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Emilija Mitrović

Input beim Sozialpolitischen Wochenende am 1. September 2019


in der ver.di-Bildungsstätte Berlin-Wannsee

Altersarmut von Migrant*innen in Deutschland


Einführung:

Armutsgrenze

Armut in Deutschland. Mehr als zwölf Millionen Menschen leben heute an der Armutsgrenze
und sind damit stark von Armut gefährdet. Wer an der Armutsgrenze lebt, gilt noch nicht als
arm, kann seinen Lebensunterhalt aber nur noch knapp bestreiten. An der Grenze zur Armut
lebt, wer lediglich 60 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung hat.
Als Armutsgrenze gilt in Deutschland für eine allein stehende Person ein Einkommen von 979
EUR monatlich (11.749 EUR im Jahr). Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren
liegt der Schwellenwert bei 2.056 EUR im Monat (24.673 EUR im Jahr) (Stand: 2015). Hierbei
werden staatliche Leistungen mit einbezogen. Die Anzahl aller Personen, die in Armut leben,
wird als Armutsquote bezeichnet.
Weltweit lebt jeder sechste Mensch in Armut und verdient weniger als einen US-Dollar am
Tag.
Doch auch in einem reichen Land wie Deutschland lebt jeder Sechste an der Armutsgrenze –
in anderen europäischen Ländern wie Spanien ist der Anteil der Armen an der Bevölkerung
sogar noch höher.

Geschlechterverhältnisse

Männer haben doppelt so hohe Renten wie Frauen…


Der „Gender Pension Gap“, also die geschlechtsspezische Differenz, bei den
Altersbezügen liegt nach einer wissenschaftlichen Untersuchung
des WSI bei 53 %. (Publik 1/2018)

22% Lohnunterschied bei Männern und Frauen in Deutschland /Hamburg 25%


Die Erwerbstätigkeit ist (zum Nachteil der Frauen) der ausschlaggebende
Ausgangspunkt für die Alterssicherung. Die gesetzliche Rente für Frauen beträgt im
Westen im Durchschnitt 685 Euro monatlich d.h. sie liegt unter der Armutsgrenze, für
Männer 1.171 Euro. (Zeit online 23.7.2018)
Betriebsrente und private Vorsorge kommen vor allem Männern zugute: nur 8 %
Frauen erhalten eine Betriebsrente von im Durchschnitt 246 Euro. Dagegen erhalten
31% der Männer eine Betriebsrente von im Durchschnitt 606 Euro monatlich.
Frauen sind strukturell von Altersarmut betroffen
- Teilzeitarbeit (40 % aller Hamburgerinnen)
- Niedriglöhne in den Frauenspezifischen Branchen
- Erwerbsunterbrechungen für Kindererziehung und Pflegearbeit
- Mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf (Fehlende Kindergärten)
- Minijobs

Prekäre Arbeitsverhältnisse von Frauen und Migrant*innen


führen in jedem Fall in die Altersarmut
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Emilija Mitrović
Input beim Sozialpolitischen Wochenende am 1. September 2019
in der ver.di-Bildungsstätte Berlin-Wannsee

Zur Situation der Migrant*innen in Deutschland

In Deutschland hat knapp jede vierte Person einen Migrationshintergrund. Von allen
Personen mit Migrationshintergrund sind rund zwei Drittel selbst eingewandert und ein
Drittel ist in Deutschland geboren. Etwas mehr als die Hälfte der Personen mit
Migrationshintergrund sind Deutsche (51,1 Prozent). Mittelfristig wird sich der Anteil der
Personen mit Migrationshintergrund weiter erhöhen: 2017 hatten 39,1 Prozent aller Kinder
unter fünf Jahren einen Migrationshintergrund.
(vgl. Bundeszentrale für politische Bildung 2018)

Migrationshintergrund (Definition): "Eine Person hat dann einen Migrationshintergrund,


wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit
geboren ist."

Die Definition umfasst im Einzelnen folgende Personen:

1. zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer;


2. zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte;
3. (Spät-)Aussiedler; mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene
4. Nachkommen der drei zuvor genannten Gruppen.
(Statistisches Bundesamt 2017)

Einwanderungsland Deutschland – historische Aspekte:

Nach dem 2. Weltkrieg wanderten 13 Millionen Vertriebene in die Bundesrepublik und


wurden entsprechend ihrer Qualifikationen in den Arbeitsmarkt integriert.

Arbeitsmigration der „Gastarbeiter*innen“:


Zwischen 1955 und 1968 wurden insgesamt Anwerbeabkommen mit 9 Staaten geschlossen.
Anwerbeverträge für Arbeitskräfte wurden zunächst mit Italien (1955), Spanien und
Griechenland (1960) und später auch mit der Türkei (1961), Marokko (1963), Südkorea
(1963), Portugal (1964), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) geschlossen.

Zur Zeit des Anwerbestopps 1973 gab es ca. 4 Millionen Gastarbeiter*innen in Deutschland.
(Vortrag von Serhat Karakayali von der Humboldt Universität am 11. Juni 2019 in Hamburg)

Die Arbeitsplätze der Gastarbeiter*innen zeichneten sich aus durch niedriges


Qualifikationsniveau, so dass nur wenige Sprachkenntnisse erforderlich waren und niedrige
Löhne. Zudem wenig Sicherheit. Diese Arbeitsplätze wurden bei Rezession als erste
abgebaut.

Für die deutschen Arbeiter*innen bedeutete die Zuwanderung der Migrant*innen, dass sie
in besser bezahlte und höher qualifizierte Positionen aufstiegen.

In den 60er und 70er Jahren erfolgte der Familiennachzug von „Gastarbeiterfrauen“. Später
auch der Kinder. Hauptaufgabe der Frauen waren gemäß traditioneller Rollenbilder, sowohl

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in Deutschland als auch in den Herkunftsländern, Haushalt und Kinderbetreuung. Nebenbei


arbeiteten viele stundenweise als Putzfrauen v.a. in privaten Haushalten. Das heißt, es
wurden so gut wie keine Einzahlungen in die gesetzliche Rentenversicherung geleistet, für
eine Einzahlung in private Vorsorge reichte das Einkommen nicht.

Dieses hat eine besondere Benachteiligung von Migrantinnen gegenüber deutschen Frauen
mit sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen zur Folge. Auch wenn diese Tätigkeiten
schlechter bezahlt sind als die der Männer.

In der 2. Generation änderte sich das, weil viele junge Migrant*innen und als Kinder
eingewanderter Eltern eine Ausbildung gemacht haben. Doch aufgrund der schlechteren
Bildungschancen oft in Berufen mit Niedriglohn. Das gilt besonders für Frauenberufe.

Nachdem die Zuwanderung in den 70er und 80er Jahren abgenommen hatte, stieg sie in den
1990er Jahren wieder. Hintergründe waren u.a. der Jugoslawienkrieg, die Zuspitzung der
Lage im kurdischen Teil der Türkei und die Öffnung der Grenzen für Spätaussiedler*innen
aus der ehemaligen Sowjetunion.

Die Arbeitsmigration nach Deutschland änderte sich in den letzten Jahren durch die
Gesetzeslage bezüglich der neuen Mitgliedsstaaten der EU. So kamen viele
Arbeitsmigrant*innen seit Beginn des neuen Jahrtausends aus Polen 2004, Bulgarien und
Rumänien 2007, Kroatien 2013. (Arbeitnehmerfreizügigkeit)

Dazu kommen die Geflüchteten aus den Krisenregionen Afghanistan, Pakistan, Syrien, die
bislang nur zum Teil auf dem Arbeitsmarkt angekommen sind.

Fazit der SOEP-Studie:

Insgesamt zeigt sich, dass die Armutsgefährdung innerhalb der Gruppe der
Eingewanderten stark variiert. Besonders von Armutsrisiken betroffen sind Personen, die im
mittleren bis späten Erwachsenenalter nach Deutschland gekommen sind, eine geringe
Aufenthaltsdauer haben, geringe deutsche Sprachkenntnisse haben, aus den ehemaligen
sogenannten „Gastarbeiterländern“ oder Drittstaaten außerhalb der EU kommen und/oder
keinen deutschen Berufsabschluss haben.

Wenn verschiedene Faktoren gleichzeitig betrachtet werden, zeigt sich, dass vor allem
Migrant*innen, die schon mehr als 25 Jahre in Deutschland leben, aus EU-Ländern stammen,
über eine Berufsausbildung verfügen und mit Personen ohne Migrationshintergrund
zusammenleben in geringerem Maße von Armutsrisiko betroffen sind.

Jedoch zeigt sich auch unter günstigen Voraussetzungen wie einem geringen Alter bei
Einwanderung, hoher Aufenthaltsdauer oder sehr guten Deutschkenntnissen immer noch
eine höhere Armutsgefährdung als in der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. (S. 41)

Bei Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland lag die Armutsgefährdungsquote


im Jahr 2016 bei 28,0 Prozent, die Armutsgefährdungsquote in Deutschland insgesamt bei
15,7 Prozent.
Besondere Situation von Geflüchteten
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Input beim Sozialpolitischen Wochenende am 1. September 2019
in der ver.di-Bildungsstätte Berlin-Wannsee

Ohne an dieser Stelle noch näher darauf eingehen zu können, ist festzustellen, dass
Geflüchtete inzwischen mehr auf dem Arbeitsmarkt mit einer sozialversicherungspflichtigen
Beschäftigung oder Ausbildung angekommen sind. Aber ihre Löhne sind um ca. 44 Prozent
niedriger als die der Gesamtbevölkerung. Sie landen trotz guter Qualifikationen häufig im
unterbezahlten Helferbereich und sehr oft in der Leiharbeit. Etwa 76 Prozent der
Geflüchteten mit Vollzeitjob arbeiten im Niedriglohnbereich.
Diese Erwerbsarmut führt dazu, dass die Arbeitnehmer*innen auf aufstockende
Lohnersatzleistungen angewiesen sind und weniger Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe in
Anspruch nehmen können. Auf ihre späteren Renten hat das katastrophale Auswirkungen.
(DGB Arbeitsmarkt aktuell Nr. 03/01.08.2019und DGB Arbeitsmarkt 2.8.2019))

Was muss sich ändern?

• Einführung einer bedingungslosen Grundrente


• Gleiche Bezahlung für Männer und Frauen
• Beseitigung erzwungener Teilzeitarbeit bei Frauen
• Leichtere Anerkennung der im Ausland erworbenen Abschlüsse
• Flächendeckende kostenlose Angebote zur Kinderbetreuung (Vorgabe an alle Betriebe mit
mehr als 300 Beschäftigten)
• Begrenzung der Leiharbeit und gleiche Bezahlung von Leiharbeitern und Stammbelegschaft
• Bindung öffentlicher Auftragsvergabe an tarifgebundene Unternehmen, um extreme
Ausbeutungsstrukturen zu verhindern
• Erhöhung des gesetzlichen Mindestlohns auf mindestens 12 Euro
• Erhöhung der Verdienstgrenze von Minijobs als Mittel zum Zuverdienst bei niedrigen Renten
• Besondere Förderung von Kindern aus migrantischen Haushalten im Bereich Bildung
(Sprachförderung, Nachhilfe) und Ausbildung (z.B. Anonyme Bewerbungen)
• Angebot von Sprachkursen für alle Migrant*innen und Geflüchtete (auch in Betrieben –
siehe Deutsche Post und DHL)
• Schaffung politischer Partizipationsmöglichkeiten (Wahlrecht)
• Sicherung von Aufenthaltsstatus
• Freier Zugang zum Arbeitsmarkt
• Mehrsprachige Beratungen bei der Agentur für Arbeit
• Beratungsangebote der Gewerkschaften in verschiedenen Sprachen der Hauptherkunftsländer
• Kostenfreie medizinische Versorgung im Alter
• Kostenlose Teilnahme im öffentlichen Nahverkehr für Rentner*innen

Literatur / Quellen:
Klaus Wicher (Hrsg.), Altersarmut: Schicksal ohne Ausweg? – Was auf uns zukommt, wenn nichts geändert wird
VSA-Verlag Hamburg 2017
Johannes Giesecke u.a., Armutsgefährdung bei Personen mit Migrationshintergrund – vertiefende Analysen
SOEP papers 907/ 2017
Serhat Karakayali, Gesellschaftliche Teilhabe durch Lohnarbeit, Vortrag in Hamburg am 11. Juni 2019 in der W3
Statistisches Bundesamt: Fachserie 1, Reihe 2.2 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Bevölkerung mit
Migrationshintergrund, Ergebnisse des Mikrozensus, Wiesbaden 2017
verdi FB 5, Bildung ist der Schlüssel zur Integration, Berlin 2017
https://de.statista.com/themen/4727/migration-und-integration