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Institut für

Technische Thermodynamik
Universität Stuttgart und Thermische Verfahrenstechnik
Prof. Dr.-Ing. J. Groß

Vorlesung Thermodynamik I

Einführung

Die Thermodynamik ist eine Grundlagendisziplin der Ingenieurwissenschaften. Die


Thermodynamik formuliert vier Hauptsätze, wobei der 1. und 2. Hauptsatz den Kern ausmachen
während der 0. und der 3. Hauptsatz eher ‚flankierenden’ Charakter haben. Die Thermodynamik
besteht in der Anwendung und der Analyse dieser zwei Hauptsätze. Diese Hauptsätze stellen die
stärksten Gesetzmäßigkeiten dar, die in den Natur- und Ingenieurwissenschaften bekannt sind.
Die Gültigkeit wurde noch niemals falsifiziert. Selbst bei extremsten Bedingungen, wie sie 10-3
Sekunden (!) nach dem sog. Urknall vorlagen, behalten die Gesetze ihre Gültigkeit, wie die
Vorhersage noch heute messbarer Hintergrundstrahlung aus dieser Zeit belegt.

1. Hauptsatz der Thermodynamik – die Energiebilanz


Energie ist eine Erhaltungsgröße – sie kann nicht aus dem Nichts entstehen oder ins Nichts
verschwinden. Diese verbale Formulierung des ersten Hauptsatzes deutet an, dass man für die
Größe Energie eine Bilanz erstellen kann, die (bei gewissenhafter Bilanzierung) immer aufgeht.
Mathematisch stellt der 1. Hauptsatz eine Bilanzgleichung dar.

2. Hauptsatz der Thermodynamik – die Entropiebilanz


Der 1. Hauptsatz lässt offen in welcher Richtung Energieveränderungsprozesse ablaufen. Eine
Kokosnuss fällt nach unten und setzt dabei potentielle Energie in thermische Energie um
(nachdem sie am Boden zu Ruhe kommt). Der umgekehrte Prozess, nämlich die Aufnahme
thermischer Energie und das Umsetzen in potentielle Energie, gekennzeichnet durch das
Aufsteigen der Kokosnuss vom Boden zum Geäst, wird jedoch in der Natur nicht beobachtet. Der
zweite Hauptsatz trifft eine Aussage über die Richtung in der die Kokosnuss fällt. Auch quantifiziert
er (Reibungs)verluste von Prozessen. Würde die Kokosnuss beispielsweise reibungsfrei fallen,
und sich auf dem Boden ideal elastisch verhalten, dann würde sie auf ihre ursprüngliche Höhe
zurückspringen. Offensichtlich erfährt eine echte Kokosnuss Reibungsverluste. Formal führt der 2.
Hauptsatz die Größe Entropie ein und stellt diese Größe in einer Bilanzgleichung dar.

Aus der Anwendung der Hauptsätze ergeben sich Aussagen über die Stoffeigenschaften von
Reinstoffen und von Mischungen. Diese Aussagen sind sehr bedeutungsvoll für die Ingenieur- und
Naturwissenschaften und bilden insbesondere die Grundlage für Materialwissenschaften und für
die physikalische Chemie.

Zusammenfassend stellt sich uns die Technische Thermodynamik in 3 Säulen dar

Technische Thermodynamik

Energiebilanz Entropiebilanz Stoffeigenschaften


(1. Hauptsatz) (2. Hauptsatz) (Reinstoffen, Mischungen)

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Institut für
Technische Thermodynamik
Universität Stuttgart und Thermische Verfahrenstechnik
Prof. Dr.-Ing. J. Groß

Vorlesung Thermodynamik I

Teildisziplinen der Thermodynamik

Klassische Thermodynamik
Betrachtet makroskopisch messbare Größen und deren Zusammenhang. Dies ist der Gegenstand
der Vorlesung Technische Thermodynamik I/II (BSc) sowie der Lehrveranstaltung Thermodynamik
der Gemische (BSc).

Molekulare Thermodynamik
betrachtet molekulare Wechselwirkungen und molekulare Anordnungsmöglichkeiten, um
Vorhersagen über das makroskopische Verhalten von Stoffen zu machen, sowie molekulare oder
anderweitig kleinskalige Vorgänge aufzuklären und vorherzusagen. Da sich viele aktuelle
maschinenbauliche Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in solch kleine Skalen hineinbewegen
(Nanotechnologie, biotechnologische Prozesse, Oberflächeneigenschaften in der Halbleiter und
Medizintechnik, etc.), ist die molekulare Thermodynamik eine immer wichtiger werdende Disziplin
(Wahlveranstaltung MSc).

Nichtgleichgewichts-Thermodynamik
Die Teildisziplin ermöglicht eine thermodynamisch konsistente Modellbildung von
Transportprozessen (beispielsweise von Stoffdiffusion und Wärmeleitung), sowie die Modellierung
und Vorhersage von technischen Ineffizienzen (Reibungsverlusten). (Wahlveranstaltung MSc)

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