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DC Freiburg Workshop 2:

Argumente finden und strukturieren

1. Argumente finden
1.1 Betroffenengruppen-Analyse (Stakeholder)
Cave: Folgende Gruppen sind nur Beispiele. Es gibt noch weitere und nicht alle
passen immer. In Klammern dahinter finden sich typische Themen, die die
Gruppe betreffen.

1.1.1 Gesellschaftliches
• Gesellschaft als Ganzes (politisches Klima, Narrative etc.)
• Kinder, besonders relevant, da stets unverschuldet betroffen und
besonders schutzbedürftig (Schule, Erziehung, Chancengleicheit)
• Eltern (Selbstbestimmung in Erziehung, Work-Life-Balance,
Gleichstellung)
• Minderheiten (Diskriminierung, Diktatur der Masse)

1.1.2 Wirtschaftliches
• Arbeitnehmer (Jobsicherheit, Arbeitsstandards, Lebensstandard)
• Unternehmer (Klein- & Großunternehmer, Mittelständische)
• Untere Einkommensschicht (Finanzielle Nöte, Teilhabe, Vertikale
Mobilität, Chancengleichheit)
• Mittlere und obere Einkommenschichten (Freiheit, Schutz vor Staat)
• Internationale Wettbewerbsfähigkeit (Brain-Drain, Catching-up-Effekte,
Standards, Freihandel, Steuerflucht)

1.1.3 Institutionen
Notwendige Begründung: „Warum ist die Institution relevant?“
• Kirche (Religionsfreiheit)
• Rechtsstaat (Strafzwecke, Vertrauen, Legimität)

1.1.4 Internationale Beziehungen


Teilweise Erwähnung notwendig, warum relevant für einzelne Bürger
• EU oder sonstige Staatengemeinschaften
• USA-Russland-China-EU-Afrika

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1.2 Prinzipien
1.2.1 Freiheit
Das Grundlegenste aller Prinzipien, an ihr führt kein Weg vorbei. Von Freiheit
leitet sich die eine Hälfte ab, die andere versucht sie einzuschränken
• Freiheit vs. Sicherheit
• Freiheit vs. Gleichheit (Menschen werden mit verschiedenen Kapazitäten
geboren. Sind sie frei, so sind sie nicht gleich und sind sie gleich, so sind
sie nicht frei)
• Freiheit vs. Glück (bzw. Deontologie vs. Utilitarismus)
• Freiheit vs. Verantwortung (bzw. Individualismus vs. Kollektivismus,
auch: „Jeder Einzelne vs. Alle“)
Begründung der Relevanz: nicht ganz einfach (siehe Kant, GMS)
• Sich selber einen Zweck geben zu können ist die Erhebung über Triebe
und Neigungen und ermöglicht Handeln aus Achtung vor moralischen
Geboten (Menschenwürde). Ohne freien Willen ist kein moralisches
Handeln möglich, daher ist Freiheit die Voraussetzung für Moral. Wer in
moralischen Abwägungen die Freiheit negiert, entzieht der Abwägung
ihre Grundlage.

1.2.2 Glück
Der möglicherweise größte Gegenspieler, sehr intuitiver und leicht
verständlicher Wert, relevant für quasi jede Debatte
Kürzeste (und vereinfachende) Begründung
• Du willst Glück, ich will Glück, jeder will Glück. Daher: Einigung und
damit in der Debatte keine weitere Begründung notwendig
Man kann Freiheit auch mit Glück begründen, um sowohl konsequentialistisch,
als auch deontologisch im Rennen zu bleiben (oder um sich vor Kant zu
drücken)

1.3 Signalwirkung
Ließe sich auch unter „1.1.1 Gesellschaftliches“ (s.o.) fassen
• Wie ändert eine Handlung eine soziale Norm, unser Verständnis und/oder
unsere Einstellung gegenüber einem Prinzip, einer Gruppe etc.
• Cave: Impact schwer vermittelbar, oftmals Glaubenssache der Juroren,
daher muss der Mechanismus als besonders zwingend präsentiert werden

1.4 Backlash
Zauberwort „Reaktanz“, gewinnt regelmäßig gesellschaftliche Debatten
(besonders bei BPS in der hinteren Hälfte), ist dafür geliebt und verhasst
zugleich

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Erklärung: Drängt man Jemanden zu sehr zu einer Seite, so entsteht in ihm
Opposition, die sonst nicht da wäre (auch gegen Positionen, denen derjenige
vorher u.U. zugestimmt hätte), und Fronten verhärten sich
• Vermischt man moderate und redikale Bewegungen unter einem Begriff,
entsteht Opposition auch gegen den moderaten Anteil, da die Trennung
nicht klar ist (Bsp: Feminismus, moderat: ursprüngliche #metoo-
Bewegung, gegen sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch ist quasi
jeder, radikal: „Believe all victims“ und #youtoo, welche dem Prinzip „Im
Zweifel für den Angeklagten“ schaden)
• Eisbrecher vs. Reaktanz (Eisbrecherforderung stellt eine übertriebene
Forderung in den Raum, um später die eigentliche Position als
„Kompromiss“ zu erhalten)

2. Argumente strukturieren
Erfahrene Redner verwenden selten starre Vorgaben, aber manchmal eben schon
und anfangs hilft es enorm. Im Folgenden bekommt ihr nur Beispielschablonen,
es gibt sicher auch andere, aber jene sind von uns erprobt und haben sich
bewährt.

2.1 Das einzelne Argument


Schema: SEXIER
S: State Behauptung / These
EX: Example Beispiel (flexibel einsetzbar, passt an vielen Stellen:
entweder zum Klären, worüber man spricht, oder zum
Illustrieren, oder zum Zeigen der Relevanz)
I: Illustrate Quasi reine OPD Kategorie, Appel an Emotionen, kann
jedoch auch verdeutlichen, worum es geht
E: Explain Mechanismus erklären, hier hören wir also das
eigentlich Argument
R: Relevance Ein Mechanismus ohne Relevanz ist wie ein Haus ohne
Dach: Die Voraussetzung ist da, aber Einziehen will
trotzdem keiner

2.2 Die ganze Rede


2.2.1 Primacy- und Recency-Effekt
Das Erst- und das Letztgehörte wird sich am besten gemerkt (Juroren sind auch
nur Menschen)
• Schlussfolgerung: Das Wichtigste, was ich sagen will gehört entweder an
den Anfang oder ans Ende. Entweder rahme ich meine Rede mit einem
Punkt, der mir besonders wichtig ist, ein, oder ich habe zwei relevante
Punkte und setze einen an den Anfang und einen ans Ende

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2.2.2 Rebuttal
Kann integriert erfolgen, passt aber oftmals nicht in die eigenen Argumente und
darf nicht vergessen (/vernachlässigt) werden
• Schlussfolgerung: Ich setze mein Rebuttal so früh wie möglich, um meine
Rede nicht mehr zu zerfleddern, als notwendig, also entweder ganz an den
Anfang oder im Anschluss an mein erstes, wichtigstes Argument (s.
Primacy)

2.2.3 Weitere Argumente


Per default nach dem Rebuttal

2.3 Teamstruktur
2.3.1 Frontloading
Der Erste macht alles, was er schafft und der Zweite übernimmt den Rest und
Rebuttal. Schlussredner muss dann aufräumen. Etwas undankbar für den
zweiten Redner, aber manchmal notwendig, wenn die Vorbereitungszeit knapp
wird.

2.3.2 Einteilen nach Argumentarten


Bsp: Erster macht Stakeholder, zweiter Signalwirkung und Backlash, der Dritte
übernimmt die dahinterstehenden Prinzipien (da alle Beispiele und
Themenbereich bereits in der Debatte vorkamen, gilt das Herausdestillieren der
Werte als tiefer gehende Analyse des bisher Gesagten und nicht als neues
Argument).
Erster und zweiter Redner können auch die Stakeholder untereinander aufteilen.

2.3.3 Einteilen nach Metriken


Man kann eine Debatte aus verschiedenen Werte-Blickwinkeln betrachten. Der
erste Redner könnte seinen Case aus utilitaristischer Perspektive aufziehen, der
zweite aus deontologischer.
(Für weitere mögliche Perspektiven: siehe „1.2 Prinzipien“)

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