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DIPLOMARBEIT

Titel der Diplomarbeit

Der jugoslawische Zerfallsprozess aus der


Perspektive der Entwicklungsökonomie.
Eine theoretische Enquete.

Verfasser

Zoran Gajic

angestrebter akademischer Grad

Magister (Mag.)

Wien, 2012

Studienkennzahl lt. Studienblatt: A 057 390


Studienrichtung lt. Zulassungsbescheid: Internationale Entwicklung
Betreuerin / Betreuer: Mag. Dr. Cengiz Günay
Die Diplomarbeit ist meinen Eltern, Angela und Dragan Gajic, die mich stets
mit aller Hingabe gefördert haben, mit großem Dank und Anerkennung
gewidmet.
Abb. 1: Flagge Jugoslawiens

Abb. 2: Karte Jugoslawiens


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis . . . . . . . . 1-3

I Einführung . . . . . . . . . 4-13

1.1 Problemstellung . . . . . . . . 4-5


1.2 Kontext des Themengebietes für die Studienrichtung
Internationale Entwicklung . . . . . . . 5-7
1.3 Theoretische Einbettung und wissenschaftliche Methodik . . . 7-9
1.4 Forschungsfragen . . . . . . . . 10-11
1.5 Hypothesen . . . . . . . . . 11-13

II Das Werden Jugoslawiens . . . . . . . 14-29

2.1 Die Gründung des I. Jugoslawien und seine Folgen . . . . 14-19


2.2 Sozialer Wandel, Modernisierung und Protoindustrialisierung –
Eine Annäherung an das moderne Weltsystem . . . . 20-27
2.3 Die Neugründung Jugoslawiens unter kommunistischem Banner . . 28-29

III Die politische und wirtschaftliche Entwicklung


Jugoslawiens bis 1974 . . . . . . . 30-39

3.1 „Sozialistische Marktwirtschaft“ als Motor für wirtschaftliche


Entwicklung? . . . . . . . . 30-34
3.2 Orientierung am Westen . . . . . . 34-36
3.3 Die Goldenen Sechziger Jahre . . . . . . 36-39

IV Das Absterben Jugoslawiens . . . . . . 40-54

4.1 Die Wirtschaftslage verschlechtert sich . . . . 40-44


4.2 Dezentralisierung des Wirtschafts- und Finanzsystems,
Reorganisation und Reformblockaden . . . . . 44-52
4.3 Das Ende des slawischen Vielvölkerstaates . . . . . 52-54

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V Ethnizität, Sprache, Kultur und Religion – endogene
Verschuldungsfaktoren oder Instrumente des Nationalismus
und Separatismus? . . . . . . . . 55-63

5.1 Übergang und Transformation . . . . . . 55


5.1.1 Ethnizität . . . . . . . . . 55-57
5.1.2 Sprache . . . . . . . . . 57-58
5.1.3 Kultur . . . . . . . . . 58-59
5.1.4 Religion . . . . . . . . . 59-61
5.1.5 Nationalismus und Separatismus . . . . . . 62-63

VI Das Konzept des „failed state“ . . . . . . 64-79

6.1 Schwacher Staat . . . . . . . . 64-66


6.2 Der „failed state“ . . . . . . . 67-70
6.3 Jugoslawien, ein failed state? . . . . . . 71-72
6.3.1 Staatsordnung und Staatsstruktur . . . . . . 72-73
6.3.2 Eliten und Korruption . . . . . . . 73-74
6.3.3 Handlungsschwäche . . . . . . . . 74-75
6.3.4 Staatssicherheit . . . . . . . . 75-77
6.3.5 Externe Akteure . . . . . . . . 77-79

VII The Modern World-System . . . . . . 80-90

7.1 Die Beschaffenheit des Weltwirtschaftssystems . . . . 80-83


7.2 Struktur und Charakteristiken des Wallerischen Weltsystemansatzes . 83
7.2.1 Zentrum . . . . . . . . . 83-84
7.2.2 Semiperipherie . . . . . . . . 85-86
7.2.3 Peripherie . . . . . . . . . 86-89
7.2.4 „Strukturelle Abhängigkeit“ . . . . . . . 90

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VIII Jugoslawiens Verhältnis zum modernen Weltsystem . . . 92-111

8.1 Jugoslawien, auf das moderne Weltsystem projiziert . . . 92


8.2 Szenario 1: Jugoslawien als Zentrum . . . . . 93-97
8.3 Szenario 2: Jugoslawien als (Semi)Peripherie . . . . 97-101
8.4 Die Neugestaltung Südosteuropas . . . . . . 101-111

IX Rückblick, Ergebnisse und zukünftiger Ausblick . . . 112-117

9.1 Rückblick und Zusammenfassung . . . . . . 112-117


9.2 Zukünftige Aussichten der ehemaligen jugoslawischen
Teilrepubliken mit Hinblick auf die soziale Stabilität
sowie des wirtschaftlichen Wachstums . . . . . 117

Bibliographie . . . . . . . . . 118-124
Abbildungsverzeichnis . . . . . . . 124
Glossar . . . . . . . . . 125
Curriculum Vitae . . . . . . . . 126
Abstract . . . . . . . . . 127

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I Einführung

1.1 Problemstellung

Kein anderes Land in Europa wies eine so bunt gewürfelte kulturelle, religiöse und ethnische
Vielfalt auf, wie dies im ehemaligen Jugoslawien der Fall war. Die Erinnerungen an den
slawischen Vielvölkerstaat sind allerdings auch mit negativen Konjugationen, wie etwa
Desintegration, Krise, Sezession oder Krieg behaftet. Klischees wie Rückständigkeit,
Balkanmentalität, Apathie, Fremdartigkeit und fehlende Leistungsmotivation prägen das Bild
der in Südosteuropa lebenden Menschen. Dieser Teil Europas wird auch noch in der
Gegenwart von vielen als Antonym, der von uns verstandenen Zivilisation, als Randzone, als
eine vom „Zentrum“ abweichende Aberration, als kulturelle und wirtschaftliche „Peripherie“
empfunden. Dies liegt sicherlich in den bereits seit Jahrhunderten bestehenden stereotypen
Glauben, der nicht vorhandenen „Anpassungsfähigkeit“, Unruhestifterei, Zügellosigkeit,
geringen Leistungsbereitschaft und der fehlenden Weltoffenheit der Südosteuropäer.
Tatsächlich haben in keinem anderen Teil Europas nach den II. Weltkrieg so viele Menschen,
so viel Gewalt, Leid und Elend erleben müssen, wie die Bewohner des ehemaligen
Vielvölkerstaates.
1991/92 wurde mit der Ausrufung der Unabhängigkeit der Teilrepubliken, das Ende des
Landes eingeleitet und der Weg für einen nicht mehr aufhaltbaren Bürgerkrieg geebnet. Im
Jahre 2006 hörte mit dem Ausscheiden Montenegros der jugoslawische Staat endgültig zu
existieren auf.

Gleichwie aus der Literatur herausgefiltert werden kann, galten die damaligen
Republikspräsidenten und ihre Schergen als Drahtzieher des jugoslawischen Dramas, da diese
eine mehr oder minder gut funktionierende Völkergemeinschaft zerstörten und demnach
entscheidende Impulse für einen Bürgerkrieg legten, der unrühmlich in die Geschichte
eingehen sollte. Zum einem trieben sie die Nationalisierung und Ethnisierung stetig voran,
zum anderen tragen sie die Hauptlast für ethnische Säuberungen und Völkermord.
Wie allerdings sieht die ganze Wahrheit um die Ereignisse in Jugoslawien aus? Ist es
tatsächlich so, dass hauptsächlich endogene Faktoren für die Peripherisierung des
Vielvölkerstaates verantwortlich gemacht werden können? Weiterhin hört man in den Medien
und kann von renommierten Experten erfahren, dass die Dimensionen Religion, Kultur,
Ethnizität und der daraus entstandene Nationalismus Hauptgründe waren, die das

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jugoslawische Projekt beendet haben. Samuel P. Huntigtons „Kampf der Kulturen“ bildet in
diesem Zusammenhang die Spitze kulturalistischer Überlegungen, indem er den
Jugoslawienkrieg gar als Glaubenskrieg pervertiert (vgl. Huntington 1993: 37 f.).
Waren aufkommender Nationalismus und die Auflösung Jugoslawiens nicht einfach nur ein
Produkt materieller Unzufriedenheit, eine Kreation eines schwachen Staates, ein Ergebnis
eines seit drei Jahrzehnten andauernden Wirtschaftsabschwungs, oder möglicherweise auch
ein Resultat der Einverleibung Jugoslawiens in das „moderne Weltsystem“?
Die oft vertretene Meinung, ausschließlich der Nationalismus mit seinen
Begleiterscheinungen habe an der Desintegration Schuld, greift viel zu kurz, könnten diese
eventuell auch andere Ursachen, die für die jugoslawische Staatsauflösung verantwortlich
waren, verschleiern. Die Arbeit soll daher als Kontrast zur üblichen Lehrmeinung verstanden
werden. Sie soll mit falschen Klischees und Vorstellungen aufräumen und die tatsächlichen
Hintergründe und Ursachen für die Peripherisierung und Auflösung des Vielvölkerstaates, die
hauptsächlich in der Staatsschwäche und der Abhängigkeit des Landes von den
kapitalistischen Zentren vermutet werden, untersuchen und reflektieren.

1.2 Kontext des Themengebietes für die Studienrichtung Internationale


Entwicklung

Gerade aus Sicht der Internationalen Entwicklung ist die von neoliberalen Ideologen und der
Bourgeoise erfolgreich initiierte Weltwirtschaftsordnung und die damit einhergehenden
schwerwiegenden Konsequenzen für den ehemaligen sozialistischen Vielvölkerstaat, aber
auch im Allgemeinen, ein sehr bedeutendes Thema. Entspringt doch der Gedanke für das
forschungsleitende Interesse aus den Asymmetrien und Divergenzen im kapitalistischen
Weltsystem der Gegenwart. Die interdisziplinäre Untersuchung soll hauptsächlich
wirtschaftliche Verbindungen des ehemaligen Jugoslawiens zu den kapitalistischen Zentren,
wenn diese vorhanden waren, reflektieren. Neben der Untersuchung endogener Faktoren, soll
aufgezeigt werden, dass die allmählich schleichende Zerstörung des Vielvölkerstaates ein
fester Bestandteil der kapitalistischen Ideologie war. Denn wie die Forschung, wie auch
unsere Lehre, die Internationale Entwicklung, seit langem weiß, braucht der Kapitalismus, um
zu existieren und zu expandieren, unberührte Wirtschaftsäume, die er sich friedlich oder
erzwungen einverleibt. Seien sie nun als Ressourcenbereitsteller, Produktionsstandorte oder
neue Märkte dienlich.

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Wie bereits kurz signalisiert, bilden die jugoslawische Staatsschwäche und die Eingliederung
in das „moderne Weltsystem“ die Grundpfeiler meiner Untersuchung. Aktuell ist dieser
Gedanke auf keinen Fall. Fluten theoretischer und empirischer Analysen zur jugoslawischen
Staatlichkeit sowie zur politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit des Landes sind
erschienen. Die Thematik um den jugoslawischen Staatenzerfall erfreut sich größter
Beliebtheit und gilt bereits als „Klassiker“ moderner Transitionsforschung. Die Diplomarbeit
erhebt auch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit um der Erklärung zur Auflösung des
südslawischen Vielvölkerstaates. Die Verwertungsmöglichkeit dieser Arbeit für die
Internationale Entwicklung besteht eher darin, Wallersteins Weltsystemanalyse auf
Jugoslawien als Analyseeinheit schematisch darstellbar machen zu können, um so die
vorhandenen Charakteristiken und Disparitäten zu bestimmen, die möglicherweise für den
Zerfall des Landes verantwortlich waren.
Demgegenüber werden die Konzepte des „schwachen Staates“ und „Staatsversagens“
abgebildet und in Relation zur jugoslawischen Staatsstruktur gesetzt. Staatsschwäche und
Staatsversagen sind Phänomene, die sozioökonomische Realitäten schaffen und vorwiegend
Schwellen- und Entwicklungsländer betreffen. Diese Theorien gehen davon aus, dass ein
schwacher Staat sozioökonomische Unterentwicklung fördert. Ja, dass sogar ein totaler
Zusammenbruch droht, wenn der Staat seine sozioökonomischen Funktionen nicht mehr
erfüllen kann. Machtverlust, Ungleichheitsverhältnisse und Abhängigkeit bedingen sich also
einander und sind daher unverzichtbare Untersuchungseinheiten objektiver
Entwicklungsforschung.

Die Desintegration und Demontage Jugoslawiens stand von Beginn an im Zentrum meines
Interesses. Die Thematik der Transition in den ehemaligen sozialistisch geprägten Ländern
Ost- und Südosteuropas begleitete mich während meines gesamten Studiums wie ein roter
Faden. In Folge war es mir auch ein großes und ehrliches Anliegen, eine Arbeit verfasst zu
haben, die dieses Thema auch weiter ausführt. Konkomitierend kenne ich die
sozioökonomische und politische Realität im ehemaligen Vielvölkerstaat sehr gut, da ich
neben einer „österreichischen“ auch eine „jugoslawische Identität“ vorweisen kann und dort
eine lange Zeit meines Lebens verbracht habe. Dieser Umstand machte es mir möglich, tiefer
und wirklicher in die ehemalige jugoslawische Gesellschaft vorzudringen. Diese Gegebenheit
ermöglichte es mir auch, die Thematik aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und
nicht nur aus der Perspektive eines „westlichen Analytikers“, der keinen persönlichen Bezug

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zu den Entwicklungen im ehemaligen Vielvölkerstaat vorweisen kann und die Ursachen und
Folgen eurozentristisch interpretiert.
Die ganze Wahrheit um das jugoslawische Drama wird wohl niemand kennen. Aber gerade
die Lehre der Internationalen Entwicklung hat die Aufgabe, Divergenzen zu analysieren,
Realitäten an den Tag zu legen und dementsprechende Konzepte und Lösungen anzubieten,
um vorhandene und zukünftige Disparitäten und Ungerechtigkeiten in der menschlichen
Entwicklung, wie sie in Jugoslawien vorhanden waren, für zukünftige Generationen, vor
allem für jene in den Entwicklungsländern, zu minimieren. Dahingehend soll diese
Diplomarbeit mithelfen, ein besseres Verständnis um die Auflösung des jugoslawischen
Staates aufzubringen. So eine Sichtweise könnte als zusätzliches Potential zur Schärfung des
Bewusstseins und des kritischen Gedankens im Studienfach Internationale Entwicklung
beitragen.

1.3 Theoretische Einbettung und wissenschaftliche Methodik

Methodisch wurde eine qualitative Inhaltsanalyse angestrengt. Die Vorgangsweise der


Untersuchung des Themenkomplexes „Der jugoslawische Zerfallsprozess aus der Perspektive
der Entwicklungsökonomie. Eine theoretische Enquete“ setzte sich somit aus meiner
möglichst objektiven Auswahl der zum Thema geeigneten Literatur und Daten, ihrer Analyse
sowie der Auswertung und Interpretation des Forschungsergebnisses zusammen. In der
Herangehensweise an dieser Thematik hängenden interdisziplinären Grundlagenforschung
stützte ich mich auf ein breitgefächertes Quellenspektrum.
Die Literatur, die ich für die Arbeit verwendet habe, setzte sich, neben den bedeutenden Werk
Wallersteins, aus marxistischen Ansätzen, Staatslehren und aktuellen Analysen über die
politischen und sozioökonomischen Entwicklungen in Jugoslawien zusammen.
Um eine einigermaßen ausgeglichene Sichtweise zu ermöglichen, wurde die
Geschichtsanalyse neben der bekannten „westlichen Literatur“, sowohl mit Werken von
Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie mit renommierten Fernsehdokumentationen
ergänzt. In der Arbeit wurde mit allen Kräften angestrengt, keine bestimmte Volksgruppe
oder Region hervorzuheben oder wiederum zu diffamieren. Vielmehr wurden die Ursachen
und Folgen aus der Perspektive des jugoslawischen Gesamtstaates mit seinem bunt zusammen
gewürfelten Volks-, Religions- und Kulturgemeinschaften erfasst und durchleuchtet.

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Hierbei bot mir eine interdisziplinäre Herangehensweise die Möglichkeit, die Thematik aus
mehreren Blickwinkeln zu analysieren und logisch miteinander zu verflechten. Folglich leitet
sich die Diplomarbeit aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, wie etwa den Sozial-
und Humanwissenschaften ab, durch die ich die Peripherisierung und das Absterben
Jugoslawiens, mit den dazugehörigen Mechanismen, Formen und Begleiterscheinungen
erklären möchte. Abseits vom interdisziplinären Zusammenführen mehrerer
wissenschaftlicher Disziplinen und unterschiedlichen Gesichtspunkten habe ich mich zudem
auf die interpretative Sozialforschung eingelassen und persönliche Erfahrung sowie eigenes
und fremdes Wissen eingebracht. Folgend wurde Datenmaterial aus dem Internet
herangezogen, um eventuelle Wissenslücken auszufüllen.
Der Zeitraum der Literaturrecherche erstreckte sich neben einer kontinuierlich parallel
verlaufenden Verschriftlichung bis zur endgültigen Fertigstellung der Arbeit. Der reflektierte
Untersuchungszeitraum und die damit einhergehende aufzuzeigende Historie setzen mit der
Gründung des Vielvölkerstaates 1919 ein und enden mit der Auflösung Jugoslawiens im Jahre
2006.
Die Auswertung der mir zur Verfügung stehenden Literatur und die anschließende Verfassung
der Diplomarbeit betrugen in etwa acht Monate. Für die Fertigstellung und das Einreichen des
Forschungsprojekts kann der Juni 2012 angegeben werden. Die Kosten dieser
interdisziplinären Untersuchung werden mit € 0,- beziffert.

Die wissenschaftstheoretische Einbettung der Themenstellung gliedert sich in vier Basisteile:


Sie beginnt mit dem historischen Einblicken in den Dimensionen Ökonomie, Politik und Staat
und endet mit den Theorien des „failed state“ und „modernen Weltsystems“. Berücksichtigt
werden in der Analyse die Faktoren: Wirtschaftspolitik, Staatsfunktionen, Wohlfahrt,
Abhängigkeitsverhältnisse und die Intensität der Wechselwirkung der nationalen Ökonomie
Jugoslawiens mit dem kapitalistischen Weltwirtschaftssystem.
Der erste Teil wird die politische und wirtschaftliche Entwicklung Jugoslawiens in der
Historie sinnvoll strukturieren und beschreiben. Hierbei sollen Dynamiken,
Wechselwirkungen und Kennzeichen eruiert und vermittelt werden, die durch eine Fülle an
qualitativem Datenmaterial untermauert werden. Aus der historischen Analyse sollten dann
Erkenntnisse über die Ursachen der schleichenden Demontage des Vielvölkerstaates
gewonnen werden, die als vergleichende Untersuchungseinheiten in das Konzept des failed
state und Wallersteins Weltsystemtheorie einfließen.

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Im zweiten Segment der Arbeit werden die Bereiche Sprache, Kultur, Ethnizität und Religion
angeschnitten, um zu überprüfen, ob diese Faktoren möglicherweise ausschlaggebend für das
Absterben Jugoslawiens waren, oder ob diese sozioökonomischen Realitäten von den Eliten
einzig nur als Instrumente benutzt wurden, um die Völker, im Sinne der Einverleibung in das
kapitalistische Weltsystem, zu nationalisieren, zu spalten und das Land zu zerschlagen.
Obwohl ein „gescheiterter Staat“ im Sinne der Lehre objektiv gar nicht wahrgenommen
werden kann, soll mit dem Staatenkonzept des „failed state“ dennoch der Versuch
unternommen werden, die jugoslawische Staatstruktur mit seinen Funktionen und Monopolen
zu spezifizieren und charakterisieren, um zu rekonstruieren, inwieweit es sich um einen
„schwachen“ oder gar um einem „gescheiterten Staat“ handelte. Um einer möglichen Klärung
näher zu kommen, folgt eine Diskussion, die mehrere Realitäten, wie etwa Staatsordnung und
Staatsstruktur, Korruption, Handlungsschwäche, Staatssicherheit und externe Akteure
berücksichtigt.
Im vierten Teil wird die von mir gewählte Entwicklungstheorie klären, ob Jugoslawien in
seinem Bestehen als abhängige (Semi-)Peripherie oder kapitalistisches Zentrum einzustufen
ist. Meine Abhängigkeitstheorie, der Wallersteinische Weltsystemansatz, soll aufschlüsseln,
welche Position der Vielvölkerstaat bis zu seinem Zerfall in der kapitalistischen
Weltwirtschaft einnahm und welche Reaktionen und Folgen diese Bindung für das Land hatte.
Der theoretische Referenzrahmen wird durch eine Entwicklungs- und Abhängigkeitstheorie,
die umstrittene „Weltsystem-Theorie“ Immanuel Wallersteins untermauert, die neben dem
Konzept des failed state das Fundament meiner Diplomarbeit bildet. Die Analyseeinheit wird
das von den kapitalistischen Zentren abhängige Jugoslawien der Jahre 1919 bis 2006 sein.

Dennoch darf der theoretische Rahmen nicht als starres, unveränderbares Konstrukt betrachtet
werden. Vielmehr bedingt sich die Weltsystemtheorie Wallersteins mit anderen - nicht von
neoliberalen Ideologen indoktrinierten Konzepten und Ansätzen – um ein gewisses Maß an
„wissenschaftlicher Objektivität“ garantieren zu können.
Die eingebetteten Haupttheorien sowie die mit ihr verflochtenen Ansätze und Ideen gelten als
Fundamente dieser Untersuchung. Zum einen sollen meine Behauptungen mit dem Konzept
der Staatsfunktion und der Abhängigkeitstheorie theoretisch überprüft werden, andererseits
sollten sie mir als Orientierungspunkte dienen.
Welche Auswirkung die Zentrum-Peripherie-Verbindung auf Jugoslawien hatte und ob sich
meine Thesen verifizieren lassen, das beantwortet der Schlussteil dieser wissenschaftlichen
Arbeit.

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1.4 Forschungsfragen

Meine gewählte Thematik lässt sich inhaltlich durch die Formulierung der folgenden zwei
Fragenkomplexe umschreiben:

Häufig wird die Meinung vertreten, sozioökonomische Faktoren, wie etwa Religion, Kultur
und Ethnizität und folgend die Interessen und Ansprüche, die daraus heraus wuchsen, seien
am Zerfall des Vielvölkerstaates verantwortlich. Wie allerdings sieht die Realität nun wirklich
aus? Können diese endogenen Faktoren hauptverantwortlich dafür gewesen sein, Jugoslawien
ins Chaos gestürzt zu haben oder waren doch vielleicht nicht wirtschaftliche
Verteilungskämpfe und ökonomische Sachzwänge bedeutende Motive, die die Auflösung des
Vielvölkerstaates voran trieben? Welche Rolle spielten in diesem Zusammenhang die
politischen und sozioökonomischen Eliten in den Teilrepubliken? Und waren es nicht
geradezu diese Eliten, die die genannten Realitäten instrumentalisierten, um Ängste und
Konflikte zu schüren, damit eigene, vor allem kapitale Interessen befriedigt werden konnten?

Wenn von einem „gescheiterten Jugoslawien“ die Rede ist, welche Charakteristiken müssten
erfüllt sein, um diese Behauptung auch verifizieren zu können? In welchem Ausmaß trugen
die Strukturen des „schwachen Staates“, wenn sie tatsächlich vorhanden waren, zur
endgültigen Demontage Jugoslawiens bei? Wurde nicht gerade die Schwächung und in Folge
das Scheitern des Staates durch eben diese von den Eliten angestifteten Spannungen und
Konflikte herbeigeführt und nicht umgekehrt? Anhand welcher Indikatoren ließen sich all
diese Eingriffe ablesen?

Wenden wir die Weltsystemtheorie auf Jugoslawien an, wie könnte das Verhältnis des
Vielvölkerstaates zu den kapitalistischen Zentren definiert werden? Ab welchen Zeitpunkt
und unter welchen Kennzeichen ließe sich die Integration des Landes in die kapitalistische
Welthandelsstruktur bestimmen, und wie könnte ein Zusammenhang zwischen der
sozioökonomischen Entwicklung Jugoslawiens und der Entwicklung der Weltwirtschaft
hergestellt werden? War das Land in seinem Bestehen, bezogen auf Wallersteins
Abhängigkeitstheorie als Peripherie, Semi-Peripherie oder gar als kapitalistisches Zentrum
einzustufen, welche Indikatoren stehen uns hierbei zur Verfügung?

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Gesetzt dem Fall, Jugoslawien fungierte als Peripherie, wie und in welcher Form gelang den
Akteuren des Neoliberalismus, genauer genommen den global agierenden Konzernen,
Finanzinstitutionen, lobbyierenden Regierungen und wirtschaftlichen Eliten, die Souveränität
Jugoslawiens zu unterwandern und zu deformieren? Welche Vorteile konnten sich die
kapitalistischen Zentren von der Schaffung einer „Randzone Jugoslawien“, gar von einer
endgültigen Zerschlagung Jugoslawiens erwarten? Aus welchen Gründen blieb es nicht nur
bei einer Desintegration des Landes, sondern warum musste der Vielvölkerstaat zerstört
werden?

1.5 Hypothesen

Häufig wird das Ende Jugoslawiens mit differierenden ethnischen, kulturellen oder religiösen
Anschauungen, alsgleich unterschiedlichen Interessenslagen der Menschen, oft aber auch mit
wirtschaftlicher Unterentwicklung und „balkanischer Mentalität“ begründet. Den wenigsten
Menschen ist allerdings bewusst, dass das Absterben des Landes tatsächlich durch andere
Faktoren begünstigt wurde.
Nach dem Tod Titos 1980 entstand ein politisches Vakuum, das rasch durch innerparteiliche
Machtkämpfe und Intrigen gefüllt wurde. Die neuen Player waren allerdings nicht mehr treue
Kommunisten, die an das jugoslawische Projekt glaubten, sondern Eliten, die ihre eigenen,
vor allem finanziellen und machtpolitischen, Interessen verfolgten.
Bei der Zerschlagung des Landes spielten diese Eliten eine wesentliche Rolle; diese trieben
jahrelang die Dezentralisierung der staatlichen Institutionen voran und formulierten persistent
nationalere Politiken, da es ihnen ein Anliegen war, Produktionskapazitäten zu erhöhen, den
Handel auszuweiten und folglich Profit zu erwirtschaften, was mit einer sozialistischen
Wirtschaftspolitik und ihren marktwirtschaftlichen Einschränkungen freilich undenkbar
gewesen wäre.

Die allmähliche Dezentralisierung der Institutionen und Entscheidungen auf regionaler Ebene
machte eine bundesstaatliche Koordination des Bundeshaushaltes unmöglich und führte zu
einer enormen Schwächung des Staates und zu einer Verarmung weiterer Bevölkerungsteile.
Dem schwachen Staat fielen die sozialen Kompetenzen und Instrumente aus der Hand.
Fehlende staatliche Fürsorge, ökonomische Verteilungskämpfe und Arbeitsplatzverlust
führten dann folglich zur Rebellion. Optimale Vorraussetzungen für Nationalismus,
Separatismus und Bürgerkrieg.

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Der Staatszerfall wurde allerdings nicht ausschließlich durch endogene Faktoren begünstigt,
sondern hauptsächlich durch exogene Interessen und Aktionen ausgelöst, um das Land, im
Sinne einer neoliberalen Weltordnung, als wirtschaftliche Peripherie den westlichen
Kapitalzentren einzuverleiben. Die Weigerung der weiteren Öffnung des nationalen Marktes
und die Ablehnung der Privatisierung von Staatseigentum mussten früher oder später zu einer
bedenklichen Auseinandersetzung mit den kapitalistischen Zentren führen. Das Resultat war
nicht nur ein Ende Jugoslawiens, sondern auch eine Abstufung der neuentstandenen
Kleinstaaten in sozioökonomische Randzonen.

Die Einverleibung Jugoslawiens in das moderne Weltsystem hatte leichtes Spiel: die Existenz
der sozialistische Republik war in vielerlei Hinsicht bereits sehr früh von den internationalen
politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abhängig.
Schon vor der Gründung des Königreichs Jugoslawien hatten die einzelnen
südosteuropäischen Regionen mit Staatsverschuldung, internationaler Wirtschaftskrise,
Plünderung der nationalen Ressourcen, schleichender Kapitalabhängigkeit, gewaltigen
Migrationsbewegungen sowie sozialen und armutsbedingten Spannungen zu kämpfen.
Unübersehbar waren auch die Stellungen der südosteuropäischen Regionen im modernen
Weltsystem. Slowenien und Kroatien galten als Peripherien der österreichisch-ungarischen
Krone. Im Gegensatz dazu standen die Randzonen Serbien, Montenegro, Bosnien und
Mazedonien in Abhängigkeit zum Osmanischen Reich, aber auch zeitgleich in Interdependenz
zum internationalen Finanzkapital.

Mit der zweiten Gründung Jugoslawiens, diesmal unter kommunistischer Flagge, und der
gleichzeitigen Abkehr von der Sowjetunion, der im „Bruch Titos mit Stalin“ im Jahre 1948
ihren Höhepunkt fand, war das kleine Land, um sich ökonomisch weiterzuentwickeln, neben
den sozialistischen Verbündeten, alsgleich auf Partner aus dem Westen angewiesen, was zu
einer immer intensiveren Exportorientierung des Landes führte. Mit der Gründung der
Bewegung der „Blockfreien Staaten“ vergrößerte sich der jugoslawische Exportmarkt auf eine
unendliche Größe, was zu einer bis dahin noch nicht gekannten Einbindung in das moderne
Weltsystem führte.

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In den siebziger und achtziger Jahren kam es dennoch zu einer ersten Welle der
Desintegration; die Auslöschung des sozialistischen Staates war gleichwohl nicht erst mit der
Implosion der Sowjetunion einhergegangen, sondern war einer neoliberalen Politik
vorausgegangen, die durch so genannte „Strukturanpassungsprogramme“ Einzug ins
ökonomische und soziale Leben der jugoslawischen Bevölkerung fand. Dabei dienten der
internationale Währungsfond und die Weltbank den neoliberalen Playern als zerstörerische
und beeinflussende Instrumente, um den staatlichen Kollaps in Jugoslawien, wie auch in
unzähligen anderen Schwellen- und Entwicklungsländer, herbeizuführen.

Im Zuge des schleichenden Wegfalls der Exportmärkte und einer Verschlechterung der
„Terms of Trade“, sowie die in den Jahren 1973/79 eintretenden „Ölschocks“, die eine
weitreichende Kreditaufnahme von internationalen Finanzorganisationen erzwang, begann die
Wirtschaft Jugoslawiens zunehmend, zu erlahmen. Spätestens mit den Prämissen der
Strukturanpassungsprogramme des IWF und der Weltbank, die eine allumfassende
Liberalisierung der Ökonomie herbeiführten, sowie mit der erdrückend steigenden Zinseslast
der aufgenommenen Kredite, die zu einer weiteren massiven Verschuldung des Staates und in
Folge zu ökonomischen Verteilungskämpfen führte, wurde das Ende des gemeinsamen
südslawischen Staates eingeleitet.

Dabei war die Zerschlagung Jugoslawiens anfänglich gar nicht konzipiert. Denn auch ein
schwacher peripherer Staat sorgt für den sicheren ökonomischen Wertetransfer in die Zentren.
Er gilt als Garant einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, indem er den freien
Wettbewerb und die damit verbundene kapitale Akkumulation absichert.
Der Verlauf der endgültigen Teilung Jugoslawiens könnte möglicherweise eine Eigendynamik
angenommen haben, die gepaart mit Separatismus und Kapitalinteressen einzelner, dem
fortlaufenden sozialen Wandel, der durch die Implosion des internationalen Sozialismus
verstärkt wurde und der aufdrängenden Anerkennung einzelner EG-Staaten einher ging.

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II Das Werden Jugoslawiens

2.1 Die Gründung des I. Jugoslawien und seine Folgen

Wie nie zuvor liegen das ehemalige Jugoslawien und die Transformationsländer Ost- und
Südosteuropas im Interesse der gegenwärtigen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, und das
zu Recht. Der Südosten Europas ist nicht irgendeine beliebige Region auf der Erde.
Südosteuropa erlebte, in Gegensatz zu vielen anderen Welträumen, lange Perioden exzessiver
Gewaltanwendung, rasche und folgeschwere Transformationen und das Aufeinanderprallen
unterschiedlichster Kulturen und Zivilisationen. Das historische Bild dieser Region zeugt
sowohl von großen Kriegen, Flucht-, Zwangs,- und Wanderbewegungen sowohl von langen
Phasen enormer sozioökonomischer und politischer Instabilität.
Die europäische Region erlebte allerdings auch goldene Epochen. Südosteuropa gilt als
sogenannte Wiege der europäischen Kultur und modernen Zivilisation. Hier entwickelte sich
die erste Zivilisation Europas, die nicht nur unseren Kontinent, sondern die ganze Welt durch
die Jahrhunderte hindurch bis zum heutigen Tage prägte und prägt. Hier entschieden die
mittelalterlichen Glaubenskriege zwischen Christen und Christen sowie zwischen Christen
und Muslimen die zukünftige religiöse Prägung und die kulturelle Gestalt auf drei
Kontinenten. Und es war auch das politisch instabile Südosteuropa, das den I. Weltkrieg
einläutete, was folglich zu einer politischen und wirtschaftlichen Neuausrichtung des
Weltsystems führte.

Der Begriff Südosteuropa ist nur ein weiteres Schlagwort unter einer Reihe von
Sammelbezeichnungen. Häufiger im Gebrauch sind die Begriffe Balkan oder Balkanhalbinsel,
die allerdings aufgrund negativer Konnotationen nicht in die Arbeit einfließen werden. Bereits
die Abgrenzung zu anderen Regionen macht die Definition, wo Südeuropa nun eigentlich
liege, unmöglich. Denn wo sind die kulturellen und sozialen Differenzen, gleichfalls die
geologischen Grenzen auszumachen? Politische, administrative, kulturelle und wirtschaftliche
Grenzen sind vom Menschen konstruierte Gebilde, die auf keinen physikalischen und
geologischen Gesetzen beruhen. Geographische Grenzen und Einteilungen werden mutwillig
durch den Lauf ihrer Geschichte verändert und je nach politischer Lage modifiziert. Bereits
die geographische Raumkonstruktion in Ost- und Westeuropa ist problematisch. Solche
Grenzziehungen suggerieren uns die Struktur einer (nord)westlich entwickelten Zivilisation,

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mit einigen wenigen Zentren und einer (süd)östlich rückständigen, nachahmenden
Gesellschaft, die den Zentren dienenden Peripherien.

In diesem Zusammenhang meint Harald Roth, dass die „Erfindung Osteuropas“, das Werk der
westeuropäischen Aufklärung und ohne die gleichzeitige Erfindung Westeuropas als der Heimstätte
von Zivilisation und Aufklärung überhaupt nicht zu verstehen ist. […] Die Mission des Westens sei es,
seine Zivilisationen auszustreuen, die des Ostens, diese anzunehmen. (Roth 2009: 3 f.)

De facto ist ganz Südosteuropa, außer in den Gebieten Griechenlands, Albaniens, Ungarns
und Rumäniens, größtenteils von Slawen beheimatet. Als Slawen werden Menschen
bezeichnet, die eine slawische Sprache beherrschen und slawischer Herkunft sind. Der genaue
Ursprung dieser Menschengruppe ist nicht bekannt. Es wird allerdings vermutet, dass die
Slawen ganz allgemein aus dem heutigen Gebiet, um die Flüsse Prypjat, Dnjestr, Dnjepr und
der Weichsel, in der Nähe des Uralgebirges stammen. Im Falle der Südslawen wird
angenommen, dass diese sich im 6. Jahrhundert von der Hauptgruppe abspalteten und nach
Südosteuropa wanderten. Der Migrationshintergrund für die slawischen Wanderbewegungen
könnte möglicherweise der Awareneinfall in Ost- und Südosteuropa sein (vgl.
Kirsten/Stier/Wühr 1991: 42 f., 50 f.). Nach der Vertreibung der Awaren und der Illyrischen
Stämme siedelte sich ein Teil der wanderten Slawen in den südosteuropäischen Regionen an,
die sie alsgleich eifrig bewirtschaften. Durch die Jahrhunderte hindurch erwuchsen aus den
kleinen Siedlungen und Stämmen slawische Fürstentümer und Königreiche, die etwa in den
späteren Nationalstaaten Serbien, Bulgarien oder Montenegro aufgingen.

Bereits lange vor der Gründung des jugoslawischen Königreichs gab es panslawische
Bestrebungen, die eine gemeinsame slawische Sprache, kulturelle Einheit, gar eine
gemeinsame slawische Nation forderten. Seit den 17. Jahrhundert wurde die Gemeinsamkeit
der Slawen in politischen, historischen und epischen Werken verarbeitet. Ab dem 19.
Jahrhundert intensivierte sich allmählich das Interesse für die eigene Kultur, der Sprache und
der Geschichte und so erwuchs ein immer größeres Nationalbewusstsein in den Köpfen der
europäischen Slawen (vgl. Suppan 1996: 53 f.). Hierbei erwuchs das Bedürfnis nach Halt und
Sicherheit innerhalb eigener Staatsgrenzen auf der Grundlage der Selbstbestimmung. So fand
der „1. Slawenkongress“ bereits im Jahre 1884 statt, dem weitere Slawenkongresse folgten
(der letzte fand 2005 in Minsk statt). Auf dem 1. Kongress, der in Prag stattfand, wurde nicht
nur die blau-weiß-rote panslawische Flagge beschlossen, sondern die ersten Grundgedanken
für die späteren slawischen Vielvölkerstaaten Sowjetunion, Tschechoslowakei und
Jugoslawien formuliert. „Wie überall in Europa wurde die „Erfindung der Nation“

- 15 -
maßgeblich durch Intellektuelle, Wissenschaftler, Politiker und Kirchenvertreter in Szene
gesetzt.“ (Calic 2010: 25) Der Gedanke an die nationale Eigenständigkeit resultierte aus der
unfreien Herrschaft durch Osmanen und Habsburger. Angetrieben wurde die Idee einer
eigenen Slawennation durch die Gründung des Königreiches Italien 1861 und durch das Recht
auf Selbstbestimmung, die durch die bürgerlich-liberalen Revolutionen in Frankreich
hervorgingen.

Die Wiener Oktoberrevolution 1848, die der französischen Februarrevolution desselben


Jahres folgte, kann als Wendepunkt der k. u. k. Politik betrachtet werden. Die
Oktoberrevolution galt als Aufbruch politischer bürgerlicher Partizipation, die ebenso das
Recht auf ökonomische, sprachliche und kulturelle Selbstbestimmung vorsah.
Der „II. Serbische Aufstand“ führte zum Sieg über die Osmanen und zur Gründung der
Fürstentümer Serbien und Montenegro auf ehemals osmanischem Territorium. Die vom
Berliner Kongress (1878) nun anerkannten Königreiche gaben den in der österreichisch-
ungarischen Monarchie emanzipierenden Volksgemeinschaften weiteren Antrieb auf das
Recht zur Selbstbestimmung. Die habsburgerischen Kronländer Kroatien und Slowenien
erhielten zwar durch den „Österreichischen-Ungarischen Ausgleich“ (1867) und den
folgenden „Ungarisch-Kroatischen Ausgleich“ mehrere Autonomierechte, waren allerdings
bis zum Ende des I. Weltkriegs immer noch Bestandteile der Doppelmonarchie.

Serbische, kroatische und slowenische Politiker, Studenten, Intellektuelle, Literaten und


Kapitalisten verständigten sich allmählich auf ein gemeinsames Programm, das eine
realistische Gründung eines eigenen südslawischen Staates vorsah (vgl. ebd.: 54 f.). Wie bei
allen Nationalstaatenbildungsprozessen entwickelten sich, wie auch in den Gebieten des
ehemaligen Jugoslawiens, eine Bandbreite unterschiedlichster Parteien mit spezifischen
Charakteristiken und Merkmalen. Die Palette reichte von bürgerlich-elitären, nationalistischen
bis hin zu sozialrevolutionären Gruppierungen und Parteien. Die politischen Forderungen
waren allerdings alle ähnlich: das Recht auf Souveränität.
Krieg, soziale Spannungen und Transformation, aber auch die Aufbruchstimmung ins neue
Zeitalter, aufkeimender Massennationalismus und die Forderung nach Selbstbestimmung der
Völker, ferner eine sich anbahnende Niederlage des Habsburgerreiches im I. Weltkrieg,
machten das Projekt „slawischer Nationalstaat“ immer wahrscheinlicher (vgl. Despot 2010:
291 f.).

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1917 wird mit der Unterzeichnung der „Deklaration von Korfu“ der erste Grundstein für einen
eigenen slawischen Staat in Südosteuropa gelegt. Ihr eigentlicher Durchbruch gelang der
panslawischen Bewegung mit der Gründung des „Königreichs der Serben, Kroaten und
Slowenen“, welches am Abend des 1. Dezembers 1918 Wirklichkeit wurde. Die in Serbien,
Kroatien und Slowenien gebildeten Nationalräte, die einen gemeinsamen südslawischen
Nationalstaat propagierten, konnten sich letztendlich gegen die „Jugoslawischen Komitees“
durchsetzen, die sich für ein föderalistisches, für ein ohne von Belgrad zentralistisch gelenktes
Jugoslawien, einsetzten. Zwei Jahre später erhielt das Land dann eine eigene
Staatsverfassung. Aufgrund der zentralistischen Konzeption blieben die slowenischen und
kroatischen Volksvertreter der „Verfassungsgebenden Versammlung“ jedoch fern (vgl. Roth
2009: 208).

Im Jahre 1918 lebten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens etwa 12,5. Mio. Menschen
unterschiedlichster Konfessionalität. Neben den drei großen Volksgruppen der Serben,
Kroaten und Slowenen waren viele andere Volksgemeinschaften in diesem Teil Europas
angesiedelt. Das bunte „Volksgemisch“ war Resultat von Migrationsbewegungen
unterschiedlichen Ursprungs. Die Hauptgründe für die Migrationsbewegungen waren etwa
Vertreibung durch Kriegsereignisse, Hungersnot oder ökonomische Interessen (vgl. Calic
2010: 21, 84). Auch in sozioökonomischer Hinsicht war der jugoslawische
Staatsbildungsprozess kompliziert. Neben der Existenz unterschiedlicher Volksgruppen erbte
das Königreich unterschiedliche Agrar-, Steuer-, und Währungssysteme. Das wirtschaftliche
Entwicklungsgefälle vergrößerte sich, umso weiter man in den Süden schaute (vgl. ebd.: 84).
Die unterschiedliche Bevölkerungsverteilung, strukturelle Ursachen und die Frage um einen
zentralistisch oder föderalistisch geführten gemeinsamen Slawenstaat sollten nicht nur in den
Anfängen Jugoslawiens bestehen bleiben. Sie blieben bis zum Zusammenbruch des Landes
erhalten und schufen großes Misstrauen unter den Eliten und in Teilen der Bevölkerung.
Dieses Misstrauen machte sich nicht nur in unzähligen Verfassungsreformen bemerkbar, die
das Projekt Jugoslawien durch dezentralistischen Maßnahmen deformierten. Dieses
Misstrauen schwappte alsgleich in Argwohn und Neid über, die den Weg für die späteren
Sezessionskriege mitebneten (vgl. Gelhard 1992: 62).

Der I. Weltkrieg war nicht alleine Resultat eines Attentats auf den österreichisch-ungarischen
Thronfolger durch eines jungen serbischen Studenten, der fest an ein vereinigtes, von den
Serben dominiertes Jugoslawien glaubte. Der erste globale Krieg war mehr Ergebnis eines

- 17 -
bereits seit Jahrzehnten andauernden schwelenden politischen und wirtschaftlichen Konflikts,
der ganz Europa betraf. Der Krieg wurde durch soziale Spannungen innerhalb der Großreiche,
mit einhergehenden Nationalstaatsbildungsprozessen und imperialistischer Expansionspolitik
herbeigerufen. Demgegenüber waren die jeweiligen südosteuropäischen Länder aufgrund der
Gebietsaufteilungen und den neuen Grenzziehungen nach den „Balkankriegen“ 1912/13
unzufrieden. Auch die Furcht eines erstarkten Serbien und des allmählich starken Einflusses
Russlands in Südosteuropa, sowie die Rivalitäten Österreich-Ungarns mit Italien wegen
Albanien, machten in den Augen der Herrscher einen Krieg unausweichlich.
Alle Staaten des frühren Jugoslawiens mussten nach dem I. Weltkrieg mit einer enorm hohen
Anzahl von Todesopfern und Krieginvaliden rechnen. Der I. Weltkrieg forderte auf Seiten
Serbiens allerdings die meisten Todesopfer, mit etwa einer halben Million Kriegstoten.
Insgesamt kamen etwa 600.000 Mio. Jugoslawen um (vgl. Suppan 1996: 30).
Hunderttausende wurden zu Kriegsinvaliden, Millionen von Menschen wurden zu
Flüchtlingen und/oder verloren ihre Existenz. Die gesamte Infrastruktur Jugoslawiens wurde
dem Erdboden gleich gemacht. Daher forderte der Vielvölkerstaat nach dem I. Weltkrieg 7
Mrd. Goldfranc Kriegsreparation, was etwa die Hälfte der serbischen Ökonomie vom Jahre
1914 entsprach (vgl. Calic 2010: 98).

Die am 18. Januar 1919 initiierten Pariser Vorortverträge sahen einen Zusammenschluss
ehemaliger Regionen und Gebietszuwächse für das neu geschaffene Königreich der Serben,
Kroaten und Slowenen vor. Der neuerschaffene Nationalstaat bestand einerseits aus den
ehemaligen Kronländern der Österreich-Ungarischen Monarchie, die das heutige Slowenien,
Kroatien und das damals okkupierte Bosnien, umfasste. Auf der anderen Seite setzte sich
Jugoslawien, aus den 350 Jahre, von den Osmanen beherrschten Territorien Serbien,
Montenegro und Mazedonien zusammen. Hinzu kamen große Gebietsgewinne; Die
österreichische Südsteiermark ging an Slowenien, Kroatien erhielt das ungarische
Zwischenmurgebiet (Medjimurje). Aus dem westlichen Teil des ungarischen Banats und der
östlichen Baranja wurde die Vojvodina gegründet, die Serbien zugeschlagen wurde. Bereits
im Jahre 1913 konnte Serbien das „Vardar-Mazedonien“ durch den Sieg über Bulgarien in
Anspruch nehmen. Sozusagen wird Jugoslawien aus der Zerschlagung der Österreich-
Ungarischen Doppelmonarchie und des Osmanischen Reiches heraus gegründet (vgl. Billing
1992: 7). Endgültig legitimiert wurden die neuen Grenzziehungen durch den „Vertrag von
Sevres“, der dann ebenfalls vom Osmanischem Reich und den Vereinigten Staaten akzeptiert
wurde.

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In Serbien wurden die letzten Spuren des 350 Jahre lang herrschenden Osmanischen Reichs
beseitigt. Dabei wurden alle Moscheen und osmanischen Kulturgüter ausnahmslos zerstört,
Religionsfreiheit wurde aber gewährt und nicht unterdrückt. Der neugegründete Staat sollte
sich nicht an vergangene Kulturen und Zivilisationen erinnern, sondern sich an Werten des
westlichen Nationalstaatenmodells orientieren. Dabei ist die Zerstörung von „fremden
Kulturgut“ ist ein typisches Merkmal des Nationalstaatenbildungsprozesses, das auch in
anderen Ländern zu beobachten ist.
Technischer Fortschritt, Emanzipation, Liberalismus und ein sich rasant ausbreitendes
Bürgertum kam für die südosteuropäischen Bevölkerungen einem Transitionsschock gleich.
Der soziale Wandel brachte die traditionellen Werte und die soziale Ordnung zur
Erschütterung. Hierbei wurden alte patriarchale Sozialstrukturen aufgebrochen, im Gegensatz
dazu, erfolgte ein allmählicher Wandel zu protodemokratischen Staatsstrukturen. Die Frage
die sich aus diesen Umbrüchen ergab, war jene, wie eine neue sozialkulturelle und nationale
Identität geschaffen werden könnte. Die Antwort war eine „Zivilisierung“ der
Landbevölkerung, im Sinne der westeuropäischen Aufklärung und in der Semantik eines
starken Nationalstaates.

Wie kurz angeschnitten, hatte die Gründung Jugoslawiens aber nicht nur seine Befürworter.
Denn die Parteienlandschaft des Vielvölkerstaates war von Beginn an regionalstaatlich
ausgeprägt und gegen ein von Belgrad zentralistisch gelenkten Staat gerichtet. Dieses Prinzip
sollte sich auch bis zum Zusammenbruch des Landes nicht ändern.
Auch ethnisch war die neue jugoslawische Bevölkerung völlig heterogen. Der Volkszählung
vom Jahre 1921 nach zu folgen war die Bevölkerungsstruktur des neu gegründeten
Königreichs sehr ungleichmäßig aufgebaut und zerstrickt: So beheimatete der neue Staat
knapp 9 Mio. „Serbokroaten/Kroatoserben“ (Serben, Kroaten, Muslime, Montenegriner und
Makedonier), 1 Mio. Slowenen, 439.657 Albaner, 505.790 Deutsche, 467.658 Ungaren sowie
eine Vielzahl an weiteren Minderheiten (vgl. Roth: 2009: 208; Suppan 2006: 31 f.).
1922 werden die alten Territorialeinheiten Jugoslawiens aufgelöst und durch 33 „oblasti“
(Bezirke) ersetzt. Die alten Verwaltungsgrenzen Serbiens hingegen blieben erhalten, die dazu
gewonnen Gebiete wurden mit der alten regionalen Struktur zusammengeschlossen (vgl.
Roth: 2009: 208). Die unwillkürliche geographische Einteilung nach dem I. Weltkrieg,
alsgleich die heterogene Zusammensetzung der Bevölkerungsstruktur sollten sich in Zukunft
nicht als positive Rahmenbedingungen für die Entwicklung des Vielvölkerstaates erweisen.

- 19 -
2.2 Sozialer Wandel, Modernisierung und Protoindustrialisierung – Eine
Annäherung an das moderne Weltsystem

Vor dem II. Weltkrieg war das Königreich Jugoslawien (bis 1941), das unter der Führung der
Dynastie der Karadjordjevici nach den Pariser Vorortverträgen im Jahre 1919 gegründet
wurde, bis auf wenige Industriezentren im Norden des Landes, agrarisch geprägt und hatte ein
kapitalistisches Wirtschaftssystem.
Die jugoslawische Bevölkerung betrieb zum größten Teil Subsistenzwirtschaft und kam für
den Hauptanteil der Steuereinnahmen auf. Außer in Slowenien (66 % in der Landwirtschaft)
erwirtschafteten rund 82,4-85 % der Bevölkerung ihren Lebensunterhalt im Primärsektor, nur
8,8-10 % waren in der Industrie beschäftigt (vgl. Ruppert/Haas 1981: 45; Suppan 1996: 32;
Becker/Weissenbacher 2009: 84).
Die Basiserwerbszweige der Menschen waren Land- und Forstwirtschaft, Viehzucht und
Fischerei. Hauptsächlich wurden bis zum II. Weltkrieg Rohstoffe, Genussmittel und
landwirtschaftliche Produkte exportiert. Vor allem Schweinefleisch, Geflügel und Eier waren
zu den wichtigsten agrarischen Absatzprodukten des Königreichs geworden.
Jugoslawien besaß und besitzt reichhaltige Bodenvorkommen wie etwa Kohle oder Eisenerz.
Darüber hinaus verfügt das Land über wichtige Ressourcen wie Gold, Silber, Kupfer, Blei,
Zink, Chrom, Mangan, Kupfer und Bauxit (vgl. Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft
1967: 15). Dagegen wurden komplexe Industriekomponenten, Landwirtschaftsmaschinen,
chemische Produkte, Luxusgüter und Eisen importiert (vgl. Suppan 1996: 1013 ff.).

Aufgrund der arbeitsintensiven Produktionsmitteln, der großen Zerstörung der Infrastruktur


durch die Besatzungsmächte des I. Weltkrieges und der verhältnismäßig wenigen Industrie-
und Landwirtschaftsmaschinen, die Überschüsse und damit Exporte unmöglich machten, hatte
das Königreich gesamtwirtschaftlich betrachtet, im Gegensatz zum hoch industrialisierten
Tschechien, miserable Startbedingungen. Obwohl der Vielvölkerstaat über ausreichende
Bodenressourcen verfügte, fehlten dem Land die Voraussetzungen, diese zu fördern,
weiterzuverarbeiten und zu transportieren.

Das Land musste Rohstoffe zur Weiterverarbeitung exportieren, bevor es dann deren
Halbfertigprodukte Eisen und Stahl zu hohen Kosten wieder einführte. Auch Maschinen, Werkzeug
und technische Anlagen wurden für teuere Devisen importiert. […] Rückständige Technik, fehlende
Qualifikation, Kreditmangel, hohe Steuerlast und unrationelle Betriebsführung trugen dazu bei, das in
Jugoslawien weniger, schlechter und teurer fabriziert wurde als in den west- und mitteleuropäischen
Staaten. (Calic 2010: 105 f.)

- 20 -
Ohne gehobenen Bildungsstand machte eine rasche Industrialisierung wenig Sinn. In der
Bildungsstruktur der zwanziger Jahre klafften die Unterschiede zwischen Norden und Süden
weit auseinander. Jeder zweite Jugoslawe konnte nicht lesen oder schreiben. Während die
Analphabetenrate (über 12 Jahre) in den zwanziger Jahren in Slowenien bei 9 % und
Slawonien und Kroatien bei 32,2 % lag, waren über 80 % der Menschen in Bosnien-
Herzegowina und Mazedonien Analphabeten (vgl. Calic 2010: 91). Die Analphabetenrate
deckte sich dabei mit den Beschäftigten in der Landwirtschaft. Das lässt den Schluss nahe,
dass einzig die städtische Bevölkerung über Bildung verfügte.
Slowenien, Slawonien, Dalmatien und Kroatien waren ehemalige Kronländer der Habsburger-
Monarchie und konnten demnach auf das traditionelle wohlhabende Bürger- und Bauerntum
setzten. Das sich in den nördlichen Regionen etablierende Kapital setzte auf die
vorindustrialisierten Kapazitäten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, im Gegensatz zu
Serbien und Bosnien, die aus osmanischen Bauerngesellschaften bestanden und keine
industriellen Produktionsmitteln vorweisen konnten (vgl. Suppan 1996: 35). Daher hatte der
Norden bessere Marktvorteile, die es der dort etablierten wirtschaftlichen Elite ermöglichten,
Profite zu erwirtschaften. Im Süden Jugoslawiens fehlte eine solche ökonomische Sphäre.

So war die Innenpolitik zwangsläufig von zähen Dauerkonflikten über Wirtschaft und
Währungsreform sowie Steuerrecht überschattet, durch das sich Kroatien und Slowenien von Belgrad
strukturell benachteiligt fühlten. Der kroatische Ökonom Rudolf Bicancic beklagte, dass die ehemals
österreichisch-ungarischen Landesteile mehr als 80 Prozent der Steuerleistung erbrachten, während
Serbien und Montenegro mehr als 70 Prozent der Investitionen in die Infrastruktur einstrichen. […].
Die bittersten Auseinandersetzungen provozierte die privilegierte Stellung der Serben in Regierung,
Militär, Bürokratie, Polizei und vielen wichtigen gesellschaftlichern Bereichen. Von allen 656
Ministern der kurzlebigen jugoslawischen Kabinette waren 452 Serben, dagegen nur 137 Kroaten, 49
Slowenen und 18 bosnische Muslime. In der Armee und der Staatsverwaltung sah es auch nicht viel
anders aus. (Calic 2010: 91 f.)

Einer raschen Modernisierung des primären Sektors stand auch die alte Agrarverfassung im
Wege, die die unterschiedlichen Ordnungsprinzipien und Agrarwirtschaftssysteme, wie etwa
das „Zadruga-“ (Hauskommunion) und das „Kmeststvo-System“ im Norden sowie das
osmanisch geprägte „Ciftlik-System“ im Süden des Landes begünstigte. Die ungleichen
Bodenrechtssysteme führten zu unregelmäßigen Steuerabgaben, unterschiedlichen
Abgabehöhen, sowie zu einer niedrigen Agrarproduktivität und in Folge dessen zu einer
Unmöglichkeit einer konzeptuellen Planung und Steuerbarkeit des agrarischen Bereichs und
der gewerblich-industriellen Entwicklung (vgl. Suppan 1996: 1013; Becker/Weissenbacher
2009: 84). Das familiäre Zadruga-System, welches den Kern einer traditionellen
südslawischen Familie sowie die soziale Ordnung im agrarischen Bereich bildete, hörte mit
der fortschreitenden Expansion des internationalen Kapitals, der Zurückdrängung

- 21 -
patriarchaler Strukturen sowie neuen Erwerbstätigkeiten in Industrie und Gewerbe auf zu
existieren. Das Kmeststvo-System, vor allen in Kroatien antreffend, das die Bauern zu
Abgaben von 1/5 bis 1/3 ihres Ertrages verpflichtete sowie das Ciftlik-System in Bosnien-
Herzegowina, welches Nicht-Muslime zur Abgabe eines Drittels ihres Ernteertrages
aufbürdete, waren also Gründe für die zunehmend niedrigere Agrarproduktivität (vgl. Suppan
1996: 1013 f.).
„Die Bodenreform von 1919 hob die Leibeigenschaft im Süden auf und schaffte die semi-
feudalen Gutsherrschaftsbeziehungen im Norden ab.“ (Becker/Weissenbacher 2009: 84) Die
wesentlichen Ziele der Reform, nämlich die Vereinheitlichung der Steuerabgaben, die
Zuteilung von Ackerland an die Landbevölkerung, sowie die Etablierung eines stabilen
Bauern und Pächterstandes, die regelmäßige Erträge garantierten, wurde erreicht (vgl. ebd.:
39).

[Aber] weder produzierte der landwirtschaftliche Export Gewinne, die in der Industrie hätten investiert
werden können, noch entstand eine breitere Binnennachfrage nach Fertigprodukten auf dem Lande.
Die Menschen waren schlicht zu arm, um sich mit Waren zu versorgen, die sie nicht selbst
produzierten. Die Industrialisierung setzte in den südslawischen Ländern daher später, langsamer und
in anderen Branchen ein als im Rest Europas. […]. Einen Industrialisierungsschub sollte es nicht vor
den 1930er Jahren geben, der Umschlag zur Hochindustrialisierung fand erst nach 1945 statt.
Ursächlich war ein Bündel struktureller Faktoren: die rückständige Verkehrsinfrastruktur, die den
Aufbau überregionaler Märkte behinderte, der chronische Kapitalmangel und das niedrige
Bildungsniveau, nicht zuletzt die starke Konkurrenz aus den entwickelten Regionen der Habsburger
Monarchie. (Calic 2010: 31 f.)

Wie in anderen Ländern führte der Wiederaufbau des Landes dennoch zur Erholung der
nationalen Ökonomie. Die Beschäftigung im industriellen Sektor wuchs, einhergehend mit
dem Wachstum des tertiären Bereichs. Nachfrage und Preise sowie die Staatsverschuldung
stiegen. Es wurde mehr Geld gedruckt, was zu neuen Investitionen, aber auch zur
Geldentwertung, führte. Zwischen 1918 und 1923 wurden auf diese Wirtschaftsweise 31 %
aller Fabriken und 40 % aller Arbeitsplätze in der Industrie geschaffen. Bis zum Abend des II.
Weltkrieges wurden 2193 Fabriken errichtet, 47 % davon in Slowenien, 37 % in Slawonien
und Kroatien, 24 % in Serbien und nur 14 % in Mazedonien. Am stärksten entwickelten sich
hierbei die mechanisierte Textilindustrie und die Lebensmittelbranche (vgl. ebd.: 106).
Die protoindustriellen Betriebe sollten allerdings nicht als leitende multinationale
Unternehmen betrachtet werden. Die Fabriken waren eher kleine handwerkliche oder
landwirtschaftliche Betriebe mit bis zu 25 Arbeitern, die nur teils mit technischen
Produktionsmitteln ausgestattet waren. Die Arbeitsbedingungen waren miserabel,
Arbeitsrecht- und Hygieneeinhaltungen gab es nicht und oft wurden Kinder als
kostengünstige Arbeitskräfte eingesetzt.

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Die jugoslawische Industrialisierung schuf überschüssige Produktionskapazitäten, da der
Binnenmarkt nicht sehr ausgeprägt war, die erhoffte Nachfrage ausblieb und die Produkte
aufgrund ihrer schlechten Qualität am internationalen Markt nicht bestehen konnten (vgl.
ebd.: 98, 106). Von einem „take-off“, im Sinne eines wirtschaftlichen Entwicklungsschubes,
kann nicht gesprochen werden (vgl. Faschingeder 2004: 68 f.; Rostow 1960)

Trotz miserabler Startbedingungen, und das in jeder Hinsicht, verbesserten sich die
Lebensbedingungen bis zum Jahre 1925 nachhaltig, obwohl die Nachfrage nach
Konsumgütern anfangs eher sehr schwach ausgeprägt war. Einfache Güter konnten nichts
desto trotz zu erschwinglichen Preisen erworben werden. Es fand eine Ausbreitung
hygienischerer Bauweise statt, Haustiere und Menschen lebten nun getrennt voneinander,
Kochherde und Betten mit Eisengestell hielten in den bäuerlichen Häusern Einzug. „Intensive
Anbaumethoden und zeitgemäße Gerätschaften hielten Einmarsch. […] Ernährung und
Gesundheit verbesserten sich. Pünktlichkeit und Disziplin wurden als Tugenden anerkannt.“
(Calic 2010: 108) Trotz vieler sozioökonomischer Verbesserungen war ein jugoslawischer
Wohlfahrtsstaat bis zum Ende des II. Weltkrieg nicht existent, wenn, dann nur in extrem
schwach ausgeprägter Form vorhanden.

Die Kredit- und Handelspolitik der kapitalistischen Zentren zielte auf kapitalintensive
Investitionsmöglichkeiten und auf die Ausbeutung seiner Peripherien (vgl. Hornberg 1964: 4).
Wenden wir uns dem Mittelalter zu, so wurden bereits zu jener Zeit die ersten Silberminen in
Serbien und Bosnien erschlossen und ausgeplündert (vgl. Wallerstein 2004: 49).
So verschuldete sich etwa Serbien aufgrund seiner Befreiungskriege und der Finanzierung
von Getreideernten durch unvorteilhafte Verträge mit der k. u. k. Monarchie und steckte
alsbald in der Pleitefalle (vgl. Hornberg 1964: 59; Suppan 1996: 47). „Zwischen 1880 und
1914 wuchsen die Verbindlichkeiten von 16, 5 Mio. auf 903,8 Mio. Francs.“ (Calic 2010: 37)
Bereits sehr früh hatte sich das imperialistische, überwiegend das französische, britische und
österreichische Finanzkapital in Stellung gebracht (vgl. Hornberg 1964: 59).
Französische Kapitalisten waren in erster Linie an Kreditvergaben interessiert (vgl. Hornberg
1964: 142 ff.). Es wurde im Kupfer- und Kohlebergbau sowie in Bauxit-, Gold- und
Magnesitabbau investiert. Ebenso wurden französische Devisen in der Holz-, Zement-, und
der chemischen Industrie eingesetzt. Zum anderen war französisches Kapital im Schiffs-,
Waggon- und Flugzeugbau sowie an einigen Elektrizitätswerken beteiligt (vgl. Suppan 1996:
1020).

- 23 -
Britische Investitionen fanden ihren Weg im Bergbau (Zink, Blei, Chrom) und waren in der
Holz-, Zement- und Zuckerindustrie sowie im Schiffsbau und in der Maschinenindustrie
vertreten. Auf der anderen Seite beuteten die Briten die Ölvorkommen des Landes aus, um
vorrangig Petroleum zu gewinnen.
Auf der anderen Seite war das österreichische Finanzkapital, wie auch in der Gegenwart,
überwiegend im Aktien- und Kapitalmarkt sowie in Banken angelegt. Nur 7 von 21 privaten
jugoslawischen Großbanken arbeiteten mit nationalem Kapital, 7 mit österreichischen, 5 mit
ungarischen und 5 mit tschechischen Devisen (vgl. Hornberg 1964: 142 ff.; Suppan 1996:
1020). Ebenso fanden sich österreichische Geldmittel in der Holz- und Textilverarbeitung, im
Kohlebergbau, in der Maschinenproduktion, im chemischen und elektrotechnischen Gewerbe
sowie in der Lederindustrie (vgl. Suppan 1996: 1020).

Allmählich griffen die Strukturen des Weltwirtschaftsystems in Südosteuropa, wenn sie nicht
schon seit 500 Jahren ein fester Bestandteil waren. Kumulativ ging es in den zwanziger Jahren
des letzten Jahrhunderts um die Expansion des internationalen Finanzkapitals und der
Positionierung und Sicherung des Absatzmarktes und Investitionen, im Sinne der
neoklassischen Theorie.
Mit der ansteigenden Exportorientierung und der Dominanz ausländischen Finanzkapitals
wurde die jugoslawische Volkswirtschaft zunehmend in den europäischen Wirtschaftsmarkt
gedrängt und von diesem immer abhängiger. Einer der Hintergründe für die rasche Integration
Jugoslawiens in die europäische Handelsstruktur war die handelspolitische Neuorientierung
der nach dem I. Weltkrieg neu entstandenen Nationalstaaten.

Der Historiker Arnold Suppan geht hingegen noch einen Schritt weiter und meint, dass seit der
Gründung Jugoslawiens sich das gesamte südslawische Wirtschaftsleben auf Preisbewegungen,
Währungsveränderungen, Produktions- und Konsumverschiebungen in den verschiedenen Teilen der
Weltwirtschaft einstellen und seine Außenhandelspolitik nach den Mechanismen des Weltmarkts
ausrichten musste. Der Jugoslawischen Volkswirtschaft genügte daher keineswegs eine Verbesserung
und Anpassung der agrarischen und industriellen Produktion sowie eine Regulierung der öffentlichen
und privaten Verschuldung an das Ausland, sondern sie musste auch auf die mannigfaltigen
Veränderungen in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen reagieren; auf Freihandel,
Meistbegünstigung und Handelsverträge ebenso wie auf Kontingentierungen, Präferenzzölle und
Clearingsabkommen. Dabei ging es jeweils um das Finden eines neuen Standortes in der
Weltwirtschaft. (ebd.: 1072)

Infolge einer weltweiten Überproduktion, die durch die Agrarkrise von 1925 verkörpert
wurde, fielen die Agrarpreise, im Gegensatz zu den Gewerbeprodukten, stetig. So kam es in
weiten Teilen der Bevölkerung zur Massenverelendung. Um zumindest die
Reproduktionskosten decken zu können, ließ sich die Landbevölkerung auf andere

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Erwerbsmöglichkeiten ein, was zu einer niedrigen Landwirtschaftsproduktion und in Folge
zum Konsumrückgang führte (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 84). 2/3 der Menschen in der
Landwirtschaft waren somit auf Zusatzerwerb angewiesen. So kam über die Hälfte der
Industriearbeiter aus dem primären Sektor.
Obwohl mehrere Reformen unternommen wurden, um die landwirtschaftliche Produktion zu
erhöhen, kamen die agrarischen Erzeugnisse dennoch nicht mit dem stetigen
Bevölkerungswachstum in Einklang. Ein Ausweg, der Armut zu entgehen, war die Stadtflucht
oder die Auswanderung. Etwa 200.000 Menschen emigrierten zwischen 1921-1939 nach
Amerika oder Mitelleuropa (vgl. Calic 2010: 101 ff.).

Bereits vor der großen ökonomischen Krise der dreißiger Jahre erfolgten im Königreich die
ersten Bankenzusammenbrüche und mit ihnen einhergehend eine hausgemachte
Wirtschaftskrise. Ausgelöst wurde die Krise durch fallende Kursstürze, die wiederum durch
Unterbilanzen im Staatsbudget, der Passivität der Handels- und Zahlungsbilanz, den
Börsenspekulationen der Exporteure und politischen Indifferenzen verursacht wurden. Das
Hauptproblem stellte allerdings die anhaltende Staatsverschuldung dar, die durch fortlaufend
neue Kredite und Anleihen gedeckt wurde. Demgegenüber wurde auf Grund der hohen
Dividenden, die bei Krediten aktive Zinssätze von 24 % erzielten, ausländisches Kapital
angelockt, was zur Behinderung inländischer Investitionen führte (vgl. Suppan 1996: 1023 f.).
1929 setzte eine weltweite Depression ein, die schwere volkswirtschaftliche Schäden in den
kapitalistischen Zentren verursachte, aber auch die Volkswirtschaften in den Peripherien
maßgeblich deformierte. Die globale Krisenerscheinung war geprägt von Überproduktion und
Deflation, und folgend kam es zum Anstieg der Arbeitslosigkeit und letztendlich zur
Massenverelendung in weiten Teilen der Bevölkerung.
Aufgrund der Furcht vor Inflation griff die jugoslawische Regierung zu einem harten
Stabilitätspakt und vernachlässigte kreditfinanzierte Investitionen, was zu einem Rückgang
der Binnennachfrage führte. Hingegen wurde zu Mitteln gegriffen, die charakteristisch für
diese Zeit waren; nämlich zur Importsubstitution und zum Subventionismus. Dies galt vor
allem für die kapitalistischen Zentren; denn diese schirmten durch Importsubstitution und
Einfuhrbeschränkunken ihre Ökonomien und schotteten sich gegen die Importe der
südosteuropäischen Staaten ab.

1932 war der Wert des jugoslawischen Außenhandels, […], um rund 70 Prozent gegenüber 1929 gefallen.
Gleichzeitig verschlechterten sich die terms of trade, da die Agrarpreise schneller sanken als die der
Industriegüter. […] Jugoslawien musste seine landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Rohstoffe auf dem
Weltmarkt billig abgeben, jedoch Fertigprodukte unverhältnismäßig teuer einkaufen. (Calic 2010: 120)

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1934 waren Produkte aus dem primären Sektor nur mehr halb soviel wert wie 1926 (vgl.
ebd.). Zwei Jahre später war die Beteiligung des ausländischen Kapitals an
Aktiengesellschaften mit 2.439 Mio. Dinar bereits deutlich höher als die Währungsdeckung
der jugoslawischen Nationalbank (vgl. Suppan 1996: 1020). Mitte der dreißiger Jahre waren
651.000 Arbeitslose registriert, das Einkommen fiel auf mehr als 70 %. So waren „in Belgrad
1930 48 % der Arbeiterwohnungen feucht, 69 % ohne sanitäre Einrichtung, 87 % baufällig“
(Calic 2010: 108, 120). In vielen Ländern, so wie auch in Jugoslawien, wurden die
Sozialausgaben gekürzt, Löhne eingefroren und die Kurzarbeit eingeführt, da die
europäischen Banken ihre Kredite allmählich einforderten.
Indes war der Süden viel stärker betroffen als der hochindustrialisierte Norden, da die
Agrarpreise im Gegensatz zu den Preisen industrieller Produktion viel rascher in den Keller
sackten (vgl. ebd.: 121). Durch die stark ausgeprägten regionalen Disparitäten und
wirtschaftlichen Verteilungskämpfe radikalisierten sich sozioökonomische Spannungen und
verkleinerten dadurch den ohnehin schwachen Konsens der Eliten für ein zentralistisch
regiertes Jugoslawien.
Bis zum II. Weltkrieg versuchte die Regierung mit der Einbeziehung von Reformen, die
katastrophalen Folgen der Weltwirtschaftskrise abzuschwächen. Jugoslawien führte
Monopole ein und gründete Staatsbetriebe auf der Basis von Investitions- und
Arbeitsbeschaffungsprogrammen. Die Schwerindustrie und Rüstung wurden gefördert, Preise
subventioniert, der Agrarsektor durch Tilgung von Schulden stabilisiert (vgl. ebd.: 120 ff.).
Allerdings waren nach Daten der Volkszählung 1931 nur 10,9 % der Einwohner Jugoslawiens
in der Industrie beschäftigt (vgl. Ruppert/Haas 1981: 45).

Schon lange war Jugoslawien im Blickfeld rivalisierender Großreiche und Kapitalisten


geraten. Als Exporteur landwirtschaftlicher Erzeugnisse und bedeutender Ressourcen, sehr
wohl als auch wichtiger Absatzmarkt, war das Land als wirtschaftliche Randzone
unverzichtbar geworden.
Für Deutschland erlangte das Königreich vor allem mit dem im Jahre 1934 initiierten „Neuen
Plan“ große Bedeutung. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten sah man sich bewogen,
Jugoslawien im Rahmen des „Neuen Plans“ wirtschaftlich auszubeuten. Im Rahmen eines
Handelsvertrages von 1934 verpflichtete sich Deutschland, jugoslawische
Landwirtschaftsprodukte zu einem höheren Preis als den Weltmarktpreisen einzukaufen. Im
Gegenzug wurden in Kompensationsprozessen deutsche Exportwaren ausgetauscht (vgl.
Suppan 1996: 115).

- 26 -
Zielsicher gelang es dem Reich, sukzessive zum wichtigsten Handelspartner des Vielvölkerstaates
aufzusteigen. Nahm Deutschland zwischen 1931 und 1935 erst 14,1 Prozent der jugoslawischen
Exporte ab, waren es 1936 bereits 25,44 Prozent und 1939 sogar 45,9 Prozent. Jugoslawien begab sich
in eine gefährliche wirtschaftliche und damit auch politische Abhängigkeit. (Calic 2010: 132)

Im Zuge der Kriegsvorbereitung des nationalsozialistischen Deutschland 1938 spricht man


bereits vom „Wirtschaftsraum Großdeutschland-Südost“. Im Austausch von Agrargütern und
rüstungsrelevanten Ressourcen, wie etwa Kupfer oder Eisenerz, erhielt Jugoslawien Waffen
und Flugzeugtechnik. „Um die Ressourcen vor dem Zugriff künftiger Feindstaaten zu sichern,
sollten die Länder Südosteuropas dem Dreimächtepakt beitreten.“ (ebd.: 133)
Bei dem Dreimächtepakt, der vom Deutschen Reich, dem Kaiserreich Japan und dem
Königreich Italien geschlossen wurde und mit dem Königreichen Ungarn, Rumänien, und
Bulgarien, sowie der Slowakischen Republik erweitert wurde, handelt es sich um einen
Vertrag, der militärische Kooperation versprach, aber auch politische und geographische
Interessen und Einflusssphären absicherte. 1941 trat Jugoslawien dem Pakt unter den immer
stärker werdenden politischen Druck Nazideutschlands bei (vgl. Billing 1992: 8). Angesichts
eines Staatsstreiches blieb die Mitgliedschaft jedoch auf zwölf Tage beschränkt. Jugoslawien
wurde aufgelöst und unter den Achsenmächten Bulgarien, Italien, dem rasch gegründeten
deutschen Satellitenstaat „Unabhängiger Staat Kroatien“ und dem Deutschen Reich aufgeteilt.
Bulgarien annektierte Mazedonien, das italienische Albanien besetzte Montenegro, Italien
annektierte Dalmatien und Hitlerdeutschland Slowenien (vgl. Roth: 2009: 210).

Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise waren, neben verheerenden sozioökonomischen


Folgen, die Umstrukturierung der kapitalistischen Produktions- und Akkumulationsweise und
eine Radikalisierung der politischen Landschaft, die den Aufstieg der faschistischen und
kommunistischen Parteien begünstigte und die bürgerlich-liberalen Kräfte enorm schwächte.
Sozialökonomische Spannungen wurden instrumentalisiert, indem religiöse Fragen in den
Mittelpunkt der Probleme geschoben und die nationale Zugehörigkeit in Frage gestellt
wurden. Diese Veränderungen gingen nicht nur in Jugoslawien vor sich, sondern in ganz
Europa und in vielen anderen Teilen der Welt. Das Ergebnis dieser Transformation ist
bekannt; der II. große Krieg auf globaler Ebene und der verlustreichste Konflikt in der
Geschichtsschreibung mit Abermillionen von Toten und Kriegsinvaliden.

Und Jugoslawien? Jugoslawien hörte mit seiner Kapitulation am 17. April 1941 zu existieren
auf.

- 27 -
2.3 Die Neugründung Jugoslawiens unter kommunistischem Banner

Kommunismus und Faschismus erfreuten sich immer größerer Beliebtheit in Europa, umso
größer das Elend unter der Bauern und Arbeitern wuchs. So „[…] zog der Zweite Weltkrieg
eine bedeutsame Ausdehnung eines regierenden Staatssozialismus in Osteuropa […] nach
sich.“ (Becker/Weissenbacher 2009: 16) In Jugoslawien konnte sich die kommunistische Idee
aufgrund des rasant anwachsenden verarmten Proletariats und der gebildeten Schicht in den
Städten, andererseits wegen des immer größer wachsenden Massenelendes unter der
bäuerlichen Bevölkerung, schnell verbreiten (vgl. ebd.). Aber auch die bolschewistische
Revolution von 1917 beeindruckten viele Jugoslawen. Seit je her hatten russische Ideen und
Vorstellungen Einfluss – denn Russland wurde und wird von einigen Ländern Südosteuropas,
wie etwa Griechenland, Mazedonien oder Serbien, als großer Bruderstaat betrachtet. Die
rasant wachsende jugoslawische KP gewann bei den ersten freien Wahlen bereits 12,5 % der
Wählerstimmen und wurde drittstärkste Fraktion in der Skupstina (Parlament). 1921 wurde
sie in die Illegalität gedrängt, gewann jedoch trotzdem stetig an Zulauf.

Von einer „Wirtschaft Jugoslawiens“ im II. Weltkrieg kann nicht gesprochen werden. Die
Regionen Südosteuropas waren einzig für die Ressourcenbereitstellung und
Waffenproduktion Hitlerdeutschlands von Bedeutung. So wurden Bauxit aus Dalmatien,
Eisenerz aus Bosnien-Herzegowina sowie Blei und Zink aus Serbien ausgebeutet. Zwischen
1941 und 1944 wurden Industriegüter aus Kroatien in der Höhe von 328,4 Mio. und von
Serbien 91,2 Mio. Reichsmark zwangsweise abgeführt, Bergwerke, Infrastruktur und
rüstungsrelevante Betriebe unter Kontrolle gestellt. 420.000 Menschen wurden deportiert und
der Zwangsarbeit zugeführt. Die Nationalbank wurde ihrer Reserven beraubt. Über 2,5 Mrd.
Reichsmark wurde von Jugoslawien für die Finanzierung der Wehrmacht und
Besatzungskosten abgepresst. Die Löhne sanken bis zum Ende des Krieges auf 4/5 seines
ursprünglichen Werts, auf der anderen Seite stiegen die Lebenserhaltungskosten zwischen
1941 und 1943 um über 2700 %. Hierbei bewirkte die Inflation eine Umschichtung des
jugoslawischen Volksvermögens. Während sich die Schulden der Landbevölkerung
verringerten, schmolz das Gesparte der Mittelschichten und Stadtbewohner, Geld war von
einem auf den anderen Tag nichts mehr wert. Um an Lebensmittel heranzukommen, verkaufte
die Stadtbevölkerung alles Tauschbare zu Spottpreisen (vgl. Calic 2010: 155 f.). Neben der
wirtschaftlichen Not waren die Folgen des Terrors spürbar: Völkermord, ethische

- 28 -
Säuberungen, Deportation, Zwangskonvention und Zwangskollektivierung, Zwangsarbeit und
ein Niedergang der schon ohnehin nicht ausgeprägten Industrie und Wirtschaftstruktur.

Zweifellos war der Sieg der JKP über Hitlerdeutschland im Jahre 1945 nicht ohne die Hilfe
der jugoslawischen Bevölkerung, vor allem der Landbevölkerung möglich gewesen. Die
jugoslawischen Partisanen wurden von ihnen verpflegt und mit Nahrung ausgestattet. Im
Gegenzug wurden sie vor Übergriffen deutscher, bulgarischer und italienischer Besatzer, oder
auch paramilitärischer Gruppen verteidigt. Die Mitglieder der kommunistischen Partisanen
rekrutierten sich hauptsächlich aus Bauern, Kommunisten, Sozialrevolutionären, Patrioten
oder Menschen, die nichts mehr zu verlieren hatten. Bis zum Ende des Weltkrieges gewann
die JKP 800.000 Menschen als Partisanen, 305.000 Kämpfer mussten dabei ihr Leben lassen
(vgl. ebd.: 168 f.). Der jugoslawische Sozialismus war also nicht im Sinne Marx ein Ergebnis
klassischer Klassenkämpfe zwischen Proletarier und Bourgeoisie, sondern ein Effekt
nationalen Widerstandes. Nach dem II. Weltkrieg wird es den Partisanenführer Josef Brosz,
„Tito“, für viele Jahre gelingen, eine Union nach streng sozialistischem Vorbild zu etablieren,
in der mehr oder minder alle Republiken als gleichberechtigte Partner existieren sollten und in
der wenig Platz für Nationalismus und Separatismus mehr war. Wie ich noch aufzeigen
werde, sollte sich die Realität anders gestalten, wie von Tito erhofft.

Die Nachwirkungen des II. Weltkrieges waren unübersehbar; Von den etwa 15 Mio.
Jugoslawen, mussten etwa 1,7 Millionen Menschen ihr Leben lassen, 3 Mio. Menschen
verloren ihr Obdach (vgl. Hofbauer 2001: 2; Calic 2010: 169, 184). Andere Quellen sprechen
von etwa 500.000 toten Serben, 200.000 Kroaten und 100.000 Bosniaken, bzw. insgesamt 1
Mio. Toten (vgl. Roth 2009: 210). Nach der „Eigenbefreiung“ Jugoslawiens und der
Anerkennung der KP durch eine Volksbefragung, war die sozialistische Idee nun Realität
geworden. „Jedes der Völker erhielt einen eigenen Staat, dies war den Kommunisten wichtig.
Jugoslawien bestand fortan aus sechs Republiken: Slowenien, Kroatien, Bosnien-
Herzegowina, Serbien, Montenegro und Makedonien. Innerhalb Serbiens entstanden zwei
autonome Gebiete, die Vojvodina und Kosovo.“ (Calic 2010: 181) Die neuen Teilrepubliken
waren jedoch alles andere als homogene Einheiten. So machten die Kroaten 78 % und die
Mazedonier nur 66 % der Bevölkerung in ihren jeweiligen Republiken aus. Institutioneller
Föderalismus und die Schaffung des „Jugoslawen“ waren jedoch Kernstück und
Grundvoraussetzung eines rekonstruierten Nationalstaates, unter kommunistischen Banner,
„Brüderlichkeit und Einheit“ die heiligen Wörter einer neuen Solidarität (vgl. ebd.).

- 29 -
III Die politische und wirtschaftliche Entwicklung
Jugoslawiens bis 1974

3.1 „Sozialistische Marktwirtschaft“ als Motor für wirtschaftliche


Entwicklung?

Neben einer raschen Industrialisierung und Modernisierung des primären und sekundären
Sektors (vgl. Ruppert/Haas 1981: 47) sah das Jugoslawienmodell eine Etablierung einer
homogenen, gleichgestellten, von Nationalismen befreiten, und freien Gesellschaft im Sinne
einer marxistisch-stalinistischen Ideologie vor. Abseits der Etablierung eines sozialistischen
Wirtschaftsmodells waren sozialkulturelle Normen und sozialistische Werte tragende
Grundpfeiler einer kommunistischen Konzeption. Sozialistische Werte waren etwa
marxistische Weltauffassung, Weltoffenheit, Humanismus, Solidarität, Moral und Familie
(vgl. Furtak 1975: 9 ff.).
Die Rahmenbedingungen einer klassenlosen Gesellschaft sollten sich allerdings nur zum Teil
verwirklichen. Denn nach marxistischer Auffassung gingen Jugoslawiens
Produktionsverhältnisse nicht aus der Transformation einer bürgerlichen Gesellschaft hervor,
sondern gründeten sich auf der Basis einer Agrargesellschaft. Der Staat hätte erst sozialistisch
ausgeformt werden müssen, um die Grundlage einer klassenlosen Gesellschaft bilden zu
können, was in Jugoslawien nicht der Fall war (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 86). Trotz
„nicht-marxistischer Bedingungen“ galt es, die vom Krieg verursachten Schäden wieder zu
richten, ebenfalls verfolgte man nun strikt das Paradigma, sich wirtschaftlich zu entwickeln.
Denn fast 300.000 Agrarbetriebe und ein Drittel der jugoslawischen Industrie wurden durch
den Krieg systematisch vernichtet, unzählige Straßen, Schienen und Brücken völlig zerstört
(vgl. Calic 2010: 184).

Nachahmen und Aufholen wurden zu tragenden Leitbildern der Nachkriegszeit, aber nicht nur
für die kapitalistisch geprägten Staaten. Hierbei wurde das jugoslawische
Wirtschaftswachstum von der JKP mit einhergehenden technischen Fortschritt,
Modernisierung und Wohlstand verglichen, die mit den Instrumenten der Planwirtschaft und
Industrialisierung bewerkstelligt werden sollten (vgl. Furtak 1975: 13).

- 30 -
Auffassung gründete sich einerseits auf die Geschichte Europas (und insbesondere Englands),
andererseits aber auch auf den Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht. Der Glaube an die
Industrialisierung wurde ergänzt durch die aus den traumatischen Erfahrungen von
Weltwirtschaftskrise und Zweitem Weltkrieg entstandene Überzeugung, dass der Staat eine zentrale
Rolle im Entwicklungsprozess zu spielen habe. […]. Trotz unterschiedlicher Ansätze ließ sich der
weltumspannende Konsens auf eine einfache Formel bringen: Entwicklung = Wirtschaftswachstum =
staatlich initiierte/unterstütze Industrialisierung. (Fischer et al. 2004: 17)

Aufgrund der Verbundenheit zur kommunistischen Ideologie, und angesichts des Zweifels an
die kapitalistische Marktwirtschaft, initiierte die KP Jugoslawiens eine
Zentralverwaltungswirtschaft nach Vorbild der Sowjetunion. Bereits einige Monate nach
Ende der Kampfhandlungen erfolgte eine unübersehbare Wende in der jugoslawischen
Wirtschaftspolitik. Es galt durch Modernisierungsmaßnahmen, eine nachholende
importsubstituierende Industrialisierung in Gange zu setzen (vgl. Becker/Weissenbacher
2009: 83).

Die Kommunisten verfolgten ein umfassendes Fortschrittsprojekt, das sie aus der Analyse der
bürgerlichen Ökonomie und Gesellschaft entwickelten, als Antithese der kapitalistischen
Marktwirtschaft. Kern der Ideologie bildete die sozialistische Theorie von Wachstum und Arbeit. Sie
verfolgten drei große Ziele: zum ersten, Beschäftigung und Wohlstand zu genieren ohne jene negativen
sozialen Begleiterscheinungen, die der Kapitalismus seit dem 19. Jahrhundert produzierte. Zum
zweiten sollte der Teufelskreis wirtschaftlicher und politischer Abhängigkeit von ausländischen
Mächten durchbrochen werden. Drittens sollte die sozialistische Gesellschaft besser, gerechter,
humaner und glücklicher sein. (Calic 2010: 183)

1945 besaßen nur 43,8 % der Landwirtschaftshaushalte einen Eisenpflug und 18,2 % einen
Pflug aus Holz, 34 % besaßen nicht einmal die einfachsten Landwirtschaftgeräte (vgl. Calic
2010: 184; Becker/Weissenbacher 2009: 84). Die enorme Zerstörung der Infrastruktur,
alsgleich die technische Rückständigkeit im primären Sektor machte also eine Reform
unausweichlich. Es wurde das "Gesetz über die Agrarreform und Kolonisierung" (Zakon o
Agrarnoj reformi i kolonizaciji) erlassen, das die Verstaatlichung von Boden und die
Enteignung der Großgrundbesitzer vorsah (Narodna Skupstina 1945). 1944 wurden bereits 80
% des Privateigentums in Schlüsselsektoren beschlagnahmt. So gewann der Staat 1,6 Mio.
Hektar zurück (vgl. Calic 2010: 184 f.). Das Land wurde größtenteils an Bauern, aber auch an
heimkehrende Widerstandskämpfer sowie KP-Mitglieder umverteilt – aufgeteilt wurde nach
Kriterien, wie Größe der Bauernfamilie, Anbaumöglichkeiten und Verdienst um das Land
oder die Partei. Maximal durften allerdings nur zehn Hektar pro Familie ausgegeben werden
(vgl. Hofbauer 2001: 3). Zwei Jahre später erfolgte eine weitere Bodenreform, die eine
Zwangskollektivierung großer Teile der Landwirtschaft vorsah. Hierbei wurden 300.000
Hektar beschlagnahmt (vgl. Calic 2010: 185).

- 31 -
„Unter dem Moto „Wiederaufbau ohne Rast!“ (Nema odmara dok traje obnova!) begann jetzt
das große Aufräumen und Reparieren.“ (ebd.: 184) Ernten wurden eingeholt, Wälder wieder
aufgeforstet. Die Wirtschafts- (wie etwa Straßen, Brücken, oder Schienen) und
Sozialinfrastruktur (wie bsp. Wohn-, und Krankenhäuser, Schulen und Kulturstätten) sowie
die Industrie wurden wieder aufgebaut. Ab November 1946 begann die Verstaatlichung von
Industrie, Bankwesen und Großhandel. Dabei traf die Verstaatlichung in erster Linie
Großgrundbesitzer, Kirchen, Banken und Unternehmer (vgl. Furtak 1975: 13 f.).
Das jugoslawische Wirtschaftskonzept war anfangs eine Adaption des sowjetisch induzierten
Modells, das eine staatlich erzwungene Industrialisierung forcierte. Der industrielle Sektor
sollte die überschüssigen Arbeitskräfte aus dem landwirtschaftlichen Bereich absorbieren, die
Nachfrage nach Konsumgütern ankurbeln und das Wachstum der Ökonomie in Gange setzen.
So verließen zwischen 1945 und 1953 1,5 Mio. Menschen den primären Bereich, um sich in
der Stadt anzusiedeln, 800.000 wurden zu Pendlern und Nebenerwerbstätigen (vgl.
Ruppert/Haas 1981: 58 ff.; Calic 2010: 185). Das Konzept des „Wiederaufbaues ohne Rast“
sollte die Transition beschleunigen, das Bildungsniveau heben, soziale Sicherheit bieten und
den Wohlstand sowie die Volksgesundheit erhöhen.

Schon kurz nach dem Weltkrieg kam es zu großen Uneinstimmigkeiten zwischen dem
südslawischen Vielvölkerstaat und den kapitalistischen Zentren, aber auch zu Streitigkeiten
mit seinem großen Bruder UDSSR, denn das Land ging fortan einen eigenen „sozialistischen
Weg“, der mit der Zeit auch marktwirtschaftliche Prinzipien zuließ (vgl. Bundeskammer der
Gewerblichen Wirtschaft 1967: 9). Jugoslawiens Sonderweg führte jedoch bereits nach kurzer
Zeit zu einer schweren politischen Krise, die infolge in eine wirtschaftliche Katastrophe
münden sollte.
Das Land arbeitete mit Griechenland, Bulgarien und Albanien an einem gemeinsamen
Staatenbund. So wurde in der Griechischen Revolution von 1946 die revolutionäre KP offen
unterstützt, was einem Schlag ins Gesicht der Briten gleichkam (vgl. Becker/Weissenbacher
2009: 85; Roth 2009: 211). Denn am Rande der Konferenz von Jalta (1945) wurde den
antikommunistischen Briten der Mittelmeerraum zugesprochen, die nun um ihre Interessen
bangten. Die Griechische Revolution war eine Antwort auf faschistoide Kräfte, die eine von
den kapitalistischen Zentren geduldete Militärdiktatur errichten wollten. Zur größten
Erregung kam es, als Jugoslawien zwei Divisionen nach Albanien schicken wollte, um die
griechischen Kommunisten zu unterstützen (vgl. Furtak 1975: 16 f.).

- 32 -
Für Stalin waren die Idee einer Vereinigung aller südosteuropäischen Länder zu einem Block,
eine Beleidigung an seiner Person als auch an seinem Führungsanspruch und ein Verrat an
den gemeinsamen sozialistischen Idealen (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 85; Roth 2009:
211). Weder die kapitalistischen Zentren noch die Sowjetunion waren mit Jugoslawiens
Emanzipation einverstanden, doch die Jugoslawen ließen sich nicht einschüchtern. In
Wirklichkeit war man verärgert, dass die Sowjetunion während des II. Weltkriegs keine
Waffen lieferte. Zudem war man verstört, als die UDSSR im Streit mit Italien um Triest sich
nicht auf die Seite Jugoslawiens schlug. Der Versuch der Sowjetunion, sich das Monopol der
jugoslawischen Rohstoffe und Absatzmarktes zu sichern, machte eine weitere
Zusammenarbeit unmöglich (vgl. Furtak 1975: 16 f.). Da zu heißt es:

Die ersten Friktionen zwischen den befreundeten Ländern gehen schon in der Zeit des Krieges zurück,
[…] als die Rote Armee schließlich 1945 nach Nordjugoslawien vorgestoßen sei, hätten die Aktivitäten
der sowjetischen Dienste zugenommen, das Anwerben von Jugoslawen, besonders von Kommunisten
in empfindlichen Positionen, wurde augenfällig und systematisch betrieben. (Becker/Weissenbacher
2009: 85)

Bereits 1945 ließ Tito verlautbaren, das Land wolle nicht „zum Spielball irgendeiner Politik
der Interessensphären werden und von niemanden mehr abhängig sein.“ (Calic 2010: 190 zit.
Tito 1945) Im Jahre 1948 eskalierte die Krise zwischen Jugoslawien und der Sowjetunion.
Der Vielvölkerstaat wurde aus der „KomInform“, einem supranationalen Staatenbündnis
kommunistischer Parteien, dessen Sitz zur damaligen Zeit in Belgrad lag, ausgeschlossen. Es
wurde ein Lieferboykott verhängt, auch von mit der Sowjetunion verbündeten Staaten. Die
Folgen des „Tito-Stalin-Bruchs“ war ein Gütermangel, der mit der Verbindung einer
Missernte im Jahre 1950, zur zwangsläufigen Öffnung des Landes Richtung Westen führte
(vgl. Furtak 1975: 18).
Die ideologische Abkehr von der Sowjetunion förderte auf der anderen Seite pluralistische
Strukturen. Gewisse Freiräume, etwa in der marxistischen Lehre, in der Kultur oder Literatur
wurden nun gewährt, die Hand in Hand mit der Dezentralisierung der politischen und
wirtschaftlichen Staatsstrukturen einhergingen. Jugoslawien verstand sich zunehmend als
sozialistischer Staat, der durch einen demokratischen Überbau legitimiert werden sollte. Das
Land sah sich aber auch zunehmend als ideologischer Gegenpol zum sowjetischen
Staatssozialismus und seiner politischen Einflusssphäre (vgl. ebd.: 18 f.).
Hierbei waren zwei politökonomische Prinzipien vorherrschend, die diese staatliche Struktur
mitprägen sollten; jenes Prinzip, welches die Dezentralisierung von politischen und
ökonomischen Entscheidungen festlegte und jene Maxime, die die Einbindung, also die
Partizipation, der Arbeiterschaft im Produktionszyklus vorsah (vgl. Bundeskammer der

- 33 -
Gewerblichen Wirtschaft 1967: 9). In diesem Zusammenhang führte die jugoslawische
Regierung modellhaft die Arbeiterselbstverwaltung ein, die im Jahre 1957 Wirklichkeit
wurde. Dabei galt die Arbeiterselbstverwaltung als „wirtschaftliches Kennzeichen des
jugoslawischen Sozialismus.“ (Hofbauer 2001: 2) Im Gegensatz zu allen übrigen
sozialistischen Staaten Europas war die spezifische Form der Arbeiterselbstverwaltung kein
staatlich kollektiver Besitz, sondern einzig in den Händen der Arbeiter selbst.
Die umfangreiche Einbindung der Arbeiter und Angestellten in das politische und
wirtschaftliche Leben verursachte allerdings die ersten sozialen Spannungen und Konflikte,
da sie Diskrepanzen in der sozialen Stellung der Beschäftigten erzeugte. In diesem
Zusammenhang meint Woodward, „dass der soziale Status Einkommen, soziale Leistungen
sowie politische Rechte garantierte, welche die Mitbestimmung in der Produktion und
Verteilung ermöglichte.“ (Woodward 2003: 76)

Mit Stalins Tod 1953 erfolgte eine Ära der Entspannung, wobei die Freundschafts- und
Wirtschaftsbeziehungen wieder aufgenommen wurden. Denn mit der Widerannäherung an die
Sowjetunion glaubte Tito, die Unabhängigkeit des Landes auch in Zukunft gewährleistet
sehen zu können.

3.2 Orientierung am Westen

Die Staatsstruktur Jugoslawiens, die mit der „freien Marktwirtschaft“ in Symbiose existierte,
galt in der Zeit des Ost-West-Konflikts als liberalste Version unter den weltweit
unterschiedlichen sozialistischen Staatssystemen (vgl. Furtak 1975: 22, 40 f.; Bundeskammer
der Gewerblichen Wirtschaft 1967: 9). Die Aufbauökonomie Jugoslawiens genoss wegen
ihrer anfänglichen Effizienz sowohl in der nördlichen wie auch in der südlichen Hemisphäre
hohes Ansehen und galt bis Ende der sechziger Jahre als Alternativmodell für die
nachholende Entwicklung eines modernen Industriestaates. Hierbei wies das Land in den
sechziger Jahren hohe Wachstumsraten des Bruttonationalprodukts (Hofbauer 2001: 2),
effiziente Sozialprogramme, steigende Löhne und infolge eine hohe Lebensqualität auf, was
neidvolle Blicke auch aus den westlichen Zentren auf sich zog. „Für manche war es ein
System, das den Kapitalismus adaptieren könnte, manche sahen darin einen dritten Weg
zwischen Kapitalismus und Sozialismus, andere einen Weg nachkapitalistischer Entwicklung.
Wieder andere betrachteten es als sozialistisches Hoffnungsprojekt.“ (Becker/Weissenbacher
2009: 75)

- 34 -
Die Tragödie um das Ende Jugoslawiens ist nur mit den untrennbaren Veränderungen in der
Staatenstruktur und im modernen Weltsystem selbst zu verstehen. Die Desintegration des
Landes ging mit der Integration im kapitalistischen Weltsystem einher und endete zeitgleich
mit der Auflösung der globalen Bipolarität und einer Neuordnung der kapitalistischen
Welthandelsstruktur.
Das Land hat sich schon sehr früh als Exportnation in Stellung gebracht und war aufgrund des
Bruches mit der Sowjetunion, was auch ein Ende von „solidarischen Wirtschaftshilfen“
einschloss, hauptsächlich auf kapitalistische Partnerländer angewiesen. Hierbei war die
Dependenz Jugoslawiens zu den kapitalistischen Zentren nur kurze Zeit von einer Art
ideologischer und politischer Ungebundenheit geprägt, wie dieses Kapitel nun zeigen wird.
Bereits mit der Verfassung von 1963 war die Einführung der Marktwirtschaft beschlossene
Sache. „Der Markt und nicht der Plan sollte der wichtigste ökonomische Mechanismus sein“
(ebd.: 91). Jugoslawien öffnete sich dem modernen Weltsystem, in dem Exportunternehmen
und Banken größere Freiheiten eingeräumt und die Löhne den Marktbedingungen angepasst
wurden. Die Kreditvergabe wurde vereinfacht, die Produktion auf die Weltwirtschaft
fokussiert, auf der anderen Seite wurde der Warenimport liberalisiert (vgl. Furtak 1975: 26,
42 f.; Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft 1967: 10 ff.).

Angesichts der Annäherung zu den kapitalistischen Zentren und hinsichtlich seiner politisch
neutralen Position auf der Weltbühne konnte Jugoslawien die Vorteile beider großen
Weltsysteme ausschöpfen; das Land war mit dem „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“
assoziiert, was den Nutzen mit sich brachte, modernste Militärausrüstung und Maschinen zur
industriellen und agrarischen Produktion aus den sozialistischen Ländern günstig importieren
zu können (vgl. Roth 2009: 212). Der RWG war ein wirtschaftlicher Zusammenschluss
sozialistischer Staaten, der unter der Führung der Sowjetunion gegründet wurde.
Grundstruktur und Ziel des Wirtschaftsbündnisses war die Spezialisierung der
Arbeitsaufgaben, die Standardisierung der Produktionsmittel und der Handel zwischen seinen
Mitgliedern. Den Gegensatz zum RGW bildete die unter der Führung der USA stehende
Organization for European Economic Cooperation (ab 1961 OECD). Das Konzept sah und
sieht Demokratie und freie Marktwirtschaft vor und war ein wirtschaftlicher
Zusammenschluss westlicher Staaten, um das vom II. Weltkrieg erschütterte Westeuropa
wiederaufzubauen. Dagegen konnte der Staat auf Zollbegünstigungen, zuträgliche Kredite
und großen Investitionen aus den kapitalistischen Zentren vertrauen (vgl. ebd.). So trat die
föderalistische Republik dem „Allgemeinem Zoll- und Handelsabkommen“ bei und war

- 35 -
zudem Mitglied beim „Internationalen Währungsfonds“, als auch mit dem „Europäischen
Freihandel“ assoziiert, was dem Land für ein Jahrzehnt internationalen politischen Einfluss
und wirtschaftlichen Nutzen einbringen sollte (vgl. Bundeskammer der Gewerblichen
Wirtschaft 1967: 20).

Warum sollten ausländische Unternehmen und internationale Finanzkapital gerade in


Jugoslawien Fuß fassen? Logischerweise aufgrund der Markterschließung, der nationalen
Ressourcen, der Kostenersparnis und der Gewinnmaximierung. Andere Gründe waren etwa
die Umgehung von Arbeits- und Umweltauflagen, niedrige Produktionskosten (Arbeit,
Produktionsmittel, Infrastruktur) und Steuern sowie die geographische Nähe zu den
kapitalistischen Zentren (vgl. Hornberg 1964: 4 ff.).

[…] Jugoslawien versprach enteignetes ausländisches Kapital in gewissen Umfang zu entschädigen


und erhielt 1949 den ersten US-amerikanischen Kredit, die Rückgabe seiner Goldreserven, und eine
kleine Weltbankanleihe. Ein Handels- und Investitionsabkommen mit Großbritannien wurde
abgeschlossen, US-amerikanische Lebensmittellieferungen bannten die Versorgungskrise.
(Becker/Weissenbacher 2009: 85)

„Bis 1953 bekam Jugoslawien aus unterschiedlichen Töpfen 553,8 Millionen Dollar Hilfen.
Allein aus dem UNO-Wiederaufbauprogramm erhielt es über 419 Millionen Dollar – den
höchsten Betrag von allen europäischen Empfängern.“ (Calic 2010: 184) Es ging in der Zeit
des bipolaren Kräftemessens ja auch darum, Jugoslawien vom sowjetischen Einfluss fern zu
halten. Die USA glaubten, mit den Finanzhilfen einen Keil zwischen den sozialistischen
Ländern treiben zu können. Dem war allerdings nicht so. Zwar orientierte sich Jugoslawien
ökonomisch immer stärker an den europäischen Wirtschaftszentren, doch politisch verfolgte
Tito auch weiterhin seinen Vorstellungen und Zielen.
Es kann also festgestellt werden, dass im sozialistischen Vielvölkerstaat sowohl
kapitalistische als auch sozialistische Produktionsweisen nebeneinander existierten. Generell
kann von einer auf Wohlstandswachstum orientierten Industrialisierung gesprochen werden,
denn das jugoslawische Wirtschaftswunder baute und basierte von Beginn an auf
Importsubstitution, bei gleichzeitiger Exportorientierung.

3.3 Die Goldenen Sechziger Jahre

Mit der Gründung der G-77 befand sich Jugoslawien am Zenit seiner politischen Größe. Die
SFRJ war Gründungsmitglied der Vereinten Nationen, die gleichzeitig die „Gruppe der 77“ in

- 36 -
der UNO mitartikulierten. 1963 gründete der autoritär herrschende Tito mit Jawaharlal Nehru
(indischer Ministerpräsident von 1947-1964), Achmed Sukarno (Präsident und Diktator
Indonesiens von 1967-1998) und Gamal Abdel Nasser (ägyptischer Staatspräsident von 1954-
1970) die „Bewegung der blockfreien Staaten“. Die Bewegung der Blockfreien war ein
staatenübergreifendes Bündnis, welches sich im bipolaren Konflikt meist neutral verhielt, die
Überwindung der Blöcke forderte und sich für die Dekolonisation, ferner für die politische
und ökonomische Gleichberechtigung und Emanzipation aller Staaten einsetzte. Die
Gründung des Bündnisses erfolgte aus dem bipolaren Machtkampf zwischen der Sowjetunion
und den USA. Im Falle einer wirtschaftlichen Gleichberechtigung und Zusammenarbeit blieb
diese Vision allerdings nur auf den verfassten Erklärungen liegen (vgl. Fischer et al. 2004:
61). Dennoch war es ein höchstes Prestige, die politischen und wirtschaftlichen Interessen der
Blockfreien zu vertreten. Jugoslawien avancierte zum politischen global player, seine Außen-
und Friedenspolitik wurde von der ganzen Welt geschätzt.

Die sechziger Jahre waren auch ein Jahrzehnt der Glanzleistungen in Sport und der optimalen
Förderung von Bildung, Kunst und Kultur. Es war ein Jahrzehnt der Blüte des Kinos, wobei
das Land als Mekka des europäischen Films galt. Sportstadien, Theater und Kulturhäuser
wurden gegründet, gleichfalls fanden Radio, Fernseher und Telefon immer öfters Einzug in
den jugoslawischen Haushalten.
Die Glaubensgemeinschaften konnten gleichwohl von der Transition profitieren. Ihnen
wurden wieder mehr Freiheiten gewährt, denn die Säkularisierung kannte nach ihrer
Etablierung keine Antagonisten mehr. Obwohl Religion mit dem atheistisch geprägten
Realsozialismus nicht vereinbar war und in vielen sozialistischen Staaten unterdrückt wurde,
wurde sie in Jugoslawien seit den sechziger Jahren geradezu ausnahmslos toleriert. Ganz im
Gegenteil, die Errichtung von Kirchen und Moscheen wurde sogar aus staatlichen Mitteln
finanziert. Denn Religion sah man als Element der Kultur und Tradition und damit als
Bestandteil des sozialistischen Jugoslawismus an. Trotz religiöser Toleranz reagierte die JKP
auf fundamentalistische Strömungen, wie ich noch aufzeigen werde, besonders sensibel und
aufmerksam. Bereits bei kleinsten Anzeichen radikal-religiöser Tendenzen wurde alles
unternommen, um diese im Keim zu ersticken.

Politisch pluralistisches Denken wurde ebenfalls geduldet und war innerhalb der Grenzen der
marxistischen Ideologie sogar erwünscht. Intellektuelle genossen, wie sonst in keinem
anderen sozialistischen Land, so viele wissenschaftliche und literarische Freiheiten. Unzählige

- 37 -
Schulen, Bildungsstätten und Fakultäten wurden gegründet, die Bildung und Ausbildung im
großen Maße gefördert, sodass sich das Fachkräftereservoir und die Akademikerschicht
ebenso vergrößerten. Konnte nach dem II. Weltkrieg nur jeder Zweite schreiben, so waren
1961 nur mehr 20 % Analphabeten existent. 1981 konnten bereits 97 % der 8-14jährigen lesen
und schreiben (vgl. Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft 1967: 7; Calic 2010: 221).
Staatliche Eingriffe führten auch zu tiefgreifenden Veränderungen in den sozialen
Rollenbildern und der Tradition; die sechziger Jahre in Jugoslawien waren auch eine Zeit der
gesellschaftlichen und geschlechtlichen Kontraste, eine Zeit, treibend zwischen Tradition und
Moderne (vgl. Ruppert/Haas 1981: 59). Berufs- und Familienstrukturen änderten sich
grundlegend. Zunehmende Emanzipation, Individualismus und sozialistische Werte förderten
zunehmend die Frauenselbständigkeit und Frauenerwerbstätigkeit. So waren 1964 29 % aller
Beschäftigten, Frauen. Dagegen fand eine Ausbreitung städtischer Lebensformen statt. Starke
Urbanisierungsimpulse förderten die Abwanderung in die Stadt. Im Jahre 1960 lebten nicht
einmal mehr 20 % der Bevölkerung in Orten über 20.000 Einwohner (vgl. Calic 2010: 209,
219).

Jugoslawien galt als Vorzeigemodell eines nachholenden Entwicklungsstaates. Das


jugoslawische Staatsmodell und Wirtschaftswunder beeindruckte nicht nur Schwellen- und
Entwicklungsländer, sondern auch kapitalistische Zentren im höchsten Maße.
Hierbei entschied sich das Land für das Entwicklungsinstrument des Fünfjahresplanes,
gepaart mit dem Instrument der freien Marktwirtschaft. Im Gegensatz zur Marktwirtschaft
wurde die Planwirtschaft von einer zentralen Instanz geplant und durch Zuordnung von
vorhandenen Ressourcen und Kapazitäten realisiert. Der erste nach dem Vorbild der
Sowjetunion entwickelte Fünfjahresplan, 1947-52, sah den Aufbau einer gigantischen
Maschinen-, Elektro-, und Waffenindustrie vor. Es sollte vermehrt Eisen und Kohle gefördert,
der Agrarbereich sollte modernisiert werden. Die herrschenden regionalen Disparitäten sollten
durch die Ansiedlung von Unternehmen in wirtschaftsschwachen Regionen, die hauptsächlich
im Süden des Landes lagen, ausgeglichen werden (vgl. ebd.: 196).

Bis Anfang der sechziger Jahre galt für viele der Kommunisten, das sozialistische Projekt
Jugoslawien als vollendet. In nur einem Jahrzehnt wurde das Land elektrifiziert,
industrialisiert und modernisiert. So wuchs zwischen 1954 und 1964 das reale
Bruttosozialprodukt im Durchschnitt um 8,6 % im Jahr, die realen Einkommen um 5,25 %,
die Industrieproduktion um sage 12,25 %. In diesem Zweig lag Jugoslawien sogar vor der

- 38 -
Wirtschaftsmacht Japan. Bis 1965 hat sich die Industrieproduktion mehr als versechsfacht
(vgl. Furtak 1975: 42 ff.; Calic 2019: 206). Der Wohlstand und Konsum verbesserten sich ab
den sechziger Jahren stetig, die Sparquote betrug etwa 30 %, die Inflationsrate lag bei
mageren 1,5 % (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 90; Calic 2010: 197). Es schien kein Ende
des wirtschaftlichen Wachstums zu geben.

Möglich war das jugoslawische Wirtschaftswunder durch mehrere Umstände: erstens sprang
die Weltkonjunktur an, die durch enorme Arbeitsplatz,- Produktions- und
Produktivitätszuwächse, sowie erhöhte Konsum- und Investitionsausgaben gekennzeichnet
war.
Zweitens erhöhte und verbesserten sich mit dem Aufbau einer nationalen Leicht- und
Schwerindustrie die Warenproduktion und damit auch der Absatz. Jugoslawien schuf eine
eigene Auto-, Flugzeug-, und Waffenindustrie (vgl. Ruppert/Haas 1981: 52). Zastava (kaufte
und kauft Lizenzen von Fiat), Gorenje oder Ikarus etwa sind vielen auch noch heute ein
Begriff. Tatsächlich konnte das Land mit Exportschlagern, wie etwa der Produktion von
Waffen, Autos, LKWs oder Haushaltsgeräten, im Weltmarkt punkten. Gar die USA bestellten
in den achtziger Jahren 100.000 „Yugos“ (Zastava).
Ein dritter Pfeiler der jugoslawischen Ökonomie war der Tourismus. Der Tourismus, ein
starkes Zugpferd der Wirtschaft, war vor allem in Kroatien beheimatet - 1960 nahm der Staat
durch den kroatischen Tourismus satte 275 Mio. US-$ Steuern ein, das waren ganze 10 %
aller jugoslawischen Devisen (vgl. Calic 2010: 215).

Zwar schaffte das Land den Übergang zum Industriestaat, doch woher kam das viele Geld,
um diese Transition auch finanzieren zu können? Die Staatseinnahmen und Exporte stiegen
stetig, doch diese fielen sehr bescheiden aus, um die gesamte wirtschaftliche Entwicklung
auch finanzieren zu können. Der einzige Weg war also die Aufnahme von Auslandskrediten.
Der Aufbau des Landes erfolgte also aus Schulden heraus, sozusagen auf Pump.
Und trotz der vielen Verbesserungen, Innovationen und positiven Entwicklungen verkleinerte
sich das Nord-Süd-Entwicklungsgefälle kaum. Ganz im Gegenteil, die regionalen Disparitäten
und die Abhängigkeit von den Zentren und den Bedingungen des Weltmarktes verstärkten
sich sogar. Strukturelle Schwierigkeiten vergrößerten die Negativeffekte.

- 39 -
IV Das Absterben Jugoslawiens

4.1 Die Wirtschaftslage verschlechtert sich

Eine große Anzahl von Historikern sind der Auffassung, dass mit dem Tode Titos im Jahre
1980 und dem damit einhergehenden Wegfallen einer autoritären, integrativen, wie ebenfalls
verehrten Herrschaftsperson die Föderation zu zerbröckeln anfing. Tatsächlich war er bemüht,
die Volksgemeinschaften in einem gemeinsamen Nationalstaat zu befrieden. Kleinste
Anzeichen nationalistischer Tendenzen erstickte der Marschall auf Lebenszeit bereits im
Keim. Die schrecklichen Ereignisse im II. Weltkrieg, sollten dabei in Vergessenheit geraten,
bestehende Feindseligkeiten und Aggressionen zwischen den Volksgruppen totgeschwiegen
werden (vgl. Gelhard 1992: 61-62).
Andere Kenner der jugoslawischen Politszene behaupten allerdings, dass es unter der Fassade
des Vielvölkerstaates schon immer bröckelte. Die Untersuchung kam alsgleich zum selben
Resultat, dass die Impulse für den Zusammenbruch schon früher hergeleitet wurden. Nämlich
mit wirtschaftlichen und politischen Veränderungen im modernen Weltsystem, die von den
kapitalistischen Zentren initiiert wurden.
Ende der sechziger Jahre veränderte sich das moderne Weltsystem nachhaltig, denn es schlug
die Stunde der „Chicagoer Schule“. Es handelte sich hierbei um ein neues kapitalistisches
Wirtschaftskonzept, entwickelt an der Chicagoer Universität, das eine neue
Weltwirtschaftsordnung vorsah, die auf der Grundlage des vollkommenen freien Marktes
basieren sollte. Denn nach der konzeptuellen Ausrichtung des neuen Wirtschaftsprogramms
hatte das keynesianistische Nachkriegsmodell, das in den kapitalistischen Zentren
vorherrschend war, schon lange ausgedient. „Hintergrund für diesen konjunkturellen
Umschwung war eine Krise des Fordismus, dem Akkumulationsregime der Nachkriegszeit
[…].“ (Weissenbacher 2005: 110, vgl. Fischer et al. 2004: 36)

Hierbei bezeichnet Weissenbacher […] den Fordismus als historische Gestalt des Kapitalismus in der
langen Expansionsphase von 1950-73, als sich Produktivität, Wirtschaftswachstum,
Unternehmergewinne, steigende Reallöhne und expandierender Massenkonsum zu einer dynamischen
Synthese verbanden. […]. Außenhandel und Direktinvestitionen konzentrierten sich allerdings auf die
Binnenmärkte der Industrieländer. Die Bedeutung der „Dritten Welt“ als Absatzmarkt ging zurück.
[…]. Die exportorientierten Entwicklungsregime wichen einer importsubstituierenden
Industrialisierung. […]. Sowohl diese binnenorientierte Entwicklung in den Zentren als auch das
Gegenstück Importsubstitution in der Peripherie brachten Wohlstandsgewinne. Der Erfolg dieser
Strategien war aber von der positiven Konjunkturentwicklung abhängig und endete mit der expansiven
Phase der Konjunkturentwicklung Ende der 1960er. (Weissenbacher 2005: 110 f.)

- 40 -
Fallende Profitraten und Überproduktion in den kapitalistischen Metropolen führten zu einer
Weltwirtschaftskrise und einem Ende des keynesianistischen Wirtschaftsmodells. Grund für
die fallenden Profitraten und der Überproduktion waren die viel zu hohen Profitraten in der
Nachkriegszeit (vgl. Weissenbacher 2005: 110; Becker/Weissenbacher 2009: 91).
Das Ende des jugoslawischen Staates wurde also durch den rapiden Rückgang der
Exportraten Ende der sechziger Jahre eingeleitet. Nämlich als die Finanzierung einer
„nachholenden Entwicklung“ immer kostspieliger wurde, sodass das Land anfing, sich bei
ausländischen Gläubigern, wie der Weltbank und dem IWF, zu verschulden.
Obwohl es Jugoslawien in den sechziger Jahren gelang, zur Industrie- und Exportnation
aufzusteigen, deckte die Warenausfuhr der Jahre 1961 bis 1964 nur 2/3 der Kosten der
Importe ab (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 91). Dagegen wuchsen der Warenimport und
die Nachfrage nach westlichen Gütern stetig an, die hauptsächlich durch Kredite finanziert
wurden. Das Wohlstandsgefälle zwischen Nord und Süd vergrößerte sich dennoch
unaufhörlich. Das Handelsbilanzdefizit führte andererseits zur negativen Zahlungsbilanz (vgl.
Furtak 1975: 44).
Die ab Mitte der fünfziger Jahre, für den Weltmarkt zugeschnittene, Exportorientierung war
von Beginn an übermächtiger Konkurrenz ausgesetzt. Obwohl Jugoslawien in einigen
Industriesparten durchaus einige Erfolge zu verzeichnen hatte, fehlte es dem Land an der
nötigen Flexibilität, Kreativität und Technologie, um sich den neuen Marktverbindungen
anzupassen. Zugleich verschärften die andauernden Produktionsausfälle und Absatzprobleme,
die durch Fehlplanung, Investitionsmangel und Misswirtschaft verursachten wurden, den
ohnehin engen finanziellen Handlungsspielraum (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 91).

Vor dem Hintergrund einer dramatischen Verschlechterung der terms of trade und eines
schrumpfenden Exportmarktes begann ein beträchtlicher Teil der staatlichen Einnahmen zu
sinken. Lebenserhaltungskosten und Arbeitslosigkeit (1968 – 312.000 Arbeitslose - offiziell
existierte keine Arbeitslosigkeit im Staatssozialismus), aber ebenso die Ausgaben des Staates,
stiegen unaufhörlich (vgl. Calic 2010: 229). Der sozialistischen Regierung blieb – um der
ökonomischen Krise entgegenzuwirken – die erzwungene Wahl, entweder die Produktivität
zu steigern, die Arbeitskosten wie Löhne und staatliche Sozialleistungen zu senken, oder
Kredite aufzunehmen (vgl. Nuscheler 2005: 359; Hofbauer 2001: 2 f.) Der marxistischen
Ideologie verbunden, fasste die jugoslawische Regierung letztendlich den Entschluss,
ausländische Kredite aufzunehmen, die Ende der sechziger Jahre aufgrund der

- 41 -
„Petrodollarschwemme“ sehr günstig waren (Als Petrodollar wird jenes Geld bezeichnet, das
für den internationalen Handel mit Erdöl verwendet wird) (vgl. Fässler 2007: 131).

Im Unterschied zur Weltwirtschaftskrise von 1929, indem kreditgestützte Investitionen


vermieden wurden, um die inflationären Folgen abzuschwächen, setzte die jugoslawische
Regierung nun voll auf antizyklische Finanz- und Kreditpolitik, die allerdings durch die
Aufnahme von beträchtlichen Schulden bei ausländischen Gläubigern erfolgte.
Staatsverschuldung kann sich durchaus positiv auf die Wirtschaftslage eines Landes
auswirken, wenn sie geschickt eingesetzt wird, mit der Sicherheit der Pünktlichkeit der
Rückzahlung. Häufig dient die Schuldenaufnahme zur Deckung von kapitalen Staatsreserven
oder für Investitionen in Großprojekte. Zum anderen sind sie manchmal notwendig, um die
ökonomische und soziale Handlungsfähigkeit eines Staates zu garantieren. Zum Problem wird
die Staatsverschuldung, sei sie nun kurz- oder langfristig, wenn sie einzig der Schuldentilgung
und der Rückzahlung der Kreditzinsen bisher aufgenommener Kredite dient.
Als Mitglied des IWF und anderer Finanzinstitutionen und zur damaligen Zeit stabiles Land
hatte die Föderation auch keinerlei Probleme, die Kredite zu bekommen. Dabei wurde
Jugoslawien von den Gläubigern förmlich bedrängt, sich zu verschulden, man wollte ja den
Staat so rasch wie nur möglich ökopolitisch abhängig machen.

Der IWF, eine Sonderorganisation der UNO war dafür gedacht, die internationalen
Währungen durch Vergabe von Krediten zu stabilisieren und bei Zahlungsschwierigkeiten zu
helfen. Er hatte allerdings auch die Aufgabe, die vom II. Weltkrieg massiv erschütterte
Weltwirtschaft wieder aufzubauen und zu restrukturieren sowie den Weg für die Expansion
des Welthandels zu ebnen. In den letzten dreißig Jahren kam den Organisationen die Aufgabe
zu, die durch das moderne Weltsystem hervorgerufenen „Marktschwierigkeiten“ zu beseitigen
und die Finanzmärkte zu stabilisieren (vgl. Becker et al. 2007: 160 ff.). Der im Jahre 1944
von Jugoslawien mitbegründete Internationale Währungsfond war als gute Idee erdacht,
allerdings entwickelte er sich aufgrund des mehrheitlichen Stimmenanteils der
kapitalistischen Zentren als Instrument, um die Zentrum-Peripherie Raumordnung aufzufüllen
und zu festigen. Die Zentren diktieren über 85 % Stimmenanteil und verfügen hiermit über
eine qualifizierte Mehrheit, die ihnen absoluten Einfluss und Macht sichert. Allein die
Vereinigten Staaten verfügen gegenwärtig über 16,74 % Stimmenanteil (vgl. Fässler 2007:
146). Mit der Mehrheit der Stimmen in der Finanzorganisation sichern sich die Zentren
ökonomischen und politischen Einfluss über die Peripherien zu. Zentren sind Kapitalgeber,

- 42 -
Peripherien, Kreditnehmer. Dazu heißt es; „[…] dass es sich hierbei um Instrumente US-
amerikanischer Politik handele […] zumal IWF und Weltbank ihre Kreditvergabe an
politische Bedingungen knüpften und dies immer noch tun“ (Fässler 2007: 146; vgl.
Nuscheler 2005: 515). Obendrein hat sich der Vielvölkerstaat zu den Bretton Woods-
Auflagen verpflichtet, die die nationale Währung an die internationale Leitwährung, dem
Dollar, koppelte. Das System des Leitkurses geht auf den starken Dollar zurück, der durch die
größten globalen Goldreserven abgedeckt wurde. Damit verlor Jugoslawien das Instrument
des Wechselkurses und so verkleinerte sich der Spielraum des ohnehin instabilen nationalen
Finanzmarktes (vgl. Fässler 2007: 147). Nach all den Abhängigkeitsfaktoren zu urteilen wäre
Jugoslawien, fiskalpolitisch betrachtet, zu keiner Zeit souverän gewesen.

Als Mitte der siebziger Jahre, aufgrund der amerikanischen Finanzierung des Vietnamkrieges
des von der „Organisation Erdöl exportierender Länder“ initiierten Ölschocks und angesichts
des Zusammenbruchs des Bretton Woods-Systems, der US-Dollar immer knapper wurde,
rasten die Zinsen für die aufgenommenen Kredite in unerschwingliche Höhen. Grund für die
Anhebung der Zinsen war, dass die Kredite nur mehr zu variablen Zinssätzen vergeben
wurden (vgl. Nuscheler 2005: 360; Becker et al. 2007: 167 ff.). So verfünffachten sich die
Staatsschulden wischen 1973 und 1981 von 4,6 (5 % des BIP) auf 21 Mrd. US-$, die
Kreditzinsen verdreifachten sich im selben Zeitraum von 5,8 auf 16,8 % (Calic 2010: 256).
Die ökopolitische motivierte Anhebung der Ölpreise erreichte am Weltmarkt bis zu 400 % des
ursprünglichen Preises und kam einem weltweiten politischen und wirtschaftlichen Schock
gleich. Am schlimmsten betroffen waren Länder der Peripherie, die meist nicht über eigenes
Erdöl verfügten, oder aufgrund der Verschlechterung der terms of trade hohe Kredite
aufnehmen mussten, um Energieträger oder Waren importieren zu können (vgl. Fässler 2007:
133 f.).
Das Resultat war, dass Jugoslawien, wie auch unzählige andere Schuldner, allen voran Länder
des Südens, in den Staatsbankrott glitten oder ganz knapp vorbei. Die Folgen waren allerdings
breiter gefächert; als Reaktion zu diesen Ereignissen wuchs die Arbeitslosigkeit sprunghaft
an, Inflation und Staatsverschuldung stiegen in unvergleichliche Höhen (vgl. ebd.: 134). Noch
heute leiden viele Schwellen- und Entwicklungsländer an den Folgen dieser in den sechziger
und siebziger Jahren aufgenommenen Staatsverschuldung (vgl. Becker/Weissenbacher 2009:
74; Becker et al. 2007: 175 f.).

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Um der Wirtschaftskatastrophe Herr zu werden und die Probleme lösen zu können, wurde
trotz der enorm hohen Zinsen erneut um Kredite angesucht. Um jedoch an neues Kapital zu
gelangen, musste das Land den von der Weltbank und dem Internationalen Währungsfund
auferlegten Konditionen, wie der Liberalisierung des Finanzkapitals und der
Handelsliberalisierung sowie der externen Beeinflussung der nationalen Einkommens- und
Arbeitspolitik zustimmen, kurz gesagt, so genannte „Strukturanpassungsprogramme“
hinnehmen (vgl. Nuscheler 2005: 366 ff.; Hofbauer 2001: 4; Fischer et al. 2004: 46 f.).
Strukturanpassungsprogramme sind Konzepte des IWF und der Weltbank, die an die Vergabe
von Krediten geknüpft sind. SAPs basieren auf kapitalistische Prinzipien und sehen eine
Deregulierung der Wirtschaftspolitik, die Öffnung des nationalen Marktes und die
Privatisierung von Staatseigentum, im Sinne der freien Marktwirtschaft vor.

Obwohl Jugoslawien niemals in seiner Geschichte so eine schwere Wirtschaftskrise erlebte,


erfuhr das Land bis Anfang der achtziger Jahre die größte Investitionswelle aller Zeiten.
Investitionen wurden getätigt, die nicht der Wirtschaftsleistung des Landes entsprach. Gespart
wurde überhaupt nicht, stattdessen wurde ständig neues Geld gedruckt (vgl. Calic 2010: 256).
Das Land hatte es Anfang der achtziger Jahre tatsächlich zur Konsumnation geschafft: jeder
Zweite lebte in der Stadt, die Wohnungsnot wurde durch Prestigebauten verringert. Das Land
war elektrifiziert und industrialisiert, jede noch so kleine Stadt wies eine hohe Infrastruktur
auf. Jeder fünfte hatte ein Fernsehgerät zu Hause, bereits jeder Zehnte besaß ein Auto. Die
Einkommensverteilung entsprach die des Westeuropas (vgl. ebd.: 279).
Mitte der achtziger Jahre erlahmte die jugoslawische Volkswirtschaft zunehmend. Spätestens
seit Ende der achtziger Jahre blieben neue Investitionen aufgrund von Kapitalmangel aus.
Strukturmaßnahmen der Weltbank und des IWF, wie etwa Lohnkürzungen und Abwertung
des Dinars, schwächten die jugoslawische Ökonomie erheblich. Mit diesem tiefen Einschnitt
verlor Jugoslawien seine Souveränität, beziehungsweise wurden die Kompetenzen auf die
private Sphäre verlagert, was zu einer endgültigen Einverleibung Jugoslawiens in das
Weltwirtschaftssystem führte.

4.2 Dezentralisierung des Wirtschafts- und Finanzsystems, Reorganisation und


Reformblockaden

Eine andere Methode, um die Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen und die
ökonomischen Aktivitäten zu steigern, war die Bildung von autonomen Einheiten. Ethische

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Minderheiten bekamen weitestgehende Rechte zugesprochen, der ökonomische, soziale und
sicherheitspolitische Bereich erfuhr eine weitgehende Dezentralisierung (vgl. Woodward
2003: 77 f.; Hofbauer 2001: 2 f.). Die im Jahre 1974 neu gestaltete Verfassung stärkte die
Republiken und nun autonomen Provinzen in einem Ausmaß, was zur Folge hatte, dass sich
die Unterschiede zwischen den reichen Norden und den armen Süden weiterhin vergrößerten
(vgl. Furtak 1975: 54 f.). Die Verfassung schloss auch einen Autonomiestatus Kosovo-
Metochiens und der Vojvodina mit ein. Serbien wurde politisch und wirtschaftlich
geschwächt, die Teilrepubliken wurden Staaten im Staat, die geschaffenen Autonomiegebiete
Staaten dieser Teilrepublik – die schlechtesten Vorraussetzungen für das Funktionieren und
Bestehen einer Nation. Die geschaffene „föderalistische Verhandlungsdemokratie“, bot bei
jeder Verhandlung eine Aufladung und eine weitere Entwicklung nationalistischer
Tendenzen. Sozialismus wurde dabei nicht als Mittel der Partizipation, Gleichheit und
Solidarität verstanden, sondern als Instrument nationaler Polarisierung und Separation.

[Es wurde argumentiert, dass] das Hauptziel des Sozialismus sei, dass jeder über die Resultate
seiner/ihrer Arbeit bestimmen könne. Dieses Prinzip gelte auch für die Nationen. Die
Dezentralisierung Jugoslawiens sei eine Voraussetzung für das Funktionieren der Selbstverwaltung.
Da Selbstverwaltung die einzige wirkliche Demokratie sei, sei Dezentralisierung auch eine
Vorraussetzung für Demokratisierung. […], dass der Staat in einer Übergangsphase verschwinden
würde und das Regierungsmodell in Richtung direkter Demokratie transformiert werden sollte.
(Becker/Weissenbacher 2009: 89 zit. nach Jovic 2003: 174 f.).

Wie in allen anderen sozialistischen Ländern zu beobachten war, etablierten sich seit Beginn
der siebziger Jahre in den Kommunistischen Parteien neue Eliten, die weniger ideologisch
und stattdessen pragmatischer waren. Diese fühlten sich nicht mehr an die sozialistische
Ideologie gebunden, sondern verfolgten das wirtschaftliche Paradigma als neue Idee.

[Dazu heißt es, dass] […] die alten staatssozialistischen Technokratien den schwachen Keimen von
Parlament erlaubt haben, sehr rasch aus der schwachen Zivilgesellschaft in die Machtforen hoch
zuwachsen, statt sie nach unten in Richtung auf die Gesellschaft wachsen zu lassen. Auf die politische
folgte die rasche ökonomische Transformation. Die Hauptbegünstigten dieses Prozesses, der in den
jeweiligen Gesellschaften etwa zehn Jahre dauerte, waren niemand anders als die
spätstaatssozialistische Technokratie und Wirtschaftselite. (Becker/Weissenbacher 2009: 48)

Die von dem IWF und von den USA abgenötigten Reformen fanden vor allem in den hoch
entwickelten Teilrepubliken Slowenien und Kroatien maßlosen Anklang, da sich diese von
der Föderation schon seit längeren ausgenutzt fühlten. Das Hauptmotiv war, dass Slowenien
und Kroatien die einzigen Nettozahler in dem so genannten „Republikenausgleichsfond“
waren (vgl. Furtak 1975: 162). Dieser Mechanismus sorgte für die faire Verteilung von
finanziellen Ressourcen an die jugoslawischen Teilrepubliken, die nach einem nationalen
Bevölkerungsschlüssel aufgeteilt wurden. Sozusagen sah sich der reiche Norden immer

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weniger bereit, die Hauptkosten für den verarmten Süden, vor allem für die Teilrepublik
Kosovo-Metochien, die 60 % der Ressourcen verschlang, zu tragen, der Hauptprofiteur der
finanziellen Leistungen des Ausgleichsfonds war (vgl. Billing 1992: 10; Becker/Komlosy
2004: 196). Im Gegensatz zur Teilprovinz Kosovo-Metochien verfügte beispielsweise
Slowenien nämlich über ein achtmal höheres pro Kopf-Einkommen. So lag die Teilrepublik
im Jahre 1990 mit einem Bruttoinlandsprodukt von 5.500 US-$ pro Kopf vor den EG-Staaten
Portugal (4.300 US-$) und Griechenland (5.300 US-$). Der Kosovo galt dabei als
entwicklungsschwächste Region mit 730 US-$ BIP pro Kopf (vgl. Becker/Komlosy 2004:
196; Furtak 1975: 156 ff.). Was von der slowenischen und kroatischen KP-Führung stets
verschwiegen wurde, war die Tatsache, dass der Norden im Gegenzug subventionierte
Rohstoffe, Nahrungsmittel und Halbfertigprodukte vom Süden erhielt (vgl. Furtak 1975: 162).
Das bedeutet, dass die industriellen Zentren hochwertige Produkte produzierten, die teilweise
in den Export gingen, während dem Süden die Rolle eines Rohstofflieferanten zukam, der
sich mit einer fortlaufenden Verschlechterung der terms of trade zufrieden geben musste.
Einem jeden Jugoslawen ist noch die frische Bergmilch aus den Hochebenen Sloweniens ein
Begriff. In Wirklichkeit kam die Milch, die die jugoslawische Bevölkerung trank, aus
Serbien, die in Slowenien lediglich abgefüllt und unter slowenischen Namen verkauft wurde.
So förderte die Führung Jugoslawiens im großen Maße die Exportindustrien Sloweniens und
Kroatiens, die bereits im österreichischen Kaiserreich eine bedeutende Rolle spielten,
vernachlässigten jedoch gleichzeitig die ökonomischen Randzonen des Südens (vgl.
Becker/Weissenbacher 2009: 90).

Geld gegeben wurde an jugoslawische Betriebe, die schon auf einer vorkapitalistischen Ebene
arbeiteten, andere bekamen nichts; was unter anderem die Mentalität, die Betriebe auszuplündern,
solange noch etwas zu holen war, nicht unerheblich förderte – eine erfolgreiche westliche
Bankenstrategie zur Zerstörung des Produktionsmodells Jugoslawien. (Becker/Hödl/Steyrer 2005: 47)

Die Industrie Sloweniens produzierte hoch qualitative Produkte für den Export. Daher war es
den in den siebziger Jahren entstandenen und nun etablierten Wirtschaftseliten ein Anliegen,
die Produktion und den Handel auszuweiten, und demnach Profit zu erwirtschaften, was mit
einem sozialistischen Wirtschaftmodell undenkbar gewesen wäre (vgl. Woodward 2003: 79).
Als die Teilrepubliken zunehmend nationale Wirtschaftsreformen formulierten, begann auch
die Debatte darüber, wie die zukünftige Wirtschaftsform Jugoslawiens gestaltet werden
müsse. Sogar gegen den Willen des IWF, der ein einheitliches, für ganz Jugoslawien
vorgesehenes Stabilisierungsprogramm ausarbeitete, beabsichtigte Slowenien die
Dezentralisierung der jugoslawischen Zentralbank.

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Mit der Forderung nach juridischer und ökonomischer Unabhängigkeit, als auch nach der
Einstellung der Einzahlungen in den „jugoslawischen Geldtopf“, kam es zur ernsten
politischen Krise. Die slowenische Führung begann nun unabhängig Steuern einzuheben
sowie nationale Interessen im jugoslawischen Parlament zu formulieren. Das slowenische
Argument war, dass die Ressourcen umgeleitet werden müssten, um neue Investitionen und
Arbeitsplätze zu schaffen. Gleichgerichtet schlossen sich die anderen Teilrepubliken den
slowenischen Forderungen an und formulierten in der Folge ebenfalls permanent
ethnonationale und separatistische Politiken (vgl. Woodward 2003: 80; Hofbauer 2001: 6).

Mit der Dezentralisierung ökonomischer Entscheidungen auf regionaler Ebene verlor


Jugoslawien mit einem Schlag einen großen Teil seiner Steuereinkünfte und damit bedeutende
Instrumentarien wie die Steuerung und Gesamtplanung seines Bundeshaushalts. Hingegen
war die Umsetzung einer inflationären Finanzpolitik mit einer voranschreitenden
Regionalisierung der Nationalbank auf Republikebene nicht mehr möglich. Das Ergebnis war
eine hohe Staatsverschuldung, eine einsetzende Hyperinflation, eine ineffiziente und
verlangsamte Produktion, sinkende Lebensqualität und das Ende eines gemeinsamen
Finanzsystems. Konkomitierend wurde mit der Dezentralisierung von politischen
Entscheidungen die „nationale Frage“ nun endgültig hinauf beschworen.
Um den vom IWF auferlegten Verpflichtungen nachzukommen, wurde vor allem die
Bevölkerung im Süden Jugoslawiens in den für den Staat günstigen informellen Sektor und in
die Substistenswirtschaft gedrängt. Parallel verlaufend wurden die sozialen Leistungen
aufgrund der Staatssanierung schrittweise eingeschränkt. Der von den Ökonomen erhoffte
Wirtschaftsaufschwung fand allerdings nicht statt und mit der Verschärfung der Finanzkrise
Ende der achtziger Jahre, die gespartes Geld und Vermögen über Nacht wertlos machte,
begann die Solidarität zwischen den Volksgruppen endgültig zu bröckeln. Nun begann der
Verteilungskampf um Ressourcen wirtschaftlicher Natur. Für die ökonomische Misere wurde
dann jeweils die andere Volksgruppe verantwortlich gemacht.

Die tiefe Krise des Staatssozialismus löste eine verschärfte Konkurrenz um Arbeitsplätze und den
Zugriff auf zur Privatisierung anstehende Betriebe aus. In Staaten mit hoher Regionalisierung der
Entscheidungskompetenzen, wie dies in Jugoslawien der Fall war, versuchten die führenden Vertreter
der Teilrepubliken, sich über die föderalen Strukturen wichtige Ressourcen anzueignen. Aber auch
Sektoren der abhängig Beschäftigten suchten in ethnischen Netzwerken einen Schutzmechanismus
gegenüber sozialen Abstieg. Damit erhielten nationalistische Tendenzen beträchtlichen Auftrieb.
(Becker/Hödl/Steyrer 2005: 33, vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 74)

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Dazu meint Weissenbacher, dass: „indem der Staat die Fähigkeit verliert, gesellschaftlich
integrativ zu wirken, er auch den neutralen, vermittelnden Status zwischen den
gesellschaftlichen Klassen verliert.“ (Weissenbacher 2005: 115)

Vor allem fruchtete der Nationalismus in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien, da


sich dort einerseits eine große ethnische Minderheit befand, andererseits weil in diesen
Gebieten die desaströsesten ökonomischen Bedingungen vorherrschten und die Armut und
Arbeitslosigkeit am höchsten lagen. Während sie in Slowenien praktisch nicht vorhanden war
und in Kroatien nur in bestimmten Regionen, wie etwa in Dalmatien im hohen Maße auftrat,
prägte sie das Gesellschaftsbild in den südlichen Teilen Jugoslawiens.
So soll Ende der achtziger Jahre die Arbeitslosenrate in Bosnien bei fast 40 % gelegen haben,
in der südserbischen autonomen Provinz Kosovo-Metochien sogar bei 60 %. 1984 waren 60
% der Arbeitslosen unter 25 Jahre und 25 % der gesamten Bevölkerung lebten unterhalb der
Armutsgrenze (vgl. Woodward 2003: 81; Hofbauer: 2001: 5). Der durchschnittliche Reallohn
eines jugoslawischen Arbeiters war um 40 % zurückgegangen. 1987 sollen von den etwa 24
Mio. Jugoslawen 6,7 Millionen Haushalte ihre Lebenserhaltungskosten nicht mehr über die
reguläre Erwerbstätigkeit haben decken können. Finanztransfers von Verwandten aus dem
Ausland, der Regress auf Subsistenzwirtschaft, Formen von informeller Arbeit sowie
Schmuggel und andere kriminelle Machenschaften standen den Konsistenzen formeller
Erwerbstätigkeit gegenüber.
Ein kritischer Punkt war 1987 erreicht, als in vielen Teilen Jugoslawiens die Löhne
eingefroren wurden. Auslöser für die ausstehenden Löhne waren massive Preiserhöhungen für
Grundnahrungsmittel. Landesweite Proteste, unerlaubtes Fernbleiben vom Arbeitsplatz und
Betriebsversammlungen, aber auch die Furcht vor der zukünftigen ökopolitischen
Entwicklung prägten das Land zu jener Zeit (vgl. Hofbauer 2001: 3 f.; Becker/Komlosy 2004:
195).

Die mühsam erreichten wirtschaftlichen Entwicklungsfortschritte wurden über Nacht zunichte


gemacht. Ein Rückgang der industriellen Produktion und die verschärfende Konkurrenz auf
dem Weltmarkt führten zum dramatischen Exporteinbruch und zum Rückgang des
Binnenkonsums. So beliefen sich 1983 die Auslandschulden Jugoslawiens auf 12 Mrd. US-$
(20% des BIP) und 1989 auf knapp 20 Mrd. US-$ (40% des BIP) (vgl. Hofbauer 2001: 23).
1989 gelang es dem letzten jugoslawischen Ministerpräsidenten Ante Markovic, den
endgültigen Zusammenbruch der nationalen Ökonomie ein letztes Mal abzuwenden, als auch

- 48 -
die Schulden, die bei den IWF aufgenommen wurden, zu halbieren. Trotz der kurzen
wirtschaftlichen Erfolge wurde die Reformbewegung systematisch von den Teilrepubliken
Slowenien und Kroatien aber auch von Serbien boykottiert und untergraben.

Slowenien weigerte sich, die Zolleinnahmen aus den Grenzstellen abzuliefern und Kroatien hob zu
jener Zeit, interne Abgaben auf Erdöllieferungen an bosnische und serbische Abnehmer ein. […]
Belgrad belastete slowenische Waren mit einem Importzoll und betrachtete […] die nördlichste
Teilrepublik ökonomisch als Ausland. (Hofbauer 2001: 6). [Es galt die Devise] […] Nord gegen Süd,
Süd gegen Nord, Republik gegen Republik. (Becker/Komlosy 2004: 196)

Vor allem aber gab es Schattenseiten in Markovic radikaler neoliberaler Wirtschaftspolitik


und die hatten ihren Preis: Subventionen und Löhne wurden eingefroren, das sozialistische
Eigentumsrecht und die Arbeiterselbstverwaltung wurden abgeschafft, Betriebe nicht mehr
subventioniert und vorsätzlich in den Ruin getrieben (vgl. Calic 2010: 297). Ein neues
Finanzhandelsgesetz sah für Betriebe und Unternehmen - die dreißig Tage zahlungsunfähig
waren - vor, dass Gläubiger die Kredite in Firmenanteile umwandeln oder die Firma in den
Konkurs schicken konnten. So wurden in den Jahren 1989 248 und 1990 889 Unternehmen
zerstört und insgesamt 615.000 Mitarbeiter entlassen (vgl. Hofbauer 2001: 5).
Im gleichen Atemzug wurden zoll- und bewilligungsfreie Importe genehmigt. Waren 1989/90
85 % aller Importe mit Zöllen belegt, so änderte sich diese Zollpolitik. Mitte 1991 gab es so
gut wie keine Zolleinnahmen mehr. Dumpinggüter aus China überschwemmten den
nationalen Markt. Jugoslawische Waren wurden nicht mehr gekauft und verschwanden rasch
aus den Regalen der Märkte. So wurden 1990 landwirtschaftliche Produkte im Wert von 1,8
Mrd. US-$ importiert, aber nur für 900. Mio. US-$ exportiert. Unbegreiflich für ein mitunter
geprägtes Agrarland mit dem Teilexportfokus auf landwirtschaftliche Agrargüter. Das Maß
aller pervertierten Wirtschaftsmaßnahmen war mit dem Import ungarischer Milch erreicht
(vgl. Becker/Komlosy 2004: 197).
Dagegen machte die stetig anwachsende und vom IWF und Kreditgebern abgenötigte
Hyperinflation die jahrelang hart ersparten Kapitalvermögenswerte der Jugoslawen zunichte.
Die Hyperinflation sollte bewirken, dass der jugoslawische Dinar gegenüber der DM und dem
US-$ an Wert verliert, um eine „Konvertibilisierung“ zu erreichen. Ziel war es, den Dinar
wertlos zu machen, die Preise zu erhöhen (Preiserhöhungen von 1000 %), das angesparte
Volkseigentum zu enteignen, in dem das Geldvermögen durch Hyperinflation (1988 2700 %)
entwertet wurde und im Gegensatz dazu die Westwährungen als Parallelwährung zu
etablieren (vgl. Hofbauer 2001: 23; Gelhard 1992: 71).

- 49 -
[Dazu heißt es, dass] […] die Hyperinflation zur Abschöpfung jener Geldmengen diente, die im neuen,
konvertibel ausgerichteten System auch in ihrer Nachfragefunktion nicht mehr gebraucht würden. Man
konnte selbiges in fast alle „Reformstaaten“ nach 1989 beobachten. Nicht dollarisierte Geldmengen
waren für den Weltmarkt insofern gefährlich, als Investitionen oder Importe in ein Land ohne
entsprechende Dollar- bzw. DM-Konvertibilität keinen kapitalistischen Sinn ergaben. Deshalb mussten
die angesparten Werte der Bevölkerungsmehrheit enteignet werden. (ebd.: 6)

Jugoslawien erhielt weitere Kredite vom IWF und der IBRD, um den in den siebziger Jahren
aufgenommenen Schuldendienst zu tilgen und notwendige Importe zu finanzieren. Dafür
musste das Land den Dinar an die D-Mark, im Verhältnis von 7:1 kuppeln, Preise und Löhne
einfrieren, die Staatsausgaben minimieren und den nationalen Markt für internationales
Kapital öffnen. Der nun erstarkte Dinar machte Exporte unmöglich, andererseits verursachten
die anhaltenden Importe ein katastrophales Handelsbilanzdefizit.
„Anfang 1991 betrug der Schuldenberg gegenüber ausländischen Banken 18. Mrd. US-$.
[…]. Die staatliche Summe von 30. Mrd. US-$ floss zwischen 1981 und 1991 unter dem Titel
„Schuldendienst“ aus Jugoslawien. Kapital ging […] von Ost nach West.“ (Hofbauer 2001: 6)

Zwischen 1990 und 1991 ging die Erzeugung von Industrieprodukten um ein Fünftel zurück. Das
Realeinkommen sank um weitere 15%, womit es auf Niveau der früheren siebziger Jahre abgesackt
war. Das für 1991 befürchtete und schließlich auch eingetretene Ausbleiben der Touristen aus dem
nördlichen und westlichen Europa leerte die Staats- und Republikskassen zusätzlich. (Becker/Komlosy
2004: 196)

Insgesamt ging die jugoslawische Volkswirtschaft im Jahre 1990 um 10 % zurück (vgl.


Hofbauer 2001: 23).

Mit dem Anwurf der Geldpresse (1990), verpasste der damalige serbische Präsident Slobodan
Milosevic dem internationalen Finanzkapital einen schweren Schlag ins Gesicht. In einer
Nacht- und Nebelaktion ließ Milosevic etwa 16-18 Mrd. US-$ in Dinar drucken und
ausständige Löhne an Staats- und Gemeindebedienstete ausbezahlen (vgl. Billing 1992: 12;
Becker/Komlosy 2004: 197). Dem IWF-Sanierungsplan, der ja gerade auf
Geldverknappungspolitik und Lohnkürzungen beruhte, war damit der Todesstoß versetzt
worden. „Bankraub“ und „Falschgeldskandal“ riefen dabei die slowenischen und kroatischen
Politiker (vgl. Hofbauer 2001: 7). Mit der Geldvermehrung wurde Milosevic zum
unwiderruflichen Hassobjekt der Konzerne, Finanzorganisationen und der Zentren und
folgend fand ein Umdenken statt, Reformvorhaben zunächst auf Slowenien zu konzentrieren
(vgl. ebd.: 23).

- 50 -
Westliche Finanzblätter titelten mit empörten Losungen: „Entmachtung der Nationalbank“ und
„Serbiens Selbstbedienungssozialismus“ […]. Die Inflationsanheizende Maßnahme von Milosevic, in
Krisenzeiten auf die Druckerpresse der Notenbank zurückzugreifen, noch dazu ohne jede Rücksprache
mit IWF-Washington, stempelte ihn zum Feind der freien Marktwirtschaft. Jeffrey Sachs übersiedelte
von Belgrad nach Ljubljana, offensichtlich, weil sein Zwangssanierungsprojekt in ganz Jugoslawien
nicht mehr durchsetzbar schien und er von nun an auf die nördlichen Teilrepubliken setzte. 1992 wurde
die Mitgliedschaft Jugoslawiens bei IWF und Weltbank „eingefroren“ […]. (ebd.: 7)

Der in den kommunistischen Zentralkomitees Sloweniens und Kroatiens neu entstandene


Wirtschaftseinfluss war zu dieser Zeit schon lange nicht mehr an einem
sozialmarktwirtschaftlichem Modell Jugoslawiens orientiert, sondern verfolgte bereits die
Einführung der „freien Marktwirtschaft“ sowie eine von Jugoslawien unabhängige
„Demokratisierung“.
Ihnen standen titoistische Hardliner gegenüber, die für den weiteren Erhalt Jugoslawiens und
der sozialistischen Gesellschaftsordnung eintraten und jegliche nationalistische oder
separatistische Bewegungen bis zu dieser Zeit im Keim erstickten (vgl.
Becker/Weissenbacher 2009: 74).
Derweilen hatte sich nach dem Ableben Titos ein drittes politisches Kollektiv
herauskristallisiert, eine Fraktion, die ab den achtziger Jahren offen nationalistische Interessen
verfolgte und diese dann auch immer öfters in politischen Gremien artikulierte. So
implizierten die serbischen Nationalisten 1989 die so genannte „antibürokratische
Revolution“, die mit der Aufhebung der beiden im Jahre 1974 von Tito ausgerufenen
autonomen serbischen Provinzen Kosovo-Metochien und der Vojvodina endete (vgl. Gelhard
1992: 73). Den Hintergrund bildete das von der „Serbischen Akademie der Wissenschaften
und Künste“ herausgegebene „Sanu-Memorandum“, in der Kritik über das von Tito
gegründete Jugoslawien und die politische und ökonomische Benachteiligung der Serbischen
Nation geübt wurde. Denn im Gegensatz zu den im Jahre 1974 neu geschaffenen Autonomien
Vojvodina und Kosovo verweigerte man den Serben den Autonomiestatus in den kroatischen
Regionen Ostslawonien und Krajina sowie in Regionen Bosniens, die hauptsächlich von
ihnen bewohnt wurden (vgl. Calic 2010: 275).
Folglich protestierten alle Teilrepubliken gegen die Auflösung der Autonomien und gegen das
nun ungleiche Stimmengewicht im jugoslawischen Staatspräsidium, da Serbien statt vier nun
acht Stimmen besaß. Ihrer Ansicht nach war der Stimmenzuwachs erschwindelt, außerdem
würde der enorme Einfluss der Serben das ökopolitische Gleichgewicht in der
dezentralistischen Struktur Jugoslawiens bedrohen (vgl. Roth 2009: 213; Furtak 1975: 162
ff.). Der Gegenschlag kam prompt; die Teilrepubliken reagierten mit eigenen nationalen
Programmen.

- 51 -
Bereits seit der Gründung des zweiten Jugoslawien hatten sich die Serben in allen
Teilrepubliken über proportional etablieren können, da sie, vom Prinzip her, die
Stimmenmehrheit in der Kommunistischen Partei bildeten. Aus diesem Grund gelang es
ihnen, vor allem die höheren Positionen auf Beamtenebene sowie in der Bundesarmee zu
besetzen und erweckten bei den anderen Volksgruppen Misstrauen und Ablehnung für das
gemeinsame jugoslawische Projekt (vgl. Furtak 1975: 162 ff.; BBC - ORF 1996: Abs. 3-
5/30). Wie dargelegt, hatte schon im jugoslawischen Königreich die Angst vor einer
serbischen Dominanz im Staatapparat vorgeherrscht. Die unregelmäßige Verteilung der
Staatsposten sowie die politische und administrative Benachteiligung Kroatiens und
Sloweniens mündeten auch schon damals in politischen Spannungen, die die Frage um einen
dezentralen oder zentralistischen Staat nur anheizte. Nach dem serbischen Stimmenzuwachs
im Staatspräsidium und einer Neupositionierung der Staatsmacht rief die sich emanzipierende
slowenische Teilrepublik, den Ausnahmezustand aus. Folgend reagierte Belgrad mit einer
Wirtschaftsblockade und dem Abbruch aller Beziehungen zu Slowenien. Zur gleichen Zeit
etwa radikalisierten sich die kroatischen Stimmen, die von der katholischen Kirche unterstützt
ebenfalls Sezessionsbestrebungen hegten. Nach diesem Vorfall wurde auch die Teilrepublik
Kroatien mit einem Wirtschaftsembargo belegt.

Dabei blickten die „Nationen“ nicht nach innen und versuchten nicht, ihre Probleme zu lösen, eine
funktionierende Wirtschaft, einen Staat und moderne Institutionen aufzubauen, sondern sie blickten
nach außen und nutzten einander als abschreckendes Beispiel. […]. Probleme wurden nicht gelöst,
sondern auf die andere Nation projiziert. […]. Was sich „Nationalismus“ nannte, war überall nur der
Vorwand dafür, die Probleme der eigenen Gesellschaft eben nicht anzupacken. (Becker/Hödl/Steyrer
2005: 215)

4.3 Das Ende des slawischen Vielvölkerstaates

Im Frühjahr 1990 wurde am XIV. und letzten (außerordentlichen) „Parteikongress des Bundes
der Kommunisten Jugoslawiens“ ein Versuch unternommen, die gefährliche Staatskrise
abzuwenden. Doch gegen alle slowenischen und kroatischen Vorschläge, die unter anderem
die weitere Dezentralisierung von ökopolitischen Bereichen, die Aufhebung des
Wirtschaftsembargos sowie die Wiederherstellung der Autonomien Kosovo-Metochien und
der Vojvodina vorsahen, wurden Einwände gefunden. Ebenso waren die Slowenen und
Kroaten mit Milosevics Re-Zentralisierungsmaßnahmen, die anstelle von autark operierenden
Teilökonomien eine mächtige, vereinheitlichte Nationalwirtschaft vorsah, nicht einverstanden
(vgl. Billing 1992: 11f.; Calic 2010: 274, 298).

- 52 -
Nach der Wahlniederlage verließen die Republikspräsidenten von Slowenien und Kroatien,
die möglicherweise schon längst eigene Pläne um die Unabhängigkeit ihrer Staaten hegten,
demonstrativ geeint den Parteikongress, der sogleich abgebrochen wurde. Die Führung
Bosnien-Herzegowinas, die die Forderungen unterstützten, hielt sich insgesamt aus dem
Konflikt noch heraus, denn ein Zusammenbruch Jugoslawiens würde auch ein Ende Bosnien-
Herzegowinas bedeuten. Denn wenn in einem gemeinsamen Jugoslawien schon ein
Zusammenleben nicht möglich war, wie sollte es in einem „Kleinjugoslawien“ möglich sein?
Doch auch unter der bosnischen Führung hatten sich schon längst nationale Tendenzen
gebildet, die eine Loslösung von Jugoslawien forderten, und auch die Europäische
Gemeinschaft stellte die Unabhängigkeit nun in den Raum.
Praktisch hörte mit Ende des XIV. Parteikongresses der Bund der Kommunisten Jugoslawiens
zu existieren auf (vgl. BBC - ORF 1996: Abs. 5/30).

Im April folgten, ausgenommen in der Republik Mazedonien, die ersten freien Wahlen.
Ausgelöst wurde die Demokratiewelle durch die im Jahre 1985 von Gorbatschow verkündeten
Demokratiereformen. Die bipolare Logik und Konfrontation existierte nicht mehr,
Sozialismus und Brüderlichkeit wurden zu „Dingen“, die von vielen nur mehr als Ballast
empfunden wurden. Erstmals in der Geschichte der sozialistischen Länder Südost- und
Osteuropas, ermöglichte die Demokratiewelle echte freie Wahlen. Aber anstatt mit dem
Instrument der freien Wahlen stabile demokratische Verhältnisse zu schaffen, die Jugoslawien
möglicherweise weiter bestehen hätten lassen können, wurde genau das Gegenteil bewirkt.
Nämlich die Einleitung des letzten Kapitels des Absterbens Jugoslawiens.
Nur in den Teilrepubliken Serbien und Montenegro gelang der Kommunistischen Partei die
Sicherstellung der parlamentarischen Mehrheit. Die von den Kommunisten gegründete
„Allianz der Reformkräfte Jugoslawiens“ war die einzige Partei, die für den Erhalt
Jugoslawiens eintrat. Die Bewegung wurde allerdings zu spät gegründet und nahm bei den
ersten Mehrparteienwahlen in Slowenien und Kroatien gar nicht teil. Stattdessen wurden
ausschließlich Parteien gegründet und dann folglich gewählt, die eine nationalistische,
separatistische oder religiöse Basis aufwiesen.

Nach der gescheiterten Verfassungsreform, die eine endgültige Zersplitterung Jugoslawiens in


eine lose Union vorsah und von Serbien abgelehnt wurde sowie nach der Proklamation einer
eigenen serbischen Republik (Republika Krajina) in Kroatien, stimmten 1991 die Parlamente
Sloweniens und Kroatiens für ein Ausscheiden aus der SFRJ und für die Unabhängigkeit. Wie

- 53 -
bei einem Dominoeffekt erklärten sich, bis auf Montenegro, auch alle anderen Teilrepubliken
bis Ende des Jahres als unabhängig. Mit dem Austritt aus der Bundesrepublik entschieden
sich die Republiken für die Selbstbestimmung und gegen einen gemeinsamen multinationalen
Vielvölkerstaat. Ein bevorstehender Bürgerkrieg wurde dabei in Kauf genommen.

Kurz nach den Referenden über das Ausscheiden aus dem jugoslawischen Staatenverbund
eskalierte die Krise in Slowenien. Dem waren Gewaltakte vorausgegangen. Mit dem Ausstieg
der Teilrepubliken Kroatien und Bosnien-Herzegowina aus dem jugoslawischen Staatenbund
sollte der blutigste Bürgerkrieg in Europa seit dem Ende des II. Weltkrieges unrühmlich in die
Geschichte eingehen. „[Hierbei sollte] der slowenische Separatismus […] zum Schlüssel für
die westeuropäische und US-amerikanische Osterweiterung (EU und NATO) in diesem Raum
werden, der Auftakt für ihre militärische, politische und wirtschaftliche Präsenz am Balkan.“
(Hofbauer 2001: 8)
Weltwirtschaftskrise, der Jahrelang andauernde Bürgerkrieg in Kroatien und Bosnien,
Wirtschaftsembargo, alsgleich ein völkerrechtswidriger Nato-Bombenhagel auf Serbien
(Artikel 35 des Ersten Zusatzprotokolls des Genfer Völkerrechtsabkommen) im Jahre 1999
hatten dramatische wirtschaftliche Folgen: Einzig bis auf Slowenien, das 1999, das BIP pro
Kopf von 1989 erreichte, mussten alle ehemaligen Teilrepubliken enorme Wohlstandverluste
hinnehmen.

In Bosnien-Herzegowina betrug das […] (BIP) rund 800 US-$ pro Kopf gegenüber 2.000 im Jahr
1989. In Serbien wurde das Pro-Kopf-Einkommen von rund 2.200 US-$ in 1989 auf 700 US-$ nach
Kriegsende hinuntergebomt. Auch Makedonien, das bis Anfang 2001 von direkten Handlungen
verschont blieb, musste zwischen 1989 und 2000 eine Einbuße im Wohlstandsniveau von einem Drittel
hinnehmen“ […]. Der südslawische Raum, der zwischen 1950 und 1980 noch ein durchschnittliches
jährliches Wachstum des BIPs von knapp 10% verzeichnete, ist heute all jener ökonomischen
Entwicklung beraubt, die in den vergangenen 50 Jahren stattgefunden hatten. Die Industrieproduktion
ging in allen Republiken dramatisch zurück: in Bosnien-Herzegowina zwischen 1989 und 1998 um
80% in Makedonien um 55%, in Kroatien um 45% und in Slowenien um 26%. Serbien wurde im
NATO-Krieg komplett deindustrialisiert. […] Gleichzeitig wurde der Binnenmarkt für Westwaren
geöffnet, die rasch die einheimischen Erzeugnisse verdrängten. Dir Richtungsänderung im
Außenhandel folgte dem Muster einer selektiven Anbindung: Verarbeitungsgrad und technologischer
Input der Exportwaren sind deutlicher niedriger als jener der importierenden Güter. Es entstand ein
strukturelles Handelsbilanzdefizit […] mit laufend sich verschlechternden Terms of Trade. Dieses
Defizit muss – wie für periphere Räume üblich – durch Kapitalimporte in Form von
Auslandsinvestitionen oder Auslandsverschuldung finanziert werden. (Hofbauer 2001: 14)

Am 3. Juni 2006 hörte Jugoslawien mit dem Ausscheiden Montenegros endgültig auf, zu
existieren.

- 54 -
V Ethnizität, Kultur, Sprache und Religion – endogene
Verschuldungsfaktoren oder Instrumente des Nationalismus und
Separatismus?

5.1 Übergang und Transformation

In diesem Kapitel gehen wir der Frage nach, inwieweit endogene Faktoren das Absterben des
Vielvölkerstaates beeinflussten und wenn zu bejahen, in welchen Ausprägungen dies geschah.
Ich habe sehr lange überlegen müssen, welche Kennzahlen die geeignetesten wären, um die
Theorie des Staatenzerfalls im Zusammenhang mit Jugoslawien logisch nachvollziehbar und
nur so objektiv wie möglich darzustellen. Hierbei entschied ich mich für die Dimensionen
Ethnizität, Sprache, Kultur und Religion, da diese essenzielle Rahmenbedingungen abbilden,
um die sozioökonomische Realität des ehemaligen Jugoslawiens auch illustrieren zu können.
Unbestritten ist die Tatsache, dass es zu großen Umbrüchen in der jugoslawischen
Gesellschaft gekommen war. Ab den achtziger Jahren war nichts mehr so, wie es einmal war:
Nach Titos Tod herrschte große Unsicherheit und der Zweifel an nationaler Autorität und
gemeinsamer Identität. Der Glaube an staatliche Institutionen und an die herrschende soziale
Ordnung zeigte bereits schwere Ermüdungserscheinungen. Mit verursacht wurde diese
Situation vom Schwächeln der Sowjetunion und seinen Satellitenstaaten, aber auch von den
Veränderungen im kapitalistischen Wirtschaftssystem.

In diesem Abschnitt gehen wir der gegenteiligen Frage nach, nämlich: Welche endogene
Realitäten, wenn diese vorhanden waren, könnten den jugoslawischen Staatszerfall bewirkt
haben und in welcher Weise geschah dies aus theoretischer Sichtweise?

5.1.1 Ethnizität

Um den Begriff Ethnie, handelt es sich […] um eine „Gruppe von Menschen [die] durch den Glauben
an eine gemeinsame Herkunft, durch Gemeinsamkeiten von Kultur, Geschichte und aktuellen
Erfahrungen verbunden sind und ein bestimmtes Identitäts- und Solidarbewusstsein besitzen. Aus
diesen Selbstzuschreibungen […], ergibt sich eine Abgrenzung zu anderen Ethnien eine
Gruppenidentität, welche die Unterschiedlichkeiten in nationale Gegensätze umdefiniert; dabei können
jedoch Selbst- und Fremddefinition durchaus Spannungselemente enthalten. Ethnizität – oder ethnische
Identität – ist somit nur sehr bedingt objektiv wahrzunehmen und zu beurteilen, […]. Es ist daher […]
ausgesprochen schwierig und mitunter riskant, bestimmte historische Verhaltensweisen oder
Äußerungen als „ethnisch“ einzuordnen. (Roth 2009: 24 f.)

- 55 -
Viele Menschen vertreten den Standpunkt, dass ein Staat, der so viele unterschiedliche
Volksgruppen beherbergte, von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Tatsächlich war in
keinem anderen Land Europas die Bevölkerung so heterogen zusammengesetzt, wie es im
ehemaligen Jugoslawien der Fall war. 27 Volksgruppen, ohne Untergruppen
([selbstbezeichnende] Jugoslawen, Serben, Kroaten, Bosniaken, Slowenen, Albaner,
Montenegriner, Roma [genauer genommen Sinti, Aschkali], Ungaren, Slowaken, Tschechen,
Bulgaren, Rumänen, Deutsche [Gottscheer], [Alt-] Österreicher, Italiener, Juden
[Aschkenasim, Orthodoxe, Sephardim], Goranen, Russinen, Walachen [Aromunen,
Meglenorumänen, Dakorumänen, Istrorumänen], Türken, Balkan-Ägypter, Bunjewatzen,
Sokci, Janjevci, Torbeschen, Pomaken) waren in Jugoslawien beheimatet.
„[Hierbei] bestand Jugoslawien aus sechs Nationen, fünf Kulturen, vier Sprachen, drei
Religionen und zwei Alphabeten, aber nur aus einer politischen Partei.“ (Anonymus o. J. zit.
Tito) Ursprünglich setzte sich Jugoslawien aus 4 Nationen (Serben, Montenegriner, Kroaten,
Slowenen) und 3 Kulturen zusammen. Die Makedonier bekamen nach dem II. Weltkrieg eine
eigene Nation, 1968 wurden die Bosniaken aus Bosnien-Herzegowina offiziell zur sechsten
Volksgemeinschaft aufgewertet. Nach Titos Machtergreifung mussten nationale Identitäten
nicht unterdrückt werden, „da sie ja ein historisch notwendiges Durchgangsstadium zum
Sozialismus […] [darstellen].“ (Calic 2010: 182) 1,2 Mio. Menschen (5,4 % der Bevölkerung)
bezeichneten sich 1981 als Jugoslawen (vgl. ebd.: 293). Seit den sechziger Jahren lag die
Anzahl der Mischehen bei stabilen 12 % (vgl. Furtak 1975: 155).

Obgleich sich eine gemeinsame Schicksalsgemeinschaft gebildet hatte, wurde Jugoslawien


dennoch seit seinem Bestehen von ethnischen Konflikten heimgesucht, die allerdings erst ab
Ende der achtziger Jahre des vorherigen Jahrhunderts an voller Intensität gewannen.
Nationalisten erkannten, dass „Volkszugehörigkeit“, ebenso wie „Religion“, „Sprache“ und
„Kultur“, Mobilisierungspotentiale aufwiesen, die Imstande waren gewollte und bestimmte
Krisensituationen herbei zu beschwören. Die jeweilige andere Volksgruppe wurde als Täter
konstruiert, selber sah man sich natürlich in der Opferrolle. Die Täter-Opfer-Konstruktion
erzeugte Emotionen, die wiederum Nationalbewusstsein und Volksgruppenzugehörigkeit
schuf. Die Politologin Irene Etzerdorfer bringt es auf den Punkt: als „ethnisch bezeichnet [sie]
gerade all jenes, was den Menschen nicht gemeinsam ist und sich nicht auf einen
gemeinsamen Nenner bringen lässt. Es ist die Berufung auf eine Besonderheit, die den jeweils
„anderen“ mangelt; allerdings bedarf es genau dieser „anderen“, um die Unterschiede
überhaupt festzustellen.“ (Etzerdorfer 2007: 188)

- 56 -
Mit der Manifestierung in „wir“ und den „anderen“ machten sich die neu entstandenen Eliten
der Teilrepubliken die Solidarität und das erwachende Nationalbewusstsein der
Volksgemeinschaften zu Eigen. Wie oft in der Geschichte illustriert, konnten Eliten schon
immer von schlechter Gestellten profitieren, in dem sie ihre Mobilisierungskraft,
Unzufriedenheit und
In der politischen Auseinandersetzung wurde die Historie umgedeutet und dadurch das
Denken und Handeln der Volksgruppen beeinflusst. Unter dem Deckmantel der unbedingten
Einigkeit folgte eine Mythologisierung von nationalen Symbolen, Nationalgeschichte,
Herkunft und Kultur. Zur nationalen Euphorisierung trugen obendrein Folkloren, Gedichte,
populäre Volksmusik und volkstümliche Balladen bei, die sinnstiftenden emotionalisierende
Wirkungen erzeugten und zur Massenkultur erhoben wurden (vgl. Calic 2010: 318).
Gleichzeitig begannen Debatten und Diskussionen über Systemalternativen und die Zukunft
Jugoslawiens. Über Dokumentation, Filme, Literatur und Prosa verbreiteten regionale Eliten,
Medien, Wissenschaftler und Künstler, Gerüchte, Unwahrheiten, Feindbilder und Stereotype
und schnürten damit Ängste, Hass und Rachegefühle unter den Volksgruppen (vgl. ebd.).

5.1.2 Sprache

Obwohl Sprache als Instrument des Zusammenhalts einer Gruppe fungiert und sowohl für
Staatenbildungs-, als auch Staatenauflösungsprozesse von enormer Bedeutung ist, behaupte
ich, dass der endogene Faktor Sprache vernachlässigt werden kann.
Die im jungen Königreich Jugoslawien implizierte serbokroatische Sprachregel kann
durchaus als Instrument des jugoslawischen Nationsbildungsprozesses verstanden werden
(vgl. Roth 2009: 28). Die im sozialistischen Jugoslawien durchgeführte Kultur- und
Sprachpolitik hingegen, unterdrückte keine Dialekte und Sprachen oder hob eine bestimmte
hervor. Denn, wie bereits erwähnt, wurden nationale Identitäten nicht unterdrückt, da sie ja als
ein Durchgangsstadium zum Kommunismus betrachtet wurden (vgl. Calic 2010: 182). Der
Staat tolerierte, ja förderte gar die große Vielfalt kultureller und sprachlicher Unterschiede.
Basissprache war das Serbokroatische, das aus dem stokavischen Sprachzweig des Serbischen
und Kroatischen hergeleitet wurde (vgl. Furtak 1975: 156). Es herrschten und herrschen
einzig zwei Basisdialekte, die gleichermaßen von Serben, Kroaten, Bosniaken und
Montenegrinern gesprochen wurden und werden: das ijekavische und das ekavische
Serbokroatisch. Die jugoslawischen Amts- und Schulsprachen waren neben dem

- 57 -
Serbokroatischen Slowenisch, Makedonisch und Albanisch. Schulbücher und Lerninhalte
wurden auf die jeweilige Sprache übersetzt und vermittelt.

In der jugoslawischen Kulturgeschichte gab es lediglich zweimal einen „Sprachenkonflikt“,


als im Jahre 1967 140 kroatische Literaten wegen angeblicher „Serbisierungstendenzen“
protestierten. Der Protest richtete sich gegen das Fehlen des Kroatischen in der
Literatursprache. Den Forderungen wurde rasch nachgegeben. Das Kroatische fand neben den
bereits bestehenden Literatursprachen Serbisch, Slowenisch und Makedonisch Einzug in der
jugoslawischen Literaturwelt. Gleichzeitig jedoch stellten die Kroaten im Jahre 1970 ihre
Mitarbeit an einem gemeinsamen serbokroatischen Wörterbuch ein (vgl. Furtak 1975: 169).
Obwohl die Sprache für Staatenbildungsprozesse an der Wende zum 20. Jahrhundert, vor
allem in Südosteuropa, von enormer Bedeutung war, konnte diese nicht in dem Maß
instrumentalisiert werden, wie von manchen Nationalisten und Sezessionsprofiteuren
vielleicht erhofft. Bis auf Slowenien und Mazedonien, als auch in der serbischen autonomen
Provinz Kosovo-Metochien, wurde in Jugoslawien nämlich größtenteils Serbokroatisch
gesprochen. So war es, bis auf die Slowenen, Mazedonier und Albaner unmöglich, sich von
den anderen Volksgruppen durch eine eigene Sprache zu differenzieren, da sie ja ein und
dieselbe Sprache sprechen. Beispielsweise
Nach dem Absterben Jugoslawiens kann sehr wohl von einer Neupositionierung und
Nationalisierung der Sprache gesprochen werden. Hauptmerkmal der restrukturierten
Sprachen ist beim Kroatischen etwa die Beimengung von Kroatizismen, oder beim
Bosnischen durch die Beimischung von Turzismen. Es findet also eine Wiederbelebung alter
Begriffe und Wörter statt. So ist das heutige Serbokroatische vieler Bosniaken durch die
Beimischung von unzähligen türkischen, arabischen und persischen Lehnwörtern geprägt
(vgl. Völkl 2002: 212 f.).

5.1.3 Kultur

Wirtschaftlich, politisch und kulturell drifteten die Republiken ab Mitte der siebziger Jahre
immer weiter auseinander. Zunehmend wurde der öffentliche Diskurs durch nationale
Interessen beherrscht. Vor allem gewann die Dimension Kultur an bedeutender Brisanz.
Deutlich wurde die bereits sehr fortgeschrittene Dezentralisierung durch einen Bildungsstreit
1983, als sich Slowenien weigerte, jugoslawische Lerninhalte in den Fächern Sprache und

- 58 -
Literatur zu übernehmen. Hierbei beschwerte sich die slowenische Literaturschicht „über
einen unbotmäßigen Eingriff in die slowenische Kulturhoheit.“ (Calic 2010: 277)
Ein anderes Beispiel für konstruierte Kulturdifferenz war die Überarbeitung der Enzyklopädie
Jugoslawiens. Diesem war ein Streit zwischen serbischen, bosnischen und kroatischen
Historikern, um die historischen Geschehnisse im Land vorausgegangen. Trotz großer
Polemiken gelang Mitte der achtziger Jahre die Fertigstellung der Enzyklopädie. Im
Mittelpunkt des Nachschlagwerkes standen jedoch nicht Gemeinsamkeiten, sondern
hauptsächlich die Revision Titos. Zu diesem Zeitpunkt galt Tito schon lange nicht mehr als
Vater sozialistischer Brüderlichkeit und Einiger der jugoslawischen Nation. Vielmehr
konstruierten die Verantwortlichen Tito als eitlen cholerisch machhungrigen alten Greis (vgl.
ebd.: 286). Tito wurde demontiert und als Sündenbock für die vielen Probleme verantwortlich
gemacht. Indirekt half seine Person mit, den Nationalbildungsprozess der Teilrepubliken
voranzutreiben. Das Ergebnis der Neuorientierung waren Polarisierung, Misstrauen, aber auch
die Vorstellung eines eigenen Nationalbewusstseins. Von Reformen und einer Erneuerung der
jugoslawischen Staatsstruktur war keine Rede mehr.

Kultur wurde von den Eliten instrumentalisiert, um sich von „fremden Kulturen“ abzugrenzen
und ein nationales Selbstbewusstsein zu konstruieren. „[Dabei] baut man auf dem
Vorhandenen auf – auf Sprache, Religion und besonderen Lebensweisen.“ (Wallerstein 2004:
525) Kultur sind also auch soziale Beziehungen, die auf den Prinzipien der Macht beruhen
(vgl. Faschingeder 2004: 135). Und tatsächlich waren differierende Kulturen im ehemaligen
Jugoslawien existent. Wer allerdings die Realität im ehemaligen Jugoslawien ein wenig
kannte, weiß, dass neben einer slowenischen, mazedonischen und albanischen Kultur auch
eine gemeinsame „jugoslawische Kultur“ existierte. Obwohl die „vier großen Nationen“
(Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro) durch unterschiedliche Religion
separiert waren, verband sie nichts desto trotz, eine gemeinsame kulturelle Identität. Diese
gemeinsame kulturelle Identität basierte auf einer gemeinsamen Abstammung und einer
gemeinsamen Sprache.

5.1.4 Religion

In Jugoslawien war Religion offizielle Privat- und Familiensache. Religionsfreiheit wurde


garantiert und überdies begünstigt, da man sie als sozialen Motor einer Gesellschaft
betrachtete. Nach der Anfangs harten Gangart gegenüber religiösen Wertevorstellungen und

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Lebenswelten, wurde ab den siebziger Jahren damit begonnen, unzählige Gebetshäuser und
theologische Schulen zu errichten. Denn die Kommunisten hatten erkennen müssen, dass
Religion Teil der Kultur, Tradition, Selbstidentifikation, aber auch der wirtschaftlichen und
sozialen Entwicklung ist.
Weniger toleranter zeigte sich die regierende KP im Umgang mit Glaubensgemeinschaften.
Sie waren für den Staat aus drei Gründen ein Dorn im Auge. Erstens galt die Religion für die
Kommunisten als Quelle der Volksverdummung, des Nationalismus und des Chauvinismus.
Zweitens standen Geistliche unter Verdacht als kompromisslose Gegner der kommunistischen
Ordnung. Und drittens hemmten religiös fundierte Nationalidentitäten den Aufbau eines
supranationalen Staatsverständnisses. Deswegen erhielten die Religionsgemeinschaften zwar
gewisse Freiräume, wurden aber streng vom Staat observiert (vgl. Calic 2010: 187).
So wurde Alija Izetbegovic, ehemaliger Präsident Bosnien und Herzegowinas, zu drei und zu
vierzehn Jahren Haft verurteilt, insgesamt saß er acht Jahre ab, weil er radikale Schriften
verfasste (Islamische Deklaration, Der Islam zwischen Ost und West). Die Schriften forderten
den Zusammenschluss aller islamgeprägten Staaten zu einem gemeinsamen Superstaat – also
die Schaffung eines muslimischen Staates innerhalb Jugoslawiens, was einer Sprengung
Jugoslawiens gleich gekommen wäre.
Obwohl es Vorstöße von intellektuellen und theologischen Gruppierungen auf allen Seiten
gab, sprachen fundamentalistische Strömungen nur die wenigsten Menschen an.

Mit dem langsamen Zerfall des Landes erfolgten ein Umdenken und eine Wiederentdeckung
der Religion als Löser sozialer Probleme. Bezeichnete sich 1967 nur ein Drittel der
Bevölkerung Jugoslawiens als religiös, so waren es 1987 bereits mehr als die Hälfte (vgl.
ebd.: 282 f.). Hierbei füllte die Religion das durch den zurückziehenden Wohlfahrtsstaat
verursachte Vakuum sehr rasch. Sie bot Sinn- und Identitätsstiftung, Orientierung an
moralische Werte und Halt in Tradition und Kultur, als Antwort zum sozialen Verfall und
Elend. Religion setzt also ungeahnte Mobilisierungskräfte frei, die als Versöhnungsprogramm
oder Basis für Frieden und Dialog eingesetzt werden können (vgl. Faschingeder/Six 2007: 8).
Die Wiederentdeckung der Religion aktivierte allerdings auch de-konstruktive Elemente, die
die Nationsbildung unter dem Deckmantel der nationalen Identitätsstiftung und den Glauben
missbrauchten. Religion sollte also als Abgrenzung zu religiösen und ethnischen
Minderheiten, innerhalb des zu herausbildenden Nationalstaates fungieren (vgl. ebd.: 28, 75).
Neben, den politökonomischen Eliten, die den Glauben für ihre Interessen
instrumentalisierten, nahmen die Vertreter der Glaubensgemeinschaften eine ebenso aktive

- 60 -
Rolle ein. Dabei verschmolzen sie ihre religiösen Ideale und Vorstellungen mit den
Angeboten der ökopolitischen Eliten und brachten diese unter die Menschen.
Auf die Frage, warum Religion für den Nationalismus und die Nationalisten so eine
bedeutende Rolle spielten und spielte, lässt sich folgendermaßen beantworten; die
ökopolitischen Eliten benutzen das Instrument Religion, um stiftungs- und identitätsbildende
Zusammengehörigkeit zu erzeugen, damit machtpolitische Interessen durchgesetzt werden
konnten. Während der Glaube als Werkzeug missbraucht wurde, um die eigene
Staatsgründung voranzutreiben und wirtschaftliche Interessen zu befrieden, nutzten und
nutzen religiöse Extremisten die menschliche Gottesehrfurcht, um ihre Ideale und radikalen
Vorstellungen verwirklichen zu können (vgl. ebd.: 75).

Anfang der achtziger Jahre erfolgte der Trend vermehrt christliche Kult- und Pilgerstätten
aufzusuchen. Christliche Tradition und Bräuche wurden wiederbelebt, gleichfalls erhielten
radikale Glaubensansichten enormen Aufwind. Für das moralische Fundament der
Gewaltanwendung im jugoslawischen Bürgerkrieg, erhielten die Verantwortlichen gar den
Segen der Kirche. Für die theologischen Eliten ging und geht es ja nicht nur darum, Macht zu
festigen, sondern ebenfalls den Einflussbereich zu extendieren.
Obwohl die Religiosität der Bosniaken und serbischen Muslime in den ehemaligen
Teilrepubliken Jugoslawiens nicht wahrgenommen werden kann, findet seit dem Ende der
achtziger Jahre eine Rückbesinnung zu den Fundamenten des Korans statt. Dass eine
zunehmende Orientierung und Rückkehr zum Glauben stattfindet ist unbestritten. Radikale
Impulse kamen und kommen allerdings, bis auf einige wenigen Ausnahmen, nicht aus den
Kreisen von religiös liberalen orientierten Bosniaken und serbischen Muslimen, sondern von
außerhalb. Beispielsweise unterstützten saudiarabische Fundamentalisten in der
jugoslawischen Tragödie die bosnischen Glaubenbrüder und schreckten auch nicht davor ab,
wahhabitische Kämpfer in den Bürgerkrieg zu entsenden (vgl. SpiegelTV o. J.).
Andererseits hört man immer öfter von einigen Minderheitenvertretern, man möge der
serbischen Region Sandschak, die mehrheitlich von Muslimen beheimatet ist, den
Autonomiestatus verleihen – ein womöglich erster Schritt Richtung Sezession.

Vielerorts hängt heute anstelle des Abbildes Titos in den Wohnräumen der Serben eine Ikone,
bei den Kroaten ein Kreuz, und bei den Bosniaken ein Bildnis der Kaaba.

- 61 -
5.1.5 Nationalismus und Separatismus

Bei dem Nationalismus und Nationalstaatenkonstrukt verhält es sich im Prinzip ähnlich wie
mit dem konstruierten Begriff der Volkszugehörigkeit. Hierbei weist der frühe osteuropäische
Nationalismus, im Gegensatz zum westeuropäischen Nationalismus, erhebliche Unterschiede
auf. Während der westeuropäische Nationalismus durch bürgerliche Revolutionen hervorging,
der die Zusammengehörigkeit einer Nation nicht in erster Linie auf religiöse, ethnische,
kulturelle oder sprachliche Zugehörigkeit definierte, sondern etwa auf den Prinzipien der
Gleichheit, Freiheit und Staatsangehörigkeit, basierte der osteuropäische Nationalismus genau
auf dieser Weltanschauung. Ermutigt durch die Prinzipien der Gleichberechtigung und
Selbstbestimmung forderten die in den Großreichen lebenden Volksgruppen einen eigenen
Nationalstaat mit souveränen Grenzen. Aufgrund der fehlenden eigenen vorangegangenen
Nationalgeschichte, auf die man zur Selbstidentifikation Bezug nehmen konnte, wurden
Kriterien konstruiert, die etwa in einer gemeinsamem Sprache, Kultur oder ethnischer
Zusammengehörigkeit aufgingen (vgl. Roth 2009: 26 ff.).
Gleichwie interpretiert, eine Nation bleibt ein kollektives Konstrukt. Wagen wir uns dennoch
in den Annalen des Nationalismuskonstrukts vor und sehen, welche Folgen eine nationale
Ideologisierung für Jugoslawien mit sich brachte.

Im sozialistischen Jugoslawien wurden nationalistische Tendenzen bereits im Keim erstickt.


So saß beispielsweise der Parteiführer der Serbischen Radikalen Partei (gegründet 1990) und
seit 9 Jahren Angeklagter vor dem Internationalen Strafgerichtshof, Vojislav Seselj wegen
nationalistischer Untriebe mehrere Monate im Gefängnis. 1984 wurde Seselj wegen
konterrevolutionärer Gefährdung der jugoslawischen Gesellschaftsordnung zu acht Jahren
Gefängnis verurteilt, wovon er 2 Jahre absitzen musste. 1990 wurde er abermals zu
Haftstrafen verurteilt, weil er versuchte, das Mausoleum Titos abreißen zu lassen.
Politischen Bewegungen erging es nicht besser. Der „Kroatische Frühling“ war eine
Massenbewegung von Studenten in den sechziger und siebziger Jahren, die von kroatischen
Intellektuellen angeführt wurde. Augenscheinlich forderten sie eine Dezentralisierung und
Föderalisierung der zentralistischen Staatsfunktionen. Möglicherweise war der Kroatische
Frühling ebenfalls ein Versuch, staatliche Kompetenzen auf die Regionalebene zu
verschieben, um die kroatische Nation und Identität zu stärken. Aus Sicht der
kommunistischen Führung hingegen war der Kroatische Frühling eine Reanimation des
Faschismus und eine Gefahr für den Jugoslawismus. Aus diesem Grund wurde das Kollektiv

- 62 -
im Jahre 1971 verboten, eine große Anzahl von Studenten und Intellektuellen wurden zu
mehreren Jahren Haft verurteilt. Trotz allem gelang es der Massenbewegung, weitere
Autonomierechte zu erlangen, die wie ich erläutert habe, in die Verfassung von 1974
einflossen.

Nationalismen der achtziger und neunziger Jahre bauten, wie schon vor der Gründung des
ersten Jugoslawiens, auf Volksgruppenzusammengehörigkeit auf. Ergänzt wurde das
Solidaritätsbewusstsein nun durch eine konstruierte Nationalgeschichte und durch
Religionszugehörigkeit. Im Gegensatz zum Gründungsnationalismus des ersten Jugoslawiens
konnten die Nationalisten sich diesmal nicht über sprachliche und kulturelle
Zusammenhörigkeit definieren und abgrenzen. Denn bis auf Slowenien, Mazedonien und der
albanischen Minderheit gab es zwischen Bosniaken, Kroaten, Serben und Montenegrinern
nämlich nur wenige kulturelle und sprachliche Unterschiede, wie erläutert wurde.

Jedenfalls bildet das ideologische Kernstück der These des Rechts auf Selbstbestimmung die
Desintegration Jugoslawiens. Aber wie, kann man sich zu Recht fragen, konnten die
Teilrepubliken eines kleinen gemeinsamen Staates, der 27 Volksgruppen beheimatete, das
Recht auf Selbstbestimmung einfordern, ohne die Auswirkungen ihres Handelns zu
berücksichtigen? Diese Frage ist ganz einfach und logisch zu beantworten. Den
Verantwortlichen war von Anfang bewusst, welche Konsequenzen eine Umgestaltung der
staatlichen Ordnung und eine Dezentralisierung der Staatsfunktionen und Staatsorganisation
mit sich bringen würde, nämlich den unwiderruflichen Zerfall und totales Chaos.
Die Schaffung einer eigenen Nation hatte vielleicht sogar seinen gewollten Preis. Die
Bürgerkriege haben die größten Bevölkerungsverschiebungen hervorgebracht, die
Südosteuropa je gesehen hat. In Kroatien gibt es kaum noch Minderheiten, 250.000 Menschen
wurden vertrieben, nur etwa 100.000 kehrten zurück. In Bosnien-Herzegowina musste jeder
zweite Bürger seine Heimat verlassen. In der serbischen Provinz Kosovo-Metochien gestaltet
sich das Bild ähnlich. Waren etwa vor dem Kosovo-Krieg 20 % der Minderheiten existent, so
beläuft sich deren Zahl nur mehr auf etwa 5 %.

- 63 -
VI Das Konzept des „failed state“

6.1 Schwacher Staat

Gehen wir davon aus, dass Jugoslawiens Zerfall durch zwei latente Größen beeinflusst wurde,
nämlich durch einen endogenen (Staatszerfall) und einem exogenen Faktor (Abhängigkeit).
Dann benötigen wir Theorien, um die Realität der jugoslawischen Staatsauflösung auch
überprüfen und interpretieren zu können. Die qualitative Inhaltsanalyse bot mir hierbei die
Möglichkeit einer systematischen Zuordnung einiger sehr bedeutender Dimensionen und
Fakten. Wie oft in der Wissenschaft bedarf es Begriffserklärungen, logische Annahmen und
Datenmaterials, um Merkmale, Normen, und Ereignisse voneinander abzugrenzen, zu
strukturieren und sie in entsprechenden Kollationen wiederzugegeben. Dabei habe ich mich
auf kurze Definitionen, Sachverhalte und bestimmte Relationen beschränkt, um eine
kohärente und schlüssige Übersicht zu gewähren.

Um einen Staat handelt es sich nach Max Weber, „um das Monopol legitimer physischer
Gewaltsamkeit innerhalb eines bestimmten Gebietes, ohne welches Anarchie herrsche. […].
Die Gewaltsamkeit alleine stellt jedoch nicht das einzige Mittel des Staates dar, es ist aber
seine Grundlage.“ (Kuderer 2010: 9 zit. Max Weber)
Die Existenz des Staates ist mit dem Begriff der Souveränität verbunden (vgl. Schubert 2005:
25 f., 32 ff.). Obgleich die uneingeschränkte Souveränität als Grundfunktion eines
Nationalstaates gilt, wird dieses Prinzip seit Anfang der neunziger Jahre immer weiter
eingeschränkt. Es wird hierbei argumentiert, dass die Verletzung der Menschenrechte und des
humanitären Völkerrechts nicht mehr als innere Angelegenheiten eines Staates betrachtet
werden können, da die Einhaltung dieser als universelles Recht gilt. Es wird beanstandet, dass
etwas souveräne Staaten in Afrika in der Vergangenheit keine Verantwortung für das Wohl
ihrer Menschen übernommen hätten (vgl. Kuderer 2010: 14).

[Dennoch ist] die Existenz eines Staates […] keineswegs notwendige Vorraussetzung für eine Form
sozialer Ordnung, da Menschen früher oder später eine vernünftige friedliche und effektive Art des
Zusammenlebens finden müssten. […]. Oft resultiere daraus zwar die Formation oder Reformation von
Staatlichkeit; aufgrund der Künstlichkeit staatlicher Strukturen […], dürfe es allerdings nicht
überraschen, wenn sich alternative staatliche Systeme durchsetzten. Außerdem dürfe Staatszerfall nicht
gleichgesetzt werden mit dem Kollaps anderer nicht-staatlicher Lebenserhaltungssysteme, wie die in
der Ideologie moderner Staatlichkeit vermittelte Zentralität des Staates vermuten ließe. (Gruber 2007:
8)

- 64 -
Die Beurteilung der „Staatsstärke“ und die Einteilung der „Verfallsgrade“ eines Staates sind
weder leicht zu erfassen noch einfach zu kategorisieren. Denn jeder Staatszerfall ist eine
Eigenheit, und daher auf seine eigene Weise zu analysieren und zu beurteilen (vgl. Schubert
2005: 27). Ähnlich verhält es sich mit der Übergangsphase von einem schwachen zu einem
gescheiterten Staat. Ein empirisch belegbarer und klar festgelegter Übergang ist nicht zu
qualifizieren. Eine einhellige Meinung, welche genauen Faktoren das Absterben eines Staates
begünstigen, bleibt daher umstritten. Eine interessante Grundthese zur Typologie von
Staatszerfall könnte uns dennoch einen Lichtblick geben. In diesem Zusammenhang werden
vier Entwicklungsstadien (Typ 1 – konsolidierter Staat, Typ 2 – schwacher Staat, Typ 3 –
verfallender Staat, Typ 4 – gescheiterter Staat) eines zu zerfallenden Staates angeführt. Die
These lautet, „dass die Stabilität eines Landes von Typ 1 zu Typ 4 sukzessive abnimmt und
das innergesellschaftliche Gewaltniveau zunimmt.“ (Kuderer 2010: 51)

Hauptcharakteristikum eines schwachen, üblicherweise peripheren Staates ist das politische


Ordnungssystem selbst. Klassische schwache und zerfallende Staaten werden von autoritären
Regimen regiert oder sind häufig gar Diktaturen (vgl. Becker et al. 2007: 16 f.; Schubert
2005: 52 f.). Personenkult und Selbstdarstellung sind ein bedeutendes Charakteristikum
schwacher Staaten. Ziel des Personenkultes ist die Herstellung eines Zusammenhanges mit
dem „Führer“ und sämtlichen Lebensbereichen. Der Personenkult lässt sich propagandistisch
instrumentalisieren und hat die Aufgabe, Politik, Religion, Kultur und Wirtschaft unter einer
Person zu vereinen, um die Folgen, die von einem schwachen Staat hervorgerufen werden, zu
verheimlichen und zu kompensieren. Ein „strong state“ hingegen ist ein starker Staat, der über
einen demokratischen Überbau verfügt. Hierbei wäre ein demokratischer Staat die beste Wahl
für stabile Sicherheit und Frieden (vgl. Troy 2007: 28).
Wenn es um den Begriff des „schwachen Staat“ geht, dann ist meist von Korruption,
Vetternwirtschaft oder organisierter Kriminalität die Rede (vgl. Schubert 2005: 54 f.).
Korruption „kann definiert werden als Missbrauch der Macht zur illegalen Aneignung
persönlicher Vorteile.“ (Nuscheler 2005: 412) Vetternwirtschaft und Bestechlichkeit
herrschen in jedem Land der Erde und sind daher kein Unikum. Allerdings zeigt der
„Korruptionsindex“, dass besonders in Schwellen- und Entwicklungsländern, die eine
schwach ausgeprägte demokratische Staatsstruktur aufweisen, die Vetternwirtschaft
besonders eigenartige Blüten treibt (vgl. Nuscheler 2005: 413). Es kann also festgehalten
werden, dass umso demokratischer eine Staatsordnung konsolidiert ist, desto weniger
Korruption existiert, so das Argument.

- 65 -
In erster Linie ist ein schwacher Staatsapparat anfällig gegenüber Krisen und Veränderungen,
wie er auch schwerfällig in seinen politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen ist. Denn
ein schwacher Staat ist im Grunde genommen die Unfähigkeit, institutionell-staatliche
Aufgaben wahrzunehmen (vgl. Schubert 2005: 47. Die Unfähigkeit basiert darauf, dass
Regierungen der Zugriff auf dem Staatsapparat erschwert wird. Ein Grund für den geringen
Handlungsspielraum ist fehlendes Kapital, der Mangel an qualifizierten Beamten und
verwaltungstechnischer Ausstattung (Nuscheler 2005: 412). Ihm fehlt es sowohl an
administrativ-bürokratischem Personal als auch an fehlender Verwaltungspräsenz. „Selbst
wenn dieses vorhanden ist […], gelten in der Auswahl häufig persönliche Patronats- und
Klientelbeziehungen mehr als fachliches Können. […].“ (Nuscheler 2005: 409)
Weiters ist die Leistungsfähigkeit eines schwachen Staates zersetzt von Entstaatlichung und
geringer Steuerleistung (vgl. Fischer et al. 2004: 240). Die Steuereinnahmen sind allerdings
das Lebenselixier eines Staates und dienen in erster Linie, um seine Existenz zu sichern und
um seine Staatsfunktionen ausüben zu können. „[Denn] „mit Hilfe der Steuereinkünfte [kann]
sich der Staat eine größere und effizientere Zivilbürokratie und Armee leisten […], mit denen
dann wiederum höhere Steuereinkünfte zu erreichen sind […].“ (Wallerstein 2004: 529)
Fallen die Staatseinnahmen weg, kommt es zum unwiderruflichen sozioökonomischen und
sicherheitspolitischen Chaos. Löhne und soziale Leistungen können nicht oder nur zum Teil
ausbezahlt werden, in Folge sinken Konsum, Produktion und Lebensqualität, dagegen steigt
die Unzufriedenheit in der Bevölkerung Demgegenüber kann die Staatssicherheit mit zu
niedrigen Steuereinnahmen nicht mehr ausreichend gewährleistet werden (vgl. Schubert 2005:
47 f.). Steuern, die die Mittel- und Oberschichten betreffen und die für ein Funktionieren des
Staates unerlässlich sind, werden aufgrund von Vetternwirtschaft und Klientelstrukturen nicht
eingehoben. Stattdessen weicht der schwache Staat auf alternative Geldquellen aus, die er sich
in Form von Auslandskrediten oder in Form von Konsumsteuern beschafft (vgl. Nuscheler
2005: 362). „[Hierbei hat der Staat] […] nur einen geringen Handlungsspielraum gegenüber
internationalen Kreditgebern.“ (ebd.: 409)

[Anders formuliert,] der Staat ist schwach, weil er arm ist; er ist aber auch arm, weil er schwach ist. Weil er bei
den vielen Habenichtsen nichts abschöpfen und aufgrund der organisatorischen Schwächen der
Finanzverwaltung auch die Habenden nur lückenhaft erfassen kann […], ist das direkte Steueraufkommen
gering. In dieser Organisationsnot weicht der „schwache Staat“ auf andere Mittel und Wege der
Finanzbeschaffung aus […]. Er erhebt indirekte Konsumsteuern, die besonders die Schichten mit geringer
Kaufkraft schwer belasten, und hohe Import- und Exportzölle, die zwar zu seiner Haupteinnahmequelle werden
und seine „Baby-Industrien“ vor Konkurrenz schützen, […] gleichzeitig den Schmuggel fördern; […]; er weicht
in seiner Finanznot auf ausländische Kreditquellen aus, so dass seine organisatorische Schwäche eine nicht zu
unterschätzende Ursache für die Auslandsverschuldung bildet. Solange er sich auf den Zufluss externer
Hilfsmittel verlassen kann, fehlt auch der nötige Nachdruck, das interne Steueraufkommen zu erhöhen. (ebd.:
408 f.)

- 66 -
6.2 Der „failed state“

Seit 20 Jahren finden innerhalb des politischen und wissenschaftlichen Diskurses, rege
Debatten um die Thematik des Staatenzerfalls statt. Hauptursache für das zunehmende
Interesse an den theoretischen Ansätzen des failed state sind das Ende der Bi-Polarität und die
mit ihr auftretenden Staatszerfallsprozesse. Nach den Terroranschlägen vom 11. September
wurde die sicherheitspolitische und wissenschaftliche Auseinandersetzung um den
absterbenden Staat endgültig auf die Länder der Peripherie fokussiert (vgl. Schubert 2005: 18,
22). An einer klaren Erfassung und Übereinstimmung der Beschreibung eines scheiternden
Staates mangelt es allerdings bis zum heutigen Tage. Demnach existiert keine einheitliche
Theorie des failed state (vgl. ebd.: 12, 20).

Ein failed state wird von denselben Dimensionen geprägt wie ein schwacher Staat, jedoch
intensiver und auf einem viel höheren Niveau. Hinzu kommen die Faktoren Unsicherheit,
Bürgerkrieg und externe Akteure. „Insbesondere das Überschreiten des Anteils des exports
and primary commodity über 26 Prozent des BIPs gilt als verlässlicher Indikator für die
Anfälligkeit von internen Konflikten und in Folge auch von Staatszerfall.“ (Troy 2007: 39 f.)
Weitere wirtschaftliche Ursachen, die das Absterben eines Staates begünstigen, sind im
sinkendem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, in der steigenden Inflation und in der
Staatsverschuldung zu suchen (vgl. ebd.: 39).
Als failed state wird ein absterbender Staat bezeichnet, dessen politisches System komplett in
sich zusammenbricht. Im Gegensatz zum schwachen Staat zeichnet sich ein Staatskollaps
durch den Zusammenbruch der staatlichen Institutionen selbst aus. Können Legitimität,
Sicherheit und Lebensstandard nicht mehr aufrechterhalten werden, spricht man vom
Staatsversagen (vgl. Kuderer 2010: 39 f.; Neubauer 2008: 13 f.; Schubert 2005: 43 f.). Ein
gescheiterter Staat wird im Kontext mit Fluchtbewegungen, fehlender Sicherheit,
Terrorismus, Armut und Korruption gleichgesetzt. Es folgen ethnische oder religiöse
Auseinandersetzungen, die oft im Bürgerkrieg enden, da die Rechtmäßigkeit des Staates
angezweifelt wird. In Folge kommt es zum Zusammenbruch des Landes – ob der Staat in
einzelne Teile zersplittert oder von Revolutionären übernommen wird, ist je nach Situation
verschieden.
Wichtiges Charakteristikum eines absterbenden Staates ist das politische Ordnungssystem.
„[Denn] es zeigt sich […], dass Einparteienherrschaften, diktatorische Regime und
Militärherrschaft den Beginn von Staatszerfall begünstigen.“ (Troy 2007: 34) Hierbei könnten

- 67 -
uns die Geschehnisse im arabischen Raum, der sogenannte „Arabische Frühling“ im Frühjahr
diesen Jahres, die „Bulldozer Revolution“ in Serbien 2001, sowie die „Rosenrevolution“ in
Georgien 2003 als bedeutende Beispiele dienen.
Ein starker demokratisch legitimierter Staat hingegen hätte die Sezessionen und den
folgenden Bürgerkrieg möglicherweise aufhalten können.

Auch mit der einfachen Bekämpfung der Armut lassen sich Staatszerfallsprozesse nicht verhindern.
Obwohl Armut als wichtiger Katalysator, vor allem für gewaltsame Konflikte wirken kann, sind
national-ethnische Spannungen von erheblich größerer Bedeutung. Unbezweifelbar ist jedoch die
Tatsache, dass die Auswirkungen der Globalisierung schwache Staaten weiter schwächen und auch
neue fragile Staaten entstehen lassen. (Troy 2007: 50)

Wie bei einem schwachen Staat ist das politische System des zerfallenden Staates von
Patronats- und Klientelbeziehungen, Korruption und Vetternwirtschaft gekennzeichnet (vgl.
Fischer et al. 2004: 240). Durchaus kann Klientelismus gar für eine bestimmte Zeit von
Stabilität sein. Nehmen diese sozioökonomischen Beziehungen allerdings über ein von der
Bevölkerung akzeptiertes Maß zu, kommt es zu einem Verlust der Legitimität von Eliten (vgl.
Troy 2007: 52).

Dazu heißt es; [dass] schwache Staaten […] durch die Neigung der Eliten, die Bevölkerung ihren
Zielen zu „opfern“ [gekennzeichnet sind]. Der typische Übergang vom schwachen zum scheiternden
Staat ist dadurch gekennzeichnet, dass die Reaktion der Betroffenen, der tyrannisierten Teile der
Bevölkerung in einer extremen und gewalttätigen Art und Weise erfolgt. […]. Der ansteigende
Widerstand von betroffenen Teilen der Bevölkerung in einem schwachen Staat gilt gemeinhin als der
Übergang in den zerfallenden Staat. (ebd.: 38)

Wie erläutert wurde, versuchen „Staaten […] ihre Macht zu konsolidieren beziehungsweise
auszuweiten und kollidieren dabei mit dem Sicherheitsbedürfnis ethnischer Gruppen. Dies
deckt sich mit dem Argument, dass ethnische Konflikte Ungleichheit bedingen und erzeugen
und die daraus resultierende Politik zwangsläufig zu Konflikten führt.“ (ebd.: 56) „[Denn]
Eliten schwacher oder zerfallender Staaten nützen oft die soziale Unzufriedenheit der
Bevölkerung für ihre Zwecke [aus], die bis zur institutionellen Instrumentalisierung sozialer
Unzufriedenheit führen kann.“ (ebd.: 52) Die Polarisierung ethnischer Identitäten führt also zu
innerstaatlichen Konflikten, die wiederum auf Ungleichheiten zurück zu führen sind (vgl.
ebd.: 57). Dazu heißt es weiters, dass „die Politisierung kollektiver Identitäten und deren
Auswirkung […] eine wesentliche Ursache […] für den Prozess von Staatszerfall [ist]. […].
Die Zugehörigkeit zu einer ethnischen, nationalen oder religiösen Gruppe, einem Kollektiv,
dient in vielen Fällen dem Machterwerb von Eliten, die sich dadurch zunehmend […]
legitimierten.“ (ebd.: 56 f.)

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Ein anderer wesentlicher Grund für das Scheitern eines Staates ist in der Staatenstruktur selbst
zu suchen, denn diese wird oft durch föderalistische und dezentrale Maßnahmen deformiert.
Das bedeutet, dass im Gegensatz zum starken Staat, der hauptsächlich zentralistisch
organisiert und souverän ist, ein im Absterben befindlicher Staat von politischen und
wirtschaftlichen Regionalismus, alsgleich von Sezessionsbewegungen gekennzeichnet ist. Das
Resultat ist die Herausbildung von autonomen Regionen, die sich eigenständig entwickeln. Im
ungünstigsten Fall kommt es zur Separation und damit zur Auflösung des Landes, so wie dies
in Jugoslawien eben der Fall war (vgl. ebd.: 39). Insbesondere wird der Staatszerfall mit der
Nicht-Erfüllung seiner Aufgaben, vorwiegend mit dem Fehlen von Staatssicherheit assoziiert
(vgl. Fischer et al. 2004: 240; Schubert 2005: 46 ff.). Zwar ist Sicherheit objektiv nicht
messbar, allerdings wird fehlende Sicherheit von der Bevölkerung sehr wohl wahrgenommen
(vgl. Gruber 2007: 5). Mit dem Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung verliert er
natürlicherweise auch sein Gewaltmonopol. Ist die staatliche Ordnungsmacht nicht
ausreichend vorhanden, um soziale Beziehungen garantieren zu können, kommt es innerhalb
der Gesellschaft zu Konflikten (vgl. Schubert 2005: 46 f.). Fehlende Ordnungsmacht bedeuten
gar anarchistische Zustände. Mit der immer größer werdenden Unsicherheit verliert das
Regime seine Legitimität, „[…] wie [es] nicht mehr in der Lage […] [ist, seine] Staatstheorien
nach innen wie nach außen hin zu schützen. Meist übernehmen andere Akteure wie Rebellen
oder Terroristen die Gewalt in Teilen des Staatsgebietes.“ (Troy 2007: 34) Damit erfolgt eine
Privatisierung des staatlichen Gewaltmonopols (vgl. Schubert 2005: 48, 58 f.).

Wo immer die staatliche Ordnungsmacht verloren geht […], bilden sich neue, nichtstaatliche
Gewaltmonopole heraus die durchaus auch […] Sicherheit […] gewährleisten. In diesem Zusammenhang
werden zum einen Warlords (private Gewaltakteure) aber auch die Herausbildung autonomer Regionen
bedeutend. Kriegsökonomien, die in zerfallenden Staaten besonders florieren bedingen Gewaltmärkte. Die
Akteure dieser Gewaltmärkte wiederum haben kein Interesse an der Beendigung der Gewalt. Im Gegenteil,
für sie ist Gewalt kein Kostenfaktor sondern sichert das Einkommen. Staatszerfall ist somit ein
wesentlicher Faktor für die Entstehung privatisierter Gewalt. Umgekehrt gilt aber auch, dass die
Privatisierung von Gewalt den Staatszerfall (mit-)bedingt. (Troy 2007: 39)
[In der letzten Phase des absterbenden Staates setzt eine Umkehrung des zersetzenden Gewaltmonopols
ein.] Es kommt zu einer weitreichenden Konsolidierung substaatlicher Gewaltmonopole […]. [Denn] es
liegt nicht im Interesse von Warlords und anderen Profiteuren […], dass es zu einem „totalen“
anarchischen Zustand kommt. […]. Vielmehr bilden sich in allen zerfallenden Staaten „Inseln an
Organisationsfähigkeit“. Vor dem kompletten Zerfall […] treten nichtstaatliche Gewaltakteure auf den
Plan. Sie entscheiden meist in einem offenen Machtkampf die neuen regionalen Herrschaftsstrukturen.
(ebd.: 41)

Ein Sezessionskrieg ist die direkte Auswirkung eines „Machtkampfes [um] neue regionale
Herrschaftsstrukturen.“ (ebd.: 41) Dem Bürgerkrieg ist lang anhaltende Gewalt
vorausgegangen, wobei ein Bürgerkrieg selbst eine Metapher der Instabilität verkörpert (vgl.
ebd.: 40 f.)

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Ist ein failed state nicht auch nur ein Konstrukt der Zentren? Ein Grund, um in Randzonen
militärische Aktionen, die im Namen von Menschenrechten und Demokratie geführt werden,
zu rechtfertigen? All zu oft mischen sich externe Akteure in innenstaatliche Konflikte ein und
heben den Konflikt auf die internationale Politebene. Es wird etwa argumentiert, dass der
failed state andere Regionen in den Konflikt mit ziehen könnte, der zu stabilisieren sei, dass er
das Zusammenleben der Volksgemeinschaften bedrohe, die zu gewährleisten ist oder dass der
Staat Menschenrechte missachte, die zu schützen seien. Um die Sicherheit und Stabilität
dieser aufrecht zu erhalten, wäre eine humanitäre Intervention daher notwenig (vgl. Kuderer
2010: 40; Troy 2007: 11 ff.). Weiters wird erklärt, dass Terrorismus, ungewollte Migration
und Umweltzerstörung, mögliche Gefahren bilden könnten (vgl. Kuderer 2010: 40).

„Völkerrechtlich gesehen droht ein Staat, der endgültig die effektive Staatsgewalt verliert, als
Völkerrechtssubjekt unterzugehen. Dies stellt somit auch einen Angriff auf die Staaten als
wesentliche strukturelle Elemente der Völkerrechtsordnung dar.“ (Neubauer 2008: 13) „Es
kommt darauf an, ob in der innerstaatlichen Situation eine Gefährdung des Weltfriedens nach
Artikel 39 der UN Charta gesehen werden kann. […]. Eine gewaltlose Intervention ist laut
Völkergewohnheitsrecht immer zulässig.“ (ebd.: 17) Obwohl gewaltenfreie Intervention zur
Sicherung des Weltfriedens nach Artikel 39 der UN Charta zulässig ist, ist Krieg nach der
Charta Artikel 2 Ziffer 4 völkerrechtswidrig. Die Charta legt nämlich ein „Allgemeines
Gewaltverbot“ fest, die seinen Mitgliedern militärische Gewaltanwendung untersagt. Einzige
Ausnahme, die eine Rechtfertigung für eine militärische Intervention bildet, ist das
Sanktionssytem des UN-Weltsicherheitsrates (Kapitel 7, Artikel 51 der UN-Charta) selbst.

Anders verhält es sich mit der unilateralen humanitären Intervention. „Unter der unilateralen
humanitären Intervention versteht man die Ausübung oder Androhung von Gewalt eines
Staates gegen einen anderen Staat zum Zweck des Schutzes der Menschenrechte ohne eine
Ermächtigung der Vereinten Nationen. Befürworter der unilateralen Intervention gehen von
der allgemeinen Gültigkeit der Menschenrechte aus.“ (ebd.: 18) Hierbei stützen die Zentren
die humanitäre Intervention auf den Prinzipien „des Rechtes zum Krieg“ (ius ad bellum). Die
Gefahr, die sich aus der unilateralen Intervention ergibt, liegt in der Interpretation der
Planung. Sie öffnet einen Raum, der erst im nach hinein mit Legitimität gefüllt wird (vgl. ebd.
18 f.). Gerade die Vereinigten Staaten sind Verfechter unilateraler Interventionen. Bekannte
Beispiele jüngerer Zeit sind etwa die Intervention in Bosnien 1995, Restjugoslawien 1999,
Afghanistan 2001, Irak 2003 oder Libyen 2011.

- 70 -
6.3 Jugoslawien ein failed state?

Wie im ersten Teil der Arbeit angeschnitten, kann von einem mehr oder minder
staatssozialistischen Vielvölkerstaat gesprochen werden, das spätestens bis zum Zeitpunkt
seines Auseinanderbrechens bestand. Aus einem Staat, der die Bedingungen der Utopie
Kommunismus, zumindest für zwei Jahrzehnte erfüllen konnte, der als Hoffnungsträger
sozialistischer Staaten und vieler Entwicklungs- und Schwellenländer galt, ist nichts mehr
übrig geblieben.
Der Transformationsprozess vom Staatssozialismus hin zur Marktwirtschaft verlief
problematisch und wurde von externen Akteuren mitbestimmt. Die Implosion der
Sowjetmacht führte in den sozialistischen Ländern Ost- und Südosteuropas, zum Ende der
Einparteienherrschaft, zu freien Wahlen, aber auch zur institutionellen Schwächung des
Staates. Die institutionelle Schwächung hatte ihren Ursprung jedoch bereits früher (1973-98)
(vgl. Becker et al. 2007). Durch das Ende des Ost-West-Konflikts „wurde nicht nur die
„Dritte Welt“ der sogenannten Blockfreien obsolet, sondern ebenfalls die darin enthaltenen
Staaten zu einer substanzlosen Hülle“. (Kuderer 2010: 52)

Wie beschrieben wurde, ging das Ende des Akkumulationsregimes des Fordismus mit der
Etablierung der Globalisierung einher. Mitte der achtziger Jahre, ausgehend von
Gorbatschows „Perestrojka“, erfolgte der Startschuss für die ökopolitische Öffnung Ost- und
Südosteuropas. Perestrojka hatte das Ziel, die im Staatszerfall befindliche Sowjetunion zu
reformieren und zu modernisieren. Allerdings trat genau das Gegenteil ein, denn anstatt den
Staatssozialismus umzugestalten und zu erneuern, fungierte Perestrojka als
Brandbeschleuniger, der die soziale und wirtschaftliche Lage der UDSSR und ihrer
Verbündeten nur noch verschlimmerte.
Für Jugoslawien bedeutete der Zerfall der Sowjetunion den Verlust eines „sozialistischen
Standbeins“ und einen Einbruch von finanzieller und materieller Unterstützung (vgl. Schubert
2005: 61). Außerdem verlor das Land mit dem Tod Titos 1980 nicht nur einen integrativen,
sondern ebenfalls autoritären Herrscher, der mit aller Anstrengung, Härte und Geschick das
Land zusammen gehalten hatte. Eine Alternative zu Tito gab es nicht, eine Zivilgesellschaft,
die die Transformation mit gestalten, und diese in richtige Bahnen lenken hätte können,
existierte nicht. Der Wegfall von Autorität und wirtschaftlicher Hilfe verschärfte also die
Frage um das Fortbestehen des sozialistischen Projekts.

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Nationalismen der achtziger und neunziger Jahre bauten, wie schon vor der Gründung des
ersten Jugoslawiens, auf ethnische Zusammengehörigkeit auf. Ergänzt wurde das
Solidaritätsbewusstsein durch eine konstruierte Nationalgeschichte und durch
Religionszugehörigkeit. Hierbei wurden die sozialistischen Ideale gegen die Ideologie des
Nationalismus eingetauscht.

6.3.1 Staatsordnung und Staatenstruktur

Eigentlich wurde mit der Verfassung von 1946 ein demokratischer Zentralismus, neben einer
föderalen Nebenstruktur, nach sowjetischem Vorbild propagiert. Das hierarchische
Staatsmodell sah so aus, dass ein übergeordneter zentraler Rat gegenüber allen anderen Räten
Befugnisgewalt hatte. Hierbei wurden die Mitglieder des übergeordneten Rates aus den ihm
unterstehenden Komitees entsandt, um eine beidseitige Kontrolle zu ermöglichen. Mehr oder
minder hielt sich dieses Modell bis Ende der achtziger Jahre.
Anfang der sechziger Jahre bekommt die zentralistisch geführte Partei, dem der staatliche
Föderalismus unterstand, dennoch die ersten Risse. Bemerkbar, machte sich die
Entstaatlichung der SFRJ durch acht Verfassungsänderungen und eine zunehmende
Föderalisierung der JKP (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 86 f.). Mit der Verfassung von
1974 war dem zwar föderativen aber dennoch zentralistisch regierten jugoslawischen Staat
der Todesstoß versetzt worden. Wie im ersten Abschnitt beschrieben, schwächten die
Staatsverfassungen das sozialistische Projekt Jugoslawien. Rudy Weissenbacher, Analytiker
und Historiker, ist ebenso der Auffassung, nämlich dass durch die allmähliche
Dezentralisierung der Staatsfunktionen; „ein wesentlicher Stützpfeiler im Prozess des
Absterbens des Staates angesehen wurde“ (Becker/Weissenbacher 2009: 87 zit. Jovic 2003:
175). Die Verfassungsänderung von 1974 schwächte den jugoslawischen Zentralismus in so
einem Ausmaß, dass der Staat seine gesamtheitlichen Funktionen weitgehend verlor.
Notwendige Entscheidungen und Aktionen, die die Entwicklung des Landes betrafen, wurden
auf die lange Bank geschoben oder gar nicht mehr realisiert.

Wenn wir der gängigen Beschreibung des failed state folgen, so war der Vielvölkerstaat von
Anfang an zum Scheitern verurteilt. Denn nach dem Konzept sind autoritäre Staatsformen und
schwach ausgeprägte Demokratien instabil und werden mit der Zeit immer
handlungsunfähiger. Dagegen wird ein stabiler Staat mit Demokratie, Regierungsqualität,
Wirtschaftsprosperität, Frieden und letztlich mit Wohlstandswachstum assoziiert.

- 72 -
Weder hat es in Jugoslawien eine Gewaltenteilung noch irgendwelche Grundrechte für den
Einzelnen gegeben, ganz abgesehen von Meinungsfreiheit und demokratischen Wahlen. In
welcher Weise also konnte der slawische Vielvölkerstaat, trotz autoritärer Staatsstruktur,
wirtschaftlich prosperieren? Vielleicht konnte das Land gerade aufgrund seines autoritären
Politkurses und seines pragmatisch geplanten Wirtschaftsprogramms enorme
Wachstumsschübe in Wirtschaft, Wohlfahrt und Wohlstand verbuchen. Wenn wir die Historie
Japans, Südkoreas, Chinas oder Russlands vergleichen, waren deren wirtschaftlicher Aufstieg
und das damit verbundene Wohlstandswachstum von autoritärer Politik gekennzeichnet.
Alsgleich können autoritäre und totalitäre Staatsformen für Frieden, Stabilität und Sicherheit
garantieren, wenn etwa die Außen- und Sicherheitspolitik Chinas oder Russlands zum
Vergleich herangezogen werden. Auch das autoritär regierte Jugoslawien galt als politischer
Stabilisierungsfaktor Südosteuropas. Denn Jugoslawiens Außenpolitik war neutral und auf
Friedensvermittlung ausgerichtet. Demgegenüber galt das Land als Mitbegründer des
soziopolitischen Bündnisses der Blockfreien Staaten, das sich hauptsächlich für globalen
Frieden und Gleichheit einsetzt.
Umgekehrt jedoch gibt es demokratische strong states, die in vielen Weltregionen genau das
Gegenteil machen: nämlich diese Regionen politisch und wirtschaftlich zu destabilisieren,
sowie Unsicherheit und Konflikte herbei zu beschwören.
Hiermit bleibt die Frage offen, ob ein schwacher und absterbender Staat Jugoslawien
tatsächlich mit Autoritarismus, Totalitarismus und Militarismus in Verbindung zu bringen sei,
oder ob nicht doch andere Faktoren für die Schwächung des Landes ausschlaggebend waren.

6.3.2 Eliten und Korruption

Der Personenkult, oft auch ein Kennzeichen eines schwächelnden Staates, war auch in
Jugoslawien in verminderter Form präsent. Der jugoslawische Personenkult sollte Politik,
Wirtschaft, Religion und Kultur unter einem Führer vereinen. Dabei wurden Wünsche,
Hoffnungen aber auch alle negativen Erscheinungen auf eine Person, nämlich auf Tito,
projiziert und kompensiert. Der Personenkult finanzierte sich natürlich nicht von selbst,
sondern wurde aus Steuergeld bezahlt. Der jugoslawische Personenkult war von
Überdimensionalismus, Monumentalismus und Heroismus gekennzeichnet, der in unzähligen
Pilgerstätten, Monument- und Prestigebauten, allerdings auch durch unzählige Residenzen
Titos und der JKP verkörpert wurde.

- 73 -
Schwache und zerfallende Staaten sind nach der Konzeption des failed state von Patronats-
und Klientelbeziehungen, Korruption und Vetternwirtschaft gekennzeichnet (vgl. Fischer et
al. 2004: 240). Klientelismus und Bestechung waren feste Bestandteile der jugoslawischen
Gesellschaft und auch in der Gegenwart herrschen sie in unverminderter Form weiter.
Vetternwirtschaft und Patronatsbeziehungen machten sich allerdings nicht erst in der
Endphase Jugoslawiens bemerkbar. Bereits unter den jugoslawischen Kommunisten galt die
Parole, wer der JKP angehörte, besaß besondere Privilegien.

Nach Titos Tod 1980 verstärkten sich Klientelismus und Korruption im Übermaße.
Schmiergelder und Postenschacher wurden gar zur Überlebensnotwendigkeit der Eliten und
Kapitalprofiteuren, die zunehmend auch kriminelle Elemente ins Staatssystem einschlossen.
Man möge hierbei an den Aufbau der kroatischen Streitkraft denken, der einerseits durch
Zigaretten- und Waffenschmuggel, andererseits durch die illegale Abzweigung öffentlicher
Gelder finanziert wurde (vgl. BBC - ORF 1996: Abs. 7/30, 8/30).
Staatsaufträge, Subventionen und Lizenzvergabe wurden nicht mehr an Qualifikation,
Qualität und Preis, sondern an Interessen einzelner gebunden. Mit der Privatisierung von
Staatseigentum und der Aushöhlung wichtiger Staatsfunktionen fanden die Begünstigten ein
unerschöpfliches Maß kapitaler Quellen. Dabei herrschte Bestechlichkeit von der obersten
wirtschaftspolitischen Ebene bis hin zum einfachen Straßenpolizisten. Tatsächlich herrschten
ein Jahrzehnt lang chaotische Zustände. Gemeint ist dabei die Zeit von Titos Ableben bis hin
zum Ende Jugoslawiens 1991 (offizielles Ende 2006). Bedauernswerterweise liegt für
Jugoslawien kein Korruptionsindex vor, um eine grobe Übersicht zu gewähren, da dieser erst
seit 1995 erstellt wird.

6.3.3 Handlungsschwäche

Wie aufgezeigt wurde, konnte der slawische Vielvölkerstaat ab Anfang der achtziger Jahre
immer weniger seine institutionellen Aufgaben wahrnehmen. Das jugoslawische Regime
wurde schwerfälliger in seinen Entscheidungen, die, wie erläutert wurde, einerseits auf die
ökopolitische Fragmentierung des Staates, alsgleich auf fehlender Verwaltungspräsenz zurück
zu führen sind. Auf der anderen Seite wurde die staatliche Handlungsschwäche durch
Korruption und Finanzprobleme hervorgerufen.
Bereits Anfang der siebziger Jahre zeichnet sich ein Ende der wirtschaftlichen Prosperität ab,
die bereits zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich auf Kreditfinanzierung, andererseits auf

- 74 -
Staatsverschuldung beruhte. Wie auch in der Theorie des failed state beschrieben, konnte
Jugoslawien seine wirtschaftlichen und wohlfahrtstaatlichen Aufgaben nicht mehr erfüllen,
denn ganz einfach ausgedrückt, dem Staat fehlte es an ausreichendem Kapital, das Land war
Pleite.

Neben dem Verlust der finanziellen Souveränität verlor der Vielvölkerstaat mit der
fortschreitenden Handlungsschwäche unter anderem sein Steuermonopol (dabei ist der
Verlust des staatlichen Steuermonopols alsgleich ein bedeutendes Kennzeichen einer
Peripherie).
Weiters war der jugoslawische Bundeshaushalt von geringer Steuerleistung gekennzeichnet
bzw. gezeichnet. Wie in der Konzeption des failed state ausgewiesen, sank aufgrund geringer
Steuereinnahmen auch der Konsum im Vielvölkerstaat. Der Rückgang des Konsums führte
zur geringeren Produktion, was insgesamt zur Folge hatte, dass auch Löhne und
Sozialleistungen und folgend die Lebensqualität zu sanken begannen.
Anders als im Modell des Staatsversagens, wälzte der Staat die Steuern allerdings nicht auf
die Bevölkerung ab. Auch hob Jugoslawien keine zusätzlichen Steuern für Importe ein, um
die eigene Industrie zu schützen, wie in der Theorie des failed state behauptet wird. Wie
erläutert wurde, kompensierte das Land die fehlenden Steuereinnahmen durch
Kreditannahmen und öffnete so, internationalen Kapitalgebern Tür und Tor.
„[…] er [der sterbende Staat] weicht in seiner Finanznot auf ausländische Kreditquellen aus,
so dass seine organisatorische Schwäche eine nicht zu unterschätzende Ursache für die
Auslandsverschuldung bildet. Solange er sich [jedoch] auf den Zufluss externer Hilfsmittel
verlassen kann, fehlt auch der nötige Nachdruck, das interne Steueraufkommen zu erhöhen.“
(Nuscheler 2005: 408 f.)
Wie wir nun wissen, resultierte Jugoslawiens Handlungsschwäche aus institutioneller
Unterentwicklung. Aber nicht nur.

6.3.4 Staatssicherheit

Wie Wallerstein anmerkt, bewirken ein niedriger Bundeshaushalt und fehlende


Steuereinnahmen die Gefährdung der Staatssicherheit. Neben dem sozialen Verfall führt der
unzureichende Bundeshaushalt zur immer größeren Ineffizienz der Zivilbürokratie und zur
Schwächung sicherheitspolitischer Institutionen, wie etwa Armee, Polizei oder
Gerichtsbarkeit (vgl. Wallerstein 2004: 529).

- 75 -
Auch Jugoslawien konnte ab den achtziger Jahren immer weniger für die Sicherheit seiner
Bürger sorgen. Fehlende Staatssicherheit ging hierbei mit ökonomischen und sozialen
Spannungen und Konflikten einher.
Die theoretischen Ansätze des failed state besagen, dass absterbende Staaten vom
Legitimitätsverlust geprägt sind. Wie ich aufgezeigt habe, führte die negative
Wirtschaftsentwicklung zum Rückgang der Wohlfahrt und folglich zum ökonomischen
Verteilungskampf. Hierbei ging der Verlust des Vertrauens der Bevölkerung mit dem
allmählichen Verlust der Legitimität des Staates einher. Geringe Steuereinnahmen und
Steuerausfälle führten zur schwindender Sicherheit und schlussendlich zur Schwächung des
Gewaltmonopols. In so einem Fall ist eine Regierung gezwungen, Steuerausfälle in
irgendeiner Art zu kompensieren, eskalationsfördernde Politiken zu implementieren, sowie
innenpolitischen und nationalen Konsens zu erzeugen, um ihre Machtposition beizubehalten
(vgl. Billing 1992: 17).

Häufig benutzten Eliten und Kapitalprofiteure Instrumente des Nationalismus und


Separatismus, um die sozioökonomischen Spannungen zu verstärken. Sie instrumentalisieren
und verstärken die Unzufriedenheit und Unsicherheit in Volksgemeinschaften, um eigene
Interessen und Vorstellungen zu verwirklichen. Dabei diente die Schaffung einer
Zugehörigkeit zu einem bestimmten (religiösen, ethischen, politischen) Kollektiv, den
jugoslawischen Eliten als Machterwerb und als Legitimationsgrund. Wie in der Theorie
aufgezeigt, konsultierten auch sie ihre Macht durch die Befriedung des
Sicherheitsbedürfnisses ethnischer Gruppen, die der jugoslawische Staat immer weniger
bieten konnte (vgl. Troy 2007: 52 ff.). Die dem Staat abhanden gekommene Macht wurde
dabei unter Kriegstreibern, Nationalisten und Kapitalisten aufgeteilt, die Sicherheit und
Frieden für die Zukunft versprachen.
Tatsächlich scheiterte der jugoslawische Staat auch aufgrund verloren gegangener
Ordnungsmacht; Staatssicherheit, Wohlfahrt und Frieden wurden gegen Korruption, Armut
und Terror eingetauscht. Folgend kam es zum totalen sozioökonomischen Zusammenbruch
und folglich zum Bürgerkrieg. [Hierbei] gilt der ansteigende Widerstand von betroffenen
Teilen der Bevölkerung in einem schwachen Staat […] gemeinhin als der Übergang in den
zerfallenden Staat.“ (Nuscheler 2005: 38)

Augenscheinlich war in der jugoslawischen Sezessionsentwicklung die Privatisierung des


staatlichen Sicherheits- und Gewaltmonopols. Deutlich wurde der Verlust des staatlichen

- 76 -
Gewaltmonopols anhand des Auftauchens von privaten Gewaltakteuren, wie etwa Warlords,
Paramilitärs, Söldner und kriminellen Organisationen. Solche kriegstreiberischen Elemente
waren an einem anhaltenden Konflikt interessiert, weil dieser ihnen die Einnahmenquellen
dauerhaft sicherte (vgl. Kuderer 2010: 55; Etzerdorfer 2007: 115). Wie in der Theorie
aufgezeigt, konsultierten die Eliten und Kriegstreiber ihre Macht durch die Befriedung des
Sicherheitsbedürfnisses ethnischer Gruppen, die der jugoslawische Staat nicht mehr bieten
konnte.

Bekanntes Beispiel eines privaten Gewaltakteurs waren die „Arkans Tiger“. Bei den
„Arkanovi Tigrovi“ handelte es sich um eine serbische paramilitärische Einheit, angeführt
von Arkan Raznatovic, die in Kroatien und Bosnien durch Schrecken, Plünderei und Mord
sowie durch die Zerstörung der Stadt Vukovar (Kroatien) traurige Berühmtheit erlangte. Für
die Serben in Kroatien hingegen war Arkan ein Held, da dieser ihnen Sicherheit und Schutz
vor Angriffen der Kroaten bot.
Ein anderes Beispiel profitorientierter Kriegstreiberei waren die Machenschaften des
Bosniaken und ehemaligen Warlord Fikret Abdic. Abdic, der zugunsten Izetbegovics auf das
bosnische Präsidentenamt verzichtete, war einer der bekanntesten Kriegsherren der
jugoslawischen Tragödie. Tatsächlich gelang ihm in der Bürgerkriegszeit die Gründung eines
geschlossenen Territoriums auf bosnischem Boden, mit der Bezeichnung „Autonome Provinz
Westbosnien“, das immerhin 2 Jahre Bestand hatte und eine Miliz von etwa 20.000-30.000
Soldaten aufwies. Finanziert wurde Abdic Kleinstaat durch Waffen- und Schmuggelgeschäfte.
Auf der anderen Seite erhielt der Bosniake finanzielle Unterstützung von den bosnischen
Serben, da dieser sich in ihren Diensten als Vasall stellte. Auch in diesem Fall kompensierte
ein privater Gewaltakteur das fehlende staatliche Gewaltmonopol, in dem er das
Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung befriedigte.

6.3.5 Externe Akteure

Der vielleicht bedeutendste Grund eines schwachen bzw. zerfallenden Staates ist die
Involvierung externer Akteure, die diesen zu ihren wirtschaftlichen und politischen Gunsten
beeinflussen und mitprägen. Auf die Frage, weshalb externe Akteure, vor allem das
internationale Finanzkapital, Jugoslawien aufsuchte, oder überhaupt ausländische Märkte
aufsucht, gibt es ein Hauptargument, nämlich jenes des Geldverdienens. Es geht also um den
Bedarf neuer Absatzmärkte (vgl. Hornberg 1964: 4).

- 77 -
Obgleich etwa die Weltbank und der Internationale Währungsfonds Sonderorganisationen der
Vereinten Nation sind, die Staaten helfen sollten, sich wirtschaftlich zu entwickeln, so wurde
und wird oft genau das Gegenteil erreicht, nämlich Unterentwicklung. Beide
Finanzorganisationen werden privatwirtschaftlich geführt, die Gewinne erzielen. So
erwirtschaftet die Weltbank etwa 3 Mrd. US-$ im Jahr (vgl. Nuscheler 2005: 515).
Organisationen der UNO erwirtschaften jedoch keinen Profit. Gerade aus diesem Grunde
stehen IWF und Weltbank oft in der Kritik, Instrumente der kapitalistischen Zentren zu sein,
die die Zentrum-Peripherie-Hierarchie aufrecht erhalten, indem die Entwicklungs- und
Schwellenländer durch Druck, List und Ausweglosigkeit ihrer Souveränität beraubt werden.
Wirtschaftspolitisch betrachtet, unterwandern sie den Staat und zwingen ihn zur
kapitalistischen Strukturumwandlung und Liberalisierung seiner Märkte.
Auch Jugoslawien könnte höchstwahrscheinlich so einem kapitalistischen Plan zum Opfer
gefallen sein. Laut westlichen Regierungen, Kapitalisten und internationalen
Finanzorganisationen war eine wirtschaftliche Anpassung Jugoslawiens, im Rahmen der
neuen Paradigmen des modernen Weltsystems, Grund genug, das Land zu peripherisieren.
Wie nach einem Bilderbuchschema des Konzepts des failed state hoben auch in Jugoslawien
externe Akteure, die ethnischen Spannungen auf das internationale Parkett.

Im letzten Jahrzehnt wurden mehrere „westliche Interventionen“ im Namen von Demokratie


und Menschenrechte geführt. Auch im ehemaligen Jugoslawien wurden militärische
Interventionen geführt, um Menschenrechte zu verteidigen, Streitparteien auseinander zu
halten, Frieden zu initiieren und die geopolitische Stabilität der Region zu sichern. So die
Absichtserklärungen der kapitalistischen Zentren.
Wie kurz erwähnt, ist eine gewaltlose Intervention laut Völkergewohnheitsrecht immer
zulässig (Artikel 39 der UN Charta). Die gewaltlose Intervention wird durch einen Beschluss
des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen behandelt und abschließend abgesegnet (vgl.
Neubauer 2008: 14; Etzerdorfer 2007: 78). Die NATO-Intervention in Bosnien war im
Grunde genommen eine humanitäre Intervention, die vom Weltsicherheitsrat abgesegnet
wurde und daher einer Art internationalen legalen Charakter innehatte. Kriegsverbrechen, wie
etwa Vertreibung, Mord, oder Massenvergewaltigung machten aus Sicht der westlichen
Akteure eine Militärintervention unausweichlich. Und das zu Recht, wie die Historie aufzeigt.
Ganz anders sieht allerdings die Sachlage bei der Bombardierung Restjugoslawiens aus. Der
Jugoslawienkrieg 1999 erfolgte ohne UN-Ermächtigung, als Reaktion auf angebliche
Menschenrechtsverletzungen, die von serbischer Seite begannen wurden. Dabei ging und geht

- 78 -
die NATO von der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte aus, die sie ihrer Meinung nach
ermächtigte, die Prinzipien „des Rechts auf Krieg“ anzuwenden.

In der Begründung waren und sind die Zentren und die NATO weniger kreativer; in Bosnien
waren es die systematischen Vergewaltigungen, in Jugoslawien die Vertreibung der Albaner,
in Afghanistan die Unfreiheit der Frau, im Irak die Kurdenfrage und
Massenvernichtungswaffen und im Libyen Freiheit und Demokratie, die eine „humanitäre
Intervention“ notwendig machte (vgl. Etzerdorfer 2007: 78 f.).
Jugoslawien und seine Teilrepubliken waren nur so lang stabil, bis die Vereinigten Staaten
und Westeuropa unter dem Deckmantel von internationalen Finanzorganisationen,
Kapitalisten sowie der NATO begannen, geopolitische und wirtschaftliche Interessen zu
formulieren (vgl. Ronald Reagan Library 1984: 1 ff.). Wie ausführlicher noch beschrieben
wird, ging es ja darum, Jugoslawien als wirtschaftliche Peripherie abzusichern.

[Hieran] […] arrangierten sich […] die Vertreter des Staates mit transnationalen Konzernen und
unterwarfen sich der Logik der internationalen Finanzmärkte, ganz im Sinne einer konkurrierenden
Standortpolitik […]. Indem der Staat die Fähigkeit verliert, gesellschaftlich integrativ zu wirken,
verliert er auch den neutralen, vermittelten Status zwischen den gesellschaftlichen Klassen. […]. So
nahmen Ungleichheiten, Marginalisierung und soziale Spannungen zu, auf der anderen Seite war die
„Denationalisierung“ mit starken nationalistischen und rassistischen Tendenzen verbunden.
(Weissenbacher 2005: 115)

[Gleichgerichtet] […] trugen die seit Beginn der achtziger Jahre durchgeführten Reformen, diktiert
vom ausländischen Finanzkapital, dem IWF und der Weltbank, […] zur Zerstörung des industriellen
Sektors und zum Abbau des Sozialsystems des Landes bei. Trotz Belgrads politischer Neutralität und
seiner ausgedehnten Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten und der Europäischen
Gemeinschaft hatte die Reagan-Administration die jugoslawische Wirtschaft in einer Geheimdirektive
von 1984 (National Security Decision Directive / NSDD 133) ins Visier genommen. Ihr Titel lautete
schlicht: „Die Politik der USA in Bezug auf Jugoslawien“. Eine zensierte Version dieses Dokuments
[…] stimmte im Wesentlichen mit einer früheren Direktive (NSDD 54) über Osteuropa von 1982
überein. Sie forderte unter anderem fortgesetzte Anstrengungen zur Entfachung von „stillen
Revolutionen“, mit dem Ziel der Überwindung kommunistischer Regierungen und Parteien, während
die Länder Osteuropas wieder dem Wirkungskreis des Weltmarktes unterworfen werden sollten.
(Chossudovsky 1999: 2, vgl. Ronald Reagan Library 1984: 1 ff.)

Zur ähnlichen Erkenntnis gelangt auch der Sozialwissenschaftler Peter Steyrer, nämlich;
„[dass] die USA nach dem Zweiten Weltkrieg an der Rekonstruktion und Stabilisierung des
europäischen Kapitalismus in Form eines „größeren Marktes“ unter Führung des US-
amerikanischen Kapitals aktiv mitwirkten.“ (Becker/Hödl/Steyrer 2005: 159)

- 79 -
VII The Modern World-System

71.1 Die Beschaffenheit des Weltwirtschaftssystems

Um den gescheiterten Staat Jugoslawien ökopolitisch im Ganzen zu erfassen, gehen wir im


siebenten Kapitel der Frage nach, wie die Beschaffenheit des modernen Weltsystems
strukturiert ist, und in welcher Rolle sich der Vielvölkerstaat Jugoslawien in ihr wiederfand.
Die Definition des Begriffes Weltsystem wird an sich bereits problematisch sein. Denn wo
sind die tatsächlichen Merkmale und Postulate einer Welthandelsstruktur auszumachen?
Welche Merkmale müssen vorhanden sein, um von einem modernen Weltsystem zu
sprechen? Die Unmengen an Definitionen verleiten, sich seine eigene kapitalistische Welt mit
seinen eigenen Merkmalen und Eigenheiten zu kreieren. Solche Überlegungen machen den
Blick auf den modernen Kapitalismus allerdings auch nicht leichter. Daher beschränken wir
uns auf das Modell Wallersteins und werden den Zerfall Jugoslawiens, aus dem Blickwinkel
seiner Theorie mit den dazugehörigen Kennzeichen und Paradigmen, versuchen zu
bestimmen.

Eine einfache Erklärung, bei der Welthandelsstruktur handle es sich um ein


Wechselverhältnis zwischen bestimmten Austauschbeziehungen, greift viel zu kurz. Denn die
Funktionsweise des heutigen Weltwirtschaftssystems beschränkt sich nicht nur einzig auf
globale Wirtschaftsbeziehungen. Der globale Kapitalismus oder wie es Wallerstein formuliert,
das moderne Weltsystem, dringt bis in die Poren unserer Gesellschaften, gar bis in den
Lebensalltag jedes einzelnen Individuums ein. Seiner Theorie nach ist das moderne
Weltsystem keine Erfindung der Neuzeit. Er datiert das beginnende Zeitalter unseres
Weltwirtschaftssystems mit der „Krise des Feudalismus“, der Entdeckung Amerikas und der
einsetzenden globalen Arbeitsteilung in Europa am Ende des 15. Jahrhunderts (vgl.
Wallerstein 2004: 27). Die Palette der Annahmen um den Beginn des Weltsystems reichen in
die Zeit um 2500 v. Chr., mit Eurasien als aktiven Wirtschaftsraum, bis Mitte des 19.
Jahrhunderts, als mit der Entstehung neuer ökonomischer Verhältnisse eine Verdichtung der
internationalen Wirtschaftsverflechtung erfolgte. Ein anderer bedeutender
Weltsystemtheoretiker, Fernand Braudel, datiert die Entstehung des modernen Weltsystems
im 16. Jahrhundert. Hieran beschreibt er in seinem Hauptwerk „L´economie Monde“ die Co-

- 80 -
Existenz mehrerer Weltwirtschaften, die zur gleichen Zeit nebeneinander bestanden und mit
einander verbunden waren.
Die viel umstrittene Frage zu beantworten, welcher Zeitraum nun den wirklichen Beginn des
globalen Kapitalismus markiert, ist auch in der Gegenwart, nicht ganz klar zu durchschauen
und wäre auch lediglich nur ein Konstrukt. Die Frage zu beantworten, wann das moderne
Weltsystem einsetzte, würde ja eine Sensation darstellen. Vielleicht existiert auch keine reine
Wahrheit. Von Bedeutung ist für uns sehr wohl die Frage, wie das Weltwirtschaftssystem der
Gegenwart konstruiert ist und welche sozioökonomischen Wechselwirkungen zu Jugoslawien
bestanden.
Wann auch immer der Kapitalismus entstanden ist, um eine Weltwirtschaft handelt es sich um
jeweils die uns bekannte Welt, die von einem Zentrum, dominierten Ordnungssystem geprägt
wird. Hierbei handelt es sich um einen irreversiblen Vorgang (vgl. Wallerstein 2004: 29; Rolf
2006: 1 f.).

Unter einer Weltwirtschaft versteht man […] generell alle Beziehungen und Verflechtungen, die durch
internationale Transaktionen […] zwischen den Märkten entstehen. Zu den Akteuren gehören Staaten,
Organisationen […], multinationale Unternehmen […] und Nicht-Regierungsorganisationen […].
Diese Akteure sind in komplexer Weise untereinander vernetzt. Wesentliche Komponenten der
Weltwirtschaft sind die internationale Arbeitsteilung und gegenseitige Beziehungen […]
unterschiedlicher Intensität. [Hierbei ist] der Trend zur erhöhter Arbeitsteilung und zur
Professionalisierung, […] irreversibel und universell. (Rolf 2006: 6, vgl. Fässler 2007: 11 f.)

Als Nutznießer des modernen Weltsystems gilt der Kapitalist, der „schlaue Unternehmer“.
Dabei wird der schlaue Unternehmer häufig durch global agierende Unternehmen verkörpert.
Die 65.000 global agierenden Unternehmen, mit 850.000 Auslandstöchtern, wickeln 2/3 des
globalen Exportes ab und beschäftigen 54 Mio. Menschen weltweit (vgl. Fässler 2007: 193;
Becker et al. 2007: 115). Sie infiltrieren und benutzen den Staat, gleichwohl ob Zentrum oder
Peripherie, um ihre Interessen zu artikulieren, umzusetzen und zu festigen. Hierbei garantiert
der Staat, ob mit seiner demokratischen oder autoritären Sicherheit und Stabilität, für behütete
Investitionen, einen nationalen Markt sowie einen sicheren Hafen für Akkumulation (vgl.
Becker et al. 2007: 116 f.). Andererseits wird der Zugang zu den Rohstoffquellen und
Märkten der peripheren Staaten durch die Zentren abgesichert. Durch verbindliche und oft
ungerechte Verträge (wie etwa genötigte Lizenzvergabe, Verträge, die die Umgehung von
Einfuhrbeschränkungen oder die Liberalisierung des heimischen Wirtschaftsraumes vorsehen)
oder Kreditvergaben zwingen die Zentren die Peripherien in die Knie (vgl. Fischer et al. 2004:
68 ff.; Becker et al. 2007: 124 f., 133 ff.).
Die Macht der global agierenden Kapitalisten beruht allerdings nicht nur auf der
Widerstandsfähigkeit eines Staates. Der Einfluss wird gleichermaßen durch den privilegierten

- 81 -
Zugang zu nationalen Kredit- und Kapitalmärkten sowie kapitalintensiven Produktionsmitteln
beeinflusst. Sie besitzen Investitionskapital, neue Technologien, know how, kostenintensive
Labors und automatisierte Produktionsstätten. Das Budget für die Forschung übertrifft die der
Entwicklungsländer um ein Vielfaches. Des Weiteren verfügen die global agierenden
Unternehmer über ausreichende Infrastruktur, moderne Kommunikationstechnologien und
Transporttechniken sowie die Fähigkeit günstige und qualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren
(vgl. Fässler 2007: 193 f.; Becker et al. 2007: 134 ff.). Die global agierenden Konzerne
verfügen auch in den Ländern des Südens über gesellschaftliche Akzeptanz. Güter und Waren
werden nach den Wertehaltungen und Konsumbedürfnissen der jeweiligen Schwellen- und
Entwicklungsländer angepasst, laufend modifiziert und durch Suggestion an die Bevölkerung
gebracht. Durch Werbung sollen nicht vorhandene Konsumbedürfnisse geschaffen werden
(vgl. Fischer et al.:2004: 98).
Der Kapitalismus bewirkt auch eine kulturelle und sprachliche Homogenisierung, das heißt
des abnehmenden Verlustes kultureller Vielfalt. Das moderne Weltsystem uniformiert die
vielfältigen Gesellschaften durch Schaffung von Konsumbedürfnissen und
Konsumgewohnheiten und überstülpt ihnen kapitalistische und westliche Werte auf (vgl.
Faschingeder 2004: 55 ff., 78, 131 f.).

[Dazu heißt es etwa, dass es] aufgrund weltweiter Vernetzungen und intensiver Austauschbeziehungen
letzten Endes zu einer einheitlichen Weltkultur kommen werde. […]. Selbst bei Kulturwerten wie der
Sprache, die keine primär ökonomische Bedeutung haben, erscheint die angelsächsische Präsenz
erdrückend. […]. Nach pessimistischen Schätzungen werden von den derzeit rund 6500 Sprachen nur
ca. 10% das 21. Jahrhundert überdauern. (Fässler 2007: 19 f.)

Es besteht also kein Zweifel und es kann nicht geleugnet werden, dass „westliche Kultur“
exportiert wird (vgl. Faschingeder 2004: 50 f., 78, 131). Es kann aber ebenso nicht geleugnet
werden, dass auch chinesische, indische oder arabische Kulturwerte in die Welt hinaus
getragen werden. Es scheint, dass sich Kulturen ständig bedingen, wobei neue Kulturen
entstehen können. Die Intensität der Assimilation ist nicht auf beiden Seiten gleich, für eine
Kultur oder Sprache kann der Zusammenprall gar seinen Untergang bedeuten. Kultur wird
also als „umkämpftes Terrain“ verstanden, wobei sie als bedeutende Dimension im
Entwicklungsprozess fungiert und von gesellschaftlichen Kräften umkämpft wird (vgl.
Fischer et al.:2004: 199). Einige Wissenschaftler sind sich einig, Kultur habe sich gar
losgelöst und verselbständigt, die die Menschheit in ihren Dienst stellt und beherrsche (vgl.
Faschingeder 2004: 132).
Tatsächlich aber blühten die kulturellen Eigenheiten der ehemals jugoslawischen
Volksgemeinschaften ja förmlich auf. Mit jedem Schritt des Staatszerfalls wurde Kultur und

- 82 -
Tradition nur noch intensiver aufgesogen und reanimiert. Man möge an die Vielzahl
revitalisierter Bräuche, Feste und Umzüge denken.
Insofern ist die Feststellung wichtig, weil die jugoslawische Bevölkerung vielleicht nicht so
sehr westliche Kultur und Überlieferungen adaptierte, als eher kapitalistische
Konsumorientierung und Konsumverhalten absorbierte, die, wie ich kurz erläutert habe, auch
im jugoslawischen Staatssozialismus ausgeprägte Merkmale aufwiesen.

7.2 Struktur und Charakteristiken des Wallerischen Weltsystemansatzes

[Für Wallerstein ist] ein globales System […] nicht weil es die ganze Welt umschließt, sondern weil es
größer ist als jede juridisch definierte politische Einheit. Und es ist deshalb eine Weltwirtschaft, weil
die Verbindung zwischen den Teilen des Systems vor allem eine ökonomische ist – freilich durch
kulturelle Bindungen zu einem gewissen Grad verstärkt, zuweilen auch, […] durch politische
Arrangements und Bündnisse. (Wallerstein 2004: 27).
In einer kapitalistischen Weltwirtschaft wird die politische Energie […] zur Sicherung von
Monopolrechten verwendet. Der Staat wird weniger zum zentralen Wirtschaftsunternehmen als
vielmehr zum Hilfsmittel bei der Sicherung bestimmter Handelsbedingungen für andere ökonomische
Transaktionen. Dadurch schafft die Tätigkeit des Marktes […] Anreize zur vermehrter Produktivität
und allen daraus folgenden Begleiterscheinungen der modernen ökonomischen Entwicklung. Die
Weltökonomie ist die Arena, in der sich diese Prozesse abspielen. (ebd.: 28, 517 f.)

Wallersteins Theorie des modernen Weltsystems besagt, dass die geopolitische und
sozioökonomische Strukturierung der Welt in kapitalistische Zentren (Kerne) – in
Schlüsselgruppen, die über ein mächtigen Staatsapparat verfügen – und staatsschwachen
Peripherien (Randzonen) geteilt ist. Daher stehen die Regionen nicht in der gleichen Position
zueinander. Das bedeutet, dass die Welt nicht als ein ganzes, homogenes Konstrukt zu
verstehen ist. Die Regionen sind nicht nur geopolitisch und kulturell zerteilt, sondern vor
allem ökonomisch separiert. Dabei stehen die unterschiedlichen Weltregionen in starker
Wechselwirkung zueinander. Bemerkbar macht sich diese Wechselwirkung durch das
Interagieren von politischer Macht, Hierarchie, adaptierter Kultur und ökonomischen
Wettstreit, wie ich nun zeigen werde.

7.2.1 Zentrum

„Als Zentren, [auch als Kerne [cores] bekannt], verstehen wir Räume, die sich aufgrund ihrer
Stellung in der internationalen Arbeitsteilung mehr Ressourcen aus dem Gesamtsystem
aneignen können als andere.“ (Fischer et al. 2004: 68) Die immerwährende Dominanz und
Stärke eines Zentrums wird dabei durch fünf bedeutende Staatsmonopole gekennzeichnet:

- 83 -
„[1.] dem technologischen Monopol, [2.] der Kontrolle der globalen Finanzmärkte, [3.] dem
monopolistischen Zugang zu den natürlichen Ressourcen der Erde, [4.] dem Medien- und
Kommunikationsmonopol sowie [5.] dem Monopol auf Massenvernichtungswaffen.“ (ebd.:
46)
Ein mächtiger Staat gilt dabei keineswegs als Hindernis, sondern ist evolutionäre
Voraussetzung für ein Zentrum. Er ist Garant für eine kapitalistische Gesellschaftsordnung,
gleichfalls sichert er den „freien Wettbewerb“ und damit die kapitale Akkumulation ab (vgl.
Lipke 2010: 22). Die gewaltigen Staatstrukturen der Zentren haben dabei die Aufgabe, die
Bourgeoise vor Unzufriedenheit, und im extremsten Fall, vor Klassenkämpfe zu schützen.
Mächtige Staatsmechanismen, bürokratische Verfahren und Interessensverbände sorgen dafür,
dass die Kapitalinteressen, Monopole und Eigentumsrechte der Akkumulationsregime
geschützt werden (vgl. Wallerstein 2004: 520; Weissenbacher 2005: 114). Hauptnutznießer
des modernen Weltsystems ist also der Kapitalist.
Durch Druck, Bürokratie, Beeinflussung, ebenso wie durch die Verteilung von Wohlstand,
werden die Massen der Zentren auf ein bestimmtes unkritisches Niveau gehalten. Die
„konsensgetragenen Hegemonie“ in den Metropolen wirkt dabei als Legitimationskonstrukt
und Garant für Investitionen, da diese einen berechenbaren, freien und sicheren
Wirtschaftsraum bevorzugen (vgl. Becker et al. 2007: 17).

Die Zentren stehen aber auch in Konkurrenz zueinander und sind weder politisch oder
kulturell noch sozioökonomisch gleich organisiert. Sie besitzen nicht die gleiche
Verfügbarkeit von Produktionsmitteln und Ressourcen. Denn, wenn es sich so verhielte,
wären die Metropolen in der Lage, die Arbeitsschritte der jeweils anderen
Wirtschaftsmetropole zu übernehmen. Dies hieße, dass die ausgelagerten Arbeitsschritte und
die weltweite Arbeitsteilung, und folgend der Handel, obsolet werden, denn jedes
gleichwertige Zentrum würde ja über die gleichen komparativen Kostenvorteile verfügen.
Nach Wallersteins Theorie würde eine ausgewogene Machtposition zwischen den Zentren
zum Ende des modernen Weltsystems führen (vgl. Wallerstein 2004: 520, 527 f.).
Im Gegensatz zur Zeit des bipolaren Wettstreits, wo einige wenige Staaten die kapitalistischen
Zentren verkörperten, dominieren heute Weltwirtschaftszentren, die mehrheitlich in
Staatenverbände wie etwa der EU, APEC, OPEC oder der NAFTA organisiert sind. „Meist
fokussieren sie auf den Abbau von Handelshemmnissen, einige kooperieren auch auf anderen
Feldern wie Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik, Forschung, Umweltschutz oder
Verbrechensbekämpfung.“ (Fässler 2007: 160)

- 84 -
7.2.2 Semiperipherie

Eine zweite Sphäre des modernen Weltsystems, die Semiperipherie, erfüllt die Funktion eines
Katalysators und Brückenkopfs, der zwischen Zentrum und Peripherie fungiert (vgl. Lipke
2010: 41). Häufig wahrt die Semiperipherie die geopolitischen und ökonomischen Interessen
des Zentrums, indem sie ihm geostrategischen Schutz vor militärischen Gefahren, die von der
Peripherie ausgehen, bietet. Demgegenüber dient sie als treu ergebener Vasall, der auf
Wunsch des Kerns, auch einen Stellvertreterkrieg nicht scheut. Demnach fungiert die
Semiperipherie als Stabilisator, der die hierarchischen Struktur des modernen Weltsystems
und die daraus entstehende strukturelle Abhängigkeit festigt.
Die Semiperipherie erfüllt allerdings nicht nur die Aufgabe einer und geostrategischen
Pufferzone. Denn wir beschrieben, braucht der Kern eine zumindest so weit stabile
Semiperipherie, um den Wertetransfer aus der Peripherie zu gewährleisten (vgl. Lipke 2010:
22 f.). Die Semiperipherie ist oft von einer schwachen Staatsstruktur gekennzeichnet,
Funktionen die den Wertetransfer aus den Peripherien absichern, sind natürlicherweise
vorhanden (vgl. Becker et al. 2007: 40 f.). Weiters handelt es sich bei einer Semiperipherie
häufig um ein Schwellen- oder Transformationsland mit autoritären oder mäßig ausgeprägten
demokratischen Staatsstrukturen (vgl. Becker et al. 2007: 16 f.).

In Semiperipherien wurde und wird vor allem der Rohstoffabbau forciert, um


Deviseneinnahmen zur Deckung des Konsumbedarfs, der eine negative Handelsbilanz
aufwirft, zu erreichen. Im Gegensatz zu den Peripherien können exportorientierte
Semiperipherien einige Nischenprodukte am Weltmarkt abdecken. Häufig weisen
Schwellenländer gar eine vergleichbare Produktivität wie Industrieländer auf. Diese wird
allerdings eher durch arbeitsintensive Produktion erreicht als durch technologisierte und
kapitalintensive Produktionsmitteln (vgl. Becker et al. 2007: 27 f., 37 ff.).
Ein weiteres Charakteristikum der Semiperipherie ist die Abwanderung von gut ausgebildeten
Arbeitskräften, Talenten und der Intelligenz. Im Gegensatz zu Peripherien verfügen
Semiperipherien nämlich über eine breitere Masse gut ausgebildeter Menschen, die durch
starke Bildungsinstitutionen, wie sie etwa in Jugoslawien existierten, hervorgehen. Die
Zentren absorbieren nicht nur Wert in Form von Geldkapital, sondern auch in Form sozialen
Kapitals. Dagegen sind Peripherien und Semiperipherien mit Reproduktionskosten,
abwandernder Arbeitskraft alsgleich mit Brain Drain konfrontiert (vgl. Fischer et al. 2004:
72).

- 85 -
Die semiperipheren Gebiete waren in frühen Zeiten entweder Zentren oder Peripherien, die
sich durch geopolitische Dynamiken, technologischen Fortschritt und einer sich durch die
Jahrhunderte veränderten globalen Wirtschaftsstruktur positionierten. Das bedeutet, dass de
facto desgleichen ein Zentrum als Semiperipherie oder gar Peripherie absteigen kann.
Umgekehrt können Semiperipherien zu Zentren aufsteigen (vgl. Wallerstein 2004: 520 f.).
Betrachtet man die Historie des Kapitalismus, so taucht jedoch eine bedeutende Frage in
Wallersteins Behauptung auf, die in seiner Weltsystemtheorie unbeantwortet bleibt. Wenn wir
das Weltsystem charakterisieren, dann sind die alten kapitalistischen Zentren, mit
abwechselnder Dominanz und Konkurrenz zueinander, auch die Zentren der Gegenwart
geblieben. Es gab die Hegemonie Spaniens, Hollands, Englands, Frankreichs oder Chinas, mit
ihrem jeweiligen zeitlich begrenzten Dominanzanspruch. Und wieder sind es die gleichen
Länder, die die bedeutenden kapitalistischen Wirtschaftsmetropolen verkörpern und nicht
Ecuador, Nigeria oder Albanien. Dies würde im Grunde bedeuten, dass die kapitalistischen
Wirtschaftsäume, die in Zentren, Semiperipherien und Peripherien zerteilt sind, bis auf einige
wenige Ausnahmen (wie etwa den Tigerstaaten), unverändert blieben. Demzufolge könnte
eine Semiperipherie bzw. Peripherie seine Position gar nicht verbessern, auch nicht durch
technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt.

7.2.3 Peripherie

Peripherien wie auch Semiperipherien zeichnen sich durch Abhängigkeit, Ungleichheit und
Staatsschwäche aus.

Ein Land ist in diesem Sinne abhängig, wenn seine gesamte sozioökonomische Entwicklung durch
äußere Faktoren bestimmt wird, ohne dass das betroffene Land einen ebensolchen Einfluss auf seine
externen Wirtschaftspartner ausüben kann. Eine asymmetrische Interaktionsstruktur bewirkt jeweils
die Begünstigung des hochentwickelten Industrielandes und die Beherrschung und Benachteiligung
des Entwicklungslandes. Beide determinieren sich gegenseitig, aber die Bestimmung des schwachen
Pols durch den starken ist ungleich zwingender und erdrückender als die Wirkung in umgekehrter
Richtung. (Fischer et al. 2004: 95)

Hierbei steht im core einer Peripherie ein formeller weltmarktabhängiger Mittelpunkt


(moderner Sektor), der von informellen Randzonen umgeben wird. Bei dem formellen Kern
handelt es sich um für den Weltmarkt zugeschnittene Enklaven, die in Abhängigkeit zu den
kapitalistischen Zentren stehen. Formelle Kerne verkörpern dabei oft freie Produktionszonen,
exportorientierte Landwirtschaften, Bergbau oder Handelsstützpunkte. Dort werden
Synergieeffekte geballt und der Mehrwert den Zentren zugeführt (vgl. Fischer et al.:2004:69).

- 86 -
Hingegen wird die informelle Randzone durch ein breites Spektrum von prekären
Lebensbedingungen und unterbezahlten Arbeitsformen geprägt. Durch Kauf von günstigeren
Gütern und Auslagerung von Produktionsschritten in den informellen Bereich spart der
Kapitalist zweifach Kosten. Gleichzeitig wird zusätzlicher Gewinn durch den Verkauf der
Waren erwirtschaftet, da der Konsument ja günstiger und eventuell auch mehr einkauft. In
Schwierigkeiten kommen dabei die Menschen im informellen Sektor. Denn um die
Reproduktionskosten auszugleichen, müssen die Menschen im unsichtbaren Sektor ihre
Erwerbstätigkeit auf mehrere Beinen stellen und das niedrige Einkommen an einem Mehr am
Arbeitsplatz kompensieren (vgl. ebd.: 69 f.).

Der Wert, der dadurch geschaffen und zu den Zentren transferiert wird, wird dann genau
genommen als „Strukturelle Abhängigkeit“ charakterisiert (vgl. ebd.: 46, 68, 70). Strukturelle
Abhängigkeit äußert sich in der ungerechten sozioökonomischen Konnektivität zwischen
Zentrum und Peripherie. Einfacher ausgedrückt, Abhängigkeit und Peripherisierung sind die
Ursachen von Unterentwicklung.
Die Systematisierung der Weltwirtschat in Zentrum und Peripherie hat also auch eine
Hierarchisierung der wirtschaftlichen Aufgaben zum Ergebnis. Den kapitalistischen Zentren
kommen hierbei die höher bewerteten kapitalintensiven und profitbringenden Aufgaben zu,
den Peripherien bleibt die arbeitsintensive Produktion von Halbfertigprodukten. Wie
angedeutet werden als Ursache von Fischer et al., fehlende Staatsmonopole angegeben (vgl.
ebd.: 46; Lipke 2010: 28 f.).

1.) Die hierarchische Weltwirtschaftsstruktur wird durch den tendenziell wachsenden


technologischen Vorsprung der kapitalistischen Zentren nur noch verfestigt und
einbetoniert. Da für die Forschung eine ausreichende Finanzierung gewährleistet
werden muss, sind weitreichende technologische Entwicklungssprünge in
Entwicklungsländern kaum möglich. Weil ihnen sozusagen die kapitalen Mittel
fehlen, können sie sich technologisch nicht weiterentwickeln und der
Produktionssektor kann daher nicht modernisiert werden. Die Folge ist, dass
technisch veraltete Waren von schlechter Qualität erzeugt werden, die den
internationalen Standards nicht mehr entsprechen und somit als Geldquelle versiegen.

- 87 -
2.) Wirtschaftliche Randzonen besitzen kein Monopol auf die Kontrolle der globalen
Finanzmärkte. Ganz im Gegenteil, der nationale Markt der Randzonen wird von den
globalen Finanzmärkten geradezu diktiert. Sie sind von den Zentren finanziell und
technologisch abhängig, aber ebenso den permanenten Veränderungen im modernen
Weltsystem ausgesetzt. Aufgrund der tiefgehenden Abhängigkeit, peripherer
Nationalökonomien, können sich kleinste Marktschwankungen zu schweren
Wirtschaftskrisen entwickeln, die abermals die Ökonomie in den Abgrund stürzen.
Diesem Teufelskreis zu entgehen schaffen nur die wenigsten Randzonen. In letzter
Zeit hat sich gar der Trend bemerkbar gemacht, auf den Bankrott eines Landes zu
spekulieren. Die wirtschaftliche Tragödie, die sich in Griechenland ereignet, bietet
geradezu ein anschauliches Beispiel.

3.) Häufig fehlt den Peripherien der monopolistische Zugang zu nationaleigenen


Ressourcen. Denn dieser wird häufig von den Zentren beansprucht. Dagegen besetzen
Randzonen die Position eines Rohstoff- und Energielieferanten. Wie erwähnt, werden
die Ressourcen der Randzonen, üblich durch ungleiche Verträge, manchmal gar mit
militärischer Gewalt ausgeplündert. Ebenso entscheiden politischer Einfluss und
ökonomischer Druck über den Zugang zu Produktionsmitteln. Im Gegenzug
importiert die Peripherie verarbeitete Produkte, die sie zuvor unverarbeitet exportierte
– ein nicht endender Teufelskreis, der aufgrund von Kapitalmangel und
technologischer Ausstattung am Leben gehalten wird. Allerdings ist nicht nur die
Verfügbarkeit der Ressourcen ein Grundmerkmal der Zentrum-Peripherie-Hierarchie.
Ein weiteres Kriterium der Hierarchiebildung ist der Einfluss auf die Preisbildung,
denn diese richtet sich nicht immer nach Angebot und Nachfrage. Zunehmend wird
der Preis des Produktivkapitals durch Spekulation gebildet, ein Effekt der
Monopolstellung der Zentren im globalen Finanzmarktgeschehen.

4.) In Zeiten nicht versiegender Informationszuflüsse gibt es bei der Frage des Medien-
und Kommunikationsmonopols womöglich zwei Antworten. Aufgrund des Internets
hat prinzipiell geradezu jedes menschliche Individuum die Möglichkeit, Schrift und
Meinung einfach zu vervielfältigen und zu verbreiten. Das Internet als
Massenmedium dient praktisch als Kommunikationsmittel, das die ganze Welt auf
unkomplizierte Weise erreicht. Auf der anderen Seite werden, wie nie zuvor,
unliebsame Inhalte kontrolliert und zensuriert. Die Zensur erfolgt auf einfache Weise.

- 88 -
Satelliten und Sender werden funkgestört, Internetseiten, gar ganze Server lahm
gelegt oder mit Cyberattacken angegriffen, Verlage und Fernsehstationen aus dem
Verkehr gezogen. Denn Information ist Erkenntnis und Erkenntnis bedeutet Stärke.
Und über diese Stärke verfügen oft nur die kapitalistischen Zentren und einige
aufstrebende Schwellenländer.

5.) In der Tat besitzen unzählige Entwicklungs- und Schwellenländer


Massenvernichtungswaffen, die einen großen Teil der Menschheit in die Katastrophe
führen könnte. Das Monopol auf Massenvernichtungswaffen ist daher schon lange
kein Monopol des Westens mehr. Biologische und chemische Waffen sind leicht
herstellbar und werden Tonnenweise von fast jedem Land der Erde gebunkert. Auch
das Monopol auf „Atom“ ist schon lange kein Monopol der Zentren mehr. Ganz im
Gegenteil, in der Gegenwart sind zwei Drittel der Atommächte Schwellen und
Entwicklungsländer. Atommächte des Südens sind etwa Indien, Nordkorea, Pakistan
oder der Iran. Ob die Stärke und Dominanz der Zentren durch das Monopol auf
Massenvernichtungswaffen, global betrachtet, auszumachen sei, ist daher zu
bezweifeln. Sicherlich schüchtert der Besitz von Massenvernichtungswaffen viele
Staaten der Peripherie ein und bedrohen, wie es etwa die Vereinigten Staaten seit
siebzig Jahren vorexerzieren, die Stabilität vieler Regionen.

Gingen wir davon aus, dass (Semi-)Peripherien für immer ihr Dasein als Randzonen fristen
müssten, dann wäre unsere Forschungsfrage bereits beantwortet. So leicht wollen wir es uns
aber nicht machen und werden Jugoslawien in seinem Bestehen auf Kennzeichen einer
Peripherisierung überprüfen und diese, wenn vorhanden, in Wechselwirkung mit den damals
herrschenden globalen Wirtschaftsvorgängen abbilden.

Obwohl es immer wieder Versuche gegeben hat, den Kapitalismus zu bändigen, existiert kein
normativer Hebel, um die Weltwirtschaft als Ganzes zu reglementieren. Und wie die
gegenwärtige Situation auf dem Globus aussieht, wird es so einen normativen Hebel auch in
Zukunft nicht geben (vgl. Wallerstein 2004: 521).

- 89 -
7.2.4 „Strukturelle Abhängigkeit“

Vor dem Hintergrund „struktureller Abhängigkeit“ und „struktureller Heterogenität“ bildet die
Heranziehung unterschiedlicher Weltregionen als Produktionsstandorte (Standort- und
Warenketten) sowie die ihnen zugrunde liegende Kombination von unterschiedlichen
Arbeitsverhältnissen im Bezug auf Entlohnung und soziale Absicherung die Grundlage für den
Wertetransfer von der Peripherie ins Zentrum. (Fischer et al. 2004: 70)
Aus marxistischer Perspektive ist die Wirtschaftsstruktur in den Entwicklungsländern ein
Produkt ihrer Vergangenheit und der besonderen Art und Weise, in der diese mit dem
Kapitalismus in Berührung gekommen sind. (ebd.: 94 zit. Autorenkollektiv 1988)
Wie erfolgt nun der Wertetransfer von den Peripherien in die Zentren? Wie macht sich diese
„strukturelle Abhängigkeit“ bemerkbar? Immanuel Wallersteins Zentrum-Peripherie-Modell
soll uns hierbei Aufschluss geben.

1.) Extraktion von Rohstoffen, Waren und Arbeitskraft, aus den Wachstumsinseln der Peripherie:

[…] der multinational agierende Konzern setzt bei den Wachstumsinsel an und extrahiert, woran
jeweils Interesse besteht: Edelmetalle, Rohstoffe, Nahrungsmittel, Arbeitskraft für den Einsatz vor Ort,
migrierende Arbeitskraft.

2.) Wertetransfer I: Vom Hinterland in die Wachstumsinsel:

Traditionelle Gesellschaften werden durch Zwangsarbeit, Enteignung des Bodens, Vertreibung,


Steuerdruck etc. aufgebrochen und in Hinterland verwandelt. Menschen müssen sich in den
Plantagewirtschaften/im Bergbau/in der Weltmarktfabrik verdingen; das Beschäftigungsausmaß bzw.
die Löhne sind so gering, dass zum Hinterland deformierte traditionelle Sektoren (Haushalte) sie
versorgen und damit subventionieren müssen.

3.) Wertetransfer II: Von Süd nach Nord:

Waren- und Standortketten und unterschiedliche Zusammensetzung bezahlter und unbezahlter Arbeit
in verschiedenen Teilräumen der Weltwirtschaft sind das Geheimnis des „Billiglohns“ und der
„billigen“ Rohstoffe aus Entwicklungsländern. Wenn ein Unternehmen Waren unter peripheren
Bedingungen produzieren lässt, macht es sich das niedrigere Lohn- und Preisniveau in der Peripherie
zunutze. Durch ungleichen Tausch, „Brain Drain“, Abfluss von Gewinnen und Ersparnissen,
Schuldendienst etc. kommen diese in der Peripherie erzielten Kosteneinsparungen den Zentren zugute.

4.) Wertetransfer III: Von den informellen in die formellen Sektoren:

Der Zufluss von Werten aus den Peripherien der Weltwirtschaft gewährleistete, dass in den
entwickelten Industriestaaten im Zeitraum zwischen 1880 und 1980 eine gesellschaftliche
Homogenisierung erfolgte. Neue Tendenzen (nicht nur) in den Zentren der Weltwirtschaft in Richtung
Informalisierung und Deregulierung schufen erneut Voraussetzungen für den Werttransfer von
informellen zu formellen Sektoren. (Fischer et al. 2004: 71 f.)

- 90 -
Wallersteins Zentrum-Peripherie-Modell

Zentren (Industriestaaten)

Regionen: Westeuropa, Nordamerika, Südostasien, Ozeanien


Wirtschaftssektoren: Vorrangig tertiär, quartär
Staatsorganisationen: Demokratie, Monarchie, Autokratie
Staatsmodell: Starker Staat
Zweck: Extraktion des Mehrwertes aus den (Semi-)
Peripherien

Semiperipherien (Schwellen- und Postsozialistische Reformländer)

Regionen: Lateinamerika, Osteuropa, Vorderasien, Südafrika


Wirtschaftssektoren: Vorrangig primär, sekundär, tertiär, informell
Staatsorganisationen: Demokratie, Monarchie, Autokratie, Diktatur,
Kleptokratie
Staatsmodelle: Starker Staat/Schwacher Staat
Zweck: Extraktion des Wertes aus der Peripherie,
Wertschöpfung und Wertanhebung, Werttransfer ins
Zentrum

Peripherien

Regionen: Nord- und Zentralafrika, Zentral- und Südasien


Wirtschaftssektoren: Vorrangig: Primär, informell
Staatsorganisationen: Demokratie, Monarchie, Autokratie, Diktatur,
Kleptokratie, Anarchie
Staatsmodelle: Schwacher Staat/Failed State
Zweck: Wertschöpfung, Werttransfer ins Zentrum und in die
Semiperipherie

Abb. 3: Funktionsweise des Zentrum-Peripherie-Modells

- 91 -
VIII Jugoslawiens Verhältnis zum modernen Weltsystem

8.1 Jugoslawien, auf das moderne Weltsystem projiziert

Wallerstein hat eine Analyse der globalen Wirtschaftsweise des 15. und 16. Jahrhunderts
angestrengt und bestimmte Daten und Ereignisse der Historie entnommen, um seine These
einer Existenz, einer „modernen Weltwirtschaft“ zu untermauern. Wie allerdings sieht die
Projektion des Vielvölkerstaates auf das moderne Weltsystem nun aus? An welchen latenten
Größen könnte Jugoslawiens Stellung im modernen Weltsystem gemessen werden?
Welche Folgen eine allmähliche Konvergenz zum kapitalistischen Weltwirtschaftssystem auf
sozioökonomische und politische Bereiche Jugoslawiens hatte, das wird dieser Abschnitt des
Kapitels nun klären. Um Jugoslawien auf das moderne Weltsystem projizieren und seine
sozioökonomische Stellung in der Hierarchie ausmachen zu können, habe ich mich auf die
erläuterten Staatsmonopole (technologisches Monopol, Kontrolle der globalen Finanzmärkte,
monopolistischer Zugang zu den natürlichen Ressourcen der Erde, Medien- und
Kommunikationsmonopol, Monopol auf Massenvernichtungswaffen) (vgl. Fischer et al. 2004:
46) konzentriert, die eine hierarchische Struktur zwischen Zentrum und Peripherie erst
ermöglichen.
Im Sinne des modernen Weltsystems ist eine schwache Staatsstruktur eine Vorraussetzung für
das Funktionieren einer Peripherie. Ein peripherer strong state im Sinne der Theorie des failed
state existiert nicht. Dabei bietet der Rückzug des Staates dem internationalen
Unternehmertum beste Voraussetzungen für die Vermehrung seines Finanz- und
Anlagekapitals. Im Sinne der kapitalistischen Funktionsweise optimale Bedingungen für die
Akkumulation schaffen, in dem er einen Binnenmarkt etabliert, für die Zentren nationale
Ressourcen sichert, Vorrausetzung für lukrative Investitionen und günstige Produktion
schafft, sowie ausreichend Gutausgebildete, aber günstige Arbeitskräfte bereitstellt.
Der schwache oder scheiternde Staat ist weiters von struktureller Abhängigkeit
gekennzeichnet, oder weist zumindest desintegrative randständige Strukturen auf. Tatsächlich
werden failed states, der Theorie zufolge, ausschließlich von exogenen Realitäten beeinflusst.
Durch die Wechselwirkung zwischen peripheren Staat und kapitalistischer (Un)Ordnung
erhält das moderne Weltsystem seine bildliche Gestalt. Wie erläutert wurde, drückt sich diese
bildliche Gestalt durch Funktion, Machtbeziehungen, hierarchischen Strukturen, Ungleichheit
und Gegensätzen aus.

- 92 -
8.2 Szenario 1: Jugoslawien als Zentrum

Nach den gängigen Freihandelstheorien führt freier Handel und die Spezialisierung auf
komparative Kostenvorteile zu wohlstandssteigernden Effekten aller involvierten Länder. Es
soll geklärt werden, ob diese Sichtweise ebenso auch für Jugoslawien zutreffen. Zu
untersuchen war, ob die Exportorientierung und der Abbau von Handelshemmnissen zu
wohlstandssteigernden Effekten führten. Ob der jugoslawische Vielvölkerstaat die
Eigenschaften eines Zentrums erfüllen konnte, soll dieses Kapitel nun klären.

In der marxistischen Theorie durchläuft ein zentraler Staat mehrere Stadien, bis er die
Idealform des Kommunismus erreicht. Die Utopie des Kommunismus „war in der Praxis
jedoch nicht angekommen, weil sich die Realität anders gestaltete, als erwartet worden war.“
(Becker/Weissenbacher 2009: 77) Entgegen den Erwartungen der frühen marxistischen
Ideologen, der Sozialismus und in Folge der Kommunismus können nur aus kapitalistischen
Staaten hervorgehen, blieb die sozialistische Revolution einzig auf Randzonen beschränkt.
Damit war deutlich, dass die Peripherien der Vergangenheit auch die Peripherien der Zukunft
darstellen, auch wenn sie für Jahrzehnte über einen sozialistischen Überbau verfügten, der es
ihnen ermöglichte, sich teilweise den kapitalistischen Zentren zu entziehen.
Aus Sicht marxistischer Staatstheorien kann von einem staatssozialistischen Jugoslawien
gesprochen werden, der spätestens bis zum Zeitpunkt seines Absterbens in reformierter Form
bestand. Laut Becker und Weissenbacher erfüllten die staatlichen und gesellschaftlichen
Strukturen zwei Jahrzehnte lang wahrhaftig die zentralen Bedingungen der „Utopie
Kommunismus“, denn:

1.) Kollektives Eigentum und Produktionsmittel waren ab dem Jahre 1954 einzig im
Besitz der Arbeiterschaft und nicht jene des Staates, wie es in den übrigen
sozialistischen Ländern eigentlich der Realität entsprach. Der Zenit der Kollektivität
und Eigenverantwortung wurde mit dem Prinzip der Arbeiterselbstverwaltung 1957
erreicht. Die Konsequenzen, die sich ergaben, und dem Land zumindest bis zu den
Ölkrisen wirtschaftliche Prosperität und Wohlstand verschaffte, waren also ein
demokratisch legitimierter Produktionsprozess, der gleichzeitig von Kontrollorganen
der Arbeiterkommunen und der KP unüberwacht wurde, festgeschriebene Löhne, die
bei Ausfall vom Staat subventioniert wurden, Unkündbarkeit sowie soziale Sicherheit.
Dagegen führten festgeschriebene Löhne und Preise, fehlender Wettbewerb und die

- 93 -
damit verbundene Kreativität und Produktivität zum allmählichen Abwürgen der
jugoslawischen Ökonomie (vgl. ebd.: 87).

2.) Bis zur endgültigen Einverleibung des Landes in das moderne Weltsystem existierten
kaum wirtschaftliche und politische Verbindungen, die Jugoslawien mit anderen
Staaten in hierarchischer Beziehung verbunden hätte. Bis zur wirtschaftlichen Öffnung
des Landes waren Kapitalinvestitionen durch Ausländer undenkbar (vgl.
Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft 1967: 47). Wie weiters aufgezeigt
wurde, lag das Handelsmonopol, die Festlegung von Löhnen und Preisen sowie die
Ausgestaltung der Wirtschaft einzig in den Händen der Arbeiterräte, die von den
Arbeitern gewählt wurden (vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 84 f.).

3.) Obwohl die Produktionsverhältnisse in Jugoslawien, wie ich aufgezeigt habe, durch
andere Rahmenbedingungen hervorgingen, als von marxistischer Theorie forciert,
existierte nichts desto trotz eine klassenlose Gesellschaft. Der von den Arbeitern und
Bauern erwirtschaftete Mehrwert ging nicht an die Bourgeoise, wie es in einer
Klassengesellschaft üblich ist, sondern an die Bauern- und Arbeiterschaft zurück. In
Jugoslawien kann daher, realpolitisch betrachtet, von einer „Diktatur des Proletariats“
gesprochen werden. (vgl. ebd.: 76 f.).

4.) Bis zur ersten Welle der Einverleibung Jugoslawiens, die - wie ich verdeutlicht habe -
mit der Aufnahme von Krediten von internationalen Finanzorganisationen und einem
Ende des fordistischen Wirtschaftsmodells begann, basierte Jugoslawiens Ökonomie
auf den Prinzipien sozialistischen Wirtschaftens. Im Gegensatz zur kapitalistischen
Marktwirtschaft beruhte die jugoslawische Wirtschaftsordnung auf Grundregeln der
Konzipierung und der Allokation von Produktionsmitteln. (vgl. ebd.: 91). Auf diese
Weise konnte Jugoslawien sein BIP pro Kopf bis 1965 nahezu verdoppeln (vgl.
Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft 1967: 12).

5.) Obwohl die neokulturelle und ideologische Prosperität Jugoslawiens, wie erwähnt
wurde, ganze Staaten, wie etwa Albanien oder Griechenland, erfasste - manche
sprechen gar vom jugoslawischen Kulturimperalismus der fünfziger und sechziger
Jahre - kann dennoch nicht von einer kulturellen Hegemonie über Südosteuropa
gesprochen werden (vgl. Roth 2009: 211).

- 94 -
Erfüllte das Land anhand oder gerade trotz marxistisch-sozialistischer Kriterien nicht auch die
Merkmale eines, nach dem Theorem des modernen Weltsystems, wirtschaftlichen Zentrums?
Auf dem ersten Blick würde man meinen ja, aber sehen wir uns mal diese Betrachtungsweise
Schritt für Schritt an.

Auch wenn das Land das Stadium des Kommunismus nur anstreifte, so gelang es der
jugoslawischen Führung dennoch, zumindest einen Teil bedeutender marxistischer Ideale zu
verwirklichen. So stieg der Vielvölkerstaat nach dem II. Weltkrieg für die gegründeten
realsozialistischen Länder zu einer Art „sozialistischen Wirtschaftszentrum“, zu einem
Vorbild eines modernen nachholenden Industriestaates auf. Wirtschafts- und Agrarreformen,
demographische und soziale Veränderungen, autoritäre Herrschaftsstrukturen sowie eine - auf
eine bessere Zukunft - getrimmte Bevölkerung, sollten, wie ich aufgezeigt habe, eine
nachholende Importsubstituierende Entwicklung in Gang setzen und als Ergebnis
Wirtschaftswachstum und Wohlstand bringen.
Der starke jugoslawische Staat gründete hierbei auf eine mächtige, von der Bevölkerung
wohlgesonnenen KP. Andererseits basierte der mächtige Staatsapparat sowohl auf der tiefen
Überzeugung als auch in der Nachkriegseuphorie, dieser habe im Entwicklungsprozess eine
zentrale Rolle zu spielen.

Abgesehen von bedeutenden Staatsmonopolen, die in ihrer Gesamtheit eine starke zentrale
Industrienation oder einen schwachen peripheren Staat ausmachen, ist das kapitalistische
Zentrum auch von anderen Charakteristiken geprägt, die gleichfalls in Jugoslawien vorhanden
waren; ab 1963 vollzieht das Land den Übergang von der reinen Planwirtschaft zur (noch
nicht freien) Marktwirtschaft. Die SFRJ öffnete sich dem modernen Weltsystem, indem dem
Finanz- und Anlagekapital größere Freiheiten eingeräumt und die Löhne den
Marktbedingungen angepasst wurden. Die Produktion und der Handel waren dabei auf die
Weltwirtschaft fokussiert.
Als sich die jugoslawische Ökonomie mit der Weltwirtschaft verband, konnte das Land
durchaus von dieser Verbindung profitieren; hierbei war der Vielvölkerstaat als
gleichberechtigte Industrienation sowohl von den kapitalistischen Zentren als auch den
sozialistischen Bruderstaaten anerkannt. Die Handelsbeziehungen stiegen und wurden
verbessert, viele Auslandsinvestitionen sorgten für Aufträge. Wie angemerkt, stieg bis zum
Ende des Fordismus das reale Bruttosozialprodukt im Durchschnitt um 8,6 % im Jahr, die
Industrieproduktion um unglaubliche 12,25 %. Im Industriezweig lag Jugoslawien, wie

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erwähnt, sogar vor der Industriemacht Japan. Bis 1965 hat sich die Produktion in der Industrie
mehr als versechsfacht (vgl. Roth 2009: 90; Calic: 2010: 206).
Die Spar- und Lohnquote (40 %) lag bei jenen der Zentren, oder sogar darüber. Das Land galt
bis Mitte der sechziger Jahre als urbanisiert, Bildungsstand, Analphabeten- und
Arbeitslosenrate sowie die Lebenserwartung glichen jener der kapitalistischen Zentren. Es
existierte eine gute wirtschaftliche und soziale Infrastruktur. Weitere Kriterien eines
entwickelten Wirtschaftszentrum Jugoslawien waren eine niedrige Auslandsverschuldung
(vgl. Becker/Weissenbacher 2009: 87). In technologisierten Sparten wie etwa dem
Flugzeugbau (Ikarus), der Waffen- oder der Automobilproduktion (Zastava) konnte
Jugoslawien sich gar unter den Marktführern behaupten. Importeure jugoslawischer Produkte
waren allerdings nicht so sehr kapitalistische Zentren als Länder der Peripherie, die zu
erschwinglichen Preisen Rohstoffe, Nahrungsmittel und qualitative Maschinen, Waffen und
Technik erwerben konnten.

Um dennoch zu den Staatsmonopolen zurück zu kommen, so war das Gewalt- und


Sicherheitsmonopol bis zum Ende des jugoslawischen Realsozialismus 1991 fest in staatlicher
Hand. Obwohl in der realsozialistischen Staatsideologie keine Gewaltenteilung herrscht, den
diese ist nur der KP unterstellt, so sind gerade mächtige Strukturen staatlicher Gewalt eine
Bedingung, um die Staatssicherheit zu gewährleisten. Das Gewaltmonopol, das sich aus der
Judikative, Legislative, Exekutive, Polizei und Armee zusammensetzte, unterstanden einzig
dem Staat, privatisierte Gewalt würde ja gegen die marxistische Lehre verstoßen und wurde
daher nicht geduldet.
Gleichfalls befand sich das Medien- und Kommunikationsmonopol in fester staatlicher Hand,
bzw. die Kompetenzen und Funktionen lagen in den Händen der regierenden regionalen
Kommunen. Fernseher, Massenblätter und Radio waren gleichgeschaltet und einzig dem
Staat, genau genommen der JKP untergeben. Kommunikationsmittel wie Telefon, Funk und
Briefverkehr gehörten ebenso zum staatlichen Kommunikationsmonopol. Es gab keine
Konkurrenz, andererseits wurden Kommunikationsinhalte gefiltert und zensuriert.
Auch errichtete Jugoslawien ein Monopol über seine natürlichen Ressourcen. Das Land war
sozialistisch geprägt, natürliche Ressourcen, Produktionsmittel und Privateigentum - bis auf
einige wenige Ausnahmen - waren daher Kollektiveigentum und im Besitz der Bürger.
Obwohl der Vielvölkerstaat über keine Massenvernichtungswaffen verfügte, so war
Jugoslawien im Stande, wie die meisten Länder auch, biologische und chemische
Massenvernichtungswaffen herzustellen. Das Land war Unterzeichner der „Genfer

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Konvention“ und war bereits aus diesem Grund nicht daran interessiert
Massenvernichtungswaffen zu besitzen.
Im Gegensatz zum hierarchisch organisierten Wertetransfer des modernen Weltsystems
erfolgte die Akkumulation in Jugoslawien bis zum Ende des Fordismus durch andere
Bedingungen; dieser wurde eher durch Arbeitsteilung mit Staaten der RGW ersetzt bzw.
ausgeglichen und wie aufgezeigt wurde, mit großzügigen Hilfen von den Zentren aufgewertet,
als das ein klassischer Wertetransfer von der Peripherie ins Wirtschaftszentrum Jugoslawien
erfolgte. Würden wir Wallersteins Modell auf Jugoslawien anwenden und das Land als
Zentrum konstruieren, erhielten wir folgendes Bild; wie in der Theorie Wallersteins
beschrieben, extrahiert das Zentrum Produktionsmitteln aus den Peripherien, woran Interesse
besteht. Zusätzlich erfolgt ein Wertetransfer von der Peripherie in das Zentrum. Die Frage, die
sich nun stellt ist jene, woran Jugoslawien extrahierte? Außer seinem eigenen nationalen
Hinterland hatte Jugoslawien keine hierarchischen Wechselbeziehungen zu peripheren
Staaten, von denen es hätte Wert extrahieren können. Jugoslawien prosperierte und
entwickelte sich sozusagen eher von seinen eigenen Produktionsmitteln heraus.

Wie die Historie - aber auch der theoretische Vergleich zeigen, gelang dem Vielvölkerstaat
tatsächlich zwei Jahrzehnte lang, die Kraftanstrengung eines nachholenden Industriestaates,
der den Aufstieg eines wirtschaftlichen Zentrums Jugoslawiens begünstigte. Das Land erfüllte
bedeutende Voraussetzungen eines wirtschaftlichen Zentrums, seien diese auch in symbioser
Form sozialistischer-kapitalistischer Wirtschaftsweise erfolgt.
Wenden wir uns dem nächsten Kapitel zu und erfahren wir, welches Resultat wir bekommen,
wenn wir Jugoslawien im Sinne des modernen Weltsystems als Peripherie konstruieren und
positionieren.

8.3 Szenario 2: Jugoslawien als (Semi)Peripherie

Wie ich erläutert habe, bildet die Ausprägung der Staatsstruktur ein bedeutendes
Charakteristikum einer Peripherie, die von einer Nichtexistenz bis zu einem, von den Zentren
geduldeten, gewissen Grad an Autonomie reichen kann. Für Jahrzehnte war das Land durch
mächtige autoritäre Staatsstrukturen legitimiert, die von der Kommunistischen Partei mit
eiserner Hand aufrecht erhalten wurden. Dabei schirmte der Staat die nationale Wirtschaft
durch Importsubstitution ab, bis diese selbst stark genug war, den internationalen
wirtschaftlichen Marktbedingungen zu entsprechen. Tatsächlich gelang dem Vielvölkerstaat,

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zumindest bis Mitte der sechziger Jahre, also in der Zeit der ersten Kreditaufnahmen, sich der
Weltmarktordnung größtenteils zu entziehen.
Obgleich das sozialistische Jugoslawien anfangs wahrlich die Bedingungen eines
aufstrebenden nachholenden Industriestaates erfüllte, zeigt die Historie alsgleich, dass dies
auch gelang, weil die Weltkonjunktur nach dem II. Weltkrieg ansprang und dadurch
Wirtschaftswachstum erst ermöglicht wurde. Daraus ergibt sich, dass Jugoslawiens Ökonomie
nur so lange prosperierte und stabil war, solange die Weltkonjunktur in Schwung war. Auch
wenn das Land sich zwei Jahrzehnte lang den Abhängigkeiten des modernen Weltsystems
entziehen konnte, so war Jugoslawien dennoch abhängig vom Exportgeschäft, denn die
Industrie basierte von Beginn an auf Exportorientierung.
Wie erwähnt, bauten Jugoslawiens Industrialisierungs- und Modernisierungsprogramme
alsgleich auf ausländische Kredite. In erster Linie erfolgten Staatsverschuldung und
Handelsbilanzdefizit wegen zurückgehender Exporteinnahmen, die aufgrund einer weltweiten
Verschlechterung der terms of trade und fallender Profitraten zustande kam.
Neben den bereits bestehenden Schulden zwangen die in den siebziger Jahren eintretenden
Ölschocks, die den Preis für Rohöl vervielfachten, das Land zu weiterer Schuldenaufnahme.
In den achtziger Jahren vervielfachten sich die realen Zinssätze für die aufgenommenen
Kredite und stürzten den ohnehin schwachen Vielvölkerstaat in den wirtschaftlichen Abgrund.
Obwohl es Jugoslawien einige Zeit lang gelang, internationales Kapital zu blockieren, so war
es mit den Prämissen der Weltbank und des IWF vorbei. Hierbei erzwangen die Finanzgeber
– umso mehr sich Jugoslawien verschuldete – immer größere kapitalistische Freiheiten heraus
und so geriet das Land immer mehr in den Sog der Abhängigkeit vom modernen Weltsystem.

Wie kurz erläutert wurde, war das Land seit seiner Gründung von mächtigen
Auswanderungswellen geprägt. Ab den sechziger und siebziger Jahren erfolgte eine
dauerhafte Abwanderung von qualifiziertem Personal, produktiven Arbeitskapital und der
Intelligenz, wie die großen Migrationsströme nach Österreich, Deutschland und in die
Schweiz beweisen (vgl. Statistik Austria 2012: o. S.). So verschwanden die für das Land
notwendigen Kapazitäten, die bei der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes notwendig
waren. In der Weltsystemtheorie ist Brain Drain und die Emigration von qualifiziertem
Personal ein Kennzeichen einer Semiperipherie, da nur diese über ausreichende
Bildungsinstitutionen verfügt und daher Menschen ausbilden kann.
Obgleich es Gemeinsamkeiten zwischen Peripherie und Semiperipherie gibt, ist die Position
Jugoslawiens als Mittelrandzone nur schwer zu ermitteln. Einerseits, weil die Grenze

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zwischen core und Umland verschwimmt, andererseits weil, wie die Daten zeigen,
Jugoslawien eher einer Peripherie zuzuordnen ist, die nur kurze Zeit ihren wirtschaftlichen
Höhenflug fand. Auch im Modell der strukturellen Abhängigkeit könne eine semiperiphere
Position Jugoslawiens nicht ausgemacht werden. Denn weder verlief ein Wertetransfer von
einer Randzone nach Jugoslawien, noch erfolgte ein Transfer über den Vielvölkerstaat in die
Zentren.
Wie nun augenscheinlich ist, passt der ehemalige Vielvölkerstaat weder in die Position eines
Zentrums noch in die einer Semiperipherie. Denn Jugoslawien war von Beginn an eine
randständige Region und das änderte sich in seinem Bestehen bis zu seinem Absterben nicht.

Anhand welcher Indikatoren kann nun die Stellung Jugoslawiens als Peripherie ausgemacht
werden? Wie angeführt wurde, bestimmen hauptsächlich fünf Staatsmonopole darüber, ob ein
Staat als Zentrum oder Peripherie positioniert wird. Zwar wies der Vielvölkerstaat
zweifelsohne Bedingungen eines wirtschaftlichen Kerns auf, doch waren diese nicht von
langer Dauer, bzw. waren die Voraussetzungen eines aufkeimenden Zentrums nur in sehr
schwachen Zügen ausgeprägt. Durchaus besaß Jugoslawien bis zu seiner Zerstörung
bedeutende Staatsmonopole (wie etwa das Monopol auf natürliche Ressourcen und
Massenvernichtungswaffen, oder dem Medien-, Kommunikations- und Gewaltmonopol), die
das Land gewissermaßen zusammenhielten.
Allerdings fehlte dem Staat das technologische Potential, um seine wirtschaftliche
Entwicklung voranzutreiben. Jugoslawien erfüllte somit nicht alle Kriterien eines Zentrums,
denn das Land besaß kein technologisches Monopol bzw. die Technologie konnte nicht mit
der Technologie der kapitalistischen Zentren mithalten. Obgleich die nachholende
Industrialisierung in nur einem Jahrzehnt abgeschlossen war und einige Produkte durchaus
Innovationen darstellten, gar Weltmarktreife erlangten, flaute insgesamt die Nachfrage nach
jugoslawischen Gütern rasch ab. Gründe waren etwa fehlende Innovation, Kreativität, und
mangelnde Organisationsstrukturen und vor allem nicht vorhandenes Kapital, um in neue
Technologien investieren zu können.

Was die Kontrolle der globalen Finanzmärkte betrifft, so braucht dieser Punkt nicht
ausführlicher behandelt werden. Denn wie die Historie aufzeigt, besaß der Vielvölkerstaat nur
zwei Jahrzehnte lang die völlige finanzielle Souveränität. Im ersten Jugoslawien war das
Finanz- und Anlagekapital fest in österreichischer Hand. Mit den Prämissen der
Finanzorganisationen und Geldgebern Anfang der achtziger Jahre drang das ausländische

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Kapital erneut in die jugoslawische Wirtschaft ein. Es wurde weniger investiert, da
Jugoslawien sein gesamtes Finanzkapital zur Begleichung seiner Schulden aufwendete. Von
finanzieller Souveränität, gar von einer Kontrolle der globalen Finanzmärkte, kann also keine
Rede sein.

Im Sinne des modernen Weltsystems ist eine schwache Staatsstruktur eine Voraussetzung für
das Funktionieren einer Peripherie und der jugoslawische Staat, wie wir nun wissen, hatte
viele Schwächen. Was versprachen sich die Zentren von einem peripheren Jugoslawien? Der
Rückzug des Staates bot internationalen Finanzorganisationen und Kapitalisten beste
Voraussetzungen für die Vermehrung ihres Finanz- und Anlagekapitals. Der Vielvölkerstaat
schuf optimale Bedingungen für die Akkumulation, in dem er sich rasch dem modernen
Weltsystems öffnete und Voraussetzung für lukrative Investitionen und Geldvermehrung
schuf. Die Zentren versprachen sich mehrere Vorteile von einer Peripherie Jugoslawien,
nämlich; 1.) billige und qualifizierte Arbeitskräfte, 2.) günstige Nebenlohnkosten, 3.)
preiswerte Produktionsbedingungen, 4.) ausreichend vorhandene Infrastruktur, 5.) niedrige
Umwelt- und Sicherheitsauflagen, 6.) schwacher politischer Widerstand, da keine
Gewerkschaften existierten und die kommunistische Führung Vereinbarungen einhielt, 7.)
geographische Nähe, 8.) Ausschaltung und Ruhigstellung eines Konkurrenten und
natürlicherweise 9.) kapitale Akkumulation, die einerseits Form von Gewinnen, durch Handel
und Investitionen, andererseits durch Zinsen der aufgenommenen Kredite und den Verfall des
Volksvermögens und des Ersparten erzielt wurden.

Wie erfolgte der Wertetransfer von Jugoslawien in die Zentren und woran ließe sich die
strukturelle Abhängigkeit bestimmen? Eine kurze Gegenüberstellung soll uns hierbei eine
Antwort geben.

1.) Wertetransfer I: Von den informellen und formellen Sektoren zu den


Wachstumsinseln der Peripherie; im Modell der strukturellen Abhängigkeit ist der
Kern einer Peripherie weltmarktabhängiger Mittelpunkt des Landes, der teils von einer
informellen Randzone umgeben wird. In Jugoslawien stellten Slowenien, Kroatien und
einige Teile Serbiens die für den Weltmarkt zugeschnittenen Enklaven dar. Die
formalen Kerne, wie in der Theorie ausgewiesen, waren Produktions- und
Handelszonen, exportorientierte Landwirtschaft und Bergbau. Durch Kauf von
günstigeren Gütern und Auslagerung von Produktionsschritten in den informellen

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Bereich ersparten sie sich die formellen Kerne und im Endeffekt die international
agierenden Unternehmen Kosten. Hierbei lieferten die Randzonen, vor allem der
Süden Jugoslawiens, Rohstoffe und Ressourcen, wobei die formellen Kerne
Slowenien und Kroatien Waren veredelten und Fertigprodukte herstellten.
Miserable Lebensbedingungen im agrarischen und informellen Bereich, wie ich
aufgezeigt habe, waren auch in Jugoslawien zugegen. Denn um die
Reproduktionskosten auszugleichen, mussten die Jugoslawen ihre Erwerbstätigkeit auf
mehrere Beinen stellen und das niedrige Einkommen an einem Mehr am Arbeitsplatz
oder im informellen Bereich kompensieren.

2.) Wertetransfer II: Von den Wachstumsinseln der Peripherie zu den Zentren;
in der internationalen Arbeitsteilung kamen und kommen den kapitalistischen Zentren
stets die höher bewerteten kapitalintensiven und profitbringenden Aufgaben zu,
während den Peripherien, wie etwa Jugoslawien, die arbeitsintensive Produktion von
weniger qualitativen Güter übrig blieb. Die Extraktion von Rohstoffen, Waren und
Arbeitskraft aus den Wachstumsinseln der Peripherie in die Zentren erfolgte also auch
im Vielvölkerstaat nach klassischer Manier. Wie im Wallerischen Ansatz erfolgte der
Wertetransfer vom Hinterland in die Wachstumsinsel. Um den Prämissen der
Finanzorganisationen und Geldgeber nachzukommen, wurde ein großer Teil der
Menschen in den ungünstigen informellen bzw. primären Sektor gedrängt. Die
Maßnahme sollte zwei Effekte habe; einerseits konnten die Löhne im primären und
informellen Sektor niedrig gehalten werden, andererseits ersparte sich der Staat und
letztendlich der Kapitalist auf diese Weise soziale Leistungen, da informelle Arbeit ja
nicht berücksichtigt wird.

8.4 Die Neugestaltung Südosteuropas

In der Zeit des bipolaren Wettstreits galt für den Westen die Direktive, das Überschwappen
des Sozialismus auf noch nicht durchkapitalisierte Staaten wie etwa Griechenland, Spanien
oder der Türkei mit großzügigen Finanz- und Aufbauhilfen, alsgleich mit politischen und
wirtschaftlichen Druck, zu verhindern. Ende der achtziger Jahre begannen die USA und
einige europäische Zentren, im Sinne der Devise „divide et impera“, vehement und immer
deutlicher Demokratie, sowie Selbstbestimmungsrechte zu artikulieren, die nicht nur auf
Jugoslawien beschränkt blieben.

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[Dazu heißt es, dass] in die Transformationsprozesse in den sozialistisch orientierten Ländern äußere
Akteure […] intervenierten. Einerseits übten IWF, Weltbank und westliche Regierungen im Fall von
Verschuldungskrisen massiven Druck in Richtung einer Abkehr von der sozialistischen Orientierung
aus, andererseits destabilisierten sie eine ganze Anzahl von Ländern auch militärisch bzw.
unterstützten – vor allem in Südamerika - putschistische Kräfte. […] Sie waren auf die Untergrabung
der Legitimität der sozialistisch orientierten Regime gerichtet (Becker/Weissenbacher 2009: 49)

Anfang der achtziger Jahre stieß die wirtschaftliche Entwicklung in der Sowjetunion an ihre
Grenzen, dagegen verloren die kommunistischen Führungen in den Satellitenstaaten
allmählich ihre Legitimität. Die Transition, die von der Sowjetunion ausging, hatte enorme
Auswirkungen auf die sozialistischen Staaten Südost- und Osteuropas. Denn mit dem Fall des
sozialistischen Blocks änderten die Kapitalzentren ihre Strategie; nun galt es das hinterlassene
Ideologievakuum, im Sinne einer neoliberalen und geostrategischen Ausrichtung, zu füllen.
Die Entwicklungsländer sollten mit Verschuldungsmaßnahmen, Liberalisierungsprogrammen,
aber auch mit politischem Druck, gar mit militärischen Maßnahmen in die Weltwirtschaft
gezwungen werden.
Aber warum musste der Vielvölkerstaat eigentlich gleich zerschlagen werden, hätte ein
schwacher peripherer Staat Jugoslawien, nicht genauso für sichere Akkumulation und
garantierten Wertetransfer zu den Zentren gesorgt?
Die behandelte Arbeit zeigt, dass eine Zerschlagung Jugoslawiens anfänglich gar nicht
konzipiert war. Denn auch ein schwacher peripherer Staat sorgt für den sicheren
ökonomischen Wertetransfer in die Zentren. Wie also ließe sich das Absterben Jugoslawiens
dann anders erklären? Der Verlauf des endgültigen Absterben Jugoslawiens könnte
möglicherweise eine Eigendynamik angenommen haben, die gepaart mit Separatismus und
Kapitalinteressen einzelner, dem fortlaufenden sozialen Wandel, der durch die Implosion des
internationalen Sozialismus und der aufdrängenden Anerkennung einzelner EG-
Mitgliedsländer einherging.

In diesem Jahrzehnt hat sich das moderne Weltsystem grundlegend verändert. Dem
Kapitalismus ist es gelungen, sich in einer stabileren Form zu manifestieren. Die Krise des
Fordismus war mit der Etablierung der neuen Weltordnung, dem Konzept des
Neoliberalismus überwunden. Konzipiert wurde die Ideologie des neoliberalen Denkens
durch Theorien von Milton Friedman und August Friedrich von Hayek, weiterentwickelt
wurden sie von Vertretern der Chicagoer Schule und umgesetzt von US-amerikanischen
Ideologen und Ökonomen, wie beispielsweise Jeffrey Sachs (vgl. Fässler 2007: 160; Fischer
et al. 2004: 128).

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Die Neustrukturierung der Weltwirtschaft hatte erhebliche negative Auswirkungen auf
Schwellen- und Entwicklungsländer, wie auch für Jugoslawien. Sämtliche Transformations-
(Semiperipherien) und Entwicklungsländer (Peripherien), die sich auf Grund der
Wirtschaftskrisen in den siebziger Jahren, bei der Weltbank und dem IWF verschuldeten,
mussten, wie ich aufgezeigt habe, einen Ausverkauf ihrer Wirtschaft hinnehmen, die Öffnung
des heimischen Konsummarktes für ausländische Investoren garantieren und
Handelshemmnisse jeder Art unterbinden (vgl. Kuderer 2010: 16). Hierbei galten billige
Arbeitskräfte, schlechte Arbeits- und prekären Lebensbedingungen, schlecht organisierte oder
gar fehlende Gewerkschaften keineswegs als Hindernisse.
Auf diese Weise gaben die Peripherien nicht nur ihre nationale und wirtschaftliche
Souveränität an das moderne Weltsystem vollständig ab. Der Prozess ging auch mit einer
Dezentralisierung und Regionalisierung sowie einer Desintegration des Staates (vgl. ebd.) und
im Fall Jugoslawiens gar mit einem Bürgerkrieg, wie ich aufgezeigt habe, einher.

In Fall der wirtschaftlichen Destabilisierung Jugoslawiens spielten Österreich und


Deutschland eine gewichtige Rolle. Waren es doch die österreichischen und deutschen
Außenminister Alois Mock und Hans-Dietrich Genscher, die die Nationalisierung der
Teilrepubliken am ekstatischen vorantrieben (vgl. Becker/Komlosy 2004: 187 ff.). Um den
föderalen Staat zu zerschlagen, schrieben sie der jugoslawischen Gesellschaft keine eigene
Identität und Kultur zu, sondern betonten ausdrücklich die Heterogenität der Volksgruppen,
um den Hass noch weiter zu schüren (vgl. ebd.: 187). Die „zwei großen Europäer“
ermunterten die nationalen Parlamente und bedrängten förmlich die EU-Staaten sowie auch
viele andere Länder, die „neuen Nationen“ frühestmöglich anzuerkennen. Durch die Politik
der „frühestmöglichen Anerkennung“ wurde die Jugoslawienkrise erst richtig verschärft.

[In diesem Zusammenhang meint der Politologe und Historiker Steyrer, dass] im Fall Jugoslawien
überdies das Agieren westlicher Staaten, speziell der BRD und Österreichs, mit ihrer Politik der
frühzeitigen diplomatischen Anerkennung einzelner Republiken die militärische Konflikteskalation,
begünstigte. Dass die wesentlichen Staaten zunehmend einseitig zu Ungunsten (Rest) Jugoslawiens
Partei ergriffen, dürfte damit zusammenhängen, dass das Milosevic-Regime in Symbolik und Rhetorik
die stärksten Anleihen beim alten Jugoslawien nahm und sich gegenüber dem Auslandskapital weniger
stark öffnete. (Becker/Hödl/Steyrer 2005: 33 f.)

Nicht nur auf diplomatischen Parkett war die Anerkennung Sloweniens eingeleitet. Auch in handfesten
Wirtschaftsbereich[…[. [So unterzeichneten] […] der österreichische Wirtschaftsminister Schüssel und
sein slowenischer Amtskollege Energieminister Tomsic ein Protokoll über eine enge Zusammenarbeit
auf dem Energiesektor. Es ging dabei um die völlige „Neuordnung der Energiewirtschaft Sloweniens“,
[…]. Der Ausbau der Kraftwerksprojekte an der Save stand im Mittelpunkt. Dafür wurde die Sava AG
gegründet. Österreich sollte daran zu 60% beteiligt sein. […]. Schon zuvor ging der konservative
Abgeordnete Felix Ermacora, ein für die UNO arbeitender Völkerrechtsexperte, in Wien öffentlich mit
der Idee hausieren, man möge Slowenien die Chance geben, sich als 10. österreichisches Bundesland
der Donaurepublik anzuschließen. Ljubljana lehnte dankend ab. (Hofbauer 2001: 9 f.)

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Nach der einseitigen Annerkennung der Teilrepubliken Sloweniens und Kroatiens durch die
„politischen Vorreiter“ Österreich und Deutschland, verdeutlicht die Mahnung des damaligen UN-
Generalsekretär Javier Perez de Cuellar in einem Brief an den deutschen Außenminister Genscher […]:
Das verfrühte selektive Anerkennungen eine Erweiterung des Konfliktes in jenen empfindlichen
Regionen nach ziehen würden. Solch eine Entwicklung könnte schwerwiegende Folgen für die ganze
Balkanregion haben und würden meine eigenen Bemühungen […], die notwendigen Bedingungen für
die Anwendung von friedenserhaltenden Maßnahmen in Jugoslawien zu sichern, ernst gefährden.
(Becker/Hödl/Steyrer 2005: 48, vgl. Hofbauer 2001: 10). “Doch Genscher“, schreibt Hoolbrook, der
US-amerikanische Sonderbeauftragte für Bosnien, schlug die Warnungen seine alten Freunde in den
Wind. […] Auf dem entscheidenden Treffen der europäischen Außenminister Mitte Dezember des
Jahres 1991 erklärte Genscher gegenüber seinen Kollegen, Deutschland werde, sollten die anderen EG-
Staaten nicht mitziehen, Kroatien notfalls auch im Alleingang anerkennen. (ebd.: 10)

„Die einfache Formel von der Anerkennung neuer Nationalstaaten als Mittel zur
Verhinderung von Bürgerkrieg in Jugoslawien hat sich – soviel kann nach der jugoslawischen
Tragödie im Nachhinein niemand bestreiten – als kriegstreiberisch erwiesen.“ (ebd.: 7)
Es ging also um eine ökopolitische Neuordnung Südosteuropas. Aber wie sah diese
Neuordnung nun aus? 1991 werden Slowenien, Kroatien und Mazedonien in die
Unabhängigkeit entlassen. Bosnien-Herzegowina wird 1995 zum Quasi-Protektorat erklärt,
2001 wird Kosovo-Metochien protektoriert.

Um die gegenwärtige Wirtschaftslage in den ehemaligen Teilrepubliken ein wenig zu


veranschaulichen, habe ich mich auf drei bedeutende Wirtschaftsindikatoren, nämlich den
HDI, den BIP Pro-Kopf und den Korruptionsindex gestützt. Wohlstand wird heutzutage
ausnahmslos mit wirtschaftlicher Entwicklung, also mit dem Bruttoinlandsprodukt Pro-Kopf
verglichen (vgl. Fischer et al.:2004: 29). Die Weltbank benutzt hierbei einen Index, der die
Länder nach ihren Einkommen staffelt und in vier Gruppen zusammenfasst: 1.) „High-income
economies ($ 12,276 und mehr), 2.) Upper-middle-income economies ($ 3.976 bis $ 12.275),
3.) Lower-middle-income economies ($ 1.006 bis $ 3.975), 4.) Low-income economies ($
1.005 oder weniger) (vgl. World Bank 2011, http://data.worldbank.org/about/country-
classifications/country-and-lending-groups#Lower_middle_income).
Allerdings sagt das Pro-Kopf-Einkommen nichts über den Grad der Einkommensverteilung,
also der Ungleichheit aus, die mit anderen Wohlstandsparametern berechnet, aufgrund der
Kompliziertheit und seiner großen Aufwendung jedoch nicht behandelt werden konnte.
Im Gegensatz zu dem von der Weltbank propagierten Bruttoinlandsprodukt berücksichtigt der
Human Development Index auch andere Indikatoren. Der HDI ist ein Wohlstandsindikator
der Vereinigten Nationen, der nicht nur ökonomische Aspekte berücksichtigt, sondern
ebenfalls Gesundheit, Lebenserwartung, Bildung und Einkommen der Länder einschließt (vgl.
Fischer et al. 2004: 31 f.). Es muss auch erwähnt werden, dass der HDI die Eigenschaft
besitzt, unaufhörlich zu wachsen. Ein Rückgang des HDI kommt kaum vor. 169 Länder

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werden in der HDI-Rangliste einbezogen, dabei weist Norwegen den höchsten Index mit
0.938 (Rank 1) auf, den niedrigsten Wert hat Zimbabwe mit 0.140 (Platz 169) (vgl. UNDP
2010, http://hdr.undp.org/en/data/profiles/).

Trotz schwieriger Ausgangssituation gelang es einzig Slowenien, sich wirtschaftlich rasch zu


erholen. Das Land lag bei seiner Gründung beim Wirtschaftswachstum über dem EU-
Durchschnitt. Aber auch in Slowenien stottert die Wirtschaft seit dem Ausbruch der
Weltwirtschaftskrise 2008. So wird für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von nur mehr 1,9
% des Bruttoinlandproduktes pro Kopf prognostiziert, andererseits ist das Land hoch
verschuldet (vgl. Institut für Wirtschaftswachstum 2011, http://www.economic-
growth.eu/Seiten/20-Jahres-Ueberblick/Wachstum-20_Jahre.html). Das Bruttoinlandsprodukt
pro Kopf betrug im Jahre 2010 € 17.560 (vgl. Auswärtiges Amt 2011,
http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laender_Uebersicht_node.html).
Dagegen kann Slowenien beim Human Development Index punkten. So lag der HDI
Sloweniens 2010 bei 0,828, also am 29. Platz. Ein recht hoher Wert, wenn wir den HDI der
EU-Staaten Bulgarien (0743, Rank 58) und Rumänien (0.767, Rank 50) vergleichen
(Österreichs HDI liegt bei 0.851, 25. Rank) (vgl. UNDP 2010,
http://hdr.undp.org/en/data/profiles/). Gleichfalls gehört das Land zu den High-income
economies (vgl. World Bank 2011, http://data.worldbank.org/about/country-
classifications/country-and-lending-groups#Lower_middle_income).
Die Korruption befindet sich auf einem geringen Niveau. Im Korruptionsindex fließen 178
Länder ein, Slowenien liegt an 27. Stelle (6,4 von 10), der Vertrauensintervall beträgt 5,9-6,8
(vgl. Österreich; 7,9, Vertrauensinterwall 7,4-8,4) (vgl. Transparency Deutschland 2010,
http://www.transparency.de/Tabellarisches-Ranking.1745.0.html).
Obwohl das Land einige bedeutende Industrien aufweisen kann, ist Sloweniens Position als
kapitalistisches Zentrum nicht zu erkennen. Eher könnte das Land als Semiperipherie
interpretiert werden, das den Übergang zum Zentrum einfach nicht schafft.

Im Gegensatz zu Slowenien konnte sich Kroatien wirtschaftlich nicht so rasch erholen. Zwar
verzeichnet das Land bedeutende Zuwächse im Tourismus und Fremdenverkehr, andererseits
konnte Kroatien einige wichtige Investitionen an Land ziehen. Gesamt betrachtet steht der
kroatische Staat allerdings wirtschaftlich und politisch desolat da. Kroatiens Staatsstrukturen
gleichen nicht gerade jenen eines strong state; das Land produziert kaum Waren und
exportiert daher kaum etwas, auf der anderen Seite werden nur Güter importiert, was zu einer

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negativen Handelsbilanz führt. Neue Investitionen bleiben aufgrund der Weltwirtschaftskrise
aus, ein nicht zu kleiner Teil der Steuern fließt vorbei am Staatsbudget, in den Taschen einiger
weniger. Bestechlichkeit und Vetternwirtschaft stehen in Kroatien an der Tagesordnung.
Tatsächlich konnte das Land stabile demokratische Staatsstrukturen etablieren, dennoch sind
diese von Korruption gezeichnet. Im internationalen Korruptionsindex liegt Kroatien mit
Mazedonien an 62. Stelle (4,1). Das Vertrauensintervall liegt bei 3,7-4,5 Punkten (vgl.
Transparency Deutschland 2010, http://www.transparency.de/Tabellarisches-
Ranking.1745.0.html).
Trotz augenscheinlich wachsendem HDI (0.767, Rank 51) verarmt die Bevölkerung
zunehmend, da sich der Faktor „BIP pro Kopf“ des Indexes durch den Durchschnitt, aber
nicht durch Faktoren der ungleichen Verteilung, errechnet (vgl. UNDP 2010,
http://hdr.undp.org/en/data/profiles/). 2009 betrug das BIP pro Kopf € 10.232, das sind nur
etwas mehr als die Hälfte des slowenischen BIP pro Kopf (vgl. Auswärtiges Amt 2011,
http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laender_Uebersicht_node.html).
Trotzdem gehört Kroatien mit Slowenien zu den ehemaligen Republiken mit dem höchsten
Einkommen (vgl. World Bank 2011, http://data.worldbank.org/about/country-
classifications/country-and-lending-groups#Lower_middle_income). Ob sich Kroatiens
wirtschaftliche Situation mit einem EU-Beitritt 2014 verbessern wird, sei dahingestellt. Denn
ein EU-Beitritt bedeutet noch lange keine Garantie für Wohlstandswachstum, wie
beispielsweise die aktuellen Entwicklungen in den jungen Mitgliedsländern Ungarn,
Bulgarien oder Rumänien aufzeigen.

Obwohl auch Bosnien-Herzegowina ein Wachstum des HDIs (0.710, Rank 68) aufweisen
kann, herrschen für das Land wenige Zukunftsperspektiven (vgl. UNDP 2010,
http://hdr.undp.org/en/data/profiles/). Mit dem Friedensdiktat von Dayton wurde Bosnien
zum europäischen Protektorat erklärt. Überwacht wird das Dayton-Abkommen vom „Hohen
Repräsentanten Bosnien-Herzegowinas“. Bei Bedrohung europäischer oder amerikanischer
Interessen sanktioniert oder blockiert dieser „Repräsentant“ politische und wirtschaftliche
Entscheidungen der Volksgruppen. Der Entscheidungsträger verfügt über absolute Macht und
ist niemanden, außer den Vereinten Nationen und der Europäischen Union, zur Rechenschaft
verpflichtet. Sogar demokratisch gewählte Politiker und Staatsbedienstete kann er ohne
ausführlichen Grund entlassen. Für die Europäische Union und die Vereinigten Staaten, die zu
jeder Zeit Demokratie, Marktwirtschaft und Menschenrechte propagieren, sind die
realpolitischen Verhältnisse in Bosnien also eine Farce.

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Aufgrund des Abhängigkeits- und Protektoratsverhältnisses ist eine eigenständige
sozioökonomische Entwicklung und politische Stabilisierung nicht möglich. Die Wirtschaft
Bosniens bewegt sich nicht vom Fleck, die Handelsbilanz ist negativ. Es werden kaum
Investitionen getätigt, denn wer investiert schon in eine Zukunft mit ungewissem Ausgang?
Auch aufgrund der schweren Zugänglichkeit, die von natürlichen Grenzen gebildet werden,
haben die Zentren wenig Interesse, in das Land zu investieren. Hingegen ist das Banken und
Versicherungswesen, wie schon in der k. u. k. Zeit sowie in der Zeit des Königreichs
Jugoslawien, fest in österreichischer Hand. Im Gegensatz zum Investitionskapital hat das
Finanzkapital die fantastische Eigenschaft, bei Krisen per Knopfdruck abgezogen werden zu
können. Daher ist diese Investitionsmethode effizienter und gewinnbringender.
Das Land ist von Patronatsbeziehungen und Vetternwirtschaft gezeichnet. Ohne gute
Beziehungen zu Regionalpolitikern sind Unternehmungen und Investitionen zum Scheitern
verurteilt. Gar die Eröffnung eines kleinen Kiosks wäre ohne Einverständnis der regionalen
Eliten undenkbar. Von allen ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens ist die Korruption in
Bosnien-Herzegowina am höchsten. Das Land liegt im Internationalen Korruptionsindex an
91. Stelle (3,2), der Vertrauensintervall liegt bei 2,8-3,5 Punkten (vgl. Transparency
Deutschland 2010, http://www.transparency.de/Tabellarisches-Ranking.1745.0.html). Das
BIP pro Kopf beträgt magere € 3.154 (stand 2009) (vgl. Auswärtiges Amt 2011,
http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laender_Uebersicht_node.html).
Mit Mazedonien und Serbien gehört Bosnien somit zu den ehemaligen Republiken mit dem
niedrigsten Einkommen (Upper-middle-income economies) (vgl. World Bank 2011,
http://data.worldbank.org/about/country-classifications/country-and-lending-
groups#Lower_middle_income).
Es wurde also ein labiler schwacher Staat geschaffen, der alleine nicht überlebenslebensfähig
wäre und ohne Druck der Zentren schon lange nicht mehr existieren würde. Allerdings ist
nicht nur die Auslandsabhängigkeit an Bosniens Drama schuld. Denn auch zwei Jahrzehnte
nach Kriegsende haben sich die Volksgruppen nicht versöhnen können und eine Verbesserung
der Beziehungen ist ebenfalls nicht in Sicht. Im Gegenteil, eine Spaltung des Landes ist in
Zukunft eine realistische Option.

Auch in der „Ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien“ sieht es wirtschaftlich und


politisch nicht positiv aus. Mazedoniens Wirtschaft bewegt sich nicht vom Fleck,
Auslandsinvestitionen werden kaum getätigt, Finanzkapital wird einzig durch
Schuldenaufnahmen erschlossen, von einem mazedonischen Exportmarkt kann nicht

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gesprochen werden. Auch beim HDI (0.701, Platz 71) wurden seit dem Bestehen
Mazedoniens keine nennenswerten Fortschritte erzielt (vgl. UNDP 2010,
http://hdr.undp.org/en/data/profiles/). Das mazedonische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf
beträgt € 3.075 (Stand 2009) und liegt damit gleich auf wie das bosnische BIP pro Kopf (vgl.
Auswärtiges Amt 2011, http://www.auswaertiges-
amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laender_Uebersicht_node.html).
Wie in den restlichen ehemaligen Teilrepubliken herrscht enorme Korruption. Wie erläutert
wurde, liegt Mazedonien mit Kroatien an der 62. Stelle des Internationalen
Korruptionsindexes (vgl. Transparency Deutschland 2010,
http://www.transparency.de/Tabellarisches-Ranking.1745.0.html).
Neben den katastrophalen Wirtschaftsdaten leidet das Land unter ethnischen Spannungen. Im
Gegensatz zu Bosnien, Kroatien und dem Kosovo konnte in Mazedonien ein Bürgerkrieg
gerade noch rechtzeitig abgewendet werden. Die Sezessionsbestrebungen der albanischen
Minderheit sind allerdings nicht verstummt.
Gleichzeitig gibt es Spannungen mit Griechenland. Griechenland blockiert die Aufnahme
Mazedoniens in die NATO und EU, denn es gilt das Einstimmigkeitsprinzip. Grund für die
Blockade ist ein Namensstreit, wegen der Bezeichnung „Mazedonien“. Die mazedonische
Regierung solle auf die Namensbezeichnung Republik Mazedonien verzichten, da
Griechenland die Region Makedonien als historisches und kulturelles Erbe versteht. Neben
der wirtschaftlichen Peripherisierung wird Mazedonien also auch politisch und kulturell
seines hinteren Platzes verwiesen.

Separatistischen Bewegungen haben auch Montenegro erreicht – dort mehren sich die
Stimmen, man möge den Albanern (7 % der Bevölkerung), wie in Mazedonien, autonome
Rechte gewähren. Dabei geht es um die Region Ulcinj, die mehrheitlich von ihnen bewohnt
wird.
Obgleich Montenegro formal eine Demokratie ist, hat seit 20 Jahren kein Regierungswechsel
statt gefunden (vgl. Schneider 2012: 3). Im Gegensatz zu den restlichen ehemaligen
Teilrepubliken, die durch kapitalistische Zentren ausgebeutet werden, wird Montenegro
hauptsächlich von zwei Männern gelenkt, nämlich von Milo Djukanovic und Oleg
Wladimirowitsch Deripaska.
Djukanovic, dreifacher Premier und einmaliger Präsident, wird wegen organisierten
Zigarettenschmuggels von Inter- und Europol gesucht. Er hat den illegalen
Zigarettenschmuggel bis an die Spitze Europas gebracht und dadurch Milliardenverluste für

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Staaten und Zigarettenproduzenten verursacht. Ohne Djukanovic bewegt sich kaum etwas und
auch nach seinem Rücktritt als Premier wird er die graue Eminenz im Hintergrund bleiben.
Der Rücktritt ist wahrscheinlich einem Deal mit der EU vorausgegangen, Montenegro den
Beitritt zur Union zu ermöglichen, wenn er im Gegenzug zurücktritt, was er auch tat (vgl.
ebd.: 2 f.). Ein Deal, der Djukanovic von der judikativen Verfolgung befreien sollte? Derselbe
Djukanovic war auch maßgeblich am Ende „Restjugoslawiens“ (Spaltung Montenegros von
Serbien) verantwortlich, um möglicherweise vor nationaler Strafverfolgung geschützt zu
seien.
Deripaska, ein russischer Oligarch, galt bis vor kurzer Zeit als größter Investor in
Montenegro. Das größte Aluminiumwerk des Landes, alsgleich viele Zulieferfirmen gehören
dem russischen Oligarchen. Dazu gesellen sich unzählige Grundstücke und Liegenschaften
hinzu. Deripaskas Strategie zur Ausbeutung der Peripherie Montenegro ist immer dieselbe; In
einem ersten Schritt wird eine Fabrik zum Schleuderpreis aufgekauft, die auf der anderen
Seite vom montenegrinischen Staat subventioniert wird. Im zweiten Schritt wird ein Großteil
der Belegschaft entlassen. Bei ertragreichen Zeiten wird die Fabrik um einen überhöhten Preis
verkauft, um diese zu einem späteren Zeitpunkt günstig wieder aufzukaufen - ein nicht
endender Teufelskreislauf und eine teure Angelegenheit für den kleinen Staat Montenegro
(vgl. APA 2010, http://www.wirtschaftsblatt.at/home/international/osteuropa/montenegro-
hilft-deripaskas-alu-fabrik-kap-aus-der-patsche-444179/index.do).
Das periphere Land erinnert an kleptokratische Zustände, wobei die Korruption an der
Tagesordnung steht. Daher ist es kein Wunder, dass Montenegro den 69. Platz (3,7,
Vertrauensintervall 3,1-4,3) im Internationalen Korruptionsindex einnimmt (vgl.
Transparency Deutschland 2010, http://www.transparency.de/Tabellarisches-
Ranking.1745.0.html).

Bis auf den Straßenausbau sind Investitionen in Montenegro ein Unikum und auch dieser wird
bis 2013 mit etwa 104 Mio. Euro EU-Hilfsgeldern finanziert (vgl. Auswärtiges Amt 2012,
http://www.auswaertiges-
amt.de/DE/Europa/Erweiterung/Erweiterung_Montenegro_node.html). Obwohl der
Tourismus die Haupteinnahmequelle Montenegros bildet, wird dieser kaum gefördert und
dem wirtschaftlichen Verfall preisgegeben. Andererseits hat die Regierung es bis heute nicht
geschafft, den Bewohnern ausreichend Wasser und Infrastruktur zur Verfügung zu stellen.
Das Land produziert keine nennenswerten Güter, exportiert wird daher kaum etwas, die
Handelsbilanz ist negativ. Wie in Bosnien, Mazedonien und Serbien beträgt der

- 109 -
montenegrinische Durchschnittslohn etwa € 100-300. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf
betrug für 2009 € 4.839 (vgl. Auswärtiges Amt 2011, http://www.auswaertiges-
amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laender_Uebersicht_node.html). Trotzdem kann
Montenegro (0.769, 49 Platz) nach Slowenien den zweitbesten Wert im HDI unter den
ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken verbuchen (vgl. UNDP 2010,
http://hdr.undp.org/en/data/profiles/). Allerdings sollte die Zahl vorsichtig betrachtet werden;
denn wie bereits erwähnt, setzt sich der HDI auch aus dem Faktor BIP Pro-Kopf zusammen,
und dieser sagt nichts über wirtschaftliche Ungleichheit aus. Und in Montenegro sind die
Menschen alles andere als gleich.

Die serbische autonome Provinz Kosovo, gilt neben Albanien als Armenhaus Südosteuropas.
Wie ich beschrieben habe, galt Kosovo-Metochien bereits während des Bestehen
Jugoslawiens als wirtschaftliche Randzone. Neben wirtschaftlichen und sozialen Problemen
ist die Provinz seit dem Bürgerkrieg 1999 militarisiert und protektoriert. Im Kosovo hat die
NATO ihr größtes europäisches Militärlager – das „Camp Bondsteel“ - errichtet.
Welche Vorteile erhofften sich die Zentren von einem NATO-Protektorat Kosovo? Zum einen
ist das Gebiet um den Kosovo von absoluter geostrategischer und geopolitischer Wichtigkeit.
Sollte jedoch der Hauptgrund nicht im Ressourcenreichtum Kosovos liegen? Möglicherweise,
denn die Region verfügt über alle erdenklichen Edelmetalle und Mineralien, die auf Hunderte
von Milliarden Euro geschätzt werden. Ein Goldgrube für die Zentren, die ja den
„monopolistischen Zugang auf natürliche Ressourcen der Erde“ (Fischer et al. 2004: 69)
beanspruchen.
Die serbische autonome Provinz Kosovo-Metochien wird heute mehrheitlich von Albanern
beheimatet. Waren vor dem Bürgerkrieg 20 % der Einwohner Minderheiten (bsp. Serben,
Roma, Goranen, etc.) existent, so beläuft sich deren Zahl heute auf nur mehr 5 %. Die
serbische Enklave Kosovska Mitrovica steht dabei heute als geopolitische und kulturelle
Trennlinie zweier unterschiedlicher Entitäten.
Das periphere Serbien hat allerdings noch viele andere Probleme. Die Region Sandschak, die
mehrheitlich von muslimischen Serben bewohnt ist, radikalisiert sich zunehmend. Hinzu
kommen immer häufiger Forderungen nach Autonomie. Im Presevo-Tal, ebenso im Süden
Serbiens liegend, gab es schon einmal Sezessionsbewegungen, als sich militante Gruppen
formierten, um den Anschluss an den Kosovo, und in Folge den Anschluss an Albanien, zu
erkämpfen. Auch im Norden Serbiens, in der Vojvodina, gibt es Separatisten, die eine
Loslösung von Serbien anstreben. Hier sind es nicht ethische Spannungen, sondern kapitale

- 110 -
Interessen, die vorherrschen. So wie im damaligen Jugoslawien ist der reichentwickelte
Norden immer weniger bereit, den unterentwickelten Süden zu finanzieren.

Wirtschaftlich sieht das Bild ähnlich düster aus, denn Serbiens Ökonomie liegt am Boden.
Wie der HDI von 0.735 (60. Platz) zustande kommt, ist mir ein Rätsel (vgl. UNDP 2010,
http://hdr.undp.org/en/data/profiles/). Der Großteil der Bevölkerung lebt unter dem
Existenzminimum. Wie kurz erwähnt, beträgt der Durchschnittslohn etwa € 100 - 300. Das
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf für 2010 betrug für die serbische Autonomie Kosovo € 1.982
und für Serbien € 4.016 (vgl. Auswärtiges Amt 2011, http://www.auswaertiges-
amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laender_Uebersicht_node.html).
Die Finanz- und Bankwelt ist größtenteils in ausländischer, vor allem aber in österreichischer
Hand, wie es auch im Königreich Jugoslawien schon der Fall war (vgl. Veljkovic 2009: 65
ff.). Nur wenige Fabriken und Unternehmen gehören dem Land, Bauaufträge, die früher der
Staat übernahm, wie etwa den Straßenbau, gehen ausschließlich zugunsten von Privaten über
die Bühne. So wir der traditionelle Autobahnausbau vom österreichischen Bauunternehmen
STRABAG übernommen.
Und auch die Staatsverschuldung ist enorm. So belief sich Serbiens Auslandsverschuldung
2010 auf 26 Mrd. US-$, das sind 55% des Bruttoinlandprodukts (vgl. Veljkovic 2009: 56).
Zusammenfassend betrachtet, kann also von einem Totalausfall der serbischen Wirtschaft
gesprochen werden. Auch in Serbien wuchert die Korruption unaufhaltsam. Nicht umsonst
liegt Serbien im Internationalen Korruptionsindex an 78. Stelle (3,5), der Vertrauensintervall
liegt dabei bei 3,1 - 3,9 Punkten (vgl. Transparency Deutschland 2010,
http://www.transparency.de/Tabellarisches-Ranking.1745.0.html).

Die ökonomische und geopolitische Neuordnung Südosteuropas schuf also labile, schwache,
und scheiternde Staaten. Der neoliberale Plan, die Peripherisierung und zwangsweise
Integration Jugoslawiens bzw. seiner ehemaligen Teilrepubliken in den Weltmarkt ging also
tatsächlich auf.

Für die meisten ost- und südosteuropäischen Staaten stellte die „Rückkehr nach Europa“ nach dem
Zusammenbruch des realen Sozialismus 1989 eine Rückkehr in eine abhängige Entwicklung, also in
die Peripherisierung dar. In vieler Hinsicht ähneln sie Entwicklungsländern. Solange der RGW […]
existierte, überdeckte die politische Zugehörigkeit zur sowjetischen Einflusssphäre die periphere Rolle
dieser Staaten in der kapitalistischen Weltwirtschaft, der der „Ostblock“ trotz seiner
gesellschaftspolitischen Besonderheiten stets angehörte. Gleichzeitig erweckten die Erfolge
nachholender Industrialisierung, die in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg in den
RGW-Staaten stattfand, den Eindruck, die ehemaligen Agrarperipherien des europäischen Ostens und
Südostens hätten ihre historische Unterentwicklung überwunden. (Fischer et al. 2004: 61)

- 111 -
VII Rückblick, Ergebnisse und zukünftiger Ausblick

9.1 Rückblick und Zusammenfassung

Resultierend ergab die Untersuchung folgendes: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stand die
überwältigende Idee eines gemeinsamen slawischen Vielvölkerstaates. Als bedeutende Ideale
galten Fortschritt, Gleichheit und Solidarität.
Das Existenzrecht Jugoslawiens erwies sich allerdings von Beginn an als trügerisch. Denn den
Volksgemeinschaften gelang es nicht, sich zu solidarisieren und unterschiedliche Interessen
auf einem gemeinsamen Nenner zu bringen. Für Viele galt Jugoslawien gar nur als einfaches
Staatsexperiment sozialistischer Prägung.
Die Integration Jugoslawiens in den kapitalistischen Markt basierte auf einer langen
Vorgeschichte. Jugoslawien war außer zwei Jahrzehnte lang, zu keiner Zeit wirtschaftlich
souverän, denn bereits mit der Gründung des Königreiches hatte das internationale, vor allem
europäische Finanzkapital, die Wirtschaft durchdrungen und deformiert. Die Rohstoffe und
die Unternehmerlandschaft des Landes wurden unter den kapitalistischen Zentren Europas
aufgeteilt, das gesamte Wirtschaftsleben und die Außenpolitik auf den Prinzipien des
modernen Weltsystems ausgerichtet. Dadurch konnte die jugoslawische Volkswirtschaft in
der agrarischen und industriellen Produktion zu keiner Zeit genügend Anpassungen und
Fortschritte erzielen, sondern das Land musste auf abwechslungsreiche Veränderungen in der
internationalen Marktwirtschaft, auf Wirtschaftskrisen und auf Verordnungen des
internationalen Finanzkapital reagieren, was zum Resultat hatte, dass die Stellung als
wirtschaftliche Randzone mit den fortschreitenden Jahren nur gestärkt wurde.

Nach dem Bruch mit der Sowjetunion erfolgte Jugoslawiens Durchkapitalisierung auf
globaler Ebene. Denn um sich wirtschaftlich weiter zu entwickeln, musste die SFRJ mit
Ländern des Westens kooperieren, was zu einer immer intensiveren Exportorientierung
führte. Industrialisierung, Modernisierung und Wohlstandshebung wurden anfangs durch die
Erhöhung von Bildung und den massiven Einsatz von arbeitsintensivem Kapital
vorangetrieben. Dabei erreichte das System der „sozialistischen Marktwirtschaft“ durchaus
aufsehenerregende Wohlstandsgewinne. Zusätzlich konnte Jugoslawien aufgrund seiner
Blockfreiheit die Vorzüge beider Weltsysteme genießen, wurde mit der Zeit allerdings immer
tiefer in die Abhängigkeit gedrängt. Vielleicht erfolgte der wirtschaftliche Aufschwung
gerade aufgrund dieser ökopolitischen Konstellation.

- 112 -
Dennoch brach mit dem Ende des fordistischen Akkumulationsregimes auch die expansive
Phase der Konjunkturentwicklung Jugoslawiens Ende der sechziger Jahre ein. Zu dieser Zeit
konnte das Land mit seinen Exportgüter schon lange nicht mehr am Weltmarkt mithalten.
Investitionskapital wurde nicht produktiv eingesetzt, sondern in unrentable Betriebe gepumpt,
es gab keine innovativen Anstrengungen und die Arbeitnehmerselbstverwaltung, die zwar die
Möglichkeit einer lokalen Unabhängigkeit bot, war unproduktiv und nicht konkurrenzfähig.
Überdies blockierten „alte Kommunisten“ demokratische Reformvorhaben. Es kann ruhig
behauptet werden, dass das unreformierte politische Ordnungssystem Jugoslawiens 30 Jahre
vor sich hin vegetierte.
Trotz größter Investitionen in Infrastruktur, Wirtschaft und Wohlfahrt erfassten die
Anstrengungen nicht alle Bevölkerungsteile gleichermaßen. Der Süden blieb wirtschaftlich
rückständig, das Entwicklungsgefälle verkleinerte sich trotz massiver Investitionen nicht.
Zentralistische Staatsstrukturen, die die divergierenden Interessen und das wirtschaftliche
Entwicklungsgefälle hätten vereinen und für ein starkes Jugoslawien hätten garantieren
können, verloren immer mehr an Bedeutung.
Als die Finanzierung einer nachholenden Industrialisierung und die Wohlstandsverteilung
immer kostspieliger wurde, Wirtschaftskrisen die Exportmärkte wegbrechen ließen,
andererseits die terms of trade zu sinken begannen, fing das Land geradezu an, sich bei
ausländischen Gläubigern zu verschulden. Mit der Knappheit des Dollarmarktes wurden
Kredite nur mehr zu variablen Zinssätzen vergeben, was die Zinsen in die Höhe und
Jugoslawien in den Staatsbankrott trieb. Die Aufnahme neuer Kredite bedeutete, die von der
Weltbank und dem IWF auferlegten Konditionen zuzustimmen, die eine allumfassende
Liberalisierung und den Abbau des Sozialstaates vorsahen. Im Sinne des modernen
Weltsystems sind der Abbau des Wohlfahrtstaates, die Desintegration der Gesellschaft und
die strukturelle Abhängigkeit wichtige Voraussetzungen einer zu Wertabschöpfenden
Peripherie und Jugoslawien erfüllte diese Voraussetzungen.

Ein schwacher Staat, wie erläutert wurde, ist Hauptcharakteristiken einer Peripherie und
Jugoslawien war ein schwacher scheiternder Staat. Besonders mit der Verfassungsreform von
1974, die eine endgültige Zersplitterung des Landes vorsah, war das sozialistische Projekt
Jugoslawien Geschichte. Bereits die Verfassungsänderungen von 1953 und 1963 höhlten die
Staatsstrukturen und Staatsfunktionen auf. Mit der Verfassung von 1974 wurde allerdings
endgültig die Dezentralisierung der ökonomischen und politischen Entscheidungen
bewerkstelligt und auf regionale Ebene verlagert, wodurch der Staat bedeutende

- 113 -
Instrumentarien für die Gesamtregulierung der Ökonomie und des Bundeshaushalts verlor.
Das Ergebnis war eine verlangsamte Produktion, hohe Staatsverschuldung, Hyperinflation,
sinkende Lebensqualität und in der Folge die Nationalisierung von politischen und
wirtschaftlichen Entscheidungen. Die immer folgenschwerere Dezentralisierung und
Deformierung der Staatsfunktionen hemmten den Staat in seinen Aufgaben und Funktionen.
Mit der Einstellung der Einzahlungen in den „Republikenausgleichsfond“ und der Forderung
nach juridischer sowie ökonomischer Unabhängigkeit waren die ökonomischen und
politischen Eliten befriedigt, alsgleich der Weg für den Einfall des internationales
Finanzkapital geebnet. Mit nationalistischen Kampagnen musste es in einer schon immer
differierenden Region wie Südosteuropa zu ökopolitischen Spannungen und in der Folge zu
wirtschaftlichen Verteilungskämpfen kommen.

Das Problem der ethnischen, kulturellen, religiösen oder sprachlichen Heterogenität und
Vielfalt war kein Problem der Gesellschaft, die das Absterben Jugoslawiens begünstigten,
sondern die einiger Weniger, die ihre Interessen befriedigt sahen wollten; die sozialen
Spannungen dienten den elitären Gruppen in den nördlichen Teilrepubliken lediglich nur als
Vorwand, um eigene, vor allem kapitale, Interessen zu befrieden.
Auf der anderen Seite war mit einem sozialistischen Wirtschaftsmodell keine Akkumulation
möglich. Dagegen waren die Eliten, vor allem jene in Slowenien und Kroatien, nicht mehr
bereit, den entwicklungsschwachen Süden zu finanzieren.
Um die Zerstörung Jugoslawiens in ihrer Gesamtheit zu begreifen, greift der Faktor der
ökonomischen Verteilungskämpfe jedoch viel zu kurz. Denn die Auflösung der SFRJ war
auch ein Ergebnis des sich in den siebziger Jahren etablierenden neoliberalen
Wirtschaftsprogramms. Ziel des neoliberalen Paradigmas war die Unterwerfung und
Einverleibung Jugoslawiens in das moderne Weltsystem. Im Gegensatz zu vielen anderen
aufstrebenden Entwicklungsländern, die sich rasch den neoliberalen Paradigmen unterwarfen,
weigerte sich die jugoslawische Regierung beharrlich, den Markt für ausländische Investoren
zu öffnen. Die hartnäckige Ablehnung gegenüber der Privatisierung von Staatseigentum und
die Zurückweisung der Aushöhlung des Sozialsystems zugunsten des internationalen
Finanzkapitals führten letztendlich zum Ausschluss Jugoslawiens in Form von diplomatischen
und wirtschaftlichen Sanktionen. Letztendlich kam es zur militärischen Intervention durch die
so genannte „Internationale Gemeinschaft“. Dabei verstärkte das Agieren westlicher Staaten,
mit ihrer Politik der frühzeitigen diplomatischen Anerkennung, die Aggressionsspirale in
Jugoslawien.

- 114 -
Es existiert also nicht dieser oder jener ausschlaggebende endogene oder exogene Faktor, der
für die Auflösung des Vielvölkerstaates verantwortlich gemacht werden kann. Denn der
gescheiterte Staat Jugoslawien bedingt sich aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Vor allem aber aus einer Wechselwirkung innerer Staatsschwäche, die durch ökonomische
Verteilungskämpfe und Separatismus hervorgerufen wurde und der, mit der Zeit, wachsenden
Abhängigkeit von den kapitalistischen Zentren. Die Faktoren dieser sozioökonomischen
Wechselwirkung und hierarchischen Verbindung, wie wir nun wissen, führten zum Absterben
Jugoslawiens.
Hinzu kam ein Mix aus fortschreitendem Individualismus und sozioökonomischen
Veränderungen, die mit dem Ende des bipolaren Kräftemessens zu verbinden sind. All diese
Faktoren zogen eine Transformation mit sich, der Jugoslawien nicht gewachsen war. Mit
einem Ende des Staatssozialismus war schlagartig ein unendlicher Raum für kapitalistische
Kräfte frei, die diesen rasch mit ihren Interessen und Werten füllten.
Eine halbwegs in ruhige Bahnen lenkende „Alternativtransformation“ war aufgrund der schon
sehr fortgeschrittenen Dezentralisierungsschritte nicht mehr möglich. Wie die Historie zeigt,
verliefen ähnliche Prozesse auch in der ehemaligen Sowjetunion und in der
Tschechoslowakei.

Durch die vergleichende Literaranalyse habe ich bedeutende Ereignisse dokumentiert,


alsgleich bestimmte Auswirkungen ermittelt, die helfen sollten, Jugoslawiens Absterben auch
durch die Theorie zu verstehen. Es wurde angestrebt, den ehemaligen Vielvölkerstaat mit dem
Konzept des failed state zu konfrontieren, wobei ich mich auf die Variablen: Staatsordnung
und Staatsstruktur, Eliten, Korruption, Handlungsschwäche, Staatsicherheit sowie externe
Akteure eingelassen habe. Anhand eines Vergleichs und Abwiegens der Kennzahlen eines
schwachen und gescheiterten Staates mit der jugoslawischen Historie habe ich bestimmte
qualitative Ergebnisse gewonnen, nämlich, dass alle Faktoren eines schwachen scheiternden
Staates erfüllt waren. Sozioökonomische Dimensionen (Sprache, Kultur, Ethnizität und
Religion) streiften dabei nur den Verfallsprozess des Landes und waren nicht Auslöser.
Das Zusammenführen und Aneinanderketten des theoretischen Konzepts des failed state mit
den jugoslawischen Realitäten brachte ganz Erstaunliches zu Tage; tatsächlich könnte der
nahe Schluss gezogen werden, dass der theoretische Rahmen mit Faktoren des jugoslawischen
Staatszerfalls angereichert wurde. Vielleicht diente das Absterben Jugoslawiens den
Konstrukteuren des failed state gar als Basis für die Konzipierung dieser Theorie.

- 115 -
Wie schematisch aufgezeigt wurde, bestand (und besteht) eine hierarchische Weltordnung, die
von den kapitalistischen Zentren ausgeht. Auch habe ich angeregt, wie diese abhängige
Wechselwirkung zwischen Zentrum und Peripherie, in unserem Fall zwischen Zentren und
Jugoslawien, reagierte.
Anhand von fünf bedeutenden Staatsmonopolen und anhand der Funktionsweise des
ökonomischen Wertetransfers von der Peripherie ins Zentrum, habe ich versucht, Jugoslawien
in die Theorie des „modernen Weltsystems“ einfließen zu lassen, um zu überprüfen, ob sich
diese Faktoren auch tatsächlich in Anwendung bringen ließen. Hierbei bin ich zum Entschluss
gekommen, dass sich dieses Konzept, bei ausreichendem Datenmaterial und Einbeziehung
aller relevanten Faktoren, sich sehr wohl als sozioökonomisches Analyseinstrument benutzen
ließe und von Gebrauch sein könnte.
Ganz im Gegenteil, wie auch bei der Theorie des failed state, lässt sich Jugoslawien ohne
große Komplikationen auf Wallersteins modernes Weltsystem projizieren. Um jedoch einen
exakteren Vergleich zwischen Zentrum und Jugoslawien bewerkstelligen zu können, bedarf es
allerdings noch vieler anderer sozioökonomischer Faktoren, die aufgrund ihrer Komplexität,
des fehlenden Datenmaterials und des enormen Zeitaufwandes nicht in die Arbeit einfließen
konnten und daher ausgeblendet bleiben.
Zugegeben, die Untersuchung war nicht gerade eine einfache Aufgabe - zwei unterschiedliche
Theorien, mit dem scheiternden peripheren Jugoslawien in Einklang zu bringen und ein
Konstrukt zu schaffen, das einerseits Realitäten schafft, deutlich zu erkennen, aber auch
logisch nachvollziehbar ist. Es hat auch größte geistige Anstrengung abgefordert, bestimmte
Faktoren zu filtern, die für meine Untersuchung bedeutend erschienen.

Was blieb also vom jugoslawischen Vielvölkerstaat übrig? De facto entstanden aus dem
ehemaligen Jugoslawien sechs neue Staaten. Mehr als 4 Mio. Menschen wurden zu
Flüchtlingen, dauerhaft verließen 2 Mio. Menschen ihre Heimat, Kroatien, Bosnien und die
serbische Provinz Kosovo wurden „ethnisch gesäubert“. Gerade das Hauptmerkmal
Südosteuropas, die ethnische, religiöse und kulturelle Pluralität, wurde mit einem Schlag für
immer der Inexistenz preisgegeben. Die Verantwortlichen zerschlugen ein funktionierendes
Ordnungs- und Sozialsystem, ohne ein Neues aufzubauen. An Stelle eines starken
zentralistischen Staates wurde ein Schwacher implementiert und Jugoslawien den freien
Marktkräften überlassen. Der Übergang vom Staatssozialismus zum Staatskapitalismus, noch
nie da gewesenem Ausmaßes, erfolgte ohne Konzeption einer gesellschaftlichen Neuordnung

- 116 -
und in einem Zeitraum, wofür die alten kapitalistischen Zentren mindestens 100 Jahre
benötigten.
Kroatien fristet sein Dasein als schwacher peripherer Staat, Bosnien, Mazedonien,
Montenegro und Serbien gelten als failed states. Von allen ehemaligen Teilrepubliken gelang
es einzig Slowenien, seine Wirtschaftsposition zu halten, nämlich die Position einer
Semiperipherie.

9.2 Zukünftige Aussichten der ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken mit


Hinblick auf die soziale Stabilität sowie des wirtschaftlichen Wachstums

Die Transition hat ihren Preis. Betrachtet man die sozioökonomische Lage der nun
unabhängigen Teilrepubliken, so muss man ein düsteres Bild zeichnen. Vom Parademodell
eines sozialistischen Vielvölkerstaates sind nicht mal mehr die Denkmäler übrig geblieben.
Geringes Wirtschaftswachstum und Ausverkauf des Landes, fehlende soziale Sicherheit,
große Armut und hohe Arbeitslosigkeit sowie mafiöse Staatsstrukturen prägen die ehemaligen
Republiken Jugoslawiens und eine Besserung ist nicht in Sicht.
Um eine Verelendung der Massen in den Regionen des ehemaligen Jugoslawien
auszumachen, sind keine komplizierten wissenschaftlichen Verfahren und Analysen
notwendig. Eine Reise genügt, um die katastrophalen Zustände, die in den ehemaligen
Teilrepubliken herrschen, festzustellen. Wenn ich durch das ehemalige Jugoslawien reise,
erschrecken mich diese Zustände zunehmend. Ich lerne immer wieder Menschen kennen, die
es zwar nicht zugeben, die aber an immer größerer wirtschaftlicher Not leiden. Denn Arbeit
gibt es so gut wie keine. Und wenn es eine gibt, ist sie so schlecht bezahlt, dass kaum einer
davon leben kann. Das Ersparte ist schon lange weg und verschuldet ist bereits fast jeder.
Und doch erstaunt es mich immer wieder, woher diese Menschen weiterhin den Mut nehmen,
auf Zeiten zu hoffen, die eines Tages vielleicht besser werden könnten.
Inwiefern die ehemaligen Teilrepubliken von einem EU-Beitritt profitieren werden, wird sich
zeigen. Ob die hierarchisch eingemauerte Position einer Peripherie abgeschüttelt werden
kann, sei dahingestellt. Denn die divergierenden historischen Ereignisse und Lehren zeichnen
ein anderes Bild, nämlich jenes eines auch in Zukunft peripheren Südosteuropa.

Eine Rückkehr zu einem uns bekannten Jugoslawien wird es nie mehr wieder geben.

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vyV4&hl=de&ei=kEZ1TsOAPMfMtAaoqcyUCw&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnu
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Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Flagge Jugoslawiens


http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Flag_of_SFR_Yugoslavia.svg&filetimestamp
=20090912211604 [letzter Zugriff am 12.08.2011]

Abbildung 2: Karte Jugoslawiens


http://de.academic.ru/pictures/dewiki/70/Former_Yugoslavia_Map.png [letzter Zugriff am
12.08.2011]

Abbildung 3: Funktionsweise des Zentrum-Peripherie-Modells

- 124 -
Glossar

APEC Asia-Pacific Economic Cooperation


BIP Bruttoinlandsprodukt
DM Deutsche Mark
EFTA Europäischer Freihandel
EG Europäische Gemeinschaft
EU Europäische Union
GATT Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen
G-77 Gruppe der 77
HDI Human Development Index
IBRD Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung
IWF Internationaler Währungsfond
JKP Jugoslawische Kommunistische Partei
k. u. k. kaiserlich und königlich
KomInform Kommunistisches Informationsbüro
KP Kommunistische Partei
MNC Multinationale Unternehmen
NAFTA North American Free Trade Agreement
Narodna Skupstina Volksparlament
NATO North Atlantic Treaty Organization
NGO Nichtregierungsorganisation
OECD Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
OEEC Organization for European Economic Cooperation
OPEC Organisation Erdöl exportierender Länder
RGW Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON)
SAP Strukturanpassungsprogramm
SFRJ Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien
SRS Srpska Radikalna Stranka
TOT Terms of Trade (Realaustauschverhältnis)
UDSSR Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
UN United Nations
UNO United Nations Organization
US United States
USA United Nations of America
WIPO Weltorganisation für geistiges Eigentum
WTO World Trade Organization

- 125 -
Curriculum Vitae

Persönliche Daten

Name: Zoran Gajic


Geburtsdatum: 4. September 1977
Geburtsort: Wien
Staatsangehörigkeit: Österreich

Bildungsweg

2004 - 2012 Individuelles Diplomstudium Internationale Entwicklung


Wahlfächer: Entwicklungsökonomie (Mikroökonomik), Politologie,
Global- und Wirtschaftsgeschichte
2004 – 2005 Diplomstudium Slawistik am Institut der Slawistik, 1090 Wien
Schwerpunktsetzung: Serbisch/Kroatisch/Bosnisch
Wahlfach: Osteuropäische Geschichte
1999 – 2004 Wirtschaftskundliches Bundesrealgymnasium für Berufstätige, 1150
Wien
1993 – 1994 Berufschule für Gastgewerbe, 1120 Wien
1992 – 1993 Polytechnischer Lehrgang, 1100 Wien
1988 – 1992 Hauptschule, 1100 Wien
1984 – 1988 Volksschule, 1100 Wien

Berufsweg

2010 – bis heute Bioökonom


Okrug Kolubara, Mittelserbien
1995 – 2010 Frontoffice, 1010 Wien
1993 – 1994 Ausbildung zum Restaurantfachmann, 1150 Wien

Präsenzdienst

1998 – 1999 Gruppenführer, Dienstgrad Gefreiter, Erzherzog Carls Kaserne, 1220


Wien, ABC Abwehrschule, Erzherzog Wilhelm-Kaserne, 1020 Wien

- 126 -
Abstract

There is a stunning idea of a multi-ethnic state at the inception of the 20th century. The right of
Yugoslavia’s existence seems to be trappy from it‘s very beginning, since the ethnical groups fail to
succeed to accord their particular interests. The end of Yugoslavia’s existence starts with the
proclamation of independence of Slovenia and Croatia. The output is an embittered war, which kills
tens of thousands of people and forces millions to leave their homes making them refugees. The
culprits were quickly found. Hence, these are the ex-presidents of the ex-Yugoslav republics, who are
responsible for the Yugoslav drama. Furthermore, there are other endogenous factors, such as religion,
culture, ethnicity and the subsequent nationalism, to be pulled up to explain the end of this multi-
ethnical s state.
Could there possibly be another version of the collapse of the Yugoslav state? Is the failed state of
Yugoslavia really a single output of a weak state? Or, could it be that the collapse perhaps happened
due to the annexation of the Yugoslav state as the periphery of the „modern world system“? The
exerted interdisciplinary basic research should give proper answers for these two main subjects. This
reasearch should reflect on possible backgrounds and sources of the peripherisation of the multi-ethnic
state, which are assumed to be found in the dependence from the capitalistic centres of power.
Therefore, the „modern world system theory“ of Immanuel Wallerstein and the conception of the
„failed state“ should be used as the main explanation approach for the collapse of the state of
Yugoslavia.
A weak state is the main trait of a periphery and Yugoslavia is a weak collapsing state. After just one
decade of economic growth is the sobering what follows with the end of the consensual fordism: The
decrease of the terms of trade, falling produktivity, missing innovation as well as the breakdown of the
export markets. With the economical crisis came the struggle for economic resources as well as the
question about the prospective form of the government. The elite of the ex-Yugoslav republics played
an essential role in weakening the state. These pushed on the decentralisation of the institutions of the
state and tried to establish a more dominant national policies due to achieve more profit which, indeed,
was incompatible within a socialistic system. Especially the reformation of the Yugoslav constitution
in 1974 advanced the definitely fragmentation of the state and it’s socialistic project of Yugoslavia.
One of the further reasons of the collapse of Yugoslavia was the establishment of the neoliberal
economic programe during the 1970’s. The annexation of Yugoslavia into the modern world system
thus became even more easy. The existence of the socialistic republic was addicted to the international
political and economic frame conditions. After the break between Tito and Stalin, Yugoslavia was
financially dependent on the capitalistic centres, which actually led to a more intensive export
orientation of the state. The economic break down of Yugoslavia led to draw on credits during the
1970’s. The capitalistic centres used this situation to force an all-embracing liberalisation of the
Yugoslav economic system. Drawing on credits means to agree with the conditions of the financial
organisations, which then made Yugoslavia a fringe zone of the centres.

- 127 -