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Aus dem RWE-Magazin

Die Wettermacher

Die Wettermacher
Versuche, das Wetter mittels technischer Eingriffe zu beeinflussen, gab es schon vor mehr
als 100 Jahren. Um 1900 etwa beschoss man Gewitterwolken mit Kanonen, um mit den
Schallwellen die Wolken zu zerstören. In den 1920er Jahren schüttete man von
Flugzeugen aus Sand in die Wolken, um die Tropfenbildung anzuregen, und 1935 wollte
der französische Meteorologe Bernard Duobis mit Hilfe riesiger Dampfschornsteine Regen
erzeugen. Doch sämtliche Versuche scheiterten, und das aus einem simplen Grund: Damit
es in einer Wolke überhaupt zur Tröpfchenbildung kommen kann, sind sogenannte
Kristallisationskerne in der Atmosphäre nötig – winzige Staub- oder Rußpartikel –, an
denen das Wasser kondensiert. Diese wachsen dann je nach Temperatur zu immer
größeren Tröpfchen oder Eiskörnchen zusammen, bis sie schwer genug sind, um zu
fallen. Fehlen die Kristallisationskerne oder gibt es zu wenige, kann auch aus der dicksten
Wolke kein Regen fallen. Und genau an diesem Punkt setzen die modernen Wettermacher
an.

Schneesturm in der Truhe


Der erste Mensch, der sich von wissenschaftlicher Seite der Aufgabe des Regenmachens
mittels Kristallisationskernen verschrieb, war der amerikanische Nobelpreisträger Irving
Langmuir. Bereits in den 40er Jahren des vorigen Jahrhunderts suchte er nach einer
Substanz, die als künstliche Kristallisationskerne fungieren könnten. Nachdem er lange mit
unterschiedlichsten Stoffen experimentiert hatte, fiel seine Wahl schließlich auf Silberjodid,
ein gelbes Salz, das eine ähnliche Oberflächenstruktur aufweist wie Eiskörnchen. 1946
ließ er seinen Assistenten Vincent Schaefer einen Versuch durchführen, der in die
Geschichte einging: In einer Tiefkühltruhe hatte dieser durch simples Hineinblasen kleine
künstliche Wolken erzeugt und etwas Silberjodid hinzugegeben. Kurze Zeit später
rieselten winzige Eiskörnchen herab, der erste jemals künstlich erzeugte Niederschlag.
Die Idee, Wolken mit diesen künstlichen Gefrierkernen zu „impfen“, war geboren. Schon
wenige Jahre später stiegen in den USA die ersten Flugzeuge auf, um Wolken durch das
gezielte Einbringen von Silberjodid zum Regnen zu bringen. Zwar gibt es bis heute keinen
wissenschaftlichen Beweis dafür, dass der nachfolgende Regen tatsächlich durch das
Silberjodid ausgelöst wurde und kein Zufall war, trotzdem glauben viele Farmer an den
Erfolg der Methode.

Regen für Mexiko & Israel


Mittlerweile wird das „Wolkenimpfen“ in rund 30 Staaten in allen Ecken der Welt
angewandt: im trockenen Norden Mexikos ebenso wie in Australien. Allein in den USA
liefern mehr als ein Dutzend Unternehmen Regen auf Bestellung. Selbst Thailand, das
nicht gerade für Regenarmut bekannt ist, gibt für „Wolkenimpfen“ jährlich viele Millionen
aus, um die Plantagen während der Trockenzeit mit Regen zu versorgen. Und Israel, wo
das „Wolkenimpfen“ bereits seit mehr als 50 Jahren praktiziert wird, will damit rund 15
Prozent mehr Regen erzeugt haben.

Sonne für Moskau


Es sind aber nicht allein trockene Felder oder eine Dürre, die die Wetterbeeinflussung so
verlockend machen, sondern auch die Aussicht auf Sonnenschein. Denn wer es schafft,
Wolken künstlich abregnen zu lassen, erhöht die Chance auf nachfolgenden
Sonnenschein. Wie sich „Kaiserwetter“ auf Bestellung erzeugen lässt, haben die Russen
am 8. Mai 1995 demonstriert: Weil eine Flugschau zur großen Militärparade des 50.
Jahrestags des Kriegsendes in Moskau wegen einer nahenden Regenfront buchstäblich
ins Wasser zu fallen drohte, stiegen sieben Spezialflugzeuge auf, die den Wolken mit
Silberjodid zu Leibe rückten. Noch in der Nacht vor der Parade regneten sich die Wolken
ab, und pünktlich zur Parade am nächsten Tag schien die Sonne von einem wolkenlosen
Himmel. Ob nicht auch ohne äußere Einwirkungen die Sonne geschienen hätte, bleibt
ungeklärt. Daher bezweifeln viele Wissenschaftler die Wirksamkeit solcher gezielten
Eingriffe. Aber es sind derartige „Zufälle“, die viele an diese Methode glauben lassen. So
plant die Chinesische Staatsbehörde für Meteorologie schon heute, während der
Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 mittels „Wolkenimpfen“ dafür zu sorgen, dass
die Sonne lacht.

Verhindern von Hagelschäden


Auch in Deutschland und Österreich wird das „Wolkenimpfen“ seit langem praktiziert,
allerdings nicht, um schönes Wetter zu machen, sondern um Hagelschäden zu verhindern.
In einigen Regionen Baden-Württembergs und Bayerns steigen vor nahenden Unwettern
sogenannte „Hagelflieger“ auf und blasen Silberjodid in Gewitterwolken, damit diese
ausregnen, bevor die Hagelkörner weiter wachsen. Zumindest die Statistiken lassen an
einen Erfolg der Methode glauben: So sind im Landkreis Rosenheim, einem der
gewitterträchtigsten Gebiete Deutschlands, die Hagelschäden stark zurückgegangen,
seitdem Impfeinsätze geflogen werden. Gleiches hat die Wiener Zentralanstalt für
Meteorologie und Geodynamik für Österreich festgestellt. Trotzdem gibt es auch
hierzulande Kritiker, die den Erfolg der „Hagelflieger“ bezweifeln. So behauptet etwa
„Wetterguru“ Jörg Kachelmann in einem seiner Bücher: „Eine Kerze in der Kirche hilft
gegen Hagel mehr als Silberjodid aus der Cessna. Vielleicht wäre die Gewitterwolke mehr
beeindruckt, wenn man das Geld direkt in sie hineinstreuen würde.“

Mit Silberjodid gegen Hurrikane


Allen Skeptikern zum Trotz: Am wohl ehrgeizigsten Vorhaben, das Wetter zu beeinflussen,
arbeitet zurzeit der US-amerikanische Atmosphärenforscher Ross Hoffman. Angetrieben
von den verheerenden Zerstörungen des Wirbelsturms Katarina, der im August 2005 New
Orleans verwüstete, will er in aufziehenden Hurrikanen mittels „Wolkenimpfen“ die
Tröpfchenbildung so weit anregen, dass sich die Wolken frühzeitig abregnen. Damit würde
dem Hurrikan die Feuchtigkeit entzogen, die er zum Wachsen braucht. In
Computersimulationen ist Hoffman das bereits gelungen. Bis zum Praxistest dürften aber
noch einige Jahre vergehen.