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Inhaltsverzeichnis

Vorwort .................................................................................................................... 7

Anmerkung zum Umschlagsbild .............................................................................. 9

1. Einleitung ........................................................................................................... 11

1.1. Fragestellung und Methode............................................................................. 11


1.2. Quellen ............................................................................................................ 22
1.3. Forschungsstand.............................................................................................. 27

2. Ziele nationalsozialistischer antisowjetischer Propaganda ................................ 37

3. Umsetzung der Ziele im ‚Völkischen Beobachter‘ ............................................ 44

3.1. Der ‚Völkische Beobachter‘ zwischen Regime und Öffentlichkeit ................ 44


3.2. Beteiligte ......................................................................................................... 50
3.2.1. Führungsebene ............................................................................................. 50
a) Adolf Hitler ......................................................................................................................50
b) Joseph Goebbels ...............................................................................................................55
c) Alfred Rosenberg .............................................................................................................57

3.2.2. Redaktionsebene .......................................................................................... 59


a) Theodor Seibert ................................................................................................................59
b) Harald Siewert..................................................................................................................64
c) Wilhelm Koppen ..............................................................................................................66

3.2.3. Korrespondenten .......................................................................................... 68

3.3. Anweisungen und Umsetzung ........................................................................ 72

3.3.1. Januar - Mai 1939: Die Propaganda bis zur Entlassung Maksim Litvinovs 72
a) Vom Regime zum ‚Völkischen Beobachter‘: antibolschewistischer Gleichklang ............72
b) Innere Entwicklung der Sowjetunion: Ende einer Kampagne ..........................................75
c) Deutsch-sowjetische Beziehungen: Deutschland und der „Weltfeind Nr.1“ ....................80
d) Antikominternpropaganda: Neue Verbündete ..................................................................80
e) Einkreisungspropaganda: Die „Erledigung der Resttschechei“ und der Beginn einer
Kampagne.............................................................................................................................86
f) Pressekampagne gegen Polen: Ende der Zusammenarbeit ................................................93
g) Weltanschauliche Einordnung: Die Sowjetunion und der deutsche „Drang nach Osten“ 96
6

3.3.2. Mai - August 1939: Die Propaganda bis zum deutsch-sowjetischen Pakt . 103
a) Vom Regime zum ‚Völkischen Beobachter‘: Konflikte und Vorahnungen....................103
b) Die innere Entwicklung der Sowjetunion: Übergang .....................................................108
c) Deutsch-sowjetische Beziehungen: Annäherung hinter den Kulissen ............................110
d) Antikominternpropaganda: Rückkehr der „Legion Condor“ und „Stahlpakt“ ...............111
e) Einkreisungspropaganda: Sowjetisch-französisch-britische Annäherungen ...................118
f) Pressekampagne gegen Polen: Vorbereitung eines Überfalls .........................................124
g) Weltanschauliche Einordnung: Vorbereitung eines „Befreiungskrieges“ ......................129

3.3.3. Ende August - Dezember 1939: Die Propaganda bis zum Winterkrieg ..... 135
a) Vom Regime zum ‚Völkischen Beobachter‘: der Propagandaapparat und der Pakt .......135
b) Die innere Entwicklung der Sowjetunion: Ungetrübter Blick auf neue Freunde? ..........141
c) Deutsch-sowjetische Beziehungen: Der Schock des „Hitler-Stalin Paktes“ ...................145
d) Antikominternpropaganda: Die düpierten Verbündeten.................................................156
e) Einkreisungspropaganda: Das sowjetische Ausscheren und die Westmächte ................161
f) Pressekampagne gegen Polen: „Der polnische Staat hat aufgehört zu existieren“ ..........164
g) Zuteilung von Interessenssphären und weltanschauliche Überwindung der UdSSR ......167

4. Wirkung: Von der Presse zur Öffentlichkeit .................................................... 175

4.1. Wirkung im Ausland: .................................................................................... 175

4.1.1. Wirkung in der Sowjetunion ...................................................................... 176


4.1.2. Wirkung in Großbritannien ........................................................................ 178
4.1.3. Wirkung in weiteren Ländern .................................................................... 180

4.2. Wirkung auf die Leser in Deutschland: ........................................................ 183

4.2.1. Vorbemerkungen ....................................................................................... 183


4.2.2. Wurde das Ziel der Vorbereitung auf den Krieg erreicht? ......................... 186
4.2.2. Reaktionen auf den Pakt ............................................................................ 192
4.2.3. Missbrauchtes Vertrauen? .......................................................................... 199
4.2.4. Verwirrung und Rückbesinnung ................................................................ 203

5. Zusammenfassung ........................................................................................... 205

Anhang:................................................................................................................ 213
Ergebnisse der quantitativen Auswertung der Inhalte der Berichterstattung des
‚Völkischen Beobachters‘ über die UdSSR im Jahre 1939.................................. 213
Abkürzungsverzeichnis ........................................................................................ 222
Quellen- und Literaturverzeichnis ....................................................................... 223
VORWORT

Vorwort

Es ist keine angenehme Aufgabe, nationalsozialistische Propaganda


zu lesen. Lars Jockheck führt die Tatsache, dass der ‚Völkische Be-
obachter‘ in der Forschung bisher auf wenig Interesse gestoßen ist, ei-
nerseits auf den Mangel an Quellenmaterial – die Redaktions- und Ver-
lagsarchive wurden vollständig vernichtet – andererseits auf die „man-
gelnde Attraktivität der Zeitung selbst“ zurück.1 Die intensive Lektüre
des Jahrganges 1939 des ‚Völkischen Beobachters‘ war auch für mich
wenig unterhaltsam und es ist erstaunlich, dass die nationalsozialisti-
sche Propaganda, obwohl sie außerordentlich plump war, noch heute
für ungeheuer wirksam gehalten wird. Als Anfang des Jahres 2009 der
‚Völkische Beobachter‘ in Kiosken als so genannter „Zeitungszeuge“
auslag, fürchtete manch einer, die Lektüre könne eine „berauschende“
Wirkung entfalten.2 Es solle Leute geben, denen der Hass und die Het-
ze der Nazis noch immer das Herz wärmten, schrieb Jens Jessen in der
‚Zeit‘.3 Die Furcht vor der ungeheuren Wirksamkeit nationalsozialisti-
scher Propaganda scheint in Deutschland tief verwurzelt; dabei ist es in
der Geschichtswissenschaft längst eine gängige These, dass die Natio-
nalsozialisten eben nicht mit „Zauberformeln“ die Deutschen hypnoti-
sierten, wie manch einer nach dem Krieg behauptete.4 Vielmehr diente
der nachträgliche Glaube an die Wirksamkeit Goebbelsscher Propagan-
da – unter anderem – der Rechtfertigung und Entschuldigung der unter
dem Nationalsozialismus begangenen Verbrechen.

1
Jockheck (1999), S. 12.
2
Gemeint ist das Projekt des Nachdruckes und Verkaufs nationalsozialistischer
Zeitungen unter dem Titel „Zeitungszeugen“. Die erste Ausgabe erschien am
7.1.2009.
3
Jens Jessen: Zeitungszeugen. Wie viel Aufklärung verspricht der Nachdruck von
Nazi-Blättern? In: ‚Die Zeit‘, 5.2.2009, S.46.
4
Siehe z.B.: Hagemann (1948), S. 114.
8 VORWORT

Die Gefahr, die von den „Zeitungszeugen“ ausgeht, dürfte, so gese-


hen, gering sein: Zwar gibt es gewiss Unverbesserliche, denen der
‚Völkische Beobachter‘ das Herz wärmt. Einer breiten Mehrheit jedoch
dürfte diese Art von Propaganda, gerade in der Rückschau, noch verlo-
gener und abstoßender erscheinen als den Zeitgenossen. Gerade die
Lektüre des ‚Völkischen Beobachters‘ entlarvt die, wie Viktor Klempe-
rer es treffend nennt, „Perfidität“ der Nationalsozialisten,5 die nicht nur
logen wie gedruckt, sondern deren Lügen tatsächlich auch in allen Ta-
geszeitungen druckfrisch nachzulesen waren und bis heute sind – und
dies übrigens nicht nur in den Nachdrucken der „Zeitungszeugen“, son-
dern auch im Original oder als Mikrofiche in den meisten deutschen
Staats- und Universitätsbibliotheken. Es ist gut möglich, dass das Pro-
jekt „Zeitungszeugen“ auch ohne die Intervention der bayerischen Lan-
desregierung recht bald an der geringen Attraktivität nationalsozialisti-
scher Zeitungen scheitern wird – ich jedenfalls habe mich bereits, so in-
teressant und in wissenschaftlicher Hinsicht vielversprechend die Un-
tersuchung nationalsozialistischer Propaganda mir gelegentlich er-
schien, bereits anderen Themenbereichen zugewandt.
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um meine in Teilen ge-
kürzte, in anderen Teilen geringfügig erweiterte Magisterarbeit. Das
Thema lautete ursprünglich: „Der ‚Völkische Beobachter‘ über die
UdSSR im Jahre 1939“. Es handelt sich also um eine genaue Inhaltsan-
alyse der Berichterstattung des Leitmediums ‚Völkischer Beobachter‘
des Jahres 1939 zum Thema Sowjetunion im Übergang von Vorkriegs-
auf Kriegspropaganda.6 Im Zentrum der Arbeit steht der Hitler-Stalin-
Pakt, dessen Anbahnung, Unterzeichnung und propagandistische Ein-
ordnung das, um es modern auszudrücken, „Medienereignis“ des Jahres
1939 war. Gleichzeitig habe ich versucht, anhand von Tagebüchern,
Berichten des Sicherheitsdienstes der SS, und der SoPaDe, die Reakti-
onen der Leser auf die Verkündung eines noch kurz zuvor für undenk-

5
Klemperer (1995), S. 472f. Tagebucheintrag vom 7.6.1939, „Mittwoch abend“.
6
Zum Verständnis des Begriffes „Leitmedium“ siehe Abschnitt 3.1. dieser Arbeit.
VORWORT 9

bar gehaltenen Bündnisses zu beschreiben, um so eine Aussage über


die Wirkung nationalsozialistischer antibolschewistischer Propaganda
des Jahres 1939 treffen zu können.
Ich möchte mich zuerst bei Professor Frank Golczewski bedanken. Er
hat mir das Thema vorgeschlagen, war offen auch für die trivialsten
Fragen und hat mir immer wieder wichtige Anregungen gegeben. Paul
Borsdorf und Johannes Dafinger haben die Arbeit gründlich korrigiert
und ich verdanke ihnen zahlreiche wichtige Einsichten; die Verantwor-
tung für alle verbliebenen Fehler liegt bei mir. Nicht zuletzt gebührt
auch Aisenem der Dank für die vielen glücklichen arbeitsfreien Stun-
den. Die Magisterarbeit steht am Ende meiner schwierigen Studienzeit,
in der mir immer wieder die uneingeschränkte Unterstützung durch
meine Mutter, Beatrix, sehr geholfen hat. Ihr, und meinem 2003 ver-
storbenen Vater, Thomas, möchte ich diese Arbeit widmen.
10 VORWORT

Anmerkung zum Umschlagbild:

Die Karikatur mit dem Titel „Eingekreiste Einkreiser“, die ich für das
Titelblatt ausgewählt habe, ist Teil einer Anzeige, die das ‚Schwarze
Korps‘ (die Zeitung der SS), am 28. September 1939 auf Seite 8 des
‚Völkischen Beobachters‘ schaltete.7 Die Karikatur gehört also nicht
unmittelbar zur Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘; ihre
Aussage jedoch, dass jetzt Deutschland gemeinsam mit der UdSSR und
Japan in einer „Koalition der totalitären Staaten“ gegen die in der Pro-
paganda als „Einkreiser“ diffamierten Engländer kämpfe, lässt sich so
ähnlich auch in der Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘
unmittelbar nach dem Hitler-Stalin-Pakt wiederfinden. Theodor Seibert,
der wichtigste außenpolitische Kommentator des ‚Völkischen Beobach-
ters‘ im Jahre 1939, schrieb beispielsweise von einer Koalition der „to-
talitären Staaten“ gegen „die Demokratien“, die der „Führer“ mit sei-
nem „schnellen“, „entschlossenen“ Handeln herbeigeführt habe. –
Letztlich ist der Abdruck der Karikatur aus dem „Schwarzen Korps“
auch als eine Anregung zu verstehen, sich mit der Berichterstattung
noch weiterer deutscher Zeitungen unmittelbar vor und nach dem Hit-
ler-Stalin-Pakt wissenschaftlich zu beschäftigen. In anderen Zeitungen
dürften ähnliche, möglicherweise als nationalbolschewistisch zu be-
zeichnende Tendenzen nach dem Hitler-Stalin-Pakt noch viel deutlicher
festzustellen sein als im – von wenigen Ausnahmen abgesehen – linien-
treuen ‚Völkischen Beobachter‘.

7
Die Karikatur erschien am 28.9.1939 auch auf der zweiten Seite des „Schwarzen
Korps“, diesmal unter dem Titel: „Die Einkreisung. Ein Meisterstück der engli-
schen Diplomatie“. Siehe: ‚Das Schwarze Korps‘, 5.Jg., Nr. 39, 28.9.1939, S.2.
Zeichner: Bogner.
EINLEITUNG

1. Einleitung

1.1. Fragestellung und Methode

In der Rückschau kommt uns die Zeit von August 1939 bis Juni 1941
wie ein lediglich kurzes taktisches Intermezzo in den Beziehungen zwi-
schen dem nationalsozialistischen Deutschland und der Sowjetunion
vor. Die Zeitgenossen mussten den deutsch-sowjetischen Nichtan-
griffsvertrag1 unmittelbar nach seiner Unterzeichnung hingegen, wie
Hitler selbst sagte, für eine „endgültige Wende“ in den „Beziehungen
zweier Völker“ halten.2 Denn nicht nur den Lesern, sondern auch den
Mitarbeitern aller deutschen Zeitungen versuchte das nationalsozialisti-
sche Regime im August 1939 weiszumachen, dass aus vormals „jü-
disch-bolschewistischen Welt- und Kulturfeinden“ „sowjetische“
Freunde geworden waren. Diese Wende war für viele ein „Schock“, ja
es ist zu vermuten, dass gerade überzeugte Nationalsozialisten sich
fragten, wie sie die neue Freundschaft ihres „Führers“ mit einem seiner
Lieblingsfeinde, Stalin, gegen den die Zeitungen jahrelang polemisiert

1
Im Folgenden werden die Begriffe „Nichtangriffsvertrag“ und „Pakt“ synonym
verwendet. Die vollständige Bezeichnung lautet: „Nichtangriffsvertrag zwischen
Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken vom 23. August
1939“. Siehe: ADAP, D, VII, S. 205-207 (D 228, 229).
2
N.N.: Der Führer verkündet den Kampf für des Reiches Recht und Sicherheit.
Der Wortlaut der geschichtlichen Rede, VB, NA, 2.9.1939, S. 1. Anmerkung zur
Zitierweise: Die häufig dreiteiligen Überschriften des ‚Völkischen Beobachters‘,
bestehend aus Oberzeile, Hauptüberschrift und Unterzeile, werden jeweils voll-
ständig aufgeführt und zwar in der Punktuation des ‚Völkischen Beobachters‘.
Wenn die Überschriften nicht bereits im ‚Völkischen Beobachter‘ durch Doppel-
punkte, Ausrufezeichen o.ä. voneinander getrennt sind, wurde ein Punkt einge-
fügt. Falls bekannt wurden die Namen der Autoren der Artikel des ‚Völkischen
Beobachter‘ jeweils angegeben. Wenn der Name eines Autors sich nicht ermitteln
ließ, aber ein Kürzel im ‚Völkischen Beobachter‘ angegeben war, wurde dieses
ebenfalls aufgeführt.
12 EINLEITUNG

hatten, beurteilen sollten. Ein genialer machiavellistischer Schachzug?


Eine Erleichterung angesichts angeblicher Versuche Großbritanniens,
Deutschland „einzukreisen“? Oder ein Vertrauensbruch und Beweis für
die Unaufrichtigkeit Hitlers?
Für all jene, die sich überrumpelt fühlten und sich diese Fragen stell-
ten, dürfte der ‚Völkische Beobachter‘ als quasiregierungsoffizielles
Blatt3, „Leitmedium“4 und auflagenstärkste deutsche Zeitung5 eine
wichtige Quelle gewesen sein, aus der sie sich eine Erklärung erhofften.
Doch die Kommentatoren, die den deutsch-sowjetischen Pakt begrün-
den und den Lesern plausibel machen sollten, steckten in einem eben-
sogroßen Dilemma: Sie selbst hatten noch ein halbes Jahr zuvor gegen
den „Bolschewismus“ in dem Glauben polemisiert, sie würden damit
ihrem „Führer“ einen Dienst erweisen, ja möglicherweise hatten sie
das, was sie damals schrieben, sogar geglaubt. Nun wurden sie in der
Pressekonferenz angewiesen, „Herzlichkeit und Wärme“ für den neuen
Verbündeten aufzubringen.6
Aus dieser Situation, in der die Journalisten sich zwischen Regime
und Lesern befanden, ergeben sich einige zentrale, für das historische
Verständnis nationalsozialistischer Propaganda bedeutsame Fragen:
Wie reagierte die wichtigste Parteizeitung, der ‚Völkische Beobachter‘,
auf diesen „Schock“, der der „Hitler-Stalin-Pakt“ für viele war? Konn-
ten die Redakteure ihre Leser auf den Pakt vorbereiten? Wie gut waren
sie selbst informiert? Wie gingen sie damit um, dass ein tragender Pfei-
ler auch ihrer Ideologie – denn die Mitarbeiter des ‚Völkischen Be-
obachters‘ waren mehrheitlich überzeugte Nationalsozialisten und da-
mit vermutlich auch Antibolschewisten – von einem Tag auf den ande-
ren von denjenigen Männern, an deren Integrität und im Falle Hitlers

3
Jockheck (1999), S. 27.
4
Zum hier verwendeten Begriff des „Leitmediums“ siehe Abschnitt 3.1.
5
Frei (1999), S. 99.
6
Siehe Abschnitt 3.3.3.a) dieser Arbeit.
EINLEITUNG 13

auch Genialität sie vermutlich glaubten7, einfach über den Haufen ge-
worfen wurden? Gelang es ihnen, Widersprüche zu vermeiden und ih-
ren eigenen, möglicherweise vorhandenen Unmut zu verbergen?
Der ‚Völkische Beobachter‘ des Jahres 1939 – das heißt in der Phase
des Umschwungs von heftig antibolschewistischer auf neutrale bis pro-
sowjetische Berichterstattung – bietet als Quelle zur Beantwortung die-
ser Fragen Vor- und Nachteile: Einerseits wird man in ihm kaum An-
zeichen für Widerstand erwarten dürfen, zumal das nationalsozialisti-
sche Regime nach dem Anschluss Österreichs, der Annexion des Sude-
tengebietes und der Besetzung Böhmens und Mährens populär war wie
nie zuvor und gerade Nationalsozialisten begeistert waren von den
Leistungen ihres „Führers“.8 Somit dürften die meisten Äußerungen des
‚Völkischen Beobachters‘ mit dem übereingestimmt haben, was das
Regime in seinen täglichen Presseanweisungen den Journalisten zu
schreiben empfahl, bzw. befahl. Andererseits war der Pakt mit dem
Erzfeind Sowjetunion ein krasser Vertrauensbruch insbesondere gegen-
über den eigenen Anhängern und Propagandisten, die sich immer an die
Anweisungen gehalten hatten und spätestens seit dem Nürnberger Par-
teitag des Jahres 1936 in ihrer Propaganda bedenkenlos über den „jüdi-
schen Bolschewismus“ und damit auch die Sowjetunion hergefallen
waren.9 Somit lässt sich vermuten, dass auch in der Berichterstattung
des Leitmediums ‚Völkischer Beobachter‘ der Umschwung des Jahres
1939 von antibolschewistischer auf prosowjetische Propaganda nicht
reibungslos verlief.

7
Hitler befand sich im Jahre 1939 dank der unblutigen außenpolitischen Erfolge
auf dem Höhepunkt seiner Popularität, vgl. Kershaw (1999). Auch neuere Studien
haben an dieser Auffassung nichts Grundsätzliches geändert, auch wenn stärker
betont wird, dass der Kriegsbeginn im September 1939 keineswegs zu Begeiste-
rung führte, sondern zu Angst und großen Bedenken und die Popularität Hitlers
eher zurückging. Vgl. Aly (2006).
8
Ebd.
9
Siehe Abschnitt 4.2.2. dieser Arbeit.
14 EINLEITUNG

Verschiedene Reaktionen auf den deutsch-sowjetischen Pakt sind


denkbar: Erstens der Rückzug einzelner Redakteure aus der Berichter-
stattung über die Sowjetunion, um so zumindest ihr Gesicht zu wahren.
So konnten sich beispielsweise Redakteure, die sich zuvor noch mit der
Sowjetunion befasst hatten, nach der Unterzeichnung des Paktes mit
anderen Themen beschäftigen. Zweitens: der Protest zwischen den Zei-
len, beispielsweise durch Nichtbeachtung der Presseanweisungen oder
versteckte Anfeindungen der Sowjetunion trotz anders lautender Pres-
seanweisungen. Drittens ist die bedingungslose Folgsamkeit und die
vollkommen willenlose Umsetzung der täglichen Presseanweisungen
vor und nach dem Pakt denkbar. Oder aber viertens erscheint auch die
vollkommene Unterstützung der neuen Linie, ja Begeisterung über den
gelungenen „Streich“, den der „Führer“ den Westmächten gespielt hat-
te, möglich; es ist sogar denkbar, dass einige ehrgeizige Propagandisten
versuchten, sich besonders hervorzutun und zu profilieren, also dem
„Führer entgegenzuarbeiten“10 und das zu propagieren, was sie als tie-
feren Sinn des Paktes zu erkennen meinten. Diese vier möglichen Re-
aktionen auf den Pakt lassen sich recht gut anhand einer Zeitung wie
dem ‚Völkischen Beobachter‘ nachvollziehen. Methodisch geht es da-
bei in erster Linie um einen Abgleich der täglich von der Regierung an
die Journalisten ausgegebenen Presseanweisungen mit dem, was der
‚Völkische Beobachter‘ veröffentlichte. Stimmten die Aussagen der
Propagandisten mit dem überein, was die Propagandaleitung forderte?
Wo lassen sich Abweichungen erkennen? Wie sind diese zu erklären?
Diese Fragen sollen zunächst im Rahmen einer genauen Analyse der
Texte beantwortet werden, wobei besonders auf Abweichungen, Ver-
änderungen und Neubewertungen des Feindbildes „Sowjetunion“ und
der damit untrennbar verknüpften Vorstellung vom „jüdischen Bol-
schewismus“ geachtet werden soll.

10
Zum „Führermythos“ und dem Begriff des „Entgegenarbeitens“ siehe: Kershaw
(1980) und die umfassende Darstellung in der Hitler-Biographie: Kershaw (2000).
EINLEITUNG 15

Diskursanalytische, publizistikwissenschaftliche und inhaltsanalyti-


sche Methoden, die unter anderem auf einer Quantifizierung der Inhalte
und einer genauen statistischen Auswertung beruhen, spielen hierbei
nur insofern eine Rolle, als sie bestimmte Entwicklungen verdeutlichen
und belegen können.11 Die Quantifizierung kann unter anderem Auf-
schluss über die Wortwahl und das Auftreten bestimmter stereotyper
Vorstellungen geben, deren Verwendung sich im Jahre 1939 im Zu-
sammenhang mit der Berichterstattung über die Sowjetunion deutlich
veränderte. Hierbei ist allerdings zu beachten, dass gerade die Stereoty-
penforschung in Verbindung mit der Diskurstheorie einige schwer lös-
bare methodische Probleme mit sich bringt. Dies fängt schon damit an,
dass das häufige Auftreten eines Stereotyps als Zeichen für die große
oder aber die geringe Verbreitung desselben gedeutet werden kann: So
könnte man das häufige Auftreten des stereotypen Konstrukts eines
„jüdischen Bolschewismus“ einerseits als eine „verfestigte Redeweise“
im Sinne der Diskurstheorie12, also als ein Zeichen für die große öffent-
liche Verbreitung dieser stereotypen Vorstellung deuten, andererseits
aber auch als ein Zeichen dafür, dass der Sprecher oder Autor es für
notwendig erachtet, das Stereotyp zu bekräftigen und seinen noch un-
wissenden, mangelhaft indoktrinierten Lesern, salopp ausgedrückt,
„einzubläuen“. Wenn man diesen Gedanken weiterverfolgt, wird deut-
lich, dass die bloße Quantifizierung von Stereotypen im ‚Völkischen
Beobachter‘ nicht dabei weiterhilft, die Frage nach der Verbreitung ei-
nes Stereotyps zu beantworten.
In dieser Arbeit wird das Auftreten bestimmter Stereotype dement-
sprechend zwar erwähnt und damit auch versucht zu zeigen, dass es im
Nationalsozialismus kein einheitliches, fest umrissenes „Russland-
bild“13 und keinen „umfassenden, kollektiven Meinungsbildungspro-

11
Über die quantifizierende inhaltsanalytische Methode siehe Merten (1995) und
Früh (2001). Zu Diskurstheorie und Geschichtswissenschaft siehe Sarasin (2001).
12
Hahn (2002), S. 18.
13
Koenen (2005), S. 10ff.
16 EINLEITUNG

zess“14 gegeben hat, es wird jedoch darauf geachtet, die Ergebnisse der
Quantifizierung nicht, wie es in der Publizistikwissenschaft gelegent-
lich geschieht15, auch zur Analyse der Wirkung heranzuziehen. Denn
dass ein Thema wie beispielsweise die Vorstellung vom „jüdischen
Bolschewismus“ besonders vehement propagiert wurde, sagt noch
nichts über die Wirkung oder Verbreitung desselben aus (zur genauen
Methode der Quantifizierung siehe Anhang A).

Während die Analyse der Berichterstattung des ‚Völkischen Be-


obachters‘ im Jahr 1939 den Hauptteil der Arbeit ausmachen wird, be-
zieht sich die Fragestellung, noch einmal anders formuliert, auf einen
Kommunikationsprozess zwischen Regime, Medien und „Öffentlich-
keit“.16 Der ‚Völkische Beobachter‘ bildete eine Station dieses Prozes-

14
Longerich (2006), S. 21.
15
Vgl.: Schulz (1976), S. 47ff.; Merten (1995), S. 266ff.
16
Die Aufteilung des Kommunikationsprozesses in Regime, Medien und Öffent-
lichkeit entspricht im Wesentlichen dem einfachen Kommunikationsmodell, das in
der sozialwissenschaftlichen Inhaltsanalyse verwendet wird. Dieses Modell ist
aufgeteilt in Kommunikator, Kommunikationsinhalt und Rezipient. Vgl. Merten
(1995), S. 14ff., S. 110f. Obwohl die Struktur des Modells hier übernommen wird,
sind die dem Modell zugrundeliegenden theoretischen Überlegungen im Falle der
nationalsozialistischen Presse nur eingeschränkt anwendbar: Die Berichterstattung
des ‚Völkischen Beobachters‘ lässt sich nicht einfach als Abbild „sozialer Wirk-
lichkeit“ oder „gesellschaftlicher Verhältnisse“ darstellen, wie in der Inhaltsanaly-
se angenommen; das wesentliche Merkmal nationalsozialistischer Presse ist ihre
Unfreiheit und sie offenbart deshalb in erster Linie den Willen und das Denken
der Machthaber und eben nicht die „soziale Wirklichkeit“. Die Presse sollte zwar
die „Öffentlichkeit“ lenken und „gleichschalten“ und damit Vorreiter „gesell-
schaftlicher Verhältnisse“ sein. Inwieweit dies der Presse gelang ist jedoch zu-
mindest fragwürdig. Auch der Begriff „Öffentlichkeit“ ist in diesem Zusammen-
hang nicht unproblematisch; er soll an dieser Stelle weniger eine demokratische
„Öffentlichkeit“ beschreiben, für die das Recht auf freie Meinungsäußerung und
die Möglichkeit zur öffentlichen Debatte und Überprüfung der eigenen Aussagen
anhand von Gegenargumenten grundlegend ist. Vielmehr dient der Begriff der
Bezeichnung dessen, was im Rahmen des Vorgegebenen und unter dem Konfor-
mitätsdruck des Nationalsozialismus noch an abweichender Meinungsäußerung
möglich war. Insbesondere der deutsch-sowjetische Pakt führte in den Zeitungen
EINLEITUNG 17

ses von oben (Regierung) nach unten (Leser), wobei auf jeder Ebene
ein anderer Kenntnisstand über die Ziele Hitlers und seiner engsten
Mitarbeiter vorauszusetzen ist: Während den Machthabern von Anfang
an bewusst gewesen sein dürfte, dass der Pakt mit der Sowjetunion tak-
tisch motiviert war und dass es früher oder später zum erneuten Kon-
flikt kommen würde17, konnten diejenigen, die der Bevölkerung die
deutsch-sowjetischen Wandlungen erklären und die neue Situation
rechtfertigen sollten, auf der Grundlage der täglichen Presseanweisun-
gen, die sie umzusetzen hatten, nicht ahnen, wie wenig „endgültig“ der
neue, angeblich „natürliche Zustand“ in Osteuropa sein würde. Sie wa-
ren jedoch aufgrund der Presseanweisungen und zahlreicher Hinweise,
die ihnen das Regime gab, immer noch besser informiert als die Leser,
die am Ende der Kette standen und das widersprüchliche Ergebnis einer
zumindest im Jahr 1939, wie zu sehen sein wird, keineswegs perfekt
funktionierenden Propagandamaschinerie zu lesen bekamen.
Die Arbeit ist dieser Einteilung des Kommunikationsprozesses in Re-
gime, Medien und „Öffentlichkeit“ folgend in drei große Abschnitte
gegliedert: Zunächst sollen kurz die wichtigsten Ziele, die das Regime
mit der antibolschewistischen Propaganda bis 1939 verfolgte, anhand
der einschlägigen Literatur und Quellen zusammengefasst werden. Es
geht hierbei nicht nur um die Ziele, die das Regime mit der Verbreitung
antibolschewistisch-antisemitischen Gedankengutes verfolgte, sondern
auch um die besonderen Zwänge und taktischen Rücksichten der Be-
richterstattung des Jahres 1939.
Darauf folgt der Hauptteil: die Analyse der propagandistischen Um-
setzung der Regierungsziele im ‚Völkischen Beobachter‘, der als Leit-

zu durchaus unterschiedlichen „öffentlichen“ Reaktionen und auch die deutsche


Bevölkerung diskutierte diesen Schritt zweifellos intensiv. Siehe Abschnitt 4.2.
dieser Arbeit. Über den Begriff der „Öffentlichkeit“ in der Zeit des Nationalsozia-
lismus siehe: Longerich (2006), S. 23ff.; Bankier (1995), S. 7ff.; Steinert (1970),
S. 17ff.
17
Vgl. Piper (2005), S. 437f.
18 EINLEITUNG

medium des Jahres 1939 gelten kann.18 Kurz werden dabei die beson-
deren Arbeitsbedingungen und Konflikte in der Redaktion des ‚Völki-
schen Beobachters beschrieben, um danach die Inhalte der Berichter-
stattung des ‚Völkischen Beobachters‘ über die UdSSR im Jahre 1939
möglichst umfassend zu analysieren. Die Berichterstattung lässt sich in
drei annähernd gleich lange (je viermonatige) Zeitabschnitte untertei-
len: Zunächst die Berichterstattung von Januar bis Anfang Mai, in der
propagandistisch noch alles eindeutig und bestimmt war: Die Sowjet-
union und der Bolschewismus waren für den ‚Völkischen Beobachter‘
die Inkarnation des Bösen. In Verbindung mit einer antisemitischen
Pressekampagne, die seit den vom Regime angezettelten Pogromen des
November 1938 auf Hochtouren lief, propagierte der ‚Völkische Be-
obachter‘, vereinfacht dargestellt, das Feindbild einer von einer jüdi-
schen Clique beherrschten Sowjetunion, die das russische Volk unter-
joche und versuche, ihre unterdrückerische Herrschaft auf die gesamte
Welt auszudehnen. Die zweite Phase der Berichterstattung begann im
Mai und dauerte bis zur Verkündung des Paktes im August: Bereits im
Mai, kurz nach der Entlassung des sowjetischen Außenkommissars,
Maksim Litvinov, erging die erste Anweisung, sich in der Polemik ge-
gen die Sowjetunion zurückzuhalten. Es handelt sich hierbei um den
entscheidenden propagandistischen Wendepunkt des Jahres 1939, mit
dem der erste grundlegende Wandel der Berichterstattung über die
Sowjetunion einsetzte. Die letzte Phase der Berichterstattung begann
mit der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Paktes im August,
dessen Anbahnung vor der deutschen Öffentlichkeit bis zuletzt geheim
gehalten worden war. Das, was von August bis Dezember folgte, war
die mühsame Einordnung des Paktes in ein eklektisch-
nationalsozialistisches ideologisches Konstrukt, dem eine wichtige Säu-
le, der Antibolschewismus, abhanden gekommen war.
Die drei Zeitabschnitte, bzw. Phasen der Berichterstattung sind wie-
derum jeweils nach thematischen Gesichtspunkten unterteilt: Auf einen

18
Siehe Abschnitt 3.1.
EINLEITUNG 19

kurzen Überblick über die wesentlichen Konflikte innerhalb des Propa-


gandaapparates und eine Zusammenfassung der wichtigsten Pressean-
weisungen unter a) folgt unter b) eine Analyse der Berichterstattung des
‚Völkischen Beobachters‘ über die inneren Entwicklungen in der Sow-
jetunion. Dabei handelt es sich um ein besonders wichtiges Thema,
weil die wesentlichen Entwicklungen der deutsch-sowjetischen Bezie-
hungen hier am deutlichsten zu erkennen sein werden. Denn wenn in
der Pressekonferenz von den Journalisten eine mildere propagandisti-
sche Behandlung der Sowjetunion verlangt wurde, dürften sich davon
zunächst die antibolschewistischen Hetzer, die sich mit der inneren
Entwicklung und den Zuständen in der Sowjetunion befassten, ange-
sprochen gefühlt haben.
Die außenpolitischen Berichterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘
verbanden hingegen vermutlich keine derart unmittelbaren Emotionen
mit der Sowjetunion wie die „Experten“ in der Redaktion. Ihnen diente
das Heraufbeschwören einer „bolschewistischen Gefahr“ lediglich als
ein „Argument“ zur Rechtfertigung nationalsozialistischer Politik.
Dennoch sind ihre Polemiken gegen den „jüdischen Bolschewismus“
nicht losgelöst von der Berichterstattung über die Sowjetunion zu ver-
stehen, denn so leer und abgenutzt der Begriff „Bolschewismus“ bei-
spielsweise in der Hetze gegen „Kulturbolschewismus“ und „Weltbol-
schewismus“ auch erscheinen mochte, blieb er doch immer verknüpft
mit einer bestimmten Vorstellung bzw. einem spezifisch nationalsozia-
listischen, antisemitisch gefärbten Bild von den Zuständen in der Sow-
jetunion. Die Berichterstattung über die internationalen Beziehungen
der Sowjetunion, die ebenfalls für jeden der drei Zeitabschnitte zusam-
mengefasst werden wird, lässt sich fünf verschiedenen Themenberei-
chen zuordnen:
c) Deutsch-sowjetische Beziehungen waren (auch) propagandistisch
zunächst nicht vorgesehen, nach der Unterzeichnung des deutsch-
sowjetischen Paktes musste der dramatische Wandel jedoch begründet
und eingeordnet werden; d) stattdessen war der Sowjetunion zunächst
20 EINLEITUNG

ein wichtiger Platz als gemeinsames Feindbild innerhalb der außenpoli-


tischen Bündnispropaganda zugedacht, die in dieser Arbeit als „Anti-
kominternpropaganda“ zusammengefasst wird. Gemeint ist dabei nicht
die Propaganda, die von der Dienststelle „Antikomintern“ des Propa-
gandaministeriums verbreitet wurde, sondern die Propaganda im Zu-
sammenhang mit dem so genannten Antikominternabkommen, dem vor
1939 Deutschland, Japan und Italien angehörten und dem im Frühjahr
1939 noch Ungarn, Mandschukuo und Spanien beitraten. Die Sowjet-
union hatte hierbei eine zentrale Funktion, denn das, was die Verbünde-
ten propagandistisch einte, war ihre Frontstellung gegen den „Bolsche-
wismus“19; e) nach der deutschen Besetzung Böhmens und Mährens im
März 1939 kam noch eine weitere Pressekampagne hinzu: die gegen
Großbritannien und Frankreich gerichtete Kampagne gegen die so ge-
nannte „Einkreisung“. Die Sowjetunion spielte hierbei insofern eine
wichtige Rolle, als sie in Verhandlungen mit England und Frankreich
eintrat, die die Berichterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘ bis zur
Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Paktes in Atem hielten; f) ein
weiteres zentrales Thema war die gegen Polen gerichtete Pressekam-
pagne, innerhalb derer die Sowjetunion zunächst eine nur untergeord-
nete Rolle spielte, bis sie im September 1939 Ostpolen besetzte und
auch dieser Schritt propagandistisch eingeordnet werden musste; g)
nicht zuletzt hatte der ‚Völkische Beobachter‘ auch die Aufgabe, die
aktuellen Entwicklungen zu begründen und weltanschaulich einzuord-
nen. Dabei ging es im Jahr 1939 vor allem um die Rechtfertigung des
deutschen „Drangs nach Osten“ und der deutsch-sowjetischen Teilung
Polens. Die wesentlichen hierfür vorgebrachten Argumente und die we-
sentlichen Veränderungen der Argumentation im Laufe des Jahres 1939

19
Krummacher/ Lange (1970), S. 328: „Der Antikominternpakt [war] in erster Li-
nie auf Propagandawirkung abgestellt.“ Hermann Graml bezeichnet den Antibol-
schewismus dabei auch als „Kitt“, um das Bündnis zusammenzuhalten. Graml
(1990), S. 246.
EINLEITUNG 21

werden für jede der drei Phasen der Berichterstattung abschließend zu-
sammengefasst.
Im letzten Teil der Arbeit soll die Frage aufgeworfen werden, wie
glaubwürdig die Berichterstattung der nationalsozialistischen Propa-
ganda, für die das Leitmedium ‚Völkische Beobachter‘ beispielhaft
steht, im Jahr 1939 angesichts der zahlreichen, aufgrund des politisch-
propagandistischen Umschwungs unvermeidbaren Widersprüche sein
konnte und wie die nationalsozialistisch gelenkte „Öffentlichkeit“ auf
den an ihr verübten Vertrauensbruch reagierte; dabei soll zunächst die
Frage gestellt werden, ob die Propaganda ihre außenpolitischen Ziele,
das heißt ihre gegenüber der „Weltöffentlichkeit“ beabsichtigte Wir-
kung, erreichen konnte, um danach auf die innenpolitischen Folgen des
Paktes einzugehen: Hatte das antibolschewistische Feindbild, das der
‚Völkische Beobachter‘ noch bis Mai 1939 besonders vehement propa-
giert hatte, überhaupt Eindruck gemacht? Oder anders gefragt, wie er-
folgreich war die nationalsozialistische Propaganda bis August 1939 in
ihrem Bemühen, die Deutschen antibolschewistisch zu schulen? Dieser
letzte Teil der Arbeit kann sich auf ein sehr umfangreiches Quellenma-
terial stützen, denn der deutsch-sowjetische Pakt war eine für viele ge-
radezu unglaubliche Neuigkeit, dessen Bedeutung auch die Zeitgenos-
sen sofort erkannten: In fast jedem Tagebuch aus der Zeit, in vielen
Briefen und Memoiren wird er erwähnt und gerade aus diesen vielfälti-
gen Reaktionen lassen sich, so werde ich argumentieren, auch einige
allgemeine Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der nationalsozialisti-
schen antibolschewistischen Propaganda ziehen.
22 EINLEITUNG

1.2. Quellen

Als Quelle ist in erster Linie das „Kampfblatt der nationalsozialisti-


schen Bewegung Großdeutschlands“, wie sich der ‚Völkische Beobach-
ter‘ in seiner Kopfzeile im Jahre 1939 immer noch nannte, anzuführen,
wobei in dieser Arbeit die auflagenstärkste ‚Norddeutsche Ausgabe‘
verwendet wurde.20 Da sich die ‚Norddeutsche Ausgabe‘ in der außen-
politischen Berichterstattung nach 1933 nur noch in Details von der
‚Süddeutschen‘, der ‚Berliner‘ und seit 1938 der ‚Wiener Ausgabe‘ un-
terschied21, würde die Wahl einer anderen Ausgabe vermutlich kaum
etwas am Untersuchungsergebnis ändern.
Um die Aussagen des ‚Völkischen Beobachters‘ einzuordnen, wurden
sie jeweils mit den Presseanweisungen verglichen, die bis zum 1. Sep-
tember 1939 veröffentlicht sind.22 Für die restlichen vier Monate – Sep-
tember bis Dezember 1939 – wurden die Anweisungen aus dem Bun-
desarchiv in Koblenz herangezogen.23 Zur Einordnung der Propaganda
wurden zudem die einschlägigen, veröffentlichten diplomatischen Kor-
respondenzen verwendet, die Auskunft über die politische Annäherung
zwischen Deutschland und der Sowjetunion im Jahre 1939 geben und
somit Rückschlüsse auf die Regierungsziele und Meinungsverschie-

20
Den Angaben im Impressum des ‚Völkischen Beobachters‘ zufolge hatte die
Norddeutsche Ausgabe am 1. Januar 1939 eine Auflage von über 440000 (wobei
die ‚Berliner Ausgabe‘ zur ‚Norddeutschen Ausgabe‘ gezählt wurde) die ‚Süd-
deutsche Ausgabe‘ lediglich eine Auflage von 180000 und die ‚Wiener Ausgabe‘
eine Auflage von 80000 täglichen Exemplaren. Andere im Quellenverzeichnis
aufgeführte Zeitungen, wie z.B. die ‚Frankfurter Zeitung‘ oder ‚Das Schwarze
Korps‘ wurden nur zur Überprüfung einiger Details der Berichterstattung heran-
gezogen, also nicht vollständig ausgewertet.
21
Noller (1984), S. 12.
22
Bohrmann, Hans/ Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): NS-Pressanweisungen der
Vorkriegszeit. Edition und Dokumentation, 7 Bde. (mit Teilbdn.), München u.a.
1984-2001. Im Folgenden immer abgekürzt als PA.
23
Sammlung Sänger: BA Koblenz ZSg102 und Sammlung Oberheitmann: BA
Koblenz ZSg 109.
EINLEITUNG 23

denheiten zulassen, die dazu führten, dass in den Presseanweisungen


von Mai bis August 1939 mal mehr, mal weniger Zurückhaltung ge-
genüber der Sowjetunion verlangt wurde.24
Zur Analyse der Wirkung der Presseberichterstattung stehen ver-
schiedene, jeweils aus einem anderen Grunde nur mit Einschränkungen
verwendbare Quellen zur Verfügung: Als unproblematisch galten lange
Zeit die geheimen Lageberichte des Sicherheitsdienstes der SS (SD)25,
der unter anderem die Aufgabe hatte, die Regierung regelmäßig über
die Stimmung der Deutschen zu informieren. Zu den Berichten ist al-
lerdings anzumerken, dass sie auf ziemlich unsystematisch zusammen-
gestellten Informationen beruhten, die keinesfalls den Ansprüchen der
modernen Demoskopie genügen.26 Zudem schrieb der Sicherheitsdienst
die Berichte für eine Regierung, die auf jedes Anzeichen von Miss-
stimmung und von Konflikten in der angeblichen „Volksgemeinschaft“
allergisch reagierte.27 So mahnte Hitler in einer Rede am Tag des
Kriegsbeginns, dem 1. September 1939, die versammelten Funktionäre
der Partei: „Keiner meldet mir, dass in seinem Gau oder in seinem
Kreis oder in seiner Gruppe oder in seiner Zelle die Stimmung einmal
schlecht sein könnte. Träger, verantwortlicher Träger der Stimmung

24
Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik (ADAP) 1918-1945, Serie D (1937-
1945) Band V-VII, Baden-Baden 1950ff., Bd. VIII-X, Frankfurt am Main 1961ff.;
Sowjetstern und Hakenkreuz 1938 bis 1941. Dokumente zu den deutsch-
sowjetischen Beziehungen, hrsg. v. Kurt Pätzold/ Günter Rosenfeld, Berlin 1990;
God Krizisa 1938-1939. Dokumenty i materialy v dvuch tomach, Moskau 1990;
Deutsch-sowjetische Geheimverbindungen. Unveröffentlichte diplomatische De-
peschen zwischen Berlin und Moskau am Vorabend des Zweiten Weltkrieges,
hrsg. v. Karl Höffkes, Tübingen 1988 (=Veröffentlichungen des Institutes für
deutsche Nachkriegsgeschichte 15).
25
Vgl. Meldungen aus dem Reich. Die geheimen Lageberichte des Sicherheits-
dienstes der SS 1938-1945, 18 Bände, hrsg. v. Heinz Boberach, Berlin 1984. Sie-
he die Einleitung hierzu von Heinz Boberach: Meldungen (1984), S. 24; Ver-
gleichsweise unkritisch verwenden unter anderem folgende Autoren die Lagebe-
richte: Steinert (1970), S. 18f; S. 40ff.; Bankier (1995), S. 11ff.; Gellatelly (2002),
S. 440.
26
Longerich (2006), S. 20f; Reuband (2006), S. 317.
27
Kershaw (2000), S. 720.
24 EINLEITUNG

sind Sie!“28 Es sind noch zahlreiche ähnliche Äußerungen von national-


sozialistischen Politikern überliefert, die den Sicherheitsdienst als zu
kritisch und seine Darstellungen als zu „einseitig“ empfanden.29 Gerade
für die wichtigen Stimmungsberichte aus dem September des Jahres
1939, also in der Zeit unmittelbar nach der Mahnung Hitlers vor den
Parteifunktionären, ist jedenfalls nicht zu erwarten, dass sie besonders
aussagekräftig waren.
Die Deutschlandberichte der Sozialdemokratischen Partei Deutsch-
lands im Exil (SoPaDe)30 sind ebenfalls problematisch, da sie geprägt
waren vom Milieu der Informanten und da sie mit einem bestimmten
Ziel veröffentlicht wurden: Der Unmut und die Bereitschaft der Deut-
schen, sich gegen Hitler zur Wehr zu setzen, sollten größer erscheinen,
als sie es vermutlich wirklich waren, da die SoPaDe versuchte, sich und
anderen in ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus Mut zu ma-
chen.31 Die Berichte waren in gewisser Weise „aufklärerische Gegen-
propaganda“ und laut Peter Longerich wäre es deshalb „naiv, davon
auszugehen, dass es den Herausgebern [...] nur darum gegangen wäre,
einfach ein getreues Bild der Situation in Deutschland zu entwerfen.“32
Die Sozialdemokraten tendierten deshalb vermutlich dazu, den Grad
der Unzufriedenheit sowohl aufgrund des Milieus, aus dem die Berichte
stammten, als auch aufgrund ihres politischen Ziels zu übertreiben,
während der SD den Unmut, weil er sich bei der Regierung nicht unbe-
liebt machen wollte, eher untertrieb.33
Insbesondere bei der Analyse des deutsch-sowjetischen Paktes ist
auch die Erinnerungsliteratur (Memoiren, Autobiographien) nur mit

28
Hitler (1963), S. 1317.
29
Longerich (2006), S. 32ff.
30
Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade)
1934-1940, 7 Bde., nach dem Exemplar im Archiv der Sozialen Demokratie der
Friedrich-Ebert-Stiftung neu hrsg. und mit einem Register versehen von Klaus
Behnken, Salzhausen/ Frankfurt am Main 1980.
31
Longerich (2006), S. 28ff.
32
Longerich (2006), S. 31.
33
Vgl. auch Kershaw (1999), S. 19.
EINLEITUNG 25

Vorsicht zu verwenden, da sie durch den Eindruck des Krieges ver-


fälscht sein könnten.34 Zwei letzte Möglichkeiten zur Bestimmung der
Wirkung der antibolschewistischen Propaganda sind Briefe und Tage-
bücher. Beide Quellengattungen dürfen als authentisch gelten und ha-
ben den Vorteil, dass sie nicht in der Rückschau verfälscht wurden. Ta-
gebücher haben zudem gegenüber Briefen den Vorteil, dass die Aussa-
gen selten zielgerichtet für einen bestimmten Adressaten und ohne
Furcht vor dem allgegenwärtigen Zensor geschrieben wurden (es sei
denn, wie bei Goebbels zu vermuten, „für die Nachwelt“). Zudem wa-
ren der Pakt und der Kriegsbeginn so zentrale Ereignisse, dass sich
kaum ein Tagebuch aus dem Jahre 1939 finden lassen wird, in dem sich
nicht in der einen oder anderen Weise Anspielungen hierauf finden lie-
ßen.
Doch auch bei der Auswertung von Tagebüchern ist Vorsicht gebo-
ten: Nach 1945 war das Interesse an der Veröffentlichung von Tagebü-
chern von solchen Personen besonders groß, die entweder dem Regime
besonders nahestanden und Zugang zu den führenden Persönlichkeiten
hatten35 oder aber Personen, die dem Regime ohnehin kritisch gegen-
überstanden und die aus ihrer inneren Distanz (oder „inneren Emigrati-
on“) Dinge erkannten, die anderen, unkritischeren Menschen möglich-

34
Dennoch verwendet wurden die Memoiren des täglich in den Pressekonferenzen
anwesenden Journalisten Fritz Sänger, die teilweise auf Briefen und Notizen aus
der damaligen Zeit beruhen. Sänger (1964), (1975), (1978). Auch die Erinnerun-
gen des amerikanischen Korrespondenten William Shirer (2001) wurden verwen-
det. Aus der unmittelbaren Umgebung Hitlers sind zu nennen: Dietrich (1955) und
Hoffmann (1974). Weiterhin sind die Memoiren der wichtigsten beteiligten Dip-
lomaten einbezogen worden [Hilger (1953), Herwarth (1982), Kleist (1950)]. Zu-
letzt ist an dieser Stelle die Zusammenstellung von Erinnerungen an den Moment
der Verkündung des Paktes von Wolfgang Leonhard zu nennen, in denen es aller-
dings weniger um die Reaktion „der Deutschen“ geht, als vielmehr um den
Schock, der der „Hitler-Stalin Pakt“ insbesondere für Kommunisten in der ganzen
Welt war. Vgl.: Leonhard (1986).
35
Hier wurde nur eine Auswahl berücksichtigt: Aus England: Nicolson (1966).
Aus Deutschland: Rosenberg (1956), Goebbels (1998) und auch Hassell (1988),
wobei Ulrich von Hassell zu den Regimegegnern gezählt werden muss.
26 EINLEITUNG

erweise verborgen blieben.36 Deshalb wurden in dieser Arbeit ausge-


wählte veröffentlichte Tagebücher zwar als Quellen herangezogen, da-
bei wurde jedoch darauf geachtet, nicht die Meinungen der sehr unter-
schiedlichen Verfasser als repräsentativ anzusehen, sondern die Be-
schreibungen der Tagebuchautoren von der allgemeinen Reaktion auf
den deutsch-sowjetischen Pakt zu interpretieren. Denn viele Tagebuch-
autoren empfanden dieses Ereignis als so wichtig, dass sie die Reaktio-
nen der Menschen, denen sie begegneten, ausführlich beschrieben.
Die Rekonstruktion einer nationalsozialistischen „Öffentlichkeits-
meinung“ oder auch „Stimmung“ ist in erster Linie ein Quellenprob-
lem. Doch gerade die Vielfalt der Quellen ermöglicht es, einige relativ
gut belegbare Verallgemeinerungen über die Funktion und Wirkung an-
tibolschewistischer Vorkriegspropaganda und über die Reaktionen der
Deutschen auf den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vorzuneh-
men. Die Betrachtung des gesamten Kommunikationsprozesses vom
Regime über das Leitmedium, den ‚Völkischen Beobachter‘, bis zur
Öffentlichkeit erscheint ein möglicher Weg zu sein, um den Stärken
und Schwächen, aber auch der von der Forschung immer noch kontro-
vers diskutierten Frage nach den Wirkungen nationalsozialistischer
Propaganda auf die Spur zu kommen.

36
Hier wurde ebenfalls nur eine Auswahl berücksichtigt: Klemperer (1995), Hahn
(1979), Klepper (1956), Groscurth (1970), Shirer (1991).
EINLEITUNG 27

1.3. Forschungsstand

Die Forschungsliteratur über Themen, die in der einen oder anderen


Weise für diese Arbeit relevant erscheinen, ist äußerst umfangreich.
Hierzu gehören die zahlreichen Arbeiten über nationalsozialistische
Propaganda und Pressepolitik, über die deutschen Vorstellungen, bzw.
„Bilder“ von Russland und der Sowjetunion, über die „Öffentlichkeit“
im Nationalsozialismus, über die deutsch-sowjetischen Beziehungen in
der Zeit des Nationalsozialismus, allgemeiner über die Vorgeschichte
und Ursachen des Zweiten Weltkrieges, über den NS-Staat und die
Herrschaftsstruktur desselben usw. Im folgenden, möglichst kurz gehal-
tenen Abriss des Forschungsstandes, geht es deshalb vor allem um die-
jenigen neueren Arbeiten, die für diese Arbeit besonders relevant er-
scheinen, keineswegs jedoch um eine vollständige Zusammenfassung
des Forschungsstandes zu allen genannten Themenbereichen.
Mit dem ‚Völkischen Beobachter‘ in der Zeit nach 1933 haben sich –
angesichts seiner Bedeutung als „Zentralorgan der NSDAP“ erstaunli-
cherweise – bisher nur wenige Autoren befasst.37 So haben diejenigen

37
Während Detlef Mühlberger (2004) die Geschichte des ‚Völkischen Beobach-
ters‘ in der Zeit von 1920 bis 1933 ausführlich beschrieben hat, gibt es für die Zeit
nach 1933 bisher keine ausführliche wissenschaftliche Darstellung. Einzig Marga-
rete Plewnia hat sich in einem Aufsatz mit dem ‚Völkischen Beobachter‘ in der
Zeit von 1920 bis 1945 befasst, wobei sie der Zeit nach 1933 lediglich drei Seiten
widmet. Vgl. Plewnia (1972). Auch die Arbeiten von Oron Hale (1965), Norbert
Frei (1999) und Sonja Noller (1967) bieten nur sehr allgemeine Informationen.
Eine genauere Analyse der Entwicklung des ‚Völkischen Beobachters‘ in der Zeit
unmittelbar nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler bietet Lars Jockheck
(1999). Zu nennen sind auch zwei weitere Hamburger Magisterarbeiten von Peter
Mirow (1993) und Alexander Schorn (1993) über die Ukraineberichterstattung der
Jahre 1937 und 1938, die auch in der vorliegenden Arbeit eine wichtige Rolle
spielt. Zur Russlandberichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ im Jahre 1938
ist ein Aufsatz von Wladislaw Hedeler zu erwähnen, dessen Hauptaugenmerk al-
lerdings auf der Berichterstattung der ‚Rundschau‘ liegt, mit der er den ‚Völki-
schen Beobachter‘ vergleicht, und sich kaum mit den Besonderheiten und Struktu-
28 EINLEITUNG

Historiker, die sich mit Propaganda und Presse beschäftigt haben, zwar
ausführlich die Instrumente und Mechanismen der Lenkung und sich
verstärkenden „Gleichschaltung“ der Presse beschrieben, seltener je-
doch die Inhalte der Berichterstattung in den Zeitungen selbst38; diese
Vorgehensweise erscheint zumindest dann sinnvoll, wenn man natio-
nalsozialistischen Aussagen, die Presse sei nach 1933 schrittweise voll-
kommen „gleichgeschaltet“ worden, Glauben schenkt, und sie in dem
Sinne versteht, dass es schon bald nach der Ernennung Hitlers zum
Reichskanzler keine Unterschiede in der Berichterstattung der deut-
schen Presse mehr gegeben habe.39 Denn unter der Annahme, dass die

ren der Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ befasst. Vgl.: Hedeler


(1998). Zuletzt ist in diesem Zusammenhang die Dissertation von Andrea Prege-
ring (1991) über Kunstbetrachtungen in der Wiener Ausgabe des ‚Völkischen Be-
obachters‘ der Jahre 1938-1945 zu erwähnen.
38
Hier sind einige für das Thema dieser Magisterarbeit relevante Ausnahmen zu
nennen: die drei bereits genannten Hamburger Magisterarbeiten: Jockheck (1999),
Schorn (1993) und Mirow (1993). Weiterhin die Dissertation von Gerlind Na-
sarski (1972) über die Osteuropaberichterstattung der Zeitschrift ‚Deutsches
Volkstum‘ im Zeitraum von 1921-1939. Weiterhin gibt es über die Frankfurter
Zeitung und über das ‚Berliner Tageblatt‘ einige ausführliche Arbeiten: Sänger
(1977), Gillessen (1986), Wasmund (1988) und Boveri (1965). Ansonsten haben
sich nur wenige Autoren genauer mit den Inhalten der Zeitungen befasst. So be-
zieht Jutta Sywottek in ihrer Dissertation über die propagandistische Vorbereitung
der deutschen Bevölkerung auf den Zweiten Weltkrieg die Zeitungen nur spora-
disch in ihre Untersuchung ein. Gleiches gilt für Elke Vagts Dissertation über die
deutsche Pressepolitik in der Zeit des Hitler-Stalin-Paktes. Vagts geht ausdrück-
lich davon aus, dass „infolge der Gleichschaltung der Presse auffällige inhaltliche
Differenzen [...] ausblieben und die gegebenen Sprachregelungen meist erstaun-
lich uniform umgesetzt wurden. [...] [Deshalb] erwies es sich nur sporadisch als
notwendig zu vergleichen, wie die einzelnen Schriftleiter die jeweiligen offiziellen
Anweisungen für die Presse verwirklichten.“ Vagts (1993), S. 9. Auch Edmund
Dmitrów (1997) beschränkt sich in seiner Untersuchung des nationalsozialisti-
schen Russlandbildes auf einige wenige Aspekte der Berichterstattung des ‚Völki-
schen Beobachters‘, mit denen er die Thesen zu bestätigen versucht, die bereits
der Untersuchung der Presseanweisungen entnommen werden können.
39
Der Begriff der „Gleichschaltung“ bezeichnet die Ausrichtung von Verbänden,
Organisationen, Parteien und jedes einzelnen Bürgers auf nationalsozialistische
Ziele. Zentner/Bedürftig (1985), S. 216. In diesem Sinne dürfte kaum zu bestreiten
EINLEITUNG 29

Inhalte der Zeitungen sich spätestens im Jahre 1938 nicht mehr vonei-
nander unterschieden, ja dass insbesondere ein nationalsozialistisches
Parteiblatt sich schon kurz nach der „Machtergreifung“ an alle Anwei-
sungen aus dem Propagandaministerium hielt40, erscheint eine Auswer-
tung der sehr umfangreichen deutschen Presse und des ‚Völkischen
Beobachters‘ unter ökonomischen Gesichtspunkten wenig sinnvoll. Ei-
ne genaue Untersuchung der Inhalte der Zeitungen – mit Ausnahme der
Blätter, die die Möglichkeiten zwar geduldeten, aber doch regimekriti-
schen Schreibens „zwischen den Zeilen“ ausnutzten41 – erschien den
meisten Historikern deshalb für die Zeit nach 1933 kaum notwendig,
um die Leitlinien der Propaganda zu verstehen.
Der These, dass es sich nicht lohne, die Inhalte der nationalsozialisti-
schen Presse einer genaueren Betrachtung zu unterziehen, hat in jünge-
rer Zeit Peter Longerich widersprochen. In seiner Untersuchung der

sein, dass eine „Gleichschaltung“ der Presse stattfand, innerhalb derer allerdings
noch Unterschiede der Berichterstattung auftraten. Siehe Frei (1983), S. 169 und
Maron (1997), S. 495.
40
Es handelt sich dabei um eine weit verbreitete Annahme der Forschung. Marlis
Steinert kommt zu dem Schluss: „Statt eines Studiums der Zeitungen [ist] die
Kenntnis der massiven Meinungsbeeinflussungsmaßnahmen der nationalsozialisti-
schen Führungsschicht weit wichtiger und unerläßlich zur Beurteilung des Mani-
pulationsgrades der deutschen Mentalität im Zweiten Weltkrieg.“ Steinert (1970),
S. 32. Auch wenn einige Autoren es bevorzugt haben, von einer „Presselenkung“
zu sprechen, die zur „Gleichschaltung“ geführt habe, gehen die Autoren jedoch
fast immer davon aus, dass spätestens 1939 die „Gleichschaltung“ oder auch
„Uniformierung“ der Presse verwirklicht gewesen sei. Siehe: Sänger (1964); Abel
(1968); Hagemann (1970); Wulf (1964), S. 10; Günsche (1970), S. 87f; Kohl-
mann-Viand (1991), S. 138ff.; Frei (1999), S. 49; Welch (1993), S. 37f.; Hale
(1965), S. 11ff.
41
Über die ‚Frankfurter Zeitung‘ und das ‚Berliner Tageblatt‘ siehe Gillessen
(1986), Wasmund (1988) und Maron (1997) und Margret Boveri (1965). Im Zu-
sammenhang mit der ‚Frankfurter Zeitung‘ spricht Ephraim Maron von „Wider-
stand [...] durch die spontane Nutzung von sich öffnenden Lücken der staatlichen
Überwachung“. Maron (1997), S. 502. Die Abweichungen waren jedoch durchaus
erwünscht und laut Klaus Wasmund verkam die ‚Frankfurter Zeitung‘ unter dem
Nationalsozialismus zu einem „besonders raffiniert getarnten Propagandainstru-
ment“. Wasmund (1988), S. 664ff.
30 EINLEITUNG

Einstellung der Deutschen zur Judenverfolgung in der Zeit von 1933-


1945 bezieht er ausdrücklich die Presse mit ein und kommt zu der be-
merkenswerten Schlussfolgerung, dass es in dieser Frage bis zum
Kriegsbeginn große Unterschiede in den deutschen Zeitungen gab, die
schon allein aus der unterschiedlichen Zahl der antisemitischen Artikel
ersichtlich seien.42 Während Longerich die Nichtumsetzung der in den
Presseanweisungen eigentlich verlangten Radikalität auf den mangeln-
den Enthusiasmus der Journalisten, immer wieder das Gleiche schrei-
ben zu müssen, also auf eine Form des „Überdruss“ zurückführt, bietet
Lars Jockheck in seiner Untersuchung zur Polenberichterstattung des
‚Völkischen Beobachters‘ bis 1934 – zugegebenermaßen aus einer frü-
hen Phase der „Gleichschaltung“ – eine Erklärung für die im Gegenteil
überbordende Radikalität dieses selbstbewussten Blattes: So gehörte es
geradezu zum Selbstverständnis des ‚Völkischen Beobachters‘, sich
nicht an die Presseanweisungen zu halten, sondern die nationalsozialis-
tischen Weltanschauungen der Mitarbeiter eigenständig zu propagie-
ren.43 Damit versuchte der ‚Völkische Beobachter‘ vermutlich einer-
seits, dem Führer „entgegenzuarbeiten“ und andererseits, der eigenen
Meinung, die trotz Volksgemeinschaftspropaganda offensichtlich noch
existierte, Gehör zu verschaffen. Es lohnt sich also durchaus, die Zei-
tungen und insbesondere auch den ‚Völkischen Beobachter‘ genauer zu
analysieren, um so ein Bild von dem zu bekommen, was innerhalb des
von dem Regime vorgegebenen Diskurses sagbar war und wann die
Redakteure es für opportun oder gar notwendig hielten, mit eigenen
Ideen und Meinungen aufzuwarten. Damit soll nicht behauptet werden,
dass es keine „Gleichschaltung“ gegeben habe, denn die Abweichungen
von der offiziellen Linie bewegten sich im Bereich des Erlaubten. Aber
dennoch lohnt es sich, sie genauer zu untersuchen, um die Dynamiken
und Konflikte der nationalsozialistischen Propaganda- und Pressepoli-
tik genauer zu verstehen.

42
Longerich (2006), S. 9.
43
Vgl.: Jockheck (1999).
EINLEITUNG 31

Im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Sowjetunion


kommt noch hinzu, dass die Meinungen auch führender Nationalsozia-
listen und Propagandisten in dieser Frage tatsächlich „gleichgeschaltet“
werden mussten, da hier in den Zwanziger Jahren und vermutlich auch
noch zum Zeitpunkt der „Machtergreifung“ nie vollständig aufgelöste
Meinungsverschiedenheiten bestanden.44 Diese Unterschiede lassen
sich aus den unterschiedlichen Vorprägungen der Politiker und Propa-
gandisten erklären: Im Zusammenhang mit der Sowjetunion gab es in
den Zwanziger Jahren insbesondere in nationalkonservativen Kreisen
aber auch unter Nationalsozialisten verschiedene Haltungen, die sich
keineswegs als einfacher Bestandteil eines, wie einige Autoren meinen,
relativ einheitlichen deutschen „Russlandbildes“, das geprägt gewesen
sei von „Russophobie“ und „Bolschewistenhass“45, zusammenfassen
lassen. Auch hierüber gibt es eine umfangreiche Literatur, insbesondere
zu verschiedenen nationalkonservativen, bzw. konservativ-
revolutionären und spezifischer nationalbolschewistischen47 Strö-
46

mungen der Zwanziger Jahre, zur Bedeutung der russischen Emigran-


ten in der Entstehungsgeschichte des Nationalsozialismus48 und der

44
Siehe z.B.: Laqueur (1965), S. 161ff., S. 167ff., S. 187ff.
45
In dem von Hans-Erich Volkmann herausgegebenen Sammelband „Das Russ-
landbild im Dritten Reich“ gehen fast alle Autoren nicht nur von einem mehr oder
weniger einheitlichen nationalsozialistischen Russlandbild, sondern auch von ei-
ner weit verbreiteten deutschen Russlandfeindschaft aus, die relativ kontinuierlich
seit dem 19. Jahrhundert bestanden habe und die der Einleitung von Volkmann zu-
folge „in Anbetracht geplanter und konkreter Politiken der Lebensraumerweite-
rung und rassischer Vernichtung lediglich eine wirkungsvolle Überzeichnung“ er-
fahren habe. Volkmann (1994), S. 15ff. Für eine ähnliche Sichtweise siehe auch
Epstein, (1974), Dmitrów (1997) und Dmitrów (2002). Auch andere Autoren, die
sich nicht speziell mit „Russlandbildern“ beschäftigt haben, gehen meist von ei-
nem „breiten antibolschewistischen Konsensus“ in Deutschland aus. Siehe Sywo-
ttek 1976, S. 104 oder auch Kershaw (1983), S. 192.
46
Für neuere Darstellungen siehe Schildt (1998), Breuer (1993), Woods (1996)
und Koenen (2005), S. 323ff. Siehe auch Mohler (1950).
47
Dupeux (1985) und aktuell: Suhr (2006).
48
Kellogg (2005); Baur (1998). Zu Alfred Rosenberg, der für diese Arbeit beson-
ders wichtig erscheint: Cecil (1972), Kroll (2001) und Piper (2005). Über den Ein-
32 EINLEITUNG

Frage nach der Bedeutung des Antibolschewismus innerhalb der spezi-


fisch hitlerschen „Weltanschauung“ und für den Nationalsozialismus
allgemein49. Diese ideologischen Strömungen sind auch insofern be-
deutsam, als der in den zwanziger Jahren geäußerte Gedanke einer
deutsch-russischen revisionistischen Allianz und die Faszination für
Stalin und seine rücksichtslose Politik im Jahre 1939 im ‚Völkischen
Beobachter‘ wieder aufleben sollten.
Während es eine große Zahl an Untersuchungen der deutschen Hal-
tungen und der Presseberichterstattung über die Sowjetunion in den
Zwanziger Jahren gibt, ist die Zeit nach 1933 bisher kaum erforscht,
vermutlich ebenfalls unter der Annahme, dass die deutsche „Öffent-
lichkeit“ zu diesem Zeitpunkt „gleichgeschaltet“ gewesen sei und nun
das einseitige, dumpfe antibolschewistische Feindbild öffentlich nicht
mehr angefochten wurde. Eine genauere Untersuchung, so hat Gerd

fluss der Deutschbalten in der deutschen Politik siehe: Siegert (2001). Über den
Nationalsozialismus und die Deutschen in der Sowjetunion siehe Fleischhauer
(1983). Über den Einfluss ukrainischer Emigranten auf die nationalsozialistische
Politik siehe Kosyk (1993).
49
Einige Autoren haben die Bedeutung des Antibolschewismus für die nationalso-
zialistische Herrschaft und „Weltanschauung“ eher heruntergespielt (so z.B. Jä-
ckel (1981)), während andere gerade hierin ein zentrales Element zu erkennen
meinen. Darüber dass der Antisemitismus einen Kristallisationspunkt bildete,
dürfte in dieser Debatte kein Zweifel bestehen. Über die Art der Verknüpfung
zwischen Antibolschewismus und Antisemitismus wurde jedoch debattiert, wobei
nur wenige Historiker Ernst Noltes (1987) These eines „kausalen Nexus“ zwi-
schen russischer Revolution und Holocaust gefolgt sind. Einige Historiker, wie
z.B. Arno Maier (1989), haben jedoch ebenfalls betont, dass der Antibolschewis-
mus und nicht der Antisemitismus der eigentliche Kern des ansonsten eklekti-
schen nationalsozialistischen Weltbildes gewesen sei. Die Beantwortung der Frage
nach der Bedeutung des Antibolschewismus und der deutsch-russischen Bezie-
hungen hängt letztlich von der Position des jeweiligen Autors in zentralen, den
Nationalsozialismus betreffenden, Fragen ab, die bis heute intensiv diskutiert wer-
den: Hatte Hitler einen genauen weltanschaulichen Plan? Welche Rolle spielte die
Herrschaftsstruktur und „kumulative Radikalisierung“ bei den Entscheidungen
Hitlers? Wie unabhängig war Hitler von äußeren Einflüssen? Welche Rolle spiel-
ten Ideologie und rassenideologischer Fanatismus für die nationalsozialistische
Herrschaft?
EINLEITUNG 33

Koenen betont, könnte sich aber durchaus lohnen, denn gerade in ihren
Einstellungen gegenüber der Sowjetunion waren auch die Nationalsozi-
alisten sich vor 1933 uneins, was man am Zustandekommen des
deutsch-sowjetischen Paktes deutlich ablesen kann.50 Es wäre also zu
untersuchen, „welche Denkschulen aktuell blieben und aus welchen
Gründen“51, wie alte Bilder von Russland und der Sowjetunion durch
neue Diskurse überlagert wurden und damit auch die Frage nach der
Wirksamkeit deutscher antibolschewistischer Propaganda in ihrem Ver-
such, ganz Deutschland antibolschewistisch-antisemitisch zu schulen
und gleichzuschalten, zu stellen.52
Die Akzentsetzung der Propaganda war jedoch nicht nur abhängig
von vorhandenen „Russlandbildern“, individuellen Kenntnissen, Vor-
prägungen oder Ressentiments sondern mindestens ebensosehr vom
Weltgeschehen und den sich verändernden politischen Konstellationen.
Die Redakteure des ‚Völkischen Beobachter‘ reagierten lediglich auf
die für sie oft unvorhersehbaren Ereignisse, über die zu berichten und
die Leser zu informieren ihre Aufgabe war. Deshalb ist es zum Ver-
ständnis und zur Einordnung der Propaganda unerlässlich, auch die Li-
teratur in die Untersuchung einzubeziehen, deren Autoren die von
Deutschland ausgelöste internationale Krise und die hektischen diplo-

50
So geht die bisherige Forschung Gerd Koenen zufolge zu sehr von einem „eher-
nen Kontinuum“ deutscher Russlandfeindschaft aus. Er versucht zu entflechten,
was in einem von Hans Erich Volkmann herausgegebenen Band über „Das Russ-
landbild im Dritten Reich“ als „unentwirrbares Bündel von Antibolschewismus,
Antikommunismus und Russophobie“ daherkomme. Denn über das Thema
„Deutschland und der Bolschewismus“ zu schreiben, ohne die vielfältigen Über-
lagerungen mit den althergebrachten oder neu formulierten Russlandbildern zu
beachten, führe von vornherein in die Irre. Koenen (2005), S. 13; S. 272.
51
O’Sullivan (1996), S. 324.
52
Es gibt eine große Zahl an Arbeiten über die deutsche „Öffentlichkeit“ und
„Stimmung“ in der Zeit des Nationalsozialismus und über die Frage nach der
Wirkung nationalsozialistischer Propaganda, wobei die Autoren sich insbesondere
für die antisemitische Propaganda interessiert haben. Vgl. Kershaw (1979),
(1989), Gordon (1984); Kulka (1989), Bankier (1995), Longerich (2006), Steinert
(1970), Kershaw (1983), (2004), Wette (1995).
34 EINLEITUNG

matischen Aktivitäten des Jahres 1939 beschreiben, die letztlich in den


Krieg führten. Über die Herrschaftsdynamik, die es Hitler ermöglichte,
den Krieg gegen Polen im September 1939 auszulösen, allgemeiner
über die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges und die internationalen
Beziehungen Deutschlands unmittelbar vor und nach Kriegsbeginn,
sowie speziell die deutsch-sowjetischen Beziehungen vor Beginn des
Krieges gibt es eine unüberschaubare Menge an Monographien und
Zeitschriftenartikeln. Es wurde versucht, möglichst aktuelle Werke in
die Untersuchung einzubeziehen; die zahlreichen Kontroversen hinge-
gen, die sich um dieses Thema ranken, sind für diese Arbeit nur von
untergeordneter Bedeutung und auf sie braucht deshalb – mit folgender
Ausnahme – nicht näher eingegangen zu werden:
Eine wichtige Debatte im Zusammenhang mit dem deutsch-
sowjetischen Nichtangriffsvertrag sollte kurz vorgestellt werden, da die
Pressepolitik darin eine nicht unwichtige Rolle spielt.53 Die Diskussion
dreht sich, vereinfacht dargestellt, um die Frage, von wem die Initiative
für eine deutsch-sowjetische Annäherung ausging: von Stalin, der die
deutsche Option dem Bündnis mit den Westmächten vorzog?54 Von
Hitler, der den Krieg gegen Polen um jeden Preis auslösen wollte und
deshalb ein Bündnis der Sowjetunion mit Großbritannien vereiteln
musste?55 Von der deutschen Diplomatie, die einen von Hitler gewoll-

53
Für eine Zusammenfassung der Debatte auf nicht mehr ganz aktuellem For-
schungsstand siehe Fleischhauer (1990), S. 9-99 und Roberts (1995), S. 62-91.
54
Siehe hierzu z.B. Krummacher/ Lange (1970), S. 362: „Kein Zweifel, Stalin war
es, der die Initiative ergriff.“ Ähnlich interpretieren auch die folgenden Autoren
Stalins Politik: Allard (1974), S. 113ff., Hildebrand/ Hillgruber (1980), S. 15ff.,
Nekrich (1997), S. 63, Pietrow-Ennker (1983), Graml (1990), S. 250ff., Semirjaga
(1992) und Slutsch (1995).
55
Siehe Roberts (1995), S. 73: „The story of Soviet-German relations between
May and August 1939 is one of persistent wooing by Berlin.“ Siehe auch Go-
rodetsky (2001). Nicht zuletzt die sowjetische Geschichtsschreibung ging von ei-
ner deutschen Initiative aus.
EINLEITUNG 35

ten deutsch-sowjetischen Krieg verhindern wollte?56 Oder gab es eine


wechselseitige Annäherung?57
Innerhalb der Debatte geht es unter anderem um den genauen Zeit-
punkt der ersten deutsch-sowjetischen Annäherungsversuche und hier-
bei spielt wiederum die deutsche und die sowjetische Presse eine wich-
tige Rolle: Die Befürworter der These, Hitler habe den Pakt herbeige-
führt, meinen bereits zu Beginn des Jahres 1939 oder sogar noch Ende
des Jahres 1938 erste Signale für eine Annäherung zu erkennen. Bei
dieser Fühlungnahme der deutschen Botschaft ging es auch um die
Presse: der Botschafter, Graf Friedrich Werner von der Schulenburg,
führte Gespräche über ein Abkommen, in dem sich beide Seiten zur Zu-
rückhaltung in ihrer Polemik verpflichten sollten. Wie erfolgreich die-
ser Vorstoß war, ist umstritten und aus den Quellen nicht eindeutig er-
sichtlich.58 Es stellt sich also die Frage, von wem hierbei die Initiative
ausging, welche Ziele die deutsche Seite, welche die sowjetische Seite
verfolgte und ob sich die deutsche Presse tatsächlich mäßigte. Die
Antworten hierauf sind umstritten; als gesichert gilt lediglich, dass die
erste überlieferte Presseanweisung, in der von der gesamten deutschen
Presse Mäßigung gegenüber der Sowjetunion verlangt wurde, auf den
5. Mai 1939 datiert.59
Wenn man hiervon ausgeht und die Entlassung des sowjetischen Au-
ßenkommissars, Maksim Litvinov, zwei Tage zuvor, am 3. Mai 1939,
als Zeichen für eine „Initiative Stalins“ deutet, erscheint bemerkens-
wert, wie unmittelbar die deutsche Pressepolitik darauf reagieren konn-
te, so als ob das nationalsozialistische Regime auf die Entlassung als
Anlass für eine eigene Initiative nur gewartet hätte. Letztendlich ist die
Frage nach der Initiative nicht diejenige, die in dieser Arbeit gestellt
werden soll. Wichtig erscheint als Beitrag dieser Arbeit zu der Debatte

56
Siehe Fleischhauer (1990).
57
Siehe u.a. O’Sullivan (2003), Shore (2003), Weber (1980) und Weinberg
(1971).
58
Vagts (1993), S. 35.
59
Siehe: PA, Nr. 1321, ZSg. 101/13/5/1, 5.5.1939.
36 EINLEITUNG

lediglich, dass, wie aus der Untersuchung des ‚Völkischen Beobach-


ters‘ ersichtlich werden soll, eine deutlich erkennbare Mäßigung der
Polemik in der deutschen Presse erst unmittelbar nach der Entlassung
des sowjetischen Außenkommissars Maksim Litvinov am 3. Mai 1939
einsetzte. Litvinovs politisches Ende gab somit das Startsignal für die
propagandistische Annäherung an die Sowjetunion. Die gesamte Be-
richterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ lässt sich also auch als ein
verzerrtes, zeitversetztes Spiegelbild der Politik beschreiben, die sich
durch ein Meer der persönlichen Feindschaften und Aversionen, Zwei-
fel, Rückschläge, Stimmungsschwankungen und neu aufflammenden
Initiativen zum Pakt treiben ließ. Diese politischen Wirren schlugen
sich zunächst in den Presseanweisungen und schließlich in der wetter-
wendischen Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ nieder.
ZIELE ANTISOWJETISCHER PROPAGANDA

2. Ziele nationalsozialistischer antisowjetischer Propaganda

Die Erwartungen, die Hitler und sein Propagandaminister Joseph


Goebbels in die Propaganda setzten, waren enorm und damit von vorn-
herein unrealistisch. Ian Kershaw nennt unter anderem die folgenden
weitreichenden Ziele: Manipulation, Kontrolle, Führung und Umerzie-
hung der deutschen Bevölkerung und vor allem Mobilisierung für den
Krieg.1 Diese Ziele waren so ehrgeizig, dass es ein erstaunlicher Erfolg
gewesen wäre, wenn die Propaganda sie tatsächlich erreicht hätte.2
Trotzdem sollte man den Erfolg der Propaganda an den Zielen der Pro-
pagandisten selbst messen, die einen hohen Aufwand betrieben, um sie
zu erreichen.
Bei dem Versuch, die propagandistischen Absichten in die Tat umzu-
setzen, war gerade dem antibolschewistischen Feindbild eine wichtige
Funktion zugedacht. Bereits folgender, viel zitierter, zynischer Aus-
spruch aus „Mein Kampf“ macht dies deutlich: Hitler zufolge hatte die
Propaganda „volkstümlich“ zu sein und „ihr geistiges Niveau einzustel-
len nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an
die sie sich zu richten gedenkt.“ Dieses Ziel ließe sich erreichen, indem
sich die Propaganda auf „nur sehr wenige Punkte“ beschränke, um die-
se „schlagwortartig solange zu verwerten, bis auch bestimmt der Letzte
unter einem solchen Worte das Gewollte sich vorzustellen vermag.“3
Diese Ansicht, die auch der Propagandaminister, Joseph Goebbels, ver-
trat4, deutet darauf hin, dass die Nationalsozialisten den Antibolsche-
wismus verbreiteten, weil dieser sich als einer dieser „wenigen Punk-

1
Kershaw (1983), S. 180.
2
Ebd., S. 182: „The dominant aim of Nazi-propaganda was so extraordinarily am-
bitious [...] that the attempt might be thought to have been doomed to failure from
the start.”
3
Hitler (1933), S. 197f.
4
Boelcke (1967), S. 17.
38 ZIELE ANTISOWJETISCHER PROPAGANDA

te“, die beständig wiederholt werden sollten, zu eignen schien. Warum


eignete sich jedoch gerade der Antibolschewismus hierzu?
Einige Autoren haben vermutet, dass die Nationalsozialisten sich in
dieser Frage eines breiten Konsenses in der deutschen Bevölkerung si-
cher gewesen seien. Die Polemik gegen den Bolschewismus, die zu-
gleich als Polemik gegen die Sowjetunion zu verstehen sei, habe somit
zur Popularität der Regierung in ähnlicher Weise wie der weit verbrei-
tete innenpolitische Antikommunismus beigetragen.5 Dieses Argument
erscheint jedoch wenig überzeugend, wenn man bedenkt, wie uneinig
sich gerade deutsche nationalistisch-konservative Kreise in den Zwan-
ziger Jahren in der Haltung gegenüber der UdSSR waren. Die Meinun-
gen schwankten zwischen Faszination und Pragmatismus, schlugen je-
doch nur selten in offene Abneigung und Hass um.6 Selbst in der
NSDAP teilten nicht alle die grundsätzliche Abneigung eines Hitler o-
der seines „Chefideologen“7 Alfred Rosenberg gegenüber der Sowjet-
union; in den Zwanziger Jahren gehörte beispielsweise der spätere Pro-
pagandaminister, Joseph Goebbels, dem so genannten „nationalbol-
schewistischen Flügel“ der NSDAP an, der dem Bolschewismus durch-
aus positive Aspekte abgewinnen konnte.
Wie Donal O’Sullivan gezeigt hat, lehnten in den Zwanziger Jahren
lediglich die deutsche Sozialdemokratie und die katholische Kirche den
„Bolschewismus“ entschieden und kompromisslos ab8; dies sind also
auch die einzigen Kreise, in denen der ideologische Antibolschewismus
der Nationalsozialisten möglicherweise auf fruchtbaren Boden fiel.
Wenn man den Gedanken weiterverfolgt, wäre die antibolschewistische
Polemik damit nichts weiter als der Versuch, gerade diese schwer für
den Nationalsozialismus zu gewinnenden Kreise durch Propaganda für
das Regime einzunehmen. So plausibel dies erscheinen mag, ist doch

5
Kershaw (1982), S. 184; Sywottek (1976), S. 120.
6
Koenen (2005), S. 17ff.
7
Vgl. Piper (2005).
8
O’Sullivan (1996), S. 324.
ZIELE ANTISOWJETISCHER PROPAGANDA 39

wahrscheinlicher, dass den Nationalsozialisten derartige Motive ange-


sichts ihrer grundsätzlichen Abneigung gegenüber angeblich „schwäch-
lichen“ Sozialdemokraten und gegenüber der katholischen Kirche
fremd waren. Die Behauptung, die Nationalsozialisten hätten den Anti-
bolschewismus propagiert, weil sie hofften, hierdurch das Regime noch
populärer zu machen, erscheint zudem nicht ausreichend belegt zu sein:
Die Autoren, die diese Vermutungen äußern, führen keine Aussagen
von führenden Nationalsozialisten, in denen dies als hauptsächliches
Motiv ihrer antibolschewistischen Polemik genannt worden wäre, als
Beleg für ihre Thesen an.
Die antibolschewistische Propaganda folgte also anderen Zielen. Zu-
nächst sind ideologische Motive zu nennen: Scharfmacher vom Schlage
eines Alfred Rosenberg drängten den unmittelbar nach seiner Macht-
übernahme eher zögerlichen Hitler, damit zu beginnen, diesen Teil sei-
nes „Programms“ in die Tat umzusetzen und sich gegen den „jüdischen
Bolschewismus“ zu wenden.9 Andere führende Nationalsozialisten, die
weniger Emotionen mit der Sowjetunion verbanden als der Deutschbal-
te Alfred Rosenberg, teilten zumindest seinen Antisemitismus und die
Sowjetunion diente ihnen als Beleg für die angebliche Niedertracht und
Skrupellosigkeit „der Juden“ in aller Welt.10 Antibolschewistische und
antisemitische Propaganda gingen somit in einen „schier unscheidbaren
Propagandakomplex“ auf11, wobei nicht immer klar ist, ob der Sprecher
mit seiner Polemik jeweils die Sowjetunion oder „die Juden“ meinte.
Es scheint wahrscheinlich, dass für viele die Sowjetunion einfach eine
Metapher war, die sie nicht nur deshalb aufgriffen, weil die dortigen
Missstände den jeweiligen Propagandisten wirklich betrafen und emo-
tional bewegten, sondern weil hier ideologischer Antikommunismus
und Antisemitismus eine willkommene propagandistische Allianz ein-
gingen.

9
Piper (2005), S. 423ff.
10
Zu Joseph Goebbels und Adolf Hitler siehe Abschnitt 3.2.1.a) und 3.2.1.b)
11
Barth (2004), S. 265.
40 ZIELE ANTISOWJETISCHER PROPAGANDA

Doch nicht nur Überzeugung, sondern auch (vielleicht sogar in erster


Linie) pragmatische Motive spielten eine wichtige Rolle: Mit dem radi-
kalen Antibolschewismus ließ sich Außen- und Innenpolitik machen,
ohne dabei viel zu riskieren. Die Beziehungen zur Sowjetunion wurden
zwar beschädigt, sie waren den Nationalsozialisten aber nicht so wich-
tig wie beispielsweise die Beziehungen zu Großbritannien, das sich Hit-
lers außenpolitischem Konzept zufolge sogar zu einer Koalition mit
Deutschland überreden lassen sollte, bzw. davon überzeugt werden
sollte, dass Deutschland das „letzte Bollwerk gegen den Bolschewis-
mus“ sei.12 Der Antibolschewismus war somit ein einfaches und uni-
versal verwendbares Feindbild, das sich einerseits außenpolitisch ein-
setzen ließ, um Koalitionen zu schmieden13, aber auch innenpolitisch
als eines der Feindbilder, die Hitler zufolge auch „den Beschränktes-
ten“ ein Begriff werden sollten. Jutta Sywottek nennt als innenpoliti-
sche Ziele der Propaganda unter anderem den Abbau sozialer Unzu-
friedenheit, indem die „bolschewistischen Verhältnisse“ als negatives
Gegenbild (modern „Heterostereotyp“) zum nationalsozialistischen
Deutschland dargestellt wurden14, die Rechtfertigung der deutschen
Rüstungspolitik durch beständiges Heraufbeschwören einer bolsche-
wistischen Gefahr und die Mobilisierung der Deutschen gegen einen
gemeinsamen Feind.15 Unterpunkte waren die Bündnispropaganda, die

12
Bereits 1932 hatte Hitler zu seinem früheren Mitstreiter Kurt Lüdecke gesagt:
„Ich muss England und Frankreich glauben machen, daß Deutschland das letzte
Bollwerk gegen den Bolschewismus ist, denn das ist der einzige Weg, um die Ge-
fahrenperiode durchzustehen, Versailles loszuwerden und aufzurüsten.“ Zit. in:
Krummacher/ Lange (1970), S. 291. Siehe auch Pietrow-Ennker (1989), S. 85. Im
Zusammenhang mit dem deutsch-italienischen Bündnis, das für Bedenken in Eng-
land gesorgt hatte, sollte die Taktik des Antibolschewismus angewendet werden,
um die Unterstützung von Ländern zu gewinnen, die wegen dieser Allianz Beden-
ken hatten. Vgl. Kershaw (2000), S. 61.
13
Siehe hierzu u.a.: Kershaw (2000), S. 61ff.
14
Sywottek (1976), S. 115.
15
So meint Jutta Sywottek, die antisowjetische Propagandakampagne jener Jahre
müsse schon als Teil der langfristig angesetzten propagandistischen Vorbereitung
eines Krieges gegen die Sowjetunion angesehen werden. Um dies zu belegen zi-
ZIELE ANTISOWJETISCHER PROPAGANDA 41

den Deutschen beweisen sollte, dass Deutschland nicht allein stehe im


Kampf gegen den als unbeschreiblich grausam beschriebenen „Welt-
feind Nr.1“16 oder die Propaganda im ‚Spanischen Bürgerkrieg‘, die ge-
rade diese Grausamkeit, aber auch die Überlegenheit der „richtigen“
Ideologie beweisen sollte.17 Dieses Feindbild hatte den Vorteil, dass die
Wenigsten die Aussagen der Nationalsozialisten überprüfen konnten.
Die Sowjetunion war weit entfernt, galt als schwach und der „Bolsche-
wismus“ eignete sich vor allem deshalb zunächst vorzüglich als Feind
Nr. 1.
Wichtig ist, dass die Propagandisten sich dabei nicht auf ein bereits
vorhandenes antibolschewistisches Feindbild verließen, wie einige Au-
toren meinen, sondern dass sie versuchten, die Deutschen in der Tat zu
„indoktrinieren“. Dies macht die Frage nach der Wirkung besonders in-
teressant, denn all die Ziele, die die Nationalsozialisten mit ihrer anti-
sowjetischen Propaganda verfolgten, konnten sie nur erreichen, wenn
sie den Deutschen den Glauben an die Grausamkeit der „jüdischen Bol-
schewisten“ einflößten, auf dass diese die Gefahr als real empfanden
und nicht als abstraktes, doch recht weit entferntes Phänomen, das sie
selbst nicht betraf. Es stellt sich also die Frage, ob die Deutschen über-
haupt der drastischen Schilderung bolschewistischer Grausamkeiten
Glauben schenkten, denn auf den Glauben lief die Propaganda ja hin-

tiert sie Joseph Goebbels, der 1936 vor einem kleinen Kreis von Journalisten ge-
äußert hatte, Deutschland stünde „am Anfang einer großen historischen Auseinan-
dersetzung, bei der im Interesse des deutschen Volkes die deutsche Presse ihre
aufklärende und beeinflussende Pflicht zu tun habe“. Denn: es sei auf die Dauer
unmöglich, „daß auf der Erde Bolschewisten neben Nationalsozialisten [...] exis-
tieren.“ Sywottek (1976), S. 120.
16
So erklärte Hugo Ringler im Jahr 1936, es gebe „ängstliche Gemüter“, die sich
bei der Aufzählung der bolschewistischen Gefahren fragten, ob es denn möglich
sein werde, dass Deutschland diesen „Kampf gegen den Weltfeind“ siegreich
werde beenden können. Deshalb dürfe nie der Hinweis fehlen, dass die deutsche
Aufklärungsarbeit bereits viele Länder erreicht habe, die dieser „jüdischen Welt-
pest die Vernichtung“ ansagten. Zit. in: Sywottek (1976), S. 113.
17
Zur antibolschewistischen Propaganda im Spanischen Bürgerkrieg vgl. Margu-
lis (2006).
42 ZIELE ANTISOWJETISCHER PROPAGANDA

aus: Niemand war in der Lage, das zu überprüfen, was die Zeitungen
über die Sowjetunion schrieben. Dabei dürfte den meisten Deutschen
jedoch bekannt gewesen sein, dass für Hitler die Propaganda ein
Machtinstrument war, das er außen- und innenpolitisch einsetzen konn-
te. Konnten die Nationalsozialisten ihre weitreichenden Ziele, von de-
nen vielleicht das weitreichendste die Vorbereitung der Deutschen auf
den kommenden Krieg war, tatsächlich mit dieser plumpen Methode,
die sich vor allem der ‚Völkische Beobachter‘ mit seiner radikalen an-
tibolschewistischen Hetze zu seiner Leitlinie gemacht hatte, also errei-
chen?
Im Jahre 1939 kamen zu den genannten allgemeinen Zielen der Pro-
paganda noch einige konkrete Ziele hinzu: Zu diesem Zeitpunkt ging es
nicht mehr nur um die innenpolitische Agitation und Integrationskraft
des bolschewistischen Feindbildes und auch nicht um die Vorbereitung
eines möglichen Krieges gegen die Sowjetunion. Vielmehr traten au-
ßenpolitische Zwänge und taktische Spiele hinzu, die dazu führten, dass
das alte Feindbild modifiziert wurde und schließlich gänzlich ver-
schwand. Die wichtigsten Wegmarken aus propagandistischer Sicht
waren hierbei die deutsche Besetzung Böhmens und Mährens und die
kurz darauf beginnenden Verhandlungen Großbritanniens und Frank-
reichs mit der Sowjetunion über einen möglichen Pakt, die Entlassung
des sowjetischen Außenkommissars Maksim Litvinov, der Beginn der
deutschen Verhandlungen mit der Sowjetunion und schließlich die
Verkündung des deutsch-sowjetischen Paktes. Vor der Entlassung
Maksim Litvinovs wurde dabei das Feindbild „Bolschewismus“ noch
propagandistisch verwertet, danach begann jedoch ein Prozess der Ver-
drängung des alten Feindbildes durch neue, zeitgemäßere Feindbilder.
Das Ziel war eindeutig und geht aus den deutschen diplomatischen Ak-
ten dieses Jahres unmissverständlich hervor: Die Zurückhaltung der
Presse sollte der Sowjetunion beweisen, dass die deutsche Seite zu ei-
ZIELE ANTISOWJETISCHER PROPAGANDA 43

ner Annäherung bereit war.18 Dieser Übergang soll im Folgenden an-


hand des ‚Völkischen Beobachters‘ beschrieben werden, um danach die
Frage zu stellen, wie wirksam eine so offensichtlich widersprüchliche
Propaganda wie diejenige des Jahres 1939 tatsächlich sein konnte.

18
In den diplomatischen Akten der deutschen Seite lassen sich folgende Auf-
zeichnungen auffinden, in denen die Mäßigung der Presse entweder als eine wich-
tige Bedingung für eine Annäherung genannt wird, von deutscher Seite erwähnt
oder von sowjetischer Seite bemerkt und gelobt wird: ADAP, D, VI, S. 221f. (D
215.), 17.4.1939. Aufzeichnung des Staatssekretärs; Berlin, ADAP, D, VI, S. 381
(D 351), 9.5.1939. Vermerk des Gesandten Braun von Stumm (Nachrichten- und
Presse-Abt.); ADAP, D, VI, S. 444f (D 406), 17.5.1939. Aufzeichnung des Vor-
tragenden Legationsrat Schnurre (Wirtschaftspol. Abt.); ADAP, D, VI, S. 490 (D
441), Mai 1939. Der Reichsaußenminister an die Botschaft in Moskau; ADAP, D,
VI, S. 505 (D 452), 30.5.1939; ADAP, D, VI, S. 549, 7.6.1939, Aufzeichnungen
ohne Unterschrift aus Moskau. Ganz geheim!; ADAP, D, VI, S. 618. (D 540),
17.6.1939, Aufzeichnung des Botschafters von der Schulenburg, z. Zt. Berlin;
ADAP, D, VI, S. 673. (D 579), 29.6.1939: Der Botschafter in Moskau an das
Auswärtige Amt. Geheim; ADAP, D, VI, S. 846-849 (D 729), 27.7.1939, Auf-
zeichnungen Schnurres (von einem Treffen mit Astachow); ADAP, D, VI, S. 883.
(D 760), 3.8.1939. Der Reichsaußenminister an die Botschaft in Moskau. Siehe
hierzu auch Pietrow-Ennker (1989), S. 85f.
UMSETZUNG DER ZIELE

3. Umsetzung der Ziele im ‚Völkischen Beobachter‘

3.1. Der ‚Völkische Beobachter‘ zwischen Regime und Öffentlichkeit

Der ‚Völkische Beobachter‘ war seit seiner Gründung im Jahr 1920


das Parteiorgan der NSDAP und wurde dieser Funktion durch Radikali-
tät und Hitlergläubigkeit gerecht. Nach 1933 entwickelte sich der ‚Völ-
kische Beobachter‘ weiter zu einer Art „regierungsamtlichem Massen-
blatt“1 und „Leitmedium“2, dessen Verlautbarungen zunehmend offizi-
ellen Charakter annahmen. Damit ging in den dreißiger Jahren auch
von der Radikalität der Zeitung einiges verloren. Wie alle anderen Zei-
tungen unterlag der ‚Völkische Beobachter‘ den Zwängen der Außen-
und Innenpolitik3; während jedoch die Nicht-Parteipresse nun durch
verschiedene Maßnahmen der Regierung auf einen einseitig nationalso-
zialistischen Kurs gelenkt wurde und zunehmendem Konformitätsdruck
ausgesetzt war, musste der ‚Völkische Beobachter‘ eher gebremst wer-
den in seiner Radikalität (die viele abstieß) und seiner Einseitigkeit (die
viele langweilte).
Diese neue propagandistische Linie bezweckte, mehr Leser aus ver-
schiedenen Gesellschaftsschichten und politischen Milieus zu gewin-
nen. Insgesamt war der ‚Völkische Beobachter‘ damit erfolgreich: In
den dreißiger Jahren konnte er im Gegensatz zu allen anderen deut-
schen Zeitungen – auch im Gegensatz zu anderen Parteiblättern4 – seine
Auflage massiv steigern5 von 336527 im Jahre 1934 auf circa 500000
im Jahr 1938, 741714 im Jahr 1939 und 982310 im Jahr 1940 – bemer-
kenswert ist hierbei insbesondere die enorme Auflagensteigerung von

1
Jockheck (1999), S. 27.
2
Meyer zu Utrup (2003), S. 16.
3
Jockheck, (1999), S. 26.
4
Bankier (1995), S. 38ff.
5
Frei (1999), S. 37.
UMSETZUNG DER ZIELE 45

1938 bis 1940 – und erlangte so eine große Breitenwirkung6. Dieser Er-
folg war einerseits das Resultat der neuen Vielfalt: Nicht mehr fast aus-
schließlich die Reden und Kommentare der nationalsozialistischen Po-
litiker druckte der ‚Völkische Beobachter‘ ab, sondern auch aktuelle
Nachrichten aus Deutschland und dem Ausland, ein Wirtschaftsteil
kam hinzu und ein stetig wachsender Unterhaltungsteil mit Reportagen,
Kurzgeschichten, historischen Artikeln, Buchbesprechungen, Musikkri-
tiken usw.7
Doch nicht nur die Vielfalt sollte für die deutliche Auflagensteige-
rung verantwortlich gemacht werden, sondern auch die massive Wer-
bung und der Druck, dem sich viele ausgesetzt sahen, das „Kampfblatt
der nationalsozialistischen Bewegung“ zu abonnieren. Vor 1933 war
ein Abonnement des ‚Völkischen Beobachters‘ wohl Zeichen echter
Überzeugung, danach spielten auch „Nützlichkeitserwägungen“ eine
Rolle8. Durch den Bezug des ‚Völkischen Beobachters‘ konnte man die
eigene echte oder geheuchelte Überzeugung unter Beweis stellen. So
appellierte der Schriftleiter Wilhelm Weiß an „das nationalsozialisti-
sche Gewissen des deutschen Volkes“, den ‚Völkischen Beobachter‘ zu
abonnieren. Denn: „Hier wird nicht um den Zeitungsleser schlechthin
geworben, nicht aus Geschäftsrücksichten Reklame gemacht, sondern
es wird ein Bekenntnis verlangt.“9 Gerade diejenigen, die sich vom na-
tionalsozialistischen Regime bedroht fühlten, dürften sich auch von
dem Werbeslogan angesprochen gefühlt haben, den Max Amann sich
erdacht hatte: „Millionen lesen den ‚VB‘. Und Du?“10 Diesen Spruch
benutzte Amann als Aufhänger für eine, wie er selbst sagte, „groß an-

6
Stöber (2005), S. 252. Hale (1965), S. 40. Karl-Christian Führer (2007) hat aller-
dings betont, dass der allgemeine Auflagenrückgang weniger drastisch war als oft
angenommen.
7
Frei (1999), S. 101.
8
Plewnia (1972), S. 383; Bankier (1995), S. 41.
9
Wilhelm Weiß: Werkzeug der Idee, VB, NA, 4.6.1939, S. 1.
10
Amann, Max: Nationalsozialisten, „VB“-Leser und –Leserinnen. Aufruf des
Reichleiters Max Amann, VB, NA, 4.6.1939, S. 1.
46 UMSETZUNG DER ZIELE

gelegte Werbeaktion“11, die ganz unmissverständlich darauf abzielte,


den gesellschaftlichen Druck für ein Abonnement des ‚Völkischen Be-
obachters‘ weiter zu erhöhen.
Der ‚Völkische Beobachter‘ selbst stand in den dreißiger Jahren unter
doppeltem Druck: Einerseits sollte er neue Leser gewinnen und mög-
licherweise auch die Nichtleser unter den teilweise unfreiwilligen
Abonnenten ansprechen, somit attraktiver gestaltet, vielfältiger und
weniger radikal werden, andererseits auch die nationalsozialistische
„Weltanschauung“ propagieren und die traditionelle Leserschaft zufrie-
den stellen. Der ‚Völkische Beobachter‘ wurde somit zu einem „Zwit-
terwesen“.12 Innerhalb der Redaktion bedeutete dies, dass neue, qualifi-
zierte Journalisten eingestellt wurden, die nicht notwendigerweise der
„Bewegung“ entstammten, sich aber mit dem Eintritt in die Redaktion
des ‚Völkischen Beobachters‘ auf eine nationalsozialistische Linie ver-
pflichteten.13 Möglicherweise war gerade die Gleichzeitigkeit verschie-
dener Tendenzen eine weitere Ursache des Erfolgs des ‚Völkischen
Beobachters‘ in den dreißiger Jahren: Denn während laut Amann die
„bewährte journalistische und verlegerische Arbeitsweise von der
nichtnationalsozialistischen Presse“ übernommen wurde14, blieb dem
‚Völkischen Beobachter‘ der „Kampfcharakter“ 15 dennoch erhalten.
Zwar fuhr die Redaktion mit Blick auf das Ausland die Polemik etwas
zurück.16 Wenn es allerdings von der Regierung gefordert wurde, konn-
te der „Beobachter“ wieder seinen alten Charakter annehmen, wechsel-
te zu bedingungsloser Radikalität und war nur schwer zu bremsen. Bei-
spiele hierfür sind die Pressekampagnen nach den Pogromen des No-
vember 193817 und die Pressekampagne gegen Polen im Jahre 1939.18

11
Ebd.
12
Frei (1999), S. 99.
13
Hale (1965), S. 247.
14
Jockheck (1999), S. 23.
15
Ebd., S. 19.
16
Ebd., S. 26.
17
Longerich (2006), S. 126ff.
UMSETZUNG DER ZIELE 47

Wenig ist bisher bekannt über Konflikte innerhalb der Redaktion zwi-
schen den alteingesessenen Redakteuren und den neu nach 1933 hinzu-
gekommenen, meist besser ausgebildeten Journalisten, die eine neutra-
lere journalistische Praxis gewohnt waren. Oron Hale schreibt, dass der
Schriftleiter der Jahre 1938-1945 und Nationalsozialist der ersten Stun-
de, Wilhelm Weiß, schwach gewesen sei und vieles durchgehen gelas-
sen habe.19 Auch hätten er und die Journalisten des ‚Völkischen Be-
obachters‘ sich vom Propagandaministerium gegängelt gefühlt und ver-
sucht, im vorgegebenen Rahmen eigene Meinungen zu vertreten. Inte-
ressanterweise zitiert er zum Beleg einen Mitarbeiter, der sich ausge-
rechnet über die Sprachregelung beschwerte, wonach das Wort „rus-
sisch“ nicht mehr gebraucht werden dürfe, weshalb so widersinnige
Meldungen zustandekämen, in denen von einem „bolschewistischen
Winter“ die Rede sei.20 Diese Aussage lässt zwar nicht auf eine von der
ideologischen Linie abweichende Meinung schließen, zeigt aber doch,
dass die Mitarbeiter des ‚Völkischen Beobachters‘ unzufrieden waren
mit der Pressepolitik und der Unterdrückung jeglicher journalistischen
Freiheit sogar in der Wortwahl, wofür ihnen die strikten Anweisungen
im Zusammenhang mit der antibolschewistischen Propaganda als bei-
spielhaft galten.
Die besondere Bedeutung des ‚Völkischen Beobachters‘ für die nati-
onalsozialistische Pressepolitik wird insbesondere aus den erhaltenen
Presseanweisungen deutlich: Der ‚Völkische Beobachter‘ wurde von
Januar bis August 1939 von allen deutschen Zeitungen am häufigsten
erwähnt und mit Abstand am häufigsten wurde seine Aufmachung als
Vorbild für andere deutschen Zeitungen genannt, gleichzeitig wurde
der ‚Völkische Beobachter‘ auch am häufigsten gerügt und am häufigs-
ten mit besonderen Aufgaben betraut (beispielsweise sollte der ‚Völki-
sche Beobachter‘ sich bestimmter, heikler Themen annehmen, während

18
Siehe Abschnitt 3.3.2.f)
19
Hale (1965), S. 42ff.
20
Ebd., S. 247ff.
48 UMSETZUNG DER ZIELE

dies anderen Zeitungen untersagt wurde).21 Der ‚Völkische Beobachter‘


war damit nicht nur getreuer Nachbeter der Anweisungen aus dem Pro-
pagandaministerium, sondern auch ein Vorreiter, der Stichworte be-
nannte, die andere Zeitungen, die ihre Treue gegenüber dem National-
sozialismus unter Beweis stellen wollten, übernehmen durften und
manchmal sollten. Es entsprach auch dem Selbstverständnis des ‚Völ-
kischen Beobachters‘, politische Entwicklungen eigenmächtig zu deu-
ten und sich dabei nicht unbedingt an Anweisungen aus dem Reichs-
propagandaministerium oder dem Auswärtigen Amt zu halten.22
Der ‚Völkische Beobachter‘ nahm somit im Kommunikationsprozess
zwischen Regime und Öffentlichkeit eine zentrale Position ein: Alle
diejenigen, die sich über die offizielle Haltung des Regimes informie-
ren wollten (Journalisten, Kommentatoren, Politiker, „Öffentlichkeit“)
konnten auf ihn zurückgreifen. Hieraus resultierte auch das Selbstbe-

21
Insgesamt wurde der ‚Völkische Beobachter‘ von Januar bis August 68 Mal in
der Reichspressekonferenz erwähnt. Zum Vergleich: die ‚Deutsche Allgemeine
Zeitung‘ nur 31 Mal, der Angriff 13, die ‚Frankfurter Zeitung‘ 12, das ‚Hambur-
ger Fremdenblatt‘ und die ‚Kölnische Zeitung‘ je 8 Male. 38 Artikel des ‚Völki-
schen Beobachters‘ wurden den anderen Zeitungen ausdrücklich als Vorbild emp-
fohlen (darunter waren unter anderem 17 Kommentare von Joseph Goebbels, die
den anderen deutschen Blättern jeweils besonders ans Herz gelegt wurden und ein
Kommentar von Theodor Seibert, der aber nicht direkt mit der Sowjetunion zu tun
hatte. Zum Vergleich: Artikel aus der ‚Deutschen Allgemeinen Zeitung‘ wurden
nur 10 Mal empfohlen, Artikel aus der Frankfurter Zeitung kein einziges Mal).
Der ‚Völkische Beobachter wurde aber auch 11 Mal gerügt, die ‚Deutsche Allge-
meine Zeitung‘ hingegen nur 7 Mal, und die ‚Frankfurter Zeitung‘ nur 4 Mal. In
weiteren 14 Pressekonferenzen wurde der ‚Völkische Beobachter‘ mit besonderen
Aufgaben betraut. (Zum Vergleich: Die ‚Deutsche Allgemeine Zeitung‘ nur in
sechs Pressekonferenzen, die Frankfurter Zeitung nur in fünf). Diese Zahlen erge-
ben sich aus einer Auswertung der veröffentlichen Presseanweisungen der Vor-
kriegszeit (PA) des Jahres 1939.
22
Dies hat Lars Jockheck in seiner Untersuchung der Polenberichterstattung des
‚Völkischen Beobachters‘ gezeigt, allerdings lediglich bis in das Jahr 1935 auch
ausdrücklich belegt. Jockheck (1999), S. 30-31. Man kann davon ausgehen, dass
auch 1939 noch ein Rest des alten Selbstverständnisses vorhanden war, zumal
zahlreiche Mitarbeiter aus der Zeit vor 1933 dem Blatt auch danach erhalten blie-
ben. Hale (1965), S. 246ff.
UMSETZUNG DER ZIELE 49

wusstsein des ‚Völkischen Beobachters‘ als „Leitmedium“, das ihn ei-


gene Meinungen vertreten ließ. In dieser Arbeit wird immer wieder
deutlich werden, dass der ‚Völkische Beobachter‘, wie alle anderen
Zeitungen auch, dabei auf die Presseanweisungen angewiesen war;
wenn dort etwas unklar blieb, fühlten sich die Kommentatoren jedoch
befugt, die Politik der Regierung eigenständig zu deuten und sich so zu
profilieren.
50 UMSETZUNG DER ZIELE

3.2. Beteiligte: Kommentatoren, Redakteure, Korrespondenten

Der Hang der Kommentatoren zur eigenständigen Deutung der Er-


eignisse erklärt sich nicht nur aus ihrem Selbstverständnis als Mitarbei-
ter des ‚Völkischen Beobachters‘, sondern auch aus ihren jeweiligen
Biographien und politischen Vorprägungen. Nicht jeder Mitarbeiter des
‚Völkischen Beobachters‘ glaubte vermutlich an das von Hitler in sei-
nem Machwerk „Mein Kampf“ vehement propagierte ideologische
Konstrukt eines „jüdischen Bolschewismus“, der es sich zum Ziel ge-
macht habe, die Nichtjuden und vor allem die Deutschen zu unterdrü-
cken und eine jüdische Weltherrschaft zu errichten. Ebenso wie es in
der Regierung und im Auswärtigen Amt eine große Zahl von Kritikern
der mit ideologischen Scheuklappen besetzten Politik gegenüber der
Sowjetunion gab1, hatten auch die Journalisten des ‚Völkischen Be-
obachters‘ und die Propagandisten, bzw. Presselenker des Dritten Rei-
ches durchaus unterschiedliche Ansichten über die Sowjetunion:

3.2.1. Führungsebene

a) Adolf Hitler

Zunächst jedoch zu Adolf Hitler: Hitler hatte im April 1933 seine Po-
sition als Herausgeber des ‚Völkischen Beobachters‘, der er bis zu die-
sem Zeitpunkt offiziell noch gewesen war, aufgegeben.2 Dennoch sollte

1
Unter anderem Hermann Göring (im Interesse der Wirtschaft) und ein großer
Teil des diplomatischen Korps, sowie einige hohe Offiziere der Wehrmacht. Siehe
Fleischhauer (1990), S. 36ff., S. 404ff., S. 231; Schwendemann (1995), S. 220-
221.
2
Sein Name stand von Februar 1925 bis zum April 1933 als Herausgeber im Zei-
tungskopf. Jockheck (1999), S. 28.
BETEILIGTE 51

man seinen Einfluss auf das, was dort und allgemein in der deutschen
Presse nach 1933 veröffentlicht wurde, nicht unterschätzen: Aufmerk-
sam sah er allmorgendlich die Tagespresse durch und gab dem Reichs-
pressechef Otto Dietrich persönliche Anweisungen.3 Wenn also die
Presse in einem so zentralen Propagandakomplex wie dem Antibol-
schewismus eine Kursänderung vornahm, so wird Hitler dies bemerkt,
gebilligt und möglicherweise gar persönlich angeordnet haben. Dieser
persönliche Einfluss Hitlers mag selbstverständlich und deshalb nicht
erwähnenswert erscheinen. Dennoch widerspricht die Tatsache, dass
Hitler sich so aufmerksam mit der Presse befasste beispielsweise der
These, dass Presseanweisungen, die zur Zurückhaltung gegenüber der
Sowjetunion mahnten, möglicherweise ohne Hitlers Billigung vom
Auswärtigen Amt ausgegangen seien.
Hitlers Haltung ist noch aus einem weiteren Grund besonders wich-
tig: Alles, was er sagte, schrieb und geschrieben hatte, übte immer noch
einen entscheidenden Einfluss auf das aus, was im ‚Völkischen Be-
obachter‘ erschien. Seine wichtigsten Reden des Jahres 1939 druckte
der ‚Völkische Beobachter‘ jeweils vollständig ab und die Redaktion
versah sie mit ausführlichen Kommentaren und Deutungen für die Le-
ser. Man darf davon ausgehen, dass die Worte Hitlers auch den Kom-
mentatoren, die für den ‚Völkischen Beobachter‘ arbeiteten, neben den
Presseanweisungen aus dem Propagandaministerium, als Richtschnur

3
Herf (2006), S. 21ff. Herf betont besonders, dass man die Rolle des Pressechefs
Dietrich nicht unterschätzen solle, da dieser in sehr engem Kontakt zu Hitler ge-
standen habe und sich damit in einer Machtposition befunden habe, aus der heraus
er möglicherweise sogar einen größeren Einfluss auf die Presse ausgeübt habe als
Goebbels. „Bringing Dietrich back into the history of Nazi propaganda thus rein-
serts Hitler into the day-to-day construction of the story the Nazi regime told
Germans and the world on a daily and weekly basis.“ Herf (2006), S. 24. Auch
wenn beispielsweise Longerich bezweifelt, dass Dietrichs Aussagen vor dem
Nürnberger Militärgerichtshof, auf die sich Herf beruft, besonders glaubhaft wa-
ren, darf man doch davon ausgehen, dass seine Aussage, Hitler habe sich intensiv
mit der Presse befasst und Einfluss genommen, kaum zu widerlegen ist. Siehe
Longerich (1987), S. 112.
52 UMSETZUNG DER ZIELE

galten für die Art und Weise, in der sie argumentieren sollten und durf-
ten. Insbesondere überzeugte Nationalsozialisten dürften versucht ha-
ben, ihrem „Führer“ „entgegenzuarbeiten“.
Die Sowjetunion war eines der Puzzleteile in Hitlers radikalem welt-
anschaulichen Konstrukt wie er es in „Mein Kampf“ dargelegt hatte.
Grundlegend war für ihn dabei der Gedanke des „Lebenskampfes“: Je-
des Volk strebte seiner Vorstellung zufolge danach, sich zu vergrößern
und zu erhalten, bis letztlich in seiner sozialdarwinistischen Logik nur
die Stärksten überleben würden.4 Da jedes Volk also danach streben
müsste, sich zu vermehren, bräuchte es „Lebensraum“, den es sich im
Kampf ums eigene Überleben sichern müsse (hierzu gebe es sogar ein
„moralisches Recht“, wie er in ‚Mein Kampf‘ verkündete)5. Hitler
glaubte, dass dieser Raum für die Deutschen nur im Osten, bzw. in
Russland liegen könne: einerseits, weil er mit fragwürdigen Statistiken
belegen zu können glaubte, dass das Land nur sehr dünn besiedelt sei
(er bezog seine Bevölkerungszahlen auf die Gesamtheit des teilweise
unfruchtbaren und unwirtlichen Landes) und andererseits weil er glaub-
te, dass das „Riesenreich im Osten [...] reif zum Zusammenbruch“ sei.6
Dies war für ihn einerseits deshalb der Fall, weil er die „slawischen
Massen“ für den „Ariern“ unterlegen hielt, und andererseits weil die
Oktoberrevolution dazu geführt habe, dass die bisherige, angeblich hö-
her stehende „germanische Führungsschicht“ durch eine „zersetzende“
jüdische abgelöst und ausgerottet worden sei.7 Die Grundpfeiler seines

4
Die Darstellung von Hitlers „Weltanschauung“ im Folgenden folgt zumindest
teilweise der Interpretation Eberhard Jäckels, der vor allem Hitlers extremen Ras-
sismus und Antisemitismus, die sich in seinem radikalen Geschichtsbild vereinig-
ten, im Zentrum der hitlerschen „Weltanschauung“ sieht. Vgl. Jäckel (1981).
5
Hitler (1936), S. 736.
6
Ebd. (1936), S. 743.
7
Ebd., S. 742-743: „Die Organisation eines russischen Staatsgebildes war nicht
das Ergebnis der staatspolitischen Fähigkeiten des Slawentums in Rußland, son-
dern vielmehr nur ein wundervolles Beispiel für die staatenbildende Wirksamkeit
des germanischen Elementes in einer minderwertigen Rasse. [...] Seit Jahrhunder-
ten zehrte Rußland von diesem germanischen Kern seiner oberen leitenden
BETEILIGTE 53

Bildes von der Sowjetunion bzw. Russland bildeten somit die Vorstel-
lung von nahezu unbegrenztem Lebensraum, den er zu erobern gedach-
te, seine Vorstellung von der rassischen „Minderwertigkeit“ der „Sla-
wen“ gegenüber den „Ariern“ und sein Antisemitismus, wobei der An-
tibolschewismus, den er von dem Deutschbalten Alfred Rosenberg und
anderen russischen Emigranten übernahm8, in gewisser Weise lediglich
ein Ableger desselben war, der sich aus der Vorstellung ergab, Mar-
xismus und Bolschewismus seien Instrumente „der Juden“, um eine
„jüdische Weltherrschaft“ zu errichten.9
Antibolschewismus, Antisemitismus, die Vorstellung von der Schwä-
che und Unterlegenheit der Slawen gegenüber den „Ariern“ und der
Lebensraumgedanke bildeten ein radikales ideologisches Gemisch, das
Hitler allerdings in seinen öffentlichen Äußerungen, die hier vor allem
von Interesse sind, beständig modifizierte. So hielt Hitler sich nach sei-
ner Ernennung zum Reichskanzler zunächst in seinen antibolschewisti-
schen Äußerungen zurück, indem er behauptete, der Kampf gegen den
Kommunismus sei eine „innere Angelegenheit“.10 Dies änderte sich

Schichten. Er kann heute als fast restlos ausgerottet und ausgelöscht angesehen
werden. An seine Stelle ist der Jude getreten. So unmöglich es dem Russen an sich
ist, aus eigener Kraft das Joch der Juden abzuschütteln, so unmöglich ist es dem
Juden, das mächtige Reich auf Dauer zu erhalten. Er ist selbst kein Element der
Organisation, sondern der Dekomposition.“
8
Krummacher/Lange (1970), S. 261; Laqueur (1966), S. 37f.
9
Über die genaue Bedeutung und die Ursprünge des Antibolschewismus innerhalb
von Hitlers „Weltanschauung“ lässt sich streiten, insbesondere im Zusammenhang
mit der Diskussion über die Bedeutung von Intention, Struktur oder Funktionali-
sierung der Ideologie und der Frage, ob Hitler ein klar umrissenes weltanschauli-
ches Programm bereits frühzeitig in die Tat umsetzen wollte, oder ob seine Äuße-
rungen lediglich als „ideologische Metaphern“ zu verstehen sind. Vgl. Broszat
(1970), S. 408 und Kershaw (2006). Für diese Arbeit sind jedoch die öffentlichen
Äußerungen von Bedeutung und nicht die Frage, wie „authentisch“ diese Über-
zeugungen waren und inwieweit Hitler seit der Niederschrift von „Mein Kampf“
einem klar umrissenen ideologischen Plan folgte.
10
Hitler sagte in derselben Rede: „gegenüber der Sowjetunion ist die Reichsregie-
rung gewillt, freundschaftliche, für beide Seiten nutzbringende Beziehungen zu
pflegen.“ Der Kampf gegen Kommunismus sei eine „innere Angelegenheit“ und
54 UMSETZUNG DER ZIELE

allmählich, bis Hitler sich auf dem Nürnberger Parteitag des Jahres
1936 der taktischen Zurückhaltung endgültig entledigte, um sich da-
nach umso häufiger in Polemiken gegen den angeblich „jüdischen“ und
die Weltrevolution anstrebenden „Bolschewismus“ zu verlieren.11 Hit-
ler verwendete somit in der Öffentlichkeit diejenigen „Argumente“,
bzw. Feindbilder, die ihm gerade besonders opportun erschienen: so
lassen sich in seinen Reden unter anderem revisionistische, antikapita-
listische, antibritische, antisemitische, völkische, sozialrevolutionäre
und antibolschewistische Elemente ausmachen. Besonders schwer dürf-
te es den Zeitgenossen gefallen sein, herauszufinden, worauf Hitler ei-
gentlich hinaus wollte. So verwundert es nicht, dass sein ehemaliger
Anhänger und vorgeblicher Intimus, Hermann Rauschning, bereits
1938 schrieb, dass es nichts gebe, was Hitler nicht um der Bewegung
willen bereit wäre preiszugeben oder aufzustellen.12 Vor allem dürfte es
vielen schwer gefallen sein (auch den Journalisten), zu erkennen, welch
zentraler Baustein in Hitlers Gedankengebäude die angebliche Not-
wendigkeit der Gewinnung von Lebensraum war, zumal er ab 1933 bis
mindestens Herbst 1938 öffentlich nicht mehr davon sprach.13

„die staatspolitischen Beziehungen zu anderen Mächten, mit denen uns gemein-


same Interessen verbinden, werden dadurch nicht berührt.“ In: Domarus (Hrsg.):
Reden und Proklamationen, Bd.1, S. 236.
11
Sywottek (1976), S. 104ff. Über den genauen Zeitpunkt des propagandistischen
Umschwungs lässt sich streiten. Jedenfalls scheint unumstritten zu sein, dass Hit-
ler sich zunächst auch im Vergleich zu anderen Propagandisten eher zurückhielt.
Siehe dazu auch Abschnitt 4.2.2.a).
12
Vgl.: Rauschning (1938). Dieser Interpretation, derzufolge Hitler ein reiner
Machtmensch und der Nationalsozialismus eine „Revolution des Nihilismus“ ge-
wesen sei, sind auch später noch einige Historiker gefolgt (siehe zum Beispiel
Bullock (1952), S. 706). Auf die Diskussion, ob Hitler Nihilist war oder ob er in-
tentional gehandelt und gemäß eines bereits in den zwanziger Jahren aufgestellten
Plans auf das Ziel eines Krieges hingearbeitet habe (siehe z.B. Jäckel (1981)), o-
der aber, ob seine Herrschaft auf anderen, strukturellen Mechanismen und „kumu-
lativer Radikalisierung“ aufbaute (Vgl. Broszat (1970)), kann an dieser Stelle je-
doch nicht näher eingegangen werden. Siehe hierzu ausführlich Kershaw (2006).
13
Sywottek (1976), S. 180f; siehe auch Koenen (2005), S. 416.
BETEILIGTE 55

b) Joseph Goebbels

Joseph Goebbels schrieb im Jahr 1939 insgesamt 24 politische Auf-


sätze für den ‚Völkischen Beobachter‘, die jeweils auf der ersten Seite
veröffentlicht wurden. Doch nicht nur deshalb, sondern auch in seiner
Funktion als Minister für „Volksaufklärung und Propaganda“ hatte er
einen entscheidenden Einfluss auf alles, was nach 1933 in Deutschland
veröffentlicht wurde, seien es Filme, Bücher, Radiosendungen oder
Zeitungen. Joseph Goebbels gehörte interessanterweise in den Zwanzi-
ger Jahren dem nationalbolschewistischen Flügel der nationalsozialisti-
schen Partei an, das heißt jener ideologischen Strömung, die der russi-
schen Revolution und Lenins, später Stalins radikaler, brutaler, autori-
tär-revolutionärer Politik durchaus Positives abgewinnen konnten.14 Al-
lerdings schwenkte Goebbels schon bald auf Hitlers Kurs ein und wur-
de seinen Tagebüchern zufolge zum überzeugten Antibolschewisten,
der sich nicht anders als bei Hitler mit einem extremen Antisemitismus
verband.15 Es wäre interessant, hier noch genauer nachzuforschen, denn
es ist umstritten, in welcher Weise Goebbels auch den hitlerschen Le-
bensraumgedanken in sein Weltbild aufnahm. Gewiss ist allerdings,
dass Goebbels von seinem radikalen, vor allem durch seinen Antisemi-
tismus geprägten Antibolschewismus nicht mehr abrückte16: So sah er
den deutsch-sowjetischen Pakt als „genialen Schachzug“ des „Füh-
rers“17, denn „die Frage des Bolschewismus“ sei „im Augenblick von
untergeordneter Bedeutung [...] Wir sind in Not und fressen da wie der

14
Noch 1924 war Goebbels offensichtlich über Hitlers radikal antibolschewisti-
sche Haltung empört und schrieb in sein Tagebuch: „Ich bin wie geschlagen.
Welch ein Hitler? Ein Reaktionär? […] Unsere Aufgabe ist die Zertrümmerung
des Bolschewismus. Bolschewismus ist jüdische Mache! Wir müssen Russland
beerben! 180 Millionen!!! … Ich bin wie vor den Kopf geschlagen.“ In: Goebbels
(1998), Bd.1, S. 161f., Tagebucheintrag vom 15.7.1924.
15
Barth (2004), S. 257.
16
Ebd.
17
Goebbels (1998), Bd.7, S. 73, Tagebucheintrag vom 23.8.1939.
56 UMSETZUNG DER ZIELE

Teufel Fliegen.“18 Hier wird bereits deutlich, dass Goebbels den Pakt
zwar begrüßte, ihn andererseits jedoch als Augenblickslösung, also als
einen taktischen, auf Zeit bemessener Winkelzug ansah.19 So mahnte
Goebbels schon bald, möglichst wenig über die neue Situation zu be-
richten und ideologische Fragen außen vor zu lassen.20
Es ist besonders auffallend, dass Goebbels alle 24 Aufsätze des Jahres
1939 für den ‚Völkischen Beobachter‘ in der Zeit von Januar bis Mitte
Juli veröffentlichte. In diesen Aufsätzen befasste er sich mit allen wich-
tigen außenpolitischen Themen: in Rundumschlägen hetzte er gegen die
Tschechoslowakei, Großbritannien, Polen, am Rande auch gegen die
Sowjetunion, befasste sich aber auch mit dem deutsch-italienischen
Bündnis und dem Spanischen Bürgerkrieg.21 Ab Mitte Juli ist jedoch
sein Schweigen nicht zu übersehen: im August druckte der ‚Völkische
Beobachter‘ nur eine Rede von ihm ab, in der von einem deutsch-
sowjetischen Pakt allerdings noch keine Rede war. Von September bis
Dezember wurden nur drei Reden von Joseph Goebbels abgedruckt, in
denen er sich allerdings nicht mit der Sowjetunion, sondern mit der
Hetze gegen Großbritannien befasste. Goebbels, und dies ist das eigent-
lich Bemerkenswerte, erwähnte den deutsch-sowjetischen Pakt im
‚Völkischen Beobachter‘ im Jahr 1939 mit keinem Wort.22

18
Goebbels (1998), Bd.7, S. 75, Tagebucheintrag vom 24.8.1939.
19
So schrieb er am 9. September 1939: „Filme geprüft: Ritters ‚Legion Condor‘, 2
Akte. Sehr gut geworden. Leider aber wegen der stark antibolschewistischen Ten-
denz augenblicklich nicht zu gebrauchen. Ich lasse alles mal zurückstellen.“ Goe-
bbels (1998), Bd.7, S. 98. Unmissverständlich glaubte Goebbels daran, dass er das
antibolschewistische Filmmaterial noch einmal verwenden könnte, das heißt, er
glaubte nicht an die Dauerhaftigkeit des deutsch-sowjetischen Paktes.
20
Bereits am 14. September 1939 schrieb er: „Ich stoppe die plumpe Anbiederung
an Moskau etwas ab. Da tuen [sic] unsere Zeitungen, vor allem die von der Partei
des Guten etwas zu viel.“ Goebbels (1998), Bd.7, S. 104, Tagebucheintrag vom
14.9.1939.
21
Siehe unter anderem: [Joseph] Goebbels: Krieg in Sicht? VB, NA, 25.2.1939,
S. 1.; [Joseph] Goebbels: Der Insulaner und die Spanienfrage, VB, NA, 4.3.1939,
S. 1; [Joseph] Goebbels: Quo vadis Polonia? VB, NA, 5.5.1939, S. 1.
22
Siehe Anhang C.
BETEILIGTE 57

c) Alfred Rosenberg

Alfred Rosenberg wiederum, einer der führenden Ideologen des Nati-


onalsozialismus, hatte die russische Revolution in Moskau als Student
miterlebt (auch wenn er den entscheidenden Herbst und Winter
1917/18 auf der Krim verbrachte23) und war seitdem ein überzeugter,
radikaler und kompromissloser Antibolschewist. Er ist in mehrfacher
Hinsicht für diese Arbeit bedeutsam: einerseits, weil er ein Russland-
kenner war und andererseits, weil er als ehemaliger Chefredakteur (bis
1938) und im Jahre 1939 als Herausgeber des ‚Völkischen Beobach-
ters‘ immer noch einen großen Einfluss auf die grundsätzliche inhaltli-
che und ideologische Ausrichtung des ‚Völkischen Beobachters‘ hatte.
Insbesondere seinen Einfluss auf die Russlandberichterstattung sollte
man nicht unterschätzen.24
Rosenbergs Haltung zur Sowjetunion, bzw. zu Russland, wie er sie in
seinem Hauptwerk, dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“, beschrieb, war
geprägt von seinem extremen Rassismus und Antibolschewismus. Er
betrachtete die Russen mit Herablassung und hielt sie gegenüber dem
„nordisch-germanischen Typus“, zu dem er sich selbst als in Reval ge-
borener „Baltendeutscher“ zählte, unterlegen. Rosenberg war auch ra-
dikaler Antisemit: ebenso wie Hitler hielt er die russische Revolution
für das Werk des „internationalen Judentums“, das die germanische
Führungsschicht beseitigt habe. Seine Haltung, die somit vollkommen
eindeutig erscheint, war jedoch in Wirklichkeit vollkommen konfus:
So hielt Rosenberg nicht viel vom Lebensraumgedanken, wie Hitler
ihn vertrat (oder hatte diesen nicht in seiner ganzen Tragweite verstan-
den). Er stellte in seinem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ lediglich un-

23
Piper (2005), S. 26.
24
Vgl. Piper (2005), S. 11ff. Piper argumentiert, dass Rosenbergs Einfluss häufig
unterschätzt worden sei, obwohl er insbesondere in ideologischen Fragen, aber
auch in der Presseberichterstattung immer einen großen Einfluss behielt. Im Um-
kreis Hitlers seien ihm nur Goebbels und Himmler an Wirkungsmacht gleichge-
kommen.
58 UMSETZUNG DER ZIELE

bestimmt fest, die Sowjetunion könne getrost ihrem „Rassenchaos“


überlassen bleiben, wobei „Tataro-Kalmücken wie Lenin, Juden wie
Trotzki und Kaukasier wie Stalin abwechselnd zur Herrschaft gelan-
gen“ könnten25, gleichzeitig jedoch sehnte er den Kampf gegen den
„jüdischen Bolschewismus“ und die Eroberung von Lebensraum her-
bei. Die Slawen waren seiner Meinung nach zwar den „nordischen Ras-
sen“ unterlegen, aber sie seien doch fähig zu großen Kulturleistungen.
So war er fasziniert von der russischen Literatur und erklärte sich diese
Leistungen mit der Schaffenskraft von Slawen unter germanischer
Herrschaft.26 Trotz dieser „großen Konfusion“27 sollte man eines nicht
unterschätzen: Rosenbergs fanatischen Antisemitismus und Hass auf
den „jüdischen Bolschewismus“, weshalb gerade für ihn der deutsch-
sowjetische Pakt und die de-facto-Abtretung der baltischen Staaten an
die Sowjetunion kaum hinnehmbar war.28
Im Jahre 1939 veröffentlichte Rosenberg zehn Aufsätze und Reden
im ‚Völkischen Beobachter‘. Hiervon stammen drei Aufsätze und drei
Reden aus der Zeit vor der Entlassung Maksim Litvinovs (Januar bis
Anfang Mai), ein Artikel aus der Übergangsphase von Mai bis August
und ein Aufsatz und zwei Reden aus der Zeit nach Unterzeichnung des
deutsch-sowjetischen Paktes. In keiner dieser Wortmeldungen befasste
er sich direkt mit der Sowjetunion, sondern vielmehr mit Themen wie
dem „Jahrestag der nationalsozialistischen Revolution“29 oder einer

25
Rosenberg (1934), S. 642ff. Rosenberg verkündete an dieser Stelle auch, die
Losung der Zukunft sei ein nordisches Europa mit einem starken deutschen Mit-
teleuropa. Auch für den „so genannten ‚östlichen Geist‘“, der sich in Deutschland
ausgebreitet habe, kannte er nur Verachtung.
26
Cecil (1972), S. 164f.
27
„Rosenbergs Versuch, eine verbindliche ‚nationalsozialistische Weltanschau-
ung‘ zu formulieren, [endete] in vollständiger Konfusion.“ Koenen (2005), S. 413.
28
Seinem Unmut machte er jedoch nur in seinem Tagebuch Luft, indem er rheto-
risch fragte: „Wie können wir noch von der Rettung und Gestaltung Europas spre-
chen, wenn wir den Zerstörer Europas um Hilfe bitten müssen?“ Rosenberg
(1956), S. 93, Tagebucheintrag vom 23.8.1939.
29
Alfred Rosenberg: Der 6. Jahrestag der nationalsozialistischen Revolution, VB,
NA, 29.1.1939, S. 1.
BETEILIGTE 59

„Abrechnung mit dem Weltliberalismus“30. Nach dem Pakt veröffent-


lichte er zwar einen wichtigen Aufsatz und eine Rede über die „Balti-
sche Heimkehr“, vermied es jedoch, direkt auf die deutsch-sowjetische
Zusammenarbeit einzugehen.31 Der einzige Hinweis auf das, was er in
Wahrheit dachte, war seine Behauptung, dass die „alte Aufgabe, ein
deutsches Bollwerk mitschaffen zu helfen [...] wieder von allen Balten
Besitz ergreifen“ müsse.32 Er sprach nicht aus, gegen wen sich dieses
Bollwerk richten solle, aus seinen weiteren Ausführungen wird dies
aber hinreichend deutlich. Dieses beredte Schweigen nach dem Pakt
zeigt, wie wenig einverstanden er diesmal mit Hitlers Politik war; es
zeigt aber auch seine Bereitschaft, für das nationalsozialistische Re-
gime zu arbeiten, ganz gleichgültig wie sehr es gegen seine eigenen
Glaubenssätze verstieß.

3.2.2. Redaktionsebene

a) Theodor Seibert

Der einzige Russlandkenner, der auch 1939 noch aktiv in der Redak-
tion des ‚Völkischen Beobachters‘ mitarbeitete, dürfte der Leiter des
außenpolitischen Ressorts, Theodor Seibert, gewesen sein.33 Geboren
im Jahr 1896 war er 1925 von den ‚Münchner Neusten Nachrichten’,
dem ‚Hamburger Fremdenblatt‘ und den ‚Leipziger Neuesten Nach-
richten’ nach Moskau entsandt worden, um zu überprüfen, ob sich die

30
Alfred Rosenberg: Abrechnung mit dem Weltliberalismus. Rosenbergs Rede
vor den Sudetendeutschen, VB, NA, 3.4.1939, S. 2.
31
Alfred Rosenberg: Baltische Heimkehr, VB, NA, 19.10.1939, S. 1; N.N.: Ro-
senberg über das Baltendeutschtum. Ein Vortrag im Volksdeutschen Klub, VB,
NA, 3.12.1939, S. 2.
32
Ebd.
33
Sywottek (1976), S. 207; Vagts (1993), S. 67.
60 UMSETZUNG DER ZIELE

Zensur gelockert habe und sich die dauerhafte Entsendung eines Kor-
respondenten lohnen könnte.34 Er blieb dann selbst drei Jahre in Mos-
kau (Frühjahr 1926 bis 1929), arbeitete als Korrespondent und unter-
nahm mehrere Reisen.35 Auch dank seiner Russischkenntnisse bekam
er einen tiefen Einblick in den Zustand der UdSSR. Im Gegensatz zu
Alfred Rosenberg, der Sankt Petersburg und Moskau während des
Krieges und der Revolution kennengelernt hatte und damals seinen
Hass auf den Bolschewismus entwickelt hatte, erlebte Seibert das Ende
der relativ liberalen und wirtschaftlich stabilen Zeit der ‚Neuen Öko-
nomischen Politik‘, gleichzeitig aber auch die Festigung der Macht Sta-
lins und den Beginn der Zwangskollektivierungen. Sein Bild von der
Sowjetunion, wie es in den damaligen Berichten sich offenbart, war
zwiegespalten: Einerseits versuchte er durchaus positive Aspekte zu su-
chen und zu finden, anderseits empfand er die stalinsche Herrschaft als
brutal, despotisch und unterdrückerisch.36
Seibert veröffentlichte nach seiner Rückkehr ein Buch unter dem Ti-
tel: „Das Rote Russland“, in dem er, wie er selbst sagte, einen Versuch
unternahm, das „offizielle Russlandbild als einseitig und oberflächlich“
zu disqualifizieren. Denn unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise

34
Seibert (1931), S. 9.
35
Laut Hans Hecker war es für Journalisten in den zwanziger Jahren durchaus
noch möglich, in der Sowjetunion zu reisen, ohne mit größeren Behinderungen
rechnen zu müssen. Hecker (1974), S. 60.
36
Walter Laqueur bezeichnet Seiberts Berichte als „im allgemeinen nicht unfair.“
Laqueur (1966), S. 158. Diesem Urteil kann man sich aufgrund von Stichproben
aus dem Jahr 1928 anschließen. Siehe z.B. die neutralen Berichte Seiberts über
das heikle Thema der Prozesse gegen die sowjetische Opposition und die Land-
verschickung im Jahr 1928: [Theodor] S[eibert]: Die Verschickung der russischen
Opposition. Amtliche Begründung, ‚Hamburger Fremdenblatt‘, 19.1.1928, S. 1;
[Theodor] Seibert: Die Moskauer „Sensation“, ‚Hamburger Fremdenblatt‘,
20.1.1928, S. 1. Zunächst meinte Seibert sogar noch, die sowjetischen Gerichte
würden „nicht unobjektiv“ geleitet, im Juni, kurz vor seiner Abreise aus Moskau
sprach er jedoch auch bei Gelegenheit von „Inquisitionsmethoden“, die mittler-
weile in Moskau angewendet würden: S[eibert]: Rußlands gefährlicher Weg,
‚Hamburger Fremdenblatt‘, 1.6.1928, S. 1.
BETEILIGTE 61

wollte er der „despotischen Staatsform Rußlands“37 nicht jegliche Be-


rechtigung absprechen.38 Auf seiner Suche nach einer Alternative zum
„Kapitalismus“ erlag er gleichzeitig einer gewissen Faszination für den
italienischen Faschismus, mit dem er das „Sowjetsystem“ immer wie-
der verglich. Das Rätesystem, das „für russische Verhältnisse so geeig-
net“ erscheine, ähnele durchaus den „westeuropäischen Ideen von ei-
nem berufsständischen Repräsentativsystem und dem Korporationen-
Staat des faschistischen Italien“39, so schrieb er. Der brutale und in vie-
lerlei Hinsicht „verbrecherische“ Bolschewismus behauptete er, sei
zwar nicht für Westeuropa, aber doch für russische Verhältnisse und
den besonderen Charakter des russischen Volkes geeignet.40 Auch
glaubte er zu erkennen, dass die Revolution neue Kräfte geweckt habe;
sich offensichtlich auf Arthur Moeller van den Bruck beziehend be-
hauptete er, ein „Jungrussland“ sei im Entstehen. Denn: die Bolschewi-
ki hätten Rußland geweckt.41 Seibert vermischte, dabei in die Nähe des

37
Seibert (1931), S. 274: „Russlands Staatsform ist despotisch, wie der Staat der
Romanows despotisch war“.
38
Siehe z.B. folgendes Zitat: „Europa wird das unwürdige Joch des Bolschewis-
mus vielleicht nur vermeiden können, wenn es ihm eine bessere und schönere
Ordnung entgegenzustellen vermag. Auch die Grundlagen unserer Ordnung sind
sehr fragwürdig geworden, vor allem die wirtschaftlichen.“ Seibert (1931), S. 287.
Positive Aspekte konnte er vor allem dem Sozialsystem abgewinnen: „Mit Ener-
gie haben die Bolschewiki [...] die Ansätze einer Sozialpolitik geschaffen.“ Ebd.
S. 276.
39
Seibert (1931), S. 281.
40
Ebd.
41
„Heute ist die städtische Jugend, und zwar in noch steigendem Maße, die beste
Stütze des Regimes [...]. Morgen wird sie, ebenso wie die faschistische Jugend Ita-
liens, nicht darauf verzichten, ihr Leben und ihren Staat so einzurichten, wie es ih-
rem Ermessen entspricht. Die Gefühle dieses kommenden Jungrußlands werden
nicht die Gefühle der Gründer des Bolschewismus sein. [...] Denn: die Bolschewi-
ki haben Rußland geweckt.“ Seibert (1931), S. 275. Vgl. mit van den Bruck
(1932), S. 72f: „Jedes Volk hat seinen eigenen Sozialismus. Die Russen haben
dies wahrgemacht. In Rußland entstand aus dem russischen Sozialismus der Revo-
lution das neue Soldatentum der Sowjetmacht. [...] Der russische Mensch hat die
Autokratie des Sozialismus selbst gewollt. Deshalb folgte er ihr. Bolschewismus
war russisch. Und nur russisch.“
62 UMSETZUNG DER ZIELE

Nationalbolschewismus geratend42, konservativ-autoritäre mit sozialis-


tischen, völkisch-rassistischen und faschistischen Ideen, die in ihrer
Kombination seine politische Einstellung als unbestimmt und wenig ge-
festigt erscheinen lassen. Seibert befand sich noch auf der Suche nach
einer Alternative zu dem von ihm verworfenen „entarteten Kapitalis-
mus“ und Liberalismus.
So verwundert es nicht, dass Seibert – obwohl sein Werk über die
Sowjetunion noch nicht als nationalsozialistisch zu bezeichnen ist, da
so wichtige Elemente wie Antisemitismus und bedenkenloser Antibol-
schewismus fehlten – in den dreißiger Jahren der Faszination des Nati-
onalsozialismus erlag. Bereits kurz nach der Machtübernahme ging er
nach London, um dort als Londoner Vertreter des Zentralverlages der
NSDAP zu arbeiten.43 Nach seiner Rückkehr aus London wurde Seibert
Mitarbeiter des ‚Völkischen Beobachters‘ und stieg bald zum Leiter des
Auslandsressorts auf. Deutlich wird seine Wandlung zum Nationalsozi-
alisten in folgendem Zitat aus einem Kommentar im ‚Völkischen Be-
obachter‘ zu Ostern 1939, in dem er versuchte, seinen neuen Antisemi-
tismus mit seiner alten Haltung gegenüber der Sowjetunion in Einklang
zu bringen:

42
Ernst Niekisch, der führende deutsche Nationalbolschewist, meinte beispiels-
weise zur Verbindung von Bolschewismus und Faschismus: „Die innere geistige
Struktur teilt der Faschismus mit dem Bolschewismus“ Zitiert nach: Suhr (2006),
S. 53.
43
Seibert veröffentlichte über die Zeit, die er in Großbritannien verbrachte, zwei
Bücher, die jetzt auch zahlreiche antisemitische, aufgrund des Themas jedoch kei-
ne antibolschewistischen Äußerungen enthielten. Vgl.: Seibert, Theodor u.a.
(Hrsg.): Probleme Britischer Reichs- und Außenpolitik, Berlin 1939 und ders.:
Wie sieht uns der Engländer? Berlin 1941 (= Schriftenreihe der NSDAP, Gruppe
5: Das ist England!) An dem 1939 veröffentlichten antibritischen Machwerk fällt
auf, mit welcher Vorsicht die Autoren und insbesondere Seibert, das Thema
„Sowjetunion“ behandelten. Vermutlich wurde es noch vor der Unterzeichnung
des Paktes veröffentlicht, aber bereits in der Phase erster englisch-sowjetischer
Annäherung. Auch in dem 1941 veröffentlichten schmalen Band über die deutsch-
englischen Beziehungen umging Seibert das Thema Sowjetunion einfach.
BETEILIGTE 63

Gewiß, England und USA, Frankreich und die Sowjetunion sind


Staatsgebilde, die nach völlig verschiedenen rassischen und geopoliti-
schen Gesetzen leben. Ihnen gemeinsam ist aber die Verhaftung in die
Ideen und Formen des Judäo-Liberalismus. Denn auch der Bolsche-
wismus fußt ideologisch und triebhaft gänzlich im Materialismus der
sterbenden Epoche. Auch aus der russischen Revolution hätte eine jun-
ge Volksbewegung entstehen können – und vielleicht wird sie einst ent-
stehen – wenn Lenin und nach ihm Stalin nicht in den ostjüdischen
Sumpf versunken wären.44
Bemerkenswert ist hieran, dass Seibert der Sowjetunion noch eine
Chance gab, eine „junge Volksbewegung“ hervorzubringen, wie er sie
in Deutschland, Italien und neuerdings auch Spanien verwirklicht zu
sehen glaubte. Seine Anspielung auf den „ostjüdischen Sumpf“, in den
Stalin und Lenin versunken seien, klang somit weniger überzeugend
und bedrohlich als beispielsweise bei Hitler, der behauptete, das „russi-
sche Volk“ werde sich nie selbst vom „jüdischen Joch“ befreien kön-
nen. Andererseits ist nicht zu bestreiten, dass Seiberts Haltung in ihrem
offenkundigen Antisemitismus vollkommen ideologiekonform war und
seitens des Regimes keinen Anstoß erregt haben dürfte.
Seibert war im Jahre 1939 mit insgesamt 82 außenpolitischen Aufsät-
zen auf der ersten Seite des ‚Völkischen Beobachters‘ (davon allein 49
in der Zeit von August bis Dezember) mit Abstand der wichtigste
Kommentator des ‚Völkischen Beobachters‘ und schien geradezu vor-
herbestimmt, den deutsch-sowjetischen Pakt zu begründen und ideolo-
gisch-weltanschaulich einzuordnen. Es verwundert auch nicht, dass er,
wie unten noch ausführlich zu beschreiben sein wird, sein nationalbol-
schewistisches Gedankengut wieder hervorholte und die Sowjetunion
nun als das „Jungrussland“ präsentierte, dessen Entstehung er immer
prophezeit hatte. In dieses Bild der neu aufflammenden Faszination für
die Sowjetunion passt auch, dass Seibert nach dem Pakt plante, erneut
als Korrespondent nach Moskau zu gehen, um eine genauere Vorstel-

44
Theodor Seibert: Sieg der Jugend, VB, NA, 9./10.4.1939, S. 1-2.
64 UMSETZUNG DER ZIELE

lung von den dortigen Veränderungen seit seinem letzten Aufenthalt zu


bekommen.45 Vermutlich weil Seibert für die Redaktionsarbeit mittler-
weile zu wichtig geworden war, ging dieser Wunsch nicht in Erfüllung.
Stattdessen stieg er im Herbst 1939 zum Leiter der Berliner Redaktion
des ‚Völkischen Beobachters‘ auf. Es wäre interessant, seine „Wand-
lungen“ noch weiter zu verfolgen, denn bemerkenswerterweise erfolgte
sein nächster Karrieresprung im Oktober 1941, also nach dem deut-
schen Angriff auf die Sowjetunion: Seibert wurde ausgerechnet zu die-
sem Zeitpunkt stellvertretender Hauptschriftleiter des ‚Völkischen Be-
obachters‘. Offensichtlich hatte er sich auch hier loyal verhalten und
wurde vermutlich für seine bedingungslose Unterstützung aller Aben-
teuer der deutschen Politik belohnt.46

b) Harald Siewert

Es gab außer Theodor Seibert noch eine Reihe weiterer Kommentato-


ren in der Redaktion des ‚Völkischen Beobachters‘, die sich im Gegen-
satz zu dem in dieser Frage eher zurückhaltenden Seibert mit antibol-
schewistischen Äußerungen besonders hervortaten und deshalb kurz
vorgestellt werden: In der antisowjetischen Propaganda mit Berichten
über die angebliche Unterdrückung des russischen Volkes durch Juden
tat sich der Deutschbalte und langjährige Vertraute Alfred Rosenbergs,
Harald Siewert,47 hervor, der allerdings nicht direkt für den ‚Völki-
schen Beobachter‘ sondern für die Abteilung Osten (bzw. ab 1939 das
Amt Osten) des Außenpolitischen Amtes (APA) der NSDAP unter Alf-
red Rosenberg und als gleichzeitiger Herausgeber der Zeitschrift
„Deutsche Post aus dem Osten“48 arbeitete. Laut Ingeborg Fleischhauer

45
Müller (1983), S. 94
46
Ebd.
47
Piper (2005), S. 59.
48
Siegert (2001), S. 62f.
BETEILIGTE 65

war er dort zuständig für die „Propaganda der Verschwörungstheorie


gegen das deutsche Volk“49 und seine insgesamt nicht sehr zahlreichen
Artikel für den ‚Völkischen Beobachter‘ über die Sowjetunion waren
dementsprechend stark antisemitisch gefärbt.
Dass Siewert sich nicht sogleich mit dem Pakt und der neuen propa-
gandistischen Linie abfand, zeigt sich an der Zahl der Artikel, die er
veröffentlichte: von Jahresbeginn bis zur Entlassung Litvinovs insge-
samt acht Artikel (alle über die inneren Entwicklungen der Sowjetunion
und die angebliche Ausbeutung des russischen Volkes durch Juden),
vom 5. Mai bis 23. August nur noch einen kurzen Kommentar unter
dem Titel „Wer ist Molotow?“, in dem er den neuen Außenkommissar
der Sowjetunion vorstellte und ausdrücklich hervorhob, dieser sei „kein
Jude“.50 Nach dem Pakt veröffentlichte er nur noch zwei Kommentare
über die Sowjetunion, er versuchte also, sich möglichst wenig mit die-
sem Thema zu befassen.
In seiner ersten Wortmeldung nach Abschluss des Nichtangriffspak-
tes am 28. September – also mehr als einen Monat nach Abschluss des
Paktes – versuchte er aus Anlass des zweiten Besuches des Außenmi-
nisters Joachim von Ribbentrop in Moskau, die neue Situation aus sei-
ner Sicht einzuordnen. Deutlicher als Theodor Seibert betonte er die
ideologischen Unterschiede, unter anderem, indem er Hermann Göring
zitierte: „Wir machen unseren Nationalsozialismus, die machen ihren
Kommunismus. Da wollen wir uns gegenseitig nicht hineinmischen. Im
übrigen sind wir zwei große Völker, die miteinander Frieden haben
wollen...“51 Unmissverständlich distanzierte er sich so vom Bolsche-
wismus, wagte es aber nicht, den Pakt zu kritisieren, dem er angesichts
der Gefahr der „Einkreisung“ und der angeblichen englischen „Kriegs-
hetze“ durchaus positive Aspekte abgewinnen konnte. In zwei weiteren

49
Fleischhauer (1983), S. 48.
50
H[arald] S[iewert].: Wer ist Molotow?, VB, NA, 6.5.1939, S. 1.
51
Harald Siewert: Deutsch-sowjetrussische Wandlungen, in: VB, NA, 28.9.1939,
S. 1.
66 UMSETZUNG DER ZIELE

Kommentaren im Oktober 1939 befasste er sich zunächst mit dem Tod


Joseph Pilsudskis, der zu einem Wandel in Polen und letztlich in den
Krieg geführt habe, und zuletzt mit der Geschichte der britisch-
russischen Beziehungen im Ersten Weltkrieg.52 Siewert verschanzte
sich also in der Historie und vermied es dabei peinlich, seine Meinung
über das nachrevolutionäre Russland durchscheinen zu lassen. Denn
über sein eigentliches Thema, den inneren Zustand der Sowjetunion,
der in seiner Sicht vermutlich unverändert war, veröffentlichte er nach
dem Pakt im ‚Völkischen Beobachter‘ nichts mehr.53

c) Wilhelm Koppen

In der außenpolitischen Bündnispropaganda, bzw. Antikominternpro-


paganda tat sich bis Mai 1939 besonders der sehr vielseitige Kommen-
tator Wilhelm Koppen hervor. Bei ihm fällt im Jahre 1939 einerseits die
scharf antikommunistische und antisemitische Haltung auf, andererseits
das Schweigen nach dem Paktabschluss. Er veröffentlichte im Jahr
1939 insgesamt 58 außenpolitische Kommentare auf der ersten Seite
des ‚Völkischen Beobachters‘, wobei ihm scheinbar jedes Thema recht
war. Er berichtete unter anderem über die Außenpolitik der USA, über
die Tschechoslowakei, den ‚Spanischen Bürgerkrieg‘, die Beitritte Un-
garns und Mandschukuos zum Antikominternabkommen, die so ge-
nannte „Einkreisung“, den deutsch-italienischen „Stahlpakt“, beteiligte
sich an der Hetze gegen Polen und veröffentlichte einige antisemitische
Hetzartikel im hinteren Teil des ‚Völkischen Beobachters‘.54 Während

52
Siewert, Harald: Pilsudskis zweiter Tod, VB, NA, 8.10.1939, S. 1; H[arald]
Siewert: Wie England Rußland im Weltkrieg betrog, VB, NA, 30.10.1939, S. 2.
53
Siehe Anhang C.
54
Um nur drei besonders notorische Beispiele für antibolschewistische, antipolni-
sche und antisemitische Hetze aus der Feder Wilhelm Koppens zu nennen: Wil-
helm Koppen: Kampf der Weltpest, VB, NA, 15.1.1939, S. 1; Wilhelm Koppen:
Ist Polen eine Großmacht? Amtliche polnische Statistik gibt die Antwort, VB,
BETEILIGTE 67

er sich sonst für keine Propagandaaktion zu schade war, hatte er nichts


zum deutsch-sowjetischen Pakt zu sagen, den er in seinen Kommenta-
ren einfach überging. Einzig in einem Jahresrückblick kam er nicht
umhin, auch die deutsch-sowjetische „Zeitenwende“ zu erwähnen. Er
würdigte den Pakt jedoch nur in einem Satz als Zerschlagung der „Ein-
kreisung“. So vermied er es, den Pakt auch als tatsächliche Änderung
der deutschen und seiner eigenen Einstellung gegenüber der Sowjetuni-
on einzuordnen und distanzierte sich indirekt von allen Elogen auf die
deutsch-sowjetische Freundschaft beispielsweise in den Kommentaren
eines Theodor Seibert.55

NA, 20.8.1939, S. 1; W[ilhelm] Koppen: Judenviertel Europas, VB, NA, 7.8.1939,


S. 7.
55
Wilhelm Koppen: Zeitenwende 1939, VB, NA, S. 4.
68 UMSETZUNG DER ZIELE

3.2.3. Korrespondenten

Ein Problem der Berichterstattung über die Sowjetunion war, dass der
‚Völkische Beobachter‘ über keinen eigenen Korrespondenten in Mos-
kau verfügte.56 Der ‚Völkische Beobachter‘ war deshalb auf Berichte
aus zweiter Hand angewiesen. Dies könnten angesichts des generellen
Mangels an zuverlässigen Informationen neben dem, was in der Presse-
konferenz und durch offizielle Kanäle zu erfahren war, durchaus auch
die Berichte der einzigen deutschen Korrespondenten in Moskau, Her-
mann Pörzgen von der ‚Frankfurter Zeitung‘57 und seiner Ehefrau, Gi-
sela Pörzgen-Dohrn, die für verschiedene deutsche Zeitungen schrieb58,
gewesen sein (was der ‚Völkische Beobachter‘ vermutlich niemals ein-
gestanden hätte). Andere wichtige Quellen waren die britische, franzö-
sische, polnische und sowjetische Presse, was sich im ‚Völkischen Be-
obachter‘ recht gut nachvollziehen lässt, da die Korrespondenten ange-

56
Vagts (1993), S. 19f. Obwohl der ‚Völkische Beobachter‘ vor 1939 über keinen
eigenen Berichterstatter in Moskau verfügte, gab es einige Artikel, die angeblich
vom „Eigenen Berichterstatter aus Moskau“ stammten. Während jedoch bei allen
anderen Korrespondentenberichten jeweils mindestens ein Kürzel des Autors ge-
nannt wurde, begnügte sich der ‚Völkische Beobachter‘ bei den „Korresponden-
tenberichten aus Moskau“ mit einem dubiosen Kürzel „xyz“ oder ließ dieses ganz
weg. Zudem meldete sich der „Berichterstatter aus Moskau“ innerhalb des gesam-
ten betrachteten Zeitraumes nur drei Mal. Die angeblichen Korrespondentenbe-
richte könnten demnach von dem „Berichterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘“
in Warschau oder auch in Helsinki stammen, die beide gelegentlich aus der Sow-
jetunion berichteten, meist aus zweiter Hand: ihnen lagen die wichtigsten sowjeti-
schen Zeitungen vor und sie bezogen sich auch auf eigene Informanten. Möglich
ist auch, dass es sich, wie in den zwanziger Jahren in der Hugenberg-Presse üb-
lich, um von russischen Emigranten gefälschte Sensationsmeldungen handelte, die
als russische Originalberichte ausgegeben wurden. Müller 1983, S. 49ff.
57
Vagts (1993), S. 19.
58
Jockheck (2006), S. 110; Vagts (1993), S. 18.
BETEILIGTE 69

wiesen waren, die jeweilige Quelle in ihren Artikeln über die Sowjet-
union immer anzugeben.59
Der Warschauer Korrespondent des ‚Völkischen Beobachters‘ werte-
te regelmäßig die sowjetische Presse aus und pflegte dabei zu Beginn
des Jahres 1939 einen entschieden polemisch-antibolschewistischen
Tonfall. In der Tendenz ähnlich, wenn auch eher gegen die angeblichen
jüdisch-kommunistisch-bolschewistisch-demokratischen(-usw.) Ver-
schwörungen in Frankreich (und nur indirekt gegen die Sowjetunion)
gerichtet, waren die Berichte des Pariser Korrespondenten des ‚Völki-
schen Beobachter‘ gehalten. Er stützte seine Polemik dabei größtenteils
auf eine einseitige Auswertung der französischen Presse, in der auch
die englisch-französisch-sowjetischen Paktverhandlungen des Jahres
1939 ausführlich kommentiert wurden.
Am ausführlichsten berichtete jedoch der Londoner Berichterstatter
des ‚Völkischen Beobachters‘, Theodor Böttiger, über die britisch-
sowjetischen Paktverhandlungen. Böttiger war 1936 als Pressereferent
Joachim von Ribbentrops nach London gegangen und war nach dessen
Berufung zum Reichsaußenminister als Korrespondent des ‚Völkischen
Beobachters‘ dort geblieben.60 Die Lektüre seiner Berichte für den
‚Völkischen Beobachter‘ im turbulenten Jahr 1939 lässt vermuten, dass
er die bekannte Abneigung seines ehemaligen Vorgesetzten, von Rib-
bentrop, für Großbritannien teilte: Durchgängig polemisierte er gegen
die „verbrecherischen Politiker in London“61, die sich mit der Sowjet-

59
PA, Nr. 325, ZSg. 102/4/85/77 (8), 6.2.1937: „Für Meldungen über alle Vor-
gänge in Sowjetrußland [muss] immer unbedingt genau die Quelle, die ja meist
eine ausländische Zeitung sei“ angegeben werden.
60
Longerich (1987), S. 315. Böttiger war 1903 in La Paz geboren, hatte Geschich-
te und Staatswissenschaft studiert und war danach Pressereferent bei Ribbentrop
geworden. Böttiger veröffentlichte zwei Bücher: Führer der Völker, Berlin 1935
und Engländer. Gestalten aus dem Alltag einer müden Nation, Berlin 1941.
61
Siehe u.a.: Theodor Böttiger: Betrogenes Britenvolk, VB, NA, 13.9.1939, S. 2.
In diesem in Den Haag, nach seiner Ausweisung aus London geschriebenen Arti-
kel fasste Böttiger seine Ansichten noch einmal zusammen. Er zeigte dabei zwar
70 UMSETZUNG DER ZIELE

union einließen, um Deutschland „einzukreisen“. Die Vorgänge in der


Sowjetunion interessierten ihn nur dann, wenn sie seine Urteile über
Großbritannien bestätigten.62 Wenn Böttiger etwas über die Sowjetuni-
on schrieb, bezog er seine Informationen aus der Londoner Hauptstadt-
presse, die durch vielfältige Indiskretionen damals über die Absichten
und Pläne meist hervorragend informiert war.63 Die Berichterstattung
über die „Einkreisung“ übernahm größtenteils Böttiger: Von insgesamt
407 Artikeln über die sowjetisch-englisch-französischen Verhandlun-
gen, über die britischen Garantien für Polen, Rumänien und Griechen-
land stammten 122, d.h. circa 30% aus London.64 Nach Kriegsbeginn
musste Böttiger England verlassen und berichtete danach aus Den
Haag.
Gerade die für die Berichterstattung über die internationalen Bezie-
hungen der Sowjetunion im Jahre 1939 so wichtigen Korrespondenten
hielten sich nicht immer an die – in der Phase der englisch-französisch-
sowjetischen Verhandlungen sehr zahlreichen – Presseanweisungen.
Vermutlich lag dies nicht daran, dass sie grundsätzlich abweichende
Meinungen vertraten, sondern daran, dass sie schlecht über die aktuel-
len Launen der Regierung informiert waren. Die Redakteure in Berlin,
die die Korrespondentenberichte noch einmal überarbeiteten, setzten
die Anweisungen zwar meist in den Überschriften um, im Text sind
hingegen auch nach der Entlassung Litvinovs und der Mahnung zur Zu-
rückhaltung in der Polemik gegen die Sowjetunion, auffallend häufig
antibolschewistische Untertöne und andere Unstimmigkeiten zu fin-
den.65 Auch in der Berichterstattung über die britisch-sowjetischen

Sympathien für das „britische Volk“, das jedoch von einer angeblich jüdisch un-
terwanderten, „verbrecherischen“ Regierung betrogen werde.
62
Siehe Abschnitte 3.3.1.e) und 3.3.2.e).
63
Die Londoner Hauptstadtpresse war immer so gut informiert, dass sie die briti-
sche Garantie für Polen bereits am 31. März ankündigte, obwohl diese noch nicht
einmal endgültig beschlossen war. Weber (1980), S. 68.
64
Siehe Quantifizierung im Anhang D.
65
Siehe unten, Abschnitt 3.3.2.e).
BETEILIGTE 71

Verhandlungen ließen sich die Anweisungen erst mit einiger Verzöge-


rung umsetzen.66

66
In der Pressekonferenz hieß es dazu, es sei „die Aufgabe der Hauptschriftleiter,
ihr Augenmerk ganz besonders auch auf die Berichterstattung der Korresponden-
ten zu richten und sie mit den Sprachregelungen in Einklang zu bringen.“ PA,
Nr.1007, ZSg 102/15/321/43 (1), 1.4.1939.
UMSETZUNG DER ZIELE

3.3. Anweisungen und Umsetzung

3.3.1. Januar bis Mai 1939: Die Propaganda bis zur Entlassung Maksim
Litvinovs

a) Vom Regime zum ‚Völkischen Beobachter‘:


antibolschewistischer Gleichklang

Von Januar bis Mai, das heißt vor der Entscheidung Joseph Stalins,
seinen Außenkommissar Maksim Litvinov zu entlassen, war in der
Propaganda alles eindeutig und bestimmt: Die Sowjetunion war der
Feind Deutschlands schlechthin. Der ‚Völkische Beobachter‘ propa-
gierte das Feindbild mit Vehemenz und dürfte damit ganz auf einer Li-
nie mit den Presseanweisungen gelegen haben1 und mit dem, was al-
lenthalben den Reden der Politiker zu entnehmen war.2

1
Siehe beispielsweise die Anweisung zur Kommentierung des XVIII. Parteitages
der KPdSU, dieser laufe auf „eine noch festere Verankerung der Stalin-
Kaganowitsch-Clique hinaus.“ PA, Nr.775, ZSg. 101/12/72/Nr.300, 13.3.1939.
Oder zu den in der Sowjetunion lebenden Juden: PA, Nr. 1060, ZSg
101/12/103/Nr.301, 6.4.1939: „DNB wird in diesen Tagen Material über die fort-
schreitende Verjudung des Sowjet-Regierungsapparates den Zeitungen an die
Hand geben. Dieses Material soll beachtet werden.“ Insgesamt sind 21 Pressean-
weisungen über die Sowjetunion bis Anfang Mai überliefert, die allesamt keine
Anzeichen für eine Annäherung erkennen lassen. Vgl. PA, Bd. 7/III, S. 121f.
2
In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass die Behauptung, Hitler habe in
seiner Rede vom 30. Januar 1939 die Sowjetunion nicht angegriffen [so zum Bei-
spiel Fleischhauer (1990), S. 96 und Slutsch (1995), S. 76] nur insofern richtig ist,
als Hitler sich lange bei der Polemik gegen den Westen aufhielt und den „Bol-
schewismus“ nur sehr allgemein, ohne sich direkt gegen Stalin und die Sowjetuni-
on zu wenden, angriff. Ansonsten war seine Polemik gegen den „jüdischen Bol-
schewismus“ jedoch unvermindert heftig. Auch seine berüchtigte „Prophezeiung“
der Vernichtung der Juden im Falle eines Krieges in ebendieser Rede richtete sich
gegen die angeblichen Versuche der Juden, die Welt zu „bolschewisieren“, was er,
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 73

Die einzige Ausnahme in dem Schwall der Aufforderungen zur Hetze


gegen die Sowjetunion war eine Presseanweisung des Auswärtigen
Amtes vom 21. November 1938: „Über die Zustände und die mutmaß-
liche Politik in der Ukraine soll, wie schon kürzlich gebeten wurde,
nichts gebracht werden. [...] Aschmann bat dringend, mit Rücksicht auf
sehr wichtige außenpolitische Gründe sich an die Sprachregelung zu
halten.“3 Dies wurde damit begründet, dass Berichte über die Ukraine
als Beleg für deutsche Expansionspläne verwendet würden. Es ist im
Nachhinein nicht ganz eindeutig, ob diese Anweisung mit dem im
Herbst 1938 unternommenen, vermutlich erfolglosen Versuch des deut-
schen Botschafters in Moskau, in Berlin eine Mäßigung der Polemik zu
erreichen, in einem Zusammenhang zu sehen ist.4 Letztlich ist jedoch

Hitler, verhindern wolle. Vgl. Die Führerrede im Wortlaut, in: VB, NA,
31.1.1939. Auch in seiner Wilhelmshavener Rede am 1. April 1939 war noch die
Rede von einer „jüdisch-bolschewistischen Pest“. Vgl. Die Führerrede in Wil-
helmshaven im Wortlaut, in: VB, NA, 2.4.1939. Für eine Bereitschaft zur Annähe-
rung an die Sowjetunion gibt es bis Anfang April in den Reden Hitlers also zu-
mindest kein äußerliches Anzeichen.
3
Sänger (1975), S. 350.
4
Slutsch (1995), S. 77. Eine Übereinkunft zwischen Deutschland und der Sowjet-
union über die Pressepolitik zu diesem Zeitpunkt ist dokumentarisch nicht belegt.
Die Informationen über die Versuche des damaligen Botschafters, ein derartiges
Abkommen herbeizuführen, stammen ausschließlich aus Memoiren beteiligter
Diplomaten. Hilger/Meyer (1953), S. 288f und Herwarth (1992), S. 162. Die we-
nigen überlieferten Hinweise auf eine Übereinkunft oder auch ein „Gentleman’s
Agreement“ können lediglich bestätigen, dass Schulenburg in Berlin drängte, die
deutsche Polemik zu zügeln, nachdem ihm in Moskau von Litvinov mitgeteilt
worden war, dass die deutsche Seite den ersten Schritt in diese Richtung unter-
nehmen solle. Auf sowjetischer Seite waren laut Fleischhauer nach diesen Versu-
chen Schulenburgs bis in den Frühsommer „seltener werdende“ Proteste über
Verunglimpfungen führender sowjetischer Staatsmänner zu verzeichnen. Es lässt
sich jedoch weder in den Presseanweisungen noch in den Erinnerungen eines Fritz
Sänger, der täglich in der Pressekonferenz anwesend war, ein Hinweis darauf fin-
den, dass bereits zu diesem Zeitpunkt die Polemik zurückgefahren werden sollte.
Letzte Gewissheit darüber, ob eine Mäßigung erfolgte oder nicht, würde allerdings
nur der Vergleich der Intensität der Polemik gegen Ende des Jahres 1938 mit der-
jenigen im Frühjahr 1939 ergeben. Angesichts der heftigen antibolschewistischen
Polemik, die von Januar bis Februar 1939 immer noch im ‚Völkischen Beobach-
74 UMSETZUNG DER ZIELE

mit Blick auf den Kommunikationsprozess zwischen Regime, Medien


und Öffentlichkeit entscheidend, dass den Journalisten weisgemacht
wurde, die Anweisung zur Ukrainefrage hänge ausschließlich mit der
Angst vor einem deutschen Krieg zur Eroberung der Ukraine zusam-
men und habe nichts mit den hinter verschlossenen Türen unternom-
menen Versuchen des deutschen Botschafters von der Schulenburg zu
tun, eine politische Entspannung zwischen Deutschland und der Sow-
jetunion herbeizuführen. Wie übrigens zu sehen sein wird, hielt sich die
Redaktion des ‚Völkischen Beobachters‘ auch nicht vollständig an die
Anweisung zur Zurückhaltung in der Ukraineberichterstattung.

ter‘ vorzufinden war, ist allerdings anzunehmen, dass sich allenfalls an der Ten-
denz, nicht aber in der Substanz etwas veränderte. Siehe auch Fleischhauer (1990),
S. 69-73.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 75

b) Innere Entwicklung der Sowjetunion: Ende einer Kampagne

Von Januar bis April berichtete der ‚Völkische Beobachter‘ mit ins-
gesamt 81 Artikeln vergleichsweise ausführlich über den inneren Zu-
stand und die Entwicklungen in der Sowjetunion. Es fällt dabei zweier-
lei auf: Erstens die gleich bleibend stark antisemitische Tendenz der
Berichte, die sich besonders in der beinahe synonymen Verwendung
der Begriffe „bolschewistisch“ und „jüdisch“ ausdrückt, zwei Begriffe,
die scheinbar untrennbar zu dem Begriffspaar „jüdischer Bolschewis-
mus“ verschmolzen.5 Zweitens: Bemerkenswerter als die antisemitische
Stoßrichtung ist der deutliche Rückgang der Berichterstattung aus der
Sowjetunion ab Februar 1939; während die antisemitische Tendenz der
Berichte sich nicht änderte, wurde doch deutlich seltener aus der Sow-
jetunion berichtet.6
Für diesen Rückgang ist auf den ersten Blick kein besonderer Anlass
zu erkennen: Es ist, wie bereits erwähnt, keine Presseanweisung über-
liefert, in der Zurückhaltung verlangt worden wäre. Auch gab es für das
Ende der gezielt antibolschewistischen Kampagne scheinbar keinen
konkreten Anlass: die deutsch-sowjetischen Beziehungen waren bereits
seit einigen Jahren schlecht und es gab keine besonderen Veränderun-
gen im Januar oder Februar 1939.7 Die heftige Polemik zu Beginn des

5
Der Anteil der Artikel mit stark antisemitischer Tendenz hielt sich trotz des
Rückgangs der absoluten Zahlen der Artikel über die Sowjetunion von Januar bis
Ende April bei über 50%. Siehe Anhang B.
6
Siehe Anhang B.
7
Zwar nahm im Februar 1939 der Botschafter in Moskau, Friedrich von der
Schulenburg, die im vergangenen Jahr abgebrochenen Wirtschaftsgespräche wie-
der auf, doch dies bedeutete noch keine Änderung der grundsätzlichen Einstellung
gegenüber der UdSSR oder gar einen ersten Schritt auf dem Weg zum Nichtan-
griffspakt, der sich in der Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ hätte
niederschlagen müssen. Siehe Graml (1990), S. 249. Erstaunlich ist deshalb auch
eher die Heftigkeit, mit der der ‚Völkische Beobachter‘ gegen die Sowjetunion
auch auf den Titelseiten polemisierte, wo doch die antibolschewistische Kampag-
76 UMSETZUNG DER ZIELE

Jahres und der Rückgang im Februar lässt sich deshalb nur erklären,
wenn man sie als Teil der mit den Pogromen des Jahres 1938 einset-
zenden antisemitischen Pressekampagne versteht, die in der gesamten
deutschen Presse mit nie dagewesener Heftigkeit geführt wurde. Denn
diese Kampagne lief laut Peter Longerich spätestens im Februar des
Jahres 1939 in der gesamten deutschen Presse, also auch im ‚Völki-
schen Beobachter‘, aus.8 Die Redakteure des ‚Völkischen Beobachters‘
begriffen die Berichterstattung über die inneren Zustände und Entwick-
lungen der Sowjetunion vermutlich als Teil dieser antisemitischen
Kampagne, wobei es ihnen weniger darum ging, die Stimmung der Le-
ser gegen die Sowjetunion als vielmehr gegen „die Juden“ und „den jü-
dischen Bolschewismus“ aufzuhetzen. Somit erscheint es logisch, dass
mit dem Ende der antisemitischen Hetzkampagne des Winter 1938/39
im Februar 1939 auch eine Mäßigung der antibolschewistischen Pole-
mik eintrat.
Während sich bereits im Februar mit dem Ende der antisemitischen
Kampagne die Zahl der Artikel über die Sowjetunion verringerte, blieb
doch die Tendenz der seltener werdenden Berichte im gesamten Zeit-
raum von Januar bis Mai 1939 ebenso eindeutig wie einseitig: In der
Sowjetunion war dem ‚Völkischen Beobachter‘ zufolge alles schlecht.
Es regiere ein jüdisch unterwandertes9 terroristische Regime10, das die

ne vermutlich bereits in der österreichischen und tschechischen Krise des Jahres


1938 stark an Bedeutung verloren hatte. Vgl.: Walter Laqueur: „Als [...] die öster-
reichische und später die tschechische Krise ausbrachen [...] verschwand [die
Sowjetunion] fast vollständig aus den Reden und offiziellen Erklärungen.“
Laqueur (1966), S. 204.
8
Longerich führt den Rückgang der Polemik darauf zurück, dass das Regime er-
kannt habe, dass der Antisemitismus zunehmend unpopulär geworden sei. Denn:
„Die Juden in Deutschland – entrechtet, verarmt, vollkommen von der übrigen
Bevölkerung isoliert – ließen sich propagandistisch als Bedrohung kaum noch in-
strumentalisieren.“ Longerich (2006), S. 147.
9
Am ausführlichsten behandelte Karl Viererbl dieses Thema am 2. April 1939 im
‚Völkischen Beobachter (Karl Viererbl: Juden im Osten, VB, NA, 2.4.1939, S. 8).
Viererbl beschäftigte sich allgemein mit Juden in Osteuropa, unter anderem in der
Tschechoslowakei, auf dem Balkan, in Polen, Weißrußland, in der Ukraine und in
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 77

Arbeiter11 und Bauern unterdrücke12, sich selbst und seine Günstlinge


auf Kosten des Volkes bereichere13 und sich nur aufgrund seiner Bruta-
lität und der Liquidierung aller potentiellen Gegner an der Macht hal-
te14. Der ‚Völkische Beobachter‘ meinte wachsenden Unmut der Be-
völkerung in der Sowjetunion feststellen zu können: Es komme immer
wieder zu blutig niedergeschlagenen Unruhen unter Arbeitern15 und

Rußland. Allgemein bezeichnete er die Juden als Nutznießer des Industrialisie-


rungsprozesses und lobte deshalb insbesondere die „Judenpolitik“ des russischen
Zaren, der versucht habe, die „Zersetzung“ des „Völkischen Lebens“ zu verhin-
dern.
10
Siehe u.a. H.B.: Volkszählung soll Terror und Hungersnot in der Sowjetunion
vertuschen. Die Soldaten der Roten Armee sollen zweimal gezählt werden, VB,
NA, 18.1.1939, S. 10, oder auf der Titelseite: P.: Planvoller Massenterror in Sow-
jetrussland, VB, NA, 22. Januar, S. 1.
11
Siehe u.a.: H[arald] S[iewert]: Blutige Arbeiterunterdrückung im Sowjetpara-
dies. Ueber 100 Tote in Sibirien und anderen Gebieten. VB, NA, 19.1.1939, S. 10;
Harald Siewert: Das Sklavenjoch der Sowjetarbeiter, VB, NA, 9.3.1939, S. 10.
12
Siehe u.a.: H[arald] S[iewert]: Hungersnot in der Sowjetunion. Zwei Millionen
von dem Lebensmittelmangel betroffen, VB, NA, 13.1.1939, S. 2. Siewert zitierte
u.a. das ‚Svenska Dagbladet‘ und die ‚Gazeta Polska‘, in denen es geheißen habe,
die Sowjetbauern würden „sich gegen eine weitere Verschärfung ihres Sklavenda-
seins“ wehren. Dieses Dasein sei die „Tragödie des russischen Volkes“. Am Tag
darauf berichtete Siewert, dass es in der Westukraine zu schweren Hungersnöten
gekommen sei.
13
Siehe zum Beispiel die einzige Reportage aus der Sowjetunion im Untersu-
chungszeitraum: N.N.: Reise ins Sowjetparadies, VB, NA, 11.1.1939, S. 1. Siehe
auch: Harald Siewert: Die oberen Zehntausend in der Sowjetunion. 220 Zeilen,
VB, NA, 1.3.1939, S. 7.
14
H.B.: Kommissar der Sowjet-Fernostarmee amtsenthoben. Das Moskauer Li-
quidierungsspiel geht weiter. Aus Warschau, VB, NA, 23.4.1939, S. 2; Harald
Siewert: Was geht in der Sowjetunion vor? VB, NA, 4.5.1939, S. 7. Bezeichnen-
derweise berichtet Siewert hier über einen Vortrag von Hermann Greife an der
Hochschule für Politik, der seine Informationen offensichtlich ebenfalls aus zwei-
ter Hand erhalten hatte. Dies zeigt, wie schwer es für die Propagandisten war, an
Informationen aus erster Hand zu bekommen.
15
HG.W.: Hungernde Russen fliehen nach Finnland. Sowjetarbeiter lynchten ih-
ren roten Direktor, VB, NA 13.1.1939, S. 2.
78 UMSETZUNG DER ZIELE

Bauern.16 Jedes Thema schien geeignet für Anspielungen auf Unterdrü-


ckung durch Juden, so zum Beispiel eine neue Arbeits- und Sozialge-
setzgebung17, die Berichte von Flüchtlingen über eine Hungersnot in
der Ukraine18, Beförderungen von Angehörigen der sowjetischen Ar-
mee („Folge der Liquidierungen“, Zeichen für „Günstlingspolitik“)19,
der XVIII. Parteitag der KPdSU und die so genannte „Kastanienrede“
Stalins im März20 oder auch die Volkszählung im April, die der ‚Völki-
sche Beobachter‘ als gefälscht bezeichnete, da die Sowjetregierung die
Folgen ihrer Politik vertuschen wolle.21 Die Berichterstatter betonten,
dass das „jüdisch unterwanderte“ Sowjetregime vorgebe, Gleichheit zu
schaffen, aber Zwietracht säe. Dem stellten sie das nationalsozialisti-
sche Deutschland gegenüber, das eine „Volksgemeinschaft“ sei, über
eine effiziente Sozialgesetzgebung verfüge und in dem der wahre, „na-

16
H.B.: Blutige Bauernunruhen bei Kiew. Empörte Bauern stecken Sowjetgebäu-
de in Brand, VB, NA, 15.1.1939, S. 2.
17
N.N.: Moskaus Neujahrsgeschenk: Sowjetunion ohne Arbeits- und Sozial-
schutzgesetze. So genannte „schlechte“ Arbeiter werden mit ihren Familien aus
den Wohnungen vertrieben, VB, NA, 3.1.1939, S. 1.
18
H[arald] S[iewert]: Hungersnot in der Sowjetunion. Zwei Millionen von dem
Lebensmittelmangel betroffen, VB, NA, 12.1.1939, S. 2. In dem Artikel behaupte-
te Siewert zwar, in der gesamten Sowjetunion herrsche eine Hungersnot, beson-
ders schlimm sei es aber „wieder einmal“ in den ukrainischen Gebieten.
19
H.B.: Massenbeförderungen von Günstlingen Stalins in der Roten Armee, VB,
NA, 11. 2.1939, S. 2.
20
N.N.: Stalin will am 10. März „Rechenschaft“ ablegen, Moskau, VB, NA,
28.1.1939, S. 2 und Rudolf Kommoß: Stalins Parteikongreß. Zur Gedächtnisauf-
frischung westlicher Demokraten, VB, NA, 11.3.1939, S. 10. In den Berichten des
‚Völkischen Beobachters‘ war wenig mehr zu lesen, als dass Stalin es seit fünf
Jahren nicht mehr gewagt habe, den Parteikongress einzuberufen, was ein Hinweis
darauf sei, wie unzufrieden das Volk über seine Politik sei. Die Redakteure des
‚Völkischen Beobachters‘ setzten sich also nicht ernsthaft mit der bemerkenswer-
ten Rede Stalins auseinander.
21
N.N.: Sowjetrussische Falschmeldung über Volkszählung, VB, NA, 8.4.1939,
S. 2. Unter anderem bezeichnete der ‚Völkische Beobachter“ hier die „Lage der
Frauen“ in der Sowjetunion als so „fürchterlich“, dass an einen Geburtenüber-
schuss nicht zu denken sei. Dem sollte der Leser offensichtlich die „Lage der
Frau“ in Deutschland gegenüberstellen, die in der Sichtweise des ‚Völkischen Be-
obachters‘ vermutlich hervorragend war.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 79

tionale Sozialismus“ verwirklicht worden sei.22 Adolf Hitler habe


Deutschland vor der „Bolschewisierung“ beschützt und werde weiter-
hin dafür sorgen, dass sich die „jüdische Weltpest“, deren Wirken man
in der Sowjetunion begutachten könne, nicht ausbreite. Die stark pole-
mische Tendenz der Artikel änderte sich bis Anfang Mai nicht.23 Dies
ist ein Zeichen dafür, dass die Einstellung gegenüber der Sowjetunion
unverändert blieb, während gleichzeitig die groß angelegte Kampagne,
die die antisemitische Indoktrination der Deutschen und die Rechtferti-
gung der Pogrome im November des Vorjahres bezweckte, bereits im
Februar 1939 vorerst eingestellt worden war.

22
So zum Beispiel am 1. Mai 1939: H.B.: Moskau schürt zum 1. Mai. Komintern-
aktion soll Streik in der ganzen Welt bringen, VB, NA, 25.4.1939, S. 2 und am
ersten Mai: Job Zimmermann: Deutscher Mai, VB, NA, 30.4.1939/1.5.1939. In
diesem Artikel hieß es unter anderem, die Lügen des 1. Mai seien durch die Nati-
onalsozialisten widerlegt worden, so auch „die mörderische, aus dem Osten kom-
mende Lüge, die dieser Welt so gerne Blutbäder verschrieben und ihr am liebsten
mit dem klinischen Kunstgriff des Kragenumdrehens zu einer realeren Betrach-
tung der Dinge verholfen hätte.“ Die Ideologie der „mit zähnefletschenden, blut-
dürstig mit den Kinnbacken klappenden Wölfe“ sei in Deutschland zugrunde ge-
gangen. Stattdessen gäbe es eine „Volksgemeinschaft“ gegen „Zersetzung“ und
„Krawall“. Siehe auch mit ähnlicher Tendenz: Heinrich Olms: Unser 1. Mai. Tri-
umph der Volksgemeinschaft. Schöpferische Revolution, VB, NA, 2.5.1939, S. 1.
23
Noch am 4. Mai, also einen Tag vor dem Bekanntwerden der Entlassung Mak-
sim Litvinovs, veröffentlichte Harald Siewert einen Artikel über die Sowjetunion
mit antisemitischer Grundtendenz: Harald Siewert: Was geht in der Sowjetunion
vor? VB, NA, 4.5.1939, S. 7.
80 UMSETZUNG DER ZIELE

c) Deutsch-sowjetische Beziehungen: Deutschland und der „Weltfeind


Nr.1“

Zu Beginn des Jahres 1939 waren deutsch-sowjetische politische Be-


ziehungen propagandistisch24 praktisch inexistent. Sofern überhaupt
über das Verhältnis Deutschlands zur Sowjetunion berichtet wurde, be-
schränkten sich die Autoren darauf, Deutschlands „Verdienste“ im
„Kampf gegen den Bolschewismus“ aufzuzählen. Im Innern sei die
„Weltpest“ bereits besiegt, jetzt gelte der Kampf der „Zersetzungsar-
beit“ auch in anderen Ländern.25 Um dies zu belegen eignete sich ins-
besondere die antibolschewistische Bündnispropaganda.

d) Antikominternpropaganda: Neue Verbündete

Zu Beginn des Jahres 1939 war eines der universell verwendbaren


Themen, die immer wieder in Reden auftauchten, Deutschlands Kampf
gegen den „(jüdischen) Bolschewismus“ und angebliche „kommunisti-
sche Zersetzungsarbeit“ in aller Welt. Besonders betont wurde
Deutschlands Vorreiterrolle als Mitbegründer des Antikominternpaktes,
einem Bündnis Deutschlands und Japans, dem sich 1937 Italien ange-

24
Nicht-öffentliche deutsch-sowjetischen Annäherungsversuche in Wirtschaftsfra-
gen fanden vermutlich bereits Ende 1938 statt. Dieses Herantasten dürfte von der
deutschen Botschaft in Moskau ausgegangen sein, ohne dass die deutsche Regie-
rung (insbesondere Hitler) notwendigerweise darüber informiert war. Erst im
Frühjahr 1939 gab es Anzeichen, dass auch Hitler eine Annäherung befürwortete.
Eine bereits geplante Reise des deutschen Unterhändlers Schnurre im Januar nach
Moskau wurde jedoch vom deutschen Außenminister, Joachim von Ribbentrop,
kurzfristig abgesagt, was die sowjetische Seite als Affront auffasste. Bis Anfang
Mai wurden keine weiteren Annäherungsversuche unternommen. Fleischhauer
(1990), S. 54ff. S. 94ff., S. 107f., S. 142.
25
Siehe z.B. Wilhelm Koppen: Kampf der Weltpest, VB, NA, 15.1.1939, S. 1.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 81

schlossen hatte und zu dem sich von Januar bis April 1939 noch Un-
garn, der japanische Satellitenstaat Mandschukuo und nach dem Ende
des Bürgerkriegs Francos Spanien hinzugesellten. In der ersten Phase
der Berichterstattung des Jahres 1939 von Januar bis Mai war die Anti-
komintern ein propagandistisch einfaches Thema: ein außenpolitischer
Artikel, in dem Deutschlands besondere „Aufopferung“ im „Kampf ge-
gen den Bolschewismus“ hervorgehoben wurde, war stets willkommen.
Das erste wichtige Ereignis des Jahres 1939 in diesem Zusammen-
hang war der Beitritt Ungarns zum Antikominternpakt, den der ‚Völki-
sche Beobachter‘ bereits am 14. Januar auf der ersten Seite verkündete,
obwohl die offizielle Unterzeichnung des Abkommens erst am 24. Feb-
ruar stattfand. Als Zusatz zu der groß aufgemachten, aber vergleichs-
weise zurückhaltend formulierten Meldung unter dem Titel „Ungarn
tritt dem Antikominternabkommen bei. Wahrung der antibolschewisti-
schen Traditionen der ungarischen Regierung“26 erschien ein bissiger
Kommentar von Wilhelm Koppen mit der Überschrift: „Kampf der
Weltpest!“27 Darin beschrieb er die, wie er sie nannte, „133 Tage der
blutigen bolschewistischen Herrschaft 1919“ und „den Blutterror Bela
Kuns unterstützt durch Moskau und jüdische Sozialdemokraten.“ Die
Beschreibung dieser gescheiterten ungarischen Revolution benutzte
Koppen als Aufhänger, um die „ständige Zersetzungsarbeit der Kom-
munisten in Ungarn“ und in anderen Ländern zu geißeln. Diese „Wühl-
arbeit“ werde von Moskau gelenkt, so Koppen. In Deutschland dagegen
sei der Bolschewismus dank der Regierung Hitler besiegt. Und ganz im
prophetischen Stile Hitlers fügte er hinzu: „Es wird der Tag kommen,
an dem das große Verdienst Deutschlands anerkannt wird, aus der Welt
den Bolschewismus ausgeschaltet zu haben.“28 Das propagandistische
Ziel dieses Rundumschlages ist eindeutig: Durch die besondere Beto-

26
N.N.: Ungarn tritt dem Antikominternabkommen bei. Wahrung der antibol-
schewistischen Traditionen der ungarischen Regierung, VB, NA, 15.1.1939, S. 1.
27
Wilhelm Koppen: Kampf der Weltpest, VB, NA, 15.1.1939, S. 1.
28
Ebd.
82 UMSETZUNG DER ZIELE

nung der Schrecken und der Gefahr, die von Moskau ausgingen, ver-
suchte Koppen das angebliche Verdienst der nationalsozialistischen
deutschen Regierung besonders hervorzukehren und so Hitler einen
propagandistischen Dienst zu erweisen.29
Fast bei jedem außenpolitischen Thema konnte der „Antibolschewis-
mus“ der deutschen Regierung in ähnlicher Weise instrumentalisiert
werden: Unter anderem in der Berichterstattung aus Frankreich wiesen
die Korrespondenten allenthalben auf die angebliche „jüdisch-
bolschewistische Zersetzung“ und das „Chaos“ der dortigen Politik hin,
die sie dann mit der „Ruhe in Deutschland“ und bei den Verbündeten
kontrastieren konnten30; besonders geeignet wäre in diesem Zusam-
menhang für die propagandistische Verwertung wohl auch der Spani-
sche Bürgerkrieg gewesen, da Deutschland die Truppen der Aufständi-
schen unter General Franco massiv militärisch unterstützte.31 Gerade
dieses propagandistisch so „wertvolle“ Thema (der Sieg Francos stand
unmittelbar bevor) war zunächst zumindest teilweise blockiert, denn

29
Zum Beitritt Ungarns siehe auch: N.N. Moskaus Geste in Budapest. Ausbruch
schlechter Laune in Moskau wegen Ungarns Entschluss dem Antikominternpakt
beizutreten, VB, NA, 5.2.1939, S. 1.
30
Dieses Thema, das in den Vorjahren z.B. im Zusammenhang mit dem ‚Spani-
schen Bürgerkrieg‘, der Polemik gegen die französische Volksfrontregierung, so-
wie im Zusammenhang mit den in diesen Jahren stattfindenden französisch-
sowjetischen Annäherungsversuchen propagandistisch verwertet worden war,
wurde im Jahr 1939 besonders aktuell, als der ‚Völkische Beobachter‘ im April
1939 erste englisch-sowjetisch-französische Annäherungsversuche bemerkte und
nun die französische Presse ausführlich zitieren konnte. Siehe zum Beispiel: N.N.:
Das Echo der Presse in London und Paris. VB, NA, 15.4.1939. Der Autor des Ar-
tikels hob besonders hervor, dass die französische Zeitung „Humanité“ ein Bünd-
nis mit den „Bolschewisten“ befürworte. Auch rede der „halbamtliche Petit Pari-
sien“ den Polen zur Verständigung mit den Bolschewisten zu. Diese Anschuldi-
gungen an die immer gleichen französischen Blätter (die „Humanité“ und den
„halbamtlichen Petit Parisien“) sollte der Berichterstatter aus Paris in den Folge-
monaten beständig wiederholen. Vgl. u.a.: N.N.: Moskau verlangt von den West-
mächten eindeutiges Waffenbündnis. Warnende Stimmen in Paris gegen die Zer-
setzungstaktik Moskaus, VB, NA, 24.4.1939, S. 2. Siehe dazu auch unten 3.3.1.e)
31
Siehe hierzu die Arbeiten von Gonzáles Álvarez (2006) und Manrique García
(2006).
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 83

noch wollte die deutsche Regierung nicht offiziell verkünden, was sich
international kaum noch verbergen ließ: Die deutsche Intervention an
der Seite des Bündnispartners Italien und damit die deutsche Beteili-
gung im so genannten „Kampf gegen den Bolschewismus“.
Trotz der Verschwiegenheit, auf die die Journalisten im Zusammen-
hang mit der „Legion Condor“ eingeschworen wurden32, versuchte die
deutsche Regierung, den Anführer der Aufständischen, Francisco Fran-
co, propagandistisch als zukünftigen antibolschewistischen Verbünde-
ten aufzubauen. So war innerhalb der antibolschewistischen und anti-
sowjetischen Propaganda der Spanische Bürgerkrieg und die sowjeti-
sche Intervention eines, wenn nicht das zentrale Thema der Jahre 1936-
1939.33 Besonders deutlich wird dies in Hitlers Rede vom 30. Januar
1939, in der er wieder einmal34 die „Machtergreifung“ mit dem Hin-
weis darauf zu rechtfertigen suchte, dass „ein im bolschewistischen
Chaos versinkendes Deutsches Reich [...] damals das ganze Abendland
in eine Krise von unvorstellbarem Ausmaß gestürzt“ hätte. Mit Musso-
lini und dem italienischen Faschismus habe jedoch die Rettung Europas
begonnen. Und: „Der Nationalsozialismus hat diese Rettung am ande-
ren Ende fortgeführt, und in diesen Tagen erleben wir in einem weite-
ren Lande [Spanien, M.F.] das Schauspiel einer tapferen Überwindung
des jüdisch-internationalen Vernichtungsversuches gegenüber der eu-
ropäischen Kulturwelt.“35 Auf diese Weise reihte Hitler Spanien ein in
die Koalition der selbsternannten „Retter der europäischen Kulturwelt“

32
Bereits am 24.2.1939 erfuhren die Journalisten von der Existenz der Legion.
PA, Nr. 592, ZSg.101/12/58/Nr.218, 24.2.1939. Die Legion Condor galt aber im-
mer noch als eine „Freiwilligenlegion“, über die „vorläufig noch nichts weiter be-
richtet“ werden sollte. Die Bezeichnung sei noch nicht freigegeben.
33
Zur Berichterstattung über den ‚Spanischen Bürgerkrieg‘ und die Diffamierung
der Gegner Francos in der deutschen Presse siehe auch ausführlich Margulis
(2006), S. 891ff.
34
Dies war seit 1936 ein beliebter Topos in Hitlers Reden. Vgl. Sywottek (1976),
S. 106ff.
35
Adolf Hitler vor dem Großdeutschen Reichstag. Eine der gewaltigsten Führer-
reden. Der Wortlaut der Führerrede, VB, NA, 30.1.1939, S. 1 und S. 4ff.
84 UMSETZUNG DER ZIELE

vor dem „Bolschewismus“, der in seiner Darstellung außer Spanien


noch Deutschland und Italien (nicht jedoch Japan) angehörten.
Der ‚Völkische Beobachter‘ verfolgte das von Hitler vorgegebene
Thema weiter: Während die deutsche Intervention noch verheimlicht
wurde, ließen die Propagandisten keinen Zweifel daran, dass „Moskau“
für das „Blutvergießen in Spanien“36 und den „bereits sinnlos geworde-
nen“ Madrider Widerstand verantwortlich sei37; als immer klarer wur-
de, dass Franco seine Gegner im Bürgerkrieg besiegen würde, spotteten
die Kommentatoren über „Moskaus Fiasko“.38 Dabei tauchte in fast je-
dem der Artikel zum Spanischen Bürgerkrieg eine Anspielung auf die
sowjetische Unterstützung der rechtmäßigen Regierung Spaniens auf,
wobei der Krieg wechselweise als Werk Moskaus, des internationalen
Kommunismus respektive „Bolschewismus“ oder des „internationalen
Judentums“ dargestellt wurde, nationalsozialistische Feindbilder also,
die sich in diesem Zusammenhang zu einem untrennbaren Gemisch
verbanden. Gerade das Ende des Spanischen Bürgerkrieges und der
Beitritt Spaniens zum Antikominternabkommen kommentierten die Be-
richterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘ ausgiebig und unter Ver-
wendung des gesamten Repertoires zur Verfügung stehender Stereoty-

36
H.B.: Moskau treibt zu neuem Blutvergießen. Paris soll die internierten Milizen
für Valencia freigeben, VB, NA, S. 1. Bemerkenswert ist, dass der Artikel in War-
schau geschrieben wurde und dass er sehr groß aufgemacht war (rot unterstrichen
auf der ersten Seite aber nur 60 Zeilen, also wenig Information); Siehe auch: N.N.:
Prahlerisches Bekenntnis der Moskauer „Prawda“: „Spanienkrieg ist das Werk der
Komintern“. Nächste Angriffsziele Moskaus: Die Demokratien, VB, NA,
4.3.1939, S. 1. Dieser Artikel stammte wiederum angeblich direkt aus Moskau;
Siehe auch den Kommentar Theodor Seiberts hierzu: Th[eodor] Seibert: Moskaus
spanische Puppen, VB, NA, 6.3.1939, S. 1.
37
R.B.: Dimitroffs Geist über Madrid, VB, NA, 9.3.1939, S. 10. In dem Artikel
hieß es, „Dimitroffs politische Erfindung, die alle Zeichen seines jüdischen Geis-
tes hat [gemeint sind vermutlich die spanische ‚Volksfront‘ und die Internationa-
len Brigaden, M.F.], wird augenblicklich in der spanischen Hauptstadt bis zur letz-
ten Endkonsequenz ‚ausgekostet‘.“ Die Folge sei die „Selbstzerfleischung in den
Roten Reihen“.
38
N.N.: Moskau schäumt vor Wut. Sowjetrussische Presse tobt über das bolsche-
wistische Fiasko in Spanien, VB, NA, 27.2.1939, S. 1.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 85

pe („Terror“, „Mord“, „Totschlag“, „Brandstiftung“, „Grabschändung“,


„Kulturzerstörung“, „Anarchie“, „Werk des internationalen Juden-
tums“, „Kampf gegen den Weltfeind“, usw.). Das Ende des Bürger-
krieges im April 1939 galt ihnen, dabei in gewisser Weise bereits auf
die deutsche Beteiligung hindeutend, als ein „neuer Triumph des Füh-
rers“.39
Es könnten noch weitere Themen der Antikominternpropaganda von
Januar bis April 1939 aufgezählt werden.40 Die Funktionen des Feind-
bildes „Bolschewismus“ innerhalb der Antikominternpropaganda soll-
ten jedoch bereits deutlich geworden sein: Außenpolitisch half sie da-
bei, Koalitionen zwischen Regierungen zu schmieden, die jeweils ganz
eigene Ziele mit ihrer Mitgliedschaft in der „Antikomintern“ verfolg-
ten. Innenpolitisch sollte die Antikominternpropaganda ein Gefühl der
Sicherheit vermitteln, denn schließlich stehe Deutschland nicht allein
da, im Kampf gegen die mit drastischen Worten heraufbeschworene
Gefahr einer „Infizierung mit der Weltpest Bolschewismus“. Auch soll-
te den Lesern so immer wieder klar gemacht werden, dass es ein be-
sonderes Verdienst der nationalsozialistischen Regierung sei, den
Kommunismus, bzw. Bolschewismus im Innern besiegt und diesen in

39
N.N.: Spanien der Antikominternfront beigetreten. Ein neuer Triumph des Füh-
rers, VB, NA, 8.4.1939, S.1.
40
U.a. das Thema „Japan“, dem der ‚Völkische Beobachter‘ von Januar bis April
allerdings nur wenig Aufmerksamkeit schenkte (nur zwei Artikel sind zu erwäh-
nen: N.N.: Japans Reichstag warnt Moskau. Wahrung der japanischen Fischerei-
rechte in sowjetrussischen Gewässern gefordert, VB, NA, 9.2.1939, S. 10 und:
Carl Cranz: Japan: Nippons 4000-km-Front, VB, NA, 3.5.1939, S. 1. Cranz er-
wähnt in diesem Artikel die Revisionsansprüche Japans gegenüber dem „bolsche-
wistischen Russland“, die jedoch von den anderen Siegermächten nicht gewährt
werde). Auch den Beitritt Mandschukuos zum Antikominternabkommen meldete
der ‚Völkische Beobachter‘ nur kurz und in nicht allzu großer Aufmachung: N.N.:
Mandschukuo tritt dem Antikomintern-Abkommen bei, Hsingking, VB, NA,
16.1.1939, S. 1. Zuletzt ist auch ein Gastbeitrag über den indischen Wunsch, dem
Antikominternabkommen beizutreten, erwähnenswert. Auch hier präsentierte der
‚Völkische Beobachter‘ Deutschland als Retter vor der „bolschewistischen Ge-
fahr“. Siehe: Habibur Rahman: Die bolschewistische Gefahr in Indien, VB, NA,
19.1.1939, S. 1.
86 UMSETZUNG DER ZIELE

der Außenpolitik zum angeblichen „Wohle aller Kulturvölker“ weiter


bekämpfe.

e) Einkreisungspropaganda: Die „Erledigung der Resttschechei“ und


der Beginn einer Kampagne

Die „Erledigung der Resttschechei“ war das beherrschende Thema in


der Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ ab Mitte März: In
einer kurzen, intensiven Pressekampagne vom 10. bis zum 14. März
wurde die Besetzung vorbereitet, um sie danach umso ausführlicher
nachzubereiten und zu rechtfertigen. Das Feindbild „Sowjetunion“
spielte dabei eine untergeordnete Rolle; bereits lange vor der Besetzung
Böhmens und Mährens im März hatte sich die deutsche Führung darauf
festgelegt, als Vorwand eine angeblich „deutschfeindliche Politik“ der
Prager Regierung und die slowakischen und karpatho-ukrainischen Un-
abhängigkeitsbewegungen propagandistisch auszunutzen.41 Vermutlich
um den Boden für diese Kampagne zu bereiten, berichtete der ‚Völki-
sche Beobachter‘ seit geraumer Zeit recht ausführlich, doch in relativ
neutralem Ton aus der Karpatho-Ukraine.42 Letztlich nutzten die Pro-
pagandisten jedoch nicht dieses Thema43, sondern die (angeblichen o-
der auch provozierten) Übergriffe auf Deutsche44 und das „Problem der

41
Sywottek (1976), S. 188.
42
Vgl. Schorn (1993), S. 31ff. und die Quantifizierung auf S. 89f., aus der recht
deutlich hervorgeht, dass die Frage der Karpathenukraine bis März von der deut-
schen Presse sehr ausführlich behandelt wurde.
43
Vermutlich nutzten die Propagandisten nicht das Thema der Karpathenukraine,
weil diese bereits zuvor an Ungarn ausgeliefert worden war und damit ihren pro-
pagandistischen Wert verloren hatte. Sywottek (1976), S. 189.
44
Dies machen bereits die überdimensionierten Überschriften am 13. und 14.
März deutlich: N.N.: Brutaler Tschechenterror in der Slowakei. Deutschfeindliche
Ausschreitungen der Tschechen, VB, NA, 13.3.1939, S. 1; N.N.: Der Tschechen-
pöbel wittert Morgenluft. In Brünn fließt wieder deutsches Blut, VB, NA,
13.3.1939, S. 1 und: N.N.: Wieder dreister Tschechen-Terror gegen Deutsche.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 87

slowakischen Selbständigkeit“45 als Untermalung der Besetzung. Wie


angeordnet ließ der ‚Völkische Beobachter‘ im März also den „Film ei-
nes inneren Auflösungsprozesses“ abrollen46, bei dem die Sowjetunion
ihre Finger zunächst, zumindest in der Berichterstattung des ‚Völki-
schen Beobachters‘, scheinbar nicht im Spiel hatte.
Erst im Nachhinein stießen die Propagandisten bei der Suche nach
Rechtfertigungen für das deutsche Vorgehen, auf den bereits in der Su-
detenkrise angewandten Topos, die Tschechoslowakei sei von der Sow-
jetunion als „Bomberabflugplatz“ verwendet worden.47 Letztendlich
blieb dieses Thema jedoch auch nach der Besetzung Böhmens und
Mährens im Hintergrund, denn die Propagandisten hatten sich neuen
Feinden zugewandt: Nachdem das Vorgehen Deutschlands in Großbri-
tannien und Frankreich auf heftige Kritik gestoßen war, sahen sich die

Zahlreiche Deutsche niedergetrampelt und verhaftet – Das Hakenkreuz besudelt,


VB, NA, 14.3.1939, S. 1.
45
Siehe z.B. den Aufmacher am 13. März: N.N.: Brutaler Tschechen-Terror in der
Slowakei. 19 Blutzeugen für die freie Slowakei – Erbitterung wächst von Stunde
zu Stunde – Chaotische Zustände in Preßburg, VB, NA, 13.3.1939, S. 1 und am
15. März: N.N.: Das Ende der Tschecho-Slowakei. Unabhängigkeitserklärung der
Slowakei, VB, NA, 15.3.1939, S. 1.
46
PA, Nr.779, ZSg. 101/12/74, 13.3.1939.
47
Edmund Dmitrów schreibt hierzu: „Antibolschewistische Propaganda [bildete]
die Ausgangsbasis für alle Propagandaaktionen gegen Staaten […], gegen die Hit-
ler 1938-1939 zu Felde zog, ausgenommen davon nur Polen. Auf diese Weise
wurden die Deutschen ununterbrochen zum Krieg gegen die UdSSR mobil ge-
macht und das auch dann, wenn gerade jemand anders bekämpft wurde.“ Dmitrów
(2002), S. 343. Dieser These Dmitróws kann man jedoch nur mit Einschränkun-
gen zustimmen, denn bei der Besetzung Böhmens und Mährens spielte der Anti-
bolschewismus eine nur untergeordnete Rolle: der ‚Völkische Beobachter‘ benutz-
te den Topos vom sowjetischen „Bomberabflugplatz“ nicht ein einziges Mal als
Aufhänger eines Artikels und auch sonst scheint diese Behauptung in den ent-
scheidenden Tagen unmittelbar vor und nach der Besetzung Böhmens und Mäh-
rens in den für diese Arbeit lediglich stichprobenartig ausgewerteten Artikeln
nicht verwendet worden zu sein. Einzig Hitler ließ sich in seiner Antwort auf das
Friedensangebot Roosevelts vom 28.April 1939 zu der Behauptung hinreißen, der
„Bomberflugplatz Tschecho-Slowakei“ hätte vernichtet werden müssen, wobei es
sich allerdings eher um eine Randbemerkung handelte, als um die hauptsächliche
Rechtfertigung der deutschen Besetzung Böhmens und Mährens.
88 UMSETZUNG DER ZIELE

deutschen Propagandisten dazu veranlasst, eine „Abwehrkampagne“


„gegen die Hetzer in London und Paris“ zu entfachen.48 Joseph Goeb-
bels gab die Weisung aus, die gesamte englische Kolonialgeschichte
auszuforschen, um die angebliche „Moralheuchelei“ zu entlarven.49
Ganz nach dem von Goebbels aufgestellten Propagandagrundsatz, die
Aufmerksamkeit der zu Beeinflussenden nicht auf mehrere Gegner zu
verteilen, sondern alle in Beziehung zu einem Hauptgegner zu stellen50,
hieß der Hauptfeind des ‚Völkischen Beobachters‘ spätestens ab April
Großbritannien, sowie in geringerem Ausmaß USA und Frankreich.
Somit erlitt die Sowjetunion angesichts der Inflation der Zahl der Geg-
ner und trotz der Fortsetzung der Antikominternpropaganda bereits
kurz nach der Besetzung Böhmens und Mährens einen propagandisti-
schen Wertverlust.
Die Tendenz der zunehmenden Fokussierung auf die Gegner im Wes-
ten sollte sich im April fortsetzen: Am 31. März 1939 garantierte der
britische Premierminister, Neville Chamberlain, den Polen die Unter-
stützung Großbritanniens im Falle eines deutschen Angriffes. Darauf-
hin wurde Theodor Seibert in der Pressekonferenz beauftragt51, einen
ersten bissigen Kommentar zu verfassen und so war wohl er es, der als
Erster im ‚Völkischen Beobachter‘ von einer „Einkreisung“ durch Eng-
land sprach. England, so schrieb er in seinem Kommentar, wolle wieder
einmal die ungünstige Mittellage Deutschlands ausnutzen, um, wie im
Ersten Weltkrieg, einen Zweifrontenkrieg gegen Deutschland anzuzet-

48
Diese begann am 21.3.1939 mit einem von Goebbels im ‚Völkischen Beobach-
ter‘ veröffentlichten Kommentar unter dem Titel: Schluß mit der englischen Mo-
ralheuchelei. Sie wollen das Versailler Zwangssystem verewigen und reden von
Moral und Recht, VB, NA, 21.3.1939, S. 1.
49
PA, Nr.879, ZSg.102/15/281/34 (2), 21.3.1939 und PA, Nr.885, ZSg.
102/15/280, 21.3.1939. Siehe auch Goebbels (1998), Bd.6, Tagebucheintrag vom
23.3.1939.
50
Sywottek (1976), S. 196.
51
Presseanweisung: PA, Nr. 1003, ZSg. 102/15/320/38, 1.4.1939. Ausdrücklich
wurde in der Presskonferenz Seibert genannt, der sich mit diesem Thema im ‚Völ-
kischen Beobachter‘ befassen sollte.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 89

teln. Das Ziel Englands sei es, den Aufstieg des deutschen Reiches zur
beherrschenden Macht auf dem europäischen Kontinent und damit zum
starken Konkurrenten zu verhindern.52 Mit der „Einkreisung“ hatten
Seibert und vor allem Hitler, der das Stichwort in seiner Wilhelms-
havener Rede am 3. April aufgriff53, den Propagandisten ein Thema ge-
liefert, das sie in den kommenden Wochen und Monaten immer wieder
aufgreifen sollten und mit Inhalt zu füllen suchten. Bereits im April er-
schienen 78 Artikel zu diesem Thema.54
In das propagandistische Konzept passte auch anscheinend, dass
schon bald erste Gerüchte über eine britisch-sowjetische Annäherung
ihren Weg in die Presse fanden. So bemühten sich der Londoner und
Pariser Korrespondent des ‚Völkischen Beobachters‘ geradezu, an In-
formationen über Verhandlungen und Annäherungsversuche zwischen
der Sowjetunion und „den Demokratien“ heranzukommen55, die als Be-
leg für die Einkreisungsversuche der englischen Politiker herhalten
sollten. Dabei schimpften und spotteten sie über Englands Mühen.56 Sie
registrierten zunächst eine etwas unbestimmte „Anbiederung“ einiger
englischen Politiker an die Sowjetunion57, um bereits in der zweiten

52
Th[eodor] S[eibert]: Englands Irrweg, VB, NA, 2.4.1939, S. 1.
53
N.N.: Die große außenpolitische Rede des Führers in Wilhelmshaven. Deutsch-
lands Macht schützt den Frieden, 3.4.1939, VB, NA, S. 1.
54
Siehe Anhang D.
55
Th[eodor] B[öttiger]: Veitstanz der englischen Oppostion. Nach den Erklärun-
gen Chamberlains – Der Schrei nach Moskau, 15.4.1939, S. 2 oder: N.N.: Dala-
dier auf der Suche nach „allen geeigneten Bündnissen“, VB, NA, 15.4.1939, S. 2.
56
Siehe u.a. den Leitartikel vom 7.4. 1939: N.N.: Polen schützt das ‚bedrohte‘
England, VB, NA, 7.4.1939, S. 1.
57
Th[eodor] B[öttiger]: Chamberlains altes falsches Lied. Er versucht die Einkrei-
sungspolitik zu rechtfertigen, VB, NA, 6.4.1939, S. 7 und ders.: Halifax neue Lie-
be: die Sowjetunion, VB, NA, 6.4.1939, S. 7; Th[eodor] B[öttiger]: Ein Sprung ins
Dunkle, VB, NA, 16.4.1939, S. 2. Th[eodor] B[öttiger]: Neue Runde eines abge-
karteten Spiels, VB, NA, 16.4.1939, S. 2 Hier könnten noch eine ganze Reihe wei-
terer Artikel Theodor Böttigers angeführt werden, die mal im hinteren Teil, mal
auf Seite 1 oder 2 des ‚Völkischen Beobachters‘ veröffentlicht wurden. Doch auch
andere versuchten, englische Annäherungsversuche an die Sowjetunion zu bele-
gen. Hierfür zitierten sie mal die US-amerikanische Presse, die ein Zugehen Mos-
90 UMSETZUNG DER ZIELE

Aprilhälfte konkretere Informationen über erste Verhandlungsschritte


vorlegen zu können: Der Korrespondent in London wusste am 16. April
von einem Angebot Großbritanniens an die Sowjetunion zu berichten,
das im Stile der vielen Sensationsmeldungen im ‚Völkischen Beobach-
ter‘ mit einer überdimensionierten, unmissverständlichen Überschrift
erschien: „London erbittet dringlich Moskaus Hilfe. Neuer Fußfall vor
Stalin – Rote Luftmacht soll Polen ‚schützen‘“.58
Dass in der Überschrift so deutlich und allgemeinverständlich ein
Bündnis Großbritanniens mit der Sowjetunion heraufbeschworen wur-
de, erklärt sich keineswegs von selbst. Denn beispielsweise die Garan-
tieerklärung Chamberlains für Polen am 31. März gab der ‚Völkische
Beobachter‘ nur versteckt auf der zweiten Seite bekannt, vermutlich in
der Absicht, die Bedeutung dieses Schritts herunterzuspielen.59 Auch
andere wichtige Ereignisse wurden, wenn sie den Propagandisten un-
liebsam erschienen, so dargestellt, dass sie auch aufmerksamen Lesern
vollkommen unverständlich bleiben mussten.60 Die ausführliche Be-

kaus auf die Demokratien gefordert habe (N.N.: Sie schreien nach Moskau, VB,
NA, 11.4.1939, S. 2; N.N.: So wühlen britische Agenten. „Ein neuer Weltkrieg
wäre für die USA ein blendendes Geschäft“, VB, NA, 10.4.1939, S. 2) mal be-
haupteten sie, dass der amerikanische Botschafter in Paris versucht habe, einen
polnisch-sowjetischen Pakt herbeizuführen: N.N.: Bullitts Ehrgeiz: USA einspan-
nen. Er besuchte Beck und möchte zwischen Warschau und Moskau verhandeln,
VB, NA, 13.4.1939, S. 7.
58
N.N.: London erbittet dringlich Moskaus Hilfe. Neuer Fußfall vor Stalin – Rote
Luftmacht soll Polen „schützen“, VB, NA, 16.4.1939, S. 1 (Leitartikel). Siehe
auch die Folgeartikel: Th[eodor] B[öttiger]: England arbeitet weiter an der Ein-
kreisung. Schwierige Verhandlungen mit den Sowjets, VB, NA, 22.4.1939, S. 10;
Th[eodor] B[öttiger]: 20 Millionen Briten warnen: ‚Stoppt das Bündnis mit Sow-
jetrussland‘, VB, NA, S. 10; N.N.: Französische Regierung fordert Wehrpflicht in
England. Entscheidung in der nächsten Londoner Kabinettssitzung? VB, NA,
24.4.1939, S. 1; N.N.: Moskau verlangt von den Westmächten eindeutiges Waf-
fenbündnis. Warnende Stimmen in Paris gegen die Zersetzungstaktik Moskaus,
VB, NA, 24.4.1939, S. 1.
59
N.N.: Eine überflüssige Erklärung Chamberlains. Durchsichtiges Garantiever-
sprechen Englands und Frankreichs an Polen, VB, NA, 1.4.1939, S. 2.
60
So zum Beispiel bei der Darstellung des Friedensangebotes des amerikanischen
Präsidenten Roosevelt an Hitler und Mussolini am 14. April 1939. Hitler war der
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 91

richterstattung über ein keineswegs konkretes „Angebot“ Großbritanni-


ens an die Sowjetunion61 geschah also nicht zufällig, sondern folgte ei-
nem propagandistischen Kalkül: Augenscheinlich war der Sowjetunion
im Kontext der Propaganda gegen die Einkreisung eine wichtige Rolle
zugedacht, denn ihre Erwähnung konnte Belege für die angebliche Nie-
dertracht und Doppelzüngigkeit der Engländer liefern.62 Wilhelm Kop-
pen urteilte, die Londoner Politiker hegten einen „blinden Haß“ gegen
Deutschland und würden deshalb die Gefahren eines Bündnisses mit
der Sowjetunion einfach übersehen.63 Ebenso wie die Garantien für Po-
len, Griechenland und Rumänien als Teil einer umfassenden Strategie
der britischen Regierung interpretiert wurden, um das Versailler Sys-
tem zu retten und Deutschland „einzukreisen“, galt jetzt die Zusam-
menarbeit mit der Sowjetunion als ein letzter Beweis für die Prinzipien-
losigkeit, mit der die Londoner Politiker dieses Ziel verfolgten.
In gewisser Weise handelten die Journalisten mit dieser Darstellung
der Ereignisse auf Eigeninitiative: zwar war in der Pressekonferenz ge-

Inhalt dieses Angebotes bereits am 14. April 1939 bekannt [Graml (1990),
S. 209], der ‚Völkische Beobachter‘ berichtete jedoch erst am 17. April 1939 da-
von und zwar ohne den eigentlichen Inhalt, nämlich das Friedensangebot, zu er-
wähnen. Der Brief selbst wurde nur auszugsweise abgedruckt und zwar erst auf
der sechsten Seite und mit ausführlichen, eher verschleiernden als aufklärenden
Kommentaren versehen: N.N.: Auch Rom entlarvt Roosevelt. Botschaft lediglich
Täuschungsversuch – Ziel des scheinheiligen Manövers: Atempause für die Ein-
kreisungsmächte, VB, NA, 17.4.1939, S. 7.
61
Ein direktes „Angebot“ Großbritanniens gab es im April nicht. Eher zeugte die
Garantie für Polen von der mangelnden Bereitschaft der britischen Regierung, sich
auf ein Bündnis mit der Sowjetunion einzulassen. Der ‚Völkische Beobachter‘
meinte trotz alledem eine Annäherung zu erkennen und bezog sich auf einige
Treffen des sowjetischen Botschafters in London, Ivan Maisky, mit dem briti-
schen Außenminister Edward Halifax. Doch auch diese Gespräche zeugten eher
von der Zurückhaltung der britischen Regierung und nicht von einem „Angebot“,
das der ‚Völkische Beobachter‘ zu kennen meinte. Vgl.: Weber (1980), S. 52ff.,
S. 72ff.
62
Th[eodor] B[öttiger]: Hysterische Kriegsschuldhetze in London. Der eigentliche
Zweck der ‚Roosevelt-Botschaft’ wird offen zugegeben, VB, NA, 18.4.1939, S. 1.
63
[Wilhelm] K[o]p[pen]: Schrittmacher Moskaus, VB, NA, 16.4.1939, S. 1.
92 UMSETZUNG DER ZIELE

fordert worden, gegen die Einkreisung zu polemisieren, nicht jedoch


ausdrücklich gesagt worden, dass dabei auch das nahe liegende Thema
der britischen Annäherungen an die Sowjetunion besonders hervorge-
hoben werden sollte. Der ‚Völkische Beobachter‘ befand sich mit sei-
nem Antibolschewismus jedoch auf sicherem Terrain und wich mit sei-
ner Berichterstattung keineswegs von dem ab, was die Politiker zu le-
sen bekommen wollten. So bewies Joseph Goebbels in einem pointiert
die letzten Ereignisse zusammenfassenden Kommentar vom 22. April
1939, dass auch aus seiner Sicht nichts dagegen sprach, im Zusammen-
hang mit der Einkreisung gegen die Sowjetunion zu polemisieren: „Das
kapitalistisch-royalistisch-pietistische England Arm in Arm mit der
kommunistisch-proletarisch-atheistischen Sowjetunion – das ist ein
Bild für die Götter, und man könnte angesichts dieses Bildes der engli-
schen Moraltante mit Lohengrin zurufen ‚Elsa, mit wem verkehrst du
da?‘“ Und noch deutlicher: „Die vielen Millionen Opfer des Bolsche-
wismus werden offenbar über die Abstraktheit dieser infernalischen
Weltpest andere Ansichten haben als Lord Halifax, von dem wir nach
diesem Geistesblitz annehmen müssen, daß er vom Bolschewismus,
seinen Grundzügen und Auswirkungen auch nicht die blasseste Vorstel-
lung besitzt.“64 Goebbels Stoßrichtung war dabei weniger antibolsche-
wistisch als vielmehr antibritisch: die Sowjetunion bedachte er zwar
mit starken Worten, jedoch in nur knapp dreißig Zeilen. In den restli-
chen 420 Zeilen beschäftigte er sich mit all den übrigen Themen, die
Englands Skrupellosigkeit und „Moralheuchelei“ bloßstellen sollten:
unter anderem mit „Versailles“, der „Einkreisung“ und angeblichen
„Kriegshetze“, den „englischen Verbrechen in den Kolonien“ und der
„Einmischung in Osteuropa“. Die Tendenz der Berichterstattung des
‚Völkischen Beobachters‘ zusammenfassend und ihr damit offiziellen
Segen verleihend, diente ihm als letzter Beleg für die Verwerflichkeit

64
Joseph Goebbels: Lord Halifax macht Witze, VB, NA, 22.4.1939, S. 2.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 93

der „Einkreisung“, gewissermaßen als finale Pointe, die englische „An-


biederung“ an die „Weltpest“ Bolschewismus.65

f) Pressekampagne gegen Polen: Ende der Zusammenarbeit

Zu Beginn des Jahres 1939 waren Deutschland und Polen in der offi-
ziellen Propaganda noch Partner, geeint durch einen Pakt und ein Wirt-
schaftsabkommen, deren fünfjähriges Bestehen der ‚Völkische Be-
obachter‘ im Januar als einen „Beitrag zur Befriedung Europas“ zu
würdigen wusste66; auch im offiziellen Bericht des ‚Völkischen Be-
obachters‘ zum Staatsbesuch Ribbentrops in Polen am 26. Januar ließ
nichts erahnen, dass hinter den Kulissen bereits ernste Spannungen auf-
getreten waren: Die polnische Regierung, die um eine Politik des
Gleichgewichts zwischen Ost und West bemüht war, tendenziell aber
den Kommunismus und die Sowjetunion für die größere Gefahr hielt
als den Nationalsozialismus und Deutschland67, sah sich mit immer ve-
hementer vorgetragenen, immer weitreichenderen deutschen Ansprü-
chen konfrontiert. Da die polnische Regierung nicht bereit war, auf die
deutschen Forderungen einzugehen, entschloss sich Hitler bereits im
März des Jahres 1939, kurze Zeit nach der Besetzung Böhmens und
Mährens, die Verhandlungen mit Polen abzubrechen, um kurz darauf
die Vorbereitung eines deutschen Angriffes auf Polen im September
desselben Jahres anzuordnen. Intern waren die Würfel damit bereits vor
der Garantieerklärung Chamberlains für Polen am 31. März 1939 gefal-
len.68

65
Ebd.
66
N.N.: Abschluß des Staatsbesuches Ribbentrops in Warschau, VB, NA,
28.1.1939, S. 2: „Die in fünf Jahren erprobte Zusammenarbeit entwickelt die
deutsch-polnischen Beziehungen und trägt zur Befriedung Europas bei.“ Weiter
war die Rede von einer „herzlichen Verabschiedung vom polnischen Außenminis-
ter.“
67
Hoensch (1983), S. 151.
68
Graml (1990), S. 130.
94 UMSETZUNG DER ZIELE

Propagandistisch hatten diese Entwicklungen zunächst, zumindest im


‚Völkischen Beobachter‘, kaum Auswirkungen. Es galt gegenüber Po-
len bereits seit einigen Jahren das Gebot der „Zurückhaltung“; auch die
„Danziger Frage“ sollte laut Presseanweisungen „mit dem gebotenen
Takt“ behandelt werden.69 So pflegten die Journalisten zu Beginn des
Jahres 1939 einen zurückhaltend-freundlichen, insgesamt neutralen Ton
und waren angewiesen, sich auch in heiklen Fragen (wie z.B. Übergrif-
fen auf die deutsche Minderheit in Polen) in Zurückhaltung zu üben.70
Auch von dem während der Sudetenkrise im August 1938 einsetzenden
deutschen Drängen nach Zusammenarbeit in der „russischen Frage“71
oder Ribbentrops Forderung an Polen, dem Antikominternpakt beizu-
treten72, drang nichts an die Öffentlichkeit.73 Berichte über die pol-
nisch-sowjetischen Beziehungen, so scheint es, waren aus Sicht der
Propagandisten außenpolitisch inopportun und für die innenpolitische
Agitation wertlos.
Da die polnische Regierung bemüht war, ihre Neutralität zu wahren
und sich deshalb möglichst zurückhaltend gegenüber der Sowjetunion
und Deutschland verhielt74, bot sich auch kaum ein Anlass, Polen (wie
es in den Jahren zuvor einige Male geschehen war75) propagandistisch

69
Sänger (1975), S. 365ff. Siehe auch Graml (1990), S. 130.
70
Sänger (1975), S. 370ff. Die Journalisten ahnten jedoch bereits, dass ihre noch
zurückgehaltenen, polenfeindlichen Artikel, bald veröffentlicht werden könnten.
So hieß es auch in einer Presseanweisung: „Eine Rücksprache mit dem AA [Aus-
wärtigen Amt] hat ergeben, daß wir diese Dinge noch nicht aufgreifen können,
doch sei es empfehlenswert, sie aufzubewahren für den Fall, daß das Thema Deut-
sche in Polen demnächst anders als bisher angeschnitten werden könnte.“ Sänger
(1975), S. 370.
71
Siehe zum Beispiel Görings Gespräch mit Lipski am 10.8.1938, in dem Göring
eine „gewinnbringende deutsch-polnische Zusammenarbeit“ anbot, wenn nach
dem „tschechischen Problem die russische Frage aktuell“ werde. Zitiert in: Graml
(1990), S. 129.
72
Ebd.
73
Sywottek, (1976), S. 210f.
74
Graml (1990), S. 204.
75
Jutta Sywottek schreibt, dass die deutsch-polnische Verbundenheit mindestens
bis 1938 propagandistisch vor allem in der gemeinsamen Abwehr des Bolsche-
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 95

in die Front gegen den Bolschewismus einzuordnen oder Polen umge-


kehrt eine Annäherung an die „bolschewistische Sowjetunion“ vorzu-
werfen.76 Diese neutrale Haltung des ‚Völkischen Beobachters‘ Polen
gegenüber hielt sich auch noch im April des Jahres 193977, als die deut-
sche Presse ihren Propagandafeldzug gegen Großbritannien und Frank-
reich aufnahm.78 Der ‚Völkische Beobachter‘ befand sich immer noch
in einer Lauerstellung, was sich vor allem in der geringen Zahl der Ar-
tikel, die im April über Polen veröffentlicht wurden, ausdrückt.79 Es bot

wismus gesehen wurde. Sywottek (1976), S. 210. Davon war jedoch zu Jahresbe-
ginn 1939 im ‚Völkischen Beobachter‘ nichts mehr zu spüren.
76
Als Polen 1938 seine Verträge mit der Sowjetunion erneuerte und bekräftigte,
hätte sich zwar eine Gelegenheit zur antipolnischen Polemik ergeben. Die Propa-
gandisten erhielten hierzu jedoch die Anweisung, dass in den Kommentaren nicht
zum Ausdruck kommen dürfe, dass der polnisch-sowjetische Pakt von deutscher
Seite bedauert werde. „Er müsse also freundlich behandelt werden, aber als Be-
langlosigkeit erscheinen.“ Sänger (1975), S. 370.
77
So hieß es noch am 6. April auf der Pressekonferenz: „Besonders vertraulich:
Die Tür gegenüber Polen darf nicht zugeschlagen werden! Man soll sie höchstens
so ein wenig zumachen, daß noch ein Spalt für eventuelle weitere Verhandlungen
offen bleibt.“ Die Parole „Zurückhaltung“ sei besonders häufig und nachdrücklich
ausgegeben worden, so Sänger. Sänger (1975), S. 375f. Während die Presse im
April 1939 also noch zurückgehalten wurde, versuchte die Regierung jedoch
gleichzeitig, Konflikte zwischen Polen und Deutschen zu schüren, um diese später
propagandistisch ausnutzen zu können. Graml (1990), S. 200f.
78
Die Garantie wurde als britische und weniger als polnische Provokation aufge-
nommen. So titelte der ‚Völkische Beobachter‘ am 1. April 1939: N.N.: Wieder
englisches Falschspiel mit erfundenem deutschen Aufmarsch. Londoner Presse
sucht Einkreisung durch bewusste Falschmeldungen über Bedrohung Polens durch
Deutschland zu fördern, VB, NA, 1.4.1939, S. 1.
79
Insgesamt erschienen im April nur zehn Artikel über die deutsch-polnischen
Beziehungen, die in ihrer Tendenz relativ neutral, bzw. nicht explizit antipolnisch
waren. So z.B. die etwas ausführlicheren politischen Artikel N.K.: Warschau be-
tont Selbständigkeit seiner Politik, VB, NA, 4.4.1939, S. 2; Th[eodor] B[öttiger]:
Becks Londoner Besprechungen: „Polen will an der Politik des Gleichgewichts
festhalten“, VB, NA, 6.4.1939, S. 2; N.N.: Warschau: Unabhängige Linie der pol-
nischen Politik muß aufrechterhalten werden, VB, NA, 6.4.1939. Anstatt die
„Einkreisung“ zu nutzen, um gegen Polen zu hetzen, richteten sich die Artikel
über die Garantie für Polen im ‚Völkischen Beobachter‘ gegen die englische Poli-
tik. So z.B. Th[eodor] B[öttiger]: London: Maßlose Einkreisungshetze. Downing
96 UMSETZUNG DER ZIELE

sich zwar an, ähnlich wie in der Tschechoslowakei anzuprangern, dass


Polen zum „Flugzeugmutterschiff“ für die „roten Geschwader“ ge-
macht werden solle, diese Angriffe richteten sich aber gegen Großbri-
tannien und indirekt die Sowjetunion, nicht aber gegen Polen, das die-
ses Vorhaben ablehne. Warschau, so hieß es noch am 25. April im
‚Völkischen Beobachter‘, betone die Zweiseitigkeit seiner Verpflich-
tungen und werde sich nicht auf ein Spiel mit der Sowjetunion einlas-
sen.80 Die Journalisten hielten sich also bis zum 28. April, als Hitler das
deutsch-polnische Abkommen von 1934 kündigte81, an die Anweisun-
gen zur Zurückhaltung.

g) Weltanschauliche Einordnung: Die Sowjetunion und der deutsche


„Drang nach Osten“

Jutta Sywottek zufolge markierte die Jahreswende 1938/1939 eine


Wegscheide in der nationalsozialistischen Propaganda, denn ab diesem
Zeitpunkt sei der Lebensraumgedanke in seiner spezifisch nationalsozi-
alistisch-hitlerschen Ausprägung immer offener propagiert worden.82
Als Beleg dient ihr unter anderem die Rede Hitlers zum 30. Januar, in
der er sich mit der Frage des „Lebensraumes“ befasste. Sie bezieht sich

Street sorgt für Beseitigung der letzten Hemmungen, VB, NA, 8.4.1939, S. 1. Von
den zehn Artikeln zu den deutsch-polnischen Beziehungen im April lassen sich
nur drei als tendenziell antipolnisch bezeichnen, allerdings noch in einem weitaus
gemäßigteren Tonfall als von Mai bis September.
80
H.B.: Warschau betont die Zweiseitigkeit seiner Verpflichtungen. „Kein Mitfak-
tor in der Sowjetpolitik“, VB, NA, 25.4.1939, S. 2.
81
Hitler behauptete darin, Polen habe die vertraglich bestimmten Abmachungen
einseitig verletzt, weshalb er das deutsch-polnische Abkommen aufkündigte. In
diesem Zusammenhang erklärte Hitler unmissverständlich, dass Danzig eine deut-
sche Stadt sei, die zu Deutschland wolle. N.N.: Die Antwort des Führers. Der
Wortlaut der Rede des Führers, VB, NA, 29.4.1939, S. 5. Siehe auch: Sänger,
Täuschungen, S. 373ff. Zur Genese der antipolnischen Kampagne siehe Abschnitt
3.3.2.f).
82
Sywottek (1976), S. 180ff.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 97

auf folgende Stelle, die hier in aller Ausführlichkeit wiedergegeben


wird:

Es gibt auf dieser Erde Staaten, die nicht wie Deutschland 135, sondern nur 5
bis 11 Menschen auf dem Quadratkilometer besitzen. Dabei fruchtbares Ackerland
in ungeheurem Ausmaße brachliegen haben, über sämtliche denkbaren Boden-
schätze verfügen, den natürlichsten Reichtum an Kohle, Eisen, Erze ihr eigen nen-
nen und trotzdem nicht einmal in der Lage sind, ihre eigenen sozialen Probleme
zu lösen […] Die Vertreter dieser Staaten schwören nun auf die wunderbaren Ei-
genschaften ihrer Demokratie. Das mögen sie für sich tun. Solange wir in
Deutschland aber einen Ableger dieser Demokratie besaßen, hatten wir 7 Millio-
nen Erwerbslose, eine vor dem vollkommenen Ruin stehende Wirtschaft […] und
eine vor der Revolution stehende Gesellschaft. […] Wem die Natur die Bananen
von selbst in den Mund wachsen läßt, der hat natürlich einen leichteren Lebens-
kampf als der deutsche Bauer. […] Wir verbitten uns nur, daß nun ein so sorgen-
loser internationaler Bananenpflücker die Tätigkeit des deutschen Bauern kriti-
siert. [...] Das Reich zählt 80 Mill. Menschen. Das sind über 135 heute auf den
Quadratkilometer. Der große Kolonialbesitz, den das deutsche Reich einst im
Frieden durch Verträge und Kauf erwarb, ist geraubt worden.83

Hitler forderte in dieser etwas verworrenen Passage seiner Rede zwar


„Lebensraum“ für die Deutschen, erwähnte aber mit keinem Wort Ost-
europa oder gar die Sowjetunion als möglichen Lebensraum, sondern
ganz im Stile des eingefleischten Revisionisten bezog er sich auf den
„Raub“ der deutschen Kolonien. Denjenigen, die genau hinhörten und
mit Hitlers Ideologemen gut vertraut waren, dürfte nicht verborgen ge-
blieben sein, worauf er hinaus wollte: auf das angebliche deutsche
Recht, sich ebenso wie England, seinen „Lebensraum“ da zu nehmen,
wo es gerade passte, also auch in Osteuropa. Andere hingegen dürften
getäuscht worden sein von den Bezügen auf „sorglose Bananenpflü-
cker“ und seine Polemik gegen „die Demokratien“, die letztlich nicht

83
N.N.: Adolf Hitler vor dem Großdeutschen Reichstag. Eine der gewaltigsten
Führerreden. Der Wortlaut der Führerrede, VB, NA, 1.2.1939, S. 4. Siehe auch in
ähnlicher Tendenz die Rede vom 28. April 1939: N.N.: Die Antwort des Führers.
Der Wortlaut der Rede des Führers, VB, NA, 29.4.1939, S. 5.
98 UMSETZUNG DER ZIELE

über das hinausgingen, was Hitler auch sonst allenthalben verkündet


hatte.84
Im ‚Völkischen Beobachter‘ taucht das Wort „Lebensraum“ von Ja-
nuar bis in den August in nur insgesamt acht der ausgewerteten Artikel
auf. In diesen Artikeln ging es jedoch mehrheitlich um die deutschen
Forderungen nach Kolonien und nicht um die Begründung des Anrech-
tes, sich Lebensraum in Osteuropa zu nehmen.85 Jutta Sywottek meint
zwar bei der Besetzung Böhmens und Mährens einen Übergang von der
Volkstums- zur Lebensraumpropaganda zu erkennen, eine eingehende-
re Untersuchung dürfte jedoch ergeben, dass das Hauptargument für
den Einmarsch zumindest im nationalsozialistischen ‚Völkischen Be-
obachter‘ die angebliche Unterdrückung der Minderheiten durch die
tschechische Regierung war. Auch im Zusammenhang mit der Sowjet-

84
Auch die Partei scheint diese Ausführungen Hitlers eher als Rückforderung der
Kolonien in Afrika verstanden zu haben. So erschien Anfang August 1939 eine
Ausgabe des „Schulungsbriefes“, bzw. des „zentralen Monatsblatts der NSDAP
und DAF [Deutsche Arbeitsfront]“ über die Kolonialfrage, in dem zwar die Rede
vom „Volk ohne Raum“ war, dieses Schlagwort wurde jedoch nicht mit dem deut-
schen „Drang nach Osten“, Polen oder Russland in Verbindung gesetzt. Sich aus-
drücklich auf Hitlers Reichstagsrede vom 30. Januar 1939 beziehend forderten die
Autoren die Rückgabe der deutschen Kolonien. Diesen Anspruch untermauerten
sie mit Berichten aus der „glorreichen“ deutschen Kolonialgeschichte in Afrika
und Asien. Vgl. Der Schulungsbrief 8, 1939.
85
Es waren vor allem Hitler selbst und Joseph Goebbels, die in ihren im ‚Völki-
schen Beobachter‘ veröffentlichten Reden und Kommentaren auch vom „Lebens-
raum“ sprachen. Siehe z.B. Goebbels, Joseph: Lord Halifax macht Witze, VB,
NA, 22.4.1939, S1. Auch in Hitlers Wilhelmshavener Rede am 28. April taucht
das Wort wiederholt auf, jedoch ebenfalls mit scheinbarem Bezug auf die verlore-
nen deutschen Kolonien. In den Kommentaren eines Theodor Seibert, Harald
Siewert oder Wilhelm Koppen lässt sich dieses Wort – mit wenigen Ausnahmen –
nicht finden. Von einer Propagandaaktion kann also keine Rede sein. Ansonsten
sprachen im ‚Völkischen Beobachter‘ nur Autoren, die Kolonien zurückforderten,
vom „Lebensraum“. Siehe z.B.: Ritter von Epp: Wachsende Völker brauchen
Raum. Schluß mit der Einteilung in „Habende“ und „Habenichtse“! Reichsleiter
Ritter von Epp begründet den deutschen Kolonialanspruch, VB, NA, 26.2.1939,
S. 1. Auch Epp sprach jedoch von „überseeischen Raumreserven“ und nicht von
Raum in Osteuropa oder Russland.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 99

union tauchte das Wort „Lebensraum“ nicht ein einziges Mal auf. Eine
zu offene Propagierung des Lebensraumgedankens wäre vermutlich
auch nicht im Interesse der Regierung gewesen, denn die neue Radika-
lität hätte in der Tat zu verstärkten „Einkreisungsbemühungen“ und
größeren Anstrengungen zum Schutz der osteuropäischen Staaten (ins-
besondere Polens) vor dem deutschen Expansionsdrang führen kön-
nen.86 So sah sich Theodor Seibert sogar bei Gelegenheit dazu veran-
lasst, die Existenz deutscher Lebensraumforderungen abzustreiten und
diese als „englische Lügen“ zu bezeichnen.87
Unmittelbar verknüpft mit dem Lebensraumgedanken war bei Hitler
die Vorstellung der rassischen Minderwertigkeit der slawischen Völker,
insbesondere auch der Russen. Doch auch rassentheoretische Beiträge
zum Beleg einer angeblichen „Minderwertigkeit“ der Slawen lassen
sich im ‚Völkischen Beobachter‘ von Januar bis April nicht finden.
Ganz im Gegenteil veröffentlichten die Redakteure bei Gelegenheit Ar-
tikel, die die Unterdrückung des russischen Volkes durch die im Ge-
gensatz hierzu beständig rassistisch herabgesetzten Juden belegen soll-
ten, so am 3. Januar: „Während der Sowjetarbeiter bei 30 Grad Kälte
seines Obdaches beraubt wird, haben die Sowjetbehörden gestern in
Odessa eine Feier zu Ehren des Juden Herschel Kazap, der sein 115.
Lebensjahr vollendet hat, veranstaltet. Wie die Sowjetblätter berichten,
bewohnt der Jude Kazap eine der besten Wohnungen in Odessa. Auf

86
Auch Stalin wurde von den immer wieder vorgetragenen öffentlichen Forderun-
gen nach Kolonien vermutlich getäuscht. So verkündete er auf dem 7. Kongress
der kommunistischen Internationale Anfang 1939, dass die Deutschen die europä-
ischen und amerikanischen Politiker bitter enttäuscht hätten, da sie Kolonien for-
derten, statt weiter gen Osten zu marschieren. Zit. in: Laqueur (1965), S. 293.
Gleichzeitig machte Hitler zu dieser Zeit intern aber durchaus deutlich, was er mit
„Lebensraum“ meinte. Kershaw (2000), S. 273.
87
Th[eodor] S[eibert]: Sie können’s nicht lassen, VB, NA, 14.4.1939, S. 1. Hierin
behauptete Seibert, dass das nationalsozialistische Deutschland gar nicht daran
denke, „seine nationale Kraft in uferlosen osteuropäischen ‚Alexander-Zügen‘ zu
verplempern.“ Siehe auch ähnlich: Theodor Seibert: Was das englische Volk nicht
wissen darf, VB, NA, 15.7.1939, S. 1.
100 UMSETZUNG DER ZIELE

der gestrigen Feier trug er ein Gedicht vor unter dem Titel ‚Stalin führt
uns‘. Er erhielt von Stalin ein Glückwunschtelegramm.“88 Das Ziel der
Propagandisten war es, zu belegen, dass die bemitleidenswerten Russen
von skrupellosen Juden regiert und unterdrückt würden. Die bolsche-
wistische Diktatur, so hieß es bei Gelegenheit, sei die „Tragödie des
russischen Volkes.“89
In dieses antisemitisch-völkische ideologische Konstrukt passte auch
die Unterdrückung der ukrainischen Minderheit in der Sowjetunion, die
die Journalisten, möglicherweise beeinflusst durch ukrainische Exilan-
tenpropaganda90, wiederholt und trotz der oben genannten Presseanwei-
sung aus dem November des Jahres 1938 vehement geißelten. Da sie
einen zukünftigen Konflikt mit der Sowjetunion nicht ausschließen
konnten – immerhin propagierten sie bereits seit einiger Zeit einen
„Kreuzzug gegen den Bolschewismus“ in Spanien –, hätte die proukra-
inische Propaganda noch wertvolle Dienste leisten können. In einer
scheinbar logischen Folge hätte sich die deutsche Aktion propagandis-
tisch aus der „völkervernichtenden“ Politik der „jüdisch-
bolschewistischen“ Sowjetunion ergeben, die Deutschland nun als Be-
freier der unterdrückten Völker Osteuropas, wie bereits in der Tsche-
choslowakei erprobt, beenden würde. Diese propagandistische Strategie
erscheint nicht nur innenpolitisch plausibel, da vielen die Alternative
zur Volkstumspropaganda, der Lebensraumgedanke, zu radikal war,
sondern auch außenpolitisch: Die ukrainische Exilgemeinde in
Deutschland, die nach eigener Angabe Kontakte zu nationalistischen
Untergrundbewegungen in der Sowjetunion pflegte, sollte sich in ihren
Hoffnungen bestärkt fühlen, dass Deutschland in einem antisemitisch-

88
N.N.: Moskaus Neujahrsgeschenk: Sowjetunion ohne Arbeits- und Sozial-
schutzgesetze. So genannte „schlechte“ Arbeiter werden mit ihren Familien aus
den Wohnungen vertrieben, VB, NA, 3.1.1939, S. 1.
89
H[arald] S[iewert]: Hungersnot in der Sowjetunion. Zwei Millionen von dem
Lebensmittelmangel betroffen, VB, NA, 12.1.1939, S. 2.
90
Mirow (1993), S. 59.
BERICHTERSTATTUNG JANUAR BIS MAI 101

antibolschewistischen Kreuzzug ihre nationalen Ambitionen unterstüt-


zen würde.
Man sollte diese Ausführungen nicht dahingehend verstehen, dass die
Propaganda „lediglich“ antisemitisch und nicht auch allgemein rassis-
tisch gewesen sei, denn der ‚Völkische Beobachter‘ propagierte ein la-
tent rassistisches Weltbild, in dem immer wieder bestimmten Völkern
kollektiv Eigenschaften aufgrund rassischer Merkmale zugeschrieben
wurden. Diese mussten jedoch nicht ausschließlich negativ sein: die
Bulgaren waren im ‚Völkischen Beobachter‘ die „Preußen des Bal-
kans“, die Rumänen ein „fleißiges Bauernvolk“91 und die Russen ein
etwas naives, kindisches und junges Volk, das sich von den gewieften
Juden habe verführen lassen. So hieß es in einem Artikel über Kriegs-
propaganda im Sowjetfilm: „die Gefährlichkeit dieser Sache liegt nicht
in der albernen Propaganda, sondern im Charakter der Russen, die sich
auf diese Weise in einen bedenklichen Wahn wiegen lassen.“ Und: Die
„Verblendung und Selbsttäuschung über die Stärke der eigenen Rüs-
tung“ habe in der Sowjetunion bereits „groteske Ausmaße“ angenom-
men.92 Abgesehen davon, dass der Artikel auch die deutsche Propagan-
da recht treffend zu beschreiben scheint, sind die Hetero- und Autoste-
reotype doch recht deutlich: Die Russen seien anfällig für Propaganda
und gefährlich naiv, ganz anders als die Deutschen, die die angeblichen
Machenschaften „der Juden“ durchschaut hätten und sich dagegen zur
Wehr setzten.93 Dies ist rassistische Propaganda in Reinform, es han-
delt sich jedoch noch nicht um „Untermenschenpropaganda“, die auch
Russen, Polen und andere im Zweiten Weltkrieg als grausame Tiere be-

91
Siehe unter anderem: N.N.: Schnappschüsse aus Rumänen, VB, NA, 4.4.1939,
S. 4; N.N.: Zum Staatsbesuch des bulgarischen Ministerpräsidenten Kjosseiwan-
off. Rote Rosen am Schwarzen Meer. Bulgarien – Land der Bauern und Soldaten,
VB, NA, 9.7.1939, Wochenendbeilage. Siehe auch Abschnitt 3.3.2.g)
92
XYZ: Kriegspropaganda im Sowjetfilm, VB, NA, 28.4.1939, S. 1. Dieser Arti-
kel stammte angeblich von einem Berichterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘ in
Moskau, es steht jedoch nichts darin, was man sich nicht auch aufgrund der Lektü-
re sowjetischer Zeitungen hätte zusammenreimen können.
93
Ebd.
102 UMSETZUNG DER ZIELE

schrieb. Wenn man die Propaganda des ‚Völkischen Beobachters‘ also


als ein Mittel der Regierung zur Vorbereitung der Deutschen auf einen
Krieg gegen die Sowjetunion betrachtet, so schien sie eher die Mög-
lichkeit einer Art Befreiungskrieg und keinen rassistischen Lebens-
raum- und „Vernichtungskrieg“ den Lesern andeuten zu wollen.
UMSETZUNG DER ZIELE

3.3.2. Mai bis August 1939: Die Propaganda bis zum deutsch-
sowjetischen Pakt

a) Vom Regime zum ‚Völkischen Beobachter‘: Konflikte und Vorah-


nungen

Am 3. Mai 1939 entließ Stalin seinen langjährigen Außenkommissar


Maksim Litvinov, ein Schritt, den der ‚Völkische Beobachter‘ geradezu
triumphierend aufnahm. Abgesehen von den antisemitischen Ergüssen,
die die Kommentatoren Litvinov hinterherschickten1, deuteten sie seine
Ablösung zunächst vorpreschend, und wie sich im Nachhinein heraus-
stellte durchaus zutreffend, als einen Rückschlag für die angeblichen
Versuche Großbritanniens und Frankreichs, sich an die Sowjetunion
„anzubiedern“ und damit Deutschland „einzukreisen“.2 Vorpreschend
waren diese Spekulationen deshalb, weil die Hauptphase der Verhand-

1
Theodor Seibert verfasste den unvermeidbaren antisemitischen Kommentar zur
Entlassung, in dem er in altbewährter Manier Maksim Litvinov als „jüdischen
Schieber und Schlächter“ diffamierte: Th[eodor] S[eibert]: Litwinow, VB, NA,
5.5.1939, S. 1.
2
Th[eodor] S[eibert]: Die Demokratie beweint Litwinow-Finkelstein. Widerspre-
chende Vermutungen über die Hintergründe, VB, NA, 5.5.1939, S. 1. Darauf folg-
ten Reaktionen auf die Entlassung in England, Frankreich, Schweden und den
USA, in denen es unter anderem hieß, die Rote Armee habe „keine Luft für Polen
zu kämpfen“. Der Pariser Berichterstatter behauptete, am größten sei die Erschüt-
terung im „jüdisch-marxistischen Lager der Kriegshetzerfronde“ und auch der
Londoner Berichterstatter behauptete, dass die Londoner Politiker „befürchteten“,
Gegner Litwinows wollten die Sowjetunion aus dem Krieg heraushalten. N.N.
Große Unruhe in England, VB, NA, 5.5.1939, S. 1; N.N. Katzenjammer in Paris,
VB, NA, 5.5.1939. Am 6. Mai wurde diese Tendenz beibehalten. Siehe u.a.:
H[arald] S[iewert].: Wer ist Molotow?, VB, NA, 6.5.1939, S. 1; Th[eodor]
B[öttiger]: Unbehagen in London, VB, NA, 6.5.1939, S. 2. Am 6. Mai kamen
auch weitere Spekulationen auf, wonach sich die Sowjetunion von England und
Frankreich abwenden werde. Siehe auch: N.N.: Prüfung der Geheimarchive des
Moskauer Außenkommissariats, VB, NA, 6.5.1939, S. 2.
104 UMSETZUNG DER ZIELE

lungen zwischen Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion noch


bevorstand und eine Einigung noch lange Zeit im Bereich des Mögli-
chen schien; durchaus zutreffend war die Analyse, weil die Entlassung
Litvinovs im Nachhinein als ein Schritt zur deutsch-sowjetischen An-
näherung interpretiert werden kann, der letztlich zum deutsch-
sowjetischen Pakt führte.3
Das Vorpreschen des ‚Völkischen Beobachters‘ entsprach nicht den
Pressanweisungen, in denen propagandistische Zurückhaltung verlangt
wurde, so am 4. Mai: „Am allerbesten [...] ist es, sich eigener Kommen-
tare ganz zu enthalten und nur auslaendische Stimmen abzudrucken, je-
doch mit Vorsicht...“4 Und: „lediglich die Person Litwinows, seine ge-
scheiterten Pläne usw. [kö]nnen charakterisiert werden.“5 Am 5. Mai
gab das Auswärtige Amt eine weitere Warnung heraus, „sich [über] den
Rücktritt von Litwinow nicht in Kombinationen zu verlieren.“6 Und am
6. Mai folgte die „vertrauliche und wichtige“ Anweisung, dass über die
Person Litvinovs nichts mehr erscheinen solle.7 Die vorschnellen Ver-
öffentlichungen des ‚Völkischen Beobachters‘, der die Entlassung am
5. Mai offen als Rückschlag für die so genannte „Einkreisung“ gedeutet
hatte, kritisierte denn auch indirekt die Pressabteilung des Auswärtigen
Amtes: „Einige deutsche Zeitungen haetten [...] den Eindruck erweckt,
als sei der Ruecktritt willkommen und als koenne man jetzt zukunfts-
froh usw. sein. So etwas wuerde im Ausland sofort in falscher Richtung
vermerkt.“8 Besonders aufschlussreich mit Blick auf den Kommunika-
tionsprozess zwischen Regime und Medien ist hierbei, dass das Aus-
wärtige Amt sich veranlasst sah, die Anweisung etwas fadenscheinig
mit der Auslandswirkung zu begründen. Den Journalisten sollte auf
diese Art und Weise die möglicherweise schwer verständliche und für

3
Über Litvinovs Sturz und die dazugehörige Debatte siehe Roberts (1992).
4
PA, Nr.1294, ZSg. 102/16/7/ (1), 4.5.1939.
5
PA, Nr.1294, ZSg.101/13/3/Nr.391, 4.5.1939.
6
PA, Nr. 1325, ZSg. 102/16/13/35 (3), 5.5.1939.
7
PA, Nr. 1344, ZSg. 101/1/6/Nr.406, 6.5.1939.
8
PA, Nr. 1344, ZSg.102/16/22/45 (7), 6.5.1939.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 105

einige schwer zu akzeptierende Anweisung zur Zurückhaltung gegen-


über dem Erzfeind Litvinov plausibel gemacht werden. Gerade die Be-
gründung dürfte jedoch zu Spekulationen eingeladen haben.9
Nicht nur Mutmaßungen über eine deutsch-sowjetische Annähe-
rung10, sondern auch Verwirrung dürfte sich unter den Journalisten bald
breit gemacht haben, denn die Presseanweisungen verlangten scheinbar
immer Unerklärlicheres und wurden gleichzeitig immer widersprüchli-
cher. So wies die Propagandaleitung die Journalisten bereits kurz nach
der Entlassung Litvinovs am 5. Mai 1939 an, dass sie „ab sofort die Po-
lemik gegen die Sowjetunion und den Bolschewismus“ einstellen soll-
ten.11 Diese Anweisung, die die entscheidende Wende in der antibol-
schewistischen Propaganda des Jahres 1939 markiert, wurde jedoch be-
reits am 26. Mai wieder rückgängig gemacht, denn, wie es hieß, „heute,
wo Sowjetrußland sich in das Einkreisungssystem der Westmächte ein-
gefügt hat, können alle taktischen Rücksichten, die bisher notwendig
gewesen waren, wieder fallengelassen werden.“12 Der Verfasser der
Anweisung behauptete weiter, dass sich „an der grundsätzlichen Hal-
tung Deutschlands zum Bolschewismus ebenso wie zur Sowjetunion
[...] nichts geändert“ habe. Doch auch diese Anweisung hielt nur für
fünf Tage: Am 31. Mai machte die Propagandaleitung sie wieder rück-
gängig. Jetzt hieß es wiederum: „Die Sowjetunion als Staat soll wei-
terhin nicht angegriffen werden.“13
Den Journalisten wurde diese Sprunghaftigkeit damit erklärt, dass die
„Einkreisung“ durch zu viel und gegenüber der Sowjetunion zu negati-
ve Berichterstattung begünstigt werde.14 Doch diese fadenscheinige
Begründung erschien vielen nicht plausibel. Die Gerüchte, dass eine

9
Siehe hierzu auch: Sänger (1976), S. 352.
10
Ebd.
11
PA, Nr. 1321, ZSg. 101/13/5/1, 5.5.1939.
12
PA, Nr. 1635, ZSg. 101/13/33-34/Nr.501, 26.5.1939, überschrieben mit „wich-
tig!“
13
PA, Nr. 1678 ZSg.101/13/36/Nr.513, 31. Mai 1939.
14
PA, Nr.1534, ZSg. 102/16/76/41 (2), 19.5.1939.
106 UMSETZUNG DER ZIELE

deutsch-sowjetische Annäherung bevorstehe, waren laut dem täglich an


der Pressekonferenz teilnehmenden Journalisten Fritz Sänger von der
‚Frankfurter Zeitung‘ bereits seit Mai 1939 nicht zum Verstummen zu
bringen.15 Die Leiter der Pressekonferenz und das Auswärtige Amt be-
fanden sich in einem Dilemma: einerseits durften sie die Journalisten
über die deutsch-sowjetische Annäherung nicht informieren, anderer-
seits mussten sie diese aber gleichzeitig auf eine vollkommen neue pro-
pagandistische Linie einschwören. Deshalb wiederholte die Propagan-
daleitung von Mai bis August die Aufforderung, möglichst wenig und
zurückhaltend zu berichten, periodisch in der Pressekonferenz16 und es
wurde versucht, die Journalisten in zunehmenden Maße, jedoch sich
immer noch in ständige Widersprüche verstrickend17, über den Verlauf
der Verhandlungen zwischen Sowjetunion und Großbritannien zu in-
formieren.18

15
Sänger (1975), S. 353ff.
16
PA, Nr. 1390, ZSg. 102/16/31/41 (2), 9.5.1939; PA, Nr.1456, ZSg.
101/13/18/Nr.432, 12.5.1939, „vertraulich“; PA, Nr.1416, ZSg. 101/13/15/Nr.441,
12.5.1939; PA, Nr.1494, ZSg. 101/13/21/Nr.442 (16.) [15.]5.1939; PA, Nr.1519,
ZSg. 101/13/24/Nr.454, 17.5.1939; PA, Nr.1619, ZSg. 101/13/32/Nr.488,
25.5.1939; PA, Nr.1692, ZSg. 101/13/38/Nr.520, 1.6.1939; PA, Nr.1756, ZSg.
102/17/144/44 (1), 8. Juni 1939; PA, Nr. 1731 ZSg. 102/17/132/29 (1), 5.6.1939;
PA, Nr. 1731, ZSg. 101/13/43/Nr.53, 5.6.1939; PA, Nr.1720, ZSg. 102/17/128/52
(1), 3.6.1939.
17
So hieß es am 1.6.1939 in diesem Zusammenhang, Auslandsstimmen dürften
durchaus gebracht werden und der Pessimismus der demokratischen Mächte dürfe
genannt werden. Vgl. PA, Nr.1692, ZSg. 101/13/38/Nr.520, 1.6.1939. Das Aus-
wärtige Amt forderte hingegen bereits am 3. Juni, der Versuchung zu widerstehen,
„die Berichte über den Verlauf der russisch-englisch-franzoesischen Verhandlun-
gen zu Schadenfreude zu nutzen.“ Sonst würden sich die Gegner diese Meldungen
„sehr gut ansehen“. PA, Nr. 1720, ZSg. 102/17/128/52 (1) 3.6.1939. Und am 13.
Juni 1939 hieß es: „Auf die sowjetrussischen-englischen Verhandlungen soll nach
wie vor in eigenen Kommentaren nicht eingegangen werden.“ PA, Nr. 1830, ZSg.
101/13/50/Nr. 565, 13.6.1939, S. 567. Den Mitarbeitern des ‚Völkischen Be-
obachter‘ dürfte es schwer gefallen sein, sich in der Vielzahl von Anweisungen
und Empfehlungen zurechtzufinden.
18
Siehe u.a. ZSg. 102/17/136/69 6. Juni 1939; ZSg. 102/17/144/44 (1) 8. Juni
1939.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 107

Dass es überhaupt zu dem Lavieren in der Haltung gegenüber der


Sowjetunion kam und die Presseanweisungen keine eindeutige Linie
für oder gegen Zurückhaltung gegenüber der Sowjetunion erkennen
ließen, dürfte einerseits auf die Unklarheit über den Stand der britisch-
französisch-sowjetischen Verhandlungen zurückzuführen sein und an-
dererseits auf Kompetenzstreitigkeiten und die unterschiedlichen au-
ßenpolitischen Pläne und Zielsetzungen innerhalb der deutschen Regie-
rung.19 So befürwortete das Auswärtige Amt, der Außenminister Rib-
bentrop und mit Einschränkungen der in seiner Haltung schwankende
Hitler die Annäherung Deutschlands an die Sowjetunion.20 Unter ande-
rem Joseph Goebbels und vor allem Alfred Rosenberg konnten den
Außenminister von Ribbentrop hingegen nicht ausstehen und hätten
seinen diplomatischen Erfolg schon allein deshalb gerne sabotiert. Ge-
gen offene Opposition sprach einzig ihre Treue zu Hitler.21 Und sogar
den zu diesem Zeitpunkt einflussreicheren Goebbels informierte Hitler
nur sporadisch über die deutsch-sowjetischen Annäherung. So versi-
cherte Hitler ihm noch am 8. Juli 1939, dass eine deutsch-sowjetische
Verständigung derzeit nicht wahrscheinlich sei.22 Die außenpolitischen
Richtungsstreitigkeiten, Kompetenzstreitigkeiten und Konflikte inner-
halb der Regierung und des Propagandaapparates23 schlugen sich in den
Presseanweisungen nieder und dürften zu der im Folgenden näher zu
beschreibenden Verwirrung der Propagandisten beigetragen haben.

19
Fleischhauer (1990), S. 197ff., S. 258ff. Fleischhauer beschreibt, dass es nach
einem ersten Gespräch des Botschafters von der Schulenburg mit dem sowjeti-
schen Außenkommissar Hitler war, der entgegen den Ratschlägen seines Außen-
ministers Ribbentrop die ersten Annäherungsversuche stoppte. Zwei Tage später
änderte die deutsche Regierung jedoch bereits wieder ihre Haltung und die Ver-
handlungen konnten fortgesetzt werden. Dies ist nur ein Beispiel für die Uneinig-
keit der deutschen Führung in dieser Frage.
20
Fleischhauer (1990), S. 19ff.
21
Über den Streit Goebbels-Ribbentrop siehe Irving (1996), S. 298f. Über die
Konflikte Rosenberg-Ribbentrop siehe Piper (2005), S. 426.
22
Irving (1990), S. 299, S. 306.
23
Longerich (1987), S. 132ff.
108 UMSETZUNG DER ZIELE

b) Die innere Entwicklung der Sowjetunion: Übergang

Am stärksten hielt der ‚Völkische Beobachter‘ die antibolschewisti-


sche Polemik in der Berichterstattung über die innere Entwicklung der
Sowjetunion zurück. Hier erwies sich die Presseanweisung vom 5. Mai,
in der die Regierung das Einstellen jeglicher Polemik gegen die Sow-
jetunion gefordert hatte, als wirksam. In den vier Monaten von Mai bis
August erschienen insgesamt nur 17 Meldungen und Artikel über Vor-
gänge in der Sowjetunion. Themen, die eigentlich hätten instrumentali-
siert werden können, meldete der ‚Völkische Beobachter‘ nur kurz und
ohne den sonst üblichen ätzenden Kommentar. So wurden ein „schwe-
res Flugzeugunglück in Sowjetrußland“24, die Einberufung des Obers-
ten Sowjets25, die Erhöhung des Etats der sowjetischen Armee26, politi-
sche Prozesse in der Ukraine27 oder gar eine Ausreiseverweigerung für
den ehemaligen Lieblingsfeind Maksim Litvinov (der ohne den jüdi-
schen Familiennamen „Finkelstein“ genannt wurde)28 in jeweils nicht

24
Schweres Flugzeugunglück in Sowjetrußland, VB, NA, 13.5.1939, S. 4 (Unter
der Rubrik „In Kürze“).
25
N.N.: Oberster Sowjet am 25. Mai, VB, NA, 6.5.1939, S. 2.
26
O.E.: Etat der Roten Armee auf 40 Milliarden Rubel erhöht, VB, NA,
27.5.1939, S. 7.
27
In dem Bericht aus der Ukraine hieß es, der Angeklagte habe einen „terroristi-
schen Überfall“ auf einen „Kommunistenführer“ begangen. Bemerkenswert ist die
Wortwahl: der „Terrorist“ ist der Ukrainer, während der Kommunist (nicht „Bol-
schewist“) als „Führer“ bezeichnet wurde. Auch versuchte der Autor nicht die Un-
schuld des Ukrainers zu beweisen oder Sympathie für seine Sache zu bekunden.
Noch mehr als all dies erstaunt jedoch, dass dieser offensichtlich unpassende Arti-
kel überhaupt veröffentlicht wurde. Entweder es handelte sich um eine Unacht-
samkeit oder aber um ein gezieltes Signal an Eingeweihte (an in Deutschland le-
bende Ukrainer?), die sich vergewissern wollten, dass die Ukrainer in der Sowjet-
union nicht vergessen worden waren. Vgl.: N.N.: Politische Prozesse in der Ukra-
ine. Eigener Bericht des „VB.“, VB, NA, 21.7.1939, S. 7
28
N.N.: Litwinow darf nicht zur Kur nach Frankreich. INS London, VB, NA,
26.7.1939, S. 7. Insgesamt war die Meldung nur 8 Zeilen lang; sie sollte wohl
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 109

mehr als 20 Zeilen, teilweise ohne Überschrift, auf einer der hinteren
Seiten gemeldet und nicht kommentiert.29 Auch den Antisemitismus
hielten die Berichterstatter zurück: Nachdem sie Maksim Litvinov eini-
ge ätzende Kommentare hinterhergeschickt hatten, lassen sich in kei-
nem der Artikel und Meldungen zur inneren Entwicklung deutlich anti-
semitische Äußerungen finden.30 Dieser Befund zeigt in der Rückschau

Spott signalisieren, die Berichterstatter hielten sich aber zurück und führten diesen
Punkt nicht weiter aus.
29
Folgende weitere Artikel über die innere Entwicklung der Sowjetunion sind zu
nennen: N.N.: Moskaus Botschafter für Warschau, VB, NA, 10.5.1939; N.N.:
Amanski Sowjetbotschafter in Washington, VB, NA, 12.5.1939, S. 7; N.N.:
Oberster Sowjet am 25. Mai, VB, NA, 6.5.1939, S. 2; O.E.: Etat der Roten Armee
auf 40 Milliarden Rubel erhöht, VB, NA, 27.5.1939, S. 7; N.N.: Außenpolitik in
Kürze: Tagung des Obersten Sowjets, VB, NA, 26.5.1939, S. 7; N.N.: „Hoff-
nungslose Lage der englischen Arbeiter“. Komintern-Begleitmusik zum Besuch
Strangs, Moskau, VB, NA, 20.6.1939, S. 2; N.N.: Moskauer Botschafter in China
tödlich verunglückt, VB, NA, 12.7.1939, S. 7; N.N.: Disziplinlosigkeit in der Ro-
ten Armee. Eigener Bericht des „VB.“, VB, NA, 19.7.1939, S. 9; N.N.: Politische
Prozesse in der Ukraine. Eigener Bericht des „VB.“, VB, NA, 21.7.1939, S. 7;
N.N.: Die Seerüstungen der Sowjetunion. Sowjetstreitkräfte in vier Flotten geteilt,
Moskau, VB, NA, 26.7.1939, S. 7; N.N.: Sowjetrussische Note über Sachalin,
Moskau, VB, NA, 26.7.1939, S. 7; N.N.: Kommandeur der Ersten fernöstlichen
Sowjetarmee abgesetzt, Moskau, VB, NA, 29.7.1939, S. 1; N.N.: Verschwindet
das Kaspische Meer? Moskau, VB, NA, 29.7.1939, S. 4; Fritz Zierke: Vor 25 Jah-
ren. Der Aufbruch zum Weltkrieg, 30.7.1939, S. 8; Fritz Zierke: Der Aufbruch
zum Weltkrieg II, VB, NA, 1.8.1939, S. 8; N.N.: Moskau wahrt das schweigende
Gesicht, VB, NA, 2.8.1939, S. 2. Einige Themen schrieen geradezu nach Polemik,
so die „politischen Prozesse in der Ukraine“. Der Artikel war aber insgesamt sach-
lich und der Autor ergriff keine Partei. In dem Artikel über die „Komintern-
Begleitmusik zum Besuch Strangs“ ging es ebenfalls weniger um die Sowjetuni-
on, als vielmehr darum, über den britischen Unterhändler William Strang zu spot-
ten, der in der Moskauer Presse Artikel über die „hoffnungslose Lage der Arbei-
ter“ in England zu lesen bekomme. Der merkwürdigste Artikel war zugleich der
ausführlichste: er handelte vom angeblichen Verschwinden des Kaspischen Meers,
ein Thema, das die Leser des ‚Völkischen Beobachters‘ nicht unmittelbar betraf.
Insbesondere weil sonst kaum etwas aus der Sowjetunion gemeldet wurde, mutet
die Themenwahl merkwürdig an.
30
Siehe Anhang B.
110 UMSETZUNG DER ZIELE

deutlicher als die Berichterstattung über die internationalen Beziehun-


gen der Sowjetunion, dass sich hinter den Kulissen einiges veränderte.

c) Deutsch-sowjetische Beziehungen: Annäherung hinter den Kulissen

An der Berichterstattung über deutsch-sowjetische Beziehungen hätte


sich hingegen von Mai bis August in der Berichterstattung des ‚Völki-
schen Beobachter‘ nichts zu ändern brauchen: Bereits zuvor hatte der
‚Völkische Beobachter‘ seine Leser Glauben gemacht, deutsch-
sowjetische Beziehungen würden nicht existieren. Gerade jetzt, in der
Phase erster deutsch sowjetischer Annäherungen, wünschte die Regie-
rung von den Zeitungen nicht, dass sie den Lesern etwas anderes an-
deuteten. So kritisierte die Propagandaleitung beispielsweise am 12.
Mai überaus deutlich alle Zeitungen, die offensichtlich über eine
deutsch-sowjetische Annäherung spekuliert und Vergleiche zur bis-
marckschen Außenpolitik des Rückversicherungsvertrages gezogen
hatten.31
Angesichts dieser Anweisung vom 12. Mai ist erstaunlich, dass der
‚Völkische Beobachter‘ am 14. Mai den dreißigsten Todestag des Dip-
lomaten Fritz von Holstein zum Anlass nahm, ihn in der Wochenend-
beilage ausgerechnet für die Nichterneuerung des deutsch-russischen
Rückversicherungsvertrag zu kritisieren. Von Holstein sei ein „verant-
wortungsloser Politiker“ ohne „jegliches nationales Selbstbewusstsein“
gewesen, hieß es in dem ausführlichen, keineswegs versteckten Arti-
kel.32 Den arglosen Lesern dürfte dieser Hinweis auf das, was noch auf
sie zukommen sollte, mehrheitlich entgangen sein; die Redakteure hin-
gegen, die die Presseanweisungen vermutlich vernommen hatten, sich

31
PA, Nr.1456, ZSg. 101/13/18/Nr.432, 12.5.1939.
32
N.N. Fritz von Holstein. Die Flucht vor der Verantwortung. Vor 30 Jahren starb
die „Graue Eminenz“. VB, NA, 14.5.1939, Wochenendbeilage.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 111

aber dennoch nicht scheuten, den Artikel über von Holstein zu veröf-
fentlichen, versuchten möglicherweise, ein Signal auszusenden. Es er-
scheint beinahe so, als ob sie der Regierung zu verstehen geben woll-
ten, dass sie eine außenpolitische Kursänderung billigen und sogar be-
grüßen würden.
Derartige seltene und versteckte Hinweise33 auf eine außenpolitische
Kehrtwende und das zunehmende, im Folgenden noch näher zu be-
schreibende Zurückhalten der routinemäßigen und zuvor allgegenwär-
tigen Beschimpfungen der Sowjetunion, ändern nichts daran, dass der
‚Völkische Beobachter‘ das Stillschweigen über die deutsch-
sowjetische Annäherung vordergründig bis in den August wahrte. Be-
ziehungen zwischen Hitlerdeutschland und Sowjetunion oder gar Ver-
handlungen über einen Pakt, lagen außerhalb der Medienrealität, die
der ‚Völkische Beobachter‘ seinen Lesern zu vermitteln suchte.

d) Antikominternpropaganda: Rückkehr der „Legion Condor“ und


„Stahlpakt“

Ebenso bemerkenswert wie die Berichterstattung über die deutsch-


sowjetischen Beziehungen und die erwähnte vorsichtige Andeutung ei-
ner Annäherung war, dass gleichzeitig bis Mitte Mai auf anderer Ebene
das Gegenteil stattfand: Trotz anders lautender Presseanweisungen be-

33
Es gab im ‚Völkischen Beobachter‘ noch einige weitere Artikel, die zumindest
erahnen ließen, dass eine Annäherung bevorstand. So erwähnte Theodor Böttiger
bereits am 5. Juli, in London gingen Gerüchte um, dass Deutschland und die Sow-
jetunion planten, Polen aufzuteilen. Er bezeichnete dies aber als „groteske Lügen“.
Siehe: Theodor Böttiger: Danzig-Lügen am Pranger. Nach der Bloßstellung –
neue Verleumdungen, VB, NA, 5.7.1939, S. 1. Am 30. Juli 1939 startete der
‚Völkische Beobachter‘ eine Serie über den „Aufbruch zum Weltkrieg“ vor 25
Jahren. In diesen Artikeln ging es auch um die Ursachen des russischen Kriegsein-
tritts. Hierbei ist auffallend, wie zurückhaltend sich der Autor, Fritz Zierke, ver-
hielt: Rassistische Beschimpfungen der Russen oder auch Juden sparte er sich.
Fritz Zierke: Vor 25 Jahren: Der Aufbruch zum Weltkrieg, VB, NA, 30.7.1939,
S. 8.
112 UMSETZUNG DER ZIELE

hielt der ‚Völkische Beobachter‘ die antibolschewistische Bündnispro-


paganda zunächst bei und die Berichterstatter hoben gelegentlich sogar
die Beteiligung „deutscher Freiwilliger“ am „Kreuzzug gegen den Bol-
schewismus“ (in Spanien) stolz hervor. Noch am 20. Mai hieß es
„Deutsche Freiwillige“ hätten in Spanien „einfach zu den Flinten ge-
griffen. [...] Damals zogen sie mit Pistole und Flinte an den Berghängen
vorbei, Spanien für die Spanier zu erobern. [...] Damals war der Mann
ein Held, der den ersten Russentank mit einer Benzinflasche übergoß
und ihn in Brand setzte.“34 Hier propagierte der ‚Völkische Beobachter‘
noch das Motiv des heldenhaft gegen die skrupellosen und an Ausrüs-
tung überlegenen „Russen“ oder „Bolschewisten“ kämpfenden deut-
schen Freiwilligen. Dabei stand die eigentlich heikle Aufgabe noch be-
vor: die Enthüllung der deutschen „Legion Condor“, beziehungsweise
das Eingeständnis, dass die „deutschen Freiwilligen“ mit anderen Waf-
fen als „Benzinflaschen“, „Pistolen“ und „Flinten“ von der deutschen
Regierung unterstützt worden waren.
Nachdem der ‚Völkische Beobachter‘ so zunächst die antibolschewis-
tische Polemik teilweise beibehielt, war doch am 22. Mai, als die
Bündnispropaganda mit der Verkündung des so genannten deutsch-
italienischen „Stahlpaktes“ einen neuen Höhepunkt erreichte, die Zu-
rückhaltung gegenüber der Sowjetunion kaum noch zu übersehen: nicht
mehr als antikommunistisch/antibolschewistisches, sondern als antide-
mokratisches Bündnis feierten die Propagandisten die Unterzeich-
nung.35 Da die „Einkreisungspropaganda“ auf Hochtouren lief und der
„Stahlpakt“ sich in der Tat nicht in erster Linie (so wie implizit-explizit
der Antikominternpakt) gegen die Sowjetunion richtete36, war die anti-
bolschewistische Polemik in diesem Zusammenhang leicht ersetzt und

34
N.N.: 200000 Mann marschieren vor dem Caudillo. Die große Siegesparade in
Madrid. Rote Lügenhetze entlarvt, VB, NA, 20.5.1939, S. 1.
35
N.N.: Bund Berlin-Rom besiegelt, VB, NA, 23.5.1939, S. 1. Und der Kommen-
tar dazu von dem vormaligen antibolschewistischen Hetzer Wilhelm Koppen:
W[ilhelm] Koppen: Gerechter Friede, VB, NA, 23.8.1939, S. 1.
36
Graml (1990), S. 220ff.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 113

ihr fast vollständiges Verschwinden musste nicht unbedingt auffallen;


bei der Enthüllung der deutschen „Legion Condor“ hingegen, die am
31. Mai 1939 stattfinden sollte, war die einfache Auswechslung des
Feindbildes schon allein deshalb schwieriger, weil der Bürgerkrieg in
Spanien propagandistisch immer ein Krieg gegen die Sowjetunion,
Bolschewismus und „Kulturzerstörung“ gewesen war. Deshalb ver-
wundert es nicht, dass die Presseanweisungen aus dem Propagandami-
nisterium hierzu widersprüchlich und für die Journalisten kaum umzu-
setzen waren:
Zunächst mahnte die Propagandaleitung zu Zurückhaltung: So wurde
am 25. Mai in Vorbereitung der Enthüllung gefordert, dass: „die Geg-
ner [der Deutschen in Spanien] nicht als feige oder unfähig hingestellt
werden“ sollten. Zudem müssten „in den Berichten [...] die Begriffe
„rote Truppen“ und im Gegensatz dazu „weiße Truppen“ ausfallen.
Man könne von rotspanischen [Truppen sprechen], aber im Gegensatz
nur von nationalspanischen.“37 Das bedeutete, dass Anspielungen auf
die Sowjetunion oder Vergleiche mit dem Russischen Bürgerkrieg un-
terbleiben sollten. Andererseits war die Propagandaleitung hierbei nicht
konsequent, wie die folgende Anweisung deutlich macht: „Alle Spani-
enberichte aus Anlass der Rückkehr der Legion Condor müssen darauf-
hin durchgesehen werden, dass sich der Tenor wohl gegen den Bol-
schewismus im Allgemeinen, nicht aber gegen die Sowjetunion rich-
tet.“38 Dabei war doch gerade der „Bolschewismus im Allgemeinen“
ein russisches Phänomen und jede Polemik gegen den „Bolschewis-
mus“ konnte auch als Angriff auf die Sowjetunion verstanden werden.
Der ‚Völkische Beobachter‘ umging das Problem, indem er schrieb,
die „deutschen Freiwilligen“ der „Legion Condor“ hätten das „Schwert
erhoben zur Wahrung deutscher Ideale“ (in Spanien wohlgemerkt).
Dadurch, dass der ‚Völkische Beobachter‘ ausnahmsweise betonte, wo-
für gekämpft worden sei und nicht wogegen, konnte die Benennung des

37
PA, Nr. 1618, ZSg. 102/16/94-95/56 (6), 25.5.1939.
38
PA, Nr. 1678, ZSg.101/13/36/Nr.513, 31.5.1939. Überschrieben mit „Wichtig!“.
114 UMSETZUNG DER ZIELE

ursprünglichen Gegners umgangen werden. Die Presseanweisungen


waren aber so widersprüchlich, dass diese ganz neue Sicht der Dinge
im ‚Völkischen Beobachter‘ nicht konsequent durchgehalten wurde:
Wenn auch ohne die üblichen Schmähungen schrieb beispielsweise
Karl Georg von Stackelberg in einem Kommentar für den ‚Völkischen
Beobachter‘, ebenfalls am 31. Mai, von einer europäischen „Schick-
salsgemeinschaft gegen den Bolschewismus“ zu der die „Legion“ ge-
hört habe.39 In der Pressekonferenz mussten noch mehrere Mahnungen
zur Zurückhaltung in der Spanienberichterstattung ausgesprochen wer-
den40, bis erreicht wurde, dass in einer Serie über die „Legion Condor“
im ‚Völkischen Beobachter‘ zwar ausführlich die Kampfhandlungen
beschrieben und die angeblich „Freiwilligen“ zu Heroen des modernen
Luftkrieges stilisiert wurden, der Gegner jedoch meist unbestimmt „der
Feind“ hieß, der immer wieder „vernichtet“ wurde.41 Auch in der Fol-
gezeit achteten die meisten Journalisten des ‚Völkischen Beobachters‘
auf die Begriffe: Die Gegner Francos waren jetzt entweder allgemein
„Feinde“ oder „Rojos“, beziehungsweise manchmal auch „Kommunis-
ten“, immer seltener jedoch „Bolschewisten“.
Bei der Verkündung des „Stahlpaktes“ am 22. Mai hatten die Propa-
gandisten bereits eine neue Art von Bündnispropaganda unter Weglas-
sung der Gemeinsamkeit des Antibolschewismus erprobt: Die Gegner
der „autoritären Staaten“ waren in den Kommentaren immer häufiger
die „demokratischen Länder“ und nicht mehr der „Bolschewismus“. So
hieß es in einer Presseanweisung am 7. Juni im Zusammenhang mit der
Spanienberichterstattung: „Die Spitze der Polemik ist aber nicht so sehr

39
K[arl] G[eorg] von Stackelberg: Die Legion kehrt heim, VB, NA, 31.5.1939,
S. 1.
40
Siehe zum Beispiel die folgende Anweisung vom 3. Juni: „Was die Sowjetrus-
sen als Gegner in Spanien angeht, so moege man die Berichte nicht zu sehr auf die
Greuel-Seite [sic] abstellen, man moege es überhaupt an unnötigen Angriffen feh-
len lassen.“ PA, Nr. 1720, ZSg. 102/17/128/52 (6), 3.6.1939.
41
Siehe den Artikel zum Auftakt der Serie: N.N.: Das waren die von der Legion
Condor, VB, NA, 31.5.1939, S. 8.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 115

gegen ‚andere Staaten‘ zu richten als insbesondere gegen die demokra-


tischen Laender. Voran England. Man braucht aber nicht zu verschwei-
gen, dass der internationale Kommunismus ebenfalls Lieferungen nach
Spanien gemacht hat. Die Zahlen aus sowjetrussischer Quelle koennen
auch gebracht werden, sie sollen aber nicht die Hauptsache bilden, denn
von dieser Seite her wird Deutschland gegenwaertig wegen der Einmi-
schung in Spanien auch nicht angegriffen.“42 In einem Kommentar des
‚Völkischen Beobachters‘ hieß es daraufhin: „Das auffallende ‚Interes-
se‘, das die französischen Volksfrontkreise für das ‚spanische Experi-
ment‘ zeigten, unterstützt von dem internationalen Kommunismus in
den anderen demokratischen Ländern und seiner Moskauer Zentrale,
war das untrügliche Zeichen, daß auf spanischem Boden die Entschei-
dungsschlacht der Demokratien gegen die autoritären Staaten geschla-
gen werden sollte.“43 Obwohl immer noch die Rede von der „Zentrale
Moskau“ war, half die verwirrende und unlogische Argumentation da-
bei, durch die Akzentverschiebung auf die Rolle der „Demokratien“
und die Vermeidung des Begriffes „Bolschewismus“ allzu direkte An-
griffe gegen die Sowjetunion zu vermeiden.
Die derart inkonsequent ausweichende Argumentationsweise – mal
antibolschewistisch, mal antidemokratisch – ließ sich nicht immer kon-
sequent durchhalten, unter anderem in der Berichterstattung aus Japan.
Nachdem im Mai die Kampfhandlungen in der von der Propaganda so
genannten „Sowjetmongolei“ heftiger geworden waren44, stellten sich
die Propagandisten wieder eindeutig auf die Seite des Bündnispartners
Japan. Am 17. Juni veröffentlichte der ‚Völkische Beobachter‘ einen
ausführlichen Artikel, in dem es ganz im alten Stile der Antikomintern-
propaganda hieß, Japan erfülle – wie Deutschland in Europa – in Ost-
asien die Mission, „der bolschewistischen Zersetzung Einhalt zu gebie-
ten.“ Dafür aber habe keine Nation mehr Verständnis als das „Groß-

42
PA, Nr.1746, ZSg. 101/13/44/Nr.539, 7.6.1939.
43
Hö: Demokratische Einmischung, VB, NA, 9.6.1939, S. 1.
44
Graml (1990), S. 127; Ikuhiko (1976), S. 157ff.
116 UMSETZUNG DER ZIELE

deutschland Adolf Hitlers“.45 Möglicherweise weil die Konflikte in der


Mongolei ein Randthema blieben, kam die Presseanweisung, sich auch
in der „Japan-Frage“ zurückzuhalten, etwas verspätet am 31. Juli46,
während in der Zwischenzeit noch etliche, meist im hinteren Teil der
Zeitung versteckte Meldungen über japanische Siege und die Schwäche
der „Sowjetmongolei“47 und teilweise auch über angebliche sowjeti-
sche Kriegsverbrechen48 erscheinen konnten. Die Kommentare hierzu
fielen jedoch kurz aus, das Thema des „gemeinsamen Kampfes“ gegen
den Bolschewismus innerhalb der Antikomintern wurde immer seltener
aufgegriffen. Zur Umgehung dieses Themas kamen den Berichterstat-
tern die sich Ende Juni verstärkenden britisch-japanischen Konflikte in

45
Carl Cranz: Die Antriebskräfte der Großmacht Japan, VB, NA, 18.6.1939, S. 1.
46
PA, Nr. 2559, ZSg. 102/18/329/14 3), 31.6.1939.
47
Im Folgenden sind nur ausführlichere Artikel im vorderen Teil des ‚Völkischen
Beobachters aufgeführt. Es gab jedoch noch zahlreiche Meldungen im hinteren
Teil des ‚Völkischen Beobachters, die hier nicht aufgeführt sind. Die große Zahl
der Artikel unterstreicht, dass den Berichterstattern dieses Thema durchaus wich-
tig erschien: N.N.: Zuspitzung in der Außenmongolei. Schwere Luftkämpfe in
2000 Meter Höhe – Japanische Warnung an Moskau, VB, NA, 26.6.1939, S. 2;
N.N.: Moskaus Interesse am Fernen Osten. Drahtbericht unseres Moskauer Be-
richterstatters, VB, NA, 27.6.1939, S. 1; N.N.: Äußere Mongolei unter Kriegszu-
stand! Die Sicherheitstruppen verstärkt – Zahlreiche Verhaftungen unter den
mongolischen Priestern, Moskau, VB, NA, 31.6.1939, S. 2; I.L.: Rotmongolische
Flugzeuge mit Sowjetrussen bemannt, VB, NA, 2.7.1939, S. 2; N.N.: Mongolische
Revolutionäre bei Dimitroff, Moskau, VB, NA, 6.7.1939, S. 10; N.N.: „VB“-
Berichterstatter bei den japanischen Truppen. Augenzeugenbericht über die Sow-
jet-Niederlage im mandschurisch-mongolischen Grenzgebiet. Unbedingte Überle-
genheit der japanischen Luftwaffe – Rote Flieger verlieren die Nerven, VB, NA,
15.7.1939, S. 2; J.L.: Wacht am Halihat, VB, NA, 1.7.1939, S. 1; Am 28. Juli, 1.
und 18. August 1939 druckte der ‚Völkische Beobachter“ zudem einige Fotos aus
den Kämpfen in der Mongolei ab (VB, NA, S. 3). Insgesamt erschienen von Mai
bis August 19 Artikel über die Ereignisse in der Mongolei.
48
N.N.: „VB“-Berichterstatter bei den japanischen Truppen. Augenzeugenbericht
über die Sowjet-Niederlage im mandschurisch-mongolischen Grenzgebiet. Unbe-
dingte Überlegenheit der japanischen Luftwaffe – Rote Flieger verlieren die Ner-
ven, VB, NA, 15.7.1939, S. 2. Darin hieß es unter anderem, die Sowjets würden in
ihrer Ohnmacht zu dem „schändlichen Mittel greifen, Bazillenbomben abzuwer-
fen.“
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 117

China gelegen, die im Kontext der „antidemokratischen“ Propaganda in


aller Ausführlichkeit geschildert werden konnten.49
Die Welt wurde vom ‚Völkischen Beobachter‘ in der Berichterstat-
tung von Mai bis August immer noch in schwarz und weiß, Freund und
Feind aufgeteilt. Die ursprüngliche Gemeinsamkeit der Mitgliedsstaa-
ten des Antikominternpaktes, ihr Antibolschewismus, wurde jedoch nur
noch immer seltener beim Namen genannt. Gemeinsam war den Län-
dern in der Propaganda ihr „Totalitarismus“ und ihre Gegner, die „De-
mokratien“. So hieß es im ‚Völkischen Beobachter‘ Anfang August in
einer Meldung, dass auch Spanien „nun ein totalitärer Staat [sei], wäh-
rend man bisher [in „den Demokratien“, M.F.] noch gehofft hatte, es
werde nach dem Muster Polens eine verschwommene Zwitterstellung
zwischen den Fronten der Demokratie und des Faschismus einneh-
men.“50 Den althergebrachten antibolschewistischen Reflex hielten die
Redakteure immer häufiger zurück, der neue gemeinsame Feind hieß
„Demokratie“. Hier offenbart sich also in zunehmender (wenn auch
nicht vollständiger) propagandistischer Zurückhaltung die deutsche
Annäherung an die Sowjetunion.

49
Siehe: Th[eodor] B[öttiger]: Jetzt auch Kapitulation in Fernost? England zur
vollen Unterwerfung bereit. Vor der Feindschaftserklärung an Japan, VB, NA,
21.6.1939, S. 1. Nach diesem Artikel veröffentlichte der ‚Völkische Beobachter‘ –
bis zur vorläufigen Beilegung der Konflikte am 22. Juli 1939 durch das so ge-
nannte Arita-Craigie-Abkommen – vermehrt Berichte über die britisch-
japanischen Konflikte in Ostasien. N.N.: Arita: England nahm alle japanischen
Grundforderungen an, VB, NA, 23.7.1939, S. 2.
50
Bkr.: Paris durch Spaniens Neuformung beunruhigt, VB, NA, 12.8.1939, S. 1.
118 UMSETZUNG DER ZIELE

e) Einkreisungspropaganda: Sowjetisch-französisch-britische Annähe-


rungen

Für die deutsche Propagandaleitung war die Berichterstattung über


die britisch-französisch-sowjetischen Paktverhandlungen das außenpo-
litisch vermutlich heikelste Thema in jenem Sommer des Jahres 1939.
Denn einerseits ließ sich die im April begonnene Kampagne gegen die
„Einkreisung“ nicht rückgängig machen oder einfach beenden. Deshalb
konnten die Berichterstatter auch das Thema der Verhandlungen der
Westmächte mit der Sowjetunion nicht vollständig umgehen, was sie
mit insgesamt 258 Artikeln und Meldungen zu diesem Thema von Mai
bis August auch im ‚Völkischen Beobachter‘ nicht taten.51 Andererseits
mussten die Befürworter einer Annäherung an die Sowjetunion dafür
sorgen, dass gerade bei diesem Thema, das die internationale Diploma-
tie und die internationale Presse von Mai bis August in Atem hielt, kei-
ne zu eindeutigen verbalen Angriffe gegen die Sowjetunion mehr unter-
liefen. Schon allein an der Zahl der Presseanweisungen zum Thema
Sowjetunion, bzw. „Einkreisung“, lässt sich ersehen, für wie wichtig
das Thema gehalten wurde.52 So mahnte vor allem das Auswärtige Amt
in den Pressekonferenzen wiederholt „nachdrücklichst“, dass über die

51
Siehe Anhang D. Es ergibt sich eine Gesamtzahl von 407 Artikeln zur Einkrei-
sung allgemein von April bis August (das heißt auch beispielsweise über die briti-
sche Garantie für Polen oder einfach angebliche „englische Kriegshetze“). Davon
beschäftigten sich die Autoren in insgesamt 258 Berichten direkt mit den britisch-
französisch-sowjetischen Verhandlungen.
52
PA, Nr.1390, ZSg. 102/16/31/41 (2), 9.5.1939; PA, Nr. 1456, ZSg.
101/13/18/Nr.432, 12.5.1939 („vertraulich“); PA, Nr. 1416, ZSg.
101/13/15/Nr.441, 12.5.1939; PA, Nr. 1494, ZSg. 101/13/21/Nr.442 (16.)
[15.]5.1939; ZSg. 101/13/24/Nr.454, 17. Mai 1939 S. 479; ZSg. 101/13/32/Nr.488
25. Mai 1939
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 119

„englisch-sowjetischen Verhandlungen nur eine referierende Berichter-


stattung“ erwünscht sei.53
Der ‚Völkische Beobachter‘ war trotz der ständigen Mahnungen,
möglichst wenig zu berichten, bemüht, seine Leser kontinuierlich und
genau über die Verhandlungen zwischen „England und der Sowjetuni-
on“ – Frankreich wurde lediglich als eine Art Mitläufer präsentiert – zu
informieren.54 Im Mai setzte sich also die Berichterstattung des April
fort und im Juni, als der britische Sonderbeauftragte Strang nach Mos-
kau reiste, um dort direkt zu verhandeln, intensivierte sie sich noch
einmal.55 Im Juli reiste eine britische Militärdelegation nach Moskau
und das Interesse des ‚Völkischen Beobachters‘ an diesen Ereignissen
schien etwas zu erlahmen, mit durchschnittlich neun Artikeln pro Wo-
che wurde das Thema jedoch auch keineswegs unterschlagen.56 Von
Anfang bis Mitte August berichtete der ‚Völkische Beobachter‘ weiter
kontinuierlich und spekulierte in zunehmenden Maße über das mögli-
che Scheitern der Verhandlungen.57

53
Siehe u.a. PA, Nr. 1494, ZSg. 101/13/21/Nr.442 (16.) [15.] 5.1939.
54
Alle wichtigen Ereignisse wurden im ‚Völkischen Beobachter‘ genannt, so die
offizielle britische Antwort auf den Vertragsentwurf der Sowjetunion vom 18. Ap-
ril, die Reaktion der sowjetischen Regierung darauf am 15. Mai, die Genfer Ge-
spräche des britischen Außenministers Halifax mit dem sowjetischen Botschafter
Maisky und der britische Vertragsentwurf vom 25. Mai, danach die Reise des bri-
tischen Sondergesandten Strang nach Moskau und zuletzt die Reise einer briti-
schen Militärdelegation nach Moskau. Der ‚Völkische Beobachter‘ war auch im-
mer erstaunlich gut über die Inhalte der Verhandlungen, die Probleme und die
Hindernisse, die es zu überwinden galt, informiert: Th[eodor] B[öttiger]: Sie reden
aneinander vorbei. Wer soll die Hauptlast der Beistandsverpflichtung tragen? VB,
NA, 11.5.1939, S. 2; Th[eodor] B[öttiger]: Moskau verlangt absolute Gegensei-
tigkeit, VB, NA, 12.5.1939, S. 2; Th[eodor] B[öttiger]: Pressefeldzug der Opposi-
tion gegen Chamberlain, VB, NA, 12.5.1939, S. 7; Th[eodor] B[öttiger]: Londons
neuer Vorschlag für Moskau. Angebote für eine gegenseitige Beistandsverpflich-
tung, VB, NA, 27.5.1939, S. 7; Dunkle Ahnungen in Paris, VB, NA, 27.5.1939,
S. 7.
55
Der ‚Völkische Beobachter‘ veröffentlichte mehr als zwei Artikel pro Tag,
meist auf der ersten oder zweiten Seite, siehe Anhang D.
56
Ebd.
57
Siehe Anhang D.
120 UMSETZUNG DER ZIELE

Die Berichterstattung stand zunächst eindeutig im Kontext der Pole-


mik gegen die Einkreisung. Immer noch galten die Annäherungsversu-
che Englands an die Sowjetunion als Beleg für die „Londoner Schein-
heiligkeit“. Auffallend ist jedoch die Wortwahl: Auf der einen Seite
war immer noch abwertend die Rede von einer „Anbiederung“, ande-
rerseits hieß es jetzt immer häufiger „an Moskau“ und nicht mehr an
die „bolschewistische Sowjetunion“. In Umgehung des Begriffes „Bol-
schewismus“ oder „Kommunismus“ hieß es im ‚Völkischen Beobach-
ter‘ ab Juni 1939, die „ideologischen Differenzen“ seien ein „Haupt-
hindernis“ in den Verhandlungen.58 Und während die Kommentatoren
und Korrespondenten Englands Politik als „verbrecherisch“ bezeichne-
ten, ließen sie derartige Begriffe, wenn es um „Moskau“ ging, einfach
weg. So entstand der Eindruck, dass die Londoner Politiker drängten,
während Stalin einen kühlen Kopf behielt und sich zunächst („verständ-
licherweise“, wie es in einem Kommentar hieß59) von der Ehrlichkeit
der britischen Unterhändler überzeugen wollte. „Ein würdeloses Knie-
rutschen der Demokratien“ vor dem „roten Papst“ (Stalin) konstatierte
der Pariser Berichterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘. Ihre
Schwächlichkeit und ungeheure Angst vor der „Achse“, treibe die Eng-
länder in die Arme Stalins, der seinen Preis täglich erhöhen könne.60
Wenn die Kommentatoren diese Verhandlungstaktik Stalins möglich-
erweise zuvor noch als „verbrecherisch“ bezeichnet hätten, erschien sie
jetzt als Zeichen seiner Stärke.
Die Doppelbödigkeit und Inkonsequenz dieser Haltung wird beson-
ders deutlich in der Berichterstattung über die von England angedach-

58
Für eine derart ausweichende Argumentation siehe beispielsweise auch die Auf-
sätze Joseph Goebbels’ für den ‚Völkischen Beobachter‘, unter anderem: [Joseph]
Goebbels: „Erklärt mir, Graf Oerindur...“, VB, NA, 17.6.1939, S. 1.
59
[Theodor Seibert]: Sicherheit an der Ostsee, 7.6.1939, S. 1.
60
G.H.: ‚Kein Ultimatum‘, VB, NA, 8.7.1939, S. 2; siehe auch: N.N.: Wer soll für
wen marschieren? Moskau steigert seinen Preis von Tag zu Tag. Militärabkom-
men mit Polen und Türkei gefordert, VB, NA, 7.7.1939, S. 2; oder aus London:
Th[eodor] B[öttiger]: Der ‚letzte‘ Versuch in Moskau? Paris und London werden
ungeduldig – Ein schwächliches Entweder-Oder, VB, NA, 8.7.1939, S. 2.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 121

ten und von Moskau geforderten gemeinsamen Garantien und Durch-


marschrechte für die baltischen Staaten. Diese galten dem ‚Völkischen
Beobachter‘ (zurecht61) als einer der Stolpersteine in den englisch-
sowjetischen Verhandlungen. Zunächst versetzten sich die Berichter-
statter hierbei in die Lage Finnlands und der baltischen Staaten, die
„aus gutem Grunde“ eine sowjetische Garantie ablehnen würden. So
konnte man im vorderen Teil des ‚Völkischen Beobachters‘ von dem
Willen der baltischen Staaten zur „unbedingten Neutralität“ lesen.62
Während Deutschland sie in dieser Haltung unterstütze, seien die engli-
schen „Rosstäuscher“ bereit zu einem baltischen „Kuhhandel“, um
doch noch einen Pakt herbeizuführen.63 Peinlich vermied es der ‚Völki-
sche Beobachter‘, in diesen Berichten direkt gegen die Sowjetunion zu
polemisieren, obwohl doch implizit zu verstehen gegeben wurde, vor
wem die baltischen Staaten sich in Wahrheit fürchteten. Denn gewis-
sermaßen als Untermalung dieser Berichte erschienen im hinteren Teil
des ‚Völkischen Beobachters‘ Artikel, die offensichtlich für die auf-
merksamen Leser, das heißt die nationalsozialistische Klientel be-
stimmt waren: In ihnen feierten die Propagandisten das zwanzigjährige
Jubiläum der „Befreiung Rigas von der blutigen Bolschewistenherr-
schaft“ durch den „heroischen Kampf“ deutscher Freikorps.64 Die Au-
toren dieser Artikel vermieden es wiederum peinlich, einen Bezug zu
der aktuellen Einkreisungspropaganda herzustellen, sodass die beiden

61
Wüthrich (1967), S. 35ff.
62
Siehe u.a.: Th[eodor] B[öttiger]: Ein schmutziges Geschäft: Nun doch Zwangs-
garantien für das Baltikum? Opferung der Schwachen aus Furcht vor Japans
Macht, VB, NA, 28.6.1939, S. 2.
63
Ebd.
64
N.N.: Durch ein Wunder dem Tode entronnen... Zur 20 jährigen Wiederkehr der
Befreiung Rigas von der Bolschewisten Herrschaft, VB, NA, 21.5.1939, S. 8;
Oberstleutnant a.D. Müller: Im Kampf gegen den Bolschewismus. Die Befreiung
Rigas 1919, VB, NA, 26.5.1939, S. 8. Zu diesem Thema passten auch die deut-
schen Nichtangriffsverträge mit den baltischen Staaten, die im Juni unterzeichnet
wurden. Siehe z.B. Alfred Püllmann: Unterzeichnung der Nichtangriffsverträge
mit Estland und Lettland: Neutralität gegen Einkreisung, VB, NA, 8.6.1939, S. 1.
122 UMSETZUNG DER ZIELE

Bereiche der historisch-propagandistischen und aktuell-politischen Be-


richterstattung merkwürdig beziehungslos nebeneinander standen. Ge-
rade in der Gleichzeitigkeit verschiedener Tendenzen offenbarte sich
also der Charakter des ‚Völkischen Beobachters‘ als chamäleonähnli-
ches „Zwitterwesen“.
Die Berichterstattung über die Einkreisung blieb auf diese Weise bis
in den August in der Haltung gegenüber der Sowjetunion unbestimmt
und doppeldeutig; auffallend ist gleichzeitig, dass die Berichterstatter
sich nicht immer an die in der Reichspressekonferenz vorgegebene Li-
nie hielten. So war bereits am 10. Mai die Weisung ergangen, dass eine
Meldung der sowjetischen Agentur TASS vom selben Tag keineswegs
ein Zeichen für das Scheitern der Verhandlungen sei. Dabei handele es
sich um einen „verhaengnisvollen Irrtum“.65 Der ‚Völkische Beobach-
ter‘ berichtete hingegen, dass die TASS-Meldung die Meinungsver-
schiedenheiten zwischen britischer und sowjetischer Regierung doku-
mentiere.66 In diesem Sinne deutete der ‚Völkische Beobachter‘ auch
einen Artikel in der ‚Izvestija‘ vom 11. Mai, der die britische Politik
„halboffiziell“, wie der ‚Völkische Beobachter‘ wohl durchaus korrekt
anmerkte, kritisiere und ein Beleg für die Uneinigkeit Großbritanniens
und der Sowjetunion sei.67 Derartige Unstimmigkeiten setzten sich fort:
Obwohl Meldungen wie „Moskau stellt England bloß“ in der Presse-
konferenz als falsch oder übertrieben bezeichnet worden waren68, spot-
tete der Pariser Berichterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘ wieder-
holt über die demokratischen Verhältnisse, in denen an einem Tag Nie-
dergeschlagenheit und Pessimismus in der Presse vorherrsche und am

65
PA, Nr. 1416, ZSg. 101/16/36/47 (4), 10.5.1939.
66
N.N.: Moskau berichtigt London. Englische Vorschläge nicht auf der Basis der
Gegenseitigkeit, 11.5.1939, VB, NA, S. 2.
67
N.N.: Moskau verlangt absolute Gegenseitigkeit, VB, NA, 12.5.1939, S. 2. Über
diesen Artikel, der auch bei den britisch-sowjetischen Verhandlungen eine Rolle
spielte, siehe auch Wüthrich (1967), S. 26.
68
PA, Nr. 1416, ZSg. 101/16/36/47 (4), 10.5.1939.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 123

nächsten Zweckoptimismus verbreitet werde.69 Auch der Londoner


Korrespondent des ‚Völkischen Beobachters‘, Theodor Böttiger, nutzte
die Tatsache, dass die Ergebnisse der Verhandlungen „undurchsichtig“
blieben dazu, die Behauptung, dass England nach Moskaus Musik tan-
ze, zu erneuern70 oder sprach von einer Moskauer kalten Dusche, be-
achtete also durchaus nicht die Anweisungen aus der Pressekonfe-
renz.71
Die Propagandisten hielten sich auf diese Weise alle Türen offen.
Denn sie konnten sich keineswegs sicher sein, dass nicht doch noch ein
englisch-sowjetischer Pakt zustande kommen würde. So lösten sich bis
in den August hinein Andeutungen des Scheiterns der Verhandlungen
mit Meldungen, dass Großbritannien oder Frankreich nun doch noch zu
Zugeständnissen bereit seien und beispielsweise die baltischen Länder
opfern wollten, gegenseitig ab. Franzosen und Engländer seien zu allem

69
N.N.: Zweckoptimismus in Paris, VB, NA, 19.9.1939, S. 2: In Paris sei ein
„völliger Stimmungswechsel eingetreten, dies habe jedoch nichts zu bedeuten, es
sei lediglich ein Zeichen für die „französische Pressefreiheit“, in der die Stim-
mung täglich schwanke. Siehe auch in ähnlicher Tendenz: N.N.: Paris zwischen
Missvergnügen und Hoffnung, VB, NA, 29.5.1939, S. 2; G.H.: Bonnet zuversicht-
lich über die ‚Liebesehe‘ mit Moskau. Pariser Blätter wieder sehr optimistisch,
VB, NA, 25.5.1939, S. 2; G.H.: Ernüchterung in Paris. „Echt bolschewistische
Grobheit“, VB, NA, 2.6.1939, S. 2; N.N.: Paris: Widerstand gegen den Sowjetpakt
wächst, VB, NA, 8.6.1939, S. 2; G.H.: Paris sehr betreten, VB, NA, 17.6.1939,
S. 1; G.H.: Paris beschwört Moskau und London, VB, NA, 2.7.1939, S. 2; G.H.:
Pariser Rezept: Baltische Staaten Moskau opfern! VB, NA, 20.7.1939, S. 2; Bkr.:
Pariser Unmut über Moskau, VB, NA, 25.7.1939, S. 2; N.N.: Paris: Moskau be-
harrt auf Fernost-Garantien, VB, NA, 17.8.1939, S. 2; Bkr: Paris voll trüber Ah-
nungen. „Wir sollten jede Möglichkeit einer ehrlichen Regelung ins Auge fassen“,
VB, NA, 21.8.1939, S. 2.
70
Th[eodor] B[öttiger]: Ergebnisse aus Genf noch undurchsichtig. Der britische
Löwe tanzt nach Moskaus Musik. Die Verhandlungsführung den Engländern ent-
glitten, VB, NA, 23.5.1939, S. 5; Th[eodor] B[öttiger]: Genf – kalte Dusche für
London. Noch immer Schwierigkeiten in den englisch-sowjetrussischen Verhand-
lungen, VB, NA, 24.5.1939, S. 2.
71
Th[eodor] B[öttiger], London startet neue Note an Moskau. Generalstabsbe-
sprechungen geplant? – Paris wärmt den alten Plan wieder auf, VB, NA,
18.5.1939, S. 2.
124 UMSETZUNG DER ZIELE

bereit, denn die Bedrohung im Fernen Osten durch das mächtige Japan
werde immer größer, hieß es.72 Doch auch erste Andeutungen des Spot-
tes, der sich nach dem deutsch-sowjetischen Paktabschluss über Eng-
land ergießen sollte, lassen sich Ende Juli und Anfang August bereits
finden73, wiederum entgegen den zahlreichen Presseanweisungen, in
denen gerade jetzt Zurückhaltung verlangt wurde.74

f) Pressekampagne gegen Polen: Vorbereitung eines Überfalls

Hitlers Reichstagsrede am 28. April 1939, in der er den deutsch-


polnischen Pakt kündigte, gab den Startschuss für eine sich bis in den
August kontinuierlich verstärkende antipolnische Pressekampagne.
Während der April in dieser Hinsicht noch relativ ruhig geblieben war
(die Tendenz der Polemik gegen die britische Garantie war, wie be-

72
Siehe unter anderem: Th[eodor] B[öttiger]: Weitere Zugeständnisse an Moskau.
Worüber man sich nicht einig ist... – Zunächst Verhandlungen mit Paris, VB, NA,
27.6.1939, S. 2; Th[eodor] B[öttiger]: Ein schmutziges Geschäft: Nun doch
Zwangsgarantien für das Baltikum? Opferung der Schwachen aus Furcht vor Ja-
pans Macht, VB, NA, 28.6.1939, S. 1; Theodor Seibert: Was das englische Volk
nicht wissen darf, VB, NA, 15.7.1939, S. 1; Th[eodor] B[öttiger]: Jetzt auch Kapi-
tulation in Fernost? England zur vollen Unterwerfung bereit. Vor der Feind-
schaftserklärung an Japan, VB, NA, 21.6.1939, S. 1.
73
Siehe: N.N.: Strang ist für Lloyd George ein Büroknabe. Er will Prominenz in
Moskau sehen, VB, NA, 31.7.1939, S. 2; N.N.: „Woran sind wir eigentlich“.
„Jour“ stellt beklemmende Fragen – Die Beklemmung hält an, VB, NA,
31.7.1939, S. 1; N.N.: Scharfes Moskauer Dementi. „England will sich ein Hinter-
türchen offenlassen“, VB, NA, 3.8.1939, S. 9; Sch.: Die kluge „Times“ baut vor.
Die militärischen Besprechungen in Moskau werden „nicht mit geölten Rädern
laufen“, VB, NA, 5.8.1939, S. 10; Sch: Neuer nervöser Anfall in London, VB,
NA, 11.8.1939, S. 1; Bkr.: Haltung der Westmächte versperrt jeden Ausweg. Paris
sucht von Danzig abzulenken – Parole: status quo, VB, NA, 16.8.1939, S. 1.
74
Siehe PA, Nr. 2543, ZSg. 102/18/325/39 (8), 29.7.1939; PA, Nr. 2640, ZSg.
102/18/349/ 51, 5.8.1939. Erst am 18. August erging die Presseanweisung, dass
über die Verhandlungen „gelegentlich wieder einmal ironisch geschrieben wer-
den“ könne. PA, Nr. 2809, ZSg. 102/18/383/102 (4), 18.8.1939.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 125

schrieben, eher antiwestlich als antipolnisch) setzte im Mai parallel zur


fortgeführten Kampagne gegen die „englische Heuchelei“, der antipol-
nische Propagandafeldzug ein.75 Es wurde schnell deutlich, worauf die
Kampagne hinauslaufen sollte. Titel wie: „Polnische Gier nach deut-
schem Land. Die Chauvinisten an der Weichsel werden immer hem-
mungsloser“ vom 4. Mai, oder: „Die polnische Kriegshetze gegen
Deutschland wächst. Wüste Hetzversammlungen in Posen. Tolle Be-
schimpfungen des Führers“ vom 7. Mai waren kaum anders als als
Drohung zu verstehen.76 Die Pressekampagne gegen Polen sollte sich
im ‚Völkischen Beobachter‘, trotz Schwankungen in der Intensität, bis
September 1939 fortsetzen.77
Dass das Propagandaministerium dennoch gelegentlich zu Zurückhal-
tung gegenüber Polen mahnte, hatte wohl indirekt mit der Sowjetunion
zu tun: eine zu forsche Propaganda hätte möglicherweise zu zusätzli-
cher Beunruhigung in Großbritannien und Polen geführt und zu einer
verstärkten Bereitschaft, Zugeständnisse gegenüber der Sowjetunion zu
machen.78 Es sollte nach außen nicht so erscheinen, als seien die

75
Die propagandistischen Stichworte lieferte wohl Joseph Goebbels in seinem
Kommentar am 5. Mai 1939: Joseph Goebbels: Quo vadis, Polonia? VB, NA,
5.5.1939, S. 1.
76
N.N.: Polnische Gier nach deutschen Land. Die Chauvinisten an der Weichsel
werden immer hemmungsloser, VB, NA, 5.5.1939, S. 1; N.N.: Die polnische
Kriegshetze gegen Deutschland wächst. Wüste Hetzversammlungen in Posen.
Tolle Beschimpfungen des Führers, VB, NA, 7.5.1939, S. 1.
77
Zwar mahnte am 8. Mai das Propagandaministerium wieder zur Zurückhaltung,
[„Aus taktischen Gründen soll die deutsche Presse hinsichtlich der zahlreichen
Meldungen aus Polen etwas Zurückhaltung üben, da die große Polen-Kampagne
noch nicht angeordnet ist. [...] Jede sensationelle Aufmachung soll vermieden
werden.“ PA, Nr. 1363, ZSg. 101/13/10/Nr. 415, 8.5.1939.] Es erreichte damit
aber lediglich eine kurze Unterbrechung der Propaganda. Danach wurden Hetzar-
tikel tendenziell im hinteren Teil der Zeitung versteckt, bis sie im August endgül-
tig zum beherrschenden Thema auch auf den ersten Seiten wurden.
78
Sywottek (1976), S. 216.
126 UMSETZUNG DER ZIELE

deutsch-polnischen Konflikte unlösbar.79 Wie das Propagandaministe-


rium noch Ende April angemerkt hatte, wollte man die Tür nach Polen
„noch einen Spalt weit“ offen halten.80 Deshalb hieß es in einer Presse-
anweisung im Juni auch, dass „der Topf“ „bei nur leichtem Feuer am
Kochen gehalten werden“ solle.81 So folgte auf das kurze Aufflammen
der aufgestauten polenfeindlichen Neigungen unmittelbar nach der
Kündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes eine Phase der
relativen Zurückhaltung. Bis Anfang August blieben die polenfeindli-
chen Artikel meist im hinteren Teil des ‚Völkischen Beobachters‘ ver-
steckt, vermutlich in der Hoffnung, dass sie im Ausland nicht überbe-
wertet, im Zuge der „propagandistischen Vorbereitung der deutschen
Bevölkerung auf den Krieg“82 von den aufmerksamen Lesern, das heißt
der nationalsozialistischen Klientel, aber durchaus wahrgenommen
werden konnten.83
Die polnisch-sowjetischen Beziehungen blieben auch innerhalb dieser
sich langsam aufbauenden Polenkampagne des ‚Völkischen Beobach-
ters‘ ein untergeordnetes Thema. Als Teil der Polemik gegen die „De-
mokratien“ und die englische Garantie an Polen, wurde Polens Ableh-
nung des Schutzes durch die Sowjetunion zwar vereinzelt erwähnt und
der polnischen Regierung durchaus als Verdienst angerechnet.84 Dieses

79
Selbst gegenüber dem italienischen Bündnispartner behauptete die deutsche Re-
gierung noch allenthalben, die Konflikte mit Polen seien lösbar. Graml (1990),
S. 199.
80
Sänger, Täuschungen, S. 375ff. Siehe auch Abschnitt 3.3.1. f)
81
PA, Nr.1993, ZSg.101/13/61/Nr.612, 23.6.1939.
82
Vgl.: Sywottek (1976).
83
Siehe auch Sywottek (1976), S. 214. Sywottek bezeichnet die antipolnische
Propaganda, verglichen mit der antitschechischen des Vorjahres, als „äußerst ge-
dämpft“. Die gelegentlichen antipolnischen Aufwallungen sieht sie vor allem
funktional: die Bearbeitung dieser Themen empfahl das Propagandaministerium
vor allem dann, wenn es politisch günstig schien. Sywottek (1976), S. 215.
84
In einer Aufwallung des alten Antibolschewismus unterstützte Wilhelm Koppen
noch am 28. Mai im ‚Völkischen Beobachter‘ die polnische Position. Die Polen
hätten richtigerweise erkannt, dass die Sowjetunion immer noch das Ziel der
Weltrevolution verfolge und deshalb einen neuen Weltkrieg anzufachen versuche.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 127

propagandistische Bekenntnis für Polen war jedoch halbherzig: Die Po-


len, so war der Tenor, blieben auf der einen Seite gegenüber der Sow-
jetunion standhaft, seien aber auf der anderen den Engländern in die
Falle gegangen. Damit hätten sie sich zu „Werkzeugen der Pariser und
Londoner Politik“ gemacht, denn dort sitze die „Zentrale der Reichs-
feindschaft.“85 So wurden „die Demokratien“ für das „Wiederaufleben
des polnischen Chauvinismus“ ebenso verantwortlich gemacht wie für
alle Versuche Deutschland einzukreisen.86 Nicht mehr Moskau sondern
London galt den Propagandisten als „Feind Nr.1“ und angeprangert
wurden nicht mehr angebliche sowjetische Versuche, Polen zum
„Aufmarschgebiet“ oder „Bomberabflugplatz“ zu machen, sondern die

Damit zeigte Koppen, ungehindert durch die zu Zurückhaltung mahnenden Pres-


seanweisungen, dass er Polen immer noch für den besseren Partner hielt als die
Sowjetunion. W[ilhelm] K[o]p[pen]: Wer anderen eine Grube gräbt, VB, NA,
28./29.5.1939, S. 1. Siehe auch: Aem: Der Draht Warschau-Moskau. Eigener Be-
richt des „VB.“, VB, NA, 19.5.1939, S. 7: Darin hieß es, aus Polen seien Stimmen
zu hören, die eine Einmischung Englands ablehnten. Polen könne seine Beziehun-
gen zur Sowjetunion selbst regeln. Polen wolle nicht Gegenstand von Verhand-
lungen sein, die hinter seinem Rücken stattfinden. G.H.: Die Hintermänner der
Einkreisung fieberhaft am Werk. Französische Enthüllungen über die Kriegshet-
zer. Internationale Freimaurer haben die Hand im Spiel, VB, NA, 9.6.1939, S. 1:
Der Autor zitiert französische Stimmen, die vor einem Pakt warnten, denn: die
Anrainerstaaten (Balten, Polen) müssten es schließlich wissen; H.B.: Polen wartet
misstrauisch ab, VB, NA, 9.6.1939, S. 2; N.N.: Polen beschuldigt Sowjetunion,
VB, NA, 9.7.1939, S. 2; Sch.: England will Polen an Moskau ketten. Drahtmel-
dung unseres Londoner Berichterstatters, VB, NA, 9.8.1939, S. 2: Auch in diesem
Artikel Anfang August hieß es noch, eine englisch-sowjetisch-polnische Einigung
sei sehr unwahrscheinlich, da Polen immer noch eine große Scheu vor der Sowjet-
union hege.
85
Joseph Goebbels: Die Geistesverfassung der Einkreiser. Haß und unverbesserli-
che kapitalistische Gesinnung, VB, NA, 20.5.1939, S. 1.
86
N.N.: Kriegshetze in aller Offenheit enthüllt. Polnischer Chauvinismus
zu neuen Höhen getrieben, VB, NA, 18.6.1939, S. 1: In dem Artikel hieß es, nicht
die Garantie für Polen sei das Ziel des Westens, sondern das Errichten einer Bas-
tion, um Deutschland in den Rücken zu fallen.
128 UMSETZUNG DER ZIELE

angeblichen Bemühungen „der Demokratien“, Polen als ihre Bastion zu


nutzen.87
Bis in den August fällt damit eine gewisse Unbestimmtheit der Pro-
paganda auf: Zwar war die Sowjetunion als Feind Deutschlands leicht
ersetzt durch „die Demokratien“. Sobald die Sowjetunion im Kontext
der Verhandlungen mit den Westmächten jedoch erwähnt werden
musste, wurden die Aussagen des ‚Völkischen Beobachters‘ auswei-
chend. Die möglichen Folgen einer sowjetisch-polnischen Einigung, ja
die Gefahren, die hiervon ausgingen, sollten den Lesern nicht allzu
groß erscheinen.88 Auch wollten die Propagandisten nicht zu viel Sym-
pathie für die polnische Position bekunden, da ihnen bereits seit Hitlers
Kündigung des deutsch-polnischen Paktes bewusst war, dass das nächs-
te Opfer des Expansionsdranges Hitlers Polen sein würde.89 So waren
die sowjetisch-polnischen Beziehungen weder für noch gegen Polen in-
strumentalisierbar und deshalb propagandistisch wertlos. Es verwundert
somit nicht, dass, als sich die Kampagne gegen Polen seit Anfang Au-
gust 1939 im Vorfeld des deutsch-sowjetischen Paktes noch einmal
steigerte, das Thema der polnisch-sowjetischen Beziehungen vollstän-
dig aus der deutschen Propaganda verschwand.90

87
Für ein besonders prägnantes Beispiel siehe z.B.: N.N.: Ungeheuerliche Enthül-
lungen des „temps“: Polen soll als Kriegsbastion der Einkreiser gegen Deutsch-
land dienen! VB, NA, 18.6.1939, S. 7.
88
So wurde selbst der Besuch des stellvertretenden sowjetischen Außenkommis-
sars, Wladimir Potemkin, am 10. Mai 1939 in Warschau nur kurz gemeldet (40
Zeilen) und nicht als „Einkreisungsversuch“ oder gar „Gefahr“ gedeutet: H.B.:
Warschau: Unterredung Potemkin-Beck. Der rote Diplomat von seinen Besuchen
in Ankara und Bukarest befriedigt, VB, NA, 11.5.1939, S. 1.
89
Sänger (1976), S. 390f.
90
Am 5. August brachte der ‚Völkische Beobachter‘ zum ersten Mal im Jahre
1939 einen Polenbeitrag als Aufmacher: N.N.: Warschaus Raubgier durch polni-
sche Agitationskarten bewiesen, VB, NA, 5.8.1939, S. 1. Damit gab der ‚Völki-
sche Beobachter‘ laut Sywottek ein Startsignal auch für die anderen deutschen
Zeitungen. Sywottek (1976), S. 220. Das wichtigste Thema waren hierbei zu-
nächst die polnischen und deutschen Ansprüche auf die Stadt Danzig. Sywottek
(1976), ebd.
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 129

g) Weltanschauliche Einordnung: Vorbereitung eines „Befreiungskrie-


ges“

Es sollte deutlich geworden sein, dass die Berichterstattung der Zeit


von Mai bis August geprägt war durch die zunehmende Zurückhaltung
in der antibolschewistischen Propaganda. Schon vor der Bekanntgabe
des deutsch-sowjetischen Paktes fehlten der Propaganda deshalb einige
Topoi, die zuvor vehement propagiert worden waren und der Berichter-
stattung den Anschein ideologischer Stringenz und eines logischen Zu-
sammenhangs gegeben hatten. So wurden von Mai bis August die Wor-
te „Bolschewismus“ und „jüdisch“, von einigen Ausnahmen abgese-
hen91, im ‚Völkischen Beobachter‘ nicht mehr in der für die nationalso-
zialistische Propaganda charakteristischen Symbiose „jüdischer Bol-
schewismus“ verwandt. Den vorläufigen Schlusspunkt setzte auch hier

91
Die antisemitische Propaganda ging auf England, Frankreich und die USA über,
wo die Politiker von Juden beeinflusst würden. So war es auch in der Polemik ge-
gen die USA, bei der das letzte Mal vor Kriegsbeginn vom „jüdischen Bolsche-
wismus“ die Rede war. Offensichtlich war hier die Bezeichnung „bolschewis-
tisch“ nur ein Synonym für „kommunistisch“. Vgl.: N.N.: Keine Rassenschranke
mehr in Neuyork. Das ganze Staatsleben unter jüdischem Terror, VB, NA,
11.6.1939, S. 2; N.N.: Juden geifern in Neuyork. Die jüdisch-bolschewistische
‚New York Post‘ wird in ihrem Zorn über den bisherigen Misserfolg der Moskau-
er Einkreisungsverhandlungen ausfallend gegen die beiden westeuropäischen De-
mokratien, VB, NA, 12.7.1939, S. 7. Da diese Artikel aus New York stammten,
könnte es sein, dass der dortige Berichterstatter einfach schlecht informiert war
über die deutsch-sowjetische Annäherung und über das Verbot, gegen den „Bol-
schewismus“ zu polemisieren. Denn ansonsten sprach der ‚Völkische Beobachter“
zwar von den „jüdischen Hintermännern“ der „Einkreisung“ in Paris und London
und von einer „jüdisch-freimaurerischen Verschwörung“, ohne jedoch den Bogen
von den Pariser Juden zum „jüdischen Bolschewismus“ und dem angeblichen Ein-
fluss der Juden auf die sowjetische Politik zu schlagen. Siehe z.B.: G.H.: Die Hin-
termänner der Einkreisung fieberhaft am Werk. Französische Enthüllungen über
die Kriegshetzer. Internationale Freimaurer haben die Hand im Spiel, VB, NA,
9.6.1939, S. 1 oder: W.D.: King-Hall soll Propagandaleiter der Jüdischen Weltli-
ga werden, VB, NA, 1.8.1939, S. 7.
130 UMSETZUNG DER ZIELE

die Entlassung Maksim Litvinovs: „Maxim Litwinow-Finkelstein“, wie


die nationalsozialistische Propaganda ihn unter Verwendung seines jü-
dischen Familiennamens nannte, hatte dem ‚Völkischen Beobachter‘
jahrelang als Beleg für die These gedient, dass die Sowjetunion trotz
der Hinrichtung einiger wichtiger jüdischer Parteimitglieder, doch noch
„jüdisch-bolschewistisch“ und nicht „stalinistisch“ sei.92 Deshalb war
mit Litvinovs Entlassung ein wichtiges Hindernis auf dem Weg zur
propagandistischen Annäherung an die Sowjetunion beseitigt.93 Bei-
spielsweise konnten die Journalisten jetzt schreiben, die von der natio-
nalsozialistischen Propaganda sogenannte „Genfer Liga“ (der Völker-
bund), für deren angebliche antideutsche „Machenschaften“ zuvor
Maksim Litvinov verantwortlich gemacht worden war94, stehe im
Dienste „jüdisch-freimaurerischer“ und nicht mehr „jüdisch-
bolschewistischer“ Weltherrschaft.95 Damit war auch die zuvor propa-

92
Das Propagandaministerium hatte 1937 einige grundsätzliche Anweisungen für
die Propagandakampagne gegen die Sowjetunion ausgegeben. Darin hatte es ge-
heißen, dass der Bolschewismus „Werk und Waffe des Judentums“ sei und dass
falsche Auffassungen über „Sowjetrußland“ mit allem Nachdruck zu bekämpfen
seien. Fehlerhaft seien unter anderem folgende Thesen: 1. Der Bolschewismus in
der Sowjet-Union sei eine „russische Angelegenheit“; er entwickele sich zu einer
Art „Nationalsozialismus“; Stalin sei der „Führer“ Rußlands: PA, Nr.325, ZSg
101/9/99-101/Nr.189, 6.2.1937.
93
Denn der neue Außenkommissar, Vjačeslav Molotov war, wie der ‚Völkische
Beobachter‘ meldete, „kein Jude“. H[arald] S[iewert]: Wer ist Molotow? VB, NA,
6.5.1939, S. 1.
94
Siehe zum Beispiel: G.H.: Warum ist Finkelstein nicht in Genf? Der Pariser
‚Jour‘ über belastende Briefe Litwinows, VB, NA, 18.1.1939, S. 1. Litvinov war
bereits seit einigen Jahren Lieblingsfeind der nationalsozialistischen Propaganda.
Koenen (2005), S. 416f.
95
N.N.: Quittung für die Sanktionspolitik: Spanien verlässt Genf, VB, NA,
9.5.1939, S. 1: Hier hieß es, der Völkerbund habe „rotspanischen Abenteurern
vom Schlage der del Vayo und Negrin [sic] willig jede Möglichkeit gegeben, ih-
ren haßgeschwollenen Tiraten [sic] gegen die nationale Erhebung und deren
Freunde in Europa Widerhall zu verschaffen – ein Beweis mehr, daß die Liga vor
allem auf dem Hintergrund [sic] der Weltfreimaurerei verstanden werden muß.“;
siehe auch z.B.: N.N.: Jüdisches Londoner Hetzblatt verschwand, VB, NA,
13.6.1939, S. 2. In dem Artikel hieß es, der damalige Präsident der Zionistischen
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 131

gierte Behauptung, das russische oder ukrainische Volk werde von ei-
ner verbrecherischen jüdischen Clique unterdrückt, nicht mehr auf-
rechtzuerhalten.
Angesichts der Annäherung an die Sowjetunion wäre es ungeschickt
gewesen, sich weiterhin für die Unabhängigkeit der Ukrainer in der
Sowjetunion einzusetzen. Stattdessen entdeckten die Redakteure die
Ukrainer auf der Suche nach Argumenten gegen Polen: Die Ukrainer
würden von den Chauvinisten in Warschau unterdrückt, hieß es jetzt.96
Argumente für oder gegen ein „Volk“ oder eine „Volksgruppe“ waren
somit reine Instrumente bei der Verwirklichung außenpolitischer Ziele,
so bei der Besetzung des Sudetenlandes, Böhmens und Mährens und
dem Überfall auf Polen, aber auch zur Umgarnung möglicher Verbün-
deter, Handelspartner oder Komplizen. So bedachte die Redaktion des
‚Völkischen Beobachters‘ die umworbenen oder anderweitig instru-
mentalisierbaren Rumänen, Bulgaren, Serben, Montenegriner und Uk-
rainer mit Artikeln, in denen sie ihre Kultur, ihren Fleiß, ihr „Soldaten-
tum“ und, etwas unbestimmt, ihre „positiven Werte des Volkstums“
priesen97, während sie den Polen, untermalt mit rassistischen Stereoty-

Weltorganisation, Chaim Weizmann, habe offen eingestanden, dass die „Genfer


Liga“ im Dienste „jüdisch-freimaurerischer Weltherrschaft“ stehe.
96
H.B.: Ukrainische Sorgen in Polen, VB, NA, 6.7.1939, S. 2: „Obwohl die Nach-
richtenquellen über die ständige Gärung unter den Ukrainern aus durchsichtigen
Gründen nur spärlich fließen [...], ist die ukrainische Frage nach wie vor ein Ge-
genstand ständiger Sorge der polnischen Behörden“; N.N.: Polnische Terror-
Urteile gegen Ukrainer, 16.8.1939, S. 2; N.N.: „Czas“ muß eingestehen: „Kein
Vertrauen zwischen Polen und Ukrainern“ VB, NA, 21.8.1939, S. 2. Siehe auch
die Quantifizierung bei Mirow (1993), S. 90, aus der recht deutlich die Zunahme
der Zahl der Artikel über die Ukrainer in Polen bis zum Kriegsbeginn im Septem-
ber 1939 hervorgeht.
97
Vgl. u.a.: N.N.: Das „goldene Jahrhundert“ unter Zar Simeon. Die Entwicklung
der Kultur Bulgariens, VB, NA, 1.7.1939, S. 5; N.N.: Landwirtschaftliche Ver-
hältnisse Rumäniens, VB, NA, 5.5.1939, S. 11; N.N.: Schnappschüsse aus Rumä-
nien, VB, NA, 4.4.1939, S. 4; K.H.: Pax Balcanica? Drahtbericht unseres Buka-
rester Berichterstatters, VB, NA, 11.7.1939, S. 1; N.N.: Festlicher Empfang jugo-
slawischer Gäste, VB, NA, 2.6.1939, S. 1; Major von Zeska: Die Wehrmacht Ju-
goslawiens, VB, NA, 2.6.1939, S. 1. Der Autor des letztgenannten Artikels pries
132 UMSETZUNG DER ZIELE

pen, das genaue Gegenteil nachsagten.98 In gewisser Weise lief diese


Argumentationsweise weiterhin darauf hinaus, dass allen unterdrückten
Völkern – neuerdings mit Ausnahme der angeblich unterdrückerischen
Polen – die „Selbstbestimmung“ gewährt werden sollte. Dieses Argu-
ment sollte vermutlich auch im westlichen Ausland auf Resonanz sto-
ßen, das von dem Alternativkonzept, dem „Anrecht“ auf „Lebensraum“
immer „noch nichts wissen“ wollte, wie der Vertreter des Auswärtigen
Amtes im Juni in der Pressekonferenz treffend bemerkte. 99

im Zusammenhang mit dem Staatsbesuch des jugoslawischen Prinzregenten Paul


unter anderem das „Soldatentum“ und die „Tapferkeit“ der Völker Jugoslawiens.
In einem weiteren Artikel behauptete ein Mitarbeiter des ‚Völkischen Beobach-
ters‘, Jugoslawien stehe heute in der Reihe der „jungen Völker Europas.“ Siehe:
A.P.: Besuch aus Belgrad, VB, NA, 1.6.1939, S. 1; zur Ukraineberichterstattung
siehe auch Mirow (1993).
98
Die Tendenz fasste Wilhelm Koppen in einem ausführlichen Kommentar zu-
sammen: Wilhelm Koppen: Ist Polen eine Großmacht? Amtliche Polnische Statis-
tik gibt die Antwort, VB, NA, 20,8.1939, S. 1: „Die Polen [haben] selbst zur öster-
reichischen Zeit die Ukrainer in Galizien hart bedrückt! [...] Sie warten mit dem
Schlagwort auf, sie hätten eben eine Mission zu erfüllen als Vorkämpfer christ-
lich-abendländischer Denkweise. [...] Solche großen Worte waren für die Polen
stets nur ein Deckmantel für die rücksichtslose Unterdrückung fremden Volks-
tums, wobei die Deutschen als Träger wirklicher Gesittung, Zucht und Ordnung
genauso wenig vergessen wurden wie die Ostslawen, die Polen ausbeutete, anstatt
ihnen einen Aufstieg zu höherer Lebensform zu ermöglichen. Dazu war allerdings
der kulturelle Unterschied zwischen beiden Partnern viel zu gering. Der traurige
Zustand der östlichen Wojwodschaften ist der schlagende Beweis dafür. Die pol-
nische Statistik mußte davon Kenntnis nehmen, daß in diesen Gebieten der Ver-
brauch an wichtigen Gütern nur einen Bruchteil des Landesdurchschnitts erreicht.“
99
PA, Nr. 2120, ZSg. 102/17/235/26 (3), 30.6.1939. Auch von Mai bis August
blieb der Lebensraumgedanke ein untergeordnetes Thema, das lediglich im Zu-
sammenhang gelegentlich im Zusammenhang mit Polen, hauptsächlich aber wei-
terhin als Untermalung der deutschen Kolonialforderungen verwandt wurde. Da
im Ausland gerade dieser Begriff negativ vermerkt wurde, sah sich das Auswärti-
ge Amt sogar dazu veranlasst, ihn in der Pressekonferenz vom 30. Juni 1939 zu
„präzisieren“: Der Lebensraum sei eine Frage, die vor allem „unter wirtschaftli-
chen, materiellen Gesichtspunkten gesehen werden muesse. Der deutsche Lebens-
raum sei das Gebiet, in dem das deutsche Volk die Moeglichkeit haben muesse,
mit anderen Voelkern zusammenzuarbeiten und zwar ungestoert. Politisch werde
BERICHTERSTATTUNG MAI BIS AUGUST 133

Die Theorien aus dem Repertoire der Volkstumspropaganda ver-


mischten sich mit historischen Argumenten für die deutsche Expansi-
onspolitik: Einige Teile Polens seien schon immer deutsches Kulturland
gewesen und seien nach dem Ersten Weltkrieg zu Unrecht an Polen ge-
gangen. Deutschland habe jedoch ein Anrecht auf dieses Land.100 Nicht
immer ist dabei eindeutig, ob diese Argumente revisionistisch waren,
das heißt sich vor allem gegen die deutschen Gebietsabtretungen nach
dem Ersten Weltkrieg wendeten, oder gar die einfache Tatsache, dass
überhaupt Deutsche in einem Gebiet lebten, bereits als Argument dafür
verwendet wurde, dass diese Gebiete schon immer Teil eines wie auch
immer zu definierenden „deutsch-germanischen Kulturraumes“ gewe-
sen seien.101 Die Sowjetunion spielte hierbei nur insofern eine Rolle, da
auch ihr auf diese Weise nach dem Pakt, dem gleichzeitig propagierten

Lebensraum erst, wenn andere Maechte versuchen sollten, solche Zusammenarbeit


zu stoeren.“ Siehe PA, Nr. 2120, ZSg. 102/17/235/26 (3), 30.6.1939.
100
W[ilhelm] Koppen: Polnische „Ansprüche“. Lehren aus tausend Jahren polni-
scher Geschichte, VB, NA, 16.5.1939, S. 1.
101
Wiederum können nur Beispiele angeführt werden: Joachim Benecke: Die Lü-
ge von der „heiligen polnischen Erde zwischen Elbe und Bug“, VB, NA, 6.5.1939,
S. 5. Wilhelm Koppen: Polnische „Ansprüche“, VB, NA, 16.5.1939, S. 1. Koppen
stritt jegliche Gebietsansprüche, die angeblich von der polnischen Presse erhoben
würden, mit Geschichtskonstruktionen ab. Die Deutschen waren seiner Darstel-
lung zufolge immer zuerst da, die Ansprüche Polens seien hingegen vollkommen
aus der Luft gegriffen. Sein zweites „Argument“ gegen Polen war, dass die Deut-
schen durch ihre „Kulturarbeit“ osteuropäischen zu deutschem Kulturraum ge-
macht hätten. So hätten einige Slawen sich in Gebieten wie Schlesien und Pom-
mern im Laufe der Jahrhunderte an die „höhere deutsche Lebensform“ gewöhnt
und seien zu einem Teil des deutschen Volksbodens geworden. Auch Litauen sei
eine Dynastie germanischen Ursprungs, die sich mit altrussischen Fürstentümern
vereinigt habe und damit einen „Schutzwall gegen die Rußland beherrschenden
Tataren“ gebildet habe. Für Polen hingegen gelte folgendes: „Als Preußen 1772
das Land übernahm – es ist übrigens falsch, von einer ersten polnischen Teilung
zu sprechen, da Polen damals kein Stück polnischen Volksbodens verlor -, war es
zwar völlig heruntergewirtschaftet, trug aber doch vorwiegend deutschen Charak-
ter.“ Derartige Konzepte vom „deutschen Osten“ tauchten im Laufe des Jahres
1939 wiederholt auf. Zur Geschichte derartiger Vorstellungen siehe auch allge-
mein Thum (2006), S. 190ff.
134 UMSETZUNG DER ZIELE

Selbstbestimmungsrecht der Völker widersprechend, ein Anrecht auf


polnische Gebiete zugesprochen werden konnte, die bis zum Ersten
Weltkrieg zum russischen Zarenreich gehört hatten.
Sowohl die Revisionisten als auch die Völkische Klientel des ‚Völki-
schen Beobachters‘ wurden so mit Argumenten bedient. Bemerkens-
wert ist jedoch, dass die Propaganda immer noch keinen Vernichtungs-
krieg sondern einen „Befreiungskrieg“ anzudeuten schien: zur „Befrei-
ung“ der Deutschen in Danzig, der Ukrainer und Weißrussen in Ostpo-
len oder der Slowaken in Südpolen. Dass diese Rechtfertigung für den
deutschen „Drang nach Osten“ extrem widersprüchlich war, da die
Propagandisten in willkürlicher Weise einigen Völkern Selbstbestim-
mungsrechte gewährten, während sie anderen, die angeblich in einem
deutschen (oder auch später russischen) „Kulturraum“ lebten, dieses
Recht verwehrten, entging ihnen offensichtlich. Diese Widersprüche
waren aber noch gering im Vergleich mit der finalen Konfusion, mit
der die Propagandisten nach dem Einmarsch des „Völkervernichters
Sowjetunion“ in Ostpolen zu kämpfen hatten.
UMSETZUNG DER ZIELE

3.3.3. Ende August bis Dezember 1939: Die Propaganda bis zum Win-
terkrieg

a) Vom Regime zum ‚Völkischen Beobachter‘: der Propagandaapparat


und der Pakt

Am 20. August erhielten die Journalisten die Information, dass ein


„deutsch–russischer“ Wirtschaftsvertrag abgeschlossen worden sei.1
Dieser sollte zurückhaltend mit dem Hinweis darauf kommentiert wer-
den, dass beide Länder sich mit ihren Volkswirtschaften auf die
„natuerlichste Weise“ ergänzten.2 Die eigentliche „Bombe“ platzte
zwei Tage später: die Verkündung des deutsch-sowjetischen Nichtan-
griffspaktes. Dieser war „ganz groß auf der ersten Seite“ herauszubrin-
gen.3 Es müsse deutlich werden, dass es sich um einen „sensationellen
Wendepunkt in der Geschichte der beiden Völker“ handle. Es solle da-
rauf hingewiesen werden, dass die beiden Länder sich wiedergefunden
hätten. Verweise auf die Bismarckzeit waren ausdrücklich erwünscht
und sogar die „Periode Rapallo Berliner Vertrag“ dürfe man erwähnen,
„aber nicht besonders groß“. Und bereits mit Blick auf Polen folgte die
Anweisung, es könne „in vorsichtiger Form angedeutet werden, dass
sich darauf schließen lasse, dass Russland und Deutschland in der Lage
sind, alle schwebenden Fragen in Osteuropa von sich aus zu loesen.“4
Die Betonung müsse dabei insgesamt auf der „jahrhundertealten Zu-
sammenarbeit“ liegen, so hieß es unmissverständlich. Ein „natürlicher
Zustand“ sei wiederhergestellt.5 Es wurde in der Pressekonferenz also
versucht, möglichst darüber hinwegzusehen, dass der Pakt mit dem

1
PA, Nr.2834, ZSg. 102/18/392, 20.8.1939.
2
PA, Nr. 2835, ZSg. 102/18/389/11, 20.8.1939. Sonderpresskonferenz.
3
PA, Nr.2861, ZSg. 102/18/394/5 (2), 22.8.1939, DNB-Rundruf (9.57 Uhr).
4
PA, Nr. 2911, ZSg. 102/18/404/ (1), 24.8.1939.
5
Ebd.
136 UMSETZUNG DER ZIELE

Erzfeind „Sowjetunion“ und nicht mit dem vorsowjetischen „Rußland“


abgeschlossen worden war: So hieß es ausdrücklich, dass über weltan-
schauliche Fragen, die zwischen Kommunismus und Nationalsozialis-
mus lägen, nichts gesagt werden sollte6 und dass – woher das Propa-
gandaministerium diese Erkenntnis nahm, bleibt unklar – „das deutsche
Volk durchaus Verständnis für die Verschiedenartigkeit der beiden po-
litischen Systeme“ habe. Gewünscht war der Rückbezug auf die Ge-
schichte, insbesondere auf Bismarck und insgesamt schien unmissver-
ständlich zu sein, dass ideologische Fragen nicht behandelt werden soll-
ten.
Der in der Konferenz anwesende Journalist Fritz Sänger von der
‚Frankfurter Zeitung‘ beschrieb in einem Brief an seine Redaktion, da-
tiert auf den 22. August, eindringlich die unmittelbare Reaktion der in
der Pressekonferenz anwesenden Journalisten: als der vom ‚Auswärti-
gen Amt‘ mit der unangenehmen Aufgabe der Verkündung des Paktes
betraute Braun von Stumm von „der langen Zusammenarbeit“ der bei-
den Völker sprach, brach Gelächter aus.7 Der Leiter der Pressekonfe-
renz, Fritzsche, versuchte die Situation zu retten, indem er das Lachen
als Zeichen für die „Freude über den neuen Pakt“ bezeichnete. Fritz
Sänger selbst interpretierte diese Reaktion im Nachhinein hingegen als
Zeichen für den Unmut, aber auch den Zynismus, mit dem manch ein
Journalist die Anweisungen umsetzte. Über die am darauf folgenden
Tag ausgegebene Forderung nach mehr „Richtigkeit und Wärme des
Ausdrucks“ notierte Sänger: „diese erstaunlichen Darlegungen des
Sprechers der Reichsregierung verfehlten ihren Eindruck auch bei den
Journalisten nicht, die vor allem die Hinweise auf die Dauerhaftigkeit
oder Endgültigkeit des Vorganges nach den Erfahrungen der Vergan-
genheit als ein klares Zuviel empfanden.“8 Es ist nicht sicher, ob die
Berichterstatter des ‚Völkischen Beobachters‘ mitlachten und es ist

6
PA, Nr. 2863, ZSg.102/18/396/ (1), 22.8.1939.
7
PA, Nr.2862, ZSg.102/18/135b-135c, 22.8.1939.
8
Sänger (1976), S. 363.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 137

auch nicht gewiss, dass sie die Emotionen der anderen Berichterstatter
teilten. Die zwiespältige Reaktion ihrer Kollegen auf den Pakt dürfte
ihnen jedoch nicht entgangen sein; vermutlich gehörten sie aber eher zu
denjenigen, die wütend waren, wie die Bekenntnisse des überzeugten
Antibolschewisten und ehemaligen Redaktionsmitglieds, Alfred Ro-
senberg9, oder die teils heftigen Reaktionen von Parteimitgliedern zei-
gen.10
Ein weiteres Internum ist bemerkenswert: Die Journalisten ahnten of-
fensichtlich bereits vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Ost-
polen, dass es geheime Absprachen zwischen Berlin und Moskau be-
züglich der zukünftigen Grenzregelungen gab. Das Propagandaministe-
rium sah sich deshalb dazu veranlasst, vor den Journalisten die Existenz
derartiger Absprachen, nicht jedoch deren Inhalt, der vermutlich nur
dem innersten Zirkel um Adolf Hitler bekannt war, einzugestehen und
gleichzeitig beschwörend hinzuzufügen, diese seien „natürlich Staats-
geheimnis“.11 Offensichtlich erschien es den Presselenkern unvermeid-
bar, die Journalisten einzuweihen; es ist dabei nicht unwahrscheinlich,
dass auf diese Weise die Gerüchteküche weiter angeheizt werden sollte,
denn auch von einer „Vertraulichen Mitteilung“ erfuhr eine große Zahl
an Journalisten (immerhin leiteten die anwesenden Journalisten die In-
formationen an ihre Redaktionen weiter). Vermutlich sollte den gegen-
teiligen Spekulationen, die besagten, die Sowjetunion mache gegen
Deutschland mobil, auf diesem informellen Wege etwas entgegenge-
setzt werden.12 Offiziell trat die Regierung allen unerwünschten Ge-
rüchten am 18. September entgegen, indem sie in einer gemeinsamen
deutsch-sowjetischen Erklärung verkündete, der Einmarsch sowjeti-
scher Truppen geschehe im beiderseitigen Einvernehmen, um die Ord-
nung und Ruhe in Polen wiederherzustellen. Dieses Vorgehen stimme

9
Rosenberg (1956), S. 72-76, Tagebucheinträge vom 22.8.1939 und 25.8.1939.
10
Siehe Abschnitt 4.2.
11
BAK, ZSg. 101/14/52, 17.9.1939.
12
Siehe hierzu auch Lipinsky (2004), S. 146ff.
138 UMSETZUNG DER ZIELE

mit dem „Geiste und den Buchstaben“ des Nichtangriffspaktes über-


ein.13
Elke Vagts hat in ihrer Dissertation über die deutsche Pressepolitik in
der Zeit nach dem deutsch-sowjetischen Pakt festgestellt, dass ab Mitte
September „Fälle der Verselbständigung der Berichterstattung über die
Sowjetunion [...] in der Pressekonferenz wiederholt Anlaß zur Relati-
vierung des Bündnisgedankens“ gegeben hätten.14 In der Tat wird aus
einer Analyse der Presseanweisungen deutlich, dass die Begeisterung
über den Pakt gedämpft werden sollte. So hieß es in einer Mitte Sep-
tember ausgegebenen Presseanweisung, dass angesichts der „Flut der
positiven Meldungen“ aus der Sowjetunion, das Maß der „natürlichen
Bekundungen der Freude“ nicht ungebührlich erweitert werden solle,
da man den Eindruck vermeiden müsse, in Deutschland sei eine beson-
dere Kampagne zur Popularisierung der deutsch-sowjetischen Freund-
schaft notwendig.15 Diese Anweisungen musste man aber nicht unbe-
dingt als „Relativierung des Bündnisgedankens“ auffassen, zumal min-
destens bis zum Beginn des sowjetisch-finnischen Krieges kein Zweifel
an der Endgültigkeit des Paktes und dem guten deutsch-sowjetischen
Einvernehmen gelassen wurde. In der Pressekonferenz wurde keine Ge-
legenheit ausgelassen, um ausdrücklich zu betonen, dass, wie im Übri-
gen auch Hitler selbst sagte, eine „endgültige Wende in der Geschichte
zweier Völker eingetreten“ sei.16 Die Mahnungen, sich in ideologischen
Fragen zurückzuhalten, werden einige Journalisten möglicherweise
korrekt als „Relativierung des Bündnisgedankens“ interpretiert haben;
diejenigen, die Hitler noch glaubten, dürften dies hingegen eher als
propagandistische Maßnahme begriffen haben, die angesichts der vor-
herigen Polemik durchaus plausibel erschien.

13
N.N.: Einvernehmen zwischen Berlin und Moskau über Polen. Gemeinsame Er-
klärung beider Regierungen, VB, NA, 19.9.1939, S. 1.
14
Vagts (1993), S. 104.
15
BAK, ZSg 102/19/58, 12.9.1939, 12 Uhr-Konferenz.
16
N.N.: Der Führer verkündet den Kampf für des Reiches Recht und Sicherheit.
Der Wortlaut der geschichtlichen Rede, VB, NA, 2.9.1939, S. 1.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 139

Das erste wirkliche Signal, dass die übertrieben freundschaftliche Be-


richterstattung der Presse über die Sowjetunion unter anderem den
Unmut des Propagandaministers weckte, der in seinem Tagebuch ins-
besondere die Parteipresse kritisierte17, kam am 9. Oktober 1939: Ab
diesem Zeitpunkt wurden alle in irgendeiner Form der Sowjetunion
gewidmeten Beiträge deutscher Zeitungen der Genehmigungspflicht
unterstellt.18 Dies führte laut Elke Vagts zu einer „Uniformierung“ der
Berichterstattung19; es wird jedoch zu untersuchen sein, welche Freihei-
ten sich ein prominenter Kommentator wie Theodor Seibert hiernach
noch erlauben konnte.
Denn wiederum muss nicht jedem Journalist bewusst gewesen sein,
dass mit der Vorlagepflicht der „Bündnisgedanke“ insgesamt relativiert
wurde, zumal das Propagandaministerium auch weiterhin bei zahlrei-
chen Gelegenheiten verlangte, sich freundschaftlich zu verhalten: Die
sowjetische Presse sollte zur Bestätigung der deutschen Position, Eng-
land habe den Krieg angezettelt, herangezogen werden20, der sowjeti-
sche Einmarsch in Ostpolen sollte propagandistisch unterstützt wer-
den21 und später sollten die Journalisten die den baltischen Staaten auf-
gezwungenen Nichtangriffspakte begrüßen.22 Sogar als erste finnisch-

17
Goebbels (1998), Bd.7, S. 104, Tagebucheintrag vom 14.9.1939: „Ich stoppe die
plumpe Anbiederung an Moskau etwas ab. Da tuen [sic] unsere Zeitungen, vor al-
lem die von der Partei des Guten etwas zu viel.“
18
Vagts (1993), S. 114.
19
Vagts (1993), S. 115.
20
BAK, ZSg. 109/3/105, S.I. 220/39, 17.9.1939. Siehe auch BAK, ZSg.
109/3/105, S.I. 220/39, 17.9.1939.
21
Ebd.
22
In einer vertraulichen Information hieß es hierzu allerdings, dass Deutschland
den Preis des Einflusses auf die baltischen Staaten dafür zahle, dass die Sowjet-
union in Zukunft praktisch zum Versorgungsland werde, wobei allerdings auch
davon ausgegangen wurde, dass Deutschland Litauen habe „retten“ können (BAK,
ZSg. 102/19/135, 29.9.1939, 19-Uhr-Konferenz und: BAK, ZSg. 101/34,
S. 485/487, 29.9.1939, Vertraulicher Informationsbericht). Öffentlich wurde hin-
gegen gefordert, dies als Schritt auf dem Weg zur Lösung der europäischen Fra-
gen und der natürlichen Aufteilung des Lebensraums darzustellen: BAK, ZSg
140 UMSETZUNG DER ZIELE

sowjetische Spannungen auftraten, stärkten die Propagandisten in ihren


Presseanweisungen der Sowjetunion den Rücken, vermutlich zunächst
unter der Annahme, dass Finnland ebenso nachgiebig sein würde wie
die kleinen baltischen Staaten.23 So mussten die beschriebenen Maß-
nahmen der Regierung für die Journalisten noch nicht bedeuten, dass
die deutsch-sowjetischen Beziehungen sich verschlechterten, im Ge-
genteil, sie wurden weiterhin angewiesen, die Einigkeit in der Außen-
politik zu betonen. Lediglich sollten „die Grenzen nicht überschritten“
werden, wie es am 11. Oktober in der Kritik an einem Artikel der
‚Frankfurter Zeitung‘ hieß.24
Der erste Hinweis, dass es in der Außenpolitik Meinungsverschie-
denheiten zwischen Deutschland und der Sowjetunion gab, erreichte
den ‚Völkischen Beobachter‘ erst mit dem propagandistisch in vielerlei
Hinsicht heiklen finnisch-sowjetische Krieg, nach dessen Beginn in der
Pressekonferenz „relative Ratlosigkeit“, wie man diesen propagandis-
tisch einordnen könnte, herrschte.25 Der finnisch-sowjetische „Winter-
krieg“ markierte eine erste, wenn auch nicht vollständige, propagandis-
tische Wende. Diese Wende war jedoch weniger auf die Presseanwei-
sungen zurückzuführen, die zunächst keine Änderung der grundsätzli-
chen Haltung erlaubten, ja weiterhin Unterstützung für die Sowjetunion
verlangten, als vielmehr auf den Umschwung der Stimmung, da die

101/14/76, 29.9.1939, Informationen und Bestellungen aus der Abendpressekonfe-


renz.
23
Siehe z.B. BAK, ZSg. 101/34/551, 3.11.1939; BAK, ZSg 101/14/178, A:1489
und noch am 29.11.1939: BAK, ZSg 102/20/355, 29.11.1939, 19-Uhr Konferenz.
24
In dem beanstandeten Artikel der Frankfurter Zeitung waren Parallelen zwi-
schen der (angeblich) vegetarischen Lebensweise Stalins und derjenigen Hitlers
gezogen worden. Hiervon ausgehend hatte der Autor des Artikels die Machtstruk-
turen und das Verhältnis Molotov zu Stalin mit demjenigen Ribbentrops zu Hitler
verglichen. BAK, ZSg. 102/19/181, 11.10.1939, 19-Uhr-Konferenz.
25
BAK, ZSg 102/20/359, 30.11.1939, Mittagskonferenz.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 141

Sympathien der Propagandisten in diesem Krieg unzweifelhaft auf fin-


nischer Seite lagen.26
Erst am 20. Dezember 1939 wurde die – angesichts der vorangegan-
genen Berichterstattung reichlich verspätete – Presseanweisung heraus-
gegeben, dass „keineswegs so getan werden [solle], als habe es nicht
einen grundsätzlichen Kampf der Bolschewiken gegen die Nationalso-
zialisten und umgekehrt gegeben.“27 Gerade diesen Eindruck hatte je-
doch insbesondere der ‚Völkische Beobachter‘, wie zu sehen sein wird,
bis dahin zu erwecken versucht.

b) Die innere Entwicklung der Sowjetunion: Ungetrübter Blick auf


neue Freunde?

Nachdem seit der Entlassung Maksim Litvinovs bis zur Verkündung


des Paktes der ‚Völkische Beobachter‘ kaum noch etwas über die inne-
re Entwicklung der Sowjetunion veröffentlicht hatte, konnte das Thema
nach dem Pakt nicht mehr ignoriert werden. Die innere Entwicklung
war ein heikles Thema: Während der außenpolitische Umschwung als
„Schlag gegen die Einkreisung“ und Schritt zur Vermeidung eines grö-
ßeren europäischen Krieges dargestellt werden konnte, war es schwie-
rig zu erklären, dass die antisemitische deutsche Regierung einen Pakt
mit einer angeblichen „jüdischen Clique“ geschlossen hatte. Es wäre
vermutlich sinnvoll gewesen, dies mit einer Veränderung des inneren
Zustandes zu erklären: Die wichtigsten jüdischen Politiker, so hätte ge-
schrieben werden können, waren abgesetzt, das beste Beispiel hätte

26
Die Stimmung in der Pressekonferenz war gedrückt, weshalb gemahnt wurde,
dass in den Überschriften nicht gezeigt werden dürfe, „wie es uns ums Herz
steht“. Die Gefühle stünden „naturgemäß auf Seiten Finnlands, weil deutsche Sol-
daten für die Freiheit Finnlands gefallen sind und weil viele Freundschaftsbezie-
hungen hinüber und herüber herrschten“. Fritz Sänger vermerkte, dass auf der
Pressekonferenz auch Vertreter anwesend waren, die selbst in Finnland gekämpft
hatten. BAK, ZSg 102/20/378, 5.12.1939, Mittagskonferenz.
27
BAK, ZSg 102/20/444, 20.12.1939, Mittagskonferenz.
142 UMSETZUNG DER ZIELE

Maksim Litvinov sein können. Doch selbst wenn der ‚Völkische Be-
obachter‘ derartiges im Sinn gehabt haben sollte, dürfte sich jetzt ge-
rächt haben, dass es in der Redaktion niemanden gab, der sich in den
letzten Jahren ernsthaft, das heißt in nicht-polemischer Weise, mit der
Sowjetunion auseinandergesetzt hatte. Und auch die antibolschewisti-
schen Hetzer des ‚Völkischen Beobachters‘, wie zum Beispiel Harald
Siewert, wollten sich vermutlich selbst nicht Lügen strafen, indem sie
jetzt das Gegenteil von dem behaupteten, was noch ein halbes Jahr zu-
vor gültig gewesen war.28 Die Berichterstattung über die innere Ent-
wicklung der Sowjetunion blieb dementsprechend bemerkenswert zu-
rückhaltend.29
Während die Redaktion des ‚Völkischen Beobachters‘ wichtige The-
men, wie beispielsweise den Zustand der sowjetischen Armee, die Fol-
gen stalinscher Politik für die in der Sowjetunion lebenden Menschen
oder die für den Leser des ‚Völkischen Beobachters‘ vermutlich er-
staunlichen Wandlungen der Ziele sowjetischer Politik (zum Beispiel
zuvor „völkervernichtend“ jetzt Ukrainer und Weißrussen befreiend,
siehe dazu unten) den Lesern nicht näher erläuterte, interessierte die
Berichterstatter die Wirtschaft in der Sowjetunion. Denn die Sowjet-
union sollte enorme Gütermengen an Deutschland liefern, ohne dabei
Skrupel bei der deutschen Bevölkerung zu wecken. Die noch vor einem
halben Jahr gemachten Aussagen, in der Sowjetunion herrsche Chaos,
schweigend übergehend, behaupteten die Wirtschaftsberichterstatter
deshalb, dass die Sowjetunion in der Lage sei, Deutschland zu liefern
und dass die Möglichkeiten des Handels „praktisch unbegrenzt“ sei-
en.30 Die erstaunlichen Wandlungen innerhalb nur eines halben Jahres

28
Siehe auch Abschnitt 3.2.2. der Arbeit.
29
Während im September mit 11 Artikeln noch recht viel über die Sowjetunion
geschrieben wurde, erschienen von Oktober bis Dezember nur je drei, zudem recht
kurze Artikel über die innere Entwicklung der Sowjetunion. Siehe Anhang B.
30
N.N.: Der neue Handelspartner Rußland. Wieder reicher Inhalt der „Wirt-
schaftsberichte“ des Arbeitswissenschaftlichen Instituts der DAF, VB, NA,
27.9.1939, S. 7 (Wirtschaft). Hierin hieß es, die Aussichten für den Handel seien
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 143

von einem ärmlichen zu einem reichen Staat, versuchte der ‚Völkische


Beobachter‘ gar nicht erst näher zu erläutern.
Trotz des Versuchs, ausschließlich positiv über die Sowjetunion zu
berichten, lassen sich einige Artikel im ‚Völkischen Beobachter‘
durchaus auch als versteckter Protest gegen den Pakt deuten. So er-
schienen in der Wochenendbeilage vom Sonntag den 3. September
1939 zwei historische Artikel über das zaristische Russland: einer über
die Eroberung Moskaus durch Napoleon31 (der Grund für die Veröf-
fentlichung eines Artikels zu diesem Thema blieb unklar) und eine
Filmkritik über einen französischen Film aus dem Jahre 1938. Der Film
trug den Titel „Rivalin einer Zarin“ (auf französisch „Tarakanowa“)
und handelte von einer Intrige gegen die „deutsche“ Zarin Katharina
die Große, bzw. dem Versuch einiger – unverfänglicherweise polni-
scher – Emigranten, eine angebliche Schwester der Zarin, Elisabeth Ta-

gut, da der dritte Fünfjahresplan in der Sowjetunion einen großen Ausbau der In-
dustrie vorsehe, der zu einem erhöhten Bedarf an Investitionsgütern führen wer-
de. Der Austausch zwischen den beiden „großen Reichen“ werde durch das Wirt-
schafts- und Handelsabkommen gefördert; siehe auch: N.N.: Deutsch-russische
Handelsergänzung, VB, NA, 1.10.1939, S. 7 (Wirtschaft); N.N.: Das Erdölpro-
gramm in der Sowjetunion, VB, NA, 3.10.1939, S. 7 (Wirtschaft); N.N.: „Ruß-
lands Reichtümer“, VB, NA, 5.10.1939, S. 7 (Wirtschaft). Dieser letztgenannte
Artikel war mit 220 Zeilen recht ausführlich und enthielt Zahlen aus sowjetischer
Quelle über Landwirtschaft, Rohstoffförderung und den Energiesektor; Siehe au-
ßerdem: N.N.: Rußland liefert uns eine Million Tonnen Futtergetreide. Wirksamer
Schlag gegen Englands Blockade/Illusion, VB, 26.10.1939, S. 1: Auffallend ist
bei diesem Artikel einerseits die falsche Angabe (offensichtlich war nie die Rede
von einer Millionen Tonnen Getreide, siehe Abschnitt 3.3.3.c) andererseits die
Bezeichnung „Rußland“ anstatt „Sowjetunion“. Siehe Abschnitt 3.3.3.g); [Fritz]
Nonnenbruch: Die Lieferungsverhandlungen mit Sowjetrußland, VB, 27.10.1939,
S. 7 (Wirtschaft); N.N.: Die Organisation des Außenhandels der Sowjetunion, VB,
NA, 8.11.1939, S. 7 (Wirtschaft); Möglichkeiten und Grenzen des Exports nach
der Sowjetunion, VB, NA, 17.11.1939, S. 7 (Wirtschaft): Der Autor des Artikels
versucht zu zeigen, dass alle etwas von dem Wirtschaftsaustausch haben würden,
insbesondere auch die kleineren deutschen Firmen: N.N.: Neue Erdölfunde auf der
Krim, VB, NA, 18.11.1939, S. 7 (Wirtschaft).
31
Rp.: Der Kreml. Aus der Geschichte einer Festung, VB, NA, 3.9.1939, Wo-
chenendbeilage.
144 UMSETZUNG DER ZIELE

rakanova, auf dem russischen Thron zu installieren.32 Die Veröffentli-


chung der Artikel über Napoleon und insbesondere auch über Katharina
die Große war zu diesem Zeitpunkt zumindest so unpassend, dass sie
den aufmerksamen Lesern nicht entgangen sein dürften. Während hier
die Kritik an der Regierungspolitik noch nicht sehr deutlich ist, er-
schien versteckter, dafür aber im Urteil eindeutiger, am 19. September
eine Buchkritik über die „Russischen Memoiren“ Sophie von
Burghoevedens. Der Autor des Artikels, Prof. Adolf Bartels, schloss
seinen Artikel mit folgendem Zitat aus den Memoiren: „Der Krieg ...
dann 1917 die Revolution...Mit der Plötzlichkeit eines Erdbebens brach
sie in ein paar Tagen aus und fegte den Bau von Jahrhunderten hinweg.
Ich war Zeuge beim schrecklichen Todeskampf des Zarentums. Zeuge
der schrecklichen Gefangenschaft der kaiserlichen Familie im tiefen
Sibirien und der Tragödie von Jekaterinenburg. Dies alles habe ich mit-
erlebt und mit Trauer schließe ich mein Buch der russischen Erinnerun-
gen.“33 Die Veröffentlichung derartiger Artikel erscheint zu diesem
Zeitpunkt zumindest nicht zufällig. Möglicherweise versuchte die Re-
daktion, die den Abdruck dieser historischen Artikel ermöglichte, auf
diese Weise ihrem Unmut versteckt, unverfänglich und ohne ein Risiko
einzugehen, aber doch „öffentlich“ Luft zu machen.34
Ab Oktober, als angeordnet wurde, alle Artikel über die Sowjetunion
im Propagandaministerium zur Prüfung vorzulegen, lassen sich derarti-
ge „Missgriffe“ nicht mehr finden. Historische Artikel über die Sowjet-
union wurden nicht mehr veröffentlicht. Auffallend ist nunmehr die
beinahe vollständige Zurückhaltung in der Berichterstattung über das,

32
N.N.: Wer war Elisabeth Tarakanowa? Rivalin einer Zarin. Historische Hinter-
gründe eines Films, VB, NA, 3.9.1939, Wochenendbeilage.
33
Prof. Adolf Bartels: Russische Memoiren, VB, NA, 19.9.1939, S. 6.
34
Ein weiteres Beispiel ist ein historischer Artikel über eine Schlacht des Ersten
Weltkrieges, in dem die Schlusssätze wenig rücksichtsvoll lauteten: „Nur noch
6000 Mann zählten die drei Divisionen nach ihrer Rückkehr. [...] Mit sich aber
führten sie 16000 gefangene Russen und 64 Geschütze.“ N.N.: Die Schicksalstage
von Brzeziny 1914, VB, NA, 24.11.1939, S. 4.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 145

was in der Sowjetunion vor sich ging; auch die Gelegenheit, Stalins
Geburtstag zur Feier des deutsch-sowjetischen Bündnisses zu nutzen,
ließ der ‚Völkische Beobachter‘ weitgehend ungenutzt (lediglich die
kurzen Glückwunschtelegramme Hitlers und Ribbentrops wurden ab-
gedruckt, ohne diese jedoch zu kommentieren).35 Während der Sowjet-
union in der außenpolitischen Berichterstattung, wie zu sehen sein
wird, eine neue Funktion als Partner Deutschlands zugedacht war, er-
schien es den Berichterstattern entweder nicht notwendig oder auch
nicht möglich, das „Bild“ von der Sowjetunion grundsätzlich zu revi-
dieren. Auf diese Weise fanden auch die im Folgenden näher zu be-
schreibenden, Kommentare des Russlandkenners Theodor Seibert, der
den Pakt als Wiederherstellung eines „natürlichen Zustandes“ beschrieb
und sich in außenpolitischen Konstruktionen der „jungen“, „totalitären“
Staaten gegen die „alten“ Demokratien verlor, keinen Resonanzboden
in der Berichterstattung über die innere politische und gesellschaftliche
Entwicklung der Sowjetunion.

c) Deutsch-sowjetische Beziehungen: Der Schock des „Hitler-Stalin-


Paktes“

Die Berichterstattung über das eigentlich zentrale und sensationelle


Thema, die Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen, muss-
te also ohne die Unterstützung durch ein neues „Bild“ von der Sowjet-
union auskommen. Weder vor noch nach dem Pakt wurden die propa-
gandistisch motivierten Vereinfachungen, die vollkommen unabhängig
von den „wahren“ Zuständen in der Sowjetunion tagtäglich in einer

35
Zum 60. Geburtstag. Der Führer an Stalin, VB, NA, 22.12.1939, S. 1. Das Tele-
gramm war nur sechs Zeilen lang und wurde ganz unten auf der ersten Seite veröf-
fentlicht. Ribbentrops Glückwünsche fielen etwas ausführlicher aus, wurde jedoch
noch unter Hitlers Telegramm platziert. Vgl.: Glückwünsche Ribbentrops, VB,
NA, 22.12.1939, S. 1.
146 UMSETZUNG DER ZIELE

scheinbar endlosen Litanei wiederholt worden waren, kritisch hinter-


fragt. So enthielt das Wort „Sowjetunion“ auch bei der Verkündung des
Paktes noch jene negativen Konnotationen, an die vielleicht nicht alle
Leser glaubten, die aber vermutlich so gut wie allen Deutschen auf-
grund jahrelanger Indoktrinationsbemühungen zumindest bekannt wa-
ren.
Bei der Verkündung des „Deutschen Handels- und Kreditabkommen
mit der Sowjetunion“, der letzten Stufe auf dem Weg der deutschen und
sowjetischen Verhandlungspartner zum Pakt, ging der ‚Völkische Be-
obachter‘ noch den einfachen Weg: Er hielt sich penibel an die Anwei-
sungen. Die Meldung, die ein ganz neues Licht auf das scheinbare
Nichts deutsch-sowjetischer Beziehungen warf, entsprach in einigen
Passagen wörtlich der Presseanweisung: Beide Länder ergänzten sich
mit ihren Volkswirtschaften auf „natuerlichste Weise“, das Abkommen
liege auf einer Linie mit der deutschen Handelspolitik, die eine gute
wirtschaftliche Zusammenarbeit mit allen Ländern erstrebe, die sich
mit Deutschland gut wirtschaftlich ergänzten.36 Auffallend ist hierbei
die Zurückhaltung: Noch war kein Überschwang oder gar Triumph aus
der Meldung herauszuhören.37
Die wahre Sensation war am 23. August die Verkündung des Paktes.
Die Überschrift des Tages lautete: „Polen konzentriert Truppen an den
Grenzen. Völlige Überraschung der Umwelt durch den Pakt Berlin-
Moskau.“ Bemerkenswert ist, wie unverhohlen der ‚Völkische Be-

36
PA, Nr. 2835, ZSg. 102/18/389/11, 20.8.1939, Sonderpressekonferenz.
37
Auch die Meldungen vom 22. August, erschienen noch zurückhaltend. Im Wirt-
schaftsteil hieß es: „dieses neue Abkommen ist absolut nichts Neues, sondern vor
einem Jahr schon waren in ähnlicher Weise solche Abkommen mit den Türken
und den Polen abgeschlossen worden.“ Diese alte Linie sei „restlos klar und voll-
kommen logisch.“ Lediglich die Wortwahl der Londoner Meldung, in der von
„Londoner Pessimismus“ „Flehentlichen Ermahnungen an die Sowjetrussen“ in
den Verhandlungen mit der Sowjetunion die Rede ist, lässt die Bedeutung des
Handelsabkommen und auch das noch Bevorstehende ahnen. [Fritz] Nonnen-
bruch: Ausnutzung der natürlichen Vorraussetzungen für den Ausbau des Außen-
handels, VB, NA, 22.8.1030, S. 7.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 147

obachter‘ den Pakt durch das Zusammenziehen der Themen „Polen“


und „Pakt“ in einer Überschrift in Beziehung zueinander setzte. Zu bei-
den Themen veröffentlichte der ‚Völkische Beobachter‘ dann getrennte,
ausführliche Leitartikel, wobei es sich lohnt, denjenigen Theodor Sei-
berts über das eigentlich sensationelle Ereignis, den Pakt, etwas einge-
hender zu betrachten:38
Wenig bemerkenswert war, dass er die Tatsache, dass man „noch am
Tag zuvor in völliger Unkenntnis über den Pakt“ gewesen sei, als Auf-
hänger benutzte, um das „kaltblütige“ Geschick der deutschen Politiker
zu preisen. Bei den Verhandlungen habe man auf „englisch-
französischen Theaterlärm“ verzichtet. Deutschland schließe eben
„saubere Nichtangriffspakte anstatt einzukreisen“. Schon bemerkens-
werter war, dass er den Pakt als Wiederherstellung eines „natürlichen“
Zustandes bezeichnete, „wie er mit kurzen, im Völkerleben unausbleib-
lichen Unterbrechungen immer zwischen Deutschland und Rußland be-
standen“ habe; Seibert verwies auch auf Bismarck und das „jahrhunder-
tealte Kapital der engen deutsch-russischen Beziehungen“. Doch auch
hiermit lag er noch auf einer Linie mit der Presseanweisung, in der ge-
fordert worden war, auf die deutsch-russische Geschichte Bezug zu
nehmen.
Dann jedoch wagte Seibert es, noch ein gutes Stück über das eigent-
lich Verlangte hinauszugehen: In der Pressekonferenz war die klare
Anweisung herausgegeben worden, dass „ueber weltanschauliche Fra-
gen, die zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus liegen,
nichts gesagt werden“ sollte.39 Seibert jedoch schrieb, dass der Pakt
sich gegen den „reaktionären Imperialismus der Demokratien“ richte.
Und: Englands Annäherungsversuche an die Sowjetunion hätten nicht
gefruchtet, weil sie „vollkommen verschiedenartige Interessen“ zu-

38
Theodor Seibert: Völlige Überraschung der Umwelt durch den Pakt Berlin-
Moskau, VB, NA, 23.8.1939, S. 1.
39
PA, Nr. 2862, ZSg. 102/18/395/26, 22.8.1939.
148 UMSETZUNG DER ZIELE

sammenzuschweißen versuchten.40 Im Umkehrschluss bedeutete dies,


dass Deutschland mehr gemeinsame Interessen mit der Sowjetunion
verbanden als das „reaktionäre“ England. In seinen zahlreichen weite-
ren Kommentaren, die Seibert über die deutsch-sowjetischen Bezie-
hungen im Jahre 1939 noch schrieb, verfolgte er diesen Gedanken wei-
ter: die „jungen“, „sozialistischen“, „totalitären“, „revolutionären“ Na-
tionen des Kontinentes hätten sich zusammengetan gegen das „alte“,
„reaktionäre“, „demokratische“, „kapitalistisch-plutokratische“ Eng-
land, so schrieb er.41 Ganz unmissverständlich versuchte Seibert auf

40
Theodor Seibert: Völlige Überraschung der Umwelt durch den Pakt Berlin-
Moskau, VB, NA, 23.8.1939, S. 1.
41
Insgesamt veröffentlichte Seibert von der Unterzeichnung des Paktes bis zum
Jahresende 23 Kommentare, in denen er das aktuelle Weltgeschehen und insbe-
sondere die deutsch-sowjetische Annäherung ausführlich (je circa 200-300 Zei-
len) kommentierte. Unter den zahlreichen Kommentaren Seiberts ist folgender be-
sonders bemerkenswert: Th[eodor] S[eibert]: Das Recht wird siegen, VB, NA,
27.8.1939, S. 1. Seibert schrieb von „jungen sozialistischen Nationen“, die auf
dem europäischen Kontinent ein neues Gesetz geschaffen hätte. Das englische
Volk wisse leider nichts von diesen Zusammenhängen und glaube, „für Polen und
die Demokratie zu kämpfen, während es in Wirklichkeit die Geschäfte des reakti-
onären Kapitalismus mit seinem Blute bezahlen und den unaufhaltsamen Vor-
marsch des jungen europäischen Sozialismus zum Stillstand bringen soll. [...]
Nicht im Traume dachten sie daran, daß es notwendig sein könnte, sich der Jahr-
hunderte alten Verbindungen zu erinnern, die Deutschland und Rußland verknüp-
fen. Gewohnt vom Tage zu leben, dämmerte es ihnen nicht, daß in einer Zeit so
gewaltiger Entscheidungen weitblickende und verantwortungsbewusste Volksfüh-
rer junger Nationen Augenblickshindernisse überspringen und die große histori-
sche Linie wieder aufnehmen können.“ Auch in jedem der im Folgenden aufge-
zählten Artikel befasste Seibert sich unter anderem mit der „neuen Ordnung“, die
durch den deutsch-sowjetischen Pakt entstanden sei: Theodor Seibert: Die neue
Ordnung, VB, NA, 25.8.1939, S. 1; Th[eodor] S[eibert]: Das Recht wird siegen,
VB, NA, 27.8.1939, S. 1; Ts: Der Endkampf, VB, NA, 4.9.1939, S. 1; Theodor
Seibert: Die erste Kriegswoche, VB, NA, 9.9.1939, S. 1; Th[eodor] S[eibert: Ost-
europas neues Gesetz, VB, NA, 18.9.1939, S. 1; Theodor Seibert: England will
Krieg, VB, NA, 27.9.1939, S. 1; Theodor Seibert: Vor dem Richterstuhl Europas,
VB, NA, 1.10.1939, S. 1; Theodor Seibert. Eiserner Entschluß, VB, NA,
15.10.1939, S. 1; Theodor Seibert: So steht der Krieg, VB, NA, 1.11.1939, S. 1;
[Theodor] Seibert: Das Friedensziel: Ein freies Europa, VB, NA, 30.11.1939, S. 1;
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 149

diese Weise, trotz ausdrücklichem in der Pressekonferenz ausgegebe-


nem Verbot, den Pakt weltanschaulich einzuordnen und seine alten,
möglicherweise als nationalbolschewistisch oder auch konservativ-
revolutionär zu bezeichnenden Ideen wiederzubeleben. Aus Seiberts
Worten sprach einerseits Zustimmung und gewiss auch Stolz, ja Tri-
umph über die gelungenen Winkelzüge der deutschen Politik, anderer-
seits aber auch genau das, was das Propagandaministerium und die po-
litischen Entscheidungsträger eigentlich vermeiden wollten: das Auf-
kommen einer prosowjetischen Haltung in Deutschland.
Diese seibertschen Vorlagen blieben nicht ungehört. Auch in weniger
prominent platzierten Artikeln, wie beispielsweise den sehr zahlrei-
chen, ausführlich kommentierten Auslandsstimmen,42 wurde der Pakt
als „Erfolg der Achse“ gefeiert und dies den „politischen Konstruktio-
nen der Demo-Plutokratien“ gegenübergestellt, die nun „in Trümmern“
lägen.43 Aufschlussreich ist auch, dass die Redakteure des ‚Völkischen
Beobachters‘ in einigen Artikeln (unter anderem auch im Wirtschafts-
teil) die Gegensätze „jung gegen alt“, „demokratisch gegen autoritär“,
„entschlussstark“ gegen „monatelange Diskussionen“44, „starke Führer“
gegen „schwächliche Parlamentsabgeordnete“, die (angeblich) „große
politische Linie“ gegen kurzfristiges „Vorteilsdenken“ hervorholten.45
Der ‚Völkische Beobachter‘ und insbesondere Theodor Seibert sahen
ihre Aufgabe unmissverständlich darin, den Pakt „weltanschaulich“ zu
begründen und innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie einzu-
ordnen.

Theodor Seibert: England und die europäische Revolution, VB, NA, 10.12.1939,
S. 1.
42
Siehe hierzu die Abschnitte 3.3.3.d) und 3.3.3.e).
43
N.N.: Italiens Mahnung an Warschau in letzter Stunde, VB, NA, 24.8.1939,
S. 1.
44
N.N.: Pakt Berlin-Moskau vom Obersten Rat der Sowjetunion ratifiziert. Inner-
halb von fünf Minuten. INS Moskau, VB, NA, 29.8.1939, S. 1.
45
Siehe Abschnitt 3.3.3.e).
150 UMSETZUNG DER ZIELE

Die an der Herbeiführung des Paktes beteiligten Politiker selbst wa-


ren in ihren Reden zurückhaltender. Zwar waren im ‚Völkischen Be-
obachter‘ durchaus Verbrüderungsgesten zu bestaunen (z.B. ein la-
chender Stalin mit dem deutschen Außenminister, Joachim von Ribben-
trop, bei der Unterzeichnung)46, Ribbentrop, Molotov und Hitler beton-
ten himgegen in ihren Reden, dass es auch weiterhin weltanschauliche
Gegensätze zwischen den neuen Partnern gebe. Diese seien allerdings
kein Hindernis für die Annäherung gewesen. So bemerkte Hitler, dass
er keinen Grund für Feindseligkeit erkennen könne, wenn die Sowjet-
union ihre Doktrin nicht exportierte47, während Molotov der „Ver-
schiedenheit der Weltanschauungen [...] kein Hindernis für die Herstel-
lung guter politischer Beziehungen“48 sah. Wie konnte es also sein,
dass der ‚Völkische Beobachter‘ sich so dabei hervortat, ideologische
Gemeinsamkeiten zwischen nationalsozialistischem Deutschland und
der Sowjetunion zu konstruieren?
Ein Teil der Antwort ergibt sich ebenfalls aus den Reden der am Zu-
standekommen des Paktes beteiligten Politiker. So waren sich Molotov,
Ribbentrop und Hitler darin einig, dass der Pakt endgültig sei. Hitler
verstieg sich sogar zu der Aussage, dass „für alle Zukunft jede Gewalt-
anwendung ausgeschlossen sei“.49 Auch der Leiter der Pressekonferenz
des 23. August, Fritzsche, behauptete: „Jeder Schreibende muesse sich
klar sein, dass es sich nicht um ein taktisches Manöver handle [...] Es
sei eine historische Wende in durchaus echtem Sinne eingetreten.“
Wichtig sei deshalb die „Waerme des Ausdrucks und Richtigkeit“.50
Die Mitarbeiter des ‚Völkischen Beobachters‘, das heißt des „Kampf-

46
Siehe das Foto von der Unterzeichnung: VB, NA, 26.8.1939, S. 3.
47
N.N.: Der Führer verkündet den Kampf für des Reiches Recht und Sicherheit.
Der Wortlaut der geschichtlichen Rede, VB, NA, 2.9.1939, S. 1.
48
N.N.: Die bedeutsame Rede Molotows über den Nichtangriffspakt Berlin-
Moskau. Friede zwischen der Sowjetunion und Deutschland entspricht den wirkli-
chen Interessen aller Völker und Staaten, VB, NA, 2.9.1939, S. 5.
49
N.N.: Der Führer verkündet den Kampf für des Reiches Recht und Sicherheit.
Der Wortlaut der geschichtlichen Rede, VB, NA, 2.9.1939, S. 1.
50
PA, Nr. 2870, ZSg. 102/18/398/ (1), 22.8.1939, Sonderpressekonferenz.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 151

blattes der Nationalsozialistischen Bewegung“, sahen ihre Aufgabe ge-


nau darin, „weltanschauliche Fragen“ zu behandeln und zu propagieren
und fühlten sich deshalb an die Weisung, sich ausgerechnet hierbei zu-
rückzuhalten, nicht gebunden. Da auch nicht der geringste Zweifel da-
ran gelassen wurde, dass der Pakt endgültig sein werde, handelten Re-
dakteure wie Theodor Seibert und andere mit der Verbreitung national-
bolschewistischer Ideen nach bestem Wissen und Gewissen.
Auch der Kriegsbeginn änderte nichts an der Ausrichtung des ‚Völki-
schen Beobachters‘, wenn auch das Thema Sowjetunion durch die Be-
richterstattung über den Krieg (der nicht offen als „Krieg“ bezeichnet
werden durfte) und die Hetze gegen Polen in den Hintergrund gedrängt
wurde.51 Trotz des Kriegslärmes fand der ‚Völkische Beobachter‘ (wie
in den Presseanweisungen gefordert) Zeit und Raum, um über die Ein-
setzung Aleksander Škvarcevs als neuer sowjetischer Botschafter in
Deutschland auf der ersten Seite zu berichten.52 Auch ist sehr deutlich
das Bemühen zu erkennen, besonders die sowjetische Unterstützung für
den Krieg hervorzuheben, unter anderem durch ausführliche Zitate aus
‚Isvestija‘ und ‚Pravda‘.53 Auch das erste Signal für mehr Zurückhal-

51
So wurde eine Rede Molotovs, in der er die gute deutsch-sowjetische Zusam-
menarbeit lobte, erst auf der fünften Seite des ‚Völkischen Beobachters‘ gebracht:
N.N.: Die bedeutsame Rede Molotows über den Nichtangriffspakt Berlin-Moskau.
Friede zwischen der Sowjetunion und Deutschland entspricht den wirklichen Inte-
ressen aller Völker und Staaten, VB, NA, 2.9.1939, S. 5.
52
N.N.: Neuer Moskauer Botschafter in Berlin, VB, NA, 3.9.1939, S. 1.
53
Siehe u.a.: N.N.: Moskau zum Wirtschaftsabkommen. „Prawda“: „Steigerung
des Handels und Verbesserung der politischen Beziehungen“, VB, NA, 23.8.1939,
S. 11; N.N.: Starker Eindruck der Führerrede in Moskau. Die Sowjetpresse feiert
den Nichtangriffspakt mit Deutschland, VB, NA, 2.9.1939, S. 2; N.N.: Einnahme
Krakaus in Moskau groß beachtet, VB, NA, 8.9.1939, S. 6; A.P.: Polen und Ruß-
land, VB, NA, 16.9.1939, S. 2; N.N.: Die Moskauer „Iswestija“: „250000 Polen
im Sack gefangen“, VB, NA, 13.9.1939, S. 2; N.N.: Deutschland und Rußland
stellen die Ordnung in Polen wieder her. „Prawda“: „Das Gefängnis der Völker
wie ein Kartenhaus zusammengestürzt“, VB, NA, 20.9.1939, S. 1; N.N.: „Iswesti-
ja“: „Hitlers Vorschläge sind eine reale Grundlage“. Moskau warnt die demokrati-
schen Kriegshetzer, VB, NA, 9.10.1939, S. 1; N.N.: Moskau: Die weitgehenden
Vorschläge des Führers stark beachtet, VB, NA, 8.10.1939, S. 2; N.N.: Das fran-
152 UMSETZUNG DER ZIELE

tung, die Presseanweisung vom 12. September, in der gefordert wurde,


das „Maß der natürlichen Bekundungen der Freude über die neue Zu-
sammenarbeit“ nicht ungebührlich zu erweitern, da sonst der Eindruck
entstünde, dass in Deutschland „eine besondere Kampagne zur Popula-
risierung der deutsch-sowjetrussischen Freundschaft“ nötig sei, änderte
nichts an der inhaltlichen Ausrichtung des ‚Völkischen Beobachters‘.54
Möglicherweise führte sie jedoch dazu, dass insgesamt weniger über
den mittlerweile drei Wochen zurückliegenden Pakt und seine Folgen
berichtet wurde und sich die Propagandisten eher auf die aktuellen Er-
eignisse konzentrierten.
Die Ereignisse waren jedenfalls kaum zu ignorieren: Unter anderem
der Einmarsch der sowjetischen Armee in Ostpolen schuf einen großen
Erklärungsbedarf (zu der ideologischen Einordnung dieses Schrittes
siehe unten ausführlich). Der Regierung war es hierbei besonders wich-
tig, Gerüchten entgegenzutreten, der sowjetische Einmarsch richte sich
gegen Deutschland. In einer deutsch-sowjetischen Note, die der ‚Völki-
sche Beobachter‘ vollständig abdruckte, hieß es, dass die sowjetischen
Truppen keinerlei Ziele verfolgten, die den Interessen Deutschlands
oder der Sowjetunion zuwiderliefen oder „dem Geiste und den Buch-
staben des zwischen Deutschland und der Sowjetunion geschlossenen

zösische Volk erfährt die Wahrheit nicht. Moskau prangert die Fälscherpraxis der
Pariser Presse an. Unerhörte Entstellung der Führerrede, VB, NA, 9.10.1939, S. 1;
N.N.: Englands Ränke gegen den Pakt Berlin-Moskau. Eine bedeutsame Feststel-
lung der „Iswestija“ zum englisch-französisch-türkischen Pakt, VB, NA,
22.10.1939, S. 1; N.N.: Moskau: Zwei starke Großmächte fanden sich. Friedliche
Zusammenarbeit steht gegen die Kriegshetze der Einkreiser, VB, NA, 25.10.1939,
S. 2. Bemerkenswert hieran ist, dass ausgerechnet sowjetische Zeitungen immer
wieder zitiert wurden, um Hitlers Aussagen mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen.
So sollte Hitlers „Friedensangebot“ an die Adresse Englands durch die Aussage
der ‚Iswestija‘, die auf der ersten Seite abgedruckt wurde, offensichtlich glaub-
würdiger erscheinen. Vgl. dies mit dem Artikel aus dem März desselben Jahres:
N.N.: Prahlerisches Bekenntnis der Moskauer ‚Prawda‘: ‚Spanienkrieg ist das
Werk der Komintern‘. Nächste Angriffsziele Moskaus: Die Demokratien, VB,
NA, 4.3.1939, S. 1.
54
BAK, ZSg 102/19/58, 12.9.1939, 12 Uhr-Konferenz.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 153

Nichtangriffsvertrages widersprechen.“55 Wiederum war die Propagan-


da darum bemüht, zu zeigen, dass das deutsch-sowjetische Verhältnis
ungetrübt sei. Wie zuvor zitierte der ‚Völkische Beobachter‘ auch hier
sowjetische Pressestimmen, die die guten Absichten und das Einver-
nehmen mit Deutschland bei der „Regelung der Ostfragen“56 belegen
sollten. In ähnlicher Weise kommentierte der ‚Völkische Beobachter‘
auch die Festlegung der Demarkationslinie am 23. September, den Aus-
tausch der Ratifikationsurkunden zum Moskauer Vertrag, die zweite
Reise Ribbentrops nach Moskau und die jetzt „endgültige Festlegung
der Interessengrenzen“ als Zeichen für das gute Einvernehmen.57 Be-
merkenswert war auch die Erwähnung des Vorbeimarsches deutscher
und sowjetischer Truppen in Brest-Litowsk auf der ersten Seite des
‚Völkischen Beobachters‘.58 All dies sollte belegen, wie „unerschütter-
lich“ die deutsch-sowjetischen Beziehungen nun seien.

55
N.N.: Einvernehmen zwischen Berlin und Moskau über Polen. Gemeinsame Er-
klärung beider Regierungen, VB, NA, 19.9.1939, S. 1.
56
N.N.: Berlin und Moskau regeln die Ostfragen allein, VB, NA, 30.9.1939, S. 1.
57
N.N.: Ribbentrop im Kreml. Besprechungen mit Stalin und Molotow, VB, NA,
29.9.1939, S. 1; N.N.: Was bringt die Begegnung von Moskau? Ueberall stärkstes
Interesse an der Reise Ribbentrops, VB, NA, 29.9.1939, S. 2; Th[eodor]
B[öttiger]: Bestürzung in England, VB, NA, 29.9.1939, S. 2. Theodor Böttiger be-
richtete hier bereits aus Den Haag und spottete darüber, dass die Engländer angeb-
lich immer noch nicht begriffen hätten, wie endgültig und gefestigt die Beziehun-
gen zwischen Deutschland und der Sowjetunion seien. Siehe auch: N.N.: Die Welt
unter dem Eindruck der deutsch-russischen Entschlüsse. Die Neuordnung des bis-
herigen polnischen Raumes – Die endgültigen Interessen-Grenzen beider Reiche,
VB, NA, 30.9.1939, S. 1 (Aufmacher). Bemerkenswert an diesem Aufmacher ist
auch, dass die Rede von „beiden Reichen“ war. Die Sowjetunion wurde also jetzt
auch als „Reich“ bezeichnet. Siehe weiterhin: N.N.: Verantwortung für Krieg und
Frieden, VB, NA, 30.9.1939, S. 1; Theodor Seibert: Vor dem Richterstuhl Euro-
pas, VB, NA, 1.10.1939, S. 1. Über die deutsch-sowjetischen Beschlüsse wurde
ausführlich berichtet und auch der Text des Nichtangriffsvertrages abgedruckt.
Auch zahlreiche Stimmen aus dem Ausland wurden herangezogen: N.N.: Die
Neutralen ersehnen den Frieden. Tausendfaches Echo der Moskauer Entschlüsse.
Italien: Krieg nur Wahnsinn, VB, NA, 1.10.1939, S. 1 (Aufmacher).
58
N.N.: Vorbeimarsch der deutschen und sowjetrussischen Truppen in Brest-
Litowsk, VB, NA, 25.9.1939, S. 1.
154 UMSETZUNG DER ZIELE

Bis ans Jahresende änderte sich trotz der am 3. Oktober eingeführten


Vorlagepflicht für alle Artikel über die Sowjetunion nichts an der Ten-
denz der Berichterstattung über die deutsch-sowjetischen Beziehungen.
Neben der Betonung des guten Einvernehmens in internationalen Fra-
gen erwiesen sich die deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen als
geeignetes Thema, um die positiven Folgen des Paktes hervorzuheben.
Auch hier schoss der ‚Völkische Beobachter‘ jedoch über das Ziel hin-
aus, indem er bereits am 26. Oktober meldete, dass „Rußland“ eine
Million Tonnen Futtergetreide liefere: Es handele sich um einen „wirk-
samen Schlag gegen Englands Blockade“, denn derartige Geschäfte
würden „durchaus aus dem kapitalistischen Rahmen herausfallen“.59
Bemerkenswert ist dabei die Abgrenzung vom „Kapitalismus“ und
auch die Bezeichnung „Rußland“ anstatt „Sowjetunion“. Gleichzeitig
war diese Meldung offensichtlich verfrüht, denn die Wirtschaftsver-
handlungen sollten noch lange zu keinem Abschluss gelangen60 und die
Zahl von einer Million Tonnen war stark übertrieben, weshalb die
Journalisten kurz darauf angewiesen wurden, dass über Zahlen nichts
mehr berichtet werden solle.61 Die Wirtschaftsvertragsverhandlungen
verbannte der ‚Völkische Beobachter‘ nach dieser Niederlage in den
Wirtschaftsteil, wo aber immer noch betont wurde, wie „natürlich“ sich
die Volkswirtschaften ergänzen würden und wie viel die Sowjetunion
(ohne Zahlen zu nennen) doch liefern könne.62
Wenn man nach Anzeichen für eine Missstimmung in der Redaktion
sucht, so wird man diese nicht in der Berichterstattung über die
deutsch-sowjetischen Beziehungen finden, die Theodor Seibert unange-

59
N.N.: Rußland liefert uns eine Million Tonnen Futtergetreide. Wirksamer
Schlag gegen Englands Blockade-Illusion, VB, NA, 26.10.1939, S. 1. Hervorhe-
bung von mir, M.F.
60
Bis Ende November wurde in den Verhandlungen kein entscheidender Durch-
bruch erzielt. So wurden die Verhandlungen in Moskau Ende Oktober unterbro-
chen. Siehe: ADAP, D, VI, S. 331-32, (D 371), Ritter an die Botschaft in Moskau,
18.11.1939.
61
BAK, ZSg 101/34/583, 16.11.1939, Telefonische Information.
62
Siehe Fußnote 392.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 155

fochten mit seinen zahlreichen Kommentaren dominierte.63 Auffallend


ist höchstens, dass andere Mitarbeiter, die zuvor gegen die Sowjetunion
polemisiert hatten, sich in ihren Kommentaren nur selten an der Kon-
struktion von deutsch-sowjetischen Gemeinsamkeiten beteiligten64 und
dass im Dezember der Pakt, als der ‚Völkische Beobachter‘ sich an die
Arbeit machte, Jahresrückblicke zu verfassen, kaum noch Erwähnung
fand und im allgemeinen Siegestaumel und gleichzeitigem Kriegslärm
unterging.65

63
Siehe Quantifizierung der Kommentare des ‚Völkischen Beobachter‘ im An-
hang C.
64
Siehe Abschnitt 3.2. der Arbeit.
65
Siehe z.B.: Wilhelm Koppen: Zeitenwende 1939, VB, NA, S. 4.
156 UMSETZUNG DER ZIELE

d) Antikominternpropaganda: Die düpierten Verbündeten

In der Presse der Mitgliedsstaaten des Antikominternpaktes schlug


dem deutsch sowjetischen Pakt im August 1939 (mit Ausnahme zu-
nächst Italiens) mehr oder weniger unverhohlen Ablehnung entgegen.66
Dennoch nutzte der ‚Völkische Beobachter‘ die Pressestimmen aus Ita-
lien, Spanien, Japan und Ungarn, um zu signalisieren, dass auch sie die
neue Politik unterstützten. Noch am 23. August zitierte der ‚Völkische
Beobachter‘ die italienischen Presse, die den Pakt als „schweren Schlag
für die Einkreisungsmächte“ bezeichnet und Verständnis dafür geäußert
habe, dass Deutschland zur Rettung des Friedens alle Mittel in Betracht
ziehe.67 Am 24. August folgten die Pressestimmen aus den weiteren
verbündeten Staaten: Ungarn, Japan und Spanien. Bei dem Bericht aus
Ungarn war nicht zu übersehen, wie zurückhaltend der Pakt aufge-

66
Am schwankendsten war die italienische Haltung, wo der Pakt zunächst über-
wiegend als Vereitelung der angeblichen englisch-französischen „Einkreisungs-
bemühungen“ dargestellt wurde, wo sich aber auch nach Bekanntwerden der
deutsch-sowjetischen Abmachungen über Polen und die baltischen Staaten in der
Politik hinter vorgehaltener Hand und öffentlich in der Presse „Empörung“ breit
machte. Im Winterkrieg standen die italienische Politik und die Presse dann ganz
eindeutig auf der Seite Finnlands und sogar die deutsche Verantwortung für das
„tragische Schicksal Finnlands“ wurde hervorgehoben. Petracchi (1991), S. 530-
534. In Tokio hingegen wurde der deutsche Pakt mit Moskau von Anfang an als
Verrat aufgenommen, zumal das geheime Zusatzabkommen zum Antikomintern-
vertrag einen derartigen Schritt beiden Regierungen untersagte. Der „Schock“ des
Paktes in Tokio war so groß, dass er zu einer innenpolitischen Krise und dem
Rücktritt der Regierung führte. Krebs (1991), S. 565. Diese durch den Pakt ausge-
lösten Turbulenzen erwähnte der ‚Völkische Beobachter‘ mit keinem Wort. Ande-
rerseits bereitete der Pakt den Weg für eine japanisch-sowjetische Annäherung
und einen Waffenstillstand im September 1939, der durchaus im Interesse der mi-
litärisch unterlegenen Japaner war [Krebs (1991), S. 565ff.] Diese Entwicklungen
konnte der ‚Völkische Beobachter‘ in der Folgezeit ausführlich kommentieren und
als Beleg für den angeblichen Beitrag des deutsch-sowjetischen Paktes zur Lösung
internationaler Konflikte heranziehen.
67
Al.: Die ersten italienischen Kommentare: „Ein schwerer Schlag für die Ein-
kreisungsmächte“, VB, NA, 23.8.1939, S. 2.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 157

nommen wurde. So hieß es im ‚Völkischen Beobachter‘ lediglich, dass


die ungarische Mittwochspresse sich eigener Stellungnahmen zu den
deutsch-russischen Verhandlungen enthalte. Einzig der nationalvölki-
sche „Uj Magyarsag“ bringe „einige Zeilen“, in denen er den Pakt als
einen Sieg über den „jüdischen Klüngel in Ungarn, der die Angriffspo-
litik der Westdemokratien gutgeheißen habe“, bezeichnet habe.68 Echte
Unterstützung, das konnte ein Leser aus einem derartigen Bericht
schließen, schlug dem Pakt in Ungarn nicht entgegen. Kaum zu verheh-
len war auch die Zurückhaltung, mit der Japan und Spanien auf den
Pakt reagierten. Im ‚Völkischen Beobachter‘ hieß es hierzu missver-
ständlich, dass „Japans Haltung unverändert“ sei, ob gegenüber
Deutschland oder gegenüber der Sowjetunion blieb offen. Der Pakt
werde in Tokio jedenfalls als „Schlag gegen die Einkreisungsmächte“
und diplomatischer Erfolg Adolf Hitlers dargestellt.69 Ebenso kurz und
zurückhaltend fielen die Pressestimmen aus Spanien aus: Unter dem Ti-
tel „Spaniens Eindrücke“ behauptete der Autor, in der spanischen Pres-
se werde der Pakt als „Sieg der deutschen Diplomatie“ bezeichnet.70
Später hieß es dann wenig überzeugend, dass es in Spanien als selbst-
verständlich gelte, dass nur das „nationalsozialistische Reich“ ohne
Schaden die Annäherung an die Sowjetunion verwirklichen konnte,
nachdem es selber den „Bolschewismus“ in Deutschland „durch direkte
Beteiligung in Spanien“ zerschlagen hatte.71 Dass diese Argumentati-
onsweise jeglicher zwingender Logik entbehrte, dürfte auch den Mitar-
beitern des ‚Völkischen Beobachters‘ bald klar geworden sein, sodass
sie sich danach darauf verlegten, den gemeinsamen Kampf gegen die
„Demokratien“ als Beleg für das gute deutsch-spanische Einvernehmen
zu propagieren.

68
N.N.: Ungarn: ‚Sieg der Achse‘, VB, NA, 24.8.1939, S. 2.
69
J.L.: Japans Haltung unverändert, VB, NA, 24.8.1939, S. 2.
70
N.N.: Spaniens Eindrücke, VB, NA, 24.8.1939, S. 2.
71
B.: Spanien überprüft seine Verteidigungsmöglichkeiten. Starke Beachtung des
deutsch-sowjetischen Nichtangriffsabkommens, VB, NA, 30.8.1939, S. 2.
158 UMSETZUNG DER ZIELE

Dass es kaum ein Land gab, in dem der Pakt begrüßt wurde, war in
den Berichten aus allen großen Hauptstädten der Welt nicht zu verber-
gen. Nichtssagend (und gleichzeitig vielsagend) war die Überschrift
„Überall stärkster Eindruck“, unter der dann ebenso nichtssagende
Pressestimmen unter anderem aus Jugoslawien, Norwegen, Bulgarien,
Holland und Südamerika abgedruckt wurden.72 Dennoch behauptete
Theodor Seibert in einem seiner Kommentare, dass man in „den neutra-
len Ländern und im Lager der Freunde Deutschlands [...den] tieferen
Sinn der Stunde rasch erfasst“ habe. Dort sei die Botschaft aus Moskau
nicht als eine zusätzliche „Bedrohung des Friedens“, sondern als ein
reinigender Blitz empfunden worden. Man mache sich weniger Sorgen
wegen des deutschen und italienischen Imperialismus, als vielmehr vor
der Aussicht auf die Fortsetzung der Einkreisungspolitik Englands und
Frankreichs bis zum blutigen Ende.73 Propagandistisch vollzog Seibert
damit endgültig die bereits vor dem Pakt eingeleitete Wachablösung:
Nicht mehr die Sowjetunion war jetzt der gemeinsame Feind Deutsch-
lands und der befreundeten Staaten (auch der Sowjetunion), sondern
England und Frankreich. Die Antikominternpropaganda sollte auf diese
Weise möglichst unauffällig zu Grabe getragen werden und durch eine
neue Art von Bündnispropaganda ersetzt werden.74
Nach dem deutschen Überfall auf Polen war es den Propagandisten
wichtig, zu signalisieren, dass möglichst viele Staaten das deutsche und
später das sowjetische Vorgehen unterstützten; „Neutralität“ galt den
Propagandisten dabei als Unterstützung für Deutschland.75 So hieß es,
dass Franco trotz seiner „Neutralität“ auf Deutschlands Seite stünde,
denn die heutigen Feinde Spaniens seien ebenfalls Freimaurer und De-

72
Siehe: N.N.: Überall stärkster Eindruck, VB, NA, 24..1939, S. 1.
73
Theodor Seibert: Die neue Ordnung, VB, NA, 25.8.1939, S. 1.
74
Eine Presseanweisung vom 24. August mahnte, das Thema „Antikomintern-
Pakt, das sicher die Auslandspresse totreden werde“, nicht anzuschneiden. Sänger
(1976), S. 363.
75
A.P.: Die Welt am 2. September, VB, NA, 3.9.1939, S. 2.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 159

mokraten.76 Die Sowjetunion oder den Antikommunismus Francos um-


schifften der Spanienberichterstatter und die Kommentatoren durch ein-
fache Nichterwähnung. Ähnliches galt für den engsten Bündnispartner
Italien: Dass nach dem sowjetischen Eingreifen in Polen selbst dort die
Stimmung gegen Deutschlands verlogene Politik kippte77, war aus den
Berichten jedenfalls nicht zu entnehmen. Auch im Falle Japans ver-
suchte der ‚Völkische Beobachter‘ sich in der Konstruktion einer ge-
meinsamen Frontstellung gegen die „Demokratien“. Als die japanische
Regierung sich einmal in einer scharfen Note gegen England wandte,
war dem ‚Völkischen Beobachter‘ dies sogar einen rot unterstrichenen
Aufmacher auf der ersten Seite wert.78 Zwar ließen sich die nicht gänz-
lich zu lösenden Konflikte zwischen Japan und der mit Deutschland
verbündeten Sowjetunion nicht ganz totschweigen. Jeder Schritt auf
dem Weg zur Verständigung wurde jedoch gelobt und die mögliche Be-
reinigung als positive Folge des deutsch-sowjetischen Paktes darge-
stellt.79 Das ehemalige Bündnis „Antikominternpakt“ wurde hingegen,

76
N.N.: Spanien: Dem Westen wurden die Waffen aus der Hand geschlagen, VB,
NA, 1.10.1939, S. 1; N.N.: General Franco erklärt: Demokraten und Freimaurer
die Feinde Spaniens, VB, NA, 23.11.1939, S. 4.
77
Petracchi (1991), S. 531ff.
78
N.N.: Stärkster Eindruck der japanischen Drohung. Das haben sie nicht erwar-
tet! Faule Ausreden in London und Paris, VB, NA, 27.11.1939, S. 1.
79
N.N.: Ministerpräsident Abe erklärt: Japan will neutral bleiben, VB, NA,
5.9.1939, S. 1; N.N.: Verhandlungen zwischen Tokio und Moskau. Beilegung der
Streitfragen an der außenmongolischen Grenze? VB, NA, 6.9.1939, S. 1; N.N.:
Sowjetrussisch-japanisches Abkommen unterzeichnet. Konflikt an der mandschu-
risch-mongolischen Grenze beigelegt, VB, NA, 17.9.1939, S. 1; N.N.: Tokio:
Uebereinkommen von weitreichender Bedeutung, 17.9.1939, VB, NA, S. 1; N.N.:
Auftakt für weitere Verhandlungen. Japanisches Urteil über das Moskauer Ab-
kommen. Schwerer Schlag für Tschiangkaischek, VB, NA, 18.9.1939, S. 3; N.N.:
Rom würdigt die sowjetrussisch-japanische Übereinkunft, VB, NA, 19.9.1939,
S. 5; N.N.: Auch Japan setzt sich gegen das englische Seeräubertum zur Wehr,
VB, NA, 24.9.1939, S. 5; N.N.: Japan: Krieg oder Frieden – England und Frank-
reich tragen die Verantwortung, VB, NA, 1.10.1939, S. 1; N.N.: Ribbentrop-
Unterredung mit einem japanischen Journalisten. Die Moskauer Abmachungen
und ihre weltpolitischen Folgen, VB, NA, 7.10.1939, S. 2; N.N.: Zeit für die Be-
reinigung der Beziehungen UdSSR. – Japan reif, VB, NA, 18.11.1939, S. 1; N.N.:
160 UMSETZUNG DER ZIELE

nachdem es zunächst noch geheißen hatte, dieser sei „durch die sowje-
tisch-deutsche Verständigung“ nicht berührt, jetzt schweigend über-
gangen, um es so zumindest in Deutschland vergessen zu machen.
Theodor Seibert übernahm es wiederum, diese neue außenpolitische
Bündnissituation in einem längeren Kommentar im Dezember, das
heißt noch nach Beginn des finnisch-sowjetischen Krieges, zusammen-
zufassen und ideologisch einzuordnen:

Von den Schlachtfeldern des Weltkrieges kehrte ein in seinen Tiefen


umgewandeltes, revolutionär gesinntes Geschlecht in die Zwingburgen
des liberalen Kapitalismus zurück. Es begann in Rußland mit der ra-
senden Revolte eines primitiven, praktisch noch leibeigenen Volkes. In
Italien gebar die soziale Not, gepaart mit der Empörung über die gebro-
chenen britischen Kriegsversprechungen, den Faschismus. In Deutsch-
land tobte der Kampf aller gegen alle. Selbst in England und Frankreich
folgte dem Siegesrausch eine dumpfe soziale Gärung. [...] Aber noch
war die plutokratische „Demokratie“ ihrer Sache sicher. Sie errichte in
Osten Dämme gegen den Bolschewismus in Gestalt von widernatürli-
chen und deshalb völlig vom Westen abhängigen Vasallenstaaten. [...]
Der Durchbruch des Nationalsozialismus im Herzen Europas schreckte
sie auf. Noch dachte man nicht daran, die Sturmzeichen auf dem Fest-
lande als ein europäisches Ganzes zu sehen; noch ahnte man nicht, daß
man es mit Revolution, mit echter Revolution zu tun hatte.80

Fortschritt in den japanisch-russischen Verhandlungen, VB, NA, 12.12.1939, S. 2;


N.N.: Handelsabkommen Japan-UdSSR. geplant. Verhandlungen Molotow-Togo
abgeschlossen, VB, NA, 23.11.1939, S. 2; N.N.: Am 29. November in Tschita:
Russisch-japanische Grenzkonferenz, VB, NA, 22.11.1939, S. 2; N.N.: Japan und
Rußland wollen Handelsvertrag abschließen. Gleichzeitig Verhandlungen in
Tschita und Tokio über Grenzfragen und das Fischerei- und Oelproblem, VB,
NA, 3.12.1939, S. 1; N.N.: Vor wichtigen russisch-japanischen Abmachungen.
Der japanische Botschafter bei Molotow, VB, NA, 17.12.1939, S. 2.
80
Theodor Seibert: England und die europäische Revolution, VB, NA,
10.12.1939, S. 1.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 161

Seiberts Kommentar lässt sich als umfassende Einordnung des neuen


Kurses der Regierung verstehen. Seine alte Faszination für den italieni-
schen Faschismus und seine zwiegespaltene Einstellung gegenüber der
russischen Revolution ist wiederzuerkennen. Was seinen Artikel jedoch
bemerkenswert macht, ist der Versuch, Russland, Italien und Deutsch-
land propagandistisch in eine gegen England gerichtete kontinentale
Front einzuordnen, eine Front der „Revolution“ gegen die angeblichen
Kriegsverursacher, „Einkreiser“ und „demokratischen Reaktionäre“.81

e) Einkreisungspropaganda: Das sowjetische Ausscheren und die


Westmächte

Während das Thema Antikomintern so nach dem deutsch-


sowjetischen Pakt aus dem ‚Völkischen Beobachter‘ verschwand, war
der neue Feind bereits gefunden: die „Plutokratie“, verkörpert vor allem
durch Großbritannien. Was vor dem Pakt bereits als „prophylaktische
Abwälzung der Kriegsschuld auf den zukünftigen Gegner“82 begonnen
hatte, wurde nach dem Pakt noch einmal intensiviert: Die „Einkreiser“,
also England und Frankreich, seien auch die wahren Kriegstreiber. Sta-
lin habe klug gehandelt, als er sich von den Londoner „jüdischen“ Het-
zern nicht wie noch das zaristische Russland im Ersten Weltkrieg in ei-
ne antideutsche Koalition zwingen ließ. Der „Propagandakrieg gegen
den Westen“83 ersetzte somit die Propaganda gegen den Osten, das At-
tribut „jüdisch“ ging von dem Begriff „Bolschewismus“ auf die „inter-

81
Seibert sprach wiederholt vom „reaktionären Imperialismus der Demokratien“
(Siehe z.B.: Theodor Seibert: Pakt mit Moskau, VB, NA, 23.8.1939, S. 1) oder
wandte sich „gegen die reaktionäre Finsternis“ und das „zusammenbrechende jü-
disch-liberalistische Jahrhundert.“ [Theodor Seibert]: Der Endkampf, VB, NA,
4.9.1939, S. 1. Siehe auch: Theodor Seibert: Die erste Kriegswoche, VB, NA,
9.9.1939, S. 1.
82
Sywottek (1976), S. 186.
83
Vagts (1993), S. 124.
162 UMSETZUNG DER ZIELE

nationale Freimaurerei“ über.84 Dies war auch der Kern der ideologi-
schen Argumentation: Letztendlich waren immer noch „die Juden“ an
allem Schuld, bloß hatten diese auf rätselhafte Art und Weise die
„Zentrale der Reichsfeindschaft“85 aus Moskau nach London verlegt.
Ein weiteres Moment war die Erleichterung und der Spott über die
gescheiterten englischen Bemühungen um die Sowjetunion. Stalin habe
sich entschieden, den Frieden zu wahren und sich nicht für einen Krieg
zur „Vernichtung“ Deutschlands einspannen lassen. Das verlogene eng-
lische Werben sei damit an der Tatkraft der „Volksführer“ des „jungen
europäischen Sozialismus“ gescheitert, so Theodor Seibert. Überhaupt
solle sich England als „raumfremde Macht“ nicht in die kontinentaleu-
ropäischen Angelegenheiten einmischen.86 Damit war auch klar, wie

84
Fritz Nonnenbruch: Armes England, VB, NA, 8.9.1939, S. 1: „Das englische
Volk hassen wir nicht, aber um so mehr die jüdisch-freimaurerisch, demokratisch-
kapitalistische Clique, die das englische Volk in diesen Krieg gegen uns getrieben
hat.“ Und: Theodor Seibert: Die erste Kriegswoche, VB, NA, 9.9.1939, S. 1. Da-
rin behauptete Seibert, Churchill, Hore Belisha, Burgin und MacMillan seien
Männer der „jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung“. Das englische Volk
wisse jedoch nichts von diesen Zusammenhängen und glaube, „für Polen und die
Demokratie zu kämpfen, während es in Wirklichkeit die Geschäfte des reaktionä-
ren Kapitalismus mit seinem Blute bezahlen und den unaufhaltsamen Vormarsch
des jungen europäischen Sozialismus zum Stillstand bringen soll.“ Siehe auch die
Serie über „Judas Krieg“: Hans Hohenstein: Judas Krieg, VB, NA, 19.9.1939,
S. 4: Es sei ein offenes Geheimnis, „daß das Weltjudentum und die internationale
Hochfinanz der entscheidende Anstoß und die geheime Ursache zum Weltkrieg
gewesen sind.“ Siehe hierzu auch Longerich (2006), S. 149f., S. 323.
85
Joseph Goebbels: Die Geistesverfassung der Einkreiser: Haß und unverbesserli-
che kapitalistische Gesinnung, VB, NA, 20.5.1939, S. 1. Bereits hier sprach Goe-
bbels davon, dass die Polen „nur die Werkzeuge der Pariser und Londoner Politik
[sind]. Dort sitzt die Zentrale der Reichsfeindschaft.“ Hervorhebung im Original.
Oder auch im September: Hö.: Welt-Lügenzentrale London auf vollen Touren,
VB, NA, 6.9.1939, S. 1. Im April hatte es hingegen im ‚Völkischen Beobachter‘
noch geheißen, in Moskau sitze die „Propagandazentrale“ des „Weltfeindes Nr.1“.
[Wilhelm] Koppen: Moskaus Schutzmacht, VB, NA, 17.4.1939, S. 1.
86
Theodor Seibert: England will Krieg, VB, NA, 26.9.1939, S. 1. Hitler äußerte
sich hierzu folgendermaßen: „Wie der Führer in Danzig feststellte, werden sich
Deutsche und Russen niemals für englische Drahtzieher zerfleischen, sondern in
die Fragen des Ostens raumfremde Völker nicht hineinreden lassen. In dieser rea-
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 163

der Krieg gegen Polen begründet werden sollte: als Folge der Einkrei-
sung gegen Deutschland, der „jüdischen Kriegshetze“ in der „internati-
onalen Presse“, die letztlich auch die Polen zu ihrer unnachgiebigen
Haltung angestachelt habe. Innerhalb dieser heftigen antiwestlichen
Pressekampagne spielte die Sowjetunion insofern eine wichtige Rolle,
als sie die Thesen der deutschen Propaganda scheinbar bestätigte: Auch
die Presse der Sowjetunion prangere die englische „Kriegshetze“ an
und benenne die Schuldigen am Kriege ganz eindeutig. Immer wieder
diente so die Sowjetunion dazu, den Deutschen Sicherheit zu geben,
denn die wahre Gefahr, ein Eingreifen Großbritanniens in möglicher
Allianz mit der Sowjetunion, habe der „Führer“ durch sein schnelles
Handeln gebannt.87
Die unzähligen Widersprüche, die sich aus dieser Argumentation
ergaben, konnten die Propagandisten nicht auflösen: Wie war es bei-
spielsweise möglich, dass die vormals „völkervernichtende“, kriegshet-
zende Sowjetunion nun für den Frieden eintrat? Wie konnte es sein,
dass die „Zentrale der jüdischen Weltverschwörung“ sich auf einmal in
London befand und nicht mehr in Moskau? All diese Fragen blieben
unbeantwortet, während die antibritischen und auch antifranzösischen
Pressekampagnen sich bis ans Jahresende ständig steigerten.

listischen Auffassung liegt die hohe Bedeutung des Paktes vom 23. August be-
schlossen, der sich auch weiterhin als ein Angelpunkt alles [sic] Geschehens in
Europa erweisen wird.“ N.N.: Ratifikationsurkunden zum Moskauer Pakt ausge-
tauscht, VB, NA, 25.9.1939, S. 1.
87
Siehe u.a.: N.N.: Iswestija: „Hitlers Vorschläge sind eine reale Grundlage“.
Moskau warnt die demokratischen Kriegshetzer, VB, NA, 9.10.1939, S. 1; N.N.:
Moskau: Die weitgehenden Vorschläge des Führers stark beachtet, VB, NA,
8.10.1939, S. 2; N.N.: Das französische Volk erfährt die Wahrheit nicht. Moskau
prangert die Fälscherpraxis der Pariser Presse an. Unerhörte Entstellung der Füh-
rerrede, VB, NA, 9.10.1939, S. 1; N.N.: Englands Ränke gegen den Pakt Berlin-
Moskau. Eine bedeutsame Feststellung der „Iswestija“ zum englisch-französisch-
türkischen Pakt, VB, NA, 22.10.1939, S. 1; N.N.: Moskau: Zwei starke Groß-
mächte fanden sich. Friedliche Zusammenarbeit steht gegen die Kriegshetze der
Einkreiser, VB, NA, 25.10.1939, S. 2.
164 UMSETZUNG DER ZIELE

f) Pressekampagne gegen Polen: „Der polnische Staat hat aufgehört zu


existieren“

Auch die antipolnische Pressekampagne war widersprüchlich. Es kam


den Propagandisten jedoch zugute, dass es einen längeren Vorlauf ge-
geben hatte, innerhalb dessen der vormalige Freund Polen propagandis-
tisch zum verachtenswerten Feind Deutschlands gemacht worden war;
der Pakt selbst führte lediglich zu einer letzten Übersteigerung des Ton-
falls.88 Meldungen in dem in der Tschechoslowakei erprobten, gehetzt
hetzenden Stil füllten die Seiten des ‚Völkischen Beobachters‘ nach der
Bekanntgabe der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Paktes.
Wichtige Themen waren „polnische Übergriffe“ auf Deutsche, die Un-
terdrückung von Minderheiten in Polen (ebenfalls Deutsche, aber auch
Ukrainer, Slowaken und neuerdings Tschechen89), angebliche polnische
Gebietsansprüche gegenüber Deutschland, polnische „Überheblichkei-
ten“, die angebliche Kulturlosigkeit der Polen und Danzig, das schon
immer eine deutsche Stadt gewesen sei und deshalb in das Reich zu-
rückkehren müsse.
Die Sowjetunion spielte hierbei zunächst nur insofern eine Rolle, als
der Pakt unverhohlen in einen Zusammenhang mit der Kampagne ge-
gen Polen gestellt wurde: Die Überschrift des ‚Völkischen Beobach-
ters‘ am 23. August 1939 lautete wie bereits erwähnt: „Polen kon-
zentriert Truppen an den Grenzen. Völlige Überraschung der Umwelt
durch den Pakt Berlin-Moskau.“90 Auch an direkten Andeutungen der
Folgen des Paktes für Polen gab es unmittelbar nach seiner Unterzeich-

88
Am 21. August, also kurz vor dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nicht-
angriffspaktes, verlangte das Propagandaministerium eine weitere Ausweitung der
antipolnischen Pressekampagne. PA, Nr.2843, ZSg. 101/13/114/Nr.887,
21.8.1939. Hieran hielt sich der ‚Völkische Beobachter‘ mit einer noch einmal zu-
nehmenden Zahl antipolnischer Artikel. Siehe auch: Sywottek (1976), S. 219.
89
Siehe hierzu Sywottek (1976), S. 226f.
90
N.N.: Polen konzentriert Truppen an den Grenzen. Völlige Überraschung der
Umwelt durch den Pakt Berlin-Moskau, VB, NA, 23.8.1939, S. 1.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 165

nung keinen Mangel: scheinbar beiläufig erwähnte Theodor Seibert in


seinem ersten Kommentar zum Pakt, dass es den Polen heute dämmern
dürfte, dass die Demokratien ihnen einen Bärendienst mit dem „Blan-
koscheck“ (d.h. der Garantie im Falle eines deutschen Angriffes) er-
wiesen hätten.91 Noch unverhohlener hieß es in einer Meldung aus
London vom selben Tag, man mache sich dort bereits auf eine „schnel-
le Entwicklung“ der deutsch-polnischen Beziehungen gefasst. Und am
darauf folgenden Tag zitierte der Londoner Berichterstatter aus dem
„News Chronicle“, dass ein Blick auf die Karte Europas zeige, wie ver-
zweifelt die polnische Sicherheit geschwächt sei, wenn die Sowjetunion
neutral bleibe. Wenn England Polen im Stich lasse, dann würden die
Folgen für die ganze ‚Friedensfront‘ der übrigen Staaten Osteuropas
verheerend sein. Hitler würde dann der unumstrittene Herr des europäi-
schen Festlandes sein.92 Voll Spott notierte der Londoner Berichterstat-
ter des ‚Völkischen Beobachters‘ auch den Ausspruch eines Labour-
Abgeordneten, der bemerkt hatte, dass die Verteidigung Polens ohne
Russland für England „sehr schwierig“ werde.93
Inwieweit diese Unzweideutigkeit der Kommentare über Polen er-
wünscht war, ist fraglich. In der Pressekonferenz hatte es zwar gehei-
ßen, es könne „in vorsichtiger Form angedeutet werden, dass sich da-
rauf schließen lasse, dass Russland und Deutschland in der Lage [...]
[seien], alle schwebenden Fragen in Osteuropa von sich aus zu lo-
esen.“94 Allerdings sei es noch unzweckmäßig, diesen Gedanken etwa
durch Aufzählung der sich daraus ergebenden Möglichkeiten zu vertie-
fen.95 Auch solle nicht untersucht werden, welche Folgen eine deutsch-

91
Theodor Seibert: Völlige Überraschung der Umwelt durch den Pakt Berlin-
Moskau, VB, NA, 23.8.1939, S. 1.
92
Sch.: London bläst die heroische Posaune. Blankoscheck für Polen erneuert –
Der Fuchs und die Trauben, VB, NA, 24.8.1939, S. 2.
93
N.N.: Chamberlain unbelehrbar. Alte Verdrehungen und Drohungen. Der Pakt
Berlin-Moskau ein „Zwischenfall“, VB, NA, 25.8.1939, S. 7.
94
PA, Nr. 2911, ZSg. 102/18/404/ (1), 24.8.1939
95
PA, Nr.2911, ZSg. ZSg 102/18/404/(1), 24.8.1939.
166 UMSETZUNG DER ZIELE

russische Zusammenarbeit früher für Polen gehabt habe96 und auf aus-
ländische Reaktionen, die zu wissen meinten, dass „die Russen“ den
Polen in den Rücken fallen würden, sollten die Journalisten nicht ein-
gehen.97 Diese Anweisungen waren jedoch so unbestimmt und wider-
sprüchlich, dass es kaum verwundert, dass der ‚Völkische Beobachter‘
in seiner Berichterstattung vorpreschte. Als Theodor Seibert schrieb,
dass die Polen nun „in panischem Schrecken und sinnloser Wut zwi-
schen den gewaltigen Mauern ihrer Nachbarn im Osten und Westen“
herumtoben würden98, dürfte er damit nur ausgesprochen haben, was
die meisten aus dem antipolnischen Lärm, den die deutsche Propaganda
machte, ohnehin heraushörten99 und verstieß damit noch nicht einmal
direkt gegen die Anweisungen der Pressekonferenz.
Nach Kriegsbeginn gab es zunächst nur wenige Hinweise auf die Hal-
tung der Sowjetunion. Über sowjetische Mobilisierungsmaßnahmen
und Truppenzusammenziehungen berichtete der ‚Völkische Beobach-
ter‘ zwar, diese stellte er jedoch als Maßnahme zur Landesverteidigung
aufgrund der ungewissen Lage in Polen dar.100 Zur sowjetischen Positi-
on hieß es zunächst lediglich, Moskau unterstütze das deutsche Vorge-
hen, bleibe aber neutral.101 Das sowjetische Eingreifen in Polen bereite-
te der ‚Völkische Beobachter‘ jedoch auf andere Weise vor: Schon bald
tauchten aus der sowjetischen Presse übernommene Meldungen auf, die
bestätigen sollten, dass in Ostpolen Chaos herrsche.102 Es war dieses

96
PA, Nr. 2891, ZSg. 102/18/399/34 (7), 23.8.1939.
97
PA, Nr. 2843, ZSg. 102/18/391/43 (1), 21.8.1939.
98
Theodor Seibert: Die neue Ordnung, VB, NA, 25.8.1939, S. 1.
99
Siehe unten, Abschnitt 4.2. der Arbeit.
100
N.N.: Sowjetunion verstärkt Landesverteidigung. Neue Reservistenjahrgänge
einberufen, VB, NA, 10.9.1939, S. 6.
101
Siehe z.B.: N.N.: Das Sowjetvolk steht ein für die Freundschaft mit dem deut-
schen Volk, VB, NA, 4.9.1939, S. 3; N.N.: Die Erfolge der deutschen Truppen im
Mittelpunkt der Sowjetpresse, VB, NA, 5.9.1939, S. 1.
102
N.N.: Moskau meldet zunehmende Panik in Polen, VB, NA, 9.9.1939, S. 2;
N.N.: Ostgalizien in hellem Aufruhr. Polnische Regierung plant Flucht nach Ru-
mänien, VB, NA, 11.9.1939, S. 1.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 167

Chaos und die angebliche Verletzung der sowjetischen Grenze durch


polnische Flugzeuge, die zunächst zur Begründung des sowjetischen
Eingreifens herhalten mussten.103
Im folgenden Abschnitt wird zu beschreiben sein, wie das sowjeti-
sche Eingreifen in den Konflikt im Nachhinein in ein weltanschauliches
Gesamtkonzept eingeordnet und vor den Lesern als Befreiung der un-
terdrückten Bevölkerung Ostpolens gerechtfertigt wurde. Denn wäh-
rend der polnische Staat propagandistisch schnell überwunden war, in-
dem die sowjetische Darstellung übernommen wurde, derzufolge Polen
mit dem sowjetischen Einmarsch aufgehört habe zu existieren104, war
doch die sowjetische Inbesitznahme des für die sowjetische Neutralität
geopferten Ostpolens ein weltanschauliches Hindernis, das die Propa-
ganda nur in einer extrem widersprüchlichen Argumentation überwand.

g) Zuteilung von Interessenssphären und die weltanschauliche Über-


windung der Sowjetunion

Der deutsche Krieg gegen Polen war propagandistisch vorbereitet


worden und ließ sich mit den bereits in Abschnitt 3.3.2.g) genannten
Argumenten rechtfertigen: Die angeblichen Übergriffe gegen Deutsche
und andere Minderheiten, der „polnische Chauvinismus“, die Bedro-
hung durch die „Einkreisung“, die den deutschen Überfall als eine Art
„Präventivkrieg“ erscheinen ließ, die Vollendung der „Revision des
schändlichen Vertrags“, all diese Argumente ließen sich als Rechtferti-
gungen für das deutsche Ausgreifen nach Osten anführen. Der „Lebens-
raumgedanke“ spielte eine nur untergeordnete Rolle (wenn der Begriff

103
N.N.: Polenflieger verletzen Sowjetgrenze. Vier polnische Bomber von russi-
schen Jägern zur Landung gezwungen. Moskau, VB, NA, 14.9.1939, S. 1.
104
N.N.: Einmarsch der Sowjetarmee in Ostpolen. Zur Gewährleistung von Ruhe
und Ordnung im östlichen Teile Polens – „Polnischer Staat existiert nicht mehr“,
VB, NA, 18.9.1939, S. 1.
168 UMSETZUNG DER ZIELE

verwendet wurde, dann nur in verzerrter Bedeutung) und auch mit der
Propagierung antisemitischer, gegen die in Polen lebenden Juden ge-
richteter Verschwörungstheorien hielten sich die Propagandisten zu-
rück.105
Propagandistisch viel problematischer als die Rechtfertigung der
deutschen Besetzung der westlichen Hälfte Polens war die sowjetische
Besetzung der östlichen Hälfte. Während die Deutschen sich gern als
Befreier sahen, sprach aus propagandistischer Sicht vieles dagegen, das
sowjetische Eingreifen ebenfalls als Befreiung darzustellen: Bis April
1939 war noch regelmäßig die Unterdrückung der Ukrainer und des
russischen Volkes in der Sowjetunion angeprangert worden. Demzufol-
ge war es unlogisch, nun die Befreiung der Ukrainer in Polen vom
„polnischen Joch“ anzukündigen. Auch die Behauptung, die Sowjet-
union müsse eingreifen, da in Polen die staatliche Ordnung zusammen-
gebrochen sei und deshalb für „Ordnung“ gesorgt werden müsse, bot
sich nicht an, da zuvor immer wieder behauptet worden war, in der
Sowjetunion regiere das Chaos. Genau diese beiden Argumente brachte
die sowjetische Regierung aber selbst für ihren Einmarsch vor: Bereits
vor dem Eingreifen Moskaus hatte der ‚Völkische Beobachter‘ über die
chaotischen Zustände in Ostpolen und die Unterdrückung der ukraini-
schen und weißrussischen Minderheit in Ostpolen berichtet.106 Zwei
Tage vor der Bekanntgabe des sowjetischen Eingreifens zitierte der

105
Hierbei handelt es sich um ein Thema, das eine eigene Untersuchung verdienen
würde. An dieser Stelle sei auf Peter Longerich verwiesen, der eine bemerkens-
werte Zurückhaltung auch im ‚Völkischen Beobachter‘ festgestellt hat. Longerich
(2006), S. 149f. Man sollte allerdings hinzufügen, dass der ‚Völkische Beobach-
ter‘ durchaus antisemitische Verschwörungstheorien verbreitete, allerdings richte-
ten diese sich, wie in Abschnitt 3.3.3.e) beschrieben, gegen die britischen Juden
und nicht gegen die polnischen Juden.
106
Siehe: N.N.: Moskau meldet zunehmende Panik in Polen, VB, NA 10.9.1939,
S. 2; N.N.: Ostgalizien in hellem Aufruhr. Polnische Regierung plant Flucht nach
Rumänien, VB, NA, 11.9.1939, S. 1; N.N.: Unruhen in Polnisch-Weißrußland,
VB, NA, 15.9.1939, S. 2; N.N.: Wachsende Unzufriedenheit in Ostgalizien und
Weißrußland, VB, NA, 13.9.1939, S. 1.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 169

‚Völkische Beobachter‘ dann aus einem Artikel in der Moskauer ‚Pra-


vda‘, in dem unter anderem folgendes zu lesen war: „Die von den pol-
nischen Behörden planmäßig betriebene Entnationalisierungspolitik,
der außer der deutschen auch die ukrainische und die weißrussische
Bevölkerung zum Opfer gefallen ist, hat in den letzten Jahren einen
Grad erreicht, der auch in den sowjetrussischen Kreisen zu den
schlimmsten Befürchtungen Anlaß geben musste.“107 Auch im offiziel-
len sowjetischen Kommuniqué zum Einmarsch hieß es (in der Version
des ‚Völkischen Beobachters‘), die Sowjetunion marschiere in Polen
ein, um die „Brudervölker“ der Weißrussen und Ukrainer zu „befrei-
en“.108 Der ehemalige „Völkervernichter“ Sowjetunion sorgte sich laut
‚Völkischem Beobachter‘ also auf einmal um seine nationalen Minder-
heiten.
Um diese neue Linie besser zu verstehen, lohnt es sich wiederum ei-
nen Blick auf den Kommentar Theodor Seiberts über „Osteuropas neu-
es Gesetz“ zu werfen, dem folgendes Zitat entnommen ist:

Seit vielen Jahren war der ganzen Welt, soweit sie nicht Scheuklap-
pen trug, sehr gut bekannt, daß der polnische Chauvinismus nicht nur
die große deutsche Volksschicht in Westpolen, sondern auch die weiß-
russischen Gebiete im Nordosten und die galizischen Ukrainer auf das
schärfste unterdrückt und in ihren nationalen, politischen und wirt-
schaftlichen Interessen geschädigt hat. Die Gründer dieses Staates ha-
ben auch im Osten – nach dem sowjetisch-polnischen Kriege – im Jah-
re 1920 eine Grenze gezogen, die den volklichen Verhältnissen hohn-
sprach und von der Sowjetunion nur zähneknirschend geduldet, niemals
aber anerkannt worden ist. [...] Wir begrüßen den Entschluß Moskaus,
der sich – wie die Note der Sowjetregierung an die ausländischen

107
A.P.: Polen und Rußland, VB, NA, 16.9.1939, S. 2; N.N.: Polens brutale Min-
derheitenpolitik von Moskau festgenagelt. Die deutschen Heeresberichte im Mit-
telpunkt des sowjetischen Interesses, VB, NA, 16.9.1939, S. 1.
108
N.N.: Sowjetnote an die Mächte, VB, NA, 18.9.1939, S. 1.
170 UMSETZUNG DER ZIELE

Mächte zeigt – auf die blutsmäßigen Bande zwischen der Bevölkerung


Ostpolens und den angrenzenden Bundesrepubliken Weißrußland und
Ukraine stützt, ohne jede Einschränkung. Auch in Osteuropa müssen
ein für allemal klare und dauerhafte Verhältnisse geschaffen werden, so
wie sie durch die Tatkraft des Führers in den Schicksalsjahren 1938
und 1939 in Mitteleuropa geschaffen worden sind. [...] Das neue, natio-
nalsozialistische Reich aber ist hier wie stets der Auffassung, daß Ruhe
und Frieden in der Welt erst einkehren kann, wenn die Grenzen nach
dem Gesetz von Blut und Boden gezogen.109

Theodor Seibert bezog sich also auf ein angebliches „Gesetz von Blut
und Boden“, dem die deutsch-sowjetische Verständigung den Durch-
bruch verschafft hatte. In gewisser Weise war dieses Argument, das so
oder ähnlich in den folgenden Monaten in zahlreichen Kommentaren
wiederholt wurde, konsequent und dürfte der völkisch denkenden Kli-
entel des ‚Völkischen Beobachters‘ durchaus eingeleuchtet haben. Die
Widersprüche, die sich aus dem Konflikt der Propaganda der Vergan-
genheit mit den Handlungen der Gegenwart ergab, waren damit zwar
nicht ausgeräumt, aber immerhin passten auch die Maßnahmen, die da-
rauf folgten, scheinbar in dieses Konzept:
Osteuropa ließ sich in zwei „Kulturräume“ aufteilen, einen russischen
und einen deutschen, in den „raumfremde Mächte“ (gemeint war insbe-
sondere England) nicht hineinreden sollten. Der deutschen Propaganda
zufolge sollte eine „Entflechtung der Völkerschaften“ stattfinden, wes-
halb Deutschland kein Interesse an den ostpolnischen Gebieten habe, in
denen mehrheitlich „slawische Brudervölker“ lebten. Zur Entflechtung,
oder in Theodor Seiberts Worten der „Entwirrung des Völkerchaos“110,

109
Theodor Seibert: Osteuropas neues Gesetz, VB, NA, 18.9.1939, S. 1.
110
Theodor Seibert: Entwirrung des Völkerchaos, VB, NA, 11.10.1939, S. 1. Sei-
bert schrieb von „nicht haltbaren Splittern deutschen Volkstums im Osten und
Südosten Europas.“ Diese sollten aus „dem slawischen Raum herausgelöst wer-
den“. Diese Aktion beginne in Estland und Lettland; es sei lächerlich, wenn „die
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 171

gehörte propagandistisch auch die „Rückkehr der Baltendeutschen“111


und der Deutschen in der Sowjetunion, die in den eroberten polnischen
Gebieten angesiedelt werden sollten. Alfred Rosenberg konnte hier wie
bereits erwähnt seine kleine antibolschewistische Spitze anbringen, in-
dem er behauptete, die „Baltendeutschen“ würden so ihrer historischen
Aufgabe als „deutsches Bollwerk“ wieder gerecht werden, insgesamt
wurde jedoch betont, wie gut die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion
auch in diesen Fragen funktioniere.112 Die Widersprüche und Konflikte
ließen sich durch die Entflechtungsthese zwar nicht gänzlich ausräu-
men, aber dennoch lieferten sie den Propagandisten einen Ansatz zur
weltanschaulichen Überwindung der Sowjetunion.
Zu dieser Überwindung gehörte auch, dass die Propagandisten immer
häufiger die Bezeichnung „Russland“ anstatt der offiziellen und korrek-

Demokratien“ dies auf die deutsche Angst vor einer „Bolschewisierung“ dieser
Länder zurückführten. Vielmehr gelte es, das „Völkerchaos“ zu entwirren.
111
Siehe den Kommentar: N.N.: Die neue Völkerwanderung, VB, NA,
11.12.1939, S. 1: „Die Rückkehr der Baltendeutschen“ sei historisch so bedeut-
sam, da es sich um „Kulturpioniere deutschen Volkstums“ handele, die nun eine
neue Aufgabe zugewiesen bekämen im „Großdeutschland Adolf Hitlers“.
112
N.N.: Deutsch-russische Umsiedlung in den Ostgebieten. Ein neuer Beitrag zur
endgültigen Befriedung des Ostraums, VB, NA, 5.11.1939, S. 2; N.N.: Deutsches
Volkstum im Osten. Zur Umsiedlung der Deutschen aus Weißrußland und der Uk-
raine, VB, NA, 7.11.1939, S. 2; N.N.: Zur Vorbereitung der Umsiedlungsaktion.
Sowjetabordnung kommt nach Krakau, VB, NA, 6.12.1939, S. 1; Rundruf Hans
Franks: Sowjetische Umsiedlung soll erleichtert werden, VB, NA, 6.12.1939, S. 1;
N.N.: Sowjetdelegation für die Umsiedlung in Krakau eingetroffen. Empfang auf
der Krakauer Burg durch den Generalgouverneur, VB, NA, 7.12.1939, S. 1; N.N.:
Das große Werk der Umsiedlung. VB.-Gespräch mit dem Führer der Baltendeut-
schen, VB, NA, 9.12.1939, S. 1; N.N.: Besuch der Sowjetabordnung in Krakau
beendet, VB, NA, 9.12.1939, S. 4; Theodor Seibert: Heimkehr der Volksdeut-
schen, VB, NA, 31.12.1939, S. 1. In allen genannten Artikeln wurde betont, dass
die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit in gutem Einvernehmen verlaufe. Dies
beweise, „dass im Zeichen der freundschaftlichen deutsch-sowjetischen Zusam-
menarbeit alle Vorraussetzungen für das große Friedenswerk der Umsiedlung vor-
handen“ seien.
172 UMSETZUNG DER ZIELE

ten Bezeichnung „Sowjetunion“ wählten.113 Die Bezeichnung Russland


ließ sich dabei einerseits mit neuartigen, in gewisser Weise „modernen“
völkisch-rassistischen Argumenten verbinden (die Sowjetunion als rus-
sischer „Volksstaat“), andererseits spielten die Journalisten gelegentlich
auch auf die Verhältnisse vor dem Ersten Weltkrieg und der russischen
Revolution an, als Deutschland, Russland und Österreich sich Polen
teilten.114 Der Krieg, so sollte es scheinen, war der letzte Schritt der
gemeinsamen Revision des Versailler Vertrages durch die damals be-
trogenen Staaten, Deutschland, Russland und Italien. Auch diese Wen-
dung war nicht vollkommen logisch, da sie nicht begründet wurde: Wa-
rum war aus der Sowjetunion von einem Tag auf den anderen wieder
das gleichberechtigte „Russland“ geworden? Eine Antwort konnten die
Journalisten nicht liefern, auch wenn vermutlich vielen Lesern der Be-

113
Beispielsweise wurden nach dem Eingreifen der Sowjetunion in den Krieg ge-
gen Polen die Heeresberichte unter dem Titel „Russische Heeresberichte“ veröf-
fentlicht. Siehe: N.N.: Der erste russische Heeresbericht: Schneller Vormarsch der
Russen. Moldeczno, Baranowicze, Tarnopol, Kolomea schon besetzt, VB, NA,
19.9.1939, S. 1. Auch die Heeresberichte im finnisch-sowjetischen Krieg erschie-
nen unter dem Titel „russischer Heeresbericht“. Bemerkenswert ist auch der Auf-
macher vom 30.9.1939, in der die Rede von zwei „Reichen“ war, eine Bezeich-
nung, die sonst eigentlich für Deutschland reserviert war: N.N.: Die Welt unter
dem Eindruck der deutsch-russischen Entschlüsse. Die Neuordnung des bisherigen
polnischen Raumes – Die endgültigen Interessen-Grenzen beider Reiche, VB, NA,
30.9.1939, S. 1. So hieß auch der „Pakt“ im ‚Völkischen Beobachter‘ auffallen
häufig „deutsch-russischer Vertrag“. Siehe z.B.: Deutsch-russischer Vertrag ratifi-
ziert, VB, NA, 21.10.1939, S. 1. Siehe auch Berichte aus dem Wirtschaftsbereich,
wie die folgenden: [Fritz] Nonnenbruch: Zum deutsch-russischen Kreditabkom-
men, VB, NA, 24.8.1939, S. 7; N.N.: Rußland liefert uns eine Million Tonnen
Futtergetreide. Wirksamer Schlag gegen Englands Blockade-Illusion, VB, NA,
26.10.1939, S. 1. Trotz dieser häufigen Verwendung der Bezeichnung „Russland“
oder „russisch“, verwendeten die Berichterstatter gleichzeitig (vermutlich nicht
seltener) die Bezeichnungen „Sowjetrußland“, „Sowjetunion“, „sowjetisch“ und
„sowjetrussisch“.
114
Siehe auch: Wilhelm Koppen: Die Aufgabe der Ostmächte, VB, NA,
17.10.1939, S. 1. Koppen betonte, dass schon immer ein gemeinsames Interesse
Preußens und Russlands in der Polenpolitik bestanden habe. Die polnischen Tei-
lungen hätten nur einen Staatszerfall dargestellt, „der längst fällig war“.
BERICHTERSTATTUNG AUGUST BIS DEZEMBER 173

zug auf Historie, Tradition und Revision in Verbindung mit scheinbar


modernen völkisch-rassistischen Theorien gefiel.
Den finalen Akt dieser an Widersprüchen reichen Zeit lieferte die
Sowjetunion mit ihrem Einmarsch in Finnland. Wie bereits geschildert
herrschte in der Pressekonferenz „relative Ratlosigkeit“, wie man die-
sen einordnen könnte.115 Die Propagandisten vermuteten, dass die deut-
schen Sympathien ganz auf finnischer Seite lägen. So schrieb Goeb-
bels: „Wir müssen die Zügel etwas schleifen lassen. Auch finnische Be-
richte werden durchgelassen. Unser Volk ist in diesem Konflikt absolut
profinnisch. Die Russen machen ihre Sache psychologisch nicht sehr
geschickt.“116 Diese profinnische Haltung hatte Goebbels zufolge ihren
Ursprung im Ersten Weltkrieg: immerhin hatte damals das finnische
„Jägerbataillon“ auf deutscher Seite gegen Russland gekämpft und da-
nach hatten deutsche Soldaten im finnischen Bürgerkrieg die „bürgerli-
che“ Seite in ihrem Kampf für die Unabhängigkeit und gegen die „Ro-
ten“, bzw. indirekt das bolschewistische Russland unterstützt. Da die
finnische Unabhängigkeit also keine direkte Folge des Versailler Ver-
trages war, konnten die Propagandisten hier das gegen Polen verwende-
te revisionistische Argument nicht anwenden. Auch das „Entflech-
tungsargument“ war hier fehl am Platze, da die Finnen nicht in gleicher
Weise wie Weißrussen und Ukrainer als „russisches“ bzw. „sowjeti-
sches“ „Brudervolk“ bezeichnet werden konnten. In gewisser Weise
brachen die sorgfältig aufgebauten deutschen Argumente für die Auf-
teilung Osteuropas spätestens mit dem finnisch-sowjetischen Winter-
krieg zusammen: Die Widersprüche ließen sich nicht mit schwammigen
Argumenten weltanschaulich übertünchen und durch immer neue ideo-
logische Konstrukte überwinden.
Der sowjetische Krieg gegen Finnland wurde deshalb nicht wie die
vorherigen Ereignisse begründet und weltanschaulich eingeordnet. Es
änderte sich zwar nichts an der prosowjetischen Haltung: Der ‚Völki-

115
BAK, ZSg 102/20/359, 30.11.1939, Mittagskonferenz.
116
Goebbels (1998), Bd.6, S. 1352, Tagebucheintrag vom 5.12. 1939.
174 UMSETZUNG DER ZIELE

sche Beobachter‘ übernahm die sowjetische Version, wonach der Krieg


durch finnische Provokationen und Grenzverletzungen ausgelöst wor-
den sei und dementierte Gerüchte, denen zufolge Deutschland Waffen
an Finnland lieferte.117 Wie Goebbels jedoch angekündigt hatte, ließ er
„die Zügel etwas schleifen“, weshalb auch die finnischen Heeresberich-
te zusammen mit den russischen veröffentlicht wurden. Dass diese sich
teilweise recht deutlich widersprachen, kümmerte die Propagandisten
offensichtlich nicht.118 Die extreme Widersprüchlichkeit, die mit dem
finnischen Krieg einen neuen Höhepunkt erreichte, ist ein Ausgangs-
punkt für die Frage nach der Wirksamkeit der deutschen Propaganda:
Nahmen die Leser die Widersprüche wahr? Und: Wie reagierten sie da-
rauf?

117
N.N.: Durchsichtige Manöver zur Trübung des deutsch-russischen Verhältnis-
ses. Eine deutsche Klarstellung, VB, NA, 11.12.1939, S. 1.
118
So hieß es beispielsweise am 13. Dezember 1939 im russischen Heeresbericht,
die Armee rücke an allen Fronten vor, während im finnischen Heeresbericht be-
hauptet wurde, die „Russen“ seien zurückgeworfen worden. N.N.: Russischer
Vormarsch an allen Fronten. Lufttätigkeit durch niedrige Wolkenlage verhindert,
VB, NA, 13.12.1939, S. 1 und N.N.: Der finnische Heeresbericht, VB, NA,
13.12.1939, S. 1.
WIRKUNG DER PROPAGANDA

4. Wirkung: Von der Presse zur Öffentlichkeit

4.2. Wirkung im Ausland:

Der ‚Völkische Beobachter‘ galt (und gilt bis heute) als das Sprach-
rohr der nationalsozialistischen deutschen Regierung und Hitlers. In
gewisser Weise war der ‚Völkische Beobachter‘ damit für das Ausland
uninteressant, da er scheinbar nur das, was man bereits den Reden der
Politiker entnahm, nachbetete. Andererseits war der ‚Völkische Be-
obachter‘ wichtig, da er zu mehr Themen Stellung bezog als die Politi-
ker und weil er allgemeiner, bewusst oder unbewusst, ein bestimmtes
Bild von Deutschland und vom Nationalsozialismus vermittelte, das,
beabsichtigt oder unbeabsichtigt, die Einstellungen interessierter aus-
ländischer Beobachter beeinflusste.1 Die Nationalsozialisten waren sich
durchaus bewusst, dass gerade diese Zeitung im Ausland wahrgenom-
men wurde und versuchten deshalb nach 1933, die Redaktion des radi-
kalen ‚Völkischen Beobachters‘ zur Mäßigung zu bewegen.2 Im Fol-
genden soll eine kurze Bilanz der Wirkung der nationalsozialistischen
antibolschewistischen Vorkriegspressekampagne, die ja im Jahre 1939
vorerst eingestellt wurde, gezogen werden. Welche Wirkung hatte die
Hetze, die der ‚Völkische Beobachter‘ besonders vehement betrieben
hatte, im Ausland hinterlassen?

1
Unter anderem der amerikanische Journalist und Deutschlandkorrespondent Wil-
liam Shirer bezeichnete den ‚Völkischen Beobachter‘ als „Hitler’s own newspa-
per“ und bezog ihn immer dann in seine Betrachtungen ein, wenn er sich ein Bild
von der offiziellen Regierungsposition machen wollte. Shirer (2001), S. 433,
S. 462, S. 467.
2
Jockheck (1999), S. 26.
176 WIRKUNG DER PROPAGANDA

4.1.1. Wirkung in der Sowjetunion


Die heftige Pressekampagne gegen den Bolschewismus, die bis in
den April des Jahres 1939 aufrechterhalten wurde, war vermutlich vor
allem erfolgreich darin, die Beziehungen zur Sowjetunion zu beschädi-
gen und in aller Welt Befürchtungen (und vielleicht auch Hoffnungen)
zu wecken, Deutschland werde einen antibolschewistischen Kreuzzug
anzetteln.3 Einerseits sollte man die Bedeutung der Presse für die au-
ßenpolitischen Entscheidungen der Sowjetunion nicht überschätzen,
denn es waren konkrete Ereignisse wie der deutsch-polnische Pakt von
1934, der Spanische Bürgerkrieg, der Antikominternpakt, der „An-
schluss“ Österreichs oder das Münchner Abkommen, die das Gefühl
der Bedrohung in der Sowjetunion verstärkten und zunächst der Politik
der kollektiven Sicherheit weiteren Auftrieb gaben.4 Andererseits sollte
man die Rolle der Propaganda auch nicht unterschätzen: Für die Sow-
jetunion waren es nicht nur konkrete Erkenntnisse des Geheimdienstes,
die die Gefahr vor einer faschistischen Aggression real erscheinen lie-
ßen, sondern auch die allgemeine Vergiftung der Stimmung, zu der Hit-
ler und andere führende Nationalsozialisten mit ihren antibolschewisti-
schen Pamphleten5 und Reden und gleichzeitig auch die deutschen Zei-
tungen beitrugen.6 Die Presse spielt dementsprechend auch in den dip-
lomatischen Akten über die deutsch-sowjetischen Beziehungen eine
wichtige Rolle: Die sowjetische Seite beklagte sich wiederholt (auch
noch im April 1939) über die heftigen Angriffe der deutschen Presse,
die von beiden Seiten als ein ernsthaftes Hindernis auf dem Wege der

3
Krummacher/ Lange (1970), S. 328. Siehe auch Gorodetsky (2001), S. 24.
4
Gorodetsky (2001), S. 24f.
5
Gemeint sind unter anderem Adolf Hitlers „Mein Kampf“ oder auch als beson-
ders extremes Beispiel Rosenbergs „Pest in Rußland“. Vgl. Hitler (1936) und Ro-
senberg (1922).
6
Weber (1980), S. 21; Haslam (1984), S. 6ff., S. 87, S. 92.
AUSLAND 177

Annäherung (auch beispielsweise in Wirtschaftsfragen) angesehen


wurden.7
Dass die deutsche Polemik die deutsch-sowjetischen Beziehungen je-
doch nicht so nachhaltig beschädigte, dass eine Annäherung von Dip-
lomaten auf beiden Seiten für unmöglich gehalten wurde, zeigte sich
auf dem Weg zum deutsch-sowjetischen Pakt: Ab Mai 1939 registrierte
die sowjetische Botschaft in Deutschland die Zurückhaltung der deut-
schen Zeitungen. Der sowjetische Geschäftsträger in Deutschland, Ge-
orgij Astachov, bemerkte dies in einigen Berichten an seine Regierung
in Moskau, betonte aber, dass es sich dabei auch um ein taktisches Ma-
növer handeln könnte, das jederzeit wieder rückgängig gemacht werden
könne.8 Insgesamt wurde der Presse in den Verhandlungen eine große
Bedeutung beigemessen und ihre Zurückhaltung wurde von deutscher
Seite, die ihre Bereitschaft zur Annäherung signalisieren wollte, häufig
erwähnt.9 Die seit Mai 1939 deutlich erkennbare Mäßigung der Pole-

7
Fleischhauer (1990), S. 72.
8
Siehe u.a. God Krizisa, I, S. 457 (D 341), 12.5.1939. Brief Astachovs an Potem-
kin. Darin hieß es unter anderem: „All die absurden Gerüchte, die von Deutschen
oder ausländischen Korrespondenten verbreitet werden, beiseite lassend, kann nur
eines als gesicherter Fakt bezeichnet werden: eine deutliche Veränderung des To-
nes der deutschen Presse uns gegenüber.“ (Übersetzung M.F.). Auch in den deut-
schen Akten wird häufig vermerkt, dass die sowjetische Seite die Zurückhaltung
der deutschen Presse bemerkt habe.
9
In den diplomatischen Akten der deutschen Seite lassen sich folgende Aufzeich-
nungen finden, in denen die Mäßigung der Presse entweder als eine wichtige Be-
dingung für eine Annäherung genannt wird, von deutscher Seite erwähnt oder von
sowjetischer Seite bemerkt und gelobt wird: ADAP, D, VI, S. 221f. (D 215.),
17.4.1939. Aufzeichnung des Staatssekretärs; Berlin, ADAP, D, VI, S. 381 (D
351), 9.5.1939. Vermerk des Gesandten Braun von Stumm (Nachrichten- und
Presse-Abt.); ADAP, D, VI, S. 444f (D 406), 17.5.1939. Aufzeichnung des Vor-
tragenden Legationsrat Schnurre (Wirtschaftspol. Abt.); ADAP, D, VI, S. 490 (D
441), Mai 1939. Der Reichsaußenminister an die Botschaft in Moskau; ADAP, D,
VI, S. 505 (D 452), 30.5.1939; ADAP, D, VI, S. 549, 7.6.1939, Aufzeichnungen
ohne Unterschrift aus Moskau. Ganz geheim!; ADAP, D, VI, S. 618. (D 540),
17.6.1939, Aufzeichnung des Botschafters von der Schulenburg, z. Zt. Berlin;
ADAP, D, VI, S. 673. (D 579), 29.6.1939: Der Botschafter in Moskau an das
Auswärtige Amt. Geheim; ADAP, D, VI, S. 846-849 (D 729), 27.7.1939, Auf-
178 WIRKUNG DER PROPAGANDA

mik deuteten die Diplomaten auf beiden Seiten als Zeichen für den
Willen zur Zusammenarbeit. Die Entstehung des deutsch-sowjetischen
Paktes wurde so durch die Presse und den ‚Völkischen Beobachter‘
zumindest erleichtert.

4.1.2. Wirkung in Großbritannien


Ein weiteres Land, in dem die antibolschewistische Polemik gehört
werden sollte, war Großbritannien. Hitler hoffte, mit Großbritannien
gemeinsame Sache machen zu können, bzw. das stillschweigende Ein-
verständnis der Briten zur deutschen Ostexpansion zu erhalten.10 Er
glaubte vermutlich, die Propaganda könne ihren Beitrag dazu leisten,
dieses Bündnis herbeizuführen11; letztendlich schafften die Propagan-
disten es jedoch nicht, die britische öffentliche Meinung zu beeinflus-
sen und zu neutralisieren. In diesem Sinne konnte die Propaganda nicht
erfolgreich sein, insbesondere weil die deutsche Presse in Großbritan-
nien ihr zuvor teilweise noch vorhandenes Ansehen durch antibritische
Kampagnen endgültig verspielt hatte12 und somit eine Einflussnahme
auf die britische Öffentlichkeit vollkommen illusorisch war. Wenn es in
Großbritannien eine antibolschewistische Stimmung und Befürworter
eines Bündnisses mit Deutschland gab, dann weniger aufgrund der
deutschen Propaganda, als vielmehr aufgrund eines in bestimmten
Kreisen bereits seit langem gärenden Antikommunismus.13

zeichnungen Schnurres (von einem Treffen mit Astachow); ADAP, D, VI, S. 883.
(D 760), 3.8.1939. Der Reichsaußenminister an die Botschaft in Moskau.
10
Kershaw (2000), S. 90 u.a. Siehe auch Hitler (1936), S. 154, S. 689f.
11
Graml (1990), S. 142f.
12
Graml (1990), S. 142f., S. 160, S. 243.
13
Doherty (2000), S. 189ff. und Stone (2003), S. 5; S. 191f.
AUSLAND 179

Ein zunächst eher unbeabsichtigter Nebeneffekt der Propaganda war


jedoch, dass die entscheidenden britischen Politiker14, ebenso wie die
meisten Beobachter15 eine Annäherung Deutschlands an die Sowjetuni-
on im Jahr 1939 für extrem unwahrscheinlich hielten und es deshalb
angesichts der Zwangslage, in der sich die Sowjetunion zu befinden
schien, nicht für notwendig erachteten, große Zugeständnisse in den
britisch-sowjetischen Verhandlungen des Jahres 1939 zu machen. Der
deutschen Propaganda und dem Parteiblatt ‚Völkischer Beobachter‘
wurde hierbei zumindest in dem Sinne Glauben geschenkt, dass sie die
offizielle und vermutlich aufrichtige Meinung der deutschen Regierung
wiedergab und der nationalsozialistisch-bolschewistische Gegensatz
unüberwindbar sei. Dieser Gegensatz wurde so zu einem der Funda-
mente der britischen Appeasementpolitik.16 So bemerkte die Regierung
in London die Zurückhaltung der deutschen Presse ab Mai zwar, doch
ebenso wie die Hinweise des Geheimdienstes und deutscher Informan-
ten über die deutsch-sowjetische Annäherung, die ihr zugingen, ließ sie
sich dadurch nicht zur Eile in den Verhandlungen mit der Sowjetunion
antreiben.17 Dies könnte auch daran gelegen haben, dass unter anderem
der britische Premierminister Neville Chamberlain eine deutsch-
sowjetische Übereinkunft aufgrund der ideologischen Differenzen, die
sich unter anderem in der deutschen Presse so deutlich offenbarten,
lange Zeit für sehr unwahrscheinlich gehalten hatte.18

14
Nicolson (1966), Tagebucheintrag vom 22.8.1939, S. 411; Tagebucheintrag
vom 23.8.1939, S. 411. Siehe auch allgemein: Neville (2006), 189; Shaw (2003),
S. 149ff.
15
Shirer (2001), S. 405, S. 425, S. 429. Siehe auch Graml (1990), S. 247.
16
Krummacher/Lange (1970), S. 343; Weber (1980), S. 36ff.
17
Shaw (2003), S. 154f; Shore (2003), S. 103; Weber (1980), S. 278. Unter ande-
rem der persönliche Referent des deutschen Botschafters in Moskau, Hans von
Herwarth, ließ Informationen über die Annäherungen durchsickern. An die briti-
sche Regierung gelangten diese Informationen aber erst Mitte August 1939. Her-
warth (1980), S. 166ff.
18
Haslam (1984), S. 213. Siehe auch Chamberlain (2005), S. 417, Brief an Ida
Chamberlain, 21.5.1939.
180 WIRKUNG DER PROPAGANDA

4.1.3. Wirkung in weiteren Ländern


Es würde an dieser Stelle zu weit gehen, die Wirkung der antibol-
schewistischen Propaganda in noch weiteren Ländern ausführlich zu
beschreiben. Es dürfte jedoch kaum zu bestreiten sein, dass zumindest
bis April 1939 die nationalsozialistische Abneigung gegenüber der
Sowjetunion für echt gehalten wurde. Es war dabei nicht nur der ‚Völ-
kische Beobachter‘ der dieses Feindbild vehement propagierte, sondern
auch die anderen deutschen Zeitungen und vor allem die Politiker, de-
ren Äußerungen und Taten vermutlich das größte Gewicht beigemessen
wurde.19 Die Propaganda leistete jedoch ebenfalls ihren Beitrag dazu,
dass nicht nur die britische Appeasementpolitik, sondern auch die Au-
ßenpolitik einer ganzen Reihe weiterer Staaten von der Annahme nati-
onalsozialistisch-sowjetischer Unversöhnlichkeit ausging.20 Dies gilt
insbesondere für die westlichen Anrainerstaaten der Sowjetunion, bzw.
östlichen Anrainerstaaten Deutschlands, die deshalb von dem deutsch-
sowjetischen Pakt besonders schockiert waren und sich teilweise akut
bedroht fühlten.21 Auch die Grundlage des Antikominternpaktes war
der antibolschewistische Kitt, der die nicht immer einheitlichen Ziele
der Mitgliedsstaaten überspielen sollte.

19
So stellte laut Heinrich Schwendemann der Nichtangriffspakt für die Weltöf-
fentlichkeit eine „kaum nachvollziehbare neue politische Konstellation dar“, denn
Deutschland und die Sowjetunion galten als „ideologische Todfeinde“. Schwen-
demann (1995), S. 221. Siehe auch Graml (1990), S. 246.
20
Graml (1990), S. 247.
21
Ebd. S. 247. Siehe auch über Rumänien, Ungarn, Bulgarien, siehe Prażmowska
(2000), S. 121, S. 182ff. und S. 211. Zu Finnland und den baltischen Staaten
Ueberschär (1978), S. 87 und Myllyniemi (1991), S. 75ff. Es soll damit nicht be-
hauptet werden, dass die Außenpolitik ausschließlich oder hauptsächlich auf der
Annahme deutsch-sowjetischer Unversöhnlichkeit beruht habe. Doch es handelte
sich dabei zumindest um einen Faktor, der bei vielen Entscheidungen zu größerer
Sorglosigkeit verleitete und die Entscheidung für oder gegen kollektive Sicherheit
oder auch nur für oder gegen osteuropäische Bündnispolitik erschwerte.
AUSLAND 181

Insgesamt dürfte der radikale Umschwung von antibolschewistischer


zu prosowjetischer Propaganda dazu beigetragen haben, dass den offi-
ziellen Verlautbarungen der Nationalsozialisten auch in den verbünde-
ten Staaten immer weniger Glauben geschenkt wurde. Die Skepsis
wuchs, die Thesen eines Hermann Rauschning, der behauptete, Hitler
sei ein „Nihilist“, der bereit sei, alles zu behaupten, nur um die Bewe-
gung und Dynamik der Herrschaft aufrechtzuerhalten, dem einzig und
allein die Macht und das Trachten nach Weltherrschaft etwas bedeute-
ten, dürften auf fruchtbareren Boden gefallen sein als noch ein Jahr zu-
vor22, als man im Ausland wenigstens den Antibolschewismus, den An-
tisemitismus und nach der Besetzung der Tschechoslowakei auch den
Lebensraumgedanken23 für ernst gemeint und einen Teil von Hitlers
ehrlicher Überzeugung gehalten hatte.
Hitler bewies mit dem Pakt scheinbar seine Unabhängigkeit von äu-
ßeren Einflüssen, denn er zeigte aller Welt, wie problemlos er sich über
innerparteiliche Widerstände hinwegsetzen konnte, sodass sogar ein
einflussreicher antibolschewistischer Hetzer wie der Parteiveteran und
Herausgeber des ‚Völkischen Beobachters‘, Alfred Rosenberg, keinen
Widerstand leistete. Im Jahre 1939 dürften viele geglaubt haben, dass
die antibolschewistischen Dogmatiker der Partei, die unter anderem den
‚Völkischen Beobachter‘ als Plattform für ihre Hetze und die Radikali-
sierung der Partei genutzt hatten, vorerst ausgeschaltet waren. Hitler, so
schien es jetzt, war unumschränkter Herrscher, der sich alles erlauben
konnte. Über die Folgen dieser Wahrnehmung von Hitler und seiner
Herrschaft lässt sich nur spekulieren. So könnte es sein, dass einige
(womöglich sogar der misstrauische Stalin) Hitlers eigenen Antibol-

22
Rauschning (1940), S. 6. Das Buch „Gespräche mit Hitler“, das unmittelbar
nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Paktes erschien, war ein inter-
nationaler Bestseller. Es schien Hitlers Zynismus, Skrupellosigkeit und Nihilismus
eindrucksvoll zu belegen, denn der Autor behauptete, über 100 Gespräche mit Hit-
ler geführt zu haben. Diese „Gespräche mit Hitler“ waren jedoch vermutlich größ-
tenteils frei erfunden. Siehe Tobias (1988), S. 91ff.
23
Kershaw (2000), S. 237.
182 WIRKUNG DER PROPAGANDA

schewismus und seine Unabhängigkeit von ideologischen Scharfma-


chern unterschätzten und deshalb einen baldigen Angriff auf die Sow-
jetunion für unwahrscheinlich hielten. Andererseits verstärkte der Pakt
und die Wahrnehmung von Hitler als Nihilist und totalitärer Herrscher
womöglich den Widerstand gegen den nationalsozialistischen Expansi-
onsdrang24, denn an der Skrupel- und Prinzipienlosigkeit dieses Herr-
schers gab es außerhalb Deutschlands kaum noch einen Zweifel.25

24
Siehe auch Tobias (1988), S. 237.
25
Graml (1990), S. 279.
WIRKUNG DER PROPAGANDA

4.2. Wirkung auf die Leser in Deutschland:

4.2.1. Vorbemerkungen
Bei der Analyse der Wirkung der Berichterstattung des ‚Völkischen
Beobachters‘ auf die Leser in Deutschland drängt sich zunächst die
Frage auf, inwieweit der ‚Völkische Beobachter‘ als repräsentativ gel-
ten kann für alle deutschen Zeitungen oder auch für die gesamten deut-
schen Medien (Rundfunk, Wochenschauen, Plakatpropaganda usw.)
Diese Frage ist schwierig zu beantworten, schon allein weil bei einer
oberflächlichen Durchsicht weiterer deutscher Zeitungen durchaus sig-
nifikante Unterschiede in der Berichterstattung über die Sowjetunion
im Jahre 1939 zu erkennen sind. So verfügte die ‚Frankfurter Zeitung‘
über einen Korrespondenten in Moskau, der regelmäßig, verhältnismä-
ßig (verglichen mit dem ‚Völkischen Beobachter‘) seriös und unpole-
misch berichtete. Auch andere „bürgerliche“ Blätter dürften sich ten-
denziell weniger stark an der Polemik beteiligt haben. Es würde sich
vermutlich lohnen, weiter nachzuforschen, welche Unterschiede es gab,
und systematisch, wie anhand des ‚Völkischen Beobachters‘, zu über-
prüfen, wie die Redakteure den Pakt begründeten und auf den Betrug
durch die Regierung reagierten. Gab es auch in anderen Zeitungen Re-
dakteure, die sich der Ideen Moeller van den Brucks und anderer be-
sannen? Gab es auch hier leisen Protest zwischen den Zeilen, wie er im
‚Völkischen Beobachter‘ festzustellen war?
Wenn im Folgenden jedoch nach der Wirkung gefragt werden wird,
kann von einigen Gemeinsamkeiten ausgegangen werden: 1. Von Janu-
ar bis April dürften alle deutschen Zeitungen und vermutlich auch der
Rundfunk den Presseanweisungen gefolgt sein und bei Gelegenheit ge-
gen die Sowjetunion in der einen oder anderen Weise polemisiert ha-
ben. Der ‚Völkische Beobachter‘ gehörte in dieser Frage gewiss zu den
radikalsten deutschen Blättern und nahm somit eine Vorreiterrolle bei
der Aufgabe, die Deutschen antibolschewistisch zu indoktrinieren, ein.
2. Der Übergang von antibolschewistischer zu prosowjetischer Propa-
184 WIRKUNG DER PROPAGANDA

ganda von Mai bis August dürfte nirgends reibungslos vonstatten ge-
gangen sein.1 Auch hier würde sich jedoch eine genauere Untersuchung
sicher lohnen. 3. Da der ‚Völkische Beobachter‘ als Leitmedium galt,
an dem sich andere Zeitungen orientieren konnten und durften, wäre es
nicht verwunderlich, wenn auch in anderen Zeitungen einige Redakteu-
re nach dem Pakt alte, nationalbolschewistische und konservativ-
revolutionäre Ideen wieder aufleben ließen.2 Die Erzfeinde Joseph
Goebbels und Alfred Rosenberg jedenfalls waren sich ausnahmsweise
einig darin, dass die Kommentare der Presse zum Pakt viel zu weit gin-
gen, sie sahen sich jedoch zunächst nicht in der Lage, etwas zu unter-
nehmen.3 Man kann die Tendenzen, die in dieser Arbeit anhand des

1
Dies lässt sich bereits aus den Erinnerungen eines Fritz Sänger von der ‚Frank-
furter Zeitung‘ oder auch aus der Reaktion der Journalisten auf den Pakt schlie-
ßen. Sänger (1975), S. 360ff.
2
Über die Reaktion vieler deutscher Journalisten siehe auch Shirer (1991), S. 176.
3
Alfred Rosenberg schrieb bereits am 22. August, die Presse lasse – nach Anwei-
sungen des Auswärtigen Amts – bereits „alle Würde vermissen.“ Die Zeitungen
würden sich gebärden, „als ob unser Kampf gegen Moskau – ein Missverständnis
gewesen sei und die Bolschewiken die wahrhaften Russen seien mit allen Sowjet-
juden an der Spitze! Diese Umärmelung ist mehr als peinlich.“ Tagebucheintrag
vom 22.8.1939, in: Rosenberg (1956), S. 73. Er erklärte sich den politischen
Wandel mit dem persönlichen Einfluss eines seiner Intimfeinde, des Außenminis-
ters Joachim von Ribbentrop, auf Hitler. Da Ribbentrop, dieser, um mit Rosenberg
zu sprechen, „Witz der Weltgeschichte“, den „Führer“ negativ beeinflusse, könne
er, Rosenberg, nichts unternehmen. Rosenberg (1956), S. 76, Tagebucheintrag
vom 24.9.1939. Joseph Goebbels hingegen äußerte erst Anfang September Kritik
an der Presse und versuchte einzugreifen, um eine Mäßigung zu erreichen. Tage-
bucheintrag vom 14.9.1939, in: Goebbels (1998), S. 104. Dieser Vorstoß hatte je-
doch – wie oben beschrieben – kaum Auswirkungen auf die Presseanweisungen
und den ‚Völkischen Beobachter‘. Goebbels stieß hier vermutlich ebenfalls auf
den Widerstand des Auswärtigen Amtes und seines Kontrahenten, dem von ihm
ebenfalls verabscheuten von Ribbentrop. Denn zur gleichen Zeit erreichte der
Konflikt über die Zuständigkeiten in der Auslandspropaganda zwischen Goebbels
Propagandaministerium und Ribbentrops Pressestelle einen Höhepunkt. Hitler
wurde von beiden Seiten bedrängt, eine Entscheidung zu treffen, bis er einen Füh-
rerbefehl herausgab, in dem er den Zuständigkeitsbereich des Auswärtigen Amtes
vergrößerte. ADAP, D, VIII, Nr. 31, Befehl des Führers, 8.9.1939. Goebbels war
daraufhin empört und fühlte sich von Ribbentrop hintergangen. Goebbels (1998),
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 185

Beispieles ‚Völkischer Beobachter‘ beispielhaft herausgearbeitet wer-


den konnten, also durchaus als Ausgangspunkt für die Analyse der
Wirkung nehmen.
Eingangs dieser Arbeit ist bereits dargelegt worden, woran die Wir-
kung der radikal-antibolschewistischen und später radikal gegenteiligen
Propaganda des ‚Völkischen Beobachters‘ gemessen werden sollte: an
den Ansprüchen, die die Nationalsozialisten selbst an sie stellten. Die
antibolschewistische Polemik war bei dem Versuch, die selbstgesteck-
ten Ziele zu erreichen, einerseits Mittel zum Zweck, andererseits
Selbstzweck. Das heißt der Antibolschewismus wurde eingesetzt, um
andere Ziele zu erreichen (Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls,
Stärkung der Volksgemeinschaft, innenpolitische Mobilisierung für das
Regime usw.) aber auch als Selbstzweck, um zu erreichen, dass die
Deutschen daran glaubten, in der Sowjetunion herrsche eine brutale jü-
dische Clique über das russische Volk, möglicherweise auch daran
glaubten, die Sowjetunion sei eine Gefahr, gegen die man bereit sein
müsse zu kämpfen. Die Deutschen sollten den „Antibolschewismus“ in
ihr Weltbild aufnehmen oder, sofern sie diese Meinung bereits seit lan-
gem vertraten, sich in ihrer Haltung bestärkt fühlen. Während in dieser
Arbeit nicht der Frage nachgegangen werden kann, ob die Nationalso-
zialisten ihre sehr weitreichenden Ziele der Schaffung einer Volksge-
meinschaft unter anderem mit Hilfe des antibolschewistischen Feind-
bildes erreichten, soll doch die Frage gestellt werden, ob die Deutschen
bis in das Jahr 1939 zumindest überzeugte Antibolschewisten geworden
waren. Nur wenn dies der Fall war, könnte man auch davon ausgehen,
dass der Antibolschewismus auch als „Mittel zum Zweck“, unter ande-
rem dem Zweck der Mobilisierung für einen Krieg, erfolgreich sein
konnte. Denn wenn sich die Deutschen vom Antibolschewismus nicht
direkt betroffen fühlten, dann dürfte der gesamte Aufwand der antibol-
schewistischen Polemik umsonst gewesen sein.

S. 96f. Tagebucheinträge vom 7. und 9.9.1939. Über den Konflikt in der Pressepo-
litik und die Folgen siehe auch Longerich (1987), S. 135ff.
186 WIRKUNG DER PROPAGANDA

4.2.2. Wurde das Ziel der Vorbereitung auf den Krieg erreicht?
Der Historiker Ian Kershaw geht davon aus, dass Propaganda vor al-
lem dann wirksam war, wenn sie auf bereits bestehende Einstellungen
aufbauen konnte.4 So sei die Ausnutzung der antikommunistischen
Hysterie eine der populärsten Handlungen des Regimes gewesen. Diese
sei dann nach dem Abflauen der Angst in der antibolschewistischen
Propaganda weiter genutzt worden, die durch die Kombination der weit
verbreiteten antimarxistischen, antipolnischen und antirussischen Hal-
tungen besonders effektiv gewesen sei.5 Kershaw behauptet in seinem
Standardwerk über Geschichtsinterpretationen und Kontroversen zum
NS-Staat dementsprechend, dass die entsetzliche Brutalität des „Ver-
nichtungskrieges im Osten [...] fraglos […] eine Folge des ideologi-
schen Hasses auf den ‚jüdischen Bolschewismus’“, gewesen sei, „mit
dem die Deutschen unter dem Naziregime jahrelang indoktriniert wor-
den waren.“6 Ähnliches behauptete auch der berüchtigte SS-
Obergruppenführer Erich von dem Bach-Zalewski7 nach dem Krieg in
Nürnberg: „Wenn man jahrelang predigt, jahrzehntelang predigt, daß
die slawische Rasse eine Unterrasse ist, daß die Juden überhaupt keine
Menschen sind, dann muß es zu einer solchen Explosion kommen.“8 Zu
dieser Behauptung von dem Bach-Zalewskis, die Kershaw in dieser Zu-

4
Kershaw (1983), S. 184; Kershaw (1999), S. 7; Siehe auch ähnlich Sywottek
(1976), S. 104.
5
„Given the extent of pre-existing anti-Polish and anti-Russian sentiment, the lev-
el of anti-Bolshevic propaganda, and the actual ignorance about the Polish and es-
pecially the Russian people, it is a fair assumption that Nazi propaganda was ef-
fective in confirming and reinforcing prevailing stereotypes.“ Kershaw (1983),
S. 192.
6
Kershaw (2006), S. 104.
7
Zur Person: Klee (2003), S. 23.
8
Zitiert in: Wette (1995), S. 175. Siehe auch: Verhör von dem Bach Zalewski am
7. Januar 1946 in Nürnberg. Auszug aus der Niederschrift in: Poliakov/ Wulf
(1978), S. 512.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 187

spitzung auf die Rechtfertigung begangener Kriegsverbrechen sicher


nicht unterschreiben würde, die aber so oder so ähnlich immer noch
von einigen Historikern übernommen wird9, sind folgende Punkte an-
zumerken:
Kershaw übersieht in seiner Interpretation, in der er von einem allge-
mein weit verbreiteten Antibolschewismus in Deutschland ausgeht,
dass die antikommunistische Stimmung sich im Gegensatz zum Anti-
bolschewismus auf eine von vielen auf der politischen Rechten als real
wahrgenommene Gefahr bezog, die sich in den Wahlerfolgen der deut-
schen kommunistischen Partei ausdrückte. Diese Gefahr wurde aller-
dings nicht notwendigerweise oder nur am Rande mit der Sowjetunion
in Verbindung gebracht. Auf der deutschen politischen Rechten waren
damals eine innenpolitisch scharf antikommunistische Haltung, aber
gleichzeitige außenpolitische Offenheit gegenüber die Sowjetunion
weit verbreitet.10 Gerade völkische Kreise (also auch viele Leser des
‚Völkischen Beobachters‘) waren z.B. fasziniert von der russischen Li-
teratur.11 Donal O’Sullivan kommt in seiner Untersuchung der Bilder
von der Sowjetunion und Russland in den Zwanziger Jahren jedenfalls
zu dem Schluss: „Die schärfsten Gegner des Bolschewismus und der
sowjetischen Gesellschaftsordnung waren in Deutschland die Sozial-
demokraten und die katholische Kirche. [...] Keine andere Partei (von
der NSDAP abgesehen, in der es aber auch Bewunderung für Stalin
gab) grenzte sich so entschieden vom Kommunismus ab wie die

9
Wolfram Wette schreibt in seinem Aufsatz zu ebendiesem Zitat von dem Bach-
Zalewskis: „Daß es diese Kausalität [zwischen Ideologie und Vernichtung; M.F.]
in der Tat gegeben hat, dürfte auch kaum zu bestreiten sein. Insofern haben wir ei-
ne durchaus einleuchtende Erklärung für den Zusammenhang von NS-Propaganda
und der Praxis des Vernichtungskrieges gegen Juden und Slawen vor uns.“ Wette
(1995), S. 175
10
Laqueur (1966), S. 143ff.
11
So beschreibt Roland Layton, wie der ‚Völkische Beobachter‘ in einem Artikel
aus dem Jahre 1931 Fjodor Dostojewski als „völkischen Autor“ für den National-
sozialismus vereinnahmte. Layton (1970), S. 379.
188 WIRKUNG DER PROPAGANDA

SPD.“12 Übrigens kann man die katholische Kirche durchaus als anti-
bolschewistisch bezeichnen, dies schloss jedoch nicht in gleicher Weise
wie bei der SPD auch eine althergebrachte russophobe Einstellung mit
ein, ja es gab sogar eine gewisse Faszination für die russische Mystik
und die Festigkeit des Glaubens bei vielen Russen trotz Revolution und
Unterdrückung.13 Damit ist Ian Kershaws wesentliches Argument, dass
es einen antikommunistisch-antibolschewistischen Konsens in Deutsch-
land gegeben habe, der sich auch auf die angeblich weit verbreitete
„Russophobie“ hätte stützen können, zumindest fragwürdig. Für die
Leser des ‚Völkischen Beobachters‘ ist zwar durchaus anzunehmen,
dass viele von ihnen antibolschewistisch eingestellt waren und sich
durch die Propaganda hierin bestärkt fühlten, doch war auch hier die
Haltung zur Sowjetunion ambivalent: die Bolschewistenhasser vom
Schlage eines Alfred Rosenberg auf der einen, die ehemaligen Natio-
nalbolschewisten auf der anderen Seite.
Weiterhin ist die Frage zu stellten, ob die Deutschen zu Beginn des
Krieges, wie von dem Bach-Zalewski behauptet, überhaupt „jahrzehn-
telang“ mit dem Feindbild vom „jüdischen Bolschewismus“ „indoktri-
niert“ worden waren. Wann begann die heftige antibolschewistische
Pressekampagne, die ab Mai 1939 für zwei Jahre bis Juni 1941 ausge-
setzt werden sollte? Vermutlich (auch dies müsste anhand von Zeitun-
gen noch näher überprüft werden) lässt sich der definitive Beginn auf
den Nürnberger Parteitag von 1936 datieren, wenn auch einige Histori-
ker meinen, die Kampagne sei bereits 193514 oder noch früher15 ausge-

12
O’Sullivan (1996), S. 322.
13
Laut Smolinsky existierte in der katholischen Kirche der Wunsch nach Über-
windung der Kirchenspaltung bei gleichzeitiger Bewunderung der russischen
Mystik. Denn trotz der Verfolgung von Priestern und Gläubigen bestehe im russi-
schen Volk die Religiosität weiter. Siehe Smolinsky (1994), S. 323, S. 325 und
O’Sullivan (1996), S. 253. Über die ebenfalls ambivalente, teilweise von national-
bolschewistischem Gedankengut beeinflusste Haltung der evangelischen Kirche
siehe Meier (1994), S. 296ff., S. 308f.
14
Krummacher/Lange (1970), S. 343f; Pietrow-Ennker (1989), S. 81; Koenen
(2005), S. 416.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 189

löst worden. Abgesehen von der Tatsache, dass die antibolschewisti-


sche Pressekampagne vermutlich 1936 oder noch früher begann, könnte
man jedoch auch behaupten, dass die Presseberichterstattung erst 1937
in dieser Frage wirklich „gleichgeschaltet“ worden sei: So war es of-
fensichtlich noch 1937 notwendig, detaillierte Richtlinien für die „Be-
handlung“ der Sowjetunion herausgegeben. Darin hieß es, dass unter
anderem die folgenden Thesen fehlerhaft seien: „1. Der Bolschewismus
in der Sowjet-Union sei eine „russische Angelegenheit; er entwickele
sich zu einer Art ‚Nationalsozialismus‘; Stalin sei der ‚Führer‘ Ruß-
lands 2.) Der Bolschewismus habe die ‘Weltrevolution aufgegeben‘ …
3.) Der Bolschewismus sei abzulehnen, weil er asiatisch sei.“16 Diese
Presseanweisung, die von einigen Zeitungen offensichtlich nicht be-
folgt wurde und deshalb mehrfach wiederholt werden musste17, zeigt,

15
Jutta Sywottek hat versucht zu zeigen, dass seit der Gründung der so genannten
„Antikomintern“ (eine de facto Unterabteilung des Propagandaministeriums von
Joseph Goebbels) im Jahre 1933 Propaganda gegen die Sowjetunion verbreitet
worden sei. Man sollte die Breitenwirkung dieser Propaganda jedoch nicht allzu
hoch einschätzen: Die Antikomintern existierte zwar und die Äußerungen einiger
Beteiligter zeigen, dass sie sich für wichtig und wirksam hielt, sie durfte aber nicht
direkt gegen die Sowjetunion polemisieren, weil die Regierung Hitler noch darauf
bedacht war, außenpolitische Konflikte zu vermeiden. (Sywottek (1976), S. 105.)
Im September 1939 wurde die Antikomintern aufgelöst. Krummacher/Lange
(1970), S. 536.
16
Die ausführlichste Anweisung zur Berichterstattung über die Sowjetunion ist
abgedruckt in Pietrow-Ennker (1989), S. 97. Das dort zu findende Dokument ge-
hört zu den Generalakten über Hochverrat (R 22/954) des Reichsjustizministeri-
ums, Geschäftstelle a, im Bundesarchiv. Siehe auch die Zusammenfassung der in
der Pressekonferenz mündlich ausgegebenen Anweisung durch Fritz Sänger: PA,
Nr.325, ZSg 101/9/99-101/Nr.189, 6.2.1937.
17
Siehe PA, Nr. 338, ZSg. 102/4/89/36 (3), 8.2.1937; PA, Nr. ZSg
102/9/117/Nr.221, 11.2.1937. Am 26. Februar 1937 wurde eine Anweisung her-
ausgegeben, in der eine Propaganda-Aktion des DNB über Bolschewismus und
Judentum angekündigt wurde. Hier hieß es unter anderem, es sei bekannt, „dass
immer noch einige Kreise in Deutschland von dieser antisemitischen Propaganda
nichts wissen wollten.“ PA, Nr.501, ZSg. 102/4/139/ (1) vom 26. Februar 1937. In
insgesamt acht weiteren Anweisungen bis August 1937 wurde von den Zeitungen
danach gefordert, die Propagandaaktion gegen Juden in der Sowjetunion fortzu-
190 WIRKUNG DER PROPAGANDA

dass bis 1937 diese aus nationalsozialistischer Sicht „falschen“ und in


gewisser Hinsicht „positiven“ Vorstellungen von der Sowjetunion noch
gelegentlich in der Presse geäußert wurden, beziehungsweise, dass das
einseitig antisemitische nationalsozialistische Klischee von der Sowjet-
union noch nicht von allen Zeitungen übernommen worden war.
Wenn man also davon ausgeht, dass die Presse erst 1937 durch die
wiederholten Mahnungen und Richtlinien in der antibolschewistischen
Propaganda vollkommen „gleichgeschaltet“ werden konnte, polemisier-
te die deutsche Presse nur zwei Jahre lang (1937-39) definitiv und un-
differenziert gegen den „jüdisch-bolschewistischen Weltfeind“, wobei
man sich auch darüber streiten könnte, ob diese Pressekampagne primär
als antibolschewistisch oder als in erster Linie antisemitisch bezeichnet
werden sollte, siehe Abschnitt 3.3.1.b).18 Auf diese kurze Phase der
heftigen antibolschewistischen Propaganda folgten zwei Jahre von Mai
1939 bis Juni 1941, in denen die Deutschen keineswegs „indoktriniert“
und propagandistisch auf den Krieg vorbereitet werden konnten, da die
Sowjetunion nun mit Deutschland verbündet war. Die Behauptung, die
Deutschen seien „jahrzehntelang“ antibolschewistisch indoktriniert und
damit auf den Krieg vorbereitet worden, lässt sich also nicht bestätigen.

setzen, wobei einige Zeitungen kritisiert wurden, weil sie sich nicht genau an die
Bestimmungen hielten. Auch allgemein wurde die Berichterstattung über die Sow-
jetunion häufig kritisiert, was auf die mangelnde Bereitschaft der Journalisten hin-
zudeuten scheint, sich an die Weisungen zu halten. Im Juni wurde sogar gedroht,
dass wenn sich in diesem Zusammenhang nichts ändere, nur noch die Agen-
turmeldungen des Deutschen Nachrichtenbüros (DNB) abgedruckt werden dürf-
ten. PA, Nr. ZSg. 101/9/433/Nr.739 vom 11. Juni 1937; PA, Nr.1681, ZSg.
102/6/22/49 (2) vom 7. Juli 1937; PA, Nr.2500, ZSg. 101/10/283/Nr.1316, 18.
Oktober 1937 usw. Es würde sich vermutlich lohnen, diese Phase der verstärkten
Gleichschaltungsversuche genauer zu untersuchen, um herauszufinden, wie nega-
tiv die Propaganda über die Sowjetunion tatsächlich war. Siehe auch Koenen
(2005), S. 416.
18
So wurde nicht nur gegen die Sowjetunion polemisiert, sondern auch gegen die
britische Palästinapolitik oder den Einfluss der Juden in den USA. Vgl. Longerich
(2006), S. 102f.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 191

Kershaws und von dem Bach-Zalewskis Argument, die Deutschen


seien „jahrelang“ propagandistisch auf den „Vernichtungskrieg“ vorbe-
reitet worden, ist jedoch insoweit zuzustimmen, als die nationalsozialis-
tische Propaganda, insbesondere im ‚Völkischen Beobachter‘, tatsäch-
lich durchgängig stark antisemitisch gefärbt war.19 Dieses Feindbild
war jedoch stark wandelbar und konnte mal auf die kapitalistischen
Westmächte, mal auf die bolschewistische Sowjetunion angewendet
werden. In diesem Sinn ist der Antisemitismus, wie Martin Broszat
formuliert, eher als eine Art „ideologischer Metapher“ zu verstehen20,
die nicht ausschließlich mit der Sowjetunion und dem Bolschewismus
verbunden war, sondern zur Diffamierung jedes Gegners eingesetzt
werden konnte. In diesem Sinne wäre zunächst einmal zu klären, wie
wirksam die antisemitische Propaganda war, eine Frage, die unter His-
torikern heftig umstritten ist.21
Erich von dem Bach-Zalewski geht jedoch noch weiter: er behauptet
auch „jahrzehntelang“ „Predigten“ darüber gehört zu haben, dass die
„slawische Rasse“ eine „Unterrasse“ sei. Möglicherweise spielte von
dem Bach-Zalewski auf die Werke und Reden Alfred Rosenbergs oder
Adolf Hitlers an, die er als Nationalsozialist vermutlich gelesen hatte.
Im ansonsten latent rassistischen ‚Völkischen Beobachter‘ konnte je-
doch die Behauptung, dass die slawische Rasse eine „Unterrasse“ sei,
in dieser verallgemeinernden Form im Jahre 1939 nicht gefunden wer-

19
Peter Longerich macht zwar Schwankungen aus, insgesamt wurde der Antise-
mitismus jedoch kontinuierlich propagiert. Longerich (2006), S. 314.
20
Broszat (1970), S. 408.
21
Ian Kershaw (1979), S. 340, Sarah Gordon (1984), S. 312ff. und Peter Longe-
rich (2006), S. 329 kommen zu dem Schluss, dass in der deutschen Bevölkerung,
abgesehen von einer kleinen radikalen Minderheit, weitgehend „Indifferenz“ in
der „Judenfrage“ vorherrschend gewesen sei. Unter anderem Otto Dov Kulka
(1989) hat dies zu widerlegen versucht: so seien beispielsweise die Nürnberger
Rassegesetzte aufgrund von Druck aus der Bevölkerung erlassen worden. Es wür-
de zu weit gehen, diese Diskussion an dieser Stelle weiterzuverfolgen; sie zeigt
jedoch, dass es äußerst schwierig ist, eine „öffentliche Meinung“ bzw. „Volks-
meinung“ (Kershaw) unter dem Nationalsozialismus zu rekonstruieren und die
Frage nach der Wirksamkeit nationalsozialistischer Propaganda zu beantworten.
192 WIRKUNG DER PROPAGANDA

den. Selbst in der Hochphase der antibolschewistischen Propaganda zu


Beginn des Jahres 1939 wurden die Russen als „Opfer“ ihrer „jüdischen
Unterdrücker“ dargestellt, mit denen man Mitleid haben musste und
nicht als „Untermenschen“. Hier dürfte der Krieg, wie sich anhand des
Beispieles Polen bereits im Jahre 1939 zeigen lässt, zur Radikalisierung
der Propaganda geführt haben, die nun alle Gegner als Angehörige ei-
ner „Unterrasse“ diffamierte, während Verbündete, wie Rumänen, Un-
garn, Bulgaren, Ukrainer und bis 1941 Russen keineswegs in gleicher
Weise rassistisch herabgesetzt worden sein dürften. Es erscheint jeden-
falls logisch, dass der Krieg die Wirkung der Propaganda erhöhte, denn
nun hatten die Mörder ein echtes Motiv, an sie zu glauben: die Recht-
fertigung der eigenen Taten. Erst jetzt entfaltete die Propaganda ihre
ganze Wirkung und konnte sich dabei vermutlich darauf stützen, dass
zumindest das latent rassistisch-antisemitische Weltbild von vielen be-
reits aufgenommen worden war. Die Propaganda benötigte die Gewalt,
um ihre Wirkung zu entfalten.

4.2.2. Reaktionen auf den Pakt


Ein gewichtiges Indiz für die mangelnde Wirksamkeit antibolsche-
wistischer Propaganda vor Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion
ist die Reaktion der Journalisten auf den Pakt: Den Mitarbeitern des
‚Völkischen Beobachters‘ waren im Jahre 1939 trotz jahrelanger anti-
bolschewistischer Propaganda andere, weniger dumpfe Vorstellungen
von der Sowjetunion als das radikal antibolschewistische Feindbild
durchaus noch ein Begriff und ob aus Überzeugung oder weil sie sich
besonders profilieren wollten, propagierten sie diese nach dem Pakt
trotz anders lautender Presseanweisungen wieder. Es regte sich im
‚Völkischen Beobachter‘ allenfalls verhaltener Protest, der sich in der
Veröffentlichung etwas unpassender, versteckter Artikel nachweisen
lässt, ansonsten aber dominierte Theodor Seibert mit seinen Konstruk-
tionen des Kampfes der „totalitären Staaten“ gegen die Demokratien.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 193

So bewies er seine Flexibilität, aber auch seine Bereitschaft, die neue


Politik, die er angesichts der Äußerungen der führenden Politiker für
„endgültig“ halten musste, zu unterstützen. Aus seinen Kommentaren
spricht sogar eine vermutlich ungeheuchelte Begeisterung für die Zu-
sammenarbeit mit der Sowjetunion.
Es ist hier ein tiefer Riss nicht nur in der Redaktion des ‚Völkischen
Beobachters, sondern auch durch die Partei auszumachen: Der natio-
nalbolschewistische Flügel bekam gerade Oberwasser, während der ei-
gentlich mächtigere antibolschewistische Flügel zunächst nichts unter-
nehmen konnte. Nachdem der Wächter über die „weltanschauliche Er-
ziehung der NSDAP“, Alfred Rosenberg, der Wiederbelebung dieses
probolschewistischen Gedankengutes zunächst weniger taten- als
machtlos zugesehen hatte22, beschwerte er sich am 1. November 1939
direkt bei Hitler und verlangte eine Vollmacht, um seinen bisherigen
Auftrag weiterführen zu können.23 Rosenberg sprach dabei seinen eige-
nen Aufzeichnungen zufolge gegenüber Hitler etwas verschleiernd von
der Wiederbelebung von „Jugendstilphilosophien“, die er bekämpfen
wolle; im zeitlichen Kontext ist zu vermuten, dass er mit diesem Be-
griff genau das meinte, was Theodor Seibert im ‚Völkischen Beobach-
ter‘ mit seinen Konstruktionen der „jungen“, bzw. „jugendlichen“, „to-

22
Bereits am 2. September 1939 hatte das Amt Osten intern dringenden Hand-
lungsbedarf angemeldet, „damit die an sich schon in der deutschen Presse entstan-
dene Geistesverwirrung in Bezug auf die deutsch-russischen Beziehungen nicht
noch größer wird.“ Zit. in: Piper (2005), S. 437. Am 2. Oktober sendete Rosen-
berg, der um seinen Einfluss fürchtete, Hitler ein Memorandum, in dem er für sich
den neuen Titel des „Beauftragten des Führers zur Sicherung der nationalsozialis-
tischen Weltanschauung“ forderte. Vermutlich geschah dies in dem Bemühen,
seine eigene Machtbasis auszubauen und endlich wirksam gegen die aus seiner
Sicht falschen ideologischen Tendenzen vorzugehen. Piper (2005), S. 445. Rosen-
berg sah sich jedoch zunächst nicht in der Lage, sich entscheidend gegen seine
Kontrahenten, die er vor allem im Auswärtigen Amt, aber auch im Propagandami-
nisterium vermutete, durchzusetzen. Siehe Rosenberg (1956), S. 76, Tagebuchein-
trag vom 24.9.1939.
23
Tagebucheintrag vom 1.11.1939, in: Rosenberg (1956), S. 87.
194 WIRKUNG DER PROPAGANDA

talitären“ Staaten gegen den veralteten Westen vertrat.24 Doch ganz un-
abhängig davon, was Rosenberg wirklich meinte, offenbarte er schon
allein mit seiner Intervention bei Hitler seine Unsicherheit und Macht-
losigkeit zu diesem Zeitpunkt. Denn dass das von ihm und seinen An-
hängern verachtete prosowjetische Gedankengut gerade in eine der
Bastionen des Antibolschewismus, in den ‚Völkischen Beobachter‘,
eingebrochen war, zeigt, wie präsent und wie mächtig diese Rosenberg
verhasste Strömung innerhalb einiger Bereiche der Partei immer noch
war und mit welch geringem Erfolg er bis zu diesem Zeitpunkt seinem
Auftrag, die NSDAP einheitlich weltanschaulich-antibolschewistisch
zu erziehen, gerecht geworden war.
Auch die Reaktion der deutschen Bevölkerung auf den Pakt zeigt,
dass die antibolschewistische Propaganda ihr Ziel der antibolschewisti-
schen Indoktrinierung der Deutschen verfehlt hatte. Es wäre erstaun-
lich, wenn es überhaupt keine wütenden Reaktionen gegeben hätte. Ein
deutliches Zeichen für die Unzufriedenheit war, dass in der Nacht zum
25. August einige Anhänger Hitlers ihre Hakenkreuzarmbinden über
den Zaun des Braunen Hauses in München warfen.25 Hieran ist jedoch
einerseits bemerkenswert, dass Derartiges nur in München stattfand
und andererseits, dass diese Reaktion ausgerechnet in München statt-
fand, das heißt am Ursprungsort der NSDAP und des antibolschewisti-
schen Flügels derselben, nicht jedoch in jenen Regionen, in denen der
traditionell probolschewistische Flügel beheimatet war. Insgesamt war
diese Reaktion auch so ungefährlich und wirkungslos, wie die kaum
wahrnehmbaren Andeutungen der Unzufriedenheit im ‚Völkischen Be-
obachter‘. Die Sorgen eines Hitler, der die Annäherung mit der Sowjet-

24
Der Begriff „Jugendstilphilosophien“ erscheint wenig bestimmt. Möglicher-
weise handelte es sich auch um eine Anspielung auf die deutsche „Jugendbewe-
gung“, die in den Zwanziger Jahren in ihrer Faszination für die „geheimnisvolle
russische Seele“ an Lagerfeuern ebenso begeistert Lieder über Stalin wie über
Admiral Koltschak sang. Laqueur (1965), S. 161.
25
Kershaw (2000), S. 291.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 195

union auch deshalb hinausgezögert hatte, weil er die Reaktion der Par-
tei fürchtete, erwiesen sich als unbegründet.26
Obwohl ernsthafte Proteste ausblieben, würde man es sich mit der
Behauptung, dass alle Deutschen nach der Unterzeichnung des Paktes
lediglich erleichtert gewesen seien, zu einfach machen. Es gab vielfäl-
tige Reaktionen, bei denen auch Unzufriedenheit deutlich zum Aus-
druck gebracht wurde. Es fällt jedoch auf, dass einzig die SoPaDe deut-
liche Kritik der deutschen Bevölkerung an dem Abkommen zu erken-
nen meinte.27 Dies ist wenig erstaunlich, da die SoPaDe hauptsächlich
Zugang zu dem traditionell antibolschewistischen und widerständleri-
schen sozialdemokratischen Milieu hatte und da sie dazu neigte, den
Grad der Unzufriedenheit in der deutschen Bevölkerung schon aus Ei-
geninteresse tendenziell zu übertreiben. Wenig bemerkenswert sind
denn auch die Berichte über schockierte Sozialdemokraten, an deren
Meinung über den Nationalsozialismus der Pakt wenig verändern konn-
te, und Kommunisten, die nun überhaupt nicht mehr wussten, was und
an wen sie glauben durften.28 Interessanter mit Blick auf die Wirkung
der Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ sind die Berichte
der SoPaDe über Industrielle, die einen „Linksruck“, bzw. eine „braune

26
Fleischhauer (1990), S. 293.
27
Deutschlandberichte der SoPaDe, Nr. 6, 1939, S. 975, S. 985ff. Die Berichte der
SoPaDe sind überaus widersprüchlich. So berichtete sie einerseits von negativen
Reaktionen bei den alten Kämpfern der Partei., anderseits kam auch die SoPaDe
nicht umhin, anzuerkennen, dass in vielen Milieus die Reaktionen ganz überwie-
gend positiv seien: „Auch der Spießer billigt im Allgemeinen die Haltung Hitlers.
[…] Hitler habe ganz richtig gehandelt, als er den Pakt mit Rußland geschlossen
habe.“ Ebd., S. 976. Der Widerspruch ist unverkennbar, wenn es anderer Stelle
heißt: „Der Kleinbürger, der vor 1933 mit dem Schreckgespenst des Bolschewis-
mus gewonnen worden war, ist sehr verschreckt […] er klammert sich an Hitler,
der schon wissen werde, was er mache.“ Ebd., S. 1030. Über das nationalsozialis-
tische Milieu hieß es ebenso widersprüchlich, dass es ein großes Durcheinander
durch den Pakt gebe. „Es fehlt allerdings nicht an Parteigängern, die auch in dieser
Sache mit dem ‚Führer‘ durch dick und dünn gehen.“ Ebd., S. 985.
28
Ebd.
196 WIRKUNG DER PROPAGANDA

Bolschewisierung Deutschlands“ befürchteten.29 Wenn es diese Reakti-


onen gab, waren sie vermutlich auch der Presse geschuldet, die, wie der
‚Völkische Beobachter‘, sich aus der Sicht der Industriellen bedenklich
stark in eine nationalbolschewistische Richtung bewegte. Im Übrigen
waren diese Stimmen vereinzelt, andere Industrielle waren nämlich
hoch erfreut über die neuen Möglichkeiten, die sich für den Handel
ergaben30; an der innenpolitisch antikommunistischen Grundhaltung
Hitlers zweifelte zudem kaum jemand und das war wohl auch das Ent-
scheidende.
Ganz gewiss fühlten sich viele Menschen von der Regierung betrogen
und hintergangen, aber schon bald machten sie Witze darüber.31 Die
Journalisten lästerten in der Pressekonferenz, die Georgenstraße in Ber-
lin werde jetzt wohl in Georgierstraße umbenannt und Stalin werde Eh-
rengast bei Tannenberg sein (die Feier zum 25-jährigen Jubiläum des
deutschen Sieges in der Schlacht bei Tannenberg stand unmittelbar be-
vor).32 Über die Menschen auf der Straße schrieb Fritz Sänger: „Als ich
vorhin mein ‚zuständiges‘ Viertelpfund Kaffee abholte, meinte der
Verkäufer: ‚Nun kriegen Sie wohl bald ein ganzes Pfund wieder!‘ Die
Stimmung ist freudig erregt. Das Volk hat das Gefühl: Nun gibt es kei-
nen Krieg, und wenn doch, dann ist er ungefährlich. Über die tiefere
Bedeutung des Abkommens macht man sich zunächst keine Gedanken.
[...] Das Lächeln auf den Gesichtern ist aber etwas verschmitzt, man

29
Dies wurde wiederum besonders und mehrfach in den Berichten der SoPaDe be-
tont. Deutschlandberichte der SoPaDe, 6. Jahrgang 1939, S. 985, S. 1043.
30
Ebd., S. 1041. Siehe auch Müller (1994), S. 374. Wichtig erscheint auch zu sein,
dass die Wirtschaftseliten keine homogene Gruppe bildeten und dass deshalb, wie
Rolf-Dieter Müller schreibt, ein spezielles „Rußlandbild“, isoliert von anderen ge-
sellschaftlichen Russlandbildern nicht zu erwarten sei. Zudem waren gerade die
Wirtschaftseliten weniger an den „Erscheinungen der Vergangenheit und der Kul-
tur, sondern den praktischen Geschäftsmöglichkeiten in Gegenwart und Zukunft“
interessiert. Müller (1994), S. 358.
31
Siehe auch: Gamm (1993), S. 63, S. 70. So hieß es, Hitlers Gastgeschenk an
Molotov sei eine signierte Luxusausgabe von ‚Mein Kampf‘ mit eigenhändigen
Radierungen der antirussischen Textstellen durch den Führer gewesen.
32
Sänger, Täuschungen, S. 360.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 197

verbirgt das Zwinkern nicht. Unsere Boten drückten es in Worten aus:


Das war doch der Weltfeind Nummer eins! Da aber auch sie nach den
Möglichkeiten einer KdF-Reise ans Schwarze Meer fragten, taten sie
kund, daß sie nicht anders denken als alle anderen offenbar.“33 Be-
zeichnend an dieser Schilderung ist besonders die Frage nach der KdF
(Kraft durch Freude)-Reise ans Schwarze Meer. Ob als Scherz gemeint
oder ernst, die Menschen verbanden offensichtlich mit der Sowjetunion
mehr als nur ein dumpfes antibolschewistisches Feindbild. Die über-
wiegende Reaktion der Menschen auf den Pakt, dies lässt sich auch an-
hand zahlreicher anderer Berichte erkennen, war die Freude über das
Ende der „Einkreisung“ und die Vermeidung eines Krieges:
Während die SoPaDe noch Unzufriedenheit registrierte, musste hin-
gegen sogar ein Regimegegner wie Ulrich von Hassell, der kein solch
unmittelbares Interesse mit seinen Aufzeichnungen verfolgte wie die
exilierten Sozialdemokraten, anerkennen, dass die meisten Menschen,
denen er begegnete, den Pakt als „taktischen Meisterzug“ der beiden
Diktatoren empfanden und die „Wiederaufnahme des historischen
Drahts zu Rußland“ begrüßten.34 Auch Alfred Rosenberg, der den Pakt
als eine Art persönliche Beleidigung empfand, musste anerkennen, dass
beim „Volk“ insgesamt die Erleichterung über das Ende der „Einkrei-
sung“ überwog.35 Persönlichkeiten, die man aufgrund ihrer Unter-
schiedlichkeit kaum in einem Atemzug nennen mag, wie der jüdische
Philologe Viktor Klemperer, der amerikanische Deutschlandkorrespon-
dent William Shirer oder der Propagandaminister Joseph Goebbels wa-
ren sich einig darin, dass die meisten Menschen den Pakt begrüßten.36
Der Botschafter in Moskau, der offensichtlich über Nacht zu großer
Popularität gelangt war, wurde mit Glückwunschtelegrammen aus

33
Sänger, Täuschungen, S. 360.
34
Hassell (1988), S. 113. Tagebucheintrag vom 27.8.1939.
35
Rosenberg (1956), S. 72.
36
Shirer (1991), S. 173f.; Klemperer (1995), S. 483, Tagebucheintrag vom
3.9.1939; Goebbels (1998), Bd.7, S. 73, S. 75, S. 76, Tagebucheinträge vom 23.,
24., 25.8.1939.
198 WIRKUNG DER PROPAGANDA

Deutschland überhäuft, die er im Wissen um den bevorstehenden An-


griff auf Polen mit gemischten Gefühlen entgegennahm.37 Auch der aus
anderen Gründen als die SoPaDe unzuverlässige Sicherheitsdienst der
SS meinte – mit wenigen Ausnahmen – eher Begeisterung als Miss-
stimmung zu erkennen.38 Wenn es zu ablehnenden Reaktionen kam,
scheinen diese auch eher der Tatsache geschuldet gewesen zu sein, dass
die Menschen sich hintergangen und belogen fühlten39; nur bei sehr
wenigen Reaktionen lässt sich jedoch erkennen, dass diese auch damit
zu tun hatten, dass eine Zusammenarbeit mit der Sowjetunion grund-
sätzlich abgelehnt wurde.40
Was die Menschen schon bald viel mehr beschäftigte als der Pakt war
zudem der Krieg. Hier zeigen neuere Studien, dass er nicht mit Begeis-
terung aufgenommen wurde, was aber weniger mit der Sowjetunion zu

37
Fleischhauer (1990), S. 402.
38
Bemerkenswert ist, dass in den Lageberichten unter anderem behauptet wurde,
die Presse hätte die deutsche Bevölkerung geschickt auf die politischen Ereignisse
des Jahres 1939 vorbereitet. Das Vorgehen „des Führers“ habe so zwar Überra-
schung, nicht aber Unsicherheit oder Ängstlichkeit hervorgerufen. Meldungen aus
dem Reich, Bd.2, S. 289. Der einzige Protest gegen den „Hitler-Stalin-Pakt“, der
in den Meldungen auftaucht und gesondert registriert wurde, ist der Fall des ka-
tholischen Kaplans Moder in Oberhufhausen, der in einer Predigt erklärt habe:
„Die Gefahr des Bolschewismus ist immer noch groß, sie ist durch die Verbrüde-
rung Stalins und Hitlers vergrößert worden.“ Der Bericht des SD bemerkt dazu
nüchtern: „Die Staatspolizei [wurde] verständigt.“ Ebd., S. 332. Jedoch hieß es in
einem anderen Bericht, sogar das Vordringen der Sowjetunion im Ostseeraum ge-
be kaum zu Befürchtungen Anlass. Ebd. S. 356. Insgesamt sei das Ziel der Propa-
ganda erreicht worden und die Stimmung habe sich gegen England gewandt. Ebd.,
S. 356.
39
Siehe z.B. die Aufzeichnungen Lili Hahns, in der sie u.a. eine Begegnung mit
einem Kellner beschreibt, der vollkommen „fassungslos“ war, nachdem er vom
Pakt erfahren hatte. Hahn (1979), S. 271. Siehe auch die zahlreichen Beschreibun-
gen des „Schocks“ in den Deutschlandberichten der SoPaDe. Wiederholt hätten
die Menschen geäußert, entweder sie würden jetzt belogen oder sie seien früher
belogen worden. Deutschlandberichte der SoPaDe, Nr. 6, 1939, S. 989 u.a.
40
Eine negative Reaktion lässt sich z.B. in den Tagebüchern des Wehrmachtsoffi-
ziers Helmuth Groscurth finden, der befürchtete, die Sowjetunion habe die deut-
sche Regierung über den Tisch gezogen. Auch einige am Zustandekommen Betei-
ligten waren skeptisch über den Wert des Abkommens. Vgl. Kleist (1950), S. 63ff.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 199

tun hatte, als vielmehr damit, dass die wenigsten sich einen erneuten
Krieg wünschten.41

4.2.3. Missbrauchtes Vertrauen? Über den Umgang der Deutschen mit


der Propaganda

Bereits lange Zeit vor der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen


Paktes tauchte in der deutschen Bevölkerung das Gerücht auf, Hitler
plane, sich Polen mit Russland zu teilen. Am 7. Juni 1939 notierte Vik-
tor Klemperer in seinem Tagebuch:

Für wie perfide das Volk ihn hält: Allgemein heißt es, er werde Polen zwischen
sich und Rußland aufteilen. Und wie wenig ihm daran liegt, die eigenen Unwahr-
heiten preiszugeben: Nie hatten wir Spanien (Franco) unterstützt, und jetzt wird
seit Tagen in ganzen Zeitungsseiten die spanische Legion Condor gefeiert mit ih-
ren Geschützen und Flugzeugen. Und jeden Tag eine Rede und eine Parade oder
Gefechtsübung zum Beweis unserer Unbesiegbarkeit und unseres ‚Friedenswil-
lens‘ […] Aber das Volk glaubt wirklich an Frieden. Er will Polen nehmen (oder
aufteilen), die ‚Demokratien‘ werden nicht einzugreifen wagen.42

Schon allein die Tatsache, dass Gerüchte über eine Zusammenarbeit


mit der „bolschewistischen“ Sowjetunion auftauchten, zeigt, wie gering
das Vertrauen in die Prinzipientreue der Regierung war. Es erscheint
so, als ob viele Leser deutscher Zeitungen dem, was die Regierung dort
behauptete, schon lange keinen Glauben mehr schenkten. Übrigens

41
Vgl.: Aly (2006). Auch der amerikanische Journalist William Shirer konnte kei-
ne Begeisterung erkennen. Shirer (2001), S. 445, S. 454. Auch ältere Forschungen
kamen zu dem Ergebnis, dass der Krieg nicht begeistert aufgenommen wurde. Je-
doch galt bisher als gewiss, dass der schnelle Sieg über Polen dann doch sehr zur
Popularität Hitlers und seines Regimes beitrug. Kershaw (2000), S. 334; Steinert
(1990), S. 58.
42
Klemperer (1995), S. 472f. Tagebucheintrag vom 7.6.1939, „Mittwoch abend“.
Hervorhebungen im Original.
200 WIRKUNG DER PROPAGANDA

musste dies nicht notwendigerweise die Popularität schmälern: wie


Viktor Klemperer deutlich macht, begriffen die Menschen die Propa-
ganda als ein Instrument, das der Täuschung des Gegners und der Er-
haltung des Friedens diente und damit legitim war.
Die Propagandisten hatten im Jahre 1939 Glück, dass ihre antibol-
schewistischen Polemiken unter anderem im regierungsoffiziellen
‚Völkischen Beobachter‘ nicht allzu ernst genommen worden waren.
Dass die meisten Leser die antibolschewistische Polemik nicht glaub-
ten, war den Propagandisten selbst nur allzu bewusst. So hatte es be-
reits 1937 in einer Presseanweisung geheißen: „An manchen Stellen fa-
enden sich wieder allerhand Meldungen ueber Sowjetrussland, von de-
nen man nicht recht sagen koenne, ob sie wahr oder falsch seien. Die
Grundlagen der neulich geruegten Nachrichten [...] habe man inzwi-
schen noch einmal nachgeprüft und festgestellt, dass sie recht truebe
gewesen seien. Wenn man dann solche Nachrichten groß herausbringe,
dann glaube schließlich ueberhaupt niemand mehr etwas von den Nach-
richten ueber Sowjetrussland.“43 Schon allein das „ueberhaupt nie-
mand“ deutet darauf hin, dass den Propagandisten bewusst war, wie
unglaubwürdig ihre gesamte antibolschewistische Pressekampagne
war44, ja dass sie selbst nur „ideologische Metaphern“ verbreiteten, die
in einfacher Phraseologie ausarteten.
Die Journalisten sahen vor allem die Widersprüchlichkeit als Grund
für die mangelnde Glaubwürdigkeit ihrer Kampagne an. Doch hieran
konnten sie auch bis zum Jahre 1939 wenig ändern. Um nur einen be-

43
PA, Nr.412, ZSg. 102/4/113 (2), 4.2.1937. In einer anderen Anweisung wurde
eine Zeitung ermahnt, die eine Warschauer Meldung übernommen hatte, in der
mehrere Verhaftungen gemeldet worden waren. Unter den angeblich Verhafteten
sei jedoch eine Person gewesen, die bereits vor 14 Tagen als erschossen gemeldet
worden sei. PA, Nr.1681, ZSg 102/6/22/49 (2), 7.7.1937.
44
Hinter den Falschmeldungen vermuteten die Leiter der Pressekonferenz übri-
gens „Ostjuden in Riga und Warschau“, die „nicht aus unfreundlicher Gesinnung
gegenueber der Sowjetunion Hersteller dieser falschen Nachrichten“ seien. Viel-
mehr versuchten diese Juden, die Glaubwürdigkeit der deutschen Propaganda zu
untergraben.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 201

sonders notorisches Beispiel noch aus der Zeit vor dem finalen Wider-
spruch, dem deutsch-sowjetischen Pakt, zu nennen: Im ‚Völkischen
Beobachter‘ wurde beständig propagiert, dass in der Sowjetunion „Ju-
den“ regieren und das Volk unterdrücken würden. Um dies zu belegen,
erstellte das Propagandaministerium Listen mit den Namen prominen-
ter, angeblich45 jüdischer Politiker, bei deren Nennung alle Journalisten
immer den jüdische Familienname hinzufügen mussten (so wurde der
Außenkommissar Maksim Litvinov im ‚Völkischen Beobachter‘ nur als
„der Jude Maxim Litwinow-Finkelstein“ bezeichnet). Das Problem
war, dass Stalin sich nicht darum kümmerte, ob ein Politiker jüdisch
oder nichtjüdisch war, sodass auch prominente Politiker jüdischer Her-
kunft Opfer der so genannten „Großen Säuberungen“ in den dreißiger
Jahren wurden. Der ‚Völkische Beobachter‘ und andere Zeitungen hat-
ten dann damit zu kämpfen, das Verschwinden so bekannter Bolsche-
wiki wie Trotzki, Sinoviev und Kamenev zu erklären. Die Strategie des
‚Völkischen Beobachters‘ war es offensichtlich, die Widersprüche
schweigend zu übergehen. So hieß es in der einzigen Reportage des
Jahres 1939 aus der Sowjetunion über die Ankunft des Autors an der
Grenzstation, dort würden vier Sockel stehen, aber auf nur zweien
stünden noch Büsten von Lenin und Stalin, die beiden anderen seien
leer. „Wahrscheinlich standen dort früher nunmehr ‚Liquidierte‘. Und
die Büsten der entsprechenden neuen Günstlinge sind noch nicht fertig.
Sie wechseln ja so schnell…“46 Wer die beiden ehemaligen „Günstlin-
ge“ waren, verschwieg der Autor, es lässt sich allerdings vermuten,
dass es sich um Opfer nationalsozialistischer antisemitischer Propagan-
da handelte, die nun in der Tat „liquidiert“ worden waren. Der Wider-
spruch zu der sonst propagierten Behauptung, die Sowjetunion werde
von Juden regiert, war damit nur notdürftig übertüncht und dürfte zu-

45
Es wurde nicht besonders darauf geachtet, ob die Information, ein Politiker sei
„jüdisch“ tatsächlich stimmte. Layton (1970), S. 378.
46
N.N.: Reise ins Sowjetparadies, VB, NA, 11.1.1939, S. 1.
202 WIRKUNG DER PROPAGANDA

mindest denjenigen Lesern, die sich für die Sowjetunion interessierten,


nicht entgangen sein.
Die Berichterstattung über die Sowjetunion im gesamten Jahr 1939
war dann ein einziger Widerspruch, sodass man versucht ist, dem Pro-
pagandaminister mit seinen eigenen Worten zuzurufen: Joseph, „mit
wem verkehrst du da?“47 Die Lüge, falls man sie angesichts des grund-
sätzlichen und allgemein bekannten zynischen Umgangs der Regierung
mit der Presse denn als solche empfand, war einfach zu offensichtlich,
als dass sie hätte übersehen werden können. In einem Bericht der So-
PaDe aus Mitteldeutschland hieß es: „Ich höre immer wieder sagen:
entweder sind wir 6 Jahre lang über Rußland angelogen worden oder
wir werden jetzt angelogen.“48 Wirklich schockiert waren die Men-
schen aber nicht über diese Lüge. Denn vermutlich hatten die Deut-
schen bereits gelernt, dass man der deutschen Presse und schon gar
nicht den radikalen Parteiblättern alles abnehmen musste, und vermut-
lich ist gerade die antibolschewistische Pressekampagne eines der bes-
ten Beispiele hierfür. Das Ergebnis der Propaganda war, wie David
Bankier schreibt, nicht die Politisierung und Mobilisierung, sondern das
genaue Gegenteil: „Die Leute hatten die Politik satt und verloren das
Interesse daran“49 Auch die antibolschewistische Propaganda war somit
auf ein wenig aufnahmebereites Publikum getroffen, das sich bereits an
einen ebenso zynischen Umgang mit der Propaganda und insbesondere
der Parteipresse50 gewöhnt hatte, wie die Propagandisten selbst. Banki-
er spricht von einer „Kluft zwischen dem Realitätssinn der Leute und
dem Bild, das die Medien verbreiteten.“51 Der deutsch-sowjetische Pakt

47
Der Propagandaminister, Goebbels, selbst hatte im April dies noch in einem
Kommentar spöttisch der, wie er sagte, „englischen Moraltante“ zugerufen: „Elsa,
mit wem verkehrst du da?“ Joseph Goebbels: Lord Halifax macht Witze, VB, NA,
22.4.1939, S. 2. Siehe auch Abschnitt 3.3.1.e)
48
Deutschlandberichte, 6. Jahrgang 1939, S. 982.
49
Bankier (1995), S. 28.
50
Bankier (1995), S. 37.
51
Bankier (1995), S. 36.
DIE LESER IN DEUTSCHLAND 203

dürfte die Deutschen in dieser Auffassung bestärkt haben. Dies schmä-


lerte nicht notwendigerweise die Popularität des Regimes, die Wirk-
samkeit antibolschewistischer Propaganda dürfte aber durchaus in Mit-
leidenschaft gezogen worden sein.

4.2.4. Verwirrung und Rückbesinnung


Außer ihrer Polemik hätte die deutsche Presse noch eine weitere
wichtige Aufgabe ausfüllen sollen: die seriöse Information. Tendenziell
dürfte ein Blatt wie der ‚Völkische Beobachter‘ jedoch eher zur Ver-
wirrung beigetragen haben und nicht zur Aufklärung über das, was
wirklich in der Sowjetunion vor sich ging. Die Presse des Jahres 1939
trug weder in ihrer Polemik noch in ihrer kurz darauf geübten Zurück-
haltung etwas zur Lösung des „Rätsels“ Russland, wie es Admiral Kurt
Fricke im Jahre 1940 bezeichnete, bei. Fricke, der beispielhaft für die
deutschen Militärs gesehen werden kann52, bereitete es offensichtlich
Probleme, die rein propagandistischen Klischees von der Wirklichkeit
zu trennen. Er wollte jedenfalls nicht uneingeschränkt an ein Aufbegeh-
ren der sowjetischen Bevölkerung gegen die Machthaber, wie es der
‚Völkische Beobachter‘ vor der deutsch-sowjetischen Annäherung (bis
Mai) propagiert hatte, glauben. Sicher sei lediglich, dass die Masse des
Volkes unglücklich sei. Wie weit sie von verzweifelten Taten entfernt
sei, ließe sich hingegen kaum beurteilen. Insgesamt glaubte er jedoch,
wie fast alle anderen Militärs auch, die Sowjetunion sei militärisch –
vor allem wegen der „Großen Säuberungen“ – schwach, innerlich zer-
rissen und könne schnell besiegt werden. Die Nachrichten aus Rußland
würden jedenfalls sehr widerspruchsvoll klingen.53 Frickes Äußerungen
zeugen von dem geringen Vertrauen, das er den eigenen, ebenfalls zu-
nehmend propagandistisch gefärbten Informationen54 entgegenbrachte

52
Hillgruber (1994), S. 132ff.
53
Zitiert in Hillgruber (1994), S. 132. Siehe auch: Salewski (1973), S. 137ff.
54
Zeidler (1994), S. 118.
204 WIRKUNG DER PROPAGANDA

und von einer allgemeineren Ungewissheit, die vermutlich auch daher


rührte, dass es mit Ausnahme der Berichte Pörzgens von der ‚Frankfur-
ter Zeitung‘ keine kontinuierliche, investigative und vielseitige Presse-
berichterstattung aus der Sowjetunion gab. Niemand wusste, wem er
glauben sollte: den nicht unbedingt schlecht informierten Hetzern aus
dem Außenpolitischen Amt der NSDAP, Alfred Rosenberg, Harald
Siewert und anderen? Den Propagandisten im Auswärtigen Amt und
den Mitarbeitern der Moskauer Botschaft, die den Pakt herbeigeführt
hatten und danach im Propagandaapparat ihren Einfluss ausbauten55?
Eine deutsche Zeitung wie der ‚Völkische Beobachter‘ dürfte mit ih-
rer widersprüchlichen, wenig ausführlichen, zunächst ideologisch ge-
färbten und später instrumentell zur Begründung des Paktes eingesetz-
ten Berichterstattung über den inneren Zustand der Sowjetunion kaum
Licht in das Dunkel gebracht haben, was auch dazu beigetragen haben
dürfte, dass selbst deutsche Politiker und Militärs in ihrer Vorbereitung
des Krieges gegen die Sowjetunion im Jahre 1941 sich auf stereotype
Vorstellungen vom „tönernen Koloss“, der bereit sei für den inneren
Zusammenbruch, besannen und den Grad der inneren Konsolidierung
der sowjetischen Herrschaft vollkommen unterschätzten. Aufgrund der
Widersprüchlichkeit der Propaganda wusste am Ende niemand mehr,
welche Informationen über die Sowjetunion glaubwürdig waren und
welche aus unterschiedlichen propagandistischen Motiven verbreitet
wurden. Viel eher noch als die antibolschewistische Indoktrination soll-
te sich diese verwirrende Informationspolitik, die Tür und Tor für die
Wiederbelebung stereotyper Vorstellungen öffnete, im Krieg als fatal
erweisen.

55
Longerich (1987), S. 135ff.
ZUSAMMENFASSUNG

5. Zusammenfassung

In älteren Arbeiten über den NS-Staat galt die nationalsozialistische


Propaganda als ungeheuer wirkungsvoll und ihr wurde eine geradezu
hypnotisierende Kraft zugesprochen. Walter Hagemann schrieb, es ge-
be „wenige Nationen in der Welt, die mit gutem Gewissen von sich be-
haupten dürfen, daß sie unter gleichen äußeren Umständen einem derar-
tigen publizistischen Generalangriff nicht ebenso erlegen wären wie das
deutsche Volk.“1 Weiter spricht Hagemann von „Zauberformeln“, mit
denen Hitler die Öffentlichkeit verführt habe.2 Die These von der unge-
heuren Wirksamkeit nationalsozialistischer Propaganda ist vielfach wi-
derlegt worden3 und man bräuchte sich damit nicht länger aufzuhalten,
wenn sie sich nicht bis heute in der Literatur über das Dritte Reich ge-
legentlich an unerwarteter Stelle wieder auftauchen würde. So glaubt
selbst ein Historiker wie Ian Kershaw, der sich besonders ernsthaft mit
nationalsozialistischer Propaganda auseinandergesetzt hat4, dass zu-
mindest die antibolschewistische Propaganda wirksam gewesen sei, ja
dass die entsetzliche Brutalität des „Vernichtungskrieges“ ohne sie
kaum vorstellbar sei.5
Das Ziel dieser Arbeit war es nicht, diese Thesen zu widerlegen, son-
dern vielmehr, die Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ über
die Sowjetunion im Jahre 1939 möglichst genau und erschöpfend zu
analysieren. Hierbei zeigte sich allerdings, dass die antibolschewisti-
sche Propaganda zumindest im Jahre 1939 mit Zauberei, wie Hage-

1
Hagemann (1948), S. 10.
2
Hagemann (1948), S. 114.
3
Siehe z.B. Longerich (1993), S. 293.
4
Kershaw selbst hat besonders vehement den Mythos von der ungeheuren Wirk-
samkeit nationalsozialistischer Propaganda hinterfragt. Vgl. Kershaw (1983).
5
Kershaw (2006), S. 104.
206 ZUSAMMENFASSUNG

mann meint, wenig zu tun hatte. Vielmehr war sie nüchtern und zynisch
kalkuliert, aber auch, wie sich anhand einer Auswertung der Berichter-
stattung über die Sowjetunion des quasiregierungsoffiziellen Leitmedi-
ums ‚Völkischer Beobachter‘ im Jahre 1939 zeigt, plump strukturiert
und vor allem extrem widersprüchlich.
Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit wurden die Ziele, die die Na-
tionalsozialisten mit ihrer Propaganda erreichen wollten, zusammenge-
fasst. Die Sowjetunion schien sich aus unterschiedlichen Gründen vor-
züglich als Feindbild zu eignen: Erstens gab es Fanatiker vom Schlage
eines Alfred Rosenberg, die schon allein aufgrund ihrer tiefen politi-
schen Überzeugung beständig gegen den „Bolschewismus“ scharfzu-
machen versuchten. Andere hatten nicht derartige persönliche Bindun-
gen zu Russland; dazu gehörten Joseph Goebbels und Adolf Hitler, die
jedoch ebenfalls ideologische Motive mit ihrer Hetze gegen die Sow-
jetunion verbanden: Insbesondere den radikalen Antisemitismus mein-
ten sie mit ihren propagandistischen Konstruktionen von der „jüdisch-
bolschewistischen Revolution“ in Russland und den katastrophalen
Folgen bestätigen zu können. Zu diesen ideologischen kamen pragmati-
sche Motive: Die Sowjetunion eignete sich als Feindbild, da sie weit
weg war, die Propaganda nicht überprüft werden konnte und da auch in
vielen anderen Ländern die führenden Politiker der Sowjetunion nicht
freundlich gesinnt waren. Der Antibolschewismus konnte propagandis-
tisch deshalb beinahe universell eingesetzt werden: als Gegenbild zum
nationalsozialistischen Deutschland, als Beispiel für die angebliche
Verwerflichkeit Niedertracht der Juden, als Feind und Gefahr für die
gesamte europäische Zivilisation, gegen den Deutschland mobil ma-
chen müsse und auch außenpolitisch erwies sich der deutsche Antibol-
schewismus als nützlich dabei, Bündnisse zu schmieden.
Im Jahre 1939 unterzogen die Nationalsozialisten sich und ihren Pro-
pagandaapparat einer Belastungsprobe oder, im Nachhinein könnte man
sagen, einer Art Feldversuch: sie stellten die antibolschewistische Pro-
paganda von einem Tag auf den anderen ein. Im zweiten Teil dieser
ZUSAMMENFASSUNG 207

Arbeit wurde beschrieben, wie der ‚Völkische Beobachter‘ im Jahre


1939 auf diese fast vollständige Umkehr reagierte. Der Übergang von
antibolschewistischer auf prosowjetische Propaganda erwies sich in
vielerlei Hinsicht als entlarvend: in der Phase des Übergangs zeigt sich,
dass das Regime es bis zu diesem Zeitpunkt nicht geschafft hatte, die
Menschen (in diesem Falle der Redaktion) antibolschewistisch zu in-
doktrinieren und ihre Gedanken damit „gleichzuschalten“. Während der
vehement antibolschewistische Herausgeber des ‚Völkischen Beobach-
ter‘, Alfred Rosenberg, und sein Mitarbeiter aus dem Außenpolitischen
Amt der NSDAP, Harald Siewert, sich vermutlich in ihrem Antibol-
schewismus auch nach dem Pakt nicht beirren ließen und sich deshalb
nur noch möglichst wenig und unbestimmt über die Sowjetunion äußer-
ten, gab es andere in der Redaktion des ‚Völkischen Beobachters‘, die
trotz jahrelanger antibolschewistischer Polemik die deutsch-sowjetische
Annäherung propagandistisch unterstützten und versuchten, diese nati-
onalsozialistisch-weltanschaulich einzuordnen. Das beste Beispiel hier-
für ist der Leiter des Auslandsressorts, Theodor Seibert, der als ehema-
liger Korrespondent in Moskau von der neuen Entwicklung geradezu
begeistert schien und versuchte, die Sowjetunion in Konstrukte des
Kampfes der totalitären, revolutionären und jungen Nationen im Kampf
gegen den alten, verbrauchten, demokratisch-kapitalistischen Westen
einzuordnen.
Man stellt sich unwillkürlich die Frage, wie das alles zusammenpas-
sen sollte: zunächst antisemitisch-antibolschewistische Propaganda und
dann die Einordnung der Sowjetunion in eine Koalition der totalitären
Staaten gegen den kapitalistischen Westen. Die Antwort muss wohl
lauten, dass das Ergebnis des großen Aufwandes, den das Regime im
Jahre 1939 mit der Gängelung und Kontrolle der Journalisten betrieb,
in höchstem Maße widersprüchlich war. Dies lag schon allein daran,
dass die Pressepolitik überaus sprunghaft in der Form von „Kampag-
nen“ betrieben wurde, während derer jeweils zu einem bestimmten
Thema immer dieselben Aussagen wiederholt wurden. Im Jahre 1939
208 ZUSAMMENFASSUNG

waren dies zunächst die antisemitische und die damit verbundene anti-
bolschewistische Pressekampagne, die mit den Novemberpogromen des
Jahres 1938 begann und im Februar 1939 auslief. Kurz darauf begann
eine neue Kampagne gegen Großbritannien und angebliche gegen
Deutschland gerichtete „Einkreisungsversuche“, während gleichzeitig
im Mai, mit der Entlassung des sowjetischen Außenkommissars, Mak-
sim Litvinov, die antisowjetische Pressekampagne vollständig einge-
stellt werden sollte. Obwohl die „Sowjetunion als Staat“ nun nicht
mehr angegriffen werden sollte, durfte jedoch gleichzeitig, auf anderer
Ebene, der „Bolschewismus im Allgemeinen“, wie es in der Pressekon-
ferenz hieß, weiterhin polemisiert werden: im Zusammenhang mit der
Bündnispropaganda. Dass die Propaganda eine Art Allzweckwaffe sein
sollte, zeigte sich endgültig, als wiederum gleichzeitig eine antipolni-
sche Kampagne angezettelt wurde, die allmählich alle anderen Argu-
mente überlagerte. Die Inhalte der jeweiligen Kampagnen überschnitten
und widersprachen sich teilweise. Diese Widersprüche sollten durch
Herausstellen immer gleicher Feindbilder – Juden, Marxisten, Bol-
schewisten – überspielt werden. Schon allein, weil die Propagandisten
für immer neue Ziele der Regierung nach Argumenten suchten, wäh-
rend ihnen zunehmend die Verwendung des antibolschewistischen Kitts
untersagt wurde, wurde die Propaganda bereits bei der Vorbereitung
des Paktes immer widersprüchlicher.
Die Mitarbeiter des ‚Völkischen Beobachters‘ hatten jeweils die Auf-
gabe, Begründungen und Rechtfertigungen zu liefern, der endgültige
Widerspruch ergab sich jedoch mit der Verkündung des deutsch-
sowjetischen Nichtangriffspaktes. Der Propagandaapparat konnte ledig-
lich reagieren und nicht agieren: Die Redakteure des ‚Völkischen Be-
obachter‘ hatten keine Zeit, ein neues, weniger einseitiges und verein-
fachendes Bild von der Sowjetunion zu entwerfen, sodass alle Kon-
struktionen von Gemeinsamkeiten zwischen dem angeblich konflikt-
freien nationalsozialistischen Deutschland und der zuvor angeblich
vollkommen verwerflichen Sowjetunion sich theoretisch gegen die
ZUSAMMENFASSUNG 209

Propagandisten selbst wenden musste. Theoretisch deshalb, weil dies


nur dann der Fall war, wenn auch alle Leser des ‚Völkischen Beobach-
ter‘ tatsächlich daran glaubten, dass der Bolschewismus für alle Übel
dieser Welt verantwortlich sei und dass es in der Sowjetunion nichts als
Elend und Unterdrückung gebe. Den Lesern und auch den Propagandis-
ten selbst musste der Pakt also entweder als in höchstem Maße gefähr-
lich erscheinen (immerhin handelte man sich hier den „Weltfeind Nr.1“
als Verbündeten ein), oder aber sie mussten erkennen, dass alles, was
ihnen bisher vorgesetzt worden war, lediglich Lug und Trug und Pro-
paganda in ihrer zynischsten Form gewesen war.
Die Reaktion der Mitarbeiter des ‚Völkischen Beobachters‘ deutet da-
rauf hin, dass sie eher zu letzterer Annahme neigten. Gerade einem
Journalisten wie Theodor Seibert dürfte bewusst gewesen sein, dass die
Russlandberichterstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ wenig mit der
wirklichen Sowjetunion zu tun hatte, sondern dass es sich um reine
Propaganda handelte, die verbreitet wurde, weil die deutsche Regierung
glaubte, damit bestimmte Wirkungen bei den Lesern zu erzielen. Die
Propagandisten hatten sich also nicht darum zu kümmern, ob das, was
sie schrieben, einer, wie auch immer zu definierenden, „Wahrheit“ ent-
sprach, sondern sie sollten dem Regime dienen, egal in welche Rich-
tung sich dieses bewegte. Gewiss zogen sich diejenigen, deren politi-
sches Wirken ganz auf den Antibolschewismus abgestellt war, vorläu-
fig aus der Propaganda zurück. Die restlichen Mitarbeiter bewiesen
hingegen, wie bereitwillig sie den Machthabern folgten. Dies hatte
nichts mit Furcht zu tun, denn es wäre nicht notwendig gewesen, sich
hervorzutun durch besonders vehemente Unterstützung des deutsch-
sowjetischen Paktes. Die Journalisten hätten auch scheinbar willenlos
die Presseanweisungen umsetzen können, ohne den Pakt in weitrei-
chende ideologische Konstrukte einzuordnen. Theodor Seibert und vie-
le andere Redaktionsmitglieder entschieden sich jedoch dafür, dem
Führer „entgegenzuarbeiten“ und einen Versuch zu unternehmen, die
neue politische Lage zu begründen und zu rechtfertigen. Der ideologi-
210 ZUSAMMENFASSUNG

sche Antibolschewismus, den sie selbst noch kurz zuvor verbreitet hat-
ten, spielte dabei ebenso wenig eine Rolle wie der Vertrauensbruch und
die Lügen, derer sie Hitler hätten bezichtigen können.
Damit ist bereits angedeutet, wie auch die Leser einer Zeitung wie
dem ‚Völkischen Beobachter‘, der in vielerlei Hinsicht als beispielhaft
für die deutsche Presse angesehen werden kann, auf die zahlreichen
Widersprüche reagierten: Sie hatten die Presse vermutlich als das ange-
sehen, was sie war, nämlich Propaganda, die es mit der Wahrheit nicht
allzu genau nahm. Im letzten Teil der Arbeit über die Wirkung der wi-
derspruchsvollen Propaganda zeigt sich, dass die meisten Menschen ei-
ner Auswertung der wichtigsten einschlägigen Quellen zufolge nur
oberflächlich antibolschewistisch „indoktriniert“ worden waren, bzw.
dass sie nur teilweise den Darstellungen Glauben schenkten, wonach
das sowjetischen Regime sie bedrohe und alle Völker vernichten werde,
wenn der Nationalsozialismus sich nicht zur Wehr setze. Die Leser
entwickelten vermutlich auch keinen fanatischen Hass auf die Sowjet-
union, wie ihn sich der viel stärker persönlich vom „Bolschewismus“
betroffene Alfred Rosenberg vermutlich gewünscht hätte. Wiederum
zeigt sich dies am deutlichsten an den Reaktionen auf den Pakt: Die
meisten Menschen bekundeten ihre Freude darüber, dass ein Krieg ab-
gewendet werden konnte. Dass der Pakt ausgerechnet mit dem Erzfeind
und „Kulturvernichter“ Sowjetunion abgeschlossen worden war, sorgte
eher für Erheiterung als für Protest und Sorgen. Die Erleichterung war
natürlich auch Folge davon, dass die Sowjetunion als Bedrohung wahr-
genommen worden war, dies aber vermutlich weniger, weil diese „bol-
schewistisch“ war und die Deutschen einen von der Propaganda ge-
schürten unbändigen Hass auf dieses doch recht weit entfernte Phäno-
men hegten, sondern vielmehr aufgrund der Bedrohung durch einen
Zweifrontenkrieg, den sich niemand, noch nicht einmal Hitler, herbei-
sehnte.
Es würde sich vermutlich lohnen, an dieser Stelle noch etwas genauer
nachzuforschen. Denn die von einigen Historikern vertretene Ansicht,
ZUSAMMENFASSUNG 211

dass das nationalsozialistische „Russlandbild“ mit seinen „unvergleich-


lich negativen und aggressiven Zügen [...] der ideelle beziehungsweise
ideologische Motor für jene historisch beispiellose Auseinanderset-
zung, die wir als ‚Vernichtungskrieg’ bezeichnen“6, gewesen sei, er-
scheint nicht ausreichend durchdacht und belegt: Schon allein die Tat-
sache, dass die Deutschen in den zwei Jahren vor Beginn des Krieges
gegen die Sowjetunion eben nicht antibolschewistisch indoktriniert
wurden und in dieser Zeit ganz gut ohne das „unvergleichlich negative
Russlandbild“ Kriege führen, Ghettos und Konzentrationslager errich-
ten konnten, sollte zu denken geben. Und, wenn man es genau nimmt,
waren auch diese Kriege nicht von langer Hand propagandistisch vor-
bereitet worden: So galten Deutschland und Polen noch im März des
Jahres 1939 als Verbündete. Es scheint deshalb wichtig zu sein, Vor-
kriegspropaganda von Kriegspropaganda stärker zu trennen7; allgemein
gilt es jedoch, die starke Vereinfachung, die nationalsozialistische anti-
bolschewistische Propaganda sei besonders wirksam gewesen, zu hin-
terfragen. Falls sich dabei die These bestätigen sollte, dass die antibol-
schewistische Propaganda eine extrem widersprüchliche und deshalb
extrem erfolglose Propaganda gewesen sei, gilt es weiter, diesen Be-
fund einzuordnen: Welche Bedeutung hat es, wenn die extreme Brutali-
tät des Vernichtungskrieges nicht mit propagandistischen Indoktrinati-
onsversuchen erklärt werden kann? Und welche Rolle spielten Propa-
ganda und Ideologie im Krieg?
In dieser Arbeit wurde der Versuch unternommen, den gesamten
Kommunikationsprozess vom Regime zu den Medien zur Öffentlich-
keit zu einem bestimmten Thema, der antibolschewistischen Propagan-
da, nachzuvollziehen. Ich denke, dass sich dieser Weg weiterverfolgen
ließe. So könnte nach Wechsel- und Rückwirkungen gefragt werden
(z.B. wie reagierte das Regime auf die Presseberichterstattung und wie
reagierte die „Öffentlichkeit“ hierauf? Nahm das Regime die Reaktion

6
Wette (1994), S. 57.
7
Gellatelly (2003), S. 10 und S. 355.
212 ZUSAMMENFASSUNG

der Öffentlichkeit korrekt wahr? Änderten die Reaktionen des Regimes


etwas an der Berichterstattung?) Auch würde es sich vermutlich lohnen,
die Wirkung der Presseberichterstattung noch genauer zu analysieren,
um dem Zusammenhang zwischen überkommenen Einstellungen und
neuen Einflüssen durch die Propaganda genauer zu verstehen. Zuletzt
könnte es sich auch lohnen, gerade die Berichterstattung über die Sow-
jetunion noch ausführlicher und in mehr deutschen Zeitungen zu unter-
suchen, um so die nationalsozialistischen Einstellungen gegenüber
Russland und der Sowjetunion in ihrer gesamten Widersprüchlichkeit
zu erfassen. Gerade das Jahr 1939 ist hierbei besonders interessant,
denn die Ansichten, die zuvor durch die Gleichschaltung der Presse un-
terdrückt worden waren, brachen nun hervor, wie als Beweis dafür,
dass das nationalsozialistische Regime zwar die Öffentlichkeit nach au-
ßen hin „gleichschalten“ konnte, dass einfache Propaganda aber die
Gehirne nicht „waschen“ und die Menschen nicht gänzlich aller Vor-
eingenommenheiten, Eigenständigkeit des Denkens und eigener Mei-
nungen berauben kann.
ANHANG

Anhang:

Ergebnisse der quantitativen Auswertung der Inhalte der Bericht-


erstattung des ‚Völkischen Beobachters‘ über die UdSSR im Jahre
1939

A. Anmerkungen zur Methode der statistischen Auswertung

Die Vielfalt der Themen, bei denen die Sowjetunion in der einen oder
anderen Weise im Jahre 1939 eine Rolle spielte, bedeutet gleichzeitig,
dass sehr viel Material zur Verfügung steht, das jeweils statistisch aus-
gewertet werden kann. Dabei ergibt sich das Problem, dass eine reine
Quantifizierung nach verschiedenen Themen weniger über die Bericht-
erstattung über die Sowjetunion aussagt, als vielmehr über die jeweils
anderen Themen: So sagt die Quantifizierung der Berichte aus dem
Spanischen Bürgerkrieg, bei denen die sowjetische Beteiligung fast
immer erwähnt wurde, mehr über die Entwicklungen in Spanien aus als
über die Veränderung der Berichterstattung des ‚Völkischen Beobach-
ters‘ bezogen auf die Sowjetunion. Auch die Quantifizierung der Po-
lenberichterstattung, bei der die Sowjetunion zunächst eine nur unter-
geordnete Rolle spielte, sagt mehr über die deutsch-polnischen Bezie-
hungen als über die deutsch-sowjetischen Beziehungen aus. Das Prob-
lem kann nur gelöst werden, indem die jeweiligen Artikel auch nach
inhaltlichen Gesichtspunkten ausgewertet werden: Wie viel Prozent der
Artikel über den Spanischen Bürgerkrieg enthalten eindeutig antibol-
schewistische Polemik? In wie viel Prozent der Artikel über Polen wird
die Sowjetunion erwähnt? In wie viel Prozent der Artikel aus Großbri-
tannien und Frankreich wird die Sowjetunion erwähnt? Wie entwickeln
sich diese Anteile?
Eine derartige Auswertung würde einen erheblichen Aufwand bedeu-
ten: Fast sämtliche außenpolitische Artikel des ‚Völkischen Beobach-
214 ANHANG

ters‘ müssten gezählt und inhaltlich ausgewertet werden. Dieser Auf-


wand steht in keinem Verhältnis zum möglichen Ertrag: Die Entwick-
lung der prozentualen Anteile dürfte die grundsätzliche Entwicklung
der deutsch-sowjetischen Beziehungen im Sommer des Jahres 1939 wi-
derspiegeln, ohne dass irgendwelche grundsätzlichen Abweichungen
von dem, was jeweils in den Presseanweisungen gefordert wurde, zu
erwarten sind. In der vorliegenden Arbeit wurde zwar versucht zu zei-
gen, dass die Journalisten sich aus verschiedenen Gründen nicht immer
an die Presseanweisungen hielten, dies wurde jedoch erst durch einen
genauen Textvergleich der Presseanweisungen mit den Inhalten des
‚Völkischen Beobachters‘ deutlich, eine Quantifizierung dürfte hier
keine neuen Erkenntnisse bringen.
Dennoch wurde versucht, eine Quantifizierung für bestimmte Teilbe-
reiche vorzunehmen. Besonders aussagekräftig erschien die Berichter-
stattung über die innere Entwicklung der Sowjetunion, in der die grund-
legenden Tendenzen (insbesondere der Rückgang der Berichterstattung
ab Mai 1939) und die Veränderung der Wortwahl besonders deutlich
werden: der Rückgang der antisemitischen Polemik im Februar, der all-
gemeine Rückgang der Berichterstattung ab Mai 1939 oder auch die
häufigere Verwendung der Bezeichnung „Rußland“ nach der Unter-
zeichnung des Paktes im September 1939. Die Daten zur inneren Ent-
wicklung bilden die grundlegende Tendenz korrekt ab, wobei zusätz-
lich angemerkt werden sollte, dass die wenigen Artikel von Mai bis
August sämtlich im hinteren Teil des ‚Völkischen Beobachters‘ er-
schienen und dass es sich meist um sehr kurze Meldungen handelte.
Die Entwicklung der Zeilenzahl würde also dieselbe Entwicklung auf-
zeigen wie die bloße Quantifizierung der Artikel: einen starken Rück-
gang der Berichterstattung über die Sowjetunion ab Februar 1939. Da-
ran änderte sich bis Ende des Jahres 1939 nichts Grundsätzliches, auch
wenn im September einige etwas ausführlichere Artikel erschienen.
Neben der innenpolitischen Berichterstattung wurde untersucht, wel-
che Kommentatoren wann wie viele Artikel im ‚Völkischen Beobach-
ANHANG 215

ter‘ veröffentlichten. Hierbei zeigen sich ebenfalls einige interessante


Entwicklungen, die in Abschnitt 2.2. dieser Arbeit beschrieben wurden.
Zuletzt wurde noch die für das Thema Sowjetunion in mancherlei Hin-
sicht wichtigste Kampagne des Jahres 1939 herausgegriffen: die Kam-
pagne gegen die „Einkreisung“ von April bis August 1939. Diese wur-
de vollständig quantifiziert und nach der Herkunft und Art der jeweili-
gen Berichte zu diesem Thema untergliedert. Die Ergebnisse dieser
Analyse wurden teilweise in den Abschnitten 3.1., 3.2.3., 3.3.1.e) und
3.3.2.e) aufgegriffen. Obwohl zu erwarten war, dass diese Kampagne
für die Quantifizierung am interessantesten sein würde, sind die Ergeb-
nisse weniger bemerkenswert als erhofft. Dies liegt vor allem daran,
dass die Quantifizierung zu wenig über die Inhalte der Kampagne aus-
sagt. Sinnvoller als die hier angewandte Methode der Quantifizierung
könnte deshalb, wie beschrieben, eine quantitative Inhaltsanalyse sein,
bzw. eine statistische Auswertung auch nach inhaltlichen Aspekten.
Doch auch hier ist zu hinterfragen, ob sich der Aufwand der inhaltli-
chen Auswertung von über 400 Artikeln lohnen würde, zumal die we-
sentlichen Entwicklungen auch ohne dies eindeutig beschrieben werden
können.
Zuletzt sei noch einmal darauf hingewiesen, dass die statistischen Da-
ten sich keinesfalls für die Analyse der Wirkung der Berichterstattung
eignen. Denn heftige und beständige Polemik kann zwar zur Indoktri-
nation der Menschen führen, kann aber auch Überdruss bewirken und
das genaue Gegenteil von dem, was die Propagandisten eigentlich be-
absichtigten. Auch kann die häufige Verwendung eines Stereotyps ein
Zeichen dafür sein, dass dieses weit verbreitet ist und Eingang gefun-
den hat in die Alltagssprache; es kann aber auch bedeuten, dass die
Propagandisten das Stereotyp aus propagandistischen Motiven verbrei-
ten und glauben, dass es eben noch nicht in die Alltagssprache einge-
gangen sei. In demokratischen Gesellschaften, in denen man den Jour-
nalisten nicht notwendigerweise propagandistische Motive unterstellen
muss, mag die Quantifizierung geeignet erscheinen, um der Verbrei-
216 ANHANG

tung von Stereotypen auf die Spur zu kommen. Für die Zeit des Natio-
nalsozialismus sollte man hier vorsichtiger sein, denn die persönliche
Einstellung eines Redakteurs bestimmte nur zu einem kleinen Teil den
Inhalt der Artikel. Vielfältige andere Motive, Ziele und vor allem
Zwänge bestimmten, was geschrieben und veröffentlicht wurde und
was nicht.

B. Innere Entwicklung der Sowjetunion nach Monaten (in den Spalten je-
weils angegeben: Zahl der Artikel im jeweiligen Zeitraum und ihre prozen-
tualen Anteile)

J F M A M J J A S O N D
Innere Ent- 28 6 8 9 7* 3 3 5** 11 3 3 3
wicklung
(gesamt)
Davon erkenn- 14 4 4 4 1* - - - - - - -
bar antisemi-
tisch***
Prozentualer 50% 66% 50% 44% 14% - - - - - - -
Anteil der anti-
semitischen Ar-
tikel

Unterteilt nach
Themen:****
Wirtschaft 4 0 1 2 1 - - 2 3 3 1 1
Innenpolitik 8 3 3 3 3 - 1 - 2 - - -
Militär 2 1 0 2 1 1 - 1 4 - 2 1
Gesellschaft 14 2 4 2 2 2 2 2 3 - - 1

* Von den sieben Artikeln zur inneren Entwicklung im Mai erschien ei-
ner vor dem Bekanntwerden der Entlassung Maksim Litvinovs, am 4. Mai
ANHANG 217

1939. Dieser Artikel von Harald Siewert war noch in der üblichen antibol-
schewistischen Tendenz gehalten. Unter anderem hieß es dort: „In erster
Linie waren es Juden, die in der Innenpolitik wie der Welt der Kunst und
Literatur mit den heiligsten Gütern der Russen Schindluder trieben. [...]
Die bolschewistische Kulturpolitik liegt ausschließlich in den Händen der
Sowjetjuden“. Vgl. Harald Siewert: Was geht in der Sowjetunion vor? VB,
NA, 4.5.1939, S. 7.
** Von den fünf Artikeln zur inneren Entwicklung im August erschienen
drei nach dem 22. August, d.h. nach der Unterzeichnung des deutsch-
sowjetischen Handels- und Kreditabkommens, sowie einen Tag später des
deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages.
*** Mit „erkennbar“ antisemitisch sind diejenigen Artikel gemeint, in
denen sich abfällige Äußerungen über Juden finden lassen und Andeutun-
gen der bekannten nationalsozialistischen antisemitischen Verschwörungs-
theorie. Hierzu sind u.a. Artikel zu zählen, in denen von der Unterdrückung
des „russischen Volkes“ durch die „jüdisch-bolschewistischen“ Herrscher
die Rede ist und Artikel, in denen sowjetische Politiker mit dem Attribut
„jüdisch“ oder „jüdisch-bolschewistisch“ sowie mit ihrem jüdischen Fami-
liennamen genannt und als „verbrecherisch“ oder Ähnliches bezeichnet
werden.
**** Bei den innenpolitischen Themen geht es jeweils um die innere
Entwicklung, das heißt, es wurden nur Artikel einbezogen, die tatsächlich
von solchen Vorgängen und Veränderungen in der Sowjetunion handeln,
die nicht unmittelbar mit der Außenpolitik zu tun haben. So wurden nur
Wirtschaftsartikel einbezogen, die tatsächlich den Zustand der sowjeti-
schen Wirtschaft beschreiben und nicht die Artikel, die etwas über den
deutsch-sowjetischen Handel aussagen. In die Kategorie Politik wurden
nur Artikel aufgenommen, die von politischen Veränderungen in der Sow-
jetunion handeln und nicht die Artikel, die die jeweiligen diplomatischen
Aktivitäten und Ziele der Sowjetunion erörtern. Bei den Artikeln über das
Militär gilt, dass Berichte über sowjetische Kampfhandlungen nicht aufge-
nommen wurden, da sie ebenfalls nichts über den Zustand und die Verän-
derungen des sowjetischen Militärs insgesamt aussagen. In die Kategorie
Gesellschaft wurden wiederum diejenigen Artikel aufgenommen, die nicht
218 ANHANG

in die anderen Kategorien passen (z.B. Artikel über soziale, demographi-


sche und kulturelle Entwicklungen in der Sowjetunion).

C. Die wichtigsten Autoren des ‚Völkischen Beobachter‘ im Jahre 1939:


Kommentare/ Reden/ Aufsätze des Jahres 1939 nach Monaten (in den
Spalten jeweils angegeben: Zahl der Artikel im jeweiligen Monat im ‚Völ-
kischen Beobachter‘)

J F M A M J J A S O N D

Theodor Seibert 1 5 6 7 5 7 3 18 9 8 8 6
Joseph Goebbels 3 4 4 3 4 4 2 1 - 1 1 1
Wilhelm Koppen 4 4 4 3 8 2 7 7 5 5 5 5
Alfred Rosenberg 1 - 1 4 1 - - - - 1 - 2
Wilhelm Weiß - - - 1 - 2 - 1 - 2 - -
Adolf Hitler (Reden) 1 1 - 2 - 1 1 - 2 1 - 1
Harald Siewert 4 2 2 1 1 - - - 1 2 - -
ANHANG 219

D. Berichterstattung des ‚Völkischen Beobachter‘ über die „Einkreisung“:


März-August 1939 nach Monaten (in den Spalten jeweils angegeben: Zahl
der Artikel im jeweiligen Zeitraum im ‚Völkischen Beobachter‘)

April
Berichte aus: „Einkreisung“ „Einkreisung“ und
allgemein Sowjetunion
London 29 10
Paris 16 9
Moskau 9 3
Warschau 3 1
Rom 3 3
Kommentar 14 5
Sonstige 4 1
Gesamt 78 32

Mai
Berichte „Einkreisung“ „Einkreisung“ und
aus: allgemein Sowjetunion
London 25 19
Paris 20 13
Moskau 2 2
Warschau 9 1
Rom 3 0
Kommentar 8 4
Sonstige 3 1
Gesamt 71 40
220 ANHANG

Juni
Berichte „Einkreisung“ „Einkreisung“ und
aus: allgemein Sowjetunion
London 32 28
Paris 25 19
Moskau 13 13
Warschau 8 7
Rom 3 2
Kommenta- 7 4
re
Sonstige 17 8
Gesamt 105 91

Juli
Berichte aus: „Einkreisung“ „Einkreisung“ und
allgemein Sowjetunion
London 24 18
Paris 19 13
Moskau 11 11
Warschau 4 2
Rom 1 1
Kommentare 3 -
Sonstige 12 8
Gesamt 74 53
ANHANG 221

August (bis 23. August)


Berichte aus: „Einkreisung“ „Einkreisung“ und
allgemein Sowjetunion
London 9 8
Paris 3 3
Moskau 4 4
Warschau - -
Rom 2 2
Kommentare - -
Sonstige 3 2
Gesamt 21 19

23.-31. August
Berichte aus: „Einkreisung“ „Einkreisung“ und
allgemein Sowjetunion
London 3 3
Paris 4 4
Moskau 9 9
Warschau - -
Rom 3 3
Kommenta- 3 2
re
Sonstige 15 15
Gesamt 37 36
222 ANHANG

Abkürzungsverzeichnis

AA – Auswärtiges Amt
APA – Außenpolitisches Amt der NSDAP
BAK – Bundesarchiv Koblenz
DNB – Deutsches Nachrichtenbüro
KPdSU – Kommunistische Partei der Sowjetunion
PA – NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit
NA – Norddeutsche Ausgabe
NSDAP – Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei
PROMI – Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda
SD – Sicherheitsdienst der SS im Reichssicherheitshauptamt
SoPaDe – Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil
SU – Sowjetunion
UdSSR – Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
VjHZG – Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte
WÖS – West-Östliche Spiegelungen
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

Quellen- und Literaturverzeichnis

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