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1945 erinnern

Ein lebensgeschichtliches Leseheft

zusammengestellt von
Gert Dressel und Günter Müller
2 1945 erinnern

© Verein „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“


sowie die Autorinnen und Autoren

© Foto: Johann Krivda

Wien, im August 2005

Kontakt:
Dr. Gert Dressel, Mag. Günter Müller
Institut f. Wirtschafts- u. Sozialgeschichte, Universität Wien
„Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“
Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien
Tel.: 01/4277-41306
E: doku.wirtschaftsgeschichte@univie.ac.at, gert.dressel@univie.ac.at

Ein Projekt der „Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen“ am Insti-


tut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien in Zusammenarbeit mit
Radio Ö1, dem Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Linz, der Abtei-
lung Kultur- und Wissenschaftsanalyse der Wiener IFF (Universität Klagenfurt) so-
wie dem Österreichischen Institut für Erwachsenenbildung in St. Pölten
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VORWORT

Nicht erst seit dem heurigen Gedenkjahr ist in Medien und Geschichtsbüchern ausführ-
lich über die verschiedenen Ereignisse des Jahres 1945 gesprochen und geschrieben
worden. Weniger aufgearbeitet als das militärische und politische Geschehen dieser Zeit
wurden in den vergangenen Jahrzehnten hingegen lebensgeschichtliche Erfahrungen.
Menschen haben im Alltag des Kriegs und Nachkriegs, vor allem im zwischenmenschli-
chen Bereich, Erfahrungen gemacht, die nachher oft nicht aussprechbar gewesen sind –
gleichwohl wirken sie bis heute nach.
Wir wollen mit unseren Aktivitäten unter dem Motto „1945 erinnern“ sowohl Gespräche
und Auseinandersetzungen (in einem positiven Sinn des Wortes) zwischen den Angehö-
rigen der älteren Generation anregen und die Weitergabe lebensgeschichtlichen und all-
tagshistorischen Wissens an die nachfolgenden Generationen fördern. Das kann gesell-
schaftlich sinnvoll und individuell heilsam sein. Ein erster Schritt dazu ist, über eigenes
Erleben nachzudenken und die persönlichen Erinnerungen an diese Zeit festzuhalten.
Dazu möchten wir Sie mit unserem Leseheft anregen. Damit ist diese Textsammlung
auch kein fertiges und ausgefeiltes Endprodukt, sondern sie hat vor allem einen
„Gebrauchscharakter“. Vielleicht erkennen Sie sich in dem einen oder anderen lebens-
geschichtlichen Text wieder, weil Sie ähnliches erlebt haben. Vielleicht haben Sie aber
auch anderes erlebt und sehen sich in Ihren Erfahrungen nicht durch unsere Textsamm-
lung vertreten. Wie auch immer, ob Gemeinsamkeiten oder Unterschiede: Wir würden
uns freuen, wenn Sie Ihre Geschichten zu Papier bringen würden. Aus Platzgründen ha-
ben wir für diese Broschüre aus dem Bestand der „Dokumentation lebensgeschichtlicher
Aufzeichnungen“ Textpassagen ausgewählt, in denen vor allem über Erfahrungen im
Jahre 1945 berichtet wird. Wir wissen natürlich, dass es ein „Davor“ und ein „Danach“
gibt; auch daran sind wir interessiert.
In der Wissenschaft, gerade in der Geschichtswissenschaft, gibt es das Ideal der „Objek-
tivität“. Wir wissen, dass sich auch Autor/innen von lebensgeschichtlichen Erinnerungs-
texten zuweilen an diesem Ideal orientieren. Oft sind sie bemüht, nicht nur das eigene
Leben, sondern vor allem die „großen“ Ereignisse und Abläufe der Zeit lückenlos zu do-
kumentieren. Die Aussagekraft von lebensgeschichtlichen Erzählungen hat allerdings
weniger mit den darin berichteten historischen „Tatsachen“ zu tun – die zeitgeschichtli-
chen Vorgänge und Zusammenhänge auch des Jahres 1945 lassen sich besser in Ge-
schichtsbüchern nachlesen. Die Stärke von schriftlichen oder erzählten Lebensgeschich-
ten liegt vielmehr darin, dass sichtbar wird, wie sich geschichtliche Abläufe auf das Le-
ben von Menschen auswirken und wie diese Menschen damit umgehen. Es ist ja nicht
nur interessant, was damals geschehen ist, sondern auch wie Menschen das Geschehe-
ne erlebt und bewältigt haben – und: welche Gedanken und Erfahrungen, Einstellungen
und Lebensperspektiven womöglich auf Erlebnissen in der Vergangenheit beruhen.
Es ist also ganz und gar kein Nachteil, dass lebensgeschichtliche Aufzeichnungen immer
„subjektiv“ sind. Jede und jeder sollte konsequent das erzählen und aufschreiben, was
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sie oder er in den Jahren um 1945 erlebt und empfunden hat – und wie man dies verar-
beitet hat. Uns ist wichtig, dass die persönlichen Lebensgeschichten glaubwürdig, an-
schaulich und für andere nachvollziehbar Einblicke in Situationen der eigenen Vergan-
genheit geben – und mögen diese Situationen zunächst als noch so unbedeutend er-
scheinen. In unseren Augen nähert man sich einer „historischen Objektivität“ darüber
an, dass man möglichst viele „subjektive“ Sichtweisen auf das Vergangene zusammen-
bringt. Wenn man sich des eigenen Blickwinkels vergewissert hat, ist es womöglich ein-
facher, andere – auch entgegengesetzte – zuzulassen.
Wir denken, dass unser Leseheft bereits eine Vielfalt an Sichtweisen bietet: Frauen,
Männer, Wehrmachtsangehörige bzw. Kriegsgefangene, Heimatvertriebene, KZ-Opfer
und andere kommen zu Wort. Einige Autor/innen empfanden 1945 als eine Befreiung,
andere dagegen als Niederlage. Oft wird von erlittenem Leid unterschiedlicher Art er-
zählt; einige Autor/innen erinnern sich aber auch an Momente der Freude.
Wir würden uns freuen, wenn Sie das Erinnerungs- und Erfahrungsmosaik mit Ihren
„subjektiven“ Geschichten noch erweitern könnten. Wir werden natürlich in der kom-
menden Zeit darüber nachdenken, in welcher Form wir die neuen Texte und die darin
beschriebenen Erfahrungen aufbereiten können. Vielleicht haben aber auch Sie Ideen ...
Zunächst aber wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre und freuen uns auf Ihre
persönlichen Erinnerungstexte.

Wien, im August 2005 Gert Dressel und Günter Müller


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Inhalt

Krieg und Nachkrieg

Ida Ebner: „Unser Haustor trug russische Schriftzeichen ...“ 9

Hermine Prevolschek: „Dann aber geschah etwas Unvorhergesehenes ...“ 14

Karl Rauch: „In diesen Panzern saßen noch Russen, die verbrannt waren ...“ 19

Hans Heinz Weber: „Wir hatten uns wahrlich eine andere Art der
Befreiung erwartet ...“ 23

Ernestine Hieger: „Was, wenn ich nur allein weg bin? …“ 25

Elfriede Steinert: „Niemand kam mir zu Hilfe …“ 28

Rosa Imhof: „Beileibe war des Grauens noch nicht genug ...“ 32

Erika Schöffauer: „Wie aus heiterem Himmel ...“ 35

Dietrich Derbolav: „Es war ein Lehrstück ...“ 37

Heimwege und Irrwege

Herbert Hacker: „Meine Familie hat meine Lebensmittelkarte – und


einen Esser weniger ...“ 41

Alois Mayrhofer: „Ich konnte weder lachen noch weinen ...“ 43

Friedrich R. Miksa: „Wo war denn die alte, so vertraute Gasse? ...“ 45

Josefa Paul: „Je näher ich der Heimat kam ...“ 48

Hans Gamliel: „Sie war eine Meisterin der Improvisation ...“ 54

Fritz Roubicek: „‚Jedem Wiener lacht das Auge’ ...“ 58

Luise Hanny: „Der Irrweg meines tschechischen Briefes ...“ 61

Vom Organisieren und Improvisieren

Hertha Bren: „‚Nie wieder lassen wir dich hamstern gehen!’ ...“ 65

Günther Doubek: „Ich mied den Resselpark daraufhin drei Monate lang ...“ 66

Elfriede Strachota: „Dies war die Grundsteinlegung für einen


florierenden Schleichhandel ...“ 70
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Norbert Kraus: „Alle Nazi müssen raus! ...“ 73

Hedwig Öhler: „Meinen Schulweg musste ich zu Fuß bewältigen ...“ 75

Neue Ordnungen und Neuorientierungen

Hilde Krauland: „Wir haben den Humor nie verloren ...“ 81

Adele Zelenka: „Scham und Trauer spiegelten sich in


meinem Gesicht wider ...“ 82

Adolfine Schumann: „Was kann man von einem gelernten Unteroffizier


anderes erwarten? ...“ 86

Maria Parizek: „Nach ein paar Drinks würden wir etwas lockerer werden ...“ 89

Gertrud Jagob: „Eine Spirale gegenseitigen Nichtverstehens ...“ 91

Else Fritsch: „Wie schön war es, auch im Wald den Kuckuck
rufen zu hören! ...“ 94

Emma Köhler: „Das Leben ist kostbar ...“ 96


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Krieg und Nachkrieg


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Ida EBNER sein, Schaufel sei mitzunehmen, auch


wurde 1923 in Walbersdorf (Burgenland) ge- das Essen.
boren. Ihre Eltern betrieben eine Gast- So war auch ich dabei, Anfang März
wirtschaft und waren als überzeugte Katho-
1945. Wir fuhren an die Staatsgrenze.
liken und Monarchisten Gegner des Nationa-
lsozialismus. Im Zug und dann auch beim Ausheben
des Grabens fragten einige von uns, wo-
„Unser Haustor trug
zu das gut sei: „Glaubt ihr denn, dass so
russische Schriftzeichen ...“
ein Graben die Russen aufhalten wird?“
Einem Wunsch meiner Mutter möchte ich Es waren aber viele, die noch an einen
noch nachkommen: Das Jahr 1945, wo Sieg für Hitler glaubten. Wir verrichteten
die Front unser Burgenland überrollt hat, täglich unsere Arbeit im Haus, Vater und
möchte ich noch aufschreiben. Mutter unser „Polacke“ am Feld. Ende März
sagte damals, das müsste man auf- wurden im Ort Panzersperren errichtet.
schreiben, was da die Leute erlebt und Französische Gefangene und unser „Po-
gelitten haben. lacke“ waren gut befreundet, und sie
Wir waren durch das Abhören der Aus- trafen sich oft in unserem Haus im Wirt-
landssender wohl immer auf dem Lau- schaftstrakt. Die hatten dort irgend ei-
fenden, wo die Front stand: Die Russen nen Sender oder ein Funkgerät!
in Ungarn bei der Schlacht bei Budapest, Auch eine Ukrainerin mit einem kleinen
die Amerikaner in Oberitalien, und dann Kind hatten wir im Haus. Das Kind war in
immer die Aufrufe an die Bevölkerung, Österreich zur Welt gekommen. Sie
Ruhe zu bewahren: „Ihr seid bald frei“. machte meinen Eltern Mut und sagte:
Jeder Einzelne machte sich seine eigene „Ich Russki sagen: ‚Du gut, du nicht Hit-
Vorstellung von einem Kriegsschauplatz. ler Freund’.“ Wir dachten auch gar nicht
Als Ende Feber, Anfang März Flüchtlinge daran, etwas zu verstecken. Doch So-
aus Rumänien mit aufgeladenem Haus- phie, die Ukrainerin, sagte zu Vater, wir
rat die Straßen bevölkerten und der sollten Lebensmittel vergraben; wir hat-
Wehrmacht den Weg erschwerten, fragte ten keine Ahnung, wo und wie und wes-
man sich ja, wo denn diese Leute alle halb. Dann vergruben wir aber Schmalz
hinwollten. Als sie dann auch in unserem und auch etliches Bettzeug – meine
Dorf stecken blieben, wurden vom Bür- „Ausstattung“. Als sich auch unsere Na-
germeister Frauen und Kinder in die zis anschickten, mit voll beladenem Wa-
Häuser verteilt, auch bei uns lagerten sie gen unseren Ort zu verlassen, wusste
im Extrazimmer und im Gasthaus am man nicht, ob man auch mitfahren soll-
Boden auf Decken. Mutter kochte ihnen te.
eine warme Suppe und für die Kinder Doch Mutter und Vater sagten: „Wir ha-
gab es Milch. Unser Kleinrichter hatte im ben ja nichts angestellt“. Und wo sollten
Dorf einige Stellen, wo er trommelte, wo wir hin – bei all diesen verstopften Stra-
er dann seine Verlautbarungen bekannt ßen und den vielen Fliegerangriffen auf
gab. Da hieß es, von jedem Haushalt die Hauptdurchzugsstraßen? Ende März
müsse eine Person um 6 Uhr zum hörte man Kanonendonner. Durch den
„Schanzen“ am Bahnhof Mattersdorf
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„Feindsender“ im Radio wusste man, wo Die Leute fühlten sich im Keller sicher.
die Front war. Es war so eine Unruhe, Doch im Morgengrauen des Ostersonn-
Flucht, Angst und Gleichgültigkeit. Am tag – draußen war eine unheimliche Stil-
meisten half noch das Beten. Zu Beginn le nach dem Lärm und Kampf der Nacht
der Karwoche gab es noch eine heilige – hörten wir im Hof russische Stimmen.
Messe, dann, am Karfreitag, stockte der Drei oder vier russische Soldaten kamen
rasche Vormarsch der Russen in Wal- in den Keller, sie vermuteten hier deut-
bersdorf, Teilen von Marz und Matters- sche Soldaten. Als sie merkten, dass hier
burg. Es kam zu einem Stellungskrieg nur Zivilisten waren, rissen sie meinem
mit SS-lern und Leuten vom Volkssturm: Vater den Ehering vom Finger und sam-
Das waren Männer wie mein Vater über melten sämtliche Armbanduhren ab. Wir
50, Veteranen des Ersten Weltkriegs und zwei rührten uns nicht in unserem Ver-
ganz junge, in einem Schnellsiedekurs steck. Sie verlangten, dass alle Leute
ausgebildete Soldaten ohne Fronterfah- wieder heimgehen sollten. Wir zwei
rung. Mädchen wollten nicht in die Hände der
Als unser Ort unter Artilleriebeschuss lag Russen kommen, und es wusste ja nie-
und unsere Kirche arg getroffen wurde, mand, wo wir waren.
kamen Frauen und Kinder in unseren Schwere Lastwagen fuhren in unseren
Gewölbekeller mit Decken und dem Not- Hof, und in unserem Haus wurde ein
dürftigsten, dass sie in aller Eile zusam- Nachschublager für die kämpfende Trup-
mengerafft hatten. Es waren so an die pe, die Richtung Wiener Neustadt und
25 Leute. Karsamstag Nachmittag schlu- Wien zog, eingerichtet. Dies bedeutete,
gen rundherum die Geschosse ein. Unser dass Zivilisten unser Haus nicht betreten
Keller hatte schmale Luftschachte nach durften, es waren Wachen aufgestellt.
außen, von dort hörte man Laufen, Alle Lebensmittel und beweglichen Güter
Schreien und Schießen. Unser Nachbar- wurden von den Russen konfisziert. Mei-
mädl, Lehner Herta, und ich kletterten ne Mutter flüchtete zur Resi Tante und
im Keller über die Burgunder (das sind ihrer Schwiegertochter, die als Kroatin
Rüben, Futter für die Kühe und Pferde) sich ein wenig mit den Russen verstän-
ganz weit hinauf in die Nähe des Fens- digen konnte; die ließ man in ihrem
ters, wo die Rutsche war, um die Rüben Haus in Ruhe. Mein Vater wollte unbe-
herunterzuschmeißen. dingt im Haus bleiben, und als ihn ein
Meine Überlegung war: Sollte der Keller Deutsch sprechender Russe fragte, was
verschüttet werden, so könnte man nach er hier mache, und mein Vater ihm sagte
draußen rufen. Wir gruben uns mit den „Towarisch“ [Kamerad], das ist mein
Rüben ein Versteck, so dass man uns Haus“, lachte der ihn aus, und man
vom Keller aus nicht sehen konnte. In glaubte, unser großes Haus gehöre ei-
Decken gehüllt waren wir ganz still. nem Magnaten! Man ließ ihm im Pferde-
Dann kam die Nacht. Es war eine un- stall auf einem Strecksessel schlafen.
heimliche Stille im Keller. Es waren klei- Dann kam schon der Tross nach.
ne Kinder im Keller, auch ein Säugling, Sie hatten ja drei Tage Plünderungs-
die Walpurga vom Köller, mein Täufling. recht. Sehr schlecht wirkte sich der viele
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Wein in den Kellern aus. Betrunkene teilen. Ein Kellerfenster brachte uns am
Soldaten und das Schreien der Frauen, Tag etwas Licht und Luft. Der Lang-
die ihnen über dem Weg liefen. Als sich Vetter hatte vor dem Fenster einen
unsere Ukrainerin bemerkbar machte, Holzbock und hackte dort Holz, um mit
ging man auch mit ihr nicht gut um, und uns etwas reden zu können. Er musste
als ein Offizier das Kind sah und sich So- aber auch ziemlich viel Holz vor das
phie für meinen Vater und unser Haus Fenster werfen, um diesen Keller bzw.
gute Worte einlegte, kam es zu einer uns Mädchen nicht zu gefährden.
grotesken Szene. Man glaubte, mein Va- Wir waren sehr müde und schliefen viel.
ter sei der Vater ihres Kindes, und er Am nächsten Tag drohte uns große Ge-
entging nur ganz knapp dem Tod. Die- fahr, entdeckt zu werden. Im Zimmer,
sen russischen und polnischen Zwangs- wo der Einstieg in den Keller war, wurde
arbeitern trauten die Soldaten nicht. von einem Russen Quartier bezogen.
Man fing sie zusammen, einige sollen Man hörte, wie er sich ins Bett fallen
sogar nach Sibirien geschickt worden ließ. So mussten wir uns sehr ruhig ver-
sein. Welch eine Tragik! Dabei hatten sie halten, man durfte nicht husten. Wir
sich Freunde erhofft. Erst Ostermontag hatten auch ein lungenkrankes Mädchen
Früh, als alle Soldaten in ihrem Rausch im Keller, und die schrie im Schlaf. Da-
eingeschlafen waren, kam der Lang- her musste eine von uns immer wach
Vetter und holte uns aus dem Keller. Das bleiben und auf die anderen aufpassen.
war wie ein Wunder, dass wir aus unse- Wir wechselten uns ab. Wir waren Ge-
rem Versteck so ungeschoren heraus- fangene in unserem Versteck. Der Durst
kamen. quälte uns.
Wir suchten den Heuboden von unserem Als der Russe für kurze Zeit das Haus
Nachbarn auf. Wir getrauten uns fast verließ und der Lang-Vetter beim Keller-
nicht in die Küche, um etwas Essbares fenster uns Mut zusprach, fragte ich ihn,
und etwas Wasser zu suchen, und auch ob es denn nichts zu trinken gebe. Er
dort verkrochen wir uns. Wir wussten warf uns Zündhölzer herunter, damit wir
aber auch, dass dies keine Lösung war, uns ein bisschen Licht machen konnten,
und wir wussten nicht, wo alle Walbers- und sagte uns, ein volles Weinfass sei im
dorfer sich versteckt hielten. Als es Keller und auch ein Weinheber. Nun
A bend wurde, sahen wir wieder den machte ich mich an die Arbeit. Es gab im
Lang-Vetter, und mit ihm suchten wir Keller nur ein einziges Glas, und für un-
sein Haus auf, denn dort waren keine seren Durst war ja der starke Blau-
Russen. Er steckte uns über einen ge- fränkische auch nicht gut geeignet. Doch
heimen Abgang, eine Falltüre in einem er war besser als nichts, und als ich he-
Zimmer, in den Weinkeller. Ein alter rauszog, bekam ich schon den Mund
Teppich und ein Diwan verdeckten die voll, und jede wollte zu trinken haben.
Falltüre. Im Keller waren schon acht an- Am meisten bedrängte mich das kranke
dere Mädchen. Lehner Herta und ich Mädchen, doch gerade diesem wollte ich
suchten uns eine Ecke, um uns hinzu- wegen der Ansteckungsgefahr (offene
legen, einige Stück Brot mussten wir uns TBC) zuletzt geben. Der Wein machte
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uns müde und brannte uns im Magen. eine Person vor der Kirche mit einer
Wir hatten schon vier Tage nichts zu es- Schaufel einzufinden, wir hatten keine
sen gehabt. Am nächsten Tag zog der Ahnung, wozu. Hätte ich gewusst, was
Russe weiter, und der Lang-Vetter wollte die Russen von uns wollten, wäre ich in
auch nicht mehr eine so große Verant- mein Versteck zurück. Unser Altbürger-
wortung für so viele Mädchen überneh- meister musste den Russen 60 Personen
men. bereitstellen. Wir waren der Meinung,
Im Dorf war es schon ruhiger geworden. Arbeit für einen Tag verrichten zu müs-
Nur zu mir sagte man: „Du kannst nicht sen. Wir Mädchen – und es waren einige
nach Hause, euer Hof ist beschlag- Mädchen dabei – waren in alte Kleider
nahmt.“ Der Lang-Vetter ließ uns – Leh- gehüllt und schlampig angezogen.
ner Herta war noch bei mir – auf seinen Schaute man uns ins Gesicht, ver-
Dachboden, dort hatten wir frische Luft, suchten wir uns umzudrehen. Es kamen
und auch Brot, Speck und Wasser gab er sechs Soldaten, natürlich bewaffnet, und
uns. Auf dem Boden erholten wir uns es hieß: „Dawei!“ In all den anderen
etwas, und durch die Ziegellücken konn- Gemeinden schlossen sich Leute an, so
ten wir auf die Straße schauen. Am dass ein langer Zug von etwa 400 Leu-
nächsten Tag ging ich zu Resi Tante und ten zusammenkam. Es war ein weiter
zu meiner Mutter. Dort schliefen wir, vier Marsch von 25 bis 30 Kilometern – und
kleine Kinder und vier Erwachsene, auf wir waren schon sehr geschwächt.
Matratzen im Zimmer. Eine heiße Suppe Als wir Wiener Neustadt erreichten, wies
war für mich sehr wichtig. Als ich nach man uns leer stehende, zum Teil ausge-
meinem Vater fragte, sagte man mir, bombte Häuser zu, um dort zu über-
den hätten die Russen verschleppt. Das nachten. Um 6 Uhr Früh wurden wir ge-
machte mich ganz mutlos. weckt, es gab kein Frühstück, und wir
Nach einigen Tagen kam Vater zurück. hatten einen Wall um Wiener Neustadt
Da Wien in schnellem Tempo von den zu legen und Laufgräben auszuheben.
Russen erobert wurde, kam das Nach- Vom Semmering hörte man Schüsse,
schublager nach Baden, und Vater muss- dort war die Front. Jeder von uns muss-
te seine eigenen Kühe bis Baden treiben, te vier Meter ausheben. Da war manch-
und noch viele andere Kühe (Beutegut) mal auch viel Schotter, je nachdem, wie
dazu. Wir hatten uns die Befreiung an- halt die Erdschichten waren. Am Abend
ders vorgestellt. Besonders unser Haus waren wir todmüde. Einige alte Männer
wurde von vielen Befreiern beraubt. waren dabei, die die leer stehenden
A ber nicht alle im Dorf wurden beraubt. Häuser nach Essbarem durchsuchten,
Gerade unsere Nationalsozialisten ver- die Russen dachten gar nicht daran, uns
loren nichts. Bei denen waren nur die wenigstens eine warme Suppe oder Kaf-
älteren Menschen da geblieben, und die fee oder Tee zu geben. In der Früh zähl-
Russen mochten ältere Menschen. te uns ein Posten, ob wir auch alle auf-
gestellt waren. Uns Mädchen nahm er
Etwa 14 Tage nach Ostern kam eine Ver-
aus der Reihe, ein Deutsch sprechender
lautbarung. Von jedem Haus hat sich
Russe sagte, man brauche uns in der
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Kaserne (Militärakademie, dort gab es Haus. Er sprach auch Deutsch und sagte
leichtere Arbeit wie kochen, bügeln zu Frau Schandl: „Das sind ja Nazi.“ –
usw.) Wir lehnten ab, weil wir schon ge- „Aber nein“, sagte sie, „die sind das Ge-
hört hatten, dass es den Mädchen dort genteil, Gegner der Nazi!“ Da rief er
nicht gut ging (Vergewaltigungen). Da mich zurück und sagte, ich solle sofort
wurde er böse, und wir wurden wieder die russische Schrift abwaschen, da ste-
zum „Schanzen“ eingeteilt. he nämlich: „Hier wohnen Faschisten.
Diese Nacht wurde eine Nacht, dass wir Plünderungsrecht.“ Unser Haus schaute
glaubten, jetzt kommt das Ende. Es war auch dementsprechend aus und meine
draußen eine wilde Schießerei und ein Mutter war darüber geschockt. Doch Re-
Lärm, aber es mischte sich auch Gesang si Tante, ihre Schwester, sagte ihr, wir
dazu. Zeitig in der Früh kam ein Offizier müssten froh sein, dass wir alle gesund
ins Zimmer, er schrie ganz freudig auf seien.
Deutsch: „Der Krieg ist zu Ende. Hitler Nun noch zum Vater, dem man arg mit-
ist kaputt!“ Ich dachte mir nur: „Gott sei gespielt hatte. Einige Walbersdorfer
Dank, nun kommen wir wieder nach wurden erschossen, in der Familie mei-
Hause!“ Da stand auf einmal die Frau ner Freundin Ulreich Gusti sogar fünf
Pötschacher auf und schrie den Russen Personen. Vater musste ihre Großeltern
an: „Wieso ist unser Führer kaputt?“ Wir beerdigen, aber wie! Einen Karren muss-
bekamen alle einen Schreck. Der Russe te er sich suchen und die Toten ohne
riss sein Gewehr herunter und schaute Sarg, in Leintücher eingewickelt, aufla-
diese Frau ganz wild an, sagte ein russi- den und in den Friedhof hinaus ziehen,
sches Schimpfwort und schlug die Tür ein Grab ausheben und alle hinein legen.
zu. Jetzt war ja unsere Arbeit beendet, Wieso wurden diese fünf Personen er-
und ich dachte mir, ich verschwinde, schossen? Das hat man nie erfahren,
doch es war nicht leicht. Wir wurden wahrscheinlich war es ein Racheakt ei-
noch zwei Tage festgehalten. Auf dem nes Russen, dem vielleicht auch seine
Heimweg bekamen wir in den Dörfern Angehörigen von den Deutschen er-
etwas zu essen. In der Nacht kamen wir schossen worden waren.
natürlich wieder zu Fuß zur Resi Tante. Als wir im Mai ins Haus konnten, muss-
Wir waren froh, wieder daheim zu sein. ten wir alles sauber machen. Meine Mut-
Nun versuchten wir wieder, daheim Fuß ter saß manchmal auf der Stiege und
zu fassen. war sehr traurig, weil sie uns so viel ge-
Unser Haustor trug russische Schrift- stohlen hatten. Ich antwortete ihr: „Mut-
zeichen, die wir aber nicht lesen konn- ter, unser Haus steht!“ Es gab zwei Tref-
ten. Bei unserer Nachbarin war ein rus- fer. Eine Granate hatte in der Gaststube
sischer Offizier im Quartier. Sie hatte eingeschlagen, aber nicht so viel Scha-
zwei kleine Kinder und bekam Zucker, den gemacht, weil der Boden voller Heu
Mehl und Kaffee und alle möglichen Le- war; der zweite Treffer war ins Knecht-
bensmittel vom Offizier, und sie gab mir zimmer gegangen und war von der Seite
auch davon. Als mich der Russe fragte, gekommen. Unser Kirchturm war auch
wo ich wohne, zeigte ich ihm unser getroffen worden.
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Ich habe schon erwähnt, dass Vater un- und Hölle. Wir dachten nicht daran, dass
ser Vieh bis Baden mit dem Tross der es Menschen waren, ob sie nun aus dem
Russen mittreiben musste. Die Pferde Osten oder aus dem Westen kamen. Und
hatten schon die Deutschen genommen, dass Menschen jeder Rasse und Natio-
bis auf unser Fohlen, ein Jährling, das nalität gut und böse sein können. Wir
wollte nicht mitlaufen, so hatten wir die- lebten in einer unbeschreiblichen Stim-
ses noch. Unsere Zuchtsau, die wir mung der Hoffnung auf die Amerikaner.
schon drei Jahre gehabt hatten, wurde Wir gingen wieder aufs Feld und wollten
von den Russen geschlachtet. Was uns den Acker für die Kartoffelsaat richten.
blieb, waren unsere landwirtschaftlichen Da kam aus dem nahe gelegenen Wald
Geräte und die Ernte auf den Feldern. eine Gestalt auf uns zu, kroch auf dem
Die Milch holte ich von meiner Tante aus Boden als sei es ein krankes Waldtier
Zemendorf, Schmalz hatten wir – besser oder ein angeschossener Hund. Als ich
gesagt die Sophie, unsere Ukrainerin – nachsehen wollte, richtete sich die Ges-
vergraben. Zehn große Dosen Schmalz, talt auf und ging mit raschen Schritten
sie wusste, dass wir unsere Lebensmittel auf mich zu. Es war ein Soldat in deut-
verstecken müssen. Wo die Sophie hin- scher Uniform.
kam, wissen wir nicht. Sie haben die
Ein abgezehrter Mann, mager, bärtig,
französischen, polnischen, russischen
schmutzig, herabgekommen. Er redete
Zwangsarbeiter schlecht behandelt, weil
hastig, beinah unverständlich. Ob der
sie für uns gearbeitet hatten.
Krieg zu Ende sei, fragte er. Wir muss-
ten leider antworten: „Nein. Die Ameri-
Hermine PREVOLSCHEK kaner sind noch immer nicht da.“ Er sag-
wurde 1919 als jüngstes von insgesamt acht te, seine Einheit habe sich aufgelöst;
Kindern auf einem kleinem Bauernhof in alles sei zerschlagen worden. Über die
Wöbling nahe Graz (Steiermark) geboren. Leichen unzähliger Kameraden und Fein-
Nach dem Besuch der Volksschule arbeitete sie de sei er gestolpert, geflohen. Er wolle
auf dem elterlichen Hof, den sie auch zu
nicht mehr in den Krieg, er wolle heim
Kriegsende gemeinsam mit ihrer Schwester
bewirtschaftete. nach Salzburg. Auch er wolle sein Feld
bestellen und arbeiten. Er wolle nicht
„Dann aber geschah
etwas Unvorhergesehenes ...“ mehr töten. Und dann bat er kleinlaut,
Zwei Tage nach den Osterfeiertagen kam verschämt, ob wir für ihn ein Stück Brot
wieder unsere Nachbarin und hätten.
verkündete, die Russen seien zurück- Wir hatten im Jausenkorb Brot und Ap-
geschlagen worden. Wir bräuchten keine felmost. Ich schnitt ihm ein großes Stück
Angst mehr zu haben. In kürzester Zeit ab, und er biss gierig hinein. Doch bald
würden die Amerikaner bei uns landen. sagte er: „Ich muss es meinem Kame-
Das war wie eine Botschaft vom Himmel. raden bringen. Er ist im Wald und hat
Unsere Vorstellung von den Sieger- sich nicht heraus gewagt. Aber auch er
mächten war derart naiv, wir ordneten hat Hunger.“ Da gaben wir ihm alles
sie ein wie Tag und Nacht, wie Himmel Brot, das wir hatten, und die Flasche mit
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dem Apfelmost. Aus ganzem Herzen und Ich nahm mir in jener Stunde vor, nie-
aus ganzer Seele wünschten wir ihnen mals für diese grausame Welt einen
eine glückliche Heimkehr nach Salzburg. Sohn zu gebären. Später wurde ich
Doch ich hatte Angst um sie. Deserteure trotzdem Mutter von zwei Söhnen. Mein
wurden mit dem Tod bestraft. Ich hatte Hass legte sich, als ich dort am Kartof-
es gesehen, als ich wenige Tage vorher felacker eine so große, selbstlose Liebe
in der Stadt war. Da lagen auf einem erfuhr. Hier wollte einer – ausgehungert
Gehsteig neun deutsche Soldaten am – sein Stück Brot seinem Kameraden
Boden. Jeder hatte auf der Brust ein bringen. Welch Gegensatz! Und welch
Schild, darauf stand geschrieben: „Ver- Trost!
räter“. Mit einem Kopfschuss hatte man Am nächsten Tag wollten wir die Saat-
sie niedergestreckt, Österreicher von kartoffeln in die Erde bringen. Kaum hat-
Österreichern. te der Morgen begonnen, als von der
Viele Menschen, die vorübergingen, Straße ein seltsames Gemurmel hörbar
wagten es nicht einmal hinzusehen. We- wurde. Es kam näher und näher. Was
gen der Feldgendarmerie, die Posten war es? Ein feindliches Fluggeschwader?
stand, als hätten sie Angst, dass diese Nein, es klang anders. Es klang wie das
Toten aufstehen würden. Sie standen Wehklagen einer ganzen Menschheit.
nicht mehr auf. Fliegen, Schwärme von Und dann stockte unser Herzschlag. An
schwarzen Fliegen bedeckten ihre Ge- den Fensterstäben klammerten sich
sichter und schwirrten um die Unglückli- Hände, viele Hände, knöcherig, wie aus
chen. den Katakomben, und Schreckgesichter
Das war der Lohn für sechs Jahre starrten uns durch die Gitter entgegen.
Kriegsdienst, für Jahre der Entbehrung, Hässliche Totenköpfe, einer wie der an-
der körperlichen und geistigen Not. Eine dere. Es waren keine Totenköpfe. Men-
Kugel in den Kopf, weil sie wussten, es schen waren es, geschlagene, gedemü-
war ein verlorener Krieg, weil sie nicht tigte, getretene Menschen. Sie schrieen
mehr sinnlos töten, weil sie heimkehren mit heiseren Stimmen: „Seid barm-
wollten. Ich lief aus der Stadt, konnte herzig, auf dass auch der Gott Abrahams
keinen Menschen mehr sehen. Ich be- und Jakobs mit euch barmherzig ist!“
gann sie zu hassen, diese Menschen, die Immer dieselben Worte riefen sie.
fähig sind, alles abzuschütteln mit dem Da erkannten wir sie. Es waren unga-
einen teuflischen Satz: „Es ist eben rische Juden, die aus einem Lager in die
Krieg“. Ich hatte auf jenem Heimweg Gaskammer getrieben wurden. Ich weiß
geweint, weil ich an die Mütter denken nicht, wie viele es waren. Waren es
musste, die ihre Söhne mit Liebe em- Hunderte, oder ging es in die Tausende?
pfangen, mit Schmerzen geboren und Plötzlich war unser ganzes Tal voll dieser
mit großen Opfern heranwachsen sahen. erbarmungswürdigen Gestalten, zum
Nun lagen sie dort als Schandmal, als Skelett abgemagert, in Lumpen gehüllt,
Verräter, ein Fraß der Fliegen. die meisten von ihnen ohne Schuhe, nur
blutige Fetzen um die Füße gewickelt.
16 1945 erinnern

Wie konnte man einer solch großen die Peitsche über die Köpfe seiner Ge-
Menge auch nur die kleinste Hilfe geben? triebenen sausen und ritt davon.
Sie gingen in den Keller und holten sich Ich fragte mich, wer nun wohl bedau-
die rohen Kartoffeln, aßen sie mit einer ernswerter sei: diese Menschen, die bei
Gier, wie ich es noch nie zuvor bei Tie- aller Not noch an den Gott Abrahams
ren gesehen hatte. Sie nahmen unsere glaubten und hofften, oder dieser SS-
letzten Saatkartoffeln, die wir am selben Mann, der seine Angst nur in Hass und
Tag legen wollten. Hunger tut grausam Grausamkeit abreagieren konnte? Es gab
weh! in jener Zeit so viele Fragen ohne Ant-
Sie wussten es alle, dass sie in den Tod wort. (...)
gingen. Keiner versuchte zu fliehen. Es Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee:
hätte auch nichts genützt. Ihr Ende war
Allmählich wagten wir uns aber wieder
die Gaskammer, sie wussten es. Trotz-
auf die Felder, und auch die Dorfkirche
dem kam einer und bat mich um ein
füllte sich am Sonntag wieder. Am
Aspirin. Sein Freund sei krank, habe
Abend gingen die Leute sogar zur Mai-
große Schmerzen. Ich wollte Aspirin
andacht. An solch einem Abend – ich
suchen. Aber da stand der SS-Mann vor
war allein daheim geblieben – ging ich
mir. Er schrie, ob ich denn nicht wisse,
auf den Hügel hinter unserem Haus, um
welche Strafe es bedeute, diesen
Ausschau zu halten, ob die Straße noch
jüdischen Schweinehunden etwas zu
immer von den heimkehrenden ukrai-
geben?
nischen Fremdarbeitern besetzt war. Da
Seltsamerweise hatte ich keine Angst. fasste mich jemand am Knöchelgelenk.
Ich schaute ihm ins brutale Gesicht und „Ein Russe“, schrie ich und wollte mich
fragte: „Was dann, wenn zufällig Sie der losreißen. Da sah ich auf dem Boden lie-
kranke Jude wären? Dürfte ich Ihnen gend vier Köpfe.
auch nicht helfen?“ Die Frage über-
Vier Augenpaare blickten mich an, in
raschte ihn. Betroffenheit lag in seinem
denen Verzweiflung lag, Resignation und
Blick. Doch dann kam die grausame Ant-
die Schatten des Todes. Einer hauchte:
wort: „Ich würde zuerst meine Mutter,
„Sind Russen da?“ Als ich verneinte,
das Judenweib, töten. Dann den Vater
glaubten sie mir nicht. Eine Angst war in
und zuletzt mich. Juden müssen ausge-
diesen vier Menschen, wie ich sie noch
rottet werden. Aber ich bin kein Jude!“
nie erlebt hatte. Als ich sie einlud mit
Als ich mich von ihm abwenden wollte,
mir zu kommen, konnten sie sich kaum
redete er weiter. Er schaute in weite
noch auf den Füßen halten. Vier blut-
Fernen und sagte: „Auch mich werden
junge, deutsche Soldaten waren es, die
sie bald treiben. Auch ich habe mein Zei-
sich vor der russischen Gefangenschaft
chen in das Fleisch geschrieben. Nach
fürchteten. Fast zwei Wochen lagen sie
Sibirien werden sie uns treiben. Auch ich
schon im Wald, hatten sich mit jungen
werde verrecken und keiner wird mit mir
Blättern und Gras genährt und starben
Mitleid haben. Aber jetzt sind noch die
nun beinahe vor Hunger und Durst.
anderen dran.“ Er lachte ein hässliches
Lachen und schwang sich aufs Pferd, ließ
1945 erinnern 17

In jener Zeit konnten wir keine Milch sich wieder seines Daseins zu freuen.
abliefern. Alles stand still. So ernährten Immer wieder trafen Heimkehrer ein,
wir uns hauptsächlich von Milch- kamen zurück – schäbig, verwahrlost,
gerichten. Auch an jenem Abend stand aber sie waren da! Auch bei denen, die
ein großer Topf voll Hirsebrei auf dem umsonst auf die Rückkehr ihrer Lieben
Herd. Wir nannten es „Kascho“. Woher gewartet hatten, begannen die Narben
dieser Name stammte, weiß ich nicht. zu heilen. Im Dorf rüstete man für ein
Hirse hatten wir aus eigener Ernte, und großes Erntedankfest.
Milch gab es im Überfluss. Ich lud die Da kam ein Brief, mit fremder Marke
vier Männer ins Haus und stellte ihnen beklebt. Ich erkannte sogleich Jans
eine große Schüssel voll „Kascho“ vor. Handschrift. Oh Gott, Jan war nicht ge-
Keiner wollte sich setzen. fallen – Jan lebte! Der Himmel hatte
Sie aßen stehend und ließen nicht zu, mein Gebet erhört! Jan schrieb, er sei in
dass ich mich entfernte. Sie trauten mir französischer Gefangenschaft. Er müsse
nicht. Es war kaum vorstellbar, wie schwer arbeiten, müsse aufbauen, was
schnell sie die erste Schüssel leerten. die Deutschen zerstört und vernichtet
Ich füllte sie ein zweites Mal. Erst jetzt hatten. Doch es gehe ihm verhältnis-
redeten sie ein paar Worte. Sie waren mäßig gut. Vielleicht würde er in ein
Preußen und hatten der SS angehört – oder zwei Jahren wieder frei sein. Ich
junge, verführte, verblendete Knaben. freute mich wahnsinnig und spürte doch:
Vielleicht waren sie mutig gewesen, zu Jan war ein anderer geworden. Ich fühlte
töten. Zum Sterben fehlte ihnen noch es aus jeder Zeile. Das Kriegsleben hatte
der Mut. Als sie gingen, sagten sie, ich ihn verändert. Doch ich hoffte, dies wür-
hätte ihnen das Leben gerettet. Ich de wieder gut, sobald er wieder frei wä-
dachte: „Vielleicht für einen Tag, viel- re. Nein, ich hoffte es nicht – ich glaub-
leicht für viele Jahre?“ Wer konnte das te.
damals sagen? Sie krochen wieder am Nun hatte die Post wieder zusätzliche
Boden in Richtung des Waldes nach Arbeit. Denn viele Briefe fanden nun
Westen. Die Angst war geblieben, doch zwischen Österreich und Frankreich ih-
der Körper hatte wieder etwas Kraft. Ich ren Weg. Einmal schickte er mir zwei
schaute ihnen nach, bis sie im Wald ver- Ringe. „Damit du mich nicht vergisst“,
schwanden, und dachte: „Vielleicht wird schrieb er. Der Hochzeitstag liege aber
einmal einer seinem Kind erzählen von noch in ungewisser Ferne.
einem kleinen Bauernhaus am Berghang
Dann aber geschah etwas Unvorher-
und von einer Schüssel ‚Kascho’? Viel-
gesehenes. Es war im Februar 1947:
leicht werden sie in Sibirien ihr junges
Eine jugoslawische Magd in unserer Um-
Leben lassen? Vielleicht wird es einmal
gebung hatte Zwillinge geboren. Eine
keine Kriege mehr geben? Vielleicht
mir bekannte Frau namens Veit hatte sie
kommt einmal der Frieden?“ (...)
übernommen. Die junge Kindesmutter –
Herbst 1946: Das Leben hatte sich wie- arm, mittellos – konnte nicht für beide
der normalisiert. Die Russen waren zum Mädchen sorgen. Sie beschloss, eines
Großteil abgezogen, und man begann
18 1945 erinnern

weg zu geben. Frau Veit bedrängte von Graz. Nach einem Monat schien es,
mich, es aus Barmherzigkeit anzu- als sei unsere Franziska überm Berg. Die
nehmen. Ich wollte nicht; ich hatte an- Verdauung funktionierte, das Gesicht
dere Zukunftswünsche. Doch ich ließ bekam eine gesunde Färbung; es schien
mich überreden, in die Klinik mitzu- sogar, als sei sie schon etwas gewach-
kommen und sie mir anzusehen. Dort sen. Wir freuten uns! Wir hatten uns an
aber ging alles so schnell. Schwestern das Kind gewöhnt, wir liebten es! Es war
verstauten das kleine Bündel Mensch – keine Frage mehr, wir wollten es für
es wog etwas mehr als ein Kilogramm – immer behalten.
in ein paar Tücher, legten es in eine alte Erst jetzt entschloss ich mich, Jan davon
Strohtasche und drückten es mir in die zu berichten. Jan aber reagierte anders,
Hand. So einfach mag selten eine Mutter als ich erwartet hatte. Es schien mir so
zu einem Kind gekommen sein. Der Arzt streng, so hart und lieblos, was er
sagte, es würde ohnehin nicht über- schrieb. Er möge Kinder, aber eigene
leben, falls es die Mutter nicht wenig- und von seinem Blut. So ein fremdes
stens dreimal täglich stillen würde. Es Kind würde bald das Aschenputtel in der
schien, als wolle er mich beruhigen. Es Familie. Ich solle es an ein Ehepaar wei-
ging wohl hauptsächlich um den Platz – tergeben, welches selbst keine Kinder
um das Spitalbett. Ich aber wünschte, es bekäme. Dort wäre sein Platz. Ich müsse
möge leben. mich entscheiden – zwischen ihm und
Die Mutter kam einige Tage, dann blieb dem Kind! Da wurde er mir plötzlich so
sie weg. Ihre Dienstgeberin erlaubte es fremd, ganz fremd. Und unendlich weit
nicht mehr. Karenzurlaub kannte man weg! Als sei er auf einem Planeten, wo
damals nicht. Wir versuchten es mit ge- es keine Liebe gibt. Vielleicht tat ich ihm
wässerter Kuhmilch. In jener schweren unrecht. Doch ich konnte nicht anders;
Nachkriegszeit gab es keine Nährmittel, ich entschied mich für Franziska. Ein
wie sie heute überall angeboten werden. Traum ging wieder zu Ende.
Selbst um einen Schnuller zu bekom- Die Ringe schickte ich ihm zurück. Ich
men, musste man die halbe Stadt absu- glaube, es hat ihn nicht sehr getroffen.
chen. Die ersten drei bis vier Wochen Er schrieb, er werde nun für immer in
waren schwierig, ein Kampf um das Le- Frankreich bleiben. Es sei ein gutes
ben des kleinen Mädchens. Jeden Mor- Land, und er hätte Chancen, sich nach
gen stellte Vater die bange Frage: „Lebt der Entlassung eine gute Zukunft aufzu-
sie noch?“ Es schien, er wolle an diesem bauen. Aber unsere Freundschaft möge
fremden Kind gutmachen, was er an sei- bleiben – was dann auch geschah.
nen eigenen Nachkommen versäumt
Teile des Texts sind veröffentlicht im Sammel-
hatte. band: „‚Was auf den Tisch kommt, wird geges-
Die Mädchen hießen Margaretha und sen.’ Geschichten vom Essen und Trinken“, hg.
Franziska. Margaretha war die stärkere, von Jürgen Ehrmann; „Damit es nicht verlo-
sie hatte bei der Geburt zwei Kilogramm
rengeht ...“, Bd. 34, Wien (Böhlau) 1995.
und zwanzig Deka gewogen. Sie bekam
eine Pflegemutter in Liebensdorf, südlich
1945 erinnern 19

Karl RAUCH „Ja was soll'n wir machen?“ Sagte er: „I


wurde 1911 in Wien geboren und wuchs im 10. waß net.“ Meinte ich: „Na gemma ruhig
Bezirk auf. Während des Krieges war er im weiter. Derweil machen's uns nix!“
Flugmotorenwerk in Wiener Neudorf beschäf- Wir kamen zur Quellenstraße, da kamen
tigt. Seine Frau und kleine Tochter wurden vor
uns zwei Russen entgegen. Wir waren
dem Kriegsende in Richtung Westen evakuiert.
sozusagen nun von hinten und vorne
Er selbst blieb in Wien.
belagert. Ich griff in meine Hosentasche,
„In diesen Panzern saßen noch Russen,
weil ich Zigaretten eingesteckt hatte, da
die verbrannt waren ...“
zuckte der Russe mit der Waffe, denn er
In unserer Wohnung lagerte ich einige
dachte, ich wolle ihn angreifen. Ich zog
der Lebensmittel ein. Als ich zur Tür
schnell die Zigaretten heraus, der Russe
kam, schaute ich in den Briefkasten, und
machte eine verächtliche Hand-
was war drinnen? Wieder eine Einberu-
bewegung, sagte: „Da, da“ und bot uns
fung zum Volkssturm. Ich ignorierte die-
selbst Zigaretten an. Also, es war sozu-
se, deponierte die Lebensmittel und ging
sagen eine Freundschaft geschlossen.
zu meinen Eltern in die Siccardsburggas-
Herrn Weingärtler schossen die Tränen
se schlafen. Von da an lebte ich sozusa-
in die Augen, und er sagte: „Auf diesen
gen dann als „Unterseeboot“, das heißt,
Augenblick habe ich schon jahrelang ge-
ich tauchte nirgends offiziell auf, war
wartet. Das ist schön!“ Doch eine halbe
einmal da, einmal dort, schlief bei uns
Stunde später hatte er keine Uhr mehr,
im Keller in der Leebgasse auf zwei Mat-
denn die Russen hatten ihn „abgerüs-
ratzen, schlief bei meinen Eltern o der
tet“. Mir nahmen sie meine Lederjacke
meinem Schwager und Schwägerin in
weg. Eine Lederjacke war nämlich für sie
Rustenfeld. Wenn ich ausging, bemühte
wertvoll, denn diese trugen nur die
ich mich krampfhaft, keiner Militärstreife
Kommissare und nun fühlte sich der
in die Hände zu fallen.
Russe, der die Lederjacke trug, als Kom-
Die Russen schossen nach Wien herein. missar.
Ich war gerade bei meinen Eltern in der
Es war eine schreckliche Zeit. Die Rus-
Wohnung, als eine Stalinorgel eine Salve
sen, die vorerst nicht plünderten, wur-
in die Pernerstorfergasse schoss, so dass
den von Mongolen abgelöst, die ein Feld-
die Häuser zwischen Van-der-Nüll-Gasse
lager in der Quellenstraße aufschlugen.
und Herzgasse zerstört wurden. Vater
Sie standen dort mit ihren Pferden, ihren
und ich sausten sofort in den Keller.
Wägen, und lagerten auf ihren Decken.
Dann war Stille, eine Feuerpause oder
Sie plünderten in den Häusern, wo es
ähnlich. Wir hielten die Ungewissheit
nur ging. Meine „guten“ Nachbarn hatten
nicht aus, und ein Nachbar, der Herr
nichts Besseres zu tun als russischen
Weingärtler, sagte zu mir: „Herr Rauch,
Offizieren, die Quartier suchten, unsere
gemma schau'n, was is!“ Wir gingen also
Wohnung aufzusperren. Da unsere Zim-
aus dem Haus und längs der Pernerstor-
mermöbel bei Schwager und Schwägerin
fergasse in die Leebgasse. Als ich mich
waren, benützten die Russen unser
einmal umdrehte, sah ich hinter uns
Wohnzimmer als Wachlokal. In der May-
zwei Russen. Ich sagte zum Nachbarn:
er-Fabrik, vis-a-vis, hatten sie Pomade
20 1945 erinnern

geraubt und sich die Haare damit einge- serleitungen bombardiert waren, und
schmiert. In der Wohnung waren dann man musste es an den Wasserstellen
an der Wand und auf dem Fußboden lau- holen.
ter hässliche Fettflecken. Gabys Kinder- Dort standen aber Russen, die Männer
wagen diente ihnen als Abfallkorb. Han- gefangen nahmen, um sie als Treiber
nerls und mein Fahrrad benützten die nach Ungarn zu benützen. Ich konnte
Offiziere, um an die Front zu fahren. Die nicht mehr raus, um Wasser zu holen.
Front war am Südtirolerplatz. Jeder, der etwas Brennbares besaß,
Es war schrecklich! In der Nacht hörte brachte es in die Waschküche, wo der
man die Menschen schreien, da die Rus- Waschküchenofen gemeinsam angeheizt
sen in die Häuser eindrangen und die wurde und wir uns mehr oder minder
Frauen vergewaltigten. Es brachen Seu- unser „Essen“ kochen konnten. Das war
chen aus. Das war der Grund, dass an sowieso sehr frugal. Ich hatte nichts zu
manchen Häusern an den Haustoren verbrennen, außer „Mein Kampf“ von
Zetteln mit der Aufschrift, „Achtung Ty- Hitler, das wir anlässlich unserer Hoch-
phusgefahr!“ angebracht wurden. Es war zeit bekommen hatten. Später stand das
in deutscher und russischer Schrift zu Buch dann hoch im Kurs, und so war es
lesen. Diese Häuser mieden die Russen. ein teures Essen gewesen, aber ich hatte
Eines Abends, als es ruhiger war, nahm das Buch mit Wonne zerrissen und ver-
ich mir ein Herz, ging zu so einem Haus, brannt.
stibitzte einen Zettel, spritzte Lysol drauf Langsam beruhigte sich Wien. Es wurde
und brachte ihn an unserem Haustor an. in vier Zonen aufgeteilt. Wir bekamen
Ich hatte eine Flasche Lysol in meinem unsere Zuteilungen von den Russen,
Schrank gefunden, so war nicht nur der wurmige Erbsen und verschiedene Sa-
Geruch da, sondern es war auch zu le- chen, die wir gar nicht kannten. Es wur-
sen, dass hier Gefahr bestehe. Von nun de aufgerufen, dass ein Stadtschutz ge-
an hatten wir von den Russen wirklich gründet wird. Junge Männer sollten auf
Ruhe. die Gemeinde kommen, um als Wächter
Die Russen zogen dann weiter. Es waren eingeteilt zu werden. Ich ging auch auf
nur mehr gelegentlich Patrouillen. So litt die Gemeinde und bekam dort einen
ich es nicht mehr im Keller und ging Schein, der besagte, dass ich dieser
spazieren. Es war grauenhaft. Auf der Ordnungsgruppe angehöre. Ich machte
Laxenburgerstraße standen zerschos- zwar keinen Dienst, verließ mich aber
sene russische Panzer. In diesen Pan- auf diesen Schein. Man lebte damals von
zern saßen noch Russen, die verbrannt der Hand in den Mund.
waren. Sie waren regelrecht zusammen- Was sollte ich tun? Ich tat das, was alle
geschmort, ganz klein. Einige waren bis anderen auch taten. Ich sah mich einmal
aufs Skelett verbrannt. Es sah ge- im Resselpark um, wo der ganze
spenstisch aus. Ein gräulicher Anblick, Schleichhandel florierte. Ich hatte natür-
und auch der Gestank war fast nicht zum lich nichts zu verkaufen, schaute mich
Aushalten. Es gab kein Gas, kein Licht. aber um, was am meisten gehandelt
Es gab kein Wasser, da die Was-
1945 erinnern 21

wurde. Am meisten ging es um Lebens- ihn mit der Schaufel beim Bauch in zwei
mittel, die ich natürlich nicht hatte, die Teile geteilt, um ihn auf seinem Hand-
ich aber brauchte und um Zigaretten. karren besser aufladen zu können. Ich
Zigaretten hatte ich noch einen beschei- sagte entsetzt: „Ja Mensch, was fällt Ih-
denen Vorrat, auch Feuersteine waren nen ein. Was machen Sie?“ Sagte er:
gefragt. „Der liegt auf mein‘ Grund. I führ ihn
Ich ging in unsere Trafik. Die Trafikantin über d’ Straß‘n drüber.“ Dort hatte der
hatte sich dummerweise in die Partei Mann schon eine Grube vorbereitet, in
einschreiben lassen und hatte ihr Ge- die er den Soldaten versenkte und ein-
schäft schließen müssen. Sie besaß noch grub. Weiter dachte ich mir nichts mehr,
verschiedene Vorräte, aber nichts zu es- eben ein Soldatenschicksal, und dass
sen. Ich bekam von ihr ein paar Pakete dieser Kerl „Herz“ hatte.
Feuersteine und Zigaretten. Damit ging Doch nach längerer Pause kam ich wie-
ich in den Resselpark und machte ein der nach Inzersdorf und man erzählte
gutes Geschäft für sie. Ich brachte ihr mir, dass man einen Freund von mir,
Brot, Schmalz, Mehl und andere Lebens- Bertl, in einer Grube begraben gefunden
mittel. Es war natürlich nicht sehr viel, hatte. Da wurde mir klar, dass das da-
aber für sie war es genügend, und auch mals Bertl war, den der Mann zerstückelt
ich hatte mein Auslangen. im Resselpark und auf die andere Straßenseite trans-
lernte ich einen alten Herrn kennen, der portiert hatte.
ganz gierig auf Zigaretten war. Er sagte, Langsam begann ich Erkundigungen
er hätte zwei Fahrräder, ob ich ihm diese über meine zwei „Mädchen“ einzuziehen.
gegen Zigaretten eintauschen würde? Was musste ich alles hören! Schutzlos
Ich stimmte sofort zu, da unsere Fahrrä- ausgesetzt in St. Pölten, zu Fuß Marsch
der ja damals von den Russen mitge- gegen Westen, keine Unterkunft, Not,
nommen worden waren. Gegen 300 Zi- Krankheit und so weiter. Ich forschte
garetten gab er mir ein Herren- und ein weiter und erfuhr, dass die E vakuierten,
Damenrad, das ich im Triumph heim- da St. Pölten zerstört worden war, mit
führte. Nun war ich nicht mehr zu Fuß dem Schiff Richtung Passau abgefahren
unterwegs, sondern ich konnte nun per waren. Aber was musste ich darüber hö-
Rad alles erledigen. (...) ren! Die Schiffe seien bombardiert wor-
Einmal zum Wochenende, als wir frei den, gesunken, nur ein kleiner Teil ge-
hatten, war ich wieder auf dem Weg rettet. Es war furchtbar! Ich war wie von
nach Rustenfeld. Auf der Favoriten- Sinnen, mein Kind ertrunken!
straße, bevor man nach Rustenfeld ein- Dann wieder gegenteiliges Gerücht, der
biegt, sah ich einen Mann, der einen gesunkene war ein anderer Transport
zweirädrigen Kastenwagen bei sich ste- gewesen. Hie und da kamen Evakuierte
hen hatte und etwas auszugraben zurück, brachten Grüße von anderen
schien. Da ich neugierig war, ging ich mit. Von meiner Frau und Tochter keine
hin und schaute, was er ausgrub. Da sah Nachricht. Endlich nach vier langen Mo-
ich mit Entsetzen, dass es ein toter naten, am 21. Juli, kam eine Nachricht,
deutscher Soldat war. Der Mann hatte
22 1945 erinnern

die mir ein Heimkehrer brachte: Hannerl kaum erwarten. Hannerl erzählte mir,
und Gaby leben! Es geht ihnen gut! Es dass Gaby inzwischen schon sprechen
war meine größte Freude und alle Ver- könne, den Topf verlangte und wie ein
wandten und Freunde freuten sich mit Wiesel rennen würde. Endlich wachte
mir. Die Angst und Ungewissheit waren Gaby auf, und ich weiß nicht, ob sie
vorbei, es war wie ein neues Leben. mich erkannt hat. Jedenfalls war es, als
Dann kam durch das Rote Kreuz von ob wir nie getrennt gewesen wären, und
Hannerl ein Brief, dass sie mit Gaby bei die Kleine wich nicht von meiner Seite.
einem Bauern in Oberösterreich in Fran- Hannerl bestand darauf, sie beide heim-
kenmarkt untergebracht sei und es ih- zunehmen. Gemeinsam nahmen wir am
nen gut gehe, nur hätten beide Sehn- zweiten Tag nach meiner Ankunft Ab-
sucht nach Hause, ich möge sie holen. schied. Die freundlichen Bauersleute
Das war ein schwieriges Unternehmen, hatten uns reichlich mit allerlei Sachen,
bei uns herrschte ja noch ein fürchter- die wir in Wien nur vom Hören mehr
liches Chaos. Züge gingen, aber wie! kannten versorgt, dass unser Gepäck
Einmal gab es keine Kohlen, dann wurde sehr umfangreich war.
die Garnitur von der Besatzung ge- Der Text ist ein Auszug aus dem Sammelband
braucht; dann wurde von den Russen die „Generationen erzählen. Geschichten aus
Lokomotive abgekuppelt und der Zug Wien und Linz 1945 bis 1955“, hg. von Irene
Riegler und Heide Stockinger, „Damit es nicht
einfach stehen gelassen. Einmal wurde
verloren geht ...“, Bd. 54, Wien (Böhlau) 2005.
nach unserer Zeit, einmal nach Russen- Karl Rauchs Kindheitserinnerungen finden
zeit gefahren. Jedoch die Sehnsucht war sich in: „‚Ja, was wissen denn die Großen ...’.
größer, dass ich alle Bedenken beiseite Arbeiterkindheit in Stadt und Land“, hg. von
schob. Peter Gutschner, „Damit es nicht verloren
geht ...“, Bd. 42, Wien (Böhlau) 1998.
Meine offizielle Abfahrtszeit war 0 Uhr
10, aber 19 Uhr war der Bahnhof schon
belagert. Viele stellten sich vergebens
an. Da der Zug bald überfüllt war, wur-
den alle anderen abgewiesen. Dabei wa-
ren Plattformen, Puffer und Bremshütten
auch besetzt. Die Fahrt kostete Zeit und
Nerven und viel Geld. Man musste für
einen Platz in der Fähre, die ich benüt-
zen musste, das Dreißig- bis Fünfzigfa-
che bieten. Dann stand ich plötzlich vor
Hannerl, die gerade auf dem Feld arbei-
tete, und sie erkannte mich nicht gleich.
Gaby schlief, und ich fragte mich, ob
mich die Kleine erkennen würde, wie sie
sich mir gegenüber verhalten würde? Ich
konnte das Aufwachen meiner Tochter
1945 erinnern 23

Hans Heinz WEBER keit“, den SS-Mann ansprechend, vorbei.


wurde 1919 als Sohn einer bürgerlichen Fami- Der dachte natürlich, ich wäre vor der
lie in Wien geboren Bereits 1939 wurde er zur Rauferei schon kontrolliert worden, da
deutschen Wehrmacht einberufen, er nahm ab ich mich ja aufregte, dass sich einer
September 1939 am Polenfeldzug teil, im Jahr nicht kontrollieren lassen wollte! Außer-
darauf war er an der Westfront im Einsatz,
dem hatte er mein Gesicht schon so lan-
1941 wurde er aufgrund der jüdischen Her-
kunft seiner Mutter aus der Wehrmacht entlas- ge gesehen, dass ich für ihn kein „Neu-
sen. Seine jüdische Großmutter wurde 1942 er“ war. (...)
deportiert. Er selbst arbeitete in der Filiale der Mittwoch, 11. April 1945: Die Plün-
Moosbrunner Glasfabrik in Wien-Floridsdorf.
derungen der Russen versetzen alle
In Wien erlebte er auch das Kriegsende.
Menschen, die sich so sehr auf die Be-
„Wir hatten uns wahrlich eine freiung vom Nazijoch gefreut hatten, in
andere Art der Befreiung erwartet ...“
Schrecken. Die Frauen waren am
Mittwoch, 4. April 1945: Bei der Rück-
schlimmsten dran, denn die ein-
fahrt in die Fabrik wurde es für mich
rückenden Truppen verschonten nicht
dramatisch. Von meinem Bruder hatte
einmal Achtzigjährige! Deshalb richteten
ich erfahren, dass die SS einen Führer-
alle Wohnhäuser Wachposten ein, dabei
befehl hatte, alle Nicht-„Arisch“-
kam es oft zu Mord an den Männern, die
Abstämmigen zu liquidieren. Fritz hatte
sich schützend vor ihre Frauen stellten.
eine Baustelle in einem Hotel auf der
Auch am Mittwoch hörten wir von allen
Wiedner Hauptstraße, das gehörte einer
Häusern her verzweifelte Hilferufe, nur
Freundin von Himmler. Diese hatte nun
helfen konnte man nicht. (...)
die neuesten Nachrichten ihres geliebten
Freitag, 13. April 1945: Bei der Frie-
„Heinrichs“ den Herren Rella & Neffe
densbrücke schnappte mich ein wie Sta-
(Tunnelfirma) mitgeteilt, worauf diese
lin aussehender Russe, und ich musste,
meinen Bruder rieten, auf der Stelle un-
den Kolben seines Gewehrs im Rücken,
terzutauchen. Ich hatte das von Fritz
den ganzen Tag ein Riesengrab schau-
erfahren und war noch am Überlegen.
feln und die stinkenden Leichen der Rus-
„Was tun, sprach Zeus?“, dachte ich, als
sen, alle mit dem Gesicht in eine Rich-
ich sah, dass die SS bei der Floridsdorfer
tung, eingraben, außerdem Barrikaden
Brücke alle Ausweise kontrollierte. Da
wegräumen. Dabei wurden meine Hände
half kein Brief der Firma, die waren nicht
verletzt, und ich bekam eine Infektion
auf Deserteure der Wehrmacht aus,
vom Leichengift. Abends besuchte mich
sondern auf „unwertes“ Blut! Ich ließ bei
Wolfgang. Er war genauso enttäuscht
der Schlange, die sich gebildet hatte,
über das schreckliche Verhalten der sow-
vorerst alle höflich vorgehen – das war
jetischen Soldateska und sehr niederge-
einmal meine erste Reaktion. Dann war-
schlagen. Wir hatten uns wahrlich eine
tete ich, bis es zu einer Rauferei kam,
andere Art der Befreiung erwartet und
weil ein Arbeiter keinen Ausweis bei sich
bestimmt auch verdient! (...)
hatte und durchlaufen wollte. Es kam zu
einer Schlägerei, und ich ging langsam, (Plötzlich) kam ein kommunistischer Po-
kopfschüttelnd über diese „Ungehörig- lizist (in unsere Wohnung), der mich den
24 1945 erinnern

Russen übergab. Meine Abstam- sprechende Wiener, der in Wirklichkeit


mungsdokumente, die mich als Naziop- ein Tscheche war (wie jeder echte Wie-
fer auswiesen, waren den Russen und ner), einen Stempel. Geschickt schnitzte
dem kommunistischen Kerl, der – dem er aus diesem Hammer und Sichel und
Auftreten nach – kurze Zeit vorher si- schrieb in kyrillischer Schrift einen Be-
cher noch ein strammes Nazijüngel ge- fehl, dass die Kolonne beim Kom-
wesen war, völlig gleichgültig. Ich wurde mandanten in der Stadt arbeiten müsse!
einer Kolonne zugeteilt, die unter Als spätabends die Wache schon abge-
strengster militärischer Bewachung in löst war, schritten wir, alle in Marsch-
den 19. Bezirk zur Firma Watt geführt ordnung, zum Tor. Der kleine tschechi-
wurde. Dort mussten wir alle Maschinen sche Wiener salutierte, hielt dem Posten
aus den Arbeitsräumen in den Hof schaf- den Befehl unter die Nase, dann rannten
fen. Das war sehr schwierig, es gab kei- wir auf die Heiligenstädterstraße in alle
nen Aufzug, wir legten im Stiegenhaus Windrichtungen davon. Wenn es ums
schwere Holzbretter auf die Stufen. Die Leben geht, dann wird jeder ein Olym-
Maschinen, die oft schwere Köpfe hat- piasieger!
ten, wurden mittels Seil langsam hinun- Die Kindheits- und Jugenderinnerungen von
tergelassen. Als behänder Sportstyp war Hans Heinz Weber sind in den Sammelbänden
ich eingeteilt, „entgegenzuhalten“, das „Es war eine Welt der Geborgenheit“ und
heißt, ich stemmte immer von unten die „’Höhere Töchter’ und ‚Söhne aus gutem
Maschine zurück, damit sie nicht zu sehr
Haus’“, hg. von Hannes Stekl und Andrea
Schnöller, „Damit es nicht verloren geht ...“,
Fahrt bekam.
Bd. 12 + 44, Wien (Böhlau) 1999. Weitere Er-
Bei einer ganz besonders schwierigen, innerungen Webers finden sich in dem Band:
die das Gewicht oben besonders schwer „Alle Jahre wieder ... Weihnachten zwischen
hatte, riss das Seil, ich allein konnte das Kaiserzeit und Wirtschaftswunder“, hg. von
Heinz Blaumeiser und Eva Blimlinger, „Damit
Trum nicht halten, sprang flugs zur Sei-
es nicht verloren geht ...“, Bd. 25, Wien (Böh-
te, und der Krempel stürzte, sich über- lau) 1993.
schlagend, das Stiegenhaus hinab. Der
asiatisch aussehende Russe stellte uns
an die Wand und wollte uns erschießen.
Durch das Gepolter kam der Hauptmann
herbei, der dem zornigen Russen einen
Befehl gab. Zum Glück war in unserer
Gruppe ein kleiner Wiener, der Russisch
verstand. Der Hauptmann hatte dem
wütenden Soldaten gesagt, wir würden
noch gebraucht und abends nach der
Räumung der Fabrik auf Lastautos nach
Russland transportiert.
Nun war guter Rat teuer. Wir mussten
weiter ausräumen. In einem Direktions-
raum entdeckte der kleine, russisch
1945 erinnern 25

Ernestine HIEGER mand zu erreichen. Sie kam vom


wurde 1923 in Donawitz (Steiermark) geboren Arbeitsdienst zu den Scheinwerfern. Als
und übersiedelte Anfang der 1940er Jahre zu ich sie nicht erreichte, besprach ich mich
ihrer Schwester nach Wien, wo sie bis April mit den Hausparteien. Was soll ich tun?
1945 im Telegrafenamt arbeitete. Aus einer Was ist mit meinem Buben, wenn bei
Beziehung mit einem Wehrmachtssoldaten, der
mir plötzlich die Wehen einsetzen? Zum
später fiel, hatte sie ein Kind.
Schluss ging ich und holte mir die
„Was, wenn ich nur allein weg bin? ...“
Schiffskarte. Um zehn Uhr wäre Abfahrt
1944 lernte ich wieder einen Soldaten
von der Fenzlgasse gewesen. Aber es
kennen. Er hatte einen Lungen-
folgten Fliegeralarm, Entwarnung, wie-
durchschuss und brauchte nicht mehr an
der Alarm.
die Front. Es war schön, eine Prophe-
Endlich um 14 Uhr war es so weit. Das
zeiung des Arztes, dass ich zum Kinder-
Auto fuhr mit uns zur Reichsbrücke. Es
kriegen geschaffen sei, erfüllte sich. Ich
war entsetzlich. Bei der Reichsbrücke,
wurde wieder schwanger. Als ich das
also beim Abfertigungsgebäude, lagen
dem Vater sagte, bot er mir an, sofort
am Boden verwundete Soldaten: Blinde
für das Kind Geld zu deponieren, denn:
ohne Hände, ohne Füße – am Boden
Heiraten kann er mich nicht. Er müsse
ohne allem. Und die Autos kamen noch
eine reiche Frau heiraten, sonst würden
und noch. Angelegt hatte ein Lazarett-
ihn seine Eltern enterben, und dies kön-
schiff mit einem großen roten Kreuz. Da
ne er bei seinem Gesundheitszustand
hinein schleppte man die Elendsgestal-
nicht riskieren. Ich habe gesagt: „Ver-
ten. Dann war das Schiff für die Frauen.
schwinde, so kommt das Kind nicht zur
Viele Kinder und Frauen waren auch ver-
Welt!“ Aber es ist zur Welt gekommen.
bunden. Der Luftdruck einer Bombe
Nur er war noch im letzten Monat den
hatte ihren Autobus umgeworfen.
Russen in Jugoslawien entgegen gesandt
worden und ist laut Auskunft des Gerich- Auf dieses Schiff kam ich mit meinem
tes kriegsvermisst. Kleinen. Zwei Klappstockerl für jeden
waren unsere Sitz- und Schlaf-
Wir haben den Ostersonntag 1945. Um 7
gelegenheit. Wir hatten ja fast kein
Uhr klopft es an meiner Tür. Vor der Tür
Gepäck. Nur ein kleines Kofferl und eine
steht eine Frau der Ortsgruppenleitung;
Kinderbett-Tuchent. In dieser hat der
sie teilt mir mit, dass die Russen schon
Knirpsi immer im Luftschutzkeller
auf den Laaerberg zukommen. Ich
geschlafen. Wenn der „Kuckuck“ schrie,
könnte eine Schiffskarte haben und mit
dann lief er zuerst zur alten Nachbarin:
dem Schiff Wien verlassen – nur
„Kumm, Kölla, Stich Donau!“ Und wenn
Schwangere und Frauen mit Babys. „Ich
sie sagte, sie gehe nicht, weil ihr
bin aber kein Parteimitglied“, sagte ich –
Hunderl nicht in den Keller darf, da habe
und sie: „Aber eine deutsche Mutter!“
ich ihn in die Tuchent gewickelt, und er
Das Erste, was ich tat: Ich ging zum
ist gleich eingeschlafen.
Telefon, meine Schwester vaterseits war
Es legte dann hinter uns das Schiff
bei der Flak am Laaerberg. Ich wollte,
„Stadt Wien“ an – auch für Frauen mit
dass sie mitkommt. Aber es war nie-
26 1945 erinnern

kleinen Kindern. Männer durften nicht an haben eine Heimat, nach Deutschland
Bord. Um 18 Uhr fuhr das Lazarettschiff aber werden viele Flüchtlinge kommen.
als Erstes ab. Bald darauf folgte unser (...) Dann wurden wir in Viehwaggons
Schiff. Ich war so erschöpft, dass wir in verladen, und ab ging’s nach Wien
der Enge gar nicht dachten, dass ein Westbahnhof. Gerade in der Nähe mei-
Kind abhaut. Und doch, mein Buberl ner Wohnung blieb der Zug stehen. Ich
hat’s geschafft. Als ich wach wurde, war schaute zuerst, ob mein Haus mit mei-
mein Kind weg. Ich sah ihn schon tot in ner Wohnung noch steht. Der Zug ging
der Donau schwimmen. Da schaute ich nämlich noch weiter nach Wiener Neu-
hinunter ins Maschinenhaus: Dort lag er stadt. Wäre meine Wohnung nämlich
auf der Bank und schlief. Ein Matrose nicht gewesen, hätte ich versucht, in die
hatte ihn beobachtet und zu sich geholt. Steiermark zu kommen. Meine Wohnung
Am Morgen nahm uns die Frau des Kapi- war tip-top in Ordnung. Alle waren froh,
täns zu sich in die Kabine. dass ich ihnen vor der Abfahrt gesagt
Vom Lazarettschiff kam die Nachricht, hatte, sie können meinen Herd benut-
dass Tiefflieger angegriffen hätten. Da zen.
entschied sich der Kapitän, täglich von 9 Wieder zurück – was nun? Der Arbeits-
bis 15 Uhr am Ufer anzulegen, und wir platz war weg. Wegen Nichtmelden nach
mussten in die Wälder kriechen. Zum dem Krieg im April! Weg waren auch die
Glück war das Wetter schön. Wenn wir sozialen Einrichtungen. Wo die Baby-
standen, wollten immer wieder Soldaten betterln im schönsten Raum vom Tele-
aufs Schiff. Aber der Kapitän ließ es grafenamt gestanden waren, saß nun die
nicht zu; er durfte es ja nicht. So fuhren Amtsleitung. Von was nun leben? Kinder
wir bis Passau. Dort wurden wir aus- einsperren, Gelegenheitsarbeiten. Nichts
geladen, an der Donauuferbahn stand zum Eintauschen. Nichts für den
ein Sonderzug für uns bereit. Flieger- Schleich. Die Amis vergeben die Wäsche
alarm! Nun war man sich selbst über- zum Waschen. Holz holen in Hütteldorf,
lassen. Wir rannten über die Brücke hin- bis die Gendarmerie uns verjagt. Die
auf in den Wald. Zum Glück waren es ÖVP vergibt Wahlarbeiten: Plakate an
nur Aufklärer. Mit der Verpflegung klapp- die Wände picken, nur für einen Tag,
te es nun auch nicht mehr. Wir fuhren denn das sei für eine Frau unwürdig. Da-
mit dem Zug. Überall, wo wir hätten für Zettelaustragen, auch in die oberen
stehen bleiben können – sofort den Stockwerke. Aber was tut man nicht für
Bahnhof räumen: Fliegerangriffe. Es war zwei Schilling Stundenlohn? Währungs-
schon Nacht, da kamen wir am Ziel- reform. Die Verlage räumen ihre Laden-
bahnhof an: Schrobenhausen. (...) hüter. Beschäftigungsnachweis – sonst
Am 12. Juni 1945 kam meine Tochter gibt’s keine Lebensmittelkarten. Trotz-
zur Welt. (...) dem: Es geht sich nicht aus! Da gibt’s
110 Schilling gehobene Fürsorge; 20
Im Oktober 1945 kam von den Amerika-
Schilling ist der Zins. Das Baby schreit
nern der Befehl, dass die Österreicher
vor Hunger; die Nachbarin schreit:
zurück müssen, weil die Österreicher
„Derschlag, den Bankerten!“
1945 erinnern 27

Am Abend mache ich die Kinder beson- Berge von glänzender Steinkohle. Be-
ders schön, schiebe das Bett in die Kü- wacht von französischen Soldaten. Es
che, lege mich, nachdem ich den Gas- war Glückssache, dass man ein kleines
hahn geöffnet habe, zu ihnen. Nur das Sackerl Kohle bekam. Manche gaben es
fürchterliche Zischen des Gases und der sofort, andere wieder nur, wenn man im
Gedanke: „Was, wenn ich nur allein weg Wachhäuschen sich hingelegt hätte.
bin?“ ließ mich das Gas wieder abdre- Einmal stand ich am Tor, da kam ein
hen. Offizier und sah mich mit dem Sackerl
Ich bekam dann einen Kinder- unterm Arm dort stehen. Er ging in ein
gartenplatz, bei der französischen Mili- Lagergebäude, wo das Kommando un-
tärbehörde Arbeit. Dann wurde die Ar- tergebracht war und die Schlafräume
beit schon leichter. Für die Amis wusch waren. Ich bin inzwischen schnell zum
ich weiter. Durch einen Zufall kam ich Eisenbahner, der das Tor bewachte, ins
drauf, wie uns Frauen ein Wiener betrog. Häuschen geflüchtet. Mir war es nicht
Er bot uns Lebensmittel an, also er sagte ganz geheuer. Und Recht habe ich ge-
uns, wir könnten für einen Teil des Gel- habt. Der Offizier kam mit vier Soldaten
des Essen bekommen. Wie viel, davon zurück, die mit den Gewehren im An-
sprach er nicht. Eines Tages war er nicht schlag den ganzen Kohlenhaufen umgin-
anwesend, da verlangte ich den Ami. gen und absuchten. Na, die Alliierten
Der nahm die Wäsche und überreichte waren ja feige Gestalten!
mir einen verhältnismäßig großen Geld- Einmal, es war kalt und die Straßen
betrag. Ich habe natürlich komisch vereist, bin ich einen Brief einwerfen ge-
dreingeschaut, da fragte er gleich, ob es gangen. Nur über die Straße ans andere
zu wenig ist. „Nein, nein“, sagte ich. Also Hauseck. Ich hatte nur dünne Stöckel-
hatte uns der Wiener betrogen. Aber schuhe an, es war halb 8 Uhr abends.
bitte, das haben wir noch verkraftet. Als Da kam ums Eck ein Franzose. Ange-
ich aber erfuhr, dass dieser Gauner uns soffen. Packte mich und sagte, ich
das Essen gegeben hat, das die Amis auf müsse mitgehen. Ich sagte ihm, er soll
den Tellern zurückgelassen haben, also zu mir in die Wohnung kommen. Er ging
Sautrank, da habe ich ihm bis heute al- mit, aber ich ging nicht in meine
les Schlechte gewunschen. Leider habe Wohnung, sondern steuerte, vom Wie-
ich ihn nicht mehr getroffen, er ist näm- ningerplatz kommend in die Wurmser-
lich wegen anderer Delikte hinaus- gasse, die Polizei an. Als er das Polizei-
geworfen worden. schild sah, haute er mir mit dem Griff
In den Tagen, wo es noch keine geord- eines Hitlerjugend-Dolches über die Na-
neten Verhältnisse gab, hieß es nur se, dass ich tausend Sterne sah und blu-
Überleben. Nicht, dass man Raub- tete. Wir gingen dann zurück, aber ich
überfälle beging. Für Gewalttaten sorg- drückte ihn dann auf die andere
ten schon andere Herren. So ging ich Straßenseite. Als ich bei unserem Haus-
zum Westbahnhof. Bei uns von der Fel- tor war, gab ich ihm einen Rempler,
berstraße war zum Beispiel ein Eingang dass er auf die Seite taumelte, ich rann-
zum Frachtenbahnhof. Dort lagerten te ins Haustor und in eine Wohnung. Er
28 1945 erinnern

kam nicht nach. Am nächsten Morgen ten nichts mehr zum verbrennen) – im-
ging ich auf die französische Komman- mer mit der furchtbaren Angst im Her-
dantur und meldete den Vorfall. Die zen, erwischt und vor ein Kriegsgericht
fragten mich, wie der Soldat heißt – gestellt zu werden.
ohne Namen könnten sie leider nichts In den ersten Maitagen zogen ganze Re-
machen. gimenter durch den Ort, immer auf der
Die Kindheitserinnerungen von Ernestine Hie- Flucht vor dem nachrückenden russi-
ger sind veröffentlicht im Sammelband: „‚Ja, schen Militär. Jeder der Soldaten wollte
was wissen denn die Großen ...’. Arbeiterkind- von den Amerikanern gefangen genom-
heit in Stadt und Land“, hg. von Peter
men werden. Die Gräueltaten der russi-
Gutschner, „Damit es nicht verloren geht ...“,
Bd. 42, Wien (Böhlau) 1998. schen Soldaten liefen ihnen weit voraus.
Jeder fürchtete die Gefangenschaft und
Verschleppung nach Sibirien. Ausgemer-
Emma STEINERT
gelt, hungrig, verzweifelt, im Ungewis-
wurde 1923 geboren. Ihre Mutter starb früh,
sein Vater, der vorher erneut geheiratet hatte, sen, was mit ihnen geschieht, quälten
starb als Emma Steinert 18 Jahre alt war. sie sich über die Landstraßen.
Fortan war vor allem sie für die Erziehung Dann hieß es auf einmal, das Maiden-
ihrer jüngeren Geschwister zuständig. lager wird aufgelöst. Meine Schwestern
„Niemand kam mir zu Hilfe ...“ und ich schnappten uns einen Hand-
Im April 1945 wurden wir aufgerufen, wagen und wollten in den Hof fahren, wo
das Nötigste zu packen und uns bereit sich das Lager befand, um ein paar Ses-
zu halten für eine Flucht nach dem Wes- seln, Tische oder Kleinzeug zu holen.
ten. Die Russen kamen immer näher, die Beim Straßenübergang standen wir von
Soldaten waren auf dem Rückzug und der Früh bis am späten Abend und hat-
Hunderttausende Flüchtlinge zogen, von ten keine Chance, über die Straße zu
Osten kommend, durch unseren Ort. kommen. Ein unendlicher Zug von Mili-
Panzer, Artillerie, schwere Geschütze ... tärfahrzeugen, Panzern, Geschützen,
alles mühte sich über die Berge. Es war Munitionswagen, Soldaten, Flüchtlingen
trostlos. Viele Soldaten desertierten – mit Hab und Gut – alles wälzte sich in
mit wenigen zivilen Kleidungsstücken einer unübersehbaren Schlange auf der
von der Bevölkerung ausgestattet. Vieles staubigen Straße nach Westen. Aus öst-
blieb zurück, es wurde vernichtet, damit licher Richtung hörten wir schon Ge-
es den Russen nicht in die Hände fällt. schützdonner. Es war unheimlich und
Die letzten Monate grub ich in der Holz- eine Szenerie, die ich mein Leben lang
hütte ein großes Loch; wir versteckten nicht vergessen werde. Erstarrt vor
darin unsere wenigen besseren Habse- Staub und Schmutz, gelang es uns am
ligkeiten, um sie vor den Russen zu Abend, ohne Handwagen – den überlie-
schützen. Nach wie vor stahl ich heimlich ßen wir einer kinderreichen Flüchtlings-
unter meinem weiten BDM-Umhang familie –, ein paar Sesseln und ein paar
Holzscheite zum Heizen, die die Gemein- Matratzen über die Straße und nach
de auf einer Wiese lagerte. Auch diese Hause zu bringen.
wurden nachts heimlich zersägt (wir hat-
1945 erinnern 29

Zu Hause flickten wir dann Fleckerl- Uhren, nach Waffen und nach Trinkba-
teppiche zu Säcken zusammen und ver- rem. Alles stellten sie auf den Kopf. Ris-
stauten das Dringendste an Wäsche, sen jede Lade heraus, fanden aber nicht
Kleidern und Esssachen. So warteten wir viel bei uns. Sie nahmen alle Räume in
verzweifelt auf die Abholung durch einen Beschlag. Wir waren sieben Erwachsene
Flüchtlingswagen, der uns durch Laut- und fünf Kinder, durften aber in einem
sprecher vom Marktplatz aus zugesagt unserer Zimmer bleiben. Zwei Nächte
wurde. Wir wussten, dass wir uns in den lag ich mit meinen Schwestern unter den
Flüchtlingstreck einreihen mussten – das Betten, die Soldaten waren betrunken,
war eine Vorstellung, die wir im Kopf lärmten und grölten in unserer Küche
hatten; die Realität sah anders aus. Wir und den anderen Räumen herum.
hatten ja keinen Mann im Haus, die Kin- Ein Kommunist aus dem Ort holte uns
der weinten und jammerten, Mutti und unter den Betten hervor. Er wusste ja,
ich waren am Ende. Machen wir das dass hier drei Mädchen waren. Ich war
Richtige? Was ist, wenn wir wirklich nach 22, meine beiden Schwestern 17 und 16
Enns kommen? Was geschieht dann mit Jahre. Man wollte den Genossen gefällig
uns? Dort sollten ja schon die Amerika- sein und Essen, Trinken und Mädchen
ner sein, sie waren nicht so grausam, anbieten. 35 Soldaten hatten sich im
brutal und gefürchtet wie die Russen. Haus einquartiert, wir wurden ge-
Die Entscheidung wurde uns höheren zwungen, für sie die Wäsche zu wa-
Orts abgenommen. Es kam der Befehl, schen, zu putzen und aufzuräumen. Da-
alles auszupacken, die Russen befänden für bekamen wir einen Kübel Graupen-
sich schon in der Nähe. Sie sollten nicht suppe – nach vielen Tagen die erste
merken, dass wir vor ihnen flüchten warme Speise.
wollten.
Das russische Militär hatte Narren-
Was dann kam, war grauenhaft. Wie ei- freiheit. Drei Tage durften sie feiern,
ne Lawine fielen sie über unseren Ort plündern, rauben, anzünden und Frauen
herein. Eifrige Kommunisten erwarteten vergewaltigen. Horrormeldungen liefen
sie schon beim Ortseingang mit weißer wie eine Lauffeuer durch den Ort. Ob-
Fahne. Aber alles, was sie wollten, war: wohl man nicht auf die Straße durfte,
„Ura, Ura“ (Uhr) – und flugs hatten sie hörte man es von Fenster zu Fenster.
sich die ihrer Gesinnungsgenossen ein- Der Lehrer in unserer Nähe hat sich er-
verleibt. Wir schlüpften in alte Kleider, schossen. Anton Steinert und Inge un-
setzten Kopftücher auf, um uns älter zu ternahmen Selbstmordversuche und
machen und dann warteten wir. Es dau- schnitten sich die Pulsadern auf. Inge
erte nicht lange, und die ersten Soldaten konnte gerettet werden, für ihren Vater
wälzten sich über die Stiege herauf. Alle kam jede Hilfe zu spät. Anton Steinert
Hausleute und eine Freundin von Mutti flüchtete mit Mitzi und Heidi in den Wald
mit zwei Töchtern, die bei uns Zuflucht – und versteckten sich. Alles wurde ih-
gesucht hatten, wurden in einem unse- nen ausgeraubt, alles gestohlen. Auch
rer Zimmer zusammen getrieben. Als was man bei den Bauern auf den Heubö-
erstes suchten sie nach Schmuck und
30 1945 erinnern

den versteckte – nichts kam mehr zu- Über meine nächste Tragödie habe ich
rück. mit niemandem gesprochen, nicht mit
Anton Steinert war ja der Verwalter des meiner Familie, nicht mit meinen Kin-
Kriegsgefangenenlagers gewesen, und dern, nur mit meinem späteren Mann.
dafür wurde er gesucht. Obwohl einige Ich sagte schon, wir hatten viele Russen
der Gefangenen für ihn gut aussagten, im Haus, und wenn wir für sie Wäsche
wurde er weiter verfolgt. Auch bei seiner waschen mussten, blieb es nicht aus,
Schwester suchte man nach ihm. Als sie dass wir ihnen begegneten. In unserer
ihn nicht fanden, zündeten sie das Haus Küche lungerten sie herum, in den Vor-
an. Auch bei Keplinger Toni schlugen auf häusern, bis zur Waschküche war ein
einmal Flammen aus dem Dachstuhl, weiter Weg. Im Vorbeigehen schnappte
niemand durfte auf die Straße, um zu mich ein Russe, zerrte mich ins Schlaf-
helfen, niemand durfte löschen. zimmer, riss mir die Kleider herunter
und sperrte die Türe zu. Niemand kam
Ein Bauer wollte seiner Tochter, als die
mir zu Hilfe, nicht Mutti, nicht Frau Böck,
Russen über sie herfielen, zu Hilfe eilen
nicht die Nachbarn von nebenan.
– auch er wurde erschossen. Auf Hand-
karren brachte man die Toten auf den Ich war wie von Sinnen, ein Russe hielt
Friedhof und verscharrte sie wie Tiere. mich fest, der andere fiel über mich her.
Wir beteten und zitterten, hungerten Ich muss wohl sehr geschrieen haben,
und wussten nicht, was in den nächsten ich dachte zu sterben vor Schmerzen
Minuten mit uns geschehen würde. Einen und Scham. Dann stieß man mich in die
Kübel hatten wir für die Notdurft im Küche hinaus. Ich hörte nichts und fühl-
Zimmer stehen, wo wir alle zusammen- te nichts, ich war wie ausgebrannt, nur
gepfercht lebten. Niemand traute sich nicht mehr leben, etwas anderes gab es
ins Vorhaus hinaus auf die Toilette, jeder ja nicht für mich. Wahrscheinlich bin ich
hatte eine fürchterliche Angst vor den angesteckt, oder ich bekomme ein Kind
betrunkenen Russen. Einige von ihrer – nur diese Gedanken kreisten in mei-
Sorte tranken in der Schule den Spiritus nem Kopf. Wie in Trance verbrachte ich
aus dem Lehrmittelzimmer, wo Schlan- die nächsten Stunden und Tage. Da ich
gen, Tiere etc. aufbewahrt waren. nicht gestorben war, suchte ich mir eine
Prompt starben fünf Soldaten unter Möglichkeit dazu. Alles wurde mir aus
grässlichen Schmerzen, und wieder wur- dem Weg geräumt: keine Rasierklingen,
den Ortsbewohner zusammen getrieben, keinen Strick, keine Tabletten – nichts
geschlagen und weggeschleppt, weil sie fand ich. Ich aß nichts, doch ich starb
dachten, man hätte sie absichtlich ver- auch nicht.
giftet. Zwei Männer wurden von den Im Hause hatten wir auch noch einen
Russen zum Gewehre einsammeln ein- älteren Offizier, der zu den Kleinen im-
geteilt. Als sie diese ablieferten, wurden mer sehr nett war; er dürfte der Vorge-
sie erschossen und ihre Leichen in den setzte meines Peinigers gewesen sein.
Bach geworfen. Einfach so. Letzterer wurde aus unserem Haus ab-
gezogen, ich sah ihn Gott sei Dank nie
wieder. Von diesem Zeitpunkt an hatten
1945 erinnern 31

wir auch Ruhe, es tat uns niemand mehr konnte aber flüchten und versteckte sich
etwas zu Leide. Später hörte ich, dass dann zu Hause bei einem Bauern.
der Vergewaltiger ein Abkommen mit Das ging wochenlang so, irgendeine
Mutti getroffen hatte: Wenn er mich schwere, unangenehme Arbeit hatten sie
nicht bekommt, müssten wir alle aus immer für uns. War ich doch fünf Jahre
dem Hause. Also deshalb bekam ich von lang BDM-Führerin gewesen und schein-
niemandem Hilfe. Es hätte wahrschein- bar ein Erzfeind der Russen und unserer
lich auch nichts genützt, vielleicht wäre einheimischen Kommunisten. Viele Mäd-
auch jemand erschossen worden. chen freundeten sich mit den Soldaten
Eine Woche später wurden wir Mädchen an, bekamen Zigaretten, Schokolade
von den Kommunisten zum Putzen und etc. und bekamen auch angenehmere
Pflegen eines Lazarettes zusammen ge- Arbeiten zugeteilt; natürlich fehlte die
trieben, das im Haus von Dr. Nowak ein- Gegenleistung nicht. In Notzeiten lernt
gerichtet wurde. Alle Möbel vom Haus man erst seine Mitmenschen kennen.
wurden ins Freie geworfen und mit Laza- Hilfe bekamen wir von niemandem. Ein-
rettbetten belegt. Es war eine grausige mal lief ich verzweifelt zum Bürgermeis-
Arbeit, es war mir aber egal, ich wollte ter: Er soll uns irgend einen Mann schi-
sowieso nicht mehr leben. cken, der uns beisteht, wenn die Russen
Einige Zeit später wurden wir dann täg- arg wüten. Doch erfolglos, er hätte sel-
lich morgens auf einen Lastwagen verla- ber vieles zu beschützen.
den und auf einen Berg gefahren, wo wir Sechs Wochen dauerte die Belagerung
die dort liegen gebliebene Munition ein- unseres Orts. Dann wurde ein Großteil
sammeln mussten. Große, kleine Muniti- der Soldaten abgezogen; es blieben aber
on, meterlange Granaten wurden zu- noch genug. Langsam konnte man
sammengetragen. Wir standen immer wieder ins Freie gehen, die vielen Zäune
unter Bewachung. Einmal ließ ich eine und Absperrungen quer durch den
Granate fallen; ich dachte, vielleicht ganzen Ort wurden zum Teil weggeris-
explodiert sie, und mein Elend hätte ein sen. Von der provisorischen Gemeinde-
Ende. Sie explodierte nicht. Statt dessen vertretung wurde Notgeld ausgegeben,
wurde ich zum Kommandanten ge- und man bekam auch hin und wieder
schleppt, der fürchterlich mit mir schrie; einmal einen Laib Brot. Was die Russen
ich verstand ihn ja nicht. Unter Bewa- nicht mehr besetzt hielten, konnte
chung wurde ich auf die Kommandantur langsam wieder in Ordnung gebracht
geschleppt, weil ich einen Sabotageakt werden. Wir konnten unsere Küche
begangen und die Bewacher gefährdet wieder benützen, unsere Nähmaschine,
hätte und vieles mehr. Ich glaube, unser Sesseln und Küchentisch fanden wir in
„hauseigener“ Major hat mich da her- Steinerts Kanzlei. Alle Geschäftsein-
ausgeholt, vielleicht hätten sie mich richtungen, Waren, Buchhaltungen lagen
nach Sibirien verschleppt – wäre mir dort haufenweise im Dreck. Meistens
auch egal gewesen. Sie machten es mit hatten es die Russen als Toilette
den heimkehrenden Soldaten ja auch so, benützt.
auch mein Chef wurde verschleppt,
32 1945 erinnern

Rosa IMHOF die Russen plündern und vergewaltigen


kam 1931 als eines von zehn Kindern einer Frauen. Der Bauer, so schien es mir,
Kleinhäuslerfamilie im niederösterreichischen hatte am meisten Angst, denn er bat die
Alpenvorland auf die Welt. Schon als Neunjäh- Gefangenen, die er im Versteck aufge-
rige wurde die Autorin auf einen Bauernhof in nommen hatte, für ihn ein gutes Wort
Dienst gegeben. Dort erlebte sie auch das Jahr
einzulegen. Doch als die Russen da wa-
1945.
ren, verloren wir sie aus den Augen.
„Beileibe war des Grauens
noch nicht genug ...“ Es blieb uns noch Zeit, alle Kleider,
Beileibe war des Grauens noch nicht ge- Wertsachen und Alkohol zu vergraben.
nug. Auf unserem Berggelände mit ein- Wenn sich die Russen mit Alkohol ansau-
zelnen verstreuten Häusern, still wie in fen, sind sie so gefährlich wie Alligatoren
einer Kirche, war es Schlag auf Schlag – so redeten die Leut’. Für uns Frauen
anders geworden. Schon lange bevor der waren Verstecke hergerichtet, auf dem
Krieg aus war, desertierten gefangene Heustadel. Unsere Verstecke waren un-
Polen und Russen in unsere Steinhöhlen. ter dem Dach; von unten konnte man
Die SS-ler waren ihnen auf der Spur, sie nicht sehen; wir mussten zweimal
und wenn sie einen erwischten, dann über Hindernisse hinaufkraxeln.
knallte es. In der Nacht hatte auch der Der Bauer sagte mir persönlich: „Ver-
Bauer welche in der Scheune versteckt schwinde, wenn die Russen kommen!“
und gab diesen armen Menschen Speise Was die Leute von einer „Vergewalti-
und Trank. Es war für den Bauern und gung“ erzählten, war für mich leeres
die Gefangenen immer ein Risiko. Jedes Stroh. Von dieser Sittenlehre hatte ich
Mal, wenn die SS-ler auf Streifzügen da- keine Ahnung. Irgendjemand stand dort
hermarschierten, da war in mir Panik. Wache, wo man weit den Weg hinauf
Wenn sie den erwischen, den mit der und hinunter sah. Dann schien es, als
grünen Kleidung, der sich auch öfters bei ging ein eiserner Vorhang auf – um et-
Tag daherschlich. Die an den Bauern was zurückzuverlangen für das Ver-
gerichtete Frage war immer dieselbe: schulden und Walten Adolf Hitlers über
über das Kriegsgeschehen. In seinen die Welt und über die Menschen, kamen
Augen konnte man sehen, dass er nicht sie in Scharen mit Pferden daher.
viel geschlafen hatte und dass er ver- Wie der Zeiger eines Kompasses beweg-
ängstigt war. ten wir uns in Richtung Versteck. Die
Da ich ihn immer anstarrte und wegen Russen durchsuchten das Haus, stahlen
seinen Ausdrücken oft lachen musste, da Lebensmittel und zogen weiter. Am A-
wagte er auch manchmal ein kurzes Lä- bend kamen sie wieder. Es war schon
cheln. Er hat mir einmal gedeutet, dass finster und die Haustüre verschlossen.
er sich auf Bäumen verstecke und: SS- Beim Weglaufen hatte ich einen Stuhl
ler nicht auf Bäume schauen. (...) umgeworfen, sodass es die Russen hör-
Die Russen kamen näher und näher, und ten. Sie hatten dann lange nach Bandi-
es lastete große Angst auf uns. Die Ra- ten gesucht und sind die ganze Nacht
che am Besiegten. Es wurde gemeldet, geblieben und haben in Serafins und
1945 erinnern 33

meinem Bett geschlafen. Oft waren die Mit dem Segen himmlischer Geister
Russen auch ganz nah am Versteck ge- rannte ich zur Mutter. So schnell war ich
wesen, da getrauten wir uns fast nicht im Leben noch nie gelaufen, um dem
zu atmen. Ich hatte am meisten Angst, hinterhältigen Russen zu entkommen. Es
sie könnten die Scheune anzünden. war schrecklich. Was liegt wohl in einer
Seitdem die Russen ihr Unwesen trieben, solchen Menschenseele, die so ehr-
blieben wir bis lange in die Nacht hinein furchtslos Todesangst verbreitet und sich
im Wald, oder wir schliefen im Heusta- einfach auf ein Opfer stürzt? Und die
del. Es war zur Routine geworden, auf- Bauersleute – mit ihrer Lebenserfahrung
zupassen, zu arbeiten und sich zu ver- und Altersweisheit, geachtet und geehrt
stecken. Während dem Verstecken kom- – müssten rote Augen vom Weinen ha-
binierte ich alleweil herum, was das sei, ben, weil sie mir nicht zur Seite standen.
Vergewaltigung. Aber es blieb Stroh im Meiner Mutter schrie ich schon von wei-
Kopf. tem zu: „Ein Russe“, immer wieder, „ein
Fürwahr, es war trotzdem zu einem Fi- Russe, nix passiert, er hat mich nicht
asko gekommen. Plötzlich stand ein Rus- erwischt!“ Ich verlangte von Mutter eine
se mitten unter uns in der Stube. Wäh- Decke, um im nahen Wald zu übernach-
rend er Dokumente verlangte und an- ten. Ich kann mich nur noch erinnern,
schaute, war die Bäuerin auf und davon. wie sie mir die Decke gab und ihre Au-
Überdies sagte der Russe zur Serafin: gen mich groß anstarrten.
„Du Kind machen.“ Somit war mir auch Dass an allen Ecken und Enden des Wal-
Vergewaltigung klar. Als Serafin sich des viele Deserteure und SS-ler herum-
dem Russen widersetzte, wurde er böse. tappten, war keine Einbildung. Daher
Er schob seinen Revolver heraus und suchte ich mir einen wilden Dornenbusch
hinein. Er baute seinen Zorn immer wei- unter einem Baum, um mich vor der bö-
ter aus und schlug mit dem Revolver die sen Welt zu schützen. Über mir lockten
Fensterscheiben ein. Auf einmal hatte und pfiffen die Vögelein, um zu erfahren,
sich auch Serafin in Luft aufgelöst. Da wo die anderen sind: O ihr Vögel, wo
war der Russe noch wilder geworden. habt ihr nur so viel Liebe versteckt?
Alles Handgreifliche, was er finden konn- Als die Kreatürlein eingeschlafen waren,
te, warf er gegen die Fenster. In Schre- und es stockdunkel wurde – ach, was für
ckensangst stand ich wie angefroren, eine Leidensnacht war es geworden.
ganz alleine bei dem Russen. Da fing er Barfüßig, halb erstarrt vor Erschöpfung,
an, sich meiner zu bemächtigen. Wie so vertrieb ich mir die Nacht. Bei jedem
immer, so hatte auch dieser schwarze Ast, der herunterfiel, sprang ich auf, voll
Tag ein gutes Ende. Im selben Moment, Schreck stach es mir immer ins Herz.
als der Russe anfing, an mir herumzu- Diese Nacht war sehr zu meinem
fummeln, kam eine Frau des Weges und Schaden.
lenkte ihn ab. So war ich doch noch zum
Dieses Erlebnis lastete noch zwanzig
Weglaufen gekommen.
Jahre später auf der Seele. Wenn es
Nacht war und ich nichts mehr erblicken
34 1945 erinnern

konnte, wenn ich etwas Ungewöhnliches Als mein Bruder fort war, wünschte ich
hörte, zum Beispiel bei einem Gewitter, mir, hier zu sterben, dann wäre es still.
sprang ich immer – noch schlafend – aus Beim Dornbusch, meinem Schutz für Le-
dem Bett. Erst auf der Türschwelle, ben und Leib, blieb ich noch den ganzen
wenn ich wieder voll wach war, sagte Tag, um den Russen und den sonstigen
ich: „Ah, das sind ja gar nicht die Rus- Waldgeistern zu entgehen. Immer wie-
sen.“ Für das angetane Leid, das so der spähte ich nach allen Seiten, und
grausig war, konnte ich nicht einmal ei- immer wieder durchzuckte mich ein
nen Zorn haben. Man musste lernen, Schreck. An dieser Stelle dachte ich
harte Bedingungen anzunehmen. Wie nicht zurück, auch nicht voraus, an bes-
sich alles zugetragen hatte, interessierte sere Zeiten. Ich war da ein gespaltener
den Bauern nicht weiter. Nur meine Mut- Mensch, der zu warten hatte, bis das
ter zeigte, dass sie mich nicht vergessen Leid wieder zur Freude wird.
hatte.
In den grünen Wald, wo ich mich so ge-
Der anbrechende Tag erschien mir wie fürchtet hatte, traue ich mich heute noch
ein Wunder. Mir war, als hätte ich eine fast nicht alleine hinein. Ich denke im-
Schlacht gegen den Teufel gewonnen, mer daran – und an das Hufgetrappel
als in meiner waldigen Einöde der Schein der Russen. Wie schön war es sonst,
des Tages auftauchte und der Vogelge- durch die Gottesnatur Wald, zu streifen.
sang auf den Baumwipfeln meinem Ich denke immer daran – und an die Un-
Herzleid antwortete. geheuer. Wie herrlich war es vorher,
Der Tag erschien mir dann aber wieder dem Vogelgesang zu lauschen. Manches
grau und trostlos. Unterhalb vom Wald Mal denke ich in der Nacht daran. Bin ich
hörte ich das Pferdegespann der Russen wahnsinnig, weil ich den gefürchteten
rasseln. „So, da bleibst du“, dachte ich Russen wieder vor mir zu haben meine?
und rührte mich nicht mehr vom Fleck. Um sicher zu sein, schlafe ich manches
Ich war zu müde geworden. Meine Ge- Mal bei Licht.
fühle waren zerrissen, nur noch ein Bild
des Jammers war ich. Die Sonne züngel-
te etliche Male in mein Alleingemach,
und ich dämmerte so willenlos dahin, bis
ich erneut fürchterlich erschrak, als ich
eine Stimme hörte.
Meine Mutter hatte meinen Bruder aus-
geschickt, um mir Essen und Trinken zu
bringen. Mein Bruder lachte sich krumm,
als ich aufsprang und hysterisch herum-
schrie. Er fand es so lustig – als ich
schon eine Weile in mein Versteck zu-
rückgekehrt war, lachte er immer noch.
1945 erinnern 35

Erika SCHÖFFAUER angriff auf Klagenfurt gewesen war, leb-


wurde 1924 in Feffernitz (Kärnten) geboren. te. Onkel Hans wollte zu seiner Familie,
Ihre Kindheit und Jugend sind unter anderem Melitta und ich wollten mit. Zeitig am
durch die Scheidung der Eltern, den per- Morgen fuhren wir los. Natürlich mit den
manenten Wechsel von Wohnorten und wirt- Fahrrädern, denn ein anderes Beförde-
schaftliche Not geprägt. Das Kriegsende
rungsmittel hatten wir nicht zur Verfü-
erlebte sie in Klagenfurt, wo sie als Sekretärin
zu einer SS-Dienststelle dienstverpflichtet gung. Die Straßenverhältnisse waren
worden war. schlecht, es gab noch über weite Stre-
„Wie aus heiterem Himmel ...“ cken Schotterstraße.
8. Mai 1945: Der Krieg ist aus. Endlich Nach einigen Stunden waren wir am
war es so weit. An allen Fronten herrsch- Wernberg, ca. 25 Kilometer entfernt von
te Chaos, die deutsche Armee war ge- Klagenfurt in Richtung Villach. Da sprach
schlagen. Alle waren froh, dass es end- uns ein in entgegengesetzter Richtung
lich so weit war. fahrender Mann an. Er fragte, wohin wir
In meiner Dienststelle gab man die Hoff- wollen. Nachdem wir ihm unser Ziel ge-
nung auf einen Sieg auf. Mein unmit- nannt hatten, gab er uns den Rat, nicht
telbarer Chef veranlasste, dass die noch weiter auf der Hauptstraße zu fahren, da
vorhandenen Vorräte an Kleidung an die die einmarschierenden englischen Trup-
Bediensteten verteilt wurden. Auch ich pen bereits die Stadt Villach erreicht hät-
bekam ein Paar Schuhe und Unter- ten. Wir befolgten diesen Rat und fuhren
wäsche. Er selbst setzte sich ab. Er fand querfeldein in Richtung Treffen ins Ge-
für den Anfang Aufnahme bei Bekannten gendtal. Es ging alles gut und am späten
in der Nähe von Klagenfurt. Was dann Nachmittag hatten wir unser Ziel er-
weiter mit ihm geschah, konnte ich nicht reicht.
erfahren, vielleicht ist es ihm gelungen, Tante Liesi mit den Kindern und Tante
nach Rosenheim, wo er daheim war, zu Marie waren sehr froh, dass wir gut an-
gelangen. gekommen sind. Wir hatten Angst vor
Die Angestellten sollten, so wurde uns den einmarschierenden fremden Sol-
mitgeteilt, von der neuen Landesre- daten. Alle Menschen waren nervös.
gierung übernommen werden. Ein Teil Schließlich ist uns jahrelang nur Schlech-
der Bediensteten nahm dieses Angebot tes von den „Feinden“ der Deutschen
an. Ich zog es vor, in die Privatwirtschaft gesagt worden. Dass wir es aber in den
zu gehen, und zwar auf jenen Posten, nächsten Tagen mit fürchterlichen Gräu-
den ich gerne vor meiner Dienst- eltaten unserer eigenen Leute zu tun
verpflichtung angetreten hätte, die Ar- haben würden, wussten wir zu diesem
beitserlaubnis aber nicht bekommen hat- Zeitpunkt noch nicht. Wir waren froh,
te, sondern dienstverpflichtet wurde. Ich dass es keinen Fliegeralarm mehr gab
trat diese Stelle auch bald an. und dass wir diese fünfeinhalb Jahre
überlebt haben.
In erster Linie aber wollten wir nach Ra-
denthein, wo Tante Liesi mit den Kindern Aber die Mörder waren schon unterwegs.
seit Jänner 1944, als der erste Bomben- Am nächsten Tag brach das Unglück
36 1945 erinnern

über den Ort herein. Wie aus heiterem Große Trauer lag über der ganzen Ge-
Himmel tauchten in Radenthein drei SS- gend. Als die Opfer begraben wurden,
Männer, geführt von einer Radentheine- umstellten die Engländer den Friedhof,
rin, auf. Diese junge Frau war ortskun- weil befürchtet wurde, dass diese Mörder
dig, sie kannte die Leute in Radenthein noch einmal zurückkommen und weitere
und wusste, wie es in einem kleinen Ort Bluttaten verüben könnten. Zum Glück
üblich ist, auch über deren Einstellung war das nicht der Fall. Sie verschwanden
zum Nationalsozialismus Bescheid. Sie so blitzschnell wie sie gekommen waren.
stammte aus einer Familie, die sich im Es vergingen viele Jahre, bis die Fahn-
März 1938 als „Illegale“ hervortat. Diese dungen Erfolg hatten. Eines Tages, es
Frau, Rosl hieß sie, ist mit mir in die muss in den sechziger Jahren gewesen
gleiche Klasse gegangen. sein, las ich in der Zeitung von der Ver-
Rosl führte nun die SS-Männer zu den haftung dieser Männer in München. Die
Wohnungen derer, die, obwohl der Krieg Hinterbliebenen der Ermordeten hatten
bereits aus war, noch diesen Fanatikern Erfolg mit ihren Ermittlungen gehabt. Sie
des NS-Regimes zum Opfer fallen soll- wurden in München vor Gericht gestellt
ten. Drei oder vier Familienväter und und abgeurteilt. Von der Rosl, so haben
eine Frau, die sie als Geisel nahmen, mir meine Schulfreundinnen bei einem
weil ihr Ehemann nicht zu Hause war, Klassentreffen erzählt, hörte und sah
Mutter von zwei Kindern, wurden über- man in Radenthein nichts mehr. Angeb-
fallen, auf ein Auto geladen und in einem lich lebt sie irgendwo unter einem ande-
Wald in der Nähe unseres Ortes erschos- ren Namen. Tante Maries Mann hatte
sen. Dachau überlebt. Er kam nach einiger
Die Nachricht von dieser furchtbaren Zeit kränklich aber doch nach Hause.
Bluttat verbreitete sich in Windeseile,
und als wir davon erfuhren, bangten wir
um das Leben unserer Tante Marie,
deren Mann vor eineinhalb Jahren ver-
haftet und nach Dachau ins Konzen-
trationslager gebracht worden war; Rosl
kannte ihn gut. Sein Vergehen: Er war
als Sozialdemokrat im Ort bekannt, und
er hatte den „Feindsender“ „Radio Bero-
münster“ gehört.
Den zweiten Schock bekamen wir am
nächsten Tag, als wir erfuhren, dass
ungefähr hundert Meter hinter dem Haus
von Tante Marie ein weiteres Opfer
erschossen in einer Grube gefunden
wurde. Glücklicherweise besetzten die
Engländer an diesem Tag den Ort.
1945 erinnern 37

Dietrich DERBOLAV Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 die


wurde 1938 in Graz geboren. Die Kriegsjahre Pulsadern auf. Dr. C, ein ebenso fanati-
verbrachte er in der Sonnenheilstätte Stolzalpe scher Nationalsozialist aus Österreich,
nahe Murau (Steiermark), wo seine Mutter als besuchte „am Tag danach“ die Messe in
Ärztin arbeitete. der kleinen katholischen Kirche auf der
„Es war ein Lehrstück ...“ Stolzalpe. Dr. A floh mit seiner ganzen
In der Sonnenheilstätte Stolzalpe in Familie, wir haben nie mehr etwas von
1000 Meter Höhe über dem alten Städt- ihm gehört. Nur der Chefarzt Hofrat Dr.
chen Murau war vom Weltkrieg nicht viel D, der während der ganzen „Nazi-Zeit“
zu spüren. Aber es gab „Fremdarbeiter“, trotz verschiedener Anfeindungen jeden
gefangene Franzosen und russische Sonntag ostentativ in die katholische
Zwangsarbeiterinnen und Zwangs- Messe gegangen war, blieb von den Er-
arbeiter, zum Teil sogar mit Kindern. Wir eignissen unberührt.
– das waren meine vierjährige Schwes- Wenn ich später daran dachte, hatte
ter, ich selbst (ein Jahr älter), meine
mich in diesen Tagen die allgemeine
Mutter (Ärztin im „Kurhaus“) und unsere Charakterlosigkeit empört. Es war uns
Haushälterin Steffi – wohnten in der so
Kindern schärfstens verboten worden
genannten Ärztevilla. (...)
mit „Grüß Gott“ zu grüßen. Wir mussten
Ende 1944 oder Anfang 1945, ich war „Heitler“ sagen (die dort übliche Form
damals sechs und ging in die erste Klas- von „Heil Hitler“). Ich habe immer mit
se, wurden wir zu einer Feier in den „Grüß Gott“ gegrüßt und wohl auch ein-
Festsaal des Kinderheimes geführt. Der mal eine Ohrfeige abgefangen. Von ei-
Saal war voll mit den Betten der Kran- nem Tag auf den anderen war „Heitler“
ken und dazwischen wir, die wenigen verboten. Aus purem Protest habe ich
Kinder aus der Ärztevilla. Der Leiter des jetzt mit „Heitler“ gegrüßt und bekam
Kinderheimes, Primar Dr. A, ein fanati- wieder eine Ohrfeige. Damals hieß es
scher Nationalsozialist, hielt eine An- auch, dass man jetzt mit „88“ grüßen
sprache. In dem bellenden Tonfall, der könne: 8 ist der 8. Buchstabe des Al-
damals nach „berühmten Vorbildern“ phabets, nämlich H, 88 daher „Heil Hit-
Mode war, schrie er: „Deutschland muss ler“.
leben, auch wenn wir sterben müssen!“
In unserer übergroßen Wohnung in der
Alles in mir empörte sich: „Hier liegen Ärztevilla hatte meine Mutter ständig be-
Kinder, die sich seit Jahren kaum rühren
freundete „Bombenflüchtlinge“ aus Graz
können, und du Idiot willst, dass sie für
oder „dem Reich“ einquartiert. Beson-
Deutschland sterben!“ ders bewundert hatte ich den zwölfjähri-
Aber bald kam der „Zusammenbruch“, gen Sohn einer dieser einquartierten Fa-
und es war ein Lehrstück, wie die Men- milien. Er kannte alle „unsere“ Flugzeu-
schen darauf reagierten. Ich habe es ge und Schiffe, aber auch die des Fein-
natürlich nur an den Ärzten der Stolzalpe des. Wir spielten täglich, er war General
beobachten können: Dr. B, ein korrek- Rommel und ich General Mannstein.
ter, aber fanatischer Nationalsozialist Wieder von einem Tag auf den anderen,
aus Norddeutschland, schnitt sich in der
38 1945 erinnern

am 9. Mai 1945 war er General Eisenho- das fünfzig Kilometer entfernte Juden-
wer und ich General Montgomery. burg erreicht hatten und nun glaubten,
Meine Bewunderung schlug in tiefe Ent- die Engländer seien schon vor ihnen da.
täuschung um und ich spielte nicht mehr Die Steiermark wurde englische Besat-
mit. Wie einschneidend sich der „Zusam- zungszone. Es gab keinerlei Übergriffe –
menbruch“ besonders für höher qualifi- doch auch sehr wenig zu essen.
zierte Menschen auswirkte, zeigt der Zwanzig Kilometer westlich begann Salz-
Umstand, dass meine Mutter mit 33 Jah- burg, die amerikanische Besatzungs-
ren und als Frau zur ärztlichen Leiterin zone. Während in der englischen Zone
des Kinderspitals bestellt wurde, weil alle großer Mangel herrschte, war dies in der
anderen möglichen Kandidaten „politisch amerikanischen Zone völlig anders. 1947
belastet“ waren. machten wir einen Schulausflug mit der
Die zurückflutenden deutschen Truppen altertümlichen Murtalbahn in das nahe
zogen das Murtal hinauf Richtung Wes- Salzburgische Tamsweg. Es erschien uns
ten, Richtung Salzburg. Gerade in Murau wie eine Fahrt ins Schlaraffenland. Man
erreichte sie die Meldung vom Ende des konnte dort einfach in ein Geschäft ge-
Krieges. Auf der Stelle ließen sie ihre hen und Zuckerln und Mehlspeisen kau-
Waffen fallen und schauten, wie sie ir- fen, etwas bei uns ganz Unmögliches.
gendwie nach Hause kommen konnten. Entsprechend begeistert kamen wir
Schule gab es keine mehr, und so stieg zurück.
ich mit einem Freund hinunter nach Mu-
rau. Auf den Wiesen vor der Stadt stan-
den offene Panzer, lagen Gewehre und
Munition herum. Wir packten, so viel wir
tragen konnten, in unsere Rucksäcke
und stiegen wieder auf den Berg. Beim
Kinderheim trafen wir peinlicherweise
unsere gütige alte Lehrerin Frau D. Sie
fragte uns, was wir in den Rucksäcken
hätten, wir stotterten eine Lüge und
schauten, dass wir weiterkamen. Ich
habe nie erfahren, wie es meiner Mutter
gelang, diese in jeder Hinsicht gefährli-
che Last zu entsorgen. Sie sprach nie
mehr darüber.
In Murau rückten die Engländer ein, kor-
rekt aber distanziert. Einem nie verifi-
zierten Gerücht nach, hatte der Murauer
Bürgermeister englische Kriegsge-
fangene in englischen Uniformen den
Russen entgegengeschickt, die schon
1945 erinnern 39

Heimwege und Irrwege


40 1945 erinnern
1945 erinnern 41

Herbert HACKER glänzen in der Sonne, und die Uniformen


wurde 1930 in Wien geboren, im Februar 1945 sind neu und makellos sauber. Eine Ma-
kam er in ein Wehrertüchtigungslager der Hit- jor steigt auf eine umgestülpte Kiste und
lerjugend (HJ), war anschließend in den steiri- hält eine Ansprache. Laut und markig ist
schen Bergen mit einer Kompanie stationiert. seine Stimme. „Soldaten!“, schreit er,
Kurz darauf geriet er in Oberösterreich ameri-
„haltet euch bereit. Der Krieg ist nur im
kanische Kriegsgefangenschaft.
Westen zu Ende. Jetzt geht es mit ver-
„Meine Familie hat meine Lebens-
einten Kräften gegen die Bolschewisten!“
mittelkarte – und einen Esser weniger ...“
Hinter den deutschen Offizieren stehen
Im April 1945 hören wir zum ersten Mal
die amerikanischen Soldaten mit schuss-
von der Alpenfestung, und jeder glaubt
bereitem Gewehr, rauchen und kauen
zu wissen, warum man uns hier behalten
Kaugummi. Ich stehe in der zweiten Rei-
hat. Als wir nach Donnersbach kommen,
he meiner Einheit, nahe dem Major, und
sehen wir massenhaft Wehrmacht und
sein Blick trifft mich. Ich bin sicher der
Waffen-SS. Autos werden entladen, und
Jüngste in der Kompanie und etwas irre-
hektisches Treiben herrscht überall. Un-
gulär gekleidet.
sere Ausbildner sind unfreundlich wie
früher, und die Stimmung im Lager ist Der Major sagt, wir sollten stolz sein,
gereizt. Zunehmend wird uns gedroht, deutsche Soldaten zu sein, und dass der
dass man uns schleifen werde, bis das Führer Adolf Hitler den Heldentod in der
Wasser im Arsch koche. Von meinem Reichskanzlei gestorben sei. Das alles
Vater erhalte ich einen Brief, der unwe- weiß ich längst, und ich überlege, wie ich
sentliche Nachrichten enthält. Er schließt wohl aus dem Lager flüchten könnte.
mit den Worten, dass ich, wenn notwen- Der Major redet von der deutschen Ehre
dig, mein Leben für Führer, Volk und und von den Pflichten des deutschen
Vaterland zu geben hätte. Mein Vater ist Soldaten. Es sind die alten Phrasen, und
mir seit Jahren suspekt. Obwohl von Ju- Langeweile macht sich breit. Die Idee
gend an revolutionärer Sozialist, hat er des Nationalsozialismus sei nicht mit
sich seit dem Einmarsch der Deutschen dem Führer gestorben, schreit der Major
in Österreich langsam aber stetig zum und aus seinen Augen kommen Tränen.
Nationalsozialisten gewandelt. Dem Die Amerikaner grinsen, keiner stoppt
Wunsch meines Vaters, den Heldentod die Rede. Vorsichtig mustere ich meine
zu sterben, kann ich wenig Geschmack Nachbarn und versuche in ihren Gesich-
abgewinnen. Am 17. April erfahren wir tern zu lesen, doch diese sind regungs-
vom Lagerleiter, dass Wien von den los. Wieder spüre ich den Blick des Ma-
Russen erobert wurde. (...) jors. Seine Rede geht zu Ende. Er reißt
den rechten Arm hoch zum deutschen
Im Kriegsgefangenlager angekommen,
Gruß und brüllt: „Sieg Heil!“ Die Solda-
heißt es erst einmal: kompanieweise an-
ten schreien zurück. Das Deutschlandlied
treten. Es geht ziemlich militärisch zu.
und das Lied von Horst Wessel werden
Erst wird abgezählt und dann gemeldet.
gesungen. Irgendjemand stößt mich in
Vor uns steht eine Gruppe deutscher
den Rücken und sagt: „Sing, Ostmark-
Offiziere im vollen Ornat. Ihre Stiefeln
Schwein!“ Anschließend marschieren wir
42 1945 erinnern

ab, begleitet von US-Soldaten auf Jeeps. ich sie einmal aus den Kasten schlüpfen
Die Zelte werden aufgebaut und wir ha- sah. Natürlich habe ich es niemandem
ben endlich Ruhe. (...) erzählt.
Im Lager zu Mauerkirchen sollen wir Der Mühlbauer Bertl, so heißt der Dol-
verhört werden. Alle sagen, danach metscher, spricht mit den ameri-
komme man bald nach Hause. Zuerst kanischen Offizieren und die Ver-
allerdings nur jene Gefangenen mit nehmung wird unterbrochen. Die Offi-
Wohnsitz in Westösterreich. Nach lan- ziere trinken Coca Cola, rauchen und
gem Nachdenken erinnere ich mich an sehen mich interessiert an. Und ich er-
die Adresse meines Linzer Großvaters. zähle meine Geschichte, wie ich da her-
Wir stehen in langer Reihe vor dem Ver- gekommen bin. Dann läuft alles wie ge-
nehmungszelt, und baumlange amerika- schmiert, und ich werde zur sofortigen
nische Negersoldaten bewachen uns. Entlassung freigegeben. Vor lauter Freu-
Einer von ihnen wirft immer wieder lan- de vergesse ich den Bertl zu fragen, wie-
ge Zigarettenstummel nach dem Rau- so er bei den Amerikanern ist. (...)
chen weg. Er grinst, wenn sich die Endlich bin ich in der Linzer Schubert-
Kriegsgefangenen darauf stürzen. Sicht- straße vor dem gesuchten Haus. Es ist
lich macht es ihm Spaß. Einer von uns zum Teil zerstört, aber bewohnt. Mir fällt
biedert sich an und fragt den Neger nach ein Stein vom Herzen. Ich trete in den
einer Zigarette. Dabei verwendet er das Hausflur und versuche an den Türen die
Wort „Nigger“. Er hat es kaum ausge- Namensschilder zu lesen. Aber es ist zu
sprochen, als ihm der Gewehrkolben auf dunkel. So klopfe ich an der erstbesten
den Kopf knallt und er flach am Boden Tür, um zu fragen. Ein alter Mann öffnet,
liegt. Mit Fußtritten wird er traktiert, bis sieht mich an und sagt, er sei der Ge-
er sich übergibt. „Nazischwein“ ist noch suchte. Ich erkläre ihm, dass ich sein
das Geringste, was wir hören. Enkel sei, und ob er mich eine Zeit auf-
Als ich zur Vernehmung an der Reihe nehmen könnte. So lange etwa, bis ich
bin, sage ich Name und Alter und bei der wieder nach Wien zu meinen Eltern kön-
Frage nach der Einheit: „Hitlerjugend“. ne. Der alte Mann hört mir geduldig zu,
Der junge Dolmetscher in amerikani- und ich rede und rede. Plötzlich schreit
scher Uniform sieht von seiner Schreib- eine Frauenstimme im Hintergrund mei-
maschine hoch und blickt mich erstaunt nen Namen. Es ist die Stimme meiner
an. Ich glaube zu träumen, denn es ist Mutter. Sie stürzt zur Tür, sieht mich
ein Jugendfreund von mir. Der an Jahren und fällt in Ohnmacht. Der Großvater
Ältere war in Wien mehr oder weniger fängt sie gerade noch auf.
immer mein Beschützer, wenn ich in Be- Ich werde in die Wohnung eingelassen
drängnis war. Seine Mutter war Antifa- und herzlichst begrüßt. Mutter hat sich
schistin und hat im Kleiderkasten Radio wieder gefangen und weint. Der Vater
London gehört, was natürlich streng sieht mich seltsam an. Alle staunen,
verboten war. „Wenn du mich an den dass ich noch lebe, denn ich bin seit Wo-
Galgen bringen willst, dann erzähle es chen amtlich vermisst. Ich öffne meinen
der Polizei“, hat sie zu mir gesagt, als
1945 erinnern 43

Rucksack und zeige meine Habseligkei- wäre es besser gewesen, bei ihnen zu
ten. Die Rauchwaren werden mir aus bleiben. (...)
den Händen gerissen. Großvater und Bei einem Hamstergang etwas außerhalb
Vater sind ebenso gierig darauf wie mei- von Leonding verdingt mich der Vater als
ne Kameraden vorher im Lager. Noch Knecht. So arbeite ich von Montag bis
mehr staunen alle, als ich mir ebenfalls Samstag mittags bei einem Großbauern.
eine Zigarette anzünde und rauche. Mein Meine Familie hat meine Lebensmittel-
Vater versucht seine Autorität aufzubau- karte – und einen Esser weniger.
en und meint, jetzt, wo ich zu Hause sei,
müsse ich das Rauchen aufgeben. Dazu
Alois MAYRHOFER
sei ich noch zu jung, meint er.
wurde 1913 in Kirchschlag in der Buckligen
Ich habe Hunger, aber sie haben für Welt (Niederösterreich) geboren. Bereits im
mich nichts zu essen. Ich bin nicht ein- Juli 1939 wurde er zur deutschen Wehrmacht
geplant. So reiße ich eben eine amerika- einberufen. Das offizielle Kriegsende Anfang
nische Notration auf. Ich bemerke die Mai 1945 erlebte er noch in Jugoslawien, in
hungrigen Augen – und mir kommt zu den Tagen darauf marschierte er bis Bruck an
der Mur (Steiermark).
Bewusstsein, die haben noch weniger als
ich. Die Verpflegung in meinem Ruck- „Ich konnte weder lachen noch weinen ...“
sack reicht für alle und für eine Mahlzeit. Da hörten wir, dass auf dem Bahnhof ein
Im Laufe des Nachmittags erfahre ich Zug sei, der nach Wiener Neustadt geht.
die Geschichte, wieso meine Eltern in Wir schlichen uns zum Bahnhof, setzten
Linz sind und auch meine Geschwister. uns in einen Waggon, und wirklich – der
Mein Vater, Heerespolizist und Ketten- Zug ging ab. Aber in der letzten Station
hund, hat sie mit einem Militärkonvoi vor dem Semmering erwarteten uns be-
mitgenommen. Mein großer Bruder aber, reits viele Russen, trieben uns zusam-
ebenfalls Soldat, hat sich von Italien ü- men, und ab ging’s unter größter Bewa-
ber die Berge nach Linz durchgeschla- chung zurück nach Hafendorf ins Gefan-
gen. In La Spezia hatte er sich mit einer genenlager. Nun waren wir im Lager, ca.
Italienerin angefreundet, die zu den Par- 2.000 Mann. Wir lagen im Freien, meine
tisanen gehörte. Sie ermöglichte dann Kameraden Potzmann, Swoboda und ich,
seine Flucht nach Österreich. Nach mir vier Tage lang. Etwas Essen wurde ja
hatten die Eltern forschen lassen, aber ausgeteilt, doch wir bekamen nichts.
erfahren, dass meine Einheit aufgerieben Nun wurden wir zur Mur getrieben, um
wurde und ich auf der Vermisstenliste uns zu waschen. Ich schlug vor, uns
stünde. auszuziehen und die Uniform am Fluss-
In der kleinen Wohnung, deren Mauern ufer unter einer Wurzel zu verstecken.
von Rissen durchzogen sind, gibt es kein Dann wurden wir alle zurück getrieben,
Bett für mich. So schlafe ich am Boden, und als es finster wurde, rief mich Potz-
eingerollt in eine warme Decke. In der mann. Ich kroch hinaus. Wir waren frei,
Nacht erwache ich und denke an meine schlichen gedeckt einige Kilometer zu
Kameraden. Sie fehlen mir. Vielleicht einem allein stehenden Haus und baten,
dort bleiben zu dürfen, bis es wieder
44 1945 erinnern

finster wird. Ich hatte noch einen Kom- Am Morgen begrüßten mich die Kamera-
pass bei mir. Der Mann und die Frau ga- den und hänselten mich harmlos. Ich
ben uns zu essen, dann nahm er seinen gab es nicht auf. Nun hieß es: Fertig
Mantel und ging hinaus. Von den Fens- machen zum Abmarsch, und dass wir in
tern aus die Gegend kontrollierend, Wiener Neustadt den Entlassungsschein
nahmen wir ahnungslos und dankbar das bekämen und nach Hause könnten. Ich
Essen ein, einen Kartoffelsterz. Auf ein- glaubte es nicht. Nun marschierten wir
mal schrie Potzmann auf – wir wollten Richtung Semmering, Frauen waren an
beim Fenster hinaus, doch das Haus war der Straße, die uns zu trinken geben
bereits umstellt. Dieser Mann hatte uns wollten, sie wurden verjagt, und die Kü-
an die Russen verraten. Nun ging es bel auf die Straße geschüttet. Seitlich
wieder zurück ins gleiche Lager. von der Semmeringstraße sind die Ad-
Die Russen begannen, den Gefangenen litzgräben. Wir marschierten, Bewachung
die Haare kurz zu scheren. Ich saß den zu Pferd, mit Hunden – fast kein Aus-
ganzen Tag am gleichen Fleck und sin- weg. Nun machte die Straße vor uns ei-
nierte, und Potzmann dachte daran, dass ne Biegung, ich sah auf den Hang und
er lange in einer Gutsverwaltung gear- wusste, dass bei Regen das Wasser un-
beitet hatte: „Russland ist ein großes ter der Straße durchgehen musste.
Land – ich riskiere nichts mehr.“ Ich Knapp vor der Kurve sah ich, durch den
sagte, dass wir noch einen Versuch ma- Ellbogen zurückschauend, knapp hinter
chen sollten. Swoboda, ein wunderbarer mir einen Russen. Ich ging etwas lang-
Kamerad, sagte, dass er Kommunist sei samer und er an mir vorbei. Ich nahm
und zeigte uns seine Mitgliedskarte, die die Feldflasche, hielt sie hoch und lief
er in der Tasche trug. Dann war da noch genau zur Biegung. Das Durchlassrohr
ein ganz junger Gefangener aus Hatt- konnte man von der Straße gar nicht
mannsdorf bei Hochneukirchen, also aus sehen, aber die Logik sagte mir, dass ein
meiner Heimat. Blutjung – vom letzten Rohr vorhanden sein musste. Die Fla-
Aufgebot. Ich sagte ihm, dass wir versu- sche hielt ich nur deswegen in der Hand,
chen sollten zu türmen. Da ich ihm keine damit ich, wenn mich einer sieht, sagen
Garantie geben konnte, dass es gelang, konnte, dass mich der Durst treibt, und
blieb er hier. deswegen würde er mich nicht gleich
erschießen. Tatsächlich gab es einen
In der Nacht robbte ich Richtung Wald,
Schacht, zwei mal zwei Meter tief. Ich
hatte mich vorher verabschiedet; ich
sprang hinein, das Wasser rann schön
wusste der Zaun war nicht elektrisch
vom Berg hinunter, aber Gehölz ver-
geladen. Da, auf einmal Scheinwerfer,
sperrte mir den Weg. Nun, Gott helfe
die mich erfassten. Rasch auf dem Bo-
mir! Mit aller noch vorhandenen Kraft
den zurückrobbend, erreichte ich wieder
versuchte ich die dicken Holzpfosten
die schlafenden Soldaten und stellte
auseinander zu zwängen. Der Spalt wur-
mich auch schlafend. Die Russen schau-
de breiter. Zuerst den Rucksack hin-
ten nach – nichts rührte sich – und gin-
durch und dann ich hinterher, die Sperr-
gen wieder.
pfosten richtete ich wieder gleich, und
1945 erinnern 45

nun kam ein Rohr, fast einen Meter ist Loisl!“ Nun kam ich zum Tor. Da
hoch. Ich kniete hinein, mit Händen und stand mit Kreide geschrieben: „Sta-
Füßen im Wasser, aber der Bauch blieb rosta“, das heißt auf Russisch „Bürger-
trocken. Über mir marschierten Schritte, meister“. Es traf mich wie ein Blitz. Nun
bestimmt über eine Stunde, dann kamen waren auch hier die Russen ... Ich sank
die nachfahrenden Fahrzeuge, und dann auf die nebenstehende Bank, zerstört,
war es still. hoffnungslos, alles erloschen, aus. Ich
Ich lief hinaus auf die andere Seite. Nach flüchtete nicht mehr, ging auch nicht
einer weiteren halben Stunde war die hinein, verzweifelt – nun mag kommen,
Straße leer – rasch hinüber und hinein in was will. Durch das Gehen mit nassen
den Wald. Immer höher und immer hö- Schuhen waren die Füße wund, jeder
her. Da hörte ich jemanden Holz hacken Lebenswille weg. Da kam Lenerl heraus,
und ging dem Klang nach. Da arbeitete umarmte mich, ich konnte weder lachen
ein alter Mann mit Axt und Säge. Ich noch weinen und zeigte auf „Starosta“.
ging zu ihm, und er meinte, ich sei wohl Sie erklärte, Pfarrer Füßl hätte dies ge-
wahnsinnig, in der Uniform hier herum- schrieben, damit die marodierenden,
zulaufen. „Wissen Sie nicht, dass vor stehlenden Soldaten das Haus meiden,
einigen Stunden ein Gefangenenmarsch es war ihm auch gelungen. Sie begleite-
hier vorbeiführte?“ Ich verneinte. Er te mich in die Küche, die Freude war
führte mich in eine Hütte, bestehend aus groß. Apathisch, fiebergeschüttelt, zu
zwei Räumen, einem Herd und zwei Bet- nichts fähig, legte ich mich zuerst auf die
ten. Seine Frau gab mir zu essen, er Küchenbank, dann ins Bett. Langsam,
kontrollierte beim Fenster. Kaum hatte nur langsam kam neues Leben. Die Für-
ich gegessen, schrie er, ich soll in den sorge baute mich wieder auf.
Stall hinein. Er schmiss ein Bündel Stroh
auf mich, ich lag flach an der Wand. Ein Friedrich R. MIKSA
Pochen an der Tür, und drei Russen tra- wurde 1916 in Wien-Hernals geboren. In den
ten in die Küche, dann in den Stall, und 1930er Jahren entging er der Arbeitslosigkeit
ich verstand soviel, dass sie Soldaten durch eine freiwillige Meldung zum öster-
suchten. Die Leute verneinten. Hätte ein reichischen Bundesheer, er wurde Berufs-
Soldat mit einer Gabel ins Stroh gesto- soldat. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an
das Deutsche Reich wurde er in die deutsche
chen, wäre es vorbei gewesen. Nun bat
Wehrmacht übernommen und nahm von Be-
mich die Frau zu gehen. Ich sagte ja, ginn an am Zweiten Weltkrieg teil.
aber der Mann brachte mir noch Zivil-
„Wo war denn
kleider und eine Säge, riet mir, die Uni- die alte, so vertraute Gasse? ...“
form im Wald wegzuschmeißen und Am 2. Mai 1945, sechs Tage vor der Ka-
wünschte mir alles Gute. Mit vielem pitulation der deutschen Wehrmacht,
Dank ging ich Richtung Heimat. (...) geriet ich in russische Kriegsge-
Das Vaterhaus Lenerls, meiner Verlob- fangenschaft. Ich erinnere mich noch
ten, lag kaum einen Kilometer vor mir. ganz genau an das gutmütig grinsende
Erschöpft, übermüdet, beim Hausfenster Gesicht des mongolischen Soldaten, der
vorbeigehend, hörte ich die Worte: „Das mit großer Freude meine Armbanduhr
46 1945 erinnern

um sein Armgelenk streifte, an der Nummern 3 und 4 brauchten nicht zur


schon schätzungsweise 15 bis 20 „Ura“ Arbeit – sie konnten auch nicht, da sie
baumelten. Der gute Mann fühlte sich zu schwach waren. Ich hatte die Num-
reich wie ein König. mer 3 erhalten. Die Untersuchung, die
Nach einem Marsch von zirka 60 Kilo- eine ukrainische Ärztin durchführte, war
metern kamen wir in ein Gefangenen- mehr als eigenartig: Man kniff uns in die
lager in der Nähe von Frankfurt an der Pobacken und Hoden. Vor der Gefan-
Oder, wo wir relativ gut behandelt wur- gennahme hatte ich 73 Kilogramm, wog
den; allerdings bekamen wir vier Tage aber nach kurzer Zeit nur mehr 43 Kilo-
lang weder zu essen noch zu trinken. gramm.
Am fünften Tag wurde von der Lagerkü- Ständig ging das Gerücht um, dass wir
che eine Kuh geschlachtet. Das halb arbeitsunfähigen Österreicher in die
verhungerte Rindvieh mochte schät- Heimat entlassen würden, und einmal
zungsweise 350 bis 400 Kilogramm ge- war es wirklich soweit. Als Marsch-
wogen haben – was da auf einen Gefan- verpflegung bekamen wir einen Viertel-
genen entfiel, kann man sich leicht aus- liter Sonnenblumenöl, dazu einen gan-
rechnen. Wir waren zirka 36.000 Mann zen Wecken Kommissbrot, das war aber
in einigen Baracken zusammen- auch schon alles. Die Lagertore öffneten
gepfercht, und jeder bekam einen Vier- sich, und unter den Klängen des Donau-
telliter Suppe in die Konservendose, in walzers, intoniert von der Kapelle des
der dann mit etwas Glück ein kleiner ehemaligen Deutschlandsenders, mar-
fettloser Happen schwamm; dazu ein schierten wir in die Freiheit und in eine
faustgroßes, glitschiges Brot, und das ungewisse Zukunft. Hinter mir lag fast
musste reichen für den Tag. Am Morgen ein halbes Jahr „Stacheldraht“, vor mir
gab es dann noch einen Achtelliter Kaf- 1000 Kilometer Landweg, vorwiegend zu
feeersatz und einen Esslöffel Rohzucker. Fuß. Transportmöglichkeit gab es keine.
Not macht erfinderisch und mutig. Beim Nach stundenlangem Marsch erwischten
Stacheldrahtzaun wuchsen Löwenzahn wir einen eben zusammengestellten Gü-
und Brennnessel. Hatte nun ein gut- terzug in Richtung Berlin.
mütiger Wachposten Dienst, so drehte er Die Strapazen des Heimwegs nach Wien durch
uns den Rücken zu, und wir robbten das zerstörte Deutschland und über mehrere
schnell hin und ernteten so rasch wie Demarkationslinien konnte Friedrich Miksa,
zuvor schon entkräftet und krank, seiner eige-
möglich einige junge Blattspitzen. Diese
nen Darstellung nach, nur aufgrund der selbst-
brockten wir dann in die Suppe und hat- losen Unterstützung einiger hilfsbereiter Men-
ten so etwas Gemüseersatz. So vergin- schen heil überstehen. Nach drei Wochen,
gen die Tage und Wochen in schreckli- reich an Hindernissen und Entbehrungen,
cher Eintönigkeit. Die Arbeitsfähigen un- brach Friedrich Miksa am 19. September 1945
ter uns hatten durch ihre Tätigkeiten von seiner letzten Zwischenstation, einem Lin-
zer Krankenhaus, in dem er nach einem totalen
etwas mehr Abwechslung und bekamen
physischen Zusammenbruch gepflegt worden
auch eine Kleinigkeit mehr zu essen. Sie war, zur endgültigen Heimkehr auf.
hatten bei der ärztlichen Untersuchung
die Nummern 1 oder 2 erhalten. Die
1945 erinnern 47

Ich bedankte mich herzlich bei allen, be- Schönbrunn hielt er an. Die LKW-
kam von den guten Schwestern noch Fahrerin fragte mich, wo ich absteigen
eine kleine Wegzehrung, begab mich wolle bzw. wo ich zu Hause sei. „Hier
wieder auf die Landstraße nach Wien ganz in der Nähe“, sagte ich ganz be-
und betete um eine Fahrtmöglichkeit. klommen, denn ich brachte vor Aufre-
Noch war ich sehr schwach; ich wog da- gung fast kein Wort heraus. Ich verab-
mals zirka 47 Kilogramm, um 30 Kilo- schiedete mich noch, und die Odyssee
gramm weniger als vor der Gefangen- war zu Ende. Ich ging ein paar Schritte
schaft. Aber nun schien es, als ob die bis zu Eisenbahnbrücke der Westbahn
ärgste Mühsal und das Bangen vorbei über die Johnstraße, dann musste ich
seien. Ich war noch keine fünf Kilometer mich auf einen Randstein setzen, die
von Linz entfernt, als ich mich einer gro- Beine versagten mir einfach den Dienst.
ßen Tankstelle näherte, vor der mehrere Ich war keine zehn Minuten von der
LKW angestellt waren. Es war eine Tank- Wohnung meiner Schwiegereltern in der
stelle für Holzgas, deren es damals etli- Benedikt-Schellinger-Gasse, wo ich auch
che gab. Gleich beim ersten LKW-Fahrer meine Frau vermutete, entfernt. Es war
– es war eine Frau in mittleren Jahren – der 19. September 1945, der gleiche
erhielt ich eine positive Antwort: „Ja, ich Tag, an dem ich aus dem Spital der Eli-
fahre nach Wien.“ Und wenn ich mit dem sabethinen entlassen worden war.
Sitz ganz oben auf den Fässern in lufti- Was würde mich erwarten? War alles
ger Höhe zufrieden sei, dürfte ich mit- gesund? Unser Heim intakt? überall zer-
fahren, allerdings musste ich halt auch störte Häuser und noch nicht aufge-
eine gewisse Verschmutzung in Kauf räumter Schutt. So mochte ich einige
nehmen, denn in den Fässern seien al- Minuten gesessen sein. Ich wollte gerade
lerhand Farben und Öle. Ich sagte freu- versuchen, wieder weiterzukommen,
dig zu, man half mir noch hinauf, und ab doch, oh Schreck! Die Gegend, die ich so
ging die Post. gut gekannt hatte, war mir auf einmal
Bis St. Pölten ging es trotz der Rumple- fremd ... Musste ich nun geradeaus ge-
rei auf schlechter, von den Russenpan- hen oder mich rechts oder links halten?
zern sehr beschädigter Straße – die Mir war wieder zum Heulen. Ich fand
Westautobahn ging ja damals noch nicht einfach nicht nach Hause! Wo war denn
so weit – ganz flott dahin. Leider fing es die alte, so vertraute Gasse? Es war
dann an zu regnen und zeitweise goss es auch kein Mensch zu sehen, den ich
in Strömen. Es dauerte nicht lange, und nach dem Weg fragen konnte. Endlich,
ich war klatschnass bis auf die Haut. Es es erschien mir wie eine Ewigkeit, nahte
hatte dies aber auch einen Vorteil, denn von der gegenüberliegenden Straßensei-
die sonst zahlreichen russischen Kontrol- te eine ärmlich gekleidete Frau. „Ich bitt'
len waren nicht zu sehen. Sie um eine Auskunft ...“ – aber leider,
Bereits am frühen Nachmittag kamen wir die Frau, anscheinend sehr verängstigt,
in Wien an. Die erste Straßenbahn – beschleunigte ihre Schritte. Einige Meter
welch ein Anblick ... Der LKW fuhr die weiter blieb sie dann doch kurz wieder
Hadikgasse entlang, und beim Schloss stehen – offenbar hatte sie meine bit-
48 1945 erinnern

tend erhobenen Hände gesehen – und turgemäß auch andere Bedürfnisse


sagte mir, wie ich gehen sollte. Ja, da nicht. Ich war wie gelähmt.
war auch schon die Schule, die ich kann- Teile der Lebenserinnerungen Friedrich R.
te. Und auf einmal stand ich vor unse- Miksas wurden in dem Sammelband veröf-
rem Wohnhaus. Ich wohnte damals, fentlicht: „Geboren 1916“, hg. von Gert Dres-
immer wenn ich auf Fronturlaub war, bei sel u. Günter Müller; „Damit es nicht verlo-
meinen Schwiegereltern im dritten
rengeht ...“, Bd. 38, Wien (Böhlau) 1996.
Stock. Lift gab es in dem Haus keinen.
So stand ich unten im Parterre vor dem Josefa PAUL
Stiegenaufgang und wollte hinauf, aber wurde 1924 als jüngstes von neun Kindern
einer Häuslerfamilie nahe Friedberg in der
wieder versagten mir meine Beine den
Oststeiermark geboren. Sie war als ländliche
Dienst. Aber ich musste hinauf, koste es, Dienstmagd und im Gastgewerbe tätig, bis sie
was es wolle. Also gut, dann auf Händen sich als Zwanzigjährige zur Ausbildung als
und Füßen wie ein Hund! In dieser Situa- Nachrichtenhelferin in der deutschen Wehr-
tion fand mich unsere im Hause woh- macht meldete. In Norditalien geriet sie mit
nende Greißlerin, die vor Schreck einen Kriegsende in amerikanische Kriegsge-
fangenschaft.
Schrei ausstieß und wieder zurück in ihre
Wohnung rannte. Durch die Tür hörte ich „Je näher ich der Heimat kam ...“
sie noch zu jemandem sagen: „Ich weiß Am letzten Abend, vor der Fahrt in die
nicht, aber ich glaube, das war der Herr Gefangenschaft, ging ich mit Hilde,
vom dritten Stock.“ Hanna und Berta hinunter ins Dorf. Es
lag zirka eine halbe Stunde in einem Tal-
Das Wiedersehen zu schildern, möge mir
kessel. In der Kneipe war ein Betrieb,
erlassen bleiben ...
was ich, obwohl vom Gastgewerbe eini-
Es dauerte nicht lange, bis ich nach einer
ges gewohnt, noch nicht erlebt hatte.
kurzen Aussprache mit meiner Frau und
Soldaten, Soldaten, Soldaten. Weiße,
meiner Schwiegermutter und nachdem
schwarze, braune, blonde, große, dürre,
ich noch mit Sago-Schnitzel und mit ei-
rothaarige, schlitzäugige, alle Nationen –
ner Zigarette als Nachtisch gelabt wor-
und mitten drin in diesem Tumult wir
den war, in einen todesähnlichen Schlaf
Mädchen von der Deutschen Wehrmacht.
fiel. Nach dem Munterwerden war meine
Die Amis hatten uns sofort erkannt,
erste Frage, was wir für einen Tag hät-
salutierten und nahmen uns in ihre
ten. „Freitag“, gab man mir zur Antwort.
Mitte. Drückten uns ein Glas Wein in die
„Nein, das gibt es nicht“, sagte ich, „ich
Hand und prosteten uns zu. Auf engstem
bin doch an einem Dienstag nach Hause
Raum zusammengepfercht standen
gekommen!“ – „Ja, mein Lieber, aber es
deutsche Landser in allen Waffenfarben,
ist so. Du hast volle drei Tage durchge-
Alliierte in allen Chargen. Aus allen
schlafen. Bedürfnisse hattest du wäh-
Richtungen wurden uns Küsse
rend dieser Zeit keine“, sagten meine
zugeworfen und begeisterte Viva-Rufe.
Lieben. Kein Wunder: Hunger und Durst
Da kamen auf einen deutschen Landser
kannte ich ja, und so funktionierten na-
mindestens zwei, wenn nicht gar drei
alliierte Militärpolizisten. Sie stiegen auf
1945 erinnern 49

die Bänke, um einen besseren Überblick lassungspapiere und 40 Mark Ver-


zu haben. Bullige Neger mit wulstigen pflegungsgeld für die Heimfahrt. Ein Las-
Lippen stießen mit uns an, fletschten: ter brachte mich mit vielen Mit-
„Viva Ladys!“, tranken das Glas mit entlassenen zum Bahnhof nach Bruck an
einen Zug leer, warfen es auf den der Mur. Von dort ging es weiter nach
Boden, dass es in tausend Splitter Graz. In Graz regnete es in Strömen.
zersprang, krächzten und grölten Lieder. Alle flüchteten in den provisorischen
Ein Chaos sondergleichen. Wie alle Tage Warteraum. Der Hauptbahnhof war total
und Jahre vorher, erklang Punkt 10 Uhr verwüstet. Der Warteraum an einer Sei-
im Radio die Lili Marleen. Wie auf te mit einer Bretterwand verschlagen
Kommando sangen alle im Lokal An- und ein Notdach darüber. Eine elektri-
wesenden das Lied in ihrer Sprache. Ein sche Funzel hing an einem Balken und
Geplärre zum Ohren-Zuhalten. Der Wein spendete spärliches Licht. In der Mitte
tat das seine noch dazu. Die Soldaten des Raumes stand ein uralter Eisenofen,
umarmten sich, drehten sich stampfend schön warm eingeheizt. Bei dem Regen-
im Kreis, zu zweit, zu dritt und zu viert. wetter eine wunderbare Wohltat. Auf
Ob Freund, ob Feind – in dieser Minute dem Boden neben meinem Rucksack
waren alle nur Menschen. Tobten, sitzend, verbrachte ich die Nacht. Als
sangen und tranken. Setzten die Flasche gegen Morgen einmal ein Eisenbahner
an den Mund und ließen sie dort leer herein kam, fragte ich ihn, wann ich ei-
laufen. Ganz egal, ob die Flüssigkeit nen Zug in die äußerste Oststeiermark
nach innen rann oder nach außen. Die hätte. Er sah mich blöd an und fragte
allgemeine Verbrüderung war voll im mich, ob ich einen Kopfschuss hätte.
Gange. Zwischen uns Nachrichten- „Um 8 Uhr hast einen bis Gleisdorf.
helferinnen drängten sich bayrische Dann ist es aus mit der Herrlichkeit.“ In
Gebirgsjäger sowie blutjunge rotblonde Gleisdorf hatte der Regen aufgehört, und
Amis. Jeder hielt einen Chianti in der ich machte mich auf Schusters Rappen
Hand, redete, auch wenn er keinen auf den Weg.
Zuhörer hatte, und feierte den Frieden Anfangs schritt ich ganz munter dahin.
auf seine Art. Die Luft in der überfüllten Ich wollte ja so schnell wie möglich da-
Wirtschaft zum Schneiden dick, der heim sein. Beide Hände in den Träger-
Rauch ätzend, der Lärm ohrenbe- schlaufen trabte ich dahin. Gasmaske
täubend. Und der Wirt machte das Ge- und Menageschale hatte ich schon längst
schäft seines Lebens. (...) irgendwo liegen gelassen. Nur die Feld-
Die darauf folgenden sechs Monate verbrachte flasche hatte ich noch in Gebrauch. Frü-
Josefa Paul in mehreren Kriegsgefan- her hatte ich sie ständig mit Tee gefüllt,
genenlagern der Alliierten. Vom Lager Hafen- später mit sterilem Wasser. In Hafendorf
dorf nahe Kapfenberg in der Steiermark wird hatte ich sie zum letzten Mal mit Wasser
sie Ende Oktober 1945 entlassen. gefüllt und in eine Außentasche vom
Endlich wurde ich vom Lautsprecher auf- Rucksack gesteckt. Ebenso den Brotbeu-
gefordert, in die Abfertigungshalle zu tel. Nur leider war er in letzter Zeit meist
kommen. Dort bekam ich meine Ent- leer. Am Nachmittag holte mich ein
50 1945 erinnern

Mann ein. Er ging wesentlich schneller äußerste Zipfel von der Oststeiermark“,
als ich. Er grüßte mich freundlich und sagte ich und setzte den Namen meiner
fragte mich, ob ich denn schon lange Heimatstadt hinten dran. „Was, und da
unterwegs sei, weil ich so müde daher- meinst du, du bist bald daheim? Du bist
hatsche. „Wie man es nimmt. Von Gleis- gut. Da brauchst mindestens zwei Tage.“
dorf komme ich zu Fuß. Und ich habe – „Macht nichts. Und wenn es drei sind,
halt gar keine Kondition in meinen Wa- ist es mir auch schon wurscht.“
deln. Weißt, ich bin das Gehen nicht ge- Er lachte und sagte, ich hätte bis Birk-
wohnt.“ – „Komm, gib mir deinen Ruck- feld fahren können. Diese Bahnstrecke
sack. Ich trag ihn dir ein Stück. Wir ha- sei in Ordnung. Und von dort über Vo-
ben vorläufig den gleichen Weg. Ich rau. Da hätte ich es viel näher gehabt.
muss hinaus in die Pöllauer Gegend, und „Das habe ich nicht gewusst. Es hat mir
weil es kein Fahrzeug gibt, bin ich auch auch niemand etwas gesagt. Weißt, ich
zu Fuß unterwegs.“ – „Das ist sehr lieb muss mich erst wieder an die Freiheit
von dir, wenn du mir helfen willst. Aber gewöhnen. Momentan bin ich blöd wie
du kennst mich doch gar nicht.“ – „Nein, eine Kuh vor einen neuem Tor.“ – „Wie
aber ich weiß, wo du herkommst. Ich kannst du nur so etwas sagen?“ – „Weil
war bei der Luftwaffe und hatte viel mit ich manchmal so was Dummes frage,
den Mädchen zu tun. Sie waren alle pri- dass man mich auslacht. Ein Grazer Ei-
ma Kumpels.“ – „Ich war beim Heer im senbahner hat mich gefragt, ob ich einen
Funkverkehr.“ – „Ich weiß, ich kenne die Kopfschuss hätte, nur weil ich nach ei-
Uniform.“ nem Zug gefragt habe.“
In seinem Steirerjanker mit weißem Plötzlich blieb er stehen und drehte sich
Hemd, Lederhose und weißen Stutzen mir zu. Ich hatte keine Ahnung, wo wir
sah er blendend aus und war etwa um uns befanden. Die Straße war men-
die Dreißig. Er nahm mich bei der Hand schenleer. Nicht einmal ein Ochsen-
und führte mich wie ein kleines Kind. Er gespann war zu sehen. „Sag einmal,
erzählte, dass er Glück gehabt hatte und wann hast denn das letzte Mal was ge-
gleich nach Kriegsschluss heimkam. Es gessen? Ehrlich!“ sagte er mit Nach-
waren noch die Russen da, und er muss- druck. „Gestern Mittag. Am Abend war
te sich ununterbrochen verstecken. Leu- ich schon in Graz, und heute Morgen
te, die uns begegneten, glaubten wohl, fuhr ich nach Gleisdorf. Seither bin ich
wir wären ein Liebespärchen, weil wir so unterwegs.“ – „Und warum hast dir
selbstvergessen auf der Straße dahin- nichts gekauft?“ – „Ja warum? Ehrlich!
wandelten. Dann wollte er wissen, wo Ich habe den Umgang mit Geld verloren.
ich solange gesteckt wäre. Ich sagte: Bei der Entlassung bekam ich 40 Mark.
„Bei den Amis. Die gingen auf Nummer Bei den Alliierten hatte es kein Geld ge-
Sicher. Und da die Steiermark so lange geben, und vorher hatte ich mit Lire ge-
besetzt war, zog sich die Entlassung halt handelt. Ich muss mich erst wieder zu-
in die Länge. Aber nun bin ich ja bald rechtfinden. Jetzt siehst selber, wie blöd
daheim. Ich freue mich schon.“ – „Wie ich bin. Und irgendwo muss ich ja auch
weit hast denn noch?“ – „Na, bis ans übernachten. Da brauche ich ja auch
1945 erinnern 51

was. Ich habe ja keine Ahnung, was das Meine Augen schossen Blitze. Mein Mund
kostet.“ – „Du bist ein Kindskopf. Heim- war ein schmaler Strich. Ich war im Beg-
kehrer werden überall gerne aufgenom- riff mein soeben erhaltenes Butterbrot
men. Die brauchen nichts zahlen. Und ihr vor die Füße zu werfen. In diesem
beim nächsten Bauern gehe ich hinein Augenblick nahm mich der Mann bei der
und bitte um ein Stück Brot.“ – „Aber Hand und zog mich fort. „Komm her und
bitte nicht für mich. Wenn ich eines will, iss es! Brot ist viel zu kostbar, um es ihr
gehe ich selber. Bis jetzt habe ich meine hinzuwerfen“, sagte er liebevoll und leg-
Angelegenheiten immer selber erledigt. te den Arm um meine Schultern. „Sie
Für dich, das ist mir egal. Aber nicht für weiß ja nicht, was sie sagt.“ Er griff nach
mich!“ Er ließ sich von seinem Vorhaben meinen Rucksack und hängte ihn über.
nicht abbringen. Beim nächsten Bauern „Ich weiß genau, was ich sage“, schrie
trat er ein. sie uns nach, „ein faules G‘sindel seids!
„Keine Widerrede. Versprich mir, dass du Statt arbeiten gehts fechten. Der Teufel
da wartest, bis ich wieder da bin. Sonst soll euch holen!“ Ich zitterte am ganzen
nehme ich deinen Rucksack mit hinein.“ Körper. „Lass die Alte! Iss dein Brot.
– „Versprochen!“ Und wie zum Schwur Wenn du willst, kannst meines auch
erhob ich die Hand. (...) Mein Begleiter, noch haben.“ Er war die Güte in Person.
ein charmanter Gesellschafter und äu- Er nahm mich wieder bei der Hand, und
ßerst korrekt, nahm den Rucksack von wir trotteten gemütlich auf der staubigen
seinen Rücken und stellte ihn mir vor die Straße weiter. (...)
Füße. Ich sah ihm nach, bis er in der Kein einziges Fahrzeug begegnete uns.
Eingangstür verschwunden war. Wäh- Die Straße gehörte uns ganz allein. Dann
rend ich so dastand und wartete, dachte war der Abschied da. Er schlüpfte aus
ich, ich hätte nie geglaubt, dass ich ein- meinem Rucksack, hob ihn mir auf den
mal um Brot betteln müsste. Zwar tat es Rücken und richtete mir die Träger zu-
der junge Mann für mich, aber trotzdem. recht, die er vor einigen Stunden verlän-
Endlich hörte ich Stimmen. In jeder gert hatte, weil sie für seinen breiten
Hand ein Butterbrot trat mir der Mann Rücken viel zu kurz waren. „Also, dann
entgegen. Hinter ihm eine Frau. Ich noch einmal vielen herzlichen Dank für
glaube es war die Bäuerin. Als sie sah, das Butterbrot“, sagte ich ihm die Hand
dass mir der Mann ein Butterbrot gab, reichend. „Ich werde es nie vergessen.“
fing sie an zu keifen. „Was“, schrie sie, „Ist schon gut.“ „Du bist ein Schatz.
„für so eine Flitschen hast du von mir Schade, dass sich unsere Wege jetzt
Brot verlangt? Wenn ich das gewusst trennen.“ Er schüttelte mir fest die Hand
hätte, wäre mir kein schwarzes Krümel und wünschte mir eine gute Heimkehr.
ausgekommen. Du hast gesagt, es wäre Bevor wir uns endgültig aus den Augen
für einen Kumpel. Du miserabler Lugen- verloren, winkten wir uns noch einmal
schippl, du hundsgemeiner!“ Dann kam zu. Ich wusste weder, wer er war, noch
ich an die Reihe. „Und du, du schamlo- woher er kam. Wir blieben beide namen-
ses Luder, du geh lieber was arbeiten, los.
als mit einen Kerl herumhuren.“
52 1945 erinnern

Im Banne des Erlebten setzte ich frisch Vier Jahre. Zwei davon sogar in Russland
fröhlich Fuß vor Fuß auf die Schotter- und jetzt schon eine Zeitlang daheim.
straße, bis es zu dämmern begann. In „Dann weißt auch, dass man zum Schla-
der nächsten Ortschaft, ich wusste nicht, fen nicht unbedingt ein Bett braucht.“ –
wo ich war, musste ich mich unbedingt „Aber die Nächte im Freien sind schon
nach einen Nachtlager umsehen. Heim- kalt.“ – „Hat man dich in Russland ge-
kehrer würden überall gerne aufgenom- fragt, ob dir kalt ist?“ Er schüttelte den
men, hatte mein Begleiter gesagt. So Kopf. „Na also. Ich werde schon nicht
betrat ich frohen Mutes ein Gasthaus, gleich erfrieren. Und vielleicht findet sich
das unmittelbar neben der Straße stand. einer, der mich anwärmt.“
Grüßte freundlich und bat um eine Im Nu war ich von einem Schippel Män-
Schlafstelle. Ich wusste, ich sah in mei- ner umringt. Jeder wollte wissen, wo ich
ner Aufmachung nicht gerade vornehm so lange gewesen wäre und was ich ge-
aus, aber was mir die Wirtin entgegen macht hätte. „Na was wohl?“ lachte ich
warf, war auch nicht gerade edel. Was in die Runde. „Herumgetrieben habe ich
ich mir wohl einbilden täte, das ganze mich halt. Von etwas muss der Mensch
Haus mit Läusen zu versauern, ge- ja leben.“ – „Ich glaube kein Wort von
schlechtskrank sein und andere womög- dem, was du gerade gesagt hast“, mein-
lich anstecken. „Schau, dass du hinaus- te einer. Ein anderer: „Sag schon, wo du
kommst, du dahergelaufene Schlam- warst! Es tät mich interessieren.“ –
pen!“ Ich kam nicht zum Reden, nicht „Mich auch“, sagte wieder ein anderer
einmal zum Luftholen. So schnell ratsch- aus der Runde. „Bei den Alliierten. Ges-
te sie. „Der Hitler hat ganz Recht ge- tern bin ich in der Obersteiermark ent-
habt, dass er solches Bagage vergast lassen worden und seit heute Früh bin
hat. Schade, dass er nicht mehr lebt. ich unterwegs. Zufrieden? Kann ich jetzt
Der hätte dich gleich nach Dachau ge- gehen?“ (...)
schickt!“ Wortlos drehte ich mich um.
„War ein netter Haufen“, dachte ich,
Im Gastzimmer hockte ein Tisch voll während ich auf der abendlichen Straße
Männer. „Bist müde, komm setz dich zu weiter schlenkerte. Nach etwa zehn Mi-
uns“, sagte einer, „und iss was!“ „Danke nuten bog ich von der Straße ab in ei-
für deinen guten Willen“, erwiderte ich. nem kleinen Obstgarten. Der Tag ging in
„Aber jetzt bin ich nicht mehr müde. Und die Nacht über. Ich nahm meinen Ruck-
was essen, wie du sagst, der Brocken sack ab und lehnte mich an einem Obst-
würde mir im Hals stecken bleiben. Gute baum.
Nacht!“ Gewohnheitsgemäß tippte ich an
Da erblickte ich am Rande des Gartens
die Schläfe und verließ das Lokal. „A
eine Hütte. Noch während ich überlegte,
Blitzmadl!“ rief einer hinter mir und lief
ob ich mir die Hütte näher anschauen
mir nach. „Habe ich Recht?“ Ich drehte
soll, kam ein Mann auf mich zu. Ich frag-
mich um. „Wart einen Augenblick, ich
te ihn gleich, ob die Hütte ihm gehöre
red mit der Wirtin.“ – „Ja, glaubst du, ich
und ob ich darin übernachten könnte.
geh da noch einmal hinein? Du warst
„Du kannst bei uns im Haus schlafen. Es
bestimmt auch Soldat, oder?“ War er.
1945 erinnern 53

ist aber nur Schabstroh im Bett und ein ser aus dem Filterbeutel. Die Mittagszeit
Kotzen zum Zudecken.“ Das mache mir war lange vorüber, und der Magen mel-
alles nichts aus, antwortete ich und ging dete sich. Leider hatte ich keinen so lie-
mit ihm mit. Er brachte mich ins Haus benswürdigen Begleiter wie am Vortag.
und erzählte seiner Frau, dass er mich Und selber um Brot bitten und mich wie-
im Obstgarten aufgelesen hätte und der beleidigen lassen? Nein. Ich sah be-
dass ich im Holzschuppen schlafen wolle. reits, wenn auch weit entfernt und in
Seine Frau war eine ganz liebe Person. Dunst gehüllt, meinen Heimatort oben
Sie plauderte gleich drauf los, als ob wir am Berg. „Bis dahin schaffe ich es! Muss
alte Bekannte wären. Nebenbei hantierte es schaffen“, dachte ich. Nur nicht
sie beim Herd und stellte mir alsbald ein schlapp werden. Mein Gehwerk wurde
großes Häferl Milch her auf den Tisch. immer langsamer, die Knie weicher und
Der Mann schnitt über den ganzen Laib mein Binkel am Rücken schwerer. (...)
Brot ein Stück ab, strich Butter darauf Je näher ich der Heimat kam, desto auf-
und legte es dazu. „Greif zu und lass es geregter wurde ich. Erst recht, als ich
dir gut schmecken“, sagte er in seiner die Straße hinter mir ließ und links den
gemütlichen Art. (...) Berg hinauf abbog. Der Weg auf den
Beide Hände wiederum in den Träger- Berg war mir von meiner Kindheit her
schlaufen meines Rucksackes ver- vertraut. Ich ging ihn oft mit meiner
schlungen, er war schwer, enthielt er Mutter, wenn sie ihren Bruder oder ihre
doch mein ganzes Hab und Gut, mar- Kusinen besuchte. Bald hatte mich der
schierte ich der Heimat entgegen. Zer- Wald aufgenommen. Die starke Waldluft
schossene Häuser und Brandruinen machte mich so müde, dass ich beinah
säumten meinen Weg. „Wie wird es da- alle hundert Meter rasten musste. Mach-
heim ausschauen?“ dachte ich bei jedem te mir schon die ebene Straße zu schaf-
Schritt. „Wen werde ich nicht mehr an- fen, so erst recht der Berg. Meine Füße
treffen?“ Ich konnte ganz einfach nicht spürte ich kaum noch. So setzte ich mich
verstehen, was man mir erzählt hatte. bald da auf einen Stein oder dort auf
Nicht einmal das, was ich jetzt selber einen Baumstrunk und verschnaufte. Ich
sah. Ich glaubte, ich hätte den Krieg glaube, für das kürzeste Stück Weg auf
weit hinter mich gelassen. Es war ein den Berg hinauf brauchte ich am aller-
Irrtum. Die Schlacht war zwar geschla- längsten. Es war später Nachmittag, als
gen, aber das Land rund um mich blute- ich das Tor zu unserer Kuhhalde öffnete.
te aus allen Wunden. Ein beglückendes Gefühl. Gleich neben
Eine Bank neben der Straße kam mir dem Tor stand die Birke, die uns vor
gerade recht, um mich ein wenig auszu- Jahren als Klo diente. Daneben die gro-
rasten. Ich nahm meinen Rucksack ab ßen Fichten, an deren Außenseite wir
und labte mich an dem Wasser, das ich uns mit gespreizten Beinen von ganz
in der Früh bei meinen Quartiergebern in oben, Ast für Ast herunterließen. Hun-
meine Feldflasche gefüllt hatte. Es derterlei Gedanken aus der Kinderzeit
schmeckte schal, obwohl es frisches wurden wach. Mitten auf der Waldwiese
Quellwasser war – beinah wie das Was- ließ ich mich nieder. Warf den Rucksack
54 1945 erinnern

zur Seite und streckte mich der Länge Hans GAMLIEL


nach aus. Blickte zum Himmel und dank- wurde 1940 als lediges Kind in der Vojvodina
te Gott für die gesunde Heimkehr. Einen geboren. Seine Mutter war vor den Nationalso-
Augenblick überlegte ich, ob ich meinen zialisten von Wien aus dorthin geflüchtet. Hans
Rucksack hier verstecken sollte. Er hing
Gamliel erzählt seine Lebensgeschichte in der
3. Person.
schwer auf meinen Schultern, als ob ich
Blei eingepackt hätte. Ich verwarf den „Sie war eine Meisterin
der Improvisation ...“
Gedanken aber gleich wieder. Was ist,
Bei Serben hatten er und seine Mutter,
wenn ihn jemand findet und mitnimmt.
sie hieß Dorothea, Unterschlupf gefun-
Mein ganzes Hab und Gut wäre beim
den. Es war ein kleines Bauernhäuschen
Teufel.
auf dem Lande, wo sie ein winziges
Nach einer Viertelstunde stand ich mit
Zimmer benutzen durften. Auch Erika,
meiner Last am Rücken daheim vor ver-
seine um zwei Jahre jüngere Schwester,
schlossener Tür. Das Haus stand noch
ebenfalls mit einem serbischen Namen
genau so da, wie ich es einmal verlassen
gerufen, war mit ihnen, doch daran
hatte. Es hatte keinen einzigen Ein-
konnte Hans sich nicht erinnern. Alle
schuss oder gar ein Loch in der Mauer,
drei mussten sich in diesen Jahren ver-
so wie ich es auf dem Weg hierher oft-
steckt halten, weil ein gewisser Mann
mals gesehen hatte. Mit einer müden
namens Hitler die „Endlösung“ des so
Bewegung schüttelte ich die Last von
genannten Judenproblems in Europa an-
den Schultern, hockte mich auf die Tür-
strebte und Dorothea und ihre Kinder
schwelle, von der es mich als Kind mit
Juden waren. (...)
meiner Mutter herabgeworfen hatte, und
Der fürchterliche Krieg, die Verfolgung,
wartete bis meine Angehörigen vom Feld
das Frieren und das Hungern waren end-
heimkamen. Das Abenteuer, in das ich
lich vorbei. Sie musste nicht mehr um
mich einmal mit Vollgas gestürzt hatte,
ihr und das Leben ihrer Kinder zittern.
war zu Allerheiligen 1945 beendet.
Die deutschen Besetzer wurden immer
Knapp vor Einbruch der Dunkelheit kam
weiter zurückgetrieben und letztlich ge-
meine Familie, der Vater mit der
schlagen, und alsbald wurde der Krieg in
Schwiegertochter und dem kleinen Mäd-
Jugoslawien offiziell für beendet erklärt.
chen von der Feldarbeit heim. Eine freu-
Für Dorothea war es nun vorrangig, mit
dige Überraschung. Den Vater trieb es
den Kindern in die Heimat nach Öster-
Tränen in die Augen. „Weil du nur wieder
reich, im besonderen nach Wien zu ge-
da bist ...“, stammelte er immer wieder.
langen. Wo sich all ihre anderen Famili-
„Weil dir nur nichts passiert ist ...“
enmitglieder aufhielten, darüber hatte
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus Josefa Pauls sie nicht die geringste Information. Die
Lebensgeschichte, die im Frühjahr 2005 im
schreckliche Wahrheit sollte sie erst spä-
novum Verlag als Buch erschienen ist: „Frag
nicht nach dem Warum“. Horitschon-Wien- ter erfahren. Jetzt musste sie versuchen,
München 2005; ISBN: 3-900693-12-9. mit den gefälschten Papieren die schwer
gesicherten Grenzen zu passieren.
1945 erinnern 55

Nachdem sie sich und die Kinder an der hend und überwindend, in Wien ange-
Grenze zu Österreich als Wienerin und kommen.
Jüdin ohne authentische Dokumente de- Die ersten Tage fanden sie bei einigen
klarierte, jedoch sehr gut gefälschte ju- Bekannten Dorotheas oder deren Eltern
goslawische Papiere in ihren Händen Unterkunft, was auf Dauer keine Lösung
hatte, wurde sie deswegen prompt vom war. Selbst bei Dorotheas Tante Andrea,
englischen Militär für sechs Tage in Leib- deren Mann man in Berlin-Moabit um-
nitz im Bezirksgericht inhaftiert. Die ge- gebracht hatte, konnten sie nur kurze
fälschten Papiere waren selbstverständ- Zeit bleiben. Tante Andrea hatte näm-
lich konfisziert worden. Von nun an hieß lich, noch während des Krieges, ein
es für sie, ohne jedwelche Papiere durch Mädchen als Ziehtochter zu sich auf-
Österreich, von einer militärische Besat- genommen. Obschon es sich um einen
zungszone in die andere zu gelangen. Teil der großen, vor dem Krieg gemie-
Dies mit zwei Kleinkindern im Schlepp- teten Wohnung von Dorotheas Eltern
tau und obendrein beladen mit Erinne- handelte, war diese für sie alle zu klein,
rungen im Kopfe von der erst vor kur- um darin wohnen zu können. Denn im
zem zu Ende gegangenen, schrecklichen weiteren Wohnungsteil waren, sowie
Vergangenheit. Es gelang Dorothea al- Gamliels geflüchtet waren, sofort „ari-
lemal, denn sie war eine Meisterin der sche“ Mieter eingezogen. Mittlerweile
Improvisation. hatte Dorothea von der wieder exis-
Die erste Station, an der sie mit den tierenden jüdischen Kultusgemeinde ver-
Kindern anlangte, war Schloss Neuhaus nommen und war dort umgehend vor-
im Bezirk Ried im Innkreis in Ober- stellig geworden. Es hieß, dass man Ju-
österreich. Hier waren bereits andere den dort helfen würde und über ver-
Kinder, vermutlich Waisen, unter- misste Angehörige gezielte Nach-
gebracht. Zum Schloss, das auf einer forschungen anstellen könne.
Anhöhe lag, führte ein steiler Weg hoch. Also fragte sie dort an, und einige Zeit
Manchmal durften Kinder mit dem Guts- danach wurde ihr die schreckliche Mit-
knecht, der ein Pferdegespann führte, teilung gemacht, dass außer ihrer Tante
welches aus zwei Apfelschimmeln be- Dorothée, die mit ihrer Tochter Editha
stand, diesen steilen Weg hochfahren. noch von Jugoslawien nach Israel hatte
Hans genoss dieses Erlebnis, denn die flüchten können, alle Familienange-
beiden Rösser mussten sich mächtig ins hörigen vergast worden waren. Das war
Zeug legen, um den Holzkarren und die der fürchterlichste Tiefschlag im noch so
aufgebürdete Last hochzuziehen. Der jungen, mit so viel schlimmen Ereig-
Aufenthalt auf Schloss Neuhaus war nur nissen gespickten Leben Dorotheas. Ge-
von kurzer Dauer. Es drängte Dorothea genüber ihren innigst geliebten Kindern
nach Wien und danach, endlich etwas verstand sie es meisterlich, ihren Ge-
über das Schicksal ihrer weiteren Famili- mütszustand, der sie fortan gesund-
enmitglieder zu erfahren. (...) Endlich heitlich zeichnen sollte, zu verbergen.
waren sie, unzählige Hindernisse umge- Welche Kräfte und Größe hatte diese
junge, dermaßen leidgeprüfte Mutter?
56 1945 erinnern

Später erzählte sie nicht nur ihren Kin- Problemen und der schrecklichen Ver-
dern, dass sie beide ihr größtes Glück gangenheit beschäftigt. So lebte man
seien und nur sie ihr die Kraft und den eine Zeitlang auf allerengstem Raum
Willen zum Weiterleben aufrecht erhal- wohl gemeinsam, jedoch aneinander
ten hätten. Ohne die Kinder hätte sie vorbei.
weder dies noch jenes wollen und kön- Dorothea und Erika landeten in einem
nen. Unmittelbar nach der ersten Vor- Zimmer, welches ausschließlich mit
sprache bei der Kultusgemeinde wurde Frauen belegt war. Dieses Zimmer war
Dorothea und ihren Kindern eine Bleibe nur erreichbar, indem sie ein anderes
im jüdischen Obdachlosenheim zuge- Zimmer, das von Männern bewohnt war,
wiesen. Das Heim befand sich in der Le- durchschreiten mussten. Auf Dauer war
opoldstadt, also im zweiten Wiener Ge- dies für alle Betroffenen untragbar ge-
meindebezirk, in der Tempelgasse, im worden, da andauernd Reibereien ent-
Haus Nummer 3. Dorothea war müde standen. Alle Heimzimmer waren von
aber sehr froh, endlich eine Unterkunft Ungeziefer, hauptsächlich von Wanzen,
zu bekommen, von welcher sie nicht befallen. Dorothea besorgte sich, das zu
nach wenigen Tagen wieder wegmuss- dieser Zeit hoch gelobte und mittels vie-
ten. ler Plakate angepriesene Insekten-
Das Heim, ein dreistöckiges Backstein- vernichtungsmittel DDT. Dieses wurde
gebäude, grenzte damals, durch einen als Pulver in kleinen, runden, nach au-
langen Hof getrennt, an die Ruine des ßen hin leicht gewölbten Karton-
von den Nazihorden zerstörten jüdisch- schachteln in Drogerien sowie in Apo-
türkischen Tempel, in welchem einst Do- theken verkauft. Hatte man es erwor-
rotheas Eltern getraut worden waren. ben, musste man nur ein nadeldünnes
Nachdem Dorothea mit ihren Kindern Loch seitlich einstechen und durch ein
von der Heimleiterin, Frau Citron, em- leichtes Zusammendrücken der Schach-
pfangen und aufgenommen worden war, tel schoss aus dem Loch das Pulver da-
wies diese dem sechsjährigen Hans, das hin, wo man es benötigte. Hans machte
letzte freie Bett in einem Männerzimmer sich daran, wo immer er Ritzen oder Lö-
zu, in welchem ausschließlich alte und cher im Zimmer entdeckte, jene mit die-
kranke Männer untergebracht waren. sem Pulver zu bestreuen. Er entdeckte
Inmitten dieser meist Verbitterten bezog an den Wänden viele schmale bräunliche
der Knabe seine Bettstatt. Alle Betten Streifen, welche von zerdrückten Wan-
waren aus emaillierten Eisenrohren ge- zen stammen mussten, denen Vorbe-
fertigt, weiß lackiert und voneinander wohner der Zimmer ohne Verwendung
durch Nachtkästchen, aus ebensolchem des Pulver den Garaus gemacht hatten.
Material bestehend, getrennt. Manche Das Pulver half tatsächlich sehr gut, ge-
der Männer sah Hans nur am Abend, gen das viele Ungeziefer anzukämpfen.
wenn sie zum Schlafen kamen, andere Sobald Dorothea und die Kinder im Heim
wiederum verließen ihr Bett fast nie. Ge- heimisch geworden waren, hatte Hans
sprochen wurde miteinander kaum ein sich die Tempelruine als bevorzugten
Wort, zu sehr war ein jeder mit seinen Aufenthaltsort auserkoren. Dabei war
1945 erinnern 57

ihm mit seinen sechs Jahren keineswegs siker spielten, waren die Parkstühle ge-
bewusst, wie lebensgefährlich das Spie- bührenpflichtig, und damit beauftragte
len in und auf der „Reichskristallnacht- Personen gingen zu jedem, der auf ei-
ruine“ für ihn war. Er erzählte seiner nem Stuhl Platz genommen hatte, eine
Mutter nicht, wie magisch ihn die Musikschutz-Gebühr einkassieren. Wäh-
schummrigen Abteile der Ruine anzogen. rend der dargebrachten Operetten- und
Über die eingestürzten Balken und Schlagermelodien, schwelgte Dorothea
Schuttberge ließ es sich so toll herum- in Erinnerung an frühere Zeiten.
klettern. Hin und wieder huschten Ratten Sowohl beim Hin- wie auch beim Rück-
umher, von denen Hans sich keineswegs weg, mussten sie an unzähligen, an den
stören ließ. Er konnte sogar noch vielen Eingängen stehenden Schleich-
zerborstene, arg verkohlte Sitzbänke händlern vorbeigehen. Bei diesen, es
erkennen, die aus dem Schutt heraus waren ausschließlich Männer, handelte
ragten. Hätte seine Mutter von dem es sich meist um Kriegsversehrte. Aus
Treiben gewusst, sie hätte es ihm au- erlauschten Gesprächen zwischen Er-
genblicklich ein für alle Male untersagt. wachsenen, erhaschte Hans, dass man
Um den tristen Heimtagesabläufen we- von diesen Männern für viel Geld, am
nigstens für Stunden entfliehen zu kön- besten für US-Dollar, amerikanische Zi-
nen, hielt es Dorothea oft so, dass sie garetten wie Lucky Strike, Chesterfield,
mit den Kindern den Stadtpark aufsuch- Marlboro oder Camel, aber auch schon
te. Sie kleidete sie dann so adrett wie die von der Damenwelt so sehr begehr-
möglich, wobei das Trägerröckchen Eri- ten Nylonstrümpfe kaufen konnte. Die
kas und die Trägerhose von Hans aus hier stehenden Männer bestritten ihren
ausrangierten weißen Leintüchern be- Lebensunterhalt mit der Ausübung die-
standen, die Dorothea von Hand ange- ser streng verbotenen Tätigkeit, die aber
fertigt hatte. Erikas blondes Haar für sie die einzige Möglichkeit war, an
schmückte sie zudem mit einer übergro- Bargeld zu kommen.
ßen farbigen Haarschleife, welche sie um Es gab dort auch Männer, die beide Bei-
ein lustig nach oben stehendes Haarbü- ne verloren hatten oder an diesen ge-
schel gebunden hatte, während Hans lähmt waren. Jene saßen nebeneinander
einen artig gekämmten Scheitel, eine so in einer Reihe, jeder in einem drei-
genannte „Laus-Allee“, trug. rädrigen, mit Armeskraft zu bewe-
Im Stadtpark durften die Kinder, immer gendem Invalidenfahrzeug und boten
in Sichtweite ihrer Mutter, mit anderen dieselben Waren wie ihre stehenden Lei-
Kindern spielen. Sie schlenderten meist densgenossen an. Oder aber: Sie bettel-
bis zu Hübners Kursalon. Vor diesem ten um Almosen. Um die erstmals noch
waren Parkstühle aufgestellt, von denen spärlich von amerikanischen Soldaten
sich Dorothea einen geeigneten aus- nach Europa gebrachten Nylonstrümpfe
suchte und Platz nahm. Den Parkstühlen gab es ein regelrechtes „G'riss“, wobei
gegenüber befand sich ein halboffener die wenigsten sich – des allzu hohen
Pavillon, in welchem bei schönem Wetter Preises wegen – solche kaufen konnten,
ein Orchester aufspielte. Sobald die Mu- aber viele sprachen darüber.
58 1945 erinnern

Fritz ROUBICEK Taxichauffeur auch mit Typen aus der


Fritz Roubicek wurde 1913 in Wien geboren Unterwelt bekannt, versprach sich davon
und wuchs in der Gegend des Brunnenmarkt auch einiges.
im 16. Gemeindebezirk (Ottakring) auf. 1938
Wir fuhren also los und wurden im Café
flüchtete er als Jude vor den National-
sozialisten zunächst in die Schweiz, sodann Brioni, gegenüber der Franz-Josephs-
nach Frankreich. Dort wurde er festgenommen Bahn, deponiert. Dort wussten wir nicht,
und war von 1942 bis 1945 in den Konzentra- was wir bestellen sollten. Die Ent-
tionslagern Auschwitz und Buchenwald inhaf- scheidung wurde uns vom Kellner leicht
tiert. Nach der Befreiung kehrte er im Sommer gemacht. Er teilte uns mit, es gäbe mo-
1945 nach einer langwierigen Fahrt und zahl-
mentan nur zwei verschiedene Kon-
reichen Zwischenstationen mit anderen ehema-
ligen KZ-Häftlingen nach Wien zurück. sumationen: Kaffee und Limonade. Mit
unverhohlenem Misstrauen fragten wir
„‚Jedem Wiener lacht das Auge’ ...“
ihn, was der Unterschied sei. Er antwor-
Wir trudelten also in Wien ein, mit einem
tete: „Der Kaffee schmeckt nach Petro-
kleinen Binkerl am Arm, das eine Zahn-
leum und die Limonade nach Essig.“ Wir
bürste, zwei paar Socken und eine Un-
entschieden uns also für Essig und
terhose in sich barg. Unsere kleine
mussten feststellen, dass die Limonade
Gruppe bestand aus fünf Personen. Au-
genauso grauslich schmeckte, wie sie
ßer meiner Wenigkeit gehörten dazu der
aussah. Inzwischen waren die Brüder
Zahnarzt Dr. Gerhard Arnstein, die bei-
Weinber, die auf Kundfahrt ausgezogen
den Brüder „Lutschi“ und Kurtl Weinber
waren, zurückgekommen und teilten uns
und eine vierte Person, an die ich mich
mit, für sie beide wäre eine Unterkunft
heute nicht mehr erinnere. Wir standen
vorhanden, für uns übrige aber sehe es
am Westbahnhof, vielmehr auf dem, was
trist aus.
von ihm übrig geblieben war, und hatten
Da erinnerten wir uns daran, dass uns
das Gefühl, endlich wieder zu Hause zu
Gustl Wegerer, der mit dem ersten
sein, ungefähr so, wie es in dem Wiener-
Transport nach Wien gefahren und dann
lied beschrieben wird: „Jedem Wiener
wieder für einige Zeit nach Buchenwald
lacht das Auge, pocht das Herz, die
zurückgekehrt war, um uns über die Zu-
Wange glüht, wenn nach jahrelanger
stände in Wien zu informieren, gesagt
Trennung er St. Stephan wieder sieht.“
hatte, wir sollten uns in der Wasagasse,
Nun, St. Stephan sahen wir nicht, aber
im ehemaligen Gymnasium, bei der KPÖ
dafür die Mariahilfer Straße und eine
melden, man würde uns weiterhelfen.
Straßenbahnlinie, die zu unserem Er-
Wegerer war prominenter Kommunist
staunen fuhr, und auch die Stadtbahn
und stand auf gutem Fuß mit dem da-
verkehrte bis Friedensbrücke.
maligen russischen Stadtkomman-
Als die Brüder Weinber – Brigittenauer
danten. Warum nicht, sagten wir uns
von Geburt und aus Neigung – das hör-
und marschierten stramm in die Wasa-
ten, bewogen sie uns, sofort in die Bri-
gasse.
gittenau zu fahren. Dort würden sie es
Welche Enttäuschung! Dort nahm uns
bestimmt leichter haben, für uns Quar-
ein Mann namens Wipplinger in Emp-
tier aufzutreiben. Lutschi, als ehemaliger
1945 erinnern 59

fang, und eine seiner ersten Fragen war: wir werden mit der Bahn nur bis Florids-
„Seids ös Juden?“ Man beachte übrigens dorf fahren. Dort nehmen wir uns dann
die gewählte Diktion. Wir bejahten in einen Fiaker, und mit dem fahren wir
aller Unschuld und waren leicht verwun- über die Floridsdorfer Brücke.“ Armer
dert. Wenn er uns gefragt hätte, ob wir Teufel, er hat Auschwitz nicht überlebt
Kommunisten seien, wäre das für uns und konnte daher nicht mehr konstatie-
vielleicht noch verständlich gewesen, ren, dass unsere Heimkehr sich aber
aber diese Frage war uns schlicht unver- schon ganz anders abspielte.
ständlich. Wie gesagt, wir bejahten und Was tun? Da kam uns plötzlich eine I-
bekamen dann die verblüffende Antwort: dee. Wir wussten zwar, dass die Hitler-
„Dann g’hörts ihr nicht da her, gehts sche Vernichtungsmaschinerie es sich als
zum polnischen Roten Kreuz am Renn- Endziel gesetzt hatte, zumindest das eu-
weg!“ Draußen waren wir. ropäische Judentum zu vernichten, wei-
Wir versuchten uns Verschiedenes aus- ters, dass es eine so genannte „Reichs-
zureden. Vielleicht nahm sich wirklich kristallnacht“ gegeben hatte, in der alle
das polnische Rote Kreuz heimkehrender Synagogen in Brand gesteckt wurden,
KZ-ler an? Wir marschierten also zum aber trotzdem hatte eine Handvoll Juden
Rennweg. überlebt. Es musste doch zumindest in
Dazu mussten wir die Innere Stadt der Seitenstettengasse ein Rest des äl-
durchqueren, und mit unseren Holz- testen Wiener Tempels übrig geblieben
schuhen, Marke „Häftling“, war das sein.
ziemlich anstrengend. Ich hatte übrigens Trotz ziemlich großer Müdigkeit machten
in meinem Binkerl auch ein Paar Leder- wir uns neuerlich auf die Socken und
schuhe, zwar etwas ramponiert, aber standen dann in der Seitenstettengasse
doch halbwegs brauchbar. Die schonte vor dem Tempel. Nun, abgebrannt war
ich aber, weil ich mir darüber im Klaren er nicht. Wir probierten also das Tor zu
war, dass in den nächsten Monaten oder öffnen, und siehe da, es ging auf. Wir
vielleicht Jahren an den Erwerb von lugten hinein. Es schien alles in Ordnung
Schuhen nicht zu denken war. zu sein, nur keine Menschenseele ließ
Beim polnischen Roten Kreuz die nächste sich blicken. Wir probierten es also mit
Überraschung. Es wurde die Tür nur ei- lauten Rufen, bis aus der Höhe des zwei-
nen Spalt breit geöffnet, und ein ganz ten Stockes des vor der Synagoge gele-
gebrochen Deutsch sprechender Mann genen Hauses, eine Stimme ertönte.
bedeutete uns, wir sollten sofort ver- (...) Als wir fragten, wo denn die Kultus-
schwinden. Also, so hatten wir uns den gemeinde geblieben war, bekamen wir
Empfang in der Heimat bestimmt nicht die Auskunft. Die amtiert jetzt am
vorgestellt. Ich kann mich daran erin- Schottenring. Wenn Sie etwas brauchen,
nern, dass mir in Auschwitz ein Wiener, gehen Sie dorthin!“ Na, wenigstens et-
der sich Träumen hingab, eingeredet was.
hatte, unsere Heimkehr würde sich fol- Wir suchten also diese Adresse auf, und
gendermaßen abspielen: „Weißt’, Fritzl, dort erlebten wir die erste angenehme
60 1945 erinnern

Überraschung. Die Kultusgemeinde war bekleidungsmäßig in einem bejam-


tatsächlich in voller Tätigkeit, wir wurden mernswerten Zustand waren, mit altem
freundlichst begrüßt, man gab uns Legi- Gewand ein wenig zu helfen. Ich selbst
timationen, die in Englisch, Französisch war übrigens mit einer alten Hose und
und Russisch Auskunft gaben, wer wir mit einer Wehrmachts-Uniformbluse be-
seien. (Das war, wie wir damals noch kleidet und hatte, um nicht als Wehr-
nicht wussten, wichtig, denn wer auf der machtsdeserteur zu gelten oder von den
Straße ohne Papiere von einer Militär- Alliierten hopp genommen zu werden,
streife angetroffen wurde, lief Gefahr, auf dem linken Ärmel einen rot-weiß-
sofort hopp genommen zu werden.) roten Stoffstreifen mit der Inschrift „Bu-
Dann drückte man uns dreißig Mark in chenwald“ aufgenäht.
die Hand, denn die Schillingwährung war Interessant ist, dass in Wien kein
damals in weiten Kreisen noch unbe- Mensch wusste, was Buchenwald war.
kannt, und wir brauchten doch zumin- Wir wurden von Volksdeutschen häufig
dest ein paar Netsch, um mit der Stra- angesprochen, ob wir vielleicht aus dem
ßenbahn zu fahren, falls diese funktio- so genannten „Buchenland“ wären. So
nierte. nannte man damals die Bukowina. Wenn
Weiters bekamen wir eine Einweisung in wir ihnen erklärten, wer wir wirklich sei-
ein Rückkehrerheim, das sich in der Un- en, blickten sie uns ängstlich an und
teren Augartenstraße in einer ehema- verrollten sich sofort. Das schlechte Ge-
ligen Volksschule befand. Natürlich war wissen war ihnen auf die Stirne ge-
das Heim nicht luxuriös ausgestattet, wir schrieben. Aber das nur nebenbei.
schliefen im Turnsaal auf Feldbetten, Wir machten uns also auf den Weg zur
immerhin aber waren diese sauber, und „Volkssolidarität“, deren Büros sich
wir hatten sogar jeder einen Spind, ob- hinter dem Rathaus befanden, und
gleich wir nicht wussten, was wir dort hofften, dass sich der kühle Empfang nur
hätten hineinhängen sollen. Jedenfalls als ein Irrtum herausstellen würde. Oh
waren wir viel Schlechteres gewöhnt und kindliche Einfalt! Der Erste, an den wir
waren zufrieden. (...) gerieten, war der Delegierte der KPÖ,
Den Nachmittag benützten wir dazu, uns ein widerlicher Kerl namens Kohl. Der
zu erkundigen, was sich in Bezug auf musterte uns sehr von oben herab, und
Rückkehrer aus dem KZ in Wien tat. Von als er erfuhr, wer wir waren, sagte er
wem, weiß ich heute nicht mehr, jeden- indigniert: „Ihr gehörts nicht hierher,
falls wurden wir darauf aufmerksam ge- gehts zur Kultusgemeinde!“ Dann gab
macht, dass es in Wien eine Institution er, damit nur ja kein Missverständnis
gäbe, die „Volkssolidarität“ hieß, sich vorherrsche, seinem Adlatus namens
aus den Vertretern aller drei in Wien zu- Drucker, der angeblich ein Spanien-
gelassenen politischen Parteien zusam- kämpfer war, den Auftrag, uns nicht in
mensetze und die es sich zur Aufgabe die Kartei aufzunehmen. Wir aber
gestellt hatte, die Rückkehrer zu betreu- glaubten uns in die Zeiten des „Dritten
en, sie in Heimen unterzubringen und Reiches“ versetzt.
ihnen, weil ja die meisten unter uns
1945 erinnern 61

Luise HANNY Herr Dorn schlug mir vor, einen Brief in


Wurde 1927 in Mödritz bei Brünn geboren. Im tschechischer Sprache an einen gut be-
April 1945 flüchtete sie in Richtung Westen kannten und zuverlässigen Tschechen in
und landete vorerst bei einem Bauern in der Heimat zu schreiben. Ich dachte
Niederbayern, nahe der tschechischen und scharf nach, da fiel mir die Familie Had-
österreichischen Grenze. Ohne ihr Wissen
lik in Groß-Paulowitz in Südmähren ein,
hatte inzwischen auch ihre Familie (Eltern,
Bruder, Großeltern) – mit Ausnahme einer mit der meine Eltern früher guten Kon-
Tante – Mähren verlassen müssen und war in takt hatten. Herr Hadlik war Schmiede-
Wolkersdorf (Niederösterreich) unter- meister wie mein Vater, also ein Berufs-
gekommen. kollege; sein Sohn Ludwig war in den
„Der Irrweg meines Ferien in unserem Haus gewesen, um
tschechischen Briefes ...“ Deutsch zu lernen, hatte aber nichts er-
Dann kam einmal ein Brünner ehemali- lernt. Ich wusste, dass es eine brave und
ger Soldat, der sich oft im Frauenberger anständige Familie war, wie waren einige
Lager aufhielt, und berichtete uns, dass Male zur Weinlese bei ihnen eingeladen
es in der Tschechei bereits Postverkehr gewesen, und ein streng katholisches
gibt, allerdings nur im Inland, nicht aus Haus war es auch. So vertraute ich die-
dem Ausland. Man konnte also Briefe sen Leuten mein Schreiben an, aber ich
schreiben, aber nur an richtige Tsche- war in der tschechischen Korrespondenz
chen, keine Anschrift an die Deutschen, nicht besonders gut, ließ mir den Brief
die Post wird angeblich an deutsche Ad- von Herrn Dorn schreiben, denn ein ech-
ressen nicht zugestellt und sofort ver- ter Brünner beherrschte fast immer per-
nichtet. Dass die fürchterliche Vertrei- fekt Tschechisch. Diesen Brief, wie schon
bung stattgefunden hatte, wussten wir erwähnt, adressiert an Familie Hadlik,
schon, allerdings hatten wir keine Ah- nahm Herr Dorn mit in das Flücht-
nung, wo sich unsere Leute befanden. lingslager Frauenberg, denn dort lebte
Der Brünner hieß Dorn, er hatte irgend- eine Brünnerin, die öfter schwarz über
wo ein Kino besessen, sein Kriegskame- die tschechische Grenze ging, weil sie
rad und Begleiter war der Sohn eines sich mit einem tschechischen Grenz-
Brünner Hoteliers, des Besitzers des Ho- beamten ein „Gspusi“ oder „Techtel-
tels „Europa“ im Zentrum der Stadt, also mechtel“ angefangen hatte. Er ließ sie
beide Herren ehemals nicht gerade arme daher schwarz herüber. In dem tsche-
Leute. Ich sah sie mir an: Sie waren un- chischen Grenzort gab die Frau die Brie-
gepflegt, unrasiert, in alten Klamotten fe auf, viele schrieben an bekannte
gekleidet, die sie sich bei Bauern aus Tschechen, um irgendetwas über Ver-
weggeworfenen Lumpen ausgebettelt bleib und Schicksal ihrer deutschen An-
hatten, die Reste der deutschen Wehr- gehörigen zu erfahren. Wir ließen uns
machtsuniform legten sie ab, aus Angst „postlagernd“ wieder an das tsche-
vom Ami-Streifendienst verhaftet zu chische Postamt antworten, sofern über-
werden. Sie sahen wirklich wie Land- haupt Antwort kommen wird. Das war
streicher aus. Mitte August 1945. (...)
62 1945 erinnern

Allmählich zeigte sich der Herbst, die ja bereits die Adresse meiner Eltern, von
Wochen vergingen, unser Heimweh ver- Paul und meinen Großeltern. Den beiden
stärkte sich, doch die Hoffnung gab ich Tschechen, Herrn Hadlik und unserem
nie auf, irgendein Wunder wird bestimmt ehemaligen Schmiedegesellen Wenzel,
geschehen. Eines Tages im Oktober bin ich mein Leben lang dankbar, dass
brachte Herr Dorn einen an mich gerich- sie sich damals die Mühe machten und
teten Brief, der postlagernd in das meinen Schicksalsbrief weiterleiteten. Es
tschechische Grenzdorf geschickt und gab und gibt halt auch unter den Tsche-
von der Landsmännin wieder abgeholt chen brave und ehrenhafte Menschen.
worden war, die brav als Botengängerin Vater schrieb sofort eine Antwort, gab
für viele Gutes tat; sie war schlau und seinen Brief wiederum einem Russen
raffiniert zugleich. Ich erblickte Vaters mit, der über die Grenze in die Tschechei
Handschrift, war vor Freude fast vom fuhr, dieser gab ihn dort auf dem Post-
Schlag gerührt; zitternd las ich, dass amt auf. Leider gab es zu dieser Zeit in
meine Familie in Wolkersdorf bei Wien Österreich noch keinen Postverkehr,
gelandet war. Vater bat mich alles zu schon gar nicht in das Ausland. Es war
unternehmen, um dorthin zu kommen. also an einem schönen sonnigen Okto-
Vater glaubte nämlich, ich sei in dem bertag. Ich hatte Vaters Brief in meinen
tschechischen Grenzort interniert (post- Händen und zögerte keine Minute, die
lagernde Adresse), vielleicht war der Reise nach Wien sofort anzutreten.
Text des Briefes, den ich mir im August
Erinnerungen Luise Hannys an Ausflüge mit
in Tschechisch schreiben ließ, nicht klar dem eigenen PKW in den 1950er Jahren sind
genug ausgedrückt. Ich war ja auf deut- veröffentlich in dem Sammelband: „Faszinati-
schem Gebiet, und es war mir nichts zu- on des Fahrens. Unterwegs mit Fahrrad, Mo-
gestoßen. Vater lief mit meinem Brief torrad und Automobil“, hg. von Kurt Bauer,
zum Tschechischen Konsulat in Wien, „Damit es nicht verlorengeht ...“, Bd. 50, Wien
(Böhlau) 2003.
zum Roten Kreuz, ließ nachforschen, wo
ich mich vielleicht aufhalten könnte; er
glaubte ja fest, ich sei im Böhmerwald
auf tschechischem Boden festgehalten
oder interniert. (...)
Der Irrweg meines tschechischen Briefes
war folgender: Als Hadlik in Groß-
Paulowitz den Brief erhielt, fuhr er sofort
nach Mödritz und suchte unseren lang-
jährigen Gehilfen Wenzel auf. Er gab ihm
den Brief, Wenzel wieder übergab sofort
diesen Brief meiner Tante Juli. Tante ü-
bernahm nun das Risiko, mein Schreiben
einem russischen Lastwagen mitzugeben
mit der Bitte, ihn in Wolkersdorf, Brün-
nerstraße 179, abzugeben. Tante hatte
1945 erinnern 63

Vom Organisieren
und Improvisieren
64 1945 erinnern
1945 erinnern 65

Hertha BREN mir und Peter Brot und Speck unter die
wurde 1922 in Wien geboren und wuchs im 12. Nase, worauf wir beide freudig zugriffen.
Gemeindebezirk (Meidling) auf. Nach Kriegs- Als die ersten Bauernhöfe auftauchten,
ende im Mai 1945 begann sie ihr Studium der
verließen wir das Russenauto, und der
Romanistik an der Universität Wien.
für mich leidige Weg des Hamsterns be-
„‚Nie wieder lassen
gann; doch Peter war in seinem Ele-
wir dich hamstern gehen!’ ...“
ment. Es störte ihn nicht, dass in man-
Meine erste und zugleich letzte große chen Höfen die Türen versperrt wurden,
Hamsterfahrt fand im Sommer 1946 als man uns erblickte. Wo wir hineinge-
statt. Ein Studienkollege (...) verleitete lassen wurden, konnten wir unsere
mich dazu. Peter war ein versierter Tauschobjekte anpreisen. Peter bot eine
„Hamsterer“ und mit allen Salben ge- Schachtel mit Nägeln an, die von den
schmiert. Unser Abenteuer begann früh Bauern sehr begehrt wurden. Ich hatte
am Morgen auf der Hietzinger Brücke. nur einen seidenen Rock und einen
Große Lastwagen standen bereit und schwarzen Filzhut à la tyrolienne zu bie-
luden zum Mitfahren gegen gutes Entgelt ten. Wahrscheinlich hätte ich kein
ein. Letzteres sollte erst am Ziel bezahlt Stäubchen Mehl dafür bekommen, doch
werden. So standen wir mit vielen Peter entfaltete seine Beredsamkeit: Er
Gleichgesinnten dicht gedrängt auf ei- setzte der Bäuerin den Hut auf, hielt ihr
nem offenen Lastwagen und fuhren nach einen Spiegel vor und bewunderte sie
dem „goldenen Westen“. In der Wachau von allen Seiten, ebenso geschah es mit
– ich glaube, es war in der Gegend von dem Rock. Die Bäuerin konnte nicht wi-
Rossatz –, als die Straße eng und ver- derstehen, und für mich gab es Mehl und
winkelt wurde, musste langsam gefahren Brot (1 kg Mehl kostete im Laden damals
werden. Das war der Augenblick, um 0,65 RM, am Schwarzmarkt 150 RM; 1
sich über die Planke des Lastwagens zu kg Brot kostete im Laden 0,56 RM, am
schwingen und abzuspringen. Wie mir Schwarzmarkt hingegen 60 RM).
das ohne Hautabschürfungen gelungen
So zogen wir von Bauernhof zu Bauern-
ist, bleibt mir ein Rätsel; doch das Fahr-
hof und schließlich konnte ich die stolze
geld war somit erspart.
Menge von ca. 5 kg Mehl auf meinem
Mit noch leerem Rucksack wanderten wir Rücken tragen. Peter hatte das Doppelte
landeinwärts in Richtung der Bauern- erhamstert. Mittlerweile war es Abend
höfe. Auf der Landstraße begegneten wir geworden und an eine Rückkehr nach
einem kleinen Lastwagen, auf dem sich Wien war nicht mehr zu denken. Für
einige Russen befanden. Mittels Zeichen- Geld bekamen wir an einem der Bauern-
sprache und einigen Brocken Russisch höfe Suppe und durften im Hof auf stei-
erreichten wir, dass sie uns mitnahmen. nigem Boden, der mit wenig Stroh be-
Auf der Fahrt zog einer der Russen einen deckt war, neben dem Misthaufen über-
Laib Brot und ein Stück Speck hervor nachten. In der Früh wanderten wir den
und begann davon in der Runde auszu- langen Weg zurück zur Hauptstraße.
teilen. Ich bemühte mich, desinteressiert Über eine Stunde standen wir schon am
wegzusehen, da hielt der „Unbekannte“ Straßenrand und deuteten in Richtung
66 1945 erinnern

Wien fahrenden Autolenkern unsere Bit- Kopf zu bewahren. In sehr bestimmtem


te, mitgenommen zu werden, doch kei- Ton redete ich dem Polizisten ein, dass
ner hielt an. Da blieb keine andere Mög- wir als Studenten bei Bauern schwere
lichkeit, als dass ich mich allein auf die Erntearbeit geleistet und nun den Lohn
Straße stellte. Peter versteckte sich im dafür bekommen hätten. Die Polizisten
Straßengraben. Ich brauchte nicht lange waren offensichtlich unschlüssig, ob sie
zu warten; der nächste, von amerikani- auch in diesem Fall das Hamstergut kon-
schen Soldaten gelenkte Laster blieb fiszieren sollten, und berieten sich mit-
stehen. Als ich ihnen deutete, dass ich einander. Indessen verschwanden wir in
auf der Ladefläche mitfahren möchte, wo der Menge. Als ich glücklich daheim an-
sich bereits eine große landwirtschaftli- gekommen war und stolz meine Beute
che Maschine befand, wollten mich die ausbreitete, meinten die Eltern, als sie
offensichtlich angeheiterten Amis ins nur einen Bruchteil unserer Abenteuer
Führerhaus ziehen. Als ich dies ent- erfahren hatten: „Nie wieder lassen wir
schieden abwehrte, starteten sie. Doch dich hamstern gehen!“
während ich mit ihnen verhandelt hatte, Erinnerungen Herta Brens sind unter anderem
hatten sie nicht gemerkt, dass Peter aus abgedruckt in dem Sammelband: „Faszination
seinem Versteck aufgetaucht und auf die des Fahrens. Unterwegs mit Fahrrad, Moto-
Ladefläche gesprungen war. Ich lief rrad und Automobil“, hg. von Kurt Bauer,
rasch zurück, Peter hatte schon seine
„Damit es nicht verlorengeht ...“, Bd. 50, Wien
(Böhlau) 2003.
Arme nach mir ausgestreckt und glück-
lich landete ich zwischen ihm und der
Günther DOUBEK
frei umherrollenden Landwirtschafts-
Wurde 1928 und wuchs in einer Wiener Arbei-
maschine. Die so überlisteten Amis fuh-
terfamilie auf. Er war ab dem Frühjahr 1944
ren wie die Teufel. Glücklicherweise in der Umgebung Wiens Flakhelfer und danach
dauerte diese Fahrt nicht allzu lange; sie ein halbes Jahr in Italien und Tirol im
mussten ihr Ladegut einem weiteren Kriegseinsatz. Nach dem Ende der Kampf-
Transporter übergeben, der uns auch handlungen schlug er sich mit zwei Kriegs-
ohne Komplikationen Richtung Wien kameraden bis nach Wien durch, wo er Anfang
mitnahm.
Juni 1945 eintraf. In ihrem Gepäck befanden
sich auch einige Briefe, da sie – mangels regu-
Vor der Stadtgrenze erfuhren wir, dass lärer Posttransporte – unterwegs mehrfach von
es den alliierten Militärs verboten war, Menschen gebeten worden waren, persönliche
Zivilisten in das Stadtgebiet mitzu- Botschaften an Adressaten in Wien zu übermit-
nehmen. Daher war für uns auf der Hiet- teln.
zinger Brücke Endstation. Als wir das „Ich mied den Resselpark
Auto verlassen hatten, wurden wir daraufhin drei Monate lang ...“
sogleich von österreichischen Polizisten Am Dienstag und am Mittwoch gingen
umringt, die uns aufforderten, einen wir Briefe zustellen. Wir konnten uns
Ausweis vorzuzeigen und die Rucksäcke kaum mehr erinnern, wer uns die Briefe
zu öffnen. Peter sah schon unser müh- gegeben hatte. Auf dem Weg erzählte
sam erhamstertes Gut dahinschwinden, mir Edi, dass sie am Vortag in Pötzleins-
und nun war die Reihe an mir, kühlen dorf in einem Garten gewesen wären.
1945 erinnern 67

Dort hatte man ihnen herrliches Obst tel tauschen. Aber ich gebe euch gerne
gegeben, auch Nüsse – von denen sollte ein Buch aus meiner Bibliothek.“ Es stell-
ein Drittel mir gehören. Ansonsten hat- te sich heraus, dass er bis 1938 Leiter
ten sie 40 Zigaretten und einmal einen einer Leihbibliothek gewesen war und
guten Kaffee und 100 Mark bekommen. die damals ausgemusterten Bücher in
Zuerst gingen wir in die Panikengasse. seinem Gartenhaus versteckt hatte, statt
Die Hausmeisterin führte uns zu einer sie abzugeben. Edi nahm sich „Die Stadt
alten Frau, die fast blind war. Sie bat ohne Juden“ von Bettauer, der mir da-
uns, den Brief vorzulesen. Er war von mals noch kein Begriff war. Ich griff
ihrer Schwiegertochter und dem Enkel- nach „Huckleberry Finn“ – das Buch
kind (der Sohn war anscheinend tot). Ich wünschte ich mir seit 1936. (...)
wusste sogar noch, dass wir den Brief in Ein Mann aus unserer Gasse machte mir
Grassing übernommen hatten, von einer den Vorschlag, beim Abbruch von Bom-
hübschen, schwarzhaarigen Frau. Auch benruinen mitzutun. Man bekam außer
an den kleinen Buben konnten wir uns guter Bezahlung ein ausgiebiges Mittag-
erinnern, weil wir ihm seinen Ball vom essen und die Schwerstarbeiterkarte, auf
Dach heruntergeholt hatten. Die Freu- der es sogar Butter gab (so vorhanden).
dentränen der alten Frau waren mehr Es war auch üblich, dass die Arbeiter
wert als alle Geschenke, besonders, als Gebrauchsgegenstände, die sie in den
wir vorlasen: „... kommen wir natürlich Trümmern fanden, untereinander aufteil-
so schnell wie möglich wieder zurück, ten. Oft waren es Werkzeug, Besteck,
damit du nicht so allein bist.“ Kochgeschirr und ähnliche Dinge,
Ziemlich viel Obst bekamen wir in einer manchmal auch Kleidungsstücke. Da-
Villa im 13. Bezirk. Dort war nur eine mals konnte man alles brauchen oder
60-jährige Frau mit ihrem Sohn geblie- gegen Lebensmittel eintauschen.
ben (der andere war noch vermisst), und Einmal fanden wir nach dem Wegräumen
der Brief kam von ihren beiden Schwie- des Schutts den Unterteil einer großen,
gertöchtern. Wir saßen eine halbe Stun- alten Kredenz. Unter den Scherben wa-
de bei Tee und Broten mit Gemüseaufla- ren noch an die 20 unversehrte Teller
gen – genau genommen konnte ich mich und in den Laden 20 Garnituren Sil-
an die beiden Frauen nicht erinnern. berbesteck. Da wir zehn Arbeiter waren,
Nett war es auch bei einem alten Ehe- kamen auf jeden zwei Garnituren.
paar, dem wir eine Nachricht aus Ober- An den Wochenenden besuchte ich Fuß-
Scheffau brachten. Darin stand, dass der ballspiele oder Kinos. Es gab auch eine
kriegsversehrte Sohn eine junge Frau Menge kultureller und sportlicher Veran-
kennen und lieben gelernt hatte und staltungen, die mich anlockten. Man
demnächst heiraten wollte: „... aber konnte mit Geld ohnehin sonst nichts
spätestens im Herbst komm ich mit mei- anfangen, außer im Schleichhandel Ziga-
ner Frau nach Wien.“ Der alte Herr sag- retten kaufen. Leute mit eigenen Gärten
te: „Wir haben kein Geld, und unsere bauten Tabak an – wahrscheinlich hatten
Zigaretten müssen wir gegen Lebensmit- sie’s schon immer getan, nur durfte man
68 1945 erinnern

es früher nicht sagen. Dieser „Eigenbau“ des, etwa 40 Zentimeter hoch. Man setz-
stank erbärmlich und schmeckte so, wie te ihn auf die Öffnung, die durch das
er roch. Mein Vater mischte 50 % echten Abnehmen der Herdringe entstanden
Tabak mit 25 % Spelzen von Kukuruz- war. So kam man mit wenig Holz aus,
blättern (die fast keinen Geschmack hat- andere Brennstoffe gab es für einen
ten) und 25 % Eigenbau. Eine ausge- „Normalverbraucher“ nicht.
bombte Frau tauschte für ein altes Zwei- Auf dem Gelände des früheren Nasch-
Liter-Geschirr und eine Bratpfanne (bei- markts und des Resselparks hatte sich
de aus einem zerbombten Gasthaus) der Schleichhandel breit gemacht. Man
sechs Schachteln Zigarettenhülsen. Mein konnte dort fast alles kaufen, was man
Vater und ich saßen dann am Abend zum täglichen Leben brauchte – die ge-
beim Küchentisch, mischten die Sorten bräuchliche Währung waren nicht wert-
und stopften etwa 30 Stück. Ich habe lose Mark, sondern Zigaretten. Dieser
drei Jahre später eine dieser „Spezial- Schwarzhandel war zwar offiziell verbo-
zigaretten“ gefunden und geraucht und ten, aber jeder wusste davon, und er
erst da meine Mutter bewundert, die oh- war nicht auszurotten. Ehrlich gesagt,
ne Murren diesen zweifelhaften Geruch konnte ich auch nicht recht verstehen,
ertragen hat. Das einzige, was sie ver- was es einen „nicht funktionierenden
langte: Um 21 Uhr wurde fünf Minuten Staat“ kümmerte, ob jemand ein Hemd
gelüftet, egal zu welcher Jahreszeit, und gegen einen Laib Brot eintauschte –
nachher durfte in der Wohnung nicht wollte der Finanzminister einen Kragen-
mehr „gestunken“ werden. knopf als Umsatzsteuer? Die Leute, die
Zum Essen gab es bei uns jeden Tag ganze Lastautos voll Waren kauften und
„Brotsuppe“, meistens am Abend. Meine verkauften, standen ohnehin meist unter
Mutter variierte nur die Zutaten und Ge- dem Schutz der Roten Armee (oder ei-
würze und nannte die Suppe jeden Tag nes einflussreichen österreichischen
anders. Außer den Nahrungsmitteln, die Gönners) und entzogen sich dem Zugriff
jeder selbst organisierte, gab es nur der Polizei.
Erbsen und Dörrgemüse, ich glaube, aus Die Polizei war überhaupt ein eigenes
Lagern der Roten Armee. Kapitel. Viele Polizisten waren nolens
Schlimm stand es um die Energie- und volens der NSDAP beigetreten und daher
Wasserversorgung. Wir hatten Wasser, nun untragbar. Der Aufbau einer neuen
das war Goldes wert. In manchen Bezir- Truppe war sehr schwierig. Die Sowjets,
ken mussten die Leute hunderte Meter bei denen anfänglich jeder Bezirkskom-
weit gehen, um sich mit Trinkwasser zu mandant selbstständig agierte, hatten
versorgen. Auch Strom gab’s in Breiten- oft irgendwelche Kommunisten (oder
see – Gas gab es nirgendwo. Mein Vater von der KPÖ empfohlene Männer) als
befürchtete das Schlimmste für den Win- Bezirkspolizeichefs eingesetzt, die sich
ter. Außerdem waren viele Leitungen eine Polizeitruppe zusammenstellten,
durch Bomben zerstört. Man kochte mit meist auf Empfehlung oder aufgrund
einem so genannten „Hausfreund“. Das persönlicher Bekanntschaft. Mein Vater
war eine Art Miniaturausgabe eines Her- erzählte mir, dass auch er von einem
1945 erinnern 69

Bekannten Ende April darauf angespro- zu versuchen. Ich stopfte 20 Zigaretten


chen worden sei. Es scheiterte am Alter, mit der Spezialmischung (1/3 Tabak,
1
mein Vater war damals schon 48 Jahre. /3 Eigenbau, 1/3 Kukuruzblätter) und füll-
In einigen Gebieten stellte sich nach we- te damit eine Schachtel. Dann verfertig-
nigen Wochen heraus, dass ein Drittel te ich noch 20 „G’stopfte“ aus 3/4 Tabak
der Eingestellten mehrmals vorbestrafte und 1/4 Spelzen, die kamen in die andere
Kriminelle waren, die ihr neues Tätig- Schachtel.
keitsfeld nur zur persönlichen Bereiche- Meine Mutter hatte gesagt, dass sie
rung benützten. Sie verhafteten auf eine dringend Eier brauche und auch der
fingierte Anzeige hin mit Assistenz russi- Brotvorrat ginge langsam zur Neige. Ich
scher Soldaten eine wohlhabende Fami- fuhr mit den beiden Schachteln zum
lie und räumten in deren Abwesenheit Resselpark und suchte so lange, bis ich
alles Wertvolle aus der Wohnung (die ein (Bauern-?) Ehepaar fand, das Eier
Rotarmisten bekamen ihren Anteil meist anbot – ich bot die Gstopften dafür. „Wia
in alkoholischer Form). Im Juli war die san denn de?“ Ich bot dem Mann eine
Polizei allerdings schon weitgehend ge- Zigarette aus der „besseren“ Schachtel,
säubert, nur die politische Schlagseite aber auch die Frau rauchte und wollte
blieb. (...) kosten. Wir wurden uns bald einig: 10
Die Zeitungen schrieben über alles Mög- Eier (in einer Schachtel, mit Zeitungspa-
liche, nur nicht über die Übergriffe der pier gesichert) für die volle Packung und
Besatzungsmacht. Auf dem Fußballplatz ein halber Brotwecken (selbst gebacken)
sprach ich mit zwei etwa 40-jährigen für die restlichen 12 Stück aus der ande-
Männern über dieses Problem. Natürlich ren Schachtel. Ich nehme an, dass der
verurteilten beide diese Vorkommnisse, unwesentliche Qualitätsunterschied erst
aber sie sagten auch: „Du hättest einmal am nächsten Tag zum Vorschein kam –
sehen müssen, was wir in Russland alles ich mied den Resselpark daraufhin drei
aufgeführt haben. Vergleichen kann man Monate lang. (...)
das nicht.“ In diesem Sommer fuhr ich einige Male
Am vorletzten Julisonntag ging ich zum mit Lastautos nach Niederösterreich oder
Resselpark, einem der Zentren des ins Burgenland, überall hin, wo man
Schwarzhandels. Wir hatten hinter der Obst pflücken kann. Man musste für so
Küchenkredenz zwei volle Schachteln eine unbequeme Fahrt relativ viel bezah-
Zigaretten gefunden – Kriegsmischung, len, dafür war aber das Obst – Kirschen,
aber immerhin Zigaretten. Meine Mutter Ananas, Marillen – sehr billig, weil die
hatte sie als „eiserne Reserve“ auf die Obstbauern es nicht nach Wien auf den
Kredenz gelegt, und sie waren hinunter- Markt bringen konnten. Wenn man Glück
gefallen. Als ich ihren Fingerhut suchte, hatte, konnte man auch andere Lebens-
der sich unter der Kredenz versteckt mittel eintauschen. Dieses Beschaffen
hatte, entdeckte ich sie. Die Freude war von Lebensmitteln wurde als „Hamstern“
groß ... und nebenbei beschloss ich, ei- bezeichnet, ein Ausdruck, der noch aus
nen nicht ganz astreinen Tauschhandel der Kriegszeit stammte. Ich fand ihn idi-
otisch – schließlich legt ein Hamster
70 1945 erinnern

doch Vorräte an, und davon war bei ei- Elfriede STRACHOTA
nem „Normalverbraucher“ keine Rede. wurde 1937 in Wien geboren, ihre Eltern leis-
Noch widerlicher fand ich, dass die Poli- teten als Kommunisten in der NS-Zeit Wider-
stand und wurden in Konzentrationslager in-
zei am Rand von Wien Lastautos aufhielt
haftiert. Sie wuchs daher viele Jahre bei ihren
und das Obst beschlagnahmte. Neben Großeltern in Wien-Brigittenau auf. Ihr Groß-
mir saß einmal ein Mann, der mir dau- vater, der nicht einrücken musste, arbeitete als
ernd von seinen drei Kindern erzählte. „Edelkomparse“ bei der „Wien-Film“ und
Ich hatte das Gefühl, er würde tobsüch- kannte eine Reihe prominenter Schauspieler.
tig werden, wenn man ihm den Rucksack „Dies war die Grundsteinlegung für einen
mit Kirschen wieder wegnehmen würde. florierenden Schleichhandel ...“
Die LKW-Fahrer ließen alle Mitfahrenden Um das Wasserproblem zu lösen, pilger-
einen Kilometer vor Wien (und der End- ten wir nach Zwischenbrücken zu dem
station der Straßenbahn) aussteigen. Brunnen, der sich in einem Garten be-
Eine „Radfahrergruppe“ hatte gemeldet, fand, wo man das Wasser heraus-
dass am Südende des Wienerbergs Poli- pumpen konnte. Dies bedeutete aber,
zisten stünden – jeder Mitfahrer zahlte nebst der langen Wegzeit, ein zu-
gern fünf Mark an die Radler für die sätzliches Anstellen von mindestens zwei
Warnung. Stunden. Die gesamte Dammstraße war
Dann wurden wir in Kleingruppen los- ständig von Menschen frequentiert, die
geschickt, jede Partie auf einem anderen auf dem Weg zum und vom Brunnen
Weg. Im Westen wurde ich nie behelligt, waren. In jeder Hand hatte man einen
wir kamen meist über den Exelberg. Kübel, und am Rücken trug man ein
Einmal tauschte ich auch hier „G’stopfte“ Klappsesserl, auf das man sich dann,
gegen eine Blutwurst. Die Blunze war wenn man endlich bei der Warteschlange
qualitativ den G’stopften ebenbürtig. angelangt war, niedersetzen konnte. Das
Hier stiegen wir jedesmal auf der Höhe Klappsesserl wurde dann für die nächste
des Exelbergs aus und gingen entweder Zeit das wichtigste Utensil, weil man sich
zur Endstation der Linie 49 oder über die überall anstellen musste. Als schön lang-
Sandleiten. Einmal sahen wir vom sam manches wieder in Gang kam, stell-
Exelberg einen großen Brand im zweiten te sich meine Großmutter oftmals eine
Bezirk, aber Brände waren damals ganze Nacht bei der Hammerbrot-Fabrik
häufig. Wahrscheinlich waren daran die an, um ein Viertel Brot. Es ist ihr nicht
vielen defekten Gasleitungen schuld. Es nur einmal passiert, dass man vor ihr
war sicher doppelt tragisch für die Leute, das letzte Brot austeilte.
wenn sie die Bomben und den Krieg gut Das Müllproblem wurde dadurch gelöst,
überstanden hatten und nun durch einen dass die Leute ihren Abfall ganz einfach
Brand alles verloren. vor die Mauer des Augartens leerten.
Die Kindheits- und Jugenderinnerungen von Der Abfall bestand zumeist aus Schutt
Günther Doubek sind publiziert: „‚Du wirst und zertrümmerten Gegenständen, die
das später verstehen ...’ Eine Vorstadtkindheit die Leute beim Wohnungsräumen hier-
im Wien der dreißiger Jahre“; „Damit es nicht her brachten. Eines Tages erzählte eine
verlorengeht ...“, Bd. 47, Wien (Böhlau) 2003. Frau meiner Großmutter, dass die Rus-
1945 erinnern 71

sen, die im Augarten Quartier genom- Plötzlich schrie ich auf: „Omama, Oma-
men hatten, so viel zu essen hätten, ma, schnell, komm her, ich hab Erdäpfel
dass sie die übrig gebliebenen Lebens- gefunden!“
mittel auf die Misthaufen vor den Augar- Meine Großmutter eilte herbei und schalt
tenmauern schmeißen würden. Da be- mich mit ärgstem, böhmischen Zungen-
schloss meine Großmutter, mit mir schlag, da sie sehr aufgeregt war: „Willst
„Misthaufenstierln“ zu gehen. du nicht gleich zumachen dein Mund-
So begannen wir gleich den ersten Mist- werk, vorlautes. Was tust du schreien
haufen, der schon bei der Rauscher- hinaus, dass da liegen Bramburi. Soll
straße lag, in Augenschein zu nehmen. kummen das ganze Brigittenau, um zu
Jede von uns hatte einen Stecken in der holen Erdäpfli? Schnell, mir werdn fillen
Hand, damit wir mit diesem im Misthau- voll den Taschen und was geht in Ruck-
fen wühlen konnten. Meine Großmutter sack.“ So füllten wir emsig ein, was wir
ging es von unten her an, und ich balan- finden konnten. Da kam eine Frau des
cierte am Gipfel des Mistberges herum. Weges und fragte: „Nach was grabn S’
So gingen wir eine ganze Weile dahin, denn da?“ Meine Großmutter antwortete
ohne etwas entdeckt zu haben. Meine sehr erschrocken: „Nach etwas, was
Großmutter sagte schon, dass ihr die noch is viel mehr wert als Gold und E-
Frau was vorgelogen hätte, da entdeckte delsteine!“ Ich hörte dann die Frau im
ich plötzlich ein Buch. Ich bückte mich Vorübergehen murmeln: „Armes Luder,
und hob es auf. Meine Großmutter fragte is ah narrisch wurdn, vor lauter Hunger,
sofort, ob ich was zum Essen gefunden das arme Tschapperl.“ Mit dem Tschap-
hätte. Ich zeigte ihr meinen Fund. Es perl meinte sie wohl mich. (...)
war ein Gebetbuch, in Leder gebunden, Eines Tages, als wir wieder am Stierln
aus dem 18. Jahrhundert. Während mei- waren, kam ein Russe vom Augarten
ne Großmutter ein ums andere Mal heraus, der einen Kübel in der Hand hat-
schrie: „Jesus Maria, Jesus Maria!“ und te. Schwungvoll setzte er schon an, um
sich andauernd bekreuzigte, fand ich in den Kübel auf dem Misthaufen zu entlee-
der Nähe noch etwas. Es war ein ovales ren, doch meine Großmutter hinderte ihn
Marienbild. Dieses Bild war zehn Zenti- daran, indem sie die Hände wie zum Ge-
meter hoch und unter Glas. Das Glas bet faltete und auf unsere Taschen wies.
hatte einen Sprung, quer über das Bild. Da schüttete der Russe gleich alles in
(Ich bewahre diese beiden Reliquien unsere Taschen hinein. Danach bedeute-
heute noch auf.) Meine Großmutter, die te er uns mit einer Hand zu bleiben und
sehr religiös war, bekreuzigte sich im- verließ uns alsbald. Meine Großmutter
mer wieder, kniete nieder und fing zu war der Meinung, dass er uns vielleicht
beten an. Ich für meinen Teil hielt nicht noch etwas bringen würde. Und wirklich,
so viel von der Beterei. sie hatte Recht. Er kam zurück mit ei-
Nachdem ich diese beiden Gegenstände nem Butterbrotpapier in der Hand, und
meiner Großmutter ausgehändigt hatte, darin befand sich Schmalz. Meine Groß-
ging ich auf meinen Misthaufen weiter mutter sagte ganz gerührt: „Děkuji“,
und stierlte mit meiner Stecken herum. was soviel wie danke auf Tschechisch
72 1945 erinnern

heißt, und der Russe sagte: „Ura, Ura!“ lachend: „Ura, Ura!“ Danach lachten sie
– und dabei deutete er auf sein Handge- beide.
lenk, das er dann zu seinem Ohr führte. Dies war die Grundsteinlegung für einen
Meine Großmutter erwiderte darauf: florierenden Schleichhandel. Mein Groß-
„Morgen!“ Er nickte mit dem Kopf und vater machte danach mit diesem Russen
deutete mit dem Finger auf den Platz, seine Geschäfte. Für meine Großmutter
wo er stand. Am nächsten Tag standen und mich aber war die Misthaufen-Ära
meine Großmutter, mein Großvater und vorbei. (...)
ich zur selben Zeit wie am Vortag vor
Nachdem meine Großmutter schon
dem Misthaufen: mit zwei Töpfen, etli-
nichts mehr hervorzaubern konnte, was
chen Taschen und einer Taschenuhr –
zum Verscherbeln taugte, gab sie mei-
und warteten. Es dauerte nicht lange, da
nem Großvater einen ihrer Büstenhalter
kam auch schon der Russe und ging so-
als Tauschobjekt mit auf den Weg. Als
fort zu meiner Großmutter: „Ura, Ura!“
nun mein Großvater dem ersten Russen
sagte er. Meine Großmutter hielt ihm die
den BH zeigte, musste er erst einmal
Taschenuhr hin. Er nahm sie lächelnd an
erklären, wofür das Ding gut sei. Nach-
sich, hielt sie an sein Ohr und schaute in
dem die Russen es begriffen hatten,
unsere mitgebrachten Taschen. Er nahm
schüttelten sie sich vor Lachen. Dazu
die eine Tasche an sich, in denen sich
muss ich erklären, dass meine Großmut-
zwei Töpfe befanden, und verschwand
ter eine kleine, zierliche Frau war, heute
mit Uhr und Tasche. Nach einiger Zeit
würde man sagen: Körpergröße 38. Als
kam er wieder. In einen Topf hatte er
nun die Russen begriffen hatten, was in
Mehl hineingetan und in den anderen
dieses Körbchen hinein gehörte, formten
etwas Butter.
sie mit beiden Händen die ungefähre
Meine Großmutter weinte vor Freude, Brustgröße einer Sophia Loren oder Ma-
und mein Großvater gurgelte ein „Va- rilyn Monroe. Mein Großvater begriff
gölts Gott“ heraus. Danach deutete er rasch. Er zog einen schwungvollen Han-
mit den Fingern, so als hielte er eine Zi- del mit Übergrößen auf, und alle „seine“
garette in der Hand und fuhr sich damit Film-Stars sammelten für ihn die be-
zum Mund. Der Russe lachte, steckte gehrten Büstenhalter. Und so kam es,
seine Hand in den Hosensack, brachte dass die Russen bereit waren, für einen
zwei Zigaretten zum Vorschein und zün- Büstenhalter ein halbes Kilo Speck oder
dete sich sofort eine an. Die zweite gab ein Kilo Schmalz zu geben. Wenn mein
er meinem Großvater. Dieser berührte Großvater seine Runde zu den Schau-
mit der Spitze seiner Zigarette die des spielern machte, musterte er die BHs je
Russen und zündete sich so seine eigene nach Größe der Körbchen und dann ta-
an. Danach machten beide einen tiefen xierte er, ob dieser Büstenhalter ein Ki-
Zug. Mein Großvater klopfte dem Russen logramm Zucker wert sei oder ob man
freundschaftlich auf die Schulter, und für jenen ein paar Erdäpfel würde tau-
der Russe beklopfte meinen Großvater. schen können. Bei ganz großen BHs
Danach sagte der Russe wieder: „Ura, winkte manchmal sogar etwas Butter.
Ura!“ Und auch mein Großvater sagte
1945 erinnern 73

Norbert KRAUS bahner-Beziehungen erworben. Alle


wurde 1928 in Wien geboren. Obwohl er noch meine Gedanken kreisen um dieses Ei.
kurz vor Kriegsende eingezogen wurde, blieb Wann und wo werden wir es essen?
er von Kampfeinsätzen verschont. Sein Vater,
Nachdem unsere Keks-Notverpflegung
bereits vor 1938 Mitglied der NSDAP, war
Abteilungsleiter einer Brauerei. Die Familie aufgebraucht war, lebten wir wochen-
lebte 1945 in Wien-Währing und besaß einen lang nur von den Graupen und der Hirse
Kleingarten. Norbert Kraus verfasste 1995 ein aus dem Franz-Josefs-Bahnhof. Zum
umfangreiches autobiographisches Manuskript Frühstück gibt es schwarzen Ersatz-
mit dem Titel „Protokoll einer Läuterung“. In kaffee, gesüßt mit Saccharin, das zu
ihm beschreibt er seine Erlebnisse zwischen
horrenden Preisen im Schleich gehandelt
Jänner und Dezember 1945.
wird. Seit ein paar Tagen erfolgt die
„Alle Nazi müssen raus! ...“ lautstark angekündigte Ernährungshilfe
Mit unserem Garten haben wir jetzt eine der Roten Armee. Aber alles, was wir
rechte Freude. Alles grünt und gedeiht bekommen, sind getrocknete Erbsen, die
und nichts erinnert an Krieg und Notzeit. von winzigen schwarzen Käfern bewohnt
Für den Sommer erwarten wir uns durch sind. Das hart gekochte Ei erscheint mir
die eigene Obst- und Gemüseernte eine heute als freundlicher Gruß einer fernen,
leichte Besserung der Ernährungslage. friedlichen Zeit. Wenn wir auf der Straße
(...) Leute überholen, wenn uns welche ent-
Jetzt gibt es sogar schon stundenweise gegen kommen, denke ich jedes Mal:
Gas, aber jeweils nur für kurze Zeit, und „Hei, ich bin viel reicher als ihr. Ich habe
der Druck ist viel zu schwach. So bleibt im Rucksack ein hartes Ei!“
vorerst der Hausfreund das wichtigste Der Wald unterhalb der Höhenstraße ist
Kochgerät. Allerdings ist es schon wie ausgekehrt. Ich glaube, da gibt es
schwierig, Holz zu beschaffen. Die Bom- auch nicht ein zündholzdickes Ästchen.
benruinen sind abgesucht bis auf den Oben, beim „Grüßdiagottwirt“, wo man
letzten Span. So werden den einzelnen aus dem Wald heraustritt, sieht man
Wiener Wohnbezirken Waldstücke zum wieder Spuren der Kämpfe: Links an der
Klauben von Fallholz zugewiesen. Wir Höhenstraße steht ein verlassener Sko-
gehören nach Sievering. Im dortigen da-Straßenkampfwagen, so ein eiförmi-
Försterhaus bekommen wir entspre- ger von der ehemaligen österreichischen
chende Bescheinungen ausgestellt. Polizei. (...)
Zum ersten Mal nach langer Zeit fahre Endlich, endlich machen wir eine Ess-
ich wieder mit der Straßenbahn. Sie ist pause. In normalen Zeiten können die
voll Holzklaubern. Wir sind zu dritt: mei- erlesensten Delikatessen nicht annä-
ne Schwester Irmi und unsere Cousine hernd so munden, wie uns heute das
Susi, die Tochter von Onkel Georg. Als harte Ei schmeckt. Einmal waren wir bei
Proviant haben wir jeder ein Stück Brot, Ing. Bollhofer eingeladen – die ganze
zusammen ein Halbliterflascherl von un- Familie. Irmi und ich rekapitulierten das
serem Beutewein und – welch seltener damalige Gastmahl: Selbst echten russi-
Genuss – für jeden ein hartes Ei. Irmi schen Kaviar hat es damals gegeben –
hat diese Kostbarkeit durch ihre Eisen-
74 1945 erinnern

während wir genüsslich an unserem Ei können das Straßenkehren schon ganz


knabbern. Davon in Festesstimmung gut. Hoffentlich kommen die Straßen-
versetzt, beginnen wir von schöneren kehrer mit dem Mathematikunterricht
Zeiten zu schwärmen. (...) auch so gut zurecht.“ Er lacht, dass man
Unsere Abfälle müssen wir noch immer seine braunen Raucherzähne sieht. Al-
auf den Gürtel leeren. Als ich wieder koholfahne hat er heute keine. (...)
einmal mit dem Mistkübel unterwegs Ein wunderschöner Frühling ist das heu-
bin, begegne ich dort einer Kolonne er. Im Garten kann man den Paradeisern
zwangsarbeitender Nazi. Sie schieben direkt beim Wachsen zuschauen, und die
zweirädrige Straßenkehrerkarren. Gleich Ribisel sind auch bald reif. (...) Bald dar-
am Anfang hat man ihnen manchmal mit auf hören wir gerüchteweise, die Schre-
weißer Farbe Hakenkreuze auf den Rü- bergärten der Nazi würden enteignet. Es
cken gemalt. Das ist jetzt vorbei. Alle bleibt nicht beim Gerücht. Vater be-
haben eine private Arbeitskluft an, eine kommt eine Zuschrift vom Kleingarten-
schäbiger als die andere. An den Gesich- verein, in der er zur Übergabe aufgefor-
tern kann man die einzelnen Typen er- dert wird. Noch am gleichen Tag er-
kennen: Die Fanatiker, jetzt noch stolz scheint ein Herr Oberleitner mit seinem
erhobenen Hauptes, die Schaufel erwachsenen Sohn und einem Polizisten:
stramm geschultert, schauen fast her- „Sind Sie der Herr Kraus?“ – „Ja“ – „Ich
ausfordernd in die Gegend: „Da, seht krieg die Schlüsseln!“ – „Was für Schlüs-
her, wir treten für unsere Überzeugung seln?“ – „Ja, haben Sie denn net den
ein!“ Die Mitläufer und ehemaligen Brief kriegt? Die Gartenschlüsseln natür-
Gschaftlhuber machen wehleidige Ge- lich.“ Vater wird blass. Aber er ist er-
sichter und lassen die Köpfe hängen, als staunlich gefasst. Ich hätte das nicht von
wollten sie sagen: „Wie kommen wir da- ihm gedacht. „In dem Brief steht nur,
zu? Wir haben doch keinem Menschen dass der Garten zu übergeben ist. Es
etwas gemacht.“ Dazwischen einige steht weder wann noch wem.“ – „Na mir
weltfremde Gelehrtenköpfe. Sie haben natürlich! Sehn S’ net, wir haben einen
ihre Umwelt vergessen und unterhalten Polizisten mit!“ Der Polizist wiegt sich
sich über Sanskrit. von einem der gegrätschten Beine auf
Mitten in der Schar entdecke ich meinen das andere und steckt die Daumen hin-
Mathematikprofessor. Der hatte uns ter seinen Überschwung. Es hat den An-
einst gehunzt! Zu meinen Schularbeiten schein, als ob ihm diese „Amtshandlung“
schrieb er manchmal: „unterm Hund“. eher peinlich wäre. „Wenn Sie nichts
Und zum Leo vermerkte er: „Da keine Schriftliches haben, kann ich Ihnen auch
schlechtere Note vorhanden: 6!“ Sein die Schlüssel nicht übergeben.“ Herr
Spitzname war Schnapsstoppel, weil er Oberleitner dreht sich nach seinem Sohn
oft eine Alkoholfahne hatte. Er machte und dem Polizisten um. Der zuckt nur
einen vergnügten Eindruck: „Servus, mit den Schultern. „Na was, den Garten
hast eine Zigarette für mich?“ Ich kann krieg ich. Heut oder morgen ist ja auch
leider nicht dienen. „Wir haben ge- wurscht.“ Die drei ziehen ab, Vater zit-
tauscht, die Straßenkehrer und wir. Wir tert am ganzen Leib.
1945 erinnern 75

Vater protestiert im Kleingartenverein. recht!“ Alle Hinweise darauf, dass Millio-


Er hat den Garten vor acht Jahren nen Unschuldiger all ihr Hab und Gut
rechtmäßig von seinem Schwager er- und noch ihre Angehörigen verloren ha-
worben, der als einer der ersten Siedler ben, wie etwa mein Schulkamerad Tho-
das ehemalige Exerzierfeld am Schaf- mas, der Siebenbürger, und der Garten
berg überhaupt urbar gemacht hatte. wohl nur als kleines Opfer dafür angese-
Onkel Franz hat den Garten aus Alters- hen werden kann, dass die ganze Familie
gründen übergeben. Vater hat inzwi- die Kriegszeit heil überstanden hat,
schen viel Geld und Arbeit hineinge- dringen an taube Ohren: „Ja schon, aber
steckt und vor allem ein modernes stabi- unser schöner Garten! Wir haben doch
les Gartenhäuschen errichtet. Er hat keinem Menschen was getan. Nein, so
immer pünktlich seinen Vereinsbeitrag ein Unrecht ...“
bezahlt. Und er hat – aber das wissen
nur wir – sich eine ganze Bibliothek von
Hedwig ÖHLER
Garten-Fachbüchern angeschafft und
wurde 1930 in Wien geboren und wuchs in
eine Kleingärtnerzeitung abonniert. Aber einer Arbeiterfamilie in Jedlesee am nördli-
alle Proteste nützen nichts. Alle Nazi chen Stadtrand von Wien auf.
müssen raus! „Meinen Schulweg musste ich
Im Vereinsausschuss, der das beschlos- zu Fuß bewältigen ...“
sen hat, sitzt auch jener Rauchfangkeh- Ich wurde am 14. April 1945 um zirka 5
rermeister, der im Jahre 1938 einem Uhr morgens in Hagenbrunn, am Bisam-
jüdischen Kleingärtner einen Doppel- berg, durch russischen Artilleriebeschuss
schilling auf den Tisch gelegt und gesagt schwer verwundet. Die Schlacht um
hat: „Ich hab dir den Garten abgekauft. Wien dauerte nach offiziellen Berichten
Verschwind!“ Aber der Rauchfangkeh- vom 7. bis zum 13. April 1945. Groß-
rermeister war kein Parteimitglied, und Wien hatte damals 26 Bezirke, und Ha-
der Jude ist in der Emigration gestorben, genbrunn gehörte auch dazu. Erst um
drum besitzt der Rauchfangkehrer noch zirka 14 Uhr, am Samstag, dem 14. April
heute den Garten. Am nächsten Sonntag 1945, wurde Hagenbrunn von den Sow-
erfolgt die protokollarisch genau festge- jets eingenommen. Meine gute Mutter
haltene Übergabe der Gärten, wobei rettete mir durch ihren heldenhaften
noch sehr ungehalten festgestellt wird, Einsatz das Leben, und nach monate-
dass wir vorher die reifen Ribisel abge- langem Spitalsaufenthalt im heutigen
erntet und die Bettbretteln aus den ein- Floridsdorfer Krankenhaus konnte ich im
gebauten Schlafstellen entfernt haben. September 1945 so halbwegs wieder
Die Frühjahrsarbeit war getan. Familie gehen.
Oberleitner braucht nur zu ernten. Wohl Ich hatte eine schwer verletzte linke
bekomm’s! Hand, die für immer verkrüppelt blieb,
Vater spricht nie mehr davon. Aber Mut- einen Stecksplitter im linken Kniegelenk,
ter beteuert immer wieder, dass sie den der sich immer noch dort befindet und
Verlust des Gartens nicht überwunden einen Splitter im Fersenballen des rech-
hat: „So ein Unrecht. Nein, so ein Un- ten Fußes, der nicht geortet werden
76 1945 erinnern

konnte, da kein Röntgenapparat zur Ver- Abkürzung (vielleicht nur eingebildet)


fügung stand, nebst vielen anderen le- durch Überquerung der Pragerstraße
bensbedrohenden Verletzungen. Ich wog über den Bahnsteg, durch Überquerung
mit 15 Jahren 36 Kilo. Trotz dieser wid- der Brünnerstraße zum Schlingerhof,
rigen Umstände besuchte ich im Schul- weiters durch die Angererstraße Rich-
jahr 1945/46 die erste Klasse der Flo- tung Schule. Dieser Teil Floridsdorfs zwi-
ridsdorfer Handelsschule. Diese war schen Prager- und Brünnerstraße war
nachmittags im Gebäude des Florids- wegen der Lokomotivfabrik, die sich dort
dorfer Gymnasiums in der Franklinstraße befunden hatte, besonders schwer bom-
untergebracht. Wir wohnten in Jedlesee, bardiert worden. Wenn ich diese Schul-
Kammelweg 18 (damals Enzers- weg-Route auf dem Nachhauseweg
dorferweg 18). Es gab keine öffentlichen nahm, musste ich zwischen Ruinen den
Verkehrsmittel, denn die Straßen waren Weg suchen, denn es gab ja keine Stra-
teilweise noch verstopft durch Schutt- ßenbeleuchtung, und nach 18 Uhr war es
berge. Außerdem fehlte es an Straßen- im Winter stockfinster.
bahnwaggons, Oberleitungen, Strom, In der Handelsschule gab es keine
etc. Ganze Straßenzüge bestanden nur Schreibmaschinen. Es hieß, dass die
aus Bombenruinen, besonders im schwer Russen sie erbeutet hätten. (Ich fragte
getroffenen Floridsdorf. mich damals: Wie schreiben die in ihrer
Meinen beschwerlichen täglichen Schul- Schrift auf unseren Schreibmaschinen?)
weg musste ich zu Fuß bewältigen. Von Wir aber sollten maschinschreiben ler-
Jedlesee, meinem Wohnort, nach Do- nen. Da wurde verlautbart, dass wir
naufeld in die Schule benötigte ich eine nach Weihnachten Maschinschreibunter-
Stunde, für den Rückweg ebenso eine richt im 7. Bezirk in der Siebenstern-
Stunde. Unterricht war von 13 bis 18 gasse haben werden. An einem be-
Uhr. Für mich besonders erschwerend stimmten Tag im Jänner 1946 sollten wir
war der Umstand, dass ich mit der linken uns um 8 Uhr früh dort einfinden. Vor
Hand die Schultasche nicht tragen, mich dieser Fahrt in die Stadt hatte ich echt
auf das linke Bein wegen des Steck- „Bauchweh“. In Floridsdorf geboren und
splitters im Knie nicht genügend abstüt- aufgewachsen, hatte ich während des
zen und mit dem rechten Fuß nur mit Krieges nicht oft Gelegenheit, in die Be-
den Zehen auftreten konnte. Zirka ein zirke jenseits der Donau zu kommen. Ich
Jahr lang brauchte dieser Splitter in der kannte mich „drüben“ nicht gut aus. Er-
Fußsohle, bis er von selbst heraus- schwerend aber wog im Jänner 1946 der
eiterte. In diesem ersten Nachkriegs- Umstand, dass die öffentlichen Verkehr-
winter hatte ich nur Halbschuhe, in die smittel nur mangelhaft funktionierten.
ich, was den rechten Fuß betraf, wegen Ich trat also meinen Weg um 6 Uhr Früh
der verbundenen Ferse, nicht ganz hin- an und ging zu Fuß bis Floridsdorf am
einschlüpfen konnte. Spitz (das waren vier Straßenbahn-
Mein Schulweg führte mich entweder stationen). Von dort fuhr der „31er“ bis
über die Pragerstraße, den Floridsdorfer zur Floridsdorfer Brücke. Über die Brü-
Spitz und die Schloßhoferstraße, oder als cke musste man wieder zu Fuß gehen.
1945 erinnern 77

Im Winter 1945/46 führte bereits ein Hedwigs Öhler Erinnerungen an ihren zeitwei-
Holzsteg über den im Wasser liegenden ligen Aufenthalt in einem Wiener Kloster fin-
Brückenbogen. Die Floridsdorfer Brücke den sich im Sammelband: „Beichten. Autobio-
graphische Zeugnisse zur katholischen Buß-
wurde ja in den letzten Kriegs- und
praxis im 20. Jahrhundert“, hg. von Rupert
Kampftagen vom rückflutenden deut- Maria Scheule, „Damit es nicht verloren geht
schen Militär gesprengt. Drüben, in der ...“, Bd. 48, Wien (Böhlau) 2001.
Brigittenau, konnte man wieder mit ei-
nem „31er“ weiterfahren, jedoch nur bis
Wallensteinplatz. Von dort ging ich zu
Fuß die Wallensteinstraße hinauf zur
Stadtbahnstation Friedensbrücke (heute
U 4) und fuhr über Heiligenstadt bis
Burggasse. Oben auf der Straße fuhr die
Straßenbahn. Ich fragte einen Passan-
ten, wie ich in die Siebensterngasse kä-
me. Er sagte kurz und bündig: „Stadt-
wärts“. Ich aber wusste nicht, welche
Richtung damit gemeint sei. Irgendwie
muss mich der Instinkt geleitet haben,
denn ich erreichte pünktlich um 8 Uhr
jenen Maschinschreibsaal in der Sieben-
sterngasse. Von 8 bis 10 Uhr war Unter-
richt. Der Heimweg war ebenso be-
schwerlich und dauerte wieder zwei
Stunden. Um 13 Uhr aber begann der
reguläre Unterricht in der Handelsschule.
Also musste ich mich, kaum daheim an-
gekommen, wieder auf den Schulweg
machen.
Diese Maschinschreib-Tage, einmal pro
Woche, waren sehr kräfteraubend, denn
sie erforderten sechs Stunden Wegzeit,
davon weite Strecken zu Fuß. Erschwe-
rend bei allen Strapazen des Weges
machte sich zusätzlich die mehr als
mangelhafte Bekleidung bemerkbar. Das
Überqueren der Donau auf dem Holzsteg
im Winter 1946 habe ich noch heute in
„eisiger“ Erinnerung!
78 1945 erinnern
1945 erinnern 79

Neue Ordnungen und


Neuorientierungen
80 1945 erinnern
1945 erinnern 81

Hilde KRAULAND erfuhren wir, dass Vergewaltigung von


wurde 1926 in Wien geboren. 1945 lebte sie Frauen von der Kommandantur bestraft
mit ihren Eltern in Hacking am Wiener Stadt- wird.
rand und arbeitete in einer Rüstungsfabrik in
Die beiden waren übrigens sehr darum
Wien-Ottakring.
bemüht, unsere Achtung vor dem Feind
„Wir haben den Humor nie verloren ...“
und das Image der Sowjetarmee durch
Nach der rauen Kampftruppe, war nun gutes Benehmen wiederherzustellen. Sie
eine so genannte Elite-Truppe einge- begegneten auch meinem Vater mit
zogen (die leider nur sehr kurz blieb). So
großem Respekt. Sergej bat mich immer
viele Männer von so ebenmäßiger wieder, ihm am Klavier etwas
Schönheit sah ich weder vorher noch vorzuspielen. Ich hatte mich in ihn
nachher in meinem Leben. Große,
verliebt, und obwohl ich damals schon
schlanke, dunkelhaarige Männer mit sehr gut spielte, hatte ich Hemmungen,
braunen, mandelförmigen Augen, an- ihm vorzuspielen. Meine Mutter, die
geblich aus Georgien stammend. Stalin
improvisieren konnte und nie von Noten
war ja auch Georgier, und der war bei gespielt hatte, sprang für mich ein. Als
Gott nicht schön. (...)
die beiden dann nach einer Woche
Eines Tages hatte die Truppe scheinbar Abschied nahmen, blieb ich allein zurück
wieder gewechselt, und diesmal stand und setzte mich ans Klavier. Ich spielte
ein junger Sergeant, gut aussehend, irgendein Stück von Edward Grieg.
Deutsch sprechend (nur die russischen Meine Mutter erzählte mir nachher, dass
Juden konnten Deutsch sprechen) vor
sowohl der Capitano als auch der
der Tür. Er erklärte uns, dieses Haus sei Sergeant, statt zu gehen, sich plötzlich
für einige Tage unter dem Schutz seines auf den Stufen der Wendeltreppe
Capitanos. Sie beide wollten hier ihr
niederließen, meinem Spiel lauschten
Quartier aufschlagen. Wir sollten für sie und in Tränen ausbrachen, sei es aus
kochen, sie stellten die Lebensmittel Heimweh oder aus Abschiedsschmerz.
(was übrigens lauter amerikanische Le-
Sie versprachen auch, zu veranlassen,
bensmittel waren), und wir durften mit dass das Klavier, das die Russen aus
ihnen essen. Nun muss man sich vorstel-
dem Nachbarhaus verschleppt hatten,
len, dass meine Mutter und ich auf dem
zurückgebracht würde. Die restlichen
kleinen Petroleumofen für fünf Personen Lebensmittel ließen sie uns da, und so
kochen mussten. Ich kann mich nur er-
hatten wir bei äußerster Sparsamkeit für
innern, dass wir unter anderem auch
einige Zeit etwas zu essen.
Gulasch kochten. Wir bereiteten die
Dann kehrte einige Tage Ruhe bei uns
Mahlzeiten für sie wie für gute Freunde
ein. Unser Lager hatten wir auf dem
zu und aßen gemeinsam bei Tisch. Ser-
Dachboden aufgeschlagen, da es da we-
gej, der jüdische Sergeant, übersetzte,
sentlich wärmer war. Wir fühlten uns
um die Konversation zwischen uns und
nach der Einquartierung der Russen ir-
dem Capitano zu ermöglichen. Der Capi-
gendwie sicherer. Auch blieb unser Haus
tano stammte aus Wladiwostok, der
Sergeant aus Odessa. Von den beiden
82 1945 erinnern

einige Zeit von ungebetenen Gästen ver- Dann sind sie selig abgezogen, wie Kin-
schont. der, die man zufriedengestellt hat.“ Wir
Bis wir eines Nachmittags wieder Tumult lachten bei diesen Schilderungen erleich-
an unserer Eingangstür vernahmen. tert auf, und meine Mutter, eine gebore-
Mein Vater war nicht anwesend, es war ne Schauspielerin, ahmte die russischen
jedoch auch besser, wenn er sich als Soldaten nach, wie sie zuerst im streng,
Mann nicht zeigte. Meine Mutter war so- befehlenden Ton „Quartiera, Quartiera!“
fort bereit, die Russen allein zu empfan- ausgerufen hatten und dann bei den
gen. Sie sagte zu mir und der Nachbarin Klängen der Musik zahm dasaßen und
mit den zwei Kindern: „Legt euch auf die lauschten, in ihren Herzen voller weicher
Matratzen und deckt euch zu. Und du, Empfindungen. Wieder einmal war alles
Hilde, mach dich klein unter der Decke, gut gegangen. Übermütig und befreit,
dass man glaubt, du bist auch ein Kind!“ wie wir in diesem Augenblick waren,
Die Nachbarin, die um zirka 13 Jahre löschte ich die mit Kreide geschriebenen
jünger als meine Mutter war, band sich Zeichen auf unserer Hausmauer einfach
ein Kopftuch um. Und so lagen wir dann mit einem nassen Schwamm aus. Wir
mäuschenstill und lauschten zitternd, ob hatten Gott sei Dank in dieser aufregen-
die Russen nicht doch auf die Idee kä- den und bewegten Zeit den Humor nie
men, den Dachboden besichtigen zu wol- verloren und im Laufe der Besatzungs-
len. monate gelernt, wie man russische Sol-
daten behandeln muss.
Da vernahmen wir plötzlich Klavierspiel.
Meine Mutter spielte „Guten Abend, gute
Nacht“ von Brahms, anschließend „Wien, Adele ZELENKA
Wien, nur du allein“, dann einige Wiener wurde 1918 in Wien geboren und verbrachte
Walzer, und dann war es still ... Wir be- ihre Kindheit bei Pflegeeltern am Land, 1945
gannen zu zittern. Aber alles blieb still.
war sie in Wien und hatte dabei auch mit ita-
lienischen Zwangsarbeitern Kontakt. Ihr Ehe-
Plötzlich hörten wir Schritte, die sich
mann war in Kriegsgefangenschaft.
dem Dachboden näherten. Es waren je-
„Scham und Trauer spiegelten
doch keine schweren Schritte von Solda-
sich in meinem Gesicht wider ...“
ten, sondern die Schritte meiner Mutter.
Ich hatte im Februar 1945 die letzten
Und schon rief sie: „Sie sind weg! Es wa-
300 Mark bekommen. Bis September
ren Soldaten, die hier Quartier machen
1945 gab es dann nichts mehr. Ich weiß
wollten. Sie haben mit Kreide etwas auf
nicht mehr, wie ich das alles ertrug. Ein
die Hausmauer bei der Eingangstür ge-
Mensch kann viel aushalten, um zu über-
schrieben und wollten dann das Haus
leben. Außerdem war ich ja eine Mutter
besichtigen. Da habe ich sie ins Wohn-
und hatte die Pflicht, meine Kinder aus
zimmer geführt und habe mich einfach
dieser furchtbaren Zeit heil herauszufüh-
ans Klavier gesetzt und gespielt. Das ließ
ren. Es war nicht nur das, wir hatten
sie vergessen, warum sie eigentlich ge-
auch Glück; aber ich kann verstehen,
kommen sind. Sie hörten zu und haben
dass in dieser Zeit viele Menschen am
immer wieder verlangt, dass ich noch
Leid zerbrachen. (...)
etwas spiele.
1945 erinnern 83

Der Mann einer Nachbarin war in einem unsere Gruppe dem Ziel entgegen, als
Kühlhaus beschäftigt, wo für die Alliier- plötzlich, wie aus dem Boden gewach-
ten Fleisch und Wurst ausgegeben wur- sen, zwei Russen vor uns standen und
de. Täglich brachte er Kleinigkeiten mit, uns stehen bleiben ließen. Als einige
wovon er mir hie und da auch etwas für flüchten wollten, schossen die Russen in
meine Kinder zukommen ließ. Man kann die Luft, so dass wir doch stehen blie-
sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie ben. Versteinert harrten wir der Dinge,
dankbar man damals für jede Kleinigkeit die nun auf uns zukommen sollten. Mit
war. Wir hatten auf unserem Gang eine Angst und klopfendem Herzen wurden
sehr resolute Frau, die sich ein Tuch um wir alle auseinander gerissen. Einige
den Kopf band und lange Kleider anzog – wurden in ein großes Gebäude eingewie-
die Babuschka war fertig. So ging sie sen, in dem früher die SS einquartiert
sich auch vieles organisieren. Auch sie war, und das jetzt von den Russen be-
sah die Not und den Hunger meiner Kin- setzt war. Es war ein Unglück für uns,
der. Oft und oft brachte sie mir einige dass dieses Gebäude gegenüber dem
Lebensmittel, die sie auf der Straße auf- Bäckerladen war.
las. Manchmal begab sie sich auch in Wir wurden eingeteilt, die Räume von
den Weinkeller, um einige Flaschen zu Schutt und Glassplittern zu säubern. Ich
holen, denn die Russen leerten die Wein- war Gott sei Dank mit einem Italiener
flaschen aus und stampften mit ihren unseres Haus zusammen. So fühlte ich
Stiefeln darin herum. Vielen Menschen mich ein wenig geborgen. Nach ein paar
wurden ihre Flaschen angefüllt, viele Stunden Arbeit hatten wir alles sauber.
kamen auch nie mehr zurück. Da dieser Mann ein wenig Russisch
Eines Tages klopfte diese Frau an der sprach, meldeten wir den Russen, dass
Tür und sagte, ich solle meine Kinder zu wir fertig waren und fragten, ob wir nach
meiner Nachbarin geben und mit ihr ge- Hause dürften. Es begann eine lange
hen. Sie habe am Tag vorher ausge- Debatte, doch der Russe sagte immer
kundschaftet, dass es hier in der Nähe wieder: „Njet!“ Dann gingen wir zwei
einen Bäcker gäbe, der täglich ein gan- Stock tiefer über eine Treppe. Überall
zes Brot ausgäbe, aber man müsse sich hörte man Kreischen und Schreien.
einige Stunden anstellen. Dankbar über Wahrscheinlich waren dort Leute gefan-
diese freudige Nachricht, gab ich meine gen.
Kinder zur Nachbarin, nahm meine Ta- Meine Augen gingen hin und her, plötz-
sche, und los ging es. Es waren noch lich erkannte ich das Lokal – es war ein
einige Parteien des Hauses und Auslän- Restaurant, und wir standen in der Kü-
der mit uns aufgebrochen – jeder in der che. Den Italiener sperrte der Russe in
Hoffnung, bald wieder daheim zu sein, eine Kammer ein. Mich nahm er bei der
diesmal mit einem großen Brot. Hand und bedeutete mir, stehen zu blei-
Wir gingen schon eine Weile auf den ben. Allein und verlassen stand ich in
Schienen der Straße, denn Straßenbahn einem tiefen Keller mit einem fremden
fuhr ja keine, als wir schon von weitem Menschen, von dem man nicht wusste,
den Bäckerladen sahen. Ahnungslos ging was er in der nächsten Minute vorhatte.
84 1945 erinnern

Was wird mir geschehen, fragte ich „Hitler für euch gut, sehr gut.“ Diese
mich, werde ich meine Kinder wiederse- Worte sagte er immer wieder. Ich wuss-
hen? Mein Gott, kann sich jemand vor- te nicht, was ich ihm antworten sollte,
stellen, wie schrecklich meine Lage war? um ihn nicht noch mehr zu verärgern.
Kurz dachte ich, wenn mich dieser Über mein Gesicht rannen Tränen,
Mensch umbringt, wie lange wird es schwere Tränen. Ich gab meinem Herzen
dauern, bis mich hier jemand findet, einen Stoß und antwortete mit folgenden
wenn überhaupt? Worten: „Hitler nix gut, Bomben viele,
Es war totenstill. Der Russe war so zirka bum, bum. Alles kaputt.“ Er befahl mir,
25 Jahre alt. Er starrte mich immer wie- einige Meter von ihm wegzugehen, dann
der an, was hatte er nur vor? Ich musste lud er durch. Das Knacksen erschreckte
stehen bleiben und durfte mich nicht mich fürchterlich. Ich spürte schon den
rühren, bis er zurückkam. Steif und Schuss in mein Herz und wie ich leblos
starr, ohne einen Blutstropfen im Ge- hinfallen werde. Noch einmal, dem Tod
sicht, harrte ich der Dinge. Als ich seine schon so nahe, nahm ich alle meine
Schritte wieder hörte, hatte ich nur ei- Kraft zusammen, ich dachte an meine
nen Wunsch: ohnmächtig zu werden und Kinder und an mein junges Leben. Denn
nichts mehr hören und spüren. Er kam, auch ich war erst 26 Jahre alt. Was
band seinen Patronengurt um die Mitte könnte ich diesem Menschen sagen, um
und lud den Revolver, spannte die Waffe ihn von seinem Vorhaben abzubringen?
und war zum Abschuss bereit. Wir waren Unter Schluchzen, Schreck und Angst
zirka fünf Meter voneinander entfernt. sagte ich Folgendes: „Ich Mutter, drei-
Der Atem stockte mir, und ich glaubte, fach.“ Und ich zeigte mit meinen Fin-
dass mir vor Schreck das Herz aussetzen gern, wie groß meine Kinder waren.
würde. Aber nichts geschah. Dann war Stille. Nach einer Weile sagte
Ich stand versteinert, den Blick auf den er: „Du Mutter, Kinder?“ Ich schöpfte
Mann und den Revolver gerichtet. Mein aus seinen Worten Hoffnung und warte-
Verstand sagte mir, er möge doch schie- te, was nun geschehen würde. Er fragte
ßen, damit alles vorbei wäre. Lange ge- immer wieder dasselbe, und ich antwor-
schah nichts. Er starrte mich nur hasser- tete immer wieder dasselbe. So verging
füllt an. Ich dache, vielleicht hat er eine lange Zeit – eine Ewigkeit! Auf ein-
durch unsere Soldaten einen lieben Men- mal steckte er seinen Revolver ein und
schen verloren und will sich nun rächen. bedeutete mir, wieder mitzukommen.
Ich dachte an meinen Mann, der ja auch Wir gingen in ein anderes Zimmer, und
im Einsatz war, an meine Kinder, die bei er befahl mir, mich hinzulegen. Was nun
der Nachbarin waren und heute auf ein geschehen würde, ahnte ich wohl. Aber
größeres Stück Brot warteten. Werde ich was konnte noch Schrecklicheres kom-
ihnen noch Brot bringen können? Werde men als bisher? Alles wollte ich tun, um
ich sie vielleicht nie wiedersehen? vielleicht doch noch meine Kinder zu se-
hen. Es kam alles, wie ich es geahnt hat-
Es war eine Ewigkeit vergangen. Nun
te. Er vergewaltigte mich. Es war furcht-
fing der Russe zu reden an. Er meinte:
1945 erinnern 85

bar. Ich war erfüllt von Angst und mir etwas für meine Kinder mit. Auch
Schrecken. der Mann, den der Russe damals einge-
Als alles vorbei, nahm er mich bei der sperrt hatte. Auch er war glücklich, wie-
Hand, führte mich zu der Tür, hinter der der frei zu sein. Ich schloss diesen Mann
der Italiener eingeschlossen war, öffnete ins Herz, der mit mir diese schrecklichen
sie und sagte: „Du Papa mit Mama nach Stunden mitgemacht hatte. Nie wurde er
Hause.“ Ich senkte den Kopf vor diesem müde, mir immer wieder zu sagen, dass
Mann, der auch ahnte, was mit mir ge- an meiner Ehre nichts geschehen sei und
schehen war. Scham und Trauer spiegel- ich jedem mit erhobenem Blick in die
ten sich in meinem Gesicht wider. Als Augen sehen könne.
wir auf der Straße waren, richtete er Eines Tages lag gerade dieser Mann im
immer wieder mein Gesicht auf, strei- Luftschutzkeller mit schwerer Grippe in-
chelte mich, sagte liebe Worte und mitten seiner Kameraden. Arzt gab es
meinte, dass ich nichts dafür könne für keinen, und so bot ich ihm ein Bett in
das, was geschehen war. Meine Tränen meiner Wohnung an. Ich pflegte ihn drei
flossen unaufhörlich, ich weiß nicht Wochen, und dann war er wieder ge-
mehr, ob aus Scham oder aus Glückse- sund. Seine Kameraden besuchten ihn
ligkeit, dass ich alles überstanden hatte. und dankten mir für die Pflege ihres
Brot hatte ich keines, als ich nach Hause Freundes. Sie mussten wahrscheinlich
kam, aber meine Kinder hatten ihre Mut- schon bald in die Heimat. Durch unser
ter wieder und ich meine Kinder. schreckliches Erlebnis und durch seine
Mit Grauen erzählte ich alles meiner schwere Krankheit verband mich mit
Nachbarin, die mir gleich eine Spülung diesem Menschen sehr viel. Ich weiß
machte, um einer Krankheit vorzubeu- nicht, ob es Dankbarkeit oder Liebe zu
gen. Später ging ich in die Klinik: zur ihm war. Eines Tages vergaßen wir uns
Untersuchung wegen einer Schwanger- und vereinigten uns. Es war keine Lei-
schaft oder einer Krankheit. Hunderte denschaft, es war ein stilles Vereinen. Es
Frauen kamen damals von nah und fern passierte noch einige Male, bis sie ab-
in die Kliniken. (...) Gott sei Dank blieb reisten. (...)
bei mir nichts zurück, und ich dankte Eines Tages kam mein Mann zurück. Als
Gott, dass ich so heil davongekommen er die Tür aufmachte und wir uns gege-
war. nüberstanden, wusste er schon, dass
Wochenlang verfolgte mich dieses etwas passiert war. Er erkannte sofort,
schreckliche Erlebnis in meinen Träu- dass ich ihn nicht so empfing, wie er sich
men. Schön langsam und mit Hilfe der verdient hätte bei seinem Heimkommen.
Leute in unserem Haus erhob ich wieder Er begrüßte die Kinder, dann zogen wir
meinen Kopf und war glücklich, wieder uns in das Wohnzimmer zurück, wo ich
bei meinen Kindern zu sein. Ich ging nie ihm alles, was geschehen war, gestand.
mehr auf die Straße, bis alles wieder Was mit dem Russen passiert sei, wäre
geregelt war. Die Ausländer gingen wie eine Naturkatastrophe zu werten, da
tagsüber wieder weg, und jeder brachte könne man nichts machen. So etwas
könnte man nicht verhindern. Aber was
86 1945 erinnern

ich dann getan hätte, sei unverzeihlich. rücksichtslos um fünf Uhr früh, und wir
Er sagte nur, dass ich Glück hätte, dass beginnen das Hofzimmer auszureiben.
er seine Pistole bei der Entlassung abge- Es ist ein hartes Stück Arbeit, aber das
ben habe müssen, sonst hätte er mich Ergebnis ist zufrieden stellend. Der Bo-
getötet. Ich nahm alles hin und ließ die den ist zwar nicht hellblond, aber hell-
Zukunft auf mich zukommen. Abends, grau geworden. Um halb acht Uhr muss
als die Kinder schliefen, gingen auch wir ich mich fürs Büro fertig machen, und
zu Bett; er löschte das Licht aus und Rudi arbeitet allein weiter. Zum Mittag-
kam zu mir. Ich hatte das Gefühl, ein essen treffen wir uns bei Mama, die ei-
zweites Mal vergewaltigt worden zu sein. nen Kohlenofen und als Einzige Zeit zum
Ich verstand, dass mein Mann in seiner Kochen hat. Sofort danach starten wir
Ehre gekränkt war. Aber hatte ich nicht wieder zu uns hinüber und richten den
auch Furchtbares erlebt? (...) Ich wuss- Raum als Schlafzimmer ein. Ich reibe
te, dass nach dieser Offenbarung eine dann noch das leer gewordene andere
schwere Zeit für mich anbrechen würde. Zimmer aus, und wir stellen auch hier
Adele Zelenkas Erinnerungen an ihre Kindheit den Friedenszustand wieder her.
bei Pflegeeltern sind veröffentlicht in den Am anderen Tag, es ist Sonntag, weckt
Sammelband: „Ziehkinder“, hg. von Eva Ziss; mich Rudi wieder um fünf Uhr – Hilfe,
„Damit es nicht verlorengeht ...“, Bd. 28, Wien
ich habe einen Frühaufsteher geheiratet!
(Böhlau) 1994.
Zum Frühstück gab es mangels Koch-
möglichkeit nur trockenes Brot und lau-
Adolfine SCHUMANN
en Kaffee aus der Thermosflasche. Keine
wurde 1916 in Wien geboren und wuchs in
Bedienerin würde zu diesen Konditionen
einer kinderreichen Familie auf. Sie absolvier-
te eine Verkäuferinnenlehre und arbeitete spä- arbeiten. Um sechs Uhr fangen wir an,
ter als Sekretärin; während des Zweiten Welt- die Böden einzulassen. Gemeinsam ar-
kriegs war sie als Angestellte eines deutschen beiten wir bis zehn Uhr, dann sind wir
Unternehmens in verschiedenen europäischen müde. Ich habe einen solchen Muskelka-
Großstädten tätig. 1940 heiratete sie ihren ter, dass ich das Brot nicht schneiden
Partner Rudi, kurz nach seiner Einberufung
kann, und meine Knie sind wund. Da ich
zum Kriegsdienst. Im August 1945 kehrte die-
ser als lang gedienter Wehrmachtssoldat nach nun abends nie mehr Zeit zum Lesen
Wien zurück. habe, wollte ich um sechs Uhr früh in
Bismarcks Briefen schmökern. Da kam
„Was kann man von einem gelernten Unter-
offizier anderes erwarten? ...“ ich aber bei Rudi an den Unrichtigen. Er
Rudi ist entsetzt, in welch verdrecktem kommandierte mich barsch zur Arbeit.
Zustande sich unsere Wohnung befindet Seit ich einen Militärmann im Haus habe,
und macht mir Vorwürfe. Er vergisst, geht es in einem anderen Ton. Individu-
dass erst seit wenigen Tagen das Wasser elle Eigenheiten oder Sonderwünsche
aus der Leitung fließt. Da wir noch im- können beim Kommiss nicht geduldet
mer ohne Strom und Gas sind, gibt es werden. Was kann man schon von einem
auch kein Warmwasser. Beim Militär hat gelernten Unteroffizier anderes erwar-
er gelernt, dass es auch mit kaltem ten? Gut, dass er nicht liest, was ich
Wasser und Soda geht. Er weckt mich schreibe, sonst würde er den Unteroffi-
1945 erinnern 87

zier beanstanden, wo er doch schon O- schon eine Schwerarbeit. Was kocht man
berfeldwebel ist bzw. war. Die sind wo- ohne Zutaten? Gestern haben wir das
möglich noch ärger! Nur weil sich schon erste Mal seit vier Monaten pro Kopf ein
das Ende absehen lässt, füge ich mich halbes Kilogramm Kartoffeln erhalten.
seufzend darein und bin dann stolz auf Die neuen Lebensmittelkarten sollen nur
das Geleistete. auf „Abruf“ sein. (...)
Wieder einmal denke ich daran, das Ta- Finanzkrise im Hause Schumann. Seit
gebuchschreiben einzustellen. Die „gro- ich monatlich nur mehr zweihundert
ßen Zeiten“ sind ja vorbei. Bald aber fin- Schilling verdiene, geht es sich nicht
de ich, dass die „kleinen Zeiten“ nicht recht aus. Rudi hat keine Ahnung, was
minder spannend sind. Außerdem soll es das Leben kostet. Weil ich alle Auslagen
unser Ehebuch werden, denn damit wird bestreite – für Wäscherei, Gas, Kauf-
es nun ganz ernst. Hat bisher unsere mann, Zeitungsabonnement etc. – und
Ehe nur aus kurzen Zwischenspielen in sich dadurch das Geld bei ihm länger
fremden Orten und Quartieren bestan- hält, glaubt er, ich verwüste es. Er hält
den, so sollte dies nun ganz anders wer- mir immer Vorträge über praktische
den. Was wir uns immer gewünscht hat- Geldgebarung. Ab jetzt will ich ein Aus-
ten, war da. Eine unendliche Reihe vom gabenbuch führen und ihn einmal zahlen
Glück des Beisammenseins besonnter lassen, dann wird er mich vielleicht nicht
Tage lag vor uns. Jetzt schreibe ich für mehr damit plagen, dass ich den Beruf
unsere Nahkommen. Ich merke schon, aufgeben soll. Solange ich ihn kenne, ist
auch dies ist ein Vorwand. Ich schreibe er nicht einmal mit Theaterkarten heim-
Tagebuch für mich, man soll sich nichts gekommen. Überraschungen gibt es bei
vormachen! (...) ihm keine. Nie fällt ihm etwas ein, was
Wenn Rudi ständig hier ist, muss sich Mama oder mir eine Freude machen
auch bei mir eine Änderung ergeben. Ich könnte. Vor jedem Festtag muss man
habe die Absicht, bald nur mehr halbta- ihn wochenlang vorher treten: „Du,
geweise zu arbeiten. Ein kompletter nächste Woche habe ich Geburtstag“.
Haushalt mit Kochen erfordert mehr Zeit Bei den heutigen Zeiten finde ich Sparen
als mir zur Verfügung steht, besonders einen blanken Unsinn. Es geht sowieso
unter den gegenwärtigen erschwerten alles für die Lebenshaltungskosten drauf.
Bedingungen der Lebensmittelbe- Der einzige Punkt, wo man sparen könn-
schaffung. Wir haben weder Licht noch te, wäre im Kulturbudget. Aber soll man
Gas oder Petroleum, sind also gezwun- nie ins Theater gehen? Wozu ist man
gen, uns um sieben Uhr abends ins Bett jung? Was für ein Leben ist das, wenn
zu legen. Bis dahin sind wir aber auch man sich nicht ab und zu ein Buch kau-
reif dafür. Das Leben ist ein Kampf, der fen könnte? Ausgelöst wurde der Krach
einen vollkommen in Anspruch nimmt – diesmal damit, dass ich mir unlängst
und vielleicht ist das gut so. Man kann eine bunt bemalte Holzspanschachtel für
nur für einen Tag vorausdenken, darüber 20 Schilling gekauft habe. Dieser Kauf
hinaus erübrigen sich alle Spekulationen. hat ihn vom ersten Augenblick an er-
Allein den Speisezettel zu machen, ist grimmt, weil man davon nicht abbeißen
88 1945 erinnern

kann. Dabei ist sie so hübsch, mit der gesehnt. Alles, was man dann unter-
Stephanskirche drauf, die „Maria am Ge- nommen hat, trug den Stempel des Au-
stade“, das Rathaus, die Votivkirche – ßergewöhnlichen. Man konnte es tun,
alles unversehrt. Ich wollte meinen spär- während die anderen arbeiten mussten –
lichen Schmuck hineintun. Die Schachtel darin lag das Vergnügen. Mama war mit
bringt er mir täglich aufs Tapet, so dass ihrem Los doch auch zufrieden.
mir die Freude schon gründlich vergan- Jetzt sitze ich ohne Geld auf dem Tro-
gen ist. Heute wurde mir die Meckerei zu ckenen, wie im luftleeren Raum. Aller
viel, so dass ich die Schachtel verheizen Anfang ist eben schwer. Wie lange so ein
wollte, damit Schluss mit den Debatten Tag wird! Ich warte ungeduldig, bis Rudi
ist. Da ist er in Wut geraten und hat nach Hause kommt, mein Reporter mit
mich geschlagen und gewürgt. Tief be- der Außenwelt. Sobald er die Türe öff-
leidigt bin ich ins Bett gestiegen und ha- net, überfalle ich ihn wie eine Gelse,
be nicht mehr gesprochen. Dann musste schwirre um ihn herum und zirpe. Er
ich mir allerdings auch allein die Füße lässt meine Zärtlichkeitsausbrüche pas-
wärmen. (...) siv über sich ergehen, nur wenn sie zu
Am 1. März hat ein neuer Abschnitt in lange dauern, wird er rabiat. Er jagt
meinem Leben begonnen: Ich habe den mich in die Küche, denn Hunger hat er
Beruf an den Nagel gehängt und will ab immer. Vor und nach dem Essen liest er
jetzt nur noch Hausfrau sein. Eigentlich die Zeitung, um neun Uhr legt er sich
wollte ich nicht, denn die Hauswirtschaft nieder und schnarcht sofort. Wie man
war nie mein Hobby gewesen. Alles sieht: ein amüsanter Mann! Reporter ist
kommt mir so merkwürdig vor. Ich fühle an ihm keiner verloren gegangen, er
mich wie eine jugendliche Rentnerin. Um sieht nichts und hört nur seinen Magen
die so genannten Vorteile restlos auszu- knurren.
nutzen, bleibe ich bis elf Uhr im Bett lie- Teile der umfangreichen Lebenserinnerungen
gen. Alles, was ich davon habe, sind und Tagebuchaufzeichnungen Adolfine Schu-
Kopfschmerzen. Dann beginne ich lustlos manns wurden in dem Sammelband „Geboren
aufzuräumen, eine Tätigkeit, die ich in 1916“, hg. von Gert Dressel u. Günter Müller;
der letzten Zeit im Hinblick auf die reich-
„Damit es nicht verlorengeht ...“, Bd. 38, Wien
(Böhlau) 1996.
liche Freizeit für später aufgeschoben
habe. Ich sehe sofort und deutlich: So
geht das nicht, man muss sich einen ge-
nauen Zeitplan aufstellen: mit Haus-
haltsstunde, Flicken, Lesen, Sprachen,
Stenographieren (wozu noch?). Vormit-
tag werde ich in die Stadt gehen, um
Freundinnen zu besuchen, mich benei-
den lassen. Wie ich sehe, überwiegen
auf dem Zettel die Vergnügungen, trotz-
dem macht es keinen Spaß. Wie hatte
ich mich früher nach einem freien Tag
1945 erinnern 89

Maria PARIZEK und ich würde es nicht bereuen! Man


wurde 1921 in Sommerein (Niederösterreich) bekäme dort alles, was das Herz be-
geboren. Als junge Erwachsene pendelte sie gehrt, und man mache ihr eine Freude
meist zwischen Mannersdorf und Wien hin und mit einer Zusage. Ein paar schwere
her. Noch während des Krieges verlobte sie Seufzer, dann sagte ich zu! So begann
sich mit einem Soldaten. 1945 arbeitete sie in
es!
Wien in einer Trafik.
Otto Müller war sein Name. Der Klub be-
„Nach ein paar Drinks würden wir
etwas lockerer werden ...“ fand sich im 6. Bezirk in der von Ameri-
Ich hatte einige Schulfreundinnen, die kanern beanspruchten Zone. Wien war
keinen Freund hatten oder wollten, was damals in vier Zonen eingeteilt! Als wir
weiß ich. Aber ich wusste, dass ich an- dort ankamen, war ich noch sehr befan-
ders war, und darüber freute ich mich gen, denn so etwas hatten wir noch
sehr. Eine mir ins Auge fallende Erschei- nicht gesehen. Alles tanzte wie die Ver-
nung, ein Mann, einige Jahre älter, fiel rückten; die Amis brachten den Rock’n
mir gleich am ersten Tag auf. Die Art, Roll zu uns. Die Musik spielte laut und
wie er sich gab, seine Manieren beein- dies bei gedämpften Licht. Susi hatte
druckten mich sehr. Er stellte es immer einen braunen Typ, denn es waren auch
so an, dass er einige Kunden vorließ, sehr viele Afrikaner anwesend. Dieser
sich eine Zigarette anzündete, um sein hatte uns schon an einem reservierten
Bleiben ausdehnen zu können. Nun gut, Tisch erwartet, und er lachte mit seinen
dachte ich bei mir, Kunde ist Kunde, bis weißen Zähnen. Ein Händedruck wie von
ich merkte, was er damit bezweckte: Er einem Boxer und doch sehr gewinnend.
bat mich um ein Rendezvous. Zuerst dachte ich mir, was fängst du mit
so einem Burschen an? Als er plötzlich in
Ich lehnte diese Bitte mit der Entgeg-
deutscher Sprache sagte, wir sollten uns
nung ab, ich sei verlobt! Auch wäre mir
setzen, war ich erleichtert und hoffte,
nach einer Unterhaltung nicht zumute,
dass er mein Zaudern nicht bemerkt ha-
was natürlich nur als eine Ausrede galt,
ben würde. Aber bei Licht? Bald meinte
denn ich hatte vor mir selbst Angst. Ich
er, nach ein paar Drinks würden wir et-
war 24 Jahre, ein junger Mensch, aber er
was lockerer werden (Recht hatte er).
fragte jeden Tag, und ich sagte zu mir:
Und bald darauf tanzten sie wie ver-
„Du musst Kraft haben, dem zu entsa-
rückt, er schwang sie wie eine Puppe
gen!“ Schrieb an Heinz, erhielt keine
herum.
Antwort, trotzdem wollte ich vernünftig
oder auch anständig bleiben – sei es wie Währenddessen benützte Otto die Gele-
es sei. genheit mir die Hand zu küssen und sag-
te: „Ein Danke für dein Kommen!“ Wir
Eines Abends stand er mit seiner Cousi-
prosteten uns zu ... „der Kuss wird
ne Susi im Geschäft und lud mich zu ei-
nachgeholt“, was mir ein Lächeln ent-
ner Party ein. Sie war eine fesche Blon-
lockte. Als die beiden Tänzer zurückka-
dine und erklärte, es sei ein amerikani-
men, waren wir schon etwas gelöster,
scher Klub, denn sie hätten einen Ameri-
lockerer. Susi erklärte darauf: „Hier gibt
kaner als Freund, der sie sehr verwöhnt,
es keine Hemmungen, jeder will den
90 1945 erinnern

Krieg vergessen!“ Einige tranken mehr, leid tun würde. Aber es heißt doch so
als ihnen gut tat; sie wollten das Heim- schön, die Strafe folgt auf dem Fuße!
weh damit hinunterspülen. Keiner durfte Unsere Liebe blieb nicht ohne Folgen! So
sich daneben benehmen. Denn wir hat- werden wir eben heiraten! Otto musste
ten dort Polizeischutz, es war die so ge- mehrmals ins Rathaus wegen seiner Pa-
nannte MP (Militärpolizei), schwer be- piere. Ich war ein ahnungsloser Engel!
waffnet. Am 8. Dezember 1946 kam er mehrmals
Auf die Frage von Otto, ob ich tanzen ins Geschäft. Da ich aber sehr viele Kun-
wolle, erklärte ich: „Nicht hier, da falle den hatte, kam zwischen uns kein Ge-
ich auf.“ Alle Damen waren modisch ge- spräch zustande. Er kam und ging und
kleidet und sehr geschminkt. Ich war mir dies öfter. Mittags, es läuteten gerade
da nicht so sicher, aber bei einem lang- die Glocken, kam er wieder. Endlich
samen Tanz werde ich auch tanzen. Als- konnten wir reden. Fragte ihn sogleich,
dann spielten sie einen English Walz. Die wieso er nicht im Geschäft sei? Er würde
ersten Takte etwas unsicher, aber dann mir dies am Abend erklären. Unwillkür-
konnten wir zeigen, was wir konnten. lich musste ich lächeln, aber er war
Otto war ein guter Tänzer und führte schon wieder bei der Tür hinaus. Doch
ausgezeichnet. Ich fragte, ob er einen plötzlich hatte ich ein ungutes Gefühl,
Tanzkurs besucht hätte. Als Susi dies dass irgendetwas passieren würde. Ich
hörte, lachte sie. Er hätte erst ihr das muss zu ihm! Mit diesem Gedanken be-
Tanzen beigebracht, dadurch habe er diente ich fortwährend die eintretenden
Übung darin. Ich ließ mich führen und Kunden. In diesem Moment, als es etwas
verführen! ruhiger wurde, sperrte ich ab, lief zu der
Es war schon Morgen, als wir lachend Wohnung seiner Tante, nur gefühlsmä-
nach Hause gingen, manchmal stehen ßig! Fragte, wo Otto sei? Ob ich es noch
blieben und das taten, was Verliebte tun. nicht wüsste? Er sei zu seiner Frau nach
Ich glaubte, alles nachholen zu müssen, Deutschland gefahren, mit dem Zug um
was ich in den letzten drei Jahren ver- 13.20 Uhr. Aber das schaffe ich nicht
säumt hatte. Und so glaubten wir, wie so mehr. Dabei hätte ich ihn so gerne ge-
viele auch, wir seien die glücklichsten fragt, warum er nicht die Wahrheit ge-
Menschen. Wir gingen jeden Tag aus, es sagt hatte? Warum nur? Ich ging grußlos
war eine herrliche Zeit, nur manchmal weg und dachte: „Warum haben alle ge-
drückte mich mein Gewissen, wenn ich schwiegen, warum nicht darüber gespro-
an Heinz dachte. Was sollte ich machen? chen?“
Wir waren zwei Monate befreundet, je-
den Tag beisammen! (...)
Wir schmiedeten Heiratspläne ...! Die
Verlobung mit Heinz hatte ich schon im
Sommer gelöst. Fragte nicht, wie es dem
Menschen zumute war! Mir kamen nicht
einmal Gedanken darüber, dass es mir
1945 erinnern 91

Gertrud JAGOB Über Lautsprecher wurde bekannt gege-


wurde 1930 in Wien geboren, sie lebte mit ben, wo sich der Zug befand. Es dauerte
Mutter und Großeltern in einer Wohnung im sehr, sehr lange, denn in jeder Halte-
16. Gemeindebezirk (Ottakring). 1947 kehrte stelle standen Helfer vom Roten Kreuz
ihr Vater aus der sowjetischen Kriegs- bereit, um jenen beizustehen, die den
gefangenschaft zurück.
Strapazen nicht mehr gewachsen waren.
„Eine Spirale gegenseitigen Strapazen sowohl körperlicher als auch
Nichtverstehens ...“
seelischer Natur. Doch vor allem ging es
Nun kamen auch immer mehr Kriegsge-
um die Verpflegung; heiße Suppe wurde
fangene aus Russland zurück. Im Radio
den ausgemergelten Figuren an den
wurden, sobald bekannt wurde, dass ein
Fenstern hinaufgereicht, an der nächsten
Heimkehrertransport unterwegs war,
Station wohl Tee und Brot.
über das Rote Kreuz die Namen der
Es hieß, der Zug sei soeben in Wiener
Glücklichen durchgegeben. Tag und
Neustadt eingefahren, dann in Baden,
Nacht blieb das Radio eingeschaltet, um
dann blieb er lange in Vösendorf stehen.
nur ja nicht die heiß ersehnte Nachricht
Wie wir später erfuhren, war dorthin
zu verpassen. Anfang Dezember 1947
Tante Antschi ihrem Bruder entgegenge-
dann, genau zu Krampus, hörten auch
kommen und hatte ihm ebenfalls Brot
wir aus dem Lautsprecher die schon
gebracht. Brot – einfach Brot, auf das
längst erwarteten zwei Worte: Karl Si-
man selber verzichtete, war im Winter
kirz. Diesmal also war unser Papa dabei!
1947 noch immer ein Ausdruck besonde-
Der Zug würde heute noch am Wiener
rer Zuneigung und Liebe. Überall wurden
Südbahnhof eintreffen! Die Nachricht
die Männer mit einer Musikkapelle emp-
machte rasch die Runde in der oberen
fangen, die Bürgermeister hielten Reden,
Reinhartgasse, und während Mama und
und die russischen Befreier überwachten
ich uns auf den Weg zum Südbahnhof
alles, gehörte doch der ganze Osten un-
machten, bereitete das 36er-Haus den
serer Heimat bis zur Enns zum Macht-
Empfang vor. Mein Vater war ja allen
und Besatzungsbereich der Russen, nur
bestens bekannt. Egal ob schwere Las-
Wien war viergeteilt – als Insel mitten-
ten zu transportieren waren, ein Kurz-
drin. Dann hörten wir von ferne den Zug
schluss zu beheben oder etwas anzu-
heran pfauchen, die Dampflok zog
schrauben war – jedermann hatte all die
schwer an den vielen Waggons, die
Jahre vor und während des Krieges für
schier kein Ende nehmen wollten. Wie-
alle Arten von Hilfeleistung entweder
der Begrüßungsworte, Sanitäter und
meinen Vater oder Großvater geholt hat-
Krankenschwestern standen mit Bahren
te. Und beide waren immer gekommen.
am Bahnsteig bereit.
Es war ja fast ein kleines Dorf gewesen,
unser zerschundenes, zerbombtes, In der großen Bahnhofshalle – bzw.
nichts sagendes, kleines Grätzl. dem, was davon übrig geblieben war –
war aus Tischen und Seilen eine Art Kor-
Am Südbahnhof staute sich eine riesige
don errichtet worden, durch den die An-
Menschenmenge, meist Angehörige der
kömmlinge durchgehen mussten, Entlas-
Heimkehrenden, aber auch Adabeis.
sungspapiere ausgehändigt bekamen,
92 1945 erinnern

etliche Stempel wurden beim letzten tierte, mühsam sich stützend auf vor-
Tisch hineingedrückt, und erst dann sintflutliche Holzkrücken oder gestützt
konnten sie sich umsehen und ihre neu von hilfreichen Händen. Immer wieder
gewonnene Freiheit zu begreifen versu- musste ein kaum noch als lebendiger
chen. Es war eine unvorstellbare Zer- Mensch zu erkennender geführt werden,
reißprobe für uns, die wir hier standen Totenschädeln gleichende Gesichter
und nicht wussten, in welchem Zustand suchten mit blickleeren Augenhöhlen in
wir unsere Lieben vorfinden würden. der wogenden Menschenmenge nach
Der Zug der vorbeikommenden Männer Halt.
drückte so vieles aus; Müdigkeit vor al- Erst dann kamen die vielen, die noch
lem, aber auch demütiges Einordnen ins ohne Hilfe gehen konnten. Ein Aufatmen
Unvermeidliche. Schlurfenden Schrittes ging reihum bei jenen Wartenden, deren
kamen sie heran, mit stumpfen Blicken. Männer erst jetzt kamen: „Gott sei
Noch stand die Soldateska mit Gewehren Dank“, empfand jede Frau, Mutter,
in den Händen rundum, und sie hatten Schwester und Tochter, „er ist bei den
gelernt, sich beim Anblick harter Ge- ‚Besseren’ dabei.“ Ich ertrug die Span-
wehrkolben zu fügen und zu parieren. nung kaum noch – ach, ich kann mich so
Es spielten sich Szenen ab, die man gut daran erinnern! Mir war brennheiß
nicht schildern kann. Spitze Erken- und zugleich eiskalt, es schüttelte mich,
nungsschreie ertönten da und dort, und ich war wie von Sinnen, jeden Mo-
Schluchzen und Gejammer, sich über- ment sollte ich nun meinen so sehr ver-
schlagende Stimmen riefen immer wie- missten, geliebten Vater wiederbekom-
der denselben Namen. Etliche Frauen men! Und da, da kam eine müde, ge-
standen entlang des Spaliers mit Fotos beugte Gestalt angeschlurft, an der der
von vermissten Familienangehörigen. alte Uniformmantel wie an einem Klei-
Aufkaschierte, große Fotos mit der Auf- derbügel hing – war er das wirklich?
schrift „Wer kennt ihn?“ oder „Wer weiß Ja, das musste er sein! Ein unkontrollier-
was von ihm?“ darunter; auf langen ter Schrei entrang sich meinem gepei-
Stangen befestigt, ragten solche auffal- nigten Inneren. Nicht mehr Herr meines
lend aus der Menge hervor. Rotkreuz- Tuns stürmte ich vorwärts, alles und je-
Schwestern rannten hin und her, denn den beiseite stoßend und schrie und
auch so manche wartende Frau brach schrie und schrie: „Papa, Papa!“ – im-
angesichts des nun langsam näher merfort dasselbe. Eine Stimme neben
kommenden traurigen Konvois zusam- mir sagte: „Machts Platz, die Frau hat an
men. Mama lehnte völlig gebrochen hin- Angehörigen g’sehn!“ Ich durchbrach wie
ter einer der großen Säulen und wim- eine Furie die Absperrung und den Mili-
merte leise vor sich hin. tärkordon – und dann hing ich an sei-
Zuerst kamen etliche Tragbahren an uns nem Hals und schluchzte und streichelte
vorbei, auf denen das lag, was Krieg und sein knochiges Gesicht. Ich wich ihm
Gefangenschaft aus Lebewesen gemacht nicht mehr von der Seite. Dann kam
hatten. Dahinter erschienen Beinampu- Mama hinter der Säule hervor, und ihn
stützend, rechts Mama, ich links, so
1945 erinnern 93

brachten wir ihn zur Straßenbahnhal- auch das ging nicht: 60 Schilling monat-
testelle des 118er, der damals noch vom liches Schulgeld und alle Augenblicke
Südbahnhof bis zur Josefstädterstraße Nähmaterial? Kommt ebenfalls nicht in
über den Gürtel fuhr. Der Kreis war ge- Frage. Wohnen und essen hätte ich ge-
schlossen: Hier bei der Stadtbahnhalte- rade noch umsonst zu Hause können,
stelle Josefstädterstraße hatten wir vor aber nicht mehr. Aus mein Traum von
Jahren einen Mann in der Blüte seiner einem selbständigen Beruf.
Jahre von uns gehen lassen müssen, An meinen aller ersten Berufswunsch,
nun kam er als körperliches Wrack mit den ich als Sieben- oder Achtjährige hat-
irreparablen seelischen Schäden zurück; te, als ich durch meinen Vater mit dem
Verständnis für seine Lage erhoffend, Wunder Radio konfrontiert wurde und
ausgehungert nach Liebe und Nahrung. mich die Stimmen, die daraus erklangen,
Doch wer war für uns da, an den wir uns faszinierten, wagte ich tatsächlich nicht
lehnen konnten, um endlich, endlich einmal mehr zu denken. Was hätte ich
auszuruhen, und um die vielen Ängste erst zu hören bekommen, wenn ich mich
und Schrecken der letzten Jahre zu ver- getraut hätte, vorzuschlagen, in die
gessen? Eine Spirale gegenseitigen Schauspielschule zu gehen, um Radio-
Nichtverstehens (und das Unvermögen sprecherin zu werden? Alles, was ich nun
mit dem eigenen Ego zurecht zu kom- hörte, war: „Schau, dass du was ver-
men), begann sich zu drehen, die erst dienst und dich erhalten kannst. Jetzt
mit seinem Tode zum Stillstand kam. will ich endlich auch leben! Die schöns-
Ganz langsam fand er den Weg zurück in ten Jahre meines Lebens haben sie mir
die relative Freiheit. Doch je besser es gestohlen, jetzt komm’ ich dran!“ So,
ihm gesundheitlich ging, desto schwieri- jetzt war es heraus. Und wie war das
ger wurde mein Verhältnis zu ihm. Ich dann eigentlich mit dem oft zitierten
war wohl auch zu unerfahren und dach- Ausspruch: Mein Kind soll es einmal
te, jetzt ist er da und nimmt wieder die leichter haben!? Immerhin hatten sowohl
Geschicke der Familie in die Hand. Ich mein Vater als auch meine Mutter eine
konnte und wollte nicht verstehen, dass abgeschlossene Berufsausbildung erhal-
er nun ausschließlich an sich dachte. ten, mir aber verweigerte man diese.
Als ich endgültig wusste, dass ich keine Was konnte schließlich ich dafür, dass er
Chance hatte, eine Ausbildung als Kin- so lange in Gefangenschaft war? War ich
dergärtnerin zu bekommen, musste ich schuld, dass ich zuerst ein Jahr, dann ein
mich für einen anderen Weg entschei- Monat zu jung war, um ins Seminar auf-
den. Ich wollte in die Modeschule Het- genommen zu werden? Effektiv schuld
zendorf: Das kam überhaupt nicht in war ich aber an allen kleinen und großen
Frage. Also wollte ich wenigstens eine Misslichkeiten in unserem Haushalt. War
dreijährige Fachschule für Schneiderin- etwas zerbrochen, hatte ich dies verur-
nen besuchen, die mit einem Abschluss sacht; gab es kein Brot, hatte ich ver-
als Meisterin endete. Ich hätte Schulgeld gessen eines zu kaufen; war nicht aufge-
zahlen und für die benötigten Stoffe und räumt, war ich zu faul dazu gewesen.
Zubehöre aufkommen müssen. Nein, Ich konnte auf keine wie immer geartete
94 1945 erinnern

Unterstützung von Seiten meiner Eltern es uns noch an vielem, materielle Güter
rechnen. Ach, wenn doch Opa noch da und auch die Nahrungsmittel waren
wäre! schwer zu bekommen, zumindest was
Oma ging es auch immer schlechter. Ich das Zusätzliche bedarf. Um im Schleich-
war mit kaum 18 Jahren vollkommen auf handel etwas zu kaufen, fehlte uns das
mich alleine gestellt, wurde dazu an- Geld, das Äußerste, das wir hin und wie-
gehalten, Geld zu verdienen, womöglich der erstanden, war schwarzes Mehl. Un-
Kostgeld beizusteuern, und im Übrigen sere Nahrung bestand ohnedies zum
hatte ich spätestens um 22 Uhr zu Hau- größten Teil aus Mehl und Kartoffeln.
se zu sein. Ich hatte das Gefühl, meinen Das Wichtigste war aber, dass es endlich
Eltern im Wege zu sein. Mein 18. Ge- Ruhe und Sicherheit gab, dass der Krieg
burtstag, der erste seit er wieder bei uns und die schwere Zeit danach zu Ende
war, wurde von meinem Vater völlig ig- waren, wie hatte ich das herbeigesehnt!
noriert. Ich hatte mich so darauf gefreut, – Und wie schwer konnte ich gerade dies
doch nicht einmal erwähnt wurde dieser verkraften.
Tag, geschweige denn etwas geschenkt. Heute, nach so vielen Jahren, erkenne
Meine Großmutter war zu der Zeit schon ich mit nüchterner und schrecklicher
sehr krank und hilflos; längst vorbei die Deutlichkeit, dass ich den „Krieg“
Zeiten, wo es eine Selbstverständlichkeit vermisste. Nein, natürlich war es nicht
war, dass ich von ihr eine selbst geba- der Krieg selbst. Krieg ist einfach
ckene Torte bekam. Nun konnte ich nur entsetzlich und zerstörend, sinnlos, wie
noch von meiner liebevollen Kindheit nichts sonst, was Menschen tun. Aber
träumen. ich war in den jungen Jahren
programmiert worden auf das tägliche
Else FRITSCH Abenteuer, war es auch noch so
wurde 1923 in Wien geboren. Aufgewachsen unangenehm und schrecklich. Wohl mag
ist sie in einem Zinshaus am Rande von Grin- es auch in meinem innersten Wesen
zing. Für sie sind die beiden ersten Nach- liegen, viel Abwechslung haben zu
kriegsjahre vor allem durch Warten gekenn- wollen, intensiv zu leben. Das Gleichmaß
zeichnet – das Warten auf eine Nachricht und der Tage, Wochen und Monate, die
die Rückkehr ihres Verlobten Felix aus Krieg
„Langeweile“ des Alltags ohne besondere
und Kriegsgefangenschaft. 1946 kehrte er
schließlich zurück, und sie heiraten bald dar- Höhepunkte, war für meine Bedürfnisse
auf. Damit schließt sie ihre lebens- abtötend. Ich war eine grüne Witwe,
geschichtlichen Aufzeichnungen, die sie 2001 meine Freunde alle in der Stadt, kaum
in Buchform unter dem Titel „Was kann der jemand hatte Telefon, wir natürlich auch
Kuckuck dafür“ herausgegeben hat; in ihrer nicht. Wir hatten nicht einmal ein Radio,
„Nachlese“ resümiert sie in folgender Weise:
mein kleiner Volksempfänger war schon
„Wie schön war es, auch im Wald längst kaputt. Natürlich verstand ich das
den Kuckuck rufen zu hören! ...“
damals nicht, erkannte es nicht, war nur
Ein völlig neuer Abschnitt nahm seinen
verzweifelt, weil ich mich selbst nicht
Anfang. Ich war verheiratet, hatte eine
mehr begriff: Ich hatte den liebsten
Familie, ein ruhiges Leben. Zwar fehlte
Menschen, den es für mich gab, gesund
1945 erinnern 95

wieder, ich hatte ein Heim, ein Kind, auf nicht intensiv genug. Ich weiß noch, wie
das ich mich uneingeschränkt gefreut sehr jedes Erleben während der schwe-
hatte – und ich war doch nicht glücklich. ren Zeit damals an mir als ganzem Men-
Damals begannen die ersten schweren schen gerüttelt hat. Ich lebte, lebte so
Depressionen. Ich sprach mit eindringlich wie nie vorher und auch
niemandem über meine Probleme, nachher. Jedes Glück war doppelt, jede
konnte sie auch nicht klar definieren, Freude unendlich, jeder Schmerz, jede
und wer hätte mich auch schon Angst ging bis an die Grundfesten.
verstanden? Felix war dazu so anders Vor kurzem fand ich alte Briefe aus der
geartet als ich, ihm taugte der Alltag, er Kriegszeit wieder. Ich hatte schon fast
hatte auch in Bezug auf Vergnügen vergessen, dass ich sie noch besaß. Sie
keinen Nachholbedarf, wie er einmal sind von verschiedenen jungen Männern
erwähnt hatte. So fielen auch diese geschrieben – Freunde, Verehrer –, mit
Abwechslungen weitgehend weg, nicht denen ich damals korrespondierte. So
zuletzt dadurch, dass wir ja auch durch unterschiedlich die Briefe auch sind, in
das Baby gebunden waren und wenig einem Punkt gleichen sie sich alle: Kam
Geld hatten. eine längere Phase der Ruhe (alle Brief-
Lange Jahre habe ich nicht gewagt, mit schreiber waren Soldaten im Kriegsein-
jemandem darüber zu sprechen, dass ich satz), so „wünschten“ sie sich an die
längst erkannt hatte, dass es im Grunde Front, weil sie das Gleichmaß der Tage
für mich viel tauglicher ist (oder war, in der Etappe, das „sinnlose“ Dasein
denn heute bin älter und viel ruhiger) nicht ertragen konnten. Es musste etwas
mit einem gewissen Maß an Unruhe, an geschehen, etwas weitergehen, obwohl
Abenteuer, an Abwechslung überhaupt sie alle wussten, dass sie an der Front
zu leben, selbst im negativen Sinn. Es auch der Tod erwarten konnte. Keiner
sei denn, dass mich jemand seelisch von ihnen war ein Kriegsbegeisterter,
quält, das habe ich nie verkraften kön- alle sehnten sich nach der Heimat und
nen. Einmal sprach ich mit einer Freun- dem Frieden.
din darüber. Ich konnte es kaum fassen, In Felix’ Briefen habe ich letzteres natür-
dass es auch ihr nach dem Krieg lich auch gefunden; den Drang (und die
empfindungsmäßig ähnlich ergangen ist. Unruhe) nach Abwechslung nie. Aus dem
Sie hatte den Krieg sozusagen auf der Krieg zurückgekehrt, blieb er der ruhige,
anderen Seite erlebt, sie war Polin und sichere Hafen, den ich erst in späteren
hatte doch das gleiche emotionelle Va- Jahren voll zu schätzen wusste. Wir lieb-
kuum nachher. Heute glaube ich, dass ten beide die Natur, und unsere weiten
es vielen so gegangen ist, dass sie viel- Spaziergänge waren für mich die glück-
leicht Jahre brauchten, um das ruhige lichsten Stunden.
Leben verkraften zu können.
Wie schön war es, auch im Wald den
Ich glaube heute zu erkennen, warum Kuckuck rufen zu hören!
viele Jugendliche randalieren, zerstören,
opponieren und zu Gewaltakten fähig
sind. Das normale Leben ist „fad“, ist
96 1945 erinnern

Emma KÖHLER Die meisten Leute haben die Meinung


wurde 1925 in Wien geboren. Sie absolvierte Nummer eins: Wer in der Hitlerzeit auf-
die Lehrerbildungsanstalt und arbeitete wäh- gewachsen und dressiert worden ist, ist
rend des Zweiten Weltkriegs als Volksschul- für immer ein Nazi. Oder die Meinung
lehrerin in Schlesien. 1945 kehrte sie nach Nummer zwei: Wie charakterlos, jetzt
Wien zurück.
wo es aus ist, wollen sie keine Nazi mehr
„Das Leben ist kostbar ...“ sein. Dabei weiß ich doch selber nicht:
Schlecht kann ich über diese Zeit erzäh- Was hätte ich getan, wenn ich das
len, wie man auch einen verworrenen, Schreckliche alles schon früher erfahren
bedrückenden Traum nur schwer erzäh- hätte? Ein paar Monate, ein Jahr früher,
len kann. Aber, kein Zweifel, sie gehört da war ich doch mit 18 schon erwach-
ja auch dazu. Durch ein Trümmerfeld sen. Wenn ich gewusst hätte, dass bei
irren. Wie durch einen ekelhaften, unsi- den vielen Hochöfen, die nachts den
cheren Sumpf waten. Keinem Menschen Himmel über Polen rot färben, der Feu-
kann man trauen. Die Verwandten, die erschein von Auschwitz dabei ist – nicht
haben doch mehr gewusst – nichts ha- weit von uns? Hätte ich mein Leben ris-
ben sie mir gesagt. Ja, wir haben Angst kiert, hätte ich was dagegen getan? Und
vor euch haben müssen, es sind schon nie im Leben kann ich diese Frage be-
Eltern von ihren Kindern an die Gestapo antworten. Aber ihr, die ihr jetzt über
verraten worden. Und auch ohne das, diese Zeit redet, ihr schon gar nicht.
irgendwo hättet ihr euch sicher verplap- Dass ich – wir, noch einmal wir – nichts
pert. – Ja, vielleicht habt ihr Recht. davon gewusst haben, Gott weiß es. Lo-
Und der Nachbar, wo war der im Krieg, gisch, dass Polnisch lernen verboten
was hat er dort gemacht? War es die war! Und Feindsender hören war lebens-
Hausmeisterin von nebenan, die uns gefährlich. Ob man mir glaubt, dass ich
neulich angezeigt hat – „ein Nazitreffen!“ nichts wusste (man glaubt es übrigens
–, als endlich wieder einmal ein paar KZ-Opfern), das ist mir jetzt im Alter
Freunde bei uns zusammengekommen egal. Aber lange Jahre hindurch war es
sind? Ein paar lustige Volkslieder haben mir nicht egal. Und wie schwer ist es,
wir gesungen, ja, wir haben ja früher so sich von Rauschmitteln zu entwöhnen,
viel gesungen. auch wenn man weiß, dass sie giftig
Und übrigens muss ich aufhören, „wir“ sind! Denn manche Musik, Massen-
zu sagen, das gibt es nicht mehr. Jede aufmärsche und alles das sind Rausch-
irrt für sich allein durch ihr Trümmerfeld. mittel, und die sowjetische Besatzungs-
Der Beamte im Stadtschulrat – damals macht hat uns das noch jahrelang eben-
hat er mein Entsetzen über die Einberu- so erfolgreich gezeigt wie Hitler.
fung ins Frontgebiet gleichgültig überse- Danke, Friedrich Smetana, für deine
hen. Jetzt hat er gesagt: „Nein, natürlich Moldau! Sie hat mir so geholfen. Trotz
können Sie nicht unterrichten. Sie waren vieler Konzertbesuche hatte ich sie noch
doch auch Nazi. Nein, ich weiß auch nie gehört. Im Sommer nach dem Krieg
nicht, was Sie machen sollen.“ tönte sie aus einem Lautsprecherwagen,
und ich dachte: wie herrlich! Jemand
1945 erinnern 97

erzählte mir, sie sei zuletzt nicht mehr denn der nimmt einem sonst alles weg,
gespielt worden, weil sich ihre Melodie wofür man vielleicht seinen Schmuck,
zu einer Art tschechischer Widerstands- ein Paar Schuhe oder einen Pelz herge-
hymne entwickelt hatte. Ob das stimmt, geben hat. Angeblich werden die be-
weiß ich nicht, aber vielleicht? Auch die schlagnahmten Lebensmittel abgeliefert,
Italiener haben ja den Chor aus Nabucco aber niemand glaubt das. Ich war dabei,
als Anti-Habsburg-Lied verwendet. wie einer einem Kind eine Tasche voll
Jedenfalls dachte ich empört: Was? Das Kirschen weggenommen hat – an einem
hat man mir unterschlagen? So eine Samstag. Die konnten am Montag auf
Gemeinheit! dem Sammelplatz nur mehr verfault
Ja, Gott sei Dank, es ist aus. Keine Flie- sein. Und ich habe ernstlich gefürchtet,
gerangriffe mehr, niemand kann mich einen Wutanfall zu kriegen und ihm das
mehr in ein fremdes Land schicken. Aber Gesicht zu zerkratzen.
meine Brüder – gefallen, vermisst –, Es gab auch Lichtblicke. Zum Beispiel,
meine Eltern gebrochen. Eine Freundin als ich zum ersten Mal jemand ganz un-
ausgebombt, die Nachbarn haben dann bekümmert und ohne Angst sagen hör-
noch den Rest geplündert. Eine andere te: Dieser neue Minister ist ein Trottel!
vergewaltigt, angesteckt. Ich hab Glück Oder als ein paar ältere Verwandte bei-
gehabt, niemand hat mir etwas getan. sammen saßen und über Politik spra-
Sie kann nicht mehr darüber reden, aber chen, wobei sie sehr verschiedener Mei-
ich weiß, dass sie mit einem Rucksack nung waren.
voll Speck und Schmalz tagelang von Und ich merkte, dass sie einander trotz-
einer Apotheke in Wien zur nächsten ge- dem schätzten und beileibe nicht ein-
gangen ist, um vielleicht doch ein Medi- sperren wollten. Und Witze über die Be-
kament zu kriegen – denn Geld zu bie- satzungsmächte schossen wie Schwam-
ten war ja sinnlos. merln aus dem Boden und entzückten
Mein Vater kann mit Leder umgehen und mich, wie früher die so gefährlichen
hat einiges zu Haus. Er näht – auch ge- „Flüsterwitze“, für die man leicht verhaf-
gen Lebensmittel natürlich – Rucksäcke tet werden konnte. Und oft teilten
und Zugriemen für Handwagerln. Die Freunde und Verwandte die letzten Woll-
braucht jeder – zum Hamstern, zum strähnen, die letzten Nüsse.
Transport von allem Brauchbaren aus Aber die heimgekehrten jungen Männer!
den Bombenruinen und für Holz – aus Ich rede nicht von denen, die stolz auf
dem Wienerwald oder aus den Trüm- ihre Heldentaten waren und es jetzt als
mern, zum Heizen. Jung wie ich war, litt Tattergreise vielleicht noch sind. Solche
ich nicht sehr darunter, dass in diesem hatte ich nicht unter meinen Freunden.
Winter die Wohnung etwa 15, meine Nein, jeder, der getötet hatte, töten hat-
Schlafkammer oft nur zwei bis drei Grad te müssen, der hatte einen Knacks.
hatte. Kann denn ein Mensch töten, ohne einen
Und beim Hamstern kommt es darauf Knacks zu kriegen? Ich glaube nicht. Je-
an, dass einen kein Polizist erwischt, denfalls waren sie eher wie verstörte
98 1945 erinnern

Kinder als wie junge zukunftsfrohe Män- Und warum auch? Immer schon haben
ner. Menschen Schreckliches erlebt – Kriege,
Und so viele waren ja gar nicht mehr Pest, Hunger –, und sie haben doch
gekommen, die Familien trauerten, und gelacht, gesungen, getanzt, ihre
die Ungewissheit um Vermisste war auch Wohnungen und Geräte geschmückt und
furchtbar. Es lag eine Wolke von Sorge, ihr Leben geliebt. Und das können wir,
Trauer, wohl auch Reue über dem Land, hoffentlich, auch.
es war schwer, fröhlich zu sein. Und der
ständige leise oder lautere Hunger
machte es nicht leichter. Ja, auch im
Rückblick scheint mir diese Zeit wie ein
wirrer, bedrückender, unverständlicher
Traum. Und es gibt Träume, an die man
sich gern erinnert, und andere, die man
abschütteln muss, damit sie einem nicht
den ganzen Tag verdüstern.
So einer war das. Und wenn er auch
manchmal, selten gottlob, auftaucht mit
bösen Bildern aus der Kriegszeit, etwa
wenn man Fieber hat oder wenn die
Weltnachrichten allzu grausig sind – man
muss, man kann doch damit leben. Wie
die Gebirgler mit den Lawinen, wie die
Menschen neben einem Vulkan. Denn zu
glauben, ich könnte einen Krieg „bewäl-
tigen“ oder „aufarbeiten“, dazu bin ich
nicht größenwahnsinnig genug. Ich ken-
ne niemanden, der das wirklich kann.
Nennt man das „verdrängen“? – Auch
recht, bitte schön. Genug, dass man
trotz alledem nicht verrückt geworden
ist.
Nachsatz: Ein paar von „uns“ treffen sich
einmal im Jahr. Erst seit ein paar Jahren
können wir – sparsam – über diese Zeit
sprechen. Alle haben ihren Platz im
Leben, ihre Aufgaben, ihre Freuden
gefunden. Niemand ist ohne
Schicksalsschläge geblieben, doch alle
stimmen überein: das Leben ist kostbar,
das Lachen darf man nicht verlernen.