dt.S. konsekutiv – kontrafaktisch
Jung 1980/90 kausal – konsekutiv
Kürschner konsekutiv
Schulz/Gr. konsekutiv – nicht mögliche Folge

angenommen, daß:
Boettcher/S. Inhaltssetzung
Erben konditional – möglicher Grund
Genzmer konditional
Gr.dt.S. konditional – hypothetisch
Schulz/Gr. konditional – möglicher Grund

angesichts dessen, daß:


Duden 1984 Folgerungsbezhg. – Konsequenz

(an)statt daß:
Boettcher/S. Konfrontation – substitutiv
Duden 1959/66 modal – fehlender od. stellvertret. Umstand
Duden 1973 modal – fehlender od. stellvertret. Umstand
Duden 1984 modal – fehlender od. stellvertret. Umstand
Duden 1995 1. modal – stellvertret. Umstand31
2. Konfrontation – substitutiv
Eichler/B. adversativ – Gleichzeitigkeit
Engel modal – komitativ
Flämig modal – fehl., stellv. od. begl. Umstand
Genzmer Art und Weise – adversativ
Gr.dt.S. konfrontativ
Helbig modal – Substitution
Jung 1980 modal – stellvertr. oder fehlender Umstand
Jung 1990 modal – instrumental
Kars/H. Tausch
Kürschner komitativ (stellvertr. Geschehen)
Schulz/Gr. modal – adversativ
Wisniewski modal
anstelle daß:
Boettcher/S. Konfrontation – substitutiv

auf daß:
Brinkmann kausal-beabsichtigte Wirkung (veraltet)
Duden 1935 Grund – Zweck + Absicht; ältere Spr., gehoben
Duden 1959/66 kausal – final (veraltet)

33
Duden 1973 kausal – final (veraltet)
Duden 1984/95 final – Motivation – kausal
Engel kausal – final
Erben Zweck
Flämig Zweck (Finalität)
Genzmer final (elaborierter Stil)
Gr.dt.S. final
Jung 1980 kausal – final (selten, gehoben, veraltend)
Jung 1990 kausal (veraltend)
Kürschner final
Schulz/Gr. Zweck-Folge – final

ausgenommen daß:
Schulz/Gr. Bedingung

mit der Ausnahme daß:


Schulz/Gr. Einschränkung

außer daß:
Boettcher/S. 1. Aussagenpräzisierung – Vorbehalt/
2. Konfrontation – exzeptiv
Duden 1984/95 1. Aussagenpräzisierung – Vorbehalt/
2. Konfrontation – ausgrenzend
Eichler-B. modal – einschränkend
Engel modal – restriktiv-komitativ
Flämig modal – Einschränkg. (Restriktivität)
Gr.dt.S. 1. restriktiv
2. konfrontativ
3. restriktiv – modusmodifizierend
Helbig modal – Restriktion
Kürschner restriktiv
Schulz/Gr. Einschränkung

bis daß:
Duden 1935 temporal- Nachfolge (veraltet,volkssprachlich)
Genzmer temporal (regional/ archaisch)
Schulz/Gr. temporal – zeitl. Grenze (gehobene Sprache)

dadurch daß:
Boettcher/S. modal – Handlungsausführung
Duden 1935 kausal – wirklicher Grund (= indem)

34
Duden 1959/66 kausal – instrumental32
Duden 1973 instrumental33
Duden 1984/95 modal – Handlungsausführung
Eichler/B. modal – instrumental
Eisenberg modal od. instrumental
Erben modal – Mittel u. Begleitumstand
Flämig 1. modal – Mittel (Instrument)
2. modal – fehl., stellv. od. begl. Umstand
Genzmer Art und Weise – instrumental
Gr.dt.S. Ereignismodifikator – instrumental
Helbig modal – instrumental
Jung 1980/90 modal – instrumental
Schulz/Gr. modal – instrumental /Mittel, Begleitumstand
Wisniewski kausal – instrumental

dafür, daß:
Boettcher/S. 1. kausal – Ausgleich
2. Aussagenpräzisierung – Berücksichtigung
Duden 1984/95 1. kausal – Ausgleich
2. Aussagenpräzisierung – Berücksichtigung34

damit [,] daß:


Boettcher/S. modal – Handlungsausführung
Duden 1959/66 kausal-instrumental
Duden 1973 kausal-instrumental35
Eichler/B. modal – instrumental
Eisenberg modal oder instrumental
Gr.dt.S. Ereignismodifikator – instrumental
Helbig kausal – Zweck
Jung 1980/90 1. kausal – final
2. modal – instrumental
Schulz/Gr. 1. Angabe des Mittels
2. Hervorhebung
Wisniewski kausal – instrumental

derart(ig)/ dermaßen – daß:


Brinkmann kausal unbeabsichtigte Wirkung (Folge)
Eichler/B. konsekutiv
Gr.dt.S. konsekutiv
Schulz/G. Folge

35
es sei denn, daß:
Boettcher/S. konditional – unausgegliedert – Ausnahme
Duden 1935 Grund – Bedingung
Schulz/Gr. Einschränkung

im Fall(e) (,) daß:36


Boettcher/S. konditional – unausgegliedert
Brinkmann Gegensatz (konditional)
Duden 1935 Grund – Bedingung
Duden 1959/66 kausal – konditional
Duden 1984 konditional37
Duden 1995 kausal – konditional
Erben Grund/Ursache – mögl. Grund (= konditional)
Genzmer konditional
Gr.dt.S. konditional – hypothetisch
Jung 1980/90 kausal – konditional
Kürschner konditional
Schulz/Gr. konditional – mögl. Grund

ganz davon zu schweigen, daß,


gar nicht davon zu reden daß:38
Boettcher/S. Konfrontation – (gestaffelte) Verhinderung

genug daß:
Gr.dt.S. konsekutiv

geschweige (denn) daß:


Boettcher/S. Konfrontation – (gestaffelte) Verhinderung
Duden 1959/66 modal – fehlender od. stellvertret. Umstand
Jung 1980/90 modal – stellvertret. od. fehlender Umstand

gesetzt daß/ gesetzt den Fall, daß:


Boettcher/S. Inhaltssetzung
Duden 1935 Grund – konzessiv (Einräumungssätze)
Eisenberg konditional

kaum daß:
Boettcher/S. Konfrontation – (partielle) Verhinderung
Duden 1959/66 modal – fehlender od. stellvertret. Umstand
Duden 1984/95 temporal – vorzeitig

36
Eichler/B. temporal
Engel 1. temporal – vorzeitig
2. modal – restriktiv – illustrativ
Flämig temporal
Jung 1980/90 modal – begleitender od. fehlender Umstand
Kürschner temporal
Schulz/G. Zeit
Sommerf./St. temporal

kaum daß soviel:


Wisniewski modal

mit der Einschränkung, daß:


Schulz/Gr. konditional

nur daß:
Boettcher/S. Aussagenpräzisierung – Vorbehalt
Duden 1959/66 modal – restriktiv
Duden 1984/95 Aussagenpräzisierung – Vorbehalt
Eichler/B. modal – einschränkend
Engel 1. modal – restriktiv – komitativ
2. modal – vorzeitig – komitativ
Flämig modal – Einschränkung (Restriktivität)
Gr.dt.S. 1. restriktiv
2. restriktiv – modusmodifizierend
Helbig modal – Restriktion
Schulz/G. Einschränkung
Wisniewski modal

ohne daß:
Boettcher/S. modal – fehlender Begleitumstand
Duden 1935 Weise – Folge
Duden 1959 modal – fehlender od. stellvertret. Umstand
Duden 1973 „ „
Duden 1984/95 modal – fehlender Begleitumstand
Engel modal – komitativ
Erben 1. nicht eintreten sollende/eingetr. Folge
2. modal – Mittel u. Begleitumstand
Flämig modal – fehl., stellvertr./begleit. Umstand
Genzmer 1. Art und Weise – instrumental – negativ
2. konzessiv – negativ
3. konsekutiv – nicht eingetretene Folge

37
Gr.dt.S. 1. komitativ
2 Negationssatz
3. Ereignismodifikator – Unterlassung
Helbig 1. kausal – negative Folge/
2. modal – fehlender Begleitumstand
Jung 1980/90 1. modal – stellvertr. od. fehlend. Umstand
2. konsekutiv, nicht eingetretene Folge oder Wirkung
Kars/H. Folge
Kürschner komitativ (fehlendes Geschehen)
Schulz/G. 1. Zweck, Folge – konsek.- ausbleib. Folge
2. Grund, Ursache – konzessiv – negativ
3. modal – instrumental – negativ
Wisniewski modal

sei es daß – sei es daß:


Gr.dt.Spr. irrelevanzkonditional

so daß:
Boettcher/S. konsekutiv global
Brinkmann kausal – unbeabsichtigte Wirkung (konsek.)
Duden 1935 Weise – Folge
Duden 1959/66 kausal – konsekutiv
Duden 1984/95 konsekutiv allgemein
Eichler/B. konsekutiv39
Eisenberg 1999 konsekutiv
Engel kausal – konsekutiv
Erben Grund/Ursache – Folge, Wirkg. (Konsek.-S.)
Flämig kausal – Folge (Konsekutivität)
Genzmer konsekutiv
Gr.dt.S. konsekutiv
Helbig kausal – Folge
Jung 1980/90 kausal – konsekutiv
Kars/H. Folge
Kürschner konsekutiv
Schulz/Gr. konsekutiv (Folge, Wirkung)
Sommerf./St. Folge
Wisniewski kausal – konsekutiv

so – daß:
Boettcher/S. 1. konsekutiv – speziell
2. modal – Handlungsausführung
Brinkmann kausal – unbeabsichtigte Wirkung (konsek.)

38
Duden 1935 1. Weise – Folge (mit „Deutewort“ im HS)
2. a) Grad – Vergleichung
b) kausal– Wirkung oder Folge
Duden 1984 1. konsekutiv – speziell
2. modal – Handlungsausführung
Duden 1995 1. konsekutiv – speziell
2. konsekutiv – Wunsch
3. modal – Handlungsausführung
Eichler/B. konsekutiv
Erben modal – Gradsatz
Gr.dt.S. 1. konsekutiver Gradsatz
2. konsekutiver Vergleichssatz
3. Finalspezifikation – konsekutiv
Schulz/Gr. modal – adversativ – Grad

solch – daß: derart(ig)-/ dermaßen – daß40:


Brinkmann kausal unbeabsichtigte Wirkung (Folge)
Eichler/B. konsekutiv
Gr.dt.S. konsekutiv
Schulz/G. Folge

soviel, daß:
Wisniewski modal

trotz dem, daß:


Duden 1935 keine echte Konjunktion

ungeachtet (dessen), daß:41


Boettcher/S. Inhaltssetzung
Jung 1980/90 kausal-konzessiv

unter der Annahme, daß:


Gr.dt.S. konditional – hypothetisch

unter der Bedingung, daß:


Boettcher/S. Inhaltssetzung
Gr.dt.S. konditional – hypothetisch
Schulz/Gr. konditional

39
unter der Voraussetzung, daß:
Boettcher/S. Inhaltssetzung
Eisenberg konditional
Gr.dt.S. konditional – hypothetisch
Schulz/Gr. konditional

vorausgesetzt (daß):
Boettcher/S. Inhaltssetzung
Erben Grund/Ursache – mögl. Grund (= konditional)
Genzmer konditional
Gr.dt.S. konditional – hypothetisch
Jung 1980/90 kausal – konditional
Schulz/Gr. konditional (mögl. Grund)

wie daß
Gr.dt.S. vergleichender Gradsatz

5. Kommentar

Die folgenden Ausführungen stellen lediglich eine überschaubar gehaltene Aus-


wahl einzelner Kommentierungen zu den jeweils behandelten Teilphänomenen
dar.

5.1. Bloßes daß

Während die meisten Konjunktionen höchstens zwei semantische Sachverhalte


(etwa temporales und komparatives als)42, meist aber nur einen (weil, obwohl,
damit) ausdrücken können, hat daß noch etwas von seiner alten Multifunktionali-
tät erhalten, die, gezielt eingesetzt (man vergleiche den eingangs zitierten Passus
aus Thomas Manns Josephs-Tetralogie), eine Möglichkeit zu bewußter Mehrdeutig-
keit bereitstellt.

5.1.1. daß in rein syntaktisch bindender Funktion – Charakteristik und


grammatische Modelle

Tesnière teilt die Wörter einer Sprache im Rahmen seiner Dependenzgrammatik in


zwei große Gruppen ein: solche, die eine Vorstellung ausdrücken und somit neben
der syntaktischen auch eine semantische Funktion haben, das sind die sog. „Voll-Wör-
ter“, und solche, die keine Vorstellung vermitteln, sondern einzig und allein als gram-

40
matische Hilfseinheiten fungieren.43 Zu dieser Art Wörter, „Leer-Wörter“ genannt,
gehört auch die Konjunktion daß, sofern sie nur syntaktisches Bindeglied ist und
keinerlei eigene Sinnrelation mittransportiert.44
Dieses Freisein von eigener Wortbedeutung betont auch Flämig 1991, wenn er
sagt, daß einige Konjunktionen wie daß, ob, wie „allgemein bzw. sinnarm“ und
daher geeignet seien, Nebensätze einzuleiten, die keine inhaltliche Beziehung
anzeigen, sondern in der Funktion von Subjekt-, Objekt- oder Attributsätzen stehen
können.45
Daß ist damit bloßes „Strukturelement“, das einen Inhaltssatz, oder aber einen
Attributsatz einleitet.
Eisenberg definiert diese Art von Sätzen folgendermaßen:
„Inhaltssätze werden nicht durch ihr Einleitewort in eine bestimmte semantische
Beziehung zu einem anderen Satz gebracht, sondern bezeichnen Sachverhalte, die
innerhalb des übergeordneten Satzes ihre Rolle spielen. Die Funktion von daß und
ob läßt sich vergleichen mit der von Kasusendungen bei nominalen Ergänzungen;
die Funktion der Konjunktionen mit lexikalischer Bedeutung i.S. der Tesnièreschen
Vollwörter ist eher der von nicht valenzgebundenen Präpositionen vergleichbar, zu
denen auch viele von ihnen in enger semantischer Beziehung stehen.“46

Und ähnlich Engel: Der Subjunktor daß hat keine eigene Bedeutung. Seine ein-
zige Funktion besteht also darin, einen finiten Nebensatz einem anderen Element
unterzuordnen. Daher ist er im Gegensatz zu fast allen andern Subjunktoren auch
nicht zugleich ein syntaktisches Glied des Nebensatzes.47
Eisenberg, Engel, Heringer u.a. nennen solche Inhaltssetzungen im übrigen
Ergänzungssätze, während der Duden (1973) unter dieser Bezeichnung die Adverbi-
alsätze versteht: „Ergänzungssätze in der Rolle von Art-, Zeit- und Kausalergänzun-
gen“48 heißt es da.
Heringer definiert Inhaltssätze als „Teilsätze“: „Ergänzungssätze stehen in Ver-
bindung von Sätzen, wo der eine Teil eines andern ist.“49
Der Terminus Inhaltssatz spielt darauf an, daß er die eigentliche Hauptinformati-
on, also den Inhalt der Satzaussage transportiert, während die Begriffe Ergänzung
und Gliedsatz mehr struktureller Natur sind.

Daß-Sätze in solch nicht-semantischer Funktion können als selbständige Sätze


auftreten:
„Daß er es immer wieder versucht“50

oder auch durch fügelose Varianten ohne Bedeutungsunterschied ersetzt werden:


„Er fürchtet, er habe sich geirrt.
„Er fürchtet, sich geirrt zu haben.“51

Eine Sonderform des daß-Satzes stellen formelhafte daß-Ausrufe resp. Imperative


dar: Engel weist darauf hin, daß sich verschiedene Sprechakttypen – meist solche
mit Ausrufcharakter – in Nebensatzform realisieren.52
Alleinstehend haben daß-Sätze imperativisches Gepräge und drücken „eine
Aufforderung aus, die einen beschwörenden oder drohenden Unterton enthält“,

41
wobei die Besorgnis oder Drohung durch das Modaladverb ja herausgehoben wer-
den kann. Etwa: „Daß ihr mir ja leise seid!“53
Für die Weiterdifferenzierung der syntaktischen Funktionen, die der daß-Satz
in der Haupt-Nebensatz-Relation einnimmt, stellen die hier zugrundegelegten
Sprachlehren grundsätzlich zwei Modelle bereit:
a) Den traditionellen Ansatz, der danach fragt, welchen Satzteil der daß-Satz
repräsentiert und den Inhaltssatz damit als valenzgebunden definiert (so
Duden bis 1984),
b) den Ansatz von Boettcher/Sitta, der äquivalente Strukturtypen des Satzgefüges
erarbeitet und damit sein Augenmerk auf die inhaltlich gesteuerte Seite solcher
Inhaltssetzungen lenkt und dabei zu folgender Einteilung kommt:
daß = faktisch, referierend oder modal54.

Der Duden ab 1984 vereint beide Modelle, indem er einmal die Inhaltsbeziehun-
gen nach Art der Inhaltssätze unterscheidet (daß = faktisch, anführend oder referie-
rend) und zum andern auch nach der Funktion (Satzgliedstelle) im Satz fragt.
Ähnlich Eisenberg, der „faktiv (sagen)“ und „nicht faktiv (glauben)“ trennt, aber
auch die Satzteilfunktionen differenziert (Ordnung der Nebensätze).
Ein interessantes, dem zweiten Typ zuzurechnendes Modell ist der über die Einlei-
tungsklassen der Prädikatsausdrücke laufende Zugriff von Zifonun in der „Gramma-
tik der deutschen Sprache“.
Dieser Ansatz unterteilt die syntaktischen daß-Sätze (neben ob- und W-Sätzen)
in vier Typen, deren Zuordnung von der Einleitungsklasse der „Prädikatausdrücke“
des übergeordneten Satzes abhängt. Der semantische Schlüssel ist dabei das Cha-
rakteristikum Wahrheitsbestimmtheit bzw. – unbestimmtheit.
Daß hat „zwei ganz unterschiedliche Gebräuche“. Es ist:
„einerseits der Subjunktor für wahrheitsbestimmte (und wahre) Propositionen auf
faktischen Redehintergründen, andererseits der Subjunktor für wahrheitsunbe-
stimmte Propositionen auf nicht faktischen Redehintergründen.“55

Die vier Prädikatklassen sind folgendermaßen abgegrenzt:


• Einleitungsklasse I:
wahlweise (und wahrheitsbestimmt):
Ausdrücke wie wissen, erfahren, vergessen, sich erinnern, lernen, rufen..,
Wissen, Erinnerung
• Einleitungsklasse II:
nicht-faktisch fundierend und wahrheitsunbestimmt (Wahrheitsbe
stimmtheit ist hier ein Nebeneffekt des Bezugs auf Gegebenheiten ohne
Anspruch auf Faktizitität):
Ausdrücke wie glauben, vermuten, überzeugt sein, notwendig sein,...
Glauben, Hoffnung
• Einleitungsklasse III:
faktisch fundierend mit Wahrheitsbestimmheits-Präsupposition (‘faktiv’
oder ‘implikativ’)
Ausdrücke wie bestreiten, leugnen, bezweifeln, sich freuen,...Freude,
Bedauern

42
• Einleitungsklasse IV:
faktisch fundierend mit Wahrheitsunbestimmtheits-Präsupposition
Ausdrücke wie fragen, prüfen,... Frage, Zweifel, Unterschied, Probe.56

5.1.1.1. Einteilung der syntaktischen daß-Sätze nach Funktionstypen

Unter dem Gesichtspunkt der satzteilsubstituierenden Funktion werden folgende


daß-Satz-Typen unterschieden:

1. subjektbezogene = Subjektsätze:
Es ergab sich, daß.../ Mich freut, daß...
2. objektbezogene (valenzabhängig) = Objektsätze:
a) Akkusativ-Objekt:
Ich hoffe, daß du kommst.
b) Genitiv-Objekt:
Ich entsinne mich (dessen), daß du kamst.
c) Dativ-Objekt:
Es ist dem entgegenzuwirken, daß das Gälische ausstirbt.
d) Präpositional-Objekt:
Ich freue mich (darauf), daß du kommst.57
3. Gleichsetzungsnominativ bzw. Prädikatsnominativ:
Das ist aber eine Freude, daß du kommst.
Das ist aber schön, daß du kommst
4. Attributsätze:
Noch habe ich (die) Hoffnung, daß er kommt.

Anmerkung zu 1) Subjektsatz:
In der Rolle eines Subjekts schließt der daß-Satz an das verbale Prädikat des Haupt-
satzes an, dessen Subjekt er bildet. Brinkmann definiert diese daß-Sätze auch inhalt-
lich: Sie nehmen die Stelle des Subjekts dann ein, wenn die Auffassung des Inhalts
„nicht persönlich formuliert“ und also der Inhalt „als Geschehen interpretiert“ ist
(„Vorkommnisse und Resultate). Die daraus resultierende Einengung auf Formulie-
rungen wie „es zeigt sich/ergibt sich...“58 trifft allerdings nicht den Sachverhalt, wie
der Beispielsatz des Dudens „Daß du mir schreiben willst, freut mich“59 zeigt.

Anmerkung zu 2) Objektsätze:
a) Akkusativ-Objekt:
Als Akkusativ-Substitut ist der daß-Satz mit Abstand die häufigste Variante
des Objektsatz-Typus.
b) Genitiv-Objekt:
Der daß-Satz schließt hier mit und ohne Korrelat als Objektsatz an ein genitivregier-
tes Hauptsatz-Verb an. Da solche selten geworden, finden sich derartige daß-Sätze
heute nur noch gelegentlich.
c) Dativ-Objekt:
Die Position des Dativ-Objektes ist grundsätzlich nicht mit einem daß-Satz besetzbar,

43
doch kann dies mit einem Korrelat umgangen werden. Dann hat das Korrelat den
Dativ und nimmt den daß-Satz unter sich (z.B. dem nachtrauern, daß).60
d) Präpositionalobjekt:
Präpositionalobjektsätze, für die Engel die Bezeichnung Präpositivergänzung als die
präzisere vorzieht, vertreten die „Ergänzung eines Verbs mit nicht austauschbarer
Präposition“.61 Im Hauptsatz (und zwar an der für das Präpositionalobjekt vorgese-
henen Stelle) steht oft ein Pronominaladverb: da(r)- + notwendige Präposition.

Schulz/Griesbach weisen darauf hin, daß auf das Korrelat verzichtet werden kann,
wenn das Prädikat psychische Vorgänge nennt, etwa: „Ich habe mich gefreut, daß
du mich besucht hast“. Bei anderen Verben geht die Auslassung nicht: „Das führte
dazu, daß...“, nicht aber: das führte, daß...62
Auch Brinkmann weist unter dem Stichwort „Inhaltssatz und Pronomen“ darauf
hin, daß der daß-Satz auch solche Satzglieder darstellen kann, die einen Bezie-
hungshinweis fordern:
„Dann steht der daß-Satz einer substantivischen Beziehungsfügung gleich... Einem
verweisenden es oder das entspricht dann die Verschmelzung des jeweiligen Bezie-
hungsworts mit dem Pronominalstamm da, der bei Verbindung mit einem Bezie-
hungswort sowohl für es wie für das eintritt.“63

Ich glaube es, daß .../ Ich glaube daran, daß...

Anmerkung zu 3) Gleichsetzungsnominativ bzw. Prädikatsnominativ:


Im Unterschied zum Subjektsatz schließt hier der daß-Satz an ein prädikatives Sub-
stantiv oder Adjektiv an, steht also in „prädikativer“ Funktion64. Wie im Subjektsatz
muß der grammatische Platzhalter im Hauptsatz eine neutrale Bezugsgröße sein (es, das
zur Sicherung der Zweitstelle des Verbs). Erfragt wird diese Funktion mit: Wer oder was
ist..? (+ Prädikatssubstantiv oder -adjektiv). Bezüglich der Grammatikalisierung dieser daß-
Satz-Funktion gibt es erhebliche Defizite, insofern sie fast immer ausgeklammert wird. Der
Duden bemerkt mit Recht hierzu, daß sich für Nebensätze, die an der Stelle eines Gleichset-
zungskasus stehen, noch kein fester Begriff eingebürgert habe.65 Auch habe ich nirgendwo
– auch nicht im Duden – eine gedankliche oder formale Differenzierung von Subjekt- und
Gleichsetzungsnominativ-Satz gefunden.

Eine Unterscheidung läßt sich daher nur aus den Beispielsätzen rückschließen:
Frage für Subjektsatz: Was + Vollverb/ für Gleichsetzungsnominativ-Satz: Was ist + Prädi-
katsnomen oder -adjektiv. Definiert wird der Gleichsetzungsnominativ selbst folgen-
dermaßen: Ein Satzglied, das im Nominativ steht, nicht Subjekt ist und sich...als
fester Bestandteil der verbalen Wortkette beweisen läßt, ist der Gleichsetzungsno-
minativ“.66 Dieses prädikative Satzglied läßt sich auch durch einen Teilsatz besetzen:
„Die Hauptsache ist, daß du kommst.“67

Ab dem 95er Duden werden Sätze wie „Es ist wichtig, daß/ Er ist in der Verfassung,
daß“ inhaltlich kategorialisiert, und zwar modal;68 der daß-Satz in der Funktion
eines Gleichsetzungsnominativs wird aufgegeben.

44
Jung spricht von Prädikativsatz und gibt als Beispiel für den daß-Satz in dieser
Funktion folgendes (hier leicht abgewandeltes und gekürztes) Beispiel:
Womit er aber nicht gerechnet hatte, war, daß sich der Krieg auch an seiner Person
entzünden könnte.69

Anmerkung zu 4) Attributsatz:
Attributsätze, das sind satzartige Attribute, die sich auf nominale Phrasen bezie-
hen. Engel, der hier von verbativen Attributen spricht, beschreibt ihre Funktion fol-
gendermaßen: „Sie konkretisieren die Bedeutung des regierenden Nomens, indem
sie dessen Inhalt nennen.“ Es handelt sich daher auch um Inhaltssätze. Ausdrucksfor-
men sind u.a. finite Nebensätze, etwa „die Vermutung, daß... Die Anapher lautet daß
es so ist.“70

Kürschner definiert den Attributsatz als „Teil eines Satzglieds, der durch solch
anaphorisierbar und mit welch, was für ein erfragbar ist.71
Im Gegensatz zu den Gliedsätzen (Ich weiß, daß..) ist also kein Kontakt mit dem
verbalen Komplex gegeben, sondern Substantivbezug (die Überzeugung, daß..).
Im Falle, daß das übergeordnete (vom Attributsatz näher bestimmte) Nomen
einen präpositionalen Anschluß verlangt, folgt ihm das aus da(r)- und Präposition
gebildete Pronominaladverb. Mithin ist ein Satz wie „Aus Ärger darüber, daß...,
verfiel er dem Trunk“ nicht etwa ein Präpositionalobjekt-Satz, sondern ein Attribut-
satz.
Sonnenberg weist in seiner Arbeit „Korrelate im Deutschen“ auf die substantiv-
(und adjektiv-)spezifisch vorkommenden Konjunktionalsätze hin, die er auch als
„korrelierte konjunktionale Attributsätze“ bezeichnet. Diese sind nur möglich bei
Substantivierungen von Verben, die einen konjunktionalen Präpositionalobjekt-
Satz subkategorisieren, z.B. bei „sich fürchten vor“: Karls Furcht davor, daß.... In
dieser Funktion können auch adjektivspezifizierte Attribute vorkommen, etwa:
zornig darüber, daß.
Hier wird zwar von „Substantivvalenz“ gesprochen, doch im Gegensatz zu Ver-
bvalenz handelt es sich hier meist um keine „fordernde“ Valenz, sondern um eine
„erlaubende“, d.h. das Substantiv erfordert kein bestimmtes Attribut, sondern
ermöglicht es erst.72

Fazit: Mit Ausnahme der nur im Duden ausgewiesenen Grammatikalisierung


des daß-Satzes in Funktion eines Gleichsetzungsnominativs in Abgrenzung zu
Subjektsätzen sind die syntaktischen Grundfunktionen der daß-Sätze in den
modernen Grammatiken des Deutschen relativ einheitlich erfaßt.

5.1.2. daß in semantischer Funktion:

Umstandssätze bzw. Adverbialsätze (auf die Bezeichnungsvarianten wurde schon


oben hingeweisen) sind Konjunktionalsätze, die die näheren Umstände des Haupt-
satzgeschehens/-Seins bestimmen, wozu sie semantisch differenzierter Konjunk-
tionen bedürfen. Allein daß vermag aufgrund seiner ererbten Ausdrucksvielfalt
verschiedenartige Verhältnisse auszudrücken.

45
In der zeitgenössischen Grammatik finden sich folgende Termini für die Katego-
rialisierung von bloßem daß (in vereinheitlichter Terminologie, etwa „final“ für
„Zweck, Ziel“ u. dgl.):

daß ist gekennzeichnet als:


• kausal im engeren Sinn – begründend/ wirklicher Grund
• kausal – final
• kausal – beabsichtigte/unbeabsichtigte Wirkung
• kausal – konsekutiv
• kausal – reduktiver Schluß
• final – Motivation – kausal
• konsekutiv – speziell
• konditional
• Weise – konsekutiv
• Folgerung – Vermutungsbeleg
• Folgerung – Bewertungsgrundlage.

Ganz allgemein bzw. nach den in der grammatischen Literatur allgemein etablier-
ten Termini also: Kausal-, Final-, Konsekutiv-, Konditional-Zuordnung.
Ermöglicht durch die elementgemeinsame Metaebene im Spannungsfeld von
Ursache und Wirkung werden Finalität und Konsekutivität als verschiedene Aspek-
te des Grund-Wirkungs-Gefüges meist kausal zugeordnet, manchmal aber auch als
selbständige Klassen aus dem Kausalverband gelöst.
Die Kategorienbereiche Folgerung – Vermutungsbeleg und Folgerung – Bewer-
tungsgrundlage sind terminologische Neukonstitutionen auf dem Grammatiksek-
tor (Boettcher/Sitta).

5.1.2.1. daß = kausal im engeren Sinn

Da gerade die Kategorialisierung des kausalen daß in den Grammatiken zwischen


1600 und 1800 eine so große Rolle spielen wird, sei hier eine etwas ausführlichere
Kommentierung dieser Funktion gegeben.
Wie zahlreiche Textbeispiele zeigen, war reine Kausalität im Gegensatz zum heu-
tigen Sprachgebrauch im Mhd. und (wenngleich seltener) auch noch im Frnhd. mög-
lich, wurde aber nach Aufkommen der Konjunktion weil sehr schnell verdrängt.
Letzte Reste einer reinen Kausalklassifizierung von daß lassen sich noch in der
Grammatik der deutschen Gegenwartssprache finden: So noch bei Wisniewski
(dort ohne Kommentar) und im Duden bis 1984, wo allerdings auf die spezifischen
Hauptsatz-Korrelate (da-Partikeln) verwiesen wird, die aber wiederum eine starke
Relativierung des Kausalwertes darstellen.

So hält denn auch die Kausalhaltigkeit korrelatbezogener daß-Sätze, wie sie der
Duden immerhin noch in der 84er Ausgabe vertritt, einer näheren Überprüfung
nicht stand. Es handelt sich nämlich in derartigen Fällen um Präpositionalobjekt-
sätze. Im 59er und 66er-Duden heißt es z.B., daß daß auch reine Kausalität zum

46
Ausdruck bringen könne, wenn es in Verbindung mit Hauptsatz-Korrelaten auf-
trete, doch stehe, besonders bei daher u.ä., meist die stärker kausal empfundene
Konjunktion weil.73
Der Beispielsatz für kausales daß mit Hauptsatz-Korrelat hieß 1966:
„Das zeigte sich besonders daran, daß er schmutzige Füße hatte“74,

Der Beispielsatz von 1984 hieß:


„Das kommt daher, daß du nicht aufgepaßt hast“.75

Indes handelt es sich in keinem der beiden Fälle wirklich um ein Kausalgefüge,
schon gar nicht im ersten, wo sich die Kausalität fast vollständig verflüchtigt hat.
Im zweiten Fall, wo das Pronominaladverb daher immerhin begründend fungiert,
gelingt weder die Ersatzprobe mit da oder weil, noch die Substitution mit denn,
auch lassen sich die beiden verbalen Setzungen nicht umstellen, wie das in einem
echten Kausalsatz sehr wohl möglich ist.76
• Das zeigte sich besonders daran, denn er hatte schmutzige Füße.
• Weil er schmutzige Füße hatte, das zeigte sich daran.
• Daß du nicht aufgepaßt hast, das kommt daher.

Ähnlich auch bei Brinkmann, der die mögliche Transformation im Ursache-Wir-


kungs-Feld als Unterscheidungskriterium gegenüber daß-Sätzen in Funktion „ent-
faltender Gliedsätze“ sieht:
„Der Vater weinte, daß sich seine mächtige Brust schüttelte“ kann in einen Konse-
kutivsatz: „Weil der Vater weinte..,“ umgeformt werden, nicht aber „Die Mutter
weinte (darüber), daß der Sohn sie verließ“ in „Weil die Mutter weinte, verließ sie
der Sohn“ transformiert werden.77

Anders geht Zifonun vor: Sie übernimmt einschließlich der Beispielsätze („Er muß
im Garten sein, daß../ Ob er im Garten ist, daß..“) den bei Boettcher/Sitta als Folge-
rung-Vermutungsbeleg typisierten daß-Satz, ordnet ihn aber als kausalen Spezial-
fall – „peripherer Kausalsatz“ – dem Kausalfeld zu.
Die Anschlußwertcharakteristik wird reduktiv-folgernd bestimmt: „In reduktiven
Schlüssen wird gelegentlich, wenn ein expliziter Folgerungsindikator wie vermut-
lich, wahrscheinlich, ein deliberatives ob oder ein epistemisch verwendetes Modal-
verb vorhanden ist, auch der Subjunktor daß gesetzt.“78
Mithin läßt sich konstatieren, daß die Gegenwartssprache im Gegensatz zum
früheren Deutsch kein daß im engeren Kausalsinne mehr bereithält. Diesem Tatbe-
stand haben die Autoren Rechnung getragen und sich um adäquate Kategorialisie-
rungen bemüht.

47
5.1.2.2. daß konditional

Konditionalverwendung von bloßem daß nennt nur der Duden 1973:


„Mitunter ist wenn mit daß austauschbar. Falls kann hier nicht gebraucht werden.
Die Sätze mit wenn, die sich auf ein Satzglied als Trägersatz beziehen, stehen den
Inhaltssätzen nahe, enthalten aber zusätzlich ein bedingendes Moment und daher
einen Unbestimmtheitsfaktor.“79

Bei dem exemplarischen Satz: „Das ist die Folge, wenn (daß) man so gutmütig ist“
handelt es sich formal gesehen aber um einen Gleichsetzungsnominativ. Diese Pro-
blematik sehen auch die Autoren und weisen daher selbst auf diese Ambivalenz hin:
„Die Sätze mit wenn, die sich auf ein Satzglied des Trägersatzes beziehen, stehen
den Inhaltssätzen nahe, enthalten aber zusätzlich ein bedingendes Moment und
dadurch einen Unbestimmtheitsfaktor.“80

Diese Schwierigkeit ist wohl der Grund, weshalb die späteren Duden-Fassungen die
Konditionalzuordnung aufgegeben haben.

5.1.2.3. daß final

Finales daß, heute noch in gehobener, aber auch in gesprochener und regiona-
ler Sprache zu findende daß-Verwendung, wird von den meisten Sprachlehren
genannt. Die „Grammatik der deutschen Sprache“ weist diesen Gebrauch als vor
allem umgangssprachlich aus, beispielsweise in dem Satz: „Ich fahr’ lieber mit
einem Zug früher, daß es nicht so spät wird.“81 Landschaftlich geprägt ist die häufi-
ge Finalverwendung von daß im Schwäbischen:
„dua schdääd, daß de ed na’haagleschd“ (tu langsam, damit du nicht hinfällst).82
In fast allen Fällen erscheint Finalität als kausale Untergruppe. Uneindeutigkeiten
der Zuordnung gibt es bei dieser fest umrissenen Funktion („volitiver Redehinter-
grund“83, Zweck, Ziel u.ä.) erwartungsgemäß nicht, doch hat der Duden ‘84/95 in
Anlehnung an Boettcher/Sitta die Kategorie final durch den Typ Motivation, Varian-
te kausal weiter spezifiziert. (Boettcher/Sitta beziehen diesen Anschlußwert auf um
zu-Sätze und da- und wollen-Konstruktionen, die die „Angabe der Motivation für
eine ausgeführte bzw. fest geplante Handlungsweise“ signalisieren.84

5.1.2.4. daß konsekutiv

Auch diese daß-Variante ist vor allem der Schriftsprache vorbehalten und fest in der
modernen Grammatikschreibung verankert. Literarische Beispielsätze des Duden
sind etwa:
„Ich werde ihn belohnen, daß seine Enkel noch davon erzählen mögen“(Frisch),
oder „Ist er Gott, daß er weiß, was geschehen muß“ (Remarque).85
Zifonun sieht diese Verwendung dagegen nicht als schriftsprachliche Variante,
sondern weist darauf hin, daß gelegentlich in gesprochener Sprache reine daß-
Sätze ohne Katadeixis zur Signalisierung von Konsekutivität eingesetzt werden.

48
„Sie hat das Radio aufgedreht, daß alle Nachbarn sich beschwerten“.86

In der Anschlußbewertung ist man sich in der Grammatikliteratur einig. Entweder


man betrachtet Konsekutivität als kausale Subsumptivklasse oder aber als eigen-
ständige Klasse.
Eine Abweichung stellt nur der Duden 1935 dar, der eigens auf die Identität von
daß = so daß hinweist und hier das Kriterium Folge mit Modalität („Weise“) gleich-
setzt.
Einen interessanten Konsekutiv-Typus kreieren Boettcher/Sitta: konsekutiv-spe-
ziell (gegenüber konsekutiv-global für so – daß). Konsekutives daß ohne Kombina-
tionspartikel, wie etwa in dem Satz: „Er sang, daß wir lachten“, wird als Modifika-
tion „empathisch“ der Variante „konsekutiv positiv“ bewertet und mit folgender
Charakteristik versehen: Der Verhältnissatz schließt an eine im Bezugssatz nicht
realisierte, aber von der Verhältnissetzung und den phonodischen Gegebenheiten
her erschließbare Stelle ‘so’ (lustig/peinlich/usw.) an.“87

Die Duden-Ausgaben seit 1984 führen die von Boettcher/Sitta adaptierten


Bezeichnungen konsekutiv allgemein bzw. speziell in ihrer Übersicht über die Ver-
hältnisbeziehungen nur für die kombinierten Formen: so daß = allgemein, so (-) daß
= speziell. Hier liegt allerdings eine gewisse Ungenauigkeit in der Zuordnung zu
den Konsekutivtypen und -Varianten vor: Reines daß wird dort vorab in der Aufzäh-
lung repräsentativer Konsekutivkonjunktionen zwar allgemein als Anschlußmittel
genannt und durch unten zitiertes Beispiel auch im Wortartteil „Konjunktionen“88
als konsekutiv ausgewiesen, dann aber in der o.g. Übersicht bei den speziellen
Modifikationen nicht näher spezifiziert oder durch Beispiel repräsentiert. D.h. der
Leser ist mit der Frage allein gelassen, ob bloßes daß nun der Subklasse konseku-
tiv-allgemein oder konsekutiv-speziell angehört. Eine Inkonsequenz, die dadurch
entsteht, daß der Duden die zitierten konjunktionalen Anschlußmittel nicht immer
eindeutig zuordnet.
Analog der Boettcher/Sitta-Anschlußwertung kann reines daß wie schon oben
dargelegt in konsekutiver Funktion aber nur dem Bereich „speziell“ zugeordnet
werden (Weglassung des so). Das von dort inspirierte Duden-Beispiel: „Sie sangen,
daß sie heiser wurden“89 müßte nach Boettcher/Sitta als „konsekutiv-speziell, Modi-
fikation empathisch, Variante konsekutiv positiv“ eingestuft werden.

Bisher zum Konsekutivspektrum zählende daß-Varianten folgenden Valeurs:


„Sie muß krank sein, daß sie nicht gekommen ist“90

werden nun (Boettcher/Sitta, Duden ‘84/95) als Folgerung – Vermutungsbeleg aus


dem Typ „Konsekutivsätze“ ausgeklammert.
Eine weitere Boettcher/Sitta-Typisierung für bloßes daß, die der neuere Duden
nicht übernommen hat, ist Folgerung-Bewertungsgrundlage (s.u.).

49
5.1.2.5. daß Folgerung-Vermutungsbeleg

Sätze wie:
„Er muß im Garten sein, daß er nicht aufmacht.
Ob er im Garten ist, daß er nicht aufmacht?“91

repräsentieren als terminologische Neuerung den Typ „Folgerung“ mit der Variante
„Vermutungsbeleg“.
Zwar liegt auch hier, wie die Definition „Folgerung“ schon sagt, ein konsekutives
Element vor, dem jedoch in Abgrenzung zur reinen Konsekutivität noch ein Vermu-
tungsmoment hinzutritt. Dieses kann sich, wie im ersten Beispiel, auf ein Modalverb
beziehen, oder, wie im zweiten Satz, auf die Fragecharakteristik des ganzen Teilsat-
zes. Weitere Möglichkeiten sind lexikalische Elemente wie „sicherlich, wahrschein-
lich“ etc.92
Anschlußwert ist also laut Boettcher/Sitta ungefähr folgender: Die Verhältnisset-
zung (Adverbialsatz) enthält einen Befund, der einen Rückschluß evoziert, den die
Bezugssetzung (Hauptsatz) nennt. D.h. „der Inhalt der Verhältnissetzung dient als
Beleg, als Grundlage für die Vermutung, und die Bezugssetzung enthält (in Vermu-
tungs-Frage-Charakteristik) die Ursache für den Inhalt der Verhältnissetzung. Dieser
implizierte kausale Bezug wird deutlich, wenn man die Vermutungscharakteristik in
der Bezugssetzung eliminiert: man erhält dann einen Kausalbezug: Da er im Garten
ist, macht er nicht auf.“93
Wie oben ausgeführt, hätte Zifonun diesen Typ als peripheren Kausalsatz klassi-
fiziert.

5.1.2.6. daß Folgerung-Bewertungsgrundlage

Etwas komplizierter mutet die semantische Spezifizierung des kategorialen


Anschlußtyps Folgerung-Bewertungsgrundlage an. Ausschlaggebend ist hier eine
semantische Restriktion.
Beispiel:
„Du bist dumm, daß du diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hast.
Du bist ein Idiot,daß du diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hast.
Du hast sie nicht mehr alle, daß du diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hast.94

Für diese Sätze ist folgende semantische Charakteristik obligatorisch:


Der daß-Satz kann sich nur auf Adjektive beziehen, die sowohl personenbewer-
tend als auch sachverhaltsbewertend sein können. Operational bzw. in der Termi-
nologie von Boettcher/Sitta heißt das:
„Die Ersatzklasse ist identisch mit der Durchschnittsmenge der beiden Adjektiv-
Ersatzklassen in den beiden verbalen Semantemen ‘xig-sein // eine Person’ und
„x-ig sein // ein Sachverhalt“.95

50
Analoge semantische Formulierungen sehen Boettcher/Sitta auch für die nomi-
nale und verbale Paraphrasierung „Du bist ein Idiot, daß...“ und „Du hast sie nicht
mehr alle, daß...“ gegeben. Das Nomen „Idiot“ und das „verbale Semantem“ besit-
zen nämlich beide „eine Bewertungscharakteristik, die sowohl auf Personen als
auch auf Sachverhalte anwendbar ist“.96
Um den Kategorialwert Folgerung-Bewertungsgrundlage zu erfüllen, muß also
offensichtlich eine Umformulierung in „Du verhältst dich dumm, daß...“ möglich
sein. Dies würde auch der Anschlußwertcharakteristik entsprechen: „..die Bewer-
tung einer Handlungsweise einer Person wird auf diese Person selbst als Charakte-
risierung übertragen. Daher ist auch folgende Bewertungsübertragung möglich:
„Daß du diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hast! Das ist dumm von dir.“97
Beispielsweise können die Adjektive „dick“ und „müde“ nicht für den Typ Bewer-
tungsgrundlage zugelassen werden, weil sie nur auf eines der geforderten Spezifika
zutreffen. Dem widerspricht nicht, daß man beide Eigenschaftsbezeichnungen auch
in übertragenem Sinne benutzen kann, etwa „dicke Freundschaft“ oder „müdes
Lächeln“. Es liegen dann nämlich in beiden Semantemen unterschiedliche Wortin-
halte vor und mithin „zwei verschiedene Zeichen“. So ist zwar „Du bist intelligent/
freundlich, daß du diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hast“ möglich, nicht
aber „Du bist dick/ müde, daß du diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hast.“
Verwechslungen beider Folgerungstypen sind nicht möglich, da dem Typ Ver-
mutungsbeleg die konstitutiven semantischen Restriktionen fehlen und dem Typ
Bewertungsgrundlage der Vermutungscharakter, so daß etwa der Satz „Ob er
dumm ist, daß er diese Gelegenheit nicht wahrgenommen hat?“ eindeutig dem Typ
Vermutungsbeleg angehört.

Diese Fälle sind insofern besonders interessant, weil sie bislang – ihrer schwieri-
gen Anschlußwertigkeit halber – aus der grammatischen Erfassung weitgehendst
ausgeklammert waren. Satzgefüge wie: „Der Mann war klug, daß ...“ konnten mit
den herkömmlichen Kategorien allenfalls im Zwischenbereich kausal-konsekutiv
oder konsekutiv-modal untergebracht werden, blieben aber ambivalent.

5.1.2.7. Resümee

Nimmt man die ohnehin singuläre und auch von den Autoren relativierte Konditi-
onal- und Kausalklassifizierung aus dem Kategorien-Kanon heraus, gerechtfertigt
dadurch, daß sich die nur scheinbar semantischen Anschlußwerte als Inhaltsset-
zungen erweisen, so bleiben letztlich zwei große Zuordnungsfelder: Finalität und
Konsekutivität, wobei man mit Boettcher/Sitta den Globalbegriff konsekutiv weiter
aufbrechen und zwei Folgerungstypen (Vermutungsbeleg, Bewertungsgrundlage)
ausgliedern kann.
Nimmt man diese Arbeitsergebnisse als Grundlage, so ist festzustellen, daß das
kombinationslose daß in der heutigen Sprache insgesamt noch vier semantische
Bezugsverhältnisse zu repräsentieren vermag.

51
5.2. Die daß-Kombinationen

5.2.1. Sprachlicher Strukturwandel und grammatische Klassifikation

Daß, von allen subordinierenden Konjunktionen die „abstrakteste“, wird häufig


von Korrelaten begleitet, die die Aufgabe haben, Beziehungen innerhalb des Satz-
gefüges zu konkretisieren. Schulz/Griesbach heben hervor, daß sie als rein gramma-
tische Konjunktion keine Inhalte, sondern nur syntaktische Verhältnisse signalisie-
rend, erst „im Zusammenwirken mit Präpositionen, mit anderen Konjunktionen, mit
bestimmten Wörtern und Ausdrücken“ inhaltliche Beziehungen erkennen läßt.98
Diese semantisch notierten Korrelate sind als Einleitungselemente wesentliche
differenzierende Sprachmittel, während der Subjunktor daß dabei als „Neben-
satzoperator“ fungiert.99 Ist das Korrelat selbst zweideutig, wie etwa im Falle von
dadurch, muß im einzelnen genau der Anschlußwert untersucht werden.
Verbindungen mit daß – in Form von Korrelaten oder direktem Wortverband – sind
recht zahlreich.
Als „echte“ Konjunktionen allgemein anerkannt sind allerdings nur daß-Verbin-
dungen mit Präpositionen oder Adverbien:
(zu) als daß/ anstelle daß/ (an)statt daß/ außer daß/ derartig, daß, dermaßen,
daß/ kaum daß/ nur daß/ ohne daß/ so (so-) daß, solch/daß etc. und feste For-
meln wie es sei denn, daß und im Falle daß.

Die Fügungen auf daß und, seltener (nur im Duden ‘35 und bei Schulz/Griesbach),
bis daß sind teilweise noch aufgenommen, jedoch dem gehobenen, älteren, regi-
onalen oder auch ironiserenden Sprachgebrauch zugewiesen, also dort, wo eine
spezielle Stilwirkung intendiert ist.

Kontroverse Meinungen gibt es bei der Einordnung partizipialer oder nomina-


ler daß-Verbindungen, die mehrere Grammatiker (Duden, Boettcher/Sitta) nicht
als eigentliche Konjunktionen anerkennen, da es sich hierbei formalgrammatisch
um Inhaltssetzungen (Boettcher/Sitta) bzw. Attributsätze oder um Partizipien mit
einem Inhaltssatz als Subjekt (Duden) handelt. Schon der Duden 1959 vertritt die
Ansicht, konditionale Fügungen wie etwa vorausgesetzt daß, gesetzt den Fall, daß
etc. seien – aus den genannten Gründen – keine Konjunktionen. Lediglich als Aus-
nahme akzeptiert, auch von Boettcher/Sitta und entsprechend im neueren Duden,
ist der Ausdruck im Falle daß, der ersatzlos für wenn stehen kann. Ganz ähnlich liegt
es bei der (aus einer Nominalfügung entstandenen) Kombination anstelle daß.
Die Autoren der „Grammatik der deutschen Sprache“, die darauf verweisen, daß
auch komplexere Verbindungen häufig als Subjunktoren eingeschätzt werden,
äußern sich hier vorsichtiger. Sie ordnen sowohl „Partizipien II (+ Korrelat/Komple-
ment) und daß“ und vergleichbare Verbindungen „aus der Präpositionalphrase und
daß“, also Kombinationen wie vorausgesetzt/angenommen/gesetzt den Fall/abge-
sehen davon, daß oder die „erstarrte Floskel es sei denn, daß“, aber auch nominale
Ausdrücke wie unter der Voraussetzung/unter der Annahme/unter der Bedingung/
im Falle/für den Fall, daß als zumindest „subjunktorähnlich“ dem konjunktional
subordinierenden Wortartbereich zu.100

52
An solchen Phänomenen zeigt sich, daß in diesem Bereich noch immer sprachliche
Umbildungen und Funktionsverschiebungen stattfinden.
Und gewiß werden der Konjunktionalisierung von für den Fall, daß bzw. im Falle,
daß auch andere Nominalverbindungen nachfolgen:
„Entsprechend können die Verbindungen mit zusätzlichem Subjunktor daß, der
vom Kopfnomen der Phrase regiert wird, als Elemente betrachtet werden, die auf
dem Wege zur Grammatikalisierung als Subjunktor sind.“101

Auch wenn man zugesteht, daß nominale und partizipiale daß-Komplexe tatsäch-
lich dem Formenkreis rein syntaktischer Funktionen zugehören und höchstens in
einem semantisch übergeordneten Sinn als verhältnisstiftend bezeichnet werden,
so sind sie aber jedenfalls Fügungen, die daß zur Entfaltung ihrer subtilen Semantik
als konjunktionalen Träger brauchen.
In den herangezogenen Sprachlehren werden immerhin rund 40 Kombinationen
aufgeführt (rechnet man alle Varianten, beispielsweise so daß/ so – daß, solch – daß
jeweils einzeln), also eine beachtliche Palette. Dies beweist nicht zuletzt, daß die
Konjunktion daß – trotz relativ gefestigtem semantischem Konjunktionenarsenal
mit ausgeprägter Anschlußwertigkeit – für den Ausbau konjunktionaler Sinnbezü-
ge noch immer unentbehrlich ist.
Ja, es scheint, daß sie aus alter ererbter Offenheit heraus als flexibelste und unge-
bundendste Konjunktion gerade jene Bedeutungsvaleurs aufzufangen hat, die sich
sonst nicht mit den scharf profilierten Konjunktionen der semantischen Großgrup-
pen ausdrücken lassen.

5.2.2. Funktionale und terminologische Problematik: Zuordnungsdifferenzen


und kategorienvariable daß-Verbindungen

Liest man die Liste der kategorialen Zuordnungen aufmerksam durch, so zeichnet
sich sehr wohl auch für die Grammatik der Gegenwartssprache die Crux abweichen-
der Einschätzungen im semantischen Bereich ab. Abgesehen von einem vorhande-
nen Grundkonsens divergieren die Ansichten über die charakteristischen Spezifika
durchaus in nicht unerheblichem Maße.
Der Duden und zahlreiche andere Sprachlehren halten sich an das Schema Groß-
gruppen mit Unterteilung (etwa kausal – konsekutiv/ kausal – final etc.), andere
verzichten auf die Subsumption und setzten die Subklassen als gleichwertige Kate-
gorien an.
Das kategoriale Schema reicht von kausal über die „gängigen“ Klassen konsekutiv,
konditional, konzessiv, final, temporal, modal, exzeptiv, adversativ, restriktiv bis zu
den von Boettcher/Sitta neu eingeführten Bezeichnungen, denen der 84er und 95er
Duden partiell (besonders für die Neuordnung der so (-) daß-Sätze und die Eingliede-
rung von außer daß) folgt. Andere Einteilungskriterien hat teilweise auch Zifonun,
auf deren Kategorialisierung einzelner Beispiele noch einzugehen sein wird.
M. E. stellt das von Boettcher/Sitta erarbeitete Schema von Anschlußwerten (Kate-
gorien) das bisher praktikabelste und unangreifbarste Einordnungsprinzip dar,
wenngleich die Terminologie einigermaßen gewöhnungsbedürftig ist. Es gelingt
den Autoren, alle semantischen Haupt- und Zwischenbereiche lückenlos einzuord-

53
nen, ohne Bedeutungsüberschneidungen oder semantische „Restmengen“ in Kauf
nehmen zu müssen.
Als problemorientiert erweist sich die komplex angelegte Abhandlung zu den
Subjunktoren Zifonun, wenngleich (strukturbedingt) weniger gut überschaubar
und scharfkonturiert. Da jeweils von anderen Kritierien ausgehend, ergeben sich
zwangsläufig Bedeutungsüberlagerungen oder Façettierungen ein- und desselben
Sachverhalts. So z.B., wenn außer daß in restriktiver Funktion gleichzeitig auch
modusdifferenzierend qualifiziert wird (s.u.).
Da eine genaue Untersuchung aller rund 40 daß-Kombinationen den Rahmen die-
ser Arbeit restlos sprengen würde, soll hier nur eine kleine Auswahl diskussionsbe-
dürftiger, d.h. kategorienvariabler Zuordnungen vorgestellt werden und so Fragen
und Probleme auf diesem Gebiet der modernen Syntax exemplarisch beleuchten.
Greifen wir einige für diese Problematik typischen Beispiele heraus:
die Kombinationen damit daß, außer daß, nur daß und den so (-) daß-Komplex.

5.2.2.1. damit daß

Damit daß wird in der Grundrelation als modal eingestuft, aber keineswegs durch-
weg. Helbig hat sich hier für kausal-Zweck, also Finalwertigkeit entschieden. Wo es
ansonsten als Grundkategorie kausal definiert ist, wie bei Wisniewski und Duden
1959 (also eher die konservativen Modelle; spätere Dudenausgaben führen diese
daß-Kombination gar nicht mehr), wird es instrumental subsumiert. Aber auch
Modal-Kategorie wird vorgeschlagen und instrumental modifiziert oder durch
vergleichbare Varianten wie „Handlungsausführung“ (Boettcher/Sitta), „Angabe
des Mittels“ (Schulz/Griesbach) subkategorialisiert, so daß sich der Benutzer fragt
– instrumental, oder kausal- oder modal-instrumental? Ein weiterer Untertyp ist
Schulz-Griesbachs zweite Variante „Hervorhebung“. Nun sollte man annehmen,
modal und kausal seien zwei durchaus verschiedene Bereiche – aber wie man sieht,
ist es selbst in so scheinbar differenzierten semantischen Feldern mitunter proble-
matisch, fein säuberlich zu trennen.

5.2.2.2. außer daß und nur daß

Das zeigt auch ein Beispiel wie außer daß, traditionell als ausschließende Konjunk-
tion angesehen. Erst neuere Ansätze machen auf verschiedenartige Verwendungs-
weisen aufmerksam. Ganz davon abgesehen, daß hier die Begriffe „exzeptiv“ und
„restriktiv“ konkurrieren, wird hier auch das Modalfeld als Zuordnungsbereich
bemüht.
Engel z.B. differenziert „modal restriktiv-komitativ“. Letzteres ein Begriff, den
Kürschner für (an)statt und ohne daß wählt. Nach Engel sind „komitative Anga-
besätze“ solche, die „ein Geschehen als begleitenden oder alternativen Umstand
oder als fehlenden Begleitumstand zum Obersatzgeschehen“ kennzeichnen, wobei
(an)statt daß den alternativen, aber faktisch nicht realisierten, außer daß den feh-
lenden Begleitumstand signalisiert.102
Boettcher/Sitta haben außer daß auf zwei Grundrelationen verteilt (Aussa-
genpräzisierung-Vorbehalt/ Konfrontation-Exzeptiv), eine Terminologie, die die

54
Dudengrammatik 1984 grundsätzlich übernimmt, dabei aber exzeptiv durch aus-
grenzend ersetzt.
• Aussagenpräzisierung-Vorbehalt:
„Er ist eigentlich ganz sympathisch, außer daß er ziemlich eitel ist.“
• Konfrontation-Exzeptiv
„Außer daß er x getan hat, hat er nichts getan.“ bzw.
„Außer daß er aufgeräumt hat, hat er (auch) (noch) abgewaschen.“103

Der Unterschied im Anschlußwert ist folgender:


Bei Aussagenpräzisierung-Vorbehalt wird „der Vorbehalt für die in der Bezugsset-
zung gemachte globale Aussage gegeben“ (Umformung mit „sonst“, „im übrigen“
möglich: „...sonst ist er ganz sympathisch“).

Bei Konfrontation-Exzeptiv grenzt die Verhältnissetzung „einen Tätigkeitsbe-


reich aus dem Restbereich der Gesamttätigkeit aus.“ Dieser Bedeutungsgemein-
samkeit geben verschiedene semantische Signale ( nichts, auch noch) eine jeweils
andere Richtung (Nichterfüllung/ Überbietung einer Erwartung), ohne daß die
Anschlußwertung weiter unterteilt werden müßte. In dieser Weise unterscheidet
auch Zifonun divergierende Bedeutungsbereiche: Ein Satz wie: „Nichts hat mir Freu-
de gemacht, außer daß du so nett zu mir warst“ ist restriktiv bestimmt, insofern hier
– dies die Anschlußwertspezifik – die Gültigkeit einer Aussage beschränkt wird.104

Dagegen kann ein Satz wie „Außer daß ich für dich gekocht habe, habe ich mein
Manuskript fertiggestellt“ nicht einschränkend bzw. ausgrenzend gemeint sein und
wird denn auch als additiv definiert und und den „peripher konfrontativen Satzad-
verbialsätzen“ zugeordnet.105
Periphere Satzadverbialsätze, zu denen neben den Konfrontativsätzen auch die
Komitativsätze gehören, „modifizieren oder spezifizieren keinen der möglichen
Aspekte des Obersatzes [Proposition/Modus], ebensowenig sind sie als ein Kom-
mentar auf Modus- oder Diktumsebene zu betrachten. Sie bezeichnen stets – aus
Sprechersicht – wahre Sachverhalte...“106
Der Zusammenhang zum Hauptsatz beruht „auf Sachverhalts- bzw. Ereignisrelationen
wie ‘Gleichzeitigkeit’, ‘zeitliche Überlappung’, oder ‘Gegensätzlichkeit’...“. Die Umfor-
mung in eine koordinative Struktur ist daher leicht möglich, wobei die Sachverhaltsrela-
tionen dann durch Adverbien wie außerdem, statt dessen... signalisiert werden.
Auf unseren Beispielsatz angewandt:
„Außer daß leitet hier einen Konfrontativsatz ein, bei dem zwei Sachverhalte ein-
ander gegenübergestellt werden, ohne daß zwischen ihnen eine Beziehung der
Modifikation oder Restrikton bestünde.“ Die Gültigkeit des Haupsatzes wird durch
den Nebensatz nicht eingeschränkt.107

Zifonun nennt darüber hinaus eine weitere Variante der Kombination außer daß:
Restriktivsätze mit außer daß werden „auch zur Modifikation des Modus dicendi
verwendet.“108 Damit stellt sich diese Verwendungsweise allerdings nur als eine
Aspekt-Variante restriktiver außer daß-Sätze dar.

55
Zum Kreis der modusmodifizierenden Nebensätze zählt neben restriktivem außer
daß auch das restriktive nur daß, welches im übrigen eine ähnlich komplizierte
Bedeutungsvariabilität bzw. -zuordnung besitzt:
Restriktives „Nur daß du so nett zu mir warst, hat mir Freude gemacht“ kann pro-
blemlos durch den Negationsausdruck außer (daß) ersetzt werden: „Nichts hat mir
Freude gemacht, außer daß ...“.

Daraus folgert Zifonun analoge Einordnung für außer daß und nur daß mit der
Einschränkung: „nur bei für einen propositionsbezeichnenden Termsatz subkate-
gorisierten Ausdrücken (Verben und Nomina) möglich“.109
Statt „Es gibt nur den Ausweg, daß wir ihn um Hilfe bitten“ ist auch als daß mög-
lich: „Es gibt keinen anderen Ausweg, als daß wir ihn um Hilfe bitten.“
Als daß, ansonsten als Vergleichssatz geführt, kann hier nur daß ersetzen.

Für beide Konjunktionen gilt in restriktiver Verwendung die Anschlußwertigkeit


von modusmodifizierenden Nebensätzen:
„Modusmodifizierende Nebensätze beziehen sich stets auf repräsentatives Wis-
sen... Sie sind...im Aussage-, eingeschränkt auch im Frage-Modus verwendbar und
schränken den Gültigkeitsanspruch, der für das Gesagte unter dem Aspekt ‘so ist
es’ angemeldet wird, in unterschiedlicher Weise ein.“110

Die speziell für außer daß und nur daß zutreffende restriktive Feincharakteristik
definiert sich folgendermaßen: Mit dem daß-Satz wird ein Aspekt genannt, „der
der uneingeschränkten Gültigkeit des Gesagten entgegensteht, von dem also abzu-
sehen ist; das Gesagte soll nur unter diesem Vorbehalt gelten.“111
Um es noch einmal deutlich zu sagen: Zifonun ordnet die nur daß-Sätze zwei
verschiedenen Klassen zu: den Restriktivsätzen und den modusdifferenzierenden,
wobei letztere den Charakter einer variantenbedingten Subklassifikation restriktiv-
modusdifferenzierend haben.
Dabei ergibt sich folgendes Problem: Die Globaldefinition der Restriktiv-Klasse ist
mit der der modusdifferenzierenden Nebensätze identisch:
restriktiv: die Gültigkeit einer Aussage beschränkend,
modusdifferenzierend: Einschränkung eines Gültigkeitsanspruchs.112

Erst die Charakteristik von außer daß und nur daß stellt die, wenn auch minimale
Bedeutungsabweichung/Spezifizierung her, wobei hier aber nicht in Subklassen hie-
rarchisiert, sondern einfach auf zwei Klassen verteilt wird. Das geschieht allerdings
nicht unreflektiert, sondern unter Hinweis auf die kategoriale Überschneidung:
Außer daß und nur daß sind aus dem Restriktiv-Kapitel als variabel abgehoben, da
hier „verschiedene Gebrauchsweisen mit jeweils unterschiedlichen Bezugsberei-
chen“ erkennbar sind, „die eine differenzierte Einordnung als kategorienvariable
Nebensätze nahelegen.“
Ansonsten schwankt die Nomenklatur zwischen rein modal (Wisniewski) und
Einschränkung bzw. restriktiv. Boettcher/Sitta haben sich auch hier wieder von der
alten Terminologie verabschiedet und schreiben Aussagenpräzisierung-Vorbehalt.

56
5.2.2.3. Die Kombinationen der Konsekutivgruppe: so daß und Varianten -
ausgewählte Beispiele der Grammatik-Diskussion

Ganz allgemein kann Konsekutivität wie Finalität als Variante des Kausalverhält-
nisses angesehen werden:
„Bei der kausalen Beziehung handelt es sich um das Verhältnis zwischen Ursache
und Wirkung, das von beiden Seiten ausformuliert werden kann,“113 d.h. einmal
von der Ursache her und einmal von der Wirkung her.

Der Begriff Wirkung umfaßt laut Brinkmann zwei Modalitäten:


beabsichtigte Wirkung = Finalität,
unbeabsichtigte Wirkung = Konsekutivität.

(Dabei bleibt sehr fraglich, ob man dem Konsekutivbezug wirklich das Kriterium
„unbeabsichtigt“ beilegen kann. In einem Satz wie: ‘Er reparierte den Motor, so daß
wir am Montag doch noch in Urlaub fahren konnten’ kann man gewiß nicht von
unbeabsichtigter Wirkung sprechen – und von dieser Art ließen sich beliebig viele
Satzbeispiele bilden).
Sinnvoller gefaßt ist hier die Regularität des Typs bei Strecker in der „Grammatik
der deutschen Sprache“, die besagt, daß die Konsekutivspezifikation aus logi-
scher Sicht die Umkehrung der Kausalspezifikation ist, wobei Kausalität das aus-
führt, „was als auslösend gelten soll“, während Konsekutivität beim Auslösenden
ansetzt.“114 (In diesem Zusammenhang muß auch die ungewohnte Einordnung der
Kombination so daß als final gesehen werden, s.u.). Typisch für so daß-Anschluß ist
die Implikation der Zeitdimension. Da konsekutive daß-Sätze zeitliche Folge abbil-
den, können sie keine Erststellung haben.
Sind Kausalsätze ihrer logisch-semantischen Struktur nach „Antezedens-Neben-
sätze“, so Konsekutivsätze „Konsequens-Nebensätze“. Bei den Konsequens-Sätzen
sind Antezedens und Konsequens in umgekehrter Weise auf Haupt- und Nebensatz
verteilt. Der Nebensatz liefert das Konsequens, der Hauptsatz das Antezedens.
Das Satzgefüge: „Die Rohre platzen, weil Frost herrscht“ enthält zwei „Wahrhei-
ten“; Es wird festgestellt,
1) daß Rohre platzen, wenn Frost herrscht,
2) daß in der Tat Frost herrscht.

D.h. Aus der zusätzlich angenommenen Wahrheit der Voraussetzung ergibt sich
die Wahrheit der Folgerung.115
Allerdings wird das Statement von der Umkehrbarkeit kausaler in konsekutive
Sinnbezüge an anderer Stelle wieder relativiert, wo es heißt, daß die Umkehrung
des logisch-semantischen Status nicht für alle Fälle von Konsekutivität gilt. Und hier
sind wir denn auch schon mitten in der Distingierungsproblematik von so daß- und
so – daß-Sätzen.
Bei adjazentem Gebrauch von so daß kann das Konsekutivgefüge nicht als „wahr-
heitserhaltende“ Umformung von Kausalgefügen verstanden werden, da dort der
Kausalzusammenhang selbst modifiziert wird und der Kausalsatz in den „Skopus
eines Modalsupplements“ gerät.116

57
Dies ist erklärungsbedürftig:
1.a) „Wahrscheinlich sind die Rohre geplatzt, weil Frost herrschte“ kann
nicht bedeutungsgleich transformiert werden in
1.b) „Wahrscheinlich herrschte Frost, so daß ...“.

So daß liegt hier außerhalb des Modalskopus; im zweiten Satz ist die Kausalität
durch „wahrscheinlich“ modifiziert, im ersten aber nicht (es ist Frost):
a)„Es war Frost...“ stimmt nicht überein mit
b)„Es herrschte wahrscheinlich Frost...“.

Im so...daß-Satz dagegen liegt das verweisende Element innerhalb des Modal-


skopus, daher ist Umformung bei nicht-adjazentem Gebrauch möglich:
2.a) „Wahrscheinlich sind die Rohre geplatzt,
weil es so kalt war.“

ist eine zulässige Konvertierung des obigen Kausalgefüges:


2.b) „Wahrscheinlich war es so kalt, daß die Rohre platzten“.
- Es war kalt – die Rohre sind geplatzt
- Es war (so) kalt – die Rohre sind geplatzt.

Es handelt sich hier letztlich um Operationen auf verschiedenen Ebenen: Realitäts-


ebene und logische Ebene.
Wie wir bei Kausalverhältnissen zwischen Grund und Begründung unterscheiden
müssen, so bei Konsekutivverhältnissen zwischen Folge und Folgerung.117
Zifonun bietet für diesen Sachverhalt eine Erklärung an, die hier noch einmal
explizit gemacht werden soll:
Bei adjazentem Gebrauch scheine die Formulierung eines Folgerungsverhältnis-
ses vorzuliegen: Der Nebensatz stellt nämlich eine Kommentierung des Hauptsatzes
auf der Modusebene dar, im Sinne von „und ich folgere daraus“. Anders beim so
– daß-Satz (der hier schlichtweg als „konsekutiver Gradsatz“ klassifiziert wird): „bei
nicht-adjazentem Gebrauch, also bei konsekutiven Gradsätzen“) wird „auf propo-
sitionaler Ebene eine Ursache-Folge-Relation formuliert“.118 (Die hier benutzten
Begriffe Proposition und Modus dicendi bedeuten „Entwurf eines Sachverhalts“
und die „Weise des Sagens“).119

Zusammenfassung:
• adjazenter Gebrauch: konsekutiv – folgernd:
Formulierung eines Folgeverhältnisses.
NS = Kommentierung auf der Modusebene
(etwa im Sinn von: „und ich folgere daraus, daß...)
• nicht-adjazenter Gebrauch: konsekutiv – Gradsätze:
auf propositionaler Ebene wird eine Ursache-Folge-Relation formuliert.

Letzteres ist auch der Grund, warum die so daß-Sätze, im Gegensatz zu den so – daß-Sät-
zen = konsekutive Gradsätze, nicht als „Gliedsätze“ (in der Grammatik der deutschen
Sprache „Termsätze“) eingeordnet werden können, sondern oft zu den „weiterführen-

58
den Nebensätzen“ gezählt werden.120 Dieser Zuweisung schließt sich Zifonun nicht an;
ihre Fassung von „weiterführenden Nebensätzen“ sieht keine so – daß-Sätze vor.

Doch wenden wir uns nun den Konsekutivkonjunktionen zu, die mit Ausnahme von
reinem daß und weshalb ausschließlich Kombinationen mit daß sind.
Die relativ beschränkten Ausdrucksformen der Konsekutivspezifikation, die
gegenüber ihren kausalen Gegenstücken weit weniger klar grammatikalisiert
sind,121 treten häufig in konkurrierenden Formen (adjazent und nicht-adjazent)
auf:
so (...,) daß/ solch...,daß/ derart(ig..) daß/ dermaßen daß/ zu...,als daß; dazu
kommen das nur singulär erfaßte genug, daß und die sinnvariable Kombina-
tion ohne daß.

Die nichtadjazenten Fügungselemente können verschiedenen Hauptsatz-Ele-


menten zugeordnet werden:
so: modifiziert das Verb: Verb + so (schreit so, daß)
als Teil einer Adjektivphrase: sein so + Adj. (ist so gut, daß)
als Teil einer Adverbphrase: Verb so + Adv. (schmeckt so gut, daß)
solch.., derartig..u.ä. (flektiert)
als Teil einer Nominalphrase: solcher Überfluß, daß
solch u.ä. (unflektiert)
als Adjektivmodifikator: derartig abstruse Idee, daß

Bei weitem häufigste Konsekutivkonjunktion ist so (..)daß, von der es drei Erschei-
nungsformen gibt:
so daß / so, daß/ so...,daß.
Zifonun erklärt die Nebensatz-einleitende Fügung so daß historisch aus „einem
Heranrücken der Katadeixis ans Obersatzende und anschließendem Übertritt in den
Untersatz. Dabei verändert sich der Verweisraum grundlegend; es wird nun auf die
durch den daß-Satz ausgedrückte Proposition, nicht mehr auf einen ‘Obersatzas-
pekt’ (Intensitätsgrad) verwiesen.“122

Je nach Positionierung der Bestandteile ist die Verhältnisbeziehung zwischen


Haupt- und Nebensatz semantischen Differenzierungen unterworfen, wie dies
schon oben anklang.
Engel vertritt im übrigen die These, daß die Partikelgruppe so – daß gar keine
Konjunktion ist, da so hier nur graduierender Bestandteil des Hauptsatzes sei (Gra-
duativergänzung). Die Konjunktion selbst laute nur daß. Sätze wie etwa „Er war so
hartnäckig, daß wir ihm nicht mehr zu helfen vermochten“, oder „Ich fühle mich
so fit, daß ich Bäume ausreißen möchte“ bezeichnet er als Ergänzungssätze („Ver-
gleichsergänzung zum Positiv des Adjektivs). Wegen des modifizierenden Elements
stehen sie auch „einer bestimmten Art von Attributsätzen nahe“.123

Die ungetrennte Form so daß wird von allen Grammatiken übereinstimmend als
konsekutiv eingestuft; Abweichungen in der Bezeichnung sind nur terminologi-
scher, nicht aber inhaltlicher Art.

59
Weniger einheitlich fällt die Klassifizierung der nicht- adjazenten Form aus. Hier
wird häufig konsekutiv, nicht selten aber auch modal (beide meist mit Spezifizie-
rung) kategorialisiert. Allerdings weisen fast alle Termini auf ein konsekutives
Grundverhältnis hin, in der subklassifikatorischen Anschlußbewertung gibt es
jedoch Divergenzen bzw. Unterteilungen.

An Konsekutiv- oder Modalvarianten finden sich:


speziell (gegenüber global)
Handlungsausführung
unbeabsichtigte Wirkung
Weise
Grad
Vergleichung
Wirkung
Wunsch
adversativ
final.

Häufigste (konsekutive oder modale) Subklasse ist „Grad“. wobei auch umge-
kehrte Hierarchisierung (Grad-Folge/ Variante Grad-Vergleich124) vorkommt.
Ein wenig sinnvoller Differenzierungsversuch scheint Brinkmanns dreiteilige Vari-
antenunterscheidung:
1. Folge aus einer Eigenschaft: so.., daß (so liebenswürdig, daß)
2. Folge aus einem Verhalten: so, daß (schwankte so, daß)
3. Folge aus einem anderen Vorgang: (so,) daß (zitterte, daß).125

Die Unterteilung in Typ 2) und 3) ist wenig effektiv, dürften sich doch „Vorgang“
und „Verhalten“ im einzelnen nicht immer klar auseinanderhalten lassen, wie nicht
zuletzt die beiden Beispiele zeigen.

Zifonun bewertet die diversen nicht-adjazenten Formen als wesenhaft konsekutiv,


weist aber darauf hin, daß deren grammatischer Status nicht unproblematisch ist:
„Die gemeinsame Verschiebbarkeit ins Vorfeld spricht dafür, das regierte Element
als Teil der (Teil-)Phrase zu betrachten, der das regierende (so, solch-,...) angehört:
‘So unwichtig, daß wir sie übersehen konnten, war die Sache auch wieder nicht.’
Setzt man Rektionsbeziehung und Komplementstatus gleich, so wären die entspre-
chenden daß-Sätze... Komplementsätze zu dem katadeiktischen Ausdruck. Eine
solche Kategorie ist in der vorliegenden Grammatik nicht vorgesehen. Vielmehr
begnügen wir uns mit der Einordnung der Untersätze als Teile eben derjenigen
Komponente oder Teilkomponente, die auch das katadeiktische Element ent-
hält.“126

Nicht-adjazente Konsekutivsätze sind kategorienvariabel und ähneln „den rei-


nen Vergleichssätzen und gradierten Vergleichssätzen.“127

60
Wir wollen uns das einmal etwas näher ansehen:
a) Im Satz:
„Die Firma muß ihre Führung so strukturieren, daß sie die verlegerische Auf-
gabe wahrnehmen kann“ ist der daß-Satz „Teil eines verbgruppenbezogenen
Adverbiale“
(Frage: auf welche Art und Weise? > wie – so).
b) Dagegen im Satz:
„Sie ist so vielfältig..., daß sich jedwede... Auswahl der Fakten aus ihr belegen
läßt“ (die Frage wie bedeutet hier nicht: auf welche Art und Weise, sondern
Grad, Quantität) ist der daß-Satz Teil einer Adjektivgruppe, die ihrerseits als
Prädikativ-Komplement fungiert.

Gegenüber Typ b) (so u.ä. als Teil einer Adjektiv-/ Adverb-/ Nominalphrase oder als
Adjektivmodifikator), wo durch das katadeiktische Element Graduierung gegeben
ist, liegt bei Verbgruppenbezug (Beispiel a) keine Graduierung der Verbgruppe vor.
Sätze vom Typ b) können daher als „konsekutive Gradsätze“ angesehen werden.
Die Folge-Charakteristik muß hier semantisch „der Gesamtproposition“ zugeord-
net werden, bei Typ a) nur dem Denotat der graduierten Phrase selbst.128
Es ist aber zu beachten, daß so + Verb nicht unbedingt Verbgruppenbezug dar-
stellt. So liegt etwa im Beispiel „Er hat sich so geärgert, daß..., erfragbar mit wie
sehr?, kein modaler bzw. vergleichender Aspekt (Art und Weise) vor, sondern ein
graduierender bzw. quantifizierender.
Für Typ a) finde ich bei Zifonun keine Anschlußwertbezeichnung. Zahlreiche
andere Autoren bewerten diesen als konsekutiv-modal (oder umgekehrt).
In jedem Falle ist die Zuordnung solcher Beziehungsgefüge schwierig, weil wir uns
hier – sowohl bei den Vergleichssätzen als auch bei den Gradsätzen – im Bereich der
kategorienvariablen Nebensätze befinden.
An anderer Stelle – im Kapitel über die Vergleichssätze – heißt es bei Zifonun,
die „konsekutiven Gradsätze“ seien dem Spektrum „der Gradsätze im weiteren
Sinn“ zuzuordnen.
Grundsätzlich werden hier zwei Arten von Vergleichssätzen entworfen:
1) reiner Vergleichssatz (meist mit dem Anschlußmittel so – wie, oder, als
dessen Negation, anders – als)
2) Vergleichssatz als Teil von Gradphasen, kurz „Gradsatz“ genannt.

Der Unterschied läßt sich folgendermaßen erfragen:


reiner Vergleichssatz: „auf eine Art (wie)“,
Gradsatz: „in dem Maße/Grad (wie)“.

Beispiel 1)
„Er hat sich so geärgert, wie ich mich nie geärgert hätte“ ist ein vergleichen-
der Gradsatz, (so = reines Korrelat)

Beispiel 2)
„Er hat sich so geärgert, daß ich es mit der Angst zu tun bekam“ ein konsekuti-
ver Gradsatz (so = Deixis).129

61
Für beide Arten von Vergleichssätzen gilt, daß in den analeptisch bis auf die Kon-
junktion verkürzten Vergleichssätzen ein weiterer Nebensatz eingebettet sein
kann:
„Ich wünschte nichts so sehnlich, wie (daß) ich wünschte/ daß...“

Die Stelle des Akkusativobjekts im Hauptsatz ist doppelt besetzt.


Wenn allerdings der „Verbalbegriff“ selbst Gegenstand des Vergleichs ist, wird als
daß gebraucht:
„Er spielte mehr, als daß er arbeitete.“130

Das daß in diesen Sätzen wird also von einem Hauptsatz-Element regiert, die man-
tischen Partikeln modifizieren das Bezugsverhältnis.
Wie daß und als daß müssen daher als vergleichende, nicht als konsekutive Grad-
sätze angesehen werden.
Eine ganz anderen Zugriff auf dieses Problemfeld und eine sehr viel „griffigere“,
weil weniger weitverzweigte, sondern linear entwickelte Betrachtungs- und Dar-
stellungsweise haben wir bei Boettcher/Sitta.
Deren „Kategorialisierungen im Teilbereich konsekutiv“ bieten zwei Typen:
• konsekutiv global (für adjazenten Gebrauch: so daß)
• konsekutiv speziell (so – daß, daß, zu – als daß).

Der spezielle Typ unterteilt sich in Varianten und weiter in deren Modifikationen:
nicht-adjazenter Gebrauch: konsekutiv positiv
reines daß: konsekutiv positiv empathisch
zu..als daß: konsekutiv negativ,
(„empathisch“ ist eine Modifikation der Variante „positiv“).
Der so – daß-Satz als dem konsekutiven Grundtyp (mit konsekutiv-speziell-posi-
tiver Anschlußwertcharakteristik) zugeordnet, wird folgendermaßen charakteri-
siert:
„Die Verhältnissetzung schließt speziell an ein in der Bezugssetzung stehendes so
an, bezieht sich über diese Anschlußstelle hinaus aber kategorial auf den Inhalt der
Bezugssetzung insgesamt. Das läßt sich durch Einfügung eines auf den Bezugsset-
zungs-Inhalt zurückverweisenden ‘deswegen’ in die Verhältnissetzung zeigen: Er
sang so peinlich, daß die Zuhörer deswegen laut lachten.“131

Die ganz singuläre Anschlußwertung „konsekutiv – Wunsch“ im Duden 1995 für fol-
gendes so – daß-Satz-Beispiel: „Sie war dabei so glücklich, daß sie hätte in die Luft springen
wollen“ schließt an Boettcher/Sittas Konsekutiv-Modifikation „optativ“ an, die dort aller-
dings für die Anschlußstruktur mit „um – zu“ reserviert ist. (Sinnäquivalenz für mit „mögen“
explizierbare „modalisierte“ Beispiele des Typs konsekutiv – speziell (Variante ‘konsekutiv
– positiv’: so..., daß). Der Wunsch ist hier als Folge des Hauptsatz-Inhaltes zu verstehen, der
daß-Satz hat Wollen-Charakteristik.132 Wollte man ein „Durchschnittsergebnis“ kategorialer
Zuordnung in diesem Bereich ermitteln, so ließe sich etwa folgendes Fazit formulieren:
Ist so Hauptsatz-Korrelat von daß, so liegt ein konsekutiver Grad-Satz vor, dem auch
Modalität innewohnen kann, wandert das so jedoch direkt vor das daß (und leitet damit den
Nebensatz ein), so bekommen wir einen konsekutiven Folgesatz.

62
Zum Schluß soll noch die sehr ungewöhnliche und nur aus allgemeinen Überlegungen zu
den Spezifika der Finalität herrührende Finaleinordnung von so daß in der Grammatik des
Autorenkollektivs Zifonun, Hoffmann, Strecker u.a. vorgestellt werden: Der Satz „Wir bin-
den die Plane so fest, daß sie auch bei Sturm nicht losgerissen werden kann“ dient im Kapitel
„Finalspezifikation“ u.a. zur Verdeutlichung der typisch finalen Verhältnishaftigkeit.
Möglich wird diese Betrachtungsweise in Hinsicht auf eine wichtige gemeinsame
Funktion von Final-, Kausal- und Konsekutivität:
Alle drei „operieren auf der Basis einer Annahme über Zusammenhänge zwischen
Sachverhalten. Auch Finalspezifiktionen bringen stets eine weitere Proposition ins
Spiel und zeigen diese in einer finalen Beziehung zur Basisproposition....“.
Finale Beziehungen können nur zwischen Sachverhalten bestehen, daher muß
stets zum Hauptsatz-Sachverhalt im Nebensatz ein weiterer hinzukommen. Wenn
diese zweite „Proposition“ explizit formuliert ist, kann ihr die „Funktion als Bestim-
mung eines Ziels, eines Zwecks oder einer Absicht“ durch „einen finalen Subjunktor
wie damit oder eine Kombination wie so daß, so.., daß, solch... daß zugewiesen
werden.133 Insofern können also die typischen Konsekutivkombinationen Finalcha-
rakteristik beanspruchen.

5.2.2.4. zu – als daß

Diese dreigliedrige Kombination wird fast ausschließlich konsekutiv bewertet.


Nur Engel klassifiziert sie modal – komparativ; und der 1935er Duden spricht von
Grad – Vergleichung.
Als konsekutive Varianten sehen sie Boettcher/Sitta (speziell – negativ), Zifonun
(kontrafaktisch), Schulz/Griesbach (nicht mögliche Folge), und der Duden 1984/95
(negative Folge).
Gemeinsame Feincharakteristik ist also die aus dem Gesamtkontext nicht mögli-
che Folge:
„Bei zu... als daß handelt es sich um eine ausgeschlossene, also kontrafaktische
Folge, daher auch der Konjunktiv“134 urteilt Zifonun. Boettcher/Sitta weisen darauf
hin, daß der Anschlußwert prinzipiell der gleiche wie der von ‘Variante positiv’
ist, „er hat lediglich das zusätzliche Merkmal der Negation der Verhältnissetzung.
Beide Varianten lassen sich unter Berücksichtigung dieser Differenz ineinander
überführen:
Er ist zu müde, als daß er heute noch kommt.
Er ist so müde, daß er heute nicht mehr kommt.“135

Eine nur bei Zifonun anzutreffende daß-Kombination ist genug.., daß:

„Auch ein unflektiertes genug kann einen konsekutiven daß-Satz einleiten. Genug
folgt dabei einem unflektierten Adjektiv nach, einem Substantiv kann es vorausge-
hen oder folgen“: Sie ist laut genug, daß man sie hören kann. Er hat genug Erfah-
rungen, daß ihm dieser Fehler nicht hätte unterlaufen dürfen.
Er hat Erfahrung genug, daß ihm dieser Fehler nicht hätte unterlaufen dürfen.136

63
6. Fazit:

Dies der ausschnitthafte Einblick in Methoden und Definitionen moderner daß-


Forschung.
Weitgehende Konvergenz ergab sich auf syntaktischem Feld, wo man aber
semantisches Gebiet betritt, verliert sich das einheitliche Bild: Eindeutigkeiten ver-
abschieden sich, man betritt kategoriale Grenzländer, und nicht immer kommen die
Autoren zu einheitlichen Meinungen. Der Leser, der sich hilfesuchend grammati-
scher Lektüre unterzieht, weiß ein Lied davon zu singen.
So hat sich denn nicht nur die ältere, sondern auch die heutige Grammatikschrei-
bung im semantischen Bereich mit Ein- und Abgrenzungsproblemen herumzuschla-
gen.
Legitimiert wurde dieser grammatische Exkurs in die Gegenwart u.a. damit, ein
vergleichendes Bezugssystem für historische Fragestellungen bereitzustellen und
mit der Sichtung des aktuellen Forschungsstandes auch die Probleme früher Stadien
grammatischer Analyse durchsichtiger zu machen. So gilt es hier, eventuelle Kon-
stanten zu ermitteln oder noch nicht verwirklichte Standards quasi ex negativo vor
dem Hintergrund moderner germanistischer Sprachwissenschaft sichtbar werden
zu lassen.
Daß-Forschung damals und heute – zu dieser Frage wird das Ende dieser Arbeit in
einem kurzen Vergleich noch einmal zurückkehren.

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