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Bourdieus Kapital Begriff spielt in unserer Arbeit vor allem im Kontext der “Production

Gentrifiers” - Theorie nach David Ley eine Rolle. Hier definiert Ley die “new class”, die er
vor allem als verantwortlich für Gentrifizierungsprozesse in kanadischen Großstädten
beschreibt, als Personen, die ein hohes Maß an kulturellem Kapital besitzen, auch wenn
ihr Einkommen teilweise eher gering sein mag. Außerdem gibt es einige Indizien in
unserem Fragebogen, die darauf hindeuten könnten, dass der Kapitalbegriff Bourdieus
einen Erklärungsansatz für ein hohes Maß an Gentrifizierungspotenzial innerhalb der
Mitarbeiter der Tech-Szene Berlins bieten könnte.
In diesem Kontext ist es zentral vorerst auf den Kapital Begriff Bourdieus zurückzublicken
und zu definieren, wie Bourdieu die Unterscheidung zwischen ökonomischen und
kulturellem Kapital zieht und inwiefern auch das soziale Kapital eine Relevanz für die
Fragestellung beinhalten könnte.
Bourdieus Theorie zum Kapital entstand innerhalb seiner Untersuchungen zu
Ungleichheiten im französischen Bildungssystem durch soziale Herkunft, nachdem er
bereits seine Theorie des „Habitus“ entwickelt hatte (S. 21f., Jurt 2012). Das Kapital wird
hierbei als Weiterentwicklung seiner Idee des Habitus gesehen, nämlich als die Menge an
„Handlungsobjekten“ die ein Individuum durch Handlungen erschafft oder verwendet und
die von seinem Habitus beeinflußt werden (S. 22, Jurt 2012). Hier weicht Bourdieu deutlich
von Marx ab, von dem er den Kapital-Begriff entlehnt hat und definiert Kapital nicht allein
als ökonomische Produktionsmittel, sondern als Handlungsobjekte, über die ein
Individuum verfügt und die nicht allein ökonomischer oder gar materieller Natur sein
müssen (S.22, Jurt 2012; S.11, Ziegler).
Bourdieu unterscheidet dafür zwischen ökonomischen, kulturellem, sozialen und
symbolischen Kapital. Ökonomisches Kapital sind alle Mittel über die ein Individuum
verfügt, die unmittelbar in Geld umgewandelt werden können (ebd.). Dazu zählen
beispielsweise materielle Gegenstände, aber auch Aktien oder Erbschaft (Jurt 2012, S.
24). Kulturelles Kapital sind die Gesamtheit des Wissens und der Bildung, die ein
Individuum vorweisen kann (ebd.). Dazu gehören sowohl akademisches Abschlüsse, als
auch materielle „Bildungsgüter“, wie Bücher, als auch Wissen, das auf autodidaktischem
Wege angeeignet wurde und in einer Person veranlagt ist. Das soziale Kapital stellt die
Gesamtheit des einer Person zur Verfügung stehenden sozialen Netzwerks dar, das von
der Person abgerufen werden kann um eigene Interessen zu erfüllen (ebd.). Es umfasst
sowohl Beziehungen im Netzwerk der Person, als auch soziale Verpflichtungen, die damit
einhergehen. Symbolisches Kapital ist eng mit den anderen drei Kapitalarten verwoben
und umfasst das gesellschaftliche Ansehen, das durch den Besitz der anderen
Kapitalarten einhergeht. (ebd.).
Im Rahmen dieser Arbeit spielt vor allem das kulturelle und das ökonomische Kapital eine
bedeutende Rolle. Denn die Menge einem Individuum zur Verfügung stehenden Kapitals
entscheidet maßgeblich über die Möglichkeiten dieses Individuums seine Wünsche im
Sinne „gesellschaftlich anerkannter Ziele“ (S. 36, Kecskes 1994) zu erfüllen. Auch auf dem
Wohnungsmarkt spielen ökonomisches Kapital, im Sinne von Geld, kulturelles Kapital, im
Sinne von Wissen und Fähigkeiten über alternative Wohnkonzepte und Wohnungsfindung
und soziales Kapital, im Sinne von Netzwerken und Kontakten über die sich Wohnungen
finden lassen, eine bedeutende Rolle (S. 35, a.a.O.). Sie erhöhen laut Kecskes (1994)
deutlich die Möglichkeiten die eigenen Wohnwünsche zu realisieren. Während in unserer
Forschung mit Erhebung des höchsten Bildungsabschlusses und des ungefähren Gehalts
gute Indikatoren für die Erhebung des kulturellen und ökonomischen Kapitals der Person
ausgewählt wurden, fehlen uns Indikatoren zum sozialen Kapital, das ohnehin schwer zu
erheben ist. Hier kann uns allerdings helfen, dass laut Kecskes (S.36, 1994) das soziale
Kapital mit ökonomischen Kapital korreliert und somit indirekt messbar ist.
Kecskes (1994) bezieht sich genauso wie Helbrecht (1996) in seiner Verknüpfung
zwischen Bourdieus Kapitalbegriff und den Gentrification-Prozess auf die Stadienmodelle
von Gentrification. Helbrecht (S. 5, 1996) beschreibt in diesem Sinne, dass die „Müslis“,
die Pioniere der 80er Jahre, über ein hohes Maß an kulturellem Kapital verfügten, dass
ihnen ermöglichte ein Viertel aufzuwerten und im Zusammenhang mit dem hohen Maß an
Studenten innerhalb dieser Gruppe zusammenhing. Während das Stadienmodell sowohl
von Helbrecht, als auch vielen anderen Akteuren der Gentrification-Forschung als
eindimensional und wenig empirisch haltbar kritisiert werden, kann sich die
Unterscheidung in „Pioniere“ und „Gentrifier“ insofern lohnen, dass mithilfe des
Kapitalbegriffs nach Bourdieu zumindest im groben Maße unterschieden werden kann,
welche Rolle Personen im Gentrification Prozess vermutlich zufällt, also ob die Person zu
den „Pionieren“, den „Aufwertern“ eines Viertels, den „Gentrifiern“, den „Verdrängern“ von
Alteingesessenen oder zu den Alteingesessenen,den „Verdrängten“ gehört (S. 4,
Helbrecht 1996). Denn die Menge an zur Verfügung stehendem kulturellem,
ökonomischen und sozialen Kapital kann deutliche Indikationen darüber geben, welche
„Realisierungschancen von Wohnwünschen“ (S. 36, Kecskes 1994) eine Person auf dem
Wohnungsmarkt besitzt und welche potentiellen Möglichkeiten sie somit hat, ein Viertel
aufzuwerten und/oder Alteingesessene zu verdrängen, die über weniger Kapital jeglicher
Dimension verfügen. Dass die Gentricitation-Forschung zu Stadienmodellen mittlerweile
festgestellt hat, dass Stadienmodelle bei weitem nicht auf alle Kontexte anwendbar sind,
sondern Stadtteile zum Teil manche Phasen nie erreichen und andere überspringen zeigt
zwar, dass diese Modelle nicht für den gesamten Gentrification Prozess als Erkärung
herangezogen werden kann und durchaus simplistisch ist, widerlegt aber nicht
grundsätzlich, dass Phasen der Verdrängung von statusniedrigeren Gruppen durch
statushohe Gruppen durch Aufwertungsprozesse in Stadtteilen erklärt werden können
(S.5ff, Helbrecht 1996). Während das Stadienmodell demnach nur sehr vorsichtig
angewendet werden kann und bei weitem nicht als monokausales Erklärungsmodell
verwendet werden sollte, wollen wir in Teilen dieser Arbeit versuchen, dem Ansatz
Kesckes zu folgen und statt holzschnittartiger Einteilung in Akteursgruppen, die Menge an
kulturellem und ökonomischen Kaptial der Befragten festzustellen und einzuordnen,
welche Wohnpräferenzen die Befragten mit verschieden hohem sozialen und
ökonomischen Kapital haben, um festzustellen inwiefern ein Gentrification-Potenzial in
diesen Präferenzen in Kombination mit der Menge an verfügbaren Kapital besteht und
somit ein Profil zu diesem Potenzial der Mitarbeiter der Factory erstellen.
Nach Kecskes (1994) ist das kulturelle, soziale und ökonomische Kapital einer Person
zwar als eine Art „Werkzeug“ zur Realisierung der eigenen Wohnwünsche zu betrachten,
er sagt aber deutlich, dass die Menge an Kapital trotzdem noch nichts über die
Wohnwünsche selbst aussagt, die letztlich doch maßgeblich darüber bestimme ob eine
Person innenstadtnah in Vierteln wohnen möchte wo Verdrängung stattfindet. Daher
werden wir im späteren Teil dieser Arbeit versuchen nach der Idee Kecskes (1994) die
Befragten in Kategorien von hohem und niedrigem kulturellem und ökonomischen Kapital
einzuordnen, um zu betrachten welche Präferenzen diese Untergruppen jeweils in Fragen
zur Auswahl ihrer Wohngegend spielten.
Ziegler, H. (2003). Jugendhilfe als Prävention: die Refiguration sozialer Hilfe und Herrschaft in
fortgeschrittenen liberalen Gesellschaftsformationen. (Doctorate), Bielefeld University,
Bielefeld (Germany).
Jurt, J. (2012). Bourdieus Kapital-Theorie. In M. Bergman, S. Hupka-Brunner, T. Meyer & R.
Samuel (Eds.), Bildung - Arbeit - Erwachsenwerden. Wiesbaden: Springer VS.