Sie sind auf Seite 1von 30

Hölderlin und die Sattelzeit

Enthusiastische Rhetorik und geschichtliche Beschleunigung*

Martín Baigorria

I. Einführung

Den Überlegungen des Historikers Reinhart Koselleck folgend können wir fest­
stellen, dass, wie auch bezüglich anderer Aspekte unserer politischen Moderne,
bestimmte Wesenszüge der Poetik Hölderlins von einer Reihe von semantischen
und konzeptuellen Veränderungen ausgehen, die auf der geschichtlichen Zeit­
ebene verlaufen. Es handelt sich um jenen Sattelzeit genannten Übergangsprozess
und im Besonderen auf das ihm im Wesentlichen eigene Phänomen: die Erfah­
rung der geschichtlichen Beschleunigung. Als »Ursprung unserer Gegenwart« be­
deuten die der Sattelzeit eigenen Veränderungen für Koselleck, unter verschiede­
nen grundlegenden Aspekten, eine radikale Wandlung in der Wahrnehmung des
zeitlichen Verlaufs:1 Die Geschichte verliert ihre iterative Dimension (»Historia
Magistra Vitae«) und wird zu einer linearen und universellen Erzählung, deren
Episoden nicht mehr als Teil einer stabilen und universellen Weltanschauung
(die astronomische Ordnung, die Dynastiebeziehungen) entstehen, sondern im
Sinne eines immanenten, aus einzigartigen und unwiederholbaren Ereignissen
bestehenden Prozesses (die »Geschichte selber«, »an und für sich«). Ein neues

*  Der Aufsatz erschien vorab auf Spanisch als: Hölderlin y la modernidad política: acele­
ración histórica y retórica entusiasta. Deus Mortalis 11 (2015) 43 – 75.
1 Im Rahmen der Entstehung der modernen politischen Sprache kennzeichnet Kosel­

leck die Sattelzeit mittels vier aufeinander bezogener historisch-semantischer Prozesse: »die


Demokratisierung des politischen Sprachgebrauchs durch eine Ausweitung des öffentlichen
Diskurses«; die »Verzeitlichung der Kategorialen Bedeutungsgehalte«, die prozessuale Sinn­
gehalte und Erfahrungen zusammenfassen; die Ideologisiebarkeit vieler Ausdrücke und die
Steigerung ihres Abstraktionsgrades, was zu einer Anhäufung von »Kollektivsingularen«
führt; und schließlich die Potenzierung der »Standortbezogenheit jeglichen Wortgebrauchs«,
die eine »verstärkte Politisierung der Begriffe bedeutet und für die jeweiligen Zukunftsent­
würfe in Dienst genommen wird. Ernst Becker: Zeit der Revolution! – Revolution der Zeit?:
Zeiterfahrungen in Deutschland in der Ära der Revolutionen 1789 – 1848/49 (Göttingen 1999)
12 f.; Reinhart Koselleck: Einleitung. In: Geschichtliche Grundbegriffe: Historisches Lexi­
kon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. von Otto Brunner, Werner Konze,
und Reinhart Koselleck. Bd. I (Stuttgart 1972) XVII –XVIII.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


146 Martín Baigorria

geschichtliches Bewusstsein – die moderne Subjektivität – gewinnt eine aktive


und bestimmende Rolle in der Konstruktion der kollektiven Zeit. Die Zukunft
lässt sich nicht mehr durch die  Erfahrungen der Vergangenheit verstehen; es
tritt, Koselleck zufolge, eine Kluft zwischen Erfahrungsraum und Erwartungs­
horizont. Die rationale Planung des Menschen, die mit der Idee des Fortschritts
und der Geschichtsphilosophie entsteht, löst die alten Bindungen zur Tradition
und schafft eine unmittelbar auf die Zukunft bezogene Gegenwart; beide Gebiete
nähern sich also immer schneller: »Die so sich beschleunigende Zeit benimmt der
Gegenwart die Möglichkeit, sich als Gegenwart zu erfahren, und entläuft sich in
eine Zukunft, durch die die unerfahrbar gewordene Gegenwart geschichtsphi­
losophisch eingeholt werden muß.« 2 Im Laufe dieses Prozesses, und vor allem
ab der Französischen Revolution, geschieht der historische Wandel in »immer
kürzeren Zeitabständen«. 3 Diese beschleunigte Zeit verkürzt den Erfahrungs­
raum, entzieht ihm seine traditionellen kognitiven Paradigmen und löst aber
gleichzeitig eine Vielzahl von Ungewissheiten angesichts jedes neuen Ereignisses
aus. 4
Diese Erfahrung lässt sich in verschiedenen deutschen Autoren des Zeit­
abschnitts erkennen und auch, auf besondere Weise, in Hölderlins Schriften. 5
Ausgehend von der Begriffsgeschichte stellen wir die Hypothese auf, dass die
Beschleunigung eine konkrete, an einen singulären rhetorischen Rahmen gebun­
dene sprachliche Erfahrung darstellte, die durch die ästhetischen Veränderun­
gen der neuen literarischen Tendenzen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
(Empfindsamkeit und Sturm und Drang) herbeigeführt wurde. Es gibt in der Tat
beträchtliche und bedeutsame Verbindungen zwischen grundlegenden Elemen­
ten der von Hölderlin verwendeten enthusiastischen Rhetorik und dem Wort­
schatz, den seine Zeitgenossen gebrauchten, um die sozialen Veränderungen zu
beschreiben, die sich seit der Revolution vollzogen; eine Reihe von Merkmalen,
die zum größten Teil von der anfänglichen Identifizierung seiner Dichtkunst mit

2 Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten.

(Frankfurt a. M. 31972) 34. S. auch ders.: Gibt es eine Beschleunigung der Geschichte?. In:
Zeitschichten. Studien zur Historik (Frankfurt 2003) 150 – 176.
3 R. Koselleck: Vergangene Zukunft, a. a. O. [Anm. 2] 372.
4 Vgl. ebd. 21 – 4 0. Über den Begriff der Moderne vgl. Hans-Ulrich Gumbrecht: Modern,

Modernität, Moderne. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch zur po­


litisch-sozialen Sprache, hg. von Reinhart Koselleck, Werner Conze, Otto Brunner. Bd. 4
(Stuttgart 1978) 93 – 131; Cornelia Klinger: Modern / Moderne / Modernismus. In: Ästhetische
Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in 7 Bänden, hg. von Karlheinz Barck. Bd. 4 (Stutt­
gart 2002) 121 – 160; Matei Calinescu: Five Faces of Modernity: Modernism, Avant-Garde,
Decadence, Kitsch, Postmodernism (Durham 1987).
5 Vgl. Hölderlin und die Moderne. Eine Bestandsaufnahme, hg. von Gerhard Kurz, Vále­

rie Lawitschka, Jürgen Wertheimer (Tübingen, 1995). Der vorliegende Aufsatz versucht ein
Beitrag zu dieser Diskussion zu sein.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 147

dem durch den revolutionären Prozess eröffneten Erwartungshorizont herrühren.


Die historischen Konnotationen der enthusiastischen Sprache machen somit den
wesentlichen Leitfaden unserer Untersuchung aus. Von diesen Vordersätzen aus­
gehend beabsichtigen wir, zunächst im geschichtlichen Verlauf diese besondere
Art von Subjektivität darzustellen, durch die die Erfahrung der Beschleunigung
in Szene gesetzt wird. Anschließend werden wir uns mit den Schriften Hölderlins
beschäftigen und die verschiedenen Aspekte dieser Problematik untersuchen: die
Beziehungen zwischen dichterischem Enthusiasmus und Beschleunigung einer­
seits, und andererseits die Figur des Enthusiasten als tragendes Subjekt dieses
Diskurses.

II.  Der Enthusiasmus: eine kulturelle Genealogie

Wie also Koselleck in seinem Buch Vergangene Zukunft aufzeigt, spielte eine
kuriose kulturelle Figur eine Hauptrolle in diesem Prozess, nämlich die des
»prophéte-philosophe«, der »Träger der modernen Geschichtsphilosophie«, 6 die
während des 18. Jahrhunderts die Kritik an der absolutistischen Macht und den
kirchlichen Institutionen wahrnahm. Im Falle Deutschlands ist die kulturelle Ge­
nealogie dieser Figur auf den Kampf zwischen der protestantischen Orthodoxie
sowie dem monarchischen Absolutismus und den von der Reform ausgehend ver­
fielfachten prophetisch-apokalyptischen Diskursen zurückzuführen. Religiöse
Anführer wie Andreas Karlstadt und Thomas Müntzer drängten, von einer radi­
kalisierten Deutung der Abspaltung von Rom motiviert, auf die Beschleunigung
der durch die Reform eingeleiteten doktrinellen und liturgischen Änderungen,
um so eine heftige Umwandlung der etablierten Ordnung herbeizuführen. Wäh­
rend des 17. Jahrhunderts wurde klar, dass diese Art von Figuren eine Gefahr
für die neue Staatsordnung darstellte. Der apokalyptische Diskurs wurde somit
zu einem Objekt der Kontrolle und der systematischen Regulierung. Im Rah­
men dieses Kampfes gegen den immer dröhnenden separatistischen Fanatismus
(»Schwärmerei«) tauchten die Wesenszüge der aufgeklärten Religionskritik auf.
Wie es Koselleck und andere Autoren vertreten, ging es für unterschiedlichste
Intellektuelle wie Hobbes, Shaftesbury und Voltaire vor allem darum, die von
den protestantischen Sekten und ihren visionären Anführern behaupteten Legi­
timitätsansprüche zu zerschlagen.7

6
R. Koselleck: Vergangene Zukunft, a. a. O. [Anm. 2] 34.
7 Eine
ähnliche historische Perspektive findet man in John G. A. Pocock: Enthusiasm:
The antiself of Enlightenment. In: Enthusiasm and Enlightenment in Europe, 1650 – 1850, ed.
by Lawrence E. Klein und Anthony J. La Vopa (San Marino, California, 1988) 7 – 2 9.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


148 Martín Baigorria

Es ist somit doch scheinbar widersinnig, dass die Geschichtsphilosophie im


18. Jahrhundert die Inhalte des rationalen Fortschritts erneut in apokalyptischer
Sprachform ausarbeitet. Um diesen seltsamen Vorgang zu erklären, zieht Kosel­
leck eine besondere Textstelle aus Die Erziehung des Menschengeschlechts (1780)
von Lessing zu Rate. In dieser Schrift wird der Zusammenhang zwischen histori­
scher Beschleunigung und religiöser Rhetorik in der Anklage des Dramaturgen
gegen die Figur des »aufgeklärten Schwärmers« deutlich. In den Schlussfolge­
rungen seines Textes behandelt Lessing die in dem Denken dieser Art von Figu­
ren versteckten Gefahren. Dort fragt er sich: Wird die Menschheit eines Tages
die vollkommensten Stadien aufgeklärten Denkens erreichen können? Wird die
Aufklärung ihr Versprechen des universellen Fortschritts halten können? Unter
Lessings Gesichtspunkt wäre dieses letzte und endgültige Kapitel in der Erzie­
hung des Menschengeschlechts die Zeit eines neuen und ewigen Evangeliums, das
schon von den Mystikern des Mittelalters angekündigt wurde. Der einzige Fehler
dieser sei gewesen, diesen endgültigen Ausbruch zu früh angekündigt zu haben.
Darum, und widersinnigerweise für Lessing, konnte das endgültige Vertrauen auf
das aufgeklärte Projekt nur ausgehend von einer Rhetorik der eschatologischen
Hoffnung zum Ausdruck gebracht werden, die in Nichtübereinstimmung mit den
Endzielen seines sekularen Programms steht.
Lessing war sich der Unstimmigkeiten innerhalb seines eigenen Arguments
bewusst, und diese lag der Art nahe, wie seine Zeitgenossen seine Schrift le­
sen würden. Daher musste er vor den unterschwelligen Versuchungen des fanati­
schen Diskurses warnen. In seinen Augen suchten jene eine ȟbereilte universelle
Erziehung des Menschengeschlechts« und wollten somit Individuen zur rationa­
len Volljährigkeit bringen, die auf keine Weise darauf vorbereitet oder aufgeklärt
worden waren; sie machten sie glauben, dass sie – hier und jetzt – dieses »dritten
Zeitalters« würdig seien:
»Der Schwärmer thut oft sehr richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann
diese Zukunft nur nicht erwarten. Er wünscht diese Zukunft beschleunigt; und
wünscht, daß sie durch ihn beschleunigt werde. Wozu sich die Natur Jahrtau­
sende Zeit nimmt, soll in dem Augenblicke seines Daseyns reifen. Denn was hat
er davon, wenn das, was er für das Bessere erkennt, nicht noch bei seinen Leb­
zeiten das Bessere wird?« 8

Aus der Perspektive der Sattelzeit wird klar, worauf Lessing abzielt: die Figur des
»aufgeklärten Schwärmers« vervielfältigte und verweltlichte die Funktion des
religiösen Mystikers; die Erfahrung der Beschleunigung hing nun nicht mehr von
einem überirdischen Willen ab, sondern von dem Handeln der Menschen. Der

8 Gotthold E. Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts und andere Schriften.

In: Gesammelte Werke. Bd. 9 (Leipzig, 1858) 423.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 149

Urheber Nathans des Weisen traf auf eine neue, autonome Subjektivität, die sich
der apokalyptischen Sprache behalf, um ihr Streben nach Befreiung innerhalb
der geschichtlichen Gegenwart zu erreichen; eine subjektive Vorwegnahme der
Zukunft, die mit der französischen Revolution zu einer harten und unvorherge­
sehenen Wirklichkeit werden sollte.9
Wie aber hat diese merkwürdige säkularisierende Verwandlung vonstatten
gehen können, durch die es dem Propheten gelang, als Geschichtsphilosoph
durchzugehen? Diese Frage, die Koselleck nicht ganz beantwortet, lenkt unsere
Aufmerksamkeit wieder auf die kulturelle und literarische Geschichte. Lessings
Interesse an dieser Figur war nicht willkürlich, da es sich um eine Subjektivität
handelte, die von der Empfindsamkeit (Klopstock, Stolberg, Schubart) und dem
Sturm und Drang (Goethe, Herder, der frühe Schiller) mit sonderbarem Vergnü­
gen gefördert wurde. Die Tatsache, dass die apokalyptische also in den utopischen
Erwartungen des aufgeklärten Fortschritts Zuflucht fand, ergab sich nämlich aus
der Verbreitung dieser neuen literarischen Kultur. Durch diese Schriftsteller, und
besonders durch das Werk Klopstocks, fand die Figur des »prophète-philosophe«
eine neue ästhetische Darstellung: die »heilige Dichtung«, eine Sprache voll mys­
tischer Wendungen und in Konflikt mit den Prinzipien der protestantischen Or­
thodoxie, die es zum Ziel hatte, durch das Lob heiliger Themen anerkannt zu wer­
den. Wie in Lessings Kritik an Klopstock (Literaturbrief Nº 49, 1759) zu erkennen
ist, waren die moralischen Vorsätze der ästhetischen Diskussion noch grundle­
gend durch den religiösen Streit bestimmt. In dieser Kritik wurden die Begriffe
›Enthusiasmus‹, ›Fanatismus‹, und ›Schwärmerei‹ oft gleichwertig und in einem
missbilligenden und abwertenden Sinne genutzt. Der Kampf der Philosophen
gegen die Religion fand in diesem rhetorischen Kontext statt. Nichtsdestotrotz,
und entgegen des Einflusses dieses Streites, war die literarische Entlastung des
›Enthusiasmus‹ dank des Einzugs des Sturm und Drang im Gange, und einige
erhabene Mitglieder der deutschen Aufklärung machten sich den Begriff gegen
Ende des Jahrhunderts zu eigen. In dem Essay Über die Schwärmerey zum Bei­
spiel, das Christian Garve kurz vor 1789 schrieb, unterlag er einer ausdrücklich
politischen Rechtfertigung: die »Schwärmer« besäßen die Kraft, »ihrem inneren
Licht« zu folgen und so ihre Meinungen frei und bedenkenlos vor der offiziellen
Kirchenmacht auszudrücken. Sie seien auch diejenigen, die am meisten unter dem
Veralten der einstigen Auffassungen und der Notwendigkeit neuen Wissens litten.
In der optimistischen Sicht Garves müssen diese Eigenschaften unvermeidlich
dazu führen, die Grenzen des eigenen Verstandes und der entsprechenden »Er­

9 Vgl. R. Koselleck: Zeitverkürzung und Beschleunigung. Eine Studie zur Säkularisa­

tion. In: ders., Zeitschichten. Studien zur Historik (Frankfurt 2003) 177 – 2 02. Vgl. auch Karl
Löwith: Weltgeschichte und Heilsgeschehen. Die theologischen Voraussetzungen der Ge­
schichtsphilosophie (Stuttgart 1953) 175 – 185.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


150 Martín Baigorria

leuchtungen« anzuerkennen. Dank dieser Freiheit und dem Durst nach neuem
Wissen trügen auch sie somit zum notwendigen Fortschritt der Vernunft bei.10
Zudem war die historisch-philosophische Prognose im Einklang mit diesem
letzteren Vorgang im Rahmen der Politisierung des aufgeklärten Diskurses zu
einem wesentlichen Merkmal der Kritik am Absolutismus geworden. Es ist so­
mit nicht verwunderlich, dass die Argumente Lessings gegen die enthusiastische
Subjektivität 1788 in Schriften von Martin Wieland und Friedrich Schiller, beide
in der selben Ausgabe des (von Martin Wieland herausgegebenen) Teutschen Mer-
kurs, wieder auftauchten. Der Verfasser des Agathon (eine vorbildliche Darstel­
lung des »aufgeklärten Schwärmers«) wies auf jene subjektiven Veranlagungen
hin, die zu einer Beschleunigung der historischen Prozesse führten, ohne den
von der Natur vorgegebenen Reifungsvorgang zu beachten. Er sprach von jenen
Gebaren, in denen rebellischer Eifer, einseitige Vorstellungen und ausartende so­
ziale Forderungen vorherrschten. Diese Art von politisch-philosophischem ›En­
thusiasmus‹ könne, auf Grund seiner verzerrten Radikalität, den Fortbestand
der durch die Aufklärung eingeleiteten Wandel in Gefahr bringen.11 Schiller sei­
nerseits betonte in den Briefen über Don Carlos (1788) immer wieder, bis zu wel­
chem Punkt die Figur des Markgrafen von Posa einen »politischen Enthusiasten«
verkörpere, der nicht fähig sei, die unmittelbare Wirklichkeit vor seinen Augen
zu erkennen, da er durch die Befreiungsversprechen seiner Ideale verführt wor­
den sei. Diese Überzeugung führe ihn auch dazu, seine Pläne auf »andern und
kürzern Weg« durchzuführen. Dies sei eine »Übereilung«, durch die Posa »keine
Grenzen mehr kennt« und durch die er schließlich seine Ideale nicht mehr in die
Tat umsetzen könne.12 Die Gabe der Voraussage dieser ein Jahr vor der Revolu­
tion veröffentlichten Kritik an der Mode der historisch-philosophischen Progno­
sen ist tatsächlich erstaunlich. Knapp fünf Jahre später wird die brutale Wende
der Revolution und das mutmaßliche Scheitern ihrer Ideale in einem Brief von
Karl P. Konz (ein Freund Schillers) an den Diplomaten Karl F. Reinhard durch
die Verbindung von ›Enthusiasmus‹ und Beschleunigung (»schnellwürkende En­
thusiasmus«) erklärt:

10 Vgl. Christian Garve: Ueber die Schwärmerey. In: Gesammelte Werke, 1 Abteilung:

Die Aufsatzsammlungen, hg. von Kurt Wölf. Bd. 3 (Hildesheim 1985) 338. Eine grundle­
gende Darstellung der kulturellen Bedeutungen dieses historischen Prozesses ist zu finden
in Hans-Jürgen Schings: Melancholie und Aufklärung: Melancholiker und ihre Kritiker in
Erfahrungsseelenkunde und Literatur des 18. Jahrhunderts (Stuttgart 1977).
11 Vgl. Christoph M. Wieland: Das Geheimniss des Kosmopolitenordens. In: Teutsche

Merkur 3 (1788) 97 – 115.


12 Friedrich Schiller: Schillers Werke. Bd. 4. Schriften. Kleine theoretische Schriften. Die

Großen Abhandlungen. Rezensionen, hg. von Hans Mayer und Golo Mann (Frankfurt a. M.
1966) 20 – 6 0.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 151

»Wie ich die Sache ansehe, […] die Franzosen haben durch ihre zu große Lebhaf­
tigkeit derselben Sache genütz und geschadet; genütz, weil ein schnellwürkender
Enthusiasmus notig war, um eine so große Sache in so kurzer Zeit anzufangen
und fortzuführen, geschadet, weil eben dieses Ungestüm sie nicht die besten Mit­
tel entdecken ließ, die nun ruhige Kälte und oft bedächtliches Zaudern glück­
licher ausfindet.«13

Die Kritik dieser Intellektuellen richtete sich an die neuartige revolutionäre Zei­
terfahrung. In den Augen des Historikers Rudolf Vierhaus handelte es sich um
eine Reihe von Veränderungen, die seitens der Anhänger der Revolution bewusst
beschleunigt werden mussten, damit diese nicht ihrem eigenen Schicksal überlas­
sen würden.14 In diesem ideologischen Zusammenhang war der enthusiastische
Diskurs eine der vorrangigen Sprachen, mit denen man das – immer plötzliche
und wechselhafte – revolutionäre Handeln entweder wegen seiner Unvorherseh­
barkeit kritisieren oder als unmittelbare Notwendigkeit des Augenblicks feiern
konnte.

III.  Hölderlin: dichterische Erhebung und Beschleunigung

Die noch vor 1789 geübte Kritik Schillers und Wielands war vor allem eine vor­
beugende Reaktion auf die Radikalisierung der intellektuellen und literarischen
Landschaft: Die enthusiastische Subjektivität hatte dank der neuen Strömungen,
die großen Zulauf hatten (die Dichterkreise von Göttingen und Schwaben), einen
neuen Rahmen eloquenter Rhetorik in der Befreiungslyrik der damaligen Zeit
gefunden. Anhand dieser letzteren war der politische Wortschatz in die litera­
rische Welt eingedrungen und hatte sich mit ihrer Hilfe verbreitet. Es war kein
Zufall, dass die Hauptvertreter dieser Strömung die von Hölderlin bewunderten
Schriftsteller waren: Friedrich Klopstock, Christian Schubart, Gotthold Stäudlin,
Friedrich Leopold Stolberg, Gottfried Bürger und Schiller selbst. Dies werden die
Lektüren sein, durch die der Dichter, der sich mit den Befreiungserwartungen des
vorrevolutionären Jahrzehnts identifizierte, seine literarische Berufung erkennt.
Da diese Schriftsteller seine ästhetischen Vorbilder waren, eignete sich Höl­
derlin auch die Problematik der prophetisch-revolutionären Ankündigung an. Es
war diese Art optimistischer und feierlicher Sprache, die man in den »Hymnen an

13 Karl Philipp Konz: Brief vom 24. Februar 1797 an Karl F. Reinhard. In: Die Französi­

sche Revolution im Spiegel der deutschen Literatur, hg. von Klaus Träger (Leipzig, 1975) 158.
14 Vgl. Rudolf Vierhaus: Die Revolution als Gegenstand der geistigen Auseinanderset­

zung in Deutschland, 1787 – 1830. In: Revolution und Gegenrevolution 1789 – 1830: zur geis­
tigen Auseinandersetzung in Frankreich und Deutschland, hg. von Roger Dufraise (Olden­
bourg 1991) 251 – 2 66.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


152 Martín Baigorria

die Ideale der Menschheit«15 finden konnte, Hölderlins erster bewusster Spielzug
in der literarischen Welt. Ein Kernstück in der Konzeption der Hymnen war die
(direkt von Klopstock übernommene) Figur des poeta vates als literarische Über­
tragung des »prophète-philosophe«. Der vates hatte mit seinem geschichtlich-phi­
losophischen Optimismus und seiner überschwänglichen Sprache die Aufgabe
der historischen Abkürzung:16 Er sollte das mit der Revolution sympathisierende
Publikum dazu einladen, die Ideale des befreienden Fortschritts zu feiern und
zu verbreiten. So entstanden eine Reihe von Gedichten, die zum Beispiel der
»Muse«, der »Freiheit« oder der »Harmonie« gewidmet waren und in denen ein
zuversichtliches und frohlockendes hymnisches Ich hervorragt, dessen Mission es
war, die Vervollkommnung der neuen befreienden Werte zu verkünden. Martin
Vöhler folgend kann man in diesen ersten Hymnen eine gleiche, immer durch
eine bestimmte rhetorische Struktur organisierte Erzählung erkennen: 1. die ek­
statische Eingebung, 2. die universelle Pädagogik des Ideals, 3. die Anrufung des
Publikums, 4. die irreversible Instanz der historisch-philosophischen Prognose.17
Wir treffen somit auf eine subjektive Teleologie, die sich von der inneren Moral
aus hin zu einer öffentlichen und historischen Dimension des politischen Wortes
bewegt. Die feierliche und optimistische Sprache des vates sollte die Ankündi­
gung des befreienden Ideals, den plötzlichen Übergang von Individualität zur
Allgemeinheit, durch die subjektive Eloquenz garantieren.
Sowohl die Voraussetzungen als auch die Folgen jenes »Zeitsprungs« werden
im Verlaufe von Hölderlins Werk dramatisiert werden. Rufen wir uns ein paar
diesbezüglich besonders anschauliche Passagen seines Werkes in Erinnerung. Ein
hervorragendes Beispiel ist in dem Roman Hyperion oder Der Eremit in Griechen-
land (1794 – 1799) zu finden, wo die Hauptfigur eine prophetische Ansprache an
seinen »Waffenbruder« Alabanda hält:
»O Regen vom Himmel! O Begeisterung! Du wirst den Frühling der Völker uns
wiederbringen. Dich kann der Staat nicht hergebieten. Aber er störe dich nicht,
so wirst du kommen, kommen wirst du uns hüllen und empor uns tragen über
die Sterblichkeit, und wir werden staunen und fragen über die Sterblichkeit, […]
frägst du mich, wann dies sein wird? Dann, wann die Lieblingin der Zeit, die
jüngste, schönste Tochter der Zeit, die neue Kirche, hervorgehn wird aus die­

15 So bezeichnet von Wilhelm Dilthey: Das Erlebnis und die Dichtung (Stuttgart,1957)

[1906].
16 Vgl. R. Koselleck: Gibt es eine Beschleunigung der Geschichte, a. a. O. [Anm. 2] 195 –

202.
17 Für Vöhler, der von der antiken Rhetorik ausgeht (Horaz, Ovid), handelt es sich um

eine in 4 Teile gegliederte Struktur: proömium, parainesis, apellatio, conclusio. Martin Vöh­
ler: ›Danken möchte ich, aber wofür?‹ Zur Tradition und Komposition von Hölderlins Hym­
nik (München 1997) 22 – 43.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 153

sen befleckten veralteten Formen, wann das erwachte Gefühl des Göttlichen
dem Menschen seine Gottheit und seiner Brust die schöne Jugend wiederbrin­
gen wird, wann –ich kann sie nicht verkünden, denn ich ahne sie kaum, aber sie
kommt gewiß, gewiß. Der Tod ist eine Bote des Lebens, und daß wir jetzt schla­
fen in unsern Krankenhäusern, die zeugt vom nahen gesunden Erwachen. Dann,
dann erst sind wir, dann ist das Element der Geister gefunden!«18

Merkwürdigerweise halten diese Zeilen fast wörtlich Zwiesprache mit Lessings


oben zitierten Überlegungen zur Geschichte. In beiden Fällen erweist sich, Hans-
Joachim Mahl folgend, »die prophetische Gewissheit, die diese Stimmen vereint,
mittelbar als Erbe der chiliastischen Heilserwartungen, von denen der Gedanke
des Idealreichs ausgegangen war«.19 In Hyperions Ansprache finden wir das aus
dem Alten entspringende und sich regenerierende Neue mit klaren apokalypti­
schen Nuancen: Die »neue Kirche« wird gemeinsam mit der Wiederkehr einer
verjüngten Menschheit erscheinen, die aus den »befleckten veralteten Formen«
wieder aufleben wird. Diese Prophezeiung beginnt mit einem apokalyptischen
Bild – dem »Regen vom Himmel« (Exodus 9, 23 – 26; Apokalypse 11,19 und 16,21;
Ezechiel 13,13) – das wiederum direkt mit der »Begeisterung« in Verbindung ge­
bracht wird. Diese brächte so das erlösende Ereignis – »den Frühling der Völ­
ker« –, das die Menschen über ihren moralischen Stand erheben soll. Es über­
rascht somit nicht, dass dieses nahe bevorstehende Erlebnis den Propheten in
einen Zustand zeitlicher Ungeduld versetzt (»frägst du mich, wann dies sein wird?
[…] wann –ich kann sie nicht verkünden, denn ich ahne sie kaum, aber sie kommt
gewiß, gewiß. […]«). In dieser Textstelle herrscht die eschatologische Sprache der
»Wiederbringung aller Dinge« (apokatastatis panton) vor, eine in der Tradition
des Württembergischen spekulativen Pietismus präsente Doktrin. Ihr zentrales
Thema war die Ankündigung des »Reiches Gottes« oder des »tausendjährigen
Reiches« nach dem jüngsten Gericht, als eine Rückkehr zu einem Urzustand in
dem die Schöpfung noch nicht von Gott getrennt war. Angesichts des Stillstands
des absolutistischen Staates erschien die prophetische Hoffnung in der Ankün­
digung der Wiederherstellung einer neuen Ordnung, in der zum Ende der Ge­
schichte das Reiches Gottes käme und alle Wesen um eine versöhnende Macht
versammeln würde. 20

18 Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke, hg. von Friedrich Beißner. Bd. III (Stuttgart,

1946–1985) 32.
19 Hans-Joachim Mahl: Die Idee des goldenen Zeitalter im Werk des Novalis (Heidelberg

1965) 249.
20 Der radikale Pietismus spielte in der Verbreitung dieser Doktrin im 17. und 18. Jahr­

hundert eine tragende Rolle. Ihre Exegeten (Johann Arndt und das Ehepaar Petersen)
betonten die Botschaft der universellen Harmonie und Toleranz, die man, im Gegensatz
zur kirchlichen Orthodoxie, in den primitiven christlichen Gemeinschaften finden konnte.
S. Friedhelm Groth: Die Wiederbringung aller Dinge im württembergischen Pietismus: theo­

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


154 Martín Baigorria

Alle Ängste der Aufklärung wurden also in dieser Ansprache Hyperions be­
stätigt: In der prophetisch-religiösen »Begeisterung« fand man nun die neue Zu­
versicht auf Befreiung, die der radikale Pietismus und die revolutionären Erwar­
tungen der Tübinger Zeit inspiriert hatten. Statt eines schrittweisen rationalen
Reifungsprozesses, sollte dieses ekstatische Gefühl den »Frühling der Völker«
nach Deutschland bringen. Es überrascht somit nicht, dass Alabanda Hyperion
nach seiner feurigen Rede »Schwärmer« nennt 21 – »Schwärmer« im abwertenden
Sinne, den man nutzte, um utopische Visionen des Enthusiasmus aufzuzeigen.
Durch seine prophetische Ansprache ist Hyperion also dem Schwindel der
zeitlichen Beschleunigung zum Opfer gefallen: Sein Diskurs passt sich weder
den konkreten Umständen noch dem politischen Kalkül Alabandas und dessen
Gefährten des »Bund der Nemesis‟ an. Seine Partnerin Diotima verdeutlicht die
Diagnose:
»Verkenne dich nicht! der Mangel am Stoffe hielt dich zurük. Es gieng nicht
schnell genug. Das schlug dich nieder. Wie die jungen Fechter, fielst du zu rasch
aus, ehe noch dein Ziel gewiß und deine Faust gewandt war, und weil du, wie na­
türlich, mehr getroffen wurdest, als du trafst, so wurdest du scheu und zweifeltest
an dir und allem; denn du bist so empfindlich, als du heftig bist.« 22

Das utopische Streben Hyperions wird, wie man in dieser Passage sehen kann,
durch das Fehlen günstiger Umstände und die Trägheit der Epoche – »Es gieng
nicht schnell genug« – aufgehalten, wodurch sein Gemüt verzagte; andererseits
drängt sein Lebensinstinkt auf Schnelligkeit, obwohl er weder sein Ziel kennt
noch für die Aufgabe bereit ist. Dies war Hyperions eigentliches »Bildungspro­
blem«: eine übereilte und für seine Zeit zu schnelle Reife, die ihn seinen Mitmen­
schen gegenüber seltsam erscheinen ließ und gleichzeitig sein unstetes und »so
empfindlich als sensibeles« Gemüt nährte. Der Unterton in Diotimas Diagnose
war nicht nur moralisch, sondern Teil einer kultur-politischen Kritik. Ihre Worte
standen im Einklang mit den Einwände, die nach 1789 gegen die Radikalisierung

logiegeschichtliche Studien zum eschatologischen Heilsuniversalismus württembergischer


Pietisten des 18. Jahrhunderts (Göttingen 1984) 231 – 253. Im Falle des Württembergischen
Pietismus wurde die Doktrin als zentrales Thema von dessen wichtigsten Vertretern über­
nommen; besonders J. A. Bengel, F. Ch. Oetinger, P. H. Hahn, u. a. Hölderlin konnte diese
Doktrin durch seine ersten Lehrer (N. Köstlin, J. F. Klemm, F. G. Weidenbach), wer einige
berühmte Mitglieder der Bewegung, wie z. B. Hahn, aus erster Hand gekannt haben. S. Rein­
hard Breymayer: Hölderlins Nürtinger Lehrer und Denkendorfer Professoren. In: ›… so hat
mir / Das Kloster etwas genüzet‹: Hölderlins und Schellings Schulbildung in der Nürtinger
Lateinschule und den württembergischen Klosterschulen, Band 1 von Materialien zum bil­
dungsgechichtlichen Hintergrund von Hölderlin, Hegel, und Schelling, hg. von Michael Franz
und Wilhelm G. Jacobs (Tübingen, 2004) 98 – 138.
21 F. Hölderlin: Werke, a. a. O. [Anm. 18] 32.
22 Ebd. 87 f.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 155

der aufgeklärten Ideale erhebt wurden: Die schnelle Verbreitung der neuen be­
freienden Werte durch die Kultur des Buchdrucks und die Politisierung der Öf­
fentlichkeit führte auch zu einer pathologischen Beschleunigung in der Erziehung
des Lesepublikums. Dessen ungeduldige Leselust nach der neuen Philosophie
brachte keine erzieherischen Vorteile, sondern es wurde eher unfähig, sich den
neuen politischen Herausforderungen zu stellen. 23 Auch viele deutsche Intellek­
tuelle waren der Meinung, dass »der Dolchstoß der Epoche zu früh kam«.
Die Problematik der historischen Beschleunigung tauchte, während er gerade
begann seinen Roman zu schreiben, aus einer ähnlichen Sichtweise oft in den
Briefen Hölderlins an seinen Bruder Carl Gock auf: »Meine Liebe ist das Men­
schengeschlecht, freilich nicht das verdorbene, knechtische, träge, wie wir es nur
zu oft finden […] Aber ich liebe das Geschlecht der kommenden Jahrhunderte.« 24
Und dann, im August 1794: »Glaube mir, mir wird sonderbar zu Muth, wenn ich
der Hofnungen gedenke, die man sich vom folgenden Jahrhundert macht, und die
verträgen Jünglinge dagegen stelle, deren es überall so viele giebt, und die alsdann
ihre Rolle spielen sollten.«25 Der revolutionäre Erwartungshorizont erschien also
für Hölderlin im direkten Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, die unfähig dazu
waren, die dringende Notwendigkeit der Veränderungen zu erkennen, die durch
den 1789 eingeleiteten politischen Prozess auferlegt wurden. Dieser Widerspruch
führte eben zu Hyperions extrem reizbarem und jähzornigem Charakter. 26 Hy­
perion war, genauso wie die so oft von Lessing, Wieland und Schiller kritisierten
»aufgeklärten Schwärmer«, ein Opfer der allgegenwärtigen und wiederkehrenden
utopischen Erwartung. Hölderlin erarbeitete somit einen kritischen Kommentar
zur Reichweite und den Grenzen seiner eigenen Rhetorik mittels der Diskurse
seiner eigenen Figuren. Die Ambivalenz dieser Überlegungen kann man als eine
Fortführung jenes mehrdeutigen Verhältnisses der Aufklärung zum Diskurs des
Enthusiasmus verstehen.

23 Vgl. Hans-Wolf Jäger: Enthusiasmus und Schabernack. Über Wirkungen der Französi­

chen Revolution im deutschen Alltag. In: Französische Revolution und deutsche Öffentlichkeit.


Wandlungen in Presse und Alltagskultur am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, hg. von
Holger Bönning (München 1992) 399 – 418. Ralf Klausnitzer: Poesie und Konspiration: Be­
ziehungssinn und Zeichenökonomie von Verschwörungsszenarien in Publizistik, Literatur
und Wissenschaft 1750 – 1850 (Berlin 2007) 176 – 179.
24 F. Hölderlin: Sämtliche Werke, hg. von Friedrich Beißner. Bd. IV (Stuttgart, 1946–

1985)  92 – 9 3. Erste Septemberhälfte 1793.


25 Ebd. 131 – 132. 21. August 1794.
26 Zur gleichen Zeit kann man diese Kritik auch in Hegels Brief an Schelling vom 10. Ja­

nuar 1795 finden: »Das Reich Gottes komme, und unsere Hände seien nicht müßig im
Schoße […] Vernunft und Freiheit bleiben unsere Losung, und unser Vereinigungspunkt die
unsichtbare Kirche. Georg W. F. Hegel: Briefe von und an Hegel, hg. von Johannes Hoffmeis­
ter. Bd. 1 (Hamburg 1952) 18.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


156 Martín Baigorria

IV. Das Projekt Empedokles: historische Immanenz und


tragisches Schicksal

Mit dem dramatischen Projekt Der Tod des Empedokles jedoch sollte sich Höl­
derlins Stellung diesem Dilemma gegenüber ändern. Der durch die prophetische
Vision generierte zeitliche Konflikt wird vom inneren Gewissen (die steten von
Diotima diagnostizierten Gemütsschwingungen) in den konkreten Bereich der
Feindschaften in der Stadt Agrigento27 verlagert: Der enthusiastische Diskurs des
Empedokles tritt, im Gegensatz zu Hyperions, aus der Perspektive der tatsäch­
lichen historischen Folgen in Szene. Es geht also darum, die historische Mission
des »prophète-philosophe« nun aus der Sicht ihrer rhetorisch und politisch beun­
ruhigendsten Folgen aufzuzeigen: die Umwälzung der etablierten Ordnung durch
den Diskurs eines einzelnen, von jeder Autorität und Hierarchie freien radika­
lisierten Weissagers. Die Figur der enthusiastischen Subjektivität wird somit als
verbindendes Bild erscheinen, wo der durch die revolutionäre Krise eingeleitete
Erwartungshorizont verdichtet wird (»Diß ist die Zeit der Könige nicht mehr«). 28
In dieser Hinsicht war die Wahl der Hauptfigur keineswegs zufällig: Wie aus
seinem Briefwechsel hervorgeht, entdeckte Hölderlin die Figur des Sizilianers an­
hand der Biographie des Diogenes Laertios. 29 In jener Chronik traten eine Reihe
widersprüchlicher Versionen bezüglich dessen Identität auf: demokratischer Po­
litiker oder mystischer Aristokrat, Prophet oder Weiser mit wissenschaftlichen
Kenntnissen, Pantheist oder Pythagoriker, etc. Bezüglich dieser Vieldeutigkeit
hat Theresia Birkenhauer als erste betont, wie sehr die kaleidoskopische Identität
des Empedokles-Mythos ein symptomatisches Antezedens für die aufgeklärte
Kultur des 18. Jahrhunderts darstellte, das in die lange Genealogie von mystischen
Verirrungen eingefügt werden kann, mit denen der »prophète-philosophe« in Ver­
bindung gebracht wird: die ketzerische Haltung gegenüber der offiziellen Reli­
gion, die seherischen Anfälle, der priesterliche Schwindel, die exaltierte Sprache,
die melancholische Krankheit. Für Autoren wie Christian Gottsched, Edmund
Burke oder den schon erwähnten Wieland waren dies typische Merkmale des
Enthusiasten. Es gewinnt somit an Bedeutung, dass Hölderlin trotz der Anfech­
tungen der Aufklärung eben diese negativen Merkmale in seinem dramatischen
Projekt hervorhebt. 30
Das Werk ist jedoch auch Produkt eines neuen Maßes an politischem Bewusst­
sein: Die Handschriften der ersten beiden Versionen waren während des Auf­

27 Heute in Sizilien.
28 F.Hölderlin: Sämtliche Werke, hg. von Friedrich Beißner. Bd. IV.1 (Stuttgart, 1946–
1985) 62.
29 Vgl. ebd. 300.
30 Vgl. Theresia Birkenhauer: Legende und Dichtung. Der Tod des Philosophen und Höl­

derlins Empedokles (Berlin 1996).

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 157

enthalts des Dichters in Rastatt (1798 – 1799) entstanden, wohin er zusammen


mit Abgesandten des Landgrafen von Homburg gelangt war, um an den Ver­
handlungen mit dem Heer Napoleons nach Beendigung des Ersten Koalitions­
krieges (1792 – 1797) teilzunehmen. Neben anderen politischen Persönlichkeiten
sollte Hölderlin dort die Abgeordneten Württembergs kennenlernen (Christian
F. Baz, Friedrich Gutscher, Franz W. Jung), die darauf vertrauten, dass mit Hilfe
der neuen helvetischen Republik (1798 – 1803) eine schwäbische Nation gegründet
werden könne. Die Möglichkeit einer Revolution im Süden Deutschlands wurde
wie nie zuvor als sichere und imminente Alternative wahrgenommen. Diese Hoff­
nung flammte 1800 während des Zweiten Koalitionskrieges (1798/99 – 1801/02)
mit der Ankunft des französischen Heeres unter Jean-Victor Moreau in München
wieder auf. Die Diskussionen in Rastatt und Homburg beendeten also die Phase
der Zurückgezogenheit, in die er durch die gescheiterte Liebesaffäre mit Susette
Gontard geraten war. In diesem neuen sozialen Kreis fanden seine literarischen
Interessen neue Gedankenspielräume, die direkt mit den aktuellen politischen
Plänen in Verbindung standen. 31
Es tritt also wieder die Problematik der Beschleunigung auf. Die mit der über­
schwänglichen enthusiastischen Rhetorik identifizierte prophetische Aktion des
Empedokles erscheint in der Form der umgestaltenden Kairos-Zeitlichkeit. Em­
pedokles verkörperte schon in der ersten Version des Stückes diese umgestal­
tende Dimension der geschichtlichen Zeit, die wiederum unmittelbar mit dem
Verwandelnden und dem Katastrophischen in Verbindung gebracht wird (»ein
furchtbar allverwandelnd Wesen ist in ihm«). 32 Wie seine Liebhaberin Pantea an­
fänglich klargestellt hatte, hatten seine prophetischen Eigenschaften die Macht,
»die Wolken zu teilen« und »den heitren Tag« anzukündigen. 33 Für seinen Schüler
Pausanias hatte das Wort seines Lehrers, im utopischen Sinne, das Statut eines
»heiligen« Ereignisses, das ihm die »Zukunftslinien« zeigen konnte:
»Ein Wort von dir im heiligen Augenblik
Das Leben vieler Jahre mir erschuf,
Daß eine neue schöne Zeit von da
Dem Jünglinge begann […]«. 34

31 Wie auch in seiner Studienzeit in Jena (1794 – 1795) befand sich unter ihnen wieder sein

Freund Isaac von Sinclair. Hölderlin trat in Homburg auch mit anderen Assistenten in Kon­
takt (Friedrich Muhrbeck, Casimir U. Böhlendorff), Gründungsmitglieder des Bunds der
freien Männer, jener ursprünglich um Fichte gebildete Kreis, den der Dichter auch in dieser
Stadt besuchte. Vgl. Christoph Prignitz: Hölderlins ›Empedokles‹ (Hamburg 1985) 26 – 27.
32 F. Hölderlin: Werke. Bd. IV.1 a. a. O. [Anm. 28] 30.
33 Vgl. »Und wenn er bei Gewittern in den Himmel blike / theile die Wolke sich und her­

vorschimmre der / heitre Tag«. Ebd. 3.


34 Ebd. 19 – 2 0. In der dritten Version erkannte Pausanias diese prophetische Macht an.

Vgl.: »Mir steht wie dir Zukünftiges nicht offen«. Ebd. 129.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


158 Martín Baigorria

Der begeisterte Diskurs stand aber auch aus der Sicht von Empedokles’ Gegnern
mit der apokalyptischen Kairos-Erfahrung in Zusammenhang:
»[…] allverdunkelnd hüllt
Der Zauberer den Himmel und die Erd’
Ins Ungewitter, das er uns gemacht […]«. 35

Diese Metaphorik erschien am Anfang der zweiten Version wieder, wo Mekades


vor den Gefahren der neuen religiösen Alleinherrschaft warnt, die die Hauptfi­
gur angekündigt hatte:
»Das Einer so die Menge bewegt, mir ists,
Als wie wenn Jovis Blitz den Bald
Ergreift, und furchtbarer«. 36

Empedokles’ Rede bewegte die Menge so sehr wie eine unterwerfende und er­
greifende apokalyptische Ankündigung. Diesbezüglich ist zu betonen, dass so­
wohl die Bilder des Jovis als auch die zu jener Gottheit gehörigen Blitze mehrere
Male im Laufe des Stückes erwähnt werden. 37 Dieser Nachdruck war dem ideo­
logischen Kontext dieses tragischen Projekts keineswegs fern: Das mit dem grie­
chischen Gott Zeus verbundene Symbol des strafenden Blitzes wog in der Bild­
erwelt der Propaganda der französischen Revolution schwer. Seine Bedeutung
war befreiend und apokalyptisch zugleich, da er die Feinde der Republik strafte
und die Völker der Erde mit seinem Licht segnete. Das Bild verdichtete in sich
die unvorhersehbare zeitliche Dimension der Revolution, wobei die Rhetorik der
enthusiastischen Beschleunigung die abrupte Umgestaltung der politischen Ord­
nung ankündigte. 38
Die Verbindung zwischen begeistertem Diskurs und umgestaltendem Kairos
wird besonders in der dramatischen Funktion des Vulkans Etna hervorgehoben,
jenem Ort, an den sich Empedokles begibt, um sein prophetisches Opfer zu voll­
ziehen. Dieser Schauplatz war nicht willkürlich: Seine Gipfel sind während des ge­
samten Stückes eine der Naturgewalt ausgelieferte Landschaft stetigen Brodelns.
Es ist leicht erkennbar, wie das Bild des Etna eine metaphorische Dramatisierung
der enthusiastischen Subjektivität darstellt: Durch die erhabenen Bilder des opfer­
vollen Aufstiegs und des erlösenden Umsturzes wird der Vulkan zu einem heiligen
Raum des Göttlichen; sein unmittelbarer Ausbruch wird zu einem Symbol und ei­
nem Ort, an dem die typischen Merkmale jener Rhetorik in Szene gesetzt werden.

35 Ebd. 10.
36 Ebd. 91.
37 Vgl. ebd. 6, 46, 91.
38 Vgl. Daniela Kneißle: Die Republik im Zwielicht: Zur Metaphorik von Licht und Fins­

ternis in der französischen Bildpublizistik 1871 – 1914 (Oldenbourg 2010) 45 – 46.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 159

Die Lava steigt somit genauso wie der poeta vates unaufhaltsam nach oben;
diese Erhebung bewirkt jedoch keine große historisch-philosophische Ankün­
digung (wie in der Hymnenzeit von Tübingen), sondern wird durch ein opfern­
des Schicksal ersetzt, das wiederum mit einem fatalen, irreversiblen reinigenden
Umsturz in Verbindung steht. Die Überlegungen Empedokles’ kamen im Laufe
der drei Versionen immer wieder auf dieses Thema zurück: Seine von den Göt­
tern vorhergesehene Opferung ist das Vorspiel einer großen universellen Ver­
änderung. Diese Veränderung ist nicht mehr rückgängig zu machen, da es letzt­
endlich ein immer rückwirkend vorgebrachter göttlicher Befehl ist. Empedokles’
opfernder Enthusiasmus erkennt also, veranlasst durch diese den Sterblichen
verborgene Absicht der Götter, den Verlauf der Ereignisse als abstrakte und im­
manente Kraft an. Sein opferndes Pathos, als universelle und objektive Notwen­
digkeit, steht also im Einklang mit jener neuen, der modernen geschichtlichen
Erfahrung eigenen, irreversiblen Zeitlichkeit – »die Geschichte an-sich« – die
dem politischen Geschehen durch den revolutionären Prozess drastisch auferlegt
wurde. 39
Diese Auffassung wird in der dritten Version des Stückes deutlich hervorge­
hoben. Dort wird die Vulkannatur direkt mit dem Zeitverlauf in Verbindung
gebracht:
»Ein größrer ists, denn ich! Denn wie die Rebe
Von Erd´und Himmel zeugt, wenn sie getränkt
Von hoher Sonn aus dunklem Boden steigt,
So wächst er auf, aus Licht und Nacht geboren.
Er gährt um ihn die Welt, was irgend nur
Beweglich und verderbend ist im Busen
Der Sterblichen, ist aufgeregt von Grund aus.
Der Herr der Zeit, um seine Herrschaft bang,
Thront finster blikend über die Empörung […]
Doch was von oben flammt, entzündet nur
Und was von unten strebt, die wilde Zwietracht«.40

In der dritten Version des Stückes beobachtet Manes (ein einsiedlerisches Al­
ter Ego des Empedokles im Exil) von den Gipfeln des Etna aus jenen Zustand
sozia­len Chaos’, in den die Agrigenter durch die visionäre Rede des Protagonis­
ten geraten waren. In diesem Rahmen wird also die enthusiastische Symbolik
neu betont und es treten einige entscheidende zeitliche Konnotationen deutlich
hervor. Der Ausbruch des vulkanischen Gottes wird, als Metapher des vatischen
Aufstiegs, mit der Trunkenheit des Weins verglichen, der aus den Tiefen der Erde

39 R. Koselleck: Vergangene Zukunft, a. a. O. [Anm. 2] 49 – 54.


40 F. Hölderlin: Werke. Bd. IV.1 a. a. O. [Anm. 28] 135.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


160 Martín Baigorria

bis zu den Höhen der Sonne aufsteigen kann. Die prophetische Ekstase des Vates
wird so mit dem chaotischen und unvorhersehbaren Verlauf der Naturwelt iden­
tifiziert: Das »subjektive« Moment – Empedokles – und das »objektive« – die
Vulkannatur – werden der Metapher der enthusiastischen Trunkenheit unterge-
ordnet.
In diesem Sinne kann man die Macht des Vulkans nicht als befriedend verste­
hen, sondern sie schürt mit ihrem Feuer die Glut der »wilden Zwietracht«: Das
Bild des Ausbruches, der wie eine immanente Gefahr in den Tiefen der Erde ver­
borgen ist, stellt eine Metapher des Zustands der Umwälzungen dar, die die Stadt
Agrigent durchlebt. 41 Das von Hölderlin ersonnene tragische Szenario zeigt uns
so den Einbruch dieser politischen Situation, die durch den revolutionären Pro­
zess eingeleitet wurde: im Zustand der »Empörung« – »was irgend nur / Beweglich
und verderbend ist im Busen / Der Sterblichen, ist aufgeregt von Grund aus«. 42
Deshalb war der Ausbruch des Vulkans, genauso wie die vatische Trunkenheit,
eine Metapher auf doppelter Ebene – subjektiv und objektiv –, da sie sowohl den
instabilen Charakter der enthusiastischen Sprache (die jederzeit einbrechen kann)
als auch die Spannungen einer sozial unruhigen Zeitlichkeit hervorruft, die mit
der damaligen politischen Krise in Verbindung stand.
Dieser letzte Punkt erlangt Bedeutung, da er eine grundlegende Veränderung
in der Hölderlin’schen Auffassung der enthusiastischen Beschleunigung darstellt:
Diese Symbolik zeigt keineswegs den bloßen subjektiven Aufstieg hin zu einem
erlösenden politischen Ideal (zu dem die revolutionäre Ideologie in der Tübinger
Etappe strebte), sondern sie erscheint nun durch das zentrale Bild des Vulkans
als wechselhafte und widersprüchliche (»bewegliche«) Zeitlichkeit, die weder ei­
nen teleologischen (Tübingen) noch vorbestimmten harmonischen Sinn hatte (die
»Auflösung der Dissonanzen« im Hyperion). 43 Durch diese neue Inszenierung
werden jene anfänglichen Hoffnungen auf befreienden Fortschritt durch eine an­
dere Sicht des historischen Fortschritts ersetzt, die wesentlich durch die Folgen
der Revolution in Deutschland bestimmt wurde. Wir treffen auf einen Bruch in
der Wahrnehmung des geschichtlichen Verlaufs als geradlinigen und immanen­
ten Prozess: Der »Herr der Zeit« – authentische Verkörperung der Geschichte
als »Kollektivsingular« 44 – beschränkt sich nun nicht mehr, wie in der Rede des

41 Vgl.: »volcanism was a way of picturing political development as an unfolding of dor­

mant energies, as an ›Awakening‹ which manifested itself in a series of sudden dramatic chan­
ges.« Maiken Umbach: Visual Culture, Scientific Images and German Small-State Politics in
the Late Enlightenment. In: Past and Present 158 (1998) 110 – 145, 130.
42 F. Hölderlin: Werke. Bd. IV.1 a. a. O. [Anm. 28] 135 – 136.
43 Lawrence Ryan: Hölderlins Hyperion. Exzentrische Bahn und Dichterberuf (Stuttgart

1965).
44 R. Koselleck: Vergangene Zukunft a. a. O. [Anm. 2] 50.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 161

Manes, darauf, die Geschehnisse allwissend und entfernt aus den Höhen zu be­
trachten, sondern er bereitet sich darauf vor, wie es Empedokles bekräftigt,
»zur Feier
Zum Zeichen ein Gewitter«. 45

V. Die letzten Flüsse Hölderlins: geschichtliches Chaos und


­enthusiastische Beschleunigung

Dieser Wandel in der Perspektive von Hölderlins Dichtung ist kein Zufall. Wir
treffen hier auf einen Wendepunkt im enthusiastischen Diskurs, der auf die hefti­
gen Ereignisse zurückzuführen ist, die das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts
ausmachten. Apokalyptisches Kairos, historische Beschleunigung und Enthusias­
mus bildeten in diesem Zusammenhang drei eng miteinander verbundene As­
pekte in der politischen Sprache jener Zeit: Ebenso wie die Lava und das Feuer
wurden auch Bilder wie zum Beispiel »Ströme« oder »Flüsse« häufig gebraucht,
um die revolutionäre Zeitlichkeit in besagte Rhetorik zu übertragen. Diese Wahr­
nehmung wurde durch die Erfahrungen der Koalitionskriege (1792–1797, 1798–
1801) besonders zugespitzt, wie es schon der republikanische Jurist Johann B.
Erhard (1766 – 1826) während der Terror-Epoche 1794 in einer Propagandaschrift
aufzeigte: »Die Frankennation ist eine freie Nation – wie kannst Du es wagen, ihr
Widerstand zu leisten? Gleich einem reißenden Strome, der, wenn es einmal die
Dämme durchbrochen hat, alle sich ihm entgegenstellenden Hindernisse mit sich
unaufhaltsam fortreißt, wird die Frankennation alle Heere verschlingen, die das
deutsche Volk ihrer Siegerbahn entgegenstellen wird«.46
Die Ideen von Gewalt und geschichtlicher Unumkehrbarkeit erscheinen hier,
ähnlich dem Bild des Vulkans im Empedokles, mittels der Flussmetapher. Noch
1798 wurde in einem anonymen Propagandaschreiben in Nürnberg bekräftigt,
dass nichts den »neuen Ideenstrom« aufhalten könne, »der die Menschheit gegen
das neue Ziel, die Freiheit, selbst über die Felsen hinwegreißt, womit das Bett des
Flusses gleichsam übersäet ist«.47 In dieser Vorhersage erscheint die Revolution
noch als eine Bewegung bejahender, dem menschlichen Fortschritt dienender
Ideen.

45 F. Hölderlin: Werke. Bd. IV.1 a. a. O. [Anm. 28] 138.


46 Johann B. Erhard: Über das Recht des Volkes zu einer Revolution und andere Schrif­
ten, hg. von H. G. Haasis (München 1970) [1794]. Zitiert in E. Becker: Zeit der Revolution!
a. a. O. [Anm. 1] 84.
47 Anonym: Das neuste über Wirtemberg, den Schwaben gewidmet (Mainz 1798). Ebd.

84.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


162 Martín Baigorria

Die positive Bedeutung dieser Wahrnehmung sollte sich jedoch, wie es der
Historiker Ernst Becker aufgezeigt hat, gegen Ende des Jahrhunderts merklich
wandeln. Die sowohl unaufhaltsame als auch unvorhersehbare Dimension der
revolutionären Krise besorgte die Zeitgenossen, wie man es in einem Essay in der
Neuen Schildwache sehen kann, das der ebenfalls republikanische Autor George
Rebmann aufgrund der Bildung des Triumvirats in Frankreich verfasst hatte:
»Der Strom reißt uns unaufhaltsam mit sich fort. Glücklich ist derjenige, den er
nicht verschlingt, glücklicher noch derjenige, welcher dann und wann am Ufer
einen Augenblick ausruhen, und neue Kräfte sammeln kann«. 48
In eben diesem Sinne behalf sich der konservative Theoretiker zu Beginn
des zweiten Koalitionskrieges (1798/99) der Flussmetapher, um die Haupt­
merkmale der Epoche zu beschreiben: »reißen schnelles Stürmen im Flusse der
Begebenheiten«. 49 Die vormals von Erhard verwendeten Sprachfiguren erschei­
nen bei diesen Chronisten negativ: Durch das Bild eines reißenden Flusses behielt
die revolutionäre Krise ihre Form eines immanenten Prozesses, aber zugleich
auch einer radikalen Unvorhersehbarkeit, vor der die Beobachter und Beteiligten
sich in Acht nehmen müssen, um nicht verschlungen zu werden. Der vorherige
geradlinige und einförmige Sinn wird somit wieder hinterfragt: Die Ereignisse
konnten, wie auch der Wasserstrom, jederzeit aus den Ufern treten. Wie Becker
aufzeigt, handelte es sich um eine Erfahrung der durch die Neuheit der politi­
schen Ereignisse hervorgerufenen Unvorhersehbarkeit und Kontingenz, welche
Folgen einer Neugestaltung der Machtbeziehungen waren und deren endgültigen
Auswirkungen und Bedeutung noch nicht klar abzusehen waren. Mittels dieser
Art von Prognosen berichten die Chroniken jener Epoche von der immer offen­
sichtlicheren Trennung zwischen Erfahrungsraum und Erwartungshorizont: Aus
der Sicht ihrer Zeitgenossen vertieften die fortlaufenden radikalen Wendepunkte
des revolutionären Prozesses einen allgemeinen Eindruck von kollektiver Kon­
tingenz und Flüchtigkeit, in Worten Hölderlins in einem »reißenden Wechsel der
Vorstellungen«.50
Nun geht es darum zu sehen, welchen Einfluss diese diskursiven Verände­
rungen auf die interne Entwicklung von Hölderlins Werk hatten. Wie sein Werk
Empedokles schon vorweggenommen hatte, wird die starke metaphorische Über­
lappung zwischen dem semantischen Paar ›Geschichte/Revolution‹ und einem
gewissen von der enthusiastischen Rhetorik und der Ästhetik des Sublimen her­
rührenden Repertoire an Naturbildern eine konstante Tendenz in der letzten

48 Der Artikel wurde am 4. September 1797 veröffentlicht. Ebd. 84.


49 Ebd. 85.
50 Vgl.: »[…] um nemlich dem reißenden Wechsel der Vorstellungen, auf seinem Sum­

mum, so zu begegnen […]«. Anmerkungen zum Ödipus. Friedrich Hölderlin: Sämtliche


Werke, hg. von Friedrich Beißner. Bd. V (Stuttgart, 1946–1985) 196.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 163

Phase seines dichterischen Schaffens ausmachen (1800 – 1804). Dieses Merkmal


kann man sowohl in den Vaterländischen Gesängen als auch in vielen seiner letz­
ten Oden und Elegien finden. Diesen Punkt betreffend können wir, auch wenn
es unmöglich ist auf diesen Seiten eine ausführliche Interpretation des dichten
Corpus jener Phase durchzuführen, doch ein paar Lektüreleitfäden vorschlagen,
die dazu dienen können, diese letzte Phase aus der Perspektive der Entwicklung
seines dichterischen Projekts zu verstehen. Ausgehend von der Erfahrung der
Sattelzeit lässt sich feststellen, dass die Mission der dichterischen Subjektivität
vor allem ab 1800 nicht mehr allein die Ankündigung der Revolution sein wird,
wie es noch die Figuren des Hyperion und des Empedokles anstrebten, sondern
vielmehr das Erfassen des konkreten Werdens der revolutionären Zeitlichkeit,
ausgehend von ihren Ambivalenzen und Widersprüchen. Der poetische Enthu­
sias­mus ist somit nicht mehr dem subjektiven Pathos untergeordnet, sondern wird
zu einem Nachsinnen über die Alternativen der neuen kollektiven Zeitlichkeit.
Von Empedokles an tritt die Bildungserfahrung als philosophischer und teleo­
logischer Horizont in den Hintergrund und wird in Hölderlins Werk maßgeblich
revidiert: Seine Dichtung besteht immer mehr aus einer Reflexion über die en­
thusiastische Erfahrung, sowohl im Zusammenhang seines literarischen Projekts
als auch auf der Ebene der geschichtlichen Bedeutung für die politische Sprache
der revolutionären Zeit. Diese beiden Dimensionen verweben sich immer dichter
miteinander.
Wenn wir diesem Leitfaden folgen, können wir in der Ode Der blinde Sänger
(1800 – 1801) eine dreifache Identifizierung zwischen revolutionärem Chaos, histo­
risch-natürlicher Beschleunigung und ekstatischem Enthusiasmus erkennen, die
in dieser letzten Phase auf verschiedene Weisen hervorgehoben wird. Es handelt
sich um einen bedeutenden Text, da man hier sehen kann, wie Hölderlin als schon
reifer Schriftsteller eine Bilanz seiner eigenen dichterischen Erfahrung in Angriff
nimmt. Der Ausgangspunkt des Gedichtes ist die Krise der enthusiastischen In­
spi­ration, was an jene wiederkehrenden melancholischen Krisen aus dem Hyper­
ion und auch aus seinem Briefwechsel erinnert.51 Diese Zustände erschwerten es
dem Dichter, eins mit seiner schaffenden Tätigkeit zu werden:

»Dann hör ich oft die Stimme des Donnerers


Am Mittag, wenn der Eherne nahe kommt
Wenn ihm das Haus bebt und der Boden
Unter ihm dröhnt und der Berg es nachhallt.

51 Vgl. Wolfgang Braungart: Hyperions Melancholie. In: Türm-Vorträge 1989/91. Hölder­

lin: Christentum und Antike, hg. von Valérie Lawitschka (Tübingen 1991) 111 – 140.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


164 Martín Baigorria

Den Retter hör’ dann in der Nacht, ich hör’


Ihn tödtend, den Befreier, belebend ihn,
Den Donnerer, vom Untergang zum
Orient eilen und ihm nach tönt ihr,

Ihm nach, ihr meiner Seele Saiten! es lebt mit ihm


Mein Geist, und wie die Quelle dem Strome folgt,
Wohin er trachtet, so geleit’ ich
Gerne den Sicheren auf der Irrbahn

Wohin? Wohin? Ich höre dich da und dort


Du herrlicher! Und rings um die Erde tönts.
Wo endest du? Und was, was ist es
Über den Wolken und o wie wird mir?«52

Wie es schon die vulkanische Rhetorik des Empedokles vorweggenommen hatte,


sind die Themen des revolutionären Chaos’ und des apokalyptischen Enthusias-
mus’ auch hier wieder ineinander verstrickt: Das Bild des »Donners« erscheint,
im Sinne des katastrophalen Leitmotivs, als eine Stimme, die das lyrische Ich
anspricht und das Fundament seines Heims und seiner natürlichen Umgebung
erschüttert. Der Diskurs des enthusiastischen Ereignisses richtet sich somit nicht
nur an das lyrische Ich, sondern auch wesentlich an den Kern der Gemeinschaft.
Außerdem wird durch die Figur des »Retters« (»Den Retter hör’ dann …«) auch
Napoleon in Erinnerung gerufen: Der »eilende« Vormarsch Richtung »Osten«
(der deutsche Osten) dieses »Befreiers« ist zugleich »tödtend« und »belebend«.
Bonaparte, der von seinen Zeitgenossen als »Intelligenz der Welt« und »univer­
seller Monarch« gepriesen wird, erscheint so auch für Hölderlin als eine weitere
mögliche Verkörperung der kollektiv-historischen Zeit. Die Bedeutungen dieser
historischen Figur hatten einen widersprüchlichen Charakter, da diese die ent­
gegengesetzten Erwartungen hinsichtlich des Verlaufs der revolutionären Krise
beschwor. Für die republikanische Seite stellte Bonaparte die Hoffnung auf his­
torische Beschleunigung dar, der Inbegriff des frenetischen Rhythmus’ der durch
die Revolution ausgelösten Ereignisse; für die Skeptiker, auf der anderen Seite,
repräsentierte er durch diese führende Rolle die einzige Garantie dafür, dass
jener Prozess zu einem guten Ende käme: die definitive Erlassung einer Verfas­
sung in Frankreich, die den Zustand permanenter politischer Verwirrung been­
den würde.53

52 F. Hölderlin: Sämtliche Werke, hg. v. Friedrich Beißner. Bd. V (Stuttgart, 1946–1985) 55.
53 »Die geschichtsphilosophischen Einordnungen Napoleons und des Cäsarismus als Be­
schleuniger oder Aufhalter der Revolution (…) wurden bereits zu dessen Beginn deutlich
markiert. Die Radikalen begrüßten den ›Napoleonismus als Inbegriff der Heraussschleude­

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 165

Diese widersprüchliche Wahrnehmung klingt auch in Hölderlins Versen wie­


der: »so geleit’ ich / Gerne den Sicheren auf der Irrbahn / Wohin? Wohin? Ich
höre dich da und dort / Du herrlicher! Und rings um die Erde tönts. / Wo endest
du? […]«.54 So wird also die Flussmetapher verwendet, um diese Identifizierung
zu erklären: Der Dichter folgt seinem »Befreier« wie »die Quelle dem Strom«. In
diesen Zeilen spürt man jedoch nicht mehr den optimistischen und einförmigen
Sinn, der den historisch-philosophischen Diskurs kennzeichnet. Es geht darum,
sich auf eine Irrbahn zu begeben, auf der man von einer neuen befreienden Figur
geleitet wird. Die poetische Subjektivität schließt somit eine »blinde« Wette ab
(und daher der homerische Bezug auf den »blinden Sänger«): Der neue, durch
den mächtigen Vormarsch des »Retters« herbeigeführte Enthusiasmus führt zu
einer plötzlichen Entscheidung ohne vorherige Sicherheiten. »Tödtend« und zu­
gleich »belebend« – die Identifizierung Napoleons mit der Naturgewalt erlaubte
es Hölderlin, das immer dunklere und ungewissere Wesen der revolutionären Be­
schleunigung zu dramatisieren, während die Identifizierung des enthusiastischen
Ichs und der Figur Bonapartes, auf der anderen Seite, jenen durch das Ereignis
in Frankreich eingeleiteten Erwartungshorizont offen hielt.

VI.  Der Rhein: enthusiastische Beschleunigung und Demokratisierung

Die im »blinden Sänger« aufgeworfenen Dilemmas tauchen in der »Hymne« na­


mens Der Rhein (1801 – 1802) wieder auf.55 Dies ist keineswegs zufällig und die
Kontaktpunkte beider Werke werden uns dabei helfen, einige der kennzeich­
nenden figurativen Besessenheiten seiner letzten literarischen Phase anzumer­
ken.56 Vom Sichtpunkt der geschichtlichen Situation her hatten der Name und das
Thema des Gedichts große politische Bedeutung: Zu jener Zeit stellte der Rhein

rung der Französischen Revolution auf ganz Europa‹, als ›Beschleuniger der Europäischen
Revolution‹. Für Woltmann war 1804 Napoleon ›der einzige, welcher die Revolution in ihrem
Wesen begriff und deshalb nie Schwärmer für sie werden konnte‹; daher sei es ihm auch ge­
lungen, ›die Revolution in dem Moment festzuhalten, da Alles zu erlöschen schien, was sie
verheißen hatte‹«. Dieter Groh: Cäsarismus, Napoleonismus, Bonapartismus. In: Geschicht­
liche Grundbegriffe, a. a. O. [Anm. 1] 726 – 771. Siehe auch Johannes Rogalla v. Bieberstein:
Die These von der Verschwörung der Philosophen, Freimaurer, Illuminaten, und »geheimen
Gesellschaften« 1789 – 1825 (Bochum 1968) 65; und E. Becker: Zeit der Revolution!, a. a. O.
[Anm. 1 ] 89 – 107.
54 F. Hölderlin: Sämtliche Werke, hg. von Friedrich Beißner. Bd. II .1 (Stuttgart, 1946–

1985) 55.
55 Dieses Werk ist dem jakobinischen Aktivisten Isaac von Sinclair gewidmet, seinem

­a lten Kameraden aus den Zeiten Jenas (1794 – 1795) und Homburgs (1798 – 1799).
56 Im Gegensatz zu anderen Flusshymnen jener Phase (Am Quell der Donau, Die Wan-

derung, Der Ister), sticht diese dadurch hervor, dass Hölderlin sie vollendet hat.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


166 Martín Baigorria

vor allem die natürliche Grenze zwischen den deutschen Fürstentümern und dem
vom französischen Heer kontrollierten Gebiet dar; eine Grenze zwischen der
Welt des Ancien Régime und dem neuen durch die Revolution eröffneten Hori­
zont. Diese Hymne ist nicht nur das umfangreichste seiner Werke mit Flussthema
(Der Main, Der Nekar, Der Ister, Der gefesselte Strom, Am Quell der Donau), son­
dern auch einer der wenigen vollendeten Texte aus der Reihe der »vaterländischen
Gesänge«, Hölderlins dunkelster und ehrgeizigster Phase (1800 – 1804). In diesem
Werk können wir also die wichtigsten Themen und Interessen jenes Zeitraums
ausmachen. Die Kritik hat bei diesem Text dazu geneigt, die »moderne« Geste
des Dichters zu sehen, sei es im Sinne der Kritik an den prometheischen Ansprü­
chen des romantischen Ichs oder der historisch-philosophischen Reflexion (die
Beziehungen zwischen Griechenland und dem Westen, Antike und Moderne,
Mensch und Gott etc.). Im Zusammenhang der vorliegenden Arbeit ist es nicht
unsere Absicht, eine vollständige Auslegung dieses Gedichts darzulegen. Es ist
uns jedoch wichtig, einige Stellen hervorzuheben, die vom Gesichtspunkt der
vorliegenden Verbindungen zwischen Hölderlins Poetik und der geschichtlichen
Erfahrung der Sattelzeit von Bedeutung sind.
Wir haben also schon gesehen, wie die beschleunigte Bewegung der enthusias-
tischen Subjektivität von der vatischen Erhebung und dem historisch-philosophi­
schen Optimismus zu einer anderen Art der Bewegung überging, die durch das
Chaos und die den Naturkatastrophen eigene Unvorhersehbarkeit gekennzeich­
net ist. In den Flusshymnen Hölderlins, und vor allem im Rhein, wird diese meta­
phorische Neugestaltung vertieft. So wird das Motiv der »Stimme«, das schon im
»blinden Sänger« auftaucht, in diesem Text aus einer anderen Perspektive wieder
aufgegriffen. Im Schoße des Berges verloren hört das lyrische Ich ein »Jammern
um Erlösung«, das von einem »tobenden« jungen Mann kommt: »Drum ist ein
Jauchzen sein Wort«.57 Jenes »Jammern« ist die Stimme des »Rheins«, der sich
von seinen Brüdern (dem Tessin und der Rhône) trennt, um sich, genauso wie
Empedokles und der »Befreier« aus dem »blinden Sänger«, nach »Asien« zu be­
geben. Ebenso wie im »blinden Sänger« war der Rhein »blind«, was sein eigenes
Schicksal und Wünsche anging:
»Doch unverstandig ist
Das Wünschen vor dem Schiksaal
Die Blindesten aber
Sind Göttersohne«.58

57 Ebd. 197. Auch in Germanien (1801) werden das Fließen der Ströme und die enthusias-

tische Stimme eindeutig miteinander identifiziert: »Doch Fülle der goldenen Worte sandest
du auch / Glükseelige! Mit den Strömen und sie quillen unerschöpflich / In die Gegenden
all«. Ebd. 151.
58 Ebd. 143.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 167

In diesem letzten Vers wird deutlich, dass die blindesten, die unfähigsten ihr ei­
genes Schicksal vorherzusehen, jedoch jene göttlicher Abstammung sind. »Der
Rhein« war »Sohn der Götter«, da er von Hochstimmung und Blindheit, den
widersprüchlichen Eigenschaften der enthusiastischen Subjektivität, erfüllt war:
»Denn furchtbar war, da lichtlos er
In den Fesseln sich wälzte,
Das Rasen des Halbgotts«.59

Was aber kann in dieser Textstelle der Ausdruck »lichtlos« bedeuten? Es ist von
keineswegs geringer Bedeutung: Die totale Blindheit dieses »Halbgottes« ist die
Blindheit des »aufgeklärten Schwärmers«, der genauso wie der Rhein ohne Rück­
sicht auf Verluste darauf eilte, die Zukunft in die Gegenwart zu bringen. Die
Folge davon ist der unvorhersehbare Charakter von dieser Art von Subjektivi­
tät, wie sich in der nächsten Strophe der Hymne wiederspiegelt: »Ein Rathsel ist
Reinentsprungenes«.60 Diese Charakterisierung wiederholt sich fast identisch in
Die Wanderung (1801):
»Von ihren Söhnen einer, der Rhein,
Mit Gewalt wollt’ er ans Herz ihr stürzen und schwand
Der Zurückgestoßene, niemand weiß wohin, in die Ferne«. 61

Anhand dieser Deutung lässt ich schon erahnen, dass die Themen und Metaphorik
dieser Hymnen trotz ihrer esoterischen und abstrakten Prägung viel mehr als reine
metaphysische oder mythisch-religiöse Reflexionen sind. Ganz im Gegenteil: In
diesem Werk verdeutlicht die Verbindung zwischen »blindem« und »unvorher­
sehbarem« Vormarsch eine geschichtliche Problematik, die, wie wir schon er­
wähnt hatten, in den politischen Debatten jener Zeit an der Tagesordnung war.
Dem »Strom« der geschichtlichen Ereignisse, genauso wie dem »Rhein«, einen
normalen Verlauf und eine gewisse Vorhersehbarkeit ohne Sprünge oder heftige
Umschwünge zu geben, bedeutete schließlich die Möglichkeit, dem Horizont der
politischen Krisen seit 1789 einen endgültigen Sinn zu geben.62 Vom geschicht­
lichen Gesichtspunkt her stellte das »Jammern« des Flusses jedoch nicht nur das
Moment des subjektiven Pathos dar, sondern auch die Auswirkungen der enthu-
siastischen Sprache auf die brodelnde politische Lage nach 1789. Und in diesem
Sinne geht es Hölderlin durch seinen Bezug auf das »Rasen« des »Rheins« nicht
nur um die arglosen Überzeugungen des ersten revolutionären Enthusiasmus,
sondern auch um seine gewaltigsten und abruptesten Folgen. Hölderlins Ströme

59 Ebd.
60 Ebd.
61 Ebd. 141.
62 Vgl. François Furet: Penser la Révolution française (Paris 1978).

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


168 Martín Baigorria

metaphorisieren hier die Notwendigkeit und auch eine geschichtliche Unmöglich­


keit: Ihre unaufhaltbare Beschleunigung, die durch die enthusiastische Blindheit
vorangetrieben wird, dramatisiert die Dilemmas der revolutionären Zeit.
Mithilfe dieser Reihe von Konnotationen können wir die Untersuchung der
Zusammenhänge zwischen Enthusiasmus und geschichtlicher Beschleunigung
in seinem Werk einen Schritt weiter führen. Wie wir in den zuvor zitierten Ver­
sen gesehen haben, wurde jenes Toben durch die Hindernisse des Flusses her­
vorgerufen; seine »Fesseln‟ waren jene engen Flussbetten, die seinen heftigen
und überstürzten Vormarsch erschwerten. Den Sinn dieser Bilder werden wir
besser verstehen, wenn wir kurz den Roman Hyperion in Erinnerung rufen und
wie die Flussmetapher dort dazu dient, das Treffen der Hauptfigur mit seinem
Freund Alabanda zu beschreiben. Ähnlich wie der Rhein begegnen sich die bei­
den Freunde »wie zwei Bäche«, die von den Höhen der Berge herabstürzen: »Wir
begegneten einander wie zwei Bäche, die vom Berge rollen und die Last von
Erde und Stein und faulem Holz und das ganze träge Chaos, das sie aufhält, von
sich schleudern, um den Weg sich zueinander zu bahnen und durchzubrechen bis
dahin, wo sie nun ergreifend und ergriffen mit gleicher Kraft, vereint in Einen
majestätischen Strom, die Wanderung ins weite Meer beginnen«.63
Wie in dieser Passage zu sehen ist, hatte die Flussmetapher auch andere Be­
deutungen, die ebenfalls mit der politischen Lage in Zusammenhang standen: In
der Form von »Bächen« konnte die symmetrische Bewegung der beiden Kame­
raden noch nicht ihre volle Geschwindigkeit erreichen und deshalb auch nicht
ihr volles Potential entfalten. Ebenso wie der Rhein trafen sie auf Hindernisse
(»Erde«, »Stein«, »faules Holz«: »das ganze träge Chaos«), die nichts weiter waren
als die Zweifel und Widerstände ihrer Zeitgenossen angesichts der Befreiungs­
möglichkeiten jenes Zeitpunkts. Dies letztere lässt sich von den Metaphern und
Adjektiven herleiten, die Hölderlin verwendet: »faul«, »träge«; es handelt sich
um eine schwere, von der Standeswelt geerbte »Last«, die den Vormarsch der
historischen Kräfte »aufhält«. Wir haben schon gesehen, wie sehr diese Hinder­
nisse für Hölderlin mit der oft schwerfälligen Art zu tun hatten, mit der seine
Zeitgenossen am geschichtlichen Moment teilhatten; jene den Institutionen und
der Geisteshaltung des Ancien Régime eigene Trägheit gegenüber dem Wandel
des politischen Prozesses.
Mittels dieser letzten Passage können wir also erkennen, wie die Rhetorik des
Hyperion erneut ein der modernen Sattelzeit eigenes geschichtliches Erleben her­
vorruft, durch das sich die Radikalisierung des revolutionären Moments immer
weiter zuspitzte, was wiederum mit den durch die Reaktion entgegengesetzten
Kräften in Zusammenhang stand.64 Auch im Falle von Der Rhein muss die Iden­

63 F. Hölderlin: Werke Bd. III, a. a. O. [Anm. 18] 26.


64 »Erst im Sog der Beschleunigung entsteht eine Verzögerung, die die geschichtliche Zeit

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 169

tifizierung von Flussmetapher und enthusiastischer Beschleunigung im Rahmen


dieser temporalen Dialektik verstanden werden:
»[…] und wenn in der Eil’
Ein Größerer ihn nicht zähmt,
Ihn wachsen läßt wie der Bliz, muß er
Die Erde spalten, und wie Bezauberte fliehn
Die Wälder ihm nach und zusammensinkend die Berge«. 65

Der »eilige« Vormarsch des Flusses erscheint als apokalyptischer »Blitz«, der »die
Erde spalten« kann. Seine »Stimme« nahm somit die Form der Naturkatastro­
phe und des historischen Kairos an, jenes andere, schon im Projekt Empedokles
angedachte zeitliche Gebilde der enthusiastischen Poetik. Dieser zerstörerische
Einschnitt im »Rhein« hat, ebenso wie Empedokles, eine bezaubernde Macht, die
»Berge zusammensinken« lassen und Naturelemente hypnotisieren kann, und so­
gar »Wälder« dazu bringen kann, mit ihm ins Exil zu gehen. Im Sinne der Dialek­
tik von Revolution und Reaktion war dieser apokalyptische Moment jedoch kei­
neswegs zufällig, sondern ergab sich vielmehr aus dem vorangegangenen Kampf
mit einem »Größeren«, der ihn »zähmen« und so die Beschleunigung des Flusses
aufhalten konnte. Das zerstörerische Kairos des »Rheins« – sein eben kontin­
gentes Wesen – ergab sich also aus dem Zusammenstoß mit den verzögernden
geschichtlichen Elementen, die seinen Vormarsch hemmten.
Es ist somit nicht willkürlich, dass in diesem rhetorischen und semantischen
Rahmen die Figur Rousseaus auftaucht, einer der »großen Prognostiker« des
18. Jahrhunderts; jener, der im Emile (1762) vom »Krisen- und Revolutionszeital­
ter« sprach und den endgültigen Fall der Monarchien ankündigte:
»Halbgötter denk’ ich jezt
Und kennen muß ich die Theuern,
Weil oft ihr Leben so
Die sehnende Brust mir beweget.
Wem aber, wie, Rousseau, dir,
Unüberwindlich die Seele
Die starkausdauernde ward.
Und sicherer Sinn
Und süße Gaabe zu hören.
Zu reden so, daß er aus heiliger Fülle
Wie der Weingott, thörig göttlich

im Wechselspiel von Revolution und Reaktion vorantreiben hilft. Was vor der Revolution als
katechon begriffen werden mochte, wird selbst zum Stimulans der Revolution«. R. Koselleck:
Vergangene Zukunft, a. a. O. [Anm. 2] 34 – 35.
65 F. Hölderlin: Werke Bd. II .1, a. a. O. [Anm. 54] 144.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


170 Martín Baigorria

Und gesezlos sie die Sprache der Reinesten giebt


Verständlich den Guten, aber mit Recht
Die Achtungslosen mit Blindheit schlägt
Die entweihenden Knechte, wie nenn’ ich den Fremden?« 66

»Rousseau« erscheint wie »der Rhein« als Halbgott, dem der dionysische En-
thusiasmus des »Weingottes« verliehen wurde.67 In der literarischen Erfahrung
Hölderlins stellte die Figur des Genfers eine emotive Erinnerung dar: Gestalten
wie Rousseau hatten »die sehnende Brust« der enthusiastischen Subjektivität oft
genug »beweget«. Schon in der Tübinger Phase stand zu Beginn der »Hymne an
die Menschheit« ein Epigraph aus dem Contrat Social (1762).68 Das enthusiasti-
sche Ich betrachtet also rückblickend seine dichterische Erfahrung und bringt sie
mit jenen historischen Figuren in Zusammenhang, durch die seine eigenen Worte
ursprünglich zustande gekommen waren. Mit dem Namen »Rousseau« vollzieht
sich im Rahmen dieser Hymne eine weitere Wandlung des »prophéte-philosophe«,
wohl eine letzte Umdeutung dieser Figur im Werke Hölderlins.
Wie auch der »Schwärmer« Empedokles, besaß »Rousseau« eine »thörig gött­
liche« und »gesetzlose« Sprache, mit einer »süßen Gaabe« »aus heiliger Fülle«
»zu hören« und »zu reden«. »Rousseau« war derjenige, der die Sprache der Göt­
ter verstanden hatte; seine Figur wird uns hier präsentiert als handele es sich um
ein diskursives Ereignis.69 Trotz dieser vorteilhaften Merkmale habe der Genfer
jedoch, aufgrund dieser »göttlichen Thörigkeit«, seiner enthusiastischen Narr­
heit, »zu viel geredet«, da er die Sprache »der Reinesten« »verständlich« gemacht
habe. Wer aber waren diese letzteren? Auf den ersten Blick machen sowohl die
Darstellung dieser mythischen Figuren als auch ihre Verwendung in der Sprache
Rousseaus einen äußerst mehrdeutigen Eindruck: Sie seien sowohl die »Guten«
als auch die »Achtungslosen«, »entweihenden Knechte« und im gleichen Vers
ein rätselhafter »Fremder«. Die Ungewissheit betreffs des wahren Namens der

66 Ebd. 146.
67 Bernhard Böschenstein: ›Frucht des Gewitters‹. Hölderlins Dionysos als Gott der Re­
volution (Frankfurt 1989) 14.
68 Vgl. »Les bornes du possible dans les choses morales sont moins étroites, que nous ne

pensons. Ce sont nos foiblesses, nos vices, nos préjugés, qui les rétrécissent. Les âmes basses
ne croient point aux grands hommes: de vils esclaves sourient d’un air moqueur â ce mot de li­
berté«. F. Hölderlin: Sämtliche Werke, hg. von Friedrich Beißner. Bd. I (Stuttgart, 1946–1985)
147. Auch in der Rousseau gewidmeten Ode (1799) war die Sprache des Verfassers des Con-
trat Social (1762) prophetischer Natur: »Vernommen hast du sie, verstanden die Sprache der
Fremdlinge / Gedeutet ihre Seele! Dem Sehnenden war / Der Wink genug, und Winke sind /
Von alters her die Sprache der Götter«. F. Hölderlin: Werke Bd. II.1, a. a. O. [Anm. 54] 13.
69 Zur Interpretation von Rousseau als Diskurs, vgl. Jean- Jacques Guilhaumou: J.-J. Rous­

seau et la Révolution Française (Reims 1989); La langue politique et la Révolution française.


De l’événement à la raison linguistique (Paris 1989).

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 171

Empfänger von Rousseaus Botschaft wird sogar durch die Frage am Ende der
Strophe hervorgehoben: »wie nenn’ ich den Fremden?«
Wir finden dieselbe Unsicherheit auch in der Art, wie das lyrische Ich das
Schicksal dieser Sprache beurteilt: ihre befreiende »Gabe« hat auch »blendende«
Wirkungen. Der Dichter scheint so erneut die so oft den politischen Schwärmern
zugeschriebene »Blindheit« als »göttliche« Eigenschaft hervorzuheben. Nicht von
ungefähr war es eben das Gleiche, was auch die konservative Seite verurteilte:
eine trunkene »Blindheit« mit der »Sprache der Menschenrechte«, deren ständige
Versprechen auf unmittelbare Erlösung große Massen verführten und betrogen.
Dazu müssen wir nur die in Deutschland weit verbreiteten Kritiken von Autoren
wie August Rehberg und Friedrich Gentz in Erinnerung rufen. Diesen Intellek­
tuellen zufolge verursachten die neuen, zuerst durch die Aufklärung und dann
durch Revolution verbreiteten befreienden Werte in den Massen einen Zustand
turbulenter Erregung, der es ihnen zugleich unmöglich machte, praktisch zu den­
ken und die wirkliche politische Situation zu erkennen.70
Aber zurück zu Hölderlins Text. Trotz der Mehrdeutigkeiten der Passage wird
klar, wie Rousseaus Sprache den historischen Prozess durchquert: Mithilfe der
dionysischen Vermittlung des Genfers wurde jener Diskurs von den »Reinsten«
den »entweihenden Knechten« zugetragen. Im Zusammenhang von Der Rhein
dramatisiert das ungewisse und ungestüme Schicksal des Diskurses Rousseaus
erneut das Problem des ungewissen Sinnes des revolutionären Prozesses. Nun
muss sich nämlich, wie es die »blinde« Rebellion der »entweihenden Knechte«
zeigt, der »Halbgott« »Rousseau« der Verallgemeinerung des enthusiastischen
Diskurses und den Unruhe stiftenden Folgen derselben stellen. So wird deut­
lich, inwiefern die mythische Vorstellungskraft Hölderlins auch hier auf eine der
Sattelzeit eigene Erfahrung abzielt: die Demokratisierung des politischen Wort­
schatzes durch die Aufklärung, die Buchdruckkultur und die Radikalisierung des
politischen Prozesses; eine Reihe zusammenlaufender Phänomene, mittels derer
die »Sprache der Menschenrechte« langsam die engen Grenzen der Standeselite
überschritt (Adel, Juristen, Gelehrte).71 Wie es die Kritiken Lessings, Wielands
und Schillers schon im Sinne der konservativen Verschwörungstheorien vorweg­

70 An dieser Stelle kann jene »Blindheit‟ aus der Sicht der »Ideologisierbarkeit‟ im Rah­

men der Sattelzeit erklärt werden. Durch die Abstraktion der neuen revolutionären Sprache
und ihren kollektivsingularen Status kann man sie sowohl als »Allgemeinheit« als auch als
»Mehrdeutigkeit« verstehen. Die Abstraktion führt zu einer wachsenden Entfernung von
der unmittelbaren Erfahrung und macht die Sprache undurchsichtig für den Allgemeinsinn
und traditionelles Wissen. Vgl. R. Koselleck: Einleitung, a. a. O. [Anm. 1] XVII –XVIII. Dies
war der Sinn der Burk’schen Kritik an der revolutionären Sprache. Vgl. John G. A. Pocock:
­Edmund Burke and the Redefinition of Enthusiasm. In: The Transformation of Political Cul­
ture 1789 – 1848, ed. by François Furet, Mona Ozouf (Oxford 1989) 19 – 43.
71 R. Koselleck: Einleitung, a. a. O. [Anm. 1] XVI .

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


172 Martín Baigorria

genommen hatten, war die Pluralisierung der religiösen, philosophischen und


literarischen Diskurse ganz klar verantwortlich für diese neue Art des »aufge­
klärten Schwärmers«, da dieser seine Botschaft in der enthusiastischen Sprache
am wortgewandtesten und sehbarsten vermitteln konnte.
Von diesem Gesichtspunkt her muss die Passage aus Der Rhein ausgehend von
der Rede des Empedokles in der dritten Version des Dramas verstanden werden,
wo diese »Knechte« schon äußerst deutlich und ähnlich erscheinen:
»Denn gewaltsamer
Wie Wasser, schlug die wilde Menschenwelle
Mir an die Brust, und aus dem Irrsaal kam
Des armen Volkes Stimme mir zum Ohre.
Und wenn, indeß ich in der Halle schwieg.
Um Mitternacht der Aufruhr weheklagt.
Und durchs Gefilde stürzt, und lebensmüd
Mit eigner Hand sein eignes Haus zerbrach,
Und die verlaideten verlaßnen Tempel,
Wenn sich die Brüder flohn, und sich die Liebsten
Vorübereilten, und der Vater nicht
Den Sohn erkannt, und Menschenwort nicht mehr
Verständlich war, und menschliches Gesez […]‟72

In diesen Worten erinnert sich Empedokles in der letzten Version des Dramas
an seine erste Begegnung mit der Bevölkerung von Agrigent. Wie auch in den
»letzten Hymnen«, wird hier die der revolutionären Zeit eigene historisch-kol­
lektive Gewalt mittels der Wasserrhetorik wiedergegeben (»gewaltsamer / Wie
Wasser«). Und auch hier handelt das »arme Volk« ohne Kontrolle und im Zustand
der »Aufruhr«. Aus diesem Tumult richtet sich nun also eine Aufforderung – die
»Stimme« des Volkes – an den Priester Empedokles. Diese »Stimme« jedoch war
nicht friedlich, vielmehr wurde sie nach und nach fremd und verwüstete alles: das
Heim, den Tempel, das Gesetz und die familiären Bindungen. Es handelt sich hier
um eine nicht unbedeutende Parallele: Ähnlich dem Projekt Empedokles wird
auch in Der Rhein die »göttliche« und »gesetzlose« Sprache des Visionärs »Rous­
seau« in den Händen der »Fremden« zum Träger einer gewaltsamen »Blindheit«.
Die Bildhaftigkeit dieser Szene ist bemerkenswert.73 Fast identisch taucht sie

72 F. Hölderlin: Werke, a. a. O. [Anm. 24] Bd. IV.1, S. 137


73 Wie der Leser sehen kann, handelt es sich um die Paraphrase einer bekannten und
vielzitierten apokalyptischen Bibelstelle (Markus 13, Lukas 12,53): »Es wird aber ein Bruder
den andern zum Tod überantworten und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich
empören wider die Eltern und ihnen zum Tode helfen« (Matthäus 10,21). Im Falle von Mar­
kus 13 ist der Rahmen außerdem die Ankündigung Christus’ der Zerstörung des Tempels,
ein Ort, der auch in der Rede des Empedokles genannt wird. Hölderlin greift somit auf eine

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


Hölderlin und die Sattelzeit 173

schließlich in der achten Strophe von Der Rhein im Zusammenhang mit dem
»Schwärmer« wieder auf:
»[…] und bedürfen
Die Himmlischen eines Dings,
So sinds Heröen und Menschen
Und Sterbliche sonst. […] / […]
[…] in der Götter Nahmen
Theilnehmend fühlen ein Andrer,
Den brauchen sie; jedoch ihr Gericht
Ist, daß sein eigenes Haus
Zerbreche der und das Liebste
Wie den Feind schelt´und sich Vater und Kind
Begrabe unter der Trümmern,
Wenn einer, wie sie, seyn will und nicht
Ungleiches dulden, der Schwärmer«.74

Die »Himmlischen« brauchen, um sich zu erkennen zu geben, »Heröen und Men­


schen / Und Sterbliche«. Hölderlin scheint hier die Logik der enthusiastischen
Vermittlung invers aufzuzeigen: Nicht mehr die Priesterfigur (vom Poeta Vates
bis hin zu Hyperion und Empedokles) wird nun nach dem Göttlichen streben,
sondern das letzte transzendente Wesen wird, im Sinne der protestantischen Ke­
nosis, eine menschliche Form brauchen, um sich zu offenbaren. Aber anstatt eine
Synthese von Menschlichem und Göttlichem herbeizuführen, scheint die enthu-
siastische Vermittlung hier ganz andere Folgen zu haben. Da das »Gesetz« jener
»Schwärmer« genannten »Heröen« dazu führte, »sein eigenes Haus« zu zerstören
und »das Liebste / Wie den Feind« zu schelten, konnte es dazu kommen, dass »Va­
ter und Kind« schließlich »unter den Trümmern« begraben wurden, wie es auch
schon in der dritten Version des Empedokles dargestellt worden war. Aus der
Sicht der Entstehung der modernen politischen Sprache birgt diese von Hölderlin

reli­g iöse und seinen Zeitgenossen gemeinsame Metaphorik zurück. Auch Friedrich M. Klin­
ger scheint mit ähnlichem Wortschatz auf jene Szene hinweisen zu wollen, als er die durch die
Revolution herbeigeführte Krise in Deutschland zu beschreiben versucht: »Der unglückliche
Zeitpunkt war gekommen, wo die ruhigen, friedlichen, treuen Bürger Teutschlands, welche
die Wörter ›Aufruhr‹ und ›Empörung‹ nur als eine Schreckenssage aus vergangenen Zeiten
kannten, plötzlich in Parteien zerfielen, wo in jedem Hause Zwietracht herrschte, die Fami­
lien sich trennten, der Freund den alten, erprobten Freund als Feind verließ und man nichts
mehr vernahm als den bittern Zwist über politische Meinungen, vor dem gesellschaftlichen
Kreise verschwanden.« Interessant ist der Ursprung des von Klinger aufgezeigten »Übels«:
Nicht so sehr die politische Gewalt an sich, sondern die Radikalisierung der öffentlichen
Debatte. Vgl. Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte eines Teutschen der neusten Zeit.
In: Die Französische Revolution, a. a. O. [Anm. 13] 118.
74 F. Hölderlin: Werke Bd. II .1, a. a. O. [Anm. 54] 112 – 120.

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015


174 Martín Baigorria

hervorgerufene Szene reichhaltige Deutungsmöglichkeiten: Kosellecks Untersu­


chung zufolge treffen wir hier auf die neue »Ideologisierbarkeit« der politischen
Darstellung, durch deren abstraktes »Gesetz« die traditionellen Bräuche und
Gewohnheiten, jener ursprüngliche »Erlebnisraum«, gewaltsam unterbrochen
wurde, mit dessen Hilfe bisher die Alternativen für die kollektive Zukunft aus­
gemacht wurden. Wie schon erwähnt stand diese Unterbrechung wiederum mit
einem anderen Schlüsselaspekt der Sattelzeit in Zusammenhang: die »Demokra­
tisierung« der politischen Sprache.75 Genau darauf zielt die Hymne Hölderlins in
rätselhaftem Ton ab, wenn sie die Ethik des »aufgeklärten Schwärmers« anklagt,
unfähig zu sein »Ungleiches zu dulden«. In der Form dieser mythischen Parabel
erweckt Hölderlin erneut das enge und unlösliche Band zwischen beiden Prozes­
sen: »Demokratisierung« und »Ideologisierbarkeit« als konstitutive Momente der
politischen Moderne.

VII. Ergebnisdiskussion

Im Laufe der vorliegenden Arbeit haben wir gesehen, wie Hölderlin anhand der
Wandlungen der enthusiastischen Sprache über eine kollektive Erfahrung reflek­
tiert, an deren verschiedenen Erwartungen er selbst unruhig teilgenommen hatte.
Es handelt sich um eine Reihe von Fragen, die sich auch die politischen Debatten
der Zeit stellten: Inwiefern gefährdete die Radikalisierung des aufgeklärten Ge­
dankenguts durch die Sprache der enthusiastischen Beschleunigung die Grund­
lagen der Welt, die sie ermöglicht hatten? Während der »Schwärmer« zunächst
vom Fieber seiner historischen Prognosen besessen war, erkannte die dramati­
sche Mythologie des Dichters schließlich, wie sehr die historisch-philosophische
Prognose zu einem chaotischen und unvorhersehbaren Horizont führte, der durch
die Pluralisierung der befreienden Diskurse der Zeit vorangetrieben wurde. Dies
war das unterschwellige Problem hinter der Frage von Der Rhein: »Wie nenn’ ich
den Fremden?« Wie nennt man jene »Fremden«, deren universalistischer Diskurs
alles mitzureißen schien? Die ungestümen und widersprüchlichen Konnotationen
der enthusiastischen Beschleunigung wurden somit vom Dichter verwendet, um
jene Ungewissheit auszudrücken. Auf diese Art stellte sich Hölderlin den Span­
nungen der historischen Lage, in der sein dichterisches Projekt entstanden war.

75 Vgl. R. Koselleck: Einleitung, a. a. O. [Anm. 1] XV–XIX .

Archiv für Begriffsgeschichte 57 | 2015