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Universität Leipzig

Fakultät für Geschichte, Kunst‐ und Orientwissenschaften


Historisches Seminar
Seminar: Ostmitteleuropa im 14. Jahrhundert: Wandel, Krise, Blüte?
Dozent: Sven Jaros, M.A.
Eingereicht am 01.10.2014

Von Tannenberg nach Thorn – Katastrophe des


Deutschen Ordens?

Paul Sommer-Weisel
Matrikel-Nummer: 2964537
Anschrift: Karl-Liebknecht-Straße 82, 04275 Leipzig
E-Mail: paulsommerweisel@gmail.com
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 1

2 Die Schlacht bei Tannenberg 2

3 Der Friede von Thorn 6

4 Von Tannenberg nach Thorn 10

5 Quellenverzeichnis 18

6 Literaturverzeichnis 19
1 Einleitung

Die Niederlage des Deutschen Ordens in der emblematischen Schlacht bei


Tannenberg im Jahr 1410 wird gemeinhin als entscheidender Wendepunkt in der
Geschichte desselben betrachtet. 1 Als Kulminationspunkt des in den Jahren 1409 bis
1411 geführten Großen Krieges, in dem die Ordensritter einen erbitterten Konflikt mit
den Streitkräften der kürzlich vereinten polnisch-litauischen Union austrugen, wird die
Schlacht in ihrem Fortwirken in der nationalgeschichtlichen Historiographie 2 zum
epochalen Ereignis stilisiert und stellt bis heute einen konstituierenden Bestandteil im
Mythos der polnischen und litauischen Erinnerungskultur dar. In der historischen
Forschung erscheint die Niederlage als Katastrophe des Deutschen Ordens, mitunter
auch als unheilbare Wunde3, welche seinen „unaufhaltsamen Niedergang“ 4
eingeleitet habe. Demgegenüber erfährt das diplomatische Äquivalent der Schlacht
von Tannenberg in Gestalt des Ersten Friedensvertrags von Thorn eine
divergierende Bewertung und wird zumeist als „günstig“ bzw. allenfalls „erträglich“ 5
charakterisiert.
In der vorliegenden Arbeit möchte ich der Frage nach den Auswirkungen des
Thorner Friedensvertrages nachgehen. Hierbei soll neben einer einleitenden
Darstellung der Ursachen des Konfliktes das Augenmerk zunächst auf den
militärischen sowie diplomatischen Ereignissen im Vorfeld des Vertragsschlusses
liegen. Insbesondere soll nachgezeichnet werden, wie es dem Orden gelang, sich
trotz der Niederlage im weiteren Verlauf des Großen Streythes zu behaupten und
somit eine Stärkung seiner Verhandlungsposition zu erreichen. Den Zielpunkt dieser
Darstellung bildet der Thorner Frieden, auf dessen Betrachtung und Bewertung im
Anschluss der Fokus liegen soll. Ausgehend von dieser Analyse sollen abschließend
zur Klärung der Tragweite des Friedensvertrages für den sukzessiven Abstieg des
Deutschen Ordens dessen Geschichte im weiteren Verlauf des 15. Jahrhunderts mit
den Ergebnissen der Betrachtung und Bewertung der Vertragsbestimmungen in
Beziehung gesetzt werden.
2 Die Schlacht bei Tannenberg
1
Militzer, Auswirkungen der Schlacht von Tannenberg auf den Deutschen Orden, S. S. 94-112.
2
Zur Rezeptionsgeschichte des Deutschen Ordens s. z.B. Schenk, Tannenberg/Grunwald, S. 438-450,
Torbus, Deutschordens-Ideologie, S. 208 sowie Wippermann, Ordensstaat als Ideologie, S. 155–174.
3
Eckdahl, The Battle of Tannenberg-Grunwald-Zalgiris, S. 175 u. Militzer, Geschichte des Deutschen
Ordens, S. 222.
4
Stone, The Polish-Lithuenian State 1386-1795, S. 17.
5
Boockmann, Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, S. 179.
1
Am 15. Juli des Jahres 1410 kam es unweit der Orte Tannenberg und Grünfeld 6 zu
einer der größten Schlachten des Spätmittelalters. 7 Sie markiert den Höhepunkt des
hundertjährigen Konflikts8 des Deutschen Ordens mit seinem östlichen Nachbarn
Litauen, das sich stets der Bekehrung und einer damit einhergehenden Unterwerfung
durch den Deutschen Orden widersetzt hatte, sowie mit dem südlich angrenzenden
Königreich Polen, dessen Verhältnis zum Orden ungeachtet der seit der Herrschaft
Kasimirs des Großen etablierten stabileren Beziehungen 9 ebenfalls von beständigen
Spannungen geprägt war10, welche in den kriegerischen Auseinandersetzungen zu
Beginn des 15. Jahrhunderts gipfelten. An dieser Stelle sollen einleitend
Hintergründe und Ursachen des als „Großer Streyt“ betitelten, in den Jahren 1409-
1411 militärisch ausgetragenen Konflikts in Grundzügen dargestellt werden.
Den Ausgangspunkt des Wandels der politischen Kräfteverhältnisse im
Ostmitteleuropa des späten 14. Jahrhunderts und eine entscheidende Wegmarke auf
dem Weg zur Schlacht bei Tannenberg markiert die im Jahr 1386 besiegelte
Personalunion11 Polens mit dem im Vorjahr bekehrten Litauen. Aus der durch das
Ehebündnis des litauischen Großfürsten Jagiełło mit der polnischen Königin Jadwiga
entstandenen Vereinigung beider Staaten erwuchs dem Deutschen Orden eine
doppelte Bedrohung, die sich aus dem Aufstieg einer neuen militärischen und
politischen Großmacht an seinen Grenzen 12 sowie aus dem Wegfall der
Legitimationsgrundlage zum Heidenkampf gegen die nun christianisierten Litauer
speiste.13 Sukzessive Versuche des Ordens, das fragile Staatsgebilde wieder
aufzubrechen, misslangen.14 Vielmehr festigte der im Jahr 1401 bei Wilma u. Radom
6
Zur Kontroverse um die Benennung der Schlacht in den unterschiedlichen nationalgeschichtlichen
Darstellungen s. Eckdahl, Die Schlacht bei Tannenberg 1410, S. 12-14.
7
Christiansen, The Northern Crusades, S. 230.
8
Zum Verhältnis des Deutschen Ordens und Litauens im 14. Jahrhundert s. Boockmann 1981, S. 151-
168. Zu den so genannten „Litauerreisen“ s. Paravicini, Die Preußenreisen des europäischen Adels, S.
21-44.
9
Mit dem Friedensvertrags von Kalisch gelang es dem Orden, seine Ansprüche auf das 1309
erworbene Pomerellen gegenüber Polen durchzusetzen, vgl. Sarnowsky, Deutscher Orden, S. 46.
10
Diese Spannungen beruhten auf Grenzstreitigkeiten, welche nicht zuletzt durch die Landkaufpolitik
des Ordens provoziert wurden.
11
Grundlage der Personalunion war der Vertrag von Krewo des Jahres 1385, vgl. Baczowski, Die
europäische Politik der Jagiellonen, S. 56.
12
Tumler, Der Deutsche Orden im Werden, Wachsen und Wirken bis 1400, S. 49.
13
In der Folgezeit war der Deutsche Orden bemüht, die Konversion Litauens als Scheinbekehrung
darzustellen, vgl. Gruber, Die Polemik zwischen dem Deutschen Orden und Polen-Litauen, S. 5-7.
14
Zimmerling, Deutscher Ritterorden, S. 234-238. Ein solcher Versuch war beispielsweise das
Bündnis des Hochmeisters von Kniprode mit dem litauischen Großfürsten Vytautas im Jahr 1399 (vgl.
Tumler 1954, S. 50 u. Militzer 2005, S. 193).
2
geschlossene Vertrag15, in dem Jagiełło seinen Neffen Vytautas als Großfürst
Litauens anerkannte16, den Zusammenhalt der neuentstandenen Union.
Die Spannungen zwischen dem Orden und der kürzlich vereinigten Großmacht
brachen anlässlich des Streites um den Besitz der seit 1303 zwischen Polen und
dem Deutschen Orden umstrittene Grenzregion Samaiten 17 aus, die als Korridor
zwischen dem preußischen und dem livländischen Ordensbesitz fungierte 18 und
diesem 1398 im Vertrag von Sallinwerder durch den litauischen Großfürsten
Vytautas abgetreten worden war19.
Jedoch wurde die Unzufriedenheit der Samaiten mit der als Besatzung empfundenen
Fremdherrschaft des Deutschen Ordens von Vytautas weiterhin geschürt 20, bis 1409
ein allgemeiner Aufstand gegen die Ordensherrschaft ausbrach, den der Großfürst
öffentlich unterstützte. Nachdem auch der polnische Gesandte die Parteinahme
seines Königs für die Aufständischen angedeutet hatte, erklärte Hochmeister Ulrich
von Jungingen am 6. August 1409 Polen und Litauen die Fehde. Nach anfänglichen
Erfolgen in den Kampfhandlungen des Jahres 1409 gelang es jedoch keiner
Kriegspartei, dauerhafte Gebietsgewinne zu erzielen, so dass beide Seiten einem
neunmonatigen Waffenstillstand zustimmten. Diese Periode war von erfolglosen
Friedensverhandlungen21 und fortgesetzten Kriegsvorbereitungen22 geprägt, so dass
beide Parteien im Sommer 1410 ein entscheidendes Treffen in einer Feldschlacht
anstrebten. Die anschließende Kampagne 23 gipfelte in der Schlacht bei Tannenberg,
in welcher der Orden eine vollständige Niederlage erlitt, als deren Ursachen die
historische Forschung neben der zahlenmäßigen Überlegenheit der Streitkräfte der

15
Sarnowsky 2007, S. 91.
16
Turnbull, Tannenberg 1410, S. 19.
17
Zuvor hatte Jagiełło selbst die Herrschaft über Samaiten (in den Quellen auch Samaythen, Žomaiti,
Žemaitija bzw. lateinisch Samogitia) 1382 dem Deutschen Orden im Zuge des litauischen
Erbfolgekrieges (1381-1384) abgetreten, vgl. Turnbull 2003 S. 20.
18
Militzer 2005, S. 194.
19
Der Besitz Samaitens wurde dem Deutschen Ordens 1404 im Vertrag von Raciaz ebenfalls durch
Polen bestätigt, vgl. Eckdahl 1982, S. 5.
20
Die Niederlage an der Worskla 1399 markiert den Paradigmenwechsel der Außenpolitik Litauens,
da sie Vytautas zu einer Annäherung an Polen bewog, vgl. Mickunaite, Grand Duke Vytautas, S. 7.
21
Der zur Schlichtung angerufene böhmische König Wenzel IV. sprach am 15. Februar 1410 dem
Orden das Verfügungsrecht über Samaiten zu. Dieses Urteil wurde aber sowohl vom polnischen König
Jagiełło als auch vom litauischen Großfürsten Vytautas abgelehnt. (vgl. Eckdahl, Diplomatie und
Söldnerwerbung vor der Schlacht bei Žalgiris, S. 48–61).
22
Dazu zählen v.a. intensive Söldnerwerbungen, vgl. Eckdahl, Der 1. Thorner Frieden (1411) im
Spiegel der Söldnerfrage, S. 69-78 sowie idem, Das Soldbuch des Deutschen Ordens, S. 6.
23
Überblicksdarstellungen des Kriegsverlaufes im Vorfeld der Schlacht bieten v.a. Turnbull 2003 S.
31-37 sowie Urban, Teutonic Knights: A Military History, S. 199-212.
3
polnisch-litauischen Union24 vor allem entscheidende Fehler der Ordensleitung im
Vorfeld der Schlacht ausgemacht hat 25. Die Schlacht von Tannenberg forderte vom
Deutschen Orden einen hohen Blutzoll 26 und beraubte ihn beinahe vollständig seiner
politischen Führungsschicht.27
Einzig das dreitägige Verweilen des siegreichen polnisch-litauischen Heeres am Ort
der Schlacht verschaffte den verbliebenen Kräften des Ordens in Gestalt des
Komturs Heinrich von Plauen 28 Gelegenheit, mit einem kleinen Verband die
Marienburg zu verstärken und somit den sofortigen Zusammenbruch des
Ordensstaates zu verhindern. Das polnisch-litauischen Heer, das am 19. Juli mit dem
langsamen Vormarsch auf die Hauptfestung des Ordens begann, wurde unterdessen
durch Kapitulationsverhandlungen mit mehreren auf dem Weg befindlichen
Ordensburgen aufgehalten.
Diese Verzögerung ermöglichte von Plauen, der von den verbliebenden
Ordensrittern zum Statthalter des Hochmeisters gewählt worden war, die
Organisation einer improvisierten Verteidigung bis zum Eintreffen der feindlichen
Übermacht. Nach erfolglosen Friedensverhandlungen begann das polnisch-litauische
Heer am 26. Juli mit der Belagerung der Marienburg. Die Siegesgewissheit aufseiten
der Führer der Union nach der völligen Niederlage des Ordens bei Tannenberg
führte jedoch zu einer eher nachlässigen Handhabung der Belagerung 29. Hingegen
wurde die Moral der Verteidiger durch den Erhalt zweier Briefe des livländischen
Ordensmarschalls sowie Sigismunds von Ungarn 30 mit der Aussicht auf baldigen
Entsatz entscheidend gestärkt. Aufgrund der sich zunehmend verschlechternden
Versorgungslage und des Ausbruchs einer Typhusepidemie machte sich in den

24
Die Angaben zu den Armeestärken variieren, vgl. z.B. Stone 2001, S. 16 sowie Boockmann,
Tannenberg, S. 459. Zum Verlauf der Schlacht s. Turnbull 2003, S. 41-70 u. Heveker 1906, S. 37-58.
25
Sarnowsky 2007, S. 93 u. Militzer 2005, S. 221.
26
Das Ausmaß der Verluste des deutschen Ordens in der Schlacht von Tannenberg ist schwer zu
beziffern, da keine verlässlichen zeitgenössischen Opferzahlen vorliegen. Schätzungen bewegen sich
zwischen 4000-8000 Toten auf Seiten des Ordens sowie 4000-5000 auf Seiten der Union, vgl.
Turnbull 2003 S. 74 u. Heveker 1906, S. 56.
27
Die Chronik von Posilges berichtet über den Verlust der Ordensleitung: wend von den gebitigern, dy
des meisters rath worin, nymant blebin was (vgl. Scriptores rerum Prussicarum, S. 319). Insgesamt
fielen bei Tannenberg 203 Ordensbrüder (vgl. Militzer 2005, S. 221). Dies entspricht etwa einem
Drittel der gesamten Ritterschaft des Ordens, vgl. Sarnowsky 2007, S. 93.
28
Von Plauen hatte zum Zeitpunkt der Schlacht auf Befehl von Jungingens die Südwestflanke des
Ordensstaates in Schwetz gedeckt, vgl. Pelech, Heinrich von Plauen 1410-1413, S. 114-117.
29
Der polnische Chronist Dlugosz beschreibt die Belagerer als „unerfahren und nachlässig“, vgl.
Annales seu cronicae incliti Regni Poloniae XI, S. 86.
30
Dieser war in geheimen Verhandlungen im Dezember 1409 gegen die Summe von 40.000 Gulden
ein Bündnis mit dem Orden eingegangen, vgl. Turnbull 2003 S. 74.
4
Reihen der Belagerer eine allgemeine Demoralisierung bemerkbar. Schließlich zog
sich der litauische Heeresteil auf die Nachricht des Anrückens einer livländischen
Ordensstreitmacht von der nunmehr aussichtslosen Belagerung zurück, so dass sich
Jagiełło am 19. September zum Abbruch der Belagerung und zum Rückzug
gezwungen sah31. Den verbliebenden Ordensstreitkräften unter der Führung von
Plauens gelang es innerhalb von zwei Wochen, nahezu das gesamte nach der
Niederlage bei Tannenberg verlorene Ordensgebiet erneut zu besetzen 32; der
erfolgreiche Verteidiger der Marienburg wurde daraufhin am 9. November zum
Hochmeister gewählt. Einen ehrgeizigen Plan des neuen Hochmeisters zur
Gegenoffensive in polnisches Gebiet lehnte der Ordensrat allerdings in Anbetracht
der weitgehenden Erschöpfung der finanziellen sowie militärischen Ressourcen des
Ordens ab, so dass sich der von Plauen zur Aushandlung eines befristeten,
einmonatigen Waffenstillstandes gezwungen sah.
In der Folgezeit führten jedoch weder unterdessen bei Raciaz anberaumte
Friedensverhandlungen mit dem polnischen König zu einem Ergebnis, noch stießen
die Aufforderungen von Plauens zur Unterstützung des Deutschordensstaates im
Kampf gegen die „Heiden und Sarazenen“ 33 auf Widerhall an den europäischen
Fürstenhöfen, so dass der Hochmeister nach Ablauf der Monatsfrist einen
Gegenschlag ins nördliche Polen in das umstrittene Herzogtums Dobrin initiierte und
dieses besetzte. Den gleichzeitig ausgeführten Vorstoß des Ordens auf das
grenznahe Kulmerland unter dem Befehl Michael Küchmeisters vereitelte hingegen
ein polnisch-litauisches Heer in der Schlacht von Krone 34, in welcher dieser in
Gefangenschaft geriet. Die hiermit erzielte Pattsituation bewegte die Kriegsgegner
schließlich zur Aufnahme von Friedensverhandlungen. So stimmten beide Seiten
einem erneuten einmonatigen Waffenstillstand zu. Am ersten Februar 1411 trafen
sich schließlich diplomatische Vertreter aller Kriegsparteien nahe der Festung Thorn
um einen dauerhaften Frieden auszuhandeln.
3 Der Frieden von Thorn

Der als Erster Frieden von Thorn bekannte, unweit der namensgebenden
31
Auf dem Rückmarsch des polnischen Heeres hinter den Grenzfluss Drewa kam es zu großflächigen
Verwüstungen, zusätzlich wurden zur Deckung des Rückzuges mehrere Ordensburgen (z.B. Rehden)
erobert und mit Garnisonen versehen (Elbing), vgl. Turnbull 2003, S. 78.
32
Urban, Tannenberg and After, S. 166.
33
Turnbull 2003 S. 77. Zur litauerfeindlichen Polemik des Ordens s. Gruber 2010, S. 21.
34
Diese als „kleines Tannenberg“ titulierte Schlacht setzte den Hoffnungen des Ordens auf einen
entscheidenden Gegenschlag auf polnischem Gebiet ein Ende, vgl. Turnbull 2003, S. 76.
5
Ordensburg am 1. Februar 1411 auf einer Weichselinsel 35 geschlossene Vertrag
reflektiert den Kontext der Schlacht von Tannenberg ebenso wie die gewandelte
Verhandlungsposition36 des Deutschen Ordens, wie sie sich aus der erfolgreichen
Verteidigung der Marienburg sowie der ab Oktober 1410 unter der Führung des
Hochmeisters von Plauen erfolgten Gegenoffensive 37 ergeben hatte. Im Folgenden
möchte ich auf die wirkmächtigsten Vertragsbestimmungen 38 der im Original
überlieferten Urkunde39 eingehen, deren Hintergründe und Intentionen offenlegen
und die dem Deutschen Orden aus ihnen entstehenden Konsequenzen analysieren.
Auffälligstes Charakteristikum des Friedensvertrages ist das Fehlen weitgehender
territorialer Forderungen Polen-Litauens an den Orden. 40 Dabei stellt die im vierten
Artikel des Vertrages festgelegte Rückgabe der Region Samaiten an Litauen die
umfangreichste Forderung aufseiten der Union dar. Allerdings erscheint die Zession
dieser Region weniger als territoriales Zugeständnis, sondern vielmehr als
Anerkennung der bereits herrschenden Besitzverhältnisse, da der Orden dieses
Gebiet spätestens seit Ausbruch des samaitischen Aufstandes 1409 nicht länger
effektiv kontrollierte. Darüber hinaus erfuhr der Passus eine starke Abmilderung
durch die Beschränkung der Abtretung „ad vitam utriusque“41 der unterzeichnenden
Regenten der polnisch-litauischen Union, die zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses
bereits betagt waren42.

35
Flussinseln als neutrale Orte waren bereits mehrfach Schauplatz diplomatischer Verhandlungen
gewesen, vgl. Neitmann, Vom „ewigen Frieden“. Die Kunst des Friedensschlusses zwischen dem
Deutschen Orden und Polen-Litauen 1398-1435, S. 206.
36
Turnbull 2003 S. 77.
37
Bereits ab September 1410 sah sich der Orden wieder zu umfangreichen Söldnerwerbungen in der
Lage, vgl. Eckdahl 2013, S. 78.
38
Diese finden sich außerdem in der Fortsetzung der Chronik des Johannes von Posilge (vgl.
Scriptores rerum Prussicarum, S. 325-326). Die Nummerierung der Artikel ist modernen Ursprungs.
39
Bei dem am 1. Februar erstellten Dokument handelt es sich um eine Vorurkunde, deren
Bestimmungen mit der separaten Ausstellung der Haupturkunden am 10. Mai 1411 rechtskräftig
formalisiert wurden (vgl. Gasiorowski, Friedensvertragsurkunden zwischen Polen und dem Deutschen
Orden im 15. Jahrhundert, S. 164). Das Vertragsexemplar des Deutschen Ordens ist in der
Quellensammlung Weises (Die Staatsverträge des Deutschen Ordens in Preußen im 15. Jahrhundert,
S. 85-89) ediert, die hinsichtlich der Vertragsbestimmungen identische polnische Urkunde ist im Werk
Sokolowskis (Codex epistolaris saeculi decimi quinti II, S. 39-43) abgedruckt und bildet die
Grundlage der folgenden Analyse.
40
Das von der Ostsee abgeschnittene Polen war unter den Jagiellonen um eine Wiedergewinnung der
im 14. Jahrhundert verlorenen Küstengebiete bemüht, vgl. Wyrozumski, Die territoriale Entwicklung
Polens im Zeitalter der Jagiellonen, S.11.
41
Während der Vertragstext die Rückgabe Samaitens an den Deutschen Orden lediglich als
Möglichkeit anführte (hoc stet in ipsorum voluntate), notiert die Chronik von Posilges: sy [Jagiełło u.
Vytautas] welden is denne dem ordin gebin von irem guten willen. (vgl. von Posilge, S. 325.)
42
Urban, Tannenberg and After, S. 175.
6
Hinsichtlich geringerer territorialer Streitfragen bedeuten die Vertragsbestimmungen
hingegen allenfalls geringfügige Korrekturen bzw. eine Rückkehr zu den
Besitzverhältnissen vor Ausbruch des Krieges. Dies wird beispielsweise in der Frage
der Rückübertragung der terrula Zawkrze an das Herzogtum Masowien deutlich43,
welche im fünften Artikel geregelt wird: Dessen Herzog Semowit V., der die
umstrittene Grenzregion innerhalb der Jahre 1384 bis 1399 und abermals ab 1407
gegen den Willen seines polnischen Lehnsherren Jagiełło dem Deutschen Orden
verpfändet hatte, sollte aus diesem Zinsverhältnis entlassen werden (solutus et
quitatus). Wenngleich die offizielle Urkunde keinen Rückkaufpreis für das Territorium
vorsieht, vermerkt die Chronik von Posilges hier eine Zahlung von „IIIIm schok“
(240.000 Prager Groschen) an den Orden. 44
Auch der siebte Artikel ist geringeren territorialen Fragen, namentlich der Verbleib
der umstrittenen Grenzburgen Driesen (Drezdenko) und Zantoch (Santok) 45
gewidmet. Hierbei verdeutlicht die Einrichtung eines bilateralen Schiedsgerichtes „ad
decisionem duodecim personarum probarum“ zum Entscheid über den Verbleib der
jeweiligen Festungen den von mutualen Verpflichtungen geprägten Charakter des
Friedensvertrages, in welchem beide Kriegsparteien sich zu Zugeständnissen
bereitfinden. Diese Ambivalenz der Vertragsbedingungen erstreckt sich auch auf
weitere Artikel der Urkunde. So begünstigen der im neunten und zehnten Abschnitt
geforderte freie Warenverkehr sowie die Reisefreiheit für Händler zwischen beiden
Herrschaftsbereichen die preußische Seite in stärkerem Maße als ihr polnisches
Gegenüber.46 Auch die im zwölften Artikel angemahnte Anstrengung aller
Vertragsparteien zur weiteren Bekehrung der jeweiligen Untertanen richtete sich
explizit an das erst kürzlich konvertierte Litauen 47, dessen Großfürst Vytautas
namentlich in die Pflicht genommen wird, die neugewonnenen samaitischen
Untertanen zum katholischen Glauben zu bekehren. 48
43
Wenngleich Masowien 1351 im Zuge der polnischen Wiedervereinigung Lehen der polnischen
Krone geworden waren, hatten dessen Herzöge bedingt durch die Schwäche der Zentralregierung eine
eigenständige Politik verfolgen können, vgl. Dlugokecki, Bildung der Grenze zwischen dem
Deutschordensland Preußen und dem Herzogtum Masowien 1343-1422, S. 138.
44
Von Posilge, S. 325-326.
45
Weise 1955, S. 87.
46
Urban, Tannenberg and After, S. 175.
47
Sarnowsky 2007, S. 90. Allerdings wurde auch dem Orden von polnischer Seite mangelnde
Anstrengungen bei der Bekehrung der pruzzischen Untertanen vorgeworfen. Diesen Vorwurf
formulierte 1414 auch der Advokat der polnischen Position, Paulus Vladimiri, auf dem Konzil von
Konstanz gegen den Missionseifer des Ordens, vgl. Gruber 2010, S. 45-59 u. Christiansen 1997, S.
233-246.
48
dux Wytowdus omnes incredulos ad hoc debent tenere, quod fidem assumant christianam et pro
7
Der ambivalente Charakter der Urkunde manifestiert sich auch auf in der im sechsten
Artikel niedergelegten gegenseitigen Bestätigung der jeweiligen Besitzstände des
Vertragspartners. Mit der expliziten Anerkennung des Besitzrechtes des Deutschen
Ordens an der Pomeranie terra (Pommern) et Culmensis terra (Kulmerland) sah sich
die polnische Krone zur formalen Aufgabe ihrer respektiven Ansprüche auf diese
Territorien gezwungen49.
Die Restitution aller Gebiete, quas corona Polonie ante istam gwerram habuit in
possessione, umfasste auch die Rückgabe des nordpolnischen Herzogtums Dobrin
an die polnische Krone. Das ursprünglich im Vertrag von Kalisch Polen
zugesprochene und erneut bei Raciaz50 1404 von diesem erworbene Gebiet war zu
Beginn der Kampfhandlungen 1409 schnell von Einheiten des Deutschen Ordens
besetzt worden.51 Nach der gescheiterten Belagerung der Marienburg wurde es
abermals im Zuge der Gegenoffensive von Plauens okkupiert, um den
diplomatischen Druck zum Abschluss eines Friedensvertrages zu erhöhen.
Allerdings befand sich auch die polnische Krone zum Zeitpunkt des
Vertragsschlusses weiterhin im Besitz mehrerer Ordensfestungen, die ihr teils im
Anschluss an die Schlacht von Tannenberg, teils auf dem Rückzug des polnischen
Heeres in die Hände gefallen waren. Dementsprechend befasst sich der dritte Artikel
des Vertrages mit der Übergabe der noch in polnischem Besitz befindlichen „huser
und stete52“, soweit sie nicht bereits von Ordensstreitkräften zurückerobert worden
waren. Im Wesentlichen handelt es sich hierbei um vier Ordensfestungen, die im
Zuge des Rückzuges des polnischen Heeres mit Garnisonen besetzt worden waren.
Der Artikel sieht deren bedingungslose Rückgabe gemäß der Konventionen des
Fehderechtes vor. 53
Auch ein weiterer bedeutender Bestandteil der Vertragsbestimmungen, welcher die
Freilassung aller bis Vertragsschluss noch in Kriegsgefangenschaft befindlichen
Gefangenen beider Seiten verfügt, reflektiert die Gepflogenheiten des Fehderechts,
das eine unverzügliche Übergabe aller Gefangenen nach erfolgtem Friedensschluss

ampliacione fidei ecclesias construere, sacerdotes in eis locare et omnes errores paganicos evellere.
Tatsächlich bewirkte der litauische Großfürst eine schnelle und effektive Konversion Samaitens, wie
sie der Orden im 14. Jahrhundert nicht hatte erreichen können, vgl. Mickunaite 2006, S. 43-47.
49
Dennoch wurden die polnischen Forderungen im weiteren Verlaufe des 15. Jahrhunderts wiederholt
erhoben, beispielsweise auf dem Treffen von Grabie 1414.
50
Kubon, Der Friede von Racianz/Raciążek, S. 39‒53.
51
Urban, Tannenberg and After, S. 130.
52
V. Posilge S. 325.
53
Eckdahl, Diplomatie und Söldnerwerbung, S. 169–179.
8
vorsah.54 Demgemäß weist der erste Artikel des Vertrages die Annullierung aller
individuell verhandelten Lösegeldforderungen an 55. Hatten sich unmittelbar nach der
Schlacht von Tannenberg noch annähernd vierzehntausend Gefangene in polnisch-
litauischem Gewahrsam befunden56, so war diese Zahl bis zum Zeitpunkt des
Vertragsschlusses auf einige hundert Angehörige des Adels bzw. der Ordensleitung
gesunken, deren Abstammung und Rang Hoffnung auf Lösegeldzahlungen wecken
konnten. Ein solches sicherten sich die Sieger von Tannenberg vielmehr in einem
geheimen Zusatzprotokoll57, welches dem Friedensvertrag am Tag vor seinem
Inkrafttreten angefügt wurde58.
In diesem Verpflichtungsbrief von Plauens wird der Preis für die Freilassung der
Gefangenen sowie der Räumung der Ordensburgen auf hundert tausend Schock 59
böhmischer Groschen, umgerechnet sechs Millionen festgesetzt. 60 Die Summe sollte
in vier Raten an festgelegten Terminen beglichen werden. Bei Nichtzahlung sollte
eine weitere Erhöhung der Forderungen um 720.000 Groschen eintreten. Insgesamt
entsprach dieser Betrag einem Wert von 22.000 Kilogramm Silber. 61 Die Höhe dieser
Forderungen bedeutete für den Deutschen Orden den schwerwiegendsten Verlust 62
und hat in der historischen Forschung Anlass zu kontroversen Beurteilungen der
diplomatischen Ergebnisse des Großen Krieges geboten.

4 Tannenberg und Thorn: Der Anfang vom Ende?

Ausgehend von der Analyse der Friedensvertrages von Thorn sollen im Folgenden

54
Brunner, Land und Herrschaft. Grundfragen der territorialen Verfassungsgeschichte Österreichs im
Mittelalter, S. 106.
55
Beispielsweise hatte sich der bei Tannenberg in Gefangenschaft geratene Söldner Holbracht von
Loym zur Zahlung von 9000 Prager Groschen verpflichtet, vgl. Pelech, W sprawie okupu za jenców
krzyzackich z wielkiej wojny (1409-1411), S. 106.
56
Dagegen stellte die Rückkehr der Söldner in den Lohn des Ordens einen vom polnischen König
intendierten Effekt dar, insofern er zu einer erneuten Belastung der Ordenskasse führte (vgl. Turnbull
2003 S. 78).
57
Eckdahl, Abschrift der Verpflichtung des Hochmeisters Heinrich von Plauen, S. 521-522 u. idem,
Soldbuch des Deutschen Ordens, S. 10.
58
Dieses Vorgehen erklärt sich ebenfalls aus den Rechtsnormen des Fehderechtes, vgl. Neitmann,
Vom „ewigen Frieden“, S. 201.
59
Vgl. auch v. Posilge, S. 325: „muste der ordin dem konige gebin uf tage hundert tusunt schok“.
60
Eckdahl 1986, S. 522.
61
Die Summe entsprach dem zehnfachen Jahreseinkommens der englischen Krone, vgl. Christiansen
1997, S. 228.
62
Militzer 1993, S. 94-112.
9
die Konsequenzen, die dem Deutschen Orden aus dessen Vertragsbestimmungen
entstanden, hinsichtlich deren Relevanz für den perzipierten Abstieg des Deutschen
Ordens analysiert und in den Kontext der historischen Entwicklung des
Deutschordensstaates eingeordnet werden.
Bei der Erwägung der Tragweite des Thorner Friedensvertrages hat sich die
historische Forschung vor allem auf die Beurteilung der Konsequenzen der
finanziellen Belastung der Ordensfinanzen konzentriert. So werden die
Reparationszahlungen häufig als „finanzieller Ruin“ 63 des Deutschen Ordens
bewertet. Tatsächlich erwuchsen dem Orden erhebliche Schwierigkeiten bei der
fristgerechten Bezahlung der vereinbarten Summen. Während sich das Aufbringen
der erforderlichen Geldsumme von 25.000 Schock für die erste Rate mühelos
gestaltete, konnte die zweite Rate über weitere 20.000 Schock 64 nur unter
Zuhilfenahme der finanziellen Rücklagen der Balleien 65 des Deutschen Ordens
beglichen werden66, deren Finanzen in der Folge durch Konfiskationen und
Verpfändungen stark belastet wurden67.
Auch die Finanzen der Ordenswirtschaft in Preußen erfuhren zunächst eine starke
Belastung, die sich neben der Reparationssumme vor allem aus den Aufwendungen
für das Anwerben und Unterhalten von Söldnern 68 ergab. Die Analyse der
Tresslerbücher69 innerhalb der Wirtschaftsjahre des Großen Streytes ergibt einen
deutlichen, allerdings temporären Einbruch der Ordensfinanzen. 70 So reduzierten
sich beispielsweise die Einnahmen der Marienburg als wichtigster
Wirtschaftsdomäne des Deutschordensstaates im Kriegsjahr 1410 auf ein Viertel des
Vorjahresniveaus71. Dieses Ergebnis erklärt sich allerdings nicht zuletzt aus den
63
Turnbull 2003, S. 78.
64
Eckdahl 2013, S 75.
65
Militzer 2005, S. 258-265. Zur Rolle der Balleien des Deutschen Ordens bei der Finanzierung der
Reparationssumme s. Voigt, Geschichte des Deutschen Ritterordens in seinen zwölf Balleien in
Deutschland, S. 552-579.
66
Eckdahl 2010, S. 10. Die verbliebene Schuldsumme wurde erst später beglichen, letztmalig am 18.
Januar 1413, vgl. Pelech, der Verpflichtungsbrief, S. 55-64.
67
Sarnowsky 2007, S. 60. Im November 1411 weigerten sich die Balleien schließlich, den Verkauf
von Ordensbesitz zur Finanzierung des Tributs weiter mitzutragen, mussten sich jedoch schließlich der
Autorität des Hochmeisters beugen, vgl. Sarnowsky 2007, S. 60.
68
In den Kriegsjahren 1409/1410 hatte der Deutsche Orden 226.000 preußische Mark für die
Bezahlung seiner Söldner aufgewandt, vgl. Sarnowsky, Die Wirtschaftsführung des Deutschen Ordens
in Preußen (1382-1454), S. 406.
69
Zur Funktion des Gebitigeramtes des Tresslers s. Sarnowsky 1993, S. 33-45.
70
Arnold, Wirtschaftsentwicklung des Deutschen Ordens im Mittelalter, S. 134.
71
Ibidem, S. 133-134; der verzeichnete Rückgang der Einnahmen von 8000 preußischen Mark im Jahr
1410 auf etwa 2000 im Folgejahr ist bedeutend. Bereits im Jahr 1412 verdoppelten sich die Einkünfte
jedoch auf etwa 4300 Mark.
10
großflächigen Verwüstungen, die mit der polnischen Invasion einhergegangen waren
und größere Einbußen in der landwirtschaftlichen Produktion zur Folge hatten. 72
Bereits für das Folgejahr belegen die Aufzeichnungen daher eine partielle Erholung
der Ordensfinanzen. Dabei erwies sich als entscheidend, dass der Verlust des in der
Marienburg lagernden Ordensschatzes durch die erfolgreiche Verteidigung der
Festung hatte verhindert werden können, so dass sich der Deutsche Orden bereits
im Herbst 1410 abermals zu intensiven Söldneranwerbungen in der Lage sah. 73
Die zweifellos hoch angesetzte Entschädigungssumme erscheint in Anbetracht der
bereits im Vorfeld im Zuge der Kriegsrüstungen aufgewandten Beträge sowie der
Bestechungsgelder, für die ein Vielfaches der vertraglich festgelegten Summe
verausgabt worden war, nicht unvergleichlich.74
Darüber hinaus legt auch das im Dezember 1411 dem kürzlich zum Kaiser des
Heilig-Römischen Reiches gewählten Sigismund über die Bereitstellung von 300.000
Gulden unterbreiteten Angebot des Deutschen Ordens, welches die Höhe der
Reparationszahlungen noch deutlich übertraf 75, Zeugnis von der fortgesetzten
finanziellen Validität des in Europa für seine Finanzkraft 76 berühmten Ordensstaates77
ab, welcher auf einem fortschrittlichen Wirtschaftssystem 78 fußte und sich zu Beginn
des 15. Jahrhunderts in Hinblick auf seine finanzielle und organisatorische
Leistungskraft auf einem Höhepunkt befand 79. Die finanzielle Belastung durch die im
Friedensvertrag von Thorn festgesetzte Reparationssumme kann daher nur begrenzt
als unmittelbare Ursache des Niedergangs des Deutschen Ordens im weiteren
Verlauf des 15. Jahrhunderts ausgemacht werden.80
Darüber hinaus bedeutete der Thorner Friedensvertrag für den Deutschen Orden
insbesondere aufgrund des beinahe völligen Ausbleibens reeller territorialer Verluste
keine substantielle Schwächung.81 Wesentliche und langjährige Gebietsforderungen

72
Z.B. die Verwüstung eines Drittels aller Böden, vgl. Sarnowsky 2007, S. 73.
73
Eckdahl 2013, S. 78.
74
Sarnowsky 2007, S. 93.
75
Vgl. 260.000 Gulden (s. Boockmann 1981, S. 179). Bspw. 1402 hatte der Deutsche Orden für den
Erwerb der Grenzregion Neumark dem Haus Brandenburg eine Zahlung von 150.000 Gulden geleistet.
76
Eckdahl 1982, S. 8.
77
Tumler 1954, S. 55 u. Zimmerling 1988, S. 262.
78
Sarnowsky 2007, S. 72. Dem Eigenhandel des Deutschen Ordens kam innerhalb der
Ordenswirtschaft eine entscheidende Rolle zu (vgl. Arnold 1989, S. 127). Wenngleich es auch hier im
Verlauf des 15. Jahrhunderts zu Einbußen kam, war er noch Ende des Jahrhunderts ausreichend
umfangreich, um als Anlass des 13-Jährigen Krieges zu gelten, vgl. Sarnowsky 2007, S. 74.
79
Tumler 1954, S. 38-39.
80
Sarnowsky 2007, S. 93.
81
Boockmann 1981, S. 179.
11
der polnischen Seite, namentlich der Anspruch auf das Kulmer Land sowie die
Küstenprovinz Pomerellen, konnten von der polnischen Seite nicht realisiert
werden.82 Die im Friedensvertrag vorgesehenen Regelungen territorialer Fragen
erwecken vielmehr den Eindruck der Korrektur geringerer Grenzstreitigkeiten; große
Zugeständnisse fehlen.83 Aus diesem Grunde wird der Vertrag von Thorn auch als
entscheidendes Versagen der polnisch-litauischen Diplomatie angesehen,
dauerhaften politischen Gewinn aus ihrem Sieg bei Tannenberg zu ziehen. 84
Dieses Scheitern ist dabei nicht zuletzt auf den weiterhin vitalen Willen der
Deutschordensmeister zur Gestaltung der diplomatischen Beziehung und der
Außenwahrnehmung des Ordens zurückzuführen. 85 Die moderaten Bedingungen des
Friedensvertrages von Thorn sind Ausdruck der weitverzweigten, internationalen
Vernetzung des Deutschen Ordens und beweisen dessen unvermindertes
diplomatisches Potential86. Dieses politische Kapital ermöglichte es dem Orden, auch
weiterhin in ideologischen Grabenkämpfen zu bestehen, eine Fähigkeit, welche seine
Advokaten vier Jahre nach der Niederlage bei Tannenberg auf dem Konzil von
Konstanz bewiesen87. Während dort vordergründig Gebietsforderungen des
polnischen Königs verhandelt werden sollten, weitete sich die Debatte bald zu einem
Propagandakrieg über die Daseinsberechtigung des Deutschordensstaates aus. 88
Wenngleich das Konzil keine abschließende Klärung des Disputes zwischen Polen
und dem Deutschen Orden einbrachte, sah sich der Orden in wesentlichen
Forderungen bestätigt.89
Ungeachtet der konkreten Konsequenzen des Thorner Friedensvertrages übte die
Niederlage des Ordens im Großen Krieg allerdings eine starke psychologische
Signalwirkung auf das militärische Prestige des Deutschen Ordens ebenso wie
seiner politischen Gegner aus. So zählt zu den vielleicht wichtigsten Effekten der

82
Dabei mag die nach der gescheiterten Belagerung der Marienburg prekäre finanzielle Situation der
polnischen Krone eine wichtige Rolle gespielt haben, vgl. Eckdahl 2013, S. 75-78.
83
Sarnowsky 2007, S. 260. Tatsächlich wurde mit der Abtretung Samaitens eine Überdehnung der
militärischen Ressourcen des Ordens vermieden.
84
Kuczyński, Wielka wojna z Zakonem Krzyżackim,, S. 620–623.
85
Murawski 1953, S. 306.
86
Turnbull 2003 S. 77.
87
Gruber 2010, S. 45-59.
88
Zu den Verhandlungen des Konstanzer Konzils, s. Christiansen 1997, S. 232-246.
89
Allerdings wurden dem Orden auf dem Konzil von Konstanz weitere „reysen“ nach Litauen
untersagt. Demnach markiert der Friede von Thorn das Ende der langjährigen Litauerkriege, deren
ideologische Grundlage durch die Bekehrung Litauens bereits erschüttert worden war. Der Orden
verlor hierdurch nicht nur eine wichtige Einnahmequelle, auch der stetige Strom sogenannter
Gastkreuzzügler versiegte (Zu deren militärischer Bedeutung für den Orden s. Turnbull 2003, S. 13).
12
Schlacht von Tannenberg der Verlust des Nimbus der „milites Christi“, deren
Niederlage gegen ein christliches Heer als Gottesurteil interpretiert wurde. 90
Eine reale und existentielle Bedrohung für den Fortbestand des mittelalterlich-
monastisch geprägten Ordensstaates bedeutete das sukzessive Scheitern der
Hochmeister nach Tannenberg zur Festigung des Verhältnisses zu Polen-Litauen 91.
Bereits von Plauen hatte im Anschluss an seine erfolgreiche Verteidigung der
Marienburg Unvermögen bewiesen, mit den umliegenden Mächten einen Ausgleich
zu erzielen.92 Vielmehr versuchte er 1413 durch eine Wiederaufnahme des Krieges
gegen Polen die Ergebnisse des Thorner Friedens zu revidieren. Angesichts der
erneut drohenden Kriegsgefahr wurde von Plauen schließlich im Oktober 1413
abgesetzt.93 Auch unter seinem Nachfolger Michael Küchmeister kam es zu keiner
Entspannung der politischen Situation, vielmehr konnte auch er einen erneuten
Konflikt mit Polen nicht verhindern. Emblematisch hierfür steht die als Hungerkrieg
bekannte Auseinandersetzung des Jahres 1414. Ursache des Konfliktes waren die
aus polnischer Sicht unbefriedigenden Gebietsgewinne des Ersten Thorner
Friedens.94 Trotz des Schiedsspruches des zur Vermittlung angerufenen Kaiser
Sigismunds, welcher Polen 1413 das Erheben weiterer territorialer Ansprüche
untersagte95, hatten Jagiełło und Vytautas auf dem Treffen von Grabie im selben Jahr
einen umfassenden Forderungskatalog vorgelegt, der die Rückgabe Pommerellens,
des Kulmer Landes sowie Kujawiens und darüber hinaus die endgültige Abtretung
von Samaiten durch den Orden verlangte. Küchmeister lehnte das Ansinnen ab und
bestand seinerseits auf dem Vertragstext des Ersten Thorner Friedens, welcher die
künftige Rückgabe Samaitens an den Orden vorsah. 96 Im Vertrauen auf die
zahlenmäßige Überlegenheit ihrer Armeen fielen die Regenten der Union daraufhin
abermals in Ordensgebiet ein. Es gelang ihnen allerdings nicht, wichtige
Ordensburgen zu erobern. Vielmehr sahen sie sich aufgrund der dramatischen
Versorgungslage ihres Heeres infolge der Verwüstung des Landes nach zwei
Monaten zum Rückzug gezwungen.97
90
Tumler 1954, S. 53.
91
Boockmann 1981, S. 180.
92
Sarnowsky 2007, S. 96.
93
Pelech 1998, S. 116-117.
94
William, Tannenberg and After, S. 201-205.
95
Nach einem Schiedsspruch zugunsten des Ordens im Jahr 1412, welcher vom polnischen König
ignoriert worden war, erbrachte eine erneute Verhandlung unter im Jahr 1413 ein ähnliches Ergebnis,
vgl. Kiaupa, The History of Lithuania Before 1795, S. 142-143.
96
Ibidem.
97
Urban, Tannenberg and After, 200-205.
13
Der als Gollub-Krieg bekannte Konflikt des Jahres 1422 folgte einem ähnlichen
Muster. Kriegsgrund war die erneut von Jagiełło vorgetragene Forderung nach dem
westpreußischen Pomerellen, die auf dem Konstanzer Konzil nicht befriedigend hatte
beantwortet werden können. Wenngleich es der Ordensdiplomatie gelang, den
polnischen König vier Jahre lang an seinem Vorhaben zu hindern 98, kam es 1422 zur
erneuten Invasion. Nach der Eroberung einiger Burgen musste sich Jagiełło jedoch
wieder zurückziehen99, da die Verbündeten des Ordens wie bereits im Verlaufe der
Belagerung der Marienburg mit einem Entlastungsangriff drohten. 100 Der in der Nähe
des Melno-See im September 1422 ausgehandelte Frieden bestätigte schließlich die
im Ersten Thorner Friedensvertrag getroffenen Bestimmungen weitgehend. 101
Das wiederholte Scheitern des polnischen Königs angesichts der Strategie der
Deutschordensritter nach Tannenberg, sich im Falle einer polnischen Invasion auf
befestigte Stellungen zurückzuziehen, offenbarte die Unfähigkeit des polnischen
Heeres zur militärischen Eroberung und Besetzung des Ordenslandes. Die von
Teilung und Verlust geprägte Geschichte des Deutschen Ordens im 15. Jahrhundert
ist somit nur teilweise in den militärischen Verlusten des Deutschen Ordens in der
Schlacht von Tannenberg begründet, sie ist auch nicht einseitig und ausschließlich in
der fortgesetzten Aggression Polen-Litauens zu suchen. 102
Vielmehr lassen sich die Ursachen für den Abstieg im 15. Jahrhundert und die
letztendliche Auflösung des Ordensstaates im 16. Jahrhundert im Erstarken der
internen Opposition gegen die Herrschaft des Deutschen Ordens in Preußen
verorten. Insbesondere sollte sich die Unfähigkeit der Hochmeister zur Eindämmung
der stetig wachsenden Unzufriedenheit innerhalb der preußischen Stände mit der
Ordensherrschaft als katastrophal für den Fortbestand des Deutschordensstaates
erweisen. Der Widerstand der preußischen Städte hatte sich bereits in den Stunden
nach der Niederlage bei Tannenberg gezeigt, als auf die Nachricht von der
Niederlage der Deutschordensritter mehrere preußische Städte und Würdenträger

98
Christiansen 1997, S. 247.
99
Es gelang dem polnischen Heer auf dem insgesamt nur zwei Monate währenden Feldzug einzig, die
Grenzburg Gollub zu erobern, da sich der Deutsche Orden einer Feldschlacht verweigerte, vgl. Urban,
Tannenberg and After, S. 279-281.
100
Turnbull 2003, S. 82-84.
101
Während er Deutsche Orden 1422 endgültig auf das faktisch bereits verlorene Samaiten verzichtete,
musste die polnische Seite Ansprüche auf weite Teile des Ordensgebietes aufgeben, vgl. Sarnwosky
2007, S. 96.
102
Boockmann 1981, S. 206. Vielmehr hatte der Deutsche Orden mit dem Frieden von 1435 einen
belastbaren Frieden mit Polen abgeschlossen, vgl. Lückerath, Paul von Rudersdorf, S. 122-128.
14
dem polnischen König gehuldigt hatten103. Diese eilfertige Unterwerfung ist weniger
auf eine etwaige „völligen Kopflosigkeit“ 104 nach der Niederlage zurückzuführen,
vielmehr lässt sich hier eine tiefgreifende Unzufriedenheit mit der Ordensherrschaft
diagnostizieren, welche vielerorts als Besatzung zur Ausbeutung des Landes
wahrgenommen wurde.105
Dieser Unmut verstärkte sich, als sich der Deutsche Orden erstmals in der
Geschichte seiner Territorialherrschaft über Preußen 106 gezwungen sah, zum Mittel
einer allgemeinen, als Schoss bezeichneten Sondersteuer zu greifen 107 um die
Aufbringung der Entschädigungssumme des Thorner Friedens zu gewährleisten.
Während die ordensfreundliche Chronik von Posilges über die Aufnahme der
Sondersteuer in der Bevölkerung berichtet, „und allerley lute mustin is [das Schoss]
gebin, und worin alle willig dazu“108, vermitteln die historischen Ereignisse ein
konfliktbeladenes Bild. Insbesondere die aufstrebenden Städte Danzig und Thorn,
deren Prosperität eine selbstbewusste städtische Selbstverwaltung hervorgebracht
hatte109, sperrten sich gegen die ungewohnte steuerliche Belastung. 110 Von Plauen
sah sich gezwungen, die ständische Opposition militärisch zu bekämpfen und ließ
den Aufstand der Stadt Danzig gewaltsam 111 ersticken. Dennoch musste der
Hochmeister im Jahr 1412 die Einrichtung einer Landesrath112 genannten,
repräsentativen Institution dulden, welcher der Legitimation der Konfiskationspolitik
des Ordens zur Aufbringung der vertraglich vereinbarten Summe dienen sollte. Die
kurzlebige, bereits 1413 wieder aufgelöste Ständevertretung verfügte jedoch über
kein politisches Mitspracherecht, sie diente der bloßen „Scheinrepräsentation“ 113. Die
Idee eines Gremiums zur städtischen Vertretung blieb allerdings als Konzept
weiterhin wirkmächtig und beeinflusste die Forderungen des Preußischen Bundes in

103
Turnbull 2003, S. 73.
104
Tumler 1954, S. 52.
105
Zimmerling 1988, S. 261.
106
Zuvor hatten die preußischen Untertanen anstelle von allgemeinen Steuern nur eine Abgabe auf
Schiffsladungen, den sog. Pfundzoll, bezahlen müssen, vgl. Zimmerling 1988, S. 173.
107
Die Erhebung war als allgemeine Vermögenssteuer angelegt, vgl. Militzer, S. 223.
108
Von Posilge, S. 326.
109
Rahn, Die Entwicklung der Stände in Preußen bis zum 1. Thorner Frieden 1411, S. 5-8.
110
Turnbull 2003, S. 78.
111
Die Erinnerung an von Plauens Herrschaft als „Terrorregime“ (vgl. Arnold/Biskup, Der
Deutschordensstaat Preußen in der polnischen Geschichtsschreibung, S. 229) geht beispielsweise auf
die Hinrichtung einer diplomatischen Delegation der Stadt Danzig zurück.
112
Pelech, The question of representation in Prussia under Heinrich von Plauen, S. 1-2.
113
Sarnowsky 2007, S. 95.
15
den 1450er Jahren. 114
Aufgrund der Abgrenzung der preußischen Stände nach den Erfahrungen der
Willkürherrschaft von Plauens sollte es den Hochmeistern des deutschen Ordens
nach dem Schoss des Jahres 1413 nicht mehr gelingen, deren Zustimmung zu
weiteren Steuererhebungen zu gewinnen 115, nachdem der Orden durch die
Einbeziehung der Städte in die Reparationszahlungen seinen Anspruch auf
uneingeschränkte Herrschaft über alle Belange Preußens und seiner Städte verloren
hatte.116 Bereits von Plauens Nachfolger Küchmeister, der die unnachgiebige Politik
seines Vorgängers gegenüber den preußischen Ständen fortsetzte, sah sich zur
Abtretung landesherrlicher Rechte an ständische Institutionen verpflichtet. 117 Im Zuge
dieses Machtverlusts, der sich in den folgenden Jahrzehnten intensivieren sollte,
gewannen die Stände Einfluss auf die Ordenspolitik, so dass sie diesen
beispielsweise 1422 zum Abschluss eines Friedensvertrages zwingen konnten. 118
Hierin ließen sich die Stände das Recht bestätigen, dem Deutschen Orden im Falle
eines erneuten Krieges mit Polen die Gefolgschaft aufzukündigen, von dem sie im
Jahr 1454 Gebrauch machen sollten.119 Die aus den divergierenden Interessen des
Ordens und der Landstände resultierende Entfremdung der preußischen Untertanen
von den politischen Zielen der Ordenspolitik 120 gehörte zu den schwerwiegendsten
Konsequenzen, die dem Deutschen Orden aus dem Thorner Friedensvertrag
erwuchsen.121
In außenpolitischer Hinsicht zeigte sich der Orden dennoch weiterhin zum Konflikt
mit der benachbarten Großmacht Polen-Litauen in der Lage, indem er deren
instabiles Fundament ausnutzte, etwa während des in den 1430er Jahren unter
Zuhilfenahme eines litauischen Usurpators geführten mehrjährigen Krieges gegen
Polen.122 Auch die fortgesetzten Versuche, die Umklammerung des
Deutschordensstaates durch eine Sprengung der polnisch-litauischen Union zu

114
Neitmann, Die Preußischen Stände und Außenpolitik des Deutschen Ordens bis zum Abfall des
Preußischen Bundes (1411-1454), S. 65-80.
115
Sarnowsky 2007, S. 100.
116
Rahn 2007, S. 3.
117
Militzer 2005, S. 226.
118
Neitmann 1985, S. 45-54.
119
Der 1454-1466 geführte Dreizehnjährige Krieg geht jedoch vor allem auf in den 30er und 40er
Jahren aufgekommene Streitpunkte (z.B. Eigenhandel des Ordens) zurück, vgl. Zühlke, S. 3-9.
120
Tumler 1954, S. 53.
121
Der Dissens zwischen der Ordenspolitik und den preußischen Ständen hatte sich jedoch bereits zu
mehreren Gelegenheiten vor der Schlacht von Tannenberg gezeigt, vgl. Rahn 2007, S. 8-16.
122
Sonthofen, Deutscher Orden, S. 215-218.
16
beenden, zeichnen das Bild eines weiterhin politisch einflussreichen Ordens. 123
Dem Befund eines mit dem Vertrag von Thorn eingeleiteten Niedergangs
widerspricht darüber hinaus auch das weiterhin vitale Streben der
Deutschordensmeister bzw. livländischen Meister zur Vereinigung der beiden nach
dem Frieden vom Melno-See separierten Rumpfstaaten im 15. Jahrhundert. 124
In der abschließenden Betrachtung erscheint der Thorner Frieden daher eher als
einleitendes Fanal des langjährigen Abstieges des Deutschen Ordens 125, durch
welchen die Periode zwischen dem Ersten und dem Zweiten Thorner
Friedensvertrag 1466 markiert ist, denn als hauptsächlicher Verursacher dieses
Phänomens. Hierin kontrastiert die beinahe teleologisch überhöhte Schlacht von
Tannenberg, welche der Historiographie als Ursache der konsequenten Reduzierung
des Ordens auf eine „Mittelmacht“ gilt, 126 die durch die neue Großmacht Polen-
Litauen als führendes Herrschaftsgebilde des Baltikums ersetzt wurde 127, mit den
überschaubaren Konsequenzen des Ersten Friedens von Thorn.

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123
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fortgesetzten Spaltungsversuche des Deutschen Ordens ist der Unionsakt von Horodlo zwischen Polen
und Litauen 1413 anzusehen, vgl. Eckdahl 1986, S. 521.
124
Murawski, Zwischen Tannenberg und Thorn, S. 2 u. Tumler 1954, S. 56.
125
Boockmann 1981, S. 179.
126
Vgl. Militzer 1993, S. 94-112.
127
Eckdahl 2008, S. 175.
17
Eckdahl, Sven: Abschrift des Verpflichtungsbriefes des Hochmeisters Heinrich von Plauen
bezüglich der Bezahlung von 100.000 Schock böhmischer Groschen an den König von
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