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Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.

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Bernhard H. Bayerlein
»Der Verräter, Stalin, bist du!«
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Archive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts

Herausgegeben
von Bernhard H. Bayerlein • Marc Ferro • John Haynes • Eric Hobsbawm •
Jerzy Holzer • Vladimir Kozlov • Moshe Lewin • Ulrich Mählert • Michal
Reiman • Brigitte Studer • Aleksandr Cubarjan • Hermann Weber • Serge
Wolikow

Band 4
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Bernhard H. Bayerlein

»Der Verräter, Stalin,


bist Du!«
Vom Ende der linken Solidarität
Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten
Weltkrieg 1939–1941

Unter Mitarbeit von Natalja S. Lebedewa, Michail Narinski und Gleb Albert

Mit einem Zeitzeugenbericht


von Wolfgang Leonhard

Mit einem Vorwort von Hermann Weber


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Aus dem Russischen von Helmut Ettinger,


aus dem Französischen, Spanischen, Rumänischen, Englischen, Niederländischen und Italieni-
schen von Bernhard H. Bayerlein

Der Band wurde gefördert von der Gemeinsamen Kommission für die Erforschung der jüngeren
Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, Berlin – Moskau

Mit Unterstützung des Mannheimer Zentrums für Europäische Sozialforschung (MZES), Univer-
sität Mannheim

Mit XX Abbildungen

ISBN 978-3-351-02623-3

Aufbau ist eine Marke der Aufbau Verlagsgruppe GmbH

1. Auflage 2008
© Aufbau Verlagsgruppe GmbH, Berlin 2008
Einbandgestaltung Atelier Doppelpunkt
Druck und Binden AALEXX Druck GmbH, Großburgwedel
Printed in Germany

www.aufbau-verlag.de
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Inhalt

Wolfgang Leonhard: Der Hitler-Stalin-Pakt. Zeitzeugen erinnern sich . . . . . . . . . . . . . . 9


Hermann Weber: Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
Bernhard H. Bayerlein: Innerer Verrat als Prinzip der Herrschaft. Die internationale
kommunistische Bewegung und der Zweite Weltkrieg vom Stalin-Hitler-Pakt zum
»Fall Barbarossa« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54

Teil 1: Ein Pakt gegen Antifaschismus und linke Solidarität. Der »Stalin-Hitler-Pakt« und
die Rolle der Komintern. Vom Abschluß des Vertrags zum Beginn des Zweiten Weltkrieges
(August–September 1939) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103

Teil 2: Der Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Haltung der Sowjetunion und das erklärte
Ende des Antifaschismus (September–November 1939)
Kapitel 1. Der Schock und die Konsequenzen – Die weltweite Kultur des Antifaschismus
wird liquidiert. Den kommunistischen Parteien wird untersagt, Polen gegen Hitlers
Angriff zu verteidigen (September 1939) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
Kapitel 2. Strategische Brüche, innere und äußere Zerreißproben – Die Hintergründe der
Affäre Dahlem – Kommunisten gegen antifaschistische Legionen . . . . . . . . . . . . . . 130
Kapitel 3. Vom Nichtangriffs- zum Grenz- und Freundschaftspakt der Sowjetunion mit
Hitler: Die Komintern in Erklärungsnot und ohne Handlungsperspektiven (Septem-
ber–November 1939) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Kapitel 4. Nach fast zwei Monaten – Die Reaktion der Komintern auf den Ausbruch des
Weltkrieges (Oktober–November 1939) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170

Teil 3: Erneute Zerreißprobe: Der Angriffskrieg der Sowjetunion auf Finnland – Die verstärkte
Isolierung der Kommunistischen Parteien (Dezember 1939–März 1940)
Kapitel 1. Die Kampagne von Komintern und kommunistischen Parteien: Die unmögliche
Legitimierung des Krieges . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
Kapitel 2. Spekulation auf Legalisierung im Hitlerreich, Bruch der Solidarität und mora-
lische Diskreditierung der KPD. Hat die Komintern zu den nationalsozialistischen
Greueln geschwiegen? (Dezember 1939 – März 1941) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208

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Kapitel 3. Demontage der kommunistischen Parteien und forcierte Abkehr vom interna-
tionalistischen Erbe (November 1939–Juni 1940) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249

Teil 4: Zwischen Anpassung und Widerstand: Die offizielle Freundschaft der Sowjetunion
und die neue Ausrichtung der kommunistischen Parteien gegen den deutschen Vormarsch
in Europa. Den Aggressor hinnehmen, mit ihm verhandeln? Der unmögliche Spagat der kom-
munistischen Parteien (April 1940–September 1940)
Kapitel 1. Die deutsche Wehrmacht überrollt Europa: Frankreich, Belgien, die Nieder-
lande, Dänemark, Norwegen … Den Aggressor hinnehmen? (April–Juli 1940) . . 264
Kapitel 2. Widerstand oder Verhandlungen? Verstärkte Propaganda gegen Deutschland
und zugleich Hoffnungen auf ein Arrangement mit dem Aggressor (Juli–September
1940) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284

Teil 5: Das verlorene Doppelspiel: Die Fortsetzung der offiziell freundschaftlichen Beziehun-
gen der Sowjetunion mit Hitlerdeutschland und die Ausrichtung der Komintern gegen das
deutsche Vordringen in Europa (Oktober 1940–Mai 1941) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301
Kapitel 1. Der Molotow-Besuch bei Hitler und Ribbentrop im November 1940: Pläne für
eine Aufteilung der Welt zwischen Deutschland und der Sowjetunion . . . . . . . . . . 305
Kapitel 2. Der politische Grundwiderspruch der KPD bleibt unaufgelöst: Gegen den Vor-
marsch Hitlers, doch zugleich gegen seinen Sturz. Die Arbeit in den Nazi-Organi-
sationen hatte Priorität! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
Kapitel 3. Stalins Vorschlag zur Auflösung der Komintern auf dem Höhepunkt der Span-
nungen: Letzte Konzession zur Aufrechterhaltung der deutsch-russischen Freund-
schaft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
Kapitel 4. Ein Toast Stalins, ein angeblich verschwundener Briefwechsel mit Hitler und das
weitere offizielle Ableugnen des bevorstehenden deutschen Angriffs . . . . . . . . . . . 353

Teil 6: Schock – Katastrophe – Existenzkampf – Abwehr – Terror. Der deutsche Blitzkrieg und
die Ausrichtung der Komintern auf die Verteidigung der Sowjetunion im »Großen Vaterlän-
dischen Krieg« (Juni–Oktober 1941)
Kapitel 1. Der »Meister des Verdachtes«, der sich in naivster Weise selbst täuschen ließ –
Das Steuer der Komintern wird herumgerissen (Juni–August 1940) . . . . . . . . . . . . 361
Kapitel 2. Individueller Terror, Attentate und Geiselerschießungen. Die deutsch-französi-
sche Tragödie, der problematische Beginn des Widerstands und die Folgen (August–
Oktober 1941) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407

Ausblick: Vaterländischer Krieg und nationale Fronten – Aktivierung, Rückzug aus der
Öffentlichkeit und Auflösung der Komintern (September 1941–Mai 1943) . . . . . . 428

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Anhang
Zu diesem Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 461
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464
Auswahlbibliographie und zitierte Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 487
Abkürzungen und Siglen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 504
Liste der Pseudonyme, Kryptonyme und Akronyme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 508
Kommentiertes Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511
Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 540

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Wolfgang Leonhard

Der Hitler-Stalin-Pakt
Zeitzeugen erinnern sich

Am 23. August 1939 wurde in Moskau der Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet. Ich erlebte die-
sen Tag als 18jähriger Jugendlicher in der Sowjetunion, in der Stadt Jejsk am Asowschen Meer,
wo ich gemeinsam mit einer Gruppe Söhne und Töchter deutscher und österreichischer
politischer Emigranten Ferien machte.
Noch heute erinnere ich mich an jenen Schock, der uns überkam, an den überhasteten so-
fortigen Abbruch des Urlaubs, unsere Rückkehr nach Moskau und die Auflösung unseres
Heims. Es wurde geschlossen, weil es in der Sowjetunion nun keine antifaschistischen Emi-
granten mehr geben konnte!
Über den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt liegen viele akademische Arbeiten, hi-
storische und diplomatische Analysen vor. Der Pakt wurde darin fast ausschließlich unter
außenpolitischen Gesichtspunkten betrachtet und analysiert, wobei die offiziellen Erklärun-
gen und die möglichen Beweggründe Hitlers und Stalins im Mittelpunkt standen.
Mein Interesse liegt auf einer anderen Ebene, denn seit ich im Westen lebe, läßt mich die
Frage nicht ruhen: Was bedeutete der Pakt damals für andere Menschen? Wie haben sie auf den
Abschluß reagiert? Wie wirkte er sich auf das Leben und Denken der Zeitzeugen aus?

Chruschtschow: Die Politbüromitglieder waren auf der Jagd

Aufschluß gibt bereits die Antwort auf die Frage, wer aus der sowjetischen Führung vom Pakt
wußte und an seinem Zustandekommen beteiligt war.
Nikita Chruschtschow, 1894 in einer Bauernfamilie geboren, seit 1918 Mitglied der Bol-
schewistischen Partei, war zunächst Rayon-Parteisekretär in Petrowo-Marinsk in der Ukraine
und rückte 1927 im ukrainischen Parteiapparat auf. 1929 kam er nach Moskau, zunächst als
Parteisekretär der »Industrieakademie«, dann ab 1932 als Zweiter Sekretär, ab März 1935 als
Erster Sekretär der Moskauer Parteiorganisation. Er gehörte dem Zentralkomitee seit 1934
und dem Politbüro seit März 1939 an.
Den Hitler-Stalin-Pakt schilderte er in seinen späteren Memoiren:
»Ich war eines Samstags in Stalins Datscha, und er erzählte mir, daß Ribbentrop am näch-
sten Tag mit dem Flugzeug käme. Stalin lächelte und beobachtete mich scharf, um zu sehen,

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welchen Eindruck diese Neuigkeit auf mich machte. Zuerst war ich sprachlos. Ich starrte ihn
an und glaubte, er habe einen Witz gemacht. Dann sagte ich: ›Warum sollte Ribbentrop mit uns
sprechen wollen? Will er etwa überlaufen?‹
›Nein‹, sagte Stalin, ›Hitler hat uns eine Nachricht geschickt, in der es heißt: ›Ich bitte Sie,
Herr Stalin, meinen Minister Ribbentrop zu empfangen, der einige konkrete Vorschläge über-
bringt.‹ Wir haben uns bereit erklärt, ihn morgen zu treffen.‹
Ich sagte Stalin, daß ich vor hätte, am nächsten Tag mit Bulganin und Malenkow in Woro-
schilows Revier auf die Jagd zu gehen. Stalin sagte: ›Tun Sie das ruhig. Für Sie wird es hier mor-
gen nichts zu tun geben. Molotow und ich werden uns mit Ribbentrop treffen und hören, was
er zu sagen hat.‹«
Chruschtschow fuhr mit Bulganin und Malenkow in das Jagdgebiet von Sawidowa. Als sie
dort ankamen, war Woroschilow schon da. Der Volkskommissar für Verteidigung hatte die
sowjetische Abordnung bei den Gesprächen mit den Militärdelegationen Englands und Frank-
reichs geleitet, die am 17. August aus Moskau abgereist waren, nun war auch er ausgeschaltet.
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Mitglieder des Politbüros der KPdSU waren an diesem
entscheidenden 23. August 1939 auf der Jagd. Danach fuhren sie zu Stalins Datscha. Stalin war
sehr guter Laune.
Chruschtschow: »Während unsere Jagdtrophäen zubereitet wurden, berichtete Stalin, daß
Ribbentrop den Entwurf eines Freundschafts- und Nichtangriffspaktes mitgebracht habe und
daß wir unterzeichnet hatten. Stalin schien sehr mit sich zufrieden zu sein. Er sagte, wenn die
Engländer und Franzosen, die noch in Moskau seien, morgen von dem Vertrag hörten, wür-
den sie sofort abreisen…«
Chruschtschow meinte in seinen Memoiren, der Hitler-Stalin-Pakt sei letzten Endes für die
Sowjetunion vorteilhaft gewesen, weil man dadurch eine Atempause gewonnen habe. Jedoch
merkte er kritisch an: »Wir durften den Vertrag nicht einmal in Parteiversammlungen disku-
tieren … Es war sehr schwer für uns Kommunisten und Antifaschisten, die in der philosophi-
schen und politischen Opposition den Faschisten unverändert feindlich gegenüberstanden,
den Gedanken eines Bündnisses mit Deutschland zu akzeptieren.«1

Castro Delgado: Der Pakt in der Kominternzentrale

Den denkwürdigen Tag nach Abschluß des Paktes beschrieb Castro Delgado, zu jener Zeit Ver-
treter der KP Spaniens in der Komintern. Enrique Castro Delgado, damals 32 Jahre alt, gehörte
der KP Spaniens seit 1925 an. Wenige Jahre später war er im Regionalkomitee der Partei in Ma-
drid tätig sowie im Zentralorgan »Mundo Obrero«. Im Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 war er
einer der Organisatoren des kommunistischen Fünften Regiments, gehörte seit 1937 dem Zen-
tralkomitee der KP Spaniens an, war vorwiegend für die Agrarreform verantwortlich und leitete
als Kommissar der Truppen an der Zentralfront auch die Ausbildung der politischen Kommissare.
Nach der Niederlage der spanischen Republik im Frühjahr 1939 kam Enrique Castro Del-

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gado über Frankreich in die UdSSR. Als der Hitler-Stalin-Pakt abgeschlossen wurde, war er un-
ter dem Namen »Luis Garcia« in der Komintern tätig und wohnte mit seiner Frau Esperanza
im Hotel »Lux«.
Der Moskauer Rundfunk begann um sechs Uhr mit den Sendungen, so auch am 24. August
1939: Castro Delgado wartete auf Nachrichten über Spanien, aber das Wort »Spanien« kam
nicht vor. Statt dessen begann eine monotone Stimme etwas zu verlesen. Castro Delgado und
seine Frau Esperanza schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Am Ende vernahmen sie die Na-
men von Molotow und Ribbentrop. Im Zimmer nebenan hörten sie überstürzte Schritte. Als
einzige frühstückten sie völlig unbekümmert. Castro Delgado:
»Ich nahm die Aktentasche und ging schnell zum Bus hinunter, der um zehn Minuten nach
acht abfuhr. Als ich ankam, bot sich mir ein anderes Bild als an den übrigen Tagen. Heute stürz-
ten die Leute nicht los, um ihre Sitze zu erobern. Sie warteten auf dem Bürgersteig in Grup-
pen und unterhielten sich aufgeregt, einige beinahe schreiend.
Ich schaute einen nach dem anderen an; niemand sah mich. Ich wünschte einen guten Tag;
niemand antwortete mir.
Sie sprachen weiter, gestikulierten und bewegten die Arme. Der einzige, der nicht sprach,
war ich; der einzige, der nicht gestikulierte, war ich.«
Enrique Castro Delgado, damals »Luis Garcia«, dürfte der einzige Funktionär der Komin-
tern gewesen sein, der an diesem Morgen vor dem Hotel »Lux« nichts vom Hitler-Stalin-Pakt
wußte.
Als der Bus in Rostokino ankam, waren alle Passagiere so erregt, daß sie weder auf die Sta-
tue der Landwirtschaftsausstellung achteten noch auf die letzte Kurve vor der Einfahrt in den
Bereich der Komintern. Die Insassen des Busses zerstreuten sich eiliger als an anderen Tagen.
Castro Delgado ging in seinen Arbeitsraum. Um elf Uhr morgens erhielt er das amtliche
Nachrichtenblatt in spanischer Sprache und die »Prawda«.
»Auf der ersten Seite der ›Prawda‹ der Pakt und ein großes Bild von Stalin, der allen Kom-
munisten der Welt zu sagen scheint: ›Das war ich, hört ihr, ich!‹«
Delegado las den Pakt … einmal, zweimal, dreimal. »Während ich nachdenke, kommt es mir
vor, als wenn ich eine sanfte, doch energische Stimme höre, die unermüdlich wiederholt: ›Sta-
lin hat recht‹. … ›Stalin irrt sich nie.‹… Ich bin sicher, daß in den 299 Zimmern 299 Funk-
tionäre das Nachrichtenblatt lesen und in die ›Prawda‹ schauen und daß auch bei ihnen wie bei
mir eine sanfte, doch energische Stimme ohne Unterlaß wiederholt: ›Stalin hat recht‹. … ›Sta-
lin irrt sich nie.‹«
Im Laufe des Tages erhielt Enrique Castro Delgado, wie alle anderen Funktionäre der Kom-
intern, eine wichtige Nachricht: Um 18 Uhr soll ein Sprecher des Zentralkomitees der Kom-
munistischen Partei der Sowjetunion in der Komintern eine Rede über die internationale Lage
halten.
Alle fanden sich pünktlich ein, um den Funktionär des Zentralkomitees der KPdSU zu hören.
Von dieser denkwürdigen Zusammenkunft existiert nur der Bericht von Enrique Castro
Delgado. Seine Darstellung mag ein wenig ironisch überspitzt sein, dürfte aber für jeden, der

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solche Veranstaltungen in Moskau miterlebt hat, annähernd der Wahrheit entsprechen. En-
rique Castro Delgado:
»Auf der Tribüne Dimitroff, Manuilski, Marty, Togliatti, Pieck, Florin, Gottwald und einige
hohe Funktionäre des Apparates. Der Tagungsleiter Wilkow, der Sekretär der Parteiorganisa-
tion der Komintern, erhebt sich mit einem Papier in der Hand …
›Genossen, wir schlagen jetzt das Ehrenpräsidium vor.‹
Eine Pause.
Wilkow: ›Genosse Stalin …‹
Wir stehen auf und applaudieren wie verrückt. Wir setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Molotow …‹
Wir stehen auf und applaudieren etwas weniger. Wir setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Woroschilow …‹
Wir erheben uns und applaudieren wie vorher. Wir setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Kalinin …‹
Wir stehen auf und applaudieren ein bißchen weniger. Wir setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Andrejew …‹
Wir stehen auf, applaudieren genau wie vorher und setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Kaganowitsch …‹
Wir stehen auf und applaudieren etwas weniger. Wir setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Mikojan …‹
Wir stehen auf, applaudieren etwas weniger und setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Chruschtschow …‹
Wir stehen auf, applaudieren genau wie vorher und setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Berija …‹
Wir stehen auf, applaudieren wie rasend. Wir setzen uns.
Wilkow: ›Genosse Schwernik …‹
Wir stehen auf und applaudieren ein wenig. Wir setzen uns.
Und so haben wir unser Ehrenpräsidium. Ich schnappe nach Luft, trockne mir den Schweiß
ab, der mir die Stirn bedeckt, und bereite mich darauf vor, dem Referenten zuzuhören. Doch
Wilkow winkt mit noch einem Papier …
›Genossen, jetzt ernennen wir das eigentliche Präsidium …‹
Ich verkrampfe mich, ich glaube, auch die anderen. Und dieselbe Stimme, die bereits elf Na-
men angekündigt hatte, fährt unerbittlich und unermüdlich fort, als wenn die nicht genug
wären, die die glorreichste Führungsmannschaft der glorreichsten Partei bildeten.
›Genosse Dimitroff …‹
Wir stehen auf. Wir applaudieren. Wir setzen uns.
›Genosse Manuilski …‹
Wir stehen auf. Wir applaudieren. Wir setzen uns.
›Genossen Blagojewa, Bjelow, Stepanow …‹
Wir stehen nicht auf. Wir applaudieren nicht.

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Wir sind etwas müde, und ein wenig schmerzen uns die Hände. Doch die Sache ist wirklich
der Mühe wert. Wir haben zwei Präsidien: das Ehrenpräsidium und das Eigentliche Präsidium.
Der Sitzungsleiter tut, was alle Sitzungsleiter der Welt tun: Er steigt auf die Tribüne, ordnet
seine Papiere, stellt fest, ob man ihm das Glas Wasser hingestellt hat (hier ist es Tee), er fährt
sich mit der Hand über die Stirne, als wenn er darüber nachdenken müßte, was er zu sagen hat,
er schaut die Zuhörer an, hustet und … ›Genossen‹.
Zehn Minuten.
›… der Genosse Stalin, der voraussah, was uns bedrohte …‹
Der Applaus hindert den Redner daran, den Satz zubeenden, falls der Satz überhaupt anders
enden sollte… Und der Redner lächelt. … lächelt…
Zwanzig Minuten.
Der Redner bohrt seine Blicke in das Publikum, ich glaube, er sieht mich an, und ich schaue
auf die andere Seite… Er macht eine kleine Pause und …
›Die Imperialisten wollten die Richtung des deutschen Heeres nach Osten wenden … Doch
die Klarsicht unseres genialen Steuermannes, des Genossen Stalin …‹
Ein weiterer donnernder Applaus. Dreißig Minuten. Vierzig Minuten. Wir haben bereits vier
Applausstürme hinter uns. Fünfzig Minuten. Eine Stunde. Wir zählen sechs Stürme. Es ist be-
reits kein Tee mehr im Glas, und auf der linken Seite des Redners verbleiben nur noch ein paar
Blätter.
Ich glaube, viele der Zuhörer hören gar nichts mehr. In einer Reihe haben einige die Zeitung
über den Knien, so man sie von der Tribüne aus nicht sieht, und lesen.
Andere, glaube ich, schlafen mit offenen Augen. … Dimitroff malt lange Zeit auf einigen
Blättern herum, und wenn er eines vollgemalt hat, dann zerknüllt er es und legt es sorgfältig
vor sich hin: Es hat sich so bereits eine ziemlich lange Reihe gebildet. Manuilski ist sehr mit
seiner alten Pfeife beschäftigt: Ich glaube, nach langer Zeit ist es ihm gelungen, sie zu reinigen.
Die übrigen Mitglieder des Eigentlichen Präsidiums scheinen wie verzaubert zuzuhören…
Das letzte Blatt des fürchterlichen Stapels befindet sich bereits in den Händen des Redners.
›… Und das verbrecherische Manöver, von den imperialistischen Hunden eingefädelt, ist
zusammengebrochen, und zwar dank dieses Paktes mit unermeßlichen geschichtlichen Aus-
wirkungen, der Ausdruck des politischen Genies unseres Genossen Stalin.‹
Das Eigentliche Präsidium erhebt sich. Auch wir erheben uns. Das Eigentliche Präsidium
klatscht Beifall, wir klatschen Beifall. Und der letzte Sturm beginnt sich zu legen.
Dimitroff setzt sich. Manuilski setzt sich. Wir setzen uns. Der Redner nimmt die Papiere auf,
schaut nach dem Glas Tee, zieht ein Taschentuch heraus, wischt sich die Stirne ab und … geht
von der Tribüne herunter, um sich neben das Eigentliche Präsidium zu setzen. Ich warte. Wil-
kow erhebt sich. Ich erschauere. Ich glaube, selbst die Säulen erschauern.
›Genossen: Ich möchte im Namen des Präsidiums vorschlagen, daß wir dem Genossen Sta-
lin einen Beschluß senden …‹
Er liest. Ich höre zu. Ich verstehe nichts. Alle stehen auf, alle klatschen Beifall. Ich klatsche
auch Beifall. Wir sind mit dem deutsch-sowjetischen Pakt einverstanden.«2

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Ernst Fischer und die Emigrationsführung der KPD

Auch Ernst Fischer erinnerte sich daran, daß am 24. August 1939 auf der ersten Seite der
»Prawda« ein Foto von Stalin, Molotow und Ribbentrop im Kreml mit lächelnden Gesichtern
abgebildet war. An diesem Tag traf Ernst Fischer mit Wilhelm Pieck und seiner Familie zu-
sammen, die ebenfalls in Moskau lebte: der Sohn Arthur Pieck und dessen Frau Grete Lohde
sowie die Tochter Elli Winter, die Sekretärin ihres Vaters war.
Wilhelm Pieck, damals 63, war der Vorsitzende der deutschen KP-Führung in Moskau und
gehörte zur Führungsspitze der Kommunistischen Internationale. Seit 1928 war er Mitglied des
Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI), seit 1931 Mitglied des EKKI-
Präsidiums und des EKKI-Sekretariats.
Ernst Fischer berichtete über die Zusammenkunft mit der Familie Pieck:
»In der Komintern war Grete Lohde die erste, die fragte: ›Was sagst Du dazu?‹ Einst ein
deutsches Arbeitermädel, nun die Schwiegertochter des Vorsitzenden der KPD Wilhelm Pieck,
intelligent, gewissenhaft, fleißig, arbeitete sie in der Redaktion der Zeitschrift ›Kommunisti-
sche Internationale‹. In ihren Augen war Ratlosigkeit.
›Wir deutschen Genossen werden es nie verstehen. Auch mein Vater versteht es nicht.‹ Die
Redaktionssekretärin Elli war die Tochter Wilhelm Piecks.
›Auch Arthur versteht es nicht!‹ sagte Grete. Arthur war ihr Mann. ›Niemand versteht es.‹«
Eine Stunde später rief Wilhelm Pieck Ernst Fischer an und fragte, ob er bereit wäre, abends
in seiner Datscha in Kunzewo an einer Diskussion mit führenden deutschen Kommunisten
teilzunehmen.
Anwesend waren außer Wilhelm Pieck und seiner Familie Wilhelm Florin, Mitglied des Polit-
büros der KPD, und Philip Dengel, Mitglied des ZK der KPD, beide gehörten ebenfalls dem
EKKI-Präsidium an, sowie einige andere wichtige deutsche KP-Funktionäre, an die sich Ernst
Fischer nicht mehr erinnerte.
Ernst Fischer versuchte eine etwas gehobene Art der Rechtfertigung. Gewiß sei es schmach-
voll, den Pakt mit freudigem Ja zu begrüßen. Hitler-Deutschland sei geblieben, was es war: der
Staat der Konzentrationslager, des Massenmords, der Judenschlächterei, der terroristischen
Diktatur. Daß Hitler sich vorübergehend mit Moskau verständige, ändere nichts an ihm und
seinem System. Der Pakt ermögliche der Sowjetunion, Zeit zu gewinnen. Den ersten Stoß der
deutschen Kriegsmaschine würde nicht die Sowjetunion aufzufangen haben, sondern England
und Frankreich. Die Sowjetunion brauche Zeit, um die Armee zu reorganisieren, damit sie der
deutschen Wehrmacht standzuhalten vermöchte. »Ich hielt diesen Pakt für verwerflich aus
moralischen Gründen, für notwendig aus politischen, weltgeschichtlichen, also war es meine
Pflicht, andere und mich selbst zu überreden, warum dann, zum Teufel, dieses Unbehagen, die-
ser Widerstreit von Gewissen und Bewußtsein?«
Er schien seine Gesprächspartner überzeugt zu haben – aber es gab einige Fragen.
»Für die deutschen Kommunisten ist also auch weiterhin der Kampf gegen Hitler die ent-
scheidende Aufgabe?«

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Ernst Fischer: »Unter allen Umständen.«


»Aber der Pakt?«
Ernst Fischer: »…darf uns nicht hindern. Natürlich können wir nicht von Moskau aus zum
revolutionären Kampf aufrufen. Aber wir müssen klarmachen, daß nicht die Arbeiterklasse
mit Hitler einen Pakt unterzeichnet hat.«
Soweit Ernst Fischer über seine damalige Diskussion mit den Führern der deutschen Kom-
munisten. In seinen Erinnerungen, die 30 Jahre später erschienen, gab er freimütig zu, den
Kern der Frage »damals nicht erkannt« zu haben – dies tat er in seinen 1969 veröffentlichten
Memoiren.3

Die Reaktionen der Sowjetbürger: Beispiel Kemerowo

Die Reaktionen der Sowjetbürger auf den Pakt waren widersprüchlich. Sie reichten von Über-
raschung, Bestürzung und Besorgnis bis zur beruhigenden Erklärung, die Stalinsche Führung
werde schon wissen, was sie tue. Noch eins kam hinzu: Unter den Bedingungen der Stalin-
Herrschaft – vor allem kurz nach der »großen Säuberung« von 1936 bis 38 – hielten sich die
Menschen in der Sowjetunion mit Meinungsäußerungen zurück.
Viktor Krawtschenko, damals 34, war seit 1929 Mitglied der Partei und erlebte sowohl die
große Säuberung als auch den Hitler-Stalin-Pakt als Betriebsdirektor in der sibirischen Indu-
striestadt Kemerowo. Im August 1943 reiste Krawtschenko mit einer sowjetischen Handels-
kommission in die USA, wo er sich im April 1944 vom Stalin-System lossagte. In seinem 1946
erschienenen Buch »Ich wählte die Freiheit« schilderte Krawtschenko, wie Parteimitglieder
und Ingenieure den Hitler-Stalin-Pakt in der sowjetischen Industriestadt Kemerowo aufnah-
men:
»Wir waren alle vollkommen überwältigt und verwirrt und vermochten es kaum zu fassen …
Für uns galt es all die Jahre als ausgemacht, daß der einzige Feind der Nazis die Sowjetunion
sei … Schließlich hatte man uns doch Jahr für Jahr den Haß gegen die Nazis eingetrichtert. Wir
hatten doch führende Armeegeneräle, darunter auch Tuchatschewski, erschossen, weil sie an-
geblich Verbündete von Hitlers Reichswehr waren. Die großen Verräterprozesse, in denen Le-
nins vertrauteste Freunde liquidiert wurden, stützten sich auf die Voraussetzung, daß Nazi-
Deutschland und seine Achsenfreunde Italien und Japan sich gegen uns zum Kriege rüsteten. …
Die Schurkerei Hitlers galt in unserem Land fast ebenso als geheiligter Glaubensartikel wie
die Unfehlbarkeit Stalins. Unsere Sowjetkinder spielten Faschisten-gegen-Kommunisten-
Spiele, wobei die Faschisten immer deutsche Namen trugen und jedes Mal grausam geschla-
gen wurden … In den Schießständen waren die Schießscheiben oft als ausgeschnittene na-
tional-sozialistische Braunhemden mit prunkendem Hakenkreuz dargestellt … Erst als wir die
Wochenschauen und Zeitungsbilder sahen, auf denen Stalin lächelnd Ribbentrop die Hand
schüttelte, begannen wir das Unglaubliche zu glauben. Hakenkreuz und Hammer und Sichel
flatterten Seite an Seite in Moskau! …

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So groß die Überraschung, ja Bestürzung auch war, so schnell stellte sich doch bald eine
Form der Rechtfertigung ein – vor allem jene, daß die Führung schon weiß, was sie zu tun hat.
Nach 22 Lebensjahren unter einer Diktatur war eine selbständige öffentliche Meinung un-
denkbar geworden …
Obschon jedermann die neue Freundschaft mit den Nazis und die sich häufenden Angriffe
auf andere europäische Staaten hinnahm, kann ich doch bezeugen, daß niemand für diese Dinge
Begeisterung zeigte. Die ganze Sache roch zu sehr nach einer Verlegenheitslösung. Unsere
politischen Versammlungen, bei denen die Sprecher aus der Hauptstadt uns die neue Lage er-
klärten, verliefen zurückhaltend und unruhig.«4

Eigene Erinnerung: Der 23. August 1939 in Jejsk

Ich lebte damals in Moskau im Kinderheim Nr. 6 für die Kinder der österreichischen Schutz-
bundkämpfer und der deutschen politischen Emigranten in der Kalaschnij-Pereulok 12. Wir wa-
ren inzwischen Jugendliche zwischen siebzehn und neunzehn, und unser Heim hatte sich in
eine Art Emigrantenheim für Jugendliche verwandelt. In den ersten Jahren waren wir recht
privilegiert: Unsere Kleidungsstücke wurden in besonderen Schneiderwerkstätten hergestellt,
für die Verpflegung sorgte eine österreichische Köchin, das Heim hatte einen eigenen Auto-
bus, mit dem wir zur Schule gebracht und wieder abgeholt wurden. Wir hatten ein eigenes Am-
bulatorium, das eine deutsche Ärztin leitete, wurden häufig eingeladen und besonders begrüßt,
erhielten Eintrittskarten für Opern, Operetten und Theaterstücke und bekamen Besuch von
deutschen antifaschistischen Schriftstellern, ausländischen Delegationen oder von Funk-
tionären der österreichischen und deutschen Sektion der Kommunistischen Internationale,
etwa von Koplenig, damals Generalsekretär der KP Österreichs, oder von Wilhelm Pieck. Aller-
dings waren wir im Heim Nr. 6 von der großen Säuberung von 1936 bis 1938 nicht verschont
geblieben. Immer häufiger wurde der Vater oder die Mutter eines Mitschülers verhaftet. Auch
meine Mutter war am 26. Oktober verhaftet und in das Lager Workuta verbannt worden. Schritt
um Schritt wurden auch Lehrer der Karl-Liebknecht-Schule verhaftet, und wir wurden 1937
in eine russische Schule eingewiesen.
Zu Beginn des Jahres 1939 hörte die blutige Säuberung auf, und wir hofften auf normale, ru-
hige und bessere Zeiten. Für die Sommerferien 1939 waren die Zöglinge des Heims auf unter-
schiedliche Orte im Süden der Sowjetunion aufgeteilt worden. Etwa zehn bis zwölf von uns,
darunter auch ich, sollten die Ferien in Jejsk am Asowschen Meer als Gäste einer großen
Militärakademie verbringen. Als wir ankamen, waren wir erstaunt. Zivilisten waren kaum zu
entdecken, überall sahen wir Uniformierte, die auf ihren Mützen die Aufschrift trugen
»W. M.A.U. imeni STALINA«. Die für uns zunächst unverständliche Abkürzung bedeutete
»Wojenno-Morskoje-Aviazionnoje Utschilischtsche«, auf deutsch etwa »Marinekriegsschule
für die Luftwaffe«. In der ganzen Stadt schienen fast nur Offiziere und Marineflieger der
WMAU zu leben.

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Uns wurde ein etwas abgelegenes schönes Gebäude zugeteilt. Die WMAU stellte uns einen
Autobus zur Verfügung, der uns täglich zum Meer und abends wieder zurückbrachte.
Nach den grauenvollen Zeiten der großen Säuberung waren diese Ferien für uns besonders
schön. Wir ruhten uns einmal richtig aus – ganz losgelöst von unserem üblichen Leben waren
wir allerdings nicht.
Jeden zweiten Nachmittag saßen wir etwas länger als eine Stunde mit unserem Politleiter
Igor Speranski zusammen und wurden politisch geschult – natürlich mit der Geschichte der
KPdSU, dem »Kurzen Lehrgang«.
Mitte August 1939 wurden wir zu einer Feier in den großen Kulturpalast der WMAU eingela-
den. Das Referat über die internationale Lage richtete sich, wie damals üblich, gegen den Faschis-
mus und Hitler-Deutschland, und der Redner ließ es sich nicht nehmen hinzuzufügen: »Genos-
sinnen und Genossen. Hier in unserem Saal befinden sich unsere ausländischen Gäste, die Söhne
und Töchter von deutschen und österreichischen Antifaschisten, die gegen die grausame Hitler-
Diktatur gekämpft haben!« Einige Tage später sollte unser Politleiter mittags in die Stadt kommen.
»Fahrt ruhig so lange baden. Ich komme abends zurück, ich bin nur in die Stadt gerufen worden.«
»Was ist denn los?«
»Keine Ahnung, etwas Wichtiges wird’s wohl kaum sein.«
Unbekümmert verbrachten wir viele Stunden am Meer und kehrten in unser Gebäude
zurück. Plötzlich stürzte unser Politleiter aufgeregt herein: »Eine ganz wichtige Nachricht«,
rief er, noch ganz außer Atem. »Ich habe in Jejsk den Bürstenabzug der morgen erscheinen-
den Zeitung erhalten.«
»Was ist denn passiert?« fragten wir wie aus einem Munde.
»Wir haben einen Nichtangriffspakt mit Deutschland geschlossen.«
Wir starrten ihn mit offenem Munde an. Alles hatten wir erwartet, nur nicht das. Natürlich
hatten wir die Presse genau verfolgt, aber angenommen, es werde trotz aller Schwierigkeiten
bei den bisherigen Verhandlungen bald zu einem Bündnisvertrag mit England und Frankreich
gegen die faschistischen Aggressoren kommen.
Unser Politleiter Igor las uns mit offizieller, feierlicher Stimme den Wortlaut des Paktes zwi-
schen der Sowjetunion und Hitler-Deutschland vor. Nach den ersten Sätzen glaubten wir noch,
es handele sich bei diesem Vertrag nur um eine Verpflichtung, einander nicht anzugreifen. Als
er weiter las, waren wir wie vom Donner gerührt. Das war nicht nur ein Nichtangriffspakt, hier
wurde eine völlige Änderung der sowjetischen Außenpolitik angekündigt! Gegenseitige Ge-
spräche über »gemeinsame Interessen« mit der Hitler-Regierung? Keine Teilnahme an irgend-
einer Mächtegruppierung, die sich gegen Hitler richtet? Das konnte nur eine endgültige Ab-
sage an alle Formen des Kampfes gegen die faschistischen Aggressoren bedeuten!
Erschüttert und schweigend saßen wir da. Schließlich meinte Egon Dirnbacher, der jüngste
unter uns, traurig: »Ach, wie schade, jetzt werden wir ganz bestimmt Chaplins Film ›Der große
Diktator‹ nicht sehen dürfen.« Der kleine Egon hatte die Situation richtig erfaßt, der Paktab-
schluß wirkte sich – wie wir in den nächsten Tagen sehen sollten – sofort auf das Leben in der
Sowjetunion aus.

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Eine Diskussion wollte nicht recht in Gang kommen, denn niemand, eingeschlossen unser
Politleiter, konnte für den Pakt irgendeine Erklärung geben.
Am nächsten Morgen, dem ersten Tag nach dem Paktabschluß, wurden wir schon ganz früh
von unserem Politleiter geweckt: »Eben ist ein Telegramm aus Moskau gekommen. Wir sollen
sofort zurückkehren.«
Zwei Stunden später fuhren wir ab. Im Zug beherrschten uns trübselige Gedanken. Was hatte
diese plötzliche Rückfahrt zu bedeuten? Wie würde sich unser Leben gestalten, nachdem die
Sowjetunion mit Hitler-Deutschland einen Pakt abgeschlossen hatte?
Auf dem Moskauer Bahnhof kamen uns einige Zöglinge des Heims entgegen, die sich in an-
deren Orten erholt hatten und noch vor uns zurückgekehrt waren: »Unser Heim ist aufge-
löst!« riefen sie uns zu.
Es gab wohl kaum eine Nachricht, die mich so hätte erschüttern können. Unser Heim – das
war für uns alles: unsere Wohnung, unser Leben, unser Beschützer, unser Freund! Und jetzt,
von einem Tag zum anderen, sollte es nicht mehr dasein!
Wir standen plötzlich vor einem Nichts und konnten uns unser weiteres Leben kaum vor-
stellen.
Schweren Herzens fuhren wir vom Bahnhof zu unserem Heim in der Kalaschnij-Pereulok
12. Dort sah es aus wie nach einer Schlacht: Möbelpacker, Anstreicher, Klempner liefen um-
her, renovierten und verpackten; unsere Sachen waren in irgendeinen Saal geräumt worden.
Einige waren abmarschbereit, wußten aber nicht wohin. Andere liefen ratlos und traurig in
dem Haus umher, das für viele Jahre unser Zuhause gewesen war.
Irgendwelche Sitzungen wurden abgehalten. Auf unsere Fragen zuckten die Pädagogen nur
hilflos die Achseln: »Wir wissen genausowenig wie ihr. Der Direktor ist auf einer Besprechung.«
Nach seiner Rückkehr hieß es: »Kommt alle in den großen Saal. Die Versammlung wird gleich
beginnen!«
Gegenüber den bisherigen Versammlungen war diese nicht gerade feierlich zu nennen. Wir
saßen auf Kisten und Säcken oder standen an die Wände gelehnt. Wie üblich wurde mit einer
politischen Einleitung begonnen. Unser Direktor »erklärte« uns den Pakt: Die Westmächte
hätten sich geweigert, auf der Grundlage der Gleichberechtigung zu verhandeln. Sie wollten
die Sowjetunion einspannen, für die Interessen der westlichen Imperialisten zu kämpfen. Die-
ses Spiel habe der große Stalin jedoch durchschaut. Durch den sofortigen Abschluß eines Pak-
tes mit Deutschland sei die Voraussetzung dafür geschaffen, daß die Sowjetunion weiter in
Frieden leben und ihren Aufbau fortsetzen könne.
Dann kam er auf unser Heim zu sprechen: »Im Zusammenhang mit den neuen außenpoliti-
schen Notwendigkeiten wird auch bei uns eine gewisse Reorganisation erfolgen.« Unter der
Formulierung »gewisse Reorganisation« war die sofortige Auflösung des Heims zu verstehen.
Kurz, kalt und herzlos las der Direktor die neuen Richtlinien vor. Er gab sich keine Mühe
mehr, uns den Übergang in die neue Situation psychologisch zu erleichtern. Unwillkürlich
bekam ich den Eindruck, daß wir bereits »abgeschrieben« waren.
In einer halben Stunde war alles geregelt: Die Mehrheit unserer Zöglinge wurde in das rus-

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sische Kinderheim »Spartak« eingewiesen, die Älteren sollten entweder in einen Betrieb oder
in eine Hochschule gehen, die auch für die Unterbringung sorgen werde.
Durch den Abschluß des Nichtangriffspaktes mit Hitler-Deutschland und die Auflösung un-
seres Heims hatten wir uns über Nacht in gewöhnliche junge Leute verwandelt, die in der Sow-
jetunion lebten. Es erschien kaum glaublich, daß nicht einmal zwei Wochen vergangen waren,
seit wir mit einem Sonderautobus der Militärakademie ans Meer gefahren und auf einer fest-
lichen Veranstaltung von Hunderten von Offizieren gefeiert worden waren.

Die weitreichende Veränderung der sowjetischen Atmosphäre

Die plötzliche drastische Umstellung der Propaganda nach dem Hitler-Stalin-Pakt hinterließ
bei uns – wie bei den meisten damals in der Sowjetunion lebenden Menschen – einen ein-
schneidenden und bleibenden Eindruck.
Über Nacht unterblieben alle Angriffe, ja selbst kritische Bemerkungen über Hitler-Deutsch-
land und den Faschismus. Es schien so, als habe es niemals einen Faschismus gegeben. Statt des-
sen wurde zunehmend vom »Imperialismus« gesprochen, mit dem direkten Hinweis oder der
indirekten Andeutung, damit seien die »anglo-französischen Imperialisten« gemeint.
Besonders auffällig war die Veränderung in den Kinoprogrammen. Unmittelbar nach Ab-
schluß des Paktes wurden in allen Lichtspielhäusern der Sowjetunion die damals bekannten
antifaschistischen Spielfilme »Professor Mamlock« (nach einem Theaterstück von Friedrich
Wolf) und »Familie Oppenheim« (nach einem Roman von Lion Feuchtwanger) abgesetzt. Auch
Theaterstücke mit antifaschistischem Inhalt wurden nicht mehr gespielt, selbst Wolfs Schau-
spiel »Die Matrosen von Cattaro« wurde abgesetzt, obwohl es einen Matrosenaufstand im
Jahre 1918 zum Inhalt hat, der sich gegen die österreichisch-ungarische Monarchie richtete.
Wahrscheinlich dachte der Theaterzensor, man könne gar nicht genug Vorsicht walten lassen.
Mehrmals die Woche besuchte ich die »Bibliothek für ausländische Literatur« in der Stol-
jeschnikow Pereulok; sie war in einer kleinen Kirche untergebracht, die in den ersten Jahren
nach der Revolution geschlossen worden war. Hier lieh ich Bücher antifaschistischer Autoren
aus, vor allem Werke emigrierter deutscher Schriftsteller. Bereits wenige Tage nach dem Pakt
mußte ich feststellen, daß eine Reihe dieser Bücher aussortiert waren.5
Auch Enrique Castro Delgado wies auf die veränderte Propaganda hin: »Seit dem 24. August
haben sich die Dinge sehr verändert. Weder in der sowjetischen Tagespresse noch in den Zeit-
schriften erscheinen Anspielungen auf den deutschen Faschismus. Auch nicht in der Komin-
tern. Grundlage des Paktes ist unter anderem die Gefolgstreue, und im Namen dieser Treue ha-
ben wir den deutschen Faschismus vorübergehend vergessen.«6
Mit Hitlers Angriff auf Polen am 1. September und der Kriegserklärung Englands und Frank-
reichs hatte der Zweite Weltkrieg begonnen. Die offizielle These lautete, daß es sich um einen
imperialistischen Krieg von beiden Seiten handele und die Sowjetunion in diesem Krieg neutral
sei, aber die Medien neigten der deutschen Seite weit mehr zu. Sowohl im Moskauer Rundfunk

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als auch in sowjetischen Zeitungen wurde der deutsche Wehrmachtsbericht immer zuerst, die
entsprechenden Kommuniqués aus England und Frankreich dagegen an zweiter Stelle gebracht.
Die »Prawda« gab den Auszügen aus Hitler-Reden mehr Raum als den Auszügen aus Churchill-
Reden. Gegenüber Hitler-Deutschland war jede Kritik tabu, während die Kampagne gegen die
britischen und französischen Imperialisten verstärkt wurde.

Herbert Wehner über die Pakt-Zeit in Moskau

Herbert Wehner, damals in Moskau nur unter seinem Parteinamen Kurt Funk bekannt, wohnte
in jenen Jahren im Hotel »Lux«, im Wohngebäude der Kominternfunktionäre (Zimmer Nr. 271).
Wehner, 1906 in Dresden geboren, gehörte seit 1927 der KPD an und war seit 1930 Abgeord-
neter der KPD im sächsischen Landtag. Nach Hitlers Machtantritt war er zunächst in Deutsch-
land illegal für die KPD tätig, 1934 emigrierte er ins Saarland, 1935 nach Prag und gelangte von
dort nach Moskau.
In Wehners im August 1946 geschriebenen, aber erst 1982 veröffentlichten Erinnerungen
heißt es: »Der deutsch-russische Pakt war die äußerliche Kennzeichnung einer seit längerer
Zeit spürbaren Entwicklung. Für die deutschen Kommunisten in Moskau bedeutete er eine
furchtbare Belastung.«
Der Stimmungswandel führte auch zu grotesken Situationen: Deutsche kommunistische
Emigranten in der Sowjetunion wurden nun plötzlich, weil sie ja »Deutsche« waren, besser be-
handelt. So erinnert sich Herbert Wehner, daß ein alter deutscher Kommunist, mit dem er häu-
fig sprach, ihm kurz nach dem Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes von einem ungewöhnlichen
Vorfall erzählte: Er sei vom Betriebsparteisekretär, der ihm bis dahin niemals besondere Auf-
merksamkeit gewidmet hatte, begrüßt und beglückwünscht worden. Auf seine erstaunte Frage,
warum ihm solche Ehre zuteil werde, habe der Parteisekretär geantwortet: »Nun, wegen der
Erfolge der deutschen Truppen in Polen.«
Darauf der deutsche Kommunist: »Dies ist kein Grund, mich zu beglückwünschen.«
Der sowjetische Betriebsparteisekretär war erstaunt: »Sind Sie denn nicht dafür, daß die
Deutschen die Polen schlagen?« Der deutsche Kommunist versuchte zu erklären: »Ich bin für
den Sieg der Revolution, nicht für den Sieg Hitlers.« Der sowjetische Parteifunktionär schüt-
telte nur ärgerlich den Kopf: »Das sind Phrasen. Hitler hilft uns durch seine Siege über die pol-
nischen Pans.« (Gemeint waren die polnischen Großgrundbesitzer.)
Ein anderer Freund Herbert Wehners, ebenfalls ein deutscher Kommunist – der vor der Emi-
gration einige Jahre in einem Nazi-Zuchthaus inhaftiert gewesen war –, hörte während der
Fahrt in einem Moskauer Autobus, wie einige Passagiere nach den neuesten Zeitungsmeldun-
gen über deutsche Siege in Polen erklärten: »Hitler Molodez!« (etwa: »Hitler ist ein Teufels-
kerl« oder »ein tüchtiger Kerl«).
Dies entsprach der offiziellen Pressepolitik. Die sowjetischen Zeitungen räumten damals
umfangreichen Erklärungen Hitler-Deutschlands und Meldungen des deutschen Nachrich-

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tenbüros (DNB) stets Platz ein. Doch es gelang der KPD-Emigrationsleitung nicht, eine kurze
Mitteilung über den Tod und den Termin der Beisetzung eines langjährigen KPD-Funktionärs
zu veröffentlichen. Es handelte sich um Christoph Wurm, der bereits während des ersten Welt-
krieges in der (damals illegalen) Spartakusgruppe mitwirkte und als Delegierter am Grün-
dungsparteitag der KPD Ende 1918 in Berlin teilnahm, an führender Stelle im Januaraufstand
1919 sowie an der Märzaktion 1921 in Mitteldeutschland wirkte, anschließend Leiter der In-
formationsabteilung im Kominternapparat wurde, nach 1933 in der illegalen Landesleitung in
Berlin und seit April 1935 Leiter des deutschen Sektors an der Internationalen Leninschule
tätig war. In der bedrückenden Atmosphäre der Moskauer Säuberungen erlitt Christoph Wurm
einen Schlaganfall, er verstarb im September 1939.
Damals, so erinnerte sich Herbert Wehner, mußte alles unterlassen werden, was die Auf-
merksamkeit auf deutsche Flüchtlinge in der Sowjetunion lenken konnte.7

Erich Honecker und Heinz Brandt: zwei Wahrnehmungen im Zuchthaus Brandenburg

Im Zuchthaus Brandenburg befanden sich, nach den Angaben des damals inhaftierten Erich
Honecker, insgesamt 3000 Häftlinge, darunter 2200 politische Gefangene. Zwei von ihnen be-
stätigen in Augenzeugenberichten – auch auf unterschiedliche Weise –, wie die kommunisti-
schen Häftlinge in Brandenburg auf den Hitler-Stalin-Pakt reagierten.
Ein partei-optimistisches Bild zeichnet Erich Honecker in seinen Erinnerungen. Der damals
27jährige Erich Honecker, in Wiebelskirchen/Saarland geboren, gehörte seit 1929 der KPD an.
Vom August 1930 bis August 1931 besuchte er einen Lehrgang an der Leninschule in Moskau
und wurde nach seiner Rückkehr als Leiter der Bezirksleitung Saargebiet des Kommunisti-
schen Jugendverbandes (KJVD) eingesetzt. Nach Hitlers Machtantritt 1933 sollte er zunächst
in den Bezirken Mannheim und Frankfurt/Main die illegalen Verbindungen der Partei aus-
bauen. Am 4. Dezember 1935 wurde Erich Honecker in Berlin verhaftet, und im Juni 1937 zu
10 Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz danach wurde er in das Zuchthaus Brandenburg-Görden
überführt.
Seiner Darstellung zufolge löste die Nachricht vom Hitler-Stalin-Pakt dort nur geringfü-
gige Diskussionen aus:
»Als am frühen Morgen des 24. August 1939 faschistische Zeitungen die Unterzeichnung
des Vertrages meldeten, organisierten Max Uecker und ich noch vor sieben Uhr eine Zusam-
menkunft mit Max Maddalena und Fritz Grosze in der Wartezelle des Zahnarztes, Wir waren
uns einig, daß der Abschluß des Vertrages ein diplomatischer Erfolg der Sowjetunion war. Ent-
ging sie dadurch doch der Gefahr, isoliert einem einheitlichen Block der imperialistischen
Mächte gegenüberzustehen. Zugleich behielt sie das Gesetz des Handelns und gewann Zeit,
ihre Verteidigungskraft zu stärken. Die weitere Entwicklung sollte unsere gemeinsamen Über-
legungen, die von den meisten politischen Gefangenen geteilt wurden, bestätigen.«8

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Eine ausführlichere und wohl wahrheitsgetreuere Schilderung finden wir in den Memoiren von
Heinz Brandt. Heinz Brandt, damals 30, war in Berlin aufgewachsen und 1928 in den Kom-
munistischen Jugendverband (KJVD) und 1931 in die KPD eingetreten. Von Beginn an stand
er der offiziellen Parteilinie, die sich fast ausschließlich auf den Kampf gegen den »Sozialfa-
schismus« der SPD konzentrierte, kritisch gegenüber. Brandt wurde am 5. März 1933 als Wahl-
helfer der KPD in Berlin-Weißensee verhaftet, in einem SA-Keller festgehalten und mißhan-
delt. Nach der Freilassung nahm er sofort die illegale Tätigkeit wieder auf, wurde jedoch am
4. Dezember 1934 erneut festgenommen. Wegen Verbreitung einer illegalen KPD-Betriebs-
zeitung (»Siemens-Lautsprecher«) und »Vorbereitung zum Hochverrat« wurde er zu einer
langjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Zuchthaus Brandenburg-Görden erlebte er, daß sich die
kommunistischen Häftlinge in zwei Gruppen spalteten:
»Die unbedingt Linientreuen, die nichts vergessen und nichts dazugelernt haben, durch Haft
verhärtet wurden und der Politik Stalins und der Komintern blindlings vertrauen. Sie diffa-
mieren den geringsten Zweifel bereits als beginnende ›Zersetzung‹. Aber auch eine andere
Gruppe, die der nachdenklich gewordenen Kommunisten, wuchs an. Sie verbindet sich mit all
jenen Genossen, die schon lange zuvor nicht stalinistisch waren (Genossen aus der SPD, SAP,
KPO, Trotzkisten, Gruppe ›Neu Beginnen‹).«
Bis zum Hitler-Stalin-Pakt, so Heinz Brandt, habe unter den politischen Häftlingen Solida-
rität geherrscht: »Trotz aller internen Differenzen hielten wir gegenüber dem Zuchthausappa-
rat fest zusammen – das war stillschweigende Voraussetzung auch bei der erbittertsten Dis-
kussion. Das System der gegenseitigen moralischen, ideellen und materiellen Hilfe (Austausch
von Gedanken, Informationen, Kassibern, Zeitungen, Lebensmitteln, Tabak) war fabelhaft aus-
gebaut, klappte technisch hervorragend. Wir waren die große Familie, wenn auch mit inter-
nem Familienkrach geblieben.« Dann spitzten sich die Diskussionen »gefährlich zu«. »Die ab-
solut Linientreuen begrüßten das Zustandekommen des sogenannten ›Nichtangriffspakts‹ im
August 1939, weil damit der Krieg ausgelöst, herbeigeführt wurde – der erwünschte Krieg der
›Imperialisten untereinander‹. Wir anderen aber standen aufs tiefste betroffen über diesen
schlimmsten Verrat an der internationalen Arbeiterbewegung, der vor der Welt offenbar machte,
daß auch Stalins Staat – nur mit einem anderen Vorzeichen als derjenige Hitlers – eine inhu-
mane Despotie darstellte.«
Die kritischen Kommunisten faßten ihre grundsätzliche Haltung zum Pakt in folgenden
Thesen zusammen:
»– Der Faschismus ist eine tödliche Gefahr für die menschliche Gesellschaft, insbesondere
in seiner nazistischen Erscheinungsform; der Pakt mit dem Faschismus, von wem auch ge-
schlossen, ist ein Verbrechen.
– Der Abschluß dieses Paktes im Namen angeblicher Interessen einer angeblichen Arbei-
terbewegung bedeutet keinen Fehler, sondern Verrat – so wie auch der 4. August 1914 (die Be-
willigung der Kriegskredite durch die sozialdemokratische Reichstagsfraktion) keinen Fehler,
sondern Verrat am Sozialismus, an der großen Idee der Völkerfreundschaft, der internationa-
len Verbrüderung bedeutete.

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Bayerlein, Das Ende des Internationalismsu Umbruch

– Der Nichtangriffspakt ist ein markanter historischer Beweis dafür, daß der Stalinismus
keine Diktatur des Proletariats darstellt, sondern im Gegenteil eine Diktatur über das Prole-
tariat.
– Die III. Internationale (Komintern) erweist sich deutlich als reines Anhängsel der stalini-
stischen Außenpolitik, als Instrument des Stalinschen Terrorsystems. Die Komintern erweist
sich im Zweiten Weltkrieg genauso als ein ›verwesender Leichnam‹ wie seinerzeit im Ersten
Weltkrieg die Zweite Internationale.
– Die internationale Arbeiterbewegung kann – wie die jetzige Katastrophe beweist – nur auf
völlig neuer Grundlage, nur durch prinzipiellen Bruch mit der terroristischen Despotie, nur auf
demokratischer Grundlage, also neu erstehen. Nur eine solche humanistisch-sozialistisch-
demokratische Plattform legitimiert – politisch und moralisch – unseren Kampf gegen den
Faschismus. Nur von einer solchen Grundkonzeption aus kann der Faschismus nicht nur
gestürzt, sondern auch überwunden werden.«9

Schweiz: Hans Teubner und die »Abschnittsleitung Süd«

Hans Teubner, 1902 in Aue als Sohn eines Textilarbeiters geboren, gehörte der KPD bereits seit
1919 an und war von 1924 bis 1927 Redakteur kommunistischer Zeitungen. Dann erhielt er bis
1930 eine politische Ausbildung an der Leninschule in Moskau. Nach Hitlers Machtantritt ver-
haftet, saß Hans Teubner zwei Jahre im Zuchthaus Luckau ein. 1936 emigrierte er nach Prag,
dann nach Amsterdam. Während des spanischen Bürgerkrieges war er Mitarbeiter von Franz
Dahlem und Redakteur des Deutschen Freiheitssenders in Valencia und Barcelona. Im März
1939 gelangte er nach Zürich, wo er als Leiter der »Abschnittsleitung Süd« für die antifaschis-
tische Tätigkeit im süddeutschen Raum verantwortlich war. Bis Mai 1945 war er in der Schweiz
in verschiedenen Lagern interniert.
Er schreibt, daß in der Schweiz nach dem Pakt »viele Menschen verständnislos dastanden«.
Besonders schwierig war die Situation aber für die deutschen kommunistischen Emigranten:
»Auch bei einigen Kommunisten zeigten sich Verwirrung und Unverständnis… Während der
Emigrant das Brot des barmherzigen Gastgebers aß, wurde auf ihn eingeredet: ›Warum gehen
Sie denn nicht zu Ihrem Stalin, der sich jetzt mit Hitler verbrüdert? Sie können doch jetzt nach
Deutschland zurück, wenn sich Stalin mit den Hakenkreuzlern aussöhnt.‹ Das machte das Brot
des Flüchtlings sehr bitter.«
Hans Teubner versuchte – ähnlich wie nicht wenige Kommunisten in Frankreich und Eng-
land – sich selbst (und anderen) einzureden, der Kampf gegen den Faschismus gehe weiter. In
dem Beitrag »Die Sowjetunion – das Bollwerk des Friedens – Der faule Nazischwindel über die
SU / Niemals gibt es ein Bündnis zwischen Hitler und Stalin« für die illegal in Deutschland ver-
breitete »Süddeutsche Volksstimme« erklärte er, die Sowjetunion denke niemals daran, »sich
mit Hitler und seiner verbrecherischen Abenteuerpolitik zu verbünden … Die Sowjetunion
wird an der Seite aller vom Faschismus bedrohten Völker stehen, die entschlossen sind, sich

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gegen Angriffe zu wehren … Niemals also kann es ein Bündnis zwischen den Sowjets und Hit-
ler geben.«10
Bezeichnend ist auch die Überschrift des folgenden Artikels aus seiner Feder: »Die Politik
der Sowjetunion ist die Politik des Friedens / Der Nichtangriffspakt ist kein Bündnis und kein
Beistandspakt«. Hier wandte sich Teubner gegen alle Versuche des Hitler-Systems, die Arbei-
terklasse zu entwaffnen und der Widerstandsbewegung in Deutschland den lähmenden Ge-
danken einzuimpfen: »Wenn schon die Sowjetunion den Kampf gegen den Faschismus aufgibt
und mit ihm zusammen geht, was wollen wir dann noch? Unser Widerstand gegen Hitler ist
sinnlos.«
Um dieser – sehr richtig beschriebenen – Reaktion zuvorzukommen, spielte Hans Teubner
den Pakt herunter. Dieser behindere das Zustandekommen von Bündnissen zur Verteidigung
gegen die faschistischen Aggressoren nicht. Die Sowjetunion sei weiter um »Verhandlungen
um einen Beistandspakt mit England und Frankreich bemüht«. Er rief die deutsche Bevölke-
rung dazu auf, den Kampf gegen das Hitler-System fortzusetzen: »Stört die Kriegsmaschine-
rie! Schafft und festigt die Einheitsfront und die Volksfront! Fallt Hitler in den Arm! Hindert
Hitler, gleich nach welcher Seite er auch zum Krieg auszuholen versucht, an der Entfachung
des Weltbrandes!«11
Als Hans Teubner diese Erklärung schrieb und durch die »Süddeutsche Volksstimme« ille-
gal in Deutschland verbreiten ließ, hatten in Moskau längst intensive Gespräche mit der Hit-
ler-Führung über das gemeinsame Vorgehen gegenüber Polen stattgefunden, in denen der
Einmarsch der Sowjettruppen in Polen vereinbart wurde.

Belgien: Leopold Trepper und die »Rote Kapelle«

Leopold Trepper, als legendärer Chef der »Roten Kapelle« bekannt, wurde in Polen geboren,
ging als Jugendlicher nach Palästina, trat 1925 in die dortige KP ein, wurde mehrmals verhaf-
tet und war später als Sekretär der KP-Ortsgruppe in Haifa tätig. 1929 ging Trepper nach Frank-
reich, wo er in der jüdisch-kommunistischen Arbeiterbewegung wirkte, und 1932 in die Sow-
jetunion. Er studierte in Moskau an der »Kommunistischen Universität der Völker des
Westens«, nahm am berühmten 7. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale (25. Juli
bis 8. August 1935) teil. Anschließend erteilte ihm die Zentrale des Nachrichtendienstes der
sowjetischen Armee den Auftrag, in Brüssel ein nachrichtendienstliches Zentrum aufzubauen
unter dem Deckmantel einer Import-Export-Firma, die im Herbst 1938 als »The Foreign Ex-
cellent Trench-Coat« eingetragen wurde. Trepper bezog in Brüssel eine unauffällige Wohnung
in der Avenue-Bols Nr. 117. Hier erfuhr er vom Hitler-Stalin-Pakt: »Ich konnte feststellen,
wie verwirrt die militanten belgischen Kommunisten durch diese Politik waren. Manche füg-
ten sich schweren Herzens, andere traten verzweifelt aus der Partei aus.« Er und seine Freunde,
mit denen er die »Rote Kapelle« aufbaute, klammerten sich »an einen einzigen Gedanken: Wel-
che Windungen Stalin auch vollführen mochte, der Krieg gegen Deutschland war unaus-

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weichlich. Diese Magnetnadel im Sturm bewahrte uns vor dem Untergang. Es galt durchzu-
halten, was immer geschehen mochte. Wir mochten Stimmungen haben, und die hatten wir
auch, aber aus unserer Mission durften wir nicht desertieren.«
Aber dieser Vorsatz war schwer zu verwirklichen, denn zu seiner maßlosen Erschütterung
mußte Leopold Trepper feststellen, daß Moskau an einer gegen Hitler-Deutschland gerichte-
ten nachrichtendienstlichen Tätigkeit kein Interesse mehr hatte: »Ende 1939 erhielt ich meh-
rere Weisungen, die zeigten, daß die neue Leitung der Zentrale kein weiteres Interesse an der
Bildung der Roten Kapelle hatte. Die Zentrale hatte nicht nur aufgehört, die versprochenen Ab-
gesandten in die Zweigstellen des ›Roi du Caoutchouc‹ zu schicken, sondern mehrere Funk-
sprüche, bei denen jedes Wort sorgfältig erwogen war, ersuchten mich dringend … nach Mos-
kau zurückzukehren … Seitdem erhielt ich Weisungen, die mit der Bildung der Roten Kapelle
nichts zu schaffen hatten und sogar ihre Existenz und Ziele gefährdeten.«12

Ruth Werner und die Funker von »La Taupinière«

»La Taupinière« («Der Maulwurfshügel«) liegt in den Bergen der französischen Schweiz, in
1200 Meter Höhe, nicht weit von der Ortschaft Caux entfernt. Dort stand ein modernisiertes
Bauernhaus, in dem sich der Sender befand, der eine Entfernung von über 2000 Kilometer zu
überbrücken hatte, um die Verbindung nach Moskau aufrechtzuerhalten. Nur ein schmaler,
kaum sichtbarer Graspfad führte zum »Maulwurfshügel«, der Fahrweg endete einen halben Ki-
lometer vorher.
Ruth Werner, damals 31 Jahre, war im Oktober 1938 in »La Taupinière« angekommen. In Ber-
lin geboren, zunächst als Buchhändlerin ausgebildet, war sie im Mai 1926 in die KPD einge-
treten. In China, wo sie mit ihrem ersten Mann, einem Architekten, seit 1930 lebte, wurde sie
von dem legendären Kundschafter Richard Sorge für den Nachrichtendienst der Roten Armee
gewonnen und mit den Regeln der konspirativen Arbeit vertraut gemacht. Anfang 1933 wurde
sie in der Sowjetunion auf einer »Kundschafter-Schule« für ihre weitere Tätigkeit ausgebildet.
(Das Wort »Spion« wurde im Osten nur für Gegner verwandt, die eigenen Agenten hießen
»Kundschafter«.) 1935 erhielt sie die Anweisung, polnisch zu lernen. Sie fuhr im Februar 1936
nach Warschau und anschließend nach Danzig; in beiden Orten richtete sie entsprechende Sen-
der ein und funkte nach Moskau.
Im Frühjahr 1938 kehrte Ruth Werner wieder in die Sowjetunion zurück. Ihr nächster Auf-
trag: Sich in der Schweiz für eine neue »Sende-Tätigkeit« niederzulassen. Anfang Oktober 1938
traf sie in der Schweiz ein und reiste nach einem kurzen Aufenthalt in Lausanne nach »La Tau-
pinière« weiter. Es gelang ihr verhältnismäßig schnell, mit der Arbeit zu beginnen. Die Ver-
bindung mit Moskau war gut, die Versteckmöglichkeiten waren sogar ausgezeichnet. Vom
Hausflur im ersten Stock führte eine Tür direkt auf den Heuboden; der Bauer entnahm das Heu
von der Außenseite, erreichte aber nie die zweite Tür, zu der nur Ruth Werner einen Schlüssel
hatte. Im Heu hinter dieser Tür verbarg sie das Material. Schon bald machte sie Bekanntschaften

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in Genf – darunter mit einem Engländer in höherer Position beim Völkerbund und mit der
Chefbibliothekarin beim Völkerbund, die viele Menschen kannte. Ruth Werner lernte nun,
nach englisch, russisch, polnisch und chinesisch auch noch französisch. Sie konzentrierte sich
völlig auf den Kampf gegen Hitler-Deutschland – dazu gehörten neben der Sammlung von
Informationen auch die Organisation von Sabotage und die Unterstützung der Widerstands-
bewegung.
In ihren in der DDR erschienen Memoiren hielt sich Ruth Werner bei der Einschätzung des
Hitler-Stalin-Paktes an die Parteilinie. »Der Nichtangriffspakt zwischen Stalin und Hitler ko-
stete uns viel Nachdenken. Wir begriffen, daß die Westmächte hofften, die kommunistische
Sowjetunion und das nazistische Deutschland würden sich gegenseitig kaputtmachen und sie
der lachende Dritte sein; dem sollte ein Riegel vorgeschoben werden. Aber man mußte Emo-
tionen ausschalten und nur den Verstand benutzen, um richtig zu reagieren.«
Ihren damaligen engsten Mitarbeiter, »Jim« – Alexander Foote – nannte sie in ihren Erinne-
rungen einen »Verräter«.13

Besagter Alexander Foote, alias »Jim«, berichtete: »Bei Ruth Werner, damals unter dem Deck-
namen ›Sonja‹ tätig, handelt es sich in Wirklichkeit um Maria Schultz; ihr zweiter Ehemann,
den sie in den Erinnerungen nicht erwähnt, hieß Alfred Schultz. Er hatte für den Nachrich-
tendienst der Roten Armee in Polen und im Fernen Osten gearbeitet, wo er sich zu jener Zeit
befand.« Foote bezeichnet den deutsch-sowjetischen Pakt als »Blitz aus heiterem Himmel«. Im
Unterschied zu Ruth Werner weist er darauf hin, daß sie bereits in Deutschland eine größere
Zahl von Vertrauensleuten herangezogen hatten und neben einem größeren Sabotageakt auch
einen Attentatsplan auf Hitler vorbereiten sollten: »Die erste und einzige Reaktion auf den
Paktabschluß, die wir aus Moskau hörten, kam einen Tag später, als Sonja die Weisung erhielt,
möglichst alle Agenten und V-Leute aus Deutschland herauszuziehen und jeglichen Kontakt
zu dort verbleibenden Mitarbeitern abzubrechen. Das war mein erstes Erlebnis mit sowjetischer
Realpolitik; es wirkte wie ein Schock auf mich. Seine Wirkung auf Sonja, die als Kommunistin
der alten Garde während der letzten acht Jahre im Faschismus die Weltbedrohung Nr. 1 gese-
hen hatte, war natürlich verheerend.
Als einem guten Parteimitglied war ihr die Parteidisziplin so in Fleisch und Blut übergegan-
gen, daß es ihr zur zweiten Natur geworden war, den Launen eines Parteibefehls zu gehorchen;
sie war aber trotz allem immer davon überzeugt gewesen, daß sich die grundsätzliche Partei-
linie eindeutig gegen den Faschismus richte. Mit einem Schlag war dies jedoch alles anders.
Sonja gehorchte nach außen hin ihren Weisungen und löste befehlsgemäß die Organisation
auf, die sie mit so viel Mühe aufgebaut hatte; aber ich glaube, daß sie von dem Zeitpunkt an
nicht mehr mit dem Herzen bei der Sache war.« Die gesamte geheime Tätigkeit sei eingestellt
worden – ähnlich wie bei der »Roten Kapelle« in Brüssel. Während Sonja mit »ihrem politischen
Gewissen rang«, hatte er die schwere Aufgabe, alle Aktivisten aus Deutschland zurückzuru-
fen.14

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Der endgültige Bruch Arthur Koestlers

Der bekannte Schriftsteller Arthur Koestler vollzog den Bruch mit dem Stalinschen Kommu-
nismus in zwei Phasen. Anfang 1938 gab er in einem Brief seinen offiziellen Austritt aus der
KPD bekannt, aber zum endgültigen Bruch mit der Sowjetunion kam es erst durch den Hit-
ler-Stalin-Pakt, ein Jahr zuvor war sie ihm noch als ein Bollwerk des Antifaschismus erschie-
nen.
Arthur Koestler, 1905 in Budapest geboren, lebte nach einem Studium der Naturwissen-
schaften an der Technischen Hochschule in Wien vorübergehend in einem Kibbuz in Palästina.
Von 1925 bis 1930 arbeitete er für die Zeitungen des Ullstein-Verlages als Auslandskorre-
spondent im Mittleren Osten und anschließend in Paris. Im Jahre 1930 zog er nach Berlin – er
kam an jenem 14. September 1930 an, als die NSDAP ihren großen Durchbruch bei den Reichs-
tagswahlen erzielte. Zu jener Zeit war Arthur Koestler im Ullstein-Verlag als wissenschaft-
licher Redakteur der »Vossischen Zeitung« sowie als wissenschaftlicher Berater angestellt. Die
Weltwirtschaftskrise, der rasche Anstieg der Arbeitslosen und die seitens der Nationalsozia-
listen drohende Nazis waren für ihn einschneidende Ereignisse: »Die Sozialdemokraten be-
trieben eine Politik opportunistischer Kompromisse; die Kommunisten, hinter denen die mäch-
tige Sowjetunion stand, schienen die einzige Kraft, um dem Ansturm der primitiven Horden
mit dem Hakenkreuz-Totem Widerstand zu leisten.«
Aber dazu veranlaßte ihn nicht nur die damalige Situation, sondern auch sein Studium der
Werke von Marx, Engels und Lenin, die, wie er schrieb, eine »geistige Explosion« bei ihm aus-
lösten. Von nun an schien es auf jede Frage eine klare Antwort zu geben. Am 31. Dezember
1931 trat er in die Kommunistische Partei Deutschlands ein.
Arthur Koestler gehörte der höchst ungewöhnlichen Parteizelle in der Künstlerkolonie am
Laubenheimer Platz an. Der Pol-Leiter war Alfred Kantorowicz, der Org-Leiter der Schrift-
steller Max Schröder und zu den 20 Zellenmitgliedern gehörte auch Dr. Wilhelm Reich, der
Gründer und Leiter des Instituts für Sexualpolitik. Arthur Koestler erlebte die Haus- und Hof-
Propaganda, die durch die groteske Politik der KPD und ihren Kampf gegen die Sozialdemo-
kratie unter der Parole des »Sozialfaschismus« geprägt war, nahm an den Zellensitzungen mit
ihrer oft eintönigen Einstimmigkeit, aber auch an den häufigen Scharmützeln mit den Nazis
teil.
Im Spätsommer 1932 fuhr er auf Einladung des »Internationalen Verbandes revolutionärer
Schriftsteller« in die Sowjetunion – mitten in der schwersten Krise der Kollektivierung. Koest-
ler sah mit eigenen Augen die Verheerungen der Hungersnot von 1932/33 in der Ukraine, die
Scharen von zerlumpten Familien, die auf den Bahnhöfen bettelten, Hunger und Elend, die
Apathie der Menschen auf den Straßen, die entsetzlichen Wohnverhältnisse, die Hunger-Ra-
tionen in den Kolchosen. Aber seine Parteierziehung, so berichtet Koestler, hatte ihn mit so
viel »kunstvollen geistigen Stoßdämpfern und dialektischen Wattepolstern ausgestattet, daß
ich alles Gesehene und Gehörte automatisch in den vorgefaßten Rahmen fügte«.
Als er im Herbst 1933 nach Deutschland zurückkehrte, war Hitler an die Macht gelangt;

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Arthur Koestler ging zu seinen Parteifreunden ins Pariser Exil. Er war im »Institut zum Stu-
dium des Faschismus« in Paris tätig – eine der vielen Organisationen Willi Münzenbergs, ar-
beitete 10 bis 12 Stunden am Tag ohne Gehalt, mit dem einzigen Privileg, in der Rue Buffon
jeden Mittag einen Topf dicker Erbsensuppe zu erhalten.
Während des spanischen Bürgerkrieges war Arthur Koestler Korrespondent des »News
Chronicle« im Hauptquartier Francos. Beim Fall Malagas Anfang 1937 wurde er von Franco-
Truppen gefangengenommen. Deren Greueltaten enthüllte er in der Dokumentation »Men-
schenopfer unerhört«. Vier Monate verbrachte er in Franco-Gefängnissen in Malaga und Se-
villa, den größten Teil davon in Einzelhaft, in Erwartung seiner baldigen Erschießung. Im Juni
1937 wurde der zum Tode Verurteilte aufgrund einer Intervention der britischen Regierung
überraschend freigelassen. Er schrieb in England sein berühmtes Buch »Ein spanisches Testa-
ment«, das durch den »Left Book Club« in der ganzen Welt verbreitet wurde. Durch die grau-
envollen Erfahrungen in den Franco-Gefängnissen hatten sich seine Bindungen an die Kom-
munistische Partei verstärkt. Aber Arthur Koestler erfuhr fast täglich neue Einzelheiten über
die Massenverhaftungen während der »großen Säuberung« in der Sowjetunion. Auch Freunde
unter den kommunistischen Emigranten wurden unter den unglaublichsten Anschuldigungen
festgenommen. Der Terror überschwemmte Rußland, begrub wie eine Flutwelle alle unter sich,
die ihm in den Weg kamen.
Im März 1938 fand der Prozeß gegen den »Block der Rechten und Trotzkisten« statt – mit
Nikolai Bucharin als Hauptangeklagtem. Dieser Prozeß »übertraf alles in dieser Richtung schon
vorangegangene, an Absurdität und Grauen«. Einige Tage später verfaßte Koestler einen Ab-
schiedsbrief an die KPD, die Komintern und das stalinistische Regime, der mit einer Loyalitäts-
erklärung für die Sowjetunion schloß. Bei aller Kritik gegenüber dem Regime, dem Krebs-
geschwür der Bürokratie, dem Terror und der Unterdrückung, bekannte Koestler darin seinen
Glauben an die unerschütterlichen Grundlagen des Arbeiter-und-Bauernstaates, an die Ver-
staatlichung der Produktionsmittel und erklärte, die Sowjetunion sei trotz allem noch immer
»unsere einzige und letzte Hoffnung auf einem im schnellen Verfall begriffenen Planeten«.
Erst ein Jahr später vollzog sich seine endgültige Abkehr. »Dieser Schwebezustand«, so Koest-
ler, »dauerte für mich bis zu dem Tag, an dem zu Ehren Ribbentrops die Hakenkreuzfahne auf
dem Moskauer Flugplatz gehißt wurde und die Kapelle der Roten Armee das ›Horst-Wessel-
Lied‹ anstimmte. Damit war es Schluß; von nun an war es mir wirklich egal, ob mich die neuen
Verbündeten Hitlers einen Konterrevolutionär schimpften.«15

Hans Werner Richter: Wir verbrannten unsere KP-Mitgliedsbücher

Hans Werner Richter ist vor allem durch seine schriftstellerische Tätigkeit im Nachkriegs-
deutschland bekannt – als Mitbegründer der Zeitschrift »Der Ruf«, als Begründer und aktiver
Mitarbeiter der »Gruppe 47« sowie durch seine vielen Bücher und literarischen Preise. Weit
weniger bekannt ist, daß Hans Werner Richter von 1930 bis zum August 1939 der KPD an-

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gehörte und für die Partei auch in der Illegalität tätig war. Darüber berichtet er in dem bemer-
kenswerten Buch »Briefe an einen jungen Sozialisten«, deren Grundtendenz sein Abschied von
einer Utopie ist.
Hans Werner Richter, als Sohn von Fischern in Bansin auf der Insel Usedom 1918 geboren
und Ende der 20er Jahre als Buchhändlergehilfe in Berlin tätig, trat 1930 in die KPD ein. Zwei
Dinge waren dafür ausschlaggebend. »Das war zum einen der Strahlenglanz, der von der uns
völlig unbekannten Sowjetunion auszugehen begann, zum anderen der ständige, für uns aber
doch überraschende Vormarsch der Nationalsozialisten, mit dem wir in dem Glauben, den
Gang der Geschichte für uns zu haben, nicht gerechnet hatten.«
Die Sowjetunion erschien Richter als jene ideale Gesellschaft, in der es keine Klassenunter-
schiede und auch keine Selbstentfremdung des Menschen mehr gebe. Die russischen Genos-
sen seien die Avantgarde der internationalen Revolution, berufen zur Führung und auch zu-
ständig für die deutschen Genossen.
Hans Werner Richter beschrieb sich selbst um 1930 als »einen jungen Funktionär, der sich
nicht nur im Besitz des richtigen, ja des absolut richtigen Wissens glaubte, sondern auch im Be-
sitz des großen marxistischen Seziermessers, mit dem er alles und jedes analysieren konnte
und das, einer Wünschelrute gleich, ihn mit Sicherheit aus der Nacht der Republik in das Licht
des Sozialismus führen mußte«. Zwar vertraute er der marxistischen Geschichtsauffassung,
laut der die Geschichte sich gesetzmäßig fortentwickelt: vom Feudalismus zum Kapitalismus,
vom Kapitalismus zum Sozialismus, bis zum Sieg des Proletariats. Doch die These vom »So-
zialfaschismus«, der zufolge die Sozialdemokratie der Hauptfeind sei, erschien ihm falsch. Auch
das Mißtrauen und die Bespitzelung, das Ersticken jeder innerparteilichen Demokratie, die
schematische Übertragung der Methoden der bolschewistischen Partei auf die deutsche KP
ließen bei ihm Zweifel aufkommen. Dennoch klebte er weiter nachts Plakate, nahm an De-
monstrationen teil und gründete neue KPD-Ortsgruppen in Pommerschen Dörfern.
Die Niederlage der KPD bei Hitlers Machtantritt erschütterte ihn. »Nichts rührte sich,
nichts geschah, kein Streik, kein Generalstreik, kein Aufruf zum Straßenkampf – nichts«, er-
innerte er sich. »Vergeblich warteten sozialistische und kommunistische Jugendliche, bereit zu
kämpfen und auf die Straße zu gehen, auf Anweisungen. Es gab keine, es sei denn die Anord-
nung der Kommunistischen Partei, sich in die Illegalität zu verkriechen.« Dies, so Hans Wer-
ner Richter, »war die erste Desillusionierung vieler meiner Altersgenossen«.
Die vor allem nach dem Reichstagsbrand einsetzenden Verhaftungen erlebte er in Berlin:
»Diese Verfolgung war allenfalls eine Kaninchenjagd von Totschlägern. Es gab keine Ausein-
andersetzung, keine Gegenwehr, keinen Kampf, es gab nur Angst, Fatalismus, Opportu-
nismus.« Hilflos flüchtete in jenen Nächten einer zum anderen, keiner wußte, wie und wo Wi-
derstand zu leisten wäre. Viele seiner Freunde wurden festgenommen, einige entkamen,
führende Funktionäre setzten sich überraschend schnell ins Ausland ab. Ein kleiner jämmer-
licher Buchladen, eine Art Leihbibliothek, wurde zum Treffpunkt der Genossen. Hans Wer-
ner Richter versteckte antifaschistisches Material und verbarg Parteimitglieder, die schon in
der Illegalität lebten und von Wohnung zu Wohnung zogen.

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Mit jeder Woche und jedem Monat ging der »Besuch« zurück. Das System begann sich zu
etablieren und alles und jedes zu durchdringen. Hans Werner Richter blieb in Kontakt mit jun-
gen Marxisten und anderen Antifaschisten. Die »Theorie-Diskussion« war abgeklungen – ge-
blieben war die Gegnerschaft zum Nazisystem mit dem Ziel, Hitler zu beseitigen. Die frühere
Parteizugehörigkeit zählte nun nicht mehr. Die Hitler-Gegner – Konservative, Kommunisten,
Sozialdemokraten und Katholiken – erkannten sich in den Betrieben, auf der Straße, in Ge-
schäften gegenseitig an der Nasenspitze, am Gesichtsausdruck, an kleinen Gesten.
Hitlers Erfolge waren für die deutschen Antifaschisten schwer zu ertragen. Nun schien es
nur noch eine Möglichkeit zu geben, ihm die Grenzen seiner Macht aufzuzeigen: außenpoliti-
sche Verwicklungen. Ihre Hoffnungen richteten sich auf die westlichen Demokratien, aber vor
allem auf die Sowjetunion. Zu Beginn des spanischen Bürgerkrieges jubelten Hans Werner
Richter und seine Freunde. Jetzt, so dachten sie, werde die Volksfrontidee verwirklicht und
der gemeinsame Kampf aller Gegner des Faschismus sowie die internationale Solidarität zur
Realität. Aber diese Hoffnungen wurden überschattet von den Massenverhaftungen in der
Sowjetunion und den Schauprozessen in Moskau. Die Hälfte der Generalität der Roten Armee
mit Tuchatschewski an der Spitze sollten feige Verräter sein? Bucharin erschossen? Die Selbst-
anklagen in den Prozessen, die Selbstbeschuldigungen und die Anwürfe – Schakale, Scheusale,
widerliche Hunde, Bestien im Schafspelz – gegenüber alten Bolschewiki, die für die Idee des
Sozialismus ein halbes Jahrhundert gekämpft hatten?
Trotz mancher Zweifel blieb für Hans Werner Richter die Sowjetunion das Bollwerk des Wi-
derstandes gegen den Faschismus. Im August 1939 arbeitete er an der kleinen Tankstelle sei-
nes Vaters in Bansin mit. Er, seine Familie und seine Freunde – fast alle Sozialdemokraten oder
Kommunisten – wußten, es würde zum Krieg kommen, und für sie stand fest, daß Hitler die-
sen Krieg verlieren mußte. Gegen Hitler waren die Sowjetunion und Polen, Frankreich und
England, mit Amerika im Rücken. Ein solcher Zweifrontenkrieg könnte, so meinten sie, nur
wenige Monate dauern. Ein jahrelanger Durchhaltekrieg schien unmöglich. Dann aber kam
der Tag des Hitler-Stalin-Pakts. Hans Werner Richter erinnert sich:
»Es ist der 23. August 1939, der Tag, an dem sich all unsere Hoffnungen als Illusionen er-
wiesen, ein Tag der tiefsten Demütigung und Enttäuschung für mich, ja auch der Scham ge-
genüber allen, denen ich mit meinen Anschauungen immer wieder Mut gemacht und Geduld
eingeredet hatte. Alle bis dahin erlebten Niederlagen, was bedeuteten sie noch gegenüber die-
sem einen Tag, an dem alles zusammenbrach, was ich geglaubt hatte?« Er ahnte: »Die Folgen
bei den deutschen Sozialisten, aber auch in der internationalen proletarischen Bewegung, muß-
ten verheerend sein: es war die Demoralisierung schlechthin. Plötzlich waren wir allein, ver-
lassen, ohnmächtig. Was an moralischer Widerstandskraft an diesem einen Tag verloren ging,
ist heute noch nicht meßbar. Hitlers Ende wäre sehr viel schneller gekommen, hätte die Sow-
jetunion anders gehandelt. Was mußte für uns ein Tag bedeuten, an dem zu Ehren Ribbentrops
und damit Adolf Hitlers die Hakenkreuzflagge auf dem Moskauer Flugplatz gehißt wurde.«
Seine Freunde, so erinnerte er sich, hatten nichts gesagt, nur ungläubig die Köpfe geschüttelt,
denn sie wußten, daß Hitler nun den Krieg gegen Polen beginnen würde: »Mit dem Freund-

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schafts- und Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion im Rücken konnte er alles wagen, außen-
politisch wie innenpolitisch.«
Die Sowjetunion hatte die Volksfrontidee, den Kampf gegen den Faschismus beiseite ge-
worfen wie ein lästiges Übel. »Viele Intellektuelle, aber auch viele Arbeiter und kleine Funk-
tionäre in Europa, schickten in diesen Tagen ihre Parteibücher zurück. Wir konnten das nicht.
Aber ich verbrannte in der darauf folgenden Nacht die Parteibücher einer ganzen Ortsgruppe,
die ein Freund, unter ständiger Gefahr für seine eigene Sicherheit, aufbewahrt hatte; ich ver-
brannte sie im Wald und vergrub auch noch die Asche, um sicher zu sein, daß sie nicht gefun-
den wurde. Es war mein endgültiger Abschied von der Kommunistischen Partei, zu der es jetzt
keine Rückkehr mehr geben konnte.«16

Willi Münzenberg: »Der Verräter, Stalin, bist Du!«

Unter den vielen Kommunisten, die aus Enttäuschung und Empörung über den Hitler-Stalin-
Pakt mit der Sowjetunion und der Komintern brachen, war Willi Münzenberg wohl der be-
deutendste.
Willi Münzenberg, 1889 in Erfurt (Thüringen) geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen
auf, besuchte nur unregelmäßig die Volksschule, las aber heimlich alles, was ihm in die Hände
fiel. Schon in frühen Jugendjahren begann er in einer Erfurter Schuhfabrik zu arbeiten und
schloß sich der sozialistischen Jugendbewegung an. Dann ging er als Wanderbursche in die
Schweiz und lernte 1915, während des Ersten Weltkrieges, die damals in Zürich lebenden rus-
sischen Emigranten kennen: Lenin, dessen Frau Krupskaja, Trotzki und Sinowjew. Willi Mün-
zenberg war aktives Mitglied des Sozialistischen Jugendverbandes Zürich und schon bald sein
Vorsitzender. 1918 kehrte er nach Deutschland zurück, gehörte der KPD seit ihrer Gründung
an, betätigte sich jedoch vor allem in der kommunistischen Jugendbewegung.
Seit 1917 enger Freund Lenins, begründete er gemeinsam mit Leo Flieg, dem Österreicher
Richard Schüller, dem Jugoslawen Karlo Stajner und dem Schweizer Paul Thalmann die Kom-
munistische Jugendinternationale (KJI) und war gleichzeitig fast zwei Jahrzehnte der fähigste
Propagandaleiter des internationalen Kommunismus. Im Sommer 1921 beauftragte ihn Lenin,
mit dem er in persönlichem oder brieflichem Kontakt stand, angesichts der damaligen Hun-
gersnot in Rußland eine internationale Hilfsaktion einzuleiten. Als Gründer und Organisator
der Internationalen Arbeiterhilfe (IAH) war Münzenberg außerordentlich erfolgreich – Mil-
lionen an Geld und Sachwerten kamen in das vom Hunger heimgesuchte Sowjetrußland. Die
IAH unterstützte zunehmend auch streikende und eingekerkerte Kommunisten sowie deren
Frauen und Kinder in vielen Ländern.
Münzenberg beteiligte sich nicht an Fraktionskämpfen in der Partei oder der Komintern
und nutzte das relativ große Maß an Unabhängigkeit, das er besaß, um Zeitungen, Zeitschrif-
ten und Filmateliers zu gründen und einfallsreich zu gestalten. Seine Erfolge beruhten weit-
gehend darauf, daß er ungestört von der lähmenden Kontrolle der Parteibürokratie operieren

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konnte. Zunehmend zog er bekannte Intellektuelle und berühmte Persönlichkeiten zur Mit-
arbeit heran. Bereits 1926 verfügte Münzenberg in Deutschland über zwei Tageszeitungen mit
hohen Auflagen (»Welt am Abend« und »Berlin am Morgen«), die »Arbeiter-Illustrierte« (AIZ),
die Zeitschrift »Roter Aufbau«, ein erfolgreiches Filmunternehmen sowie den Neuen Deut-
schen Verlag und die »Universum-Bücherei«.
Wohl kein anderer prominenter deutscher Kommunist war so voller Ideen wie Münzenberg.
Den Gepflogenheiten der Jugendbewegung blieb er treu. An versammlungsfreien Sonntagen
zog es ihn in die Natur. Er trank kaum Alkohol, liebte es zu wandern, sich irgendwo im Wald
zu lagern und Sport zu treiben.
Mit der Gründung der Antiimperialistischen Liga im Jahre 1927 wurde sein Name weit über
Deutschland hinaus bekannt. An der Liga beteiligten sich u.a. der Brasilianer Luis Carlos Pre-
stes, der Inder Jawaharlal Nehru (der spätere Ministerpräsident Indiens), der berühmte mexi-
kanische Maler Diego Rivera, die Witwe Sun-Yat-Sens und General Sandino aus Nicaragua, auf
den sich die spätere Bewegung der Sandinisten berief.
Nach Hitlers Machtantritt 1933 setzte Willi Münzenberg seine politische, verlegerische und
publizistische Arbeit in Paris fort. Er gründete schon bald das Hilfskomitee für die Opfer des
deutschen Faschismus mit Zweigstellen überall in Europa und Amerika, den Verlag Editions
du Carrefour, veröffentlichte Artikel, organisierte den Londoner Gegenprozeß zum Reichs-
tagsbrandprozeß und gab das berühmte »Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitler-Terror«
heraus, das schon bald in alle Weltsprachen übersetzt und zur schärfsten Anklage gegen das Hit-
ler-System wurde. Der wichtigste Autor des Braunbuches war André Simone (Pseudonym für
Otto Katz), der Ende 1952 als Angeklagter im Slánský-Prozeß in der Tschechoslowakei zum
Tode verurteilt werden sollte.
Im Mai 1936 wurde Willi Münzenberg nach Moskau gerufen zwecks Beratung neuer Volks-
front- und Friedensaktivitäten. Er wirkte bei der Gründung der internationalen Friedenskam-
pagne Rassemblement Universel pour la Paix (RUP) mit, die in Veröffentlichungen deutscher
Emigranten häufig als Weltfriedensbewegung bezeichnet wird. Wenige Monate später ent-
sandte die Komintern den tschechischen Funktionär Bohumír Šmeral zur Kontrolle des von
Münzenberg geleiteten Propaganda-Apparats nach Paris. Im Oktober 1936 wurde Münzen-
berg erneut nach Moskau beordert, da er in der Agitprop-Abteilung (Agitation und Propa-
ganda) der Komintern arbeiten sollte. Nach der Ankunft stellten er und seine Frau Babette
Gross mit Schrecken fest, daß die Verfolgungswelle nach der Verurteilung Sinowjews und Ka-
menews zum Tode keineswegs zu Ende gegangen war, sondern gerade erst begonnen hatte. In
der Kominternzentrale wurde Münzenberg mitgeteilt, er solle seine Organisation in Paris an
Šmeral übergeben; gleichzeitig wurde er vor die Internationale Kontrollkommission der Kom-
intern (IKK) geladen, um sich wegen angeblicher »mangelnder revolutionärer Wachsamkeit«
zu verantworten. Er habe eine gewisse Liane Klein beschäftigt, deren Vater angeblich ein Spion
im Dienste Francos sei und durch seine Tochter an Informationen über das Unternehmen ge-
kommen sei. Anfangs erheiterte dieser Vorwurf Münzenberg, denn Liane hatte lediglich als
Stenotypistin von 1933 bis 1935 in einem seiner Büros gearbeitet und mit vertraulichen Ar-

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beiten nie etwas zu tun gehabt; aber als er zum zweiten und dritten Mal wegen dieser Angele-
genheit vorgeladen wurde, verstand er, daß der »Fall Liane« nur ein Vorwand war, um ihn zu
erledigen.
Von da an hatte er nur noch einen Gedanken: Moskau so schnell wie möglich zu verlassen.
Münzenberg ging zu Togliatti und erklärte, er müsse unbedingt die Aktion für Spanien, die er
in Paris eingeleitet hatte, zu Ende führen. Togliatti stimmte ihm zu, und Münzenberg erhielt
von der Kader-Abteilung der Komintern die Nachricht, die Abreise für ihn und seine Frau Ba-
bette sei genehmigt. Zur verabredeten Zeit fanden sich beide auf dem Bahnhof ein. Aber nie-
mand kam, um ihnen die Pässe mit der Ausreisegenehmigung und den Fahrkarten auszuhän-
digen. Niedergeschlagen kehrten sie in das Hotel zurück. »In der Nacht schlossen wir kein
Auge und warteten auf das Klopfen der NKWD-Leute an der Tür«, erinnerte sich Babette
Gross. Am nächsten Morgen stürmte Münzenberg zu Togliatti und machte ihm eine wütende
Szene. Das tat seine Wirkung. In Münzenbergs Beisein führte Togliatti eine Reihe wichtiger
Telefongespräche. Daraufhin erhielten sie die Papiere und Fahrkarten und reisten noch am glei-
chen Tag aus Moskau ab.
In Paris eingetroffen, übergab Willi Münzenberg die Abschlußberichte, Bilanzen und Ab-
rechnungen für alle Komitees und Verlage, die seiner Kontrolle unterstanden hatten, an den
neuen Kominternbeauftragten Šmeral. Das von ihm aufgebaute weltumspannende Unterneh-
men wurde nun von der Parteibürokratie übernommen und zerfiel bald darauf.
Am 10. April 1937 wurde in einem Saal in der Rue Cadet in Paris die Gründungskonferenz der
»Deutschen Volksfront« eröffnet. 300 Delegierte verschiedenster politischer Richtungen nah-
men daran teil. Zu den Referenten gehörten der Schriftsteller Heinrich Mann, der Sozialdemo-
krat Rudolf Breitscheid sowie Willi Münzenberg, der über die »Aufgaben der Volksfront« sprach.
Er wandte sich – offensichtlich auf die KP-Führung in Paris anspielend – gegen eine kleinliche
Politik von Winkelzügen, die nur das Vertrauen zerstöre. Von Heinrich Mann erhielt er darauf
einen auffälligen Dank. Hinter den Kulissen aber intrigierte Walter Ulbricht gegen Münzenbergs
Beteiligung an der Volksfront und trug damit zu ihrer weiteren Schwächung bei. Unter dem Ein-
druck der »großen Säuberung« in der Sowjetunion sagte sich eine Gruppe nach der anderen von
der Volksfront los: zunächst die fortschrittlichen Liberalen um Leopold Schwarzschild und das
»Neue Tagebuch«, dann die noch verbliebenen Sozialdemokraten und schließlich auch die Ver-
treter der »Sozialistischen Arbeiterpartei« (SAP). Vom Herbst 1937 bis Herbst 1938 betrieb die
KPD-Emigrationsführung einerseits eine Flüsterkampagne gegen Münzenberg, andererseits
wurde immer wieder versucht, Münzenberg zu einer Reise nach Moskau zu drängen. Unter dem
Eindruck dieses Kesseltreibens verschickte Münzenberg im Herbst 1938 ein (nicht veröffent-
lichtes) Rundschreiben an seine engeren Freunde, in dem er – ohne jede Schärfe und ohne Be-
schimpfungen – seine Trennung von der KPD bekannt gab: »Da die Verhältnisse in Deutschland
und die Zuspitzung der internationalen Krise den Einsatz jedes einzelnen erfordern, zwingen
mich meine politische Vergangenheit, mein sozialistisches Verantwortungsbewußtsein und mein
Temperament, mich von einer Organisation zu trennen, die mir eine politische Arbeit unmöglich
macht.« Abschließend konstatierte er, seine Stellung zur Sowjetunion habe sich nicht geändert.

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Münzenberg gründete die unabhängige überparteiliche deutsche Wochenschrift »Die Zu-


kunft«, deren erste Nummer Mitte Oktober 1938 erschien. »Die Zukunft« wollte den Kampf
gegen den Nazismus führen, sich für eine Zusammenarbeit der verschiedenen Emigrations-
gruppen einsetzen und ein Programm für die Zeit nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regi-
mes entwickeln. Schon die erste Nummer enthielt eine Liste von Mitarbeitern aller politischen
Richtungen: Thomas Mann, Heinrich Mann, Stefan Zweig, Josef Roth, Arnold Zweig, Lion
Feuchtwanger, Alfred Döblin, Alfred Kerr, Rudolf Olden, Manès Sperber und eine Vielzahl
von Ausländern, darunter Ignazio Silone und H.G. Wells.
»Die Zukunft« war so erfolgreich, daß die von der KPD herausgegebene »Deutsche Volks-
zeitung« völlig ins Hintertreffen geriet. Seit Anfang 1939 fanden sich die »Freunde der Zu-
kunft« zu politischen Diskussionen zusammen und versuchten, durch kulturelle Veranstal-
tungen der deutschen Emigration einen geistigen Mittelpunkt zu geben. Aus dieser lockeren
Gemeinschaft gingen die »Freunde der sozialistischen Einheit« hervor, die in enger Abstim-
mung mit österreichischen Emigranten das Programm einer künftigen reformierten deutschen
Arbeiterbewegung ausarbeiteten. Ihr Ziel war der Zusammenschluß »aller ehrlichen Antifa-
schisten« zu einer »revolutionären Einheitspartei der Arbeiterklasse« mit garantiertem inner-
parteilichem »Selbstbestimmungsrecht« und vollkommener Unabhängigkeit sowohl gegen-
über der Zweiten (Sozialistischen) als auch gegenüber der Dritten (Kommunistischen)
Internationale und die grundsätzliche Bereitschaft, »mit allen ehrlichen demokratischen Kräf-
ten Deutschlands« zu kooperieren.
In der »Zukunft« gab Willi Münzenberg am 10. März 1939 die Gründe seines Austritts aus
der KPD offiziell bekannt: »Ich trenne mich schwer von einer Organisation, die ich mitge-
gründet und mitgeschaffen habe.« Er habe sich 1915 als einer der ersten deutschen Sozialisten
Lenin und seiner Bewegung angeschlossen und sich für diese fast 25 Jahre mit seiner ganzen
Person eingesetzt. In den letzten zwei Jahren sei es jedoch zu Konflikten mit der Emigrations-
leitung der KPD gekommen, vor allem über die Ziele der Volksfront und über die innerpar-
teiliche Demokratie. Münzenberg warf der KPD eine »widerspruchsvolle Politik« vor: einer-
seits fordere sie die demokratische Volksrepublik, andererseits verzichte sie nicht auf eine
»Einparteidiktatur«. Sie trete für eine »Schaffung einer Einheitspartei der Arbeiterschaft« ein,
setze aber gleichzeitig die alte Taktik der Verunglimpfungen fort. Der Kampf gegen den Fa-
schismus werde erschwert durch das »Übergewicht eines bürokratischen Apparats, der das
Parteileben beherrscht, und durch eine Leitung, die sich trotz aller Niederlagen seit 1933 un-
fehlbar und unersetzbar dünkt«.
Münzenberg beschränkte sich jedoch nicht auf eine Kritik, sondern ging auch auf seine eige-
nen politischen Ziele ein: »Die Arbeiterpartei muß sich zu den Grundprinzipien der klassi-
schen Arbeiterbewegung bekennen, zur Unverletzlichkeit und Unantastbarkeit der innerpar-
teilichen Demokratie und des Mitbestimmungsrechts aller Mitglieder.« Der Kampf gegen den
Faschismus könne nur von Menschen gewonnen werden, die von ihren eigenen Erkenntnis-
sen und Ideen überzeugt sind und auf freiwilliger Grundlage leiden und Opfer auf sich neh-
men. Mit reglementierten, kommandierten und schikanierten toten Seelen sei der Kampf nicht

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zu gewinnen. Der Kernsatz seiner Vorstellungen über ein zukünftiges Deutschland nach dem
Sturz Hitlers lautete: »Wenn das neue Deutschland Existenzberechtigung haben will, darf es
weder eine schematische Wiederholung der Weimarer Demokratie noch eine Einparteiherr-
schaft nach stalinistischem Muster sein.«
Aber selbst nach seinem öffentlich verkündeten Austritt aus der KPD vermied es Münzen-
berg, die Sowjetunion und Stalin anzugreifen: »Ich ändere meine Stellung nicht zur Sowjet-
union, dem ersten Land eines sozialistischen Aufbaus, dem großen Friedensgaranten«, schrieb
er noch in seiner Erklärung vom 10. März 1939.
Durch den Pakt waren allerdings alle Gründe, die ihn bislang zum loyalen Schweigen ge-
genüber der Sowjetunion veranlaßt hatten, weggefallen. Bei Münzenberg, so erinnerte sich Ba-
bette Gross, waren nun alle Dämme gebrochen. Sein Protest war wie ein Aufschrei. Münzen-
berg prangerte »den russischen Dolchstoß« an. Sein Artikel schloß mit den Worten:
»Frieden und Freiheit müssen verteidigt werden, gegen Hitler und Stalin. Der Sieg muß
gegen Hitler und Stalin erkämpft und die neue unabhängige Einheitspartei der deutschen Ar-
beiter im Kampf gegen Hitler und gegen Stalin geschmiedet werden … Jahrelang hat eine aus-
gehaltene Presse gehetzt und verleumdet, hat Hunderte von niederträchtigen Lügen verbrei-
tet, Tausende tapfere Arbeiter verdächtigt, keine Nummer der ›Volkszeitung‹ erschien, die
nicht hundertmal wiederholte: ›Nieder mit dem Schädling, nieder mit dem Verräter.‹
Heute stehen in allen Ländern Millionen auf, sie recken den Arm, rufen, nach dem Osten
deutend:
Der Verräter, Stalin, bist Du!«17

Alexander Weißberg im »inneren Gefängnis« in Kiew

Alle hier bisher aufgeführten Erinnerungen damaliger Kommunisten betrafen den seinerzeit
veröffentlichten Teil des Hitler-Stalin-Paktes. Vom Geheimabkommen über die Aufteilung
Polens, der baltischen und osteuropäischen Länder zwischen Hitler-Deutschland auf der einen
und der Sowjetunion auf der anderen Seite wußten nur wenige. Zwar hatte es von Anfang an
Ahnungen und Befürchtungen gegeben, daß die Zusammenarbeit weit darüber hinausgehe,
aber über deren Ausmaß im militärischen Sektor und in den Geheimdiensten – bis hin zum Aus-
tausch von Gefangenen zwischen der Gestapo und dem sowjetischen Staatssicherheitsdienst
NKWD – war auch in der Entstalinisierungsphase unter Chruschtschow nichts bekannt. Erst
nachdem gegen Ende der Gorbatschow-Ära ein Untersuchungsausschuß die Existenz des Ge-
heimen Zusatzprotokolls bestätigt hatte, bestätigte das sowjetische Parlament die Echtheit des
Paktes samt Zusätzen. Selbst zu Beginn von Jelzins Herrschaft wurden diese heruntergespielt.
Um so wichtiger erscheint es, an das Schicksal zweier deutschsprachiger Kommunisten zu
erinnern, die damals infolge des Paktes ein grauenvolles Schicksal erlebt und überlebt
haben:
Alexander Weißberg erfuhr im »inneren Gefängnis« in Kiew vom Pakt. Er wurde 1901 in

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Warschau geboren, war in Wien aufgewachsen, hatte Physik studiert und war 1927 in die
Kommunistische Partei Österreichs eingetreten. 1931 erhielt Weißberg einen Ruf an das Ukrai-
nische Physikalisch-Technische Institut in Charkow, damals eine der größten und besteinge-
richteten Forschungsstätten Europas. Dort arbeitete er mit Leipunskij, der die Abteilung für
Kernspaltung leitete, und mit dem berühmten sowjetischen Physiker Landau zusammen.
Ende 1937 wurde Weißberg verhaftet und beschuldigt, einer Gruppe von Terroristen an-
gehört zu haben, die das Ziel hätten, Stalin und Woroschilow während eines Jagdausflugs im
Kaukasus zu ermorden und die wichtigsten Industriebetriebe der ukrainischen Hauptstadt im
Falle eines Krieges in die Luft zu sprengen.
In den Jahren seiner Haft in der Sowjetunion durchlief Weißberg alle Stadien der Gefäng-
niswelt: Einzelhaft, Straf- und Massenzelle. Am Anfang machte er »den großen Konveyer«
durch (so wurden in sowjetischen Gefängnissen Dauerverhöre mit Schlafentzug genannt):
7 Tage und 7 Nächte wurde er mit Ausnahme zweier kleiner Pausen am Tag ständig abwech-
selnd von drei NKWD-Leuten verhört. Dann brach er zusammen und unterschrieb sein »Ge-
ständnis«, das er 24 Stunden später zurückzog. Er kam wieder zum Dauerverhör, brach nach
4 Tagen und Nächten zusammen, unterzeichnete ein neues »Geständnis«, widerrief es und
wurde zum dritten Mal zum »Konveyer« geholt.
So wäre es sicher weitergegangen, wenn es für ihn nicht zwei positive Umstände gegeben hätte.
Erstens sicherte ihm sein österreichischer Paß ein Mindestmaß an Rücksicht, und zweitens –
viel wichtiger – setzte sich Albert Einstein in einem Brief an Stalin vom 16. Mai 1938 für ihn ein,
und auch einige Nobelpreisträger aus Frankreich verwandten sich für ihn. Nach dieser Inter-
vention reduzierten sich die üblichen Drangsalierungen für Alexander Weißberg. Er wurde in das
»innere Gefängnis« in Kiew überführt, wo die Zellen im Unterschied zu den sonstigen Massen-
gefängnissen relativ sauber und nicht überfüllt waren. Dafür waren die totale Isolation und die
Untätigkeit äußerst bedrückend. Man hörte kein lautes Wort, die Wärter flüsterten, auch die
Gefangenen mußten flüstern, es gab keinen Bleistift, kein Buch, keine Kommunikation.
Hier erfuhr Alexander Weißberg vom Hitler-Stalin-Pakt durch einen neu eingelieferten
Funktionär aus Tschernigow, der dort bereits eineinhalb Jahre in Haft gewesen war. Er brachte
Zeitungsnachrichten mit und erzählte: »Wir haben mit den Deutschen einen Pakt geschlossen.
Ribbentrop war selber in Moskau. Lustig muß das gewesen sein. Er wurde von Stalin und den
führenden Staatsmännern empfangen. Ob auch Kaganowitsch dabei war? Ob der Naz’ mit
dem Juden angestoßen hat?« Die übrigen Zelleninsassen und auch Alexander Weißberg konn-
ten den Sinn seiner Worte nicht verstehen. Keiner ahnte, daß dieser Pakt den Zweiten Welt-
krieg einleiten sollte.
Dann hörten die Häftlinge nichts mehr. Sie wußten weder, daß am 1. September Hitler-
Deutschland in Polen eingefallen war und wenige Tage später der Zweite Weltkrieg begonnen
hatte, noch, daß die Sowjettruppen am 17. September die polnische Grenze überschritten und
sich den östlichen Teil Polens einverleibt hatten.
Im November 1939 wurde Alexander Weißberg nach Moskau in die Butyrka überführt. In
diesem berüchtigten Gefängnis traf er mit Zenzl Mühsam (Witwe von Erich Mühsam), der

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Schauspielerin Carola Neher, Margarete Buber-Neumann und anderen deutschen Emigranten


zusammen.
Am 31. Dezember 1939 wurden Alexander Weißberg und einige Mithäftlinge früh geweckt;
man brachte sie in ein fast luxuriöses Bad, rasierte sie, führte sie in die Kleiderkammer und
kleidete sie bestens ein. Am Nachmittag wurde Alexander Weißberg gerufen. Ein junger
Offizier des NKWD erhob sich, reichte ihm einen Bogen Papier: »Unterschreiben Sie das, Bür-
ger.« Das Schreiben enthielt die Erklärung, das Verfahren gegen Alexander Weißberg sei ein-
gestellt und er sei »als lästiger Ausländer aus dem Gebiet der Union der Sozialistischen Sow-
jetrepubliken auszuweisen«. Aber wohin? Die Antwort des NKWD-Oberleutnants: »Sie gehen
jetzt nach Berlin.« »Ich will nicht nach Berlin«, antwortete Alexander Weißberg, »ich habe mit
dem deutschen Faschismus nichts zu tun. Ich bitte um die Erlaubnis, nach Schweden fahren
zu dürfen.«
Aber es half nichts, denn die Antwort war klar: nach Berlin.
In der Silvesternacht des Jahres 1939/40 setzte sich der Zug von Moskau aus in Bewegung.
Alexander Weißberg erinnerte sich: »Er brachte 70 geschlagene Leute nach Hause. Sie verließen
das Vaterland, das sie selber gewählt hatten, und kehrten in eine Heimat zurück, die ihnen
fremd geworden war. Sie standen zwischen den Fronten. Sie waren heimatlos geworden in bei-
den Ländern. Wir fuhren durch das verwüstete Polen auf Brest-Litowsk zu. An der Bug-Brücke
erwartete uns der Apparat des anderen totalitären Systems in Europa, die deutsche Gestapo.«18

Margarete Buber-Neumann: Von Karaganda ins KZ Ravensbrück

Margarete Buber-Neumann, 1901 in Potsdam geboren, studierte in Heidelberg und Jena,


gehörte zunächst einer sozialistischen Jugendgruppe an und trat 1926 in die KPD ein. Seit 1928
arbeitete sie, »ein gläubiges Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands«, als Redak-
teurin der Kominternzeitschrift »Internationale Pressekorrespondenz« im Karl-Liebknecht-
Haus der Berliner KPD-Zentrale.
Mehrfach begleitete sie Heinz Neumann, ihren zweiten Ehemann, in die Sowjetunion. Neu-
mann, Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre Stalins Sprachrohr in der KPD, war von
diesem zweimal eingeladen worden. Im Frühjahr 1932 wurde Neumann seiner Funktionen in
Deutschland enthoben und nach Moskau kommandiert. Im Oktober 1932 schickte ihn die
Komintern nach Spanien, und von dort wurde er nach Zürich abgeschoben. Nach seiner Ver-
haftung durch die Schweizer Fremdenpolizei verbrachte Neumann ein halbes Jahr in einem
Auslieferungslager. Die Sowjetunion bot ihm und seiner Frau Asyl an. NKWD-Mitarbeiter
verhafteten Heinz Neumann im April 1937 in Moskau, Ende November wurde er vom Mi-
litärkollegium des Obersten Gerichts zum Tode verurteilt und erschossen. Margarete Buber-
Neumann kam nach ihrer Festnahme im Juli 1938 in die Butyrka in Moskau, wurde als »sozial
gefährliches Element« zu 5 Jahren »Besserungs-Arbeitslager« verurteilt und erreichte nach lan-
ger Fahrt im Gefangenenwagen das Lager Karaganda in Nord-Kasachstan.

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Vom Hitler-Stalin-Pakt erfuhr sie erst mit großer Verspätung. Sie traf die deutsche kom-
munistische Emigrantin Grete Sonntag hinter dem Abort der Verwaltung. Flüsternd unter-
hielten sie sich. »Glaubst du, daß wir jemals hier rauskommen? Jetzt, wo Stalin auch noch einen
Freundschaftsvertrag mit Hitler gemacht hat? Da sind wir Kommunisten ihm doch erst recht
im Weg«, meinte Grete Sonntag – und ihre traurigen Augen füllten sich mit Tränen.
Ende des Jahres 1939 brachte man Margarete Buber-Neumann mit einigen anderen verhaf-
teten deutschen Kommunistinnen – darunter Carola Neher, Betty Olberg und Wally Adler –
unter weit besseren Bedingungen nach Moskau zurück. Im Butyrka-Gefängnis wurden sie von
einem Soldaten in ein besonderes Zimmer geführt:
»Im Zimmer saßen NKWD-Offiziere, die mich freundlich aufforderten, Platz zu nehmen.
›Wie geht es Ihnen gesundheitlich? Fühlen Sie sich wohl? Haben Sie sich gut erholt?‹ fragte
im väterlichen Ton der eine. Dann blätterte er in irgendwelchen Papieren herum, die vor ihm
auf dem Tisch lagen. ›Haben Sie Verwandte im Ausland?‹«
Die kommunistischen Frauen wurden zu einem Friseur gebracht; in einem Raum, der mit
Kleidern, Wäsche, Schuhen und Pelzmänteln vollgestopft war, sollten sie auswählen, was sie
benötigten. Wenige Tage später erhielten sie ein vorgedrucktes Formular mit der Mitteilung,
das Urteil von 5 Jahren sei umgewandelt »in sofortige Ausweisung aus dem Territorium der
Sowjetunion«. Auf ihre Frage, wohin, gab es nur die kurze Antwort: »Darüber kann ich Ihnen
keine Auskunft geben. Unterschreiben Sie.«
Kurz darauf wurde Margarete Buber-Neumann zum Gefängniswagen gebracht, in dem be-
reits andere deutsche Antifaschisten zusammengepfercht waren. Der »Schwarze Rabe« hielt an
einem Moskauer Bahnhof, von dem aus nur Züge Richtung Westen abfuhren. Die Abteile der
Waggons hatten keine Fenster. Nur durch das Gitter über den Gang konnte man etwas von der
Außenwelt sehen.
Während des Transports wurden die Gefangenen – 28 Männer und zwei Frauen – so gut
verpflegt wie nie zuvor: Brot, Butter, Käse, Konserven, Tee und täglich eine Schachtel Ziga-
retten. Die Begleitmannschaft war freundlich – beantwortete aber keine Frage nach dem Ziel
der Reise.
Am Morgen des 7. Februar 1940 hörte sie den Ruf: »Wir haben Minsk schon passiert und
fahren in der Richtung nach Polen weiter!« Später erscholl der Ruf: »Fertigmachen, mit Sa-
chen!« Die Gitter wurden aufgeschlossen. Die Gefangenen kletterten aufs Eisenbahngleis hin-
unter und standen fröstelnd in der eisigen Winterluft. Von weitem konnte man einen Bahnhof
erkennen: Brest-Litowsk.
Margarete Buber-Neumann schildert die Übergabe:
»Alle Gesichter waren gleich starr und unbeweglich vor Angst. Wir standen und blickten
über diese Eisenbahnbrücke, die die Grenze bildete zwischen dem von den Deutschen be-
setzten Polen und dem von den Russen okkupierten Teil. Über die Brücke kam ein Soldat lang-
sam auf uns zu. Als er sich näherte, erkannte ich die Soldatenmütze der SS. Der NKWD-Of-
fizier und der von der SS hoben grüßend die Hand an die Mütze. Aus seiner hellbraunen
länglichen Ledertasche zog der NKWD-Offizier eine Liste. Er war fast einen Kopf größer als

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der von der SS. Sein Gesicht ledern und maskenhaft, wie man das in Schundromanen immer
beschrieben bekommt. Welche Namen er herunterlas, hörte ich nicht. Irgendwann vernahm ich
›Buber-Nejman‹.«
Auf der anderen Seite wurden die ausgelieferten deutschen Kommunisten, darunter Marga-
rete Buber-Neumann, in eine Holzbude gebracht. Dort sah sie zum ersten Mal die SS-Mütze
mit Totenkopf und gekreuzten Knochen aus der Nähe.
In einem Güterwagen wurden die ausgelieferten deutschen Antifaschisten zunächst in das
Gefängnis von Bialas, einer kleinen polnischen Provinzstadt in der deutsch-besetzten Zone,
transportiert. Von dort kamen sie in das Gefängnis von Lublin, und schließlich wurden sie in
das Konzentrationslager Ravensbrück überführt. Dort blieb Margarete Buber-Neumann noch
weitere fünf Jahre – bis zum Ende des Krieges. Nur wenige der dort inhaftierten Kommuni-
stinnen schenkten ihren Berichten über die Sowjetunion Glauben, die Mehrzahl der politi-
schen Häftlinge lehnte die neue Mitgefangene offen ab.19

Einige Schlußfolgerungen

Bei den Erinnerungen der damals aktiven kommunistischen Zeitzeugen erscheinen mir fol-
gende Aspekte besonders wichtig zu sein.
1. Die Geheimhaltung. In die Vorbereitung des Hitler-Stalin-Paktes vom 23. August 1939
weihte Stalin offensichtlich einige ganz wenige, ausgewählte Personen ein – von der Sowjet-
führung wahrscheinlich nur Molotow. Selbst die Mitglieder des sowjetischen Politbüros wur-
den –wie aus den Erinnerungen Chruschtschows hervorgeht – von Stalin nicht informiert. Er
ließ die Politbüro-Mitglieder einfach auf die Jagd gehen. Dasselbe gilt für die Führung der
Komintern. Selbst so bedeutsame Kominternführer wie Wilhelm Pieck erfuhren über den Pakt
nur durch Zeitung und Rundfunk.
2. Die fehlende Einberufung der Gremien. Im Unterschied zu sonstigen Gepflogenheiten
bei ähnlichen Ereignissen während der Stalin-Ära gab es diesmal auch nach dem Ereignis, dem
Abschluß des Hitler-Stalin-Pakts, keine »Behandlung« oder »Erörterung« in den entspre-
chenden Gremien: Weder eine Sitzung des Politbüros zu diesem Thema noch eine Tagung des
Zentralkomitees. Was bei sonstigen Beschlüssen stets üblich war, fand beim Hitler-Stalin-Pakt
nicht statt.
3. Keine Direktiven. Es gab für die sowjetischen Parteimitglieder und Funktionäre diesmal
nicht die üblichen Direktiven des Zentralkomitees bzw. Politbüros zur Erklärung und Sprach-
regelung. Vor allem: Die Führung der Kommunistischen Internationale hat weder unmittelbar
am Tage des Paktes noch in den ersten Tagen und Wochen die Führung, die Mitglieder oder die
Funktionäre der Kommunistischen Parteien anderer Länder ausreichend informiert. Es gab in
diesen entscheidenden Wochen keine öffentlichen Stellungnahmen – auch keine internen Er-
klärungen. Keiner der Zeitzeugen (von denen hier nur eine wichtige Auswahl getroffen wor-
den ist) hat eine solche Direktive je erwähnt. Auch in allen späteren offiziellen Darstellungen,

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z.B. der parteioffiziellen »Die Kommunistische Internationale – Kurzer historischer Abriß«,


wird keine Direktive der Komintern an die KP-Führung anderer Länder erwähnt.
4. Die politischen Folgen des Hitler-Stalin-Pakts. Auch die anschließenden Ereignisse nach
dem Pakt – Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939, die Kriegserklärung Englands und
Frankreichs an Hitler-Deutschland sowie die Aufteilung Polens durch den mit der Hitler-
Führung vereinbarten und abgesprochenen Einmarsch der sowjetischen Truppen in Ostpolen
am 17. September 1939 – wurden niemals in einer offiziellen zusammenhängenden Darstel-
lung erklärt und begründet. Dasselbe galt für die Aufteilung der drei baltischen und ost-
europäischen Länder in jeweils eine sowjetische und eine deutsche Einflußsphäre.
5. Die Ausdehnung auf die Sphäre der Nachrichten- und Geheimdienste. Der Hitler-Sta-
lin-Pakt ist der einzige außenpolitische Vertrag während der gesamten Stalin-Ära (1929–1953),
der sich auch auf die Tätigkeit der Geheimdienste und Spionagedienste erstreckte. Selbst in
späteren kommunistisch regierten Ländern war der sowjetische Nachrichtendienst äußerst
aktiv. Um so erstaunlicher und bedeutungsvoller ist die Tatsache, daß nach dem Hitler-Stalin-
Pakt die Tätigkeit der wichtigsten sowjetischen nachrichtendienstlichen Institutionen einge-
stellt worden ist. Auch ist der Hitler-Stalin-Pakt wohl der einzige Vertrag, in dem die Sowjet-
führung mit einem anderen Staat Vereinbarungen getroffen hat, politisch unliebsame Personen
auszutauschen, und bereit war, ausländische Kommunisten, die sich in sowjetischen Lagern
befanden, anderen Regierungen auszuliefern.
6. Die Besonderheiten des Pakts. All dies scheint mir den anfangs erwähnten Hinweis zu
bestätigen, daß es sich beim Hitler-Stalin-Pakt keineswegs nur, wie oft angenommen, um einen
außenpolitischen Vertrag gehandelt hat, sondern um einen Vertrag, der die Innenpolitik, die
Ideologie und die Nachrichtendienste einbezog. Es sind dies Aspekte, die das sowjetische
Schweigen über den Pakt erklären. Seit Stalins Tod sind von offizieller sowjetischer Seite aus
viele – auch ernsthafte – Fehler zugegeben worden, doch der Hitler-Stalin-Pakt blieb, von eini-
gen kurzen Andeutungen abgesehen, von jeder objektiven Darstellung und Einschätzung aus-
geschlossen.

Anmerkungen

1 Chruschtschow erinnert sich. Hrsg. von Strobe Talbott. Reinbek bei Hamburg 1971, S. 140–141.
2 Enrique Castro Delgado: Mi se fe perdió en Moscú. Mexiko 1951, S. 36–37.
3 Ernst Fischer: Erinnerungen und Reflexionen. Reinbek bei Hamburg 1969, S. 406–409.
4 Viktor A. Kravchenko: Ich wählte die Freiheit. Das private und politische Leben eines Sowjetbeamten. Hamburg
1946, S. 438–441.
5 Wolfgang Leonhard: Die Revolution entläßt ihre Kinder. Köln 1955, Neuauflage 1981. S. 50–55.
6 Enrique Castro Delgado: Mi se fe perdió en Moscú, S. 38–39.
7 Herbert Wehner: Zeugnis. Hrsg. von Gerhard Jahn. Köln 1982, S. 233.
8 Erich Honecker: Aus meinem Leben. Ost-Berlin 1982, S. 138.
9 Heinz Brandt: Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West. München 1967, S. 133–140.
10 Süddeutsche Volksstimme, Zürich, 1939; zitiert nach Hans Teubner: Exilland Schweiz. Ost-Berlin 1975, S. 58.
Nachdruck Frankfurt a.M. 1975.

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11 Ebenda, S. 56–60.
12 Leopold Trepper: Die Wahrheit. Autobiographie. München 1975, S. 100.
13 Ruth Werner: Sonjas Rapport. Ost-Berlin 1977, S. 225–229, 231–235 und 241f.
14 Alexander Foote: Handbuch für Spione. Darmstadt 1954, S. 41–43.
15 Arthur Koestler in: Ein Gott der keiner war. Köln 1952, S. 25, vgl. auch Arthur Koestler: Als Zeuge der Zeit. Die
Abenteuer meines Lebens. Berlin und München 1985. S. 156 und 364–365.
16 Hans Werner Richter: Brief an einen jungen Sozialisten. Hamburg 1974, S. 80–84.
17 Babette Gross: Willi Münzenberg. Eine politische Biographie. Stuttgart 1969, S. 316, 318 und 327–328.
18 Alexander Weißberg-Cybulski: Hexensabbat. Frankfurt/Main 1977, S. 349, 356, 364–365 und 369–372.
19 Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Köln 1952, S. 130 und 149–157.

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Hermann Weber

Vorwort

Die Kommunistische Internationale, der weltweite, zentralistische Zusammenschluß kom-


munistischer Parteien von 1919 bis 1943, wurde in den dreißiger Jahren von zwei besonders
markanten Krisen erschüttert. In der Periode des stalinistischen Terrors in der Sowjetunion,
insbesondere von 1936 bis 1938, haben die »Säuberungen« die Komintern hart getroffen: Ein
Großteil vom Führungspersonal ihres Exekutivkomitees, des EKKI, sowie exilierter ausländi-
scher Kommunisten wurde ermordet oder verschwand im Gulag. Von diesem Aderlaß konnte
sich die Komintern nicht mehr erholen.
Ebenfalls als verheerend für die Weltorganisation erwies sich der deutsch-sowjetische Pakt
vom August 1939. Da die von Moskau geleitete »Weltpartei der Revolution« inzwischen zum
Instrument der Stalinschen Innen- und Außenpolitik geworden war, mußte sie sich von August
1939 bis zum deutschen Überfall auf die UdSSR im Juni 1941 deren Taktik unterordnen. In
diesen »dunklen Jahren« der Komintern, des Nichtangriffs- und Freundschaftsvertrages der
Diktatoren einschließlich des geheimen Zusatzabkommens, hatte sie den Stalin-Hitler-Pakt
sowohl zu verteidigen, als auch ihre Politik den neuen, fast freundschaftlichen Beziehungen der
Sowjetunion gegenüber dem barbarischen Nationalsozialismus anzupassen.
Die Sowjetunion verfolgte ihre strategische Politik, ihre außenpolitischen Ziele nicht zu-
letzt über die Komintern und die kommunistischen Parteien sowie sympathisierende Strö-
mungen und Persönlichkeiten. Unter diesem Aspekt ist die Komintern mit Beginn des Zwei-
ten Weltkriegs, für die Zeit zwischen dem Stalin-Hitler-Pakt 1939 und dem deutschen Angriff
auf die Sowjetunion, von besonderem Interesse, aber noch wenig erforscht.
Nicht nur für die sowjetische Außenpolitik, sondern auch für die Komintern bedeutete der
Pakt die Beendigung der Ära des Antifaschismus der Kommunisten. Die seit 1935 gültige These,
der Hauptfeind Hitler müsse gemeinsam mit den demokratischen Staaten, den bürgerlichen Kräf-
ten und den Sozialdemokraten in einer »Volksfront« bekämpft werden, wurde verworfen. Diese
Politik war – so etwa Molotow 1939 (vgl. S. 154f., 163f., 176f.) überholt, »einige alte Formeln«
(d.h. der Antifaschismus, Hitler als Hauptfeind) seien »veraltet und heute unanwendbar«. Nun
wurden England, Frankreich und dann die USA, aber in erster Linie (wie 1929–1934) die Sozial-
demokratie als »Hauptfeind« angegriffen. NS-Deutschland war bestenfalls ein »Feind zweiter
Klasse«, entsprechend dem Freundschaftsvertrag vom September 1939 war Hitler zu schonen.
Im Gefolge des Stalin-Hitler-Paktes wurde also die Generallinie der Komintern radikal ge-

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ändert. Wie weit dabei die Verbiegungen der Kominternstrategie und -taktik, die Anpassung
ihrer Sektionen reichten, das wird in vollem Ausmaß erstmals in der vorliegenden Quellene-
dition deutlich. Dabei zeigt sich, daß es um viel mehr ging als nur um Propaganda gegen Eng-
land und die Sozialdemokratie: Es war das Verbot militärischer oder politischer antifaschisti-
scher Betätigung und Mobilisierung, diente der Verunglimpfung aller Kräfte, die einen
antifaschistischen Krieg gegen Hitler für gerechtfertigt hielten.
Wolfgang Leonhards Bericht und die erläuternde Studie des Herausgebers Bernhard H. Bay-
erlein ordnen die Dokumente in den historischen Zusammenhang ein und beleuchten die viel-
fältigen Quellen aus den unterschiedlichsten Provenienzen. Sie gestatten Innenansichten zu
Stalins Beitrag zum Entstehen des Zweiten Weltkrieges, seiner Haltung zu NS-Deutschland
bis 1941. Da unmittelbare Belege über Stalins außen- und kriegspolitische Ziele (nicht zuletzt
die über einen deutschen Angriff) noch weitgehend fehlen, können hierzu nun verstärkt Kom-
interndokumente herangezogen werden. So entsteht ein sehr viel klareres, differenzierteres
Bild des politischen Kollapses der sowjetischen Politik sowie von einer durch Prinzipienlosig-
keit und Menschenverachtung geprägten Politik und Denkweise des Stalinismus.
Der Pakt schuf Verwirrung und Desorientierung in den kommunistischen Reihen und führte
zur Isolierung der Kommunisten innerhalb der Arbeiterbewegung. Vor allem die illegal gegen
den Faschismus kämpfenden Parteien gerieten in existentielle Schwierigkeiten. In Deutsch-
land ging die Widerstandsfähigkeit durch den Pakt zurück, wie sowohl die niedrigen Zahlen der
verbreiteten Druckschriften als auch das Ausmaß der Verhaftungen 1939/40 zeigen.
Die völlige Verstörung unter deutschen Emigranten wie bei illegalen Widerstandskämpfern
war verständlich. Denn die KPD war als erste vom Hitler-Regime unterdrückt und zerschla-
gen worden, hatte die größten Opfer im »antifaschistischen Widerstandskampf« gebracht und
mußte nun Stalins Pakt mit Hitler verteidigen. Die neue Kominternlinie traf die deutschen
Kommunisten besonders hart. Ihre Führung sollte diese Politik vor allem im Exil durchsetzen.
Im Zusammenhang mit den hier präsentierten Quellen dazu ein kurzer Rückblick:
Kommunisten und Nationalsozialisten hatten sich in Deutschland schon während der Aus-
einandersetzungen bis 1933 in Straßen- und Saalschlachten blutig bekämpft. Daher galt die
KPD als streitbare »antifaschistische« Partei, und sie wurde deswegen von den Nationalsozia-
listen nach deren Sieg 1933 auch am brutalsten verfolgt, ihre Organisation zerschlagen. Die
KPD war aber – entgegen späteren SED-Legenden – bis 1933 weder die »einzig konsequente«
Partei gegen den Nationalsozialismus, noch setzte sie sich für die »Einheitsfront« mit der So-
zialdemokratie und den Freien Gewerkschaften gegen die Nazis ein. Denn als »Hauptfeind«
bezeichnete sie nicht etwa die »Hitler-Faschisten«, sondern die als »Sozialfaschisten« diffa-
mierten Sozialdemokraten. Ab 1929 lautete die Generallinie der KPD (ungeachtet der herauf-
ziehenden Gefahr durch die NSDAP): Kampf gegen die parlamentarische Republik und für die
Diktatur ihrer Partei (»Diktatur des Proletariats« genannt). Sie erstrebte nach dem Modell der
Sowjetunion ein »Sowjet-Deutschland«. Als Sektion der Komintern betrieb die KPD die ultra-
linke Politik Stalins, die für alle kommunistischen Parteien und ebenso deren Nebenorganisa-
tionen, etwa die »roten« Gewerkschaften1, verbindlich war.

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Mit ihrer verhängnisvollen Politik, der von Moskau befohlenen Gleichsetzung von demo-
kratischer Republik und Nationalsozialismus, von Hitler-Partei und SPD wollte die KPD die
Weimarer Republik und die freiheitliche Arbeiterbewegung vernichten. Damit hatte die KPD-
Politik zum Sieg des Nationalsozialismus beigetragen.
Und selbst nach dem Machtantritt der Nazis blieben die Kommunisten bei ihrer Fehlein-
schätzung der NS-Diktatur. Obwohl die Partei schwer getroffen und zahlreicher Funktionäre
beraubt wurde, sprach die Führung von einem »geordneten Rückzug« und behauptete bis 1935,
ihre Linie sei richtig gewesen. Im Mai 1933 erklärte das Zentralkomitee der KPD: »Die völlige
Ausschaltung der Sozialfaschisten aus dem Staatsapparat, die brutale Unterdrückung auch der
sozialdemokratischen Organisation und ihrer Presse ändern nichts an der Tatsache, daß sie
nach wie vor die soziale Hauptstütze der Kapitalsdiktatur darstellen«.2 Und noch Ende 1933
schrieb der KPD-Funktionär Fritz Heckert, der Kampf gegen die »faschistische Bourgeoisie«
müsse »nicht gemeinsam mit der Sozialdemokratischen Partei, sondern gegen sie« geführt wer-
den.3
Zugleich verlangte die KPD-Spitze weiterhin den »Kampf für die Sowjetmacht«. Gemessen
an dieser irrealen Strategie war die Wirklichkeit des Widerstands der KPD ab 1933 einfach: Es
war der Kampf ums Überleben, der Neuaufbau von Teilen ihrer Parteiorganisation, es ging um
illegale Aktivitäten.
KPD-Funktionäre bildeten fast überall in Deutschland illegale Widerstandsgruppen, die frei-
lich immer wieder entdeckt und von der Gestapo vernichtet wurden. Das hatte schreckliche
Folgen, allein 1933 und 1934 sind 60000 deutsche Kommunisten inhaftiert und etwa 2000 er-
mordet worden, diese Zahl stieg von 1935 bis zum Kriegsausbruch 1939 auf 20000 Tote.
Erst 1935 in der Emigration begann die KPD-Führung über ihre verfehlte Politik zu disku-
tieren. Doch deren Selbstkritik blieb in Halbheiten stecken. Die illegale Partei in Deutschland
war bis etwa 1938/39 zusammengebrochen.
Das Hauptproblem der deutschen Sektion der Komintern bestand in ihrer völligen Abhän-
gigkeit von der Sowjetunion Stalins, was die Widerstandskämpfer in eine schwierige Situation
brachte. Sie wollten in Deutschland die brutale Hitler-Diktatur stürzen, sie verteidigten und
verherrlichten zugleich die brutale Stalin-Diktatur in der Sowjetunion. Die UdSSR war ihr Vor-
bild und »Vaterland«. In den dreißiger Jahren erfaßten die blutigen »Säuberungen« Stalins auch
die deutschen Kommunisten. Zu den Opfern der KPD zählten damals nicht nur die in Hitler-
Deutschland Ermordeten, sondern auch diejenigen, die vor dem NS-Terror geflüchtet waren
und vom Stalin-Terror umgebracht wurden.
Allein von den 1400 Spitzenführern der KPD zwischen 1919 und 1945 kam fast jeder Dritte
gewaltsam ums Leben, davon 222 unter Hitler, aber 178 auch unter Stalin. Und von der ober-
sten KPD-Führung, dem Politbüro, wurden mehr unter Stalin ermordet (sieben, nämlich Hugo
Eberlein, Leo Flieg, Heinz Neumann, Hermann Remmele, Hermann Schubert, Fritz Schulte
und Heinrich Süßkind) als unter Hitler (sechs, nämlich Karl Becker, John Schehr, Ernst Schnel-
ler, Werner Scholem, Walter Stoecker und Ernst Thälmann).4
Der Freundschaftspakt zwischen den Diktatoren Stalin und Hitler von 1939 bis 1941 stürzte

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die deutschen Kommunisten und ihren Widerstand vollends in eine verzweifelte Lage. Denn
als die Komintern verkündete, England und Frankreich seien schlimmer als Nazi-Deutschland,
mußte die KPD ihren bisherigen Kurs aufgeben. Dadurch gerieten die Überreste ihres illega-
len Widerstands in eine ebenso tragische Situation wie die Emigranten: denn wer die Hitler-
Stalin-Freundschaft kritisierte, flog aus der Partei und begab sich damit in eine gefahrvolle Iso-
lation.
Bernhard H. Bayerleins einleitende Studie bringt einen Überblick über den Forschungs-
stand, daher hier nur einige Hinweise. Den Nichtangriffspakt, das geheime Zusatzabkommen
wie den Freundschaftsvertrag haben Historiker als Teil der sowjetischen bzw. deutschen Außen-
politik umfassend erörtert. Zuletzt hat Lew Besymenski die Politik der beiden Diktatoren, ihr
»Pokerspiel«, anhand bisher unbekannter Quellen im ersten Band dieser Reihe ausführlich be-
handelt.5 Das geheime Zusatzprotokoll, seine Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, ist eben-
falls genauer untersucht.6
Erstaunlicherweise hat dagegen die dunkle Phase des internationalen Kommunismus von
1939 bis 1941 bislang in der Forschung keineswegs die erforderliche Aufmerksamkeit gefun-
den. Die Bedeutung des Pakts für die Komintern und ihre Sektionen ist nur sporadisch unter-
sucht und fragmentarisch dokumentiert worden. Daher kann dieses Buch neue oder zumin-
dest differenzierte Einsichten vermitteln. Das ist deswegen möglich, weil die abgedruckten
Dokumente eine breite Quellengrundlage haben. Die bisherige Beurteilung der Komintern in
der Phase des Stalin-Hitler-Paktes beruhte auf damals veröffentlichtem Material, einigen Aus-
sagen der Komintern und ihrer Sektionen in deren Zeitungen, Zeitschriften und Publikatio-
nen sowie auf Erinnerungen. Doch selbst anhand dieses veröffentlichten Materials war der
extreme Umschwung der Kominternlinie 1939 nachzuweisen.
Eine gründliche Auswertung der Zeitschrift »Kommunistische Internationale« oder der kom-
munistischen »Die Welt« (Stockholm) zwischen 1939 und 1943, die das veränderte Verhalten
zeigen, hat leider nie stattgefunden. Dennoch lieferten die wenigen Dokumentationen zur
Komintern Material über die Abwendung des EKKI und der Sektionen vom Antifaschismus
hin zu Angriffen gegen die »Kriegstreiber« England, Frankreich und USA. Die Umkehr war
generell bekannt. Bereits in den sechziger Jahren wurde sowohl von Theo Pirker7 als auch von
mir8 die – bei aller Zustimmung zum Pakt – noch recht vorsichtig argumentierende Erklärung
des ZK der KPD vom 25. August 1939 abgedruckt, andernorts der dann fast NS-freundliche
Mai-Aufruf 1940.9
Die KPD-Erklärung vom 25. August (deren vollständiger Text allerdings erst seit 1989 vor-
liegt)10 entsprach nur bedingt dem von Moskau vorgegebenen Kurs, die deutsche Emigration
war ebenso wie die übrigen Sektionen der Komintern durch den Pakt verunsichert.
Das Stalin-Hitler-Abkommen wurde sogar in der krypto-kommunistischen »Neuen Welt-
bühne« vom 31. August 1939 als »brutale Umkehrung« der sowjetischen Politik verdammt,
die Zeitschrift forderte die Kommunisten auf, im kommenden Weltkrieg an der »Seite der De-
mokratie« zu kämpfen. Dem mußte die KPD-Führung widersprechen und statt dessen die Li-
nie Stalins propagieren: im »imperialistischen Weltkrieg« sollten die Kommunisten ja gerade

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nicht die Demokraten gegen Hitler-Deutschland unterstützen, sondern in erster Linie die
West-Mächte bekämpfen.
Im Januar 1940 verkündete die Zeitschrift »Die Kommunistische Internationale« auch offi-
ziell, England sei »unverhüllter Vorkämpfer der Weltreaktion. Damit aber ist der englische Im-
perialismus zum gefährlichen Kriegsbrandstifter und über die ganze Welt hin sichtbar zum
Hauptfeind der internationalen Arbeiterklasse geworden.«11 Doch die Irritation blieb groß.
Aus kürzlich veröffentlichten Briefen des Mitbegründers der KPD Hermann Duncker werden
die Vorbehalte deutscher Kommunisten gegen den Pakt deutlich, insbesondere aber gegen die
Wendung vom »Antifaschismus« hin zu freundlichen Beziehungen mit Hitler.
Zunächst schrieb er noch seiner Frau Käte – einst wie er Mitglied der ersten KPD-Zentrale
von 1919 –, der Pakt sei nur ein Werk der sowjetischen Außenpolitik und »absolut kein Freund-
schaftsvertrag« (24.8.), doch dann am 29. September, nach dem Freundschaftspakt: »Ich bin
entsetzt über die neuen Verhandlungen Hitler-Stalin! Nie hielt ich das für möglich. Daß man
auch das noch erleben muß! Wischt nichts diesen Spuk fort? Eine Umwertung aller Werte! Bei
dieser ›Dialektik‹ kann ich nicht mehr mit. Nie und nimmer kann man einen Sozialismus auf
dem Hitlerismus aufbauen. Pfui Teufel! Ich habe eine solche Wendung nie für möglich gehal-
ten. Dafür reicht mein Verstand nicht aus!«12
Solche privaten Einschätzungen eines Altkommunisten blieben geheim. Umstritten war die
Haltung des KPD-Leiters in der französischen Emigration Franz Dahlem. Er hatte Minister-
präsident Daladier in einem Brief am 4. September 1939 die Registrierung und Mitarbeit deut-
scher Emigranten im Krieg gegen Hitler angeboten. Ein zweites Schreiben Dahlems an Dala-
dier vom 12. September ist erst jetzt zugänglich. Nachdem er sowie Paul Merker und Paul Bertz
sich als »ehemalige deutsche Abgeordnete« in Colombes gemeldet hätten, seien sie im Lager
einem »strengen Regiment« unterworfen, von französischen Militärposten bewacht und »mit
zusätzlichen und schmutzigen Arbeiten beschäftigt« worden (vgl. S. 135f.). Dennoch wieder-
holte Dahlem die Forderung zur antifaschistischen Betätigung der deutschen politischen Emi-
gration, wofür er später vom ZK der SED angegriffen wurde (vgl. S. 137f.).
Die großen Linien und etliche Einzelheiten der Kominternpolitik waren geläufig. Wie indes
die politischen Stränge liefen, wie die Anweisungen für die Komintern und ihre Sektionen kon-
kret aussahen, wie sie die Politik der sowjetischen Freundschaft mit Hitler »umsetzten«, war
nur bruchstückhaft bekannt. Ebenso zahlreiche Details der strategischen Ziele der Sowjet-
union unter Stalin und deren Rückwirkung auf die internationale kommunistische Weltbewe-
gung. Das Buch schafft Klarheit, es spricht nicht nur die »Fachwelt« an und ermöglicht jedem
historisch Interessierten plastische Einblicke in die »dunklen Jahre« der Kommunistischen
Weltbewegung. In der dargestellten Breite wurden interne Dokumente – die vielfach bis heute
in den Moskauer Archiven unzugänglich sind – noch nicht veröffentlicht.
Die geheime Korrespondenz der Moskauer Kominternzentrale mit den kommunistischen
Parteien in West- und Mitteleuropa und die streng geheimen, informellen Quellen aus der un-
mittelbaren Umgebung Stalins und der sowjetischen Nomenklatura bilden den Kern des Bu-
ches. Bei den chiffrierten Telegrammen handelt es sich um die erste deutschsprachige Zusam-

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menstellung von Quellen der Komintern und einiger kommunistischer Parteien, besonders der
deutschen und der französischen KP in der ersten Phase des Zweiten Weltkriegs. Diese er-
möglichen detaillierte Einblicke in die Auswirkungen des Stalin-Hitler-Paktes und dann der er-
neuten Umkehr der Politik infolge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion im Juni 1941.
Schon die Gliederung des Bandes bietet einen Überblick der Entwicklungsphasen. Zunächst
werden (Teil 1) der Stalin-Hitler-Pakt und die Aufgaben der Komintern vom Abschluß des
Vertrags bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs dokumentiert, und zwar anhand zahlreicher
geheimer Protokolle und Chiffriertelegramme aus Moskau mit Direktiven für die einzelnen
Sektionen. Auf dichter Quellengrundlage werden dann (Teil 2) der Kriegsbeginn, das Verbot,
»Polen gegen Hitlers Angriff zu verteidigen und das erklärte Ende des Antifaschismus« bis
Januar 1940 dargestellt. Teil 2 behandelt ebenfalls am Beispiel des »Falles« Franz Dahlem die
Probleme und Schwierigkeiten, die sich gerade für die deutschen Kommunisten im Exil aus
dem Pakt zwischen beiden Diktatoren ergaben. Hier werden außerdem strategische Brüche
und »Zerreißproben« für die Kommunistischen Parteien sowie die »Liquidierung der weltwei-
ten Kultur des Antifaschismus« belegt.
In Teil 2 über den Freundschaftspakt der Sowjetunion mit Hitler-Deutschland, der die
»Komintern ohne Handlungsperspektiven« läßt, wird in Kapitel 4 »Die neue Generallinie (›Der
Imperialismus als Hauptfeind – doch welcher?‹)« thematisiert. Teil 3 illustriert den Winterkrieg
der Sowjetunion gegen Finnland und die weitere Isolierung der Kommunistischen Parteien
durch ihre bedingungslose Zustimmung zu diesem Überfall bis März 1940. Zahlreiche Do-
kumente belegen die weiterhin offizielle Freundschaft der Sowjetunion mit dem Aggressor
Deutschland sowie die widersprüchliche und zweideutige Politik der Kommunistischen Par-
teien in der Phase von April bis September 1940 (Teil 4). Der 5. Teil zeigt den beginnenden
Widerstand der europäischen Kommunistischen Parteien in der Zeit von Oktober 1940 bis
Juni 1941. Der Schlußteil geht nochmals auf Stalins Fehleinschätzung der Pläne Hitlers ein so-
wie auf die Reaktionen nach dem deutschen Überfall und die verspätete Verteidigung ab Juni
1941 und belegt mit eindrücklichen Dokumenten die Rolle der Komintern im Existenzkampf
der Sowjetunion. So wird in aller Breite anhand interner unbekannter Materialien der Welt-
kommunismus, gerade auch der deutsche Kommunismus, in der Periode von 1939 bis Ende
1941 mit seinen zwei fundamentalen Strategiewechseln dokumentiert.
Und zur veränderten KPD-Politik sind erstmals genauere Unterlagen zu finden. Die von
den Nationalsozialisten blutig verfolgten deutschen Kommunisten, die ja aufgrund der
eigenen Situation in der Illegalität seit 1935 besonders intensiv die Linie des Antifaschis-
mus vertraten, hatte die befohlene Umkehr der Politik, die der Pakt bewirkte, stark verun-
sichert.
Darüber hinaus kam es zu weiterer enger Komplizenschaft, die dem Weltkommunismus, nicht
zuletzt der KPD, schadete: nach den Säuberungen der Komintern und der Exilparteien während
der Stalinschen Verfolgungen von 1936 bis 1938 wurden zahlreiche deutsche Kommunisten
sogar an Hitler-Deutschland ausgewiesen, davon kamen viele im Nazi-KZ ums Leben. (Aus-
lieferungen erfolgten in kleinerem Maße bereits vor dem Paktabschluß.)

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Zwei Aspekte der KPD-Politik macht dieser Dokumentenband deutlich, und sie sind von
Bernhard Bayerlein zu Recht hervorgehoben worden. Die KPD-Führung, die zu allen mög-
lichen Themen und Ereignissen mit Resolutionen, Erklärungen und »Beschlüssen hervortrat,
ignorierte die barbarischen Judenverfolgungen der Nazi-Diktatur in dieser Zeit. Gerade das ist
ein schlimmer Beweis der »Schonung« Hitlers während der Phase des Paktes der Diktatoren
1939 bis 1941.
Ebenso auffällig ist, daß selbst die Komintern die schnöde Haltung der KPD-Führer ge-
genüber ihren in Deutschland verfolgten, inhaftierten Genossen rügte. Das war aber das typi-
sche stalinistische Verhalten, der kaltschnäuzige Umgang mit den »Kadern«, die von der Spitze
wie Untertanen behandelt und wie Bauern im Schachspiel geopfert wurden. Die rücksichtslose
Auslieferung deutscher Kommunisten an Nazi-Deutschland und damit oft in den Tod macht
deutlich, wo die Einpeitscher saßen: im Moskauer Politbüro der KPdSU. Und die Kom-
internführung wie die exilierte deutsche KPD-Leitung waren auch hier bloße eifrige Nach-
ahmer ihres Idols Stalin.
Im vorliegenden Werk werden nicht allein die »dunklen Jahre« des internationalen Kom-
munismus in der Zeit des Stalin-Hitler-Pakts, sondern ebenso dessen Reaktionen auf den deut-
schen Überfall auf die Sowjetunion 1941 dokumentiert. Bekanntlich vollzog die Komintern nun
abermals eine absolute Wendung. Der Weltkrieg wurde vom »imperialistischen Krieg« insbe-
sondere Englands, umgedeutet in einen Befreiungskrieg der Sowjetunion, aber jetzt auch der
westlichen Demokratien, gegen den deutschen Faschismus. Dies entsprach der Realität, und
damit kehrte der »Antifaschismus« als zentrale Vokabel wieder in die Strategie der Komintern
zurück, allerdings im Rahmen der neuen Konzeption eines »Vaterländischen Krieges« der
Sowjetunion.
Dieser erneute Umschwung verdeutlicht, daß die – dann 1943 aufgelöste – Komintern ein-
zig die Interessen der Sowjetunion Stalins vertreten wollte und sollte. Zumindest ab den 30er
Jahren waren allein deren Ziele ausschlaggebend, durch die Stalinisierung des Kommunismus
war der eingeübte straffe Zentralismus erreicht.
Die Änderung der Kominternpolitik vom Antifaschismus zur deklamatorischen Unter-
stützung Hitlers gegenüber England und dann 1941 die »Rückkehr« zur Strategie des »Anti-
faschismus« stellt die Frage nach den Mechanismen, die diese Wandlung damals ermöglichten.
Dazu hier dokumentarisch belegte Einzelbeispiele.
Kurz vor dem Kriegsausbruch und nur wenige Tage nach dem Abschluß des Nichtan-
griffspakts baten die Kominternführer Dimitroff und Manuilski (S. 117 f.) den »lieben Ge-
nossen Stalin« um »Rat«, wie sich die Kommunistischen Parteien denn verhalten sollten, die
auf den »sowjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrag« trotz der »wütenden antisowjetischen
Kampagnen in der bürgerlichen und sozialdemokratischen Presse in geeigneter Weise« rea-
giert, nämlich den Pakt verteidigt hätten. »Allerdings erhebt sich in dieser komplizierten Si-
tuation die Frage nach der Haltung der Kommunistischen Partei zu den Maßnahmen, die die
Regierung Daladier zur sogenannten nationalen Verteidigung des Landes ergriffen hat. Wir
denken, die Kommunistische Partei muß daran festhalten, gegen die Aggression des faschisti-

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schen Deutschland Widerstand zu leisten. Sie muß die Maßnahmen zur Stärkung der Vertei-
digungsfähigkeit Frankreichs unterstützen, dies aber davon abhängig machen, daß sie ihre Mei-
nung offen zum Ausdruck bringen und ihrer Tätigkeit nachgehen darf.«
Am 5. September 1939, also nach Kriegsausbruch, wiederholte Dimitroff gegenüber Schda-
now erneut, er müsse mit Stalin über die Aufgaben der Kommunistischen Parteien sprechen.
Diese Unterredung fand dann schon am 7. September in Anwesenheit Molotows und Schda-
nows statt. (S. 124–126) Und bereits einen Tag später, am 8. September, verkündete die »Di-
rektive des Sekretariats des EKKI« (S. 126f.) die totale Wende, nun hieß es:
»Der Krieg hat die Lage wesentlich verändert: Die Teilung der Staaten in faschistische und
demokratische hat jetzt den früheren Sinn verloren. Dementsprechend muß die Taktik ge-
ändert werden. […]
Die kommunistischen Parteien, besonders Frankreichs, Englands, Belgiens und der Ver-
einigten Staaten Amerikas, welche im Gegensatz zu dieser Einstellung auftraten, müssen sofort
ihre politische Linie korrigieren.
Die zaghaften Ansätze der Kominternführung, die Reste antifaschistischer Strategie trotz
ergebener Zustimmung zum Pakt beizubehalten, hatte Stalin hinweggefegt. Er war der un-
mittelbar Verantwortliche nicht nur für die Verträge, darunter noch im September 1939 den
Freundschaftsvertrag mit Hitler-Deutschland, sondern auch für die völlige Abkehr vom An-
tifaschismus. Die Kominternführung unter Dimitroff gehörte zu seinen willigen Helfern. Wie
den Sektionen mitgeteilt wurde, war nun der Faschismus »zweitrangig«.
»Nicht faschistisches Deutschland, das durch Vertrag mit Sowjets verbündet, ist Rückgrat
des Kapitalismus, sondern antisowjetisches, reaktionäres England mit Kolonialreich. Heute
auf der Tagesordnung Kampf gegen Kapitalismus, während Kampf gegen Faschismus unter-
geordnete, zweitrangige Rolle spielt. Daher ist Taktik der antifaschistischen Front nicht mehr
anwendbar. Englische Kommunisten, die Formeln über sogenannten antifaschistischen Krieg
nachplappern, helfen englischer Bourgeoisie, Volk ins Gemetzel zu treiben. Losung des Tages
der Kommunisten in allen kriegführenden kapitalistischen Ländern ist Kampf gegen den im-
perialistischen Krieg.« (Vgl. S. 164)
Selbst gegen pronazistische Äußerungen gab es kaum noch Bedenken (vgl. S. 154f.). Di-
mitroffs bekannter Artikel vom November 1939 in der »Kommunistischen Internationale«13
durfte auch erst nach erfolgter »Zensur« durch Stalin erscheinen. Der Diktator herrschte all-
gewaltig und war für die verhängnisvolle Politik des Weltkommunismus in dieser Phase (wie
vorher und nachher) bestimmend. Willi Münzenberg hatte in seiner Zeitschrift »Die Zukunft«
dafür die richtigen Worte gefunden: »Der Verräter, Stalin, bist Du!«, und machte ihn für den
durch Hitler ausgelösten Beginn des Weltkrieges verantwortlich (vgl. S. 148f.).
Die Dokumente dieses Bandes bis hin zum Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im
Juni 1941 beweisen den Bankrott der fatalen Politik Stalins. Der Diktator war ja 1941 sogar be-
reit, um Hitler entgegenzukommen die Komintern aufzulösen (vgl. S. 350–352), wie er es als
Zugeständnis gegenüber den West-Alliierten 1943 dann tatsächlich tat.
Die enormen Schwierigkeiten speziell der deutschen Kommunisten sind aus verschiedenen

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Dokumenten ersichtlich, u.a. werden die Hintergründe des »Falls Dahlem« ausführlich erläu-
tert (Teil III). An der Präsidiums-Sitzung des EKKI im Oktober 1939, auf der Pieck referierte,
nahmen weitere deutsche Vertreter wie Ulbricht (Walter), Wehner (Funk), Wandel (Klassner)
teil. Und der Sitzungsbeschluß galt nunmehr auch für die KPD: Der »Kampf gegen die Sozial-
demokratie, diese Verräter an der Sache des Proletariats und Kriegshetzer, ist zu verstärken.
Gegen die Verräterpolitik der Sozialdemokratie muß an der ganzen Front zum Angriff über-
gegangen werden«.
Im November 1939 beschlossen die Kommunistischen Parteien Deutschlands, Österreichs
und der Tschechoslowakei aber einen gemeinsamen Aufruf (vgl. S. 184–186). Darin wurde ne-
ben der jetzt üblichen Diffamierung der »englischen und französischen Imperialisten« immer-
hin noch das NS-Regime angegriffen und das »freie Selbstbestimmungsrecht der Tschechen,
Slowaken, Österreicher und Polen« gefordert. Dies rief in Moskau Kritik hervor, das EKKI ver-
suchte, eine Veröffentlichung zu verhindern. Dazu war es zu spät, und Dimitroff rügte die Pu-
blikation des Aufrufs mit den gegen Hitler gerichteten Aussagen (vgl. S. 186).
Eine »Plattform« der Exil-KPD Ende 1939 fand schließlich die Zustimmung des EKKI. Die
Verteidigung des Paktes und die »Freundschaft« zur Sowjetunion wurden in deren Mittelpunkt
gestellt. Allerdings beteuerte die KPD-Führung, daß ihre »Taktik keineswegs eine Unterstüt-
zung des deutschen Imperialismus bedeutet« und der »Kampf gegen die Unterdrückungspolitik
des gegenwärtigen Regimes« (früher hätte es geheißen: des Faschismus, der faschistischen
Diktatur) fortgesetzt werden solle. Während die Begriffe »Faschismus« und »Hitlerregime« je-
doch am 21. Oktober 1939 im »Brief der Parteiführung« der KPD an die Leitungen »im Land«
noch gebraucht worden waren (vgl. S. 172–175), galten sie nun als tabu. Schließlich wurde an-
geordnet: Genossen, die »bei Kriegsausbruch oder bei Bekanntwerden des sowjetisch-deut-
schen Paktes hartnäckig einen falschen Standpunkt vertraten«, seien zu ersetzen, und wie im-
mer wurde zu »verstärkter Wachsamkeit« aufgerufen.
Erstmals geht aus der vorliegenden Dokumentation hervor, daß bei der KPD-Führung im
Exil zeitweise die völlig trügerische Hoffnung aufkam, im Rahmen des Paktes sei eine halblegale
Tätigkeit der deutschen Kommunisten unter der nationalsozialistischen Diktatur möglich oder
denkbar. Es waren das EKKI und insbesondere Stalin, welche die KPD auf diese irreale Vor-
stellung orientierten (vgl. S. 210f., 213f., 341f.).
Die KPD-Führung in Moskau paßte sich 1940 weiter der sowjetischen Linie an, und natür-
lich verteidigte sie – wie alle Sektionen der Komintern – den Überfall der Sowjetarmee auf
Finnland. Forciert wurde aber vor allem der Kampf gegen die Sozialdemokratie. Dabei erklärte
Walter Ulbricht im Februar 1940 gar (gegen den Sozialdemokraten Hilferding gewandt), »wer
gegen die Freundschaft des deutschen und des Sowjetvolkes intrigiert, ist ein Feind des deut-
schen Volkes und wird als Helfershelfer des englischen Imperialismus gebrandmarkt.«14
Die verschiedenen Richtungen des deutschen sozialdemokratischen Exils in London sahen
darin ein Zerreißen des letzten »Bandes der Solidarität mit allen illegalen Gegnern des Hitler-
systems«. Dadurch werde »jede Form der Zusammenarbeit zwischen der KPD und anderen
deutschen antifaschistischen Gruppen unmöglich« (vgl. S. 224). Mit ihrer bedingungslosen

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Unterstützung Stalins isolierten sich die deutschen Kommunisten. Der erwähnte Maiaufruf
des EKKI von 1940 (vgl. auch S. 221) verdeutlicht die Linie: England ist Hauptfeind, Deutsch-
land zu schonen.
Sogar der deutsche Einmarsch in Dänemark wurde quasi gerechtfertigt »als Antwort auf die
grobe Verletzung der Neutralität der skandinavischen Länder durch England und Frankreich«.15
Hitlers »Blitzsiege« im Westen schufen dann wie der deutsche Griff nach dem Balkan eine ge-
wisse Verwirrung der Kominternlinie. Daß es in deren Politik »neue Akzente« gab,16 ist zwar
(vor allem in den von Deutschland besetzten Ländern) nicht zu übersehen. Aber im Lichte der
hier abgedruckten Dokumente erfolgte die definitive Wendung erst als Reaktion auf den deut-
schen Angriff auf die Sowjetunion. Doch »feine Risse« im Block Deutschland-Sowjetunion
werden beim Molotow-Besuch in Berlin im November 1940 und insbesondere dem Balkankrieg
im Frühjahr 1941 gesehen.17 Die Schlußfolgerungen waren aber zwiespältig. Da Stalin hart-
näckig alle von Hitler ausgehenden Gefahren beiseite schob, orientierte sich auch die Kom-
internführung nur zögerlich gegen den Aggressor.
Aus der Dokumentenauswahl kann auch eine Periodisierung der KPD-Politik unter den Be-
dingungen des Stalin-Hitler-Paktes abgelesen werden. In der ersten Phase 1939 wurde »der
Antifaschismus« verdrängt. Mit dem Kurswechsel Anfang 1940 befahl Stalin in der zweiten
Phase der Komintern weitergehende Konzessionen an das Hitlerregime, ganz im Sinne der
neuen Linie, nicht Deutschland, sondern England als Hauptfeind der Sowjetunion anzusehen.
Und nach dem deutschen Sieg über Frankreich 1940 gab es in einer dritten Phase im Früh-
herbst 1940 neue Akzente gegen die »Vorherrschaft des deutschen Imperialismus«. Die Hin-
weise der Komintern (etwa an die KP Österreich oder die KP der Tschechoslowakei), NS-
Deutschland betreibe gar »kolonialistische Ziele«, scheinen in diesem Rahmen eher verwirrend,
denn in der veröffentlichten und damit offiziellen Kominternpolitik wurde die Hitler-Dikta-
tur weiterhin »geschont«. Doch das war die übliche Doppeldeutigkeit, ja Doppelzüngigkeit
des Stalinismus. Und das verdeutlicht zugleich die oft übersehene, aber selbstverständliche
Tatsache, daß Stalins Konzeptionen nicht immer »verwirklicht« werden konnten, die Praxis
eben oftmals nicht Aktion, sondern nur Reaktion auf aktuelle Situationen war. 1941 zeichnete
sich (bis zum deutschen Überfall auf die Sowjetunion) eine neue Phase voller Zwiespältigkeit
ab. So interessant solche Überlegungen zu den einzelnen Phasen sind, es änderte sich nichts
an der völligen Abhängigkeit der Kommunistischen Parteien, alle Wendungen erfolgten in Ab-
stimmung mit Stalin, Molotow, Schdanow und Dimitroff. Und bis zum Überfall im Juni 1941
blieb die Generallinie nach außen konstant: Der Antifaschismus sei »überholt«.
Selbst kurz vor dem deutschen Angriff, als Stalin jeden konkreten Hinweis, der ihn erreichte,
wegwischte (vgl. S. 359, 362f.), blieb die Parole der Komintern, England, nicht NS-Deutsch-
land sei der Hauptfeind, oder aber dieses Problem wurde öffentlich gar nicht behandelt. Bei-
spielsweise fand das offizielle Organ »Kommunistische Internationale« den Ausweg, lediglich
»sowjetische Erfolge« zu melden. Das Heft 4/1941 (im Mai, einen Monat vor dem deutschen
Überfall ausgeliefert) brachte nur Artikel zu diesem Thema von Malenkow, Wosnessenski und
Shukow, außerdem zur »Unionskonferenz« der KPdSU und über »Die Rote Armee – der treue

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Hüter der Errungenschaften des Sozialismus«. Dimitroff schrieb darin zum 70. Jahrestag der
Pariser Kommune, also über ein historisches Ereignis. Nur ein Aufruf der Moskauer Leitung
der KP Spaniens an die Arbeiter Spaniens, zu verhindern, »daß Spanien in den Krieg hineinge-
rissen wird«, läßt erkennen, daß die Komintern keine sowjetische, sondern eine internationale
Bewegung sein sollte.
Auch ein Blick in das Kominternorgan in Schweden, »Die Welt«, vom 9. Mai 1941 zeigt ein
ähnliches Bild, dort blieb England weiterhin als Hauptfeind im Visier: Im Hauptartikel wurde
Churchill angegriffen. Großen Platz nahmen Berichte über den 1. Mai »im Land des Sozialis-
mus« ein, die aktuelle Kriegslage wurde ebenfalls geschildert. Überraschend wirkte zunächst ein
längerer Aufsatz »Solidarität mit den Opfern der Reaktion. Wir klagen an«. Beschrieben wurde
darin ein »Konzentrationslager« und die Forderung erhoben, »keine Minute zu vergessen, daß
diese Helden befreit werden müssen«. Allerdings – es ging hier nicht etwa um eines der Ver-
nichtungs-KZs der Nazis, sondern um das französische Internierungslager Vernet. Zynismus?
– Nein, Methode; Bayerlein bringt eine Vielzahl von Nachweisen, die perplex machen.
In einem Beitrag der »Welt« wird sogar »gewagt«, den deutschen Einmarsch in Griechenland
und Jugoslawien zu »rügen«. Dies geschieht durch Abdruck eines kritischen Artikels, den an-
geblich (so der Vorspann der »Redaktion«) ein »Kenner politischer Meinungen und Bestre-
bungen im deutschen Volk« verfaßt hatte. Der Aufsatz wurde indes gebracht, »ohne sich im
einzelnen« mit den darin »entwickelten Gedankengängen identifizieren zu wollen«. Öffentlich
kniff das EKKI vor jeder Entlarvung des faschistischen Imperialismus – bis zum 22. Juni 1941.
Richtig bleibt zudem, daß die Kommunisten erst nach dem deutschen Überfall auf die So-
wjetunion im Juni 1941 gewaltsamen Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Und als neues
Element kam nun eine terroristische Variante ins Spiel. Deren unheilvolle Wirkung vor dem
Hintergrund der barbarischen Maßnahmen der deutschen Besatzungsmacht wird erstmals brei-
ter dokumentiert (vgl. S. 382 ff.). Für die deutschen Kommunisten gab es aber nun wieder
»klare Fronten«. Die größeren kommunistischen Widerstandsgruppen in Sachsen, Thüringen,
Berlin, Hamburg und Mannheim entstanden nach dem deutschen Überfall auf die Sowjet-
union.
Teilweise entsprach die Politik dieser Illegalen in Deutschland allerdings nicht der Linie Sta-
lins (vor allem die Schumann-Gruppe in Leipzig vertrat andere Konzeptionen). Sie kämpften
eben unabhängig vom Rumpf-ZK der Exil-KPD in Moskau, das sich wie immer den sowjeti-
schen Anweisungen ganz unterordnete. Doch der Gestapo gelang es, alle Gruppen in Deutsch-
land zu zerschlagen. Von den Aktivisten wurden die meisten vor Kriegsende ermordet.
Nachdem die Sowjetunion durch Stalins Mitschuld am Anfang des deutschen Überfalls fast
besiegt worden wäre, versuchte die Führung der KPdSU mit dem Aufruf zum »Großen Va-
terländischen Krieg« umzusteuern und alle Reserven zu mobilisieren. Deutsche Kommunisten
wurden beauftragt, die Truppen der Wehrmacht durch Frontpropaganda und Einsätze hinter
den Linien zu zersetzen. Um Offiziere gegen Hitler zu gewinnen, wurden später sogar die re-
aktionären Farben schwarz-weiß-rot zum Symbol des Nationalkomitees »Freies Deutschland«
gemacht.

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Soweit war es 1941 noch nicht, aber bereits Ende Juli 1941 wurde ein »Offener Brief an deut-
sche Offiziere« konzipiert (vgl. S. 398 f.). Im Überlebenskampf der Sowjetunion griff die
Führung des Weltkommunismus zu jedem Mittel. Die Dokumente des vorliegenden Bandes
decken zahlreiche neue Fakten auf und bieten Einblicke in die »dunklen Seiten« des Welt-
kommunismus sowohl während des Stalin-Hitler-Paktes als auch der Zeit danach. Dabei er-
schöpft sich die Bedeutung des Buches nicht im Nachweis interner Kominterndebatten. Viel-
mehr wird eine der Katastrophen des 20. Jahrhunderts deutlich, der Pakt der Diktatoren gegen
die zivilisatorische europäische Aufklärung, der radikale Bruch mit der internationalen Kultur
der Arbeiterbewegung. Hier wird belegt: »Das Ende des Internationalismus« war das Werk
Stalins und seiner Vasallen.

Anmerkungen
1 Vgl. Reiner Tosstorff: Profintern. Die Rote Gewerkschaftsinternationale 1920–1937. Paderborn 2004.
2 Abgedruckt in Hermann Weber (Hrsg.): Der deutsche Kommunismus. Dokumente. Köln 1963, S. 345.
3 Fritz Heckert: Ist die Sozialdemokratie noch die soziale Hauptstütze der Bourgeoisie? Basel 1933, S. 15.
4 Vgl. Hermann Weber; Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945. Berlin
2004.
5 Lew Besymenski: Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren. Berlin 2002, Taschenbuchausgabe 2004.
6 Jan Lipinsky: Das geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939
und seine Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte 1939 bis 1999. Frankfurt a.M. 2004.
7 Theo Pirker: Utopie und Mythos der Weltrevolution. München 1964, S. 285ff. Ders.: Komintern und Faschismus
1920–1940. München 1965, S. 200f.
8 Weber: Der deutsche Kommunismus (Anm. 2), S. 361ff.
9 Jane Degras: The Communist International. Documents. Vol. III, London 1965, S. 462ff.; Hermann Weber: Die
Kommunistische Internationale. Eine Dokumentation. Hannover 1966, S. 329ff.
10 Jan Foitzik: »Die KPD und der Hitler-Stalin-Pakt«, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 37(1989) 3, S. 499ff.
11 Vgl. Weber, Die Kommunistische Internationale (Anm. 9), S. 328.
12 Heinz Deutschland: »Aus Briefen Käte und Hermann Dunckers aus den Jahren 1939 bis 1947«, Jahrbuch für For-
schungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2005, S. 116.
13 G. Dimitroff: »Der Krieg und die Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder«, Kommunistische Internationale,
Zeitschrift des EKKI, Stockholm, November 1939, S. 1112ff., abgedruckt auch als Sondernummer in Die Welt
vom 6.11.1939. Vgl. auch S. 178–182.
14 Die Welt, Stockholm, Nr. 6 vom 9. Februar 1940, S. 135; abgedruckt in Weber: Der deutsche Kommunismus (Anm.
2), S. 364ff.
15 Weber: Die Kommunistische Internationale (Anm. 9), S. 329f.
16 Vgl. Terje Halvorsen: »Die kommunistischen Parteien Europas im zweiten Halbjahr des Deutsch-Sowjetischen
Pakts«, Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1995, S. 32ff.
17 Vgl. den »Konferenzbericht über eine Moskauer Tagung Anfang Februar 2005«, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte
(2005) 2, S. 331ff.

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Bernhard H. Bayerlein

Innerer Verrat als Prinzip der Herrschaft


Die internationale kommunistische Bewegung und der Zweite Weltkrieg vom Stalin-Hit-
ler-Pakt zum »Fall Barbarossa«

Eine traumatische Erfahrung …

Für den Kulturphilosophen Walter Benjamin, der sich auf der Flucht zwischen Pyrenäen und
Mittelmeer das Leben nahm, war mit dem Abschluß des Stalin-Hitler-Paktes im Som-
mer/Herbst 1939 tatsächlich die Situation eingetreten, in der »die Politiker, auf die die Gegner
des Faschismus gehofft hatten, am Boden liegen und ihre Niederlage mit dem Verrat an der eige-
nen Sache bekräftigen«.1 Sein Freund Gershom Scholem beschrieb die letzten Zeilen Benjamins
vor dem Selbstmord am 26. September 1940 als Zeugnis seines »Erwachens« aus dem trauma-
tischen Schock des Stalin-Hitler-Paktes und zugleich als Fanal, nach dem Auseinanderbrechen
der linken Solidarität neue Perspektiven jenseits des offensichtlich an seinem Ende angekom-
menen parteikonformen Arbeiterbewegungsmarxismus der Sowjetunion und der Komintern
zu suchen. Auch andere weitsichtige politische Denker wie George Orwell läuteten in der »Mit-
ternacht im Jahrhundert« (Victor Serge) die Alarmglocken und versuchten die Aufmerksam-
keit der Zeitgenossen auf die kommenden Gefahren und neue drohende Katastrophen zu len-
ken, die aus dem Zusammengehen von Hitler und Stalin und dem Niedergang der Demokratien
erwuchsen.2 Sie schlossen dabei nicht aus, daß solche globalen Verträge wie der Stalin-Hitler-
Pakt gegen die Demokratie und die Menschenrechte keine einmaligen und abgeschlossenen
Ereignisse seien und sich sogar auf einer planetaren Ebene wiederholen könnten. Die Barbarei
des Zweiten Weltkriegs ließ die Solidarität der Linken, die trotz aller Feindschaften und Spal-
tungen als kulturelles Erbe bis in die Mitte der dreißiger Jahre – zumindest in Europa – Bestand
gehabt hatte, zur Chimäre werden. Der Stalinsche Terror und der spanische Bürgerkrieg in der
zweiten Hälfte der dreißiger Jahre, die in den letzten Jahren dank der »Archivrevolution« in-
tensiv erforscht wurden, haben diesen Prozeß beschleunigt. Welche unrühmliche, ja unheil-
volle Rolle der internationale Kommunismus, die Komintern und die KPD gerade angesichts
der Verbrechen der Nationalsozialisten vom Abschluß des Stalin-Hitler-Pakts über den Aus-
bruch des Zweiten Weltkriegs und den Untergang eines demokratischen Frankreichs bis zum
Existenzkampf der Sowjetunion gegen die vor Moskau stehende Wehrmacht spielten, wird in
diesem Buch erstmals anhand von Originalquellen rekonstruiert.

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Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:56 Seite 55

Der »Teufelspakt« und seine Konsequenzen ...

Die Erfolgsgeschichte der Sowjetunion als Siegermacht des Zweiten Weltkriegs überstrahlte bis-
her die Zusammenarbeit der Diktatoren und Stalins Scheitern gegenüber Hitlers Angriff im Juni
1941. Daß der Antifaschismus nach Abschluß des Pakts nicht nur als »zweitrangig« eingestuft,
sondern auch ganz abgeschafft und für Parteimitglieder, Emigranten und Sympathisanten un-
ter Verbot gestellt wurde, erschien aufgrund der späteren Wandlung als sekundär. Doch gerade
hierauf soll das Buch den Diskurs lenken, denn die zugänglich gewordenen Dokumente bele-
gen einen tiefgehenden Bruch nicht nur der linken Solidarität. Die Prinzipien und Ideale der
Demokratie, der Selbstbestimmung von Nationen und Individuen, der Toleranz, die Arbeiter-
und Freiheitsbewegungen seit ihrer Entstehung im 19. Jahrhundert prägten, wurden ad absur-
dum geführt, ja in ihr Gegenteil verkehrt. Die nur dürftig kaschierte Unterstützung des ver-
brecherischen nationalsozialistischen Hitlerregimes führte nicht zuletzt zu einer moralischen
Diskreditierung des orthodoxen Parteikommunismus Stalinscher Prägung. Die hier zum Teil
erstmals publizierten Dokumente und Materialien lassen keinen Zweifel daran, daß die hitler-
freundliche Außenpolitik der Sowjetunion auf eine spezifische Weise mit der Komintern ab-
gestimmt wurde. Das Buch erschließt die politischen Mechanismen, Propagandastrategien und
rhetorischen Bemäntelungen, mit denen im Namen des Kommunismus der Antifaschismus
und die linke Solidarität zerschlagen wurden und die sowjetische Führung gemeinsam mit der
Komintern und den kommunistischen Parteien in nicht unwesentlichem Maße halfen, Europa
der Kriegsmaschinerie Hitlers auszuliefern. Durch das Flankieren und Abdecken der sowjeti-
schen Freundschaftspolitik mit Hitlerdeutschland trugen Komintern und kommunistische
Parteien – besonders in Europa – zur Desorientierung und Demoralisierung der Bevölkerung
bei. Wie die weitreichende Instrumentalisierung im Sinne der Strategie Stalins zeigt, handelte
es sich bei dem im September 1939 abgeschlossenen deutsch-sowjetischen Freundschaftspakt
keineswegs um ein defensiv ausgerichtetes sowjetisch-deutsches Bündnis.

Ausrichtung auf die Zusammenarbeit mit Hitlerdeutschland ...

Der von der Kominternpresse demonstrativ zur Schau getragene »antiimperialistische« und
gegen den Krieg gerichtete Duktus erweist sich als propagandistische Verschleierung der Tat-
sache, daß die politischen und strategischen Ziele der Sowjetunion (bzw. der sowjetischen
Führung unter Stalin) in den Jahren 1939–1941 nicht nur mit den klassischen diplomatischen
Mitteln, sondern auch – mit der Komintern als Vermittlungsebene – unter Einsatz der kom-
munistischen Parteien verfolgt wurden. Die chronologische Anordnung der hier veröffent-
lichten Dokumente belegt dies.
Nach dem Angriff Hitlers auf Polen im September 1939, der Zerschlagung des Staates und
der darauf folgenden Aufteilung der Gebiete zwischen Hitler und Stalin wurde den kom-
munistischen Parteien ausdrücklich untersagt, das Land und die polnischen Arbeiter und

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Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:56 Seite 56

Demokraten zu verteidigen. In unmittelbarer Reaktion darauf sprach Willi Münzenberg von


der »untilgbaren Schuld« Stalins, Hitler entscheidend geholfen zu haben und damit eine Mit-
verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu tragen.
Die Politik des internationalen Kommunismus wurde (oftmals gegen den Widerstand der na-
tionalen kommunistischen Parteien) auf die neue sowjetisch-deutsche Achse ausgerichtet. Dies
zeigen etwa die antienglischen und antifranzösischen Kampagnen in Europa oder die Auf-
standspläne in den englischen und französischen Kolonien, in Indien oder im Irak. Die neue
Logik der Hitlerdeutschland freundlich gesinnten sowjetischen Politik zog nicht nur das er-
klärte (allerdings noch vielfach verbrämte) Ende des Antifaschismus mit sich. Den weiterhin
im Widerstand gegen Hitler, Mussolini und ihren Helfern stehenden Antifaschisten wurde die
elementare Solidarität aufgekündigt, der endgültige Verzicht auf den Sturz des Hitlerregimes
wurde proklamiert und die Propaganda zur Schwächung Englands und Frankreichs gegenüber
dem kriegerischen Vordringen Hitlers ausgeweitet. Erneut wurden tiefe Gräben zur Sozialde-
mokratie und zur nichtkonformistischen Linken gezogen. Alles wurde mit einem nebulösen
»Anti-Imperialismus« und einer in ihrer Abstraktheit plakativen Antikriegskampagne der Kom-
intern und der vermeintlichen »Neutralität« der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg als ideo-
logischem Deckmantel gerechtfertigt.
Reaktionen auf zentrale Ereignisse wie den Beginn des Zweiten Weltkriegs, die Zerschla-
gung Polens, das Vorrücken der Roten Armee in Osteuropa, die Niederlage Frankreichs 1940,
die Widerstandsproblematik nach dem Molotow-Besuch in Berlin bestätigen dies. Zwischen-
staatliche Interaktionen wurden durch Intervention auf innerstaatlicher Ebene ergänzt – und
zwar gleich in mehrfacher und durchaus unterschiedlicher Weise. Dabei mußte die »zweite
Außenpolitik« der Sowjetunion nicht unbedingt mit der ersten synchron laufen, sie durfte je-
doch nicht gegen die strategischen Ausrichtungen der Sowjetunion verstoßen. Letztlich konnte
ein solches System nur funktionieren, weil weder das Politbüro der KPdSU noch das Sekreta-
riat der Komintern als Spitze des EKKI die maßgeblichen Entscheidungsgremien waren, son-
dern, wie vielfach belegt wird, vor allem inoffizielle Gruppen agierten und auf die Initiative
Stalins zurückgehende informelle Mechanismen walteten.
Ausgehend von der sowjetischen Partei- und Staatsführung bis zur Komintern und den
kommunistischen Parteien vermittelt das vorliegende Buch ein – jeweils entsprechend abge-
stuftes – Gesamtbild der Unterstützung Hitlerdeutschlands, auch wenn dieser Kurs den mei-
sten kommunistischen Parteiführungen in einem monatelangen, hier in signifikanten Aus-
schnitten dokumentierten Prozeß aufgezwungen werden mußte. Angesichts der Entfesselung
des Zweiten Weltkriegs hatte die der Sowjetunion verpflichtete Internationale in den meisten
Ländern der Welt bis zu Hitlers Angriff auf die Sowjetunion den Widerstand gegen seinen
scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch und sein KZ-Regime geschwächt. Das Beispiel der KP
Frankreichs oder auch der KPD zeigt, daß durch die Wiederaufnahme einer politischen Op-
positionshaltung gegen Hitlers Vordringen im Jahre 1940 der erlittene Substanzverlust nicht
mehr völlig wettgemacht werden konnte.

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Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion: Verschleierung und andere Folgen ...

Das vorliegende Buch schließt mit den Reaktionen in den inneren Kreisen der Komintern und
der kommunistischen Parteiführungen auf den Überfall Hitlers auf die Sowjetunion. Belegt
wird, wie nach dem von Stalin zu diesem Zeitpunkt für völlig ausgeschlossen gehaltenen An-
griff das Steuer herumgerissen und die Komintern unter chaotischen Bedingungen auf den Wi-
derstand mit allen Mitteln ausgerichtet wurde.
Der internationale Parteikommunismus trug also eine Mitverantwortung für die Konsequen-
zen, die sich aus Hitlers barbarischem Feldzug ergaben, für die »Herrschaft von Not und Ge-
walt«, die Demoralisierung der Akteure und den hohen Blutzoll der verratenen Antifaschisten,
einschließlich der kommunistischen Mitglieder selbst. Unangepaßte Intellektuelle, die die
deutsch-sowjetische Freundschaftsachse kritisierten, im aktiven antifaschistischen Wider-
standskampf standen oder in Presse, Buch und Kunst für die Niederlage des Nationalsozialismus
eintraten und etwa England und Frankreich im Widerstand gegen Hitler unterstützten, wurden
als Sowjetfeinde denunziert und weltweit, sofern man über entsprechende Kanäle und Mittel ver-
fügte, unterdrückt; der Kampf gegen die Sozialdemokratie und gegen den »konterrevolutionären«
Trotzkismus wurde unter Einsatz aller Mittel verstärkt. Der geniale Münzenberg wurde im Sep-
tember 1940 vermutlich heimtückisch ermordet, kurz vorher, am 20. August, wurden bereits
Stalins lange gehegte und mehrmals vorbereitete Mordpläne gegen Trotzki in die Tat umgesetzt.
Der schizophrene Spagat der moskautreuen Kommunisten beschleunigte die Krise der KP
Frankreichs als größter noch legaler Partei in Europa sowie die Preisgabe aus Deutschland und
halb Europa geflohener Antifaschisten, zehntausender Insassen der Internierungslager in
Frankreich und Spanien und der Konzentrationslager in Deutschland. Im okkupierten Frank-
reich und Belgien verhandelten Parteivertreter mit den Besatzungsverwaltungen über eine Le-
galisierung von Parteiaktivitäten unter deutscher Kontrolle. Gleichzeitig wurde der Widerstand
antifaschistischer Parteien, Verbände und Legionen gegen die Besatzer als Hilfe für den eng-
lischen bzw. französischen Imperialismus verteufelt.
Angesichts der problematischen historischen Überlieferung und einer jahrzehntelangen
Propaganda des Uminterpretierens und Verschweigens nimmt es nicht wunder, daß die unbe-
streitbare Feststellung, Stalin und die Komintern seien nicht nur für den Ausbruch des Zwei-
ten Weltkriegs mitverantwortlich, sondern hätten in den Jahren 1939 bis 1941 auch national-
sozialistische Verbrechen gedeckt, bei vielen heute noch Erstaunen hervorruft. »Gerade lese ich
über den Hitler-Stalin-Pakt. Was haben wir denn an Fakten gewußt? Fast nichts; an der Schule,
an der Universität wurde gelogen und verschwiegen«, schrieb Jürgen Fuchs am 29.8.1980 an
Manès Sperber und benennt damit nicht nur ein ostdeutsches Dilemma.3
Der von Komintern und Sowjetunion nach Hitlers Überfall im Juni 1941 wiederbelebte An-
tifaschismus und der Heroismus der Kommunisten, die sich nun in Widerstand, Résistance und
Volksbefreiungsarmeen engagierten, war bereits nicht mehr Bestandteil einer internationalisti-
schen Strategie. Das patriotische Paradigma des »Großen Vaterländischen Krieges« war dem
des Antifaschismus übergeordnet. Sofort unternahm man erste Schritte zur Organisierung des

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so geprägten Widerstands der Kommunisten in Europa durch illegale politische Gruppen,


Radiopropaganda, Aufklärung- und Spionage-Tätigkeit, Verbindungssicherung durch die mi-
litärischen Fronten, Fallschirmagenten hinter den Fronten und »Kriegsgefangenenarbeit«. Die
Komintern selbst mußte dabei von der Bildfläche verschwinden, sie durfte nicht mehr in der
Öffentlichkeit in Erscheinung treten.
Die Taktik war doppelgleisig: Einerseits sollten sich die Parteien mit den bisher schärfstens
bekämpften Antihitler-Organisationen (etwa den Gaullisten in Frankreich) im Rahmen so-
genannter »nationaler Fronten« vereinigen, andererseits enthüllen die abgedruckten Instruk-
tionen Dimitroffs, daß von nun an tatsächlich »alles« für die Verteidigung der Sowjetunion ge-
geben werden mußte. Die Instruktionen des Kominternapparats mutierten zu militärischen
Kommandos für die Anwendung von Mitteln im besetzten Europa, die wie individueller Ter-
ror und Sabotage nicht der Tradition der kommunistischen Parteien entsprachen.

I. Weiße Flecken der Zeitgeschichte

Nach über 60 Jahren – Dokumente der »dunklen Jahre« des Kommunismus …

Dieses Buch ist aus den Arbeiten der »Deutsch-Russischen Historikerkommission« (Berlin–
Moskau) hervorgegangen. Es erscheint im Aufbau-Verlag Berlin als vierter Band der Reihe »Ar-
chive des Kommunismus – Pfade des XX. Jahrhunderts«. Die Idee zu dieser Publikation entstand,
als sich bei der Vorbereitung für eine Grundlagenedition zur KPD-Geschichte erwies, daß kaum
Dokumente aus den »dunklen Jahren« 1939–1943 bekannt bzw. veröffentlicht worden waren.
Der ehemalige Kominternfunktionär und Stalin-Kritiker Angelo Tasca hatte bereits seit den
fünfziger Jahren mit Blick auf die KP Frankreichs die Aufdeckung der Dokumente gefordert,
und Historiker des 20. Jahrhunderts sahen darin eines der zentralen Forschungsdesiderata.4
Nicht zuletzt aufgrund der Öffnung der sowjetischen Archive kann nun eine eigentlich längst
überfällige Zusammenstellung von Dokumenten des internationalen Kommunismus aus diesem
Zeitraum vorgelegt werden.

Weiße Flecken und Erinnerung: Tabuisierung und manipulativer Umgang mit Geschichte …

Bis in die heutige Zeit nimmt der Zweite Weltkrieg den wichtigsten Platz im historischen Ge-
dächtnis Rußlands ein. Doch die Abläufe bis zum deutschen Überfall sind aus der kollektiven
Erinnerung bzw. dem historischen Wissen weitgehend verschwunden, das wird durch den Ver-
gleich mit der Geschichte des (1939 gerade zu Ende gegangenen) spanischen Bürgerkriegs und
der (allerdings vielfach mythologisierten) Internationalen Brigaden noch deutlicher.
George Orwell, später als wichtigster politischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts bezeichnet

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(T. Garton Ash), charakterisierte bereits 1945 den Umgang mit dem Stalin-Hitler-Pakt in der
Sowjetunion, wo er nicht nur aus den Schulbüchern gestrichen wurde, als Schüsselbeispiel für das
schnellstmögliche Tilgen eines Ereignisses der Weltgeschichte aus dem historischen Gedächtnis
und als Muster der nationalistischen Manipulation von Geschichte.5 Gerade die Paktperiode 1939
bis 1941 erfüllt jedoch eine Scharnierfunktion, ohne die zentrale Wandlungen und Stationen der
Kommunismusgeschichte (»Nationale Fronten«, »Volksdemokratie« etc.) und damit auch Etap-
pen der Nachkriegsgeschichte rätselhaft blieben. Der Stalin-Hitler-Pakt war bis zur Implosion der
Sowjetunion in deren gesamtem Machtbereich einschließlich Polens und des Baltikums tabui-
siert: Die Existenz der geheimen Zusatzprotokolle, die die Aufteilung eines großen Teil Europas
unter Hitler und Stalin markierten (siehe S. 106f., 146f.), wurde von russischer Seite erst 1992 ein-
gestanden.6 In den Ländern des »realen Sozialismus« wurde als »Geschichtsfälscher« abgekan-
zelt, wer die Ereignisgeschichte für die Wahrheit hielt. Im heutigen Diskurs sind die Tabus kei-
neswegs völlig gebrochen, nicht zuletzt russische Historiker verteidigen den Pakt weiterhin als
Defensivmaßnahme aufgrund mangelnder Kooperationsbereitschaft der westlichen Demokra-
tien.7 Eine Schieflage ist auch dadurch entstanden, daß der Pakt selbst zwar thematisiert wurde,
doch die folgende fast zwei Jahre andauernde Zusammenarbeit seltsam ausgeklammert bleibt.
Das positive Andenken an den Sieg der Sowjetunion und der Alliierten gegen Hitler und die
Widerstandsgeschichte der Kommunisten nach dem Juni 1941 dominieren auch das Ge-
schichtsbild. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nach der deutschen Invasion vom Juni
1941 blieb vor allem als Nationalgeschichte des Widerstands präsent. In der parteioffiziellen
»marxistisch-leninistischen« Geschichtsschreibung diente sie dem Konstrukt einer linearen,
bruchlosen antifaschistischen Tradition der Sowjetunion und der kommunistischen Parteien,
so, als ob das jüngst Vergangene nur ein böser Spuk gewesen sei. Es gilt das Goethe-Wort:
»Aber nicht alles ist wirklich geschehen, was uns als Geschichte dargeboten wird, und was wirk-
lich geschehen, das ist nicht so geschehen, wie es dargeboten wird […].«8

Forschungsstand und Diskurse …

Seit der Öffnung der russischen Archive sind die Herrschaftsmechanismen der Stalinzeit für be-
stimmte Bereiche in dokumentarischer Breite dargestellt worden, vor allem der Terror und das
Gulag-System.9 Der historisch-politische Diskurs über die Anfangsphase des Zweiten Welt-
kriegs, den Stalin-Hitler-Pakt und den Angriff Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion (»Fall Bar-
barossa«) wird von außen-, wirtschafts- und militärgeschichtlichen Themen dominiert.10 Fragen
nach der Verantwortung für die Auslösung des Krieges, nach den Ursprüngen des Kalten Krie-
ges oder nach der Interpretation des Paktes selbst und den Beziehungen zwischen Hitler und
Stalin sind ebenso Gegenstand einer anhaltenden Diskussion wie die (anhand der hier abge-
druckten Dokumente eher unplausibler gewordene) These, daß Stalin einen Angriffskrieg plante
und Hitler ihm mit seinem »Präventivkrieg« zuvorkam.11
In der historischen Forschung wird der Abschluß des Paktes als eine Voraussetzung, bis-

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weilen auch als Auslöser des Zweiten Weltkriegs betrachtet.12 Hitler hatte damit freie Bahn,
Polen zu überfallen. Die Geschichte des Paktes auf dem Hintergrund der deutsch-sowjetischen
Beziehungen ist weitgehend aufgearbeitet.13 Die bilateralen deutsch-sowjetischen Verhand-
lungen, außen- wie innenpolitischen Ziele und Interessen, so die von Stalin ursprünglich in-
tendierte Abwehr eines Zweifrontenkrieges bei geschwächter Roter Armee, die Grenzabkom-
men, die gegenseitigen Warenlieferungen und Militärhilfe – all das ist von Historikern wie Bianca
Pietrow-Ennker und zuletzt von Lew Besymenski grundlegend dargestellt oder durch Archiv-
dokumente unterlegt worden.14 Da diese Themen nicht im Zentrum des vorliegenden Buches
stehen, seien zum besseren Verständnis des Folgenden zwei Prämissen vorangestellt, die sich
aus der kritischen Forschung ergeben. Erstens wurde mit dem am 28.9.1939 unterzeichneten
Freundschafts- und Grenzvertrag und dem dazugehörigen geheimen Zusatzprotokoll zur Auf-
teilung Ostmitteleuropas jegliche noch vorhandene defensive Zielrichtung des Paktes durch-
brochen und mit einer strategischen Annäherung an Deutschland zur Erreichung limitierter
territorialer Ziele verbunden. Zweitens konnte – was die Gesamtbilanz angeht – das nicht zu-
letzt auf Angst vor der Bedrohung gegründete Bündnis (Besymenski) weder die innen-
politischen noch die außen- und militärpolitischen Probleme des Stalinschen Regimes lösen.
Durch neu erschlossenes sowjetisches Archivmaterial und nicht zuletzt die Dimitroff-Tage-
bücher lassen sich heute gesichertere Aussagen über Stalins Motive, den Pakt mit Hitler-
deutschland abzuschließen, machen. Mit dem chaotischen Ende und dem Sieg Francos im spa-
nischen Bürgerkrieg sowie dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938, als im Namen
der westlichen Demokratien die Tschechoslowakei im Stich gelassen und zur Beute Hitlers ge-
macht wurde, war die nicht zu den Verhandlungen eingeladene Sowjetunion in eine gefährliche
Isolierung geraten. Während sie auf diplomatischer Ebene weiterhin eine Politik der kollektiven
Sicherheit verfolgte, war die Komintern, die kaum oder zu spät reagierte, zu einer stumpfen
Waffe geworden. Von einem Automatismus bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs läßt sich
gleichwohl nicht sprechen. Die Würfel für den deutschen Angriff auf Polen fielen erst, als Hit-
ler sich sicher sein konnte, nicht gleichzeitig gegen die Westmächte und die Sowjetunion kämp-
fen zu müssen. Die Westmächte führten noch bis kurz vor dem Paktabschluß im August Ver-
handlungen mit der Sowjetunion, doch – so die neuere Forschung – hatte Stalin bereits im
Frühsommer die grundsätzliche Entscheidung für das Bündnis mit Deutschland getroffen, das
ihm nicht zuletzt aufgrund seiner abstrusen strategischen Vorstellungen über die Dauer des Krie-
ges zwischen den kapitalistischen Staaten und der Spekulation, daß Hitler ihn frühestens Ende
1942 angreifen könnte, größere Sicherheitsgarantien zu geben schien.15 Seine von Chru-
schtschow überlieferte Absicht, Hitler geradezu in den Krieg zu stoßen, verdeutlicht das
Vabanquespiel Stalins mit dem Schicksal Europas. Vermutlich sollte Hitlerdeutschland gegen
den »britischen Imperialisus« als Erzfeind sogar gestärkt werden. Die Gefahr, zusätzlich von Ja-
pan in die Zange genommen zu werden, das Mitglied im Antikominternpakt war, wurde durch
den Hitler-Stalin-Pakt gemindert.16 Der Gewinner im Paktbündnis war ohne jeden Zweifel Hit-
ler, der am 22. August 1939 in einer Ansprache vor hohen Militärs auf dem Obersalzberg her-
vorhob, dass der Pakt »nicht allein eine Verwendung der Sowjetunion als Speerspitze einer anti-

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deutschen Koalition verhindere, sondern auch durch das am 19. August abgeschlossene Kredit-
abkommen eine Blockade gegen Deutschland seitens der Westmächte wirkungslos mache, »weil
die Sowjetunion darin umfangreiche Wirtschaftslieferungen zugesichert habe«.17 So machte der
Pakt den Zweiten Weltkrieg erst möglich, konnte jedoch aufgrund der Schwäche des Regimes,
seiner Organisation und seiner Produktion die Erwartungen der deutschen Seite nicht erfüllen
und trotz weitreichender Lieferverpflichtungen die Kriegsführung Deutschlands längerfristig
absichern.

Komintern und kommunistische Parteien, die auch im Zweiten Weltkrieg als multiple Instru-
mente und »Kanäle« sowjetischer Politik eingesetzt wurden, haben Historiker bisher kaum sy-
stematisch in den Blick genommen. Im Unterschied zur vorhandenen, reichhaltigen Literatur18
über den Pakt untersucht und dokumentiert das vorliegende Buch gerade deswegen, wie sich die
durch ihn fundamental veränderte internationale Lage (Molotow), in der England und Frankreich
die Rolle des Aggressors zugeschrieben und Hitlerdeutschland (fast) zur Friedensmacht stilisiert
wurde, auf die internationale kommunistische Bewegung, die Komintern und ihre Sektionen, die
kommunistischen Parteien in den hauptsächlich betroffenen europäischen Staaten auswirkte.19
Die Phase bis zum 22. Juni 1941, in der das internationale Verbindungsnetz der Komintern zum
Teil auseinanderbrach (siehe u.a. S. 112–114, 122–124), ist gekennzeichnet von einer wohlwol-
lenden Neutralität der Sowjetunion gegenüber Hitlers Angriffskrieg und der Indienstnahme
kommunistischer Parteien für den freundlichen Kurs gegenüber dem deutschen Aggressor. Die-
sem Aspekt schenkte man bei der Erforschung des Beginns des Zweiten Weltkriegs bislang we-
nig Beachtung. Die Betrachtung des Stalin-Hitler-Paktes »durch die Brille« der Komintern führt
jedoch zu teils überraschenden Erkenntnissen, bestehende Forschungshypothesen werden durch
neue Quellen untermauert bzw. in Frage gestellt, ob es um die Kriegsziele Stalins oder den anti-
faschistischen Widerstand, die Konzessionen an das Hitlerregime oder den Beginn der Résistance
hinter den feindlichen Linien geht. Dieser einleitende Essay soll in zum Teil bewußt überspitz-
ter Form einige der neuen Forschungsergebnisse und Synthesen vorstellen. Ausführliche Her-
leitungen und Erklärungen zu den einzelnen Themen und empirischen Zusammenhängen finden
sich in den sachthematischen und chronologisch aufgebauten Kapiteln.
Im Unterschied zur Russischen Föderation (hier wurde bereits 1994 eine grundlegende Do-
kumentenedition über die Komintern im Zweiten Weltkrieg publiziert),20 Frankreich und den
Vereinigten Staaten fehlen bisher grundlegende Quellenpublikationen in deutscher Sprache –
mit Ausnahme der Dimitroff-Tagebücher.21 In Paris erschien 2003 die erste Veröffentlichung
von chiffrierten Funktelegrammen der Komintern, die wichtigste Quellengattung ihrer Korre-
spondenz mit den kommunistischen Parteien in dieser Periode.22 Die Geschichtsschreibung über
die kommunistischen Parteien im Zweiten Weltkrieg ist für einige Länder gut entwickelt (am
differenziertesten in Frankreich), für die meisten europäischen Länder fehlen quellengesättigte
Spezialmonographien.23 Gleiches gilt für die Rekonstruktion der unterschiedlichen Tätigkeits-
bereiche: Während einige von ihnen durch Spezialuntersuchungen abgedeckt sind (Agen-
teneinsätze, Exil etc.), fehlt bisher ein Gesamtüberblick.24 Fragen nach weltrevolutionärer Aus-

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richtung oder Neo-Imperialismus, Antifaschismus oder Konzessionen an den Nationalsozialis-


mus konnten daher bisher kaum zufriedenstellend beantwortet werden. Die vorliegende Do-
kumentation soll dazu beitragen, die Geschichte des Antifaschismus und des kommunistischen
Widerstands sowohl vor als auch nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion zu präzisieren
und in Teilen neu zu schreiben.

Die Schwerpunkte der Dokumentation: Zur Periodisierung …

Die herangezogenen vielfältigen Quellen illustrieren die von der sowjetischen Führung und
von der Komintern im Zweiten Weltkrieg bis 1941 verfolgten Ziele und die zu ihrer Erreichung
eingesetzten Mittel. Unmittelbare Zeugnisse Stalins über außen- und kriegspolitische Prämis-
sen und Perspektiven sind selten. Die internen Dokumente der Komintern und der kommu-
nistischen Parteien vermitteln ein genaueres Bild von der Politik und Vorstellungswelt der so-
wjetischen Führung, deren Zusammenspiel mit der Führung der Komintern, insbesondere mit
Georgi Dimitroff, und sie erhellen die Mechanismen zur Beeinflussung der Weltmeinung in der
wohl »dunkelsten« Phase des internationalen Kommunismus bis zur Jahreswende 1941/42.
Schwerpunkte bilden zwei zentrale weltgeschichtliche Einschnitte: der Abschluß des »Sta-
lin-Hitler-Pakts« im August/September 1939 und seine Auswirkungen sowie die Abwehr der
existentiellen Bedrohung der Sowjetunion nach dem deutschen Überfall im Sommer und
Herbst 1941.
Die Darstellung der internationalen kommunistischen Bewegung in diesem Zeitraum wurde
in sechs chronologisch-inhaltliche Hauptabschnitte eingeteilt. Sie bilden das Periodisierungs-
und Gliederungsmodell der Dokumentation. Teil 1 umfaßt den Zeitraum August–September
1939 und betrifft die unmittelbare Vor- und Ablaufgeschichte des Stalin-Hitler-Paktes und die
Rolle der Komintern vom Abschluß des Vertrags bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges. In
Teil 2 werden der Abschluß des deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrags, das erklärte Ende
des Antifaschismus und die entsprechenden Maßnahmen zur »Korrektur« der kommunisti-
schen Parteien im Zeitraum September–Dezember 1939 thematisiert. Teil 3 behandelt den An-
griffskrieg der Sowjetunion auf Finnland, der eine verstärkte Isolierung der Sowjetunion und
die weitere Disziplinierung der kommunistischen Parteien (Dezember 1939–März 1940) zur
Folge hatte. Teil 4 enthält Dokumente über den unmöglichen Spagat der kommunistischen Par-
teien zwischen Anpassung und Widerstand gegen den deutschen Vormarsch in Europa auf dem
Hintergrund der offiziellen Freundschaft der Sowjetunion (April 1940–September 1940). In Teil
5 wird illustriert, wie die Sowjetunion nach Molotows Besuch in Berlin mehr in die Defensive
geriet und gleichzeitig versuchte, die Komintern stärker auf Initiativen gegen das deutsche Vor-
dringen in Europa zu lenken (Oktober 1940–Mai 1941). Der 6. Teil (Juni–Oktober 1941) be-
handelt den für die Sowjetunion und die kommunistische Bewegung katastrophalen Beginn des
deutschen Blitzkriegs und die chaotische Umorientierung der Komintern auf die Hilfe im Exi-
stenzkampf der Sowjetunion unter dem Stichwort »Vaterländischer Krieg« und »Nationale

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Fronten«. Am Schluß des Bandes erfolgt ein Ausblick auf das weitere Verhältnis von Komin-
tern und Sowjetunion in den Jahren 1942 und 1943, der mit ihrem Rückzug aus der Öffent-
lichkeit und schließlich ihrer Auflösung im Mai 1943 endet. Die einzelnen Teile sind in sach-
systematische Kapitel gegliedert, die bisweilen auch den chronologischen Aufbau sprengen.

Ein Menetekel für die Komintern …

Die im März 1919 maßgeblich von den Führern der Oktoberrevolution, Wladimir I. Lenin und
Lew Trotzki, gegründete Kommunistische Internationale, nach der russischen Abkürzung bald
»Komintern« genannt, sollte als Antwort auf die Traumata des Ersten Weltkriegs und die Politik
des nationalen »Burgfriedens« der internationalen sozialdemokratischen Parteien den Anspruch
der von Marx 1864 gegründeten Internationalen Arbeiter-Assoziation wiederbeleben.25 Als
Weltpartei des Proletariats sollte sie, gestützt auf die nationalen kommunistischen Parteien,
die Armee der Proletarier aller Länder zum Sturz des kapitalistischen Systems und zur inter-
nationalen Revolution führen. Die Komintern wurde jedoch russifiziert und ihre Politik wie
die der nationalen kommunistischen Parteien stärker auf die geopolitischen Interessen und die
Außenpolitik der Sowjetunion ausgerichtet. Nach dem Scheitern der deutschen Revolution
im Jahre 1923 (zu den herausragenden Akteuren in dieser Zeit gehörten neben Grigori Sinow-
jew Ruth Fischer, Karl Radek, Trotzki und Béla Kun) folgte die »Bolschewisierung« unter Bu-
charin und Stalin. 1928/29 wurde die gegen die Sozialdemokratie gerichtete »Sozialfaschis-
muspolitik« (Jossif Stalin, Wjatscheslaw Molotow, Ernst Thälmann, Dmitri Manuilski) initiiert
und ab 1935 die »Volksfrontpolitik«. Mit ihrer Betonung des Antifaschismus (Hauptreprä-
sentanten waren neben dem charismatischen Georgi Dimitroff Palmiro Togliatti und Wilhelm
Pieck) und dem Einsatz der Internationalen Brigaden als »Armee der Komintern« im spani-
schen Bürgerkrieg der Jahre 1936–1939 (bekannte Akteure waren Politiker wie André Marty,
Palmiro Togliatti, Dolores Ibárruri [»La Pasionária«], Franz Dahlem, aber auch Schriftsteller
wie Lion Feuchtwanger, André Malraux, Heinrich Mann, André Gide) rückte die Komintern
noch einmal in den Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Gleichzeitig erfaßte der stalinistische
Terror neben der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (»Große Säuberung«), dem Militär
(»Enthauptung der Roten Armee«) und der sowjetischen Gesellschaft insgesamt auch die Kom-
intern (geplanter vierter Moskauer Schauprozeß, Auflösung der KP Polens und Ermordung
ihrer Mitglieder; Hauptakteure in dieser Phase: Stalin, Manuilski, Jossif Pjatnitzki, Nikolai
Jeshow, Michail Trilisser). Trotz politischer Mißerfolge und Niederlagen unterhielt die Ko-
mintern ein subversives und zu großen Teilen illegales internationales Netzwerk transnationaler
Ströme und Strömungen von Ideen, Informationen, Know-how, Personen (vom einfachen Par-
teimitglied über die Absolventen der Kominternuniversitäten bis zum illegalen Instrukteur),
Waren, Geld, Wertsachen, Waffen und beeinflußte damit nicht nur politische Parteien und
Gewerkschaften, sondern auch Antikriegsbewegungen, nationale Minderheiten, antikolonia-
listische Strömungen, Kultur-, Exil- und Antikriegsorganisationen. Das eigene Netzwerk,

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bezogen auf die 24jährige Existenz der Komintern, umfaßte ca. 100 Struktureinheiten und ein
Vielfaches an Substrukturen, insgesamt etwa 60 Organisationen internationalen Zuschnitts mit
jeweils eigenen, oftmals über den gesamten Globus verteilten Leitungs- und Auxiliärstruktu-
ren. Zusammengeführt wurden sie im Leitungs- und Hilfsapparat des Exekutivkomitees der
Komintern (EKKI), dessen Sekretariat seit 1935 – streng von Stalin und Molotow kontrol-
liert – Georgi Dimitroff vorstand. Seine Aufgabe war die Instruktion von bis zu 80 kommu-
nistischen und revolutionären Parteien und Gruppen sowie einer Vielzahl von internationalen
Organisationen – etwa den sympathisierenden Gewerkschaften in zahlreichen Ländern.26
Der Abschluß des Stalin-Hitler-Paktes im August 1939 stellte ein Worst-Case-Szenario für die
charismatische Institution Komintern dar – und besonders für die Hunderttausende Kommu-
nisten außerhalb der Sowjetunion, in Freiheit oder in der politischen Emigration, in Internie-
rungs-, Konzentrationslagern und Gefängnissen.

Chiffrierte Telegramme, geheime Korrespondenzen, Parteiinstruktionen, Zeitzeugnisse …

Walter Kempowskis epochales Werk »Echolot« vergegenwärtigt in subjektiven Zeitzeugnissen


»Barbarossa« und seine Folgen einfühlsam und dramatisch zugleich als die bis dato größte Ka-
tastrophe, in der ein Großteil der Menschheit faktisch zu Geiseln einer Kriegsmaschinerie
wurde.27 Ähnlich einem »kollektiven Tagebuch« ist auch die vorliegende Dokumentation nach
dem Prinzip einer historischen Collage aufgebaut, wobei der Blick von oben, von den Führun-
gen der kommunistischen Bewegung, nachvollzogen wird.
Die Quellengrundlage heterogener Provenienz ermöglicht es, eine zwielichtige Kultur des
Geheimen und der Untergrundarbeit offenzulegen, die durch eine schockierende Verwischung
der bisher klar abgesteckten Fronten von Freund und Feind, von Grundkonzepten wie »rechts«
und »links« geprägt wird. Das Rückgrat der Dokumentation bilden neben der chiffrierten, über
das geheime Funknetz der Komintern (bisweilen auch der sowjetischen Militäraufklärung) ab-
gewickelten Korrespondenz der Moskauer Kominternzentrale mit den kommunistischen Par-
teien in West- und Mitteleuropa Quellen informellen Charakters aus der unmittelbaren Um-
gebung Stalins und der sowjetischen Nomenklatura.28
Die innerrussische Dimension spiegelt sich in Politbüro-Beschlüssen, Regierungserklärun-
gen, Korrespondenzen der sowjetischen Führer mit der Kominternführung (besonders zwi-
schen Stalin und Molotow, Stalin und Dimitroff, Dimitroff und Schdanow, die zwischen 1939
und Mitte 1941 die zentralen Entscheidungen für die Komintern vornahmen), Reden, Arti-
keln und Geheimdienstberichten der Militärs (GRU) wider.
Die Innenwelt der Komintern wird durch geheime Instruktionen des EKKI, die spezielle
Außenkorrespondenz der Komintern durch chiffrierte Telegramme (an die über ganz Europa
verteilten Funkstellen ihres Verbindungsdienstes) sowie die (gleichermaßen) geheimen und
unveröffentlichten Dokumente ihrer Leitungsorgane bzw. des konspirativen technischen
Apparats repräsentiert, die durch Schlüsselauszüge aus den Dimitroff-Tagebüchern ergänzt

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werden. Berücksichtigt werden zudem Beschluß- und Sitzungsprotokolle des Präsidiums, des
Sekretariats und anderer Kominternstrukturen.
Öffentliche Verlautbarungen (Auszüge aus Presseartikeln, Stellungnahmen, Resolutionen,
Aufrufen, Erklärungen) sowie interne, häufig ebenfalls informelle Quellen – wie bspw. die hand-
schriftlichen Notizen des späteren Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck – belegen die Akti-
vitäten der kommunistischen Parteien. Der Schwerpunkt der parteibezogenen Dokumente liegt
auf der KP der Sowjetunion, der KP Deutschlands und Frankreichs, für exemplarische oder be-
merkenswerte Aktivitäten und Bezüge werden auch Episoden aus den kommunistischen Par-
teien Englands, Norwegens, Italiens, Jugoslawiens, Belgiens, Bulgariens, Finnlands, Schwedens,
Rumäniens, Chinas, Spaniens, Islands und der Niederlande einbezogen.
Ausschnitte aus publizierten und unpublizierten privaten Briefen, Tagebüchern, Stellung-
nahmen und Presseartikeln von Zeitzeugen wie Heinrich Mann, Willy Brandt, dem KPD-Theo-
retiker Hermann Duncker und seiner Frau Käte, dem oppositionellen Kommunisten Arkadi
Maslow und dem Mathematiker Emil J. Gumbel, dem Reformpädagogen Alexander S. Neill und
dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich beleuchten die Auswirkungen des Paktes auf Kommu-
nisten und Antifaschisten, die von Hilflosigkeit, Resistenz, Zersetzung oder auch erzwunge-
nem Gehorsam geprägt sind. Auszüge aus der Memoirenliteratur (Molotow, Anastas Mikojan,
Georgi Shukow), Tagebüchern (Dimitroff, Joseph Goebbels), Tischreden und Trinksprüche
Stalins und seiner engsten Umgebung sowie Stellungnahmen von Zeitzeugen ergänzen die par-
teioffiziellen Quellen.29

II. Stationen 1939–1941, neue Erkenntnisse und Erklärungsversuche: Vom Ausbruch des
Zweiten Weltkriegs bis zu Hitlers »Fall Barbarossa« gegen die Sowjetunion und zur Auf-
lösung der Komintern …

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel?

Die Moskauer Instruktionen vor dem Vertragsabschluß deuten darauf hin, daß die Komintern
nicht in die dem Vertragsabschluß zugrunde liegende Neuausrichtung der sowjetischen Politik
eingeweiht war. Ob und in welchem Umfang die Kominternführung vorbereitet war, dürfte
nicht zuletzt vom Nachweis der Echtheit einer angeblichen, umstrittenen Rede Stalins im Polit-
büro vom 19.8.1939 abhängen.30 Die ersten Presseinformationen der »Prawda« führten zu er-
regten und widersprüchlichen Reaktionen, ja zu verbreitetem Unverständnis und Resistenz sei-
tens der kommunistischen Parteien (siehe S. 105–110, 189f.). Da die mit dem Pakt verbundenen
Perspektiven noch nicht durchschaut werden konnten, ergaben sich große Argumentations-
brüche. Insofern traf der Abschluß die Komintern unvorbereitet und führte zur Existenzkrise
des internationalen Apparats und zur Existenzbedrohung der kommunistischen Parteien (siehe
u.a. S. 276f.). Nach der Dezimierung durch den Terror seit 1935, der auch 1939 noch nicht zum

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Stillstand gekommen war, ergab sich nun die in der Hauptsache außenpolitisch motivierte Zer-
setzung von innen. Selbst nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, der als »deutsch-polnischer
Krieg« bezeichnet wurde, verblieb die Kominternführung zunächst in Erklärungsnot, bis Stalin
am 7.9.1939 dem Generalsekretär Georgi Dimitroff die Position der Sowjetunion im Zweiten
Weltkrieg und die sich hieraus ergebenden Konsequenzen für die kommunistischen Parteien
darlegte (siehe S. 124–126). Ob Dimitroff und Manuilski bereits durch die ominöse Stalin-Rede
vor dem Politbüro über den Pakt und die neue Ausrichtung der Sowjetunion gegen England und
Frankreich vorinformiert wurden, bleibt in der Forschung umstritten und bildet den Stoff für
eine Historikerdebatte(siehe S. 189). Vorerst wurden von der politischen Führung die kommu-
nistischen Parteien, darunter als strategisch bedeutsamste und (noch) legale die KP Frankreichs,
im Widerspruch zwischen antifaschistischem Reflex, »nationaler Union« und plakativ bekun-
deter sowjetisch-deutscher Freundschaft belassen.

Beifall für die Aufteilung Polens zwischen Deutschland und der Sowjetunion …

Trotz erheblichen »Unverständnisses« und teilweiser Auflehnung einiger Sektionen legitimierte


die Komintern die im geheimen Zusatzprotokoll vereinbarte staatliche Auslöschung Polens und
dessen Aufteilung zwischen der Sowjetunion und Hitlerdeutschland, die, was Stalins Absichten
betrifft, fälschlicherweise als Realpolitik gedeutet wurde. Die KP der USA und die KPD wurden
zur Ordnung gerufen, weil sie anfänglich vom gerechten Krieg gegen den Faschismus sprachen
und zur Verteidigung der Unabhängigkeit Polens aufriefen (siehe S. 126f., 131–133). Die ersten
verbindlichen Direktiven an die kommunistischen Parteien erkannten jedoch keinen Unterschied
zwischen faschistischen und demokratischen Staaten mehr an. Polen habe als Schurkenstaat – Sta-
lin sprach von einem faschistischen und parasitären Staat (!) – ohnehin das Existenzrecht verloren
(siehe u.a. S. 129, 165, 176). Die Aufteilung des Landes zwischen Hitler und Stalin sowie die Be-
setzung Westweißrußlands und der Westukraine durch die Rote Armee und ihre sukzessive Ein-
verleibung in die Sowjetunion wurden von der Komintern als »Befreiungseinmarsch« gefeiert.

… zur Liquidierung des Antifaschismus.

Infolge des Paktes wurde der Antifaschismus als weltweite Kultur liquidiert, davon waren in
erster Linie die Komintern und die kommunistischen Parteien, darunter in dramatischer Weise
die französische KP betroffen. Obwohl nur in seltenen Fällen unmittelbar artikuliert und in
»antiimperialistischen« Tiraden verbrämt, hieß nun die Vorgabe für die moskautreuen kom-
munistischen Organisationen nicht mehr Widerstand gegen den Aggressor Hitlerdeutschland,
sondern Hinnahme des deutschen Vormarschs in Europa (während von Seiten der sowjeti-
schen Staatspolitik zumindest bis zum Juni 1940 offener Beifall kam).
Als zusätzlich zum Nichtangriffs- am 28.9.1939 der Grenz- und Freundschaftsvertrag der

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Sowjetunion mit Hitler abgeschlossen wurde, der das geheime Zusatzprotokoll über die Auf-
teilung Ostmitteleuropas enthielt, geriet die Komintern noch tiefer in Erklärungsnot und blieb
ohne Handlungsperspektiven (siehe S. 149–154). Noch zwei Monate nach Kriegsbeginn konnte
sie ihren verwirrten Mitgliedssektionen die Situation nicht erklären. Die KPD forderte sogar
weiterhin – gegen den neuen Kurs der Komintern – den Sturz Hitlers (siehe S. 155–157). Die
neue perfide Logik erschloß sich ihr erst langsam: Hitlers Sturz zu fordern, bedeutete ja, den
Hauptfeind, das »imperialistische« England zu unterstützen. Die europäischen Kommunisten
befanden sich im Zangengriff. Franz Dahlem und die Pariser Auslandsleitung der KPD im Sta-
tus einer operativen Leitung der Partei wurden dabei doppelt abgestraft: von der französischen
Regierung Daladier wurden sie als Deutsche und Kommunisten im Internierungslager festge-
halten, während Dimitroff Dahlem aus Moskau telegraphisch dazu aufforderte, von seinen Be-
reitschaftserklärungen zum Einsatz der deutschen Antifaschisten im Kampf gegen Hitler ab-
zuschwören. Von den Regierungen als Vollzugsorgane der mit dem Feind verbündeten
Sowjetunion betrachtet, rückten die kommunistischen Parteien auch in den noch parlamenta-
risch-demokratisch regierten Staaten in das Zentrum staatlicher Kontrolle und Unterdrückung.

Schwierigkeiten, die kommunistischen Parteien auf den Kurs zu bringen …

Die schwierige »Normalisierung« mit verstärkten Korrekturen des politischen Kurses der Par-
teien bis zum Jahresende hatte fatale Konsequenzen. Die KP Frankreichs wurde als ehemals
größte kommunistische Partei Westeuropas – mit 1938/39 noch ca. 200000 Mitgliedern – weit-
gehend demontiert und verlor rasant den Rückhalt in der Bevölkerung. Das linke Frankreich,
zusammen mit Spanien das Heimatland der »antifaschistischen Volksfront«, erlitt einen poli-
tischen und psychologischen Schock, der durch die Unterdrückungsmaßnahmen der Regierung
Daladier beschleunigt wurde. Als sich Marcel Cachin, der greise historische Chefredakteur des
Zentralorgans »Humanité«, weigerte, die Politik der Sowjetunion im französischen Senat zu
verteidigen, versuchte die Kominternführung in Moskau, ihn zu marginalisieren und später so-
gar außer Landes zu bringen (siehe S. 253f.). Nach einer Veröffentlichung der Presseagentur
Havas ließ Stalin am 30.11.1939 ein äußerst aufschlußreiches Dementi zu seiner angeblichen
Geheimrede im Politbüro vom 19.8.1939 über die Kriegsziele der Sowjetunion publizieren, in
dem er ostentativ England und Frankreich als Auslöser des Zweiten Weltkriegs bezeichnete.31
Auch der politische Kurs der kommunistischen Parteien Englands, der USA, Italiens und der
Tschechoslowakei wurde aus Moskau einschneidend »korrigiert«.

Sowjetunion und Komintern: Arbeitsteilig für Hitlers Krieg …

Weder die Annahme einer »Neutralität« der Sowjetunion zu Beginn des Krieges noch der von
der Komintern und ihren Parteien vertretene Kurs des »Antiimperialismus« entsprach den
historischen Tatsachen. Die Sowjetunion legitimierte nicht nur den Beginn des Zweiten Welt-

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kriegs, sondern unterstützte auch als Folge des Freundschaftspaktes mit Deutschland die Hit-
lersche Kriegspolitik. Die gegen Krieg und Imperialismus gerichteten Losungen der Komin-
tern machen die von Historikern geäußerte These von einer Neutralitätspolitik der Sowjet-
union (G. Gorodetsky) nicht plausibler. Tatsächlich stützte sich die Außen- und Militärpolitik
der Sowjetunion von 1939 bis 1941 zumindest bis zur Jahreswende 1940/41 »ausschließlich
auf offene und geheime Abkommen mit Deutschland« (Sergej Slutsch).
Die kommunistischen Parteien wurden so zu einer unmöglichen Akrobatik gezwungen. Sie
sollten einerseits nicht offen für Hitler Partei ergreifen, andererseits jedoch die freundschaft-
lichen bilateralen Beziehungen nicht konterkarieren. Wie das funktionieren sollte, wenn die
Sowjetunion gleichzeitig dem Eroberungsfeldzug Hitlers in Europa Beifall spendete, wußten
vermutlich auch Stalin, Molotow oder Dimitroff nicht. Das Ergebnis waren bizarre, skurrile,
überraschende, ja tragisch-burleske Positionen, revolutionäre Grimassen und eine »trompe-
tende Propaganda« (Arkadi Maslow). Sie führten zur Selbstamputation und zugleich Unter-
drückung der kommunistischen Bewegung von außen, wie es das französische Beispiel dra-
stisch aufzeigt.

Die verspätete Festlegung der Generallinie …

Die Komintern brauchte fast zwei Monate (!), um programmatisch auf den Ausbruch des Welt-
krieges zu reagieren. Die neue Generallinie, der »Kampf gegen den Imperialismus« und »für den
Frieden«, wurde nach langen internen Auseinandersetzungen in Moskau und der verspäteten Zu-
stimmung Stalins von Dimitroff in der Kominternpresse publiziert (siehe S. 178–182). Die Er-
klärungen der Parteien waren allerdings offenbar noch zu hitlerfeindlich und mußten von der
Kominternführung redigiert und zensiert werden. So wurde die Verbreitung eines gemeinsamen
Aufrufs der Kommunistischen Parteien Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslowakei
gegen den Krieg untersagt (siehe S. 184–186); dasselbe Schicksal erfuhr ein gemeinsamer Aufruf
der KPD, der KP Großbritanniens und der KP Frankreichs, der sich vermutlich noch zu stark ge-
gen Hitlerdeutschland richtete (siehe S. 213). Die illegalen Parteien isolierten sich weiter von den
Bevölkerungen. Selbst die bisher größte Anti-Hitler-Demonstration in Prag am 17. November
1939 wurde von der KP der Tschechoslowakei – auf Anweisung Moskaus – in die Nähe einer Pro-
vokation der deutschen Besatzer und des »Chamberlainagenten« Beneš gerückt (siehe S. 188).

Propaganda für den sowjetisch-finnischen Krieg …

Der militärische Angriff der Sowjetunion auf Finnland am 30.11.1939 – die Sowjetunion ver-
lor ca. 130000 Soldaten, viele davon kamen durch Hunger und Erfrieren um – demonstrierte ge-
genüber der Weltöffentlichkeit die Tragweite des Bruchs mit den Prinzipien der internationalen
Solidarität. So formulierte es auch der junge Willy Brandt in einem hier veröffentlichten Brief,

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in dem er zugleich das Dilemma der gesamten Linken ausdrückte: »Schon gleich nach Beginn
der Aktion [gegen Finnland] hörte man die Stimmen, die sagten: nicht Adolf, sondern Josef ist
der Weltfeind Nr. eins usw. Auch hier im Norden vollzieht sich auf dieser Ebene eine Rechts-
schwenkung. Die Josefpolitik muß überall die Reaktion stärken. Darum müssen wir auf der Hut
sein und weder dem Josef etwas schenken noch uns vor den andern Wagen spannen lassen.«32
Die Komintern verpflichtete die kommunistischen Parteien, den weltweit geächteten An-
griffskrieg, der den Bruch mit der internationalen Sozialdemokratie zementierte, zu rechtfer-
tigen, allerdings nahmen dies der ZK-Sekretär der KP Finnlands Arvo Tuominen und andere
nicht widerstandslos hin (siehe S. 206f.). Während Stalin im Beisein von Dimitroff über Finn-
land sagte, man dürfe nur »die Jungen und Greise am Leben lassen«, sollte eine großangelegte
Kampagne von Komintern und kommunistischen Parteien den Krieg gegen die »Weißfinnen«
legitimieren. Der mit hohen Opfern seitens der Roten Armee erkaufte Waffenstillstand wurde
von der Komintern als »neuer Sieg der Friedenspolitik der Sowjetunion« dargestellt. Damit
seien die englisch-französischen Kriegspläne »durchkreuzt« worden (siehe S. 202f.). Zu seinem
60. Geburtstag am 21.12.1939 nahm Stalin sowohl die Huldigungen der kommunistischen Par-
teien als auch Glückwünsche der Naziregierung entgegen. In einem im »Völkischen Beobach-
ter« (leicht verändert) abgedruckten Danktelegramm an Ribbentrop schrieb er: »Die Freund-
schaft Deutschlands und der Sowjetunion, begründet durch gemeinsam vergossenes Blut, hat
alle Aussicht darauf, dauerhaft und fest zu sein.« (Siehe S. 195)

Beifall zum Vormarsch der Wehrmacht in Europa …

Das Verhältnis von Sowjetunion und Komintern war arbeitsteilig und komplementär. Die kom-
munistischen Parteien sollten zwar die offizielle sowjetische Politik der engen Zusammenar-
beit vor allem auf den militärischen und wirtschaftlichen Sektor nicht eins zu eins übertragen,
doch auch nicht im Widerspruch zu ihr agieren. Insgesamt legitimierte die Komintern die im
geheimen Zusatzprotokoll vereinbarte Zerschlagung Polens, sie fungierte weltweit als Sprach-
rohr für den grausamen Angriffskrieg der Roten Armee gegen Finnland sowie die weiteren
sowjetischen Eroberungen in Rumänien und im Baltikum. Seit dem Jahreswechsel 1939/40 de-
finierte die Komintern die zentralen Ziele neu, die taktische Linie wurde noch schärfer gegen
England und Frankreich ausgerichtet, wodurch sich der offizielle gegen England und Frank-
reich gerichtete »Antiimperialismus« der Parteien als Chiffre für die Unterstützung von Hit-
lers Krieg erweist. Als propagandistische Unterstützung der »Neutralitätspolitik« der Sowjet-
union konzipiert, blieb die Politik der Komintern und ihrer Sektionen direkt oder indirekt
gegen die Westmächte gerichtet, mit dem Ziel, ihren Einfluß zu schwächen.33
Die Übernahme der antibritischen und antifranzösischen Kampagne durch die Komintern
und ihre Sektionen, was im Falle der skandinavischen Parteien oder der KP der Niederlande
besonders deutlich wird, ist als Hinweis auf die sehr weitgehende Bereitschaft der sowjetischen
Führung zu werten, das Deutsche Reich gegen England zu unterstützen. Tatsächlich wurden

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die gegen Hitlerdeutschland kämpfenden Alliierten und ihre Armeen, nicht die Nationalso-
zialisten, zu Hauptfeinden, ja zu Menschheitsvernichtern stilisiert (siehe u.a. S. 202). Das Hor-
rorkabinett der typischen Kominternfeindbilder vervollständigten die Sozialdemokraten, die
als Helfershelfer der westlichen imperialistischen Mächte tituliert wurden. Als Hauptfeinde
galten bereits seit den zwanziger Jahren die echten und vermeintlichen »Trotzkisten«. Wie
Trotzki selbst, ließ man diese, wo man ihrer habhaft werden konnte, in den Jahren 1940/41
durch das NKWD umbringen – eine merkwürdige Sequenz von Todesfällen betrifft einige pro-
minente Kritiker des Stalinismus wie Willi Münzenberg in Frankreich, Walter G. Krivitsky und
Raoul Laszlo [d.i. Richard Lengyel] in den USA und Arkadi Maslow in Kuba. Statt des Anti-
faschismus entstanden im Rahmen der bilateralen deutsch-russischen Beziehungen von Seiten
der Komintern ernsthafte Planungen für ein friedliches Nebeneinander, einen modus vivendi
zwischen den kommunistischen Parteien und den deutschen Machthabern. Die erstaunliche
Konzessionsbereitschaft im ersten Jahr des Paktes belegen entsprechende Avancen der Kom-
munistischen Parteien in Frankreich, Norwegen, Dänemark, Belgien und den Niederlanden.
Hinter der offiziellen Fassade träumte gar der faktische Führer der KPF im Lande, Jacques
Duclos, von einer deutsch-französischen Verständigung in einem von Großdeutschland und
der Sowjetunion »brüderlich« regierten Europa (siehe u.a. S. 112).

Die KPD im Fahrwasser Hitlers? Statt antifaschistischem Widerstand Legalisierung unter dem
Naziregime …

Neben dem französischen wurde der deutsche Kommunismus durch die neue deutsch-so-
wjetische Freundschaft regelrecht in die Zange genommen. Die hier veröffentlichten Doku-
mente beleuchten die Zwangslage zwischen Gestapo und Moskauer Direktiven, in die die KPD
durch den Freundschaftspakt geraten war, sie machen eine kritische Bewertung der Geschichts-
schreibung des Widerstands erforderlich. Ein zentral organisierter Widerstand gegen den Na-
tionalsozialismus und das Hitlerregime war nicht nur mangels Verbindungen ins Reich nicht
mehr vorhanden, sondern wurde von der Parteiführung schlechthin nicht mehr propagiert, ja
nicht einmal mehr thematisiert, allenfalls wurde er uminterpretiert, de facto jedoch für beendet
erklärt. Da zudem regelmäßige Verbindungen zwischen Tausenden von Kommunisten im Reich
und der in Moskau vertretenen KPD-Spitze nicht mehr bestanden, agierten noch vorhandene
Widerstandskerne unabhängig vom und sogar gegen den offiziellen politischen Kurs der Partei.
Bereits in der Volksfrontperiode seit dem VII. Weltkongreß im Jahre 1935 wurde der Kurs
des »Trojanischen Pferdes«, der die hauptsächliche Tätigkeit der Kommunisten in die NS-»Mas-
sen«-Organisationen verlegte, von der Mitgliedschaft in Berlin und anderswo nicht mitvollzo-
gen.34 Nach dem Paktabschluß teilten Pieck und Ulbricht mit, daß der Kampf für den Sturz des
Hitlerregimes nicht mehr aktuell sei und die Kommunisten im Deutschen Reich nun verstärkt
in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und anderen Naziorganisationen arbeiten sollten, um
die Arbeiter vom »besseren Sozialismus« zu überzeugen (siehe u.a. S. 210f.). Im Dezember

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1939 wandelte sich der Ton des Kominternorgans »Rundschau«. Dank des »heroischen und ge-
nialen« Entschlusses der Sowjetunion zum Pakt, so hieß es, werde Hitler den deutschen Ar-
beitern bald Zugeständnisse machen müssen.35 Zugleich wurden Erklärungen der KPD gegen
Hitlers Vormarsch, die sie gemeinsam mit den Schwesterparteien der besetzten Staaten ent-
wickelt hatte, von der Komintern desavouiert (siehe S. 155f.). Andeutungen Stalins und Molo-
tows sowie Notizen und Instruktionen Dimitroffs weisen darauf hin, daß Hitlers Politik in
Deutschland nicht mehr global kritisiert und seinem Plan zur Eroberung Europas kein
grundsätzlicher Widerstand mehr entgegengesetzt werden sollte (siehe u.a. S. 170f.).
Die deutschen Kommunisten, die im Konzentrationslager saßen, die Opfer der Verbrechen
des Hitlerregimes, wurden weitgehend sich selbst überlassen.36 Was die Nationalsozialisten
unter der Freundschaft mit der Sowjetunion verstanden, demonstrierten sie dagegen im De-
zember 1939: Mit der Verhaftung von Willi Gall und über 100 Nazigegnern in Berlin-Adlers-
hof wurde die letzte noch bestehende illegale Unterbezirksstruktur der KPD im Land zer-
stört, Gall wurde als Instrukteur der Abschnittsleitung Anfang 1941 zum Tode verurteilt (siehe
S. 323). Während die Sowjetunion größte – auch die eigene Bevölkerung schwächende – An-
strengungen unternahm, Hitlerdeutschland mit Rohstoffen u. a. zur Waffenproduktion zu
versorgen, gingen die Verhaftungen deutscher Kommunisten weiter.
Von Stalin, Molotow, Schdanow und Dimitroff instruiert, die entsprechende Dokumente teil-
weise selbst formulierten, wandte sich das Rumpf-ZK der KPD in Moskau (Hermann Weber),
das ohnehin keine festen Verbindungen mehr mit dem Heimatland hatte, mit fingierten Aufru-
fen an die deutschen Arbeiter, die angeblich von Kommunisten aus dem Reich stammten, um den
Anschein einer Präsenz zu wecken (siehe S. 266f.). Auf Drängen Dimitroffs und der Komin-
ternführung wurde unter regelmäßiger Konsultierung Stalins und maßgeblicher Mithilfe Ulbrichts
im Januar 1940 der politische Kurs der KPD neu festgelegt. Nicht nur in den von Deutschland
besetzten Ländern, auch im Hitlerreich selbst war nun eine Legalisierung der KPD vorgesehen.
Parallel zum Aufbau einer (illegalen) Landesleitung sollten Vorbereitungen für eine (halb-)legale
Tätigkeit der KPD im Deutschen Reich getroffen werden. KPD-Funktionäre in der Emigration
und in den französischen Internierungslagern wurden ultimativ aufgefordert, sofern ihnen keine
höheren Haftstrafen drohten(!), nach Hitlerdeutschland zurückzukehren und dort in den Nazi-
Massenorganisationen zu arbeiten. Zugleich erfolgte auf Weisung der Komintern die Auflösung
der noch verbliebenen operativen Leitungsstrukturen der KPD. Die Liquidierung der Ab-
schnittsleitungen sollte die halblegale oder sogar legale Existenz der Partei im Deutschen Reich
politisch und organisatorisch vorbereiten – vermutlich mit dem sich allerdings erst seit Februar
1941 in Schweden in Wartestellung befindlichen Herbert Wehner an der Spitze.
Entsprechende Absichten des weit entfernten ZK in Moskau werden unterlegt durch die
hier veröffentlichten Instruktionen an die KPD-Kader und Parteiarbeiter in den Niederlanden
oder in den französischen Internierungslagern, ins Hitlerreich zurückzukehren (siehe u. a.
S. 232–234). Die (hier von Dahlem) bezeugte Weigerung, dem Parteibefehl zu folgen – be-
sonders, was die in den französischen Lagern internierten Kommunisten anging –, dürfte der
Grund dafür gewesen sein, daß derartige für die Betroffenen selbstmörderische Ansätze nicht

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konsequent weiterverfolgt wurden (siehe S. 232). Selbst nach dem Überfall auf die Sowjet-
union konnte von einem durch das ZK zentral angeleiteten kommunistischen Widerstand nicht
die Rede sein. Der Aufbau einer Inlandsleitung der KPD erlebte nach kurzzeitigen Erfolgen
mit der Verhaftung von Wilhelm Knöchel im Jahre 1942 einen definitiven Rückschlag – einige
der chiffrierten Instruktionen der Komintern werden als Dokumente des letzten Versuchs bis
1945, die Parteiführung wieder im Reich zu verankern, hier abgedruckt (siehe S. 393f.).
Unter solchen Bedingungen erstaunt es nicht, daß zwischen dem Jahresende 1939 und Juni
1941 konkrete Anleitungen des ZK zu Widerstandsaktivitäten gegen das Hitlerregime im deut-
schen Reich nicht zu eruieren waren. In einigen der hier veröffentlichten Dokumente Di-
mitroffs, Ulbrichts, Dahlems und Piecks wird der Sturz des Hitlerregimes als Losung der Par-
tei sogar ausdrücklich abgelehnt (siehe u.a. S. 224–226). Die von Stalin persönlich durch den
von ihm selbst mitredigierten Aufruf des ZK vom 16.10.1941 begründete These von der anti-
faschistischen Kontinuität der KPD, die zum Ursprungsmythos der DDR wurde, erweisen die
hier veröffentlichten Dokumente als Lebenslüge.37

Das Engagement Dimitroffs und die Ablehnung Stalins: Keine Befreiung Ernst Thälmanns aus
nationalsozialistischer Haft …

Das Engagement der Komintern zur Befreiung Ernst Thälmanns, das sich in zahlreichen Kam-
pagnen und Initiativen äußerte, kann nicht in Zweifel gezogen werden. Die Frage, warum es
trotzdem nicht gelang, den seit 1933 in Nazihaft sitzenden KPD-Führer (wie den ungarischen
EKKI-Funktionär Rákosi oder das ZK-Mitglied der rumänischen KP Anna Pauker) aus dem
Gefängnis zu befreien bzw. auszutauschen, verweist auf die dem Pakt zugrunde liegende innere
Logik. Der Berliner Historiker Ronald Sassning meint, daß Thälmann nach Abschluß des Pak-
tes im Falle seiner Freilassung sowohl für die russische als auch für die deutsche Seite zu einem
Störfaktor geworden wäre. Auch habe man kein Interesse mehr daran gehabt, einen neuen
Mythos zu schaffen, nachdem Dimitroff zum charismatischen Helden des Reichstagsbrand-
prozesses wurde. Vermutlich Tausende inhaftierte Antifaschisten hätten Thälmanns Freilas-
sung als Aufruf zu ihrer eigenen Befreiung verstanden. In den Augen Stalins und Molotows,
die nicht davor zurückscheuten, antifaschistische Emigranten der Gestapo ausliefern zu lassen
und die Abmachungen des Pakts mit Hitlerdeutschland akribisch respektierten, war dies
tatsächlich eine untragbare Perspektive.38 Dimitroff und die Komintern hatten zumindest –
wie hier dokumentierte Instruktionen zur Kontaktaufnahme mit seiner Frau Rosa in Ham-
burg nachweisen – versucht, den seinerzeit als »Gold der deutschen Arbeiterklasse« titulierten
Arbeiterführer nicht einfach seinem traurigen Schicksal zu überlassen (siehe u. a. S. 196 f.).
Thälmann wurde am 18. August 1944 im KZ Buchenwald ermordet. Ein Gespräch Stalins mit
Dimitroff während der Evakuierung der Komintern aus Moskau im Oktober 1941, in dem er
Thälmann politisch abkanzelt, macht die Annahme einer politischen Liquidierung durch Sta-
lin (so die Berliner Historikerin Wilfriede Otto) plausibel.39

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Der Vormarsch der deutschen Wehrmacht in Europa 1940/1941: Hinnahme des Aggressors, Ver-
handlungen oder Widerstand …

Als die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1940 große Teile West- und Nordeuropas überrollte
(Frankreich, Belgien, die Niederlande, Dänemark, Norwegen), verschärften sich die Wider-
sprüche der Kominternpolitik, die zwischen einer Hinnahme des Aggressors, Verhandlungen
mit ihm oder politischer Opposition bzw. sogar aktivem Widerstand oszillierte. Bis zum deut-
schen Sieg über Frankreich im Juni 1940 gab es außerhalb der plakativen Antikriegspropaganda
der Komintern keine Parteidirektiven im Sinne einer politischen Opposition, geschweige denn
des Widerstands gegen Hitlers Vordringen in Europa. Die Besetzung Dänemarks und Norwe-
gens traf anfänglich sogar auf ein wohlwollendes Zögern norwegischer Kommunisten (siehe
S. 268f.). Anläßlich der deutschen Besetzung der Niederlande und des Angriffs auf Belgien
und Luxemburg trat die KP der Niederlande für die Niederlage Englands ein (siehe S. 271f.);
sie lehnte den Widerstand gegen die deutschen Besatzer ab und veröffentlichte Hetzartikel ge-
gen die antinazistischen Widerstandsaktionen von »Vrij Nederland«: »Aber England ist ge-
nauso schlecht wie Deutschland. England führt ebenso einen imperialistischen Krieg wie
Deutschland.«40 Dimitroff versuchte nun zwar, verstärkt gegenzusteuern. Er warnte davor,
den Eindruck einer pro-deutschen Haltung der kommunistischen Parteien entstehen zu las-
sen (siehe u.a. S. 270f.). Gleichzeitig wurde – bspw. in den Direktiven zum 1. Mai 1940 – der
Kampf gegen die Sozialdemokratie verschärft und die deutsche Besetzung Frankreichs anfangs
noch vom Applaus der russischen Politik begleitet. Molotow beglückwünschte den deutschen
Botschafter in Moskau »auf das wärmste zum glänzenden Erfolg« der deutschen Wehrmacht.41
De facto spielten Rußland und Deutschland ein Doppelspiel.

Mitte 1940: Die Wendung der Kominternpropaganda gegen den deutschen Vormarsch in Europa …

Die neutrale Haltung der Parteien gegenüber Hitlerdeutschland hatte nicht die gesamte Pakt-
periode bis zum Juni 1941 Bestand. Wenig bekannt war bisher, daß die Komintern mit der Ver-
änderung der Weltlage ab Sommer 1940, während die freundschaftlichen sowjetisch-deutschen
Beziehungen auf bilateraler Ebene fortgesetzt wurden, die kommunistischen Parteien der be-
setzten Länder unter dem Schlagwort der nationalen Selbstbestimmung auf eine (wenn auch
zaghafte und zumeist nur propagandistische) Ablehnung des deutschen Vormarsches und eine
(allerdings größtenteils erfolglose) Annäherung an die patriotischen Widerstandsbewegungen
ausrichtete (siehe u.a. S. 281). Offensichtlich hatte die sowjetische Führung keinesfalls mit der
raschen Niederlage Frankreichs im Juni gerechnet und versuchte gegenzusteuern. Von nun an
kritisierte die Komintern die Mißachtung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch »den
deutschen Imperialismus« und legitimierte damit erstmals seit 1939 die politische Opposition
der kommunistischen Parteien in den von Deutschland besetzten Ländern. Die taktische
Veränderung der politischen Linie zeigte sich darin, daß im Juni 1940 auf Drängen von Stalin,

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Molotow und Schdanow in der Kominternzentrale hastig der Text einer Erklärung der KP
Frankreichs geändert wurde, der die französische Bourgeoisie des nationalen Verrats bezich-
tigt hatte und nun stärker dazu aufrief, die Unabhängigkeit des Landes zu sichern (siehe
S. 347). Damit erfolgte eine taktische Wendung der Kominternpropaganda gegen das deutsche
Besatzungsregime in Europa; der Widerstand gegen das Hitler-Regime wurde allerdings erst
ein Jahr später infolge des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion proklamiert.42
Die Komintern wurde zugleich zur Legitimierung von Stalins neoimperialer Politik der
territorialen »Abrundung« auf dem Balkan eingesetzt. Wie die Kominternpresse kolportierte,
riefen die Besetzung Bessarabiens und der Nord-Bukowina im Sommer 1940 durch die Rote
Armee und ihre Einverleibung in die Sowjetunion in den Parteien ebenso wie unter der Be-
völkerung der betreffenden Gebiete angeblich »ungeheure Begeisterung« hervor (siehe
S. 284f.). Daß dem nicht so war, belegt die gleichzeitige Kritik an Tendenzen in der KP Rumä-
niens, die im August 1940 (implizit gegen die sowjetische Eroberungspolitik) für die Integrität
des Landes Partei ergriff und im März 1941 ebenfalls gegen Moskauer Weisungen zunächst
plante, das Land gegen den Vormarsch der deutschen Truppen zu verteidigen (siehe S. 284). Mit
widersprüchlichen Anweisungen sah sich unter anderem auch die illegale KP der Tschecho-
slowakei konfrontiert: Die Forderung nach Wiederherstellung einer freien Tschechoslowakei
– die Slowakei war unter der Kontrolle Deutschlands formal unabhängig geworden – wurde von
der Komintern ausdrücklich abgelehnt (siehe S. 256f.).

Die KP Frankreichs verhandelt mit der deutschen Besatzungsmacht über eine Legalisierung …

Eine besonders für die KP Frankreichs traumatische Alternative zwischen Widerstand und Ver-
handlungen mit dem Aggressor äußerte sich in der verstärkten Propaganda gegen Deutsch-
land und den zugleich gehegten Hoffnungen auf ein Arrangement mit der Besatzungsmacht.
Die Instruktionen der Kominternführung besagten, daß jede sich bietende Möglichkeit zur le-
galen Aktivität genutzt werden sollte. Im Sommer/Herbst 1940 verhandelte die KP Frank-
reichs – wie bereits die KP Belgiens – tatsächlich mit den deutschen Besatzern in Paris. Die KPF
strebte nach dem in Belgien erfolgreich erprobten Modell die legale Herausgabe der Partei-
presse (und vermutlich auch die Legalisierung der Partei) an und wurde anfänglich von der
Kominternführung darin bestärkt. Die Hintergründe der Verhandlungen der KPF-Führung
mit dem Botschafter Otto Abetz und anderen Repräsentanten des Deutschen Reiches in Pa-
ris, wie dem Propagandachef der NSDAP, sind als Skandal im Skandal in der Historiographie
noch nicht völlig aufgeklärt (siehe Teil 4, Kap. 2). Sie werden im vorliegenden Band durch Be-
richte des faktischen Parteiführers Jacques Duclos und anderer Augenzeugen nach Moskau
sowie durch Instruktionen Dimitroffs illustriert (siehe S. 285–296).43 Die Forderungen der
deutschen Besatzer dürften der KP-Inlandsführung jedoch zu weit gegangen zu sein. Der
schließlich gescheiterten Annäherung, die, wie es die beschwörenden Instruktionen der Kom-
internführung belegen, vermutlich zu brenzlig und gefährlich geworden war, folgten Verhaf-

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tungen und Exekutionen französischer Kommunisten (siehe u. a. S. 322 f.). Zum Scheitern
dürfte auch die von Hitler veranlaßte Verschärfung der Besatzungspolitik beigetragen haben.
Gleichwohl blieb der Grundtenor der Moskauer Direktiven an die KP Frankreichs erhalten, alle
sich bietenden legalen Möglichkeiten im Sinne der Partei zu nutzen.
In den Resolutionen und Aufrufen blieb das Hitlerregime in Deutschland selbst unangeta-
stet, sein Sturz stand weiterhin explizit nicht auf der Tagesordnung. Im Rahmen einer schizo-
phren erscheinenden Doppelstrategie kam es vor allem in der ersten Hälfte des Jahres 1941
zwar zu verdeckten Widerstandsversuchen und Untergrundaktionen in einigen Ländern, doch
kann erst nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 expressis verbis
von Widerstand gesprochen werden. Die schwierige Anpassung der Komintern an die offizielle
sowjetisch-deutsche Freundschaft führte zum Auseinanderbrechen des Verbindungsnetzes der
Komintern sowie zur Instrumentalisierung, Isolierung und Schwächung der desavouierten Par-
teien, die vom politischen Gegner plötzlich als mit einer feindlichen ausländischen Macht ver-
bundene Organisationen bloßgestellt werden konnten. Die Abhängigkeit von der sowjetischen
Führung, Inkonsequenz und mangelnde Glaubwürdigkeit führten dazu, daß in dieser Zeit-
spanne Sowjetunion und Komintern ihren politischen und kulturellen Führungsanspruch
innerhalb der Linken nicht mehr durchsetzen konnten.

Der »Fall Barbarossa«: Erneute Wendung um 180 Grad – Brüche und Kontinuitäten nach dem
deutschen Angriff …

Hitlers von Stalin zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehaltene, als Agentendesinforma-
tion abgetane Invasion der Sowjetunion im Juni 1941 (»Fall Barbarossa«) besiegelte die wohl
gigantischste und folgenreichste strategische Fehlkalkulation im 20. Jahrhundert. Ablauf und
Folgen dieser von Stalin und Molotow persönlich zu verantwortenden Katastrophe bleiben
Gegenstand historischer Forschung. Die Ursachen für Stalins unglaubliches Zaudern gilt es
genauer zu ergründen. Dabei dürfte, wie es einige der hier abgedruckten Dokumente sugge-
rieren, politischer Starrsinn eine Hauptrolle gespielt haben, nachdem er sich in eine nicht mehr
rückführbare Situation hineinmanövriert hatte (siehe S. 350–360). Zu den Konsequenzen für
die internationale kommunistische Bewegung und die in ihrer Existenz bedrohten kommuni-
stischen Parteien liegen dagegen international vergleichende Studien noch nicht vor.
Der Blick auf die hier veröffentlichten Dokumente zeigt überraschend, daß es zwischen der
Periode des Paktes und der nachfolgenden des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion nicht
nur Brüche, sondern auch Kontinuitäten gab. Gerade im Zeitraum 1939–1941 wurden unter
der Ägide Stalins, Molotows, Dimitroffs, Manuilskis und dem verstärkt für die Komintern
agierenden Schdanow strategisch-inhaltliche Konzepte wie »Nationale Fronten«, »Arbeiter-
bzw. Volksparteien«, »Patriotismus« und »Volksdemokratie« (weiter-)entwickelt, die als ideo-
logische Leitvorstellungen fortan die Geschichte des internationalen Kommunismus prägten.

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Das verlorene Doppelspiel …

Seit dem Molotow-Besuch in Berlin im November 1940, der in der Historiographie zwar noch
kontrovers diskutiert, jedoch übereinstimmend als Wendepunkt der deutsch-sowjetischen Be-
ziehungen angesehen wird, erscheint die sowjetische Politik immer deutlicher als ein verlore-
nes Doppelspiel. Von Seiten Hitlers wurde, durch die sowjetische Reaktion beschleunigt, der
bereits ausgearbeitete Angriffsplan auf die Sowjetunion definitiv beschlossen – die genaue Ter-
minierung des verdeckten, gleichwohl definitiven Bruchs, der zugleich das Ende aller Welt-
aufteilungspläne zwischen Hitler und Stalin markierte, bleibt allerdings noch schwierig.44 Auf
bilateraler staatlicher und wirtschaftlicher Ebene betrieb man gleichwohl die Fortsetzung der
Freundschaft mit Hitlerdeutschland. Stalin lancierte sogar gegenüber Dimitroff – mit der Ab-
sicht, den politischen Einfluß in Bulgarien zu bewahren – die Möglichkeit eines Beitritts der
Sowjetunion zum Dreimächtepakt, dem Nachfolger des »Antikominternpaktes«, was bisher
von zahlreichen Historikern nicht für plausibel gehalten wurde (siehe S. 311–317). Vermutlich
stand sogar die wenig später geäußerte Absicht, die Komintern aufzulösen, im Zusammenhang
mit den Beitrittsbekundungen, die die Geschichte des Kommunismus völlig auf den Kopf stel-
len. Wie dem auch sei, noch vorhandene Zweifel an Stalins tieferen (und fürwahr düsteren)
Absichten bzw. seiner Kompromißbereitschaft dernière minute dürften nun beseitigt sein. Auf
der anderen Seite wurde der Widerspruch zwischen Verhandlungs- und Widerstandsbereit-
schaft immer größer, und Molotow ließ in bestimmten Fällen Widerstandsaktionen gegen die
deutsche Besatzung zu, jedoch im Geheimen und möglichst geräuschlos(!) (siehe S. 312). Die
Internationale wurde stärker gegen die deutsche Besatzungspolitik in Europa ausgerichtet.
Komplizierte und delikate Fragen, die die sowjetische Außenpolitik betrafen, klammerte man
allerdings dabei aus. So verzichtete die Komintern sogar auf einen zentralen Aufruf zum Ju-
biläum des Jahres 1940 (siehe u.a. S. 299f.). Die kommunistischen Parteien befanden sich wei-
terhin auf dem Rückzug. Symbolische Siege wie die Freilassung von Mátyás Rákosi aus unga-
rischer Haft im November 1940 waren die Ausnahme (siehe S. 304).
Die Dokumente aus der letzten Phase vor dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im
Frühjahr 1941 spiegeln Defensive, Handlungsdruck, fast schon Verzweiflung der sowjetischen
Protagonisten wider. Der Eroberung großer Teile Westeuropas folgte Anfang 1941 das deut-
sche und italienische Vordringen auf dem Balkan, angesichts dessen Stalin in die Rolle des Zu-
schauers gedrängt war. Der »Grundfehler« der sowjetischen Politik, das Tempo der Kriegs-
entwicklung völlig falsch eingeschätzt zu haben (A. Maslow) entwickelte eine Eigendynamik:
Vor allem auf dem Balkan wurden die politischen Vorteile, die Stalin bis zum Herbst 1940 er-
reicht hatte, durch den deutschen Vormarsch nach Bulgarien und Rumänien im Frühjahr 1941
wieder zunichte gemacht. Die sowjetische Außenpolitik stabilisierende Positionen – wie die
Verbesserung der Beziehungen mit Bulgarien, die Wirtschaftsverträge mit Ungarn, der Slowa-
kei und die vielversprechenden Verhandlungen mit Jugoslawien – verpufften in ihrer Wirkung
infolge der beschleunigten deutschen Offensive, die ihrerseits Macht- und Vertragspolitik auf
dem Balkan demonstrierte.45 Die Komintern selbst setzte das Doppelspiel in einem gewissen

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Maße fort, gegen den Vormarsch Hitlers zu opponieren, bisweilen auch illegale Aktionen
durchzuführen, den Sturz des Hitlerregimes als politische Perspektive jedoch weiterhin abzu-
lehnen. Für die noch in Deutschland tätigen Kommunisten sollte weiterhin die Arbeit in den
nationalsozialistischen Massenorganisationen Priorität haben. Doch die im Lande verspreng-
ten Kommunisten hielten sich weiterhin kaum an diese Direktive.

Stalins Plan zur Auflösung der Komintern im Frühjahr 1940 – letzte Konzession, um Hitler um-
zustimmen?

Der Angriff Mussolinis auf Griechenland im Oktober/November 1940 offenbarte die poli-
tisch-moralische Kalamität der offiziellen deutsch-sowjetischen Freundschaft mit Hitler-
deutschland. Von Seiten der KP Italiens erfolgte in den ersten Wochen kein Protest, keine Stel-
lungnahme, kein Aufruf gegen den Krieg, und die Komintern protestierte ebenfalls nicht – ein
verordnetes Schweigen (siehe S. 337). Dagegen orientierte sich die KP Jugoslawiens im Früh-
jahr 1941 – bereits unabhängig von der Komintern – auf einen Partisanenwiderstand. Schon zu
diesem frühen Zeitpunkt wurden deutliche Unterschiede zwischen den Konzeptionen Josip
Broz »Titos« und Stalins sichtbar (siehe S. 338–340). Auch die KP Frankreichs setzte ihr Dop-
pelspiel fort: Sie wandte sich taktisch und propagandistisch einer »nationalen Front« zu, blieb
jedoch der seit dem historischen Londoner Aufruf de Gaulles in der BBC vom 18.6.1940 im
Widerstand kämpfenden Résistance von Gaullisten, Sozialisten u.a. äußerst feindlich gesonnen.
Gleichzeitig traf sie die Repression durch die Besatzer und das Vichy-Regime.
Ein bisher von der Forschung kaum wahrgenommener Kulminationspunkt der Geschichte
des internationalen Kommunismus ist Stalins Plan zur Auflösung der Komintern zwei Jahre
vor ihrem faktischen Ende 1943. Im Frühjahr 1941 setzte Stalin die Komintern direkt als Ver-
fügungsmasse ein, vermutlich um doch noch ein Übereinkommen mit Hitler zu erreichen
(siehe S. 301f.). Im Sekretariat des Exekutivkomitees der Komintern spielten sich, nachdem
am 20. 4. 1941 bei einem Umtrunk nach einem Besuch im Bolschoi-Theater Stalin den Vor-
schlag lanciert hatte, gespenstische Szenen ab. Dimitroff, Manuilski und Togliatti führten nach
Stalins Anweisungen in völliger Geheimhaltung die Auflösung der Komintern als Planspiel
durch, wobei bereits zahlreiche Argumente für die zwei Jahre später erfolgende tatsächliche
Auflösung gebraucht wurden. Der Plan wurde nicht verwirklicht, vermutlich kam auch hier der
deutsche Angriff dazwischen. Faßt man die Szenarien aus der Schlußphase vor dem Angriff zu-
sammen, lassen sich Konturen einer Schreckensvision ausmalen: Die Sowjetunion als Mit-
gliedsstaat des Dreimächtepakts nach der Auflösung der Komintern, Stalin als eine Art Un-
tervasall Hitlers in einem eurasischen Weltreich. Doch selbst der Faktor Zeitgewinn zählte
nicht mehr; Hitlers Entschluß, die Sowjetunion bereits im Frühjahr/Sommer 1941 anzugrei-
fen, stand unverrückbar fest.

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Der Schock des deutschen Blitzkriegs und die Reaktionen der Komintern …

Noch eine Woche vor dem 22. Juni 1941 gab die Sowjetunion offiziell bekannt, daß von einem
bevorstehenden deutschen Angriff nicht die Rede sein könne. Auch die letzten, dringenden War-
nungen vor dem von Hitler befohlenen Überfall, u.a. von Arvid Harnack und Harro Schulze-
Boysen aus Berlin, Tito aus Jugoslawien oder Tschou-En-lai aus China, kamen zu spät (siehe u.a.
S. 353–355, 363). Erst der deutsche Angriff auf die Sowjetunion führte dazu, daß das Steuer der
Kominternpolitik um 180 Grad herumgerissen wurde. Dem in der Literatur vielfach belegten
Zaudern Stalins in den Tagen und Wochen nach dem Überfall, das in der Forschung nicht ein-
deutig entschlüsselt wird,46 stand eine erstaunliche Aktivierung der Komintern gegenüber. Eine
Überraschung ist auch, daß Dimitroff bereits zum frühestmöglichen Zeitpunkt, am 22.6.1941,
Maßnahmen einleitete, um sie für den Widerstand mit allen Mitteln zur Verteidigung der So-
wjetunion umzustellen und einzusetzen (siehe S. 366–368). Dabei gingen Patriotismus, der re-
aktivierte Antifaschismus und der (individuelle) Terrorismus eine neue Symbiose ein. Jede so-
zialistische bzw. revolutionäre Stoßrichtung wurde kategorisch ausgeschlossen (siehe u.a. S. 369).
Die Feindbilder verschoben sich grundsätzlich, die Komintern wurde auf die Zusammenarbeit
mit den Alliierten ausgerichtet, was anfänglich von den Parteien nicht immer akzeptiert wurde.
Die neuen Leitvorstellungen waren: Aufgabe der Neutralität gegenüber Hitler, Denunzierung sei-
nes »Verrats« der gemeinsamen Abmachungen (!), Einsatz aller Mittel gegen den Feind, vereinter
Kampf gegen den Faschismus, Neudefinition des Verhältnisses zu ehemaligen »Todfeinden« wie
dem britischen Premier Winston Churchill, dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roose-
velt, dem tschechischen Exilpolitiker Edvard Beneš und anderen, sofortige Anbahnung von Kon-
takten mit de Gaulle sowie den bürgerlichen Widerstandsbewegungen und die weltweite Integra-
tion der Kommunisten in die Antihitlerkoalitionen (siehe u.a. S. 370, 377). Zu den ersten
Maßnahmen gehörten die Verstärkung der Rundfunkpropaganda der sowjetischen und der Kom-
internsender. Die kommunistischen Parteien wurden nun zu »entschiedenen Maßnahmen«, zu
Volksaufständen gegen die Okkupanten, zu Sabotage und Terroraktionen aufgefordert (siehe u.a.
S. 377, 382–384).

Komintern und Widerstand unter den Bedingungen des »Großen Vaterländischen Krieges« …

Die Sowjetunion geriet bis Oktober/November 1941, als der Fall Moskaus drohte, an den Rand
des Zusammenbruchs. Die Kriegspropaganda der Komintern verhüllte die reale Katastrophe und
den Existenzkampf bis zur Wende des Krieges vor Moskau im November 1941. Die Dokumente
belegen die Fassungslosigkeit und die verspätete hektische Reaktion der russischen Führung auf
den Beginn des deutschen Blitzkriegs, den Stalin nicht wahrhaben wollte, die diversen Umorien-
tierungen sowie die Rolle der Komintern bei der Mobilisierung aller Reserven gegen die faschisti-
schen Okkupationstruppen auf dem Hintergrund der ungeheuren und menschenverachtenden
Anstrengungen zur Verteidigung des Landes. Niemand hätte in dieser Situation an den (wenn auch

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unter großen Opfern) 1945 errungenen Sieg gedacht. Nicht zuletzt die extrem vorsichtige Be-
handlung der Komintern durch die sowjetische Führung in den letzten Wochen vor dem deutschen
Angriff entkräftet die Annahme angeblicher Angriffsvorbereitungen Stalins, denen Hitler zuvor-
gekommen sei, wie sie die Anhänger der Präventivkriegsthese formulieren (siehe Teil 5, Kap. 2).47
Zielvorgabe der Sowjetunion und der (nicht mehr öffentlich in Erscheinung tretenden) Kom-
intern war es nun, um jeden Preis eine Verbindung mit den Widerstandsorganisationen in West-
und Osteuropa herzustellen, was in Frankreich von de Gaulle noch bis 1943 verwehrt wurde.
Einige der Dokumente illustrieren die ersten selbständigen Schritte zur aktiven Résistance und
zur Vorbereitung des »Volkskriegs« durch die Kommunisten in Europa (siehe S. 389, 403f.). Ein
weiteres neues Aktionsfeld der Komintern waren die von der Kominternführung mit der so-
wjetischen Militäraufklärung und dem NKWD abgestimmten Einsätze operativer militärischer
oder politischer Gruppen und von Fallschirmagenten hinter den feindlichen Linien, die häufig
Todeskommandos gleichkamen. Der wichtigste, doch weitgehend erfolglose militärische Beitrag
der Komintern im Zweiten Weltkrieg erforderte eine enge Zusammenarbeit mit den sowjetischen
Diensten (siehe S. 393, 402f.). Als dritte Säule neben der Radiopropaganda und den illegalen Grup-
pen entwickelte sich seit Ende 1941 die propagandistische Arbeit mit den Kriegsgefangenen der
Achsenmächte, die u.a. am 12.7.1943 in den Aufbau des Nationalkomitees »Freies Deutschland«
mündete. Aufgezeigt werden hier frühe Strategien der »Kriegsgefangenenarbeit«, in denen es u.a.
um die Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen ging.48 Ein für die Komintern, die bisher
nicht über eine eigene Nachrichtenabteilung verfügte, neues und im Krieg bedeutsames Tätig-
keitsfeld war ebenfalls der nun generalisierte und weltweite Einsatz der Parteien in der Spionage-
und Aufklärungstätigkeit.49 Die von Dimitroff angestrengten Bemühungen zur Rekrutierung von
Agenten werden wie die anderen genannten Tätigkeitsfelder im Band beispielhaft dokumentiert
(siehe u.a. S. 393f.). Unterschiedliche Auffassungen über Umfang und Bedeutung der Spionage-
tätigkeit haben in den USA zu einem noch andauernden Historikerstreit geführt.51
Bei aller notwendigen kritischen Sicht auf Formen und Inhalte des stalinistischen Regimes
sind der Widerstandswille und das Engagement der kommunistischen Mitglieder im Wider-
stand nicht in Zweifel zu ziehen. Im Gegenteil: Gerade angesichts einer menschenverachten-
den Kriegsstrategie spiegeln die dokumentarischen Zeugnisse spanischer, französischer und
bulgarischer Kommunisten aus der zweiten Jahreshälfte 1941 selbstlosen Einsatz und Herois-
mus – während Stalin den Ereignissen hinterherhastete und dies durch absurde Entscheidun-
gen und große Brutalität kompensierte.52 Die moralische Überlegenheit lag nun wieder ein-
deutig auf Seiten der Verteidiger der Sowjetunion.

Neue Instruktionen – neue Zwänge: Selbstmordkommandos und individueller Terror …

Gleichwohl illustrieren die Dokumente einen neuen Widerstandsdiskurs, dem bisher in der Hi-
storiographie nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dimitroffs Diktum, »alles«
für die Verteidigung der Sowjetunion zu tun, führte – neben breiten weltweiten Solidaritätsbe-

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wegungen – zur Anwendung von Methoden im »Großen Vaterländischen Krieg«, die bisher in
der kommunistischen und in der Arbeiterbewegung nicht akzeptiert waren. Instruktionen wur-
den zu militärischen Kommandos, obwohl doch sowohl seitens der Komintern (nicht zuletzt im
Programm der Komintern, Absatz VI.1) als auch der KPD Grundsatzbeschlüsse gegen den in-
dividuellen Terror gefaßt wurden.53 Im Krieg hatten sich zwar die äußeren Bedingungen ver-
ändert, doch die Konsequenz, die Kommunisten nun systematisch für Sabotage- und Terror-
einsätze zu schulen und entsprechend einzusetzen, bedeutete eine Abwendung von den
Grundprinzipien kollektiven Handelns. Von nun an waren angesichts des Existenzkampfes der
Sowjetunion alle Methoden des Widerstands, der Sabotage gegen die Besatzer, auch die radikal-
sten Formen geboten und erschienen als gerechtfertigt (siehe S. 409–418). Die Dokumente ver-
mitteln den Eindruck, daß es sich um eine militärisch-politische Doktrin neuen Typs zur
Zerschmetterung des faschistischen Deutschlands handelte, die auf die Symbolik des Vorkriegs-
Antifaschismus zurückgriff. Die Terroreinsätze im besetzten Europa belegen am Beispiel der
kommunistischen Attentate auf deutsche Soldaten in Frankreich und der barbarischen Geisel-
praxis der deutschen Besatzungsbehörden, wie die Einübung des individuellen Terrors die An-
zahl der unschuldigen Opfer des Krieges erheblich steigerte. In Frankreich, wo die Vorausset-
zungen keineswegs gegeben waren, wurde das Volk zur Erhebung aufgerufen. Individuelle
Attentate der KPF gegen Angehörige der Wehrmacht lösten einen Zyklus von Gewalt und Ge-
gengewalt aus, der in den Geiselerschießungen der nationalsozialistischen Besatzer einen Höhe-
punkt fand. Der Blutzoll der französischen Kommunisten und der völlig unbeteiligten Bevölke-
rung war erheblich, später auch in Italien, dem Balkan und anderen besetzten Regionen54 (siehe
S. 418–420).Unter Historikern ist die Frage noch nicht ausdiskutiert, ob dies sinnvoll und not-
wendig war. Tradierte nationale Tabus haben die Diskussion erschwert. Daß die Widerstands-
strategien unterschiedlichen taktischen Kalkülen untergeordnet waren, belegt anschaulich der
hier dokumentierte Fall Bulgariens. Hier lehnte Stalin eine Offensive in Richtung eines Auf-
stands gerade mit dem Hinweis auf das zu erwartende hohe Blutvergießen ausdrücklich ab (siehe
S. 408f.). Auch weigerte sich die Sowjetunion grundsätzlich, den antifaschistischen Widerstand
in Jugoslawien und Griechenland materiell zu unterstützen, wobei Dimitroff im Namen der
Komintern technische Gründe als Ausflucht anführen mußte (siehe u.a. S. 438–440). Während
im Westen der Widerstand mit allen Mitteln ausgerufen wurde, sollten auf dem Balkan im Hin-
blick auf die von Stalin sozusagen in vorauseilendem Gehorsam gegenüber England respektierte
Abgrenzung der Einflußzonen die zum Aufstand bereiten Kommunisten demotiviert werden.

Das Ende des Internationalismus: Enge Zusammenarbeit mit den Geheimdiensten …

Um die Jahreswende 1941/42 richtete die Komintern die Politik für Europa und Asien neu aus.
Während sich in Europa mehr oder weniger starke Widerstands- und Befreiungsbewegungen
formierten, hielt die Komintern angesichts der Bedrohung der Sowjetunion an einer undiffe-
renzierten Politik fest. Es scheint nicht übertrieben, hier in einer gewissen Rücksichtslosigkeit

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gegenüber den Kommunisten in den nationalen Oppositions- und Widerstandsgruppen eine


Parallele zur menschenverachtenden Behandlung der Soldaten der Roten Armee in der So-
wjetunion zu erkennen. In Erwartung des von Stalin bereits im Herbst 1941 für 1942 »dekre-
tierten« Erfolgs der Roten Armee wurde den kommunistischen Parteien der allgemeine be-
waffnete Aufstand gegen die Okkupanten befohlen (siehe S. 436). Auch das letzte Aufflammen
der Komintern vor ihrer Auflösung im Mai 1943 hatte größte und gewiß zu einem Teil ver-
meidbare Opfer zur Folge. Der im Zweiten Weltkrieg geborene moderne Terrorismus bestätigt
auf drastische Weise das Ende des Internationalismus im traditionellen Sinne. 55

Ein neuer Antifaschismus und neue Tätigkeitsfelder der Komintern …

Die Rückkehr zum Antifaschismus (auf der Plattform des VII. Weltkongresses der Komintern)
erfolgte nicht geradlinig. Der neue Antifaschismus war nicht das Ergebnis der Volksfrontpolitik
der dreißiger Jahre, sondern basierte auf einer neuen politisch-militärischen Doktrin, die den
kommunistischen Parteien bestimmte Aufgaben im Rahmen des »Großen Vaterländischen
Krieges« zuwies (siehe u.a. S. 377). Die Feindbilder verschoben sich entsprechend der nun in-
tendierten Zusammenarbeit mit den Alliierten. Der neue Antifaschismus war das Bindeglied,
das den Zusammenschluß aller Antihitlerkräfte in jedem Land beschleunigen sollte, unbe-
schadet ideologischer Differenzen etwa mit den liberal-bürgerlichen Formationen. Im Zuge
der Annäherung an die Alliierten und der Herstellung der Kriegsallianz sollte als Vorstufe auch
die Integration der kommunistischen Parteien in die politischen und militärischen Antihitler-
koalitionen in den in Frage kommenden Ländern erfolgen. Nun wird die Zusammenarbeit mit
den ehemaligen sozialdemokratischen und bürgerlichen Hauptfeinden Churchill und de Gaulle
gefordert, selbst im Rahmen einer »Nationalen Front« und ausdrücklich unter Verzicht einer
Hegemonie der kommunistischen Parteien (siehe u.a. S. 384f.).
Der Krieg gegen die Sowjetunion führte zwar zu einer bemerkenswerten Aktivierung im
Rahmen der bereits erwähnten Prioritäten (verstärkte Radiopropaganda, Einsatz operativer
Gruppen im Hinterland der Wehrmacht, Arbeit unter den Kriegsgefangen in Arbeitsteilung mit
der sowjetischen Militäraufklärung), nicht jedoch zu einer Stärkung und Konsolidierung der
Komintern. Tatsächlich wurden die Arbeits- und Existenzbedingungen immer prekärer. Infolge
der Instruktionen Stalins wurde die von den Sekretären Dimitroff, Manuilski und Togliatti »ge-
führte« Internationale mit dem deutschen Überfall vollkommen zur Geheimorganisation, die
aus der Öffentlichkeit verschwinden sollte. Durch die Verlagerung des Arbeitsschwerpunktes
auf die Rundfunk- und Pressepropaganda (mit mehreren hundert Mitarbeitern) und die Ver-
zahnung mit sowjetischen Organen, wie dem für die offiziellen Presseinformationen über die
Kriegslage zuständigen »Informbüro«, das vom ehemaligen Generalsekretär der Roten Ge-
werkschafts-Internationale, Solomon Losowski, geleitet wurde, sollte eine vollständige Un-
terstützung der VKP(b) und der sowjetischen Organe durch den Kominternapparat garantiert
werden (siehe S. 378–380).

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Unterschiedliche Widerstandsstrategien …

Die Reaktionen der Parteien auf den Kurswechsel waren durchaus unterschiedlich. Zögerlich
bis ablehnend verhielten sich Parteien wie die kroatische und die chinesische KP, andere gin-
gen nicht mit den Vorgaben Stalins und Dimitroffs konform, weil sie, wie die KP Jugoslawiens,
Griechenlands, Albaniens und Bulgariens, zum Volksaufstand aufriefen und (vergeblich) die
Unterstützung Moskaus für den Aufbau einer Volksarmee einforderten (siehe u. a. S. 438).
Trotz der Formierung und Ausrichtung der Widerstands- und Partisanenbewegungen in den
von der Wehrmacht besetzten Ländern kam es dem leitenden Apparat maßgeblich auf den
Schutz und die physische Erhaltung der Leitungskader der kommunistischen Parteien an, nicht
zuletzt derjenigen, die sich in der Sowjetunion befanden. Im Moskauer Dampfkessel wurden
die Kader der Kommunistischen Parteien Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Spaniens, Un-
garns, Bulgariens, Rumäniens, der Tschechoslowakei für die Nachkriegspolitik geformt, da-
runter Mátyás Rákosi, Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Palmiro Togliatti, Anna Pauker, Dolo-
res Ibárruri, Klement Gottwald.
Die Dokumente illustrieren die militärisch-politischen Anstrengungen der kommunisti-
schen Parteien sowie die Schwierigkeiten, vor die sie die neuen Aufgaben stellten. Die Mög-
lichkeiten der vom Stalinschen Terror dezimierten Leitungskader, schlagkräftige Truppen zu
mobilisieren, waren begrenzt – zahlreiche Angehörige der Internationalen Brigaden waren seit
1939 (überwiegend in Frankreich) interniert; zudem hatte man ja bis 1941 den wehrfähigen
Kommunisten jede freiwillige militärische Betätigung in den alliierten Armeen und bewaffne-
ten antifaschistischen Verbänden (»Antifaschistische Legionen«) ausdrücklich untersagt (siehe
S. 138–140). Im Unterschied zum spanischen Bürgerkrieg (und vermutlich trotz gegenteiliger
Vorstellungen Dimitroffs) wurde auf die Rekrutierung einer neuen »Kominternarmee« zur
Verteidigung der Sowjetunion nach dem Vorbild der Internationalen Brigaden verzichtet. Ob-
wohl ausländische Kommunisten, darunter exilierte spanische Offiziere und Soldaten der re-
publikanischen Armee und der Internationalen Brigaden, die Rote Armee verstärkten, wurde
der deutsche Blitzkrieg nicht, wie (allerdings in begrenztem Umfang) der Putsch General Fran-
cos im Jahre 1936, mit einer internationalistischen Strategie beantwortet.

… Neue Erkenntnisse und neues Nachdenken über die kommunistische Bewegung im Zweiten
Weltkrieg.

Während bis zum Juni 1941 aus Rücksichtnahme auf Hitler bestimmten Kominternaktivitä-
ten Einhalt geboten wurde, orientierte sich Stalin nun an den im Rahmen der neuen Kriegs-
allianz getroffenen Vereinbarungen über gegenseitige Interessensphären mit den Alliierten. Er
verweigerte den jugoslawischen Partisanen Titos militärische und materielle Hilfe, zum Un-
mut Dimitroffs richtete er sich bereits an den späteren Vereinbarungen mit Großbritannien aus.
Im Rückblick erweist sich eine nach dem »Schisma« veröffentlichte jugoslawische Broschüre

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aus den 50er Jahren keineswegs als reine Propaganda. Sie trägt den bezeichnenden Titel: »Das
Märchen von der sowjetischen Hilfe für den Volksaufstand in Jugoslawien«.56
Was die Wiederaufnahme des antifaschistischen Kampfes nach der Invasion der Wehrmacht
in die Sowjetunion betrifft, stellt das Buch Reflexionsschablonen in Frage und belegt einen
bisher im wissenschaftlichen Diskurs vernachlässigten Zusammenhang: Das Engagement und
der Heroismus des Widerstandes in ganz Europa koexistierten von Beginn an mit einer men-
schenverachtenden Strategie Stalins, der die nationalen kommunistischen Parteien ohne Rück-
sicht und häufig unter hohem Blutzoll für die jeweiligen Kriegsziele instrumentalisierte, wie
es u.a. für die KP Frankreichs belegt wird.

III. Vom Bruch des Antifaschismus zum Bruch der Solidarität: Stalin-Hitler-Pakt und po-
litische Moral.

Jorge Semprún, Peter Weiss, Manès Sperber und Walter Kempowski thematisierten in auto-
biographischen Texten, Novellen, Romanen oder kollektiven Tagebüchern Ambivalenz oder
sogar Verrat der kommunistischen Politik in den »dunklen Jahren« 1939–1941. Dabei ging es
ihnen keineswegs um die Exkulpierung der nationalsozialistischen Barbarei, sondern darum,
Spuren, Indizien und Dimensionen einer Zusammenarbeit der kommunistischen Parteien mit
den Nationalsozialisten aufzudecken. Zeitgeschichtsforscher und Zeitzeugen wie Angelo Tasca,
Alexander Dallin oder Wolfgang Leonhard versuchten seit den fünfziger Jahren, mühsam und
ohne Zugriff auf die russischen Archive die Zusammenhänge zu rekonstruieren.57 Die drama-
tischen Folgen der Politik Stalins für die Komintern, die kommunistischen Parteien und »Sym-
pathisanten« der Sowjetunion konnten jedoch aufgrund der hermetisch verschlossenen so-
wjetischen Archive kaum Gegenstand der Forschung sein.
Das vorliegende Buch betrifft nicht zuletzt die kollektive Erinnerung bzw. das aus dieser
Zeit überlieferte kulturelle Gedächtnis. Es dringt insofern notwendigerweise in die Dimension
des inneren Verrats vor, wie sie Peter Weiss in der »Ästhetik des Widerstands« als persönliches
Drama des Widerstands aus der Sicht der Namenlosen zeichnete. Doch im Gegensatz zu einem
Diskurs der gegenseitigen Verschränkung der beiden Totalitarismen wird im Buch auf die Mit-
verantwortung der sowjetischen politischen Führer für die europäische Katastrophe der An-
tifaschisten und nicht zuletzt zehntausender kommunistischer Mitglieder selbst hingewiesen.
Angedeutet werden die Folgen politischer Mechanismen, das Exil im Exil, die Flucht und In-
ternierung Zehntausender, die von Nationalsozialismus und Stalinismus gemeinsam ausgeübte
Zerstörung europäischer Kultur als Folge politischer Entscheidungen von der Spitze aus, die
in der Sowjetunion durch Stalin, Molotow und Schdanow getroffen und über Dimitroff und
seine Co-Sekretäre in der Komintern an kommunistische Parteien und ihre Mitglieder über-
mittelt wurden.

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Aufkündigung der Solidarität: Spuren …

Eine in der Forschung kaum adäquat wahrgenommene Dimension der de facto wohlwollen-
den Politik gegenüber Hitlerdeutschland 1939–1941 ist der Bruch der Solidarität und die mo-
ralische Diskreditierung der Komintern, die zu den nationalsozialistischen Greuel weitgehend
schwieg. Aufkündigung des Antifaschismus und Zerreißen des Bandes der Solidarität stehen
wie der Einsatz von Attentaten und individuellen Terrormaßnahmen gerade angesichts der von
den Nationalsozialisten planmäßig verbreiteten Barbarei für den Kultur- und Zivilisations-
bruch, den Stalin und Molotow mit Unterstützung von Dimitroff für die Komintern vollzo-
gen haben, und nicht zuletzt für die Verwerfung der kommunistischen Idee selbst.
Auf die ungeheuren menschlichen und materiellen Verluste, mit denen der Sieg im Zweiten
Weltkrieg für die Sowjetunion verbunden war – selbst die Zahl von 20 Millionen Toten, die erst
unter Chruschtschow veröffentlicht wurde, dürfte zu niedrig gegriffen sein –, ist in der Lite-
ratur häufiger hingewiesen worden.58 Welche dramatischen, bestürzenden Folgen die Politik
Stalins für die Komintern und die kommunistischen Parteien hatte, wird nun deutlicher sicht-
bar. Der Balanceakt zwischen Verteidigung gegen den Aggressor und Anpassung in den von
der Wehrmacht überfallenen Ländern löste Lähmung und Desorientierung aus. Die kommu-
nistischen Parteien wurden gezwungen, dem Kampf gegen Hitler und den Nationalsozialismus
abzuschwören, der Widerstand gegen Hitlers Eroberungskrieg in Europa wurde bis Juni/Juli
1940 schlichtweg untersagt. Gerade auch das deutschsprachige Exil beklagte den Bruch der So-
lidarität: Wer England, Frankreich, Sozialdemokraten und Trotzkisten nicht als Hauptfeinde
denunzierte, wurde von der KP Deutschlands und der Komintern als Verräter gebrandmarkt.
Ausdrücklich stellte das Kominternsekretariat bereits Mitte September 1939 den Anschluß
der multinationalen antifaschistischen Emigration zu den bewaffneten antifaschistischen Le-
gionen wie der italienischen Garibaldi-Legion oder der tschechischen Legion in Frankreich unter
Verbot (siehe S. 138–140). Damit wurde auch der einstmals von Willi Münzenberg, Georg Bern-
hard und Heinrich Mann repräsentierten antifaschistischen »deutschen Volksfront« die Exi-
stenzgrundlage definitiv entzogen (siehe S. 141f.). Die strategischen Brüche führten zu inneren
Zerreißproben. Eine davon, die Affäre um das Auslandssekretariat der KP Deutschlands und sei-
nen Leiter Franz Dahlem, erweist sich im Rückblick nicht ausschließlich als besonderes Prob-
lem der »Westemigration«, wie es vor allem die Exilforschung bisher herausgearbeitet hat.59
Auch hier vermittelt die Sicht von ganz oben neue Akzente und Anreize für die Historiogra-
phie, denn bei der »Affäre Dahlem« wurde, wie die Dokumente belegen, ein Exempel statuiert,
um den Antifaschismus des politischen Exils zu relativieren und schließlich zu eliminieren (siehe
Teil 2, Kap. 2). Dahlems hier erstmals veröffentlichter Brief an den französischen Minister-
präsidenten Edouard Daladier vom 12.9.1939 (sein erster Brief vom 4. September bleibt merk-
würdigerweise verschollen) spiegelt zusammen mit der widersprüchlichen Erklärung des
ZK der KPD das tragische Unverständnis der Logik der deutsch-sowjetischen Verträge (siehe
S. 135f.). Die bewußt herbeigeführte Affäre sollte verhindern, daß nicht nur Dahlem und die
operative Führung der KPD, sondern auch die deutschen Antifaschisten und besonders Kom-

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munisten in Frankreich (gemeinsam mit der KPF) am Widerstand gegen Hitlerdeutschland teil-
nahmen, mit der Option, ihn militärisch weiterzuführen. Unter den neuen Bedingungen ent-
sprach dies einem Sakrileg: Dahlem wurde von Dimitroff in einem hier abgedruckten chiffrier-
ten Telegramm aufgefordert, seine schriftlichen Äußerungen zurückzunehmen und dies notariell
beglaubigen zu lassen(!) (siehe S. 134). Jede Forderung, den Parteien die Weiterführung der an-
tifaschistischen Politik zu erlauben und damit das Leben und die ohnehin prekäre Existenz im
Exil zu schützen, prallte an der prinzipiellen Absage Stalins und Molotows ab. Zwar konnte die
neue, unter dem Mantel des »Antiimperialismus« de facto das Hitlerregime tolerierende Linie
nicht sofort durchgesetzt werden. Doch bis Ende 1939 hatten sich aufgrund innerer Zersetzung
und äußerer staatlicher Unterdrückung die betroffenen kommunistischen Parteien völlig ver-
ändert, und die Verbindungen zwischen den Führungskadern und der versprengten Mitglied-
schaft waren instabil oder unterbrochen.

Der »russische Dolchstoß« und die Hetzkampagne der Komintern … von Münzenberg zu
Ulbricht …

Einen Höhepunkt erreichte die Hetzkampagne der Komintern mit einem Artikel von Walter
Ulbricht, dem wichtigsten Helfer in der Neuausrichtung der KPD vom 9.2.1940, der eine Art
innenpolitisches Zweckbündnis der deutschen Kommunisten mit Hitler propagierte.60 Die
Kriegspolitik Englands – so Ulbricht, der bereits in den Jahren 1935–1937 die von Münzen-
berg repräsentierte antifaschistische Volksfrontpolitik zu Fall gebracht hatte – führe zu einem
größeren Elend als im dreißigjährigen Krieg; wer England unterstütze, sei ein Feind des deut-
schen Volkes, Deutschland und die Sowjetunion seien eins in ihrem Bestreben, die englischen
Kriegspläne zu verhindern(!). Eine Intention des Artikels, der von sozialdemokratischen und
sozialistischen Exilorganisationen als definitiver Bruch der linken Solidarität verurteilt wurde
(siehe S. 223), lag auf der Hand: Die Gegner des Paktes sollten öffentlich denunziert werden,
wobei selbst die Perspektive ihrer Auslieferung an die Gestapo Ulbricht nicht geängstigt ha-
ben dürfte.
In der Sowjetunion war ein solcher moralischer Auflösungsprozeß spätestens mit den
»großen Säuberungen« bereits diktatorisch vollzogen worden. Doch selbst hier gab es in den
Leitungsapparaten noch warnende Stimmen. Wie der ungarische Nationalökonom Eugen Varga,
der u.a. durch seine langen Jahre als Direktor des von der Komintern gestützten Instituts für
Weltwirtschaft und Weltpolitik im Berlin der Weimarer Republik starke Bindungen an Deutsch-
land hatte, in seinem nachgelassenen »politischen Testament« kritisierte, wurden »Hundert-
tausende Parteimitglieder – darunter auch einzelne uns bekannte Parteigenossen aus der
Revolutionszeit […] zu professionellen Denunzianten ihrer Parteigenossen«.61 Von der ehe-
maligen Gemeinschaft und Solidarität der Kommunisten untereinander sei nichts übrig-
geblieben außer der leeren und wirkungslosen Propaganda der ›kommunistischen Moral‹.
Die Komintern trug die innere Zersetzung nach außen, der Finnlandkrieg 1939/40 oder der

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propagandistische Beifall zu den territorialen Eroberungen der Roten Armee in Osteuropa wa-
ren insofern auch eine moralische Niederlage. Angemessen reagierte darum der frühere, ver-
mutlich auf Geheiß Stalins umgebrachte, Leiter des Propagandaimperiums der Komintern Willi
Münzenberg, der vom »russischen Dolchstoß« sprach und dem Hausherrn im Kreml sein »Der
Verräter, Stalin, bist Du!« entgegenschleuderte.62 Innerhalb eines halben Jahres habe Stalin den
antifaschistischen und antiimperialistischen Anspruch der Sowjetunion aufs Spiel gesetzt,
schrieb dazu der sozialdemokratische Pressedienst (siehe S. 250). Die Sowjetunion hatte sich
mit Unterstützung der Komintern weltweit isoliert gegenüber den linken Kräften, auf deren
Sympathie sie normalerweise rechnen konnte.

Abwendung von den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen …

Ein noch nicht ausreichend untersuchtes Kapitel dieses Jahrhundertdramas ist die Geschichte
der Kommunisten in den Gefängnissen und Konzentrationslagern, die durch den Stalin-Hitler-
Pakt keinesfalls von ihrem Schicksal, das viele nicht überlebten, befreit und freigelassen wurden.
Die nationalsozialistischen Greuel, die Verfolgungen der Juden und das barbarische, gerade mit
Beginn des Krieges dramatisch auch in den eroberten Ländern und Regionen ausgebaute, ca. 3
Millionen Häftlinge umfassende Universum der Konzentrations- und der gerade seit 1940 er-
richteten Arbeitslager wurden von der Komintern kaum thematisiert. Eine Ausnahme stellte die
vom Sekretariat der Komintern – vermutlich auf Druck von André Marty – durchgeführte Kam-
pagne für die Rettung der ehemaligen Teilnehmer der Internationalen Brigaden im Spanischen
Bürgerkrieg (1936–1939) dar, die die Internierungslager in Südfrankreich zu Zehntausenden füll-
ten. Die vermutlich auf die persönliche Initiative des in der Historiographie unangemessen als
»Schlächter« dargestellten militärischen Leiters der Internationalen Brigaden zurückgehende
Kampagne wurde allerdings zu spät eingeleitet. Zudem wurden selbst in den Lagern politisch
nichtkonforme Spanienkämpfer als Gestapo-Helfer denunziert (siehe S. 115f.).
Das bisher auch in der Geschichte des Widerstands zu wenig wahrgenommene Schweigen zu
den Judenverfolgungen und den deutschen Konzentrationslagern stellt sich nun, nachdem hierzu
äußerst kritische schriftliche Zeugnisse Dimitroffs und der Kominternführung publiziert wer-
den, die diesen Zustand anprangerten, als eine schwere moralische Hypothek des deutschen und
europäischen Kommunismus heraus. Kein Funktionär oder Mandatsträger der KPD oder der
SED hat sich öffentlich dazu bekannt, geschweige denn dafür entschuldigt. Die Recherchen er-
gaben, daß für den Zeitraum von September 1939 bis Juni 1941 eine »Kampagne« der Komin-
tern im Sinne einer zentralen Aktivität gegen die Konzentrationslager in Deutschland sowie die
Judenverfolgungen dokumentarisch nicht nachzuweisen sind. Dagegen sind Proteste und Auf-
rufe zum Schutz der jüdischen Bevölkerung von der KP Frankreichs und der KP der Nieder-
lande aus dem gleichen Zeitraum überliefert (siehe u.a. S. 246f., 290).
Einen Tag nach Abschluß des Pakts schrieb der bis dato nicht als »Dissident« in der KPD
hervorgetretene Hermann Duncker: »Vielleicht ist es die moralische Seite, die Stalin nicht ein-

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kalkuliert hat […].«63 Trotzki gab später ebenfalls zu bedenken, trotz der auf Hochtouren lau-
fenden Ausrottungsmaschinerien, die die Essenz des Krieges ausmachten, sei der moralische
Faktor weiterhin von ausschlaggebender Bedeutung (siehe Teil 4, Kap. 1).

… Innerer Verrat an den Zielen und an den Genossen in Internierungs- und Konzentrationslagern

Nicht zuletzt gegenüber den eigenen Mitgliedern wurde die Solidarität gebrochen: Wie sich nun
belegen läßt, war dem ZK der KPD in Moskau das Schicksal der Kommunisten in deutschen
Zuchthäusern, Internierungs- und Konzentrationslagern größtenteils unbekannt. In äußerst
scharfen Worten klagte Dimitroff Pieck und Ulbricht an, sich nicht um die verfolgten Ge-
nossen zu kümmern (siehe u.a. S. 208f., 242f.). Auch die Politemigranten und Internierten in
den französischen Lagern fühlten sich von der KPD-Führung im Stich gelassen. So beklagte
Dahlem als ehemaliger Leiter der operativen Auslandsleitung der KPD die »absolute Passivität
fast ein ganzes Jahr lang den Tausenden Antifaschisten […] gegenüber«.64 Berücksichtigt man
die Schwere dieser Anklage, scheint sich in der Historiographie des Widerstands eine Schief-
lage eingestellt zu haben. Die Historiker- und Mediendebatte über den »gesäuberten Antifa-
schismus« in Buchenwald (Lutz Niethammer) und die Zuspitzung auf die kommunistischen
»Kapos«, von denen einige als »Funktionshäftlinge« oder »Kameradenpolizisten« auch über
eigene Genossen nach gusto verfügten, könnte dazu beigetragen haben, daß weitaus Schwer-
wiegenderes überdeckt wurde.65 Die Moskauer Exilführung ließ auch die eigenen Leute, die
Kommunisten in den Konzentrationslagern und französischen Internierungslagern, weitge-
hend im Stich. Es entsteht ein Bild von mangelndem Kontakt und mangelnden Anstrengun-
gen, sich selbst um Informationen zu bemühen. Nachdem unter dem Hitlerregime seit 1933
bereits ca. 20000 Kommunisten umgebracht worden waren, führten die KZ-Insassen den an-
tifaschistischen Widerstand weiter, wenn auch nach ihren Regeln bzw. denen der »Kapos«. Ge-
lungene oder versuchte Einzelbefreiungen aus dem KZ erscheinen nun in einem neuen Licht.
Wollten Ulbricht und Pieck etwa diesen Schandfleck tilgen, als sie sowohl gegen die seiner-
zeitigen Buchenwald-Kapos (Ernst Busse, Walter Bartel) als auch gegen die Angehörigen des
Pariser Auslandssekretariats (Dahlem, Merker u.a.) im Schatten des Rajk- und Slánský-Pro-
zesses (1949/1952) Disziplinierungsmaßnahmen einleiteten und politische Prozesse vorbe-
reiteten?
Zwar kritisierten Komintern und KPD ab Sommer/Herbst 1940 zunehmend die deutsche
Eroberungspolitik in Europa, doch einen Aufruf zur Freilassung der Gefangenen und zur Ver-
teidigung der Juden sucht man vergeblich in den Verlautbarungen der KPD. Was Anna Seghers
erzählerisch als Verrat eines Kommunisten an seinem jüdischen Genossen darstellte, scheint
sich aufgrund der Dokumente als Muster des Verschweigens und der Ausgrenzung durch die
kommunistische Führung zu bewahrheiten. Das Schweigen des Parteikommunismus zum
Widerstand, zur Verfolgung der Politemigranten, den Verbrechen der Nationalsozialisten an
Tausenden von KZ-Häftlingen und nicht zuletzt der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung

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führen die Behauptung einer ungebrochenen antifaschistischen Tradition des orthodoxen Par-
teikommunismus Stalinscher Prägung (und speziell auch der späteren DDR) ad absurdum und
erweisen sie als Täuschung und Legende.
Pieck, Ulbricht und Wehner schauten als Mitglieder des Moskauer Politbüros weitgehend
zu, wie deutsche Kommunisten von der Sowjetunion an die Gestapo ausgeliefert wurden und
sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der im Exilland Sowjetunion Verbliebenen rapide
verschlechterten (siehe S. 238–242).66 Nur in wenigen Fällen wurden die Bittgesuche und das
Flehen deutscher Kommunisten, ihr Schicksal und das ihrer Familie zu erleichtern, erhört, ca.
zwei Drittel der deutschen kommunistischen Emigranten bezahlten mit ihrem Leben. In den
Jahren 1939/40 waren die deutschen Politemigranten in der UdSSR weiterhin der Willkür der
Behörden unterworfen, sie wurden aus Moskau zwangsausgesiedelt, ihre Familien, wie der Fall
Gustav Sobottka zeigt, verfolgt.67 Deutsche Staatsbürger, darunter auch Kommunisten, wur-
den im Rahmen von Quoten, die mit Hitlerdeutschland festgelegt wurden, »zurückgeführt«
und dabei, wie es Margarete Buber-Neumann in ihren Berichten überlieferte, häufig direkt an
die Gestapo übergeben (siehe S. 240f.). Nach der Verhaftung und Ermordung von Heinz Neu-
mann und Hugo Eberlein in der Sowjetunion markierte Ulbricht einen perfiden Höhepunkt,
als er die sowjetischen Behörden dazu aufforderte, auch die (zumeist um ihre nackte Existenz
ringenden) Frauen der »Verhafteten« zu verfolgen. Dimitroff gab Ulbrichts Informationen
später an Stalins Bluthund Berija weiter (siehe S. 334–336).

Der Bruch mit den antifaschistischen Intellektuellen, Künstlern und Literaten …

Auf dem Feld der Kultur brach der Stalinismus ebenfalls nicht nur mit der frühen bolsche-
wistischen Tradition, sondern auch mit den allgemeinen demokratisch-humanistischen Prinzi-
pien. Er ließ eine wahre internationale Hetzjagd auf Andersdenkende durchführen. Intellektu-
elle, bedeutende Repräsentanten der demokratischen Weltöffentlichkeit, Schriftsteller, Künstler,
die nicht der Generallinie folgten und Kritik äußerten, wurden in wütenden Ausfällen krimi-
nalisiert und ausgegrenzt. Auch nach dem Ende der Paktperiode griff die Komintern linke, an-
tifaschistisch orientierte Kulturorganisationen und Verlage als »antisowjetisch« an und forderte
zu ihrer Zerschlagung auf (siehe S. 259). Dazu gehörte die mit knapp 60000 Mitgliedern größte
linke Buchgemeinschaft Europas, der Left Book Club in Großbritannien (mit Ablegern in Aust-
ralien und Südafrika). In dem vom linksliberalen Verleger Victor Gollancz geleiteten Buchclub,
der die Volksfront vehement unterstützt hatte, publizierten u. a. Harold Laski, George Orwell,
Stephen Spender, Arthur Koestler, Edgar Snow, Clement Attlee und Clifford Odets. Noch im
Frühjahr 1941 riefen bekannte linke Intellektuelle, darunter Gollancz und Orwell, in Großbri-
tannien unter dem Leitthema »Der Verrat der Linken« (»The Betrayal of the Left«) die KP Groß-
britanniens auf, von ihrer de facto hitlerfreundlichen Politik abzulassen (siehe S. 274f.).
Der Generalsekretär der KP Frankreichs, Maurice Thorez, nannte den an der Front gefalle-
nen und nicht zuletzt aufgrund von solcherart Verleumdungen erst viel später weltweit publi-

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zierten Schriftsteller Paul Nizan noch nach seinem Tod einen Polizeispitzel. Der herausragende
Propagandist der Partei war in einer spontanen Reaktion auf den Pakt 1939 aus der Partei aus-
getreten (siehe S. 168). Sein Schriftstellerkollege Louis Aragon, der den Pakt verteidigte,
schickte ihm noch einen zynischen Kommentar hinterher: »Ein zuverlässiger Mensch ist ein
toter Mensch, von dem man sagen kann, er sei sein ganzes Leben lang zuverlässig gewesen.«68
In der Sowjetunion wurde nach dem Paktabschluß die antifaschistische Literatur aus Buch-
handlungen und Bibliotheken ausgesondert (siehe S. 238). Antifaschismus sollte aus dem Wort-
schatz getilgt werden. Der Band enthält Überlegungen der KPD-Führung, das Verhältnis zu
Intellektuellen und Schriftstellern neu im Sinne des veränderten Verhältnisses zu Hitler-
deutschland zu bestimmen. Ulbricht kritisierte mit der KPD sympathisierende Autoren, die
keine »taktischen Konsequenzen« aus der neuen Lage gezogen hätten und »noch in alter Weise
die antifaschistische Propaganda fortsetzen«. Während sich in der Emigration zahlreiche Auto-
ren auf die Seite Englands geschlagen hätten, seien in Hitlerdeutschland – so Ulbricht weiter –
manche Schriftsteller tätig, »die entweder als fortschrittlich bezeichnet werden können, oder
die sich in fortschrittlichem Sinne entwickeln können« (siehe S. 227f.). Schriftsteller, die wie
Thomas Mann für den Sieg Englands über Hitlerdeutschland Partei ergriffen, sollten in der Li-
teraturzeitschrift »Internationale Literatur« verdammt und diskreditiert werden. In der Zeit-
schrift sollte mehr über Klassiker wie Tolstoi und Goethe bzw. Richard Wagner geschrieben
werden, um auf die Nazipresse zu reagieren.69 Indessen versuchte die Komintern weiterhin zum
Teil erfolgreich, bekannte sympathisierende Schriftsteller wie George Bernard Shaw, Theodore
Dreiser und Upton Sinclair als Unterstützer politischer Initiativen zu gewinnen.70
Für den bereits mehrfach zitierten George Orwell hatte die Kritik am »Verrat der Linken«
anhaltende Folgen, die später auch seinen Welterfolg »Farm der Tiere« betrafen: Sympathi-
santen der KP Großbritanniens und Verbindungsleute des sowjetischen Geheimdienstes in der
britischen Staatsverwaltung (eines der Vorbilder für das »Wahrheitsministerium« – in seinem
Roman »1984« Institut der permanenten Umschreibung und Verfälschung der Geschichte)
übten Druck auf Verleger aus, um die Veröffentlichung des »antisowjetischen« Werkes zu ver-
hindern. Das Werk erschien mit 1–2 Jahren Rückstand erst 1945.71

Absetzbewegungen von Intellektuellen und Schriftstellern …

Neben offiziellen Instruktionen der kommunistischen Bewegung werden weitere Stimmen aus
dem Meinungskampf innerhalb des Exils abgedruckt. Die Sowjetunion hatte bei zahlreichen
westlichen Gegnern Hitlers den Anspruch, »letzte, noch verbliebene antifaschistische Bastion
in Europa« zu sein, weitgehend verloren. Die Abwendung von der antifaschistischen Kultur
führte nach dem Massenterror in den Jahren 1936–1939 zu einer zweiten großen Welle von Par-
teiaustritten und Entsolidarisierungen. Nach dem Beispiel von André Breton und den Surrea-
listen, André Gide oder den Psychologen Manès Sperber und Wilhelm Reich brachen nun die
als »Renegaten« in den Diskurs eingegangenen oder zu Weltruhm gelangten Publizisten und

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Schriftsteller wie Stephen Spender, Arthur Koestler, Edgar Snow, Ignazio Silone, Octavio Paz,
André Malraux, Paul Nizan, Julien Gracq oder Denker wie Walter Benjamin, Leo Valiani und Karl
Wittfogel dauerhaft mit dem orthodoxen Parteikommunismus. Aus der KPD traten die Schrift-
steller Gustav Regler, Fritz Beer, Hans-Werner Richter und Bernhard von Brentano aus (siehe
u.a. S. 167–170). Die Historiker Hermann Weber und Andreas Herbst haben in ihrem »Bio-
graphischen Handbuch des deutschen Kommunismus« zahlreiche Lebensläufe dokumentiert,
die einen Bruch beinhalten.72 Bisher dem Stalinismus gegenüber unkritischere Autoren und Pub-
lizisten wie Heinrich Mann, Maximilian Scheer, Erwin Piscator, Egon Erwin Kisch, Bertolt
Brecht oder Hermann Budzislawski bekundeten deutliche Distanz.73 Erst durch seine jüngst
veröffentlichten Tagebuchnotizen wurde etwa bekannt, daß Heinrich Mann ein Angebot aus
Moskau erhalten hatte, ein Werk über Stalin zu schreiben. Er lehnte es jedoch ab und nannte den
Hausherrn im Kreml einen »Betrüger«:74 »Ihn [Stalin] das ›Verräter-Genie‹ zu nennen ist noch
mild und sachlich. Trotzki, der es immer gewußt hat, sagt einfach: Der Schakal im Kreml.«75
Andere blieben der Partei treu, nicht zuletzt, weil die existentiellen Probleme der Vertreibung,
Internierung und Flucht, der Verlust einer politischen Heimat oder fehlende Einblicke in die po-
litischen Mechanismen einen tieferen Reflexionsprozeß verhinderten oder nicht zum Abschluß
brachten und nach dem deutschen Überfall die Verteidigung der Sowjetunion als moralische
Pflicht die Erinnerung überdeckte.

Vom undifferenzierten Gewaltdiskurs zum individuellen Terror …

Der politisch-strategische Kollaps bewirkte einen kulturellen und zivilisatorischen Bruch, nicht
nur innerhalb der marxistisch geprägten Arbeiterbewegung. Der Stalinismus opferte der
Freundschaft mit Hitlerdeutschland grundlegende, seit dem 19. Jahrhundert anerkannte Ideen
und Prinzipen des Internationalismus. Insofern markierte der Pakt zwar nicht das Ende der
Kominternmentalität, doch bereits das Ende der Kommunistischen Internationale. Zerstörung,
Terror und universelle Feindbeschwörungen im Stalinismus bewirkten nicht zuletzt, daß das
zwischenmenschliche »wir« im Sinne eines herkömmlichen Internationalismus in Zweifel ge-
zogen wurde. Der ontologische Bruch beeinflußte die Denkformen und die Fähigkeit zu einer
kritischen Gesellschaftsanalyse. Unter den Antifaschisten stellte sich »Verlassenheit« (Hannah
Arendt) ein, die für menschliche Katastrophen stand. Rassismus, Antisemitismus, ja blutige
Unterdrückung der eigenen Mitglieder wurden geduldet, bisweilen gerechtfertigt und somit
relativiert, ein Problem nicht allein der Ideologie- oder Ideengeschichte: Tatsächlich wurde das
dem kollektiven Handeln zugrundeliegende »wir«, in dem sich Achtung und Respekt des an-
deren ausdrückte, im Stalinschen Führerkult aufgekündigt.
Der »Proletarische Internationalismus« wurde bereits seit 1939 stärker mit Sowjetpatriotis-
mus identifiziert.76 Daß die Abkehr vom Internationalismus auch nach Hitlers Überfall und der
Wiederbelebung des Antifaschismus nicht rückgängig gemacht wurde, fand bisher nur wenig
Beachtung. Ein Indiz dafür ist der neue Gewaltdiskurs, mit dem die Komintern fortan – schein-

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bar durch den antifaschistischen Widerstand legitimiert – den Gebrauch unspezifischer Gewalt
einforderte, die nicht zu den Prinzipien der Arbeiterinternationalen gehörte. Zwar führten
Kommunisten und Partisanen einen heroischen und äußerst blutigen Abwehrkampf gegen Hit-
lerdeutschland, doch akzeptierte und förderte die Komintern gleichzeitig einen mit Nationa-
lismus und Chauvinismus einhergehenden Prozeß der Normalisierung von unspezifischer Ge-
walt. Die hier publizierten chiffrierten Telegramme illustrieren, daß die Kommunisten »mit
allen Mitteln« den deutschen Vormarsch aufhalten sollten, auch durch individuelle Sabotage-
akte und Attentate gegen deutsche und italienische Soldaten (siehe u.a. S. 383f.). Die seit dem
19. Jahrhundert und der Ersten Internationale im marxistischen Lager akzeptierte Abgrenzung
vom individuellen Terror, als Engels und Marx die anarchistische »Propaganda der Tat« scharf
bekämpften, hatte in der Kommunistischen Internationale weiterhin gegolten. So hieß es noch
in den Richtlinien der Komintern aus dem Jahre 1926: »Die Kommunisten lehnen die Anwen-
dung individuellen Terrors ab, da individuelle Akte, die an die Stelle des Massenkampfes treten
sollen, nur geeignet sein können, unsere Bewegung zu demoralisieren, unsere Kräfte zu zer-
splittern und unsere Schlagkraft zu verringern.«77 Der unspezifische Gewaltdiskurs war ein
zentraler Bestandteil der (verspäteten) historischen Rede Stalins an die Bevölkerung der So-
wjetunion vom 3.7.1941, in der auch der Begriff des »Großen Vaterländischen Kriegs« offiziell
eingeführt wurde (siehe S. 386–389). Die Beschwörung des Terrors unter dem Schlagwort der
»lutte armée« (bewaffneter Kampf) verknüpfte Antifaschismus und Gewalt als nicht mehr dis-
soziierbare Größen. Der fundamentale Bruch im Denkmodell der Linken wurde offensichtlich
aufgrund der Kriegsereignisse nicht intensiv diskutiert, obwohl die Kritik nicht nur von den
Trotzkisten, sondern auch von de Gaulle kam (siehe u.a. S. 425f.). In der französischen Hi-
storiographie hat eine kontroverse Diskussion über dieses wichtige Thema begonnen.78

Attentate und Geiselerschießungen: Eine deutsch-französische Hypothek …

Die KPD hatte bereits seit 1933 einen erheblichen Blutzoll entrichtet, nach der für Europa und
die Demokratien insgesamt traumatischen Niederlage Frankreichs setzte im Herbst 1940 die
blutige Repression gegen die Kader der KP Frankreichs und gewählte Volksvertreter ein. Mit
den Attentaten der KPF auf deutsche Soldaten und den Geiselerschießungen durch die Besat-
zer spitzte sich Sommer/Herbst 1941 die Situation dramatisch zu. Die unmittelbaren Konse-
quenzen des undifferenzierten Terroreinsatzes werden im vorliegenden Band aufgezeigt, stell-
vertretend für ähnliche Zuspitzungen auf dem Balkan oder in Italien (siehe S. 407–427).
Zweifellos handelt es sich hierbei um einen Höhepunkt der Barbarisierung in Europa, die zur
Hypothek für die deutsch-französischen Nachkriegsbeziehungen wurde.
Während die deutsche Besatzungspolitik in Frankreich und neuerdings auch die Geiseler-
schießungen historisch näher erforscht sind (so durch Arbeiten von Hans Umbreit, Ahlrich
Meyer, Regina Delacor), gilt dies weniger für Zusammenhänge und Bezüge zur kommunisti-
schen Politik.79 In Frankreich streiten die Historiker bis heute über die Einschätzung und vor

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allem über den Nutzen der (in der Hauptsache) durch Kommandos der KPF ausgeführten ex-
emplarischen Sabotageaktionen und Attentate auf deutsche Soldaten.80 Die hier publizierten ge-
heimen telegrafischen Anweisungen belegen, daß – mit Ausnahme einiger spontaner Aktionen
der kommunistischen Jugend – Sabotage- und Terrorakte durch kommunistische Mitglieder von
Moskau aus instruiert wurden (siehe u.a. S. 407f.). Der Gegensatz könnte nicht größer sein:
Nach der Niederlage wurden Anfang Juli 1940 die Franzosen im Parteiorgan »l’Humanité« zu
einem (fast) freundschaftlichen Verhältnis zu den deutschen Besatzungssoldaten aufgefordert:
»In diesen schweren Zeiten ist es besonders ermutigend zu sehen, wie zahlreiche Pariser Arbei-
ter sich freundschaftlich mit deutschen Soldaten unterhalten, sei es auf der Straße oder im Bi-
stro an der Ecke. Bravo, Genossen, nur so weiter, selbst wenn dies gewissen Bürgern, die ebenso
dumm wie bösartig sind, nicht gefällt. Die Verbrüderung der Völker wird nicht für immer nur
eine Hoffnung bleiben, sondern eine lebende Realität werden.«81 Am 15.8.1941 rief die KPF
das Volk auf, sich zu erheben »um den Feind vom heiligen Boden des Vaterlandes zu verjagen«.82
Den Attentaten auf deutsche Soldaten in Frankreich, für die zumeist kommunistische Ju-
gendliche der »Bataillons de la Jeunesse« geschult wurden, stellten die Nationalsozialisten die
barbarische Praxis der Geiselerschießungen entgegen, was die Anzahl der unschuldigen Opfer
des Krieges (vor allem der Kommunisten selbst) beträchtlich erhöhte. Eindringlich werfen die
hier in Ausschnitten wiedergegebenen, von Ernst Jünger übersetzten letzten Briefe der Gei-
seln vor ihrer Erschießung die Frage nach Sinn und Nutzen des neuen antifaschistisch unter-
legten Terrorismus gegen die deutsche Besatzungsmacht auf (siehe S. 420–425).
Angeleitet durch die wenig präzisen, doch eindeutigen, per Funktelegramm übermittelten
Anweisungen der Komintern wurde die »Organisation spéciale« (OS) als spezielles Parteiorgan
für den »bewaffneten Kampf« aufgebaut. Für eine derartige, nicht der französischen Parteitra-
dition adäquaten Taktik standen allerdings nur wenige Aktivisten zur Verfügung. Das tödliche
Attentat auf einen deutschen Soldaten durch den Leiter der OS, Pierre Georges (»Colonel Fa-
bien«), am 21.8.1941 in der Metrostation Barbès hatte zwar hohen Symbolwert, doch als iso-
lierte Tat zog es deutsche Repressalien nach sich (siehe S. 411f.). Den hier publizierten Anwei-
sungen Dimitroffs zum Widerstand mit allen Mitteln gegen die Besatzer folgten weitere
Attentate auf deutsche Soldaten, die Spirale von Aktion und Repression setzte sich im Herbst
1941 mit massiven Verbrechen der deutschen Besatzungsmacht fort. Die barbarische Hinrich-
tung von 27 zumeist kommunistischen Geiseln in Châteaubriant durch die von der französi-
schen Polizei unterstützten deutschen Besatzer am 22.10.1941 ist wie das Attentat in der Me-
trostation Barbès in die kollektive Erinnerung der Franzosen eingegangen (siehe u.a. S. 418f.).
Die forcierte Ausrichtung und innere Militarisierung der Partei setzte sich zu Beginn des Jah-
res 1942 fort, das Stalin als Jahr des Sieges der Roten Armee proklamiert hatte. Der dramati-
sche Zyklus forderte viele Opfer nicht nur unter den Kommunisten. De Gaulle, der als Ober-
befehlshaber des bürgerlichen Widerstands prinzipiell individuelle Terroreinsätze begrüßte,
stellte sich in der gegebenen Situation scharf gegen die seiner Meinung nach verantwortungs-
lose Taktik der KP Frankreichs (siehe S. 425f.). Die Attentate gegen deutsche Soldaten waren
der linken politischen Kultur des Landes fremd und wurden nicht zu Massenphänomenen, zahl-

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reiche Parteimitglieder verstanden ihren Sinn ohnehin nicht. Allein im Jahr 1942 wurden Hun-
derte Funktionäre Opfer der deutschen und französischen Erschießungskommandos. Rück-
blickend schrieb der in Frankreich internierte Karl Retzlaw, der im Herbst 1923 den illegalen
Apparat der KPD während des »Deutschen Oktober« geleitet hatte: »Während die Führung
der KPF auch noch im Kriege eine defätistische Politik betrieb, die bis zum Fraternisieren mit
den Nazis ging, eine Schuld, die später von den Parteimitgliedern mit größten Blutopfern wie-
der abgewaschen werden sollte, gab es französische linke Intellektuelle, die uns Flüchtlinge hof-
fen ließen, nicht wieder als Feinde angesehen zu werden, und daß es nach der Niederlage Hit-
lers zu einer wirklichen neuen Ordnung in Deutschland und Europa kommen werde.«83

IV. Das Ende der Internationale: Ende einer Epoche und Ende einer chronique scandaleuse

Sowjetunion und Nationalkommunismus …

Die sowjetische Politik war sowohl während des Pakts mit Hitler als auch im »Großen Vater-
ländischen Krieg« explizit antirevolutionär; sozialistische Experimente wie die Enteignung des
Privateigentums, des Großgrundbesitzes etc. in den besetzten Ländern als Teil der Sowjetisierung
sollten breitere Bevölkerungsschichten binden und waren dabei für die Komintern ein propa-
gandistisches Mittel, um die »Fortschrittlichkeit« der sowjetischen Politik zu belegen. Gleichwohl
läßt sich das deutsch-russische Bündnis – wie es in der Historiographie häufig geschieht – selbst
im Sinne der Realpolitik und des nationalen Interesses nicht begründen. Es waren eher irratio-
nale, neoimperialistische Beweggründe, die die sowjetische Führung zur Scheinalternative einer
Geopolitik der Neuaufteilung des Globus mit Hitler greifen ließ. Die vertraglich vereinbarte
Freundschaft legte faktisch die strategische Perspektive einer Neuordnung Europas und der Welt
mit Hitler an der Spitze und Stalin als seinem (untergeordneten) Partner im Osten nahe. Die
Entwicklung verlief nicht geradlinig in diese Richtung; nationalkommunistische Töne, auch
chauvinistische, wurden laut. Dies war die Antithese der europäischen Revolution.
Stalin nutzte das Bündnis mit Hitler insofern »erfolgreich«, um das weltrevolutionäre Kon-
zept definitiv ad acta zu legen. Auch in der folgenden Phase des Vaterländischen Krieges wurde
es nicht mehr zum Leben erweckt. Während bis Juni 1941 die antiimperialistische Stoßrich-
tung und das Ausnutzen der Widersprüche zwischen den kapitalistischen Staaten eine revolu-
tionäre Perspektive zumindest noch als vage Möglichkeit und letzte Referenz offengelassen
hatten, erklärte Stalin wenige Stunden nach Hitlers Überfall gegenüber Dimitroff, es handele
sich nun um einen Vaterländischen Krieg gegen den deutschen Faschismus, in dem die Frage
der sozialistischen Revolution nicht mehr aufzuwerfen sei.
Nach Beginn des deutschen Blitzkrieges gegen die Sowjetunion konnte man trotz – oder ge-
rade aufgrund – der Bedrohung zunächst den Eindruck gewinnen, die »dunklen Jahre« des Kom-
munismus seien vorbei: Die Sowjetunion kooperierte mit den Demokratien, die Komintern
entdeckte den Antifaschismus neu und schien sogar über die Aufstellung neuer »Internationa-

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ler Brigaden« nachzudenken. Noch vor kurzem als »KZ-Greuelgeschichten« verschriene poli-
tische antifaschistische Literatur stand wieder in den Regalen … Doch der Schein trog – eine
Epoche war unwiderruflich vorbei. Die dem Konzept des »Großen Vaterländischen Krieges« in-
härente Logik erforderte von der Komintern (und nicht zuletzt auch von der KP Deutschlands)
eine Verstärkung der antideutschen Ausrichtung sowie eine erneute Korrektur von Grund-
überzeugungen, die selbst unter Bedingungen des Paktes noch vertreten wurden. So protestierte
Ulbricht in einem Brief vom 17.7.1941 an den (für Deutschland zuständigen) Kominternsekre-
tär Palmiro Togliatti gegen die seiner Meinung nach überzogene russische Kritik an deutschen
Beiträgen im INO-Radio, dem internationalen Rundfunk der Sowjetunion (siehe S. 400–402).
Tatsächlich handelte es sich um interne Zensurmaßnahmen, die zugleich wichtige Anhalts-
punkte für die Neuausrichtung der Propaganda in der folgenden Kriegsphase liefern. In Zu-
kunft sollte nicht nur die Propaganda für den Sozialismus, sondern auch die negativen Kenn-
zeichnungen politisch reaktionärer Kräfte in Deutschland (selbst der ›preußischen Junker‹)
unterbleiben. Eine Propaganda für die Demokratie sei ebenfalls fehl am Platze, auch der ge-
meinsame Kampf der deutschen und russischen Kommunisten gegen den Vertrag und die Nach-
kriegsordnung von Versailles sollte fürderhin nicht mehr erwähnt werden (siehe S. 401f.). Die
Komintern wurde auf die Kollektivschuldthese eingestimmt.

Die nationale Grundlage des neuen Antifaschismus …

Wie bereits anfangs gesagt: Der nach dem Überfall neu artikulierte Antifaschismus erwies sich
als genauso zweckgebunden an nationale Interessen wie die hitlerfreundliche Haltung der So-
wjetregierung in den drei Jahren zuvor. Das Paradigma des »Großen Vaterländischen Krieges«
blieb dem des Antifaschismus übergeordnet.
Mit der scheinbaren Wiederentdeckung des Antifaschismus wurden die antifaschistischen
Helden der vorherigen Jahrzehnte keineswegs wieder salonfähig; wenn auch Dimitroff sich
erneut als »Held von Leipzig« profilieren durfte und mußte, so waren die Vorbilder der Zeit
nach 1941 nicht antifaschistische Leitfiguren, sondern die großen Heeresführer der Zarenzeit
Michail Kutusow und Alexander Suworow, oder auch Zar Peter der Große und gar Iwan IV. Der
neue »Antifaschismus« war nationalchauvinistisch getönt; er löste sich von der Idee der inter-
nationalen Solidarität, ohne die der »klassische« Antifaschismus undenkbar gewesen wäre –
statt dessen hieß es nun »Töte den Deutschen!«.84 Die französischen Kommunisten übernah-
men später den sprachlichen Duktus des Gegners und sprachen vom »unreinen Blut der Be-
satzer«, der »Haß des Volkes« erfordere, daß es vergossen werde.85 Die frühe Formulierung der
Kollektivschuldthese als Konsequenz des sowjetischen Nationalkommunismus bedeutete eine
erneute, schwere Belastung für die KPD (siehe u.a. S. 374, 442). Eugen Vargas Protest gegen
undifferenzierte antideutsche Haßtiraden zeigte allerdings, daß es selbst in den bürokratischen
Leitungsstrukturen abweichende Meinungen gab.86
Die scheinbar neue Solidarität war bestenfalls transnational und diente keinem anderen Zweck

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als der Wahrung nationaler Interessen. Der neue »Internationalismus« stellte im Kern eine Front
der Vaterländer, bestenfalls noch eine (allerdings von Moskau kontrollierte) Föderation dar.
Während die Internationalen Brigaden 1936 zwar für Spanien kämpften, allerdings für das re-
publikanische Spanien, wurde nach Juni 1941 vor allem an das national-patriotische Gewissen
der neuen bewaffneten Kämpfer von links appelliert. Um den Existenzkampf zu bestehen, sollte
das »Vaterland der Proletarier«, das auf die europäische und internationale Revolution zur Ver-
teidigung der Sowjetunion explizit verzichten mußte, das Leitmotiv der nationalen Größe und
der zaristischen Vergangenheit in den politisch-agitatorischen Diskurs einbeziehen – die poli-
tischen Inhalte spielten angesichts des Vorrangs territorialer Interessen keine Rolle mehr.
Auch die Rolle der Arbeiterbewegung wurde dabei auf eine ausschließlich nationale zu-
rechtgestutzt. Gleichzeitig mit dem Tagesbefehl Stalins zum 24. Jahrestag der Roten Armee er-
schien unter dem Titel »Arbeiterbewegung und nationales Interesse der Völker« in der Kom-
internzeitschrift »Die Welt« ein pathetischer Grundsatzartikel, in dem die internationale
Verankerung der Arbeiterbewegung schlichtweg aufgehoben erschien: »Die Nation kann nach
außen ihre Freiheit nicht bewahren, wenn die Arbeiterbewegung unterdrückt wird, wie das
französische Beispiel anschaulich zeigt. Es ist das Interesse der Nation, das die Freiheit der Ar-
beiterbewegung erfordert. Alle Demokraten, alle der Nation wahrhaft ergebenen Menschen,
selbst, wenn sie keine Anhänger des Sozialismus sind, – haben die hehre Aufgabe, für die voll-
ste Freiheit der Arbeiterbewegung zu kämpfen. So verteidigen sie am besten die Freiheit der
Nation, die Würde der Menschen, die eigene Heimat.«87 Die Proletarier sollten wieder ein Va-
terland haben, und zwar jeder das seine und darüber hinaus die Sowjetunion. In Rußland selbst
wurden wieder Offizierstitel vergeben und Panzerdivisionen mit Weihwasser getauft, zur »Er-
weckung des nationalen Geistes«.
Nach dem Überfall auf die Sowjetunion erscheint durch die neue patriotische und national-
kommunistische Ausrichtung die Aktivität der Komintern gegen den Krieg als vollständig von
jedem revolutionären Projekt dissoziiert. Es sollte keine Neugründungen kommunistischer
Parteien, sondern nur noch sogenannter Volks- bzw. Arbeiterparteien geben, nach dem Bei-
spiel der Polnischen Arbeiterpartei oder der »Tudeh-Partei« im Iran (siehe S. 442). Das Kon-
zept der europäischen Revolution wurde definitiv ad acta gelegt, die Entscheidung für die Auf-
lösung der Komintern getroffen, die Rolle der Roten Armee als Instrument einer neuen
russisch-imperialen Tradition und zugleich vermeintliches »Instrument der Revolution« neu
definiert, das Verhältnis von KPdSU(b) und kommunistischen Parteien neu geregelt und ihre
Taktik umgeformt.
Die Stalinsche Sowjetunion hatte sich bereits in den dreißiger Jahren von der internationa-
len Verbrüderung der Völker und dem Internationalismus als Axiom des Handelns entfernt –
die als Institution charismatische Komintern wurde gleichwohl in »gesäuberter« Form auf-
rechterhalten. Die Faschismustoleranz der Paktjahre und die Epoche des »Vaterländischen
Krieges« waren von dieser Warte aus betrachtet zwei Etappen ein und derselben Entwick-
lung – der Transformation der Sowjetunion von einem transnationalen Experiment neuer Qua-
lität in ein durch Gewalt und Zwang zusammengehaltenes »gewöhnliches« multinationales Im-

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perium, das internationale Solidarität und Internationalismus weiterhin nur noch als Versatz-
stücke für seine von der politischen Führung definierten geopolitischen Interessen einsetzt.
Im »Vaterländischen Krieg« hatte die Komintern bestenfalls noch einen nachgeordneten Platz.

Ende der Internationale, Ende einer Epoche …

Während der zweiten Hälfte des Weltkriegs überdeckte die weltweite Bereitschaft zur Vertei-
digung der Sowjetunion zwangsläufig die Kritik am Stalinismus, der »verratenen Revolution«
und der Umkehrung des Sozialismus im »bürokratischen Absolutismus«, nach der Definition
des Nestors der Sozialgeschichte der Sowjetunion, Moshe Lewin.88 Einem drei Jahre andau-
ernden Bedeutungs- und Ansehensverlust der Komintern und ihrer Eingliederung in den so-
wjetischen Apparat folgte die kurzzeitige Aktivierung und Instrumentalisierung nach dem deut-
schen Angriff im Widerstand gegen den Vormarsch der Wehrmacht. Dabei versuchte sie, eine
konsequente Rolle als Koordinierungsorgan der Widerstandsbewegungen zu übernehmen.
Das formelle Ende der Internationale im Mai 1943 (siehe S. 458–460) wird in der Literatur häu-
fig als Konzession Stalins an die Alliierten, besonders die Amerikaner, gesehen, um im Gegenzug
die Eröffnung einer zweiten Front durch die Alliierten in Westeuropa zu beschleunigen.89 Tatsäch-
lich fanden seit Frühjahr 1943 Konsultationen über die Nachkriegsordnung und die Eröffnung
einer zweiten Front im Westen statt. Der langjährige US-Botschafter Davies überbrachte 1943 in
Moskau die Einladung zu einem Treffen mit Roosevelt und machte damit – auch im Unterschied
zu Churchill – das Interesse der USA an einer fortgesetzten engen Zusammenarbeit deutlich (was
im November 1943 zum ersten großen Gipfeltreffen zwischen Stalin, Roosevelt und Churchill
in Teheran und der Verabschiedung einer gemeinsamen Deklaration führte) (siehe S. 458).
Doch eine Auflösung der Komintern war in der gegebenen Situation aus Sicht der Sowjetunion
nicht unbedingt zwingend. Es hätte für Stalin durchaus von Vorteil sein können, bei Kriegsende
über eine funktionierende Internationale zu verfügen. Der russische Historiker Fridrich Firsov
und der französische Historiker Pierre Broué schließen aus einem Vergleich der Auflösungs-
szenarien, daß die Annäherung an die Alliierten nicht der alleinige Grund gewesen sein kann.

Diversifizierung und Kontrolle: Eine versteckte Logik der Auflösung der Komintern …

Ausgangspunkt einer differenzierten Neueinschätzung der Kominternauflösung ist die Über-


legung, daß bereits während des Krieges die Interventionsmöglichkeiten durch die Komintern
keinesfalls ausgeschöpft wurden. Firsov sieht den Grund für den ersten Anlauf Stalins zur Auf-
lösung der Komintern – noch unter Bedingungen des Paktes mit Hitler – in der Einsetzung
einer Kommission des EKKI am 8. 4. 1941, die die aktuellen Probleme der KP Italiens und
der KP Deutschlands behandeln sollte. Es ging um die Kursbestimmung nach dem deutsch-
italienischen Angriff auf Jugoslawien und die Metaxas-Linie. In dieser Situation habe Stalin

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nun zwar – so Firsov – in der Jugoslawien- und Griechenlandfrage für eine Kursänderung plä-
diert und den Widerstand gegen die deutsch-italienische Aggression gefordert, doch sollte diese
Maßnahme regional begrenzt bleiben und nicht auf die gesamte Kriegssituation in Ost- und
Westeuropa angewendet werden.90 Eine regional begrenzte Kursänderung wäre allerdings mit
einem hohen Risiko behaftet gewesen: Schwierig bis unmöglich wäre es gewesen, den Balkan-
parteien eine authentische Offensive gegen Hitler im Sinne eines bewaffneten Widerstands zu
erlauben und zugleich gegenüber den west- oder nordeuropäischen kommunistischen Parteien
auf einer Fortsetzung der (wenn auch als antiimperialistisch verkleideten) Neutralitätspolitik
zu bestehen.
Ein derartiger, auf einer Logik der Diversifizierung der kommunistischen Parteien beruhen-
der Begründungszusammenhang könnte auch für die formelle Auflösung im Jahre 1943 maß-
geblich gewesen sein. Seit Anfang 1942 veränderte sich die Landkarte der Komintern funda-
mental, und Anfang 1943 war die Diversifizierung weiter fortgeschritten. Während in Frankreich
die bewaffnete Offensive der KPF und die Umwandlung der FTP-Partisanen (»Francs-Tireurs
et Partisans«) in eine Volksarmee unter großen Verlusten weiterhin nicht gelang, wurde die KPF
erstmals als Mitglied in den obersten Rat der Résistance aufgenommen und gliederte sich nun,
nach vergeblichen von der Komintern unterstützten Annäherungsversuchen seit 1941, in die
maßgeblich von de Gaulle bestimmte Befreiungsarmee ein. Dagegen hatten sich vor allem in Ju-
goslawien und Griechenland von der KP und der unabhängigen Linken dominierte Partisanen-
bewegungen sprunghaft entwickelt. In Italien wurde mit den großen Streiks in den Fiat-Werken
vom März 1943 allgemein eine weitere Öffnung des sozialen Rahmens mit aufstandsähnlichen
Bewegungen erwartet. In Jugoslawien setzte sich die erfolgreiche Wiedereroberung des Landes
durch die revolutionär-sozialistisch orientierte Volksbefreiungsarmee unter Tito fort. Molotow
verwehrte Tito die logistische und militärische Unterstützung (»Das geht nicht!«) trotz eindring-
licher Bitten Dimitroffs: u.a. in seinem Brief aus Ufa von Ende Januar 1942 (siehe S. 438f.) for-
derte er statt dessen eine Vereinigung der unter Tito kämpfenden Kräfte mit den Tschet-
niks – allerdings vergeblich: Tito drängte dagegen auf ihre Ausschaltung. In Griechenland war die
Befeiungsbewegung unkontrollierbar geworden, es bestand nicht einmal eine Funkverbindung
mit der Komintern, und schließlich waren auch die bulgarische und die albanische Partisanenbe-
wegung beständig angewachsen. Der Komintern drohte die Kontrolle weiter zu entgleiten, eine
Situation, die Stalin erheblich irritieren mußte. Unter diesem Gesichtspunkt konnte die Auf-
lösung der Komintern Möglichkeiten einer den regionalen Gegebenheiten angepaßten, diversi-
fizierten Intervention offenhalten, Wege zur Aufrechterhaltung der Kontrolle erschließen und
vor allem das um sich greifende Überborden in eine sozialistisch-revolutionäre Richtung in wei-
teren Ländern (und damit weiteren Kontrollverlust durch Moskau) möglicherweise verhindern.
In stärkerem Maße als die Annahme eines globalen Entgegenkommens an die Alliierten91
berücksichtigt die Diversifizierungsthese unterschiedliche und regional bezogene Szenarien
im Hinblick auf die sowjetischen Nachkriegsvorstellungen. Allerdings optierte Stalin im Sinne
des »bürokratischen Absolutismus« grundsätzlich gegen eine revolutionäre Lösung der Nach-
kriegskrise – etwa im Sinne der jugoslawischen Partisanen.

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Die Flexibilisierung der kommunistischen Bewegung im Rahmen unterschiedlicher natio-


naler Fronten zielte darauf, nach den gemeinsamen Kriegsanstrengungen im Zeichen eines wie-
der hervorgeholten Antifaschismus gemeinsam ein neues Europa zu schaffen – vermutlich
eines volksdemokratischen bis kapitalistischen, das mit unterschiedlichen Entwicklungsper-
spektiven für die einzelnen Regionen ausgestattet war.
Die als Hauptquartier der internationalen Revolution gegen die Menschheitskatastrophe des
Ersten Weltkriegs und als politisch-militärischer Ausdruck der Internationalisierung der Ar-
beiterbewegung gegründete Komintern wird auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs auf-
gelöst, augenscheinlich unter der Prämisse eines nichtrevolutionären Ausgangs und der »Re-
nationalisierung« der Arbeiterbewegungen. Eine Epoche war damit definitiv zu Ende.

Der Stalin-Hitler-Pakt und das Verlangen nach einem neuen Diskurs über Geschichte …

Den Spannungsbogen, der die hier veröffentlichten Dokumente, die meisten von ihnen aus den
Archiven des orthodoxen Parteikommunismus, prägt, veranschaulicht der folgende Ausschnitt
aus einem freundschaftlichen Disput in der Korrespondenz zwischen dem Reformpädagogen
und Summerhill-Gründer Alexander S. Neill und dem Psychoanalytiker Wilhelm Reich be-
sonders gut. Reich schrieb am 3.11.1941: »Der Kampf Stalins gegen Hitler beweist nicht, daß
sein System kein Hitler’sches ist. Die Schuld für die gegenwärtige Lage dieses Krieges liegt im-
mer noch bei Stalin, der 1939 die Tschechen verraten hat, der in Polen mit Hitler zusammen-
gearbeitet hat, der die Türen zu all dem geöffnet hat, was seither geschah. Natürlich, jetzt kämpft
er, weil er muß, aber ich glaube, Du zweifelst doch nicht daran, daß er es viel lieber gehabt hätte,
an Hitlers Seite gegen die Demokratien kämpfen zu können. Die Tapferkeit der russischen Ar-
mee ist nicht sein Verdienst, sondern das des Volkes, was auch für die Tapferkeit des deutschen
Volkes gilt.«92 Aus Wales antwortete am 18.1.1942 Neill: »Wir sollten uns über den alten Juppa
Stalin (sic) nicht streiten. Alles ist in Bewegung und in ständiger Veränderung. Ich wollte ja
nicht mehr sagen, als daß das britische Publikum etwas Gedrucktes, das Stalin mit den beiden
anderen Diktatoren in einen Topf wirft, zur Zeit nicht gut aufnehmen würde. Im Moment ist
hier die Begeisterung für Rußland riesengroß.«93

Moralische Diskreditierung, Kulturbruch und Verrat an der eigenen Sache …

Mit den Thesen »Über den Begriff der Geschichte«, seiner bereits anfangs zitierten letzten Ar-
beit vor dem Selbstmord auf der Flucht vor der Gestapo und ihren französischen Helfern, ver-
faßte Walter Benjamin als Reaktion auf den Stalin-Hitler-Pakt einen bewegenden Appell für
einen neuen Diskurs über Geschichte. In einer dreifachen Verdammung des stalinistischen
Konformismus als eine Art des blinden, scheinbar »auf die Massen gestützten« Fortschritts-
glaubens und der Unterordnung unter einen unkontrollierbaren Apparat fordert Benjamin im
mönchischen Bild der Meditation eine Abkehr der Menschen von den Illusionen und Ver-

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suchungen des Jahrhunderts und ganz besonders von einem derartigen Fortschrittsglauben.
Das »politische Weltkind« – seine Generation – sei aufgerufen, zwischen dem Kampf gegen
den Faschismus, der Idee des Kommunismus und der sowjetischen Realität definitiv zu tren-
nen:
»Die Gegenstände, die die Klosterregel den Brüdern zur Meditation anwies, hatten die Auf-
gabe, sie der Welt und ihrem Treiben abhold zu machen. Der Gedankengang, den wir hier ver-
folgen, ist aus einer ähnlichen Bestimmung hervorgegangen. Er beabsichtigt in einem Augen-
blick, da die Politiker, auf die die Gegner des Faschismus gehofft hatten, am Boden liegen und
ihre Niederlage mit dem Verrat an der eigenen Sache bekräftigen, das politische Weltkind aus
den Netzen zu lösen, mit denen sie es umgarnt hatten. Die Betrachtung geht davon aus, daß
der sture Fortschrittsglaube dieser Politiker, ihr Vertrauen in ihre ›Massenbasis‹ und schließ-
lich ihre servile Einordnung in einen unkontrollierbaren Apparat drei Seiten derselben Sache
gewesen sind. Sie sucht einen Begriff davon zu geben, wie teuer unser gewohntes Denken eine
Vorstellung von Geschichte zu stehen kommt, die jede Komplizität mit der vermeidet, an der
diese Politiker weiter festhalten.«94

Innerer Verrat als Handlungsdynamik des Stalinismus …

Mit den »am Boden liegenden Politikern« meinte Benjamin vermutlich nicht nur die politi-
schen Führer der Sowjetunion, sondern in erster Linie die der kommunistischen und linken Par-
teien, besonders der KPD, deren Resolution zum Stalin-Hitler-Pakt95 Ȇber den Begriff der
Geschichte« er scharf verurteilte.
Walter Benjamins historisch-philosophische Bilanz, besonders die zehnte These, aus der zi-
tiert wurde, gewichtet in allegorischen Wendungen und Bildern den Verrat Stalins und die sich
hieraus ergebenden Konsequenzen für den Sozialismus und die Geschichte. Wie der Philosoph
Michael Löwy sagt, ging es Benjamin darum, die Alarmglocken zu läuten und die Zeitgenos-
sen auf die Gefahren und die neuen Katastrophen hinzuweisen, die aus einem solchen Verrat
erwuchsen.96 Tatsächlich haben außer Trotzki, »der es immer gewusst hat« (Heinrich Mann),
nur wenige sonst die Dimension des inneren Verrats und des Bruchs der linken Solidarität so
unmittelbar als epochalen Einschnitt verstanden. Mehr als denkwürdig ist es, daß beide – Ben-
jamin und Trotzki – innerhalb eines Zeitraums von fünf Wochen im August bzw. September
1940 starben (siehe S. 168, 282f.). Nicht einmal einen Monat später wurde Willi Münzenberg,
auch er ein unablässiger Warner vor Hitler, der dem Hausherrn im Kreml kurz zuvor sein »Sta-
lin, der Verräter bist Du!« entgegengeschleudert hatte (siehe S. 147–149), tot aufgefunden.97

Anmerkungen
1 Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte (1940). In: Benjamin: Gesammelte Schriften. Hrsg. von R.
Tiedemann und H. Schweppenhäuser. Frankfurt a.M. 1991, Band I, 2, S. 691–704, hier: S. 698.
2 Hierfür stehen Orwells »1984« und »Farm der Tiere«.

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3 Jürgen Fuchs an Manès Sperber, 29.8.1980. In: Mirjana Stancic: Ausgewählte Briefe an Manès Sperber. Sichtun-
gen 3 (2000), S. 23–25, http://purl.org/sichtungen/stancic-m-2a.html.
4 Siehe Amilcare Rossi [d.i. Angelo Tasca]: Les communistes français pendant le drôle de guerre.
5 George Orwell: Notes on Nationalism. London 1945. Auch: http://www.orwell.ru/library/essays/nationalism/
english/e_nat.
6 Siehe zu diesem Komplex: Lipinsky: Das Geheime Zusatzprotokoll.
7 Siehe zur Aufarbeitung übergreifend: ebenda.
8 Goethe an H. Luden, 19. August 1806. In: Johann Wolfgang Goethe: Briefe, Tagebücher und Gespräche vom 10.
Mai 1805 bis 6. Juni 1816, Teil 1 hrsg. von Rose Unterberger, Frankfurt am Main 1993, S. 79–111, hier S. 101 f.
9 Siehe die monumentale Edition »Istorija Stalinskogo Gulaga«, die 2004 im Moskauer Verlag ROSSPEN erschien.
10 Siehe zur Außenpolitik die Werke von Bianca Pietrow-Ennker, Lew Besymenski, Sergej Sluc, Bernd Bonwetsch im
Literaturverzeichnis.
11 Viktor Suworow: Der Eisbrecher. Hitler in Stalins Kalkül. Berlin 1989. Zur Diskussion (und Widerlegung) der
Präventivkriegsthese siehe Pietrow-Ennker (Hrsg.): Präventivkrieg?; Ueberschär, Bezymenskij (Hrsg.): Der deut-
sche Angriff auf die Sowjetunion 1941.
12 Siehe Sergej Sluc: »17. September 1939. Der Eintritt der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg. Eine historische
und völkerrechtliche Bewertung«, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (2000), 48, S. 219–254; vgl. Stefan Scheil:
Fünf plus Zwei. Die europäischen Nationalstaaten, die Weltmächte und die vereinte Entfesselung des Zweiten
Weltkriegs. Berlin 2003.
13 Siehe zum Forschungsstand die Arbeiten von Bianca Pietrow-Ennker und Sergej Sluc in der Literaturliste.
14 Siehe: Pietrow-Ennker: Stalinismus. Sicherheit. Offensive; Besymenski: Stalin und Hitler.
15 Horst Rhode: Hitlers erster ›Blitzkrieg‹ und seine Auswirkungen auf Nordosteuropa. In: Klaus A. Maier, Horst
Rohde, Bernd Stegemann, Hans Umbreit: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, II. Die Errichtung der
Hegemonie auf dem europäischen Kontinent. Stuttgart, 1979, 440 S., hier S. 84.
16 Besymenski: Stalin und Hitler, S. 214ff.
17 Rhode: Hitlers erster ›Blitzkrieg‹ und seine Auswirkungen auf Nordosteuropa, S. 85.
18 Siehe hierzu: Lipinsky: Das Geheime Zusatzprotokoll.
19 In Frankreich erschien 2003 eine Auswahledition chiffrierter telegraphischer Korrespondenz der Komintern mit
den kommunistischen Parteien, besonders der KP Frankreichs, auf die sich das vorliegende Buch stützt. Siehe:
Bayerlein, Narinskij, Studer, Wolikow: Moscou – Paris – Berlin.
20 Siehe Lebedeva, Narinskij (eds.): Komintern i Vtoraja Mirovaja Vojna.
21 Siehe Dallin; Firsov (eds.): Dimitrov and Stalin. 1934–1943; Lebedeva; Narinskij: Il Komintern e la seconda guerra mon-
diale; Firsov: Archivy Kominterna i vnesnjaja politika SSSR v 1939–1941; Georgi Dimitroff: Tagebücher 1933–1943.
22 Bayerlein, Narinskij, Studer, Wolikow (eds.): Moscou – Paris – Berlin.
23 Der Dissenz innerhalb der kommunistischen Parteien gegen die Ausrichtung der Komintern auf die deutsch-so-
wjetische Freundschaft ist für den französischen, italienischen und finnischen Fall national aufgearbeitet, es fehlte
bisher ein systematisch-vergleichender Überblick.
24 Zu den Spezialuntersuchungen siehe die Titel von Hans Schafranek, Leonid Babicenko und John Haynes im Lite-
raturverzeichnis.
25 Als Überblick der Kominterngeschichte und zum Forschungsstand siehe besonders die Werke von Pierre Broué,
Fridrich Firsov, Aldo Agosti und Kevin McDermott im Literaturverzeichnis.
26 Zur Organisationsstruktur der Komintern siehe: Adibekov, Sachnazarova, Širinja: Organizacionnaja struktura
Kominterna 1919–1943; Bayerlein: Das neue Babylon.
27 Kempowski: Das Echolot.
28 Zur Erläuterung der technisch-organisatorischen Grundlagen des Verbindungsnetzes der »OMS« und des illega-
len Funknetzes der Komintern siehe auch das Schlaglicht auf S. 113f. u. S. 252.
29 Zur Erläuterung der herangezogenen Archivquellen siehe die editorischen Bemerkungen.
30 Siehe zu diesem spannenden Thema ausführlicher S. 189f., sowie zuletzt: Sluc: Stalins »Kriegsszenario 1939«.
31 »Erklärung der Sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, Moskau, 30.11.1939«, Die Welt, Stockholm, 7.12.1939.
32 Krieg Oslo [W.B] an Lieber Freund, 12.12.1939, Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung, Nachlaß Willy Brandt, Emi-
gration 9a, Juni–Dezember 1939.
33 Vgl. zur Politik der ausschließlich an Deutschland orientierten sowjetischen Außenpolitik: Sluc: »17. September
1939. Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (2000), 48, S. 254.
34 Siehe aus der Warte der betroffenen Parteimitglieder: Offener Brief der »Berliner Opposition«. An die Mitglieder
der KPD. Mit einer Beilage von Materialien aus der illegalen Organisation. In: Bernhard H. Bayerlein; André Las-
serre (Hrsg.): Engagements à travers le monde. Résistances, Conciliations, diffamations. Archives de Jules Hum-
bert-Droz, IV. Zürich 2001, S. 313–346.

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Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:56 Seite 101

35 Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbeiterbewegung, Basel, 6.1.1940.


36 Hierzu ausführlicher im Teil 3 des vorliegenden Essays.
37 Aufruf des ZK der KPD: Drei Monate Krieg gegen die Sowjetunion und die neue Offensive. In: Weber: Der deut-
sche Kommunismus, S. 368ff.
38 Ronald Sassning: »Ernst Thälmann über Politik und Krieg, 1939–1941«, Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbe-
wegung, XL (1998), 1, S. 16–37; hier: S. 33.
39 Siehe Tagebuchnotiz von G. Dimitroff, Moskau, 15.10.1941. In: Dimitroff, Tagebücher 1933–1943, S. 441.
40 »De Waarheid«, Nr. 5, Februar 1941; zit. nach Alfred P.M. Cammaert: Het verborgen front. II. Leenwarden 1994,
S. 989.
41 Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918–1945, D, IX, S. 495–496.
42 Erklärung der KP Frankreichs, 16.6.1940, publ. in: Dallin, Firsov (eds.): Dimitrov and Stalin, 1934–1943, S. 168–172.
43 Siehe hierzu Hermann Weber: »Neue Einsichten zur Komintern. Die Dimitroff-Tagebücher und Telegramme als
zentrale Quelle der späten Komintern-Entwicklung«, Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung
(2000/2001), S. 339–350.
44 Zu dieser kritischen und für die weiteren Beziehungen entscheidenden Phase siehe ausführlicher: Teil 5, Kapitel 1.
45 Arkadij Maslow: Die Perspektiven Rußlands in diesem Krieg und die Auswirkungen des deutsch-russischen Krie-
ges (2.7.1941). In: Fischer, Maslow: Abtrünnig wider Willen, S. 389–408, hier: S. 390–391. Zum Forschungsstand
über die Zuspitzung auf dem Balkan siehe die Werke von Volkov, Gibianskij und Gorodetsky im Literaturver-
zeichnis.
46 Siehe ausführlich den Versuch eines »Zusammenschnitts« der wichtigsten Quellen und Zeitzeugenberichte in den
Tagen nach dem Überfall in Teil 6, Kapitel 1.
47 Siehe hierzu Teil 5, Kapitel 4.
48 Siehe auf S. 397 den Brief von Manuilski, in dem er einen härteren Umgang fordert, zur Kriegsgefangenproble-
matik siehe das Schlaglicht auf S. 396.
49 Systematisch wurde dies im Rahmen der allgemeinen sowjetischen Aufklärungstätigkeit besonders für die USA
herausgearbeitet. Siehe Haynes, Klehr, Firsov: The Secret World of American Communism.
50 Siehe S. 392f.
51 Siehe Haynes, Klehr: In Denial. Historians, Communism and Espionage.
52 Marie: Staline, S. 622.
53 Am Beispiel des Falls Mielke hat die Berliner Historikerin Otto auf die Problematik verwiesen. Siehe Wilfriede Otto:
Erich Mielke. Biographie. Aufstieg und Fall eines Tschekisten. Berlin 2000, S. 27.
54 Siehe zu diesem Komplex ausführlich Teil 3 des vorliegenden Essays.
55 Zumindest legitim scheint die Frage, ob in den antifaschistisch unterlegten individuellen Terroranschlägen als iso-
lierten Taten einzelner auch gegen einfache Soldaten und Zivilisten nicht ein Substrat des (post-)modernen Ter-
rorismus unserer Tage gesehen werden kann, besonders im Zusammenhang mit den Praktiken der antikolonialen
Befreiungsbewegungen nach dem Zweiten Weltkrieg.
56 Pijade: Das Märchen von der sowjetischen Hilfe (1950).
57 Siehe die Werke im Literaturverzeichnis. Siehe auch den Erlebnisbericht von Wolfgang Leonhard in diesem Band.
58 Zuletzt zusammenfassend: Bernd Bonwetsch: »Die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg 1941–1945«, Jahrbuch für
Historische Kommunismusforschung (2005), S. 13–43, hier S. 30.
59 Siehe dazu ausführlich Teil 2, Kapitel 2. Vgl. Walter: »Das Pariser KPD-Sekretariat, der deutsch-sowjetische Nicht-
angriffsvertrag und die Internierung deutscher Emigranten in Frankreich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs«.
60 Ulbricht: Hilferding über den »Sinn des Krieges«, Die Welt, Stockholm, Nr. 6, 9.2.1940. Siehe S. 223f..
61 Gerhard Duda: Jenö Varga und die Geschichte des Instituts für Weltwirtschaft und Weltpolitik in Moskau 1921–
1970. Zu den Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlicher Auslandsanalyse. Im Anhang: Jenö Varga: unveröf-
fentlichtes Manuskript. Berlin 1993.
62 Willi Münzenberg: »Der russische Dolchstoß«, Die Zukunft, Paris, 22.9.1939. Siehe ausführlicher zur couragier-
ten Intervention Münzenbergs in Teil 2, Kap. 3.
63 Hermann an Käte Duncker. In: Heinz Deutschland: Aus Briefen Käte und Hermann Dunckers, S. 112f.
64 Brief von Franz Dahlem an den »lieben Freund« [vermutlich Wilhelm Pieck] aus dem Internierungslager Vernet,
Frankreich, 25.9.1940. Siehe S. 331f..
65 Lutz Niethammer(Hrsg.): Der »gesäuberte« Antifaschismus. Die SED und die roten Kapos von Buchenwald. Do-
kumente. Berlin 1994.
66 Hans Schafranek: Zwischen NKWD und Gestapo. Die Auslieferung deutscher und österreichischer Antifaschi-
sten aus der Sowjetunion an Nazideutschland 1937–1941. Frankfurt a.M. 1990.
67 Siehe S. 248. Der aufrüttelnde Brief Sobottkas an das EKKI vom 22.12.1939 wird in der Edition »Berlin – Mos-
kau. Deutschland und die Komintern« veröffentlicht.

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68 Roger Stéphane: Chaque homme est lié au monde. Préface d’Emmanuel d’Astier. Carnets (Août 1939–Août 1944).
Paris 1946. Zit. nach: La vie de Louis Aragon, http://www.uni-muenster.de/Romanistik/Aragon.htm.
69 Notizen von U. [Walter Ulbricht?] an Dimitroff »Zum weiteren Auftreten der mit uns sympathisierenden deut-
schen Schriftsteller«, 24.1.1940. Siehe S. 227f..
70 Chiffretelegramm Dimitroffs an Eugen Fried und Maurice Tréand, 15.2.1940. Siehe S. 230.
71 Timoth Garton Ash: Orwell’s List, http://www.orwell.ru/a_life/ash/english/e_ol; Christopher Hitchens: »Re-
membering George Orwell, 1903, June 25.–1950, January 21. Orwell’s List«, The New York Review of Books
XLIX, 14, 26.9.2002.
72 Weber, Herbst: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918–1945.
73 Der Kolumnist Hannes Stein erzählte die folgende Geschichte: »Irgendwann in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes
besuchte der dänische Schriftsteller Martin Andersen Nexö Bertolt Brecht in seinem Haus in Svendborg. Ander-
sen Nexö war gerade in Moskau gewesen, und nun erzählte er dem Exilanten Brecht, was er dort von seinen Ge-
nossen gelernt hatte: ›Der Nationalsozialismus ist der besondere deutsche nationale Weg zum Sozialismus. Adolf
Hitler ist ein Verbündeter im Kampf gegen den Kriegstreiber Winston Churchill und den britischen Imperialis-
mus. Die deutschen Kommunisten haben die Pflicht, in diesem Punkt umzulernen.‹ Brecht klappte die Kinnlade
nach unten.« (Hannes Stein: »Die Linken und die Faschisten«, Die Welt, 5.10.2004).
74 Heinrich Mann: Zur Zeit von Winston Churchill, S, 119.
75 Ebenda, S. 119.
76 Siehe hierzu die Artikel von Michail Davidovic Kammari über proletarischen Internationalismus und sowjetischen
Patriotismus, u.a. in: Bol’ševik, Moskau, Heft 15/16, 1940.
77 Thesen zu den aktuellen Fragen der internationalen kommunistischen Bewegung, Sechstes Plenum des Exekutiv-
komitees der Kommunistischen Internationale. In: Jane Degras (ed.): The Communist International. Bd. 2, Lon-
don 1965, S. 257.
78 Vgl. das Schlaglicht »Individueller Terror und Résistance. Die Kritik – Positionsbestimmungen«, S. 425–427.
79 Siehe zusätzlich zu den in der Literaturliste aufgeführten Werken von Ahlrich Meyer und Regina M. Delacor Hans
Umbreit: Der Militärbefehlshaber in Frankreich 1940–1944. Boppard a.R. 1968; Umbreit: Les Allemands face à
lutte armée. In: Marcot (ed.): La Résistance et les Français, S. 201–210.
80 Serge Wolikow: Le Komintern, le PCF et les débuts de la Résistance. In: Jean-Marie Guillon, Pierre Laborie: Mé-
moire et Histoire. La Résistance. Préface de Philippe Joutard, Paris, 1995, 183–198; Jean-Marc Berlière; Franck
Liaigre: Le sang des communistes. Les Bataillons de la jeunesse dans la lutte armée. Automne 1941. Paris 2004.
81 L’Humanité, 4.7.1940.
82 L’Humanité clandestine 1939–1944, S. 462. Zit. nach Delacor: Attentate und Repression, 19.
83 Karl Retzlaw: Spartakus. Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters. Frankfurt a.M. 1972, S. 430f.
84 Ilja Ehrenburg: Menschen. Jahre. Leben. Autobiographie, II, München 1965, S. 331.
85 L’Humanité, 15.5.1942, zit. nach Berlière: Le sang des communistes, S. 255.
86 Jenö Varga: Unveröffentlichtes Manuskript [Politisches Testament], Moskau, 1963/1964. In: Duda: Jenö Varga
und die Geschichte des Instituts für Weltwirtschaft und Weltpolitik, S. 359–447.
87 Die Welt, Stockholm, IV (1942), Nr. 9, 27.2.1942.
88 Moshe Lewin: »Ego and Politics in Stalin’s Autocracy«, Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung, 2003,
S. 29–50.
89 Siehe zu diesem Komplex das Schlaglicht »Die Auflösung der Komintern im Jahre 1943«, S. 458–460.
90 Firsov: Archivy Kominterna i vnešnjaja politika SSSR v 1939–1941, S. 33f.; Pierre Broué: Histoire de l’Internatio-
nale Communiste. Paris 1997, S. 790ff.
91 Vgl. hierzu auch die interessanten Thesen bei Kevin McDermott, Aldo Agosti und Fernando Claudín.
92 Wilhelm Reich an A. S. Neill, 3.11.1941. In: Reich, Neill: Zeugnisse einer Freundschaft, S. 101f.
93 Ebenda, S. 104.
94 Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, S. 698.
95 »Erklärung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschlands zum Abschluß des Nichtangriffspaktes
zwischen der Sowjetunion und Deutschland«, Paris, 25.8.1939, Rundschau über Politik, Wirtschaft und Arbei-
terbewegung, Basel, 31.8.1939. Siehe S. 108, S. 131–133.
96 Michael Löwy: Walter Benjamin. Avertissement d’incendie. Une lecture des thèses »Sur le concept d’histoire«. Pa-
ris 2001, S. 19.
97 Trotzki am 20.8., Benjamin am 26.9., Münzenberg am 21.10.1940.

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Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:56 Seite 103

Teil 1.
Ein Pakt gegen Antifaschismus und linke Solidarität. Der »Stalin-
Hitler-Pakt« und die Rolle der Komintern.
Vom Abschluß des Vertrags zum Beginn des Zweiten Weltkrieges
(August–September 1939).

In der historischen Forschung wird der Abschluß des Paktes als eine Voraus-
setzung, bisweilen auch als Auslöser des Zweiten Weltkriegs betrachtet. Hit-
ler hatte damit freie Bahn, Polen zu überfallen. Der Vertrag kam scheinbar
außenpolitischen (Neutralität Deutschlands, Abwehr eines Zweifrontenkrie-
ges bei geschwächter Roter Armee, Grenzabkommen) und innenpolitischen
(Warenlieferungen) Interessen der sowjetischen Führung entgegen (Pietrow-
Ennker). Wie einige der hier publizierten Dokumente belegen, ging es Stalin
zunächst darum, den Krieg zu vermeiden. Mit dem am 28.9.1941 folgenden
Freundschafts- und Grenzvertrag und dem dazugehörigen geheimen Zusatz-
protokoll zur Aufteilung Ostmitteleuropas war jedoch auch eine prinzipielle Josef Stalin und Joachim von
Annäherung an Deutschland zur Erreichung limitierter territorialer Ziele ver- Ribbentrop im Einvernehmen.
bunden. Die internationale Lage habe sich – so Molotow – fundamental ge-
ändert, die Rolle des Aggressors sei auf England und Frankreich übergegan-
gen, Hitlerdeutschland wurde zur Friedensmacht stilisiert. Das nicht zuletzt
auf Angst vor der Bedrohung gegründete Bündnis (Besymenski) konnte die
innenpolitischen Probleme des Stalinschen Regimes nicht lösen, dessen zen-
traler Motor weiterhin das reale und angenommene Bedrohungspotential des
Zweiten Weltkrieges blieb (Moshe Lewine). Auffällig ist der (gleichwohl nie
verbalisierte) Gegensatz des Vertrages zu den Zielen der Weltrevolution. Die
Zusammenarbeit mit Hitler war zugleich ein Verdikt gegen die KP Deutsch-
lands, verschärfte den prekären Existenzkampf der kommunistischen Parteien
in Frankreich und England und isolierte die kommunistischen Parteien welt-
weit. (Welt-)revolutionäre Perspektiven wurden, obwohl weiterhin artiku-
liert, immer unrealistischer.

Bereits bevor der Pakt ausgehandelt wurde, lobte die deutsche Seite die Ver-
stärkung des nationalen Elements in der sowjetischen Politik.

Aufzeichnung des sowjetischen Gesandten in Berlin, Georgi Astachow,


über ein Gespräch mit Ernst von Weizsäcker und Reichsaußenminister
Joachim von Ribbentrop in Berlin, 2. 8. 1939.
Offenbar in dem Bestreben, etwas Freundliches zu sagen, bemerkte er 12.– 21. 8. 1939: Beginn sowje-
[Ribbentrop], er kenne unser Land zwar nicht, habe aber in den Ländern der tisch-britisch-französischer Mili-

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tärverhandlungen in Moskau. sogenannten westlichen Demokratien viele Jahre verbracht. Daher scheine
Die sowjetischen Vorschläge es ihm, daß die Deutschen mit den Russen ungeachtet aller Unterschiede in
»zur gemeinsamen Abwehr den Ideologien leichter sprechen könnten. Zudem hätten er und der Führer den
einer faschistischen Aggres- Eindruck, daß sich das nationale Element in der UdSSR in den letzten Jah-
sion« werden abgelehnt. ren im Vergleich zum internationalen verstärke. Wenn das so sei, wäre dies
günstig für eine Annäherung der UdSSR und Deutschlands. Das ausgeprägt
nationale Prinzip, das der Politik des Führers zugrunde liege, sei dann der Po-
litik der UdSSR nicht mehr diametral entgegengesetzt.
»Sagen Sie, Herr Geschäftsträger«, sprach er mich in verändertem Ton,
gleichsam inoffiziell, an, »haben Sie nicht auch den Eindruck, daß das natio-
nale Prinzip in ihrem Lande das internationale zu überwiegen beginnt? Das
ist eine Frage, die den Führer brennend interessiert […]«1

Georgi Astachow, der Geschäftsträger der Sowjetunion in Berlin seit Früh-


jahr 1939, der den Pakt in entscheidender Weise vorbereiten half, wurde am
27.2.1940 verhaftet und starb nach brutalen Folterungen im Lager. Auch Da-
vid Kandelaki, der »Pionier der deutsch-sowjetischen Annäherung«, wurde
in der Sowjetunion umgebracht. Von Berija beschuldigt, antwortete er, er habe
über die Verhandlungen mit Deutschland seit 1939 immer »volle Geheim-
haltung« bewahrt.2

Dawid Kandelaki. Vorbereitung? Einstimmung? Was wußte die Komintern? Die Mos-
kauer Instruktionen vor Vertragsabschluß.

15.–19. 8. 1939: In Paris disku- Das Münchner Abkommen vom 29.9.1938 hatte das Scheitern der Politik
tiert die 3. Konferenz des Inter- der kollektiven Sicherheit und die Isolierung der (nicht eingeladenen) So-
nationalen Studentenkongres- wjetunion verdeutlicht. Stalin orientierte sich nach der britischen Sicher-
ses die Verteidigung der De- heitsgarantie für Polen vom 31.3.1939 und der Information über Hitlers An-
mokratie, u.a. Maßnahmen zur griffsplan auf Polen um so mehr auf das Bündnis mit Deutschland. Am
Verteidigung antifaschistischer 19.8.1939 übergab Molotow dem deutschen Botschafter in Moskau, Graf von
Studenten. der Schulenburg, den Entwurf für einen Nichtangriffspakt. Eine geheime
Klausel enthielt ein Protokoll über die gemeinsamen außenpolitischen Inter-
essen. Schulenburg verwies unter Berufung auf sich täglich steigernde Span-
nungen mit Polen darauf, daß Berlin in Eile sei. Hitler schlug Stalin am 21.
August vor, den deutschen Außenminister Ribbentrop bis zum 23. August in
Moskau zu empfangen. Noch am Abend desselben Tages übergab Molotow
die Antwort Stalins: Die sowjetische Regierung stimme zu, daß Ribbentrop
nach Moskau reise, um einen Nichtangriffspakt zwischen beiden Staaten ab-
zuschließen. Am 22. 8. 1939 veröffentlichte TASS eine offizielle Verlautba-
rung über das bevorstehende Eintreffen von Ribbentrop zu Verhandlungen
in Moskau mit dem Ziel, »die Kriegsgefahr zu bannen und einen Nichtan-
griffspakt zu schließen«.

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Die erste Stellungnahme der Komintern zu den vorbereitenden Verhand-


lungen läßt große Unsicherheiten erkennen. Unter dem Titel »Zur antiso-
wjetischen Kampagne im Zusammenhang mit den Verhandlungen zwischen
der UdSSR und Deutschland« beschloß die Kominternführung diverse Emp-
fehlungen an die kommunistischen Parteien. Darin bekräftigte sie die Rich-
tigkeit sowohl der bisherigen als auch der zukünftigen »selbständigen« Politik
Stalins und der Sowjetunion »für die Sache des Friedens«. Der Kampf gegen
den deutschen Faschismus solle noch gesteigert werden.

Beschlußprotokoll des Sekretariats des EKKI, Moskau, 22.8.1939.


1. Den Parteien wird empfohlen, gegen die bürgerliche und sozialdemo- 20. 8. 1939: Das Sekretariat
kratische Presse in die Offensive zu gehen und dabei folgendermaßen zu ar- des EKKI erneuert den Aufruf
gumentieren: an die Parteien, die Kampagne
a) Der eventuelle Abschluß eines Nichtangriffspaktes zwischen der UdSSR gegen den Terror in Spanien
und Deutschland schließt die Möglichkeit und Notwendigkeit eines Abkom- zu verstärken. Es geht um die
mens zwischen England, Frankreich und der UdSSR nicht aus, um die Ag- »schnellste Rettung der Inter-
gressoren gemeinsam zurückzuschlagen. brigadisten in den Lagern«,
b) Ausgehend von den Interessen des Sozialismus und der Sache des Frie- nicht zuletzt »zur Auswertung
dens betreibt die UdSSR eine selbständige Politik, deren Grundsätze Gen. der militärischen Erfahrungen
Stalin auf dem XIII. Parteitag formuliert hat.3 und Lehren« für eventuelle
c) Die UdSSR ist ein entschiedener Gegner der Aggressoren, ein Freund künftige internationale Briga-
des tschechoslowakischen Volkes und der Spanischen Republik, die von Eng- den, »um dieses im Feuer der
land und Frankreich im Stich gelassen worden sind. Sie verteidigt die Völker, Kämpfe erprobte Kapital an
die für ihre Unabhängigkeit kämpfen. Seit vielen Monaten versucht sie ein Ab- Menschen zur Stärkung der
kommen mit England und Frankreich über gemeinsame Aktionen gegen die Parteien und für die heutigen
Aggressoren zu erzielen. […] Kämpfe zu verwerten«.
d) Die Bereitschaft der UdSSR, mit Deutschland einen Nichtangriffspakt zu
schließen, hilft den kleinen baltischen Nachbarstaaten und trägt zur Siche- 23. 8. 1939: Die zentralen Fra-
rung des allgemeinen Friedens bei. gen über den politischen Kurs
e) Damit vereitelt die UdSSR die Pläne bürgerlicher, reaktionärer Kreise der Sowjetunion und der Kom-
und der Kapitulanten der Zweiten Internationale, die die Aggression gegen intern werden in Einzelgesprä-
die Länder des Sozialismus lenken wollen. […] chen oder inoffiziellen Dreier-
g) Verhandlungen mit Deutschland können schließlich die Regierungen und Fünfergruppen entschie-
Englands und Frankreichs dazu bewegen, von hohlen Worten zum raschen den, nicht etwa im Politbüro
Abschluß eines Paktes mit der UdSSR zu kommen. oder im Präsidium der Kom-
Bei alledem sind die Parteien darauf hinzuweisen, daß der Kampf gegen intern. Auch der Stalin-Hitler-
die Aggressoren, besonders gegen den deutschen Faschismus, mit gestei- Pakt wird dort nicht bespro-
gertem Einsatz fortgesetzt werden muß. […] G. Dimitroff4 chen.

Mit Ausnahme von Stalin und Molotow waren selbst die Politbüromit-
glieder der KPdSU(b) nicht über die Vorbereitungen des Paktes infor-
miert. Nikita Chruschtschow erinnert sich: »Wir durften den Vertrag nicht
einmal in Parteiversammlungen diskutieren […]. Es war sehr schwer für

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uns Kommunisten und Antifaschisten, die in der philosophischen und po-


litischen Opposition den Faschisten unverändert feindlich gegenüber-
standen, den Gedanken eines Bündnisses mit Deutschland zu akzeptie-
ren.«5

Andor Hencke, Joachim von


Ribbentrop und Josef Stalin. Am 24. 8. 1939, um 2.30 Uhr morgens, wurde in Moskau der Nichtan-
griffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR nebst einem geheimen Zu-
satzprotokoll unterzeichnet. Der 23.8. wurde als Datum gewählt, damit die
sowjetische Presse den Pakt sofort publizieren konnte. Unterzeichner waren
der Chef der Sowjetregierung und Volkskommissar für Auswärtige Angele-
genheiten, Molotow, und der Außenminister Deutschlands, Ribbentrop. Laut
veröffentlichtem Vertragstext verpflichteten sich beide Seiten u.a., »sich jeden
Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jeden Angriffs gegeneinander,
und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu ent-
halten«. Falls eine der vertragschließenden Seiten Gegenstand kriegerischer
Handlungen seitens einer dritten Macht werden sollte, »wird der andere Ver-
tragschließende Teil in keiner Form diese dritte Macht unterstützen«. Molo-
tow und Ribbentrop unterzeichneten zudem ein geheimes Zusatzprotokoll
über die Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa, in
dem u.a. festgehalten wurde:

Geheimes Zusatzprotokoll, Moskau, 23. 8. 1939.


23. 8. 1939: Hitler legt den am Aus Anlaß der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen dem
11. 4. 1939 unterzeichneten An- Deutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben
griffsplan auf Polen (»Fall die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulicher
Weiß«) vom 1. 11. 1939 auf Aussprache die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären
den 26. 8. 1939 vor. in Osteuropa erörtert. Diese Aussprache hat zu folgendem Ergebnis geführt:

1. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den bal-


tischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten
bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessen-
sphären Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens
am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.
2. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen
Staate gehörenden Gebiete werden die Interessensphären Deutschlands und
der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San ab-
gegrenzt. [Am 28. August präzisierten beide Seiten: »durch die Linie der Flüsse
Pissa, Narew, Weichsel und San«.]
Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhän-
gigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat
abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Ent-
wicklung geklärt werden.

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In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage auf dem Wege einer
freundschaftlichen Verständigung lösen.
3. Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das In-
teresse an Bessarabien betont.Von deutscher Seite wird das völlige politische
Desinteressement an diesen Gebieten erklärt.
4. Dieses Protokoll wird von beiden Seiten streng geheim behandelt wer- Unterzeichnung des Stalin-Hit-
den.6 ler-Paktes.

Jesús Hernández, ehemaliger Minister der Spanischen Republik und Mit-


glied des ZK der KP Spaniens, erinnert sich an ein Gespräch mit der
offiziellen Nr. 2 der Komintern, Dmitri Manuilski:
»Noch am selben Abend dieser erschütternden Neuigkeit traf ich Ma-
nuilski, der mit mir dieselbe Villa bewohnte. Ich kannte ihn schon lange
genug, um mir zu erlauben, ihn in solchen Umständen zu Rate zu ziehen.
›Ich versuche, diese aufsehenerregende Wende zu verstehen.‹
›Man muß Zeit gewinnen, Hernandez!‹
›Aber der Pakt läßt Hitler freies Spiel. Dies kann für die UdSSR
schreckliche Folgen haben.‹
›Ach was! Unser unmittelbares Ziel ist doch die Liquidierung Polens,
das sich schon viel zu lange unseren möglichen Aggressoren als Sprung-
brett präsentiert.‹
›Polen liquidieren?‹
›Das wird der erste Schritt dieser Abmachung sein. Der Existenz Po-
lens als Staat wird ein Ende gesetzt. Wir werden eine gemeinsame Grenze
mit Deutschland haben. […] Alles ist eingeplant und kalkuliert. Wir kön-
nen nicht verlieren. […] Wenn sich die Kapitalisten untereinander nie-
dermetzeln wollen, um so besser. Zum gegebenen Zeitpunkt, wenn sie die
ersten Anzeichen der Erschöpfung zeigen, wird man uns bestimmt von
beiden Seiten umwerben.‹«7

Argumentationsbrüche: Die Presseinformationen der »Prawda«


und die erregten und widersprüchlichen Reaktionen der kommu-
nistischen Parteien.
22.8.1939: Im Kominternorgan
Der Schlagzeile des Zentralorgans der KP Frankreichs zufolge handelte es sich »Rundschau« kritisiert Walter
keinesfalls um einen Hilfspakt mit einem Aggressor. Ulbricht die »antipolnische
Hetze« und verlangt »die
»L’Humanité«, Paris, 23. 8. 1939. Solidarität mit dem gerechten
Die Sowjetunion rettet den Frieden. […] Hitler darf nicht mehr Polen an- Kampf des polnischen Volkes
greifen, denn die Sowjetunion wird sich mit allen vereinigen, die bereit sind, für die Verteidigung seiner
solchen Gewalttaten Widerstand entgegenzubringen […]8 nationalen Unabhängigkeit«.

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23. 8. 1939: Der britische Bot- Leitartikel der »Prawda«, Moskau, 24. 8. 1939.
schafter Henderson bekräftigt Der Abschluß des Vertrages zwischen der Sowjetunion und Deutschland
die Vereinbarungen mit Polen ist zweifellos eine Tatsache von größter internationaler Bedeutung, denn der
zur Unterstützung im Angriffs- Vertrag stellt ein Friedenswerkzeug dar, das nicht allein berufen ist, die gut-
fall. nachbarlichen und friedlichen Beziehungen zwischen der Sowjetunion und
Deutschland zu festigen, sondern auch der Sache der allgemeinen Festigung
24. 8. 1939: Die Zentralkomitees des Friedens zu dienen. Mit der Feindschaft zwischen Deutschland und der
der KP Deutschlands, der KP Sowjetunion wird Schluß gemacht. Die Unterschiede in der Ideologie und im
Frankreichs, der KP Großbri- politischen System dürfen und können kein Hindernis für die Herstellung gut-
tanniens, der KP Italiens und nachbarlicher Beziehungen zwischen den beiden Ländern sein. Die Freund-
der KP der USA beschließen schaft der Völker der Sowjetunion und Deutschlands, die durch die Bemühun-
die massive Verbreitung der gen der Feinde Deutschlands und der Sowjetunion in eine Sackgasse
»Geschichte der kommunisti- getrieben worden waren, soll jetzt die notwendigen Voraussetzungen zu ihrer
schen Partei der Sowjetunion Entwicklung und Blüte erhalten.9
(Bolschewiki). Kurzer
Lehrgang.« Erklärung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutsch-
lands zum Abschluß des Nichtangriffspaktes zwischen der Sowjetunion
24. 8. 1939: NS-Gauleiter Albert und Deutschland, Paris, 25. 8. 1939.
Forster wird in Danzig unter Die Kommunistische Partei Deutschlands sah in dieser Politik des Ab-
Umgehung der Verfassung schlusses eines Nichtangriffspaktes seitens der Sowjetunion mit Deutschland
zum Staatsoberhaupt ernannt. die konsequente Fortsetzung der Friedenspolitik der Sowjetmacht und eine ge-
waltige Waffe im Kampf des deutschen Volkes gegen den Krieg, für die Er-
25.8.1939: Unterzeichnung ei- haltung des Friedens, für den Sturz des Hitlerregimes und für die Schaffung
nes britisch-polnischen Hilfspak- eines neuen freien Deutschlands.10
tes durch die Außenminister
Edward Halifax und Edward Der operative Teil des deutschen ZK in Paris wurde später für die ohne Ab-
Raczyński. sprache mit der Komintern formulierte Erklärung, die sich noch gegen den
Nationalsozialismus richtete, abgestraft (siehe Teil 3).

Bericht von Karl Mewis auf der Sitzung des Sekretariats des EKKI, Mos-
kau, 23. 11. 1939.
Genosse Arndt: »[…] Nach Abschluß des Paktes zwischen Deutsch-
Arndt (Ps.): Karl Mewis. land und der Sowjetunion befand sich einer unserer Funktionäre in Ber-
lin. Er wurde überrascht. Er erfuhr von dem Pakt erst beim nächsten Treff
mit einem Genossen der Betriebszellenleitung. Der Genosse fragte den
Instrukteur, was los sei. Der Instrukteur antwortete, er müsse erst mal über-
legen. Er ging nach Hause und kam am nächsten Tage wieder mit dem
Genossen zusammen. Der Instrukteur hatte noch keine ausreichende
Antwort gefunden. Aber der Betriebszellenleiter kam mit der Rede des Ge-
nossen Stalin auf dem 18. Parteitag und sagte: Ich glaube, es liegt in der
Natur der Sache, daß die Sowjetunion eine solche Politik macht. Er gab
dem Instrukteur eine im wesentlichen richtige Einschätzung. Der Instruk-
teur hat die Meinung des Genossen akzeptiert. Ich wollte damit nur zeigen, daß

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die Genossen sich nicht darauf verlassen, daß ihnen vom Ausland die Linie
übermittelt wird, sondern daß sie schon selbst Wege zur Orientierung fin-
den.«11

Die Tageszeitung »Ce Soir«, Paris, 22. 8. 1939.


Wer von den echten Freunden des Friedens wird sich nicht freuen, nach-
dem er von den Verhandlungen über einen Nichtangriffspakt […] gehört hat
[…]. Der Fakt, daß die UdSSR von Deutschland genau in diesem Augenblick
einen Nichtangriffspakt erzwingt, ist ein Sieg des Friedens.12

Noch lobte Marcel Gitton, Sekretär und Mitglied des Politbüros der KP
Frankreichs, den Vertrag euphorisch. In Reaktion auf den Pakt trat er wenig
später aus der Partei aus. 1941 wurde er auf Befehl der Parteiführung als »Kol- Britischer Diplomat Strang auf
laborateur« und »Verräter« von einem Kommando ermordet. dem Rückweg aus Moskau, 1939.

Der österreichische Politologe und Sozialdemokrat Oscar Pollak (»Au-


striacus«) schrieb: »Stalin hilft Hitler: der Eindruck dieses Ereignisses auf
die Proletarier in den faschistischen Kerkern wird zehnmal entsetzlicher
sein als der von München.«13

Sowohl die KP Großbritanniens als auch die KP Frankreichs betrachteten


den Pakt mit Hitler – zunächst – als eine Art Druckmittel, um ihre Regie-
rungen doch noch zu einem Vertragsabschluß mit der Sowjetunion zu zwin-
gen.

Deklaration der KP Großbritanniens, London, 22. 8. 1939.


Chamberlain und Daladier sollen nach Moskau fliegen und in unmittelbare
Verhandlungen mit der Sowjetunion treten. Gingen sie doch vor einem Jahr
zu Hitler nach München.14

Leitartikel der »L’Humanité«, Paris, 24. 8. 1939.


Wenn die Einheit der Arbeiterklasse und der Zusammenschluß aller Geg- 24. 8. 1939, Hermann an Käte
ner von München erreicht wird, so wird man die Regierung zwingen können, Duncker: »Ein Non-Aggres-
einen Pakt mit der Sowjetunion abzuschließen. Der Nichtangriffspakt zwischen sionsvertrag ist absolut kein
Deutschland und der SU ist in keinster Weise ein Hindernis dafür.Wenn Frank- Freundschaftsvertrag und kein
reich und England so schnell wie möglich einen Vertrag mit der SU abschlie- Hilfsvertrag! Das darf man
ßen, tragen sie damit zur Sache des Friedens bei […]. Der Flieger nach Mos- nicht vergessen.«
kau geht jeden Tag um 8 Uhr, Monsieur Daladier […]. Unterschreiben Sie den
Pakt, geben Sie Ihren Militärs die Anweisung, diesen Pakt abzuschließen und
hören Sie auf, zu manövrieren. Zwingen Sie die Aggressoren oder die, die es
werden wollen, Sie zu respektieren, dank Ihrer Stärke. Das sind die Lehren der
Sowjetunion, das sind die Lehren Stalins.15

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Earl Browder, von 1930 bis 1945 Generalsekretär der KP der USA, der eng
mit den sowjetischen Diensten zusammenarbeitete, erklärte vor Pressever-
tretern:

Rede von Earl Browder, New York, 23. 8. 1939.


Wenn der Nichtangriffspakt eingehalten wird, so nicht deswegen, weil Hit-
ler seine Verträge einhält, sondern nur dank der politischen und militärischen
Bereitschaft der Sowjetunion. Das ist ein Argument, das die Faschisten ver-
stehen. […] Wenn der Pakt unterschrieben wird, so deswegen, weil Hitler es
nicht für möglich hält, die Sowjetunion anzugreifen. Deswegen muß er auch
in Bezug auf Polen vor dasselbe Faktum der Unmöglichkeit des Angriffs ge-
stellt werden.16

Am 25.11.1936 wurde in Berlin der deutsch-japanische Geheimvertrag gegen


den Kommunismus (»Antikominternpakt«) unterzeichnet. Vereinbart wurde
die gemeinsame Bekämpfung sowie die Information und Dokumentation
über die Tätigkeit der Kommunistischen Internationale. In einem geheimen
Protokoll sicherte man sich gegenseitige Neutralität im Falle eines Angriffs
auf die Sowjetunion zu. Nach dem Austritt aus dem Völkerbund trat Italien
dem Pakt bei, gefolgt von Franco-Spanien und Ungarn. Stalin forderte Rib-
bentrop beim Empfang in Moskau 22.8.1939 dazu auf, das eine Mal das Glas
auf die Gesundheit Hitlers zu erheben und das andere Mal – in zynischer
Anspielung auf den Antikominternpakt – auf den »neuen Antikominternler
Stalin« (»Antikominternowez«).
Dazu schrieb der Historiker O. Wischljow: »Was Stalins Trinkspruch auf
Hitler betrifft, so sei darauf hingewiesen, daß er diesen bei einem Essen im
Kreml ausbrachte, einer diplomatischen Veranstaltung, wo es üblich ist, daß
man Liebenswürdigkeiten austauscht. Daß ausgerechnet Stalin Hitler Ge-
sundheit wünschte, entbehrte nicht des Sarkasmus: ›Ich weiß, wie sehr das
deutsche Volk seinen Führer liebt …‹ klingt schon sehr zweideutig. Wenn Sta-
lin Ribbentrop aufforderte, auf den ›vom deutschen Volk so geliebten Hitler‹,
dann auf den ›neuen Antikomintern-Kämpfer Stalin‹ und schließlich gar auf
den sowjetischen Volkskommissar für Verkehrswesen, Lasar Kaganowitsch,
sein Glas zu erheben, dann machte er sich wohl eher über ihn lustig.«17
Lasar Kaganowitsch als Redner.
Rundtelegramm des Auswärtigen Amtes an die diplomatischen Missio-
nen zur »Information und Sprachregelung« über die Sowjetunion, Ber-
23. 8. 1939: Unmittelbar nach lin, 22. 8. 1939.
Abschluß des Stalin-Hitler- Der naheliegende Vorwurf, wir hätten durch Abschluß mit der Sowjetunion
Pakts erhält Eugen Fried den die Prinzipien des Antikominternpakts aufgegeben, ist nicht zutreffend. Die
Auftrag, in Brüssel ein Aus- Entwicklung des Antikominternpakts ist mehr und mehr in die Richtung ge-
weichzentrum der Komintern gangen, daß den drei hauptbeteiligten Mächten England als Hauptfeind auf-
aufzubauen. gezwungen wurde. Dazu kommt, daß der russische Bolschewismus unter Sta-

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lin eine entscheidende Strukturwandlung erfahren hat. An die Stelle der Idee
der Weltrevolution ist die Verknüpfung mit der nationalen russischen Idee und
der Gesichtspunkt der Konsolidierung des Sowjetstaates auf seiner jetzigen
staatlichen territorialen und sozialen Grundlage getreten. Auf die Verdrängung
des Judentums aus führenden Stellungen der Sowjet-Union (Sturz Litwinows
Anfang Mai) wird in diesem Zusammenhang verwiesen. Selbstverständlich
bleibt die innere deutsche Frontstellung gegen den Kommunismus völlig un-
berührt. Der Kampf gegen ein etwaiges Wiedereindringen des Kommunismus
in Deutschland würde mit unverminderter Schärfe weiter geführt werden. Die
Sowjetunion ist im Laufe der Besprechungen hierüber niemals im Zweifel ge-
lassen worden und hat diesen Grundsatz akzeptiert. Maxim Litwinow in Berlin 1933.
Die weltpolitische Auswirkung dieses Vertrags wird in der nächsten Zeit
sichtbar zum Ausdruck kommen. Jedenfalls ist schon jetzt erkennbar, daß
Polen damit einen schweren Schock erlitten hat.18

Der Stalin-Hitler-Pakt führte zum »Abreißen der Kontakte zwischen Moskau


und dem Westen« und wirkte, wie die Moskauer Prozesse, auf die politisierte
Elite und vor allem auf die Kommunisten im Widerstand demoralisierend.
Zwar begrüßten die »Komparteien« die Tatsache, daß es keine einheitliche
Front des Imperialismus gegen die Sowjetunion mehr gab, alle gingen jedoch
noch davon aus, daß nach dem Pakt der Kampf gegen den Faschismus wei-
tergeführt wird. In einem Leitartikel der Tageszeitung der KP Belgiens wur-
den, acht Monate bevor die Wehrmacht Belgien überrollte, die heilsamen Wir-
kungen des Paktes auf Hitler überschwenglich hervorgehoben: Unterzeichnung des Stalin-Hit-
ler-Paktes.
»Voix du peuple«, Brüssel, 23. 8. 1939.
Das Dritte Reich ist gezwungen, seine antibolschewistische Maske abzu- 23. 8. 1939: Ribbentrop erklärt,
werfen, mit der es seine Raubzüge verdeckte. Auch ist das Dritte Reich ge- daß der Anti-Kominternpakt in
zwungen, von der Antikomintern-Phraseologie Abstand zu nehmen, mit der sie erster Linie gegen die westli-
ihre Kriegsziele ausschmückte […]. Hitler sieht sich gezwungen, die Bedin- chen Demokratien gerichtet
gungen der Sowjetunion anzunehmen und somit widerwillig die politische sei, nicht gegen die Sowjet-
Stärke der UdSSR und die Stärke des Landes des Sozialismus zu loben. Wel- union.
ches Lehrstück für die westlichen Demokratien!19

Nachdem Thorez und Duclos am 24. 8. 1939 aus dem Urlaub nach Paris 25. 8. 1939: Pieck notiert:
zurückgekehrt waren, veröffentlichte die Parlamentsfraktion der KP Frank- »Telegramm an Dahlem nach
reichs eine Erklärung. Darin wurde zum einen der Wille des französischen Paris. Thälmann-Kampagne zu
Volkes bekräftigt, sich gegen Hitler zur Wehr zur setzen, und zum anderen die verstärken.«
Sowjetunion gelobt, da es ihr mit dem Pakt gelungen sei, das Lager der Ag-
gressoren zu spalten. In der »L’Humanité« hieß es optimistisch und be-
schwichtigend zugleich:

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25. 8. 1939: Mussolini informiert Erklärung der KP Frankreichs, Paris, 25. 8. 1939.
Hitler darüber, daß Italien nicht Alle wissen, daß ein solcher Pakt als einziges Ergebnis die Konsolidierung
auf den Krieg vorbereitet sei. des Friedens zeitigt. Alle wissen, daß er kein einziges Volk seiner Freiheit be-
Der Termin des Angriffs auf rauben wird […].20
Polen wird auf den 1. 9. 1939
verschoben, als Hitler vom bri- Die KP Italiens, deren Führung sich im französischen Exil befand, gab eine
tisch-polnischen Beistandspakt eher trotzige Absichtserklärung ab:
erfährt.
Erklärung der KP Italiens, [Paris], 25. 8. 1939.
25.8.1939: Unter dem Titel Wenn aber trotzdem ein Krieg entfacht wird, werden wir ohne Zögern dafür
»Alle gegen den Aggressor« kämpfen, daß der Faschismus politisch und militärisch bezwungen und zer-
schreibt der französische kom- stört wird, als eine der Bedingungen, die den Völkern Europas eine neue Zu-
munistische Schriftsteller Louis kunft eröffnet, welche Freiheit, Frieden und sozialen Fortschritt verspricht.21
Aragon, daß »jeder gute Fran-
zose, der keine Wiederholung Das Zentralkomitee der seit Oktober 1938 verbotenen KP der Tschechoslo-
der Schande von München se- wakei sah im Pakt sogar eine Aufforderung, den Kampf gegen die Naziokku-
hen will«, Polen verteidigen panten zu verstärken:
muß.
Stellungnahme der KP der Tschechoslowakei, Prag, 27. 8. 1939.
Wir erblicken in dieser Tat der UdSSR einen mächtigen Ruf an alle Natio-
nen, sich zu befreien und für dauernden Frieden zu kämpfen, und auch einen
Appell an die Adresse des tschechischen Volkes, seinen Kampf gegen die na-
zistische Okkupation noch zu verstärken und den Kampf weiterzuführen bis
zur Vernichtung des Hitlerregimes und der Erneuerung der tschechoslowaki-
schen Republik.22

Der Paktabschluß führt zur Existenzbedrohung der Komintern. Es


folgen Notmaßnahmen zur Rettung von internationalen Organi-
sationen, Menschen und Verbindungen.

Ganz im Gegensatz zu dem von den kommunistischen Parteiführungen zur


Schau getragenen Optimismus wiesen bereits die ersten von Moskau gefor-
derten operativen Maßnahmen darauf hin, daß der Abschluß des Paktes für
Mitglieder, Kader und internationale Strukturen der kommunistischen Be-
wegung eine existenzbedrohende Gefahr darstellte. Die Regierungen in Frank-
reich und Belgien verboten zunächst Partei- und Kominternpresse. Unter Be-
Mitglieder des EKKI-Präsidiums rufung auf das neue gegen die westlichen Demokratien gerichtete Bündnis
1935: Dimitroff, Togliatti, Florin, wurden die Parteien in zahlreichen Ländern verboten. Unmittelbar nach
Wang Ming, Kuusinen, Gottwald, Abschluß des Stalin-Hitler-Paktes erhielt die »graue Eminenz« der KP Frank-
Pieck, Manuilski. reichs, der Ungar Eugen Fried, den Auftrag, in Westeuropa ein neues Aus-
weichzentrum der Komintern einzurichten. Ein weiterer Kominternfunk-
tionär, der Italiener Giulio Ceretti, bereitete das Terrain vor und gründete

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zur Tarnung einen Künstlerzirkel, der eine Zeitschrift herausgab. Fried ge-
lang es, aus Brügge die Funkkontakte zwischen Dimitroff bzw. dem EKKI
und der KP Frankreichs, der KP Großbritanniens und der KP der Nieder-
lande wieder herzustellen. Die KP Frankreichs versuchte, sich auf den Un-
tergrund einzustellen. Nach einigen Wochen des Chaos wurde in Brüssel ein
neues Zentrum der Partei unter der Leitung von Jacques Duclos und Arthur
Ramette aufgebaut, die aus Paris geflohen waren, und in Frankreich (aller-
dings ohne direkten Funkkontakt) ein illegales Zentrum unter Benoît Fra-
chon. Die französische Delegation in der Sowjetunion leitete vorerst André
Marty.
26. 8. 1939: Sitzung des Präsi-
Chiffretelegramm an die Funkstelle in Belgien [Brügge] für die KP Frank- diums des EKKI mit einem Be-
reichs und den Kominternbevollmächtigten in Westeuropa, Moskau, richt von Marty über die Situa-
26. 8. 1939. tion der Kämpfer der internatio-
An: Stern, Clément, Gabriel. Wir sind sicher, daß Ihr die dringend notwen- nalen Brigaden.
digen Maßnahmen ergreifen werdet, um internationale Organisationen, Men-
schen und Verbindungen vor der Vernichtung zu bewahren und deren weite- Stern (Ps.): Maurice Thorez.
res Funktionieren sicherzustellen. Haltet uns bitte über diese Angelegenheit Clément (Ps.): Eugen Fried.
ständig auf dem laufenden. Janette.23 Gabriel (Ps.): Maurice Tréand.
Janette (Ps.): Georgi Dimitroff.
Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, [Brügge], 30. 8. 1939.
An: Daniel. Ergreifen Maßnahmen, um das organisatorische Funktionieren Daniel (Ps.): Georgi Dimitroff.
der Partei zu gewährleisten. Sichern Tätigkeit der internationalen Organisa-
tionen bis zum letzten Augenblick, bereiten zugleich deren Verlegung nach
Belgien, Dänemark und Schweden vor. Treffen Maßnahmen, um Sicherheit
Beteiligter zu organisieren. Einzelheiten über Dallidet. Stern, Gabriel, Clé-
ment.24

Schlaglicht:
Das Nervenzentrum der Komintern – die Abteilung für internationale Verbindungen und der
Verbindungsdienst (OMS/SS).25

Um ein weitumspannendes Kommunikations- und Verbindungsnetz aufrechtzuerhalten, brauchte die


Komintern eine operativ-technische Infrastruktur. Diese Funktion erfüllte die »Abteilung für In-
ternationale Verbindungen«, auch OMS (Otdel Meschdunarodnoj Swjasi) genannt. Über das illegale
Netz und die dramatischen Ereignisse, die damit verbunden waren, gibt es bisher keine wissen-
schaftlichen Untersuchungen. Hauptkommunikationsmittel des Netzes waren die chiffrierten Funk-
telegramme, von denen hier erstmals eine signifikante Auswahl in deutscher Sprache veröffentlicht
wird.
Die Geschichte des Netzes illustriert den fundamentalen Funktionswandel der Komintern. Seit
1921 war die OMS für die Herstellung und Sicherung der (zumeist konspirativen) Verbindungen mit
den kommunistischen Parteien und innerhalb des EKKI-Apparates, für die technische Abwicklung

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der Finanzierung sowie den Literatur- und Pressevertrieb in den einzelnen Ländern zuständig. Ihr
oblag der Transport von Menschen, Gütern und Informationen zu Wasser, zu Land, per Funk (wozu
die Verfügung über Chiffren gehörte), daneben die Herstellung von gefälschten Dokumenten u.a.
in Verbindung mit dem militärischen Geheimdienst. Die Verbindungsstellen des OMS waren zudem
Abwicklungszentren für Revolutionsprojekte (»Deutscher Oktober« 1923, Kantoner Aufstand 1927,
der militärisch-politische Putsch von Prestes in Brasilien 1935). Sie waren auch am Transport und an
der Versorgung der Internationalen Brigaden in Spanien beteiligt und in Zusammenarbeit mit der
Grenzpolizei der GPU und ihrer Nachfolgeorgane für die Beförderung von Delegierten zu Komin-
ternkongressen nach Moskau und zurück zuständig.
Bis 1933 befand sich der wichtigste europäische Verbindungspunkt der OMS in Berlin, danach in
Paris und Amsterdam. Durch den Machtantritt Hitlers in Deutschland reduzierte sich der Strom
von Menschen und Gütern erheblich. Die Verbindungsstrukturen wurden in strikt illegale Apparate
umgewandelt, die von den Parteien völlig getrennt arbeiteten. Während der Großen Säuberungen
1936–1938 wurde das OMS zur Zielscheibe des Stalinschen Terrors und damit das oftmals noch von
Pjatnitzki und den Internationalisten der ersten Stunde aufgebaute Netz zerschlagen. Fast alle Lei-
ter und verantwortlichen Sekretäre (Abramow-Mirow, Melnikow, Grolman, Pjatnitzki, Trilisser)
wurden verhaftet und liquidiert. In der Folge wurde das OMS in SS (Sluschba Swjasi/Verbindungs-
dienst) umgewandelt und russifiziert, verstärkt wurde NKWD-Personal übernommen (das in inter-
nationaler Arbeit vergleichsweise unerfahren war). So beherrschte der 1939 eingesetzte OMS-Lei-
ter Sucharjow keine einzige Fremdsprache und war noch nie im Ausland gewesen; erst auf
Veranlassung Dimitroffs wurde er durch den geeigneteren Kandidaten Sorkin ersetzt. Die teilweise
Zerschlagung der internationalen Strukturen des OMS fiel mit der Niederlage der republikanischen
Kräfte in Spanien zusammen; Zehntausenden aus Spanien flüchtenden Angehörigen der Internatio-
nalen Brigaden wurde keine logistische Hilfe zuteil; falls sie es schafften, gelangten sie nach Frank-
reich, wo sie in die Internierungslager gesteckt wurden. Die Verbindungsapparate der Komintern
waren bis in die Kriegszeit hinein keine Nachrichtenapparate im strengeren Sinne, diese Aufgabe
wurde von den russischen Diensten betrieben. Am bekanntesten und spektakulärsten ist wohl die
Geschichte der »Roten Kapelle«, deren Netz sich geographisch zum Teil mit dem der Komintern
deckte, die jedoch, bis auf zeitweilige Unterstützung in Notfällen, völlig getrennt von ihr arbeitete.
Der OMS-Apparat von Goulooze übernahm z.B. die logistische Betreuung der über den Nieder-
landen durch die sowjetischen Dienste mit dem Fallschirm abgesetzten Agenten.

Die Komintern initiiert eine Kampagne für die Rettung der Inter-
brigadisten in den französischen Internierungslagern – politisch
nichtkonforme Spanienkämpfer werden von der Unterstützung
ausgeschlossen.

Nach dem Rückzug der Internationalen Brigaden im November 1938, der be-
sonders das am Ebro stehende republikanische Heer beträchtlich schwächte
(Togliatti), und dem darauf folgenden chaotischen »zweiten Einsatz« zur Ver-
Internierungslager Gurs, Frank- teidigung Barcelonas konnte die Niederlage im spanischen Bürgerkrieg nicht
reich. mehr abgewendet werden. Der Krieg forderte ca. 500000 Menschenleben. Die

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heillose Flucht von ca. 325000 Emigranten und ca. 30000 »Interbrigadistas«
endete für viele in den spanischen und französischen Lagern (im Sprach-
gebrauch der Komintern »Konzentrationslager«), in denen ca. 275000 Per-
sonen interniert wurden. Die folgenden Weisungen der von André Marty
geleiteten EKKI-Kommission zur Untersuchung der Probleme der Interbri-
gadisten und zur Hilfe für diese beruhen auf einem Beschluß des EKKI vom
25.6.1939. Marty nimmt Bezug auf eine Konferenz des Internationalen Ko- André Marty und Luigi Longo in
ordinations-, Informations- und Hilfskomitees für das Republikanische Spa- Spanien.
nien, die vom 15.–16.7.1939 in Paris stattfand. Teilnehmer aus 34 Ländern
engagierten sich für die Bürgerkriegsflüchtlinge, die Auflösung der Internie-
rungslager und konkrete Hilfe für in Spanien vor Gericht gestellte Interbri-
gadisten. Die Direktiven sind noch im antifaschistischen Duktus gehalten.
Für den Stalinismus bezeichnend ist die Kopplung der (zu spät einsetzenden)
Hilfskampagne an die Parteitreue bestimmter Gruppen. Nicht KP-konfor-
men Lagerinsassen wurde die Unterstützung verweigert – eine unter den herr-
schenden Umständen lebensbedrohliche Stigmatisierung.

Direktive der Komintern an die kommunistischen Parteien, Moskau,


26. 8. 1939.
Dokumentarische Angaben. Für die Parteien Amerikas, Australiens und
Neuseelands über zu ergreifende Maßnahmen, um die internationalen Frei-
willigen zu retten und ins normale Leben einzugliedern […]:
Die kommunistischen Parteien müssen ihre Passivität gegenüber den zahl-
reichen Emigranten aus vielen Ländern (Tschechen in Frankreich, Italiener,
Deutsche und Jugoslawen in den USA, Balten und Finnen in Kanada usw.) un-
verzüglich ablegen …
Die kommunistischen Parteien, FKP und Italienische KP teilweise ausge-
nommen, haben noch nicht begriffen, welch enormes politisches Kapital die
Flüchtlinge aus Spanien und die Internationalisten für die antifaschistische
Bewegung, für die Arbeiterklasse und für die kommunistischen Parteien dar-
stellen […].
Um die Freilassung der Kämpfer der Interbrigaden auf möglichst brei-
ter Grundlage betreiben zu können, wird empfohlen, in allen Ländern mit
starker Emigration (USA, Kanada, Frankreich, Belgien usw.) um prominente
Persönlichkeiten (Beneš, Karolyi u. a.) Komitees mit breiter Beteiligung auf-
zubauen. Diese Komitees sollen aktiv für die Freilassung, Unterbringung und
Unterstützung der Internationalisten der entsprechenden Nationalität wir-
ken, sobald sie am Ort eintreffen, ja sogar, wenn sie noch im Lager sit-
zen […].
Mit allem Nachdruck ist die »9. Kompanie« im Lager Gurs zu entlarven, die
von Agenten der Nationalsozialisten und der italienischen Faschisten auf-
gebaut wurde, um die Internationalisten zu spalten. Diese Kompanie besteht Mihály Károly.
fast gänzlich aus Trotzkisten, Anarchisten, Provokateuren und gewöhnlichen

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Kriminellen. Die Kommunisten müssen sich energisch dagegen verwahren,


daß Angehörigen dieser Kompanie Unterstützung zuteil wird. Die italienischen
Kommunisten haben das in den italienischen Hilfsorganisationen bereits
durchgesetzt […].
Nachdem die internationale Konferenz beschlossen hat, einen Hilfsfonds
in Höhe von 30 Millionen französischer Francs für Flüchtlinge (Spanier und
Internationalisten) einzurichten, muß entsprechend dem Beschluß des Se-
kretariats vom 25. Juni erreicht werden, daß die Hälfte dieser Summe den In-
ternationalisten vorbehalten bleibt […].
Zu diesem Zwecke ist zu erreichen, daß die Gefangenen verschiedener
Nationalität im Falle ihrer Freilassung von folgenden Ländern aufgenommen
werden: Polen, Tschechen, Österreicher und Ungarn von Schweden; Öster-
reicher, Deutsche und Italiener von den Vereinigten Staaten; Gefangene aus
Ruth Fischer. Balkanländern und dem Baltikum von Kanada […].26

Schlaglicht:
Die »9. Kompanie« im französischen Internierungslager Gurs.

Gurs lag wie die übrigen unter der demokratischen Regierung Daladier errichteten und von franzö-
sischer Gendarmerie bewachten Lager im südwestfranzösischen Béran (Pyrénées orientales). Die
Instruktionen der Komintern bewirkten Hilfe für Tausende, führten aber auch zur Diffamierung
und Unterdrückung bestimmter Gruppen im Lager, zu verminderter Essenszuteilung u. a. m. Die
Behauptungen von einer »Fünften Kolonne« und »Gestapo-Agenten« wurden nicht stichhaltig be-
wiesen. Nachdem die Interbrigadisten in Gurs zusammengelegt worden waren, bildeten ca. 200 Per-
sonen aus Opposition gegen die von der Komintern und der KP Deutschlands dominierte Lagerlei-
tung die »Unabhängige Antifaschistische Gruppe«, die sich »9. Kompanie« nannte (neben den acht
regulären Kompanien). Den Vorwurf der kommunistischen Lagerleitung, sie organisiere die Rück-
führung nach Deutschland und arbeite somit den Faschisten in die Hände, wies die »Unabhängige
Antifaschistische Gruppe« zurück. Zur Zeit der Kominterninstruktionen gehörten der u. a. von
gewerkschaftlichen Spanienhilfskomitees unterstützten Gruppe ca. 600 Personen aus zehn Natio-
nen an, darunter viele Anarchisten und Sozialdemokraten.27 Das hier veröffentlichte Dokument
läßt Ruth Fischers spätere Kritik glaubhaft erscheinen. Sie behauptete, im französischen Internie-
rungslager Le Vernet habe ihr Bruder Gerhart Eisler dafür gesorgt, daß Parteimitglieder, die sich ge-
gen den Hitler-Stalin-Pakt aussprachen, nicht auf die Liste der Gefährdeten kamen. Nicht wenige von
ihnen seien deshalb der Gestapo in die Hände gefallen, darunter auch Paul Friedländer, Ruth Fischers
erster Mann, der im Lager Le Vernet eine schriftliche Erklärung gegen den Pakt aufsetzte. Im Som-
mer 1941 habe Eisler dann seine Tätigkeit als Vertrauensmann der Komintern in den USA aufge-
nommen.28

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Chiffretelegramm an die Funkstelle [Paris] für die KP Italiens und die KP


Frankreichs, Moskau, 27. 8. 1939.
An Alfredo für Gallo und Yvonne, Alfredo (Ps.): Palmiro Togliatti.
1. Fordern Euch auf, Euch nachdrücklich für Entlassung Bürger Frankreichs, Gallo (Ps.): Luigi Longo.
Belgiens und der Tschechoslowakei unter Freiwilligen einzusetzen und ent- Yvonne (Ps.): Yvonne Robert.
sprechend zu handeln.
2. Übermittelt unverzüglich vollständige Liste der in Lagern und Lazaretten
in Frankreich und Algerien internierten Internationalen – sortiert nach Name,
Nationalität, Name in Spanien, Beruf, Alter, Rang oder Funktion, politischer
Einstellung, politischer Zugehörigkeit, gegenwärtigen Verbindungen, Aufent-
haltsort außerhalb Spaniens. Schickt Liste Angehöriger folgender Nationa-
litäten und möglichst in der genannten Reihenfolge: Deutsche, Österreicher,
Jugoslawen, Rumänen, Bulgaren, Italiener, Ungarn, Polen, Balten, Tsche-
chen, Griechen, Brasilianer. Schickt ebenso nach Nationalität geordnete Liste
aller verdächtigen Elemente oder Provokateure. Janette.29 Janette (Ps): Georgi Dimitroff.

Die Kominternführung in Erklärungsnot – Stalin soll helfen.

Dimitroff und Manuilski übermittelten Molotow am 27.8.1939 Informatio-


nen über die Haltung der kommunistischen Parteien zum Abschluß des so-
wjetisch-deutschen Nichtangriffsvertrags. Sie sandten diese Information auch
an Stalin und Schdanow. Stalin gegenüber hoben sie die positive Haltung der
meisten Parteien hervor. De facto hatte der Pakt jedoch eine Schockwelle aus-
gelöst. Dimitroff und Manuilski plädierten drei Tage nach Paktabschluß für
eine Fortsetzung des antifaschistischen Abwehrkampfes gegen das Hitlerregime
und für eine – allerdings »kritische« – Unterstützung der Maßnahmen zur
Landesverteidigung der Regierung Daladier. Dem entsprach auch die aktu-
elle Politik der KP Frankreichs und der Auslandsleitung der KP Deutsch- Georgi Dimitroff nach der Sit-
lands in Paris. Stalin reagierte nicht auf die Bitte nach politischer Orientie- zung des Obersten Sowjet im
rung. August 1939.

Brief Dimitroffs und Manuilskis an Stalin, Moskau, 27. 8. 1939.


Lieber Genosse Stalin, 28. 8. 1939: Großbritannien
Wir bitten um Ihren Rat in folgender Angelegenheit. drängt auf direkte Verhandlun-
Kommunistische Parteien kapitalistischer Länder, insbesondere die Fran- gen zwischen Deutschland und
zösische und die Englische Kommunistische Partei, haben zum sowjetisch- Polen. Hitler akzeptiert, stellt
deutschen Nichtangriffsvertrag, der die Pläne der Kriegstreiber gegen die jedoch Bedingungen, die von
UdSSR durchkreuzt, eine richtige Position eingenommen. Sie haben auf die Polen abgelehnt werden.
wütende antisowjetische Kampagne in der bürgerlichen und sozialdemokra-
tischen Presse in geeigneter Weise reagiert. Besonders hervorzuheben ist,
daß die französische Bourgeoisie mit der Schließung der Zeitungen »L’Hu-
manité« und »Ce Soir« sowie der gesamten kommunistischen Lokalpresse

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und dem Verbot aller Versammlungen eine Offensive gegen die Kommunisti-
sche Partei gestartet hat. Sie will die Kommunistische Partei außerhalb des
Gesetzes stellen, isolieren, und das ganze Land gegen sie aufhetzen.Trotz die-
ser Verfolgung wird die Kommunistische Partei den sowjetisch-deutschen Ver-
Mitglieder des EKKI-Sekretariats trag mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln als einen Akt des Friedens
1939: Palmiro Togliatti, Dmitri verteidigen, der den Interessen der internationalen Arbeiterklasse und des
Manuilski, Klement Gottwald, französischen Volkes entspricht. Allerdings erhebt sich in dieser komplizier-
Georgi Dimitroff, Otto Kuusinen, ten Situation die Frage nach der Haltung der Kommunistischen Partei zu den
Wilhelm Pieck, André Marty. Maßnahmen, die die Regierung Daladier zur sogenannten nationalen Vertei-
digung des Landes ergriffen hat. Wir denken, die Kommunistische Partei muß
daran festhalten, gegen die Aggression des faschistischen Deutschland Wi-
derstand zu leisten. Sie muß die Maßnahmen zur Stärkung der Verteidi-
gungsfähigkeit Frankreichs unterstützen, dies aber davon abhängig machen,
daß sie ihre Meinung offen zum Ausdruck bringen und ihrer Tätigkeit nach-
gehen darf. Zugleich muß die Partei darauf hinweisen, daß die derzeitige Re-
gierung Daladier-Bonnet nicht das Vertrauen des Volkes genießt und weder
eine seriöse Politik im Interesse des französischen Volkes noch eine wirksame
Verteidigung des Landes gewährleisten kann.
Wir bitten um Ihren Rat, ob diese Position richtig ist.
Mit brüderlichen Grüßen [G. Dimitroff, D. Manuilski].30

26. 8. 1939: Erklärung der Frak- Die KP Frankreichs zwischen antifaschistischem Reflex, »Natio-
tion der KPF in der französi- naler Union« und sowjetisch-deutscher Freundschaft.
schen Nationalversammlung
für die Verteidigung Frank- Der Abschluß des Paktes hatte für die Linke in Frankreich verheerende Fol-
reichs und der Nationen, mit gen. Die KP Frankreichs, nach der Zerschlagung der KP Deutschlands im
denen Frankreich vertraglich Jahre 1933 wichtigste Sektion der Komintern, zählte 1938 noch ca. 300000
verbunden ist: Für eine Franko- Mitglieder. Der Kurswechsel, die Rekrutierungen im Zuge der Mobil-
britannisch-sowjetische Allianz! machungen, die Repressionswelle nach dem Parteiverbot und die Gewerk-
schaftsausschlüsse von Kommunisten führten zu großen Mitgliederverlusten
26. 8. 1939: Unter Verweis auf und lösten eine Vertrauenskrise aus. In den ersten Instruktionen nach dem
den Abschluß des Stalin-Hitler- Pakt warnte die Komintern die Parteiführung vor einer zu weitgehenden Un-
Pakts läßt die französische Re- terstützung der Daladier-Regierung und ihrer Verteidigungsanstrengungen.
gierung, die die KP Frankreichs Dimitroffs Fehleinschätzungen und Stalins Schweigen führten dazu, daß die
als mit einer feindlichen Macht KP Frankreichs als wichtigste Sektion der Komintern in Europa zwischen
verbündete Organisation sieht, Antifaschismus und Zustimmung zum Stalin-Hitler-Pakt keinen Widerspruch
die kommunistische Presse erkennen wollte. Auch für sie blieb Hitler der Hauptfeind. Der betagte Marcel
verbieten. Die Polizei durch- Cachin, als Chefredakteur der »Humanité« Symbolfigur der KP Frankreichs,
sucht Redaktionsräume, konfis- bekräftigte in einem Brief an den Sozialistenführer Léon Blum feierlich die
ziert Material und Maschinen Bereitschaft der Partei zur Landesverteidigung gegen Hitlerdeutschland.
und verhaftet Flugblattverteiler.

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Erklärung der KP Frankreichs, Paris, 27. 8. 1939.


30.8.1939: Allgemeine Mobil-
In dieser schweren Stunde nimmt die Kommunistische Partei klar und loyal
machung in Polen und Sperrung
Stellung. Sie stellt fest, daß wenn Hitler Frankreich den Krieg erklärt, er ge-
des »Korridors« zwischen Ost-
gen sich das ganze Volk Frankreichs, die Kommunisten in der ersten Reihe,
preußen und dem Deutschen
finden wird, einig, die Sicherheit des Landes zu verteidigen.31
Reich.

Molotow bezeichnete den Stalin-Hitler-Pakt öffentlich als epochales Ereig-


nis.

Rede Molotows vor dem Obersten Sowjet, Moskau, 31. 8. 1939.


Gestern noch waren wir auf dem Gebiet der äußeren Beziehungen Feinde. 31. 8. 1939: Der Oberste So-
Heute jedoch hat sich die Lage verändert, und wir haben aufgehört, Feinde wjet in Moskau ratifiziert den
zu sein. […] Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffsvertrag bedeutet einen Um- Stalin-Hitler-Pakt.
schwung in der Entwicklung Europas. […] Dieser Vertrag beseitigt nicht nur die
Drohung eines Krieges mit Deutschland, er verengt das Feld möglicher krie-
gerischer Zusammenstöße in Europa und dient auf diese Weise der Sache des
allgemeinen Friedens.32
Man muß zugeben, daß es auch in unserem Lande einige kurzsich-
tige Leute gab, die sich von einer versimpelten antifaschistischen Agitation
hinreißen ließen […]. Stalin berücksichtigte diesen Umstand […]. Heute sieht
man, daß man diese Erklärungen Stalins in Deutschland im allgemeinen
richtig verstanden und die praktischen Schlußfolgerungen daraus gezogen
hat.33
31. 8. 1939: Hitler gibt den
Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, 31. 8. 1939. Befehl zum Überfall der deut-
An: Gottwald. Neue Lage hat teilweise Verwirrung hervorgerufen. Haben schen Wehrmacht auf Polen.
sofort Maßnahmen ergriffen, um den Massen Lage zu [er]klären und Kampf
gegen die Okkupanten zu steigern. C. C. KPCh. hat u. a. Aufrufe herausgege- C. C. KPCH: ZK der KP der
ben. […] C. C. KPCH.34 Tschechoslowakei.

Plechanowa über die Sowjetbürger und den Pakt


Dr. Rosalia Markowna Plechanowa, geb. 1856 in Gerson, war die zweite
Frau von Georgi Plechanow. Sie war bereits in der russischen Volkstüm-
lerbewegung (»Narodniki«) aktiv. Sie wurde in Frankreich vom Kriegs-
beginn überrascht. In ihrem bisher nur auszugsweise veröffentlichten Ta-
gebuch schrieb sie über den Sommer 1939: »Der Gedanke an ein Bündnis
der UdSSR mit Deutschland kam keinem Sowjetbürger in den Sinn. Nach
den Gefühlsäußerungen des deutschen Führers über unser Volk und un-
sere Regierung, nach dem Antikomintern-Pakt konnte einem der Gedanke
an ein Bündnis zwischen der UdSSR und Deutschland nicht in den Kopf
kommen.«35

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Teil 2.
Der Beginn des Zweiten Weltkrieges, die Haltung der Sowjetunion
und das erklärte Ende des Antifaschismus
(September–November 1939).

Kapitel 1. Der Schock und die Konsequenzen – Die weltweite Kultur des
Antifaschismus wird liquidiert. Den kommunistischen Parteien wird un-
tersagt, Polen gegen Hitlers Angriff zu verteidigen (September 1939).

1. 9. 1939: Um 4:45 h eröffnet Mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen begann der Zweite Weltkrieg.
das Linienschiff »Schleswig- Die Sowjetunion unterstützte den deutschen Vormarsch und ließ den
Holstein« das Feuer auf die Sender Minsk für die Wehrmacht arbeiten. Komintern und kommunisti-
Befestigungsanlagen der sche Parteien verfügten zu Beginn des Kriegs nicht über eine kohärente poli-
Westerplatte vor Danzig. Der tische Linie im Sinne des Stalin-Hitler-Pakts. Einige Parteien sprachen
deutsche Überfall auf Polen sich für den Kampf gegen die faschistischen Aggressoren und ihre Verbün-
ohne Kriegserklärung beginnt. deten und für die Verteidigung Polens aus, die KP Frankreichs grüßte alle
Kommunisten in der französischen Armee. Die KP der Niederlande warnte
1. 9. 1939: Auf der außerordent-
»bei einem eventuellen Versuch der Überwältigung der Niederlande durch
lichen Vierten Sitzung des
Nazideutschland« vor einem »nationalen Befreiungskrieg«.35 Trotz ihrer
Obersten Sowjets wird das
Antikriegsrhetorik ordnete sich die Komintern in den kommenden Mona-
»Gesetz über die allgemeine
ten der wohlwollenden Neutralität der Sowjetunion gegenüber Deutsch-
Wehrpflicht« angenommen.
land unter. Eine antifaschistische Volksfrontpolitik, die auf einem – selbst
1.9.1939: Das Kominternsekre- fiktiven – Konsens mit den Alliierten beruht hätte, war mit dem Pakt obsolet
tariat zeigt sich auf seiner Sit- geworden.
zung nicht beunruhigt darüber,
daß ein großer Teil der kommu- Hitlers Rede vor dem Großdeutschen Reichstag am 1. September 1939:
nistischen Parteien der Logik »Ich bin glücklich, Ihnen nun von dieser Stelle aus ein besonderes Ereig-
des Paktes nicht folgte. nis mitteilen zu können. Sie wissen, daß Rußland und Deutschland von
zwei verschiedenen Doktrinen regiert werden. Es war nur eine Frage, die
1.9.1939: Nächtliches Ausgeh-
geklärt werden mußte: Deutschland hat nicht die Absicht, seine Doktrin
verbot für Juden in Deutschland.
zu exportieren, und in dem Augenblick, in dem Sowjetrußland seine Dok-
trin nicht nach Deutschland zu exportieren gedenkt, sehe ich keine Ver-
Anfang September erklärt sich anlassung mehr, daß wir auch nur noch einmal gegeneinander Stellung
André Marty im Falle einer Mo- nehmen sollen!«36
bilisierung der französischen
Regierung zum Dienst an der
Waffe bereit.

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Am 1.9.1939 stellte das Sekretariat des EKKI fest, »daß die kommunistischen
2. 9. 1939: Das britische Kabi-
Parteien zum sowjetisch-deutschen Pakt im wesentlichen eine richtige Haltung
nett beschließt ein Ultimatum
eingenommen haben«37. Die Komintern instruierte am 1. 9. 1939 die KP
an Hitler.
Frankreichs, die Regierung Daladier nicht bedingungslos zu unterstützen,
doch es erfolgte noch keine grundsätzliche Absage. Als Stalins Empfehlungen
zur Kominternpolitik angesichts des Krieges ausblieben, wandte sich Dimitroff 2. 9. 1939: In einer später als
an Schdanow. irrtümlich widerrufenen Erklä-
rung verlangt das Politbüro der
Brief Dimitroffs an Schdanow, Moskau, 5. 9. 1939. KP Großbritanniens die soforti-
Lieber Genosse Schdanow. ge Einberufung einer interna-
Hiermit sende ich Ihnen die in unserer gestrigen Unterredung versprochene tionalen Konferenz der demo-
Kopie des Briefes zur Haltung der KP Frankreichs, den wir an Gen. Stalin ge- kratischen Mächte incl. der So-
schickt haben. wjetunion und der USA zur
Zwar wurde dieser Brief vor Kriegsausbruch abgesandt, aber die dort an- Herstellung der vollsten Zu-
gesprochene Frage steht auch gegenwärtig vor den französischen Genos- sammenarbeit für den Sieg im
sen, jetzt natürlich betreffs ihrer Haltung zum Krieg. Krieg gegen den Faschismus.
Wir bereiten ein Dokument zur grundsätzlichen Linie und den taktischen
Positionen der kommunistischen Bruderpartien unter den Bedingungen des 2.9.1939: Die Komintern verlangt
in Europa ausgebrochenen imperialistischen Krieges vor. Ich muß aber sa- regelmäßige Informationen über
gen, daß wir bei der Ausarbeitung dieser Linie, insbesondere der taktischen die Aktivitäten der KP Frank-
Positionen und politischen Aufgaben der kommunistischen Parteien, unter den reichs nach der Mobilmachung.
neuen Bedingungen, auf außerordentliche Schwierigkeiten stoßen. Um diese
zu überwinden und die richtigen Beschlüsse zu fassen, brauchen wir mehr 3. 9. 1939: Nach Ablauf eines
denn je die unmittelbare Hilfe und den Rat des Genossen Stalin. Ultimatums erklären Großbri-
Mit kameradschaftlichem Gruß (G. Dimitroff)38 tannien und Frankreich dem
Deutschen Reich den Krieg,
Das entscheidende Gespräch mit Stalin in Anwesenheit von Molotow und gefolgt von Australien, Indien
Schdanow fand erst am 7.9.1939 statt (siehe Dok. vom 7.9.1939). und Neuseeland.

Die folgenden Instruktionen zum Aufbau einer neuen Kominternzentrale 5. 9. 1939: Die polnische Armee
(Handelszentrum) in Westeuropa oder in der Schweiz bzw. in Schweden muß sich hinter die Weichsel
konnten nicht verwirklicht werden. Einige dieser Aufgaben übernahmen Fried zurückziehen.
und Ceretti in Belgien, Togliatti war bereits am 1.9. verhaftet worden.
5. 9. 1939: Roosevelt verkündet
Chiffretelegramm an die Funkstelle [Brügge] für die KP Frankreichs, die die Neutralität der USA im
KP Italiens und den Bevollmächtigten der Komintern für Westeuropa, europäischen Krieg.
Moskau, 4. 9. 1939.
An: Stern, Gabriel. Alfredo, Clément und Louis müssen sofort in ein neu- Stern: Maurice Thorez.
trales Land geschickt werden, wo sie das Handelszentrum unserer Firma or- Gabriel: Maurice Tréand.
ganisieren sollen. Dieses muß sofort Kontakt zum Hauptsitz der Firma her- Alfredo: Palmiro Togliatti.
stellen, mit ihren Außenstellen in Verbindung treten und eine möglichst aktive Clément: Eugen Fried.
Handelstätigkeit entwickeln, um nicht zuzulassen, daß unsere Konkurrenten Louis: Luis Codovilla.
die aktuelle Lage gegen unsere Handelsinteressen ausnutzen. Daniel.40 Daniel: Georgi Dimitroff.

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Schlaglicht:
Das System der chiffrierten Funktelegramme und internationalen Verbindungen der Komintern
im Zweiten Weltkrieg.

Seit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges waren die meisten Verbindungen unterbrochen, es ergab sich
dringender Handlungsbedarf. So mußten die zentralen Weisungen zum Krieg nach England über
Stockholm und Amsterdam übermittelt werden. Die weitere Illegalisierung der kommunistischen
Parteien durch den Vormarsch der deutschen Truppen oder als Folge von Regierungsmaßnahmen
gegen die offizielle Zusammenarbeit der Sowjetunion mit Hitler wie in Frankreich machte die co-
dierten Funktelegramme zum wichtigsten Kommunikationsmittel zwischen dem Moskauer Zen-
trum und der Peripherie. Der aus einem Spezialbudget finanzierte Verbindungsdienst wurde 1939
direkt dem Generalsekretariat Dimitroffs unterstellt. Von insgesamt ca. 600 (1939) und 400 (1941)
fest angestellten Mitarbeitern des Zentralapparats der Komintern waren ca. 65–70 für den Verbin-
dungsdienst tätig. Anfang 1939 wurde der versorgungswirtschaftliche Teil aus dem Verbindungs-
dienst ausgegliedert und figurierte fortan als »Institut Nr. 301«. Ihm unterstanden Komintern-Ob-
jekte wie das Erholungsheim Puschkino und das Forschungsinstitut für nationale und koloniale
Probleme. Reorganisiert wurde auch der Kurierdienst. Statt ständiger Kuriere wurden für besondere
Missionen von den jeweiligen kommunistischen Parteien in direkter Absprache mit dem Verbin-
dungsdienst Emissäre ausgewählt. Nur im Notfall kamen noch Mitarbeiter des Moskauer EKKI-Ap-
parates zum Einsatz.

Der Verbindungsdienst während des 2. Weltkriegs.

Mit dem Vormarsch der deutschen Truppen in West- und Nordeuropa wurde die Mitarbeiterwer-
bung für den Verbindungsdienst unter den Emigranten eingestellt. In mehreren europäischen und
asiatischen Ländern hatte die politische Polizei ihre Überwachung verstärkt. Das Personal der Ver-
bindungspunkte, die die Funkverbindungen nach Moskau herstellten, wurde – im vollen Gegensatz
zur bisherigen Praxis – meist durch verantwortliche Mitarbeiter der jeweiligen Partei ersetzt. An der
Kontrolle mußten sich die Generalsekretäre der Parteien nunmehr beteiligen. Trotz einiger Enttar-
nungen setzten die Verbindungspunkte in Paris (nach dem deutschen Einmarsch in den Süden Frank-
reichs verlegt), Prag, Istanbul, Schanghai und anderen Städten ihre Arbeit fort. Am 4.9.1939 wur-
den Maurice Thorez und Maurice Tréand von Moskau instruiert, einen Verbindungspunkt in Belgien
zu schaffen, wohin ein Teil der Leitung der KPF ausgewichen war. Die Funkstelle arbeitete unter der
Leitung von Maurice Tréand (Ps: Legros) in Brügge; dort wurde nicht nur die Kommunikation zwi-
schen Moskau und der KP Frankreichs gebündelt, sondern auch der Funk- und Kurierkontakt zur
KP Belgiens, KP Großbritanniens und der KP der Niederlande hergestellt. Der Punkt wurde nach
Brüssel transferiert, nachdem sich Anfang September auch Eugen Fried (PS. Clément, Kleman), der
zugleich organisatorischer Leiter der Komintern und der OMS für Westeuropa war, dort niederge-
lassen hatte. In Stockholm wurde eine Reservefunkstation für den Fall der Schließung der Funksta-
tionen in den Niederlanden und Frankreich geschaffen. In London lief die Funkverbindung über
Harry Pollitt, sie wurde infolge der Opposition Pollitts gegen die neue Ausrichtung der Komintern
unterbrochen. Von November 1939 an funktionierte wieder eine Funkverbindung, die D.F. Spring-
hall, der aus Moskau zurückkam, als neuer Leiter des Apparates der KP Großbritanniens kontrol-

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lierte.41 1939–1940 wurden neue Verbindungsstationen in Jugoslawien, Mexiko und Chile aufgebaut.
Im Februar 1940 wurde der jugoslawische Kommunist Kopinic (Ps: P. Vokschin) mit einem Funk-
gerät ausgerüstet und damit beauftragt, in Slowenien einen neuen Verbindungspunkt zu schaffen.
Vor seiner Abreise aus der Sowjetunion hatte er eine Unterredung mit Dimitroff und erhielt die not-
wendigen Finanzmittel zur Anwerbung und Finanzierung des erforderlichen Personals. Zwischen
Ende 1940 und Anfang 1941 baute Umberto Massola in Jugoslawien und Frankreich weitere Punkte
auf, um die Verbindung der Komintern mit den italienischen Parteiführern abzusichern, die sich in
Frankreich befanden. Nachdem Tréand aus Belgien ins besetzte Paris zurückgekehrt war, bestand
dort etwa ab Juni 1940 eine neue Funkverbindung der KP Frankreichs. Fried konnte sich nicht nach
Paris durchschlagen; er blieb in Brüssel, wo die Verbindung mit Moskau weiter funktionierte, aller-
dings war die zwischen Brüssel und Paris nicht stabil, und es gelang nicht immer, Tréand bzw. Du-
clos zu erreichen, wie sich anhand der Chiffrogramme nachvollziehen läßt. Eine sehr zuverlässige
Funkverbindung leitete seit 1937, als er den von der KPD geführten Apparat übernehmen und neu
strukturieren sollte, Daan Goulooze (»Direction«, »Der Große«) in Amsterdam; die Komintern
nutzte sie 1941 als Hauptstelle und nach Wiederinbetriebnahme der Brüsseler Funkstelle im
August/September 1941 parallel mit dieser zur Kontaktierung der kommunistischen Parteien in West-
und Südeuropa sowie der operativen Reserve der KPD. Ende 1941 waren weitere Punkte aufgebaut,
die regelmäßig funktionierten, u.a. in Schweden, in der Mongolei, in China, in den Vereinigten Staa-
ten, in der Türkei und im Iran. Seine wohl gefährlichsten Aufträge erledigte Goulooze 1942 in Ber-
lin, wo er eine Funkverbindung für den aus Amsterdam ins Reich kommandierten Wilhelm Knöchel
einrichten sollte, der eine neue Reichsleitung der KPD aufbauen sollte. Doch die KPD schaffte es
weder, die Reichsleitung zu implantieren, noch die Funkverbindung mit Moskau zu installieren; ein
Funker von Goulooze wurde von der Gestapo verhaftet und in der Folgezeit auch Knöchel. Damit
war zugleich die Widerstandskonzeption der KPD definitiv gescheitert.

Internationaler Verbindungsdienst und sowjetische Geheimdienste

Zur Unterweisung der Residenten und Mitarbeiter, besonders zur Ausbildung der Funker, betrieb
der Verbindungsdienst eine Anzahl von Schulen und Spezialkursen. Ab 1940 richtete die OMS Funk-
schulen in Ufa und im Moskauer Gebiet ein. Gelehrt wurde unter anderem das Chiffrieren, das Auf-
nehmen und Entwickeln von Photographien und der Gebrauch von Funkgeräten. Hochrangige Füh-
rer der kommunistischen Parteien wurden dabei als Kursleiter eingesetzt.
Der Verbindungsdienst kooperierte mit den nachrichtendienstlichen »Nachbarorganen«, insbe-
sondere mit dem von Pawel Fitin geleiteten 5. Sektor des NKWD (Nachrichtendienst), aber auch mit
der Leitung der Aufklärungsverwaltung der Roten Armee (GRU), dem militärischen Geheimdienst.
Die OMS/SS war als Lieferant von Informationen von höchster Bedeutung – so sandte z.B. Dimitroff
am 15.9.1939 japanische Chiffren, die von der KP Chinas abgefangen wurden, an das NKWD. Nicht
zuletzt aufgrund exklusiver Verbindungen konnte die Komintern bis ins Jahr 1941 gegenüber den so-
wjetischen Geheimdiensten in einer fordernden Position auftreten. Während die Komintern über
mehrere Verbindungen nach Jugoslawien verfügte, besaß das NKWD dort keine »Residenturen«. Die
Kooperationen betrafen seit Juni 1941 verstärkt die Entsendung von Gruppen hinter die Linien des
Gegners (u. a. mit dem Fallschirm abgesetzte Agenten). Die einzelnen Nachrichtendienste arbeiteten

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dennoch weitgehend unabhängig voneinander. So war der Meisterspion Richard Sorge ehemaliger
Mitarbeiter des EKKI, doch weder Dimitroff noch der NKWD-Nachrichtendienst waren über seine
Tätigkeit für die GRU informiert, was Verwirrung im Zuge seiner Aufdeckung auslöste.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion und im Zuge des letzten Aktivitätsschubes der
Komintern wurde die Verwaltung des EKKI mit dem Verbindungsdienst zusammengelegt. Als Sek-
tion des Sekretariats wurde das »Institut Nr. 301«, das bis zur Auflösung der Komintern bestehen
blieb, in die »Operative Wirtschaftsverwaltung« umgewandelt. Das Sekretariat des EKKI gründete
mit einem Beschluß vom 11.7.1942 die sogenannte Erste Abteilung des EKKI, die in Zukunft die
Auslandsverbindungen übernehmen sollte und direkt dem Generalsekretär unterstellt war. Die Ab-
teilung setzte sich aus einer Verbindungs- und Informationssektion und einer Sektion für die Vor-
bereitung der Dokumente zusammen, gefolgt von der Sektion für Kryptographie, der Sektion für Ex-
pedition und Assistenz, der Sektion für die Schaffung von speziellen Kadern und der Funksektion.
Die Operative Wirtschaftsverwaltung sollte die Erste Abteilung mit der entsprechenden Ausrüstung
versehen und sich um die Finanzierung der Gesamtaktivitäten kümmern, demnach bildeten beide
die Grundstruktur des Verbindungsdienstes.
Da im Laufe des Krieges eine Reihe von Verbindungspunkten enttarnt wurden, kam es zu Ver-
haftungen von Funkern und Chiffrierern, so in Frankreich, Schweden, der Türkei, China und Sin-
gapur. Einige Funkstellen konnten wiederhergestellt werden, andere wurden neu eröffnet.
In den Jahren 1942/43 verfügte die Komintern über ein Netz von fünf unabhängigen Funkstellen
in Polen, weiteren fünf in den Niederlanden, die sich auch mit Deutschland befaßten, je zwei Funk-
stellen in Belgien und Frankreich, je eine in Schweden, Dänemark, Österreich, Mongolei, Iran, Slo-
wenien, Kroatien, in der Partisanenzone in Jugoslawien, in England, in den Vereinigten Staaten und
schließlich drei Funkstellen in China.42

Die ersten verbindlichen Direktiven an die kommunistischen Par-


teien seit dem Paktabschluß: Es gibt keine faschistischen und keine
demokratischen Staaten mehr!

2. 9. 1939: Dimitroff fordert die Zwei Wochen nach Paktabschluß und fast eine Woche nach Beginn des Welt-
KP der USA auf, eine Kurzwel- krieges wurde die neue Generallinie für die Komintern festgelegt: Am
len-Funkstation (»Automobile 7. 9. 1939 empfing das »außenpolitische Triumvirat«, Stalin, Molotow und
Man«) zur Aufrechterhaltung Schdanow, den Vorsitzenden der Komintern. Dimitroffs Tagebuch vermittelt
der Kontakte mit Moskau ein- den bisher aufschlußreichsten Einblick in Stalins Motive für den Paktabschluß
zurichten, die später auch für und die sowjetische Außenpolitik im Zweiten Weltkrieg. Die folgenden, in
die Verbindungen nach Latein- ihrer Unmittelbarkeit nur den »Tischgesprächen« Hitlers vergleichbaren Auf-
amerika genutzt werden soll. zeichnungen (Donald O’Sullivan) sind um so bedeutungsvoller, als Stalin
Darüber hinaus sollen verstärkt nichts davon hielt, seine Schritte anderen zu erläutern, und dies nur äußerst
Schiffskuriere rekrutiert wer- selten tat. Besymenski bezeichnete die Notizen als das einzige erhaltene glaub-
den. würdige Dokument dieser Art.

Tagebuchnotiz von Georgi Dimitroff, 7. 9. 1939.


– Im Kreml (Stalin, Molotow, Schdanow).

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Stalin:
– Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen von kapitalistischen Staaten ge-
führt – (arme und reiche im Hinblick auf Kolonien, Rohstoffe usw.) um die
Neuaufteilung der Welt, um die Weltherrschaft!
– Wir haben nichts dagegen, daß sie kräftig aufeinander einschlagen und
sich schwächen.
– Nicht schlecht, wenn Deutschland die Lage der reichsten kapitalistischen
Länder (vor allem Englands) ins Wanken brächte.
– Hitler selber zerrüttet und untergräbt, ohne es zu verstehen und zu wol-
len, das kapitalistische System […].
Wir können manövrieren, eine Seite gegen die andere aufbringen, damit sie
sich noch stärker in die Haare kriegen.
– Der Nichtangriffsvertrag hilft Deutschland in gewissem Maße.
– Der nächste Schritt ist der, die andere Seite anzuspornen.
– Die Kommunisten der kapitalistischen Länder müssen entschieden
gegen ihre Regierungen, gegen den Krieg auftreten. Bis zum Krieg war es
völlig richtig, dem Faschismus das demokratische Regime entgegenzuset-
zen.
– Während des Krieges zwischen den imperialistischen Mächten ist das
schon nicht mehr richtig.
– Die Unterscheidung der kapitalistischen Länder in faschistische und de-
mokratische hat ihren bisherigen Sinn verloren.
– Der Krieg hat einen grundlegenden Bruch herbeigeführt.
– Die Einheitsvolksfront von gestern diente dazu, die Lage der Sklaven im
kapitalistischen Regime zu erleichtern.
– Unter den Bedingungen des imperialistischen Krieges steht die Frage
nach der Vernichtung der Sklaverei!
– Heute die Positionen des gestrigen Tages einzunehmen (Einheitsvolks-
front, Einheit der Nation) – bedeutet, auf die Positionen der Bourgeoisie ab-
zugleiten.
– Diese Losung wird zurückgenommen. […]
– Was ist Schlechtes daran, wenn wir im Ergebnis der Zerschlagung Polens
das sozialistische System auf neue Territorien und [neue] Bevölkerung aus-
dehnen. […]
Man muß der Arbeiterklasse sagen –
– daß der Krieg um die Weltherrschaft geführt wird;
– daß die Herren der kapitalistischen Länder für ihre imperialistischen In-
teressen kämpfen;
– daß dieser Krieg den Arbeitern, den Werktätigen nichts bringen wird außer
Leid und Entbehrung.
– Wir müssen entschieden gegen den Krieg und seine Schuldigen auf-
treten.
– Entlarven Sie die Neutralität, die bourgeoise Neutralität der Länder, die

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bei sich für Neutralität eintreten und den Krieg in anderen Ländern mit dem
Ziel der Bereicherung unterstützen.
– Es ist notwendig, Thesen des Präsidiums des EKKI vorzubereiten und zu
veröffentlichen.43

8. 9. 1939: Deutsche Truppen Bereits am Folgetag wird die Direktive, die Stalins strategische Überlegun-
erreichen Warschau. gen in eine für die Komintern geeignete Form bringt, als chiffriertes Telegramm
übermittelt, zunächst nach Prag, wenig später auch nach Frankreich. Das
Dokument markiert unter dem Signum des »Antiimperialismus«, des
Kampfes gegen die Sozialdemokratie und die westlichen Demokratien Eng-
land und Frankreich, de facto das Ende von Antifaschismus und Volksfront-
politik. Während Browder auf dem Plenum des Zentralkomitees der KP der
USA (2.–4.9.1939) noch dazu aufrief, eine »Weltfront des Friedens der de-
mokratischen Nationen« zu bilden und die Invasion Polens als »einen bar-
barischen Akt der imperialistischen Aggression« bezeichnete,44 sprechen die
Kominterndirektiven eine andere Sprache. Die deutsche Fassung übermit-
telte Gottwald an das Zentralkomitee der KP der Tschechoslowakei.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Prag, Moskau, 8. 9. 1939.


ZK KPC: ZK der KP der An: ZK KPC. Der gegenwärtige Krieg ist ein imperialistischer, ungerechter
Tschechoslowakei. Krieg, an dem die Bourgeoisie aller kriegführenden Staaten gleich schuldig ist.
In keinem Lande darf weder die Arbeiterklasse, um so weniger die Kommuni-
8. 9. 1939: Das ZK-Mitglied der stische Partei den Krieg unterstützen. Die Bourgeoisie führt den Krieg nicht
KP Frankreichs Raymond gegen den Faschismus, wie es Chamberlain und die Parteiführer der Sozial-
Guyot wird mit den neuen poli- demokratie behaupten. Der Krieg wird zwischen zwei Gruppen kapitalistischer
tischen Instruktionen der Kom- Länder um die Weltherrschaft geführt. Die internationale Arbeiterklasse kann
intern nach Paris zurückge- in keinem Falle das faschistische Polen verteidigen, das die Hilfe der Sowjet-
schickt. union zurückgewiesen hat und die anderen Nationalitäten unterdrückt.
Die kommunistischen Parteien haben gegen die München-Anhänger
gekämpft, weil sie eine wirkliche antifaschistische Front mit Teilnahme der
11. 9. 1939: Barrikaden in War- Sowjetunion wollten, aber die Bourgeoisie Englands und Frankreichs hat die
schau. Tod des polnischen Re- Sowjetunion zurückgestoßen, um einen räuberischen Krieg zu führen.
volutionärs Marian Buczek. Der Krieg hat die Lage wesentlich verändert. Die Teilung der Staaten in fa-
schistische und demokratische hat jetzt den früheren Sinn verloren. Dement-
13. 9. 1939: Dimitroff fordert die sprechend muß die Taktik geändert werden. Die Taktik der kommunistischen
KP der USA auf, zwei Mitglie- Parteien in allen kriegführenden Ländern ist in dieser Etappe des Krieges, ge-
der mit guten bürgerlichen Re- gen den Krieg aufzutreten, seinen imperialistischen Charakter zu entlarven,
ferenzen als Seeleute oder dort [wo] kommunistische Deputierte vorhanden sind, gegen Kriegskredite zu
Journalisten »bereitzustellen«, stimmen, den Massen zu erklären, daß der Krieg ihnen nichts anderes als
die sich in Europa noch von Last und Ruin bringen wird. In den neutralen Ländern muß man die Re-
einem Land in das andere be- gierungen entlarven, die für Neutralität ihrer Länder auftreten, aber zwecks
wegen können. Profit den Krieg in anderen Ländern unterstützen, wie es die Regierung der
Vereinigten Staaten Amerikas in bezug auf Japan und China macht. Die kom-

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munistischen Parteien müssen überall zu einer entschiedenen Offensive ge-


gen die verräterische Politik der Sozialdemokratie übergehen.
Die kommunistischen Parteien, besonders Frankreichs, Englands, Belgi-
ens und der Vereinigten Staaten Amerikas, welche im Gegensatz zu dieser
Einstellung auftraten, müssen sofort ihre politische Linie korrigieren. Sekreta- Sekretariat des EKKI.
riat.45

Die Funkstelle des EKKI in Amsterdam meldete am 17. 9. 1939, daß eine
Verbindung mit der KP Frankreichs in Paris hergestellt wurde. Die politi-
schen Direktiven an die KP Norwegens, Dänemarks, Frankreichs, Belgiens,
der Niederlande, Lettlands und Finnlands zum Krieg seien übermittelt wor-
den.46

Die Aufteilung Polens zwischen Hitler und Stalin, die Besetzung


Westweißrußlands und der Westukraine durch die Rote Armee und
ihre Einverleibung in die Sowjetunion. Die Komintern feiert den
»Befreiungseinmarsch«.

Der deutsche Botschafter hatte Stalin seit dem 5.9.1939 wiederholt Hitlers 17. 9. 1939: Einmarsch der
Wunsch übermittelt, die UdSSR solle ihren Teil des polnischen Kuchens er- Roten Armee nach Ostpolen.
greifen. Stalin zögerte und befürchtete einen Krieg mit Frankreich und Eng- 250 000 polnische Soldaten
land oder auch ein Wiederaufflammen der Feindseligkeiten seitens Japans. werden von den sowjetischen
Vermutlich deshalb wurde die Invasion in Polen als eine Maßnahme darge- Truppen gefangen genommen.
stellt, um die Ukrainer und Weißrussen in diesen Regionen vor dem deut-
schen Vormarsch zu schützen. Von den Juden ist dabei nicht die Rede.47 Am 17. 9. 1939: Polens Staatspräsi-
17.9.1939 marschierten sowjetische Truppen »zum Schutze von Leben und dent und die Regierung emi-
Eigentum der blutsverwandten Bevölkerung der West-Ukraine und West- grieren nach Rumänien und
weißrußlands« in Polen ein. Molotow erklärte, die Sowjetunion habe die bis- werden dort interniert.
her geübte Neutralität im Krieg nicht mehr aufrechterhalten können. Die So-
wjetunion annektierte in der Folge Teile Ostpolens, der Westukraine und 18. 9. 1939: Zusammentreffen
Westweißrußlands. Um zwei Uhr nachts hatte Stalin dem deutschen Bot- deutscher und sowjetischer
schafter mitgeteilt, um sechs Uhr erfolge der Einmarsch in Polen. Als Schu- Truppen bei Brest-Litowsk.
lenburg den ihm vorgelesenen Entwurf einer Erklärung in drei Punkten nicht
akzeptierte, änderte Stalin den Wortlaut »bereitwilligst« ab. Die Annexion
wurde als »Wiedervereinigung« und als Ergebnis des »antifaschistischen
Kampfes« der Arbeiter, der Proklamierung der Sowjetmacht durch die »Volks-
versammlungen« dargestellt. Besonders deutlich wurde auf die in den betrof-
fenen Gebieten erfolgten sozialen und gesellschaftlichen Umwälzungen im
Interesse der Arbeiter und Bauern verwiesen (Abschaffung des Privateigen-
tums, Enteignung von Großgrundbesitz).

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Das Vorgehen der Roten Armee in Polen und die Aufteilung des Landes zwi-
schen Hitlerdeutschland und der Sowjetunion sollten verschleiert werden.
Aus einer Aufzeichnung des Botschaftsrates Hilger in Moskau geht hervor, daß
Stalin sich mit dem Entwurf für ein gemeinsames deutsch-sowjetisches Kom-
muniqué nicht einverstanden erklärte, »da es den Tatbestand mit allzu großer
Offenheit darlege«. Er verfaßte daraufhin einen eigenen Entwurf, dem der
Reichsaußenminister zustimmte und der in der »Prawda« veröffentlicht
wurde. Zu den Aufgaben der sowjetischen und deutschen Heere, die in Polen
»tätig sind«, gehöre, Ruhe und Ordnung wiederherzustellen und der polni-
schen Bevölkerung zu helfen.

Deutsch-sowjetisches Kommuniqué, 19. 9. 1939.


21. 9. 1939: Das Präsidium des Zur Verhütung von irgendwelchen unbegründeten Gerüchten hinsicht-
EKKI befaßt sich mit einem lich der Aufgaben der deutschen und sowjetischen Truppen, die in Polen
Bericht Maos über den Kampf tätig sind, erklären die deutsche Reichsregierung und die Regierung der
gegen die Kapitulation gegen- UdSSR, daß die Handlungen dieser Truppen keinerlei Ziele verfolgen, die
über Japan. den Interessen Deutschlands und der Sowjetunion zuwiderlaufen und
dem Geiste und dem Buchstaben des zwischen Deutschland und der UdSSR
geschlossenen Nichtangriffsvertrages widersprechen. Die Aufgabe dieser
Heere besteht im Gegenteil darin, in Polen Ordnung und Ruhe herzustellen,
22. 9. 1939: Die Rote Armee welche durch den Zerfall des polnischen Staates zerstört wurden, und der Be-
besetzt Lwów (Lemberg). völkerung Polens zu helfen, die Bedingungen seines staatlichen Daseins neu
zu regeln.48

Die sowjetische Regierung wies ihr politisches Vorgehen als Akt der Verteidi-
gung europäischer Kultur aus.

22. 9. 1939: Gemeinsame Mili-


tärparade der Roten Armee Rundfunkrede Molotows, Moskau, 23. 9. 1939.
und der Wehrmacht in Brest- Die Sowjetregierung sieht es als ihre Pflicht an, ihren ukrainischen und bje-
Litowsk unter der Führung von lorussischen Brüdern, die Polen bewohnen, die Hand zur Hilfe zu reichen, das
General Guderian und Briga- polnische Volk aus dem unglückseligen Krieg zu befreien und ihnen die Mög-
dekommissar Kriwoschein. lichkeit zu geben, ein friedliches Leben zu führen.49

24. 9. 1939: 1150 deutsche »Die Welt« über einen Kommentar der »Iswestija«, vom 30. 9. 1939.
Flugzeuge bombardieren Die Sowjetregierung und die deutsche Regierung haben erklärt, daß sie
Warschau. ihre gemeinsamen Bemühungen darauf lenken werden, dieses Ziel, den Frie-
den, so rasch als möglich zu erreichen. Wenn ihre Bemühungen erfolglos blei-
ben, fällt »die Verantwortung für die Fortsetzung des Krieges auf England und
27. 9. 1939: Kapitulation Polens Frankreich. […] Die Bedeutung dieser Erklärung für die Sache des Weltfrie-
in Warschau. In der Folge wer- dens kann nicht überschätzt werden. Die Sowjetunion, die nicht am Kriege
den der polnische Staat und teilnimmt, tritt hier nochmals als uneigennütziger, konsequenter und wahr-
die polnische Armee vernichtet, hafter Vorkämpfer des Friedens und als Verteidiger der Volksmassen auf, die

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in das Unheil des Krieges durch die Raubinteressen der Kapitalisten hinein- die gesellschaftlichen Eliten
gezogen wurden.«50 werden deportiert oder getötet.

Kommentar der »Prawda«, Moskau, 30. 9. 1939.51


Der dauerhafte Frieden in Osteuropa ist wieder hergestellt. Getreu ihrer 3. 10. 1939: Die Komintern ent-
Politik beschränkt sich die Sowjetregierung nicht darauf. Im Interesse der sendet den tschechischen
Millionen von Werktätigen, im Interesse der europäischen Kultur bemüht sie Kommunisten Bohumír Šmeral
sich, den Frieden in ganz Europa, in der ganzen Welt zu sichern. […] Die Völ- in die Westukraine und nach
ker wollen keinen Krieg! Die Lage ist klar. Nur von den Regierungen Englands Westrußland, um die »Befrei-
und Frankreichs hängt es jetzt ab, ob der gegen den Willen der Völker be- ung« dieser Gebiete für die
gonnene Krieg fortdauert, der Krieg die ganze Welt mit neuem Gemetzel westliche KP-Presse zu doku-
bedroht.52 mentieren. Dimitroff verlangt
zudem im Namen des EKKI
Im Namen der Komintern rechtfertigte Dimitroff gegenüber dem Generalse- die »Säuberung« dieser
kretär der KP der USA in blumigen Worten die militärische Zerschlagung Gebiete.
Polens und die Besetzungen der Roten Armee. Im Gegensatz zu Stalin ver-
gaß Dimitroff die Juden nicht – doch betrachtet er sie als Opfer Polens, nicht
Deutschlands.

Brief Dimitroffs an Earl Browder in New York, Moskau, 1. 10. 1939.


Lieber Gen. Browder,
Ungeachtet der Tatsache daß Sie […] bestimmte Schritte zur Korrektur der
Partei [eingeleitet haben], verbleiben Sie, wie Ihre Rede in Cleveland zeigt,
Gefangener der Linie vor dem Krieg […].
Gegenwärtig geht es nicht nur um den Faschismus, sondern um die Exi-
stenz des gesamten kapitalistischen Systems. Die Frage des Faschismus
spielt eine zweitrangige Rolle. Die Hauptsache ist der Kampf gegen den Ka-
pitalismus […]. Polen war ein reaktionärer Vielvölkerstaat, welcher auf der Un-
terdrückung von Ukrainern, Weißrussen und Juden aufbaute, ein Staat, der
von der Korruption seiner Führungsschicht zersetzt war. Das internationale Einmarsch deutscher Truppen in
Proletariat hat kein Interesse an der Existenz eines solch parasitären Staates. Polen.
Als die Sowjetunion den Werktätigen der Westukraine und Westweißruß-
lands zu Hilfe kam, hat sie elf Millionen Menschen der kapitalistischen Hölle
entrissen, ihre nationale und kulturelle Entwicklung sichergestellt, sie der Sa-
che des Sozialismus zugeführt und mit all ihrer Macht vor ausländischer Ver-
sklavung bewahrt …53

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Kapitel 2. Strategische Brüche, innere und äußere Zerreißproben – Die


Hintergründe der Affäre Dahlem – Kommunisten gegen antifaschistische
Legionen.

Die Affäre Franz Dahlem und das Auslandssekretariat der KP


Deutschlands (September–November 1939).

Neue Dokumente über die »Affäre Dahlem« beleuchten, wie die sowjetische
Führung, vermittelt über die Komintern, den Antifaschismus in der KPD
entsorgte und damit auch die Prinzipien und die Kultur für obsolet erklärte,
für die die Komintern stand. Insbesondere die KPD wurde durch die offizi-
elle Freundschaft zwischen Hitler und Stalin vor unüberwindbare Probleme
gestellt. Die im folgenden dokumentierten Ereignisse um die Auslandsleitung
der KP Deutschlands in Paris wurden häufig als Episode oder Angelegenheit
der West-Emigration der KPD bzw. ihrer Leitung betrachtet. Ihre Bedeutung
war, wie sich nun herausstellt, umfassender. Es ging darum, die bisherige Anti-
Franz Dahlem. Hitler-Politik der KPD in Deutschland zu beenden. Die Auslandsgruppe
(Auslandsleitung) der Partei in Paris war auch für die operative Arbeit nach
Deutschland zuständig, sie sollte die Verbindungen und die illegale antifa-
schistische Arbeit im Lande leiten und kontrollieren.
Nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich Hitlers war in Mos-
kau eine Deutsche Kommission beim EKKI gebildet worden (u.a. mit Ul-
bricht, Pieck, Dahlem, Dengel, Florin, Hähnel, Koplenig und Wehner). Ziele
waren u.a. die Verlagerung der Politik der KPD ins Ausland und die Wie-
deraufnahme eines breiteren propagandistischen antifaschistischen Volks-
frontkurses. Seit Juni 1938 hielt sich Dahlem als Nachfolger von Ulbricht,
der Vertreter der KPD beim EKKI in Moskau wurde, in Paris auf. Als Lei-
ter des zu einem »kollektiven Führungsorgan umgewandelten« Sekretariats des
ZK der KPD bemühte er sich (gegen Ulbricht) mit Paul Bertz, Johannes Ko-
plenig, Paul Merker und anderen darum, den Volksfrontausschuß und die
Kontakte mit deutschen Emigranten zu intensivieren (Rudolf Breitscheid,
Heinrich Mann, Thomas Mann, Carl Spiecker, Hermann Rauschning, Fried-
rich Stampfer, Jacob Walcher). Im September 1938 erfolgte die Gründung des
Thomas-Mann-Ausschusses der deutschen Emigration, an der Dahlem betei-
ligt war.
Die hier abgedruckten Dokumente bestätigen, daß das Pariser Auslands-
sekretariat der KPD trotz des deutsch-sowjetischen Paktes zunächst dem an-
tifaschistischen Ursprungsreflex folgte. Eine Erklärung der Auslandsleitung
Hermann Rauschning. der KPD zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 25.8.1939 sollte

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der Orientierung »der illegalen Parteiorganisation« in Deutschland dienen.


Am 27.8.1939 erschien die letzte Ausgabe der »Deutschen Volkzeitung« vor
dem Verbot in Paris mit einem antifaschistischen Kommentar Dahlems.

»Ratlosigkeit und Verwirrung« – Die widersprüchliche Erklärung


der KP Deutschlands zum Pakt.54

Ein widersprüchliches, doch denkwürdiges Dokument ist die letzte anti-


faschistisch inspirierte und deutlich gegen das Hitlerregime gerichtete Er-
klärung der KPD bis 1941. Mit zentralen Aussagen wie Hitler dürfe man
nicht trauen und der Pakt sei ein Mittel »zum Sturz Hitlers und zur Er-
reichung eines freien Deutschlands« widersprach es den Vorgaben der Kom-
intern grundsätzlich.
Die von Gerhart Eisler und Anton Ackermann allem Anschein nach ohne
Konsultierung der Komintern vorbereitete Erklärung umfaßt sieben eng be-
schriebene Typoskriptseiten. Eigenartigerweise war der Text bis zum Verfah-
ren der SED gegen Dahlem 1953 nicht auffindbar. Die hier zitierte Vorlage
stammt aus dem Archivbestand des Reichssicherheitshauptamtes. Sie wurde Anton Ackermann.
in vollem Wortlaut erst im Jahre 1989 veröffentlicht. Das Kominternorgan
»Rundschau« druckte im Jahr 1939 nur einen kleinen Auszug ab, in dem die
meisten Anspielungen auf Hitler ausgelassen oder verändert worden waren.
Auch die Passage, in der das deutsche Volk aufgefordert wird, Hitlers keines-
falls zu trauen, fehlte. In der DDR wurden ebenfalls nur stark verstümmelte
Fassungen publiziert. Hier einige signifikante Ausschnitte aus der Erklärung:

»Erklärung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutsch-


lands zum Abschluß des Nichtangriffspaktes zwischen der Sowjetunion
und Deutschland«, [Paris], 25. 8. 1939.
Anläßlich des Abschlusses eines Nichtangriffspaktes zwischen der So-
wjetunion und Deutschland sendet die Kommunistische Partei Deutschlands,
die die konsequenteste Vertreterin und Vorkämpferin der Interessen der deut-
schen Arbeiterklasse und des gesamten deutschen Volkes und daher die un-
versöhnliche Feindin des Hitlerregimes und seiner abenteuerlichen und ver- Gerhart Eisler, 1968.
brecherischen Kriegspolitik ist, dem Lande des Sozialismus, den freien Völkern
der UdSSR und ihrem genialen Führer Genossen Stalin die heißesten Grüße.
Die Kommunistische Partei Deutschlands sieht in dieser Politik des Ab-
schlusses eines Nichtangriffspaktes seitens der Sowjetunion mit Deutschland
die konsequente Fortsetzung der Friedenspolitik der Sowjetmacht und eine ge-
waltige Waffe im Kampf des deutschen Volkes gegen den Krieg, für die Er-
haltung des Friedens, für den Sturz des Hitlerregimes und für die Schaffung
eines neuen freien Deutschlands. […]
Das werktätige deutsche Volk und besonders die deutschen Arbeiter müs-

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sen die Friedenspolitik der Sowjetunion unterstützen, sich auf die Seite aller
von Hitler bedrohten Völker stellen und nunmehr erst recht dafür kämpfen,
daß im Geiste des von der Sowjetregierung mit Deutschland abgeschlosse-
nen Nichtangriffspaktes sofort ebensolche Friedenspakte mit Polen, Rumä-
nien, mit Frankreich und England, mit allen Völkern, die sich mit Recht durch
die Angriffspolitik Hitlers bedroht fühlen, geschlossen werden.
Nieder mit den Kriegsdrohungen des Hitlerregimes!
Schluß mit den räuberischen Überfällen auf andere Völker!
Wahrung der nationalen Unabhängigkeit und Freiheit aller Völker!
Freiheit und nationale Selbstbestimmung für das österreichische und tsche-
choslowakische Volk! Heraus mit den deutschen Truppen und Gestapo aus
diesen Ländern!
2.9.1939: In Moskau beginnen Hände weg von Danzig!
die Verhandlungen zwischen Friedliche Verständigung mit Polen!
den Führungen der KP Deutsch- Schluß mit dem Antikominternpakt mit Tokio, Rom, Madrid und Budapest!
lands, der KP der Tschecho- Frieden und Verständigung mit Frankreich und England!
slowakei und der KP Österreichs Sofortige Demobilisierung der Armee bis auf den Friedensstand!
unter anderem wegen eines Verständigung mit den anderen Völkern über eine allgemeine Abrüstung!
gemeinsamen Aufrufs ange- Durch den Abschluß des Wirtschaftsabkommens und des Nichtan-
sichts der Lage. griffspaktes mit der Sowjetunion eröffnet sich für Deutschland die Möglichkeit,
einen Weg zu beschreiten, auf friedliche Weise die großen wirtschaftlichen
Fragen Deutschlands zu lösen, den Handel zwischen beiden Ländern in
großzügiger Weise zu entfalten. […]
2. 9. 1939: Das Sekretariat des Die Kommunistische Partei Deutschlands warnt das deutsche Volk, sich Il-
EKKI beschäftigt sich mit dem lusionen hinzugeben, daß das Hitlerregime eine solche Politik, die allein im In-
Parteitag der NSDAP in Nürn- teresse des deutschen Volkes liegen würde, durchführen wird. Hitler hat den
berg. Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion nur in der Notlage einer schwierigen
Situation abgeschlossen. Nicht einen Funken Vertrauen darf das deutsche
Volk in die Unterschrift Hitlers haben. Er hat noch jedes Wort gebrochen und
bisher noch jeden Vertrag hinterhältig, wie einen Fetzen Papier, zerrissen.
Aber Hitler ist nicht Deutschland. Hitler ist ein vorübergehender Mann, dessen
Sturz naht. Das ganze deutsche Volk muß der Garant für die Einhaltung des
Nichtangriffspaktes zwischen der Sowjetunion und Deutschland sein. Nur
wenn das deutsche Volk selbst das Schicksal der deutschen Nation in seine
Hände nimmt, wird der Friede gesichert sein. Vertraut nur auf Eure eigene
Kraft! […]
Für eine freie Deutsche Republik, in der das deutsche Volk selbst über sein
Siegfried Rädel. Schicksal und seine Zukunft entscheiden kann.
Auf den Schultern der deutschen Arbeiterklasse, der einzigen geschlosse-
nen Kraft, die fähig ist, das Hitlerregime zu stürzen und eine neue Ordnung
zu erkämpfen und zu behaupten, liegt jetzt die Zukunft Deutschlands. […]
Deutsche Kommunisten!
Stellt Euch an die Spitze des Kampfes um die Rettung der deutschen Na-

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Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:57 Seite 133

tion vor der Katastrophenpolitik Hitlers. Lernt von der Bolschewistischen Par-
tei, aus ihrer heldenhaften Geschichte, wie man die Massen des Volkes zum
Siege über alle ihre Feinde führt. Kämpft im Geiste Ernst Thälmanns, dessen
Politik im Interesse des deutschen Volkes heute mehr denn je durch die Er-
eignisse gerechtfertigt ist, kämpft unter den Fahnen unserer heroischen Kom-
munistischen Partei. Danzig: SS-Heimwehr errichtet
In dieser Stunde, wo Hitler das polnische Volk und andere Völker auf das Straßensperren.
äußerste bedroht, rufen wir alle deutschen Arbeiter, das deutsche Volk auf,
sich zusammenzuschließen und den Kampf aufzunehmen, um in der Stunde
höchster Gefahr den Frieden zu retten.
Stürzt Hitler das deutsche Volk trotz allem in die Katastrophe des Krieges,
dann muß jeder Deutsche wissen: Hitler ist der Schuldige am Krieg!
Dann kommt es darauf an, für die Niederlage des Naziregimes im Kriege
und für den Sturz Hitlers zu kämpfen. Die Arbeiterklasse, das befreite deut-
sche Volk, werden dann den Frieden schließen und Deutschland einer neuen
glücklichen Zukunft entgegenführen.55

Zur Entkräftung der später gegen ihn erhobenen Beschuldigungen, er habe ge-
gen die Komintern-Linie verstoßen, verwies Franz Dahlem später auf die der
Resolution zugrundeliegende Absicht: »Meiner Erinnerung nach ist dort der
Kerngedanke folgender gewesen: daß dieser sehr begrüßenswerte Nicht-
angriffspakt nur dann von Dauer sein wird, bei konsequentem Kampf des
deutschen werktätigen Volkes für den Frieden und die Wiedererringung der
demokratischen Freiheiten, letzten Endes aber durch den Sturz der Hitler-
diktatur.«56

Die Briefe Dahlems an den französischen Ministerpräsidenten 1. 9. 1939: Die Komintern in-
Edouard Daladier. struiert die KP Frankreich, von
einer bedingungslosen Unter-
Franz Dahlem handelte entsprechend seines antifaschistischen Ursprungsre- stützung der Regierung Dala-
flexes. Als er die Mitglieder aufforderte, sich nach den gesetzlichen Bestim- dier Abstand zu nehmen.
mungen registrieren zu lassen, schwebte ihm vor, daß die deutschen Kommu-
nisten bei der militärischen Verteidigung Frankreichs gegen Hitler mitwirken
könnten. In französischen Lagern waren bereits deutsche Antifaschisten – zu-
meist Spanienkämpfer – interniert, unmittelbar nach Bekanntgabe des Pak-
tes wurden weitere KPD-Führer verhaftet, darunter Rädel, Rau, Gerhart Eis-
ler, Prof. Schmidt. Nach Kriegsbeginn spitzte sich die Situation weiter zu. 2. 9. 1939: Die KP Frankreichs
Auch gegen die KP Frankreichs setzten nach Abschluß des Stalin-Hitler-Pak- billigt die Politik der nationalen
tes Repressionen ein. Diese wurden mit der Zusammenarbeit mit einer feind- Verteidigung und stimmte den
lichen Macht begründet, obwohl die Partei in Opposition zu dem in Moskau durch die Regierung Daladier
beschlossenen Kurs ihren patriotischen Willen zur Landesverteidigung be- beantragten militärischen Kre-
kundet hatte. diten zu.

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Nach Kriegsausbruch erließ die Komintern an alle führenden Funktionäre


der KP Deutschlands im französischen Exil die Direktive, das Sekretariat des
ZK aus Frankreich in ein geschützteres Land zu verlagern. Anfänglich scheint
Dahlem unter Berufung auf einen kollektiven Beschluß des ZK, der an Me-
wis übermittelt worden sei, dagegen opponiert zu haben. Am 3.9.1939 schlug
er Pieck in einem Brief vor, »die operative Leitung für die Arbeit nach In-
nerdeutschland nach Skandinavien zu verlegen«57. Aus dem französischen
Internierungslager richtete Dahlem am 4.9.1939 einen ersten, bis heute nicht
eruierten Brief an den französischen Ministerpräsidenten Daladier. Er prote-
Wilhelm Pieck auf einer DDR- stierte darin gegen die Internierung und verlangte von der französischen Re-
Briefmarke. gierung das Recht der deutschen politischen Emigration zur antifaschistischen
Betätigung gegen das Hitlerregime. Ein zweiter Brief folgte am 12. Septem-
ber. Beide Briefe wurden nach Moskau geschickt. Georgi Dimitroff, Gene-
ralsekretär der Komintern, kritisierte Dahlem daraufhin harsch. Er sollte so-
gar über einen Anwalt seine diesbezüglichen Äußerungen zurücknehmen und
öffentlich abschwören. Die Führung der KP Deutschlands in Moskau des-
avouierte Dahlem, einige Mitglieder (darunter vermutlich Ulbricht und Weh-
ner) verfolgten die Absicht, ihn bei nächster Gelegenheit in Moskau auszu-
schließen. Im folgenden werden Dahlems Darstellungen seines ersten Briefes
an Daladier wiedergegeben. Der zweite Brief an den französischen Minister-
präsidenten wurde im ehemaligen Parteiarchiv der SED entdeckt, er wird
hier erstmals veröffentlicht.

Erklärung von Dahlem an das Politbüro der SED, Berlin, 12. 5. 1953.
Daraus ergab sich der illusionäre Schritt, daß ich am 4. September 1939
einen Brief an den Ministerpräsidenten Daladier richtete, in dem ich die
Freilassung der zahlreichen seit dem Tag der Verkündung des deutsch-
sowjetischen Nichtangriffspaktes und insbesondere bei Kriegsausbruch am
1. September 1939 verhafteten deutschen Politemigranten, die Frage des
Asylrechts und einer selbständigen anti-hitlerischen Tätigkeit in Frankreich
stellte. In einem Protestbrief vom 12. September 1939 an Daladier gegen
meine Verhaftung und Internierung wiederholte ich diese Anträge.58

Brief Dahlems an seinen Bruder Robert, Berlin, 30. 12. 1953.


Du weißt ebenfalls, daß ich nach Kriegsausbruch auf meine Frage an
M[aurice] Th[orez] über seine Meinung zur Lage und die Haltung auch der
Legros (Ps.): Maurice Tréand. ausländischen Kommunisten am 2. September vom Genossen Legros die Ant-
wort übermittelt erhielt »nach der Haltung des ZK der KPF richten«.
Mein Fehler war, daß ich diese Antwort so auffaßte, daß ich mich eben-
falls zur Registrierung in die Listen der Ausländer, wie diese aufgrund des
Kriegsrechts und Ausnahmezustandes verlangt wurde, meldete. Ich sage
ebenfalls, weil die KPF die ausländischen Politemigranten, die ihr unter-
standen, bereits vorher zur Registrierung aufgefordert hatte, damit sie im

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Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:57 Seite 135

Kriegsfalle nicht als Spione behandelt werden. Aus dieser Auffassung heraus
schrieb ich auch am 4. September 1939 den Brief an Daladier mit dem Ver-
langen auf Freilassung der zahlreichen verhafteten deutschen Politemigran-
ten, auf Asylrecht und freie antihitlersche Betätigung in Frankreich. Am
12. September wiederholte ich dieses Verlangen in einem neuen Brief an
Daladier.59

Brief Dahlems an den französischen Ministerpräsidenten Daladier, Paris,


12. 9. 1939.
[…] Streng vertraulich. Franz Dahlem. Lager für Ausländer Colombes 12. 9. 1939: Edouard Daladier
(Seine) übernimmt im französischen
Herrn E. Daladier, Ministerpräsident, Minister für nationale Verteidigung Kriegskabinett neben dem Amt
Herr Ministerpräsident, des Ministerpräsidenten das
In einem Einschreibebrief vom 4. September 1939 bat der Unterzeichnete, des Außen- und Kriegsmini-
daß ihm und seinen politischen Freunden die Möglichkeit zugestanden wird, sters.
in Frankreich eine unabhängige politische Arbeit gegen das Hitlerregime
unter den Bedingungen, die der Kriegssituation angepaßt sind, fortzuset-
zen.
Diese Bitte war begründet auf die wiederholten Erklärungen der Regierung,
daß der Krieg gegen das Hitlerregime und nicht gegen das deutsche Volk ge-
richtet wäre. Sie war noch mehr begründet auf der Voraussetzung, daß die
französische Regierung keinen Unterschied machen würde in der Behand-
lung der Vertreter der verschiedenen großen antihitlerischen Parteien in der
Emigration.
Gemäß dem Dekret, nach dem sich alle Deutschen in Colombes melden
sollten, sind der Unterzeichnete und seine politischen Freunde, Herr Paul Mer-
ker und Herr Paul Bertz, ehemalige deutsche Abgeordnete, hierher gekom-
men. Trotz der Aufklärung meines Falles auf Bitte der politischen Polizei hat
man mich ebenso wie meinen Freund Bertz – in die Sektion I (für spezielle
Fälle) überführt. Die Insassen dieser Sektion werden speziell und allein von
einem Militärposten bewacht, sind einem Regime unterworfen, das verschie-
den und strenger ist als für die anderen Sektionen, und werden mit zusätzli-
chen und schmutzigen Arbeiten beschäftigt. […]
Bei meiner Bitte vom 4. September handelt es sich in erster Reihe um die
Frage der Rolle der deutschen politischen Emigranten in der gegenwärtigen
Situation des Krieges. Es handelt sich besonders darum, die Linie kennen zu
lernen, die die französische Regierung die Absicht hat einzunehmen ge-
genüber den antifaschistischen Arbeitern und der aktiven Opposition in
Deutschland, welche der Unterzeichnete und seine Freunde die Ehre haben
zu repräsentieren. Für die deutschen Arbeiter wird unsere Behandlung ein
Ausdruck dafür sein. […]
In der Erwartung, daß eine Antwort auf meinen Brief gegeben wird, ge-
nehmigen Sie, Herr Präsident, den Ausdruck meiner Hochachtung. Édouard Daladier.

135
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gezeichnet Franz Dahlem, ehemaliger kommunistischer Abgeordneter des


Preußischen Landtages, ehemaliger Abgeordneter des Reichstages […].60

Vermutlich wurden die beiden Briefe Dahlems bei der Vorbereitung des An-
fang der fünfziger Jahre geplanten stalinistischen Schauprozesses in Ost-Ber-
lin einbezogen. In diesem Kontext wurden sie als Aufforderung, sich freiwil-
lig in die Internierungslager Daladiers zu begeben, bewertet.61 Das im
folgenden ebenfalls erstmals veröffentlichte Positionspapier »der in Moskau
Wilhelm Florin. anwesenden Mitglieder des ZK«, zu denen neben Pieck, Florin, Ulbricht,
Dengel, Wehner, Ackermann und Irene Gärtner [d.i. Elli Schmidt] gerech-
net werden, hatte die Möglichkeit der Abstrafung oder der späteren Einigung
noch offengelassen.

»Stellungnahme des ZK der KPD zu dem Verhalten des Auslandssekre-


tariats des ZK der KPD in Paris vor und bei Ausbruch des zweiten im-
perialistischen Krieges«, Moskau, 12. 8. 1940.
Aus dem Bericht des Genossen Ackermann und aus anderen Informatio-
nen, wie aus Publikationen des Sekretariats ergibt sich folgendes Bild über die
Stellungnahme des Auslandssekretariats des ZK der KPD bei Ausbruch des
zweiten imperialistischen Krieges und über die damit im Zusammenhang ste-
Anton Ackermann. hende Politik des Sekretariats in den dem Krieg voraufgehenden Monaten seit
der Berner Parteikonferenz (Januar 1939).
I. a) Das Auslandssekretariat, bestehend aus den Genossen Dahlem, Mer-
ker und Bertz, liquidierte sich selbst durch einen Beschluß, in dem es seine
Mitglieder und Mitarbeiter verpflichtete, einer allgemeinen Aufforderung der
französischen Regierung an die politischen Emigranten in Frankreich Folge zu
leisten, sich im Konzentrationslager zu stellen. Dieser Beschluß kam auf Grund
eines Vorschlages der Genossen Dahlem und Merker zustande. […]
b) Der Genosse Dahlem hat unmittelbar nach Kriegsausbruch am 4. Sep-
tember einen Brief an Daladier gerichtet, in dem er unter Hinweis auf seine
und seiner politischen Freunde führende Stellung in der KPD die französische
Regierung ersucht, ihnen in Frankreich die legale Möglichkeit zum weiteren
Kampfe gegen das faschistische Regime in Deutschland zu geben, wobei
er Bezug nahm auf die Erklärungen der Regierung, daß der Krieg sich nicht
gegen das deutsche Volk, sondern gegen das faschistische Regime in
Deutschland richtet. (Der Wortlaut dieses Briefes ist uns nicht bekannt.) In
einem zweiten, uns im Wortlaut vorliegenden Brief, wandte sich Genosse Dah-
lem am 12. September aus dem Konzentrationslager Colombes abermals an
Daladier, wo er sich über die besonders strenge Ausnahmebehandlung be-
schwert […].
c) Dieser falschen politischen Einstellung entsprechend, beteiligte sich
das Auslandssekretariat durch Vermittlung eines parteilosen Schriftstellers an
der Einrichtung eines von französischen Regierungsorganen schon vor Aus-

136
Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:57 Seite 137

bruch des Krieges zur Verfügung gestellten Rundfunksenders, wobei der


Name des 1937/38 tätigen antifaschistischen Freiheitssenders mißbraucht
wurde.
[…] Das ZK der KPD verurteilt die aufgezeigte Stellungnahme des
Auslandssekretariats des ZK und sieht in ihr ein Verlassen des proletari-
schen Klassenstandpunktes und eine Kapitulation vor dem Klassenfeinde
in einer für die Partei und die deutsche Arbeiterklasse äußerst ernsten Si-
tuation. Diese Stellungnahme ist die Folge einer opportunistischen Ent-
stellung der Klassenpolitik der Komintern gegen Faschismus und imperia-
listischen Krieg, eines prinzipienlosen Verhaltens zur Politik der Einheits- und
Volksfront und eines unrichtigen Verhältnisses zur Sowjetunion und zur Kom- Paul Merker.
intern.
Das ZK beschließt, die Genossen des Sekretariats, sobald die Möglichkeit
einer Aussprache mit ihnen gegeben ist, wegen ihrer Stellungnahme zur Ver-
antwortung zu ziehen. […] Pieck.62

Dahlem präzisierte später die Hintergründe und die seiner Entscheidung vom
September 1939 zugrundeliegende Überlegung.

Franz Dahlem: Kommentar, Berlin.


Auf dieser Einschätzung des antifaschistischen Charakters des 2. Welt-
krieges, wobei ich demselben Irrtum unterlag, wie der Gen. Thorez, daß es in
den ersten Septembertagen noch zu Verhandlungen der Westmächte mit der
Sowjetunion und doch noch zum Abschluß eines Vertrages der gegenseiti-
gen Sicherheit vor dem Aggressor und im Falle einer Aggression Hitlers zum
Inkrafttreten des Bündnisses Polen-Frankreich und zum Kriege gegen das fa-
schistische Deutschland kommen würde, entstand der Beschluß, daß auch
die wenigen Mitglieder der Auslandsleitung, die nicht zur legalen Politemigra-
tion gehörten, sich in die Listen der Ausländer registrieren lassen, nachdem
eine direkte operative Arbeit von Frankreich nach dem Innern Deutschlands
aufgrund der Bildung der Westfront nicht mehr möglich war. Dieser Fehler ent-
stand, nachdem ich auf Rückfrage beim Gen. Thorez am 1. September 1939
die Antwort erhielt: Nach der Linie des ZK der KPF richten, konkret als ich am
2. September abends von einem Mitglied des ZK der KP Frankreichs die Nach-
richt übermittelt erhielt, daß die kommunistische Kammerfraktion am 3. Sep-
tember 1939 der Daladier-Regierung die Kriegskredite bewilligen werde und
danach alle Kommunisten, die Abgeordneten mit Gen. Thorez an der Spitze,
als die besten Vaterlandsverteidiger zu ihren militärischen Einheiten einrücken
werden. Das ist die Wahrheit. Ich rechnete damals mit einer ähnlichen Ent-
wicklung, wie sie 1936 in Spanien eintrat, d. h. mit der Möglichkeit einer anti-
hitlerischen Tätigkeit der deutschen Politemigration in Frankreich.63

137
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Der Bruch mit dem Internationalismus: Statt Widerstand gegen


den Aggressor Hinnahme des deutschen Vormarschs in Europa.
Das Komintern-Sekretariat untersagt der antifaschistischen Emi-
gration, sich in den Antihitler-Verbänden zu engagieren.

Der tiefe Bruch der Komintern mit dem Internationalismus wurde offen-
sichtlich, als das Sekretariat der deutschen Emigration jedes gegen Hitler-
deutschland gerichtete Engagement untersagte, bspw. ein Mitwirken in den
bewaffneten Antihitler-Verbänden und »antifaschistischen« Legionen, die in
mehreren Ländern gebildet wurden. Damit untersagte die Komintern den
kommunistischen Parteien und sympathisierenden Organisationen jeglichen
Widerstand gegen den Vormarsch der deutschen Truppen in West-, Nord- und
Südosteuropa. Zu diesen Legionen gehörten die polnischen Exilverbände in
Frankreich, in denen Sikorski mehrere zehntausend polnische Kämpfer zum
Einsatz gegen den deutschen Angriff gesammelt hatte, sowie die tschechische
und slowakische Legion in Frankreich. Italiener (die auch eigene antifaschi-
stische »garibaldinische« Legionen rekrutierten) hatten sich wie Polen, Tsche-
chen und Slowaken zu Tausenden in die englische und französische Armee
gemeldet und in die Fremdenlegion. Versuche, eine österreichische Legion in
Frankreich und in England aufzubauen, scheiterten. Die Kominternführung
goutierte die Bereitschaft Tausender, die Freiheit Polens (wie seinerzeit die
Spaniens) zu verteidigen und gegen die Aggression Hitlers mit der Waffe in
der Hand zu kämpfen, nicht. Die gegen den deutschen Vormarsch aufgestell-
ten antifaschistischen Legionen der besetzten Länder wurden als Instrumente
der Feinde der Sowjetunion verdammt und jene, die versuchten, sich aus Idea-
lismus oder antifaschistischer Überzeugung in die französische oder englische
Armee zu inkorporieren, denunziert. Am Vorabend des Eindringens der Ro-
ten Armee in der Westukraine und Westweißrußland erließ die Komintern
Direktiven gegen die antifaschistischen bewaffneten Verbände in ganz Eu-
ropa. Darin wurden diese als verderblicher Betrug der Volksmassen charak-
terisiert und damit nicht mehr nur eine (wohlwollende) Neutralität gegen-
über Deutschland behauptet, sondern die Zersetzung des Lagers der
Hitlergegner deutlich intendiert. Nur im Falle ihrer Einziehung zum Kriegs-
dienst – so die Komintern – dürften Emigranten in den nationalen Streit-
kräften der Aufnahmeländer wirken. Mit der definitiven Abfassung einer ent-
sprechenden Resolution beauftragte das EKKI-Sekretariat Klement Gottwald,
der sich eng mit Dimitroff abstimmen sollte.

Am 15. September stellte Gottwald den korrigierten Beschlußentwurf zur


Frage der antifaschistischen Legionen im Sekretariat des EKKI vor. Der Be-
schluß wurde angenommen und den Parteien durch das folgende chiffrierte Te-
legramm übermittelt.

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Zur Frage der nationalen antifaschistischen Legionen. Entwurf einer Stel-


lungnahme der Komintern, Moskau, 15. 9. 1939.
Unsere Stellungnahme zu den bereits gegründeten und noch geplanten 15. 9. 1939: Die erste Ausgabe
Legionen der verschiedenen Nationalitäten basiert auf unserer Einschätzung von »Le Monde« wird veröf-
des Krieges als imperialistischem Krieg. fentlicht. Das von Fried nach
Diese Legionen haben den Zweck: Erstens den Betrug der Volksmassen Auftrag aus Moskau gegründe-
über den Charakter des Krieges auf beiden Seiten zu erleichtern und den Ein- te Nachfolgeorgan von »La
druck zu erwecken, als ob die französischen und englischen Imperialisten Correspondance Internatio-
einen antifaschistischen Krieg gegen die Hitlerdiktatur, einen Krieg für De- nale« erscheint nach diversen
mokratie und nationales Selbstbestimmungsrecht führen würden. Zweitens Verboten unter Tarntiteln.
den französischen und englischen Imperialisten die Möglichkeit zu erleich-
tern, die nationalen Interessen der kleinen unterdrückten Völker in Mitteleuropa
nochmals als Wechselgeld in ihrem Kampfe mit dem deutschen Imperialis-
mus zu benützen. Drittens den französischen und englischen Imperialisten
militärisch zu helfen. Viertens die Legionen gegen die revolutionäre Arbeiter-
bewegung ihrer eigenen Länder zu mißbrauchen.
Auf der Grundlage der allgemeinen entschiedenen Ablehnung der Legio-
nen durch die revolutionäre Arbeiterschaft und die Kommunistischen Parteien
muß die konkrete Stellungnahme in jedem einzelnen Falle den besonderen
Bedingungen angepaßt werden.
1.) Die polnische Regierung stellt aufgrund eines Vertrages mit der franzö-
sischen Regierung eine regelrechte polnische Armee in Frankreich auf. Die
Polen in Frankreich werden in diese Armee so rekrutiert werden wie in Polen
selbst. Unsere Stellungnahme kann in diesem Falle nur dieselbe sein wie zu
jeder anderen Armee eines kapitalistischen Staates.
2.) Die Schaffung einer italienischen Legion lehnen wir ebenso scharf ab
wie die einer deutschen. Die italienischen Antifaschisten haben keinerlei
Grund, für die französischen und englischen Imperialisten die Waffen zu er-
greifen. Die deutschen Antifaschisten fördern zwar durch ihren Kampf gegen
die Hitlerdiktatur die Niederlage des faschistischen Deutschland, aber sie ver-
binden sich dabei in keiner Weise und in keiner Form mit dem englischen und
französischen Imperialismus, den sie ebenso bekämpfen wie es die französi-
sche und englische Arbeiterschaft tut. Ihr Kampf zum Sturze der imperialisti-
schen deutschen Regierung im Lande selbst würde durch jede solche Ver-
bindung geschwächt und gestört werden. Man muß daher in aller Öffentlichkeit
den betrügerischen Zweck dieser Legionen aufzeigen und erklären, daß die
Kommunisten den freiwilligen Eintritt in diese Legionen sowie in die franzö-
sische und englische Armee überhaupt entschieden ablehnen.
3.) Die Kommunisten treten auch nicht für die tschechischen und öster-
reichischen Legionen auf und übernehmen für diese keinerlei politische Ver-
antwortung. Sie erklären in aller Öffentlichkeit, daß die französischen und eng-
lischen Imperialisten, die Österreich und die Tschechoslowakei verraten und Deutsche Panzer in Prag,
verkauft haben, in Wirklichkeit nicht daran denken, für die nationale Befreiung 15. 3. 1938.

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dieser Länder zu kämpfen und daß diese Legionen nur als Werkzeug in der
Hand des englischen Imperialismus geschaffen werden. Die nationale Be-
freiung dieser Länder kann nur durch revolutionären Befreiungskampf in die-
sen Ländern selbst bei Unterstützung durch die Werktätigen und vor allem die
Arbeiterklasse der anderen Länder erfolgen.
Deutsche Truppen in Prag, 4.) Wenn die französische und englische Regierung die Emigranten durch
15. 3. 1938. gesetzliche oder andere Zwangsmaßnahmen zwingen, auf ihrer Seite zu
kämpfen, so verlangen die Kommunisten die Einreihung der deutschen, itali-
enischen und spanischen Emigranten in die reguläre französische bzw. eng-
lische Armee mit den gleichen Rechten wie für die französischen bzw. eng-
lischen Staatsbürger. Sie führen dann gemeinsam mit den französischen bzw.
englischen Soldaten den Kampf gegen den imperialistischen Krieg. Die tsche-
chischen und österreichischen Kommunisten und politischen Emigranten tre-
ten in diesem Falle in die nationalen Legionen ein und werden dort den Kampf
dafür führen, diese Legionen im Lauf des Krieges in Instrumente des natio-
nalen und sozialen Befreiungskampfes ihrer Völker gegen den deutschen,
englischen und französischen Imperialismus zu verwandeln.
5.) Die kommunistischen Emigranten, sowohl diejenigen, die in die reguläre
englische oder französische Armee eingereiht werden, als auch diejenigen,
die in die nationalen Legionen eintreten, entfalten und organisieren ihre Arbeit
gegen den imperialistischen Krieg in engster Verbindung und unter Leitung
der Kommunistischen Partei des betreffenden Landes.64

Die kommunistische Emigration und das Verbot der »antifaschi-


stischen Legionen«.

Eine politische Direktive des EKKI, die vermutlich in erster Linie an die
französischen und schwedischen Kommunisten und die kommunistischen
Emigranten in den beiden Ländern gerichtet war, bekräftigte die Resolution
der Komintern über die »nationalen Legionen« vom 15.9.1939:

18. 9. 1939: Die UdSSR erkennt Chiffretelegramm an die Funkstellen [Brügge] und Stockholm für die KP
die Slowakei als selbständigen Frankreichs und die KP Schwedens, Moskau, 22. 9. 1939.
Staat an. An Frankreich, Schweden. Was den imperialistischen Charakter des Krie-
ges angeht, so müssen die Kommunisten auch die verschiedenen nationalen
18.9.1939: Unter großen Legionen zurückweisen – weil sie ebenfalls solche Instrumente in den Hän-
Schwierigkeiten wird der Pres- den der Imperialisten und der Feinde der UdSSR sind. Darum keinerlei Be-
seapparat der Komintern reor- teiligung an der Organisierung solcher Legionen ganz egal aus welcher Na-
ganisiert. In Stockholm erscheint tion, keinen freiwilligen Beitritt – jedoch die öffentliche Zurückweisung mit
nach dem Verbot der Rund- politischen Argumenten. Besonders die ehemaligen spanischen Freiwilligen
schau in der Schweiz »Die dürfen keine Propaganda für die freiwillige Teilnahme an diesem Krieg ma-
Welt« als wöchentliche Zeit- chen. Nur wenn in Frankreich und England für die Emigranten der verschie-

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denen Nationalitäten der Militärdienst obligatorisch ist, [dürfen] die Kommuni- schrift für Politik, Wirtschaft und
sten der entsprechenden Nation ihm folgen – jedoch nur in diesem Fall und Arbeiterbewegung (Deutsche
dabei gegenüber den übrigen Pressionen standfest bleiben. Wenn sie unter Ausgabe von »Världen i Dag«)
Zwang mobilisiert werden, müssen die Kommunisten im bolschewistischen bis Mai 1943. Gleichzeitig wer-
Sinne in der Armee arbeiten. Dasselbe gilt für den Fall, daß sie bereits frei- den in Brüssel »Le Monde« (bis
willig aufgrund fehlender Klarheit in die Armee eingetreten sind und sich nicht Dezember 1939) und in London
mehr davon befreien können. Macht alles möglich, damit diese Linie in der »World News and Views« (bis
Emigration gut bekannt wird und daß sie dieser folgt. Sekretariat65 1945) herausgegeben.

Ein sang- und klangloses Ende: Die »deutsche Volksfront« paßt


nicht mehr in das Konzept Stalins.

Hermann Budzislawski, als Chefredakteur der »Neuen Weltbühne« ein wich-


tiger Unterstützer der Volksfrontidee, beantwortete im Leitartikel der letzten
in Paris erschienenen Ausgabe die selbstgestellte Frage, ob Stalin mit dem Pakt
wenigstens das russische Staatsinteresse richtig vertreten habe, mit nein.

»Die europäische Tragödie«, Paris, 31. 8. 1939.


Nur der Nationalsozialismus wird, wenn es dazu kommt, am Kriege schul-
dig sein. Auf Stalin würde jedoch alsdann die Verantwortung lasten, an der
Abwehr des Krieges nicht mitgewirkt zu haben.66

Augenscheinlich versuchte die Führung der KP Deutschlands daraufhin, eine


Änderung der Redaktion der »Weltbühne« herbeizuführen. Zumindest kann
man dies aus einer Protokollnotiz Piecks über eine EKKI-Sitzung herausle-
sen. Demnach habe ein gewisser »Franz« das folgende bemerkt: »Budzislawski
– Weltbühne – KPD nicht möglich, Änderung der Red[aktion] herbeizu-
führen.«67

In seinen handschriftlichen Notizen gab Pieck sinngemäß den Inhalt eines Behrend, Hans (Ps.): Albert
Briefes von Conny (Behrend) an Heinrich Mann wieder, in dem Behrend Norden.
Einzelheiten über die vermutlich letzte Sitzung des Aktionsausschusses der
deutschen Volksfront in Paris berichtete. Teilnehmer der Sitzung waren Beh-
rend, Bernhard, Budzislawski und Maximilian Scheer, nicht erschienen wa-
ren Merker und Rädel. Es ging um die Rettung des Ausschusses und die – ge-
heime – Weiterführung des deutschen Freiheitssenders. Die Versuche von
Seiten der KPD, den Ausschuß im Sinne ihrer Vorstellungen und mit Hilfe
von Heinrich Mann zu retten, blieben erfolglos.

Handschriftliche Notizen von Wilhelm Pieck, [Moskau, 6. 9. 1939].


Behrend wurde aufgefordert, den Standpunkt der Kommunisten darzule- Albert Norden auf einer DDR-
gen […]. Es gehöre nicht zur Kompetenz des Ausschusses, sich in die Außen- Briefmarke.

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politik der Mächte einzumischen, in deren Ländern sie Gastrecht genießen.


Es bleibe bei dem Programm des Ausschusses, als nächstes Ziel der Sturz
des Hitlerfaschismus, dem alles unter[ge]ordnet werden müsse. Die Öffent-
lichkeit […] will wissen, ob und was der Ausschuß gegen Hitler und dessen
Krieg unternehme.
Bernhard erklärte sich gegen den Pakt, der eine Hilfe für Hitler sei. Thäl-
mann und die Kommunisten seien daraufhin freigelassen worden. Er lehne es
ab, mit den Kommunisten noch weiter zusammenzuarbeiten, weil diese an die
III. Internationale gebunden und keine Stellung gegen den russischen Staat
nehmen können. Dadurch seien sie auch in ihrer Stellungnahme gegen Hitler
behindert.
Budzislawski erklärt, daß er kein konstruktives Programm habe. Am lieb-
Hermann Budzislawski. sten würde er ins Konzentrationslager gehen, um keine Stellung nehmen zu
müssen. Er schlug vor, die Tätigkeit des Ausschusses zu suspendieren.
Bernhard forderte Auflösung des Ausschusses und erklärte seinen Austritt.
Bei der jetzigen Zusammensetzung des Ausschusses sei es unmöglich, mit
den verschiedenen in Frage kommenden franz. Persönlichkeiten und Grup-
pierungen die Verbindung aufrecht zu erhalten. […]
Scheer trat gegen den Pakt auf und schloß sich Budzislawski an. […] Am
Schluß erklärten Budzislawski und Scheer, daß der Ausschuß seine Tätigkeit
einstellt. […]
Behrend machte [Heinrich] Mann den Vorschlag, den Ausschuß nach Skan-
dinavien zu verlegen und Seydewitz mit der Leitung zu beauftragen – dann –
als vertraulich – daß der deutsche Freiheitssender auf Welle 29,8 wieder in
Tätigkeit sei […]. Es ist bereits am 3. und 4. September gesendet worden aus
dem Buch von Mann »Mut«. Es sei jedoch außerordentlich dringend, wenn un-
mittelbar zur jetzigen Lage von Mann verfaßte Beiträge gesandt werden kön-
nen.«69

Herbert Wehner forderte eine schärfere Gangart des KPD-Apparats gegen


Presseorgane und Rundfunksender der Volksfront wie die »Deutschen Infor-
mationen« und den »Deutschen Freiheitssender«. In den »Deutschen Infor-
mationen«, deren Chefredakteur bis zu seiner Verhaftung am 31. 8. 1939
Bruno Frei war, schrieb auch Heinrich Mann.

Herbert Wehner: Brief an Wilhelm Pieck, [Moskau], 2. 10. 1939.


27. 9. 1939: Das EKKI-Sekreta- Genossen Wilhelm Pieck.
riat kritisiert einen Artikel von Vorsitzenden des ZK. der KPD
Gaston Monmousseau, der am Verehrter Genosse Wilhelm!
13.9.1939 auf der Titelseite der Entschuldige, bitte, daß ich auf diesem ungewöhnlichen Weg einige Anlie-
zentralen Gewerkschaftszei- gen vorbringe und auf einige Fragen aufmerksam mache. […]
tung »Vie Ouvrière« erschien. Nach den ersten flüchtigen Veröffentlichungen in der »Deutschen Volks-
Dieser sei gegen die Linie der zeitung« zum Handelsabkommen zwischen der Sowjetunion und Deutsch-

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land und zum Nichtangriffs- und Konsultativpakt zwischen der SU. und Komintern gerichtet und – wie
Deutschland hat das ZK. der KPD. in der »Rundschau« eine Erklärung zum im Ersten Weltkrieg – sozial-
Pakt publiziert. Sie war so überaus oberflächlich und ärmlich, daß sie keines- chauvinistisch orientiert. Mon-
falls als eine vollwertige Stellungnahme unserer Partei zu diesem entschei- mousseau hatte den Kampf
denden Ereignis betrachtet werden kann. […] gegen Hitler gefordert.
Diese wenigen Äußerungen leitender Stellen unserer Partei im Ausland
zeugen von einem starken Maß ideologischer Unsicherheit, wenn nicht gar
von einer falschen Orientierung. So wenig ich glaube, daß im Handumdrehen
eine richtige Orientierung erreicht werden kann, so wenig ich deshalb ir-
gendwelche überstürzten Maßnahmen anraten will, so nachdrücklich möchte
ich doch dafür eintreten, wirkliche Sicherungsmaßnahmen zu ergreifen, um
nichtautorisierte »Stellungnahmen« künftig zu verhindern […].
Es ist mir nicht bekannt, daß derart skandalöse Publikationen, wie die der
»Deutschen Informationen« über den Nichtangriffspakt zwischen der SU. und
Deutschland öffentlich desavouiert worden sind.Vielleicht ist es versucht wor-
den, und es ist mir nicht bekannt, – auf jeden Fall aber müßten wir jeder derart
schädlichen Publikation entgegen treten. Das umso mehr, als es sich – m. E.
– in diesen Fällen wiederum nicht um Zufälligkeiten handeln kann, sondern
um die Schädlingsarbeit von Lumpen, die innerhalb unseres Apparats oder der
mit ihm verbundenen Apparate ihr Unwesen treiben. Das betone ich mit sol-
cher Schärfe, weil wir – glaube ich wenigstens – viel zu lange mit der Un-
schädlichmachung dieser Elemente gezögert haben. Jetzt darf am allerwe-
nigsten irgendein Mensch, der nicht das volle Vertrauen der Partei verdient,
irgendwo im Namen der Partei auftreten. Das ist auch angesichts der gefähr-
lichen Agitation des sogenannten »Freiheitssenders« notwendig, gegen die wir
ebenfalls im Ausland vorgehen müßten, – so lange es noch möglich ist, min-
destens mit Hilfe von Organen unserer Bruderparteien.
Mir ist nur andeutungsweise, – ich möchte sagen: nur sehr andeutungs-
weise – bekannt geworden, daß die in Frankreich lebenden Genossen sich
schwer gegen die elementarsten Regeln des Verhaltens eines Kommunisten
vergangen haben sollen […].69

Schlaglicht:
Die Sektionen und sympathisierenden Organisationen der Kommunistischen Internationale
(nach dem Beschluß der Mandatsprüfungskommission des VII. Kongresses 1935).

1. Deutschland 7. Indonesien 13. Luxemburg


2. Tschechoslowakei 8. Frankreich 14. Indochina (best. v. VII. Kon-
3. Österreich 9. Italien greß)
4. Ungarn 10. Spanien 15. Syrien
5. Schweiz 11. Belgien 16. England
6. Holland 12. Portugal 17. Amerika

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18. Australien 32. Estland 47. Mexiko


19. Kanada 33. Lettland 48. Cuba
20. Südafrika 34. Litauen 49. Peru (best. v. VII. Kongress)
21. Irland 35. Schweden 50. Uruguay [dito]
22. Philippinen (bestät. v. 36. Norwegen 51. Chile
VII. Kongreß) 37. Dänemark 52. Columbien (Best. v.
23. Neuseeland [dito] 38. Island VII. Kongress)
24. Palästina [dito] 39. Rumänien 53. Venezuela [dito]
25. Ägypten [dito] 40. Jugoslavien 54. Costarica [dito]
26. China 41. Bulgarien 55. Portorico [dito]
27. Japan 42. Griechenland 56. Paraguay
28. Indien 43. Türkei 57. Sowjetunion
29. Korea 44. Persien 58. K.J.I. [Kommunistische
30. Polen 45. Argentinien Jugendinternationale].
31. Finnland 46. Brasilien

Organisationen, deren Aufnahme nicht endgültig bestätigt wurde.

59. Algier (VII. Kongreß hat prinzipiell nichts gegen Bestätigung als selbständige Sektionen einzu-
wenden; hat Exekutive bevollmächtigt, evtl. als Sektionen zu bestätigen.)
60. Tunis [dito]
61. Irak (VII. Kongreß hat Exekutive beauftragt, ständige Verbindungen herzustellen und Exekutive
beauftragt, evtl. als Sektionen zu bestätigen.)
62. Siam [dito]
63. Cypern (VII. Kongreß hat Exekutive bevollmächtigt, nach Erhalt genauerer Informationen über
die tatsächliche Lage der Partei evtl. als Sektionen zu bestätigen.)
64. Ecuador [dito]
65. Panama [dito]
66. Haiti [dito]
67. Guatemala (VII. Kongreß hat Exekutive beauftragt, diesen Parteien bezw. Gruppen konkrete
Hilfe zu erweisen, damit sie sich in wirkliche Kommunistische Parteien verwandeln.)
68. Honduras [dito]
69. San Domingo (Gruppe) [dito]
70. San Salvador [dito]
71. Bolivien (Gruppe) [dito]
72. Trinidad (Gruppe) [dito]
73. Nicaragua (Symp. »Arbeiterpartei«) [dito]

Sympathisierende Organisationen:

74. National-Revolutionäre Partei der Äußeren Mongolei.


75. National-Revolutionäre Partei der Inneren Mongolei.
76. National-Revolutionäre Partei von Tuwa (wurde von VII. Kongreß mit den Rechten einer sym-
pathisierenden Partei als Sektion der K.I. bestätigt.)

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Kapitel 3. Vom Nichtangriffs- zum Grenz- und Freundschaftspakt der So-


wjetunion mit Hitler: Die Komintern in Erklärungsnot und ohne Hand-
lungsperspektiven (September–November 1939).

Die offizielle Freundschaft: Der Grenz- und Freundschaftsvertrag


zwischen der UdSSR und Deutschland.

Unter dem 24.8.1939 notierte Goebbels in seinem Tagebuch: »An Stalin


hat der Führer einen persönlichen Brief gerichtet, in dem er ihm ein sehr
weitgehendes Angebot macht, Stalin hat darauf sehr liebeswürdig ge-
antwortet. Das Ergebnis sind die Verhandlungen in Moskau. Der Osten
Europas wird zwischen Berlin und Moskau aufgeteilt. Rußland will natür-
lich einen Teil des Baltikums. Soll es haben. Polen wird aufgeteilt. Ande-
rer Mächte Interessen in Osteuropa werden nicht anerkannt. Die Frage des
Bolschewismus ist im Augenblick von untergeordneter Bedeutung. Auch
glaubt der Führer, daß er sich in der Mauserung befindet. […]
Endlich nachts um 1h Durchgabe des Communiqués: vollkommener
Akkord. Nichtangriffs- und Konsultationspakt auf 10 Jahre. Ein Vertrag
auf sehr weite Sicht und sogleich in Kraft tretend. Ein weltgeschichtliches
Ereignis von [unüberseh]barer Konsequenz. Der Führer und wir alle sind
sehr glücklich.
Noch bis 4h besprechen wir die daraus sich ergebenden Möglichkeiten.
Man kann sie im Augenblick nur sehr unvollkommen übersehen.
Aber ich habe das Gefühl, daß hier und in dieser Stunde Geschichte ge-
macht wurde.«70

Mit dem deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag und den 28. 9. 1939: Die Sowjetunion
gleichzeitigen geheimen Abmachungen gab die Sowjetunion ihre behauptete und Hitler-Deutschland kom-
Neutralität im Weltkrieg de facto auf. men zu einer Einigung über
die Aufteilung Polens. Stalin ist
Deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag, Moskau, gegen die Existenz eines Rest-
28. 9. 1939. polens.
Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR betrachten
es nach dem Auseinanderfallen des bisherigen polnischen Staates aus- 28. 9. 1939: Ca. 10 000 Juden
schließlich als ihre Aufgabe, in diesen Gebieten die Ruhe und Ordnung wie- werden von den Deutschen
derherzustellen und den dort lebenden Völkerschaften ein ihrer völkischen über den Fluß San auf sowje-
Eigenart entsprechendes friedliches Dasein zu sichern. Zu diesem Zwecke tisch besetztes Territorium ab-
haben sie sich über folgendes geeinigt: geschoben.

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28. 9. 1939: In einer Erklärung Artikel I. Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR legen
des ZK der KP der USA wird als Grenze der beiderseitigen Reichsinteressen im Gebiete des bisherigen
der Krieg als neuer imperialisti- polnischen Staates die Linie fest, die in der anliegenden Karte eingezeichnet
scher Krieg charakterisiert, aus ist und in einem ergänzenden Protokoll näher beschrieben werden soll.
dem sich die USA heraushal-
ten müsse. Artikel II. Beide Teile erkennen die in Artikel I festgelegte Grenze der beider-
seitigen Reichsinteressen als endgültig an und werden jegliche Einmischung
dritter Mächte in diese Regelung ablehnen.

Artikel III. Die erforderliche staatliche Neuregelung übernimmt in den Gebie-


ten westlich der in Artikel I angegebenen Linie die Deutsche Reichsregierung,
in den Gebieten östlich dieser Linie die Regierung der UdSSR.

Artikel IV. Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der UdSSR be-
trachten die vorstehende Regelung als ein sicheres Fundament für eine fort-
schreitende Entwicklung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen ihren
Völkern.

Artikel V. Dieser Vertrag wird ratifiziert und die Ratifikationsurkunden werden


sobald wie möglich in Berlin ausgetauscht werden. Der Vertrag tritt mit seiner
Unterzeichnung in Kraft.

Ausgefertigt in doppelter Urschrift in deutscher und russischer Sprache.


Moskau, den 28. September 1939.
Für die Deutsche Reichsregierung: In Vollmacht der Regierung der UdSSR:
J. Ribbentrop W. Molotow71

Neben dem Vertrag wurden zwei geheime Zusatzprotokolle über die Aufteilung
Ostmitteleuropas unterzeichnet. Das erste ordnete Litauen der sowjetischen
Interessensphäre zu und schuf damit die Grundlage für die spätere Einver-
nahme der baltischen Staaten durch die Sowjetunion.72 Ein zweites geheimes
Zusatzprotokoll besiegelte das Schicksal Polens und nahm die künftige Zu-
sammenarbeit der beiden Diktatoren auch in anderen Politikfeldern vorweg.
In einem vertraulichen Protokoll sicherte die Sowjetunion zu, die Aussiedlung
der »in ihren Interessengebieten ansässigen Reichsangehörigen und anderen
Persönlichkeiten deutscher Abstammung, sofern sie den Wunsch haben«, zu
unterstützen.73 Hier der Wortlaut des zweiten geheimen Zusatzprotokolls:

Hakenkreuzfahnen in Danzig. Geheimes Zusatzprotokoll, Moskau, 28. 9. 1939.


Die unterzeichneten Bevollmächtigten haben bei Abschluß des deutsch-
sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages ihr Einverständnis über fol-
gendes festgestellt:
Beide Teile werden auf ihren Gebieten keine polnische Agitation dulden,

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die auf die Gebiete des anderen Teiles hinüberwirkt. Sie werden alle Ansätze 28. 9. 1939: 170 Professoren
zu einer solchen Agitation auf ihren Gebieten unterbinden und sich gegen- der Universität Krakau werden
seitig über die hierfür zweckmäßigen Maßnahmen unterrichten. in Konzentrationslager ver-
Moskau, den 28. September 1939. schleppt.
Für die Deutsche Reichsregierung: In Vollmacht der Regierung der UdSSR:
J. Ribbentrop W. Molotow74

Brief Stalins an Ribbentrop, Moskau, 28. 9. 1939


[…] wenn Deutschland, wider Erwarten in eine schwierige Lage geraten
sollte, das sowjetische Volk Deutschland zu Hilfe kommen und nicht zulassen
würde, daß man Deutschland erstickt. Die Sowjetunion ist an einem starken
Deutschland interessiert und wird nicht erlauben, daß Deutschland nieder-
geworfen wird.75

»Ich bin entsetzt über die neuen Verhandlungen Hitler-Stalin! Nie hielt 30. 9. 1939: Runderlaß des
ich das für möglich. Das man auch das noch erleben muß! Wischt nichts Staatssekretärs Weizäcker: Die
diesen Spuk fort? […] Nie und nimmer kann man einen Sozialismus auf Sowjetunion habe der deut-
dem Hitlerismus aufbauen. Pfui Teufel! Ich habe eine solche Wendung nie schen Interessenspäre den
für möglich gehalten. Dafür reicht mein Verstand nicht aus! Armes Ha- »nationalpolnischen Raum im
scherl, in welcher Welt beschließen wir unsere Tage. Gewiß, seit Napo- ganzen« überlassen, um »den
leon hat die Welt kein größeres Würfelspiel gesehen.«76 dort lebenden Völkerschaften
(Hermann Duncker, der ehemalige führende Bildungspolitiker der KP ein ihrer politischen Eigenart
Deutschlands, an seine Frau Käte). entsprechendes friedliches
Daein zu sichern«.

Presseinterview Mao Tse-Tungs, China, 1. 10. 1939.


Neben der kapitalistischen Welt gibt es noch eine andere, lichte Welt; das
ist das Land des Sozialismus, die Sowjetunion. Der sowjetisch-deutsche Ver-
trag eröffnet der Sowjetunion große Möglichkeiten, der internationalen Frie- 1. 10. 1939: Das Präsidium des
densbewegung Hilfe zu leisten, große Möglichkeiten, China in seinem Kampf EKKI beschäftigt sich mit der
gegen die japanischen Eindringlinge zu unterstützen […].77 KP Chinas.

2. 10. 1939: Beschluß des


Willi Münzenberg hält dem Hausherrn im Kreml vor: »Der Verrä- Politbüros der VKP(b) über die
ter, Stalin, bist Du«. Kriegsgefangenen, darunter
Internierung der polnischen
Willi Münzenberg, seit 1919 Mitglied der KP Deutschlands, seit 1924 im ZK, Offiziere in Sonderlagern.
1921 Leiter der IAH, hatte als Leiter des Propagandaapparats der KPD u.a.
mit dem Kosmos-Verlag das zweitgrößte Medienimperium Deutschlands 2. 10. 1939: Beschluß des
aufgebaut, emigrierte 1933 nach Paris, gründete dort den Verlag Éditions Politbüros des ZK der VKP(b)
du Carrefour unter der Ägide der Komintern, in dem bis 1937 auch 50 über die Beleuchtung der inter-
deutschsprachige Publikationen erschienen, darunter das »Braunbuch über nationalen Politik in der sowje-
den Reichstagsbrand und Hitlerterror«. Wegen seines Engagements für die tischen Presse.

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Volksfront und seiner Kritik an Stalin wurde Münzenberg 1938 aus dem
ZK und 1939 aus der KP Deutschlands ausgeschlossen. Nach Ausbruch
des Zweiten Weltkriegs arbeitete er im Deutschen Freiheitssender in Paris
mit, den Jean Giraudoux aufgebaut hatte. Im Mai 1940 wurde er bei Lyon
interniert, konnte aber im Sommer 1940 vor den deutschen Truppen nach
Südfrankreich fliehen. Im Oktober fand man ihn im Département Isère
tot auf, vermutlich fiel er einem stalinistischen Fememord zum Opfer (Kurt
Kersten).

Willi Münzenberg: »Der russische Dolchstoß«, »Die Zukunft«, Paris,


Willi Münzenberg. Nr. 3, 22.9.1939.
»In den letzten Jahren hat eine Frage alle politischen Kreise und be-
sonders die Arbeiterbewegung aller Länder beschäftigt, die Frage: ›Was
geht in Rußland vor?‹ Diese Frage hat in den letzten Wochen eine ein-
deutige, furchtbare und blutige Deutung erfahren.
Der Hitler-Stalinpakt, das Abkommen Moskau-Tokio und schließlich
der feige Überfall auf das geschwächte Polen lassen keinen Zweifel mehr
darüber zu, was in Rußland in den letzten Jahren vorgegangen ist.
Welche Absichten auch immer Stalin vorgeben mag und welche wirk-
liche Absichten er auch immer für den Überfall auf Polen gehabt hat, mit
der demokratischen Friedenspolitik eines sozialistischen Staates hat diese
imperialistische Gewaltmethode nichts zu tun. […]
Die schwere, untilgbare Schuld der Stalin-Regierung ist es, dem Hitler-
System durch den Hitler-Stalin-Pakt erst den Weg zu einem verbrecheri-
schen Krieg gegen Polen frei gemacht und damit den neuen Weltkrieg aus-
gelöst zu haben.
Es war Romain Rolland, der den oft zitierten Satz prägte: ›Der Frieden
ist tödlich für Hitler.‹ Niemals war das Wort so berechtigt wie in den August-
tagen 1939. Hätte Rußland in gleicher Weise wie die Westmächte Polen und
Danzig garantiert, dann wäre es nie zu dem Kriege gekommen und das
Hitlersystem wäre in die schwerste seiner inneren Krisen gestürzt worden.
Der Stalin-Hitler-Pakt und der Einmarsch in Polen demonstrieren in dra-
matischer Weise die Entwicklung Rußlands in den letzten Jahren. Die alte
Ideologie, die Prinzipien der kollektiven Sicherheit und die nur als Tarnung
mühselig mitgeschleppten sozialistischen und internationalistischen Dok-
trinen sind in Stalin-Rußland ein für allemal tot und begraben. […]
Heute sind die Feinde der Freiheit und des Friedens klar erkenntlich,
scharf, wie im Scheinwerferlicht. Niemand kann sich mehr täuschen. Allzu
lange wurden Millionen getäuscht und darunter nicht die schlechtesten,
jedenfalls die opferwilligsten. Allzu viele sinnlose Opfer sind für diese
Täuschung gefallen, jahrelang, vor wenigen Wochen noch, gestern noch.
Machen wir die äußersten Anstrengungen, um zu verhindern, daß der
Romain Rolland. Moloch noch weitere Opfer fordert.

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Die Folgen des schändlichsten Verrates sind heute noch unabsehbar. Es


ist der schwerste Schlag, den die Arbeiterbewegung und die Front des Frie-
dens und der Freiheit erhalten hat.
So schwer und so ernst auch die Folgen dieses Überfalles sind, eins ist
damit eingetreten, die Fronten sind klar geworden.
Frieden und Freiheit müssen verteidigt werden gegen Hitler und gegen
Stalin, der Sieg muß gegen Hitler und gegen Stalin erkämpft und die neue,
unabhängige Einheitspartei der deutschen Arbeiter im Kampfe gegen Hit- Englische Karikatur.
ler und gegen Stalin geschmiedet werden.
Kein Zaudern und kein Schwanken gilt mehr, kein Ausweichen ist mehr
möglich. Es gibt nur noch ein Hüben und Drüben.
Mit doppeltem Recht gilt heute, was wir vor wenigen Wochen schrieben:
›Die Stellung des Feindes ist klar. Der Feind steht in Deutschland. Er
heißt Hitler und sein System. Gegen diesen Feind, gegen diesen Todfeind
des deutschen Volkes und der Freiheit auf der Welt, gilt es verstärkt zu
kämpfen. Und Hitlers Feinde sind unsere Freunde und Hitlers Freunde
sind unsere Feinde.‹
Jahrelang hat eine ausgehaltene Presse gehetzt und verleumdet, hat hun-
derte von niederträchtigen Lügen verbreitet, tausende tapfere Arbeiter ver-
dächtigt, keine Nummer der ›Volkszeitung‹ erschien, die nicht hundertmal
wiederholte: ›Nieder mit dem Schädling. Nieder mit dem Verräter.‹
Heute stehen in allen Ländern Millionen auf, sie recken den Arm und
rufen, nach dem Osten deutend:
›Der Verräter, Stalin, bist Du.‹«78

Eine Standortbestimmung bleibt aus: Die Komintern kann zwei


Monate nach Kriegsbeginn die Situation nicht erklären.

Die Demagogie Nazideutschlands, das seinen Friedenswillen behauptete und


England und Frankreich anklagte, den Krieg begonnen und verlängert zu ha-
ben, traf bei der Führung der Sowjetunion und Stalin auf eine gewisse posi-
tive Resonanz. Die Komintern durchlebte eine existentielle Legitimations-
krise. Stalin forderte Dimitroff am 7.9.1939 auf, Thesen über die Aufgaben
der Kommunisten im Krieg zu verfassen. Am 24.9.1939 rief Schdanow aus
der Stalin-Datscha Dimitroff an und verlangte, die Vorbereitung der Thesen
des EKKI zur internationalen Situation und zu den Aufgaben der Kommu-
nistischen Parteien zu beschleunigen: »In dieser Zeit hätte Gen. Stalin ein
ganzes Buch geschrieben.«79 Zwei Tage später wandten sich Dimitroff und
Manuilski an Molotow und Stalin mit der Bitte um »Weisungen« wegen der
vorbereiteten politischen Thesen zum Weltkrieg. Der Entwurf wurde gleich-
zeitig an Andrej Schdanow abgesandt.

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Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, [Prag], 26. 9. 1939.


An: Gottwald. […] Bei uns ständig wachsende antifaschistische Stimmung
vor allem im Zusammenhang mit Mangel an Lebensmitteln. Aber unter Klein-
bürgern und teilweise auch unter Arbeitern gegenwärtig noch Desorientierung
inbezug auf Charakter des Krieges und Politik der Sowjetunion. […] In Slo-
wakei Partei Konsolidierung, jedoch bisher ohne regelmäßige Verbindung mit
ZK KP: Zentralkomitee der uns. Nach den Sudeten suchen Verbindung. ZK KP.80
Kommunistischen Partei der
Tschechoslowakei. Der Text war eine Kollektivarbeit, an der neben Dimitroff auch Manuilski,
Gerö, Pieck, Gottwald, Florin, Diaz und einige andere Kominternführer mit-
wirkten.

»Der Krieg und die Aufgaben der Kommunisten«. Thesen des Exekutiv-
komitees der Komintern, Moskau, 26. 9. 1939.
26. 9. 1939: Die KP Frankreichs 21 Jahre nach dem Ende des ersten imperialistischen Weltkrieges, der vier
wird durch die Regierung Da- Jahre tobte und die Menschheit zehn Millionen Tote und über 20 Millionen Ver-
ladier verboten und aufgelöst, wundete und Verkrüppelte kostete, haben die herrschenden Klassen und Re-
die Verbreitung von Losungen gierungen der großen kapitalistischen Staaten die Völker erneut in ein bluti-
der Dritten Kommunistischen ges Gemetzel gestürzt. Die Kommunisten haben die Massen lange vor dem
Internationale wird untersagt. Krieg unermüdlich gewarnt, daß die Bourgeoisie dieses abscheuliche Ver-
brechen vorbereitet, und sie aufgerufen, gegen den heraufziehenden Krieg
29. 9. 1939: Das Sekretariat zu kämpfen. Aber den finsteren Kräften des Imperialismus ist es erneut ge-
des EKKI erläßt eine Direktive lungen, den Völkern ihren Willen aufzuzwingen und sie für fremde Interessen
für die sofortige Kampagne zur in den Krieg zu jagen. Die Arbeiterklasse, durch die Verräterpolitik der Sozial-
Rettung der – wie auch in Spa- demokratie desorganisiert, war nicht in der Lage, den Krieg zu verhindern.
nien – in den Lagern Frank- Jetzt muß das internationale Proletariat seine Hauptaufgaben in einer Situa-
reichs einsitzenden Freiwilligen tion lösen, da der Krieg in Europa bereits begonnen hat.
der Internationalen Brigaden, 1. Dieser Krieg ist ein ungerechter imperialistischer Krieg. Die Hauptver-
unter Einschluß der skandina- antwortung dafür tragen die Bourgeoisien aller kapitalistischen Länder und
vischen Parteien. Auf die die herrschenden Klassen der kriegführenden Staaten […].
potentiellen Aufnahmeländer 2. Der gegenwärtige Krieg in Europa ist eine direkte Fortsetzung des Kamp-
(Schweden, Mexico, Chile, fes um die Vorherrschaft zwischen den beiden Gruppen imperialistischer Staa-
USA) müsse diplomatischer ten, den reichen und den ihnen unterlegenen. Doch nicht alle mit diesen Grup-
Druck ausgeübt werden. pen verbündeten Länder sind bereits in den Krieg eingetreten.
Die drei reichsten bürgerlichen Staaten – England, Frankreich und die
USA – kontrollieren riesige Territorien, haben sich über die Hälfte der Mensch-
heit unterworfen, beherrschen die wichtigsten Verkehrswege und Waren-
märkte, konzentrieren in ihren Händen die bedeutendsten Rohstoffquellen,
enorme wirtschaftliche und finanzielle Ressourcen sowie den Löwenanteil der
Goldreserven der Welt. […]
3. Die englischen und französischen Imperialisten führen diesen Krieg nicht
nur, um zu schützen, was sie zusammengeraubt haben, sondern auch um die
Gelegenheit zu erhalten, weiter zu erobern und zu rauben. Sie wollen ein noch

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schlechteres Versailles, um Deutschland zu einem Vasallenstaat zu machen,


der ihren imperialistischen Zielen dient.
Die englischen und französischen Imperialisten lügen, wenn sie behaup-
ten, sie führten diesen Krieg gegen den Faschismus. Ihre ganze Politik war dar-
auf gerichtet, den Faschismus zu stärken, weil sie planten, Deutschland in ei-
nem Krieg gegen die UdSSR zu benutzen […].
4. Der Zusammenbruch des reaktionären polnischen Staates, der dessen Keitel, Chamberlain und Hitler
innere Fäulnis, militärische Impotenz und komplette politische Unfähigkeit of- auf dem Obersalzberg, 1938.
fenbarte, ist eine historische Vergeltung für die gesamte konterrevolutionäre
Innen- und Außenpolitik, die die polnischen Gutsherren und Kapitalisten seit
der Gründung des Staates betrieben haben […].
Das polnische Volk und das internationale Proletariat sind nicht daran in-
teressiert, den alten multinationalen polnischen Staat der Bourgeoisie und
Großgrundbesitzer wiederherzustellen, der an der Korruption und dem Verrat
seiner herrschenden Klassen zugrunde gegangen ist. Das polnische Volk wird
in der Lage sein, seine Zukunft zu sichern – nicht durch die Unterdrückung an-
derer Völker, sondern durch den gemeinsamen Kampf mit den Arbeitern an-
derer Länder für die Befreiung von kapitalistischer Sklaverei.
5. Unter dem Vorwand, gegen Versailles, für die »Einheit aller Deutschen«
und für »Lebensraum« zu kämpfen, sind die deutschen Imperialisten bestrebt,
weitere Länder zu erobern und noch mehr Völker zu versklaven. Sie wollen die
Hegemonie in Europa erringen, den Kolonialbesitz Englands aufteilen und die
Macht der reichen, führenden imperialistischen Staaten untergraben. Die deut-
sche Bourgeoisie führt den Krieg, um ihre Herrschaft über die kapitalistische
Welt zu errichten […].
6. Die »friedfertige« Haltung der sogenannten neutralen Staaten, besonders 2.10.1939: Auf der Konferenz
der führenden kapitalistischen Macht USA, ist heuchlerisch durch und durch. von Panama legen alle Staaten
Die amerikanische Bourgeoisie hat keinen Finger gerührt, als Japan China des amerikanischen Doppel-
überfiel […]. kontinents außer Kanada ihre
7. Die imperialistischen Staaten hetzen seit langem, jeder auf seine Weise, Neutralität fest.
zum Krieg. Die Herren von Versailles bereiten ihn unter der Maske von Pha-
risäern, die einen »dauerhaften Frieden« sichern wollen, seit Jahren vor […].
Die führenden Kreise Japans, Italiens und Deutschlands haben, mit der
Bourgeoisie Englands und Frankreichs im Rücken, durch neue koloniale Er-
oberungen (Mandschurei, Abessinien), durch den militärischen Einmarsch in
China, durch den Anschluß Österreichs, durch das Erwürgen des revolu-
tionären Spaniens und durch die Teilung der Tschechoslowakei einen Krieg
in Europa vorbereitet. Der direkten Vorbereitung des Krieges diente das Mün-
chener Abkommen, das Tür und Tor dafür geöffnet hat, Europa mit Militär zu
überschwemmen.
Die Bourgeoisie hat diesen Krieg begonnen, weil sie in ihren eigenen Wi-
dersprüchen hoffnungslos verfangen ist und ohne den imperialistischen Krieg
nicht überleben kann.

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27. 10. 1939: Die von der So- 8. Die Sowjetunion führt seit zwanzig Jahren einen unermüdlichen Kampf
wjetunion installierte westukrai- für die Erhaltung des Friedens. Wenn die Völker in diesen zwanzig Jahren
nische Nationalversammlung nicht in ein neues weltweites Massaker gezerrt wurden, dann wegen der Sow-
verabschiedet die Deklaration: jetunion […].
»Für die Wiedervereinigung Als die Sache des Friedens schließlich an einem seidenen Faden hing, hat
des ukrainischen Volkes nach die Sowjetunion einen letzten Versuch unternommen, den Krieg durch die Auf-
jahrhundertelanger Trennung«. nahme von Verhandlungen mit England und Frankreich noch abzuwenden.
Aber die englische und französische Bourgeoisie zog die Verhandlungen be-
wußt hin, suchte sie zu sabotieren und zu nutzen, um auf Kosten der UdSSR
zu einer Vereinbarung mit Deutschland zu kommen, dieses in einen Krieg ge-
gen die UdSSR zu treiben und die Vorbereitung dieses antisowjetischen Krie-
ges vor den Massen zu tarnen. Als die Sowjetunion sich überzeugt hatte, daß
England und Frankreich nicht die Sache des Friedens verteidigen, sondern
auf eine noch schlimmere Variante der Münchener Verschwörung gegen die
UdSSR aus sind, unterzeichnete sie einen Nichtangriffsvertrag mit Deutsch-
land, wodurch sie die heimtückischen Pläne der Anstifter eines antisowjeti-
schen Krieges durchkreuzte.
Mit diesem Schritt schützte die UdSSR ihr Volk vor der Kollision der Im-
perialisten Europas. Die Position der UdSSR unterscheidet sich jedoch
grundsätzlich von der »Neutralität« der bürgerlichen Staaten. Die Sowjetunion
ist ein sozialistisches Land, das seinen eigenen Weg geht und besondere Ziele
verfolgt, die der arbeitenden Menschheit dienen. Um das Wohlergehen ihres
Volkes besorgt, ist der UdSSR jeder Tropfen Blut ihrer Söhne und Töchter
teuer. Sie bestimmt ihre Außenpolitik nach den Interessen des Sozialismus,
die mit den Interessen der Arbeiterklasse und der Werktätigen aller Länder
übereinstimmen. In Frieden und Krieg verteidigt die UdSSR die Sache des
Sozialismus mit den Mitteln und Methoden, die der jeweiligen internationalen
Lage angemessen sind. Mit ihrer Aktion, den Arbeitern der Westukraine und
Westbjelorußlands zu helfen, hat die Sowjetunion eine Befreiermission aus-
geübt: Sie hat elf Millionen Menschen der kapitalistischen Hölle entrissen, sie
der großen Sache des Sozialismus zugeführt, ihre freie nationale und kultu-
relle Entwicklung sichergestellt, sie mit der ganzen Macht des Staates vor aus-
ländischer Intervention und Versklavung bewahrt.
9. Die Kommunisten haben sich immer für die Erhaltung des Friedens ein-
gesetzt, sind aber keine Pazifisten. Nach den Lehren von Lenin und Stalin
kämpfen sie gegen ungerechte imperialistische Kriege […].
10. Der Krieg in Europa hat die internationale Lage drastisch verändert. Er
spitzt alle Widersprüche des kapitalistischen Systems, die Widersprüche zwi-
schen den imperialistischen Staaten, zwischen herrschenden und unter-
drückten Nationen, zwischen Mutterländern und Kolonien, Arbeit und Kapital,
Georgi Dimitroff. Ausgebeuteten und Ausbeutern aufs äußerste zu. Der Krieg eröffnet eine Pe-
riode der schärfsten und tiefsten Krise des Kapitalismus, die Zeit seiner großen
Agonie […].

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11. Die neue Lage, die der Krieg geschaffen hat, fordert von den kommu-
nistischen Parteien, ihre Taktik zu verändern. Vor dem Ausbruch des Krieges
in Europa war die Taktik der Einheitsfronten der Werktätigen und der Völker
richtig. Sie ist immer noch geeignet für China und kann für weitere koloniale
und abhängige Länder und Völker zutreffen, die gegen den Imperialismus, für
ihre nationale Befreiung kämpfen. Mit dieser Taktik konnten das Proletariat
und die Werktätigen den Vormarsch von Kapital und Reaktion zeitweilig ver-
zögern (Frankreich), den bewaffneten Kampf gegen reaktionäre Aufrührer und
Eindringlinge verstärken (Spanien) und den Krieg in Europa hinauszögern.
Diese Taktik ist aber nicht länger anwendbar. Erstens, weil die Führer der
Sozialdemokratie und der kleinbürgerlich-»demokratischen« Parteien völlig
auf die Seite der bürgerlichen Regierungen übergelaufen sind, die den impe-
rialistischen Krieg führen […] Zweitens, weil heute die zentrale Aufgabe der
Arbeiterklasse und der Werktätigen der Kampf gegen den Kapitalismus, die
Quelle des Krieges, und gegen alle Formen der Diktatur der Bourgeoisie ist.
Je rascher die Führer der kleinbürgerlichen Parteien einschließlich der So-
zialdemokratie ins Lager der bürgerlichen Konterrevolution überlaufen, desto
stärker »reift der Gedanke an einen Sturmangriff im Bewußtsein der Massen
heran« (Stalin).
Die Versuche der Kommunisten, gemeinsame Aktionen mit der Sozialde-
mokratie zu organisieren, waren gescheitert, bevor der Krieg in Europa be-
gann […]
12. In dieser Phase des Krieges ist es die Aufgabe der Kommunisten in den
kapitalistischen Ländern:
a) in den kriegführenden und nichtkriegführenden Ländern, wo Kommuni-
sten in Parlamenten sitzen, sich ungeachtet des Terrors der Bourgeoisie wie
wahre Bolschewiken gegen den Krieg zu stellen, indem sie gegen die Bewil-
ligung von Mitteln für den Krieg und gegen die bürgerlichen Regierungen stim-
men […]
b) in allen Ländern gegen Provokateure und Kriegstreiber, gegen die Bour-
geoisie als Anstifterin des Krieges, gegen die Sozialdemokratie als Anhängsel
des imperialistischen Verbrechertums zum Angriff überzugehen, die Versuche
der herrschenden Klassen der kriegführenden Staaten, einander die Verant-
wortung für den Krieg zuzuschieben, ihre zynische Täuschung der Werktäti-
gen mit Losungen von einem »antifaschistischen Krieg« und »nationaler Ein-
heit« gnadenlos zu entlarven […]
c) ungeachtet der Versuche des Klassenfeinds, die kommunistische Be-
wegung zu korrumpieren, Einheit und Stärke der Reihen der Kommunisten,
ihre eiserne Disziplin zu festigen, das Feuer innerhalb der kommunistischen
Parteien auf den Rechtsopportunismus zu konzentrieren, der auf Positionen
der Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes, der »Einheit der Nation« ab-
gleitet und den Mythos der Bourgeoisie vom antifaschistischen Charakter des
Krieges unterstützt […]

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d) die unsichtbare, aber tiefe und spontane Unzufriedenheit der Massen


mit dem Krieg, die unter der Oberfläche der »nationalen Einheit« heranreift,
zu unterstützen, zu nähren und zu organisieren […]
e) die Kräfte des Proletariats für den Kampf gegen den Krieg zu einen und
zusammenzuschließen, sein Bündnis mit den Werktätigen zu festigen, sie dem
Einfluß der Sozialdemokratie und anderer kleinbürgerlicher Parteien zu ent-
reißen […]
f) Die Bande der brüderlichen Solidarität der Proletarier der kapitalistischen
Länder mit der siegreichen sowjetischen Arbeiterklasse mit allen Mitteln zu
stärken, den breiten werktätigen Massen unermüdlich die tiefe internationa-
listische Bedeutung der weisen Stalinschen Politik der UdSSR zu erläutern,
Wjatscheslaw Molotow (Zeich- einer Politik, die den Kampf des Proletariats und der Unterdrückten aller Län-
nung). der für ihre Befreiung erleichtert.81

Generalsekretär Dimitroff konnte aufgrund höherer Weisung die politischen


Thesen zum Weltkrieg nicht veröffentlichen, sie wurden auch nicht an die
Kommunistischen Parteien verschickt. Statt dessen sollte er für das Zentral-
organ der Komintern einen programmatischen Artikel mit dem Titel »Der
Krieg und die Arbeiterklasse« verfassen, der schließlich gedruckt wurde (siehe
Dok. vom 2.11.1939). In der Zwischenzeit erschien in der »Iswestija« ein
offen pronazistischer Artikel, der nur von oberster Stelle lanciert sein konnte.
Molotow hob am 13.10.1939 im Gespräch mit Schulenburg hervor, daß nie-
mand so deutlich England als Kriegsverantwortlichen bezeichnet habe wie
die Sowjetunion.82

6. 10. 1939: Frankreich und »Frieden oder Krieg«, »Iswestija«, Moskau, 9. 10. 1939.
Großbritannien lehnen das Die Regierung der Sowjetunion und die Regierung Deutschlands stellten
»Friedensangebot« der Hitler- sich die Aufgabe, auf dem Territorium des ehemaligen Polen den Frieden und
Regierung ab. Die letzten Teile die Ordnung wieder herzustellen und den auf diesem Territorium lebenden
des polnischen Heeres kapitu- Völkern eine friedliche Existenz zu sichern, die ihren nationalen Besonder-
lieren. heiten entspricht. […]
Bekanntlich wurde der Krieg Englands und Frankreichs gegen Deutsch-
land unter der Losung der Wiederherstellung Polens geführt. Angesichts der
oben dargelegten Tatsachen kann die Weiterführung des Krieges durch nichts
gerechtfertigt werden. […]
Die Vorschläge, die Hitler am 6. Oktober in seiner Reichstagsrede gemacht
hat, können angenommen, abgelehnt, oder in dieser oder jener Weise korri-
giert werden. Aber es ist unmöglich, nicht anzuerkennen, daß sie auf jeden Fall
als reale und praktische Grundlage für Verhandlungen dienen können, die auf
den raschesten Friedensabschluß hinzielen.
Kampf der Hitler-Ideologe, – so wird von englischen und französischen
Politikern das Ziel des jetzigen Krieges dargestellt. […] der Kampf gegen die

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Ideologie des Hitlerismus [wird] als der hauptsächlichste und sogar einzigste
Zweck des jetzigen Krieges vorgeschoben. […]
Können diese Argumente zur Fortsetzung des Krieges als irgendwie be- 19. 10. 1939: Das Politbüro des
gründet und beweiskräftig anerkannt werden? ZK der VKP(b) beschließt die
Jeder Mensch kann sein Verhältnis zu dieser oder jener Ideologie frei zum Ratifizierung des deutsch-so-
Ausdruck bringen, sie verteidigen oder ablehnen. Aber die Vernichtung von wjetischen Vertrages über die
Menschen nur deshalb, weil irgend jemandem bestimmte Ansichten und Welt- Freundschaft und über die
anschauungen nicht gefallen, ist eine sinnlose und widersinnige Grausamkeit. Grenze zwischen der UdSSR
[…] Mit Feuer und Schwert kann man keinerlei Ideologie, keinerlei Weltan- und Deutschland explizit unter
schauung vernichten. Man kann den Hitlerismus achten oder hassen, ebenso Einschluß des Zusatzproto-
wie jedes andere System politischer Ansichten. Das ist Sache des Ge- kolls.
schmacks. Aber Kriege anfangen für die »Vernichtung des Hitlerismus« be-
deutet, in der Politik eine verbrecherische Dummheit zuzulassen […].83

»Ein sehr positiver und ententefeindlicher Artikel in der ›Iswestija‹, der Oktober 1939: Beginn der Ver-
unserem Standpunkt ganz gerecht wird. Man vermutet, daß Stalin ihn sel- treibung der Juden aus Wien.
ber geschrieben hat. Er kommt uns im Augenblick außerordentlich zu-
paß und wird mit Dankbarkeit vermerkt. Die Russen haben bis jetzt alle
Versprechungen gehalten. […] Auch der Führer meint, daß der Artikel in
der ›Iswestija‹ von Stalin geschrieben ist. Stalin sei ein alter, versierter Re-
volutionär und von nichts komme nichts. Seine Dialektik habe sich auch
bei den Verhandlungen als überragend erwiesen.« (Joseph Goebbels am
10.10.1939 in seinem Tagebuch.)84

Die KP Deutschlands fordert entgegen dem neuen Kurs der Kom-


intern den Sturz Hitlers. Die neue Logik erschließt sich ihr erst
langsam: Hitlers Sturz zu fordern bedeutet, den Hauptfeind Eng-
land zu unterstützen.

Nicht nur das Pariser Auslandssekretariat der KPD opponierte, wie häufig
angenommen, gegen den neuen Kurs der Komintern, sondern auch die Par-
teileitung in Moskau. Während von den Mitarbeitern des Auslandssekretariats
in Paris Franz Dahlem, Paul Merker, Paul Bertz, Gerhart Eisler, Adolf Ende
u. a. das antifaschistische Engagement auf der Seite Frankreichs gefordert
wurde, wollte das Moskauer (Teil-)ZK den Pakt zur offenen Agitation in
Deutschland für den Sturz Hitlers und die sozialistische Revolution nutzen
(vgl. Ulbrichts Strategiepapier vom 9.9.1939). Das in Moskau agierende Zen-
tralkomitee der KPD beschloß, einen Aufruf an die deutschen Arbeiter und
das deutsche Volk fertigzustellen, in dem zur Mobilisierung aller Kräfte für den Gerhart Eisler (Zeichnung).
Sturz Hitlers aufgerufen und den Sozialdemokraten die Mitschuld am Krieg
gegeben wurde. Ziel sei die »Volksrevolution« im Rahmen der »revolutionären

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Demokratie«. Der Aufruf wurde nach mehrfacher Überarbeitung in der Ko-


minternpresse veröffentlicht,85 obwohl er im Widerspruch zu Direktiven der
Kominternführung stand, weil darin Hitler als Kriegstreiber herausgestellt
und sein Sturz wie auch eine sozialistische Revolution für Deutschland ge-
fordert wurde: »Werktätiges deutsche Volk! […] Stürze den Hitlerfaschismus,
der Dein grausamster Feind ist.«86

»Vorschläge des Genossen Ulbricht«, Moskau, 9. 9. 1939.


Welche Änderungen der Politik der KPD ergeben sich aus der Veränderung
der Lage.
[…] Der Pakt stärkt die Friedenskräfte, indem der Antikominternpakt zer-
schlagen wurde. Der Pakt stärkt die antifaschistischen Kräfte, indem der An-
tibolschewismus, die Grundlage der faschistischen Ideologie, zerstört wurde.
Der Pakt stärkt die Freundschaft zwischen der Sowjetunion und dem werk-
tätigen Volke in Deutschland und damit den ideologischen Einfluß des Sozia-
lismus.
Aus dem imperialistischen Charakter des gegenwärtigen Krieges, der Tat-
sache, daß Millionen in Deutschland bewußt wird, daß der Faschismus
Deutschland zugrunde richtet, […] ergibt sich, daß die KPD das sozialistische
Ziel in den Vordergrund stellen muß und statt der Losung der demokratischen
Republik die Frage einer Volksrepublik stellen muß, an deren Spitze eine Ar-
beiter- und Bauernregierung steht, die sich stützt auf die Arbeiterklasse und
die werktätigen Bauern. Dieses Ziel kann nur erreicht werden durch den Kampf
um den Frieden, für die Volksrevolution zum Sturz der faschistischen Kriegs-
verbrecher, für die Beseitigung der Ursachen des Krieges, der Herrschaft des
Großkapitals.
[…] Es gibt die Möglichkeit legaler Propaganda für den Sozialismus. Die
vom Faschismus aus demagogischen Gründen genährten antikapitalistischen
Stimmungen gegen den »liberalen Kapitalismus« und gegen die kapitalisti-
schen Demokratien Westeuropas wirken jetzt gegen den Faschismus selbst
und begünstigen die Propaganda für den Sozialismus. […]
Für die Politik der KPD ergibt sich daraus: die Partei muß mit einem Mani-
fest hervortreten zur Rettung der [sic] deutschen Volkes durch den Kampf
um den Frieden, der nur herbeigeführt werden kann durch den Sturz der fa-
schistischen Kriegsverbrecher, durch die Beseitigung der Macht des Groß-
kapitals. […]
Um die Masse zur Aktion zu führen, ist es notwendig, vor allem an ihre
Friedenssehnsucht anzuknüpfen und alle Fragen des Lohnes, der Lebens-
mittelschwierigkeiten, des faschistischen Terrors, der Bevorzugung der fa-
schistischen Parasiten zum Anlaß zu nehmen, um die Massen zu passiver
Resistenz, zu Streiks und Demonstrationen zu bringen. […]
Notwendig ist, die bisherigen Unklarheiten zu korrigieren, die darin be-
standen, daß verschiedene Genossen der Meinung waren, die Einheitspartei

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könne auf der Basis des Kampfes gegen Hitler und für eine demokratische
Republik geschaffen werden. […]87

Pieck und Florin versuchten zunächst noch, die prodeutsche Wendung unter
der Zielsetzung der Beendigung des Krieges zu sehen, und sandten entspre-
chende Überlegungen an Dimitroff. Aus Piecks Notizen geht hervor, daß der
Sturz des Hitlerfaschismus prinzipiell kein Kriegsziel mehr war. Diese für
Kommunisten unerhörte Wendung wurde im internen Sprachgebrauch eu-
phemistisch als »Taktikänderung« bezeichnet: »Taktik nicht starr, nicht sche-
matisch, sondern beweglich«. Bezeichnenderweise vermerkte Pieck zu einem
späteren Zeitpunkt, über die gemeinsamen Aufgaben, die daraus folgten, sei Wilhelm Florin.
»in der Diskussion nur wenig gesprochen« worden.88 Die versprengten und
dem Terror ausgesetzten deutschen Kommunisten im Lande erfuhren erst
durch einen Brief vom 21.10.1939, daß sie ihre »gesamte organisatorische,
politische und organisatorische Arbeit« entsprechend umstellen sollten (siehe
Dok. 21.10.1939).

Wilhelm Pieck und Wilhelm Florin an Dimitroff, Moskau, 23. 9. 1939. 1. 10. 1939: Sitzung des Sekre-
Es wäre noch zu überlegen, ob nicht unseren englischen und französischen tariats des EKKI, die sich kri-
Genossen geraten wird, jetzt sofort mit einer Forderung zur Beendigung des tisch mit einem Aufruf der KP
Krieges aufzutreten unter Aufzeigung der Tatsache, daß der polnische Staat Deutschlands beschäftigt; die-
nicht mehr existiert und unter Hinweis darauf, daß weder Frankreich noch Eng- ser soll grundsätzlich umgear-
land von Deutschland unmittelbar bedroht sind und daß das angebliche beitet werden. Nach Vorlage
Kriegsziel der Niederwerfung des Hitlerfaschismus einen imperialistischen der Kommission soll er auch
Charakter trägt und nicht etwa dem Ziele der antifaschistischen Bewegung im Namen der KP der Tsche-
der werktätigen Massen entspricht.89 choslowakei und der KP Öster-
reichs veröffentlicht werden.
Handschriftliche Notiz Wilhelm Piecks, Moskau, 30. 9. 1939.
Veränderungen mit Schluß d[eu]tsch-sowj[jetischem] Pakt in der Weltlage 16. 10. 1939: Von nun an sendet
– Rolle des Aggressors an England und Frankreich. […] der deutsche Rundfunk nach
Daraus Taktik der Kommunisten Orientierung auf SU und Pakt – Kampf für den Tagesmeldungen das Lied
den Frieden, Kampf für Stärkung des Paktes, Kampf gegen Kriegsplan »Wir fahren gegen Engeland«.
Engl[and] und Frankr[eich], nationale Freiheit, Kampf gegen Feinde des Pak-
tes im Lande (SP, Kath[oliken], Teil Großbourgeoisie), Kampf gegen Großka-
pital-Imperialismus. […]
Aber in dieser Situation nicht Losung des Sturzes der [Hitler-]Regierung,
weil feindlich den Massen, nicht Unterstützung des Krieges – bleibt imp[eria-
listischer] Krieg – Imperialismus, Außenpolitik ist imperialistisch, Wandlung
nur in Bezug auf SU. […]
Niederlage und Sturz der deutschen Regierung ist gleichbedeutend mit
Niederlage des deutschen Volkes, wenn nicht sofort Volksregierung. Sturz der
Hitlerregierung nicht über Weg der Niederlage des Volkes.90

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Verschlechterung der Bedingungen – Die Komintern-Kader im


Fokus staatlicher Unterdrückung.

2. 10. 1939: Die Komintern ver- Schwerer Schlag gegen die operative Kominternführung: Aus Frankreich wur-
sucht weltweit Demonstratio- den per chiffriertem Telegramm Verhaftungen internationaler Kader gemel-
nen und Kundgebungen gegen det, darunter die von Togliatti und Dahlem. Das Präsidium des EKKI warf
den Imperialismus zur »Unter- in einem Beschluß vom 1.10.1939 der Auslandsleitung der KP Italiens voll-
stützung der sowjetischen Frie- ständiges Versagen vor. Maßnahmen zur Rettung der Kader und des Komin-
denspolitik« zu initiieren, dar- tern-Personals wurden eingeleitet. Giulio Ceretti war als Organisator eines
unter antibritische Kundgebun- Ausweichzentrums der Komintern nach dem Paktabschluß nach Brüssel ge-
gen in Indien. gangen, befand sich aber möglicherweise in Paris. Er organisierte die Deser-
tion von Thorez aus der französischen Armee und seinen Transfer nach Mos-
kau. Beide Aktionen wurden vom EKKI genehmigt.

Chiffretelegramm an die Funkstelle [Paris], 2. 10. 1939.


Pierre (Ps.): Giulio Ceretti (?). An: Pierre. Italienische Parteiführer Alfredo und Gallo sind verhaftet. Frants
Alfredo (Ps.): Palmiro Togliatti. und die deutsche Parteiführung sind verhaftet. Wir halten Verbindung zur ita-
Gallo (Ps.): Luigi Longo. lienischen, tschechischen, rumänischen und bulgarischen KP. Lefort.91
Frants (Ps.): Franz Dahlem.
Lefort (Ps.): Eugen Fried. Togliatti blieb unerkannt und wurde im Februar 1940 zu 6 Monaten Ge-
fängnis wegen falscher Papiere verurteilt, jedoch einen Monat später freige-
lassen. Vermutlich hatte die sowjetische Botschaft dafür finanzielle Leistun-
gen erbracht.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, [Paris], 4. 10. 1939.


Daniel (Ps.): Georgi Dimitroff. An: Daniel. Alfredo ist Anfang September verhaftet worden. Seine Identität
Alfredo (Ps.): Palmiro Togliatti. wurde bisher nicht aufgedeckt. Wir haben Verbindung aufnehmen können.
Gallo (Ps.): Luigi Longo. Wird auf Grundlage Ausländergesetz angeklagt. Gallo am 1. September ver-
Roncoli (Ps.): Mario Monta- haftet, keine Anklage. In der Gewalt der Militärbehörden. Roncoli 28. Sep-
gnana. tember verhaftet, keine Anklage, Konzentrationslager. Die übrigen unterge-
taucht, werden aber gesucht. Lage schwierig. Cocchi hat Verrat begangen.
Jacopo (Ps.): Giuseppe Berti. Aus der Partei ausgeschlossen. Jacopo.92

Die These vom Verrat Romano Cocchis an seinen Genossen hat sich jahr-
zehntelang gehalten – neueren italienischen Veröffentlichungen zufolge pro-
testierte Cocchi jedoch allein mutig und parteiöffentlich gegen den Stalin-Hit-
ler-Pakt. Auch sein weiterer Lebensweg weist nicht auf Verrat hin: Nach dem
Ausschluß aus der KP Italiens ging er in die Résistance und wurde Kom-
mandeur im gaullistischen Maquis. Im Dezember 1943 wurde er verhaftet
und nach Buchenwald verbracht. Dort starb er am 28.3.1944 an Hunger und
Auszehrung.93 Am 23.10.1939 übermittelte eine Verbindungsstelle der Kom-
intern (vermutl. Amsterdam) an Dimitroff die Nachricht, die Ausreise von
Luigi Longo. vier Leitungsmitgliedern der KP Italiens (Giuseppe Berti, Giuseppe di Vit-

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torio, Ruggero Grieco, Antonio Roasio) nach Lateinamerika sei vorbereitet.


Luigi Longo befände sich im KZ, d.h. im Internierungslager.
Der bekannte Journalist und spätere Leiter des Widerstands, Leo Valiani,
verließ nach dem Paktabschluß die KPI. Dem Historiker Paolo Spriano
schrieb er: »Dieser Pakt setzte meinen Zweifeln ein Ende. Er bewies die Un-
schuld der Trotzkisten und der Bucharinisten, die Stalin angeklagt hatte, Agen-
ten Nazideutschlands zu sein.« Valiani wurde nach dem Krieg (wie Giuseppe
Berti, der im Auftrag Togliattis die Säuberung in der KPI durchgeführt hatte)
zum Senator ernannt. Nach der Freilassung teilte Togliatti Dimitroff am 22.4.
in einem chiffrierten Telegramm seine Absicht mit, selbst unter schwierigen Be-
dingungen in Westeuropa bleiben zu wollen. Resolut sprach er sich gegen eine
Verlegung des Parteizentrums in die Vereinigten Staaten aus, er habe 3 Mit-
arbeiter für die Arbeit im Lande vorbereitet. Allerdings schiffte er sich dann
(etwa am 10.5.) mit Ruggero Grieco nach Moskau ein. Dort übte er seine
Funktion als einer der drei Kominternsekretäre wieder aus. Longo blieb bis
1941 in Le Vernet interniert, er übernahm ab 1943 das Kommando über die
Garibaldi-Brigade der italienischen Resistenza.

Die schwierige »Normalisierung«: Innere Zerreißproben, Wider-


stände und Oppositionen in den kommunistischen Parteien. Die
»Fehler« der Parteien werden einzeln »korrigiert«.

Die KP Frankreichs und der psychologische Schock im Heimat-


land des Antifaschismus.

Bei Kriegsausbruch, am 1.9.1939, erklärte die kommunistische Fraktion der


Pariser Nationalversammlung einstimmig »den Willen aller Kommunisten,
gegen den Faschismus und den Nazismus zu kämpfen«, und veröffentlichte
einen solidarischen Gruß an alle zum Militärdienst eingezogenen Parteimit-
glieder. Anfang September bekundete Marty seine Bereitschaft, sich im Falle
einer Mobilisierung der französischen Regierung zum Dienst an der Waffe zu
melden. Die Abgeordneten der KP Frankreichs stimmten am 3.9.1939 für
die Kriegskredite (!) und bekräftigten dies am 19.9.1939. Nach der Kriegs-
erklärung Frankreichs an Deutschland verlangte Dimitroff dringend Nach-
richten über das Schicksal der KP-Führung.
Am 6.9.1939 beteuerte Cachin gegenüber dem Senatsvorsitzenden Jeannenet
weiterhin die antifaschistische Solidarität im Namen der KP Frankreichs: »Die
Kommunistische Partei ist mit allen Mitteln des Kriegsrechts einverstanden, die
von der Regierung ergriffen werden, um Hitler zurückzuschlagen und die Ret-
tung des Landes gewährleisten.« Die telegraphischen Verbindungen mit Moskau
waren vorübergehend unterbrochen. Am 15.9. untersagte die Kominternführung
den Einsatz der Kommunisten in den antifaschistischen Legionen Frankreichs,

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Italiens, der Tschechoslowakei und Polens. Einer der Kaderverantwortlichen der


KP Frankreichs, Arthur Dallidet, traf am 16.9.1939 in Moskau ein.
Die Führung der Einheitsgewerkschaft CGT mit ihrem Präsidenten Léon
Jouhaux beschloß am 18.9.1939 den Ausschluß aller Gewerkschaftsmitglie-
der, die den Stalin-Hitler-Pakt verteidigten. Nur noch 20 Mitglieder nahmen
an einer ZK-Sitzung der KPF teil. Am 20. 9. 1939 kehrte das ZK-Mitglied
Raymond Guyot mit neuen Instruktionen aus Moskau nach Paris zurück.
Am 22.9.1939 forderte die Kominternspitze in einer neuen Direktive an die
kommunistischen Parteien: Die Kommunisten dürfen sich in keinem Falle in
die nationalen militärischen Verbände integrieren, auch nicht in die Legio-
Léon Jouhaux. nen zum Kampf gegen den Faschismus.
Unter Verweis auf den Stalin-Hitler-Pakt wurde die KP Frankreichs am
26. 9. 1939 durch die französische Regierung verboten – zum ersten Mal in
ihrer Geschichte. Jegliche Tätigkeit, »welche die Verbreitung von Losungen,
die von der Dritten Kommunistischen Internationale ausgehen, zum Ziel
hat«, war untersagt.95 Zwei Tage später bildete die ehemalige Fraktion der KP
Frankreichs in der Nationalversammlung die Groupe ouvrier et paysan
français (Sekretär: Arthur Ramette. Präsident: Florimond Bonte).
Das Präsidium des Exekutivkomitees der Komintern äußerte am
28. 9. 1939 seine bisher schärfste Kritik an der KP Frankreichs. Auch nach
ihrem Verbot habe die Partei ihre Politik nicht umgestellt, es gehe nicht um
einen Kampf für die Demokratie, die Position der Landesverteidigung sei
Edouard Herriot. inakzeptabel. Von nun an sei Antifaschismus Nebensache! Die Taktik der
Einheits- und Volksfront sei in Frankreich nicht mehr anzuwenden.

28. 9. 1939: Das EKKI verab- Chiffretelegramm an die Funkstelle Paris für die KP Frankreichs, Moskau,
schiedet ein Dokument über 28. 9. 1939.
den imperialistischen Krieg An: Paris. […] Frage des Faschismus spielt heute zweitrangige Rolle. Erst-
und die Balkanländer. rangige Frage ist der Kampf gegen Kapitalismus, Quelle aller Kriege, gegen
das Regime der Diktatur der Bourgeoisie in allen seinen Formen vor allem in
30. 9. 1939: Das ZK der KP
Eurem eigenen Land […].
Rumäniens veröffentlicht eine
Ihr müßt handeln wie Lenin und Liebknecht und dürft nicht die Banalitäten
Erklärung, die gleichzeitig
der Sozialpatrioten nachbeten. Ohne die prinzipielle Haltung zum Krieg auf-
gegen Hitlerdeutschland und
zugeben, laßt Euch nicht von den Reformisten provozieren, die Spaltung der
gegen England und Frankreich
Gewerkschaften wollen. Wir sind sicher, daß Zentralkomitee begangene Feh-
ausgerichtet ist.
ler korrigiert.
Danil (Ps.): Georgi Dimitroff. Präsidium des EKKI. Danil.96

Brief von Arthur Ramette und Florimont Bonte an den Präsidenten der
1. 10. 1939: Nazideutschland Nationalversammlung, Edouard Herriot, Paris, 1. 10. 1939.
beschuldigt Großbritannien […] Wir sind gewiß, den Interessen unseres Landes zu dienen, wenn wir
und Frankreich, den Krieg fordern, daß die Friedensvorschläge, die Frankreich unterbreitet werden, mit
künstlich zu verlängern. der Bereitwilligkeit geprüft werden, einen gerechten, glaubwürdigen und dau-

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erhaften Frieden schnellstens herzustellen […]. Für die Arbeiter- und Bau-
erngruppe. Der Vorsitzende: A. Ramette, Abgeordneter.97

Dieser maßgeblich von Duclos redigierte Brief, der sich auf die Friedensvor- Thorez desertiert mit Hilfe
schläge der Sowjetunion bezog, war das erste sichtbare Ergebnis des von Mos- eines Parteikommandos am
kau ausgeübten Drucks. Der Akzent lag nicht mehr auf dem Kampf gegen 4. 10. 1939, flieht nach Brüssel
Hitler, im Gegenteil, die KPF forderte die französische Regierung auf, mit und von dort (am 7. 10. 1939)
Hitler Friedensgespräche zu führen. Mehr als 20 Abgeordnete der KP Frank- nach Moskau.
reichs verweigerten ihre Unterschrift.
Die sowjetische Führung kritisierte den Brief gleichwohl in scharfer Form
als zu pazifistisch, die Position gegenüber dem Imperialismus sei zu unkri-
tisch. Für die Regierung war der Inhalt des Schreibens Grund genug, um am
5.10.1939 gegen alle 41 Abgeordneten der KP Frankreichs wegen »verderb-
licher Einflüsse auf den Geist von Armee und Bevölkerung« einen Haftbe-
fehl ausstellen zu lassen. Ramette und Duclos flohen nach Brüssel, von dort
aus leitete Duclos bis Juni 1940 die KP Frankreichs anstelle des langjährigen
Generalsekretärs Maurice Thorez. Die Kominternspitze forderte am 7. 10.
von der zerstobenen Parteiführung, sofort eine »Entlarvungskampagne über
den pseudo-antifaschistischen Krieg« zu beginnen. Dabei sollte die Sozia-
listische Partei attackiert werden, besonders Léon Blum. Sie verkörpere nun
die schlimmste Reaktion, nicht mehr die deutschen Faschisten.98 Léon Blum.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Amsterdam für die KP der Nieder-


lande, die KP Belgiens und die KP der Schweiz, Moskau, 7. 10. 1939.
An: Amsterdam. Übergeben auch in Belgien und Schweiz […]. [Die] Blums 4. 10. 1939: In einer Reihe von
und de Brouckeres, die englischen Labouristen zusammen mit der englischen Direktiven definiert Marty die
und französischen Reaktion ergreifen das bankrotte Banner der Antikomin- Position des Defaitismus in der
tern. Sie nehmen die sowjetfeindliche Haltung ein, von der sich die deutschen gegebenen Situation in Frank-
Faschisten […] durch die Umstände absagen mußten. Sie sind jetzt die Trä- reich. Seine Vorstöße wurden
ger der schlimmsten Reaktion. Die Provokateure des Krieges gegen die So- dahingehend interpretiert, daß
wjetunion toben, weil die Sowjetunion ihre niederträchtigen Pläne durchkreuzt, Marty alles tat, um in Abwe-
die Position des Landes des Sozialismus gefestigt und 14 Millionen Menschen senheit von Thorez die Partei-
der kapitalistischen Hölle entrissen hat. Ihre sowjetfeindliche und antikommu- führung zu übernehmen.
nistische Kampagne ist die Vorbereitung des Krieges gegen die Sowjetunion.
Ihr müßt in Eurem Auftreten mehr Mut zeigen, Ihr müßt Euch so verhalten,
wie es Lenin und Stalin während des Krieges 1914–18 lehrten, so wie es Lieb-
knecht tat. Verteidigt aufopfernd die französischen Kommunisten vor der be-
stialischen französischen Reaktion. Kämpft entschlossen gegen die angrei-
fende Reaktion in Eurem Lande. […] Sekretariat. Daniel.99 Daniel (Ps.): Georgi Dimitroff.

Am 7.10. veröffentlichte die Wochenzeitung »Le Monde« (Brüssel) einen äußerst 5.10.1939: Das EKKI-Sekreta-
scharfen Brief André Martys an den Sozialistenführer Léon Blum im Sinne der riat fordert die Verbindungsstel-
Moskauer Direktiven gegen den imperialistischen Krieg. Das EKKI forderte le Amsterdam auf, die »Lite-

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raturarbeit« in Holland, Belgien, dazu auf, den später in der »Humanité« nachgedruckten Brief international um-
der Schweiz und Frankreich fassend zu propagieren. Der Brief war vermutlich die erste öffentliche Konkre-
stärker zu kontrollieren. tisierung der neuen Linie der Kominternführung, die Sozialdemokraten aufs
schärfste zu bekämpfen, da diese für die Verteidigung des Landes gegen Hitler
7. 10. 1939: Aus Moskau ergeht eintraten. Marty kritisierte zugleich scharf den »feigen Legalismus« der Partei
die Aufforderung an die KPF, (und damit die Führung von Maurice Thorez). Die KPF habe die Kriegser-
den Offenen Brief von Marty an klärung mit einer bedingungslosen Kapitulation ihrer Führung beantwortet und
Blum in der »Welt« zu veröf- mit ihrem »Kapitulantentum« und einer »ultralegalistischen parlamentarischen
fentlichen und ihn darüber hin- Aktivität« die Partei und die Arbeiterklasse entwaffnet. Marty kritisierte die Auf-
aus international zu verbreiten. rufe der Partei für den Frieden, da ein Frieden zwischen England, Frankreich
und Deutschland einen neuen Block gegen die UdSSR schaffen würde.100
7.10.1939: Direktive des Sekre-
In Belgien fand am 8.10.1939 eine von Fried organisierte illegale Sitzung
tariats des EKKI, das Führungs-
der Spitze der KP Frankreichs statt, an der Thorez, Duclos, Ramette und Ce-
zentrum der KP Italiens in
retti teilnahmen (möglicherweise auch Tréand und Emile Dutilleul). Hier
einem neutralen Land unterzu-
wurde die bisher noch teilweise antifaschistische Stoßrichtung der Partei defini-
bringen. Am 10.10.1941 wird in
tiv ad acta gelegt. Der Krieg wurde als imperialistischer Krieg bezeichnet, für
Zürich im Namen der KPI ein
den England und Frankreich die Hauptverantwortlichen seien.101 Mithin dau-
antifaschistischer Aufruf veröf-
erte es fast zwei Monate, bis die neue Linie Stalins, Molotows und Dimitroffs von
fentlicht.
der Führung der KP Frankreichs im Exil formal bestätigt wurde. Die Partei-
mitglieder hatten aufgrund der Illegalität keine Möglichkeit, sich zu artikulieren.
8. 10. 1939: Weitere Verhaftun- Maßnahmen zur Rettung der Kader wurden eingeleitet:
gen von Mitgliedern der KPF.
Chiffretelegramm an die Funkstelle Amsterdam, Moskau, 11. 10. 1939.
Clément (Ps.): Eugen Fried. An: Amsterdam, Leitung für Clément, Amsterdam. Unsere Meinung ist, daß
unsere französischen Freunde in Europa bleiben, sich je nach Lage in Holland
oder Dänemark und Schweden niederlassen. Einer ihrer Führer soll hier zur
Jeannette (Ps.): Georgi Dimi- Berichterstattung erscheinen. Jeannette.102
troff.
Chiffretelegramm an die Funkstelle [Brüssel], Moskau, 14. 10. 1939.
Pierre (Ps.): Giulio Ceretti. An: Pierre. Gabriel, Stern, Clément in neutralem Land [Belgien] in Sicher-
Gabriel (Ps.): Maurice Tréand. heit. G. D.103
Stern (Ps.): Maurice Thorez.
Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, Brüssel, 16. 10. 1939.
Luis (Ps.) Vittorio Codovilla. An: Sekretariat. Luis fährt 20. Oktober mit Dampfer Statendem von
Maurice (Ps.): Maurice Thorez. Rotterdam ab. Maurice, Jacques, Ramette sind in Belgrado. Lage Maurice
Jacques (Ps.): Jacques Duclos. wird dort jeden Tag schwieriger. Schlagen vor Abfahrt mit Familie zu euch.
Belgrado: Brüssel. Er suchen euch gestandigen Staats stelle dort, um ihm zu helfen. Cle-
Clement (Ps.): Eugen Fried. ment.104

Chiffretelegramm an die Funkstelle Amsterdam, Moskau, 17. 10. 1939.


Leitung (Ps.): Daan Goulooze. An: Amsterdam. Leitung für Clément. Stern kann mit seiner Frau zu uns
Clément (Ps.): Eugen Fried. kommen. Sekretariat.105
Stern (Ps.): Maurice Thorez.

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Maurice Thorez traf mit seiner Frau Jeannette Vermeersch am 8.11.1939 in


Moskau ein.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Paris und Brüssel für die KP Frank-


reichs, Moskau, 19. 10. 1939.
An: Paris, Lefort. Unverzüglich der Parteiführung übermitteln.Verhalten der Lefort (Ps.): Eugen Fried.
verhafteten französischen Abgeordneten vor Untersuchungsrichter ist schlecht.
Nicht zu reden von den Renegaten Kanallien, die jede Partei öffentlich als Ver- George (Ps.): Georgi Dimitroff.
räter stigmatisieren sollte. […] Es muß zur Offensive übergegangen werden
[…] als Ankläger von Daladier Blum und ganzer französischer Imperialisten- 19. 10. 1939: Das Präsidium
clique die das Volk in die Abschlachterei getrieben haben aufgezeigt werden des EKKI trifft nach einem
daß der Feind sich im eigenen Land befindet. Die Linie der Abgeordneten muß äußerst kritischen Bericht von
unverzüglich korrigiert werden, weil es sich um die gesamte Zukunft der kom- Marty über das Verhalten der
munistischen Bewegung in Frankreich handelt. Jede Minute Verspätung droht Partei in Frankreich eine
unsere Bewegung auseinanderzureißen und die kommunistischen Reihen zu Grundsatzentscheidung über
demoralisieren. Wenn es nicht möglich sein sollte, auf andere Weise die Linie die Politik der KP Frankreichs.
der Abgeordneten zu korrigieren, denken wir, daß einer der Führer, beispiels-
weise Duclos, im Prozeß erscheinen muß, um ihm eine gewünschte Orientie-
rung zu geben, indem er sich wie Karl Liebknecht verhält. Sekretariat.106

Korrekturen am politischen Kurs der KP Großbritanniens.

Die KP Großbritanniens ordnete sich der Linie der Komintern ebenfalls nicht
unter und beharrte auf der Weiterführung des Kampfes an zwei Fronten:
gegen den Hitlerismus und gegen die reaktionären Kräfte im Lande, be-
sonders gegen die Regierung Chamberlain. In der Parteiführung kam es zu
prinzipiellen Auseinandersetzungen. Pollitt und J.R. Campbell verteidigten
die vor dem deutsch-sowjetischen Vertrag von der Komintern vertretene an-
tifaschistische Ausrichtung. In entschiedener Weise forderten sie die Unter-
stützung des Krieges gegen Deutschland durch alle Kommunisten und De-
mokraten.

Aus der Broschüre »How to win the War« [Wie den Krieg gewinnen] von
Harry Pollitt, London, 14. 9. 1939.
Die Kommunistische Partei unterstützt den Krieg, weil sie ihn für einen ge-
rechten Krieg hält, der von der gesamten Arbeiterklasse und allen Freunden
der Demokratie in Großbritannien unterstützt werden sollte […]. Sich aus die-
sem Konflikt herauszuhalten, nur revolutionär klingende Phrasen beizutragen,
während die faschistischen Bestien voller Roheit über Europa dahinfegen,
wäre ein Verrat an allem, was unsere Vorfahren in langen Jahren des Kamp-
fes gegen den Kapitalismus erreicht haben.107 Harry Pollitt.

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Chiffretelegramm an die Funkstelle Brüssel für die KP Großbritanniens,


Moskau, 29. 9. 1939.
Lefort (Ps.): Eugen Fried. An: Lefort. Teilen Sie Harry Pollitt unverzüglich per Sonderkurier mit, daß
Orientierung der englischen Partei auf Unterstützung des Krieges falsch ist.
Bedeutet im Grunde Unterstützung Chamberlains. Während des Krieges muß
jeder Kommunist gegen die Reaktion im eigenen Lande kämpfen. Nicht fa-
schistisches Deutschland, das durch Vertrag mit Sowjets verbündet, ist Rück-
grat des Kapitalismus, sondern antisowjetisches, reaktionäres England mit
Kolonialreich. Heute auf der Tagesordnung Kampf gegen Kapitalismus,
während Kampf gegen Faschismus untergeordnete, zweitrangige Rolle spielt.
Daher ist Taktik der antifaschistischen Front nicht mehr anwendbar. Englische
Kommunisten, die Formeln über sogenannten antifaschistischen Krieg nach-
plappern, helfen englischer Bourgeoisie, Volk ins Gemetzel zu treiben. Losung
des Tages der Kommunisten in allen kriegführenden kapitalistischen Ländern
George (Ps.): Georgi Dimitroff. ist Kampf gegen den imperialistischen Krieg. George.108

7. 10. 1939: XVI. Parteikongreß Pollitt und Campbell unterlagen mit ihrer »patriotischen« Linie im innerpar-
der KP Großbritanniens. teilichen Kampf zunächst einer von Palme Dutt geführten Mehrheit und wur-
den von Dimitroff als Parteiführer abgesetzt, sie durften jedoch im Politbüro ver-
7.10.1939: Aufruf des Zentralko- bleiben. Noch auf dem Plenum des ZK der KP Großbritanniens am 4.2.1940
mitees der KP Großbritanniens stimmten sie gegen die Unterstützung der »Thesen« des EKKI-Sekretariats, die
für eine sofortige Beendigung Springhall, der neue »Supervisor« des Apparats der KP Großbritanniens, aus
des Krieges, der »ein Kampf Moskau mitbrachte. Die Umorientierung der KP-Politik im Sinne Dimitroffs
zwischen imperialistischen erfolgte bis zum Frühjahr 1940. Nach Selbstkritik und Unterwerfungsritualen
Mächten um Profite, Kolonien wurde Pollitt erst 1941 wieder in die Parteiführung aufgenommen.
und Weltherrschaft« ist.
Chiffretelegramm an die Funkstelle London für die KP Großbritanniens,
Moskau, 4. 2. 1940.
Legen euch nahe, daß Harry [Pollitt] und Johnny [Campbell] nicht mehr
9. 10. 1939: Tom Bell reist von dem Politbüro angehören sondern im Zentralkomitee verbleiben. Es soll kei-
Moskau nach Paris zurück. nen gewählten Generalsekretär sondern nur noch ein kollektives Sekretariat
geben. Stop. Bestätigt Empfang dieses Telegramms. D.109

Am 20.3.1940 wird die Maßnahme wieder aufgehoben. Dimitroff telegra-


phiert an Dutt, daß Harry Pollitt Mitglied des Politbüros der KP Großbri-
tanniens bleiben könne.
19. 11. 1939: Die Mitglieder des
Politbüros der KP Großbritan- »Wenn ich die Wahl treffen müßte zwischen dem England Chamberlains
niens, Pollitt und Campbell und der Art von Regime, das Hitler uns aufzuzwingen beabsichigt, würde
üben in Moskau Selbstkritik. ich ohne einen Moment des Zögerns das England Chamberlains wählen.
Pollitt wird als Generalsekretär Doch diese Alternative existiert nicht wirklich. Grob gesagt, es gibt eine
abgesetzt. Sein Nachfolger Wahl zwischen Sozialismus und Niederlage. Wir müssen vorankommen
wird Dutt. oder untergehen.« (George Orwell)110

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Korrekturen am politischen Kurs der KP der USA.

Dimitroff instruierte Earl Browder und seine Genossen, daß es im imperia-


listischen Krieg für Kommunisten keinen Grund mehr gebe, zwischen den
»bürgerlichen Demokratien« und dem Faschismus zu unterscheiden.

Brief von Dimitroff an Earl Browder, Moskau, Ende September/Anfang


Oktober 1939.
Lieber Genosse Browder!
Zwar haben Sie nach unserem Telegramm einige Schritte zur Korrektur der 7. 10. 1939: Telegramm des
falschen Position der Partei zum Krieg in Europa getan, aber wie Ihre Rede in EKKI an Browder in New York,
Cleveland zeigt, bleiben Sie weiterhin in Vorstellungen gefangen, die vor dem den Kampf gegen die Sozial-
Kriege richtig waren, jetzt aber falsch sind. […] demokratie zu verstärken, da
Jetzt geht es nicht nur um den Faschismus, sondern um die Existenz des sie mit der Antikomintern zu-
gesamten kapitalistischen Systems. Die Frage des Faschismus spielt eine sammenarbeite, währenddes-
zweitrangige Rolle. Das Wichtigste und Grundsätzliche ist der Kampf gegen sen sich die Faschisten von ihr
den Kapitalismus […]. distanziert hätten.
Im Krieg »paßt« die Bourgeoisie der sog[enannten] bürgerlich-demokrati-
schen Staaten ihr Regime dem des Faschismus »an« (wovon z. B. die Auflö- 22. 10. 1939: Der amerikani-
sung der kommunistischen Partei in Frankreich zeugt). Die Bourgeoisie die- sche Kommunist Patrick Too-
ser Länder verhält sich heute gegenüber der Sowjetunion feindseliger als die hey listet in Moskau die Fehler
faschistischen Staaten. […] Daher gibt es keinen Grund mehr, einen prinzi- der KP der USA auf. Sie habe
piellen Unterschied zwischen den »bürgerlichen Demokratien« und dem Fa- den Krieg als gerechten Krieg
schismus zu machen. Das untergräbt die Voraussetzungen für eine »demo- gegen den Faschismus be-
kratische« Front. Glauben Sie nicht, daß die USA in dieser Hinsicht eine zeichnet sowie Polen und die
Ausnahme sind. […] Innen- und Außenpolitik
Den Werktätigen eröffnet sich jetzt eine weitergehende Perspektive, als die Roosevelts verteidigt.
Reste der »bürgerlichen Demokratie« zu verteidigen.Wir wären Pedanten und
keine Revolutionäre, wenn wir uns weiterhin an die alten Losungen von der 23. 10. 1939: In Vorschlägen an
»demokratischen« oder »Volksfront« klammerten […]. die Kommunistischen Parteien
Die Aufgabe der amerikanischen Kommunisten besteht jetzt darin, eine Skandinaviens heißt es, daß
kämpferische Aktionseinheit des Proletariats herzustellen, und dessen Bünd- besonders die »reaktionäre
nis mit den Farmern durch selbständige Mobilisierung der Massen gegen die Zusammenarbeit der nörd-
Reaktion und die sich verschärfende kapitalistische Ausbeutung zu stärken. lichen Staaten mit England«
Daher glauben wir, daß die Kommunistische Partei der USA nicht länger kritisiert werden soll. Auch sol-
Roosevelt nachlaufen sollte […]. len die Parteien sich im Rah-
Polen war ein reaktionärer Vielvölkerstaat, in dem Ukrainer, Belorussen und men von Hilfsaktionen für die
Juden unterdrückt wurden, ein Staat, der von der Korruption seiner herr- Internationalisten in den fran-
schenden Klassen zersetzt war. Das internationale Proletariat hat kein Inter- zösischen Lagern engagieren.
esse daran, daß ein solcher Parasitenstaat weiterbesteht.
Als die Sowjetunion den Werktätigen der Westukraine und Westbeloruß-
lands zu Hilfe kam, hat sie elf Millionen Menschen der kapitalistischen Hölle
entrissen, ihre nationale und kulturelle Entwicklung sichergestellt, sie der

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Sache des Sozialismus zugeführt und mit all ihrer Macht vor ausländischer Ver-
sklavung bewahrt…
Das ist für heute alles. Ich drücke Ihnen fest die Hand. G[eorgi] D[imitroff]111

Scharfe Korrekturen am Kurs der KP Italiens.

Das Präsidium des EKKI warf in einem Beschluß vom 1. 10. 1939 der in
Frankreich tätigen Leitung der italienischen Kommunistischen Partei völliges
Versagen vor. Ihr vollständiger Austausch ließ nicht lange auf sich warten. Am
7. 10. 1939 erließ das Sekretariat des EKKI eine Direktive, das Führungs-
zentrum der KP Italiens in einem neutralen Land unterzubringen und in
Frankreich ein bis zwei Verbindungsleute zu belassen.

Beschlußentwurf des Exekutivkomitees der Komintern zur Auflösung


des Zentralkomitees der KP Italiens, Moskau, [Oktober 1939].
Der Bericht über Lage und Tätigkeit der IKP zeigt, daß die Führungsgruppe,
die an der Spitze der Parteiorganisation im Ausland stand, mit ihrer Aufgabe
überhaupt nicht zurechtgekommen ist. Zwar hat diese Gruppe am Vorabend
des Krieges eine richtige Orientierung erhalten, was seinen Ausdruck in der
Erklärung der Partei zur Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtan-
griffsvertrages und in ihrem Brief an die Führung der Sozialistischen Partei
zum selben Thema fand, aber danach hat diese Gruppe keine richtige politi-
sche Position bezogen. Zur Frage des Krieges hat sie sich erst mit großer Ver-
spätung (im Oktober 1939) mit einem Manifest zu Wort gemeldet, das ernste
politische Fehler enthält (»Die Hitleraggression gegen Polen«). Sie hat nicht
die Fragen in den Mittelpunkt gerückt, die sich den Arbeitermassen und dem
Volk Italiens im Zusammenhang mit dem Krieg stellen. Sie hat Losungen aus-
gegeben, die weder der konkreten Situation in Italien noch der internationa-
len Lage gerecht werden (»Umwandlung des imperialistischen Krieges in
einen Bürgerkrieg«). Außerdem hat diese Führungsgruppe faktisch alle wirk-
liche Agitations- und Propagandaarbeit eingestellt […].
Daher beschließt das Sekretariat der KI: a) das alte Zentralkomitee und
weitere Führungsgremien der Partei aufzulösen; b) eine Reorganisation der
Tätigkeit der Partei auf der Grundlage der in dem beiliegenden Arbeitsplan
aufgeführten konkreten Maßnahmen vorzunehmen.112

Chiffretelegramm an die Funkstelle Prag für die KP der Tschechoslowa-


kei, [Moskau], 16. 10. 1939.
An: Prag, ZK KPC. […] Alle Verräter und Kapitulanten gruppieren sich im
Ausland um Beneš und bilden wieder alte bankrottierte Koalition. Daher Volk
zu Hause um Kompartei zusammenschließen für nationale und soziale Be-
freiung. Revolutionäre Perspektive erfordert engste Verbindung mit deutscher

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Arbeiterklasse im Zeichen der internationalen proletarischen Solidarität und


gemeinsamer Freundschaft zur Sowjetunion. Daher bei Entfaltung tschechi-
schen Befreiungskampfes gleichzeitige Ablehnung des antideutschen Chau-
vinismus. […] Klema.113 Klema (Ps.): Klement Gottwald.

Schriftsteller und Intellektuelle distanzieren sich vom Parteikom-


munismus: Octavio Paz, Heinrich Mann, Alfred Döblin, Paul
Nizan und viele andere.

Die Union Franco-Allemande wurde im Mai 1939 gegründet mit dem Vor-
satz, die Werte von Freiheit und Humanität in Europa zu verteidigen. Zu
ihren Gründungsmitgliedern gehörten Alfred Döblin, Franz Werfel, Otto
Klepper, Herman Rauschning, Paul Boncour und Yvon Delbos. Als Inspira-
tor fungierte Willi Münzenberg, der die Union als Weiterentwicklung der Yvon Delbos.
gescheiterten »Deutschen Volksfront« konzipierte.

Erklärung der deutschen Mitglieder der Deutsch-Französischen Union,


»Die Zukunft«, Paris, 28. 8. 1939.
In dieser Stunde der äußersten Kriegsgefahr erneuern die deutschen Mit-
glieder der Deutsch-Französischen Union (Union Franco-Allemande) ihr Be-
kenntnis zur Sache des Friedens, der Freiheit und der Demokratie. […] Die
deutschen Mitglieder […] bedauern, daß die in der Bildung begriffene Front des
Friedens, die nach ihrer Überzeugung nicht nur ein Mittel zur Sicherung des
Friedens, sondern auch die Keimzelle eines künftigen Europa hätte bilden
können, nicht zustande gekommen ist. Sie verurteilen den Verrat dieser Front
durch Rußland, eine Macht, die sich bisher nicht nur zur Idee der kollektiven
Sicherheit bekannte, sondern sich auch als Repräsentant der Arbeiterklasse
im Kampfe gegen den internationalen Faschismus bezeichnet hat, auf das
schärfste und verurteilen insbesondere die Methodik, unter der dieser Verrat Alfred Döblin.
vor sich ging. […] Wer Deutschland liebt, tut das, was in seinen Kräften steht,
Hitler an der Entfesselung des Weltbrandes zu verhindern. Erste Unterzeich-
ner: Otto Klepper, Hermann Rauschning, Fritz von Unruh, Franz Werfel, An-
nette Kolb, Werner Thormann, Willi Münzenberg, Herbert Weichmann, Profes-
sor Rheinstrom, Max Barth, Max Beer, Alfred Doeblin, Dr. C. Glaser, Professor
E. J. Gumbel, Kurt Kersten, Gert Kreyssig, Alwin Kronacher, Professor Paul
L. Landsberg, Walter Mehring, Max Reinheimer, Hugo Simon, Wilhelm Uhde,
Alfred Wolfenstein, Hans W. von Zwehl.114

Der Schriftsteller Heinrich Mann war bis zum Abschluß des Paktes Exponent
der von der KPD initiierten »deutschen Volksfront« und unterhielt gute
Beziehungen zur Sowjetunion. Über die Nachricht des Paktes war er sicht-
lich schockiert. Paul Boncour.

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Tagebuch Heinrich Mann, Südfrankreich, 21. 9. 1939.


Das letzte, was ich, in der äussersten Stunde, von Moskau gehört habe, war
eine Aufforderung, über Stalin zu schreiben.
Wozu? Man hätte denn allen kulturellen Ehrgeiz nur vorgetäuscht? […] Man
hätte sich längst schon vorbereitet, mit der Barbarei zu gehen anstatt mit uns.
[…]
Stalin, der Freund Gorkis, hätte demnach in seinem verderbten Herzen
einen sehr verschiedenen Freund getragen. Das ist derselbe Hitler, der ihn und
seinen Staat die langen Jahre über beschimpft, obwohl gewiss beneidet hatte.
Seine ganze Karriere hat ein Betrüger mit dem Antibolschewismus gemacht.
Heinrich Mann. Plötzlich dreht er sich, und alsbald öffnet ein anderer Betrüger ihm beide Arme.
Sie hätten sich gefunden gegen die civilisierte Welt. Endlich allein.115 […]
Ihn [Stalin] das »Verräter-Genie« zu nennen ist noch mild und sachlich.
Trotzki, der es immer gewusst hat, sagt einfach: Der Schakal im Kreml.116

Im folgenden Eintrag scheint er die weitere Entwicklung hellsichtig voraus-


zusehen:

Gleichwohl erwartet man hier noch andere Überraschungen von einer ge-
heimnisvollen, durchaus unberechenbaren Gewalt die »Russland« oder »Sta-
lin« heisst. Der moskowitische Despot, um ihm seinen üblichen Namen zu las-
sen, könnte zuletzt dennoch die Sache der westlichen Civilisation ergreifen.
Es wäre nochmals Verrat, der bekanntlich seine zweite Natur ist; wäre aber
diesmal beinahe ein rühmlicher.117

Nach der Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee, die er als »unhaltbare
Anwendung von Realpolitik« bezeichnete, informierte der Essayist und poli-
tische Romancier Paul Nizan (»Eden Arabie«, »Chiens de garde«, »Antoine
Bloyé«) in einem an Jacques Duclos adressierten Brief von 23.9.1939 über
seinen Rücktritt als Redakteur der Zeitschrift »L’Oeuvre« und seinen Austritt
aus der KP Frankreichs. Er brach mit der Partei, gab sich jedoch bei seiner Ein-
Paul Nizan. ziehung als Soldat am 2.9.1939 dem Regiment gegenüber als Kommunist aus.
Thorez, Aragon, Cogniot und andere französische Kommunisten bezeichne-
ten Nizan daraufhin als Verräter und Polizeispitzel. Der »Skandal Nizan«
war geboren. Paul Nizan kam im Mai 1940 im Alter von 35 Jahren durch eine
Kugel im Kessel von Dunquerque ums Leben. Erst als ihn Sartre posthum ge-
gen die Schmutzkampagne verteidigte, widerfuhr ihm Gerechtigkeit. Nizans
Werke wurden seither auch im Ausland neu entdeckt.

2. 9. 1940: In seiner Eigenschaft »Kurzer Dialog gestern mit Aragon, der einen vierundzwanzigstündigen
als Oberkommandierender und Urlaub in Paris verbringt. Die Aktion Rußlands [die Besetzung Ost-
als Staatssekretär im Verteidi- polens] bringt ihn absolut nicht aus der Fassung, da er ja jeden Sieg der

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UdSSR als einen Sieg der Menschheit betrachtet. Nun ist es unbestreit- gungsministerium der Regie-
bar, daß die UdSSR in der letzten Zeit bedeutende Erfolge erzielt hat. Be- rung von Vichy verleiht General
züglich des Parteiaustrittes von Nizan sagt mir Aragon: ›Ein zuverlässi- Weygand dem kommunisti-
ger Mensch ist ein toter Mensch, von dem man sagen kann, er sei sein schen Schriftsteller Louis Ara-
ganzes Leben lang zuverlässig gewesen.‹«118 gon offiziell die »Médaille mili-
(Roger Stéphane, Tagebuchnotiz, Paris, 27.9.1939.) taire« und die »Croix de guerre
avec palme«.

Im November 1939 veröffentlichen einundzwanzig ehemalige hochrangige


Abgeordnete, Senatoren und Funktionäre der KPF einen offenen Brief: »An
alle Arbeiter, an die öffentliche Meinung. Warum wir aus der Kommunisti-
schen Partei ausgetreten sind«.119 Zu den Unterzeichnern des Briefes gehörten
Marcel Gitton (Sekretär der KP Frankreichs, Abgeordneter des Départements
Seine), Marcel Capron (Abgeordneter Seine, Bürgermeister von Alfortville),
Marcel Brout, J.-M. Clamamus (Senator des Départements Seine, Bürger-
meister von Bobigny), Vital Gayman (Ratsherr von Paris), Charles Deval
(Conseiller général, Seine), Jules Fourrier (Abgeordneter von Paris), Paul
Loubradou (Abgeordneter der Dordogne), Gustave Saussot (Abgeordneter
der Dordogne), Gilbert Declerq (Deputierter des Nord, Bürgermeister von
Halluin), Sulpice Dewez (Abgeordneter des Nord), Emile Fouchard (Abge-
ordneter von Seine-et-Marne, Bürgermeister von Chelles), René Nicod (Ab-
geordneter des Ain), Fernand Valat (Abgeordneter des Gard), Charles Ri-
gaud (Conseiller Général der Seine), Maurice Naile (Conseiller Général der
Seine), Eugène Jardon (Abgeordneter des Allier), Armand Pillot (Abgeord-
neter von Paris), Léon Piginnier (Abgeordneter von Paris, Bürgermeister von
Malakoff), Lucien Raux (Abgeordneter des Nord) und Albert Vassart (Bür-
germeister von Maisons-Alfort, Mitglied des ZK der KP Frankreichs).120 Im
Dezember 1939 wurde die Union populaire française als Sammelbecken für
die Dissidenten der KP Frankreichs mit Saussot, Loubradou, Capron u.a. ge-
gründet. Der Abgeordnete und spätere Angehörige der Résistance, Jules Four-
rier, schrieb später an Duclos: »Ich bin der Politik gegen die Urheber des Krie-
ges treu geblieben. Die Kommunistische Partei Frankreichs hat über Jahre
hinweg Hitler als das letzte vom letzten [bezeichnet], und ist es heute möglich
zu sagen, daß der deutsch-russische Pakt den Frieden bedeutet?«121
Gustave Saussot forderte auf einer Sitzung der kommunistischen Fraktion
der Nationalversammlung die Sowjetunion auf, alles zu tun, um Hitlers Vor-
marsch auf Danzig zu verhindern und die für ihre Freiheit eintretenden Völ-
ker zu verteidigen. Als die Parteiführung dies ablehnte, reichte er am folgen-
den Tag zusammen mit P. Loubradou seine Demission ein. Er schrieb einen
Brief an Duclos, der im »Populaire« veröffentlicht wurde. Noch im März 1942
betrachtete er sich in einem Brief an den Präfekten der Dordogne als »com-
muniste dissident« und schloß sich der »Armée secrète« der Résistance an. Von
der Partei wurde er 1945 unter die »Spione, Verräter, Renegaten« gezählt.122

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Wie es den Kritikern des Paktes erging, zeigt ein Schmutzartikel im Zentral-
organ der Komintern.

Maurice Thorez: »Die Verräter am Schandpfahl«, »Die Kommunistische


Internationale«, Moskau, 15. 2. 1940.
Schon vor der Entfesselung des Krieges sind die Agenten der Regierung
offen zu Werke gegangen, um die Partei zu verwirren und zu kompromittie-
ren. […]
Zur Gruppe der Polizeispitzel gehörten auch Nizan und Gitton. Ersterer hat
es sich angelegen sein lassen, im Leben die erbärmliche Rolle zu spielen, die
er einem der Helden seines letzten Romans, dem Spitzel Pluvinage, zugeteilt
hat. Nizan-Pluvinage kroch servil und feige im Staube, um jene zu täuschen,
die er bespitzeln sollte. Er darf besondere Lorbeeren ernten in jenen Salons,
in denen Zynismus und Schamlosigkeit gepriesen werden. Was den Denun-
zianten Gitton anbelangt, so wurde er durch die Ungeschicklichkeit eines über-
eifrigen Polizeikommissars verraten, als er den Versuch machte, in den Ap-
parat der illegalen Parteiorganisation einzudringen.123

Der slowakische kommunistische Politiker, Diplomat und Journalist Vla-


dimír Clementis wurde nach dem Krieg Außenminister, 1950 verhaftet und
im Slánský-Prozeß 1952 zum Tode verurteilt und hingerichtet. Über seine
Opposition der sowjetischen Politik gegenüber berichtete Gottwald an das ZK
der KPC.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Prag, [Moskau], 20. 4. 1940.


An: ZK der KPC, Prag. Clementis Auftritt gegen sowjet-deutschen Pakt.
War gegen Sowjetunion in Frage Finnland. Ist für Krieg an Seite englisch-fran-
zösischen Imperialismus gegen Deutschland. Ist für Unterordnung unserer
Partei unter Beneš. Wurde für seine parteifeindliche Haltung aus Gefängnis
in Frankreich entlassen. Arbeitet jetzt zusammen mit Hodza und Osusky. Ha-
Klemo (Ps.): Klement Gottwald. ben ihn aus der Partei ausgeschlossen. […]. Klemo.124

Kapitel 4. Nach fast zwei Monaten – Die Reaktion der Komintern auf den
Ausbruch des Weltkrieges (Oktober–November 1939).

Die neue Generallinie ist der »Kampf gegen den Imperialis-


mus« – doch welchen?

Der Termin für die deutsche Offensive an der Westfront wurde zunächst auf
den 12.11.1939 festgesetzt, aber noch mehrmals verschoben. Sie begann erst

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im Mai 1940. Der »Sitzkrieg« oder »komische Krieg« zwischen Deutschland


und Frankreich in dieser Phase markierte die abwartende Haltung Frank-
reichs und Englands, deren Truppen sich hinter der Maginot-Linie ver-
schanzten, während die Truppen der deutschen Wehrmacht nach Osten
geworfen wurden.
Das oberste politische Gremium der Komintern versuchte, die durch Zer-
setzung geschwächten Parteien wieder aufzurichten und auf die Bekämpfung
der äußeren und inneren Feinde einzuschwören.

Mangelnde Einheitlichkeit und Kritik von seiten kommunistischer Parteien 17. 10. 1939: Ulbricht verfaßt
veranlaßten das Präsidium des EKKI erstmals ausführlich die Haltung zum für Dimitroff einen Bericht zu
Krieg zu diskutieren und Maßnahmen zur direkten Unterstützung der kom- den Folgen des Stalin-Hitler-
munistischen Parteien einzuleiten. Paktes in Berlin.

Protokoll der Sitzung des Präsidiums des EKKI, Moskau, 19./20. 10. 1939. Als Teilnehmer der Präsidiums-
BESCHLOSSEN: sitzung werden angegeben:
1. Um den kommunistischen Parteien bei der Korrektur von Fehlern sowie Appelt, Below, Blagojewa, Var-
bei der Erarbeitung einer richtigen Position und Taktik unter den Bedingungen ga, Vidiella, Wilkow, Wieden
des Krieges systematische Hilfe zu leisten, werden die Sekretäre des EKKI, [d. i. Ernst Fischer], Wotinow,
die Vertreter der KP und alle verantwortlichen politischen Mitarbeiter des Ap- Walter [Ulbricht], Wladimirow
parates des EKKI aufgefordert, ihre operative Arbeit auf diese Aufgabe um- M., Wladimirow W., Weiß, Wret-
zustellen und zu aktivieren. ling, Gottwald, Gerö, Goldstein,
Praktische Hilfe ist den kommunistischen Parteien vor allem in folgender Glaubauf, Gromow, Dimitroff,
Hinsicht zu erweisen: Díaz, Dolores [Ibárruri], Draga-
a) Den kommunistischen Parteien ist zu helfen, eine feste bolschewistische now, Dengel, Dzierz• yñski, Jow-
Position zum Krieg zu finden, ihre gesamte organisatorische, politische und tschuk, Kuusinen, Kolarov, Ca-
ideologische Arbeit so umzustellen, daß sie ihren Einfluß auf die Massen und stro, Kopecký, Kruschkow, Kry-
die Organisationen der Arbeiterklasse im Alltag verstärken, selbst ein Beispiel lowa, Klassner [d. i. Paul Wan-
tapferen bolschewistischen Kampfes gegen den imperialistischen Krieg und del], Koplenig, Lang [d. i. Jacob
seine Inspiratoren geben, wodurch sie den Massen einen revolutionären Aus- Rosner], Lacerda, Manuilski,
weg aus der gegenwärtigen Lage weisen. Marty, Michal [Wolf], Michailov-
b) Die Führung der kommunistischen Parteien ist dadurch zu stärken, daß Stoinov, Marat [d. i. B. Ismael],
gescheiterte, karrieristische und defätistische Elemente daraus entfernt, tap- Maggi [d.i. Egidio Gennari], Ma-
fere und treue Kämpfer gegen Imperialismus, Krieg und dessen Einpeitscher rek, Magnusson, Michel, Miller,
vor allem im eigenen Lande mutig gefördert werden. Meyer, Mirow, Nisow, Okano,
c) Gegen alle Elemente, die Zersetzung in die Reihen der kommunistischen Pieck, Ponomarjow, Priworot-
Parteien tragen, gegen Vertreter von Opportunismus und Kapitulation vor dem skaja, Podlepitsch, Pissarenko,
Klassenfeind ist entschlossen vorzugehen. Ross, Roca, Sergejew, Sluzker,
d) Der Kampf gegen die führenden Kreise der II. Internationale und der so- Sucharew, Sorkin, Tom, Tuti,
zialdemokratischen Parteien, diese Verräter an der Sache des internationa- Toohey, Ulbricht, Florin, Fürn-
len Proletariats und Kriegshetzer, ist zu verstärken. Gegen die Verräterpolitik berg, Friedrich, Funk, Chalez-
der Sozialdemokratie muß an der ganzen Front zum Angriff übergegangen kaja, Tschetschetkina, Šmeral,
werden. Schejnman, Ewan, Lénski.

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18. 10. 1939: Pieck notiert: »An- e) Der ideologische Kampf muß gegen sozialdemokratische und andere
kunft von Hans Koplenig aus fremde Einflüsse auf die Arbeiterklasse geführt und das Feuer auf den Op-
Paris in Moskau mit Informa- portunismus konzentriert werden, der im Abgleiten auf Positionen der Vater-
tionen über die Vorgänge bei landsverteidigung, in der Unterstützung des Mythos vom antifaschistischen
Kriegsausbruch.« Charakter des Krieges und im Zurückweichen vor den Repressalien der Bour-
geoisie zum Ausdruck kommt.
f) Durch die Verbreitung und das Studium des Kurzen Lehrgangs der Ge-
schichte der KPdSU(B) und der Werke der Klassiker des Marxismus-Leninis-
mus ist eine systematische und tiefgreifende Massenpropaganda des Mar-
xismus-Leninismus unter Kriegsbedingungen zu organisieren.
1. Die Sekretäre des EKKI werden aufgefordert, für jedes Land entspre-
chende Vorschläge auszuarbeiten und dem Sekretariat zur Bestätigung vor-
zulegen.
2. Die Berichterstatter werden verpflichtet, jeweils eine kurze schriftliche
Zusammenfassung ihres Berichtes vorzulegen.
3 (41). Zur Tätigkeit von Genn. Dolores Ibárruri (Vorschlag von Gen. Di-
mitroff.)
[BESCHLOSSEN:]
3. Genn. DOLORES IBARRURI wird als Mitglied des Sekretariats des EKKI
bestätigt und mit den Fragen der Länder Lateinamerikas sowie der Frauen-
bewegung im Kampf gegen den Krieg betraut.
Der Generalsekretär des EKKI. Unterschrift (G. Dimitroff)125

19. 10. 1939: Abschluß des Die Grundlage der antibolschewistischen Ideologie in Deutschland ist zer-
Britisch-französisch-türkischen stört! Mit den nationalsozialistischen Arbeitern für die Sowjetunion kämpfen!,
Beistandspaktes. heißt es im neunseitigen Brief »der Parteileitung« an die »Leitungen und
Funktionäre der KPD im Lande«. Der Text gliedert sich in 6 Abschnitte. Die
Oktober 1939: Die Exekutive widersprüchlichen neuen Aufgaben werden unter Verweis auf den Artikel Di-
der KP Palästinas erklärt, Hit- mitroffs »Der Krieg und die internationale Arbeiterklasse« (siehe Dok. vom
ler habe aufgehört, ein Gen- 2.11.1939) sowie die gemeinsame Erklärung der Kommunistischen Parteien
darm Chamberlains zu sein, er Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslowakei (siehe Dok. vom
habe nun zu tun, was ihm 23.10.1939) näher erläutert. Der Bezug auf die Erklärung der drei Parteien
Moskau sagt. (die schließlich von der Kominternführung desavouiert wurde) kann als Hin-
weis dafür dienen, daß der Brief vermutlich die Linie des Sekretariats des
EKKI ebenfalls nicht vollständig widerspiegelt. Auch dürfte es sich um das
letzte Dokument der KP Deutschlands für längere Zeit gehandelt haben, in
dem überhaupt von »Faschismus« die Rede war, allerdings mit teilweise selt-
samen Konnotationen. Die Frage, wer das Dokument in Deutschland erhal-
ten und wer sich an ihm orientiert hat, ist nicht eindeutig zu beantworten.

Brief der Parteiführung der KPD an die Leitungen und Funktionäre der
KPD in Deutschland, Moskau, 21. 10. 1939.
1. Die Aufklärung über den Krieg.

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Die gegenwärtige Lage erfordert von den Kommunisten vor allem Klarheit
in der Beurteilung des Krieges als eines imperialistischen Krieges und Festig-
keit in der Widerlegung der Kriegslügen, die von den kriegführenden impe-
rialistischen Mächten verbreitet werden. In diesem Krieg suchen die imperia-
listischen Mächte und ihre Agenten in der Arbeiterbewegung mit raffinierten
Mitteln die werktätigen Massen irrezuführen und für ihr verbrecherisches Spiel
einzufangen. […]
Jeder Kommunist, jeder revolutionäre Arbeiter in Deutschland kann und 22. 10. 1939: In einer Mitteilung
darf stolz sein, wenn er heute – in der geeigneten Form – nationalsozialisti- von Fürnberg über die Haltung
schen Werktätigen auseinandersetzen kann, daß gerade die Sowjetunion es der KP Österreichs heißt es,
ist, die das deutsche Volk durch den Vertrag mit Deutschland vor dem schlimm- das österreichische Volk werde
sten Krieg bewahrt hat, in den es nach den verbrecherischen Plänen der im- zum Kampf für den Sturz des
perialistischen Reaktion gestürzt werden sollte. Jeder Kommunist soll, soviel Hitlerregimes aufgerufen.
er nur vermag, aufklärend wirken über die Entwicklung der UdSSR […]. Jetzt
ist es an der Zeit, den Nationalsozialisten und anderen Werktätigen [sic] die
Augen zu öffnen, damit sie ganz verstehen, auf welcher Grundlage die SU zu
ihrer Stellung als stärkste Friedensmacht gelangt ist. Die Kommunisten kön-
nen und sollen ihnen berichten von der Ausrottung der kapitalistischen Aus-
beuter, Unterdrücker und Kriegstreiber durch die Revolution der Arbeiter, Bau-
ern und Soldaten, – von der Verwirklichung der sozialistischen Demokratie
durch die Stalinsche Verfassung […].
Das ist zur Zeit die wichtigste Aufgabe, weil ihre Erfüllung dazu beiträgt,
dem in den deutschen Werktätigen – einschließlich der nationalsozialisti-
schen – vorhandenen Hass gegen den Kapitalismus und den immer stärker
werdenden Drang zur Verwirklichung des Sozialismus eine klare Richtung zu
geben. Dadurch werden auch die Manöver der reaktionären Kräfte in Deutsch-
land und die Einwirkung der reaktionären Propaganda des englischen und
französischen Imperialismus durchkreuzt. […]
Die Arbeit der Kommunisten in dieser Richtung schafft unzerstörbare Vor-
aussetzungen für die Ablehnung und Demaskierung aller Versuche – gleich-
gültig, von welcher imperialistischen Seite sie kommen mögen – die Volks-
massen mit falschen Reden über einen »Frieden« einzufangen, der kein
wirklicher Frieden ist. […]
Unsere wichtigsten Aufgaben sind also: die Enthüllung des imperialistischen
Charakters des Krieges. Es gilt, die Massen für die Friedenspolitik der So-
wjetunion zu gewinnen und sie davon zu überzeugen, daß ein wirklicher Frie-
den nur durch die Beseitigung der Ursachen des Krieges, der Herrschaft des
Großkapitals herbeigeführt werden kann. Gegenüber der Expansionspolitik
des Faschismus kämpfen wir für das Selbstbestimmungsrecht der vom Fa-
schismus unterdrückten Völker und für die internationale Klassensolidarität
des Proletariats im Kampfe gegen imperialistischen Krieg und für den Sozia-
lismus. Diese internationale Solidarität muß u. a. ihren Ausdruck finden im
Kampfe um die Verbrüderung der Soldaten.

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2. Die Organisierung des antikapitalistischen Kampfes.


[…] Im Vordergrund steht zunächst die Aufgabe, die Massen zu Wider-
standsaktionen in den vielfältigsten Formen in Bewegung zu bringen (also
nicht individuelle Sabotageakte). Der nächste Schritt ist, die Opposition zu
stärken, den Aktionswillen der Massen zu wecken und die Massen an den re-
volutionären Kampf heranzuführen. Dabei ist es notwendig, kleine illegale Ko-
mitees aus revolutionären Arbeitern zur Organisierung des Kampfes zu bil-
den. […]
Es genügt nicht zu zeigen, welches Unglück das Hitlerregime über das deut-
sche Volk gebracht hat, sondern es ist notwendig, darüber hinaus zu bewei-
sen, daß die Ursache alles dessen die Herrschaft des Großkapitals ist. […]
Wir müssen den Massen erklären, daß die in Deutschland herrschenden
Trust- und Bankherren und neureichen faschistischen Funktionäre [sic], die
eine kleine Minderheit sind, das deutsche Volk in den Strudel des Krieges und
des kapitalistischen Chaos gerissen hat […].

4. Die Herstellung der Aktionseinheit der Arbeiter.


[…] Die gegenwärtige Lage bringt eine wesentliche Veränderung im Den-
ken der breiten Massen mit sich. Große Teile der früheren sozialdemokra-
tischen Arbeiter und Gewerkschaftler, sowie viele katholische Arbeiter füh-
len sich enger mit der sozialistischen Sowjetunion verbunden und ihr Wille
zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg und für den Sozialismus wächst.
Die sozialistischen Ideen dringen bis tief in die Reihen der Jugend und Nazi-
werktätigen ein. Die Gewinnung dieser breiten Kreise der Werktätigen für den
gemeinsamen Kampf um den Sozialismus ist durch die Zerstörung der Grund-
lage der antibolschewistischen Ideologie des »Nationalsozialismus« erleich-
tert.
Unter diesen Bedingungen muß die Partei ihre Kraft darauf konzentrieren,
die Aktionseinheit der Arbeiter herzustellen, die Sozialdemokraten, Gewerk-
schafter, christliche, parteilose und nationalsozialistische Arbeiter, für den ge-
meinsamen Kampf mit der KPD und für die sozialistische Sowjetunion zu ge-
winnen und die reaktionären früheren führenden Kräfte der SPD und der
früheren bürgerlichen Parteien, die auf den englischen Imperialismus speku-
lieren, zu isolieren, sie als Verräter zu bekämpfen. […]
Die Erfüllung dieser Aufgaben erfordert die systematische geduldige Ar-
beit in den faschistischen Massenorganisationen, insbesondere in der DAF
und in den Organisationen des Reichsnährstandes. Der Umschwung, der sich
bei vielen nationalsozialistischen Anhängern vollzieht, gibt die Möglichkeit,
größere Kreise von »nationalsozialistischen« Funktionären zu beeinflussen
und für den Kampf um ein neues, ein sozialistisches Deutschland zu gewin-
nen. […]

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6. Die Stärkung der Parteiorganisation und ihre illegalen Aufgaben.


Die Erfüllung der historischen Aufgabe der deutschen Arbeiterklasse ist ab-
hängig von der politisch-organisatorischen Stärkung der KPD. Manche Ge-
nossen beschränken sich auf die individuelle mündliche Propaganda und ha-
ben noch nicht erkannt, daß die großen Aufgaben, die unter den Bedingungen
des Krieges vor der Partei stehen, nur durch eine starke illegale Parteio r g a -
n i s a t i o n erfüllt werden können. […]
Genossen, die bei solchen Ereignissen wie bei Kriegsausbruch oder bei
Bekanntwerden des sowjetisch-deutschen Paktes hartnäckig einen falschen
Standpunkt vertraten, müssen von den leitenden Funktionen entfernt und
durch kampfesmutige, politisch richtig orientierte Genossen ersetzt werden. Stalin und Molotow nach der
Angesichts der Bemühungen der Trotzkisten und der Agenten des Imperia- Unterzeichnung des Paktes mit
lismus, die unter den verschiedensten Verkleidungen versuchen, in unsere Deutschland.
Organisationen einzudringen, ist verstärkte Wachsamkeit notwendig.
Die Parteileitungen und Zellen müssen unmittelbar selbständig auf alle Er-
eignisse reagieren, die Hauptargumente des Faschismus sofort beantworten
und die Organisierung des revolutionären Kampfes in den Betrieben und Mas-
senorganisationen leiten. Es ist notwendig, Arbeiter, die sich im Kampfe be-
währt haben, für die Partei zu gewinnen und dadurch die Parteizellen zu stär-
ken und die Zahl der Parteigruppen zu vermehren.Von größter Bedeutung für
die Führung des Massenkampfes ist die Herausgabe illegaler vervielfältigter
Flugblätter und Zeitungen durch die Parteileitung im Lande. […]
Durch die größte Kampfinitiative, durch bolschewistische Festigkeit, durch
die Meisterung des Marxismus-Leninismus muß sich in dieser historischen
Situation jeder Kommunist bewähren.126

Die Sowjetunion schloß sogenannte Beistandspakte mit den Regierungen in


Estland (28.9.), Lettland (5.10.) und Litauen (10.10.). Die wirklichen Ab-
sichten, die Einverleibung der baltischen Staaten gemäß dem geheimen Zu-
satzprotokoll, wurden verschleiert. Im Kreml erläuterte Stalin Dimitroff die
Haltung zu den baltischen Staaten:

Tagebucheintrag Dimitroffs, Moskau, 25. 10. 1939.


– Wir meinen, daß wir mit den Beistandsverträgen (Estland, Lettland, Li- 25. 10. 1939: Der faschistische
tauen) jene Form gefunden haben, die es uns gestatten wird, eine Reihe von Priester Jozef Tiso wird Staats-
Staaten in den Einflußbereich der Sowjetunion zu bringen. präsident des deutschen Ma-
Aber dafür müssen wir uns zurückhalten — ihr inneres Regime und ihre rionettenstaates Slowakei.
Selbständigkeit strikt wahren.
– Wir werden nicht ihre Sowjetisierung anstreben.
– Es kommt die Zeit, da sie es selber tun werden!127

Im Aufruf der Komintern zum Oktoberjubiläum fand sich kein Wort über
Hitler und den von ihm entfesselten Krieg. Thematisiert wurde nur der

175
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»Kampf Englands, Frankreichs und Deutschlands um die Weltherrschaft«.


Zur Liquidierung Polens hieß es:

25.10.1939: Bildung des deut- Aufruf zum 22. Jahrestag der Oktoberrevolution, Moskau, Ende Oktober
schen »Generalgouverne- 1939.
ments« aus den vom Reich Und als der verfaulte polnische Staat zerfiel, dieses Gefängnis der Völker,
nicht annektierten Gebieten hielt die Sowjetunion ihre helfende Hand ihren Brüdern in der Westukraine
Restpolens mit Sitz in Krakau. und Westweißrußland hin. Mit diesem Schritt riß die Sowjetunion 11 Millionen
Menschen aus der kapitalistischen Hölle.128

In einer Sondermeldung von TASS am 29. Oktober, die der russische Jour-
nalist und Historiker Besymenski als »beschämend« bezeichnet, sagte Stalin,
seiner Meinung nach hätte nicht Deutschland, sondern Frankreich und Eng-
land den Krieg begonnen. Stalin stellte sich damit eindeutig auf die Seite des
Aggressors.129 In seiner Rede auf der V. Tagung des Obersten Sowjets unter-
strich Molotow die prodeutsche Haltung, er bezeichnete England und Frank-
reich als Kriegstreiber, Deutschland hingegen strebe den Frieden an. Die Vor-
stellung eines Krieges gegen Hitler sei verbrecherisch.

Rede Molotows vor dem Obersten Sowjet, Moskau, 31. 10. 1939.
Genossen Deputierte! In den beiden letzten Monaten sind in der inter-
nationalen Situation wichtige Änderungen eingetreten. […] An die Stelle
der Feindschaft, die von seiten einiger europäischer Mächte in jeder Weise ge-
schürt wurde, ist eine Annäherung, ist die Herstellung freundschaftlicher Be-
ziehungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland getreten. […] Zweitens
muß auf die Tatsache verwiesen werden, daß Polen militärisch zertrümmert
worden, daß der polnische Staat zerfallen ist. […] Es genügte jedoch ein kur-
zer Schlag gegen Polen, geführt zunächst von der deutschen Armee und da-
nach von der Roten Armee, damit von diesem mißgestalteten Geschöpf des
Versailler Vertrages, das von der Unterjochung der nichtpolnischen Nationen
lebte, nichts übrigblieb. […] Es ist beispielsweise bekannt, daß in den letzten
paar Monaten Begriffe wie »Aggression«, »Aggressor« einen neuen konkre-
ten Inhalt bekommen, einen neuen Sinn erlangt haben. Es ist nicht schwer zu
verstehen, daß wir von diesen Begriffen gegenwärtig nicht in dem Sinn Ge-
brauch machen können, wie, sagen wir, vor drei oder vier Monaten.Wenn man
von den europäischen Großmächten spricht, so befindet sich Deutschland
heute in der Rolle eines Staats, der die schnellste Beendigung des Kriegs und
den Frieden anstrebt, England und Frankreich aber, die gestern noch gegen
die Aggression stritten, sind für die Fortsetzung des Kriegs und gegen den Ab-
schluß eines Friedens.Wie Sie sehen, wurden die Rollen getauscht. […] In der
letzten Zeit bemühen sich die regierenden Kreise Englands und Frankreichs,
sich als Kämpfer für die demokratischen Rechte der Völker gegen den Hitle-
rismus auszugeben […]. Für einen derartigen Krieg aber kann in keiner Weise

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eine Rechtfertigung gefunden werden. Man kann die Ideologie des Hitleris-
mus, wie auch jedes andere ideologische System, anerkennen oder ableh-
nen, das ist eine Sache der politischen Anschauungen. Doch wird jeder be-
greifen, daß man eine Ideologie nicht mit Gewalt vernichten, daß man ihr nicht
durch den Krieg ein Ende bereiten kann. Daher ist es nicht nur sinnlos, son-
dern auch verbrecherisch, einen Krieg wie den Krieg für die »Vernichtung des
Hitlerismus« zu führen, einen Krieg, der drapiert wird mit der falschen Flagge
eines Kampfes für die »Demokratie«. […] Wir waren immer der Meinung, daß
ein starkes Deutschland die notwendige Bedingung eines dauerhaften Frie-
dens in Europa ist. […] Wir haben unentwegt eine Verbesserung der Bezie-
hungen mit Deutschland angestrebt und derartige Bestrebungen in Deutsch-
land selbst in jeder Weise begrüßt. Jetzt sind unsere Beziehungen zum
Deutschen Reich aufgebaut auf der Grundlage freundschaftlicher Beziehun-
gen, auf der Bereitschaft, die Friedensbestrebungen Deutschlands zu unter-
stützen, und gleichzeitig auf dem Wunsch, die Entwicklung der sowjetisch-
deutschen Wirtschaftsbeziehungen zu wechselseitigem Vorteil beider Staaten
in jeder Weise zu fördern.130

»Mittwoch: Molotow hat gesprochen. Sehr stark für uns. Scharf gegen
Roosevelt, Warnung an England und an die Türkei. Wir können mit die-
ser Rede zufrieden sein. […] London veröffentlicht gerade ein Weißbuch
über unsere K. Z., das großes Aufsehen erregt. Wir werden mit einem
Weißbuch über die englische Kolonialpolitik antworten. Nie verteidigen,
immer angreifen.«
(Joseph Goebbels am 2.11.1939 in seinem Tagebuch.)131

Beim Mittagessen am Jahrestag der Oktoberrevolution erklärte Stalin die Le- 4. 11. 1939: Der amerikanische
ninsche Konzeption der »Vereinigten Staaten von Europa« und die Transfor- Kongreß bestätigt die Neutra-
mierung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg für falsch bzw. lität im Zweiten Weltkrieg. Er
nicht mehr gültig. Für die westeuropäischen Arbeiter sei damals Revolution erlaubt es den kriegführenden
keine Perspektive mehr gewesen. De facto markierte er Unverständnis oder Nationen gegen Deutschland
sogar eine gewisse Abneigung gegenüber der Arbeiterbewegung im Westen, in allerdings, sich in den USA mit
jedem Fall einen kulturellen Trennungsstrich. Waffen zu versorgen.

Tagebucheintrag Dimitroffs, Moskau, 7. 11. 1939.


– Parade und Demonstration.
(Getragen wurden auch das Porträt von D[imitroff] und einige Porträts von
Thäl[mann])
– Mittagessen bei Stalin (Kagan[owitsch], Molot[ow], Andrejew, Mikojan,
Budjonny, Kulik, Dimitroff).
– St[alin]: Die Losung »Vereinigte Staaten von Europa« war falsch.
Wlad[imir] Iljitsch hatte sich besonnen und die Losung zurückgenommen …

177
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8. 11. 1939: Alfred Jensen for- – Ich meine, daß die Losung von der Umwandlung des imperialistischen
dert vom Sekretariat des EKKI Krieges in einen Bürgerkrieg (im ersten imperialistischen Krieg) nur auf Ruß-
finanzielle Unterstützung für land zutraf, wo die Arbeiter mit den Bauern verbunden waren und unter den
die KP Dänemarks. Bedingungen des Zarismus zum Sturm auf die Bourgeoisie antreten konnten.
– Für die europäischen Staaten war diese Losung ungeeignet, da die Ar-
beiter dort durch die Bourgeoisie in den Genuß einiger demokratischer Re-
formen kamen und sich an diese klammerten, waren sie nicht bereit, zum Bür-
gerkrieg (Revolution) gegen die Bourgeoisie. (Man mußte an die europäischen
Arbeiter anders herantreten.)
– Man mußte diese Besonderheiten des europäischen Arbeiters berück-
sichtigen und die Frage anders stellen, andere Losungen für ihn aufstellen.132

»Der Krieg und die Arbeiterklasse« – Die kommunistischen Par-


teien erfahren die neue Generallinie aus der Presse.

Oktober 1939: Ribbentrop er- Nachdem die Thesen des EKKI zum Krieg nicht veröffentlicht werden soll-
klärt gegenüber dem italieni- ten, sandte Dimitroff am 17.10.1939 Stalin den Entwurf eines Grundsatz-
schen Außenminister Ciano, artikels zu. Im Begleitbrief wies er Stalin darauf hin, daß die kommunistischen
daß Stalin von den Plänen Parteien im großen und ganzen ihre Positionen zum Krieg korrigiert hätten.
einer Weltrevolution Abstand Doch hielt er es aufgrund noch bestehender Unklarheiten über Charakter und
genommen habe. Gründe des Krieges und der sich daraus ergebenden neuen Aufgaben für
unverzichtbar, den Artikel in der Kominternpresse abzudrucken.133 Am
29. 10. 1939: Dimitroff sendet 25. 10. 1939 wies Stalin Dimitroff an, die Bedeutung des revolutionären
den Text seines Artikels mit Kampfes der Arbeiterbewegung in den kapitalistischen Ländern abzuschwä-
den eingearbeiteten Korrektu- chen. Nach zahlreichen weiteren Eingriffen Stalins und Molotows wurde der
ren Stalins an Schdanow. Zu- Artikel schließlich am 2.11.1939 in der »Kommunistischen Internationale«
gleich sendet er Vorschläge für veröffentlicht. Er richtete sich gegen den »imperialistischen Krieg« im allge-
einen Aufruf zum 22. Oktober- meinen und propagierte die sowjetische Außen- und Militärpolitik des guten
jubiläum an Molotow mit der Einvernehmens mit Hitlerdeutschland als »Friedenspolitik«.
Bitte um Anmerkungen.
Georgi Dimitroff: »Der Krieg und die Arbeiterklasse der kapitalistischen
Länder«, »Die Kommunistische Internationale«, Moskau, 2. 11. 1939.
Die Kommunisten haben, ausgehend von der Lehre Lenins-Stalins,
während all der Jahre nach dem ersten imperialistischen Weltkrieg den Werk-
tätigen unermüdlich erläutert, daß der Kapitalismus infolge seiner Natur Kriege
hervorbringt […].
Genosse Stalin hat wiederholt vor der Gefahr eines neuen imperialistischen
Krieges gewarnt und die ihn hervorbringenden Ursachen aufgedeckt. […]
Die Ereignisse der letzten Zeit bestätigen vollauf die Richtigkeit dieser weit-
sichtigen Warnungen des Genossen Stalin. […]
29. 10. 1939: Aufruf des Voll- Der mit dem Überfall auf die Völker Abessiniens, Spaniens und Chinas be-
zugsausschusses der Kom- gonnene zweite imperialistische Krieg hat sich jetzt zum Krieg zwischen mäch-

178
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tigen kapitalistischen Staaten entwickelt, Der Krieg wurde ins Herz Europas munistischen Jugendinterna-
verlegt, droht zu einem Weltgemetzel zu werden. tionale gegen die Kriegsprovo-
Der gegenwärtige Krieg ist seinem Charakter und seinem Wesen nach auf kateure und für die Wahrheit
beiden kriegführenden Seiten ein imperialistischer ungerechter Krieg, unge- über diesen Krieg. Nazi-
achtet der betrügerischen Losungen, mit denen die herrschenden Klassen deutschland wird nicht erwähnt.
der kriegführenden kapitalistischen Staaten seine wahren Ziele vor den Volks-
massen zu verbergen suchen. […]
Nur Blinde sehen nicht und nur ausgemachte Scharlatane und Betrüger
können bestreiten, daß der gegenwärtige Krieg zwischen England und Frank-
reich auf der einen und Deutschland auf der anderen [Seite] um Kolonien und
Rohstoffquellen […] geführt wird. Bekanntlich ist England ein riesiges Impe-
rium mit einer Kolonialbevölkerung von 480 Millionen, während Frankreich
über Kolonien verfügt, in denen 70 Millionen Menschen leben. Deutschland,
das im Ergebnis des ersten imperialistischen Krieges aller seiner Kolonien be-
raubt wurde, stellt jetzt Ansprüche auf eine Teilung der kolonialen Beute […].
Die Haltung der kriegführenden wie auch der »neutralen« Länder zeigt also
mit voller Klarheit, daß die Verantwortung für den Krieg die Bourgeoisie der
kapitalistischen Länder und in erster Linie die herrschenden Klassen der krieg-
führenden Mächte tragen.
II. Im Verlauf des zweiten imperialistischen Krieges lassen sich zwei Etap-
pen klar unterscheiden. In der ersten Etappe traten Italien, Deutschland und
Japan unmittelbar als aggressive Staaten auf. […] Jetzt aber sind die Impe-
rialisten Englands und Frankreichs zum Angriff übergegangen, haben ihre Völ-
ker in den Krieg gegen Deutschland geworfen und suchen auf jede Weise,
eine Reihe von anderen Staaten auf ihre Seite zu ziehen. Wurden die ge-
nannten europäischen Staaten früher in aggressive und nichtaggressive ge-
teilt, d. h. in solche, die unmittelbar Kriegsbrandstifter waren, und solche, die
damals noch nicht offen als Aggressoren auftraten, obwohl sie hinter den Ku-
lissen die Aggressionen gegen andere Länder förderten, so entspricht diese
Teilung jetzt bereits nicht mehr der Wirklichkeit. Dieser Unterschied ist ver-
schwunden. Mehr als das: gerade die englischen und französischen Imperia-
listen treten jetzt in der Rolle der eifrigsten Anhänger der Fortführung und wei-
teren Schürung des Krieges auf. […]
Durch den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft und durch ihre weise
Stalinsche Friedenspolitik hat die Sowjetunion ihre Geltung in der internatio-
nalen Arena unermeßlich erhöht und sich das volle Vertrauen und die große
Liebe der Volksmassen aller Länder, darunter auch der Deutschlands selbst,
erobert.
Deshalb, als nach der Meinung der Imperialisten der geeignete Moment Dimitroff in Leipzig, 1933.
gekommen war, an dem Deutschland seine Rolle als Stosstrupp gegen die
UdSSR erfüllen sollte, konnte es sich dazu nicht entschließen. […]
Die englischen und französischen Imperialisten haben sich […] verrechnet.
Ihr Einsatz auf den Antisowjetkrieg ging verloren. Die Sowjetunion, die die

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sozialistische Außenpolitik verwirklicht, durchkreuzte durch den Abschluß des


Nichtangriffspaktes mit Deutschland die heimtückischen Pläne der Kriegs-
provokateure, sicherte den Frieden zwischen den beiden größten Staaten
Europas, wodurch sich der Einfluß des sozialistischen Staates auf den ge-
samten Gang der internationalen Entwicklung verstärkt.
Nach dem Abschluß des deutsch-sowjetischen Vertrages betrat die Bour-
geoisie Englands und Frankreichs, die auf einen Krieg Deutschlands gegen
die UdSSR bereits nicht mehr rechnen konnte, den Weg des bewaffneten
Kampfes gegen ihren hauptsächlichen imperialistischen Konkurrenten. Sie tat
das unter dem Vorwand, ihren Vasallen, das reaktionäre gutsherrliche Polen
zu verteidigen. […]
Unter diesen Verhältnissen traf die Sowjetunion in Durchführung ihrer
eigenen unabhängigen Politik, die von den Interessen des Sozialismus diktiert
wird und mit den Interessen der Werktätigen aller Länder übereinstimmt, ent-
scheidende Maßnahmen zur Sicherung des Friedens in ganz Osteuropa.
Durch das Einrücken der Roten Armee in die Westukraine und in West-Be-
lorußland hat das Sowjetvolk seinen unter dem Joch der polnischen Schlacht
stöhnenden Brüdern Hilfe erwiesen, führte 13 Millionen Werktätige aus dem
blutigen Gemetzel heraus, befreite sie von kapitalistischer Sklaverei, öffnete
ihnen den Weg zu einem glücklichen Leben und sicherte ihnen die Freiheit
ihrer nationalen und kulturellen Entwicklung. Durch den Abschluß des deutsch-
sowjetischen »Vertrages über die Freundschaft und Grenze« hat die UdSSR
nicht nur die unmittelbare Gefahr des Krieges für ihre Völker beseitigt, sondern
auch eine Barriere gegen die Ausdehnung des imperialistischen Krieges ge-
schaffen.
Durch den Abschluß von Verträgen über gegenseitige Hilfe mit den kleinen
baltischen Ländern, die ständig der Gefahr ausgesetzt sind, Opfer der großen
imperialistischen Staaten zu werden, schuf ihnen die UdSSR die Garantie für
ihre nationale Unabhängigkeit, gewährte ihnen Schutz vor der imperialisti-
schen Aggression und verstärkte die Sicherheit ihres eigenen Landes. […]
Außer der Sowjetunion gab und gibt es in der Welt keinen anderen Staat, der
einem kleinen Volke, mit dem er gemeinsame Grenzen hat, unter Rücksicht-
nahme auf dessen nationale Interessen aus freiem Willen ein ganzes Gebiet
abtreten würde. […]
Durch ihre gesamte Politik erweist die UdSSR dem allgemeinen Frieden,
an dem die Völker aller Länder interessiert sind, einen unschätzbaren Dienst.
Die Imperialisten Englands und Frankreichs jedoch, die die Bahn des Krie-
ges beschritten haben, wollen sie nicht wieder verlassen. Im Gegenteil, sie trei-
ben die Völker immer weiter und weiter auf die Schlachtfelder […].
Heute haben die herrschenden Klassen Englands und Frankreichs […] die
Mittel und Losungen des ideologischen Betruges entsprechend der gegen-
wärtigen Situation verändert. Sie spekulieren auf die antifaschistischen Stim-
mungen der Massen und geben die Losung des »antifaschistischen« Krieges

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heraus, wobei sie laut verkünden, daß ihr Krieg gegen Deutschland ein »Krieg
der Demokratie gegen den Faschismus«, ein Krieg gegen den »Hitlerismus«,
ein Krieg für die »Freiheit der Völker« sei. […]
Die französische Bourgeoisie läßt jetzt die allerschwärzesten Zeiten des
konterrevolutionären Terrors wiederauferstehen. Seit der blutigen Niederwer-
fung der Pariser Kommune hat Frankreich keinen derartigen Feldzug der Re-
aktion gegen die Arbeiterklasse gesehen.
III. […] Die veränderte Situation und die neuen Aufgaben der Arbeiterklasse
erfordern auch eine entsprechende Änderung in der Taktik der kommunisti-
schen Parteien.
Die führenden Kreise der II. Internationale üben in dem blutigen Schlacht-
haus des Krieges die schmutzigste und verbrecherischste Rolle aus. Sie be-
trügen die Massen durch ihr Geschrei über den antifaschistischen Charakter
des Krieges und helfen der Bourgeoisie, die Völker auf die Schlachtbank zu
treiben. […]
In der vorangegangenen Periode erstrebten die Kommunisten die Schaf-
fung der einheitlichen Volksfront durch Vereinbarungen mit sozialdemokrati-
schen und anderen kleinbürgerlichen »demokratischen« und »radikalen« Par-
teien, beziehungsweise mit ihren Leitungen, auf einer gemeinsamen Plattform
des Kampfes gegen Faschismus und Krieg. […]
Jetzt kann und muß der Zusammenschluß der Arbeiterklasse, der großen
Massen der Bauernschaft, der Werktätigen der Stadt und der fortschrittlichen
Intelligenz zur einheitlichen Volksfront von unten verwirklicht werden, ohne
und gegen die Leitungen dieser Parteien, auf der Grundlage des Kampfes ge-
gen den imperialistischen Krieg und die Reaktion. Diese Einheitsfront des
Kampfes der Massen kann nicht hergestellt werden ohne den entschiedensten
Kampf gegen die sozialdemokratischen, »demokratischen« und »radikalen«
Lakaien des Imperialismus, für die Beseitigung des Einflusses dieser Agen-
ten der Bourgeoisie auf die Arbeiterbewegung und ihre Isolierung von den
werktätigen Massen.[…]
Die gegenwärtige außerordentlich ernste Lage erfordert, daß die Kommu-
nisten, ohne sich vor den schwersten Repressalien und Verfolgungen zu beu-
gen, entschlossen und mutig gegen den Krieg, gegen die Bourgeoisie des
eigenen Landes auftreten, daß sie so handeln, wie Lenin es gelehrt hat, wie
es der weise, große Führer der Werktätigen, Genosse Stalin, lehrt. Die kom-
munistischen Parteien müssen sich entsprechend den Bedingungen des Krie-
ges schnell umstellen, ihre Reihen von faulen, kapitulantenhaften Elementen
säubern und eiserne bolschewistische Disziplin durchsetzen. Das Feuer muß
gegen den Opportunismus gerichtet werden, der in dem Hinabgleiten zur
Position der »Vaterlandsverteidigung«, in der Unterstützung der Legende vom
antifaschistischen Charakter des Krieges, im Zurückweichen vor den Re-
pressalien der Bourgeoisie zum Ausdruck kommt. […]
Im Verlaufe des Krieges haben alle kommunistischen Parteien, alle

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Organisationen der Arbeiterklasse, alle Arbeiterfunktionäre ihre größte Prüfung


zu bestehen. Einzelne schwache Elemente und kleingläubige fallen bei schrof-
fen Wendungen ab. Der Arbeiterklasse fremde Elemente, Karrieristen und Re-
negaten, die sich an die Kommunistische Partei angebiedert haben, werden
über Bord geworfen. Die kommunistischen Parteien als Ganzes werden die Prü-
fung unzweifelhaft bestehen. Sie werden in den bevorstehenden Kämpfen noch
besser gestählt. Neue Hunderttausende von Kämpfern für die Sache der Ar-
beiterklasse werden die Reihen der Armee des Kommunismus verstärken. […]
Die Imperialisten der kriegführenden Länder haben den Krieg für die
Neuaufteilung der Welt, für die Herrschaft über die Welt begonnen und Millio-
nen Menschen zur Ausrottung verurteilt. Die Arbeiterklasse ist berufen, die-
sem Krieg auf ihre Art, in ihrem Interesse, im Interesse der gesamten werk-
tätigen Menschheit ein Ende zu machen und damit die Grundursachen, die
imperialistische Kriege hervorbringen, für immer zu beseitigen. Oktober
1939.134

Schlaglicht:
Die Finanzierung der Komintern und der kommunistischen Parteien: Orientierungspunkte für
die Jahre 1939–1941.

Die vorliegenden Dokumente demonstrieren zwei Aspekte der Finanzierung der Komintern. Zum
einen die Vollfinanzierung der Komintern-Strukturen durch den sowjetischen Staat, die durch das
Politbüro der VKP(b) vorgenommen wurde. Das Jahresbudget der Komintern zwischen 1938 und
1941 schwankte zwischen 8,5 und 12 Millionen Rubel, wobei es nur die reinen Apparatkosten, also
das Verwaltungsbudget beinhaltete.
Was die Währungssituation in der Sowjetunion angeht, wurde im Zuge der Inflation von 1922 eine
Parallelwährung, der Tscherwonez, eingeführt, um den Volkshaushalt zu stabilisieren. Der Tscher-
wonez, dessen Name sich von einer zarischen Goldmünze des 16.-18. Jahrhunderts herleitet, wurde
durch vorrevolutionäre Goldreserven gedeckt und setzte sich als stabilere Währung gegenüber den
entwerteten »Sowsnaki« durch. Mitte der 20er war der Tscherwonez eine beliebte »harte« Währung
auf den Weltbörsen, bis die Sowjetunion die Ausfuhr ins Ausland verbot, weil sie den eigentlich vor-
gesehen Eintausch des Tscherwonez in Gold im Ausland nicht gewährleisten konnte und wollte.135
Somit konnte die Komintern ihre Aktivitäten im Ausland nicht mit Tscherwonzen finanzieren, was
die Aufteilung des Kominternbudgets in Tscherwonzenrubel und Goldrubel erklärt. Zur Deckung
ihrer Auslandsaktivitäten erhielt die Komintern einen in Goldrubel, einer virtuellen Währungsein-
heit von 0,7 Gramm Gold, bemessenen Betrag, der vermutlich in Valuta – zumeist in US-Dollar, um-
gesetzt wurde. Die Komintern verfügte über ein Devisenkonto bei der Staatsbank (Konto- Nr.
530004 UMNO). Die ensprechenden Transaktionen besprach Dimitroff teilweise unmittelbar mit
dem Volkskommissar für Finanzen, A.G. Swerjow.136
Die jeweiligen Gesamtsummen der bewilligten Jahresbudgets sind nicht immer eruierbar, für be-
stimmte Zeiträume liegen nur Angaben über sporadische Geldzuteilungen vor. So wissen wir, daß
1938 das seitens Dimitroff veranschlagte Jahresbudget 11916000 Rubel betrug.137 Für 1939 stellte
das Politbüro am 4.4.1939 zunächst eine Geldzuteilung von 200000 Goldrubeln und 2000000 Tscher-

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wonzenrubeln in Aussicht,138 welche am 20. 7. 1939 um 100 000 Goldrubel aufgestockt139 und am
21.10.1939 letztendlich auf 200000 Goldrubel und 3500000 Tscherwonzenrubel festgelegt wurde.140
Am 23.8.1940 wurde die »Summe der besonderen Jahresausgaben« der Komintern vom Politbüro
auf 12 400 000 Tscherwonzenrubel festgelegt,141 und Ende Januar 1941 wird das Jahresbudget für
1941 mit 8461900 Rubel veranschlagt.142

Valuta und Sonderzahlungen

Ein Teil des Budgets, der für den Geldumsatz im Ausland bestimmt war, wurde der Komintern in US-
Dollars und Goldrubel zugeteilt, allerdings ist der Anteil der im Ausland konvertierbaren Währung
nicht immer aus den Beschlüssen ersichtlich. Alles in allem wurde der Komintern jährlich eine Summe
zur Verfügung gestellt, die einen Gegenwert von ca. 1 Million Dollar darstellen. Die Dokumente be-
legen, wie das EKKI die zugewiesenen Geldmittel für die Bedürfnisse der Komintern und der kom-
munistischen Parteien aufteilte. Das durch Dimitroff überlieferte Beispiel von 1938143 belegt, daß der
größte Teil des Jahresbudgets (über 50%) zur Aufrechterhaltung der Verwaltung im Lande einge-
setzt wurde; nur ca. 15% wurden in Form von Valuta für internationale Ausgaben zugeteilt. Aller-
dings sind auch hier erhebliche Sonderzuteilungen an die kommunistischen Parteien und/oder für
die Verlagsaktivitäten erfolgt. Am 30.12.1939 fordert Dimitroff Tréand zur Auszahlung von insge-
samt 68000 (Dollar) an die kommunistischen Parteien auf (siehe Dok. 30.12.1939). Später wurden
für das erste Halbjahr 1940 den kommunistischen Parteien der Niederlande, der Schweiz, Englands
sowie für die illegalen KPD-Publikationen in Holland und Belgien 13500 Tinte [Dollar] zugeteilt
(siehe Dok. vom 25.3.1940). Für die Ausreise von 25 internationalen Kadern aus den französischen
Internierungslagern wurden Anfang 1941 dagegen 25000 Dollar zur Verfügung gestellt (siehe Dok.
vom 26.4.1941). Unmittelbar nach dem deutschen Überfall erfolgten weitere finanzielle Zahlungen
an die kommunistischen Parteien, darunter die Zuweisung von einer Million Dollar an die KP Chinas
und von 20000 Dollar als Soforthilfe an die Parteien (siehe Dok. vom 3.7.1941).144 Die Zuwendun-
gen an Einzelpersonen belaufen sich – um eine Vergleichsgröße zu haben – auf 300 Dollar, so im
Falle von Wilhelm Knöchel, der in den besetzten Niederlanden auf seinen Einsatz im Deutschen
Reich wartete (siehe Dok. vom 3.1.1941).
Für die nachfolgenden Jahre verfügen wir nicht über eine Gesamtaufstellung, dennoch erhellt ein
Dokument vom Januar 1941 zumindest die Zuweisung für die Betriebskosten innerhalb des Ver-
waltungsbudgets des Komintern-Apparats. Vermutlich sind in dieser Aufstellung die Kosten für den
Verbindungsdienst, die Unterstützung der kommunistischen Parteien, die Ausgaben für spezielle
Zwecke sowie die Subsidien für Presse- und Publikationen der Parteien nicht enthalten. Nachdem
am 16. 1. 1941 der monatliche Gehaltsfonds für Kominternmitarbeiter im Verwaltungsapparat auf
338740 Rubel zuzüglich 25739 Rubel Verpflegungszulage festgelegt wurde,145 beschloss das Sekre-
tariat des EKKI am Ende des Monats folgende Aufteilung:

Beschluß des Sekretariats des EKKI, Moskau, Ende Januar 1941.


1. Das Budget des EKKI für das Jahr 1941, vorgelegt von der Kommission mit Abänderungen der
Kommission und des Sekretariats in Höhe von 8461900 Rubel wird bestätigt. Einzelposten:

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1) Gehälter mit Zuschlägen 4320200 Rubel


2) Verwaltungskosten 497200 Rubel
3) Transportkosten 1216900 Rubel
4) Operative Ausgaben 296700 Rubel
5) Sozialausgaben 1232300 Rubel
6) Aufwendungen für den Wohnungsbestand 88100 Rubel
7) Aufwendungen für die Kindereinrichtungen 348800 Rubel
8) Reserve 100000 Rubel
Betriebskosten gesamt 8100200 Rubel
Neuanschaffungen 361700 Rubel
Gesamt: 8461900 Rubel
(Acht Millionen Vierhunderteinundsechzig Tausend Neunhundert Rubel)

1. Der von der Kommission vorgelegte Finanzplan des Exekutivkomitees der Kommunistischen Ju-
gendinternationale für das Jahr 1941 in Höhe von 1 161 800 Rubel (Eine Million Einhundertei-
nundsechzig Tausend Achthundert Rubel) wird bestätigt.146

Schwierige Standortbestimmung: Die Komintern untersagt die


Verbreitung des Aufrufs der Kommunistischen Parteien Deutsch-
lands, Österreichs und der Tschechoslowakei gegen den Krieg.

9. 10. 1939: Pieck notiert zur Nach zähen Diskussionen im EKKI wurde am 23.10.1939 der Entwurf des
Besprechung der Erklärung Aufrufs der KP Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslowakei an-
der drei Parteien: »Starken genommen. Im Unterschied zu anderen Kominterndokumenten enthielt er
Block der Völker vom Rhein bis einige zutreffende Charakterisierungen des Nationalsozialismus. Zudem
zum Stillen Ozean schaffen. wurde darin für einen Internationalismus plädiert, der die Selbstbestimmung
Warum nicht franz.-engl. Volk.« der Österreicher, Tschechen, Slowaken und Polen sichern sollte. Dies dürfte
der Grund dafür gewesen sein, den Aufruf schließlich, wie bereits den des ZK
der KPD zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, doch zurückzuziehen.

»Gegen den imperialistischen Krieg – für den Frieden und die Freiheit der
Völker. Erklärung der kommunistischen Parteien Deutschlands, Öster-
reichs und der Tschechoslowakei«, Moskau, 23. 10. 1939.
23. 10. 1939: Politbüro des ZK Der Krieg der großen imperialistischen Mächte in Europa ist zur Tatsache
der VKP(b): Beschluß zur Zu- geworden. Wieder werden Millionen Menschen auf die Schlachtfelder getrie-
sammensetzung der Wirt- ben, in den Tod gejagt. […]
schaftskommission, die nach Seit 1917 besteht aber neben dem Kapitalismus eine neue Welt, die Welt
Deutschland entsandt wird. des Sozialismus, die Sowjetunion. […]
Das deutsche Großkapital nützte die englische Unterstützung aus, um seine
25. 10. 1939: Daan Goulooze, brutale Diktatur aufzurichten, sich die Länder kleiner Völker mit Waffengewalt
der Resident des Verbindungs- anzueignen und damit seine eigene Macht zu verstärken und zu vergrößern.

184
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Die englischen Imperialisten halfen ihm bei diesen Raubzügen, in der Hoff- dienstes der Komintern in
nung, daß die deutschen Imperialisten, entsprechend ihrer Zusage, als Stoss- Amsterdam, übermittelt dem
trupp des Weltkapitalismus gegen die Sowjetunion in den Krieg treten wer- Sekretariat des EKKI eine Bitte
den. Sie waren unter diesen Bedingungen auch bereit, die Unterwerfung der KP der Niederlande um
Polens unter den deutschen Imperialismus zu sanktionieren. […] finanzielle Unterstützung.
Die englischen und französischen Imperialisten geben vor, den Krieg ge-
gen den Hitlerismus zu führen. Sie waren es jedoch, die die deutsche Reak- 25. 10. 1939: Im Gespräch mit

tion unterstützten und ihr über alle Schwierigkeiten hinweghalfen. Sie geben Dimitroff schlägt Stalin eine

vor, für die Demokratie zu kämpfen. […] moderate Linie der Komintern

In Wirklichkeit tun sie alles, um die Beendigung des Krieges zu verhindern, vor. Sie soll sich auf negative

den von ihnen geführten imperialistischen Krieg zu einem allgemeinen Krieg, Losungen gegen den Krieg

zu einem Morden der Völker zu entfalten und verfolgen nach wie vor den ver- u. ä. beschränken.

brecherischen Plan der Entfesselung des Krieges gegen die Sowjetunion, in


25. 10. 1939: Auf der Sitzung
dem das deutsche Volk und die Völker Mitteleuropas das Kanonenfutter sein
des EKKI-Sekretariats wird
sollen. […]
über die Deklaration der drei
Die Völker Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslowakei sind in
Parteien berichtet.
einen neuen imperialistischen Krieg hineingezogen worden. Es ist eine Lüge,
daß die kapitalistischen Blutsauger am Körper des Volkes für die Wiedergut-
machung eines Unrechts kämpfen, denn gegen sie zeugt das deutsche Volk,
dem ihr reaktionäres Regime das schlimmste Unrecht zugefügt hat, gegen
sie zeugen das österreichische Volk und die Völker der Tschechoslowakei, de-
nen sie jedes Recht geraubt haben, die sie national unterdrücken und die sie 31.10.1939: In einem dem
wie Kolonialvölker ausplündern. […] EKKI vorgelegten Informations-
Die Völker Deutschlands, Österreichs und der Tschechoslowakei werden bericht über die KP der Schweiz
aus ihren teuer bezahlten Erfahrungen die Lehren ziehen. […] heißt es, diese sei durch die
Das deutsche und österreichische Volk werden sich nicht wieder betrü- falsche Linie der KP Frank-
gen lassen, wenn die nationalsozialistischen Führer Kriegswirtschaft und reichs desorientiert worden. Sie
Brotkartensystem, Winterhilfe und Arbeitsdienst als Sozialismus hinstellen habe u.a. gefordert: »Noch ist
oder sogar behaupten, daß man gegen Deutschland Krieg führt, weil es Polen nicht verloren. Es ist um-
sozialistisch sei. Ebenso wie 1919 die Parole der SPD »der Sozialismus mar- so weniger verloren, wenn das
schiert« nur den Zweck hatte, die Arbeiterklasse von den zur Herbeifüh- Volk den Krieg als Volkskrieg
rung des Sozialismus notwendigen Schritten abzuhalten, dient auch heute führt.«
das Gerede der nationalsozialistischen Führer vom Sozialismus demselben
Zweck. […] Oktober 1939: Komintern-
Sozialismus in Deutschland, in Österreich und der Tschechoslowakei gibt Sekretär Manuilski schickt
es erst dann, wenn auch hier das gilt, was in der Stalinschen Verfassung der Schdanow und Malenkow
Sowjetunion verankert ist. […] Dann leiten die Arbeiter selbst die Betriebe, Materialien über österreichi-
dann erst wird der Bauer nicht mehr Knecht sein, sondern wird als freier Mann sche Schutzbund-Mitglieder
den Boden bebauen und vollen Anteil nehmen an allen kulturellen Errungen- zu. Er fordert die Sicherheits-
schaften. […] organe zu verschärfter Kon-
Für Frieden und Sozialismus gilt es, die sozialdemokratischen, katholi- trolle auf, einschl. der Kontakte
schen, nationalsozialistischen und parteilosen Arbeiter zu einer revolutionären zu deutschen Seeleuten in
Klasseneinheit zusammenzuschließen. Diese Einheit kann nur verwirklicht Leningrad.

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werden im Kampfe gegen die verlogene nationalsozialistische Idee der Volks-


gemeinschaft und gegen die sozialdemokratische Theorie und Praxis der Ar-
beitsgemeinschaft mit der Bourgeoisie […].
11. 11. 1939: Das Sekretariat […] Die Kommunisten kämpfen gegen die unerträglichen Kriegslasten, die
des EKKI beschäftigt sich mit auf die Schultern des Volkes gewälzt werden, gegen die Rechtlosigkeit der
der Tätigkeit der Propaganda- werktätigen Massen, für die Befreiung aller politischen Gefangenen aus den
abteilung des EKKI. Gefängnissen und Konzentrationslagern, gegen jede nationale Unterdrückung
und für das volle und freie Selbstbestimmungsrecht der Tschechen, Slowaken,
Österreicher und Polen, für die Verbrüderung der Soldaten an den Fronten, ge-
gen die Imperialisten beider Seiten. […]
Wir sehen der Zukunft mutig und siegessicher entgegen, denn unsere
Richtschnur ist der Marxismus-Leninismus. Uns weht voran die siegreiche
Fahne Lenins-Stalins, das ruhmvolle Banner des Sozialismus in der Sowjet-
union. November 1939.147

»Der Pariser Korrespondent des ›Daily Telegraph‹ meldet, daß endgültig


festgestellt wurde, daß die Sowjetflugblätter, die am 7. November in der
Gegend von Paris abgeworfen wurden, von einem Nazi-Flieger stammten.
Die Flugblätter, die eine französische Übersetzung der jüngsten Erklärung
der ›Komintern‹ enthielten, wurden in Paketen abgeworfen, die mit Me-
tallbändern befestigt waren. Auf den aufgefundenen Metallbändern be-
fand sich der Stempel ›Cyclop D.R.P. Hamburg‹. Man nimmt an, daß die
Flugblätter in Moskau gedruckt wurden und von da nach Hamburg ge-
schickt wurden, wo man sie verpackte und einem Nazi-Flieger zum Ab-
wurf über Frankreich übergab.«148

Im Reichssicherheitshauptamt wurde der Aufruf der drei kommunistischen


Parteien als Zeichen gegen die mit der Sowjetunion vereinbarte Nichteinmi-
schung in die inneren Verhältnisse der Vertragspartner bewertet.

Bericht des Reichssicherheitshauptamtes, Berlin, 11. 11. 1939:


Seit dem Abschluß des Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und der
SU. bemerken wir im Gegensatz zu der im Pakt niedergelegten Vereinbarung
der Nichteinmischung eine verstärkte Einmischung in innerdeutsche Verhält-
nisse. Die kommunistischen Parteien Deutschlands, Österreichs und der CSR
erließen zu Beginn des Krieges einen gemeinsamen Aufruf »gegen den im-
perialistischen Krieg«, für den Frieden und die Freiheit der Völker. […] [U. a.]
glossiert der Aufruf die sogenannte Forderung des deutschen Lebensraumes,
[…] zugunsten der Großkapitalisten. […] 90 Milliarden habe man den deut-
schen Werktätigen abgepreßt, um Kriegsrüstungen durchzuführen. Die deut-
sche Arbeiterbewegung sei »barbarisch und blutig« zerstampft, die kleinen
Reinhard Heydrich. Nachbarvölker seien brutal überfallen und das eigene Volk in Fesseln ge-

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schlagen worden. Heute verlange das Regime vom deutschen Volk, sein Blut
zu vergießen, das selbst Ströme vom Blut des eigenen Volkes vergossen hat
usw. […] auch gegen die Kriegspolitik der »nationalsozialistischen Führer«.
[…] »Es gibt keinen Sozialismus, solange die besten Vertreter des Volkes in
Gefängnissen und Konzentrationslagern zugrunde gehen.« Doch nicht Kampf
gegen Hitler, sondern auch gegen das deutsche Großkapital. […]149

Als das Sekretariat des EKKI nach monatelangem hin und her telegrafisch
dazu aufforderte, die gemeinsame Erklärung der kommunistischen Parteien
Deutschlands, der Tschechoslowakei und Österreichs nicht zu veröffentlichen,
war diese bereits verbreitet worden. Durfte Kritik am nationalsozialistischen
Deutschland nicht mehr publiziert werden?

Chiffretelegramm an die Funkstelle Stockholm, Moskau, 5. 12. 1939.


An: Gustav für Franz: Gemeinsame Erklärung der [kom]parteien Deutsch- Gustav (Ps.): Funkstelle Stock-
land, Tschechoslowakei und Oesterreich lieben [lieber] nicht veröffentlichen. holm.
Wenn schon veröffentlicht ist, dann nicht besonders popularisieren. Sekreta- Franz (Ps.): Jakob Rosner.
riat.150

Massenproteste der tschechischen Bevölkerung gegen die Okku-


panten – Was sagen Gottwald und die Komintern?

Am Jahrestag der tschechoslowakischen Unabhängigkeit, dem 28. 10. 1939, 28. 10. 1939: Unruhen in
demonstrierten Tausende von Studenten in Prag – durch den Staatsfeiertag Tschechien anläßlich des
wurde auch ihr mutiger Protest gegen die Nazidiktatur geehrt. Damals wurde Jahrestages der Gründung der
der Medizinstudent Jan Opletal durch einen Schuß schwer verwundet, er ersten tschechischen Republik
starb am 15. 11. 1939. Erneut kam es zu Studentendemonstrationen. Am ereignen sich nicht nur in Prag,
17.11.1939 wurden alle Hochschulen im Protektorat Böhmen und Mähren sondern auch in Ostrava,
geschlossen und in der Folge zahlreiche Studenten verschleppt und umgebracht, Tábor und anderen Städten.
mehr als 1200 von ihnen wurden im KZ Sachsenhausen interniert, neun Stu-
denten hingerichtet. Der internationale Studentenkongreß erklärte 1942 den
17. November zum internationalen Studententag. Gottwald stellte unmittel-
bar nach den Informationen aus Prag als Mitglied des EKKI die Massen-
proteste in die Nähe von Provokationen der »Agenten Chamberlains« oder
Aktionen »chauvinistischer Elemente«. Die illegale Parteiführung sprach dar-
aufhin von einer »Naziprovokation zur Reinigung des Hinterlandes für [die]
Kriegsführung«.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, [Prag], 31. 10. 1939. 31. 10. 1939: In Polen bildet
An: Gottwald. […] In Tábor infolge Mißverständnis bei Abtransport deut- sich die bewaffnete Wider-
schen Regiments Aufstand Bevölkerung gegen Nazi. Bevölkerung glaubte, standsgruppe SZP als Vor-
daß es schon begonnen hat. Nazi flüchteten in Wälder. […] Nach drei Stunden gängerin der Heimatarmee.

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Aufstand durch Verstärkungen unterdrückt. Jetzt Standrecht. Massenverhaf-


tungen, eine Million Kontribution. ZK KP.151

Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, [Prag], 8. 11. 1939.


8.11.1939: Der Schreiner Georg An: Gottwald. Auf Republik-Platz sang Menge Internationale, Ausrufe: un-
Elser verübt im Münchner Bür- ser Führer ist Stalin, nicht Hitler. Unter Nazis Überraschung und Katastro-
gerbräukeller ein Attentat auf phenstimmung. […] in vielen Städten unsere früheren legalen Funktionäre vor
Hitler, dem dieser aufgrund Tschechbehörde geladen und gebeten, zur Aufrechterhaltung der Ruhe bei-
einer Änderung seiner Abreise zutragen. Auf Antwort, dass sie mit Partei keine Verbindung und nichts tun
um Minuten entging. Elser will können, Behörde: das sei möglich, aber wir wissen, daß sie Einfluß auf Be-
mit seiner Tat Europa vor dem völkerung besitzen. Bitten mit Berichten über Kampfaktionen im Protektorat die
Krieg bewahren. Die Nazi- KPD und KPÖ Führung bekannt zu machen und sie in Deutschland zu popu-
Propaganda spricht von einem larisieren. Antwortet, ob direkte Verbindung von uns zur KPD und KPÖ
»in London erdachten« Attentat. Führung möglich. ZK KP.152

Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, [Prag], 13. 11. 1939


[15. 11. 1939].
16. 11. 1939: Die Sowjetunion [An: Gottwald] Bericht über Lage: Anläßlich Beisetzung eines Studenten,
und das Deutsche Reich be- Opfer der Schießerei am 28. Oktober, kam es am 15. Nov. zu großen sponta-
schließen einen Vertrag zur nen Demonstration. Zug erstreckte sich Karlsbrücke. Vor Parlament Demon-
Umsiedlung der Volksdeut- stration gegen Okkupanten. Schwere Zusammenstösse mit Polizei, Studen-
schen aus den von der Sowjet- tendemonstrationen andauerten 16. und 17. Alle Hochschulen von Gestapo
union annektierten Gebieten besetzt und gesperrt. Massenverhaftungen unter Studenten und Professoren.
Ost- und Südostpolens. Drastisches Vorgehen der Gestapo. […] Tschechische Hochschulen für drei
Jahre geschlossen. Neun Studenten erschossen. Mobilisieren Betriebe zu pro-
18.11.1939: Daladier ordnet die testieren. Vom 18. November Standrecht in Prag, Kladno, Beroun, Hor̀´ovice.
Internierung aller Personen an, In Jungbunzlau Belegschaft Skoda und Firma Sobry stellten Ultimatum an Ge-
die die »nationale Verteidigung stapo mit Streikdrohung für Freilassung Verhaftete. Gestapo kapitulierte. Diese
oder die öffentliche Ordnung Aktion unter Führung Partei. ZK KPC.153
gefährden«.
Chiffretelegramm an die Funkstelle Prag, [Moskau], 19. 11. 1939.
An: Prag, ZK KPC. Mitteilt eure Einschätzung der Studentenaktion und Hin-
richtungen. Beurteilen Lage sehr ernst. Partei darf sich nicht zu solchen Ak-
tionen hinreißen lassen, die in ihrer Konsequenz heute schon zu bewaffneten
Kämpfen führen würden. […] Warnen vor Provokation sowohl seitens Okku-
panten als auch der Chamberlainagenten. Alle Kräfte anstrengen, um Einfluß
chauvinistischer Elemente zu paralysieren. Offen gegen Beneš als Agenten
Chamberlains auftreten, Beneš läßt unsere Leute in Frankreich und England
Klemo (Ps.): Klement Gottwald. verhaften. Klemo.154

Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, [Prag], 1. 12. 1939.


1. 12. 1939: Frachon entsendet An: Gottwald. Letzte Ereignisse betrachten als Ergebnis der Naziprovoka-
Tillon nach Bordeaux, der die tion zur Reinigung Hinterlandes für Kriegsführung. Studentenaktion war un-

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überlegt durch chauvinistische Beneš-Agitation hervorgerufen, wobei Provo- KP Frankreichs im Südwesten


kation große Rolle spielte. Partei forderte auf sich weder provozieren noch des Landes wieder aufbauen
einschüchtern zu lassen. […] Vorgehen der deutschen Mordbanden hat wie- soll.
derum Anwachsen chauvinistischen Stimmungen hervorgerufen. […] Rechnen
mit weiteren Anschlägen gegen Volk. Bisher einige Hundert erschossen. Tau-
sende in Konzentrationslager. […] Nazi schießen jetzt auf Straßen wie Frei-
wild. Ausplünderung des Landes ist schrecklich. ZK KP.155

Stalin läßt ein aufschlußreiches Dementi zu einer angeblichen Ge-


heimrede über die Kriegsziele der Sowjetunion publizieren.

Der »Völkische Beobachter« vom 1.12.1939 erschien mit dem folgenden Auf-
macher auf der Titelseite: »Stalin fertigt Havas-Lüge ab. ›England und Frank-
reich überfielen Deutschland‹. Pariser Fälschung zurückgewiesen«.156 Am
28.11.1939 hatte die französische Nachrichtenagentur Havas eine angebliche
Rede Stalins auf einer Politbürositzung vom 19.8.1939 publiziert, die sie »von
einer Quelle, die sich für absolut glaubwürdig erklärt«, aus Genf erhalten
hatte.157 Die Authentizität der Rede ist bis heute umstritten. Von den An-
hängern der Präventivkriegsthese wird sie als ein Schlüsseldokument zum
Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gewertet (»Entscheidungen, die die Weltge-
schichte umkehren sollten«). Stalin habe an diesem Tag den Zweiten Welt-
krieg ausgelöst, hier sei der endgültige Beschluß zur »Befreiung Europas«, also
auch des Krieges gegen Deutschland gefaßt worden (Suworow). Stalin habe
einen Erschöpfungskrieg zwischen Deutschland und den Westmächten pro-
voziert, mit der Absicht, dies zur Revolutionierung Europas auszunutzen.
Der russische Historiker Doroschenko meinte, die Rede habe als Mittel zur
präventiven Desorganisierung des Hauptfeindes Frankreichs und der KP
Frankreichs als stärkster Kommunistischer Partei im Westen gedient. Nach
Einschätzung des russischen Historikers Sergej Slutsch ist sie, wie für Eber-
hard Jäckel, eine Fälschung, andere, wie der französische Historiker Jean-
Jacques Marie sehen in ihr eine Montage von Dichtung und Wahrheit. Mehr
Klarheit könnte vermutlich die Weiterverfolgung der ursprünglichen Quellen
der HAVAS-Veröffentlichung erbringen. In einem Interview mit der
»Prawda« dementierte Stalin, eine solche Rede jemals gehalten zu haben. Die-
ses Interview, die erste öffentliche Meinungsäußerung Stalins nach dem 27. 11. 1939: P. Guljajew be-
XIX. Parteitag, wurde nicht in die Stalin-Gesamtausgabe aufgenommen. Auf klagt in einem Brief an Dimi-
den Abdruck in der Komintern-Zeitschrift »Die Welt«, der hier zitiert wird, troff den Mangel an Disziplin
wurde nach 1945 kaum hingewiesen. In dem Interview verschärfte Stalin die unter den Mitarbeitern der
deutschlandfreundliche Argumentation und wies England und Frankreich Komintern.
eindeutig die Schuld am Krieg zu.

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Erklärung der Sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, Moskau,


30. 11. 1939.
Ein Redakteur der »Prawda« wandte sich an Stalin mit der Frage: »Wie ver-
hält sich Stalin zu der Meldung der Havas-Agentur über die ›Rede Stalins‹, die
er angeblich ›am 19. August im Politbüro‹ hielt, und in der angeblich der Ge-
danke ausgeführt wurde, daß ›der Krieg möglichst lange dauern müsse, um
die kriegführenden Seiten zu erschöpfen‹.«
Stalin sandte folgende Antwort:
»Diese Meldung der Havas-Agentur, wie auch viele andere ihrer Meldun-
gen, ist eine Lüge. Ich kann natürlich nicht sagen, in welchem Tingeltangel
diese Lüge fabriziert wurde. Aber wie immer die Herren aus der Havas-Agen-
tur lügen mögen, sie können nicht leugnen, daß:
1. Nicht Deutschland hat Frankreich und England überfallen, sondern Frank-
reich und England überfielen Deutschland, indem sie die Verantwortung für
den jetzigen Krieg übernahmen;
2. nach der Eröffnung der Kriegshandlungen wandte sich Deutschland mit
Friedensvorschlägen an Frankreich und England, während die Sowjetunion of-
fen die Friedensvorschläge Deutschlands unterstützte, da sie der Meinung
war und weiterhin ist, daß die rascheste Beendigung des Krieges die Lage
aller Länder und Völker von Grund auf erleichtern würde;
3. die herrschenden Kreise Englands und Frankreichs lehnten schroff
sowohl die Friedensvorschläge Deutschlands als auch die Versuche der Sow-
jetunion ab, die rascheste Beendigung des Krieges zu erzielen.
Das sind die Tatsachen. Was können die Tingeltangelpolitiker aus der Ha-
vas-Agentur diesen Tatsachen entgegenstellen?«158

Trotzki reagierte folgendermaßen auf das Stalin-Interview: »Am 9. [30.]


November hielt es Stalin für nötig, in äußerst scharfer Form die Vermu-
tung zurückzuweisen, er wünsche, daß ›der Krieg möglichst lange dauern
müsse, um die kriegführenden Staaten zu erschöpfen‹. Da hat Stalin die
Wahrheit gesagt. Aus zwei Gründen kann er einen langen Krieg gar nicht
wollen: Erstens würde dieser mit Sicherheit die UdSSR in seinen Strudel
reißen, und zweitens würde er mit Sicherheit die europäische Revolution
auslösen. Der Kreml aber fürchtet sehr zu Recht beides.«159

Karikatur auf Leo Trotzki in der Brief Ribbentrops an Stalin, Berlin, 13. 10. 1940.
»Prawda«. Sie werden verstehen, daß es für uns eine Genugtuung ist, der Welt die Au-
gen sowohl über die beispiellose Unfähigkeit sowie aber auch über den gera-
dezu verbrecherischen Leichtsinn öffnen zu können, mit denen die derzeitigen
englischen Machthaber durch ihre Kriegserklärung an Deutschland nicht nur ihr
eigenes Volk, sondern auch andere Völker Europas ins Unglück gestürzt ha-
ben.160

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In der Pariser Zeitschrift »Die Zukunft« erließ Münzenberg, ehemaliger


Propagandachef der KPD, den folgenden Aufruf:
»Hitler verfolgte und verfolgt heute wie 1933 nach dem Reichstags-
brand die Kommunisten in Deutschland mit Zuchthaus, Konzentra-
tionslager und Handbeil. Bekannt ist das Martyrium Thaelmanns, die Er-
mordung von Schehr, Eugen Schoenhaar, Steinfurt, André, Funk und Funk (Ps.): Herbert Wehner
vielen anderen. Aber nicht weniger grausam wütete Stalin gegen die Kom- (galt als verschollen).
munistische Partei und ihre Funktionäre, die das ›Glück‹ hatten, nach
Rußland berufen zu werden und dort als Emigranten eine ›Zuflucht‹ fan-
den. Die Zahl der kommunistischen Parteifunktionäre, die in den letzten
Jahren in Rußland erschossen wurden, in Sibirien umkamen oder sonst
verschwanden, beträgt viele hundert. […] Was aus der Gruppe Pieck-Ul-
bricht geworden ist, die bis zuletzt den Verhaftungen und Erschießungen
ihrer Genossen Beifall klatschte, weiß kein Mensch. Seit Kriegsbeginn
sind sie verstummt und verschwunden. In diesen Schlachten wurde kein
Unterschied zwischen ›links‹ und ›rechts‹, zwischen ›Versöhnlern‹ und
Sektierern gemacht, da kam jede Gruppe dran, und von der Garde Thael-
manns und seiner engeren Mitarbeiter wurde keiner verschont.
Versteht Ihr jetzt, deutsche Arbeiter, Genossen, warum Stalin sich nicht
bemüht, Thaelmann frei zu bekommen? Versteht Ihr jetzt, welche Rolle
der Verräter Stalin in diesem größten aller Dramen gegen die deutschen
Arbeiter und ihren Freiheitskampf spielt?«161

191
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Teil 3.
Erneute Zerreißprobe: Der Angriffskrieg der Sowjetunion auf Finn-
land – Die verstärkte Isolierung der Kommunistischen Parteien
(Dezember 1939–März 1940).

Kapitel 1. Die Kampagne von Komintern und kommunistischen Parteien:


Die unmögliche Legitimierung des Krieges.

26. 11. 1939: Sowjetisch-finni- Ermutigt durch die deutsch-sowjetischen Geheimvereinbarungen, griff die
scher Grenzzwischenfall auf Sowjetunion nach mehreren Grenzprovokationen am 30.11.1939 Finnland
der karelischen Landenge. militärisch an. Sie proklamierte am 1.12.1939 eine vom ehemaligen Kom-
Molotow beschuldigt finnische internsekretär Otto W. Kuusinen geleitete finnische Marionettenregierung im
Militärs, russisches Territorium besetzten Gebiet (Terijoki), der sogenannten Finnischen Demokratischen Re-
bombardiert zu haben. publik. Mit dieser »Regierung« schloß Moskau am 2.12.1939 ein Unterstüt-
zungs- und Freundschaftsabkommen ab. Im Laufe des »Winterkrieges« er-
29.11.1939: Abbruch der diplo-
wies sich die Gegenwehr der unterlegenen finnischen Armee als überraschend
matischen Beziehungen zwi-
stark, die Rote Armee erlitt große Verluste und wurde an der »Mannerheim-
schen der UdSSR und Finnland.
Linie« aufgehalten. Im Friedensvertrag vom 13.3.1940 wurden Stalins ter-
3. 12. 1939: Finnland bittet den ritoriale Forderungen, obwohl seine militärische Strategie gescheitert war, im
Völkerbund um Intervention. wesentlichen erfüllt.

Chiffretelegramm an die Funkstellen Stockholm und Amsterdam , die KP


Schwedens, die KP der Niederlande und die KP Belgiens, Moskau,
11. 12. 1939.
Gustav (Ps.): Funkstation in An: Gustav und Franz. Alle Maßnahmen treffen für breiteste Popularisie-
Stockholm. rung Dokumenten der finnische Volksregierung und finnische Kompartei,
Franz (Ps.): Jakob Rosner. ebenso Rede Molotovs und sowjet. finnische [Abkommen]. Veröffentlichen
diese Dokumentation in besondere Broschüre für Massenverbreitung. Orga-
nisieren energische Solidaritätskampagne. Erklärungen und Resolutionen
von Versammlungen, Organisationen, einzelnen Persönlichkeiten veröffent-
lichen. Offensiv zu [unleserliche Passage] Gleichzeitig Massenveranstaltun-
gen der Komparteien, ihre Presse und Versammlungen gegen feindliche Über-
fälle.
Bitte regelmäßig informieren uns über Gang der Kampagne. Sekretariat.
Clement (Ps.): Eugen Fried [Russisch:] Dasselbe nach Amsterdam – [Deutsch:]Direktion für Clement,
G. D.: Georgi Dimitroff holländische, belgische Genossen. G. D.162

192
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»Ich bin sehr entsetzt über den grausamen Überfall auf Finnland. Das
hätte ich nicht erwartet. […] Diese finnische Sache geht mir sehr nahe.
Das durfte nicht kommen! Es ist eine tolle Welt! […] Was brennt den Rus-
sen auf den Nägeln, daß sie die Welt so brüskieren?« (Hermann an Käte
Duncker, 1.12.1939.)163

Es folgten kategorische Direktiven des EKKI-Sekretariats an die kommuni-


stischen Parteien, den Krieg der Sowjetunion gegen Finnland zu unterstüt- Käte und Hermann Duncker,
zen. Die Aufrufe wurden kaum befolgt und diskreditierten die Komintern 1915.
und ihre Sektionen.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Schweden, Moskau, 11. 12. 1939.


An: Gustav für Franz. […] Aufmerksamkeit der Parteien über finnische Kam- Gustav (Ps.): Funkstation in
pagne notwendig. Solidarisierung mit Volksregierung, Begrüssungen, Reso- Stockholm.
lutionen, Massenkampagne. […] Politik der Sowjet-Union aufklären und po- Franz (Ps.): Jakob Rosner.
pularisieren. Gegen Kriegstreiber entschieden auf[treten]. Konterrevolutionäre
Pläne […] und ihren sozialdemokratischen Lakaien schonungslos entlarven
und bekämpfen. Sekretariat.164

Willy Brandt: Brief an den »lieben Freund«, Oslo, 12.12.1939, über den
»Wahnsinn« des Finnlandkrieges und die letzten Aktionen der »Josefi- 14. 12. 1939: Wegen des An-
ten«, d.h. der Anhänger Stalins. griffs auf Finnland wird die
»Lieber Freund! […] Sowjetunion aus dem Völker-
Die letzte Aktion Josefs ist natürlich kompletter Wahnsinn. Da kann man bund ausgeschlossen.
wirklich sagen: das setzt dem Faß die Krone auf. Alles, was die Leute darüber
verbreiten, ist erstunken und erlogen. Wir haben hier wirklich Gelegenheit
gehabt, die Aktion durch zuverlässige Berichte genau zu verfolgen. Die Fin- 17. 12. 1939: Die Rote Armee
nen und besonders die dortige A[rbeiter]bewegung waren bis zuletzt und setzt zum mißglückten Sturm
noch nach Einsetzen der Aktion bereit, sich gütlich zu einigen. Die Josefiten auf die »Mannerheim-Linie«
wollten eine Einigung nicht, sondern verlangten eine vollständige Unter- an.
werfung und Offenlegung des Landes. Dabei haben sie sich verschätzt, denn
sie rechneten nicht mit einem hartnäckigen Widerstand. Es ist auch gut mög- 23. 12. 1939: Die finnische
lich, daß dieser Widerstand sich einige Monate lang halten wird. Man muß zu Armee eröffnet die Gegenof-
der Sache zweierlei sagen: erstens daß das mit Soz[ialismus] etcetc. nichts, fensive an der Petsamo-Front.
aber auch garnichts zu tun hat. Man muß mit allen Mitteln und Konsequen-
zen gegen diese Zertrampelung elementarster Grundsätze ankämpfen. Zwei-
tens muß man aber sehen, daß es überall in der Welt, dies- und jenseits des
großen Wassers, Kräfte gibt, die nichts lieber möchten als die Erledigung des
andern Konflikts, um eine einheitliche Front gegen Josef zustande zu brin-
gen. Dahin wäre er dann mit seiner genialen Politik gekommen. Schon gleich
nach Beginn der Aktion hörte man die Stimmen, die sagten: nicht Adolf, son-
dern Josef ist der Weltfeind Nr. eins usw. Auch hier im Norden vollzieht sich

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auf dieser Ebene eine Rechtsschwenkung. Die Josefpolitik muß überall die
Reaktion stärken. Darum müssen wir auf der Hut sein und weder dem Josef
etwas schenken noch uns vor den andern Wagen spannen lassen.«165

Stalins 60. Geburtstag: Der Kult erreicht einen vorläufigen Höhe-


punkt.

Willy Brandt im Exil. Grußadresse des ZK der KP Deutschlands an Stalin zum 60. Geburts-
tag, [Moskau], 21. 12. 1939
Teurer Genosse Stalin!
Oktober 1939: Der Führer der Zu Deinem sechzigsten Geburtstage senden wir Dir im Namen aller deut-
Sozialistischen Partei der schen Kommunisten und im Namen unseres seit fast sieben Jahren in
Schweiz in Genf (später Vor- Deutschland eingekerkerten Genossen Ernst Thälmann die herzlichsten brü-
sitzender der Partei der Arbeit), derlichen Grüße. Wir verehren in Dir den engsten und schöpferischsten Mit-
Léon Nicole, wird über Kom- arbeiter unseres teuren Lenin bei der Organisierung der Grossen Sozialisti-
internkanäle darum gebeten, schen Oktoberrevolution, des Aufbaus der Sowjetmacht und ihrer Verteidigung
einen Artikel zu Stalins Ge- gegen die äußeren und inneren Feinde. Wir verehren in Dir den Lenin unse-
burtstag zu schreiben. rer Tage, den Organisator des Sieges des Sozialismus in der Sowjetunion,
den großen Führer, Lehrer und Freund des Weltproletariats. […]
21. 12. 1939: Ehrung des ZK Teurer Genosse Stalin! Wir verehren in Dir den Mitschöpfer und Wahrer der
der VKP(b) für Stalin anläßlich Lehre unseres teuren Lenin, die Du durch Deine großen theoretischen Lei-
seines 60. Geburtstages. stungen am Werke des Marxismus-Leninismus weiter entwickelt hast. […]
Teurer Genosse Stalin! Wir verehren in Dir den großen Freund des werk-
tätigen deutschen Volkes. Der unter Deiner Initiative zustande gekommene
Freundschaftspakt zwischen der Sowjetunion und Deutschland ist das Er-
gebnis Deiner weisen und konsequenten Friedenspolitik […].
Lieber Genosse Stalin! Wir deutschen Kommunisten haben das tiefe Her-
zensbedürfnis, Dir, unserem Lehrer und Führer, an Deinem sechzigsten Ge-
burtstage für alles das zu danken, was Du uns, unserer Partei und den werk-
tätigen Massen Deutschlands durch Dein Werk gegeben hast. Du stehst vor
uns als das leuchtende Vorbild eines wahrhaft revolutionären Kämpfers. Wir
streben danach, so zu werden wie Du. […]
Lang lebe unser großer Stalin!
Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Deutschlands (Sektion der
Kommunistischen Internationale.) Wilhelm Pieck.166

»Stalin begeht seinen 60. Geburtstag. Der Führer beglückwünscht ihn in


einem Telegramm. Kurze Artikel der deutschen Presse. Eine Art von Eier-
tanz. Schwere Kämpfe zwischen Russen und Finnen. Die Russen kom-
men nur langsam vorwärts. Aber sie scheinen es doch zu schaffen.«
Josef Stalin, 1940. (Joseph Goebbels am 22.12.1939 in seinem Tagebuch.)167

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Danktelegramme Stalins an Hitler und Ribbentrop, »Völkischer Beob-


achter«, Berlin, 27. 12. 1939.
Danktelegramm Stalins an den Führer. Moskau, 26. Dezember. 27. 12. 1939: Deutschland und
Stalin hat dem Führer auf seine Glückwünsche zum 60. Geburtstag fol- die UdSSR beschließen die
gendes Antworttelegramm gesandt: »Ich bitte Sie, meine Erkenntlichkeit für Aufnahme eines regelmäßigen
Ihre Glückwünsche entgegenzunehmen und gleichzeitig meine Dankbarkeit Linienflugs Moskau-Berlin
für Ihre guten Wünsche an die Völker der Sowjetunion. J. Stalin.«

Ein Dankestelegramm an Ribbentrop wurde vom »Völkischen Beobachter«


folgendermaßen wiedergegeben:
In einem Danktelegramm an den Reichsminister des Auswärtigen von Rib-
bentrop stellt Stalin fest, daß die Freundschaft der Völker Deutschlands und
der Sowjetunion, durch Blut gefestigt, allen Grund habe, lang und dauerhaft
zu sein.168

»Keine Broschüren und Bücher mehr über Rußland, weder positiv noch
negativ. […] Die Frage Rußland interessiert den Führer sehr. Stalin ist ein
typischer asiatischer Russe. Der Bolschewismus hat die westeuropäische
Führungsschicht in Rußland beseitigt. Die war allein in der Lage, diesen
Riesenkoloß politisch aktionsfähig zu machen. Es ist gut, daß das heute
nicht mehr der Fall ist.«
(Joseph Goebbels am 29.12.1939 in seinem Tagebuch.)169
»Der Führer meint, der Bolschewismus sei die dem Slawentum heute ent-
sprechende Staatsorganisation. Viel mehr sei aus dem Russentum sowieso
nicht herauszuholen. Stalin sei ein moderner Iwan der Schreckliche oder
meinetswegen ein Peter der Große. Und daß das Land nicht lache – das habe
es unter dem Zaren auch nicht getan. Nur sei seit damals die regierende
Oberschicht verschwunden und durch typische Slawen ersetzt worden. Die
könnten nicht mehr zuwege bringen als was sie heute leisteten. Für uns sehr
gut so. Lieber einen schwachen Partner als Nachbarn als einen noch so guten
Bündnisvertrag. Wären alle Verträge eingehalten worden, die je abge-
schlossen wurden, dann würde heute die Menschheit nicht mehr leben.«
(Joseph Goebbels am 13.01.1940 in seinem Tagebuch.)170

Die Odyssee des »Führers« der KP Deutschlands, Ernst Thäl-


mann: Die Komintern setzt sich für seine Freilassung ein – Über-
läßt ihn Stalin den Nationalsozialisten?

Auf Weisung der Komintern wurde die Annäherung an Deutschland zur Wie-
deraufnahme der Kampagne zur Freilassung des seit 1933 in nationalsozia-
listischer Haft sitzenden ehemaligen KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmanns Ernst Thälmann.

195
Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:57 Seite 196

genutzt. Eine diesbezügliche Aufforderung Piecks ergeht am Tag des Pakt-


abschlusses – eine Paraffe Dimitroffs weist darauf hin, daß es sich um eine
Entscheidung auf höchster Ebene handelt. Am 16.10.1939 wird jedoch ein
Gesuch der Ehefrau Thälmanns auf Erlassung seiner Reststrafe abgelehnt, un-
geachtet früherer Befürwortungen. Am 23.11.1939 diskutiert das EKKI über
die Situation der KP Deutschlands, was vermutlich u.a. auch zum Beschluß
Ernst Thälmann auf einer Kund- über eine Wiederaufnahme der Kontakte mit Rosa Thälmann führte, um die
gebung in Leningrad im Rahmen Freilassung ihres Mannes zu erreichen. In Kreisen der deutschen Volksfront
des 6. Weltkongresses der Komin- war man sich ziemlich sicher, daß Thälmann und eine Anzahl deutscher Kom-
tern 1928. munisten bereits frei waren (siehe Dok. vom 6.9.1939). Trotz der freund-
schaftlichen russisch-deutschen Beziehungen kam es jedoch nicht zu einer Frei-
lassung, an der Stalin offensichtlich nicht interessiert war. Nach dem deutschen
Angriff auf die Sowjetunion brach Stalin auch noch den Stab über den in-
haftierten Thälmann, einen seiner treuesten Gefolgsleute, den er politisch ver-
urteilte (siehe Dok. vom 15.10.1941). Thälmann wird am 18.8.1944 im KZ
Buchenwald ermordet.

Chiffretelegramm für Schweden und Deutschland, Moskau, 23. 8. 1939.


Eiche (Ps.): Walter Ulbricht. An: Eiche. Kampagne für Befreiung Thälmann im Zusammenhang mit ge-
Wilhelm (Ps.): Wilhelm Pieck. genwärtiger Lage sofort mit allen Mitteln verstärken. Wilhelm.171

Dimitroff ließ über verdeckte Kontakte zu seiner Frau Ernst Thälmann mit-
teilen, daß alles zur Lösung seiner Situation getan werde. Entgegen der bis-
herigen Praxis ordnete Molotow zugleich über diplomatische Kanäle finan-
zielle Hilfe für Rosa Thälmann an. Informationen sollen unverzüglich nach
Moskau mitgeteilt werden.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Stockholm für die KP Schwedens,


Moskau, 25. 11. 1939.
Paul (Ps.): Sven Linderot Für Paul, Gustav. Wir beauftragen euch sofort einen treuen dazu passen-
Gustav (Ps.): Funkstelle Stock- den Student nach Hamburg wiederholen Hamburg zu schicken um der Frau
holm. Thälman-Rosa Thälman Tarpenbeck strasse 66 wiederholen Tarpenbeck
Karin: US-Dollar. strasse 66 ein Tausend Karin in Skern Marken übergeben. Dass soll sehr vor-
Skern: Deutsch. sichtig durgeführt sein. Der Student soll Skernisch sprechen.
Student: Kurier. Er soll bei ihr ihre Photo nehmen, bitten dass sie ihm Thälmanns Brief gibt,
Skernisch: Deutsch. welchen sie in die Sovjetbotschaft gezeigt hat und ihr sagen Thälmann mit-
zuteilen er soll nicht unruhig sein, seine Freunde sorgen für die Lösung sei-
ner Frage.
[…] Die Aufgabe ist sehr eilig und wichtig Gustav ist persönlich für die so-
fortige Durchführung verantwortlich. Sie müssen mit der Frau regulär Verbin-
dungen aufnehmen. Erhalten dieser Weisung bestätigt sofort und jede zwei Ta-
gen mitteilt was durchgeführt ist. Dimitroff172

196
Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:57 Seite 197

Nachdem die sowjetische Führung zunächst jeglichen Kontakt mit Thälmann


abgelehnt hatte, macht sie eine Kehrtwendung. Molotow kritisiert gegenüber
Botschafter Schkwarzew in Berlin die ablehnende Haltung gegenüber Rosa
Thälmann. In einem Antworttelegramm vom 28.11.1939 meldet der Bot-
schafter den Vollzug der Geldübergabe.

Chiffretelegramm an den Bevollmächtigten Vertreter der Sowjetunion in


Deutschland, Moskau, 26. 11. 1939:
Sie haben in Bezug auf die Frau, Rosa Thälmann, nicht korrekt gehandelt.
Wenn sie erneut in die Bevollmächtigte Vertretung kommt, oder wenn sie sie Thälmann und Molotow.
wiederfinden können, übergeben sie ihr 2000 Mark für Thälmann. Nehmen
sie keine Briefe an. Teilen sie die Resultate mit.173

Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, Stockholm, 2. 12. 1939.


An: Axel. Bescheid über Verbindung mit Thälmann empfangen. Wir werden Axel (Ps.): Georgi Dimitroff.
alles tun. Sobald etwas vorliegt teilen wir mit. Gustav.174 Gustav (Ps.): Funkstelle Stock-
holm.
Chiffretelegramm an die Funkstelle Stockholm, Moskau, 2.12.1939.
An: Gustav. Bestätige sofort Ankunft Strands. Was schon durchgeführt in Strand: Ursprüngl. Name: Irja
der Frage Frau Thelman. Axel.175 Nousiainen.
Axel (Ps.): Georgi Dimitroff.
Die Führung der KP Deutschlands ist nicht über die Situation Ernst Thäl-
manns informiert. Pieck vermerkt in seinen Notizen ein TASS-Telegramm,
demzufolge Thälmann ermordet wurde.

Handschriftliche Notizen von Wilhelm Pieck, 4. 12. 1939.


Tass-Telegramm betreffs Thälmann –
Auslieferung von SU gefordert
angeblich vor dem Pakt gestorben
wirklich einige Tage nach Pakt
im Gefängnis ermordet
Notiz vorbereiten und lancieren
Thälman habe seine Freilassung gefordert – Berufung auf Kampf gegen Ver-
sailles, für Frieden, ist für sowjetisch-deutschen Pakt.176

Chiffretelegramm an die Funkstelle Stockholm, Moskau, 11. 12. 1939.


An: Gustav. Erwarten sofortige Bestätigung Erfüllung unserer Aufgabe an- Gustav (Ps.): Funkstelle Stock-
belang Frau Thälmann. Axel177 holm.
Axel (Ps.): Georgi Dimitroff.
Der stellvetretende Leiter der Aufklärungsabteilung des Generalstabes der
Roten Armee, I. Proskurow, informiert Dimitroff über den Vollzug der
Geldübergabe »Strands« an Rosa Thälmann in Hamburg. Thälmanns von
Proskurow hervorgehobene Übereinstimmung mit dem Pakt geht auch aus

197
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dem folgenden Brief aus dem Gefängnis vom 5. 3. 1940 hervor, in dem er
schreibt: »Hitler und Ribbentrop sind ehrlich und aufrichtig für die Fortset-
zung und weitere Festigung der Freundschaft zwischen Deutschland und der
Sowjetunion.«178

Mitteilung des militärischen Geheimdienstes der Roten Armee, Moskau,


17. 2. 1940.
An Genossen Dimitroff G. M. Auf Ihre Anweisung hin wurde eine Geld-
übergabe an die Frau von Thälmann organisiert. Das Geld ist übergeben wor-
den. Der zurückgekehrte Genosse erzählt folgendes über das Treffen mit Rosa
Thälmann: Auf bestimmte Parolen hin bestätigte Rosa ihre Identität und sagte,
daß sie Ernst zweimal im Monat sieht, und daß Ernst nicht gebrochen ist. Auf
die Frage nach dem russisch-deutschen Pakt sagte er, das sei sehr gut.
Man kam zu Ernst mit dem Vorschlag, ein Papier zu unterzeichnen, ein Do-
kument, das den Kommunismus verhöhnte und über seine Abkehr vom Kom-
munismus, weil seine Freunde beschlossen hätten, ihn zu verlassen. Als Ant-
wort darauf nannte er die Namen der Führer und des allerhöchsten Führers
(gemeint ist Gen. Stalin) und sagte, daß diese Freunde ihn nie verlassen wer-
den.
Rosa hatte Angst, die ganze Summe anzunehmen, weil die Polizei ihre
Geldangelegenheiten vollständig kontrolliert. Sie behielt nur 1100 Mark (von
2500 Mark). Rosa teilte mit, daß sie manchmal Geld von Sympathisanten aus
anderen Ländern bekommt, darunter aus Stockholm.
Unser Resident berichtet, daß er die Möglichkeit hätte, noch einmal Geld
zu übergeben und ich bitte Sie, mir mitzuteilen, wie man mit einer solchen
Thälmann in Uniform des Rot- Aussage Rosas verfahren soll.
frontkämpferbundes. Mit Gruß, I. Proskurov179

Auch über den Komintern-Kanal wird Dimitroff über die Geldübergabe in-
formiert.

Chiffretelegramm, vermutlich der Funkstelle Stockholm, 28. 2. 1940.


Axel (Ps.): Georgi Dimitroff. An: Axel. Rosa Thelman hat Empfang Karin bestatig. Sollen wir noch ver-
Karin: US-Dollar. schicken. Gustav.180
Gustav (Ps.): Funkstelle Stock-
holm. Am 19.3.1940 leitet Molotow einen Brief von Thälmann vom 5.3.1940 an
Poskrebyschew, den Sekretär Stalins, weiter, im Original mit russischer Über-
setzung. In dem Brief erwartete Thälmann die aktive Einmischung der rus-
sischen Freunde in seiner Angelegenheit und erachtete die UdSSR als seine
»neue Heimat« nach seiner Freilassung. Stalin trägt jedoch darauf den fol-
genden Vermerk ein: »Ins Archiv. Stalin«.181 Die russischen Autoren V. Rykin
und B. Chavkin betrachten diesen Vermerk als entscheidend für Thälmanns
Schicksal und zitieren den Historiker Davydowitsch: »Stalin wollte die

198
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sowjetisch-deutsche ›Freundschaft‹ mit einer Bitte an Hitler über die Befrei-


ung des Führers der deutschen Kommunisten nicht trüben.«182 Sie meinen wei-
ter: »Stalin brauchte Thälmann nicht in Moskau, es war politisch günstiger für
ihn, ihn im Nazigefängnis zu lassen. Stalin zog Hitler Thälmann vor.«183

Brief Ernst Thälmanns an den »Lieben Genossen« [Stalin], Gerichts-


gefängnis Hannover, 5. 3. 1940.
[…] Gibt es heute einen Ausweg, der zur Freilassung Thälmanns führen
kann?
Von dem aktiven Eingreifen meiner russischen Freunde verspreche ich mir Alexander Poskrebyschew.
den einzigen und allein ausschlaggebenden Erfolg zu meiner baldigen Frei-
lassung.
[…] Also denkt an Euren tapferen Kämpfer und unbeugsamen Revolutionär,
der ungebrochen und standhaft an der heiligen Idee des Kommunismus fest-
hält und der seine revolutionäre Pflicht auch hier im Kerker erfüllt, indem er
allen Lügen und Angriffen gegen das sozialistische System immerfort trot-
zend, mit der größten Leidenschaft und mit überzeugenden Argumenten alle
hier antreffenden offenen und versteckten Gegner des Sowjet-Systems sowie
unklare Menschen wirksam und sehr oft erfolgreich bekämpfte und mehr oder
weniger überzeugte. Während meiner langen Kerkerzeit habe ich die sozia-
listische und im allgemeinen grandiose Entwicklung in der Sowjet-Union stets
mit glühender und unbeirrbarer Begeisterung verteidigt, so daß schon heute
fast überall hier im Gefängnis anerkennend darüber gesprochen wird. In tie-
fer Liebe und unverbrüchlicher Treue gedenke ich der genialen Führer in der
Sowjet-Union und weise, wo es nur möglich, alle Angriffe gegen meine teuren
Freunde energisch und rücksichtslos zurück. […]
Hitler und Ribbentrop sind ehrlich und aufrichtig für die Fortsetzung und
weitere Festigung der Freundschaft zwischen Deutschland und der Sowjet-
Union.184

Die Komintern versuchte weiter, den Kontakt mit Thälmann im Gefängnis


aufrechtzuerhalten, was jedoch auf Schwierigkeiten stößt.

Chiffretelegramm an die Funkstelle Moskau, Stockholm, 25. 12. 1940.


An: Axel.Thalmann frage drei leuten wartet auf visum. Unmoglich bescheid Axel (Ps.): Georgi Dimitroff.
zu bekommen wann es fertig wird. Deutschlands schweden durfen nicht in
Schweden besuch machen. Gustav185 Gustav (Ps.): Funkstelle Stock-
holm.
Offensichtlich im Unterschied zur sowjetischen Führung versucht die Kom-
intern auch weiterhin, die Freilassung Thälmanns zu erreichen. Auf einer Sit-
zung der in Moskau anwesenden Mitglieder des ZK der KPD vom 25.2.1941
werden umfangreiche Maßnahmen für eine internationale Hilfs- und Be-
freiungskampagne beschlossen, die u.a. das folgende beinhalten:

199
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Beschluß des ZK der KP Deutschlands, Moskau, 25. 2. 1941.


3./ Zu Ernst Thälmanns 55. Geburtstag am 16. April.
Beschluss: Hauptinhalt der Veröffentlichungen soll sein: Frage warum wird
Ernst Thälmann noch immer im Gefängnis festgehalten? […]
Anweisung an unsere Verbindungsstelle: Im Lande aber Verbindungen aus-
nützen um überall die Frage zu stellen, warum wird Ernst Thälmann nicht frei-
gelassen. Begründungen an Ernst Thälmann zum Geburtstag senden. […]
In der Presse die Veröffentlichungen beginnen mit der Polemik gegen die
Verleumdungen in der New Yorker »Volkszeitung« vom 11. 1. 41, wo gesagt
wird, Thälmann sässe nicht mehr im Gefängnis. »My Dag«, »Daily Worker«
Thälmann bei einer Kundgebung New York sollen darauf antworten. Mitte März Veröffentlichung eines Artikels
der »Antifaschistischen Aktion« in in der »Welt«. Ausserdem Artikel in der hiesigen MOPR-Zeitschrift.186
Essen, 1932.

»Es brauchen nur Junge und Greise übrig zu bleiben« (Stalin zum
Krieg gegen Finnland).

Trotz der offiziellen Jubelpropaganda reget sich sowohl in der Komintern als
auch in der KP Finnlands Widerstand gegen den Krieg; Kritik äußert auch
ZK-Sekretär Tuominen (siehe Dok. vom 4.4.1940).

9. 1. 1940: Vernichtung der 66. »L’Humanité«, Paris, Ende 1939.


Schützendivision der Roten Ar- Es gibt keinen einzigen Arbeiter, der die Hilfe der Roten Armee an das
mee durch die finnische Armee. ausgebeutete und unterdrückte Proletariat der »finnischen Republik« nicht
begrüßen würde, genauso wie die Schaffung des neuen Staates. […]
17.1.1940 Dimitroff wendet sich Im Falle des Angriffs englisch-französischer Imperialisten auf die
aufgrund der außergewöhnli- UdSSR werden die Werktätigen unseres Landes des siegreichen Sozialis-
chen Kriegssituation gegen die mus zugunsten der Roten Armee arbeiten. Sie werden den Sieg gegen un-
Abhaltung eines Parteikongres- sere Imperialisten ausnutzen, um auf ewig dem Kapitalismus, dem Brand-
ses der KP Großbritanniens so- stifter des Krieges, den Garaus zu machen.187
wie gegen eine Diskussion des
Parteiprogramms. Die Partei
hält stattdessen im März ein er- »Der feige und brutale Überfall der Roten Armee Stalins auf Finnland,
weitertes ZK-Plenum ab. der am Donnerstag mit der Bombardierung der finnischen Hauptstadt
Helsinki, der Überschreitung der finnisch-russischen Grenze an drei Stel-
18.1.1940: Neutralitätserklärung len, der Besetzung des Eismeerhafens Petsamo und Flottenangriffen auf
Schwedens. Am 19.1. erklären die finnischen Inseln im Golf von Kronstadt begann, hat die Entrüstung
auch Dänemark und Norwegen der ganzen Welt mit Ausnahme der kommunistischen Presse und der
ihre Neutralität. Presse des mit Stalin verbündeten Hitler-Regimes hervorgerufen. Dank
dem tapferen Widerstand der kleinen finnischen Armee, die sich gegen
die ungeheure Übermacht der Roten Armee zur Wehr gesetzt hat und da-
bei Petsamo zurückerobern und auch an anderen Stellen den Eindringlin-
gen Verluste beibringen konnte, ist der Überfall vorläufig noch nicht zum

200
Der Verräter, Stalin, bist du.qxp 22.05.2008 14:58 Seite 201

Ziele gelangt, das – wie die Einsetzung einer bolschewistischen ›Regie-


rung‹ in dem finnischen Grenzdorf Terioki zeigt – die Unterwerfung Finn-
lands unter die Herrschaft Moskaus ist.«
(Aus den »Sozialistischen Mitteilungen«)188

»Ein Krieg von außen kann nie Revolution von innen ersetzen und eben-
sowenig ›machen‹ […] In Finnland ist keine organische Revolution ge-
reift und Rußlands Versuch mit Kuusinen ist nur ein Putschversuch, der 19. 1. 1940: Rückzug der so-
sich bitter rächt.« wjetischen Truppen an der fin-
(Hermann an Käte Duncker, 13.12.1939.)189 nischen Front.

Der »Daily Worker« schrieb Anfang Januar 1940: »Hinter der Roten Ar-
mee beginnt für das finnische Volk das Leben.«190

Stalin definiert die Weltrevolution neu und rückt von ihr ab.

Im Zusammenhang mit der Plattform der KP Deutschlands (siehe: Dok. vom


30. 12. 1939) verwarf Stalin das Konzept der Weltrevolution »als einheit-
lichem Akt« und bezeichnete es als »Blödsinn«. Am Beispiel des Finnland-
krieges machte er deutlich, was er unter der Roten Armee als »Instrument der
Weltrevolution« verstand; ein seltener Beleg Stalins, der die Dimension des Otto Ville Kuusinen.
Paradigmenwechsels sowjetischer Politik markiert, die angesichts der Kriegs-
ereignisse in den Hintergrund geriet.

Georgi Dimitroff: Tagebucheintrag, Moskau, 21. 1. 1940.


Am Abend im Bolschoi-Theater. 21. 1. 1940: Churchill fordert die
Referat von Schtscherbakow. neutralen Staaten auf, sich
Im Raum des Politbüros. gegen die deutschen Aggres-
Freundschaftliche Atmosphäre. soren zu wenden.
– Stalin, Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch, Kalinin, Andrejew, Berija,
Schwernik, Bulg[anin], Schkirjatow, Schtscherbakow, Budjonny, Malenkow,
D[imitroff]. […]
– Stalin: – Die Weltrevolution als einheitlicher Akt – ist Blödsinn. Sie spielt
sich in unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Ländern ab. Auch die
Handlungen der Roten Armee stehen mit der Weltrevolution in Beziehung.
– Stalin: Jetzt wird deutlich, wie sich Finnland für den großen Krieg gegen
uns vorbereitet hat. Jedes Dorf wurde auf dieses Ziel hin umgestaltet. Hangars
für Tausende von Flugzeugen, dabei hatte Finnland nur einige Hundert Flug-
zeuge.
Das Potential der weißen Finnen sind die 150 000 finnischen Schutzkorps-
leute. Wir haben 60 000 niedergemacht, auch die übrigen müssen niederge- K. Merezkow, sowjetischer Kom-
macht werden, dann ist die Sache zu Ende. mandeur im Winterkrieg.

201
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Es brauchen nur Junge und Greise übrigzubleiben.


Wir wollen Finnlands Territorium nicht. Finnland muß nur ein der Sowjet-
union freundschaftlich gesonnener Staat sein.
– Stalin Toast: »Auf die Kämpfer der Roten Armee, die ungenügend vor-
bereitet, schlecht gekleidet und beschuht waren, die wir erst jetzt mit Kleidung
und Schuhen versorgen, die für ihre Ehre kämpfen – eine allerdings ange-
schlagene Ehre – und für ihren Ruhm!«191

1. 2. 1940: Sowjetische Offen- Botschaft Thomas Manns: »Ich grüsse Finnland.«


sive in Karelien und am Auf einer Versammlung der Sozialdemokratischen Föderation in New
Ladoga-See. York wurde eine Botschaft vorgelesen, in der es heißt: »Wenn die Finnen
ihre Mannerheim-Linie den gegenwärtigen Wall der westlichen Zivilisa-
13. 2. 1940: Die Regierung tion nennen – und ich glaube, daß sie dies mit Recht tun – so möchte ich
Schwedens lehnt das Ersuchen dieser Feststellung hinzufügen, daß die Arbeiter und Bauern dieser klei-
Finnlands um Waffenhilfe ab. nen Nation, ob sie nun Sozialisten sind oder nicht, augenblicklich die wah-
ren Ideale und Hoffnungen verteidigen, die ein nazistisch gewordener Bol-
schewismus verraten und in den Schmutz getreten hat. Ich grüße Finnland
und ich hoffe aufs innigste, daß es den Endsieg davontragen möge.«192

»Neuer Sieg Friedenspolitik Sowjetunion durchkreuzte englisch-


französische Kriegspläne«.193 Der russisch-finnische Waffenstill-
stand wird von der Komintern als großer E