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APuZ

Aus Politik und Zeitgeschichte


13–14/2010 · 29. März 2010

Gewerkschaften
Hans-Jürgen Urban
Niedergang oder Comeback der Gewerkschaften?

Rainer Huke
Zukunft der Sozialpartnerschaft in Deutschland

Klaus Tenfelde
Gewerkschaftliche Organisation im Wandel

Ulrich Brinkmann · Oliver Nachtwey


Krise und strategische Neuorientierung der Gewerkschaften

Anne Seibring
Die Gewerkschaften im Fünf-Parteien-System

Thorsten Schulten
Zur Reichweite der Tarifpolitik in Europa

Jürgen Mittag
Gewerkschaften zwischen Europäisierung und Stagnation
Editorial
Das Unwort des Jahres 2009 lautet „betriebsratsverseucht“.
Die Gesellschaft für Deutsche Sprache begründete ihre Wahl
damit, dass es ein „sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit
Lohnabhängigen“ sei, die Wahrnehmung von Arbeitnehmerin-
teressen als Seuche zu bezeichnen. Gewerkschaftliche Tarifpo-
litik und betriebliche Mitbestimmung gelten nach wie vor als
wichtige Pfeiler der industriellen Beziehungen in Deutschland.
So gehört der Kampf gegen Massenarbeitslosigkeit und für ei-
nen Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeit-
nehmern zu den tragenden Säulen jeder demokratischen Gesell-
schafts- und Wirtschaftsordnung. Mit dieser Funktion und in
diesem Selbstverständnis haben freie Gewerkschaften maßgeb-
lich zur Herausbildung des Sozialstaats und zur Stabilisierung
der Nachkriegsdemokratie beigetragen.

Mit dem Übergang vom wohlfahrtsstaatlichen Kapitalis-


mus zum Finanzmarktkapitalismus setzte ein Einflussverlust
der Gewerkschaften ein. Die Auflösung der Industriearbeiter-
schaft wie auch die Globalisierung und Differenzierung der Ar-
beitswelten führten zur Erosion der personellen, politischen
und sozioökonomischen Grundlagen gewerkschaftlichen Han-
delns. Die Folge war nicht nur eine Abnahme ihrer Organisati-
onsmacht und ein Bedeutungsverlust des Flächentarifvertrags.
Auch die Stellung der Gewerkschaften als korporatistische
Funktionseliten und damit als Teil des Elitekanons der Indus-
triegesellschaft erfuhr eine Schwächung. Der auf Interessen-
ausgleich und Arbeitsteilung ausgerichtete Konsens zwischen
Staat, Arbeitgebern und Gewerkschaften im „Modell Deutsch-
land“ ist brüchig geworden.

Es gilt, die Rolle der Gewerkschaften, ihr Selbstverständnis


und ihre Organisationsprozesse neu zu denken. Die Dynamik
in den innergewerkschaftlichen Diskussionen um eine Revitali-
sierung deutet an, dass sie sich dieser gesellschaftlichen Heraus-
forderung stellen und die Debatten um eine Demokratisierung
der Wirtschaft und damit der Gesellschaft insgesamt wieder
mitbestimmen wollen.

Asiye Öztürk
Hans-Jürgen Urban schaftswachstums. Und selbst für konserva-
tiv-liberale Regierungen sind keynesianische
Niedergang oder Konjunkturprogramme, ­eigentumsrechtliche
Eingriffe und „mehr Staat“ keine Tabus mehr,

Comeback der
obwohl sie noch jüngst als Belege des ana-
chronistischen Zeitverständnisses der Ge-
werkschaften galten. Auch das schadet dem
Gewerkschaften? Ansehen der Gewerkschaften nicht.

Essay
Dennoch wirkt die Comeback-These auch
eigentümlich naiv. Unterbelichtet bleibt, dass
die neue Wertschätzung der politischen Klas-
se gegenüber den Gewerkschaften auch auf

E s klingt paradox: Ausgerechnet in der


schwersten Krise des Nachkriegskapitalis-
mus scheint den deutschen Gewerkschaften ein
ihre Einbindung in eine staatliche Krisen-
strategie zielen könnte, die perspektivisch die
Krisenkosten auf Lohnabhängige und Sozi-
Comeback zu gelingen. alleistungsbezieher verteilt. Und die, gleich-
Hans-Jürgen Urban Umgarnt von den poli- sam konfliktpräventiv, die Gewerkschaften
Dr. phil., geb. 1961; geschäfts- tischen Parteien erleb- auf die Aufgabe der Eindämmung befürch-
führendes Vorstandsmitglied der ten sie eine „ungeahnte teter Widerstände vorbereiten möchte. Die
IG Metall, Wilhelm-Leuschner- Renaissance“. ❙1 Schlicht mitunter militanten Protestformen in ande-
Straße 79, 60329 Frankfurt/M. und wuchtig heißt es: ren europäischen Ländern mahnen zur Be-
hans-juergen.urban@igmetall.de „Die ­Gewerkschaften sinnung auf die integrativen Potenziale des
sind zurück.“ ❙2 Diese totgesagten Korporatismus: lieber Konsulta-
aus gewerkschaftlicher Sicht schmeichelhaf- tionsrunden mit Regierung, Wirtschaftsver-
te Diagnose kollidiert mit dem Mainstream bänden und Gewerkschaften im Kanzleramt
der wissenschaftlichen und medialen Debat- als spontane Streiks und Bossnapping in den
ten der vergangenen Jahre. Dort galt der ge- Betrieben.
werkschaftliche Niedergang geradezu als aus-
gemachte Sache. Als einer der ersten gab Ralf Doch auch die Niedergangsthese hat Defi-
Dahrendorf anlässlich der gewerkschaftlichen zite. Einerseits bringt sie den Verlust an Ver-
Politik zur Verkürzung der Wochenarbeitszeit handlungs- und Organisationsmacht und po-
im Jahr 1984 den Tenor vor: Die Gewerkschaf- litischem Einfluss zum Ausdruck, den die
ten repräsentierten zunftähnlich nur noch die Gewerkschaften im Übergang zum globalen
Sonderinteressen der Arbeitsplatzbesitzer und Finanzmarkt-Kapitalismus erlitten haben. Ab-
befänden sich auf dem Weg von „vorwärtswei- nehmende Mitgliederzahlen und Finanzmittel,
senden Organisationen selbstbewusster Zu- rückläufige Organisationsgrade, die Erosion
kunftsgruppen“ zu „Verteidigungsorganisati- gewerkschaftlicher Verankerung in den Be-
onen absteigender sozialer Gruppen“. ❙3 Seither trieben, der Rückgang gewerkschaftlicher Ver-
hatte sich die These vom Niedergang der Ge- handlungs- und Verteilungsmacht in den Are-
werkschaften zu einem Krisenparadigma ver- nen der Betriebs- und Tarifpolitik und nicht
dichtet, das die Diskurse bis hin zum Szena- zuletzt die Erosion gewerkschaftlicher Lob-
rio eines „Kapitalismus ohne Gewerkschaften“ bymacht zeugen davon. Doch zugleich tut sich
fand (W. Müller-Jentsch) prägte. ein Niedergangs-Determinismus schwer mit
den ebenfalls zu konstatierenden Indikatoren
Gegensätzliche Zeitdiagnosen gewerkschaftlicher Widerstandskraft und Be-
ständigkeit. Trotz Mitgliederverlusten weisen
Die Comeback-These verweist zunächst auf die Gewerkschaften eine relativ robuste Or-
die bedeutende Rolle der Gewerkschaften ganisationsstabilität auf. Und immer wieder
bei Krisenbewältigung und Beschäftigungs- aufflammende Konflikte um Einkommen, Ar-
sicherung in Zeiten einbrechenden Wirt- beitsplätze und Sozialstandards zeugen von
der weiterhin vorhandenen Fähigkeit, in harten
Verteilungskonflikten Erfolge zu erzielen.
❙1  Wirtschaftswoche vom 30. 3. 2009.
❙2  Die Zeit vom 30. 4. 2009.
❙3  Ralf Dahrendorf, Verhindern oder vorantreiben?, Welches Fazit wäre nun zu ziehen? Of-
in: Die Zeit vom 18. 5. 1984. fensichtlich reflektieren sowohl der Nieder-

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gangs-Determinismus als auch der Come- aldemokratie und Gewerkschaften ❙4 nicht gut
back-Optimismus Momente der Realität. bekommen, wie desaströse Umfragen vor und
Aber beide schießen in ihrer Zuspitzung die Ergebnisse nach der Bundestagswahl be-
über das Ziel hinaus. Die Gewerkschaf- legen. Doch unter Angela Merkel geht offen-
ten sind nicht zum Untergang verurteilt. sichtlich auch die „Sozialdemokratisierung“
Aber sie sollten sich auch keinen trügeri- der Union und ihre Neupositionierung Rich-
schen Sicherheiten hingeben. Wollen sie tung Mitte mit einer korporatistischen Rück-
ihre Zukunft als durchsetzungsfähige In- besinnung einher. Die Folge ist auch unter
teressenorganisationen sichern, sind über- Schwarz-Gelb eine neue Wertschätzung der
lebenswichtige Strategieentscheidungen  zu Gewerkschaften als potenzielle Ressource
tref­fen. Das gilt etwa für das Selbstver- zur Unterstützung eigener Politikstrategien
ständnis und die strategische Grundorien- und zur Stabilisierung politischer Mehrheiten
tierung, mit der sich die Gewerkschaften (Vote Seeker-Funktion).  Unter dem Druck
im Finanzmarkt-Kapitalismus positionie- der Krise und des Konfliktpotenzials der ein-
ren  und in die anstehende Krisenbewälti- schlägigen Krisenpolitik scheint der inverse
gung einschalten wollen. Lobbyismus als Kern eines neuen Krisen-Kor-
poratismus parteienübergreifend attraktiv.
Krisenkorporatistische Einbindung …
… oder autonome Revitalisierung?
Eine Möglichkeit bestünde darin, das staat-
liche Angebot zu einer neokorporatistischen Auch wenn der Krisen-Korporatismus auf
Einbindung in das Regierungshandeln an- Restbestände tripartistischer Verhandlungs-
zunehmen. Dieses Angebot verblüfft nicht traditionen zurückgreifen kann, für die Ge-
nur, weil es von einer konservativ geführten werkschaften ist er mit erheblichen Risiken
Regierungskoalition unterbreitet wird. Die verbunden. Sie sollten nicht verdrängen, dass
Agenda 2010-Politik der Schröder-Regie- Anerkennungs- und Einflussgewinne in Ge-
rung und ihre mitunter aggressive Konfron- sellschaften, die von konfligierenden Interes-
tationspolitik gegenüber den Gewerkschaf- senlagen und machtbasierten Aushandlungs-
ten schien die These vom Ende des deutschen konflikten geprägt sind, solange fragil bleiben
Korporatismus zu bestätigen. Die Gewerk- müssen, wie sie nicht durch eigene Organi-
schaften seien sukzessive aus dem tripartis- sations- und Verhandlungsmacht unterlegt
tischen Elitekonsens des Modells Deutsch- sind. Ohne die Fähigkeit zur autonomen Mo-
land ausgeschlossen worden. Kapital und bilisierung von Machtressourcen bleiben po-
Politik hätten den alten Klassen- und Ver- litische Einflussmöglichkeiten geliehen. Und
teilungskompromiss aufgekündigt, und im sollten gewerkschaftliche Verhaltensweisen
„post-korporatistischen“ Kapitalismus (W. mit den Interessenlagen und Strategiepräfe-
Streeck) sei der Abstieg der Gewerkschaf- renzen der Regierung kollidieren, könnten
ten programmiert. Doch bereits vor der Bun- Anerkennung und geliehener Einfluss schnell
destagswahl 2009 zeichneten sich politische widerrufen werden.
Werbungen der Großen Koalition um die
Gunst der Gewerkschaften ab. Solche interessenpolitischen Kollisionen
zwischen Gewerkschaften und Regierungspo-
Ein neuer inverser Lobbyismus wurde litik sind wahrscheinlich. Der angebotene Kri-
sichtbar: Während im klassischen Lobbyis- sen-Korporatismus könnte sich schnell als ein
mus gesellschaftliche Verbände durch Ein- asymmetrisches Arrangement erweisen, in dem
flussnahme auf staatliche Entscheidungen die die Beschäftigungs-, Einkommens- und sozia-
Interessen ihrer Klientel wahren wollen, läuft len Sicherheitsinteressen der Lohnabhängigen
im inversen Lobbyismus der Hauptstrom der subaltern bleiben. Dies zeichnet sich bereits
intendierten Einflussnahme in umgekehrter ab: Während die Einkommens- und Machtpri-
Richtung. Die Initiative geht vor allem von vilegien der Finanzeliten weitgehend unange-
den politischen Parteien und Repräsentan-
ten der Regierung aus. Eine solche Strategie
❙4  Vgl. Hans-Jürgen Urban, Die post-neoliberale
erschien zunächst vor allem für sozialdemo-
Agenda und die Revitalisierung der Gewerkschaften,
kratische Parteien- und Regierungsvertre- in: Christoph Butterwegge/Bettina Lösch/Ralf Ptak
ter attraktiv. Ihnen ist die Aufkündigung der (Hrsg.), Neoliberalismus. Analysen und Alternati-
„privilegierten Partnerschaft“ zwischen Sozi- ven, Wiesbaden 2008, S. 355–373.

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tastet bleiben, haben viele Beschäftigte bereits aber keinen Illusionen über Interessenlagen
mit Arbeitsplatz- oder erheblichen Einkom- und Erfolgsaussichten dieser fragil geworde-
mensverlusten für die Krise bezahlen müssen. nen Politikform hin. Er setzt zugleich auf die
Und durch die Abwälzung der Krisenkosten Erneuerung autonomer Verhandlungs- und
auf die Haushalte von Bund, Ländern, Kom- Organisationsmacht durch eigene Machtres-
munen und Sozialversicherungen hat sich ein sourcen und mobilisiert diese gegen Krisen-
verteilungspolitisches Konfliktpotenzial gi- politiken zu Lasten der Bevölkerungsmehr-
gantischen Ausmaßes aufgestaut. In welche heit. Und er nutzt diese Vetomacht in dem
Richtung und zu wessen Lasten sich dieses Po- Sinne konstruktiv, als er sich mit eigenen
tenzial entlädt, wird in Verteilungskonflikten Reformalternativen für solidarische Krisen-
entschieden werden. Die Risiken für Beschäf- strategien und erneuerte wohlfahrtsstaatli-
tigte und Leistungsempfänger sind exorbitant. che Strukturen engagiert. In diesem Sinne
sind strategisch gewählte Optionen in dem
Wollen sich die Gewerkschaften auf diese Maße geeignet, in dem sie gewerkschaftliche
Konflikte vorbereiten, sollten sie sich nicht Revitalisierungs- und zugleich gesellschaft-
auf die geliehene Macht des Krisen-Korpora- liche Krisenbewältigungspotenziale aktivie-
tismus verlassen. Erfolgversprechender wäre ren. Von folgenden exemplarischen Projekten
eine Strategie der autonomen Revitalisierung. kann dies angenommen werden.
Diese zieht sich nicht auf die Scheinalterna-
tive zwischen korporatistischer Einbindung Stärkung gewerkschaftlicher Organisati-
oder politischem Niedergang zurück, son- onsmacht. Die fragilen Einbindungsange-
dern kann sich durch Befunde der neueren bote der Politik sollten die Gewerkschaften
Gewerkschaftsforschung ermutigen lassen. nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Au-
Dort wird zunehmend auf gelungene Praxis- ßerwertsetzung stabiler korporatistischer
beispiele gewerkschaftlicher Revitalisierung Aushandlungsinstitutionen mit der Erosion
und die Defizite der gängigen Niedergangs- institutioneller Gewerkschaftsmacht verbun-
Determinismen verwiesen. Dabei insistiert den war. ❙6 Umso dringlicher ist die nachhal-
die neue Strategic Unionism-Forschung auf tige Erneuerung eigener Verhandlungs- und
die Strategic Choice-Option. ❙5 Demnach agie- Organisationsmacht. Dies erfordert eine Sta-
ren die Gewerkschaften auch in Defensivkon- bilisierung gewerkschaftlicher Verankerung
stellationen in einem Möglichkeitsraum, in in traditionellen Wirtschaftssektoren und
dem politische Entscheidungen und Entwick- zugleich die Erschließung neuer Beschäf-
lungen keineswegs determiniert sind, sondern tigungsbereiche. Dies ist der Kern gewerk-
eine diversifizierte Gelegenheitsstruktur mit schaftlicher Organizing-Strategien. Dabei
einem Spektrum an strategischen Optionen handelt es sich um eine offensive Rekrutie-
enthält, die mit Blick auf die anvisierte Revi- rungspolitik, der sich zunächst die ameri-
talisierung unterschiedlich ergiebig sind. kanischen, seit geraumer Zeit auch die deut-
schen Gewerkschaften zugewandt haben. ❙7
Konstruktive Vetospieler Sie zielt vor allem auf Mitgliederzuwächse in
gewerkschaftsfernen Segmenten der Dienst-
Auch in der gegenwärtigen Lage müssen die leistungs- und High-Professional-Arbeit.
Gewerkschaften die historische Situations- Dabei bedient sie sich konfliktorientierter
struktur analytisch erfassen und die Strate- Mobilisierungs- und Kampagnenmethoden
gieoptionen identifizieren, die reale Revi- (Campaigning), die nicht selten dem Politik-
talisierungspotenziale in sich bergen. Und typus von Nichtregierungsorganisationen
sie müssen diese in entsprechende strategi- entliehen werden. Zugleich gehen diese Revi-
sche Politikprojekte übersetzen. Das drängt talisierungsanstrengungen vielfach mit einer
in Richtung einer offenen Strategiedebatte Rückbesinnung auf einen Social Movement
und eines gewerkschaftspolitischen Rollen- Unionism einher, der eine aktivierte Mitglie-
verständnisses als „konstruktiver Vetospie-
ler“.  Der konstruktive Vetospieler nutzt of-
fensiv korporatistische Einflusskanäle in die ❙6  Vgl. Klaus Dörre, Die strategische Wahl der Ge-
werkschaften. Erneuerung durch Organizing?, in:
politischen Entscheidungsarenen, gibt sich
WSI Mitteilungen, (2008) 1, S. 1–8.
❙7  Vgl. Britta Rehder, Revitalisierung der Gewerk-
❙5  Vgl. Ulrich Brinkmann et al., Strategic Unionism. schaften?, in: Berliner Journal für Soziologie, (2008) 3,
Aus der Krise zur Erneuerung? Wiesbaden 2008. 432–456.

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derbasis als eigentliches Reservoir gewerk- und gesellschaftliche Aspekte berücksichtigt
schaftlicher Organisationsmacht a­ nerkennt. werden. Als Entscheidungs- und Steuerungs-
gremium ist ein paritätisch besetzter Rat aus
Auch die IG Metall setzt in ihrer Initiative Wirtschafts-, Gewerkschafts- und Staatsver-
„Gemeinsam für ein Gutes Leben“ auf Ele- tretern vorgesehen.
mente der Organizing-Philosophie. Bereits
die politische Positionierung zur Bundestags- Öko-sozialer Umbau des Industriemodells.
wahl wurde mit einer Mobilisierungskampa- Doch der Bedarf an strategischen Innovati-
gne verknüpft, die auf Interessenvertretung onen ist noch größer. Die Krise erweist sich
und Mitgliedergewinnung im Segment der auch als Katalysator des Strukturwandels.
weitgehend gewerkschaftsfreien Leih- und Hinter dem Rückgang von 350 000 sozial-
Zeitarbeit zielte (Kampagne: „Gleiche Ar- versicherungspflichtigen Vollzeitstellen zwi-
beit – Gleiches Geld“). Und eine aktivieren- schen August 2008 und 2009 verbirgt sich ein
de Beschäftigtenbefragung lieferte Erkennt- Verlust von 222 000 Arbeitsplätzen im produ-
nisse über Präferenzen und Erwartungen von zierenden Gewerbe und von 125 000 bei wirt-
Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern, die auch schaftlichen Dienstleistungen, während die
zukünftig als Grundlage medial unterstütz- Beschäftigung im Gesundheits- und Sozial-
ter Themen-Kampagnen dient. wesen um 131 000 und im Erziehungs- und
Unterrichtssektor um 41 000 Stellen ­zunahm. 
Public Equity. Neben innovativen Revitali-
sierungspraktiken erweist sich kurzfristig die Doch damit nicht genug. Das industriel-
Stabilisierung der industriellen Wertschöp- le Entwicklungsmodell „Exportweltmeis-
fungsbasis als Hauptaufgabe. Der krisen- ter“ brillierte vor der Krise mit exorbitanten
bedingte Kollaps zentraler Auslandsmärkte Wettbewerbserfolgen auf Exportmärkten,
bedroht mit der Exportwirtschaft den wich- die auf produktions- und produkttechnischer
tigsten Wachstumstreiber der deutschen Wirt- Exzellenz beruhten. Qualität und Innovati-
schaft. Die Sicherung von Arbeitsplätzen durch onsdynamik der deutschen Maschinenbauin-
verkürzte Arbeitszeiten dürfte perspektivisch dustrie sind Legende. Doch unter dem Druck
an Grenzen stoßen. Weitergehende Konzepte des Shareholder-Value-Regimes wurden zu-
des Erhaltes von Beschäftigung und industri- nehmend auch Ignoranz gegenüber ökolo-
eller Wertschöpfung sind unverzichtbar. gischen Nachhaltigkeitskriterien und eine
voranschreitende Prekarisierung der mensch-
Im Zentrum des IG Metall-Vorschlags lichen Arbeit als Wettbewerbstreiber genutzt.
steht die Forderung nach einem mit mindes- Dieser Pfad sollte nach der Krise nicht ein-
tens 100  Milliarden Euro ausgestatteten, öf- fach weiterverfolgt werden. Durch die Rück-
fentlichen Beteiligungsfonds (Public Equity), eroberung globaler Märkte allein werden sich
mit dem sich der Staat an existenzbedrohten industrielle Wertschöpfung und Beschäfti-
Unternehmen beteiligen kann. Dieser Fonds gung in Deutschland nicht sichern lassen. Bei
soll über eine Zwangsanleihe auf private allen Schlüsselakteuren – Unternehmen, Po-
Geldvermögen oberhalb von 750 000 Euro fi- litik und Gewerkschaften – sind strategische
nanziert werden. Dabei sollte die Bereitstel- Innovationen im Sinne arbeits- und ökolo-
lung öffentlichen Sanierungskapitals als Ka- gieorientierter Umbaukonzepte gefragt. Ge-
nal der öffentlichen Einflussnahme auf die fordert ist ein Entwicklungsmodell, das die
Unternehmenspolitik genutzt werden, indem sozialen Reproduktionsinteressen der Ar-
Public Equity an Konditionen geknüpft wird. beit, die Entwicklungsinteressen der Gesell-
Zu diesen gehören der Ausschluss betriebs- schaft, ökologische Nach­haltig­keits­er­forder­
bedingter Kündigungen, die Ausrichtung nisse und einen fairen globalen Handel in
der Unternehmenspolitik an einer nachhal- Übereinstimmung bringt.
tigen Unternehmensentwicklung, die ökolo-
gische Modernisierung von Produkten und Neue Wirtschaftsdemokratie?
Produktion, die Einhaltung von Tarif- und
Mitbestimmungsrechten sowie der Einstieg Die Erneuerung gewerkschaftlicher Orga­
in ein neues Modell der Vorstandsvergütung. nisa­tions­macht, Erhalt und Ökologisierung
Bei der Entscheidung über die Gewährung industrieller Wertschöpfung sowie die Trans-
öffentlicher Finanzmittel und Beteiligungen formation des exportgetriebenen Entwick-
sollen insbesondere gesamtwirtschaftliche lungsmodells sind Projekte von hoher Dring-

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lichkeit und hohem strategischem Potenzial. Rainer Huke
Weitere müssen hinzukommen, wie die tarif-
politische Einkommenssicherung sowie die
Weiterentwicklung der Sozialversicherungen
zu universellen Bürger- bzw. Erwerbstäti-
Zukunft der
genversicherungen.
Sozial­partnerschaft
in Deutschland
Bei all dem wirken die Verteilungs- und
Machtstrukturen des Finanzmarkt-Kapitalis-
mus als Innovationsblockaden. Deshalb sollte

Essay
die krisenbedingte De-Legitimierung dieses
Regimes als Chance genutzt werden, mittels
einer Demokratisierung wirtschaftlicher Ent-
scheidungsprozesse Widerstände der Wirt-
schafts- und Finanzeliten zu überwinden.
Hier können von der Idee einer neuen, öko-
sozialen Wirtschaftsdemokratie innovative
Impulse (nicht nur) für die gewerkschaftliche
D ie Sozialpartnerschaft spielt in Deutsch-
land eine herausragende Rolle. Auf den
unterschiedlichsten Ebenen findet das ge­
Strategiedebatte ausgehen. Wirtschaftsdemo- staltende Miteinander
kratie muss heute zweifelsohne als eine Mehr­ zwischen Arbeitge­bern Rainer Huke
ebenen-Konzeption formuliert werden. Ihren und Arbeitnehmern, Geb. 1971; Abteilungsleiter Lohn-
Ausgangspunkt könnte das Konzept der „de- Arbeitgeberverbänden und Tarifpolitik bei der Bundes­
mokratischen Arbeit“ darstellen, das Elemen- und Ge­werkschaften vereini­gung der Deutschen
te der direkten Partizipation am Arbeitsplatz mit dem Ziel statt, Arbeitgeberverbände (BDA),
mit Konzepten „Guter Arbeit(sgestaltung)“ Interessen­g egen­s ätze Haus der Deutschen Wirtschaft,
verbindet. Darüber hinaus müssen die Un- durch ­Konsenspolitik Breite Straße 29, 10178 Berlin.
ternehmensebene sowie die Arenen der nati- zu lösen. Zum Beispiel r.huke@arbeitgeber.de
onalen und europäischen Wirtschaftspolitik auf betrieblicher Ebe-
als Räume einer Demokratisierung des Wirt- ne, wo eine Beteiligung
schaftlichen in eine integrierte Gesamtkon- der Arbeitnehmer in betrieblichen Angelegen-
zeption einbezogen werden. heiten über die von ihnen gewählten Betriebs-
räte stattfindet. Auf Unternehmensebene sind
Es geht um nicht weniger als ein neues wirt- ab einer bestimmten Unternehmensgröße Ar-
schaftspolitisches Regime, in dem Gesell- beitnehmer in den Aufsichtsorganen vertreten.
schaft und Politik stärker in wirtschaftliche Daneben arbeiten die Sozialpartner auf unter-
Prozesse und Strukturen eingreifen, als dies schiedlichsten regionalen Ebenen, auf Bun-
in traditionellen sozialreformerischen Stra- desebene, aber auch in Europa ständig zusam-
tegien angedacht wird. Einschlägige Begriffe men – in Form gemeinsamer Positionierungen,
wie soziale Marktwirtschaft, keynesianische Initiativen, Aktionen oder des sozialen Dia-
Nachfragepolitik oder betriebliches Co-Ma- logs. Sie widmen sich den grundlegenden Ori-
nagement bleiben weit dahinter zurück. Auch entierungsfragen der Menschen und beteiligen
eine demokratisierte Wirtschaftspolitik wür- sich an Werte- und Systemdebatten.
de weder auf eine sozial-regulative Ordnungs-
politik noch auf keynesianische Konjunktur- Gegenstand der Betrachtungen soll im Fol-
steuerung verzichten. Doch der Begriff der genden eine besondere Form der Sozialpart-
neuen öko-sozialen Wirtschaftsdemokratie nerschaft sein: die Tarifpartnerschaft. Deren
bringt den Anspruch zum Ausdruck, Kri- zentrale Bedeutung kommt bereits darin zum
senbewältigung und Strukturwandel nicht Ausdruck, dass sie mit der Koalitionsfreiheit in
den Vermögens- und Machtinteressen priva- Art.  9 Abs.  3 des Grundgesetzes dem beson-
ter Akteure zu überlassen, um gesellschaftli- deren Schutz der Verfassung unterstellt wur-
che Folgekosten zu begrenzen und beides im de. ❙1 Bereits seit dem Ersten Weltkrieg ist es in
Sinne ökologischer und sozialer Verträglich-
keit zu steuern. Ein ambitioniertes Projekt –
❙1  Andere Formen der Zusammenarbeit finden nur
nicht nur für die Gewerkschaften. auf einzelgesetzlicher Grundlage statt; so beispiels-
weise die betriebliche Mitbestimmung nach dem Be-
triebsverfassungsgesetz.

APuZ 13–14/2010 7
Deutschland eine Selbstverständlichkeit, dass Tarifverträge sind damit nach wie vor die prä-
Arbeitgeber beziehungsweise Arbeitgeberver- gende Ordnungsgröße der Arbeitsbeziehun-
bände gemeinsam mit den Gewerkschaften die gen in Deutschland. In insgesamt 62 Prozent
Arbeitsbedingungen regeln, ohne dass der Staat aller Betriebe mit 81 Prozent der Beschäftigten
darauf unmittelbar Einfluss nimmt. Lediglich finden Tarifverträge unmittelbar oder mittel-
in der Zeit des Nationalsozialismus war dieser bar durch arbeitsvertragliche Bezugnahme auf
Grundsatz aufgehoben und durch staatliche den Tarifvertrag Anwendung. ❙3 Die Tarifpart-
Bevormundung ersetzt worden. Nach Ende nerschaft hat zugleich zu einem hohen Maß
des Zweiten Weltkriegs war die Tarifautonomie an sozialem Frieden beigetragen. So sind in
den Müttern und Vätern des Grundgesetzes so Deutschland in der Vergangenheit vergleichs-
wichtig, dass sie das Recht der Arbeitnehmer weise wenige Arbeitsstunden durch Streiks
und Arbeitgeber, sich zur Wahrung und För- ausgefallen. In der europäischen Nachbar-
derung der Arbeits- und Wirtschaftsbedin- schaft hat es nur in der Schweiz noch weniger
gungen in Koalitionen zusammenzuschließen, Arbeitskämpfe gegeben. In Großbritannien
in die Verfassung aufgenommen haben. Das fielen dagegen sechs Mal so viele Arbeitsstun-
Recht zur Bildung von Arbeitgeberverbänden den durch Streiks aus, in Frankreich zwanzig
und Gewerkschaften umfasst dabei auch das und in Spanien gar 35 Mal mehr. ❙4
Recht, ihrer Zweckbestimmung gemäß zu han-
deln, Tarifverhandlungen zu führen und Tarif-
verträge abzuschließen. Veränderte Bedingungen
So beeindruckend diese Zahlen auch sind:
Tarifpartnerschaft Ein Vergleich mit der Vergangenheit zeigt,
als maßgebliche Ordnungsgröße dass insbesondere seit Mitte der 1990er Jahre
die Tarifbindung zurückgegangen ist. Erst in
Die Tarifautonomie in Deutschland ist eine den vergangenen Jahren haben sich die Zah-
Erfolgsstory und hat sich zu einer tragenden len stabilisiert. Gleiches gilt für den Organi-
Säule der Sozialen Marktwirtschaft entwi- sationsgrad der Koalitionen. Vor allem die
ckelt. Arbeitgeber beziehungsweise Arbeit- Gewerkschaften mussten erhebliche Mitglie-
geberverbände und Gewerkschaften sind wie derverluste hinnehmen. Hatten sie im wie-
niemand sonst in der Lage, die wirtschaftli- dervereinigten Deutschland noch mehr als
che Situation ihrer Branche oder ihres Unter- zehn Millionen Mitglieder, sind zwanzig Jah-
nehmens einzuschätzen und für beide Seiten re später mit gut sechs Millionen noch etwas
tragbare Regelungen zu treffen. Die staatsfer- mehr als die Hälfte übrig. Damit liegt der Or-
ne Gestaltung verhindert, dass es zum Weg- ganisationsgrad, gemessen an allen sozialver-
fall von Arbeitsplätzen kommt, weil Un- sicherungspflichtig Beschäftigten, bei etwas
ternehmen bestimmte Arbeitsbedingungen mehr als 20 Prozent. ❙5
nicht verkraften können. Gleichzeitig ist die
angemessene Beteiligung der Arbeitnehmer Aber auch der Druck auf die Arbeitgeber-
am wirtschaftlichen Erfolg gewährleistet. verbände hat zugenommen. Durch die von
Beides wird durch das Kräftegleichgewicht vielen Verbänden geschaffene Möglichkeit,
zwischen den Tarifpartnern sichergestellt. auch ohne Tarifbindung Mitglied werden be-
Fast 73 000 gültige Tarifverträge sind ein Be- ziehungsweise bleiben zu können (sogenann-
leg für ein differenziertes System von Ar- te OT-Mitgliedschaft), konnten viele Unter-
beitsbeziehungen, das die unternehmerische nehmen zumindest weiter an den jeweiligen
Effizienz und die soziale Teilhabe der Arbeit- Verband gebunden werden. Die Freiheit, sich
nehmer in Einklang bringt. ❙2 nicht in einer Gewerkschaft oder einem Ar-
beitgeberverband zu organisieren, gehört aber
Verbandstarifverträge gibt es inzwischen
für mehr als 300 verschiedene Wirtschaftsbe- ❙3  Vgl. Peter Ellguth/Susanne Kohaut, Tarifbindung
reiche und wegen regionaler Untergliederun- und betriebliche Interessensvertretung in Ost und
gen für mehr als 1100 Tarifbereiche. Fast 10 000 West, in: IAB-Forum, (2009) 2.
❙4  Vgl. Hagen Lesch, Erfassung und Entwicklung von
Unternehmen wenden Firmentarifverträge an.
Streiks in OECD-Ländern, in: iw-Trends, (2009) 1.
❙5  Vgl. Mitgliederzahlen des Deutschen Gewerk-
❙2  Vgl. Tarifregister des Bundesministerium für Ar- schaftsbunds im Jahr 2009, online: www.dgb.de/dgb/
beit und Soziales, Stand vom 1. 1. 2010. mitgliederzahlen/mitglieder.htm (22. 2. 2010).

8 APuZ 13–14/2010
auch zur Tarifautonomie. Gleichwohl stellt chentarifvertrag konnten Betriebe entlastet
sich die Frage, warum von Unternehmen die werden, die mit dramatischen Auftragseinbrü-
Entscheidung zum Teil auch gegen und nicht chen zu kämpfen hatten. Auch auf der Ebene
für die unmittelbare Tarifbindung getroffen des Flächentarifvertrags wurden Betriebe im
wird. Aus Arbeitgebersicht lassen sich einige Interesse von Beschäftigung entlastet. ❙7 Und
immer wiederkehrende Kritikpunkte hervor- in aktuellen Tarifabschlüssen – wie beispiels-
heben, die dabei eine Rolle spielen dürften. weise der Metall- und Elektroindustrie – wird
auf die sonst üblichen Rituale verzichtet und
Ein Vorwurf lautet, der Tarifvertrag sei zu stattdessen die Sicherung von Unternehmen
teuer. Dazu ist allerdings festzustellen, dass die und Beschäftigten in den Mittelpunkt gestellt.
Tarifabschlüsse insbesondere in den vergange- Die aktuellen tarifpolitischen Entwicklungen
nen Jahren in den meisten Branchen moderat beweisen damit erneut das Funktionieren von
waren. Nicht umsonst wird von der Bundes- Tarifautonomie und Tarifpartnerschaft.
regierung, dem Sachverständigenrat und den
führenden Wirtschaftsforschungsinstituten ❙6
anerkannt, dass die Tarifpolitik zuletzt einen Entwicklung in der Rechtsprechung
maßgeblichen Anteil daran hatte, dass die Wett-
bewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft Anlass zur Sorge geben aktuelle Entwicklun-
wieder deutlich gewachsen ist. Dies dürfte auch gen im Tarifrecht, dem rechtlichen Rahmen der
einer der Gründe dafür sein, dass die deutsche Tarifpartnerschaft. Höchstrichterliche Ent-
Wirtschaft bisher vergleichsweise glimpflich scheidungen des Bundesarbeitsgerichts (BAG)
durch die Krise gekommen ist. Neben den Kos- rütteln an den Grundfesten der Tarifautono-
ten ist es mangelnde Flexibilität, die von Kri- mie. Der Gesetzgeber selbst war im Tarifrecht
tikern vor allem dem Flächentarifvertrag ange- zurückhaltend und hat sich auf wenige Rege-
kreidet wird. Dieser werde den Bedürfnissen lungen im Tarifvertragsgesetz beschränkt. ❙8
der einzelnen Betriebe nicht in ausreichendem Alles Weitere, etwa die Spielregeln für Arbeits-
Maße gerecht. Dafür mag es sicherlich Belege kämpfe, wurde der Rechtsprechung zur Aus-
geben. So mancher Tarifvertrag ist noch nicht gestaltung überlassen. In diesem allein durch
im notwendigen Umfang an die veränderten die Gerichte geprägten Bereich hat es in den
wirtschaftlichen Realitäten angepasst, verlangt vergangenen Jahren einige äußerst bedenkli-
vielleicht sogar noch den sprichwörtlichen Hei- che Entscheidungen gegeben.
zer auf der E-Lok. Aber in Sachen Flexibilität
und Differenzierung wurden in vielen Bran- Der Erfolg der Tarifautonomie beruht maß-
chen erhebliche Fortschritte erzielt. Betrieblich geblich auf dem sozialen Frieden, der den Be-
gestaltbare Einmalzahlungen, Öffnungsklau- trieben durch den Flächentarifvertrag garan-
seln für abweichende betriebliche Lösungen tiert wird. Arbeitgeber haben während der
und Ergänzungsvereinbarungen sind heute in Laufzeit eines Tarifvertrags die Sicherheit,
vielen Bereichen selbstverständlich. grundsätzlich keinen Arbeitskämpfen ausge-
setzt zu werden. Durch die Rechtsprechung
Gerade durch Anpassungen in Sachen Kos- des BAG gerät diese Friedenspflicht in Ge-
ten und Flexibilität haben die Tarifpartner fahr. Mit der Anerkennung sogenannter Un-
unter den besonderen Herausforderungen der terstützungsstreiks zur Durchsetzung frem-
Wirtschaftskrise gezeigt, wie durch verant- der Tarifziele kann ein Arbeitgeber selbst
wortungsvolles Handeln Unternehmen und dann bestreikt werden, wenn er gar nicht ver-
Beschäftigung gesichert werden können. Mit handelt und damit die Forderung der strei-
betrieblichen Bündnissen, in den meisten Fäl- kenden Gewerkschaft auch gar nicht erfüllen
len von den Gewerkschaften getragen, oder kann. ❙9 Mit der Zulassung von sogenannten
anderen Formen der Abweichung vom Flä- Sozialplanstreiks, mit denen die Gewerk-

❙6  Vgl. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und ❙7  So wurde beispielsweise auch von der IG Metall die
FDP vom Oktober 2009; Sachverständigenrat zur Möglichkeit eingeräumt, zeitlich befristet eine sach-
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwick- grundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen über
lung, Die Zukunft nicht aufs Spiel setzen, Jahresgut- die gesetzliche Grenze hinaus auszudehnen.
achten 2009/10, November 2009; Projektgruppe Ge- ❙8  Das Tarifvertragsgesetz umfasst nur 13 Paragra-
meinschaftsdiagnose, Zögerliche Belebung – Steigende phen.
Staatsschuld, Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2009, ❙9  Vgl. BAG vom 19. Juni 2007 – 1 AZR 396/06, NZA
Oktober 2009. 2007, 1055 ff.

APuZ 13–14/2010 9
schaften bei drohender Betriebsschließung festsetzung ist ein empfindlicher Eingriff in
oder Standortverlagerung einen vorrangig im das Verhandlungsgleichgewicht der Tarif-
Betriebsverfassungsrecht angesiedelten Inte- partner und führt zu Ergebnissen, die nicht
ressenausgleich erzwingen können, scheint dem notwendigen Ausgleich entsprechen.
das BAG von dem fraglichen Grundsatz aus- Gesetzliche Mindestlöhne orientieren sich
zugehen, dass alles, worüber verhandelt wer- nicht an der Produktivität der Arbeitsplät-
den kann, auch (immer) erstreikbar ist. ❙10 ze und könnten dazu führen, dass diese im
Bereich einfacher Tätigkeiten wegfallen. Ge-
Schließlich ist die vom 4. Senat des BAG an- setzliche Mindestlöhne würden zudem zum
gestrebte Abkehr vom jahrzehntelang aner- Spielball parteipolitischer Debatten und zum
kannten Grundsatz, dass in einem Betrieb im- Wahlkampfthema. Populismus würde an die
mer nur ein Tarifvertrag Anwendung finden Stelle von Augenmaß, Verlässlichkeit und
kann, für die Praxis von weitreichenden Fol- Kompetenz treten. Ein gesetzlicher Mindest-
gen. ❙11 Damit drohen den Unternehmen stän- lohn würde sogar Tarifverträge außer Kraft
dige Tarifauseinandersetzungen und Streiks setzen, die unter dem entsprechenden Niveau
mit unterschiedlichen Gewerkschaften. Ta- liegen. Die Tarifpartner haben aber vernünf-
rifverträge verlieren ihre bindende Wirkung. tige Gründe, in bestimmten Fällen Einstiegs-
Es ist schwer zu vermitteln, warum sich ein löhne zu vereinbaren, die selbst unter den von
Arbeitgeber noch den Regeln eines Tarifver- den Gewerkschaften geforderten 7,50  Euro
trags unterwerfen soll, wenn dieser ihm keine liegen. Nur so können sie sicherstellen, dass
Verlässlichkeit und Planbarkeit mehr vermit- Berufsanfänger, Langzeitarbeitslose und ge-
telt und er jederzeit mit weiteren Forderun- ring Qualifizierte eine Chance auf Einstieg in
gen und Konflikten rechnen muss. Arbeit haben. Auch betrieblichen Bündnis-
sen zur Rettung eines Unternehmens stehen
Vor diesem Hintergrund muss sich der Ge- gesetzliche Mindestlöhne entgegen. Denn sie
setzgeber fragen lassen, ob er seiner Verant- verbieten ein Abweichen selbst dann, wenn
wortung gerecht wird, wenn er die Ausge- das Unternehmen vor der Pleite steht und ein
staltung des Tarif- und Arbeitskampfrechts solches Bündnis Rettung bringen kann. In je-
in weiten Teilen den Gerichten überlässt. Die dem Fall schwächt die staatliche Lohnfindung
Tarifpartner und die Tarifautonomie brau- die Tarif­partner. Sie demotiviert Menschen,
chen einen verlässlichen Ordnungsrahmen. sich in Arbeitgeberverbänden oder Gewerk-
Um englische Verhältnisse der 1970er Jahre schaften zu engagieren, wenn die Löhne vom
zu verhindern, ist es in einem ersten Schritt Staat geregelt würden.
notwendig, den Grundsatz der Tarifeinheit,
wie er jahrzehntelang von der höchstrichter- Das ausdrückliche Bekenntnis der christ-
lichen Rechtsprechung anerkannt worden ist, lich-liberalen Regierungskoalition zum Vor­
im Tarifvertragsgesetz zu verankern. rang der Tarifautonomie vor staatlicher
Lohnfestsetzung muss auch gesetzgeberisch
umgesetzt werden. Denn zum Ende der ab-
Tarifpartnerschaft im Wandel der Politik gelaufenen Legislaturperiode wurde mit der
Abschaffung des Vorrangs tarifvertraglicher
Seit Jahren wird die Tarifautonomie von Tei- Regelungen im Entsende- und im Mindest-
len der Politik in Frage gestellt. Immer wieder arbeitsbedingungengesetz die Ermächtigung
werden gesetzliche Mindestlöhne und damit geschaffen, Tarifverträge durch staatliche
ein Eingriff in die tarifautonome Gestaltung Lohnfestsetzung außer Kraft zu setzen. Ver-
der Arbeitsbeziehungen gefordert. Anders als ordnete Mindestlöhne sollten jedoch die Aus-
andere Länder mit gesetzlichen Mindestlöh- nahme bleiben und dürfen Tarifverträge nicht
nen verfügt Deutschland aber über ein funk- verdrängen. Es muss Sache der Tarifvertrags-
tionierendes, historisch gewachsenes Tarif- parteien bleiben, die Arbeits­bedin­g un­gen ih-
system, welches durch einen solchen Schritt rer Branche zu regeln.
gefährdet würde. Denn jede staatliche Lohn-

❙10  Vgl. BAG vom 24.  April 2007 – 1 AZR 252/06,


NZA 2007, 987 ff.
❙11  Vgl. BAG vom 27. Januar 2010 – 4 AZR 549/08 (A),
Pressemitteilung Nr. 9/10.

10 APuZ 13–14/2010
Klaus Tenfelde beit in raschen Schritten aus. Sie überholte in
Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts
Arbeitsbeziehungen die ländlich-agrarischen Arbeitsverhältnisse
und dominiert seither. Damit einhergehend,

und gewerkschaft­ konzentrierte sich einstweilen die Entwick-


lung auf die industrielle Lohnarbeiterschaft,
die in der Mitte der 1920er Jahre etwa die
liche Organisation Hälfte und in stark industrialisierten Regio-
nen wie dem Ruhrgebiet mehr als zwei Drittel

im Wandel der gesamten Lohnarbeiterschaft ausmachte.


Erst in der Nachkriegszeit sind die Erwerbs-
verhältnisse im Dienstleistungsbereich immer
stärker in den Vordergrund getreten. Das hat

W o immer gearbeitet wird, entwickeln


sich „Arbeitsbeziehungen“ – zwischen
den Arbeitenden und den Nicht-Arbeitenden,
die Arbeitsbeziehungen, mit gewisser Verzö-
gerung auch die Formen gewerkschaftlicher
Organisation, stark beeinflusst und verän-
zwischen denjenigen, dert. Dieser Übergang von der dominierenden
Klaus Tenfelde die Arbeit als selb- Industriearbeit zur nunmehr dominierenden
Dr. phil., geb. 1944; ­Professor, ständige Handwerks- Lohn- bzw. Erwerbsarbeit in dem schwer auf
Direktor des Instituts für meister oder Bauern den Begriff zu bringenden Sektor der Dienst-
soziale Bewegungen, Clemens­ auf eigene Rechnung leistungen bezeichnet die wichtigste Verände-
straße 17–19, 44789 Bochum. vollziehen, schließlich rung in den Arbeitsbeziehungen seit Durch-
klaus.tenfelde@ und vor allem zwi- setzung der großen Industrie- und der mit ihr
ruhr-uni-bochum.de schen denjenigen, die einhergehenden Arbeitsgesellschaft.
in abhängiger Stel-
lung Lohn für geleistete Arbeit erhalten. In Zeichnen sich damit bereits verschiedene Pha-
einem engeren Verständnis werden darunter sen ab, in deren Verlauf die Arbeitsverhältnisse
die Ordnungen und Herrschaftsverhältnisse und die gewerkschaftlichen Organisationen in
verstanden, die sich zwischen den Akteuren unterschiedlichen Konstellationen aufeinander
in modernen Lohnarbeitsverhältnissen ent- wirkten, so lohnt es sich besonders, die struk-
falten. Man spricht dann häufig von „indus- turellen Entwicklungen in den einzelnen Pha-
triellen Beziehungen“, von betrieblicher oder sen auf den Begriff zu bringen. Nachfolgend
Unternehmens-Sozialpolitik und schließlich soll dabei die Frage nach den Einwirkungen der
gar von „Unternehmenskultur“, was freilich gewerkschaftlichen Organisationen auf die Ar-
die im Zeitablauf stark zunehmende Rolle des beitsbeziehungen im Vordergrund stehen.
Staats als Ordnungsmacht auch in den Ar-
beitsbeziehungen vernachlässigt. Man wird dabei nicht von einseitiger Ein-
flussnahme, sondern vielmehr von Wechselbe-
Die Entwicklung der Arbeitsbeziehungen ziehungen auszugehen haben. Denn unter dem
und der Wandel der Arbeit lässt sich auch Eindruck industriewirtschaftlicher Struktur-
am Beispiel der mittelalterlichen und früh- veränderungen hatten die Gewerkschaften
neuzeitlichen Handwerke und Zünfte un- ihrerseits durch teilweise tiefgreifende orga-
tersuchen, aber der Begriff hat seine heuti- nisatorische Anpassungen und Richtungsän-
ge Bedeutung erst mit der Industrialisierung derungen zu reagieren, um handlungsfähig
gewonnen. ❙1 Mit der Durchsetzung der gro- zu bleiben oder zu werden. Dabei waren die
ßen Maschinerie in zentralisierten Gewerbe- Handlungsfelder nicht nur durch die betriebli-
betrieben – in England seit der Mitte des 18., chen und allgemeinen gewerblichen Beziehun-
in Deutschland seit dem Anfang des 19. Jahr- gen abgesteckt, in welche die Gewerkschaften
hunderts – breitete sich gewerbliche Lohnar- zu den Arbeitgebern traten. Vielmehr nahm
der Staat im Zeitablauf eine zunehmend be-
deutende Rolle in der Ordnung der Arbeitsbe-
❙1  Vgl. Walther Müller-Jentsch (Hrsg.), Konfliktpart- ziehungen wahr, weshalb die Einwirkung der
nerschaft. Akteure und Institutionen der industriel-
gewerkschaftlichen Politik auf das staatliche
len Beziehungen, München-Mering 19993; Gerald D.
Feldman/Klaus Tenfelde (Hrsg.), Arbeiter, Unter- Ordnungsverhalten durch Gewerbeinspek-
nehmer und Staat im Bergbau. Industrielle Beziehun- tion, Arbeitsschutz, Sozialversicherung und
gen im Vergleich, München 1989. schließlich Ordnung der industriellen Bezie-

APuZ 13–14/2010 11
hungen immer wichtiger wurde. Einen gewis- Solche Behinderungen waren auch in der
sen Höhepunkt ihres Einflusses erreichten die eigentlichen Gründungsphase der modernen
Gewerkschaften in Westdeutschland während Gewerkschaftsbewegung in den 1860er Jah-
der Zeit der sozialliberalen Koalition in den ren an der Tagesordnung. Die „Neue Ära“
Jahren 1969 bis 1982. (eingeleitet durch den Thronwechsel in Preu-
ßen) schien freiheitliche Organisationsbil-
dung zu ermöglichen. Wieder waren es hand-
Entstehung der Gewerkschaften werkliche Gewerbe, die in der überregionalen
Selbstorganisation voranschritten und nun-
Will man nicht die Gesellenbruderschaften des mehr eindeutig als Gewerkschaften charakte-
Mittelalters oder örtliche Kampfkoalitionen risierbare Verbände bildeten: Erneut standen
in verschiedenen Gewerben zum Ausgangs- seit dem Jahr 1865 die Zigarrenarbeiter voran;
punkt erklären, dann beginnt die Geschichte die Buchdrucker hatten zuvor schon zu regi-
der deutschen Gewerkschaften mit der Grün- onalen Verbünden gefunden und gründeten
dung von Verbänden der Zigarrenarbeiter und nach einer großen Streikbewegung der Leip-
der Buchdrucker in der Revolutionszeit der ziger Buchdrucker im Jahr 1866 ihren Zen-
Jahre 1848/49. ❙2 In beiden Berufen war unter tralverband; es folgten Ende des Jahres 1867
gänzlich verschiedenen Voraussetzungen der die Schneidergesellen. Dabei war die ent-
klare Wille erkennbar, zu einer überörtlichen scheidende Rechtsgrundlage gewerkschaftli-
Verbandsbildung zu kommen. Die frühesten cher Organisation, das Koalitionsrecht, noch
Gewerkschaftsführer standen bereits in engen gar nicht vorhanden. Es wurde zuerst im Kö-
Beziehungen zur frühen politischen Arbeiter- nigreich Sachsen und im Jahr 1869 mit der
bewegung, die sich als „Arbeiterverbrüderung“ Gewerbeordnung des Norddeutschen Bun-
formierte. Dabei hatten sich im Emanzipati- des (sie galt ab dem Jahr 1871 im gesamten
onskampf der noch gar nicht recht vorhande- Deutschen Kaiserreich) eingeführt. Freilich
nen „Arbeiterklasse“ die gewerkschafts- und gab es darin scharfe Restriktionen, zumal in
allgemeinpolitischen Ziele der neuen sozialen der strafrechtlichen Behandlung des Koaliti-
Bewegung kaum erst voneinander differen- onszwangs, und die Bestimmungen des be-
ziert. Bei den Zigarrenarbeitern waren es eher rüchtigten Paragrafen 153 der Gewerbeord-
die räumlichen Bedingungen ihrer gut bezahl- nung („Schutz der Arbeitswilligen“) haben
ten Beschäftigung, die sie zur Verbandsbildung die Gewerkschaftsbewegung bis zum Ende
veranlassten. Die Buchdrucker führten be- des Kaiserreichs schwer beeinträchtigt.
reits Lohnkämpfe vor dem Hintergrund einer
durchgreifenden Rationalisierung des Gewer- Die langwierige Debatte um das Koaliti-
bes durch die Einführung der Schnellpresse. onsrecht fand nicht zufällig im Jahr 1869 ei-
nen vorläufigen Höhepunkt in der Gesetz-
Man erkennt hier bereits, dass die frühe gebung. Sie sollte während des Kaiserreichs
Gewerkschaftsbewegung ganz überwiegend immer wieder aufflammen und spielt bis heu-
handwerklichen Ursprungs war – das soll- te in der Rechtsprechung über Streiks eine ge-
te noch auf Jahrzehnte so bleiben. Von den wisse Rolle. In den 1860er Jahren stimulierte
rund 500 000 vorwiegend textilindustriellen sie Gewerkschaftsgründungen, und so kann
Fabrikarbeitern dürfte kaum einer bereits man das Jahr 1868 als „Gewerkschaftsgrün-
von Gewerkschaften gehört haben. Protes- dungsjahr“ bezeichnen: Weitere Zentralver-
tiert und gestreikt wurde freilich bereits an- bände entstanden nun auf handwerklicher
derweitig, so unter den hungernden Haus- Grundlage, und die politischen Parteien kon-
gewerbetreibenden und bei den temporär kurrierten um Einfluss auf die Organisations-
an wandernden Baustellen beschäftigten Ei- bildung. Das galt sogar für den deutschen Li-
senbahnbauarbeitern. Die Streikbewegungen beralismus, dessen fortschrittliche Kräfte mit
hielten auch während der 1850er Jahre an, als den Hirsch-Duncker’schen Gewerkvereinen
Gewerkschaftsgründungen durch die Obrig- eine eigenständige Gewerkschaftsbewegung
keit überwacht und verhindert wurden. anregten. Diese wagten sich mit den Walden-
burger Bergarbeitern bereits im Jahr 1869 in
ein riskantes Streikunternehmen, unterlagen
❙2  Vgl. Ulrich Borsdorf/Gabriele Weiden (Hrsg.), Ge-
schichte der deutschen Gewerkschaften von den An- darin und führten fortan eher ein Schatten-
fängen bis 1945, Köln 1987; Klaus Schönhoven, Die dasein im Vergleich zu den großen Zentral-
deutschen Gewerkschaften, Frankfurt/M. 1987. und Dachverbänden, die seit dem Jahr 1890

12 APuZ 13–14/2010
entstehen sollten. Immerhin, es gab die libe- Mit der Entwicklung der Arbeitsbeziehun-
ralen Gewerkvereine bis zum Jahr 1933. gen, der betrieblichen Organisation von Ar-
beit und dem gewerkschaftlichen Einfluss
Um ihren Einfluss auf die entstehende Ge- hierauf, hatte dies alles zunächst weniger zu
werkschaftsbewegung stritten vielmehr die tun. Vielmehr wird deutlich, dass und wie
beiden Arbeiterparteien, die im Zuge der allge- sehr die politischen Rahmenbedingungen
meinen Liberalisierung des politischen Klimas die Entstehungsgeschichte der deutschen Ge-
in den 1860er Jahren entstanden waren: Ferdi- werkschaftsbewegung diktierten. Das betraf
nand Lassalles Allgemeiner Deutscher Arbei- das politische System, den preußischen und
terverein seit dem Jahr 1863 und die Eisenacher deutschen Konstitutionalismus im Kaiser-
Sozialdemokratie mit ihren Führungsgestal- reich, ebenso wie die programmatisch-ideolo-
ten August Bebel und Wilhelm Liebknecht seit gischen Entwicklungen im Sozialismus.
dem Jahr 1868. Erstere hatten zunächst unter
dem Einfluss von Lassalle und dessen „Eher- Dieser hatte bis zum Sozialistengesetz eine
nem Lohngesetz“ die gewerkschaftliche Orga- Vielfalt von Strömungen aufgewiesen  – nun
nisation abgelehnt; sie bekehrten sich am Ende aber begann unter den Bedingungen von Un-
der 1860er Jahre nur zögernd zu richtigeren terdrückung und Verfolgung die Rezeption
Einsichten. Letztere standen unter dem Ein- des Marxismus, die im Erfurter Programm
fluss der Londoner Exilanten, Karl Marx und der deutschen Sozialdemokratie aus dem Jah-
Friedrich Engels, die an sich ebenfalls in der re 1891 gipfelte. Erst mit dem Auslaufen des
politischen Bewegung eher die Vorhut des Pro- Sozialistengesetzes im Jahr 1890 sollte ge-
letariats erkannten, aber die Gewerkschaftsbe- werkschaftliche Organisation wieder möglich
wegung für eine wichtige Form der Massenor- werden. Ein zentraler Dachverband war schon
ganisation, für eine Schule der proletarischen vor dem Jahr 1878, im Zusammenhang mit der
Demokratie, hielten. Es entstanden die Inter- Vereinigung der beiden Arbeiterparteien auf
nationalen Gewerksgenossenschaften, die sich dem Gothaer Kongress 1875, angestrebt wor-
ebenfalls in Zentralverbänden organisierten den, aber diese Ansätze fielen den Verboten
und rasch größeren Einfluss errangen. unter dem Sozialistengesetz anheim.

Allerdings widerfuhr der frühen Gewerk-


schaftsbewegung zunächst einmal die Reichs- Autoritärer Korporatismus:
gründung, die der Arbeitersache wegen natio- Gewerkschaften im
nalen Überschwangs wenig förderlich war, von
Marx aber als Bedingung für die Möglichkeit Wilhelmi­nischen Deutschland
umfassender proletarischer Organisation be-
grüßt wurde. Schlimmer noch, den Gewerk- Nach dem Jahr 1890 wuchs die deutsche Ge-
schaften widerfuhr seit dem Jahr 1874 eine ers- werkschaftsbewegung binnen zwei Jahr-
te schwere Krise des deutschen Kapitalismus, in zehnten zu imponierender Stärke heran. ❙4 Sie
deren Verlauf der preußisch-deutsche Obrig- stand jetzt auf anderen strukturellen Grund-
keitsstaat alle allenfalls noch rechtsstaatlichen lagen  – in gewisser Weise hat das Sozialis-
Drohkulissen und Unterdrückungsmechanis- tengesetz die organisatorische Fortbildung
men gegen die Arbeiterbewegung aufbaute. Das erleichtert und beschleunigt, wie ja auch die
gipfelte im Jahr 1878, nach den beiden Attenta- schwerste Verbotszeit, diejenige während der
ten auf Kaiser Wilhelm I., im Sozialistengesetz nationalsozialistischen Diktatur, längst über-
und einem Totalverbot aller jener organisatori- fällige organisatorische Anpassungen mög-
schen Bestrebungen, denen auch nur der Ruch lich machte, sogar erzwang.
des Sozialismus angeheftet werden konnte. ❙3
Am Ende des Sozialistengesetzes war all-
seits zu erkennen, wie sehr die Industriali-
❙3  Vgl. Willy Albrecht, Fachverein – Berufsgewerk- sierung die deutsche Erwerbslandschaft be-
schaft – Zentralverband. Organisationsprobleme reits verändert hatte. Namentlich der neue
der deutschen Gewerkschaftsbewegung 1870–1890,
Bonn 1982; Klaus Tenfelde, Sozialgeschichte der
Bergarbeiterschaft an der Ruhr im 19.  Jahrhundert, ❙4  Vgl. Klaus Schönhoven, Expansion und Konzen-
Bonn 19812; Thomas Welskopp, Das Banner der Brü- tration. Studien zur Entwicklung der Freien Gewerk-
derlichkeit. Die deutsche Sozialdemokratie zwischen schaften im Wilhelminischen Deutschland 1890 bis
Vormärz und Sozialistengesetz, Bonn 2000. 1914, Stuttgart 1980.

APuZ 13–14/2010 13
Leitsektor der Industrialisierung, die Mon- Jahren organisiert. Sie ergänzten das Geflecht
tanindustrie, zog seit der Jahrhundertmitte ihrer Organisationen nach dem Fall des Sozia-
zu Hunderttausenden Arbeitskräfte an sich. listengesetzes durch Arbeitgeberverbände, de-
Bergbau, Industrie und Handwerk überrun- nen im umfassenden Sinn die Behandlung der
deten spätestens um das Jahr 1900 die länd- „Arbeiterfrage“ oblag. Das führte beispiels-
liche Erwerbstätigkeit. Hinzu kam mit be- weise im Ruhrgebiet zur Gründung des soge-
reits rund einem Viertel der Erwerbstätigen nannten „Zechenverbands“, mit dem versucht
der nunmehr stärker wachsende Bereich der wurde, die Arbeitsmärkte unter Kontrolle zu
öffentlichen und privaten Dienstleistun- bekommen. Ein gleichermaßen willfähriges
gen. Letztere waren für die Gewerkschaften Instrument wurde mit Hilfe von Fabrikverei-
einstweilen nur in Ausnahmefällen erreich- nen geschmiedet, das waren wirtschaftsfried-
bar, aber in den industriellen Hauptberufen liche Organisationen, die von Unternehmer-
verankerte sich die gewerkschaftliche Orga- seite finanziell gestützt wurden und Streiks
nisation rasch und nachhaltig. ablehnten, aber in den betriebsbezogenen
Werkseinrichtungen mitwirkten. ❙6
Ein Teil des Aufstiegs der Gewerkschaften
war sicher dem repressiven Gestus des Obrig- Der „Herr-im-Hause-Standpunkt“ hatte
keitsstaates geschuldet, denn die Nichtanerken- sich seit vormärzlichen Zeiten herausgebildet
nung der gewerkschaftlichen Organisationen und in einer Reihe wichtiger Großunterneh-
und die Politik der behördlich-polizeilichen men auch zu teilweise vorbildlichen Sozialleis-
Nadelstiche gegen die Verbände zwangen die tungen geführt. Das berühmteste Beispiel hier-
Arbeiterschaften auf die Seite ihrer Organisa- für ist die Firma Fried. Krupp in Essen. Alfred
tionen. Jener Staat schuf sich gewissermaßen Krupp richtete frühzeitig Fabrikkassen für die
diejenige, scharf oppositionelle Arbeiterbe- Krankenpflege ein, nahm mit der Einrichtung
wegung, die er verdiente. Umgekehrt sah sich einer Konsumanstalt Einfluss auf die täglichen
die Arbeitgeberseite durch das Staats- und Be- Bedürfnisse der Arbeiterschaft und erweiterte
hördenverhalten ungemein begünstigt. Diese das Instrumentarium der betrieblichen Sozi-
Machtverzerrung machte es möglich, dass in alpolitik schon in den 1860er Jahren um einen
den Betrieben und Unternehmen patriarcha- ausgedehnten Werkswohnungsbau. Der kaum
lisch-autoritäre Herrschaftsansprüche durch- verborgene Zweck lag in der Bindung einer
gesetzt werden konnten. Stammarbeiterschaft an die Werke. Aber der
Gestus, in dem dies geschah, war der des Patri-
Dies galt namentlich für die Montanindus- archen, des Vaters der Werksfamilie Krupp, der
trie. Im Bergbau, im Hüttenwesen und auch in in der Tat keine Anstrengungen scheute, um
Teilen der Chemie- und Metallindustrie ließ das Wohlergehen seiner Arbeiter zu fördern
sich der zeitgenössisch vielfach apostrophier- – freilich nur, wenn diese sich nicht sozialisti-
te „Herr-im-Hause-Standpunkt“ exekutie- scher Bestrebungen verdächtig machten.
ren, wonach der Arbeiterseite so gut wie keine
Mitspracherechte in betrieblichen Angelegen- Dieses Vorbild fand zahlreiche Nachah-
heiten eingeräumt und Verhandlungen mit den mer, etwa in der Chemie-Industrie, wenn Carl
Gewerkschaften strikt abgelehnt wurden. ❙5 Duisberg seit den 1890er Jahren in Leverku-
Die Arbeitgeber selbst hatten sich in Inter- sen die Belegschaft auf dem neuen Werksge-
essenverbänden überwiegend seit den 1870er lände im Nordosten Kölns nach diesem Vor-
bild formte und schulte. Solche betriebliche
❙5  Vgl. Gerhard A. Ritter/Klaus Tenfelde, Arbeiter im Sozialpolitik begriff sich als „Gnadenakt“, als
Deutschen Kaiserreich 1870–1914, Bonn 1992. Über ein Bündel von Gunsterweisen, auf das kein
die passendere Beschreibung und Analyse der Vari-
Rechtsanspruch bestand und das deshalb je-
anten von Arbeitsbeziehungen in der Zeit des späten
Kaiserreichs hat die Forschung anhand des Begriffs derzeit zurückgenommen oder reduziert wer-
„Paternalismus“ bzw. „Patriarchalismus“ gestritten, den konnte. Von Mitbestimmung der Arbeit-
vgl. Karl Lauschke/Thomas Welskopp (Hrsg.), Mik- nehmer, wie sie von den Gewerkschaften längst
ropolitik im Unternehmen. Arbeitsbeziehungen und gefordert wurde, war dabei nicht die Rede.
Machtstrukturen in industriellen Großbetrieben des Arbeiter saßen durchaus in den Ausschüssen
20. Jahrhunderts, Essen 1994; Thomas Welskopp, Ar-
beit und Macht im Hüttenwerk. Arbeits- und indus-
trielle Beziehungen in der deutschen und amerikani- ❙6  Vgl. Klaus Mattheier, Die Gelben. Nationale Ar-
schen Eisen- und Stahlindustrie von den 1860er bis beiter zwischen Wirtschaftsfrieden und Streik, Düs-
zu den 1930er Jahren, Bonn 1994. seldorf 1973.

14 APuZ 13–14/2010
der Betriebskrankenkassen und betrieblichen bis heute wirksames Strukturproblem der ge-
Rentenversicherungen, aber sie gewannen werkschaftlichen Massenorganisation – das
kaum Einfluss auf diese Einrichtungen. Verhältnis der betrieblichen zur verbandlichen
Selbstbestimmung – erleichtert. Einstweilen
Das war sicher nicht überall der Fall. schien kein Weg zur Einheitsgewerkschaft
Mit der Reichsgewerbeordnung und der zu führen. Die Spaltung der Gewerkschafts-
Bismarck’schen Sozialversicherungspolitik bewegung hatte sich schon mit den Hirsch-
der 1880er Jahre hatte der Staat deutlich ge- Duncker’schen Gewerkvereinen abgezeich-
macht, dass auch die industriellen Arbeits- net. Sie prägte sich auf andere Weise nach der
verhältnisse einer öffentlichen Ordnung be- Reichsgründung aus, als Bismarck und das
durften, dass sich der Staat – entgegen den Reich gegen das katholische Deutschland den
zunächst weit überwiegenden marktliberalen „Kulturkampf“ einläuteten: Katholische Ar-
Auffassungen – sehr wohl in das Arbeitsver- beiter begannen, sich zunächst in christlich-
hältnis einzumischen habe. Er tat dies mit der sozialen Arbeitervereinen zu organisieren, um
Unfall-, der Kranken- und der Rentenversi- ihre Wertorientierungen und Interessen auch
cherung, griff jedoch zunächst nur zögernd in den Arbeitsverhältnissen durchzusetzen.
beim Arbeitsschutz durch, also auf dem Ge-
biet der Arbeitssicherheit zumal in stark ge- Als nach dem Fall des Sozialistengesetzes
fährdeten Berufen. Vor allem dem Verlangen die freie Gewerkschaftsbewegung stark in das
der Arbeiter nach Mitbestimmung in den Be- Fahrwasser der Sozialdemokratie geriet und
trieben gab der Staat nur zögernd nach. Es sich deren Internationalismus ebenso wie der
bedurfte großer Streiks namentlich im Berg- grundsätzlichen Systemkritik am konstitutio-
bau, um auf gesetzlichem Weg der Arbeiter- nellen Staat und der Monarchie sowie in Teilen
seite ein solches Mitspracherecht einzuräu- einer religionskritischen Haltung anschloss,
men. Im Bergbau gelang dies, allerdings bei gründeten die christlich-katholischen Ar-
stark eingeschränkten Mitspracherechten. beiter ihre eigenen Gewerkschaften. Das be-
gann 1894 im Ruhrbergbau und breitete sich
In anderen, durchaus zahlreichen, weniger rasch auf andere wichtige Branchen aus. Man
großbetrieblichen Gewerben konnte dies be- gab sich als Dachverband den Gesamtverband
reits anders aussehen, und auch größere Be- christlicher Gewerkschaften Deutschlands
triebe wie die Carl Zeiss AG in Jena oder die und erreichte bis zum Ausbruch des Ersten
Unternehmensgruppe von Robert Bosch in Weltkriegs beachtliche Organisationsgra-
Stuttgart gingen andere Wege in der Mitbestim- de. ❙7 Dabei glichen sich die gewerkschaftspo-
mungsfrage. Vielfach wirkten sich darin ande- litischen Ziele der freien und der christlichen
re, philanthropische Überzeugungen jenseits Gewerkschaftsbewegung durchaus, aber die
eines machtbewussten unternehmerischen Pa- ideologischen Gräben verhinderten vielfach
triarchalismus aus. Von noch größerer Bedeu- ein solidarisches Zusammengehen.
tung dürften indessen die Marktverhältnisse
gewesen sein, unter denen etwa die Unterneh- Das andere grundsätzliche Problem der ge-
men der Konsumgüterindustrien zu produzie- werkschaftlichen Massenorganisation lag in
ren hatten. Sie sahen sich teilweise sehr früh- der Frage begründet, welche Struktur eine
zeitig zu „Friedensschlüssen“ (Tarifverträgen möglichst schlagkräftige Organisation zur
mit den Gewerkschaften) und damit zu deren Formierung der Arbeiterinteressen gegen die
rechtlicher Anerkennung als Vertragspartner Unternehmerseite überhaupt annehmen sollte.
veranlasst. Diese Entwicklung hin zu Tarifver- Es war keineswegs selbstverständlich gewesen,
trägen nahm bereits vor dem Jahr 1914 erstaun- dass sich die Gewerkschaften schon vor dem So-
liche Ausmaße an. Dagegen beharrten die Un- zialistengesetz in berufsverbundenen Zentral-
ternehmer in Kohle und Stahl und auch in der verbänden gefunden hatten. Aber es entsprach
chemischen Industrie auf ihren unverrückba- wohl dem in Deutschland in jenem Jahrhun-
ren Grundsätzen. Sie lehnten jede Art der Ver- dert der Vereine längst verbreiteten Gestus der
ständigung mit den Gewerkschaften ab.
❙7  Vgl. Michael Schneider, Die Christlichen Gewerk-
Diese Haltung wurde ihnen nicht nur durch
schaften 1894–1933, Bonn 1982; Hans-Georg Fleck,
den repressiven Gestus des Obrigkeitsstaats, Sozialliberalismus und Gewerkschaftsbewegung. Die
sondern auch durch die Spaltung der Gewerk- Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine 1868–1914,
schaftsbewegung und durch ein wichtiges, Köln 1994.

APuZ 13–14/2010 15
repräsentativen Vereins- und Verbandsdemo- lich-katholischen Richtung, vor dem Jahr 1914
kratie, wonach die Mitglieder eines Verbandes in den Hintergrund gedrängt worden. Im Jahr
ihre Vorstände und Delegierten für regionale 1890 hatten rund 300 000 Mitglieder die neuen,
und nationale Gremien wählen, die ihrerseits größeren Verbände der freien Gewerkschaften
für befristete Zeiträume die Gesamtinteressen gegründet und sich mit der Generalkommis-
der für den nationalen Einzugsbereich zustän- sion der Gewerkschaften Deutschlands einen
digen Verbandsorganisation vertreten. Dachverband gegeben. Diesem gehörten schon
im Jahre 1906 mehr als 1,6 Millionen Mitglie-
In Großbritannien oder Frankreich gewann der an – das waren fünfmal so viele Mitglieder,
dagegen die Alternative der Verbandsorga- wie sie die Sozialdemokratie zählte.
nisation – die Bündelung der Kräfte auf der
Ebene des Unternehmens und Betriebs – viel Ohne Zweifel ist der Mitgliederzustrom
größeren Einfluss. Wenn nun die gewerk- (trotz der strukturellen Probleme der Organi-
schaftlichen Verbände Mitbestimmung durch sationsbildung) durch neue organisatorische
betriebliche Arbeiterausschüsse und Mitspra- Grundsätze beflügelt worden. Denn die Er-
cherechte in den Unternehmen einforderten, fahrungen des Sozialistengesetzes hatten dazu
so bildeten sie damit gewissermaßen ihre ei- verholfen, alte, eher handwerkliche Traditio-
gene Opposition heran: demokratisch legiti- nen einer strikt nach Berufen gegliederten Ar-
mierte Betriebsversammlungen, die ihre je- beitswelt zu beseitigen. Die alten Zöpfe zunft-
weils eigenen Delegierten wählten und auf artiger Berufsverbundenheit sollten zwar noch
diese Weise auch in einen Gegensatz zur Ver- lange nachwirken, aber die Vorteile einer be-
bandsdemokratie geraten konnten. rufsübergreifenden Organisation nach Bran-
chen spiegelten sich rasch in den organisatori-
Solange Mitbestimmung in den Betrieben schen Erfolgen der neuen Industrieverbände.
kaum eine Rolle spielte, störte dies die orga- Diese Verbände erwiesen sich als der moder-
nisatorische Entwicklung wenig. Immerhin nen Organisation der kapitalistischen Indust-
gelang die endgültige Durchsetzung des Ver- riewirtschaft sehr viel angemessener. Auch der
bandsprinzips der gewerkschaftlichen Or- im Jahr 1890 entstandene Fabrikarbeiterver-
ganisation seit dem Jahr 1890 nur gegen die band, der später zur Gewerkschaft der Che-
starke Opposition der sogenannten „Loka- miearbeiter und verwandter Berufe wurde,
listen“, die eine gewerkschaftliche Organisa- und der Verband der Bergarbeiter Deutsch-
tion auf lokaler und betrieblicher Ebene für lands waren eher Industrieverbände.
sehr viel wirksamer hielten und deren Bestre-
bungen seit dem Jahr 1910 zu einer auch in Es liegt auf der Hand, dass sich gerade ge-
Deutschland dann in der Revolution 1918/19 gen solche Großverbände eher „basisdemo-
gestärkten anarchosyndikalistischen Ge- kratische“ Bestrebungen richten konnten.
werkschaftsbewegung führten. ❙8 Diese Ge- Andererseits ermöglichten erst die Zentral-,
werkschafter hielten die „direkte Aktion“ Industrie- und Dachverbandsorganisationen
ohne Differenzierung nach gewerkschaft- den Gewerkschaften, eine einheitliche Stimme
lichen und politischen Zielen im Kampf der auch in den parlamentarischen Gremien, in der
Arbeiter um Emanzipation für Erfolg ver- Öffentlichkeit und gegenüber den Regierun-
sprechender als die Verbandsdemokratie, die, gen zu Gehör zu bringen. Erst auf diese Weise
so wurde behauptet, mit schwerfälligen Ent- konnte allgemeines „Kampfwissen“ wie statis-
scheidungsstrukturen, Bürokratisierung und tische Daten gesammelt und wirksam verwen-
gar der Korruption von Führungsgremien det werden oder ließen sich wichtige Aufgaben
der Massenorganisationen einhergehe. wie die Frauen­agi­ta­tion angehen.

Das sich darin anbahnende Strukturproblem


ist durch den Organisationserfolg der deut- Aufstieg, Niedergang
schen Gewerkschaften, auch in ihrer christ- und Zerstörung des Korporatismus
Die kriegswirtschaftlichen Bedingungen seit
❙8  Vgl. Dirk H. Müller, Gewerkschaftliche Versamm-
August 1914 lenkten den autoritären Korpora-
lungsdemokratie und Arbeiterdelegierte in der deut-
schen Gewerkschaftsbewegung vor 1918. Ein Beitrag tismus des späten Deutschen Kaiserreichs zu-
zur Geschichte des Lokalismus, des Syndikalismus nächst in die Richtung eines staatsgelenkten
und der entstehenden Rätebewegung, Berlin 1984. Korporatismus, der mit der Revolution 1918/19

16 APuZ 13–14/2010
umschlug in den – während der Nachkriegs- diesem Gesetz ging es darum, die Mobilität
und Revolutionsjahre sowie vor allem in der der ­Arbeitskräfte einzuschränken und zu-
Inflationszeit und der Stabilisierungskrise gleich durch Einrichtung von Arbeiteraus-
1923/24 scheiternden – Versuch eines gleichbe- schüssen in größeren Betrieben und Formen
rechtigten, korporativ organisierten Miteinan- der betrieblichen Mitbestimmung rechtlich
ders von Arbeitgebern und Gewerkschaften. zu verankern. Das wies voraus auf die Nach-
kriegszeit und ließ erstmals die Gewerkschaf-
Zunächst verzichteten die Gewerkschaften ten als politisch handlungsfähige Großorgani-
mit Kriegsausbruch im sogenannten „Burg- sationen in Erscheinung treten.
frieden“ auf ihr schärfstes Instrument, die
Streikwaffe. Sie gelobten Stillhalten wäh- Die revolutionären Ereignisse veränder-
rend der Kriegsjahre und versprachen sich da- ten die Kräftekonstellation auf den Arbeits-
von die ersehnte staatliche Anerkennung, die märkten grundlegend, wenn auch letztlich nur
seit Ende des Jahres 1916 in verklausulierter ­vorübergehend. Als sich spätestens im Sommer
Form auch vollzogen wurde. ❙9 Der Verzicht 1918 die deutsche Niederlage abzeichnete, be-
auf Streiks verwies die Gewerkschaften jedoch sannen sich sogar die Arbeitgeber der Schwer-
auf den Staat als Ansprechpartner und Adres- industrie auf Zugeständnisse, die sie im Falle
saten gewerkschaftlicher Forderungen, wobei eines deutschen Sieges sicher nicht so bald ein-
namentlich die Militärbehörden eine zuneh- geräumt hätten. Mit den Ereignissen der No-
mende Rolle spielten. Doch der Kriegsaus- vemberrevolution schien (vor dem Hintergrund
bruch schwächte die Gewerkschaften enorm. der russischen Revolutionen des Jahres 1917)
Zahlreiche Einberufungen und die Umstruk- Sozialisierung und Enteignung zu drohen.
turierungen der Erwerbstätigkeit hin zu rüs- Am 16. November 1918 wurde das sogenannte
tungswirtschaftlichen Schwerpunkten ließen Stinnes-Legien-Abkommen geschlossen, mit
den Mitgliederbestand wegbrechen. dem die industriellen Arbeitsbeziehungen zu-
nächst gewissermaßen pazifiziert wurden. Die
Erholung trat erst mit dem Jahr 1917 ein, als Arbeitgeberseite erkannte die Gewerkschaf-
sich wachsende Kriegsmüdigkeit der Bevölke- ten nun auch in den Großindustrien als bevoll-
rung bemächtigte und Protestbewegungen ge- mächtigte Verhandlungsführer der Arbeiter-
gen unzulängliche Versorgung, rasch wach- schaften an, konzedierte die Einrichtung von
sende Lebensmittelpreise und damit nicht Arbeitsgemeinschaften mit dem Ziel regelmä-
Schritt haltende Löhne um sich griffen und ßiger Tarifverhandlungen und einigte sich auf
mit Friedensforderungen vermengten. In ge- wesentliche sozialpolitische Zugeständnisse,
wisser Weise schlug die Stunde der Gewerk- darunter den achtstündigen Arbeitstag.
schaften, als der Staat im Herbst 1916 Über-
einstimmung mit der Wirtschaft dahingehend Das Abkommen hätte, zusammen mit den
herstellte, dass die rüstungswirtschaftlichen Verordnungen des Rates der Volksbeauftrag-
Anstrengungen erheblich verstärkt werden ten, für die Weimarer Republik langfristig
mussten. So wurde das sogenannte „Hilfs- stilbildend wirken können. Aber maßgebliche
dienstgesetz“ vom Dezember 1916 zum so- Kräfte im Arbeitgeberlager rückten davon ab,
zialpolitischen Korrelat des rüstungswirt- sobald ihnen dies die politischen Verhältnisse
schaftlichen Hindenburg-Programms. ❙10 Mit zu erlauben und die konjunkturelle Entwick-
lung nahe zu legen schien. Hingegen gerieten
❙9  Vgl. Hans-Joachim Bieber, Gewerkschaften in die Gewerkschaften immer stärker unter den
Krieg und Revolution. Arbeiterbewegung, Industrie, Druck sowohl innerverbandlicher oppositi-
Staat und Militär in Deutschland 1914–1920, 2 Bde., oneller Kräfte als auch einer außerverband-
Hamburg 1981; Klaus Schönhoven (Bearb.), Die Ge-
lichen, vielfach syndikalistisch durchsetzten
werkschaften in Weltkrieg und Revolution 1914–1919,
Köln 1985. Die Quellenserie enthält zentrale Doku- Massenbewegung, die den Ertrag der Re-
mente der Spitzengremien der Gewerkschaften. Sie volution für die Arbeiterseite als viel zu ge-
ist mit bisher 14 Bänden bis in die Zeit der Bundes- ring interpretierte sowie eine schnelle Sozi-
republik fortgesetzt worden und wird zur Zeit von alisierung und grundsätzliche Neuordnung
Klaus Schönhoven herausgegeben. der politischen Verhältnisse mittels der Räte­
❙10  Vgl. Gerald D. Feldman, Armee, Industrie und
bewe­g ung verlangte.
Arbeiterschaft 1914–1918, Berlin 1985; ders./Irmgard
Steinisch, Industrie und Gewerkschaften 1918–1924.
Die überforderte Zentralarbeitsgemeinschaft, Stutt- Zeitgleich formierten sich die linken und
gart 1985. rechten Kräfte der noch gar nicht etablierten

APuZ 13–14/2010 17
Weimarer Demokratie während der nachre- Machtanmaßung im Jahr 1933 gelangen der
volutionären Wirren. Die Gewerkschaften ersten deutschen Demokratie sehr beachtli-
erstarkten zwar durch einen zunächst gewal- che sozialpolitische Ordnungserfolge. Dazu
tigen Mitgliederzustrom und gaben sich mit rechnete bereits das Betriebsrätegesetz zum
Gründung des Allgemeinen Deutschen Ge- Jahresbeginn 1920, das von erbitterten Kämp-
werkschaftsbundes (ADGB) im freigewerk- fen innerhalb und außerhalb des Reichstags
schaftlichen Lager einen neuen Dachverband zu Berlin begleitet wurde. Außerdem sind die
und Bundesvorstand. ❙11 Auch die christliche Ergänzung der staatlichen Sozial­politik durch
Gewerkschaftsbewegung reorganisierte sich die Arbeitslosenversicherung, das Arbeits-
und formte als Dachverband den Deutschen gerichtsgesetz und zahlreiche weitere Maß-
Gewerkschaftsbund (DGB). Die wirtschaft- nahmen des Gesetzgebers zu nennen. Die
liche Entwicklung und die sich beschleuni- Betriebsräte wurden, getrennt nach Arbeiter-
gende Inflation versetzten die Gewerkschaf- und Angestelltenräten, dauerhaft in mittleren
ten allerdings in die Defensive. und größeren Betrieben installiert, und das
Betriebsrätegesetz ist bald darauf durch aller-
Die sozialen Auseinandersetzungen kon- dings noch begrenzte Maßnahmen zur Ver-
zentrierten sich nun auf die Brandherde der tretung von Arbeitern in den Aufsichtsräten
Republik: Berlin und Mitteldeutschland, der großen Unternehmen ergänzt worden.
Sachsen und Hamburg, vor allem das Ruhr-
gebiet. In den schwerindustriellen Zentren Das Reformwerk ❙12 steuerte also einen
des Reichs gelang es den Gewerkschaften Kompromiss zwischen den konkurrieren-
nicht oder nur unvollkommen, die Ausein- den Grundlinien der „Arbeiterdemokratie“
andersetzungen zwischen den politisch ra- an: Es legalisierte die Belegschafts- und Be-
dikalisierten Lagern in das Gebiet des ta- triebsdemokratie, was übrigens durchaus im
rifpolitischen Ausgleichs zu lenken. Einen „wohlverstandenen“ Interesse der Arbeitge-
Höhepunkt erreichten diese Kämpfe mit dem ber hätte liegen können, und es bahnte den
zunächst erfolgreichen Widerstand der deut- Gewerkschaften Einflusswege in die Be-
schen Gewerkschaftsbewegung gegen den triebsräte hinein, verhalf also der Verbände-
Kapp-Lüttwitz-Putsch vom 13.  März 1920. demokratie und deren Anspruch auf Wah-
Damit gelang den Gewerkschaften zunächst rung der Tarifhoheit Geltung. Damit nahm
ein wichtiger politischer Erfolg, denn der Ge- die betriebliche und überbetriebliche Mit-
neralstreik verhalf der gewählten Reichsre- bestimmung einen dann erst in der zweiten
gierung binnen weniger Tage zur Sicherung Nachkriegszeit weiter beschrittenen Weg.
ihrer verfassungspolitischen Funktionen.
Das funktionierte anfänglich besser, weil
Indessen entfaltete sich im Ruhrgebiet im den Arbeitgebern die Revolution „in den
Anschluss an den Putsch der aufsehenerre- Knochen steckte“, es funktionierte auch ei-
gende Kampf der Roten Ruhrarmee gegen nigermaßen in der konjunkturellen Gunst-
eine aus Berlin dirigierte Kräfteallianz von lage zwischen den Jahren 1926 bis 1929, es
Reichswehr und reaktionären Freikorps- funktionierte kaum noch während der Welt-
Truppen. Tausende Menschen ließen in diesen wirtschaftskrise. Insbesondere gelang es den
Kämpfen ihr Leben. Die Gewaltförmigkeit Arbeitgebern spätestens seit dem Jahr 1923,
politischer Auseinandersetzungen hatte vom gewisse „Errungenschaften“ der Revolution
Weltkrieg ihren Ausgang genommen und be- zurückzudrängen, etwa die Arbeitsgemein-
gleitete die politischen Auseinandersetzun- schaftspolitik auszuhöhlen oder Tarifdiktate
gen in der Weimarer Republik mit einem Hö- durchzusetzen, die zu Streiks und Aussper-
hepunkt während der ­Weltwirtschaftskrise. rungen führten und staatliche Zwangsschlich-
tung erforderlich zu machen schienen. ❙13
Trotz der vielfach gewaltförmigen Kämpfe
in der Stabilisierungsphase der Weimarer Re- ❙12  Für eine neue Deutung des Betriebsrätegeset-
publik bis zum Jahr 1924 und der Untergangs- zes vgl. Werner Milert/Rudolf Tschirbs, Die ande-
phase von 1930 bis zur nationalsozialistischen re Demokratie. Betriebliche Interessenvertretung in
Deutschland 1848–2008, i. E.
❙13  Vgl. Johannes Bähr, Staatliche Schlichtung in der
❙11  Vgl. Karl Christian Führer, Carl Legien 1861– Weimarer Republik. Tarifpolitik, Korporatismus und
1920. Ein Gewerkschafter im Kampf um ein „mög- industrieller Konflikt zwischen Inflation und Defla-
lichst gutes Leben“ für alle Arbeiter, Essen 2009. tion, Berlin 1989.

18 APuZ 13–14/2010
Die Nationalsozialisten setzten ab dem markiert. Immer handelte es sich im Kern um
2.  Mai 1933, dem Tag der Erstürmung der die Kräftekonstellation zwischen Arbeitge-
Gewerkschaftshäuser, ihre Auffassung von bern und Arbeitnehmern und um die darin
der Gestaltung der Beziehungen zwischen tunlichst wahrzunehmende Rolle des Staats,
Arbeitgebern und Arbeitnehmern mit un- so dass gelegentlich auch vom „Tripartismus“
erbittlicher Härte ins Werk. Sie leugneten gesprochen worden ist. Ob man nun von ei-
den grundlegenden industriegesellschaftli- nem „demokratischen“ oder „freiheitlichen“
chen Interessenkonflikt und beendeten mit Korporatismus spricht, es bleibt doch unbe-
dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Ar- zweifelt, dass Arbeitgeber, Gewerkschaften
beit (1934) jegliche tarifvertragliche Verhand- und Betriebsräte seit dem Jahr 1945 auf ver-
lungsfreiheit. An die Stelle der Gewerkschaf- änderten Grundlagen und in enger Symbi-
ten trat die Deutsche Arbeitsfront. Führende ose mit dem Ausbau des Arbeitsrechts und
Gewerkschafter wurden verfolgt und ins Exil des Sozialstaats dauerhafte Strukturen ei-
getrieben, manche wurden ermordet. Statt nes transparenten betrieblichen und überbe-
Konsensbildung in entscheidungsfähigen trieblichen Interessenausgleichs zu etablieren
Gremien herrschte das Führerprinzip, statt ­ver­mochten.
Betriebsräten gab es machtlose „Vertrauens-
räte“, und Belegschaften wurden zu „Gefolg- Schon während der Wirren des Zusam-
schaften“, um unter der schimärischen Vision menbruchs etablierten sich (ganz im Westen
der „Volksgemeinschaft“ den Klassenkampf Deutschlands schon Ende des Jahres 1944) er-
zu überwinden. Schritt für Schritt wurde neut freiheitliche Zusammenschlüsse auf der
das Arbeitsverhältnis zum Zwangsverhält- Ebene der Betriebe, oftmals einhergehend
nis, gipfelnd in dem Heer von Zwangsarbei- mit dem zunächst lokal begrenzten Wieder-
tern und Kriegsgefangenen, das seit Kriegs- aufbau von gewerkschaftlichen Organisati-
beginn in die Betriebe gezwungen wurde. onen. Es wurde zunächst auf die Weimarer
Der autoritäre Korporatismus der Kaiserzeit, Erfahrungen und die Rechtsformen des Be-
der in den Köpfen der Arbeitgeber verständ- triebsrätegesetzes aus dem Jahr 1920 zurück-
licher Weise als vorbildlich galt und manche gegriffen. Wohl um einer Sonderentwicklung
rückwärts gewandte Sehnsucht nach „golde- in der Sowjetzone zuvorzukommen, gestat-
nen Zeiten“ wach hielt, missriet vollends in teten die Alliierten im April 1946 die Errich-
den Schrecken der Diktatur. tung von Betriebsräten unter gewissen Ab-
weichungen von der älteren Rechtslage. Seit
dem Jahr 1947 galt außerdem in den Unter-
Entwicklung des demokratischen nehmen der Eisen- und Stahlindustrie die pa-
Korporatismus in der Bundesrepublik ritätische Mitbestimmung, bei der die Hälf-
te der Aufsichtsräte eines Unternehmens und
Es ist viel darüber gestritten worden, ob der Arbeitsdirektor als Vorstandsmitglied
mit dem Begriff des Korporatismus das Zu- durch die Arbeiter bestellt wurden. ❙15
sammenwirken der politischen und gesell-
schaftlichen Kräfte zur kontrollierten Be- Nach Gründung der beiden deutschen
friedung von Konflikten und der Wandel in Staaten konnten die Gewerkschaften in einer
den jeweils bestimmenden Kräftekonstella- denkwürdigen politischen Konstellation diese
tionen angemessen beschrieben und analy- weitreichende Form der Mitbestimmung mit
siert werden kann. ❙14 Unverkennbar war je- dem Gesetz über die Montanmitbestimmung
doch die Arbeitsverfassung des deutschen auch auf den Bergbau ausdehnen, während
20.  Jahrhunderts durch einen langen und sie im Kampf um das Betriebsverfassungs-
opfervollen, durch politische Systemwech- gesetz aus dem Jahr 1952 eine Niederlage er-
sel zugleich unterbrochenen und fortgeleite- litten. Dagegen sind die Betriebsräte in der
ten Weg zu einer moderneren Konsenskultur DDR sehr bald von Betriebsgewerkschafts-
leitungen verdrängt worden, mit denen die
zentralistischen Gewerkschaftsorganisationen
❙14  Vgl. Werner Abelshauser, Der Rheinische Kapita- des Freien Deutschen Gewerkschaftsbun-
lismus im Kampf der Wirtschaftskulturen, in: Volker
Berghahn/Sigurt Vitols (Hrsg.), Gibt es einen deut-
schen Kapitalismus? Tradition und globale Perspek- ❙15  Vgl. Karl Lauschke, Die halbe Macht. Mitbestim-
tiven der sozialen Marktwirtschaft, Frankfurt/M. mung in der Eisen- und Stahlindustrie 1945 bis 1989,
2006, S, 186–199. Essen 2007.

APuZ 13–14/2010 19
des (FDGB) als verlängerter Arm der Sozi- Betrieben ein, was eine ihrer wichtigsten For-
alistischen Einheitspartei in den Betrieben derungen gewesen war.
und Unternehmen entscheidenden Einfluss
­nahmen. ❙16 Während nach dem Jahr 1972 bei der über-
betrieblichen Mitbestimmung noch ein Kom-
Die neue Rechtslage in der Bundesrepublik, promiss erzielt werden konnte, blieb es in den
in der das Betriebsrätegesetz aus dem Jahr Betrieben fast 30 Jahre lang bei der damit ge-
1920 fortlebte, hatte in mancherlei Hinsicht schaffenen Rechtslage. Mit einer Novellie-
Rückschritte bei den den Betriebsräten zuste- rung des Betriebsverfassungsgesetzes wurde
henden Mitwirkungsmöglichkeiten gebracht, im Jahr 2001 auf veränderte Rahmenbedin-
jedenfalls gegenüber den mancherorts in den gungen reagiert. Das betraf die Rechte und
Bundesländern bereits durchgesetzten Rege- Pflichten der Betriebsräte nur wenig – ande-
lungen. Die Gewerkschaften beklagten vor re Entwicklungen schienen die Grundlagen
allem ihre sehr begrenzten Einwirkungsmög- der deutschen betrieblich-gewerkschaftlichen
lichkeiten nach dem neuen, nicht zuletzt aus Kompromisskultur viel nachhaltiger zu er-
der katholischen Soziallehre inspirierten Ge- schüttern. Drei neue große Herausforderun-
setz. Man befürchtete Einflussverlust durch gen zeichneten sich ab: die arbeitsmarktpoli-
Betriebsegoismus und baute deshalb ein frü- tische Schwächung der Arbeitnehmermacht
her schon in manchen Branchen etabliertes durch Deregulierung und hohe Arbeitslo-
System von gewerkschaftlichen Vertrauens- sigkeit im Zuge fortschreitender Globali-
leuten in den Betrieben aus. Die Möglichkeit sierung, die deutsch-deutsche Vereinigung
eines eventuell eskalierenden Dualismus der und die damit beschleunigte, seit langem
Interessenvertretung zwischen Betriebsräten schon erforderliche Neujustierung der ge-
und Gewerkschaften (Betriebs- und Verbän- werkschaftlichen Verbändestruktur und die
dedemokratie) bestimmte mithin die Stra- Europäisierung der wirtschaftspolitischen
tegie – ein alter Kernkonflikt der Gewerk- Entscheidungsfelder, mit der auch neue, die
schaftsorganisation. deutsche Mitbestimmungskultur beeinflus-
sende Rechtsformen geschaffen werden.
Damit einher ging die Wahrnehmung, dass
der Ausbau der gewerkschaftlichen Organi- In manchen Wirtschafts- und Dienstleis-
sationsmacht in den 1960er Jahren zeitwei- tungsbereichen widerfuhren der Tarifho-
se stockte. Das Düsseldorfer Grundsatzpro- heit der Gewerkschaften empfindliche Ein-
gramm der Gewerkschaften (1963) rückte bußen. Die strukturelle Arbeitslosigkeit und
indessen die betriebliche Mitbestimmung und die politischen Maßnahmen zur Flexibili-
deren Ausbau in den Vordergrund – ein neu- sierung der Arbeitsmärkte haben wegen des
es Betriebsverfassungsgesetz sollte erarbei- Rückgangs der Mitgliederzahlen die Organi-
tet werden. Die Arbeit der Betriebsräte war sationsmacht der Verbände empfindlich ge-
für die Gewerkschaften immer wichtiger ge- schwächt. Das scheint, bisher jedenfalls, das
worden. Der demokratische Korporatismus Niveau des betrieblich organisierten Interes-
funktionierte, auch im Reformschwung der senausgleichs, den demokratischen Korpo-
späten 1960er und der 1970er Jahre, als etwa ratismus, weniger zu beeinträchtigen. Eher
die Septemberstreiks des Jahres 1969 die Mög- schon sind im europäischen Rahmen in Zu-
lichkeit des Auflebens schwer kontrollierba- kunft nachhaltige Maßnahmen mindestens
rer Protestbewegungen gezeigt hatten. Das gegen einen weiteren Ausbau, wenn nicht ge-
neue, im Jahr 1972 verabschiedete Betriebs- gen den Bestand der überbetrieblichen Mit-
verfassungsgesetz stärkte auch quantitativ bestimmung zu gewärtigen.
die betriebliche Repräsentanz der Arbeitneh-
mer und erweiterte ihre Mitsprache- und Ve-
torechte in sozialen Angelegenheiten und bei
Personalentscheidungen; es räumte vor allem
den Gewerkschaften ein Zugangsrecht zu den

❙16  Vgl. Helke Stadtland, Herrschaft nach Plan und


Macht der Gewohnheit. Sozialgeschichte der Ge-
werkschaften in der SBZ/DDR 1945–1953, Essen
2001.

20 APuZ 13–14/2010
Ulrich Brinkmann · Oliver Nachtwey Technologien und die Globalisierung haben
die Verhandlungsmacht der Unternehmen ge-
Krise und strategische genüber den Beschäftigten enorm gesteigert.
Viele Firmen versuchen Personal abzubauen

Neuorientierung der oder gleich ganze Standorte zu verlagern. Al-


lein die Drohung einer solchen Verlagerung
kann Belegschaften einschüchtern.
Gewerkschaften Diesen Verlust von struktureller Macht
können Gewerkschaften teilweise durch Or-

E s bedurfte nicht erst der Finanz- und der


darauffolgenden Wirtschaftskrise, da-
mit die deutschen Gewerkschaften sich ih-
ganisationsmacht abfedern – allerdings wa-
ren sie auch hier in den vergangenen Jahren
mit Erosionsprozessen konfrontiert. Organi-
rer Krise als Orga- sationsmacht ist keine rein numerische Grö-
Ulrich Brinkmann nisationen bewusst ße, sondern reflektiert die Fähigkeit zum kol-
Dr. phil., geb. 1967; Professor wurden. Noch bis in lektiven Handeln. Viele junge, qualifizierte
für Wirtschaftssoziologie an der die 1980er Jahre gal- Beschäftigte haben aber oft nur noch eine
Universität Trier, FB IV – Sozio- ten sie international geringe Neigung, sich gewerkschaftlich zu
logie, Lehrstuhl Wirtschafts- als ein Hort der Sta- organisieren. Die Gewerkschaften konnten
soziologie, Universität Trier, bilität, als kampfstar- bisher auch viele prekär Beschäftigte nicht
54286 Trier. ke, befestigte, aber erreichen. Gerade in neuen Branchen sind die
brinkman@uni-trier.de auch vergleichsweise Gewerkschaften unterrepräsentiert und ha-
flexible Organisatio- ben vielerorts zunehmend Schwierigkeiten,
Oliver Nachtwey nen, die die Interes- ihre Mitglieder zu kollektiven Aktionen zu
Dr. disc. pol., geb. 1975; sen ihrer Mitglieder ­mobilisieren.
wissenschaftlicher Mitarbeiter wirkungsvoll zu ver-
am Institut für Soziologie der treten wussten. Doch Die dritte Quelle der Macht von Lohnab-
Universität Jena, Lehrstuhl unter der Oberfläche hängigen und Gewerkschaften ist die insti-
für Arbeits-, Industrie- und einer institutionellen tutionelle Macht. ❙3 Sie stellt eine sekundäre
Wirtschaftssoziologie, Fried- und organisatorischen Machtform dar, gewissermaßen eine geronne-
rich-Schiller-Universität Jena, Stabilität schwand zu- ne Gestalt der beiden anderen Primärmacht-
Carl-Zeiß-Straße 2, 07743 Jena. sehends ihre Kraft. ❙1 formen. Institutionelle Macht ist den sozialen
oliver.nachtwey@uni-jena.de Lange vor Einbruch Kompromissbildungen zwischen Unterneh-
der Wirtschaftskrise men, Staat und Gewerkschaften eingeschrie-
griffen die Routinen der Sozialpartnerschaft, ben. Ganz konkret drückt sie sich in Routi-
des Tarifsystems und der betrieblichen Aus- nen, Praktiken und geteilten Überzeugungen,
handlungen immer weniger. vor allem aber in institutionellen Formen wie
dem Arbeitsrecht, Wohlfahrtsstaat, der Mit-
Der Charakter dieser Krise lässt sich am bestimmung und dem Tarifsystem aus. Sie
besten anhand des Wandels der betrieblichen verkörpert damit einen stabilen und struktu-
und gesellschaftlichen Machtressourcen der rierenden Fixpunkt gewerkschaftlichen Han-
lohnabhängig Beschäftigten analysieren. ❙2 Die delns. Einmal erlangt, ist sie von beständigem
strukturelle Macht von Lohnabhängigen wird Charakter und wird nicht von flüchtigen po-
zum einen durch die Situation auf dem Ar- litischen Konjunkturen ausgehebelt. Durch
beitsmarkt und zum anderen durch ihre spe- ihre Beständigkeit kann sie aber dazu ver-
zifische Stellung im Produktionsprozess be- führen, sich bei sinkender Primärmacht auf
stimmt. Diese wurde in den vergangenen zwei die etablierten institutionellen Praktiken zu
Jahrzehnten nachhaltig geschwächt. Hohe verlassen – und so nur noch einen Schein der
Arbeitslosigkeit, industrieller Wandel, neue Stabilität zu wahren, während ihre Grund-
feste längst zerbröseln. Kurzum: Institutio-
nelle Macht kann langfristig nicht ohne den
❙1  Vgl. Carola M. Frege/John Kelly, Union Revitali-
zation Strategies in Comparative Perspective, in: Eu-
ropean Journal of Industrial Relations, 9 (2003) 1, ❙3  Vgl. Ulrich Brinkmann/Hae-Lin Choi/Richard
S. 7–24. Detje/Klaus Dörre/Hajo Holst/Serhat Karakayali/
❙2  Vgl. Beverly J. Silver, Arbeiterbewegung und Glo- Catharina Schmalstieg, Strategic Unionism: Aus der
balisierung seit 1870, Berlin-Hamburg 2005. Krise zur Erneuerung?, Wiesbaden 2008.

APuZ 13–14/2010 21
Unterbau von struktureller und Organisati- Vollzeitbeschäftigung nach, zehn Jahre spä-
onsmacht ­f unktionieren. ter waren es nur noch 66 Prozent.

Nach dem Schwinden von struktureller und Zwar erleichterte das novellierte Betriebs-
Organisationsmacht geriet seit den 1990er verfassungsgesetz aus dem Jahr 2001 die Grün-
Jahren nun auch die institutionelle Gewerk- dung von Betriebsräten, doch die Auswirkun-
schaftsmacht immer mehr unter die Räder ei- gen des Finanzmarkt-Kapitalismus machten
nes dynamischen Finanzmarkt-Kapitalismus die Chancen für gewerkschaftliche Organisati-
und seiner forcierten neuen „kapitalistischen onen oft wieder zunichte. In Westdeutschland
Landnahme“. ❙4 In die Defensive gedrängt, werden nur 45 Prozent und in Ostdeutschland
ließen sich die Gewerkschaften zunächst auf sogar nur 37 Prozent der Beschäftigten von ei-
die Logik des Wettbewerbskorporatismus nem Betriebsrat vertreten. Auch die Tarifver-
ein. Auf Unternehmensebene wurden durch tragslandschaft, der zentrale Pfeiler der institu-
das Shareholder-Value-Denken Status- und tionellen Gewerkschaftsmacht in Deutschland,
Sicherheitsgarantien der Beschäftigten gelo- erodiert sukzessive. Einerseits nimmt der Gel-
ckert. Die enge Ankopplung der Unterneh- tungsbereich von Tarifverträgen ab, anderer-
menssteuerung an die Märkte zwang viele seits wird auch ihre Normierungsfähigkeit
Belegschaften in betriebliche Wettbewerbs- ausgehöhlt. Zwar arbeiten noch immer rund
pakte, in denen sie unangenehme Zugeständ- 62 Prozent aller Beschäftigten in einem Betrieb
nisse machen mussten („concession bargai- mit Tarifbindung, aber durch die Dezentralisie-
ning“); Betriebsräte fanden sich nolens volens rung des Tarifsystems sind im Westen nur noch
in der Rolle als „Co-Manager“ wieder, die 52 Prozent und im Osten nur noch 36 Prozent
nicht selten ihre Legitimität in Frage stellte. ❙5 der Beschäftigten durch einen Branchentarif-
vertrag abgesichert. Weil die Tarifbindung zu-
Auf der Ebene des Wohlfahrtsstaates be- dem mit der Betriebsgröße zusammenhängt, ist
deuten vor allem die Hartz-Reformen für die in Ostdeutschland nur jeder vierte Betrieb ta-
Gewerkschaften zahlreiche institutionelle riflich gebunden.
Schwächungen. Die Verkürzung der Bezugs-
dauer des Arbeitslosengeldes I, die Redu- Aus der heutigen Perspektive ist die wett-
zierung des Kündigungsschutzes, die einge- bewerbskorporatistische Ausrichtung der
schränkte Beteiligung an der Bundesagentur Gewerkschaften, die auf die Stabilisierung
für Arbeit sowie die Novellierung des Arbeit­ institutioneller Machtressourcen durch eine
nehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) bedeu- Anpassung an die Logik globaler Märkte
ten allesamt eine Schwächung institutionel- setzte, in vielerlei Hinsicht gescheitert.
ler Machtressourcen. Wohlfahrtsstaatliche
Reformen und betriebliche Umstrukturie-
rungen greifen zusammen, prekäre Beschäf- Strategischer Wandel
tigung und Niedriglöhne sind in den ver-
gangenen Jahren massiv expandiert. ❙6 Das Sind die Gewerkschaften deshalb zum Nieder-
Normalarbeitsverhältnis ist zwar noch die gang verdammt? Wie können sie verhindern,
Regel, aber seine Normierungskraft schwin- in eine „strategische Lähmung“ ❙7 zu verfal-
det besorgniserregend. Im Jahr 1998 gingen len? Zunächst: Die Globalisierung schwächt
noch 72  Prozent der Erwerbstätigen einer zwar die Macht vieler Beschäftigtengrup-
pen, schafft aber gleichzeitig neue Gruppen
mit außerordentlich großer Primärmacht. Die
❙4  Vgl. Klaus Dörre, Einführung – Gewerkschaf- Tragik für die deutschen Industriegewerk-
ten und die kapitalistische Landnahme. Niedergang
schaften besteht bislang vor allem darin, dass
oder strategische Wahl?, in: Heinrich Geiselberger
(Hrsg.), Und jetzt? Politik, Protest und Propaganda, sie viele dieser Gruppen – wie Piloten, Lok-
Frankfurt/M. 2007, S. 53–78. führer, Ärzte und Hochqualifizierte – nicht in
❙5  Vgl. Britta Rehder, Legitimitätsdefizite des Co- ihr Gewerkschaftsmodell integrieren konnten
Management. Betriebliche Bündnisse für Arbeit als
Konfliktfeld zwischen Arbeitnehmern und betrieb-
licher Interessenvertretung, in: Zeitschrift für Sozio-
logie, 35 (2006) 3, S. 227–242. ❙7  Frank Deppe, Wie die „strategische Lähmung“ der
❙6  Vgl. Ulrich Brinkmann/Klaus Dörre/Silke Röbe- Gewerkschaften überwunden werden kann, in: Jo-
nack/Klaus Kraemer/Frederic Speidel, Prekäre Ar- chen Becker et al. (Hrsg.), Es geht nur anders! Denk-
beit, Bonn 2006. anstöße für politische Alternativen, Köln 2009.

22 APuZ 13–14/2010
und diese sich entweder gar nicht oder in Be- Zudem sind Gewerkschaften – in organi-
rufsgewerkschaften organisieren. sationssoziologischer Perspektive – Systeme
von „losen Koppelungen“. ❙13 Innovative An-
Die deutschen Gewerkschaften haben in den sätze werden oftmals auf lokalen oder regio-
vergangenen Jahren ausführlich über die Ero- nalen Ebenen erprobt und nicht automatisch
sion ihrer Machtressourcen reflektiert. Ihre verallgemeinert. Strategische Neuerungen
starke rechtliche Verankerung und Institutio­ durch die Gewerkschaftsführung stoßen auf
nalisierung führte dazu, dass – obwohl sie seit eine Vielzahl von Brechungen und gegenläu-
den 1990er Jahren massiv Mitglieder verloren fige Tendenzen, nicht zuletzt, weil Gewerk-
haben – die Frage der Mitgliedergewinnung schaften demokratische Mitgliederorganisa-
lange Zeit eine relativ untergeordnete Rolle tionen mit autonomen Basiseinheiten sind.
spielte. Stattdessen orientierten sie sich vor-
nehmlich auf eine institutionelle Stabilisie- Die Revitalisierungsprozesse der jüngeren
rung – wie über betriebliche „Bündnisse für Zeit konzentrierten sich vornehmlich auf den
Arbeit“. ❙8 Doch diese Strategie konnte die wei- Wiederaufbau von Organisationsmacht, weil
tere Schwächung der Gewerkschaften als Mit- dies die einzige Machtressource ist, auf die die
gliederorganisationen keineswegs stoppen. Gewerkschaften unmittelbar selbst Einfluss
nehmen können – durch Organisationsrefor-
Gewerkschaften sind – wie alle Organisati- men, Mitgliederwerbung und partizipatori-
onen – strategische Akteure, die sich nicht nur sche Strategien, die den Mitgliedern mehr Ein-
flexibel an ihre Umwelt anpassen, sondern diese fluss auf das Gewerkschaftshandeln einräumen
über „strategische Wahlhandlungen“ auch prä- sollen. Hiervon erhoffen sie sich langfristig
gen können. ❙9 In diesem Sinne haben sie sich in auch wieder einen Zugewinn an institutionel-
den vergangenen Jahren durchaus als „lernen- ler Macht, haben aber erkannt, dass sie letzte-
de Organisationen“ präsentiert. Doch war das re nicht ohne eine wieder erstarkte Organisa-
Organisationslernen bislang noch unvollstän- tionsmacht erlangen werden. Am Beispiel der
dig, mitunter konservativ, räumlich oder poli- drei zur Zeit wohl innovativsten Gewerkschaf-
tisch begrenzt. Man hat sich als Gewerkschaft ten – der Vereinten Dienstleistungsgewerk-
noch nicht neu erfunden. Die unvollständige schaft (Ver.di), der Industriegewerkschaft (IG)
Erneuerung hat mehrere Gründe. Zunächst Metall und der IG BAU – werden im Folgen-
findet Wandel auf der Ebene von Organisation den die Revitalisierungsstrategien diskutiert.
nur in äußerst seltenen Fällen disruptiv, bra-
chial und zugleich schöpferisch statt. ❙10 Wan-
del vollzieht sich zumeist inkrementell, bevor Organisationsreform
er transformativ umschlägt; und als moderne und Mitgliederorientierung
intermediäre Organisation sind Gewerkschaf-
ten zudem in verschiedene Organisationslogi- Die Frage der abnehmenden Organisations-
ken und -erfordernisse eingebunden. ❙11 Indem stärke beantworteten die deutschen Gewerk-
sie überlieferte Werte, Ziele und Prinzipien in schaften zunächst mit Fusionen, die einen
ihre Revitalisierungsprozesse einbeziehen, er- ­defensiven Charakter trugen. Vor allem in
neuern sie sich pfadabhängig. ❙12 den 1990er Jahren gab es eine regelrechte Fu-
sionswelle, an dessen Ende sich die Anzahl
❙8  Vgl. Martin Behrens/Michael Fichter/Carola M. der Mitgliedsgewerkschaften des Deutschen
Frege, Unions in Germany: Regaining the Initiati- Gewerkschaftsbunds (DGB) um die Hälfte
ve?, in: European Journal of Industrial Relations, 9 auf acht reduziert hat.
(2003) 1, S. 25–42.
❙9  Vgl. John Child, Organizational Structure, En-
Ver.di: Die Gründung der Vereinigten
vironment and Performance: The Role of Strategic
Choice, in: Sociology, 6 (1972) 1, S. 1–22. Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di im Jahr
❙10  Vgl. Kim Voss/Rachel Sherman, Breaking the Iron 2001 war bereits kein defensiver Akt der
Law of Oligarchy: Union Revitalization in the Ame- Ressourcen­zusam­men­legung schwächelnder
rican Labor Movement, in: American Journal of So- Einzelgewerkschaften mehr. Ver.di war zu-
ciology, 106 (2000) 2, S. 303–349. gleich ein strategischer Zusammenschluss.
❙11  Vgl. Wolfgang Streeck/Kathleen Thelen (eds.),
Obwohl die junge Dienstleistungsgewerk-
Beyond Continuity. Institutional Change in Advan-
ced Political Economies, Oxford 2005.
❙12  Vgl. Richard Hyman, How can trade unions act ❙13  Niklas Luhmann, Organisation und Entschei-
strategically?, in: Transfer, 13 (2007) 2, S. 193–210. dung, Opladen 2000, S. 332 f.

APuZ 13–14/2010 23
schaft letztendlich in vielen Bereichen sehr Vorstand und schaffte einige hauptamtliche
traditionelle Strategien tariflicher Stabilisie- Stellen auf Landesebene zugunsten der Betei-
rung praktizierte, war eines der zentralen Zie- ligung von Ehrenamtlichen ab. So konnte man
le des Zusammenschlusses, neue und bislang einerseits mehr Mitglieder in die Organisa­
wenig organisierte Branchen und Beschäftig- tionsarbeit integrieren und andererseits Res-
tengruppen zu organisieren. Die Matrix-Or- sourcen für Projekte neu disponieren.
ganisation, vertikale Branchen-Fachbereiche
und horizontale Organisationsstrukturen, IG Metall: Auch auf der IG Metall lastete in
sollte eine Antwort auf die Differenzierung den vergangenen Jahren der doppelte Druck
in der Arbeitswelt bieten. ❙14 Die Quotierung von Mitgliederverlusten und tariflicher Ero-
von Frauen und Männern in den Gremien hat sion. Gleichwohl finden die jüngst disku-
zudem dazu geführt, dass sich die weibliche tierten Organisationsreformen der größten
Repräsentanz in Führungspositionen stark Industriegewerkschaft der Welt im Kontext
verbessert hat – ein nicht unerhebliches Ele- einer befestigten Organisation statt, die fi-
ment für eine Gewerkschaft, in deren Bran- nanziell solide geführt wird. Im Vergleich
chen vornehmlich Frauen beschäftig sind. zu Ver.di ist die IG Metall wesentlich zent-
ralistischer strukturiert. Dies hat zur Folge,
Doch trotz des strategischen Charakters dass Organisationslernen in vielen Fällen nur
der Ver.di-Gründung sind Organisationsfu- begrenzt stattfinden kann, die Organisation
sionen immer nur „zweitbeste Lösungen“. ❙15 aber kohärenter lernt und Lernprozesse ef-
Die Matrix-Struktur von Ver.di hat zu einer fektiver umgesetzt werden können.
Institutionalisierung von in der Tat sehr losen
Kopplungen geführt, die zwar viele innovati- Bereits im Jahr 2007 diagnostizierte ihr
ve Projekte und Ansätze hervorbrachte, doch stellvertretender Vorsitzender Detlef Wetzel,
zuwenig kohärentes und strategisches Han- dass die deutsche Sozialpartnerschaft brü-
deln der Gesamtorganisation produziert. Seit chig geworden und das System industrieller
dem Jahr 2008 diskutiert Ver.di daher ein ko- Beziehungen erodiert sei. Da die Vorausset-
härentes Leitbild und hat sich unter dem Be- zungen des alten gewerkschaftlichen Modells
griff „Chance 2011“ zum Ziel gesetzt, die hinfällig seien, forderte er eine „grundle-
Organisation strategisch auf eine Mitglieder- gende Veränderung des gewerkschaftlichen
orientierung festzulegen. ❙16 Selbstverständnisses“; künftig solle die IG
Metall weniger auf eine Stellvertreterpolitik
IG BAU: Die IG BAU – eine Fusion aus der setzen, sondern mitglieder-, beteiligungs-
IG Bau-Steine-Erden und der Gewerkschaft und konfliktorientiert handeln. ❙17 Diese Po-
Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft – hat sitionen fließen auch in Wetzels Vorschlag
seit dem Jahr 1996 mehr als die Hälfte ihrer für eine grundlegende Reform der IG Metall
Mitglieder verloren und ist dadurch in eine ein: Er schlägt vor, dass die IG Metall ihre lo-
schwierige personelle und finanzielle Lage ge- kalen Einheiten („Verwaltungsstellen“) mas-
raten. Aber gerade dies hat bei ihr zu einer grö- siv stärken solle. Diese bräuchten mehr Res-
ßeren Bereitschaft zur Erneuerung geführt. sourcen und Kompetenzen für das künftige
Die im Jahr 2007 beschlossene Organisations- Kernanliegen der Organisation, die Mitglie-
reform zur „Mitmachgewerkschaft“ stellt den dergewinnung. Die Dezentralisierung der
Versuch dar, aus der Not der Mitglieder- und IG  Metall-Struktur soll mit schlanken, effi-
der damit verbundenen Finanzverluste eine zienzorientierten Organisationsstrukturen ❙18
Tugend zu machen. Man verschlankte den und einer Straffung der Vorstandsverwaltung
verbunden werden – selbst eine Verringerung
auf bis zu drei Mitglieder wurde diskutiert.
❙14  Vgl. Claire Annesley, Ver.di and Trade Union
Revitalisation in Germany, in: Industrial Relations
Journal, 37 (2006) 2, S. 164–179.
❙15  Vgl. Berndt Keller, Zusammenschlüsse von Ge- ❙17  Vgl. Detlef Wetzel/Jörg Weigand/Sören Nie-
werkschaften. Folgen und Perspektiven am Beispiel mann-Findeisen/Torsten Lankau, Organizing. Die
der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Ver.di), mitgliederorientierte Offensivstrategie für die IG
in: Leviathan, 112 (2004) 1, S. 89–112. Metall. Acht Thesen zur Erneuerung der Gewerk­
❙16  Vgl. Ver.di Bundesvorstand, Chance 2011 – Zur schafts­a rbeit, o. O.
Veränderungsarbeit der nächsten Jahre in Ver.di. ❙18  Vgl. IG Metall Vorstand, Projekt IG Metall 2009,
Mitgliederorientierung muss Maßstab für das gesam- Diskussionspapier. Sich ändern, um erfolgreich zu
te Organisationshandeln werden, o. O. 2008. bleiben, Frankfurt/M. 2010.

24 APuZ 13–14/2010
Die Gefahr einer solchen Reduzierung liegt anderen Bereichen die Gewerkschaften zum
aber auf der Hand: Schon in vielen Unterneh- Umdenken gebracht. In der Vergangenheit
men sind Verschlankungskonzepte dieser Art hatte man sich nur wenig um die Organisie-
gescheitert, weil sie oftmals das Kind mit dem rung von prekär Beschäftigten gekümmert.
Bade ausschütteten. Zudem sind Gewerkschaf- Die Beschäftigtengruppe der Leiharbeiterin-
ten – anders als Unternehmen – Mitgliederor- nen und Leiharbeiter wurde lange Zeit gänz-
ganisationen, die auf die Berücksichtigung plu- lich ignoriert, da man Leiharbeit als „mo-
ralistischer Positionen und Identitäten sowie derne Sklavenarbeit“ betrachtete, die es zu
ein dialogisches Führungsprinzip angewiesen verbieten gelte. So kann beispielsweise die
sind, um überhaupt kollektiv handlungsfähig Kampagne der IG Metall „Leiharbeit fair ge-
zu sein. ❙19 Der Ausschluss relevanter Fraktio- stalten – gleiche Arbeit, gleiches Geld“ zur be-
nen aus dem zentralen Gremium beschneidet trieblichen und tariflichen Besserstellung und
deren „Voice“-Chancen, also die Möglichkei- Organisierung von Leiharbeitern als wichti-
ten, nachhaltig in Entscheidungsprozesse ein- ge interessenpolitische Innovation gedeutet
greifen zu können und verstärkt womöglich werden. Gemessen an der Schwierigkeit pre-
„Exit“-Tendenzen, die sich in Mobilisierungs- kär Beschäftigte zu organisieren, konnte man
problemen niederschlagen dürften. Dieser sogar erste Erfolge verzeichnen. ❙21
dem Einheitsgewerkschaftsprinzip verpflich-
tete Gedanke stellte beispielsweise sicher, dass Die tarifpolitische Defensive der vergan-
auch CDU-Vertreter im Vorstand der IG Me- genen Jahre zwang die deutschen Gewerk-
tall vertreten waren. schaften zu komplexen Rückzugsgefechten.
So versuchten sie der „wilden“ eine von ih-
nen „kontrollierte“ Dezentralisierung des Ta-
Arbeit, Arbeitskampf und Anerkennung rifvertragssystems entgegenzusetzen. Bereits
hierfür waren sie darauf angewiesen, ihre Or-
Der Wandel der Arbeit und der Arbeitsgesell- ganisationsstärke im Betrieb wieder zu erhö-
schaft stellt die Gewerkschaften vor neue He- hen. ❙22 Nachdem die Gewerkschaften im Jahr
rausforderungen. Dies hat sowohl zu einem 2008, in der letzten Phase der Hochkonjunk-
Wandel der Politik der Arbeit als auch des Ar- tur vor Einbruch der Finanzkrise, ein steigen-
beitskampfes geführt, der sich in seiner Form des Selbstbewusstsein entwickelt hatten, traf
und seinem Inhalt nach verändert hat. Die fi- sie die sich ausweitende Wirtschaftskrise mit
nanzkapitalistische Landnahme hat zu einer ungleicher Intensität. Insbesondere die IG
Verschiebung der Marktgrenzen in den Be- Metall geriet in eine schwierige Lage, da sie
trieb, Re-Taylorisierungen (Rückkehr zur Zer- viele weltmarktorientierte Branchen organi-
legung der Arbeitsprozesse in kleine Schritte), siert, die von der Krise besonders schwer ge-
Entgrenzungen von Arbeitszeiten und Leis- troffen wurden. In der Folge gewannen in der
tungsbedingungen bis zur Hinnahme verstärk- IG Metall im Jahr 2010 vor allem Beschäfti-
ter Gesundheitsrisiken geführt. Als Reaktion gungsziele oberste Priorität – für die Verhin-
darauf haben die Gewerkschaften das einst für derung von Entlassungen ist man zu tarifli-
die Arbeitswelt der fordistischen Ära erarbeite- chen Zugeständnissen bereit und ging zum
te Konzept zur Humanisierung der Arbeitswelt ersten Mal in der eigenen Geschichte in eine
im strategischen Ansatz Gute Arbeit als be- Tarifrunde ohne konkrete Lohn­forderung.
triebliches Handlungs-, aber auch öffentliches
Konzept des Agenda settings neu konzipiert. ❙20 Im von Ver.di organisierten öffentlichen
Dienst ist die Beschäftigungsunsicherheit trotz
Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und der Wirtschaftskrise geringer. Beschäftigte fürch-
wachsende Niedriglohnsektor haben auch in ten hier weniger, „gegen ihre Jobs“ zu streiken,

❙19  Vgl. Claus Offe/Helmut Wiesenthal, Two Logics ❙21  Vgl. Hajo Holst/Oliver Nachtwey/Klaus Dörre,
of Collective Action: Theoretical Notes on Social Funktionswandel von Leiharbeit. Neue Nutzungs-
Class and Organizational Form, in: Political Power strategien und ihre arbeits- und mitbestimmungspo-
and Social Theory, (1980) 1, S. 67–115. litischen Folgen (OBS-Arbeitsheft 61), Frankfurt/M.
❙20  Vgl. Klaus Pickshaus/Hans-Jürgen Urban, Gute 2009.
Arbeit als Strategie, in: Lothar Schröder/Hans-Jür- ❙22  Vgl. Thomas Haipeter, Kontrollierte Dezentra-
gen Urban (Hrsg.), Gute Arbeit. Handlungsfelder für lisierung? Abweichende Tarifvereinbarungen in der
Betriebe, Politik und Gewerkschaften, Frankfurt/M. Metall- und Elektroindustrie, in: Industrielle Bezie-
2009. hungen, 16 (2009) 3, S. 232–253.

APuZ 13–14/2010 25
und sind entsprechend stärker geneigt, an Ar- Anerkennungsfragen mobilisierten. Exem-
beitskämpfen teilzunehmen. Vor allem ist der plarisch hierfür sind die von der IG BAU ge-
Staat als Arbeitgeber gerade in der Finanzkri- führten Streiks der Gebäudereinigerinnen
se für Gewerkschaften ein verteilungspolitisch und die von Ver.di geführten Arbeitskämpfe
gut politisierbares Terrain, denn er hat bereits in den Kitas. Beim „Aufstand der Unsichtba-
in der Finanzkrise bei der Rettung der Banken ren“, wie die IG BAU ihren Streik nannte, be-
bewiesen, dass er durchaus massive finanzielle streikte sie öffentliche Gebäude, Universitäten
Ressourcen mobilisieren kann. ❙23 und Finanzunternehmen, und es gelang zum
ersten Mal, die schwer organisierbare Grup-
Insgesamt hat die Krise die Rolle des Staa- pe von vornehmlich prekären, weiblichen und
tes in der Tarifpolitik vergrößert. Im öffentli- häufig migrantischen Beschäftigten zu mobi-
chen Dienst ist der Staat selbst der Arbeitge- lisieren. Den Kita-Streik führte Ver.di mit ei-
ber. Aber auch in der Privatwirtschaft kommt ner neuen Partizipationskultur, da die tra-
ihm eine größere Rolle zu. Zwar bleibt die Ta- dierten Systeme der Tarifkommission zu eng
rifautonomie nach wie vor als institutionelle geworden waren. Die IG BAU ging während
Machtressource gewahrt, der Staat als dritte des Streiks gezielt Bündnisse mit Studieren-
Partei ist aber mehr denn je in die Tarifpolitik dengruppen ein, um an den Universitäten auf
involviert. So fordern die DGB-Gewerkschaf- ihre Probleme aufmerksam zu machen.
ten einen staatlich garantierten Mindestlohn,
weil die Zahl der Branchen, in denen es ihnen Während bei den Kita-Streiks die Mobilisie-
an Organisationsmacht für den Abschluss von rung unter anderem durch Aufklärung über
Tarifverträgen fehlt, stetig zunimmt. Im neuen die Gesundheitsrisiken der Erzieherinnen ge-
Tarifvertrag der Metallbranche soll der Staat führt wurde, konzentrierte sich die IG BAU
die tarifvertragliche Möglichkeit zur Kurz­ auf die schlechten Arbeitsbedingungen in der
arbeit deutlich stärker als bisher unterstützen. Branche. In beiden Streiks, vor allem jedoch
im letzteren, betonten die Gewerkschaften
Der Wandel der Arbeitsgesellschaft hat in den gesellschaftlichen Wert der Tätigkeit der
den vergangenen Jahren auch in den direkten Beschäftigten. In die Frage der Anerkennung
Tarifauseinandersetzungen zu diversen Ver- wurde die der Verteilung eingeschlossen.
schiebungen und Innovationen geführt. Der
zunehmende Anteil von Dienstleistungen an
der Ökonomie und die Zunahme von Frauen- Organizing und die neue
erwerbsarbeit haben auch in Deutschland dazu partizipative Politik
beigetragen, dass immer mehr Arbeitskämpfe
im Dienstleistungssektor geführt werden und Bereits seit einigen Jahren gibt es eine intensi-
die Beteiligung von Frauen zunimmt. Arbeits- ve Debatte über Organizing, einem vor allem
kämpfe, in Deutschland im Vergleich zu ande- in den USA, Australien, Südkorea, Süd­a frika
ren europäischen Ländern eher eine Seltenheit, und Großbritannien zum Teil erfolgreich
haben sich aber auch in ihrer Form gewandelt. praktizierten Ansatz zur Mitgliedergewin-
Sie sind heute punktueller, partizipativer und nung und schließlich auch zur Wiedererlan-
in den Mitteln flexibler geworden. ❙24 Sogar so- gung von gewerkschaftlicher Organisations-
genannte „Flash Mobs“ – also Formen stell- macht. ❙25 Das Organizing-Konzept ist nicht
vertretender Solidarität – sind in das Reper- genau definiert und variiert je nach Kon-
toire des Arbeitskampfes eingezogen. text. Zu den zentralen Elementen gehören
eine Beteiligungs- und Bewegungsorientie-
Generell war in den vergangenen Jahren der rung sowie eine ausgeprägte Kampagnen-
Trend zu beobachten, dass Arbeitskämpfe und und Konfliktfähigkeit. Obwohl Organizing
Tarifbewegungen stärker qualitative Elemen- den Aufbau von gewerkschaftlicher Orga-
te aufnahmen und über Gerechtigkeits- und nisationsmacht zum Ziel hat und allein des-
halb häufig konfliktorientiert betrieben wird,
kann es auch in sozialpartnerschaftliche Tra-
❙23  Vgl. Wolfgang Uellenberg-van Dawen, Arbeits- ditionen integriert werden. Das Verhältnis
kampf in Krisenzeiten, in: Blätter für deutsche und
internationale Politik, (2009) 10, S. 57–64.
❙24  Vgl. Heiner Dribbusch, Streik-Bewegungen. Neue ❙25  Vgl. Peter Bremme/Ulrike Fürniß/Ulrich Meine-
Entwicklungen im Arbeitskampf, in: Forschungsjour- cke, Never work alone. Organizing – ein Zukunfts-
nal Neue Soziale Bewegungen, (2009) 4, S. 56–66. modell für Gewerkschaften, Hamburg 2007.

26 APuZ 13–14/2010
von politischer Führung (leadership) und De- teldiscounter Lidl erreichte eine bundeswei-
mokratie in Konzeption und Ausführung te Aufmerksamkeit, weil die Gewerkschaft
von Organizing-Kampagnen ist offen. gezielt das Bündnis mit anderen zivilgesell-
schaftlichen Organisationen gesucht hatte und
Bei Ver.di, der IG BAU und der IG Metall es ihr gelang, in der Öffentlichkeit die Prakti-
gibt es mittlerweile eine Vielzahl von grö- ken des Discounters zu skandalisieren. Doch
ßeren, aber vor allem kleineren Organizing- trotz der in Deutschland bislang hervorste-
Projekten. Die meisten können noch nicht chenden Innovationsfähigkeit von Ver.di wur-
an die Erfolge US-amerikanischer oder briti- den viele Organizing-Projekte in den Landes-
scher Gewerkschaften heranreichen. Dies hat fachbereichen entwickelt und konnten auf
mehrere Gründe. Zunächst sind viele Projek- Bundesebene keine hinreichende Ressourcen-
te noch in der Erprobungsphase. Ein Problem unterstützung bekommen. Die IG Metall hat
ist paradoxerweise die nach wie vor große or- seit dem Jahr 2008 eine zentrale Abteilung für
ganisatorische und institutionelle Stärke der Organizing-Projekte geschaffen und auf bun-
deutschen Gewerkschaften. Die tiefgreifende desweiter Ebene mehr Ressourcen zur Verfü-
Defensive der Organizing-Gewerkschaften, gung gestellt. Nach zahlreichen lokalen Ex-
beispielsweise in den USA, hat sie auch zu ra- perimenten beginnen hier erst in diesem Jahr
dikalen Maßnahmen greifen lassen: Die ame- sogenannte „umfassende Kampagnen“ – das
rikanische SEIU (Service Employees Interna- sind größer angelegte Organizing-Projekte
tional Union) stellt beispielsweise 30 Prozent mit speziell ausgebildeten Organizern.
ihres Etats für Organizing zur Verfügung.
Hiervon sind die deutschen Gewerkschaften Ein wichtiger Teil der Erneuerung der deut-
weit entfernt. Viele Projekte leiden an perso- schen Gewerkschaften geschieht nicht als
neller Unterfinanzierung und mangelnder übergreifendes Organisationslernen, son-
strategischer Recherche – beides Kriterien, dern auf lokaler Ebene, wo Akteure mit den
die in der internationalen Forschungslitera- überlieferten Handlungsmustern und All-
tur einhellig als essenziell für den Erfolg von tagsroutinen an Grenzen stoßen und innova-
Organizing-Kampagnen analysiert wurden. ❙26 tive Praktiken entwickeln. ❙29 So entwickelte
Zudem stellen die gewerkschaftliche Identität die IG Metall im Bezirk Nordrhein-Westfa-
und das deutsche System industrieller Bezie- len im Jahr 2004 einen Ansatz, der mitglieder-
hungen viele Hürden für eine Übernahme und und beteiligungsorientiert auf die Stärkung
Anpassung des Organizing-Ansatzes dar. ❙27 So der Durchsetzungsfähigkeit ausgerichtet war.
spielen im deutschen Modell die Betriebsräte – Neben der verbesserten Mitgliedergewinnung
eine Institution, die es in den angelsächsischen und -bindung waren zwei Ansätze von gro-
industriellen Beziehungssystemen nicht gibt – ßer Bedeutung: Mit der Kampagne „Besser
die zentrale Rolle bei der gewerkschaftlichen statt billiger“ wurden beteiligungs- und wert-
Mitgliedergewinnung. ❙28 Die Betriebsräte sind schöpfungsorientierte Ansätze kombiniert,
zudem von der Belegschaft gewählt und durch mit dem Ansatz „Tarifaktiv“ sollten betriebli-
das Betriebsverfassungsgesetz zur Erhaltung che Tarifabweichungen kontrolliert werden. In
des Betriebsfriedens verpflichtet – Rollenkon- beiden Ansätzen wurden aggressive Verhand-
flikte sind hier programmiert. lungen mit einer aktivierten und beteiligten
Beleg- und vor allem Mitgliedschaft im Falle
Vor allem Ver.di hat erste Organizing-Pro- von betrieblichen Tarifabweichungen kombi-
jekte im Sicherheitsgewerbe, in der Telekom- niert. So gab es betriebliche Tarifkommissio-
munikation, im Versandhandel, im Gesund- nen, die die Verhandlungen über Tarifabwei-
heitswesen und im Einzelhandel durchgeführt. chungen mitführten. Dazu wich die IG Metall
Die Druckkampagne gegen den Lebensmit- von ihrer früheren inklusiven Praxis ab und
gab teilweise Informationen nur an Mitglieder
❙26  Vgl. U. Brinkmann et al. (Anm. 3). weiter und verhandelte tarifliche Bonusregeln
❙27  Vgl. Britta Rehder, Revitalisierung der Gewerk- für Mitglieder. Durch Inklusivität moderner
schaften? Die Grundlagen amerikanischer Organi- Tarifverträge sind die Außengrenzen der Ge-
sierungserfolge und ihre Übertragbarkeit auf deut-
sche Verhältnisse, in: Berliner Journal für Soziologie,
18 (2008) 3, S. 432–456. ❙29  Vgl. Lowell Turner, Institutions and Activism:
❙28  Vgl. Martin Behrens, Die Rolle der Betriebsräte Crisis and Opportunity for a German Labour Mo-
bei der Werbung von Gewerkschaftsmitgliedern, in: vement in Decline, in: Industrial and Labor Relations
WSI-Mitteilungen, 58 (2005) 6, S. 329–338. Review, 62 (2009) 3, S. 294–312.

APuZ 13–14/2010 27
werkschaften nicht immer deutlich erkennbar. lich fundierte Kompetenzerweiterung von
Mit dieser „Club Gut“-Politik als selektivem Betriebsräten und Gewerkschaftern. Diese
Anreiz gegen das „Trittbrettfahrerproblem“ par­tielle Verwissenschaftlichung der Ge-
(free rider problem) in großen Organisationen  werkschaften ist in Deutschland jedoch kein
wurden sie wieder stärker betont. Novum. So sind Arbeitskämpfe seit der Än-
derung des Paragraphen 116 des Arbeitsför-
Dies ist keineswegs der einzige Fall von loka- derungsgesetzes in den 1980er Jahren, die die
ler Erneuerung. So entstanden im Bezirk Küs- Neutralität der Arbeitslosenversicherung in
te der IG Metall „lokale Arbeiterbewegungen“, Arbeitskämpfen garantiert – unter Berück-
die beteiligungsorientierte Politik vor allem in sichtigung von Wertschöpfungs- und Zulie-
Auseinandersetzungen um den Abschluss von fererketten –, oft komplex und strategisch ge-
Sozialtarifverträgen mit zivilgesellschaftlichen plant.
Mobilisierungen verbanden. ❙30
Im gleichen Zuge fällt auf, dass die Spitzen
Bei der IG BAU hat man ebenfalls ers- der Gewerkschaften und ihre Stäbe immer hö-
te Organizing-Projekte durchgeführt und here Bildungsabschlüsse aufweisen, sich gera-
Elemente hiervon auf Tarifauseinanderset- dezu professionalisieren und akademisieren.
zungen übertragen. ❙31 Bei Ver.di kombiniert Sowohl der Ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske
die „bedingungsgebundene Gewerkschafts- als auch der IG Metall-Vorsitzende Ber-
arbeit“ im Fachbereich Gesundheit in Tei- told Huber haben studiert, und in ihren Stä-
len Ostdeutschlands Tarifpolitik mit beteili- ben gibt es eine Reihe von Akademikern, die
gungsorientierten Komponenten und konnte auch außerhalb der Gewerkschaftsöffentlich-
damit messbare Erfolge in der Mitgliederge- keit erfolgreich publizieren und gesellschaft-
winnung erreichen. Ein Spezifikum des Or- liche Debatten prägen. Vorstandsmitglieder
ganisationswandels der IG Metall in Nord- der IG Metall führen auf dem Kongress der
rhein-Westfalen war zudem, dass die dort Deutschen Gesellschaft für Soziologie De-
erreichten Erfolge dazu führten, dass der da- batten mit der wissenschaftlichen Zunft oder
malige Bezirksleiter Detlef Wetzel im No- edieren Bücher zur Rückgewinnung gewerk-
vember 2007 zweiter Vorsitzender der IG schaftlicher Macht in Australien.
Metall wurde und die gesammelten Erfah-
rungen nun auch forciert in die Gesamtorga- Dazu passt, dass vom Vorstand der IG Me-
nisation hineingetragen werden. ❙32 tall seit einiger Zeit neue Gesprächsoffer-
ten an die Arbeitswissenschaften ausgehen
– wohl wissend, dass eine Forschung zu Ge-
Neujustierungen im Verhältnis werkschaften oder gewerkschaftlich inter-
von Gewerkschaften und Wissenschaft essanten Themen keine Selbstverständlich-
keit im heutigen Universitätsalltag mehr ist.
Die ersten systematischen Erfahrungen  mit Auf beiden Seiten setzt dies natürlich ein
Organizing-Kampagnen in Deutschland tiefes Verständnis für die Funktionslogik
schreiben auch den Trend fort, dass Ge- des Gegenüber in dessen gesellschaftlichem
werkschaften heutzutage immer stärker auf Umfeld voraus – auch dies war nicht immer
der Basis betriebswirtschaftlicher und wirt- ­selbstverständlich.
schaftssoziologischer Kenntnisse agieren
(müssen). So identifizieren sie in den Kam-
pagnen Schwachstellen der Unternehmen in Fazit und Perspektiven
Zuliefererketten, gesellschaftlichen Netzwer-
ken oder ihrer öffentlichen Reputation. Auch Die Krise des Finanzmarkt-Kapitalismus, die
die Strategie der IG Metall „Besser statt billi- zur größten ökonomischen Erschütterung
ger“ setzt auf die fachlich und wissenschaft- der Nachkriegszeit geführt hat, erhöht die
Dringlichkeit des strategischen Wandels der
Gewerkschaften. Trotz der Krisendiagnosen,
❙30  Vgl. Mario Candeias/Bernd Röttger, Sozialtarif- die den deutschen Gewerkschaften seit über
verträge und lokale Arbeiterbewegungen, in: Hein-
zwei Jahrzehnten ausgestellt werden, haben
rich Geiselberger (Hrsg.), Und jetzt? Politik, Protest
und Propaganda, Frankfurt/M. 2007. sie sich als erstaunlich zäh und überlebens-
❙31  Vgl. H. Dribbusch (Anm. 24), S. 63. fähig erwiesen. Dass es zu einem „Kapitalis-
❙32  Vgl. L. Turner (Anm. 29). mus ohne Gewerkschaften“ kommt, ist nicht

28 APuZ 13–14/2010
zu erwarten. ❙33 Allerdings: Die momentanen Anne Seibring
Revitalisierungsbemühungen verlassen bis-
lang erstaunlich wenig die eingeschlagenen
Pfade des Modells der industriellen Bezie-
hungen. Dies hängt auch damit zusammen,
Die Gewerk­
dass keine der drei beschriebenen Machtquel-
len bisher vollständig versiegt ist. schaf­ten im Fünf-
Die weitere Entwicklung scheint nicht zu-
letzt davon abzuhängen, welche Schlussfol-
­Parteien-System
gerungen man aus dem Misslingen des Wett-
bewerbskorporatismus zieht. Hier zeichnen
sich zwei Varianten ab:
der Bundesrepublik
• Zugespitzt formuliert setzt die eine weiter
auf die korporatistische Einbindung und
hofft, auch in Krisenzeiten über die Nut- D ie Ausdifferenzierung des Parteiensys-
tems seit den 1980er Jahren zum heu-
tigen Fünf-Parteien-
zung verbliebener Ressourcen Einfluss aus-
zuüben. Das Problem dieses Krisenkorpo- System stellt auch die Anne Seibring
ratismus ist seine mangelnde Absicherung, Gewerkschaften vor M. A., geb. 1981; Politik­
weil er vor allem auf der – jederzeit umkehr- neue Herausforde- wissenschaftlerin, Auf der
baren – Offenheit der gesellschaftlichen Eli- rungen. Haben sich Schleide 79, 53225 Bonn.
ten und nicht auf eigener Stärke beruht. Da die Gewerkschaften anne.seibring@gmx.de
man sich unter die strategischen Erwägun- auf diese neue Situa-
gen anderer Akteure einordnen muss, sind tion eingestellt? Hat
nicht nur die Vorbedingungen einer selbst- sich ihre Stellung im politischen und im Par-
bewussten Strategic Choice unerfüllt, son- teiensystem der Bundes­repu­blik gewandelt?
dern auch die gewährten Teilhabemöglich- Welche Rolle spielen Gewerkschafter im
keiten eher unverbindlich und situativ. Parlament überhaupt noch, und wie wäh-
len Gewerkschaftsmitglieder heute? Welche
• Die andere Variante setzt auf die Stärkung inhaltlich-programmatischen Schnittstel-
der Primär- und Organisationsmacht mit der len gibt es zwischen Gewerkschaften und
Betonung von Organizing und Konfliktori- den fünf im Bundestag vertretenen Parteien?
entierung. Sofern sie nicht von krisenbeding- Diesen Fragen wird im Folgenden nachge-
ten Lähmungserscheinungen geschwächt gangen. Dabei werden ausschließlich die Ge-
wird, deutet sich hier eine zukunftsträchti- werkschaften in den Blick genommen, die im
ge, moderate Weiterentwicklung des über- Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) or-
lieferten Modells an. ganisiert sind, da diese (noch?) eine Mono-
polstellung in der Bundesrepublik einneh-
Die Krise hat gleichwohl auch dazu geführt, men – sowohl auf tarifvertraglicher als auch
dass die Gewerkschaften die Grundlagen des politischer Ebene.
Wirtschaftens wieder thematisieren und auch
die Frage der Demokratie in Wirtschaft und Die amtierende Regierung scheint aus
Gesellschaft intensiver diskutieren. ❙34 Aller- Warte der Gewerkschaften zunächst die un-
dings stehen sie hier noch am Anfang. günstigste aller möglichen Konstellationen
darzustellen – gilt doch die FDP als die ge-
werkschaftskritischste Partei. Noch vor we-
❙33  Walther Müller-Jentsch, Kapitalismus ohne Ge- nigen Jahren bezeichnete ihr Vorsitzender die
werkschaften?, in: Ulrich Brinkmann/Karoline Gewerkschaften als „Plage für unser Land“. ❙1
Krenn/Sebastian Schief (Hrsg.), Endspiel des koope- Es kann allerdings davon ausgegangen wer-
rativen Kapitalismus?, Wiesbaden 2006. den, dass zusammen mit der „sozialdemokra-
❙34  Vgl. Martin Allespach/Alex Demirovic/Lothar
Wentzel, Demokratie wagen! Gewerkschaftliche Per-
spektiven in der Wirtschaftskrise, in: Blätter für deut- ❙1  Vgl. Interview mit Guido Westerwelle in Neue
sche und internationale Politik, (2010) 2, S. 95–106. Osna­brücker Zeitung am 22. 2. 2003, online: www.​
guido-westerwelle.de/​? wc_c=395&wc_lkm=​37&​id=​
612 (24. 2. 2010).

APuZ 13–14/2010 29
tisierten“ CDU unter Vorsitz Angela Merkels Verhältnis zur Partei Die Linke geändert.
kaum die „heiligen Kühe“ der Gewerkschaf- Der PDS begegneten viele westdeutsche Ge-
ten wie Mitbestimmung oder Kündigungs- werkschafter noch skeptisch: Obwohl sie sich
schutz „geschlachtet“ werden; ❙2 es kann aber als Interessenvertreterin der Arbeitnehmer
auch angesichts des obigen Zitats keine expli- vorstellte, grenzten sich einige Gewerkschaf-
zit gewerkschaftsfreundliche Politik erwartet ten von der PDS als Nachfolgepartei der SED
werden. ab. Dies änderte sich erst mit ihrer Fusion
mit der Wahlalternative Arbeit und soziale
Doch war dies unter der rot-grünen Ko- Gerechtigkeit (WASG). Keine Partei scheint
alition in den Jahren 1998 bis 2005 nicht „von den Daten, der Entstehungsgeschich-
anders. Man erinnere sich an die bis heute te und dem Selbstverständnis her in einem
heftigsten Auseinandersetzungen zwischen so eigentlichen Sinne ‚Gewerkschaftspartei‘
SPD und Gewerkschaften aufgrund der wie die WASG“ zu sein. ❙7 Gewerkschafter
Agenda-Politik Gerhard Schröders. Man aus Ver.di und IG Metall waren die treiben-
schreitet seither nicht mehr selbstverständ- den Kräfte hinter ihrer Gründung. Sie ließen
lich „Seit an Seit“; ❙3 die Zeiten, in denen die grundlegende gewerkschaftliche Positionen
enge Beziehung zwischen Sozialdemokra- in die Partei Die Linke einfließen. Damit ist
tie und Gewerkschaften als ein „elementa- sie die einzige im Bundestag vertretene Par-
rer Bestandteil des Parteienwettbewerbs im tei, die den umgekehrten Trend einer zuneh-
deutschen Modell“ galt, ❙4 scheinen vorüber. menden Verflechtung mit den Gewerkschaf-
Der Streit über die Agenda 2010 war dabei ten widerspiegelt.
eher Symptom denn Ursache eines beidsei-
tigen Entfremdungsprozesses von Sozialde-
mokratie und Gewerkschaften, respektive Verankerung der Gewerkschaften
zwischen Regierungspolitik und gewerk- in den Parteien
schaftlichem Handeln. Auch die Verbin-
dungslinien zur CDU/CSU beziehungs- Die Diagnose in der wissenschaftlichen De-
weise deren Arbeitnehmerflügel, wiewohl batte scheint eindeutig: Die für das politische
deutlich schwächer ausgeprägt und bean- und das Parteiensystem der „alten“ Bundes-
sprucht als die zur SPD, erodieren seit den republik typische Verflechtung mit den Ge-
1990er Jahren. ❙5 Mit den kleineren Partei- werkschaften (und anderen Großverbänden)
en wie FDP und Bündnisgrünen hatten die lockert sich stetig. ❙8 Die privilegierte – teils
Gewerkschaften hingegen lange Zeit „nicht institutionalisierte, teils informelle – Ein-
sehr viel am Hut“. ❙6 bindung der Gewerkschaften in den politi-
schen Entscheidungsprozess (vor allem auf
Dies hat sich bis heute tendenziell im Ver- dem Gebiet der Arbeitsmarkt- und Sozialpo-
hältnis zu den Bündnisgrünen, essenziell im litik) geht kontinuierlich zurück oder wird
zurückgedrängt. ❙9 Die Auflösung des deut-
schen Korporatismus seit den 1990er Jahren
❙2  Vgl. dazu exemplarisch die Erklärung der Bun- (unter anderem aufgrund des beidseitigen
deskanzlerin Merkel beim Empfang für die Teilneh-
Entfremdungs- und Entkopplungsprozes-
menden des Internationalen Gewerkschaftskongres-
ses am 7. 10. 2009, online: www.bundeskanzlerin.de/ ses zwischen Gewerkschaften und Parteien)
nn_700276/Content/DE/Artikel/2009/10/2009-10- führt zum allmählichen „Abstieg der Ge-
05-merkel-dgb.html (25. 2. 2010).
❙3  Vgl. Stephan Klecha, Wenn sie nicht mehr schrei-
ten Seit an Seit. Die Einheit von SPD und Gewerk- ❙7  Herbert Hönigsberger, Der parlamentarische Arm.
schaften zerfällt, doch sind sie strategisch aufeinan- Gewerkschafter im Bundestag zwischen politischer
der angewiesen, in: vorgänge, (2007) 4, S. 76–85. Logik und Interessenvertretung, Forschung aus der
❙4  Wolfgang Schroeder, Soziale Demokratie und Ge- Hans-Böckler-Stiftung, Nr. 95, Berlin 2008, S. 61.
werkschaften, o. O. 2007, online: www.fes-online- ❙8  Vgl. Wolfgang Streeck, Nach dem Korporatismus.
akademie.de/download.php?d=wolfgang_schroe­ Neue Eliten, neue Konflikte, in: Herfried Münk-
der.pdf (1. 8. 2008), S. 1. ler/Grit Straßenberger/Matthias Bohlender (Hrsg.),
❙5  Vgl. Anke Hassel, Die Erosion der gewerkschaft- Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt/M. 2006,
lichen Lobbymacht, in: Thomas Leif/Rudolf Speth S. 149–175.
(Hrsg.), Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutsch- ❙9  Vgl. Anke Hassel, Zwischen Politik und Arbeits-
land, Bonn 2006, S. 188–198, hier S. 190 f. markt. Zum Wandel gewerkschaftlicher Eliten in
❙6  Ulrich von Alemann, Kontroversen mit allen Par- Deutschland, in: Herfried Münkler et al. (Anm.  8),
teien wagen, in: Mitbestimmung, (2009) 11, S. 48. S. 199–220, hier S. 210 ff.

30 APuZ 13–14/2010
werkschaften aus der politischen und wirt- die Identifikation mit den Gewerkschaften
schaftlichen Elite des Landes“. ❙10 ­schwieriger. ❙12

Als Indizien für die Verankerung der Ge- Für den Einfluss der Gewerkschaften auf
werkschaften in Parteien werden häufig die die Politik muss die Zahl gewerkschaftlich
Anteile an Gewerkschaftsmitgliedern in den organisierter Abgeordneter aber nicht unbe-
Bundestagsfraktionen, die Präsenz von Ge- dingt eine Rolle spielen, da sich in der Ver-
werkschaftsvorsitzenden im Bundestag und gangenheit zeigte, dass bei Abstimmungen in
ihre Parteimitgliedschaften herangezogen. wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen die
Die Berechnung des realen Anteils von ge- Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft selten
werkschaftlich organisierten Abgeordneten handlungsorientierend war. ❙13 Die Abgeordne-
gestaltet sich allerdings schwierig, da diese ten blieben zwar eine nicht zu vernachlässigen-
Angaben freiwillig und daher unvollständig de politische Einflussgröße, doch wussten die
sind. Zu den umfassendsten Untersuchun- „erfahrenen Lobbyisten der Gewerkschaften
gen hierüber zählt die Studie von Herbert (…), dass Kontakte zu den Fraktionsvorsitzen-
Hönigsberger. ❙11 Im 16. Deutschen Bundes- den, zu den Vorsitzenden und Berichterstat-
tag waren demnach 36 % aller Abgeordne- tern der Ausschüsse, die bei interessierenden
ten auch Mitglied einer DGB-Gewerkschaft; Gesetzen federführend sind, zu den maßgeb-
den höchsten Anteil hatte die SPD-Fraktion lichen Fachabgeordneten, zu Arbeitsgruppen-
mit 73 %, es folgten die Linksfraktion mit vorsitzenden der Fraktionen entscheidender
65 %, die Fraktion Bündnis  90/Die Grünen sind als Kontakte zur Masse der gewerkschaft-
mit 27 %, die CDU/CSU-Fraktion mit 4 % lich organisierten MdB“. ❙14 In der Gruppe der
und die FDP-Fraktion mit 2 %. Die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Abgeordne-
gewerkschaftlich organisierten Abgeordne- ten sind besonders ehemalige oder noch ak-
ten war somit in der SPD am höchsten, doch tive Gewerkschaftsfunktio­näre von Interesse.
zeigt sich in einem Vergleich mit Zahlen aus Im aktuellen Bundestag sitzen 24 Abgeordne-
den 1970er und 1980er Jahren, in denen der te, die gewerkschaftspolitisch aktiv sind oder
Anteil an Mitgliedern einer DGB-Gewerk- es waren. ❙15 Auf dem Höhepunkt der Präsenz
schaft in der SPD konstant bei über 90 % lag, von Gewerkschaftsvorständen im Parlament
ein deutlicher Rückgang. Dieser ist mehr oder in den 1970er Jahren waren zwei amtierende,
weniger in allen Fraktionen zu verzeichnen – drei ehemalige und zwei künftige Gewerk-
außer in der Linksfraktion, deren Anteil an schaftsvorsitzende Bundestagsabgeordnete;
Gewerkschaftsmitgliedern stetig zunimmt. zudem bekleideten drei ehemalige Gewerk-
schaftsvorsitzende einen Ministerposten.
Die sinkende Zahl von Abgeordneten mit
Gewerkschaftsmitgliedschaft spiegelt meh- Für die zunehmende Abstinenz von (ho-
rere Wandlungen wieder. Die Gewerkschaf- hen) Gewerkschaftsfunktionären im Parla­
ten leiden erstens unter einem anhaltenden ment können mehrere Gründe genannt
Mitgliederschwund. Die abnehmende ge-
werkschaftlich organisierte Wählerschaft
❙12  Vgl. S. Klecha (Anm. 3), S. 80; Oliver Nachtwey/
führt dazu, dass auch Einfluss und Bedeu-
Tim Spier, Günstige Gelegenheit? Die sozialen und
tung der Gewerkschaften kontinuierlich sin- politischen Entstehungshintergründe der Linkspar-
ken. In der SPD war die Gewerkschaftsmit- tei, in: Tim Spier/Felix Butzlaff/Matthias Micus/
gliedschaft in der Vergangenheit (für einige Franz Walter (Hrsg.), Die Linkspartei. Zeitgemäße
Sozialdemokraten auch heute noch) Symbol Idee oder Bündnis ohne Zukunft, Wiesbaden 2007,
der kulturellen Zugehörigkeit zu dem aus der S. 13–70, hier S. 61 f.
❙13  Vgl. Michael Schneider, Kleine Geschichte der
Tradition der Arbeiterbewegung entstande-
Gewerkschaften, Bonn 2000, S. 451.
nen gemeinsamen Milieu. Die Auflösung die- ❙14  H. Hönigsberger (Anm. 7), S. 94.
ser tradierten Milieubeziehungen durch Indi- ❙15  Davon sind dreizehn bei der SPD, acht bei der
vidualisierungs- und Pluralisierungsprozesse Partei Die Linke, drei bei der CDU; vgl. DGB-Ein-
und das Auseinanderdriften der Sozialisati- blick, 17 (2009), online: www.einblick.dgb.de/down-
on von Sozialdemokraten und Gewerkschaf- load/2009/einblick_09_17.pdf (14.1.2010). Als „ge-
werkschaftspolitisch aktiv“ gelten Vorsitzende und
tern macht gerade für jüngere Abgeordnete
Mitglieder des Vorstands, Gewerkschaftssekretäre,
Bevollmächtigte, Betriebsräte sowie Mitglieder im
❙10  Vgl. W. Streeck (Anm. 8), S. 149. Bundesvorstand der Christlich-Demokratischen Ar-
❙11  Vgl. H. Hönigsberger (Anm. 7), S. 40 f. beitnehmerschaft (CDA).

APuZ 13–14/2010 31
werden. Zunächst ist die heutige Politiker- tungslogik der Partei opfern muss. Inhalte
generation professionalisiert: Die Zahl jener, der gewerkschaftlichen Praxis sind auf Bun-
die neben ihrer Abgeordnetentätigkeit noch desebene noch nicht in Konkurrenz zu poli-
in ihrem ehemaligen Beruf tätig sind, ist zu- tischen Inhalten der Linkspartei geraten (wie
rückgegangen. Die Berufspolitiker verdrän- es etwa bei der SPD der Fall war).
gen zunehmend den Typus des Verbands-
politikers früherer Jahre. Zudem hat sich
die Rekrutierungspraxis in den Parteien ge- Wahlverhalten
wandelt: Die Verankerung in der Parteiorga- der Gewerkschaftsmitglieder
nisation ist heute oft entscheidender, als er-
folgreicher Gewerkschaftsvorsitzender mit Die SPD war traditionell die Partei, ­welche
entsprechendem Parteibuch zu sein. die meisten Stimmen aus dem Lager der ge-
werkschaftlich organisierten Angestellten
Aber auch auf Seiten der Gewerkschafter und Arbeitenden erhielt, Schwankungen
hat die Bereitschaft, ein politisches Amt zu nach oben und unten inbegriffen. Sie ist es
übernehmen, abgenommen. Dafür ist – neben auch heute noch, doch verliert sie seit dem
oben stehenden Gründen – die Tatsache mit- Jahr 2002 beständig bei den gewerkschaftlich
verantwortlich, „dass das Bundestagsmandat organisierten Wählern. ❙20
ihre Durchsetzungskraft eher mindert und
kaum zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten Im Jahr 1998 wählten noch 56 % aller ge-
zu gewinnen sind“. ❙16 Die Doppelfunktion als werkschaftlich organisierten Wähler die SPD,
Vorsitzender und Repräsentant einer Partei ist die CDU/CSU lag mit 22 % auf dem zweiten
heute im Gegensatz zu den 1970er und 1980er Platz. PDS und Bündnisgrüne bewegten sich
Jahren aufgaben- und zeitintensiver und selten um die 6 %, während die FDP auf einen Anteil
konfliktfrei durchzuhalten. Schließlich spielt von 2,9 % kam. ❙21 Im Jahr 2002 verlor die SPD
die Strategie zur Stärkung der Gewerkschaf- 4,5 %, im Jahr 2005 nochmals 3,8 % und damit
ten als eigenständiger politischer Verband die absolute Mehrheit bei den gewerkschaftlich
gegenüber den Parteien, die seit den 1980er organisierten Wählern. Während die Union
Jahren von neuen Führungsgenerationen (ins- mit einem Plus von 4,3 % im Jahr 2002 davon
besondere in IG Metall und Ver.di bzw. deren profitierte, verlor sie bei der Wahl im Jahr 2005
Vorgängerorganisationen) verfolgt wird, eine 4,6 %. Gewinner war die Linkspartei mit einem
entscheidende Rolle. ❙17 Es zeigt sich, dass hin- Stimmenzuwachs von 6,9 % (im Jahr 2005). ❙22
sichtlich der Parteizugehörigkeiten der Ge- Bei der Bundestagswahl 2009 lag die SPD ledig-
werkschaftsvorsitzenden „die parteipolitische lich bei 33,5 % (ein Minus von 13,7 %). Profitie-
Orientierung der Gewerkschaften massiv an ren konnte auch hier wiederum in erster Linie
Bedeutung verloren“ und die „Strategie, ver- Die Linke, die mit einem Plus von 5,2 % auf ei-
schiedene politische Lager im Vorstand zu nen Gesamtanteil von 17,1 % der Stimmen kam
vertreten und systematisch auf die politischen und damit der Union näher rückte, die leicht
Parteien einzuwirken“, von vielen Gewerk- zulegen konnte und auf insgesamt 25 % kam.
schaftsvorständen aufgegeben wurde. ❙18 Ebenfalls leichte Zugewinne konnten Bünd-
nis90/Die Grünen und die FDP erzielen. ❙23
Eine Ausnahme bildet hier die Linkspar-
tei: Bei ihr „erlebt das politisierende Ge- ❙20  Hier sind nicht nur die DGB-Gewerkschaften,
werkschaftertum alten Zuschnitts eine Art sondern alle gewerkschaftlichen Organisationen in-
Renaissance,“ ❙19 da nur hier der engagier- begriffen.
te Gewerkschafter die Logik der Interes- ❙21  Vgl. Wahltagsbefragungen der Forschungsgruppe
Wahlen, Mannheim, im Auftrag von einblick, ­online:
senvertretung (noch) nicht der Machterhal-
www.​e inblick.dgb.de/grafiken/2002/16/grafik02/
(27.2.2010).
❙16  H. Hönigsberger (Anm. 7), S. 64; vgl. auch A. Has- ❙22  Vgl. Wahltagsbefragungen der Forschungsgruppe
sel (Anm. 5), S. 197. Wahlen, Mannheim, im Auftrag von einblick, online:
❙17  Vgl. Hartmut Grewe/Horst-Udo Niedenhoff/ www.einblick.dgb.de/grafiken/2002/17/grafik01/,
Manfred Wilke, Funktionärskarrieren im DGB. Zum www.einblick.dgb.de/grafiken/2005/17/grafik02/;
Generationenwechsel an der Spitze der DGB-Ge- (27. 2. 2010).
werkschaften, Forschungsbericht der Konrad-Ade- ❙23  Vgl. Wahltagsbefragungen der Forschungsgruppe
nauer-Stiftung, 67 (1988), S. 97. Wahlen, Mannheim, im Auftrag von einblick, online:
❙18  A. Hassel (Anm. 5), S. 190. www.einblick.dgb.de/grafiken/2009/index_html
❙19  H. Hönigsberger (Anm. 7), S. 61. (27.2.2010).

32 APuZ 13–14/2010
Auffällig ist der drastische Stimmenverlust nem allgemeinen, gesetzlichen Mindestlohn
der SPD im Jahr 2009, der den Bundestrend hat sich im DGB entsprechend erst allmäh-
(minus 11,2 %) noch überholte. Die unpopu- lich und noch immer nicht in allen Einzelge-
lären sozialpolitischen Reformen der vergan- werkschaften durchgesetzt. Die FDP will die
genen Jahre (vor allem „Hartz IV“ und die Tarifautonomie vor „staatlichen Lohndikta-
„Rente mit 67“) dürften wie in anderen Wäh- ten“ ❙25 schützen. Auch die CDU/CSU sprach
lergruppen auch, die traditionell zur Sozial- sich gegen Mindestlöhne aus, während SPD,
demokratie tendierten, noch immer verant- Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke in ih-
wortlich sein für den Vertrauensverlust in die ren Wahlprogrammen die Einführung eines
SPD bei dieser Wahl. Hingegen konnte die Mindestlohns unterstützten. Dabei orientier-
Union, vor allem durch die Person der Bun- ten sich SPD und Bündnis90/Die Grünen an
deskanzlerin und der viel diskutierten „Sozi- der vom DGB vorgeschlagenen Marke von
aldemokratisierung“ der CDU mit weniger 7,50 Euro; die Linke ging darüber hinaus und
Schaden aus der Großen Koalition hervorge- forderte eine Erhöhung auf 10 Euro. Auch be-
hen. ❙24 Zudem bot sie eine klare Koalitionsal- kennen sich SPD, CDU/CSU und Bündnis90/
ternative mit der FDP an, während die SPD Die Grünen zum Erhalt der Tarifautonomie,
nur auf eine erneute schwarz-rote Regie- während die Linke diese nicht wörtlich er-
rung oder eine Ampel-Koalition setzte. Da- wähnt, jedoch für einen Ausbau der gewerk-
von profitieren konnte im bürgerlichen Lager schaftlichen Beteiligungsrechte (etwa beim
die FDP, im linken Lager (also auch im Ge- Streikrecht) plädiert. Will die FDP die Ta-
werkschaftsmilieu) vor allem Die Linke. Die rifautonomie an der einen Stelle „schützen“,
Stimmengewinne der FDP bei den Gewerk- so fordert sie an anderer Stelle eine Flexibili-
schaftsmitgliedern spiegeln den allgemeinen sierung durch vom Tarifvertrag abweichende
Aufwärtstrend in der Bundesbevölkerung Regelungen auf betrieblicher Ebene. ❙26
wider, wenn auch weit weniger deutlich.
Mitbestimmung. Mit dem Ziel einer Demo-
kratisierung der Wirtschaft plädiert der DGB
Schnittstellen zwischen für die Ausweitung der Mitbestimmung bei
Gewerkschaften und Parteien Übernahmen, Standort- und Investitions-
entscheidungen. ❙27 Die SPD, Bündnis90/Die
Im Folgenden werden Positionen der Partei- Grünen und Die Linke legten in ihren Wahl-
en und des DGB zu für die gewerkschaftli- programmen einen Katalog von Maßnah-
che Praxis bedeutenden Themen wie Tarifau- men zum Erhalt und der Stärkung des deut-
tonomie und Mindestlohn, Mitbestimmung, schen Mitbestimmungsmodells vor; letztere
Flexibilisierung beziehungsweise Regulie- ging in ihren Forderungen weiter, indem sie
rung des Arbeitsmarktes, Arbeitnehmer­ eine „deutliche Herabsetzung“ der Unter-
datenschutz und soziale Sicherung gegenüber- nehmensgrößen und damit eine massive Aus-
gestellt, um zu eruieren, in welchen Feldern weitung der paritätischen Mitbestimmung
inhaltliche Schnittstellen bestehen, die die forderte. ❙28 CDU/CSU erwähnten die Mitbe-
Gewerkschaften nutzen können. Grundlage stimmung in ihrem „Regierungsprogramm“
bilden die Bundeswahlprogramme 2009 von nicht explizit, stellten das deutsche Mitbe-
CDU/CSU, SPD, FDP, Die Linke und Bünd- stimmungsmodell aber somit auch nicht in
nis 90/Die Grünen sowie die politischen For- Frage wie die FDP. Diese plädierte dafür, die
derungen des DGB zur Bundestagswahl 2009. „Kosten der betrieblichen Mitbestimmung“
Zu beachten ist dabei, dass einige DGB-Ge- zu begrenzen und die Zahl der Betriebsrats-
werkschaften vom Dachverband abweichen-
de Forderungen vertreten können.
❙25  Vgl. S. 12 des FDP-Wahlprogramms 2009, online:
www.deutschlandprogramm.de/files/653/Deutsch-
Tarifautonomie und Mindestlohn. Die Ta- landprogramm09_Endfassung.PDF (28. 2. 2010).
rifautonomie steht in engem Verhältnis zum ❙26  Vgl. ebd.
Mindestlohn, greift dieser doch in die Ta- ❙27  Vgl. DGB-Bundesvorstand (Hrsg.), Politische
rifautonomie ein. Die Forderung nach ei- Anforderungen des Deutschen Gewerkschaftsbun-
des im Jahr 2009, Berlin 2009, S. 8.
❙28  Vgl. S.  10 ff. des Wahlprogramms 2009 der Par-
❙24  Vgl. Matthias Jung/Yvonne Schroth/Andrea tei Die Linke, online: http://die-linke.de/fileadmin/
Wolf, Regierungswechsel ohne Wechselstimmung, download/wahlen /pdf/485516 _ LinkePV_ LW P_
in: APuZ, 51 (2009), S. 12–19, hier S. 13. BTW09.pdf (28. 2. 2010).

APuZ 13–14/2010 33
mitglieder deutlich zu reduzieren, denn das Arbeitnehmerdatenschutzes ein. ❙33 Der DGB
„Gewerkschaftsprivileg im Aufsichtsrat“ er- fordert ebenso eine Stärkung des Schutzes für
weise sich „immer mehr als Nachteil für den Arbeitnehmerdaten und verlangt darüber hi-
Standort Deutschland“. ❙29 naus ein eigenes Arbeitnehmerdatenschutzge-
setz, das ein ausdrückliches Verbot von Beob-
Flexibilisierung und Regulierung des Ar- achtung und Überwachung der Beschäftigten
beitsmarktes. Hier stehen insbesondere der enthält. ❙34 SPD, Die Linke und Bündnis90/
Kündigungsschutz und prekäre Beschäfti- Die Grünen stimmten dieser Forderung zu,
gungsverhältnisse im Mittelpunkt. Der DGB während die Union, „soweit gesetzliche Re-
nennt den Abbau von Stammbelegschaften gelungen notwendig“ seien, „um den Schutz
zugunsten von Leiharbeit und befristet Be- der Privatsphäre der Mitarbeiter zu gewähr-
schäftigten einen „Irrweg“; sozialversiche- leisten“, diese durchsetzen werde. ❙35
rungspflichtige Vollzeitarbeit mit Kündi-
gungsschutz sei dagegen deutlich zu stärken, Soziale Sicherung. Im Bereich der sozia­
die prekäre Beschäftigung aktiv zu bekämp- len Sicherung gab es in den vergangenen Jah-
fen. ❙30 CDU/CSU nahm weder zum Kün- ren die größten Auseinandersetzungen zwi-
digungsschutz noch zu prekären Beschäfti- schen Gewerkschaften und Regierung, vor
gungsverhältnissen Stellung. Die SPD und die allem „Hartz IV“ und die „Rente mit 67“
Grünen hielten am Kündigungsschutz fest waren Anlass zum Streit. Der DGB fordert,
und forderten, die Verdrängung regulärer in dass „niemand zur Annahme von Arbeit zu
prekäre Beschäftigung zu stoppen. Die Lin- Dumpinglöhnen oder zu entwürdigenden
ke ging auch hier weiter und drängte auf eine Bedingungen gezwungen wird“, lehnt Leis-
Re-Regulierung des Arbeitsmarktes durch tungskürzungen beim Arbeitslosengeld I
Ausbau des Kündigungsschutzes und strik- und II ab und verlangt eine bessere Absiche-
te Begrenzung von Leiharbeit. ❙31 Ihr stand die rung von Arbeitslosen, zumal bei Hartz-IV-
FDP gegenüber, die sich für eine Lockerung Regelsätzen, die alles andere als „armutsfest“
des Kündigungsschutzes aussprach: Flexibili- seien. ❙36 Rückgängig zu machen sei zudem
tät vor allem für den Mittelstand sei geboten, die „Rente mit 67“ sowie die Einführung des
um mehr Arbeitsplätze zu schaffen; der Staat Nachhaltigkeitsfaktors bei der Berechnung
habe sich aus der Wirtschaft zurückzuziehen der Rentenerhöhungen. Weder SPD, CDU/
und auf einen immer dichteren Regulierungs- CSU noch FDP rückten von diesen Grun-
rahmen zu verzichten. ❙32 dentscheidungen in ihren Wahlprogrammen
ab. Anders verfahren dagegen die Grünen
Arbeitnehmerdatenschutz. Angesichts der bei den von ihr mitverantworteten Arbeits-
jüngeren Enthüllungen über den Missbrauch marktreformen: Sie seien dem Anspruch, Ar-
von Arbeitnehmerdaten und die Überwa- beitslosen ein Leben in Würde und eine ar-
chung von Beschäftigten ist der Arbeit­ mutsfeste Existenzsicherung zu ermöglichen,
nehmer­daten­schutz in den Fokus von Gewerk- nicht gerecht geworden, daher werde eine Er-
schaften und Parteien gerückt. Die Aufnahme höhung der Hartz-IV-Regelsätze sowie eine
dieses Themas in den Vergleich der Positionen Lockerung der Zumutbarkeitsregelungen nö-
von Gewerkschaften und Parteien ist der Tat- tig. ❙37 Zwar hat Die Linke die Parole „Hartz
sache geschuldet, dass es hierbei grundlegen- IV abschaffen“ in ihr Wahlprogramm aufge-
de Überlappungen der Forderungen von FDP nommen, fordert aber an anderer Stelle zu-
und Gewerkschaften gibt, was, wie oben ge- nächst die Erhöhung der Hartz-IV-Regelsät-
zeigt wurde, selten ist auf dem Feld der Be- ze und verlangt die Rücknahme der „Rente
ziehungen zwischen Arbeitgebern und Ar-
beitnehmern. Die FDP setzte sich in ihrem
❙33  Vgl. ebd., S. 27.
Wahlprogramm für die institutionelle Stär- ❙34  Vgl. DGB-Forderungen (Anm. 27), S. 16.
kung der betrieblichen Datenschutzbeauf- ❙35  Vgl. Regierungsprogramm der CDU/CSU 2009–
tragten sowie eine generelle Verbesserung des 2013, verabschiedet am 28. 6. 2009, online: www.cdu.​de/
doc/pdfc/090628-beschluss-regierungsprogramm-cdu​
­csu.pdf (28. 2. 2010), S. 31.
❙29  Vgl. FDP-Wahlprogramm (Anm. 25), S. 13. ❙36  Vgl. DGB-Forderungen (Anm. 27), S. 19 f.
❙30  Vgl. DGB-Forderungen (Anm. 27), S. 12. ❙37  Vgl. Wahlprogramm 2009 von Bündnis 90/Die
❙31  Vgl. Wahlprogramm 2009 der Linken (Anm. 28), Grünen, online: www.gruene.de/file­admin/user_up-
S. 8 f. load/Dokumente/Wahlprogramm/BTW_Wahlpro-
❙32  Vgl. FDP-Wahlprogramm 2009 (Anm. 25), S. 13. gramm_2009_mit_Lesezeichen.pdf (28. 2. 2010), S. 85 f.

34 APuZ 13–14/2010
mit 67“ wie auch der Teilprivatisierung der zess und zu den Parteien zehren können. ❙39
Renten­versicherung. ❙38 Die Strategien gewerkschaftlicher Interessen-
vertretung sind heute vielfältiger geworden.
Insgesamt gibt es inhaltlich – wenig über- Den Weg des traditionellen Zugangs, insbe-
raschend – die meisten Übereinstimmungen sondere über die SPD, geht vor allem noch die
zwischen dem linken Spektrum (SPD, Grü- IG BCE, während IG Metall und Ver.di zum
ne und Linke) und den Gewerkschaften, die Teil die Kooperation mit sozialen Bewegun-
wenigsten mit der FDP. Die Linke formu- gen suchen. ❙40
lierte oft weitergehende Forderungen als der
DGB selbst, um Rechte und Einfluss von Ar- Eine andere strategische Option besteht in
beitnehmerschaft und Gewerkschaften aus- der engen Zusammenarbeit mit der Links-
zubauen – politisch bestehen mussten diese partei, die mehr gewerkschaftlich organi-
Forderungen bislang nicht. Die CDU/CSU sierte Wähler an sich bindet. Die Beteiligung
verzichtete in ihrem Wahlprogramm 2009 maßgeblicher Teile der Gewerkschaften an
darauf, Positionen aus der Wahl 2005 wie die der Gründung der WASG, die Tatsache, dass
Lockerung des Kündigungsschutzes oder Die Linke eine dezidiert pro-gewerkschaft-
Eingriffe in die Tarifautonomie zu wiederho- liche Programmatik vertritt, und ihre Rol-
len, womit wichtige Konfliktlinien mit den le (auf Bundesebene) als Oppositionspar-
Gewerkschaften vermieden wurden. tei machen eine Zusammenarbeit mit ihr für
Gewerkschafter einfach – musste die Partei
bislang ihre politischen Vorstellungen nicht
Neue strategische Optionen den Logiken des Regierungshandelns unter-
im Fünf-Parteien-System? werfen. „Der Austritt aus der SPD und der
Übertritt in WASG und Linke ist letztlich
Die Gewerkschaften haben sich nicht erst seit nur der zugespitzte Ausdruck eines Differen-
der Herausbildung eines stabilen Fünf-Par- zierungsprozesses, der letzte Schritt, die letz-
teien-Systems auf veränderte Rahmenbedin- te Konsequenz eines Entfremdungsprozesses
gungen eingestellt. Das Abrücken der SPD zwischen Partei- und Regierungspolitik und
und der CDU/CSU von grundlegenden Ent- gewerkschaftlicher Praxis.“ ❙41 Ob und wie
scheidungen der Nachkriegszeit in der So- sich diese Situation allerdings bei einer Re-
zial- und Arbeitsmarktpolitik und die kon- gierungsbeteiligung der Linken ändern wür-
frontative statt konsensuale Durchsetzung de, bleibt abzuwarten.
der Reformpolitik zwischen den Jahren 1998
und 2007 (letzteres war das Jahr, in dem die Eine weitere Alternative wäre die ideolo-
„Rente mit 67“ verabschiedet wurde) bestä- giefreie Zusammenarbeit mit allen Parteien.
tigte nur die Einschätzung in großen Teilen Dazu fehle den Gewerkschaften zwar der-
der Gewerkschaften, sich eher auf die eige- zeit noch eine entsprechende Diskussions-
ne politische Kraft verlassen zu können denn kultur. ❙42 Aber wie der Abgleich zwischen
auf die Vermittlung über die beiden großen den Positionen der Gewerkschaften und Par-
Volksparteien. teien gezeigt hat, gibt es bei jeder Partei An-
knüpfungspunkte. Die Wähler mit Gewerk-
Die Entfremdung ist beiderseits, sichtbar schaftsmitgliedschaft wählen zwar deutlich
in der abnehmenden Präsenz von Gewerk- „linker“, aber eben auch alle fünf Parteien.
schaftsmitgliedern und -funktionären im Fraglich bleibt jedoch, ob die Gewerkschaf-
Parlament, der sinkenden Bedeutung der par- ten – durch welche Strategie auch immer –
teipolitischen Zuordnung der Vorstände und jemals wieder den Einfluss auf Parteien und
der Ausdifferenzierung des Wahlverhaltens Regierungspolitik erlangen können, den sie
der gewerkschaftlich organisierten Wähler- in der Vergangenheit einmal hatten.
schaft, insbesondere zu Ungunsten der SPD.
Dies führt dazu, dass die Gewerkschaften im-
mer mehr zu einem „normalen“ Interessen-
❙39  Vgl. H. Hönigsberger (Anm. 7), S. 91.
oder Lobbyverband neben anderen werden, ❙40  Vgl. A. Hassel (Anm. 9), S. 210 und 219.
auch wenn sie noch von ihrem privilegierten ❙41  H. Hönigsberger (Anm. 7), S. 87.
Zugang zum politischen Entscheidungspro- ❙42  Vgl. U. v. Alemann (Anm. 6), S. 48.

❙38  Vgl. Die Linke (Anm. 28), S. 9, 25, 22.

APuZ 13–14/2010 35
Thorsten Schulten die demokratische Teilhabe der Beschäftig-
ten an der erarbeiteten Wirtschaftsleistung.
Perspektiven des Schließlich wird mit Hilfe von Tarifverträgen
eine Wettbewerbsordnung festgeschrieben,

gewerkschaftlichen die für alle Unternehmen einer bestimmten


Branche vergleichbare Arbeitskosten defi-
niert und somit einen Wettlauf um die nied-
Kerngeschäfts: Zur rigsten Löhne verhindert. ❙1

Reichweite der Tarif- In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Welt-


krieg ist es den Gewerkschaften in Deutsch-

politik in Europa
land wie in vielen anderen westeuropäischen
Ländern gelungen, ein umfangreiches Tarif-
vertragssystem aufzubauen, so dass die Ar-
beitsbedingungen einer übergroßen Mehrheit

D
ie Tarifpolitik bildet neben der Inter-
essenvertretung im Betrieb das Kern-
geschäft der Gewerkschaften. Tarifverträge
der Beschäftigten durch Tarifverträge gere-
gelt wurden. Seit etwa zwei Jahrzehnten be-
findet sich das deutsche Tarifvertragssystem
zielen auf eine kol- jedoch in einem schleichenden Erosionspro-
Thorsten Schulten lektive Regelung von zess, bei dem die tarifpolitisch gut regulier-
Dr. phil., geb. 1966; Referats­ Löhnen und Arbeits- ten Kerne immer kleiner und die tarifver-
leiter für Arbeits- und Tarif­ bedingungen, mit der tragsfreien Zonen immer größer werden. So
politik in Europa, Wirtschafts- die strukturell un- ist seit Beginn der 1990er Jahre die Anzahl
und Sozialwissenschaftliches gleiche Verhandlungs- der Beschäftigten, die durch einen Tarifver-
Institut (WSI) in der Hans- macht des einzelnen trag geschützt wird, von etwa 80 % auf etwa
Böckler-Stiftung, Hans-Böckler- Arbeitnehmers gegen- 60 % zurückgegangen.
Straße 39, 40476 Düsseldorf. über dem Arbeitgeber
Thorsten-Schulten@boeckler.de ausgeglichen werden Als Ursachen für diese Entwicklung werden
soll. Zugleich bilden oft gesellschaftliche Megatrends wie die Glo-
Tarifverträge ein zentrales Instrument für balisierung oder der Wandel von der Indus­
trie- zur Dienstleistungsgesellschaft benannt.
Schaut man über die Grenzen Deutschlands
Abbildung 1: Tarifbindung in der Europäischen nach Europa, so wird jedoch deutlich, dass es
Union (in Jahr 2006) in Prozent Beschäftigten sich bei der Erosion des Tarifvertragssystems
keineswegs um einen zwangsläufigen Prozess
99 handelt. Im Gegensatz zu Deutschland ist die
100 96 95 95
92 90 Tarifbindung in den meisten westeuropäi-
80
83 81
80 80 schen Ländern stabil geblieben.
70 70
63 62
60 60
60 57
50 48 Tarifbindung in Europa
40 38
40 35 34
Innerhalb Europas weist die Bedeutung von
20 16 16 Tarifverträgen sehr große Unterschiede auf.
11
Bei der Tarifbindung reicht die Spannbreite
0 von annähernd 100 % in Österreich bis hin
zu deutlich unter 20 % in den Staaten des
AT BE FR SI SE FI ES NL DK IT EL PT DE MT RO LU CY CZ SK PL BU HU UK EE LV LT

AT: Österreich, BE: Belgien, FR: Frankreich, SI: Slowenien, SE: Baltikums (Abbildung 1). In den meisten al-
Schweden, FI: Finnland, ES: Spanien, NL: Niederlande, DK: ten EU-Staaten Westeuropas besteht eine re-
Dänemark, IT: Italien, EL: Griechenland, PT: Portugal, DE: lativ hohe Tarifbindung zwischen 70 % und
Deutschland, MT: Malta, RO: Rumänien, LU: Luxemburg, CY: 99 %, während in der Mehrzahl der neuen
Zypern, CZ: Tschechien, SK: Slowakei, PL: Polen, BU: Bulga- EU-Staaten Osteuropas die Tarifbindung
rien, HU: Ungarn, UK: Vereinigtes Königreich, EE: Estland,
LV: Lettland, LT: Litauen. In der Abbildung fehlt Irland, für das
keine Daten vorlagen. ❙1  Vgl. Reinhard Bispinck/Thorsten Schulten (Hrsg.),
Quelle: European Commission, Industrial Relations in Europe Zukunft der Tarifautonomie. 60 Jahre Tarifvertrags-
2008, Brussels 2009. gesetz: Bilanz und Ausblick, Hamburg 2010.

36 APuZ 13–14/2010
zum Teil deutlich unter 50 % liegt. Im ge- Abbildung 2: Organisationsgrad der Gewerk­
samteuropäischen Vergleich befindet sich schaften (2004–2005) in Prozent Beschäftigten
Deutschland mit einer Tarifbindung von et- 80 76
was über 60 % im Mittelfeld. Betrachtet man 72 72

hingegen nur die Gruppe der alten EU-Staa- 70


63 62
ten, so weist Deutschland mittlerweile eine 60

der niedrigsten Werte auf, der nur noch von 50


52

Luxemburg und Großbritannien unterboten 42


wird. 40 37 37 37
34 33
31
30 29
23 22 22
21 20
Organisationsgrad 20 19 19
17 16
15
13 13

von Gewerkschaften und Arbeitgebern 10 9

0
SE FI DK CY MT BE LU SI RO IE IT AT SK UK EL NL DE CZ BG LV HU PT EE ES LT PL FR

Bei der Suche nach den Gründen für die un-


terschiedliche Tarifbindung in Europa liegt Quelle: wie Abbildung 1.
zunächst die Vermutung nahe, dass dies et-
was mit der Organisationsmacht der Ge-
werkschaften zu tun hat. In der Tat weist onsgrad findet sich auch in Spanien, Portugal
der gewerkschaftliche Organisationsgrad und den Niederlanden. Schließlich liegt auch
(Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an den in Deutschland die Tarifbindung immer noch
Beschäftigten) von Land zu Land sehr gro- dreimal höher als der Organisationsgrad der
ße Unterschiede auf (Abbildung  2). Dieser Gewerkschaften.
reicht von über 70 % in den skandinavischen
Ländern bis zum Teil deutlich unter 20 % in Ein Zusammenhang scheint auch zwi-
vielen osteuropäischen Staaten. Mit knapp schen der Tarifbindung und dem Organisa-
über 20 % liegt der gewerkschaftliche Or- tionsgrad der Arbeitgeber zu bestehen, der
ganisationsgrad in Deutschland im unteren mit Ausnahme der skandinavischen Länder
­Mittelfeld. überall in Europa über dem Organisations-
grad der Gewerkschaften liegt (Abbildung 3).
Auf den ersten Blick wird deutlich, dass es Für die meisten Länder gilt demnach die Re-
in vielen europäischen Ländern tatsächlich gel: je höher der Organisationsgrad der Ar-
eine enge Korrelation zwischen gewerkschaft- beitgeber, desto höher die Tarifbindung. In
lichem Organisationsgrad und Tarifbindung Deutschland entspricht die Tarifbindung
gibt. Dies gilt sowohl für die skandinavi- ziemlich exakt der Verbandsmacht der Ar-
schen Länder, wo eine vergleichsweise star- beitgeber. In einer Reihe von Ländern liegt
ke gewerkschaftliche Organisationsmacht der Geltungsbereich von Tarifverträgen je-
mit einer hohen Tarifbindung einhergeht, als doch auch noch einmal deutlich über dem
auch für die meisten osteuropäischen Länder, Organisationsgrad der Arbeitgeber, was auf
in denen beide Bereiche eher niedrige Werte weitere politische und institutionelle Fakto-
aufweisen. ren zur Stützung des Tarifvertragssystems
hinweist.
In allen europäischen Ländern ist die Ta-
rifbindung insgesamt höher als der gewerk-
schaftliche Organisationsgrad, so dass über- Tarifverhandlungsebenen
all auch Nichtgewerkschaftsmitglieder durch
Tarifverträge geschützt werden. Allerdings Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der
weisen einige Staaten eine besonders gro- Tarifvertragssysteme in Europa besteht in der
ße Diskrepanz zwischen Organisationsgrad jeweils dominanten Tarifverhandlungsebe-
und Tarifbindung auf. Am deutlichsten wird ne. Ähnlich wie in Deutschland bildet auch
dies in Frankreich, wo gerade noch 9 % aller in den meisten anderen alten EU-Staaten in
Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert Nord-, West- und Südeuropa der branchen-
sind, zugleich jedoch 95 % unter den Gel- bezogene Flächentarifvertrag nach wie vor
tungsbereich eines Tarifvertrages fallen. Eine die wichtigste und strukturbildende Form des
sehr hohe Tarifbindung trotz vergleichswei- nationalen Tarifvertragssystems. Lediglich
se niedrigem gewerkschaftlichen Organisati- in Großbritannien werden Tarifverträge fast

APuZ 13–14/2010 37
Abbildung 3: Organisationsgrad der Arbeitgeber Politische Faktoren zur Stützung
(2006) in Prozent
des Tarifvertragssystems
100
100

90 85 Während das Tarifvertragssystem auf der au-


78 78
80
72 72 70 70 tonomen Selbstregulation von Gewerkschaf-
70
63 63 ten und Arbeitgebern beruht, übernimmt der
58 57
60 55
52 51 Staat die Aufgabe, seine Funktionsfähigkeit
50 juristisch und politisch abzusichern. Die For-
40 40 40
40
32 30
men und Intensität, in der der Staat auf direkte
30 25 25 oder indirekte Weise das Tarifvertragssystem
20 20
20 politisch unterstützt, können innerhalb Euro-
10 pas von Land zu Land sehr stark ­variieren.
0
AT NL FR LU BE ES FI EL DE MT PT CY SE DK IT UK HU SI CZ SK EE LV LT PL
Eine wichtige indirekte Form der poli-
In der Abbildung fehlen Irland, Bulgarien und Rumänien, für tischen Stützung des Tarifvertragssystems
die keine Daten vorlagen. liegt in der rechtlichen Privilegierung der
Quelle: wie Abbildung 1. Tarifvertragsparteien. Insbesondere auf Ar-
beitnehmerseite sind es in den meisten euro-
ausschließlich auf Unternehmensebene abge- päischen Ländern die Gewerkschaften, de-
schlossen, während in Belgien und Irland die nen ein exklusives Recht für den Abschluss
nationale, branchenübergreifende Verhand- von Tarifverträgen eingeräumt wird. Darü-
lungsebene die Tarifverhandlungsebene dar- ber hinaus leistet der Staat in vielen euro-
stellt. Anders sieht es in den neuen EU-Staa- päischen Ländern den Tarifvertragsparteien
ten aus Mittel- und Osteuropa aus, die in der eine Reihe von Organisationshilfen.
Transformationsperiode in den 1990er Jahre
vorwiegend betriebs- und unternehmensbe- Das berühmteste Beispiel bilden die skan-
zogene Tarifvertragssysteme herausgebildet dinavischen Staaten, wo den Gewerkschaf-
haben. Die Ausnahme hierbei bildet Sloweni- ten die Verwaltung der Arbeitslosenkassen
en, wo sich entgegen dem Trend ein zentrali- überlassen wird und hierdurch für die Be-
siertes Tarifvertragssystem mit branchenbe- schäftigten ein starker Anreiz zur Gewerk-
zogenen Tarifverträgen etabliert hat. schaftsmitgliedschaft besteht. Auf Arbeitge-
berseite findet sich das bekannteste Beispiel
Im Hinblick auf die Tarifbindung lässt sich in Österreich, wo über die Pflichtmitglied-
ein enger Zusammenhang zum Zentralisati- schaft der Unternehmen in der Wirtschafts-
onsgrad eines Tarifvertragssystems konsta- kammer ein sehr hoher Organisationsgrad
tieren. In Ländern mit branchenbezogenen der Arbeitgeber garantiert wird.
Flächentarifverträgen ist stets eine Mehr-
heit der Beschäftigten tarifgebunden, wäh- Eine direkte Form der politischen Stützung
rend in Ländern mit vorwiegend betriebli- des Tarifvertragssystems durch den Staat be-
chen Tarifvertragsstrukturen in der Regel steht darüber hinaus in der Ausdehnung der
nur eine Minderheit der Beschäftigten den Gültigkeit von Tarifverträgen über den Be-
Schutz eines Tarifvertrages genießt. In de- reich der unmittelbar vertragsschließenden
zentralen Systemen ist die Tarifbindung un- Parteien hinaus. Bezüglich der Arbeitneh-
mittelbar auf die gewerkschaftliche Organi- merseite existiert in der Mehrzahl der euro-
sationsmacht zurückgeworfen, da zumeist päischen Staaten eine erga omnes-Regelung,
nur solche Unternehmen Tarifverträge ab- wonach die Tarifverträge in einem tarifge-
schließen, in denen die Gewerkschaften auf bundenen Unternehmen nicht nur für die
betrieblicher Ebene verankert sind. In zen- Gewerkschaftsmitglieder, sondern für alle
tralisierten Systemen ist hingegen eher eine Beschäftigten gelten (Tabelle  1). In Ländern
relative Entkoppelung von Gewerkschafts- wie Deutschland, wo eine unmittelbare Ta-
macht und Tarifbindung möglich, da hier rifbindung nur für Gewerkschaftsmitglieder
oft in gut organisierten Bereichen Tarifver- besteht, wenden tarifgebundene Unterneh-
träge durchgesetzt werden, die dann auch für men die tarifvertraglichen Bestimmungen
Betriebe mit einer nur schwachen Gewerk- in der Regel jedoch auch auf Nichtgewerk-
schaftsvertretung gelten. schaftsmitglieder an, um keinen zusätzlichen

38 APuZ 13–14/2010
­ nreiz für den Beitritt zu einer Gewerk-
A Tabelle 1: Ausdehnung von Tarifverträgen
schaft zu schaffen. Arbeitnehmer Arbeitgeber
Tarifvertrag gilt … nur für … für alle Allgemein­ Anwendung
In den meisten europäischen Ländern exis- in tarif­ge­bun­ Gewerk­ Beschäf­ verbindliche
tiert darüber hinaus die Möglichkeit, mit denen Unter­ schafts­ tigten Erklärung
nehmen … mitglieder (AVE)
dem Instrument der Allgemeinverbindlich- Belgien X möglich häufig
erklärung (AVE) die Gültigkeit von Tarif- Finnland* X X möglich häufig
verträgen auch auf nichtverbandsgebundene Frankreich X möglich häufig
Unternehmen auszudehnen (Tabelle  1). Le- Griechenland X möglich häufig
diglich in fünf europäischen Staaten, darun- Niederlande X möglich häufig
ter Dänemark und Schweden sowie Groß- Luxemburg X möglich häufig
britannien, Malta und Zypern besteht keine Portugal X möglich häufig
Möglichkeit, Tarifverträge allgemeinverbind- Rumänien X möglich häufig
lich zu erklären. In zwei Ländern (Italien und Spanien X möglich häufig
Irland) bestehen funktionale Äquivalente, wo Bulgarien X möglich selten
die Arbeitsgerichte de facto zu einer Ausdeh- Deutschland X möglich selten
nung der Tarifbindung beitragen können. In Estland X möglich selten
Österreich besteht zwar die Möglichkeit der Lettland X möglich selten
AVE, sie wird aufgrund des politisch geför- Litauen* X X möglich selten
derten hohen Organisationsgrades der Ar- Polen X möglich selten
beitgeber jedoch kaum angewandt. Slowakei X möglich zunehmend
Slowenien X möglich selten
Die übrigen 19 EU-Staaten lassen sich in Tschechien X möglich zunehmend

zwei Ländergruppen aufteilen, in denen das Ungarn X möglich selten

Instrument der AVE in der Praxis eher häu- Österreich X möglich selten;
­ quivalent
Ä
fig oder eher selten genutzt wird. Zu der Län- Italien X nicht möglich Äquivalent
dergruppe, in der die AVE von Tarifverträgen Irland X nicht möglich Äquivalent
zwar rechtlich möglich, praktisch jedoch kaum Großbritannien X nicht möglich
Relevanz hat, gehören die meisten osteuropä- Malta X nicht möglich
ischen Staaten, wobei in Tschechien und der Dänemark X nicht möglich
Slowakei das Instrument in den vergangenen Schweden X nicht möglich
Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zypern X nicht möglich
Darüber hinaus gehört auch Deutschland in
* Einige Tarifverträge gelten nur für Gewerkschaftsmitglieder,
diese Gruppe. Hier ist die Anzahl der allge-
während andere Tarifverträge eine erga omnes-Klausel enthal-
meinverbindlich erklärten Tarifverträge seit ten und für alle Beschäftigten gelten.
Beginn der 1990er Jahre kontinuierlich zu- Quelle: eigene Darstellung.
rückgegangen und umfasst heute gerade noch
1,5 % aller Ursprungstarifverträge.
Durch das Instrument der AVE werden
Zu der Ländergruppe, in denen die AVE in der Regel Tarifverträge auf alle Unter-
von Tarifverträgen in der Praxis eine sehr nehmen einer bestimmten Branche ausge-
hohe Bedeutung hat, gehören Belgien, Finn- dehnt. Darüber hinaus gibt es in einigen
land, Luxemburg und die Niederlande sowie Ländern wie Frankreich oder Spanien die
die südeuropäischen Staaten Frankreich, Spa- Möglichkeit, bestehende Tarifverträge auch
nien, Portugal, Griechenland und Rumänien. auf tariflose Sektoren auszudehnen. Insge-
In Frankreich wurden im Jahr 2008 fast 1000 samt sorgt die politische Stützung des Ta-
Tarifverträge allgemeinverbindlich erklärt, rifvertragssystems mit dem Instrument der
was etwa 90 % aller neu abgeschlossenen Ta- AVE in diesen Ländern dafür, dass trotz ei-
rifverträge entspricht. In Finnland existie- nes teilweise sehr geringen gewerkschaftli-
ren auf nationaler Ebene etwa 150 allgemein- chen Organisationsgrads eine sehr hohe Ta-
verbindliche Branchentarifverträge, die etwa rifbindung erhalten bleibt. Zugleich fördert
80 % der nationalen Tarifverträge abdecken. die AVE auch die Organisationsbereitschaft
In den Niederlanden sind etwa 70 % aller der Arbeitgeber, die in denjenigen Ländern
Branchentarifverträge allgemeinverbindlich. besonders hoch ist, in denen der Staat recht
Ähnlich hoch durfte der Anteil in den übri- umfangreich von diesem Instrument Ge-
gen südeuropäischen Ländern sein. brauch macht.

APuZ 13–14/2010 39
Ansätze für eine Re-Stabilisierung Jürgen Mittag
des deutschen Tarifvertragssystems
Gewerkschaften
Der Vergleich macht deutlich, dass es in Eu-
ropa prinzipiell nur zwei Wege gibt, um eine
hohe Tarifbindung sicherzustellen: Entweder
­zwischen struk­tu­
verfügen die Gewerkschaften über eine aus-
reichend große Organisationsmacht, oder es
reller Europäisierung
bedarf einer politischen Stützung des Tarif-
vertragssystems durch eine umfassende AVE und sozial­politischer
Stagnation
von Tarifverträgen. Der erste Weg findet sich
in Dänemark und Schweden, wo ein seiner-
seits politisch-institutionell gestützter hoher
gewerkschaftlicher Organisationsgrad eine
hohe Tarifbindung garantiert.

In Deutschland sind in jüngster Zeit eini-


D ie Europäische Union (EU) übt nicht nur
auf die Politik der einzelnen Mitglied-
staaten, sondern in zunehmendem Maße auch
ge wichtige Organizing-Initiativen gestar- auf deren innerstaat-
tet worden, um den anhaltenden Mitglie- liche Arbeitsbezie- Jürgen Mittag
derverlust der Gewerkschaften zu stoppen. hungen beträchtliche Dr. phil., geb. 1970; Geschäfts-
Eine Stärkung der gewerkschaftlichen Or- Wirkung aus. Vor al- führer des Instituts für soziale
ganisationsmacht würde auch dazu beitra- lem Großprojekte wie Bewegungen an der Ruhr-
gen, das Tarifvertragssystem „von unten“ der EU-Binnenmarkt Universität Bochum, Clemens­
her zu stabilisieren, indem die Tarifbindung oder die Wirtschafts- straße 17–19, 44789 Bochum.
auf Branchen- und betrieblicher Ebene bes- und Währungsunion juergen.mittag@rub.de
ser verteidigt beziehungsweise Unternehmen haben dazu beigetra-
wieder neu in die Tarifbindung gebracht wer- gen, dass sich nationale
den könnten. Allerdings ist es kaum zu er- Gewerkschaftsorganisationen immer häufi-
warten, dass in Deutschland die Organizing- ger mit europapolitischen Themen konfron-
Kampagnen auf absehbare Zeit so erfolgreich tiert sehen. In jüngster Zeit sind dabei neben
sein werden, dass ein dänischer oder schwe- der hart umkämpften neuen Rechtsgrundlage
discher Weg der Stabilisierung des Tarifver- der EU − dem Vertragswerk von Lissabon mit
tragssystems durch (primär) gewerkschaftli- einer neuen „Sozialklausel“ − vor allem die
che Organisationsmacht gangbar wäre. Urteile des Europäischen Gerichtshofs zum
Tarif- und Streikrecht (Viking, Laval) sowie
Für eine Re-Stabilisierung des deutschen die aufkeimenden Debatten um eine neue
Tarifvertragssystems bedarf es vielmehr ei- Wirtschaftsstrategie der Union (EU 2020) ins
ner bewussten politischen Stützung „von Blickfeld g­ erückt.
oben“. Dabei kommt der Reform der AVE
eine Schlüsselstellung zu. Ohne dass auch in Auch die deutschen Gewerkschaften sind
Deutschland wie in vielen anderen europäi- dazu übergegangen, ihre europapolitischen
schen Ländern wieder deutlich mehr Tarif- Aktivitäten auszuweiten. Im Zuge dessen
verträge allgemeinverbindlich erklärt werden, haben sie ihre Organisationsstrukturen den
wird eine Trendumkehr oder gar substanziel- veränderten Rahmenbedingungen sukzessi-
le Steigerung der Tarifbindung nicht zu errei- ve angepasst und die transnationale Koope-
chen sein. ration mit Gewerkschaften aus anderen EU-
Mitgliedstaaten bzw. auf europäischer Ebene
verstärkt. ❙1 Zugleich sind die Gewerkschaften

❙1  Vgl. Wolfgang Platzer, Gewerkschaftspolitik ohne


Grenzen? Die transnationale Zusammenarbeit der
Gewerkschaften im Europa der 90er Jahre, Bonn
1991; Joachim Beerhorst/Hans-Jürgen Urban (Hrsg.),
Handlungsfeld europäische Integration. Gewerk-
schaftspolitik in und für Europa, Hamburg 2005.

40 APuZ 13–14/2010
mit ihren europapolitischen Ambitionen im- Anerkennung und Gleichberechtigung zu-
mer wieder an Grenzen gestoßen, die nicht kam. Während die Europabegeisterung unter
zuletzt auf die nur schwach ausgebildeten so- den deutschen Gewerkschaften Anfang der
zialpolitischen Handlungsmöglichkeiten der 1960er Jahre (im Zuge einer gewissen Norma-
EU zurückzuführen sind. lisierung und Alltagspraxis europäischer Zu-
sammenarbeit) etwas abkühlte, ist zu Beginn
der 1970er Jahre − vor allem im Kontext des
Historische Etappen sozialpolitischen Aktionsprogramms der Eu-
gewerkschaftlicher Europapolitik ropäischen Gemeinschaft aus dem Jahr 1974
− eine Phase verstärkter gewerkschaftlicher
Die Betonung einer internationalen Dimen- Europaaktivität auszumachen. Mit dem Eu-
sion gewerkschaftlicher Aktivitäten spielte ropäischen Gewerkschaftsbund (EGB) etab-
bereits in der organisatorischen Gründungs- lierten die nationalen Gewerkschaftsverbände
phase der Arbeiterbewegungen seit Mitte im Jahr 1973 sogar eine gemeinsame Dachor-
des 19.  Jahrhunderts eine wichtige Rolle. In ganisation in Brüssel. Aufgrund erheblich di-
der politischen Praxis entfalteten entspre- vergierender Zielvorstellungen der einzelnen
chende Stellungnahmen jedoch nur begrenz- nationalen Gewerkschaften, aber auch infolge
te Bedeutung; zudem wurde dem Europa- der begrenzten sozialpolitischen Kompeten-
gedanken zunächst keine besondere Rolle zen der Gemeinschaft, stießen die gewerk-
zugesprochen. ❙2 Neben den Internationalen schaftlichen Ambitionen, dem gemeinsamen
Berufssekretariaten der Bergarbeiter und der Markt eine organisierte Sozialpolitik entge-
Metallarbeiter war es namentlich die Interna- genzustellen, jedoch rasch an ihre Grenzen.
tionale Transportarbeiter-Föderation (ITF),
die über Ländergrenzen hinweg Hilfe bei Ar- Trotz der prinzipiellen Befürwortung der
beitskämpfen organisierte. Erst in den 1920er europäischen Integration zeichnete sich das
Jahren zeichnete sich unter Gewerkschaftern gewerkschaftliche Engagement der 1980er
eine stärkere Orientierung am Konzept der und 1990er Jahre durch eine zunehmende Eu-
europäischen Integration ab. Im Gefolge des ropaskepsis aus. Zurückzuführen ist dies vor
Ersten Weltkriegs wurde ein Niedergang der allem darauf, dass die wirtschaftliche Integra-
europäischen Wirtschaft konstatiert, aus dem tion durch den Binnenmarkt und die Wirt-
die Notwendigkeit einer stärkeren europäi- schafts- und Währungsunion einen immer
schen Zusammenarbeit abgeleitet wurde. ❙3 höheren Grad an Vergemeinschaftung er-
reichte, während das sozialpolitische Poten-
In den gewerkschaftlichen Widerstandszir- zial der EU begrenzt blieb. Obwohl das Sozi-
keln zur Zeit des Zweiten Weltkriegs wurden alprotokoll und vor allem der neu geschaffene
in zunehmendem Maße Überlegungen ei- Soziale Dialog den Gewerkschaften eine in-
ner stärker politischen Integration Europas stitutionalisierte Mitarbeit als Sozialpartner
diskutiert. Die in diesem Rahmen erörter- bei der Ausarbeitung europäischer Sozialpo-
ten Konzepte bildeten nicht zuletzt das Fun- litik eröffneten, gewann die soziale Dimen-
dament für die europapolitischen Initiativen sion der europäischen Integration letztlich
des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) nur ein schwaches Profil. Größere Beachtung
in den frühen 1950er Jahren. Verstärkt wur- wurde allein der Richtlinie zu den Europäi-
de die Bedeutung des Engagements dadurch, schen Betriebsräten beigemessen, die nach
dass den historisch unbelasteten freien Ge- mehr als 20  Jahre andauernden Verhandlun-
werkschaften in der Nachkriegskonstellati- gen und Kontroversen im Jahr 1994 verab-
on der Bundesrepublik − mit begrenzter Sou- schiedet und 2009 grundlegend reformiert
veränität − eine wichtige Rolle mit Blick auf wurde. Die Einflussmöglichkeiten der einzel-
den Weg Westdeutschlands zu internationaler nen Europäischen Betriebsräte variieren aber
beträchtlich: Während die einen eher symbo-
❙2  Vgl. Thomas Fetzer, Europäische Strategien deut- lischen Charakter haben, verfügen andere –
scher Gewerkschaften in historischer Perspektive, in: vor allem in der Automobilbranche – mittler-
Michèle Knodt/Barbara Finke (Hrsg.), Europäische weile über echte Mitbestimmungsrechte.
Zivilgesellschaft. Konzepte, Akteure, Strategien,
Wiesbaden 2005, S. 299–318.
❙3  Vgl. Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewe- Auf überbetrieblicher Ebene kommt dieser
gungen, Deutsche Gewerkschaften und europäische Einfluss den Gewerkschaften aber kaum zu-
Integration im 20. Jahrhundert, 42 (2009). gute. Die politischen Steuerungsinstrumente

APuZ 13–14/2010 41
in Feldern wie der Beschäftigungs-, Bildungs- ropäischer Ebene zum Tragen kommen. Da
und Sozialpolitik werden bis heute entweder in die nationalen und europäischen Arbeitgeber-
gemischter Zuständigkeit ausgeübt oder liegen verbände europaweite Tarifregelungen ableh-
bei den einzelnen Mitgliedstaaten. ❙4 Diese zei- nen und kein Interesse zeigen, Liberalisierung
gen aber angesichts hoher Konsenserfordernis- und Deregulierung durch europaweite Tarif-
se bislang wenig Bereitschaft, die europäischen verträge einzugrenzen, bleibt den Gewerk-
Arbeitsbeziehungen konkreter auszugestal- schaften gegenwärtig in europapolitischer
ten. Allein in den Bereichen des Arbeitsrechts Hinsicht zumeist nur die Option, die einzel-
und des Gesundheitsschutzes erfolgte bislang nen nationalstaatlichen Tarifpolitiken stärker
ein tiefgreifender Harmonisierungsprozess, zu koordinieren oder auf unverbindliche be-
so dass diese Politikfelder mittlerweile weit- triebliche Kollektivabsprachen zu setzen. ❙7 In
gehend nach europäischem Recht ausgestaltet diesem Zusammenhang zeigen sich die natio-
sind. Eine europäische Sozialunion − als Ge- nalen Gewerkschaften auch gegenüber neue-
genpol zum Binnenmarkt  − wurde hingegen ren, „weicheren“ Formen wie der offenen Me-
ebenso wenig wie ein europäisches System der thode der Koordinierung aufgeschlossen, die
Kollektivverhandlungen etabliert. ❙5 Die Sor- im Zuge der EU-Beschäftigungsstrategie ein-
gen vor einem „sozialen Dumping“ und einem geführt wurde und durch Zielvereinbarungen,
anhaltenden Wettbewerbsdruck auf nationale Berichtspflichten und weitere Instrumente
Löhne infolge der liberalisierten europäischen eine gemeinsame Behandlung ähnlicher Pro-
Märkte verstummen infolgedessen auch zu bleme − ohne vertragsrechtlich fixierte Verge-
Beginn des 21. Jahrhunderts nicht. meinschaftung − erlauben soll.

Vor diesem Hintergrund haben die deut-


Strukturen und Strategien schen Gewerkschaften begonnen, Strategien
gewerkschaftlicher Europapolitik zu entwickeln, die vor allem auf der Arbeits­
ebene der zunehmenden Europäisierung
Obwohl sich die Gewerkschaften stets offen Rechnung tragen sollen. Dabei sind sowohl
für die Zielsetzungen des europäischen Inte­ seitens des DGB als auch in den Reihen der
gra­tionsprozesses zeigten, haben sie sich auf einzelnen Industriegewerkschaften bislang
europäischer Ebene im Gegensatz zu den Ar- sehr unterschiedliche Ansätze verfolgt wor-
beitgeberorganisationen bislang vergleichswei- den. So hat sich ersterer − trotz zeitweilig ge-
se schwach vernetzt. ❙6 Gewerkschaften stellen genteiliger rhetorischer Beteuerungen − lange
primär auf den nationalen Wirkungsraum aus- Zeit gegen eine einheitliche europäische Ar-
gerichtete Verbände dar, deren Organisation beitsverwaltung und den Transfer von Kom-
mit den nationalen Kommunikationsstruktu- petenzen auf die europäische Ebene ausge-
ren korrespondiert. Dies dokumentieren auch sprochen. Der DGB wollte die Standards der
die Kongressprotokolle des DGB und sei- nationalen Sozialpolitik gesichert wissen, be-
ner großen Einzelgewerkschaften. Zwar ste- fürchtete aber deren Verwässerung angesichts
hen europäische Themen regelmäßig auf der unterschiedlicher Sozialsysteme und erheb-
Agenda, sie führen aber nur selten zu größe- lich variierender Formen der Mitbestimmung
ren Debatten mit entsprechender verbands- in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten. Infol-
interner oder gar medialer Aufmerksamkeit. gedessen trat er im Bereich der europäischen
Erklären lässt sich dies vor allem damit, dass Sozialpolitik zwar für Empfehlungen an die
zentrale gewerkschaftliche Instrumente wie Mitgliedstaaten ein, wehrte sich aber dage-
etwa Tarifverhandlungen bislang nicht auf eu- gen, diese zu verbindlichen Richtlinien aus-
zubauen. In den 1990er Jahren ging der DGB
dazu über, auf unterschiedliche Einflusskanä-
❙4  Vgl. Wolfgang Platzer, Konstitutioneller Minimalis-
mus: die EU-Sozialpolitik in den Vertragsreformen von le und eine stärker plurale Interessenvertre-
Nizza bis Lissabon, in: Integration, (2009) 1, S. 33–49. tung zu setzen. So wurden im Sommer 1997
❙5  Vgl. Andreas Fischer-Lescano/Florian Rödl/ ein „DGB-Verbindungsbüro Brüssel“ ein-
Christoph Ulrich Schmid (Hrsg.), Europäische Ge-
sellschaftsverfassung. Zur Konstitutionalisierung so-
zialer Demokratie in Europa, Baden-Baden 2009. ❙7  Vgl. Florian Rödl, Arbeitskämpfe um europäische
❙6  Vgl. Rainer Eising/Beate Kohler-Koch, Interes- Tarifverträge. Ein neues Handlungsfeld gewerk-
senpolitik im europäischen Mehrebenensystem, in: schaftlicher Europapolitik?, in: Dieter Scholz et  al.
dies. (Hrsg.), Interessenpolitik in Europa, Baden-Ba- (Hrsg.), „Europa sind wir“ − Gewerkschaftspolitik
den 2005, S. 11–75. für ein anderes Europa, Münster 2009, S. 155–166.

42 APuZ 13–14/2010
gerichtet − zusätzlich zum beim DGB-Vor- werkschaftsbünde aus 36 Staaten sowie zwölf
sitzenden angesiedelten Europareferat − und sektorale Europäische Gewerkschafts(dach)
auch die transnationalen Kontakte ausgebaut. verbände als Mitglieder − Tendenz steigend.
Er repräsentiert damit mehr als 60 Millionen
Grundsätzlich ist dabei zwischen zwei unter- Arbeitnehmer in Europa.
schiedlichen Strängen gewerkschaftlicher Ak-
tivitäten zu differenzieren: Zum einen arbeiten Der hohe Grad an Repräsentativität stellt eine
nationale Gewerkschaften bi- oder multilateral wesentliche Stärke des EGB dar, er bedingt aber
über Ländergrenzen hinweg mit weiteren Ge- auch dessen Schwächen. Die Entscheidungsfin-
werkschaften zusammen, um im Rahmen die- dung im EGB ist aufgrund der ausgeprägten
ser transnationalen Kooperationsstrukturen Heterogenität seiner Mitglieder bisweilen äu-
den veränderten Anforderungen des europäi- ßerst schwierig. Der EGB umfasst nicht nur na-
schen Raumes Rechnung zu tragen und diesen tionale Dachorganisationen wie den DGB oder
Prozess mitzugestalten. Zum anderen haben den britischen TUC (Trades Union Congress)
sich Gewerkschaftsdachverbände auf europäi- mit mehreren Millionen Mitgliedern, sondern
scher Ebene, in der Regel in Brüssel, formiert, auch kleine nationale Dachorganisationen aus
um dort als eigenständige Interessenorganisati- den neuen EU-Mitgliedstaaten mit kaum mehr
onen Gehör zu finden und Einfluss auszuüben. als zehntausend Mitgliedern. Ebenso stark va-
riieren der Organisationsgrad und die Ausrich-
Die transnationalen Kontakte einzelner na- tung der einzelnen Verbände. Unabhängige und
tionaler Gewerkschaften basieren vielfach auf sozialistische Gewerkschaftsverbände sind im
institutionalisierten Treffen − nicht selten in EGB ebenso wie christliche und kommunisti-
Grenzräumen wie die Beispiele des Interregio- sche Gruppierungen vertreten. Angesichts der
nalen Gewerkschaftsrats Südliche Ostsee oder Zielsetzung des EGB, möglichst im Konsens zu
des Interregionalen Gewerkschaftsrats Saar- entscheiden beziehungsweise die Beschlussfas-
Lor-Lux dokumentieren. Im Rahmen dieser sung mit Zweidrittelmehrheit der abgegebenen
Interaktionen werden indes nur selten recht- Stimmen vorzunehmen, werden Entscheidun-
lich verbindliche Entscheidungen getroffen, gen im Kongress, dem höchsten Gremium des
da die Teilnehmenden in der Regel über kein EGB, vielfach nur nach langwierigen Verhand-
spezifisches Mandat verfügen. Dennoch sind lungen oder auf kleinstem gemeinsamen Nen-
sie Ausdruck einer transnationalen Annähe- ner getroffen, so dass die Handlungsfähigkeit
rung und einer wachsenden Verständigung im insgesamt eingeschränkt ist. Dennoch gelingt
europäischen Raum. Dies dokumentiert etwa es dem EGB in zunehmendem Maße, sichtba-
die so genannte „Doorn-Initiative“, die im rer in Erscheinung zu treten, da er als Dach-
Jahr 1998 von Gewerkschaften aus Deutsch- verband auf EU-Ebene vielfach die Interaktion
land, Belgien, Luxemburg und den Niederlan- mit den EU-Institutionen an sich ziehen kann
den etabliert wurde. Mit ihr wird beabsich- und für diese zu einem wichtigen Ansprech-
tigt, die Tarifpolitik in den beteiligten Staaten partner avanciert ist.
durch eine ständige Expertengruppe der be-
teiligten Gewerkschaftsbünde und durch wei- Neben dem EGB sind in jüngster Zeit auch
tere Aktivitäten stärker zu koordinieren. die europäischen Fachgewerkschaften und
sektoralen Gewerkschaftsdachverbände ins
Im Hinblick auf die europäische Ebene Blickfeld gerückt. ❙9 Mit der Zusammenarbeit
kommt dem im Jahr 1973 gegründeten Euro- in gewerkschaftlichen Fachvertretungen und
päischen Gewerkschaftsbund (EGB) in Brüs- Verbänden hat sich eine einflussreiche Pa­
sel zentrale Bedeutung zu, der sich von einem ral­lel­struk­t ur herausgebildet, die (zu Teilen)
kleinen, wenig beachteten „Gewerkschafts- ebenfalls im EGB repräsentiert ist, zugleich
büro“ mit begrenzten Informations- und Ko- aber auch eigene Strategien und Wege der In-
ordinierungsaufgaben zu einem wichtigen teressenvertretung verfolgt.
Faktor der europäischen Gewerkschaftsland-
schaft entwickelt hat. ❙8 Zu Beginn des Jahres
2010 zählt der EGB insgesamt 82 nationale Ge-
❙9  Vgl. Hans-Wolfgang Platzer/Torsten Müller, Die
❙8  Vgl. Jon Eric Dølvik, Die Spitze des Eisberges? Der globalen und europäischen Gewerkschaftsverbände.
EGB und die Entwicklung eines Euro-Korporatis- Handbuch und Analysen zur transnationalen Ge-
mus, Münster 1999. werkschaftspolitik, 2 Bde., Berlin 2009.

APuZ 13–14/2010 43
Waren die Debatten vor der Gründung der britischem Sozialstaatsmodell − beziehungs-
Gewerkschaftsföderationen nicht selten von weise die Haltung der Gewerkschaften in die-
unterschiedlichen Positionen der nationalen sen beiden Staaten zur Mitgliedschaft in der
Mitgliedsorganisationen geprägt, zeichnet sich EU −, wird deutlich, warum hier nur in Ansät-
auch hier eine allmähliche Annäherung ab. zen gemeinsame gewerkschaftliche Grundpo-
Eine gewisse Vorreiterrolle kommt dabei dem sitionen jenseits von allgemeinen Formeln zu
Europäischen Metallgewerkschaftsbund zu, finden sind. ❙11 Die Gegensätze zwischen den
der − in erheblichem Maße von der IG Metall west- und osteuropäischen Gewerkschaftsbe-
gefördert − bereits in den 1970er Jahren wesent- wegungen, basierend auf einem immer noch
liche Schritte der transnationalen Kooperation erheblichen Lohngefälle und stark divergie-
vorzeichnete und in diesem Rahmen auch ei- renden Systemen sozialer Sicherheit, forcieren
nen eigenen tarifpolitischen Koordinierungs- die innereuropäischen Spannungslinien zu-
ansatz entwickelte. ❙10 Unverändert stellen die sätzlich. Die jungen EU-Mitgliedstaaten ha-
Gewerkschaftsföderationen aber primär Fo- ben, insbesondere im Dienstleistungsbereich,
ren des Informationsaustausches dar. Selbst ein erhebliches Interesse am Marktzugang
wenn in den mittlerweile 39 Ausschüssen des in den alten EU-Staaten, um ihre vergleichs-
Sektoralen Sozialen Dialogs sich zunehmende weise günstigen Lohnkosten zu nutzen. Dass
Kommunikations- und Verhandlungsstruktu- die Gewerkschaften in Osteuropa zudem seit
ren zwischen Gewerkschaftsföderationen und dem Systemwandel 1989 zum Teil drastisch an
den europäischen Branchenverbänden der Ar- Mitgliedern verloren haben, sich hier Tenden-
beitgeber abzeichnen und zudem eine deutli- zen einer Zersplitterung der Gewerkschafts-
che Verdichtung der Binnenarbeit der Bran- landschaft abzeichnen und sich zugleich der
chengewerkschaften erkennbar wird, bleibt Schwerpunkt der Gewerkschaftstätigkeit viel-
das Potenzial zur Durchsetzung von Interes- fach auf die betriebliche Ebene verlagert hat,
sen ebenso wie der Verbindlichkeitsgrad von verdeutlicht weitere Hürden bei der gemein-
Vereinbarungen begrenzt. samen Positionsbestimmung. Selbst ein soge-
nanntes Korridormodell mit einer gewissen
Bandbreite von Mindest- und Höchststan-
Positionen und Konfliktfelder dards in sozialpolitischer Hinsicht ist gegen-
gewerkschaftlicher Europapolitik wärtig nicht konsensfähig. Wie schwierig es
insgesamt für Gewerkschaften ist, auf europä-
Während sich im Rahmen der Strukturen ischem Terrain Einfluss auszuüben, verdeutli-
gewerkschaftlicher Europapolitik eine zu- chen neben den innergewerkschaftlichen Ge-
nehmende − wenn auch im Vergleich zu an- gensätzen aber auch drei Konfliktfelder der
deren Akteuren nur verhaltene − Europäi- jüngsten Zeit, die nicht nur als Wegmarken
sierung der nationalen Gewerkschaften und für die Ausgestaltung europäischer Sozialpo-
eine verstärkte grenzüberschreitende Koope- litik, sondern auch als Indikatoren für das ge-
ration abzeichnet, deuten die Debatten und werkschaftliche Handlungspotenzial in Eu-
Auseinandersetzungen der jüngsten Zeit auf ropa diskutiert werden.
eher begrenzte Handlungspotenziale der Ge-
werkschaften in der eu­ropäischen Politik. So Dienstleistungsrichtlinie. Kaum ein
gelingt es den Gewerkschaften kaum, sich in Rechtsakt der Europäischen Kommission
der seit Jahren schwelenden Diskussion um hat bislang derart vehemente Proteste provo-
ein europäisches Sozialmodell oder um den ziert wie die im Jahr 2004 auf Betreiben des
Begriff „soziales Europa“ auf einheitliche Binnenmarktkommissars Frits Bolkestein
Positionen zu verständigen. präsentierte Vorlage zur sogenannten Euro-
päischen Dienstleistungsrichtlinie. Umstrit-
Im Kern der Debatte steht die Frage, ob und tenen war vor allem das zunächst verankerte
in welchem Ausmaß eine stärkere Harmoni- „Herkunftslandprinzip“, dem zufolge jedes
sierung der Sozialpolitik der EU-Mitglied- Unternehmen sich bei grenzüberschreiten-
staaten notwendig sei. Vergleicht man aber al- den Aktivitäten künftig auf die Rechtsgrund-
lein die Unterschiede zwischen deutschem und lagen des Landes, in dem es niedergelassen

❙10  Vgl. Stefan Rüb, Die Transnationalisierung der ❙11  Vgl. Bernhard Ebbinghaus/Jelle Visser (Hrsg.),
Gewerkschaften. Eine empirische Untersuchung am Trade Unions in Western Europe since 1945, Basing­
Beispiel der IG Metall, Berlin 2009. stoke 2000.

44 APuZ 13–14/2010
ist, beziehen sollte − mithin auch den im Her- DGB das Inkrafttreten der Richtlinie im De-
kunftsland üblichen Lohn bezahlen oder ent- zember 2009 jedoch nicht.
sprechende Arbeitsbedingungen zugrunde
legen konnte. Von der Dienstleistungsricht- EuGH-Urteile „Laval“, „Viking“ und
linie versprach sich die Kommission Wachs- „Rüffert“. Erhebliche Aufmerksamkeit haben
tumsimpulse und Fortschritte hinsichtlich in jüngster Zeit auch drei Urteile des Euro-
des Ziels, Europa zum weltweit wettbewerbs- päischen Gerichtshofs (EuGH) gefunden, die
fähigsten Raum zu entwickeln. Demgegen- ebenfalls den Protest der Gewerkschaften ent-
über wurde unter anderem von Seiten des facht haben. Im Fall „Laval“ hatte eine schwe-
DGB vehemente Kritik an der Dienstleis- dische Bauarbeitergewerkschaft eine Baustel-
tungsrichtlinie geübt und moniert, dass es ihr le im schwedischen Vaxholm blockiert, auf der
sowohl an Rechtssicherheit als auch an der die Firma Laval, beziehungsweise ein mit ihr
Folgenabschätzung mangele und ein Abbau verbundenes Subunternehmen, mit lettischen
von Sicherheits-, Qualitäts- und Umwelt- Bauarbeitern tätig war. Ziel der Blockade war
standards zu befürchten sei. In Verbindung es, Laval zu veranlassen, die ortsüblichen Ta-
mit anderen nationalen Gewerkschaften und riflöhne zu zahlen. Der Klage der Firma La-
dem EGB wurden umfangreiche Protestmaß- val und ihren Verweisen auf die Niederlas-
nahmen organisiert. sungs- und Dienstleistungsfreiheit wurde
vom EuGH im Dezember 2007 dahingehend
So rief der EGB im März 2005 zu einer eu- stattgegeben, dass die Kampfmaßnahmen der
ropaweiten Demonstration gegen die Dienst- schwedischen Gewerkschaft als rechtswidrig
leistungsrichtlinie auf. Mehr als 60 000 Arbeit- verurteilt ­w urden.
nehmer folgten dem Aufruf und protestierten
öffentlichkeitswirksam in Brüssel gegen den Im Fall „Viking“ hatte die finnische Seeleu-
Abbau des Sozialstaats sowie für eine Ver- tegewerkschaft der Viking-Linie mit Streik
besserung der sozialen Sicherheit in Europa. gedroht, da diese eines ihrer Fährschiffe aus-
Die knapp ein Jahr lang in verschiedenen eu- flaggen und über eine estnische Tochterge-
ropäischen Hauptstädten und in Straßburg sellschaft registrieren lassen wollte, auf der
wiederholten Proteste, aber auch die lang- primär estnische Matrosen eingesetzt wer-
wierigen Verhandlungen hinter den Kulissen den sollten. Der von der Reederei angerufene
zeigten Wirkung: ❙12 Das Herkunftslandprin- EuGH urteilte ebenfalls im Dezember 2007,
zip wurde aus dem ursprünglichen Richt- dass die gewerkschaftliche Verhinderungs-
linienvorschlag gestrichen und durch ein strategie rechtswidrig sei, da die Unterneh-
„Ziellandprinzip“ ersetzt, dem zufolge Ar- mens- und Niederlassungsfreiheit im euro-
beitnehmer zu den Konditionen beschäftigt päischen Binnenmarkt eine entsprechende
werden sollen, die am jeweiligen Einsatzort Vorgehensweise erlaube.
gelten. Die Verabschiedung der „entschärf-
ten“ Variante der Richtlinie durch das EU- Im Fall „Rüffert“ schließlich verurteilte der
Parlament und den Rat im Herbst 2006 wur- EuGH im April 2008 das Bundesland Nie-
de von den Gewerkschaften dennoch kritisch dersachsen für die Auslegung seines Verga-
beurteilt. Namentlich der DGB argumentier- begesetzes bei einem Gefängnisneubau. Das
te, dass nach wie vor Umgehungsmöglichkei- Land hatte gegenüber einem polnischen Auf-
ten bestünden, die einem Lohndumping und tragnehmer auf Einhaltung der im Tarifver-
Unterlaufen tariflicher und sozialer Stan- trag des deutschen Baugewerbes festgelegten
dards Vorschub leisten würden. Vor allem Mindestlöhne bestanden und, nachdem diese
fehlende Hinweise auf den Arbeits- und Ver- deutlich unterschritten wurden, dem Un-
braucherschutz sowie fehlende Fristen, wann ternehmen Vertragsstrafen angedroht. Der
ein Arbeiter als niedergelassen einzustufen EuGH beanstandete diese Vorgehensweise
sei, wurden moniert. Verhindern konnte der und urteilte, dass das niedersächsische Ver-
gabegesetz unvereinbar mit dem geltenden
❙12  Vgl. Wolfgang Kowalsky, The logic of the inter- Europarecht sei.
nal market versus social standards – from a defensive
to an offensive, in: Otto Jacobi/Maria Jepsen/Berndt
Zahlreiche Gewerkschaften in der EU be-
Keller/Manfred Weiss (eds.), Social Embedding and
the Integration of Markets – An Opportunity for werteten die EuGH-Urteile als eine deutliche
Transnational Trade Union Action or an Impossible Verlagerung der ohnehin asymmetrischen
Task?, Düsseldorf 2007, S. 101–120. Balance von Marktfreiheit und Arbeitneh-

APuZ 13–14/2010 45
merrechten zugunsten der ökonomischen nes angemessenen sozialen Schutzes bei der
Dimension. ❙13 Kritisiert wurde in diesem Zu- Festlegung und Durchführung aller politi-
sammenhang die einseitige Auslegung der schen Maßnahmen zu berücksichtigen sind,
bereits im Jahr 1996 verabschiedeten Entsen- aber auch die primärrechtliche Verankerung
derichtlinie im Sinne der Arbeitgeberinteres- des Dialogs der Sozialpartner im dreiglied-
sen. Zugleich wurde − so das Verdikt der Ge- rigen Sozialgipfel – können hier indes neue
werkschaften − mit den EuGH-Urteilen auch Handlungsmöglichkeiten eröffnen. ❙14 Dem
das Protestrepertoire der Arbeitnehmerver- wurde in jüngster Zeit die Forderung an die
tretungen als unvereinbar mit dem Gemein- Seite gestellt, dass die Gewerkschaften stär-
schaftsrecht betrachtet. Damit werde das ker rechtliche Ins­trumente in Anspruch neh-
Streikrecht eingeschränkt beziehungsweise men müssten, um den zunehmend mit politi-
den wirtschaftlichen Grundfreiheiten nach- scher Wirkung tätigen EuGH auch für eine
geordnet. Weniger Berücksichtigung fand soziale Auslegung des neuen EU-Vertrags-
in den einschlägigen Kommentaren hinge- rechts zu sensibilisieren. Es scheint aber, dass
gen der Hinweis, dass mit den Urteilen des diese Forderungen gegenwärtig wenig an den
EuGH erstmals auf europäischer Ebene die politischen Realitäten zu ändern vermögen.
Bedeutung der Koalitionsfreiheit und des
Streikrechts als Grundrechtsgarantien recht- Häufig vorgeschlagen wird auch, in einer
lich bestätigt wurden. immer komplexeren EU, Fragen der europä-
ischen Sozialpolitik aus dem Kreis des hoch
spezialisierten europäischen Expertenwissens
Perspektiven herauszuholen und zu einem Thema für Ge-
werkschaftsmitglieder und -funktionäre zu
Der Blick auf die hier skizzierten Konflikte machen. In diesem Rahmen erscheint einer-
verdeutlicht, wie schwierig es für nationale seits der Brückenschlag zum EU-Parlament,
Gewerkschaften trotz aller Strukturanpas- das mit dem Vertrag von Lissabon erneut ver-
sungen sein wird, in einem zusammenwach- stärkte Kompetenzen – vor allem im Bereich
senden Europa ihren Einfluss zu behaupten der Budgetrechte – erhalten hat, andererseits
und als Akteur politisch wirksam zu werden. aber auch eine stärkere Kooperation mit den
Einerseits müssen sie ihre Programmatik und nationalen Parlamenten als Kerngesetzgeber
Zielvorstellungen an die gesellschaftlichen in der Sozialpolitik und als nationale Früh-
und ökonomischen Veränderungen wie etwa warnsysteme der europäischen Politik zen-
die zunehmende Alterung, den Wandel von tral. Erst wenn sozial- und fiskalpolitische
industriellen zur postindustriellen Wirt- Aspekte der Europapolitik in den Parlamen-
schaftsstrukturen, die wachsende Teilnahme ten auf europäischer und nationaler Ebene
von Frauen am Erwerbsleben oder die Zu- eingehender diskutiert und im Sinne einer
nahme „atypischer“ Beschäftigungsformen Auseinandersetzung über unterschiedliche
und diskontinuierlicher Erwerbsverläufe an- Politikoptionen öffentlichkeitswirksam im
passen. Zugleich sehen sich die Gewerkschaf- europäischen Mehrebenensystem themati-
ten angesichts des Bedeutungszuwachses der siert werden, mag auch die gewerkschaftliche
EU zunehmend mit einer Verlagerung ihrer Europapolitik – gewissermaßen im Sinne ei-
Aktivitäten auf die europäische Ebene kon- ner Neugründung der europäischen Arbeits-
frontiert. Vor allem die fehlenden sozialpoli- beziehungen oder einer Transnationalisie-
tischen Rahmenbedingungen und der Mangel rung der sozialen Welt ❙15 – Potenzial für eine
an entsprechenden Instrumentarien erschwe- stärkere Interessenvermittlung entfalten.
ren den Gewerkschaften bislang ein schlag-
kräftiges Handeln.
❙14  Vgl. Christiane Dienel/Sabine Overkämping, Der
Die Neuerungen des Vertragswerks von Vertrag von Lissabon und die europäische Sozialpo-
Lissabon – so etwa die politikfeldübergrei- litik, in: Olaf Leiße (Hrsg.), Die Europäische Uni-
on nach dem Vertrag von Lissabon, Wiesbaden 2010,
fende Sozialklausel, derzufolge bestimmte
S. 176–194.
soziale Aspekte wie die Gewährleistung ei- ❙15  Vgl. Ludger Pries, Die Transnationalisierung der
sozialen Welt. Sozialräume jenseits von Nationalge-
❙13  Vgl. Fritz Scharpf, Regieren in Europa. Effektiv sellschaften, Frankfurt/M. 2008.
und demokratisch?, Frankfurt/M.–New York 1999,
S. 47–80.

46 APuZ 13–14/2010
Herausgegeben von
der Bundeszentrale
für politische Bildung
Adenauerallee 86
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Redaktion
Dr. Hans-Georg Golz
Asiye Öztürk
Johannes Piepenbrink
(verantwortlich für diese Ausgabe)
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7-10 Zukunft der Sozialpartnerschaft in Deutschland

Die Sozialpartnerschaft spielt eine herausragende Rolle. Insbesondere die Tarif-
partnerschaft ist eine tragende Säule der sozialen Marktwirtschaft. Sie trug maß-
geblich zum Erfolg der deutschen Wirtschaft und zum sozialen Frieden bei.

Klaus Tenfelde
11-20 Gewerkschaftliche Organisation im Wandel
Im Vordergrund steht die Frage nach den Wechselbeziehungen zwischen ge-
werkschaftlichen Organisationen und Arbeitsbeziehungen. Die Gewerkschaften
mussten sich den industriewirtschaftlichen Strukturveränderungen anpassen, um
handlungsfähig zu bleiben.

Ulrich Brinkmann · Oliver Nachtwey


21-29 Krise und strategische Neuorientierung der Gewerkschaften
Es bedurfte nicht erst der Finanz- und der Wirtschaftskrise, damit sich die deut-
schen Gewerkschaften ihrer Krise als Organisationen bewusst wurden. Wie kön-
nen sie verhindern, in eine „strategische Lähmung“ zu verfallen?

Anne Seibring
29-35 Die Gewerkschaften im Fünf-Parteien-System

Die Ausdifferenzierung des Parteiensystems zum Fünf-Parteien-System stellt die
Gewerkschaften vor neue Herausforderungen, auch wenn sie schon seit längerem
begonnen haben, sich von tradierten Einflussstrategien zu verabschieden.

Thorsten Schulten
36-40 Zur Reichweite der Tarifpolitik in Europa
Das Tarifvertragssystem befindet sich in einem schleichenden Erosionsprozess
aufgrund gesellschaftlicher Megatrends wie die Globalisierung. Im europäischen
Vergleich zeigt sich, dass die Erosion keineswegs ein zwangsläufiger Prozess ist.

Jürgen Mittag
40-46 Gewerkschaften zwischen Europäisierung und Stagnation

Gewerkschaften sind in zunehmendem Maße mit den Herausforderungen eu-
ropäischer Politik konfrontiert. Der Beitrag skizziert Potenziale und Probleme
deutscher Gewerkschaften bei der Auseinandersetzung um das „soziale Europa“.