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6 FA C H G R U P P E W I E N D E R K A F F E E H Ä U S E R

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WienTourismus / Willfried Gredler-Oxenbauer

Jeder Wiener, der auf sich hält, hat sein Kaffeehaus – zum Beispiel das Sperl.

Was Wien anders macht


Kaum eine Institution trägt so viel zum Charakter der Bundeshauptstadt bei
wie das Kaffeehaus. Eine Hommage an das erweiterte Wohnzimmer der Wiener

Text: Elke Atzler, Leiterin der Abteilung für Multilaterale Angelegenheiten der Auslandskultur, Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres

W
enn der heutige Reisende die Zentren eu- der Mark Brandenburg serviert ein in Wien aufge- mal gesetzt. Unverzichtbar ist allerdings auch der
ropäischer Hauptstädte besucht, wird er wachsener Deutscher in seinem Café „Morgenrot“ „Piccolo“, der Zuträgerlehrling, der die unterste Stufe
gewahr: Die europäischen Metropolen Kaffee verkehrt – wie es sich gehört – mit einem Glas der Kellnerhierarchie repräsentiert, besungen im
haben ihren Charakter verloren. Hat der frühere Rei- Wasser auf Silbertablett. Und auch Berliner machen Heurigenlied „Herr Ober, Herr Unter, Herr Piccolo“
sende Städte besucht, um das ganz Spezifische einer manchmal gern auf Wien, wie nicht nur das legen- von einem der letzten Natursänger Wiens, dem ein-
Stadt kennenzulernen, Flair, Charakter, Lebensart, däre Café Einstein beweist. zigartigen Kurt Girk.
Geschichte zu atmen, ein genuines Handwerk oder Jeder Wiener, der auf sich hält, hat „sein“ Kaffee-
Markenzeichen kennenzulernen, sucht er das heute Jedem sein Kaffeehaus haus. Er geht ins Hawelka, ins Westend, ins Ritter,
vergebens. Der moderne Tourist trifft auf Städte, die Aber trotz all der Nachahmungsversuche wird man ins Prückel, ins Sperl, ins Griensteidl oder in eines
sich – abgesehen von einigen architektonischen Be- das typische Wiener Kaffeehaus nur in Wien finden! der hundert anderen Kaffeehäuser, die es in Wien
sonderheiten, sofern sie denkmalgeschützt sind – in Das beginnt schon mit der strategischen Lage. Das gibt. Und er nahm lange Zeit selbstredend etwas in
den Kernzonen kaum noch voneinander unterschei- klassische Kaffeehaus in Wien ist L-förmig, weil so- Kauf, was er bei keiner anderen gastronomischen
den. Auf der Andrassy út in Budapest findet man die mit das Straßengeschehen von zwei Seiten zu be- Einrichtung dulden würde: grantige Ober, die „die
gleichen Geschäfte wie in Paris und Rom. Auch Wien obachten ist, und es verfügt über einen „Windfang“, Kunde“, wie der Gast auf gut Wienerisch heißt, von
„Das Kaffeehaus steht hier um nichts nach. Restaurantketten der Sys- also eine Art „Vorraum“, die den Gast empfängt und oben herab behandeln. Hier war nicht der Gast Kö-
temgastronomie wie Vapiano und McDonald’s sind vor den Unbilden des Wetters schützt. In den Kaf- nig. Er musste sich dankbar zeigen, überhaupt be-
ist der traute Herd in Stockholm gleichwohl vertreten wie in Sarajevo. feehäusern der alten Schule besteht die Einrichtung dient zu werden. Nicht zufällig war der alte Grantler
derer, denen der Ableger in ganz Europa
aus Kaffeehaustischen mit Marmorplatten. Diese Thomas Bernhard ein großer Fan des Kaffeehauses.
thronen auf gusseisernem Fuß. Es gibt Logen, oft Der Service entsprach seiner Grundstimmung. Mitt-
traute Herd ein Trotzdem ist Wien anders. Es besitzt noch ein paar Spiegel, die den Raum optisch vergrößern. Der Gast lerweile sind solche Zustände aber längst Legende
Gräuel ist.“ Institutionen, die es so hier und zwar nur hier gibt. nimmt natürlich auf einem original Thonet-Sessel und ich weiß nicht, ob ich nicht den alten, granti-
Eine davon ist das Wiener Kaffeehaus. Natürlich Platz. Seinen Mantel hat er am Garderobenständer gen Obern, die letztlich ja doch alles gebracht haben,
DICHTER kann man entgegenhalten, dass sich Kaffeehäuser aus Bugholz abgelegt, von dem er gleich eine, zwei was man sich wünschte, nachtrauern soll.
ALFRED POLGAR auch anderenorts finden. Dass man in Budapest und oder drei der in einen unhandlichen Holzrahmen
Prag auf sie trifft. In ganz Mitteleuropa finden sich eingespannten Zeitungen, von denen es in jedem Niveauvoller Müßiggang
heute noch Spuren der Wiener Kaffeehauskultur. Kaffeehaus eine breite Palette – natürlich auch aus- Als die Welt noch in Ordnung war, begann der ge-
Und selbst über Mitteleuropa hinaus ist das Kaffee- ländische – geben muss, mitnimmt. Er trifft sich hier pflegte Ministerialrat, bevor er ins „Amt“ ging, hier
haus Vorbild: In Istanbul gibt es ein „Café Wien“, so- mit Freunden zum Tratsch, zum Geschäftstreffen, seinen Tag. Er nahm seinen Großen Schwarzen oder
gar mit einem Original Wiener Garderobenständer zum Rendezvous, zum Billard oder Kartenspiel oder seine Melange, oder bestenfalls noch seine „Schale
und einer Kaffeekarte, die es mit der vom „Central“ aber er kontempliert. Der Vertraute des Stammgas- Gold“. Den Kapuziner, den „überstürzten Neumann“
durchaus aufnehmen kann. tes ist der Oberkellner. Er ist sein Freund, Ratgeber und den Einspänner überließ er den „Fremden“, also,
In London steht das „Kipferl“ mit seinem tradi- und Verbündeter. Er wird respektvoll „Herr Walter“, den Nichteinheimischen. Überhaupt ist der Kaffee
tionellen Wiener Frühstück mit Handsemmerl und „Herr Robert“ oder „Herr Otto“ gerufen und kennt trotz all seiner etwa 40 Variationen im Kaffeehaus
Marillenmarmelade so hoch im Kurs, dass sein ös- die Vorlieben seiner Gäste, sodass man nur „wie im- eher Nebensache.
terreichischer Besitzer bereits die Eröffnung eines mer“ bestellen muss. Er ist eher eine Art Eintrittskarte, die einen dazu
zweiten Kaffeehauses plant. Das Café Sabarsky in Friedrich Torberg hat dem berühmten Oberkell- legitimiert, die vielen Preziosen der Zuckerbäcker-
New York ist mittlerweile zum nostalgischen Treff- ner Hnatek vom Café Herrenhof im „Requiem für ei- kunst neben anderen Köstlichkeiten und Annehm-
punkt der gealterten Exilanten-Szene geworden. In nen Oberkellner“ (1959) ein unvergessliches Denk- lichkeiten stundenlang – ohne gestört zu werden
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Kaffee in Wien Veranstaltungen


Neuer Führer durch die
Wiener Kaffeehauskultur

I m Stadtbekannt-Guide „Kaffee in Wien“ findet


der Leser Skurriles und Informatives rund um
die schwarze Bohne, sowie die besten Plätze, um
seinen Kaffee, beim Rascheln der Zeitung, dem
Duft eines frischen Apfelstrudels genießen zu kön-
nen. Außerdem steht viel Wissenswertes über die
einstige Kaffeebestellkultur geschrieben: So wählte
man beispielsweise im 17. Jahrhundert in Wien
seinen Kaffee nach Farbe. Der Kellner reichte ei-
nem die Farbpalette, auf welcher die Schattierun-
gen des Kaffees von schwarz bis milchigweiß an-
gebracht waren. Verlag: Holzbaum, Preis: 9,90 Euro
www.holzbaumverlag.at

Lesereihe Wein-Basics fürs Kaffeehaus


Damit die literarische ­Tradition Wenn der Gast mehr als das klassische Achterl Haus-
wein möchte: Bei diesem Termin lernen Teilneh-
im gutbürgerlichen Wiener
mende die Wein-Basics direkt von den Weinsomme-
Kaffeehaus auch weiterhin
liers Mario Portner und René Ogris. Unter anderem
gepflegt wird, sorgen werden die passende Weinauswahl und die dazuge-
neuerdings auch einige in hörige korrekte Präsentation Thema sein.
Wien ansässige Botschaften Do., 25. September 2014 | 15–17 Uhr
und Kulturinstitute der Café Landtmann
Universitätsring 4 | 1010 Wien
Europäischen Union,
der Verein „EUNIC“. Mit
Unterstützung der Fachgruppe BWL-Grundlagen
Wien der Kaffeehäuser werden Personalkosten, Deckungsbeiträge, Wareneinsätze.
zum dritten Mal am Welchen Anteil sollen diese Kennzahlen in meinem
1. Oktober zum „Tag Betrieb haben? Stimmen meine Kosten, wie kalku-
liere ich richtig? Und was ist eine „Taschenlampen-
des Kaffees“ Lesungen
Kalkulation“? Werner Schnabl, Lehrbeauftragter an
in traditionsreichen
der Tourismusschule Modul, erklärt die Welt der be-
Kaffeehäusern durchgeführt. trieblichen Zahlen.
– zu genießen. Müßiggang auf höchstem Niveau (…) Es liegt unterm Wienerischen Breitengrad am Heuer sind sie dem Thema Do., 16. Oktober 2014 | 9–11 Uhr
sozusagen. Zum Kaffee wird ein kleines Kipferl ge- Meridian der Einsamkeit. Seine Bewohner sind größ- „Krieg und Frieden“ Festsaal | Judenplatz 3–4 | 1010 Wien
reicht, ein Gugelhupf, ein Millirahmstrudel, ein Ap- tenteils Leute, deren Menschenfeindlichkeit so hef- gewidmet. 18 Botschaften
felstrudel, ein Linzerauge, eine Sachertorte oder eine tig ist wie ihr Verlangen nach Menschen, die allein
und Kulturinstitute haben
der vielen anderen göttlichen Mehlspeisen, ohne die sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen. (...)
neun Paare gebildet, sich
das Kaffeehaus nicht existieren würde. Wenn die Ein- Es ist der traute Herd derer, denen der traute Herd
heimischen des Kaffees überdrüssig geworden sind, ein Gräuel ist, die Zuflucht der Eheleute und Lie- beliebte Schauspieler
bestellen sie einen Almdudler, ein Achterl Veltliner bespaare vor den Schrecken des ungestörten Bei- gesucht, die Texte aus ihren
(aus Stammersdorf), ein Seidel Bier, Debreziner mit sammenseins, eine Rettungsstation für Zerrissene, Ländern lesen, mehrfach auch
Mautner-Markhof-Senf, ein kleines Gulasch oder die dort, ihr Lebtag auf der Suche nach sich und ihr musikalisch begleitet. Sie
den unvermeidlichen Schinken-Käse-Toast, der oh- Lebtag auf der Flucht vor sich, ihr fliehendes Ich-Teil
greifen damit auf ein würdiges
nehin nur im Kaffeehaus schmeckt. hinter Zeitungspapier, öden Gesprächen und Spiel-
Erbe zurück.
karten verstecken. (...) Der richtige Centralist führt
Das Kaffeehaus als Weltanschauung das Privatleben der anderen und treibt mit dem ei- Lesungen zum Thema
Vielleicht ist es dem Faktum, dass im Kaffeehaus genen keine Hehlerei.“ „Krieg und Frieden“ am
der Übergang vom Frühstück zur Mittagsmahlzeit, Und falls jemand denkt, es wären nur die Vor-
1. Oktober 2014 um 19 Uhr
von der Nachmittagsjause zum Abendessen schon gestrigen, die heutzutage die Kaffeehäuser bevöl-
immer fließend war, zu verdanken, dass das Kaffee- kern, der irrt. Unsere Jungen nehmen offenbar An- • CAFÉ SCHWARZENBERG:
haus speziell Anfang des 20. Jahrhunderts für viele leihe bei jenen Intellektuellen und Künstlern, für Zdenka Hartmann-
Denker, Dichter und Intellektuelle zum erweiter- die das Kaffeehaus im 19. Jahrhundert der wichtigste Procházková
ten Wohnzimmer wurde. Im Griensteidl versam- Treffpunkt geistigen Lebens war. Heute sitzen sie • CAFÉ LANDTMANN:
melten sich die Künstler der Bewegung Jung-Wien. mit dem Laptop im Kaffeehaus, um ihr Schreibpen- Paul Matic
Im Central trafen sich unter anderem Adolf Loos, sum zu erfüllen, zu mailen, zu twittern und zu sur-
• CAFÉ MUSEUM:
Egon Friedell, Hugo von Hofmannsthal, Anton Kuh fen. Es gilt als chic, das „Chill-out after work“ hier-
und Alfred Polgar. Freud hielt Hof im Landtmann. her zu verlegen.
Stefan Fleming Fachgruppen-
Dem Dichter Peter Altenberg war das Kaffeehaus Dass Weltpolitik in Wien nicht nur beim Heurigen • CAFÉ KORB: Stammtische
Lebensmittelpunkt. Auf seiner Visitenkarte gab er gemacht wurde – man denke nur an das legendäre Karin Lischka
das Café Central als offizielle Postadresse an. Heute Zustandekommen des österreichischen Staatsvertra- • CAFÉ GRIENSTEIDL:
noch gehört er zum Inventar des Cafés. In Gestalt ges, als angeblich der trinkfeste Bundeskanzler Figl Hans Dieter Knebel
einer Pappmascheepuppe begrüßt der Dichter die die russischen Gesprächspartner beim Heurigen zum • CAFÉ WEIMAR :
Gäste und erinnert daran, dass er nahezu sein ge- Staatsvertrag in der abgeschlossenen Form überre- Führung durch das Sacher
Robert Reinagl
samtes literarisches Werk hier verfasst hat. In die- det oder „übersungen“ haben soll –, sondern eben Strategien und Herausforderungen eines Traditions­
• CAFÉ MINISTERIUM:
sen Kaffeehäusern entstand die sogenannte Kaffee- auch im Kaffeehaus, davon zeugt auch die Anekdote, hauses, mit Hausführung mit Hoteldirektor Reiner
Konstanze Breitebner
hausliteratur, ein genuines Genre, das es ebenfalls dass der Gründer der Roten Armee, Leo Trotzki, der Heilmann.
nur in Österreich gibt. von 1907 bis 1914 in Wien gelebt hat, seine Pläne • CAFÉ SPERL: Anmeldung erforderlich!
In seiner „Theorie des Café Central“ (1927) schreibt zum Sturz der Zarenherrschaft im Café Central ge- Nicole Beutler Maximale Teilnehmerzahl: 25 Personen
der Dichter Alfred Polgar: „Das Café Central ist näm- schmiedet haben soll. Hier traf er nicht nur Viktor • CAFÉ PRÜCKEL: Dienstag, 28. Oktober 2014 | 15.00 Uhr
lich kein Caféhaus, sondern eine Weltanschauung. Adler, sondern auch Lenin und Stalin. Chris Pichler Philharmonikerstraße 4 | 1010 Wien |