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»Made in China 2025«: Technologie­


transfer und Investitionen in
ausländische Hochtechnologie­f irmen
Chinas Weg zum Konkurrenten um die Zukunfts­
technologien

»Made in China 2025«, die Strategie Chinas sieht neben der Stärkung der Binnenkonjunk­
tur gezielte Investitionen in ausländische Hochtechnologiefirmen vor. Die Initiative wurde
2015 als Zehnjahres-Wirtschaftsplan der chinesischen Regierung vorgestellt. Sie umreißt
die Ziele für die Entwicklung von zehn inländischen Industriezweigen mit der Absicht,
China zu einem Konkurrenten um die weltweite Technologieführerschaft aufzubauen. Ist
ein größerer Schutz notwendig, um Übernahmen und Technologie- und Know-how-Abfluss
entgegenzutreten?

Frederik Kunze* und Torsten Windels** EIN HISTORISCHER PERSPEKTIVENWECHSEL IST


GEBOTEN
Chinas Aufstieg als Heraus­
forderung – historischer Es darf schließlich schon fast als Grundvoraussetzung
angesehen werden, dass für das Verständnis der aktu-
Perspektivenwechsel kann ellen Lage im Reich der Mitte der Blick in die Vergangen-
die Debatte bereichern heit unverzichtbar ist. Dies gilt für Fragen im Kontext
einer mehr oder weniger kollektiven politischen und
Die aktuellen westlichen Beurteilungen mit Blick gesellschaftlichen Identität, aber auch für die Bewer- Frederik Kunze

auf Chinas »Going-global«-Strategie und den damit tung der aktuellen wirtschaftspolitischen Agenda in
im Zusammenhang stehenden industriepolitischen Peking.
Masterplan Pekings »Made in China 2025« gleichen So rasant der volkswirtschaftliche Aufstieg Chi­
einer Mischung aus Ablehnung, Angst, Bewunde- nas im Zuge der Ära Deng Xiaopings und der darauffol-
rung, Goldgräberstimmung, Kampfgeist und sogar genden weiteren wirtschaftspolitischen Weichenstel-
einer Prise ökonomischer Zustimmung. So bunt diese lungen auch gewesen sein mag, relativiert sich doch
Mischung auch sein mag, so schwierig ist es wieder­ der aktuelle Anteil Chinas an der weltweiten Wirt-
­um, ein klares Statement abzugeben, wie mit die- schaftsleistung im historischen Kontext. Dabei muss
ser Entwicklung auf dieser Seite umzugehen ist. Nur der Blick nicht zwangsläufig bis in die Ming-Dynastie Torsten Windels
so viel steht fest: Chinas Griff nach der Technologie­ vor mehr als 500 Jahren zurückgehen, als das Reich
führerschaft in wichtigen Schlüsselbranchen und die der Mitte – je nach Schätzung – einen Anteil am glo-
weiter voranschreitende Integration in die globa- balen BIP von mehr als 30% auf sich vereinte. Denn
len Wertschöpfungsketten ist kein vorübergehendes sogar noch um das Jahr 1900, kurz vor dem Nieder-
Phänomen, das sich wie auch immer aussitzen lässt. gang der letzten chinesischen Kaiserdynastie, teilten
Diese Erkenntnis selbst ist nicht neu, die Debatte um schon einmal die USA und China die Plätze 1 und 2
eine angemessene strategische Antwort der EU oder unter sich auf. Bei allen Einschränkungen in Bezug auf
der USA bleibt hingegen im vollen Gange. Das mag die Übertragbarkeit auf die heutige Zeit sollten die
auch daran liegen, dass, trotz der nunmehr inten- Implikationen dieses historischen Perspektivwech-
siv geführten Diskussionen, in Bezug auf die Bewer- sels nicht ignoriert werden. Dies gilt insbesondere
tung der Entwicklung noch allzu häufig versucht wird, auch vor dem Hintergrund der Einschätzung, dass der
zwischen »gut« und »schlecht« oder »schwarz« und Niedergang des chinesischen Kaiserreichs durch das
»weiß« zu unterscheiden. Vielleicht hilft ein Perspekti- Ende der Qing-Dynastie zu einem großen Anteil auf die
venwechsel, um aus anderer Richtung auf die Entwick- Verschlossenheit der chinesischen Machthaber bzw.
lung zu schauen. Gelehrten vor den technologischen Errungenschaften
*
Dr. Frederik Kunze ist Volkswirt und Fixed Income Analyst bei der
der westlichen »Barbaren« zurückzuführen ist. Wie es
Norddeutschen Landesbank (NORD/LB), Fixed Income & Macro heute scheint, ein Fehler, den Peking nicht wird wie-
Research.
**
Torsten Windels war bis Mitte 2018 Chefvolkswirt bei der Nord-
derholen wollen – das beste Indiz dafür ist »Made in
deutschen Landesbank (NORD/LB. China 2025«.

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VON PLANWIRTSCHAFTLICHEN MISSERFOLGEN Dabei fußt der Zustrom an ausländischen Direkt-


ZUR WERKBANK DER WELT: AUSLÄNDISCHE investitionen auch auf Seiten der »Geberländer«
INVESTITIONEN ALS ERFOLGSFAKTOR offenkundig auf ökonomischen Kalkülen und ist ohne
diese auch nicht erklärbar. Waren es anfänglich ins-
Auch in Bezug auf die aktuelle Diskussion mit Blick auf besondere die niedrigen Lohn- bzw. Produktionskos-
die globale volkswirtschaftliche Bedeutung Chinas ten, die das Reich der Mitte als Werkbank attraktiv
und die damit einhergehende Frage, inwieweit das gemacht haben, folgte später der Blick auf den chi-
Reich der Mitte zu einem mächtigen Konkurrenten nesischen Binnenmarkt. Das Reich der Mitte hat sich
heranwächst, dessen (staatlich gesteuerten) Unter- nunmehr sowohl als Investitionsstandort als auch als
nehmen im Westen auf Einkaufstour gehen und so Handelspartner rasant gewandelt. Die Werkbänke
ihren ökonomischen Einfluss außerhalb der eige- der Welt finden sich als Ergebnis dieses Wandlungs-
nen Landesgrenzen geltend machen wollen, hilft der prozesses nunmehr immer weniger in China, sondern
Blick zurück. Denn für lange Zeit hat insbesondere sind – ökonomisch nachvollziehbar – in andere auf-
der Gedanke an Chinas planwirtschaftliche Misser- strebende Regionen abgewandert. Die heranwach-
folge den Eindruck auf die tatsächliche, aber auch sende Mittelschicht und der rasche Urbanisierungs-
auf die potenziell mögliche, Wirtschaftsleistung des prozess haben einen Absatzmarkt geschaffen, der
Landes geprägt. Es steht sicherlich außer Frage, dass entsprechende Begehrlichkeiten weckt. An dieser
die wirtschaftspolitischen Anfänge der am 1. Okto- Stelle darf die These gewagt werden, dass Investo-
ber 1949 gegründeten Volksrepublik China wenige ren aus den Industrieländern nicht an Kooperationen
Erfolge hervorgebracht haben. Die seit dem Jahr 1953 oder zum partnerschaftlichen Austausch per se inte-
formulierten Fünfjahrespläne der Pekinger Entschei- ressiert waren, sondern diese vielmehr als »Beipro-
dungsträger haben zwar ambitionierte Ziele beinhal- dukt« einer betriebswirtschaftlichen Ausrichtung ver-
tet. Allerdings erfolgte die Ausrichtung der Vorgaben standen werden sollten.
doch eher einer quantitativ orientierten Richtschnur In der Konsequenz drängt sich nunmehr die Frage
unter dem Schlagwort der Industrialisierung. Die öko- nach dem heutigen Status auf. Chinas Going-out-Stra-
nomischen Umsetzungen – insbesondere der ersten tegie kann als nächster Schritt einer Entwicklungs­
drei fünfjährigen Planungsperioden – brachten auf strategie mit umgekehrten Vorzeichen verstanden
eindrucksvolle Art und Weise die Schwächen der Plan- werden. Mit erfolgreich erwirtschafteten Handels-
wirtschaft zum Vorschein. Negative Begleiterschei- überschüssen wartet das Land nicht mehr passiv auf
nungen wie Nahrungsmittelknappheit und damit Technologietransfer durch Direktinvestitionen, son-
verbundene Hungersnöte sowie Über- bzw. Fehlpro- dern kauft gezielt Technologie ein. Für eine kritische
duktionen sind dramatische Belege für diesen wirt- bzw. historisch reflektierte Annäherung an die aktu-
schaftspolitisch heiklen Kurs, der über mehr als zwei elle Debatte zur Einkaufstour Chinas und der damit
Dekaden hinweg verfolgt wurde und erst nach der Kul- wahrgenommenen wirtschaftlichen Bedrohungslage
turrevolution (1966–1976) bzw. mit dem Tode Maos empfiehlt sich auch hier ein Blick auf den Weg, den
sein Ende gefunden hat. Peking in Bezug auf den Umgang (mit den Chancen ver-
Die volkswirtschaftlichen Erfolge, die in den dar- bundenen) Risiken gewählt hat.
auffolgenden Dekaden zu beobachten waren, basie-
ren insbesondere auf einer teilweisen ökonomischen WTO-BEITRITT: CHINAS UNTERNEHMEN BENACH-
Öffnung des Landes. So war aus heutiger Sicht einer TEILIGT IM GLOBALEN WETTBEWERB?
der entscheidendsten Faktoren für Chinas wirtschaft-
lichen Aufstieg der Wechsel zu einem exportorien- Tatsächlich erlaubt es der historische Rückblick, wenn
tierten Produktionsmodell, das im Unterschied zu auch stark zusammengefasst, nicht nur die ökonomi-
anderen asiatischen Wachstumsmärkten vor China schen Beweggründe eines Engagements im Reich der
(z.B. Japan oder Südkorea) sehr stark auf Investi­ Mitte nachzuvollziehen. Vielmehr leitet sich auch ein
tionen aus dem Ausland gesetzt hat. Seit Beginn der weiterer Aspekt aus der chinesischen Perspektive ab.
1990er Jahre sind demnach allein die von Deutsch- Im Zuge des WTO-Beitritts entstand schließlich für
land ausgehenden unmittelbaren Direktinvestitio- die chinesischen Unternehmen durchaus die poten-
nen den Zahlen der Deutschen Bundesbank folgend zielle Bedrohung, dass ihnen »nun plötzlich Konkur-
sehr stark angestiegen – in den Jahren 1992 bis 2000 renten gegenüberstehen, die es gelernt haben, sich
haben sich die Bestände, ausgehend von einer niedri- im globalen Wettbewerb zu behaupten« (Algieri und
gen Basis, mehr als verzwanzigfacht. Insbesondere im Taube 2002, S. 35). Und genau hier lehrt die Erfah-
Zuge des WTO-Beitritts Chinas zum Jahresende 2001 rung, dass Peking einen eigenen Weg gefunden hat,
hat dieser Investitionsfluss in das Reich der Mitte in mit dieser Herausforderung mehr oder weniger
absoluten Zahlen gesprochen sogar noch einmal an erfolgreich umzugehen. Die WTO öffnete also gewis-
Dynamik gewonnen. Dieser quantitative und lang- sermaßen den Zugang bzw. das Fenster zum chinesi-
fristige Aufbau eines Sachkapitalstocks hat zweifels- schen Markt, allerdings haben die Chinesen weiter-
ohne einen nennenswerten Anteil am chinesischen hin ein engmaschiges Fliegennetz vor dieses Fenster
»Wirtschaftswunder«. gehängt. Für die aktuelle Debatte ist auch über den

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WTO-Beitritt hinaus im Zusammenhang mit der Abwä- mit den Zielen von »Made in China 2025« verknüpft ist,
gung von ökonomischen Kosten und Nutzen vielleicht schreitet Peking ein und bremst die Akteure aus. Der
sogar die Erkenntnis am wichtigsten, dass konkrete Einfluss der Zentralregierung auf den Strom an Direkt-
Steuerungsansätze umgesetzt wurden, die noch bis investitionen markiert zugleich auch einen der bedeu-
heute nachwirken. Zu nennen sind hier ins­besondere tendsten Kritikpunkte an der wirtschaftspolitischen
die teilweise strengen Investitionsrichtlinien, die vor Agenda von »Made in China 2025«, der besagt, dass
allem in der Automobilindustrie oder durch die räum- sich der chinesische Staat ausländische Technologien
liche Begrenzung auf Sonderverwaltungszonen sicht- mittels unlauterer Methoden aneigne. Hinzu kommt
bar geworden sind. Ein Blick in die aktuellen Regu- die wahrgenommene Asymmetrie in Bezug auf Chinas
lierungsrahmenwerke zum Investitionszufluss oder wirtschaftlich-politische Ausrichtung, unter der chi-
auch die Erfahrungsberichte ausländischer Unter- nesische Unternehmen weitestgehend frei in auslän-
nehmen zeigt, dass für ausländische Investoren längst dischen Märkten agieren und gleichzeitig der heimi-
noch nicht von einem Level Playing Field zu sprechen sche Markt für ausländische Unternehmen in vielen
ist. Als Gastgeber öffnet Peking also freundlich die Tür, Bereichen weitestgehend abgeschottet ist.
gibt aber – auch heute noch – in seiner dominanten
Rolle auf dem Binnenmarkt vor, wer am Tisch sitzt und FAZIT – OFFENHEIT NICHT MIT NAIVITÄT
wie die Sitzordnung aussieht. VERWECHSELN

UND HEUTE? – »MADE IN CHINA 2025«! Der historische Blick auf China offenbart durchaus
einige nützliche Einblicke, die – auch wenn sie hinläng-
Wie die aktuelle Debatte zeigt, wird Peking im Rah- lich bekannt sind – die aktuelle Debatte anreichern
men seiner »Going-out«-Strategie als Dominanzspie- können. So sind zwei Aspekte in ihrer Symbolik bemer-
ler wahrgenommen, der klare ökonomische Ziele ver- kenswert. Erstens ist der in Industrienationen häu-
folgt, notfalls zulasten Dritter. Insofern hat sich in fig als Aufstieg wahrgenommene Weg Chinas aus chi-
gewissem Umfang nur der Schauplatz von innen nach nesischer Perspektive möglicherweise nur eine Rück-
außen geändert. Das ist kein Werturteil, sondern viel- kehr an die Weltspitze. Und zweitens entspricht »Made
mehr eine Feststellung. Dabei muss der Geschäfts- in China 2025« in einigen Zügen genau dem Gegenteil
bzw. Verhandlungspartner nicht zwangsläufig der (schon damals falschen) Selbstwahrnehmung im
benachteiligt werden. Das Label »Made in China« steht Kaiserreich Chinas, nach der außerhalb des Reichs der
eher für preiswerte und outgesourcte Produktion, Mitte nichts »Brauchbares« zu finden sei. Das ist heute
die möglicherweise auf der Strategie der Imitation definitiv anders.
beruht. »Made in China 2025« steht dagegen für das Nachdem China als »Nehmerland« von Direkt­
Selbstvertrauen der ehemaligen Werkbank der Welt investitionen seinen ökonomischen Aufstieg gestaltet
zu einer Hochtechnologienation aufzusteigen. Der hat, steht das Reich der Mitte nun als »Geberland« in
langfristige »Masterplan« Pekings beinhaltet dabei der Kritik. Dennoch sollten an dieser Stelle die Chancen
konkrete, direkt vom chinesischen Staat beschlos- von Chinas »Outbound-Strategie« nicht ignoriert wer-
sene Maßnahmen und Zielformulierungen zur Tech- den. Die generellen Vorteile von offenen Märkten und
nologieführerschaft in – nach chinesischem Empfin- die speziellen Chancen, die durch die Zusammenarbeit
den – strategisch wichtigen und zukunftsorientierten mit einem Investor aus China entstehen können, sind
Industriesektoren, explizit im Hochtechnologiesektor hinlänglich dokumentiert.
bis zum 100-jährigen Bestehen der VR China 2049. Bis Gerade der volkswirtschaftliche Wachstums­
zum Jahr 2025 sieht der Entwurf vor, zu den gegenwär- prozess Chinas selbst offenbart die ökonomischen
tig führenden Technologienationen aufzuschließen. Vorteile ausländischer Direktinvestitionen. Dass die
Einzelne Branchen werden deutlich als Target des Zentralregierung diesen Prozess durch strenge Vor-
chinesischen Staates und als relevant für den Fort- gaben gesteuert hat, mag neben industriepolitischen
schritt Chinas in der globalen Wertschöpfungskette Erwägungen auch auf der Befürchtung fußen, dass
gekennzeichnet. Allgemein umfassen die Schlüssel- die im Wettbewerb erfahrenen westlichen Betriebe
branchen Informationstechnologie, Robotik, künst- sonst ihre Macht hätten ausspielen können. Im Zuge
liche Intelligenz, Luft- und Raumfahrt, Energiesek- dieses Prozesses ist es keine allzu steile These mehr,
toren und Pharmatechnologien. Als eine konkrete dass China nun als dominanter Spieler auftritt, dem
Maßnahme zum Erreichen der Ziele sieht ausländi- auch entsprechend zu begegnen ist. Auch für die hie-
sche Direktinvestitionen und den Technologietrans- sige Volkswirtschaft sollten zwar an erster Stelle die
fer nach China vor. Hierzu stellt der Staat umfangrei- ökonomischen Gesetzmäßigkeiten nicht über Bord
che Subventionsprogramme und allgemeine Förder- geworfen werden und der Abschottung der Märkte
mittel zur Verfügung. Die ausgeprägte Einflussnahme eine klare Absage erteilt werden. Dennoch wäre es
der Regierung auf die Entscheidungen im Unterneh- leichtsinnig, Offenheit mit Naivität zu verwechseln.
menssektor wird auch hier offenkundig. Insbesondere So wäre es sicherlich nicht der richtige Weg, mit den
dann, wenn die »Einkaufstour« der chinesischen Kon- Regeln eines fairen Wettbewerbs der Marktteilneh-
zerne aus dem Ruder läuft und damit nicht mehr eng mer einem strategischen und dominanten Spieler wie

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China gegenüber zu treten. Die Forderung nach einem Max J. Zenglein* und Anna Holzmann**
level playing field oder nach Reziprozität in China,
gepaart mit angemessenen Abwehrmöglichkeiten
Made in China 2025:
auch auf unserer Seite ist geboten, um vom Wieder- Gekommen, um zu bleiben –
aufstieg Chinas weiterhin profitieren zu können, ohne
einen Ausverkauf zu riskieren. Denn als »Geberland«
Ausländische Regierungen
hat es sich ja bisher durchaus gelohnt. und Unternehmen müssen
LITERATUR
sich flexibel auf die Inno­
vationsoffensive einstellen
Algieri, F. und M. Taube (2002), »Chinas Beitritt zur WTO – Herausforde-
rungen für China und die Weltwirtschaft«, Internationale Politik 2, Feb-
ruar, 33–38. Chinas Regierung hat ehrgeizige Pläne: Um die Wirt-
schaft voranzutreiben, will sie den technologischen
Rückstand des Landes zu den weltweit führenden
Industrienationen aufholen. Die Strategie, die dieses
ambitionierte Ziel festschreibt, nennt sich »Made in
China 2025«. China will seine Industrie unabhängig von
ausländischen Partnern und Produkten global kon-
kurrenzfähig machen.
Aus entwicklungstheoretischer Sicht ist solch ein
staatlich gestütztes Streben nach technologischem
Fortschritt nachvollziehbar. Das Vorgehen Chinas ent-
spricht im Wesentlichen dem ostasiatischen Entwick-
lungsmodell mit dem Paradebeispiel des rasanten
Wirtschaftswachstums der vier Tigerstaaten Südkorea,
Taiwan, Hongkong und Singapur seit den 1980er Jah-
ren. Ihnen gelang die Transformation vom gün­stig pro-
duzierenden Entwicklungsland zur hochent­wickelten
Industrienation mit entsprechend höherem Lohnni-
veau und Innovationskraft. Begleitet wurde dieser Wan-
del von einer größerer staatlich geprägten Industriepo-
litik, die auf die Stärkung der heimischen Produktion
bzw. hochspezialisierte Bereiche setzte. China will den
Status einer Werkbank der Welt abschütteln und sich
verstärkt am oberen Ende der globalen Wertschöp-
fungskette positionieren, auch um eine wirtschaftliche
Stagnation zu verhindern. Ein schlagkräftiges Innova-
tionssystem, wie es »Made in China 2025« skizziert, ist
dafür elementar.

CHINA WILL AUF AUGENHÖHE MIT INDUSTRIE­


NATIONEN GELANGEN

Der Knackpunkt ist, dass Chinas Ambitionen über die


bisherigen Erfahrungen hinausgehen. China möchte
bis 2049 eine, vielleicht sogar die globale Führungs-
macht unter den Industrienationen werden. »Made
in China 2025« formuliert das Ziel, das Land in zehn
Schlüsselindustrien nach vorne zu bringen – von der
Informationstechnologie bis hin zu Neuen Materia-
lien. Es geht aber nicht nur darum, durch Stärkung
der heimischen Industrie zur internationalen Konkur-
renz aufzuschließen und dabei chinesische Unterneh-
men zu globalen Spitzenreitern zu machen, sondern
um Verdrängung. Die Strategie gibt auch vor, welche
Marktanteile chinesische Unternehmen im Inland
*
Dr. Max J. Zenglein ist Leiter des Programms Wirtschaft und Fi-
nanzen am MERICS.
**
Anna Holzmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am MERICS.

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erreichen sollen. Zum Beispiel sollen chinesische Chinas Ehrgeiz, Fehlentwicklungen bei der Umset-
Industrieroboter im Jahr 2025 bereits 70% des natio- zung von »Made in China 2025« entgegenzuwirken,
nalen Marktes ausmachen. zeigt sich in Vorgaben der Zentralregierung zur Her-
Noch hängt Chinas Wirtschaft jedoch stark von ausbildung regional differenzierter Industrieschwer-
Produkt- und Technologieimporten ab. Das gilt selbst punkte. Durch eine Fokussierung auf lokale Stärken
für große Hersteller, wie das Beispiel des Telekom­ soll vermieden werden, dass sich Lokalregierungen im
munikationsausrüsters ZTE zeigt. Die Abhängig- Übereifer auf die Förderung aller Kernindustrien der
keit des Unternehmens von Halbleiterprodukten aus Strategie auf einmal stürzen und so ineffiziente Mehr-
gleisigkeiten entstehen. Max J. Zenglein
US-Herstellung ist so groß, dass ein dauerhafter Boy-
kott der Zulieferungen es in die Pleite führen würde
– ganz zu schweigen von den verheerenden Auswir- ZUSÄTZLICHE MITTEL UND SPEZIALISIERTE
kungen auf die gesamte Telekommunikationsbran- INNOVATIONSZENTREN SOLLEN ZUM ERFOLG
che Chinas. Der ZTE-Fall führt vor Augen, warum FÜHREN
China an seiner industriepolitischen Strategie fest-
halten wird. Die Volksrepublik braucht dringend grö- China will »Made in China 2025« künftig besser koordi-
ßere Unabhängigkeit von ausländischer Hochtech- niert und schneller umsetzen. Mit Nachdruck werden
nologie, will sie ihre nationale Industrie nachhaltig Innovationen im Bereich der Fertigungsindustrie, etwa
umstrukturieren. im Zusammenhang mit dem Internet der Dinge, sowie Anna Holzmann
Projekte intelligenter und umweltfreundlicher Produk-
PEKING NIMMT ERSTE KURSKORREKTUREN BEI tion mit besonderem Fokus auf Hochtechnologie-Aus-
DER UMSETZUNG DER STRATEGIE VOR rüstung vorangetrieben. Der Staatsrat kündigte Ende
2017 finanzielle Unterstützung für derartige Kernpro-
Mittlerweile ist auch China klar, dass die vor drei Jah- jekte der Strategie in Höhe von 10 Mrd. chinesischen
ren formulierten Zielesetzungen von »Made in China Yuan (1,3 Mrd. Euro) an. Darüber hinaus gilt es, erstma-
2025« in Teilen zu ehrgeizig waren. Peking wollte zu lig nationale »Made-in-China-2025«-Demonstrations-
viel, zu schnell, und am besten alles auf einmal. Tat- zonen einzurichten.
sächlich ist eine unausgewogene Entwicklung der zehn Um ihre strategischen Ziele zu erreichen, lenkt
Kernindustrien zu beobachten. In drei Bereichen sieht die chinesische Regierung finanzielle Ströme in In­
sich China besonders weit vorn: In der Telekommuni- dustrien von besonders hoher Priorität. So schloss
kation, vor allem bei 5G-Netzwerken, im Bahnsektor der staatlich gestützte Nationale Halbleiter-Invest-
hinsichtlich der Hochgeschwindigkeitstechnologie mentfonds kürzlich seine zweite Investitionsrunde
sowie im Ultra-Hochspannungssegment des Energie- von bis zu 300 Mrd. Yuan (39 Mrd. Euro) ab. Das Geld
sektors. Doch selbst in diesen Industrien zeigen sich soll in die gesamte Produktionskette der heimischen
Schwachstellen in strategisch bedeutsamen Berei- Halbleiterindustrie fließen, vor allem jedoch in den
chen der Hochtechnologie, zum Beispiel bei Halblei- Bereich Chipdesign. Zudem setzen Fonds der Zent-
terchips oder Sensoren. ralregierung gezielt Impulse zur Unterstützung der
Ein erstes Zwischenfazit kann daher gezogen wer- Innovationsleistung und des Fortschritts des Lan-
den: Der Großteil der Kernindustrien von »Made in des. Zwischen 2015 und 2017 wurden beispielsweise
China 2025« befindet sich inmitten eines Transforma­ mit Hilfe des Nationalen Fonds für Technologietrans-
tionsprozesses, ist aber nach wie vor im unteren bis fer und Kommerzialisierung 15 Risikokapitalfonds
mittleren Bereich der globalen Wertschöpfungskette mit einem Gesamtvolumen in Höhe von rund 21 Mrd.
anzusiedeln. China hat auf dem Weg zur Weltspitze Yuan (2,7 Mrd. Euro) eingerichtet. Sie sollen dazu bei-
noch einen weiten Weg zurückzulegen. Ein wichtiger tragen, Innovationen in Forschung und Technologie
Schritt ist dabei, industrielle Schwachpunkte zu identi- in Kernbereichen von »Made in China 2025« für die
fizieren und die Prioritäten der Strategie in der Umset- industrielle Nutzung zugänglich zu machen, etwa im
zung entsprechend anzupassen. Bereich der Biomedizin oder der Fertigung hochwer-
China hat bereits begonnen, erste Kurskorrek­ tiger Maschinen.
turen vorzunehmen. Anfang des Jahres wurde eine Der Aufbau eines international wettbewerbsfähi-
überarbeitete Version des sogenannten Technolo­ gen Innovationsökosystems spielt für den Erfolg von
giefahrplans zu »Made in China 2025« veröffentlicht. »Made in China 2025« eine zentrale Rolle. Bis 2025 soll
Sie greift Entwicklungen der letzten Jahre auf und ein umfassendes Netzwerk aus 40 nationalen Produk-
liefert Hinweise auf Chinas Selbsteinschätzung in tionsinnovationszentren und einer Vielzahl unterstüt-
den behandelten Hochtechnologien und Industrie- zender Einrichtungen auf Provinzebene entstehen.
zweigen. In weiterer Folge gibt sie auch Aufschluss Zurzeit gibt es jedoch erst fünf solcher Zentren, näm-
über Bereiche, auf die sich Chinas industriepolitische lich zu den Bereichen Batterien, generative Fertigung,
Bemühungen in nächster Zeit konzentrieren wer- Optoelektronik, Robotik sowie Druck und flexible Dis-
den. Zunehmende Bedeutung gewinnen in diesem plays. Zwei weitere Zentren zu den zuvor erwähnten
Zusammenhang auch ambitionierte Ziele im Bereich Schwachstellen der Halbleiter und intelligenter Senso-
der Künstlichen Intelligenz. Ein weiteres Beispiel für ren sind bereits geplant.

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Hier wird einmal mehr deutlich, dass die Umset- nesischen Fortschritts auf heftigen Gegenwind. Nach
zung der Strategie von staatlicher Seite vorgegebenen wie vor bestehende Marktzugangsbeschränkungen,
Schwerpunkten folgt. Das Ziel: möglichst rasch und ein lockerer Umgang mit geistigem Eigentum und
aus eigener Kraft Lücken im Bereich der Hochtech- Fälle von Industriespionage haben zu einer zuneh-
nologie zu schließen. So soll auch die Anzahl von der- mend kritischen Haltung gegenüber chinesischer
zeit rund 60 Provinz-Innovationszentren noch im Lauf Investitionen in der EU und den USA geführt. Auch bei
des Jahres erhöht werden. Das angestrebte Netz- der Anwerbung hochqualifizierter Spezialisten aus
werk fügt sich dabei in die generellen Bestrebungen aller Welt geht China aggressiv vor. »Made in China
Chinas hinsichtlich des Auf- und Ausbaus eines eige- 2025« steht dabei im Zentrum der Kritik. Die Strategie
nen, international wettbewerbsfähigen Innovations- wird als Sinnbild für sämtliche (il)legale Wirtschafts-
systems ein. Die Zentralregierung sieht sich dabei pri- und Handelspraktiken Chinas angesehen, die mit dem
mär als Initiator, Unterstützer und Koordinator. Der liberalen und auf fairen Wettbewerb basierten Markt-
aktive Part fällt untergeordneten Regierungsstellen, verständnis westlicher Industrienationen nicht ver-
Unternehmen und Finanzdienstleistern wie Banken einbar sind.
und Versicherungen zu. Im Mai rief das Ministerium Dass »Made in China 2025« in den USA und auch
für Wissenschaft und Technologie gemeinsam mit manchen Teilen Europas als Angriff auf Marktwirt-
dem Nationalen Industrie- und Handelsverband dazu schaften und deren Innovationsfähigkeit verstanden
auf, Privatunternehmen gezielt zu fördern, um deren wird, kam auch für die chinesische Führung über-
innovatives Potenzial zu nutzen. Vor allem im Bereich raschend, die ihre Strategie im Ausland lange Zeit
neuer Technologien wie Künstlicher Intelligenz zeigt selbstbewusst auch als Chance für Wirtschaftsko­
sich deren Vorreiterrolle deutlich. Dass Peking zuse- operation verkauft hatte. Wohl in dem Bemühen, die
hends versucht, die Innovationskraft der Privatwirt- Situation zu entschärfen, wurden chinesische Medien
schaft in der nationalen Strategie einzubinden, ist jüngst dazu angehalten, Berichte über die Strategie zu
auch auf die Missstände bei großen Staatsbetrie- unterlassen.
ben zurückzuführen. Diese wirtschaften meist immer Neben der großen Aufmerksamkeit, die der inter-
noch höchst ineffizient und sind schlicht nicht inno- nationalen Komponente beigemessen wird, darf
vativ genug. jedoch auch die innerchinesische Dimension nicht
außer Acht gelassen werden. Wie das Beispiel der So­­
AUSLANDSINVESTITIONEN SIND NUR EIN larindustrie zeigt, führt Chinas staatlich gestützter Auf-
TEILASPEKT VON CHINAS GROSSEM PLAN bau ausgewählter Hochtechnologieindustrien schnell
zu nationalen Überkapazitäten. Aufgrund der global
Der eigentliche Kern von »Made in China 2025« besteht vernetzen Wirtschaft drückt das Überangebot in Folge
– wie der Name der Strategie schon suggeriert – darin, die Preise am internationalen Markt. Die Leidtragen-
chinesische Lösungen im Bereich der Hochtechnolo- den sind dabei vor allem jene Unternehmen, die nach
gie zu entwickeln. In diesem Kontext ist auch die im marktwirtschaftlichen Prinzipien agieren und haupt-
Ausland zum Teil mit großer Sorge beobachtete Inves- sächlich von Profiten – nicht von staatlichen Subven­
titionsoffensive Chinas zu sehen. Auch wenn das Inves- tionsleistungen – abhängig sind.
titionsvolumen in der EU nach einem Rekord im Jahr
2016 in Höhe von 172 Mrd. Euro im letzten Jahr auf CHINAS OFFENSIVE FORDERT EINE
119 Mrd. Euro gefallen ist, bleibt Europa eine Schlüs- DIFFERENZIERTE REAKTION
seldestination für strategische Investitionen chinesi-
scher Unternehmen. Im August 2017 veröffentlichte Zurzeit besteht in der internationalen Gemeinschaft
der Staatsrat Richtlinien, um aus Sicht der Regierung keine Einigkeit, wie mit Chinas Offensive umzuge-
unerwünschte Auslandsinvestitionen von chinesi- hen ist. Im Bereich der Investitionsprüfung versuchen
schen Unternehmen zu unterbinden und stattdessen sowohl die USA als auch die EU, schlagkräftige Mecha-
in strategisch wichtige Bereiche – etwa der Hochtech- nismen im Umgang mit chinesischen Investitionen zu
nologie – zu lenken. Solch strategische Investitionen etablieren. Allerdings stehen sich unternehmerische
zielen darauf ab, technologische Lücken zu schließen und staatspolitische Interessen im Umgang mit China
und Zugang zu Fachwissen zu bekommen. Trotz der oft entgegen. Eine differenzierte Auseinandersetzung
Bedeutung von Auslandsinvestitionen und internati- mit Chinas industriepolitischem Programm ist nötig,
onalen Kooperationen sind sie nur eine ergänzende um fernab jeglicher Panikmache Chancen und Risiken
Komponente in Chinas industriepolitischem Plan. Der für internationale Zusammenarbeit identifizieren und
Rückgriff auf ausländische Technologie wird als Über- realistisch einschätzen zu können.
gangslösung gesehen, die den nötigen Zeit- und Spiel- Chinas Innovationslandschaft wird unter anderen
raum zum Aufbau eigener Kapazitäten schaffen und Bedingungen geformt als in den liberalen Marktwirt-
letztlich durch chinesische Eigenleistung ersetzt wer- schaften westlicher Industrienationen. Die spezifische
den soll. Umsetzung von »Made in China 2025« sollten Industrie-
Verständlicherweise stößt die strategische Nut- nationen als Weckruf verstehen und rasch und adäquat
zung ausländischer Technologie als Katalysator chi- auf Chinas Ambitionen reagieren. China hat alles Recht,

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seine eigene Wirtschaft weiter zu entwickeln. Dennoch Horst Löchel*


müssen chinesische und ausländische Akteure in einen
fairen Wettbewerb miteinander treten können. Hiesige
Ein Gespenst geht um in
Regierungen und Unternehmen dürfen die in ständi- Europa – das Gespenst
ger Anpassung befindliche chinesische Innovationsof-
fensive nicht aus den Augen verlieren und müssen sich
»Made in China 2025«
aktiv für Rahmenbedingungen einsetzen, die ihnen
Manövrierspielraum lassen. Denn eines ist klar: »Made Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht der Teufel in
in China 2025« ist gekommen, um zu bleiben. Sachen »Made in China 2025« an die Wand gemalt
wird. Eine kleine Auswahl der letzten Monate: »Attack
on American genius« (Wilbur Ross, US Secretary of
Commerce im Guardian vom 4. April 2018); »Angst
vor China« (Henrik Ankenbrand in der Frankfurter All-
gemeinen Zeitung vom 24. Mai 2018); »Die Kampfan-
sage an Deutschland« (Jost Wübbeke in Die Zeit vom
Horst Löchel
27. Mai 2018.); »China kann uns überrollen« (Mikko
Huotari in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom
4. Juni 2018). China-Bashing hat offenbar Konjunktur.
Um was geht es?

CHINA 2025: EIN ÜBERBLICK

Im Jahr 2015 hat die chinesische Regierung eine


detaillierte Strategie zur technologischen Aufrüstung
der chinesischen Industrie unter dem Titel »Made in
China 2025« veröffentlicht. Beabsichtigt ist, bis zum
Jahr 2025 die Qualität der chinesischen Industrie
nachhaltig zu verbessern um bis zum Jahr 2035 einen
fortschritt­lichen Industriestandard etabliert zu haben.
2049 – der 100-Jahr-Feier der Gründung der Volksre-
publik China – soll es China dann zum führenden Indus-
triestandort der Welt gebracht haben. Um diese Ziele
zu er­­reichen, wurden explizit sogenannte Schlüssel­
industrien wie beispielsweise Informationstechno­
logie, Industrieroboter, Raum-, Luft- und Seefahrt,
Hochgeschwindigkeitszüge, erneuerbare Energie,
Elektromobilität, sowie Biochemie definiert.
Die Strategie konzentriert sich darauf, die Abhän-
gigkeit von ausländischer, industrieller Spitzentechno-
logie durch Stärkung der heimischen Industrie zu redu-
zieren. Wie die chinesische Regierung kürzlich noch
einmal betont hat, ist dies allerdings nicht auf chinesi-
sche Unternehmen beschränkt, sondern schließt auch
ausländische Unternehmen, die in die China tätig sind,
mit ein. Wichtiger Bestandteil der Umsetzung der Stra-
tegie sind ebenfalls chinesische Direktinvestitionen in
ausländische Unternehmen, die über Spitzentechnolo-
gien verfügen, wie jüngst beispielsweise die geplante
Übernahme des Automobilzulieferers Grammer durch
das chinesische Unternehmen Ningbo Jifeng.
Obwohl die Strategie erneut die »entscheidende
Rolle des Marktes in der Ressourcenallokation« betont,
wird sie – wie praktisch immer in China – als »Top-
down«-Ansatz umgesetzt, angeleitet durch Staat und
Regierung und untermauert mit einer massiver Finan-
*
Prof. Dr. Horst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und
MBA Direktor an der Frankfurt School of Finance & Management,
Honorarprofessor an der China Europe International Business
School (CEIBS) und Aufsichtsratsmitglied des Shanghai International
Banking & Finance Institute, beide in Shanghai, China.

ifo Schnelldienst  14 / 2018  71. Jahrgang  26. Juli 2018 9


ZUR DISKUSSION GESTELLT

zierung. Insgesamt soll es sich um über 20 Mrd. Euro schnittliche, chinesische Arbeitsproduktivität immer
handeln; zum Vergleich will die Bundesregierung nur noch nur rund ein Viertel der deutschen und auch nur
bescheidene 200 Mio. Euro für die Umsetzung des ein Drittel der malaysischen aus. Wie lange wird China
»Industrie-4.0«-Konzeptes, das China bei seiner Strate- noch brauchen, die Lücke komplett zu schließen – wei-
gie Pate stand, ausgeben. Top down ist übrigens nicht tere 35 Jahre, eher wohl das Doppelte und mehr? Auch
gleichzusetzen mit der chinesischen Zentralregierung. die Industrienationen geben Gas und warten nicht auf
Zwar gibt diese die Strategie vor, die 23 chinesischen China.
Provinzen führen jedoch einen produktiven Wettbe- Bleibt die Frage des Beschäftigungsniveaus.
werb in der Umsetzung derselben. Es ist eben eines der Höhere Produktivität heißt weniger Arbeitsplätze bei
Erfolgsgeheimnisse Chinas, dass Planung und Wettbe- gleicher Nachfrage. Kaum zu glauben, dass die chine-
werb nicht notwendigerweise im Widerspruch zu ein- sische Regierung Arbeitslosigkeit im größeren Ausmaß
ander stehen müssen. Auch sollte nicht unterschätzt zulassen wird. Auch gibt es einen Mangel an qualifizier-
werden, wie bekannt pragmatisch und experimentier- ten Arbeitskräften, die mit den modernen Technolo-
freudig die chinesische Wirtschaftspolitik ist. So sol- gien umgehen können. Das berufliche Ausbildungssys-
len beispielsweise 15 Innovationszentren bis 2020 und tem Chinas ist überhaupt nicht vorbereitet. Von einer
40 bis 2025 in ausgewählten Städten etabliert sein, und dualen Ausbildung wie in Deutschland ist China trotz
rund 200 Unternehmen wurden gezielt ausgewählt, um aller Anstrengungen noch Lichtjahre entfernt.
das Projekt konkret umzusetzen. Man hat nicht nur eine Last but not least existieren die bekannten
Strategie, man setzt sie auch um. strukturellen Schwächen eines politisch gelenkten
Top-down-Ansatzes, der sich insbesondere bei der
ZIELE UND ERFOLGSAUSSICHTEN Fehlallokation von finanziellen Ressourcen auf loka-
ler Ebene bemerkbar macht. Das zur Verfügung ste-
China war 35 Jahre lang die Werkbank der Welt, die ihre hende Kapital wird nur suboptimal eingesetzt. Auch
internationale Wettbewerbsfähigkeit dem niedrigen ist die Strategie im Wesentlichen nur an quantitativen
Lohnniveau verdankte. Die Strategie »Made in China Zielen ausgerichtet. Effiziente Unternehmensprozesse
2025« zielt darauf, diese Schwäche zu überwinden und in Management und Produktion spielen, wenn über-
Wettbewerbsfähigkeit durch eine hohe Wertschöpfung haupt, nur eine untergeordnete Rolle.
der Produktion – vergleichbar der deutschen und japa- Der wahrscheinlichste Ausgang der »Made-in-Chi-
nischen Industrie – herzustellen. Aus der Perspektive na-2025«-Strategie ist deshalb, wie bereits von anderen
Chinas ist das folgerichtig und zwingend, anderweitig Analysen betont, der weitere Aufstieg nationale Cham-
kann das Einkommensniveau nicht gesteigert werden, pions wie beispielsweise Haier, Sany, Tencent, Alibaba,
und man bleibt – wie viele anderen Ländern auch – in Wechat, Shanghai Electric, Weichai, Huawei und ZTE.
der sogenannten middle income trap stecken. Schon Ein breites und nachhaltiges industrielles Upgrade, das
heute leidet Chinas Industrie am Verlust internationa- auch die Millionen von Unternehmen des chinesischen
ler Wettbewerbsfähigkeit beispielsweise abzulesen an Mittelstandes umfasst, liegt hingegen noch in weiter
einem Anstieg der Lohnstückkosten um gut 60% seit Ferne.
dem Jahr 2002; in Deutschland sind sie im gleichen
Zeitraum praktisch konstant geblieben. Steigende Ein- CHANCEN UND HERAUSFORDERUNGEN
kommen und steigender Wohlstand können nur durch
eine steigenden Arbeitsproduktivität und diese nur mit In der öffentlichen, teilweise aber auch in der Exper-
dem Einsatz von Spitzentechnologie erreicht werden. tenliteratur werden insbesondere die Herausforderun-
Nach 35 Jahren industrieller Revolution hat China eine gen von »Made in China 2025« für westliche Unterneh-
ansprechende Kapitalintensität erreicht, es mangelt men und den Westen insgesamt betont. Tatsächlich
aber an totaler Faktorproduktivität, sprich technologi- be­­inhaltet aber das Projekt zunächst einmal beträcht-
schem Fortschritt. liche Chancen. Um Spitzentechnologie einsetzen, be­­
Insgesamt sind die Erfolgsaussichten des Pro- nötigt China diese zunächst einmal. Das eröffnet Ver-
jekts eher vorsichtig einzuschätzen. Zum einen sind kaufschancen für die europäische und deutsche Indus-
die Arbeitslöhne in China nach wie vor sehr niedrig, trie. Möglicherweise entstehen auch neue industrielle
was den Anreiz für Unternehmen vermindert, ihre Pro- europäisch-chinesische Konglomerate und Joint Ven-
duktion mit mehr und modernerem Kapital aufzurüs- tures, die global tätig sind. Siemens und Alibaba bei-
ten. Der Median der Löhne in China liegt nach wie vor spielsweise sind gerade dabei, ein Joint Venture für das
unterhalb der asiatischen Wettbewerbern wie Malay- Internet der Dinge insbesondere der Cloud-Technologie
sia, Indonesien oder den Philippinen, nicht zu spre- auf den Weg zu bringen. Auch BMW ist im Geschäft mit
chen von Taiwan, Hongkong oder Südkorea, wo die der chinesischen Brilliance Automotive Group (ABB),
Arbeitslöhne beispielsweise sechsmal so hoch sind wie um einen vollelektrischen BMW iX3 für den chinesi-
in China. Darüber hinaus ist die Technologielücke zu schen und den internationalen Markt zu produzieren.
westlichen Unternehmen nach wie vor enorm. Das lässt Des Weiteren sind chinesische Direktinvestitionen
sich leicht an den komparativen Produktivitätsniveaus in Europe und Deutschland durchweg positiv zu beur-
ablesen. Nach 35 Jahren Aufholjagd macht die durch- teilen. Sie bringen neues Kapital für die Unternehmen

10 ifo Schnelldienst  14 / 2018  71. Jahrgang  26. Juli 2018


ZUR DISKUSSION GESTELLT

und eröffnen oft größere Geschäftsmöglichkeiten in Gerade für überzeugte Marktwirtschaftler sollte des-
China. Relevante Studien zeigen, dass gar keine Rede halb gelten: Dass »Made in China 2025« den Wettbe-
davon sein kann, dass die jeweiligen chinesischen werb belebt, ist gut und nicht schlecht.
Investoren – ob privat oder staatlich – einen Techno-
logietransfer nach China vollziehen. Tatsächlich wird LITERATUR
der Standort Deutschland gestärkt. Besonders deut-
BakerMcKenzie (2018), »Rising Tension, Assessing China’s FDI drop in
lich wird das dieser Tage wieder bei der angekündigten Europe and North America«, verfügbar unter: https://www.bakermcken-
240 Mio. Euro Investition des chinesischen Konzerns zie.com/en/insight/publications/2018/04/rising-tension-china-fdi.
CATL in eine Batteriefabrik in Thüringen. Chinesische Ding, M. und Jie Xu (2015), The Chinese Way, Routledge, New York.
Investitionen in Europa und Deutschland zu begren- European Chamber of Commerce in China (2017), China Manufacturing
2025, Putting Industrial Policy Ahead of Market Forces, verfügbar unter:
zen, ist daher keine rationale Strategie, sondern ein
http://docs.dpaq.de/12007-european_chamber_cm2025-en.pdf.
Rückfall in eine nationalzentrierte Abschottungspoli-
Jungbluth, C. (2018), Kauft China systematisch Schlüsselindustrien auf?
tik, die unserem Wohlstand schadet. Chinesische Firmenbeteiligungen in Deutschland im Kontext von »Made in
Anderseits ist es richtig auf Reziprozität gegen- China 2025«, GED Study, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, verfügbar unter:
https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/
über China zu pochen. Wenn chinesische Unterneh- GrauePublikationen/MT_Made_in_China_2025.pdf.
men weitestgehend frei in Europa investieren kön- Löchel, H. und F. Nawaz (2018), »The Belt and Road Initiative of China:
nen, muss dies auch für ausländische Unternehmen A Critical Analysis of its Feasibility«, Frankfurt School Working Paper
Series 226, verfügbar unter: https://campus.frankfurt-school.de/clicnet-
in China gelten, wenngleich das Land noch weit zurück clm/fileDownload.do?goid=000002879403AB4.
liegt in der wirtschaftlichen Entwicklung und Direktin- Sachverständigenrat (2016), Transformation in China birgt Risiken, in: Jah-
vestitionen aus Europa nach China nach wie vor deut- resgutachten 2016/17, Kap. 12, Wiesbaden, 464–496.

lich über denen von China nach Europa liegen. Es gibt State Council of China (2015), Made in China 2025, verfügbar unter:
http://www.cittadellascienza.it/cina/wp-content/uploads/2017/02/IoT-
auch Bewegung auf chinesischer Seite. Gerade wurde ONE-Made-in-China-2025.pdf.
das White Paper »China and the World Trade Organiz- U.S. Chamber of Commerce in China (2017), Made in China 2025: Global
ation« von der chinesischen Regierung veröffentlicht, Ambitions Built On Local Protecions, verfügbar unter:
https://www.uschamber.com/sites/default/files/final_made_in_
das die sogenannte negative list, d.h. die Industrien china_2025_report_full.pdf.
in denen ausländische Unternehmen nicht investie- Wübbeke J. et al. (2016), Made in China 2015, the making of a high-tech
ren dürfen, von 63 auf 48 reduziert. Insbesondere bei superpower and consequences for industrial countries, in: Merics Paper
on China, No. 2, verfügbar unter: https://www.merics.org/sites/default/
Dienstleistungen, Infrastrukturinvestitionen, Schiffs- files/2017-09/MPOC_No.2_MadeinChina2025.pdf.
und Flugzeugbau, der Automobil-, der Finanz- und der
Chemieindustrie gibt es Fortschritte. BASF, beispiels-
weise, kann nun erstmalig in China ohne Joint-Ven-
ture-Partner investieren und VW sowie BMW ist signa-
lisiert worden, dass sie absehbar ihre Anteile in ihren
jeweiligen Joint-Ventures signifikant erhöhen kön-
nen; ab 2022 soll der Joint-Ventures Zwang auch in
der Automobilindustrie ganz entfallen.
Oft liest man von unfairem Wettbewerb, da die
chinesischen Unternehmen massiv vom Staat unter-
stützt werden inklusive Direktinvestitionen von
Staatsunternehmen, während westliche Unterneh-
men – dem Prinzip der Marktwirtschaft folgenden –
weitestgehend auf sich allein gestellt sind. Das kann
man so sehen, muss es aber nicht. Chinas Wirtschaft
ist nun einmal eine geplante bzw. gelenkte Markt-
wirtschaft, und die Wirtschaft des Landes wird muta-
tis mundatis wie ein Unternehmen geführt. Das mag
einem gefallen oder nicht – jedenfalls war es bisher
sehr erfolgreich. Die Hypothese, dass eine geplante
Marktwirtschaft gegenüber einer reinen Marktwirt-
schaft für aufstrebende Volkswirtschaften das überle-
gene System ist, ist bisher jedenfalls nicht widerlegt.
Last but not least wird befürchtet, dass der Wes-
ten seine industrielle Führerschaft an China über kurz
oder lang verliert. Das ist möglich, aber eben nur dann,
wenn westliche Unternehmen nicht weiterhin innova-
tiv und wettbewerbsfähig bleiben, wovon nicht auszu-
gehen ist. Dass China industriell aufgerüstet, kann man
dem Land schlecht vorwerfen; es ist nun mal das Wesen
von Wettbewerb, besser zu sein als die Wettbewerber.

ifo Schnelldienst  14 / 2018  71. Jahrgang  26. Juli 2018 11


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Antonia Reinecke* und tech-Industrien gesetzt. Diese Zukunftsstrategie wird


Hans-Jörg Schmerer** unter dem Namen »Made in China 2025« propagiert.
China verfolgt mit dieser Strategie das Ziel, eine
»Made in China 2025« – von führende Rolle in den wichtigen Hightech-Industrien
der »Werkbank der Welt« zum zu werden. Dieses Ziel soll durch staatliche Subven-
tionen in Industrien, die sich durch ein hohes Niveau
Hochtechnologieführer? an technischem Know-how sowie Komplexität aus-
zeichnen, erreicht werden. Zu diesen Branchen gehö-
Seit der Öffnung der chinesischen Volkswirtschaft ren beispielweise die Automobil-, die Robotik- und die
Ende der 1970er Jahre und seit dem Eintritt Chinas in Luftfahrtindustrie. Das sogenannte Smart Manufactu-
die WTO sind chinesische Exporte mit durchschnittli- ring, das vergleichbar mit der Strategie »Industrie 4.0«
chen Raten von bis zu 16,4% gewachsen. Dieser enorme in Deutschland oder dem »Industrial Internet« der USA
Export­erfolg, der sich auch im ökonomischen Wachs- ist, ist ein Hauptaspekt der neuen chinesischen Stra-
tum Chinas widerspiegelt, prägte die gemeingültige tegie. Einerseits könnte die Arbeitsproduktivität der
Vorstellung einer chinesischen »Werkbank der Welt«. schrumpfenden Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter
Die jüngeren Zahlen konstatieren jedoch eine sich durch Automatisierung gesteigert werden, um so die
Antonia Reinecke abzeichnende Trendwende im chinesischen Wachs- chinesische Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Ande-
tumsmodell. Erstmals seit der Öffnung Chinas wurden rerseits erhofft man sich auch im Export dieser Güter,
in den Jahren 2015 und 2016 negative Wachstumsraten zukünftig international konkurrenzfähig zu sein. In
im Gesamtexport verzeichnet. Im Vergleich zum jewei- den Exportdaten ist diese neue Wachstumsstrategie
ligen Vorjahr sind 2015 die Exporte um 3,7% und im bereits deutlich zu erkennen. Der Economic Comple-
Jahr 2016 sogar um 9,5% gesunken. Diese negative Ten- xity Index (ECI) misst die Vielseitigkeit der Produktpal-
denz lässt sich auch in der Entwicklung des Bruttoin­ lette im Export eines Landes unter Berücksichtigung
landsprodukts wiederfinden. Die Wachstumsraten sind des komparativen Vorteils. Dieser Index gibt Auskunft
zwar bei weitem noch nicht negativ, jedoch wächst das über die Zahl an Industrien, in denen China interna-
Bruttoinlandsprodukt in China in der jüngeren Vergan- tional wettbewerbsfähig ist. Für den chinesischen
Hans-Jörg Schmerer
genheit mit Raten im einstelligen Bereich. Chinas Ent- Index werden also alle Industrien zusammengezählt,
wicklungsmodell, das jahrzehntelang sehr stark auf die in denen die chinesischen Exporte einen signifikanten
Produktion und den Export technologisch weniger auf- Anteil am Welthandel ausmachen. Allein genommen
wendiger Güter fokussiert war, scheint an seine Gren- ist diese Zahl nicht sehr aussagekräftig, betrachtet
zen gestoßen zu sein. Die Produktionskosten in China man jedoch die Entwicklung dieser Kennzahl über die
sind über die Jahre hinweg gestiegen, die Konkurrenz Zeit hinweg, dann lässt sich eine zunehmende Diver-
mit Niedriglohnländern ist stärker geworden, und zu sifizierung des chinesischen Exports ausmachen.
guter Letzt unterliegt auch das Angebot an Arbeits- Je höher der berechnete ECI ist, desto größer ist
kräften gewissen Kapazitätsgrenzen: Bildung und Ein- auch die Komplexität der Produktpallette des jewei-
kindpolitik haben dazu geführt, dass das Angebot an ligen Landes. Abbildung 1 zeigt auf der linken Skala
Arbeitskräften für die »Werkbänke der Welt« vielerorts die Entwicklung des ECI für China in einem Zeit-
anfängt zu versiegen. Prinzipiell könnte Wachstum raum von 1995–2016. Auf der rechten Skala wird der
auch durch Investitionen in physisches Kapital herbei- Rang­listenplatz Chinas im internationalen Vergleich
geführt werden, ohne Bevölkerungswachstum muss abgebildet.
jedoch auch dieser Wachs-
tumsmotor irgendwann einmal Abb. 1
zum Stillstand kommen. Entwicklung der ökonomischen Komplexität Chinas
War diese Entwicklung 1995—2016
vorhersehbar, und wurden ent- Economic Complexity Index
sprechende Vorkehrungen ge- ECI
Economic Complexity Rank
Rang
troffen? 1,4 60

Zumindest offiziell hat die 1,2 50


chinesische Regierung dieses
1,0
Problem längst erkannt und 40
vermehrt auf den Ausbau des 0,8
komparativen Vorteils in High- 30
0,6
*
Antonia Reinecke ist wissenschaft- 20
0,4
liche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für
Volkswirtschaftslehre, Internationale 0,2 10
Ökonomie, an der FernUniversität
Hagen.
** 0,0 0
Prof. Dr. Hans-Jörg Schmerer ist
Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirt- 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015
schaftslehre, Internationale Ökonomie, Quelle: The Observatory of Economic Complexity by Alexander Simoes,
an der FernUniversität Hagen. https://atlas.media.mit.edu/en/rankings/country/eci/. © ifo Institut

12 ifo Schnelldienst  14 / 2018  71. Jahrgang  26. Juli 2018


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Es ist sehr gut zu erken- Abb. 2


nen, dass die Vielfältigkeit der Chinesische Exportzusammensetzung nach Technologielevel
1992—2016
chinesischen Exporte über
die Zeit hinweg zugenommen Ohne Einordnung Niedrig-mitteltechnologische Güter
hat. Gemessen am ECI betrug Mitteltechnologische Güter Hochtechnologische Güter
%
100
die ökonomische Komplexität
90
Chinas im Jahr 1995 nur 0,14,
80
während sie bis zum Jahr 2016
70
auf den Wert 1,157 anstieg.
Dieser Anstieg macht sich auch 60

im internationalen Vergleich 50

bemerkbar: 1995 rangierte 40

China noch auf dem 50. Rang­ 30


listenplatz, stieg jedoch bis 20
zum Jahr 2016 auf den 18. Platz 10
auf. Zum Vergleich, im glei- 0
chen Zeitraum ist die Komple- 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016
Quelle: OECD, STAN.indicators; Berechnungen der Autoren. © ifo Institut
xität Deutschlands von 2,474
auf 2,014 gefallen und damit im
internationalen Vergleich vom zweiten auf den vierten hör führen. Somit könnten Volkswirtschaften mit einem
Platz abgestiegen. sehr komplexen, hochtechnologischen Exportport-
Auch die Exportstruktur – differenziert nach hoch-, folio zumindest kurzfristig von der Strategie »Made in
mittel- und niedrigtechnologischen Gütern – sugge- China 2025« profitieren. Langfristig ist es jedoch nicht
riert eine Veränderung der chinesischen Exportstrate- das Ziel, Hochtechnologie aus dem Ausland zu erwer-
gie in Richtung hochtechnologischer Produkte1: ben, sondern diese selbständig zu produzieren und
Anhand Abbildung 2 wird ersichtlich, dass im Zeit- Weltmarktführer für hochtechnologische Wirtschafts-
raum zwischen 1995 und 2016 der prozentuale Anteil sektoren zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, werden
an Gütern aus den hoch- sowie mitteltechnologischen einerseits heimische Unternehmen massiv unterstützt,
Sektoren stark zugenommen hat, während Güter aus während andererseits der chinesische Markt für aus-
den Industrien mit geringeren technologischen Anfor- ländische Unternehmen noch immer durch protektio-
derungen einen Rückgang verzeichnet haben. Im nistische Maßnahmen geschützt wird.
Jahr 1995 belief sich der Anteil an Exporten aus dem
hochtechnologischen Bereich noch auf ungefähr 11%. HANDELSSTRUKTUR ZWISCHEN DEUTSCHLAND
Bis 2016 stieg dieser Anteil um etwa 185% auf einen UND CHINA
Anteil von 30,4% der Gesamtexporte. Gleichzeitig ging
im selben Zeitraum der Anteil an Produkten mit gerin- In Abbildung 3 ist die Handelsbilanz zwischen Deutsch-
gen Technologieanforderungen von 50,5% auf 27,6% land und China sowie die Importe und Exporte für den
zurück. Hochtechnologiesektor abgebildet.
Die Strategie Chinas, verstärkt in Industrien der Insgesamt wird deutlich, dass Chinas Handels­
Hochtechnologie aktiv zu werden, scheint also erste bilanz mit Deutschland für den hochtechnologischen
Erfolge zu verzeichnen. Doch wie beeinflusst diese Ver- Sektor zwischen 1993 und 2015 positiv war; China also
schiebung innerhalb der chi-
nesischen Exportstruktur die Abb. 3

Marktanteile anderer Volks- Handelsbilanz Deutschland und China im Hochtechnologiesektor

wirtschaften? Und im Besonde- Handelsbilanz Hightech-Güter


ren die von Deutschland? Chinesische Exporte Hightech-Güter nach Deutschland
Zunächst könnten die Mrd. US-Dollar Deutsche Exporte Hightech-Güter nach China
30
staatlichen Subventionen, die
in die Modernisierung der Pro- 25
duktionstechnologie fließen, 20
zu einer erhöhten Nachfrage
15
nach »smarten Produktions-
technologien« und deren Zube- 10

5
1
Die OECD definiert folgende
Sektoren als »hochtechnologische« 0
Sektoren: Luft- und Raumfahrt, Com-
puter- und Büromaschinen, Pharmazie, -5
wissenschaftliche Instrumente, Elekt-
romaschinenbau, Chemie, allgemeiner 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016
Maschinenbau und Rüstungsindustrie. Quelle: OECD, STAN.indicators; Berechnungen der Autoren. © ifo Institut

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Güter in einem höheren Warenwert nach Deutsch- Industrien mit sich. Der jüngst entfachte Handelskrieg
land exportiert als Deutschland nach China impor- zwischen den USA und China ist nicht zuletzt auch
tiert hat. Dieses Ergebnis mag vielleicht verwundern, durch die vermeintlichen, negativen Arbeitsmarkt­
würde sich aber damit erklären lassen, dass China effekte des zunehmenden Wettbewerbs mit China
ein maßgeb­ licher Produzent von Zwischenproduk- motiviert worden. Inwieweit die Intensivierung der
ten im Bereich Telekommunikation, Maschinenbau, »Made-in-China-2025«-Strategie die Ressentiments
Automobil oder aber auch Exporteur von LCDs ist. gegenüber China zukünftig noch steigern werden, ist
Dies sind Sektoren, die als »hochtechnologisch« ein- derzeit reine Spekulation. Eine Politik der Abschot-
gestuft werden. Während die Exporte aus China nach tung wird jedoch in einer so globalisierten Welt die
Deutschland deutlichen Schwankungen unterlie- Probleme nicht lösen, sondern eher weiter verstärken.
gen und seit 2010 ein abnehmender Trend beobach-
tet wird, steigen die Importe aus Deutschland in dem
Bereich Hochtechnologie kontinuierlich an. Die Han-
delsbilanz im Hochtechnologiesektor sinkt für China
im Laufe des Betrachtungszeitraums, bis sie schließ-
lich im Jahr 2016 negativ wird, also mehr Hochtechno-
logieprodukte aus Deutschland importiert als expor-
tiert werden. Dieser Trend würde die Hypothese unter-
stützen, dass China zunehmend auch Hochleistungs-
technologie aus dem Ausland (in diesem Fall Deutsch-
land) erwirbt, um die Ziele seiner Strategie »Made in
China 2015« umzusetzen.
Ob es China gelingt, auf diesem Wege den Techno-
logischen Wandel voranzutreiben und Technologiefüh-
rerschaft in der internationalen Welt zu erlangen, kann
zum aktuellen Zeitpunkt weder bestritten noch betä-
tigt werden. Fest steht, dass China viel in den technolo-
gischen Fortschritt investiert und national sowie inter-
national versucht, die Lücke zu den Industrienationen
zu schließen.

POTENZIELLE ARBEITSMARKTEFFEKTE VON


»MADE IN CHINA 2025«

Aktuelle Studien belegen, dass Chinas Exporter-


folg weltweit zu massiven Jobverlusten geführt hat.
Besonders Branchen mit hohem Anteil an leicht auto-
matisierbaren Produktionsschritten sind betroffen.
Routinierte Jobs wurden in den letzten Jahren ver-
mehrt nach China und andere Niedriglohnländer
ausgelagert oder durch Roboter verrichtet. Chinas
stärkere Fokussierung auf Hightech-Industrien wird
diesen Trend auch zukünftig nicht aufhalten oder
umlenken können. Selbst wenn das Lohnniveau
Chinas zukünftig auf das der OECD-Länder anstei-
gen würde, gäbe es immer noch genug Länder, die
die Rolle der »Werkbank der Welt« einnehmen könn-
ten. Viel wahrscheinlicher ist es, dass im Bereich des
Offshoring der jetzige Status quo beibehalten wird
und die routinierten Jobs im Verarbeitenden Gewerbe
auch zukünftig vermehrt im Ausland getätigt werden
oder die Unternehmen zukünftig noch mehr auf Auto-
matisierung im eigenen Land setzen. Beides hat in den
letzten Jahrzehnten zu einer massiven Ausweitung
des Servicesektors geführt. Die zunehmende Wett­
bewerbsfähigkeit der chinesischen Firmen in Berei-
chen, die besonders intensiv mit hochqualifizierten
Arbeitskräften produzieren, bringen neue Heraus-
forderungen für den Arbeitsmarkt der entwickelten

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Oliver Emons* Wirft man einen genaueren Blick auf die Invest-
ments, die Investoren und deren Gründe, findet sich die
China: Partner oder Rivale? Antwort. Wie sich zeigt, ist »Investor nicht gleich Inves-
Unterschiedliche Perspek­ tor« und »Investment nicht gleich Investment«. Doch
was heißt das?
tiven und Erfahrungen mit Tatsache ist, dass es nicht »den chinesischen
Investoren aus China Investor« gibt. Unterschiede ergeben sich schon bei der
Kategorisierung. Es gibt Staatsunternehmen, teilstaat-
AUSGANGSLAGE liche und private Unternehmen, des Weiteren unter- Oliver Emons

schiedliche Größen von Unternehmen. In jedem Fall


Made in China 2025: Diese Strategie wird in den letzten lässt sich festhalten, dass die Unternehmensgröße bei
Monaten zum Anlass genommen, um über die grund- den Aufkäufen der letzten Jahre eher nebensächlich
sätzliche Strategie Chinas zu diskutieren. Bei den darin gewesen sein dürfte, da gerade die kleinen und mittel-
genannten Schlüsselindustrien, in denen China zum ständischen Unternehmen in Deutschland eine große
Weltmarktführer werden will (vgl. Merics 2016), ist auf- Rolle im Rahmen der Innovationsstärke der deutschen
fällig, dass es sich um Branchen handelt, in denen Wirtschaft spielen und als Hidden Champions gelten.
Deutschland teilweise weltweit führend ist. Welches Weiterhin bemerkenswert ist, dass es tatsächlich chi-
industriepolitische Ziel verfolgt China damit? Gibt es nesische Unternehmen gibt, die als sogenannte »Seri-
tatsächlich einen Masterplan, der hinter den Aufkäu- eninvestoren« auftreten und somit durch frühere Inves-
fen von deutschen Technologieunternehmen der letz- tments bekannt sind (vgl. Boeckler 2018).
ten Jahre steht, wie häufig vermutet wird? Wird es auf Daneben zeigt sich in den letzten Jahren, dass es
absehbare Zeit zu einer Kollision Deutschlands und der durchaus unterschiedliche Gründe für einen Aufkauf
EU mit China kommen? Wächst hier ein Konkurrent? geben kann. Diese Gründe seien hier beispielhaft dar-
Fragen über Fragen. gestellt (vgl. Emons 2013):
In den letzten Jahren hatten chinesische Über-
nahmen in Deutschland Hochkonjunktur. Schlagzei- –– Label Made in Germany,
len in der Presse wie beispielsweise »Partner oder –– Rechtssicherheit,
Rivale«, »Suche deutsche Firma: Biete Milliarde aus –– Qualität der Arbeitskräfte und des deutschen
China«, »China greift nach deutschen Unternehmen« Ausbildungssystems,
und »Götterdämmerung« lassen vermuten, dass in –– die große Marktkraft Deutschlands,
Deutschland die Unsicherheit bezüglich chinesischer –– die zentrale Lage Deutschlands innerhalb der EU,
Investments groß ist. Diese Unsicherheit wird durch –– ein respektvolles und gutes Deutschlandbild,
wachsende Investitionen, hohe Kaufprämien und –– Währungsrisiken diversifizieren,
Big Deals noch verstärkt. Die Angst vor Übernahmen –– zunehmende Wettbewerbssituation auf dem chi-
ist somit anscheinend groß. Vor allem sind Erfahrun- nesischen Markt,
gen mit Investoren aus den 1990er Jahren noch bei –– Know-how-Erwerb und Vertriebswege,
vielen Menschen präsent, als Unternehmen übernom- –– Zugang zum chinesischen/asiatischen Markt bzw.
men wurden, zügig ein Technologietransfer erfolgte zu Vertriebswegen,
und im Anschluss das übernommene Unternehmen –– Schlüsseltechnologien im Rahmen der Digi-
entweder scheiterte oder nach China verlagert wurde. talisierung,
Weiterhin häufen sich Nachrichten aus China, die –– Wachstum von Unternehmen in China stößt an
zumeist nicht positiv zu werten sind. Seien es Arbeits- Grenzen,
kämpfe, Menschenrechtsverletzungen, Nachrichten- –– zunehmender Konsum und Konkurrenz in China.
sperren, Cyberkriminalität, ein nicht nachhaltiger
Umgang mit natürlichen Ressourcen oder unzählige Also lässt es sich an dieser Stelle bereits festhalten,
Plagiatsfälle. Kein Wunder also, dass die Erwartun- dass es durchaus unterschiedliche Investoren­typen
gen an Investoren aus der Volksrepublik eher verhal- und unterschiedliche Gründe für Aufkäufe geben
ten sind und deren Bemühungen auf Misstrauen sto- kann. Auch scheinen die einzelnen Übernahmen bis
ßen. Ist diese Investorengruppe tatsächlich nur an jetzt überwiegend positiv zu verlaufen, wobei neue
der Technologie interessiert, oder geht das Interesse Entwicklungen von Jobabbau, wie beispielsweise bei
doch weiter und ist somit nachhaltiger als bei anderen der Ledvance GmbH, erneut Fragen aufwerfen und als
Investorengruppen?! Die Meinungen reichen von tota- ein Verstärker für das Misstrauen im Umgang mit die-
ler Ablehnung, über eine verschärfte Kontrolle, hin ser Investorengruppe gelten dürfte.
zu einer vollständigen Befürwortung und Unterstüt- Auffällig, und auch in der Tagespresse vielfach
zung dieser Investments. Die Wahrheit liegt wie so oft diskutiert, ist jedoch in letzter Zeit einer der genann-
irgendwo dazwischen. Deshalb sollte man das Thema ten Gründe für Aufkäufe, der unmittelbar das Thema
differenziert diskutieren. »Made in China 2025« tangiert: die Technologieführer-
*
Dr. Oliver Emons ist Referatsleiter Wirtschaft im Institut für Mitbe-
schaft des aufgekauften Unternehmens in einer Bran-
stimmung und Unternehmensführung, der Hans-Böckler-Stiftung. che und die Frage, wie dieser Fall möglicherweise in das

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Gesamtbild aller Übernahmen passt. Um dies einord- Auf der anderen Seite zeigt sich auch, dass das
nen zu können, muss zwischen einer Einzelfallbetrach- Top-Management in übernommenen Unternehmen
tung (Mikroebene) und der Makroebene (alle Über- sehr skeptisch und mit einer hohen Unsicherheit auf
nahme zusammengenommen) unterschieden werden. diese Investments schaut. Auf die Frage hin, ob sie Ver-
Die Erfahrungen auf diesen Ebenen sind nicht unmit- käufe an chinesische Investoren eher als Chance oder
telbar deckungsgleich. Es sei jedoch angemerkt, dass Risiko sehen, antworteten 60% der befragten Manager,
häufig bei anderen Investorengruppen und bei aufge- dass es wohl eher ein Risiko wäre. Somit stellt sich die
kauften Unternehmen ein gewollter Wissenstransfer Frage, ob es sich immer um eine Win-win-Situation für
stattfindet. Die Unterschiede gilt es hier zu klären. die Unternehmen und für Deutschland handelt, wenn
selbst das Management hier skeptisch reagiert (vgl.
UNTERSCHIEDLICHE PERSPEKTIVEN UND ARTE 2017)?
ERFAHRUNGEN
Des Weiteren weist Europa viele Baustellen auf.
Auf der Ebene der Unternehmen (Mikroebene) wer- Der Brexit, die Migrationspolitik, »America first« und
den diese Übernahmen vielfach positiv gesehen. dadurch bedingt Schutzzölle, die Beziehung zu Russ-
Man sollte sich bewusst machen, dass hinter jeder land, ein Erstarken von Populisten und dadurch bedingt
Übernahme Menschen und Einzelschicksale stehen. starke Individualisierungstendenzen einzelner Länder,
Arbeitsplätze können in Gefahr geraten, wenn neue um nur einige Herausforderungen zu nennen. In dieser
Eigentümer die Herstellungskosten senken möchten. angespannten Atmosphäre ist eine einheitliche Vorge-
Hinter jeder Übernahme steht somit auch die zukünf- hensweise bzw. Wertung dieser Investitionen durch-
tige Zusammenarbeit zwischen den neuen Eigentü- aus schwierig zu gestalten. Vor allem zeigt sich diese
mern und der Belegschaft. Wie lässt sich diese Zusam- Entwicklung mit Blick auf die Seidenstraßeninitiative
menarbeit gestalten (vgl. Boeckler 2018)? Somit ist es Chinas. Einige Länder, vor allem in Osteuropa, sehen
nicht verwunderlich, dass Mitbestimmungsakteure im hier Investitionen, wie in die Infrastruktur, als nicht kri-
Unternehmen etwas genauer auf diese Übernahmen tisch. In Westeuropa zeigt sich jedoch massiver Wider-
schauen. Die Erfahrungen zeigen: Den Belegschaften stand gegenüber dieser Initiative. Diese Kritik entlädt
übernommener Unternehmen geht es überwiegend sich vor allem bei der Vergabe von Aufträgen entlang
mit chinesischen Eigentümern bis dato besser als mit der Seidenstraße (vgl. Handelsblatt 2018).
Finanzinvestoren, die nur auf kurzfristige Renditen aus Somit gibt es innerhalb der Europäischen Union
sind. Üblicherweise bleiben die Unternehmen opera- deutliche Unklarheiten, wie mit chinesischen Investo-
tiv selbständig und sollen teils durch massive Investi- ren verfahren werden sollte.
tionen in den Standort zusätzliches Wachstum gene- Deutsche Unternehmen investierten in den letz-
rieren. Dabei werden häufig nach einer Übernahme ten Jahren deutlich stärker in China als umgekehrt.
Standort und Beschäftigung zunächst gesichert und Anscheinend ein deutliches Ungleichgewicht. Doch
vereinbart, inwieweit Auszubildende beziehungs- sollte dies nicht darüber wegtäuschen, dass hier nicht
weise Lehrlinge übernommen sowie Forschung und auf Augenhöhe investiert wird. Deutsche Unternehmen
Entwicklung gefördert werden. Ob chinesische Unter- kämpfen nach wie vor bei Investitionen in China mit
nehmenskäufer ihre Zusagen langfristig ernst nehmen Hürden. Teilweise muss das eigene Wissen mit chine-
oder nur als juristische Formalie betrachten, bleibt sischen Partnern in Joint Ventures geteilt werden. Das
abzuwarten. Es zeigt sich bereits, dass sich die bislang heißt, hier findet bereits ein indirekter und teilweise
bei Arbeitnehmervertretern oft positiven Eindrücke – auch unfreiwilliger Wissenstransfer statt. Unfreiwil-
Chinesen als langfristige Investoren, die mehrjährige lig, aber teilweise auch vom deutschen Unternehmen
Abkommen zur Beschäftigungs- und Standortsiche- gebilligt, um von diesem riesigen Markt zu profitieren.
rung abschließen, Tarifverträge und Mitbestimmung Die Forderung sollte lauten, dass Markteintrittsbarrie-
respektieren – nach und nach beim genauen Blick auf ren deutscher Unternehmen in China abgebaut werden
die Entwicklungen der letzten Monate relativieren. müssen, vor allem wenn die chinesische Seite Deutsch-
Hier sollte die Forderung lauten, dass sich chinesische land als guten Partner in Europa sieht und dies immer
Investoren an ihre Zusagen halten. wieder betont.
Vergleicht man das mit einem Puzzle, ergeben alle
kleinen Teile zusammengefügt ein großes Bild, in dem FAZIT
möglicherweise ein Plan oder eine Strategie zu erken-
nen ist? Passen diese Aufkäufe auf dieser Makroebene Wenn Europa tatsächlich als Gegengewicht zu ande-
zur China-2025-Strategie des chinesischen Staates? Die ren Wirtschaftsräumen wie den USA oder China auftre-
Meinungen gehen hier stark auseinander. ten möchte, muss es eine abgestimmte Industriepoli-
Laut der letzten Veröffentlichung der Bertelsmann tik geben. Dies wird bis jetzt nur ansatzweise geregelt,
Stiftung (2018) zu diesem Thema würde man dies be­­ wobei angedachte Maßnahmen zum Schutz, wie bei-
jahen. Denn diese Analyse glaubt festgestellt zu haben, spielsweise Investments stärker zu kontrollieren, keine
dass es eine große Deckung zwischen diesen Übernah- allumfassende Strategie darstellen, aber sicherlich
men und der 2025-Strategie gibt. sinnvoll erscheinen.

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Doch was heißt das nun für die Kolleginnen und Markus Taube*
Kollegen sowie für die Mitbestimmungsakteure im
Zusammenhang mit einer jeder anstehenden Über-
Chinas Streben nach
nahme? Sie sollten sich einbringen und Informationen Zukunftstechnologien –
sowie Transparenz fordern.
Im Zusammenhang mit chinesischen Investments
partnerschaftliches Agieren
ist zu fragen, um welchen Investor es sich handelt. Wel- von Staat und Unternehmer­
che Erfahrungen haben andere Unternehmen mit ihm
gemacht? Wie verhält sich dieser Investor in China?
tum als Erfolgsgeheimnis
Handelt es sich um ein staatliches oder doch priva-
tes Unternehmen? Gibt es Informationen über des- In diesem Jahr feiert China das 40-jährige Jubiläum
sen finanzielle Situation? Werden Transaktionswerte des Beginns der Reform- und Öffnungspolitik. Mit die-
offengelegt? Welche Strategie wird verfolgt? Wie ver- ser hatte Deng Xiaoping 1978 einen Schlussstrich unter
hält sich ein chinesischer Investor in Krisenzeiten? Wie das ideologisch verbrämte Maoistische Entwicklungs-
gut versteht und vor allem akzeptiert ein chinesischer modell gezogen. Und während jenes katastrophal
Investor die deutsche Mitbestimmung? Wie finanziert gescheitet war, wurde Deng Xiaopings Ansatz einer
er den Deal? Wie werden chinesische Investoren zukünf- »smarten«, nachholenden Entwicklungs- und Wachs-
tig mit der deutschen Mitbestimmung umgehen? Wie tumsstrategie zu einem brillanten Erfolg. Im Zuge eines
ist mit einer fehlenden kulturellen Einbindung – Stich- graduellen Prozesses der Industrialisierung und Ein- Markus Taube

wort: Post-Merger-Integration – umzugehen? Also Fra- bindung in global ausgerichtete Wertschöpfungsket-


gen über Fragen, die es zu beantworten gilt, wenn ein ten sind in den vergangenen vier Jahrzehnten erheb-
chinesischer Investor an die Türe klopft und das Unter- liche technische Kompetenzen in der chinesischen
nehmen kaufen möchte. Letztendlich wird sich zeigen, Volkswirtschaft aufgebaut worden. Schlüssel hierfür
ob chinesische Investoren ihre Investments nachhaltig war bislang weniger eine überzeugende inländische
gestalten möchten und ihre Zusagen einhalten. Forschungs- und Wissenschaftspolitik, als vielmehr
ein staatlich geschickt gesteuertes Regime zur selek-
LITERATUR tiven Attraktion ausländischer Direktinvestitionen,
Technologien und Geschäftsmodelle und Absorption
ARTE (2017), »China kauft den Mittelstand – Schluss mit Made in Ger-
many«, verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=a1ZiGF-
derselben im chinesischen Unternehmenssektor. In
93HAE, aufgerufen am 6. Juli 2018. jüngster Zeit werden diese Transfers aus dem Ausland
Bertelsmann Stiftung (2018), China auf Einkaufstour: Grund zur Sorge oder durch umfangreiche, staatlich unterstützte Akquisi­
unnötige Panikmache?, verfügbar unter: https://www.bertelsmann-stif-
tung.de/de/unsere-projekte/global-economic-dynamics/projektnachrich-
tionen ausländischer Unternehmen durch chinesische
ten/china-auf-einkaufstour-grund-zur-sorge-oder-unnoetige-panikma- Akteure erheblich gestärkt. Im Rahmen zielgerichteter
che/, aufgerufen am 5. Juli 2018.
Selektionsprozesse werden nun proaktiv in ausländi-
Boeckler (2018), »Chinesische Investitionen 2016«, verfügbar unter:
schen Unternehmen gebündelte »Wissenspakete« von
https://www.boeckler.de/51937.htm?produkt=HBS-006673&chunk=1&-
jahr=, aufgerufen am 5. Juli 2018. Technologien, Produk­tionsprozessen, Geschäftsmo-
Emons, O. (2013), Ausverkauf der Hidden Champions, verfügbar unter: dellen etc. erworben. Dies ermöglicht es China, den
https://www.boeckler.de/pdf/mbf_emons_china1.pdf, aufgerufen am Pfad eigenständiger Entwicklung von Unternehmen
5. Juli 2018.
und Volkswirtschaft noch weiter abzukürzen und sehr
Handelsblatt (2018), »Streit über ›Neue Seidenstraße‹ – Europa sen-
det Warnsignal an China«, verfügbar unter: https://www.handels- schnell in Spitzenbereiche von Technologie- und Markt­-
blatt.com/politik/international/handelspolitik-streit-ueber-neue-sei- erschließung vorzudringen.
denstrasse-europa-sendet-warnsignal-an-china/21179098.html?ti-
cket=ST-2448420-6uwlwZstFSnJb0oBxHK6-ap3, aufgerufen am 5. Juli
2018. STEUERUNG DES ZUSTROMS AN DIREKT-
Merics (2016), MADE IN CHINA 2025 The making of a high-tech superpower INVESTITIONEN
and consequences for industrial countries, verfügbar unter:
https://www.merics.org/sites/default/files/2017-09/MPOC_No.2_Madein-
China2025.pdf; aufgerufen am 5. Juli 2018. Über vier Jahrzehnte hinweg hat China den in Direkt-
investitionen eingebetteten Zustrom von Know-how
über ein regulatorisches Filtersystem gesteuert. Mit-
tels eines flexibel austarierten Systems von expliziten
Förderungen, Joint-Venture-Zwängen, Technologie-
transferauflagen und Verboten ist es gelungen, nach
Maßgabe der Bedarfe der chinesischen Volkswirtschaft
und der Absorptionsfähigkeit des chinesischen Unter-
nehmenssektors Wissenszuflüsse in das Land sehr
präzise zu steuern. Erst in jüngster Zeit, zu einem Zeit-
punkt, da der Bedarf an ausländischem Wissen deut-
lich verringert und auch das ausländische Angebot an
*
Prof. Dr. Markus Taube, Mercator School of Management und Insti-
tut für Ostasienwissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.

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überlegendem Wissen massiv zusammengeschrumpft heit des chinesischen Wirtschaftssystems. Die weit-
ist, schwenkt China auf ein System von Negativlisten reichende Kongruenz von Interessen und Zielen der
um, dass (prima facie) weniger Steuerungsmöglichkei- Akteure in beiden Sphären ermöglicht ein Ineinander-
ten bietet. greifen von Politik und Unternehmensführung, das
Die Erschließung ausländischen Wissens erfolgt westliche Konzeptionen von marktlichem Wettstreit
heute vermehrt über die gezielte Akquisition von Unter- untergräbt. Die Grenzen zwischen Regulierern und
nehmen und Wissensträgern im Ausland. Dies beinhal- Regulierten werden verwischt. Staatliche Ressourcen
tet sowohl die Beteiligung an bzw. Übernahme von aus- werden ausgewählten Unternehmen zur Verfügung
ländischen Unternehmen im Rahmen von M&A-Trans- gestellt, ohne dass marktliche Gleichbehandlungs-
aktionen als auch die Anwerbung von ausländischen grundsätze beachtet würden. Ausländische Akteure
Experten (direkte Abwerbung oder Einstellung nach werden gegenüber einheimischen Unternehmen – die
Pensionierung im Ausland) sowie von Chinesen, die im im Gegensatz zu ersteren Teil des nationalen Interes-
Rahmen längerer Studien- und Arbeitsaufenthalte im sensverbundes sind – diskriminiert.
Ausland spezifische Expertisen erworben haben, durch China ist keine zentral verwaltete Planwirtschaft
chinesische Unternehmen. Tatsächlich ermöglicht die- mehr. Explizite Verhaltensvorgaben und Zwangsmaß-
ses Vorgehen eine noch gezieltere und produktivere nahmen gegenüber dem Unternehmenssektor sind in
Nutzung im Ausland generierten Wissens für den chi- diesem System auch gar nicht notwendig. Durch die
nesischen Wachstums- und Entwicklungsprozess als in umfassende Gleichschaltung von Interessen und Zie-
der Vergangenheit. len der Entscheidungsträger in Partei, Regierung und
Dieser Übergang könnte grundsätzlich begrüßt Unternehmen reichen breit ausformulierte, indikative
werden als Ausdruck eines deutlich erhöhten Reife- Zieldefinitionen und unterstützende (materielle wie
grades der chinesischen Volkswirtschaft, der Wettbe- ideelle) Anreizsysteme aus, um auf gesamtwirtschaft-
werbsfähigkeit ihres Unternehmenssektors und der licher Ebene Ressourcen und Aktivitäten für strategi-
Einbindung Chinas in globale Strukturen intra-indus- sche Vorhaben wie die Belt & Road Initiative, Made in
trieller Arbeitsteilung. China ist offensichtlich ange- China 2025 etc. zu mobilisieren.
kommen im Club der führenden Industrienationen der Die in jüngerer Zeit zu beobachtenden M&A-Akti-
Erde – eine Aufnahme in die OECD erscheint überfällig. vitäten chinesischer Unternehmen im Ausland müssen
Dem entgegen steht aber ein grundlegender Dissens vor diesem Hintergrund bewertet werden. Es handelt
zwischen den etablierten Marktwirtschaften (z.B. der sich hierbei einerseits um die Umsetzung – rationa-
OECD-Länder) und China zur Bedeutung wettbewerbs- ler – unternehmerischer Strategien und andererseits
basierter Marktprozesse bzw. staatlicher Steuerung für gleichzeitig um Maßnahmen, die auf nationaler Ebene
unternehmerische Entscheidungsprozesse und indust- definierte Ziele anstreben und Zugang zu staatlichen
rielle Strukturbildungen. Ressourcen eröffnen. Die Übernahme des Augsburger
Robotik-Unternehmens Kuka durch Midea ist ein Bei-
INTERESSENSKONGRUENZ ZWISCHEN PARTEI, spiel für diese Konstellation. Midea ist groß gewor-
REGIERUNG UND UNTERNEHMEN den als Hersteller von elektrischen Haushaltsgeräten,
muss sich in Anbetracht veränderter Kostenstrukturen
Das politökonomische System Chinas ist geprägt von in China und in dem Bestreben nach höheren Gewinn-
einer weitreichenden Identität der Eliten und Ent- margen jedoch neu positionieren. Es erscheint von
scheidungsträger in der Kommunistischen Partei und daher nur konsequent, dass das Unternehmen ver-
Staatsregierung einerseits und den Unternehmens­ sucht, neue Geschäftsfelder zu erschließen, die für die
lenkern der in ihren respektiven Branchen führenden nächsten Jahre hohe Zuwächse im Marktvolumen und
Firmen andererseits. Insbesondere im staatlichen gleichzeitig hohe Gewinnmargen auf das eingesetzte
Unternehmenssektor ist zu beobachten, dass einzelne Kapital versprechen. Kuka als sehr gut eingeführter
Persönlichkeiten zwischen Spitzenpositionen in Par- und technologisch versierter Anbieter von Robotik und
tei, Regierung und Unternehmensmanagement hin- Automatisierungslösungen steht genau hierfür. Der
und herwechseln und diese Funktionen teilweise auch Einstieg von Midea bei Kuka bedient somit die strategi-
gleichzeitig ausfüllen. Im privaten Unternehmenssek- schen Ziele einer Neuausrichtung des Unternehmens.
tor zeigt sich die Vermengung dieser drei Ebenen weni- Gleichzeitig steht Kuka aber auch für ein Technologie-
ger deutlich, ist jedoch ebenfalls zu beobachten, wenn feld, das in der nationalen Made-in-China-2025-Strate-
z.B. die Führer formal privater Unternehmen heraus- gie mit höchster Priorität belegt ist. Die Übernahme
ragende Funktionen und Aufgaben in Parteiorganisa­ durch Midea dient somit auch der Umsetzung dieses
tionen und Regierungseinheiten ausüben (siehe z.B. Plans, insofern sie in chinesischem Eigentum und unter
die Aktivitäten »Pony« Ma Huatengs (Tencent) im Rah- chinesischer Kontrolle befindliches Know-how und
men des Nationalen Volkskongresses im Frühjahr 2018 korrespondierende Innovationskapazitäten substan-
oder »Jack« Ma Yuns (Alibaba) Rolle für den G-20-Gipfel ziell ausweitet. Midea kommt dadurch in den Genuss
in China 2016). umfassender staatlicher Vergünstigungen (steuerlich
Aus dieser Identität der Eliten im politischen wie und administrativ) und präferiertem Zugang zu finan-
unternehmerischen Sektor erwächst die Besonder- ziellen und materiellen Ressourcen. Letztere Konstella-

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tion führt dazu, dass Midea faktisch einen Teil der Kos- große Unternehmen im digitalen Sektor (Baidu (Such-
ten und Aufwendungen der Übernahme durch den chi- maschinen), Alibaba (e-commerce), Tencent (Soziale
nesischen Staat wieder erstattet bekommt. Netzwerke, internetbasiert Mehrwert-Dienste), kurz:
Die hier am Beispiel Midea/Kuka aufgezeigte Kons­ BAT) sind mittlerweile in ihren Geschäftsbereichen
tellation führt dazu, dass chinesische Akteure – dank weltweite Technologieführer und bringen immer neue
staatlicher Fördermaßnahmen – über dem Marktwert Produktinnovationen auf den Markt. Dies geschieht
liegende Übernahmeangebote abgeben können, mit vermehrt nicht nur in China selbst, sondern in glo-
denen sie Bieterwettbewerbe für sich entscheiden und balem Maßstab. So ist aktuell z.B. Alibaba nicht nur
Konkurrenten verdrängen. Ohne Sicherungsmecha- damit befasst, in China Gesichtserkennungssoftware
nismen in den Zielländern, die diese Wettbewerbsver- mit elektronischen Zahlungsprogrammen zu kom-
zerrung neutralisieren, besteht tatsächlich die Gefahr, binieren und im Einzelhandel einzuführen (»Smile
dass chinesische Akteure sich entgegen der Markt- to Pay«), sondern auch, sein Konzept einer globalen
kräfte und dank eines non-level playing fields einige der digitalen Handelsplattform (»Electronic World Trade
zukunftsträchtigsten globalen Hochtechnologiefirmen Platform«: eWTP) international zu propagieren. Weitere
einverleiben. technische Vorstöße sollen nun im Rahmen von »Nati-
onalen Teams« erschlossen werden, bei denen unter
UNTERNEHMERISCHE FREIRÄUME IN CHINA politischer Leitung des Ministeriums für Wissenschaft
und Technologie (MOST) offene Entwicklungsplatt­
Es wäre allerdings zu einfach, die zunehmende Präsenz formen eingerichtet werden. Umfassende strategi-
und Bedeutung Chinas in den heute als Zukunftstech- sche Ver­antwortungen und fachliche Zuständigkei-
nologien gehandelten Feldern, allein auf einen der- ten sind dabei an (private) Unternehmen übertra-
artigen »unfairen« Nexus zwischen Staat und Unter- gen worden: Alibaba leitet das Team zur Entwicklung
nehmen in China zurückzuführen. In China sind in den von smart cities, Baidu jenes für autonomes Fahren,
vergangenen Jahren Strukturen entstanden, die inno- Tencent steht dem Wissensfeld Medizintechnik vor
vatives Unternehmertum und eine vom Ausland unab- und iFlytek steht dem nationalen Team zur Erschlie-
hängige (anwendungsorientierte) Wissensgenerierung ßung von Techno­logien der Künstlichen Intelligenz und
in beachtlichem Maße fördern. Gesichts-/Spracherkennung vor.
Ein faszinierender Nebeneffekt der oben skiz- Getragen worden ist diese Entwicklung auch durch
zierten Interessenskongruenz der Eliten in Partei, die hohe Aufgeschlossenheit chinesischer Verbraucher
Regierung und Unternehmen manifestiert sich in der für Innovationen. Diese Aufgeschlossenheit für neue
Generierung tiefgreifenden Vertrauens zwischen den Produktideen erlaubt es Unternehmen, bereits in frü-
Entscheidungsträgern der verschiedenen Sphären. hen Stadien der Produktentwicklung groß angelegte
Hieraus ergibt sich das Phänomen, dass in der chinesi- Pilotstudien zu fahren, Produktionsprozesse nach
schen Volkswirtschaft, die bei oberflächlicher Betrach- Marktreife schnell auf Massenmarktdimensionen zu
tung als in hohem Maße staatlich gelenkt und kont- skalieren, und in bedeutendem Umfang Daten für wei-
rolliert erscheint, große Bereiche existieren, in denen terführenden Innovationsstufen zu generieren.
(auch formal »private«, nicht-staatliche) Unterneh- Im gesamten Bereich der digitalen Technologien
mer Freiheiten genießen, die erheblich weitreichender (Automatisierung und Robotik, cloud computing, e- und
sind, als jene die z.B. in den OECD-Markwirtschaften mobile-commerce, fin-tech, künstliche Intelligenz etc.)
gewährt werden. So sind z.B. innovative Geschäftsfel- können Unternehmen aus aller Welt heute kaum mehr
der im Bereich fin-tech über Jahre hinweg frei von jed- am Standort China vorbeigehen und sei es nur als Pilot-
weder Regulierung, Lizenzvergabe etc. geblieben und markt und Testfeld zur Generierung von Nutzerdaten.
durften sich im freien Spiel der Märkte justieren. Staat-
liche Regulierung setzte erst Jahre später ein, nach- EIN ERNSTZUNEHMENDER KONKURRENT
dem umfangreiche Experimente und Anpassungen der
Geschäftsmodelle vorgenommen worden waren und Chinas Streben nach Teilhabe und sogar Führerschaft
diese als »stabil« charakterisiert werden konnten. So in zentralen Zukunftstechnologien ist ernst zu nehmen.
wurden z.B. Obergrenzen für Online-Geldtransfers erst Mehr als das, es kann fest damit gerechnet werden,
elf Jahre nach der Ersteinführung dieses Geschäftsmo- dass China in den nächsten Jahren im globalen Wett-
dells durch Alipay im Jahr 2005 festgelegt. streit um Zukunftstechnologien substanzielle Erfolge
Während aus europäischer Perspektive mit feiern können wird. Der Schüssel liegt darin, dass die
einem derartigen Vorgehen ein breites Spektrum von chinesische Volkswirtschaft schon lange nicht mehr
schutzwürdigen Verbraucherinteressen hintangestellt einer zentralen Planverwaltung mit ihren typischen
wird, sind so in China doch gleichzeitig erhebliche Frei- Problemen bei der Sammlung und Verarbeitung öko-
räume zur Entfaltung unternehmerischer Kreativität nomisch relevanter Informationen und der Inzentivie-
geschaffen worden. Insbesondere im Bereich der digi- rung individueller Wirtschaftsakteure unterworfen ist.
talen Technologien und deren Umsetzung in Industrie An deren Stelle ist eine Wirtschaftsordnung getreten, in
und Einzelhandel ist China so mittlerweile zu einem der der der Staat weiterhin – für das westliche Ordnungs-
wichtigsten Akteure weltweit avanciert. Chinas drei verständnis viel zu weitgehende – Steuerungsfunk­

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tionen für sich in Anspruch nimmt, diese Eingriffe, För- sequenz kann dies nur gelingen, wenn das kollusive
dermaßnahmen und Regulierungen aber sehr eng mit System miteinander verschränkter Eliten aus Partei,
Marktakteuren abstimmt. Hierdurch ist eine China AG Regierung und Unternehmen aufgebrochen und klare
entstanden, in der die entscheidungstragenden Eli- Trennlinien zwischen Regulierern und Regulierten
ten in Kommunistischer Partei, Regierung und Unter- geschaffen werden. Ein derartig radikaler Umbau des
nehmen durch weitgehend kongruente Interessen in Führungsregimes des Landes und der Leitideologie der
ihrem Handeln geeint werden. Mittelfristig erwach- herrschenden Gruppen erscheint derzeit allerdings
sen hierdurch schwerwiegende Gefahren für die Leis- hochgradig unwahrscheinlich – nicht zuletzt in Anbe-
tungsfähigkeit der chinesischen Volkswirtschaft und tracht der chinesischen Entwicklungserfolge während
ihrer Unternehmen, insofern der wettbewerbliche Aus- der letzten Jahrzehnte. Der einzig zielführende Ansatz
leseprozess z.T. außer Kraft gesetzt wird und Akteure kann derzeit von daher nur darauf ausgerichtet sein,
im Markt verbleiben, die eigentlich Platz für effizien- mit der chinesischen Führungselite ein System regel-
tere Akteure machen sollten. Für den Augenblick aber basierter Zusammenarbeit in Wirtschaft und Wissen-
scheint es, als könnte Chinas spezielle Form des Staats- schaft aufzubauen, das beiden Seiten Anreize zur Inter-
kapitalismus für das Land wichtige Wachstumsimpulse aktion bietet und gleichzeitig klare Grenzen staatli-
generieren. cher Einflussnahme auf marktliche Prozesse aufzeigt.
Für ausländische Akteure gleicht die Interak- Im Sinne einer Realpolitik des Möglichen gilt es ein
tion mit China zunehmend einem Tanz auf Messers Regelwerk zu entwickeln, das weder die Integrität des
Schneide. Wichtige Impulse und Ressourcen für die europäischen Ordnungssystems kompromittiert noch
Wissensakkumulation und Technologieentwicklung den chinesischen Staatskapitalismus »verteufelt«.
in China stammen aus dem Ausland. Der weitaus Notwendig ist von daher nicht ein Abbau der WTO und
größte Teil des Wissenstransfers nach China erfolgt ihrer Geschwisterorganisationen, sondern vielmehr
dabei letztlich freiwillig. Denn das staatskapitalis- deren Stärkung im Sinne breiteren Regulierungsum-
tische Regime Chinas hat es bislang geschickt ver- fangs und verbesserter Implementierungskraft.
standen, aus der (prospektiven) Größe und Dynamik
des chinesischen Marktes, der Chance zur schnellen LITERATUR
Generierung von Skalenerträgen und Kostendegres-
Cornell University, INSEAD und WIPO (2018), The Global Innovation Index
sionen, und neuerdings der Möglichkeit zur Erhebung 2018: Energizing the World with Innovation, Ithaca, Fontainebleau und
und Nutzung umfangreicher Nutzerdaten, Anreize und Genf.
Notwendigkeiten zum Wissenstransfer zu schaffen, Lam, W. R., A. Schipke, Y. T. Tam und Z. Tan (2017), »Resolving China’s
Zombies: Tackling Debt and Raising Productivity«, IMF Working Paper
die anderweitige Bedenken überlagern. In der länge- WP/17/266, Washington DC.
ren Frist droht die Gefahr, von chinesischen Akteuren
McKinsey Global Institute (2017), »Digital China: Powering the Economy to
verdrängt zu werden, die aus der Kombination von ab­­ Global Competitiveness, December 2017«, verfügbar unter:
https://www.mckinsey.com/global-themes/china/digital-china-powe-
sorbiertem ausländischem Wissen, staatlicher Protek-
ring-the-economy-to-global-competitiveness, aufgerufen am 13. Juli
tion und Förderung sowie eigenem smartem Unter- 2018.
nehmertum erhebliche Konkurrenzkraft auf den glo- Taube, M. (2018), »Innovation in einer flachen Welt – Wissensexplosion,
balen Märkten entwickeln können. Die ersten dieser ›travelling knowledge‹ und nationale Innovationspolitik«, in: Bundesmi-
nisterium für Bildung und Forschung – BMBF (Hrsg.), Deutsch-Chinesische
neuen Generation chinesischer Unternehmen sind Plattform Innovation – Policy Briefs 2018 der deutschen Expertengruppe,
bereits auf dem Weltmarkt präsent. Berlin, 22–28.

In den nächsten Jahren muss es nun darum gehen, Taube, M. und P. in der Heiden (2015). Assessment of the normative and
policy framework governing the Chinese economy and its impact on inter-
die wohlfahrtssteigernden Möglichkeiten der Interak- national competition, Report prepared on behalf of AEGIS EUROPE –
tion mit der chinesischen Volkswirtschaft und ihrer Cross-sector Alliance Representing European Manufacturing, Brüssel,
verfügbar unter: https://static1.squarespace.com/static/5537b2fbe4b0e-
Unternehmen so intensiv wie möglich zu nutzen und 49a1e30c01c/t/55d1966ae4b02198ab303ccb/1439798890849/MES%2B-
gleichzeitig die wettbewerbsverzerrende Rolle des China%2BStudy_Taube_Full%2BVersion-13August15_F.pdf.

chinesischen Staates zu neutralisieren. In letzter Kon-

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