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PR,EDIGT

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Pnrorcr 34 zu noch ab. Nun verstchtmich recht genaul Geschiehtesabernun,


daß mein Auge eins und einfaltig in sich selbstist und (ntrr) auf-
Aile gleichen Dinge lieben sich gegenseitig und vereinigen sich geschlagenund im Anschauenauf das Holz gerichtet wird, so
miteinander, und alle ungleichen Dinge fiiehen sich und hassen bleibt ein jedes,was esist, und doch werden beide im Vollzug des
einander. u Anschauensso eins, daß man wahrhaft sagenkann: Auge-Holz, ä
Nun sagt ein Meister, nichrs sei so unglcich wie Himmel und und das Holz ist mein Auge. Wäre nun noch das Holz r.rnstofflich
Erde. Das Erdreich hat es in seinerNatur empfunden,daß es dem . und rein geistig wie das Sehen meines Auges, so könnte man tat-
Himmel fern und ungleich ist. Darum isr esvor dem Himmel ge- sächlichsagen,daß im Vollzuge meinesSehensdasHolz und mein
flohen bis an die unterste Stärte, und darum ist das Erdreich unbe- Auge sich ln einetnScin befänden. Trift dies (nun schon) bei kör-
weglich, damit es dem Himmel nicht nahe. l)er Himmel aber hat ro perlichen Dingen zu, um wieviel mehr gi-ltesbei geistigenDingen!
es in seiner Natur wahrgenommen, daß das Erdreich ihn geflohen Ihr müßt (zudem)wissen,daß mein Auge viel mehr Gemeinsam-
und die untersteStättebezogenhat. Darum ergießtsich der Him- ,o keit hat mit dem Auge einesSchafes,dasjenseitsdesMecresist und
mel ganz und gar in befruchtender Weise in das Erdreich, und die dasich nie gesehenhabe, als mit meinen Ohren, mit denen esdoch
Meister halten dafür, daß der breite, weite Himmel nicht die Breite in Seinsgemeinschaftsteht. Und daskommt daher, weil des Schafes
einer Nadelspitze zurückbehalte, sich vielmehr rückhaltlos in be.. re Auge die gleicheBetätigung ausübtwie mein Auge auch, und des-
fruchtenderWeise in das Erdreich gebäre.Darum heißt das Erd- halb schreibe ich ihnen beiden mehr Gemeinsamkeit (eben) im
reich die fruchtbarste Kreatur urter allen zeitlichen Dingen. 16 Wirken zu als meinen Augen und Ohren, denn die sind in ihrem
Ebenso sageich von dem Menschen, der sich zunichte gemachr Wirken gesondeft.
hat in sich selbst,in Gott und in allen Kreaturen: Dieser Mensch hat Ich habe zuweilen von einem Lichte gesprochen,dasin der Seele
die unterste Stätte bezogen,und in diesenMenschen muf sich Gott ro ist, das ist ungeschaffenund unerschaffbar. Diesesnämliche Licht
ganz und gar ergießen,oder - er isr nicht Gotr. Ich sagebei der pflcge ich immerzu in meinen Predigcenzu berühren. Und dieses
ewigen und immerwährenden Wahrheit, daß Gott sich in einen zo selbeLicht nimmt Gott unmittelbar, unbedeckt entblößt au{, so
jeglichen Menschen, der sich bis auf den Grund gelassenhar, sei- wic er in sich selbstist; und zwar ist das ein Aufnehmen im Voll-
nem ganzen Vermögen nach völlig ergießen muß, so ganz urrd zuge der Eingebärung.Da karur ich (wiederum) wahrheitsgemäß
gar, deß er in seinem Leben, in seinem Sein, in seiner Natur noch 25sagen,daß diesesLicht mehr Einheit mit Gott hat, alsesEinhcit hat
auch in seiner ganzen Gottheit nichr zurückbehält: das allesmuß mit irgendciner (Seelen-)Kraft,mit der es doch in Seinscinheit
er in befruchtender Weise ergießenin den Menschen,der sich Gotr z' stclrt.Denn ihr müßt wissen,daß diesesLicht im Sein nreinerSeele
gelassenund die unterste Stätte bezogen hat. nicht edler ist als die niederstcoder die allergrobsinnlichste Kraft,
Als ich heute hierher ging, da sann ich darüber nach, wie ich wie Gehör oder Gesicht oder eine andereKraft, die Hurger oder
euch so verständlich predigen könnte, daß ihr mich gut verstündet, ro Durst, Frost oder Hitze befallenkann; und dasliegt darin begrün-
und erdachtc ein Gleichnis. Könntet ilr dasrecht verstehen,so ver- deq daß das Scin einheitlich ist. Sofern rnan daher die (Scelön-)
stündet ihr dcn eigentlichen Sinn und den Grund meines ganzen ro Kräfte im Scin nimmt, so sind sie alle einsund glcich edel; nimmt
Anlicgens, übcr den ich seit je gepredigt habe. Das Gleichnis aber man die Kräfte aber in ihrcm Wirken, so ist eine viel edler und
hatte es mit meinem Auge und mit dem Holze zu tun: Wird mein höher als die andere.
Auge aufgeschlagen, so ist es ein Auge; ist es zu, so ist es dasselbe 3r Darum sageich: Wenn sich der Mensch abkchrt von sich selbst
Auge. Durch dasSehenhinwiederum geht dem Holze weder etvvas und von allen seschaffenen Dirteen - so weit dtl das tust, so weit
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wirst du geeintund bcseligtin dem Fünklein in der Seele,deswedcr Pnrorcr 35


Zeit noch Raunr je beriihrte. DieserFunke widersagtallen Kreatu- Videte,qualencaritate
m deditnobispater,utflii dei nominemur
et simus
ren und will nichts als Gott, unvcrhüllt. wic er in sich selbstist. (r Joh.3, r)
Ihm genügt'sweder am Vatcr noch am Sohne noch am Heiligen
Geist noch an den drei Pcrsonen(zusammen),sofern ernejcde in ' M* -uß wissen, daß Gott zu erkennen und von Gott erkannt
ihrer Eigenheit besteht.Ich sage fürwahr, daß es diesem Lichte zu werden, Gott zu sehen und von Gott gesehen zu werden der
auchnicht genügt an der Einheitlichleit desfruchtträchtigenScho- o Sachenach eins ist. Indem w'ir Gott erkennen und sehen,erkennen
ßes göttlicher Natur. Ja, ich will noch mehr segen,was noch er- und sehen wit, daß er uns sehen und erkennen macht. Und
starrnlicherklingr: Ich sagebei der ewigen und bei der immer- ebenso,wie die Luft, die erleuchtet ist, nichts anderesist, als daß sie
währendenWahrheit, daß cs diesemLichte nicht geniigt an dem ro erleuchtet,denn (ebcn) dadurch erleuchtetsie, daß sie erleuchtet
einfaltigen, stillstehendcngöttlichen Sein, das weder gibt noch ist, - so auch erkennenwir dadurch,daß wir erkannt werden und
nimmt: eswill (viclmehr) wissen,rvoher diescsSeinkommt, eswill ,o daß er (: Gon) uns sich erkennenmacht.Darum sprachChristus:
in den einfaltigen Grund, in die sti-lleWiiste, in die nie Unter- >Wiederum werdet ihr mich sehen<,das heißt: dadurch. daß ich
sctr-iedenheithinei,nlugte,weder Vater noch Sohn noch Heiliger euch sehenmache, dadurch erkennt i-hr mich, und darauf folgt:
Geist.In dem Innersten,wo niemand daheim ist, dort (erst)genügt to ,und euer Herz wird erfreut werdent. dasheißt: in der Schauund
esdiesemLicht, und darin ist es innerlichcrals in sichselbst.Denn in der Erkenntnis meiner, ,und eure Freude wird euch niemand
dieserGrund ist eine einfaltigeStille, die in sichselbstunbeweglich r5 nehmen<(Joh. fi, zz).
ist; von dieser Unbeweglich.kcitaber werden alle Dinge bewegt SanktJohannesspricht: oSehet,welcheLiebe uns Gott geschenkt
und werden alle diejenigen olebeno empfangen, die vernunft- hat, daß wir GottcsKinder geheißenwerden und sindr (rJoh. 3, l).
begabtin sich selbstleben. 20 Er sagtnicht nur: ,geheißenwerdeno,sondernauch: osin&.Ebenso
Daß (auch) wir in diesem Sinne vemunftgemäß leben, dazu sage ich: Sowenig dcr Mensch weise sein kann ohne Wissen, so-
hclfe uns Gott. Amen. zewcnig kann er Sohn sein ohne das sohnhafte Sein des SohnesGot-
tes,und ohre daß er dasselbeSeirrdes SohnesGotteshat, dasdieser
'Weise-Sein
selbstbesitzt, eben gerade so, wie nicht sein kann ohne
Wissen.Daher: Sollstdu der Sohn Gottessein,so kannstdu's nicht
sein, du habest denn dasselbeSein Gottes, das der Sohn Gottes
ro hat. Dies aberist unsjetzt verborgen,und danachstehtgeschrieben:
,Vielgeliebte,wir sind SöhneGottey (r
Joh. 3, z). Und was wissen
wirt Dies, was er h.inzufügt: )und wir werden ihm gleich (sein)<
(r Joh. 3, z), dasheißt, dasselbe,was er ist: dasselbeSeinund Emp-
finden urd Verstehen und ganz dasselbe,was er dann ist, werur
ro ru7l1ifut sehen,wie er Gott ist* (r
Joh. 3, z). Darum sageich: Gott
könnte nicht machen, daß ich dcr Sohn Gortes wäre, ohne daß ich
das Sein des Sohnes Gottes hätte, sowenig wie Gott machen
könnte, daß ich weiie wäre, ohne daß ich Weise-Sein hä*e. Wie
(aber)surd wir GottesKinderl Noch wissenwir esnicht: resist uns