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ORGANISATION

SERIE: PSYCHISCHE GESUNDHEIT GESUNDHEITSMANAGEMENT 49

Die Angst wächst


SERIE. Viele Arbeitnehmer leiden unter Ängsten, die ihre Leistung beeinflussen.
Personaler müssen Bewusstsein für dieses Problem schaffen und vorbeugen.

Von Denis Jdanoff in Existenzängste, Versagensängste so- erreichte finanzielle Stellung und die
wie soziale Ängste sinnvoll. Diese Kate- gewohnten sozialen Kontakte. Eine

D
ie Arbeitswelt hat sich radi-
gorien schlägt Professor Ralf Schwarzer Hauptsorge der Betroffenen ist in die-
kal gewandelt: Immer höhere
von der FU Berlin vor. Im Folgenden sem Zusammenhang die Frage, ob sie
fachliche und technologische
werden diese jeweils an einem Beispiel schnell einen adäquaten neuen Arbeits-
Anforderungen sowie eine
der Top 5 der Ängste aus der erwähnten platz finden können. Dabei wirkt die
knappe Personalplanung und damit
Befragung erläutert. unsichere Arbeitsmarktlage, die neben
ein zunehmender Leistungsdruck sind
Wachstumsphasen mit entsprechendem
heute bestimmende Faktoren in vielen
Existenzängste: Angst vor Jobverlust Ausbau der Belegschaften immer wieder
Betrieben. Da ist es wenig erstaunlich,
Die Angst vor einem Jobverlust ist für wirtschaftliche Krisenzeiten mit Entlas-
dass immer mehr Arbeitnehmer unter
viele Beschäftigte derart bedeutend, sungswellen kennt, natürlich verschär-
psychischen Problemen leiden.
weil in der heutigen gesellschaftlichen fend.
Während das Burn-out in aller Munde
Wahrnehmung Identität und Anerken- Hauptanzeichen für diese Angstform
ist, gibt es aber auch andere Formen der
nung sehr stark mit dem Arbeitsplatz ist ein wahrnehmbarer Leistungsverlust,
psychischen Beeinträchtigung, die weni-
verknüpft sind. Ein Jobverlust bedroht der sich vor allem in Entscheidungs-
ger im Gespräch sind. Sie kommen im
neben der gesellschaftlichen auch die schwäche, sinkender Motivation und
betrieblichen Alltag häufig vor, werden
jedoch in ihren Anfangsstadien oft nicht
erkannt: Ängste am Arbeitsplatz.
Aus Unternehmenssicht liegen Ängs- Studie: Die zehn häufigsten Ängste
te außerhalb der gewohnten rationalen
Sachebene, was oft zu einer Tabuisie- Angst vor Arbeitsplatzverlust 70,5 %
rung dieses Themas und damit zu einer
Verschärfung vorhandener Probleme in Angst vor Krankheit oder Unfall 70,0 %
diesem Bereich führt. Dabei besteht hier Angst, Fehler zu machen 62,0 %
Handlungsbedarf. Professor Wienfried
Panse und Wolfgang Stegmann von der Angst vor Wertschätzungsverlust 56,4 %
Fachhochschule Köln betonen in ihrem Angst vor Konkurrenten 45,8 %
Buch „Angst – Macht – Erfolg“ aus dem
Jahr 2007, dass Ängste am Arbeitsplatz Angst vor Fehlinformationen 44,2 %
zu etwa 20 Prozent Leistungsminderung Angst vor Innovationen 39,4 %
führen können. Bei ihrer Befragung vom
Jahr 2005 wurde die Angst vor dem Ar- Angst vor Autoritätsverlust 33,9 %
beitsplatzverlust am häufigsten genannt Angst, Mitarbeitern nicht gerecht zu werden 24,7 %
(70,5 Prozent). Danach folgten die Angst
vor Krankheit oder Unfall (70 Prozent) Angst vor Überforderung 22,0 %
und die Angst davor, Fehler zu machen
Die Angst vor Arbeitsplatzverlust ist am häufigsten. Aber auch andere Ängste beeinflus-
(62 Prozent, siehe Grafik rechts).
sen die Arbeitnehmer stark und sind nicht zu unterschätzen. Quelle: Fachhochschule Köln
Um das Thema systematisch anzuge-
hen, ist eine Kategorisierung der Ängste

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Bei Fragen wenden Sie sich bitte an katharina.schmitt@personalmagazin.de

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schwankenden Arbeitsleistungen mit ein negatives Angstgefühl hervor. Das


einer höheren Fehlerquote äußert. TIPPS kann wiederum Fehler provozieren.
Wie können Mitarbeiter des Perso- Wie David McClelland und John Atkin-
nalbereichs dieser Angstform entgegen- son in „The Achievement Motive“ bereits
Ängsten vorbeugen
wirken? In dieser Situation sollte das 1957 feststellten, hängt die Misserfolgs-
Unternehmen eine offensive Kommuni- Um die drei Arten von Ängsten am Ar- angst maßgeblich von der individuellen
kationsstrategie verfolgen. Konkret sollte beitsplatz präventiv anzugehen, sollten Leistungseinstellung ab, die bereits vor
die Unternehmensleitung bei einer ange- Personaler folgende Aspekte beachten. dem Berufsleben geprägt wird und daher
spannten Wirtschafts- oder Auftragsla- relativ stabil ist. Misserfolgsängstliche
ge oder einer geplanten Reorganisation Angst vor dem Verlust Beschäftigte vermeiden die Übernah-
frühzeitig über die strategische Planung des Arbeitsplatzes me von Verantwortung und setzen sich
der Unternehmensleitung und beabsich- ● Offensive Kommunikationsstrategie entweder sehr leichte oder sehr schwere
tigte Organisations- und Personalmaß- bei geplanten Veränderungen Ziele. Die daraus resultierenden, eher
nahmen informieren. ● Offenheit für Fragen der Mitarbeiter schwach ausgeprägten Erfolgserlebnisse
Gleichzeitig ist es wichtig, gegenüber ● Unterstützung bei der Stellensuche oder Misserfolge bestätigen und verstär-
den Beschäftigten Offenheit zu signali- ken in einer selbsterfüllenden Prophe-
sieren für Fragen und Sorgen zu ihrer Angst vor Fehlern und Misserfolgen zeiung ihr geringes Selbstvertrauen.
persönlichen Zukunft im Betrieb und der ● Vertrauensatmosphäre schaffen
Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ● Bei Fehlern Lerneffekte in den Vertrauensatmosphäre schaffen
insgesamt. Wenn der Personalbereich Vordergrund stellen Mitarbeiter des Personalbereichs und
die innerbetriebliche Kommunikation ● Niveau individueller Zielvereinba- Führungskräfte müssen gemeinsam
erweitert und intensiviert, kann er den rungen behutsam anheben geeignete Maßnahmen finden, um bei
Informationsfluss im Sinne des Unter- dieser Mitarbeitergruppe die Angst vor
nehmens steuern und gleichzeitig einen Angst vor Verlust der Wertschätzung Fehlern und Misserfolgen nicht zu einem
wichtigen Einblick in die Stimmung der ● Sensibilisierung der Führungskräfte permanenten Leistungshemmnis wer-
Mitarbeiter gewinnen. ● Schulungen zum Konfliktmanagement den zu lassen. Solche Mitarbeiter brau-
Entscheidend aber ist, dass mit diesem ● Wertschätzende Organisationskultur chen eine Vertrauensatmosphäre, in der
Vorgehen Unsicherheiten frühzeitig ge- ● Sicherheitsinseln sie Leistungs- oder Versagensängste of-
klärt werden können, was Ängste um den fen ansprechen können. Unterstützend
Arbeitsplatz und damit Leistungsverluste kann eine in der Unternehmenskultur
bereits in ihrer Entstehung verhindert verankerte Fehlertoleranz wirken, die
oder zumindest reduziert. Besonders für den gestellten Leistungsanforderungen nicht die begangenen Fehler, sondern
tatsächlich von einem geplanten Perso- nicht zu genügen, eng verbunden mit die daraus resultierenden Lerneffekte
nalabbau betroffene Mitarbeiter bringt der Angst, Status und Ansehen im Un- in den Vordergrund stellt.
diese frühzeitige Information Klarheit ternehmen zu verlieren. Auch bei der individuellen Entwick-
für ihre Zukunftsplanung. Zusätzlich Misserfolgsangst wirkt aber nicht au- lung misserfolgsängstlicher Mitarbeiter
sollte, in Zusammenarbeit mit den Füh- tomatisch destruktiv und leistungshem- sollten sich diese Ansätze wiederfinden.
rungskräften, eine intensive Unterstüt- mend. Denn wenn das Sicherheitsgefühl Konkret können die Führungskräfte das
zung bei der Suche nach einer neuen zu hoch ist, kann ebenso die Produkti- Niveau der individuellen Zielvereinba-
Stelle erfolgen, um die typischerweise vität sinken und Nachlässigkeit auf- rungen behutsam anheben, um wirk-
mit beruflicher Veränderung verbun- treten. Die Angst wirkt allerdings nur same Erfolgserlebnisse zu erreichen.
denen Ängste zu minimieren. positiv, wenn sie nicht zu stark ausge- Angesichts der Stabilität dieser persön-
prägt ist, nur gelegentlich auftritt und lichen Leistungseinstellung sind aber
Versagensängste: Fehler befürchtet der Mitarbeiter die Situation aus eige- langfristige Anstrengungen erforderlich,
Auch bei der Angst vor Fehlern und ner Kraft, mit den eigenen Mitteln und um den beschriebenen Teufelskreis zu
Misserfolgen ist ein gesellschaftlicher innerhalb des individuellen Handlungs- durchbrechen und durch einen Kreislauf
Zusammenhang erkennbar: Zum einen spielraums lösen kann. Erst das immer positiver Bestätigung zu ersetzen.
gilt Leistung als wichtiger Maßstab für wiederkehrende oder dauerhafte Gefühl
soziales Ansehen, zum anderen lässt von Kontrollverlust – das heißt, von Soziale Ängste: Wertschätzung bedroht
das Ideal der Perfektion wenig Raum Leistungsanforderungen, die jenseits Soziale Ängste, wie zum Beispiel die
für Fehler. Daher ist die Befürchtung, der eigenen Möglichkeiten liegen – ruft Angst vor Verlust der Wertschätzung

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durch Kollegen oder Vorgesetzte, hän- mung objektiv gerechtfertigt ist oder chischen Ebenen können helfen, soziale
gen eng mit dem menschlichen Bedürf- vom betroffenen Mitarbeiter nur subjek- Stressfaktoren gering zu halten. Basis
nis nach Gruppenzugehörigkeit und tiv empfunden wird. für eine tiefer gehende Verbesserung
positivem Feedback zusammen, die Äußeres Anzeichen dieser Angstform ist die prinzipielle Bereitschaft des Un-
Grundlagen für das individuelle Selbst- ist eine Verschlechterung des Arbeitskli- ternehmens, mögliche innerbetriebliche
wertgefühl sind. Ein Verlust dieser Wert- mas und zunehmende zwischenmensch- Ursachen ergebnisoffen zu analysieren
schätzung bedroht somit nicht nur die liche Konflikte. Betroffene Mitarbeiter und angstauslösende oder -verstärkende
berufliche Position des Mitarbeiters, reagieren mit verbaler Aggression oder Arbeitsbedingungen zu verändern.
sondern auch das gesamte Selbstbild. aber sie ziehen sich aus ihrem Ar- Ziel sollte eine Arbeitsumgebung sein,
Hauptauslöser für diese Angstform ist beitsumfeld zurück und kapseln sich die geprägt ist von expliziter Wertschät-
mangelnde Anerkennung vonseiten des ab, um angstauslösende Momente wie zung (Stichwort: ehrlich gemeintes Lob),
beruflichen Umfelds, die in Extremfäl- Kritik an Leistung oder Verhalten zu im Arbeitsalltag gezeigtem Vertrauen
len bis zum Mobbing gehen kann. Dabei vermeiden. Oft ist auch eine sinkende in die Mitarbeiter und ausreichendem
spielt es keine Rolle, ob diese Wahrneh- Motivation zu beobachten, wobei hier die Raum für Eigenverantwortung. Nur so
Abgrenzung zu anderen Angstformen können Sicherheitsinseln entstehen, die
schwierig ist. aus Mitarbeitersicht in einem Umfeld
ständiger Veränderung und Unsicherheit
SERIE
Eine wichtige präventive Maßnahme: unbedingt notwendig sind, wie Professor
Die Führungskräfte sensibilisieren Felix von Cube betont, der Unternehmen
● Ausgabe 7/2011:
Auch bei dieser Angst kann die Perso- zu Führungs- und Motivationsfragen
Arbeitsverdichtung
nalabteilung präventiv wirken. Hilfreich berät.
● Ausgabe 8/2011: ist an erster Stelle eine deutlich kommu-
Information Overload und Informa- nizierte Offenheit für zwischenmensch-
tionssucht liche Probleme und dadurch verursachte Dr. Denis Jdanoff
soziale Ängste sowie eine entsprechende Lehrbeauftragter an der
● Ausgabe 9/2011:
Sensibilisierung der Führungskräfte für HS Osnabrück, Consul-
Ängste am Arbeitsplatz
diese Themen. Auch Schulungen zum tant bei Towers Watson
Konfliktmanagement auf allen hierar-

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