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Manuskript

Bayern2Radio - radioWissen

Gundremmingen - Wie vor 40 Jahren die Kernkraft in Deutschland


begann und was daraus geworden ist

Autor: Christian Schaaf


Redaktion: Nicole Ruchlak

Zusp1: Film 300 t Maßarbeit: „ Bei Günzburg an der Donau entsteht das Atomkraftwerk
Gundremmingen. Es ist das erste nukleare Großkraftwerk in Deutschland. Seine Leistung
entspricht dem Verbrauch einer Millionenstadt....“

Sprecherin:
Ein Werbefilm der Firma Thyssen-Krupp zu Beginn der Sechziger Jahre. Die Euphorie der
damaligen Ingenieure war groß. Denn in nur insgesamt vier Jahren Bauzeit wollte man
das erste große Kernkraftwerk der Bundesrepublik fertiggestellt haben. Und schon bald
ragte etwa vierzig Kilometer westlich von Augsburg, bei der kleinen Ortschaft
Gundremmingen, die iglu-förmige Betonkuppel des Reaktorgebäudes in den Himmel.
Das Wort „Atom“ war damals eher negativ besetzt. Zu stark war noch die Erinnerung an
den Abwurf von Atombomben über Hiroshima und Nagasaki, die tausenden Menschen
den Tod gebracht hatte.

Auf der anderen Seite versuchten Wissenschaftler und Politiker der Bevölkerung ein
positives Szenario des bevorstehenden „Atomzeitalters“ zu zeichnen, das schon bald
Wohlstand und Wachstum für die Menschheit bringen sollte.
Seitens der Politik vertrat die SPD damals am deutlichsten diese neue, positive
Grundhaltung gegenüber der Atomenergie. Und so steht im berühmten Godesberger
Parteiprogramm der Sozialdemokraten von 1959 bereits in der Einleitung dieses
Bekenntnis zur Atomkraft:

Sprecher Take 1:
“Das ist der Widerspruch unserer Zeit,
daß der Mensch die Urkraft des Atoms entfesselte und
sich jetzt vor den Folgen fürchtet;
Aber das ist auch die Hoffnung unserer Zeit,
daß der Mensch im atomaren Zeitalter sein Leben erleichtern,
von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen kann,
wenn er seine täglich wachsende Macht über die Naturkräfte nur für friedliche
Zwecke einsetzt.

Sprecherin:
Auch die damaligen Medien waren der Atomkraft gegenüber fast durchweg wohlwollend
eingestellt. Eine Radiosendung des Bayerischen Rundfunks spiegelt die großen
Erwartungen wider, die damals in die Atomkraft gesetzt wurden.
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Zusp 2: Zukunftsvision Kernenergie: Die friedliche Nutzung der Kernenergie steht


noch am Anfang. Noch ist nicht abzusehen, wie sich dadurch die ganze industrielle
Ordnung der Welt ändern wird. Kontinente können dadurch billigere und bessere
Wärmequellen erhalten. Sümpfe und Wüsten könnten dadurch leicht fruchtbar gemacht
werden.

Sprecherin:
Doch zunächst sollte sich die Welt des kleinen schwäbischen Dorfes Gundremmingen
radikal verändern. Dort, in den Donau-Auen, wo bislang nur Wälder, Wiesen und Äcker
das Landschaftsbild bestimmt hatten, sollte nun das erste Leistungs-Kernkraftwerk der
Bundesrepublik entstehen. Die Bewohner dieser Gegend wurden erst sehr spät, nach
dem Abschluss der Planungsarbeiten über das Kernkraftwerk informiert. Der Landwirt
Fritz Albrecht war damals sehr beunruhigt, als er erfuhr, dass neben seinen Wiesen
demnächst ein Atomkraftwerk stehen wird.

Zusp. 3: Fritz Albrecht : Empört war man in erster Linie deshalb, weil das Ganze
vollkommen überraschend kam. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Man hätte ja die
Bevölkerung in irgendeiner Weise, bei so einem Objekt, aufklären können. Und mich
persönlich interessierte das Atomwerk nicht nur als Einwohner von Gundremmingen,
sondern auch als Milchwirtschaftler. Weil ich mir sage, wenn hier irgendetwas nicht
stimmen sollte, dass da tatsächlich irgendwelche Strahlen daneben gehen, und unser
Milchviehfutter verseucht wird. Das ist dann schon eine Tatsache von nicht geringer
Bedeutung.

Auch der Gundremminger Bauer Hugo Muselmann war nicht gerade begeistert von der
Vorstellung, demnächst Nachbar eines Atomkraftwerkes zu sein. Besonders die
Geheimhaltungs-Politik des Projekts verunsicherte ihn:

Zusp. 3 A: Hugo Muselmann: Die Art und Weise wie dieses Werk nun hier geplant
wurde, dass heißt, die Art der Geheimniskrämerei hat uns alle vor den Kopf gestossen.
Warum wurden wir denn nicht von vornherein offen und ehrlich über das Projekt
aufgeklärt ? Denn wenn etwas nicht gefährlich ist, wenn etwas gut ist, dann kann man
das doch ohne weiteres der Bevölkerung sagen. .

Sprecherin:
Der damalige Direktor des Kernkraftwerks, August Wegesser, versuchte auf die
Befürchtungen der Gundremminger einzugehen und rechtfertigte die lange
Geheimhaltung des Bauvorhabens in Gundremmingen so:

Zusp 3 B : Wegesser: Die Forderung, die Bevölkerung von vornherein zu informieren,


ist verständlich. Aber nicht ohne weiteres realisierbar. Man muss zunächst eine Anlage
erstmal planen, unabhängig, wo die Anlage einmal hin soll. Dann geht man auf die Suche
nach einem geeigneten Bauplatz. Das heißt, irgendwelche Leute untersuchen vor Ort, ob
der Baugrund geeignet ist, um hier schwere Betongebäude zu errichten. So war es auch
im Fall Gundremmingen. Wenn also hier Bodenproben genommen wurden, dann sagt das
noch lange nicht, dass hier ein Kernkraftwerk hin soll. Insofern wäre es also verfrüht
gewesen, die Bevölkerung, schon im Jahre 1960 aufzuklären.

Sprecherin:
Der Widerstand gegen das Kraftwerk blieb auf die Bewohner aus Gundremmingen und
der anliegenden Gemeinden begrenzt. Von der Anti-Atomkraftbewegung, wie sie sich ab
Mitte der 70-er Jahre formierte, war damals noch nichts zu hören. Der Historiker Joachim
Radkau hat sich intensiv mit der Geschichte der Kernenergie und ihrer Gegner

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auseinandergesetzt. Er ist der Meinung, dass sich damals keine überregionale


Protestbewegung entwickeln konnte, da dazu eine wesentliche Komponente fehlte.

Zusp 4: Radkau 1 : Ich würde sagen, dazu war nötig, dass sich die reformerischen
Kräfte, die kritischen Intellektuellen, sich mit den Kernkraftgegnern verbünden. Und
gerade das war lange Zeit überhaupt nicht der Fall. In der breiten Masse der Bevölkerung
war zwar immer ein unbehagliches Grummeln; man assoziierte Atomenergie mit
Atombombe – überall wo Atomanlagen geplant wurden, stieß man auf regionalen Protest
der Bevölkerung. Aber die überregionale Presse tat diese Bedenken als hinterwäldlerisch
und provinzielle Meinung von Leuten ab, die mit der Zeit nicht mitgekommen waren und
die friedliche Atomkraft mit der Atombombe verwechselten. Diese Einstellung war damals
typisch. Das weiß ich noch aus meiner eigenen Schüler und Studentenzeit. Ich hatte
damals das Gefühl, als fortschrittlicher Intellektueller muss man für die Kernenergie sein,
alles andere ist völlig unvernünftig.

Sprecherin:
Dass ihr Protest wenig vernünftig sei, wurde den Gundremminger Bürgern auch von den
damaligen Kraftwerkseignern, den Bayernwerken und dem Rheinisch-Westfälischen
Elektrizitätswerk, vorgehalten. Schließlich würde das Kernkraftwerk hohe
Gewerbesteuereinnahmen und eine Reihe von neuen Arbeitsplätzen mit sich bringen. Und
so verstummte allmählich der Protest.
Unterdessen wurde der Bau, oder die Bauart des Reaktors von ganz anderer Seite
kritisiert. Der TÜV-München äußerte im Jahr 1963 bei der Prüfung der Baupläne des
Kraftwerks so genannte „schwere Bedenken“:

Sprecher 2, Take 2: „Bei einem Bruch einer Speisewasserleitung ist das


Reaktordruckgefäß innerhalb von 10 Sekunden entleert. Bei teilweisen Versagen der
Notkühlung sind innerhalb weiterer 10 Sekunden die Brennstoffhüllen so weit erwärmt,
dass sie durch den Innendruck der Spaltgase gesprengt werden. Dabei ist anzunehmen
das 20 Prozent der Spaltgase sofort und die restlichen 80 Prozent binnen einer Stunde in
die Atmosphäre freigesetzt werden.“

Sprecherin:
Experten, wie Joachim Radkau, meinen, dass durch dieses Urteil die Genehmigung für
den Gundremminger Reaktor, genannt „Block A“, hätte unterbleiben müssen. Doch das
Kraftwerk wurde trotzdem gebaut und planmäßig bis zum Sommer 1966 fertig gestellt.
Schließlich hatte die Herstellerfirma General Electric in den USA schon einen Meiler des
gundremminger Typs errichtet und in Betrieb genommen. Auch die amerikanischen
Atom-U-Boote fuhren mit ähnlichen Siedewasserreaktoren durch die Weltmeere. Der
Reaktortyp galt somit als „erprobt“ und sicher. Das überzeugte die
Genehmigungsbehörden.

In der Nacht vom 13. auf den 14. August 1966 wurde es schließlich ernst. Im Reaktor-
Kessel des Atomkraftwerks fand die erste nukleare Kettenreaktion statt. „Block A“ hatte
seinen Betrieb aufgenommen. Und Deutschland war in die Nutzung der Atomenergie
eingestiegen.

Zusp 6: Atmo Reaktorleitstand: „Hallo Leitstand! Können Sie mir mal eben sagen,
welche Leistung wir im Augenblick fahren?“ – Antwort: „ Wir machen gerade 16.000
Kilowatt…“

Sprecherin:
Die Baukosten des Reaktors hatten etwa 350 Millionen DM betragen. Die Betreiber des
Kraftwerks wagten diese Investition, weil ihnen eine hohe staatliche Bürgschaft

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angeboten wurde. Denn die Bundesrepublik hatte sich nach langen Verhandlungen
zwischen dem Wirtschafts- und Finanz- sowie dem Autoministerium bereit erklärt,
neunzig Prozent des finanziellen Betriebsrisikos der Anlage zu übernehmen. Der Einstieg
in die Kernenergie war für die Energieunternehmen, zumindest wirtschaftlich gesehen,
risikofrei.

Für das Atomkraftwerk Gundremmingen wären theoretisch mehrere Bauweisen möglich


gewesen. Zum einem der sogenannte „Schwerwasserreaktor“, der unter anderem von
Siemens entwickelt wurde. Dieser Reaktor verwendet in seinem Kern als
Neutronenbremse sogenanntes „schweres Wasser“, also ein Wasser, das in seiner
Molekülstruktur mittels eines chemischen Prozesses verändert wurde. Der Vorteil dieses
Reaktors: er kann als Brennstoff natürlich vorkommendes, nicht angereichertes Uran
verwenden.

Der zweite Typ der zur Wahl stand, war der sogenannte „Leichtwasser-Reaktor“ der
amerikanischen Hersteller Westinghouse und General-Electric und dem deutschen
Lizenznehmer AEG. Dieser Meiler verwendet in seinem Kern normales, sogenanntes
leichtes Wasser als Kühlmittel und Neutronenbremse.
Als Brennstoff braucht dieser Typ aber angereichertes Uran, das zuvor in speziellen
Anlagen - zum Beispiel in den USA - hergestellt werden muss.
Die Betreiber-Konzerne RWE und Bayernwerk entschieden sich für den amerikanischen
Leichtwasserreaktor. Diese Festlegung sorgte nicht gerade für Begeisterung seitens der
Politik, die das Projekt Gundremmingen großzügig förderte. So der Historiker Joachim
Radkau :

Zusp 7: Radkau 2: Es war seit den frühen Sechziger Jahren ein sehr starker politischer
Wille da, wenn auch nicht in allen Teilen der Bonner Politik, dass Deutschland irgendwie
den Einstieg in die Atomenergie schafft. Am liebsten hätte man es gehabt, wenn das
ganze mit einer eigenen, deutschen Reaktorlinie schafft, die Natururan verwenden und
damit Unabhängigkeit von den amerikanischen Anreicherungsanlagen versprochen hätte.
Übrigens ganz interessant, wie stark man doch auf Unabhängigkeit von den USA bedacht
war. Das hätte man damals offen nie so gesagt, dass man den Amerikaner doch nicht
ganz traute. Doch der Energiewirtschaft waren diese Reaktortypen einfach zu teuer.
Dabei wären diese Reaktortypen vielleicht sogar billiger gewesen, wenn man den
gesamten Brennstoffkreislauf einberechnet hätte – also die Fertigung der Brennelemente,
die Wiederaufbereitung, die Endlagerung. Aber die Energiewirtschaft konnte eben davon
ausgehen, dass diese Schritte von Staat übernommen werden und sie selbst nur die
Kraftwerke finanzieren müsste. Und so waren eben die Leichtwasserreaktoren am
billigsten.

Sprecherin:
Doch die billigsten Quellen für Energie waren Mitte der 60-er Jahre Kohle und Öl. Denn
diese beiden Energieträger standen in reichlicher Fülle zur Verfügung. Das Öl war
günstig, und die staatlich subventionierte Steinkohle türmte sich im Ruhrgebiet zu
großen Halden auf. Es gab damals, Mitte der 60er, keinen Anlass zu der Befürchtung,
dass diese fossilen Energieträger einmal knapp oder teuer werden würden. Joachim
Radkau:

Zusp 8: Radkau 3: Es ist grotesk! Kein anderer, als der damalige Atomminister Balke
hat noch 1963 erklärt, sein Ministerium, also das Atomministerium, hätte mit Energie
überhaupt nichts zu tun. Ein energiewirtschaftlicher Bedarf nach Kernenergie bestünde
nicht. Allenfalls auf der Arktis, auf der Antarktis und auf einigen entlegenen Inseln. Das
Zitat ließt sich heute wie ein Witz! Das hat damals Balke, der Bundesatomminister
behauptet!

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Sprecherin:
Wenn also billige Energie nicht das vordringliche Interesse beim Atomeinstieg war, so
stellt sich die Frage, was die Politik mit ihrer Förderung der Kernenergie beabsichtigte.
Eine Antwort scheint offensichtlich: Die Kerntechnik wurde damals als eine
Schlüsseltechnologie der Zukunft angesehen, die nach Kräften gefördert werden sollte.
Doch Joachim Radkau hat noch eine weitere Vermutung, welche Beweggründe hinter der
staatlichen Förderung der Kernenergie stehen könnten.

Zusp 9: Radkau 4: Die spannendste und heikelste Frage ist die, inwieweit
Spekulationen um nukleare Waffentechnik auch in Bonn eine Rolle gespielt haben
könnten. Ich meine ich will nicht behaupten, dass damals die Bundesregierung
beabsichtigte eine Bundesdeutsche Atombombe zu bauen. Aber zumindest die
Möglichkeit offen zu halten. Und sei es nur deshalb, um sich diese Möglichkeit dann
abhandeln zu lassen für nukleare Mitsprache innerhalb der NATO. Dieses Kalkül hat mit
Sicherheit eine große Rolle gespielt.

Sprecherin:
Ein gewichtiger Grund, Atomkraftwerke im großen Stil tatsächlich zur Erzeugung von
Strom einzusetzen, waren schließlich die „Ölkrisen“ von 1979, aber vor allem 1973.
Damals hatten die OPEC-Staaten kurzerhand die Fördermengen an Rohöl reduziert und in
den westlichen Industriestaaten einen regelrechten Öl-Schock ausgelöst. Die billige
Energiequelle Öl war damit also Vergangenheit und die Abhängigkeit der bisher so
starken bundesdeutschen Volkswirtschaft von billigen Energie-Importen wurde den
Deutschen schmerzlich bewusst. Die Ölknappheit wurde sogar Thema im deutschen
Schlager, der nur selten politische Themen in seine Texte aufnahm: Der horrende Anstieg
der Rohölpreise hatte damals die Konjunktur stark abgeschwächt, die Wirtschaft in eine
Krise gestürzt und die Arbeitslosenzahlen rapide ansteigen lassen. Im Herbst 1973 griff
der damalige Bundeskanzler Willy Brandt zu einer drastischen Maßnahme. So verhängte
er ein Sonntags-Fahrverbot auf den deutschen Autobahnen.

Zusp. 16 B: Willy Brandt: Die Entwicklung auf dem Mineralölmarkt macht es


notwendig, nun an solche Verordnungen zu denken. Ich habe deshalb das
Wirtschaftsministerium beauftragt.... Ich meine, dass wir ein Sonntagsfahrverbot bis zum
25.11 inkraftsetzen sollten.

Sprecherin:
In dieser Energie-Krisensituation kam die Kernenergie der Politik wie gerufen. Mit ihrer
Hilfe wollte die Bundesregierung die Abhängigkeit der Volkswirtschaft von Ölimporten
verringern und plante, in der Bundesrepublik 40 neue Kernkraftwerke zu errichten.
Kernkraftwerke sollten in Zukunft nicht nur Strom, sondern auch Wärme für Wohnungen
und industrielle Prozesse liefern. Helmut Schmidt, ab 1974 Willy Brandts Nachfolger im
Kanzleramt, war ebenso ein Verfechter der Kernenergie.

Zusp 17: Schmidt 1976: Meine Damen und Herren, auf den Ausbau der Kernenergie
kann nicht verzichtet werden! Kernenergie bleibt zur Deckung des Vorhersehbaren
Strombedarfs notwendig – unerlässlich. Ohne ihren Beitrag wäre es auch nicht möglich,
die Energieträger so vielfältig einzusetzen, wie es im Interesse unserer Stromversorgung
notwendig ist.

Sprecherin:
Erst die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im April 1986 beendete die Ausbaupläne
der Kernenergie. Hier wurde das erste Mal deutlich, dass ein sogenannter „GAU“ also der
„Größt anzunehmende Unfall“ in einer kerntechnischen Anlage keine abstrakte Größe ist,
sondern tatsächlich eintreten kann. Dazu kam, dass es bislang keine Antwort auf die
Frage gab, wohin der hochradioaktive Müll aus den bundesdeutschen Kernkraftwerken

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sicher für die nächsten Jahrtausende gelagert werden konnte. Diese Umstände führten
schließlich dazu, dass seit 1986 in Deutschland kein neues Kernkraftwerk mehr geplant
wurde.

Sprung zurück: 13. Januar 1977, Gundremmingen, schwerer Störfall im „Block A“. Das
Werk wird schnell abgeschaltet. Ein Ingenieur des Kernkraftwerks erklärt im Rundfunk,
wie es zu dem Unfall kam.

Zusp 10: Ettenmeier Störfall: Es hat eine Störung gegeben an den


Hochspannungsleitungen, über die das
Atomkraftwerk Elektrizität abgibt. Dadurch ist das Kernkraftwerk abgeschaltet worden.
Im Kernkraftwerk ist dadurch ein Überdruck entstanden, der ist die Stahlkugel des
Reaktorgebäudes entwichen. Der Dampf schlägt sich nun im inneren des Gebäudes
nieder. Und wenn er dann niedergeschlagen ist, dann kann man ihn abwaschen und das
Kraftwerk wieder in Betrieb nehmen.

Sprecherin:
Mehrere tausend Liter radioaktiv verseuchtes Wasser hatten sich ins Reaktorgebäude
ergossen – ein Totalschaden, wie sich bald herausstellte. Der Reaktor wurde nicht wieder
angeschaltet und endgültig stillgelegt. In dieser Zeit wurde die Kernkraft in Gesellschaft
und Politik bereits heftig diskutiert, da die Skepsis gegenüber Atomkraft immer größer
wurde.

Zusp 18: Atmo Atomprotest Teil 2

So begannen 1977, also im selben Jahr, als „Block A“ stillgelegt wurde, im Schleswig-
Hosteinischen Brokdorf Tausende Atomkraftgegner gegen das dort geplante
Atomkraftwerk zu protestieren. Die Demonstranten kamen dabei nicht nur aus den
angrenzenden Gemeinden. Sie reisten aus dem ganzen Bundesgebiet an. Spätestens
damit war die Anti-Atom-Bewegung entstanden.

Sprecherin:
Heute, 30 Jahre später, ticken im Inneren von „Block A“ immer noch die Geigerzähler,
auch wenn das Kraftwerk seit 1986 Schritt für Schritt abgebaut und zerlegt wird. In einer
Halle der Anlage untersuchen Arbeiter Stahlteile, die aus dem Reaktorgebäude stammen.
Sie werden penibel auf Reste von Radioaktivität untersucht. Messen sie keine Strahlung
mehr, kommen die Stahldeckel, Schrauben, Ventile und Rohrstücke auf einen normalen
Schrottplatz. Ingenieure, wie Ulrich Priesmeyer, planen und überwachen den Rückbau
von „Block A“. Sie müssen den Behörden akribisch nachweisen, dass keine Radioaktivität
und kein verseuchtes Bauteil das Gebäude von „Block A“ verlässt.

Zusp 12: Priesmeyer 1: Hier steht also ein Mitarbeiter, der dieses blanke Teil, was
offensichtlich schon sehr sauber ist, vollständig abscannt. Das Messgerät, das hier
knistert, misst im Moment nur unsere natürliche Umgebungsstrahlung. Würde man es
auf das Bauteil drauflegen, würde es auch Radioaktivität messen, die evtl. noch drauf
wäre. Unser Bestreben ist es, dieses Material zu hundert Prozent an der Oberfläche
gemessen zu haben, weil das unsere Auflage ist. Das heißt, bevor das Material nicht zu
hundert Prozent an der Oberfläche freigemessen ist, können wir keinen Antrag auf
Freigabe stellen.

Sprecherin:
Das „Entstrahlen“ der Trümmer ist dabei kein Hexenwerk. In einem Säurebecken, das
unter Strom steht, wird die radioaktive Oberfläche der Stahlteile abgetragen.

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Zusp 13: Priesmeyer 2: Also wir stehen hier vor unseren Säurebädern. Darin werden
Stahlteile, wie dieser massive Deckel in der Säure für mehrere Stunden abgebeizt und
anschließen hier abgespült. Das Material ist oberflächlich verschmutzt. In dieser
Verschmutzung, also in der Rostschicht, können radioaktive Partikel vorhanden sein. Und
damit wir die in jedem Fall erwischen, tauchen wir das gesamte Bauteil in die Säure ein.
Und es wird die gesamte Oberfläche für einige Mykrometer abgetragen.

Sprecherin:
Im Inneren von „Block A“ befinden sich heute nur noch Bauteile, die nicht direkt mit den
hochradioaktiven Brennelementen im Reaktorkern in Berührung gekommen sind. Die
schwer kontaminierten Bauteile aus dem Reaktordruckgefäß sind längst beseitigt. Sie
wurden in das Zwischenlager Mitterteich in der Oberpfalz gebracht, wo sie so lange
lagern werden, bis in Deutschland die Entsorgung für hochradioaktive Stoffe in einem
entsprechenden Endlager geregelt ist.

Ulrich Priesmeyer und das 60-köpfiges Rückbau-Team haben in Gundremmingen eine


technische Pionierleistung vollbracht. Denn: Noch nie zuvor wurde ein Atomkraftwerk von
der Größe des „Block A“ abgerissen. Und noch nie dürfte der Abbau einer technischen
Anlage so lange, nämlich über 20 Jahre, gedauert haben. Für Ulrich Priesmeyer ist das
wenig verwunderlich.

Zusp 14: Priesmeyer 3: Ja das ist natürlich eine lange Zeit aber man muss sehen, dass
wir als Gundremmingen Block A hier auch das erste Kernkraftwerk für die kommerzielle
Nutzung in Deutschland waren. Und dementsprechend auch früh abgeschaltet wurden.
Und zu der Zeit auch überhaupt keine Kenntnisse oder Informationen vorherrschten, wie
man ein solches Kraftwerk abbauen kann. Wir haben hier teilweise Verfahren und
Prozeduren eigentlich erst entwickelt um sie für diese spezielle Aufgabe anwendbar zu
machen.

Sprecherin:
In Deutschland stehen derzeit mehr abgeschaltete Kernkraftwerke, als Reaktoren, die
noch in Betrieb sind. Genug zu tun also für Reaktor-Rückbauer. Doch eigentlich ist das
Abreißen von Kraftwerken nicht unbedingt die Berufung eines Ingenieurs.

Zusp 19: Priesmeyer 4: wir sind hier überzeugt, das die Kernenergie eine vernünftige
Art der Energieerzeugung ist. Und wir schauen natürlich mit traurigen Blicken ins
europäische Ausland, wo die Entwicklung noch weiter geht- und das Know-How hier in
Deutschland natürlich nach und nach verloren geht. Insofern ist das alles ein bisschen
traurig. Aber wir stellen uns dieser Aufgabe- wir haben das nun mal so beschlossen- wir
müssen damit leben. Und in Bezug auf den Rückbau ist das nun mal eine Aufgabe die
erledigt werden muss.

Sprecherin:
Im Ausland sieht die Situation der Kernenergie heute ganz anders aus: Hier scheint die
Atomenergie vor einer Renaissance zu stehen. Die USA und Großbritannien wollen in
Zukunft neue Atomkraftwerke errichten. China plant derzeit 50 Reaktoren. Finnland baut
gerade seinen fünften Atommeiler. Doch auch in Deutschland mehren sich die Stimmen,
die sich gegen den Ausstieg aus der Atomkraft aussprechen – ihre wichtigsten
Argumente: Deutschland darf den Anschluss am technischen Fortschritt nicht verpassen,
es fehlen – angesichts der Ressourcenknappheit - tragfähige Alternativen und:
Kernkraftwerke entlassen bei der Stromerzeugung kein klimaschädliches CO 2 in die
Atmosphäre. Ob sich die Befürworter der Kernkraft in Deutschland doch noch
durchsetzen, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

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