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Fin de Siècle Literatur Kaffeehaus

Was ist ein Martha Tretter

Kaffeehausliterat?
I
Literatur im und über das n Wien gelten Literatur und Kaffee- Die so tradierte Figur des zerzausten Bo-
haus als unzweifelhaft verbunden. Die hemiens lebt bis heute weiter, sah in der
Kaffeehaus in Wien um 1900 Gründe für das Entstehen der Kaffee- Realität jedoch oft anders aus, wie das
hausliteratur sind vielfältig. So war das Beispiel des »verhungerten Dichters« Ot-
Kaffeehaus eine Wärmestube für junge fried Krzyzanowski zeigt. Die prekäre fi-
Dichter, die sich keine beheizten Zimmer nanzielle Situation und das in dieser Form
leisten konnten. Es war und ist im Kaf- ungewollte Dasein beschreibt auch Anton
feehaus kein hoher Konsumzwang. Der Kuh in »Der Bohemien«, das Bild der ge-
Kontakt zu anderen Gästen, dem Pub- mütlichen, weltabgewandten Existenz
likum, Freund und Feind, war gewähr- demaskierend. Am Beispiel des Dichters
leistet. Im Kaffeehaus waren die Dichter Peter Altenberg, den sein Kollege Anton
einerseits im Zentrum des Geschehens, Kuh als »Afrikaforscher der Alltäglich-
der Informationsfluss funktionierte, der keit« bezeichnete, lässt sich eine weitere
kommunikative Rahmen war gegeben, Besonderheit der Kaffeehausliteraten be-
aber andererseits befand man sich abseits obachten. So wurde seine Existenzform:
der geschäftigen Außenwelt, zurückgezo- wohnhaft im schlechtesten Zimmer des
gen in einer Nische war wenigstens soviel Grabenhotels, Postadresse und meist an-
Ruhe, wie zum Schreiben notwendig. zutreffen im Café Central, Schnorrer und
Unter dem Begriff Kaffeehausliteratur Dichter, berühmter als seine Werke.
subsumiert finden wir Literatur, die im
Kaffeehaus geschrieben wurde und Litera- Das Kaffeehaus hatte auch eine wichtige
tur, die das Kaffeehaus zum Thema hatte, Bedeutung als Literaturbörse, als Treff-
egal wo sie geschrieben wurde. Weiters punkt für Verleger, Regisseure und Thea-
die im Kaffeehaus besprochene Litera- terdirektoren, Redakteure und Autoren.
tur, die verschiedenen Dichtergruppen Die legendären Stammtischrunden um
in verschiedenen Kaffeehäusern und die Arthur Schnitzler und Hermann Bahr,
Werke jener Autoren, die häufig ein Kaf- um Karl Kraus oder Peter Altenberg dis-
feehaus aufsuchten. Vereint sind sie alle kutierten eben entstandene Texte, hörten
im Mythos Kaffeehausliteratur in Wien, Literaturproben, kritisierten Werke, die
beschrieben in einer Fülle an Anekdoten dann neu improvisiert und abgeändert
und Legenden. wurden. Manchmal koexistierten unter-
schiedliche Gruppen in einem Kaffee-
Literatur: haus. Die oft gegenläufigen Ansichten
Altenberg, Peter: So wurde ich. galten als Ansporn und der Qualität för-
aus: Semmering. Berlin 1913. derlich, es war ein Ort des Meinungsaus-
Kraus, Karl: Die demolierte Literatur,
aus: Frühe Schriften 1892–1900. Berühmte Kaffeehausliteraten in
Frankfurt am Main 1988 Wien:
Kuh, Anton: Central und Herrenhof.
Wien 1981, Der Bohemien, Wien Alfred Adler, Peter Altenberg, Her-
1983. mann Bahr, Richard Beer-Hofmann,
Rössner, Michael (Hrsg.): Literari- Hermann Broch, Arthur Schnitzler,
sche Kaffeehäuser, Kaffeehauslite- Felix Salten, Hugo von Hofmannsthal,
raten. Böhlau, Wien 1999. Anton Kuh, Egon Friedell, Karl Kraus,
Zweig, Stefan: Das Kaffeehaus als Adolf Loos, Alfred Polgar, Oskar Ko-
Bildungsstätte. Jugend im Griens- koschka, Robert Musil, Joseph Roth,
teidl, aus: Die Welt von gestern. Franz Werfel, Friedrich Torberg und
Stockholm 1944. Ernst Polak.

44 Kulturmagazin der Wiener Fremdenführer 2010


Kaffeehaus

Peter Altenberg ließ sich seine Post


ins Café Central zustellen

tausches und als »Jahrmarkt der Ideen«


eine Inspiration für die Autoren. Aktua-
lität wurde groß geschrieben und durch
die mehrmals am Tag erscheinenden Zei-
tungen gewährleistet.
Stefan Zweig beschreibt in »Die Welt von
Gestern« rückblickend das Café als »die
beste Bildungsstätte für alles Neue«.
»So wussten wir alles, was in der Welt
vorging, aus erster Hand, wir erfuhren
von jedem Buch, das erschien, von jeder
Aufführung und verglichen in allen Zei-
tungen die Kritiken; nichts hat so viel zur
intellektuellen Beweglichkeit des Öster-
reichers beigetragen, als dass er im Kaf-
feehaus sich über alle Vorgänge der Welt
umfassend orientieren und sie zugleich
im freundschaftlichen Kreise diskutieren
konnte.«
Die Texte der Kaffeehausliteraten spiegeln
die Art ihres Entstehens wider. Die stilisti-
schen Eigenarten der Kaffeehaustexte sind
Kürze und Prägnanz sowie Aktualität. So Literarische Vertreter der Kaffeehaus- Text »Die demolierte Literatur« verewigt
schildert beispielsweise Peter Altenberg kultur waren u.a. die Autoren des »Jung wurde. Die heimatlos gewordenen Dich-
seine Entdeckung und Aufnahme in den Wien« Hugo von Hofmannsthal, Felix Sal- ter übersiedelten ins Café Central und
Literatenzirkel im Text »So wurde ich«. ten und Arthur Schnitzler und der Kopf wurden somit zu Centralisten. Nach dem
Geschrieben wurden meist Anekdoten der Gruppe, Hermann Bahr. Der Einzel- ersten Weltkrieg brach auch für die Kaf-
und Aphorismen, ursprünglich für Zei- gänger Karl Kraus und die schlechthin als feehausliteraten eine neue Zeit an, die sich
tungen und Zeitschriften, um sich den Kaffeehausliteraten geltenden Autoren Pe- für viele im Wechsel ins Café Herrenhof
Unterhalt zu verdienen, erst später wur- ter Altenberg, Alfred Polgar, Egon Friedell manifestierte.
den die Werke teilweise in Sammelbänden und Anton Kuh. Das Phänomen »Wiener Kaffeehausli-
veröffentlicht. Die Themen bot das All- Vor allem mit der Bezeichnung Litera- teratur« beschränkte sich nicht nur auf
tagsgeschehen in Wien und immer wie- turcafé bis heute verbunden ist das Café Wien selbst, sondern ist auf andere Städte
der das Kaffeehaus mit seinen Kellnern, Griensteidl, das anlässlich seiner Schlie- der Monarchie, wie Budapest, Pressburg,
Stammgästen und skurrilen Geschichten. ßung im Zuge des Abrisses des Palais Brünn, Iglau, Triest und besonders natür-
Viele Anspielungen sind deshalb heute Herberstein 1896 von Karl Kraus in dem lich auf Prag übertragbar.
nicht mehr nachvollziehbar, sie waren für
den Moment geschrieben.
Als literarischer Ort erreichte das Wie-
ner Kaffeehaus um die Jahrhundertwende
seinen Höhepunkt. Neben technischem
Fortschritt und Wirtschaftswachstum in
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts,
waren es die Entwicklungen von Wissen-
schaft und Kunst, die Wien auch im geis-
tigen Leben zu einer Weltstadt formten.
Wien war sprunghaft zu einer Großstadt
mit über zwei Mio. Einwohnern ange-
wachsen. Diese neue Realität spiegelte sich
auch im Kaffeehaus wider, das ein urbaner
Sammelpunkt der Vertreter verschiedens-
ter Richtungen aus Kunst, Wissenschaft
und Politik, aber auch Zuwanderern aus
allen Teilen der Habsburgermonarchie
wurde.

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