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für die Charakterisierung des Positivismus wichtig.

Es ist
Die erkenntnistheoretischen Grundlagen ei~e wenn auch in sich blinde Entwicklung zu einer immer
~eme.ren Erfassung dessen hin, was da g e g eben ist. Es
des Positivismus.
tst eme mehr und mehr fortschreitende "Anpassung der Ge-
Von danken an die Tatsachen", wie Mach sich phänomenologisch
H e d w i g Co n r a d - M a r t i u s ( Berg z a b e rn ). gesehen ungenau, aber für seinen von uns hier hervorge-
hobenen Standpunkt kennzeichnend genug ausdrückt. Und
Mach spricht in dem Vorwort von "Erkenntnis wen~ !Pr~ ve n a ri u s letz.tlich der "analytische Erfahrungs-
und Irrtum" mehrfach von einem in diesem Buch ge- begnff mtt dem "synthetischen" zusammenfällt, so besarrt
botenen Versuch einer Erkenntnispsychologie. Dies die:s, daß alles dasjenige, was a 1s Erfahrung dasteht u;d
ist eine in der Tat kennzeichnende Ausdrucksweise für die aufge~aßt 'Yird,. an ~inen: idealen Endpunkt der biologischen
wesentlichen Ausführungen dieses Werkes. Die psycho- Entwtcklung mtt w tr k li c her Erfahrung zusammenfällt
logischen und biologischen Gesetzmässigkeiten, die Erkennt- d. h. daß in ihm nur Bestandteile des wirklich Seiende~
nis und Wissenschaft hervorgetrieben haben, die Forscher fixiert sind. Der Positvismus ist also streng zu scheiden
und Forschergenerationen von Fragestellung zu Fragestellung, von einem Pragmatismus, 1) der den Sinn von Erkenntnis
von Auffassung zu Auffassung führten, zur Darstellung zu selbst verkehrt, indem er das Wahre identifiziert mit
bringen, das ist die hier gestellte Aufgabe. In seiner "Wärme- dem biologis;::h in irgend einem Sinne Relevanten: wahr ist
lehre" und "Mechanik" ist Mach im Wesentlichen historisch das, was zu biologisch fördernden Handlungen führt. Für
und entwicklungstheoretisch orientiert. Der zweite Band der den ~ragmatismus ist ein Gegebenes, das in der Erkenntnis
,,Kritik der reinen Erfahrung" von Avenarius untersteht ana- als em solches zu fassen wäre, überhaupt nicht vorhanden.
logen Zielen, wenn auch die schematisierende und systema- Das ge~a~e zeichnet den Positivismus vor jeder irgendwie
tisierende Geistesrichtung dieses Philosophen seinen Unter- pragmattsttsch gewendeten Erkenntnistheorie aus daß ihm
suchungen eine vollkommen andere Fassung und Gewandung di~~ wissenschaftliche Ehrfurcht vor dem Gegebenen' immanent
verleiht. A venari u s sucht zu zeigen, wie ganze Weltanschau- ist,, dem man sich erke::~nend "anzupassen" und hinzugeben
ungen durch die Macht blolo5ischer Gesetzmäßigkeiten zum hat. In der Erkenntnis schaffen wir nicht das Seiende
Entstehen und Schwinden gebracht werden und in ihren (in keine~ Sinne),_ sonder~ wir beugen uns ihm. 2 )
immerwährenden Abwandlungen auf dieser biologischen In emem weitesten Smne kann man von Positivismus
Grundlage verständlich zu machen sind. überall dort sprechen, wo ein letztlich gegebenes Seiendes
Bei den genannten Versuchen fällt ein für uns bedeut- vorausgesetzt wird, das als solches zu erfassen Sinn und
sames Moment vor allem auf: Daß die Entwicklung von Wesen aller Erkenntnis ist. Wir allerdinrrs wetden uns mit
Erkenntnis, Forschung und Wissenschaft Gesetzmäßigkelten einem ,,Posit_ivism~s" im en_geren Sinne zu beschäftigen haben,
untersteht, die eine völlige BI in d h e i t der Lebewesen dem an dessen mhalthch bestimmte Lehren sich historisch der
gegenüber möglich machen soll, v;as durch diese ihre eigene Name Positivismus vorzüglich heftet.
Lebensentwicklung letztlich erreicht wird, nämlich reine Er- Dieser (historische) Positivismus ist fast immer ver-
kenntnis. Nicht die bewußte Einstellung auf Erkenntnis und ~urzelt ..in ~in er s k e p t i s c h e n Wendung, gerichtet gegen
die bewußte Einsicht in einen von dem Seienden selbst gefor- dte tatsachliche Gegebenheil alles Dessen, was nach seiner
Mei~ung zu Unrecht als seiend angesetzt worden ist, und
derten Erk~nnt~isweg leitet zu: ~rob_lemstellung und -Iösung,
sondern biOlogtsehe Gesetzmaßtgkelten der Selbsterhaltung damtt auch gegen bestimmte der Artung dieser vermeint-
und Daseinsanpassung, die als solche nichts weniger als 1) Vgl. das demnächst erscheinende Buch von M a x Sc h e 1 er Ober
reinen Erkenntniszielen dienen. Ganz zufällig gewissermaßen "Pragmatismus".
treffen von hier aus gesehen die sich herausbildenden Mei- 2
) La a s spricht immer wieder von den Tatsachen, die wir auf-
nu~gen über das Seiende mit der tatsächlichen Artung dieses zusuchen und nach de11en wir uns :zu richten hab2n, ebenso von
Setenden letzten Endes zusammen. Weil die Lebewesen sich dem "Ge,?ebenen"! dem "unmittelba_r Gegebe!len", "der reinen
in ihrem Dasein erhalten müssen, darum und nur""darum Tatsache . (Idealismus und Poslttvtsmus). \igl. die unten an-
kommt Erkenntnis und Erkenntnisfortschritt zustande~ gegebenen Stellen. Das wissenschaftliche Ideal von Mach besteht
bekanntermassen in einer "übersichtlichen Darstelluna des Tat-
Aber bei dieser eigentümlichen Auffassung des Er- sä~hlichen" (A. d. E., wie im Folgenden immer= "Analyse der Em-
kenntnis weg es bleibt doch der reine Sinn dessen, was pfmdu_ngen" '· Vorwort zur 4 ten Auf!.); für A v en a r i us, wie schon
Erkenntnis s e 1b s t ist, im wesentlichen erhalten. Das ist der Tttel sewes Hauptwerkes zeigt, in der "reinen Erfahrung".

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lic~en pein~bestände .korrespon.dierende Erkenntnismöglich- könne und dürfe. Diese letztere sensualistische Lehre
ketten ), w1e solche m der "remen Anschauung" und in der scheint uns nirgend erwiesen und erkenntnistheoretisch ge-
neuerdings herausgestellter. "kategorialen 2 ) Wahrnehmung" rechtfertigt zu sein, sondern in den positivistischen Schriften
vorliegen. Dieser Skeptizismus wird inhaltlich bestimmt in völlig dogmatischer Weise vorausgesetzt zu sein.
~?rch die L~hre, daß. di~ s.innliche Wahrnehmung Gegen diese unrechtmässige Aus- und Umdeutung der an
(außere oder mnere) dte emZige Seinserfassungsweise und und für sich durchaus rechtmässigen positivistischen Grund-
dementsprechend das "sinnlich Wahrnehmbare" oder auch tendenz auf das Gegebene hin richten wir uns. Wir haben
di~ "Empfindung" das einzig gegebene Erk~nntnismaterial es daher nicht mit dem Inhalt jener Erkenntnispsychologien
set. 3 ) Indem also das "Gegebene", nach dem sich die Er- und -biologien zu tun, obwohl wir keineswegs glauben, dass
kenntnis zu richten habe, festgelegt wird auf das sinnlich diese in irgend einer der von positivistischer Seite gegebenen
Wahrnehmbare, erhält damit jenes positivistische Grund- Formen angenommen werden könnten. Gründen sie doch
prinzip schon eine inhaltlich ganz bestimmte Ausdeutung. schon selbst in dem erwähnten positivistisch -erkenntnis-
Es ist aber zu beachten: wenn jener ersterwähnte Satz, dass theoretischen Dogma. Zudem geraten sie da, wo sie wie
das Gegebene als der letzte Grund aller Erkenntnis anzu- bei A venari us die Gewandung naturgesetzlicher Absolutheit
~ehen sei, a.us d~m W~sen d~r. ~r~enntnis. selbst einsichtig und Undurchbrechbarkeit erhalten, in recht wunderliche
tst, ~o gew1ss .mcht dte. po.sttlvtstlsche Einschränkung auf Widersinnigkeiten: denn ihre inhaltliche Fassung setzt die
das m der We~se des smnhch Wahrnehmbaren Gegebene. Einsicht in die wahrhafte Artung des Seienden voraus, eine
Wenn Erkenntms Erfassung des Seienden ist und aus diesem Einsicht, die anderseits erst das letzte ideale Ziel biologischer
Sinn von Erkenntnis 4 ) folgt, dass sich vermeint 1ich e Er- Entwicklung sein soll. Ein Vertreter solcher Theorie müsste
kenntnis als wirk 1ich e da letztlich ausweist, wo das Seiende selbst ausserhalb der biologischen Entwicklungsgesetzlich-
zur Selbstgegebe~heit kommt und mit dem Bedeutungs- keit stehen, die jede jeweilige Lehrmeinung inhaltlich auf
gehalt des Vermemten zur Deckung gebracht wird, so be- den jeweiligen biologischen Entwicklungszustand relativ
da:f es fü.r die Einsichtigkeit dieses Zusammenhangs in macht. Aber wie gesagt, wir wollen hierauf nicht näher
kemer Wetse der Voraussetzung, dass dieses Seiende" ein eingehen, ebensowenig auf die naturwissenschaftlichen (phy-
nur in der Art eines sinnlich Wahrnehmbaren 'seiendes sein siologischen oder biologischen Grundlagen. 1 ) Sondern wir
') Sehr char;~klcristisdt f!ir diesen skeptisch bestimmten Positivismus wollen in rein erkenn tn isth e oreti s eh er Einstellung
Hrl1ein1 uns dk Wendung zu sein, dass sich die Erkenntnis auf fragen, ob das, was der Positivist als das einzige Gegeben-
tla~ l;iiH:trhlidt Uegehenc "h c s c h r linken" müsse und eine heilsmaterial ansetzt, in der Tat eine solche Vorzugsstellung
vorerste EI i 111 in a t i o n alles "Metaphysischen" zu erfolgen habe. besitzt.
~n.s dageg~n be~eutet bet der unerschiipflichcn Fülle eigenartiger
(Jegeh.:nh.:ltcn emc solche Grundintention auf das wahrhaft Ge- Und zwar scheint es uns die einzig mögliche Methode
gebene in keinem irgendwie relevanten Sinne eine Resignation. zu sein, auf dieses Gegebene selbst hinzublicken und es in
2
) Vgl. Busserl, Log. Unters. II. seiner Eigenart zu fassen versuchen. Eines ist jedenfalls
") _La a s, a. a. 0: Bd. I. S. 183 (positive Tatsachen = äußere und von vornherein klar: wenn wir fragen, was als ein realiter
mnere Wahrnehmungen), Bd. Ill. S. 76 (Erkenntnis= Bearbeitung Seiendes gegeben ist, so können wir uns unmöglich auf
starr gegebener Tatsachen, der Urempfindungen) S. 82 S. 125 irg(mdwelche naturwissenschaftliche Tatsächlichkeiten stützen,
( a II e unsere Begriffe sinnlichen Urspru:~gs) vor all~m Bd. iu. S. 5. weder um die Meinung, daß nur bestimmt Qualifiziertes,
M a c.h, A. d. E. Vorwort zur 4 ten Auf!., besonders das erste Ka-
pitel: die antimetaphysischen Vorbemerkungen. wie etwa Empfindung, gegeben sein kann, zu erhärten,
4 noch um zu erklären, wie wir zu Vorstellungsweisen kommen,
) Es scheint uns, daß jene erkenntnistheoretischen Lehren die
di~sen Sinn von Erkenntnis anscheinend verkehren und aufheben die sich nicht auf dieses sinnlich Gegebene zurückführen
(w1e der oben erwähnte Pragmatismus und anderseits in weit lassen. Denn jeder naturwissenschaftliche Satz schließt als
tte!erer Weise der Neukan:ianismus), indem Erkenntnis nicht als solcher die ganze erkenntnistheoretische Problematik in sich. 2 )
Sem nehmendes, sondern als in irgend einem Sinne Sein schaffen- Und zweitens glauben wir, daß uns die gestellte Auf-
des, = .to:mende~ od~r = s~tzendes Prinzip gelaßt wird, in
Wahrheit Jenen etgentlt.:hen Stnn von Erkenntnis nicht antasten gabe nur dann wahrhaft gelingen kann, wenn dasjenige,
und nicht antasten können, sondern sich nur auf der Grundtage nach dessen r e a 1er Gegebenheit erkenntnistheoretisch
Geltung zu schaffen vermö;;hten, daß eine Erkenntnis· als ·sö1che
1
tatsächlich nirgend vorhanden ist oder vorhanden sein kann son- ) Vgl. Wund t "Ueber naiven und kritischen Realismus", Philos.
dern d~ß alle~, was sich a!s Er~enntnis ausgibt und Erken'ntnis- Studien 12.
Anschem hat, 1m Grunde mcht em Erkennen sondern ein Formen 2
) Vgl. Husse r I, Philosophie als strenge Wissenschaft (Logos
Setzen oder Schaffen ist. . ' . ' Bd. I. Heft 111) besonders S. 300 die beiden mittleren Abschnitte.

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gdra~t wird, zunächst in seiner Wesenseigenart rein hehmungsgegenstände sind, daran kann ich nicht zweifeln
gdaßt wird. Denn sonst könnte es geschehen, wie es in - und wenn wir. dann davon sprechen, dass gegen das
den positivistischen Schriften nur zu oft geschieht (wir rea.~e Vorhand~nsem der ~ewuß~sein~erscheinungen (oder
werden ~päter im einzelnen darauf hinweisen), daß man in P~:anomene) .e1~e Erk~nnt~:sskeps1s mcht gerichtet werden
den erkenntnistheoretischen und e~klärenden Erörterungen konnc, dann 11aoen Wir Phanomen oder Bewußtseinserschei-
gar !licht das im Auge hat und behält, um dessen beständige nun?" in di~sem _zweiten Sinn. 1) Dieser Sinn von "Phänomen"
Setzung es sich in der natürlichen Weltanschauung und der schließt, ~!e ~v1r sehen, eine reale Setzung in sich, indem
Naturwissenschaft llandelt, und auf das die erkenntnistheo- es das mir uegebene, von mir Vorgestellte oder von mir
rdi~che Skepsis ursprünglich gerichtet war (Kausalität, Gemeinte in einem bestimmten ZeLmomente ist. Wir meinen
l'v\aterialität u. s. w.). Diese \V esensfassungen sind zudem, wie ~ber,. daß eine radikale Erkenntnisskepsis (wenn wir schon
wir meinen, die eigentlich philosophischen· Aufgaben. Es m. eme solche eintrelen) sich in einem bestimmten Sinne
hat dagegen keinen Sinn, auf Grund der erkennistheore- mit ebensoviel _als so w.enig Recht auf die Realitätssicherung
tischen Voraussetzung, dass die in gewissen Bedeutungen von "Bewußtsel!lserschetnungen" (in der eben gekennzeich-
tungriffenen Wesenseinheiten nicht realiter selbstgegeben n~ten Bedeutung) bez'ehen könnte, wie auf die Realitäts-
sein können, auch das phänomenale Vorhandensein dieser SI.~::erung alles de.ssen,, ~as als zur. phy:sischen Sphäre ge-
Wesenseinheiten zu leugnen, ("dem woher sollten wir sie h?ug angesetzt wird. Wir sagen: m emem bestimmten
ger,ommen haben?"). Denn zunächst ist der Tatbestand, Smn.~; denn :Vir . mein~t~ all:rctings, da!) der physischen
dass dies alles nicht nur Gegenstände weit· greifender phäno- Splhare ~~genub~r spezlfisc.h .m deren E1genart gründende
menologischer Untersuchungen sind (ein Tatbestand, der am erkenntmstheorehsche Schw1engkeiten auftauchen mit denen
besten durch die positive phänomenologische Arbeit selbst wir !J~S weiterhin vorzüglich beschäftigen werde~. Aber jede
sichtbar gemacht werden kann), sondern dass sie auch in Reahtatssetzun_g als solche (welcher Anung auch das in ihr
der natürlichen Einstellung, die die Naturwissenschaft teilt, Anges~tzte se1~1 ma>;) ist in einem allerstrengsten er-
einer fortwährenden realen Setzung unterliegen, als solcher kenn~mstheoretJsc~en Sinne angreifbar: wenigstens insoweit,
anzuerkennen. Dann ist erst die erkenntnistheoretische Frage als em solcherweise angesetztes ats ein über die momentane
zu stellen. Gegebenheit hinaus Dauerndes gefaßt ist; da mit dem realen
Wir wollen hier, um die gröbsten Missverständnisse aus- Ablluß der Bewußtseinsakte in der Zeit immer nur das
zuschalten, die der Ausdruck "ihr phänQmena!es Gegebensein" m.omentan Gegebene zur Selbstgegebenheit im strengsten
mit sich bringen könnte, vorläufigfolgendes unterscheiden: Auch Smne zu ko:nmen vermag. Diese subtilsten erkenntnis-
in der positivistischen Literatur wie in der sie kritisierenden th~oretischen Fragen (was z. B. "momentane Gerrebenheit"
wird des öfteren von Phänomenalismus, von dem Phäno- heißt ur.d w:e das jeweilig "in die Vergangenh~it hinein-
menalen u. s. w. gesprochen. Hier hat der Ausdruck Phä- rücken" zu bestimmen ist), müssen wir hier als solche stehen
nomen überall den Sinn des in einem bestimmten Momente ~assen: Schon die auch innerhalb der psychischen Sphäre
einem bestimmten wahrnehmenden Subjekte Erscheinenden m weitem Umf~nge vo~handenen möglichen Täuschungen 2 )
und zwar in sinnlicher Weise Erscheinenden 1). In einer etwas las~.en erk~nntmst~eor~tJsche Bedenken aufsteigen (durch die
weiteren Bedeutung kann er dann jedes irgend einem realiter uns a!Jer?mgs, ~1e wu glauben, ebensowenig eine wirkliche
vollzogenen Akt (einem Wahrnehmen, Vorstellen, Denken, E:.kenntmsskepsis geboten erscheint, wie durch die möglichen
Meinen), also jedem realiter vorhandenen Gegenstandsbewusst- T~usc~ung~n be~üglich_ der Gegebenheit physischer Gegen-
sein korrelate Gegenständliche (eben das Wahrgenommene, stan~.hchkelte~; uber diesen letl';teren Punkt vgl. die späteren..
Vorgestellte, Gedachte, Gemeinte als solches) . bezeichnen. Ausfuhrungen}. Aber wir werden uns mit den erkenntnis-
Wenn wir etwa (mit Descartes) sagen: ich weiss nicht, ob !~eoretischen Fragen, die die Gegebenheit von realem Sein
das, was ich in diesem Augenblick wahrnehme, realiter vor- ube.~h~upt betreffen, nicht in dieser Allgemeinheit zu be-
handen ist, (oder ob ich es etwa blos träume); aber dass schattigen haben; für eine Kritik des Positivismus kommen
dies alles meinerseits in diesem Augenblick erlebte Wahr- zunächst speziellere erkenntnistheoretische Probleme in Be-
1) hierzu: La as a. a. 0. Bd. l!I. S. 75 u. an anderen Stellen: der 1) Vgl. hierzu: Lipps, Psychol. Unters.!!. Bd. L Heft 1912 Das cogito ·
Begriff der Existenz findet seine ursprüngliche und eigentliche ergo sum. .
2
Bewährung nur in jedem gegebenen Moment. S: 139 unten: Als ) Zur Phänomenologie der Täuschungen im Gebiet des Psychischen:
absolut sichere Realität gilt nur der ;eweilige Bewußtseinszustand M a x "Sc~ c 1er: .,Ucber Selbstt,iuschungen •, Ztschr. f. Patho~
und -Inhalt. Psychologte. herausgeg. von Specht. Bd. I, 1. Heft.

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tracht. Im Hinblick auf die Ziele dieser Arbeit war das eben Von diesen jeder erkenntnistheoretischen Untersuchung
1\ngdiihrte darum wichdg, weil wir betonen mußten daß im Einzelfall notwendig, wie wir meinen, vorauszuschickenden
v.;ir von einer letztlicl1e~ phänomeno!ogische:1 Klärung des \V esensklärungen zu trennen sind dann die eigentlich er-
( JegebeneP (als notwend1g vor aller erkenntnistheoretischen kenntnistheoretischen Fragen, ob und wie sich diese "Was-
hages~ellung) spreche;1d uns nicht erwa auf das in jedem heiten": Materie, Kausalität u. dgl. als realiter vorhandene.
g,~~~benen Moment jeweilig realiter ffir das individuelle Be- ausweisen, in wie gearteten Erlebnissen sie event. als realiter
wul\t~ein Erscheinende zurückziehen wollen. (Die Descartes'- vorhandene zur Gegebenheit kommen und ob diese Gegeben-
sdlw cogitationes). heitsweisen ihr reales Dasein letztlich zu sichern vermögen.
Wir sp:achen oben von notwendigen \Vesensklärung-en. Diese Fragen sind, wie schon gesagt, nur zu entscheiden im
fll!H'rhalb dieser \Vesensklärungen bleibt es lllllächst völliP" Hinblick auf das Gegebene und seine Artung selbst_!)
dallingestellt, und kann völlig dahingestellt bleiben, ob da·~ Nur noch einige Bemerkungen über unsere spezielle
so in seiner Wesensartung zu Er:assende realiter existiert Vorgangsweise und Problemauswahl fügen wir hinzu. Wir
oder nicht und ob es im Einzelfalle realiter gegeben ist oder werden uns nicht so sehr mit den \Vidersinnigkeiten be-
1
1Jicllt. ) Für solche realiter vollzouene \Vesenskläruwr muß schäftigen, in die der Positivismus mit seinen eigenen er-
t's. alle:·dings in einem realen Be~..,ußtseinsakt zur Ge~::ben­ kenntnistheoretischen Lehren hineinzugeraten scheint; wir
llen kommen und zwar zu völlig adäquater, wenn die be- können nicht ganz übersehen, ob er sich gegenüber einer
treffenden Einsichten erwachsen sollen. Aber wenn d!es eine
r~·ale Vor b e d in g u n g für eine mögliche reale Wesens- 1
) Da uns der Einwand, den J. St. Mi II (An Examination of Sir
(•insicht im Einzelfalle darstellt, s::> kommt es doch inner- W. Hamilto1's Philosopily) gegen die Möglichkeit einer solchen
lnlb dieser selbJt auf d:c::;es in einem bestimmten Aucren= Vorgehensweise macht, und seine Ansicht über das, was er an
ihre Stelle ~etzen zu müssen glaubt, für positivistische Anschauung
lllic!c mir oder einem anderen realiter Gegebe:Jsein in ke'iner typisch zu sein scheint, sei Folgendes aus seiner Polemik gegen
\Vc1se an. Denn für das, was hier erfaßt w~rden soll, ist Cousin (Ch. Vlll) angeführt (Zitat nach der Ueberseiz•.ng von
dieses M:nnent realer Gegebenheit völlig irrelevant. Ich Wilmanns Halle 1908 S. 199 f.): Denn er (Cousin) mußte, wenn
komme mit der Wesensfrage in eine von der jeder Realitäts- nicht die Tatsache so doch den Glauben seiner Gegner kennen,
daß die Gesetze des Geistes - die Af.soziationsgesetze nach
frage völlif.; verschiedene D:mension. Ich fraae nach dem einer Klas<e von Denkern, die Verstandeskategorien nach der
\'lesenhaften "\V a s" des Gemeinten, nicht abe; nach se!nem anderen - imstande sind, aus denjenigen Bewußtseinsdaten, die
realen yorha1:densei~ oder seinem realen Mir-vors'ellig-sein. unbestritten sind, rein geistige Vorstellungen zu schaffen, die in
. ~enn man. d1ese erschauba:en Wesenseinheiten (in Gedanken mit allen unseren Bewußtseinszuständen derartig iden-
tifiz'iert werden, daß es uns scheint, als ob wir sie durch direkte
~heser Ihrer _Erscna~1barkeit) auch "Phänome:1e" nennt, so ist Intuition empfangen, wie z. B. der Glaube an die Materie . . . "
Jedenfalls d:e fundamental versci1iedene Bedeutung dieser "Wir haben aber kein Mittel, jetzt durch direkte Evidenz fest-
Ausdrücke hier und in den beiden oben an,;·egebenen Fällen zustellen, ob wir uns äußerer und ausgedehnter Gegenstände
~ireag festzuhalten. 2 ) bewußt waren, als wi~ zum ersten Mal die Augen zum Licht
öffneten ... " "Wenn irgend ein Modus angegeben werden kann,
Wir üb~rsehen nicht, daß man auch hier wieder er- wie es innerhalb des Bereichs der Möglichkeit hineingelangt sein
l:en1tnistheoretische SchwierL:keiten finden könnte, die sich könnte, so müßte die Hypothese untersucht und willerlegt werden,
,kdoch, wie \Vir me'nen,. wesentlich von allen untersche!den bevor wir berechtigt sind zu schließen, daß die fragliche Ueber-
tEe im Hinblick auf irgend eine Realitätssetzung- erstehen: zeugung eine ursprüngliche Kundgebung des Bewußtseins ist."
Abgesehen von den im Text an:;egebenen Widersinnigkeiten,
Wenn überhaupt irgendwo, dann gelanrren wir hier zu letzten in die eine solche an Stelle der eii!entlichen Erkenntnisbegründung
Evidenzen und damit zu reiner Erken~tnis. zu setzende "psychologische" Untersuchung iiber den "Ursprung
Alles dieses kann mit den in diesem Sinne gefülirten der Ideen" führen würde, scheinen mir Mill gegenüber vor allem
Unt:rsuchungen selbst erst in seiner vollen Bedeutsamkeit zwei Punkte betont werden zu müssen:
heraustre:en. I) daß eine Klärung der - wie er sich ausdrückt - im
Bewußtsein gegenwärtig vorhandenen Ideen keineswegs eine so
einfach und schnell zu erledigende Aufgabe ist, deren vernach-
VgL wiederum wie a~1ch für das Folgen Je: H tl s s er I, Logos
1
) lässigte Durchführung allein zu allen den falschen psychologischen
a. a. 0. Hier beson Jers S. 316. Theorien über dPn Ursprung unserer Ideen führen konnte, deren
2
) w.ir \VOllen hier in keinenl Sinne ein~ ~treng verbindl:che Be- völlige Unh!lltbarkeit an jeder Stelle wir später nachweisen werden.
stnnmung d~r Phänomcnolo;!ie geben. da diese wiederum in 2) daß wir nicht in unser "Bewußtsein mit seinen gegen-
gröl:lte pllänCJmcnologi;;:c!le Schwieri;~keiten hin~in:·iihrt. lJirse wärtigen Ideen" (mögen sie sich wie immer gebildet haben) wie
yorhufi~en Unterscheidungen und Bestim1nungen schienen uns in einen Kasten eingeschlossen sind, sondern daß wtr immer
Jedoch 1m Interesse unserer Arbeit wichtig. wieder in reiner Erken:1tniseinstellung das Gegebene selbst be-
fragen und damit unsere Ideen an diesem messen können.

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solchen immanenten Kritik nicht doch letztlich da und dort Wahrnehmungsgehaltes und der Sensualismus .. zum Aush·ap-
zu retten vermöchte. Wenn man ihm z. B. vorwirft/) daß komm_en können: nämlich auf das Gegebenheitsbereich de~
seine eigenen Thesen den Anspruch auf eben die Allgemein- Physischen.
heit und Notwendigkeit (im Kantischen Sinne) besitzen, die Hier wiederum werden es zunächst und vor allem
er durch seine Lehren aufheben will, so könnte immer von nic_ht die all~emeineren erkenntnistheoretischen Fragen sein
positivistischer Seite entgegnet werden, daß die gefällten (wte z. B. d1e allgemeinen und notwendigen Urteile der
Urteile gar nicht als in diesem Sinne notwendige und all- Natu_rwissenscha~t oder auch die "komparativ-allgemeinen·'
gemeine gelten sollen. Vor allem aber wollen wir nicht u.rteii~ erkenntnistheoretisch fundiert werden können), auf
untersuchen, ob bei den positivistischen Voraussetzungen dte Wir U"lser Hauptaugenmerk richten, sondern die erkennt-
Wissenschaft (bestimmbar als eine Erkenntnis des realen nistheoretische Bedeutung des schJichten, auf Erfahrun"' ac-
Seins) möglich wäre. Auch hier wagen wir keinen letzten gründeten Einzelurteils. Denn wir glauben, da!) mit de; hler
Entscheid zu geben. 2 ) ll_?t~endigen, keil:eswegs einfachen Analysen (die anderseits
Daß dagegen die tatsächlich vorhandenen Naturwissen- fur Jene allgememeren erkenntnistheoretischen Fracren wie
schaften ihrer spezifischen Artung nach ganz andere An- ~~ir selb_st sehen ~erden, unerläßliche Voraussetzung"'en 'sind)
sprüche machen, als unter jenen erkenntnistheoreti~ch-posi­ uber. Sem oder Ntchtsein jener po~ilivistischen Dogmen und
tivistischen Voraussetzungen zu erfüllen wären, geben auch damtt der ganzen positivistischen Erkenntnistheorie und
wir natürlich zu. Gerade diesen Tatbestand hoffen wir nach Philosophie das letztlich entscheidende Wort gesprochen
verschiedener Hinsicht mit den folgenden Ausfiihrungen werden kann.
sichtig machen zu können. Aber nicht kann diese Unmög-
lichkeit einer naturwissenschaftlichen Erfahrung (in jenem
prägnanten Sinn) bei solchen erkenntnistheoretischen Lehren
als entscheidendes Kriterium gegen eben diese vorgebracht I. Die der "natürlichen Weltansicht" immanente Vor-
werden. Warum soll es denn durchaus so etwas wie Natur- stellung einer "bewu3tseinsunabhängigeri Außenwelt".
wissenschaft in dem beanspruchten Sinne geben? Die Realität
dieser ist do~h nicht ein letztes unantastbares Datum, nach Darstellung positivistischer Anschauungen.
tkrn sich die reine Erkenntnis zu richten hat Wollen wir 1) Die Stellungnahme d~s Positivi~ten zur
doch gerade Hmg-ekehrt den Gültigkeitsanspruch dieser Wissen- "natürlichen \Veltansicht".
schahL'Il L'rkenHtnistheorctisch begründen, d. h. das in ihnen
Oesctz1c oder vielmehr naiv Vorausgesetzte an dem wahr- Wir gehen aus von der nalürlichen Weltansicht (der
haft Gegebenen in reiner Erkenntniseinstellung messen. Wenn naiven oder der des gemeinen tvlannes, wie es in der posi-
sich eine solche letzte erkenntnistheoretische Fundierung in tivistischen Literatur so häufig heißt). D. h. wir vvoilen zu-
der Gegebenhd als unmöglich erwiese, dann würden wir sehen, in welcher \V eise jennndem, der nicht irgeudvvie von
es in Uebereinstimmung mit dem Positivismus als. einzig erkennt,nistheoretis~:hen Einstellung-en und Vortli te:len belastet
miigliche Konsequenz erachten, nach dieser Richtung zu ist, ~ie reale physische Welt dazustehen und sich zu geben
resi~;nieren. Wir wollen also nicht indirekt vorgehen (und schell1t. Es kann uns dabei völlig gleichgiiltig sein, wie
damit notwendig gewisse selbst allererst erkenntnistheoretisch diese "Weltansicht" entstanden sein mag, wie sie sich eh·iJ.
abzuwertende Voraussetzungen machen), sondern direkt, das aus der irgend eines Urwesens oder des Vv'ilden oder
Gegebene selbst befragend. Und zwar werden wir uns bei schließlich eines Kindes entwickelt hat; es handelt sich um
der ungeheuren Fülle des Stoffes, die aus einer solchen Etwas, das, wie immer es entstanden, wie immer es sich
positiven Kritik aller positivistischen Anschauung ersteht, auf entwickelt haben mag, wie immer es erkenntnistheoretis,~h
das Oegebenheitsbereich beschränken, innerhalb dessen die gerechtfertigt werden soll, nun einmal vorhanden ist und in
positivistischen Grundlehren 3 ) - die von der Relativität alles seiner ihm wesentlichen Eigenart gefaßt werden kann.
In der positivistiscilen Literatur finden ·wir die "\Velt-
1
) wie z. B. Ne I so n: Ist metaphysikfreie Naturwissenschaft mög-
anschauung des gemeinen Nlannes" der des positivistischen
lich? Göttingen 1908, besonders S. 283 unten. Schriftstellers einerseits und anderseits der des snekulativen
2
) In diesem Sinne kritisiert H ö n i g s wa I d: Zur Kritik der Mach'-
Philosophen (oder des "Philosophen" schlechthin) gegcr:iiber-
schen Philosophie, Berlin 1903. gestellt. Die naive Weltansicht ist dabei dem Positivisten
1
) Laas, unter anderem a. a. 0. S. 188; S. 49, S. 221. III. S. 5. weit sympathischer als die stets durch verstiegene Speku-

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gegen eine dogmatische Philosophie, die hinter der Welt
lationen und Konstruktionen ausgezeichnete Welt des Philo- der Gegebenheiten (der Erscheinungen) noch eine Welt nicht
sophen.1) gegebener und prinzipiell nicht zur Gegebenheit zu bringender
Zwei philosophische Lehrmeitnngen sind es vor allem, Dinge an sich annimmt, welche als Urbilder, Urgründe oder
denen gegenüber für den Positiviste:1 der naive Mensch mit Ursachen, als letzte Träger oder unenthüllbare Kerne in
seiner natürlichen Weltanschauung den richtigen Standpunkt irgend einer geheimnisvollen Beziehung zum tatsächlich
e:nnimmt. Nach der verschiedenen historischen Stellung des Gegebenen stehen (~. B. die Annahme einer Materie als
positivistischen Forschers tritt die Bekämpfung der einen Träger aller physischen, einer Seele als Träger aller psy-
oder anderen mehr oder minder deutlich hervor. In der chischen Erscheinungen). An die Stelle dieser zweigespalteten
modernen positivistischen Literatur (der nachkantischen) Welt (dieses metaphysischen Dualismus) 1) will der Positivist
tinden wir den Kampf gegen einen in der Tat völlig absurden wieder die eine einheitliche Welt setzen, die mit der Welt
sog. .,Idealismus", wie ihn Avenari us in seiner Schrift: "Der der Gegebenheiten schlechthin zusammenfällt. 2 )
menschliche Weltbegriff" in glänzender Weise zur Darstellung Auch für die natürliche Weltansicht ist (nach Meinung
gebracht und ad absurd um geführt hat. Ob man im einzelnen der Positivisten) die gegebene Welt die allein realiter an-
mit der psychologischen Theorie über die Genesis solcher gesetzte. Auch hiervon später. Das Erwähnte mag dienen
,.idealistischen" Anschauungen mit Avenarius übereinstimmen zur Orientierung in den folgenden Ausführungen.
mag oder nicht den wesentlichen Punkten seiner sach-
lichen Kritik wird sich kaum jemand mit gutem intellektuellem 2) Die "ob j e k t i v e S t e 11 u n g" d er "Empfindungs-
Gewissen entziehen können. Bei Mach, der an der Be- inhalte" als eine für den Positivisten
kämpfung solcher Theorien geringeres Interesse hatte, finden
wir ebenfalls sehr deutliche nach dieser Richtung gehende ursprUnglieh gegebene.
Bemerkungen. Er tritt besonders gegen die an eben diesen Wenn sich der Positivist gegen die Absurditäten eines
erke:mtnistheoretischen Vorstellungen orientierten Schein- introjizierenden Idealismus wehrt, so geschieht dies vor allem
probleme der Außenprojektion der Empfindungen auf (A. d. mit der Betonung zweier Tatbestände. Der Introjizierende
E. S. 28 unten. S. 44 unten). verlegt das Wahrgenommene in das Gehirn des wahrnehmen-
Man kann es jedenfalls den Positivisten als ein nicht den Menschen resp. in eine an das Gehirn gebunden gedachte
gem:g hervorzuhebendes Verdienst zurechnen, daß sie gegen- Seelensubstanz. Diese Stellung des Ich (sei es des lchleibes,
über derlei erkenntnistheoretisc!len Verirrungen zum ersten des eignen Gehirns oder einer substanziellen Ichseele) als
Mal wieder mit einer gesunden und natürlichen Denk- und originärer Träger oder als Gefäß der jeweiligen Wahr-
Anschauungsweise Front gemacht haben -- und zwar aus nehmungsweit wird aufgehoben. Die den eigenen Leib um-
ihrem leider an keiner Stelle konsequent durchgeführten gebende Außenwelt ist in dieser ihrer außenweltliehen Stellung
Grundprinzip heraus, das Gegebene so stehen zu lassen, ebenso ein ursprünglich Vorgefundenes, wie das Ich selbst.
wie es sich gibt und da stehen zu lassen, wo es sich gibt. Zweitens aber hat dieses Ich (und zwar als Ichleib) doch
Wir kommen weiter unten auf diesen ersten Punkt zurück. insofern eine Vorzugsstellung vor dem übrigen Vorgefundenen,
Wir erwähnen zunächst das zweite jener bekämpften "philo- als es stets und notwendig als Zentralglied (Ave n a r i u s)
sophischen" Dogmen. Mach meint an der oben angeführteil gegeben ist, in Bezug auf das die übrige Wahrnehmungswelt
Stelle, an der er sich mit der lntrojektionstheorie von Ave- (zunächst räumlich) orientiert ist. Hierdurch ist die Gegen-
n a ri u s auseinandersetzt, daß er - in Bezug auf die kri- überstellung oder auch Umgebungsstellung des jeweilig
tische Stellung seiner Ausführungen, - eher von einer Wahrgenommenen gegenüber dem Ichleib bestimmt.
"Extrajektion" sprechen könnte. Er deutet hiemitoffen- 1
) Vgl. H um e a. a. 0. S. 283, S. 284, 272. La a s a. a. 0. 111. Kap. 4,
bar auf die von ihm beabsichtigte Elimination aller der als Kap. 6. Mach, A. d. E. S. 13 unten; S. 22, 24, 28, S. 36 unten.
Realitäten vorausgesetzten Bestandteile, die si~h seiner Mei- 2
) Wenn in der modernen positivistischen Literatur die "fälsch-
nung nach in der Gegebenheit nicht aufweisen lassen, also Iicherweise• gezogene Grenze Z'>l(ischen einer "physischen• und
in das perhorreszierte Gi!biet des "Metaphysischen" ver- "psychischen" Welt bekämpft wird und demgegenüber die eine
wiesen werden. Zunächst riclltet sich diese Stellungnahme einheitliche Welt des Gegebenen oder Vorgefundenen angesetzt
werden soll, so ist das allein in diesem Sinne gemeint. - Nicht
der Unterschied zwischen physischen und psychischen Tatbe-
'} Vgl.u.a. Hume, Traktat (Uebers.v.Lipps)S.281, MachA.d. ständen als solchen wird bestritten, sondern der zwischen einer
E. S. 26, S 30 (Vgl. auch Erk. u. Irrt. S. 5,5). Laas Ill. S. 75 unten prinzipiell transzendenten Welt der Dinge an sich (der phy-
Bei Ave n a r i u s die Tendenz der ganzen Schrift: "Der sischen) und einer bloßen Erscheinungswelt (der psychischen).
menschliche Weltbegriff".
12 -
11
[Die Meinung, daß die Möglichkeit dieser ganzen Vor- räumlichen Anordnung vorgefundenen und wahrgenommenen
findung der in diesem Sinne räumlich angeordneten Welt Inhalte (geht nicht auf etwas diesen Inhalten in irgend einem
irgend ein vorfindendes Subjekt (ein Bewußtsein oder wie Sinne Transzendentes). Die naive Weltanschauung soll nur
man sich ausdrUcken mag) wiederum voraussetzt, für das darin über die positivistische hinausgehen, daß sie dem so
diese gesamte jeweilige Wahrnehmungssphäre 0 b je k t in Wahrnehmungsweise Vorgefundenen eine Existenz auch
ist (wobei dieses Subjekt nicht mit dem vorgefundenen und unabhängig von dieser Wahrnehmung zuschreibt.
darum zu den Objekten gehörigen Ichleib und den an ihn Diesem letzJeren Tatbestand gegenüber verhält sich der
gebundenen ebenfalls vorgefundenen · psychischen Tatbe- Positivist in einer zweifachen Weise: Erstens: Er sucht zu
ständen verwechselt werden darf), wird nicht von allen Po- zeigen, daß die Annahme einer Existenz des Wahrgenommenen
sitivisten vertreten. Sie scheidet vor allem die sog. Immanenz- unabhängig von einem Wahrgenommen- oder Vorgefunden-
philosophie (Schuppe) von den Positivisten im engeren sein als solche widersinnig ist, sodaß sich also schon
Sinne. 1) ,Auch La a s vertritt mit seinem "Korrelativismus" durch eine völlig klar~ Herausstellung dessen, was man sich
oder "Subjektobjektivismus" einen ähnlichen Standpunkt.] dabei vorstellt, das Angesetzte als ein realiter Unmögliches
Mach beginnt in "Erkenntnis und Irrtum" S. 5. seine erweisen müßte. Zweitens daß diese völlig verworrene und
Beschreibung der natürlichen Weltansicht ("die jeder Einzelne in sich widersinnige Vorstellungsweise doch aus einem ge-
beim Erwachen zu vollem Bewußtsein vorgefunden hat und gebenen Tatbestand erklärt zu werden vermag,_ der far das
zu deren Bildung er nichts absichtlich beigetragen hat") naive Bewußtsein eben jene unklare Form angenommen hat.
mit dem Satz: "Ich finde mich im Raum, umgeben von ver- Dieser Tatbestand ist die gesetzmässige (oder für einige
schiedenen in demselben befindlichen Körpern" . . . . "mein P~sitivisten, so Mach, nur relativ konstante) Verknü pfung
im Raum befindlicher Leib ist für mich ein ebenso sicht- der Wahrnehmungsinhalte. Das Bewußtsein, daß sich (er-
bares, tastbares, überhaupt sinnliches Objekt, welches einen fahrungsgemäß) zu bestimmten Inhalten auch bestimmte andere
Teil des sinnlichen Raumfeldes einnimmt, neben und außer wieder dazufinden ·werden, gibt den Inhalten eine über die
den übrigen Körpern sich befindet wie diese selbst." Ave- jeweilige Vorfindung selbst hinausgehende Bedeutung. Auf 1
)

narius im "menschlichen Weltbegriff" in Bezug auf die einem analogen Wege entsteht für den Positivisten auch das
Ansicht, "die am Anfang meines Philosophierens war": "ich Dingbewußtsein, wie wir später sehen werden. Auch hier
mit allen meinen Gedanken und Gefühlen fand mich inmitten erleidet ein gegebener Tatbestand für das naive Bewußtsein
meiner Umgebung". 2 ) eine Verschiebung zu einer ähnlich verworrenen uhd unhalt-
baren Vorstellungsweise (Mach: "Das dunkle Bild des
3} Die jeweiligen Wahrnehmungsinhalte gleich Beständü;en" u. s. w.)
dem allein sinnvollerweise als realiter Für diese ganzen Theorien spielt der Begriff der Vor-
s t e II u n g .eine fundamentale Rolle. Denn wie sollte das
e x i s t i e r e n d A n z u s e t z e n d e n. nicht selbst Vorgefundene uliter bestimmten Bedingungen zu
Dieses jeweilig wahrnehmungsmässig Vorgefundene ist Erwartende anders gefaßt werden als in Vorstellungsweise.
zugleich für den Positivisten das allein mit erkenntnistheo- Das Bewußtsein, daß ein so Vorgestelltes unter bestimmten
retischer Berechtigung als existierend Anzusetzende oder Bedingungen wieder selbst vorgefunden wird, ist identisch
vielmehr ist dieses Vorfinden (auch Wahrnehmen, Empfinden, mit dem Bewußtsein, daß es wirklichwerden wird; und dies
Ionewerden eines Inhaltes u. s. w.) von einem besonderen ist zugleich auch der einzige Sinn eines Bewußtseins, daß
Existentialbewußtsein gar nicht zu trennen. 3 ) Das so Vorge- etwas schon wirklich ist, wenn es nicht gerade "empfunden"
fundene ist in seiner Vorgefundenheit ein für mich Existie- 1
) Vg!. besonders J. St. Mill a. a. 0. Ch. 11. "The psychological
rendes. Das mit Wahrnehmung verknüpfte Existentialbewußt- Theory of the belief in an external world." (Zitat nach der
sein bezieht sich auf nichts anderes, als eben die in jener deutschen Uebers. v. Wilmanns, Halle 1908): "Die Vorstellung,
die ich mir von einer WeIt bilde, wie sie in einem Moment
1) W. Schuppe: "Die Bestätigung des reinen Realismus". Offener existiert, umfaßt neben den Wahr n e 11m u n g e n (sensations),
Brief an Avenarius (in Vierteljahrsschr. f. wiss. Philos. 17, 1893). die ich besitze (feel) eine unzählbare Mannigfaltigkeit von W a 11 r-
n eh m u n g s möglichkeiten (possibilities ol sensation): näm-
2) Vgl. dazu Co r n e I i u s Logos I, 3 S. 365 "Die Erscheinungswelt lich die Gesamtheit der Wahrnehmungen, die ich nach früherer
ist uns als eine räumliche jenseits unseres eigenen Körpers Beobachtung unter irgend welchen annehmbaren Umstä:Jden in
unmittelbar gegeben". diesem Moment erfahren k ö n n r e, zusammen mit einer . . . .
3) Vgl. besonders Cornelius, Versuch einer Theorie der Existen- unbeschränkoaren Menge anderer, die ich doch . . . . möglicher-
tialurteile, München 1894. weise unter mir unbekannten Umständen erfahren könnte."

13 14 -
wird. Da seine "Wirklichkeit" nichts anderes bedeutet als 4) Phänomenologische Untersuchung ü.ber das
eben sein eventuelles Wahrgenommenwerden kann es natür- "Umgebungs bewußtsein".
lich in der Vorstellung nur als ein eventuell (unter be-
stimmten Bedingungen) Wahrzunehmendes oder eventuell Das für das natürliche (d. h. nicht durch erkenntnis-
wirklich Werdendes, nicht aber als ein schon Wirkliches theoretische Erwägungen in künstliche Einstellungen hinein-
(im eigentliche;-~ und ursprünglichen Sinn) vorkommen. Diese gezwungene) Bewußtsein so charakteristische und die Wahr-
Lehre hat bei den verschiedenen Positivisten verschiedene nehmungserlebnisse in ihrer Eigenart bedeutsam bestimmende
Ausgestaltung erfahren/) die hier für unsere Zwecke nicht Moment, daß ich mich mit meinem Leibe · in einer mich
von Interesse sind. Das Wesentliche ftir uns ist die Gleich- (räcmlich) umgebenden Dingwelt weiß, ist durchaus zu
set?un~ des Ex.istent~albewußt.seins :nit dem Wahrnehmungs- unterscheiden von jenem oben angegebenen von positivisti-
erleoms (wobei es sich natürlich au:.:h um die Wahrnehmung scher Seite stets hervorgehobenen Tatbestand, daß die in
der sog. psychi~chen Phänomene wie der Vorstellungsinhalte einem jeweiligen Wahrnehmungserlebnisse gegebenen Inhalte
oder Phantasmen a I s Vorstellungsinhalte selbst handelt· in jener räumlichen Anordnung vorgefunden werden, die auf
Co r n e I i u s ). Das Wesentliche ist, daß man sich unte; wahrgenommene Stückemeines eigenen Leibesjeweilig
Existenz schlechterdings nichts anderes vorzustellen vermag: orientiert ist. Im Letzteren handelt es sich um die räumliche
Wenn ich mir etwas als existierend (ohne daß es selbst Ordnung wahrgenommener Inhalte zu einander, im Ersteren
gegenwärtig ist) vorstelle, so muß ich doch immer mich um die erlebte Position meines realen Leibes in der realen
selbst als den es Wahrnehmenden mitvorstellen, d. h. aber Raumwirklichkeit Das Bewußtsein, sich in einer räumlichen
das Betreffende als ein von mir unter bestimmten BedingunO"en Welt von realen Dingen zu befinden, von denen nur ein
Vorgefundenes vorstellen. "' kleiner Ausschnitt jeweils zur Wahrnehmungsgegeben-
Sofern es nämlich nicht möglich sein sollte mit dem heit kommt, kann natürlich nicht mit einem Tatbestand, der
Existenzialbewußtsein einen anderen Sinn zu verbinden als sich nur auf die jeweilige Wahrnehmungssphäre selbst be-
den der jeweiligen wahrnehmungsmäßigen Vorgefundenheit zieht, identifiziert werden. 1)
ein~s Inh.alts, .sof.ern also jede andere versuchte Vorstellungs- Der positivistischen These gegenüber, daß eine solche
weise Wid ersmmg wäre, insofern wäre natürlich auch die Vorstellung einer mehr als den jeweiligen Wahrnehmungs-
erkenntnistheoretische Frage, ob und in welcher Weise ich ausschnitt umfassenden realen Raumwirklichkeit doch nur
eine über die jeweilige Wahrnehmung hinausgehende Existenz in der sinnlich-anschaulichen Vorstellung bestimmter
des Walugenommenen annehmen darf, selbst widersinnig. möglicher Wahrnehmungsinhalte bestehen könne, liesse sich
ln der Tat isr für den Positivisten mit der gekennzeichneten zunächst antworten, daß nicht jedes Gegenstandsbewußtsein
Gnndanschauung die hier aufgeworfene erkenntnistheore- (also hier Bewußtsein einer solchen Raumwirklichkeit, in der
tische Frage in der Hauptsache abgetan. ich mich befinde) in der Weise sinnlicher Anschauung ge-
So eindeutig die ganze Problemstellung und die Lösung geben zu sein braucht. Aber lassen wir das vorerst dahin-
die sie von positivistischer Seite erfährt zunächst zu sei~ gestellt und fragen wir, ob es sich mit der sinnlich-anschau-
scheint - wir werden uns vor allem Ver~uch einer erkennt- lichen Vorstellung selbst und ihrem Verhältnis zum Wirk-
n.istheoretisc_~en Stellung~ahme in sehr weitgehende An4llysen lichkeitsbewußtsein in der Tat so einfach und eindeutig
emlassen mussen, um die dem natürlichen Bewußtsein im- verhält, wie jene positivistischen Theorien voraussetzen.
n:anente. Vorstellun~ .einer über die jeweilige Wahrnehmung a) "Vorstellung" und mögliche Arten des Ein-
hmausretchenden Existenz des Wahrgenommenen einiger- gehens des als realiter existierend Erlebten
maßen klar zu fassen.
in diese.
1
) H. um c hat mit d~r Einführung seines Glaubensbegriffes insofern Wir meinen nämlich, daß ich mich nicht nur in der
e1n:~ sehr wesentlich von dieser positivistischen Auffassung ab- Vorstellung (in einer allerdings sellr schwer faßbaren Weise)
v.:clchende Stellung, als er durch diesen jenen eigentümlichen
l_atliestand ~u fasse~ suchte, daß ich mich offenbar in gewissen 1) Daß wir hier wie in den ganzen folgenden Ausführungen rein
fallen auf em Wtrkl1ches selbst zu beziehen scheine - wenn er phänomenologisch sprechen, d. h. daß die Frage, ob das jeweilig
~;1ch die An~lysc _nicilt weit u.nd tief genug geführt hat, um das analysierte Bewußtsein (wie hier das Umgebungsbewußtsein)
'?~·hegende m semer ~~senthchen Eigenart herauszuheben. Vgl. einen realen Tatbestar.d trifft oder nicht, als für die \V esens-
Wiederum den eren z1tLerten Aufs<.tz von Cornelius in dem analyse völlig irrelevant dahingestellt bleibt, ist wohl nach dem
<:;ornclius gegen die Notwendigkeit der Einführung ein~s solchen früher Gesagten selbstverständlich. Auch im Traum haben wir
U laubensbcgrifles polemisiert. das hier zu fassende Umgebungsbewußtsein.

15 16
auf das Wirkliche selbst beziehen kann, so daß dieses Wirk-
liche selbst in der Vorstellung "vorkommt"1 ) - also im Gegen- bare Wesensunterschiede in der Gegebenheitsweise, es han-
satz zu jener Abbildtheorie -, sondern daß in ganz be- delt sich um eine wesensverschiedene Artung der Anschau-
stimmten und wesentlich leichter zu klärenden Fällen das lichkeit selbst. Mir scheint, daß man in Bezug auf die vor-
Wirkliche in vorstellungsmäßiger Gegebenheit in g e n a u stellungsmäßige Anschaulichkeit am besten von einer "ver-
demselben Sinne selbstergriffen dasteht, wie in einer de<:kten" 1 ) Anschaulichkeit sprechen kann. Die Verdecktheit
wahrnehmungsmäßigen Gegebenheit. [Mit Wahrnehmung der Anschaulichkeit ist natürlich nicht zu verwechseln mit
und Vorstellung sind hier jene korrespondenten Akte ge- dem Bewußtsein, daß der betreffende zur Anschauung kom-
meint, die eine sinnlich-anschauliche Gegebenheit der Gegen- mende Gegenstand nicht in seinem leibhaften Selbst in die
stände einschließen. Wer.n ich sage, daß eine Farbe wesen- Vorstellung eintritt. Denn jenes Moment der verdeckten
haft nur als gesehene zur Gegebenheit kommen kann, oder Anschaulichkeit scheint uns alle wie auch im tibrigen ver-
ein Ton als gehörter, so sind diese Erlebnisse des Sehens schiedenen Arten vorstellungsmäßiger Gegebenheit als solche
und Hörens durch eine ganz bestimmte Art sinnlich-anschau- zu umgreifen, sie alle zu einen gegentiber der wahrneh-
licher Gegebenheit ausgezeichnet, die der Wahrnehmung wie mungsmäßigen Gegebenheit. Während das andere Moment,
der Vorstellung dieser Gegenständlichkeiten gleichermaßen das nicht volle Selbstdarinstehen des wirklichen Gegen-
immanent ist. Auch wenn ich eine Farbe vorstelle, kann standes, nur eine gewisse Gruppe von Vorstellungserlebnissen
ich sie nur in sehender Weise vorstellen.] der Wahrnehmung gegenüberordnen läßt, eine Gruppe, der
Man hat vor allem zwei Morr.ente herausgehoben, die anderseits allein das "Erscheinen in einem anderen Felde"
Vorstellung von Wahrnehmung rein deskriptiv unterscheiden eigentumlieh ist.
sollen: Ich sitze in meinem Zimmer bei geschlossener Tür und
Erstens die so oft erwähnte größere "Undeutlichkeit", erwarte einen Bekannten. Man kennt das Erlebnis, daß man
"Mattigkeit", "Verschwommenheit" des Vorgestellten, etwa in der Ungeduld der Erwartung diesen Menschen schon
zweitens das Erscheinen des Vorgestellten nicht dort, fortwährend g I eich s a m ·draußen die Treppe heraufkommen
wo das Wahrgenommene erscheint, sondern in einer von sieht. Dies kann geschehen mit einem mehr oder weniger
dieser Wahrnehmungssphäre deutlich zu unterscheidenden ernsthaften Glauben daran, daß er wirk I ich gerade jetzt
Sphäre; und damit zusammenhängend ein Wechsel der Blick- die Treppe heraufkommt, oder wie wir auch - und besser-
richtung, wenn ich beispielsweise von der Wahrnehmungs- sagen könne:t: mit einem mehr oder minder ausgeprägten
einstellung in die Vorstellungseinstellung übergehe (so z. B. Wirklichkeitsbewußtsein (da es sich weniger um eine
bei Mach, wenn er A. d. E. S. 16 "in einem anderen Felde" verschiedene Auffassungsweise des "Gesehenen" von meiner
spricht und vor allem S. 163 von dem Wechsel der Auf- SE:ite handelt, als um ein verschiedenes Dastehen des Vor-
merksamkeitsrichtung: ";eh fühle, wie ich beim Uebergang gestellten oder "gleichsam Gesehenen" für mich, eben ein
zur Vorstellung die Aufmerksamkeit vom Auge (?)abwende Mal als eines wirklichen, das andere Mal als ·eines unwirk-
und anderswohin richte". So wenig wir glauben, daßMach lic:hen). Wenn dieses Wirklichkeitsbewußtsein vollkommen
die Sachlage hier richtig beschrieben hat, so hat er doch fehlt, kann das Erlebnis einen spielerischen Charakter er-
sicherlich ein ganz bestimmtes vorfindbares Moment im Auge halten; ich vertreibe mir die Zeit mit einer solchen Vor-
gehabt, dessen Eigenart auch wir späterhin zu bestimmen st~~llungsweise, obwohl ich genau weiß, daß in ihr in Wahr-
versuchen werden). heit nichts Wirkliches ergriffen wird. Anderseits vermag das
Daß das 1erste der angeführten Momente nicht gedeckt mit dem sehenden Haben des Vorgangs da draußen ver-
wird mit der Angabe einer bloß geringeren Intensität des wobene Wirklichkeitsbewußtsein so stark zu sein, daß ich
vorstellungsmäßig Gegebenen oder einer größeren Ver- das Eintreten des Bekannten in die Tür in dem entsprechen-
schwommenheit und Undeutlichkeit, ist oft genug betont den Augenblick mit voller Sicherheit erwarte. Aber uns
worden ·und mit dem Argument ad absurdum geführt, daß kümmert zu:Jächst nicht diese Möglichkeit eines mitvorhan-
ein Wahrgenornmenes durch eine Abnahme seiner Intensität denen Wirklichkeitsbewußtseins, sondern das in allen solchen
oder durch ein Undeutlicherwerden nie in ein Vorgestelltes 11
) Die Einführung dieses Ausdrucks soll nichts weiter leisten, als
überführt werden kann. Es handelt sich um unüberbrück- zu einem gemeinten Phänomen in möglichst kennzeichnender
Weise hinzuführen, auf dessen genauere Fassung wir uns hier
1
) Vgl. hier wie für das zunächst Folger:de: Co n r ad, Ueber Wahr- nicht einlassen können. ~ Verdeckteu Anschaulichkeit darum, weil
nehmung und Vorstellung (Münchner· Philosophische Abhand- es mir das Charakteristische an der vorstellu.ngsmässigen An-
lungen 1911). schaulichkeit zu sein ~cheint, daß das in ihr Gegebene stets
etwas Verhülltes, etwas Zurtickweichendes hat.
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F!illen gleicherweise vorhandene Moment des "gleichsam
Seitens" des in vorstellungsmäßiger Anschaulichkeit gegebenen Charakter des "vor mir Schwebenden". In dem ersten Falt
Vorgangs. Da draußen auf dem Korridor, der zu meiner steht ja das Vorgestellte als ein in der mich umgebenden
Umgebung gehört, wird der Vorgang gesehen, dorthin bin Wirklichkeit Verwurzeltes da, und das ftir uns Wichtigste:
id1 gerichtet. Es macht keinen wesentlichen Unterschied, wenn hier (bei der Verwurzelung in der mich umgebenden
ob ich den Blick von einem wahrgenommenen Gegenstand Wirklichkeit) bei vorhandenem Wirklichkeitsbewußtsein der
meines Zimmers auf einen anderen richte oder von einem als wirklich gehabte Gegenstand selbst und direkt ergriffen
solchen auf den nicht im engeren Sinne wahrgenommenen zu sein scheint, selbst sichtig zu sein scheint, wenn auch
Korridor und seine Gegenstände. Von einem Richtungs- mit jener verdeckten Anschaulichkeit (wenn ich ihn an eben
wechsel in eine wesenhaft andere Sphäre hinein, von dem der S t e II e fasse, an die er als wirklicher gehört oder viel-
wir oben sprachen, kann hier offen bar keine Rede sein - mehr als gehörig erlebt wird), so finden wir bei jenem Vor-
auch da, wo ich den betreffenden Vorgang oder Gegenstand schwebenserlebnis (der Vorstellung im eigentlichen und
bei fehlendem Wirklichkeitsbewußtsein nur in jener spie- engeren Sinn) zwar eine sehr intime Beziehung zu dem wirk-
lerischen Weise in die mich umgebende Wirklichkeit hinein- lichen Gegenstand selbst, aber doch nicht ein solches mit
gesetzt habe. dem geistigen Blick an seine eigene Wirklichkeitsstelle Hin-
[Es ist tibrigens zu beachten: wir spielen mit seiner reichen. Von einem "gleichsam selbst sehen" könnte hier
Wirklichkeit, nicht mit dem ihn Vorstellen; wirtun ge- nur in einem wesentlich anderen Sinn die Rede sein. Wir
wissermaßen so, als ob er in der Tat zu der mich umgeben- erinnern jetzt vor allem an die mögliche Art der Gegebenheit
den Wirklichkeit gehöre; wir geben ihm die "Ailtiren" eines unserer näheren und uns bekannten Umgebung, des Korridors
solchen zur Wirklichkeit Gehörigen und können uns von da draußen mit seinem Spiegel, seinem Kleiderriegel, das an-
aus ( d. h. auf Grund der ihm verliehenen Wirklichkeitsallüren) grenzende Schlafzimmer, schließlich das ganze Haus, die
mehr oder weniger in.seine tatsächliche Wirklichkeit hinein- Straße drunten u. s. w. Aber man behalte immer die Position
reden. Wir sehen gleich, was dies heißt, wenn wir demgegen- des von der eigenen Raumwirklichkeitsstelle aus zu den be-
über eine Gegenständlichkeit in den W a h r n eh m u n g s- trdfenden Gegenständlichkelten oder Gegenstandssphären
ausschnitt der Wirklichkeit hineinzusetzen versuchen. Ein Hinsehenden bei. Daneben gibt es natürlich auch iP Bezug
solcher Fall wäre der von Mach an der oben zitierten Stelle auf die nähere Umgebung ein Herausheben des Vorzu-
angeführte: "ich sehe eine schwarze Tafel. Ich kann mir mit stellenden aus seinem Wirklichkeitsstandort und ein ihn sich
der größten Lebhaftigkeit auf dieser Tafel ein mit scharfen in jener "Vorschwebensweise" vergegenwärtigen. Das sich
weißen Strichen gezogenes Sechseck oder eine farbige Figur selbst in das betreffende Raumwirklichkeitsstück Hineinver-
vorstellen." Aber da ftir die Zugehö:-igkeit zur wahrnehmungs- setzen ( eill äußerst schwierig faßbares und klärungsbedürf-
mäßig gegebenen Wirklichkeit die unverdeckte Anschaulich- tif:;es Phänomen) verändert anderseits die Sachlage wesentlich.
keit wesenhaft ist und ich diese nicht in der Vorstellungs- Was ist nun das Moment, das die beiden Arten vor-
spontaneität hervorzaubern kann (Halluzinationen sind natür- stellungsmäßiger ,Gegebenheit zu so bedeutsam verschiedenen
lich hiervon wohl zu unterscheidende Fälle), so kann ich macht? Oder was bringt die eine dem Wahrnehmen so nahe
wohl eine solche künstliche Projektion vollziehen, aber nie und zeichnet sie vor der eigentlichen Vorstellung aus? Es
mit der Wirklichkeit des so Projizierten spielen; denn zur ist in dem Vorigen schon immerwährend herausgetreten, wenn
Vollständigkeit der Alltren eines wahrnehmungsmäßig sich- wir von einer Einordnung oder Verwurzelung des Vorge-
tigen Wirklichen gehört unbedingt die unverdeckte Anschau- stellten in der Umgebu:1gswirklichkeit sprachen. In eben der
lichkeit.] Sphäre, in der die wahrgenommenen Gegenstände gefaßt
Nun gibt es aber offenbar andere Vorstellungserlebnisse, werden, werden auch die in dieser letzteren Weise vor-
und an diesen ist man meist orientiert, bei denen sich ein stellungsmäßig gegebenen sichtig. Aber wie nun? Um die
solcher Richtungswechsel in eine andere Sphäre hinein tat- Einheit der wahrnehmungsmäßigen und dieser vorstellungs-
sächlich konstatieren läßt, etwa wenn wir uns eine auf einer mäßigen Gegebenheit zu fassen, mtissen wir von einer mich
Reise gesehene Landsdaft wieder vergegenwärtigen wollen. umgebenden Raumwirklichkeit sprechen, in der gleichermaßen
Wir ziehen hier unseren Blick von der uns sichtigen Wirk- die in der einen wie in der anderen Art gegebenen Gegen-
lichkeit ab; ihr Vorhandensein stört uns; sobald sie unseren stände gesehen werden. Also das, was wir schon oben als
Blick wieder auf sich zieht, verschwindet auch jenes Vor- vorhanden hinstellten, das Bewußtsein einer tiber die Ge-
gestellte. Hier erst hat das vorstellungsmäßig Gegebene jenen samtheit des jeweils Wahrgenommenen hinausreichenden mich
umgebenden Raumwirklichkeit haben wir auf einem anderen
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Wcl{c wiedergefunden. Es ist aber anderseits offenbar urt- und von dieser Stelle aus weitersehen. Diese letztere Mög-
1111\~lich, jetzt zu den Wahrnehmungsinhalten etwa die in der lichkeit macht aber nur die von uns angegebene Sachlage
~l·kl·1mzeichneten Weise vorstellungsmäßig gegebenen noch noch einleuchtender. Ein durch die Sehposition bestimmter
llirlllll.ttnehmen, um das Bewußtsein vorhandener Wirklich- Ausschnitt der unendlichen ~und als solcher erlebten) Raum-
keit aus der Gesamtheit dieses in zweierlei sinnlicher An- wirklichkeit kann also von eben dieser Sehposition aus jeweilig
sdwulichkeit gegebenen Bestandes zu konstituieren. Denn direkt und unmittelbar übe r,s ehe n werden und hiermit alles,
darin g-erade lassen sich ja die beiden Arten vorstellungs- was als ein in diese sichtige Raumwirklichkeitssphäre Ein-
nlal\i~er Gegebenheit überhaupt nur unterscheiden, daß das geordnetes dasteht. Zu allem diesem kann ich mit meinem
l'illl' Mal das Vorgestellte als ein in der Raumwirklichkeit geistigen Auge selbst und direkt hin dringen. • Alles dieses
I >r inslehendes aus dieser herausgesehen wird. Dieses Be- steht d ur eh seine sichtbare, wenn auch teils mit verdeckter
wul.ltsdn der Raumwirklichkeit ist also für die mögliche Anschaulichkeit sichtbare Einordnung in die Raumwirklich-
Fassung dieses Unterschiedes schon vorauszuse~tzen. keit als ein sich den Wirklichkeitsanschein Gebendes
. Wir machen auf folgenden Tatbestand aufmerksam: da. Es ist ein anderes, ob mit der Vorstellung eines Gegen-
die mit der Realsetzung unseres eigenen Leibes wesenhaft standes das Bewußtsein seiner realen Wirklichkeit (und damit
111itgesetzte Raumwirklichkeit, in der wir eine bestimmte (mit- seines tatsächlichen Eingeordnetseins in die Raumwirklichkeit)
l'rlcbte) Stelle jeweilig einnehmen, wird als eine unendliche verbunden ist oder ob es mir aus dieser Raumwirklichkeit
gehabt. Und zwar ist die Unendlichkeit der Raumwirklich- heraus, soweit sie eine selbst übersehbare ist, sichtig wird.
keit ein von dem Bewußtsein der Raumwirklichkeit unab- In den Fällen, in denen wir eine Gegenstä.ndlichkeit in diese
lrcnnbares Moment. Diese wesenhaft unendliche Raumwirk- sichtige Raumwirklichkeitssphäre (soweit sie mit verdeckter
lirhkeit, innerhalb d.eren ich mit meinem Leibe eine zufällige Anschaulichkeit gegeben ist) hineinstellen oder hineinsetzen,
Stelle einnehme, wird nun :z.war in diesem Umgebungsbe- spielen wir mit ihrer Wirklichkeit. Wir geben ihr den An-
wttßtsein als solche gefaßt, kann aber natürlich nicht sinnlich- schein eines sichtbarlieh Wirklichen; wir lassen sie genau
anschaulicher Vorstellungsinhalt sein. Dieses wäre wesen- so auftrete1, als gehörte sie zu den selbst sichtbaren Realitäten.
haft unmöglich.1 ) Wir geben ihr, wie wir oben sagten, Wirklichkeitsallüren.
Es gibt nun das von meiner erlebten Raumposition aus
i11 die mit meinem Leibe gesetzte unendliche Raumwirklich- b) Das Umgebungsbewußtsein selbst.
hil Hineinsehen. Mit diesem Erlebnis des HineinseiJens So wie die mit der Raumposition gesetzte Sichtigkeits-
ist das sinn I ich ansehau I i eh gesehene Raumstück sphäre der Raumwirklichkeit als ein Au s schnitt eben dieser
als ein Auss~hnitt des wirklichen (unendlichen) Raumes unendlichen Raumwirklichkeit erlebt wird, so die Wahr-
gegeben. D1ese Sphäre möglicher sinnlich anschaulicher nehmungssphäre als ein Ausschnitt aus diesem Sichtigkeits-
( iegebenheiten dieser Raumwirklichkeit ist aber offenbar nicht bereich (resp. aus der unendlichen Raumwirklichkeit selbst).
durch die zufälligen Grenzen, die meine Zimmerwände oder Dies ist ein wichtiges Moment, das auch später fUr die Kenn-
die Häuserfronten u. s. w. setzen, selbst begrenzt. Mit ihnen zeictmung des Wahrnehmungserlebnisses in natürlicher Ein-
hi\rt zwar die Wahrnehmungssphäre im engeren Sinne auf, stellung von Bedeutung sein wird. Nicht erst durch das
nicht aber die Sichtigkeitssphäre. Wir vermögen über diesen Wahrgenommene als solches wird eine reale Raumwirklich-
Wahrnehmungsausschnitt hinaus in die Raumwirklichkeit keit gesetzt, sondern dieses tritt aus der schon gesetzten
hineinzusehen. Aber es gibt doch eine wenn auch nicht heraus, gibt sich aus dieser heraus kund. Und das über den
gcnau bestimm bare Grenze, über die wir von unserer Seh- engen Wahrnehmungsausschnitt hinaus Sichtige ist nicht ein
position aus sehend nicht hinausgelangen kön:1en. Schließ- mit dem Wahrgenommenen nur Mit gegebenes -- in dem
lich verliert sich der Blick. Wir können - immer von Sinne, daß das Wahrgenommene immer das primär Gegebene
unserer Position aus - mit dem Blick nicht weiter in diesen bleibt, das dann irgendwie auf das Vorhandensein auch eines
unendlichen Raum hinein vordringen; falls wir uns nicht vor- anderen hindeutet und so erst zu desse:1 Setzung führt --
stellungsmäßig an eine andere Stelle im Raum hinversetzen sondern das darüber hinaus Sichtige ist ein in genau der-
') Nur weil man auf positivistischer Seite an dieser sinnlich anschau-
selben Weise primär Gegebenes wie das Wahrgenommene
li~hen Gegebenheit als einzigmöglicher Gegebenheitsweise fest- selbst, nur daß das Wahrgenommene in jener anderen An-
lneU, konnte man zu der Meinung kommen, die Unendlichkeit schaulichkeitsweise dasteht. Sehr deutlich wird dies, wenn
des Raumes (wie vieler anderer der realen Wirklichkeit als solcher wir auf den Uebergang achten, der sich vollzieht, wenn ein
wesenhaft zugehöriger Momente) sei etwas Unvorstellbares in vorher schon Sichtiges in die Wahrnehmungssphäre eintritt.
sich Widersinniges. '

- 21 - 22
J\ Iso wenn ich etwa die Obstfrau, die bekanntermaßen hinter Existenzautonomie der zu ihr gehörigen Gegenständlichkelten
tlt·r Ecke sitzt, schon immerwährend sehe, ehe ich um die möglich ist, wie es etwa erkenntnistheoretisch begrü~det ?der
I :vke herumgebogen bin. Der einzige, in der natürlichen aw;h psychologisch erklärt werden mag, muß es m_ d1eser
Lt·hl·nseinstellung oft gar nicht beachtete Unterschied besteht seiner Eigenart anerkannt werden.
i11 jt•IJelll Anschaulichkeitswechsel. Daß man hier mit jener Wenn wir in dem Folgenden versuchen ~erden, das-
positivistischen Theorie: ich stelle sie mir schon vorher vor jenige, was c:Js in dteser exist_enz~uto_nomen Wetse zur rea~en
( i 11 dl'l!l Sinne, daß ich ein Phantasma von ihr habe) und Wirklichkeit Gehöriges und m s1e Ewgeordnete~ erle?t wtrd
t'l warll', daß bei Erfüllung einer gewissen Bedingung der (hierher gehörig das Dingproblem) und an?erseJts seme Be-
t'llhprl'chende Gehalt wahrnehmungsmäßig gegeben sein ziehung zu cen "Erscheinungs"gehalten (hterzu da_s \Vahr-
wird, in keiner Weise auskommt, bedarf wohl keiner weiteren nehmungsproblem) etwas näher zu _fassen:. so wtrd auch
bl'lrtl'mng mehr. Schon die Ueberlegung, wie denn hier das Bisherige noch mehr anschauliche Fulle und _L~ben­
.. dit• Erfiillung der notwendigen Bedingung" (also in unserem diJ~keit erhalten. Denn da jetzt das. von dem n~türl!ch_en
Lill das um die Ecke Herumbiegen) "vorgestellt" wird, müßte Bt:wußtsein als wirklich Angesetzte mcht mehr nnt den je-
diese Theorie ad absurd um führen. Denn schließt nicht diese weiligen Wahrnehmun~sinhalt~n _zus~mmenfällt, so t;ag~ ~s
Vorstellung des um die Ecke Herumbiegens das Bewußtsein sich, was denn eigenthch dasjemge 1st, was als das Jens~tts
l"i11, sich in ein und derselben Raumwirklichkeit (von der allles Wahrnehmungszusammenhangs Stehende erlebt wird.
Vlllt der jeweiligen Position aus nur ein gewisser Ausschnitt
l:~'r;Hle wahrnehmbar ist) mit der hinter der Ecke sitzenden
~ lhstfran zu befinden? IL Unterst.:chungen über die speziellere Gestaltung
I >urch diese Betrachtungen ist das für die Charakteri-
sit•t tlliJ~ aller Wahrnehmungs- und Vorstellungserlebnis~e in
der bewußtseinsunabhängigen Welt des realen Seins.
ll:tllltl ich er Lebenseinstellung so fundamental wichtige Moment 1) Problemstellungen, Fragescheidungen und
dt·'l sirh mit seinem Leibe eingeordnet Findens in eine un- Darstellung der hier in Betracht kommenden
t'lldlkhl' RaUJnwirklichkeit deutlich hervorgetreten. Nicht positivistischen Anschauungen.
Ir ~:l'tHI ein "Bewußtsein" ist für dieses nicht erkenntnis-
111 t'tll el isch orientierte Erleben das primäre, ein Bewußtsein, Der Positivist hat sicherlich Recht, wenn er meint. in
ln dt·ttt oder für das Alles Andere allererst da ist - sondern der natürlichen Weltanschauung könne von der Ansetzun_g
dksl' unendliche Raumwi:klichkeit mit den in sie eingeord- eines absolut transzendenten "Dinges hinter den Erschet-
ltl'h'lt I >ing-en und Inhalten, in der auch ich mit meinem Leibe nunrren" keine Rede sein. Wenn ~er ebenfalls hehauptet
t·ittl' variable Stelle einnehme. Hiermit hängt zusammen das wird das naive Bewußtsein in seiner ungeklärten Verworren-
1\l'WIIL\Iscin der vollkommensten Existenzautonomie .heit ~etze die Wahrnehmunssinhalte als solche oder Komp~exe
;tllt•s zm realen Wirklichkeit irgendwie Gehörigen. Ich muß von diesen als das außerhalb der Wahrnehmung wetter-
utirlt zu dl'n Dingen hinbemühen, wenn ich in irgend eine existierende an so erscheint uns eine solche Vorstellungs-
111-ti,·llung- zu ihnen treten will. Daß sie mir bei irgend einer weise nicht n~r ebenso absurd, wie diesen. Philosophen,
1'!lsilion tiherhaupt sichtig werden oder mir in wahrnehmungs- sondern auch als eine dem natürlichen Bewußtsein völlig zu
111:11.\iger Sichtigkeit ihre Eigenschaften enthüllen, wird als Unrecht zugeschriebene. Denn ~egen die au~ ~em_ Wesen
r·ln l!lr ihre Eigenexistenz vollkommen gleichgiltiges Moment gewisser Wahrnehmungsverhältntss~ heraus ems1chtige Da-
t•t h·I1L J\uch das Bewußtsein, sich durch diese reale Welt seinsrelativität der Wahrnehmungsmhalte auf den Wa~r­
und d it· zu ihr gehörigen Gegenstandsbereiche hindurch- nehmenden (resp. die Wahrneh'?ung~position) vers~~ndi~t stch
Jllht•wl'gcn, so daß das, was jetzt noch vor mir war, jetzt auch das natürliche Bewußtsem bei aller Ungeklarthett der
1111 llll'illl'r SL'ite sich befindet und jetzt hinter mir zurück- Sachlage in keinem Sinne. Wir sehen ab~r hi~rmit, ?aß,
hh·illt, jt'tlf ferner und ferner rückt, ist nur auf dieser Grund- wenn der Positivist und Relativist durch Hmwe1s at~f Jene
la~·· 111 verstehen. Es ist völlig unmöglich, für alle diese Relativitäten die Verabsolutierung der Wahrnebmungst_nhalte
111 lltn•r Eig·t·nart deutlich heraustretenden (und ihrer Trivi- als solcher zeigt und nun etwa diese absurde_Yerabsolutterung
;ilit:lt wt•gen in wissenschaftlich-philosophischer Haltung meist und Verselbständiguncr von Wahrnehmungsmhalten oder von
lllthl•:trhll't 1:elassenen) Erlebnisse in der positivistischen Welt Komplexen solcher Wahrnehmungsinhalte als eine psycho-
t•im· Sklll· ztt finden. Ehe man fragt, wie ein solches Be- !ocrisch aus den und den Umständen erklärbare aufdecken
wul.\lscin einer unendlichen Raumwirklichkeit und der völligen wih (wobei die regelmäßige oder gesetzmäßige Verknüpfung
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derselben als Grundlage dient), er in keinem Sinne das natür- besonderen Dingkonstituens neben den sog. sinnlichen Merk-
liche Bewußtsein autonomer Dinghaftigkeit erklärt oder gar malen (= den Erscheinungen) zurückgewiesen wird, so später
als ein widersinniges herausgestellt hat. Denn auf dieses der Unterschied von "bloßer Erscheinung" und Wirklichkeit.
war er ja in seinen Erklärungen nirgends bezogen. Es gibt nur ein Gegebenes, und das ist das jeweilig Em-
Ebensowenig aber ist die Sachlage abgetan mit derlei pfundene. Jedes Empfundene ist gleich "wirklich"; man kann
l~edewendungen, daß die Annahme eines transzendenten nu(, von gewöhnlichen (d. h. relativ häufigen) und außerge-
I >inges hinter den Erscheinungen dem natürlichen Bewußtsein wöhnlichen Empfindungszusammenhängen sprechen. "Es hat
fremd sei, dieses sich also auf nichts weiter beziehen könne nur einen praktischen, aber keinen wissenschaftlichen Zweck,
als auf die doch wesenhaft auf den Wahrnehmenden relativen in diesen Fällen", wie in dem des gebrochenen Stabes, "von
"Erscheinungen" selbst. Man muß sich eben ansehen, Schein zu sprechen." 1)
worauf sich das natürliche Bewußtsein in seiner Dingfassung [Diese Problemgruppe und ihre Auffassung hängt mit
bezieht und wie sich in ihm eine erlebte Relativität der der~vorigen im Mach'schen "Weltbilde" folgendermaßen zu-
Wahrnehmungsinhalte mit der ebenfalls erlebten von aller sammen: Man kann letztlich nur sprechen von Elementen und
Wahrnehmungsgegebenheit unabhängigen Existenz des in der relativ,; beständigen Elementverbindungen. Eine dieser relativ
Wahrnehmung zur Erscheinung Kommenden vereint. Dieses beständigen allerdings durch ganz besondere Elemente aus-
Problem führt zu außerordentlich umfassenden Analysen, in gezeichnete Elementverbindung ist das sogenannte Ich. Hier
die wir hier nur so weit eintreten können, als es notwendig finden wir mit den gewohnten Elementen (die den Leib aus-
ist, um die wichtigsten Unterschiede herauszustellen, die den machen) noch "Gefühle"," Willen", "Erinnerungen" verbunden.
späteren erkenntnistheoretischen Fragen allererst Eindeutigkeit In genau demselben Sinne nun wie eine Fülle von (funk-
und Prägnanz zu verleihen vermögen. tionellen) Abhängigkeitsverhältnissen zu finden sind im Gebiet
Wir müssen vorerst eine mögliche zweifache Deutung der außerleiblichen Elementverbindungen, so auch zwischen
erwähnen, die das Problem von dem Ding hinter den Er- dksen,:und den Elementverbindungen, die man Ich nennt (wie
scheinungen in der positivistischen und sonstigen erkenntnis- natürlich auch zwischen diesen Iehen selbst). Wenn so etwa
theoretischen Literatur erfahren hat. Es handelt sich um zwei der Elementkomplex "weiße Kugel" in Beziehung tritt zu dem
völlig verschiedene Problemgruppen, deren Zusammenwertung Elementkomplex "Glocke" (d. h. w_enn die Kugel auf die
größte Unklarheiten herbeiführen kann. Wir orientieren uns Glocke fällt), so wird ein anderes neues Element gesetzt: ein
zunächst an Mach. Die Frage, die er in der Analyse der· Ton. In genau demselben Sinne greift der Element-
Empfindungen, erstes Kapitel, Abschnitt 1-5 behandelt, ob komplex "menschlicher Leib" ein: er verbindet sich mit dem
man von einem von den einzelnen sinnlichen Qualitäten Elementkomplex "Santonin" und der Elementkomplex "weiße
(Farbe, Ton u. s. w.) noch besonders zu unterscheidenden Kugel" wird gelb. 2 )
Träger dieser Qualitäten, einer Substanz, einer Materie, kurz Um sich in dieses sehr absonderliche Weltbild Mach s
einem besonderen Dingkonstituens reden könne, ist eine ganz hineinzuleben, muß man sich gewissermaßen aus sich selbst
andere als die in Abschnitt 5 mit den Worten eingeleitete: heraussetzen und einen Standpunkt über der Welt und ihrem
Auch das Verhältnis der Körper zum Ich gibt Anlaß zu Geschehen annehmen. Man sieht dann auf dieses Gewebe
;;nalorren Scheinproblemen." Hier handelt es sich um die von Elementen und Elementkomplexen und das Getriebe ihrer
Frage~ ob es einen sinnvollen Unterschied zwischen einem Veränderungen einschließlich dem gleichsinnigen Eingreifen
bloßen für mich" und einem "an sich" gibt, also um das der Leiber, die durch die Verknüpfung mit eigentümlichen,
eigentlidh erkenntnistheoretische Problem. Nachdem er (in sonst nicht vorfindbaren Elementen ausgezeichnet sind, herunter
den ersten 4 Abschnitten) die Ansetzung · eines besonderen
Dingkonstituens außer den sinnlichen Merkmalen zurückge-
1) Vgl. die ausführliche kritische Behandlung solcher Auffassungen
im Teil IV.
wiesen hat, erklärt er, wie das naive Bewußtsein zur Bildung 2) Wenn Co r n e I i u s in dem oben erwähnten Logos-Artikel ("Die
der Begriffe Materie, Substanz u. s. w. kommt: "so entsteht Erkenntnis der Dfnge an sich") den "erfahrungsgemäß" vorhan-
in natürlicher Weise der anfangs imponierende, später aber denen Tatbestand, daß es doch etwas Anderes sei, wenn ich dies
als ungeheuerlich erkannte philosophische Gedanke eines (von Holz nur eben nicht wahrnehme, weil ich wegblicke oder des-
halb, weil es verbrennt, schließlich damit zu decken glaubt, daß
seinen Erscheinungen verschiedenen) Dinges an sich". "Das doch im ersten Fall ein von der Erscheinungsveränderung unab-
Ding, der Körper, die Materie ist nichts außer dem Zusammen- hängiges "Gesetz" bestehen bleibe (daß ich nämlich beim Augen-
hang der Elemente, der Farben, Töne u. s. w., außer den so- öffnen, also mit Erfüllung einer bestimmten Bedingung, das Holz
g-enannten Merkmalen." So wie hier das Vorhandensein eines wiedersehen werde), so scheint er uns in keinem Sinne prinzipiell
über Mach hinauszugehen.

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'
um!, versteht von hier aus, was es heißt, wenn Mach (A. d. sonders eigentümlich; es gibt seiner Weltansicht eine sehr
L S. 13) sagt: "Auf diesem Wege finden wir also nicht die individuelle Färbung. Wir finden zwar diese Aufhebung der
vo~her b~~eichnete Kluf! zwischen Körpern und Empfindungen begrenzten Ich-Einheit als eine notwendige Konsequenz der
;wtschen ;'außen und mnen, zwischen der materiellen und positivistischen Grundanschauung auch bei anderen Forschern
gdstigen Welt. Alle Elemente A B C ... K L M ... bilden (Schuppe); aber hier ist doch fast immer die ganze Dar-
nur eine zusam1_11enhängende Masse, welche an jedem Element stellungsweise auf die "Mirgegebenheit" hin orientiert und von
;tngefaßt ganz m Bewegung gerät, nur daß eine Störung bei ihr ausgehend und die mit dieser Orientierung gegebene
K L Ivl (dem Elementkomplex "Leib") viel weiter und tiefer erkenntnistheoretische Problematik steht im Mittelpunkt der
!-:"reift als bei A B C.
Erwägungen.
Wir sehen hiermit, daß Mach durch die Art der Ab- Mit dieser Verschiedenheit der theoretischen Position
findung mit dem erkenntnistheoretischen Problem seiner Welt ist aber eine für unsere beiden oben von einander geschie-
l:ine eigentümlich absolute Stellung gegeben hat. Er spricht dE:nen Probleme (das der ontologischen Struktur des Dinges
lw_ber von Eleme_nten als von Empfindungen und von Em- als solchen und das der Ansichbeschaffenheit des Dinges
pfmdungen nur msofern, als die Elemente oder Element- gegenüber seiner Erscheinung) wichtige Konsequenz gegeben.
komple~e in ihrer funktionalen Veränderungsabhängigkeit von Nehmen wir als Beispiel einer Darstellung dieser letzteren
d~n "_Letbern" betrac~tet werden. Mach vernichtet gleichsam Orientierung den oben S. 29 erwähnten Aufsatz von Co r-
mJt emem Schlage dte ganze erkenntnistheoretische Proble- n ~~ l i u s "Die Erkenntnis des Dinges an sich". Co r n e I i u s
matik, durch einen Schlag, geführt gegen das wahrnehmende gE:ht aus von dem Gesichtsbild, das wir von einem Dinge
und erkennende Ich. Gibt es kein Ich mehr, das an sich haben, wenn wir auf dasselbe hinblicken. Er spricht auch
bestehende Dinge wahrnimmt und erkennt, so entfällt die von dem "Wahrnehmungseindruck" oder der "Erscheinung"
g~nze Frage nach dem Unterschied des "an sich" und "für des Dinges. Diese jeweiligen Wahrnehmungseindrücke oder
n11ch". S. 19: "Ich empfinde grün heißt: das Element grün Erscheinungen sind das einzig gegebene Material und damit
kommt in einem gewissen Komplex von anderen Elementen auch die einzigen Realitäten. Der Dingbegriff, den Corneli us
Empfindungen, Erinnerungen vor. Empfinde ich nicht meh; als einen von dem Erscheinungsbegriff abzutrennenden aner-
grün, so tritt das Element aus diesem Elementkomplex (mein kennt, geht aber trotzdem im Hinblick auf das gegebene
Leib) wieder heraus." Damit ist jedes Gegenstandsbewußtsein Material, auf das er sich bezieht, nicht über diese jeweiligen
aufgehoben. S. 11: "Der Gegensatz zwischen Ich und Welt Erscheinungen hinaus. Er gründet in dem vom Verstande
Empfindung oder Erscheinung und Ding fällt dann weg und erfaßten Gesetzeszusammenhang eben dieser Erscheinungen.
es handelt sich lediglich um den Zusammenhang der Elemente Die nähere positive Bestimmung dieses Dingbegriffes ist von
... (G~fü~le, Willen, ~rinnerung), A B C ... (Welt), K L M kti!inem Interesse für uns. Wichtig ist dagegen: da von vorn-
... {Letb). Wodurch stch Mach zu einer solchen Anschauung herein nur das jeweilig Mirerscheinende als einzig gegebene
gedrängt fühlt, geht u. a. hervor aus den Worten S. 23: Realität (abgesehen von jenem Oesetzeszusammenhang) an-
"Wollte man das Ich als eine reale Einheit ansehen so käme gesehen wird, wird die Frage, ob es noch ein besonderes,
man nicht aus dem Dilemma herc.us, entweder ~ine Welt der sinnlicr en Sphäre überhaupt transzendentes Dingkon-
unerkennbarer Wesen demselben gegenüberzustellen (was stituens geben könne, überflüssig und entsprechend gar nicht
ganz müßig und ziellos wäre) oder die ganze Welt, die Iche (wie etwa bei Mach) noch besonders in Angriff genommen.
anderer Menschen eingeschlossen nur als in unserm Ich ent- Wir sehen: wenn man das Gegebene auf die jeweilige
halten anzusehen (wozu man sich ernstlich schwer entschließen siinnliche Erscheinung (Gesichtseindruck u. s. w.) reduziert,
wird)." Eine Alternative, die nur Sinn hat auf Grund der so ist es nicht anders möglich, als einen dennoch beibehaltenen
ganz gegenstandslosen Annahme, daß ein Erkennen und Wahr- Dingbegriff irgendwie aus einer Verknüpfung oder Verbindung
nehmen im üblichen Sinne (also bei Voraussetzung einer Ich- dieser sinnlichen Erscheinungen selbst herauszukonstruieren.
Einheit) nur möglich sei, wenn die wahrzunehmenden oder Wenn man aber umgekehrt in ontologischer Einstellung
zu erkennenden Gegenstände irgendwie in diese Ich-Einheit finden würde, daß außer einem Zusammen von sinnlichen
hinein oder hinüber wandern müßten. Wir sehen hier die Elementen nicht noch ein besonderes Dingkonstituens anzu-
vollkon:mene Verkennung der Eigenart des Gegenstandsbe- setzen wäre, so wäre damit noch keineswegs die Frage ge-
wt~ßtsems. M a c h hat also die hier liegenden Probleme löst, ob ein solcher "Elementkomplex" so zur Gegebenheit
kcmesw~gs gelöst, sie nicht einmal als solche klar gefaßt. kommt, wie er an und für sich beschaffen ist, oder in irgend
Das radtkale Vorgehen nach dieser Richtung ist Mach be- einer auf den Wahrnehmenden relativen Erscheinungsform.

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Von der Verwechslung dieser beiden Probleme· aus scheint keit beschränkt ist, und wir meinen, daß gerade die Heraus-
111ir iibrigens auch jene oben angeführte Meinung verstäudlich, hebung des Momentes der Dinghaftigkeit an nicht materiellen
dal.\ man - in Bezug auf die naive Weltanschauung- von Dingen uns auch im Verständnis für die Körperdinghaftigkeit
<kr Vorstellung· eines möglichen Weiterbestehens der wahr- wesentlich fördern wird. Wir trennen also das Dingproblem
genommenen (resp. empfundenen) Inhalte als solcher über von dem Körperdingproblem und lassen die Theorie, daß
die jeweilige Wahrnehmungsgegebenheit hinaus sprechen das Bewußtsein der Körperdinghaftigkeit auf einer gewöhnten
lwnnte. So H um e, wenn er im Treatise, Teil IV Abschn. 2, Verknüpfung verschiedener sinnlicher Elemente. beruhe, vor-
die Vorstellung von einer dauernden und gesonderten Existenz läufig stehen.
der Perzeptionen dadurch "verständlich" machen will, daß Es gibt Dinge, die nur ein sinnliches Element im Mach-
111an den Geist als einen Haufen von Perzeptionen betrachten sehen Sinne in sich schließen, deren Dinghaftigkeit also un-
ki'mne, in welchen Haufen die einzelnen Perzeptionen bald möglich aus einer Verbindung mehrerer Elemente heraus-
l1inein-, bald wieder herausträten. (Vgl. nach der Uebers. konstruiert werden kann. Man könnte sich zunächst damit
von Li p p s S. 275.) Der äußere Gegenstand wird hier zur hdfen, daß es sich hier eben um ein Element allein handele
losgelösten Perzeption. Wenn man hier nicht auf die sinn- (eine Farbe, ein Ton u. s. w.), und daß man natürlich gegen
lirhcn Qualifizienrngen der Dinge selbst hinblickte unddiese eine solche Ausdehnung des Begriffes der Dinghaftigkeit auf
;1ls jene selbständig existierenden Einheiten ansetzte, so wäre ein solches Einzelelement nichts einwenden könne, daß aber
es unverständlich, wie man sich über die auch bei völliger diese willkürlich erweiterte Ausdrucksweise nichts gegen
l Jngeklärtheit der Verhältnisse schon in die Augen springende jene Dingtheorie besage. Aber so einfach liegt die Sache
I >aseinsrelativität des Wahrnehmungsinhaltes als solchen auf kdneswegs.
dL·n Wahrnehmenden hinwegzusetzen vermöchte, der Be r- Wir weisen zunächst darauf hin, daß mit jener tradi-
I< l'l c y die prägnanteste und eindrucksvollste Form ver- tionellen Elementenreihe (Farben, Töne, Drücke u. s. w.) in
lidien hat. k1Hner Weise die Fülle durchaus eigenartiger, obzwar nur
Wir werden später sehen, daß das hier nur hindeutend einer sinnlichen Sphäre angehöriger Erscheinungen gedeckt
111it dem Terminus "Daseinsrelativität der Wahrnehmungs- werden kann. Müßte man nicht beispielsweise von einem
inhalte auf den Wahrnehmenden" gefaßte Problem keines- besonderen Schattenquale sprechen. Denn läßt sich Schatten-
wegs eindeutig ist, sondern daß in ihm die allerverschieden- haftigkeit als solche etwa einfach als eine besondere Art
arlig-sten Tatbestände unrechtmäßigerweise zusammenge- Farbelement bezw. Lichtelement auffassen? Aber damit wäre
J~rirlen werden. Wir mußten uns aber vor der Klärung der noch nicht viel gewonnen außer einer, wenn auch sehr be-
Sachlage mit einer so oberflächlichen Hindeutung begnügen, trächtlichen Vermehrung der sogenannten sinnlichen Elemente.
11111 vorerst auf die gröbste in diesem Gebiet liegende Ver- In dem auch von positivistischer Seite gebrauchten Ausdruck
wccllselung hinzuweisen.] Gesichtserscheinungen sind wohl allerlei mögliche Gehalte
Für unsere kritischen Betrachtungen ergibt sich aus dieser znsammengefaßt. Aber gerade diese Ausdrücke wie sinnliche
I Interscheidung folgender methodolog.Jscher Tatbestand: Inhalte, sinnliche Erscheinungen u. s. w. tragen in sich die
Wenn es uns in ontologischer Einstellung gelingt, einiger- ganze Unklarheit und ,'v\ehrdeutigkeit, der wir durch Heraus-
lnaßen klar das Wesen der Dinghaftigkeit herauszustellen, hebung des dinglichen Momentes etwas näher kommen wollen.
wie es in jedem dingesetzenden und auf Dinge gerichteten Denn es tritt jetzt gegenüber der Fülle ·atles dessen,
Bewußtsein zu ergreifen ist, so wird die sich daran an- was z. B. der Sehsphäre 1) angehört, deutlich heraus, daß
schließende Frage, wie einem natürlichen Bewußtsein diese ') Wir drücken uns hier mit Abskht so allgemein aus, um hier noch
,.1 Jinge" zur Gegebenheit zu kommen scheinen und weiterhin ganz frei von aller möglichen Ausdeutungsbelastung zu sein, die
die Worte Inhalt, Erscheinung, Gegenstandliches u. s. w. mit sich
!las erkenntnistheoretische Problem wie die Realität einer bringen könnten. In der Tat umgreift auch keiner dieser Aus-
sokhen Dingwelt überhaupt ~ eines einzelnen jeweilig drücke seinem Eigensinn-nach das hier Gemeinte vollständig.
illl~csetzten Dinges erst Prägnanz und Eindeutigkeit erhalten. Die einzige Bestimmung, die wir geben, ist die Zugehörigkeit
zur Sehsphäre. Wir s;:~gen auch nicht: alles, was gesehen werden
2) D in g h a ft i g k e i t. kann, weil "sehen" eine ganz .prägnante Bedeutung hat, auf die
wir uns ebenfalls nicht festlegen wollen. Am besten würde man
W cnn Mach den Dingbegriff zurückführen will auf vielleicht sagen: alles, was für das "Gesicht" da ist, wobei man
due relativ konstante Verknüpfung sinnlicher Elemente, so natürlich nicht an einen b?stimmten Leibesteil oder ein bestimmtes
Ist l'r offenbar am Körperding orientiert. Wir können nicht leibliches Smnesorgan zu denken hat. Auch ein unkörperlicher
Geist mü3te Gesicht, Gehör haben, um das entgegenzunehmen,
111~cbcn, daß das Dingbewußtsein auf die Körperdinghaftig- um was es sich hier handelt.

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ha_~d die Art. der Gegebenheit Dingbewußtsein in einem keit gesprochen werden kann, - und zwar in einem Sinne,
pragnanten_ Sm~e von mir fordert, bald dagegen fUr ein der alles dieses mit den Körperdingen zu einer Einheit zu-
solches kemerlei Gegebenheitsgrundlage vorhanden ist. sammenfassen lässt, einer Einheit, für die die Materialität
. Zur_ vorl_äufigen Orien~ierun~ und nur um zu zeigen, kein wesenhaft dazu gehöriges Moment darstellt.
tl<~ß es_ Sich n~c,ht bloß um eme wIll k ü r I ich e Erweiterung Zuerst wird man sagen, daß man nur den u n mittel-
d~s Dmgbegnf:s handelt, sondern um den Versuch etwas b a r e n Eindruck eines Dinges hat, wenn das Gegebene
sIch_ t b a r1 ich Eigenartiges zu fassen, führen wir aus; Wenn eine gewisse äußere Abgegrenztheit besitzt So z. B. springt
man m der natürlichen Lebenseinstellung einen Schlagschatten e:in Seespiegel in dem Augenblick als ein Ding heraus, in
als ein Ding nin~mt, s? si~ht n:~n dabei etwa auf folgende eiern man seine Uferbegrenzung sehend mitbegreift (so be-
Momente: man fmdet Ihn Jeweilig eine bestimmte Stelle in sonders, wenn man sich in einer gewissen Höhe über dem
der Raumwirklichkeit einnehmend· hier auf dem Tisch ist See befindet.) 1) Nun ist es leicht, irgend einem gegebenen
t•: hin~elagert, i~ best_immter Größ~, bestimmter Gestalt; von Material gegenüber, z. B. dem Wasserspiegel, dem Himmels-
h~er Sieht man Ihn s1ch fortbewegen zu einem anderen Ort blau, dem Erdboden oder einem auf diesem hingelagerten
hm; er hat sozusagen Eigenleben im Raum. Wenn ich I~iesenscha1ten durch ein Hineinsehen von beliebigen
!Im sehen will; so muß ich mich in eine gewisse Nähe zu Grenzen beliebig Dinge herauszusehen. Wir wollen alles
1hm begeben, 1ch kann mich ihm nähern und mich von ihm MateriaF), das als solches ein Herausfassen von Dingen durch
L'ntfernen ..Ich kann ihn von verschiedenen Raumpositionen ein bloßes geistiges Hineinzeichnen von äußeren Grenzen
aus verschieden gut, verschieden deutlich sehen. Bald tritt zuläßt oder dem nur das Moment tatsächlicher äußerer Ab-
seine. i~m eigenartige Gestalt voll heraus, bald ist sie per- !~egrenzrheit fehlt, um den Eindruck eines Dings zu machen,
SJ;eklivlsch verschoben und verdrückt u. s. w. Immer bin ich Dingmaterial nennen, und dieses unterscheiden von alledem,
hIer und der Schatten dort; und ich sehe von hier aus was einer solchen Dingfassung 3) widerstrebt - wobei es
auf den Schatten hin. Analoges können wir von einem Ton noch vorläufig dahingestellt bleibt, ob es noch Material gibt,
sagen, der sich aus dem Instrument, aus dem er stammt dem gegenüber zwar eine solche äußere Abgrenzung mög-
lo~Iöst, durch _den Raum zie~t und hier irgendwo verklingt:
Wtr haben hier ganz deutheb das Bewußtsein von einem 1
) Um zu entscheiden, welch~s etwa das analoge Moment bei Ton-
E_t was, das im Raume schwebt und sich durch den Raum din)!en sei, mül}te man erst herausgestellt habw, wodurch jeweilig
!11!1 b~wegt :. auch er hat Eigenleben im Raum. Ich kann die Tonding~Einhett konstituiert wird, was also in Abgegrenztheit
gegeben sein soll. Wir w ~rden hier<lUf zurück 1wmmen. Jedenfalls
llltch 1hm nahern und von ihm entfernen, ihn von hier aus kann die zeitliche Begrenzung der Bewegung des Tondings na-
11~1d von dort aus hören und wie ich oben zu dem Schatten türlich nicht die verlangte Begrenztheit des Tondings selbst dar-
l11nsah, so kann ich hier zu dem Ton hinhören. Man stellen, da die Einheit des Tondinges ja schon als konstituiert
lle~chte wohl dies Erlebnis des zu einem Ton Hinhörens, vorausgesetzt sein muß, wenn man von seiner Bewegung
sprechen will.
\~eil es voraussetzt, daß man den Ton an einer bestimmten
2
Stelle der Raumwirklichkeit hat und zu dieser hörend hin- ) Material genommen als jedes zur physischen Wirklichkeit ge-
l:ewendet ihn eben dort faßt. hörige Quale.
Nicht immer werden Tondinge in dieser Weise frei,
3) Diese "Dingfassung" ist also deutlich abgegrenzt v<;m der ganz
andersartigen, in der beispielsweise drei Sterne zu etnem ?ter~­
k<;mn:en z_ur Entstehung t:nd zum Eigenleben in der Raum- bild zusammengefaßt werden und damit auch so etwas wte etn
wtrkhchkett. Es gibt ein Steckenbleiben des Tonquale in Dingbewußtsein in Bezug auf diese drei Sterne zustandekommt.
de!n angeschl~ge~n Körperding. Nicht immer anderseits Denn irt unserem Fall handelt es sich um das Hineinsehen eines
l;tbt f!!an Tondwge, wenn man Gehörserlebnisse hat, so meist solchen Momentes, das ebensogut auch an dem gegebenen Ma-
terial selbst vorhanden sein könnte: jedes so (bloß geistig) ab-
da mcht, wo I?an rein auf das Musikalische eingestellt ist gegrenzte Stück des Hjmmels. der Wasseroberfläche des Schattens
11tH! auch da mcht, wo man so bezeichnend sagt es tönt" könnte auch als tatsächlich abgegrenztes für sich allein auftreten;
.,es saus t " . V on d"tese_m Allem werden wir noch "sprechen.' daß dies nicht der Fall ist, ist gewissermaßen nur ein zufälliger
. Man _denke dann m der Sehsphäre weiter an jene Licht- Tatbestand. In dem anderen Fall aber handelt es sich um ein
sriH:Ine, wte man sie mit einem Spie·:;eJ an die Wand werfen Moment, das als solches wesenhaft erst durch einen sich an dem
Gegebe1en betätigenden geistigen Akt zustande kommt, sodaß
1111d dort hin und her huschen lasse~ kann oder an Glanz- also Dingkonstitution hier ohne ein solches geistiges Mitwil_"ken
ltdttcr, Farbscheine u. s. w. Ich glaube kaum daß man sich wesenhaft unmöglich wäre. Das führt aber offenbar auf emen
dt·s _Zugeständnisses zu_ erwehren vermag, d~ß hier überall ganz anderen von dem un~ern wesentlich verschiedenen Ding-
111 L'tnem ganz prägnanten Sinne von Dingen und Dinghaftig-
begriff, mit dem sich auseinanderzusetzen hier nicht unsere Auf-
gabe sein kann.

31 32 -'I.
lieh ist, das aber trotz dieser nicht zu einem Dinghaften zu die wir uns vorläufig beschränken wollen) fast immer so,
werden vermag oder ob mit der Unmöglichkeit, es äußerlich daß bei einer begtimroten Einstellung auf das Gegebene dieses
abzugrenzen, auch wese:thaft Dingfassung unmöglich ist. zu einem möglichen Dingmaterial werden kann --- obwohl
Gerade aber das Moment, das Dingmaterial zu Dingmaterial eine solche Auffassung gegenüber der Artung des Gegebenen
macht, interessiert uns hier. mehr oder weniger künstli:.:h und durch sie mehr oder weniger
Wo Materialität als solche gegeben ist, .da ist auch stets gerechtfertigt erscheint. Gerade in diesen Umstellungen
dingliche Fassung möglich. Wo bei r e a I e m Vorhandensein gegenüber einem und demselben Gegebenen muß dasjenige,
von Materie aus dem Gegebenen heraus nicht mehr Dinge was Dingmaterial zu Dingmaterial macht, ergreifbar sein.
herausgefaßt zu werden vermögen, da hat eben auch das Wir weisen noch auf einen fast selbstverständlichen,
phänomenale Vorhandensein von Materie aufgehört. aber doch be~chtenswerten Punkt hin: nur ein existenz-
Natürlich gilt dasselbe von (nichtfester) flüssiger Materie, seI b ständiges Quale kann die Grundlage flir mögliche
obwohl hier die absolute Konstanz ~iner individuellen Ding- Dingfassung bilden. Denken wir z. B. an die Eigenfarbe eines
form selten ist. Wir finden solche bei fallenden Tropfen, bei Körperdinges, so kann man wohl sagen, daß diese Farbe so
stehender Flüssigkeit, überall da, wo die Flüssigkeit genug weit reicht als die Oberfläche des Dinges reicht, daß sie s:ch
"inneren Halt" hat, um ihre äußere Form zu bewahren. (Das eben dort befindet, wo sich die Oberfläche des Dinges be-
Bewußtsein, ein bloß mühsam und vorübergehend in dieser findet und daß sie eine gewisse Formung besitzt, eben die,
bestimmten Form sich haltendes F I ü s s i g es und anderseits welche ihr durch die Oberflächenform und -struktur gegeben
ein festes Körperding vor sich zu haben, ist wohl von einander wird. Aber der Ort der Farbe ist nur der Ort der Ding-
zu unterscheiden). Jedenfalls kann man auch das Fließende, oberfläche; sie in sich se:bst hat keine Eigenstelle im Raum,
dem die konstante äußere Form fehlt, sehr wohl als Ding in kein~: eigene Form; sie besitzt keine Eigenexistenz und in-
dem hier gemeinten prägnanten Sinne bezeichnen, als Ding folgedessen auch kein Eigenleben; sie ist nur etvvas, insofern
L'hen der Eigenart steter "innerer Bewegung" nach einer sie am Dinge ist und von diesem unabtrennbar (eben als
oder mehreren Richtungen hin. Diese "innere Bewegung" Oberflächenfarbe). Man denke auch an ein Geräusch, das
ist selbstverständlich nicht zu verwechseln mit einer mög- den Gegenstand, der in seiner Eigenbewegung das Geräusch
lichen Bewegung des Flußdinges als solchen. Der Fluß als hervorbringt, gewissermaßen ganz "erfüllt". Es gibt eine mehr
( 1anzes fließt nicht davon, er fließt nicht weg (wenn er auch oder weniger erreichte Loslösung cles Tonquale vom ma-
fließt), aber er..J{önnte sich ev. zuglei~h selbs~ be~egen ode~ teriellen Gegenstand (wir sprachen oben von einem mög-
hcwegt werden: Eine andere mögliche Dmgbtldung be1 lichen Stecken bleiben); nur aber, wo diese erreicht ist, können
Flüssigem ist die von umgebendem Festem geh a I t e n e Tonelinge zur Ausbildung komme11. 1)
Flüssigkeit: die Pfütze, der Teich, das Wasser im Glase u. s. w. Von dem sich in der Oberfläche des Dinges verlierenden
Auch Wolken und Flammen gegenüber kann man in und mit seiner Eigenfarbe zu einer qualitativen Enheit des
einem gewissen berechtigten Sinne von Materialität sprechen. Dinges verschmelzenden Beschatturgsmoment des Dinges
/\her ich möchte doch an einer engeren Bedeutung des Be- (wie auch ebenso dem Beleuchtungsmomeni) ist Analoges
griffs Materie festhalten, nämlich nur bei dem von Mate- zu sagen. Bei einer Drehung des abgeschatteten Dinges
' ialität reden, in dessen Wesen es gründet, anfaßbar zu sein, hebt sich die Abänderung der Beschattung als solcher (un-
wL·nn auch bei den erwähnten Gebilden ebenfalls von einem abhängig von irgend ·einer Veränderung des Dinges selbst
ohne weiteres zur Dingfassung geeigneten Materiale ge- oder seiner Oberfläche) deutlich hervor, aber eben nur als
sprochen werden kann, dessen spezifische Eigenart eben in eines unselbständigen Momentes am Dinge.") Anderseits ist
l'incr Ontologie physischer Gegenständlichkeiten herausge-
~ll'lll werden müßte. 1) 1
) Dabei bleibt allerdings der sehr schwierige Punkt noch unbe-
Auf der Gegenseite könnte es nun etwas geben, das riicksichligt, daß man doch das Geräusch selbst wiederum als
'll'incr wesenhaften Eigenart nach dingliche Fassung aus- eine dinghafte Einh it auffassen kann, das heißt das gesamte
Tonphänomen in seiner eigentumliehen Materie g~b!.:ndcn Quali-
<~dilicßt. Aber es liegt (wenigstens in der Sehsphäre, auf fikation, wobei dieses von seiner Stellung als zu ein(!:n bestimmten
Körperding gehörig uhd von iilm kundgegeben losgelöst werden
') Natiirlich spricht nicht hiergegen, daß mir unter gewissen UJ?I- kann. Dieselbe Frage ließe sich im Hinblick auf jenes Ganze
st:tnden die Erscheinungsweise solcher Gebilde das Bewußtsem, der farbigen Oberfläche eines Dinges stellen. Vgl. die späteren
irgl'ndwelche festen Körper vor mir zu haben, aufzwingt. Dann Ausführungen über das .,Körpergesicht".
hahl'n sie aber ein ihrem eigenen Sein nicht angemessenes Aus- 2
) Das Problem, wie dieses Abschattungsmoment trotz dieser seiner
twhcn. Vgl. die späteren Ausführungen. Unselbständigkeit als eines Moments am Dinge doch als ein nicht

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hier gerade sehr schön zu beobachten (wenn man z. B. auf Zuhause gebunden. Ganz analoge Erscheinungen gibt es im
die sich zunächst in der Zimmerdecke verlierende Abschattung Hinblick auf die Eigenfarbe eines Dinges.
dieser Decke blickt), wie bei einer plötzlichen Ortsveränderung Wir nehmen jetzt einen anderen Fall, der in der Literatur
der Lichtquelle (z. B. einem For:tragen der Lampe) der schon öfter zur Beobachtung solcher Phänomene herange-
Schatten, indem er über die Decke hinzugleiten anfängt, mit zogen wurde: das Himmels blau. Es ist höchst z~eifel~aft,
dieser Bewegllnf~ im Raum Eigenleben und damit auch ob es in der Weise einer Oberflächenfarbe (etwa emer uber
Dinghaftigkeit gewinnt. die Erde gewölbten Glocke oder Halbkugel) wirklich g e -
Der auf den GegePständcn hingelagerte und sich über s eh e n werden kann. Jedenfalls aber können wir ein Stück
sie fortbewegende Schlagschatten, wie auch jener schon er- Himmelsbläue besonders ein durch Wolken eingerahmtes,
wähnte, an die Zimmenvand hingespiegelte Lichtschein, sind als ein in v~llkommener Flächenform gegebenes Farbding
natürlich von dem Abschattungs- end Beleuchtungsmoment, sehen, ein Ding, dessen Material eben diese Bläue selbst
das wir eben im Auge hatten, zu trennen; sie haben stets und nichts Anderes ist, das sich in einer bestimmten, wenn
ausgeprägten Dingcharakter. aueh natürlich nicht bestimmt angehbaren Entfernung von
Aber nicht alles, was Existenzselbständigkeit in diesem mir befindet, das man sich ev. als solches durch den Raum
Sinne besitzt, ist damit auch zugleich Dingliches oder Ding- hinziehend denken kann.
material. Und damit sind wir wieder bei unserer eigent- Eine andere mögliche und für uns jetzt wichtigste Ge-
lichen und sehr schwierigen Aufgabe. gebenheitsart tritt am vollkommensten dann ein, went; man
Es gibt noch eine vüllig andersartige mögliche Loslösung auf dem Rücken liegend in den wolkenlosen blauen H11~mel
jener unselbständigen Quales von dem Dinge, an oder in hineinschaut. Es gibt zunächst eine Ablösung ganz ähnlicher
dem sie haften, als die, welche wir eben bei der Tonding- Art wie in den oben betrachteten Fällen, so daß die Bläue
bildung in Betracht zogen, - oder sagen wir lieber eine nur ein gewisses Stück in den Raum hineinzuströmen scheint,
mögliche. wenn auch nur teilweise Befreiung von der inneren aber doch immer in dem dort flächenhaft sich erstreckenden
und äußeren form und der örtlichen Bestimmtheit, die ihnen Himmel letztlich gründet und mit ihm seinen letzten Ab-
durch ihre Zugehörigkeit zum Körperding auferlegt wird. schluß erhält
Eine Befreiung, die gewissen Quales gegenüber erst durch Dann aber kann auch eine vollkommene Los- oder
eine etwas künstliche u1d auf dieses Befreiungsziel hin- besser Auflösung stattfinden: das Himmelsblau scheint sich
drängende Einstelll:ng des Sehenden erreicht wird, anderen völlig auf mich herabzusenken; "es liegt auf meinen A~gen,"
gegeniibcr s:ch dagegen von selbst ergibt, sodaß man hier aber nicht in bestimmter räumlicher Zuordnung zu Ihnen,
von einBm teilweisen Freisein nach dieser Richtung sodaß man sagen könnte: hier über meinen Augen; mein
sprechen kann. Blick verliert sich in ihm; es ist überall und doch "erfüllt"
Wir betrachten die abgeschattete Zirnmerdecke. Es kann es nicht eigentlich den Raum, in dem Sinne, daß mein Blick
geschehen, daß wir dieses Schatten=Iuale nicht mehr bloß in auf eine bestimmte Raumstelle gerichtet, hier gerade ein Stück
seiner Verschmelzung mit der Oberflächenfarbe der Decke von ihr zu fassen vermöchte. Es ist überall und nirgends.
oder in diese Oberfläche eingelagert sehen, sondern daß es Dieser paradoxe Satz, den uns das sehr eigentümli_che Phä-
ein gewisses Stück in den darunter befindlichen Raum hinein- nomen abzwingt, harrt der Klärung. Wenn der Bhck etwas
zusinken scheint, sodaß d;;r Blick erst durch diesen Schatten- zu fassen vermag, ist es wieder der abgerückte dort oben
schleier hindurchwanden: muß, um die Decke zu treffen. Er sich wölbende, wenn auch meist ein Stück in den Raum
ist nicht mehr in zweidimensionaler Erstreckung gegeben, hinein sich verlierende Himmel.
wie vorher bei seiner vollständigen Einlagerung in die Ganz Analoges finden wir gegenüber der uns umgeben-
Deckenoberfläche- obwohl man anderseits keineswegs sagen dl~n Dunkelheit. Auch hier das Wesentliche, daß ich mich
kann, daß er den Raum unter der Decke wirklich "erfüllt", auf das Quale Dunkelheit nicht eigentlich sehend zu richten
also insofem an seiner Dreidimensionalität teilnähme. Hierüber vermag. Ich blicke vergebens in die Dunkelhei~ hinein;_ ent-
werden wir gleich noch mehr zu sprechen haben. Trotz weder treffe ich auf Körpergegenstände und bleibe an diesen
dieser Diffusion in den Raum hinein, bleibt aber hier das hängen oder mein Blick irrt wie in einem Nichts umher -
Quale stets an die Deckenoberfläche als an sein eigentliches oder vielme:-tr in einem Etwas von sehr positiver Beschaffen-
heit, das aber nichts bietet, worauf sich der Blick richten,
zu dem Eigensein des Dinges dazugehöriges dasteht, kann hier
von uns nicht in Angriff genommen werdc'n. was er treffen und worin er als in seinem Ziel ruhen kann.

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Das ganz andersartige und filr die Abhebung des hier heit die Möglichkeit (oder auch das Bewußtsein der Mög-
( jcmeinten erwähnenswerte Phänomen, daß eine Farbe den lichkeit) fehlt, sich mit dem Blick von dem Hause weg und
l~aum wahrhaft zu erfüllen scheint, finden wir beispielsweise auf diese selbst zu richten. (Das innerlich auf einen Gegen-
hci einer gefärbten Flüssigkeit in einem durchsichtigen Glase stand Gerichtetsein muß man natürlich streng von dem mit
(natürlich da, wo von der Materialität der Flüssigkeit nichts dem Blick darauf gerichtetsein scl1eiden. Auch auf die Dunkel-
zur Erscheinung kommt) auch bei farbigem im Raum lie2"en- heit kann ich innerlich gerichtet sein oder nicht.)
llcm Licht oder bei farbigen Glasgefäßen selbst. Man kann anderseits nicht sagen, daß das, was beim
Auch die Dunkelheit wiederum kann in anderer Weise Sehen (Wahrnehmen) von Dingen wesentlich erschien. näm-
"gesehen" werden. Zuweilen scheint es uns, als ob sie sich lich das Fassen ihrer da draußen im Raum, das natürlich
in einer von uns als in bestimmter Entfernung befindlich auch bei dem "einfach für mein Gesicht dasein" vorhanden
erlebten Wand angesammelt hat, einer Wand, auf der unser ist, der Dunkelheit gegenüber fehlt; denn auch diese wird
Blick wie auf einem Körpergegenstand zu ruhen vermag, ja als eine da draußen im Raum seiende und zur Raum-
zuweilen ballt sie sich klumpenartig in Winkeln und Kleider- wirklichkeit gehörige gehabt.
falten zusammen. Aber es scheint mir doch, daß bei der Und doch bleibt auch in dem beiderseitigen Erlebnis
Dunkelheit jene so schwer faßbare Erscheinungsweise, in der des "einfach Daseins" ein wesentlicher Unterschied bestehen,
sie ein Nichts für meinen fassenden Blick ist, als die ihrer ein Unterscnied, der bisher nur in dem Bewußtsein der Un-
Eigenart angemessenste aufgefaßt werden muß. Was aber in möglichkeit, auch die Dunkelheit mit dem Blick zu treffen,
dieser Weise gegeben ist, das kann nicht als eine materielle seinen Ausdruck gefunden hat. Dieser Unterschied wird am
Grundlage für mögliche Dingfassung dienen. Wo ich die besten klar zu fassen sein, wenn wir zunächst absehend von
Dunkelheit als Wand oder als klumpenartiges Gebilde sehe, den möglichen Gegebenheitsweisen die wesenhafte Eigenart
da ist das, worauf ich blicke {die Wand oder der Klumpen), des Dinghaften und des Nichtdinghaften selbst noch etwas
nicht eigentlich mehr die ihrer Natur nach freie Dunkelheit mehr zu klären versuchen.
als solche, Ebensowenig läßt sich ein Dinghaftes "aus" Wir können hier nur einige Andeutungen geben, worin
Wärme oder "aus" Getöse vorstellen. Hier bestehen unauf- .der nach unserer Meinung so sichtbare Gegensatz von Ding-
hebbare Zusammenhänge. . material und · unrrebundenen Quales" (dieser Ausdruck scheint
Wir haben nun bisher die Verschiedenheit von Ding- uns vorläufig" der1:>
adäquateste zu sein) zu gründen sc h. emt,
material und solchem Material, was Dingfassung. wesenhaft ohne daß wir glauben, das Problem irgendwie erscl öpfend
ausschließt, durch die verschiedene Weise, wie das Eine und klären zu können.
das Andere als zur Gegebenheit kommend erlebt wird, zu Da wo ein zur physischen Wirklichkeit gehöriges }\b-
kennzeichnen gesucht. Was im eigentlichen und strengen terial der Dingfassung nicht zugänglich ist, besitzt es zugleich,
Sinne gesehen werden kann (worauf sich mein Blick zu wie wir sehen, keine eigentliche räumliche Extension. Es ist
zu richten und das er an eben der Stelle, wo es sich be- wohl im Raum, sagten wir, es breitet sich in ihm aus, aber es
findet, zu fassen vermag), ist stets ein Dinghaftes (oder ein nimmt nicht eigentlich Raum ein, "erfüllt" ihn nicht. Man kann
mögliches Dinghaftes). Nichtdinghaftes der physischen Sphäre nicht sagen: an dieser Raumstelle findet sich ein Teil des
ist auch sinnlich gegeben; es verteilt sich in den verschie- · Dunkelheitsganzen; man kann nicht mit der Zerteilung des
denen sinnlichen Sphären. Aber es wird nicht gesehen, ge- Raumes auch die Dunkelheit als solche "zerteilen". Diese Zer-
hört, gefühlt in dem echten Wahrnehmungssinne. Es ist ein- teilung würde sie nie als solche treffen; man kann nicht ein
fach da als Gehalt für das Gesicht, für das Gehör, für das Stück" der Dunkelheit einem Stück des Raumes zuordnen.
Gefühl. Aber diese Zusammenhänge sind nicht so eindeutig, " Sie vermögen sich nicht g e n a u dem Raum anzu-
als es hiermit zu sein scheint. Denn auch um Dinge als passen und können damit auch nicht räumliche Form an-
solche zu sehen, ist es durchaus nicht notwendig, daß ich nehmen. Sie können sich nicht aus einem Raumteil in einen
mit dem Blick auf sie gerichtet bin; auch hier kann es ein anderen Raumteil bewegen, weil sie in keinem Raumteil
einfach für mein Gesicht Dasein geben. Es scheint, als ob eigentlich sind (ihn einnehmen).
in einem Fa,Il z. B., in dem ich bei Dunkelheit auf ein gegen- Wenn wir Töne als Dinge fassen (da wo dies über-
nberstehendes Haus sehend gerichtet bin, die übrigen Häuser haupt möglich ist), da besitzen sie zwar als solche auch nicht
und Bäume und was da sonst noch an Dingen sein mag, ~~igentliche Ausgedehntheit und Abgegrenztheit im Raum;
gcnau in demselben Sinne für das Gesicht einfach da sind, aber sie haben doch a I s Dinge und zwar, wie wir meinen,
wie die Dunkelheit selbst. Nur daß gegenüber der Dunkel- wesenhaft notwendig jeweilig eine ganz bestimmte Sfelle im

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h'.lttlll ein Tatbestand, der es erst ermöglicht sie als sich allem bestehende Beziehung zum Raum ist der in dieser
d lllt Ii den Raum hinbewegend zu fassen. · Darstellung noch unklarste Punkt. Wir können aber in dieser
I >iescs anderseits: Bewußtsein eines Dinges im Raum Arbeit das Problem nicht weiterführen. Wie es auch im
lr.IIH·rr lind das Bewußtsein, daß sich das Betreffende durch Einzelnen weiterhin gefaßt werden mag, wir glauben, daß
dt·rr Runn hinzubewegen vermag, steht in Wesensbeziehung. auch unsere Fassung schon mit der ihr zugrundeliegenden
I >as eine bestimmte Raumstelle einnehmen und damit Problematik er.tscheidend gegen die positivistische Dingtheorie
d.r-; sich durch den Raum bewegen können schließt aber ins Gewicht fallen kann, besonders wenn wir jetzt von hier
l'llll' Sichheit oder ein Für sich- und Insichsein in aus das Körperdingproblem behandeln. Uebrigens wird das
l'iwn diesem Raume ein. Hiermit sind wir bei dem Kern schon Ausgeführte nach einer Richtung hin im Abschnitt über
1k1 Sache. die Empfindung noch eine Vertiefung erfahren.
Blicken wir noch einmal auf jene ungebundenen Quales
.1r111rk. ~unkel~eit, ~elligkeit, Wärme, Kälte, (auch Getöse) 3) K ö r p er d i n g h a ft i g k e i t.
,\\ll'>tk, ko!'ne~ In emem Raume wie eingefangen sein. (Die ontologische Struktur des Körperdinges.)
''~'llnen wir die Tür, so vermag wohl die Wärme das Licht a) Nachweise, daß Körperdingbewußtsein Setzung
do~·. Oetöse auch in den Außenraum einzuströ~en einzu~
von >>Materialität« als das Körperdinghaftigkeit
d1111l~~n - aber es gibt keinen Sinn zu sagen: s.i e ~der ein
I t·ll Ihrer bewegten sich in diesen Vorraum. Denn es ist spezifisch auszeichnende Moment wesenhaft
1111 lils. da~ was sich bewegen könnte. Das sog. "Identische", einschließt.
d.t<> steh Im Raume beweg~ muß eben ein solches Insich-" Wir haben schon oben die positivistische Theorie er-
1111d "Fürsichseiendes" sein. "- wähnt, daß die Dingvorstellung zurückzufUhren ist auf eine
Die äußere Form anderseits, so wie sie bestimmt Ge- relativ konstante (oder gesetzmäßige) Verknüpfung von "Em-
.llli'ft•m mat.erial möglich ist und die äußere Angepaßtheit an pfindungen". Ich gebrauche absichtlich hier das Wort
d~>11 l<<mm, .m den das Betreffende ruhend oder sich bewegend "Empfindung", weil es, äquivok genug, auf zwei verschiedene
1'111J:t·stelli 1st, hängt an eben diesem Moment des Insichseins.
Auffassungsweisen hinzudeuten vermag, die auch hier durch
Ich m.~)chte versuchen, von einer inneren Form gegen- die beiden verschiedenen Standpunkte (den ontologischen
lilwr der außer e n zu sprechen, auch von einer Intension und den "phänomenalen") bedingt werden. Vom letzteren
1:•·1:L'lliiber der Extension -- die innere Form die Intension (dem phänomenalen) aus spricht man von einer gesetzmäßigen
.II\ die das Dingmaterial als solches auszeichnenden Momente: Abfolge von "Erscheinungen" und zwar sowohl gleichsinnigen
I 111· innere Form b~deutet al~o das innerliche Hineingepaßtsein wie ungleichsinnigen (Siehe Co r n e l i u s Logos-Artikel S. 368:
111 den Raum; d1e IntensiOn das Moment des Insichseins die ges~tzmäßige an bestimmte Bedingungen geknüpfte Folge
·.dflst. Den ungebundenen Quales fehlt dieses. Sie haben d-er verschiedenen "Gesichtseindrticke" bei Umkreisen eines
•LIIIIlll keine eigentliche Heimat im Raum. Ihr Wesen besteht Eies. Weiterhin die gesetzmäßige Aufeinanderfolge einer Ge-
111 dnem freien Hingegebensein ohne alles Fürsich" und sichtserscheinung und einerGeschmackserscheinung, zugrunde-
"l1:sich". " liegend dem Urteil: der Zucker ist süß u. s. w.) Mac li da-
Damit hängt die verschiedene Gegebenheitsweise eng- gegen spricht in seiner von aller Beziehung auf ein empfin-
·.l•·ns zusammen. Wie kann ich auf etwas hinblicken, hin- dendes oder wahrnehmendes Ich absehenden Einstellung von
l!"n n, etwas anfühlen oder befühlen, dort wo es gerade seine einer relativ konstanten Verknüpfung sinnlicher Elemente:
I ~~:l'nstelle hat (bei sich ist), das ein solches Insichsein" eines Farb-, Ton:... und Druckelementes. Hierbei sieht er also
1111d "Fürsichsein" entbehrt. Andrerseits sind di; genannten auf die Dingqualitäten selbst, wobei allerdings das doch
I dssur.:gs~eisen (dieses Hinsehen, Hinhören u. s. w.) sozusagen offenbar nur an der Empfindung selbst orientierte "Druck-
II hcrllttssJg, da sich das Betreffende ohne jenes innere Für- element" eine recht problematische und die Unklarheit der
.",'IJ'· !!ei. zu &'ebe~ verm~g. ~s gibt allerdings Beding~nge ~ ganzen Anschauungsweise ankündigende Rolle spielt. Gerade
1
111 lV\oghchkert dteses Stchm1rgebenkönnens die ich etwa auf dieses sogenannte "Druckelement" aber kommt es an,
ltns.t~lle, wenn ich die Tür zum finstern Zi~mer öffne - da ja an sein Vorhandensein die Konstitution des Körper-
~-111 I atbestand, der damit zusammenhängt, daß auch diese dings wesentlich geknüpft ist. Hierauf kommen wir gleich
1111;:dHindenen Quales eine gewisse, obzwar von der be- zu sprechen.
·.prodwnen streng zu scheidende Form und damit eine möu- Das Verhältnis zwischen Erscheinungsinhalten und den
llilll' Einordnung in die Raumwirklichkeit besitzen. Diesetrotz in diesengefaßten Dingen ist, wie schon erwähnt, das Thema

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späterer Ausführungen. I lier fragen wir, ob für das Bewußt- selbständige Quales denkbar; Härte, Schwere, Sprödigkeit
sein der Körperdinghaftigkeit eine wie immer geartete Ver- dagegen nur als Qualifikationen von Materie.
knüpfung der verschiedenen sinnlichen Materialien genügt Noch auf anderen Wegen lernen wir einsehen daß
oder ob wir noch eines ganz bestimmten Körperding-Kon- ~a:terie das wesenhafte Konstituens von Körperdinghaftigkeit
stituens bedürfen. tst. Man sagt nun, das Bewußtsein, ein Körperding vor sich
Wenn man davon spricht, daß sich das Körperding in einem zu ~aben, zeichne s~ch aus durch die Erwartung einer
eigentümlichen Zusammen sinnlicher "Elemente" aufbaut, so b~sttmmten Tastempfmdung bei Erfüllung bestimmter Be-
kann man gegenüber den Elementen "Farbe" und "Ton" dmgungen. Abgesehen von der Unklarheit dessen was Tast-
ganz gut von einem diese "Elemente" empfindenden oder empfindung besagen soll, fragen wir auch hier ~ieder nach
wahrnehmenden Akte absehen und sie als etwas "für sich" d~r "Art" der "Bedingungen". Offenbar besteht doch die
der Raumwirklichkeit (wenigstens phänomenal) Zugehöriges Be~lingunl?, i~ dem Anfas.sen oder. Berühren des Dinges. Ist
vorstellen. Offenbar aber gehört zum Vorhandensein eines es .1ber moghch, etwas Ntchtmate.nelles anzufassen? Schließt
Körperdinges notwendig noch etwas Anderes, eben 'das, was nicht die Vorstellung des Anfassens die Vorstellunrr von
Mach mit dem Wort Druckelement zu kennzeichnen sucht. Materialität in sich, sodaß also mir dem Bewußtsein d~r Be-
Was aber soll man sich darunter denken? Ist nicht der Druck dingungen, die zu erfüllen sind, um eine solche Tast-
als solcher an einer Beziehung eines Körperdinges zu einem empfindung" zu bewi~ken, schon das vorausgesetzt' wird,
anderen orientiert, vermag sich erst zu konstituieren unter was allererst durch dte Vorstellung der eintretenden Em-
Vorausset~UJ1g von Körperhaftigkeit? Z. R der Druck, den pfindung unter bestimmten Bedingungen konstituiert werden
ein Körper auf meine ihn betastende Hand ausübt. Aber soll: nämlich Körperdingbewußtsein.
lassen wir die Klärung dessen, was "Druckempfindung" be- Besonde~s scheint .~ich uns die Materialitätsvorstellung
sagen könnte - wenn es, wie doch offenbar, keinen Sinn abzuheben ber den enttauschenden Aufdeckungen gewisser
gibt, von einem Druckelement zu sprechen, das als solches sogenannter optischer Täuschungen: wir sehen auf einem
der Raumwirklichkeit analog zugehörig gedacht werden kann, Pos:tall!ent eine körperl!che Figur: Man greift danach uJtd
wie Faroe und Ton, so würde es auf dem Boden jener Theorie gretft ms Leere. Es wtrd uns klar (worauf diese Einsicht
die Aufgabe sein, ein zum Akt des fühlenden. Tastens ~n gründet, ist später zu behandeln), daß dort keinewirk I ich e
gleichem Sinne gehöriges Element zu suchen, wte etwa dte ~örperfigur steht. Dabei "sehen" wir immer noch die Körper-
Farbe zum Akt des Sehens oder der Ton zum Akt des Hörens figur, d. ~· an d.~m anschau.lichen Gehalt, der das Körper-
gehört. "Tastempfindung" besagt hier. ebens,?wenig wi.e bewußtsem begrundet, hat srch nichts verändert Immer noch
"Gesiclltsempfindung" und "Gehörsempfmdung ; denn wtr ist da etwas, das mir in seiner eigentümlichen Qualifikation
sind ja gerade ~uf di~ gegenständliche!l Korrelate d.er "~m­ g!eichsam sagt:. ich bin ein Körperding. Und doch steht
pfinO.ungserlebmsse" emgestellt. Man wtrd da wohl hmwetsen dtes:s Etwas, dtese Körperdingerscheinung jetzt nach der
auf eine empfundene Härte oder Weichheit, Festigkeit oder Enttauschung als etwas völlig anderes da: nicht etwa daß
"Flüssigkeit", Elastizität, Starrheit und Schwere. Alle diese das Wirklichkeitsbewußtsein überhaupt aufgehoben ~äre;
Eigenschaften kann man nur im Hinblick. auf ein Körperding aber anstatt des Körperdinges ist jetzt nur mehr eine ( a 1s
sinnvoll erwähnen. Aber nun fragen w1r: was macht alle so 1. c ~ e e?enso wirkliche zur Raumwirklichkeit gehörige)
diese· Qualitäten gerade zu dem spezifisch einem Körperding d~etdu:nenswnale Farbformerscheinung da, immer noch ein
Angehörigen, während doch Wärme und Kälte, die wir ebenso Dtng tn unserem eben bestimmten Sinne. Was ist aber das-
nur durch "fühlendes Tasten" wahrnehmen, nicht dazu ge- jenige, was bei jener Enttäuschung aus dem Ding gewisser-
rechnet werden können. Setzen nicht alle jene Qualifizierungen maf~en herausfällt, dessen Fehlen es in eine bloße Farbform-
ein bestimmtes Etwas voraus, dessen spezifische Eigenheit ers,:heinung verwandelt. Es ist eben das was man mit Ma-
sie jeweilig dar~tellen~ Ma_n kann nic~t in deJIIselben Sinne, terialität meint. '
wie man von emem möglichen Farbdmg spncht, d. h. von . Mit dem Materialitätsbewußtsein wird auch das Be-
einem Ding, dessen Material Farbe und nichts weiter als wußtsein der Anfaßbarkeit und des entsprechenden dabei
PMbe ist, von einem möglichen Härteding sprechen, weil,,.. ev. zu erwartenden Empfindungserlebnisses vernichtet. Aber
Hätte keine mögliche selbständige Qualität ist. Immer muß diese drei ~achen sind wohl zu unterscheiden. Wie schwierig
Etwas" hart sein, wenn Härte sein soll; nicht aber braucht ~s auch sem mag, das, was Materie ist, oder als was sie
;; Etwas" gefärbt zu sein, wenn Farbe. vorhan~en se_in soll. tn . solcher Körperdingfassung gehabt wird, zu völliger Klar-
Farbenhaftes und Tonhaftes, Wä~me und Kalte smd als bett zu erheben, d aß wir etwas derart anzusetzen und ohne
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keiner.Weise als Schattenerscheinung analog jener Körper-
l Jmdeutungsversuche schlicht anzuerkennen haben, scheint ersc:hemung gegeben wäre, sodaß ich gewissermaßen nichts
llllS unausweichlich. dafür kann, wenn ich das, was sich als Körperding ausgibt
Mit der Skizzierung jenes Täuschungserlebni~se~ ist als Körperding auch auffasse. '
folgender eigentümlicher Tatbest~nd hera~sgetr~ten: 10 Jener . Es ist ja völlig widersinnig, von solchen Dingen wie
1:arbformerscheinung glaubten wir das Korperdmg selbst zu Licht- oder Schatten- oder Tongebilden dergleichen zu ver-
fassen. Wir haben das Bewußtsein, daß ein solches Körper-
lange~, da das Material, das hier einer dinglichen Fassung
ding in die Sehsphäre eintritt, obwohl doch Material~tät als unt€~rhegt, ein wesenhaft voll in einer bestimmten sinnlichen •
solche offenbar picht "gesehen" werden kar;n, wemgstens Sphäre zur Ge~ebenheit kommendes ist. Wenn überhaupt
nicht in der Weise, in der jene Farbformerscheinung "ge- eme: Tonerschemung vorhanden ist, d. h. wenn ich so etwas
sehen" wird (sonst wäre jenes ganze Erlebnis, in ~e~ ..bei wie einen Ton höre und dies Gehörte mit dem Bewußtsein
gleichbleibendem Anschauungsgehalt doch ~as M~~er~ahtats­ seiner Realität gehört wird, so ist und bleibt diese Ton-
hewußtsein fortfällt, unmöglich). Sagen Wir vorlauftg g~nz ~rschein~ng oder entsprechend diese Lichterscheinung, wie
roh, daß die Artung des im strengen Sinne zu 'S.ehe~den ~tch Immer s1e entstanden sein mag, für mich eben ein wirk-
auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensem emer dtese lieber Ton, ein wirkliches Licht, ein wirklicher
Erscheinung fundierenden Materie, w~e auch auf i~re .spe- Schatten. Nur da, wo ein die sinnliche Sphäre und damit
zifische Qualifikation, irgendwie hinweist. Darauf, wie dteser das , was in dieser zur Erscheinung kommt, Transzen-
Hinweis" im Erlebnis aussieht (resp. ob man überhaupt von diere~d~s angeset~t ist, wie in unserem Ausgangsbeispiel die
~inem erlebten Hinweis sprechen kann), wie auch auf die Matenahtät der Figur auf dem Postament, kann sich das
erkenntnistheoretische Frage des quid juris werden wir später angegebene Täuschungserlebnis konstituieren.
eingehen. Hier genügt es vorläufig festzuh~lten, daß auf
Grund bestimmt qualifizierter Farbformersche;nungen Mate- M.an könnte nach der anfänglichen Ausführung dieses
rialitäts bewußtsein eintritt. Absehmttes glauben, daß die Materialität zwar ein "außerhalb
Sehen wir auf ein Ding hin, dessen Material zur Seh- der Sphäre" liegendes ist, daß sie aber im Akt des tastenden
sphäre selbst gehört, d. h. de.ssen M~terial. in e~nem ~ehakt FOhlens ebenso selbst und unmittelbar gegeben wäre, wie
zu völlig adäquater Gegebe~he1t zu bnngen 1st, ';'le auf Irgend der Ton im Hören und die Farbe im Sehen. Wir scheinen
ein Licht- oder Schattendmg, so erkennen wtr sofort, daß hiermit zu einer Auffassung zu kommen, die jener oben an-
bei diesen ein analoges Täuschungserlebnis unmöglich ist. geführten positivistischen Anschauung über das Körperding
Eine Täuschung also, nach deren Aufdeckung für d~s Be- von der Verknüpfung verschiedener sinnlicher Elemente sehr
wußtsein so etwas wie eine bloße Schatten er s c h e 1nun g nahe steht, nur daß wir anstatt des sogen. Druckelementes
oder Lichterscheinung als realiter vorhanden .beste?en oder der Tastempfindung die Materialität als das sinnliche
bleibt, ohne daß doch ein "wirklicher" Schatten, em "wirk- Gegenstandskorrelat des tastenden Fühlens eingeführt hätten;
licher" Lichtschein noch ar1gesetzt werden kann. sodaß also Körperdingbewußtsein etwa hieße: Bewußtsein
Man verwechsele natürlich nicht die auch in Bezug auf e~nes etwa ':'orhandenen Farbformelementes verknüpft mit
e~nem "Matenenelement". Diese Anschauung bedeutete aber
solche Dingarten mög)ichen Täusch~ng~fälle:. .
e~ne durchaus konstruktive Vereinfachung der weit kompli-
1) bei denen eine volle Hal~uzmatw~ vorheg:t und.
2) die Fälle der Illusion, bei denen 1:gend em als ~ur ztert€~ren Sachlage. Materie ist kein ,.sinnliches" Element und
Raumwirklichkeit gehöriges Ersehewendes (z. B. et.ne kann es wesenhaft nie sein; sie kann nicht in eine Reihe mit
Tintenfleckerscheinung) als Schatten gesehen wud farbl~ und Ton, Geruch und Geschmack gestellt werden. Sie
(etwa auf Grund nur flUchtigen Hinsehens und Ueber- 1st mcht nur der Sehsphäre, sondern der sinnlich anschau-
sehens bestimmter Momente). lichen Sphäre überhaupt t r anszenden t. '
Im Falle der vollen Halluzination bleibt nach der Auf- Wie sich dieser Tatbestand verträgt mit dem anderen
deckung nichts als ein tatsächlich zur Wirklichkeit Gehöri~es daß wir sie trotzdem in sinnlich anschaulichen Akten ode;
bestehen, das irgendwie mein Bewußts~in von d~m w.~rk­ durch diese hindurch zu fassen meinen und dem anderen
!ichen Vorhandensein des betreffenden Dmges gestutzt hatte. daß sie dem Akt des fühlenden Tastens oder des Anfassen~
Bei den Fällen der Illusion dagegen gibt es entsprechend doch näher zu stehen scheint als den Akten des Sehens
Etwas, das wohl Ansatzpunkte f~r das Sehen de~ Schei~­ und Hörens, das werden wir gleich erörtern.
gegenstandes darbietet (wie die T1ptenfleckerschemung ~n
ihrer Schwärze für das Sehen des Schattens), das aber m
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b) Materie als »Träger« der spez.ifisch sinn- . W(mn man in Betracht zieht, daß es ja tatsächlich möglich
ist, solche ))inge von einander abzugrenzen, deren Material
lichen Qualitäten und die verschiedene Art der nur zur Sehsphäre gehörig. Wir verweisen aq.f unsere früheren
V e r k n ü p f u n g d i e s er 1e t z t e11 m i t d e r e r s t e r e n. Ausführungen über Dinghaftigkeit. Der Ton, den dieses Ding
Vorerst wollen wir - noch einmal unter völligem Ab- ·abgibt, ist eben der Ton, der aus eben der Raumstelle heraus
sehen von diesen Gegebenheitsfragen - das Verhältnis der erklingt, die eine bestimmt geformte Farberscheinung ein-
für die Konstitution eines Körperdinges wesenhaft n?twen- nimmt. Aber bei genauerem Zusehen erweist sich doch auch
digen Materie zu allem anderen, wa~ dem ~örperdmg als dit~ser Ausdeutungsversuch als völlig unhaltbar.
"Eigenschaft" oder "Eigenheit" zugeschr.teben wtrd, betrachten. Wenn schon die Möglichkeit einer derart genauen Lo-
Die Rede von der "Verknüpfung" ist eme sehr .vage und d~m kalisation cter Stelle, aus der der Ton entspringt, bei Aus:..
Vorliegenden durchaus nicht angepaßte, .da st.e d~rauf hm- schaltung aller anderen Anhaltspunkte (ein solcher Ton kann
deutet daß es sich um ein völlig g I eIchsInnIges Zu- nur von einem material so und so qualifizierten Dinge stammen)
samm~n prinzipiell gleichgearteter "Elemente" handelt. . Der recht zweifelhaft erscheint, so noch mehr der mögliche Be-
Materie muß durchaus eine ganz besondere Stellung emge- zug der doch nicht ausschaltbaren Eigenschaften wie Härte,
räumt werden und nur von ihr aus oder vielm~hr nur ?urch Schwere u. s. w. als sol;:her auf eine bestimmte Raumstelle.
das Verhältnis zu ihr ist die wesenhafte Verschte.d~nhett. der Darauf wiesen wir schon oben hin.
sogenannten sinnlichen Dingqua!itäten als Quahtäte~ emes Auch folgender Tatbestand wird bei einer solchen Auf-
Dinges bestimmbar. Mach wetst (A. d. E. S. 6) dte Auf- fassungsweise völlig unerklärlich. Wir hören einen Wagen
fassung, daß das Tastbare der "Ker~" (oder auch, ~n a~deren drunten auf der Straße heranrollen. Er hält vor unserem
Stellen, der Träger) der übrigen Eigenschaften set, mtt dem Hause. Wir schauen aus dem Fenster und sehen jetzt vor
Bemerken zurück, daß "Sehen, Hören, Rieche~ u n ~ Taste. n dem Hause zwei Wagen stehen, ein schweres, mit Eisen-
durchaus verwandt" seien. Dies kann natürlich für uns kem platten beladenes Lastfuhrwerk und einen leichten Korb-
Argument sein da wir ja eben daran zweifeln, daß Mate- wagen. Aber wir haben sofort die Einsicht: der eben ge-
rialität sich ebenso zum Akt des Tastens verh~lt,. wie .die kommene Wagen ist das Lastfuhrwerk; denn nur ein so
Farbe zum Akt des Sehens. Es ist aber nur möghch, dtese schweres Fahrzeug kann ein derartiges Geräusch hervor-
Frage zu entscheiden, wenn wir her?-usgehoben ~aben, welche bringen. Man spricht hier von Erfahrungszusammenhängen
Stellung die Materie im Körperdtngbewußtsem unter d~n und Assoziationen: eine solche Gesichtswahrnehmung ist
Eigenschaften" des Körperdinges tat ~ä c h l i c h hat. Dte erfahrungsgemäß mit einer solchen "möglichen Tastempfin-
Redeweise von der Materie als dem "Kern" und me~u noch dung" und diese wieder mit einem solchen Geräusch ver-
als dem "Träger" der sinnlichen Qualitäten schemt uns bunqen. So ist die Beziehung zwischen der Gesichts-
keineswegs unangemessen. erscheinung und dem Geräusch hergestellt. Aber, fragen wir,
Denken wir an F algendes: Was sollte eine Verknüpfung weshalb dieser Umweg über die möglichen"Tast-
einer Farberscheinung als solcher mit einem Ton als solche~ empfindungen"? Warum ist nicht die Tonerscheinung
oder einem Geruch als solchem besagen? Daß man ste als solche an die Farberscheinung assoziiert? Was hat hier
"gleichzeitig" empfindet? Aber ma!l empfindet n?ch viel mehr die Schwere zu suchen? Wenn nicht einerseits die ma-
Inhalte gleichzeitig, ohne sie als Etgenschaften emes und des- terialen Qualifikationen ebenso unmittelbar gegeben sind wie
selben Dinges anzusetzen.. Es. fehlt offenbar das, worauf das, was von Dingen im strengen Sinne gesehen werden
hezogen die verschiedenen smnhchen In~alte als "zusammen- kann und aul)erdem - ein Tatbestand, der hier wichtiger
gehörige" allererst angesehen werden können. für uns ist - die Beziehung zwischen Geräusch und ma-
Eher schon schiene uns der Hinweis auf eine räumliche terialer Qualifikation einen Vorzug hat vor der Beziehung
Verknüpfung sinnvoll. Alles,. was s~ch. auf die ~aumst~~le, zwischen Geräusch und jenen Sehinhalten. Wenn wir jetzt
die die jeweilige Farberschemun~ emmmmt, bezt~hen Ia.ßt, auf das Phänomen des Körperdingbewußtseins selbst hin-
wird zu einem und demselben Dmg gerechnet. Hter lYletbt sehen, so finden wir das in der Tat.
zwar die Abgrenzung der Farbersche~nungen von. ein~~der Gefärbtheit und räumliche Gestaltetheit sind insofern
zunächst problematisch. Warum fasse tch aus dem Jewet~tgen mit möglichen Geräuschen oder Tönen oder Gerüchen auf
gesamten sehmäßig- anschaulichen. Be~tande gerade dtes_en ein und dasselbe Ding bezogen, als sie irgendwie - sagen
Komplex als Ding be~ündende Et?hett. heraus? Aber t11er wir zunächst ganz allgemein - "getragen" vorgestellt werden

-·-
kOnnte man sich doch m man.eherlet Weue he»eo, betilctdea, von einer in sich bestimmt qualifizierten Materie.

46 -
Nicht aus der Raumstelle dringt der Ton oder das Ge- im Gegenteil die uns allen in natürlicher Einstellung voll ...
r;lusch, sondern aus dem materialen Etwas) das anderseits kommen geläufige, wenn auch n!cht zu einer geklärten Be-
in der und der Weise räumlich abgegrenzt und gestaltet un~ stimmtheit erhobene Anschauungsweise. .
von der und der Farbe gleichsam überdeckt ist. Nur mtt c) Das Wesen von Materie und Einiges über
und' in Bezug auf die Materie kommen die an und für sich
so heterogenen Qualitäten zur Einheit im_ Körper~ling. Insofern die Art ihrer Gegebenheit.
die Farbe die Gefärbtheit dieses mateneBen Dmges, der Ton Schwieriger ist es, das, was Materie in sich selbst ist,
dn aus eben diesem materiellen Dinge herausquell~nder, .der fal~bar zu machen. Wir kommen hier wiederum zu einer
1>uft ein aus ihm strömender, der Geschmack em an thm jetier letzten Gegebenheiten, die wohl durch Angabe solcher
haftender ist, insofern und nur insofern können sie zur 9e- Momente, die wesenhaft ihre Konstitution ermöglichen, ge-
gebenheitseinheit gebracht we~den. Wenn .. au~h alle dte~e kennzeichnet werden können und deren Eigenart man ander-
sinnlichen Qualitäten ein verschiedenes Verhaltnts zur ~atene seilts in bildhafter Ausdrucksweise verdeutlichen kann, die
haben - wie schon die vorhin gebrauchte verschtedene ab.er als solche immer wieder selbst "gesehen" werden müssen,
Ausdrucksweise zeigt - für sie alle. st~llt die Materie .gleicher- um ihrer wirklich habhaft und ihres Wesens inne zu werden.
maßen· den Träger dar, d. h. dasJemge, an d~m st: ha~ten, . Wir sagten, daß jedes als Ding Gefaßte eine gewisse
das ihre eigene Qualifikation bestimmt, das thre raumliehe innere Form habe, die es befähige, eine Eigenstelle im Raum
Oebundenheit fixiert. einzunehmen, die e~ befähige, in diese Raumwirklichkeit im
Für Härte, Schwere, Sprödigkeit u. ·s. w. ist die Mat~rie einentlichsten Sinne hineinzupassen. Wir sagten weiter,
nicht "Träger"; es gäbe kein~n Sinn, d~s zu sagen. Dte~e daß bei der Materie Dingfassung stets möglich ist. Und
Qualitäten bestimmen die spezifische Etgenart der Materte in der Tat, wir können die Materie als das Dingmaterial
selbst und damit auch die Eigenart der "Akcidentien"· M~n kat' exodzaen bezeichnen. Wenn beim Farbmaterial oder
kann nicht in demselben Sinne sagen, dieser Wagen tst beim Tonma:erial als solchem eine. innere Entformung mög-
schwer, weil er ein so und so geartetes Geräusch hervor- lich ist (vgl. den Abschnitt über Empfindung), so ist eine
bringt, wie man sagt, er bringt ein so und so geart~_tes Ge- soilche Vorstellungsweise im Hinblick auf die Materie wider-
räusch hervor, weil er schwer ist. Der erste S~tz hatt.e nur· sinnig; darüber später. Wir versuchten, jene ungebundenen
:tls Angabe eines Begründungsverhältnisses ßerechttgung, und daher zur Dingfassung ungeeigneten Quales dadurch Zl.J
einer Begründung nämlich, warum i. c h dem ,Wagen Sc~were kennzeichnen, daß wir sagten, sie seien das frei sich Hin~
zuschreibe· der zweite Satz aber ztelt auf em ontologtsches gebende und sich Darbietende; ihnen fehle das "Insich" und
Verhältnis 'ab: Seine Schwere bringt realiter ein so und so "Ftir sich". Wir können jetzt hinzufügen, daß die Materie
geartetes Geräusch mit sich. Die Mate:ie in i~re_r spezifischen das spezifiscb-w~senhaft Insich- und Fürsichseiende, das in
Qualifikation ist immer das ontologtsch pnmäre, das fun- sich selbst Gegründete i~t. Diese ihre Eigenart spricht sich
aw~h darin aus, daß sie jedem Versuch, sie sich in sinnlich,.
dierende, das tragende. . .
Als was sich auch jene Begründungsw71~e (dte Auf- an:5chaulicher Gegebenheit völlig zu eigen zu machen,
fassuna von dem Vorhandensein oder der speztftschen Artung letztlich widerstrebt.
der al~ vorhanden angesetzten Materie zu begründen mit dem Wir kommen damit zu einer wenigstens teilweisen Be-
Vorhandensein einer spezifisch gearteten Farb- oder To~­ anltwortung jener Frage, ob uns im Befühlen oder Anfassen
crscheinung) erkenntnistheoretisch her~usstelle~ m~g, ob .~te des Dinges das Moment der Materialität ebenso voll gegeben
sich auf einsichtige Wesenszusa111.menhange zur'Jckfuhren la~t sei, wie die Farbe im Sehen oder der Ton im Hören.. Es
oder ob es sich um bloße Erfahrungen handelt oder ob sre scheint uns, daß ·gerade hier, wo wir der Materie als solcher
vielleicht ganz gegenstandslos zu . werden v.ermöchte, w~il, "' arn nächsten zu sein scheinen, wo wir sie im wörtlichsten
das reale Vorhandensein der Matene selbst mcht erkenntms- Sirme selbst und direkt packen, wo wir sie nicht wie beim
theoretisch gerechtfertigt werden ~ann - wenn. wir unt~r Sehen und Hören durch eine Erscheinung hindurch oder in
vorläufiger Zurückstellung aller ~teser Fragen. ret!l auf dte di,:ser fassen (denn die beim Anfassen auftretenden ·Tast-
Artung des Körperdingbewußtsems selbst .. ht~bhcke~, so urid Druckempfindungen spielen nicht dieselbe Rolle wie jene
s.:heint es uns völlig evident, daß das Verhaltrus ~ur 1~ d~r G11sichts- und Gehörserscheinungen), die behauptete Trans-
angegebenen Weise aufgefaßt w~rden k~nn: Wt~ersmmg zefldenz der Materie in Bezug auf jeden sinnlichen Akt am
oder unvorstellbar und damit reahter unmoghch; wte es po- deutlichsten hervortritt ~ oder sagen wir lieber das Trans-
sitivistische Meinung ist, ist das Ganze keineswegs. Es ist ceJtdieren jeden solchen Aktes, weil durchaus keine absolute

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Transzendenz; d. h. kein v o l Ist ä n d i g außerhalb dieser Akte bestände) als von allen möglichen auf sie gerichteten Akten
Hkihen behauptet werdec soll. In den Akten des Anfassens unabhängige angesehen werden, so können wir in dieser
••der gar des bloßen Berührens oder Betastens als solchen, Vorstellung keine Widersinnigkeit finden, die sie etwa un-
111sofern sie nämlich entsprechend ihrer Funktion, Materien- vollziehbar m2chte. Man darf allerdings Folgendes nicht
IJa\'ies direkt aufzunehmen, ein eigentümliches Gepräge verwechseln, e}ne Verwechslung, die, wie wir meinen, in der
11.1hen, liegt es schon, daß das AngelaBte resp. Berührte oder erkenntnistheoretischen Literatur nicht nur von streng posi-
lktastete nicht voll in sie "eingeht", nicht restlos in ihnen tivistischer Seite begangen wurde: die sinnlich anschauliche
/111' Entfaltung kommt; hier bestehen Wesenszusammenhänge Vorstellung eines Körperdings schließt eben dieselben Rela-
'wischen der Artung dieser Akte und der Artung dessen, tivitätsmomente in sich, wie die Wahrnehmung selbst, 1 ) d. h.
was in ihnen zur Gegebenheit kommt. In das "Innere" der wenn ich mir die jetzt nicht selbst wahrgenommene Straße
Materie kann ich durch einen sie befühlenden Akt nicht anschaulich vergegenwärtige, so kann ich dies nur, indem
(''ndringen; ein Inneres, das natürlich nicht durch ein Zer- ich sie mir als von einer bestimmten Position aus gesehene 1 )
·;rhneiden oder dergl. aufdeckbar ist. Aber auf die Arten, und in ihrer hier vorstellungsmäßig gegebenen Erscheinungs-
wie uns Materie zur Gegebenheit kommt, werden wir erst weise auf diese Position relativ vergegenwärtige. Aber ich
-;päter im Einzelnen eingehen. bin hier in dieser Vorstellung ebensowenig wie in der Wahr-
nehmung auf den Erscheinungsgehalt als solchen gerichtet,
d) Rückbeziehung auf die Frage nach der "wahr- sondern auf das in der Vorstellung zur Erscheinung Kom-
11 eh m u n g s u n ab h ä n g i g e n Ex i s t e n z d er Ding w e lt". mende selbst. Wenn ich mir also ein bestimmtes Ding, wie
Ich glaube, daß w:r mit diesen Ausführungen über den Tisch im Nebenzimmer, als auch jetzt realiter existierend
I )inghaftigkeit und Körperdinghaftigkeit - abgesehen von vorstelle, während ich ihn nicht wahrnehme, so fällt diese
d,·r Verwertung des Gesagten für die direkte Kritik bestimmter auf das Körperding als solche bezogene Realitätsvorstellung
positivistischer Anschauungen - auch in der Einsicht dessen, keineswegs zusammen mit dem vorstellungsmäßigen Haben
was in natürlicher Einstellung als das von aller möglichen des sinnlich- anschaulichen Gehaltes, in dem mir der be-
Wahrnehmung schlechthin umbhängig realiter Existierende treffende Tisch dabei eventuell anschaulich vorstellig wird.
;111g-esetzt wird, wesentlich weiter gekommen sind. Nun liegt Nur dieser Gehalt ist aber relativ auf eine mögliche Wahr-
··s natürlich nicht so, daß das, was wir im Gegensatz zu nehmungsposition, nicht das vorgestellte Objekt selbst.
;illcm dinghaft GeformteP ungebundene Quales nannten, etwa e) Körperdinggegebenheit in der natürlichen
.ds ein nicht unabhängig von aller Wahrnehmung Existie-
' ··;Jdes angesehen wird. Es kann draußen dunkel sein, gleich- E in s t e II u n g.
l'id, ob jem.lnd diese Dunkelheit gewahr wird oder nicht. Wir haben jet?t zu zeigen, wie die Dinge als in der
I s scheint also, daß für das erkenntnistheoretische Problem Wahrnehmung selbst erfaßte erlebt werden. Wenn wir von
, I er "wahrnehmungsunabhängigen Existenz der Außenwelt" allem absehen, was etwa in erkenntnistheoretischer Einstellung
dits~ Unterscheidung wie auch die zwischen Körperding und als der Wahrnehmung notwendig Zukommendes gefordert
,lfJtieren möglichen Dingtypen irrelevant sei. Aber wir werden werdien mag und rein auf die Wahrnehmung im Erleben
·•·hcn, daß für die prägnante Fassung der einzelnen erkenntnis- sehen, wie wir sie etwa im praktischen Verkehr mit den
llt,·oretischen Fragen, in die sich dieses sog. Problem der Dingen in jedem Augenblick vollziehen, so gilt es vor allem,
I ';istenz der Außenwelt sachlich und historisch genommen den eigentümlichen Tatbestand anzuerkennen, daß nicht nur
·.paltet, die angeführten Unterscheidungen von fundamentaler die Dinge selbst (als dje, welche ihre eigengegründete und
Wichtigkeit sind. Gerade w e i I man meist am Körperding existenzautonome Stellung in der Raumwirklichkeit haben) in
.lill'in orientiert war, hat man übersehen, daß viele in Bezug ihr gefaßt werden, sondern daß diese in ihrer absoluten
.1t1l dieses bestehende erkenntnistheoretische Schwierigkeiten Existenz auch einzig und allein in irgend einem Sinne gegen-
I>t'i anderen Außenweltsbeständen fortfallen. Die Frage nach ständlich werden. Beachten wir etwa, wie wir den Stuhl
d1·r wahrnehmungsunabhängigen Existenz einer Außenwelt
;tls solcher und ihrer möglichen Gegebenheit ist zu trennen
""n der Frage nach der realen Existenz von Körperdingen
wahrnehmen, auf den wir uns setzen, den Teller, von dem
wir essen, die Blumenvase auf dem Tisch u. s. w., so kann
von irgendeinem Gegenständlichwerden evem. n~iterlebter
t.
IIIHI deren möglicher Gegebenheit. "Empfindungsinhalte" oder des auf die Wahrnehmungs-
Wenn wir davon sprechen, daß für das natürlicheße-
1
wul.itsein die Körperdinge (wie auch andere Außenwelts- ) Vgl. Co n r a d a. a. 0.

49
7
- 50."---
1
position jeweilig relativen Dingaspektes (perspektivische Ver- iiche Form, sondern die Materie in ihrer spezifischen Artung
kiirzun~, das mehr oder weniger deutlich oder adäquat zur selbst scheint sich sinnlich-anschaulich auszuprägen: so wenig
lorschemunl? Kommen des Dinges) kaum die Rede sein, ich dem Duit vergleichsweise "anriechen" kann, daß er zu
!l'denfalls me von einem zunächst oder zuerst Gegenständlich- einem in der Art einer Rose material qualificierten Dinge
w:rde~ eben dieser .Momente. Wird der Aspekt selbst gegen- gehört, so sehr kann ich doch dem hängenden Mantel seine
standhch, so doch m der natürlichen Einstellung immer nur Schwere ansehen, dem fallenden Stein seine Härte an-
von dem schon in der Absolutheit seiner Existenz und Quali- hören. 1) Wir betonen noch einmal: es handelt sich hier
likation gefaßten Ding aus: das Ding, das mir diese Seite nur darum, daß sich im Wahrnehmungserlebnis selbst diese
;uw:ndet, mir in d~eser ~erspektivischen Verkürzung er- Unterschiede als erlebbare herausstellen lassen.
schemt u. s. w. Es tst gletchsam ein direktes Hineinspringen Damit fällt natürlich nicht die Eigenheit der Materie
des Bewußtseins in d1s Ding selbst. selbst (die ja mit der Materie die sinnlich-anschauliche Sphäre
Um einen wichtigen Unterschied in dem Fassen der wesenhaft transcendiert) mit dem Moment zusammen, das
I )inge in ihrer Absolutheit herauszuheben die mit der ver- sieh in dem gegebenen Anschauungsgehalt als dasjenige auf-
schiedenen Artung der Körperdinge einer;eits und der reinen weisen läßt, in dem sich diese Eigenheit der Materie aus-
Anschauungsdinge 1) andrerseits zusammenhänat führen wir zuprägen scheint. Die Schwere des Mantels ist nicht das
. I h'
I ·o gendes aus: Moment an der gesehenen Mantelerscheinung, in der sich
. Wir ~ehen, daß ?ie dingliche Einheit eines Körperdings mir diese Schwere sinnlich- anschaulich dokumentiert, so
~~esttftet. wtrd durch dte vorhandene Materie, die alles übrige
wenig wie die Härte des fallenden Steins das analoge Moment
dem Dmge als Merkmal Zuzuschreibende irgendwie trägt
odt.r fundiert. Wir dürfen aber üicht diese Merkmale des arn gehörten Geräusch.
Wir wollen nun, um das mit Aequivokationen so sehr
Dinges (wie die Farbe desselben) verwechseln mit dem ge- belastete Wort "Erscheinung" zunächst auszuschalten, den
s~mten qellalt, n;it ~em ein solches materielles Ding als in
gesamten Gehalt, mit dem ein Körperding in die Seh-
cme bestimmte smnllch-anschauliche Sphäre eintretend erlebt sphäre einzutreten ·vermag, das Körpergesicht nennen.
wird. Es gibt nämlich zwei ganz versclliedene Weisen des Dieses Körpergesicht gehört dem Körper ebenso an sich selbst
Bezuges, in denen die dem Dinge zugerechneten sinnlichen zu, wie seine material~ Qualifikation oder wie das Geräusch,
Qualitäten· zu der in der Wahrnehmung gefaßten materialen das er hervorbringt. Es ist alles, was von i h m (dem
<~~alifikatic:n.. des Di.nges stehen.. Das Körperding kann ge-
Körperding) im strengen Sinne gesehen zu werden vermag.
wisse Qualltaten gletchsam von steh aussenden, so daß deren Es ist also m keinem Sinne etwa relativ auf einen Wahr-
einzil?e Be.~iehung. zu dem Ding in diesem ihrem Ursprung nehmenden oder eine Wahrnehmungsposition. Es ist von
bestent, wahrend 111 den gegebenen Artungen dieser Quali- dem jeweiligen Körperaspekt d. h. demjenigen, was von
täte~ die materielle Qualifikation des Dinges selbst in keiner
einer bestirr.mten Wahrnehmungsposition aus von dem über-
Wetse spürbar ist - so der Ton, der sich von seiner Ur- haupt Sichtigen (also dem Körpergesicht) gesehen wird und
sprungsstätte vollkommen losgelöst hat und etwa ein ding- wie es von dieser Position aus sichtbar wird, streng zu
hartes Eigenleben im Raum führt, so auch der Duft der sich scheiden. Es ist andrerseits zu scheiden von den einzelnen
in der Weise jener "ungebundenen Qualitäten" i~ Raume Qualitäten, die der Sehsphäre angehörig dem Körperding als
verbreitet. Hier fällt die einem bestimmten Dinge zu- seine Beschaffenheiten zugeschrieben werden: die Farbe ist
geschriebene sinnliche Qualität mit dem v.ol!en Gehalt Eigenschaft des Dinges; sie haftet an ihm. Das Körpergesicht
dessen, was von ihm in die betreffende sinnlich-anschauliche haftet nicht am Ding, ist nicht eine Beschaffenheit des Dinges,
Sphäre ·eintritt, allerdings zusammen. Anders aber in den sondern in ihm kommt das Ding zur seilmäßigen Erscheinung.
Fällen, bei denen das Körperding mit seiner Materialität in
die sinnli.ch-an.schaulic.he Sphä.re gewissermaßen hineinragt, Den reinen Anschauungsdingen gegenüber gibt es
so daß stch dteses sem :natenelles Selbst in der Artung der natürlich keinen Sinn, von einem "Gesicht" zu sprechen;
betreffenden sinnlichen Qualität dokumentiert. Das, was ich man könnte höchstens sagen, sie seien "ganz und gar" Ge-
von dem Körperding sehe als das zu dem Ansich dieses 1) Vergl. hierzu wie zu manchen andern wahrnehmungsphänomeno-
Dings Gehgrige, ist nicht nur seine Farbe und seine räum- logischen Stellen: Sc h a p p, Beiträge zur Phänomenologie der
Wahrnehmung. Göttingen 1910. Schapp führt insbesondere in
1) Rei_ne Anschauungsdinge nennen wir alle jene Dinge, deren Ma· sehr schöner und instruktiver Welse aus, wie im Einzelnen durch
tenal zu re~tloser Gegebenheit in sinnlich-anschaulichen Akten die spezifische Qualifikation der Farbformerscheinung Körper-
kommen k:mn. haftigkeit zur "Darstellung" kommt.

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·lieh!. Denn ihnen fehlt ja eben jene Fundierung des An- Wir haben hier nur eine und zwar wesenhaft nur im
·.rllauungsgehaltes in der Materie. Hinblick auf die Wahrnehmung von Körperdingen vorfindbare
"Ueberspringt,mgsstufe" 1 ) hervorgehoben und zwar eine
Sehr schön kommt auch das, was Körpergesicht ist,
solche, deren Gehalt selbst schon der realen Wirklichkeit
tllr Abhebung in jenem oben erwähnten Täuschungsfall der
zugehört (daher auch für die physikalische Wissenschaft
.1nl das Postament hingespiegelten Körperfigur: hier bleibt relevant ist).
•L1s Gesicht gleichsam wie eine leere Maske übrig, wenn
. Die eigentümliche ontologische Artung der Körperdinge
.,,·ine Fundierung in der Materie als täuschend erkannt
gibt, worauf das eben Ausgeführte schon hinzielte, der Körper-
worden ist. dingwahrnehmung eine specifische Prägung. Wir können
Wir sind jetzt vorbereitet genug, um jenen angedeuteten am besten von einem Erlebnis der Se I b s t kundgab e des
llnterschied, der in der wahrnehmenden Fassung der Körper- betreffenden Körperdinges sprechen, d. h. der Gegenstand
tlinge einerseits, den reinen Anschauungsdingen andrerseits wird als ein sich mit einem bestimmten sinnlichen Anschau-
besteht, anzugeben. Wir sprachen oben gleichnisweise von ungsgellalt kundgebender erlebt, ohne doch als solcher voll
einem direkten Hineinspringen des wahrnehmenden Bewußt- iin die Erscheinung zu treten (wiederum ist darauf zu achten,
»cins in das wahrgenommene Ding. Wir können jetzt von daß ein solcher Selbstkundgabegehalt als dem Dinge an
diesem Gleichnis aus fortfahren und hinzufügen, daß wir bei und für sich zugehörig gehabt wird). Diese Selbstkund-
den Körperdingen (im wahrnehmenden Fassen) eine Stufe l~abe ist c.lso zu unterscheiden von der Selbstgegebenheit
111chr zu überspringen haben a-ls bei den reinen Anschauungs- Der Selbstkundgabe geh a 1t selbst (das Geräusch, der Duft,
dingen. Auch bei diesen letzteren ist meist das in der An- das . Körpergesicht) ist phänomenal selbstgegeben, nicht
schauung unmittelbar Gegebene nicht das in diesem An- wieder bloß kundgegeben.
schauungsgehalt in jener direkten Weise erfaßte Ding selbst. Deutlich tritt das Charakteristische der Wahrnehmung
Auch im Hinblick auf den Schatten haben wir z. B. zu trennen: als Selbstkundgabe da hervor, wo wir in der Erinnerung
I >ie auf die jeweilige Wahrnehmungsposition relative Schatten- nicht mehr wissen, mit welchem Gehalt sich der betreffende
ansicht und das mit dieser Schattenansicht in seiner abso- Gegenstand kundgegeben hat, ob ich ihn dementsprechend
luten Qualifikation wahrgenommene S:hattending. Wir werden z. B. gesehen oder gehört habe. So weiß ich, daß ich irgend-
llierüber noch ausführlich sprechen. Da aber das ganze ein wie "wahrgenommen" habe, daß ein Wagen auf der Straße
solches Ding konstituierende Material ein sehmäßig anschau- vorüberfuhr, daß dieser Wagen selbst in die Erscheinung
bares ist, so liegt das hier in seiner Absolutheit Gefaßte selbst ~~etreten ist, sich selbst irgendwie kundgegeben hat; ob ich
noch in der sinnlich-anschaulichen Sphäre. Die ontologische ihn aber gesehen oder gehört habe, ist vergessen. Dieser
Struktur der Körperdinge hingegen, die das von ihnen sinn- Tatbestand weist darauf zurück, daß mir in der Wahrnehmung
lich Anschauliche in einer der sinnlich-anschaulichen Sphäre das betreffende Geräusch oder "Gesicht" hauptsächlich in
franscendenten Materie fundiert sein läßt, schreibt auch der seiner Funktion als das Körperding Wagen irgendwie kund-
Wahrnehmung eine Fassung von eben diesem Seinsträger gebend bewußt geworden ist. So gibt sich mir in einem
oder Seinskern aus vor. So daß beispielsweise das Körper- bestimmten Duft die Rose, in einem Klirren das Fenster kund.
~~l.'sicht eben als Körper- Gesicht gefaßt wird d. h. als der Ueberall ist das Charakteristische: das Erlebnis der realen
Aussehens-Gehalt des so und so material qualifizierten Kör- Selbstgegenwart des betreffenden Körpergegenstandes, und
pers, wobei die Fassung des Körperdinges als Körperding zwar als sich mit irgend einem zu ihm gehörigen Gehalt
von dieser specifischen materialen Qualifikation schon voraus- selbstkundgebend. Dieses letztere Moment unterscheidet
J,:CSetzt sein muß. eben (in der natürlichen Einstellung) das bloße "Sichtigsein"
Wir können also jetzt unsre oben in allgemeiner Form eines nicht wahrgenommenen Dinges meiner Umgebung von
;111fgestellte Behauptung für einen bestimmten Fall dahin der Wahrnehmung. Wenn mir hier ein Gegenstand (die
präcisieren: In der natürlichen Einstellung ist von einem Kommode auf dem Korridor draußen) sichtig wird, so ist
lllnächst oder zuerst Gegenständlichhaben des Körpergesichts, das gleichsam "meine Sache". Die Kommode setzt sich
von dessen specifischer Artung aus dann auf das Vorhanden- nicht in Beziehung zu mir, macht nicht in irgend einer Weise
~ein eines Körperhaften oder dessen bestimmter Qualifikation auf sich aufmerksam. Der früher angeführte Unterschied von
i1 gcndwie geschlossen wird, oder in einer minder rohen 1
) Von Ueberspringung reden wir im Hinblick darauf, daß das, was
L1ssung: das zu einem solchen Körperhaften ausgedeutet hier übersprungen wird, doch letzten Endes auch irgendwie in
oder irgendwie geformt wird, nichts zu finden. der Gegebenheit aufweisbar sein muß.

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tfn verdeckten und unverdeckten Anschaulichkeit (der auf cipiell gesprochen - in jedem ihrer Teile Aussehen hat,
••lh- sinnlichen Sphären auszudehnen ist) begründet unsern scheint uns ein Widersinn. Hier besteht eine Beziehung
jt•l;igen: mit dem unverdeckten Anschauungsgehalt scheint allerinnigster Art, die allerdings schwer faßbar ist. Man ist
tkr betreffende Gegenstand auf sich aufmerksam zu machen, versucht zu sagen: Das Materiengesicht ist die nach "außen" 1)
111il dem verdeckten nicht. gewendete Materie s e 1b s t, währe11d alles andere: Geräusch,
Wir müssen noch auf wesentliche Unterschiede in der Geruch, Geschmack nu~ mehr oder weniger zufällige "Aeul'\er-
1\rt dieser Selbstkundgabe und damit auch des betreffenden ungen" dieser sind. An diesem Tatbestand scheint es mir
Wahrnehmungserlebnisses hinweisen, die mit der verschie- zu liegen, daß man bei einem Anfassen oder Abtasten des
dt·nen Art der Zugehörigkeit des Kundgabegehaltes zu dem Dinges, in welchem Akt man doch der Materie als solcher
111ateriellen Ding zusammenhängen. Es scheint zunächst -- am nächsten kommt, das Bewußtsein der "Blindheit" dem
ganz oberflächlich gesehen - als ob das Ding im Sehen Dinge gegenüber immer behält, einer Blindheit, die natürlich
doch "eigentlicher" wahrgenommen würde, als wenn es sich nicht zusammenfällt mit dem bloßen Bewußtsein, es nicht
rrrir durch ein Geräusch oder einen Geruch u. s. w. kundgibt zu sehen, sondern in welcher liegt, daß ein wes e n t 1ich es
rrnd als wenn andrerseits im Geräusc!l wiederum mehr von Moment zur Vollerfassung oder Vollgegebenheit des Dinges,
dl'lll Kern des Dinges zur Gegebenheit komme als in einem soweit sie in solchen Akten überhaupt möglich ist, fehlt.
( icruch. So daß ich in einem engeren Sinne von Wahr- Aber wir können alle diese sehr uniersuchenswerten Ver-
m·hmung berechtigtermaßen sagen kann: ich habe die Rose hältnisse nur streifen.
noch garnicht wahrgenommen, ich habe sie "nur" gerochen, Im Wesen des Sehens als solchem gründet es, wie wir
und in einem noch engeren Sinne: ich habe das Fenster noch im nächsten Abschnitt noch genauer zeigen wollen, daL) nie
garnicht wahrgenommen, ich habe es nur klirren hören. das Ganze des Körpergesichts in einem Sehakte zur Er-
Worin der letztere Unterschied gründet, wird man nach allem scheinung kommen kann und daß daher die Selbstkundgabe
Vorhergegangenen leicht verstehen. Duft und Ton sind des Körperdinges immer nur mit einem Teil seines Gesichtes
J!lcichsam selbständige Vorboten des Dinges, wobei man zu geschehen vermag. Ich kann weder in das Körperding
;rllerdings nicht vergessen darf, daß ihre Zugehörigkeit zum hineinsehen, ohne es durchzuschneiden, noch seine Rückseite
I >ing als ihrer Ursprungsstätte beim Riechen an der Rose sehen, ohne die Rückseite eben zur Vorderseite zu machen.
oder Hören an dem tönenden Ding selbst gefaßt zu werden Aber dieses in der Eigenart des Sehens selbst gründende
Vl'rmag. Im Geräusch und "Gesicht" dagegen, sagten wir, Ungenüge soll hier noch zurückgestellt sein. Es handelt
slcckt das materielle Selbst des Dinges darin; es ist mir also sich uns an dieser Stelle nur darum, was durch die eigen-
dwas von seinem centralen Wesen mitgegeben. tümliche Seinsstruktur des Körperdinges der sinnli h-anschau-
Aber die Selbstkundgabe durch das Gesicht nimmt lichen Sphäre als solcher transcendent ist. Dies wird für
doch, wie wir schon andeuteten, eine bedeutsame Ausnahme- uns besonders bedeutsam, wenn wir beachten, daß in der
sll•llung auch hier ein. Das Geräusch erscheint auf Grund natürlichen Einstellung der Körpergegenstand keineswegs als
tkr wesenhaften Eigenart alles Tonhaften (umgreifend Ton ein sich immer nur mit der Vorderseite un.d Oberfläche dar-
und Geräusch) doch immer als ein irgendwie vom Ding bietender gehabt wird, sondern daß er gleichsam als ein
ausgehendes und insofern von ihm mehr oder minder los- "rund herum" und "durch und durch" gesehener vor mir
~:l'löstes, wenn ich es auch als ein solches erfasse, das die steht: der mir zugewandte Teil seines Gesichtes wird nicht
Materie, der es entspringt, nicht völlig abgestreift hat. Das al!s der Te:!, mit dem er sich in Wahrheit allein kundgibt,
1\iirpergesicht dagegen kann man als ein irgendwie vom bemerkbar.
1\ilrper selbst losgelöstes garnicht begreifen (natürlich nur Das hier Gesagte ist zu unterscheiden von dem oben
rnsofern es als Körpergesicht gefaßt ist und nicht wie Angeführten, daß mir die Umwelt über das im eigentlichen
nach jener aufgedeckten Täuschung als der bloße Schein Sinne Selbstsichtige hinaus doch noch sichtig sein kann (mit
t>ines solchen). verdeckter Anschaulichkeit nämlich); denn in der natürlichen
Ebenso ist es umgekehrt unmöglich, sich Materie zu
dl'nken ohne ein entsprechendes "Gesicht", während das 1) Man darf selbstverständlich di.ses "nach außen", das in Gegen··
( i~.·räusch doch immer nur etwas unter bestimmten Be- satz zu einem Materieinnern steht, nicht verwechseln mit der
Oberfläche des Dinges als solcher im Gegensatz zu dem Inncrn
dingungen v~m Ding hervorgebrachtes darstellt (und man des Dinges, in das man event. mit einem Durchschneiden des
'>lrlJ andrerseits sehr wohl völlig geruchlose und geschmack- Dinges h:neinsehen kann. Uenn das, was man dann sieht, gehörl
lusc Materie denken kann). Aber Materie, die nicht - prin- ja wiederum zum Körpergesicht, ist selbst wiederum Oberfläche.

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Ei_nstellung hebt sich die Rückseite des Dinges nicht als die
m1t verdeckter Anschaulichkeit gegebene Vorderseite ab, son- dem Gegebensein einer Gegenständlichkeit vo_n der Seins-
dern das ganze Ding steht als ein von allen Seiten selbst- struktur des Körperdinges allein gründet - emer S.tru~tur,
~ichtiges da,_ sow~it der Faktor der Selbstsichtigkeit als erlebter deren Charakteristisches es ist, dal~ eine wesenhaft d1e smn-
überhaupt In d1e Wahrnehmung eingeht. Man kann dies Hch-anschauliche Sphäre transcendierende Materie a~s Träger
Le_tzte als ~ine Täuschung der natürlichen Anschauung_, be- sinnlich-anschaulicher Qualitäten fungiert und zugleich doch
zeichnen, d1e erst schwindet bei einer Reflexion auf das wahr• mit diesen Qualitäten in die sinnlich - anschauliche Sphäre
haft Selbstsichtige. · hineinzuragen vermag.
Aber es ist doch eine Täuschung sehr eigentlimlicher
Art. Wenn es ein wesensgesetzlicher Tatbestand ist daß ich f) Erkenntnistheoretische Fragen, die sich an
ein Körperding immer nur von einer Seite sehen k~nn daß das Au s g e f ü h r t e an s c h 1i e ß e n.
ich stets ei!:le z~gewandte Vorderseite sich von einer ~bge­ Die erkenntnistheoretischen Fragen, die sich aus diesen
wandten Ruckse1te abheben lassen muß so scheint doch in Ausführungen speciell er~eben, ließen sie~ folgendermaßen
jenem Erlebnis der natürlichen Anschau~ng dieses wesens- fassen: Wie rechtfertigt sich das Bewußtsem von dem realen
gesetzliche Verhältnis durchbrachen. Aber selbst die natUr- Vorhandensein einer solchen Materie und damit der Körper-
liehe Anschauung muß sich einsichtigermaßen nach Wesens- dinghaftigkeit überhaupt und wie rechtferti~t sich ~as Be-
~esetzen richten. Es kann also garnicht so liegen, daß ich wußtsein von dem realen Gegenwärtigsein emes bestimmten
111 eben dem s e 1b e n Sinne das Körpergesicht in seiner Körperdinges? Sind mir in der Wahrnehmung (der ~eh~nden,
Oanzheit "sehe", wie ich das zu~ewandte Stück der Ober- hörenden anfassenden z. B.), in der doch offenbar emztg und
l"läche sehe. Und so liegt es in der Tat. Daß ich das Ding allein mi; Körperdinge ül1erhaupt g~geben se~n.. können, ~iese
run?herum "sehe", heißt nicht, daß es mir in genau derselben Körperdinge so gegeben, daß an Ihrer R~ah~at zu zwelfe!.n
We1se _von a_llen ?ei~en oder ~ar von innen sehmäßig ge- eine Sinnlosigkeit wäre, oder fragen wu he?er: wa~ fur
~:·eben 1st, wie . bet emet reflexiven Einstellung ( d. h. wenn Gründe können Ub.erhaupt einen solchen Zweifel zu emem
1ch dess~n "mu bewußt". bin, was ich wahrhaft sehe) die sinnvollen machen? Wie stellt sich jenes Bewußtsein des
Vorderseite~ Man kann d1e Art und Weise, wie ich es hier Sichausprägeng von bestimmt qualificierter Materie i? dem
sehe, außerordentlich schwer fassen. Vielleicht tritt in der Gehalt eines solchen "Gesichts", Geräuschs u. s: w. 1m er-
uatürlichen Einstellung Oberhaupt nicht ein bestimmter ge- kenntnistheoretischen Lichte dar? Und andrerseits das des
sl'll~ner Gehalt heraus (also weder ein Teil des Körper- Ergreifens der Materie selbst im anfassenden Akt?
1:Pstchts noch auch das ganze) und nur der Faktor, daß es
II I> er hau p t sichtig ist, läßt sich als dem Erlebnis immanent g) Positivistische Erklärungsversuch e der
aufweisen. _Aber ~as Prob!em, das wir hier vor Augen haben,
1st doch mcht em so le1cht lösbares. Denn erstens wäre Körperdingvors te 11 u ng.
hiermit jenes sicherlich in der natürlichen Einstellung auf- Jedenfalls sehen wir schon ar. dieser ~teile, da.~ alle
lindbare Moment, das Körperding in seiner AbgeschlossenheU jjene positivistischen Versuche, das ~~~ußtsem de: Korp~r­
und Abgerundetheit im Raum sehend zu haben, nicht geklärt dinghaftigkeit und damit für den PosJt~vJsten der ~.m.g~afhg­
und z.weitens _drängt sich die Frage auf: wie denn Oberhaupt keit überhaupt zu er k 1ä r e n (da es Ja nach postttvistlsch~r
d.t~ Korpergesicht als ganzes vorstellungsmäßig zur Gegeben- Ansicht nicht aus dem Gegebenen stammen kann, also sem
ltt·t~ ko:nmt.. Und es ~ i b t ein solches sich das Körper- tatsächliches Vorbandensein doch irgendwie sonst erklärbar
!:eslcht ~n semer Totalität zur Gegebenheit bringen. sein muß) völlig verfehlt sind. Denn wird in _ihnen et:va
/\her Wir müssen das so aufgeworfene Problem in dieser die Eigenart des Körperbewußtseins, so wie es steh uns ~1er
1111~elösten Weise stehen lassen. bei einer genaueren Analyse herausgehoben hat, erklart?
Wir schließen hiermit die HauptausfUhrungen des onto- Wird diese in irgend einer Weise überhaupt getroffen? Ist
logische~ T~ils, der insbesondere die Eigenart der Körper- nicht vielmehr schon unter der dogmatischen Voraussetzung,
tiiiiJ~hafhgkeJt herausheben sollte, wie sie in den Wahr- daß auch die Idee eines Etwas, das sich nicht auf sinnliche
IH'IJ mungserlebnis~en des natürlichen Bewußtseins gefaßt Inhalte zurückführen oder aus diesen aufbauen läßt, unmöglich
wt·rden kann. D1e letzten Ausführungen über die Wahr- ist, das Körperdingbewußtsein umgede~tet und ver!älscht?
ut"inuung als Selbstkundgabe gehörten unmittelbar dazu da Ein jeder Erklärungsversuch des Körperd~n~bew.ußtsems, der
llll' l~igentümlichkeit dieser Wahrnehmungserlebnisse eb;n in nicht auf die ganz eigenartige und. emz1ga~hge Idee. der
Materie Rücksicht nimmt, muß von vornherem abgewiesen
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werden. Denn Körperdipghaftigkelt ist wesenhaft nicht kort- rät1sch HervoEbringendes oder so und so Aussehendes nur
stituierbar ohne Materie und Materie andrerseits gehört zu so und so material qualificiert sein kann, ich ihm also seine
den letzten Gegebenheiten und kann daher in keiner Weise Här~e etwa anz~hören (seine Weichheit anzusehen) vermag,
aus irgend welchen andern Elementen aufgebaut oder aus so 1st es doch Jedenfalls nicht einsichtig, daß ein fallender
ihnen herauskonstruiert werden, so wenig wie Farbe oder St.€~in üb~ r ~ a ~ p t. ein Geräusch hervorbringen muß, so wenig
Ton, Bewegung oder Wachstum, Raum oder Zeit, Sein ww es emstchttg 1st, daß der Zucker süß und die Flamme
oder Wert. heiß sein muß.
Das für den Positivismus charakteristische Streben nach [Man beachte wohl, daß die Frage nach der Konstanz
Vereinfachung des Weltbildes und damit seiner leichteren der Qualitätsverbindungen (wie die Süßigkeit mit der ma-
theoretischen Beherrschbarkeit, aus dem solche Zurückfüh- terialen Zuckerqualifikation, der Rosenduft mit der materialen
rungsbemühungen stammen, ist, so glauben wir, eine prin- Rosenqualifikation) nichts zu tun hat mit der Frage nach der
zipiell unphilosophische Einstellung. Denn die Philosophie, Ding- oder Körperdinggegebenheit überhaupt. Auch wenn
soweit sie reine Erkenntnis ist und sein will, hat alles in es unmöglich sein sollte, hier in irgend einer Weise über
seiner Eigenart anzuerkennen, nicht aber die Welt in ihrer den Satz hinauszukommen, daß das erfahrungsgemäß bisher
tatsächlich unendlichen Fülle einzigartiger Tatbestände künst- stets Verbundene sich auch wahrscheinlich weiterhin als ein
lich zu entleeren und ärmer zu machen. Verbundenes erweisen wird, wenn also die Konstanz solcher
Qualitätsverbindungen nie über jene induktive Wahrschein-
Anhang zu Teil II. lichkeit hinaus einsich.tig werden könnte so würde doch
Die Konstanz der nur in der Einzelerfahrung hiervon völlig unberührt Ding stets als Ding, Körperding stets
zu erfassenden und zunächst nur für den vor- als Körperding gesetzt bleiben. Denn weder Dinghaftigkeit
liegenden Einzelfall konstatierbaren Zusam- no<:h K<;irperdinghaftigkeit hat ja, wie wir sahen, irgend etwas
menhänge. (Frage nach der "Notwendigkeit der mit ..d~r konstan_t~.n Verbindung d_er z~ einem solchen Dinge
Erfahrungsurteile ".) g~ho~rgen. Qua!ttaten zu tu~. D1e Dmg- oder Körperding-
emhett wtrd . ~.tcht durch dte konstante Verbindung irgend
Die allen mehrqualitätigen Dingen als solchen eigen- welch~r Qua_htaten g es c h a ff e n, sondern es gibt umgekehrt
Hirnliehe Gegebenheitstranscendenz, die darin besteht, daß erst emen Smn, von dem konstanten Zusammen bestimmter
mir in einem sinnlichen Akt nie auch die einer andern ~uali~äten. in .einem Dinge zu reden, wenn die dingliche
sinnlichen Sphäre zugehörige QuaEtät gegeben sein kann, Emhett, dte d 1 es es Zusammen ausmacht, als ein von der
daß ich also das mehrqualitätige Vollding nie in einem ein- Konsta~z der Qualitäten unterschiedenes Moment vorausge-
zigen sinnlichen Akt voll zu erschauen vermag, ist natürlich setzt wrrd. Auch wenn es nur ein momentanes Zusammen
von der eben besprochenen in der Körperdinghaftigkeit als dieser Qualitäten sein sollte, so könnten sie doch eben in
solcher gründenden Transcendenz wohl zu unterscheiden. diesem Moment zu einem Dinge vereinigt gewesen sein.
Auch sie stellt den Erlebnisniederschlag eines ontologischen Darum besagen die Ausführungen Mach' s zu Beginn der
Verhältnisses dar. A. d. E., die zeigen, daß von irgend welcher absoluten Ver-
Die sich hieran anschließende erkenntnistheoretische bindungskonstanz der Qu-alitäten nicht die Rede sein kann
Frage wäre die, wie der Glaube an die konstante Ver- n i c h t s gegen die mögliche Dingsetzung als solche. In jede~
bindung- solcher Qualitäten verbürgt werden kann. Bei der Moment erfasse ich ein vor mir befindliches Körperding eben
Fassung eines Dinges werden stets eine Reihe von gerade a~s Körl?er~ing, mag dieses auch in jedem neuen Moment
nicht gegebenen Qualitäten mitgefaßt, so event. die Süßigkeit em qualitativ total neu es sein, oder mag es überhaupt nur
des Zuckers mit dem gesehenen Zucker, die Wärme mit dem momentane Existenz besitzen. .
gesehenen Feuer, das Geräusch bei einem auf harte Körper Es ist also eine völlig selbständige, als solche aller-
fallenden Stein, wenn ich so weit entfernt bin, daß ich es dings recht wichtige Frage, wie es sich mit der Konstanz
nicht selbst zu hören vermag u. s. w. solc:her in einem Dinge vereinigter Qualitäten und mit seiner
Wenn es in einem bestimmten Sinne einsichtig ist, daß Existenzkonstanz überhaupt verhält.]
zwei harte aufeinanderstoßende Körper nur ein bestimmt ge- Man wird sofort sehen, daß wir hier bei der für die
artetes Geräusch hervorbringen können (oder daß ein Ma- ~rkenntnistheo_retisch~ Sicherung der Erfahrungswissenschaft
terial, etwa ein wie Butter qualifiziertes, ein bestimmt geartetes tm engeren Smne wichtigsten Frage sind. Wie komme ich
Aussehen haben muß) und andrerseits, daß ein dieses Ge- über die Ei nz e I beobachtung als solche hinaus? Hierher
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l:t·hiirt auch die Frage, was mich der Weiterexistenz des mir die Art dieses zusammen Auftretens selbst völlig klar
I linges versichert, während ich es nicht wahrnehme. Diese sein. Wir glauben nämlich, daß eben in der eigenti.imlichen
lt'i!lcr~ Frag~ ist selbstv_erständlich von der ganz andersartigen Weise wie in der Gegebenheit, der Süßigkeit des Zuckers
und 111cht h1erhergehöngen zu scheiden, inwiefern ich über- beispi~lsweise, diese Süßigkeit an eben dies KörJ?erdin.g
l1;111pt etwas als von der Wahrnehmung unabhängig Existie- Zucker gebunden und in dieses gegründet er I e b t wtrd, dte
ll'llt~es ansetzen k~nn. \Yir haben gesehen, daß jedes Ding b es o n der e Art von Einsichtigkeit wurzelt, die einem solchen
.ils m solcher Weise existenzautonomes schon inner h a I b Erfahrungssatz wie: Zuck~r ist s~ß, anha~tet ~nd, w~e wir
dt·r Wahrnehmung selbst gefaßt wird. Aber andrerseits bin vorläufig sagen können, gleichsam m der Mltte hegt zwischen
1rh doch der wirklichen Existenz dieses Dinges wenn über- einer Einsicht die ein reiner Wesenszusammenhang verschafft
11;~ HI?t so doch nur . innerhalb der Wahrnehmung direkt und der bloßen Vermutung, daß es auch fortan so sein wird,
ver~Ichert: Woher die qewiß~eit, daß ich die Gegenstände wen es bisher stets so gewesen ist. .
llll'llleS Zimmers noch w1ederfmden werde, wenn ich zurück- Wir haben allereinfachste Beispiele gewählt. Letcht
kl:llre, daß ::>ie nicht unterdeß zu Nichts geworden sind. abt:~r läßt sich von hier aus einsehen, wie tief diese Frage
llrl·rher gehort auch der Verlaß auf die Konstanz der ein- in die gesamte Materiewissensc~aft eing:rei~t. Die .?ätze der
ll·lnen Kausalzusammenhänge und des Kausalgesetzes über- Erfahrungswissenschaft nach dteser Hmst~ht pha~omeno­
II;~Hpt (welche Frage wieder wohl zu scheiden ist von der logisch zu fundieren, wäre nach unsrer Memung eme ~:var
ll;tdl der Gegebenheit des Kausationsmomentes im Einzelfa11). 1) nicht ganz einfache, aber sehr schöne. Aufgabe. M.an wu~de
Man hat bei einer Kritik der positivistischen und ins- wahrscheinlich je nach den Verhältmssen, um.. d~e es s~ch
hesondere der Mach' sehen Anschauung besonders an diesem hier handelt, zu den verschiedensten Stufen moghcher Ein-
l'unkte angesetzt Es war klar, daß der tatsächliche Anspruch sichtsarten kommen.
der Erfahrungswissenschaft über das bloße Konstatieren der Die positivistische Anschauung j:denfal~s, d.aß es si.ch
Sachlage bei allen bisher beobachteten Fällen wesentlich immer nur um die Konstatierung gewtsser FunktiOnalbezie-
hinausgeht. Denn alle Sätze dieser Wissenschaften schließen hungen handle (mit der Veränderung von a ist eine Verän-
ein gewisses Moment der "Notwendigkeit" in sich das derung von b gesetzt) scheint uns den Gehalt solcher Er-
hd einer Auffa~sung wie der Mach' sehen vollkommen' ver- fahrungssätze unendlich zu veräußerliche~ und d~m Gegebenen
loren geht. (Siehe Ne I so n a. a. 0. S. 251.) Daß andrer- in keiner Weise angemessen zu sem. N1cht weil Erfahrungs-
seits eine Argumentation, die allein daraus, daß Naturwissen- wissenschaft bei diesen Voraussetzungen nicht möglich wäre,
sr ha~t bei. jenen .P?sitiyis~ischen Voraussetzungen nicht mög- sot1dern weil wir tatsächlich anders erfahren, weil uns in
lich Ist, die Unglltigken Jener Voraussetzungen ableiten will, der Einzelerfahrung viel mehr gegeben ist als bloße V:r-
111cht endgültig über den Positivismus entscheiden kann änderungsbeziehungen zwischen gewissen Elementen, schemt
1:lauben wir in der Einleitung einsichtig gemacht zu haben~ uns jene Anschauungsweise völlig unhaltbar.
Um die hier vorliegenden Fragen beantworten zu können Damit kommen wir wieder zu unsrer Hauptaufgabe
hl'diirfte es e.iner genauen phänomenologischen Klärung zurück: zu der Analyse der Einzelw~hrn7hmun~ als so! eher.
dt·ssen, was Wir oberflächlic? "Moment der Notwendigkeit" Die Frage, d:e wir eben aufwarfen, wte m1r das m der El~zel­
~:~'uannt haben. Daß es Sich um keine reinen Wesens- wahrnehmung Gegebene Bürgschaft für die Zukunft zu lets~en
I'JIIsichten handelt, haben wir gesehen; um was aber .kann vermag, ist erst eine sekundäre. Scho~ der Sat.z, der. sich
1·s sich sonst handeln? Hierzu müßten wir uns eben das auf das hic et nunc Gegebene beschrankt, schließt semem
was in der Einzelerfahrung gegeben ist, genauer ansehen' Sachgehalt und seiner Bewährung nach weit ~~hr I?hän?-
~:~·uauer als dies bisher meist geschehen ist. Ehe ich ent~ menologische und erkenntnistheoretis~he Schw1engke1te~ m
!!rllciden kann, inwiefern ich mich auf ein konstantes zu- sich als man zunächst glauben mag. Hter aber schon scheitert
Kanunen Auftreten gewisser Tatbestände verlassen kann muß positivistische Theorie und Lehre endgiltig.
' '
') Vgl. Reinach, Kants Auffassung des Hume'schen Problems
I~eitschr. f~r Philosophi~ un? philos. Kritik, Bd. 141). Hier wird
thc "matenale Notwendtgkett" unterschieden - die materiale
No.twendigkeit ~ls das Kausationsmoment, das im Einzelfall die
Wrrkensbeztehung herstellt (eine Kugel bewirkt durch
1l~ren AQprall. an ~ine a~~er~ die .Be~egung dieser) und die mo-
d,lle !'Jotwendlgkett als dleJentge, die eme solche Wirkensbeziehung
zu emer "konstanten" machen kann.

- 61 - 62-
III. Verschiedene Arten der Daseinsrelativität von geradlinigen . Be_:veg~nge~ oder sonsti~en ~eradlinig verlau-
Wahrnehmungs in h a 1t e n und ihre einsichtige Be- fenden Gegenstandlichkertcn besonders tll'ullich hervortritt
so ~ommt ~och dieser Unterschied zunachst nicht in Betracht;
gründbarkeit in verschiedenartigen Verhältnissen. wer~ uns h~~~ nu_r an dem der Uewendetlwit (wie auch der
Bisher sind wir an erkenntnistheoretische Probleme GenchtetheiLlll dresem en~eren Sinnl~) imm<tnenten Richtungs-
~ekommen, die- nach Wesenseinsicht- in der onto- moment und den .mrt diese~ gesetzten Verhältnissen liegt.
logischen Struktur gewisser Gegenständlichkeifen Es besteht mcht nur die Alternative des gleich- oder
wie der Körperdinge als solcher gründen; jetzt wollen wir e~tgegengesetzt Gerichtetseins, sondern es gibt auch ein
zu solchen hinführen, die allererst mit den in und mit einer Rr~htungs:rerhältnis, bei dem zwar ein einander Zugewendet-
bestimmten Erfassensari bestimmt gearteter Gegenständ- s:m (aufernanderzu Gerichtetsein) noch besteht, ohne daß
lichkeiten sich konstituierenden Verhältnissen gesetzt sind; dies schon eine "gerade" Zugewendetheil wäre· die
so insbesondere in dem Sehen von Dingen und speciell gera?e Zugewendetbeil steht eben im Gegensatz zu 'einer
von Körperdingen. .,schrefen" Zugewendetheil (bei der die auf die Seiten senk-
Wenn wir einsichtig machen können, daß Körperdinge rechten Richtungspfeile nicht in eine Gerade zusammen-
und Dinge, wenn überhaupt so nur in der oder jener Weise l!aufen kön:1en).
sehend erfaßt werden können, so tritt damit zugleich heraus, , [Man be.achte, daß die Verhältnisse der geraden
daß dem Wahrnehmungserlebnis der naturliehen Einstellung, Zugewendetheil und Abgewendetheil nicht etwa bestimmt
das eben die reale Setzung von Dingen und das Erlebnis '~er~en kö1nen als Grenzfälle der mehr oder minder gleich-
ihres anschaulichen in die Erscheinung Tretens wesensmäßig smnrgen Gerichtetheit, sondern daß das Moment der Zu-
einschließt, auch diese Verhältnisse immanent sind. o~er Abgewendetheil als selbständiges schon vorauso·esetzt
sem muß, um von einer mehr oder minder g er a d e~1 Zu-
1. Vorbereitende Betrachtung über apriorische oder Abgewendeth~it überhaupt sprechen zu können.] '
V e r h ä lt n i s s e , d i e z w i s c h e n i r g e n d w ie " gerich- . We:m man be1 dem Verhältnis der schiefen Zugewendet-
t e t e n " G e g e n s t ä n d li c h k e i t e n o b w a l t e n. ~lert zwerer Flächen von der einen Fläche aus die andere
m's ~uge iaßt, so konstituiert sich das für unsere späteren
Zur Vorbereitung betrachten wir folgende Verhältnisse: Ausfuhrungen sehr bedeutsame Phänomen der Tiefe n-
Wir sprachen davon, daß zwei Seiten zweier Gegenstände e rs ~reck u ~ g. Diese Tiefenerstreckung ist also wesenhaft
einander zugewendet, andere Seiten von einander ab g e- relativ auf eme andere Fläche, die zu ihr in dem Verhältnis
wendet sind, wie auch die entgegengesetzten Seiten eines der sch iefe1 Zuge ,·:endßtheit steht.
und desselben Gegenstandes, etwa die Ober- und Unterseite Unter den möglichen Verhältnissen der Zurrewendetheit
eines Kastens. Dann gibt es aber auch eine Sachlage, bei (bezw. Abgewendetheit) ist eines besonders a~so-ezeichnet
der man weder von einer Zugewendetheit noch auch von nämlic~ dasjenige, bei dem die einander zugewe;deten, sei
einer eigentlichen Abgewendetheit voneinander reden kann, es schref oder gerade zugewendeten, Flächen sich in " d i-
so im Hinblick auf die Oberfläche eines Tisches und die rekter Gegenüberstellung" befinden. Nur in dieser
Oberfläche eines auf ihm liegenden Buches; sie sind nach Lage bl!cken d.ie Flä~hen auf einander hin, in jeder andern
dergleichen Richtung gewendet, sie "sehen" gleich- Lage blicken sre ane1:1ander vorbei.
sam nach derselben Richtung. Wir Ligen noch hinzu, daß jeder Punkt einer krummen
Sowohl jene Abgewendetheit wie jene Zugewendetheit qberfläche s~ine eigene Gewendetbeitsrichtung hat (sie läßt
schließt eine Gewendetheit nach der selben Richtung aus; srch durch dre Senkrechte auf die Tangente in eben diesem
vielmehr muß in beiden Fällen eit,e entgegengesetzte Wen- Punkt bestimmen).
dungsrichtung vorliegen. Wir gelangen also zu dem Wesens-
gesetz: Was gleichsinnig gerichtet ist, kann weder einander 2. A n w e n d u n g d i e s e r V e r h ä l t n i s s e a u f d e n
zugewendet noch voneinander abgewendet sein. Wir unter- speziellen Fall des "Sehens von Dingen".
scheiden infolgedessen das Moment der 0 e wendet h e i t Wir konnten diese Verhältnisse rein für sich entwickeln
nach einer bestimmten Richtung als solches und die Ver- und ~insichtig machen, ohne irgendwie auf ein Sehen zu
hält n iss e der Zu gewendetheit und Ab gewendetheit. r~kurneren. Der Tatbestand, daß jede Seite eines Körper-
Obwohl die "Gewendetheit" zu unterscheiden ist von clmges als nach einer bestimm1en Richtung gewendet ge-
einer "Gerichtetheit" in einem engeren Sinne, wie sie an clacht werden muß, hat nichts zu tun mit irgend welchem

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Sehen oder Nichtsehen dieser Seite. Nicht ist ZugewendetheU gegengesetzt die Sehrichtu.ng der .Zugewendet~eitsrichtung
oder Abgewendetheit einer Körperseite zu bestimmen als is1:, je spitzer somit der Wmkel zwischen der Hmgewen?et-
gesehene oder nichtgesehene Seite, sondern i:n Gegenteil: h~:itsrichtnng und der Seilrichtung wird:. auch umso wemger
D aß ich stets nur einen begrenzten Teil eines dreidimen- g~:rade {d. h. umso schiefer) der Oberflachenpunkt getroffen
sionalen Gegenstandes sehen kann, wird allererst einsichtig wird.
bei Beachtung des Tatbestandes, daß der nicht gesehene Wenn mit ersterem Tatbestand die wesenhaft notwen-
Teil der jeweiligen Sehposition (mehr oder minder gerade) dige Seh-Transcendenz eines Teils jedes dr~idimensionalen
a b g e w e n d e t ist: Gebildes einsichtig wird, so mit dem zweiten T~tb~stand
Denn es gibt einen ganz bestimmten Typus des Sehens die Unmöglichkeit, daß eine zugewendete, al~o m Jede~
- der Typus, in dem allein Dinge und Körperdinge gesehen Punkt von einer Sehrichtung treffbare ebene Flache auch m
werden können -, dem eine Gerichtetheit wesenhaft im- jedem Punkt g 1eich gut getroffen wird.
manent ist und zwar eine Gerichtetheit von einem ganz be- [Natürlich könnte ein Einwand, ~aß wir "selbs~ver­
stimmten Punkte aus, den wir den Se h p unkt nennen ständlich" einen Gegenstand nur so we1t sehen, als Licht-
wollen. Dieser Sehpunkt ist ansetzbar ohne jede Rücksicht strahlen von ihm in unser Auge fallen und daß darum unsre
auf die zufällige Augenorganisation eines Lebewesens. Er ganzen Betrachtungen gegenstandslos seien, in keiner Wei~e
liegt zwar beim Menschen innerhalb seines eigenen Leibes in's Gewicht fallen. Denn auf die Frage kommt es uns ]a
und zwar hinter den Augen; aber diese seine Lage ist für gerade an, ob der Tatbestand.:, daß ~i~ einen Körper .im~er
das Sehen als solches nicht wesenhaft. Man findet ihn am nur zum Teil sehen durch unsere zufalhge Augenorgamsatwn
besten, wenn man versucht, den eigenen Leib sehend zu bestimmt ist oder' ob hier Wesensbeziehungen bestehen.
fassen, so weit als es möglich ist. Daß man das eigene Oe- Wäre doch das Letztere nicht der Fall, so könnte es ganz
sicht nicht mehr zu sehen vermag, erscheint dann als eine anders organisierte Wesen geben, die ein solches Ding von
durch die Organisation bestimmte Zufälligkeit; ebenso daß allen Seiten zugleich zu sehen vermöchten und zwar dera.rt,
man die eigenen Augen nicht mehr sehen kann, so paradox daß der Gegensatz von zugewandter zu abge~an?ter Seite
dies klingen mag. Schließlich aber gelangt man zu einem hinfällig würde. Wir meinen aber, . daß auch fur em soich:s
Punkt, der selbst nicht mehr in die mögliche Sehsphäre fällt, ~vesen, das (etwa vermöge·von ~helaugen o~_er dergl.) em
weil eben von ihm aus Alles gesehen wird. Körperding zugleich von allen Se1ten sehen ko?nte, es doch
Aber kehren wir wieder zu der Gerichtetheit des Sehens verschiedene Sehpunkte geben. müsse und auf. diese be.zogene
zurück. Diese dem Sehen als· solchem immanente Gerichtet- Sehbereiche, so daß jeweilig im Hinblick auf emen bestimmte~
heit ist, wie schon erwähnt, zu scheiden von einem innerlich Sehpunkt von einem zugewandten ~nd abgewandten Teil
Gerichtetsein auf den gesehenen Gegenstand, sowie auch von dieses Dinges gesprochen we:den .m~sse.
dem mit den leiblichen Augen auf den betr. Gegenstand Ganz deutlich heben steh d1e 1m Wesen des Sehens
Oerichtetsein. Denn ich kann ein Ding sehen, ohne irgend- als solchen gründenden Verhältnisse von den empirischen
wie auf dasselbe innerlich gerichtet zu sein oder andrerseits, Zufälligkeiten ab im Hinblick auf folg_enden T~tbesta.~d: Es
ohne die Augen dorthin konvergieren zu lassen. Die Ge- ist keineswegs wesensmäßig notwendtg, da~ die Spha.re ~er
richtetheit des Sehens als solche, die das gesehene Ding wahrnehmungsmäßig gesehen~n Umgeb~n~ m de_r tatsachlich
irgendwie trifft, ist eben ein drittes. Jeder Punkt der sichtigen vorliegenden Weise begrenzt 1st. So w1e m gewissen patho-
Umgebung wird in eben der Richtung gesehen, die die Ver- logischen fällen das Sehfeld ~uße~orden~lich einge~ngt sein
bindungslinie vom Sehpunkt zu ihm· hin angibt. Ich kann kann und so wie es andrersetts Ttere g1bt, denen Ihre spe-
mich in diese vorausbestimmte Sehrichtung mit meiner Augen- zifische Augenorganisation ein bedeutend .größeres Sehfel.d
richtung gewissermaßen hineinbegeben, wie ich auch andrer- verschafft, so kann man sich sehr. wohl ~esen denken, die
seits bei fortgesetzter Andersgerichtetheit der Augen innerlich yon einem und demselben Sehpunkt so wie nach vorne u_nd
diese Richtung nehmen kann. seitwärts auch nach hinten zu sehen vermöchten, so daß..s•ch
Es scheint nach den vorhergehenden Betrachtungen als ~~in einheitliches und ununterbrochenes Sehfeld ~rgeben wurd:.
Wesenseinsicht herauszutreten, daß ein Gegenstand nur so Natürlich würde auch die Welt "im Rücken" Immer nur m1t
weit jeweilig gesehen werden kann, als seine Oberflächen- ihren irgendwie zugewandten Teilen gesehen werden können.
punkte der Sehrichtungssphäre, die durch alle möglichen von Als wesensgesetzlich im Sehen. als s?lchem gründend
einem Sehpunkt ausgehenden Richtungsstrahlen bestimmt l[äßt skh aber wiederum das allmähh~he ~mschrumpfen. der
wird, irgendwie zugewendet sind, ur,d daß je weniger ent- tat!lächlichen Raumweite für das Sehen m dte Ferne begreifen.]

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Der vorhin als zweiter bezeichnete Tatbestand schentt liegen, deren weiterer Ausbau von größtem philosophischen
uns für die Verhältnisse der perspektivischen Verkürzung Interesse sein dürfte. Für unsere speziellen Zwecke waren
grundlegend zu sein. Die nähere Ausführung einer solchen diese letzten Ausführungen insofern wertvoll, als sie zeigen,
perspektivischen Wesenslehre wäre eine keineswegs leichte daß unter Voraussetzung des Vorhandenseins von an-
Aufgabe. Wir führen hier nur eine schon in den angegebenen schaubaren Flächendingen (sowie von Körperoberflächen)
Unterscheidungen vorbereitete Komplikation an: eine völlig adäquate Gegebenheit im Sehen bei gewissen
Wenn zunächst jede Fläche oder Seite mit direkter Sehpositionen wesenhaft unmöglich ist.
Gegenüberstellung als in bestimmtem Sinne bevorzugt be- Wir werden jetzt andrerseits sehen, daß im natürlichen
zeichnet werden kann, so wiederum unter allen möglichen Wahrnehmungserlebnis der reine Anschauungsgehalt keines-
direkt gegenüberliegenden Flächen diejenigen, die keine Tiefen- wel~S immer mit der in diesem gleichwohl unmittelbar ge-
erstreckung besitzen, sondern sich in gerader Zuwendungs- faßten Ansichbeschaffenheit des zur Anschauung kommenden
lage zum "Blick" befinden. Wenn ich eine Fläche in ihrer Dinges identificiert wird. Mit der jeweiligen Seilposition
räumlichen Ausbreitung und Gestalt möglichst adäquat sehen konstituiert sich eine verschiedene "Ansicht" des Dinges,
will, verschiebe ich entweder meine Sehposition oder die deren Veränderung also eben relativ ist auf die jeweilige
Lage des Gegenstandes so lange, bis ich "gerade" auf sie Sehposition, während die Beschaffenheit des Dinges selbst
hinzublicken vermag. Eine Schwierigkeit liegt darin, was als eine bei aller Ansichtsveränderung unveränderte erlebt
das heißt: etwas ist dem Blick schief zugewendet und er- und gefaßt wird. Dieser in der Analyse des Wahrnehmungs-
streckt sich damit in Bezug auf ihn in die Tiefe - da wir erlebnisses selbst heraushebbare und für eine Grundlegung
doch sahen, daß dieses Phänomen der Tiefenerstreckung nur der Erkenntnistheorie so wichtige Tatbestand wird von den
im Hinblick auf die Wendungsrichtung einer F I ä c h e orien- Positivisten geleugnet.
tierbar ist, während andrerseits bisher nur von einem S eh-
p unkt gesprochen wurde. Die hier in Betracht kommenden 3. D i n g a s p e k t - A s p e k t b e zu g - A s p e k t geh a I t.
Verhältnisse der geraden u:1d schiefen Zugewendetheit können Wir nehmen einen kreisförmigen Schatten, der um den
auch nicht irgendwie durch die Stellung meines Leibes oder Fuß einer auf dem Tische stehenden Lampe hingelagert ist.
eines Leibteiles, etwa des Gesichtes, bestimmt werden, da Durch Heraufschrauben des Dochtes der Lampe verändert
dann nicht einzusehen wäre, wie für die adäquate Gegeben- er sich sichtlich ; er schrumpft zusammen, wird tiefer
heit einer Fläche im Sehen die gerade Zuwendung dieser schwarz, zeichnet sich schärfer von der Lichtsphäre um ihn
Fläche bei direkter Gegenüberstellung den absoluten Vorzug herum ab. Ebenso verändert er sich durch ein Empor-
besitzen kann. Denn auch bei gerader Zuwendungslage ist heben der Lampe. Trägt man diese fort, so folgt er u. s. w.
es doch immer nur ein Punkt, der im strengen S:nne "gerade" Das alles sind auf empirischem Wege konstatierbare Ab-
getroffen wird. Gleichwohl scheint uns bei dieser Zuwen- hängigkeiten solcher Art, wie sie die Grundlage für physi-
dungslage der Blick auf einer ganzen Fläche in völlig unter- kalische Forschungen bilden.
schiedlicher Weise zu ruhen. (Das Analoge bei schiefer Zu- Ich entferne mich vom Tisch und die eben noch sehr
wendungslage.) Man muß in der Tat von einer Se h f I ä c h e 1) deutliche Kreisgestalt des Schattens verschiebt sich in eigen-
sprechen, in die der Sehpunkt jeweilig eingelagert erscheint. tümlicher We:se. Während ich aber vorhin von einer Ver-
Alles was dieser Sehfläche "gerade" zugewendet ist, besitzt änderung des Schattens sprach, spreche ich jetzt von einer
einen absoluten Vorzug für die sehende Erfassung. Wir der bloßen Schattenansicht Der Schatten selbst bleibt nach
werden diesen Tatbestand später r.och besonders heraus- wie vor kreisförmig; die Schattenansicht verändert sich mit
treten sehen. Veränderung des Standortes. Ich entferne mich sehr weit:
Wie schon gesagt, glauben wir, daß hier allererste die Schattenansicht wird immer kleiner: der Schatten selbst
Ansatzpunkte für eine mögliche apriorische Perspektivenlehre bleibt gleich groß.
1
) Es ist sehr schwer, diese "Sehfläche" näher zu bestimmen. Sie
Dies scheinen alles ganz triviale und von der wissen-
bleibt dieselbe bei veränderter Augenstellung, wird aber eine schaftlichen Forschung längst erklärte Tatbestände zu sein.
andere bei veränderter Kopfstellung; alle möglichen Sehflächen, Und doch stehen sie keineswegs als phänomenologisch ge-
die bei unveränderter Lage des Sehpunktes ansetzbar sind, klärte da, was die sie völlig umdeutende erkenntnistheoretische
schneiden sich in eben ditsem. Natürlich geben die auf den Leib Behandlung seitens des Positivismus zeigt.
bezogenen Bestimmungen keine Konstitutionsbedingungen der
jeweiligen Sehflächen als solcher an; aber sie zeigen, auf welchem Wir fragen: wie sieht das Erlebnis aus, wenn wir .uns
Wege man sie sich zur Gegebenheit bringen kann. von dem Schatten entfernend die stete Veränderung der

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Schattenansicht bemerken und zugleich das Bewußtsein haben, wie etwa durch Veränderung der Lichtquelle. Nur mit Rück-
er selbst behalte seine ihm eigene Größe und Gestalt un- sicht auf eine bestimmte Raumstelle ist dieser so und so
verändert bei. Wir haben uns vor allem gegen die positi- räumlich begrenzte und gelagerte Reflex ein daseiender.
vistische Lehre zu wenden, als könne es sich hier um nichts Wir haben also hier etwa das, was von positivistischer
weiter handeln, als um völlig gleichsinnige Veränderungen St~ite als Urschema aller möglichen überhaupt konstatierbaren
einer Variablen in verschiedenen Abhängigkeitsverhältnissen. Abhängigkeitsverhältnisse der gegebenen Wirklichkeit hinge-
So daß man, wenn nicht diesen Sinn, gar keinen deutlichen stellt wird: eine Variable (das Lichtreflex-Quale, das in seiner
Sinn mit jenen Worten verbinde. bd aller Veränderung doch qualitativen Identität noch näher
Sehen wir uns etwas näher an, was eine solche Inter- zu bestimmen wäre) und diese in mehrfachen Abhängigkeits-
pretation bedeuten würde: als Variable müßte offenbar das beziehungen stehend, unter denen eine an dem jeweiligen
Schattenquale fungieren. Durch Heraufschrauben der Lampe Standort des sie Wahrnehmenden orientiert ist.
(also Veränderung der Lichtquelle) verändert sich seine Ge- Die wesenhaft andersartige Sachlage gegenüber dem
stalt; durch meine Entfernung verändert sich in g e n a u oben angeführten Fall (der bloßen Ansichtsveränderung)
d e 11'1. s e 1 b e n Sinn e seine Gestalt. Daß man bei einem scheint uns deutlich herauszutreten. Hier (bei der mit ·dem
Sichentfernen von einer gleichzeitigen Unverändertheit seiner Standort sich ändernden Reflexveränderung) das eventuelle
wirklichen Gestalt spricht, heißt nichts weiter, als daß Zusammenwirken oder Gegeneinanderwirken der durch die
diese Gestaltsveränderung eben nicht auf Grund einer Ver- verschiedenen bestimmenden Momente (Entfernung und Licht-
änderung der Lichtquelle oder sonstiger physikalischer Ver- quellen- Veränderung) hervorgerufenen Veränderungen. Sie
hältnisse vor sich geht. Daß ich eine solche Veränderung greifen gewissermaßen an demselben Punkt an. Dort die
gerade die "wirkliche" nenne, hat seinen Grund in einer Einsicht in die wesenhafte Unmöglichkeit eines solchen Zu-
zufälligen Gewohnheit. 1) sammenwirkens. Handelt es sich doch um Veränderungen
Wenn es tatsächlich so läge, so könnte ich offenbar, in ganz verschiedenen Sphären; wie kann Ansichtsveränderung
solange ich rein auf die gegebene Schattengestalt selbst ein- irgendwelchen Einfluß besitzen auf Seinsveränderung? Alles
gestellt bin, nicht zugleich das Bewußtsein haben, sie ver- was in die Sphäre der Seinsveränderung fällt, ist physikalisch
ändere sich ihrer Gestalt nach und sie verändere sich ihrer relevant, was in die Sphäre der Ansichtsveränderung fällt,
Gestalt nach nicht. Oder, da dies allzu paradox: klingt, ich wesenhaft nicht. Es handelt sich hier entsprechend den ver-
könnte nicht zugleich das Bewußtsein haben: es läge zwar schiedenen Sphären um ganz verschiedenartige Gegenständ-
in einem bestimmten Sinne eine Gestaltsveränderung auf der lichkeiten, nicht aber, wie der Positivist behauptet, um das
Gegenstandsseite vor, in einem natürlich an dem Sinne da- bllqße Hineingestelltsein eines und desselben Gegenstandes
gegen keine. Nun habe ich aber doch sicherlich ein solches in verschiedenartige Abhängigkeitsbeziehungen. Oie Ding-
Erlebnis einer Uebereinanderschiebung der beiden Tatbe- ansicht ist eine genau bestimmbare und zur Gegebenheit zu
stände auf der Gegenstandsseite. Da jenes Bewußtsein der bringende Gegenständlichkeit; aber sie hat in der Welt des
Unverändertheit (der wirklichen Schattengestalt) in keinem physikalisch-realen Se:ns, zu der das betreffende Ding mit
Sinne irgend eine Bezugnahme auf die Lichtquelle in sich seiner Qualifikation gehört, keine Stelle. ·
schließt, so ist es völlig absurd, dieses in eine bIo ß e Be- Wir müssen jetzt genauer sein: wir trennten oben die
zugnahme auf die Lichtquelle umzudeuten. materiale Qualifikation eines Körperdinges von seinem "Ge-
Wir wollen, um den sachlichen Gegensatz zwischen sicht". Auch dieses Gesicht nennt man zuweilen Dingansicht,
unserer und der positivistischen Anschauung noch deutlicher wiewohl selbstverständlich der gegenwärtig gemeinte An-
zu machen, ein Beispiel heranziehen, in dem eine physische sichtsbegriff mit jenem nichts zu tun hat. Die mit jenem
Gegenständlichkeit in der Tat in einer realen Abhängigkeits- Unterschied (materiale Qualifikation und Körpergesicht) ge-
relation zu dem Standort des sie jeweilig Sehenden steht; s,~tzte Körperstruktur führte uns zu einer wesenhaften Ge-
d. h. sie seI b s t verändert sich mit dem Wechsel dieses gebenheitstranscendenz des Körperdinges. Das Körpergesicht
Standortes, nicht oder doch n ich t nur ihr Aspekt: aber gehört als solches ebenso zur Welt des physikalisch-
Es ist eine empirisch leicht konstatierbare Tatsache, realen Seins wie das Körperding selbst. Obwohl es prin-
daß sich ein Lichtreflex mit jeder Veränderung der Sehposition zipiell genommen voll anschaubar ist, kann es nun selbst
verändert. Er verändert sich in genau demselben Sinne wiederum nur zum Teil und mit mehr oder minder großer
1
) Vergl. hierzu wiederum die früher angegebenen Stellen der po-
Adäquatheit zur anschaulichen Gegebenheit kommen. Wir
sitivistischen Literatur. müssen also von einer Ansicht des Körpergesichts

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oder von einem Körperaspekt sprechen. Das Körpergesicht 2) Auch ein in Vorstellungsweise mir vorschwebendes
steht demgemäß auf gleicher Stufe wie die Anschauungs- Raumweltstück wird von einem bestimmten Sehort
dinge; man kann sagen, es sei selbst ein Anschauungsding aus gesehen und erscheint stets in einem bestimmten
(wenn auch von der eigentümlichen Artung, die es eben zum Aspekt: Ich m:t meinem Leibe habe jedoch inner-
Körper gesiebt macht). Die Körperdingansicht als solche halb dieser vorschwebenden Raumsphäre keinen ·
ist zugleich immer Körpergesichtsansicht - auf Grund der · Standort. 1)
Ausdrucksrelation, in der das Gesicht zum Körperding steht Der schon oben angezeigte Tatbestand, daß ich gleich-
Daß es sich bei Körperdingansicht und Körperding- sam mit meinen leiblichen Augen in dieses vorgestellte Stück
aussehen um zwei ganz verschiedene Sachen handelt, ist W1clt hineinzuschauen meine, ergibt sich aus den beiden
leicht zu erweisen: das Gesicht mit seiner spezifi'schen Qua- Faktoren, da3 ich als dieses leibliche Wesen den für das
lifikation ändert sich nicht, wenn sich der Aspekt ändert. Seherlebnis notwendigen Sehpunkt irgendwie in meinem Leibe
Gegenstände mit gleichem Gesicht können doch eine ver- (hinter meinen Augen) lokalisiert zu denken habe, andrer-
schiedene Ansicht bieten, wenn auch eine total gleiche An- seits aber zwischen meinem leiblichen Standort und der vor-
sicht die Gleichheit des überhaupt erscheinenden Teils des gestellten Raumsphäre keine Realbeziehung besteht. Das
Körpergesichts voraussetzt. Wenn zwar das Körpergesicht Abstandserlebnis zwischen dem Sehort und dem so vor-
nicht das reale Vorhandensein bestimmt qualifizierter Körper- stellungsmäßig Gesehenen wird damit nicht aufgehoben.
lichkeit absolut verbürgt (wie z. B. bei den optischen Täu- Wir wollen das Verhältnis, das sich konstituiert, indem
schungen hervortritt), so weist es doch phänomenal auf eine ein Sehsubjekt von einem Sehort aus auf einen Gegenstand
solche hin; oder: was verschieden aussieht, gibt sich damit hinsieht, einen Aspektbezug nennen. Eine Aspekt-
als realiter verschieden aus. Nicht aber weist die Verschieden- s p häre wird gebildet durch alle möglichen Asp..;ktbezüge
heit des Aspektes als solchen auf eine verschiedene materiale b-ri unveränderter Lokalisation des gesehenen Gegenstandes.
Artung zurück, da im Gegenteil identisch derselbe Gegen- Man kann weiter von dem Aspektgeh a I t sprechen
stand in ganz verschiedene Ansichten eingehen kann. Das als demjenigen, was vo:1 diesem Sehort aus von dem Gegen-
Gesicht (wie ebenso ein Anschauungsding) ist in keiner stand sichtig ist. Diese~ Aspektgehalt ist stets irgendwie als
Weise relativ auf die Sehposition, die Ansicht ist wesenhaft durch die qualitative Beschaffenheit des gesehenen Gegen-
relativ auf die Sehposition. standes selbst bestimmt erlebt. Damit steht eben der Gegen-
Auf die Eigenart dieser Ansicht oder, wie wir noch stand als ein in ihm gesehener da. Auch in dem kleinsten
prägnanter sagen wollen, um jene Aequivokation zu vermeiden, und undeutlichsten Punkt am Horizont wird stets noch clas
dieses Aspektes müssen wlr jetzt etwas näher eingehen. sich entfernende Schiff gesehen. Wenn hier der Aspektgehalt
Die Konstitution des Aspektes setzt selbstverständlich seiner qualitativen Eigenart nach dem an und für sich vom
voraus ein Gegenständliches, das gesehen zu werden vermag, Gegenstand Sichtbaren und damit auch dessen qualitativer Be-
und zwar ein solches, auf das hin sich ein Sehsubjekt von schaffenheit wenig ange:nessen erscheint, so ist es doch
einer bestimmten Sehposition aus richten kann, also einen_ · keineswegs notwendig, daß der Aspektgehalt nicht das
dingIich e n Gegenstand. Es gibt im Hinblick auf diese an und für sich Sichtbare rein und vollständig wiederzugeben
prägnante Aspekt- Bedeutung keinen Sinn, etwa von einem vermag. Die Vorstellung, daß mir ein überhaupt s:chtbares
"Dunkelheitsaspekt" zu reden. Erstens ist wesentlich eine völlig adäquat im Sehen gegeben ist, schließt durchaus keine
räumliche Eigengegründetheit des Gegenstandes und zweitens Widersinnigkeit in sich, womit natürlich die erkenntnis-
die Außen- und Abstandsstellung des Sehsubjektes gegen- theoretische Frage, ob ein Aspektgehalt diese Anundfürsich-
über dem Gesehenen. Der Abstand ist eben bestimmt beschaffenheit wiedergibt oder nicht, nicht erledigt ist.
durch die Entfernung des Sehortes vom Gegenstand. Der Aspektgehalt kann selbst gesehen werden. Er wird
Obwohl wir vom Sehpunkt oder Sehort schon öfter ebenda gesehen, wo sich das gesehene Ding befindet; (er
sprachen, müssen wir doch hier noch einmal die Meinung ist in keinem Sinne etwas Subjektives, etwas Psychisches).
zurückweisen, als handele es· sich um die räumliche Position
meines Leibes dem Gegenstand gegenüber. Denn 1
)' Daß es sich hier auch um räumliche Eigcngegründetheit handelt,
1) wird auch mein eigener Leib von mir in einem be- zeigt das Bewußtsei:t, daß ich mir das vorgestellte Haus etwa
stimmten Aspekt gesehen und zwar wird er als an auch an der andern Seite betrachten kann, ohne daß damit etwa
ein neuer Vorstellungsgegenstand geschaffen würde. Auch die
genau der Raumstelle befindlich gesehen, die eben Vorstellungsgegenstände sind keine bloßen Kulissen; ebensowenig
meine leibliche Wahrnehmungsposition darstellt. sind sie relativ auf das Sehen.

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r
2) sie haben als solche überhaupt keine Stelle
Aber da er wesenhaft relativ ist auf einen bestimmten im Aspektgehalt mehr, dokumentieren sich in ihm
Sehort (also auf einen Punkt außet_halb ~einer selbst), ~a er in keiner Weise.
keine räumliche EigengegründetheJt besitzt, hat es kemen So kann es z. B. sein, daß das, was mir von einem
Sinn, wiederum von dem Aspekt eines Aspektgehaltes zu Strauch bei Dunkelheit sichtig wird, das Moment der Aus-
sprechen. prägung von Materie vollkommen entbehrt, so daß in dem
Wir weisen von hier aus noch einmal zurück auf den Gesehenen seI b s t nichts mehr dafür spricht, daß es irgend-
Lichtr.eflex und sehen jetzt ganz deutlich den angegebenen Wi{: in Materie fundiert ist. Mir ist kein Körpergesicht ·mehr
Unterschied. Wenn auch ein bestimmter Lichtreflex (nach gegeben, sondern ein "bloßer Schemen", wobei dieser letztere.
empirischer Beobachtung) relativ ist auf einen ?estimmten Ausdruck auf nichts weiter hindeutet als auf den Mangel an
Ort außerhalb seiner selbst (auf den Sehort), so 1st es doch Materialität (nicht etwa auf Unwirklichkeit oder dergl.) Wenn
durchaus nicht widersinnig, von einem Lichtreflexaspekt zu sich der Strauch durch einen Lufthauch bewegt, kann dann
sprechen. Sehe ich sol~hes Li~htdi~g in ruhender ?tellu.ng mit der Eigenart der Bewegung die Materialität plötzlich
irgend wo lagern, so s p r I eh t semeeigene Gegebenhett~wetse hervorspringen.
(die genau analog ist etwa einer Schattengegebenhelt) nur Dasselbe kann gesagt werden von einem Körperding
dafür 1 ), daß ich eben den s e l b e n Lichtr~f!ex auch noch in sehr großer Entfernung. Wir werden auf diese Verhält-
sehen kann bei etwas veränderter Sehposttlon und eben nisse gleich noch ausführlicher zurückkommen. An dieser
damit in einem andern Aspekt. Wenn ich auch hierin Stelle war es uns nur wichtig zu zeigen, daß der Aspekt-
durch die empirische Tatsächlichkeit seiner Eigen- Verän- gehalt als mehr oder weniger ab g e I ö s t von seinem Gegen-
derung mit veränderter Sehposition enttäuscht werde (man stand gegeben sein kann. Je weniger die Qualifizierung des
sieht, daß jenes "Dafürsprechen" keine Wese~seinsic~! ist; Aspektgehaltes durch den jeweiligen Aspektbezug selbst be-
denn sonst könnte es natürlich nicht durch eme empmsche stimmt ist, um so weniger hat es einen Sinn, diesen als etwas
Beobachtung korrigiert werden), so sind doch auch bei stetiger "für sich" von der geschauten Gegenständlichkeit abzulösen.
Veränderung der Sehposition die zwei Komponenten: Immer mehr kann diese Letztere in den Aspektgehalt selbst
die durch den Wechsel der Eigenposition bestimmte Verän- eintreten, so daß dieser schließlich nicht mehr qualitativ,
derung einerseits und die Aspektveränderung andrerseits wohl sondern nur durch jenes "insofern der Gegenstand von
von einander abhebbar. Dabei wird die Eigenveränderung, hier aus gesehen werden kann" bestimmt zu werden vermag.
obwohl empirisch gesetzt durch die Veränderung der Positi~n Im Hinblick auf jenen abgelösten Aspektgehalt dagegen, der
des Sehenden, als einer Gesetzmäßigkeit folgend erlebt, die sich gewissermaßen zwischen den Gegenstand und den
mit dem Sehen als einem Bewußtseinsakt nichts zu tun hat Sehenden schiebt (obwohl der Gegenstand immer irgendwie
und dem bewußtseinsfremden Bereich des Natur-Geschehens von hinten in ihn hineinragt) kann man sagen, daß er einer-
angehört, während die Aspektve:än~er~ng als eine mit de!fl seits durch die qualitative Veränderung des angeschauten
Wesen dieses Sehens selbst emstchtigermaßen notwendig Gegenstandes, andrerseits mit der Veränderung der Seh-
gesetzte dasteht und andrerseits. in .jenes .seiner e~gene~ Ge- position selbst Veränderungen erleidet, weil er durch diese
setzmäßigkeit folgende Natursem m kemem Smn emzu- beiden Faktoren zugleich bestimmt ist. Das Moment, daß
greifen vermag. . . . die erstere aus der Tiefe des Naturgeschehens kommt, macht
Wenn sich gesehene Gegenständlichkelt als solche stets sie zu einer wesenhaft andersartigen als die letztere. Wieder
irgendwie im Aspektgehalt aussprech~n muß, s~ gibt es doch haben wir jene beiden ganz verschiedenen Sphären.
im Falle des nicht voll adäquaten Emtretens m den Aspekt
für die verschiedenen Momente, die den Gegenstand in seiner 4. D i n g g e s t a I t u n d D i n g g e s t a I t s a s p e k t.
spezifischen Beschaffenheit bestimmen, zwei Möglichkeiten: Sehen wir jetzt zuerst auf die Gegebenheit der Ding-
1) sie treten zwar. im_ A~pektge~alt. sel_bst au~, gestalt im Sehen, so finden die eben angegebenen Ver-
dokumentieren steh m thm, aber m emer Irgendwie hältnisse schon bei den flächenhaften Anschauungsdingen
ihrer Eigenart nicht völlig angemessenen Weise und ihre Stelle.
Wir sagten, daß sich die kreisförmige Gestalt jenes auf
1) Ich erinnere an ?i~ Verwu':lderu!lg und Enttäuschung, die uns dem Tisch um die Lampe herumgelagerten &hattens eigen-
ergreift, wenrr· w1r m der Kmdhed zum ersten Mal beobachten, tUmlieh verschiebt. Hier ist es nun sehr wichtig zu betonen,
daß die scheinbar allein auf uns zulaufende und uns folgende
Sonnenstraße" am Meer od~r auf einem See auch auf an andrer daß das Moment der kreisförmigen Gestaltung als solcher
Stelle befindliche Menschen zuläuft.
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10
retische Fragestellung und Lösungsmöglichkeit Wir werden
in den verschiedenen, durch die verschiedenen Aspektbezüg~ in weiterem Zusammenhang darauf zurückkommen.}
bestimmten Gehalten selbst darin stecken bleiben kann. Es
handelt sich dann nicht um die Gegebenheit einer neue n 5. D i n g g r ö ß e u n d D in g g r ö ß e n a s p e k t.
(etwa elliptischen) Gestalt bei veränderter Position, sondern Einer größeren prinzipiellen Schwierigkeit begegnen wir
um die Gegebenheit der seI b e n Gestalt in mehr oder bei Betrachtung des Momentes der a bs o I u ten Größe
weniger reiner Weise. Mehr oder weniger kann sich die des Gegenstandes.
Kreisform in dem jeweiligen Aspektbezuge frei entfalten. Zul)l Bewußtsein eines anschaubaren Raumdinges ge-
Dieses Momen~ daß sich eine an und ftir sich gegebene hört eine bestimmte Größe eben dieses Dinges d. h. ein be-
Form wegen der bestimmten Sehposition nicht frei zu ent- stimmtes "von hier bis dort" im Raum nach allen dem Ding
falten vermag, ist mit der qualitativen Eigenart des Gehaltes mögli'chen Dimensionen und Richtungen. Dieses von hier
selbst mitgegeben. Wir sehen hieran, daß eine erkenntnis- bü; dort im absoluten Raum ist ein wesenhaft von jeder
theoretische Frage, welche von allen "gegebenen" Gestalten Relativität auf irgend welches Sehen dieses Dinges unab-
diejenige ist, die dem Gegenstand mit Berechtigung zuge- hängiges Moment, ebenso wie der Raum in seiner ihm eigenen
schrieben werden könne, welches die Gestalt an sich ist, Ausweitung selbst. Es ist nun die Frage, ob diese Eigen-
eine gegenstandslose wäre; denn sobald man sich rein an größe der Dinge oder, wie wir auch sagen können, ihre
das Gegebene selbst hält, ist von verschiedenen, in ihrer wahre Größe überhaupt als solche in die Sehsphäre voll
Gegebenheitgleichwertigen Gestalten gar nichts zu finden. einzutreten vermag oder ob sie wie etwa die Materie wesen-
Man sieht diesen Tatbestand besonders gut dann heraus- haft die Sehsphäre transcendiert. Und weiterhin, ob mir
treten, wenn man in der Absicht, eine bestimmte Gestalt zu irgendwie gewährleistet werden kann, daß eine bestimmte
adäquater Gegebenheit zu bringen, den Aspektbezug solange gesehene Größe unter allen Größen, mit denen ein und der-
ändert, bis sich diese Gestalt in gerader Zuwendungslage zu selbe Gegenstand bei Veränderung der Sehposition sich in
unserer SeJtfläche befindet. Dies geschieht entweder dadurch, der Sehsphäre darstellt, die wahre Größe dieses Gegen-
daß wir unsere Sehposition und ~amit die Gewendetheits- standes wiedergibt. Denn das Moment, daß es sich hier bei
richtung der Sehfläche verändern oder die Wendungsrichtung irgendwelcher qualitativer Abwandlung der gesehenen Größe
des gegebenen Flächendinges selbst. In diesem Augenblick stets um das Erscheinen einer neue n Größe handelt, unter-
erst bekommen wir das Bewußtsein einer vollständigen Ge- scheidet wesenhaft die Größengegebenheit von der Gestalt-
staltsentfaltung, während die Gestalt vorher als eine in das gegebenheit; und läßt hier die der oben als gegenstandslos
mögliche Sehbereich irgendwie "hineingezwängte" erlebt herausgestellten erkenntnistheoretischen Frage entsprechende
wurde. Frage sinn v o 11 erscheinen: welche von allen gegebenen
Größen ist die dem Gegenstand an und für sich zukommende?
Wir sehen also hier, wie sich die bei einer eingehenden Sinnvoll, wenn es nicht andrerseits widersinnig ist, überhaupt
Klärung jener apriorischen Gesetzmäßigkeiten der Persp~ktive nac:h · sehmäßiger Gegebenheit der wahren Größe zu fragen.
als wesenhaft notwendig einsehbaren Verhältnisse im Erlebnis Aber ebensowohl unterscheidet sich die Größengegeben ..
wiederspiegeln. Diese Andeutungen müssen uns als Hinweis heit auch wiederum wesentlich von dem möglichen Erscheinen
auf die nach phänomenologischer Einsicht hier wahrhaft der Materie in. der Sehsphäre: das was von der Materie
obwaltenden Probleme und ihre erkenntnistheoretische Lösung sichtig ist, das Materiengesicht, ist nicht selbst wieder Ma-
genügen. terie; Materie a 1s so I c11 e ist etwas wesenhaft über die Seh-
[Auch hier gibt es andrerseits Sehpositionen, bei denen sphäre wie jede sinnlich-anschauliche Sphäre Transcendie-
davon, daß die wahre Gestalt sich überhaupt noch irgendwie rendes; die -Größenerscheinung dagegen ist selbst wieder
dokumentiert, keine Rede sein kann. Das Sichtige als solches Größe, ·ist selbst wieder ein "von hier bis dort". Es scheint
sagt mir nichts mehr über diese oder jene an und fur sich darum nicht von vornherein ausgeschlossen, daß die wahre
vorhandene Gestalt aus. Das Schattending beispielsweise Grüße völlig adäquat sichtig_ wird, wenigstens nicht in genau
scheint in d'em Gegebenen immer weniger selbst darinzu- demselben Sinne, wie es bei der Materie wesenhaft ausge-
stecken; immer bildet sich jenes Verhältnis aus, daß das sog. schlossen wird. Indes bei einer genaueren Analyse würde
Ding hinter der Erscheinung zurücktritt. Wenn es mir auch . sich vielleicht doch eine wesenhafte und für unsere FtJge
mitfellbar gesetzt zu sein vermag, so kann ich seine Gestalts- gerade in Betracht kommende Unterschiedlichkeit der beiden
eigenart doch nicht mehr aus dem Aspektgehalt selbst er- Arten von "Größen" ergeben. Wir müssen diesen Punkt
sehen; Damit ändert sich natürlich die erkenntsnistheo-
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sowohl wie alle für die Größengegebenheit in Betracht kom· St~henen Weh nicht nur eine von der sichtbaren Orö'sse
menden .offen lassen. Es soll nur Einiges angeführt werden, ebenderselben Gegenstände (gesehen ohne dies Glas) ab-
das uns für die Klärung der ganzen Sachlage von einiger weichende Größe besitzen, sondern daß es a u c h hier eine
Wichtigkeit zu sein scheint: bestimmte Entfernungszone jeweilig gibt, in der befindlich
Zunächst daß für das Erleben keineswegs alle Größen, die gesehene Größe jenen Vorzug der scheinbar "wahren"
mit denen ein und derselbe an und für sich in seiner Größe Größe besitzt, und zwar eine Größe, die verschieden ist von
unverändert bleibende Gegenstand bei allem möglichen der anscheinend "wahren" Größe derselben Gegenstände,
Wechsel der Sehposition erscheint, dieselbe Bedeutung und wenn sie ohne Glas gesehen werden. Wir kämen dann zu
dasselbe Gewicht besitzen. Mit einer solchen Anschauung zwei sogen. "wahren" Größen - ein Tatbestand, der auf
wären alle Phänomene, die sich in den Reden ausdrücken: dies die gesuchte absolute Größe des Gegenstandes bezogen
Ding (in einer bestimmten Entfernung oder durch eine Brille ge- natürlich völlig absurd wäre.
sehen) sieht viel kleiner aus, als es in Wahrheit ist, Von hier aus könnte man zu der Annahme gedrängt
oder es sieht viel größer aus, oder jetzt erscheint es mit der werden, daß man unendlich viele mögliche Sichtigkeitswelten
Größe, die es an und für sich hat, außer Acht gelassen. Die ansetzen könnte, die in ihrer Raumweite von einander ab-
gesehene Größe spricht uns also als solche für die wahre weichen und die mit eben dieser Raumweite jeweils relativ
Größe, scheint für unser Erleben mehr oder minder gut der auf bestimmt organisierte sehende Subjekte wären, die aber
"wahren Größe" angepaßt zu sein. Innerhalb einer bestimmten jt~weils in sich mit eben ihrer Vorzugsgröße in irgend einer
Entfernungszone scheint sie ihr sogar genau angepaßt zu sein. Weise auf die absolute Raumweite und damit auch Gegen-
Jedenfalls ist zu sagen, daß es für unser Erleben einen ab- sltandsgröße hinweisen. Dam1t würde eine wesenhafte
soluten Vorzug einer bestimmten gesehenen Größe (gesetzt Transcendenz auch jener flächenhaften Anschauungsdinge
in einer bestimmten Entff!rnung) im Hinblick auf die wahre gesetzt sein, die doch in ihrer ~ualitativen Beschaffenheit
Größe des Gegenstandes gibt. Sehr d~utlich hebt sich dies völlig adäquat in die· Sphäre einzutreten vermögen.
heraus bei dem möglichen Erlebnis, daß man einen wegen Aber dies alles ist nicht in wahrhaft schauender Ein-
seiner Ferne sehr klein erscheinenden Gegenstand plötzlich stellung gesprochen, weil wir die hier sehr komplizierten
als einen selbst an und für sich so kleinen auffassen kann. Verhältnisse in keiner Weise phänomenologisch genügend
Man nimmt dann gewissermaßen die scheinbare Größe ernst beherrschen. Wir werden übrigens noch einmal an einen
Anstatt wie gewöhnlich vom Fenster aus die aus dem Tore Punkt gelangen, bei dem die Relativität der Welt, insofern
dort hinten herauskommenden Wagen und Menschen als sie sichtig ist, auf bestimmt organisierte Lebewesen auch
normal große aufzufassen, sieht man winzige Spielzeug- in anderer Beziehung in Frage stehen wird. Selbstverständ-
wägelchen und .Menschlein, die man, wie es jene Riesin in lich würde durch eine so Ich e Daseins-Relativität der sicht-
der Sage tut, in einer Schürze davontragen könnte. Zugleich baren Welt in keiner Weise etwa die Relativität des r e a I e n
sehen wir an der Ktinstlichkeit der dieses Erlebnis fundie~ Seins dieser Welt als solchen mitgesetzt. sein. Ebenso-
renden Einstellung und seiner eigenen Ungewöhnlichkeit, daß. wenig würde aber damit die Möglichkeit ausgeschlossen,
man in der normalen Lebenseinstellung die Dinge ohne daß man in andren Gegebenheitsweisen an dieses absolute
weiteres in ihrer "wahren" Größe sieht, ohne daß überhaupt Sein selbst heranzukommen vermag. Wir erinnern nur daran,
scheinbare Größe gegenständlich wird. Auf die hier. mög- daß Dinggröße ja nicht nur im Sehen, sondern auch im
lichen Täuschungen und ihre erkenntnistheoretische Be- Fassen gegeben ist. Wir können jetzt nicht entscheiden, ob
deutung werden wir noch eingehen. die Verhältnisse hier genau analog denen in der Sehsphäre
Diese Phänomene scheinen als solche auch auf einen s·ind; w,ir glauben dies nicht Ebenso wie wir im Fassen
objektiven Vorrang bestimmter sichtiger Größen zu·d~uteq. der Materie näher kommen als im Sehen, so auch vielleicht
Worin dieser besteht und ob er im Sinne einer tatsächlich der absoluten Größe. Jedenfalls aber scheint wahre Gegen-
vorhandenen adäquaten Gegebenheit der absoluten Größe standsgröße gegeben zu sein mit unserem eigenen Leib, wenn
genommen werden kann, wagen wir nicht zu entscheiden. wir seine Ausdehnung, sein "von hier bis dort", von innen
Es scheint dagegen gewisse Tatbestände zu geben. her gleichsam fiihlen.
deren tatsächliches für uns jeqoch nicht völlig sicher ge- Wie immer dies alles entschieden werden und wie
stelltes Vorhandensein die Möglichkeit, wahre Gegenstands- immer man das Bewußtsein von der "wahren Grö~e" auf-
größe ini Sehen irgendwie zu fassen, aufheben würden. So fassen mag - unberührt hiervon bleibt der Tatbestand, daß
z. B., daß die Gegenstände einer durch ein Brillenglas ge-. wir die wahre Gegenstandsgröße als solche von der durch

7.7 -
den jeweiligen Aspektbezug bestimmten Anschauungsgröße dieselben wie bei Tageslicht und in der Nähe, nur eben als
im natürlichen Wahrnehmungserlebnis scheiden, und dem- undeutlich gegebene.
entsprechend auch die Veränderungen der wahren Größe von Das Phänomen des undeutlich gegebenen Körperdings
den Veränderungen der Ansichtsgröße. Es ist ein funda- wie überhaupt einer undeutlich gegebenen Oegenstä~dlich.­
mental verschiederies Erlebnis, wenn ich einerseits das keit (Farben, Töne u. s. w.) ist ein ~e.tztes. Un~euthchkett
"Kleiner werden" eines Gegenstandes mit seinem Sichentfernen kann sich wesenhaft nur da konstttmeren, wo steh das als
von mir erlebe und andrerseits sein eigenes Kleinerwerden, undeutlich Erscheinende noch irgendwie dokumentiert. Ent-
etwa infolge Zusammenschrumpfens oder dergl. Alles, was fernung und Dunkelheit können bei weiterer Steigerung ge-
wir von dem Unterschied der beiden Sphären und der beiden wisse Momente der Gegenstandsbeschaffenheit g~eichsam
Gegenstandsarten oben gegen die positivistischen Umdeu- völlig "verschlucken". SQ wird event. am Abend dte Ober-
tungen, als handle es sich um gleichsinnige Veränderuncen flächenfarbe verschluckt und wie wir sahen, auch das Mo-
desselben Gegenständlichen unter verschiedenen Bedingungen, m1~nt der Materialität. Aber während das "Verschluckte" aus
gesagt haben, wäre hier zu wiederholen. der Sphäre der Sichtigkeit versch"':unden i~t,. is~ das u~deut­
Unberührt bleiben auch jene, wie wir glauben, mit einer Jich Gegebene immer noch selbst trge~dwte m thr z~ fmden.
durchgeführten Wesenslehre des Sehens zur Einsichtigkeit zu Die beiden sich gegenseitig ausschheß~nden Phanome.ne
bringenden Zusammenhänge von . "scheinbarer" Größe und haben. wie leicht ersichtlich, ganz verschiedene erkenntnis-
Entfernung. Wir meinen, daß es sich hier ebensowenig um theoretische Bedeutung.
bloße Erfahrungssätze im gewöhnlichen Sinne handelt, wie Wir können auch nicht die Undeutlichkeil als eine bloße
bei den perspektivischen Verkürzungen, und daß sich diese {)nbestimmtheit ausdeuten und dann fragen,. wie wir. dazu
Wesenszusammenhänge im naiven Erleben wieder- kommen, das in Bestimmtheit Gegebene dem 1.n Unbestimmt-
spiegeln, wenn unmittelbar mit der Gegebenheit besti[l1mter heit Gegebenen vorzuziehen (a_Iso ~as D.euthche dem .~n­
Entfernung die Auswertung bestimmter gesehener Gegen- deutlichen). Denn die Undeuthchket! weist als solche .uber
standsgrößen vorhanden ist, und zwar so, daß der Aus- sich hinaus weil in ihr etwas dannsteckt, das zu emem
wertungsvollzug als solcher garnicht zum Bewußtsein kommt. reineren ad'äquateren Gegebensein gleichsam "hindrängt".
Diese erkenr.tnistheoretische Frage ist daher ebenso gegen.-
6. u n d e u t Ii c h k e i t s- e
und u n b es tim m t h i t s- standslos, wie jene oben bezüglich der ~estaltsgeg~benhett
angeführte. Hier wie dort ist schon mtt der Verfalschung
charakter des Aspektgehaltes. des wahrhaft Qegebenen die Voraussetzung der ganzen
Wir hatten schon oben auf jene durch große Entfernung Fragestellung eine unzutreffende. 1
)

oder gewisse die Gegenstände umhüllende Medien wie Däm-


merung oder Dunkelheit bewirkten Phänomene aufmerksam . 1) Wie sehr sich das Phänomen des mit der Entfernun&sbläue u~­
gemacht, bei denen im Hinblick auf gesehene Körperdinge deutlich gegebenen Körperdings von d~m durch dt.ese 11~ em
das Moment der Materienhaftigkeit verloren geht und das bloßes Schemen verwandelten unterschetdet, hebt steh bet fol-
gendem Versuch heraus: Der· Aspektgehalt,. den ein in großer
Gesehene zu einem bloßen Schemen wird. Wir schließen Entfernung befindliches weißes Haus etwa abgtbt, kann als solcher
hieran eine Betrachtung über undeutliche und unbe- (nämlich wenn man ihn rein für sid~ in's Auge faßt und von allem
stimmte Gegebenheitsweise beim Wahrnehmen. im Vollphänomen Mitgegeb~~e~ wte. der. En.tkrnung, d~r .Um-
gebung u. s. w. absieht) quahfiZiert sem wte etn bloßer wetßhcher
Denn Entfernung und Dunkelheit können nicht nur jene Farbfleck. Man vermag ihn dann in solcher künstlich~r Eins~ellung
Umwandlung in Schemenhaftigkeit fundieren, sondern es gibt in einer der gesehenen Größe entspreche;tden Etgen!?roße zu
daneben die fälle, bei denen sich die Materienhaftigkeit im sehen und ihn gewissermaßen von dort h111ten loszulosen und
Aspektgehalt zwar noch dokumentiert, bei denen aber das heranzuholen so daß er als ein winziges Farbding irgendwo
herumschwebt Ma1i nimmt hier nicht nur die Größe des Aspekt-
Körpergesicht in seiner ihm eigenen Qualifikation im Aspekt gehaltes, sondern ihn in seiner ganzen Qualifikat.ion er~st qa~z
nicht rein heraustreten kann. In Analogie zu jener Ausführung anders dagegen, wenn das Mom_ent der Matenenhaft1gke1t 1m •
tiber die mögliche Gestaltsgegebenheit oben ist hier der Aspektgehalt mitgegeben ist. Wtr haben dann sofort das -
Aspektgehalt selbst als ein solcher charakterisiert, in 0 h n e k ü n s t1 ich es Zurechtsehen des Aspektgehalte~ un-
aufhebbarc - Phänomen des undeutlich gesehenen matenellen
dem eine bestimmt material qualifizierte Gegenständlichkeit Dinges. Dieses kann nicht au.s sein~r ~ntfernun~sstelltmg
nicht zu deutlicher Sichtbarkeit gelangen kann. Mit der Ent- herausgelöst werden. Denn nur mtt und. m emer gewtss~n Ent-
fernung und der Dämmerung sind hier nicht n e u e und fernungszone kann ein Gegenständliche~ eme solche Erschemungs-
anders zu bestimmende Gegenstände gegeben, sondern eben weise besitzen, wie wir sie dann vorfmden.

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. ~eso~ders schön tritt die Eigentümlichkeit der Undeut- Und dort andrerseits, wo irgend eine qualitative Iden-
llchkett~phanomene ?a heraus, wo wir auf Uebergänge von tität zwischen den einzelnen Aspektgehalten selbst gar nicht
u;tde~thcher zu deut!_tcher Gegebenheitsweise oder umgekehrt mehr besteht - wie etwa zwischen der Erscheinung eines
h~nbltcken .. We~n . die Morgendämmerung weicht, haben wir vor mir stehenden Menschen und dem wil17igcn verschwom-
mcht ~ur ~me m JedeJ11 Moment immer neuartig qualifizierte menen Etwas am Horizont - ist die Pundierung beider in
Ersch~~nungswe_lt, _so!ldern die Folge und Abwandlung der dem selben identischen Gegenstand mit dem Uebergangs-
Ersc~emung~n _1st m Ihrer Ganzheit genommen charakterisiert phänomen gegeben. Da sich der zweite Ersl:heinungsgehalt
als em allmahltche~ Heraustreten der Welt aus dem sie sichtbarlieh aus· dem ersten in dem Sinne herausentwickelt,
verdec~enden Med~um der Dämmerung, als ein immer klarer dag der erstere immer undeutlicher und undeutlicher wird
und r~mer u~? eigentlicher zur Gegebenheit Kommen des und immer mehr von seinem qualitativen Gehalt mit der
schon tmme~wah~end Angede~teten u~d sich Ahkündigenden. Entfernung wrschlungen wird, ist auch hier die erkenntnis-
Ana~_o,;es ..zeigt steh, w.onn wir uns emer zunächst entfernten theoretische Frage, warum ich die Nahgegebenheit des
Sphare nahem. _Dabd isi ;',. als wesenhaft dazu gehöriges Menschen als die der Wirklichkeit adäquatere jener punkt-
Mom-:nt zu bezerchnen, dati Je mehr die Gegenstände in der förmigen Gegebenheit in der Ferne vorziehe, gegenstandslos.
Entfernungsblä~e, der. D~mmerung oder auch der Lichtfülle Dasselbe ist zu sagen im Hinblick auf den Vorzug der
unter!auchen, die qualitative Unterschiedlichkeif des Einzelnen Weltgegebenheit bei Tageslicht gegenüber der bei v o 11-
schwmdet._ Wenn. ein_erse.its das Licht die reale Bedingung s t ä n d i g er Dunkelheit. In dieser braucht mir im bloßen
darste_llt für das S~chtJg~ein __ der physisch~n Welt überhaupt, Sehen auch nicht einmal der geringste Ansatzpunkt für die
s~ wtrkt andrerseits Ltchtfulle da, wo ste als ein von der Ansetzung einer möglichen Dingwelt gegeben zu sein; trotz-
J?mgwelt ·a?Iösbares und selbständiges Medium a u f i h r dem aber ist mit dem Phänomen des Herauswachsens dieser
!1eg~ oder Sie umh~llt, in dem selben Sinne verdecjcend, wie aus der Dunkelheit die Identität der im Fassen und Berühren
Jene a~1deren Medten. _Es scheint mir daher kein Zufall, auch bei Dunkelheit sich mir gebenden Gegenstände ·mit
noch em ~uf Gewohnheit oder Zweckmäßigkeit beruhender den dann sichtigen unmittelbar gesetzt.
sondern em ~uf dem Angeführten sachlich fundierter Tat~ Wie schon aus dem Erwähnten hervortrat, ist von dem .
bestand zu set~, daß uns_ die Welt bei einem bestimmt ge- Undeutlichkeitsphänomen noc!l besonders zu unterscheiden
a:tete~ Tageslicht und m einer gewissen Nähe als a m das Unbestimmtheitsphänomen, im Sinne einer Ge-
nchttgsten gegeben zu sein scheint; die WeHen in Däm- gebenheitsweise, mit der ich, wie wir oben sagten, erkennt-
merung, Entfernung und umhüllendem Licht stellen n i c h t nismäßig nichts anzufangen weiß. Diese sozusagen "formale
an~ er e den Welten bei Tageslicht und in der Nähe einfach Unbestimmtheit" ist wohl zu unterscheiden von einer qua-
gl~tch_zuordnende dar, sondern weisen als solche auf eine litativen "Unbestimmtheit", wie sie eine als solche formlose
"nchtlger gesehene" Welt hin. oder strukturlose Gegenständlichkeit besitzt. Solche Gegen-
Die Rüc~sichtnahme auf die Erscheinungs- ständlichkeilen sind eben als in diesem Sinne unbestimmte
ab w a_n d I u n g _1st erkenntr:istheoretisch von größter Bedeut- b t:: stimm bar. Aber wir meinen Unbestimmtheit nicht im
s:;~kert (so wte oben die Rüc_ksichtnahme auf die Voll- Sinne einer materialen oder qualitativen Formlosigkeit, son-
P.!1<m~mene). Denn auch da, wo ein einzelner Aspektgehalt dern im Sinne einer Unbestimmbarkeit des Gegenstandes
fur s;ch genommen seine eigentliche Verwertbarkeit als als gerade "dieses". Was in gewissen Aspektbezügen nicht
Ge_~·enstandsge?en?er nicht wie bei den Undeutlichkeits- eindeutig bestimmbar dasteht, das läßt eben damit die un-
phanomenen m1t stch zu führen vermag, da kann doch die günstige Gegebenheilsweise seiner selbst in diesen Bezügen
bes?nder_e Artung der Aspektgehaltsabwandlung seine un- heraustreten. Auch das in Unbestimmtheit Gegebene weist
zweideutige Stellung nach dieser Richtung sichern. Jener in also Ober sich hinaus genau wie das in Undeutlichkei1 Ge-
der letzten Anmerkung erwähnte weißliche Farbfleck in der gebene. Wir können vergleichend und zusammenfassend
Ferne "etwa - fall~ ic~ _mit. ihm als zunächst für sich ge- sagen: Wenn das Undeutliche nach einer bestimmten Rich-
nomm~::nem erkenntmsmäß1g mchts anzufangen weiß oder falls tung über sich hinausweist, indem es das, worauf es hin-
~r als. so!cher. für :_twas ganz Anderes spricht, als worin er weist, schon irgendwie gibt, läßt das Unbestimmte in seinem
tn ..Wtrkhchkett grundet - kann sich bei Annäherung im über sich Hinausweisen noch verschiedene Richtungen offen
Phanomen des "Herauswachsens" eines Hauses aus ihm als und überläßt es dem Betrachter, irgend einen Weg für die
eben die Ans~cht dieses Hauses, aus großer Entfernung ge- Herauswicklung des in ihm versteckt Enthaltenen einzu-
sehen, ausweisen. schlagen. In dieser letzten Gegebenheilsweise gründen die

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11
woHen, so wird dieser Tatbestand nicht von der Ueberlegung
Erlebnisse- de~ Schwankens, ob ein Gesehenes wohi dies berilhrt, daß uns im Mikroskop ein noch ticrcrcr Einblick
oder jenes sei: ob z. B. ein hohes, düsteres langgestrecktes in- die materielle Welt vergönnt ist. Das, was mit bloßem
Etwas am Horizont .ein bewaldeter Hügel oder eine Wolken- Auge nicht sichtig ist, entfaltet sich allererst unter dem ~i­
bank ist; gewisse Momente sprechen hierfür, gewisse dafür. kroskop. Aber hierdurch wird der Realitätsvorzug der Je-
Hieran sieht man zugleich, daß Undeutlichkeitsphänomene weiligen in Deutlichkeitsz:one gesehenen Welt nh:ht entkräftet.
immer zugleich in Unbestimmtheitsphänomenen irgendwie Das was auf der Stufe größtmöglicher Deutlichkeit von der
enthalten sind (nicht umgekehrt).. mit bloßem Auge gesehenen Welt noch verborgen bleibt,
Mit diesen Verhältnissen ist eine Reihe wichtiger Täu- was in dem hier Sichtbaren als nicht deutlich Faßbares
schungstypen gesetzt: so wenn der Umieutlichkeitscharakter darinnensteckt, kann in einer bestimmten mikroskopischen
eines Gegebenen übersehen wird, wenn -die mitgegebene Welt zu einer hier wiederum ·größtmöglichen Deutlichkeit
Entfernung oder das Oämmerungsmedium nicht beachtet gelangen. Man könnte sagen, daß immer die jeweilig er-
werden, derart, daß· die durch diese Medien <lbgewandelte reichte Deutlichkeitsstufe relativ auf bestimmt organisierte
Aussehensweise der betr. Gegenständlichkeifen "ernst ge- Lebewesen ist, nicht aber das auf diesen Stufen zur Er-
nommen" wird; oder wenn ein in Unbestimmtheitscharakter scheinung K.ammende selbst, wenn dieses auch im Hinblick
Erscheinendes vorschnell nach .einer bestimmten Richtung auf eine mögliche weitere Selbstentfaltung nicht seinen vollen
ausgede~tet wird (eine Allsdeut~ng, _die. natürlich nicht ur-' Gehalt auszubreiten vermag.
teilsmäßtge Setzung, sondern em Hmem sehen darstellt). Es handelt sich also auch hier nicht um verschieden-
Immer aber ist hier, wie wir sehen, das Gegebene als solches geartete und einander gleich geordnete Gegebenheitswelten,
nicht schuld daran, daß wir dies oder jenes nicht wirklich die jeweilig relativ auf bestimmt organisierte Lebewesen das
Vorhandene "sehen". absolute Sein zu einem ewig Transzendenten machen, son-
· Sehr häufig lösen sich diese Täuschungen in der Er- dern es handelt sich um eine gradweis fortschreitende Ent-
scheinungsabwandlung mit Veränderung des Aspektbezuges hüllung und Entfaltung dieses absoluten Seins in der Ge-
oder Veränderung jener verhüllenden Medien auf, indem geb,enheit, dessen adäquate und vollständige Wiedergabe in
sich dann im Phänomen des Heraustretens aus der ungün- strengstem Sinpe dann allerdings etwas für die Sehsphäre
stigen GegebenheUsweise das Betreffende als ein anderes wesenhaft Unerreichbar:es bleiben muß. ,
b e.wahr h e i t e t, als es zunächst gesehen wurde. Gerade Natürlich wäre ein Versuch, die in jeweiliger Deutlich-
die phänomenologische Klärung der hier obwaltenden keit gegebenen sichtbaren Welten gleichsam zusammenzu-
Verhältnisse kann uns vor einer allzustarken erkenntnistheo- setz,~n oder besser zusammenzusehen' um sich hiermit
retischen Bewertung und falschen Einschätzung dieser mög- einer vollständigeren Fassung des "Ansieh" anzunähern, ein
lichen Täuschungen schützen. widersinniger Versuch.· Denn die innerhalb jeder Sphäre in
Wir werden diese Täuschungen weiter unten noch von größtmöglicher Deutlichkeit gegebene Welt bildet als solche
einer anderen Seite her ins Auge fassen in einer Betrachtung, selbstverständlich ein Phänomen für sich, in dem der auf
die uns wiederum in eine andere erkenntnistheoretische das Lebewesen relative Deutlichkeitstaktor als nicht heraus-
Sphäre hineinführt. Hier ·kommt es. vor allem darauf an, zu lösbarer darinnen steckt. Das Phänomen des "Körpergesichts"
zeigen, daß in den meisten Fällen da, wo die sic~tige Geg7n- als ~~in mit bloßem Auge gesehenes muß als solches wesen-
stiindlichkeit in einer nicht völlig adäquaten Wetse erschemt, haft unter dem ·Mikroskop verschwinden.
diese. Erscheinung schon durch ihre eigene Qualifikation oder jenes wäre ein genau analoger und analog widersinniger
durch ihre Stellung in einer Abwimdlungsreihe von Erschei- Versuch, als wenn man die in einer gewissen Nähe deutlich
nungen s e l·b s t als eine derartige sich erweist, d~e nicht h~rvortretende Ansichbeschaffenheit eines Dinges aus allen
verabsolutiert werden darf, d. h. deren Gehalt man mcht als UndeutHchkeitsaspekten ~ die sich bei einer Annäherung an
einem realen physischen Gegenstand angehöriges Bestand- das Ding. zeigen, zusammensetzen wollte, obwohl doch auch
stück oder selbst als ein reales Ding nehm.ert darf. Wenn hier, wie wir sali~n, die erstere in. dem letzteren schon immer
sich herausgestellt hat, daß bei der .sehmäßigen Gegebenheit irgendwie angedeut~t war. _ . .
von physischen Dingheiten stets gewisse Erscheinun.gsarten · Des mit dieser Auffassuf.lg gesetzten Wunders, daß
als diejenigen angesetzt werden· müssetl, in denen dJe qua- noch in jedem kleinsten. mit bloßen Augen gesehenen .Ma-
litative Eigenart dieser Ge-genstände ·am .adäquatesten zum terienteilchen eine weseqhaft unerschöpfliche Welt v.on mög"
Ausdruck kommt, nach denen wir uns also zu richten haben, liehen Sichtbarkeiten unenthüllt darinnen s~ckt, bleiben wir
wenn: wir über das "An sich" der Dinge etwas feststellen
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uns voll bewußt. Widersinnig und unvollziehbar dagegen 7. Rückbeziehung von hier aus auf:
ist diese Vorstellungsweise trotz ihrer Seltsamkeit keines- Ding w a h r n eh m u n g in natürlich er Entfernung.
wegs.1)
Wir erinnern übrigens noch daran, daß das reale phy- Wir weisen von hier aus wiederum zurtick auf jenen
sische Sein nicht allein. im Sehen gegeben ist, und daß man im vorigen Abschnitt herausgestellten Tatbestand, daß im
sich seiner Ansichbeschaffenheit auch auf ahderen und viel- natürlichen Wahrnehmungserlebnis ohne weiteres und un-
leic~t minder von solchen ~elativi!äten beschwerten Wegen mittelbar Dinge in ihrer "Ansichbeschaffenheit" gefaßt zu
annahern kann. Dem Versuch emer Beantwortung dieser seiln scheinen, und daß von dieser Fassung des Dinges in
Frage· müßten analoge phänomenologische Analysen voran- seiner Absolutheil aus allererst der Kundgabegehalt des
gehen, wie wir sie hier ·inbezug auf das Sehen vollzogen Dinges (falls es ein Körperding ist) wie auch der Aspekt,
haben. in dem es gerade in diesem Aspektbezug und bei dieser
Beleuchtung u. s. w. erscheint, gegenständlich wird.
1
) Vgl. zu diesem ganzen AbschJitt über undeutliche und unbestimmte Wir sprachen oben von einer "Ueberspringungsstufe",
Char.akterisierung des Aspektgehaltes : Schapp, a. :x. 0. H. Ab- di~! der Körperdinggegebenheit als solcher eigentümlich ist,
schmtt Kap. I u. :l, besond. S. 70 ff., wo im einzelnen geschildert nämlich einer Ueberspringung fllles dessen, was in seiner
ist•. wie ein Ding von deutlicher zu .undeutlicher Qegebenheits- eigentümlichen sinnlich anschaulichen Qualifikation eine "An-
weJse oder umgekehrt übergeht. So sehr "gesehen" und in an-
schaulichster Weise zur Oarstellung gebracht uns das Einzelne weisung" auf vorhandene und bestimmt qualifizierte Materie
dieser Ausführungen zu sein scheint, den sich für den Verfasser darstellt. ·
~us den. P~äJ!Omenen ergebenden Problemfassungen und der Art Als weitere "übersprungene" Stufe steift sich uns jetzt
Ihrer pnnz1p1eUen Beantwortung glauben wir nicht zustimmen zu der Aspektgehalt resp. der gesamte Aspektbezug (der die
können. Vgl. hierzu besond. S. 93 ff.: Schapp stellt Dingwelt" ·
und "Phänomenwelt" einander g·egenüber, wobei er ~nter Phä- Abstandsweite vom Gegenstand mitbefaßt) heraus.
~omenwelt "Licbtgebilde, wie Lichter, Schatten, Glanz, das Bläu- Er steht sofort unmittelbar da: der Wagen in seiner
hche der Entfernung, Sonne, Mond, so wie wir sie sehen nicht Ei:?;engröße am Straßenende, ohne daß "zunächst" die ge-
wie sie sind" zusammenbegreift, und fragt dan1,1, warum ~ir die sehene Größe; die perspektivisch verschobene Gestaltsansicht
Dingwelt "wirklicher" nennen als die Phänomenwelt warum wir
immer von den Phänomenen zu den Dingen hindrängen; von dem u. s. w. gegenständlich wäre. ·
"Formlosen" zu dem "Geformten", und damit zugleich vom Un- Von einer "Ueberspringung" im strengen Sinne kann
deutlichen und unbestimmt Gegebe-nen zum deutlich und be- man eigentlich nur da reden, wo der Aspektgehalt als ein
stimmt Gegebenen. von dem in ihm und durch ihn gefaßten Gegenstand "ab-
Mir scheinen hier zwei ganz verschiedenartige Gegensatz- gelöster" erscheint. Denn da, wo etwa in· einer gesehenen
paare fälschlicherweise zusammenbegriffen zu sein. Erstens der
Gege~s'!,tz zwischen d_em, was wir. einerseits "mögliches Ding- Schattengestalt das Moment der Kreisförmigkeit, wenn auch
matenal und anderseits als zur Dmgfassung ungeeignetes .Ma- perspektivisch .verkürzt, seI b s t darinnen steckt, ist eher
te:.ial nannten und ':weitens de~ zwischen undeutlicher (unbe- von einer reinen Hinnahme dessen, was im Aspektgehalt
stimmter) Gegebenheit und deuthcher (bestimmter). . selbst gegeben ist, zu sprechen (wobei freilich die Oegeben-
Nur wenn man diesen zweiten (formalen) Gegensatz mit
dem ersten (materialen) zusammenwirft (was dies heißt, ist wohl heitsweise -ob ~ine adäquate oder inadäquate- auch hier
aus dem Text deutlich), kann man fragen: warum wir dem.,.Form- außeracht gelassen bleibt). .
losen" das ."Geformte" stets vorziehen.
. Denn a~;~f den zweiten Gegensatz, fiir sich angewen!,let (wo Anhang zu diesetTI Teil.
m der Tat em solcher Vorzug stattfindet), wird diese Frage Im
HinbJ.ick auf die p~änomenale. Sachlage, wie wir sahen, gegen- 1) Das Haben vo.n Oegenständlichkeiten be·i
standslos: das deutlich und bestimmt Gegebene wird dem undeut-
lich und unbestimmt Gegebenen. eben a I s deutlict1 und b"estimmt "~regen s ta ndsve rs unke ner" BewußtseinshaItun g
Gegebenes vorgezogen .. Dem ersteren Gegensatz geg.enü~er be- und· b·ei "abstandnehmender" Bewußtseins-
steht andrerseits garnicht ein solcher Vorzug, der zu einer der-
artigen erkenntnistheoretischen Frage führen könnte. Dunkelheit haltung.
wie. anden;~its. f\chatte~, Li~htgebi)de u~ s. w. sind eilt, genaJ
ebenso nWuklrches" Wie Körperdmge (Wenn das Köt:perding Wir haben bisher ifi einem Sinne von den s.elbstge-
im Bereie;b ~es Wi:klichen ~uch. eine ganz besandei'e Yotzugs- gebenett Beständen des physischen Sei.ns innerhalb einer
stellung ~mn!mm.t, d1e aber. ~me·.ganz a~Jders geartete ist ,&Js ein,e bestimmten sinnlich anschaulichen Sphäre gesprochen, der
solc~e, d1e hter m .Betracht ~Qmmen könnte.) . Dementsprechend
ftl:r das Bisherig:e eindeutig genug: war. ·
sc~el!lt. uns auch dte :\n_tworf1 die. Schapp im letzten Abschnitt
semes B~ches a~f dte VOff ihm gestellte Frage gibt, durchaus Ein E.-kenntnis~ilifler köflnte aber sagen, daß ein Phä-
.konstl'Uti.ttv zu sem. · .. ·. nomen der Selbstgegebenheit noch nicht realeSel~geberr-

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d~~n Stuhl, indem ich auf diese Gegenstände zugehe, schon
heit verbürge, wie mögliche Täuschungery, H.alluzination~rt, irgend wie sehen, ohne daß mir ihr Dasein und ihre Be-
Träume u. s. w. zeigen. Alles das, was w1r mit unseren bis- schaff~nheit in irgend einer Weise gegen s t ä n d I ich ist.
herigen Klärungen zur erkenntnistheoretischen Sicherm;g des Sle sind keine Erkenntnisgegenstände, sondern nur Ziel-
im Wahrnehmungserlebnis als .realiter existierend Angeset~ten punkte meines praktischen Tuns.
anführen konnten würde eben damit entkräftet, daß Jene
erlebbare Selbstgegebenheit eines Gehaltes als eines zur Diese beiden fundamental verschiedenen Bewußtseins-
realen physischen Sph~re Gehörige~: di~ stets uns~'re let~te haltungen den Gegenständen gegenüber heben sich geradezu
Orientierung war, gewissermaßen fur steh selbst mcht em- einander auf. Wir sehen sie sehr schön auseinander treten,
zustehen vermag. Um konkret zu sprechen: wenn auch z~­ bei jenen Täuschungsfällen, die uns hier gerade interessieren.
gegeben werden kann, daß in jenem Schattena~pekt dte Denn jenes praktische Gerichtetsein auf einen Gegenstand
Kreisgestalt auch bei perspektivischer Verkür~ung tm 9eh~lt bietet eine sehr günstige, wenn auch eine nicht durchaus
selbst darinnen zu liegen vermag, wer versichert J?ICh 1m notwendige Grundlage ftir diese Täuschungserlebnisse. Es
Einzelfall daß ein so qualifizierter Gehalt auch realiter vor- kann sein, daß ich etwas sehe, weil ich es gleichsam sehen
liegt, daß er mir also als gesicherte Grundlage für eine. sol.che w i II, weil ich es in meinem praktischen Verhalten irgendwie
Realitätssetzung dienen kann? Oder wenn auch nut ~m7r brauche und so schon geringste Anlaßpunkte in der objek-
bestimmten phänomenal selbst gegebe::ten Entfern.un~ e1.n m tiven Gegebenheit genügen, um die betr. Gegenstands- Er~
dieser Entfernung erscheinender Gegenstand emsJchhger- scheinung vor mir auftauchen zu lassen. Jenes "Wollen"
maßen klemer aussehen muß, als es seiner wahren Grö.ße und die Verwirklichung des Wollens stehen natürlich nicht
angemessen wäre, woher weiß ich, daß ich .~ich nicht in als irgend wie beachtete Momente im Erlebnis selbst; in
jener scheinbar selbst gegebenen Entfern~ng tausch~? .Oder diE~sem sieht es schon so aus, als ob mir die betr. Erscheinung
wenn auch das Phänomen eines bestimmt qualifiZierten wirklich aus der physischen Sphäre heraus entgegentritt und
Körpergesichts für das reale V.orhandens.ein ~ines .?estimmt ich sie bloß als eine solche hinnehme. Aber dieses "Hin-
qualifizierten Körperdinges .spr!cht, w~s 1st d!ese ..Fursprache nehmen" ist nicht derart, daß mein Bewußtsein irgend welchen
nütze, wenn mir nicht die wtrkhche Extstenz des fursprechen- Abstand von dem in solcher Weise Hingenommenen hat,
den Gehaltes· selbst verbUrgt ist. Mögliche Täuschungen be- - in dem Sinne, daß sich der Gegenstand als ein erkennt-
weisen fortwährend daß etwas, was als ein selbst Gegebenes nismäßig gefaßter von dem Bewußtsein als einem ihn fassenden
dastand, sich in der Folge als ein in Wahrheit gar nicht abhebt. In dieser letzteren Stellung aber kann es allererst
selbst Gegebenes ausweist. als ein gegenstandsfassendes irn prägnanten Sinne bestimmt
Wir wollen an dieser Stelle nur einen uns sehr wichtig werden. In dem Augenblick, da das Bewußtsein aus seiner
erscheinenden Punkt zur Beantwortung dieser erkenntnis- "Gegenstandsversunkenheit" (wie wir die Bewußtseinshaltung
theoretisch so fundamental wichtiger. Frage herausstellen. bei jenem abstandslosen Haben von Gegenständen nennen
Andere folgen später im eigentlich erkenntnistheoretischen wollen) heraustritt und sich der gegebenen Welt als ein sie
bewußt fassendes gegenüberstellt, ist ein solches das Hinein-
Teil. g;esehene als ein Hingenommenes Fassen nicht mehr mög-
Ph ys i sc h es P hän om en nenr.en wir alle~ das, was
uns in irgend einer wesensmäßigen Abge~renz~he1t ~us .der lich. Und in der Tat erleben wir es sehr oft, daß irgend
physischen Sphäre entgegentritt, in d~r Weise emes sm.~hch­ ein scheinbar (sei es nun auf jener Grundlage des prak-
anschaulich gegebenen Gehaltes. Dmge oder gar Ko~pe:­ tischen Verkehrs mit den Dingen oder auf irgend einer
dinge sind natürlich nie "physisch~ Phänomene", d~ sie Ja anders gearteten psychischen Grundlage) "Gesehenes" in
die Sphäre der sinnlich anschaulichen Gegebenheit stets dem Augenblick gleichsam vor meinem Blick "zerstiebt"
(sich in Nichts auflöst), wo wir es in Erkenntnisabsicht als
notwendig transzendieren. . . .. ein solches näher ins Auge fassen wollen. Es hält gleich-
Es ist nun etwas ganz anderes, wie die Gegenstande
für mich da sind" wenn ich etwa im praktischen Verkehr sam dem nachfassenden Blick nicht stand.
"mit ihnen "auf sie 'gerichtet bin" ode~ wenn s1e
. E~ k e n n t -
Hier also finden wir ein solches vorgetäuschtes "Phä-
nisgegenstände für mich sind und als solche 1~s Aug;e nomen der Selbstgegebenheit". Aber es tritt in einer Be-
gefaßt werden. Man nehme et:va die .Art und. Weise, ''Yie wußtseinshaltung auf, die als solche von vornherein mit
ich auf den Briefkasten innerheb genchtet bm, wenn 1ch erkenntnistheoretischer Minderwertigkeit behaftet ist. Nur da,
einen Brief einstecken oder auf den Stuhl, wenn ich mich wo eine bewußte Einstellung darauf ·hin vorliegt, rein das
setzen will. In diesen Fällen kann ich den Briefkasten und
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hinzunehmen, was sich gibt, kann auch Anspruch auf reine wußtseinshaltung und bei "abstandnehmender"
Erkenntnis gemacht werden. Bewußtsei n s h a I tun g.
Gegenüber jenen physischen Phänomenen, die b~i ver-
sunkener ßewußtseinshaltu:-~g auftreten, und verschwmden,
ohne creo-cnständlich gefaßt zu werden, kann man vielleicht
h b
am besten .
den Ausdruck .,Erschemungen "
verwen den. Es IV. Speziell erkenntnistheoretische Ausführungen
ist nichts weiter vorhanden, als das Erscheinen von irgend- auf der Grundlage der vorangegangenen Analysen.
welch~:1 Gehalten und nicht das geringste Moment einer
bewul)ten ger~enständlichen Fassung. 1) Da, wo dann ?as Wir richten uns in diesem Teil gegen die eine posi-
Erscheinende di12 Rolle, die es anfänglich zu spielen schien, tivistisch-erkenntnistheoretische Grundlehre, daß alle Wahr-
bei näherem Zu3ehen nicht durchzuführen vermag, können nehmungsobjekte, d. h. für den Positivisten überhaupt alles
wir von "Nur- E:s::heinungen" spreöen. Oder .auc~ kon: als existierend Anzusetzende als prinzipiell relativ auf in
kret;:r: im HinhEck auf solche Erscheinungen, die SICh bei · bt~stimmter Weise sinnlich organisierte Lebewesen angesehen
versunkenem Bewuß:sein als physische Phänomene ausgeben, werden müsse, und daß man sie aus dieser ihrer Relativi-
ohne als solche fest,:_:-ehaltec werden zu können, von pseu~.o­ tätsstellung nicht herauszulösen vermag.')
physischen Phänomenen. In diesem letz!eren Au~druck pragt [Daß die Ansetzung von daseinsabsoluten Realitäten
sich die für uns in Betracht ko:nmende Eigenart d1eser Wahr- nicht widersinnig ist, sondern ein der natürlichen Welt-
nellmunrrscrehalte aus, indem sie sich für etwas anderes aus- ansicht wesenhaft immanentes Moment darstellt, suchten wir
geben (~ä~1lich für wirk L c h e physische Phänomene), als 1
) Hiermit wird es unmöglich. etwas als existierend anzusetzen,
sie tatsä blich darstellen. ohne ein bestimmt organisiertes Lebewesen als ebenfalls daseiend
vorauszusetzen. Der bei einer strengen Festhaltung- dieser po-
2) zusammenfass ende Herausstellung a II er der sitivistischen Anschautngsweise, wie wir mein~n, unumgängliche
Widersinn, daß doch auch diese empfindenden Subjekte selbst
für erkenntnistheoretische Fragen relevanten in die Objektewelt hineingehören , damit selbst ein Gegenstand
Momente im Hinblick auf die Gegebenheit des möglicher Wahrnehmung und wissenschaftlicher Betrachtung sind,
infolgedessen also relativ auf sich selbst sein müßten, wi: d ent-
physischen Seins. weder nic'Jt beachtet oder aber durch Umdeutung dieses Rela-
tivitätsgesetzes in ein vollkommen andersartiges beiseite ge-
Zu beachten ist: schoben, indem das Subjekt, auf das alles relativ sein soll, die
1. der Unterschied zwischen dem puren Erscheinungsge- Bedeutung eines "Bewußtseins" iiberhaupt erhält. Hier wird
halt für sLh genommen und dem Erscheinungsgehaa also nichts weiter für die Möglichkeit der Ansetzung von Seiendem
vorausgesetzt, als irgend ein erkennende Akte vollziehendes Be-
in seiner Ste:liJ ng in der jeweiligen "Wahrnehmungs- wußtsein, das selbst als solches nicht wieder mögLches Bcwußt-
s i tu a t i o 11" (in die wir den bestimmten Asp.ektbez~g seinsobjekt werden kann. Wie es auch um dies~ Anseil iUung
und die ev. vorhandenen verhüllenden .Medien, wJe stehen mag - jene Widersinnigkeit enthält sie nicht; aber z.u
Dunkelheit u. s. w. einbegreifen). Erst mit Berücksich- ihrer Rechefertigung kann auch anderseits nicht irgend eine jener
Tatsächlicllkeiten herangezogen werden. in denen das si11nlich
tigung dieser Wahrnehmungssituation. ist das V o 11- Wahrgenommene als etwas auf die spezifische Sinnesorganisation
p ll ä 11 um en gegeben, von dem a~s di: ~edeutun~ des von Lebewesen Relatives ers,·heint. Auf alle diese "empirischen"
puren Erscheinungsgehaltes erst Jewethg beurteilt zu Tatbestände aber stützt sich im wesentlichen der Positivist zur
werden vermag. Erhärtung seiner Lehre von der Daseinsrelativität aller Wahr-
nehmungsobjekte. Wir wollen also das "metaphysische" Rela-
2. der Unterschied zwischen dem einzelnen Phänomen und tivitätsgesetz von dem "empirischen" streng scheiden. Zur Er-
einem PhänomenabI auf. Wo das Eimelphänomen läuterung des "empirischen" werden alle jene bekannten und nur
als solches (a~.;ch mit Berücksi.chtigun~ der Wahrn~h­ zu oft erwähnten Tatbestände herangezogen (vgl. La a s, a. a. 0.
lll, 9). "D·lß dasselbe Wasser meinen be.den verschieden tem-
mungssituation) keine eindeutige ~eshmmung zul~ßt, perierten Händen verschieden wann erscheint. Daß, was in einem
da k:mn ihm in Hinblick auf den Phanomenablauf seme Falle süß schmeckt. im anderen Falle (r·twa infcl~e einer anderen
rechtmäßige Stellung zugewiesen werden. vorausgenossenen Spe'se) sauer oder bitter schmeckt, daß je
nach der vorangegangenen Inanspruchnahme der Retina die Farbe
3. noch einmal der letztlich erwähnte Unterschied zwischen der Gegenstände als eine andere erscheint. Daß sich nach der
dem Haben von "Erscheinungen" bei versunkener Be- Entfernung die Größe des Gegenstandes richtet, nach der Wahr-
nehmungsp:>sition die gesehene Gestalt, nach der Art der Eigen-
') Die hier noch vorhanden~n Schwierigkeiten und Unklarheiten bewegung die gesehene oder gefühlte Bewegungsrichtung anderer
werden im letzten Teil (VJ behandelt werden. Körper• u. s. w. ,

0
89 90 •
im ersten Teile zu zeigen. Die hier in Angriff genommene 1. Einige vorbereitende Ausführungen über den
erkenntnistheoretische Frage, ob sich eine solche An- Begriff der Daseinsrelativität als solchen.
setzung absoluter Realitäten. a~ch ."im. Lichte der Kr~tik"
aufrecht erhalten läßt, und w1e tch tm r:mzelfall e~tschetden . Voterst einige notwendige Bemerkungen zum Begriff
kann ob ein gegebener Wahrnehmungsmhalt relativ auf den der Daseinsrelativität selbst.
Wah~nehmenden ist oder nicht, ist natürlich eine wohl von Zunächst ist eines klar: Dasjenige, was relativ auf ein
jener zu scheidende. Um jene positivistische _Grundauffass~ng, anderes ist, darf nicht an diesem irgend wie haften, ein Teil,
daß man auch für die Erklärung der natürlichen Weltansteht Bestandstück, Moment von oder an diesem sein; es muß
nichts weiter braucht, als die jeweilig auf den Wahr- also iri einem ganz bestimmten Sinne demjenigen gegenüber;
nehmenden relativen Wahrnehmungsinhalte, noch einmal als auf das es relativ ist, Existenzselbständigkeit besitzen.
Ganzes zu charakterisieren, führen wir folgendes aus: Die Verwechslung dieser beiden Verhältnisse, des Relativitäts-
Das Wesentliche dieser positivistischen Auffassung (und verhältnisses einerseits und des Zugehörigkeitsverhältnisses
zugleich ihr Grundfe~le:). schei_nt uns _dari~ zu bestehen, ~aß anderseits hat in der modernen erkenntnistheoretischen Lite-
das Gegebene als pnnztplell e 111 s c h 1 c h t 1g aufgefaßt ~1rd, ratur zu absurden Konsequenzen geflihrt (vgl. das im ersten
daß alle Tatbestände, in denen das Gegebene als etwas u?er Teil liber die von Ave n a r i u s bekämpfte Intrajektion Ge-
sich hinaus auf etwas Anderes Hinweisendes erlebt w1rd, sagte), indem das auf das wahrnehmende Ich Relative als.
einfach übersehen werden. Wenn sich mit der einen Hand ein reales Bestandstück eben dieses Ich, als etwas Subjek-
das Wasser weniger warm als mit der anderen_ Hand ~n­ tives angesetzt wurde. Bei der1 modernen Positivisten sind
fühlt so sind beide Erlebnisse als solche allerdmgs gletch mehr oder weniger ausdrlicklich stets Subjektivismus und
real 'so wie der Traum als solcher gleiche ReaEtät hat, wie Relativismus von einander abgeschieden. La a s betont diesen
irge'nd ein sonstiges Bestandstück der realen Wirklichkeit - Tatbestand mit ganz besonderer Schärfe an mehreren Stellen.
wie gleichfalls Halluzinat!onen, Spi_egelungen u. s. w. Jene Die gefühlte Körperwärme, die sich als eine auf mich rela-
schon so oft erwähnte Sptegelerschemung auf dem Posta~ent tive herausstellt, wird damit durchaus nicht Zti etwas Sub-
ist als solche nicht weniger "wirklich" als jedes Körperd~ng, jektivem, sondern behält ihre selbständige Stellung als phä-
die Erscheinung des im Wasser ge?rochenen Stabes n~cht nomenal haftend am angefaßten Körperding bei. Sie wird
minder als die des ungebrochenen m der Luft. Auf dtese so wenig etwas Subjektives (d. h. zum Ich Gehöriges), wie
gewiß einl~uchtende Tatsache stützt sich der Positivist, wenn der auf das Licht relative Schatten zum Bestandteil dieses
er wie Mach (A. d. E. S. 9) sagt: "Ebenso hat d_ie ?ft ge- Lichtes wird. Nicht nur sind, wie wir sehen, diese beiden
st~llte frage, ob die Welt wirklich .ist, ode: ob wtr sie bloß Sachen von einander zu unterscheiden, sondern sie wider-
träumen, gaJ keinen wissenschafthc.1en St_nn.. Auch de;. streiten einander. Die von mir erlebte und gefühlte Freude
wlisteste Traum ist so gut eine Tatsache wte Jede andere. (m~ine Freude) ist nicht relativ auf mich. Wir können
Und ebenso S. 8: die Stelle liber das Phänomen des ge- vieHeicht am besten diese Art von Daseinsselbständigkeit:
brochenen Stabes: "Was berechtigt uns, eine Tatsache d~r ErscheinungsseI b ständig k e i t oder Se I b ständig-
anderen gegenüber für Wirklichkeit zu ~rkläre~ un~ dte s
k eit ans c h ein nennen - im Hinblick darauf, daß die
andere zum Schein herabzudrlicken. In betden Fallen hegen Stelie, an· der das Betreffende erscheint, wie auch die ganze
doch Tatsachen vor, welche eben verschieden bedingte, ver- Weise seines Auftretens, zunächst durchaus den Eindruck
schiedenartig zusammenhängende Ele~ente darstellen. per der Selbständigkeit ·und mit diesem Eindruck einen gewissen
eingetauchte Bleistift ist eben wegen semer Umgebung optisch An~ipruch auf diese macht. Wir werden später diesen Aus-
geknickt, haptisch und metrisch aber gerade." Voll.~ommen druck noch besser
~ . : verstehen.
tibersehen wird dagegen, daß die auf solche Phanomene .·Zweitens· ist ebenso klar, daß dasjenige, worauf ein
bezogene Rede von der "Wirklichkeit" und dem "b_loßen anderes relativ ist, irgendwie für dessen Dasein verantwortlich
Schein" und von der mehr oder mind_er groß~n Geelg~et­ genl,(J.Cht werden und dementsprechend selbst als daseiend
heit eines gegebenen Gehaltes flir d1e Fund1erunJ:? emer vorausgesetzt sein muß, damit dieses andere Dasein hat.
Realitätsbebau ptung auf etwas ganz anderes abzielt, als Win.n11agen: das auf ein anderes Relative existiert nur,
auf das bloße Vorhandensein dieser Gehalte selbst.] ins(~tern auch dieses existiert - wenn dieses nicht, dann
ao...ch nicht. jenes. (Wo kein Licht, da kein Schatten.) Wir
kennen nun gewisse Beziehungen, in denen ein Ding als
da seiend vorausgesetzt sein muß, damit das zweite Dasein

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hat, und bei dem anderseits dieses zweite doch volle Da- bedarf es gewissermaßen nicht der beständigen Neuschaffung,
seinsselbständigkeit besitzt: die Beziehung zwischen der Ur- da die Dinge überhaupt nicht zu einer in jenem Sinne selb-
sache und dem Verursachten, dem Schöpfer und dem Ge- ständigen Existenz gelangen; sie haben von vorneherein nur
schaffenen, auch der Ursprungsstätte und dem Entsprungenen. Bestand als irgend wie von Gott gehaltene oder getragene.
Ohne daß wir uns auf diese Verhältnisse nähe~ einlassen Gott gibt ihnen zwar "Selbständigkeitsanschein", aber in dem
können, sehen wir doch sofort, daß hier überall die erreichte Aug:enblick, da er seine Hand von ihnen ziehen würde,
Existenzselbständigkeit (des Bewirkten, Geschaffenen oder müßten sie vergehen.
Entsprungenen) eine ganz andere ist als jener bloße Selb- Das für uns Wesentliche ist, daß dieses "die Hand
ständigkeitsanschein des Daseinsrelativen. Das Kunstwerk, über den Dingen halten" oder sie letztlich Tragen kein an
das ein Künstler geschaffen hat, ist da~um nicht "relativ auf" der Oberfläche der Erscheinung liegender Tatbestand ist,
diesen Künstler. Der einem Ding entspringende Ton ist sondern sich nur dem Blick offenbart, der in eine tiefer-
nicht relativ auf dieses Ding. Ebensowenig wie die Bewegung liegende Seinsschicht hinabzudringen vermag.
einer Kugel relativ ist auf den sie bewirkenden Stoß. Das Kehren wir in unsere eigene Sphäre zurück. Mit gutem
Kunstwerk, der Ton, die Kugelbewegung sind nur im Hin- Recht setzt man die TraJm- oder Phantasiegegenstände als
blick auf ihre Daseinsentstehung einer anderen Sache auf den Träunenden oder Phantasierenden daseinsrelative
verpflichtet. 1 ) Wenn einmal vorhanden, besitzen sie ein von an. Gerade in dem Verhältnis des Phantasierten zu dem
dieser völlig losgelöstes Eigendasein. Phantasierenden tritt wiederum der Unterschied zwischen
Der Unterschied kann anderseits nicht allein darin ge- einem Hervorgebrachten oder Geschaffenen und dem in un-
sucht werden, daß das Bewirkte oder Geschaffene auch noch serem speziellen Sinne Daseinsabhängigen gut heraus. Das
dann Dasein hat, wenn die bewirkende oder schaffende Kraft Phantasierte kann spontan hervorgebracht sein oder sich dem
ihr Dasein endigt, während der Schatten etwa in dem Augen- passiv Hinnehmenden irgendwie aufdrängen. Immer ist es
blick vergeht, in dem das Licht nicht mehr auf den betr. a 1 s Phantasieries relativ auf den Phantasierenden. Immer
Körper fällt. Denn auch das Verhältnis der permanenten ist es in einer tieferen Schicht von dem Phantasierenden
Ursache zu dem durch sie Bewirkten ist ein ganz anderes, getragen oder gehalten, mag es sich auch noch so selb-
als das in der Rede: etwas ist daseinsrelativ auf ein anderes ständig gebärden.
Gemeinte. Sehr schön tritt der Unterschied der eben ange- Während aber hier das Abhängigkeitsverhältnis ein trotz
führten Typen möglicher Daseinsabhängigkeit hervor in den des Selbständigkeitsanscheines noch mehr auf der Oberfläche
verschiedenen Wendungen, mit denen nach der jeweiligen des Erlebens liegendes ist, verbirgt es sich im Traum schon
besonderen Auffassung das Verhältnis der Welt oder der fast vollständig. Der Träumende ist sich dessen nicht be-
Dinge zu Gott gekennzeichnet werden mag: wußt, daß die Traumwelt nur eine letzten Endes in seinem
1. Alle Dinge sind in Gott. eigenen Bewußtsein gründende Existenz hat. Und nur da,
2. Gott ist der Schöpfer aller Dinge. wo der Traum als Traum sich offenbart, wie beim Erwachen,
3. Alle Dinge sind relativ auf Gott. tritt diese Beziehung heraus.
In allen drei Fällen sind die Dinge in einem bestimmten Auch Nachbilder nennen wir relativ auf ein wahrneh-
Sinne von Gott existenz-abhängig gemacht; im ersten Fall mendes Subjekt. Aber wenn vorher die Existenzabhängigkeit
· etwa so, wie der Teil eines Ganzen existenzabhän~ig von in dem Bewußtsein wurzelte/) so hier in der speziellen
diesem Ganzen ist. Bei dem zweiten kann man wtederum physiologischen Beschaffenheit des empfindenden Wesens.
gegen überstellen: Gott als die einmalige oder die permanente Die eigentümliche Erscheinungsweise eines Nachbildes trägt
Ursache aller Dinge; er schafft alle Dinge und stellt sie durch geradezu den Stempel jener beiden seine Existenzart aus-
diesen Schaffensakt zu selbständiger Eigenexistenz heraus zeichnenden Momente: des Selbständigkeitsanscheins einer-
oder er schafft sie (als permanente Ursache) in jedem Mo-
') Ein Tatbest-and, der natürlich nicht verhindert, daß auch hier eine
ment ihres Daseins neu. Ganz anders dagegen die Existenz- bestimmte physiologische Grundlage vorliegen mag; aber der
abhängigkeit, bei der die Dinge in ihrem Dasein gleichs~m geträumte cder vorgestellte Gegenstand ist eben wegen seiner
immerwährend geh a 1t e n werden von der Hand Gottes. Hter _Existenzabhangigkeit vom Bewußtsein als seinem Daseinsträger
ein wesenhaft aus anderm "Stoff" bestehender, als ein positives
1) In einem weiteren Sinne von Daseinsrela!ivität k?nnte man sagen: oder negati\'es Nachbild, Er hat als solcher etwas "Geistiges"
sie sind ihrer Entstehung nach relattv auf em anderes; aber oder wie wir es immer nennen mögen. Sein Dasein_ und seine
wir ~Iauben doch, daß dies eine uneigentliche Anwendung des Eigenart läßt sich darum nicht rein aus physiologischen Zu-
Begriffs der Daseinsrelativität ist. sammenhängen erklären.

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seits und der nicht so wie dieser an der Oberfläche des sein des Lichtes einerseits und des Körpers anderseits und
Seins liegenden Existenzabhängigkeit anderseits. Die Nach- der Schatten ein solches Verhältnis als vorhanden voraus-
bilder erscheinen da draußen in der Welt der ~ealen Dinge, setzt, setzt er auch das Dasein des Lichtes und des Körpers
bewegen sich und verändern sich in ihr und doch haben voraus. Durch seine Beziehung zu einer dritten Gegenständ-
sie in dieser keine eigentliche Eigengegründetheit. Die ganze lichkeit wird so das Licht allererst zu einem das Schatten-
Art ihres Auftretens besitzt trotz dieser Selbständigkeits- dasein in unserem bestimmten Sinne Bedingendes.
gebärde das Gepräge letzlieber Unselbständigkeit und Da- Eine ganz ähnliche Sachlage nun finden wir dort, wo
seinsabhängigkeit. (Ein Tatbestand, der sich noch neben der wir in unseren bisherigen Ausführungen von einer wesen-
beobachtbaren Veränderungsabhängigkeit von der Augen- haften Daseinsrelativität des Gegenstandsaspektes ge-
bewegung aufweisen läßt.) sprochen haben. Es wäre natürlich unsinnig, den Schort
Aehnliches müssen wir von der Gegebenheitseigenart, irgendwie als Existenzträger des Aspektes zu bezeichnen.
von Schatten und Lichtschein und dergleichen Gebilden Aber da der Aspekt in der Beziehung zwischen ihm und
sagen. Wegen ihrer Eigengegründerheit und ihres Eigen- dem Gegenstand (dem Aspektbezug) sich allein zu kon-
lebens in der realen Raumwirklichkeit konnten wir sie oben stituieren vermag, ist er durch und mit diesem Verhältnis
zu den Dingen rechnen. Aber die spezifische Art ihrer daseinsabhängig von ihm. Die Bedingung anderseits, daß
Selbständigkeit (die Daseinsflüchtigkeit und die für sie so dasjenige, das auf ein anderes relativ sein soll, Selbstär;dig-
charakteristische Anlehnungsstellung an andere Dinge) setzt keitsanschein diesem gegenüber besitzen muß, ist nur dem
zwar nicht notwendig letztliehe Daseinsabhängigkeit, aber Sehort gegenJber erfüllt, während der Aspekt "am" Gegen-
spricht doch für diese und läßt sie, phänomenDlogisch ge- stand als dessen Aspekt "haftet", also nicht auch als etwas
sehen, als möglich, ja wahrscheinlich erscheinen. (Man vgl. auf diesen Relatives angesehen werden kann.
dagegen die Daseinsweise der Körperdinge.) In einem in dieser Weise gegründeten Relativitätsver-
Der Sachverhalt, daß jene Nachbilder relativ sind auf hältnis ist damit stets eine bestimmte Beziehung dessen,
eine bestimmte Organbeschaffenheit (also ihre Erklärung in worauf etwas relativ ist, zu einem dritter. Gegenstand, der
das Untersuchungsgebiet des Physiologen fällt), die Existenz- nicht selbst wieder daseinsrelativ sein kann auf den ersten,
abhängigkeit des Schattens und des Lichtscheins dagegen vorausgesetzt. Ein zu sehender Gegenstand auf der einen
in physikalischen Verhältnissen gründet, spiegelt sich selbst Seite, ein Schort, von dem aus gesellten wird, auf der anderen
wiederum in einer unterschiedlichen Gegebenheilsweise dieser Seite, ist wesenhafte Voraussetzung zur Konstitution des
und jener Gebilde. Wir können hier überall nur ganz flüchtig Aspektes. Man kann dann auch den Aspekt als relativ auf
sein und auf mögliche phänomenolcgische Unrersuch ungen de11 Aspektbezug als solchen ansetzen, und im einzelnen:
hinweisen, die uns für eine wahrhafte philosophische Fun- eine scheinbare Größe als relati\' auf die Entfernung vom
dierung der Naturwissenschaften von ausschlaggebender Be- Sehort zum Gegenstand; eine perspektivische Verkürzung als
deutung zu sein scheinen. relativ auf das Richtungsverhäitnis, das zwischen Blickrichtung
Allerdings können wir von dem Licht nicht als von und Geerenstandsrichtung besteht. Ein Undeutlichkeits- oder
einem Daseinsträger des Schattens oder des Lichtes Unbesti~1111theitsphänomen als relativ auf bestimmt~ Faktoren
sprechen, so wie der Phantasierende oder der Träumende der Wahrnehmungssituation u. s. w.
Daseinsträger des Phantasierten oder des Traumes und das Für uns war die Herausstellung der zweiten Gruppe
physiologisch bestimmt organisierte Lebewesen Daseinsträger von Fällen, in denen man berechtigtermaßen von einer Da-
des Nachbilds war. Es besteht kein direktes Verhältnis seinsrelativität spricht, darum wichtig, weil hier überall mit
zwischen dem Licht und dem Schatten, wie in d~n bisherigen der Einsicht in den Relativitätssachverhalt zugleich die Ein-
Fällen zwischen den beiden in Betracht kommenden Gliedern. sicht in das Vorhandensein eines ·nicht wiederum in dem-
Die beiden notwendigen Momente, der Erscheinungsselb- selben Sinne existenzabhängigen Gegenstandes wesenhaft
ständigkeit einerseits und der Existenzabhängigkeit anderseits verbunden ist und anderseits die Daseinsrelativität des be-
kommen hier aber auf indirektem Wege zustande:. das treffenden Gehaltes in bestimmten Verhältnissen gründet, die
Schattendasein ist ein solches nur innerhalb eines bestimmten als solche völlig unabhängig sind von der bestimmten Or-
realen Verhältnisses, nämlich da, wo Licht auL einen Körper ganisation eines Lebewesens. Wenn ich sinnvoll von einer
fällt; nur in dieser Beziehung zwischen Licht und Körper- auf die Wahrnehmungsposition relativen scheinbaren Größe
gegenstand kann sich so etwas wie Schatten konstituieren. und verkürzten Seitenar.sicht sprechen will, wie ebenso von
Indem nun dieses Verhältnis sich gründet auf das Vorhanden- einem aus der Wahrnehmungssituation heraus verständlich

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-ad~lquatheit zu verschaffen, von den "Bedingungen sine
zu machenden Undeutlichkeits- oder Unbestimmtheitsphä- qua non gegenstandsangemessener Wahrnehmung" sprechen.
nome:J, so muß ich dabei einen vom Sehen daseinsunab- Ihre Nichterfüllung ist eine in verschiedener Weise erlebbare.
häncrio-en Geerenstand mit einer bestimmten ihm an und Insbesondere kam sie im Rückblick auf bestimmte Erschei-
für"' sich zukommenden Größe, Gestalt und Beschaffenheit nunl~sweisen da zur Gegebenheit, wo ein Uebergang zu
voraussetzen. anderen Wahrnehmungsbedingungen eintrat. Jetzt wurde es
Es kann natürlich auch sein, daß eben derselbe spe- evident, daß man der Ansichbeschaffenheit des Gegenstandes
zifisch gestaltete Erscheinun.ssgehalt, der die Grundlage für zum mindesten näher gekommen war, daß also diese
die Ansetzung eines von einer b~stimmten Seite geseh~nen Wahrnehmungsweise einen Vorzug hat vor. der früheren.
und perspektivisch verkürz.! f?eseh:nen Gegen~tan.des bildet, Diese Sphäre der "Bedingungen sine qua non ... "
halluziniert wird, und damtt m semer Ganzheit eme auf den reicht weiter, als wir bisher beachteten. Das, worauf wir
Halluzinierende;l rd ltive Gegenständlichkeit darstellt. Wenn nicht gerade die Augen gerichtet haben, das bei künstlicher
diese Halluzination als solche erkannt wird, und damit, daß Augenverdrehung, bei Eroüdung der Augen u. s. w. Gesehene
da:> Erscheinende Iü:ht in einem an und für sich Vorhan- weist als solches hin auf günstigere Wahrnehmungsbedin-
d:;;ncn in bestimme:· Weis~ absolut beschaffenheiteten Gegen- gungen. Auch hier jene oben erwähnten charakteristischen
stand 'fundiert ist, entfdllt auch die Möglichkeit, von einer Uebergänge.
aus den angegeben ~n Verhältnissen he:aus ei.?seh baren per- Aber auch auf der Seite der Akte sind noch nicht er-
spektivischen Gegc:ns<ands·verkürzung tm pragnanten Smne wähnte Momente auffindbar, die diesen selbst schon den
zu reden. Das Dasein des in der Halluzination vorhandenen Charakter der Minderwertigkeit im erkenntnistheoretischen
Gehaltes und seine spezifische Artung muß natürlich auf Betracht verleihen. So das Erlebnis vergeblicher Anstrengung,
ganz and ..ore Weise erklärt werden. Seine J?.aseinsrel~tivität den Gegenstand wahrhaft zu fassen, bei einem innerlichen
fällt un er die erst erwähnte Gruppe von Fallen. Wahrend Gerichtetsein auf diesen, wenn die Augen nicht gerade auf
vorher der Wahrne:nnende nur der apriorischen Gesetzmäßig- ihn gerichtet sind. Es gelingt zwar, dort "gerade noch"
keit b~stimm'er Wahrne:JillUJgsverhältnisse unterworfen war, hinzublicken, aber das Blicken hat etwas in sich Ver-
denen er sich a I s wdhrnehm:ndes Wesen (möge es wie q u ä lt e s u n d 0 e h e m m t e s.
im:n~r or5an.siert s~in) nicht entziehen kann, wird e:
jetzt Für alles Angeführte lassen sich analoge Tatbestände
in seiner spezi::schen p~ljsiJiogischen oder psychologischen in allen Gebieten möglicher Gegenstandserfassung, und, was
Disp:nit:on zum letztliehen Daseinsträger des Gegebenen. uns hier besonders interessiert, in allen sinnlich anschaulichen
Sphären aufweisen. Will man etwa die materiale Qualifi-
2. D i e b e s t i m m t g e arte t e n W a h r n e h m u n g s-
kation eines Gegenstandes konstatieren , so wird man ihn
situ.1tionen als solchen anhaftende Minder- weder zu fest noch zu leicht anfassen; beide 1\\ale hat man
wertigkeit, als Grundlage zur reinen Erfassung ein der Sehsphäre analoges Erlebnis undeutlicher Gegeben-
d e s i n i h n e n G e g e b e n e n z u d i e n e n. heit wegen zu großer Ferne oder zu großer Nähe. Ebenso
gibt es der an einem Körper haftenden Wärmequalität gegen-
Wir ~a::en oben, daß Wahrnehmungsgehalte, die relativ
über erlebbar günstigste Wahrnehmungsbedingungen. Auch
sind auf bestimmte Wahrnehmungssituationen, auf diese ihre
in diesen Sphären ein mögliches in verdeckter Weise Er-
Daseinsstellu.Jg dureil ihre spezifische Artung hi~weisen
scheinen der zu fassenden Qualität. So das Erlebnis des
können oder deren Daseinsrelativität schon durch eme ge-
nicht reinlichen und ungehinderten Zugangs zu der betreffen-
riJp·e Abänderuno· der Wahrnehmungssituation aufgedeckt
den Gegenständlichkeit, auf die ich in Erkenntnisabsicht hin-
we"'den kann. Hi~r bestehen also keine prinzipiellen erkennt-
ziele. Bei einem Befühlen eines Gegenstandes, etwa auf
.nistheoretischen Schwierigkeiten, wenn auch eine volls~.än~ige sein1~ Temperatur hin, habe ich bei sehr kalter oder sehr
und letztl:cbe Klät ung der hier obwaltenden Verhaltmsse
warmer Hand das ausgesprochene Bewußtsein , daß ich
keine Ieielite Aufgabe sein dürfte. Wir wollen i? diesem wegen der Kälte und der Wärme meiner Hand nicht an
Abschnitt nur noch einige Ergänzungen und Erweiterungen die Temperatur des Gegenstandes heranzukommen vermag,
des schon Gesagten und zwar in erkenntnistheoretischer
daß der Weg w ihr nicht freiliegt
Einstellung geben. Auch künstlich können günstige Wahrnehmungsbedin-
Wir können im Hinblick auf die Gesamtheit aller Tat- gungen hergestellt werden: so das Bewußtsein, daß ein
bestände, die jeweilig vorhanden s:in müssen! um. dem Weingeschmack allererst voll heraustritt nach einer bestimmten
Gegenstand die größtmögliche Erschemungsdeuthchkeit und
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ehelogischen Erklärungen solche stattgehabte Aufdeckung
vorher genossenen Speise. Nicht um die g I eichwer ti ge voraussetzen (und zwar so aufzudecken, daß das im Täu-
Gegebenheit verschiedener Geschmacksqualitäten han- schungserlebnis Gegebene als das dem Gegenstand an und
delt es sich phänomenal, sondern um den inneren Vorzug fOr sich nicht Zukommende "eingesehen" wird), weist
gewisser Gegebenheitsweisen vor anderen. darauf hin, daß auch diese fälle uns in keinem Sinne der
Die Beispiele ließen sich, wie leicht ersichtlich, auf allen völligen erkenntnistheoretischen Skepsis gegenüber der M.ö~­
Sinnesgebieten beliebig mehren. Wir konnten aus der bei lichkeit, Ober die jeweilige Mir-Gegebenheit hinauszukommen,
einer genaueren Klärung zu systematisierenden Fülle nur ausliefern.
hier und da Einzelnes herausheben. Denn das ist das unaufhebbare Fundament der ganzen
Problematik, daß da, wo ein physisches Phänomen, (wie hier
3. W i d e r s p r u c h z w i s c h e n d e r " p h ä n o m e n a I e n " die gefühlte Schwere) sich als in irgend einem Sinne relativ
u n d d e r " r e a l e n " S a c h lag e. auf ein wahrnehmendes Subjekt herausstellt, das in der sich
(Die phänomenale Sachlage in ihrer Ganzheit genommen auf die gegebene Täuschungsgrundlage stützenden Wahr-
spricht für etwas anderes, als in Wirklichkeit vorliegt.) nehmungsaussage Intendierte (diese Kugel ist schwerer als
Zu ·völlig neuen erkenntnistheoretischen Problemen jene), nicht mehr erfüllt ist, und das im Wahrnehmungs-
kommen wir da, wo bei erlebbarer Erfüllung aller Bedin- bewußtsein unmittelbar Gehabte und Gefühlte (so hier die
gungen sine qua non deutlicher Wahrnehmung Wahrneh- realiter größere Schwere der einen Kugel gegenOber der
mungsgehalte sich ergeben, die auftreten wie zur Welt des anderen), im Sinne einer Täuschungsexplosion in sich zer-
realen physischen Seins wahrhaft gehörige, und in ihr in fällt. Es ist eine Verschiebung und Umdeutung dieses Fun-
einer bestimmten Weise realiter fundierte, deren letztliehe daments, wenn der Positi\•ist, um jener erkenntnistheoretischen
Daseinsgetragenheit von dem wahrnehmenden Lebewesen Skepsis zu entgehen , meint, wir zielten ja in der Tat auf
sich jedoch mit einem Blick in eine tiefere Seinsschicht (wie garnichts weiter ab, als auf das bloße jeweilige Mir-Gegeben-
dieser möglich ist und sein kann, soll eben die in diesem sein bestimmter Inhalte, und wären vollauf befriedigt, wenn
Abschnitt von uns behandelte Frage sein) heraushebt. sich herausgestellt hat, unter welchen gesetzmäßigen Be-
Hier wachsen z. B. den Gegenständen der realen Welt dinl~ungen diese Inhalte jeweilig auftreten und abtreten.
phänomenal wahrhafte Qualitäten zu, an deren Bildung das Nur darin, daß ich "gewohntermaßen" mit einem an der
wahrnehmende Lebewesen in seiner spezifischen physiolo- Wage festgestellten Glekhgewicht die "haptische Gewichts-
gischen Organisation oder die Beschaffenheit eines fOr die gleichheit" erwartungsmäßig verbinde, und hier diese Er-
Wahrnehmung in Betracht kommenden Leibesteiles irgend wartung enttäuscht wird, bestOnde nach dieser Lehre das
wie produktiv beteiligt ist, und die sich doch anderseits als ganze TäusctungserlebrJis. Sobald ich aber die außerge-
rein in dem betreffenden Körperding fundierte und von ihm wöhnliche Verbindung dieser beiden Inhalte unter diesen
allein getragene ausgeben. Im Unterschied zu jener Ge- · ·bestimmten Umständen eingesehen habe, könne auch ein
gebenheit der Nachbilder, die ihre Daseinsabhängigkeit von Täusc!JUngsbewußtsein nicht mehr vorliegen.
dem physiologisch bestimmten Ich keineswegs verleugnen, Wir intendieren aber im Wahrnehmungsurteil (die Kugel
spricht hier die ganze Erscheinungsweise durchaus gegen ist schwer, der Zucker ist süß u. s. w.) nicht die bloße Mir-
eine solche Unselbständigkeit. Wir erinnern an den Versuch, Gegebenheit des betreffenden Inhaltes, sondern seine von
bei dem von zwei verschieden großen, aber g I e i c h aller Relativität auf den Wahrnehmenden freie Stellung im
schweren Metall kugeln, die in durchbrochenen Netzen in Zusammenhang des realen Seins. Wo sich ein gegebener
jeder Hand je eine gehalten werden, die kleinere bedeutend Gehalt der physischen Sphäre als relativ auf das wahr-
schwerer erscheint. So oft ich auch prüfen mag, wie ich nehmende Lebewesen herausstellt, kommt ihm nicht mehr
mich auch anstellen mag, stets resultiert wieder derselbe jenE~ Realitätsart zu, die es in die Sphäre des physischen
außerordentlich überraschende Tatbestand. For die erkennt- Seins hineinstellen läßt. (Als zu der gehörig es innerhalb der
nistheoretische Klärung solcher Fälle erweisen sich alle von Täuschung gehabt wird.) Es wird damit zu einer physiolo-
uns bisher angegebenen Momente, die bestimmt gearteten gis<:hen Gegenständlichkeit.
Wahrnehmungstypen einen prinzipiellen Vorzug vor anderen Wenn aber der Faktor der Zugehörigkeit eines wahr-
einräumen, als unzulänglich. genommenen Inhaltes zur Sphäre des realen physischen Seins
Aber schon die Möglkhkeit, diese Täuschungen über- als solcher der unmittelbaren Gegebenheit transzendent ist
haupt als solche auf Grund bestimmter Einsichten aufzu- (sonst wären Täuschungen dieser Art nicht möglich), so ent-
decken, wie ja die vorhandenen physiologischen und psy-
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behrt doch die Tatsache, daß wir den physischen Phäno- (Dieser spezifische Fall von Oaseinsrelativität ist naturlieh
menen trotz der vielen aufgedeckten Täuschungsfälle immer zu unterscheiden von dem oben betrachteten physiologischen.
wieder ein absolutes Sein zuschreiben, keineswegs der phä- Hier hört ja das physische Phänomen nicht auf, ein für die
nomenalen Grundlage; denn sie selbst in ihrer eigentümlichen Physik relevantes und aus rein physikalischen Verhältnissen
Gegebenheitsart weisen auf diese Seinsstellung hin, s pre ehe n h~raus erklärbares Objekt zu sein. Es ist als solches eben-

für sie. 1 ) sowenig relativ auf ein physiologisch bestimmt geartetes be-
Dieses letztere scheint uns ein für die ganze erkenntnis- sti:nmtes Wahrnehmungssubjekt wie ein wirkliches Körper-
theoretische Problematik nicht genug zu betonender Tatbe- gesicht. Aber der für uns wesentliche Punkt ist auch hier
stand zu sein. Es ist eine Verfälschung der wahren Sach- vorhanden: das Gegebene spricht für eine andere Seins-
lage, wenn man von jenem erkenntnistheoretischen· Relati- stellung als ihm in Wirklichkeit zukommt.)
vismus oder gar Subjektivismus herkommend meint, die Wir wollen nun, um das Angeführte an einem bestimmten
Gegebenheitsweise der physischen Phänomene selbst kö!lne Beispiel zusammenzufassen, und zugleich zu zeigen, wie uns
mir nichts über ihre Seinsstellung (ob absolute oder relative) die Einsicht in die!le Art "Vorspiegelung falscher Tatsachen"
aussagen. Oder wenn man gar aus dem Tatbestand, daß ich zustande zu kommen scheint, den berühmten Fall des im
immer nur Evidenz dafür besitze, daß sie mir momentan Wasser gebrochen erscheinenden Stabes etwas näher ana-
gegeben sind, folgert, ihre Gegebenheitsweise spreche allein lysieren.
für eine auf den Wahrnehmenden jeweilig relative Daseins- Nach Mach (A. d. E. S. 8; vgl. dieS. 91 dieser Arbeit
artung. . zitierte Stelle) \väre die Sachlage folgende:
Nur auf der gekennzeichneten Grundlage ist jener Tat- Da wir gewöhnlich mit dem Phänomen der "optischen
bestand erklärlich, daß wir in unserem speziellen Falle des Geknicktheit" das der "haptischen Geknicktheit" verbunden
Kugelbeispiels auch nach der Aufdeckung der vorliegenden sehen, welche Verbindung uns ein von dem Medium der
Täuschung gewissermaßen "nicht anders können", als immer Luft umgebener Elementkomplex: Stab stets zeigt, erwarten
wieder den gefühlten Schwereunterschied als den Kugeln wir diese gewöhnte und uns geläufige Verbindung in jedem
an und für sich zukommenden aufzufassen. Wir können es Fall. Wenn nun in dem seltener eintretenden Falle wegen
kaum glauben, daß die Kugeln in der Tat gleich schwer sind. der Wasserumgebung "op(ische Geknicktheit" vorliegt, aber
Nicht nur im Hinblick auf seine Seinsstellung über- keine "haptische", finden wir unsere Erwartung getäuscht
haupt (ob zur Sphäre des physischen realen Seins gehörig und sprechen darum von einer bloßen "Scheinbarkeit",
oder nicht), kann das Gegebene in seiner spezifischen Artung während doch im Grunde nichts anderes als eine bloße
Falsches "versprechen", sondern auch über die s p e z i e II e Au ß er g e w ö h n I ich k e i t vorliegt.
Artung dieser Stellung in der Sphäre des realen Seins. Hiergegen ist nach allen unseren vorhergehenden Aus-
Ein optisches Phänomen vermag, wie wir sahen, auf seine führungen folgendes zu sagen:
Gegründetheit in einem bestimmt gearteten materiellen Dinge I. Sind wir im Sehen und Anfassen des Stabes auf
hinzuweisen und mit dieser Hinweisung die in der Wahr- das,selbe reale Körperding Stab bezogen und dessen einmal
nehmung unmittelbar erfolgende Setzung dieses Körperdinges gesehene, ein nal gefühlte Geknicktheit oder Ungeknicktheit.
zu veranlassen. Da, wo diese Fürsprache eine "lügnerische" Bei der Mach' sehen Ansicht wäre das hier vorliegende
ist, wo gleichsam der ausgestellte Wechsel auf Fundierung Identitätsbewußtsein gänzlich unverständlich.
in Materialität nicht eingelöst wird, liegen jene Täuschungen 2. Das optische Geknicktheitsphänomen (das spezifisch
vor, wie wir sie bei dem oft erwähnten Fall der auf das qualifi7ierte Körpergesicht, in dem sich mir das Körperding
Postament hingespiegelten Figur u. s. w. finden. Obwohl sich kundzugeben scheint), sowie das sogenannte h 3.ptische ist
der betr. Gehalt als solcher als rein von einem in bestimmter im natürlichen Wahrnehmungserlebnis überhaupt nicht gegen-
Weise beschaffenheiteten Körperding getragen ausgibt, ist er ständlich, sondern nur die in beiden gegebene reale Stab-
doch in einer tieferen Seinsschicht (eben der physikalisch geknicktheit (resp. Ungeknicktheit).
relevanten) relativ auf bestimmte physikalische Verhältnisse. 3. Kann das optische Geknicktheitsphänomen oder nach
1) Wir können diesen uns so wichtig erscheinenden Faktor des unserer Terminologie das spezifisch geartete Körpergesicht
phänomenalen .Sprechens für" in dieser Arbeit nicht weiter auf- nicht einfach mit einem sogenannten "hapti sehen Geknickt-
klären und angeben, was für Gegebenheitsmomente il!l Einzelfa~l heitsphänomen" gleichgesetzt werden. Es findet sich ein
das Sprechen für einen bestimmten Tatbestand fundteren. Wtr jenem Entsprechendes auf der haptischen Seite nicht: es gibt
hoffen diesen Punkt in einer spätern Arbeit weiter führen zu
sozusagen keinen "haptischen Stoff", so wie es einen "Seh-
können.

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stoff" gibt, in dem sich die spezifisch qualifizierte Materie Dies ist der nicht umdeutbare phänomenale Tatbestand.
ausprägt. Eine andere Frage ist die nach dem erkenntnistheoretischen
4. Gründet sich meine Enttäuschung nicht in der vor- Recht eines solchen Vorzugs eines Wahrnehmungsgehaltes
gefundenen Verbindung von haptischer Ungeknicktheit und vor dem anderen. Jedenfalls aber ist klar, daß auch, wenn
optischer Geknickrheit, sondern auf die Einsicht in die r e a I e dieser Vorzug nicht letztlich begründbar wäre, die positi-
Ungeknicktheit bei optischer Geknicktlleit. Jene auf den vistischen Erklärungsversuche wiederum in keiner Weise
außergewöhnlichen Fall der Verbindung hinauslaufende Aus- haltbar sein könnten, weil sie sich eben auf jener schon
deutung ist also eine Umdeutung der wahren Sachlage. um:gedeuteten Grundlage aufbauen.
5. Das eben Gesagte tritt scho:-. an dem Tatbestand Sehen wir uns jedoch ganz einfach an, wie die "Ein-
heraus, daß die Einsicht in die vorliegende optische Täuschung skht" aussieht und worin sie gründet, wenn wir in der na-
sich schon im Hinblick auf die Sehsp1äre allein vollziehen türlichen Einstellung zu der Behauptung gelangen, es läge
kann, wenn ich nämlich den Stab abwechselnd in das Wasser eine solche Täuschung vor. Wir stecken einen ungebrochenen
tauche und wieder herausziehe, also abwechselnd ein op- Stab ins Wasser und er sieht plötzlich aus wie e;n geknickter.
tisches Geknicktheits- und Ungeknicktheitsphänomen habe. Hier schon werden wir bum an seine tatsächliche reale
Nach 1\1 a c h dürfte dies gar nichts Erstaunliches sein: Unter Geknicktheit glauben, da beim Hindntauchen de:5 St:1bes die
bestim~nten Bedingungen (einer "bestimmten Umgebung") Flüssigkeit keinen genügenden Widerstand geboten h:lt, um
habe Ich eben dies, unter anderen jenes Phänomen. Von einen Stab irgendwie zu brechen. Wir ziehen ihn wieder
einer Durchbrechung des "!;ewohnten Zusammenhangs" heraus und sehen jetzt daß er in der Tat ungeknickt ist.
könnte hier die Rede nicht sein, denn woher sollte ich "ge- Die:ser Vorgang scheint vollkommen zu genügen, um jene
wöhnt" sein, mit optischer Geknicktheit des Stabes im Wasser Einsicht zu verschaffen. Ein so material geartetes Etwas
auch eine solche in der Luft zu verbinden, da mir im Gegen- wi~~ dieser Holzstab kann unter den angegebenen Umständen
teil die Erfahrung immer die umgekehrte Sachlage zeigt. Im garnicht brechen. Und erst recht nicht, wenn einmal ge-
<?egensatz hierzu aber find.:n wir auch da, wo keine eigent- brochen, durch das Herausziehen wieder zu einem unge-
liche Täuschung mehr vorliegt, d. h. wo ich weiß, daß der brochenen werden. Dies klin6t trivial, aber ist wichtig ge-
Stab in Wirklichkeit ungeknickt ist, immer wieder das Er- nug, zu betonen, denn dieses "kann" deutet auf eine g-anz
lebnis des "Widerspruchs", wenn dieser in Wirklichkeit besondere Art von eins:chtiger Notwendigkeit hin. Es ist nicht
ungebrochene Stab gebrochen aussieht. et\va so, daß ich aus vielen Erfahrungen weiß, ein so und so
6. Die Täuschungsgrundlage besteht also darin, daß mater:al geartetes Etwas zerbricht nicht unter den und den
das in der Sehsp:1äre anschaulich Ge,:;t{)ene als solches für Umständen und wäch:5t unter den und den nicht wieder zu-
die re~le Gebrochenheit oder Geknicktheit eines Stabes spricht. sammen. Mit dieser Einsicht würden wir aus der erkenntnis-
So sreht we;;enhaft e\n re1liter ;.;eknickter Stab aus. In theoretischen Schwierigkeit nicht herauskommen, denn gerade
einem S:))ch.:m Aussehen li~gt für m;ch die re1!e Stabge- die Fälle, um die es sich hier handelt, könnten uns ja als
brochenheit darin als eine sich in ihm auspräaende · nur Beweis d.1für gelten, daß so etwas doch möglich ist Wir
darum, weil ich in dem optisch Gegebenen die ~eale Stab- könnten dann sofort weiter fragen: warum glaube ich denn
gebrochenh ~it zu sehen meine, ist die vorliegende Täuschung den Wahrnehmungszusammenhängen, in denen ein Stab bei
und Enttäuschung möglich. solchen Umständen nich[ gebrochen zu werden scheint, mehr
7. Bei der Einsicht in cen Täuschungs:>achverhalt wird als denen, in denen er in der Tat gebrochen zu werden scheint.
mir klar, daß das optische Phänomen etwas in Wirklichkeit Aber es liegen eben auch hier in gewissem Sinne
nicht Vorhandenes "verspri ht". Die Täuschungsgrundlage "apriorische Einsichten" vor: Wenn ich mich in das wirk-
bleibt trotz dieser Einsicht bestehen, weil das optisch Ge- lich und wahrhaft vertiefe, was ein harter Holzstab seiner
gebene in seiner spezifischen Artung immer weiter für das materialen "Washeit" nach vorstellt, wenn ich es mir voll
in Wirklichkeit nicht Vorhandene spricht. zur Gegebenheit bringe, erscheint sein Zerbrechen da, wo
8. Es hätte keinen Sinn, "erklären" zu wollen, warum nicht eine entsprechend große Kraft ausgeübt wird, als un-
ein Ding, das realiter geknickt ist, auch geknickt aussieht; möglich. Wir glauben nicht, daß solche "Einsichten", die
wohl aber wie ein realiter Ungeknicktes in das optische den primitiven Ausgangspunkt für einen großen Teil natur-
Phänomen der Geknicktheit gewissermaßen "hineinkriechen" wissenschaftlicher Feststellungen bilden, l) auf eine Stufe
kanli. Hieran sieht man, daß die beiden realiter möglichen 1) Die Einsichtsart auf die wir hier gestoßen sind, ist von der früher
Sachlagen keineswegs einander gleichzuordnen sind. aniegeuenen (auch für naturwissenschaftl. Forschung in Betracht

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gestellt werden können, mit den Wesenseinsichten im strengen physiologischen suchen, hat wiederum selbst eine phäno-
Sinne. Wir glauben, daß es im Hinblick auf sie immer noch menale Grundlage in dem Sinne irgend einer "Fürsprache".
eine vorstellbare Durchbrechung gibt- eine Durchbrechung, Ueberall sind uns in der Erscheinungsschicht gleichsam die
die, wie es mir scheint, das Phänomen des Wunders in Wege vorgezeichnet, die uns die in der realen Seinssphäre
einem bestimmten Sinne konstituiert. Wenn ein Stab, ohne liegenden Zusammenhänge aufdecken helfen. Wenn die hier
daß wir einen entsprechenden Eingriff oder eine entsprechende gegebenen "Wegweiser" oder "Fürsprecher" auf Grund von
Kraft ansetzen könnten, wieder "gerade" wfirde, gleichsam tieferen Einsichten ihre wegweisende Funktion als eine be-
aus dem Nichts heraus oder auch mit Hilfe minderwertiger rechtigte verlieren, so scheint doch dieser Tatbestand an und
Kräfte, so wäre dies eben ein "Wunder". Wunderbare Tat- für sich uns keineswegs einer erkenntnistheoretischen Skepsis
sachen sind und bleiben als solche immer unwahrscheinlich; auslliefern zu müssen.
aber sie sind immerhin denkbar. Daß zwei mal zwei auf Werfen wir von hier aus noch einen Blick auf . die für
ir~end eine vorstellbare Weise gleich 5 würde, ist dagegen uns besonders wichtige Gegebenheit von Körperdinghaftig-
mcht derrkbar ("denkbar" natürlich nur im Sinne von sach- keit. Das physische Phänomen, in dem sich Körperding-
licher Möglichkeit genommen). Aber wir können uns auf haftigkeit ausprägt, kann sich seiner spezifischen Artung nach.
diese sehr interessanten undklärungsbedürftigen Zusammen- wie bei jenem Fall des gebrochenen Stabes, als nur teilweise
hänge nicht weiter einlassen. fundiert in einem bestimmt gearteten Körperding erweisen,
Wenn jedenfalls ein Stab auf einer solchen "einsich- oder aber als überhaupt nicht in Materie fundiert.
WiE~ kann nun z. B. eine Einsicht zu Stande kommen, daß
tigermaßen" für eine bestimmte reale Veränderung seiner
jenE~ auf das Postament hingespiegelte Figur keine "wirk-
selbst ungenügenden Grundlage unter bestimmten Umständen
eine Erscheinungsweise annimmt, die als solche nichtsdesto- liche", d. h. keine überhaupt material fundierte ist.
weniger auf eine solche reale Veränderung hindeutet, so Auch diese Einsicht ist schon möglich, wenn wir m
wird man eben wegen jener "Einsichten" berechtigtermaßen der Sehsphäre selbst bleiben: eine solche gespiegelte Figur
die Erscheinungsweise als eine bloß täuschende ansetzen ist immer relativ auf einen bestimmten Sehstandort. Von
und nach einer Daseinserklärung dieser suchen; wenn sie einem anderen aus also ist sie nicht sichtbar. Wie kann
gefunden ist, und eine ähnlich geartete Einsichtigkeit wie- aber ein wirkliches Körperding relativ auf einen Sehort sein?
derum selbst besitzt, scheint die Auffassung von der optischen Sein plötzliches Verschwinden und Wiedererstehen wäre ein
Täuschung gesichert. ebensolches Wunder w:e jene plötzliche Stabgeknicktheit.
Denken wir von hier aus an jenen Fall von den beiden Und wenn nicht innerhalb der Sehsphäre, so kommt doch
an und für sich gleich schweren, aber verschieden schwer bei dem Versuch des Anfassens das Nichtvorhandensein der
erscheinenden Kugeln zurück, so scheint uns der Tatbestand, Materialität zur vollkommenen Evidenz. Ein Körperding ist
daß sich die beiden Wagschalen im Gleichgewicht halten; wesenhaft anfaßbar.
auch hier wiederum die Einsicht in ein an und für sich Der Frage gegenüber, ob es nicht also prinzipiell stets
nicht verschieden schwer sein Können mit sich zu fUhren. möglich sei, daß ein gegebenes Körpergesichtsphänomen nicht
Daß wir im ersten Fall die Erklärung des Täuschungs- in wirklich vorhandener Materie fundiert ist, also das Dasein
phänomens in physikalischen Verhältnissen, im zweiten in von sogenannten Kötpergesichten nirgends wirklich Mate-
rialität vorauszusetzen braucht (da sie ja, wie die Täu-
kommenden) wohl zu scheiden, wenn man bei den jetzt heran- schungsfälle zeigen, ebensogut ohne diese Fundierung auf-
gezogenen Fällen immer noch in einem gewissen erweiterten treten können und andererseits analoge haptische Täuschungen
Sinne von apriorischen "Einsichten" und ,. Wesenseinsichten• ebenfalls vorkommen), müssen wir wiederum auf den Tat-
sprechen kann, so sicherlich von solchen nicht bei den Konsta-
tierungen, daß der Zucker süß ist oder daß das Feuer heiß ist. bestand hinweisen, daß - ungeachtet aller möglichen Täu-
Ich kann mich noch so sehr in die materiale Qualifikation von schungen - eine bestimmte Artung von physischen Phäno-
Zucker als solche vertiefen, · - ich finde keine Anhaltspunkte menen als solche immer weiter das wahrhafte Vorhandensein
die seine Süßigkeit irgendwie nnotwendig" machen könnten. D~ von Materialität und die Gegründetheit dieser Phänomene
auch für diese Sachverhalte in einem gewissen Betracht obwaltende
Notwendigkeilsbewußtsein gründet vielmehr allein in der tat- in eben diesen materiellen Trägern predigt. Gegenüber dieser
sächlichen Einzelerfahrung. Die Art, wie dre Süßigkeit als an "Fürsprache" können jene als solche ja immer wieder auf-
den Zucker gebunden und in ihm gegründet erfahren wird, klärbaren Täuschungsfälle, in denen uns das Gegebene gleich-
spricht als solche für eine konstante Verbindung. In unseren sam "anlügt", nichts besagen. Es ist ein vot' Sc h e I er
jetzigen Ausführungen aber handelt es sich um Einsichten, ab-
g e s eh e n von aller Einzelerfahrung. (Aufsatz über die Selbsttäuschung a. a. 0.) mit Recht so

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scharf betonter Mißstand der modernen Erkenntnistheorie, der t e n findet. Einzelnes hoffen wir an anderer Stelle weiter
die ganze Welt von den möglichen Täuschungsfällen aus ausfUhren zu können.
bestimmen und erklären zu wollen. Wir s t ü t z e n uns
immer wieder auf das Gegebene, wenn wir Materie an- 4. E i n i g e s ü b er d i e S t e I I u n g d e r L e h r e v o n d e r
setzen und keine mögliche Täuschung kann uns dieser Ge- Daseinsrelativität aller Wahrnehmungsobjekte
gebenheitsgrundlage berauben. Neue und sehr schwierige, auf empfindende Lebewesen innerhalb der
obgleich für die erkenntnistheoretische Frage nach der "Seins- positivistischen Weltanschauung überhaupt.
absolutheit der Außenwelt" keineswegs verzweiflungsvolle Dazu Einiges über die Lehre der Daseins-
Probleme bringen die eigentümlichen Tatbestände der I lallu-
zination und des Traumes mit sich. relativität der sinnlichen Qualitäten als solche.
Wir wiesen schon oben darauf hin, daß die Lehre von
Wir können hier nur einige mögliche Untersuchungs- der prinzipiellen Relativität alles Wahrgenommenen und alles
richtungen in Bezug auf den Traum andeuten: Auch wenn Wahrnehmbaren und damit alles als seiend Anzusetzenden
es tatsächlich so liegen sollte, daß zwischen Traumgegeben- auf ein physiologisch bestimmt organisiertes wahrnehmendes
heit und Wachgegebenheit kein wesenhafter immanenter Lebewesen zu einer recht groben Widersinnigkeit führt, in-
Unterschied bestünde, der als solcher auf die Daseinsrela- dem jene Lebewesen dann als das einzig Absolute und in
tivität der Traumwelt auf den Träumenden hinweisen oder ihrer Absolutheit einzig und allein Faßbare angesehen werden.
zum mindesten die Art des Erlebens im Traum zu einer für Welche Vorzugsstellung innerhalb der Welt des Gegebenen
die reine Erkenntnis minder verläßlichen machte, so würde ganz unbegreiflich ist und jener Relativitätslehre selbst direkt
doch an der Stelle des Traumentweichens, wie wir zuwiderläuft. Wir sahen weiter, daß die Tatsachen, auf die
glauben, wiederum die negative Einsicht stehen: das sich eine solche Lehre stützt, in keinem Sinne zu diesen
eben, nämlich im Traum Gegebene k a n n nichts Reales absurden Konsequenzen hindrängen. Vers t ä n d I ich scheint
gewesen sein; so k a n n einsichtigermaßen die reale Wirk- uns das Uebersehen dieser Widersinnigkeifen nur dadurch
lichkeit nicht zergehen und entschwinden, wie es die Traum- zu werden, daß innerhalb der philosophischen Einstellung
welt tut. Mit der spezifischen Art seines Entschwindens bei der vagen Rede von der Daseinsrelativität aller Wahr-
enthüllt mir der Traum im letzten Augenblick gleichsam noch nehmungsobjekte auf ein wahrnehmendes Subjekt der em-
seine wahre Natur und damit auch seine Stellung als auf pirische Ursprung dieser Lehre vergessen wird und der
mich daseinsrelativ. Lebte ich vorher i m Traum als ein "empirische" Relativismus in einen "metaphysisc~en." ü~er­
zur geträumten Welt selbst Gehöriger, so werde ich jetzt geht (vgl. die frühere Anmerkung). Die WidersmmgkeJten
zum Daseinsträger eben dieser Traumwelt Eine wahrhafte treten in oft grotesker Weise immer nur dann zu Tage, wenn
Umkehr des Verhältnisses findet an der Schwelle des Er- diese Lehre entweder mit jenen Erfahrungszusammenhängen
wachens aus dem Traume statt. begrundet oder die doch innerhalb der natürlichen Welt-
Hiermit ist allerdings noch nicht gesagt, daß ich nicht anschauung immer wiederkehrende Vorstellung von einer
wieder001 in eine Traumwelt hinein aufwachen könnte. Aber daseinsabsoluten Welt mit physiologischen Tatbeständ,en "er-
wieder müssen wir sagen, daß die Art der Außenwelts- klärt" werden soll. Hier wiederum scheint jene erkenn tn i s-
gegebenheit eine beständige Predigt ihrer wahrhaften Realität p h i I o so p h i s c h e Voraussetzung vergessen zu sein. Der
und Daseinsautonomie ist, die das Vorhandensein aller Physiologe oder Psychologe hat das Wort und er setzt (wie
Träume nicht zu entkräften vermag. NatUrlieh wäre es hier eben berechtigtermaßen jeder naturwissenschaftlich Einge-
für eine irgendwie erschöpfende Klärung der Sachlage wie- stellte) mit seinen Urteilen alle die Seinsbestände naiv vora~s,
derum die notwendige Aufgabe: herauszuheben, in welchen die er seiner erkenntnis-kritischen Stellung nach andererseits
Gegebenheitsmomenten jener Realitätsanspruch gründet. Das als nicht realiter vorhanden bestimmt. Was hier erklärt wird,
für uns Wichtige ist, daß es sich nicht um einen dunklen sind natürlich dann immer nur die an o m a 1e n Fälle, vor
und auf psychologischem Wege irgendwie zu erklärenden allem die Täuschungen, d. h. alle die möglichen Vorkomm-
"Glauben" oder einen "natürlichen Instinkt" und dergleichen nisse, bei denen im Einzelfall das vorausgesetzte Fundament
handelt, sondern daß ein klarer und vorurteilsfreier Blick (der Daseinsabsolutheit, der Materialität u. s. w.) tatsächlich
auf die AußenweHsgegebenheit bei abstandnehmendem Be- zu fehlen vermag. 1) jener metaphysische Relativismus nimmt
wußtsein diesen "Glauben" als einen in der Gegebenheits- 1) Ein außerordentlich charakteristisches Beispiel dieser gekenn-
weise der "Außenwelt" gegründeten und von ihr gefor- l~eichneten naturwissenschaftlich-philosophischen Stellun., scheint

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bei den verschiedenen Positivisten eine verschiedene Form . . Wir sehe!! es als durchaus keine widersinnige, sondern
an, bei Mach, wie wir schon sahen, eine besvnders eigen- m Ihrem spezi~llen. Ge~alt wohl verständliche Anschauung
artige und für das positivistische Verfahren überhaupt be- an, daß man die Sinnlichen Qualitäten als prinzipiell
sonders lehrreiche: relativ auf empfindende Lebewesen ansetzt. Wollte man
Sein "Weltbild" ist nämlich von demjenigen, was eigent- dagegen das Seiende überhaupt, also z. B. auch die mate-
lich den ursprünglichen Gehalt jener Relativitätslehre aus- riellen Dinge als solche in diese Daseinsrelativität hinein-
macht, völlig entleert. Wir sahen oben, daß er den Begriff beziehen,. so würde~ un~ d:'lfür_ ü.etzt abgesehen von jener
des empfindenden oder wahrnehmenden Wesens vollkommen gekennzeichneten Widersmmgkeit) Jedwede sachliche Anhalts-
streicht (natürlich nur wo er Philosoph, nicht wo er Physiologe punkte und jede einleuchtende Vorstellbarkeif fehlen. Man
ist) und nur von Funktionalbeziehungen zwischen verschieden- kann sich wohl denken, daß in einer tieferen Seinsschicht
artigen Komplexen spricht. Die Formel: - Wenn das eine, die Sinne die sinnlichen Qualitäten den Dingen gleichsam
dann auch das andere, oder: Mit der Veränderung des einen zuwachsen lassen, und sie in ihrer an den Dingen haftenden
auch die Veränderung des anderen, ist die alle möglichen Stellung tragen und halten, nicht aber daß sie für das Sein
verschiedenartigen Sachlagen deckende. Jeder inhaltlich be- der die sinnlich- anschauliche Sphär~ wesenhaft transzen-
stimmte und als solcher irgendwie verständliche Zusammen- dkrenden Dinge in irgend einem Sinne verantwortlich ge-
hang zwischen den Relationsgliedern ist ausgeschaltet: wenn macht werden können. Um im Sinne einer analogen Wendung
sich das Licht verändert, verändert sich auch der Schatten; Dt~scartes' zu reden: Die Dinge und insbesondere die Kör-
das ist eine Erfahrung, ·- es könnte ebensogut auch um- perdinge enthalten mehr Realität als dasjenige auf das relativ
gekehrt sein; nur daß die Erfahrung das umgekehrte Ver- sie hier Existenz besitzen sollten. '
hältnis nicht zeigt. So auch ist eine gewisse Veränderung . Was n_u? Jene ers_te Lehre betrifft, von der prinzipiellen
gewisser Elementkomplexe gesetzt mit der Veränderung der ~asei~srelat!Vl~at der Smnesqualitäten, so wagen wir nicht,
Komplexe, die wir menschliche Leiber nennen. hte~ 1rgend eme bestimmte Meinung zu äußern. Tiefer
Man sieht leicht, daß durch diese Wendung die Rela- gretfende sachentprechende Erwägungen müßten hier ent-
tivitätslehre ein ganz anderes Gesicht erhält. Man kann nicht schei.den .. Jedenfalls ist der Tatbestand, daß stets gewisse
mehr davon reden, daß die Sinnesorgane irgendwie Produk- ph:~swlogtsc.he Prozesse die Voraussetzung für die Gegeben-
tionsbedingungen der sinnlich anschaulichen Gehalte, daß h ~ 1 t von dtesen Qualitäten bilden, kein irgendwie ins Ge-
die Iche Daseinsträger jener Gehalte sind. Sie werden nicht Wicht fallendes Argument. Denn hiermit wird eben nur die
mehr als das selbst Daseinsabsolute vorausgesetzt. Es be- Gegebenheit der physischen Welt relativ auf eine bestimmte
stehen nur die funktionalen Veränderungsbeziehungen. Wa- sinnliche Organisation.
rum und wie verständlich - das muß dahingestellt bleiben, ~ine u~s s~hr wichtig erscheinende Schwierigkeit wäre
es handelt sich um letzte und als solche hinzunehmende allerdmgs mit. emer solchen speziellen Relativitätslehre ge-
Tatsachen. Aber wenn so die ganze Lehre minder wider- setzt: Wenn die Farbqualität allererst Dasein erhält mit und
sinnig und an sich klarer und einfacher wird, so scheint es in dem jeweiligen Wahrnehmungsakt, wie sollte man sich
uns doch andererseits, daß da, wo die Veränderungsbe- dann das, wie wir meinten, zur Materie als solcher wesen-
ziehungen in keiner Weise mehr irgendwie sachlich ein- haft gehörige "Gesicht" denken? Oder wächst dieses eben-
sichtige sind, ihnen auch das sie irgendwie sachlich berech- falls erst dem Körperding im Wahrnehmungsakt zu? Dies
tigende Fundament entzogen wird. Man hat vergessen, daß scheint uns eine wenig einleuchtende, fast widersinnige Vor-
man sich ursprünglich auf bestimmte empirische Zusammen- steill.ung. Oder soll man ein gewissermaßen "farbleeres"
hänge und Einsichten stützte; das aus diesen Einsichten und qesicht ansetzen, - eine eigentümliche und schwer voll-
Zusammenhängen Gefolgerte und in einer durchaus kon- ziehbare Vor~tellun~. Aber wir haben nur Schwierigkeiten
struktiven Weise zu einem absoluten Seinsgesetz Erweiterte und Untersucnungsnchtungen angedeutet. Wir wissen nicht
ist zur dogmatischen Voraussetzung geworden. ob man überhaupt zu einer solchen Relativität der sinnliche~
uns im II. Band der "Kritik der reinen Erfahrung« von Ave- Q~alitäte.? entsch.~idend ~o~ irgend e.iner ~eire her gedrängt
n a r i u s geboten [in dem übrigens mit den "Aussagen" der ein- wtrd. Fur uns fallt vorlaufig am metsten ms Gewicht daß
zelnen Individuen ein (allerdings phänomenologisch in keinem ihre eigene Gegebenheitsweise durchaus gegen eine ;olche
Sinne durchgearbeitetes) außerordentlich reichhaltiges Material Auffassung spricht.
an möglichen Erlebnissen niedergelegt ist]. Eine speziellere
Charakterisierung dieses eigentümlichen Werkes hoffen wir später-
hin zu geben.

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V. Spezielle Auseinandersetzung mit der erkenntnis- Es ist zunächst, wie schon oft betont worden ist, eine
vollkommen falsche und leicht zu widerlegende Ansicht, daß
theoretischen Bedeutung des Sensualismus. al.les Gegebene sich aufteilen lasse in die beiden Bereiche
Fast alle unsere bisherigen Ausführungen können nur d{:S Physischen und Psychischen und dementsprechend tnt-
dem einsichtig werden, der nicht von dem Vorurteil blind weder in äußerer oder innerer Wahrnehmung faßbar sein
ist, daß nur sinnliches Empfindungsmaterial gegeben sein müsse. Aber hierauf wollen wir nicht eingehen, sondern
kann. Alle die Momente, die wir bei einer reinen Hin- wir wollen uns der Anlage unserer Arbeit gemäß auf das
nahme des Vollphänomens diesem immanent fanden und die in der physischen Sphäre irgendwie Auffindbare beschränken:
uns gegen den erkenntnistheoretischen Relativismus ent- Auch hier fällt Wahrnehmung nicht schlechthin mit "sinn-
scheidend Stellung nehmen halfen, zeigten uns, daß keines- licher Wahrnehmung" zusammen.
wegs bloß sinnliche Elemente und diese in irgendwelcher "Wahrnehmung einer der physischen Sphäre ange-
zeitlicher und räumlicher Ordnung gegeben, oder, wie man hörigen Gegenständlichkeit," "äußere Wahrn,ehmung" und
auch sagt, "uhmittelbar" gegeben sind. , "sinnliche Wahrnehmung" sind zunächst drei streng von
Der Reichtum der unmittelbaren Gegebenheiten, der einander abzuscheidende und einzeln abzugrenzende Akt-
Reichtum des in den Phänomenen selbst Vorfindbaren ist einheiten, obwohl sie miteinander in mannigfachen Bezieh-
ein unermeßlicher; dies offenbart sich dem sofort, der nur ungen stehen und keine glei hsinnigen Einteilungsglieder
einmal versucht hat, in der Einstellung auf wahrhaft reine irgend welcher Art bilden. "Sinnliche Wahrnehmung" ist
Erkenntnis an einer Stelle festen Fuß in der Welt der Phä- andererseits keineswegs ein so einfaches Gebilde, wie es jene
nomene zu fassen. Theorie meint, sondern von komplizierter und in ihrer Kom-
Wenn wir, von Materie sprechen, so ist das keine d unkte pliziertheit recht schwer faßbarer Struktur.
metaphysische Entität, die wir auf einem nach Erkenntnis- Die Aehnlichkeit oder Gleichheit zweier Farben, zweier
gesichtspunkten nicht ganz reinlichen Wege irgendwie heraus- Töne, zweier Dinge werden, als Gegenständen der Außen-
spekuliert haben; sondern wer sich nur immer wahrhaft dem welt zukommende, selbst in Akten äußerer Wahr n eh -
hingibt, was ein gesehenes oder angefaßtes Körperding dar- m u n g gefaßt. Aber so wie Aehnlichkeit ein letzter Tat-
bietet, für den wird diese Idee Erfüllung in der realen Ge- b€:stand ist, eine Relation eigentümlicher Art, die nicht aus
gebenheit finden. Wenn auch, wie wir sahen, Materie die einer Anordnung sinnlicher Elemente auf irgend eine Weise
sinnlich anschauliche Sphäre stets transzendiert, so genügt he:rauskonstruiert werden kann, so kann auch ihre Erfassungs-
doch, - unbeschadet des Momentes, ob im Einzelfall realiter weise als solche keine "sinnlicher" Art sein, obwohl sie durch
fundierung in Materie vorhanden ist oder nicht- das was sinnliche Akte fundiert oder auch mit solchen verwoben zu
aus d~r eigentümlichen Qualifikation der auf sie hinweisenden sein vermag. Ich nehme die Aehnlichkeit der Farben i m
physischen Phänomene zu entnehmen ist, vollauf, um Materie S{:hen, die der Töne im Hören wahr; aber ich "sehe" oder
in ihrer eigentümlichen Wesenheit aus dem realiter Gegebenen "höre" sie nicht. Es kann sein, daß mir allein das Aehnlich-
selbst reinlich herauszuheben. keitsmoment als solches zur Gegebenheit kommt, aber nicht
Wir müssen aber, wenn wir auf diese Weise dem Sen- zugleich der Tatbestand, daß es die Aehnlichkeit zweier b e-
sualismus mit unseren bisherigen Ausführungen schon indirekt stimmter Farben oderzweierbestimmter Töne ist (ein
entgegengetreten sind, doch noch auf ihn selbst etwas näher Bewußtsein, das sich etwa ausdrücken läßt in den Worten:
eingehen. da ist oder war etwas Aehnliches); dann brauche ich weder
Der Angabe, daß einzig und allein "Empfindungen" die Farben eigentlich gesehen, noch die Töne eigentlich ge-
oder "sinnliche Inhalte" unmittelbar gegeben seien, entspricht hört zu haben, sodaß selbst die Fundierun g der Aehn-
auf der Seite der Akte, daß "sinnliche Wahrnehmung" der lichkeitserfassung in sinnlichen Akten fehlt. An der Gleich-
einzig mögliche Zugang zu dem Gegebenen darstelle. Die heit der beiden Erlebnisse, bei denen hier die Aehnlichkeit
"sinnliche Wahrnehmung" spaltet sich in dem Bereich der auf beiden Seiten heraustritt, sieht man besonders deutlich
äußeren Wahrnehmung in Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, ihre eigene Unabhängigkeit von der Differenziertheit der sinn-
Tasten, kurz alle die Akte, denen jeweilig ein eigentümlicher lichen Sphären. Analoges wäre zu sagen von der Erfassung
sinnlicher Gehalt der physischen Sphäre entspricht. Der einer bestimmten Anzahl (ein, zwei u. s. w. Dinge) der Raum-
Gesamtheit dieser gegenüber tritt die innere Wahrnehmung, formen und Bestimmtheiten (Gradheit, Rundheit u. s. w.). Daß
mit der psychische Inhalte erfaßt werden. hier noch im Einzelnen recht klärungsbedürftige Schwierig-

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keiten liegen, bleibt dabei g-ewiß nicht Ubersehen. 1) Deut-
licher wird das hier Gesagte noch werden, wenn wir die vorliegen kan:1, so bedarf es doch auch andererseits für das
Eigenart der sinnlichen Wahrnehmung selbst in Angriff ge- wahrnehmende Ich, dem der Leib zugehört, nicht eines "hinaus-
nommen haben. greifenden" Aktes- so wie er vorliegt,. wenn ich mi_: mein~n
Der eigene Leib ist gewiß eine der realen physischen eigenen Leib von außen oder sonst emen Fremdkorper 1m
Sphäre angehörig-e Gegenständlichkeit, wie ich ihn mir ja Sehen oder Anfassen zur Gegebenheit bringe. Ich brauche
im Sehen und Tasten, also in sinnlichen Akten äußerer mich nur in meinem eigenen psychischen Selbst genügend
Wahrnehmung zur Gegebenheit bringen kann. Aber wenn auszubreiten" und "auszudehnen", um meinen Leib von
ich ihn hier "von außen" habe - wie steht es mit jenem i'nnen zu fühlen. Wenn die seelische Icheinheit als eigen-
Erlebnis, in dem ich ihn "von mnen" fühle. Es scheint mir tümliche Wesenseinheit gewiß nicht irgendwie durch räum-
hier weder ein Akt äußerer, noch auch ein solcher innerer liche Bestimmungen charakterisiert oder abgegrenzt zu werden
Wahrnehmung vorzuliegen, obwohl ein solcher, der in das vermag, noch das Ich im einzelnen räumlich durch die zu~
Haben von sinnlichen Gehalten gewissermaßen eingebettet fällige Leibesausdehnung bestimmt werden kann, so macht
ist (also eine Art sinnlicher Wahrnehmung darstellt). es doch die eigentümliche Zugehörigkeit des Leibes zu mir
Wir können uns hier nich! auf den sehr schwierigen als meines Leibes möglich, daß ich mich gewissermaßen
Versuch einlassen, das was innere Wahrnehmung ist, er- bis in die äußersten Fingerspitzen hineinzufühlen vermag.
schöpfend bestimmen zu wollen; aber soviel scheint uns Die alte Vorstellung, daß die Seele im Leibe wie in einem
gewiß, daß sie in einem ganz prägnanten und einsichtigen Gehäuse oder gar einem Gefängnis darinnen steckt, hat hier
Sinne genommen gebunde:1 ist an die Richtung eines be- ihre, wenn auch keineswegs leicht zu fassende, phänomenale
wußten Ich auf sich seI b s t, oder auf Zuständlichkeiten, Grundlage. Um es grob, obzwar wie ich meine, ganz kenn-
Erlebnisse, Akte u. s. w. seiner s e 1b s t. Und zwar nur auf zeichnend zu sagen: In dieser Selbstausbreitung stoße ich
das psychische oder seelische Selbst, so schwer dies auch gleichsam an meinen eigenen Leib als letzte und unüber-
im Einzelfall von dem leiblichen getrennt zu werden vermag. windliche Ausdehnungsgrenze.I) Natürlich ist der äußerst
Da, wo der Wahrnehmungsakt selbst seine Heimstätte hat, komplizierte phänomenale Zusammenhang zwiscf!en Leib und
muß auch das wurzeln, das in ihm erfaßt wird, damit dieser Seele . hiermit nur angedeutet. Wir wollten uns vor allem
Akt zu einer inneren Wahrnehmung wird. Die in diesem gegen die gerade bei den Positivisten aus leicht ersichtlichen
Verhältnis begründete eigentümliche "Umwendung" zu der erkenntnistheoretischen Motiven verbreitete Anschauung weh-
eigenen realen Ursprungsstätte scheint mir das hier wesent- "· ren, daß das Ich- so wie es für die Positivisten überhaul?t
liche Moment zu sein. keine reale Einheit bildet - auch räumlich nicht irgendwie
Es ist von hier aus klar, daß der eigene Leib nicht in gebunden oder begrenzt sei (siehe z. B. Mach A. d. E. S. 10).
innerer Wahrnehmung erfaßt werden kann. Aber sein ihn DE~r Tatbestand, daß ich in mannigfach charakterisierten Akten
vor allen anderen realen physischen Gegenständlichkeiten dil! ichfremde Welt zu umgreifen und zu begreifen vermag
auszeichnendes Verhältnis zu dem Ich macht andererseits eine (wahrnehmend, vorstellend, erkennend, liebend, mich an ihr
allein ihm eigentümliche Gegebenheitsweise seiner selbst fre:uend u. s. w., u. s. w.), spricht nur für unsere Auffassung,
möglich. Wenn hier nicht die nur für die innere Wahr- da. die Eigentümlichkeit aller dieser Akte in ihrer "nach außen
nehmung charakteristische Umwendung auf das eigene Selbst Gerichtetheit~ nur auf Grund der eben angegebenen Erwä-
gungen, wie wir meinen, zur Klarheit gebracht werden könnte~)
1
) Schwierigkeiten, die besonders darin wurzeln, daß alle die hier ') Wenn wir hier das Moment des "Nichtweiterkönnens" betont
genannten Gegenständ!ichkeiten ontologisch genommen formaler haben, um den Tatbestand der räumlichen Abgegrenztheit als
Art sind und wesenhaft in irgendwelöem Material fundiert sein solchen herauszustellen, so braucht natürlich andererseits das
müssen, wenn sie realiter gegeben sein sollen. Um es roh, aber Erlebnis, daß man sich in seinem eigenen Leibe fühlt, und ihn
unzweideutig zu sagen: Es muß Etwas da sein, das gerade, ganz ausfüllt, keineswegs stets durch dieses Moment au~g~zeichJ_Jet
das ähnlich ist, das eine Zweiheit bildet u. s. w., so wie es oben zu sein, sondern kann etwa von der Freude an der volhgen Em-
spezifisch Farben oder Töne waren, deren Aehnlichkeit erfaßt heit von Leib und Seele getragen werden.
wurde. Man könnte meinen, daß es eben wegen dieser Daseins- l) Ebenso wenig scheinen uns jene möglichen, sehr_ eigentümlic_hen
unselbständigkeit solcher Gebilde unmöglich wäre, sie für sich Tatbestände daß man sich an andere Orte oder lll andere Zeiten
zu erfass:n, ohne zugleich das Material, das sie auszeichnen, hineinve~setzen, in ichfremden Welten verlieren, in
mitzufassen, so· die Farben mitzusehen, die Töne mitzuhören. diesen oder in anderen Menschen aufgehen kann, wie auch
Aber wie dem auch sein mag, ein irgendwie wesentlicher Ein- die, daß man die ganze Welt liebend um faßt _u. s. w.,. mi~ un~erer
wand könnte dies nicht sein, da ja im Gegenteil das Erlebnis Anschauung unvereinbar. Man müßte alles dieses bei grundhcher
des Mit fassens eine getrennte Fassung voraussetzt. Klärung der hier obwaltenden Verhältnisse in seiner Eigenart
herausstellen.
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- und damit auch die Eigenart der äußeren Wahrnehmu~g
als äußere Wahrnehmung. Nur we:n ~a~ V~rhander:sem täuschungserlebnisse, wie sie vorliegen, wenn ich beim Hin~
dieser in die ichfremde Welt erkenntmsmaßtg hm_ausgretfen- greifen statt des vorher "gesehenen" Federhalters plötzlich
den und die Gegenstände dieser Welt eben hter und als ein schwarzes Stück Holz in der Hand halte, machen dies
ichfremde erfassenden Akte (Akte, die sich als solc~e v~n sichtbar. Dem also, was mir da an sinnlich anschaulichem
den das eigene Selbst oder die realer: Vorkommn~sse m Gehalt erschien (jenes schwärzliche Etwas) war für mein
diesem erfassenden nur durch eb~n dte_se Außenncht~ng Bewußtsein eine bestimmte Stelle in der realen Welt zuge-
unterscheiden) völlig unsicht~g ~ebhe?en 1st, 9er kann et,ne wiesen worden: In ihm war mir ein Federhalter sichtbar ge-
Alternative aufstellen, wie wtr sie bei M a c_h m de~ Anal) se worden. Obwohl ich das betreffende Ding (hier den Feder-
der Empfindungen S. 23 finden. (Vgl. Sette 27 dteser Ar- halter) faktisch nur in die reale Welt hineingesetzt habe
beit, wo die in Betracht kommende Stelle zitiert ist.) Als ob (d. h. hineingesetzt als ein für mein Bewußtsein Daseiendes)
die Grenze für dasjenige, was vom Ich wahrnehmend erfaßt steht es doch da als ein von mir aus ihr Herausgefaßtes.
werden kann mit der Grenze des realen Ich selbst durchaus Aber diese Herausfassung, die sich phänomenal an die Stelle
zusammenfali'en inüßte. Das sind dogmatische Vo.~au~setz­ einer tatsächlich vorhandenen Hineinsetzung oder Hinein-
ungen, die gewissermaßen über den Kopf des tatsachhch~n sehung schieben kann, ist eben von eigentümlicher Artung
Vorhandenen hinweg angenommen werden. Durc~ und. m - einer Artung, die wir bisher nur durch die Wendung
den gekennzeichneten Akte_n kann . das. Ich eben ü?er stch charakterisiert haben: vollzogen bei versunkener Bewußtseins-
selbst hinausgreifen. Mit Ihnen. wt:d Jene A~te:nattve, daß haltung. Wir stellen ihr jetzt gegenüber die "ausdrück-
die Dinge entweder in das Ich hmem- oder hmüber:van~ern liehe Gegenstandsfassung". Wir wollen diese letztere
müßten um erfaßt zu werden, oder daß das Ich steh uber zuerst von anderer Seite her für sich betrachten, indem wir
die ga~ze Welt hin ausweiten müßte, hinfälli~_;. . zunächst von ihrer Gegensätzlichkeit zu der Gegenstands-
Nicht so leicht als das Vorhandensein dteser Akte em- fassung bei versunkenem Bewußtsein absehen.
zuseheh ist es, sie in ihrer Eigenart völlig s!chtbar zu. haben. Ich kann auf das Dasein einer Gegenständlichkeit aus-
Wir können hier nur innerhalb des Beretchs . der mneren drücklich "den Finger legen"; hiermit wird sie erst a 1s
Wahrnehmung einzelne Moment~ herausheben, dte uns helfen eine das e i ende bewußt gefaßt. Dieses "als" ist selbst-
sollen, andere Tatbestände, so msbesondere _zuletz!. den der verständlich nicht urteilsmäßig zu nehmen. Ich brauche jenen
"Empfindungsgegebenheit", abzuheben: Wu knupfen an Fed,~rhalter in keiner Weise als Federhalter urteilsmäßig zu
frühere Erörterungen über den Unterschied von "gegenstand- identifizieren, um den hier gemeinten Akt zu vollziehen. Das
fassendem" und "gegenstandversunkenem" Bewußtsein an Geriichtetsein auf den betreffenden Gegenstand wie auch das
(vgl. S. 88 ff. dieser Arbeit). Von gegenstandversunkenem ~e­ Geöffnetsein für ihn sind notwendige Voraussetzungen für
wußtsein sprachen wir da, wo _etwa der Gegenstand ~~e~­ diesen Akt; das eigentlich Entscheidende ist aber dann jener
punkt meines praktischen Tuns Ist, ohne daß er von .. m1r. m eigentümliche Vorgang, den wir mit der Wendung: man legt
Erkenntniseinstellung als solcher irgen~wie. geg~nst~ndhch geistig den Finger auf das Dasein des betreffenden Gegen-
gefaßt worden wäre. Wir sprache:1. wett~r 1m Hmbh7k auf standes, zu fassen suchten. Man kann auch und vielleicht
die hier charakteristische GegebenheJtswetse der phystschen besser noch sagen, man setzt den Gegenstand noch einmal
Phänomene von bloßen Erscheinungen, die ~ommen und geistig an seine mir von ihm als ihm zukommend angezeigte
gehen, ohne daß sie in ihrer Eigenart als d~~etende und als Daseinsstelle. In diesem Moment liegt das Aktive, das
so daseiende ausdrücklich gefaßt worden waren. in die Gegenstandswelt Eingreifende des Erlebnisses.
Wir müssen nun jetzt mehrerlei so~gfältig sondern, das Aber man beachte wohl das in den Worten "noch einmal
bisher noch nicht auseinander. getreten tst: .. • geistig" und "mir von ihm als ihm zukommend angezeigte"
Bei den hier zunächst ins Auge gefa~ten Faller:, also Angedeutete. Er handelt sich keineswegs um ein Setzen des
da, wo irgendein Gegenstand Zielpunkt memes pra~hschen Gegenstandes in dem Sinne, daß er allererst durch diesen
Tuns ist ist doch dieser auf der vorhandenen Erschemungs- Akt zu einem Gegenstand mit bestimmter Daseinsform und
grundlage immer irgendwie als sol~her gefaßt - d. h. z.. B. Das,~insstelle würde, womit also dem Akt eine gewisse
der Federhalter den ich zum Sehretben aufnehme, der Bnef- schöpferische Funktion zukäme. Keine schöpferische, wohl
kasten, auf den' ich zugehe, um einen. Brief _eir:zu~tecken, das aber eine geistig nachschaffende Funktion kommt ihm zu:
Glas, aus dem ich trinke, sie alle smd m1r m th_rer realen Der Gegenstand wird in seinem Dasein geistig bestätigt
Selbstgegenwart irgendwie b e w u ß t. Eben Jene Ent- oder auch mit Beschlag belegt. Erst jetzt ist der Gegen-
stand ein wirklich gefaßter, ein im Erkenntnissinne
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wahr-genommener. Dieses Wahr-nehmen oder als leb lasse sie gleichsam stehen, wie sie stehen, ohne mich
wirklich Nehmen ist kein bloßes Erleiden, sondern ein Tun, irgendwie erkenntnismäßig mit ihnen einzulassen.
wie wir gesehen haben, und zwar ein Tun, bei dem das wahr- Es gibt da eine eigenartige Einstellung, die der natür-
nehmende Ich den Gegenstand an eben der Daseinsstelle faßt, lichen Bewußtseinshaltung fremd ist: ich kann meinen Blick
die er einnimmt;- bei einem Gegenstand der äußeren Welt voll auf einen Gegenstand richten und sich ihn mir in deut-
also faßt es 1in diese Außenwelt hinein. lichster und leibhaftigster Weise darbieten lassen, aber alles
(Es kann dann weiter ein sich Vertiefen in den Gegen- bewußte ihn Fassen zum Stillstand bringen. (Im Unterschied
stand und seine Eigenart geben, ein sich ihn mehr und mehr zu dem in natürlicher Einstellung beständig . vorhandenen
zum geistigen Eigentum Machen; aber man sieht, daß dies Tatbestand, daß mir eine ganze Gegenstandswelt erscheint,
schon ein Weiteres, mit jenem ersten geistigen mit Beschlag ohne daß ich - auf etwas anderes gerichtet und mit etwas
Belegen nicht notwendig Mitgeset~tes ist.) anderem beschäftigt für sie irgendwie da bin, bin ich in
Man wird sofort sehen, daß diese ganze Bewußtseins- dieser künstlichen Einstellung, wenn überhaupt auf etwas,
haltung gegebenen Gegenständlichkeiten gegenüber nicht so auf den betreffenden Gegenstand selbst gerichtet und
irgeudwie gebunden sei!J kann an bestimmte si:mliche Akte, öffne mich ihm voll als dem gesehenen und zu sehenden
noch mit diesen sich zu differenzieren vermag. Ob ich im Gegenstand.) Damit erhält das Sehen etwas Leeres oder
Hören eines Tones eben diesen Ton in seinem Dasein fasse, Blindes. Oder auch etwas Ungenügendes, so als käme ich
oder im Sehen einer Farbe oder eines Dinges diese Farbe nic:ht eigentl eh an den Gegenstandsbereich heran, auf den
oder dieses Ding, im Sehen der Dunkelheit diese Dunkel- ich doch beständig hinstarre. Bildhaft oder kulissenartig
heit oder im Fühlen meines Leibes von innen her eben diesen treten die Erscheinungen auf und ab; jede geistige Durch-
Leib - das bleibt sich für die Eigenart des wahrnehmenden dringung, schon jedes "Bewußtsein von" im eigentlichen und
Fassens selbst völlig gleich. In das Hören, das Sehen, das strengen Sinr.e fehlt
Fühlen begibt sich das gegenstandsfassende Bewußtsein nur Was wir hier künstlich erzeugten, ist auch erlebbar
jeweilig hinein, weil diese die einzigen Zugangsmöglichkeiten dicht nach dem Aufwachen oder bei starker geistiger Er-
zu den gesehenen, gehörten, gefühlten Gegenständlichkeiten müdung: ich finde mich noch in keiner Weise in die Um-
bilden. welt hinein; ich vermag sie in keinem Sinne als solche zu
Diese sinnlichen Erscheinungsgrundlagen und die sich fassen.
in sie einbettenden gegenstandsfassenden Bewußtseinsakte Hiermit entfallen notwendig als überhaupt für mich
sehen wir noch deutlicher bei Beachtung des folgenden Tat- daseiend alle im fassenden Bewußtsein unmittelbar mitg~­
bestandes heraustreten: Es ist keineswegs so, daß der ge- faiBten aber nicht im engeren Sinne gesehenen Bestände: es
samte Bestand alles dessen, was bei irgend einer Wahr- entfällt das Dasein der bestimmt qualifizierten Rückseite, es
nehmungsposition "erscheint" und nicht gerade ausdrück- entfällt die Mitfassung alles dessen, was über die engere
I ich " als ein Daseiendes und als ein so Das~iendes gefaßt Wahrnehmungssphäre hinausliegend doch noch flir mich da
wird ( d. h. in der Weise, die wir eben zu schildern ver- zu sein vermochte. Sobald ich meine "geistige Hand" von
suchten), stets überhaupt irgendwie gegenständlich gefaßt dem Tisch im Nebenzimmer fortziehe, verschwindet er völlig
sein müßte - wie dies in den bisher betrachteten Fällen aus meinem Gesichtskreis; denn er ist ja nicht so gegeben,
d~r Fassung bei versunkenem Bewußtsein doch immer irgend- daß er sich meinem Gesicht mit einem sinnlich anschaulichen
wie ~tatt~atte. Es. braucht nichts weiter vorzuliegen, als das Gehalt irgendwie "aufdrängen" könnte. Oder wie wir früher
Dasem etner Gestchts-, Gehörs-, Gefühlserscheinung in dem sagten: es ist allein meine Sache, ihn mir zu Gesicht zu
Sinne, daß sich irgend ein bestimmter Gehalt meinem Ge- bringen.
sicht, Gehör oder Gefühl darbietet, ohne daß auf meiner Seite Aber ehe wir n0ch weiter auf die Eigentümlichkeit der
irgend etwas Weiteres geschähe, als ein v o 11 kommen bloßen Erscheinungsgegebenheit eingehen, müssen wir, zu
passives Sich Bedrängen Lassen von diesen Gehalten. unserem früheren Unterschied von ausdrücklicher Gegen-
Auch hier geben sich diese erscheinenden Gehalte - standsfassung und solcher bei versunkenem Bewußtsein oder
und das ist für alles weitere sehr wichtig - an ihrer Da- wie wir jerzt lieber sagen wollen, schIich t er Gegen-
seinsstelle und mit ihrer spezifischen Daseinsform; sie geben stand s fass u n g zurückkehrend, no h folgendes betonen:
nichts weniger, als was sie auch dem sie gegenständlich . Damit Dinge der nicht eigentlich sichtigen Sphäre für
fassenden Bewußtsein geben würden. Ich erleide ihr Sich mich da sind, ist keineswegs notwendig ein sie ausdrück-
Geben, aber es ist kein eigentliches Annehmen ihrer selbst. t i c h als daseiend fassendes Bewußtsein. Wir sahen schon

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früher, daß. es für die Gegebenheilsweise des Briefkastens, keine Erkenntnis zustande kommt (sondern nur
des Zielpunktes meines Ausgangs, keinen wesentlichen Unter- "blinde Anschauung"),
schied für mich auszumachen braucht, ob ich ihn schon und daß
wirklich sehe oder nicht (nach unserer früheren Termino- 2. die bewußte Setzung des Gegenstandes als eines
logie, ob er sich mir kundgibt oder nicht). realiter daseienden sich gründet in einer reinen Hin-
nahme des von diesem sinnlich anschaulichen Er-
Was unterscheidet nun so wesentlich jene eigentliche scheinJngsgehalt selbst Geforderten. Diese Forde-
und ausdrückliche Wahr-nehmung von dieser schlichten rungen vermögen sich nicht den Smnen eindrucks-
Gegenstandsfassung und macht sie zu einer unter erkenntnis- mäßig aufzudrängen; darum kann ihnen wesenhaft
theoretischen Gesichtspunkten allein vollwertigen? Wir nur e n gegenstandsfassendes Bewußtsein gerecht
werden zu einem weiteren Unterschied gedrängt. Auch den werden. Wo dieses nicht vorhanden ist, da bleibt
im weiteren Sinne "sichtigen" Gegenständen gegenüber ist die bloße Eindrucksgegebenheit übrig; die Momente
eine ausdrück I ich e Daseinsfassung natlirlicr. möglich; sie dagegen, mit denen sie eine bestimmte Gegenstands-
ist von einer bloß schlichten, bei versunkener Bewußtseins- fassun~ fordern, ruhen ungeh ;ben.
haltung zu unterscheiden. Ich kann auch auf das reale Wir fassen no:h einmal zusam:11en. Zu unterscheiden sind:
Dasein oder Sosein der Dinge im Nebenzimmer geistig den 1. Die ausdrückliche Gegenstandsfassung.
Finger legen, sie a l s realiter daseiende bewußt fassen. 2. Die schlichte Gegenstandsfassung.
Aber dieser bewußten Daseinsfassung fehlt hier jene 3. Die bloße Erscheinungsgegebenheit
oben erwähnte Erscheinung-sgrundlage. Wenn sie an- Auf diese Erscheinungs- oder Eindrucksgrundlage
dererseits bei der schlichten Gegenstandsfassung von selbst- müssen wir jetzt noch etwas mel1r eingehen, um zur Em-
sichtigen Gegenständen vorhanden ist, so fehlt hier wiederum pfindung, die wir bisher noch nirgend antrafen, zu gelangen.
(zur Konstitution jener eigentlichen und echten Wahr 11 eh- Diese Erscheinungsg-egebenheit selbst kann, wie sofort ein-
m u n g), daß sich der Gegenstand fassende und ~egen­ leuchtet, in ihrer Geformtheit und Geordnetheit schwerlich
standssetzende Akt bewußt gründet oder stützt auf d1e Oa- als pures Empfindungsmaterial angesprochen werden. Aber
seinseigenart des Erscheinungsgehaltes selbst, sodal) er als doch stellt sie, wie wir oben sahen, das eigentlich s i n n-
eine Erfüllung der in diesem Gehalt liegenden f01llcrungen I ich e Fundament für die äußere Wahrnehmung dar. Wir
dasteht. brauchen gew:ssermaßen unser Gesicht, Gehör, Gefühl nur
Wenn wir oben das diesem Akt immatlctlte Moment offenzuhalten, damit die entsprechenden Inhalte zur Ge-
echter Aktivität betont haben, um es von jenem Erlebnis des gebenheit kommen. Diese Offenhaltung oder dieses Offen-
bloßen Erscheinungen Habens abzuheben, Sll mlisscn wir sein der "Sinne" ist natürlich etwas ganz anderes als die
jetzt das in den Ausdruck Wahr-nehmun~ so hczcil'llncml oben erwähnte erkenntnismäßige Geöffnetheit des Bewußt-
aufgenommene Moment der Ne h m un ~ oder des Nchtncns seins für die zu fassenden Gegenstände, aber ich glaube, daß
besonders beleuchten. Nur da, wo das ausdr!icklidlc auf auch sie einer, p h ä n o m e n a l e n Tatbestand darstellt (nicht
das Dasein des Gegenstandes ~eisti~ den Finger Lc~en fundiert in einer bloß tatsächlichen Aufnahmebereitschaft der be-
ist in einer reinen Hinnehmung des sich ~chenden Gehaltes, treffenden Sinnesorgane besteht). Als aktuell erlebter
der als solcher für das reale Da~ein eben dieses Gegen- tritt er wohl heraus bei jener uben geschilderten künstlichen
standes spricht oder es fordert, haben 'wir eine Wahrnehmung Haltung dem Erscheinenden gegenüber, im Hinblick auf die
in dem hier o-emeinten echtcsten Sinne -- ein \Vahrneh- sich mir das alte Bild aufzwingt von den Bewußtseinsfenstern,
mungssinn, de~ nicht orientiert ist an dem Erlebnis, das wir durch die jene verschiedenartigen Gehalte in dieses Be-
in der natürlichen Lebenseinstellung mit Wahrnehmung zu wußtsein hineinleuchten.
bezeichnen pflegen, sondern erwachsen ist als der f~r rein.e Aber sie bleiben - und das ist hier das Wesentliche
Erkenntnis allein in Betracht kommende. Das was s1ch mtr - für das Bewußtsein in ihrer. geformten und geordneten
gibt, als ein solches zu fassen und so zu fassen, wie es sich Gegenüber- und Außenstellung.
mir gibt, das bedeutet uns hier Wahrnehmung. Wir haben des öfteren schon von der "Geformtheit"
Das Wesentliche also für uns ist, daß der Erscheinungsgehalte gesprochen und dabei die Verständ-
1. bei einer bloß passiven Aufnahme des sinnlich-an- lichkeit dieses Ausdrucks soweit wenigstens, als es für unsere
schaulichen, obzwar keineswegs irgendwie unge- Betrachtung notwendig war, vorausgesetzt. Jetzt aber kommt
formten oder chaotischen Erscheinungsgehaltes noch es uns auf das Moment diesei Geformtheit selbst an.

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' ' '. ' ·~ ' •. ,,~~ -~ .\·>·,
In dem früheren Abschnitt ülier das Dirtgbewußts~rn;~-:- ~­ tmd ~heDheitsweisen. darinnen steckt: Anders, wenn es
grenzte sich uns das zur Dingfassung geeignete Materi~l 'tluren' ·--~- :': de&ill K~rdittg als die ihm anhaftende Qualität zukommt
seine "innere Form" ab, die ein'e äußere Forirt -anere-f.st1 ·:rt"" usd 4ft deBs.e.n Da.s.einsartung teilnimmt, anders wenn es in
möglich machte~ Wenn wir demgegenüber von. der For,ffi'" · ir.p.!Mhvelehe dingHebe Eigenformung eingeht und anders
ungebundenheit solcher Quales wie der Dunkelheit, des Lichts, ':'ii.'·q· w,eMQ es in jener oben geschilderten W ~ise frei im Raum~
der freien Wärme u. s. w. sprachen, so müssett wif'je1it noch - ~-"c:'*' ~~ oder liegt. Die Eigentümlichkeit aller dieset den ver-
einmal betonen, daß auch qiesen Oegenständlichkeiten trotz, :·~:::ij sdHe.deoes .Art.en von sinnlichen Quales möglichen f'ormungen
der ihnen mangelnden "Intension" eine gewisse Formung~: r 1 w.abiJw~ z.u kläre~, s.cheint mir eine Hauptaufgabe einer
zukommt, welche die für _:hre ,Eingeordnetheit in· die" teale Oti:Hogut der p.hySJsclten G~genständlichkeiten Zll sein.
Raumwirklichkeit notwendige Voraussetzung .bildet. Zwar::v•t Aber was ist nun hier jeweilig das Identische selbst?
begründete, wie wir sahen, die größere·Ungebundenfleit,'die ·- LlU W~tJ; itt dieses eigentümliche, sinn I ich e Material das in
geringere oder völlig m:1ngelnde Eigengegründetheit im Raum <):;, ~be FD:tJncn t>inzugehen vermag? Was ist das \värme-
eine weit weniger ausgesprochene Außen,.. und Gegenüber'- hali~t. FatVbafte. Tonhafte, das jeweilig alle die verschiedenen
stellung. \Vähren :i kh ein Körperding an seiner bestimmten ' · Occebeoßetten. it1 eine sinnliche Sphäre zus:uumen bindet?.
Eigenstelle im Raum~ zu fasseil gezwungen bin, 'k a n_n ich -. Und -was läßt andererseits alles dieses in das gemeinsame
diese ungebundenen . Quales gar nic!lt an bestimmten Stellen 8et4~ des Sinnlichen lrineinfassen. Bekommen wir das
des Raumes als dort seiend antreffe.n;· in ihrem Wesen-liegt, ~--,. Od\I)(Ufte nie ungeformt zu Gesicht? Und in welcher Weise
wie wir uns ausdrückten, eine gewisse Hiilgebung;~· sie• könnte 5tch ein· solches Ungeformtes bieten und geben?
kommen d_em Blick, dem Gehör, dem Gefühl. von sich aus W'w erinnern hier an jene künstliche Einstellung der
entgegen. Aber doch ist immer, weil eben überhauptformung; pftyJrisdlen Sphäre gegenüber, bei der wir alle Gegenslands-
vorliegt und datnit Eingeordnetheit in die Außenwelt ein sie f,.iiUJC zum Stillstand zu bringen bemüht waren. Wir hielten
Fassen da drau.ßen notwendig. · Und wenn der Blick, die lla.l~rett Blj~k je_doch \'0.11 dem ~sich Gebenden entgegen,
Dunkelheit nicht eig-entlich t'r eHe n kann, so. kann er sie , sodai; ajjef m semer bestimmten f ormung (obzwar in jener
doch in einer schwer .beschreibbaren Weise u mgr eHe n; erbtmton>Winden Weise) "geseht'n" zu werden vermochte.
Auch mit diesem Umgreifen od,er Umfassen ist noch eine Wir k~Hmen uns jetzt noch in eim:m weiteren und radikaleren
deutlich sichtbare· Gegit)iiberstellung des Blicks und des ·««
Sin:r1e physischen Sphäre gegenOber v er s c h I i e ß e n und
durch diesei'i Blick hindun~h die Gegenständlichkeit facssenden ieb meine, daß wir hiermit 711 dem kommen, was wir suchen:
Bewußtseins, einerseits: und des mit dem Blick Umgriffenen der Empfinduf.lgsgegebenheit. Wir können uns künstlich
und als solches bew.tr.ßt Gefaßten andererseits gesetzt. ·· b 1in d rnachea gegen alle jenen Formmomente. in denen
Diese inaeren 'ti.nd ät1ßeren Formen setzen ein Geformtes sich die physische Welt den gt:öffueten Sinnen darbie;e; und
oder Formbares vqr<fus. Wir nannten oben. einmal die Materie dun::h diAi! sie aJlererst zu der geordneten Außeilwelt wL·d.
das wesenhaft lnskh:.:. und Fürsich-Seiende und darrrit das Wir können jede geöffnete H in g e b u n g und A n g 1 e i-
Dingmaterial kat',lfochaen. Wir können ebensogut · sag~n: _· c h .u n g an das Gegebene abstellen: Dann bleibt allein das
die Materie sei ·diis wesenhaft Geformte oder vielmehr kann·' sieb den Sinnen ohne weiteres Aufzwingende, es bleib< diis
man hier Geformtes und Art der Formung überhaupt nicht • übr~g, was unbekümmert um irgendwelches Hi11horchen, Hin-
trennen; Mate~rie 'ist durch und durch (innere) Form; eine s~n. u. s. w ... kurzum alle entgegenkommende Einstellung
entformte Matexie ansetzen zu wollen, scheint mir ein·wiqer- SJ~b tchl:ech~m a~fdrängt. Es ist erklärlicherweise nicht ganz
sinnig-er Versuch. ··. , I~Id~t, SIC~ In e1~e solch~ ?um p f e Bewußtseinshaltung
'Demgegenüber stehen aber die in alle möglichen For- : ., h~ß.eHnub-nngeil; nu.:ht nur m Jener oben geschilderten Weise
mungen e}ngehenden sinnlichen Qualitäten_:_.:._ p.ies~'.fhr.~-­ dJe von dem Geg~benen ausgehenden fassungsforderun(J"en
sogenannte '"Sinnlichkeit" scheint mir mit der ihnen \)lög-- · ni,ht zu erfüUen, sondem diese Forderungen selbst z~m
Iichen Entforinung erig zusammenzuhängen. Blicken· _Wir etwa · -~{· . Scbtweigcn zu bringen. Am besten erreicht man dies einem
auf die Wärme eines. Körpers einerseits und die freie Zimnfer- ni.cbt in deutlicher Weise gegebenen Gegenstandsbereich
wärme andererseits oder auf die Oberflächenfarbe eines geg-4!~nüber, in dem die Formen Jn und für sich etwas Ge-
Körperdinges und auf alle jene weiteren möglichen Gegeben- löik:~ und Verschwommenes haben. Und besonders leicht
heitsweisen von Farbe, wie wir sie teilweise früher erwähnten. gelingt diese Ilerauslösung des sinnlichen Materials aus seiner
Wir können von dem überall identischen Wärmequale oder f.ormung b.eJ Gegenständlichkeilen, die als solche keine
Farbquale sprechen, das in diesen verschiedenen Formungen sior.ellge Gebundenheit besitzen, also etwa bei der Dunkel-

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heit, der Lichtfüile u. s. w. Das sinnHebe Materhtt · drr~·:lli gewöhnHeben Seherlebnisses ein mit diesem Sehen irgendwie
und für sich zu völliger Hingebung an die Stfl'rle. W81r 'Wir v~rwo.benes Empfindungserlebnis abheben zu lassen. Denn
die Materie das spezifisch Zurückhalt.errde, ll'fS~efte mit diesen: Leuchten. durchbricht die Farbe gleichsam den
nannten, so können wir das Sinnliche als das spezi~t$ s<re·h Bann, der i~r durch Ihre Gebundenheit an das Körperding
Gebende kennzeichnen. Nur die jeweilige Form tW~ auferlegt Wird. Das also, was durch jene künstliche Ein-
ihm Zurückh~1ltung auf und bindet es in die Atißet't'W'ei1J ~. stellun?" oder in jenem anomalen Zustande des Aufwachens
So wie wir oben jenes sonst nur durch k~h'e &- :<?~er Ems~hlafens gesetzt wurde, erreichen hier die Qualitäten
stelhmg erreichbare Erlebnis der reinen Eindrucksgere~ .~e!llst ~urch ih.r~ . eigene ihnen eigentümliche Artung. So
verwirklicht fanden in einem bestimmten AafW'Scfile~ta4iWH'I, J<b111gt eJJl Ton 10 un.s. hinein, wenn. wir mit etwas anderem
so auch den hier angedeuteten möglichen Zt:f~ bl~ ,ßeb.r~ beschäfti~ und auf dieses hin konzentriert sind; wir
Empfindungsdaseins in einem noch früherem ~ittm ·t(~ ,: . .w.erden uns qteses Tonempfindungserlebnisses erst bewußt
Aufwachens; denn die Weise, wie uns jenes silll'lfictre· Maft'l'fal wenn w!r ·1f~n Ton gegenständlich gefal)t haben; in diese 1~
allein noch gegeben sein kann, wenn jede Porlftll"ft'g' 9'fM< itWn . '.A~g.~nbh~. aber .h?ben .wir auch keine Tonempfindung mehr,
abgestreift ist, scheint uns die Empfindung :ttr s~·. · sond!!m h9ren .emen Ton.
E:npfindung ist, wie wir hier ~111*h ~tonen . -"' · Das bierstattfindende eigentümliche "Einspringen" des
wollt;n, eine Gegebenheitsweise und Empftma.- _.Mt- ··empfunde~e~ Geh~ltes in das geformte und geordnete Außen-
stimmt geartete Gegebenheitserlebnts*;: ~tictft, aCJer·katwlt~ " weit~.d?.Sett1, 1st ..als besonders charakteristisch für die ganze
Ausdruck als solcher verwandt wet:ti~ :m:r ~Mwna~ltllg . Sachlage vor,t.·uns etwas näher ins Auge zu fassen: Als purer
des in diesen Erlebnissen zur ~eiJe:nhe:it ·~, ~ E.mpfindungsinhal~ ist . jenes Tonhafte etwas "S u·b je k-
wenn auch wesenhaft nur besti'm'Jilt geat'1'etes Matel!icl~ in ,. t 1'.l.e. s " <1~ I:rr es 1st eben das in m ich· Hineinklingende, das
dieser empfindungsmäßigen We:ise lllf Oeg:eb~ k~ an ~jie J>!orten m.e in es sinnlichen Daseins -und damit auch
kann. Materie kann nicht, oder doeh AlUlr in· mem' ~ metnes 6ewußtseins Anklopfende. Aber wie kommt es
anderen Sinne "empfu:n.dle'n" wevelen. Wir W&ftlen· tllas M ~aß ~i~~ ein in dieser Weise zunächst Gegebenes dann z~
Empfindungsweise üegebeae E:m p·fi n<di~Jfllg's:mtaJ~Ifpal ident!fmeren vermag mit dem darauf gehörten Ton; der seine
nert.nen. SinnUche Quares sind mög:lmhes E:Rtpfil dlllq'S- Dase~nsstelle unabhängig von jeder Beziehung auf mich
ma~tiial. Da, wo sie als Körp:er.'tßt~ten ooet m• ~ (wemgstens. doch phänomenal unabhängig) da draußen in
weJc.hm dinghaften Formungen oder . ~•u~t in '-"IW ~ie' .m der We~t des realen. Se.ins und Geschehens hat, den jeder
Me Welt des real'en physischen Seins hineilf~R! liMM a~dere: ebensogut . wie i~h zu hören vermag~ Wie können
gesehen, gehört u. s. w. werr<t~. werci~n si~ nJ~e:hlt,etW­ · ·Wit mit .solcher .Sicherhei.t sagen: Jenes Klopfen im Zimmer
P f u n d e n. Dte OOOdUictu.mfarlJe e:i nes ~~rpetrs ea\pf!iMt'e . unter. n:ur ~ar es, das m1ch schon fortwährend "unbewul)t"
i.ch nicht als solche, soudem ich sehe· sie. ~:oder '<luch Im "Unter~ewu&ts~in" ~estört hat? Wir sprachen
Wir komnren jetzt auf jenes im, ersten ht~h-;. ·()?en von dem Erlebms des Etnspnngens, das hier die Brücke
stadium oder auch vor tkm Einsclüafen antr~ Eltqffttt~o btldt~t. Wenn wir ·etwas näher zusehen, so läl)t sich die
dungsdasain Lrurück: S~c~lag~ ·etwa folgendermal)en charakterisieren: der in mich
Was wir hier et:leben;· können· wir nm~ rü~fwllan'; ;htn.emkhngende Ton bahnt ~it s~inem in mich Hineinklingen
denn in~erbnlb dieses Zustands ist es •ms,Jt>iW•!J.Ig6 ISiälJt• metnem fassenden Bewußtsem emen Weg zu sich' hin;
lieh, kann es uns nicht gegensW.nd44eb ftin> ~s ist nichts Das. in,., Empfindungsweise Gegebene scheint mir -
weiter v;orh'an"den, als das, was jene uns se.hr M.nero1u.._.d ·• un_d das .I~t das für uns Wichtige - auf einen außerhalb
erscheinen~ Wendung besagt: unsere Sinne wwden• 3{e- S~lOI~r af!IZJerende~ Stä!te gelegenen Ursprungsort seiner selbst
r ü h r t. Die U.mwelt klopft gleictfsam mit allem;. - . ihr h~~z!~wetsen. Es. Ist ntcht schlechthin ein Inhalt, ·der in den
nach dieser Richtung zu Gebote steht, cm m~rtr ~ Zugangen zu unserem .bewußten Sein auftaucht und schwindet
an und rtUlrt sie, um auf dtese wm-e uttser ~t~ ~wo~~~i .. die~es Hiera~ftauchen ihm jenen Charakter öer .Sub-
fassendes und' gegettstandser.kennenues Rew.ußtstm• ztmr~ .Jekttvttat gibt), sond-ern es haftet ihm seine in einer trans-
zu erwecken. Es gibt sinnliche Quaittäten; dte als- S'Otuhe "lende.nten Sp.häre.1iegende 6eburt wesenhaft an. Auth die
eine besonders große Fähigkeit be.sitfttl, un8er.e, Sinrte: zu ;~mpfmdung Ist ntchts Psychisches - natürlich hur,~ falls sie
affizieren: AUes h.euchnmde, Strahlen~, Knll§'e~.- Stallk- . eme ,sol~he Geburtsstätte·· in der physischen Sphäre in ·der
riechende u. s. w. Da wo etwa eil1e Oberflä~f~ ft~ '"Ta~ besitzt (denn auch Psychisches kann ,in Empfindungs-
sehr Leuchtendes hat, ~heint sich uns sogar innetlhatb• eDles : we1S.1~ gegeben sein). Die Empfindungsgegebenheit selbst

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macht den empfundenen Inhalt jedenfalls nie zu einem psy- für die wahrhafte Erkenntnis dessen, was gegeben ist, ange-
chischen. setzt werden könnte, wie die Bewußtseinslage eines im Ein-
Gleichwohl kann man den Empfindungsinhalt als solchen schlafen begriffenen oder in einer momentanen Betäubung
ebensowenig als etwas der physischen Sphäre Angehöriges befangenen Menschen oder auch eines niederen Tieres, dem
ansprechen. Wir treffen hier wiederum auf ein vollkommen ein bloßes Empfindungsdasein zugeschrieben werden könnte.
selbstständiges Bereich eigentümlicher Gegenständlichkeifen
(eine Einsicht, die vielleicht für den Versuch einer Abgren- Bei einer reinlichen Hingebung an das Seiende stößt
zung der Physiologie unter phänomenologischen Gesichts- man auf eine geformte und geordnete und auf das reichste
punkten wichtig sein würde). gestaltete Außenwelt, stößt man auf Dinge und auf Eigen-
schaften dieser Dinge - nirgends aber auf pures Empfin-
Diese der Empfindungsgegebe:theit immanente Rück- dungsmateriaL
weisung auf die Außenwelt {in den entsprechenden Fällen) Wir sprachen oben mehrfach von gewissen "Ueber-
ermöglicht bei jenen in Betracht gezogenen Fällen des er- springungsstufen ", deren Vorhandensein auf mannigfache
lebten "Einspringens" die Hinleitung zu der bestimmten erkenntnistheoretische Schwierigkeiten hinweisen. Der merk-
außenweltliehen Ursprungsstätte und bringt so die beiden würdigste und klärungsbedürftigste Tatbestand schien uns
ganz verschiedenen Sphären: dieses Empfindungsdasein und der zu sein, daß die physischen Phänomene, die die eigent-
die des realen physischen Seins zur Einheit. Das Bewußtsein liche und wahre Selbstgegebenheitsgrundlage für eine mög-
braucht nur die Richtung einzuschlagen, und es schlägt in liche Ansetzung von realem Sein bilden, als solche in der
jenen Fällen die Richtung ein, die in dem Empfindungs- natürlichen Weltanschauung nie ~egenständlich sind, sondern
erlebnis selbst angedeutet liegt. Selbstverständlich ist es kein zu einer direkten und für das Erleben unmittelbaren Er-
bewußtes Fassen dieser Richtung (das würde der eigenartigen grdfung dessen fUhren, worauf sie ihrer Eigenart nach als
Struktur der ganzen Sachlage direkt zuwiderlaufen), sondern das sie realiter Fundierende hinweisen.
ein durch sie Geleitetsein, das allererst in einem Rückblick Es ist klar, daß nach unserer und wie wir glauben
auf das Erlebnis als ein diesem immanenter Faktor heraus- phänomenologisch rechtmäßigen Fassung un.d A~gren~ung
gehoben zu werden vermag. Die gegebenen Andeutungen des Begriffs der Empfindung die Gegebenhettswetse ~teser
mögen genügen. Alles dieses mUßte in sorgfältiger phäno- sinnlich ansr hauliehen Grundlage innerhalb der natürlichen
menologischer Einzelarbeit zu weiterer Klarheit gebracht Wt~ltanschauung nie als Empfindungsgegebenheit arrge-
werden. prochen werden kann. Denn wenn sie auch nicht im strengen
Wenn somit die Lösung des erkenntnistheoretischen Sinne gegenständlich wird, so wird sie doch als solche
Einzelproblems, mit welchem Recht ich das in der geschil- irgendwie gefaßt; wie könnte sonst ihr~ spezifische ~rtung
derten Weise empfindungsmäßig Gegebene in jenen Identi- überhaupt als Grundlage jener realen Semssetzungen dtenen.
tätszusammenhang mit dem Sein der realen physischen Sphäre Das Empfindungserlebnis selbst aber steht, wie wir sah"en,
bringe, keine allzu schwierige sein dürfte, so wird ebenso mit einer bewußten Fassung des in ihm Gegebenen (auch
aus dieser ganzen Sachlage hervorgegangen sein, daß für die einer dumpfbewußten) in direktem Widerspruch. .
erkenntnistheoretische Problematik überhaupt die "Empfin- Wenn die Empfindung irgendwelche der Erkenntnis
dung" nicht im mindesten die Rolle spielt, die ihr öfter zu- diEmende Rolle spielen soll, so kann sie wesenhaft nur jene
gewiesen wird. Auffallend ist uns Yor allem, daß da, wo auf die Gegenstandswelt hinleitende Funktion besitzen. Sie
die sinnlichen Qualitäten nicht durch ihre spezifische Eigenart als "Ueberspringungsstufe" in· demselben Sinn zu n-ehmen,
als in irgend einem Sinne stark affizierende (durch ihr in dem wir diesen Terminus bisher gebraucht haben (also
Leuchten, Strahlen, Klingen, Stechen u. s. w.) wirken, die etwa als vorderste Gegebenheitsschicht), geht demnach nicht
Empfindungsgegebenheit nur entweder bei tatsächlich nicht an.. Es mag sein, daß jede bewußt: qegensta~dsfas!H!ng
völliger Wachheit oder normaler Beschaffenheit des Bewußt- durch ein solches Empfindungserlebms trgendwte h.md1ert
seins oder aber auf der Grundlage einer durchaus k Uns t- wird daß also die Sinne immer irgend "gerührt" werden
I ich e n Bewußtseinshaltung erreicht werden kann - einer müs~en, wenn das gegenstandsfassende Bewußtsein seine
Bewußtseinshalturig, der als solcher eine Minderwertigkeit Funktion ausübt. Wenn dies ein phänomenaler Tatbe-
im Erkenntnissinne anhaftet, weil sie charakterisiert ist durch stand sein soll (und nur auf einen solchen waren wir bisher
ein absichtliches Sich-Vers c h I i e ß e n gegen das, was wahr- na1iirlich gerichtet), so muß er auch irgendwie im Gegebene.n
hait gegeben ist und gegeben zu sein vermag, einer Be- aufweisbar sein. Eine Entscheidung hierüber wagen wtr
wußtseinshaltung, die mit ebensoviel Recht als Fundament noeh nicht zu geben. ·
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Die bewußte Erfassung des realen physischen Seins unbewußt hinzugefügten Bestandteilen untermischt sein könnte,
und Ges~hehens, die mit ihren bisher ins Auge gefaßten ver- so fragen wir (indem wir uns zunächst auf die Anschauungs-
schiedenen Stufen ein wesenhaft geschlossenes Ganzes bildet, grundlage selbst einlassen, auf der diese Frage erwachsen
fordert diese Empfindungsgrundlage als solche, wie wir ist), woher denn gerade das Gegebenheilsbereich als das
meinen, keineswegs. . . erkenntnistheoretisch allein gesicherte bevorzugt wird, das in
Sollte man aber jene Auffassung der Fund1erung emer einem möglichst primitiv gedachten Entwicklungsstadium der
jeden Gegenstandserfassung durch entsprechende Empfin- Menschheit oder des einzelnen Menschen oder auch in einem
dungsvorgänge im Hinblick auf den reale~ ~atb~stand anomalen oder gar pathologischen Zustand eben dieser vor-
fordern, daß die Sinnesorgane stets durch dte Emwukung handen sein mag. Das Moment des Primitiven oder Ano-
der gesehenen, gehörten, gefühlten Gegens!ändlich~eiten malen macht doch gewiß nicht diesen Vorzug aus. Wird
irgendwie affiziert werden müssen, daß also bestimmte SI~m~s­ darum, weil ein operierter Blinder in den ersten Stadien
physiologische Vorgänge die reale Grundlage. daf~r b1!den, seines sehenden Daseins die Welt noch nicht so zu sehen
daß ich einen 'Ton hören, eine Farbe oder em Dmg sehen vermag, wie wir sie sehen, eben diese auf sein anomales
kann so kommen wir aus der rein philosophischen Proble- Stadium relative "Weltansicht" zu einer dem wahrhaft Ge-
matik heraus zu einer naturwissenschaftlichen Jatsachenfrage. gebenen mehr angepaßten, wie auch die des niederen Tieres
Das, was hier noch als "Emp;injung" angesetzt werden oder des Kindes um dieser ihrer Niederkeil oder Unent-
könnte (also irgend welche, mit jen~n ~rganvorgän~en g:- wickeltheit willen? Sodaß je entwickelter, je normaler, je
gebenen Produkte in den Organen) 1st uberhaupt kem pha- wacher das Bewußtsein des Lebewesens ist, auch seine ihm
nomenaler Tatbestand mehr; dies also als das letzte und gegebene Welt eine um so gekilnsteltere, eine vvn dem
einzig "unmittelbar Gegebene" auszugeben, wäre natürlich wahrhaft gegebenen Sein sich umsomehr entfernende wird?
die barste Widersinnigkeit. Man hat natürlich das zeitlich oder genetisch zuerst und
Nie kann andererseits, und das ist für uns das Wesent- insofern ursprünglicher Gegebene nicht mit dem ursprüng-
liche aus dem Sachverhalt, daß jede Wahrnehmung realiter lich Gegebenen ·im erkenntnistheoretischen Sinne als
eine~ bestimmt gearteten physiologischen Vorgang voraus- dem unverfälscht Gegebenen zu verwechseln.
setzt und daß mit Hilfe dieses physiologischen Vorgangs Und weiter: Wenn sich ein Tatbestand aus einem
recht eigentlich nur die Empfindungsgegeben_heit er k I ä r t anderen entwickelt hat (wie hier die "Weltansicht" des
zu werden vermöchte, gefolgert werden, daß m der Tat nur voll entwickelten und ausgewachsenen Menschen, aus dem
Empfindungen überhaupt gegeben sind. Wenn ich unter eint~s primitiveren Lebewesens), so wird doch damit nicht
gewissen physiologischen Bedingungen nur sehen kann, so der Eigenwert des -zweiten Tatbestandes vernichtet und sein
besagt dies natürlich nicht, daß mir d_as Sehen a~les _dess.en, möglicher Höherwert aufgehoben. Das Moment, daß· siGh _
was mir auf dieser realen Grundlage m der Tat Sichtig w1rd, unsere Welt-Anschauung, d; h. hier die Weise, in der sich·
aus eben dieser Grundlage verständlich gemacht werden einem normalen und vollsinnigen Menschen diese Welt dar----'
müßte. Andererseits besitzt weder der Satz, daß nur das bietet, irgendwie entwickelt hat, ist für die Frage, welchen
gegeben sein kann, für dessen Gegebenheitsweise eine ein- erkenntnistheoretischen Wert sie besitzt, völlig i ne4 e v an t.
deutige, physiologische Grundlage angesetzt zu werden ver- Es kann diese nach der angegebenen Richtung weder ent-
möchte, Einsichtigkeit, noch der, daß erst dann e_twas als werten noch auch alferdings als solches ihr einen Höherwert
gegeben bezeichnet werden darf, wenn die Art semer Ge- verleihen. Diese erkenntnistheoretische Frage als9 mit bio-
gebenheit physiologisch fundiert worden ist. logischem 'oder pathologiscliem Tatsachenmaterial entscheiden
Bei der Frage nach dem, was gegeben ist, haben wir zu wollen, erscbeint uns um so widersinniger, je mehr wir
nur das Gegebene selbst zu fragen. Dieses schon allein sie ins Auge fassen.
darum, weil jene dogmatischen Einschränkungen auf natur- Aber wie ist jetzt überhaupt Entscheidung möglich?
wissenschaftlichem Grunde erwachsen sind, also selbst alles Wessen Welt bringt das wahre Sein am reinsten, am unver-
das voraussetzen, dessen Ansetzungsrecht erkenntnisthec.- fälschtesten zur Darstellung? Denn vergessen wir wiederum
retisch in Frage steht, eine Widersinnigkeit, der wir schon nicht: ein Lösungsversuch, der darin bestünde, den Wert und
öfter Erwähnung taten. Sinn dieser Frage selbst zu verfälschen, darf nicht als ein
Wenn es weiter problematisch erscheint, das heraus- solcher angesprochen werden. Besäßen wir in der Tat
lösen zu können, was das wahrhaft Gegebene ist, da ja das keinerlei Entscheidungsmöglichkeit über den erkenntnistheo-
uns als gegeben Erscheinende schon mit mannigfaltigen retischen Vorzug der Weltansichten auf bestimmten biolo-

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gischen Entwicklungsstadien vor anderen, dann würde diese
Einsicht für uns eine Erkenntnisresignation im allergrößten
Maße bedeuten. Nicht können wir zugeben, daß es im Grunde
gar keinen Sinn und Wert hätte, nach etwas Weiterem als Nachwort.
der Beschaffenheit einer jeweilig auf ein bestimmtes Ent-
wicklungsstadium relativen W cltdarstellung zu fragen. Es Die vorstehende Arbeit wurde vor 9 Jahren von mir
geht nicht an, die absolute Erkenntnis als solche zu ent- ges.chrieben. 1 ) Es lag damals in meinem Plan, die in ihr
werten, weil man sie nicht besitzen zu können glaubt. vielseitig aufgerollte, aber fast nirgends systematisch durch-
Aber stehen wir nicht mit solchen Erwägungen schon geführte Problematik späterhin in ihren verschiedenen Ab-
auf einem Boden, der bei näherem Zusehen garnicht der schnitten zu selbständigen Untersuchungen auszubauen. Unter
unsere zu sein braucht? Denn wir meinen keineswegs, daß diesem Gesichtspunkt unterblieb damals der Druck des
es nicht (entgegengesetzt zu jenen sich auf die primitiven Ganzen. In meinem im 3. Bande des "J 1hrbuchs für Philo-
anomalen und pathologischen fälle stützenden Theorien) zur sophie und phänomenologische Forschung" (Verlag Niemeyer,
Einsicht zu bringen sei, dag die Seinsgegebenheitsweise in Hallle) erschienenen Artikel "Zur Ontologie und Erscheinun~s­
eben diesen Stadien oder Zuständen mit erkenntnistheore- lehre der realen Außenwelt" ist jener Plan für einen kleinen
tischer Minderwertigkeit behaftet sind. ersten Abschnitt unter Einbeziehung gewisser Punkte des
Man darf vor allem Folgendes nicht glauben: wenn der letzten Abschnittes zur Ausführung gebracht worden. Hier
Umfang dessen, was in einem bestimmten Entwicklungs- schon mug es auffallen, wie mich Sache und Fragestellung
stadium und auf Grund bestimmter physiologischer Voraus- immer stärker und einseitiger von der subjektiv und er:<ennt-
setzungen gegeben zu sein vermag, relativ sein kann (und nistheoretisch orientierten Seite fort und zur rein ontologischen
in der Tat ist) auf diese betreffenden Stadien mit ihrer spe- Seite hindrängten. Inzwischen ist dieser Fortgang zu einem
zifischen biologischen und physischen Eigenart, so braucht absoluten geworden.
damit nicht auch das in diesen Stadien tatsächlich Gegebene .\!\eine "Realontologie'' (Verlag Niemeyer, Halle) wuflelt
selbst und das als solches in reiner Erkenntniseinstellung mit ihrem gesamten Aufbau auf objektiv ontologischem Bod..:n.
bewugt Gefaßte auf eben diese relativ zu sein. Und der unermegJiche Reichtum der hier erwachsenden Pro-
Wenn ein niederes Lebewesen, das nur Empfindungs- bleme wird mich vermutlich auch weiterhin ausschließlich
dasein besitzt, die ihm gegebene Welt als solche zu erfassen fesseln. Das ist übrigens nicht nur Sache persönlicher
vermöchte (lassen wir die Widersinnigkeit, die in dieser Neigung und Vorliebe, sondern es beruht auf dem mit fort-
Doppelvoraussetzung liegt, als hier irrelevante stehen), so schreitender Einsicht sich verstärkenden Bewugtsein, daß
würde seine Welt zwar eine recht arme, aber damit keine selbst auch die erkenntnistheoretischen Fra:~en I e t z t 1ich
das Sein an sich in verfälschter Weise gebende sein. Die nur ·von einem solchen objektiven Standort aus r e e II an:::
Möglichkeit, daß in späteren Entwicklungsstadien der Mensch- gefagt werden könnten. Reell und also mit Ueberwindun~
heit die ihr in eben diesen Stadien verliehene physiologische des eigentümlich sachleeren und wurzellosen Charakters, den
Organisation ihr Seinsbeslände eröffnet, von denen wir heute ihre Behandlung bei der traditionellen Orientierung an rdn
nichts zu wissen vermögen, bleibt immer bestehen; aber subjektiven Ausgangspunkten wesenhaft hesitzt. 2 ) Allerdings
dieser Tatbestand kann gewiß nicht den Erkenntniswert des könnte der hier maggebende objektive Standort wohl erst
von uns heute schon Erfaßten im mindesten herabdrücken. in der Dimension des Metaphysischen erreicht werden_. So
Das aber bleibt uns der letzte und unverrückbare An- erscheint eine direkte Rückkehr zu den in dieser Arbeit
haltspunkt für diese ganze Sachlage: Wenn wirphilosophisch an1~eschnittenen Fragen und der unmittelbare Ver~uch, sie
überhaupt einen Schritt weiter zu kommen gedenken, dann nochmals aufzugreifen, ausgeschlossen. Als Matenalsamm-
müssen wir uns an das gegebene Sein selbst wenden und lung von sachlich für die erkenntnistheoretische Problematik
mit einer bei jedem Schrilt bewußt festgehaltenen Intention fundierenden Gesichtspunkten und auch in ihrem speziellen
auf reine Hingebung an seine Eigenart und auf Ausschaltung
alles möglichen Hineinsehens und pragmatischen Schema- 1) Sie wurde im Jahre 1912 von der philosorhischen Fakultät der
tisierens dieses Sein möglichst unverfälscht zu fassen ver- Universität Göttingen preisgekrönt. Erwachsen ist sie auf der
suchen. Grundlage meines philosophischen Studiums bei meinem ver-
ehrten Lehrer, Professor Husse r 1.
2
) Hiermit soll nur ein letztes s a chIich es Charakteristikum, nicht
etwa eine sonstige Abwertung ausgesprochen sein.

129 130 -
historischen und literarischen Bezuge hat sie jedoch unsrer
Meinung nach auch jetzt noch ihre Stelle und ihren Wert.
Daher der Entschluß eines unveränderten Abdrucks. Ein
nochmaliges Durcharbeiten hätte - bei der jetzt neu ge-
wonnenen Ebene sachlicher Anschauungsweise - zu Wei-
terungen geführt, die den ursprünglichen Charakter des
Ganzen völlig zerstört haben würden. Der Unzulänglichkeit
der Form und auch manchen Inhalts bin ich mir dabei wohl
bewußt. Natürlich werden sich in speziellen Fragen auch
Widersprüche zwischen meiner damaligen Auffassung und
der heutigen aufzeigen lassen. Hingewiesen sei hier nur auf
den Passus über das ,.Körpergesicht" (ein Begriff, der mir
als 'solcher heute noch gute Dienste leistet), in dem ein
prinzpielies Unsichtigsein der Materie als schlechthin wider-
sinnig bezeichnet wird. Aus der Realontologie ergibt sich,
in wie weitgehend modifizierter Weise ich jetzt darüber
denke. Und so auch mit Anderem - natürlich speziell dort,
wo schon damals ontolo~ische Fragen, jedoch unter ganz
unzulänglichen Gesichtspunkten, gestreift wurden. Weit-
reichende Abschnitte dagegen, die erkenntnistheoretische
Fra~en, insbesondere unter dem Aspekt der Kritik positi-
vistischer Theorien und Anschauungsweisen behandeln, würde
ich auch heute noch durchaus beibehalten. Das ist ja der
eigentliche Sinn der Veröffentlichung: das durch und durch Buchdruckerei Heinrich Mülle•·, Bergzabern.
w:dersinnige und in jedem Bezuge kurzsichtige Weltbild des
Positivismus oder sogenannten Empirismus, das leider selbst
ht>ute n ;cll die durc schnittliehe Bildung allüberall durch-
setzt und zu einer Karikatur macht, auch von dieser Seite
her noch einmal ad absurdum zu führen.

ß_r 2:zabern l92J.

D r. H e d w i g Co n r a d - M a r t i u s.

Druckfehler:
S. 39 Ze le 21 f. von oben lies: geartetem Material
S. -14 , 23 lies ·statt Sphäre: Sehsphäre.
S. 75 5 von unten lies statt imm,"r: itnmer mehr.
S. !MJ 26 lies: ,.Bewußtseins überhaupt"
S. 105 15 , " lies: schetden. Wenn
S. 118 II " oben lies: beschaftigt - für

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