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Partizipation

von Kindern und


Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

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www.bundesjugendkuratorium.de Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums


Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums


Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Vorwort des Bundesjugendkuratoriums

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Vorwort

Das Thema Partizipation von Kindern und Jugendlichen hat in Das Bundesjugendkuratorium spricht sich in seiner Stellung-
den letzten beiden Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewon- nahme nicht nur für eine Beteiligung von Kindern und Jugend-
nen. In Folge dessen sind viele Initiativen und Beteiligungspro- lichen bereits in jungen Jahren in allen Lebensbereichen und
jekte initiiert worden. Das Bundesjugendkuratorium begrüßt Handlungsfeldern aus. Es regt darüber hinaus insbesondere die
diese Entwicklungen, stellt aber zugleich fest, dass bei der Entwicklung einer Gesamtstrategie an, die zwischen Bildungs-,
Umsetzung der Partizipationsangebote noch immer deutliche Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen – vor allem den Schu-
Defizite und eine enorme Kluft zwischen Anspruch und Wirklich- len und den Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe – sowie
keit bestehen. zwischen den politischen Ebenen der Kommunen, der Länder,
des Bundes und der Europäischen Union abgestimmt wird.
In seiner Stellungnahme zieht das Bundesjugendkuratorium
ein Zwischenfazit zu den bisherigen Aktivitäten und formuliert Die zentrale Herausforderung für eine künftige gezielte »Par-
grundlegende konzeptionelle und fachliche Anforderungen tizipationspolitik« liegt darin, dass die jeweiligen Akteure eine
an eine Politik der erweiterten Partizipation von Kindern und gemeinsame Partizipationsstrategie festlegen und daraus einen
Jugendlichen. Das Bundesjugendkuratorium gibt Handlungs- konkreten Zeitplan für die Umsetzung von Teilzielen ableiten.
empfehlungen für die jeweiligen politischen Ebenen, um eine Zudem darf die Chance zur Beteiligung nicht auf Kinder und Ju-
strukturelle Nachhaltigkeit und Verlässlichkeit von Partizipations- gendliche mit einem höheren formalen Bildungsgrad beschränkt
angeboten zu etablieren, die über Beteiligungsmöglichkeiten in bleiben. Vielmehr müssen auch benachteiligte Kinder und
bestimmten Situationen oder für bestimmte Personengruppen Jugendliche in Beteiligungsprozesse einbezogen und für diese
hinausgehen. Es kommt hierbei vor allem darauf an, Betei- begeistert werden.
ligungsmöglichkeiten für alle jungen Menschen an den sie
betreffenden Entscheidungen als strukturellen Bestandteil der
Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen zu verankern. Parti-
zipation kann nach Auffassung des Bundesjugendkuratoriums
kein beliebiges Element in einer Politik für Kinder und Jugendli-
che neben vielen anderen sein, sondern muss zu einem konstitu-
tiven Bestandteil der demokratischen Kultur der Bundesrepublik Dr. Claudia Lücking-Michel
Deutschland werden. Vorsitzende des Bundesjugendkuratoriums

Stellungnahme des
Bundesjugendkuratoriums
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
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1. Einführung und Problemskizze Verstetigung von oft nur zeitlich befristeten Beteiligungsprojekten
angemahnt. Irritierend ist, dass sich an dieser Sachlage bis heute
Partizipation von Kin- Das Thema Partizipation von Kindern und Jugendlichen hat in nichts Wesentliches verändert hat. Trotz der Vielzahl von Projekten
dern und Jugendlichen den letzten zwei Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewonnen. und der wachsenden Bedeutung dieses Themas in der Fachdis-
hat in den letzten zwei Insbesondere auf kommunaler Ebene wurden unterschiedliche kussion stellt das BJK fest, dass eine strukturelle Nachhaltigkeit
Jahrzehnten an Bedeu- Formen und Ansätze einer Beteiligung von Kindern und Jugend- im Sinne verlässlicher, situations- und personenunabhängiger Empirische Studien
tung gewonnen. lichen – seien dies nun Projekte der Verkehrs- und Wohnum- Partizipationsangebote für Kinder und Jugendliche bislang nicht belegen, dass die
feldplanung, Stadtteilerkundungen, Spielplatzgestaltung oder entstehen konnte. Im Gegenteil: Empirische Studien belegen, dass Mehrzahl von Kindern
Kinder- und Jugendparlamente – entwickelt. In Kindertagesein- die überwiegende Zahl von Kindern und Jugendlichen keineswegs und Jugendlichen nicht
richtungen, Schulen und weiteren Einrichtungen und Diensten über ausreichende Möglichkeiten verfügt, sich an Entscheidungen, über ausreichende Be-
der Kinder- und Jugendhilfe sowie bei Jugendverbänden und die sie selbst betreffen, zu beteiligen. Genau dies aber sichert Arti- teiligungsmöglichkeiten
freien Trägern sind einzelne Partizipationsprojekte umgesetzt kel 12 der UN-Konvention über die Rechte des Kindes (UN-KRK)3, bei den sie betreffen-
worden. Auch die zuständigen Ministerien auf Landes- und die am 05. April 1992 in Deutschland in Kraft getreten ist, allen den Entscheidungen
Bundesebene sowie auf Ebene der EU haben sich in diesem Feld Kindern und Jugendlichen zu. verfügt.
engagiert. Zumindest wurden Programmpapiere formuliert und
Modellprojekte aufgelegt. Wenn Kinder und Jugendliche ein Recht auf Partizipation haben,
Es wird eine enorme Dies könnte den Eindruck nahelegen, dass wir uns im Hinblick die Eröffnung von entsprechenden Beteiligungsmöglichkeiten
Kluft zwischen An- auf die Partizipation von Kindern und Jugendlichen auf einem im öffentlichen Bereich allerdings in den letzten Jahren kaum
spruch bzw. politischen guten Weg befinden. Dagegen spricht allerdings, dass nach wie Fortschritte gemacht hat, dann ist fachpolitischer Handlungsbe-
Absichtserklärungen vor eine enorme Kluft zwischen Anspruch und politischen Ab- darf gegeben.
und der Partizipations- sichtserklärungen einerseits und der Partizipationswirklichkeit an-
wirklichkeit festgestellt. dererseits festgestellt wird. So wird etwa im Nationalen Aktions- Das BJK nimmt diese Kluft zum Anlass, die Bedeutung von
plan der Bundesregierung »Für ein kindergerechtes Deutschland Kinder- und Jugendpartizipation für die Kinder- und Jugend-
2005 bis 2010«1 (NAP) Beteiligung von Kindern und Jugend- politik darzulegen und Empfehlungen für die weitere Entwick-
lichen als eines von sechs Handlungsfeldern deklariert. Zugleich lung zu formulieren. Im Einzelnen möchte das BJK mit seiner
wird darauf hingewiesen, dass die Bereitschaft der Erwachsenen, Stellungnahme folgende Fragen klären:
Entscheidungsmacht zu teilen, insbesondere auf lokaler Ebene • Was ist unter Partizipation von Kindern und Jugendlichen zu
steigerungsfähig ist, wenngleich (nicht nur) auf dieser Ebene ein- verstehen und welche Missverständnisse gilt es zu vermeiden?
zelne Maßnahmen für mehr Kinder- und Jugendbeteiligung ini- (Kap. 2)
tiiert wurden. Diese Diskrepanz zwischen fachpolitischen Zielen • Welche Bedeutung hat Partizipation von Kindern und Jugend-
und Absichterklärungen einerseits und Partizipationswirklichkeit lichen sowohl für diese selbst als auch für die Gesellschaft
andererseits wurde bereits in der Stellungnahme des Bundes- und ihre Institutionen? (Kap. 3)
Stellungnahme des
jugendkuratoriums zur »direkten Beteiligung von Kindern und • Wie lässt sich der Stand der Partizipation in einzelnen
Bundesjugendkuratoriums Jugendlichen« von 2001 festgestellt.2 Insbesondere wurde eine lebensweltlichen Bereichen und auf unterschiedlichen
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politischen Ebenen beschreiben und welche Barrieren bzw. kommunale Ebene, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
Gelingensbedingungen lassen sich identifizieren? (Kap. 4) etc. – sehr unterschiedlich sein.7
• Welche Empfehlungen können hinsichtlich der Weiter-
entwicklung und Stärkung von Partizipation von Kindern und Der Partizipationsbegriff des BJK bedarf zudem der präzisen
Jugendlichen formuliert werden? (Kap. 5) Abgrenzung gegenüber dem Begriff der politischen Partizipation
im engeren Sinne. Politische Partizipation bezieht sich auf das
breite Spektrum unterschiedlicher Formen der Einflussnahme
2. Was ist Partizipation von Kindern und Jugendlichen? auf Entscheidungen im politischen System.8 Hierbei kann es sich
wiederum sowohl um konventionelle bzw. verfasste Formen der
Bei einer so vielstimmigen und häufig mit Missverständnissen Partizipation wie die Beteiligung an Wahlen handeln als auch
belegten Debatte muss zunächst definiert werden, was unter um unkonventionelle bzw. nicht-verfasste Formen wie etwa
Partizipation von Kindern und Jugendlichen verstanden wird.4 die Teilnahme an Protestaktionen, Aktionen des zivilen Unge-
Die Definitionsversuche beziehen sich meist auf unterschied- horsams, Unterschriftensammlungen etc. Der hier verwendete
liche Intensitätsgrade bzw. Stufenleitermodelle5, die Formen Partizipationsbegriff schließt solche Formen der politischen
der Nicht-Beteiligung wie Fremdbestimmung, Dekoration und Partizipation mit ein, zielt aber ebenso darauf ab, die unter-
Alibiteilnahme umfassen, sowie unterschiedliche Grade von Be- schiedlichen Formen der Partizipation von Kindern und Jugend-
teiligung, die über Teilhabe, Mitwirkung und Mitbestimmung bis lichen im sozialen bzw. alltagsweltlichen Bereich systematisch
hin zu Selbstbestimmung und Selbstverwaltung reichen.6 Diese einzubeziehen. Dies ist notwendig, da Kinder und Jugendliche
Begriffe verweisen auf unterschiedliche Facetten des Gemeinten. bis zum Erreichen der Volljährigkeit von dem Recht auf politische
Partizipation durch die Beteiligung an Wahlen ausgeschlossen
Partizipation meint Partizipation von Kindern und Jugendlichen läuft darauf hinaus, sind.9 Eine Fokussierung der Diskussion auf politische Partizipa-
Teilhabe bzw. Mitbe- einen Teil der Verfügungsgewalt über die eigene gegenwärtige tion müsste sich daher in weiten Teilen auf zukunftsbezogenes
stimmung von jungen wie zukünftige Lebensgestaltung von den Erwachsenen auf Probehandeln und Handlungsintentionalitäten beschränken.
Menschen an den sie die Kinder und Jugendlichen zu übertragen. Es geht dabei um Unter der Bedingung, dass Kindern und Jugendlichen die vollen
betreffenden Entscheidungen, von denen die Partizipationsbeteiligten unmit- politischen Bürgerrechte (noch) nicht zugestanden werden, ist
Entscheidungen. telbar betroffen sind. Ernstgemeinte Partizipation verändert die von konstitutiver Bedeutung, ob und in welchem Maße Kindern
Entscheidungsprozesse sowie die -ergebnisse und wirkt sich auf und Jugendlichen dort Beteiligungsrechte zugesprochen werden,
die Lebenswelt der betroffenen Kinder und Jugendlichen aus. wo sie sich im alltäglichen Leben bewegen, nämlich in Familie,
Wenn im Folgenden von Partizipation gesprochen wird, sind Schule, Einrichtungen und Diensten der Kinder- und Jugendhilfe,
Prozesse der Teilhabe bzw. Mitbestimmung von jungen Men- Jugendverbänden und im kommunalen Raum. Damit knüpft das
schen an den sie betreffenden Entscheidungsprozessen in allen BJK an die analytische Unterscheidung zwischen Demokratie als Partizipation bezieht sich
relevanten Lebensbereichen gemeint. An welchen konkreten Regierungsform und Demokratie als Lebensform an und betrach- auf alle Entscheidungs-
Themenbereichen und (Streit-)Fragen Kinder und Jugendliche tet Partizipation als einen integralen Bestandteil des Alltags- prozesse des Alltags-

Stellungnahme des
allerdings teilhaben, mitwirken und mitbestimmen, kann in lebens von Kindern und Jugendlichen. Partizipation, in der hier lebens im Sinne von
Bundesjugendkuratoriums den unterschiedlichen Handlungsbereichen – Familie, Schule, verwendeten Bedeutung, bezieht sich auf alle Entscheidungs- »Alltagsdemokratie«.
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prozesse des Alltagslebens in Familie, Bildungs-, Betreuungs- und kurz. Die eigentliche Begründung für Kinder- und Jugendbeteili-
Erziehungseinrichtungen, Verbänden und Vereinen, parlamen- gung muss auf einer grundsätzlicheren Ebene ansetzen.
tarischen und vorparlamentarischen Entscheidungsgremien auf
örtlicher und überörtlicher Ebene in allen Lebensbereichen im Gegen eine grundsätzliche, situationsunabhängige Stärkung
Sinne von »Alltagsdemokratie«.10 von Beteiligungsrechten von Kindern und Jugendlichen werden
allerdings verschiedene Einwände vorgebracht. So besagt etwa
ein weit verbreitetes Argument, dass es Kindern und Jugend-
3. Warum sind Kinder und Jugendliche an allen sie lichen an Kompetenz, Erfahrung und Reife mangele. Danach
betreffenden Angelegenheiten zu beteiligen? seien Kinder noch viel zu jung und es fehle ihnen an Urteils-
fähigkeit, um über Angelegenheiten mitentscheiden zu können,
Hinsichtlich der Reichweite und Bedeutung der Beteiligung von die sie selbst betreffen.12 Kinder sollten daher zunächst einmal
Kindern und Jugendlichen gibt es in Öffentlichkeit und Politik die erforderlichen Kompetenzen erwerben, bevor sie mitwirken
unterschiedliche Positionen. Während die Einen eine Anhörung und mitgestalten könnten. Gegen diese plausibel klingende Po-
von Kindern und Jugendlichen in sie betreffenden Angelegen- sition spricht, dass Kompetenzen und Erfahrungen in der Regel
heiten – zum Beispiel bei der Gestaltung eines Spielplatzes – für erst im Vollzug bestimmter Handlungen entstehen, so dass die
ausreichend halten, setzen sich Andere für eine umfassende Zuerkennung von Partizipationsrechten Kinder und Jugendliche
Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in allen sie betref- überhaupt erst in die Lage versetzt, entsprechende Beteiligungs-
fenden Angelegenheiten ein. Darüber hinaus werden Beteili- kompetenzen zu entwickeln. Diese Einsicht in die Wechselwir-
gungsangebote bzw. -verfahren mit relativ pragmatischen und kungen zwischen dem biografischen Aufbau von Beteiligungs-
opportunistischen ad-hoc-Begründungen unterfüttert. So wird kompetenzen und -motivationen einerseits und der Einräumung
etwa die Einführung eines Kinder- und Jugendforums als ein von Beteiligungsrechten andererseits ist konstitutiv für ein
Beitrag zum Abbau vermeintlicher Politikverdrossenheit junger angemessenes Verständnis des Aussagegehaltes des Artikels 12
Menschen oder der Einbezug von Jugendlichen in die Planung der UN-KRK. Anstatt davon auszugehen, dass Kompetenzen erst
eines Jugendtreffs mit der Reduzierung von Vandalismus oder in allen Dimensionen voll ausgebildet werden müssen, bevor Be-
der Effizienzsteigerung von Planungsprozessen durch Beteiligung teiligung möglich ist, geht die UN-KRK von der Vorstellung eines
legitimiert. Allen diesen instrumentellen und situativen Begrün- dynamischen Prozesses des Kompetenzaufbaus im Vollzug der
dungen haftet etwas Beliebiges und Austauschbares an.11 Partizipationsrechte aus.13 Demnach können auch junge Kinder
Die eigentliche Begrün- Die stillschweigende Übereinkunft dahinter läuft darauf hinaus, in den sie betreffenden Angelegenheiten sehr wohl kompetent
dung für Kinder- und dass man Kinder und Jugendliche in spezifischen Entscheidungs- mitbestimmen, ohne gleichzeitig allgemeine Fragen politischer
Jugendbeteiligung muss bereichen oder Handlungsfeldern beteiligen kann, wenn es zu- (Selbst-)Regierung beurteilen können zu müssen. Bei den
auf einer grundsätzlichen fällig den Interessenlagen und Bedürfnissen beteiligter erwachse- »sie betreffenden Angelegenheiten« geht es um Fragen ihres
Ebene ansetzen. ner Akteursgruppen entgegenkommt, es allerdings auch lassen alltäglichen Lebens, also um Mitbestimmung in Kindertagesein-
kann, wenn solche Gründe nicht gegeben sind. Auch wenn all richtungen, im Wohnumfeld, bei Verkehrsplanung etc. Indem
Stellungnahme des
diesen Begründungen ihre Berechtigung nicht abgesprochen Kindern das Recht eingeräumt wird mitzubestimmen, erhalten
Bundesjugendkuratoriums werden soll, so greifen sie dennoch – isoliert betrachtet – zu sie auch die Chance, die hierfür erforderlichen Kompetenzen
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im Vollzug dieser Beteiligungshandlungen weiterzuentwickeln, Erwachsenen zu gewährende »Belohnung« betrachtet. Werden


was sie gleichzeitig in die Lage versetzt, sich Schritt für Schritt an Kinder und Jugendliche dagegen als vollwertige und grundsätz- Partizipation ist ein
weitergehenden Partizipationsprozessen zu beteiligen.14 Solche lich handlungsfähige Mitglieder einer Gesellschaft gesehen, die zentraler Motor für die
Prozesse des »Empowerment« setzen allerdings zweierlei voraus: generell über dieselben Rechte wie Erwachsene verfügen, dann Integration von Kindern
»Empowerment« setzt Zum einen müssen die Institutionen, in denen sich Kinder und wird die Einräumung von Partizipationsrechten als eine systema- und Jugendlichen in die
systematische Beteili- Jugendliche alltäglich bewegen (Kindertageseinrichtung, Schule, tische und kontinuierlich zu beachtende Dimension im Verhältnis Gesellschaft.
gungsmöglichkeiten weitere Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe etc.) Betei- zwischen Erwachsenen und Kindern bzw. Jugendlichen aner-
sowie ein beteiligungs- ligungsmöglichkeiten systematisch vorsehen und zum anderen kannt. Partizipation ist ein zentraler Motor für die Integration
orientiertes Handeln der setzt dies ein beteiligungsorientiertes Handeln der Erwachsenen von Kindern und Jugendlichen in die Gesellschaft. Erst wenn sich
Erwachsenen voraus. (Lehrkräfte, Personal der Kinder- und Jugendhilfe etc.) voraus. junge Menschen mit sicht- und erlebbaren Auswirkungen auf
ihre Lebenswelt beteiligen, haben sie teil an der Gesellschaft,
Ein weiteres Gegenargument besagt, dass Kinder und Jugend- der sie angehören. Zugleich schafft dies einen Bezug zwischen
liche durch (zu viel) Beteiligung überfordert würden, beschützt ihnen und ihrer Umwelt und stärkt ihre Identifikation mit der
werden müssten und dass es Grenzen der Partizipation gäbe. Gesellschaft. Indem sie sich beteiligen, nehmen sie ihre Umwelt
Hiergegen ist einzuwenden, dass, ehe vorschnell über Grenzen in einer Weise wahr, dass sie sich um sie sorgen und ein Verant-
gesprochen wird, zunächst einmal die Chancen der Partizipation wortungsgefühl gegenüber ihrer Umwelt entwickeln können.
ausgelotet werden müssten. Jedenfalls zeigen empirische Stu- Dabei erwerben sie Kompetenzen und Motivationen – wie
dien, dass sich Kinder und Jugendliche in vielen Entscheidungs- Selbstwirksamkeit, Verantwortungsbewusstsein, instrumentelle
situationen ihres täglichen Lebens als wesentlich kompetenter Kompetenzen etc. –, die wiederum bei der Ausübung weiterer
erweisen, sich mehr Beteiligungskompetenzen zutrauen, als die gesellschaftlicher Rollen zentrale Bedeutung erhalten. Partizi-
meisten Erwachsenen dies vermuten würden und dass die Sicht- pation hat also eine sozialisatorische Bedeutung, nicht nur im
weisen von Erwachsenen und Kindern hinsichtlich tatsächlich Hinblick auf Prozesse der politischen Sozialisation, sondern auch
eingeräumter Partizipationschancen markant auseinander gehen. im umfassenden Sinn als Faktor beim Erwerb einer produktiv Partizipation hat
So schätzen Kinder und Jugendliche in Befragungen die von gestaltenden Einordnung des jungen Menschen in seine sozialen eine sozialisatorische
ihnen wahrgenommenen Partizipationschancen – etwa in der Lebensbezüge. Bedeutung.
Schule – als wesentlich geringer ein als die Lehrkräfte derselben Ein weiteres Argument für Partizipation ist demnach die Einsicht,
Die Grenzen der Partizi- Einrichtung.15 Die Grenzen der Partizipation sind derzeit weniger dass diese – folgt man subjektorientierten Bildungsverständnis-
pation sind derzeit bei den Kindern und Jugendlichen als vielmehr bei den Erwach- sen – eine konstitutive Voraussetzung für gelingende Bildung
weniger bei den Kindern senen zu suchen. Der Umgang mit den Beteiligungsrechten und darstellt. Kinder und Jugendliche müssen zu Subjekten des Lern-
und Jugendlichen als -chancen junger Menschen drückt vorherrschende Kindheits- geschehens werden, damit erfolgreiche Lernprozesse in Gang
vielmehr bei den und Jugendbilder in einer Gesellschaft aus. Werden Kinder und kommen können.16
Erwachsenen zu suchen. Jugendliche primär als unfertige, sich in Entwicklung befindliche
Wesen betrachtet, die erst in die Gesellschaft hineinwachsen Die elementare Legitimation für Beteiligungsrechte von Kindern
Stellungnahme des
müssen, wird Partizipation als etwas wenig Bedeutsames, und Jugendlichen aber liefern die Menschenrechte.17 Sie haben Kinder haben ein Recht
Bundesjugendkuratoriums Punktuelles und als eine durch wohlwollende Handlungen von einen universellen Geltungsanspruch und sind nicht an kon- auf Partizipation.
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krete gesellschaftliche Bedingungen gebunden. Danach teilen


Kinder und Jugendliche mit allen anderen Menschen – und 4. Zu selten, zu wenig, ohne Wirkung – Zum Stand der
damit auch mit Erwachsenen – dieselben Grundrechte. Sie sind Partizipation von Kindern und Jugendlichen
demzufolge in allen Fragen und Angelegenheiten zu beteiligen,
die sie betreffen. Die völkerrechtlich verbindliche Grundlage der Neben der Frage, welche Angebote und Gelegenheiten der
systematischen Beteiligung der Bevölkerungsgruppe Kinder – Partizipation vorhanden sind und wie Kinder und Jugendliche
hier definiert als unter 18-Jährige – liefert die UN-KRK.18 In ihr diese Angebote nutzen, ist insbesondere von Interesse, von
werden die sozialen und politischen Rechte von Kindern heraus- welchen Bedingungsfaktoren es abhängt, ob sich Kinder und
gearbeitet. Jugendliche beteiligen und ob sie sich ermutigt fühlen, ihre
Beteiligungsaktivitäten fortzusetzen bzw. zu erweitern.
Das BJK plädiert dafür, Angesichts der grundlegenden Bedeutung der Partizipation für
Partizipation als konsti- den Mitgliedschaftsstatus von Kindern und Jugendlichen in der Im Folgenden sollen einige empirische Befunde zur sozialen bzw.
tutiven Bestandteil aller Gesellschaft plädiert das BJK dafür, Partizipation als konstitutiven alltagsweltlichen Partizipation – also zur Beteiligung in Familie,
Maßnahmen, Programme Bestandteil aller Maßnahmen, Programme und Institutionen für Schule und Kommune – präsentiert werden (Kap. 4.1). Dabei
und Institutionen für Kinder und Jugendliche zu betrachten. Alle Einrichtungen und muss berücksichtigt werden, dass der Stand der Forschung
Kinder und Jugendliche Dienste für Kinder und Jugendliche sollten erweiterte Partizipa- im Bereich von Kinder- und Jugendbeteiligung – trotz einer
zu betrachten. tionschancen einräumen. Partizipationsangebote und -verfahren gewissen Intensivierung in den letzten Jahren – als weitgehend
sollten so ausgestaltet werden, dass alle Kinder und Jugend- unbefriedigend einzustufen ist.19
lichen unabhängig von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit,
schulischem Bildungsniveau, sozialer Herkunft und Wohnort
durch diese Partizipationsangebote erreicht werden können. 4.1 Partizipation in der alltäglichen Lebenswelt
Aus der Sicht von Kindern und Jugendlichen bedeutet dies, dass
Partizipation nur dann als ein subjektiv bedeutsamer Bestandteil Mitwirkung in der Familie
der Lebenswelt erfahren werden kann, wenn sie dort ermöglicht Im Vergleich der Bereiche Familie, Schule und Kommune zeigt Kinder und Jugendliche
wird, wo Kinder und Jugendliche große Teile des alltäglichen eine Studie der Bertelsmann Stiftung20, dass Kinder und Jugend- können in der Familie
Lebens verbringen. Es bedarf nachhaltiger Beteiligungschancen liche in der Familie im Vergleich zu anderen Lebensbereichen am im Vergleich zu anderen
Die Weiterentwicklung insbesondere in Schulen, Einrichtungen und Diensten der meisten mitbestimmen können; die Kinder sind mit den Mög- Lebensbereichen am
von Partizipations- Kinder- und Jugendhilfe sowie auf kommunalpolitischer Ebene. lichkeiten zur häuslichen Mitbestimmung insgesamt zufrieden21. meisten mitbestimmen.
chancen muss als Auf- Um solche nachhaltigen und umfassenden Beteiligungsmöglich- Von allen strukturellen Einflussgrößen hat das Alter den stärk-
gabe aller Ebenen des keiten entwickeln und kontinuierlich aufrechterhalten zu kön- sten Einfluss auf die Mitbestimmung in der Familie. Allerdings
föderalen Staates wahr- nen, müssen die Weiterentwicklung von Partizipationschancen gibt es themenspezifische Unterschiede. In Bereichen, von denen
genommen werden. als Aufgabe aller Ebenen des föderalen Staates wahrgenommen die Eltern nicht unmittelbar berührt sind (zum Beispiel, wofür das
sowie gemeinsame Vorhaben und Strategien koordiniert und Taschengeld ausgegeben wird, ob Freunde eingeladen werden
Stellungnahme des
kooperativ ausgestaltet werden. dürfen etc.) ist das Maß an Mitbestimmung deutlich höher als
Bundesjugendkuratoriums in den Themenbereichen, von denen die Eltern direkt betroffen
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sind (zum Beispiel die Höhe des Taschengeldes, ob ein Haustier Gremien mit zunehmendem Alter zurückgeht. Im Laufe der
angeschafft werden soll etc.). Je älter die Kinder sind, desto Schüler/innenbiografie scheint sich die Enttäuschung über die
mehr können sie in der Familie mitbestimmen. Zugleich kann ge- Reichweite von Gremienaktivitäten in der Schule zu verfestigen.
zeigt werden, dass Kinder und Jugendliche nicht in allen Familien Schüler/innen halten die Gremienarbeit für eine Scheinpartizipa-
in gleicher Intensität mitbestimmen können. Insbesondere junge tion ohne wirkliches Mitbestimmungsrecht.
Menschen aus kleineren Familien und aus Familien, in denen Diese negativen Befunde werden durch die Befunde der ersten
beide Elternteile Deutsche sind, sowie Kinder und Jugendliche World Vision Kinderstudie bestätigt: Mitwirkung von Kindern in
mit einem höheren formalen Bildungsniveau können über- der Grundschule findet oftmals nur unregelmäßig statt.24 Auch
durchschnittlich viel mitbestimmen, während umgekehrt Kinder in der Studie der Bertelsmann Stiftung gaben nur 15% der
und Jugendliche, deren Eltern keine Deutschen sind, die viele Kinder und Jugendlichen an, dass sie in der Schule viel oder sehr
Geschwister haben oder ein geringes formales Bildungsniveau viel mitwirken können. Auch hier zeigt sich, dass die subjektiv
besitzen, über weniger Mitwirkungsmöglichkeiten in der Familie wahrgenommenen Beteiligungsmöglichkeiten umso größer
verfügen. Diese Ergebnisse stimmen mit den Befunden auf Basis werden, je weiter die Beteiligungsthemen vom eigentlichen
des DJI-Kinderpanels weitgehend überein.22 Unterrichtsgeschehen und von der Notengebung entfernt sind.
Im Gegensatz zu den Gegebenheiten in der Familie nehmen die
Mitwirkung in der Schule Zufriedenheit und der persönliche Gewinn aus schulbezogener
Partizipation in der Die zuweilen hohe Beteiligungsintensität, die Kinder und Partizipation mit dem Alter nicht zu, sondern ab. Die Bedeutung
Schule ist im Vergleich Jugendliche aus ihren Familien kennen, setzt sich in der Schule struktureller Einflussgrößen (Geschlecht, Migrationshintergrund,
zur Familie schwach keineswegs in gleichem Ausmaß fort. Bereits in einer em- Geschwisterzahl, Schulform) fällt in der Schule wesentlich
ausgeprägt. pirischen Regionalstudie im Land Sachsen-Anhalt ist nachge- geringer aus als in der Familie. Immerhin zeigen aber sowohl die
wiesen worden, dass die Beteiligung von Schüler/innen in der Sachsen-Anhalt-Studie als auch die Bertelsmann-Studie, dass die
Schule je nach Themenbereich stark variiert und insgesamt nur Möglichkeit mitzuwirken und die Zufriedenheit mit den Mitwir-
ein geringes Niveau erreicht.23 Obwohl die Schüler/innengre- kungsresultaten sowohl bei älteren Jugendlichen als auch bei
mienarbeit in den Landesschulgesetzen verankert ist, sieht die Berufsschüler/innen am kritischsten eingestuft werden. Weiter-
überwiegende Mehrheit der Schüler/innen in diesem Instrument hin wurde nachgewiesen, dass schulische Partizipation von der
keine wirksame Form der Interessenvertretung. Auch die wahr- Persönlichkeit (Selbstbild, soziale und kognitive Aufgeschlossen-
genommenen Partizipationsmöglichkeiten im Unterricht werden heit etc.) sowie vom sozialen Status der Schüler/innen abhängt.25
als sehr gering eingeschätzt. So gaben etwa 68% der Befragten
an, den Unterricht so hinnehmen zu müssen, wie er ist, und gut Mitwirkung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
zwei Drittel der Schülerschaft sahen ihren Unterricht als unbe- Auch für die Hilfen zur Erziehung gilt, dass Beteiligung von
einflussbar an. Die Mehrheit der Schüler/innen erlebte sich also Kindern und Jugendlichen durchaus noch ausbaufähig ist.26
nicht als ernstzunehmende Partner bei der Planung, Gestaltung So wird bspw. in einer 2007 veröffentlichten empirischen Stu-
und Auswertung des Unterrichts. Bedenklich im Hinblick auf die27 nachgewiesen, dass auf der programmatischen Ebene (z. B.
Stellungnahme des
Demokratieerziehung erscheint insbesondere der Befund, dass in Einrichtungskonzepten oder in Verfahren der Hilfeplanung
Bundesjugendkuratoriums die Einschätzung der Effektivität und der Bedeutung schulischer nach §36 KJHG) die Partizipation junger Menschen grundsätzlich
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befürwortet wird. Je konkreter jedoch alltäglich-pädagogische den sind: Etwa zwei Drittel der Großstädte und die Hälfte der
Häufig besteht ein Span- Situationen angesprochen sind, desto seltener wird Partizipation Mittelstädte boten damals eine oder mehrere Partizipationsmög-
nungsfeld zwischen dem berücksichtigt.28 Häufig besteht ein Spannungsfeld zwischen lichkeiten für Kinder und Jugendliche an. Diese Entwicklung hat
Partizipationskonzept dem Partizipationskonzept einerseits und den Erwartungen der sich fortgesetzt; knapp 80% der größeren Kommunen eröffnen
und den Erwartungen Adressat/innen und der vermittelnden Institutionen (Jugend- Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche, wobei
der Adressat/innen amt, Schule etc.) (zügiges Krisenmanagement, rasche Problem- die quantitative Verteilung zwischen den einzelnen Formen etwa
sowie der vermittelnden lösungen, eine schnelle Verantwortungsübernahme aufgrund gleich geblieben ist.34
Institution. von Überforderungssituationen der Personensorgeberechtigten) Im Vergleich zu diesen imposant anmutenden Partizipationsmög- Partizipation am Wohn-
andererseits. Wenn in der Studie partizipationsabwehrende lichkeiten beteiligt sich jedoch faktisch nur ein kleiner Anteil der ort ist im Vergleich zu
Muster der Fachkräfte konstatiert werden, ist dies gleichermaßen Kinder und Jugendlichen an solchen Angeboten. Folgt man der Familie und Schule am
nachvollziehbar wie pädagogisch problematisch.29 Auch die Bertelsmann-Studie, so haben im Jahre 2004 lediglich 14% der geringsten verbreitet.
Jugendlichen erleben ihre Beteiligungsmöglichkeiten und Kinder und Jugendlichen in der Kommune häufig bei entspre-
ihre Position in der Hilfeplansituation gegenüber Fachkräften chenden Partizipationsangeboten mitgewirkt, während 60% an-
als deutlich schwächer.30 Seitens der Fachkräfte wird zudem gaben, nie oder selten am Wohnort mitgewirkt zu haben. Jede/r
bemängelt, dass dem bestehenden Fortbildungsbedarf von Ju- Vierte (26%) wirkt manchmal am Wohnort mit. Am größten ist
gendämtern und Einrichtungen in Fragen der Partizipation keine die Beteiligung bei infrastrukturellen (Sport- und Freizeitanlagen,
große Bedeutung beigemessen werde und Handreichungen zur Jugend- und Freizeittreffs) und sozialen Themen (Vermeidung
Konkretisierung und zur Umsetzung fachlicher Standards bislang von Gewalt, Hilfen für Menschen in Not). Allerdings haben sich
kaum vorlägen.31 auch bei solchen Themen rund 50% der Befragten noch nie be-
Isolierte Beteiligungsinseln in Form von formalisierten Partizipati- teiligt. Die am häufigsten genannten Motive für eine Beteiligung
onsgremien (Heimbeirat etc.) werden von Kindern und Jugend- in der Kommune sind das Interesse am Thema und der Wunsch
lichen als wenig bedeutsam und effektiv erfahren.32 Dies gilt vor etwas zu verändern.
allem dann, wenn der sonstige Alltag in der Institution durch feh- Damit ist es um die Mitwirkung der Kinder und Jugendlichen am
lende Partizipationsmöglichkeiten und autoritäre Verhaltenswei- Wohnort im Vergleich zu den Bereichen Familie und Schule am
sen geprägt ist und die Kinder und Jugendlichen den Eindruck schlechtesten bestellt. Das quantitative Ausmaß der Beteiligung
gewinnen, dass ihnen nicht mit Respekt begegnet wird. Dies gilt ist dort am geringsten und die Anzahl der Formen und Themen,
für Kindertageseinrichtungen ebenso wie für stationäre Einrich- an denen sich Kinder und Jugendliche beteiligen, ist ebenfalls
tungen der Kinder- und Jugendhilfe oder auch für Schulen. gering. Die Partizipationsmöglichkeiten auf kommunaler Ebene
werden relativ wenig genutzt. Als Gründe führen die jungen
Mitwirkung am Wohnort Menschen an, sie hätten kein Interesse am Thema und ihnen
Seit den 1990er-Jahren ist insbesondere auf kommunaler Ebene fehle das Vertrauen in die Politiker/innen. Zudem sieht sich über
ein breites Spektrum an Partizipationsmodellen und -verfahren die Hälfte der Kinder und Jugendlichen über die Möglichkeiten
erprobt worden. Die bislang einzige bundesweite Erhebung aus der Mitwirkung an ihrem Wohnort nur unzureichend infor-
Stellungnahme des
dem Jahre 199833 belegt, dass vor allem in den größeren Städten miert. Ferner scheinen die Mitarbeiter/innen in den zuständigen
Bundesjugendkuratoriums eine ganze Reihe von Partizipationsangeboten entwickelt wor- Verwaltungen und Dienststellen nicht ausreichend auf Aufgaben
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der Partizipationsförderung vorbereitet. Von großer Bedeutung Es liegt auf der Hand, dass diese Einflussfaktoren nicht lediglich
sind die Erfahrungen, die die Kinder und Jugendlichen in realen Unterschiede zwischen Personen markieren, sondern auch auf Es kann vermutet wer-
Prozessen der Mitwirkung gemacht haben. Sind die jungen Men- gesellschaftliche Determinanten verweisen. In Übereinstim- den, dass die Ausstat-
schen mit den Ergebnissen ihrer Partizipationsaktivitäten zufrie- mung mit Ergebnissen aus der Forschung zum freiwilligen bzw. tung der Individuen mit
den und erkennen sie einen persönlichen Gewinn, sind sie auch bürgerschaftlichen Engagement38 kann vermutet werden, dass bestimmten Ressourcen
in höherem Maße bereit, sich an weiteren Partizipationsaktivi- in erster Linie die Ausstattung der Individuen mit bestimmten eine Beteiligung an
täten zu beteiligen. Zudem scheinen die einzelnen Beteiligungs- Ressourcen eine Beteiligung an Partizipationsmodellen eröff- Partizipationsmodellen
formen und -verfahren nicht für alle Kinder und Jugendlichen in net. Hierbei spielt neben materiellen Ressourcen (Einkommen, eröffnet.
gleicher Weise attraktiv zu sein. So erreichen parlamentarische Ausstattung mit bestimmten Gütern) vor allem das soziale und
Interessenvertretungsorgane (Jugendgemeinderäte, Kinder- und kulturelle Kapital eine zentrale Rolle.39 Während insbesondere
Jugendparlamente) in der Regel die privilegierten und artikula- Einflussfaktoren wie partizipationsinteressierter Freundeskreis
tionsstarken Gruppen von Kindern und Jugendlichen.35 Auch sowie Mitwirkung in (Sport-)Vereinen auf die Einbindung in so-
hat die soziodemografische Zusammensetzung der gewählten ziale Beziehungsnetze (Verfügung über soziales Kapital) verwei-
Mitglieder in diesen Gremien einen Einfluss auf die Akzeptanz sen, stehen Faktoren wie subjektives Qualifikationsempfinden,
ihrer Arbeit bei den Kindern und Jugendlichen, die sie repräsen- der ausgeprägte Wunsch, selbst etwas zu verändern, sowie der
tieren sollen. Überwiegt eine bestimmte Altersgruppe bzw. ein Informationsgrad über vorhandene Mitwirkungsmöglichkeiten in
Geschlecht, dann fühlen sich vor allem Kinder und Jugendliche Wechselbeziehung mit dem formalen Bildungsniveau. Diesen Zu-
mit den gleichen soziodemografischen Merkmalen durch dieses sammenhängen muss allerdings durch weitere Untersuchungen
Gremium vertreten.36 genauer nachgegangen werden.
Darüber hinaus liegen erste Ergebnisse zu Zusammenhängen
Erklärungszusammenhänge zwischen Partizipationserfahrungen in unterschiedlichen Lebens-
Mit Hilfe der Bertelsmann-Studie konnten zentrale Einfluss- bereichen vor. So weisen etwa Alt u. a.40 auf der Grundlage des
faktoren auf das Partizipationsverhalten von Kindern und DJI-Kinderpanels nach, dass es einen positiven Zusammenhang
Jugendlichen herausgearbeitet werden.37 Es ließen sich sieben zwischen den Partizipationsmöglichkeiten in Familie und Schule
Faktoren identifizieren, die einen überdurchschnittlich großen gibt. Kinder, die in der Familie mitbestimmen können, nehmen
Beitrag zur Erklärung der Mitwirkung am Wohnort leisten. Zu auch im schulischen Bereich Möglichkeiten der Partizipation
diesen Einflussfaktoren gehören: stärker wahr. Kinder, die in der Familie kaum Mitgestaltungs-
• Partizipationszufriedenheit am Wohnort möglichkeiten vorfinden, berichten auch über stark unterdurch-
• Subjektives Qualifikationsempfinden im Hinblick auf Mitwirkung schnittliche Beteiligungsaktivitäten im schulischen Bereich.
• Partizipationsintensität in der Schule Die Folgerung liegt daher nahe, dass im geschützten Bereich
• Motivation etwas zu verändern der Familie erfahrene und trainierte Möglichkeiten des Gestal-
• Informationsstand bezüglich der Möglichkeiten zur tens bzw. der Mitbestimmung auch das beteiligungsorientierte
Mitwirkung am Wohnort Handeln im schulischen Kontext positiv beeinflussen. Kinder,
Stellungnahme des
• Vereinsmitgliedschaft – insbesondere im Bereich des Sports die in der Familie Erfahrungen mit Beteiligung machen konnten,
Bundesjugendkuratoriums • Partizipationsinteressierter Freundeskreis sind offensichtlich besser in der Lage, Partizipationschancen in
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

20 21

der Schule wahrzunehmen und aktiv aufzugreifen. Ob allerdings


ein solch positiver Zusammenhang zwischen Partizipationserfah- 4.2 Resümee zum Stand der Kinder- und Jugendpartizipation
rungen in der Schule und der Partizipation im politischen Bereich
besteht, ist beim gegenwärtigen Stand der Forschung nicht Aus den empirischen Befunden zur Partizipation von Kindern
sicher festzustellen. Während Westphal u. a.41 einen solchen und Jugendlichen lassen sich folgende Hauptergebnisse ableiten:
Zusammenhang auf der Basis der Daten der EUYOUPART-Studie • Das quantitative Ausmaß und die subjektive Zufriedenheit mit
für Deutschland belegen, kommt Böhm-Kasper42 auf der Basis Partizipationsmöglichkeiten sind ausgerechnet in dem Bereich
eines Jugend-Surveys mit rund 4.700 Schüler/innen im Alter von am größten, der durch politische Maßnahmen und Ange-
13-16 Jahren aus Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt zu bote am wenigsten beeinflusst werden kann: in der Familie.
einer vorsichtigeren Einschätzung: Bei einer insgesamt geringen In allen übrigen Handlungsfeldern und Institutionen, für die
Beteiligungsintensität in der Schule stellt er fest, dass die Partizi- empirische Daten vorliegen, lassen sich ein relativ geringes
pationserfahrungen in der Schule nur einen schwachen Einfluss Partizipationsniveau und eine hiermit verbundene geringe
auf das politische Interesse und das Verhalten der Schüler/innen subjektive Zufriedenheit mit der Relevanz und den Effekten
ausübt, während der Einfluss der Familie und der Gleichaltrigen- dieser Partizipationsangebote feststellen. Kinder und Jugend-
gruppe deutlich stärker ausfällt. Hieraus folgt, dass die oft liche können sich in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld jen-
festgestellte Abhängigkeit politisch relevanter Einstellungen seits der Familie, also vor allem in Schule und Kommune, nur
und Verhaltensformen vom formalen Bildungsniveau nicht auf in äußerst geringem Maße beteiligen bzw. die angebotenen
unterschiedliche schulische Entwicklungsmilieus zurückgeführt formalisierten Verfahren werden als wenig bedeutsam, weil
werden kann, sondern dass vielmehr primäre Ungleichheiten wenig wirkungsvoll (z. B. die Arbeit in den Schüler/innengre-
in der politischen Sozialisation in Familie und Freundeskreis mien etc.), bewertet.43
hierfür verantwortlich zu machen sind. Damit kann die Schule • Diesen relativ geringen und wenig wirkungsvollen Partizipa-
jedoch keineswegs aus ihrer Verantwortung für die Beförderung tionsmöglichkeiten stehen grundsätzlich hohe Bereitschaft
Die Schule kann das politischer Sozialisationsprozesse entlassen werden. Vielmehr ist und Motivation zur Mitwirkung gegenüber. Die meisten
Bildungspotential sozialer anzunehmen, dass die mitunter schwachen Effekte schulischer Kinder- und Jugendstudien lassen eine relativ hohe Bereit-
und politischer Partizipa- Einflüsse auf die politische Partizipation Jugendlicher mit dem schaft von Kindern und Jugendlichen erkennen, sich in ihrem
tion nur erhöhen, wenn geringen Niveau schulischer Partizipationschancen zusammen- Umfeld zu beteiligen.44
sie den Schüler/innen hängen. Die Schule kann also das Bildungspotential im Hinblick • Darüber hinaus ist der Informationsgrad hinsichtlich der
nachhaltige Erfahrungen auf soziale und politische Partizipation nur dann erhöhen, wenn Partizipationsangebote unzureichend. Viele Kinder und
der Partizipation sie den Schüler/innen nachhaltige Erfahrungen der Partizipation Jugendliche kennen die Partizipationschancen und -modelle
ermöglicht. und des demokratischen Umgangs miteinander ermöglicht. (z. B. das örtliche Kinder- und Jugendparlament) nicht und
können schon aus diesem Grund nicht daran teilnehmen.
• Im Hinblick auf das Partizipationsverhalten finden sich die
üblichen sozialstrukturellen Bedingungsfaktoren. Kinder und
Stellungnahme des
Jugendliche, deren Eltern einen hohen formalen Bildungs-
Bundesjugendkuratoriums grad aufweisen, die bereits in ihrer Familie in hohem Maße
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

22 23

mitbestimmen konnten, die einen partizipationsinteressierten Richtet man den Blick auf die Angebotsseite der Partizipation,
Freundeskreis haben und sich in Vereinen und Verbänden or- lässt sich folgendes Resümee ziehen: Der Stand der Entwick-
ganisieren, sind in höherem Maße an Partizipationsprojekten lung ist gekennzeichnet durch »Beteiligungsinseln« und »gute
und -verfahren beteiligt als Kinder und Jugendliche, auf die Praxisbeispiele«, die sich mit ihren positiven Merkmalen und
diese Merkmale nicht zutreffen. partiellen Erfolgen umso schärfer von der »grauen Wirklichkeit«
• Sowohl die Informiertheit als auch das Ausmaß der Partizipa- des Partizipationsgeschehens abheben. Die Mehrzahl der An-
tion sinken, je weiter das entsprechende Partizipationsan- sätze und Verfahren zur Partizipation hat den Status von zeitlich
gebot vom unmittelbaren Lebensumfeld der Kinder und begrenzten Projekten; es fehlt an struktureller Nachhaltigkeit Es fehlt an struktureller
Jugendlichen entfernt ist. Zugleich erreichen Partizipations- und Vernetzung mit anderen Institutionen im kommunalen bzw. Nachhaltigkeit und
angebote, die jenseits der unmittelbaren Lebensvollzüge von überörtlichen Raum. Es handelt sich in der Regel um zusätz- Vernetzung mit anderen
Kindern und Jugendlichen angesiedelt sind, nur spezifische liche Projekte und Angebote, die die Strukturen, Leitbilder und Institutionen im kommu-
Gruppen von Kindern und Jugendlichen, da sie ein höheres Handlungsroutinen in den Regelinstitutionen für Kinder und nalen bzw. überörtlichen
Maß an Eigeninitiative, Motivation und Informiertheit voraus- Jugendliche (Schulen, Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe Raum.
setzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Partizipationsangebote etc.) kaum berühren. Ihr Fortbestand hängt viel zu sehr vom
Kinder und Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft Engagement und Wohlwollen einzelner Erwachsener ab. Ferner
erreichen, erhöht sich also in dem Maße, in dem diese nied- ist es bislang kaum gelungen, benachteiligte bzw. beteiligungs-
rigschwellig ausgestaltet sind und im unmittelbaren Nahbe- ferne Gruppen von Kindern und Jugendlichen zu erreichen.46
reich und den Regelinstitutionen für Kinder und Jugendliche Stattdessen bevorzugen insbesondere an parlamentarischen
angesiedelt sind. Beteiligungsformen orientierte Modelle strukturell ohnehin
• Mögliche Transfereffekte von Partizipationserfahrungen in beteiligungsoffene Gruppen von Kindern und Jugendlichen.
der Biografie, also Einflüsse von Partizipationserfahrungen
und Zufriedenheiten in Familie, Kindertageseinrichtungen,
Schule und Kommune auf das politische Interesse und Verhal- 5. Handlungsempfehlungen
ten in späteren Lebensphasen sind zu vermuten, aber bislang
kaum empirisch nachgewiesen. Da die überwiegende Zahl 5.1 Das Hauptziel: Worum es bei einer Politik
der Untersuchungen auf Querschnittsdaten beruhen, können zur Erweiterung der Partizipationschancen
längsschnittliche Zusammenhänge nicht ausreichend geklärt von Kindern und Jugendlichen geht
werden. Auf der Grundlage retrospektiver Untersuchungen ist
allerdings davon auszugehen, dass intensive und positive Par- Angesichts der skizzierten Diskrepanz zwischen den Interessen
tizipationserfahrungen in früheren Phasen des Lebens auch zu von Kindern und Jugendlichen, sich an den sie betreffenden
einer höheren politischen Beteiligungsbereitschaft in späteren Angelegenheiten zu beteiligen einerseits und den unzurei-
Lebensphasen beitragen.45 chenden Beteiligungschancen andererseits, angesichts der hohen
Bedeutung von Partizipation für die Integration von Kindern und
Stellungnahme des
Jugendlichen in die demokratische Gesellschaft und der positiven
Bundesjugendkuratoriums Effekte, die echte Beteiligungschancen für die Herausbildung
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

24 25

von demokratischen Handlungskompetenzen aufweisen, schlägt


das BJK grundsätzlich vor, sich bei der Weiterentwicklung von 5.2 Empfehlungen für die alltägliche Lebenswelt
Partizipationschancen für Kinder und Jugendliche an folgenden von Kindern und Jugendlichen
übergreifenden Hauptzielen zu orientieren:
Zentrales Ziel ist es, • Ziel aller Anstrengungen und Maßnahmen zur Erweiterung Partizipation in weiteren Einrichtungen und Diensten
Partizipation als der Partizipationschancen von Kindern und Jugendlichen der Kinder- und Jugendhilfe sowie in Schulen
Bestandteil der Lebens- muss es sein, Kinder- und Jugendbeteiligung von Anfang an Institutionen wie Kindertageseinrichtungen und Schulen, aber Um allen Kindern und
welt zu etablieren. in allen Lebensbereichen und Handlungsfeldern als struktu- auch weitere Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, prägen Jugendlichen nachhaltige
rellen Bestandteil der Lebenswelt von Kindern und Jugend- und gestalten wesentliche Teile des alltäglichen Lebens von Erfahrungen mit Partizi-
lichen zu etablieren. Partizipation ist kein beliebiges Element jungen Menschen. Wenn möglichst alle Kinder und Jugendlichen pation zu ermöglichen,
in der Politik für Kinder und Jugendliche neben vielen ande- – unabhängig von sozialer Herkunft, Ethnie, Geschlecht, Region muss Partizipation als
ren, sondern ein konstitutiver Bestandteil der demokratischen und Alter – nachhaltige Erfahrungen mit Partizipation machen struktureller Bestandteil
Kultur der Bundesrepublik Deutschland. können sollen, dann muss Partizipation als struktureller Bestand- in relevanten Institutionen
• Vor dem Hintergrund der Vielzahl von Modellprojekten und teil in diesen Institutionen verankert werden. Auf der Grundlage verankert werden.
Good-Practice-Beispielen sieht das BJK die entscheidende der Erfahrungen von Modellprojekten, wie »Die Kinderstube der
Herausforderung für die Zukunft vor allem darin, das Demokratie«47, dem BLK-Programm »Demokratie lernen und
übergreifende Ziel der Verankerung von Partizipation in den leben«48, sowie aus dem Bereich der Heimerziehung lassen sich
Strukturen für Kinder und Jugendliche über modellhafte die folgenden Empfehlungen für eine Verankerung von Partizi-
Erprobungen hinaus in der Fläche zu realisieren. Hierzu pation als Qualitätsstandard formulieren:
bedarf es einer abgestimmten Gesamtstrategie zwischen • Um Partizipation zu einem strukturellen Element in pädago-
Einrichtungen und Diensten, Kommunen, Ländern, Bund und gischen Einrichtungen zu entwickeln, muss diese als Bestand-
EU. Das BJK fordert daher die genannten Akteure dazu auf, teil der gesamten Organisationsgestaltung betrachtet werden.
gemeinsam eine übergreifende Partizipationsstrategie zu ver- Es geht sowohl um die Entwicklung einer partizipativen
einbaren und einen Zeitplan für die Umsetzung von Teilzielen Organisationskultur als auch um die Etablierung strukturell
festzulegen. Ohne ein solches abgestimmtes, strategisches verankerter Partizipationsverfahren und -gremien.
Verfahren wird es keinen nachhaltigen und flächendeckenden • Nicht nur formale Partizipationsgremien und Abläufe sind
Fortschritt im Hinblick auf die Partizipationsinfrastruktur für bedeutsam für die Verankerung von Partizipation. Gleicher-
Kinder und Jugendliche geben. maßen maßgeblich für die eingeräumten Partizipations-
• Ein zentrales Kriterium für die Qualität von Partizipation chancen ist das Erziehungs- bzw. Bildungskonzept einer
besteht darin, benachteiligte Kinder und Jugendliche in Be- Einrichtung.49 Dabei wird die Kultur einer Einrichtung durch
teiligungsprozesse einzubeziehen und ihnen die Chance zur ihr (nicht nur proklamiertes, sondern auch gelebtes) Leitbild,
tatsächlichen Partizipation zu eröffnen. Denn für diese Kinder ihr pädagogisches Konzept sowie durch die bei den päda-
und Jugendlichen ist die Erfahrung der Selbstwirksamkeit gogischen Mitarbeiter/innen vorherrschenden Haltungen,
Stellungnahme des
besonders wichtig und ihre Identifikation mit einem demokra- Normen und Werte getragen. Partizipation als strukturelles
Bundesjugendkuratoriums tischen Gemeinwesen von besonderer Bedeutung. Element muss im pädagogischen Konzept und im Programm
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

26 27

einer pädagogischen Einrichtung aufgenommen sowie durch der Kinder- und Jugendhilfe) einbezieht, dann entstehen
entsprechende partizipationsbezogene Haltungen und Hand- weitergehende, wertvolle Partizipationserfahrungen.
lungsorientierungen im Team gestärkt werden. In gemeinwesenorientierten Projekten mit Ernstcharakter
• Gestützt werden diese Einstellungen, Normen und Hal- sind Kinder und Jugendliche aufgefordert, sich an realen
tungen durch eine formale Struktur der Einrichtung, bei Problemlösungen im Stadtteil zu beteiligen. Kinder und
der Partizipation ein wesentlicher Bestandteil der Auf- Jugendliche müssen ihre eigenen Anliegen und Bedürfnisse
bau-, Aufgaben- und Ablauforganisation ist. Was dies im artikulieren, überschneidende Interessenlagen in Auseinan-
Einzelnen bedeutet, kann in den jeweiligen Einrichtungen dersetzungsprozessen herausfinden und gemeinsame
unterschiedlich sein. Aber überall muss in transparenter Kooperationsprojekte verabreden. Die Öffnung gegenüber
Weise geklärt werden, bei welchen Themenbereichen dem Gemeinwesen erweitert also den partizipationsbezo-
Kinder und Jugendliche mitbestimmen können und bei genen Erfahrungsraum und überwindet die Isolation der
welchen nicht. Nur wenn Partizipation auf diese Weise einzelnen pädagogischen Einrichtungen. Insbesondere Schu-
strukturell verankert ist, können Kinder und Jugendliche ihre len mit ganztägigen Angeboten bieten hier mehr Raum und
Mitentscheidungsrechte unabhängig von der Befindlichkeit Zeit für solche Kooperationsprojekte und reale Partizipati-
und dem Wohlwollen der Erwachsenen wahrnehmen. Es onserfahrungen, die konsequent genutzt werden sollten.
ist empfehlenswert, diese Themenbereiche gemeinsam mit • Im Rahmen von partizipationsbezogenen Organisations-
den Kindern und Jugendlichen auszuhandeln. In jedem Fall entwicklungsprozessen müssen pädagogische Mitarbeiter/
müssen sie über die Ergebnisse informiert werden, um die innen zwar Macht mit den Kindern und Jugendlichen teilen,
Partizipationsmöglichkeiten in einer Einrichtung so transpa- sie werden deshalb aber noch lange nicht ohnmächtig.
rent wie möglich zu machen. Erst auf der Grundlage einer Machtunterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen und
partizipationsorientierten Organisationskultur und einer professionellen Pädagog/innen (Erwachsenen) sind nicht nur
partizipationsorientierten pädagogischen Haltung der Mitar- unvermeidbar, sondern auch erforderlich. Dies bedeutet,
beiter/innen können formalisierte Beteiligungsgremien (wie dass die professionellen Pädagog/innen ihre Machtmittel
Delegierte aus einer Kindergruppe, Schülersprecher, Heim- und ihren Wissens- und Erfahrungsvorsprung konsequent
beirat etc.) echte Partizipationschancen eröffnen. Wichtig im Interesse von Kindern und Jugendlichen einsetzen.
ist, dass neben der Arbeit der formalisierten Mitentschei- • Partizipation von Kindern und Jugendlichen kann nur in
dungsgremien weitere partizipationsorientierte Projekte und solchen pädagogischen Einrichtungen gestärkt werden,
Aktionen im Alltag der Einrichtung realisiert werden. die selbst über Entscheidungsbefugnisse verfügen und in-
• Als ein wesentliches Element einer partizipationsorientierten sofern sowohl der Einrichtungsleitung als auch den päda-
Organisationsentwicklung erweist sich die Öffnung der je- gogischen Mitarbeiter/innen Partizipationschancen ermög-
weiligen Einrichtung gegenüber dem Gemeinwesen.50 Wenn lichen. Zugleich sind Kindertageseinrichtungen, Schulen
diese Öffnung der Einrichtung nicht nur die Kooperations- und stationäre Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe
chancen der Hauptamtlichen (Erzieher/innen, Lehrkräfte keine autonomen Gebilde, sondern selbst wiederum in
Stellungnahme des
etc.) erweitert, sondern auch die jeweiligen Adressat/innen Entscheidungshierarchien eingebunden (Trägerabhängig-
Bundesjugendkuratoriums (Kinder, Schüler/innen, junge Menschen in einer Einrichtung keit, Schulaufsicht der Kultusministerien der Länder etc.).
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

28 29

Der Spielraum für das Einräumen von Partizipationsrechten Bausteine einer solchen Strategie51 sind u. a.:
erhöht sich mit dem Grad der Autonomie der einzelnen • Zusicherung der politischen Unterstützung einer kommunalen Das BJK empfiehlt,
pädagogischen Einrichtung und dem Grad der Partizipation Partizipationsstrategie durch die politisch verantwortliche Partizipation für Kinder
von Mitarbeitern. Spitze (Bürgermeister/in, Oberbürgermeister/in etc.) und und Jugendliche mög-
• Als ein wesentliches Element einer partizipationsorientierten Absicherung durch Ratsbeschluss lichst umfassend in den
Organisationsentwicklung in pädagogischen Einrichtungen • Entwicklung einer strategischen Konzeption und Planung kommunalen Strukturen
hat sich die Herausbildung einer partizipationsorientierten zentraler Maßnahmen und Institutionen zu
Grundhaltung erwiesen. Dabei wird der Umgang mit • Verankerung von Partizipation als Querschnittsaufgabe verankern.
Kindern und Jugendlichen in hohem Maße durch biogra- • Entwicklung von Netzwerken öffentlicher und
fisch erworbene Bilder hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen zivilgesellschaftlicher Akteure
Position geprägt. Junge Menschen müssen von Beginn an • Entwicklung einer Vielfalt von Beteiligungsformen
als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft, als Subjekte mit • Bereitstellung von Fort- und Weiterbildungsangeboten
prinzipieller Handlungsbefähigung sowie eigenständigen sowohl für Erwachsene und Fachkräfte als auch für
Sichtweisen und Bedürfnissen anerkannt werden. Auf dieser Kinder und Jugendliche52
Grundlage kann Bildung als aktive Auseinandersetzung • Herstellung von Transparenz über Beteiligungsangebote und
mit sich und der Welt sowie als Prozess des Selbst-Lernens, Sicherstellung des Erfahrungssaustausches
der selbstgesteuerten Auseinandersetzung mit der Umwelt • Gezielte Ansprache benachteiligter junger Menschen durch
verstanden werden. Bildung setzt daher Partizipation voraus niedrigschwellige und begleitende Partizipationsangebote
ebenso wie Partizipation Bildung befördert. Auf der Grund- • Einbezug von Schulen und weiteren Bildungseinrichtungen
lage eines solchen subjektorientierten Bildungsverständ- in die Entwicklung kommunaler Partizipationsprojekte
nisses begegnen Pädagog/innen Kindern und Jugendlichen • Qualifizierung und Begleitung lokaler Akteure
mit Respekt, entwickeln ihnen gegenüber eine Grundhal- • Evaluation der Wirksamkeit von Maßnahmen und Projekten
tung der Anerkennung und Wertschätzung und berücksich- der Partizipation
tigen die von ihnen geäußerten Interessen und Bedürfnisse
in ihrer pädagogischen Arbeit.
5.3 Empfehlungen für die Länder-, Bundes- und EU-Ebene
Empfehlungen für die kommunale Ebene
Wie bereits in Kapitel 4 erläutert, sind die Beteiligungsangebote Empfehlungen für die Länderebene
äußerst lückenhaft, zeitlich befristet und strukturell nicht nach- Da die Entwicklungen der Kinder- und Jugendbeteiligung bislang
haltig. Das BJK empfiehlt den Kommunen und Gemeinden, Parti- höchst unterschiedlich und uneinheitlich verlaufen sind und die
zipation für Kinder und Jugendliche möglichst umfassend in den Entstehung und Aufrechterhaltung von Partizipationsmodellen
kommunalen Strukturen und Institutionen zu verankern und die und -verfahren direkt vom Engagement und Wohlwollen be-
erfolgversprechenden Maßnahmen regelmäßig zu überprüfen. teiligter Entscheidungsträger/innen in Einrichtungen sowie kom-
Stellungnahme des
Die Förderung von Partizipation muss als eine bewusst geplante munaler Politik und Verwaltung abhängen, kommt der Länder-
Bundesjugendkuratoriums Strategie entwickelt werden. ebene bei der Weiterentwicklung eine wesentliche Bedeutung zu
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

30 31

(vgl. Kap. 4.2). Die Länder können einen wichtigen Beitrag zur in den Curricula verbindlich machen können. Programme
Der Länderebene kommt Verstetigung und flächendeckenden Umsetzung von Angeboten der Schulentwicklung, bei denen Partizipation und demokra-
bei der Weiterentwick- und Verfahren der Kinder- und Jugendbeteiligung leisten. tische Schulkultur im Mittelpunkt stehen, sollten bevorzugt
lung von Partizipations- durch die Landeskultusministerien gefördert werden. Dabei
modellen und Das BJK fordert deshalb die zuständigen Ministerien auf können sich die Kultusministerien den Gedanken zu Nutze
-verfahren eine wesent- Länderebene auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um machen, dass Partizipation eine wichtige Voraussetzung für
liche Bedeutung zu. Kinder- und Jugendbeteiligung in ihrem jeweiligen regionalen erfolgreiche (Selbst-)Bildungsprozesse ist. Die Umsetzung
Zuständigkeitsbereich nachhaltig, flächendeckend und wirkungs- des Bildungsauftrages, wie er in den Landesschulgesetzen
voll weiterzuentwickeln. Hierzu gehören insbesondere folgende normativ verankert ist, umfasst mehr als die kognitive Bil-
Einzelmaßnahmen: dung; mindestens ebenso wichtig sind soziale und politische
• Für den frühkindlichen Bereich sind die Bundesländer Kompetenzbildungsprozesse. Die Umsetzung des Rechtes auf
aufgefordert, Beteiligung als ein strukturelles Element in allen Beteiligung und Verwirklichung von Demokratielernen ist in
Bildungs- und Erziehungsplänen zu verankern. Die Bundes- Schulen nur möglich, wenn sie sowohl Lernorte als auch Orte
länder sollten Verfahren und Instrumente entwickeln und der Demokratie werden. Die Arbeit mit Medien, wie Schüler-
einsetzen, mit deren Hilfe die Regelungen zu den Erziehungs- zeitungen und Schülerfernsehen ist neben unterrichtlichen
und Bildungsplänen umfassend in der Praxis der Einrich- und außerschulischen Partizipationsaktivitäten besonders zu
tungen realisiert werden. Das BJK schlägt vor, entsprechende fördern.
Instrumente – wie regelmäßige Berichterstattung über die • Für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe ermutigt das BJK
Umsetzung der Bildungspläne, Wettbewerbe, Auszeichnung die Länder, in allen Förderrichtlinien und Zuwendungsver-
von »Best-Practice-Modellen« etc. – zu entwickeln und zu trägen mit Trägern der Kinder- und Jugendhilfe bzw. der
erproben. Ein wirksames Instrument könnte darin bestehen, außerschulischen Jugendbildung Partizipation als integrierten
Beteiligung von Kindern als ein Qualitätskriterium in die För- Bestandteil festzuschreiben. Es sollten keine Maßnahme,
derrichtlinien zu integrieren, so dass über diesen Weg partizi- keine Einrichtung und kein Programm gefördert werden, in
pationsorientierte pädagogische Konzepte und Einrichtungs- denen nicht Kinder- und Jugendbeteiligung systematisch ein-
leitbilder verbindlich gemacht werden können. Allerdings sind bezogen wird. Auch nicht organisierte junge Menschen bzw.
nicht nur »Best-Practice-Modelle« für die Praxis interessant, nicht über die Kinder- und Jugendhilfe gesteuerte Initiativen
sondern insbesondere auch das Aufzeigen der Stolpersteine sollten im Hinblick auf Partizipationsförderung unterstützt
wichtig, damit gemachte Fehler nicht wiederholt werden. werden. In allen Bereichen sollte durch regelmäßig stattfin-
• Für den Bereich der Schulen ermutigt das BJK die Länder, dende Evaluationen überprüft werden, inwiefern Beteiligung
Partizipation und die Entwicklung einer demokratischen tatsächlich in den jeweiligen Einrichtungen und Strukturen
Schulkultur als Bildungsziel in den Kanon der nationalen ermöglicht und gelebt wird.
Bildungsstandards und der Curricula für die einzelnen Schul- • Auch in ihrer Rolle als Landesgesetzgeber können die Länder
formen aufzunehmen. Darüber hinaus sollten die Länder die Rahmenbedingungen für Kinder- und Jugendbeteiligung
Stellungnahme des
prüfen, ob sie – ähnlich wie in dem Modellprojekt »TOP verbessern. So sind etwa Kinder- und Jugendbeteiligungs-
Bundesjugendkuratoriums SE«53 in Baden-Württemberg – Formen des Service-Learning rechte in einigen Gemeindeordnungen bzw. Kommunal-
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

32 33

verfassungen (Schleswig-Holstein, Berlin, Hamburg, Rhein- umgesetzt werden, sollten diese Initiativen und Aktivitäten
land-Pfalz, Niedersachsen und Saarland) festgehalten. Am nicht »top-down« gestaltet, sondern vielmehr in einem unter-
weitreichendsten sind diese Partizipationsmöglichkeiten in der stützenden und konsensualen Stil umgesetzt werden. Das BJK
Gemeindeordnung des Landes Schleswig-Holstein (speziell unterstützt zudem ausdrücklich die Praxis des Bundesjugend-
nach § 47f) sowie in Baden-Württemberg (nach § 41a) veran- ministeriums, entsprechende Projekte zu evaluieren, um die
kert. Obwohl die rechtliche Absicherung von Kinder- und Ju- Resonanz, die Wirkungen und die Qualität dieser Maßnahmen
gendbeteiligung auf dieser Ebene nicht als alleiniger Schlüssel zu überprüfen.
für eine Ausweitung von Partizipationsmöglichkeiten angese- Das BJK empfiehlt daher der Bundesregierung, einen möglichen Das BJK empfiehlt, einen
hen werden kann, haben die Erfahrungen gezeigt, dass das Prozess der Entwicklung von verbindlichen Qualitätsstandards möglichen Prozess der
Bekenntnis des Gesetzgebers zur Bedeutung von Kinder- und – wie er im Nationalen Aktionsplan angekündigt wird – als ein Entwicklung von verbind-
Jugendpartizipation entsprechende Aktivitäten auf kommu- partizipationsorientiertes Verfahren durchzuführen, bei dem sich lichen Qualitätsstandards
naler Ebene ermutigt und unterstützt. Das BJK rät daher den vor allem die Entscheidungsträger der Länder, der kommunalen als ein partizipations-
Ländern, Möglichkeiten einer verstärkten Verankerung von Ebene sowie der wichtigsten Einrichtungsträger – unterstützt orientiertes Verfahren
Kinder- und Jugendbeteiligungsrechten in der Kommunalver- durch Kinder und Jugendliche sowie Expert/innen aus der durchzuführen.
fassung bzw. in den Gemeindeordnungen zu prüfen. Wissenschaft – auf verbindliche Qualitätsstandards verstän-
digen und im Sinne von Selbstverpflichtungserklärungen die
Empfehlungen für die Bundesebene Verantwortung dafür übernehmen, so dass diese Standards in
Auf bundespolitischer Auch auf bundespolitischer Ebene sind die Rahmenbedingungen ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich umgesetzt werden. Der
Ebene kann Partizipation für Kinder- und Jugendpartizipation nachhaltig zu verbessern. entscheidende Handlungsbedarf liegt weniger in der Entwick-
vor allem als strukturelles Hierzu stehen der Bundespolitik und dem zuständigen Ministe- lung einer weiteren Liste von Qualitätsstandards als vielmehr in
Element in die Maßnah- rium unterschiedliche Instrumente zur Verfügung. Über die viel ihrer verbindlichen Verallgemeinerung und Umsetzung. Ferner
men und Programme kritisierte Verengung der Aktivitäten auf Modellprojekte hinaus sollte durch eine angemessene und kontinuierliche Förderung
nach dem Kinder- und können z. B. Verfahren der Partizipation erprobt, eigene Partizi- der Kinder- und Jugendverbände sichergestellt werden, dass
Jugendplan verankert pationsaktivitäten entwickelt sowie vor allem auch Partizipation die eigene Interessenvertretung von Kindern und Jugendlichen
werden. als strukturelles Element in die Maßnahmen und Programme durch ihre Verbände gewährleistet und die partizipative Praxis
nach dem Kinder- und Jugendplan des Bundes verankert und auf eine stabile finanzielle Basis gestellt wird. Anzuerkennen ist
Partizipation damit zum strukturellen Bestandteil der Förder- zudem, dass nicht alle Kinder und Jugendliche sich von Jugend-
praxis werden. verbänden vertreten fühlen; daher sind auch selbst organisierte
Obwohl die Bundesebene im Wesentlichen nur Rahmenbedin- und kurzfristige Initiativen von und für Kinder und Jugendliche
gungen setzen kann – die überwiegende Mehrheit der Partizipa- gleichwertig zu betrachten und (in der Regel auf der örtlichen
tionsaktivitäten findet auf örtlicher Ebene statt –, kann der Bund Ebene) zu fördern.
die Aktivitäten, Programme und Maßnahmen auf Länder- und
kommunaler Ebene unterstützen sowie ergänzend eigene Maß- Das BJK begrüßt die unterschiedlichen Initiativen, die die Bun-
Stellungnahme des
nahmen (Modellprojekte etc.) entwickeln. Soweit Empfehlungen desregierung und das zuständige Ministerium bislang ergriffen
Bundesjugendkuratoriums und Anstöße für die anderen föderalen Ebenen formuliert und bzw. für die Zukunft geplant haben, um Kinder und Jugend-
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

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liche sowie Erwachsene umfassend über Beteiligungsrechte zu der »European Active Citizenship« konzeptionell zu schär-
informieren. Die Transparenz über die Rechte sowohl bei den fen, indem das Verhältnis zwischen partikularen kulturellen
Kindern und Jugendlichen selbst als auch bei Erwachsenen ist die Identitäten und Gruppenzugehörigkeiten und dem Leitbild
Voraussetzung für ihre Realisierung. Insofern sollten die entspre- einer europäischen Bürgerschaft stärker berücksichtigt wird.
chenden Aktivitäten und Initiativen beibehalten und gegebenen- Dabei gilt es insbesondere zu klären, inwieweit gerade die
falls weiterentwickelt werden. Orientierung an partikularen Identitäten (wie ethnische Zuge-
hörigkeit, Geschlecht, regionale Herkunft) kulturelle Ressourcen
Empfehlungen für die Europäische Ebene für Partizipation darstellen und inwiefern die Orientierung an
Das BJK fordert, den Das BJK begrüßt grundsätzlich die Orientierung europäischer einem übergreifenden Konzept europäischer Staatsbürgerschaft
Strukturierten Dialog Jugendprogramme und Dialogformen am Thema und Prinzip beteiligungsorientiertes Handeln auf der Ebene der EU motiviert.
so auszugestalten, der Partizipation. Das BJK fordert sowohl die Europäische Darüber hinaus wäre es für den Erfolg der künftigen europä-
dass seine Nachhaltig- Kommission als auch die nationalen Akteure – wie BMFSFJ, ischen Zusammenarbeit sehr wichtig, Transfer- und Verknüp-
keit, Transparenz und Nationalagentur, Jugendverbände etc. – auf, den Strukturierten fungsformen zwischen der europäischen, der nationalstaatlichen Für den Erfolg der
partizipative Orientierung Dialog so auszugestalten, dass seine Nachhaltigkeit, Transpa- und der regionalen Ebene zu finden, beispielsweise durch kon- künftigen europäischen
gestärkt werden. renz und partizipative Orientierung gestärkt werden. Hierzu krete Fragestellungen und Praxisaustausche. Das BJK fordert die Zusammenarbeit wäre
gehört nicht nur eine sorgfältige Vor- und Nachbereitung der so nationalen Akteure im Rahmen des Strukturierten Dialogs auf, es wichtig, Transfer- und
genannten Jugendevents und anderer Aktivitäten im Rahmen partnerschaftlich zusammen zu arbeiten und sowohl organisierte Verknüpfungsformen
des Strukturierten Dialogs, sondern vor allem auch eine gründ- als auch nicht organisierte junge Menschen in diesen Prozess zwischen den verschie-
liche Information der beteiligten jungen Menschen über dessen einzubeziehen. denen Ebenen zu finden.
Ziele und Umsetzungsmodalitäten. Wenn das Instrument des
Strukturierten Dialogs tatsächlich ein erfolgreiches Mittel sein Dr. Claudia Lücking-Michel
soll, um junge Menschen aktiv an europäischer Jugendpolitik zu Vorsitzende des Bundesjugendkuratoriums
beteiligen, dann müsste dieser Prozess nicht als kurzfristige Maß-
nahme, sondern als regelmäßiger Konsultationsprozess ausge-
staltet werden. Darüber hinaus ist zu fordern, dass der informell
organisierte Strukturierte Dialog auch auf nicht verbandlich
organisierte Strukturen ausgeweitet und durch formale Mitbe-
stimmungs- und Mitentscheidungsregelungen für ausgewählte
thematische Bereiche der Jugendpolitik ergänzt wird. Ferner
ist es zu begrüßen, dass sich die EU zur gezielten Förderung
von jungen Menschen mit Benachteiligungen in JUGEND IN
AKTION klar positioniert und weitergehende Maßnahmen und
Programmteile für dieses Ziel reserviert. Eine Fortführung und
Stellungnahme des
Weiterentwicklung dieser Prioritätensetzung ist zu unterstützen.
Bundesjugendkuratoriums Das BJK empfiehlt der Europäischen Kommission, das Konzept
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

36 37

Endnoten

1
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.) 11
Vgl. Olk, Thomas / Roth, Roland (2007): Mehr Partizipation wagen.
(2006): Nationaler Aktionsplan. Für ein kindergerechtes Deutschland 2005 – Argumente für eine verstärkte Partizipation von Kindern und Jugendlichen.
2010. Berlin Bertelsmann Stiftung (Hrsg.). Gütersloh
2
Vgl. Bundesjugendkuratorium (BJK) (2001): Direkte Beteiligung von Kindern 12
Vgl. Fußnote 2, ebd.
und Jugendlichen. Bonn. Zu finden unter: 13
Lansdown, Gerison (2005): The Evolving Capacities of the Child. UNICEF
www.bundesjugendkuratorium.de/positionen.html (28.06.2009) Innocenti Research Centre (Hrsg.). Florenz
3
Vgl. BMFSFJ (Hrsg.) (2008): Übereinkommen über die Rechte des Kindes. 14
Vgl. Fußnote 9, ebd.
UN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut mit Materialien. Berlin 15
Fatke, Reinhard / Schneider, Helmut (2005): Kinder- und Jugendpartizipa-
4
Fatke setzt in seinem Definitionsversuch bei der Wortbedeutung an. Partizipa- tion in Deutschland. Daten, Fakten, Perspektiven. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.).
tion entstand aus dem lateinischen »partem carpere«, was wörtlich »einen Teil Gütersloh
(weg-)nehmen« bedeutet (vgl. Fatke, Reinhard (2007): Kinder- und Jugendparti- 16
Vgl. Zinnecker, Jürgen (2000): Selbstsozialisation. Essay über ein aktuelles
zipation im wissenschaftlichen Diskurs. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kinder- Konzept. In: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation (ZSE),
und Jugendbeteiligung in Deutschland. Entwicklungsstand und Handlungs- 20. Jg., Heft 3, S. 272-290. Neuere Konzepte der frühkindlichen Bildung betonen
ansätze. Gütersloh, S. 19-38, S. 23 ff.). ebenfalls die Bedeutung von Partizipation für das Gelingen frühkindlicher
5
Vgl. Hart, Roger (1997): Children’s Participation. The Theory and Practice of Bildungsprozesse (vgl. Knauer, Raingard (2008): Partizipation in Kindertages-
Involving Young Citizens in Community Development and Environmental Care. einrichtungen. Die Kinderstube der Demokratie. Vortragsmanuskript einer
Sterling; Schröder, Richard (1995): Kinder reden mit! Beteiligung an Politik, Anhörung des BJK zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen im September
Stadtplanung und -gestaltung. Weinheim 2008. Berlin / München).
6
Vgl. Fußnote 5, Unterscheidung von Schröder 1995, S. 16 ff. 17
Vgl. Roth, Roland (2008): Einführungsvortrag zur Partizipation von Kindern und
7
Vgl. Fußnote 4, ebd., S. 26 Jugendlichen – Begründungen, Widerstände und Handlungsansätze. Vortrags-
8
Westle, Bettina (1994): Politische Partizipation. In: Gabriel, Oscar W. / Brett- manuskript einer Anhörung des BJK zur Partizipation von Kindern und Jugend-
schneider, Frank (Hrsg.): Die EU-Staaten im Vergleich. Strukturen, Prozesse, lichen im September 2008. Berlin / München
Politikinhalte. Opladen, S. 137-173 18
Vgl. Fußnote 3, ebd.
9
Vgl. die Position zur Herabsenkung des Wahlalters in der Stellungnahme 19
Abgesehen von deskriptiven Erhebungen über Partizipationsangebote auf
des BJK (2009): Zur Neupositionierung von Jugendpolitik: Notwendigkeit und kommunaler Ebene und über die quantitative Verbreitung von Partizipations-
Stolpersteine. Stellungnahme des BJK. München, S. 41 aktivitäten von Kindern und Jugendlichen fehlt es insbesondere an tiefer
10
Stange, Waldemar / Tiemann, Dieter (1999): Alltagsdemokratie und Parti- gehenden empirischen Analysen zu den Bedingungsfaktoren von Partizipation,
zipation: Kinder vertreten ihre Interessen in der Kindertagesstätte, Schule, zu möglichen Wechselwirkungen von Partizipationserfahrungen in unterschied-
Jugendarbeit und Kommune. In: Sachverständigenkommission Zehnter Kinder- lichen Lebensbereichen und Handlungsfeldern sowie zu den sozialisatorischen
und Jugendbericht (Hrsg.): Materialien zum Zehnten Kinder- und Jugendbericht. Wirkungen unterschiedlicher Partizipationsformen.
Band 3: Kulturelle und politische Partizipation von Kindern. Interessenvertretung 20
Die bislang umfassendste Studie zur Partizipationssituation junger Menschen in
Stellungnahme des
Bundesjugendkuratoriums und Kulturarbeit für und durch Kinder. München, S. 211-331 Deutschland hat die Bertelsmann Stiftung im Jahr 2004 durchgeführt. In dieser
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

38 39

Studie wurden, verteilt über alle Städtegrößen und Bundesländer, 42 Kommunen Vision Kinderstudie. Frankfurt / Main, S. 136
ausgewählt, in denen gut 12.000 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 25
Vgl. Weber, Christoph / Winklhofer, Ursula / Bacher, Johann (2008): Partizipa-
Jahren nach ihren Erfahrungen mit Partizipation in Familie, Schule, Freizeit und tion von Kindern in der Grund- und Sekundarschule. In: Alt, Christian (Hrsg.):
Kommune befragt wurden. Gleichzeitig wurden die Verwaltungen dieser Kom- Kinderleben – Individuelle Entwicklungen in sozialen Kontexten. Band 5: Persön-
munen nach bestimmten Strukturdaten und Partizipationsangeboten untersucht. lichkeitsstrukturen und ihre Folgen. Wiesbaden, S. 317-343; Quellenberg, Holger
Hinzu kam eine Befragung von rund 630 Lehrkräften und 422 Schulleiter/innen (2009): Partizipation von Kindern in Familie und Schule – Eine Reanalyse des DJI-
derjenigen Schulen, aus denen die Schüler/innen befragt wurden. Kinderpanels. In: Betz, Tanja / Gaiser, Wolfgang / Pluto, Liane (Hrsg.): Partizipation
21
Drei Viertel der Befragten 12- bis 18-Jährigen gaben an, viel oder sehr viel zu von Kindern und Jugendlichen. Forschungsergebnisse und gesellschaftliche
Hause mitbestimmen zu können. Von den 18 vorgegebenen Themen konnten Herausforderungen. Schwalbach (im Druck)
die Kinder und Jugendlichen im Durchschnitt bei gut vier Fünfteln mitbestimmen 26
Vgl. Wolff, Mechthild / Hartig, Sabine (2006): Beteiligung von Kindern und
(Fatke, Reinhard / Schneider, Helmut (2007): Die Beteiligung junger Menschen in Jugendlichen in der Heimerziehung. Empfehlungen des Projektes »Beteiligung –
Familie, Schule und am Wohnort. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kinder- und Qualitätsstandard für Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung«. Sozialpä-
Jugendbeteiligung in Deutschland. Entwicklungsstand und Handlungsansätze. dagogisches Institut im SOS-Kinderdorf e. V. (Hrsg.). München; Abeling, Melanie
Gütersloh, S. 59-84, S. 61 ff.). u. a. (2003): Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe. In: Sachverständigen-
22
Etwa zwei Drittel der Befragten 9- und 10-jährigen Kinder gaben an, dass die kommission Elfter Kinder- und Jugendbericht (Hrsg.): Materialien zum Elften
Mutter sie häufig oder sehr oft nach ihrer Meinung fragt, bevor sie Dinge ent- Kinder- und Jugendbericht. Band 2: Kinder- und Jugendhilfe im Reformprozess.
scheidet, die das Kind betreffen. Jedes vierte Kind (26%) wird manchmal gefragt München, S. 225-308; Kriener, Martina (2005): Erziehung braucht eine Kultur der
und nur knapp 10% der Kinder geben an, selten oder nie nach ihrer Meinung Partizipation. Ein Modellprojekt zur Sicherung von Partizipation in Einrichtungen
gefragt zu werden. Väter gewähren dagegen ihren Kindern nicht ganz so häufig der Erziehungshilfe. In: Dialog Erziehungshilfe, Heft 3, S. 19-28
Möglichkeiten der Mitsprache (vgl. Alt, Christian / Teubner, Markus / Winklhofer, 27
Pluto, Liane (2007): Partizipation in den Hilfen zu Erziehung. Eine empirische
Ursula (2005): Partizipation in Familie und Schule – Übungsfeld der Demokratie. Studie. München
In: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), Heft 41, S. 24-31). 28
Vgl. Fußnote 27, ebd., S. 12
23
Die überwiegende Mehrheit der Befragten gab an, sich an unterschiedlichen 29
Als Abwehrmuster wurden die folgenden herausgestellt: »Partizipation hat
Aspekten der Gestaltung des Schullebens beteiligen zu können (Ausflüge, Schulver- ihre Grenzen«, »Bedrohung der eigenen Fachlichkeit« und »Beteiligung ist zum
anstaltungen, Ausgestaltungen der Schule, Projekttage etc.), allerdings werden die Scheitern verurteilt« (vgl. Fußnote 27, ebd., S. 79 ff.).
Beteiligungschancen in den »harten Bereichen« des schulischen Alltags, nämlich 30
Vgl. Fußnote 27, ebd., S. 168 ff.
der Schülergremienarbeit und der Partizipation im Unterricht deutlich schlechter 31
Vgl. Fußnote 27, ebd., S. 272
eingeschätzt. So besitzt lediglich bei gut einem Drittel der Befragten die Schüler- 32
Vgl. Fußnote 27, ebd., S. 203 ff.
vertretung eine große Bedeutung. Zudem nehmen Effektivität und Bedeutung der 33
Bruner, Claudia F. u. a. (1999): Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der
Schülergremienarbeit mit zunehmendem Alter kontinuierlich ab (vgl. Schmidt, Ralf Kommune. Ergebnisse einer bundesweiten Erhebung. BMFSFJ (Hrsg.). München
(2002): Schülerpartizipation im Schulleben und Unterricht. In: Krüger, Heinz- 34
Ca. zwei Drittel der Kommunen bieten projektorientierte Formen (1998: 70%,
Hermann u. a. (Hrsg.): Jugend und Demokratie – Politische Bildung auf dem 2004: 66%) an, während repräsentative Formen zugelegt haben (1998: 20%,
Prüfstand. Eine quantitative und qualitative Studie aus Sachsen-Anhalt. Band 18: 2004: 25%). Offene Formen wurden 1998 in gut einem Drittel der Kommunen
Studien zur Schul- und Bildungsforschung. Opladen, S. 103-114). (35%) angeboten. Nach den Befunden der Bertelsmann Stiftung (vgl. Fußnote 20,
Stellungnahme des
Bundesjugendkuratoriums 24
World Vision Deutschland (Hrsg.) (2007): Kinder in Deutschland 2007. 1. World ebd.) boten im Jahre 2004 23% der Städte ein Forum für Kinder und Jugendliche,
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

40 41

weitere 12% »runde Tische« und 6% Stadtteilräte, so dass insgesamt ca. 38% zur subjektiven Zufriedenheit mit den Partizipationsmöglichkeiten vorliegen.
der Kommunen von offenen Beteiligungsangeboten berichteten. 44
Vgl. Behnken, Imbke u. a. (2004): Lernen, Bildung, Partizipation.
35
Vgl. Hermann, Michael C. (1996): Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg. Die Perspektive der Kinder und Jugendlichen. Expertise zum 8. Kinder- und
Eine interdisziplinäre Evaluation. Pfaffenweiler; Hermann, Michael C. (1998): Jugendbericht der Landesregierung NRW. Düsseldorf
Zur Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten. Bamberg 45
Vgl. Youniss, James / Hart, Dan (2006): The Virtue in Youth Civic Participation.
36
Vgl. Burdewick, Ingrid (2000): Politische Partizipation von Mädchen und Jun- In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 1. Jg., Heft 2, S. 229-243; vgl. Düx,
gen. Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zum Thema Jugendparlament. Wiebken / Prein, Gerald / Sass, Erich / Tully, Claus J. (2008): Kompetenzerwerb
In: Neue Praxis, 30. Jg., Heft 3, S. 271-279 im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im
37
Von insgesamt 16 einbezogenen Einflussfaktoren leisteten 14 einen statistisch Jugendalter. Wiesbaden
gesicherten Beitrag zur Erklärung der Mitwirkung am Wohnort. Mit diesen 14 46
Vgl. Praxisbericht der Modellkommune Essen / Nordrhein-Westfalen des
Einflussfaktoren konnten 50% der Varianz der Partizipationsintensität erklärt Projekts »mitWirkung!« der Bertelsmann Stiftung, der zur Anhörung des BJK zur
werden (vgl. Fatke, Reinhard / Schneider, Helmut (2005): Kinder- und Jugend- Partizipation von Kindern und Jugendlichen auf kommunaler Ebene im September
partizipation in Deutschland. Daten, Fakten, Perspektiven. Bertelsmann Stiftung 2008 diskutiert wurde.
(Hrsg.). Gütersloh, S. 33 ff.). 47
Vgl. Fußnote 16, Knauer (2008)
38
Gensicke, Thomas / Geiss, Sabine (2006): Bürgerschaftliches Engagement: 48
Vgl. Brocke, Hartmut (2008): Partizipation von benachteiligten Jugendlichen.
Das politisch-soziale Beteiligungsmodell der Zukunft? Analysen auf Basis der Benachteiligung ist keine Partizipationshürde – wie entsteht eine neue Beteili-
Freiwilligensurveys 1999 und 2004. In: Hoecker, Beate (Hrsg.): Politische Parti- gungskultur? Vortragsmanuskript einer Anhörung des BJK zur Partizipation von
zipation zwischen Konvention und Protest. Eine studienorientierte Einführung. Kindern und Jugendlichen im September 2008. Berlin / München; weitere Infor-
Opladen, S. 308-328 mationen zum BLK-Programm gibt es unter: www.blk-demokratie.de
39
Vgl. Kutscher, Nadia (2007): Beteiligung von Jugendlichen zwischen Interessen, 49
Arnoldt / Steiner belegen dies für die Ganztagsschulen (Arnoldt, Bettina /
Erwartungen und Lebensalltag. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Kinder- und Steiner, Christine (2009): Partizipation an Ganztagsschulen. In: Betz, Tanja /
Jugendbeteiligung in Deutschland. Entwicklungsstand und Handlungsansätze. Gaiser, Wolfgang / Pluto, Liane (Hrsg.): Partizipation von Kindern und Jugend-
Gütersloh, S. 187-203 lichen. Forschungsergebnisse und gesellschaftliche Herausforderungen.
40
Vgl. Fußnote 22, ebd. Schwalbach (im Druck)).
41
Westphal, Sabine / Waechter, Natalia / Ptaszynska, Aleksandra (2008): Learning 50
Sowohl in dem Modellprojekt »Die Kinderstube der Demokratie« als auch im
for participation: family, peers, school, work and voluntary organisations. BLK-Programm »Demokratie lernen und leben« haben Projekte und Aktionen,
In: Spannring, Reingard / Ogris, Günther / Gaiser, Wolfgang (Hrsg.): Youth and bei denen die Kinder bzw. Schüler/innen Verantwortung für Angelegenheiten
political participation in Europe. Results of the comparative study EUYOUPART. der Gemeinde übernommen haben, sich als besonders partizipationsfördernd
Opladen, S. 87-104 erwiesen. So konnten etwa die Kinder einer der beteiligten Einrichtungen im Mo-
42
Böhm-Kasper, Oliver (2006): Schulische und politische Partizipation von Ju- dellprojekt »Die Kinderstube der Demokratie« anhand eines konkreten Problems
gendlichen. Welchen Einfluss haben Schule, Familie und Gleichaltrige auf die poli- (defekte Spielgeräte auf einem Spielplatz) lernen, wer vor Ort für dieses Problem
tische Teilhabe Heranwachsender? In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, zuständig ist (Bürgermeister/in) und konnten diese Erfahrung auch in der Folge-
1. Jg., Heft 3, S. 353-368 zeit für sich nutzbar machen. Im BLK-Programm »Demokratie lernen und leben«
43
Für den Kindergarten werden hier keine Einschätzungen vorgenommen, da erwies sich vor allem die Übernahme von Verantwortung von Schüler/innen im
Stellungnahme des
Bundesjugendkuratoriums für diesen Bereich keine empirischen Studien zum Ausmaß der Partizipation bzw. Gemeinwesen (Service-Learning) als ein zentraler Lern- und Erfahrungsbereich für
Partizipation von Kindern und Jugendlichen –
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit Stellungnahme des Bundesjugendkuratoriums

42 43

Partizipation. Indem die Schüler/innen Verantwortung für ein konkretes Problem


im Gemeinwesen übernahmen, lernten sie in Ernstsituationen Lösungsstrategien
zu entwickeln und zugleich ihre Erfahrungen im Unterricht zu reflektieren.
51
Vgl. Fußnote 11, ebd.
52
In dieser Hinsicht hat sich insbesondere die Ausbildung von Prozessmodera-
toren als äußerst wirksam erwiesen. Sie wirken weit in das kommunale Umfeld
und in die pädagogischen Institutionen hinein und können einen wichtigen
Beitrag für die Nachhaltigkeit der Beteiligungsstrategie leisten (vgl. Fußnote 46, Was ist das Bundesjugendkuratorium?
ebd. sowie Fußnote 16, Knauer (2008)).
53
TOP SE steht für »Themenorientiertes Projekt Soziales Engagement« Realschule Das Bundesjugendkuratorium (BJK) ist ein von der Bundes-
Baden-Württemberg. regierung eingesetztes Sachverständigengremium. Es berät die
Bundesregierung in grundsätzlichen Fragen der Kinder- und
Jugendhilfe und in Querschnittsfragen der Kinder- und Jugend-
politik. Dem BJK gehören bis zu 15 Sachverständige aus Politik,
Verwaltung, Verbänden und Wissenschaft an.
Die Mitglieder werden durch die Bundesministerin/den Bundes-
minister für Familien, Senioren, Frauen und Jugend für die Dauer
der laufenden Legislaturperiode berufen.

Stellungnahme des
Bundesjugendkuratoriums
Mitglieder des Bundesjugendkuratoriums
2006 bis 2009

Vorsitzende
Dr. Claudia Lücking-Michel Uwe Lübking
Generalsekretärin des Cusanuswerkes Beigeordneter des Deutschen
und Vizepräsidentin des Zentral- Städte- und Gemeindebundes
komitees der deutschen Katholiken Prof. Dr. Thomas Olk Impressum
Professor für Sozialpädagogik und Presserechtlich verantwortlich
StellvertreterInnen Sozialpolitik an der Universität Dr. Claudia Lücking-Michel
Prof. Dr. Yasemin Halle-Wittenberg

Karakaşoğlu Detlef Raabe Korrespondenzadresse


Professorin für Interkulturelle Bildung Vorsitzender des
Deutsches Jugendinstitut e. V.
und Prodekanin des Fachbereichs 12: Deutschen Bundesjugendrings
Arbeitsstelle Kinder- und Jugendpolitik
Erziehungs- und Bildungswissen-
Martina Reinhardt Nockherstraße 2
schaften an der Universität Bremen Leiterin des Referates Jugendpolitik
81541 München
Monika Lohr im Thüringer Ministerium für Soziales,
Kreisdirektorin a. D. des Rhein-Sieg-Kreises Familie und Gesundheit
bundesjugendkuratorium@dji.de
Prof. Dr. Joachim Merchel Klaus Waldmann
Professor für Organisation und
www.bundesjugendkuratorium.de
Bundestutor der Evangelischen
Management in der Sozialen Arbeit Trägergruppe für gesellschaftspolitische
an der Fachhochschule Münster Jugendbildung Konzept und Umsetzung
Agentur arbeitsprobe – Weimar
Mitglieder Ständiger Gast
Dr. Barbara Dorn Prof. Dr.
Abteilungsleiterin Bildung / Berufliche Thomas Rauschenbach
Bildung bei der Bundesvereinigung Direktor des Deutschen
der Deutschen Arbeitgeberverbände Jugendinstituts e. V.
Dr. Christof Eichert
Ministerialdirigent, Leiter der Abteilung Arbeitsstelle Kinder- und
Integration und Generationen, Ministe- Jugendpolitik, München
rium für Generationen, Familie, Frauen
Dr. Tanja Betz
und Integration in Düsseldorf
Wissenschaftliche Referentin
Christiane von Freeden Pia Rother
Vorstandsmitglied des Ganztags-
Wissenschaftliche Referentin Gefördert vom
schulverbandes GGT e. V.
Ute Kratzlmeier
Benjamin Gesing Sachbearbeiterin
Vorstand a. D. der Servicestelle
Jugendbeteiligung

Prof. Dr. Franz Hamburger


Professor für Sozialpädagogik
an der Universität Mainz

Juni 2009