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Frhe Neuzeit

Band 148
Studien und Dokumente zur deutschen Literatur
und Kultur im europischen Kontext

Herausgegeben von
Achim Aurnhammer, Wilhelm Khlmann,
Jan-Dirk Mller, Martin Mulsow und Friedrich Vollhardt

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Thomas Reiser

Mythologie und Alchemie in der


Lehrepik des frhen 17. Jahrhunderts
Die ›Chryseidos Libri IIII‹ des Straßburger Dichter-
arztes Johannes Nicolaus Furichius
(1602–1633)

De Gruyter

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ISBN 978-3-11-023316-2
e-ISBN 978-3-11-023317-9
ISSN 0934-5531

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbi-
bliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ber http://www.dnb.de abrufbar.

 2011 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York


Satz: epline, Kircheim unter Teck
Druck: Hubert & Co., Gçttingen
¥ Gedruckt auf surefreiem Papier

Printed in Germany
www.degruyter.com

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Inhalt

A. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1. Das epische Lehrgedicht als Genus rinascimentaler Poesie –
ein Grundriß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.1. Antike . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2. Mittelalter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.3. Renaissance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2. Die Alchemie: Geschichte und Textwelt . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.1. Etymologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
2.2. Die spätantiken Gründungstexte und ihre Vermittlung . . 12
2.3. Mittelalter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2.4. Renaissance und Barock:
Hermetismus – Paracelsismus – Rosenkreutzertum . . . . 15
3. Alchemie und Lehrgedicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
4. Alchemie und Vision . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
5. Mythologie und Alchemie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
6. Kommentar und Alchemie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
7. Ein Prosakommentar des Tractatus aureus
als wichtige Quelle der Chryseis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
8. Furichius: Arzt und Dichter in Straßburg . . . . . . . . . . . . . . . 29
9. Exkurs: Joachim Morsius – ›teuerster Freund‹
und Rosenkreutzer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
10. Die Chryseis: Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
11. Die Chryseis im Vergleich mit der Chrysopoeia des Augurelli 51
12. Furichius’ Chryseis im Vergleich mit seinem Frühwerk
Aurea Catena . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
13. Die Chryseis als publizistisches Ensemble zwischen
Inter- und Paratextualität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

B. Edition und Übersetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63


Vorbemerkung zur Edition der Scholien der ›Chryseis‹: . . . . 64
Anmerkungen zur Zitierweise: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
Änderungen im Text: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65

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VI Inhalt

C. Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195
Furichius, Chryseis, Praefatio, Kommentar. . . . . . . . . . . . . . . . . 195
Furichius, Chryseis, Liber I, Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
Furichius, Chryseis, Liber II, Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
Furichius, Chryseidos, Liber III, Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . 276
Furichius, Chryseidos, Liber IIII, Kommentar. . . . . . . . . . . . . . . 310

D. Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348
1. Auswahl aus den Libelli Carminum Tres von 1621
Stadtarchiv Weißenburg in Bayern, Sign. 784/3. . . . . . . . . . 348
2. Edition des Briefes im Album Morsianum,
Stadtbibliothek Lübeck, Altbestand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
3. Edition des Programma Funebre Straßburg, Thomasarchiv . 356

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359

Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387

Register. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389
1. Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 389
2. Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397

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Be patient child for the wolf is ever with you
Listen my little one to the sound of your desire.
God will come out of such ignorance as this:
not like a jack-in-the-box but like a tree
turned weeping father in delirium.
[…]
God will find your genius for you in the dark:
and give it you back again without a bondsman.
The shadows wait for you to say the word.
Think: you will never have to read another book.
Malcolm Lowry, Fragment 440, v. 70–82

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ai carissimi et famigliari amici miei
Uta Schedler et Mino Gabriele

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A. Einleitung

Im Mittelpunkt der hier vorgelegten Edition und der sie begleitenden Unter-
suchungen steht das 1631 zu Straßburg in vier ›Büchern‹ (ca. 1600 Verse)
erschienene alchemische Lehrepos eines heute beinahe unbekannten Autors
und dem Paracelsismus nahestehenden Mediziners aus dem Umkreis des
Straßburger Späthumanismus: Johannes Nicolaus Furichius (1602–1633).
Obschon er früh an der Pest verstarb, brachte er ein für seine Jugend er-
staunlich umfangreiches Oeuvre zusammen. Als Schriftsteller ist er – dis-
kurs- wie formgeschichtlich betrachtet – den bedeutenden Vertretern einer
teils weit über das Schrifttum der europäischen Renaissance hinausreichen-
den Literatur-, Wissens- und Theorietradition zuzurechnen. Wenngleich
diese erst in Ansätzen erforscht ist, wird doch seit geraumer Zeit jener
schier unabsehbare Kontinent der hermetischen, oft vom Neuplatonismus
inspirierten frühneuzeitlichen Naturphilosophie sukzessive von der interna-
tionalen Forschung erschlossen.
Es beeindrucken an diesem Werk, der Chryseis, welcher Furichius ein
ähnliches, in Italien publiziertes Carmen hatte vorangehen lassen, nicht nur
die metrische Verarbeitung alchemohermetischer Fachliteratur, sondern
auch die in narrativ-fiktionaler Darstellung bevorzugten Muster der my-
thoalchemischen Exegese und Bildlichkeit in Verbindung mit Topoi der
Visionsliteratur und mit Reflexen der antiken bis zeitgenössischen Verse-
pik. Furichius schuf mit der Chryseis als Publikationsverbund aus beigege-
benen Glossen und umfangreichen Scholien ein in der europäischen Lite-
ratur wohl einzigartiges Werk. Derart findet man gerade im intellektuellen
Profil dieses Arztdichters die epochal signifikante, in den urbanen Zentren
der Frühen Neuzeit nicht ungewöhnliche Kombination aus naturphilosophi-
schen Interessen und humanistisch-ästhetischer Bildungskompetenz exem-
plarisch ausgeprägt. Ihre Darstellung wirft somit auch manches Licht auf
die damaligen kulturellen Formationen der oberrheinischen Stadtkultur. Zu-
gleich wird über den Widmungsträger und Mentor des hier edierten Epos,
Joachim Morsius (1593–1643), die in ihrer Bedeutung für das Geistesleben
des frühen 17. Jahrhunderts kaum zu überschätzende Sphäre der sogenann-
ten ›frühen Rosenkreutzer‹ einbezogen.
Indem ich dieses Lehrgedicht mit einer erster Übersetzung und einem
ebenso die sehr aussagekräftigen Scholien und Glossen berücksichtigenden
Kommentar in seinen konzeptionellen Strukturen, seiner dichterischen Fak-

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2 A. Einleitung

tur und seinen ideellen Referenzen erschließe, wird nicht nur eine Fülle
literarischer Quellen und Allusionen (von Aristoteles über Ariost zu Ron-
sard wie von antiken und humanistischen Kommentatoren zu zeitgenössi-
schen Forschungsreisenden und den sogenannten Paracelsisten) sichtbar,
sondern auch ein Beitrag zur wissenschaftlich aktuellen Frage nach der
frühneuzeitlichen Konnexion von Wissensbeständen beziehungsweise phi-
losophischen Theoremen und ihrer poetischen Assimilation geleistet. Der
Edition, der Übersetzung und den Kommentaren werden in der Einleitung
die nötigen Informationen zum Autor, zu seinem Gesamtwerk und seinem
Umfeld vorangestellt. Zudem werden die Geschichte der Gattung ›Lehrge-
dicht‹ wie auch der alchemischen Literatur exponiert, um schließlich mit
einer Skizzierung des intertextuellen und paratextuellen Bezugsfeldes den
Leser auf die eigene Lektüre der Chryseis einzustimmen.1

1. Das epische Lehrgedicht als Genus rinascimentaler Poesie


– ein Grundriß2

Der ›Lehrdichtung‹ kann, da der Terminus sich erst im Barock herausbil-


dete, und auch die antike Rhetorik keine verbindlichen Gattungskriterien
aufstellte, rückblickend ein jeder Verstext mit didaktischem Anspruch zuge-
rechnet werden. Die konzeptuelle Problematik liegt hierbei in der besonde-
ren Verbindung von Inhalt und Form, von ›res‹ und ›verba‹ – dergestalt,
daß meist durch einen Hexametertext, also im Vers des Epos, sowohl Sach-
wissen vermittelt wird als auch dieses Sachwissen durch die ästhetische
Formierung in seiner hohen Bedeutung symbolisch nobilitiert werden
soll. So lavieren seit jeher alle Bestimmungsversuche zwischen einer Klas-
sifizierung als ›Sonderfall des Epos‹ und als ›versifizierter Sachtext‹, wobei
fast immer von der Verbannung der didaktischen Dichtung aus dem Kreise
der Poesie bei Aristoteles (vgl. Arist. Po. 1447b) ausgegangen wird – jene
wiederum war in Reaktion auf Platos Dichterschelte am Ende der Respu-
blica (vgl. Pl. R. 602b) erfolgt. Da nach Aristoteles aufgrund der Bindung
von Dichtung an Handlung amimetische Poesie nicht sein kann, vermag
auch der eleganteste Vers aus Fachwissen kein Gedicht zu machen. Dem-
entsprechend nahm der Stagirit trotz der Hexameter von Peri Physeos und
Katharmoi Empedokles (4. Jd. v. Chr.) nicht als Dichter wahr, sondern
betrachtete ihn als Philsophen.3

 1 Das Buch erscheint auf besonderen Wunsch des Verfassers in alter Rechtschreibung.
 2 Grundlegend zum Lehrgedicht sei verwiesen auf W. Kühlmann (2000c), vor der po-
pulärwissenschaftlichen Einführung P. Tooheys (1996) wird gewarnt; eine erhellende
›Geschichte der Geringschätzung‹ für die Gattung bietet D. Wuttke (1982); zu einzel-
nen Epochen und Teilfragen sei auf die folgenden Fußnoten verwiesen.
 3 Vgl. hierzu R. Schuler u. J. Fitch (1983), S. 9–11.

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1. Das epische Lehrgedicht als Genus rinascimentaler Poesie – ein Grundriß 3

Die Gegenposition vertrat in der Antike am prominentesten Cicero am


Beispiel der von ihm latinisierten Sterndichtung des Arat: »constat inter
doctos, hominem ignarum astrologiae ornatissimis atque optimis versibus
Aratum de caelo stellisque dixisse« (CIC. de orat. 1, 69) – zwar kein Fach-
wissen zu haben, doch den Stoff ästhetisch anspruchsvoll zu präsentieren,
macht hier den Poeten aus. Die scheinbare Dichotomie von ›aut prodesse
aut delectare‹ (vgl. HOR. ars. 333)4 löste dann anscheinend der im Mittel-
alter wieder rezipierte spätantike Grammatiker Diomedes mit der Rehabili-
tierung der von Aristoteles verworfenen Genera, insbesondere der didakti-
schen Poesie – »qua comprehenditur philosophia Empedoclis et Lucreti,
item astrologia […] et georgica Vergilii et his similia« (vgl. Diomedes,
S. 482 f.).5 Auch der kanonische Vergil-Kommentator Servius urteilte in
diesem Sinne, da er die Kommunikationssituation des Verstextes für aus-
schlaggebend erachtete: »hi libri didascalici sunt, unde necesse est, ut ad
aliquem scribantur; nam praeceptum et doctoris et discipuli personam re-
quirit: unde ad Maecenatem scribit, sicut Hesiodus ad Persen, Lucretius ad
Memmium.« (SERV. georg. prooem. 1, 1.).6 Allein, es ist wenig über die
Rezeption und damit über die Verbindlichkeit solcher (allesamt ›unschar-
fer‹) Aussagen überliefert. Dementsprechend schrieben Lehrdichter von der
Antike bis zur Neuzeit nicht nach einem Regelwerk, sondern, indem sie auf
›Prototypen‹, das heißt auf traditionsstiftende Vorbilder zurückgriffen und
diesen – im Rahmen der humanistischen Imitationsästhetik – auch neuere
Dichtungen anreihten.7

1.1. Antike
Die ersten Sachschriftsteller der Vorsokratischen Zeit waren solcher Sorgen
noch ledig, da sich bis ins 5. vorchristliche, Jahrhundert keine entsprechend
tragfähige griechische Prosa ausgebildet hatte. Später standen sich zunächst
noch Verstext und Fachprosa ebenbürtig gegenüber, dann verschob sich mit
dem Hellenistischen Zeitalter die Rolle des Dichters vom Experten und
Künstler in einer Person hin zum poetischen Könner, der einen ihm frem-
den Gegenstand ästhetisch anspruchsvoll aufbereitete, sprich Prosatraktate
in kunstvolle Verse übertrug. So heißt es über besagten Arat, den Verfasser
der Phainomena, er habe von Astronomie im Vergleich zum Astronomen
Hipparchos, welcher ihm treulich Auskunft gab, fast nichts verstanden. Der

 4 Vgl. auch E. Schäfers Nachwort zu Horatius (2008), S. 55–67.


 5 Vgl. B. Effe (1977), S. 19–22, W. Ludwig (1982), S. 151; E. Pöhlmann (1973), S. 825–
832.
 6 Vgl. A. Dalzell (1996), S. 21–34; zur Mimesis-Problematik, und deren Folgen bei
Aristoteles und Plutarch auch E. Pöhlmann (1973) S. 816–819; R. Glei (1999), Sp.
26 f.; allgemein S. Scully (2003), S. 451.
 7 Vgl. etwa W. Ludwig (1982), S. 153.

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4 A. Einleitung

literarische Ruhm fiel jedoch allein der Dichtung zu, wohingegen der Fach-
gelehrte nur als bescheidener Kommentator überdauerte.8
Da die römische Literatur sehr oft Interpretatio, Imitatio und Aemulatio
der griechischen war, übernahm sie zwar mit dem Lehrgedicht dessen Gat-
tungsproblematik, brachte jedoch dessenungeachtet die gerade für das Ri-
nascimento bedeutendsten Vorbilder hervor.9 Zwar erachteten Cicero und
Quintilian die Versdidaxe als einen ›Grenzfall des Epos‹, schlugen sie aber
der Poesie zu. Poeta und Orator, als verwandte Berufe, sollten nach beider
Dafürhalten schließlich in der Lage sein, auch ohne Fachwissen jeden Ge-
genstand adäquat zu behandeln (vgl. CIC. de orat. 1, 16 sowie QVINT. inst.
10, 1, 46–10, 1, 87). In diesem Sinne urteilte auch Horaz, der in seinem
eigenen poetologischen Lehrgedicht zwar die Schwierigkeiten bei der Vers-
dichtung abhandelte, doch das Problem der Mimesis nicht sah (vgl. HOR.
ars. 335–344). Er unterschied allein nach den angemessenen Metren (vgl.
HOR. ars. 73–82). Diesen zitierend gliederte auch Tacitus, der alle Gattun-
gen der ›eloquentia‹ hochhielt, die Dichtung nicht nach den Gegenständen,
sondern vorrangig nach den für den Gegenstand geeigneten Versmaßen:
»ego vero omnem eloquentiam omnesque eius partes sacras et venerabiles
puto, nec solum cothurnum vestrum aut heroici carminis sonum, sed lyri-
corum quoque iucunditatem et elegorum lascivias et iamborum amaritudi-
nem [etc.]« (TAC. dial. 10, 4).
In keinem anderen als Lukrez sah Cicero den idealen Lehrdichter ver-
wirklicht, vereinigte dieser doch in sich ›furor, ingenium et ars‹.10 So gilt
auch sein Werk als der wichtigste Prätext naturphilosophischer lateinischer
Dichtung. Hinsichtlich De rerum natura wurde das Lehrgedicht als Aus-
drucksmittel des persönlichen Anliegens gesehen, in diesem Fall der Ver-
nichtung der Religio durch die Vermittlung des Epikureismus. Ebenso be-
anspruchte der Dichter für sich, die Schwierigkeit von ›egestas linguae‹ und
›novitas rerum‹ adäquat gelöst zu haben.11 Ohne weiteres lassen sich hier
dem Epikureer die übrigen großen Vorbilder mit ihren Spezifika anfügen:12

 8 Aratos lebte Ende des 4. Jhds bis Mitte des 3. Jhds, studierte in Athen und hielt sich
dann am Makedonischen Hof auf, er schrieb verschiedene Gelegenheitsdichtungen,
sowie kleine Lehrdichtungen. Sein Hauptwerk aber sind die ›Phainomena‹; vgl. M.
Fantuzzi (1996); B. Effe (1977), S. 23–25; Th. Haye (1997), S. 243–245; R. Schuler
u. J. Fitch (1983), S. 11 f.
 9 E. Pöhlmann (1973), S. 835–878 erkennt den Hauptunterschied zwischen griechischer
und lateinischer Lehrdichtung in den auftretenden Figuren; bei den Griechen: Lehrer,
Schüler und Musen; bei den Römern: Dichter, Mäzen und Princeps.
10 Vgl. R. Schuler u. J. Fitch (1983), S. 1–19; E. Pöhlmann (1973), S. 814–825.
11 Vgl. B. Effe (1977), S. 66–79; E. Pöhlmann (1973), S. 849–854.
12 Vgl. auch R. Schuler u. J. Fitch (1983), S. 16–20. Daneben stellt B. Effe (1977), S. 30–
32 eine Typologie auf: 1) Der Gegenstand ist für den Dichter bedeutend, er will (!)
lehren, 2) Der Gegenstand ist dem Dichter gleichgültig, da er artistisch glänzen
möchte, 3) Der Autor lehrt nicht den Stoff, sondern durch (!) den Stoff; diese Kate-
gorisierung variiert unter ausdrücklicher Bezugnahme A. Dalzell (1996), S. 32 f.

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1. Das epische Lehrgedicht als Genus rinascimentaler Poesie – ein Grundriß 5

– Vergils Georgica, welcher in hellenistischer Tradition (nach VERG.


georg. 1, 177 u. 2, 475 ff.) auf die ›Kleinheit‹ des Stoffes hinweist, zu-
gleich mit mythischen Epyllien zu Einzelbereichen arbeitet.13 Vor allem
das Wort des Macrobius »Maro omnium disciplinarum peritus« (MACR.
sat. 1, 16, 12) blieb für das Selbstbild der Lehrdichter nicht ohne Folgen.
Mit Lukrez teilte Vergil zudem das (ebenso später zum Gemeingut ge-
wordene) Inspirationsmodell der Dichterweihe.14
– Manilius’ Astronomica. Zu Beginn läßt der Dichter Hexameter-Dichtun-
gen der Vergangenheit Revue passieren, denen er sich zwar als Spätling
zugesellt, doch selbstbewußt die Neuheit seines Gegenstands, die Be-
schreibung der Weltgesetze, herausstreicht.15

Nachwirkung zeitigten fürder das anonyme Aetna-Gedicht wie auch die Ars
poetica des Horaz, Ovids Ars amatoria;16 nicht minder wirkten spätantike
christliche Lehrdichtungen fort, darunter besonders die Werke des Pruden-
tius.17

1.2. Mittelalter18
Die mittelalterliche Lehrdichtung war für Furichius fast belanglos, sah er
sich doch in der Tradition der italienischen Renaissanceautoren. Dennoch
soll sie an dieser Stelle nicht gänzlich ausgeklammert werden, zumal die
didaktische Epik von Antike und Mittelalter, mit Ausnahme des Lukrez und
Manilius, keine ›Epochenschwelle‹ trennte, gehörten doch die Gattungsvor-
lagen häufig zur Schullektüre. Ovid und Vergil galten dabei – auch wissen-
schaftlich – als größte Autoritäten. Da Dichtung als eine Mischung aus
Rhetorik, Theologie, Allegorie und der Ausbreitung enzyklopädischen Wis-
sens begriffen wurde, war es erneut ein und derselbe Verfasser, welcher sein
Wissen als Fachprosa und Verstext ausarbeitete, wobei der ästhetische An-
spruch mit dem Wunsch nach Memorierbarkeit, der Nähe zum Merkvers,
korrelierte. Besonders deutlich tritt dies bei dem in der Tradition des Ma-
crobius stehenden Martianus Capella vor Augen (spätes 4. oder frühes
5. Jd.): Das Trivium (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und das Quadrivium
der mathematischen Künste bündelte er in seiner prosimetrischen, allego-
risch überformten Enzyklopädie De Nuptiis Philologiae cum Mercurio.19

13 Vgl. B. Effe (1977), S. 80–97.


14 Vgl. E. Pöhlmann (1973), S. 854 f.
15 Vgl. B. Effe (1977), S. 106–126; E. Pöhlmann (1973), S. 866; vgl. zur Nachwirkung
des Manilius von Joseph Justus Scaliger bis Aby Warburg W. Hübner (1980).
16 Vgl. B. Effe (1977), S. 204–219; zu anderen, wie Ovids ›Ars amatoria‹ und Serenus,
W. Ludwig (1982), S. 153–155.
17 Vgl. Th. Haye (1997), S. 359 f.
18 Vgl. auch die Beiträge zu ›Lehrhafter Literatur‹ in LMA 5 (1991), Sp. 1827–1844.
19 Vgl. R. Schuler u. J. Fitch (1983), S. 21–23.

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6 A. Einleitung

Letzthin gilt jedoch beinahe die gesamte mittelalterliche Dichtung als ›lehr-
haft‹.20
Zugleich gewann die Paratextualität an Bedeutung, bedurfte doch das
Lehrgedicht fast immer der erläuternden Prosa, der Glosse und des Kom-
mentars. Es galt, den »nicht selten kryptischen Text des Lehrgedichts unter
philologischen wie sachlichen Fragestellungen [zu] erläutern«.21 Man
kannte zwar Diomedes, doch eine gewisse Verbindlichkeit genoß einzig
die Hierarchie der ›Rota Vergilii‹ des Kommentators Aelius Donatus (geb.
um 310), welche steigerte: Eklogen – Georgica – Aeneis. Dem Lehrgedicht
wurde somit im literarischen Kanon der mittlere Rang zugesprochen.22

1.3. Renaissance
Im deutschen Humanismus wurde das Lehrgedicht im 16. Jahrhundert »in
ernsthafter Absicht als Medium der institutionalisierten Wissensvermittlung
verwandt«.23 Die Verfasser waren in der Regel sowohl Experten des Fachs
(gerade Ärzte) wie auch Dichter. Die italienische Renaissance dagegen
blieb von äußeren Einflüssen kaum berührt und griff in Ablehnung des
Überkommenen direkt auf die antiken Autoren und deren Selbstbild zu-
rück;24 vor allem Manilius, Vergil und Lukrez, wenn es darum ging, die
Frage nach dem Ursprung der Dinge zu erörtern.25 In der Folgezeit nahm
man sich immer entlegenerer, immer herausfordernder Sachgebieten an,
wobei den Dichter der nämlich Ehrgeiz wie Manilius trieb, intrikates Fach-
wissen in kunstvolle Verse zu fassen. Girolamo Fracastoros (1479–1553)
Epos über Krankheitsbild und Verlauf der Syphilis (Verona 1530)26 oder
Lodovico Lazzarellis (1450–1500) Opusculum de bombyce über die Sei-
denraupenzucht (gedruckt 1493) legen davon beredtes Zeugnis ab. Zu-
gleich befanden sich die lateinischen Renaissancedichter im Wettstreit mit
der klassizistischen Epik des Volgare: Kein geringeres Ziel gab es, als den
Orlando furioso des Lodovico Ariosto (1474–1533) irgend zu überbieten,
so daß ein Gregorio Ducchi (2. Hälfte des 16. Jd.) kühn bekundete, er wolle
der ›Ariost‹ des Lehrgedichts werden – nicht minder jedoch Vidas (1485–
1566) ›Schachgedicht‹27 mit der eigenen Scacheide in Oktaven (erschien
zuerst Vicenza 1586) in die Schranken weisen.28

20 Vgl. Th. Haye (1997), S. 257–268; und vor allem B. Sowinski (1971).
21 Th. Haye (1997), S. 369.
22 Vgl. J. Schuler u. R. Fitch (1983), S. 23–28.
23 Th. Haye (1997), S. 391.
24 Einen Kurzüberblick zur italienischen Renaissance bietet G. Roellenbleck (1973); aus-
führlich ders. (1975).
25 Zu Lukrez im Neulateinischen vgl. etwa Y. Haskell (2007).
26 Als zweisprachige Ausgabe herausgegeben von Georg Wöhrle; vgl. Literaturverzeichnis.
27 In moderner Ausgabe mit Übersetzung herausgegeben von Walter Ludwig; vgl. Lite-
raturverzeichnis.

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1. Das epische Lehrgedicht als Genus rinascimentaler Poesie – ein Grundriß 7

Als erster Erneuerer der Lehrdichtung wird Basinio da Parma (1425–


1457) mit seinen Astronomicon libri II. (abgeschlossen 1455) angesehen.
Ihm folgt, ebenso astronomisch, Lorenzo Bonincontri (1410-um 1491) mit
De rebus coelestibus libri III (gedruckt Neapel 1526), in welchen die Stern-
kunde mit der christlichen Heilslehre verbunden wird. Im Falle Bonincon-
tris erwies sich des Verfassers eigener Kommentar zugleich als Prätext
weiterer Lehrgedichte. In der Nachfolge des Manilius stand auch das erste
gedruckte – meines Dafürhaltens schönste – neulateinische Lehrgedicht: die
Urania des Giovanni Pontano (1426–1503).29 Sie erschien 1505, wurde
jedoch bereits 1513 von Aldus in einer sonst den antiken Klassikern vor-
behaltenen Reihe nachgedruckt. Pontano war es auch, der sich, sobald er
Bilder gebrauchte, weitestgehend vom Traktat löste und eine Fülle, auch ad
hoc von ihm, manchmal zum reinen artistischen Selbstzweck, erfundener
Mythen einwob. Neben diesem Hauptwerk steht sein Lehrepos De hortis
Hesperidum libri II (gedruckt 1505) als Zusammenführung Ovidianischer
Metamorphosen mit didaktischen Mustern der Georgica Vergils. Die dort
von Pontano gepflegte Ausgestaltung von Aitiologien zu Binnenepylien
wurde stilbildend, wie es beispielsweise an der panegyrischen Borsias des
Tito Strozzi (1425–1505) vor Augen tritt.30 Somit gelten die Jahre zwischen
1490 und 1530 als ›Blütezeit‹ des rinascimentalen Lehrgedichts in Italien,
gilt Pontanos Werk als »Punkt der größten Entfaltung des Mythos in der
didaktischen Literatur«31 – eine Ansicht, welcher man ohne Kenntnis der
mytho-alchemischen Lehrdichtung auch beipflichten könnte. Denn umstrit-
tenen Lehren die Weihen der epischen Form zu verleihen und zugleich
einen schwierigen Gegenstand virtuos zu meistern, ist Ziel des großen Vor-
bildes der Chryseis, der von Mythologemen strotzenden Chrysopoeia des
Giovanni Aurelio Augurelli (1441–1524), auf welche weiter unten ausführ-
lich eingegangen wird.
Hohes Ansehen genoß nördlich der Alpen zudem der die zwölf Tierkreis-
zeichen und alle Bereiche des menschlichen Daseins umspannende Zodia-
cus Vitae des Marcellus Palingenius Stellatus (um 1502–1543). Achtung
zollte man nicht nur seiner ästhetischen Leistung, sondern – gerade in her-
metoparacelsistischen Kreisen – auch dem wissenschaftlichen Gehalt des
Epos.32 Zugleich sprengte Palingenius maßgeblich den strengen Rahmen

28 Vgl. G. Roellenbleck (1975), S. 42–75; u. 216–219.


29 Einen Überblick der astronomischen Lehrdichtung der Renaissance gibt Y. Haskell
(1998). Die Werke Pontanos liegen vor in der zweibändigen Ausgabe von 1902; vgl.
Literaturverzeichnis; vgl. zu Pontano zudem W. Ludwig (2004), Bd. 2, S. 134–150.
30 Das Werk ist greifbar in einer Ausgabe von W. Ludwig, vgl. Strozzi im Literaturver-
zeichnis; zu Strozzi am Estehof vgl. W. Ludwig (2004), Bd. 1, S. 486–507.
31 G. Roellenbleck (1975), S. 93; vgl. auch W. Ludwig (1982), S. 151–162; W. Hübner
(1980), S. 44 f.; zu Pontano des weiteren Ch. Goddard (1991).
32 Zum Verhältnis von Astrologie und Alchemie der Zeit vgl. J. Telle (1992a); zur Rezep-
tion des ›Zodiacus‹ durch Michael Maier vgl. E. Leibenguth (2002), S. 77 f.

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8 A. Einleitung

der Lehrdichtung hin zur Ich-Erzählung in Versen, indem er ab dem


3. Buch sich selbst als Figur einführt und schildert, wie er einen Alten trifft,
der ihn in das allegorische Reich der ›Regina voluptas‹ einführt. All der
zahlreichen Orthodoxiebekenntnisse zum trotz ist das Werk der neuplatoni-
schen Dämonologie verpflichtet. Das Okkulte findet seinen – bitterbösen –
Höhepunkt im 9. Buch, da Palingenius auf dem Rückweg von einem Ein-
siedler auf dem Monte Serrato in die Gesellschaft von Dämonen gerät,
welche auf dem Weg nach Rom sind und von ihrer Warte der dortigen
Zustände höhnen.33
Das Kernproblem für jene Lehrdichter war weniger dasjenige der Mime-
sis als das Verhältnis von sachlicher zu dichterischer Ordnung, sprich die
Strukturierung der einzelnen Teilgegenstände, die Dispositio. Hierzu merkt
Georg Roellenbleck an: »Es fällt auf, daß die Form der Danteschen Reise
[…] das Problem vollkommen löst.«34 Das Itinerarium bot sich vor allem
bei geographischen Werken, wie Francesco Berlinghieris (1440–1501)
Geographia, an, doch vermochte es nicht minder jedweden anderen Stoff
zu gliedern.35 Eine gewisse gattungstheoretische Verbindlichkeit – auf je-
den Fall für Furichius, welcher ihn seit Gymnasialtagen gleichsam vergöt-
terte – dürften die Ausführungen des Julius Caesar Scaliger (1484–1558) in
dessen Poetices Libri VII zum Lehrgedicht besessen haben. Scaliger gelang
es (neben Fracastoro, welcher dem Poeten eine dem Traktatschreiber über-
legene Erkenntnis- wie Vermittlungsfähigkeit beimaß),36 den Konflikt zwi-
schen ›amimetischer‹ und ›mimetischer‹ Dichtung zu umgehen, indem er
von Diomedes ausgehend Horaz über Aristoteles stellte. Somit ist jede
Dichtung der Mimesis zuzuordnen, zumal die dichterische Lehre ob ihrer
ästhetischen Qualitäten der Prosa überlegen ist.37 Ohne die Gattung in Fra-
ge zu stellen, gibt Scaliger dann auch ein ›Iudicium de poetis recentioribus‹
(vgl. Scaliger Poetices, S. 295–316), wobei er auf die bisher genannten
allesamt eingeht, und selbst den exzentrischen Palingenius literarisch wür-
digt: »Palingenii poema totum Satyra est: sed sobria, non insana, non foeda.
eius dictio pura. versus ac stilus in imo genere dicendi.« (Ebd., S. 306). Die
umfassende Kritik, welche Scaliger dann doch am Zodiacus anbringt, ist
auch keine rhetorische; moniert werden – im Stile der in den Scholien des

33 Vgl. G. Roellenbleck (1975), S. 190–204; in moderner Ausgabe mit Übersetzung als


Palingène (1996) im Literaturverzeichnis.
34 Vgl. G. Roellenbleck (1975), S. 24, Anm. 38.
35 Vgl. zu Berlinghieri G. Roellenbleck (1975), S. 65–75; sowie generell W. Harms
(1970).
36 Vgl. B. Fabian (1968), S. 82 f.
37 Vgl. hierzu besonders B. Czapla (1999), S. 23–29; dort wird zugleich in Anlehnung an
D. Schaller (1989) ein Koordinatensystem für eine genaue Ortsbestimmung des Lehr-
gedichts im Kosmos der literarischen Gattungen entwickelt; desweiteren erneut B.
Fabian (1968), der zudem Roger Bacon ins Spiel bringt.

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2. Die Alchemie: Geschichte und Textwelt 9

Straßburgers häufig zitierten Exercitationes de Subtilitate – einzig astrono-


mische Details.38
Von Relevanz war für den Muttersprachler Furichius ebenso die französi-
sche Lehrdichtung. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte das synkretistische Den-
ken eines Marsilio Ficino (1433–1499) und Pico della Mirandola (1463–
1494), genährt von Pietro Pomponazzis (1462–1525) umstrittener Schrift
De immortalitate animae (1516),39 begonnen, seine Spuren in der Literatur
der Romania zu hinterlassen. Infolgedessen wurden gerade in den Gedichten
der Pléïade um Pierre de Ronsard (1524–1585) die ›harmonia mundi‹ zu
einem zentralen Thema. Etliche Hymnen, Oden und Sonetten des Dichter-
kreises wurden zur »célébration et l’explication des grandes forces de la
nature, le développement d’idées philosophiques qui fournissent la matière
de la meilleure partie du recueil.«40 Diese Dichter standen in selbstbewußter
Nachfolge des Vergil und Lukrez wie sie sich auch kunstvoll des antiken
Mythos zu bedienen wußten.41 Daher verwundert es kaum, wenn Furichius
eine Passage seiner Chryseis (CHRYS. S. 4, 27-S. 5, 14) ausdrücklich als Ad-
aption von Ronsards Hymne de l’Or begriffen haben will.
Letztlich vereinnahmte die Lehrdichtung für sich immer neue – auch mit
dem wissenschaftlichen Fortschritt neue – Gegenstände, wie es etwa an der
Navis aëria des Bernardo Zamagna (1735–1820) über die Luftschiffahrt
vor Augen tritt.42 Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden in Anlehnung
an Vergil Huldigungen an den Wein, gar Epen zum chinesischen Tee und
zur Kaffeebohne verfaßt.43 Vor allem die Jesuiten taten sich in der Gattung
hervor und brachten mit der dreibändigen 1749 in Paris erschienen Antho-
logie Poemata didascalia die reiche Ernte ein. Doch war die Lehrdichtung
im Rückgang begriffen und kam mit dem Ende des 19. Jahrhunderts fast
gänzlich zum Erliegen.44

2. Die Alchemie: Geschichte und Textwelt

Zur Entstehungszeit der Chryseis stand die Alchemie noch im – freilich


nicht unumstrittenen – Ansehen einer ›Leitwissenschaft‹. Befeuert durch

38 Eine Zusammenschau der Kritik moderner Autoren bietet W. Ludwig (1979).


39 Vgl. den Kommentar zu CHRYS., S. 6, 13.
40 H. Weber (1956), S. 463; als Großform zudem das wirkungsmächtige Schöpfungsepos
›La sepmaine‹ (1578) des Guillaume de Salluste Du Bartas (1544–1590), zu welchem
etwa die Arbeit von K. Reichenberger (1962) vorliegt; sowie A. Neuschäfer (2004).
41 Vgl. H. Weber (1956), S. 463–522.
42 Hierzu die Arbeit von D. Bitzel (1997).
43 Vgl. W. Ludwig (1982), S. 171–173.
44 Weitere Literatur in Auswahl, so zum englischen Sprachraum U. Broich (1963); zur
Aufklärung Ch. Siegrist (1974); zu Lukrez und den ›Atheisten‹ des 17. Jahrhunderts in
Frankreich G. Hocke (1935).

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10 A. Einleitung

die Wirkung des Florentiner Neuplatonismus, dessen Anhänger einem hu-


manistisch-philosophischen Synkretismus frönten, und angeheizt durch ei-
nen Paracelsismus, dessen Jünger das ganze Spektrum zwischen experi-
menteller Heilmedizin und religiös-sozialer Reformutopie ausfüllten, ver-
fügte sie über »eine eigene, quasi innerdisziplinäre Geschichte der kosmo-
logischen und substanzphilosophisch abgeleiteten Naturdoktrin […], die
Heidnisches und Christliches provokant egalisierte und den christlichen
Aeon überwölbte.«45 In dieser, für viele ihrer damaligen Protagonisten bis
in vorsintflutliche Zeit hinabreichende Historie hatten sich zwei, häufig ver-
mischte, Hauptströmungen herausgebildet: eine spirituelle und eine experi-
mentelle. Letztere sah ihre »Hauptaufgabe darin, Materie zu verändern und
in diesem Zusammenhang die von Gott in der Natur verborgenen Geheim-
nisse zu lüften.«46 Damit sollte zweierlei bezweckt werden, zum einem die
medizinisch-pharmazeutische Suche nach der Panazee als Allheilmittel und
Elixir ewigen Lebens, zum anderen die – volkstümlich mit der Alchemie
assoziierten – metallurgischen Bestrebungen zum Zwecke der Verwandlung
unedler Metalle in edle.47 In ihrer spirituellen Spielart wird der Alchemiker
zum Mystagogen. Dessen meist in Abhängigkeit von göttlicher Gnade und
sittlicher Reinheit stehenden seelischen Läuterungsprozesse lassen sich mit
dem Wort Mino Gabrieles als »il viaggio dell’anima è il viaggio della
materia«48 zusammenfassen. Derart wird Alchemie zur »Arte di non mori-
re, giacché insegna ad unire il principio con la fine, l’alto con il basso e
viceversa, investigando la processione degli esseri nell’unità del tutto.«49
Die Alchemie vermochte es, im Laufe ihrer geschichtlichen Entwicklung
die meisten christlichen, aristotelischen wie platonischen Denkfiguren für
sich zu vereinnahmen. Dementsprechend zahlreich sind ihre Darbietungs-
formen: Neben technischen Schriften wie Rezepten und Apparatbeschrei-
bungen, trat sie in Form des Traktats, des Kommentars, des (Lehr-)Briefs
oder in liturgischen Formen, wie als Gebet oder als Messe auf. Sie wurde
behandelt in Ich-Erzählungen, in Dialogen, in Parabeln, Visionstexten und
Quaestiones. Selbst als Synodenprotokoll oder als Gesangbuch ist sie über-
liefert, wie sie natürlich ebenso in zahlreichen Mischformen vorliegt –
Alchemiegeschichte ist Literaturgeschichte.
Besonders stark wahrgenommen wird ob der regen Forschung die Em-
blematik50 wie auch die alchemische Buchillustration, welche beispiels-
weise in der Tradition des Sol und Luna-Bildgedichts oder der prächtigen

45 W. Kühlmann (2004), S. 635.


46 J. Telle (1978), S. 200.
47 Vgl. W. Kühlmann (2004), S. 633 f.
48 M. Gabriele (1997), S. 38.
49 Vgl. M. Gabriele (1986), S. 33.
50 Vgl. etwa den Sammelband von A. Adams u. St. Linden (1998); zur Sonderform des
alchemischen Buchsignets vgl. J. Telle (2004a).

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2. Die Alchemie: Geschichte und Textwelt 11

Handschriften des Splendor Solis vorliegt.51 Neben den alchemischen Alle-


gorien, die sich oftmals zu ganzen Bilderzyklen auswuchsen, stehen die
nüchterneren Abbildungen von Apparaten und die alchemische Geometrie
wie auch eine eigene, oft mit der Renaissancehieroglyphik gepaarte Sym-
bolik.52 Die Funktion all dieser Bilder oszilliert zwischen Verhüllung,
künstlerischer Originalität, Mnemotechnik und Didaxe.53

2.1. Etymologie
Die Herkunft des Wortes ›Alchemie‹ verliert sich im Dunkeln. Vieles
spricht für ägyptisch-mesopotamische Wurzeln, die sich in der byzantini-
schen sowie griechisch-arabischen Tradition fortpflanzten, bevor sie ins
Lateinische gelangten. Ein daneben vertretener altchinesischer Ursprung
ist unwahrscheinlich, jedoch läßt sich an einer solchen Hypothese und ihren
Vertretern deutlich ablesen, daß mit jeder Deutung und Herleitung die Zu-
weisung an einen bestimmten historischen Kulturbereich und damit Seman-
tisierung einhergehen. Es geht um die Ausweisung eines historischen Kul-
turraums als Wiege von Weisheit und Wissenschaft. Gut datierbar dagegen
ist die Ankunft des Wortes im lateinischen Mittelalter: ›al-kīmijaˉ ‹ wurde im
Jahre 1144 von Robert von Chester durch seinen Liber de Compositione
Alchemiae eingeführt. Üblicherweise geht man von der Zusammensetzung
aus dem arabischen Artikel ›al‹ und der aus dem Griechischen entlehnten
χυμεία für ›Vermischung‹ oder der im Suidas verzeichneten χημεία für die
künstliche Edelmetallherstellung aus. Gerade nach der Zerstörung Konstan-
tinopels im 15. Jahrhundert und dem Exodus byzantinischer Gelehrter, die
ihre Handschriften im Gepäck hatten, gewann diese griechische Herkunft
an Befürwortern. Nach heutiger etymologischer Deutung rührt die χυμεία
vom altägyptischen ›kmt‹ (›Kam-it‹ oder ›Kem-it‹) als Bezeichnung für die
fruchtbare Erde des Nilbeckens her – und damit metonymisch für das Land
Ägypten.54

51 Vgl. zum ›Splendor Solis‹ J. Völlnagel (2004), und – als jüngster seiner zahlreichen
Beiträge, darunter J. Telle (1991a) – J. Telle (2006b); zu ›Sol und Luna‹ ders. (1980).
52 Weitere Definitionen alchemischer Bildlichkeit in H. Sheppard (1984), S. 16 f.
53 Übersicht über die Gegenstands- und Forschungsproblematik bietet in luzider Kürze:
W. Kühlmann (2004). Zur Zahlensymbolik sei auf die Kommentare zu CHRYS.,
S. 9, 27–30; S. 9, 24 – S. 10, 13; S. 34, 17; S. 50, 30; S. 51, 8–12 verwiesen; des weiteren
auf J.-P. Brach (1987). Die beste Einführung in die Ikonographie der Alchemie ist M.
Gabriele (1997), neuaufgelegt 2008; vgl. auch J. Völlnagel (2004), S. 92–95; eine
bündige Einführung in das Feld von Mnemotechnik und Symbolik gibt M. Gabriele
(2006), S. 7–60.
54 Zusammengefaßt aus M. Gabriele (1997), S. 11–17; desweiteren B. D. Haage (1996),
S. 50–53; S. Hartmann (1987); J. Telle (1987), S. 199 f.

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12 A. Einleitung

2.2. Die spätantiken Gründungstexte und ihre Vermittlung


Die tatsächliche Herkunft der Alchemie ist schließlich auch im alten Ägyp-
ten zu suchen. So hüteten die der Priesterkaste zugehörigen Tempelhand-
werker seit dem 3. Jahrtausend vor Christus ihr Wissen um die Nachah-
mung von Edelmetallen und Juwelen vor profanen Kollegen, wenn auch
schriftliche Zeugnisse erst seit dem 3. Jahrhundert vor Christus existieren.
Bei all dem blieb die Interferenz mit kosmologischen und mythischen Vor-
stellungen nicht aus. Gerade die Handlung des Isis-Osiris-Mythos, als Er-
klärung der Nilperioden, nach welchem Osiris von seiner Schwesterfrau
getötet und wieder zum Leben erweckt wird, prägte maßgeblich alchemi-
sches Denken, wie auch das in Ägypten bis um 2300 vor Christus zurück-
reichende Bild des Ouroboros damals in die Bildtradition einging.
Jenes bereits mit kosmologischen Vorstellungen angereicherte metallur-
gische Geheimwissen traf in der geistigen Hochkultur des spätantiken Ale-
xandria mit Hellenismus, christlicher und jüdischer Gnostik, wie den My-
sterienkulten der jeweiligen Sektierer, dem sich zur selben Zeit in Alexan-
dria formierenden Neuplatonismus, lokalem ägyptischem Mystizismus und
babylonischer Astronomie, welche die Planeten den Metallen zuwies, zu-
sammen. Der daraus resultierende Synkretismus schlug sich bereits im
Werk des ersten geschichtlich gesicherten Alchemikers Zosimos von Pan-
opolis (um 300) nieder, welcher die Bilder jener philosophisch-mystischen
Traditionen als alchemische Allegorien aufgriff. Auch setzte er in seinen
Schriften, die dennoch reich an Apparatbeschreibungen gewesen sein sol-
len, bereits den Gedanken an die ›Erlösung der Materie‹ demjenigen der
›Erlösung des Menschen‹ gleich. Ihm war also schon die besagte Zweitei-
lung der Kunst geläufig, wie er auch von den Adepten Geheimhaltung
forderte und die Traumvision als literarische Form wählte: Dem über dem
Werk Sinnenden erscheint ein Weiser, welcher ihm eine große Allegorie vor
Augen führt, in dieser erfährt das Metall eine dreifache, an Opfer und Auf-
erstehung der Mysteriengötter gemahnende Wandlung zur Reinheit.55
Auf solchem Boden blühte nicht minder die Pseudoepigraphie, wenn
nicht sogar Pseudographie,56 unter den Namen christlich-jüdischer Gestal-
ten, wie der Moses-Schwester Maria, und ägyptischer Halbgötter und Ma-
gier, wobei die größte Bedeutung Hermes Trismegistos zukommt. Das ihm
zugeschriebene und bis in die Moderne gerne ins Antidiluviale vordatierte

55 Zu den Anfängen der Alchemie vgl. etwa B. D. Haage (1996), S. 63–95, Alchemie
Lexikon, S. 22–25 und zu Zosimos ebd., S. 380 f.; zur alexandrinischen alchemischen
Literatur als Kommentar vgl. C. Viano (2000).
56 Eine Erklärung dieses Phänomens bieten R. Schuler u. J. Fitch (1983), S. 38, Anm. 65
– unter Bezug auf W. Stahl (1962), S. 254 – mit der ›aura of uncanniness‹ solcher
Schriften, die geradezu nach der Zuweisung ›to remote personages like Asclepius,
Homer, or Pythagoras‹ verlangt, wie heute Unheimliches der Wissenschaft in die Sci-
ence-Fiction transponiert wird.

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2. Die Alchemie: Geschichte und Textwelt 13

Corpus Hermeticum, als Sammlung kosmologisch mystischer – doch nicht


genuin alchemischer – Texte, fand gerade in der lateinischen Übertragung
durch Marsilio Ficino breite Resonanz. Auch Furichius nimmt auf die beiden
dort enthaltenen kosmogonischen Dialoge Pimander und Asclepius, wie de-
ren Übersetzer, ausdrücklich Bezug. Ebenso gestaltete er die Figur des Senex
in der Chryseis nach dem fabelhaften Priesterkönig. Die Tatsache, daß dem
Dreimalgrößten Hermes zudem etliche weitere, medizinische wie astrologi-
sche Texte zugeschrieben wurden, ließ ihn noch mehr durch die Phantasie der
Gelehrten und Ungelehrten geistern. Den Alchemikern schließlich galt er als
Verfasser der Tabula Smaragdina, eines ursprünglich wohl griechischen Tex-
tes, der vor allem in der arabischen Welt tradiert wurde, zusammen mit der
Auffindungslegende der Smaragdtafel im ägyptischen Ruinengewölbe, wo
sie der uralte Weise thronend in Händen hielt. Die Tabula stellt – im Rang
den Tafeln vom Berge Sinai vergleichbar – eine Kurzfassung der Alexandri-
nischen Alchemie dar, aus welcher sich alle späteren Vorstellungen (Entspre-
chung von Makro- und Mikrokosmos, der Stein als Kind von Sol und Luna,
die Auflösung der Gegensätze etc.) ableiten ließen.57
Ihren Weg ins christliche Mittelalter fand die spätantike alchemische
Literatur vornehmlich über die arabische wie oströmische Vermittlung. So
kannte Konstantinopel bereits annähernd alle literarischen Gattungen, wel-
che später die Alchemie der Frühen Neuzeit prägen sollten. Allgemein wird
für die byzantinische Alchemieliteratur ein mit der Zeit beständig zuneh-
mendes Maß an Allegorisierung konstatiert; eine Entwicklung, für die jene
von Furichius in seinen Scholien zitierten alchemischen Jamben des Helio-
doros und Theophrastos aus dem 8. Jahrhundert beispielhaft sind.58 In der
arabischen Welt herrschte seit dem 8. Jahrhundert eine rege Übersetzung-
stätigkeit aus dem Griechischen, darunter neben vielen anderen Zosimos
und hermetische Texte. Unter den großen Vertretern des 9. Jahrhunderts,
die jedoch zum Bildungsgut der Zeit gehörten, nimmt Furichius auf Rhazes
(865–925), der vor allem auf Geber (1. Hälfte 12. Jd.) wirkte, und Avicenna
(um 980–1037) Bezug.59 Wichtigstes Erzeugnis des arabischen Hermeti-
schen Schrifttums ist die, gegen Ende des 9. Jahrhunderts entstandene, im
12. Jahrhundert ins Lateinische übersetzte alchemische Philosophensynode
Turba philosophorum, der wiederum eine verlorene griechische Vorlage
zugrunde lag. Auch zu ihr sind in der Chryseis Bezüge erkennbar.60

57 Vgl. zur Tabula vor allem J. Ruska (1962) sowie J. Telle (1995c); zu Hermes und
Hermetismus stellvertretend W. Kühlmann (2000b), F. Ebeling (2005); sowie M. Mul-
sow (2002); auch meinen Kommentar zu CHRYS., S. 16, 18 – S. 17, 10.
58 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 20, 27; u. S. 51, 22.
59 Vgl. Alchemie Lexikon, S. 67. Zum lateinischen Geber vgl. J. Telle (1980c) u. ders.
(1986a).
60 Vgl. B. D. Haage (1996), S. 110–142 sowie J. Telle (1995e) u. ders. (1997b); die
zugrundeliegende Ausgabe J. Ruska (1931).

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14 A. Einleitung

2.3. Mittelalter61
Zwar ist bereits für das Frühmittelalter alchemisches Schrifttum überliefert,
es handelt sich hierbei in erster Linie um Gebrauchstexte zur Herstellung
von Emaille oder Legierungen und Abhandlungen zum Bergbau. Die ei-
gentliche geistige Auseinandersetzung mit der Transmutationskunst setzte
jedoch erst im 12. Jahrhundert ein. Ausschlaggebend war die unter grie-
chisch-arabischem Einfluß stehende, rationalistisch geprägte Schule von
Chartres, welche sich zugleich mit Macrobius, Platos Timaios und Texten
des Corpus Hermeticum auseinandersetzte. Daneben zeichneten sich die
Universitäten von Salerno wie auch Toledo durch ihre Übertragungen ins
Lateinische aus. Im Umkreis jener Übersetzerschule führte 1144 auch der
vorgedachte Robert von Chester ›Alchemie‹ – als Begriff und ›ars nova‹ –
in die Kultur des Abendlandes ein. In der Folgezeit zeichnete sich ein vor-
übergehender Stillstand der theoretischen Entwicklung ab, welchen jedoch
die voranschreitende Spiritualisierung der Texte ausglich. Wie schon in der
Spätantike blühte auch damals die Pseudoepigraphie, so daß neben den
arabischen Gelehrten Rhazes und Avicenna oder Aristoteles nicht minder
Thomas von Aquin (1224/5–1274), Raimundus Lullus (1232/33–1316)
oder Arnaldus von Villanova (gest. 1311) zahllose Werke untergeschoben
wurden. Daneben standen eigenständige Autoren, wie Johannes von Rupes-
cissa (Mitte 14. Jd.) mit De consideratione quintae essentiae,62 der geheim-
nisumwobene Bernardus Trevisanus (14. Jd.), der erdichtete Nicolas Flamel
(1330–1418)63 sowie Petrus Bonus (14. Jd.), an dessen Pretiosa margherita
aus dem 1. Viertel des 14. Jahrhunderts sich die Modelle der alchemischen
Mythenallegorese der Zeit und nicht minder der Stand der Alchemie in der
damaligen Gelehrtenwelt ablesen lassen.64 So diente der Traktat keinem
geringeren Zweck, als die spagyrische Kunst gegen ihre, durchgehend als
›ignorantes et idiotae‹ gebrandmarkten, Kritiker in Schutz zu nehmen und
sie letztlich in die ›Septem Artes‹ zu integrieren. Ohne sich in Einzelheiten
zu verlieren, kann man die Alchemie der Zeit als durchaus nicht unange-
fochten, doch innerhalb der Gesellschaft höchst präsent bezeichnen. Es
häuften sich Berichte über gelungene Transmutationen, nicht zuletzt von
in Fürstendienst stehenden Alchemikern, wie auch Verteidigungen, War-

61 Zusammengefaßt aus: Alchemie Lexikon, S. 26–29; sowie J. Telle (1978), S. 202f; Ch.
Crisciani (1976); u. diess. (1996); G. Jüttner (1980); B. Obrist (1986); B. D. Haage
(1996), S. 59–62; u. S. 143–177.
62 Vgl. zu Arnald von Villanova W. Pagel (1958), S. 248–258; CP 1, S. 132 f.; Alchemie
Lexikon, S. 62 f.; zu Johannes von Rupescissa ebd., S. 185–187 und W. Pagel (1958),
S. 263–266; D. Kahn (2007), S. 40–42.
63 Vgl. zu Trevisanus Alchemie Lexikon, S. 78 u. J. Telle (2008b); zu Flamel ebd.,
S. 136–138; besonders jedoch R. Halleux.
64 Vgl. zu Bonus Alchemie Lexikon, S. 270 f. sowie C. Crisciani (1976) u. J. Telle
(1983a).

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2. Die Alchemie: Geschichte und Textwelt 15

nungen, Verbote und Satiren – kurz: die Flut an Schriften der Befürworter
wie der Gegner schwoll stetig an. Neben dem lateinischen Schrifttum trat
nicht minder vulgärsprachliche Literatur auf, so sind etwa seit dem
14. Jahrhundert deutschsprachige alchemische Texte überliefert. Das an-
onyme Bildgedicht Sol und Luna kann hierfür, gewiß auch wegen seiner
erotischen Bildlichkeit als bestes Beispiel angesehen werden.65

2.4. Renaissance und Barock:


Hermetismus – Paracelsismus – Rosenkreutzertum66
Die rinascimentale Alchemie war zum einem bestimmt durch den Florenti-
ner Neuplatonismus, dessen Begründer, Marsilio Ficino, das Interesse an
hermetischem Schrifttum im Zuge einer Neuerschließung der ›prisca sa-
pientia‹ und damit einhergehender Übersetzungen und Reflexionen ent-
fachte. Die Schülergeneration verwob sein Oeuvre mit anderen Kosmolo-
gien, mit der Kabbala und Naturspekulationen. Zum anderen prägten die
Spagyrik maßgeblich – oft auch mit den Florentinern in Verbindung ge-
bracht67 – Paracelsus (1493/94–1541) und die Paracelsisten.68 Der Hohen-
heimer leitete zwar insofern eine neue Epoche der Naturerkenntnis ein, als
er die Alchemie als Chemiatrie in seine ›medicina reformata‹ integrierte,
wie auch die Trias Sal-Sulphur-Mercurius der Principia des Festen, Brenn-
bar-Öligen und Flüchtig-Flüssigen etablierte und vor allem der praktischen
Erfahrung das Primat vor der philologischen Behandlung medizinischer
Schriften zusprach.69 Der sich auf ihn berufende Paracelsismus aber war
alles andere als eine einheitliche Schule, nicht zuletzt weil es am hierfür
nötigen autorisierten oder systematisierten Schrifttum aus der Feder des
Wundarztes gebrach. Er war vielmehr das Kind der jeweiligen Paracelsus-
deutung und Fortschreibung durch drei ›Väter‹: des Arztes Adam von Bo-
65 Ediert, eingeleitet und kommentiert von J. Telle (1980d).
66 Vgl. CP 1, S. 1–37; sowie A.-Ch. Trepp (2001) und die Einzelbeiträge des so einge-
leiteten Sammelbandes, dort besonders zu ›Paracelsismus und Hermetismus‹ W. Kühl-
mann (2001).
67 Die von F. Ebeling (2005), S. 109 postulierte – und von J. Assmann im Vorwort ab-
gesegnete – hermetische Trennung zwischen Neuplatonikern im Süden und Paracelsi-
sten im Norden gilt bezeichnend nur für den volkssprachlichen Bereich; vgl. für die
Italiener etwa Leonardo Fioravanti, Fabrizio Bartoletti oder den Synkretisten Antonio
Ricciardi im Kommentar zu CHRYS., S. 24, 1–25; u. S. 32, 30–31; sowie S. 51,
SCHOL. 29; zu den Franzosen liegt inzwischen die umfassende Monographie von
D. Kahn (2007) vor.
68 Die Literatur zu Theophrastus Bombastus von Hohenheim ist kaum überschaubar. Als
biographischer Abriß: K. Goldammer (1991). Einen von der Renaissance bis in die
Jetztzeit schweifenden Überblick über die Widersprüchlichkeiten und Weglosigkeiten
in Paracelsusbild und -rezeption, (Miß-)Stand der Edition und zahllosen Aufgaben der
Forschung bietet die Druckfassung des Vortrags von J. Telle (2006a); eine erste biblio-
graphische Zusammenschau ders. (1994b).
69 Vgl. B. D. Haage (1996), S. 30–33

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16 A. Einleitung

denstein (1528–1577), des Humanisten und Mediziners Michael Schütz,


genannt Toxites (1514–1581),70 und des Gerhard Dorn (um 1530-nach
1584), einer mit »verstreuten Schwenkfeldianern engstens liierte Schlüssel-
gestalt in der auf Jakob Böhme und die Rosenkreutzer zulaufenden theo-
sophischen Spiritualisierung und ausdrücklichen Hermetisierung des ur-
sprünglich medizinisch-therapeutisch ausgerichteten Theophrastischen
Denkens.«71 Es wurde also einerseits über eine Hinkehr zur Praxis in der
Heilmedizin wie auch generell zum Experiment der Weg der modernen
Chemie mitbereitet.72 Andererseits fanden gerade weltverbessernde Prote-
stanten, heterodoxe Geister und Mystiker mit der alsbald ebenso verklärten
wie verdammten Paracelsusgestalt Stoff für ihre Phantasmagorien, welche
sie mit neuplatonisch-hermetischen Schrifttum und auch der Kabbala zu
harmonisieren suchten. Auffällig sind hierbei gerade der theosophische Al-
chemiker Heinrich Khunrath (1560-um 1605) mit seinem Amphitheatrum
Sapientiae Aeternae73 und Oswald Crollius (um 1560–1608) mit seiner
Basilica chymica (erschienen ab 1609).74
Als folgenreich erwies sich in einem solchem Umfeld das Frühwerk des
umstrittenen protestantischen Theologen und Schriftstellers Johann Valen-
tin Andreae (1586–1654). Nachdem er – auch ob des Kontaktes zu herme-
tisch-spiritualistischen Kreisen – der Universität Tübingen verwiesen wor-
den war, führte er, weiterhin Theologie studierend, ein Wanderleben. Auf
seinen Reisen kam er mit allen geistigen Strömungen seiner Zeit, vom
Calvinismus und Humanismus bis zum Mystizismus, in Berührung. In sei-
nen drei sogenannten ›Rosenkreutzermanifesten‹, der Fama Fraternitatis
von 1614, der Confessio Fraternitatis im Folgejahr und gerade der allego-
rischen Chymischen Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459 (gedruckt
1616), entwickelt er an der idealisierten wie fiktiven Gestalt des Christian
Rosenkreutz das Modell einer der ›praxis pietatis‹ gewidmeten ›Rosen-
70 Vgl. zu Bodenstein dessen im wissenschaftshistorischen Kontext erschlossene Korre-
spondenz CP1, S. 104–544; dort einleitend ein biographischer Abriß S. 104–110; wie
auch etliche über das Personenregister auffindbare Einträge in CP 2; sowie J. Telle
(2008c) – vgl. zu Toxites besonders, konzeptionell wie zum Vorgenannten, CP 2,
S. 41–528; neben weiteren zahlreichen Notizen in CP 1; sowie auch J. Telle (1991d).
71 W. Kühlmann (2005a), S. 89; wie auch zum ›häretischen Potential des Paracelsismus‹
ders. (2006); vgl. auch W. Kühlmann (2008c); sowie Alchemie Lexikon, S. 112–114.
72 Etwa in Gestalt von Andreas Libavius; vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 2v.
73 Zu Khunrath J. Telle (1986d) u. ders. (1990b) wie auch dessen Eintrag im Alchemie
Lexikon, S. 194–196; neben R. Evans (1997), S. 213–215 et passim; u. C. Gilly
(2002a); sowie zur Wirkungsgeschichte des ›Amphiteatrum‹ in Frankreich D. Kahn
(2007), S. 569–593; vgl. zu dessen Synkretismen auch den Kommenar zu CHRYS.,
S. 24, 1–25.
74 Vgl. zu Crollius das Alchemie Lexikon, S. 102 f., W. Kühlmann (1992a); die Artikel J.
Telle (1989a) und ders. (2008d); sowie R. Evans (1997), S. 142 f. et passim; die wich-
tigsten Schriften von Crollius werden derzeit herausgegeben von W. Kühlmann u. J.
Telle (1996–1998); weitere Synkretisten bei W. Kühlmann (1995), S. 509 f.; zur Rho-
dostaurischen Publizistik der Zeit vgl. auch den Katalog C. Gilly (1995).

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2. Die Alchemie: Geschichte und Textwelt 17

kreutzerbruderschaft‹. Diese sollte in sich endlich praktisches Christentum


und Naturerkenntnis verwirklichen. Obschon Andreae sich später als Su-
perintendent in Calw mit satirischen Schriften von diesen ›jugendlichen
Irrungen‹ distanzierte, konnte er nicht verhindern, daß sich davon ausge-
hend »eine der wirkmächtigsten, von unzufriedenen Intellektuellen getrage-
ne Protest- und Reformbewegung des fürstenstaatlichen Protestantismus
[formierte]. Postulate einer nachhaltigen Rechristianisierung des öffentli-
chen und privaten Lebens, Widerstand gegen die innerkonfessionelle
Streittheologie, apokalyptische Hoffnungen auf die Überwindung der
Papstkirche und eine tiefgreifende Revision der akademischen Wissen-
schaftspraxis verbanden sich hier zum Projekt einer ›Generalreformation
der ganzen Welt‹.«75 Dieser epochale Umbruch wurde vorbereitet durch
Visionsschriften, welche die Wiederherstellung Adamitischen Wissens an
die endzeitliche Wiederkunft des Elias knüpften, durch hermetisch-neupla-
tonische, gegen den offiziellen Aristotelismus gerichtete Naturspekulatio-
nen, durch Sozietätsentwürfe und Zirkelbildungen. Höhepunkt des Schrift-
und Rosenkreutzertums an sich waren die Jahre 1610–1630. Die bedeu-
tendsten Vertreter der Fraternität waren der Engländer Robert Fludd
(1574–1637), bekanntermaßen Michael Maier (1568/69–1622),76 Melchior
Breler (1589–1644) und Christoph Hirsch (gest. nach 1649), der Gießener
Professor Henricus Nollius (um 1590–1626) – und nicht zuletzt der Wid-
mungsträger der Chryseis Joachim Morsius.77
Einer der wichtigsten Druckorte okkulten und wissenschaftlich unortho-
doxen Schrifttums war im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts Straßburg,
welches sich zuvor bereits durch seine Bibelproduktion und Verlage refor-
matorischer Werke einen Namen gemacht hatte. Dort brachte die eindrucks-
volle Verlegergestalt des Lazarus Zetzner (1551–1616)78 zahlreiche Para-
celsica, darunter 1605 das Opus chirurgicum, heraus. Daneben veröffent-
lichte er die Werke verschiedener Alchemiker, zum Beispiel des Toxites
oder des Theosophen Khunrath, welcher die ganze Schöpfung alchemisch
erklärte, indem er Kabbala, Neuplatonismus und Aristotelismus zu verbin-
den wußte. Schließlich druckte Zetzner zwischen 1602 und 1622 ›die‹ gro-

75 W. Kühlmann (1998), S. 407; zudem die Studie zu Rosenkreutzern am Hof des Moritz
von Hessen Kassel (1572–1632), zu welchem zeitweise auch Maier gehörte, B. T.
Moran (1991), bes. S. 87–114.
76 Vgl. zu Fludd Alchemie Lexikon, S. 139 f. Zu Maier sei auf die Monographie von H.
Tilton (2003) verwiesen, sowie die Biblio-Biographie von E. Leibenguth (2002),
S. 21–64; davor U. Neumann (1993); sowie J. Craven (1968); neben den Abschnitten
in R. Evans (1997), S. 200 f. et passim.
77 Zu Andreae bes. R. Van Dülmen (1978) u. W. Kühlmann (1988); desweiteren B. D.
Haage (1996), S. 176–196; S. Rusterholz (2007); J. Telle (1978), S. 203–206; Alche-
mie Lexikon, S. 46–48.
78 Zu Zetzner als Verleger von Hermetica sei verwiesen auf C. Gilly (2002c); u. J. Telle
(2004a), S. 13–25; sowie D. Kahn (2007), S. 112–121.

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18 A. Einleitung

ße Anthologie hermetischen Schrifttums, das Theatrum Chemicum, welche


die Erben 1659 und 1661 nochmals erweiterten. Auch die als ›Gründungs-
schrift‹ der Rosenkreutzer begriffene Chymische Hochzeit Andreaes erlebte
ihre Erstausgabe nirgendwo anders als 1616 in seiner Werkstatt. Insgesamt
zeichnete sich die Freie Reichsstadt, obschon sich ab der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts das konservative Luthertum durchzusetzen vermochte,
durch ihr offenes, stets von historisch markanten Strömungen mitbestimm-
tes geistiges wie geistliches Klima aus. Vorübergehend wurden hier sogar
öffentlich Täufer und Schwenckfeldianern geduldet, und es galt Straßburg
zahlreichen Hugenotten als erste und willkommenste Zuflucht. Zugleich
war es geistiges Zentrum eines sich nicht nur auf das Oberrheinische be-
schränkenden Kulturraums, der als Heimstatt der Paracelsismen und Wir-
kungsort der vorgenannten Adam von Bodenstein, Toxites, Dorn, im stän-
digen personellen und publizistischen Austausch mit den intellektuellen
Zentren der Reformation und den sich abspaltenden Heterodoxien stand,
wie Speyer, Basel, Tübingen und Heidelberg. Und ebenso wie das Elsaß
schon damals seine Mittlerfunktion zu Frankreich, sprich Akademie und
Universität von Paris, innehatte, so unterhielt man selbstredend Kontakte
bis an den Prager Hof und zu den Zirkeln der Schlesischen Mystik.79 In
einem solchen geistigen Umfeld verwundert es nicht, daß man sich an der
Straßburger Akademie im Jahre 1620 genötigt fühlte, gegen ketzerische
Lehrmeinungen und deren Verbreitung vorzugehen.80 Es war dies die
Zeit, in welcher Furichius das Gymnasium abschloß und seine ersten Ge-
dichte, auch zu naturkundlichen Themen, verfaßte.

3. Alchemie und Lehrgedicht

Von Manilius, welcher sich der glücklichen Versifizierung astronomischer


Zahlenverhältnisse rühmte, bis zur enzyklopädisch-kosmologischen Lehr-
dichtung der frühen Neuzeit, wie der Première Semaine ou Création du
Monde des Guillaume de Salluste Du Bartas (1544–1590) von 1578, stand
der ›Kunstanspruch der Lehrepik in direktem Verhältnis zur Schwierigkeit
des Themas.‹81 In der proteischen Vielgestaltigkeit ihrer literarischen Mani-
festationen war die Alchemie stets auch als Lehrgedicht gegenwärtig; seien
es die erwähnten Jamben der Byzantiner Heliodoros und Theophrastos des
8. Jahrhunderts oder die im deutschen Kulturraum verfaßten muttersprach-

79 Ein intelektuelles Profil der Stadt während der Reformation zeichnet M. Usher Chris-
man (1967); während des Humanismus dies. (1982); kurz B. Vogler (2001), S. 233–
237; zu Oberrhein und Paracelsismus die beiden Vorworte CP 1, S. 15–37 et passim;
und CP 2, S. 6–13 et passim.
80 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 106–110.
81 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 123 f.

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3. Alchemie und Lehrgedicht 19

lichen Dichtungen, wie das seit dem frühen 16. Jahrhundert vielfach über-
lieferte Spruchgedicht Von der Bescheidenheit des Alchemikers82 oder die
bis ins 18. Jahrhundert weitverbreitete Dichtung vom Sermo Philosophicus
(zuerst gedruckt 1605).83 Daß für das Verfassen wie Erforschen gerade
volkssprachlicher alchemischer Dichtung kein tieferer Einblick in die Ma-
terie nötig war und ist, beweist eindrucksvoll der Nürnberger Wundarzt
Hans Folz (1435/40–1513), der – wie er mit seinem Fastnachtspiel Der
Juden Messias deren Ausweisung beförderte – auch diesen Teil des Peg-
nesischen Stadtgesprächs mit seinem Stein der Weisen für sein Publikum
literarisch aufbereitete.84 Daneben ist ebenso das längere kompilatorisch-
autobiographisch allegorische Viatorium spagyricum des (historisch unge-
sicherten) Herbrandt Jamsthaler vom Ende des 16. Jahrhunderts zu nennen,
welches noch bis ins 18. Jahrhundert gelesen wurde.85 Im angelsächsischen
Sprachraum erlangte das, ebenso von Furichius erwähnte, Lehrgedicht der
Twelve Gates des George Ripley (um 1415–1490) hohe Berühmtheit, nicht
minder jedoch seine lateinische Prosafassung.86 Lateinisch (ab 1600) wie
auch ursprünglich volkssprachlich (ab 1500) wurde auch der Vers-Bild-
Traktat Vom Stein der Weisen des (nicht zu identifizierenden) Lamspring
verbreitet, doch scheint von den alchemischen Autoren fast ausschließlich
die internationale Fassung wahrgenommen worden zu sein.87
Im Lateinischen jedoch herrschten im Gegensatz zu den Volkssprachen die
Kleinformen vor, wie es die Dichtungen des Johannes von Teschen (14. Jd.),
mit seinem stark rezipierten Lumen secretorum,88 des Alexander von Suchten
(1520–1575)89 oder etwa eines Laurentius Span von Spanau (1530–1575)90
zeigen. Der oberrheinische Paracelsist Michael Schütz, genannt Toxites
(1514–1581), der von 1542–1545 auch Lehrer an der Straßburger Akademie
gewesen war, verfaßte neben vielen eleganten lateinischen Schriften unter

82 Vgl. J. Telle (2003a).


83 Vgl. J. Telle (2003b)
84 Vgl. J. Telle (1992d); sowie ders. (1994c).
85 Vgl. J. Telle (1977); u. ders (1990a); und mit dem vielsagenden Titel: Jamsthaler,
Herbrandt: Viatorium Spagyricum. Das ist: Ein Gebenedeyter Spagyrischer Wegwei-
ser/ in den edlen Sonnengarten der Hesperidum zu kommen/ vnnd daselbst den Gül-
denen Tinctur Zweig deß vniversals (sonsten Lapis Philosophorum genandt.) zu er-
langen. Alles in einem Historico-Poetischen Discurs sampt Erzehlung deß Authoris
ganzem Leben. Frankfurt/Main 1625.
86 Näheres in den Kommentaren zu CHRYS., S. 12, 25; S. 35, 10; S. 42, 3; S. 47, 21 – S. 48, 2.
87 Vgl. J. Telle (1985) u. ders. (1995a); der Abdruck im ›Museum Hermeticum‹ von 1678
unter Lambsprick im Literaturverzeichnis.
88 Vgl. J. Telle (1983b).
89 Vgl. zu Suchten Alchemie Lexikon, S. 352 f.; J. Telle (1991c) u. ders. (2006c) sowie
O. Humberg (2007) – ein repräsentativer und kommentierter Ausschnitt aus Suchtens
Korrespondenz in: CP 1, S. 545–584; mit Kurzporträt S. 545–549.
90 Eine kommentierte Teiledition seiner Briefe mit Übersetzung und Kurzbiographie in
CP 2, S. 562–583; Auszüge aus dessen Lehrgedicht ›Spagirologica‹ mit Adnoten der
Herausgeber ebd., S. 572–583.

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20 A. Einleitung

anderem ein alchemisches Gedicht über das Antimon; dies als Beitrag zum
Disput um dessen medizinische Verwendung. Es erschien 1567 unter dem
Titel Spongia Stibii adversus Lucae Stenglini Medicinae Doctoris, Et Physici
Augustani Aspergensis als Einzeldruck, in welchem das beschuldigte Anti-
mon sich selbst verteidigt und Paracelsus huldigt.91
Doch selbst ein Michael Maier kam mit seinen Cantilenae intellectuales
und anderen Gedichten kaum über epyllisches Format hinaus;92 ebensowe-
nig wie der Arztdichter Stoltz von Stolzenberg (1600 – nach 1644). Dessen
1624 zum ersten Mal erschienenes und als Chymisches Lustgärtlein kurz
darauf verteutschtes Viridarium chymicum 1624 stellt letztlich nur eine,
wenn auch lange, Sequenz alchemischer Emblemta mit Subscriptiones
dar.93 Kurzum: Augurellis Chrysopoeia und Furichius’ Aurea Catena wie
seine Chryseis, als veritable alchemodidaktische Epen, werden zu recht als
›formgeschichtliche Ausnahmen‹ betrachtet.94

4. Alchemie und Vision

Wie die Alchemie sich nach und nach schier aller literarischen Formen
bemächtigte, war sie allein schon ob ihrer Verwurzelung im Mystisch-Spe-
kulativen seit Zosimos durch Visions- und Traumschilderungen bestimmt.
Hinzu kommt, daß »Visionen als inkorporierte oder autonome Texte fester
Bestandteil der abendländischen Literatur sind, da sie im Alten und Neuen
Testament häufig begegnen (Danieltraum, Apokalypse des Johannes).«95
Für kosmologische Träume des lateinischen Mittelalters und der Renais-
sance war zudem der Rekurs auf das Somnium Scipionis (CIC. rep. 6, 9–
29) und dessen umfangreiche Deutung durch Macrobius, zumal dieser eine
Kategorisierung der Erscheinungen vorausschickt, geradezu unumgänglich;
auch für den wohl wichtigsten und wirksamsten Traumtext der Zeit, die
Hypnerotomachia Poliphili des Francesco Colonna von 1499.96 Und wie
sich die Visionsliteratur seit der Spätantike bewußt hermeneutisch gesicher-
ter Bilder bediente – aus Traumbüchern, wie demjenigen des Artemidoros
von Daldis, über die Patristik bis zur mittelalterlichen Mystik97 – bedienten
91 Vgl. W. Kühlmann (1995); dort abgedruckt S. 520–526; sowie D. Kahn (2007),
S. 136 f.; 215–217 et passim.
92 Vgl. die Monographie von E. Leibenguth (2002).
93 Vgl. J. Telle (1991b) sowie W. Kühlmann (1992b).
94 Vgl. W. Kühlmann (1995), S. 511; und zu Maier in der Tradition der (alchemischen)
Lehrdichtung E. Leibenguth (2002), S. 75–80.
95 P. G. Schmidt (2003), S. 785.
96 Zur Nachwirkung von MACR. somn. vgl. A. Hüttig (1990); vgl. auch Kommentar zu
CHRYS., S. 26, 1–9; grundlegend zu philosophisch-naturkundlichen Träumen M.
Ariani (1999) u. M. Gabriele (1999).
97 Zur Interdependenz von Traumbüchern und literarischen Traumvisionen grundlegend
P. Habermehl (1992), S. 65–177.

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4. Alchemie und Vision / 5. Mythologie und Alchemie 21

sich gleichermaßen alchemische Visionen einschlägiger alchemischer Alle-


gorien oder spannen diese fort.98 In der alchemischen Literatur, in welcher
sich allenthalben Träume und deren Deutungen finden, ist die Visio Arislei
als Mustertext zu nennen. Diese offenbarte sich nach Ende des Kongresses
dem ›Protokollanten‹ der Turba Philosophorum namens Arisleus. Meist
zusammen mit dem Kongreßbericht ist sie ab dem 12. Jahrhundert über-
liefert, ab dem 15. Jahrhundert ist zudem eine versifizierte Fassung belegt.
In seinem Traum bringt Arisleus, als Gesandter des Pythagoras, einem un-
fruchtbaren Königreich am Meer, das nur gleichgeschlechtliche Partner-
schaften kennt, durch die Vereinigung des Männlichen und Weiblichen,
nach gescheitertem erstem Versuch, langer Haft und endlichem Gelingen,
die Fruchtbarkeit zurück.99
Auch Kombinationen von Wach- und Traumvisionen waren häufig, wo-
bei die Wachvision die Deutung des Somnium darstellte.100 Nicht minder
traten oft Traumführer auf, um das Geschaute zu deuten, oder ›Geisterge-
stalten‹ großer Meister.101 Furichius band in sein Werk ebenso zwei Visio-
nen ein: den sprechenden Rabe im zweiten, den Traum von der Ermordung
des Phoebus im Bade im dritten Buch. Zwei seiner Vorbilder nennt der
Arztdichter explizit in den Paratexten: Es sind dies der satirische Dialogus
Mercurii, Alchemistae et Naturae, der auch die alchemische Visionsliteratur
persifliert,102 und die ernster gemeinte Parabola im Novum lumen des Mi-
chael Sendivogius, welche ebenso mit den genannten Versatzstücken ihr
Spiel treiben.103

5. Mythologie und Alchemie104

Der alchemische Hermetismus begriff sich »als Restauration eines in histo-


risch-humaner Verschuldung verschütteten Wissens«.105 Ein Ort, an wel-
chem jenes überdauerte, war neben den ägyptischen Hieroglyphen der My-

98 Zur Vision allgemein vgl. P. G. Schmidt (2003); M. Frenschkowski (2003), S, 117–


120; P. Adnès (1996); zur christlichen Vision P. Dinzelbacher (1981) u. ders. (1989),
sowie – für Außerchristliches unbrauchbar – E. Benz (1969).
99 Abdruck einer lateinischen Versfassung, Entstehungs-, Wirkungsgeschichte und Kom-
mentar in S. Limbeck (1999); vgl. pro forma J. Telle (2004b) u. M. Jammermann
(2008), S. 6 f.
100 Vgl. M. Jammermann (2008), S. 17.
101 Zur Allegorese vgl. M. Jammermann (2008), S. 40 f.
102 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 32, 7.
103 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 14, 0–4; S. 28, 31 – S. 29, 1; S. 40, 10; zum Werk und
Sendivogius CHRYS., S. 46, 30.
104 Einen Überblick über die Mythenrezeption der Renaissance im Allgemeinen bietet B.
Guthmüller (1997) wie auch weitere Beiträge des enthaltenden Sammelbandes.
105 W. Kühlmann (2004), S. 635 f.

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22 A. Einleitung

thos.106 Schon bei Zosimos war das Bestreben erkennbar, Mythen, welche
er dem Hesiod entnahm, antike Orakelsprüche wie auch die Orphik für
seine Zwecke zu verwenden.107 Als schließlich um die Jahrtausendwende
die byzantinische Enzyklopädie Suidas entstand, stand unter dem Lemma
›Goldenes Vlies‹ wie selbstverständlich nur dessen alchemische Deu-
tung.108 Im Mittelalter alchemisierte Albertus Magnus (um 1200–1280) in
De mineralibus die Geschichte von Pyrrhus und Deucalion, Petrus Bonus
bediente sich reichlich aus Vergils Mytheneinschüben und nicht minder aus
den ganzen Metamorphosen Ovids.109 Dahinter stand die Annahme eines
›sensus naturalis der mythologischen Fiktion‹, welcher über Tertia compa-
rationis, wie Farbanalogien, Bezüge zum Gold, dem großen Wagnis und
jeglicher Art der Verwandlung, vor allem Gorgo, Proteus, den Goldenen
Zweig, Proserpina, Phaeton, das Kretische Labyrinth, Medea mitsamt Vlies
und Argonautenfahrt sowie Pyramus und Thisbe sowohl ›in verbis‹ als
auch ›in factis‹ hermetoalchemisch deutete.110
Wie dieser ›sensus chimicus‹ als hermeneutische Kategorie der Vier-sen-
sus-Lehre der Bibelexegese entstammte, wurde im Gegenzug auch die Hei-
lige Schrift hermetisch gedeutet: zum einem als Interpretation goldbehan-
delnder Bibelstellen, wie »dabit pro terra silicem et pro silice torrentes
aureos« (Iob. 22, 24), zum anderen als Gleichsetzung Jesu Christi, des wie-
derauferstanden Erlösers, mit dem Stein der Weisen, und bildimmanent der
Heiligen Jungfrau mit der Retorte – agierten doch bereits die babylonischen
Metallgötter als Mysteriengötter, betrafen Tod und Auferstehung schon Isis
und Osiris.111 Diese Lesart brachte unter anderem die alchemische Meß-
liturgie eines Nicolaus Melchior von Hermannstadt hervor, des 1531 hinge-
richteten böhmisch-ungarischen Hofkaplans.112 Daß der Klerus – trotz der
›Alchemistenbulle‹ Spondent quas non exhibent (um 1317) des Avignoner
Papstes Johannes XXII. (1244–1334, ab 1314 Pontifex) – im Mittelalter
Träger alchemischer Bildung war, scheint Derartiges nur begünstigt zu ha-
ben. Anfang des 14. Jahrhunderts bot schließlich der pseudo-Arnaldische
Tractatus parabolicus einen alchemischen Bibelkommentar, welcher Chri-
stus durchgängig in Analogie zum Mercurius setzte.113 Da also die herme-
neutischen Methoden vorlagen, stand ihrer Anwendung selbst auf neuere
Werke nichts mehr im Wege. Einer besonderen Beliebtheit erfreute sich

106 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 17, 28–32.


107 Vgl. S. Matton (1991).
108 Furichius zitiert den Eintrag CHRYS, S. A2v; vgl. auch meinen entsprechenden Kom-
mentar.
109 Vgl. F. Secret (1981).
110 Vgl. W. Kühlmann (2002b), S. 163–169.
111 Vgl. K. Hoheisel (1984).
112 Vgl. J. Telle (1993).
113 Vgl. A. Calvet (2000), S. 467–470.

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5. Mythologie und Alchemie 23

dabei die Divina Commedia Dantes,114 gefolgt von Artusromanen und der
Hypnerotomachia.115
Wiederum war es der Florentiner Neuplatonismus, welcher die Mythoal-
chemie maßgeblich anregte. Geistesgeschichtlich handelte es sich bei dieser
Auffassung des Mythos um eine Variante des Euhemerismus, jener nach
Euhemeros aus Messene benannten Lesart. Dieser leitete die Entzauberung
mit seinem um 300 vor Christus verfaßten utopischen Reisebericht über die
Insel Panchaia ein. Seinem Ich-Erzähler wird im dortigen Tempel offenbart,
daß die Olympischen Götter nur deifizierte Könige der Vorzeit gewesen
seien. Dem frühen Christentum waren solche Erklärungsmuster in seiner
antipaganen Polemik äußerst willkommen, so daß vor allem Augustinus
den Euhemeros in Ehren hielt.116
Den Mythologen der Hochrenaissance waren dann auch die alchemi-
schen Deutungen vertraut. Dem großen Natale Conti (um 1520–1582)117
war ihre Verbreitung schlechterdings ein Dorn im Auge. In seinen Mytho-
logiae libri X wettert er immer wieder – zugunsten seines eigenen histo-
risch-christlich-moralischen Euhemerismus, im Sinne der ›sedes scelerata‹
als Purgatorium, etc.118 – gegen die ›metallorum tortores‹ und deren sowohl
gottlosen als auch unsinnigen Deutungen.119 Literarisch bot ihm eine Ge-
neration später der Mythoalchemiker schlechthin Paroli: Michael Maier
wird in seinem, nicht minder umfangreichen, alchemischen Götter- und
Heroenhandbuch Arcana Arcanissima nicht müde, den Italiener – welchen

114 In der Italianistik hat sich inzwischen für esoterische Exegeten kanonischer Texte der
feste Terminus ›velamisti‹ eingebürgert; vgl. U. Eco (1990), S. 86–95. Ursprünglich
kannte nur die Danteforschung den Begriff als ironische Bezeichnung für diejenigen,
welche – auf die Verse »O voi ch’avete li’ intelletti sani, / mirate la dottrina che
s’asconde/ sotto ’l velame de li versi strani.« (Dante Inf. 9, 60–62) gestützt – Dante
als Rosenkreutzer, Templer, Freimaurer oder gar Protokommunisten sehen wollten und
wollen; vgl. P. M. Pozzato (1989); H. Lozano Miralles (1989), S. 47 f.; zur Ausbildung
einer veritablen Sensus-Lehre beim Dante-Exegeten René Guénon (1886–1951) vgl.
C. Miranda (1989); einen Überblick gibt zudem A. Asor Rosa (1989); zum Thema vgl.
auch J. Telle (1978), S. 212.
115 Vgl. D. Kahn (2000), S. 476–480. S. Matton (2000), S. 449–452. Bis in die Gegenwart
ist etwa der italienische Kunstgeschichtler Maurizio Calvesi bemüht, seine alchemi-
schen Deutungen der ›Hypnerotomachia‹ in symbolisches Kapital auszumünzen; der
köstliche Verriß bei M. Gabriele (1997), S. 156–160.
116 Zum Euhemerismus: M. Fusillo (1998) u. K. v. See (1989).
117 Vgl. R. Ricciardi (1983).
118 Aufschlußreich ist diesbezüglich in seiner ›Mythologia‹ das 10. Buch ›Quod omnia
philosophorum dogmata sub fabulis contineatur‹ – dort werden die wichtigsten My-
then ausdrücklich ›ethice‹ gedeutet; und somit auch die antike Unterwelt christiani-
siert: »His igitur rebus antiqui nos hortabantur ad probitatem, quoniam si quis dum
viuit, poenas suorum scelerum deuitauerit, at certè post mortem supplicium deuitare
non poterit.« (Conti, S. 536).
119 So etwa gegen alchemische Deutungen des Saturnus: »Conantur enim metallorum
tortores et has, et alias his similes artes excogitare, quibus possint metalla in alias
formas transferre terterrima paupertatis forma perterriti;« (Conti, S. 64).

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24 A. Einleitung

er in Anspielung auf dessen Jagdbuch als ›Braceschus Italicus‹ (›Italien-


erbracke‹) tituliert120 – anzugreifen: »Non mirum igitur si hoc illi faciant
suo modo (legitimo) quos tu metallorum tortores vocas; Quorum nonnullos
(de veris loquor) plus veritatis ex metallis, quam tu forte ex fabulis extorsi-
sti, ne quid de vtilitate dicam, elicuisse constat« (Maier Arc., S. 104). Zwar
war er, uneingestanden, hochgradig von Conti als Hauptquelle abhängig,121
doch las er ihn nach seiner eigenen, im ersten Buch der Arcana entwik-
kelten und auf den alchemischen Leser zugeschnittenen Hermeneutik.122
Der Ruhm der ersten systematischen Zusammenstellung mythoalchemi-
scher Deutungen gebührt indes dem, allerdings nur als Handschrift über-
lieferten, Auriloquio. Nel quale si tratta dello ascoso secreto dell’Alchimia
des spanischen Regenten Siziliens Vincenzo Percolla (gest. 1572). Dieser
ist nichts anderes als eine im Volgare verfaßte alchemische Mythologie.123
Im Gegensatz zum orthodoxen Conti las der Verfasser des anderen gro-
ßen mythologischen Kompendiums, Lilio Gregorio Giraldi (1479-um
1552),124 die Argonautica ohne Gewissensbisse unter alchemischen Ge-
sichtspunkten. Der Brescianer Antonio Ricciardi (um 1520–1610) schließ-
lich, welchem das Abendland sein umfangreichstes Symbollexikon, die
Commentaria Symbolica, verdankt, führte bei allen Lemmata – und vor
allem bei Mythologemen – oft unter Verweis auf Hermetoparacelsisten,
sofern sie sich nur belegen ließ, die alchemische Deutungstradition an.125
Die heute bekanntesten alchemischen Mythologien stammen aus der Fe-
der des Antoine-Joseph Dom Pernety (1716–1796). Nachdem der ehema-
lige Benediktiner Frankreich verlassen hatte, wurde er Bibliothekar Fried-
richs II. (1712–1786) und schloß sich den Illuminaten an. Nach dem Tod
seines preußischen Gönners saß er bis zu seinem Ableben einem okkultisti-
schen Orakel-Kult in Avignon vor. Neben einem Malereilexikon gründet
sein Ruf auf den monumentalen Fables égyptiennes et grecques devoilées
und seinem Dictionnaire mytho-hérmétique.126 Wie an einer jüngst erschie-
nenen, sich auf Pernety berufender französischen Übersetzung der Arcana
arcanissima zutage tritt, so ist die mythoalchemische Lesart in gewissen,
nicht ungebildeten Kreisen bis in die Gegenwart virulent.127
120 Vgl. Maier Arc., S. 103; dort mit fast ganzseitigem Zitat aus Conti.
121 Die ›Arcana arcanissima‹ können eigentlich als alchemischer Kommentar der ›Mytho-
logiae‹ angesehen werden.
122 Vgl. Maier Arc., S. 1–55. Der den Maierschen Kriterien inhärenten Logik (letztlich ist
jeder Mythos alchemisch) wie auch der – teils recht amüsanten – Polemik gegen Conti
wäre eine eigene Ursuchung zu widmen; vgl. T. Reiser (2007c) als Rezension von St.
Feye (2005).
123 Vgl. C. A. Anzuini (1996).
124 Vgl. S. Foà (2001).
125 Zu Ricciardi und seinen ›Commentaria‹ vgl. M. Gabriele (2005); desweiteren F. Secret
(1973), S. 209–211; u. ders. (1981).
126 Kurzporträt bei M. Meillassoux-Le Cerf (1989).
127 Vgl. St. Feye (2005).

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6. Kommentar und Alchemie 25

6. Kommentar und Alchemie

Der Vorwurf, welchen die moderne Forschung gegen die Chrysopoeia des
Augurelli erhebt, daß sie als Text »whose classical form dictates candour
and transparency«128 keinerlei Lehre vermittle, kann ebenso gut gegen die
Chryseis erhoben werden. Beide alchemischen Lehrgedichte zeichnen sich
dadurch aus, daß sie Lehrgedichte sind, welche den Leser die Alchemie
nicht lehren – nicht einmal im bescheidenen Maße von Vergils Georgica,
nach welchen man (mag dies auch umstritten sein) zumindest ansatzweise
eine kleine Landwirtschaft betreiben kann. So wird der Leser des Trevisa-
ners oder des Straßburgers selbst durch intensive Lektüre nicht in den Stand
gesetzt, die Transmutation zu vollbringen oder das Allheilmittel zu extra-
hieren. Dasselbe ›Defizit‹ freilich findet sich in aller129 alchemischer Lite-
ratur, welche das ›Opus magnum‹ thematisiert: Strenggenommen bieten
spagyrischen Schriften keinerlei Aufklärung, und dies selbst dann, wenn
sie ausdrücklich als die erklärende Gattung schlechterdings, nämlich als
Kommentare, ausgewiesen werden. Da die alchemische Literatur sich je-
doch in ihrer Gesamtheit durch die Erklärung ihrer ›dunklen‹ Prätexte
rechtfertigt, so kann sie auch insgesamt als Sonderfall des Genres ›Kom-
mentar‹ betrachtet werden:130 »Un des leitmotive de la quasi totalité de ces
auteurs est en effet de prétendre vouloir avant tout expliquer et justifier le
propos des auteurs antérieurs, comme le fait dès le IIIe siècle Zosime de
Panopolis«.131 Dementsprechend war die arabische und mittelalterliche la-
teinische Tradition weitestgehend Kommentierung der Tabula smaragdina
und der jeweils vorausgehenden, an sich schon kommentierenden alchemi-
schen Literatur, während bei nicht mehr eindeutig kenntlichen Prätexten
Kommentar und Paraphrase ununterscheidbar wurden. Zwar gab es stets
die üblichen paratextuellen Kommentarformen, wie glossierte Handschrif-
ten der Pretiosa margharita oder Scholienbände zum Rosarium des Arnal-
dus von Villanova, doch traten gerade ab der Renaissance vermehrt weitere
literarische Formen an deren Stelle, wie etwa die Emblemata der Atalanta
fugiens oder auch die alchemischen Lehrgedichte. Ebenso mischte sich in
die alchemische Kommentierung die Rezeption und Ausdeutung der (pseu-
do-)paracelsischen Schriften.132 Die damalige Auffassung der Alchemie als
Königsweg zur Natur- und damit Gotteserkenntnis, als Physik und Ethik in
128 Y. Haskell (1997), S. 589.
129 Die Existenz geheimer, unverhüllt die Transmutation beschreibender Schriften wurde
mir einmal von einem geheimnistuerischen nordamerikanischen ›Rosenkreutzer‹ unter
dem Siegel der Verschwiegenheit angedeutet.
130 Vgl. R. Häfner (2000), S. 299 f.
131 S. Matton (2000), S. 437.
132 Vgl. S. Matton (2000), S. 438–449; die alchemische Kommentierung neigt dahin, daß:
»le commentaire se voit fréquentement assimilé à l’oeuvre commentée en s’insinuant
en elle sous forme de gloses incorporées, ou bien, absorbant l’oeuvre commentée

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26 A. Einleitung

sich vereinende Wissenschaft, führte bei alledem zu einer bis dahin unge-
sehenen Steigerung des intertextuellen Aufwands.133
Der alchemische Kommentar jedoch ist – wie angedeutet – per se dem
philosophischen oder philologischen entgegengesetzt: Er ist in seiner Er-
scheinung paradox, indem er zwar verheißt, alles zu erhellen, doch dies
dann wortreich unterläßt – »tout l’art du commentaire va consister à dire
qu’on ne va rien expliciter, ou plus exactement qu’on va tout révéler, mais
d’une façon qui ne sera compréhensible qu’à ceux qui connaissent déjà le
secret lui-même.«134 Dem zeitgenössischen wie auch modernen Leser wird
die Lösung versprochen, doch letztlich wieder und wieder vorenthalten,
was, gerade wenn der alchemische Kommentar als ›carmen didascalicon‹
auftritt, eine gewisse kognitive Dissonanz hervorrufen mag.135 Letztlich
aber bedeutet alchemische ›Kommentierung‹ nichts anderes, als daß die
poetische Phantasie eine Metapher durch eine andere ersetzt, was Mytholo-
geme einschließt sowie konsequent Allegorien umfaßt. Daneben bedienen
diese Kommentatoren sich mit Vorliebe des Oxymorons (›lac virginis‹ etc.)
oder der vermeintlich ›näheren‹ Bestimmung bekannter Substanzen wie
›Sulphur‹ als ›Sulphur noster‹, ›Sulphur philosophorum‹ in Abgrenzung
gegen ›communis‹ oder ›vulgaris‹.136
So faßt auch Umberto Eco – mit Blick auf Antoine Pernety – die Grund-
züge der alchemischen Semiotik, wie folgt, zusammen: 1) Das Geheimnis
ist stets woanders, 2) die Substanzbezeichnungen bezeichnen nicht die Sub-
stanzen, die Substanzen haben andere Bezeichnungen, 3) trotzdem geht es
immer um dasselbe Geheimnis.137 Und sobald dieses Geheimnis einem
Mythologem, einer ägyptischen Hieroglyphe, einer Bibelstelle oder einem
philosophischen Theorem eingeschrieben scheint, werden jene Teil des al-
chemischen »discorso di sinonimia totale«138 – welchem man nur mit neu-
en Synonymen beizukommen glaubt. Hierbei ist allen alchemischen Texten
gemein, daß sie sich letztlich auf das Geheimnis der Transmutation als
(unbekannten) Urtext beziehen, den wiederherzustellen sie ankündigen,

jusqu’à la rendre indiscernable, il apparaît lui-même comme une oeuvre indépen-


dante.« (ebd. S. 452).
133 Vgl. »l’alchimie est une ›philosophie naturelle‹, puisqu’elle a pour objet l’étude des
corps naturels – principialement (mais pas exclusivement) métalliques –; en outre, elle
repose sur une ›éthique‹, dans la mésure où la pureté de l’âme de l’adepte est souvent
présentée comme une condition nécessaire à la réussite des opérations laboratoires.«
(J.-M. Mandioso (2000), S. 482).
134 J.-M. Mandioso (2000), S. 483.
135 Vgl. hierzu auch die Ausführungen Ecos zur Maierschen Emblematik: »il lettore ha
continuamente l’impressione di vedersi offrire delle chiavi (come un tempo), ma ora il
significato finale, la soluzione ultima, tende sempre ad allontanarsi, e la nuova enig-
mistica – a differenza di quella medievale, che premiava il solutore corretto – diventa
una tecnica dell’elusione.« (U. Eco (1985), S. 239).
136 Vgl. J.-M. Mandioso (2000), S. 485 f.
137 Vgl. U. Eco (1990), S. 75–76.

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7. Ein Prosakommentar des Tractatus aureus als wichtige Quelle der Chryseis 27

ihn dann jedoch hinter weiteren Metaphern verdunkeln. Doch nicht nur
Literaturwissenschaftler machen sich darüber ihre Gedanken, bereits Petrus
Bonus stellte, während er das integumentale Sprechen der Autoritäten ab-
handelte, die Überlegung an, daß das Geheimnis aperte wohl in sechs bis
zwölf Zeilen mitgeteilt werden könnte: »Et verè dico, sicut opinor, quod si
totam hanc artem, cum omnibus necessariis, practicè tradere vellent, reli-
quendo omnes figuras, quod in 6. vel 12. lineis scribere ipsam possent,
quod quare non fecerint, supra dilucidè satis enituit.« (Bonus, S. 37 f.).139

7. Ein Prosakommentar des Tractatus aureus


als wichtige Quelle der Chryseis

Die soeben beschriebene Zugehörigkeit alchemischer Literatur zum Kom-


mentar ist in einigen Passagen von Furichius’ Chryseis überdeutlich zu er-
kennen, sind doch die entsprechenden (in der unten folgenden Struktur-
übersicht hervorgehobenen) hochallegorischen und Ekphrasen alchemi-
scher Geometrie verwertenden Stellen offensichtliche Versifizierungen
von 1610 zum ersten Male erschienen Scholien zum Tractatus aureus;
also im weitesten Sinne nichts als in die Struktur des Epos eingefügte
Kommentare zu angeblichen Sentenzen des legendären Hermes Trisme-
gistos. Diese waren damals unter dem Titel Tractatus vere aureus, De Lapi-
dis Philosophici Secreto in capitula 7 divisus: nunc verò a quodam Anony-
mo, scholijs tam exquisitè et acute illustratus, ut qui ex hoc libro non
sapiat, ex alio vix sapere poterit, similis enim huic vix hodie reperitur mit
dem wohl pseudonymen belgischen Herausgeber Dominicus Gnosius bei
›Valentinus am Ende‹ in Leipzig herausgekommen.140
Die hier exponierte Sammlung angeblicher Winke des Priesterkönigs an
einen Schüler ist seit dem 13. Jahrhundert in zwei lateinischen Fassungen
belegt und erfreute sich, auch in den Vulgärsprachen, großer Beliebtheit.
Begnügte der Text in der Princeps von 1566 (Septem tractatus seu capi-
tula Hermes Trismegisti aurei durch Samuel Emmel in der Straßburger
Anthologie Ars Chemica) sich in großen Lettern noch mit dreizehn Blät-

138 U. Eco (1990), S. 78.


139 Als Kuriosum ist hinzuzufügen, daß sich später einige Aufklärer und Enzyklopädisten
bemüßigt fühlten, ebenso Kommentare zu alchemischen Texten zu verfassen, welche
durch ihre positivistische Lesart ›ad litteram‹ – seit Bonus die Rezeptionshaltung der
›ignorantes‹ und ›idiotae‹ – deren Unsinn zu entlarven gedachten; vgl. D. Kahn
(2000), S. 488 f.
140 Ein ›Gnosius‹ findet sich übrigens in der ›Hypnerotomachia‹ gleichfalls in Verbindung
mit uneindeutiger Autorschaft: Das hinsichtlich der Verfasserfrage im Geleitepigramm
des Brescianers Andrea Marone (1475/75–1528) stehende ›Nolumus Agnosci‹ entlarvt
den angrammatisierten ›Columna Gnosius‹ als den Adepten Fra Colonna; vgl. Poli-
philo, Bd. 1, S. 8 u. Bd. 2, S. 495 f.

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28 A. Einleitung

tern,141 so kommt der von Furichius verwandte Leipziger Kommentar auf


stattliche 280 Octavseiten: Aus den ursprünglich symbolischen sieben Ab-
schnitten wurden derart sieben symbolvolle Bücher, welchen zwei Dedika-
tionsepisteln voranstehen, und welche eine ›Conclusio totius operis‹ ab-
rundet. In jedem Hauptkapitel finden sich jeweils mehrere Hermes-Aus-
sprüche im Wechsel mit deren Scholien vereinigt. Einigen Erläuterungen
sind graphische Schemata beigestellt. Im Vergleich zu Furichius sticht ins
Auge, daß die Scholien des Tractatus Aureus durchgehend Bezüge zur
Heiligen Schrift herstellen und diese mit zahlreichen Stellen belegen, wo-
gegen der Straßburger in seinen Adaption – wie in der gesamten Chryseis
– fast gänzlich auf Schriftbezüge verzichtet.
Der Adressat des ersten Widmungsbriefes des Tractatus vere aureus ist
Baron Ladislaus Welen von Zierotin (1579–1638) aus der mährischen Linie
des 1708 in den Grafenstand erhobenen alten böhmisch-mährischen Ge-
schlechts. Nach Studienreisen an den Oberrhein, die Schweiz und Nordita-
lien war der welterfahrene, protestantische Adlige zur Druckzeit des Trac-
tatus-Kommentars Hauptmann von Olmütz. Im Dreißigjährigen Krieg ver-
schlug es ihn schließlich auf die schwedische Seite.142 Der andere Empfän-
ger ist der als mäzenatischer Pfalzgraf und Leibarzt des Französischen Kö-
nigs angesprochene Jakob Alstein. Dieser war seit 1602 als Anhänger der
Kunst ruchbar, wirkte höchstwahrscheinlich an der ersten Edition des No-
vum lumen des Michael Sendivogius mit, in den Jahren 1608/1609 oblag
ihm das leiblich Wohl von Heinrich IV. (1553–1610). Ingleichen pflog er
mit Joachim Morsius Umgang, in dessen Album er ebenso anzutreffen
ist.143 Als Verfasser des Kommentators wird üblicherweise der aus Orleans
stammende Mediziner und streitbare Spagyriker Israël Harvet144 angenom-
men; doch auch Gerhard Dorn immer wieder ins Gespräch gebracht.145 Wie

141 Vgl. Ars Chemica, S. 7–31.


142 Vgl. die Monographie F. Hrubý (1930); desweiteren J. Červenka (1970); R. Evans
(1997), S. 143–145; sowie zur besagten Widmung S. 288f; vgl. auch Zedler 62
(1749), Sp. 1554–1556.
143 Ein Kurzporträt, des bisher schwer greifbaren Alstein, in J. Paulus (1994), S. 384,
Anm. 353; vgl. auch D. Kahn (2007), S. 399.
144 Vgl. zu Harvet C. Gilly (1977), S. 74 f.; mit weiteren Hinweisen D. Kahn (2007),
S. 381–383 et passim; wenig bei Kestner, S. 377 u. Ferguson 2 (1954), S. 366 – sowohl
zu Alstein als auch zu Harvet verweist D. Kahn auf seine, während der Niederschrift
dieser Zeilen noch nicht vorliegende, neue Studie: Cercles alchimiques et mécénat
princier en France au temps des guerres de religion.
145 Eine größere Arbeit zu jenem einflußreichen Werk steht noch aus. Ansatzpunkte mit
Hinweisen auf die verstreute Behandlung in der Forschung bieten: CP 2, S. 696 f.; zur
Urheberschaft Dorns vgl. W. Pagel (1979), S. 206 u. ders. (1984), S. 21 u. 189; D.
Kahn (1994), S. 60, Anm. 5; zur Text- und Überlieferungsgeschichte des ›Goldenen
Traktats‹ vor allem J. Telle (1995d); sowie im Katalog S. Gentile u. C. Gilly (1999),
S. 210–212; wenig dagegen bei Ferguson 1 (1954), S. 390. Textidentisch ist der hier
zugrundegelegte und leichter zugängliche Abdruck im ›Theatrum chemicum‹ vgl. TC
4 (1659), S. 587–717.

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8. Furichius: Arzt und Dichter in Straßburg 29

dem auch sei: Der bisher nicht eindeutig zu klärende Kommentator ließ
zumindest durchblicken, daß seine Muttersprache das Französische war,
da er bei Gelegenheit die eigene Übertragung einiger alchemischer Verse
›in Gallicam nostram‹ einfügte: »Ouurier sur tout aye cure,/ Que l’art imite
nature./ L’externe feu de charbon/ Rendla matiere alteree:/ Mais l’interne et
l’aetheree/ Faira ton ouurage bon.« (Tract. aur., S. 622). Auch waren just
diese Erklärungen, von der sonstigen Wirkung der Hermetischen Apo-
phthegmata abgesehen – so inspirierten sie nicht minder Allegorien der
Chymischen Hochzeit – eine der Hauptquellen von Michael Maiers Em-
blembuch Atalanta fugiens; wobei etwa bezüglich der alchemischen Geo-
metrie und des alchemischen Rabens dieselben Scholien zugrundeliegen.146

8. Furichius: Arzt und Dichter in Straßburg147

Im Jahr 1602 kam Johannes Nicolaus Furichius in Straßburg als Sohn des
französischen Schreibzeugmachers Johannes Nicolaus Furichius und des-
sen Frau Elisabeth, geborene Huaschin, zur Welt. Es liegt nahe, anzuneh-
men, daß Mutter und Vater als Religionsflüchtlinge ins Elsaß gekommen
waren. Im Elternhaus sprach man französisch, deutsch lernte Furichius erst
richtig, als er bereits Schüler der Straßburger Akademie war.148 Seit diesen
Tagen verband ihn eine innige Studien- wie auch Dichterfreundschaft mit
dem ein Jahr älteren Johann Michael Moscherosch (1601–1669),149 die
auch lyrisch ihren Niederschlag fand. So drückte, als der ältere Freund
1620 sein Baccalaureat erwarb, Furichius in der Gratulationsschrift epi-
grammatisch für die Mitbenutzung von dessen Büchersammlung seinen
Dank aus.150 Am 28. November 1622 erhielt Furichius als einer der ersten
– genau genommen als vierter – zusammen mit der Magisterwürde dieje-
nige eines Poeta laureatus.151 Im gleichen Jahr erschienen seine Libelli
Carminum Tres.152 An diesem Jugendwerk ist hervorzuheben, daß es »in
thematischer und formaler Vielfalt eine größere Bandbreite als Moscher-
oschs Epigramme«153 aufweist. Neben den üblichen Gelegenheitsdichtun-
146 Vgl. H. De Jong (1969), S. 170–172; u. S. 271 f.
147 Der biographische Teil ist eng abgeglichen mit W. Kühlmann (1984), S. 111–135 – Haupt-
quelle ist auch hier das weiter unten in Übersetzung wiedergegebene ›Programma
funebre‹.
148 Eine Monographie zur Akademie der Zeit bietet A. Schindling (1977); eine Kurzfas-
sung ders. (2000); eine Einführung ins Schulwesen im deutschen Humanismus W.
Kühlmann (2007).
149 Zur Schulzeit Moscheroschs an der Straßburger Akademie, bis die Wege sich trennten,
und dem damaligen geistigen Umfeld vgl. W. Kühlmann (1981); sowie ders. u. W.
Schäfer (1983), S. 14–35.
150 Abgedruckt in W. Kühlmann u. E. Schäfer (1983), S. 21.
151 Vgl. G. Knod (1897), S. 519, u. 586.
152 W. Kühlmann stellte mir hierfür freundlicherweise seine Aufzeichnungen zur Verfügung.
153 W. Kühlmann (1984), S. 111.

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30 A. Einleitung

gen, vom Epithalamion über den Geburtstagsgruß zum Reisegedicht, stehen


Reflexionen über das Dichten wie auch Moralisches und Konfessions-Theo-
logisches. Der Band enthält versifizierten Lehrstoff wie auch Porträts antiker
Gestalten, des Moses und des Elias. Fabeln reihen sich an Schwankhaftes,
welches sich bis zur Ständesatire steigert und über die Miles-Gloriosus-To-
pik zum Zeitgeschichtlichen führt. So schildert Furichius sowohl die Kriegs-
greuel (Actiones sceleratorum Militum quorundam) als auch den Eindruck
neuer Geschütztechnik in einem Artilleriegedicht De Bombarba ex fulminei
teli irruptione inventâ.154 Bei all dem beeindruckt ein derb antikatholischer,
vor allem ›in Lojoliticos‹ und wider die Franziskaner gerichteter Tonfall, so
etwa In Medardum Erasmicum Franciscanum Calumniatorem:155
Non mihi Medardus, sed eris Merd-ardea posthâc:
Merdâ cum pugnes Ardea sicut iners. (LIBELLI, S. B8r)

Oder gleich Ad funigeros Monachos:


Funis, quem vestris gestatis in Ilibus, esse
Aptior in collo, nexus in Ilicibus. (LIBELLI, S. A8r)

Wie auch, ebenso mehrfach, gegen den Stellvertreter Christi:


Unde corona triplex? antu trismegistus es Hermes?
Es magis Hermoglyphus: tot simulacra facis.
Te nego Geryonem; tu simplex, ille tricorpor:
Quanquam scis gerras ore blatire satis.
Treis habuit formas Hecate, sed foemina: Verum, [5]
Nî sis Evnuchus, te reor esse virum.
Vnum restat adhuc: unum caput una corona
Ornet, tres tria; sis Cerberus ergo triceps: (LIBELLI, S. A6rf.)

Diese Trismegistos-Reminiszenz hat allerdings noch nichts mit Hermetoal-


chemischem zu tun. Einige naturkundliche Themen lassen jedoch bereits
auf ein sich ausprägendes Interesse an naturphilosophischen Fragestellun-
gen schließen, wie das Gedicht De Universo:
Iure locum Iudex quaesivit in aethere summum:
Vt nutu quaevis inferiora regat.
Ille suis quondam summo pro numine leges
Sanxit imaginibus, quas cupit esse ratas.
At sunt heu! plures, qui nolunt hasce subire, [5]
Quas tamen et tonitru fulminibusque dedit.
Hinc Quaesitores statuit sibi IOVA planetas:
Fecit Carnifices hinc Elementa suos.
Ergo si peccent homines, irascitur Vltor,
Et Quaesitores convocat ille suos. [10]

154 Beide im 1. Anhang.


155 Die, hier kursivierten, dort fetten, Hervorhebungen entsprechen der Ausgabe von
1622.

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8. Furichius: Arzt und Dichter in Straßburg 31

Mandat ut infundant Elementis coelitus iram,


Et jubeant homines discruciare malos.
At cum momentis delinquant quique quibusvis,
Nil, nisi quod noceat, pene Planeta parit. (Ebd., S. B4rf.)

Oder die im Druck folgende Comparatio Mundi cum Homine zum Kom-
plex von Mikro- und Makrokosmos:
Fatur Aristoteles hominem Microcosmion esse:
Iccirco Mundo hic aequiparandus erit.
Sit Cerebrum firmamentum: duo Lumina stellae:
Inferior Cerebro pars velut aer erit.
Sint Meteora, petens sursum Fumatio Ventris: [5]
Humentes pluviae sunto Catarrhus item:
Terra Caro: Sanguis, terram qui permeet, Humor:
Corpus enim totum perfluit unda velut.
Corque, Iecurque, Lien, Splen, sint Animalia, Heparque [10]
Vitales motus congerit his cerebrum.
Si dicis, nondum me declarasse quis Ignis?
Hic Radicalis Corporis esto calor.
Vt toti Mundo tandem Deus imperat unus:
Sic rectrix etiam Corporis est Anima. (Ebd., S. B4vf.)

Wie auch das Distichon Quatuor Elementa:


Ferte famen in terris: in Aqua nece: in Aere pestem:
Igni flagrabit, quicquid in orbe manet. (Ebd., S. C7v)

Auch das Lob des in den Paratexten der Chryseis mehrfach angeführten
wie gepriesenen Julius Caesar Scaliger wird bereits in den Libelli gesun-
gen.156 Doch wie die Physica in Furichius’ Erstlingswerk noch ein Gegen-
stand unter vielen sind, so hat auch De Somniis Naturalibus noch nichts mit
Visionsliteratur zu tun:
Somnia nascuntur tantum ex affectibus ejus,
Qui vigilat, nulla haec postera significant.
Namque repraesentant ea, quae sunt visa diebus;
Ergo superstitio nulla feratur iis. (Libelli, S. F1r)

Den größten Teil machen Freundschaftsdichtung und Freundschaftskultur


aus, neben der Kasualdichtung finden sich Schulkameraden und Lehrer in
zahlreichen anagrammatischen Spielen wieder, so etwa der ›musenvereh-
rende‹ Freund Moscherosch: »Johannes Michael Moscherosch Wilstadien-
sis./ Αναγρ./ – – – saltans/ Inde in hias hîc ê Musicolûm esse chore.« und
»Epigr./ Usque adeò blandè redolet tibi Laurus odora:/ Inde inhias hic ê
Musicolûm esse choro.« (LIBELLI, S. D6r). Vom Straßburger Lehrkörper
verwandelt Furichius namentlich an erster Stelle den Dekan der Jahre 1620/
1621, Laurentius Thomas Walliser (1569–1631), in ›Nite Laurus‹ (vgl.
156 Der Text in meinem Kommentar zu CHRYS., S. A2v, Scaliger quidem pater, ad Car-
danum scribens.

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32 A. Einleitung

LIBELLI, S. D7v); dieser seines Herkommens Ethikprofessor und als sol-


cher Spezialist für Nikomachische Ethik des Aristoteles.157 An zweiter Stel-
le wird der Rhetorikprofessor von 1604 bis 1626, Marcus Florus, zu ›Os,
ars, fulcrum‹ (vgl. ebd.) verklärt. Höchstwahrscheinlich hielt dieser sich an
den ›Idealplan‹ seines großen Vorgängers Johann Sturm (1538–1581): Re-
den von Demosthenes und Cicero als Vorbilder, Behandlung der theoreti-
schen Schriften Platos sowie von Aristoteles, Cicero, Hermogenes und
Quintilian – mit einem Wort: »Die Formierung des vollkommenen Redners,
der in der Lage sein sollte, über alle Stillagen der lateinischen Sprache zu
verfügen«.158 Nach der Ehrerbietung an die beiden Honoratioren, Florus
war ebenso Dekan und Rektor gewesen, folgt an dritter, und in Anbetracht
dessen, daß er in der Geschichte der Akademie kaum Spuren hinterließ,
bezeichnender Stelle Dr. Nikolaus Ager, welchem zwischen 1618 und
1634 die Physikvorlesungen oblagen. In diesen wurden fast ausschließlich
die naturkundlichen Werke des Stagiriten kommentiert.159 Ihm schließt
sich, als ›fautor adamatus‹ angesprochen, der Wilhelmspfarrer Paul Crusius
(1588–1629) an, ein lateinischer Dramatiker, von dem bekannt ist, daß er
ebenso naturkundliche Epigramme verfaßte.160 Von den Anagrammatisier-
ten ist in diesem Kontext noch der 1615 amtierende Professor für Poetik
Kaspar Brülow (1585–162) zu nennen. Dieser Poeta laureatus erwarb sich
mit seinen neulateinischen Dramen, darunter ein Mosesstück anläßlich der
Erhebung der Akademie zur Volluniversität, große Verdienste um das
Schultheater und das kulturelle Leben der Stadt.161
Nach seiner Gymnasialzeit galt, gerade auch in Anbetracht der im Erst-
lingswerk Bedachten, für Furichius, was schon zwei Jahre zuvor – erst
1623 wurde der Lehrplan drastisch reformiert – für Moscherosch gegolten
hatte: Er war mit den Schriftstellern und Gattungen der antiken Literatur
vertraut, im Trivium geschult, kannte die Evangelien der Lesungen, die
Katechismen Luthers und des David Chytraeus (1531–1600).162 Auch hatte
er die Privatbibliothek seines Freundes mitbenutzen dürfen.163 Wahrschein-
lich zu Beginn des Jahres 1623 wechselte Furichius, seiner naturkundlichen

157 Vgl. A. Schindling (1977), S. 127, 148, 244–247.


158 W. Kühlmann u. E. Schäfer (1983), S. 31; vgl auch A. Schindling (1977), S. 211, et
passim.
159 Vgl. A. Schindling (1977), S. 248–251.
160 Vgl. A. Schindling (1977), S. 237 f. Anm. 10 u. W. Kühlmann (2008b); ein humoriges
Gratulationsgedicht aus dessen Feder zum Baccalaureat von Morsius im Jahre 1620 in
W. Kühlmann u. E. Schäfer (1983), S. 20; sowie S. 23 f.
161 Vgl. A. Schindling (1977), S. 270; sowie W. Kühlmann (2008a).
162 Der in Rostock wirkende Lutherschüler Chyträus gilt als ›letzter Vater‹ der protestanti-
schen Kirche und ›Leitfigur der Spätreformation‹; vgl. P. Barton (1981).
163 Kenntnisse des Hebräischen sind für Furichius, im Gegensatz zu Moscherosch, da sich
in seinen Schriften nur kabbalistische Termini in lateinischer Umschrift finden, nicht
anzunehmen – er hätte gewiß Gebrauch davon gemacht.

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8. Furichius: Arzt und Dichter in Straßburg 33

Neigung folgend, als Student der Medizin auf die Artistenfakultät, an wel-
cher er bis 1625 blieb.
Obgleich sie zu den größten Hochschulen im deutschen Sprachraum
gehörte, hatte die Straßburger Akademie erst 1621 durch Kaiser Ferdi-
nand II. (1578–1637) die Privilegien einer Volluniversität mit dem Recht
der Doktorpromotion erhalten, sie umfaßte die vier Fakultäten Theologie,
Recht, Medizin und Philosophie.164 Bestimmend für die Medizinische Fa-
kultät war damals, als Sohn seines Vorgängers im Amte, der Dekan Mel-
chior Sebitz junior (1578–1674). Mit 34 Jahren war er 1612 nachgerückt
und hatte das Amt bis 1668 inne. Zwar orientierte er sich – vor allem was
die Disputationen seiner Studenten betraf – am Galenismus, doch war er
bestrebt, diesen nicht philologisch zu behandeln, sondern mit der alltägli-
chen Erfahrung des Arztes abzustimmen. Er legte eine Sammlung kurioser
Todesfälle an, lehrte vorzugsweise und einflußreich über Diätetik und Ba-
dekuren und ließ um 1620 einen eigenen botanischen Garten anlegen.
Ebenso sezierte er mit seinen Studenten und setzte die Einrichtung eines
anatomischen Theaters durch, weshalb damals die Straßburger Medizin zu
den fortschrittlicheren in Europa gehörte. Bei aller Freude an der Empirie
stand er jedoch dem Paracelsismus grundsätzlich ablehnend gegenüber.165
In jener Zeit bestritt Furichius einen Teil seines Unterhalts als Präzeptor
zweier Schweizer Studenten, Johann Wernher Bygel und Bartholomäus
Peyer, welche vom Schaffhausener Prediger Melchior Hurter (1584–1655)
betreut wurden. Ein Teil des Briefwechsels zwischen dem Geistlichen und
Furichius ist erhalten, in welchen Furichius auch die dortige Familie
Oschwald herzlich grüßen läßt. Der Sohn Johann Jakob Oschwald war
einer der drei Widmungsträger der Libelli Carminum Tres, dessen Abschied
im Gedichtband besungen wird.166 In einem Brief vom 19. 3. 1624 an Hur-
ter ist der Tutor, nachdem er wegen eines Epigramms gerügt worden war,
bemüht, dem strenggläubigen Calvinisten zu verdeutlichen, daß er keinen
verderblichen Einfluß auf seine Schützlinge ausübe. Aus dem Schreiben ist
ersichtlich, daß er sich literarisch mit Paracelsus und, wenn er diesen auch
als Ketzer verdammt, Valentin Weigel (1533–1588)167 auseinandergesetzt
hatte.168
1624 erschien schließlich die zweite Gedichtsammlung, Poemata Mis-
cellanea. Lyrica, Epigrammata, Satyrae, Eclogae, Alia, ebenso in Straß-
burg, welche nun Kommilitionen, darunter ausdrücklich Moscherosch, de-
diziert ist. Dieser steuerte auch zwei Geleitepigramme bei, und Furchius
würdigte den wissenschaftlichen Fortschritt seines Freundes in drei Dich-

164 Vgl. A. Schindling (1977), S. 67–77.


165 Vgl. A. Schindling (1977), S. 335–341.
166 Die Korrespondenz ist ausgewertet in W. Kühlmann (1984), S. 112–117.
167 Erste Anhaltspunkte zu Weigel bieten S. Wollgast (1992) u. H. Pfefferl (2003).
168 Herausgegeben und übersetzt in W. Kühlmann (1984), S. 115 f.

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34 A. Einleitung

tungen des Bandes.169 Auch hier finden sich zahlreiche Freundschafts- und
Gelegenheitswerke, so treten neben den Freunden, darunter erneut besagter
Oschwald, die Professoren der Universität in Erscheinung, sei es in Epita-
phien auf den Scholarch – einer der drei Schulherren, welche Finanzen und
Berufungen der Hochschule bestimmten als auch Disziplinarfragen ent-
schieden – Adam Zorn von Plobsheim (im Amt 1618–1623), sei es als
Widmung an dessen Amtskollegen Peter Stork (1614–1627)170 oder den
Juraprofessor und Spezialisten für Feudalrecht Kaspar Bitsch (1579–
1637).171 Neben Brülow findet sich auch Daniel Rixinger, welcher von
1600 bis 1633 als Professor für Philosophie im Amt war und hauptsächlich
über das Organon und die Metaphysik las.172
Vom September 1624 bis zum April 1625 hielt Furichius sich in Genf
auf, wobei sich womöglich hier nochmals die Wege der beiden Freunde
Furichius und Moscherosch, welcher dann nach Frankreich weiterzog,
kreuzten. In der Überzeugung, dort seine Ausbildung zum Arzt nicht weiter
vertiefen zu können, beschloß Furichius, nach Italien weiterzureisen – dies,
obschon sich ein fester Austausch der medizinischen Fakultät Straßburgs
mit Basel und Tübingen etabliert hatte.173 Von den Kämpfen um das Veltlin
gehindert, bezog er zunächst Quartier in Brixen und arbeitete als Hauslehrer
bei einer Offiziersfamilie. Auf die damaligen Umstände spielte er in einem
Geleitgedicht zu Moscheroschs Centuria Prima Epigrammatum an:
Cum me Brixia militem fovebat,
Ad Musas monitis tuis redivi.
Tu, cum Celtica rura permeâras,
Ut vitam excoleres probe futuram,
Ductu, nescio quo, propè incidisti [5]
In Martis laqueos, quod improbabas,
Ni Musa monitu ipsius redisses,
Et pro Marte tibi ipse Martialis,
Et sit reddita Penna pro Bipenni. (Moscherosch Centuria, S. 9)

Als Ziel der Reise stand für ihn Padua – von 1406 bis 1814 der Republik
Venedig zugehörig – fest, welches er in einem Brief als das ›neue Athen‹
pries, und dessen für die damalige Zeit fortschrittlichste medizinische Fa-
kultät ihn lockte.174
Die Universität Padua bestand spätestens seit dem Jahr 1222, bereits
1261 war der erste deutsche Student eingetragen. In der Folgezeit sollte
gerade das Heilige Römische Reich unter den Immatrikulierten aus dem
Norden, vor allem im 16. und 17. Jahrhundert, den größten Teil stellen.
169 Auch hierzu übergab mir W. Kühlmann seine Notizen.
170 Vgl. A. Schindling (1977), S. 80–84 et passim.
171 Vgl. A. Schindling (1977), S. 320 f. et passim.
172 Vgl. A. Schindling (1977), S. 239–241.
173 Vgl. A. Schindling (1977), S. 340.
174 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 116 f.

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8. Furichius: Arzt und Dichter in Straßburg 35

Waren bis 1553 die Studenten der Deutschen Nation (darunter etwa auch
Ungarn, Schweizer und Dänen) aller vier Fakultäten zusammen organisiert,
spaltete sich nun, zu neuem Selbstbewußtsein gelangt, die ›natio Germanica
artistarum‹ von den Juristen ab. Sie gab sich eigene Statuten und Siegel und
legte eine eigene Bibliothek an. Die Kirche Santa Sofia wurde zur Stätte
ihrer festlichen Zusammenkünfte bestimmt, und man begann mit einem
eigenen Matrikel. Unabhängig von der allgemeinen Immatrikulation, hatte
sich dort jeder Student binnen zwei Wochen persönlich einzutragen,175 so
auch Furichius am 15. Oktober 1626: »Iohannes Nicolaus Furichius Argen-
tinensis, poeta caesareus, huic sese inscripsit libro, solutis solvendis, 15
octobris anno 1626«.176 Womöglich war es für ihn in Anbetracht seiner
antikatholischen Epigramme und seiner sich in dieser Zeit verstärkenden
Neigung zum Hermetismus nicht unvorteilhaft, daß er als Student der Deut-
schen Nation zugleich die von Venedig (um den Handel nördlich der Alpen
nicht zu gefährden) durchgesetzte Immunität gegenüber der Römischen In-
quisition genoß.
Da leider Näheres über den Studienaufenthalt des Furichius nicht be-
kannt ist,177 soll hier zumindest die medizinische Fakultät seiner italieni-
schen Alma mater näher beschrieben werden. Zu Beginn des 16. Jahrhun-
derts hatte der gebürtige Brüssler Andreas Vesalius (1514–1564) Padua
zum Zentrum der modernen Anatomie gemacht. Sein anhand von Leichen-
sektionen gewonnenes Wissen erschien 1543 als De humani corporis fa-
brica. Er ließ anatomische Tafelwerke drucken, und seine Studenten erwar-
ben ihr Wissen ebenso am Seziertisch. Unter seinen Nachfolgern machte
sich vor allem Girolamo Fabrici d’Acquapendente (1533–1619) um die
vergleichende Anatomie verdient, auch gilt er ob seiner Schriften De for-
matu foetu von 1600 und De formatione ovi et pulli (1621) als Begründer
der Embryologie, wie er zuvor schon das wegweisende De venarum ostiolis
(1603) zum Blutsystem verfaßt hatte. Seit 1533 gab es einen Lehrstuhl für
Pharmakologie, an welchem hauptsächlich Dioskurides und Galen gelehrt
wurden. Doch da man bald erkannt hatte, daß eine eher philologische Lek-
türe der Medizinbücher wenig nutzte, kam es, daß schon 1546 ein eigener
botanischer Garten eingeweiht wurde. Über die hervorragenden Handels-
beziehungen der Serenissima war man in der Lage, exotische Pflanzen zu
importieren und zu kultivieren. Auch hatte in Padua der im Abschnitt zu
den Lehrgedichten erwähnte Veroneser Girolamo Fracastoro, dort ein
Freund und Kommilitone des Kopernikus, studiert und es zum Spezialisten
für Infektionskrankheiten gebracht, wie auch sein Lehrgedicht Syphilis sive

175 Vgl. L. Rossetti (1986), S. IX–XII.


176 Abgedruck in: L. Rossetti (1986), S. 213, Nr. 1738.
177 Nach der Niederschrift dieses Buches gemachte Archivfunde um eine Bücherspende
Furichius’ an die ›Natio‹ in Padua werden gesondert in der Zeitschrift ›Aus dem Anti-
quariat‹ erscheinen.

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36 A. Einleitung

morbus gallicus beweist. Der von Furichius mehrmals in den Scholien der
Chryseis erwähnte Ägyptenreisende Prospero Alpino (1553–1616) hatte
dort von 1594 an einen Lehrstuhl innegehabt und war ab 1603 dem botani-
schen Garten vorgestanden, dessen Ausbau der hervorragende Pharmazeut
weiter vorantrieb.178 Im 17. Jahrhundert wandte man sich unter dem Ein-
fluß der von Galileo Galilei (1564–1642), dort von 1592 bis 1610 Mathe-
matikprofessor, eingeführten wissenschaftlichen Methode des Messens der
experimentellen Anatomie zu. Der theoretische Mediziner Santorio Santo-
rio (1561–1636) bestimmte als erster die Frequenz des Pulses mit einem
Pendelapparat. Der (Wieder-)Entdecker des Blutkreislaufes William Harvey
(1578–1657) hatte ebenso 1602 in Padua seinen Doktortitel erworben.179
Ein Jahr vor der Ankunft Furichius’ war der seit 1619 lehrende Anatom
Adriaan van den Spieghel (1578–1625) verstorben, nachdem er zu Lebzei-
ten den Ruf der Universität als Hauptsitz von Anatomie und Pharmazie
weiter gefestigt hatte. Auch der bedeutende Arzt, Naturforscher und Weg-
bereiter der modernen Wissenschaft Joachim Jungius (1587–1657), hatte
sich dort 1618 promoviert,180 und der genannte Initiator der Rosenkreutzer-
bewegung, Valentin Andreae, hatte dort als Student Station gemacht.181
Es ist anzunehmen, daß die in den Paratexten der Chryseis stattfindende
Diskussion wissenschaftlicher Probleme zwischen einem Aristotelismus,
wie er in Padua gelehrt wurde, und hermeto-paracelsischen Gedanken aus
dieser Zeit herrührt; nicht minder, daß Furichius in Norditalien mit der
Chrysopoeia des Giovanni Aurelio Augurelli in Berührung gekommen
sein muß, welche dem ehrgeizigen angehenden Arzt und erprobten Dichter
eindrucksvoll die Möglichkeit der Ausformung kosmologisch-alchemi-
schen Wissens in versepischer Form vor Augen führte, sowie mit dem
Werk des großen Ariost. So entstand in diesen Jahren Furichius’ – weiter
unter ausführlicher der Chryseis verglichenes – erstes alchemisches Lehr-
gedicht Aurea Catena siue Hermes poeticus de Lapide Philosophorum,
welches 1627 in Padua gedruckt wurde und den ›Häuptern‹ der beiden
deutschen Nationes zugeeignet ist.182
Zu Beginn Jahres 1628 war Furichius schließlich zurück in Straßburg.
Dort schrieb er seine Dissertation unter dem Titel Disceptatio de Phrene-
tide, welche im selben Jahre erschien, und als Tag der Promotion den
1. März nennt. Laut Programma funebre erfolgten die dazugehörigen Feier-
lichkeiten erst im Juni. Noch im selben Jahr heiratete er Marie Barbette,
Tochter des angesehenen Goldschmiedes Josias Barbette. Dieser Schwie-

178 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 3, 28; S. 32, 30–31; S. 48, 9-S, 49, 2.
179 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 11, 22–28.
180 Vgl. Ch. Meinel (1990).
181 Vgl. W. Kühlann (1984), S. 117 f. Einen Überblick über die medizinische Fakultät der
Zeit bieten etwa K. Bergdolt (1994) oder G. Ongaro (2001), S. 164–186.
182 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 118 f.

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9. Exkurs: Joachim Morsius – ›teuerster Freund‹ und Rosenkreutzer 37

gervater stammte aus Pfalzweiler bei Lützelstein im Elsaß und erwarb 1603
das Straßburger Bürgerrecht; in der Stempeltafel der Goldschmiedezunft
von 1612 wird er als 1605 aufgenommener Meister geführt. Soweit be-
kannt, sind von ihm nur einige Entwürfe und die Geschäftskorrespondenz
(in deutscher Sprache) seiner Tätigkeit für Erzherzog Leopold V. von Tirol
(1586–1632) aus den Jahren 1628 bis 1632 überliefert. Für diesen fertigte
beziehungsweise verzierte Barbette äußerst kunstvoll Blank- und Feuerwaf-
fen, Jagdausrüstung, Prunkuhren und Hutschmuck.183
Aus der fruchtbaren Ehe gingen bis Herbst 1633 insgesamt fünf Kinder
hervor, drei Mädchen und ein männliches Zwillingspaar, zwei der Töchter
ereilte der Kindstod. Furichius hatte sich damals in Straßburg als Arzt nie-
dergelassen und arbeitete daneben an seinem ambitionierten Hauptwerk,
den Chryseidos Libri IIII, welche 1631 erschienen. Moscherosch, mit
dem er weiterhin sehr gut befreundet war, trug hierfür zwei Glückwunsch-
gedichte bei.184 Angeregt wurde das Werk jedoch von seinem Widmungs-
träger. Dieser war der, von Furichius in der Vorrede als ›teuerster Freund‹
(vgl. CHRYS., S. A2r) bezeichnete, neun Jahre ältere Joachim Morsius,
welchen seine Biographen gerne als das ›Idealbild eines Rosenkreutzers‹
schildern.185

9. Exkurs: Joachim Morsius – ›teuerster Freund‹ und Rosenkreutzer

Joachim Morsius kam als jüngster von drei Brüdern am 3. Januar 1593 als
Sohn des Goldschmieds Jakob Mores (auch: Mors, Moers, Mortzen etc.)
und der ebenfalls aus einer Goldschmiedsfamilie stammenden Engel, ge-
borene Kopstedt, in Hamburg zur Welt. Wohlstand und Ansehen dieses
Elternhauses gestatteten ihm eine sorgfältige Schulbildung. 1610 immatri-
kulierte er sich als Student der Theologie in Rostock, widmete sich dann
aber mehr und mehr humanistisch-philologischen sowie alchemischen Stu-
dien. 1611 wechselte er nach Leyden und kehrte über mehrere Zwischen-
aufenthalte 1613 nach Rostock zurück, wo er, der er bereits damals begann,
eine eigene große Büchersammlung aufzubauen, von 1615 bis 1618 als
Bibliothekar der neugegründeten Universitätsbibliothek geführt wird. In-
wieweit diese Funktion allerdings über das Beratende hinausging, ist frag-
lich, fiel doch in jene Zeit eine erste längere Studienreise nach Kopenhagen
und Stettin. In jener Zeit begann Morsius sich für die aufkommende Rosen-

183 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 119; zu Josias Barbet vgl. H. Haug (1978), unpaginiert
›Table II. 1612‹; sowie H. Meyer (1881), S. 219. Eine kurze kunstgeschichtliche Wür-
digung des Goldschmiedes bietet E. Egg (1966).
184 Mit Übersetzung abgedruckt bei W. Kühlmann (1984), 120; vgl. auch meinen Kom-
mentar zu CHRYS., S. A3v morosos istos Catones, aut Solones, letzter Abschnitt.
185 Vgl. H. Schneider (1929), S. 7.

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38 A. Einleitung

kreutzerbewegung zu erwärmen: In einem offenen Brief bat er die Sozietät,


ihm ihre Unterweisung zu gewähren. Daß er nie Antwort erhielt, schmälerte
seine Begeisterung keineswegs. 1617 trennte er sich, nach dem frühen Tod
seines Sohnes, und infolge eines heftigen Zerwürfnisses von seiner Frau.
Eine für das Jahr 1618 geplante Italienreise führte Morsius erneut nach
Leyden. Er blieb bis 1619 in den Niederlanden und setzte im Oktober des
Jahres nach England über. Dort lernte er bedeutende Dichter, wie den ›Bri-
tischen Martial‹ John Owen (1564–1622) und Ben Jonson (1572–1637)
kennen, aber auch den herausragenden Alchemiker und Verfechter des Ro-
senkreutzertums Robert Fludd. Er erwarb einen Master in Cambridge und
kehrte 1620 nach Hamburg zurück. Von da an widmete er sich vornehmlich
alchemischen und theosophischen Studien. Er publizierte zwei Abhandlun-
gen des Alchemikers und frühen Uboot-Konstrukteurs Cornelius Drebbel
aus Alkmar (1572–1633) und widmet diese seinem Freund Heinrich Nolli-
us, dem späteren Giessener Medizinprofessor und frühen Chemiker, von
welchem er ebenfalls Schriften veröffentlichte. In dieser Lebensphase
nahm die Zahl derer zu, welche sich in seinem Album (siehe unten) als
Alchemiker eintrugen; neben bekannteren wie dem Landgrafen Moritz
von Hessen (1572–1632) ebenso sein Bekannter, der Arzt und Mathemati-
ker Joachim Jungius. Doch nicht nur Vertreter der spagyrischen Kunst ge-
hörten zu seinen Freunden und Korrespondenten, sondern auch theosophi-
sche Erneuerer, wie Michael Dilherr (1604–1669), Johann Heinrich Alsted
(1588–1638), Johannes Arndt (1555–1621)186 und natürlich Johann Valen-
tin Andreae. Als die Gründung reformatorischer Zirkel ruchbar wurde, ge-
rieten 1624 Morsius und sein Umfeld in Konflikt mit den Lübecker Behör-
den, weswegen er sich hilfesuchend an den ihm wahlverwandten schlesi-
schen Mystiker Abraham von Franckenberg (1593–1652)187 und dessen
Lehrer Jakob Böhme (1575–1624) wandte. Obschon er in jenem Jahr ei-
gentlich bis nach Afrika zu reisen gedacht hatte, verschlug es ihn erneut
nach Norden, und er verbrachte den Sommer in Schweden. 1629 lernte er
den von ihm verehrten Andreae auf einer Reise nach Süddeutschland, deren
erste Station der Herzog von Braunschweig war, schließlich persönlich in
Calw kennen. Um die Jahreswende von 1630/31 machte er Station in Straß-
burg, wo er die Ärzte Valerius Charstadt und auch Furichius kennenlernte.
Furichius, dessen Aurea Catena Morsius schon früher gelesen hatte, regte
er in gemeinsamen Gesprächen zur Abfassung der Chryseis an. Über
Frankfurt am Main begab er sich über Hamburg zurück nach Lübeck.
Dort wurde er 1633 aufs neue mit schwärmerischen Umtrieben in der Stadt
in Verbindung gebracht und angeklagt. Einige mystische Bücher aus sei-
186 Vgl. zu Dilherr R. Jürgensen (2008) u. R. Evans (1997), S. 233–235; 283–285; zu
Arndt J. Wallmann (2000), zu Alstedt F. G. Sieveke (2008).
187 Vgl. zu Abraham von Franckenberg J. Telle (1989c) u. ders. (2008 f.); die Korrespon-
denz hg. von demselben unter A. Franckenberg (1995) im Literaturverzeichnis.

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9. Exkurs: Joachim Morsius – ›teuerster Freund‹ und Rosenkreutzer 39

nem Besitz wurden beschlagnahmt. Während die Untersuchungen und Ver-


handlungen noch andauerten, bemühte sich der ihm verbliebene Bruder
Jakob 1635 um seine Entmündigung, auf daß der weiteren Verschwendung
des väterlichen Erbes durch Morsius’ teure Studien und Reisen, und nicht
zuletzt durch kostspielige Bücherkäufe, ein Riegel vorgeschoben würde. In
der Tat genügte Morsius die Rente aus dem väterlichen Erbe kaum, zudem
nahm er auf den guten Namen seiner Familie überall Kredit auf, oft ohne
seine Schulden jemals zu begleichen. Eine von Morsius gegen seine Ent-
mündigung veröffentlichte Protestschrift verfehlte die Wirkung: 1636 wur-
de er in Hamburg verhaftet und im Pesthof, der Verwahrungsstätte für Gei-
steskranke, festgesetzt. Erst 1640 kam er frei, nachdem Christian IV. von
Dänemark (1577–1648) sich für ihn verwandt hatte. Eine Obhut fand der
Unstete schließlich bei Herzog Friedrich III. (1597–1659) in Gottorp, wo er
vereinsamt und verbittert im Jahre 1643 starb.188 Seine umfangreiche Bi-
bliothek – 1626 gab Morsius einen Katalog heraus189 – kaufte 1648 die
Stadt Lübeck. Von den einst reichen Beständen ließen sich jedoch in den
20er Jahren des letzten Jahrhunderts nur noch fünf als aus dem Besitz von
Morsius identifizieren.190 Das bedeutendste Stück aus dem Nachlaß von
Morsius ist seine erwähnte ›Autographensammlung‹ der bedeutendsten Ge-
lehrten der Zeit: das vierbändige Album Morsianum mit über 800 Einträgen
und mehreren Kupferstichen herausragender Zeitgenossen, welche er auf
seinen vielen Reisen von 1610 an gesammelt hatte. Unter dem 17. Septem-
ber 1631 ist dort auch ein Brief von Furichius inseriert:191
[S. 745]
Lange schon hätte ich Dir, Hochberühmter Morsius, eine Nachricht abgepreßt mit eben-
diesem meinem recht verwegenen Brief, wenn nicht das ganz und gar verlogene Gerücht
durch die Verkündigung Deines jüngsten Geschicks uns Stillschweigen geboten hätte. Da
ich aber vor wenigen Tagen ein Gespräch hatte mit jenem großen Diktator unserer Ge-

188 Vgl. u. a. R. Van Dülmen (1978), S. 154 f.; R. Kayser (1897); W. Kühlmann (1984),
S. 129–131; W.-E. Peuckert (1973), S. 207–216, u. S. 249–253; H. Schneider (1929),
S. 7–72; ebenso Einträge in biographischen Sammelwerken, wie Moller 1 (1744),
S. 440–446; aus jüngerer Zeit R. Hoche (1885) und demnächst J. Telle (2010).
189 Der unter dem Pseudonym ›Anastasius Philaretus Cosmopolita‹ herausgegebene ›Nun-
cius Olympicus‹ findet sich als reprographischer Nachdruck in C. Gilly (1994a),
S. 239–289. Der Katalog verzeichnet 228 Manuskripte, wovon die meisten aus der
Feder des streitbaren Vielschreibers unter den Paracelsisten und Rosenkreutzern, An-
ton Haslmayr, stammen; geboren 1560 in Bozen, wurde er 1612 in Innsbruck wegen
Ketzerei verhaftet und zur Galeere verurteilt, vgl. C. Gilly (1994a), S. 32–67; zum
›Nuncius Olympicus‹ vgl. ebenso H. Schneider (1929), S. 74. Verzeichnisse der übri-
gen von Morsius verfaßten und herausgegebenen Werke finden sich etwa in: Moller 1
(1744), S. 445 f.; H. Schneider (1929), S. 73–78.
190 Vgl. H. Schneider (1929), S. 118 f., Anm. 60.
191 Vgl. R. Kayser (1897), S. 310. Das eindrucksvolle Personenregister des Albums findet
sich in H. Schneider (1929), S. 79–110 – die Transkription des lateinischen Orignal-
textes im 2. Anhang. Die dort griechischen Begriffe sind hier kursiv gesetzt, für deren
Auflösung bin ich Peter Habermehl, Berlin, zu großem Dank verpflichtet.

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40 A. Einleitung

lehrtenrepublik [5] Matthias Bernegger,192 erfuhr ich, worüber ich froh bin, daß Du wohl-
behalten bist, in dem Grade, daß Du mir in meinem Sinn auferweckt von den Toten
scheinst, in der Art eines gewissen neuen Eros Armenios,193 wenn wir dem Plato glauben,
oder Enarchus,194 wenn dem Plutarch, oder schließlich Aristeas Prokonesios,195 wenn
dem Herodot. Wo in aller Welt Du aber steckst, darüber habe ich noch keine Gewißheit.
Nicht hieltest Du Dich an die Versprechungen, wie ich gehofft hatte, bezüglich Deines
Briefes [10] angekündigtem Eintreffen. An Dir liegt es, unser Gemüt von den Hirnge-
spinsten zu befreien, warum es nicht unternommen wurde. Nicht, daß ich nicht wüßte, daß
es im Übermaß gibt, was Dich von überallher in Anspruch nimmt. Weil Du dennoch so
viel an Liebe zu Dir in uns erweckt hast, solltest Du wenigstens dem nach Dir Glühenden
das wütende Verlangen durch ein Wort mildern. Du erinnerst Dich ohne Zweifel, daß, als
Du damals noch mit uns Dich eines Himmels erfreutest, von Dir aus Erwähnung fand [15]
ein gewisses Gedicht von mir, zu Padua niedergeschrieben, über jenen berüchtigten Stein
der Weisen, welches Du zur damaligen Zeit ein Flickwerk statt Neuem nanntest. Gedruckt
ist es in Italien, wie es unter der Feder zustande kam, wobei die Lektüre manniger Au-
toren Hebammendienste leistete. Auf Dein Betreiben hin nahm ich dennoch dieses Wer-
klein erneut in die Hände, erneut ging ich es durch, erneut schuf ich es,
Oft den Griffel wendend, dann, was erneut zu lesen wert,
zu schreiben.196
[20] Dann endlich wird es als so, wie Du es sehen wirst, ans Licht kommen. Ich sollte
freilich zuvor, wie der Dichter anmahnt:
Mit den Tafeln zugleich des redlichen Zensors Herz erfassen197
Ja überhaupt, weil,
Da verschlossen noch das Konzept, ich vernichten dürfte,
was ich nicht veröffentlichen sollte.198
[25] Allein, wenn ich mir vorstellte, daß es einst in dürftigerem Gewand gewagt wurde, in
der Zensoren Augen zu bestehen, darf man sich nun ob zu wenig Ausschmückung nicht
davonstehlen; auf Dein Geheiß vor allem hin, für den der ganze Mythos vollendet wurde.
Nimm daher an, was Dein ist, offensichtlich, denn Du machtest es durch dieses Geheiß
zum Deinigen. Und, sofern irgend etwas in den Worten oder Gegenständen selbst verfehlt
[30] ist, woran ich in der Tat keineswegs zweifle, wende freimütig die Zensorenrute an,
welche ich in einem solchen Labyrinth anstelle eines Ariadnefadens gelten lassen will.
Wie es hoffentlich, wie in diesem, so bei meinen anderen Studien und Überlegungen
192 Zu Matthias Bernegger vgl. A. Schindling (1977), S. 279–289, 378–382 et passim;
sowie W. Kühlmann (1982), S. 118–135.
193 Nach Plat. R. 10, 8; 614b-615c wird Eros, Sohn des Armenios, als man nach zehn
Tagen die Gefallenen vom Schlachtfeld räumt, noch unverwest aufgefunden. Am
zwölften Tage erhebt er sich vom Scheiterhaufen, um von seinen Erfahrungen im Jen-
seits zu berichten.
194 Furichius bezieht sich bezüglich dieses Widergängers nicht direkt auf Plutarch, bei
welchem ein ›Enarchos‹ nicht aufzufinden ist, sondern auf Ficinos Schrift zur ›Un-
sterblichkeit der Seelen‹ – dort im 13. Buch: »Enarchus, inquit [Plutarchus], nuper
aegrotans tamquam iam mortuus a medicis fuit relictus, et brevi tempore in seipsum
[sic] postea reductus dicebat se mortuum fuisse et in corpus iterum restitutum [etc.]«
(Ficino Theologia, S. 219).
195 Bei Herodot (vgl. Hdt. 4, 13 f.) ist Aristeas aus Prokonnesos ein Dichter, der in einem
Werk behauptet, er sei von Apoll inspiriert bei einem Volk namens Arimaspi jenseits
der Hyperboreer gewesen. Tatsächlich war er vor der Abfassung, nachdem er scheintot
in einer Walkstube zusammengebrochen war, sieben Jahre lang spurlos verschwunden.
Und auch nach der Veröffentlichung des Poems wurde er nicht mehr gesehen.
196 Nach HOR. sat. 1, 10, 72 f.
197 Nach HOR. epist. 2, 2, 110.
198 Frei nach HOR. ars. 389 f. Die Übersetzung folgt derjenigen E. Schäfers in Horatius
(2008).

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9. Exkurs: Joachim Morsius – ›teuerster Freund‹ und Rosenkreutzer 41

gestattet sein möge. Gewiß lerne ich erst zu leben und, um es so zu sagen, mit umge-
wandter Ferse den neuen Weg zu beschreiten, dennoch unsicheren Fußes, wie es jene zu
tun pflegen, die aus dem Schlaf aufgeweckt sich zur Reise gürten; [35] noch in tiefer
Dämmerung. Ich beginne, sage ich, mich vor jenen Kleingeistern zu ekeln, deren Worte
und Werke, nicht Menschen gehören sondern Ameisen:
Ich platze! Fast meint man, es brüllten Arkadiens Herden.199
In dem Maße bellen sich die Besseren an, und selbst unruhig stören sie alle Ruhe mit
ihrem Gekläff. Dasjenige, welches wir Gott schulden, maßen sie sich an. Was [40] soll ich
mit den Faslern? Doch, was lege ich mich mit jenen Metrikern an? Esel werde ich rascher
zum Fliegen bringen oder einen Äthiopier weißwaschen, als ich diese da ändern werde.
Aus dem Grunde, so lange es möglich ist, laß uns emportauchen aus diesem Menschen-
dreck, laß uns in um so helleres Licht unsere Geister stellen. Laß uns leben erhaben in
königlicher Würde, auf dem Thron der hohen heiligen Wahrheit ruhend. Bereitet ist uns
der Weg; dargelegt von vielen, geheim dennoch

[S. 746]
gehalten, und einzig den glühend Strebenden aufgezeigt. Wenn er, wie man sagt, bekannt
ist, dann einer gewissen sogenannten Rosenkreutzerbruderschaft. Deren Ruf und Herr-
lichkeit, wenn Worte und Werke nicht entsprechen, könnte bei Dir, bei anderen den An-
fang nehmen. Auf staunenswert Weise fürwahr gefiel Dein Urteil über die heiligen Dinge,
um so mehr, desto [5] näher es den Sterblichen zu Gott herausführt, und, nachdem die
schmutzige Häute des Leibes verlassen sind, den Geist zu Höheren antreibt, indem es von
unten dränget, oder vielmehr die Liebe Gottes beschwört. Die Alten bereiteten uns einen
Weg. Denn sie lehrten glücklich jenes zu verachten, welches nicht zum Menschen gehö-
ret, damit wir um so sorgfältiger jenem zu Glanz verhelfen, was in der Tat ausmacht ein
Mensch zu sein. Oft erblickte ich staunend das Licht Epiktets in solcher [10] Finsternis,
und pries ich bei mir denjenigen glücklich, welcher jene überdacht hatte, sich selbst
glücklicher gemacht hatte; wir gleichermaßen glücklich, wenn wir nacheifern, fürwahr
glücklicher, weil wir den ewigen Sohn unseres unaussprechlichen Gott haben, der über
dies hinaus seligeres Naschwerk des Geistes darreicht: Gottes Wort selbst bringt das
großes Landgut der gewaltigen göttlichen Weisheit. Die Liebe selbst verkündigte die
Liebe, erwirkte sie, brachte sie hervor. Fürwahr durch seinen Geist [15] des völlig Glück-
lichen gab er unseren Geistern zu trinken seine nektarsüße Wonne in einzelnen Augen-
blicken. Dies ist unsere Philosophie: oder jede andere, die darauf Bezug nimmt. So wird
berichtet, daß Marsilio Ficino, nachdem er beinahe aller Wissenschaften Feinheiten er-
schöpft hatte, einzig bei der Lektüre der Heiligen Schrift seine Ruhe gefunden hat. Wenn
wir dennoch darüber hinaus irgend etwas verfolgen, wollen wir Alles tun, um unseres
Gottes Ruhm [20] zu verbreiten, die Güte unters Volk zu bringen, die Macht zu preisen.
Ach, wieviel dieser Zeit ist übel vertan von vielen in der Literatur glänzenden Männern.
Denn so viel an menschlicher Weisheit verliehen ist, so viel ist fortgenommen an gött-
licher. Die meisten von uns streben nach Lob aus anderer Gebeugtheit, oder aus den
Trümmern eines anderen Namens oder Schelte errichten wir den Unsrigen. Doch, um
zu uns zurückzukehren, damit wir nicht ebenso [25] den Eindruck erwecken, allzu be-
triebsam beim eifrigen Vortragen der Schlechtigkeiten anderer scheinen. Ich möchte,
wenn ich es irgend verdiente, Deiner Güter teilhaftig werden. Ob Du dem Vulcanus Opfer
darbringst? Ob Du etwas herausgefunden hast beim Entlocken jener Seele des Goldes?
Wenn Du ebenso die Art, [es] in seine Principia aufzulösen, in Erfahrung gebracht hast,
daß Du sie wenigstens mitteiltest. Ich habe soweit nichts versucht, wie sehr ich auch
überzeugt bin, etwas zustande zu bringen, wenn ich mich daran mache. Unterdessen lok-
ke ich Heilmittel von überall her heraus, ja [30] mit dem Aesopischen Hahn wühle ich
sogar aus dem Misthaufen Juwelen, und, was sonst geglaubt wurde, daß es durch Feuer
nicht hervorgebracht würde, mache ich der dessen Macht gefügig. Alle (man muß es

199 Übersetzung von PERS. 3, 9 durch W. Kißel, in: Persius (1990).

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42 A. Einleitung

nämlich zugegeben) sind zu gewerbsmäßiger Heilkunst geeignet; und dies aus Notwen-
digkeit. Es wächst die Familie, und noch nicht kam irgendwoher eine Erbschaft, es drückt
der Unterhalt, auch ist etwas für die Schutzmacht zu entrichten. Der hiesigen Ärzte Söhne
Schar hat dahingehend zugenommen, daß es beinahe [35] so viele Kranke wie Ärzte gibt.
Doch was von allem am meisten schändlich ist: Nach Quacksalberbrauch machen sie aus
der Medizin eine Hure: Mist verkaufen sie gegen Gold, mit Worten bezwingen sie die
Krankheiten, nicht mit Kräutern. Dann erst wehen die geschwollenen Windbeutel Lügen
aus. Kurz: Alles geht so drunter und drüber, so daß ich fürwahr mit dem Dichter ausrufen
wollte:
[40] Ach der Menschen Bemüh’n, ach viel auf der Welt ist eitel!200
Dies ist dennoch zu ertragen, sofern, wie der Komödiendichter sagt, die unsterbliche
Götter wollten, daß wir diese Plackerei ausführen. Es schickt sich, es ruhigen Gemüts
zu erdulden, wenn wir es so halten werden, wird die Mühe leichter sein. Es ist zwar,
wie er sonst lehrt, Gleichmut der Plackerei bestes Gewürz. Doch diese Lehre war schick-
licher aus den Prophezeiungen unseres Heilands

[S. 747]
zu entnehmen. Zu all dem kommt das allgemeine Unglück hinzu, die Unbill des Krieges,
welche bisher so an Gewalt zunahm, daß wir einzig durch die Kunde niedergeschlagen
nur zur Aufgabe nicht bereit sein werden. Für glücklich halte ich oft meinerseits die
Magdeburger, und mit Mühe halte ich mich zurück, daß ich nicht mit Aeneas bei Vergil
ausrufe:
[5] O dreifach ihr und vierfach Beglückte,
denen vergönnt war, einst vor Trojas ragenden Mauern
vor den Augen der Väter zu sterben.201
Wenn ich den Zustand unseres Gemeinwesens betrachte, ahne ich unausweichliche Ge-
fahr: wenn [auch nicht] die Bürger den Krieg im Inneren [führen], wenn er auch nicht mit
Waffen entschieden wird, haftet in den Seelen dennoch [10] unheilbare Feindschaft. Wenn
ich Gründe nennen werde, wirst Du sie wiedererkennen. Ich höre, daß die Eurigen im
nämlichen Kot steckengeblieben sind. Mögen die Götter gute Gesinnung herbeiführen.
Doch was geht uns das alles an. Es gibt, außer in der Einbildung, keine Übel. Man
muß sich mühen mit jener Tugend der Stoiker, welche sie Unempfindlichkeit nennen,
der Geist ist zu sich selbst zurückzurufen. Du machst das alles besser. Mir nur war dies
von mir einzutrichtern. Dich vor allem halte ich gerade für einen, der Du viel ergänzen
könntest; [15] so wie es, in meinem Vertrauen, gewiß geschehen wird, im nächsten Brief,
wenn Du nicht allzusehr durch Geschäfte abgelenkt sein wirst. Lebe wohl, aber dies doch
so, daß es mir bald wohl ergeht! Niedergeschrieben zu Straßburg, den 17. September, im
Jahre des Heils 1631.
Deiner Erhabenheit
größter Verehrer
Johannes Nicolaus Furichius
Doktor der Medizin und Kaiserlicher Dichter

Wie das Schreiben Zeugnis vom unsteten und anrüchigen Wanderleben des
Morsius ablegt, so erhellt es nicht minder die Entstehungsumstände der
Chryseis als die durch den Hamburger angeregte Überbearbeitung der Au-
rea catena, welche Morsius mit Winken zum Alchemischen mündlich und
später schriftlich begleitete. Zugleich geht aus dem Brief hervor, daß Furi-
chius zwar über Morsius der Rosenkreutzerbewegung, vor allem in ihrem
theosophischen Impetus, nahestand, ja sich Großes von ihr erhoffte, selbst
200 Übersetzung von PERS. 1, 1; nach W. Kißel, in: Persius (1990).
201 VERG. Aen. 1, 94–96; Übersetzung nach J. Götte (1988).

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9. Exkurs: Joachim Morsius – ›teuerster Freund‹ und Rosenkreutzer 43

aber nicht in jene Zirkel eingebunden war. Auch läßt sein Konflikt mit der
als störrisch empfundenen protestantischen Orthodoxie – welche sich an-
maße ›vorzuschreiben, was wir Gott schulden‹ – nicht erkennen, ob er der
sich auf Paracelsus berufenden, ›Theophrastica Sancta‹ genannten Gruppe
religiöser Sektierer zuzurechnen ist.202 Doch nicht nur mit seinem Gewis-
sen sondern auch mit dem Vorhaben, den Hermetoparacelsimus im ehrwür-
digen Hexameter ein Denkmal zu setzten, scheint er – ›Was lege ich mich
mit jenen Metrikern an?‹ – in gewissen Straßburger Gelehrtenkreisen auf
Ablehnung gestoßen zu sein. Wie aus den diesbezüglichen Bitten um die
Mitteilung von Arkanwissen und Winken zur Transmutation hervorgeht,
war er jedoch selbst (sofern es sich nicht um affektierte Bescheidenheit
handelte) während der Abfassung seiner beiden alchemischen Lehrgedichte
nicht mit spagyrischen Experimenten beschäftigt. Seine Labortätigkeit be-
schränkte sich damals – und bis zu seinem frühen Tode dürfte sich sowohl
in Anbetracht der Säumigkeit des Adressaten als auch seiner prekären Fi-
nanzlage wenig geändert haben – höchstwahrscheinlich auf die Herstellung
iatrochemischer Präparate. Durch deren Verkauf und seine Tätigkeit als
Arzt hatte er sich, seine Frau und die Kinder durchzubringen: eine Aufgabe,
die in Anbetracht der von Furichius beklagten Mißstände, der widrigen
Konkurrenz der Kurpfuscher und der, auch im Programma funebre erwähn-
ten, Überversorgung der Universitätsstadt mit Medizinern sicherlich nicht
leicht fiel. Zu diesen Alltagssorgen kamen die steigende innere Unruhe der
Stadt und die allgemeine Kriegslage. Hierbei schlägt gerade dem Refor-
mierten die Einnahme des protestantischen Magdeburg, das vergeblich
auf die Entsetzung durch Gustav Adolf (1594–1632) gehofft hatte, durch
den Feldherrn der Katholischen Liga Tilly (1559–1632) am 20. Mai dessel-
ben Jahres auf das Gemüt: Im Zuge von Beschießung, Erstürmung und
Plünderung waren schätzungsweise 20.000 Zivilisten, mehr als die Hälfte
der Einwohner, umgekommen; die Stadt war dem Erdboden gleichgemacht.
Solch traurige Geschehnisse waren vor allem in Flugblattpropaganda der
Reformierten barbarisch ausgemalt worden.203

Dies also waren die Entstehungsumstände der Chryseidos libri IIII. Doch
selbst des Ruhmes dieser Dichtung konnte Furichius sich nicht lange er-
freuen. Als 1633 einmal mehr die Pest in seiner Vaterstadt ausbrach, for-
derte die Seuche von der besonders gefährdeten Ärzteschaft einen hohen
Zoll. Furichius infizierte sich und starb am Abend des 14. Oktober 1633 in
seiner Wohnung in der Münstergasse. Das Leichenbegängnis fand 17. Ok-
tober statt. Das zu diesem Anlaß gehaltene Programma funebre des nunma-
ligen Akademierektors und konservativen – mit keiner Silbe erwähnt er des
202 Vgl. hierzu C. Gilly (1994b).
203 Eine Übersicht gibt M. Puhle (1998), S. 236–265; auch sei auf die anderen Beiträge
des Bandes verwiesen.

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44 A. Einleitung

Toten hermetoalchemische Neigungen – Theologen Johann Schmidt


(1594–1658) ist im Druck überliefert:204
DER REKTOR
DER STRASSBURGER AKADEMIE
JOHANN SCHMIDT205
DOKTOR DER HOCHHEILIGEN THEOLOGIE,
ÖFFENTLICHER PROFESSOR UND DES CONVENTVS
ECCLESIASTICUS VORSITZENDER,
Entbietet den Mitgliedern der Akademie seinen erbietigsten Gruß.
Wir schienen bisher mit dem Überfluß an Ärzten unsere Not zu haben, ob des Ausblei-
bens der Kranken. Es schienen manche Ärzte Armut zu leiden, da es wenige waren, die
Beistand verlangten oder erwünschten. Nun ist es soweit gekommen, daß, indem die
Seuche einer gewissen todbringenden Krankheit unsere Bürgerschaft entvölkert, wir bei-
nahe mit dem Mangel an Ärzten unsere Not haben. Denn aus jener Gemeinschaft sind
nicht der eine oder der andere, sondern innerhalb weniger Monate mehrere dem Schicksal
erlegen. Nachdem gleichsam das Haupt und erste Wurzel, ihr Vorstand, Herr RIXIN-
GER206 treuen Andenkens, abgetrennt war, drang das gegenwärtige Übel auch in die
restliche Körperschaft ein. Es verschlang den Herrn Doktor STEINIGER, wenig später löste
es den äußerst berühmten Arzt und Mathematiker Herrn Doktor HABRECHT aus dem
Gefüge der Körperschaft. Nun drang es mit schleichendem Gift ebenso zum äußerst be-
wanderten und äußerst berühmten Herrn Doktor JOHANNES NICOLAUS FURICHIUS,
Doktor der Philosophie und der Medizin wie auch Praktischer Arzt in dieser Stadt nicht
ohne Erfolg, der, als er zum Verlassen dieses Lebens gerufen wurde, am 14. Oktober zwi-
schen der 4. und 5. Abendstunde, jene Anrede207 des Dichters ebenso auf sich bezog:
Zurückzulassen ist die Erde, das Haus, das gütige
Weib. Und von jenen, die Du pflegst, Bäumen,
Wird Dir, außer den verhaßten Zypressen,208
Kein einziger, als dem kurzlebigen Herren, folgen. [HOR. carm. 2, 14, 21–24]
Zwar kamen ihm Heilmittel im Überfluß zu, aber diesen gab die Gewalt des Schmerzes
nicht nach, und sie widerstand, und, nachdem sie sich der Quelle des Lebens bemächtigt
hatte, raffte sie den Mann, der mitten in der Blüte seiner Jahre stand (er hatte nämlich
eben erst das dreißigste Jahr vollendet), hinweg. Damit ich sein ganzes Leben in Kürze,
wie es sich für eine Rede gehört, auf diese Weise zusammenfasse: In Straßburg wurde
jener geboren, von französischen Eltern, JOHANNES NICOLAUS FURICHIUS, ehemals
Bürger und Schreibzeugmacher,209 und die Mutter ELISABETH HUASCHIN; und daher
sog er die französische Sprache als seine Muttersprache mit der Milch in sich auf, unsere
deutsche lernte er vollkommen in den Straßen, auf dem Markt und in der Schule. Denn
von unserem GYMNASIUM in jeder Hinsicht war er Zögling, an den Tag legte er unge-
wöhnliche Zeichen einer herausragenden Begabung. Hinzu kam der Fleiß, weshalb er bei
der Klassenversetzung oft die Schar anführte, niemals zuletzt kam. Als er daher zu öffent-
lichen Vorlesungen zugelassen worden war, widmete er sich ihnen mit Klugheit und
Leidenschaft, und aus jenen Beschäftigungen erwuchs ihm dreifach der Lorbeer, zuerst
204 Der lateinische Text im 3. Anhang.
205 Bedeutender evangelischer Theologe (1594–1658); als Rektor maßgeblich für die Hin-
wendung der Straßburger Hochschule zum orthodoxen Luthertum verantwortlich; W.
Kühlmann u. W. Schäfer (1983), S. 130–160; ein umfangreiches Schriftenverzeichnis
bietet Zedler 35 (1743), Sp. 378–381.
206 Welchem Furichius ein Epigramm widmete, siehe oben.
207 Griechisch.
208 Für den Scheiterhaufen.
209 Zur Berufsbezeichnung des Vaters ›atramentariorum opifex‹ vgl. W. Kühlmann
(1984), S. 111; sowie Forcellini 1 (1860), S. 458.

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8. Furichius: Arzt und Dichter in Straßburg 45

der Philosophische, dann der zweite zusammen mit der Dichtkunst, nicht ohne das größte
Lob. An Milch nämlich und Honig war er überreich, wie jener sagt. Ihm wurde das Wesen
der Wortgewandtheit im Überfluß zuteil, welchem er den Eifer und die arbeitsame An-
strengung hinzufügte, Diese zwei nämlich * so machen sie auch den Dichter aus; aus dem
Grunde Horaz:210
Ob durch Naturtalent eine Dichtung Beifall erring oder durch Kunstverstand,
Hat man gefragt. Ich kann nicht erkennen, was ein Bemühen ohne fündige Ader
Oder was eine unausgebildete Begabung nützt; so fordert das eine die Hilfe
Des anderen und verschwört sich mit ihm in Freundschaft.211
Obgleich er aber in dieser Studiengattung, als der Muße Ergötzlichkeit, vortrefflich war,
wollte er dennoch weder an jenem einen gemessen werden, noch darin Bug und Heck der
Studien verankern; sondern fürder richtete er den Sinn auf das äußerst nützliche Studium
der Medizin, auf welche er nicht nur hier, sondern auch in Genf und Padua fürtrefflich
seinen Fleiß verwandte. Von der Reise zurückgekehrt, wurde er an dieser seiner heimi-
schen Akademie mit der Doktorenwürde ausgezeichnet, im Jahre 1628, im Monat Juni.
Welchem er die Würde des Ehestandes hinzugesellte, welchen er einging im nämlichen
Jahre mit der äußerst Sittsamen Jungfer MARIA BARBETIN, des vortrefflichen Herrn
JOSIAS BARBETTES, Goldschmiedes, Tochter. Aus welchem Ehebund er fünf Kinder
empfing, Zwillingsknaben, die bisher überlebten, drei Töchter, von welchen eine noch am
Leben ist. Dies ist des recht kurzen Lebens des Furichius kurzer Abriß. Der Gemeinschaft
unserer Studenten schulden wir die letzte Ehre, wir schulden das Leichenbegräbnis all
jenen, die einmal Mitglieder unserer Akademie gewesen sind. Vor allem jedoch, was
wir bereits häufiger in eben diesen Wochen anmahnten, gehört es sich aus dieser Verdich-
tung der Todesfälle, welche wir täglich vor Augen haben, für alle Stände Ansporn, das
Leben zu bessern, zu schöpfen. Es verdienten Sünden das Schwert, durch das soviel
tausende bereits zugrunde gingen, sie verdienten den Hunger, der, wie er viele andernorts
nach langer Marter verzehrte, so auch bereits an unsere Tore pocht. Sie verdienten eben
diese Geißel der Pest, vor welcher wir verdientermaßen schaudernd zurückschrecken, da
wir mitanschauen, wie Greise, Jünglinge, Gelehrte, Ungelehrte, Gemeine, Adlige, in gro-
ßer Zahl daselbst vernichtet werden. Die Sünden in aufrichtigen Tränen der Reue zu
beklagen, auf daß sie durch die Göttliche Gnade getilgt werden, damit nicht, wenn wir
säumig sind und träge bei der Umkehr, aller Sicherheit Verkehrung nachfolgt. Ich füge an,
welche ich lange im Blick habe, die Worte des Ambrosius aus der 85. Predigt, Band 3,
Seite 311, am Ende: »Einer Stadt wird nur aufgrund der Sünden der Bürger der Untergang
auferlegt, laß’ daher ab zu sündigen, und die Stadt wird nicht untergehen.«212 Laßt uns
hinzufügen glühende Gebete, welche die Macht haben zu binden den Unbezwingbaren
und zu bezwingen den Allmächtigen. Möge unter uns zahlreich jenes allerdemütigste
[Lied] vernommen werden:
Laß ab, Herr, von Deinem furchtbaren Zorn
Und halte ein mit der blutigen Geißel und eile nicht,
Mit gerechtem Richterstab zu strafen unseren Frevel.
Wenn gerechte Strafen empfangen unsere Übeltaten,
Wer kann aushalten die schrecklichen Schläge,
Da er doch nicht ertrüge
Die mit solcher Gewalt strafende Zuchtrute.
Laß doch ab von unserer Schuld,

210 An der mit Asterisk markierten Stelle weist das ›Programma‹ einen etwa fünf Silben
langen Riß auf.
211 Nach HOR. ars 408–411. Die Übersetzung folgt derjenigen E. Schäfers in Horatius
(2008).
212 In einer anderen zeitgenössischen Ausgabe die 85. Predigt ›De Barbaris non timendis‹;
vgl. Ambrosius, S. 900–902.

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46 A. Einleitung

Dich erbarmend und gnädig Recht


Vereinigend mit gleicher Güte.
Du dem es eigen ist, die böse Welt zu schonen.213
Es wird denn der Leichnam des verstorbenen Herrn Doktors heute die 9. Stunde des
Vormittags aus dem Hause getragen, welches er zu Lebzeiten bewohnte, in der Gasse,
welche nach dem höchsten Gotteshaus benannt ist (in der Münstergassen), gelegen,
Gegenwärtig den Gegenwärtigen, den 17. Oktober des Jahres 1633.
ZU STRASSBURG führte es aus Wilhelm Christian Glaser, Drucker der Akademie.

In der jüngeren Forschung fand Furichius kaum Nachhall. Bevor Wilhelm


Kühlmann ihn in den 1980er Jahren gleichsam wiederentdeckte, wurde er –
wie es scheint – nur kurz in der Jubiläumsschrift des protestantischen Straß-
burger Gymnasiums von 1888 gewürdigt. Ansonsten finden sich in den
großen wie kleineren Sammelwerken nur verstreute Notizen.214 So ver-
zeichnet auch Karl Christoph Schmieders Geschichte der Alchemie von
1832 ihn nur am Rande des Eintrags zu Michael Maier mit teils falschen
Angaben: »Johann Nikolaus Furich schrieb: De Lapide philosophico, seu
Chryseidos Lib. IV. Ohne Druckort, 1622, 8. Eine zweite Ausgabe: Argen-
torati, 1631, 4.«215

10. Die Chryseis: Struktur

Die Chryseis besteht unerachtet der Gliederung der Bücher grundsätzlich


aus zwei Darstellungskomplexen: einem kosmologisch-alchemischen Lehr-
gedicht, welches das erste Buch darstellt, und einem, die anderen drei Bü-
cher umfassenden, episch-narrativen Teil, dessen spärliche Handlung den
Rahmen zweier Visionen und der jene erklärende Protagonistenrede bietet.
Der narrative Teil integriert in sich weitere Passagen alchemischer Kom-
mentare des in den Visionen allegorisch geoffenbarten Großen Werkes,
welche wiederum für sich über ein Geflecht mannigfacher Bildbezüge,
Rückgriffe und Praeparationes mit dem übrigen Werk dicht verwoben sind.
In der folgenden Strukturanalyse wird daher, soweit sie geeignet er-
scheint, die von Furichius durch Absätze und Paratexte, vor allem die
vier Argumenta und die Glossen, vorgenommene Einteilung mit entspre-
chenden, hier kursivgestellten, Bezeichnungen übernommen. Da aber ge-
rade ab dem dritten Buch ein- und derselbe Gegenstand mehrfach mit unter-
schiedlichen Allegorien über längere Abschnitte gedeutet wird, werden jene

213 Ursprünglich die ›Ode Sapphica irae divinae deprecatrix‹ des Matthias Bergius (1536–
1592), abgedruckt in G. Scipione (1613), letztes Blatt. Sie wurde später berühmt in der
Vertonung durch Heinrich Schütz, SWV 337; vgl. H. Schütz (1963), S. 93–114; und
Hinweise S. 115–117; ebenso Zedler 3 (1733), Sp. 1271.
214 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 119, Anm. 49.
215 K. Ch. Schmieder (1932), S. 354 – in der Neuauflage des ›Killy Literaturlexikon‹
findet sich nun ein Artikel; vgl. Reiser (2009b).

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10. Die Chryseis: Struktur 47

Passagen unter Nennung der vorherrschenden Bildbereiche zusammenge-


faßt. Auch wird, sofern ein Passus eindeutig Adaption einer Quelle ist –
sprich: Versbearbeitung der Scholien des Tractatus aureus oder besagter
Hymne Ronsards – dies in eckigen Klammern angegeben:
S. A1v Epigramm: Ad Lectorem de Aufidio.
S. A2r–A3v Praefatio, Widmungsbrief an Joachim Morsius.

S. 1–13 Liber I:
Alchemo-Kosmologisches Lehrgedicht, darin der Ich-Erzähler in
der Rolle des Lehrers die direkt angesprochenen Leser unterweist;
von den Gestirnen stufenweise und unter zunehmender Verdeutli-
chung der spagyrischen Bedeutung des Beschriebenen ins Erdinnere
hinabsteigend.

S. 1 – 2, 1 Exordium: Anrufung Apolls, als Musenführer und Metallgottheit, Er-


klärung des dichterischen Ansinnens: Anleitung zur Wiedererlangung
der verlorenen Kunst Chymia, welche den Einblick in die Geheim-
nisse der Großen Mutter Cybele gewährt.
S. 2, 2 – 3, 6 Die Gestirne und ihr Lauf:
Historischer Abriß der Astronomie und deren Pervertierung zur Stern-
deuterei als Parabel vom dreifach unternommenen Himmelsturm einer
ambitiosa cohors: Giganten des Mythos, griechische und arabische
Weise; abschließende Verdammung der Astrologie als vana supersti-
tio.
S. 3, 7 – 4, 1 Meteora und Erdoberfläche: Pflanzen, Anatomie des Menschen, Ent-
stehung und Wachstum; unter beständiger Vergleichung von Makro-
und Mikrokosmos, etwa des Blutkreislaufes mit dem Okeanos.
S. 4, 2 – 5, 29 Erdinneres: Nachdem die rastlose ambitiosa cohors die Meere durch-
schifft hat, dringt sie ins Reich der Cybele ein, findet dort die sieben
Metalle und den alchemischen Schwefel.
S. 4, 22 – 5, 14 Allegorie des Strebens aller Metalle zur Vollkommenheit des Goldes.
[= Adaption von Ronsards Hymne d’Or]
S. 5, 15 – 29 Die alchemische Gewinnung des Samens des Goldes als Entspre-
chung dieses Strebens bei den Sterblichen.
S. 5, 30 – 7, 4 Mehrmalige Ermahnung zur Frömmigkeit, ohne die das Werk nicht
gelingt: die nova gens gottesfürchtiger Weiser in Antithese zu atheis-
tischen Frevlern; illustriert mit abschreckenden Bildern des Scheiterns
im Mythos, wie Palinurus und Prometheus am Kaukasus.
S. 7, 5 – 20 Darlegung der Mixtionis doctrina: Die nova gens erforschte Verhält-
nis und Gesetz der vier Elemente und der Principia, indem sie ›das
Gewebe der Natur aufwirkte‹.
S. 7, 21 – 10 Excusatio Chymicorum de nominum diversitate: Entschuldigung der
Decknamen, technischen Termini wie auch der geometrischen Sym-
bole.
S. 8, 11–9, 14 Versifizierte Ekphrasis und Deutung geometrischer Symbole [dem
Tractatus aureus entnommen], unter Verwendung der Bildlichkeit
des alchemischen Ackerbaus: Kreis im Kreis, Dreieck, Viereck, die
jene drei vereinende Figur als Sinnbild des ganzen Opus.

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48 A. Einleitung

S. 9, 15 – 23 Mercurius als das alchemische Wasser, welches sich aus drei (Princi-
pia) und vier Teilen (Elementa) zusammensetzt; Bilder von Nymphen
und Naß.
S. 9, 24 – 10, 13 Septenarii numeri laus: Lob der Siebenzahl anhand von Beispielen
ihres Vorkommens in Kosmologie und Medizin.
S. 10, 14 – 28 Erklärung der Analogie zwischen Alchemie und Ackerbau; mit my-
thoalchemischem Ornat, wie dem Goldenem Vlies und dem Hesperi-
denbaum.
S. 10, 29 – 11, 16 All dies bezeichnet Mercurius und das Opus; weitere Bilder: Phoenix,
Sol und Luna.
S. 11, 17 – 12, 3 Ankündigung des Autors, all dies dem Leser vor Augen zu führen;
Vergleich des Wachstums der Metalle mit demjenigen der Korallen.
S. 12, 4 – 22 Synkretismus mehrerer Naturphilosopheme: Radius Mundi, Calor,
Amor, Venus, Anima Mundi, welche allesamt den Mercurius bedeu-
ten.
S. 12, 23 – 13, 2 Dessen weitere Beschreibung; Verwerfen vulgärer Vorstellungen; wei-
tere Decknamen, wie Kreide und Drachblut.
S. 13, 3 – 16 Schau in das Innere der Erde: dramatische Schilderung des Waltens
des Weltgeistes bei der Erzeugung der Metalle; Vergleich seiner Ge-
walt mit dem Scheitern auf See.
S. 13, 17 – 19 Abschließende Ermahnung der Leser, das Wachsen und Werden der
alchemischen Pflanze zu studieren.

S. 13–56 Libri II–IV


Episch-narrativer Teil: Der Ich-Erzähler, Chrysanthus, berichtet von
seinen vergangenen Erlebnissen in der Lybischen Wüste, wodurch der
Rahmen für seine Visionen und deren Deutungen (alchemische Kom-
mentarreihe) durch den Greis, als Einführung in die Mysterien der
Chryseis, vorgegeben wird.

S. 13–24 Liber II: Vision des Raben, Begegnung mit dem Greis, Gespräch bis
Sonnenuntergang.
S. 14, 0 – 5 Bericht des Ich-Erzählers, wie er einst in der Lybischen Wüste an den
Berg gelangte, auf dessen Spitze ein sprechender Rabe saß (Phasma).
S. 14, 6 – 16, 6 Rede des Vogels:
S. 14, 6 – 14 über sich selbst: Dreifarbig versinnbildlicht er das Opus,
welches Mercurius als alchemisches Wasser hervorbringt.
S. 14, 15 – 16, 6 Anleitung, den Drachen, welcher die Schätze auf der
Spitze des Berges bewacht, mit bereiteten Giften (Menstrua) zu quä-
len und dann in Heilschlaf zu versetzen, um Zugang zu erlangen.
[= Versbearbeitung einer Scholie des Tractatus aureus]
S. 16, 7 – 19 Farb- und klangliche Metamorphose des Raben, Auftritt des Senex.
S. 16, 20 – 17, 10 Begrüßung und Vorstellungsrede des Greises: sein heiligenmäßiger
Wandel, und wie er von Gott geleitet an jenen Berg in der Wüste kam.
S. 17, 11 – 28 Beginn der Einführung in die Mysterien: Ermahnung zur Frömmig-
keit, erneut Bilder der Navigation (Gott als Leitstern) für den Alche-
miker, welcher sonst scheitert; Welterkenntnis als Gotteserkenntnis.
S. 17, 29 – 18, 28 Geheimwissen einst in Hieroglyphen und Mythen (miris figuris, lo-
cutio aenigmatica) verborgen, die sich nur durch Göttliche Gnade er-

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10. Die Chryseis: Struktur 49

schließen, Verdammung der Hoffart, Ermahnung zur Verschwiegen-


heit; Lektüre der Autoren.
S. 18, 29 – 19, 23 Expositio phasmatis: fabula de Chryseide – der alchemisierte Chrys-
eis-Proserpina-Mythos: Die geraubte Tochter der Ceres kehrt alljähr-
lich auf den Berg zurück, wo ihre Burg stand. Als Vegetations-Metall-
göttin unterweist sie dann die Ackerbauern-Alchemiker. Für die Zwi-
schenzeit hinterließ sie ihre Geheimnisse im nahen Heiligtum.
S. 19, 24 – 20, 7 Schilderung der Chryseis und ihrer Dienerinnen bei der Erzeugung
des Chrysolith (lapis Philosophorum) im Erdinnern, und dessen
Macht.
S. 20, 8 – 26 Erklärung des Raben und dessen Verwandlungen.
S. 20, 27 – 21, 2 Erklärung des Drachens und dessen Betäubung.
S. 21, 3 – 17 Raritas virorum chemicorum: Erneute Ermahnung mit Bildern des
Scheiterns auf See, Ankündigung der unermeßlichen Mühen, War-
nung vor der obscuritas authorum; Medea-Vergleich.
S. 21, 18 – 22, 9 Gefordert ist das geistige Durchdringen (naturae contemplatio) der
Welt, der Principia, der Weltseele Ursprung und Wirken.
S. 22, 10 – 24, 25 Davon die nähere Aus- wie synkretistische Zusammenführung mit
Hermetischem: Mercurius als Weltseele, als Cupido, etc.
S. 22, 10 – 23, 4 Platonische Lehre der Weltseele und der Ideen, Mixtio der vier Quali-
täten, Veneris nodus, etc.
S. 23, 5 – 12 Diesbezügliche Lehren des Paracelsus.
S. 23, 13–31 Weitere Analogien aus alchemischen Prozessen; Sal, Oleum, Sulphur.
S. 24, 1–25 Weitere mythische Allegorien; sowie Orphik und Kabbala.
S. 24, 26 – 30 Abruptio der Ausführungen, da die Sonne sich neigt; Verabredung der
beiden auf den nächsten Morgen.

S. 25–37 Liber III: Traumvision von der Ermordung des Phoebus im Bade
durch Saturnus und der Wiederbelebung; Deutung(en) derselben am
nächsten Morgen durch den Greis.
S. 26, 1 – 22 Unruhiger Schlaf und Traumgesichter des Chrysanthus. Bei Morgen-
grauen sucht er den Greis auf, welchen er beim Gebet antrifft; Bitte,
den Traum erzählen zu dürfen.
S. 26, 23 – 29, 1 Somnium authoris:
[= Adaption einer Scholie des Tractatus aureus]
S. 26, 23 – 27, 12 Erste Götterversammlung: Venus stellt sich als Me-
tallgottheit und Gebärerin des Lapis vor.
S. 27, 13 – 19 Phoebus stellt sich als Bruder vor und klagt über die
Nachstellungen des Saturnus.
S. 27, 20 – 24 Phoebus verliert im Bad das Bewußtsein und erstarrt.
S. 27, 24 – 28, 16 Zweite Götterversammlung: Hermes bittet Saturnus
um Rat, dieser stellt sich vor und bekennt seine Tat, welche jedoch
zum Wohle aller geschah.
S. 28, 17 – 30 Iupiter, Diana, Venus und Mars beleben Phoebus mit
ihren Balsamen wieder, voll Dank verleiht er den Geschwistern seinen
Glanz.
S. 28, 31 – 29, 1 Dieweil erwacht Chrysanthus, hält das Geschaute je-
doch für bedeutungslos.

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50 A. Einleitung

S. 29, 2 – 20 Der Greis preist Chrysanthus ob des Geschauten, das er als von der
Chryseis gesandt erkennt, glücklich und beginnt dessen mytho-alche-
mische Kommentierung.
S. 29, 21 – 33 Erneute Mahnung, die alchemischen Schriften nicht simplice sensu
aufzufassen; Notwendigkeit der Menstrua, um den Samen des Goldes
aus dem Golde zu gewinnen.
S. 30, 1 – 16 Ablehnung anderer Ursprünge und mythoalchemische Ausführungen.
S. 30, 17 – 31, 29 Auri encomia – Lob des alchemischen Goldes:
Mit Bildern des Grün-Vegetativen und unter Bezug auf die Calor-
Diskussion der zeitgenössischen Medizin erhobene Forderung, der
Chrysolith solle frisch sein; Vergleich mit dem, leider verlorenen,
Goldenen Zeitalter.
S. 31, 30 – 32, 13 Satyrica elusione in secus sentientes: Verspottung der Wahnsinnigen
(Nieswurz-Topik), welche den Samen des Chrysolith nicht im Golde
suchen; Schmähung als gottlose Schöpfungszerstörer.
S. 32, 14 – 25 De sulfuribus Solis et Lunae – Unterscheidung der Schwefel von Sol
und Luna.
S. 32, 26 – 33, 5 Ignis modus – Ausführungen zum alchemischen Feuer.
S. 33, 6 – 25 Fortführung der Ackerbaubilder des Vortages; die Erde, in welche der
Same gesetzt wird, dessen Entwicklung zum Keimling.
S. 33, 26 – 34, 1 Beschreibung des Mercurius in der Sublimatio und Circulatio.
S. 34, 2 – 35, 19 Weiteres zur Extractio des Mercurius: Vergleiche mit Geflügelten und
großer Hitze in Mythos und Naturgeschichte; Adler und Sonne.
S. 35, 20 – 36, 15 Nochmalige Beschreibung des Principium des Steins anhand des Pro-
serpina-Mythos wie auch der Orphik; unter Einbeziehung des alche-
mischen Raben.
S. 36, 16 – 37, 1 Weitere Beschreibung: Ouroboros, Pelikan und Auster.
S. 37, 2 – 15 Zusammenfassung des Gesagten, um an der Transmutation Zweifeln-
de zu widerlegen.

S. 38–56 Liber IV: Weitere Erklärungen in Form immer neuer Allegorien.


Dankrede des Ich-Erzählers. Der Greis bricht seine Ausführungen ab,
da zuvor ein Schwur zu leisten ist.
S. 39, 1 – 7 Invocatio Numinis divini.
S. 39, 8 – 15 Rekurs auf die Worte des Raben.
S. 39, 16 – 40, 15 Zu den Menstrua:
S. 39, 16 – 40, 15 qualitates: Vergleich mit goldführenden Flüssen aus
Geographie und Mythos; die Säuren der Quacksalber werden verwor-
fen.
S. 40, 16 – 33 vis et origo: Nur den Eingeweihten der Göttin sind die
wahren Quellen der benötigten tinctura auri pura bekannt.
S. 41, 1 – 17 Ikonographie des alchemischen Königs als Entsprechung des derart
geläuterten Phoebus, sowie dessen Wirkung.
S. 41, 18 – 42, 14 Meditation über diesen Mercurius Philosophorum als
Sal und als Aqua; Vergleiche mit Unterweltsflüssen, dem Ei des Ba-
silisken, dem Menstruationsblut.
S. 42, 14 – 43, 22 Meditation über die Fermenta und deren, auch farb-
liche, Wirkung; Bilder der Gärung und des Tagesanbruchs; unter Ein-
beziehung des Mythos.

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11. Die Chryseis im Vergleich mit der Chrysopoeia des Augurelli 51

S. 43, 23 – 46, 2 die besagten Bilder weiterspinnende Phantasmagorie


über die Conjunctio der beiden Principia in den Zirkulationsgefäßen.
S. 46, 3 – 23 Einzig die wahre Kunst kennt zwei Lapides; Bilder von Sol und Luna,
des Weinbaus im Mythos.
S. 46, 24 – 48, 2 Phantasmagorie über deren gegenseitige Abhängigkeit; Bilder der al-
chemischen Hochzeit; Luna dabei dem Grünem Löwen verglichen,
welchen die Unkundigen im Weingeist suchen; Anspielungen auf
den Bacchusmythos.
S, 48, 3 – 8 Mit dem Salamandervergleich leitet der Greis über zur:
S. 48, 9 – 49, 2 Parabel von Phoebus und der Schlange Cerastes, als Erklärung der
Badeszene.
[= Adaption einer Scholie des Tractatus aureus]
S. 49, 3 – 24 Meditation über die vielen Erscheinungsformen des Hermaphroditi-
schen Steines.
S. 49, 25 – 50, 7 Wachholderbeerallegorie.
[= Adaption einer Scholie des Tractatus aureus]
S. 50, 8 – 52, 23 Meditation über die Zeitdauer und Reihenfolge von Opus und Aug-
mentatio; unter erneutem Bezug auf die Siebenzahl.
S. 52, 24 – 53, 18 Der Greis erkennt Chrysanthus als zum Chryseis-Priester bestimmt;
Verdammung jeglicher Dämonenbeschwörung.
S. 53, 19 – 54, 6 Einschaltung des Ich-Erzählers, fällt auf die Knie, gelobt Treue und
ewigen Dank.
S. 54, 7 – 56, 7 Abschließende Worte des Greises: Lobpreis des Chrysolith und wei-
tere Ausführungen. Diese bricht er jedoch aus Furcht (Abruptio) ab,
Geheimnisse zu verraten, da Chrysanthus erst im nahen Tempel den
Eid der Chryseis zu schwören habe.

11. Die Chryseis im Vergleich mit der Chrysopoeia des Augurelli

Die Chryseis entstand – im Unausgesprochenen überdeutlich – »im ästhe-


tischen Wettbewerb mit Giovanni Aurelio Augurelli«.216 Dessen drei Bü-
cher der Chrysopoeia stellen das bis heute bekannteste alchemische Lehr-
gedicht in lateinischer Sprache dar. Augurelli wurde 1456 in Rimini gebo-
ren, er studierte seit 1473 in Rom sowie in Florenz, wo er Marsilio Ficino
zum Freund gewann, wie auch Angelo Poliziano (1454–1494). Ab 1475
nahm sich seiner ebenso der venetische Gesandte und Rhetor Bernardo
Bembo (1433–1519) an, welcher ihm riet, sich durch die Zueignung latei-
nischer Elegien und Petrarkistischer Liebeslyrik im Volgare Mediceischer
Protektion versichern. Nachdem Bembo ein Jahr später die Arnostadt ver-
lassen hatte, begab Augurelli sich nach Padua und studierte dort bis 1485
die Rechte. Mit Hingabe widmete er sich, beständig an der eigenen Latini-
tät feilend, der antiken Literatur, wie er auch in den wichtigen Humanisten-
zirkeln verkehrte. 1485 schließlich ging er als Sekretär seines Freundes
Nicolò Franco (1425–1499), der dorthin als Päpstlicher Nuntius entsandt

216 W. Kühlmann (2002b), S. 167.

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52 A. Einleitung

wurde, nach Treviso. War bereits 1491 eine erste Sammlung ausgewählter
Gedichte in Verona erschienen, arbeitete er nun mit anderen an einer Catull-
Ausgabe. Nachdem Franco 1499 verstorben war, ging Augurelli 1500 als
Kanzler nach Feltre. Damals beteiligte er sich auch an der Volgare-Diskus-
sion. 1503 kehrte er als Lehrer für klassische Sprachen nach Treviso zu-
rück. 1505 publizierte er schließlich eine zweite Gedichtsammlung bei Al-
dus, in welcher sich bereits ein kurzes alchemisches Gedicht mit dem Titel
Vellus aureum findet.217 1509 zwang ihn der Krieg der Liga von Cambrai,
sich vorübergehend nach Venedig zurückzuziehen, wo er Dichtungen Be-
mbos revidierte und sein eigenes alchemisches Lehrgedicht, die Chryso-
poeiae libri III, zum Abschluß brachte. Diese, erst Julius II. (1443–1513,
ab 1503 Pontifex), dann Leo X. (1475–1521, ab 1513 Patriarch des Abend-
landes) zugeeignet, erschienen 1515 in Venedig – zusammen mit der christ-
lich-spirituellen Dichtung Geronticon liber primus.218 Augurelli erhielt da-
für übrigens vom Heiligen Vater nicht – wie es altkluge Antiquare zum
besten geben – eine ebenso schöne wie leere Börse, da er sich diese ja
selbst füllen könne, sondern eine Bestallung als Kanoniker in Treviso.219
Dort ist er zudem 1518 als Bibliothekar verzeichnet. 1524 ereilte ihn über
einem gelehrten Disput in einer Buchhandlung der Gelehrtentod.220
Mit der Abfassung der Chrysopoeia begann Augurelli bereits um 1500,
in jenem intellektuellen Umfeld, in welchem sich fast jeder Gelehrte, wie
schon sein Jugendfreund Ficino, in irgendeiner Form mit Alchemie und
Hermetismus auseinandersetzte; sei es, daß er praktisch iatrochemisch
oder spagyrisch experimentierte, sich kosmologischen Spekulationen hin-
gab, oder sei es, daß er gegen das Vorgenannte polemisierte.221 Augurelli
betonte zu recht der erste zu sein, welcher im klassischen Hexameter und
unter Herbeizitierung der Muse des Mantuaners die Kunst behandelte. Un-
berührt vom vernichtenden Urteil Julius Scaligers in dessen Poetik222 war
die Rezeption der Chrysopoeia gewaltig: Augurellis Lehrgedicht brachte es

217 Nochmals abgedruckt und besprochen in F. Secret (1976a).


218 Zur Werkgeschichte im nächsten Absatz.
219 Vgl. Z. v. Martels (1993), S. 124; ders. (1994), S. 979.
220 Vgl. die immer noch führende Monographie G. Pavanello (1905), S. 1–40; sowie den
Artikel R. Weiss (1962) neben J. Telle (1980a); zu Augurelli im Kontext der italieni-
schen Lehrdichtung G. Roellenbleck (1975), S. 123–125.
221 Vgl. G. Pavanello (1905), S. 60–64; Z. v. Martels (1993), S. 122.
222 Vgl. »Augurelli multa vidimus, Lyrica, Sermones, Chrysopoeiam, Iambica. Sanè prae
se fert egregiam animi aequabilitatem. parum potest, parum praestat, parum conatur. In
Lyricis vix ferendus. […] Elaborantior ipsius Chrysopoeia. caeterùm vix adeò spirat:
ita languida omnia, ac penè emortua. trepidationis potius quàm limae agnoscas vesti-
gia.« (Scaliger Poetices, S. 303) – hierzu auch I. Reineke (1988), S. 535–537; der
bisher zugänglichste Abdruck der ›Chrysopoeia‹ in TC 3 (1659), S. 197–244, dort
sind jedoch die Verse nicht gezählt. Dieser Arbeit liegt daher das, mir freundlicher-
weise zur Verfügung gestellte, Typoskript der Neuedition von Zweder von Martels
zugrunde, welche auf der Ausgabe Venedig 1515 basiert.

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11. Die Chryseis im Vergleich mit der Chrysopoeia des Augurelli 53

allein im 16. Jahrhundert auf fünf weitere Auflagen, bis ins 19. Jahrhundert
folgten 21 Editionen. Schon um 1560 erschienen zwei französische Über-
setzungen,223 1614 mit dem Chrysopoeiae compendium paraphrasticum in
Frankfurt am Main eine Prosazusammenfassung. Zu den ersten Lesern der
Chrysopoeia zählten auch Agrippa von Nettesheim (1486–1535) und des-
sen Sohn Johannes (1525 – nach 1560).224 Der Vater verwandte das Lehr-
gedicht als Quelle seiner Alchemistenschelte des 90. Kapitels von De in-
certitudine et vanitate scientiarum (gedruckt ab 1530), der Sohn verfaßte in
den 1560er Jahren in Nachahmung Augurellis, mit Anleihen bei Vergil und
Ovid, ein Pius IV. (1499–1565, ab Pontifex) gewidmetes eigenes Lehrge-
dicht unter dem Titel Vellus Aureum, welches allerdings nur als Original-
manuskript mit Scholien von eigener Hand im Vatikan überliefert ist.225
Als anderer Aemulator ist der Florentiner Dichter Antonio Allegretti (um
1512-nach 1572) zu nennen, ein Freund Benvenuto Cellinis (1500–1571)
und Benedetto Varchis (1503–1565). Allegretti arbeitete von der Mitte der
1550er Jahre bis an sein Lebensende fortwährend am Manuskript seiner
Cosimo I. de’ Medici (1519–1574) gewidmeten vier Bücher, gut 1500
Verse, De la Transmutatione de metalli. Sie sind zum Großteil eine in der
Tradition Petracas stehende ›versione in volgare‹ der Chrysopoeia, wobei
der Autor jedoch auch eigene umfassende Kenntnisse der hermetischen
Tradition und des spagyrischen Schrifttums – vor allem zur spirituellen
Alchemie – einfließen läßt.226 Aus dem Jahre 1716 schließlich ist eine
Valentin Weigel zugeschriebene Verteutschung überliefert.227
Diese Rezeptionsgeschichte ist nun um Furichius zu erweitern; jedoch
nicht als schlichter Nachahmer, sondern als von Augurellis Werk zu eige-
nem Schaffen inspirierter Nachfolger in der Gattung der alchemischen la-
teinischen Lehrdichtung, als deren einzige bekannte Autoren beide, nach
dem Stand der Dinge, gelten können.228 Vor einer Gegenüberstellung zu-
nächst der Aufbau der Chrysopoeia – wobei man Yasmin Haskells Stoß-
seufzer »the poem as a whole cannot be said to evince a clear logical
structure«229 in gewisser Weise beipflichten muß: Das 1. Buch behandelt
die Existenz des Steines und die Wahrheit der Kunst. Daß die Transmuta-

223 Vgl. auch F. Secret (1976b).


224 Unsinnig die Zuordnung der ›Chrysopoeia‹ als Handbuch für praktizierende Alchemi-
ker, wie der sonst gute Th. Haye (1997), S. 373 sie vertritt.
225 Vgl. zur Rezeptionsgeschichte Z. v. Martels (2000), S. 181–194; zum französischen
Sprachraum D. Kahn (2007), S. 77 f. u. 87–89.
226 Eine moderne Edition nach dem Autograph der Biblioteca Nazionale Centrale di Fi-
renze liegt vor als A. Allegretti (1981). Zu Biographie und Werkkontext vgl. die Ein-
leitung des Herausgebers M. Gabriele (1981). Dort wird zudem exemplarisch der
lateinische Text Augurellis der italienischen Bearbeitung gegenübergestellt.
227 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 122.
228 Ein erster Vergleich in W. Kühlmann (1984), S. 122–124.
229 Y. Haskell (1997), S. 584.

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54 A. Einleitung

tion möglich ist, läßt sich durch ›ratio‹ und ›experientia‹ erkennen, auch
wird die profane Goldgier der Sterblichen verworfen.230 Im 2. Buch ver-
teidigt der Trevisaner die Ars gegen ihre Verächter und weist hochallego-
risch den Weg zu einem die Transmutation ermöglichendem Pulver. Dieses
wird nach beschwerlichem Aufstieg in einer auf einem Berge gelegenen
Nymphengrotte gefunden. Das 3. und abschließende Buch behandelt die
Gerätschaften und Prozesse, erhebt das Schweigegebot und verheißt gewal-
tige Reichtümer, wie auch die lange gesuchte Panazee.231
Die Unterschiede der beiden Lehrepen beginnen im Formalen: Umfaßt
die Chrysopoeia drei Bücher von jeweils sechs- bis siebenhundert Versen,
hat die Chryseis dagegen vier mit insgesamt 1600 Hexametern. Sprachlich
ahmt Augurelli mit Emphase den Vergil der Georgica nach, wenngleich
sein Opus nur drei Bücher umfaßt, seine Diktion ist klassisch und ele-
gant.232 Das Latein von Furichius dagegen ist nicht streng den Augusteern
verpflichtet: Klassisches und Nachklassisches findet sich, neben dem un-
vermeidlichen Fachvokabular, durchwoben mit Archaismen, mittel- wie
kirchenlateinischen Spuren, neulateinischem Wortschatz und Neologis-
men.233 Auch wirken viele Verse, als seien sie mit ›-que‹ aufgefüllt. Dies
soll ihn in keiner Weise zugunsten des Italieners abwerten, denn Furichius
geht – wie aus obigem Schema ersichtlich – in drei von vier Büchern weit
über seinen Vorgänger hinaus. Der Straßburger gestaltet seinen Gegenstand
episch narrativ, wogegen Augurelli über sein ganzes Werk, das zwar einige
Epyllien und Exkurse aufweist, als Unterweisender zum Leser spricht, als
solcher ist er durchgehend mit dem in der Republik Venedig lebenden
Humanisten Augurelli der Entstehungszeit identifizierbar. Zur Exemplifi-
zierung der Behandlung des, letztlich doch gleichen, Stoffes durch beide
Dichter mag die Darstellung der Metallerzeugung im Erdinnern dienen: Wo
Augurelli im 1. Buch der Chrysopoeia das Epyllion des Lyncaeus einfügt,
dessen Sehvermögen bis an ferne Gestade, ja bis ins Erdinnere hinabreicht,
wo er der Metalle Entstehung schaut – vgl. »Lynceus, ut fama est, uisu
praelatus acuto/ omnibus [….]« (Augurelli, 1, 203 f.) – läßt Furichius selbst
den Senex (vgl. CHRYS., S. 19, 24-S. 20, 7) vom Wirken der Chryseis-Pro-
serpina und ihrer Dienerinnen bei der Metallerzeugung berichten, welche
auch die Alchemiker lehrte – hier die doppelte Einbindung in die narrative

230 Vgl. »Hactenus auriferam secretae Palladis artem/ inuentam humana quondam uirtute
coegit/ credere nunc ratio, nunc experientia suasit.« (Augurelli, 2, 1–3).
231 Vgl. Z. v. Martels (1994), S. 985–987; Y. Haskell (1997), S. 584–588; den Aufbau des
Werkes am ausführlichsten in G. Pavanello (1905), S. 65–77.
232 Vgl. auch Y. Haskell (1993), S. 124; Z. v. Martels (2000), S. 179–181.
233 Als Beispiele: altlateinisch ›artubus‹ für ›artibus‹ (CHRYS., S. 3, 18); ›intumulare‹
(S. 33, 9) oder ›discursamen‹ (S. 36, 15); ›luctifluus‹ (S. 11, 12); baccescere (S. 50, 1)
– jeweils mit Anmerkungen in meinem Kommentar; wie auch S. 33, 29–30 ›flamen
clarificum‹ nicht klassisch zur Bezeichnung einer Luftbewegung sondern für ›Flamme‹
– wie erst im Mittelalter üblich; vgl. A. Blaise (1975), S. 388.

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11. Die Chryseis im Vergleich mit der Chrysopoeia des Augurelli 55

Struktur, als Personenrede und Tätigkeit der titelgebenden und das Telos
des Werkes darstellenden Mysteriengöttin, dort brillanter Einschub.
Weiterhin kontrastieren die jeweiligen Widmungen und Anrufungen von
Gottheiten. Augurelli eignet sein Werk dem Medici-Papst zu, wobei der
Renaissancekatholik im Gegensatz zum Straßburger Reformierten mit we-
niger Eifer seine Orthodoxie bekunden muß als sich vielmehr ›pro forma‹
für die folgenden Mythologeme entschuldigt. Dann ruft er die Götter für
das Große Werk und gesondert am Ende des 1. Buches den alchemischen
Hermes an.234 Zu Beginn des 2. Buches versichert er sich zudem des Bei-
stands der Muse Vergils. Furichius nennt seinen Widmungsträger Morsius
im voranstehenden Brief, von den Göttern wird einzig Phoebus als Musen-
führer und Stein der Weisen herbeizitiert (vgl. Kommentar zu CHRYS.,
S. 1, 2–3).
Am deutlichsten springt jedoch ins Auge, daß Augurelli Persönliches
und Zeitgeschichtliches in sein Werk einflicht: Ist der Handlungsort der
Chryseis der hochfiktive ›Berg in der Lybischen Wüste‹ als Burg- und
Tempelberg der Chryseis-Proserpina mit Bezügen zum Corpus Hermeticum
und Eremitenlegenden (vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 14, 0–4), ist die
Nymphengrotte Augurellis ein »Taruisiis […] in montibus antrum« (Augu-
relli, 2, 279 f.). Der Ort der Offenbarung findet sich also im Veneto bei
Treviso, und Augurelli gedenkt so der Landhäuser seiner Freunde und Gön-
ner.235 Auch seine Liebe zur darstellenden Kunst klingt an, wenn er auf das
Auripigment der Maler verweist: »Est lapis effossus Syriae pictoribus, auri/
pigmentum uero quod et ipsi nomine dicunt. [etc.]« (Augurelli, 1, 428–
441). Im 3. Buch hebt er als nützlichen Aspekt des alchemischen Experi-
mentierens sogar hervor, daß ihm immerhin die Herstellung von Farben für
einen Malerfreund gelungen sei, vor allem ein besonderes, als ›caeruleus‹
ausgewiesenes Blau (vgl. Augurelli 3, 291–322).236 Er geht soweit, die Al-
chemie als beste Lieferantin von Farben zu preisen, neben ihren Vorteilen
für die Glasfärberei und Metallurgie (vgl. Augurelli 3, 284–304). Der hier-
bei mit ›meus Iulius‹ bezeichnete Nutznießer von Augurellis Alchemisten-
küche ist kein anderer als der ebenso mit dem Hermetismus in Verbindung
gebrachte Giulio Campagnola (geb. 1480); welcher damals in der Lagunen-
stadt in den gleichen Kreisen verkehrte, und im Testament des Aldus aus
dem Jahre 1514 verzeichnet ist.237 Die anschließenden Verse enthalten dann
auch die Descriptio eines von Campagnolas Gemälden (vgl. Augurelli,
3, 305–22), wie auch die Schilderung des Ortes des Steins als Hain der

234 Vgl. Z. v. Martels (1994), S. 984 f.


235 Vgl. Orbis latinus 3 (1972), S. 457; diskutiert von Y. Haskell (1997), S. 592, Anm. 16.
236 Vgl. zum Farbadjektiv ›caeruleus‹ im spagyrischen Kontext allerdings meinen Kom-
mentar zu CHRYS., S. 43, 12–13.
237 Vgl. hierzu den zweigeteilten Beitrag von G. Dal Canton (1977 u. 1978); sowie E.
Safarik (1974).

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56 A. Einleitung

Nymphe Glaura in den bukolischen Landstücken des Freundes ihr Vorbild


zu haben scheint.238
Eine solche Aufzählung der Errungenschaften der ›chymischen Kunst‹
klammert jedoch die Schattenseiten nicht aus: »qui genus id nuper tormenti
ex aere peractum/ horrendum miseris edit mortalibus, altos/ quo murorum
apices longe quatit; et graue pondus/ machina terribili iaculatur in aera
bombo,/ quo tellus tremit assultans, atque oppida circum/ icta procul diro
strepitu, ceu fulminis, horrent.« (Augurelli, 3, 331–336) – den militärischen
Einsatz neuer Pyrotechnik hatte Augurelli mit eigenen Ohren bei der Bela-
gerung Paduas im Frühherbst des Jahres 1509 erlebt: »Quales attonita stu-
pidi percepimus aure/ litore nunc Veneto, Pataui dum magnus ad urbem/
rex sedet, et latos diuerso milite campos/ occupat; at contra Venetus se
exercitus intra/ continet, et uariis arcet terroribus hostem.« (Augurelli
3, 337–341). Daneben vergegenwärtigen mehrmalige Wünsche nach Otium
(vor allem im Horazisch anmutenden Beginn des 3. Buches) und Frieden
die kriegerische Entstehungszeit des Werkes. Furichius, der noch zu Schul-
zeiten über Soldatengreuel und Schlachtenruhm gedichtet hatte, aus dessen
Eintrag im Album Morsianum ersichtlich wird, wie sehr ihm die Wirren
seiner Zeit zu Herzen gingen, verweigerte es dagegen dem Dreißigjährigen
Krieg, in sein Werk Einzug zu halten.

12. Furichius’ Chryseis im Vergleich mit seinem Frühwerk


Aurea Catena239

Innerhalb des Furichianischen Oeuvres stellt die Aurea Catena inhaltlich,


stilistisch und formal eine Art Vorstufe der Chryseis dar. Das Carmen aus
dem Paduaner Studienjahr 1627 ist noch nicht in Bücher unterteilt, es ist
kürzer. Den über 1600 Hexametern der Chryseis gehen hier gut 1100 vor-
an.240 Im Ganzen ist es der Kommunikationssituation des antiken Lehrge-
dichtes verpflichtete und weist noch keinen episch-erzählenden Rahmen
auf. Zwar wird der titelgebende Hermes Poeticus in den ersten Versen als
Trismegist eingeführt, entpuppt sich aber sogleich prosopoeisch als den

238 Vgl. Y. Haskell (1997), S. 600 f.; A. Balduino (1987), S. 67–69.


239 Zu beiden Werken vgl. auch W. Kühlmann (1984), S. 124–135; sowie ders. (2005a),
S. 106–108.
240 Die Paginierung der Ausgabe ist – wie ich vor Ort dank der zuvorkommenden Unter-
stützung durch den Vizedirektor der Universitätbibliothek zu Padua, Pietro Gnan,
nochmals überprüfen durfte – fehlerhaft, von S. 31 erfolgt ein Sprung auf S. 48.
Auch der Text an sich und der Vergleich mit der ›Chryseis‹ schließen aus, daß etwas
verlorenging; vgl. »Veluti quum mens primum omnia fecit,/ Se/ [S. 48] Se supra haec
terrena simul glomerarit in vnum:/ Et genuit motum, et spatiantia lumina coelo.« – in
der Entsprechung: »Hinc factum est, ut Mens, cum prudens omnia fecit,/ Ignis terrena
haec supra glomerârit in unum:« (CHRYS., S. 35, 13 f.).

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12. Furichius’ Chryseis im Vergleich mit seinem Frühwerk Aurea Catena 57

Leser unterweisender Sprecher der Aurea Catena. In der Chryseis ist er


weiterentwickelt und mit anderen literarischen Typen in der Figur des Se-
nex verschmolzen,241 wodurch die Aurea Catena, als Ausführungen des
Hermes, gleichsam in der, über die Hälfte der Chryseis ausmachenden
Rede des Greises aufgegangen ist. Zudem kam Furichius in seiner Aurea
Catena noch gänzlich ohne Glossen oder gar Scholien aus.
Wie die Chryseis ist bereits der Hermes Poeticus den Scholien des
Tractatus Aureus verpflichtet, dies ist allein aus der Gegenüberstellung
einiger Abschnitte ersichtlich – vor allem durch die Verwendung des in
den anderen Quellen nicht belegten Decknamens ›Seyr‹ (vgl. Kommentar
zu CHRYS, S. 10, 21–23). Bezüglich der versifizierten Descriptiones al-
chemischer Geometrie befindet sich die Aurea Catena noch näher an der
Vorlage. In ihr wird der in den graphischen Symbolen wirkende ›Mercu-
rius‹ explizit als solcher bezeichnet und ist somit als Stein der Weisen
erkennbar. In der Chryseis dagegen ist er durch auf den ersten Blick irre-
führende Synonyma wie ›Feuer‹ oder ›Erde‹ ersetzt (vgl. Kommentare zu
CHRYS, S. 8, 32-S. 9, 1 u. S. 9, 2–3). Dergleichen wurden ganze Verse wie
auch Versteile übernommen. Fürderhin ist aus metrischen Gründen das
ohne Glosse verwirrende ›vulturnus‹ (vgl. Kommentar zu CHRYS.,
S. 14, 4) in beiden Texten anzutreffen. Daneben ist zu beobachten, daß in
der Chryseis durch die Variation von Metaphern gegenüber dem Catena-
Text dort bereits dunkle Ausdrücke hier noch kryptischer geworden sind,
so daß die korrelierenden Passagen des ersten Epos oft das Verständnis der
entsprechenden Passi der Chryseis befördern. Nicht minder ist in der Au-
rea Catena skizzenhaft einiges umrissen, welches sich amplifiziert im
Hauptwerk wiederfindet, so die Zusammenführung des alchemischen grü-
nen Löwen mit den Zugraubkatzen des Bacchus (vgl. Kommentar zu
CHRYS., S. 47, 21–48, 2) oder die Allegorie des Wachholdbeerbaumes
(vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 49, 25-S. 50, 7). Der in der Chryseis vor
allem durch die Paratexte erhobenen Anspruch auf umfassende Gelehr-
samkeit tritt etwa bezüglich der Phoebus-Schlangen-Episode (vgl. Kom-
mentare zu CHRYS., S. 48, 9-S, 49, 2) im ersten Lehrgedicht noch zurück:
Wo sich in der Chryseis (mit den zugehörigen, die Giftigkeit und weitere
pharmakologische Verwertbarkeit des Reptils diskutierenden, Autorkom-
mentaren) die nordafrikanische giftspeiende Hornschlange Cerastes und
der als Ovidianischer Python-Bezwinger gezeichnete Jagdgott gegenseitig
zur Strecke bringen, sind in der Aurea Catena schlicht »rex et serpens,
ambo una morte sepulti« (AVR. CAT., S. 26, 17). Signifikant ist auch der
jeweilige Umgang mit dem Proserpina-Mythos: In der Chryseis ist die
Fabula in ihrer alchemisierten Variante titelgebend und handlungsbestim-

241 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 16, 18 – S. 17, 10.

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58 A. Einleitung

mend,242 in der Aurea Catena dagegen ist die kosmische Verwirrung bei
Plutos Raubfahrt nur ein Vergleich der unförmigen Prima Materia unter
vielen und wird in zwei Zeilen abgehandelt: »Non secus ac facies nascen-
tis marcida Mundi/ Primùm erat: aut quondam propter Plutonis amorem,/
Cum rapuit Cereri natam, tenebresceret aër./ Threicea haec nox est, a qua
dependet origo [etc.]« (AUR. CAT., S. 48, 30 – S. 49, 2).

13. Die Chryseis als publizistisches Ensemble


zwischen Inter- und Paratextualität

In seinen Limiti dell’interpretazione sieht Eco den alchemischen Text an


sich in einem ›discorso al quadrato‹: Wortreich läßt dieser sich über etwas
außerhalb seines ›Diskurses‹ Liegendes (das Geheimnis der Transmutation)
aus und ist zugleich – und gerade im kunstvollen Verzögern und Ver-
schweigen – der übrigen spagyrischen Texttradition verbunden, ja Resultat
und Bestandteil derselben.243 In der Chryseis, die Furichius als ›publizisti-
sches Ensemble‹ aus Hexameterteil, Glossen und umfangreichen Scholien
konzipierte, gewinnen die intertextuellen Bezüge kaum noch abzusehende
Ausmaße.244
Das Grundwerkzeug einer theoretischen Betrachtung von Textbeziehun-
gen stellt die Schrift Gerard Genettes dar, welcher hier die Studie Jörg
Helbigs zur ›Markiertheit von Intertextualität‹ an die Seite gestellt
wird.245 Jedoch bleiben die, beiden Arbeiten zugrundeliegenden, literari-
schen Werke weit hinter der Komplexität eines humanistischen Lehrge-

242 Zur, kaum belegten, alchemischen Deutung des Proserpina-Mythos vgl. W. Kühlmann
(2002b), S. 167 und ders. (1984), S. 134, Anm. 78; mit dem Verweis auf Johann Ru-
dolph Glaubers (1604–1670): ›Kurtze Erklärung über die Höllische Göttin Proserpi-
nam, Plutonis Haußfrawen‹ Amsterdam 1667 – H. Antons (1967) Motivgeschichte
bietet, ohne alchemische Texte zu streifen, die Rezeption des Mythos in der Neuzeit,
doch liegt sein Schwerpunkt auf der galanten Literatur im Umfeld des Pariser Hofes.
243 Vgl. »Il discorso alchemico è un ›discorso al quadrato‹: esso è il discorso dell’alchimia
sui discorsi alchimistici. […] Può darsi che l’autore non conosca ciò di cui parla e ne
parli in termini poetici proprio per poterlo rendere in qualche modo evidente (e persino
per suggerire che di quel Qualcosa di oscuro non si può parlare altrimenti), ma egli
vuole pur sempre parlare di Qualcosa che non è il suo discorso. Invece il discorso
alchemico è il discorso di quei testi – o di quelle pagine che appaiono sempre in un
testo alchemistico – in cui l’autore parla di ciò che hanno detto gli altri alchimisti, per
omologarlo al suo discorso. Il discorso alchemico è il discorso che l’alchimista fa sulla
continuità discorsiva della tradizione alchemica.« (U. Eco (1990), S. 74).
244 Zur Intertextualitätsproblematik in der Frühen Neuzeit am Beispiel Moscherosch und
Rollenhagens; vgl. W. Kühlmann (1994).
245 J. Helbig (1996), S. 17–82 diskutiert die einschlägige Forschung, darunter Genette,
dessen Modell er für überfrachtet hält, ausführlich und verwirft sie – nachvollziehbar
– zugunsten der einfachen ›alludierender/alludierter Text‹, deren ›Schnittmenge‹ er als
›intertextuelle Spur bezeichnet‹.

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13. Die Chryseis als publizistisches Ensemble zwischen Inter- und Paratextualität 59

dichts zurück, geschweige denn eines alchemischen Lehrepos samt Para-


texten. Es sollen daher dem Text der Chryseis und meinem Kommentar –
welcher (oft auf der Ebene des Metakommentares) Bezüge im Detail nach-
zeichnet und deren Markiertheit reflektiert – einige theoretische Überlegun-
gen vorangestellt werden, um den Leser gleichsam auf das Kommende ein-
zustimmen und zu sensibilisieren. Die für alle Intertextualität wichtige ›Al-
lusionserkennungskompetenz‹ seitens des Rezipienten – seiner Erwartungs-
haltung eng verbunden – kann man in Anbetracht des Publikums, für wel-
ches Furichius schrieb (Gelehrte vom Schlage eines Morsius oder Moscher-
osch) als ideal betrachten. Bei ihnen dürfte ob der fehlenden Mitteilung von
Arkanwissen auch kognitive Dissonanz ausgeschlossen gewesen sein.246
Vielmehr ist anzunehmen, daß sie bei der Ankündigung eines alchemischen
Lehrgedichts aus der Feder des Poeta laureatus neuen und virtuosen Varia-
tionen über das Thema ›Opus Magnum‹ entgegensahen.
Grundsätzlich gehörte – nach der Genetteschen Klassifizierung ›trans-
textueller Beziehungen‹ – alle alchemische Literatur insofern, als sie kom-
mentierender Art ist, in die Kategorie ›Metatextualität‹. Die Chryseis hätte
hieran Anteil. Die ›Hypertextualität‹, als Ableitung von einem Vorgänger-
text durch direkte oder indirekte Anverwandlung, ist hinsichtlich der Chrys-
eis als Ganzes mannigfach. Eindeutig läßt sich lediglich sagen, daß inner-
halb des Furichianischen Oeuvres die Chryseis als Amplificatio der Aurea
Catena angesehen werden kann. Als (schlichte) ›formale Transposition‹
können, sofern man will, die Textstellen betrachtetet werden, welche Ver-
sifikationen des Tractatus vere aureus sind. Ansonsten wechseln die Hyper-
texte – sprich: die relevanten oder von Furichius für relevant erachteten
Prätexte – ständig, oft sogar in ein und demselben Vers. Ob der Scholien
wachsen sie gelegentlich zu ganzen, die zeitgenössische Fachdiskussion
ausmachenden Textcorpora an. Wenn man konsequent die Chryseis zudem
›à la fois à la classe du genre officiel et celle des hypertextes‹ zuordnete,
hieße dies nur unnütz das Dilemma der Gattungszuordnung zu erneuern –
wenngleich die ›offizielle Gattung‹ der Chryseis diejenige des Carmen di-
dascalicon ist.247
Als »höchst ökonomisches Referenzobjekt«248 – wenn nicht das wirt-
schaftlichste an sich – sieht Helbig den Titel an. ›Chryseidos Libri IIII‹
evoziert sowohl mit der ersten Silbe den Gegenstand des Epos, das Gold,
und reiht das Werk somit an andere alchemische Titel und Autorpseudo-
nyme.249 Nicht minder wird selbstbewußt Bezug auf die hier aemulierte
Chrysopoeia des Augurelli genommen. Allein, ›Chreyseidos‹ als Genitiv-

246 Vgl. J. Helbig (1996), S. 14–16; zum Phänomen ›cognitiver Dissonanz‹ am hagiogra-
phischen Beispiel vgl. T. Reiser (2007a), S. 87 f.
247 Vgl. G. Genette (1982), S. 10–17.
248 J. Helbig (1996), S. 108.
249 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 16, 20; u. S. 19, 5–6.

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60 A. Einleitung

form des Namens ›Chryseis‹ betont ausdrücklich das Episch-Narrative, wie


man es von der Achilleis des Valerius Flaccus über die Aeneis des Vergil,
die mittelalterliche Alexandreis des Walther von Châtillon bis zur rinasci-
mentalen Panegyrik auf die Borgia in Gestalt der Borsias kennt. Handlung
wird also angekündigt. Nicht zuletzt ruft auch die Zahl der Bücher den für
die Gattung maßgeblichen Prototypen ins Bewußtsein: die Georgicon Li-
bri IIII.
Der ›Signalwert‹ intertextueller Spuren in der Chryseis und die Deutlich-
keit ihrer Markierung250 in Verbindung mit der jeweiligen Funktion, sollen
an einigen Beispielen nachgezeichnet werden: Der Tractatus aureus-Kom-
mentar wird ebensowenig erwähnt wie die Chrysopoeia oder Augurelli. Die
großen antiken Vorbilder Claudian, Ovid und Manilius sind als Textspuren
dagegen so präsent, wie es die entsprechenden Markierungen nahelegen.
Frappierend ist die Glosse zu Beginn des zweiten Buches, welche das Auf-
treten des Greises mit ›Ita quoque Ariostus senes vatidicos introducit‹ kom-
mentiert und den Leser, der bis dahin nur alchemisch-naturkundliche, my-
thologische oder gliedernde rhetorischen Termini am Textrand wahrnahm,
innehalten läßt.251 Mit dieser ›dominanten Markierungsart der Autornen-
nung‹252 nimmt Furichius einerseits für sich in Anspruch, antonomastisch
›der Ariost‹ der alchemischen Lehrdichtung sein zu wollen. Andererseits
sind die inhaltlichen Gemeinsamkeiten von Chryseis und Orlando furioso,
wenn man von ubiquitären Bezügen zu Mythos und Epik, absieht, vernach-
lässigbar und wirken weit hergeholt: Die »donne, i cavallier, l’arme, gli
amori,/ le cortesie, l’audaci imprese« (Orlando 1, 1 f.), welche Ariost be-
singt, sucht man in der Chryseis vergebens. Pierre de Ronsards Hymne de
l’Or, auf welche eine Scholie verweist, ist dagegen zwar unvermuteter,
doch deutlich erkennbarer Prätext der entsprechenden Chryseis-Stelle.253
Eine Sonderrolle kommt in den Glossen der graphischen Markierung im
Druck zu:254 Auffällig, wenn auch nicht zeituntypisch, sind in Randnotizen:
Griechisches, mathematische Schemata und geometrische Zeichen. Furichi-
us verzichtet fast ganz auf die sonst in der alchemischen Literatur häufig
vorkommenden Metall-/Planeten, Stoff- und Massenzeichen. Jedoch ent-
puppen sich die dem Text (CHRYS. S. 7, 21 – S. 9, 23) beigegebenen Drei-
ecke, Kreise und Quadrate, welche auf den ersten Blick die bekannten Ele-
mentsymbole zu sein scheinen, in Kenntnis des Prätextes Tractatus aureus
als jene dort viel größer und komplexer abgebildeten alchemischen Figuren.
In der Chryseis sind sie schlicht auf ihre geometrischen Grundformen re-
duziert und ihrer Inscriptiones beraubt. Die dazugehörigen Verse enthalten

250 Vgl. J. Helbig (1996), S. 81 f.


251 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 16, 18 – S. 17, 10, vorletzter Abschnitt.
252 Vgl. J. Helbig (1996), S. 128–130.
253 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 4, 27 – S. 5, 14.
254 Vgl. J. Helbig (1996), S. 121–126.

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13. Die Chryseis als publizistisches Ensemble zwischen Inter- und Paratextualität 61

die Ekphrasen der ursprünglichen Abbildungen. Das Komplement hierzu


bildet die in einer Scholie beigegebene Descriptio eines ominösen Floren-
tiner Kunstwerks als Inspirationsquelle der von Furichius im Verstext ent-
worfenen Ikonographie des Alchemischen Königs.255
Die von Helbig unter ›onomastischer Markierung‹ subsumierten Wieder-
verwendungen bekannter Namen und Bezeichnungen256 betreibt die Chrys-
eis allein schon als mythoalchemischer Text exzessiv: Jedes Mythologem,
jeder alchemische Deckname, jeder philosophische Terminus, jede als Au-
torität herbeizitierte Person rufen seit Zosimos, seit Homer gefüllte Biblio-
theken ins Gedächtnis. Relative Klarheit besteht hinsichtlich der Funktion
des Scholienapparats, welchem die Rolle ›pro domo‹ zukommt: »Dabei
wird ein unmittelbarer Dialog zwischen Autor und Rezipient suggeriert,
bei dem der manifeste Text nur als scheinbar zufälliges Medium der rele-
vanten Botschaft fungiert. Die Argumentation verfolgt hierbei vor allem
zwei Zielsetzungen: (Selbst-)Verteidigung und Selbstdarstellung.«,257
sprich präventiver Angriff durch das Vorwegnehmen von Gegenargumen-
ten und die Beistandsbeschwörung von Autoritäten, wie auch die Selbst-
verortung des Autors im wissenschaftlichen und poetischen Umfeld.258 Zur
Selbstverteidigung sind generell alle – letztlich auch im epischen Teil und
stets durch Glossen gekennzeichneten – Orthodoxiebekenntnisse zu rech-
nen, wie etwa die mehrmalige ausdrückliche Verdammung der Sterndeute-
rei, des Atheismus, der Teufelbeschwörung und des Umgangs mit Dämo-
nen sowie sonstiger Formen des Okkultismus, welche in der vorletzten
Scholie im Verdikt gegen die (angedichteten) astromantischen Praktiken
Roger Bacons gipfeln.259 Literarischer Beistand zur Abschwächung mögli-
cher Einwände und Gegenargumente wird immer wieder durch das katalog-
artige Aneinanderreihen von Autoritäten erwirkt. Dies geht einher mit der
Zurschaustellung der eigenen Gelehrtheit: im ersten Buch vor allem Mani-
lius und dessen Kommentator Julius Justus Scaliger, immer wieder Aristo-
teles, der Galen-Kommentar des Hippokrates, Proklos und Plato, das Cor-
pus Hermeticum, Florentiner Neuplatoniker, allen voran Marsilio Ficino,
weitere humanistische Kommentatoren, wobei dem älteren Scaliger eine
Sonderrolle zukommt. Hinzu kommen Alchemiker, wobei sich eine Vorlie-
be für George Ripley und Michael Sendivogius erkennen läßt, Paracelsisten
und ihre Widersacher, wie Thomas Erastus oder Daniel Sennert. Heterodo-
xe Lehrmeinungen und die Einwände der Orthodoxie referiert Furichius
meist, ohne offen zu werten, nebeneinander. Die Fülle der Autoren reicht
schließlich bis zum pharmakologischen Fachschrifttum eines Prospero Al-

255 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 41, 7–13.


256 Vgl. J. Helbig (1996), S. 113–117.
257 J. Helbig (1996), S. 181.
258 Vgl. J. Helbig (1996), S. 181 f.
259 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 54, 26.

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62 A. Einleitung

pino, welcher in Padua eine Generation zuvor einen Lehrstuhl innegehabt


hatte. Einzig bezüglich der Lebendigkeit der Metalle widerspricht der
Straßburger einmal ausdrücklich den Antiparacelsisten (vgl SCHOL.,
[S. 69] S. 51, 29), wie er sich auch zwei Mal genötigt fühlt, vom Verdikt
seines ›Helden‹ Julius Caesar Scaliger, geschraubt und demütigst, abzuwei-
chen.260 Zugleich sind die Scholien – sprich SCHOL., [S. 62 f.] S. 22, 15 –
auch willkommener Veröffentlichungsort eines eigenen Gedichtes, in wel-
chem als Dreingabe lyrisch die Prinzipium-Lehre der Vorsokratiker abge-
handelt wird. Neben der Zurschaustellung der eigenen Fachkompetenz füh-
ren, sei es gewollt oder ungewollt, letztlich alle Verweise zur ›Sinnkomple-
xion‹ des mythoalchemischen Haupttextes, und werden gerade auch nicht-
alchemische Schriften in den ›discorso al quadrato‹ der Chryseis eingebun-
den. Letzthin gehen alle Gegenstände aller Gebiete – man denke an die
Septimana philosophica als alchemische Interpretation der Sieben Schöp-
fungstage durch Michael Maier – auf in jenem »mirabile sincretismo che
nasce tra l’alchimia e i linguaggi culturali coevi alla sua introduzione e
propagazione, dei quali si nutre attraversandoli e utilizzandoli per inventare
e conservare il proprio [linguaggio].«261

260 Vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 4, 11; u. S. 29, 19


261 M. Gabriele (1997), S. 96.

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B. Edition und Übersetzung

Vorbemerkung zu Edition und Übersetzung der ›Chryseis‹ beziehungsweise


der Wiedergabe lateinischer wie auch volkssprachlicher Quellen:

Angestrebt ist eine möglichst zeichengetreue Wiedergabe der Vorlage sowie


lateinischer und volkssprachlicher Quellen der Renaissance und des Barock
unter Beibehaltung der jeweiligen Orthographie, Interpunktion und Akzent-
setzung. Dies gilt auch für Zitate aus antiken Texten innerhalb dieser Quel-
len. Sonst aber richten sich Zitate aus antiken lateinischen Texten nach den
im Literaturverzeichnis angeführten modernen Ausgaben.
Im Text der Chryseis und anderen Texten der Renaissance und des Ba-
rock wurden, sofern sie nach Ausgaben der Zeit (oder deren reprographi-
schem Nachdruck) zitiert werden, stillschweigend folgende Änderungen im
Zeichenbestand vorgenommen:
1. Kürzel und Ligaturen, auch Nasalstriche und e-caudata, wurden still-
schweigend aufgelöst. Für das Zeichen ›&‹ (oder ähnliches) wurde ›et‹
gesetzt.
2. Abkürzungen werden in eckigen Klammern ergänzt, dabei entfällt der
Abkürzungspunkt. In eckigen Klammern erscheinen auch Zusätze und
Erläuterungen durch mich, wie die Angabe von Vers- und Seitenzahlen.
3. Adscribierte Umlaute wurden normalisiert, e-caudata erscheint somit als
Umlaut.
Normalisiert wurde auch die Schreibung der s-Laute: langes ›s‹ wurde
gerundet, ›ß‹ wurde zu ›ss‹.
4. Bei Bogen- und Blattzählung wird zur Bezeichnung der Seite die Abkür-
zung ›r‹ (recto) und ›v‹ (verso) gebraucht.
5. Offenkundige Fehler, wie vertauschte oder verdrehte Buchstaben, wur-
den stillschweigend korrigiert.
6. Die Schreibung von i/j : I/J bzw. u/v : U/V bleibt erhalten; auch die
Schreibung ›ij‹ (etwa in ›ijs‹ oder ›conscij‹).

In der deutschen Übersetzung sind Passagen und Wörter, welche im Origi-


nal in griechischer Sprache stehen, kursiviert.
Im lateinischen Text der (aus drucktechnischen Gründen unter den Vers-
text gesetzten) Glossen wurden wie auch in den Scholien die von Furichius

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64 B. Edition und Übersetzung

verwandten Abkürzungen antiker Schriften beibehalten. In der deutschen


Übersetzung der Glossen stehen dagegen die heute gebräuchlichen, welche
auch sonst in dieser Arbeit Verwendung finden. Aus technischen Gründen
stehen die Glossen mit der Zahl des entsprechenden Verses, auf welchen sie
sich beziehen, oder neben welchem sie (sofern sie sich auf den Inhalt eines
ganzen Abschnitts beziehen) stehen, nicht neben, sondern unter dem Text.

Vorbemerkung zur Edition der Scholien der ›Chryseis‹:


Der lateinische Text der Scholien wurde (bis auf offensichtliche Druckfeh-
ler) eins zu eins übernommen, dabei wurden auch die von Furichius ver-
wandten Abkürzungen für antike Autoren und Schriften beibehalten – im
Stellenkommentar sind sie erläutert. Griechische Zitate in den Scholien
wurden, da sie in der Vorlage oft aufgrund schlechten Drucks kaum lesbar
sind, soweit ermittelbar, mit dem Text einer modernen Ausgabe abgegli-
chen. Dies ist jeweils in einer Fußnote verzeichnet. Die Verszahlen wie
auch Verszitate als Lemmata wurden, sofern sie vom epischen Teil der
Chryseis abweichen, stillschweigend berichtigt.

Anmerkungen zur Zitierweise:


Auf den Text der Chryseis wird, da im Original die Verse je Seite und nicht
nach Büchern durchnumeriert sind, bezug genommen nach dem Schema:
CHRYS., Seite des Originals, Vers (z. B. CHRYS., S. 23, 2)

Auf die Glossen und Scholien der Chryseis:


GL., Seite des Originals, Vers, zu welchem die Glosse gehört
(z. B. GL., S. 11, 7)
Im Stellenkommentar steht, wenn die Glosse desselben Verses gemeint
ist, einfach nur GL. Wenn der Stellenkommentar einen Abschnitt von
Versen behandelt, steht ebenso nur GL. mit der zugehörigen Verszahl.
SCHOL., [Originalseite in den ›Scholia‹] Seite, Vers, darauf bezug ge-
nommen
(z. B. SCHOL., [S. 57] S. 2, 22)
Auch hinsichtlich der Scholien steht im Stellenkommentar, wenn die zi-
tierte Scholie sich auf denselben Vers bezieht, einfach nur SCHOL.

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B. Edition und Übersetzung 65

Änderungen im Text:
Die folgenden Änderungen wurden gegenüber dem Originaltext der Chrys-
eis, deren Ausgabe keine ›Errata‹ enthält, vorgenommen:

S. 2, 8 mirtantem: mirantem
S. 4, 8 gontem: fontem
u. 26 oelsum: celsum
S. 12, 30 qua: quae
S. 18, 28 misêre: miserêre
S. 31, 30 ingne: igne
S. 35, 11 furosius: furiosius
S. 36, GL. 16 ἀνακεφαλέωϲιϲ ἀνακεφαλαίωϲιϲ
S. 52, 8 termitis: terminis
S. 53, 6 rota: vota

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66 B. Edition und Übersetzung

Furichius, Chryseis, Praefatio

[S. A1v] Ad Lectorem de Aufidio.

Descripsi versu veterum, pie Lector, Elixir:


Legit hoc Aufidius non sine nare sua.
Ergo non, inquit, medicam colet amplius artem,
Si vera inventa est Aurificina sibi.
[5] Somniat Aufidius: non illico possidet artem,
Describens, quis sit verus in arte modus.
Vt nequé, qui tabulis totum decircinat orbem,
Propterea dominus dicitur esse soli.

[S. A2r] IOHANNIS NICOLAI FURICHII.


Medicinae Doctoris et Poëtae Caesarei.
PRAEFATIO.
AD
Clarissimum IOACHIMUM MORSIUM,
Patricium Hamburgensem.

MI rabar, Claris[sime] Ioachime Morsi, cum praeterita hyeme ad me ve-


niens, amicitiae mecum contrahendae ansam cepisse profitebaris ex poë-
mate, inculto mehercule, et nullam limam experto, quod mihi etiam recu-
santi olim excidit, cum in Italia Musarum gratiâ versabar. Non equidem
unquam sperare audebam, fore quenquam, qui tali legendo operam aliquam
impendere vellet, tantum abest, ut te, de quo fama hactenus summa quae-
que mihi est pollicitata, ejusdem gustum aliquem capturum expectassem,
praesertim quum rei materia ita sit constituta, ut maxima pars etiam erudi-
torum fabulosam existimet esse, meréque nugatoriam. Ego verò, quamvis
aliorum opiniones censere [S. A2v] semper veritus sim, eorum tamen me
malle judicio stare fateor, qui rem pensiculatius excutientes, aliquam eidem
inesse veritatem invenerunt: quorum sanè longam enumerarem seriem, nisi
cornicum, quod ajunt, oculos configere velle viderer. Unus Libavius suffi-

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Praefatio 67

Furichius, Chryseis, Praefatio

[S. A1v] An den Leser über Aufidius.

Im Versmaß der Alten beschrieb ich, geneigter Leser, das Elixir:


Es liest dies Aufidius nicht ohne seinen Spott.
Also wird er sich nicht, sagt er, weiter mit der Heilkunst beschäftigen,
Sofern die wahre Goldschmiede für ihn gefunden ist.
[5] Es träumt Aufidius: Nicht auf der Stelle wird über die Kunst er verfügen,
Wenn er abschreibt, was das wahre Maß in der Kunst ist.
Wie auch nicht, wer auf Landkarten den ganzen Erdkreis abzirkelte,
Deswegen Herrscher der Erde genannt wird.

[S. A2r] DES JOHANNES NICOLAUS FURICHIUS,


Doktor der Medizin und Kaiserlicher Dichter,
VORWORT
AN
Den vortrefflichsten JOACHIM MORSIUS ,
Hamburger Patrizier.262

Ich wunderte mich, teuerster Joachim Morsius, als Du, da Du vergange-


nen Winter zu mir kamest, kundtatst, daß Du den Anlaß mit mir Freund-
schaft zu schließen, aus einem Gedicht genommen hättest, einem – beim
Herkules – unfertigen, an welchem ich auch gar nicht gefeilt hatte, welches
mir, auch noch widerwillig, einstmals auskam, während ich mich aus Liebe
zu den Musen in Italien aufhielt. Freilich wagte ich niemals zu hoffen, daß
es einen geben könnte, der irgendwelche Mühe darauf verwenden wollte,
derartiges zu lesen. Es liegt so fern, daß ich erwartet hätte, Du, vom dem
der Leumund mir bisher alles Erhabene versprochen hat, würdest einen
anderen Eindruck von diesem gewinnen. Vor allem, da der Stoff des Ge-
genstandes so beschaffen ist, daß selbst der größte Teil der Gebildeten
meint, er sei erlogen; geradezu albern. Ich aber, obschon ich mich, die
Meinungen anderer zu verurteilen immer [S. A2v] gescheut habe, bekenne
doch, daß ich mich lieber dem Urteil derer anschließen möchte, welche, da
sie den Gegenstand genauer abwägend durchforschten, befanden, daß darin
eine gewisse Wahrheit liegt: Von diesen könnte ich wahrlich eine lange
Reihe aufzählen, wenn es nicht schiene, ich wolle den Krähen – wie man

262 Diese Übersetzung der Vorrede ist bezüglich der dort zitierten Passagen abgeglichen
mit W. Kühlmann (1984), S. 130 f.

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68 B. Edition und Übersetzung

ciat demonstrando artis veritatem, cujus innumeros producit testes. Huic


adde testimonia Roberti Vallensis, quae tradit recentiorum infinita. Divinus
Scaliger quidem pater, ad Cardanum scribens, vix inducere potuit animum,
ut Alchimiae aliquam crederet certitudinem. Filius tamen in Manilium com-
mentans, quamvis Ciniflonibus, ut vocat, et flaturarijs stigma aliquod in-
ussisse videatur: non tamen negare potest, quin artis antiquitas etiam supra
Romanorum tempora repetenda sit; quam â Bessis didicisse, Cassiodoro, et
Claudiano poëtâ, testibus, affirmat. Praeter enim Firmicum Suidas de vel-
lere aureo Colchorum haec ait: Τοῦτο δὲ οὐχ ὡϲ ποιητικῶϲ φέρεται. ἀλλὰ
βιβλίον ἦν ἐν δέρμαϲι γεγραμμένον, περιέχον ὅπωϲ δεῖ γίνεϲθαι διὰ χημείαϲ
χρυϲόν. εἰκότωϲ οὖν οἱ τότε χρυϲοῦν ὠνόμαζον αὐτὸ δέραϲ, διὰ τὴν ἐνέρ-
γειαν τὴν ἐξ αὐτοῦ. Alibi. χημεία, ἡ τοῦ ἀργύρου καὶ χρυϲοῦ καταϲκευή,
ἧϲ τὰ βιβλία διερευνηϲάμενοϲ ὁ διοκλητιανὸϲ ἔκαυϲε, διὰ τὰ νεὼτεριϲ-
θέντα αἰγυπτίοιϲ διοκλητιανῷ. τούτοιϲ ἀνημέρωϲ καὶ φονικῶϲ ἐχρήϲατο,
ὅτε δὴ καὶ τὰ περὶ χημείαϲ χρυϲοῦ καὶ ἀργύρου τοῖϲ παλαιοῖϲ αὐτῶν
γεγραμμένα βιβλία διερευνηϲάμενοϲ ἔκαυϲε πρὸϲ τὸ μηκέτι πλοῦτον
αἱγυπτίοιϲ, ἐκ τῆϲ τοιαύτηϲ προϲγίνεϲθαι τέχνηϲ, μηδὲ χρημάτων αὐτοὺϲ
θαρ[S A3r]ροῦνταϲ περιουϲία τοῦ λοιποῦ ῥωμαίοιϲ ἀνταίρειν.263 Eorum
Virorum authoritate olim impulsus coepi attentius indagare in scripta alio-
rum, qui eâ de re prolixius tractaverant: Veniebant ad manus multi, quos
non nisi extremis oculis libare licebat. Nôstì enim hominum hac parte,
superstitionem dicamne, an invidiam? maximam. Ego verò, quae potui, in
ephemerides meos transtuli versiculis expressa, scabris quidem ijs, opera-
que tumultuariâ effusis, donec quidam mearum ineptiarum conscij, easdem
importunius efflagitare satagentes, obtinuerint, ut typis mandarem. Produxi
in scenam carnem, non quod, ut ille ait,
Multa dies, et multa litura coêrcuit.
(Neque enim occasio tulit:) sed quod aliquam saltem ordinis speciem prae
se ferret. Tuo tamen suasu, et persuasu, factum est, ut foetum expositum,
postquam in patriam redijssem, recognoscerem, praesertim cum multa de-
prehenderem, partim inscitè, partim etiam minus solidè dicta, quae manu

263 Der griechische Text ist bezüglich der Akzentsetzung abgeglichen mit den hier von
Furichius, indirekt über Joseph Scaligers Maniliuskommentar, zitierten Einträgen
›Δέραϲ‹ und ›Χημεία‹ in Suidas 2 (1931), S. 24 u. Ebd. 4 (1935), S. 804.

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Praefatio 69

sagt – die Augen aushacken. Ein Libavius würde genügen, um die Wahrheit
der Kunst zu beweisen, wofür er zahllose Gewährsleute aufführt. Zu diesem
kommen die Zeugnisse von Robertus Vallensis, welche er von den Neueren
ohne Ende überliefert. Der göttliche Scaliger zwar – der Vater – vermochte,
wie er an Cardanus schreibt, sich kaum dazu zu entschließen, daß er für die
Alchemie irgendeine Gewißheit gelten ließe. Der Sohn jedoch, beim Kom-
mentieren des Manilius, obschon er den ›Aschenbrödeln‹ – wie er sie nennt
– und den ›Münzgießern‹ ein Brandmal aufgedrückt zu haben scheint, ver-
mag dennoch nicht abzustreiten, daß von einem Ursprung der Kunst weit
vor den Zeiten der Römer ausgegangen werden muß; welche sie von den
Bessi gelernt hätten, [was er durch] Cassiodor und den Dichter Claudian als
Gewährsmänner bekräftigt. Neben Firmicus sagt ja Suidas über das goldene
Vlies der Colchier dieses: Dieses ist aber nicht wie es dichterisch gesagt
wird, sondern es ist ein auf Vlies geschriebenes Buch, das enthält, auf
welche Weise man mit der Chemie Gold hervorbringen muß. Bildlich also
nannten sie es damals das goldene Vlies, wegen der Wirkung aus ihm. An
anderer Stelle. Chemie: Von Silber und Gold die Zubereitung, deren Bü-
cher, da er sie durchforschte, Diokletian verbrannte. Deshalb, weil sie von
den Ägyptern wegen Diokletian erneuert wurden. Mit diesen verfuhr er
unerbittlich wie auch mordlüstern, als er sowohl die über die Chemie des
Goldes als auch des Silbers von deren Ahnen geschriebenen Bücher, da er
sie durchmusterte, verbrannte, damit nicht mehr den Ägyptern Reichtum
aus solcher Kunst entstünde, auch nicht, damit sie sich im Vertrauen [S.
A3r] auf einen Überfluß an Geldmitteln in Zukunft gegen die Römer zu
erhöben. Von dieser Männer Exempel angeregt begann ich recht aufmerk-
sam in den Schriften der anderen nachzuforschen, welche diesen Gegen-
stand recht weitschweifig verhandelt hatten: Viele kamen zu Händen, wel-
che man nur aus größter Entfernung leicht mit den Augen streifen durfte.
Du kennst nämlich in diesem Bereich den größten Aberglauben der Men-
schen – oder sollte ich Neid sagen? Ich aber, soweit ich es vermochte,
übertrug es, in Verslein gebracht, in mein Journal; eine allerdings in größter
Hast verrichtete Arbeit, mit diesen Rauheiten überstreut, so lange bis einige
Mitwisser meiner Ungereimtheiten, welche recht ungestüm nach ebenjenen
beharrlich und dringend zu verlangten, daß ich es in Druck gäbe. Auf die
Bühne brachte ich eine Dichtung, nicht weil, wie jener sagt,
mancher Tag und so manches Polieren gekürzt,264
(Es bestand nämlich auch keine Gelegenheit) sondern, weil sie wenigstens
einen gewissen Anschein von Regelhaftigkeit zur Schau tragen würde.
Gleichwohl ist es auf Dein Anraten hin, und durch Deine Überzeugung
geschehen, daß ich die ausgestoßene Leibesfrucht, als ich in die Heimat
zurückkehrte, sorgfältig durchmusterte. Vor allem, da ich vieles fand, das

264 Übersetzung von HOR. ars. 292 f. nach E. Schäfer, in Horatius (2008).

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70 B. Edition und Übersetzung

scriptorum tuorum adminiculo emendare conatus sum, cui meo voto, si non
omnia, ut sperabam, respondent, tuae saltem petitioni satis fecisse suffece-
rit. Ec quis verò in tanta rei novitate omnia ad normam exactissimam di-
rigere possit?
[S. A3v] Nemo enim hactenus inter Romanae elegantiae proceres materiam
hancce attingere dignatus est. Invenies totam Lapidis Philosophici tractatio-
nem severiorem barbari seculi limitibus circumscriptam. Tuos verò Graecu-
los, quos manuscriptos hac de materia ostendisti, pace tua dicam, admodum
novitios judico, atque etiam semibarbaros, quod ex duorum, quos adhuc
domi meae servo, lectione arguere possum. Fortasse verò, si quis tui similis
tentaverit, naevos longo situ contractos acrioris judicij lixivio diluere possit.
Lusus igitur hosce meos, tibi transmitto, qui eosdem quasi de trivio
redemptos tibi ipse destinâsti proprios. Illud verò tantò facio audentior,
quantò aequanimitatis tuae sum confidentior. Neque enim te inter morosos
istos Catones, aut Solones existimo recensendum,
Obstipo capite, et figentes lumine terram,
Murmura cum secum et rabiosa silentia rodunt,
Atqué exporrecto truntinantur verba labello.
Ut acriorem censuram tuam extimescere necesse habeam. Ut namqué decet
inter bonos benè agier: ita optima quaeque de te spero. Vale amicissime
Morsi. Dabam Argentorati Mense Martio, Anno M. DC. XXXI.

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Praefatio 71

teils ungeschickt, teils zuwenig gediegen ausgedrückt war, welches ich, mit
Deinen Schriften als Stütze, von Hand versucht habe auszubessern. Wenn
dem nach meinem Wunsch auch nicht alle, wie ich hoffte, entsprechen,
möge es wenigstens dafür ausreichen, Deinem Anbegehren genüge getan
zu haben. Könnte tatsächlich irgend jemand bei einem solch ungewöhnli-
chen Gegenstand alles an einer exakten Norm ausrichten?
[S. A3v] Niemand freilich von den Meistern der Römischen ›Elegantia‹ hat es
bisher für wert gehalten, ebendiesen Stoff anzurühren. Du wirst feststellen,
daß die ganze ernsthaftere Behandlung des Steins der Weisen rings von den
Grenzen einer barbarischen Zeit umgeben ist. Deine Griechlein aber, wel-
che Du als Handschriften über diesen Stoff vorgewiesen hast – mit Deinem
Einverständnis mag ich es sagen – sind nach meinem Urteil jüngeren Da-
tums, wie auch halbe Barbaren, was ich aufgrund der Lektüre der beiden,
welche ich noch bei mir zuhause aufbewahre, schließen kann. Wenn aber
jemand, der Dir ähnlich ist, es versuchte, könnte er die durch langes Lie-
genlassen zugezogenen Makel mit der Lauge einer schärferen Urteilskraft
abwaschen.
Diese meine Spielereien also übersende ich Dir, der Du diese gleich-
sam von der Gasse für Dich selbst aufgelesen als Eigentum ausersehen hast.
Das mache ich aber desto dreister, je fester ich auf Deine Gleichmut ver-
traue. Auch meine ich nämlich nicht, daß Du zu jenen mürrischen Männern
wie Cato oder Solon hinzuzurechnen bist,
welche, den Kopf verdreht und den Grund mit dem Blick durchboh-
rend, im Stillen für sich ihr Murmeln und wütiges Schweigen zerkauen und
auf geschürzter Lippe ein Wort ums andere wägen,265
so daß ich es nötig hätte, Deine gestrenge Abrechnung mit Furcht zu er-
warten. Wie es sich nämlich unter Tüchtigen gehört, gut behandelt zu wer-
den: Daher wünsche ich Dir alles Gute. Lebe wohl mein bester Freund
Morsius. Ich schrieb es nieder zu Straßburg, im Monat März, im Jahre
1631.

265 Übersetzung nach W. Kißel, in: Persius (1990), S. 39.

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72 B. Edition und Übersetzung

[S. 1] IOHANNIS NICOLAI FURICHII,


Med[icinae] D[octoris] et P[oetae] Caes[arei].

CHRYSEIDOS
LIBER I.
Argumentum,

AU thor exorditur â vicissitudine scientiarum et artium, earundemque accre-


tione, et explicat, qua tandem ratione ad Alchemiam sit perventum: deinde
auri praecellentiam pertexit, monstratque modum, et viam generalem ejus
efficiendi, ut et materiam operis non sine assidua infinitae Bonitatis invo-
catione praemissa: tum mixtionis doctrinam subjungit: Principiorum Chy-
micorum nomina varia excusat: certum eorundem numerum tradit: Tandem
Mercurij Philosophici praeparandi modum, et spatium annectit.

MAgnum opus adgredior: festino ad culmina rerum:


Teque meos lustrante animos novo, Apollo, vigore,
Incipio immensis reparare laboribus artem,
Quae docuit totos * magnae penetrare recessus
[5] Matris, et † ignotis animam defendere ab umbris,
——————
[›Argumentum‹] Exordium.
[v. 4] * Cybelles, quae dea terrarum fingitur.
[v. 5] † Chymiae, quae minus nota fuit apud veteres.

[S. 2] Quae tenuere homines elapsi turpiter aevi.


(a) Ambitiosa cohors, cui mens turgebat inani
Prodigio rerum, totum exhausisse putabat
Naturae fontem: stabat captivus Olympus
[5] Insidiis hominum, (b) superataqué sidera prolem
Admisêre novam quam dudum fulmine jacto
Credebant cecidisse solo, quum Iuppiter Ossam
Prostravit, crescente astris cervice mirantem.
Res non ficta fuit. Victoria nota Tonantis
[10] Enceladi quondam flammis crepitantibus Aethnae
Membra dedit, sociosqué olim Titanes averno

——————
[v. 2] a Graeci et Arabum nonnulli.
[v. 5] b Γιγαντομαχία: Rectè atheorum subnotatur impietas, eorundemqué poena. Vide et
Virigil. lib. Georgic.

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Chryseis, Liber I. 73

[S. 1] DES JOHANNES NICOLAUS FURICHIUS,


Doktor der Medizin und Kaiserlicher Dichter,

DER CHRYSEIS
I. BUCH
Inhalt,

Der Verfasser beginnt bei der gegenseitigen Bedingtheit der Wissenschaften


und Künste sowie deren Entwicklung und erklärt, auf welche Weise man
endlich bei der Alchemie angelangt ist. Danach führt er des Goldes große
Vortrefflichkeit aus und zeigt die Methode und den allgemeinen Weg, die-
ses herzustellen, wie auch den Stoff des Werkes, nicht ohne die beständige
Anrufung der unendlichen Güte vorausgesandt zu haben. Dann fügt er die
Lehre von der Mischung hinzu. Die mannigfaltigen Bezeichnungen der
chemischen Grundstoffe rechtfertigt er. Deren genaue Anzahl teilt er mit.
Zuletzt fügt er noch die Methode wie auch den Zeitraum, den philosophi-
schen Mercurius zu bereiten, an.

Ein großes Werk nehm’ ich in Angriff. Ich eile zu den Gipfeln der Dinge.
Und, da Du Apoll, mein Herz mit neuer Lebenskraft weihend besprengst,
beginne ich mit unermeßlichen Mühen die Kunst zu erneuern, welche lehrte
wie man eindringt in alle der * großen Mutter Verstecke [5] und wie man †
die Seele vor der Dunkelheit der Unkenntnis bewahrt,
——————
[›Inhalt‹] Beginn.
[v. 4] * Cybele, die als Göttin der Erde dargestellt wird.
[v. 5] † Der Chemie, die bei den Alten weniger bekannt war.

[S. 2] welche die Menschen vergangener Zeit schmählich in ihrer Gewalt hielt. (a)
Die ehrgeizige Schar, der das Gedächtnis aufgeschwollen war von der Din-
ge nichtiger Monstrosität, glaubte daß die Quelle der Natur zur Gänze er-
schöpft sei. Der Olymp stand da, eingenommen [5] durch die Schliche der
Menschen. (b) Die überwundnen Gestirne ließen ein neues Geschlecht zu,
welches sie schon lange durch den geschleuderten Blitz zu Boden geworfen
glaubten, als Jupiter den staunenden Ossa, dessen Nacken sich zu den Ster-
nen erhob, niederschmetterte. Die Sache war nicht erdacht. Des Donnerers
berühmter Sieg [10] übergab einst den Leichnam des Enceladus an die
knisternden Flammen des Ätna und sandte damals die verbündeten Titanen
——————
[v. 2] a Die Griechen und von den Arabern einige.
[v. 5] b Gigantomachie: Üblicherweise wird die Gottlosigkeit der Atheisten darunter ver-
standen, wie auch deren Bestrafung. Siehe auch VERG. georg.

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74 B. Edition und Übersetzung

Immisit: cecidit Bryareus, suntque arma Mimantis


Rupta Iovi, centumgeminiqué Aegeonis enses.
(c) At nata est nova gens olim, quae damna revolvens
[15] Insanae turbae, coepit contexere fraudem,
Quâ precibus, non vi conscendat ad aethera summum:
Cumqué pererravit stellantia culmina caeli
Ingenio, voluit dominam se reddere sedis
Aetheriae. Rapidi jam prodita semita solis,
[20] Atque fuit notum, qua cedat origine Phoebus:
Frenaque vertat ubi radiata auriga quadrigae:
Cur lucem extendant * Chelae? Cur Bruma remittat?
Quid pariat nivea cursus per signa Diana?
Cur jubar abscondat? Cur manca fronte coruscet?
[25] Quid vehat Orion nimboso vertice terris?
Vergiliae quid agant? Quid * proxima signa Bootae?
Et quas portendat combusta Canicula messes?
At tandem exorta est Arabum gens conscia coeli,
Quae docuit majora illinc deducere facta.
[30] Illa Planetarum varios certo ordine motus
Distinxit, longasque vias, viresque notavit.
Qua se quisque aliis fronte implicet, atque figuret?
Signifer obliquo quid tramite denotet arcus?
Non est in coelis regio: non angulus ullus,
[35] Cui leges non sint praescripta, et jura severa,
——————
[v. 14] c Astrologi.
[v. 21] Duo solstitia.
[v. 22] * Tropicus Cancri et Capricorni.
[v. 26] * Arcturus.

[S. 3] Ipsae etiam Parcae, mutatis sedibus, Orco


Defunctae, in coelum quondam migrâsse feruntur:
Hinc vitae produci hominum, rursumque revelli.
Vana superstitio, cultusque ignara deorum!
[5] Creditur imperium Mundi tribuisse creatis
Rex coeli, Satrapasqué polo statuisse tremendos.
Postea vicino lustravit in aere nubes,
Et supra nubes metuendo crine Cometas:
Totaque ignes huc ex illa regione cadentes.

——————
[v. 2] Astrologiae vel potius ᾽Αϲρομαντέιαϲ vanitas.
[v. 7] Meteora.
[v. 9] Metallica.

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Chryseis, Liber I. 75

in die Unterwelt: Bryareus fiel, die Waffen des Mimas wurden durch Jupiter
zertrümmert, wie die Schwerter des hundertarmigen Aegeon. (c) Allein, ein
neues Geschlecht trat ehedem auf, [15] welches, die Verheerungen der
wahnsinnigen Schar erneuernd, begann eine Intrige zu spinnen, durch wel-
che es mit Bitten, nicht durch Gewalt, hinaufsteigt zum höchsten Himmel.
Indem es mit dem Geist die gestirnten Gipfel des Himmels durchirrte,
wollte es sich zum Herrn des Himmelsthrones erheben. Bereits war die
Bahn der schnellen Sonne zum Vorschein gekommen, [20] ebenso war
bekannt, von welchem Ausgangspunkt Phoebus seinen Weg nimmt; wo
der Wagenlenker die gleißenden Zügel des Viergespanns wendet; warum
* die Scheren den Tag verlängern; warum die Wintersonnenwende ihn ver-
kürzt; welchen Weg sich die schneeweiße Diana durch die Sternbilder
bahnt; warum sie den Glanz verbirgt; warum sie mit unvollständigem Ant-
litz scheint; [25] auf welche Weise Orion mit Wolkenscheitel über die Län-
der reitet; wie es um die Plejaden steht; wie um das * benachbarte Sternbild
des Bootes; und welche Ernten der kleine Hund ankündigt. Allein, endlich
entsprang ein Geschlecht der Araber, kundig des Himmels, das lehrte wie
man von dort bedeutsamere Geschehnisse erschließt. [30] Jenes unterschied
die verschiedenen Bewegungen der Planeten nach fester Ordnung, zeich-
nete die langen Bahnen auf, wie auch die Kräfte; mit welcher Seite ein
jeder sich den anderen verbindet und sich darstellt; was der auf schiefem
Weg mit Gestirnen versehene Kreisbogen bezeichnet. Nicht gibt es einen
Bereich am Himmel, nicht irgendeinen Winkel, [35] dem nicht Gesetze
vorschrieben sind und eine strenge Rechtsordnung.
——————
[v. 14] c Die Astrologen.
[v. 21] Die zwei Solstitia.
[v. 22] * Der Wendekreis des Krebses wie auch des Steinbocks.
[v. 26] * Arcturus.

[S. 3] Die Parzen selbst überdies, so behaupten sie, welche, nachdem sie beim
Wechsel der Wohnstatt dem Orcus verloren gegangen, seien einst an den
Himmel gewandert. Von dort aus würden die Leben der Menschen gespon-
nen und wiederum abgerissen.
Eitler Aberglaube und Kult, ohne Ahnung von den Göttern! [5] Es wird
geglaubt, der König des Himmels habe die Herrschaft über die Welt den
Geschöpfen überantwortet und über den Himmel schreckliche Statthalter
eingesetzt.
Hernach schmückte er den nahen Luftraum mit Wolken und oberhalb der
Wolken mit Kometen mit furchtbarem Schweif und mit den Feuern, welche
aus jenem ganzen Bereich herabfallen. [10] Zuletzt stieg es [das neue
——————
[v. 2] Der Astrologie oder vielmehr der Sterndeuterei Nichtigkeit.
[v. 7] Luftzeichen.
[v. 9] Aus Metall.

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76 B. Edition und Übersetzung

[10] Tandem etiam in terras descendit, et intima terrae


Viscera rimata est, et supra tergora plantas,
Quae tot habent species, Lybiae quot littus arenas.
Imprimis hominem inspexit, partesque minutas
Vsque adeò discerpsit homo, dum cunta notâvit.
[15] Vt primùm Deus ossa hominis, ceu rudera, terrâ
Formâvit madidâ, quam non secus igne potenti
Miscuit, ac Siculis Steropes fornacibus arma?
Vtque recocta suis distinxerit artubus ossa?
Vt lubricos dederit motus mediante * liquore?
[20] Vt nervis stabilita, velut per frena, trahantur,
Quo velit aut nolit dominans Regina voluntas.
Inde pari vidit sensu, quo semine molles
Prodierint carnes? Quo quaevis rore madescant?
Vt cedant duris? Roseis ut flumina venis
[25] Per totum excurrant corpus, locaque abdita cuncta.
Vt pater Oceanus magni per climata Mundi
Vndarum effundit seriem, modò flumina mittens
Niliacis alveîs, mox, lubrica frena retractans,
Fundit in Euxinum furiosis cornibus Istrum:
[30] Post ortum petit, et jactat se nomine Gangen:
Atqué iterum, Hesperias cum jam pervenit ad oras,
Dicitur Eridanus. Sic repperit omnia, postquam
Ruspari coepit ventres hominum atqué ferarum,
——————
[v. 11] Plantae.
[v. 12] Anatomia.
[v. 13] Hominis generatio.
[v. 18] Vide Hipp. de artic. et Gal. comment.
[v. 19] * Paracelsus barbarâ voce Synoviam vocat.
[v. 27] Nutritio.

[S. 4] Quaerereque agrorum latitantia semina cultris.


Nec sat erat. Coepit transire audace carina
Oceanum, montesque ipsos perrupit hianteis.
Diva soli, Cybele violento territa motu
[5] Restitit, et fulvis inhibebat frena leaenis.
Non emittebant ululatus Moenades ullos:
Tibia conticuit: responsabant cymbala nusquam.
Obstupuit furiosa cohors, mirataque fontem
Insanire novam, rabiem detersit inanem.

——————
[v. 1] Μεταλλών.

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Chryseis, Liber I. 77

Geschlecht, die Araber] noch in die Erde hinab. Durchstöbert wurden die
innersten Eingeweide der Erde und oberhalb des Erdrückens die Pflanzen,
von denen es so viele Arten gibt, wie Sandkörner in den Gefilden Lybiens.
Vor allem den Menschen sah es sich an, und so lange zerpflückte der
Mensch die winzigen Teile, bis er alles kannte: [15] wie am Anfang Gott
die Knochen des Menschen, gleichsam wie Gestein, aus feuchter Erde
formte, welche er nicht anders mit mächtigem Feuer durchsetzte als Stero-
pes es in den Sizilischen Öfen mit den Waffen tat; wie auch von seinen
Gliedern die neu aufgekochten Knochen trennte; wie er ihnen die leichte
Bewegungen gab mit Hilfe * einer Flüssigkeit; [20] wie sie an den Sehnen
befestigt, so wie über Zügel, gezogen werden, wohin der regierende König
Wille möchte oder nicht möchte; hierauf hin sieht es [d. h. besagtes Ge-
schlecht] im gleichen Bewußtsein, aus welchem Samen das weiche Fleisch
hervorkam; durch welchen Tau was auch immer träuft, damit es harten
Gegenständen nachgibt; wie die Ströme in den rosenfarbigen Adern sich
[25] durch den ganzen Körper verbreiten und alle verborgenen Orte; wie
der Vater Oceanus durch die Zonen der weiten Welt die Reihe der Wellen
ausgießt, indem er bald die Fluten durch die Becken des Nils schickt, bald
die schlüpfrigen Zügel anzieht, gießt aus tosenden Hörnern in das Gastliche
Meer die Donau. [30] Hernach strebt er nach Sonnenaufgang und sonnt
sich im Glanze des Ganges. Und wiederum, wenn er nun anlangte an den
abendlichen Küsten, nennt man ihn Eridanus. So entdeckt es alles, nach-
dem es sich anschickte, die Bäuche der Menschen und Tiere zu ergründen

——————
[v. 11] Pflanzen.
[v. 12] Anatomie.
[v. 13] Die Erzeugung des Menschen.
[v. 18] Siehe Hp. Art. wie auch Galens Kommentar.
[v. 19] * Paracelsus nennt ihn mit einem fremden Wort Synovia.
[v. 27] Ernährung.

[S. 4] und mit den Pflugmessern nach den sich verborgendenhaltenden Samen der
Äcker zu forschen.
Doch es war nicht genug. Es schickte sich an, auf verwegenem Kiel den
Ozean zu durchfahren, wie es auch seinen Weg bahnte selbst durch gespal-
tene Berge. Die Göttin der Erde, Cybele entsetzt durch das gewaltsame
Beben [5] hielt inne, zog an die Zügel der rotblonden Löwinnen. Gar
kein Geheul gaben die Mänaden von sich. Die Flöte verstummte. Nirgends
gaben Widerhall die Cymbeln. Vor Furcht verstummte die tobende Schar,
und vor Verwunderung, daß eine neue Quelle rase, streifte sie ab das un-

——————
[v. 1] Der Metalle.

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78 B. Edition und Übersetzung

[10] Divitiae interea rutilarunt undique magnae:


Hinc aurum fulsit generoso sulphure turgens:
Illinc argentum, cui pallens aemula Luna:
Stannum hinc promicuit sublustri ductile filo:
Triste illinc plumbum, cui Martis dira supellex
[15] Accubuit, cuprumque rubens, sacra Cypridos aera.
Haec inter mixtim vivax ebullijt unda,
Ante immota tamen, sed quum jam mobilis ignem
Experta est, errare utrò citròque solebat.
Non secus ac Majâ genitus, quum nuncius alas
[20] Librat, et his terris affert mandata deorum.
Nec dum finis erat: longè his majora patrârunt
Mortales. Vidêre auri sic vincere amorem,
Atque ejus radios totum perstringere Mundum.
Viderunt reges auri exsultare fodinis:
[25] Viderunt isto digitos ornare metallo,
Et celsum aurifera caput investire coronâ.
Ipse Iovis currus rutilo locupletior auro
Spledebat, crinesque Dei hac fulsere nitellâ.
Mundum Iuno suum contexuit inde superbum:
[30] Hoc collo gessit, gessit que hoc auribus unum,
Et voluit bigae temonem hôc aere sonare,
Alitis et binae rostra ima hôc tingere fuco.
Illicô Mars Siculum petijt Rhodopeius antrum,
——————
[v. 10] Septem metalla.
[v. 22] Auri praecellentia.

[S. 5] Mucronesque auro gladiorum obducere jussit,


Et simili factu decorare manubria summa.
Aurea cassis erat, clypeusque intectus eadem
Promicuit massâ, thorax quoque splenduit auro.
[5] Accessit Citherea, atque inde monilia fecit
Et cestum, et crepidas hôc censuit, atque cothurnos.
Natus inaurâsset fermè sua tela Cupido,
Ni cuperet letale anìmis infligere vulnus.
Abstulit auricomas tamen ipsa pharetra colores,
[10] Atque strias arcus, pinnae geminaeque nitellas.
Sic reliqui caetus imitando egêre deorum.
Quivis prout decuit. Sed, quod super omnia mirum est,
Iustitia ipsa etiam lances illo aere gemellas
Curavit fieri, et summum mucronis acumen.

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Chryseis, Liber I. 79

nütze Wüten. [10] Dieweil glissen von überall große Reichtümer. Von hier
strahlte das Gold schwellend von edlem Schwefel, von dort das Silber,
welchem es Luna erblassend gleichtut. Das Zinn blitzte hervor von hier
sanft schimmernd als gezogener Strang. Dort das trübsinnige Blei, welchem
des Mars grausiges Rüstzeug [15] beilag, und das rötliche Kupfer, die der
Zyprierin heiligen Erze. Zwischen diesen vermischt brodelte auf die mun-
tere Woge, vorher gleichwohl erstarrt, doch da sie bereits flüssig das Feuer
verspürte, pflog sie nach hier und nach dort zu fließen. Nicht anders Majas
Sohn, da er als Bote die Flügel [20] schwingt und dieser Welt die Weisun-
gen der Götter überbringt. Noch nicht war es zu Ende: Weitaus größere
Dinge als diese vollbrachten die Sterblichen. Man sah, wie die Liebe zum
Gold ohne weiteres obsiegte, und wie dessen Strahlen die ganze Welt
durchziehen. Man sah, wie Könige jubelten über Minen von Gold. [25]
Man sah, wie sie mit diesem Metall die Finger zierten und dem hohen
Haupt die goldene Krone aufsetzten. Selbst des Jupiters Wagen glänzte
prächtiger von Gold und das Haar des Gottes strahlte von diesem Glanz.
Ihre Prachtgewänder wob Juno sich aus diesem, [30] dieses trug sie am
Hals, dieses eine auch trug sie an den Ohren, ebenso wollte sie, daß des
Zweigespanns Deichsel von diesem Erz tönt; auch die nach unten gehalte-
nen Schnäbel des geflügelten Paares mit diesem Farbstoff zu bestreichen.
Alsbald verlangte der Rhodopeische Mars nach der Sizilischen Grotte,

——————
[v. 10] Die sieben Metalle.
[v. 22] Die Vortrefflichkeit des Goldes.

[S. 5] und die Spitzen der Schwerter befahl er mit Gold zu überziehen und auf
ähnliche Machart die Enden der Hefte zu verzieren. Golden war der Helm,
und der Schild erstrahlte überzogen mit demselben Material, der Brustpan-
zer strahlte ebenso von Gold. [5] Es trat Citherea hinzu, und machte daraus
Halsbänder und Gürtel, auch für Sandalen hielt sie dieses für angemessen,
wie auch für die Kothurne. Der Sohn Cupido würde beinahe immer seine
Geschosse vergolden, wenn er nicht begehrte den Seelen die tödliche Wun-
de zuzufügen. Davon trug dennoch der Köcher selbst die goldglänzenden
Verzierungen, [10] wie auch der Bogen die Kanneluren, ebenso die Dop-
pelfedern den Glanz. So war es der Schar der übrigen Götter ein Bedürfnis,
dem gleich zu tun. Ein jeder wie es sich schickte. Doch, was über alles
hinaus erstaunlich ist, Iustitia selbst trug ebenso Sorge, daß die doppelten
Waagschalen aus diesem Erz gemacht wurden wie auch des Dolches ober-
ste Spitze.

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80 B. Edition und Übersetzung

[15] Haec ita mortales animis expendere caetus


Dum satagunt, naturae ipsas sibi sumere vires
Caeperunt, aurique altos perquirere fontes.
Cum namque incultas aurum producere cryptas
Cernebant, glebáque informi haerere metallum,
[20] Dictavit ratio, siqua ars accederet agris,
Ingeniumque sagax, longè fore fertiliores.
Addidit hinc animis stimulos audacia fretis:
Fornaces arsêre cavae, fumosque dedêre.
Vasa intus tenuêre rudem * sine semine terram,
[25] Vitâi plenam tamen, et virtute tumentem
Vivificâ, quae terrenis jam libera vinclis
Prolicit ex auro nudum cum foenore semen,
Quod proprij exsugens cognata alimenta novalis,
Crescit in immensas immenso robore vires.
[30] Interea gens gnara artis se credidit ausis:
Imprimis orarare Deum sine fine potentem
Cura fuit, numenque sibi impressisse supremum.
Mota Dei natura sinum haut invita reduxit,
——————
[v. 15] Alchymia.
[v. 24] * Semen enim ex auro trahitur.
[v. 30] Propositio.

[S. 6] Quae roseos imitans Solis, diffusa, capillos


Omnibus allucet, repletque omne, atque per omnia vadit.
Hanc qui non poscit, misera sub nocte jacebit:
Haerebit medijs alter Palinurus arenis.
[5] Hac sine, cum medicus, genuit quem Pergamus olim,
Tentavit morbos aegris evellere membris,
Tradidit infirmam, mutilamque nepotibus artem:
Sed quoqué virus habet penitis immane medullis,
Quod qui delibant, rabiem stimulantur in atram,
[10] Atque * Deum truce dente petunt, brutisque cavillis.
Dispereant Graij, quorum deliria mentes
Sic turbant hominum, nulla ut primordia Mundi
Esse putent, animasqué rapi letalibus umbris.
Permisit nobis summi clementia regis
[15] Liberius sentire animis, sed facta tuendi
Impia, nulla dedit venerandus semina rector.
Icarus in medijs quondam submergitur undis,
——————
[v. 10] * Christum.

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Chryseis, Liber I. 81

[15] Solange daher die sterblichen Scharen sich abmühten, dies in Gedanken
abzuwägen, wurden sie fähig, sich die Kräfte der Natur anzueignen und
nach den tiefen Quellen des Goldes zu schürfen. Da sie nämlich gewahr
wurden, daß die unberührten Gewölbe Gold hervorbringen, und an der
unförmigen Scholle das Metall hängt, [20] gab die Vernunft ein, daß,
wenn Kunst sich der Äcker annähme und ein scharfsinniger Verstand, sie
bei weitem ergiebiger wären. Den hierauf vertrauenden Gemütern verlieh
die Kühnheit Ansporn. Hohle Öfen glühten und gaben Qualm von sich. Die
Gefäße bargen im Inneren rohe Erde * ohne Samen, [25] dennoch voll
Leben, wie auch von lebensspendender Kraft strotzend, welche nun befreit
von den irdischen Banden aus dem Gold mit Gewinn den bloßen Samen
herauslockt, welcher, indem er die verwandten Nährstoffe des eigenen
Brachfeldes aussaugt, anwächst mit unermeßlicher Stärke zu unermeßli-
chen Kräften. [30] Dieweil verließ sich die der Kunst kundige Heidenschaft
auf das Gewagte. Vor allem war man darauf bedacht, ohne Unterlaß Gott
den Mächtigen anzubeten, wie auch die höchste Gottheit für sich einge-
nommen zu haben. Bewegt, nicht widerwillig, zog Gottes Natur den Busen
zurück,

——————
[v. 15] Alchemie.
[v. 24] * Der Same nämlich wird aus dem Gold gezogen.
[v. 30] Propositio.

[S. 6] welche, indem sie, ausgebreitet, es der Sonne rosenfarbigen Haaren gleich-
tut, alles anscheint und jedes erfüllt, wie auch durch alles dringt. Wer diese
nicht erheischt, wird begraben sein unter trostloser Nacht. Als zweiter Pa-
linurus wird er mitten auf dem Strand festsitzen. [5] Ohne diese, da der
Arzt, den einst Pergamus hervorbrachte, versuchte aus den leidenden Glie-
dern die Krankheiten zu entfernen, vertraute er die schwächliche und ver-
stümmelte Kunst den Nachkommen an. Allein, tief im Mark trägt sie ein
entsetzliches Gift. Die davon kosten, werden in schwarzen Wahnsinn ge-
trieben, [10] und * Gott fallen sie an mit grimmigem Zahn, und unbehol-
fenen Spöttereien. Zugrundegehen sollen die Griechen, deren Irrsinn so die
Gemüter der Menschen verwirrt, daß sie glauben, es gab keinen Ursprung
der Welt, und die Seelen würden von todbringenden Schatten geraubt. Es
gestattete uns die Milde des höchsten Königs, [15] recht frei zu urteilen.
Doch schändliche Taten zu schützen, dafür gab keinen Anlaß der vereh-
rungswürdige Lenker. Icarus ertrank einst mitten in den Wogen, während

——————
[v. 10] * Christus.

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82 B. Edition und Übersetzung

Dum rapidis audet Solem contingere pinnis:


At rediit salvus ceratis Daedalus alis,
[20] Dum prudens citimo decrevit in aëre ferri.
Nos verò ad coelos audacibus ire carinis
Non formidamus, summi nec Apollinis auram
Adspirare pudet depressa lumine mentis.
Heu quotus in tanta gaudens errare Charybdi
[25] Naufragium patitur? Quoties mens luce superba
Dum voluit lustrare Deum, de vertice summi
Deturbata poli, tenebras remeavit ad imas?
At nova gens coelo quondam demissa supremo
Nos vocat ad melius, serisque nepotibus offert
[30] Sanctius exemplum, qualique authore triumphet,
Demonstrat factis. Genialem namqué medelam
Terrigenis prodit, quam per tot secula cuncti
Optarunt populi, hanc reddit cum foenore largo,
——————
[v. 22] Deus ἀγραῖοϲ.

[S. 7] Ne gravis, ut dignum est, forsan vindicta maneret


Iudicis aetherij, et raperent Plutonia regna
Invidiosam animam, mordax ubi pectora vultur,
Sorte Promethea, rostro fodicabit adunco.
[5] Primum igitur gressus placato numine sanctos
Direxit minimis Naturae in stamine telis,
Primaque scitata est, coêant quo corpora nexu:
Qua formâ humentem tellus absorbeat undam?
Vnda auram, flammamque aër? Vt singula quodvis
[10] Pervadant corpus? Nam multùm strenua lex est
Principijs, quorum qui noverit undiqué vires,
Dicendus demum sapiens erit, atque peritus.
Illis namque modus datus est occultus agendi:
Nec prius exporgunt vires, et * molis honorem,
[15] Quàm si jam firmis fatalis copula nodis
Facta sit, atque color se summo ê corpore tollat.
Nec satis est. Ars Naturae vestigia legit,
Atqué retexendo stamen telamque vetustam,
Invenit majora illis, quae lumina plebis
[20] Tangunt, et tectum docuit sub cortice coelum.
——————
[v. 5] Mixtionis doctrina.
[v. 14] * Formam totius.
[v. 18] Chymia.

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Chryseis, Liber I. 83

er wagte, mit schnellen Schwingen an die Sonne zu rühren. Jedoch Daeda-


lus kehrte unversehrt mit aus Wachs gefügten Flügeln zurück, [20] während
er umsichtig beschloß im nächsten Luftraum zu schweben. Wir aber schrek-
ken nicht davor zurück, auf verwegenen Kielen zu den Himmeln zu fahren.
Auch schämt man sich nicht, das innerer Auge [vor Ehrfurcht] gesenkt, sich
dem Glanz des höchsten Apoll anzunähern. Wehe, wie viele, die sich noch
freuten in die Irre zu gehen, erlitten an solch einer Charybdis Schiffbruch?
Wie viele Male kehrte der Geist, da er im höchsten Licht Gott schauen
wollte, hinabgerissen vom höchsten Gipfel des Himmels, zur tiefsten Fin-
sternis zurück? Jedoch ein neues Geschlecht, einstmals vom obersten Him-
mel entsandt, ruft uns zu Besserem und bietet der spätgebornen Nachkom-
menschaft [30] ein ehrwürdigeres Beispiel. Auf wessen Veranlassung hin es
den Sieg davon trägt, zeigt es durch Taten. Fürwahr hinterließ es den Erd-
gebornen ein edles Heilmittel, welches durch so viele Jahrhunderte alle
Völker ersehnten, dies gewährt es mit üppigem Gewinn,

——————
[v. 22] Der die Jagd beschützende Gott.

[S. 7] damit nicht, wie es sich ziemt, womöglich bevorstünde die strenge Rache
des himmlischen Richters, und das Plutonische Reich die verrufene Seele
verschleppte, wo hackend der Geier die Brust, nach Prometheischem
Schicksal, aufwühlen wird mit gekrümmtem Schnabel.
[5] Zunächst also lenkte es [das neue Geschlecht] die gottgefälligen
Schritte, da die Gottheit befriedet, nach dem Grundfaden in den feinsten
Geweben der Natur. Zunächst also forschte es nach, durch welche Verbin-
dung die Teile sich fügen; in welcher Gestalt die Erde die nasse Woge
aufschlürft; die Woge den Lufthauch, die Luft die Flamme; wie die Einzel-
nen jeden beliebigen [10] Körper durchdringen. Denn ein sehr strenges
Gesetz gilt für die Principia, wer deren Kräfte in jeder Hinsicht kennte,
der erst wäre weise zu nennen wie auch erfahren.
Jenen ist fürwahr eine verborgene Art des Einflusses gegeben. Und nicht
früher entfalten sie die Kräfte und * die Zierde der Masse, [15] als wenn
bereits mit festen Knoten das tödliche Band geknüpft ist und auch die Farbe
aus dem obersten Körper entweicht. Und noch nicht ist es genug. Die Kunst
liest die Spuren der Natur und, indem sie den Grundfaden aufwirkt und das
alte Gewebe, findet sie Größeres als jene, welche die Augen des Pöbels
[20] berühren, und sie zeigte auf den unter der Schale bedeckten Himmel.

——————
[v. 5] Die Lehre von der Mischung.
[v. 14] * Die Gestalt des Ganzen.
[v. 18] Chemie.

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84 B. Edition und Übersetzung

At quia res nova erat, varijs haec prodere coepit


Nominibus, prout inventis fore congrua vidit.
Non secus ac mater, cum proles edita luci
Iam fuerit, nato imprimis effabile nomen
[25] Eligit, et renuit peregrinam affingere vocem:
Interea tamen ipsa joco, nugisqué puellum
Mille modis vocitat, jamque intimita corcula dicit:
Mox animam, lumenque suum, tenerumque columbum:
Iam vocat Aeacidem, mox Hectora: jamque Dianam,
[30] Mox Venerem vocat aurifluam, Andromedenque pudicam.
Sic lusit quoque mutatis ars aemula verbis:
Quaeque nova elicuit luteis elementa caminis,
Spiramenque unà corpusque animamque vocavit.
——————
[v. 21] Excusatio Chymicorum de nominum diversitate.

[S. 8] At quia, quae quisquis contrectat munia dextrâ,


Illa oculis versare suis solet usque, vocatque
Saepius absimiles aequali nomine merces.
Hinc ea monticolae dixerunt sulphura fabri,
[5] Et sal, et vivum quod siccâ interludit undâ
Argentum sabulis: alij * hoc, sulphurque vocarunt.
Haec duo namque operis dicunt primordia magni:
Quamvis * Mercurium fermè omnes nomine jactent
Emendicato, similem cum circite nudo
[10] Quem pingunt, cui simplicitas sincera cohaeret.
Sed nondum contenta fuit mens saucia amore
Exercendi artem: nondum nox omnis abibat
Obtusis oculis; lux major debuit addi
Verbis ambiguis. Ergò, non postea oberret,
[15] Mens sensu distracta vago, jam serior aetas
Descripsit tacitis artis secreta figuris.
Circulus in circo repsit contractior amplo,
Qui circa punctum vergens angustior ambit,
Excellit pretio, et meliori schemate pollet.
[20] Non secus, ac in farre latet foecunda medulla,
Quam palea includunt, et circùm stramina dura:
Aut veluti potius pinguis terram imbuit humor
——————
[v. 3] Tria principia Chymicorum.
[v. 6] * Mercurium id est Argentum vivum.
[v. 8] * Argentum vivum sed Philosophorum.
[v. 17] ⊙
[v. 20] Comparatio.

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Chryseis, Liber I. 85

Allein, weil die Sache neu war, begann sie unter verschiedenen Namen
aufzutreten, je nachdem, wie sie es für ihre Funde passend befindet. Ganz
so wie die Mutter, da die Nachkommenschaft schon ans Licht herausge-
bracht war, für den Neugeborenen vor allem einen angenehmen Namen
[25] wählt und sich weigerte ein ausländisches Wort anzudichten. Indessen
doch ruft sie selbst zum Scherz und beim Spiele das Kind auf tausenderlei
Arten, ferner sagt sie traute Koseworte: bald Seele, und ihren Augapfel und
zartes Täubchen; schon ruft sie Sohn des Aeacus, bald Hector, und einmal
Diana, [30] bald ruft sie goldfließende Venus, bald züchtige Andromeda. So
spielt auch die Kunst als Nachahmerin mit veränderten Worten. Und alle
neuen Elemente, die sie aus den schmutzigen Öfen auflas, nannte sie zu-
gleich Atem, Körper und Seele.

——————
[v. 21] Rechtfertigung der Verschiedenheit der Namen der Chemiker.

[S. 8] Allein, weil jeder, was ihn beschäftigt mit der Rechten anrührt, sich jenes in
einem fort vor Augen zu halten pflegt und grundverschiedene Waren des
öfteren mit gleichem Namen bezeichnet, nannten daher jene bergbewoh-
nenden Handwerker diese Schwefel, [5] ebenso Salz, und Quecksilber, wel-
ches mit der trockenen Woge sein Spiel in den Kieseln treibt. Andere nann-
ten * dieses ebenso Schwefel. Diese beiden freilich nennen sie die Uran-
fänge des Werkes. Immerhin stellen beinahe alle * Mercurius mit erbettel-
tem Namen zur Schau, welchen sie ähnlich mit einer schlichten Kreislinie
[10] zeichnen, der die unverdorbene Einfachheit verbunden ist. Doch noch
nicht war der Geist zufriedengestellt; wund von der Liebe, die Kunst aus-
zuüben. Noch nicht war alle Nacht den geschwächten Augen entschwun-
den. Helleres Licht mußte an die doppeldeutigen Wörter gehalten werden.
Folglich, damit nicht hernach ein [15] vom unklaren Sinn zerrütteter Geist
umherirren soll, schrieb schon ein späteres Zeitalter die Geheimnisse der
Kunst in verschwiegenen Zeichen. Ein zusammengezogenes Kreislein
kroch im weiten Kreis, welches, indem es sich windet, sich recht eng zu-
sammenzieht. Es zeichnet sich aus an Wert und gilt als das bessere Zeichen.
[20] Ganz so wie sich beim Getreide das fruchtbare Mark verbirgt, welches
die Spreu umschließt, und herum die harte Streu; oder mehr so wie nahr-

——————
[v. 3] Die drei Principia der Chemiker.
[v. 6] * Mercurius, das heißt Quecksilber.
[v. 8] * Das Quecksilber der Weisen.
[v. 17] ⊙
[v. 20] Vergleich.

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86 B. Edition und Übersetzung

Qui teneris alimenta habilis radicibus affert:


Sic sub materiae lutulento pulvere crudae
[25] Caelestis natura latet, quae sordida postquam
Abjecit foeces, insignia pabula praebet.
Haec sacra est Tellus, picti aemula vera trigoni:
Huic si sementem inijcias, prodibit arista
Aurea, dum dena atque iterum dena effluat hora
[30] Et numerus perfectus eat, fluxusque dierum.
Hunc motum, hoc spacium, quô spiritus intus inardet,
Tetragono dixêre parem depingere formam,
In cujus medio divinior emicat ignis,
——————
[v. 27] △
[v. 32] □

[S. 9] Concilians elementa gravi insurgentia bello.


Ast triquetri fundum primùm terra infima lambit,
Mox surgit, praecepsque datur, retinetque profundum.
Imprimis tamen ingenij super omnia magni est,
[5] Quod punctum, aut cyclum potis est, geminumqué quaternum
Communem in lucem proferre, operique supremas
Admovisse manus, ut prodeat astrica virtus:
Vt species regina micet, radiusque nivalis.
Sed prius ê siliqua sementis libera dura
[10] Exeat, et demum intrabit telluris in alvum
Intacta gremium, quae impuri nescia amoris,
Parthenia virtute gravis, genitale mariti
Sucscipiat semen, quod postea viscere blando
Concoquat, et specie faciat meliore coruscum.
[15] Porrò penetrandum dominantis intima regna
Artis, quae rursus secretam in quattuor undas
Didit aquam, (sub aquâ praedictam intelligo terram:)
Quae primùm binas abicit, servatque manentem:
Quum verò stagno rursum impuram eruit algam,
[20] Tres pereunt undae partes, et quarta moratur.
Hac trutinâ, hoc numero, hoc examine summa venustas
His accedit aquis, quibus ipsae immergere membra
Näiades formosa volent, Nymphaeque pudicae.
Haec qui perpendet praeacutae indagine mentis,
[25] Septenum inveniet numerum, quem secula cuncta
——————
[v. 16] Praeparatio Mercurij Philosophorum universalis.
[v. 24] Septenarij numeri laus.

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Chryseis, Liber I. 87

hafte Nässe die Erde tränkt, welche geschickt Nährstoffe an die Wurzeln
bringt. So verbirgt sich unter dem schmierichtem Staub aus roher Materie
[25] die himmlische Natur, welche, nachdem sie den schmutzigen Boden-
satz abgeworfen hat, vortreffliche Speise gewährt. Dies ist die heilige Erde,
die wahre Entsprechung des gezeichneten Dreiecks. Wenn man dieser die
Saat einsteckt, wird die goldene Ähre hervorkommen, wofern je zehnmal
und erneut je zehnmal die Stunde verrinnt [30] und die vollkommene Zahl
ablief, wie auch der Tage Fluß. Diese Regung, dieser Raum, in welcher
drinnen der Geist entbrennt, sagte man beschriebe eine Gestalt gleich
dem Viereck, in dessen Mitte recht göttliches Feuer aufblitzt,

——————
[v. 27] △
[v. 32] □

[S. 9] welches die Elemente, die sich zu heftigem Kampfe erheben, versöhnt. Al-
lein, als unterterste berührt die Erde zuerst den Grund des Dreieckigen, dann
erhebt sie sich und wird überkopf gekehrt, nun gelangt sie wieder in die
Tiefe. Zuvörderst dennoch ist es ein Kennzeichen großen Scharfsinns über
alles hinaus, [5] daß es möglich ist, den Punkt oder den Kreis und das zwei-
fache Vierfache ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, wie auch ans Werk
die letzten Handgriffe zu legen, damit hervorkommt die Sternenkraft, auf
daß die königliche Zier gleißt und der schneeweiße Strahl. Doch zuvor
muß sie als Freie aus der festen Hülse des Setzlings [10] hervorgehen, und
dann erst wird sie unversehrt in den nährenden Schoß der Erde eingehen,
welche, die nie unreine Liebe erfuhr, trächtig ob der Parthenischen Anlage,
den edlen Samen des Gatten aufnehmen soll, welchen sie hernach im
schmeichelnden Mutterleibe verkocht und in größerer Zier strahlend macht.
[15] Fürderhin ist in die innersten Herrschaftsbereiche der gebietenden
Kunst einzudringen, welche wiederum das verborgenen Wasser in vier Wo-
gen teilte (unter Wasser verstehe ich die vorerwähnte Erde), welche am An-
fang je zwei absondert und das Übrige verwahrt. Wenn sie aber erneut im
Meer den abscheulichen Seetang auswirft, [20] vergehen drei Teile der Woge,
doch der vierte bleibt bestehen. Durch diese Waage, durch diese Gewichtung,
durch diese Prüfung wird diesen Wassern die höchste Schönheit zuteil, in
welche selbst die Naiaden die schönen Glieder zu tauchen wünschen, wie
auch die scheuen Nymphen. Wer diese genau untersucht durch die Nachfor-
schung eines scharfsinnigen Geistes [25] wird die Zahl Sieben vorfinden,

——————
[v. 16] Allgemeine Zubereitung des Mercurius der Weisen.
[v. 24] Lob der Siebenzahl.

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88 B. Edition und Übersetzung

Sunt mirata unum: quemque ipsa sacravit ab ortu


Mens vegetis subnixa aquilis, coelestibus undis,
Hanc postquam totam extruxit molem, atque creavit.
Ipsa sagittifero pergrata est septima Phoebo,
[30] Threicius si vera refert, Naturaque gaudet
Septade, quod coelum septem testabitur * astris,
Et motu vaga Luna suo, septemque metalla:
Septimus absolvit mensis membra omnia foetus:
——————
[v. 31] * Planetis.
[v. 32] 4. Septimanarum.

[S. 10] Septima lux etiam invito dejecit abortu


Infantem, cui tota fuit connata figura:
Septimus â partu Sol immutare puellum
Saepe solet, morbosque infert ferè septima septas:
[5] Ipse etiam morbus numero vel cessat eodem,
Vel vitae insultat, vel magna sollicitat vi.
Annon septenos variari cernimus annos?
Aut messes aliò traduci, aut crescere fruges?
Annon et pueros crescentes septima messis
[10] Angit, et ex imis ciet excrementa latebris?
Hic numerus sacer est dijs immortalibus aequè,
Atque hominum ordinibus multum sapientibus olim,
Sive illos tulerit Nilus, seu splendida Aethna.
Hactenus auriferae dictum est telluris aratrum
[15] Et seges, et vannus. Reliqua est dicenda supellex.
At prius effari dignum est, quam nomine multo
Planta haec dicta fuit, nequem irreparabilis error
Distrahat artificem. Nam crebrò semen, et arvum
Atque etiam culmus mixto sunt nomine dicta,
[20] Cum primùm proceres inter fama aurea repsit:
Ille Seyr flavum peregrino nomine dixit:
Hic picturam auri, et mutata voce, liquorem:
Ille Austri ardorem: hic fulgentis Apollinis unguen.
Et totidem formis lusêre, quot improba Circe,
[25] Cum socios quondam in porcòs mutavit Vlyssis.
Non tamen in diversa meant: mens omnibus una est.
Omnes Iasonij dicunt de velleris ortu,
Hesperidumque horto, cui floruit aurea pomus:
Omnes Mercurium vario jam flumine lotum
——————
[v. 29] Mensura temporis pro figendo Mercurio.

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Chryseis, Liber I. 89

welche als einzige alle Zeitalter mit Staunen wahrnahmen, und welche der
Geist selbst von den Urgründen an, auf die kräftigen Adler gestützt, weihte
den himmlischen Wogen, nachdem er diese ganze Masse aufbaute und schuf.
Hochwillkommen ist selbst die Siebenzahl dem mit Pfeilen bewaffneten
Phoebus, [30] sofern der Thraker die Wahrheit berichtet, auch die Natur
findet Vergnügen an der Siebenzahl, weil der Himmel seinen Willen durch
sieben * Sterne bezeugt und die unstete Luna durch ihre Bewegung; ebenso
sieben Metalle. Der siebente Monat vollendet alle Glieder der Leibesfrucht.
——————
[v. 31] * Planeten.
[v. 32] 4 der Wochen.

[S. 10] Der siebente Tag tötet ebenso, als Frühgeburt wider Willen, das Kind, dem
die ganze Gestalt zueigen war. Der siebente Tag von der Geburt an pflegt
oft das Knäblein zu wandeln, wie auch für gewöhnlich die Siebenzahl die
Siebentägigen Krankheiten auslöst; [5] wie selbst auch die Krankheit ent-
weder bei dieser Zahl nachläßt oder das Leben verhöhnt und erschüttert mit
großer Gewalt. Oder nehmen wir nicht etwa wahr, wie je sieben Jahre sich
unterscheiden? Oder wie die Ernten andersartig sich sehen lassen, oder wie
die Früchte wachsen? Oder plagt nicht etwa auch die heranwachsenden
Knaben die siebente Ernte [10] und holt hervor die Ausscheidungen aus
den innersten Verstecken? Diese Zahl ist gleichermaßen den untersterbli-
chen Göttern heilig, wie auch einst sehr den weisen Ständen der Menschen,
sei es, daß jene der Nil hervorbrachte, sei es der strahlende Ätna.
Bis hierher wurde über den Ackerboden der goldbringenden Erde ge-
sprochen [15] und die Aussaat wie auch die Futterschwinge. Zu nennen
ist übrig ist die Gerätschaft. Allein, zuvor ist es ziemlich mitzuteilen, mit
wie vielen Namen diese Pflanze bezeichnet wurde, damit nicht ein nicht
gutzumachender Fehler den Kunstwerker abbringt. Denn wiederholt wur-
den Same und das Ackerland ebenso wie der Stengel mit vermischten Na-
men bezeichnet, [20] da zum ersten Male das goldene Gerücht sich unter
die Vornehmsten schlich. Jener nannte ihn das rotblonde Seyr mit auslän-
dischem Namen, dieser Abbild des Goldes, und mit verändertem Wort:
Saft. Jener des Südwindes Glut. Dieser des blitzenden Apolls Salbe. Und
mit ebensoviel Gestalten trieben sie ihr Spiel wie die schändliche Circe,
[25] da sie einst in Schweine verwandelte die Gefährten des Odysseus.
Dennoch gehen sie nicht in verschiedene Richtungen: Allen ist eine Vorstel-
lung gemeinsam. Alle sprechen von der Entstehung des Jasonischen Vlieses
und vom Garten der Hesperiden, welchem erblüht der goldene Obstbaum.
Alle meinen den bereits in unterschiedlichem Flusse gebadeten Merkur,

——————
[v. 29] Umfang der Zeit um den Mercurius fix zu machen.

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90 B. Edition und Übersetzung

[30] Significant, qui bis quarto mutatur ab igne


In cinerem, cui nulla ignis post flamma nocebit:
Attamen elapsis redit invariabilis horis,
Et repetit veterem superato funere lucem.

[S. 11] At demum hîc urgebit opus, repetetqué labores,


Qui volet innumerâ reddi virtute decorum:
Credet idem flammae, licet imminuatur eadem,
Atque iterum in cineres abeat, mortemqué resignat.
[5] Namqué brevi mors illa perit, vitamqué recentem
Induit, atqué novis Phoenix progerminat alis.
Denique conandum est, dumque ipse arridet Olympus,
Altius urgendum, dum summa cacumina tangat,
Nec possit magis immensae producere lucis
[10] Multiplices radios, placidasqué extendere vires.
Non secus ac tumidos amittit Delia vultus,
Luctifluasque faces minuit, fulgetqué bicornis,
Dum frater percurrit iter radiantis Olympi,
Vicinamque deam radijs percellit avaris,
[15] Dum rursum dimotus eat, rectisque sagittis
Percutiat, totumque nova luce impleat orbem.
Haec ego mortales, vobis aliquando tenebris
Mersa in conspectum, et clarum produco theatrum.
Quaerite naturam propriam, connataque vobis
[20] Semina: spirantem vobiscum quaerite mentem:
Qua serie pertexat opus resolubile vitae:
Ex quo puniceum derivet fonte cruorem?
Quâ nectar coeleste rosâ per curva viarum
Deferat, et multis faciat laudabile gyris?
[25] Quomodò venarum rimas diducat hianteis,
Carnibus ut veniant justa incrementa tenellis?
Quo tandem impulsu summae cervicis acumen
Conscendant, retroque petant vaga flumina montes.
Non minus in rudibus quondam natura metallis
[30] Ingeniosa fuit, quibus olim adfinia nobis
Crescendi momenta * dedit, tenerasque cavernas,
Per quas admittant secreta ad viscera pultes.
Nam sint dura licet proprijs exempta latebris,

——————
[v. 7] Augmentatio.
[v. 31] * Generatio, et nutritio metallorum non fit per appositionem partium.

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Chryseis, Liber I. 91

[30] der zweimal zum vierten Male durch Feuer in Asche gewandelt wird,
dem nach der Flamme kein Feuer schaden wird. Trotzdem geht er unver-
änderlich, nachdem die Stunden verflossen, hervor und erlangt, da der Tod
überwunden, den alten Glanz zurück.

[S. 11] Allein, nun erst wird er das Werk vorantreiben und die Mühen erneuern, der
gemacht werden möchte mit unzähligen Kräften als herrlicher. Derselbe
vertraut sich der Flamme an, wird er auch durch dieselbe verringert und
wiederum zu Asche schwinden, und hebt den Tod auf. [5] Denn in kürze
verliert sich jener Tod, dann hüllt er sich in frisches Leben, und der Phoenix
entsprießt mit neuen Flügeln. Schließlich muß man sich erkühnen, solange
selbst das Firmament zustimmend lächelt, höher zu drängen, solange er die
höchsten Gipfel berührt, könnte er auch nicht mehr an unermeßlichem
Licht [10] vielfache Strahlen hervorbringen und die sanften Kräfte ausbrei-
ten. Ganz so wie Delia verliert das geschwollene Antlitz und die trauerver-
strömenden Fackeln abschwächt, dann gleißt als Zweihörnige, während der
Bruder durchläuft den Weg des strahlenden Firmaments und die anver-
wandte Göttin verzagen macht mit den spärlichen Strahlen, [15] bis der
Entfernte erneut kommt und nun mit geraden Pfeilen durchbohrt und in
neues Licht taucht den ganzen Erdkreis. Dieses, Sterbliche, für Euch zuwei-
len in Finsternis getaucht, wie auch das leuchtende Schauspiel, bringe ich
zur Ansicht und führe es auf den hellen Schauplatz. Sucht nach der eigenen
Natur, den Euch verwandten [20] Samen, sucht den in Euch atmenden
Geist: in welcher Reihenfolge er des Lebens wiederauflösliches Werk
webt; aus welcher Quelle er ableitet das purpurfarbene Blut; aus welcher
Rose er den himmlischen Nektar durch die Wegeskrümmungen herbei-
bringt und ihn auf vielen Kreisbahnen preisenswert macht; [25] auf welche
Weise er die klaffenden Spalten der Adern zerspaltet, damit den zärtlichen
Fleischpartien ausreichende Stärkungen zukommen; durch welchen Drang
schließlich die unsteten Ströme die oberste Nackenspitze und wiederum die
Höhen anstreben. Nicht weniger war die Natur einst bei den rohen Metallen
[30] einfallsreich, welchen sie uns ähnliche Umstände für das Wachstum *
gab, und feine Höhlungen, durch welche sie die Nährstoffe zu den verbor-
genen Eingeweiden senden. Denn mögen sie auch hart sein, wenn man sie
aus den eigenen Schlupfwinkeln entfernt,

——————
[v. 7] Vermehrung.
[v. 31] * Die Erzeugung, wie auch die Ernährung, der Metalle geschieht nicht durch das
Zufügen der Bestandteile.

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92 B. Edition und Übersetzung

[S. 12] Sunt tamen intra ipsos digitis cedentia calles:


Non secus Aeoliis ac dura Coralia ab undis
Promuntur, quae fixa mari sunt cerea in alto.
Vna equidem ratio est, similisque cuique propago:
[5] Sors eadem, radix communis, spiritus unus.
Est radius per totum orbem diffusus ab axe,
Quo magis haec minus illa tument, prout ipse Creator
Vnicuique dedit, cum primitus omnia fecit.
Hic radius Mundi vita est, mensque ipsa resedit
[10] Mundi his igniculis, animusque et spiritus ingens.
Hunc Amor â cunis, et diva Erycina per omnem
Distribuit naturam, et corpore miscuit amplo:
Huic vita omnis inest: illo quoque victitat aether:
Illo aër, illo unda viget: volat ille sine alis,
[15] Et sine nocte diem per secula cuncta profundit.
Hic tamen haut aliter, nisi compede quoque solutus
Evolat, et liber terrena mole triumphat.
Haec qui purae animae poterit transcendere pinnâ,
Non aliis torquere volet sua pectora curis:
[20] Spernet opes, Mundóque pius sese exuet ipso
Et * quaeret sine fine Dei his vestigia in umbris,
Secum habitans totus, prorsusqué aliena relinquens.
Mercurium servate ergò, quotcunque potentem
Quaeritis artifices vestro pro semine glebam:
[25] Non hùnc, qui lubricus digitos eludit hianteis,
Et vanâ ignaram spe plebem saepe fefellit,
Dum varium exseruit media intra vasa colorem;
Eximite intactam fumante ê viscere cretam,
Quam nulla impura maculavit dextera caenis,
[30] Sed quae viva auri thalamis jam prodit ab imis.
Accumbitque auro velut ovi albugo vitello:
Cinnabarin dicunt, miniumvé rubentius Ostro.
Non tamen indocilis capit haec, licet obvia, turba,
——————
[v. 6] Animus et Spiritus Mundi.
[v. 21] * Ritu Democriti.
[v. 24] Materia Lapidis Philosophici.
[v. 28] Qualis sit Mercurius Philosophorum.

[S. 13] Namque oculos caligo tenet, renuitque serenâ


Apricari aurâ, lux se licet inferat alta.
Delicium est, nescire operam, quam spiritus antris
——————
[v. 3] Invectio in avaros.

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Chryseis, Liber I. 93

[S. 12] sind sie dennoch zwischen den Gebirgstriften nachgiebig gegenüber den
Fingern. Ganz so wie die Korallen von den Äolischen Wogen als harte
hervorgebracht werden, welche im tiefen Meer verhaftet weich wie Wachs
sind. Eine Gesetzmäßigkeit ist es fürwahr, und zwar ist einem jeden die
Nachkommenschaft ähnlich. [5] Es ist dasselbe Schicksal, die gemeinsame
Wurzel, ein Geist. Es gibt einen Strahl, durch den ganzen Erdkreis vom
Himmel ausgebreitet, durch den diese mehr oder weniger schwellen, je
nachdem wie der Schöpfer selbst es jedem zuwies, da er zuerst alles mach-
te. Dieser Strahl ist das Leben der Welt, und der Geist selbst ruht in [10]
diesen Fünklein der Welt wie auch die Lebenskraft und die ungeheure
Seele. Diesen verteilte Amor und die Eryzinische Göttin durch die ganze
Natur und mischte ihn unter den gewaltigen Körper. Diesem wohnt alles
Leben inne. Von jenem nährt sich ebenso der Äther. Durch jenen regt sich
die Luft, die Woge. Er fliegt ohne Flügel,266 [15] und Tageslicht ohne
Nacht läßt er durch alle Zeitalter strömen. Gleichwohl erhebt dieser sich
nur von der Beinfessel befreit in die Höhe und frei triumphiert er über die
irdische Masse. Wer über diese hinwegsteigen könnte auf reiner Seele Fit-
tich, wird nicht sein Innerstes mit anderen Sorgen quälen wollen, [20]
Hilfsmittel verschmäht er, und gottergeben reinigt er sich von der Welt
selbst und * forscht endlos in diesen Schatten nach Gottes Spuren, gänzlich
sich selbst genügend, wie auch ganz und gar das Fremde zurücklassend.
Achtet also auf den Mercurius, immer wenn ihr, Kunstwerker, für Eueren
Samen nach einer Scholle sucht. [25] Nicht auf den, welcher schlüpfrig den
offenen Fingern spottet, und den unkundigen Pöbel mit eitler Hoffnung oft
betrog, indem er mitten in den Gefäßen wechselhafte Farbe sehen ließ.
Nehmt heraus aus dem dampfenden Innersten unberührte Kreide, welche
keine von Kot unreine Rechte besudelte, [30] sondern die schon lebendig
hervorgeht aus den untersten Gemächern des Goldes und sich im Gold
niederläßt, wie im Weißen des Eies der Dotter. Drachenblut nennt man es
oder purpurrotglühenden Bergzinnober. Dennoch begreift dies nicht, auch
wenn es sich aufdrängt, die ungelehrige Schar,
——————
[v. 6] Lebenskraft und Seele der Welt.
[v. 21] * Nach Art des Demokrit.
[v. 24] Der Nahrungsstoff des Steines der Weisen.
[v. 28] Wie der Mercurius der Weisen beschaffen sei.

[S. 13] denn Dunkelheit bedeckt die Augen und versagt, daß sie sich wärmen an
heiterem Glanz, mag auch starkes Licht einfallen. Eine Wonne ist es, nicht
um die Arbeit zu wissen, welche der Geist in unermeßlichen Höhlen ver-
——————
[v. 3] Schelte wider die Geizigen.
266 Die Übersetzung der Verse 6–15 ist abgeglichen mit derjenigen bei W. Kühlmann
(1984), S. 133.

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94 B. Edition und Übersetzung

Explicat immensis, similem mortalibus ausis.


[5] Cernimus ingentes scopulos, rupesque minaces
Perrumpi ferro, et findi specua horrida rastris:
Incumbit moles humeris, magnúmque sepulcrum
Opprimit immani cippo, sempérque minatur.
Intereà nox atra tenet, tenebraeque profundae:
[10] Auditur sonitus, formidandúsque tumultus:
Non secus ac quando ventis laxavit habenas
Aeolus, angustúmque dedit transire foramen:
Aut quando illidunt ad saxa Capharea naves,
Dissiliúntque trabes, seque inter fragmina stridunt.
[15] Haec fiunt, ut emantur opes mox damna daturae:
Non ut Naturae secreta cubilia prostent.
Vos potius versate solum, qui quaeritis auri
Scire modum, occultasque vias, et pabula vera,
Qua veniat radice? Quibus turgescat aristis?

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Chryseis, Liber I. 95

richtet, ähnlich den Wagnissen der Sterblichen. [5] Wir erschauen, wie un-
geheuere Klippen und dräuende Felsen von Eisen durchdrungen werden
und unter den Spitzhacken schauerliche Grotten aufklaffen. Die Masse la-
stet auf den Schultern, ein großes Grab erdrückt mit gewaltigem Block und
dräut stetig. Unterdessen herrschen schwarze Nacht und tiefe Finsternis.
[10] Man hört ein Getöse und fürchterliches Brausen, nicht anders als
wenn Aeolus den Winden die Zügel schießen ließ, und ihnen eine enge
Öffnung zu durchqueren gab. Oder, wenn bei Caphar an den Felsen Schiffe
zerschellen und die Balken auseinanderfliegen und sie unter den Trümmern
erknarren. [15] Diese geschehen, damit Reichtümer erworben werden, wel-
che alsbald Verderben bringen, nicht wie sie die geheimen Ruhestätten der
Natur feilzuhaben vermöchten. Ihr lieber kehrt um das Erdreich, die Ihr
danach strebt, vom Gold Art und Weise zu kennen, die verborgenen
Wege, und die angemessene Nahrung; aus welcher Wurzel es sprießt; in
welchen Ähren es schwillt.

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96 B. Edition und Übersetzung

[S. 13] IOHANNIS NICOLAI FURICHII,


Med[icinae] D[octoris] et Poët[ae] Caes[arei]

CHRYSEIDOS
LIBER II.
Argumentum,

IN cipit hunc librum â fictione, significativa tamen totius operis in Mercurio


[S. 14] praeparando: additur ejus interpretatio a sene facta, ubi [S. 14] ejusdem
vitae sanctimonia describitur, fideli adhortatio, de invocando supremo Nu-
mine: admonitio praeterea in arte observanda: fabula de Chryseide, et quid
sibi velit: Iterum admonitio, de non evulganda arte, et lectione authorum
selectiorum: principiorum omnium rerum enucleatio: doctrina de Anima
Mundi Platonica, et ideis; de anima spiritu et corpore secundum Paracel-
sum, deque eorum natura: Quid sit spiritus, et quomodo pariter cum anima
omnibus insinuetur?

[0] FO rte peragravi Lybiae deserta remota,


[1] Cum tenuit quondam noscendi aliena libido:
Vrgeo iter, platantásque premo, et dum molior ultra,
Veni ad radices prearupti montis amoenas,
In cujus summo * vulturnum vertice vidi,
[5] Humana qui voce loquens prope talia dixit:
Sum niveus, qui furvus eram, sed deinde rubesco:
Cum ruber fuero, mox flavum efflabo colorem.
Ille ego nycticorax, quem nox ante alta premebat,
Ereptus tenebris in apricum profero frontem:
[10] Mox, postquam piceo guttavero gutture amara,
Picturatus ero, licet â natalibus ipsis,
Coccineus quondam extiterim, seu purpura Lecti.
Ecce ego post aliquos soles de tergore puras
Effundam lymphas, quas, si sapis, excipe dextra:
[15] Non tamen ascdendes prius haec fastigia rupis, †
Quam si monstrosi truncaveris ora * draconis,
Qui, quum centeno custodit lumine montis
——————
[v. 0] Confirmatio fictionem significativam continens.
[v. 4] * Corvum.
[v. 15] † Terram maledictam intelligit.
[v. 16] * Ignem contra naturam Ripla vocat lib. 12 portarum: alii per draconem intelligunt
Antimonium: sed falsò.

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Chryseis, Liber II. 97

[S. 13] DES JOHANNES NICOLAUS FURICHIUS,


Doktor der Medizin und Kaiserlicher Dichter

DER CHRYSEIS
II. BUCH
Inhalt,

Er beginnt dieses Buch mit einer Dichtung, welche gleichwohl das ganze bei
der Bereitung des Mercurius zu verrichtende Werk darstellt. Beigefügt ist ihre
[S. 14] Auslegung durch einen Greis, wo auch [S. 14] desselben heiligenmäßiges
Leben beschrieben wird; eine Ermahnung des Frommen, den höchsten Gott
anzurufen; darüber hinaus eine hinsichtlich der Kunst zu befolgende Erin-
nerung; der Mythos der Chryseis, und was es mit ihm auf sich hat; wieder-
um eine Erinnerung, die Kunst nicht auszuschwätzen, und zur Lektüre aus-
gewählter Autoren; die genaue Erklärung der Grundlagen aller Dinge; die
Lehre von der Platonischen Weltseele und von den Ideen, von Seele, Geist
und Körper gemäß Paracelsus, und über ihre Beschaffenheit; was der Geist
ist, und auf welche Weise er zugleich mit der Seele in allen Dingen steckt.
Von ungefähr durchwanderte ich Lybiens entlegene Wüsten, [1] da mich
einst das Verlangen, Fremdartiges kennen zu lernen, ergriff. Eilends machte
ich mich auf den Weg, und ich beschleunigte den Tritt, während ich nun
vorankam, langte ich an den anmutigen Ausläufern eines steilen Berges an,
auf dessen höchstem Gipfel ich einen Raubvogel erblickte, [5] der, indem er
mit menschlicher Stimme sprach, etwa das folgende sagte: Ich bin weiß, der
ich rabenschwarz war, aber danach röte ich mich: Sobald ich rötlich gewe-
sen sein werde, wird mir alsbald die goldgelbe Farbe zuteil werden. Ich bin
jener Nachtrabe, den davor tiefe Nacht bedeckte, der Finsternis entrissen,
halte ich in die Sonne die Stirn. [10] Bald, nachdem ich mit pechschwarzem
Kropf das Bittere gekostet haben werde, werde ich gefärbt sein, das heißt
als ob ich von der Geburt an scharlachrot einst hervorgetreten wäre, so wie
der Purpur Lectons. Siehe da, nach einigen Tagen verströme ich aus dem
Rücken eine klare Flüssigkeit, welche Du, wenn Du schlau bist, mit der
Rechten auffängst. [15] Nicht jedoch wirst Du diese Felsspitze erklimmen,
† bevor Du verstümmelt haben wirst den Schlund des abscheulichen * Dra-
chens, welcher, indem er mit hundertfachem Auge zum Berge
——————
[v. 0] Eine Confirmatio, welche aus einer bedeutungsvollen Dichtung besteht.
[v. 4] * Einen Raben.
[v. 15] † Er meint verfluchte Erde.
[v. 16] * ›Widernatürliches Feuer‹ nennt ihn Ripley im ›Liber 12 portarum‹. Andere ver-
stehen unter dem Drachen den Grauspießglanz; doch fälschlich.

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98 B. Edition und Übersetzung

[S. 15] Nocte diéque fores, nulli dat adire roganti.


Ergo † soporifero primùm medicamine in altum
Dandus erit somnum, ne si de corpore magno
Torporem abstergat lenem, nova bella revolvat.
[5] Teque adeò in medio deprendens limite portae
Virosâ perimat caudâ, praedâmque resumat.
Res eget * ingenio, cum sit subjecta periclis:
Nec clava Alcidae juvat hic, si desit Vlyssis
Circumspecte astus ratióque pericla cavendi.
[10] Tu de Thessalicis Circea venena tabernis
Collige, quae superent aconita sapore cruenta.
Succum aufer, miscequé una furiale metallum,
† Quod fluit et plumbo simulac praeponderat auro.
Ex hoc bis binas forma glomeramine pastas,
[15] Atque operi tenui, ne serpens horreat, auro.
Iamque premens limen pedibus, deprome venenum
E digitis unum, Soliqué expone micanti.
Tum colubrum auricomae percellet gratia baccae.
Cujus inexpleto tandem deceptus amore:
[20] Arripiet virus, caváque intra viscera condet.
Namque manu Hesperidum donata haec mala putabit.
Tu tamen esto vigil, ne si vicinius addas
Forte latus, spolium te sponti objeceris hydrae.
Mox reliquas quoque servato simili ordine baccas
[25] Proijce, quas avidè quum deglutiverit omnes,
Sentiet in vasto cruciamina viscere magna,
At postquam variis ingentia corpora gyris
Volverit, exposcet languenti corde levamen.
Hîc rosa cum flava ferrugine temperet aurum,
[30] Chalcantéque potens anima se immisceat acri.
Haec redige in pilulas, et anhelis faucibus offer;
Illico, cum feriet nares odor, eriget anguis,
Squamea colla ferox, et opem per pharmaca quaeret.
Vix ventri immittet, cum somnum sentiet artus
[35] Permulcere novum, et virtutem afferre recentem.

——————
[v. 2] † Menstruo proprio.
[v. 7] * Cautela circa menstruum.
[v. 10] Quale debeat esse menstruum.
[v. 13] † Argentum vivum.
[v. 22] Quod in Mercurio Philosophorum lateat venenum.
[v. 29] Ablutio menstrui.

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Chryseis, Liber II. 99

[S. 15] den Zugang Tag und Nacht bewacht, keinem, den danach verlangt, den
Zugang gewährt. Folglich wird er zunächst durch ein † schlummerbringen-
des Mittel in tiefen Schlaf zu versetzten sein, damit er nicht, wofern er vom
gewaltigen Leib eine leichte Müdigkeit abstreift, den Kampf wiederauf-
nimmt [5] und Dich, wenn er Dich mitten auf der Schwelle der Pforte er-
tappt, gar mit dem giftigen Schwanz tötet und als Beute packt. Die Sache
verlangt nach * Verstand, da sie unter Gefahren geschieht. Auch hilft hier
nicht die Keule eines Alciden, wenn nicht mit Umsicht die Verschlagenheit
eines Odysseus zur Stelle ist und die sich vor Gefahren in Acht nehmende
Vernunft. [10] Du sammle aus den Höhlen Thessaliens die Gifte der Kirke,
welche im Geschmack die blutroten Gifttränke überdecken. Nimm davon
den Saft und misch’ ihn zusammen mit dem Metall, † welches fließt und
zugleich an Gewicht Blei und Gold überwiegt. Aus diesem Kloß forme
zweimal zwei Täfelchen [15] und hülle sie, auf daß die Schlange sich nicht
fürchtet, in dünnes Gold. Und, wenn Du schon mit den Füßen auf der
Schwelle stehst, hole ein Zaubermittel hervor aus den Fingern und entblöße
es der strahlenden Sonne.
Dann wirft der goldglänzenden Beere Wirkung die Schlange zu Boden.
Von ihrem unersättlichen Verlangen nach dieser endlich betört, [20] wird
sie sich schnappen das Gift und es bergen in den Höhlungen der Gedärme.
Denn sie wird glauben, diese Äpfel seien Gaben von der Hand der Hespe-
riden. Du aber sei auf der Hut, damit Du nicht, falls Du womöglich die
Flanke näher heranbringst, Dich aus eigenem Antrieb der Hydra zum Rau-
be preisgibst. Bald hernach werfe auch die übrigen Beeren unter Einhaltung
der gleichen Regel [25] zum Fraß vor, sobald sie diese alle gierig ver-
schlungen haben wird, wird sie im weiten Gedärm große Pein verspüren.
Allein, nachdem sie die gewaltigen Leiber in vielerlei Kreisen gewunden
hat, wird sie schmachtenden Herzens nach Erleichterung verlangen. Hier
wird die Rose zusammen mit rotgelbem Rost das Gold abmildern, [30]
und die durch das Vitriol gekräftigte Seele wird sich dem Herben vermi-
schen. Diese mache zu Pillen und biete sie den klaffenden Schlünden. So-
gleich, wenn der Duft die Nasenlöcher erreicht, wird die grausame Schlan-
ge die schuppigen Nacken erheben und Hilfe durch Heilmittel suchen.
Kaum hat sie sich [diese] einverleibt, da wird sie spüren, [35] wie neuer
Schlaf die Glieder durchschmeichelt und frische Stärke herbeibringt.

——————
[v. 2] † Durch das geeignete Menstruum.
[v. 7] * Vorsicht bezüglich des Menstruum.
[v. 10] Wie beschaffen das Menstruum sein soll.
[v. 13] † Quecksilber.
[v. 22] Welches Gift sich im Mercurius der Philosophen verbirgt.
[v. 29] Das Abwaschen des Menstruum.

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100 B. Edition und Übersetzung

[S. 16 ] Ast ubi stratus jam viridanti in gramine stertet,


Tu sensim penetra montem, nunc obice rupto,
Omnia perlustrans, et cuncta impunè pererrans.
Tum demum poteris me claro auferre triumpho:
[5] Dumque meas jam condis opes, majoribus auge
Viribus, innumera dum tandem luce coruscent.
Dixit, et in variias visa est discedere formas,
Atque modò, quae pullatis apparuit alis,
Raucisonamqué dedit crocitanti gutture vocem,
[10] Candida fulsit avis, cygnosqué imitata Caystri,
Blandisonum explicuit carmen, dum denique coccum
Induerit, cantúque lyram superaverit omnem.
Haec ego dum stupidus video, subita incidit umbra,
Et tota ex oculis rapit haec miracula nostris.
[15] Ipse diu turbato animo sine voce remansi,
Nescius, an vanâ deludat imagine Morpheus,
An quidam infanda Moeris me fascinet herba:
Tandem canitie quidam venerandus, et annis
Adstitit, et tremulus pede verbis talibus infit:
[20] Ne Chrysanthe, time: venio tibi missus ab astris:
Nec mea te trahat incertum grandaeva senectus.
Bis centum fluxêre anni, quod sancta voluntas
Compulerit mentem immundo secedere mundo.
Multa tuli, vidique olim: cura improba rerum
[25] Diverso rapuit studio, dum denique coepi
Illecebras sentire orbis, verasqué notare
Delicias animi, tum demum impulsus amore
Vsque Dei, visus sum noctu audire monentem
Divino sermone, loca ut mea pristina mutem,
[30] Neglectísque aliis haec in deserta recedam.
Non moror; accingo vili vestimina nodo:
Carpo viam, atque Dei monitis obtempero sanctis.
Intereà dum solus ago, precibúsque fatigo
——————
[v. 1] Dracone perempto, seu fugato, melius licet tractare materiam.
[v. 8] Quatuor colores Lapidis.
[v. 25] Contemptus mundi.

[S. 17] Assiduis dominum, venio * has quoque ductus ad oras,


Quas cernis. Subitò species rapit ardua mentem,
Attonitúmque novâ splendor circumfluit aurâ;
——————
[v. 1] * Ubi phasma illud apparuit.

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Chryseis, Liber II. 101

[S. 16] Aber, sobald sie hingestreckt im grünenden Gras schnarchen wird, dringe
Du heimlich in den Berg ein, nun da der Riegel gebrochen, indem Du Alles
durchwanderst und ungestraft Alles durchstreifst. Dann erst wirst Du mich
in strahlendem Triumph davontragen können, [5] während Du nun birgst
meine Reichtümer, vermehre sie mit größeren Kräften, bis sie endlich zahl-
los im Lichte schimmern.
Sprach er und schien sich in verschiedene Formen aufzulösen. Und bald
gab er, der er mit schmutzigen Flügeln erschien, mit krächzender Kehle
heisere Laute von sich, [10] er gliß dann als strahlendweißer Vogel, der
die Schwäne des Caystrus nachahmt, er sang ein sanfttönendes Lied, wäh-
rend er schließlich den Scharlach anlegte, und im Gesang jede Lyra über-
traf. Während ich dies verblüfft sehe, bricht plötzliche Dunkelheit herein
und raubt all diese Wunder aus unserem Blick. [15] Ich selbst blieb verwirrt
und sprachlos zurück, unklar darüber, ob Morpheus mich täuschte mit eit-
lem Blendwerk, ob irgendein Moeris mich behexte mit abscheulichem
Kraut. Endlich stand jemand, der ob seines weißen Haares und seiner Jahre
zu verehren war, da und sprach zitternden Fußes die folgenden Worte:
[20] Fürchte Dich nicht Chrysanthus, ich komme zu Dir gesandt von den
Sternen. Auch nicht soll mein hochbejahrtes Greisenalter Dich verunsi-
chern. Zweimal sind hundert Jahre verflossen, daß mich der göttliche Wille
veranlaßte, mich aus der unreinen Welt zurückzuziehen. Vieles ertrug und
sah ich einst. Die schändliche Sorge um Hab und Gut [25] riß fort von
andersartiger Beschäftigung, bis ich dann endlich anfing, der Verführungen
des Erdkreises gewahr zu werden und die wahren Freuden des Geistes zur
Kenntnis zu nehmen. Dann endlich in einem fort getrieben von der Liebe
zu Gott, schien ich ihn nachts mahnend zu hören in göttlicher Rede, daß ich
meine früheren Aufenthaltsorte verließe und mich, [30] nachdem ich die
anderen Dinge aufgegeben hätte, in diese Wüsten zurückzöge. Ich zögere
nicht. Ich gürte mit einfachem Knoten die Gewänder. Ich unternehme die
Fahrt und leiste Folge den heiligen Mahnungen Gottes. Unterdessen, da ich
einsam lebe und durch beständiges Bitten lästig falle
——————
[v. 1] Nachdem der Drache getötet oder verjagt ist, vermag man die Materie besser zu
handhaben.
[v. 8] Die vier Farben des Steines.
[v. 25] Weltverachtung.

[S. 17] dem Herren, gelange ich derart geleitet zu * diesen Gefilden, welche Du
erblickst. Unerwartet raubt die Sinne ein erhabener Anblick, und mich Er-
staunten umströmt Glanz von ungekanntem Strahlen. Aus tiefem Grunde
——————
[v. 1] * Wo jene Erscheinung sich zeigte.

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102 B. Edition und Übersetzung

Ex humili video terra succrescere montem,


[5] Ad montisque pedes monstrum prodire tremendum:
In summóque ales variis stat vertice formis,
An tibi prodigium fortasse apparuit illud?
Sed scio. Namque mihi data mens est gnara futuri.
Quando igitur voluit Deus, haec quoque te * Orgia nosse:
[10] Percipe mente, tibi quid porrò erit utile factu.
Non potes haec cognôsse prius * mysteria rerum,
Quàm si sustuleris animos ad numina sanctos,
Conciliésque tibi precibus, votísque secundis.
Sit tua nempe Deus Cynosura per avia ponti:
[15] Huc referas animum, si jam velit aetheris ira
Mergere fortè ratem, tuque ipsi victima praceps
Nerinae incipias fieri, monstrísque marinis.
Exulet ingenium, proprio quod robure fretum
Eijciat pietatis opus, mentísque tenebras
[20] Non facibus sanctis, coelestique expiet aurâ:
Vt quondam gentes divino lumine cassae,
Quarum manca fuit sapientia, et improba tota,
Et Lunae maculis similis, pannísque cruentis.
Tu potius Mundum crede adspectabile numen,
[25] Et numen non visibilem versa via Mundum.
Sic in utroque morans, nec ab ulla parte recedens,
In Mundóque Deum, inque Deo Mundum usque videbis.
Magni olim proceres tanta ut secreta laterent,
Miris texerunt oracula sancta figuris,
[30] Non ut possideant soli, verùm impia ne plebs
Inde magis rapiat crudelia pabula morum,
Consceleretqué animos. Nam concio sacra piorum
Non his arcetur: monet hanc vox edita caelo,
——————
[v. 8] Ita quoque Ariostus Senes vatidicos introducit.
[v. 9] * Id est sacra.
[v. 11] * Pietas in Chemia requiritur.
[v. 21] Graeci et ex parte Aegyptii.
[v. 28] Veterum locutio Aenigmatica excusatur.

[S. 18] Et stimulat tacitis praecordia mystica flammis.


Gens autem malesana Deum, divináque spernens
Munera, non poterit tali clarescere luce.
In proprium vertit dona impolluta venenum,
[5] Horridus ut serpens, gladiúmque sibi ipsa ministrat,
——————
[v. 1] Homines improbi DEI opera non rectè perspiciunt.

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Chryseis, Liber II. 103

sehe ich einen Berg emporwachsen, [5] und zu den Füßen des Berges ein
furchtbares Ungeheuer hervorkriechen. Auf dem höchsten Gipfel steht ein
vielgestaltiger Vogel. Ist etwa jenes Vorzeichen Dir erschienen? Doch ich
weiß schon. Denn mir ist die Gabe verliehen, das Zukünftige zu wissen, da
ja Gott doch wollte, daß auch Du diese * Geheimnisse kennst. [10] Nimm
wahr, was Dir fürderhin bei der Herstellung nützlich sein wird. Nicht eher
vermagst Du diese * Geheimnisse der Dinge zu erkennen, als daß Du
fromme Gedanken zu den Gottheiten erhebst und sie Dir durch Bitten gnädig
stimmst wie auch durch begünstigende Gelübde. Es soll fürwahr Gott auf
deinen Abwegen zur See das Nordpolgestirn sein. [15] Hierhin sollst Du den
Sinn wiederum richten, wenn auch etwa schon längst die Wut des Äthers das
Floß versenken möchte und Du Dich anschickst, jählings ein Opfer zu wer-
den für die Nerine und für die Seeungeheuer. Es lebt ein schöpferischer Geist
als Verbannter, wenn er im Vertrauen auf seine Stärke das Werk der Fröm-
migkeit Schiffbruch erleiden läßt und nicht die Finsternis des Verstandes
[20] mit heiligen Fackeln und mit himmlischem Glanz reinigt; wie einst
die Heidenschaft, welche des göttlichen Lichtes entbehrte, deren Kenntnis
unvollständig war und ruchlos als ganzes, zudem ähnlich den Flecken des
Mondes und blutigen Lumpen. Du vielmehr erachte die Welt als die sicht-
bare Gottheit [25] und die nicht sichtbare Gottheit im Gegenzug als die Welt.
Auf diese Weise wirst Du, indem Du bei beiden verweilst und von keinem
abweichst, immerfort in der Welt Gott wie auch in Gott die Welt sehen.267
Die großen Meister bedeckten einst, auf daß sie so große Geheimnisse
verbargen, die heiligen Offenbarungen unter sonderbaren Zeichen; [30]
nicht, damit sie als einzige [diese] besäßen, in der Tat aber, damit der
frevelhafte Pöbel nicht von dort mehr grausige Nahrung der Sitten entnäh-
me und die Gemüter zu Verbrechen anstiftete. Denn durch diese kommt
keine heilige Gemeinschaft der Gottesfürchtigen zusammen. Diese unter-
weist eine Stimme, welche vom Himmel erschallt,
——————
[v. 8] So führt auch Ariost prophetische Greise ein.
[v. 9] * Das heißt: heilige.
[v. 11] * Frömmigkeit wird in der Chemie verlangt.
[v. 21] Die Griechen wie auch zum Teil die Ägypter.
[v. 28] Der Alten rätselhafte Ausdrucksweise wird gerechtfertigt.

[S. 18] und bewegt die Brust der Eingeweihten mit stillen Flammen. Die geistes-
kranken Heiden aber, welche Gott und die göttlichen Gaben verachten,
konnten vom solchem Licht nicht erleuchtet werden. Ins eigene Gift wan-
delten sie die unbefleckten Geschenke, [5] wie die schreckliche Schlange
——————
[v. 1] Ruchlose Menschen erkennen GOTTES Werke nicht richtig.
267 Die Übersetzung der Verse 24–28 ist abgeglichen mit derjenigen bei W. Kühlmann
(1984), S. 134.

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104 B. Edition und Übersetzung

Viscera quo trepido tandem transverberet ictu.


Haec igitur qui sacra cupit sublimia scire,
Imprimis caveat tumidas extollere cristas,
Atque Deum timeat, veróque observet amore:
[10] Et sciat ingenii coelum contingere pinnâ,
Idémque ingenii discendere ad infima scalâ,
Atqué in secretis * praestare silentia rebus.
At qui non istas servaverit undique leges,
Sacrilegam caveat temerè his immitere dextram.
[15] Non ego crediderim tali culpabilis aras,
Postea ne sapiens in me defulminet ultor.
Tu verò monitis animum compone sequacem,
Non secus ac stimulis sitis mentem egeris ipsam,
Post cultumqué Dei, sapientum perlege scripta,
[20] Et mentis librâ trutina, multumqué revolve:
Ne tamen ullius jures in verba magistri.
Namque data est cuivis quaerendi vera potestas.
Non te rerum Opifex fecit ratione carentem:
Nec quondam menti fuit ala accisa volanti,
[25] Quò minus ad summum possit pertendere rerum.
Hîc naturae etiam nobis stat campus apertus.
Hoc animo tantum serva, * atque absconde profundo,
Quod misêrere Dii, fatuo ne credito cuiquam.
At nunc exponam, † quid visum denotet omen,
[30] Quod sic attonitos tibi perculit undíque sensus.
Fama olim fortasse tuas pervenit ad auras,
Vt sese extulerint quondam * hîc Chryseidos arces,
Cum nondum est thalamis Ditis subrepta secundis.
——————
[v. 7] Superbia damnatur.
[v. 10] Requiritur acumen ingenii.
[v. 12] * Silentium.
[v. 17] Lectio auctorum.
[v. 20] Improbatur τὸ ἀυτὸϲ ἒφα.
[v. 27] * Artis jusiurandum.
[v. 29] † Expositio phasmatis.
[v. 32] * Fabula de Chryseide â Plutone raptâ.

[S. 19] Namque atrae noctis domitor, Cocytia quassans


Flumina, cum cepit fastidia longa * maritae,
Atque novos tentare thoros, toedasque videbat
† Fratrem, distincto pariter prurivit amore:
——————
[v. 2] * Proserpinae, quae Cereris filia erat.
[v. 4] † Jovem.

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Chryseis, Liber II. 105

sich selbst den Tod bereitet, wodurch sie sich endlich durch hastigen Biß
die Eingeweide durchbohrt. Wer also begehrt, diese heiligen und erhabenen
Dinge zu erfahren, soll sich vor allem davor hüten, den geschwollenen
Kamm aufzurichten, und vor allem soll er Gott fürchten und in wahrer
Liebe verehren. [10] Ebenso soll er sich darauf verstehen, mit dem Fittich
an den Himmel zu rühren und ebenso zur untersten Stufe des Geistes hin-
abzusteigen und in geheimen * Dingen Verschwiegenheit zu bewahren.
Allein, wer diese Gesetze nicht überall befolgen würde, soll sich hüten,
hier unüberlegt die frevelnde Rechte anzulegen. [15] Nicht würde ich ver-
muten, daß Du tadelnswert nach solchem lechzest, damit nicht hernach der
weise Rächer auf mich herniederschleudert den Blitz.
Du aber mache Dein Denken den Mahnungen gefügig, genauso wie Du
wegen der Stachel des Verlangens des Verstandes selbst bedürfen wirst.
Nächst der Verehrung Gottes, lies durch die Schriften der Weisen, [20]
und wäge ab mit der Wage des Verstandes, und überdenke es vielmals.
Dennoch sollst Du nicht auf die Worte irgendeines Meister schwören.
Denn jedweden ist das Vermögen gegeben, die wahren Dinge zu erfor-
schen. Nicht machte Dich der Schöpfergott ohne Verstand. Auch nicht
ward je einem fliegenden Gedanken die Schwinge beschnitten, [25] daß
er sich nicht zum Höchsten der Dinge ausstrecken könnte. Hier steht uns
noch immer das Spielfeld der Natur offen. Dies alles behalte im Sinn, * und
ferner verbirg es im Inneren, was die Götter sich erbarmten, sollst Du nicht
irgendeinem Toren anvertrauen.
Allein, jetzt werde ich darlegen, † was genau das geschaute Vorzei-
chen bezeichnet, [30] das Dir also in jeder Hinsicht die betäubten Sinne
erschütterte. Das Gerücht gelangte womöglich einst zu deinen Ohren, wie
sich * hier einstmals die Anhöhen der Chryseis erhoben, da sie noch nicht
wegen des Dis glücklichen Ehelagers hinabgekrochen war.
——————
[v. 7] Die Hoffart wird verdammt.
[v. 10] Verlangt wird Scharfsinn.
[v. 12] * Verschwiegenheit.
[v. 17] Die Lektüre von Autoren.
[v. 20] Verworfen wird das ›Er selbst hat’s gesagt‹.
[v. 27] * Ein Eid der Kunst.
[v. 29] † Die Auslegung der Erscheinung.
[v. 32] * Der Mythos der von Pluto geraubten Chryseis.

[S. 19] Denn den Bändiger der schwarzen Nacht, der die Fluten des Cocytus auf-
wühlte, nachdem er die Abneigung der weitentfernten * Geliebten erfahren,
und sah, wie † der Bruder neue Gespielinnen und Geliebte ausprobierte,
begann gleichermaßen ein gewisses Verlangen zu jucken.
——————
[v. 2] * Der Proserpina, welche der Ceres Tochter war.
[v. 4] † Den Jupiter.

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106 B. Edition und Übersetzung

[5] Atque hos immani colles divulsit hiatu,


Et rapuit Cereris minimam Chryseida natu.
Longum esset, si cuncta tibi narrare luberet.
Magnae nata Deae, patriae non immemor aedis,
His redit * inferiis loca ad haec antiqua quotannis,
[10] Vatidicoqué sonat † terrore, laresqué revisit.
Haec etenim pro dote auri specua abdita caepit,
Ipsaqué versata est inter fumosa metalli
Sulfura, et imposuit longissima pensa ministris.
Illa exoravit furvo de Ditis averno
[15] Solennes reditus, * operaequé haec signa vetustae
Arcano inculcat spectro, sacrosqué colonos
Invitat, monstratqué vias, quibus aemula turba
Ex auro eliciat crescentia semina crudo.
Namque dea, ut quondam Stygiis immersa tenebris
[20] Inter mortales nonnullam linqueret auram,
Vicino hôc statuit † sua dona novissima saxo.
Tu tamen haec numquam propria virtute prehendes,
Si non dispulero prius alta luce tenebras.
Iam tot secula eunt, serpit quôd fama per orbem
[25] * Chrysolithi, quem Diva sinu rutilante fovebat:
At postquam sedes, et sceptra antiqua reliquit,
Plutonis † turba jam instante, graviqué tumultu,
E gremio eripuit, medioqué ejecit averno.
Huic inerat virtus, ut quae modò tangeret, aurum
[30] Verteret in purum, quamvis rudiora metalla.
Namque * operi adstabat spectatrix sedula magno,
Cum primùm † Pyralis conceptos follibus ignes
——————
[v. 6] Chryseis filia Cereris fingitur, quia aurum ex terra eruitur.
[v. 9] * Portentis.
[v. 10] † Ut spectra sepulcralia solent.
[v. 15] * Aurificinae.
[v. 21] † Alchemiam.
[v. 25] * Ita Lapidem Philosophorum appellare placuit.
[v. 27] † Vide fabulam de raptu Proserpinae apud Claudianum.
[v. 31] * Virtus Lapidis.
[v. 32] † Ministrae Chryseidos, quae totam μεταλλουργίαϲ operam subinnuunt.

[S. 20] Vrgebat, fumosqué diu Psolopoea rotabat,


Dum tandem haerentes scruposo in pariete telas
Verterit Oncophore in scorias, molésque sonantes.
Tum Chryseis opus gemma hâc, nitidoqué sigillo
——————
[v. 1] Allusio à fabris mutuata.

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Chryseis, Liber II. 107

[5] Sodann zerspaltete er diese Hügel durch eine ungeheure Kluft und
raubte die jüngste Tochter der Ceres. Lange würde es dauern, wenn es
beliebte, Dir alles zu erzählen. Die Tochter der Großen Göttin, des heimi-
schen Sitzes wohl eingedenk, kehrt alljährlich aus der * Unterwelt an diese
früheren Stätten zurück, [10] tönt dann mit prophetischem † Schrecken,
und besucht die Laren. Sie nämlich empfing als Mitgift verborgene Grotten
von Gold, auch hielt sie sich selbst unter den rauchigen Schwefeln des
Metalls auf und legte den Dienerinnen sehr langwierige Arbeiten auf. Sie
erflehte sich aus der düstren Schattenwelt des Dis [15] alljährliche Rück-
kehr, * und die Zeichen des altehrwürdigen Werkes drückt sie ein als ge-
heimnisvolles Bild und die ehrfürchtigen Ackerbauern lädt sie ein und zeigt
Wege, auf welchen die gelehrige Schar aus rohem Gold Samen, welche
emporwachsen, hervorbringt. Fürwahr, damit die Göttin, wenn sie zu ge-
wissen Zeit in die Finsternis des Styx eingetaucht ist, [20] unter den Sterb-
lichen einigen Glanz hinterließe, † stellte sie ihre ungewöhnlichen Gaben
auf diesen nahen Felsen. Du wirst dennoch diese niemals aus eigener Kraft
erlangen, wenn ich nicht vorher die Schatten mit hellem Licht auseinander-
getrieben haben.
Schon so viele Jahrhunderte sind es, daß sich um den Erdkreis schlängelt
der Ruf [25] des * Chrysolith, welchen die Gottheit im blitzenden Busen zu
hegen pflog. Allein, nachdem sie die alten Stätten und Herrschaftsbereiche
verließ, entriß ihr Plutos † Schar, die bereits darauf lauerte, in heftigem
Aufruhr [diesen] aus dem Schoß und schleuderte [ihn] mitten ins Schatten-
reich. Diesem wohnte die Kraft inne, daß er, was er nur berührte, [30] in
reines Gold verwandelte, wie beliebige rohere Metalle. Denn fürwahr *
wohnte sie als betriebsame Aufpasserin dem großen Werk bei, als zum
ersten Male † Pyralis die zusammengefaßten Feuer mit Blasebälgen

——————
[v. 6] Chryseis wird als Ceres’ Tochter gedacht, weil man das Gold aus der Erde herausholt.
[v. 9] * Durch Wunderzeichen.
[v. 10] † Wie Gespenster es am Grab zu tun pflegen.
[v. 15] * Der Goldmacherei.
[v. 21] † Die Alchemie.
[v. 25] * So gefiel es den Stein der Weisen zu nennen.
[v. 27] † Siehe den Mythos vom Raub der Proserpina bei Claudian.
[v. 31] * Die Tugend des Steines.
[v. 32] † Die Dienerinnen der Chryseis, die auf das ganze Werk der Metallurgie anspielen.

[S. 20] anfachte, und Rauchwolken lange im Kreise drehte Psolopoea, bis endlich
die an der schroffen Wand hängenden Gewebe gewandelt hatte Oncophore
zu Schlacken und tönenden Klumpen. Daraufhin besiegelte Chryseis das
Werk mit diesem Stein und mit glänzendem Siegel [5] und versah es mit
——————
[v. 1] Übertragener Ausdruck, von den Schmieden entlehnt.

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108 B. Edition und Übersetzung

[5] Signabat, pulcróque auri tingebat honore.


Diva ipsa hanc fecit gemmam: diva ipsa reponit
Efficiendi artem, tibíque hoc modò phasmate monstrat.
Ales enim clarisona jam voce locuta est,
Et tot mutavit vicibus plumásque sonumqué,
[10] Materies gemmae est, genialis purpura terrae,
Quae † primùm producta recens de viscere matris
Nigricat, et facie magnetem imitatur opacum.
Hinc fortasse etiam meruit Magnesia dici.
Hinc cornix dicta est, sibi quam Tymbraeus Apollo
[15] Maluit esse sacram, rostro quae mussitat atro,
Quot sibi virtutes: quot pulcro in corpore vires!
* Postea olorino facta est candore corusca,
Corneolóque hiscens rostro coeleste poëma
Explicuit: quòd mox tabulae procedat eburnae
[20] Instar, cum sentit doctis in vasibus ignem.
Iste color gemmae lac alitis † audiit olim,
Atque Galactites, neveásque excelluit Alpes.
At quia vidisti tandem splendescere * cocco,
Divinumqué melos resonare, et Musica verba,
[25] Qualia non Musae Iovis ad convivia promunt,
Conijce Chrysolithi summa ornamenta notari.
Immanis serpens, † quem consopire necesse est,
Sordities notat immundas, faecésque malignas,
Quae gemmae impediunt vires, ceu nubila solem.
[30] Has faeces tu primum atris exterge venenis,
Atque novis iterum remanentia pondera lymphis
Asperge, ut sedeat mundatâ spiritus * urnâ.
Sic placuit Divae arcanis deludere formis,
——————
[v. 11] † Nigredo apparet in utroque principio lapidis ubi jam cepit putrefactionem experiri.
[v. 17] * Vicissitudo colorum in materia Lapidis invicem subsequentium.
[v. 21] † Quid sit lac alitis apud Chemicos?
[v. 23] * Color summus, in Lapide.
[v. 27] † Quid sit Draco apud Chemicos?
[v. 32] * Vasis Chemicis.

[S. 21] Ne superis ingrata cohors haec templa pererret,


Sacrilegísque animis capiat mysteria tanta.
Tu monitu si forte meo placabile littus
——————
[v. 3] Ars non prodenda cuivis obvio.

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Chryseis, Liber II. 109

der schönen Pracht des Goldes. Die Göttin selbst fertigte diesen Stein. Die
Göttin selbst bewahrte die Kunst, wie man es vollbringt, auf und zeigt sie
Dir nun durch diese Erscheinung. Der Vogel nämlich hat bereits mit helltö-
nender Stimme gesprochen, und auf so viele Arten veränderte er sowohl
Federn als auch Stimme, [10] er ist die Materie des Steines, der Purpur der
Gebärerin Erde, welcher, † anfangs frisch aus dem Inneren der Mutter her-
vorgebracht, schwärzlich ist und im Aussehen den stumpfen Magnetstein
nachahmt. Daher hat er es vielleicht auch verdient Magnesia genannt zu
werden. Daher wurde er die Krähe genannte, welche für sich Apoll Tym-
braeus [15] lieber heilig haben wollte und die mit dem schwarzen Schnabel
keinen Mucks macht. Wie viele Eigenschaften sie hat! Wie viele Kräfte im
schönen Leib! * Hernach ist sie durch das zum Schwane gehörende Weiß
blitzend gemacht worden, und brachte den hörnernen Schnabel aufsperrend
ein himmlisches Lied dar, sofern es alsbald hervorkommt in der Art einer
elfenbeinernen Tafel, [20] wenn sie der Kundigen Gefäßen das Feuer ver-
spürt.
Diese Farbe des Steins wurde einst als der lieblichsüße † Sang des Flü-
gelgängers erachtet, und übertraf die Milchstraße und die schneeigen Al-
pen. Allein, weil Du zuletzt gewahrtest, wie er von * Scharlach erglänzte,
und eine göttliche Melodie ertönte, wie auch Gesänge, [25] von der Art,
wie sie nicht einmal die Musen bei den Gastmählern Jupiters vortragen,
nimm wahr, daß die höchsten Zierden des Chrysolith bezeichnet werden.
Eine ungeheure Schlange, † die zu betäuben notwendig ist, bemerkt alle
unreinen Verschmutzungen und schlechten Brennstoffe, welche die Kräfte
des Steines abhalten, wie Wolken die Sonne. [30] Diesen Bodensatz wa-
sche zuerst ab mit schwarzen Giften, dann besprenkle die verbleibende
Menge wiederum mit frischen Wassern, damit sich im der gereinigten *
Topf der Geist absetzt. So gefiel es der Göttin in geheimen Zeichen ihr
Spiel zu treiben,
——————
[v. 11] † Die Schwärze zeigt sich in beiden Principia des Steines, sobald er einmal beginnt
die Faulung zu verspüren.
[v. 17] * Der Wechsel der abwechselnd aufeinanderfolgenden Farben bei der Materie des
Steines.
[v. 21] † Was die Milch des Flügelgängers bei den Chemikern ist.
[v. 23] * Die letzte Farbe, beim Stein.
[v. 27] † Was der Drache bei den Chemikern ist.
[v. 32] * In den chemische Gefäßen.

[S. 21] damit nicht die den Oberen unwillkommene Schar durch diese Tempel irrt
und mit tempelräuberischem Sinnen sich so große Geheimnisse aneignet.
Du, wenn Du etwa ob meiner deutlichen Warnung anlandetest am ver-
——————
[v. 3] Die Kunst darf keinem Dahergelaufenen entdeckt werden.

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110 B. Edition und Übersetzung

Appuleris artis, ne pravae ostende carinae


[5] Syrteísque et scopulos, queîs mox illidere possit:
Et licet illidat, ne salvum emitte * celeusma.
Cuíque patent etenim furiosi flumina Ponti,
Atque licet cuivis quaecunque pericla subire.
At remigrare salo, saevisque evadere Cauris;
[10] Hîc opus hîc labor est. Si te vult diva potiri
Auricomo spolio, venient fortasse trecenti,
Queîs non obtinget tam prospera fata videre.
Sufficerent jam dicta † tibi pro simplice rerum
Indicio, nisi sic animum salebrosa docentum
[15] Dogmata diriperent, ut quondam viscera fratris
Disjecit Medea sui, cum patria fugit
Littora, et Argolicum sectata est stulta juvencum.
Quare dum volvis ludibria docta sophorum,
Vtere mente sagax, sensum et rimare profundum:
[20] Atque cave, quod mortali culpabile factum est,
Alterius ne te distringat opinio fallax.
Non tamen invenies primordia mystica gemmae,
Et genus, et seriem, qua nasci ê cortice suevit,
Si non ipse prius, post lecta volumina patrum;
[25] Concinnes alas humeris, rapidóque volatu
Per totum penetres orbem, magnúmque veharis
Naturae per inane vagae, videasqué meatus
Terrarum, et supra crescentia germina terras.
Haec servare animis, ô rerum conscie, fas est:
[30] Haec mentis latebras intra, penitósque recessus
Consultare diu, † quae sint elementa quibusvis?
Vnde neat vitas hominum colus improba Clothus?
Vnde fluant ductus animae: quo tramite cedat

——————
[v. 6] * Symbolum nauticum.
[v. 11] Raritas virorum Chemicorum.
[v. 13] † Obscuritas authorum.
[v. 25] Naturae contemplatio commendatur.
[v. 31] † Principia rerum.
[v. 33] Durabilitatis rerum causa.

[S. 22] Vivificans rerum virtus: quo dante virescat?


Indefessa etenim motu mens perpete fertur,
Se turgens, animisqué quasi foecunda minutis:
——————
[v. 1] Anima Mundi.

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Chryseis, Liber II. 111

söhnlichen Gestade der Kunst, halte Du nicht den gebogenen Kiel vor [5]
den Syrten und Riffen, auf welche er alsbald auflaufen könnte. Und wenn
er auch auflaufen mag, laß kein glücklich davongekommenes * Seemanns-
lied ertönen. Jedweder fürwahr hat Zugang zu den Fluten des tosenden
Pontus, wie es jedem beliebigen gestattet ist, alle Fährnisse auf sich zu
nehmen. Allein, vom weiten offenen Meer zurückzukehren, und den rei-
ßenden Nordwestwinden zu entgehen: [10] Hierin liegt die Aufgabe, die
Mühe. Wenn die Gottheit will, daß Du Dich des goldhaarigen Fells be-
mächtigst, werden vielleicht dreihundert kommen, welchen es nicht zuteil
werden wird, ein so günstiges Schicksal zu erleben.
Es sollte das bereits Gesagte † Dir genügen als ein einfacher Hinweis auf
die Dinge, sofern nicht der Gelehrten holperige [15] Lehrsätze [Dir] so den
Verstand zerrissen haben, wie einst Medea die Eingeweide ihres Bruders
zerteilte, als sie die heimischen Gestade floh und töricht dem Argolischen
Jüngling nachlief.
Deshalb, während Du die gelehrten Spielereien der Weisen überdenkst,
setzte scharfsinnig den Verstand ein und erforsche die tiefe Bedeutung. [20]
Und hüte Dich überhaupt, was für den Sterblichen ein tadelnswertes Han-
deln ist, daß Dich nicht die trügerische Meinung eines anderen beschäftigt
hält. Dennoch wirst Du die geheimen Urgründe des Steines nicht finden,
wie auch die Gattung und den Zusammenhang, durch welche er aus der
Schale hervorzukommen pflog, wenn Du nicht vorher, nachdem die Schrif-
ten der Väter gelesen sind, [25] den Schultern Flügel ansetzt und in ge-
schwindem Fluge den ganzen Erdkreis durchdringst, wie auch durch die
große Leere der unsteten Natur fährst und die Gänge in der Erde schaust,
wie auch oberhalb die wachsenden Sprößlinge. Diese im Gedächtnis zu
bewahren, oh in die Verhältnisse Eingeweihter, ist göttliches Gebot; [30]
diese in den Schlupfwinkeln des Geistes und den tiefen Winkeln lange zu
befragen: † welche die Elemente sind für jegliches Ding; woher die schänd-
liche Clotho die Leben der Menschen spinnt; woher die Leitungen der
Lebenskraft fließen; auf welchem Weg
——————
[v. 6] * Bildlicher Ausdruck aus der Seefahrt.
[v. 11] Die geringe Zahl der echten Chemiker.
[v. 13] † Die Dunkelheit der Autoren.
[v. 25] Die Betrachtung der Natur wird empfohlen.
[v. 31] † Die Principia der Dinge.
[v. 33] Der Dauerhaftigkeit der Dinge Ursache.

[S. 22] die lebendigmachende Kraft der Dinge entweicht; durch welchen Spender
sie erstarkt. Der unermüdliche Geist nämlich wird in andauernder Bewe-
gung gehalten, in sich gärend ist er gleichsam trächtig an kleinen Seelen.
——————
[v. 1] Die Weltseele.

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112 B. Edition und Übersetzung

Et micat in cunctis natae sapientia mentis.


[5] Percontare animae mores per cuncta meantis,
Vt simile ex simili semper creet ordine firmo?
Adversa ut non adversis erronea jungat?
Et si quando errat diverso semine juncto,
Non sinit ulterius monstrosas cedere formas.
[10] Est igitur cunctis generatrix forma statuta,
Cujus lege manent idéae in corpore fixae:
Cujus fonte fluunt species, formaequé minores.
Hac tu lege mees; hoc more simillima quaeque
Confer, nequa operis praeceps confusio fiat.
[15] At quia non possunt cuncta uno ê corpore gigni,
Sed siccis humecta haerent, * et mollia duris:
Cum gelidóque calens firmissima foedera pangit,
† Non potuit nisi per medium mens ista ligare.
Mens etenim divina extans, et corporis expers,
[20] Glutnieas explere vices in mole nequivit.
Est aliud quiddam, quod non est terra, nec aether:
a Est Veneris nodus, quo tam variantia in unum
Pronuba Iuno ligat, statuitque cubilia junctis.
Hoc moderante, polo tractabilis ima fit unda,
[25] Et terra, et quicquid supraqué infraqué moratur.
b Hic fomes Mentis, purusqué Cupidinis ignis
Est animus, subtile unguen, seu fertile olivum.
Hic est Naturae gluten, lumenqué perenne.
Vnde venit virtus plantis, et gratia gemmis:
[30] c Quod Sal sub terris caelesti copulat undae.
Nam praeter mentem, praeter spirabile olivum,
——————
[v. 8] Monstra non generant.
[v. 11] Species aeternae et immutabiles.
[v. 15] Nil generatur ex uno.
[v. 16] * Mixtio quatuor qualitatum.
[v. 18] † Quaenam sit mixtionis caussa formalis?
[v. 22] a Vide Lucretium à principio operis. Et pervigilium Veneris Catullo attributum.
[v. 26] b Est aliud ab anima Mundi. Vide etiam Fernelium.
[v. 30] c Chymicorum Mercurio jungitur mediante sulfure.

[S. 23] Quod pingue est, rudibúsque Elementis copula prima est,
Terrenis fabricis alia insunt corpora viva.
Portio namque salis quaedam Crystallina inhaeret,
Atque aliud quiddam, * quod linguae adspergit acorem.
——————
[v. 4] * Mercurius secundum nonnullos naturaliter acidus est.

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Chryseis, Liber II. 113

Ebenso funkelt in allen die Weisheit des eingezeugten Geistes. [5] Erfor-
sche die Gepflogenheiten der durch alle Dinge gehenden Seele, wie sie
nach fester Ordnung stets Gleiches aus Gleichem erschafft, damit sie nicht
irrig Gegensätzliches mit Gegensätzlichem verbindet. Selbst wenn sie ein-
mal irrt, da sie mit verschiedenen Samen verbunden ist, duldet sie es nicht,
daß darüber hinaus naturwidrige Gestalten zustande kommen.
[10] Es gibt folglich für alles eine bestimmte erzeugende Form, nach
deren Vorschrift die Ideen im Körper verhaftet bleiben, aus deren Quelle
sich die Arten und Unterarten ausbreiten. Nach diesem Gesetz sollst Du
vorgehen. Nach dieser Regel bringe alles sehr Ähnliche eng zusammen,
damit kein überstürztes Durcheinander des Werkes entsteht. [15] Allein,
weil nicht alle aus einem Körper hervorgebracht werden können, haften
doch die Trockenen den Feuchten an, * wie auch die Weichen den Harten.
Ebenso schließt mit dem Kalten das Warme die festesten Bündnisse, † nicht
anders als durch ein Mittleres konnte der Geist diese verbinden. Der Geist
nämlich, der sich als göttlich erzeigt und eines Körpers entbehrt, [20] ver-
mochte nicht die haftenden Seiten zu ergänzen in der Masse. Ein gewisses
anderes gibt es, das es nicht auf Erden gibt und nicht im Himmel. a Es ist
die Fessel der Venus, durch welche Juno Pronuba solch Verschiedenes zu
einem verbindet, wie auch festsetzte Stätten für die Verbundenen. Durch
dessen Einfluß wird dem Himmelsgewölbe gefügig das tiefste Naß [25]
und die Erde, wie auch alles, das darüber wie darunter sich aufhält. b Dies
ist der Zunder des Geistes, und der reine Hauch von Cupidos Feuer, die
geschmeidige Salbe oder das ergiebige Öl. Dieser ist der Leim der Natur,
das immerwährende Licht. Woher den Pflanzen die Wirksamkeit und den
Steinen die Kraft kommt; [30] c welches das Salz unter der Erde dem him-
mlischen Strom verbindet. Denn neben dem Geist, neben dem hauchigen Öl,
——————
[v. 8] Ungeheuer gebären nicht.
[v. 11] Die ewigen und unveränderlichen Gestalten.
[v. 15] Nichts wird aus einem erzeugt.
[v. 16] * Die Vermischung der vier Eigenschaften.
[v. 18] † Welche denn die Ursache der Vermischung der Formen ist.
[v. 22] a Siehe Lukrez vom Anfang des Werkes an; wie auch das dem Catull zugeschrie-
bene ›Pervigilium Veneris‹.
[v. 26] b Es kommt ein anderer von der Weltseele. Siehe auch Fernel.
[v. 30] c Dem Mercurius der Chemiker wird es verbunden durch die Vermittlung des
Schwefels.

[S. 23] welches fett ist, ist es das erste Band der groben Elemente, den irdischen
Stoffen wohnen andere lebendige Teile inne. Es steckt nämlich darin ge-
wissermaßen ein kristallinischer Teil des Salzes wie auch ein gewisses an-
deres, * welches sauren Geschmack auf die Zunge träufelt. [5] Diese rieb
——————
[v. 4] * Der Mercurius ist nach einigen von Natur aus ein Essig.

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114 B. Edition und Übersetzung

[5] Haec animo quondam adfricuit Natura creatrix,


His ut subsidiis fieret † generatio rerum,
Atque sapor mixtis, et pondus, odorqué veniret.
Et licet in fabricis nox illis incubet atra,
Et veluti tenebris lateant immersa profundis,
[10] Cum tamen a exiliunt probroso ê carcere noctis,
De palma possint cum agili contendere caelo:
Findor, b an ipsum astrum defusum ex aethere dicas!
Vsque adeò aethereis fateare simillima flammis,
Haec vis in cunctis, et in unoque seorsim
[15] Exurgit, postquam c fumum secreverit d unda:
e Vnguinis aura fimum: sal pernicialia foecis
Stercora, et aethereis reddantur consona stellis.
f Donec enim pingue hoc flammans depaverit ignis,
Dixeris impurum; sin in medio igne triumphet,
[20] Sidereum verè est, quod nil dispertit ab igne,
g Vt quoque nulla potest astrum comburere flamma.
Non tamen est oleis similis natura quibusvis.
h Queîs verò est animo major cognatio Mundi,
Hoc magis adversus possunt subsistere flammam,
[25] i Quale est argento, quale est rutilo unguen in auro:
Caetera quò distant magis, hôc minus ignibus obstant.
k At quia Chrysolithi nullo igne cremabile semen
Esse decet, de trunco auri decerpere fas est.
Non tamen hinc opus exurgat venerabile gemma.
[30] Spiritus est animae socius, quem jungere debes,
Atque Salis virtus, uno quae corpore constant.
——————
[v. 6] † Paracelsi opinio de qualitatibus secundis.
[v. 10] a Operâ Chymicorum, per putrefactionem scilicet principio separantem.
[v. 12] b Ita Persius: Findor an Arcadiae etc.
[v. 15] c Impuritas.
[v. 15] d Mercurius.
[v. 16] e Oleum seu sulfur.
[v. 18] f Combustibilitas ab impuritate dependet.
[v. 21] g Oleorum diversitas.
[v. 23] h Quo purius oleum, eò impatibilius.
[v. 25] i Olea auri, et argenti.
[v. 27] k Quale semen debeat esse ipsius Lapidis.

[S. 24] Spiritus hic pariter, diffusus in omnia Mundi


Fundamenta potens, magnum dat rebus honorem.
——————
[v. 1] Spiritus Mundi.

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Chryseis, Liber II. 115

ein einst mit Lebenskraft die Schöpferin Natur, damit mit diesen Hilfsmit-
teln die † Erzeugung der Dinge geschähe, wie auch den Vermischten Ge-
schmack, Masse und Geruch zukäme. Und möge auch finstere Nacht auf
jenen Erzeugnissen lasten, und mögen sie gleichsam in tiefer Finsternis
getaucht verborgen sein, [10] wenn sie dennoch a aus der Dunkelheit
schimpflichem Kerker hervorspringen, könnten sie um den Siegeszweig
wetteifern mit dem behenden Himmel. Ich platze, b fast meint man, ein
Stern selbst sei aus dem Himmel herabgefallen!
Soweit halte sie für sehr ähnlich den himmlischen Flammen. Diese Kraft
lebt in allen wie auch in einem besonders [15] wieder auf, nachdem c den
Dampft d das Naß abgesondert hat; der Glanz e den Schmutz des Salböls;
das Salz den verderblichen Unrat des Bodensatzes; nun werden sie den
himmlischen Sternen einvernehmlich gemacht. f Bis nämlich das lodernde
Feuer dieses Fette verzehrt hat, nennt man es unrein. Wofern es aber mitten
im Feuer den Sieg davon trägt, [20] ist es wahrhaftig das göttliche, das
nicht vom Feuer vernichtet wird, g wie es auch keine Flamme vermag,
ein Gestirn zu verbrennen. Jedoch ist die Natur nicht irgendwelchen Ölen
ähnlich. h Desto größer diesen freilich die Verwandtschaft zur Welt als zum
Geist ist, desto mehr vermögen sie es, der Flamme zu widerstehen, [25] i
welches im Silber, welches im rotglänzenden Golde die Salbe ist: Je weiter
die Übrigen fern stehen, desto weniger widerstehen sie den Feuern. k Al-
lein, weil es sich für den Chrysolith geziemt ein durch kein Feuer verbrenn-
barer Same zu sein, ist es göttliches Gebot, ihn vom Stamme des Goldes
abzupflücken. Dennoch soll nicht aus diesem verehrungswürdigen Werk
der Stein sich erheben. [30] Der Geist ist der Seele Gefährte, den man
verbinden muß, wie auch die Tugend des Salzes, welche sich in einem
Teil befinden.
——————
[v. 6] † Des Paracelsus Meinung von den sekundären Eigenschaften.
[v. 10] a Durch die Arbeit der Chemiker; durch die Faulung, versteht sich, welche anfangs
absondert.
[v. 12] b So Persius: Ich platze, fast meint man, [es brüllten] Arkadiens [Herden], etc.268
[v. 15] c Unreinheit.
[v. 15] d Mercurius.
[v. 16] e Öl oder Schwefel.
[v. 18] f Die Brennbarkeit hängt von der Unreinheit ab.
[v. 21] g Der Öle Verschiedenheit.
[v. 23] h Je reiner das Öl, desto unempfindlicher [ist es].
[v. 25] i Die Öle des Goldes und des Silbers.
[v. 27] k Wie beschaffen der Same desselben Steins sein soll.

[S. 24] Dieser Geist verleiht ebenso, mächtig verströmt in allen Urgründen der Welt,
——————
[v. 1] Der Geist der Welt.

268 Abgeglichen mit der Übersetzung von W. Kißel, in: Persius (1990), S. 35.

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116 B. Edition und Übersetzung

Hic Cypri diva est: hic est grandaeva Dione:


l Hic fortasse Phanes, quem quondam prodidit Orpheus,
[5] Ante Chaos inter coelestia numina primùm
Constituisse torum rebus numerumqué decentem.
m Hic quasi cardo virens stabili quasi rotat omnia motu:
Hic dirimit totum partes in quattuor annum:
Hic trahit in sese, quod continet Orbis uterque,
[10] Et volitans, et quadrifida qui mole quiescit.
Hic licet aetherius, tamen his dignatus oletis
Connasci, se multimodis virtutibus infert:
Magna dei suboles * Chronii, qui cuncta per omnem
Movit naturam, et primaeva est rebus origo.
[15] Spiritus ille ingens, Mundi distractus in artus
Non una virtute cluit, sed mille figuras:
Mille modos profert, et spargit mille colores.
Namque suae par est contractae dotibus aurae,
Quam sibi perpetuis vinclis univit ab ortu.
[20] Est tamen in † minio longè preciosior aura:
Non in vulgari, sed quod se Solis ab ortu
Extulit, et tractim pelagi * spumantibus undis
Aequale evadit, Veneris natalibus almae:
Et spernit tandem Vulcanum, † et in igne triumphat,
[25] Multicolorqué velut splendet Thaumantia proles.
Sed jam Sol vergit, * seróque it Vesper Olympo:
I, Chrysanthe: casâ vicinâ hâc nocte jacebis.
Cras ubi puniceo Pallantias ibit amictu,
Et caput igniferum producet ab aequore Phoebus,
[30] Plura revelabo: tu me hac sub frunde videbis.
——————
[v. 4] l De Phanete deorum parente vide Orphei hymnum.
[v. 7] m Alias linea viridis dicitur.
[v. 13] * Saturni id est temporis.
[v. 20] † Mercurio Philosophorum.
[v. 22] * Albescentibus.
[v. 24] † Varii in Mercurio colores.
[v. 26] * Abruptio.

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Chryseis, Liber II. 117

den Dingen große Pracht. Dieser ist die Cyprische Gottheit. Dieser ist die
hochbejahrte Dione. l Dieser [ist] womöglich Phanes, von dem einst Or-
pheus überlieferte, [5] er habe vor dem Chaos zu Anfang unter den himmli-
schen Göttern für die Dinge die Stätte und den passenden Rang festgesetzt.
m Dieser dreht gleichsam als Angelpunkt kräftig alles mit fester Bewegung
herum. Dieser unterteilt das ganze Jahr in vier Teile. Dieser hat bei sich im
Gefolge, was ein jeder der Weltkreise enthält; [10] sowohl der hochschwe-
bende, als auch derjenige, welcher in der viergeteilten Masse ruht. Dieser,
mag er auch ein himmlischer sein, hielt es dennoch für wert, diesem Unrat
eingeboren zu werden; bringt sich mit mannigfaltigen Eigenschaften ein.
Der große Abkömmling des Gottes * Chronos, welcher alles in der ganzen
Natur bewegt, ist auch den Dingen der früheste Ursprung. [15] Jener unge-
heuere Geist, zerteilt in die Glieder der Welt ist nicht wegen einer Eigen-
schaft groß, sondern tausend Gestalten, tausend Erscheinungen bringt er
hervor, und streut aus tausend Farben. Denn er ist an Gaben gleich seinem
verbundenen Glanz, welchem er sich durch stetige Bande von Anfang an
vereinigte. [20] Es ist dennoch im † Zinnober ein weitaus kostbarerer
Glanz; nicht im gemeinen, sondern welcher sich von Sonnenaufgang an
verbreitete, und der nach und nach sich selbst gleich den * schäumenden
Wogen der See entkam, den Geburtsstätten der nährenden Venus. Ebenso
verachtet er zuletzt Vulcanus † und trägt im Feuer den Triumph davon,
[25] und er glänzt vielfarbig so wie die Thaumantische Tochter
Doch bereits neigt sich die Sonne, * und spät tritt der Abendstern ans
Firmament. Geh, Chrysanthus. In einer nahen Hütte wirst Du in dieser
Nacht ruhen. Morgen, sobald im purpurfarbenen Umhang Pallantias auftre-
ten wird, und Phoebus das feuertragende Haupt aus der Meeresfläche er-
heben wird, [30] werde ich Mehreres enthüllen. Unter diesem Laub wirst
Du mich finden.
——————
[v. 4] l Über Phanes, den Erzeuger der Götter, siehe den Hymnus des Orpheus.
[v. 7] m Sonst wird sie die Grüne Linie genannt.
[v. 13] * Des Saturns, das heißt: der Zeit.
[v. 20] † Im Mercurius der Philosophen.
[v. 22] * Den Weißmachenden.
[v. 24] † Beim Mercurius die verschiedenen Farben.
[v. 26] * Abruptio.

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118 B. Edition und Übersetzung

[S. 25] IOHANNIS NICOLAI FURICHII,


Med[icinae] D[octoris] et Poët[ae] Caes[arei]

CHRYSEIDOS
LIBER III.
Argumentum,

CO ntinet liber tertius somnium authoris, et ejus explicationem â Sene sub-


junctam, unde arguitur, quod ex auro semen Lapidis Philosophici sit peten-
dum; ostendit insuper quale requiratur aurum, et quo pacto, mediove ex-
tundatur ejus semen: rejecit interim caetera, quae tincturam aliquam metal-
lis tantum illinunt, perfacili labore rursus inde separandum: iterum de auro
minerali: extollit rerum natalem integritatem: invehitur Satyrica elusione in
secus sentientes: tradit aliqua de sulfuribus Solis et Lunae: obiter tangit
ignis modum: iterum de Mercurio Philosoph[ico] specialiora, et nonnulla
de ejus cum semine conjunctione: de Mercurii partibus combustibilibus,
quas quidam cambar vocant: solvit tandem objectionem de transmutatione
metallorum.

[S. 26] AS t ego nocturnae condo mea membra quieti:


Vix connixi oculis, agitant cum somnia mentem.
Quid sibi tanta volunt, exclamo, horrende * Phobetor?
Et mea stratus humi languentia membra voluto.
[5] Tollo caput, relevóque oculos ad sidera fessos:
Vergilias video vix dum * concedere coelo,
Et Iugulas lento cursum persolvere passis.
Intereà verso insomnis nova somnia mecum,
Dum coepit roseis Aurora micare capillis:
[10] Impatiens expecto senem: consurgo, pedemqué
Promoveo, et venio signatae ad germina quercus.
Hîc offendo senem junctis ad sidera palmis,
Cumque audit strepitum, respexit ponè meantem:
Surgit, et amplexu, salve sis, dixit amico:

——————
[v. 3] * Deus somniorum, quemadmodum et Morpheus.
[v. 6] * Ita Plautus in Amphitruone.

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Chryseis, Liber III. 119

[S. 25] DES JOHANNES NICOLAUS FURICHIUS,


Doktor der Medizin und Kaiserlicher Dichter

DER CHRYSEIS
III. BUCH
Inhalt,

Es enthält das dritte Buch einen Traum des Verfassers, und hinzugefügt
dessen Erklärung durch einen Greis, worin deutlich kundgetan wird, wel-
cher Same des Steins der Weisen aus dem Gold zu erlangen ist. Es zeigt
darüber hinaus auf, was für ein Gold benötigt wird und auf welche Weise
oder durch welches Mittel dessen Same zu Wege gebracht wird. Es verwirft
indessen die übrigen, welche den Metallen bloß irgendeine Färbung auf-
schmieren, die durch äußerst geringe Mühe von diesen wiederum abzuson-
dern ist; wiederum über das mineralische Gold: Es hebt die Reinheit der
Dinge bei der Entstehung hervor. In ›satyrischer‹ Verhöhnung wird gegen
jene losgezogen, welche anderer Meinung sind. Es behandelt weiteres über
die Schwefel von Sol und Luna. Unterwegs kommt es auf die Art des
Feuers; wiederum über den Philosophischen Mercurius Genaueres wie
auch manches über dessen Vereinigung mit dem Samen; über die verbrenn-
baren Teile des Mercurius, welche manche Zinnober nennen. Zuletzt ent-
kräftet es den Einwand bezüglich der Verwandlung der Metalle.

[S. 26] Allein, ich berge meine Glieder in nächtlicher Ruhe. Kaum sind die Augen
geschlossen, da wühlen Träume das Gemüt auf. »Was, rufe ich aus,
schrecklicher * Phobetor, soll das alles bedeuten?« Und auf dem Boden
hingestreckt wälze ich meine matten Glieder hin und her. [5] Ich hebe
das Haupt und richte die müden Augen zu den Sternen empor. Kaum
sehe ich, wie die Plejaden sich * vom Himmel zurückziehen, und das Drei-
gestirn mit trägen Schritten den Lauf vollendet. Unterdessen bin ich bei mir
schlaflos mit neuen Träumen zugange, da Aurora mit rosenfarbigen Haaren
zu schimmern beginnt. [10] Ungeduldig erwarte ich den Greis. Ich erhebe
mich, mache mich auf den Weg und komme zu den Zweigen der verein-
barten Eiche. Dort stoße ich auf den Greis, der die Hände zu den Gestirnen
ausgestreckt hat. Als er das Geräusch hörte, blickte er nach hinten auf den
Ankömmling. Er erhob sich und, indem er den Freund umarmte, sagte er:

——————
[v. 3] * Ein Traumgott, ebenso auch Morpheus.
[v. 6] * So Plautus im ›Amphytruo‹.

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120 B. Edition und Übersetzung

[15] Quid, Chrysanthe, vales? Ecquid placet hospita tellus?


Parcior hîc somnus: sunt dura cubilia nobis:
Non haec sancte senex, inquam, turbare valerent
Defessos animos: caussa at sublimior obstat.
Mira hodiè nostram quassârunt somnia mentem.
[20] Si vacat, et gratum est, omnem enarrabo tenorem:
Annuit ille, simul mecum consedit in herba.
Tunc ego confidens: dictis ergò arrige mentem.
Ante meos oculos visa est speciosa deorum
Apparere cohors, et me circumdare totum.
[25] Diva Paphi custos primùm est ordita loquelam,
Dicens: Ecce sequor modò sera cubilia Phoebi,
Mox praeco, Eois cum Sol redit udus ab oris.
Ad te jam venio * aerato spontanea curru,
Non impulsa minis. Quis enim divae imperet audax?
[30] Aëre quidem vestita sono: sonat aere curule:
Aenea sceptra haec sunt: fulcra aenea, et aenae torques.
Ne mirare habitum: mihi non Cytheria Cypros
Iam dat tecta: inter jam gratum est ire fodinas.

——————
[v. 15] Ita Authorem adscitio nomine compellat Senex.
[v. 26] Hesperus.
[v. 27] Lucifer.
[v. 28] * Quia jam Cupri dea dicitur.

[S. 27] Vis quidem ab axe data est, * purâ splendescere luce
Vt liceat: mihi dura tamen, vilisque supellex
Exsolvit vires; alias mea numina cunctae
Sentirent fabricae. Tamen haec carchesia porto,
[5] Vnde profundo imbrem super haec * infirma metalla,
Et maculas extergo omnes, naevósque vetustòs,
Vt jubar introeat Phoebi, grandísque facultas.
Hic imber fluit uberibus, cum copula Amoris
Mulciberiqué dolus me junxit forte † Gradivo.
[10] Iam sum foeta brevi pulcrum enixura * puellum,
Atque mihi Lucina foret bis quarta Diana:
Clarus erit laude, atque excellet utrumqué parentem.
——————
[v. 1] * Id est non obscura.
[v. 3] N[ota] B[ene].
[v. 5] * Caetera omnia praeter Aurum et argentum.
[v. 9] † Ferro.
[v. 10] * Spiritum ex vitriolo utriusque destillatum.

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Chryseis, Liber III. 121

»Sei gegrüßt. [15] Wie fühlst Du Dich, Chrysanthus? Wie gefällt Dir das
fremde Land? Schlaf ist hier recht selten, die Lager sind für uns hart.«
»Nicht diese, ehrwürdiger Greis, erwidere ich, wären imstande, die er-
schöpften Sinne in Unruhe zu halten. Eine höhere Ursache jedoch steht
dagegen. Mein Gemüt erschütterten heute wundersame Träume. [20] So-
fern wir Zeit haben, und es recht ist, werde ich den ganzen Verlauf erzäh-
len.« Jener nickte zustimmend, und gleich darauf setzte er sich mit mir ins
Gras. Darauf begann ich im Vertrauen: »Also richte deine Aufmerksamkeit
auf das Gesagte.
Vor meinen Augen schien eine prächtige Schar von Göttern aufzutauchen
und mich ganz zu umgeben. [25] Zuerst war es an der göttlichen Behüterin
der Stadt Paphus zu sprechen, sie sagte: ,Sieh, bald folge ich spätabends den
Nachtlagern des Phöbus, bald kündige ich ihn an, wenn der Sonnengott be-
netzt aus den Gegenden im Morgen zurückkehrt. Zu Dir komme ich aus
eigenem Antrieb im * erzbeschlagenen Wagen, nicht durch Drohungen ver-
anlaßt. Wer wäre so verwegen, einer Gottheit Befehle zu erteilen? [30] Ge-
hüllt bin ich nämlich in tönendes Erz. Von Erz tönt der Sitz. Aus Erz sind
diese Szepter, die Polster aus Erz, wie auch aus Erz die Halsberge. Wundere
Dich nicht über die Aufmachung. Mir bietet kein Obdach mehr das Cytherei-
sche Zypern. In den Bergwerken zu wandeln ist nunmehr willkommen.
——————
[v. 15] So redet den Verfasser mit dem erfunden Namen an der Greis.
[v. 26] Abendstern.
[v. 27] Morgenstern.
[v. 28] * Weil sie außerdem die Göttin des Kupfers genannt wird.

[S. 27] Die Kraft ist zwar von der Himmelsachse verliehen,* so daß es frei steht, in
reinem Licht zu gleißen. Dennoch entzieht mir das derbe und wertlose
Rüstzeug die Kräfte. Andernfalls würden alle Metallwerkstätten meine
Gottheit verspüren. Gleichwohl trage ich diese Gefäße, [5] aus welchen
ich über diese * schwachen Metalle ein Wasser ausgieße und alle Flecken
abwasche und alten Makel, damit der Glanz des Phoebus hineintritt, und
eine bedeutende Kraft. Dieses Wasser entströmte den Brüsten, da gerade
die Fessel Amors und die List des Schmelzers mich einmal dem † Kriegs-
gott verbanden. [10] Schon bin ich schwanger und werde in kürze einen
holden * Knaben gebären. Und Geburtsgöttin wird zweimal die vierte Dia-
na mir sein. Berühmt wird er ob seiner Vortrefflichkeit sein und beide El-

——————
[v. 1] * Das heißt: nicht im Dunklen befindlich.
[v. 3] Beachte genau.
[v. 5] * Alle anderen neben dem Gold und dem Silber.
[v. 9] † Dem Eisen.
[v. 10] * Den Geist, welcher aus dem Vitriol der beiden destilliert ist.

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122 B. Edition und Übersetzung

At a Phoebus, postquam percepit verba sororis,


Parcius ista diis, inquit: non sola metallis
[15] Praeses ades: sed ego quoque sceptra superba guberno:
Nos etiam b ignis alit, nec promulsa antia flammis
Conflagrat, quamvis caput inter fulmina condam.
Ipse mihi c genitor nato struit usque fideli
Crebras insidias, regnumqué invadit avitum.
[20] Haec simulac dixit, thermas descendere in altas
Visus Apollo fuit, sesequé immergere lymphis.
Interea dum ludit aquis prolutus amoenis,
Deliquium invadit mentis, tenerosqué per artus
Perreptat glacies. Mox prodit concio divûm:
[25] Consultant medici divi: suffragia poscit
Alipes ille deus. Dic tu, d Saturne, deorum
Quid sentis, inquit, genitor? Quid caussa doloris?
Te penes est etenim secreta e scientia rerum.
Huic ita Saturnus: Vera inquis: temporis author
[30] Sum verúsque parens: meus est et Olympus et Orcus,
Hujus de latebris per Mundum f semino mortem,
Illius at latices me fundunt auspice vitam.

——————
[v. 13] a Aurum.
[v. 16] b Aurum ab igne nihil deperdit.
[v. 18] c Saturnus.
[v. 26] d Mercurius.
[v. 28] e Saturnus scientiae secretae inventor.
[v. 31] f Tempus omnis generationis et corruptionis author.

[S. 28] Ne turbate animos: falce hac percussus Apollo


Seminianimis cecidit, vitreo dum fonte lavabat.
Haec namque arma fluunt grave olente peruncta veneno:
Non tamen extinxi. Namque est carissima proles,
[5] Delicium proprio quamvis sit sanguine vesci:
Et licet effundat torrentem ê corde cruoris,
Non animam tamen efflabit. Nam vita deorum
Immortalis agit, crudelis nescia fati.
Haec nostri feci caussâ, generosus ut humor
[10] Exfricet * has rugas, et tetri plumbea vultus
Terricula, et parili vos omnes mactet honore.
Namque cruor Phoebi nostro de corpore sordes
——————
[v. 6] Plumbum mirè auro adhaerescit.
[v. 10] * Ipsius Saturni.

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Chryseis, Liber III. 123

ternteile wird er übertreffen.‹ Allein, a Phoebus, nachdem er die Worte der


Schwester vernommen hatte, diese war für eine Gottheit recht bescheiden,
sprach: ›Nicht nur Du, als Vorsteherin der Metalle [15] bist anwesend,
sondern auch ich regiere das erhabene Reich. Uns nährt außerdem b das
Feuer, aber nicht steht uns das nach vorn gestrichene Haupthaar in Flam-
men, wie sehr auch ich den Kopf zwischen Blitzstrahlen berge. Der c Ur-
vater selbst bereitete mir, der ich ein verläßlicher Nachkomme war, in ei-
nem fort zahlreiche Nachstellungen und drang in das vom ihm ererbte Herr-
schaftsgebiet ein.‹ [20] Sobald er dies gesagt hatte, sah man, wie Apoll in
tiefe warme Quellen hinabstieg und in die Wasser eintauchte. Dieweil er
sich von den angenehmen Fluten überströmt seine Zeit vertreibt, über-
kommt [ihn] geistige Umnachtung, und durch die feinen Gliedmaßen kri-
echt eine Starre. Bald tritt die Götterschar auf. [25] Man zieht die für Hei-
lung zuständigen Götter heran. Eine Beratschlagung fordert jener Gott mit
den Flügelschuhen. ›Sprich Du, d Saturn, Erzeuger der Götter, sagt er, was
denkst Du? Was ist die Ursache des Leidens? In Deinem Besitz ist das
geheime e Wissen von den Dingen.‹ Darauf antwortete folgendermaßen
Saturn: ›Du sprichst Wahres. Ich bin der Urheber der Zeit [30] und der
wahrhaftige Vater. Mein ist der Olymp, wie auch der Orcus, aus dessen
verborgenen Winkeln ich den Tod in die Welt f aussähe, andererseits ver-
strömen die Wasser von jenem unter meiner Gutheißung Leben.
——————
[v. 13] a Das Gold.
[v. 16] b Das Gold verliert nichts durch das Feuer.
[v. 18] c Saturn.
[v. 26] d Mercurius.
[v. 28] e Saturn, der geheimen Wissenschaft Erfinder.
[v. 31] f Die Zeit als Urheber jedweden Werdens und Vergehens.

[S. 28] Laßt den Mut nicht sinken. Von dieser Sichel durchbohrt fiel Apoll halbtot,
während er sich im gläsernen Quell wusch. Denn wahrlich triefen diese Waf-
fen schwer bestrichenen von übelriechendem Gift. Dennoch habe ich ihn
nicht getötet. Denn fürwahr ist er der teuerste Nachkomme, [5] wie sehr es
auch eine Wonne sein mag, sich am eigenen Fleisch und Blut zu laben. Und
wenn er auch aus dem Herzen einen Schwall von Blut ergießt, wird er den-
noch die Seele nicht aushauchen. Denn er lebt das unsterbliche Leben der
Götter, welches das grausame Schicksal nicht kennt. Dies tat ich um unsret-
willen, [10] damit der edle Saft * diese Runzeln glättet und die bleiernen
Schrecknisse des häßlichen Antlitzes, und euch alle mit gleicher Pracht be-
schenkt. Denn fürwahr wäscht das Blut des Phöbus allen Schmutz von un-

——————
[v. 6] Das Blei bleibt auf auffällige Weise am Gold hängen.
[v. 10] * Des Saturn selbst.

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124 B. Edition und Übersetzung

Abluit, et vita dat nobiliore potiri.


Hujus ego interea vitae fundamina fovi,
[15] Ad se dum redeat, pergatque cuique coronam
Ex auro effectam, gemmisque rubentibus auctam.
Haec cum fatus erat, pergit * Cyllenius heros,
Atque Iovem affatur summum, † cui nulla corona
Aurea visa fuit crispos circuire capillos.
[20] Post hunc pallentem compellat voce Dianam:
Mox Venerem alloquitur: tum Martis numina poscit.
Spondet opem unusquisque suam. Iam balsama odora
Certatim nares mulcent, et tempora Phoebi,
Dum revocasse animi vires in corde latentes
[25] Denique spectabant divi, Phoebusque repente
Subsiliens, surgebat iners ab imagine mortis.
Extulit ille caput, curásque expendit acutas
Divorum, quantis dederint solatia damnis:
Effundit lumen, radiosqué extendit amoenos,
[30] Et fratres implet miranda luce clienteis.
Haec ego dum video, suplex in genua videbar
Procubuisse, volens divos majora precari:
Ast ego difficilem dum duco spiritum anhelus,
——————
[v. 17] * Mercurius
[v. 18] † Quia jam ignobiliori solum metallo praeest.
[v. 20] Argentum.
[v. 21] Cuprum. Ferrum.
[v. 30] Loquitur de tinctura.

[S. 29] Somno expergiscor, specieque elabor inani.


Hîc meus ille Senex: O te, Chrysanthe, beatum!
Non equidem species haec est, ut reris, iananis:
Iam mihi vera fides, quòd amet te concio divûm.
[5] Non etenim haec cuivis veniunt oracula ad aures:
Verùm exponendum est, haec quid tibi phasmata signent.
Haut dubium est, inter legisse volumina patrum,
Quòd, cui septenus foret una in voce character,
Chrysolithi sit principium: sed grammate scribunt
[10] Septeno Argivi, res est manifesta, Planetam:
Ipse Planeta notat bis trina unumque metalla.
Namque antistibus non est contraria, opinor,
Dictio, ut adversis tollant sua signa maniplis.
Argentum eliciunt vivum; sulfúrque metallis:
——————
[v. 9] Vox ἑπταγράμματοϲ quid significet apud Chymicos?

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Chryseis, Liber III. 125

serem Körper und gibt, daß wir eines vornehmeren Lebens teilhaftig wer-
den. Unterdessen hegte ich die Grundlagen von dessen Leben, [15] damit
er, sobald er zu sich zurückkehrt, einem jeden eine Krone überreicht, aus
Gold gefertigt und mit roten Edelsteinen geziert.‹ Als er dies gesagte hatte,
fuhr der * Cyllenische Heros fort und wandte sich an den höchsten Jupiter,
† dem keine goldene Krone das krause Haar zu umgeben schien. [20] Nach
diesem richtete er das Wort an die bleiche Diana. Dann wandte er sich an
die Venus. Darauf geht er die Person des Gottes Mars um Rat an. Ein jeder
gelobt seinen Beistand. Schon umschmeicheln wohlriechende Balsame im
Wettstreit die Nasenlöcher und Schläfen des Phoebus, [25] während die
Götter schließlich mitansahen, wie sie die im Herzen verborgenen Kräfte
zurückriefen, erhob sich nun Phoebus, da er unvermutet emporfuhr, träge
vom Abbild des Todes. Jener hob das Haupt und vergalt die weitsichtigen
Bemühungen der Götter, welchen Qualen sie Abhilfe verschafft hätten. Er
verströmte Licht, breitete angenehme Strahlen aus [30] und hüllte die
dienstbaren Geschwister in staunenerregenden Glanz. Während ich dies
sah, schien ich flehend auf die Knie gefallen zu sein, in der Absicht, von
den Göttern bedeutendere Dinge zu erbitten. Allein, da ich keuchend mit
Mühe Atem hole,

——————
[v. 17] * Mercurius
[v. 18] † Weil er außerdem bloß über ein recht geringes Metall gesetzt ist.
[v. 20] Das Silber.
[v. 21] Das Kupfer. Das Eisen.
[v. 30] Es wird über die Tinktur gesprochen.

[S. 29] erwache ich aus dem Schlaf und entgleite der bedeutungslosen Erschei-
nung.«
Da nun rief mein Greis: »Oh, Chrysanthus, Du glücklicher! Diese Er-
scheinung ist allerdings nicht bedeutungslos, wie Du annimmst. Nunmehr
bin ich der festen Überzeugung, daß Dich die Götterschar liebt. [5] Nicht
jedem Beliebigen nämlich kommen diese Geheimnisse zu Ohren. Aber es
ist darzulegen, was diese Erscheinungen für Dich bedeuten. Es besteht kein
Zweifel, während man die Bände der Väter gelesen, daß der Urgrund des
Chrysolith sei, welchem in einem Wort zusammen sieben Buchstaben wä-
ren. [10] Aber durch jeden der sieben Buchstaben bezeichnen die Argiver,
die Sache ist offenkundig, einen Planeten. Zweimal drei und ein Metall
bezeichnet seinerseits jeweils ein Planet. Wahrlich, so meine ich, den Mei-
stern steht die Aussage nicht entgegen, daß sie ihre Zeichen in entgegen-
setzter Ordnung aufreihen. Das Quecksilber entlocken sie den Metallen und
——————
[v. 9] Was das aus sieben Buchstaben bestehende Wort bei den Chemikern bedeuten soll.

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126 B. Edition und Übersetzung

[15] His qui sordities potis est emungere cunctas,


Alterum in alterius sincera ut corpora repat,
Non fortasse operam et perdet frustratus olivum.
At plus ex auro vicinius eruta possunt.
Aurum etenim cum sit reliquis quasi summa metallis,
[20] Cunctorum includit vires, ceu flumina Pontus.
Fac ergo imprimis caveas, né simplice sensu
Scripta virûm accipias, nec [*]269 semina inania vulgi
Supponas veris. Dii te monuere faventes.
Phoebus enim imperii verè jactavit habenas:
[25] Ipse praeest auro, postquam † Chryseis abivit:
Non tamen ex auro divinum semen habebis,
Si non ante bibat * mordacis flumina lymphae,
Sentiat atque intus Saturni toxica dira.
Tale est Chrysolithi semen, quod viscera in ima
[30] † Secreta condatur humi: est hoc nobile sulfur,
Quod stabili donat sua fundamenta colore.
Sulfura namque solo sunt diversissima quovis,
Naturámque sui sectantur cuncta metalli:
——————
[v. 22] * Id est semina metallorum.
[v. 25] † Rapta fuit à Plutone.
[v. 27] * Menstrui.
[v. 30] † Mercurium praeparatum.
[v. 31] Sulfur auri.
[v. 32] Sulfarum diversitas.

[S. 30] Sunt tamen et sordeis, atque excrementa fodinis,


Quae pariter tingunt leviora alio aera colore:
Est tamen his fucis tantum difflabilis aura,
Qui licet afflando videantur ferre vigorem,
[5] Non tamen in penita fixi radice morantur,
Quales sunt vulgò contracti ab alumine vili,
Aut de sulfuribus, vendit quae elumbis anicla.
Hi sunt * Idaliae fuci, quos sprevit Apollo.
Ergo non illinc gemmae est tinctura cienda:
[10] Prodeat ex Phoebi, pallentísque aere Dianae:
Sulfureas illinc gemmae, Chrysanthe, medelas
Eliquet ignipotens, et multo diluat igne:
——————
[v. 6] Alumen albificat.
[v. 8] * Veneris.
[v. 10] Sulfur auri et argenti vera sunt principia Lapidis.

269 Asterisk fehlt in Vorlage, obschon in der Glosse.

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Chryseis, Liber III. 127

den Schwefel, [15] der imstande ist, alle Verunreinigungen von diesen ab-
zuwaschen, auf daß der eine in des anderen unvermischte Körper schlüpft,
womöglich nicht wird ein Betrogener Öl und Mühe verschwenden. Allein,
mehr vermögen die näher aus dem Golde Gezogenen. Denn in der Tat ent-
hält das Gold, da es im Vergleich zu den übrigen Metallen gleichsam die
Summe darstellt [20], die Kräfte aller, wie der Pontus die Ströme.
Trag also Sorge, daß Du Dich vor allem davor hütest, daß Du die Schrif-
ten der Männer im einfachen Sinn auffaßt, auch nicht [*] den wahren die
eitlen Samen des Pöbels unterschiebst. Die Dir gewogenen Götter haben
Dich unterwiesen. Phoebus nämlich schwang in der Tat die Zügel der Herr-
schaft. [25] Er selbst steht dem Gold voran, nachdem † Chryseis fortging.
Dennoch wirst Du aus Gold keinen göttlichen Samen erhalten, wenn es
nicht vorher Ströme von beißendem Wasser trinkt und nicht im Innern
die grausamen Gifte Saturns verspürt. So beschaffen ist der Same des Chry-
solith, daß er in den verborgenen [30] † innersten Eingeweiden des Erd-
reichs aufbewahrt wird. Es ist dies der edle Schwefel, der seinen Urgründen
eine dauerhafte Färbung verleiht. Denn es gibt fürwahr überall im Boden
die unterschiedlichsten Schwefel, und alle spüren der Natur seines Metalls
nach.
——————
[v. 22] * Das heißt: die Samen der Metalle.
[v. 25] † Sie wurde geraubt von Pluto.
[v. 27] * Des Menstruum.
[v. 30] † Der bereitete Mercurius.
[v. 31] Der Schwefel des Goldes.
[v. 32] Der Schwefel Verschiedenenheit.

[S. 30] Dennoch gibt es Verunreinigungen wie auch Aussonderungen in den Berg-
werken, welche ebenso die leichteren Erze in eine andere Farbe tauchen. Es
entsteht lediglich ein abblasbarer Glanz durch dieses Schminken, die, sei es
auch, daß sie das Angepustetwerden auszuhalten scheinen, [5] dennoch
nicht drinnen in der Wurzel verhaftet sind. Solche werden vom Pöbel aus
gemeinem Alaun gezogen oder aus Schwefeln, welche ein lahmes altes
Mütterchen feilbietet. Dies ist der Idalischen * Schminkzeug, welches
Apoll verschmähte. Folglich ist hieraus die Tinktur für den Stein nicht zu
ziehen. [10] Sie soll hervortreten aus dem Erz des Phoebus und der blei-
chen Diana. Hieraus, Chrysanthus, läßt der Feuerbeherrscher die schwefli-
gen Heilmittel des Steines herausfließen und klärt sie in heftigem Feuer, so

——————
[v. 6] Das Alaun macht weiß.
[v. 8] * Der Venus.
[v. 10] Der Schwefel des Goldes und des Silbers sind die wahren Principia des Steins.

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128 B. Edition und Übersetzung

Dum palpare manu nequeat, † similisque sit aurae.


His iterum extensis, et in infinita redactis,
[15] Immensam poterit molem * convertere in aurum,
Ingentem minimo: grano portenta Colossi.
Magnum equidem est † Naturae opus, et mirabile lumen
Aurum: non tamen id, quod vulgò pascit avaros:
Sed quod sub terris altè viget usque repostum:
[20] Aes non expertum violenti brachia fabri:
Electri rutilans instar, sed purius auro,
* Quod compar viridi cuncti dixêre smaragdo:
Non quod sic vireat, veluti vaga gramina Tempe,
Sed quod in hoc regnet spirantis copia caeli.
[25] Hoc aes intactum viridans quoque linea dicta est,
Creditaque immensum distenta fuisse per orbem,
Naturaequé ipsi dare vitam, et condere leges.
Chrysolithi hoc genus est: haec est natura reposta.
Non est in cupro: non est in corpore vili,
[30] Quamvis sic tecto clament sermone magistri.
Ergo quod gemma est, ejecta faece, futurum,
Esto recens, sapiátque suae incunabula matris:
E scrobibus veniat, puro spiramine turgens,
——————
[v. 13] † Alcool Arabes vocant.
[v. 15] * Tinctura.
[v. 17] † Auri encomia, sed subterranei.
[v. 22] * Viredo auri.
[v. 25] Linea viridis quid.
[v. 29] Materia Lapidis in caeteris metallis non existit.

[S. 31] Non passum aritificis conamina torva ferini:


Non ignis vires, pluviosi aut aetheris iram.
Nam quò quid propius natali abscessit ab ortu,
Vi tanto majore tumet, majoribus ausis.
[5] In pueris calor ê cunis * generosior halat:
Major inest virtus herbis, et floribus ipsis, †
Quando luxuriant prima lanugine foeta.
Aurea prima aetas erat, atque uberrima doctis
Ingeniis: homines grandes excedere pinus *
[10] Visi sunt quondam, non, ut nunc, pumiliones.
——————
[v. 1] Primordia cujusque rei sunt nobiliora progressu.
[v. 5] * Blandus puerorum calor.
[v. 6] † Non tamen generale est.
[v. 9] * Homines primi saeculi.

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Chryseis, Liber III. 129

lange er es mit der Hand nicht zu berühren vermag † und es der Luft ähnlich
ist. Mit diesen, sobald sie wiederum gestreckt und ins Unendliche gebracht
sind, [15] könnte er eine unermeßliche Menge * in Gold verwandeln, mit
einem ganz kleinen Körnchen die ungeheuren Massen des Kolosses.
Sicherlich ist ein großes † Werk und eine wunderbare Zierde der Natur
das Gold. Dennoch nicht das, welches nach Volksmeinung die Geizhälse
satt macht, sondern das sich tief unter der Erde verborgen immerfort regt.
[20] Ein Erz, das nicht die Arme des kräftigen Schmiedes verspürt hat,
schimmernd wie Bernstein, aber reiner als Gold, * von dem alle sagten,
es sei völlig gleich dem grünen Smaragd. Nicht weil es so grün wäre,
wie die ausgedehnten Grasflächen im Tempetal, sondern weil in ihm waltet
die Pracht des belebten Himmels. [25] Dieses unberührte Erz wird auch die
grünende Linie genannt und man glaubt, daß sie um den ganzen unermeß-
lichen Erdkreis gespannt ward, und daß sie der Natur selbst Leben gab und
Gesetze begründete. Dies ist die Art des Chrysolith, dies ist die verborgene
Natur. Nicht ist er im Kupfer, nicht ist er in einem wertlosen Körper, [30]
wie sehr auch derart in verdeckter Rede die Magister plärren. Frisch hat er
zu sein, und man soll ihm noch die Wickelbänder seiner Mutter anmerken,
aus dem Mutterschoß soll er kommen, strotzend von reiner Atemluft;

——————
[v. 13] † ›Alcool‹ nennen ihn die Araber.
[v. 15] * Die Tinktur.
[v. 17] † Des Goldes Lobpreis, doch des unterirdischen.
[v. 22] * Das Grünwerden des Goldes.
[v. 25] Was die Grüne Linie bezeichnet.
[v. 29] Die Materie des Steines kommt in den übrigen Metallen nicht vor.

[S. 31] nicht erfahren habend die grimmigen Mühen des rohen Handwerkers, nicht
die Kräfte des Feuers oder den Zorn des regenbringenden Äthers. Denn je
weniger etwas vom Moment der Entstehung entfernt ist, von desto größerer
Stärke strotzt es, von desto größerer Tatkraft. [5] Bei neugeborenen Kin-
dern weht der Lebenshauch * üppiger. Größere Kraft ist in den Kräutern
und selbst in den Blumen, † wenn sie als Keimlinge im ersten Flaum wu-
chern. Golden war das erste Zeitalter und dazu äußerst reich an gelehrten
Köpfen. [10] Einst schienen die Menschen die hohen Pinien zu überragen

——————
[v. 1] Die Urzustände eines jeden Dinges sind edler als die Entwicklung.
[v. 5] * Die angenehme Wärme bei den Kindern.
[v. 6] † Dennoch ist es nicht allgemeingültig.
[v. 9] * Die Menschen des ersten Zeitalters.

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130 B. Edition und Übersetzung

Non fuso immiti Lachesis fatale sinistra †


Praecipitabat opus: sed vita fluebat ad instar
Dulcisonî torrentis avis: Latitabat Erynnis
Nescia terrigenûm: * Furiae quoque lumina Mundi
[15] Nondum calcabant, morbis comitantibus, atrae.
Ecquae caussa fuit? Dextram sapuêre creantis †
Nempe Dei: testa innatum servabat odorem;
Et nondum sceleris crepitabat pondere tellus.
Iam verò postquam pravo deperdita luxu
[20] Omnia degenerant, meritò gravis incubat aetas:
Et cana ante diem venit accelerata senectus,
Atque ruinoso portendit corpore fatum.
Sic aurum, quò prima magis natalia spirat, [†]270
Hoc magis arridet, melioraqué semina praebet,
[25] Spiritibúsque incorruptis viget integra moles:
Vis agit inconcussa intus: latet ardua virtus.
Quam tu virtutem statuas in lumine claro,
Ruptis corticibus, siquidem tingentia quaeris
Semina, quae caeno quasi erant obtecta profundo.
[30] Quocirca, quod igne fluit, ne longius hauri:
Ex auro trahitur, quod in aurum vertere debet.
Annon explodes, fundésque ê splene cachinnos
Si quis aquam hausturus migret, quà Sirius ignes
——————
[v. 11] † Primaevae gentes μακροβιῴτεραι.
[v. 14] * N[ota] B[ene].
[v. 16] † Ratio dictorum.
[v. 26] Aurum solvendum.
[v. 33] Plagae Meridionales.

[S. 32] Exerit, et Cancri sunt sidera mista Leonis?


Si quis, ut incaleat, brumales currat ad oras?
Ergo eat Anticyras gens, et purgetur acuto
Stulta * Melampodio, quam sic dementia caepit,
[5] Vt vivax oleum, invalidis ceu chrisma metallis,
Fontibus ex auri temerè neget esse petendum:
Audétque in lotiis, et pumice quaerere sicco.
O rabies hominum! Scelus ô nulla arte piandum!
——————
[v. 2] Septentrionales.
[v. 4] * Helleboro.
[v. 7] Exclamatio.

270 Crux fehlt in der Vorlage, obschon in der Glosse.

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Chryseis, Liber III. 131

und nicht, wie jetzt, Zwerge. Nicht † überhastete die üble Lachesis mit der
Schicksalsspindel das Werk, sondern das Leben floß für die Ahnherren
dahin wie ein lieblich murmelnder Wildbach. Die Erynnie, welche das Er-
dengeschlecht nicht kannte, hielt sich verborgen. * Auch die schwarzen
Furien [15] traten noch nicht, von Krankheiten begleitet, vor die Augen
der Welt. Gab es irgendeinen Grund? Offenbar erkannte man die rechte
Hand des Schöpfergottes. † Der Topf behielt den Wohlgeruch, mit welchem
er in Berührung gekommen war. Auch ächzte die Erde noch nicht unter der
Last des Verbrechens. Fürwahr aber, da [20] * alles, durch unschickliche
Ausschweifung verdorben, entartet, lastet zu Recht ein beschwerliches Zeit-
alter auf uns. Auch kommt vor dem Tag grau das beschleunigte Alter und
kündigt im hinfälligen Leib an das Schicksal: ebenso das Gold. Je mehr es
vom Duft der frühesten Entstehungszeit an sich hat, desto mehr verheißt es,
desto bessere Samen bringt es hervor, [25] auch steht die unberührte Masse
mit ungeminderter Stärke in voller Blüte. Drinnen verweilt unerschüttert die
Kraft, verbirgt sich schwer zugänglich die Tugend. Diese Tugend erkennst
Du im hellen Licht, sobald die Schalen aufgebrochen sind, sofern Du ja
nach den Samen, die einfärben, verlangst, welche gleichsam von dickem
Schmutz überdeckt waren.
[30] Deswegen, was im Feuer fließt, schöpfe nicht länger: Aus Gold wird
gewonnen, was in Gold wandeln soll. Oder pochst Du nicht aus und prik-
kelt Dir nicht vor lauter Gelächter die Milz, wenn jemand, um Wasser zu
schöpfen dorthin wandert, wo der Hundsstern die Flammen
——————
[v. 11] † Die Urvölker waren recht langlebig.
[v. 14] * Beachte genau.
[v. 16] † Die Beziehung zum Gesagten.
[v. 26] Das aufzulösende Gold.
[v. 33] Die südlichen Gefilde.

[S. 32] heraustreibt, und das Sternbild des Krebses mit dem des Löwen vermischt
ist? Wenn jemand, um es warm zu haben, zu den hochwinterlichen Gegen-
den eilt? Also soll die Sippschaft sich nach Anticyra begeben und in ihrer
Einfalt mit scharfer * Nieswurz purgiert werden, welche derart dem
Schwachsinn anheimfiel, [5] daß sie lebhaft aufs Geratewohl verneint,
daß Öl, als Salbung für die kranken Metalle, aus den Quellen des Goldes
zu erlangen ist. Und sich untersteht, im Harn und im trockenen Geröll
herumzusuchen. Oh, Raserei der Menschen! Oh, auf keine Weise zu süh-
——————
[v. 2] Die Nördlichen.
[v. 4] * Mit Nieswurz.
[v. 7] Exclamatio.

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132 B. Edition und Übersetzung

Audebit tentare chaos gens impia foedum,


[10] Dum rerum invertit natura atque ordine rupto
Ipsa catenatum sensim diffibulat orbem.
Namque Deus cognata dedit primordia cunctis,
Et statuit rebus seriem, metasque severas.
Sed quoniam argenti de sulfure mentio facta est,
[15] A Phoebi puro impurum dignosce Dianae:
Hoc ab eo innati capit incrementa decoris:
Hoc est terrenum potius, coeleste sed illud.
Huic tamen illo opus est, illi hôc opus ordine verso est.
Non secus ac coeli spaciosa volumina formis
[20] Plena, sui in terras simulacra simillima fundunt:
Terra sinum roseum veniunte reducta marito
Intumet, et variis conspergit tergora plantis.
Sic junctis operis dum sulfura bina cohaerent,
Fatali gaudent nexu, ceu foedere firmo,
[25] Atque maritali quasi congeminata capistro.
Ergo focum strue subde ignem, sed ab aethere raptum:
Extrahe lento igni naturae sulfura fixae,
Qualia non superet ferventis spiritus Aethnae:
Haeret in his virtus animae, cunctique metalli:
[30] Haec sunt naturae quasi vivida * balsama lapsae,
Queis si vel minimum cariosa metallae † perungas,
Producent vitam, et quasi luxuriantia vivis
——————
[v. 14] Sulfur Lunae sive Argenti.
[v. 19] Comparatio.
[v. 27] Sulfura fixa.
[v. 30] * Mutuatio vocis.
[v. 31] † Ita dicitur, non ut junctione solum transmutent: sed allusivè Medicorum inun-
ctiones subinnuit.

[S. 33] Turgebunt succis. Dictum est, quô fonte petenda.


Namque suo radio produnt se sulfura tanta:
Haec non Vulcani feritas, sed mitior ignis
Eruat, aut subitò disrupto pariete sursum
[5] Aufugiet patriam versus, finésque polorum.
Nunc haerere animis; spero quid denotet omen,
Quô te praemonuit per somnia † nata Cybelles.
Iam redeo ad terram, cui seminis aurea pulpa *
——————
[v. 3] Cautela penes ignem.
[v. 7] † Chryseis.
[v. 8] * Iterum de Mercurio.

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Chryseis, Liber III. 133

nender Frevel! Die gottlose Sippschaft wird es wagen, sich an das furcht-
bare Chaos zu machen, [10] wenn sie nur das Wesen der Dinge verkehrt
und, sobald die Ordnung zerstört ist, selbst nach und nach auflöst den ver-
knüpften Erdkreis. Denn Gott gab fürwahr allen ähnliche Urgründe und
beschloß für die Dinge den Zusammenhang und die genauen Ziele.
Aber, weil ja der Schwefel des Silbers Erwähnung gefunden hat, [15]
unterscheide vom reinen des Phoebus den unreinen der Diana. Dieser
nimmt sich von jenem die Steigerung des angeborenen Schmucks. Jener
gehört eher zur Erde, dieser aber zum Himmel. Dieser braucht gleichwohl
jenen, jener braucht diesen in umkehrtem Verhältnis. Ganz so wie die wei-
ten Wölbungen des Himmels von Bildern [20] voll, auf der Erde ihnen sehr
ähnliche Abbilder erzeugen. Die Erde wölbt, da der Gatte naht, versöhnt
den rosigen Busen und bestreut den Rücken mit mannigfaltigen Pflanzen.
Derart verehelicht erfreuen sie sich, da die beiden Schwefel zusammen-
hängen, einer vom Schicksal bestimmten Verbindung, oder vielmehr eines
festen Bündnisses, [25] und gleichsam einander angeschlossen des Ehe-
bandes.
Also errichte einen Herd und tue Feuer hinzu, aber aus dem Äther ge-
raubtes. Entziehe auf kleiner Flamme die Schwefel von fester Beschaffen-
heit, wie sie nicht der Atem des brodelnden Ätna überträfe. In diesen steckt
die Tugend der Seele und aller Metalle. [30] Jene sind gleichsam die le-
bendigen * Balsame der abgeglittenen Natur, wenn man mit diesen, auch
nur sehr wenig, einem Metall die faulen Stellen † bestreicht, werden sie
Leben hervorbringen und, als ob sie von Lebenskraft schwollen,
——————
[v. 14] Der Schwefel der Luna, oder des Silbers.
[v. 19] Vergleich.
[v. 27] Die feuerbeständigen Schwefel.
[v. 30] * Eine Entlehnung des Wortes.
[v. 31] † So wird gesagt, nicht dergestalt, daß sie bloß in der Vereinigung verändern,
sondern es spielt übertragen an auf die Salben der Ärzte.

[S. 33] werden sie von Säften strotzen. Es ist gesagt, aus welcher Quelle sie zu
erhalten sind. Denn fürwahr durch ihren Strahl kommen so viele Schwefel
hervor. Diese soll nicht die Wildheit Vulkans, sondern sanfteres Feuer her-
ausbringen, oder er wird plötzlich, nachdem die Wand ringsum zerborsten
ist, [5] entfliehen hin zur Heimat oder den Grenzen des Himmels.
Nun hoffe ich, daß im Gedächtnis haftet, was das Vorzeichen bedeutet, mit
welchem Dir † die Tochter der Cybele durch Traumbilder weissagte. Nun
kehre ich zur Erde zurück, welcher das goldene zarte Holz des Keimlings *
——————
[v. 3] Vorsicht hinsichtlich des Feuers.
[v. 7] † Chryseis.
[v. 8] * Wiederum über den Mercurius.

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134 B. Edition und Übersetzung

Intumulanda foret. Nam lux hesterna vetabat


[10] Exsinuare modum, et sanctae natalia terrae.
Cinnabarim dixi dare pro sementibus agrum.
Haec terrae ê venis pariter, * velut aurea messis,
Produci debet: ne illi de robore quicquam
Dempserit ignis opus, † sed vivo cespite semen
[15] Ambiat, et fido conservet ventre solutum.
Interea nutricis agat pia munera * verae,
Dum menses bis quinque fluant, et nectare dulci
Crescentem irroret foetum, dum denique membris [†]271
Omnibus erumpat pulcer, lucemqué patentem
[20] Adfectet, spernatqué utero, claustrisqué teneri.
Imminet hîc partus: solvuntur vincula nato:
Incipiunt animae apparere in corpore signa:
* Procedit suboles patrio dignissima coelo,
Et licet inferior Saturno patre sit annis,
[25] Pondere praecellit tamen, et virtutibus ipsum.
Ergo metallorum summus, quem dico, Tyrannus,
(Mercurium vocitant) scrobibus productus ab imis,
Gemma est, quam toties decantavere priores,
Purpureis rutilans radiis, quae flamine constans
[30] Clarifico, fundit lymphas de fonte * perennes.
Hic eat ad coelos, et mox iterum inde recedat;
Cumque iterum atque iterum coelum fundumqué relambit
Penniger instabilis, pereunte rubigine quavis
——————
[v. 12] * Genitale solum Mercurii.
[v. 14] † Sit integer, ignem non expertus.
[v. 16] * Ut Mercurius aurum enutriat.
[v. 18] † Allusio.
[v. 23] * Lapis Philosophorum.
[v. 30] * Perennantes.
[v. 32] Sublimatio saepius repetenda.

[S. 34] Impatiens carici valido persistet in igne.


Extrahimus verò pedetentim, nec nisi certis
Solibus exactis, operis primordia nostri.
Horum si rectam semper teneamus amussim,
[5] Procedet votum. Requiescat vase profundo
Immotum corpus, flatus cui mobilis haeret:
——————
[v. 2] Extractio fit certis mensuris.

271 Crux fehlt in der Vorlage, obschon in der Glosse.

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Chryseis, Liber III. 135

einzupflanzen sein wird. Denn das gestrige Licht gestattete nicht, [10] das
Ziel und den Ursprung der göttlichen Erde darzulegen. Ich sagte, der Acker
brächte statt jungem Getreide Drachenblut hervor. Dieses muß aus den
Adern der Erde * ganz genauso wie eine goldene Ernte hervorgebracht
werden, damit jenem die Einwirkung des Feuers nichts von der Stärke fort-
nehmen wird, † sondern den Samen im intaktem Erdreich [15] umgibt, und
ihn im sicheren Bauch sacht gelagert bewahrt. Unterdessen soll sie den
redlichen Pflichten einer * wahrhaften Ernährerin nachkommen, während
zweimal fünf Monate verrinnen, und mit süßem Nektar soll sie den Keim-
ling benetzen, bis er schließlich mit allen Gliedern prächtig hervorbricht [†]
und das freie Tageslicht [20] anstrebt, und es verschmäht, im Mutterleib
unter Verschluß gehalten zu werden. Alsdann steht die Geburt bevor, dem
Geborenen werden die Fesseln gelöst. Im Körper beginnen sich Anzeichen
von Leben zu zeigen. * Der äußerst würdige Sprößling kommt dem väter-
lichen Himmel gleich, und mag er auch an Jahren jünger sein als der Vater
Saturn, [25] übertrifft er ihn selbst dennoch an Gewicht und an Tugenden.
Folglich ist das höchste der Metalle, welches ich ›Tyrannus‹ nenne
(man nennt es üblicherweise Mercurius), welches hervorgebracht wurde
aus den untersten Gruben, der Stein, den so viele zuvor besungen haben,
in purpurnen Strahlen rotleuchtend, [30] der beständig mit hellmachender
Flamme gießt aus der Quelle * immerwährend Wasser. Nun soll er in die
Himmel steigen und bald wiederum von dort zurückkehren. Und wenn der
rastlose Geflügelte immer und immer wieder Himmel und Erdboden be-
leckt hat, wird er, da die Rostfarbe zur Gänze vergeht,

——————
[v. 12] * Der zur Erzeugung des Mercurius gehörige Grund.
[v. 14] † Er soll unversehrt sein, das Feuer nicht erfahren habend.
[v. 16] * Wie der Mercurius das Gold aufziehen soll.
[v. 18] † Übertragener Ausdruck.
[v. 23] * Der Stein der Weisen.
[v. 30] * Lange Währ verleihend.
[v. 32] Die Erhebung ist öfters zu wiederholen.

[S. 34] nicht geneigt die Bürde zu tragen, im kräftigen Feuer verharren.
Wir aber ziehen daraus nach und nach und nur, wenn ein bestimmte
Anzahl von Tagen vergangen ist, die Urgründe unseres Werkes. Deren,
sofern wir immer das rechte Maß einhalten, [5] verheißener Erfolg eintritt.
In einem tiefen Gefäß soll der unbewegliche Körper ruhen, an welchem

——————
[v. 2] Die Ausziehung geschieht in bestimmten Maßen.

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136 B. Edition und Übersetzung

Corpus aquis acidis solvendum a flamine primum est,


Illico ad alta ibit fugiens quasi carcere rupto.
Haec crebris vicibus fiant, dum denique * fomes
[10] Extinguatur iners, et mors invisa fugetur,
Dum maneat totum, nihil et de pondere cedat,
Nec fiant unquam parvae divortia molis.
Ergo dum radius volat altius, alitis instar,
Separa ab impura, quum sit damnabilis, umbra:
[15] Exuat obscuras nebulas, et luce meraci
Prodeat, et contra fiat durabilis Orcum.
* Semper habet Venerem teneris in carnibus Hermes,
Quae fugit impatiens radiantis fulgura Phoebi,
More aquilae spuriae, quae non, ut † Dijovis ales,
[20] Arboreae insidens frondi collineat ortum:
Sic etiam enervata Venus, cui lumina languent,
Mutua * forte capit, fratre irradiante marito.
Namque † calor maris illepidas cum dissipat umbras
Conjugis, et pexos decorant calamistra capillos,
[25] Insignem imponit gemmis auroqué coronam
Marmoreae fronti, qua freta nec aetheris iram
Extimeat, nec marcescat sprirantibus Euris,
Nec ferat aegrè hyemem, nec saevi incendia Cancri.
Est autem Venus haec, quod ab igne cremabile sursum
[30] Semper agit, sed eodem ustum demiserit alas.
Hic est Mercurius, tenues cui demere pinnas
Debes, ut possit stabilis cum sulfure jungi.
Debet et urgeri flando vehementior ignis,
——————
[v. 7] Solutio Mercurii.
[v. 9] [*]272 Cambar Arabes vocant, id quod in uno quoque corpore ignobilitas causa est.
[v. 17] * Volatile in Mercurio vocatur Venus.
[v. 19] † Aquila vera.
[v. 22] * Lumina scilicet.
[v. 23] † Sulfur auri subintelligitur.

[S. 35] Tentarique idem, qui si de pondere quicquam


Perdit, et igne ipso non ut Salamandra triumphet,
Crede imperfectum, de nostroqué argue limo
Adglomeratum aliquid. Nam si nitet aethere puro,
[5] Ridebit flammas, ridebit fulminis iram:
Astrum erit, et certare volet cum sidere caeli:
Aut si nobilius fingi quid sidere possit.
272 Asterisk fehlt in der Vorlage, obschon im Text.

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Chryseis, Liber III. 137

eine bewegliche Hauchseele hängt. Mit beißenden Wassern ist der Körper
zuerst vom Hauch zu lösen. Auf der Stelle wird er in die Höhe steigen,
gleichsam als wäre das Gefängnis zerbrochen. Dies soll einige Male ge-
schehen, bis schließlich die träge * Wärme [10] erloschen und der verhaßte
Tod in die Flucht geschlagen ist, bis er als ganzes übrigbleibt, nichts von
der Masse entweicht, und keinerlei Abweichungen von geringer Masse
vorkommen. Also, solange der Strahl höher fliegt, gleich wie ein Flügel-
gänger, trenne ihn, da es sträflich ist, von den unreinen Schatten. [15] Er
soll sich der finsteren Nebel entledigen, er soll aus reinem Lichte hervor-
gehen und er soll beständig werden gegen den Orcus. * Immer soll Hermes
die Venus im zarten Leibe haben, welche unduldsam die Blitze des strah-
lenden Phoebus flieht, in der Art des unechten Adlerweibchens, welches
nicht, wie der † Flieger des Jupiters, [20] im Laub der Bäume sitzend
sich zum Sonnenaufgang hin ausrichtet. Derart empfängt auch die verzär-
telte Venus, deren Glanz ermattet, als * Borgende gar, da der Brudergatte
erstrahlt. Denn fürwahr, † wenn die Glut des Mannes die unangenehmen
Schatten der Gattin zerstreut, und Brenneisen das gekämmte Haar in Form
bringen, [25] und auf die glänzendweiße Stirn das mit Gold und Edelstei-
nen gezierte Diadem setzt, im Vertrauen auf welches sie weder mit Furcht
den Zorn des Äthers erwarten muß, noch wird sie geschwächt durch die
blasenden Ostwinde, noch muß sie mit Mühsal den Winter ertragen, noch
die wütenden Feuerbrände des Krebses. Es ist aber diese Venus das, was als
Brennstoff immer wieder vom Feuer weg nach oben [30] strebt, aber durch
dasselbe verbrannt die Schwingen ablegen würde. Dies ist Mercurius, dem
Du die zarten Fittige fortnehmen mußt, damit er beständig mit dem Schwe-
fel verbunden werden kann. Auch muß ihm recht heftig durch das Blasen
von Feuer zugesetzt werden,
——————
[v. 7] Die Auflösung des Mercurius.
[v. 9] [*] ›Cambar‹ nennen die Araber das, was in einem jeglichen Körper, die Ursache der
Niedrigkeit ist.
[v. 17] * Das Flüchtige im Mercurius wird Venus genannt.
[v. 19] † Der echte Adler.
[v. 22] * Den Glanz, versteht sich.
[v. 23] † Der Schwefel des Goldes wird darunter verstanden.

[S. 35] und ebenso muß geprüft werden, ob er an Gewicht irgend etwas verliert,
und nicht wie der Salamander durch das Feuer selbst den Sieg davon trägt.
Erachte ihn als unvollendet, und weise einiges Angeballte von unserem
Dreck nach. Denn, wenn er an der reinen Luft erglänzt, [5] wird er verla-
chen die Flammen, wird er verlachen den Zorn des Blitzes. Ein Stern wird
er sein und er wird wetteifern wollen mit den Gestirnen des Himmels, oder

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138 B. Edition und Übersetzung

Scilicet Hermetis talis Riphaea pruina est,


Postquam divini sensit momenta caloris.
[10] Quidquid enim tangit rerum hic vegetabilis author,
Ius vocat in proprium, non ut furiosius in se
Omnia convertat; verùm ut pomoeria tendat.
Hinc factum est, ut Mens, cum prudens omnia fecit,
Ignis terrena haec supra glomerârit in unum:
[15] Et nisi continuô in patriam, sursumque volaret,
Illico flagraret Mundus, solúsque per omne
Ignis regnaret. Siculis ut flamma caminis
Dicitur, atque extra Herculeas flagrare columnas:
Et velut in Lipara, totàque in Perside fertur.
[20] Ergò Mercurius princeps est portio gemmae,
In quo cepit opus, quôque aurea planta resultat.
Hic auram solvit, quum verò * abjecerit alas,
Iuxta aurum tranquillus agit, thalamísque quietis
Accubat implicitus, nullisque avellitur ausis.
[25] Expansis autem tenebris primùm area sordet,
Non secus ac facies nascentis sordida Mundi
Extitit, â terris cum nondum distitit aether.
Aut cum Taenariis Dis emolitus ab antris
Aureolam magnae rapuit Chryseida matri.
[30] Threicea haec nox est, â qua dependet origo
Seminibus. Nec enim quisquam ferit aëra luce,
Ni prius in tenebris mersum latitaverit altis.
Nam quod nos oculis externo in cortice tantum
——————
[v. 10] Ignis Elementaris praestantia.
[v. 22] * Fixatur.
[v. 25] Principium digestionis quale signum?
[v. 31] Corruptio unius est generatio alterius.

[S. 36] Cernimus, umbra rei, * non res est in cute vera,
Non etiam semen, vel spiritus ipse penetrat,
Ni prius ê paleis † divino nectare tractus
Extiterit purus: tum non contagia coeni
[5] Amplius obstabunt: non caeca sepulcra nocebunt.
Hic est principium gemmae, si vera fatebor:
Hic est e tenebris fugiens * crocitator obortis,
Ales Apollineus, sylvarum garrulus oscen: †
——————
[v. 1] * Forma intelligibilis est, non visibilis.
[v. 3] † Menstruo accommodo.
[v. 7] * Superius vulturnum vocavit.
[v. 8] † Apollini sacer fuit corvus apud veteres.

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Chryseis, Liber III. 139

wenn man etwas Erhabeneres als einen Stern erdenken könnte. So beschaf-
fen allerdings ist der Riphaeische Reif des Hermes, da er die Einwirkungen
der göttlichen Glut verspürt. [10] Alle Dinge nämlich, welche dieser Ur-
heber des Lebens berührt, versetzt er in den eigenen Stand, nicht, daß er
Alles recht wild in sich umwandelt, sondern, daß er sein Umland ausdehnt.
Daher rührt es her, daß der Geist, als er klug alles schuf, diese Äcker des
Feuers in der Höhe an einer Stelle zusammenballte. [15] Und wenn es nicht
andauernd nach oben in die Heimat flöge, stünde die Welt auf der Stelle in
Brand und überall herrschte einzig das Feuer; so wie man sagt, daß die
Flamme in den Sizilischen Feueröfen lodere und auch jenseits der Säulen
des Herkules; und, wie berichtet wird, auf Lipara und im ganzen Perser-
land. [20] Folglich ist Mercurius der hauptsächliche Bestandteil des Steins,
in welchem das Werk seinen Anfang nimmt, aus dem auch das goldene
Pflänzlein hervorgeht. Dieser durchschneidet die Luft, sobald er aber die
Schwingen * weggeworfen hat, verhält er sich dem Gold gegenüber fried-
lich und bettet sich tief eingesunken ins Ruhelager, und ist durch keinerlei
Ansinnen fortzureißen. [25] Zunächst aber scheint in der ausgedehnten Fin-
sternis der Grund unansehnlich, nicht anders als das unansehnliche Antlitz
der neuentstandenen Welt hervortrat, als von den Ländern der Äther noch
nicht getrennt war. Oder als Dis, der sich aus den Taenarischen Grotten
erhoben hatte, der großen Mutter die güldne Chryseis raubte. [30] Dies
ist die Thrakische Nacht, von welcher den Samen abhängig ist der Ur-
sprung. Und es trifft fürwahr keiner bei Licht auf Erze, wenn er sich nicht
vorher versunken in tiefer Finsternis verborgen gehalten hätte. Denn, was
wir mit Augen bloß in der äußeren Schale

——————
[v. 10] Des Elementaren Feuers Vortrefflichkeit.
[v. 22] * Er wird beständig gemacht.
[v. 25] Welches das hauptsächliche Anzeichen der Digestion ist.
[v. 31] Das Vergehen des einen ist das Werden des anderen.

[S. 36] erblicken, sind die Schatten der Sache, * nicht die wahrhaftige Sache liegt
in der Hülle, nicht einmal der Same, oder der Geist selbst dringt ein, wenn
er nicht, vorher durch † göttlichem Nektar befreit, rein aus den Schlacken
hervorgetreten ist: [5] Dann werden nicht weiter die Befleckungen mit Un-
rat hemmen, nicht werden die dunklen Gräber schaden. Dies ist das Princi-
pium des Steines, wenn Wahres ich künde. Dies ist der aus der plötzlich
hereingebrochenen Finsternis fliehende * Bekrächzer, der Apollinische Vo-
gel, der geschwätzige Schreier der Wälder. †
——————
[v. 1] * Die begreifbare Gestalt ist es, nicht die sichtbare.
[v. 3] † Durch das geeignete Menstruum.
[v. 7] * Weiter oben nannte er ihn Raubvogel.
[v. 8] † Dem Apoll heilig war der Rabe bei den Alten.

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140 B. Edition und Übersetzung

Hic niger in niveum quondam mutatur Olorem


[10] Vndarum decus, atque sui quasi funeris ipsum
Luctificum vatem, et tandem Iovii alitis instar
Aera permensus pascit sua lumina Sole.
Imò etiam usque adeo pernicibus involat alis, *
Vt potius genium juraveris esse volantem,
[15] Praevolet ut celeris vaga discursamina mentis.
Sed quid pergo oculis diuturnam offundere noctem? †
Eloquar, et posthac verborum syrmata mittam.
In cineres abeat tenues nova purpura terrae,
Sic tamen, ut * madido si forte humecta recessu
[20] Fiat, in humorem clarum resoluta liquescat.
Hunc tamen ad furnum revoca, multísque retorque
Ambitibus, donec quocunque potentior igne
In mediis maneat flammis, fabríque minantis
Ludificet nisum cinis impermistus oletis:
[25] Non secus ac serpens, penitis qui sibilat antris,
In circum torquet caudam, quam dente tenaci
Morsicat, et quasi sic teretem decircinat annum.
Aut veluti proprio sustentat sanguine pullos
Ales, quae rostro sua pectora rodit adunco,
[30] Dum prono nutat collo, et cervice recurva
Purpureum fodit usque sinum, caenaqué cruentâ
Enutrit pullos. Sic vasa rotantia tornant
Materiam gemmae, dum sit pulcerimma tota,
——————
[v. 13] * Spiritus.
[v. 16] † ἀνακεφαλαίωϲιϲ.
[v. 19] * Cellâ vinariâ, aut alio loco humido.
[v. 28] Pelecanus.

[S. 37] Purpureoqué micet spectabilis ostrea fuco.


Non te decipiat, si quis tibi naris obesae
Occurat nugator iners, et retia tendat,
Dum species negitat mutari posse metallis.
[5] Vna triumphatrix, reginaqué forma statuta est,
Ad quam cuncta quidem, ceu finem, prona feruntur,
Pauca sed attingunt minus haec, magis ista propinqua:
Sic quoque prona ruunt florentibus aera fodinis
Auricomam in formam, quamvis non omnia captent.
[10] Nam quia materiam cunctis hydrargyron affert,
——————
[v. 2] Objectio.
[v. 5] Responsio.

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Chryseis, Liber III. 141

Dieser Schwarze wird zuweilen in einen weißen Schwan verwandelt, [10]


die Zierde der Wellen, und zugleich selber gleichsam des eigenen Todes
trauernder Seher, und dennoch weidet er in der Art von Jupiters Vogel,
hat er die Lüfte durchmessen, seine Augen an der Sonne. Fürwahr auch
fliegt er auf hurtigen Flügeln so weit hinauf, * daß man beschwöre, es sei
eher ein fliegender Genius, [15] wie er die weiten Umläufe des geschwin-
den Geistes durcheilt.
Doch, was fahre ich fort, die Augen in beständige Nacht zu tauchen? †
Ich werde es darlegen und dann den Schweif der Wörter nachschicken. Zu
feiner Asche soll das neue Purpurkleid der Erde werden, dennoch so, daß es
* vom triefenden Versteck [20] getränkt wird, in klaren Saft aufgelöst soll
es sich verflüssigen. Daraufhin hole es dennoch zum Ofen zurück, und
rühre es vielmals im Kreise hin- und her, so lange bis es stärker als jedwe-
des Feuer mitten in den Flammen ausharrt und die mit Unflat unvermischte
Asche der Anstrengung des Stollen treibenden Bergmannes spottet. [25]
Genauso wie die Schlange, die zischt in den innersten Höhlen, den
Schwanz zum Kreis windet, in welchen sie beißt mit festhaltendem Zahn,
und auf diese Weise gleichsam einen gerundeten Ring umzirkelt; oder in
der Art wie mit eigenem Blut der Vogel, der mit gekrümmten Schnabel
seine Brust aufhackt, seine Jungen am Leben erhält, [30] während er mit
gebeugtem Halse nickt und den Nacken zurückgebogen das Purpurne bis
zur Brust verströmt, dann mit blutiger Mahlzeit die Jungen ernährt. So
sollen die drehenden Gefäße die Materie des Steines wenden, bis er ganz
wunderschön ist

——————
[v. 13] * Der Geist.
[v. 16] † Recapitulatio.
[v. 19] * Im Weinkeller, oder an einem anderen feuchten Ort.
[v. 28] Der Pelikan.

[S. 37] und wie die ansehnliche Auster in der purpurnen der Bruthöhle glänzt.
Nicht soll Dich verwirren, wenn Dir irgendein dummer, nichtsnutziger
Aufschneider über den Weg läuft und es darauf anlegt, daß Du ihm ins
Garn gehst, da er den Metallen beharrlich abstreitet, daß ihre Art geändert
werden kann. [5] Eine triumphierende und königliche Gestalt ist festgelegt,
zu der zwar alle, wie zu einem Ziel, getragen werden, äußerst wenige aber
gelangen bei ihr an, vielmehr kommen sie jener nahe. So stürzen auch
leichthin die Erze in den schimmernden Bergwerken in die goldglänzende
Gestalt, wenn auch nicht alle sie erreichen. [10] Denn, weil das Quecksilber

——————
[v. 2] Obiectio.
[v. 5] Responsio.

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142 B. Edition und Übersetzung

Cunctaqué sunt in eo, sicut quoque pullus in ovo est,


Materiam credes Aquilae, quae semine faeta,
Prolifico, excludet fotu generosius ovum,
Quod velut ante oculis erat aspectabile nullis,
[15] Mox velut electrum, seu purum fulgurat aurum.
——————
[v. 12] Mercurius passim aquila vocatur apud Chemicos.

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Chryseis, Liber III. 143

Allen die Materie einflößt, befinden sich alle in ihm, ebenso wie auch das
Küken im Ei ist; Du wirst glauben, die Materie gehöre dem Adlerweibchen,
das durch den Samen trächtig, durch brütende Wärme sehr recht wohlwol-
lend das Ei ausbrütet, welches, gleichwie es niemandem unter die Augen
kam, [15] alsbald das wie Bernstein blitzt oder reines Gold.
——————
[v. 12] Mercurius wird allenthalben bei den Chemikern Adler genannt.

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144 B. Edition und Übersetzung

[S. 38] IOHANNIS NICOLAI FURICHII,


Med[icinae] D[octoris] et Poët[ae] Caes[arei]

CHRYSEIDOS
LIBER IV.
Argumentum,

IN hoc libro, invocatione Numinis divini praemissa, venit ad menstrua,


quae vocant, auri et Mercurii: eorumque qualitates, vim et originem innuit:
demonstrat, quod menstrui virtus â Salis quadam natura dependeat; distin-
guit menstrua primi et secundi operis: interfatur nonnulla de fermentis, et in
qua virtute consistant: subdit conjunctionem duorum principiorum Lapidis,
vasorumqué figuram: docet duos esse Lapides, alterum tamen ex altero
dependere: aenigmaticam Lapidis fabricam, et facultatem dilucidat: impro-
bat eos, qui spiritui vini tribuunt hoc opus: Iterum de menstruo auri: de
augmentatione Lapidis: de ignis administratione: de spatio totius operis:
de spatio augmentationis: his dictorum repetitionem summariam subijcit,
et tandem admonitionem, et adplausum, cum Lapidis elogiis coronidis
loco adijcit.

[S. 39] HI s ita praelusis, mens pernici alite nixa


Evolet ad superum, prece non cessante fatigans,
Vt, quae non potuit nostris depascere in agris,
Eruat ê caelo, et suprema sede deorum.
[5] Non etenim vacuos de se dimittit alumnos
Iustitiae, Pater aetherius, nec mentis iniquae
Qui celant ignes, impunes negligit umquam.
Dixit avis, Chrysanthe, sedens in vertice montis,
Si meminisse juvat, quibus anguis oporteat armis
[10] Sopiri, ut possis apices conscendere summos.
Agnôsses etiam, si mens non laeva fuisset,
Balnea, queîs Phoebus deliquit mente, lavatus.
Hactenus ast oculis praetensa est improba nubes.
Iam sine nube tibi clarus prodidit Apollo:
[15] Et ferrugineum deponet Luna galerum.
——————
[v. 1] Commendantur preces.

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Chryseis, Liber IIII. 145

[S. 38] DES JOHANNES NICOLAUS FURICHIUS,


Doktor der Medizin und Kaiserlicher Dichter,

DER CHRYSEIS
IV. BUCH
Inhalt,

In diesem Buch, nachdem die Anrufung der göttlichen Person vorausge-


schickt ist, kommt er zu den Menstrua, wie man sie nennt, des Goldes
und des Mercurius; wie er auch auf deren Eigenschaften, Kraft und Ur-
sprung hinweist. Er zeigt auf, daß die Tugend des Menstruum von der
jeweiligen Natur des Salzes abhängt. Er unterscheidet Menstrua des ersten
und des zweiten Werkes. Er führt dazwischen einiges über die Fermente
aus, auch mit welcher Tugend sie auftreten. Er gibt die Verbindung der
beiden Principia des Steines preis, wie auch die Gestalt der Gefäße. Er
lehrt, daß es zwei Steine gibt, wobei der eine dennoch vom anderen ab-
hängig ist. Die rätselhafte Herstellung und Macht des Steines erhellt er. Er
schilt diejenigen, welche dem Weingeist dieses Werk zuweisen; wiederum
über das Menstruum des Goldes; über die Vermehrung des Steines; über die
Betreuung des Feuers; über den Zeitraum des ganzen Werkes; über den
Zeitraum der Vermehrung. Diesen stellt er die zusammenfassende Wieder-
holung des Gesagten nach, dann fügt er schließlich eine Ermahnung und
Beifall, mit den Lobesreden des Steines anstelle einer Coronis, hinzu.

[S. 39] Da nun diese Vorspiele geleistet sind, wird der Geist sich auf geschwinden
Fittich gestützt aufschwingen zum Höchsten, wobei er sich mit nicht en-
dendem Gebeten erschöpft, daß er, was er auf unseren Äckern abweiden
konnte, dem Himmel entreißen möge, und dem höchsten Sitz der Götter.
[5] Fürwahr entläßt der Himmlische Vater nicht von sich Jünger der Ge-
rechtigkeit mit leeren Händen, auch nicht verdrossen, welche bergen die
Feuer, noch bleibt er jemals gleichgültig gegenüber den Arglosen.
Es sagte der Vogel, Chrysanthus, der auf dem Gipfel des Berges saß,
wenn es erinnert zu werden gefällt, mit welchen Waffen es sich gehört,
die Schlange [10] einzuschläfern, auf daß man die höchsten Gipfel erklim-
men kann. Du hättest es auch erkannt, wenn der Sinn nicht linkisch gewe-
sen wäre, die Bäder, in welche getaucht, dem Phoebus der Geist umnachtet
wird. Diesbezüglich allein ist vor den Augen eine schändliche Wolke ge-
hangen, ohne Wolke trat Dir sogleich leuchtend Apollo hervor. [15] Ebenso
nimmt Luna die eisenbraune Kappe ab.
——————
[v. 1] Gebete werden empfohlen.

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146 B. Edition und Übersetzung

Est aqua, vel potius lymphae fluitantis imago,


Haec magnum est operi fulmentum, et grande levamen:
Namque huic si lymphae durissima corpora mergas,
In tenerum humorem, seu mollia flumina vertes:
[20] Exterges labem, et quodcunque ignobile vires
Impedit, eijcies, pressamqué â carcere formam
Perduces luci. Tantum haec operantur aceta.
Namque unda haec acida est, quae sulfura prolicit auri:
Vnda Tagi, seu Pactoli preciosior undâ:
[25] Non acris, quamvis penetret virtute metallum:
Non violens, nihil offendens, peramabilis unda.
Hanc pauci inveniunt, quamvis per mille viarum *
Indagent homines: latet haec quoque tecta sub umbris.
Cur folle, aut tumidis reddunt spiracula buccis?
[30] Frustra animum exagitant, et frustrà membra fatigant:
Ocia praestarent, operam quam ludere inertem,
Et penes Aethnaeas frustrà marcescere flammas. †
Iste liquor, quem Naturae gens stulta propinat,
——————
[v. 16] Menstrua.
[v. 25] Qualia sint menstrua.
[v. 27] * Menstrua vera vulgò sunt incognita.
[v. 32] † Rejectio menstruorum vulgarium.

[S. 40] Virus habet summum: peredit primordia vitae:


Funerat, et linquit post se larvale cadaver.
At tu, si mens est jucundum affundere nectar,
Consule naturam: tu scrupea in antra recede,
[5] Quorum mirandae clivosa per avia thermae
Proserpunt, quibus innata est veneranda Deûm vis.
Hanc imitatur aquam Naturae conscia turba,
Dum per vasorum compellit fumida clivos
Balnea, quae colubri reptatum imitantur eundo.
[10] Haec Iovis ante thronum stagnans est unda Tonantis. *
Hanc autem insani non improba dextera Agyrtae
Exciat, aut mentis cui sit perversa voluntas.
Non est in saxis, quae pullulat ardua rupes;
Non ê † compactis est prolicienda metallis.
[15] Nobilor fons est, aurêo locupletior Ozo.
——————
[v. 4] Fodinae ipsae menstrua continent, quae imitanda.
[v. 10] * Barbari Azoth vocant.
[v. 10] De qua vide Plautum in Trinu[m]mo.
[v. 14] † Communibus.

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Chryseis, Liber IIII. 147

Es gibt ein Wasser, oder vielmehr ein Abbild von fließendem Naß,
dieses ist dem Werk große Stütze, wie auch große Erleichterung. Denn,
wenn man diesem Naß die allerhärtesten Körper eintaucht, wandelt man
sie zu klarer Flüssigkeit oder milden Strömen. [20] Man wäscht aus den
Schmutz und, was Schändliches auch immer die Kräfte hindert, treibt man
aus, die vom Kerker niedergehaltene Gestalt bringt man ans Licht. Dies
bewerkstelligen nur Säuren. Denn diese Woge ist sauer, welche die Schwe-
fel des Goldes hervorlockt. Eine Woge, kostbarer als die Woge des Tagus
oder des Pactolus; [25] nicht scharf, obgleich sie auch durch ihre Tugend
Metall durchdringt; nicht heftig, nichts verletzend, eine allerlieblichste
Woge. Diese finden wenige, obgleich ihr auf tausend Wegen * die Men-
schen nachspüren. Es verbirgt sich auch diese bedeckt unter den Schatten.
Warum machen sie mit dem Blasebalg oder mit geblähten Backen Wind?
[30] Vergebens regen sie auf das Gemüt und vergebens ermüden sie die
Glieder. Dem Müßiggang sollten sie sich eher hingeben, als mit eitlem
Werk zu tändeln und bei den Flammen des Ätna umsonst dahinzuwelken.
† Diese Flüssigkeit, mit welcher das dumme Volk der Natur zuprostet,

——————
[v. 16] Menstrua.
[v. 25] Wie beschaffen die Menstrua seien.
[v. 27] * Die wahren Menstrua sind gemeinhin unbekannt.
[v. 32] † Verwerfen der gemeinen Menstrua.

[S. 40] enthält das stärkste Gift. Es verzehrt die Urgründe des Lebens. Es bringt ins
Grab und läßt hinter sich einen gespensterhaften Leichnam zurück. Allein,
Du, wenn die Absicht besteht, daß sich angenehmer Nektar ergießt, suche
Rat bei der Natur: Ziehe Dich in die schroffen Grotten zurück, [5] deren
bestaunenswerte warme Quellen über unzugängliche Abgründe emporkrie-
chen, welchen eingeboren ist das Vermögen, Gott zu verehren. Diesem
Wasser tut es gleich die Schar, welche das Wissen der Natur teilt, indem
sie über die Wandungen der Gefäße treibt die dampfenden Bäder, welche es
gleichtun dem Kriechen der Schlange im Gang. [10] Diese, welche vor dem
Thron Jupiters ein Gewässer bildet, ist die Woge des Donnerers. * Diese
aber bringt nicht die schändliche Rechte des wahnsinnigen Quacksalbers
hervor, oder eines Verstandes, welchem ein böser Wille innewohnt. Nicht
ist sie in den Felsen, welche die schroffe Klippe hervorbringt. Nicht ist sie
aus den † festen Metallen hervorzulocken. [15] Edler ist die Quelle, reicher
als der goldene Ozo.
——————
[v. 4] Die Gruben selbst enthalten Menstrua, die nachzuahmen sind.
[v. 10] * Die Barbaren nennen sie ›Azoth‹.
[v. 10] Diesbezüglich siehe Plautus im ›Trinummus‹.
[v. 14] † In den Gewöhnlichen.

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148 B. Edition und Übersetzung

At nobis ululat Thyasus trepidante boatu.


Et nobis pia * Diva dedit dignoscere fontem.
Parvo hic principio surgit, mox totus inundat,
Inque suum immutat Solis quasi lumina flumen.
[20] a Sola sui domini patriam haec tenet unda vetustam,
Atque undam dominus versa vice notavit alumnus.
b Si quaeris signum, color est argenteus illi:
c Illa rapit Solem, velut ingeniosa Promethêj
Fabula praedixit, séque inter lumina Solis
[25] Abscondit totam. Namque hâc prolutus Apollo
Emicat, et reliquos collustrat fulgure divos.
Haec igitur postquam crebris successibus omnem
Egerit eluviem, niveísque nivalia solis
Constiterint, solóque arcano † sandyce sandyx,
[30] Altius immerget sese spirabilis ignis,
Vt non contracti solidissima vincula nodi
Solvere possit, atrox si adflaverit ipsa Chymaera:
Nec fulmen Iovis irati disrumpere possit.
——————
[v. 17] * Chryseis.
[v. 20] a Menstruum verum in aurifodinis reperitur.
[v. 22] b Color menstrui.
[v. 23] c Allusio ad fabulam Promethêi.
[v. 29] † Tinctura auri pura.

[S. 41] Tunc animata vegetent elementa, et tristia leti


Semina dispereunt, et jam sociata metallis
Rudera decedunt: volat undiqué flabilis ignis;
Affinemqué ciet naturam, agitatqué penates.
[5] Hi namque invasis postquam communibus ausis
Exarsêre, necant publicis conatibus † hostem;
Hic jucunda dies: hîc rex dominatur amoenus,
Et toga resplendet regis rutilantior astris:
Gestat pro galea fulgentis Apollinis orbem:
[10] Dimidiam pedibus Lunam pro limine calcat:
Et Iovias ocreas portat, Venerísque cothurnos:
Saturni falcem manibus, gladiúm Gradivi:
Gestitat et Maiâ geniti scapulae addidit alas:
Hic jubar inspirans proprio de fonte metallis,
[15] Vna parte decem irradiat, centúmque duabus,
——————
[v. 6] † Impurum quicquid.
[v. 9] Comprehendit in sese omnium metallorum virtutes.
[v. 15] Proportio tingentis ad tingendum.

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Chryseis, Liber IIII. 149

Allein, uns heult der Thiasus mit zitterndem Brüllen, wie auch die
gnädige * Göttin es uns verlieh, zu erkennen die Quelle. Aus kleinem Ur-
grund kommt diese empor, hernach wallt sie völlig auf, wie sie auch gleich-
sam umwandelt den Glanz der Sonne in ihren Strom. [20] a Einzig in ihres
Herren altem Vaterland hält sie sich auf, wie auch der nährende Herr seiner-
seits kennt die Woge. b Wenn Du ein Kennzeichen verlangst, so ist jener
die silberne Farbe zueigen. c Jene raubt die Sonne, so wie es der geistvolle
Mythos des Prometheus vorhersagte, wie sie sich auch zwischen den Lich-
tern der Sonne [25] als ganze verbirgt. Fürwahr strahlt auf mit dieser abge-
waschen Apollo, und er erhellt mit Gleißen die übrigen Götter. Diese also
wird nach zahlreichen glücklichen Taten des gänzlichen Herausspülens be-
dürfen, und das Schneeweiße wird einzig aus Schneeigem bestehen, wie
auch einzig aus der geheimen † Sandyx die Sandyx, [30] tiefer wird sich
hineinsenken das zum Leben gehörige Feuer, daß es nicht die festesten
Bande des zusammengezogenen Knotens lösen könnte, wenn [sie] selbst
die finstre Chymaere anhauchte. Auch vermöchte der Blitz des erzürnten
Jupiters nicht [sie] auseinanderzureißen.

——————
[v. 17] * Chryseis.
[v. 20] a Das wahre Menstruum wird in den Goldgruben gefunden.
[v. 22] b Die Farbe des Menstruum.
[v. 23] c Anspielung auf dem Mythos des Prometheus.
[v. 29] † Die reine Tinktur des Goldes.

[S. 41] Dann ergrünen die belebten Elemente, und des Todes grimmige Saat geht zu
Grunde, überdies fällt den Metallen ab der anhaftende Schutt. Es fliegt von
überall her wehendes Feuer. Sowohl setzt es die verwandte Natur in Bewe-
gung, als es auch versetzt es die Penaten in Aufruhr. [5] Diese nämlich,
nachdem sie, da gemeinschaftliches Wagen eingedrungen, entbrannten, tö-
ten in allgemeinem Bemühen den † Feind. Dies ist ein erfreulicher Tag, hier
gebietet der reizende König, und die Toga des Königs strahlt wider gleißen-
der als die Gestirne. Er trägt statt eines Helmes des blitzenden Apolls Schei-
be. [10] Die halbe Luna statt einer Schwelle betritt er mit den Füßen. Eben-
so trägt er Jupiters Beinschienen, wie auch der Venus Kothurne; Saturns
Sichel in den Händen, das Schwert des Kriegsgottes. Und den Schultern
fügte er an von Majas Sohn die Flügel. Dieser haucht ein aus eigener Quelle
Glanz den Metallen, [15] mit einem Teil bringt er zum Strahlen zehn, und

——————
[v. 6] † Alles, was unrein [ist].
[v. 9] Er vereinigt in sich aller Metalle Tugenden.
[v. 15] Das Verhältnis des Färbenden zum Zufärbenden.

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150 B. Edition und Übersetzung

Mille tribus, quatuor tingit bis millia quinque,


Donce in immensum virtus excreverit ingens.
Quare manantem coelesti ex imbrice lympham
Excipe cratere, artificis quem dextra decorè
[20] Formavit. † Nam multa potest in vase figura.
Hac porrò penetrante cavas in * murice venas,
Secreti † sal exit agri sine sordibus ullis.
Haec, Chrysanthe, salis crystallina portio nostri est.
Hoc sal est, quod quisquilias everritur inter, *
[25] Vt clamant proceres; non quale culina ministrat:
Nam dixêre etiam desumi ê viscere petrae,
Et tale ê cunctis secerni posse creatis, †
Non tamen ut possit fabricam hanc absolvere nostram.
Hic autem rerum est genitor, vitaequé repostae
[30] Firma basis: * salvo hoc corruptio nulla novellas
Exurit segetes, sive aestus, sive pruina.
At ne te quoque agat propè inobservabilis error,
Vt credas luctari inter se dicta sophorum,
——————
[v. 20] † Vasa pro menstruis.
[v. 21] * Mercurio Philosophorum.
[v. 22] † Sal Philosophorum.
[v. 24] * Explicatio dicti Philosophici.
[v. 27] † Quale sal esse debeat.
[v. 30] * Salis nobilitas.

[S. 42] Dum Phlegetonteam, quam tanti pendimus, a undam


Appellant, Stygiis quasi sit polluta venenis.
Namque alia haec unda est, qua durum solvitur aurum
Robusto à vinclo, quod post alia imbuit unda,
[5] Quam dixi circa thalamos decurrere Phoebi.
Illi immersum b aurum, secretum dicitur ovum,
Non quale in cubitu exclusit gallina tepente,
Sed quali excludi Basiliscum fabula fingit.
Hinc etiam similem tepido dixere cruori,
[10] c Ex utero qualem Lunâ redeunte profundit
Nupta puella viro, nec non innupta marito.
Hac irroratum sapientum, ut diximus, ovum,
De summo primas emungit tergore faeces.
d Providus esto ergo circa fermenta metalli,
——————
[v. 1] a Aquam infernalem vocant.
[v. 6] b Ovum Philosophicum quid?
[v. 10] c Menstruus sanguis καταμήιον, ab Aristotele vocatum.
[v. 14] d Fermenta.

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Chryseis, Liber IIII. 151

Hundert mit zweien, tausend mit dreien, mit vieren färbt er zweimal fünf-
tausend, so lange bis die ungeheuere Kraft ins Unermeßliche angewachsen
ist. Deswegen fange auf das aus himmlischem Regenguß strömende Naß
mit einem Mischkessel, welchen des Kunstwerkers Rechte auf angemes-
sene Weise [20] formte. † Denn vieles richtet beim Gefäß aus die Form.
Da dieser * Purpur weiter die hohlen Adern durchdringt, tritt des verbor-
genen Ackers † Salz heraus ohne irgendwelche Verschmutzungen. Dies ist,
Chrysanthus, der kristallene Bestandteil unseres Salzes. Dies ist das Salz,
welches zwischen dem Kehricht ausgegraben wird, * [25] wie die Meister
verkünden; nicht wie die Küche es bietet. Denn sie sagten auch, daß es
entnommen wird aus dem Innersten des Felsen, und solches könne geschie-
den werden aus allen geschaffenen Dingen, † dennoch nicht, so daß es
diese unsere Werkstätte ablösen könnte. Dies aber ist der Erzeuger der
Dinge, [30] die feste Grundlage des bevorrateten Lebens, * bei dessen
Unversehrtheit kein Schaden die junge Saat verdirbt; sei es Gluthitze, sei
es Regenschauer. Allein, damit Dich nicht auch in gleicher Weise der un-
merklicher Irrtum umhertreibt, daß Du glaubst die Aussagen der Weisen
stünden zu einander in Wettstreit,
——————
[v. 20] † Gefäße für die Menstrua.
[v. 21] * Der Mercurius der Philosophen.
[v. 22] † Das Salz der Philosophen.
[v. 24] * Erklärung der philosophischen Aussage.
[v. 27] † Wie beschaffen das Salz sein soll.
[v. 30] * Des Salzes edle Art.

[S. 42] da sie die Woge, von der wir so sehr abhängen, a die Phlegentonteische
nennen, als sei sie gleichsam durch Stygische Gifte verseucht. Denn eine
andere ist diese Woge, durch welche gelöst wird hartes Gold von dem festen
Bande, das die Woge nach anderen durchtränkt, [5] von der ich sagte, sie
rinne um die Schlafräume des Phöbus herab. Das in jene eingetauchte b
Gold, wird das geheime Ei genannt, nicht ein solches wie es mit der wärmen-
den Achsel ausbrütete die Henne, sondern ein solches, in welchem, wie der
Mythos erdichtet, der Basilisk ausgebrütet wird. Daher nannte man es auch
ähnlich dem warmen Blute, [10] c welches, da Luna zurückkehrt, das einem
Manne vermählte Mädchen aus der Gebärmutter fließen läßt, so wie die
nicht einem Gatten Vermählte. Das damit besprenkelte Ei, wie wir sagen,
der Weisen säubert von der äußersten Schale die ersten Unreinheiten. d Vor-
ausschauend also sollst Du sein hinsichtlich der Fermente der Metalle,

——————
[v. 1] a Sie nennen es das ›Höllenwasser‹.
[v. 6] b Was das Philosophische Ei ist.
[v. 10] c Das Menstruationsblut wird monatliche Reinigung von Aristoteles genannt.
[v. 14] d Die Fermente.

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152 B. Edition und Übersetzung

[15] Vt ferias metam, nec opinio forte sinistra


Te trahat errantem. Quid id est, quo massa farinae
Intumet, et gracili protuberat aëre panis?
Quam vim dispergunt in lacte coagula nostro,
Prodeat e ut mollis concluso caseus urceo?
[20] Quo medio beneolens conservat aromata muscus?
Haec si perpendas, sensúque rearis acuto,
Invenies facilè, unde meet quadriga colorum,
Dum vapor aetherius penetrat per claustra reposta
Fumantis terrae. Nam primus caussa secundi est;
[25] Dum calor in terra movet inconcocta, resultant
Insuaves tenebrae: veluti cum tempore veris
Phoebus agit nubes, hyemis dum solvit inertis
Relliquias, turbátque polum: tum contrahit aether
Illepidam faciem, et radiantia sidera celat.
[30] Ast ubi jam vicit majori ex parte tenebras,
Exerit ê nebulis candentia lumina fractis.
Sic opifex bonus urget opus, dum prodeat auri,
Sive croci color, et referat surgentis Eoi
——————
[v. 19] e Colores in generatione Lapidis â fermentatione fiunt.

[S. 43] * Succineam faciem: merus hîc calor undique regnat:


Vndiqué purus agit caeli focus: undique splendent
Siderei vultus: aer, aqua, terra, polusque
Non, velut ante, alta demersa nigredine sordent:
[5] Omnia nativo consurgunt semine faeta:
Non ibi mors superest: vivunt unâ omnia vitâ.
Haec agit una salis virtus abscondita, quam si
Noveris ad pondus proprijs excire latebris,
Plusquam dimidium fueris totius adeptus.
[10] Altius adscendam, majoreque luce gradatim
Exurgam, clarique rotas imitabor Eoi,
Qui primùm modicam dispergit in aera lucem,
Punicea ut prodit roseis aurora quadrigis.
At quum jam medium tenet aethera praepete curru,
[15] Et rapidos agitavit equos, Pyroenta, et Eoum,
Abstergit nebulas, gravioreque verberat aestu.
Densaque sub pedibus fugat atrae obstacula noctis.
——————
[v. 1] * Quae Electri colorem referat.
[v. 7] Fermentum â sale fit.
[v. 11] Explicatio ulterior.

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Chryseis, Liber IIII. 153

[15] damit Du ans Ziel anlangst, und nicht womöglich eine verkehrte Mei-
nung Dich Irrigen fortschleppt. Was ist dies, wodurch der Klumpen Mehl
aufgeht und durch feine Luft hervorquillt das Brot? Welche Kraft breiten in
unserer Milch die Gerinnungsmittel aus, damit e ein weicher Käse aus dem
verschlossenen Krug hervorkommt? [20] Durch welches Mittel bewahrt die
Aromen der wohlduftende Moschus? Wenn Du diese genau untersuchst
und mit Scharfsinn urteilst, wirst Du leicht herausfinden, woher das Vier-
gespann der Farben seine Bahn nimmt, solange himmlischer Dunst dringt
durch die wiederhergestellten Engpässe der dampfenden Erde. Denn der
Erste ist die Ursache des Zweiten. [25] Solange die Hitze in der Erde die
unverdauten Dinge in Bewegung hält, weicht die unangenehme Finsternis
zurück; so wie wenn zur Frühlingszeit Phoebus die Wolken verscheucht,
während er die Überbleibsel des trägen Winters zerschmilzt und den Him-
mel in Aufruhr versetzt. Woraufhin der Äther das täppische Antlitz zusam-
menzieht, und verbirgt die strahlenden Gestirne. [30] Allein, sobald er nun
zum größten Teil die Finsternis besiegt, wird er mit gleißendem Scheinen
dem vernichteten Dunkel entsteigen. So treibt der tüchtige Handwerker das
Werk voran, während des Goldes oder des Safran Farbe hervortritt, und er
gibt der sich erhebenden Eos
——————
[v. 19] e Die Farben bei der Erzeugung des Steines entstehen durch die Gärung.

[S. 43] das * agsteinfarbene Antlitz zurück. Blanke Hitze waltet hier von allen
Seiten. Von allen Seiten wirkt das blanke Feuer des Himmels: und von allen
Seiten strahlen der Gestirne Gesichter: Luft, Wasser, Erde und Himmel sind
nicht wie zuvor, in tiefe Schwärze versenkt, befleckt. [5] Alle erstehen
genährt durch den natürlichen Samen. Nicht bleibt der Tod dabei bestehen.
Es leben alle in einem Leben. Diese eine verborgene Tugend des Salzes
wirkt als verborgene, wenn man wüßte, wie diese pfundweise aus den
eigenen Schlupfwinkeln hervorgeholt wird, mehr als die Hälfte des Ganzen
hätte man erreicht. [10] Höher werde ich aufsteigen und schrittweise in
hellerem Lichte hervortreten, nachahmen werde ich die Wagenräder des
hellen Morgensterns, der zuerst maßvolles Licht in den Lüften ausstreut,
sobald die purpurrote Morgenröte mit rosenfarbenem Viergespann hervor-
kommt. [15] Allein, sobald sie dann die Mitte des Himmels erreicht auf
hurtiger Flugbahn und die schnellen Rosse angetrieben hat, Pyroeis und
Eous, streift ab sie die Dunkelheit und peitscht ein mit stärkerer Hitze.
Die dichten Hemmnisse der schwarzen Nacht vertreibt sie unter den Hufen.

——————
[v. 1] * Welches des Bernstein Farbe vorweist.
[v. 7] Das Ferment kommt vom Salz.
[v. 11] Erklärung weiter unten.

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154 B. Edition und Übersetzung

Sic agit ars animos. Primùm confusior exijt,


Nonnihil â noctis nigrans caligine abactae:
[20] At cum jam nonnulla dedit praeludia menti,
Se magis effudit, sensimque per omnia mentis
Pervasit tabulata levis, penitosque recessus.
† Est igitur posthac satio sementis in arvum
Infigenda animis, quanta vi polleat ipsa?
[25] Quo se principio tollat: quo tramite cedat:
Quo subeunte sui tanta incrementa capessat.
Nempe nequit quicquam fruticante increscere ramo,
Ni prius abjiciat formam, se objecerit Orco
Sponte sua, ut possit faciem sperare recentem.
[30] Interea dum forma fugit, tenebraeque sequuntur,
Per varias natura vias ingloria fertur:
† Multa fit effigies, multaeque in corpore formae.
Iam verò, postquam factas sibi senserit aedes
——————
[v. 23] † Conjunctio duorum principiorum Lapidis.
[v. 27] Generatio quid, et unde?
[v. 32] † Infinitae fiunt formae antequam generatio fiat.

[S. 44] Regia forma, * venit multis stipata ministris,


Exiliens patriâ, coeliqué novemplicis aulâ
Emissa exilium petit, et novam inambulat umbram.
Iam nova pacta facit, partasque â sidere vires
[5] Exprimit, atque ita se natam commonstrat Olympo.
Hoc fit in immenso, Naturâ judice, Mundo:
Fit tamen in vasis etiam multa arte paratis,
Et genio artificis: † Si scilicet infima summis,
Summa imis coeant, conturbenturque vicissim
[10] Mensuris certis, * fiatque gravissima pugna
Inter utrumque genus (quod delectabile visu:)
Hinc se caeruleum movet: inde rubentius Ostro:
Fulminat hinc niveum: nigrum mox incubat illinc:
At cum tempestas pulso deferbuit Austro,
[15] Dimidio si pulcra infert Thaumantias orbe,
Iris odorato demulcens tempora serto,
Blanda coronalis dictatrix forma coloris.
——————
[v. 1] * Forma caelitus venit, non est ipsius mixtionis suboles.
[v. 8] † Pelecanus vas chemicum.
[v. 10] * Circulatio.
[v. 14] Quatuor colores.

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Chryseis, Liber IIII. 155

So wühlt die Kunst auf die Gemüter. Anfangs kam sie recht verworren
hervor, schwärzlich, noch nicht war der Nacht Düsternis abgelegt. [20]
Allein, da sie dem Geist bereits einige Proben gab, ergießt sie sich weiter,
und nach und nach durchschreitet sie behende alle Stockwerke des Geistes
wie auch die Verstecke tief drinnen.
† Es ist folglich das Saatgut künftig dem Gedächtnis der in den Acker
Säenden einzuprägen, durch welch große Kraft es selbst wirkt; [25] aus
welchem Principium es sich herleitet; auf welchem Wege es entweicht;
durch wessen Einwirkung bei sich es solche Zunahmen gewinnt. Fürwahr
vermag gar nichts am ausschlagenden Ast anzuwachsen, wenn es vorher
nicht die Gestalt ablegt, wird es sich entgegenstellen dem Orcus aus eige-
nem Antrieb, damit es ein frisches Antlitz erwarten kann. [30] Unterdessen,
da die Schönheit flieht, und die Finsternis nachfolgt, bewegt sich auf man-
nigen Wegen die schmucklose Natur. † Viele Abbilder entstehen, wie auch
viele Gestalten im Körper. Nun aber, nachdem sie bemerkt hat, daß ihr
Behausungen bereitstehen,
——————
[v. 23] † Die Verbindung der beiden Principia des Steins.
[v. 27] Die Erzeugung: Was, und woraus?
[v. 32] † Zahlreiche Gestalten entstehen, bevor die Erzeugung geschieht.

[S. 44] kommt die Königliche Gestalt, * von vielen Dienern umringt, da sie die
Heimat verläßt, und begibt sich ins Exil, ausgesandt aus der Halle des
neunfachen Himmels, und wandelt umher in neuem Schatten. Schon geht
sie neue Bündnisse ein, und vom Gestirn erworbenen Kräfte läßt sie deut-
lich erscheinen, [5] und derart beweist sie sich als Tochter des Firmaments.
Dieses geschieht in der unermeßlichen Welt nach Gutdünken der Natur.
Dennoch geschieht es ebenso in den mit großer Kunst hergestellten Gefä-
ßen, und durch den Genius des Künstlers: † Wenn allerdings die Untersten
mit den Obersten, die Obersten mit den Untersten zusammengehen, und
sich wechselseitig verwirren [10] in vorgeschriebenen Maßen, * dann ent-
steht der heftigste Kampf zwischen den beiden Arten (was ein vergnügli-
cher Anblick). Von hier bewegt es sich schwarzblau, von dort purpurrot. Es
blitzt schneeweiß von hier, bald dräut Schwarzes von dort. Allein, wenn das
Unwetter erglühte, da der Südwind zurückgedrängt, [15] wenn die schöne
Thaumantiade den halben Erdkreis überzieht, liebkost Iris die Schläfen mit
wohlriechendem Blumengewinde, die schmeichelnde, bestimmende Form
der zum Kranze gehörigen Farbe.
——————
[v. 1] * Die Gestalt kommt vom Himmel her, ist nicht der nämlichen Vermischung Kind.
[v. 8] † Das chemische Gefäß Pelikan.
[v. 10] * Umtreibung.
[v. 14] Die vier Farben.

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156 B. Edition und Übersetzung

* Quare cum terra constanti foedere caelum


Consocia, mediante unda, ceu glutine amoris.
[20] Ante tamen, quam horum comitia magna celebres,
A veteri caeno fac liberiora triumphent,
Qua tibi jam toties iterata est fabula prisca.
Exuat unda igitur nebulas: unguenta favillas:
Et † Cretam tellus: tum namque merebitur ire,
[25] Alterum in alterius thalamos, conjunctaque vivent.
Hoc fiet, si fermentum geniale farinam
Permeet aureolam, quod solo ê viscere Phoebi
Dictum est expromi. Gaudent aequalibus aequa.
* Hoc tu fermentum si vasa levâris ad alta,
[30] Elueris faeces, et ab omnibus egeris umbris,
Connectes partes, donce progerminet illud
Fermentum magnum, quod postea cuncta metalla
Levigat et tandem purum transmutat in aurum.
——————
[v. 18] Conjunctionis proportio de industria omissa est, potest verò hâc figurâ intelligi.
1|3
3|9
4 | 12
[v. 24] † Caput mortuum.
[v. 26] Et hanc proportionem agentis cum patiente, sive auri cum suo Mercurio servare
oportet.
[v. 29] * Praeparatio fermenti.

[S. 45] Haec est vivificans auri argentique facultas,


Quae geminis adfert fermentum adfine metallis.
Sint autem illorum, ut glacialis stiria, calces,
Quas si fermentum purâ transiverit aurâ,
[5] Tota revivificat latitantia semina vitae:
Nascitur hôc color aurifluus, seu purpura regis:
Hoc duce, dulce lutum regis vivace sigillo
signatur, * caelumque repraesentante colore
Imbuitur, quali mortalia lumina gaudent.
[10] Talia sed fiunt, † cum vasa rotantia formam
Depingunt, qualem collo Pelecanus adunco,
In vitam revocaturus dum sanguine pullos,
Intrepidum fodicat pectus: modóque ima supremum,
Moxque suprema imum tendunt: modò dextra sinistrum,
——————
[v. 2] Calces metallorum.
[v. 8] * Coeruleo id est aureo.
[v. 10] † Vasa circulatoria.

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Chryseis, Liber IIII. 157

* Deshalb sind Erde und Himmel in festem Bündnis verwandt, dazwi-


schen die Woge, als Band der Liebe. [20] Bevor Du dennoch deren großer
Versammlung beiwohnst, sorge dafür, daß sie als ungebundene aus dem
alten Unrat den Sieg davon tragen, wie es Dir schon so oft im altertümli-
chen Mythos wiederholt worden ist. Möge also die Woge die Finsternis
brechen, die Salben die Asche. Wie auch die Erde † die Kreide. Daraufhin
nämlich wird es recht sein, daß [25] der eine in des andern Gemächer geht,
und sie vereinigt leben werden. Dies wird geschehen, wenn das fruchtbrin-
gende Ferment durchdringt das goldfarbige Mehl, von welchem man sagt,
daß es nur aus den Eingeweiden des Phoebus gewonnen wird. Es erfreuen
sich Gleiche an Gleichen. * Wenn Du dieses Ferment erhoben haben wirst
zu den hohen Gefäßen, [30] wirst Du den Bodensatz auswaschen, und wirst
jeglicher Dunkelheit frei sein, verbinde die Teile, solange jenes bedeutsame
Ferment hervorsprießt, welche hernach alle Metalle aufbessern wird und
schließlich verwandelt in Gold.

——————
[v. 18] Das Verhältnis der Verbindung ist mit Absicht weggelassen, es kann aber diesem
Schema entnommen werden:
1|3
3|9
4 | 12
[v. 24] † Totenkopf.
[v. 26] Ebenso muß dieses Verhältnis von Agens und Patiens, oder des Goldes mit seinem
Mercurius beachtet werden.
[v. 29] * Die Bereitung des Ferments.

[S. 45] Diese ist die lebendigmachende Kraft des Goldes und des Silbers, welche
das verbindungsfähige Ferment an die doppelten Metalle bringt. Es sollen
aber von jenen die Kalke, wie ein gefrorener Eiszapfen, sein, wenn diese
das Ferment durchdrungen hat mit reinem Hauch, [5] macht es alle ver-
borgenen Samen des Lebens wieder lebendig. Es entsteht hieraus die gol-
dene Farbe, oder der Purpur des Königs. Unter dessen Leitung, wird der
belebte Dreck mit dem lieblichen Siegel des Königs versehen und mit der
* den Himmel vergegenwärtigenden Farbe getränkt, über welche sich der
Sterblichen Augen freuen. [10] Solches indessen geschieht, † wenn die sich
umdrehenden Gefäße die Gestalt abbilden, so beschaffen wie des Pelikan
gebogener Hals, da er im Begriff ist die Jungen mit Blut ins Leben zurück-
zurufen, der die unverzagte Brust aufhackt. Bald streben die Untersten nach
oben, und bald die Obersten nach unten. Bald drängen die Rechten nach links,

——————
[v. 2] Die Kalke der Metalle.
[v. 8] * Mit der schwarzblauen, das heißt: der goldenen.
[v. 10] † Circuliergefäße.

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158 B. Edition und Übersetzung

[15] Moxque sinstra tenent dextrum, et vertuntur in orbem.


Tunc roseus prodit sanguis, seu sanguine si quid
Purpureum magis est, laniati pectoris humor.
Hic est Chrysolithus, quem per tot millia rerum
Vestigant multi, at non ê mille invenit unus.
[20] * Nil ergo est aliud gemma haec, quàm purius aurum,
Nullis pollutum maculis, speculique nitentis
Fusum instar, † cui nulla nocent elementa: nec unda,
Nec venti infestant, nec proderit aetheris ira:
Cunctis fermentum: cunctis tutela creatis.
[25] Temperie exultans pulcra, similique colorans
Omnia, quae tangit, radio: coma denique Phoebi:
Non quae noctis adhuc est circumfusa tenebris,
Tota sed aetherium spirans, divinaqué tota.
Tale etiam videas penetrare per omnia Mundi
[30] Fundamenta potens, et magno corpore mentem
Circuire, astrigerumque suo spiramine caelum
Pertransire ipsum, stellisque afflare vigorem.
Atqué unum fermentum hoc est, sed gemma biformis:
——————
[v. 20] * Lapis philosophorum nihil est aliud quàm aurum ipsum, sed sui moris.
[v. 22] † Incorruptibilis est.

[S. 46] Altera grandinea est, at punicat altera gemma:


Est utriusque tamen lex una, inventor et unus.
Non mereat, Chrysanthe, tuas audaculus aures,
† Quicunque alterutram vano jactaverit ore,
[5] Aut utramque etiam, si non conjungere novit.
Namque una ex alia nexu dependet aheno.
Annon ridebis, siquis promiserit uvas
Pallentes, nigrasque neget sibi crescere ruri.
* Nonne eadem est ratio? Nonne ars et pampinus idem?
[10] Non simils radix? Non Sol? Non imber et arvum?
Non est in duo Chrysolithi dissecta facultas:
Sed qui puniceum novit progignere Phoebum,
Ne dubitet, labor ipse jubet, tentare Dianam.
Namque est fermentum rubei simul atque nivalis
[15] Author splendoris: Phoebi pater atque Dianae.
Vim tamen alterutram nequit ingenerare metallo,
Si non Aethneo fluitaverit igne liquatum:
——————
[v. 1] Lapis Philosophorum duplex est.
[v. 4] † Objectio.
[v. 9] * Lapides ambo indivisibiles sunt.

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Chryseis, Liber IIII. 159

[15] bald die Linken nach rechts; und drehen sich im Kreise. Daraufhin
kommt das rote Blut hervor, oder falls etwas mehr purpurfarben denn
Blut ist, aus der zerfleischten Brust der Saft. Dies ist der Chrysolith, dem
viele in Abertausend von Dingen nachspüren. Allein, aus Tausend stößt auf
ihn nicht einer. [20] * Nichts also anderes ist dieser Stein als reineres Gold,
von keinerlei Flecken beschmutz, und hingegossen gleich dem glänzenden
Wasserspiegel, † dem keine Elemente abträglich sind; den weder die Woge
noch Winde aufwühlen, auch wird nicht des Äthers Zorn hervorkommen;
aller Dinge Ferment; aller erschaffenen Dinge Beschützer; [25] ob der schö-
nen Mischung lebhaft aufwallend, alles, was er berührt, mit ähnlichem
Strahl färbend; schließlich das Haupthaar des Phöbus. Nicht welches zur
Nacht immer noch von Finsternis umflossen, sondern das Ätherische atmet
und ganz das Göttliche. Zu solchem befähigt könntest Du sogar die Grund-
festen durch alle Dinge [30] der Welt dringen sehen, wie auch im großen
Körper kreisen den Geist, und den gestirnten Himmel selbst durchwandern
mit seinem Wehen und den Sternen einhauchen Stärke. Allerdings ist dieses
Ferment nicht eines, sondern vielmehr ein zweigestaltiger Stein.

——————
[v. 20] * Der Stein der Weisen ist nichts anderes als das Gold selbst, aber auf seine Art.
[v. 22] † Er ist unverweslich.

[S. 46] Der eine ist hagelicht, allein, purpurfarben ist der andere Stein. Gleichwohl
unterliegen beide einem Gesetz, einen Urheber gibt es.
Nicht verdient, Chrysanthus, Dein Gehör, † wer auch immer ziemlich
verwegen mit eitlem Mundwerk herumprahlt mit dem einen von beiden [5]
oder auch mit allen beiden, wenn er sie nicht zu verbinden beherrscht. Denn
einer hängt mit eherner Verbindung vom anderen ab. Wirst Du etwa nicht
lachen, falls jemand blaßgrüne Trauben versprochen hat, und abstreitet bei
ihm auf dem Land wüchsen dunkle. * Ist es etwa nicht dieselbe Methode? Ist
es etwa nicht dieselbe Kunst und nicht derselbe junge Weinstock? [10] Nicht
eine ähnliche Wurzel? Nicht die Sonne? Nicht Regen und Erdreich? Die
Kraft des Chrysolith ist nicht in zwei geteilt. Allein, wer es beherrscht, zu
erzeugen den purpurfarbenen Phoebus, soll nicht zweifeln, daß die Arbeit
selbst befiehlt, sich an Diana zu machen. Denn das Ferment ist zugleich
[15] der Urheber des roten wie auch des schneeweißen Glanzes: des Phoebus
Vater wie der Diana. Dennoch vermag er nicht aller beider Kraft dem Metall
einzupflanzen, sofern er nicht verflüssigt vom Feuer des Ätna schwimmt.

——————
[v. 1] Der Stein der Weisen ist zwiefach.
[v. 4] † Obiectio.
[v. 9] * Beide Steine sind unteilbar.

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160 B. Edition und Übersetzung

† Candidaque ut fiat clarae tinctura Dianae,


Ipsa pruinoso sit calx argentea vultu:
[20] Sorbeat haec partes tres de * spiramine Bacchi,
Et mox dimidia fermenti parte rigetur.
Si verò mens est auri componere coccum,
Calx sit tincta croco, † florentem imitata genistam.
At quia jam dixi, taedas, et amabile foedus
[25] Congressu Phoebum primo jurâsse Dianae,
Vlterius sectari aequum est fructus Hymenaei.
* Non haec est, quam dixi aliàs, Lucina bicornis,
Quae versat manibus crudas ingloria massas,
Sed quae Mercurio prognata est patre sereno,
[30] * Non quali artifices fluxo tot jurgia dicunt,
Sed qui nobilior, par fulget Apollinis ostro.
Haec quia purpureo Phoebo se jungit amictu,
Ignota est vulgo, subolem tamen exprimit altam,
——————
[v. 18] † Progressus ad Lunam, sive argentum generandum.
[v. 20] * Spiritus Vini.
[v. 23] † Flos genistae aureum colorem prae se fert.
[v. 27] * Ut in visione illa nocturna docebatur.
[v. 30] * Mercurius vulgaris damnatur.

[S. 47] Phoebigenam Hermetem. Dixerunt somnia Phoebum


Hesterna, et tibi monstrârunt sub nomine Phoebi.
Hic est, qui fratres implevit lumine divos:
* Hic est qui quondam convivia magna paravit,
[5] (Vt nobis cecinit docto fabella cothurno)
Queis consanguinei divi accubuere minores:
Appositae sapuêre epulae caelestia totae
Nectar, et Ambrosiam, quas non nisi caelicus ignis
Coxerat, et quantus cocturâ halarat in auras,
[10] Tantus ab ipso epulis † convivatore redibat.
Haec suboles illa est, quae segnia viscera * fratrum
Cum lustrat, tenuat nebulas, omnemque cloacam
Exturbat, dum fertilitas generosior intus
Incalet, atque novo procedit macta vigore.
[15] † Ast uxor Phoebi, cum nondum urgebat Olympus,
Semicruenta fuit, cum conjugis oscula sensit:
Mox tota erubuit membris innexea mariti,
——————
[v. 4] * Haec fabula passim apud Chemicos extat.
[v. 10] † Id est Phoebo, sive auro philosophico.
[v. 11] * Metallorum inferiorum.
[v. 15] † Mercurius.

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Chryseis, Liber IIII. 161

† Damit zustande kommt die weiß schimmernde Tinktur der strahlenden


Diana, soll selbst der silbrige Kalk sein von bereiftem Antlitz. [20] Schlür-
fen soll dieser drei Teile * vom Atem des Bacchus, und dann wird er durch
einen halben Teil des Fermentes erstarren. Wenn in der Tat die Absicht
besteht, den Scharlach von Gold herzustellen, so sei der Kalk gefärbt mit
Safran, † so daß er nachahmt den blühenden Ginster.
Allein, weil ich bereits sagte, daß Hochzeitsfackeln und eine Liebesver-
bindung [25] bei der ersten Zusammenkunft Phoebus schwur der Diana, ist
es darüber hinaus recht und billig nachzuspüren der Frucht des Hymenaeus.
* Nicht ist diese, wie ich andernorts sagte, die zweihörnige Lucina, die mit
den Händen unrühmlich wendet die rohen Klumpen, sondern diejenige,
welche Merkur, dem heiteren Vater, entsprossen ist, [30] * nicht jener flüs-
sige, wegen dem die Kunstwerker so viele Zänkereien austragen, sondern
der edlere, der gleißt wie Apolls Purpurgewand. Weil diese sich dem pur-
purnen Phöbus verbindet in der Hülle, ist sie dem Pöbel unbekannt, den-
noch zeigt sie hohe Abkunft,
——————
[v. 18] † Die Prozesse zum Erzeugen von Luna, oder Silber.
[v. 20] * Weingeist.
[v. 23] † Die Blüte des Ginsters stellt die goldene Farbe zur Schau.
[v. 27] * Wie in jener nächtlichen Vision gelehrt wurde.
[v. 30] * Der gewöhnliche Mercurius wird verworfen.

[S. 47] die Phoebusgezeugte, Hermetische. Es nannten [sie; d. h. die Frucht] die
gestrigen Traumgesichter den Phoebus, und sie zeigten [sie] Dir unter
dem Namen des Phoebus. Dieser ist es, der die göttlichen Geschwister er-
füllt mit Licht. * Dieser ist es, der einstmals große Festmähler bereitete, [5]
(wie uns einst der Mythos sang in erhabener und gelehrter Weise), bei
welchen sich die blutsverwandten niedrigeren Gottheiten lagerten. Die auf-
getragenen Speisen schmeckten alle nach himmlischen Nektar und Ambro-
sia, welche einzig das himmlische Feuer gekocht hatte, und so viel wie die
Zubereitung ausdunstet in den Wind, [10] so viel kehrte vom † Gastgeber
selbst in die Speisen zurück. Diese Nachkommenschaft ist jene, welche, da
sie die trägen Eingeweide * der Geschwister reinigt, die Dunkelheit lichtet,
und den ganzen Abfall heraustreibt, während drinnen die Ergiebigkeit üp-
piger in Feuer gerät und sich zeigt in neuer Frische erstarkt. [15] † Allein,
die Gemahlin des Phoebus, als das Firmament noch nicht dräute, war halb
blutüberronnen, da sie die Küsse des Gatten spürte. Bald ward als ganze sie

——————
[v. 4] * Diesen Mythos sieht man allenthalben bei den Chemikern.
[v. 10] † Das heißt: durch Phoebus, oder das philosophische Gold.
[v. 11] * Der unterlegenen Metalle.
[v. 15] † Mercurius.

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162 B. Edition und Übersetzung

Ejecitque graves veluti carbunculus ignes.


Haec Phoebea uxor, varijis velata lacernis
[20] Aurifices inter lusit, sensusqué popelli
Insani latuit. * Tibi sed fortasse leonis
Fabella audita est, viridi qui crine jubatus,
Sanguine conspersus, se postea miscuit ostro.
Hic, uxor Phoebea, leo est, † quem turba nefasta
[25] Inter pampineas sectari jusserat uvas.
Vana fides. Nam cum sit rex dominusque ferarum,
Non est nervifragi donis gavisus Iacchi,
Et quamvis Bacchi gemina sit tygride currus
Armatus, raucum interea temone sonante:
[30] Non tamen intra uvas potuit fortissima gigni
Bellua, quum succus dissolvat robora membris:
Aut, siquas furias, * siqua tormenta lacertis
——————
[v. 21] * Leo viridis.
[v. 24] † Leo viridis non est vitriolum, sed Mercurius, quamvis â nonnullis etiam auro hoc
etymon tribuatur.
[v. 32] * Quidam ex ligno vitis aquam eliciebant, pro philosophica solutione auri, sed
frustrà, ut hic monet.

[S. 48] Affert robustis, disploserit illico in auras,


Quicquid virtutis visus fuit ingenerâsse.
Est igitur ferclum illius validissimus ignis:
Hôc bene supposto, crescunt robusta Leoni
[5] Membra, quoad fiat durabilis ignis,
In medijs flammis veluti Salamandra triumphans,
(Si scriptis adhibenda fides) aut sicut Olympus,
Aut si lucidius fingi quid possit Olympo.
At Phoebus, qui sese infert in membra maritae,
[10] Dicitur olim animo vi deliquisse veneni,
Te velut hesterno monuerunt somnia monstro:
Dicitur et morsus saevo obdormîsse * Ceraste.
Hic etenim, quum vicino percusserit arcu
Cynthius, irritatur atrox, et missile virus
[15] Eructat, † quo cum tactus connixit Apollo
In mortis speciem, thermis redimatur iniquis:
Ille * novis positus labris, et † cruribus anguis
——————
[v. 6] Salamandra.
[v. 12] * Species est serpentis.
[v. 15] † Actio, et passio auri et menstrui.
[v. 17] * Vitris.
[v. 17] † Cum menstruo maneat conjunctum.

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Chryseis, Liber IIII. 163

rot umschlungen von den Gliedern des Gatten, und stieß, wie der Karfunkel
heftige Flammen aus. Diese Gemahlin des Phoebus treibt in verschiedene
Mäntel gehüllt [20] unter den Goldmachern ihr Spiel, wie sich auch die
Bedeutung dem irren gemeinen Volk verbarg. * Doch Dir ist womöglich
die Geschichte des Löwen zu Gehör gekommen, dessen Mähne von grü-
nem Fell ist; mit Blut besprengt, verbindet er sich hernach mit dem Purpur.
Dieser Löwe ist die Gemahlin des Phöbus, † dem die frevelnde Schar [25]
nachzuspüren befahl unter den rankenreichen Trauben. Eitler Wahn. Denn
obschon er der König und Herr ist der Tiere, ist er nicht erfreut über die
Gaben des die Kraft brechenden Iacchus, wenngleich des Bacchus Wagen
der doppelte Tiger vorgespannt ist, indessen die Deichsel tönt von rauhem
Gebrüll, [30] konnte dennoch nicht unter den Trauben das allerstärkste
Wildtier zur Welt kommen, da der Saft die Kraft der Glieder schwächt.
Oder, wenn er irgendwelches Wüten, * oder irgendwelche Marter den kräf-
tigen Armen
——————
[v. 21] * Der Grüne Löwe.
[v. 24] † Der Grüne Löwe ist nicht das Vitriol, sondern der Mercurius, obgleich von
einigen auch dem Gold dieses Stammwort zugewiesen wird.
[v. 32] * Etliche lockten aus dem Holz des Weinstocks ein Wasser heraus, für die philo-
sophische Auflösung des Goldes, doch vergebens, wie er hier lehrt.

[S. 48] zufügt, wird alsbald in die Luft geschossen alles, was er an Tugend schien
eingepflanzt zu haben.
Es ist die Speise von jenem allerkräftigstes Feuer. Ist dies ausreichend
untergestellt, wachsen dem Löwen die kräftigen [5] Glieder, solange wie
das Feuer dauerhaft einwirkt, inmitten der Flammen triumphiert er gleich
dem Salamander, (wenn man den Schriften Glauben schenken kann) oder
wie das Firmament; oder, wenn man etwas einleuchtenderes als das Firma-
ment erdichten könnte.
Allein, Phoebus, der sich in den Körper der Gattin begibt, [10] sagt
man, sei einst geistig umnachtet worden durch die Gewalt eines Giftes,
wie Dich die Traumbilder durch das gestrige Wahrzeichen lehrten. Man
sagt ebenso, er sei eingeschlafen, gebissen von einer wütenden * Horn-
schlange. Diese nämlich, da sie der Cynthische mit dem artverwandten
Bogen schoß, ward grimmig gereizt, und ein schießbares Gift [15] speit
sie aus, † da er von diesem getroffen, nickte Apoll ein in den Anschein
des Todes, durch ungleiche Warmbäder wird er wiederhergestellt. Ist jener
in * frische Bäder gesetzt, wie auch † um jenes Schenkel geschlungen die
——————
[v. 6] Der Salamander.
[v. 12] * Sie ist eine Schlangenart.
[v. 15] † Wirkung und Erleiden des Goldes und des Menstruum.
[v. 17] * In Gläsern.
[v. 17] † Mit dem Menstruum soll er Verbunden bleiben.

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164 B. Edition und Übersetzung

Illius implicitus, caesus feriente sagittâ,


Sub die jaceant ambo, caeloqué fruantur
[20] Aestivo: aut si Bruma algens inviderit aestum,
* Ars similem aestivo supponat utrique calorem.
Ast ubi Luna semel per coeli signa meârit, [†]273
Interea redidivus aget Titanius heros.
Ipse etiam serpens mittet nova spicla revivens.
[25] Huic verò cum jam nova bella indixit Apollo,
Effugit, emissas impos perferre sagittas:
Sibilat, et notas fugit indignatus ad umbras.
Hic aperi rimam, qua possit cedere serpens.
Pergat metiri cursum nova Luna secundum,
[30] Et penitus publicam in lucem prodibit Apollo.
Ille videns summis haerentia toxica membris,
Materna intrabit medicatae * balnea lymphae:
Amplexa hunc mater generoso lacte saginat,
——————
[v. 21] * Primum gradum ignis.
[v. 22] † Menstruum spacium.
[v. 32] * Menstruum notant naturale.

[S. 49] Et tantum enutrit, dum, vanescente veneno,


Aurificae fiat similis virtute parenti.
At nunc auriferae dum prodit portio frundis,
Vt modò monstravit velatis fabula dictis,
[5] * Elice, qui superest, aurato ê sandyce coccum,
Qui sursum pulcrae Aurorae ceu roscidus humor
Evolat et partem post sese de tribus unam
Deserit, ipse duas secum super aethera vectans.
Magnum opus est, Chrysanthe, et inextricabile nobis
[10] Fabrica Chrysolithi, varijs intorta figuris.
Haec etenim in medijs, variè dum dimicat ollis,
Et varias promit species, variosque colores,
Principijs constare quidem se quattuor inquit.
Haec tamen in † multas iterum distinguere partes
[15] Convenit, et partes hercisci â partibus ipsas:
Et modò Naturae tenebras offundere leti,
Mox in conspectum, et claram producere lucem:
* Praecipuè observabis aquam: observabis et ignem.
Namque ignis nutricat aquam, quia fluxilis ipse,
——————
[v. 5] Extractio sulfuris aurei persequenda, ejusque proportio.
[v. 14] † Λεπτομερεία operis.
[v. 18] * Quatuor Elementa ut concurrant et invicem agant?

273 Crux fehlt in der Vorlage, obschon in der Glosse.


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Chryseis, Liber IIII. 165

Schlange, niedergestreckt vom eingeschlagenem Pfeil, sollen unter dem


Tageslicht beide liegen, am [20] sommerlichen Himmel sich erfreuen,
oder falls der frostige Winter die Hitze mißbilligt, * kann die Kunst eine
dem Sommer ähnlich sommerliche Wärme allen beiden zukommen lassen.
Allein, sobald Luna einmal durch die Zeichen des Himmels gewandert, †
wird unterdessen walten wiedervergöttlicht der Titanische Heros. Gerade
auch die Schlange, da sie zu neuem Leben erwacht, schleudert neue Ge-
schosse. [25] Da aber dieser Apoll schon einen neuen Kampf ansagte, ent-
kam sie, nicht in der Lage, abgeschossene Pfeile ins Ziel zu bringen. Sie
zischt und flieht empört in die vertraute Dunkelheit. Nunmehr tat sich eine
Kluft auf, in welche die Schlange entweichen konnte. Es soll Luna aufs
Neue aufbrechen einen zweiten Lauf zu durchmessen, [30] und tief ins
öffentliche Licht wird Apoll hervortreten. Da jener sieht, wie die Pfeilgifte
in den wichtigsten Gliedern festhaften, wird er in die mütterlichen * Bäder
von heilsamem Naß hineinsteigen. Diesen umarmt und säugt die Mutter mit
üppiger Milch
——————
[v. 21] * Der erste Grad des Feuers.
[v. 22] [†] Der zum Menstruum gehörende Zeitraum.
[v. 32] * Sie bezeichnen das natürliche Menstruum.

[S. 49] und so lange Zeit nährt sie ihn, bis er, da das Gift sich verflüchtigt, an
Tugend gleich wird der goldmachenden Erzeugerin.
Allein, da nun der Teil des goldführenden Laubes hervorkommt, wie
eben in verhüllter Rede der Mythos lehrte, [5] * entlocke, welcher übrig
ist, vom goldenen Mennig den Scharlach, der sich nach oben wie das be-
taute Naß der schönen Aurora erhebt und nach sich von dreien ein Teil
zurücklassen wird, dieweil er zwei mit sich über den Luftraum führt.
Ein großes Werk ist es, Chrysanthus, und unlösbar für uns [10] das
Gewebe des Chrysolith; in verschiedenen Figuren verwirrt. Solange dieses
sich nämlich mitten in den Töpfen herumschlägt, zeigt es sich in verschie-
denen Gestalten als auch in verschiedenen Farben, dennoch heißt es, es
bestehe aus den vier Principia. Diese jedoch wiederum in † viele Bestand-
teile zu trennen, [15] ist möglich, wie auch die Bestandteile von den
Bestandteilen selbst getrennt werden können, wie auch ins Licht des To-
des tauchen die Natur, und bald hernach in den Blick, ins helle Licht her-
vorholen. * Vor allem wirst Du beachten das Wasser, wirst auch beachten
das Feuer. Denn das Feuer nährt das Wasser, weil es selbst flüssig ist.

——————
[v. 5] Die zu verrichtende Ausziehung des Schwefels des Goldes, und dessen Anteil.
[v. 14] † Das Bestehen aus feinen Teilen des Werkes.
[v. 18] * Wie die vier Elemente zusammenkommen und gegenseitig wirken.

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166 B. Edition und Übersetzung

[20] Atque sali sociat: sed sal, quia spiritus aequè est
Ingipotens, et abit tenuem resolutus in undam,
Naturae ambiguae est, nempe ignis et unda, utriusque
Copula, et agnoscit sexum Hermaphroditus utrumque.
Haec si non, Chrysanthe, capis, propono minora.
[25] Inspice † Iuniperi quo crescant ordine baccae:
In terram primùm tumulatur semen opimam,
Huic ubi jam madido cum rore potentia Solis
Incubat, emergunt latitantia munera vitae:
Fundatur radix: surgunt cum caudice rami:
[30] Luxuriant folia, et viridans arbuscula prodit:
Impubes tamen est, et nulla fruge gravatur.
Accrescunt vires, cum jam redit altera messis,
Cinyphiosque apices dant summo ê cuspide flores,
——————
[v. 25] † Comparatio.

[S. 50] Qui mox baccescunt, dum tertia vertitur aestas,


Albescunt tamen immites eô tempore baccae,
Annus dum redeat quartus Phoebusque, recurrat:
Tum demum baccae pulcra nigredine rident,
[5] Et tribuit matura aetas turgescere olivo.
Hoc * tamen artis opem petit elicientis, et ignis,
Vt possit morbis aliquod conferre levamen.
Talia Chrysolithus nascendi momina caepit.
Iam terrestris agit natura, et mucida radix.
[10] Mox ebullit aquae vis, et quatit invia terrae:
Tum vapor aerius spirat, tollitque madorem:
Tandem etiam reliquas vis permeat ignea partes.
Haec quamvis fiant Naturâ cuncta magistrâ:
Adsciscunt tamen artem etiam, quae substruat ignem.
[15] Tu geminos ignes vicino glomere junge,
Si vis terrenae dissolvere vincula molis.
Est alius namque, ê crudis vitale metallis
Qui ciet ingenium, quem dextera cauta ministrat.
Intra qui † furnos extrinsecus advenit ignis,
[20] Provocat internum, stimulisque impellit acutis:
Ambo tamen * pingui perfusi uligine flagrant.
Non etenim in sicco generatrix flamma moratur.
——————
[v. 6] * Destillatoria arte eliciuntur olea.
[v. 19] † Furnus Chemicus Athanor vocatur.
[v. 21] * Ignis humido nutritur.

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Chryseis, Liber IIII. 167

[20] Und auch dem Salz ist es verbunden. Das Salz jedoch, weil es ebenso
ein feuerbeherrschender Geist ist, hält sich ebenso auf gelöst in der wäß-
rigen Woge, es ist von zwiespältiger Natur, offenbar Feuer und Wasser, von
beiden das Bindeglied, und der Hermaphrodit kennt beiderlei Geschlecht.
Wenn Du diese, Chrysanthus, nicht begreifst, bringe ich Schlichteres vor.
[25] Betrachte in welcher Abfolge † die Wachholderbeeren wachsen: In
fettem Erdreich wird zuerst der Same vergraben, an diesem, sobald nun die
Macht der Sonne zusammen mit feuchtem Tau einwirkt, treten die verbor-
genen Gaben des Lebens hervor. Es faßt Grund die Wurzel. Es erheben sich
mit dem Stamm die Äste. [30] Es treiben die Blätter, und ein grünendes
Bäumchen kommt hervor. Dennoch ist es unerwachsen und wird von kei-
nen Früchten beschwert. Es nehmen die Kräfte zu, da schon die zweite
Erntezeit ins Land geht, teilen die Blumen aus der obersten Spitze aus an
die Cinyphischen Bienen,
——————
[v. 25] † Vergleich.

[S. 50] welche dann Beeren tragen, sobald der dritte Sommer sich wendet, dennoch
sind die herben Beeren zu diesem Zeitpunkt weiß, indem das vierte Jahr ins
Land geht und Phoebus wiederkehrt, dann erst glänzen die Beeren in schö-
ner Schwärze, [5] ebenso gestattet reifes Alter dem Olivenbaum zu strotzen.
Dieses * verlangt dennoch die Hilfe der herauslockenden Kunst und des
Feuers, damit es den Krankheiten irgend Linderung bringen kann. Solche
Geburtszeiten wählt der Chrysolith sich aus. Bereits regt sich die irdische
Natur, wie auch die modrige Wurzel. [10] Bald sprudelt empor des Wassers
Kraft und erschüttert die unwegbaren Stätten der Erde. Daraufhin weht
himmlischer Brodem und nimmt die Feuchtigkeit fort. Zuletzt noch durch-
dringt die Macht des Feuers die verbleibenden Teile. Alle diese, wie sehr
auch immer sie entstehen unter der Führung der Natur, ziehen dennoch
ebenso die Kunst hinzu, welche das Feuer darunter schichtet. [15] Du ver-
einige die doppelten Feuer in enger Ballung, wenn Du auflösen möchtest
die Bindungen der Masse. Denn fürwahr ist es ein anderes, das aus rohen
Metallen die lebenskräftige Anlage hervortreibt, welchen die umsichtige
Rechte darreicht. Inwendig, ruft das Feuer, welches von außen an die †
Öfen herankommt, [20] das Innere hervor und heizt es an mit scharfen
Spornen. Beide dennoch lodern * von saftiger Feuchtigkeit benetzt. Denn

——————
[v. 6] * Durch die Destillierkunst werden die Öle herausgelockt.
[v. 19] † Der chemische Ofen wird ›Athanor‹ genannt.
[v. 21] * Das Feuer wird durch das Feuchte genährt.

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168 B. Edition und Übersetzung

Non secus ac Tellus, radijs tepefacta mariti,


Non, nisi caelesti cum perluit imbre capillos,
[25] Intumet, hinc blandè spirantia lilia fundens,
Inde rosas teneras et purpureos hyacinthos:
Pulcras hinc nardos, illinc beneolentia anetha,
Et sole exsultat, fotuqué animatur opimo.
Hoc opus † immensum bis ternis solibus exit.
[30] Septima namqué dies operanti terminus esto:
Non secus atque Deus, cum jam formaverat omnem
Ex nihilo Mundum, numero requievit in isto.
Hunc Saturno etiam gens olim prisca sacravit,
——————
[v. 29] † Hic observanda Alchemicorum ludibria varia, de temporis dimensione: Multi
enim pro septimanis dies ponunt: menses quinque pro anno integro substituunt.

[S. 51] Temporis ut magnum quem credidit esse parentem,


Et turbae mortalis avum, patremque deorum.
Non tamen interea luces ducuntur inerteis,
Quando illo ventum est: nova sed speciebus origo
[5] Solum praeclusa est: veluti pater ille supremus
Non Mundi formavit opus sex solibus ingens,
Vt nihil in fabricis operari pergeret amplis.
† Ergo incrementum quia rebus debuit addi,
Iussit in innumeros animalia crescere caetus.
[10] Si etiam accedit nostrae nova portio gemmae,
At non difformis, sed par virtute priori.
Tu septem, * numerum solve internum atque quaternum,
Postremum tunc multiplica per membra prioris,
Atque in bis senos mox luxuriantior ibit,
[15] Hunc iterum numerum septeno extende fluente,
Atque octoginta fient, et quattuor unà:
Quattuor atque octo numero si includis in uno
Bis seni fient iterum: hi ter quattuor: at si
——————
[v. 8] † Augmentatio operis.
[v. 12] * Pythagorica supputatio
7 – 3
4
12
7
84
12 –
4
3
7.

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Chryseis, Liber IIII. 169

fürwahr im Trockenen hält sich die nährende Flamme nicht. Genauso wie
die Erde, erwärmt von den Strahlen des Gatten [25] anschwillt, indem sie
dann von hier schmeichelnd duftende Lilien ausbreitet, von dort zarte Ro-
sen und purpurne Hyazinthen; schöne Narden von dort, von hier wohlrie-
chenden Anis, auch bejubelt sie die Sonne, und sie wird belebt durch die
üppige Wärme.
Dieses † ungeheuere Werk geht nach zweimal drei Tagen zu Ende.
[30] Der siebte Tag soll fürwahr dem Schaffenden der Abschluß sein. Nicht
anders als auch Gott, da er bereits die ganze Welt erschaffen hatte aus
Nichts, bei dieser Zahl ruhte. Diese weihten die alten Heiden einst dem
Saturn,
——————
[v. 29] † Hier ist achtzugeben auf verschiedene Spielereien der Alchemiker bezüglich des
Zeitmaßes: Viele nämlich nehmen für die Wochen Tage, fünf Monate setzen sie für das
ganze Jahr.

[S. 51] von welchem sie glaubten, er sei nämlich der Zeit großer Erzeuger, und der
sterblichen Schar Ahnherr, wie auch der Vater der Götter. Dennoch nicht
werden untätige Tage zugebracht, da es hierzu gekommen ist. Sondern den
Arten ist einzig ein neuer Ursprung [5] verschlossen. So wie jener höchste
Vater nicht gewaltig das Werk der Erde gestaltete an sechs Sonnenumläu-
fen, damit nichts an weiteren Geweben zu bewerkstelligen verbleiben wür-
de.
† Weil darum auch Wachstum den Dingen auf den Weg gegeben wer-
den mußte, befahl er den Lebewesen sich in unzähligen Gruppen zu ver-
mehren. [10] So tritt der neue Bestandteil unseres Steines auf, allein, nicht
ungestalt, sondern an Tugend ebenbürtig dem früheren. Du löse auf die
sieben, * das ganze wie auch einmal vier, das letzte vervielfache daraufhin
mit dem vorderen Glied, und nun wird es üppiger zu zweimal Sechs an-
wachsen. [15] Diese Anzahl wiederum vergrößere um das gefügige Sieben-
fache, und es werden achtzig werden, und vier dazu. Wenn Du die vier und
die acht zusammennimmst, werden es wiederum zweimal je sechs. Diese

——————
[v. 8] † Vergrößerung des Werkes.
[v. 12] * Pythagoreische Berechnung
7 – 3
= 4
12
× 7
84
12 –
4
+ 3
= 7.

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170 B. Edition und Übersetzung

Quattuor adjungas tribus, et stent tramite in uno,


[20] Principium repetes. Sic Pythagoraea rotatur
Mensura, et justo momenta examine pensat.
Ter denas autem luces cum promisit Apollo,
Procedit color aetherius, si moveris ipsum
Externis undis, quibus ingeniosa virorum
[25] Dextera congenuit multas in corpore vires.
Non semper tamen est hoc inevitabile tempus: *
Saepius evariat prout flamma, et semen, et arvum
Concinnata forent. Namqué est labor omnis in igne.
† Tu plantam, quam vis pulcris adolescere aristis,
[30] * Hinnulei, Chrysanthe, fimo conde, aut quod ad istum
Sit tepidum morem: primùm lux septima cedat,
Aureae et exibit † corruda tenerrima plantae,
Sin secus, in gemina, dum cresacat turio, luces:
——————
[v. 26] * Mensura temporis incerta quodammodo.
[v. 29] † Ανακεφαλαίωϲιϲ brevis.
[v. 30] * Chemici ventrem equinum vocant.
[v. 32] † Surculus.

[S. 52] Aut quoque, si sit opus ter septem impendere soles,
Spes te dives alat, quod denique surculus auri
Prodibit tenuis. Tum serpens squamiger alas
Arrodet truce dente suas, et sponte subibit
[5] Fatum: sed ratio totius temporis ipsi
Indita materiae est, cujus qui servat amussim
Callet et aetatem, et quaevis mysteria plantae:
Et contra, qui metiri scit terminis horas, *
Materiae quoque naturam pernôsse necesse est.
[10] Est etenim genitura tenax, et ahenus illis
Nexus, quo coeant: suntque illis tempora leges.
Interea, dum crescit opus, vehementior ignis
Suppositus flagret: nulla vas parte fatiscat:
† Sed repleat rimas solidissima pasta patentes.
[15] Tum cinis ortus agit: mens intus clausa rebullit:
Adsurgit Phoenix varia ludente figura.
Est etenim cineri concessus spiritus aethrae,
* Subtili tela, quem vis genialis aceti,
——————
[v. 8] * Quod tempus ex materia dependeat, et vice versa.
[v. 14] † Sigillum Hermetis.
[v. 17] Alii colliquant ignis vi vasis collum, seu orificium.
[v. 18] * Vas esto ὠοειδέϲ.

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Chryseis, Liber IIII. 171

sind dreimal vier. Allein, wenn Du vier den dreien beigesellst und sie in
einer Abfolge stehen, [20] gelangst Du wieder zum Anfang. Auf diese
Weise wird gedreht das Pythagoreische Maß und wiegt es auf die Werte
bei richtiger Prüfung. Da aber dreimal zehn Tage verhieß Apoll, kommt die
Farbe des Himmels hervor, wenn man sie selbst mit fremden Wogen ver-
anlaßt, durch welche der Männer fähige [25] Rechte in Körpern gleichzeitig
erzeugte viele Kräfte. Nicht immer jedoch sind diese Umstände unaus-
weichbar: * Recht oft, je nachdem wie die Flamme verschieden ist, müssen
sowohl der Samen als auch der Acker zurechtgemacht werden. Denn alle
Arbeit steckt im Feuer. † Du setze die Pflanze, welche Du mit schönen
Ähren reifen lassen willst, [30] in eines * jungen Hirschen Mist, Chrysan-
thus, oder, was nach dieser Art warm ist: zunächst muß der siebte Tag
weichen, dann wird der allerzarteste † Spargel der goldenen Pflanze auf-
keimen, sofern anders, während der Trieb wächst, an doppelten Tagen.

——————
[v. 26] * Das Maß der Zeit ist einigermaßen unsicher.
[v. 29] † Kurze Recapitulatio.
[v. 30] * Die Chemiker nennen ihn ›Pferdemist‹.
[v. 33] † Der Sprößling.

[S. 52] Oder wenigstens auch, falls es nötig sei, dreimal sieben Tag aufzuwenden,
beseelt Dich die Hoffnung auf Reichtum, daß endlich hervorkommen wird
der zarte Sprößling des Goldes. Alsdann benagt die beschuppte Schlange
ihre Flügel mit grimmigem Zahn, und wird aus freiem Willen erleiden [5]
das Schicksal. Doch das Maß der ganzen Zeit selbst ist der Materie bei-
gegeben, wer deren Ordnung einhält, der versteht sich sowohl auf das Alter
und jegliche Geheimnis der Pflanze. Und andererseits, wer sich darauf
versteht, zu bemessen die Stunden der Frist, * ebenso ist es notwenig,
die Natur der Materie gründlich erkannt zu haben. [10] Es ist fürwahr
die Erzeugung dauerhaft und ehern jenen die Verbindung, durch welche
sie sich vereinigen; auch gibt es für jene Zeiten Regeln. Unterdessen soll,
während zunimmt das Werk, heftigeres Feuer untergestellt lodern. An
keiner Stelle darf das Gefäß Risse bekommen, † sondern die klaffenden
Spalten soll auffüllen der allerfesteste Mörtel. [15] Dann regt sich die Ent-
stehung der Asche. Der Geist blubbert drinnen eingeschlossen auf. Es er-
hebt sich Phoenix, bei mannigfach ihr Spiel treibender Gestalt. Es steht
fürwahr der Asche der Geist des Äthers zu, * mit feinem Gewebe, den

——————
[v. 8] * Weil die Zeit von der Materie abhängt, wie auch entgegengesetzt.
[v. 14] † Hermetische Versiegelung.
[v. 17] Andere schmelzen zu durch die Wirkung des Feuers den Hals des Gefäßes, oder
die Öffnung.
[v. 18] * Das Gefäß soll eiförmig sein.

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172 B. Edition und Übersetzung

Seu lotium septenorum puerile Planetûm


[20] † Ventilat, atque foras ê pulvere provocat atro.
Ne mirare quòd hoc vicibus repetita secundis,
Occinimus: * bis resplendet color unus, et alter:
Bis niger est, bis purpureus, dum terminus instet.
Iam non est quicquam, quod te Chysanthe, latebit:
[25] Iam tibi perpetuis resonabunt † Orgia cistis.
Ipsa tibi trepidis jamjam delubra moventur
Sedibus, et claram dispergunt culmina lucem.
Ecce faces tacito jactantur murmure sanctae
Matris * Eleusinae. Salve dilecte Sacerdos:
[30] Salve, nec metuas te nostris addere templis.
Si non poenituit tantos perferre labores:
Si patriam linquis, Lybicas metatus arenas,
Vt coleres vero sanctissima numina cultu:
——————
[v. 20] † Spiritus septem metallorum.
[v. 22] * Colores bis apparent.
[v. 25] † Sacra sunt.
[v. 29] * Cybeles.

[S. 53] En caepe sacram etiam, quam mittit diva, tiaram.


Dixit, et attonitum libata aspergine tinxit.
Postea perrexit monitis insistere sanctis.
Non te damnatus, Chrysanthe, incesserit error,
[5] Vt, quia de genijs frequens mihi sermo fluebat,
In tua vota trahas sordentis * daemonas Orci:
Conjurare polum caeptes: Acheronta movere
Murmure suspecto. Modò convertaris ad Eurum,
Mox Austro minitere: iterum te supplice planctu
[10] Opponas Arcto: tandem quoque pronus adores
Hesperias, periture, plagas, scrobibusque preceris.
† Nil juvat accensus signato cereus orbe:
Nil quoque thuricremus depurgans aera nidor:
Nil mactatorum cruor, et sacra nomina divûm.
[15] Non etenim est genijs, queîs sunt nigra Tartara poena,
Propendens animus, facta impolluta juvandi:
Vt rapiant animas, vigilant, veniuntque vocati
Horrendi * Satrapae, detestandiqué ministri
Ast ego non potui finem expectare loquelae:
——————
[v. 6] * Damnatur conjuratio magica daemonum.
[v. 12] † Infandi magorum ritus.
[v. 18] * Satrapa Persicum vocabulum est, praefectum provincicae notat.

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Chryseis, Liber IIII. 173

die Kraft des edlen Weinessigs oder der kindliche Urin der sieben Planeten,
[20] † an die Luft bringt und nach draußen hervor ruft aus dem schwarzen
Staub. Wundre Dich nicht, daß wir dies in zweimaliger Reihenfolge hören
ließen: * Zweimal scheint auf die eine Farbe, wie auch die andere: Zweimal
ist es schwarz, zweimal purpurfarben, solange das Ende bevorsteht.
Nunmehr gibt es überhaupt nichts, was Dir Chrysanthus, verborgen
bleiben wird. [25] Nunmehr werden Dir die † Geheimnisse wieder und
wieder ertönen aus ewigen Truhen. Für Dich werden sich selbst jeden Au-
genblick in ihren unruhigen Stätten die Heiligtümer bewegen, und die Gip-
fel verströmen helles Licht. Siehe, in stillem Gemurmel wird bewegt das
heilige Angesicht der * Eleusinischen Mutter. Heil Dir, geliebter Priester!
[30] Heil Dir, und nicht sollst Du fürchten, Dich unseren Tempeln zu nä-
hern. Wenn es nicht reute, solch große Mühen zu erdulden. Wenn Du die
Heimat verläßt, Lybiens Sandwüsten durchmessen hast, damit Du in wahr-
haftiger Frömmigkeit die allerheiligste Gottheit verehrest
——————
[v. 20] † Der Geist der sieben Metalle.
[v. 22] * Die Farben erscheinen zweimal.
[v. 25] † Sie sind heilig.
[v. 29] * Cybele.

[S. 53] Da, nimm ebenso die heilige Tiara, welche die Göttin sendet«, sprach er,
und er benetzte den Erstaunten mit weihend ausgegossenen Tropfen. Her-
nach fährt er fort auf den heiligen Ermahnungen zu beharren. »Nicht sollte
Dir, Chrysanthus, der verdammenswerte Irrtum widerfahren, [5] daß Du,
weil mir von Genien häufig die Rede entströmte, deinen Wünschen zuhilfe
nimmst * Dämonen des widerlichen Orcus. Dich dem Himmel zu verbin-
den, sollst Du erstreben. Die Hölle zu bewegen durch Gemurmel betrachte
ich mit Argwohn: Bald sollst Du Dich nach Osten richten, bald dem Süden
drohen. Wiederum sollst Du Dich mit flehendem Wehklagen [10] wenden
gen Norden. Endlich sollst Du auch geneigt verehren die zum Abend lie-
genden, Unglückseliger, Gegenden, wie auch betend anreden die Gruben. †
Nichts richtet aus das Anzünden von Wachskerzen im bezeichneten Kreis,
nichts dergleichen die Luft reinigender Weihrauchqualm, nichts der Opfe-
rungen Blut wie auch die heiligen Namen der Götter. [15] Fürwahr ist den
Genien nicht der Sinn danach, für welche der düstre Tartarus die Strafe ist,
daß sie unbefleckten Taten beistünden. Damit sie Seelen rauben, sind sie
wachsam, und es kommen gerufen die schrecklichen * Satrapen und die
abscheulichen Diener.«
Allein, ich konnte nicht abwarten das Ende der Ausführungen.
——————
[v. 6] * Verdammt wird das magische Dämonenbündnis.
[v. 12] † Der abscheulichen Zeremonie der Magier.
[v. 18] * ›Satrap‹ ist ein Persischer Begriff, er bezeichnet den Vorsteher einer Provinz.

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174 B. Edition und Übersetzung

[20] Arripio dextram et dextrae terna oscula figo:


Et simul exspirans ingentem evanidus auram,
Abjiciensque solo genuae, et manum ad aethera tendens,
Quae nobis, ô sancte, refers? Quaeque, ajo, profaris?
Quae vos, ô divi, nostri pia cura tenebat,
[25] Dum tanta in terras misistis munera primùm?
Nunquid credibile est aliquem in caelestibus ignem
In nos incendi? Tantóne flagrabit amore
In nos ille Deus, qui temperat omnia nutu?
Si flagrat, ergo ignis ne nos languentior urat.
[30] Sic in utroqué potens dum conflagrat ignis et ignis,
Communi ardentes flammâ, potiemur amore.
Euge! volo ante Deum gratas effundere mentes,
Qui modo terrigenae miseratus ab aethere gentis

[S. 54] Et grandes largitus opes, se denique patrem


Praestitit, et meritis pelagi superavit arenas.
Quare dum fragiles habitabit spiritus artus,
Continuabo preces, et si me numina mutent
[5] Lusciniae in formam, fruticosa arbusta subibo,
Nil modulans prater divini encomia patris.
Recte, inquit, Chrysanthe facis, dum numen adoras,
Atque Dei templo suspendis pensile votum.
Euge * triumphalis conscende sedilia currus,
[10] Lauriger, et claram victrici palmite dextram
Tolle, ligaque hostes, debellatosqué tyrannos,
Ne mox excussis moveant nova bella catenis.
† Et te fortasse eveniat succumbere bellis.
Tu ne cede malis, acri nec parce labori:
[15] Res digna est, dignusque labor, qui continet omne,
Quidquid inexhausto natura abstrusit in orbe:
Quidquid et in caelis Astraea abscondidit altis.
* Tu quoque in hoc immensa Dei miracula cernes,
Si quis scurra Deum lymphata mente negâvit:
[20] Denique quicquid agit communis turba trecentis,
Hic facili brevitate docet, radiosque per omnem
Expandit lucem, † ceu grandi lumine Phoebus,
Qui, * quamvis etiam reliquis lux manet ab astris,
——————
[v. 9] * Ita triumphabant victores veteres.
[v. 13] † Constantia in opere requiritur.
[v. 18] * Excellentia Lapidis Physici.
[v. 22] † Παμφαὴϲ.
[v. 23] * Παναρκὴϲ.

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Chryseis, Liber IIII. 175

[20] Ich ergreife die Rechte und drücke auf die Rechte drei Küsse. Und
zugleich, da ich vergehend ungeheueren Atem aushauche, mit den Knien
auf den Boden falle und die Hand zu den Himmel strecke, sage ich: »Welch
Dinge, Oh Verehrungswürdiger, teilst Du uns mit? Welch Dinge fürwahr
tust Du kund? Welche gütige Sorge um uns hielt Euch, oh Götter, gefangen,
[25] da ihr zum ersten Male solche Gaben auf die Erde sandtet? Ist es etwa
glaubhaft, daß unter den Himmlischen Deine Liebesglut zu uns entflammte?
Brannte von so großer Liebe zu uns jener Gott, der Alles durch [seinen]
Wink beherrscht? Wenn sie lodert, soll uns demnach keine mattere Glut in
Leidenschaft versetzen. [30] Indem so in beiden mächtige Glut mit Glut
zusammenlodert, in gemeinsamer Flamme brennend, werden wir teilhaftig
der Liebe. Wohlan! Ich will vor Gott ganz übergehen lassen das dankbare
Herz, der sich vom Himmel erbarmte des erdgebornen Geschlechts;

[S. 54] wie er es auch mit großen Reichtümern beschenkt hat, sich am Ende als
Vater erwies und auch an Gunstbeweisen die Sandkörner der Meeresstrände
übertraf. Daher, solange Atem wohnen wird in den gebrechlichen Glieder,
werde ich fortsetzen die Bitten, und, falls die Gottheiten mich verwandeln
[5] in der Nachtigal Gestalt, werde ich im buschigen Gesträuch unter-
schlüpfen, dabei nichts anderes singend als den Lobpreis des göttlichen
Vaters.«
»Recht, sprach er, hältst Du es, Chrysanthus, indem Du die Gottheit anbe-
test, und in Gottes Tempel aufhängst das versprochene Gehänge. Wohlan, *
besteige den Sitz des Triumphwagens, [10] Lorbeerbekränzter, und hebe die
ruhmreiche Rechte mit dem Siegeszweig, auch binde die Gegner, die nieder-
gerungenen Tyrannen, damit sie nicht bald neue Kriege vom Zaun brechen,
da sie abgeschüttelt die Ketten. † Wenn es Dich auch, womöglich ereilt, daß
Du in Kriegen unterliegst, gib Dich nicht dem Unglück geschlagen, noch
enthalte Dich bitterer Mühe. [15] Die Sache ist würdig, würdig auch die
Mühe, die alles umfaßt; alles, was die Natur versteckte im unerschöpflichen
Erkreis; alles, was Astraea verbarg in den hohen Himmeln. * Ebenso siehst
Du darin Gottes unermeßliche Wunder, auch wenn ein Possenreißer mit
wahnwitzigem Sinn Gott abstritt. [20] Schließlich, alles, was die Dreihundert
umfassende Schar treibt, lehrt er hier in verständlicher Kürze, und Strahlen
breitete er aus durch den ganzen Tag hindurch, † ganz so wie mit gewaltigem
Tageslicht Phoebus, der, * obgleich ebenso Licht bleibt von den übrigen

——————
[v. 9] * So feierten Triumphe die siegreichen Alten.
[v. 13] † Ausdauer wird beim Werk verlangt.
[v. 18] * Die Vortrefflichkeit des Physischen Steines.
[v. 22] † Alleuchtend.
[v. 23] * Allanleuchtend.

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176 B. Edition und Übersetzung

Vsque tamen superat luce astra minora coruscâ.


[25] Quis non Chrysolithum summo est amplexus amore?
Aurea semper erat fama, et tritissima gemma
Niliacos inter reges, Arabesqué beatos.
Nemo olim potuit dominantior esse Monarcha,
Quàm qui † thesaurum poterat comprendere pugno:
[30] Non talem terrebit atrox dominator Averni,
* Si repetat quondam fulvum â mortalibus aurum.
Sed quoque tutus erit, mollique quiete fruetur,
Extendens corpus laticis prope stagna fluentis,
——————
[v. 29] † Παμπλούϲιοϲ.
[v. 31] * Πανυπέρτατοϲ.

[S. 55] In quem si mergat dextram, non carnibus humor


Haerebit, sed fluxa oculis vanescet ab ipsis.
Nepenthem Helenae quondam cantavit Homerus
Spinosas pepulisse gravi de pectore curas:
[5] Venitque ad seros Panaceae fama nepotes:
Prisca suum quondem laudârunt secula Moly.
Omnia nugaci dictantia verba poëtae:
Nos his Chrysolithum veraci opponimus ore:
Nec mihi vana fides: mecum centum ora loquuntur.
[10] Ipsum opus, humana si sciret clangere linguâ,
Haut dubito, quin tale volet vero ore profari:
O bone, praesidium si me tibi sorte futurum
Divina credis, summa me amplectere curâ.
Non etenim frustra indulgebis avaris:
[15] Quod dederis, spera: reditu tibi faeneror amplo.
Praebe aures dociles: nec enim te vana docebo:
Exulet ambitio: non, si te cana senectus
Obruat, indignum credas addiscere quicquam.
Discere magnificum est, si sis quoque proximus Orco.
[20] Parvum ego mole quidem, tamen omnem amplector operis vim:
Immensum pretio. Nec enim, me judice, rerum
Nuda superficies, seu testa externa videnda est:
Interior potius nucleus, viavaxque medulla
Inspicienda rei, quem de se reddat honorem:
[25] Et quas delicias animo, quae jubila portet:
Quantumque accendat penitis in mentibus lumen:
——————
[v. 1] Mercurius philosoph[icus], non quòd vulgaris more non haereat, sed quod subtilitate
ipsam cutim penetret.
[v. 12] προϲφώνηϲιϲ ipsius Lapidis.

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Chryseis, Liber IIII. 177

Sternen, dennoch fortwährend übertrifft die geringeren Sterne mit strahlen-


dem Licht. [25] Wer nicht hat den Chrysolith umarmt in höchster Liebe?
Golden war immer der Ruf und der gebräuchlichste Stein bei den Königen
des Nil wie bei den glücklichen Arabern. Kein Monarch vermochte einst
mächtiger zu sein, als der, welcher den † Schatz umschließen konnte mit
der Faust. [30] Nicht schreckte einen solchen der grausame Beherrscher des
Avernus, * wenn er zuweilen von den Sterblichen zurückfordert das rotgel-
be Gold. Sondern er wird in der Tat sicher sein, genießen sanfter Ruhe,
indem er ausstreckt den Körper nahe bei den Becken fließenden Wassers,

——————
[v. 29] † Allbesitzend.
[v. 31] * Allhöchst.

[S. 55] wenn er in diese die Rechte eintaucht, wird nicht die Flüssigkeit an der
Leiblichkeit haften, sondern zerfließend wird sie sich vor den Augen selbst
verflüchtigen. Der Nepenthes habe der Helena, so sang einst Homer, von
der kummervollen Brust die stechenden Sorgen vertrieben. [5] Es gelangte
auch der Panazee Ruf zu den späten Nachkommen. Frühere Zeitalter prie-
sen dereinst ihr Moly. Alles immer wieder wiederholte Worte für den pos-
sentreibenden Dichter! Wir stellen diesen den Chrysolith entgegen mit
wahrheitssagendem Mund. Auch hält mich nicht eitler Wahn. Mit mir spre-
chen hundert Münder. [10] Das Werk selbst, könnte es tönen mit mensch-
licher Zunge, gar nicht zweifle ich daran, daß es tatsächlich solches mit
wahrhaftigem Mund vortragen wollte. Oh, Tüchtiger, wenn Du glaubst,
ich sei Dir durch göttliches Los zum Geleit bestimmt, schließe mich ins
Herz mit größter Liebe. Nicht nämlich wirst Du umsonst Geizhälse be-
schenken. [15] Was Du gabest, hoffe, daß ich es mit umfangreichen Ge-
winn verzinse. Biete mir dar gelehrige Ohren. Denn nicht werde ich Dich
Nichtigkeiten lehren. Das Streben nach Ansehen soll verbannt sein. Nicht
sollst Du, wenn Dich das weiße Greisenalter übermannt, glauben, Dir ir-
gend etwas Unwürdiges anzueignen. Lernen ist großartig, auch wenn Du
schon in der Nähe des Orcus bist. [20] Ein Geringes im Verhältnis zur
Masse zwar, dennoch habe ich des Werkes Gehalt begriffen; unermeßlich
an Wert. Nicht nämlich ist, nach meinem Dafürhalten, die bloße Oberfläche
der Dinge oder das Gefäß von außen zu betrachteten, der innere Kern
vielmehr und das lebenskräftige Mark der Sache sind zu untersuchen, wel-
che Belohnung es von sich einbringt. [25] Und was für Wonnen, was für
Frohlocken es dem Geiste bringt. Wie stark auch immer es tief in den

——————
[v. 1] Der Philosophische Mercurius, nicht, weil er nach Art des gewöhnlichen nicht
hängen bleibt, sondern, weil er ob seiner Feinheit die Haut selbst durchdringt.
[v. 12] Beifall für den nämlichen Stein.

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178 B. Edition und Übersetzung

Non secus ac Iovis irati penetrabile fulmen


Non tremula flammâ, vehementi aut pondere quassat:
Sed latet in flamma; latet isto in pondere virtus,
[30] Quae vesti impercit, vicinos siderat artus:
Vaginas transit salvas, atque ustulat enses.
Sed quo delabor? * Quo me mens alite vectum
Abstulit? Infregi jurata silentia divae:

——————
[v. 32] * Conclusio ab abruptione.

[S. 56] Non etenim jussit diva effari omnia junctim,


Ni sacramentum prius ante altare fidele
Dixeris, et Fidij sacrae promiseris arae,
Impositis digitis, nulli haec te sacra daturum,
[5] Si te non moneat secreto murmure diva.
En tibi cincticulum: ipse togam succinge fluentem.
Imus, quod cernis vicino in colle sacellum.

FINIS.
——————
[ v. 3] Jusjurandum.

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Chryseis, Liber IIII. 179

Gedanken ein Licht entzünden mag, nicht anders als des Jupiters durch-
dringender Blitz, nicht durch die zuckende Flamme oder durch die heftige
Wucht zerschmettert. Vielmehr verbirgt sich in der Flamme, verbirgt sich in
jener Wucht eine Tugend, [30] welche die Kleidung verschont, die benach-
barten Glieder versengt. Die Scheiden durchdringt sie unbeschadet, doch
sengt an sie die Schwerter. Aber wo gerate ich hinein? * Wohin hat mich in
der Fahrt der geflügelte Gedanke fortgebracht? Ich brach das der Göttin
geschworene Schweigen.
——————
[v. 32] * Conclusio von der Abruptio an.

[S. 56] Nicht nämlich befahl die Göttin gleich hintereinander alles herauszusagen,
wenn Du nicht vorher vor dem Altar das Treuegelöbnis sprachest und des
Fidius heiligem Altar versprochen hast mit aufgelegten Fingern, daß kei-
nem Du diese heiligen Geheimnisse übermittelst, [5] wenn Dich nicht mit
geheimen Murmeln auffordert die Göttin. Da ist für Dich der Gürtel: Gürte
Dir selbst um den wallenden Umhang. Laß uns gehen, zum Heiligtum, das
Du erblickst auf dem nahen Hügel.«

ENDE.
——————
[ v. 3] Eid.

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180 B. Edition und Übersetzung

[S. 57] Furichius, Chryseis, Scholia

Sequuntur Scholia in libros IV. Chryseidos


Scholium ad librum. I.

Pag. 2. vers. 22 Cur lucem extendant Chelae etc.] Aliàs apud Manilium et
Virgilium pro signo Scorpii sumuntur: hoc in loco pro Cancro. Elegantius
enim Chelas dixit, quam si Cancrum: quasi Chelae ipsae sese diducentes
diem extendant. Χηλαὶ namque Latinis forcipes sonant. Hoc signum inequi-
tante Sole, producuntur dies: ut in Capricorno iidem remittuntur. Virgilius
de Viro justo:
Ille dies, quàm longus erit sub sidere Cancri,
Quantaqué nox Tropico se porrigit in Capricorni,
Cogitat.274
Vers. 24. Cur jubar etc.] Εκλίψοιϛ innuit, ut altera versus parte Lunae
mutationes.
Vers. 25. Quid vehat Orion etc.] Illorum signorum ortus et occasus ma-
gnum semper aliquid minari omnes fatentur docti. Hippocr. lib. de aer. aq.
et loc. Εἰδὼϲ γὰρ τῶν ὡρέων τὰϲ μεταβολὰϲ καὶ τῶν ἄϲτρων τὰϲ ἐπιτολάϲ
τε, καὶ δύϲιαϲ etc. Et ibidem: Δεῖ δὲ καὶ τῶν ἄϲτρων τὰϲ ἐπιτολὰϲ
φυλάϲϲεϲθαι, καὶ μάλιϲτα τοῦ κυνὸϲ ἔπειτα ἀρκτούρου, καὶ ἔτι πληιάδων
δύϲιν.275 Sic Aristot. sect. problem. I. quaest. 3. Sic Plato in Polit. et Epi-
nomid. Ubi astra ad gubernaculum vitae mortalium sedere testatur. Habet
hoc cum Stoicis commune. Inde fati necessitatem deducunt. At divinius
Aristoteles 7. Eudemior. Κινεῖ μὲν πῶϲ πάντα τὸ ἔν ἡμεῖν θεῖον etc.276
De iisdem astris Virgilius saepius: Ut lib. I. Georg imprimis:
– tam sunt Arcturi sidera nobis
Haedorumqué dies servandi.277
Vers. 28. At tandem exorta est] Notantur Arabes, et nonnulli Latinorum, ut
Firmicus, et Manilius. Sed hi ab Arabibus, et Chaldaeis artem mutuò acce-
perunt. Qui gerras germanas audire avet, atqué lyras lyras, ut cum Plauto
loquar, adeat Hermet. Aphorism. Bethem centiloq. Almanzor. proposit. Za-
hel, Messahalah, Omar, etc: Vanitatem Astrologiae judicariae non opus est
hic pluribus exagitare, cum hoc pluribus, et prolixis factum sit, â magnis
illis caeli litterarii Phosphoris Iosepho Jospeho Scaligeró, Pico Mirandula-
no, Philippo Mornaeo, et egregio illo Medico, et Melico Johanne Smetio,
aliisque per quàm multis.

274 De institutione viri boni, 7–9. In: Appendix Vergiliana, S. 165–168; zur ›Appendix
Vergiliana‹ vgl. J. Richmond (1996).
275 Abgeglichen mit Hp. Aër. 2, 2 u. 11, 2.
276 Abgeglichen mit Arist. EE 1248a 26 f.
277 VERG. georg. 1, 204 f.

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Scholia 181

Pag. 3. vers. 15. Vt primum Deus,] Platonis figmentum est: adeoque


creatio hominis ab ipso etiam, Deo attributa. Non dissimile docet Hippocr.
lib. de carnib.

[S. 58] Vers. 28. Niliacis alveîs.] Oriri dicunt Nilum in locis propemodum sub
tropicum Capricorni positis, ultraque alterum tropicum in Mare Mediterra-
neum ferri. Ut Jul. Caes. Scaliger Exerc. ad Card. 47. Multa nomina agno-
scit, prout incolis locorum placuit. Apud Aethiopas Ascapus: circa Meroën
insulam Ascabores, item Ascusapes; Aegyptiis Nilus, ut et Sirys: Homero
Aegyptus: aliis Tritòn dictus est. Vide de his locum apud Plinium memo-
rabilem lib. 5 hist. natur. c. 9. Ubi et de caeteris fluviis tradit. Caussam
incrementi in fluvio isto, caeteramque eius prorsus stupendam naturam dis-
ce ex Prospero Alpino tract. de Medic. Aegypt.
Pag. 4. vers. 11. Hinc aurum fulsit.] Distributionem metallorum Planetis
rejicit divinus Caesar Scaliger Exerc. ad Card. 106. sect. I. Quamvis eam
tradat Proclus in Tim. Pace tamen tanti herois, non incongruè hoc fieri
reperiemus, ubi penitius metallorum naturam introspiciemus. Dabitur fort-
asse aliquando occasio pluribus de his agendi, siquis ansam praebuerit.
Testatur idem dudum ante, aliam metallorum distributionem secundum Pla-
netas factam esse Chaldaeis, quod sese ex Raziele quodam didicisse tradit.
Vers. 27. Ipse Iovis currus.] Haec ex Petri Ronsardi, poetae Galli incom-
parabilis, hymno auri mutuò sumpta sunt.
Pag. 5. vers. 13. Iustitia ipsa.] Judices perstringit, qui facilè auro corrum-
puntur.
Pag. 6. vers. 5. Hac sine.] Nota est Galeni scurillitas in Servatorem no-
strum, eiusque iniquitas in Mosem, dum eum carpit, quòd in rerum caussis
tradendis voluntatem Dei unicè adferat: cum tamen idem in aliis carpere
poterat. Ut Platone, qui Animam Mundi tradit. Ut Aristotele ipso et Avi-
cenna, qui rerum omnium generationem, hic decimae cuidam intelligentiae,
ille pluribus, assignant. Inter Graecos verò fuisse quosdam prorsus ἀθεοὺϲ,
testàtur Arrianus in Epictetum.
Vers. 12. Nulla ut primordia Mundi.] Ut Aristot. lib. I. de Caelo. Defen-
sionem suscipit divini praeceptoris divinior discipulus Jul. Caes. Scaliger.
Exerc. 61. s. 3. Vix tamen excusabilis est.
Vers. 13. Animasqué rapi.] Nefandum illud Hippocratis deliramentum, â
quo non absunt Galeni trepidationes, subnotat. Ille lib. 6. Epid. sect. 5.
Credidit etiam animam corpus depasci : ῍Ην δ᾽ ἐκ πυ-

[S. 59] ρωῇ, ἅμα τῇ νούϲῳ καὶ ἡ ψυχὴ το ϲῶμα φέρβεται.278 Prolixius haec agitat
Jul. Caes. Scalig. Exerc. ad Card. 101. s. 18.

278 Abgeglichen mit Galen: In Hippocrates librum VI. epidemiarum commentarii VI.,
17b.250 (nach TLG).

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182 B. Edition und Übersetzung

Pag. 7. vers. 19. Invenit majora.] Tria principia Chymicorum. De his


varia opinio est. Vir magni nominis Sennertus haec separat â quatuor Ele-
mentis, atque dicit iisdem concreata esse principia. Sat quidem pro novitate.
At in iisdem qualitates sunt elementorum. Ergo et ipsa ab elementis depen-
dent. Pluribus agunt Erastus, et Palmarius, ad quos Lector remittitur.
Pag. 8. vers. 8. Quamvis Mercurium.] Alienus quidem â Latinis hic mo-
dus est loquendi: sed novis rebus nova nomina. Notum est, Mercurio argen-
tum vivum sacrum dictum fuisse. Atque ut hoc in metallis tertium princi-
pium est, ita in caeteris aliquid ἀνάλογον est, quod eodem nomine nuncu-
parunt.
Vers. 17. Circulus in circo.] Materia Lapidis significatur: quae quatenus
cruda est, copiosior est, sed impurior, cum verò decenter elaboratur, paucior
evadit, sed multò purior.
Pag. 9. vers. 9. Sed prius ê siliquâ.] Loquitur de semine, quod ex integro
auri corpore eliciendum, et terrae suae intumulandum est.
Vers. 25. Septenum inveniet.] De septenario videatur Hippocr. lib. de
septim. part. et lib. 1. de diaet. et Lalamantius medicus Heduus in eundem
commentans peculiari tractatu. Plurimi doctiorum otiosam statuunt, et va-
nam de septenarii virtute doctrinam, quamvis veteres ferè omnes maximam
efficaciam eidem tribuant. Rejiciuntur propterea, quod Pythagorae somnia
sapiant. Quid verò dixeris de Aristotele philosopho minimè omnium super-
stitioso? Inquit lib. 5. histor. anim. cap. 20. ῾Ο δὲ χρόνοϲ τῆϲ γενέϲεωϲ ἀπὸ
μὲν τῆϲ ἀρχῆϲ μέχρι τοῦ τέλουϲ ϲχεδὸν τοῖϲ πλείϲτοιϲ ἑπτάϲι μετρεῖται
τριϲὶν ἢ τέττραϲι.279 Ita etiam in morbis evenire affirmat. Notandum tamen,
quòd dicat, τοῖϲ πλείϲτοιϲ, non omnibus, ut monstret, non generale esse,
quod de septenario ajunt. Quaeritur an ipsi numero, quà numero efficacia
aliqua insit? Equidem addubito, an ipse Pythagoras ita docuerit. Negari
tamen non potest, hoc spatio multa consummari, et sufficientius rebus vel
generandis, vel mutandis spatium vix dari, licet ignoretur, astrìsne hoc at-
tribuendum, ut Astrologi faciunt, an potius rerum sublunarium, et caele-
stium certae cuidam harmoniae, proportione et motu fienti.
Vers. 29 Ipsa sagittifero.] Versus hic ab Orpheo mutuò sumptus est:
῾Εβδόμην φίληϲεν ἑκάεργοϲ ᾽Απόλλων.280

[S. 60] Pag. 10. vers. 14. Hactenus auriferae.] Telluris nostrae aratrum ignis est,
et menstruum Mercurio necessarium: seges, aurum praeparatum: vannus,
vasa necessaria, quae Arabes Aludel vocant.
Pag. 11. vers. 27. Quo tandem impulsu.] Olim quidem Paracelsus san-
guini motum circularem inesse docuit, quae doctrina etiam â nonnullis Ga-
lenistis recentioribus propagari incipit.

279 Abgeglichen mit Arist. HA 5, 20.


280 Abgeglichen mit Orph. Fr. 148; u. Procl. in Ti. 3, 168c.

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Scholia 183

Pag. 12. vers. 2. Non secus.] De Coraliis vide Plinium, Solinium, Dios-
coridem etc:
Vers. 4. Vna equidem.] Sic Hippocr. lib. I. de vict. ratione: ῞Εκαϲτον
πρὸϲ πάντα, καὶ πάντα πρὸϲ ἓκαϲτον τωὐτό. ῾Ο νόμοϲ γὰρ τῇ φύσει περὶ
τούτων ἐνάντιοϲ, χωρεῖ δὲ πάντα, καὶ θεῖα, καὶ ἀνθρώπινα ἄνω, καὶ κάτω
ἀμειβόμενα.281
Vers. 6. Est radius.] Calidum innatum, quod omnibus inesse, deprehen-
ditur, caeleste penitus, atque τὸ τῶν ἄϲτρων ϲτοιχεῖον ἀνάλογον.282 Alexan-
der Aphrodisaeus, ut omnia, ita et hoc ab Elementis deducit. Sed videat,
quid illustris noster Caesar dixerit. Tale omnibus corporibus mixtis inesse
etiam Fernelius asserit.
Vers. 9. Mensque ipsa.] Platonicum est: distinguunt autem ejus secatores
accuratè: Mentem Mundi universalem, Animam, et spiritum. Vide Ploti-
num, et Marsil. Ficinum lib. de Vit. caelitus compar.
Vers. 11. Hunc Amor.] Ita â principio operis sui Lucretius Epicureus
docet: Ita pervigilium Veneris Catullo attributum, pulcherrimis trochaicis,
quos maximâ cum voluptate saepius repeto:
Ipsa venas atqué mentem permeante spiritu
Intus occultis gubernat procreatrix viribus:
Perqué Caelum, perqué terras, perqué pontum subditum
Pervium sui tenorem seminali tramite
Imbuit; jussitqué Mundum nosse nascondi vias.283
Ita subtilitatum faber Scaliger Exerc. 106. s. 1. de Venere praedicat, felicis-
simum sidus esse, auspicatissimanmqué parentem, non Aeneadum modò,
sed ut prisci omnes volêre, totius quoqué propagationis, adeoqué rerum
aeternitatis.
Vers. 25. Non hùnc, qui lubricus.] Excludit Mercurium vulgaré, qui certa
ratione sublimatus, varios colores ostentat. Artifices caudam pavonis vo-
cant. Videatur Ripla. lib. 12. port. qui versibus Britannicis egregie hac de
materia scripsit.
Vers. 32. Cinnabarin dicunt.] Intelligit Cinnabarim rupeam

[S. 61] non factitiam ex argento vivo: non etiam minium illud Veterum, nec illud
tritum recentium ex plumbo calcinato factum, sed quod concolor iisdem;
materia est auri et argenti. Necesse fuit ob penuriam vocum uti hac circum-
scriptione.

281 Abgeglichen mit Hp. Vict. 4, 3–5, 1.


282 Eine solche Stelle findet sich – nach Online-Recherche im TLG – nicht in dieser Form
in den Schriften des Aristoteleskommentators Alexandros von Aphrodisias, sie scheint
daher frei zitiert zu sein.
283 PERVIG. Ven. 63–67.

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184 B. Edition und Übersetzung

Scholium ad librum II. Chryseidos.

Pag. 14. vers. 10. Mox, postquam.] Colores non prodeunt, antequam men-
struum materiam nonnihil fermentaverit. Per amara namque menstruum
intelligit.
Vers. 12. Seu purpura Lecti.] Lecton insulam Ostriferam esse, docet
Aristot. lib. de gen. anim.
Pag. 15. vers. 6. Virosâ perimat.] Virus inesse etiam philosophorum Mer-
curio, antequam ad medicinam praeparatus sit, testantur omnes.
Vers. 10. Tu de Thessalicis.] Hisce verbis innuit menstruum solvens,
quod terram, quam vocant, maledictam eluit: dixit venenum, quòd vim
penetrabilem, et subtilem in sese contineat.
Vers. 29. Hîc rosa.] Mixtura intelligitur, quae rursus menstruum solvens
abluit.
Pag. 17. vers. 3. Attonitúmque novâ.] Mos poetarum est ingentem lucem
fingere, adventu dei cujusdam: ut Plaut. in Amphitr.
Aedes totae confulgebant tuae, quasi essent aureae.284
Vers. 24. Tu potius Mundum.] Ita Plato in Timaeo Mundum ipsum Deum
vocat: Et Trismegistus in Asclepio, Caelum, ait, sensibilem Deum esse,
administratorem omnium corporum. Non quòd ita senserint, sed ut tantam
fabricam â Deo dependere et gubernari docerent.
Pag. 18. vers. 12. Atqué in secretis.] Pythagoras omnibus januis silentii
praeceptum inscripsit. Quidni et veri Chemici?
Pag. 20 vers. 12. Magnetem imitatur.] Quidam terram Hispanicam vo-
cant, aut terram Adami. Ajunt ex agro Veronensi effodi et interdum prorsus
nigram esse, interdum rubram. Imò est, quae transparente rubedine imitatur
rubinos.
Vers. 27. Immanis serpens.] Passim apud Chemicos Mercurius Philo-
soph. draco vocatur propriam caudam devorans. Hinc jambici illi Theo-
phrasti cujusdam Graeculi:
Καὶ οὑτόϲ ἐϲτιν οὐροβόροϲ μὲν ὁ δράκων,
Λευκὴν μὲν ὄψιν, καὶ κατάϲτικτον δορὰν
῎Εχων.285

[S. 62] Pag. 21. vers. 26. Per totum penetres.] Adeoqué illa Hermetis Trismegisti
responsio laudatur, qui rogatus â Poemandro, quidnam vellet? Ait: cupere
sese Naturam discere, et cognoscere Deum.
Pag. 22. vers. 3. Animisqué quasi.] Platonicum est. Anima Mundi, inquit
Plato, deos ex igne generat, et deos quasi adscriptitios: Hi verò ideas ani-

284 PLAVT. Amph. 5, 1, 44.


285 Abgeglichen mit Theophrast. graec., v. 144–146.

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Scholia 185

marum, quibus animalia constant, quas animas ab Anima Mundi acceptas


corporis amictu obsepiunt.
Vers. 10. Generatrix forma.] Dixit formas aeternas: Formae tamen, quas
minores vocavit, per accidens corrumpuntur.
Vers. 15. At quia non possunt.] Non unum esse posse principium rerum,
praeter Hippocratem docuit Aristot. Lib. Metaphys. ubi diversitatem vete-
rum Philosophorum, quoad hanc sententiam recitat. Nobis contingit olim
per otium versibus exprimere, quos huc ponere placet:286
Pindarus atque Thales ponebant principium undam:
Magnus hic Astronomus: ille poeta gravis.
Primi hinc sunt dicti Thetis, Oceanusqué parentes:
Hinc jusjurandum Styx erat atra Deûm:
[5] Sic et Anaxagoras, non ob pietatis amorem,
Rerum principium censuit esse Deum:
Nam cum non aliam callebat reddere caussam,
A summo sumsit Patre patrocinium.
Hipponem quoniam sapientum ex ordine delet
[10] Magnus Aristoteles, nec mihi fandus erit.
Heraclito ignis, sed Anaximeni arduus aër,
Parmenidi verò principium Omne fuit.
Democritus plenum et vacuum pro semine ponit:
Ens plenum, non Ens esse putat vacuum.
[15] Quid de Pythagora memorem, qui lege Mathesis
Principium ê numeris eruit atque genus?
Quid non crediderat numerorum posse figuras?
Quo non huic numeris mystica vis inerat?
His Elementa creat: creat bis animamqué polumqué:
[20] His Montem: his tempus denumerare solet.
His caeli harmoniam componit, et aethera totum.
Cuncta illo ex numero, vel numerum esse putat.
Imò etiam numerum rebus tractabile corpus,
(Materiam dicunt) suppeditare docet.

[S. 63] [25] Alcmaeon dictat contraria semina rerum,


Infinitae quidem, non velut iste decem etc.
At Aristoteles ibidem, ut impossibile ait, unum tantum rerum esse prin-
cipium, ita negat infinita esse.
Vers. 19. Mens etenim.] Animam Mundi docet omnium rerum generan-
darum caussam efficientem, quod Philosophi etiam inviti fatentur. Inquit
Aristoteles: Sol et homo generant hominem. Per Solem totum caelum intel-

286 Die Verszählung wurde nachträglich eingefügt, da das Gedicht sich in meinem Kom-
mentar zu CHRYS., S. 22, 15–23 in Übersetzung findet.

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186 B. Edition und Übersetzung

ligere puto Philosophum, cum Sol non solus lumen, et calorem his sub-
lunaribus tribuat. Quia tamen caeteris largius, hinc eundem instar omnium
dixerunt: hinc fons luminis Heraclito dictus est: Orpheo, lumen vitae: Pla-
toni, ignis caelestis, animal aeternum, astrum animatum, maximum, diur-
num: Physicis, cor caeli. Imo Plotino teste, Dei vice invocatus est. Albu-
masar, et Trismegistus omnia vitam debere Soli et Lunae affirmant. Unde
verò ista virtus? An â calore solo? Generatio rerum non fit nisi per ratio-
nem. At in calido non est ratio, nisi per vim Animi. Nec aliter sensisse
crediderim divinum Senem lib. de carnib. Δοκεῖ δέ μοι ὃ καλεόμενον
θερμόν, ἀθάνατoν τε εἶναι καὶ νοεῖν πάντα, καὶ ὁρῆν καὶ ἀκούειν, καὶ
εἰδέναι πάντα, καὶ τὰ ἐόντα, καὶ τὰ μέλλοντα ἔϲεϲθαι. Viderint Mercurialis,
et Capivaccius, qui de calore Elementari haec verba Hippocr. interpretantur
veteres αἰθέρα vocasse, et ἐϲ τὴν ἀνωτάτω περιφορήν secessisse.287 Lib. I.
de vict. rat. prolixius de his agit, et aliquantò clarius. Eandem sentiam
sequitur Macrobius.
Vers. 22. Est Veneris nodus.] Loquitur de Calido τῶ θερμῶ ipsius Uni-
versi, quod Animi quasi vehiculum est, et organon.
Hinc Parmenides:
Πρῶτον (φηϲὶν) ἔρωτα θεῶν μητίϲατο πάντῶν.288
Et Hesiodus:
Πάντων μὲν πρώτιϲτα χάοϲ γένετ᾽ αὐτὰρ ἔπειτα:
Γαῖ᾽ εὐρύϲτερνοϲ.
᾽Ηδ ἔροϲ, ὅϲ πάντεϲϲι μεταπρέπει ἀθανάτοισιν.289
Vide Arist. lib. I. Metaph. cap. 4.
Vers. 27. Est animus.] Paracelsus inquit Animum medium quidem esse
inter spiritum, et corpus. Hinc Cupido hoc in loco vocatus est, quòd medius
veluti inter mortales et matrem Venerem, Amorem omnibus conciliat, mis-
sili pharetra. Quòd autem hîc unguen dicatur esse, nihil ab antiquitate dis-
crepatur.

[S. 64] Ipse enim Hippocr. lib. de Carnib. Τὸ θερμὸν τοῦ λιπαροῦ μητρόπολιν
esse docet.290 Quod enim calescit, inquit, primùm omnium quùm diffundi-
tur, pingue fit.
Pag. 23. vers. 18. Donec enim.] Hinc sunt, qui negant purum ab omni
aqueitate, ut ita loquar, vini spiritum dari, cum semper in destillatione ali-
quid insipidi, aquae instar, remaneat in fundo, etiam si centies destillaveris.
Pag. 24. vers. 1. Spiritus hic pariter.] Infinitis ferè nominibus spiritus ille
Mundi vocatus est â sapientibus. Cabalistae vocarunt Lineam viridem, om-

287 Abgeglichen mit Hp. Carn. 2, 1.


288 Abgeglichen mit Arist. Metaph. 984b 26 f.
289 Abgeglichen mit Arist. Metaph. 984b 28 f.; u. Hes. Th. 116. u. 120.
290 Abgeglichen mit Hp. Carn. 4, 1 f.

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Scholia 187

nia girantem. Graeci ϲποράν ἄρθαρτον: Hebraei Ruach Elohim, et Duenech


viride.

Scholium in Lib[rum] III. Chryseidos.

Pag. 27. vers. 3. Alias mea numina.] In flore aeris aliquam tingendi vim
inesse, multi jam Chemici experti sunt.
Vers. 18. Ipse mihi genitor.] Spiritus Saturni id est plumbi, sed subter-
ranei, ingentem vim possidet solvendi aurum. Sed et facile plumbo miscetur
aurum: aliis metallis minimè.
Vers. 28. Te penes est.] Aurea, et pene divina verba sunt Magni illius
Julii Caesaris Scaligeri. lib. I. de plantis. Est Saturnus sidus secretioris
illius sapientiae: quae sempiternâ constantiâ sui similis, quoniam nihil ex-
tra se habet, infinita scilicet recurrit in seipsam. Et sequentia, quae ab ipso
Oraculo dictata juraveris.
Pag. 29. vers. 11. Ipse Planeta.] Vocem ἑπταγράμματον alii aliter inter-
pretantur: hi de Mercurio, elisa quippe postremâ syllaba: illi De Planeta,
quo septem metalla subintelligunt. Ex his sulfur et Mercurius, iniquiunt,
extracti, diligenter extersi, iterumque artificiosè conjuncti Lapidi faciunt.
De his verò alibi prolixius dicemus.
Vers. 19. Aurum etenim.] Ita sentit etiam in fine lib[ri] ibi: Vna trium-
phatrix etc: Posset contra haec Phoenix ille scientiarum Jul. Caes. Scalig.
adduci, qui Exerc. 106. s. 2 ad Card. negat aurum perfectius esse metallis.
Dico non perfectius perfectione speciei esse, sed perfectitudine mixtionis.
Pag. 30. vers. 3. Est tamen his fucis.] Tincturam auri aliunde petere quàm
ex auro, insaniae intolerabilis est. Infinita sunt, quae aliàs ab Artificibus in
operam Alchemicam trahuntur, adeóque ridicula, ut pigeat hic recensere,
cum libri passim rerum istarum farraginem habeant.
Vers. 25. Hoc aes intactum.] Linea viridis quid sit, supra decla-
[S. 65] ratum est: Hic tamen aurum philosophorum ita vocitatur, quia multum in
sese spiritus illius Mundi habere creditur, ut Mars. Ficinus testatur lib. de
vit. caelit. comparand. et lib. de sanit. studios.
Pag. 31. vers. 8. Aurea prima aetas.] Ita Vergilius lib. 2. Georg.
Aureus hanc vitam in terris Saturnus agebat:
Necdum etiam audierat inflari classica, necdum
Impositos duris crepitare incudibus enses.291
Et Eclog. 3. tota ex ea historia conflata est.
Vers. 19 Iam verò postquam.] Ita Boethius:
Felix nimium prior aetas,

291 VERG. georg. 2, 538–540.

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188 B. Edition und Übersetzung

Contenta fidelibus arvis,


Nec inerti perdita luxu,
Facili quae sera solebat
Iejunia solvere glande.292
Vers. 33. Si quis aquam.] Sub Tropico Cancri maximam aquae inopiam
esse docet. At Josephus Scaliger sub Aequinoctio habitantes bis anno, plu-
viis ferè inundari scribit. Nil tamen obstat quin maxima inopia aeque ibi sit,
cum quotannis bis tantum hoc accidat.
Pag. 32. vers. 4. Stulta Melampodio.] Melampus helleborum primus in-
venisse dicitur. Magna autem ejus copia in Anticyris reperiri dicitur. Hoc
Anticyram Herculem, et Melampus Proiti filias ab insania liberavit.
Vers. 11. Ipsa catenatum.] Omnes Philosophi veteres mirâ harmoniâ
Mundum conspirare docuerunt: ut Hipp. lib I. de vict. rat. Noti sunt Plato-
nis annuli, et Homeri catena, qua Juppiter omnia quidem trahit et movet,
ipse interim immobilis.
᾽Αλλ᾽ οὐκ ἂν ἐρυϲαιτ᾽ ἐξ οὐρανόθεν πεδίονδε
Zῆν᾽ ὕπατον μήϲτωρ᾽, οὐδ᾽ εὶ μαλα πολλὰ κάμοιτε.
Πάντεϲ δ᾽ ἐξάπτεϲθε θεοὶ, πᾶϲαί τε θέαιναι.293
Quae verba ipse quoque Arist. in lib. suos de mot. anim. transtulit.
Vers. 14. Sed quoniam.] Vide de his Rosarium Arnaldi Villanovani.
Vers. 26. Ergo focum.] Alludit ad fabulam de Prometheo, qui ignem
caelo suffuratus dicitur, ut Hesiodus canit. Hoc factum imitari debet Che-
micus, non ut Solarem calorem operi adplicet, sed eundem gradu ignis
imitetur.

[S. 66] Vers. 30. Haec sunt naturae.] Balsama vocat μεταφορικῶϲ, quòd natu-
ralis balsami virtutem imitentur. De hoc Alpinus multa. Ait ex Arabia in
Aegyptum transferri, illinc ad nos. Quidam ex Turcia verum Opobalsamum
ad nos adferri contendunt, sed negat Guarinonius in consil. Virgil. lib. 2.
Georg. ex India ferri canit.
–– Sola India nigrum
Fert ebenum: solis est thurea virga Sabaeis:
Quid tibi odorato referam sudantia ligno,
Balsamaque et baccas semper frondentis acanthi:294
Manardes, et ex eo Fioravantus hodie quoque ex Insula Cartagena afferri
testantur.
Pag. 33. vers. 11. Cinnabarim dixi.] Utrumque excludit, et rupeum, et
factitium Conrad. Lips. in sua confess. Quod quidem verum est. Cum ta-
men alio nomine non potui, hôc potius Terram nostram Adami vocavi.

292 BOETH. cons. 5, v. 1–5.


293 Abgeglichen mit Hom. Il. 8, 20–22; u. Arist. MA 700a.
294 VERG. georg. 2, 116–119.

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Scholia 189

Vers. 24. Et licet inferior.] Saturno patre id est plumbo. Observandum in


scoriis plumbeis miram copiam auri inveniri, adeóque majorem, quàm in
aliis. Hinc verè auri parens vocari potest.
Pag. 34. vers. 19. More aquilae spuriae.] Aristot. lib. 9. hist. anim. c. 32
quatuor Aquilarum genera facit: Unum, quod πύγαργον vocat, ab albicante
cauta: quidam νεβροφόνον vocant: Haec plana, lucem, oppida colit. Alte-
rum praestantius, quod πλάγγον vocat, νηττοφόνον cognominatum, καὶ
μόρφνον. Tertium, quod nigricat, omnium praestatissimum, et μελαναίετον
seu λαγώφονον vocat. Quartum περκνόπτερον, ab alarum notis, vocat. de-
gener[atum].295 Huic generi Mercurii volatilitatem comparat.
Pag. 35. vers. 2. Non ut Salamandra.] Fabula est, quod de Salamandra
tradunt Aristoteles, Aelianus, Plinius et alii, in igne scilicet durare. Matt-
hiolus enim lib. 7. cap. 56 in Dioscorid. in agro Tridentino repertas Sala-
mandras igni injecisse testatur, et concremâsse. Ambrosius Paraeus. lib. 20.
cap. 20. Utrosque conciliat ex Aetio, nempe Salamandras per ignem qui-
dem ardentem penetrare, nihilque laedi, discedente ab iis flammâ: Si verò
per tempus aliquod in ipso igne morentur, consumpto frigido in eis humore
consumi.
Vers. 10. Quicquid enim.] Sic quoque Scaliger Exerc. 9 Ita justus rex
(loquitur autem de igne) suum cuique tribuit, herciscent familias, et finium
regundorum iniens rationem, prudens oeconomius sibi quantum satis est,
sumit: Sic in Epidorpiò.

[S. 67] –– calor omnis, et omnis unde motus:


Qui sursum subit, et vehit: huic semina vitae
Debentur, eique officia, et munera mentis.
Vers. 17. Siculis ut flamma.] In Sicilia mons est Aethna, ingnivomus, de
quo, ut desequentibus, consule Aristot. lib. de Admir. auscult.
Vers. 26. Non secus.] De Chao loquitur.
Vers. 30 Threicea haec.] Videatur Orphei hymnus, ubi de Nocte ista
canit. Vocatur Threicea, ab Orphei natali solo. Simile quid est Orcus Hip-
pocratis.
Pag. 36. vers. 11. Luctificum vatem.] Fabulosum inquit esse Jul. Caes.
Scalig. quod Graeci de Cygni cantu prodiderunt. Author hoc â Graecis
mutuatus est.
Vers. 25. Non secus ac.] Ita Veteres aeternitatem hieroglyphica hacce
figura descripserunt,praesertim Aegyptii, ut Pier. Valer. lib. 14. pag. 130.
testatur.
Pag. 37. vers. 2. Non te decipiat.] Dubium hoc ab Arnaldo Villanovano
in Rosar. solvitur. Neque enim, ut ait, specierum transmutatio est, sed in-
dividuorum.

295 Abgeglichen mit Arist. HA 9, 32.

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190 B. Edition und Übersetzung

Scholium in Lib[rum] IV. Chryseidos.

Pag. 39. vers. 16. Est aqua.] Varia solvendo auro menstrua sunt inventa, et
prope infinita: spiritus salis, mollis, vini alcoolisatus, et acutus cum spirit
[o] Vrinae. Ita Hartmannus solvit aquae regiae, etc: Fioravantus cum fumo
☿. Omnia inidonea. Quale autem verum auri solvendi menstruum. ex seq
[uentibus] ariolari licet. Videatur de his praeter caeteros Georg. Ripla An-
glus lib. 12. portar.
Pag. 40. vers. 3. At tu, si mens.] Menstruum verum cum ipsis Auri scoriis
reperitur.
Vers. 9. Balnea, quae colubri.] Chemici serpentinam vocant, quod vitrum
istud figura sua gressum, sive reptatum serpentis imitetur.
Vers. 10. Haec Iovis.] Fingebant Veteres è solio Jovis fluvium amaenis-
simum scaturientem: ut Plautus quoque in Trinum[m]o
Ad caput amnis, quod de caelo exoritur, sub solio Iovis.296
Hieroglpyhicum est. Variae autem ejus interpretationes. De hoc fluvio
prorsus divina Scaliger lib. de plantis. Menstruum Philosophorum hic flu-
vius dicitur esse, ἀλλεγορικῶϲ propter nobilitatem.
Vers. 14. Non ê compactis.] Quemadmodum circa metalla flue-

[S. 68] re dicitur, ita ex metallicis vi ignis destillatur, non ipsis metallis.
Vers. 15. Locupletior Ozo.] Historiam hujusce fluvii tradit Aristot. lib. de
admir. auscult.
Vers. 16. At nobis ululat.] Thyasus variè accipitur. Interdum pro convivio
ê symbolis singulorum: alias pro θυμιαϲμῶ. Hic pro turba Dionysiaca: ubi
Mysticae voes eduntur, ut in Orgiis.
Vers. 22. Color est argenteus.] Quid sit argenteus color, consulatur Sca-
liger. Exerc. 325. s. 11.
Vers. 29. Solóque arcano.] Virgil. in Georg.
Sponte sua sandyx pascentes vestiet agnos.297
Docet Jul. Caes. Scaliger Exerc. ad Card. metallicum esse, minii specie.
Huc translatum est, â Coloris similitudine.
Pag. 41. vers. 7. Hic jucunda.] Simulacrum extat in monasterio quondam
S[ancti] Benedicti apud Florentiam, Martis figuram repraesentans, sed re-
ginae habitu: capite coronam gestans, sideribus concinnatam: pectore colo-
res quatuor: sub pedibus duos fontes proculcans, â quorum altero ℂ fluit, in
alterum à quo ⊙: manibus ostentans epithaphium aureis inscriptum litteris,
quod tota artis arcana breviter tradit.
Pag. 42. vers. 3. Namque alia.] Tria sunt menstrua toti operi inservientia
ut Ripla docet lib. 12. port. Hic describitur primum, non corrosionis expers,

296 PLAVT. Trin. 4, 2, 98.


297 Tatsächlich: VERG. ecl. 4, 45.

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Scholia 191

quamvis ignari hoc rejiciant. Phlegetontea vocatur, ob vim igneam, quae


inest. In hoc materia Lapidis locata, dicitur ovum galli decrepidi, ex quo
Basiliscum ineptè progigni somniant, ut rectè monet Jul. Caes. Baricellus.
In Arabiae enim desertis paritur haec pestis, ut Veteres testantur, Erasistra-
tus, Galenus, Dioscorides, Aetius, Plinius, Nicander, Solinus. Et recentiores
Scaliger, Ambr. Pareus etc. Menstruum tamen hoc primum tali ovo fabulo-
so comparatur, ob mirificam acrimoniam, et agendi violentiam.
Pag. 43. vers. 28. Ni prius.] De Orco id est rerum omnium interitu vide
Hippocr. lib. 1. de vict. ration.
Vers. 33. Iam verò.] Ita Heros noster Exerc. 6. s. 7.298 Caelestes pote-
states dant formas, et quae formas consequuntur. Quamvis non de omnibus
ita sentiendum.
Pag. 46. vers. 1. Altera grandinea.] Ita distinguit Arnold. Villanov. inter
Lapid[em] album, et rubeum.
Vers. 20 Sorbeat haec.] Spiritus vini, alterum nostrum menstruum est:
non quidem ille vulgaris, sed qualem Beguinus facit,

[S. 69] et opus suum vegetabile vocat, alii Auroram Philosophorum. Solvit enim
calcem ⊙, et tincturam eidem extrahit.
Vers. 30. Non quali artifices.] Facetus est dialogus, qui tractatui, cui
inscriptio est, Novum lumen Chymicum, annexus est. Perbelle ibi notatur
Pseudochymistarum insania, de laboriosa illa Mercurii vulgaris praepara-
tione.
Pag. 47. vers. 27. Non est nervifragi.] Nervis et propterea capiti inimi-
cum esse vinum testatur Plato in dial. de lege: τῷ οινῷ μαλθακοτέραϲ
γίγνεϲθαι τὰϲ τῶν πρεϲβυτέρων ψυχὰϲ.299 Negat à vite, et quod inde depen-
det desumi materiam Lapidis.
Pag. 48. vers. 12. Dicitur et morsus.] Cerasten, serpentem cornutum esse,
perhibent Galenus, Dioscorides, Plinius, Rhasis, Santes Ardoinus, etc: dic-
tum ἀπὸ τῶν κεράτων. Ita Arist. lib. 2. histor. anim. c. 1 inquit Aegyptios
perhibere, colubros Thebanos cornutos esse. Hinc Prosper Alpinus Thahir
Aegyptiorum, quo Theriacam suam conficiunt, Cerasten esse testatur. Huic
serpenti comparat menstruum, â mordicandi potestate.
Pag. 49. vers. 22. Naturae ambiguae.] Ideo sal naturae ambiguae est,
quod in igne consistit, fluit in frigido: et quod acerrimum sit et tamen
liquidum.
Pag. 50. vers. 17. Est alius.] De igne artificiali, quem putrefactionis
vocant, lex tenenda est, ut supra quoque dictum est, ne inaequalitatem in-
currat.

298 Tatsächlich die 2. Sectio.


299 Abgewandelt zitiert aus Pl. Lg. 671bf.

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192 B. Edition und Übersetzung

Vers. 30. Septima namque.] Sacer numerus est, ut supra quoque dictum,
qui etiam â Chemicis in opere observatur. Hôc veteres hieroglyphicè etiam
Deum designarunt, teste Pier. Valer.
Pag. 51. vers. 8. Ergo incrementum.] Multiplicationis doctrinam brevi-
bus. Fit autem cum Mercurio. Hanc arborem Hermetis vocarunt.
Pag. 51. vers. 22. Ter denas.] Hinc Graeculus ille Theophrastus:
Τριϲϲουμένη γὰρ εἰϲ πῦρ ἡμερῶν τριῶν
῎Εϲται ὅλη λεὺκωϲιϲ εἰϲ ξανθόχρωμον.300
Vers. 29. Tu plantam.] Jam dudum altercatum est inter philosophos, an
metalla vivant? Maxima pars negant. Non meum est litem refricare, adduc-
tis utriusque turbae rationibus. Qui tamen caussam oculo metiri volet, mi-
randa proferet. Ipse vidi argentum in vase (matracium vocant) germinare,
pulcherrimis ramusculis, pulvere rubro radicem tegente, et quasi novum
nutrimentum identidem sufficiente. Affert modum Paracelsus, sed negat

[S. 70] genuinum Bartoletus Mantuanus, cui subscribo. Tria inquit requiriri, terram
Philosophicam, quam regulum stellatum vocant, humorem id est argentum
vivum et metallum. Omnia quidem recta, sed obscura. Regulus enim qui ex
Stomomate cum stybio, et nitro praeparatur, revivificare debet Cinnabarim
illam factitiam et liquare in argentum vivum. Hoc cum auro, seu argento,
certa proportione mixtum, in vasa supradicto per ignem lenem, arenâ con-
ceptum, progressu temporis jucundissimam producit arbusculam. Unde
concludo cum Andrea Dudithio et Petro Monavio contra Erastum, metallis
non prorsus omnem vitam denegandam esse.
Pag. 54. vers. 27. Niliacos inter.] Circumferuntur plures libri Manuscrip-
ti, de hac materia tractantes, tam Graeco idiomate, quàm Arabico. Fortasse
aliquando emergent superatâ seculi iniquitate.
Pag. 55. vers. 3. Nepenthem Helenae.] ῎Αλυπον herbam dicunt, quidam
Borraginem existimant. De Moly multa sunt fabulosa: Ut apud Homerum,
et Ovidium. Haec omnia auro suo Philosophicè praeparato tribuunt.
vers. 26. Quantumque accendat.] Lumen Naturae accenditur in nobis
Alchemico studio, aliter quidem, quàm Rogerius Baco opinatus est: qui
eò etiam insaniae delapsus est: ut spiritum propheticum ab astris in homi-
nem prolectari affirmaverit: si ante Alchemicis pharmacis corpus reddideris
aequale, et temperatum: deinde radios astricos in speculo, quod Arabica
voce Alchemusi appellat, arte Catoptrica fabricato colligas: tandem omnes
cibos quibus uti voles, per machinam Astrologicam virtute astrorum im-
buas, stellificare vocat. Ita Apollonium Thyanaeum ait praesagîsse, qui
tamen magus perditissimus fuit, quod ex Johanne Bodino adversus Lipsium
probari potest. Insania certè intolerabilis, quam vix toto hellebori jugere
expiaveris! Alchemia lumen accendit, quidem partim vi pharmaci illius

300 Abgeglichen mit Theophrast. graec., v. 127 f.

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Scholia 193

sublimioris, quod ex auro praeparat, partim profundiori illa contemplatione


rerum, quae in hoc studio requiritur. Ita Mars. Ficin. lib. de diaet. studios.
Ita quoque Arnald. Villanov. tradit tractat. de simpl. cap. 83.
Vers. 27. Non secus ac Iovis.] Alchemiam fulmini comparat, quòd exter-
na quidem facie ignobilis pluribus videatur: magnum tamen Naturae lumen,
ut modo dictum est, in nobis accendat. Fulminis quinque genera Graeci
recensent. Primum ψολοεὶϲ: alterum πυροεὶϲ igneum: tertium ἐκνέφιαϲ pro-
cellosum quartum ἄργεα vocant, quod raptim emicet: postremum ἑλικίαϲ à
lineari specie. Arist. lib. 3. Meteorolog. cap. 1.

F I N I S.

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C. Kommentar

Furichius, Chryseis, Praefatio, Kommentar

[S. A1v] Ad Lectorem de Aufidio] Zur Eröffnung steht ein Epigramm aus
vier elegischen Distichen; je vier Hexameter und vier Pentameter. Es han-
delt sich hierbei um eine der beliebtesten Formen der lateinischen Epigram-
matik.301
Das römische Geschlecht der Aufidii ist vom zweiten Jahrhundert vor
Christi Geburt bis zum zweiten nach recht häufig belegt, wobei sich aller-
dings, wie der Kontext es nahelegte, weder ein Arzt noch ein Naturforscher
finden lassen. Nicht auszuschließen ist, daß dem Mediziner Furichius zu-
mindest dem Namen nach Titus Aufidius aus Sizilien bekannt war, ein als
Schüler des Asklepiades von Bithynien bezeichneter Arzt aus der zweiten
Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus. Über ihn berichtet der im vierten
Jahrhundert lebende Caelius Aurelianus in seiner Schrift über chronische
Krankheiten (vgl. CAEL. chron. 1, 5, 8).302 Ausschlaggebend für die Na-
menswahl dürfte jedoch die erste, das Gold (›aurum‹) evozierenden Silbe
gewesen sein, denn dem ›Aufidius‹ gesellen sich im Epigramm die ›aurifi-
cina‹ und im sich anschließenden Lehrepos Chryseis fast alle Komposita
des Stammes hinzu. Einer, der ›auro fidius‹ an die Lektüre des Werkes geht,
ist einer, der ›allzusehr auf das [hier verheißene alchemische] Gold vertrau-
end‹ daherkommt – ein gutgläubiger ›Gold-gläubiger‹.
1 versu veterum] D. h. im lateinischen Hexameter.
1 Elixir] Steht hier allgemein für ein Mittel zu langem Leben und Pana-
zee: »medicina est incomparabilis conseruandae vitae, et pellendis morbis
dicata.« (Ruland, S. 197). Ansonsten taucht der Begriff ›Elixir‹ in der
›Chryseis‹ nicht weiter auf. Augurelli beschreibt die Herkunft und Wirkung
des Elixirs im ersten Buch seiner Chrysopoeia: »Quid si nobilius quoddam,
quod praestet et ipsi/ auro, contendant proprio molimine summi/ perficere
artifices? apte cui nomen Elixir/ Experti fecere Arabes, uerique dedere/
indicium, id quoniam in melius quodcunque metallum/ ducit, et infectum
mira depurat ab arte?« (Augurelli, 1, 163–168). Es heilt jedoch nicht nur

301 Zur neulateinischen Epigrammatik vgl. stellvertretend P. Hess (1999), Sp. 982.
302 Vgl. Zedler 2 (1732), Sp. 2161f u. 2210; M. Wellmann (1896); V. Nutton (1997); wie
auch die Einträge in DNP 2 (1997), Sp. 269–271.

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196 C. Kommentar

Krankheiten, sondern befreit von Sorgen. Und vor allem läutert es die ge-
meinen Metalle von ihrer Unreinheit: »uariosque tibi seruetur in usus:/
Caetera siue uelis auro mutare metalla,/ Seu libet affectis etiam mortalibus
esse/ Auxilio, et tristes illis depellere morbos.« (Ebd., 3, 574–576).303
2 nare sua] Die Nase als derjenige Teil des Körpers, mit welchem ge-
rümpft Hohn und Spott ausgedrückt werden.
4 Aurificina] Eigentlich die Werkstatt des Goldschmiedes (›aurificis ta-
berna‹) sowie dessen Tätigkeit (›ipsum opus et exercitium‹);304 hier als Be-
zeichnung der Alchemistenküche.
[S. A2r] Poëtae Caesarei] Den Titel eines ›kaiserlich gekrönten Dich-
ters‹ erhielt Furichius zusammen mit dem eines Magisters am 28. Novem-
ber 1622 in Straßburg.305
cum praeterita hyeme ad me veniens] Die Zusammenkunft fand dem-
nach im Winter von 1630 auf 1631 statt.
ex poëmate … cum in Italia Musarum gratiâ versabar] Der Beginn des
Italienaufenthaltes von Furichius ist um die zweite Hälfte des Jahres 1626
anzusetzen. Am 15. Oktober schrieb er sich als Student der Medizin an der
Universität von Padua ein; ein unter den Humanisten der Zeit beliebter
Studienort. Dort verfaßte er auch das hier genannte ›poema‹ – seine erste
alchemische Lehrdichtung Aurea catena, die 1627 in Padua herauskam. Ab
dem Ende des Jahres 1627 befand er sich dann nachweislich wieder in
Straßburg.306
[S. A2v] cornicum, quod ajunt, oculos configere] Sprichwörtlich etwa
bei CIC. Mur. 11, 25: »Inventus est scriba quidam, Cn. Flavius, qui corni-
cum oculos confixerit et singulis diebus ediscendis fastos populo proposue-
rit« – ›den Krähen die Augen aushacken‹ in der Bedeutung von ›selbst die
Vorsichtigen täuschen‹; vgl. auch Erasmus Adagia 1, 3, 75.307
Unus Libavius … innumeros producit testes] Gemeint ist der für sein
breites Œuvre, an die fünfzig Bände, naturwissenschaftlicher und hermeti-
scher Schriften bekannte Andreas Libavius (ca. 1558 – 1616). Der in Halle
an der Saale geborene Libavius studierte in Wittenberg und Jena Medizin,
ohne jedoch die Promotion finanzieren zu können. 1581 wurde er deshalb
Lateinlehrer in Ilmenau, 1586 Rektor des Coburger Gymnasiums. 1588 er-
langte er in Basel schließlich doch noch die Würde eines Doktors der Me-
303 Petrus Bonus versteht unter dem ›Elixir‹ im 2. Kapitel seiner ›Pretiosa margarita no-
vella‹ die »forma auri: quod quidem projectum super imperfecta metalla, sicut super
materiam, fiet ex eorum commixtione compositum, quod est aurum, et si non, non.«
(Bonus, S. 5).
304 Vgl. Du Cange 1 (1710), Sp. 439; u. Gesner 1 (1749), Sp. 501.
305 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 111.
306 Vgl. W. Kühlmann (1984), S. 117–119.
307 Vgl. A. Otto (1964), S. 93; Wander 2 (1870), Sp. 1568, 135.

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Praefatio 197

dizin, dort erwarb er ebenso den Titel eines ›Poeta laureatus‹. Ab 1588 war
Libavius Professor für Geschichte und Poetik in Jena. 1591 zog er nach
Rothenburg ob der Tauber, wo er als ›Inspector Scholae‹ Schulreformen
entwarf und den Großteil seiner Werke verfaßte. 1607 kehrte er wiederum
als Rektor nach Coburg zurück, wo er 1616 auch starb. Zeit seines Lebens
polemisierte Libavius gegen die Paracelsisten wie auch die Rosenkreutzer,
ebenso bekämpfte er heftig das integumentale Sprechen im alchemischen
Schrifttum; dies zugunsten einer ›technologisch empirischen Chemia-
trie‹.308 Sein in dieser Hinsicht bedeutendstes Werk ist seine Alchemia
(Frankfurt 1597), das in seiner Art »erste zusammenfassende Lehrbuch
einer Chemie, die den modernen Elementenbegriff noch nicht kennt«.309
testimonia Roberti Vallensis] Über Robertus Vallensis, der im 16. Jahr-
hundert lebte, ist nicht mehr bekannt, als sich aus seinen erhaltenen Schrif-
ten entnehmen läßt. Er war Mitautor von De Arte Chemica Libri Duo
(Montbéliard 1601): Das erste Buch (51 Seiten) von seiner Hand stellte
den ersten Versuch dar, eine Geschichte der Chemie zu schreiben, das zwei-
te (67 Seiten) enthält einen vom Basler Anwalt Johannes Chrysippus Fania-
nus verfaßten Traktat über die rechtlichen Aspekte der Transmutations-
kunst. Sein Traktat De Veritate et Antiquitate Artis Chemicae, der in der
zweiten Auflage erstmals mit der Jahresangabe 1593 in Paris erschien, fand
1602 Eingang in das Theatrum Chemicum und wurde wiederabgedruckt
TC 1 (1659), S. 7–28.310
Scaliger quidem pater, ad Cardanum scribens] Der schon zu Lebzeiten
legendäre Humanist, Arzt, Naturforscher und Schriftsteller – sein aufrich-
tiger Bewunderer Furichius nennt ihn etwa SCHOL. [S. 68], S. 43, 33: »He-
ros noster« – Julius Caesar Scaliger wurde 1484 als Giulio Bordone bei
Verona geboren. In seiner Jugend gehörte er für kurze Zeit dem Franziska-
nerorden an, später war er häufig Gast des Aldo Manutius. Zwischen 1509
und 1515 traf man ihn als Söldner auf den Schlachtfeldern Italiens. Danach
studierte er in Padua und in Bologna Medizin und Naturwissenschaften und

308 Vgl. Alchemie Lexikon, S. 221–223; besonders jedoch W. Kühlmann (2000a), S. 38–
42, der auch weitere Lektürehinweise bietet; darunter den biographischen Artikel zu
Libavius von L. Schnurrer (1993); eine Zusammenfassung von dessen Paracelsismus-
kritik in CP 2, S. 33–38; vgl. auch C. Gilly (2002b); zu seiner Rolle im Paracelsusstreit
der französischen Gelehrten vgl. D. Kahn (2007), S. 354–356, 383–389; weitere Ein-
träge (im alchemischen Kontext) etwa bei ; Ferguson 2 (1954), S. 31–34; Thorndike 6
(1994), S. 238–246; V. Verginelli (1986), S. 192.
309 Vgl. A. Libavius (1964), S. V. Der Titel ist zugleich die deutsche Gesamtübersetzung
des Buches im Auftrag der Max-Planck Gesellschaft und der Gesellschaft Deutscher
Chemiker – was den Rang des Buches vor Augen führt. Der Band bietet zugleich ein
Gesamtverzeichnis der Schriften.
310 Vgl. Ferguson 1 (1954), S. 49 u. 264; Ebd. 2 (1954), S. 496–498; V. Verginelli (1986),
S. 137; Zedler 46 (1745), Sp. 380; sowie F. Secret (1970), S. 629 f., ders. (1973),
S. 203–206.

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198 C. Kommentar

arbeitete in den 1520er Jahren als Arzt. 1525 erschien in Venedig seine
Übersetzung der Lebensbeschreibungen des Plutarch, kurz darauf legte er
sich den latinisierten Namen ›Julius Caesar‹ zu und nannte sich nach den
ehemaligen Herrschern Veronas (die Familie ›della Scala‹) ›Scaliger‹. Diese
fingierte Abkunft gab zwar schon seinen Zeitgenossen Anlaß zu Spott,
doch sein Sohn, Joseph Justus, der im festen Glauben an die hohe Abkunft
erzogen wurde, hielt sein Leben lang an der Legende fest und sorgte für
ihre Verbreitung. Im Gefolge des Bischofs Angelo della Rovere, dessen
Leibarzt er wurde, gelangte Julius Caesar 1525 nach Agen in Südfrank-
reich. Er wurde seßhaft, gründete eine Familie und starb (1538 wurde
eine Anklage wegen Häresie eingestellt) dort im Jahr 1558. Als überzeugter
Aristoteliker nahm er, trotz der Provinzialität seines Aufenthalts, rege und
streitbar am geistigen Leben seiner Zeit teil: 1531 und 1537 verfaßte er
jeweils eine Verteidigungsschrift des Ciceronianismus gegen Erasmus von
Rotterdam. Ebenso führte er eine lange Gelehrtenfehde gegen François Ra-
belais. 1540 verfaßte er eine lateinische Grammatik. Er beschäftigte sich
unter anderem mit Botanik, Zoologie und betätigte sich als Dichter.311
Sein am stärksten rezipiertes wie auch wirkungsmächtigstes Werk waren
und sind seine erst 1561 posthum erschienenen Poetices libri septem.312
Allgemein gilt er als Gegner der Alchemie.313
1557 erschien sein Exotericarum Exercitationum Liber XV. De Subtili-
tate ad Hieronymum Cardanum als Replik auf Gerolamo Cardanos (1501–
1576) De Subtilitate rerum (Erstdruck: Nürnberg 1550) genanntes natur-
wissenschaftliches Sammelwerk, worauf Cardano wiederum 1560 mit einer
Apologia in calumniatorem reagierte.314 Furichius spielt in der Praefatio auf
Bemerkungen an, wie sie sich sowohl im in den Exercitationes als auch
prägnant in Scaligers Lyrik finden: So richtet dieser sich etwa in der 106.
Exercitatio Quae de Metallis gegen die Vorstellung, Metalle seien inein-
ander umwandelbar: »Nihil metalla conantur, dum fiunt: nondum enim
sunt. Postquam sunt, sunt hoc, quod satis est eis esse.« (Scaliger Exerc.
ad Card., S. 390). Und in der 327. Exercitatio Quaedam de subtilioribus
artibus, magia notoria, alchymia, zyferis schert er Magie und Alchemie
über einen Kamm: »Opus et finem Chymistarum esse, corpus in corpus.
Opus, ac finem magiae esse, spiritum in corpore. Magi suas effectiones,
violentias appellant: propterea quod vires suas supra eas, quae Naturae
ordine fieri videntur, exercent. Chymistae suum opus nominant fortitudi-
311 Furichius zitiert SCHOL. [S. 64], S. 27, 28 und SCHOL. [S. 67], S. 40, 10 aus Scaligers
›De plantis‹ sowie SCHOL. [S. 66], S. 35, 10 aus dessen Gedichtband ›Epidorpides‹;
siehe den Kommentar zu diesen Stellen.
312 Zu Scaligers Poetik vgl. etwa E. Dolce (1973); u. I. Reineke (1998), S. 9–27; Scaligers
Poetik ist nun als zweisprachige kommentierte Ausgabe von Luc Deitz und Gregor
Vogt-Spira in fünf Bänden zugänglich; im Literaturverzeichnis unter Scaliger.
313 Vgl. Ferguson 2 (1954), S. 324–326; W. McCuaig (1999b).
314 Vgl. G. Gliozzi (1976), S. 761.

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Praefatio 199

nem. Hoc enim significat decantatum illud, Elixir, in cuius fide omnem
oppignerant Naturam.« (Ebd., S. 1006). Seine Polemik gegen die Magie –
»nonnisi ridiculam, ac nefariam istam vestram Picatricis et aliorum Lemu-
rum nugas, atque somnia videris agnouisse.« (Ebd.) – gilt also nicht minder
der Alchemie.
Furichius schätzte das Werk seit seiner Studienzeit, schon in den 1622
erschienen Libelli Carminum Tres dichtete er In Exercitationes Scaligeri:
Vix ex humano sunt haec producta cerebro:
Haec peregrè veniunt: haec aliunde scatent.
Forsitan Icariis transvectus ad aethera pennis,
Aut alis Aquilae Scaliger illa refert.
[5] Hic ita Naturae visit penitissima claustra,
Illius ut meritò mysta vel augur eat.
Sic is abstrusis verum quaesiverat antris:
Vt veri vertex fertilitasque cluat. (LIBELLI, S. C5r)
Später fiel es ihm sichtlich schwer, seinem Vorbild aus Jugendtagen zu
widersprechen; vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 4, 11. Doch zurück zum
Besungenen: Herber noch tritt Scaligers Geringschätzung in dessen eigenen
Dichtungen zutage; so etwa im Epigramm De Triphone alchimista über
einen Anhänger der Kunst als »artibus tot unus/ Imposter ad exordia sordi-
data vitae/ Primis elementis cerebrosus alchumista/ Carbone niger. pallidus
imbroba fauilla,/ Decotor, ut excoctor: at aurei metalli.« (Scaliger Poemata,
Bd. 1, S. 154). Ein anderes ist gleich Ad Carbonarium (vgl. ebd., S. 209 f.)
gerichtet, ein drittes De monacho chymista höhnt eines alchemisierenden
Mönches: »Est fraus cucullo tecta, tecta fornace/ Falsi chymistie: lingua
cuius inuisis/ Est plena nummis,/ sed crumena carbone./ Prouerbium fit
inde: carbo thesaurus.« (Ebd, S. 435 f.).
Filius tamen in Manilium commentans … [S. A3r] … ῥωμαίοιϲ ἀνταί-
ρειν] Furichius zitiert hier sehr ausführlich, unter Übernahme der Zitate, aus
Joseph Justus Scaligers Maniliuskommentar (Scaliger Manil., S. 223
[=323]–325) zu den Versen MANIL. 4, 246–251: »scrutari caeca metalla,/
depositas et opes terrarum exurere venis,/ materiamque manu certa dupli-
care erit a te,/ quidquid et argento fabricetur, quidquid et auro/ quod ferrum
calidi solvant atque aera camini/ consumantque foci Cererem, tua munera
surgent.«
Joseph Justus Scaliger, Sohn des vorgenannten und bedeutendster Philo-
loge seiner Zeit, wurde 1540 in Agen geboren und war ab 1552 in Bor-
deaux Mitschüler Montaignes. Den meisten Unterricht erfuhr er jedoch
zuhause, schon früh wurde er von seinem Vater als Sekretär herangezogen,
zudem ließ dieser ihn jeden Tag eine lateinische ›declamatio‹ vortragen.
Der Tod seines strengen Lehrers im Jahre 1558 wirkte für ihn als Schock

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200 C. Kommentar

und Befreiung. Er begab sich nach Paris und lernte innerhalb von zwei
Jahren als Autodidakt Griechisch und arbeitete sich durch die meisten klas-
sischen Texte – eine Sprache, die sein Vater dem Lateinischen gegenüber
für unterlegen gehalten hatte und seinen Sohn deshalb nicht in ihr unter-
wies. 1562 konvertierte er zum Calvinismus und begann mit dem Studium
des Hebräischen. 1562 übersetzte er dann Catull ›zurück‹ in die Sprache der
griechischen Vorbilder und beschloß, sein Leben der Erschließung der la-
teinischen Autoren mittels der griechischen zu widmen. 1565 reiste er nach
Italien. 1567 nahm er am Bürgerkrieg teil. Nach der Bartholomäusnacht,
der er entging, da er sich gerade in Straßburg aufhielt, exilierte er nach
Genf, wo er einen Lehrstuhl erhielt. 1574 kehrte er nach Frankreich zurück.
Er lebte im Poitou und in der Tourraine, dort editierte und kommentierte er
unter anderen den Lexikographen Festus sowie Catull, Tibull und Properz.
Zwischen dem August 1577 und März 1578 arbeitete er dann vornehmlich
mit griechischen Quellen an seinem Manilius-Kommentar, die Erstausgabe
erschien 1579, die zweite, verbesserte besorgte Scaliger in den Jahren 1599
und 1600. Zu diesem allerdings lautet das Urteil eines Biographen: Scaliger
»macht sich den Manilius zu dem zurecht, wozu er ihn brauchen will: zu
einem Leitfaden für Darstellung der alten Astronomie.«315 Zudem widmet
er sich seit dieser Zeit intensiv der historischen Chronologie und Univer-
salgeschichte in Schriften wie De emendatione temporum (Paris 1583).
1593 folgt er dem Ruf an die Universität Leiden, wo 1606 sein Thesaurus
temporum herauskam. Er starb dort im Jahr 1608.316
Im einzelnen stammt aus Scaliger:
Ciniflonibus, ut vocat, et flatuarijs] Joseph Scaliger kommentiert »con-
summentque foci Cererem« (MANIL. 4, 251) unter anderem mit: »Quia
ferri fusio, item panificium non sine igne fit: propterea et fusores, et furna-
rios dabit […] etiam Alchymistae, et ciniflones« (Scaliger Manil., S. 324);
womit er alle, welche am Herd ihr Tagwerk verrichten, meint. Gebräuchlich
ist der ›ciniflo, -onis‹ als ›Haarkräusler‹ im Sinne von ›Friseur‹. Ursprüng-
lich bezeichnet er jedoch den Bediensteten, welcher die Glut der Kohlen –
etwa für die Brennschere – anbläst: der ›cinerarius‹ als ›Kohlenbläser‹ oder
›Aschenbrödel‹; d. h. »ein küchenjunge, der in der asche brodelt und su-
delt«.317 Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hat sich ›Ciniflones‹ schließlich
neben ›Chimicastri‹ zur Bezeichnung für die »falschen Chimisten, und sol-

315 J. Bernays (1855), S. 47; zum Maniliuskommenar vgl. auch F. Boll (1903), S. 449 f.
316 Vgl. A. Grafton (1983), S. 101–229; dort besonders das Kapitel zum Manilius-Kom-
mentar S. 180–226; sowie: W. McCuaig (1999a) und E. G.: Scaliger (Joseph-Juste). In:
NBG 43 (1867), Sp. 450–455; ein Verzeichnis der Schriften Joseph Justus Scaligers
bietet A. Grafton (1982).
317 Grimm 1 (1854), Sp. 581; vgl. auch Gesner Index (1749), Sp. 31; MlatWB 2 (1999),
Sp. 582.

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Praefatio 201

che, die die Chimie treiben wollen, und doch nicht den geringsten Verstand
davon haben«318 etabliert.
â Bessis didicisse, Cassiodoro, et Claudiano poëta, testibus] Die ›Bessi‹
sind Sammelbezeichnung einiger thrakischer Volksstämme. Scaliger führt,
indem er »scrutari caeca metalla« (MANIL. 4, 246) kommentiert, aus, daß
die Römer ihre Kenntnisse der Metallverarbeitung von diesen übernahmen:
»Metallarij hinc nascentur. In vetusto Martyrologico, Iv. Kal[endarum] Sep-
temb[embris]. ›Herodes metallarius‹ […] Romani fatentur se a Bessis didi-
cisse. auctor Cassiodorus. Claudianus:« (Scaliger Manil., S. 223[=323]);
und er zitiert zum Beleg, neben dem Verweis auf den Märtyrerkalender,319
aus den Carmina des Claudianus: »possessi, quidquid fluuiis euoluitur
auri,/ quidquid luce procul uenas rimata sequaces/ abdita pallentis fodit
sollertia Bessi.« (CLAVD. rapt. Pros. 17, 38–41).
Praeter enim Firmicum] Furichius bedient sich auch hier aus Scaligers
Kommentar. Dieser schreibt unter anderem zu »materiamque manu« (MA-
NIL. 4, 248), eine alchemische Deutung der Stelle verwerfend: »Versus ab
homine Alchymista infarctus. Saltem debebat loqui Latine non alchymisti-
ce, si nobis persuadere volebat hanc foeturam esse Manilij. […] Illis enim
temporibus Alchymiae neque nomen neque res nota, ne audita quidem
Romanis auribus. Non habemus antiquiorem Firmico, qui eius mentionem
fecerit. Nam lib[ro] III, in decretis lunae in nona domo: ›Si‹, inquit, ›Saturni
haec domus fuerit, scientiam Alchymiae (dabit)‹« (Scaliger Manil., S. 223
[=323]f.) Gemeint ist der im vierten Jahrhundert lebende Iulius Firmicus
Maternus, welcher zunächst das größte astrologische Handbuch in lateini-
scher Sprache, die Matheseos libri VIII verfaßte, aus welchen hier zitiert
wird, dann nach seiner Konversion zum christlichen Glauben das kämpfe-
rische, einem gewissen Euhemerismus verpflichtete Werk De errore profa-
narum religione schrieb.320 Da sich aber in der ganzen Mathesis des Firmi-
cus der Begriff ›Alchemia‹ nirgends findet, liegt es nahe, daß Scaliger mit
dem ›Mond im neunten Haus‹ die ›Luna in loco fortunae‹ (FIRM. math.
3, 14) bezeichnet. Gesellt sich in der Nativität hierzu Saturn, so kommen
fast nur Erbprasser, Unglücksraben und Verbrecher auf die Welt. Zu sol-
chen Tagedieben zählt nun Scaliger, sofern auch er nicht aus zweiter Hand
zitiert, boshaft auch die Alchemiker.321 Furichius hat diese Stelle offen-
sichtlich nicht nachgeschlagen.
318 Vgl. Ernsting, S. 91.
319 Es ist dies der Eintrag zur Märtyrerin Sabina für den 29. August; aus dem ›Sancti
Adonis Martyrologicum cum additamentis‹ vgl.: »natale beatissimae et illustrissimae
Sabinae martyris, quae fuit uxor praeclarissimi quondam Valentini, et Filia Herodis
Metallarii« (MPL 123 (1852), Sp. 351).
320 Vgl. K. Hoheisel (1998).
321 Vgl. FIRM. math. 3, 14, 4 f.: »Si in hoc loco posita in nocturna genitura crescens
lumine ad Saturnum feratur vel cum ipso sit, paternum ac maternum patrimonium
minuet, matrem aut viduam aut cum valitudine aut cum vitio facit aut mala morte

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202 C. Kommentar

Suidas de vellere aureo Colchorum … [S. A3r] … ῥωμαίοιϲ ἀνταίρειν]


Scaliger zitiert, gleich im Anschluß an Firmicus und noch bezüglich dersel-
ben Maniliusstelle, aus der um das Jahr 1000 entstandenen, nach einer
fälschlichen Autorzuweisung benannten byzantinischen Enzyklopädie Sui-
das; oder heute Suda. Mit mehr als 31 000 Einträgen ist der Suidas das
umfangreichste Werk dieser Art, welches die oströmische Welt hervorge-
bracht hat. Vor allem von den Humanisten wurde es stark rezipiert.322 Hin-
sichtlich der antiken Götter und anderer Mythologeme verfährt die Enzy-
klopädie kompilatorisch, wobei teils unkommentiert eine pagane Sicht re-
feriert wird, teils eine euhemeristische Position vertreten wird.323 So ent-
stammt das erste Zitat bei Scaliger, dem Eintrag ›Δέραϲ. τὸ χρυϲόμαλλον
δέραϲ‹ (›Vlies. Das Goldene Vlies‹), in welchem – nach einer in der alche-
mischen Literatur allgegenwärtigen Ansicht – das Goldene Vlies der Argo-
nauten als alchemisches Manuskript auf Hammelleder angesehen wird. Das
folgende Zitat ist der ganze Eintrag zu ›χημεία‹.324 Beide Zitate dienen für
Furichius dazu, mit dem Vorangehenden das Alter der Alchemie und ihre
altehrwürdige wie auch ägyptische Herkunft zu belegen.325 Scaliger dage-
gen verspottet solche Ansichten und verwirft am Ende seines Eintrags
nochmals eine alchemische (Um-)Deutung der Stelle: »Sed nulla fornax
ciniflonum ita recoquere hunc versum poterit, vt purum putum Manilianum
efficere possit.« (Scaliger Manil., S. 324).
Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts erfuhr das Goldene Vlies dann
zusehends eine Einengung seiner alchemischen Bedeutung.326 So deutet
etwa Michael Maier in seinen Arcana Arcanissima den ganze Argonauten-

peruntem, ipsos vero in prima aetate miseros ac laboriosos […] qui natus fuerit, morte
parentum cito faciet orbari et patrimonium [de] miseris compellit lacerationibus dis-
sipari […] si vero per diem in hoc loco posita minuto lumine ad Saturnum feratur vel
cum ipso sit, vitiorum valitudines et malae mortis et proscriptionis incommoda.«
322 Vgl. W. Hörandner (1997); u. Zedler 40 (1744), Sp. 1800 f. Der ›Suidas‹ ist zugänglich
in der Ausgabe: Suidae Lexicon. Hg. von Ada Adler. 5 Bde. Leipzig 1928–1938.
(Lexicographi Graeci; 1).
323 Vgl.E. Hanawalt (1977).
324 Vgl. Suidas 2 (1931), S. 24 u. ebd. 4 (1935), S. 804.
325 Demselben Zweck dienen auch die ganzen ›Arcana Arcanissima‹ Michael Maiers,
sowie dessen ›Aurea mensa‹ – zur dortigen Darstellung des Hermes Trismegistos
vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 16, 18 – S. 17, 10. Zu diesem als Ägypter und damit
zum ägyptischen Ursprung der Alchemie vgl. etwa F. Ebeling (2005), S. 49–53, et
passim.
326 Vgl. zur Ansicht der byzantinischen Gelehrten – wie auch zu den hier zitierten Stellen
aus dem ›Suidas‹ – A. Faivre (1990), S. 26–29. Wie auch ›Toison d’or et alchimie‹
einen Überblick über die Rezeption des Mythologems und des Argonautenzuges bie-
tet. Ein Verzeichnis alchemischer Schriften des 17. Jahrhunderts, welche das ›goldene
Vlies‹ im Titel führen oder sich dessen Interpretation widmen, findet sich dort eben-
falls S. 48–55. Einen Überblick über die noch größere außeralchemische Rezeption des
Mythos bietet etwa der Ausstellungskatalog ›La Toison d’or un mythe européen‹;
herausgegeben von J.-L. Liez (1998); vgl. auch CP 2, S. 699 f.; sowie W. Kühlmann
(2002b), S. 168 f.

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Praefatio 203

zug und damit auch das Goldene Vlies alchemisch (Vgl. MAIER Arc.,
S. 62–77, et passim.), wobei er, die Meinung seines euhemeristischen Wi-
dersachers Natale Conti (»Atque vt summatim dicam, nauigationem Iasonis
quam quidam ad historiam, quidam ad chemicam artem detorquent […]«)
327 verwerfend, über die Ansicht, das Vlies sei ein Traktat, hinausgeht und

es als den Stein der Weisen selbst betrachtet: »At quid est Vellus aureum?
Lapis Philosophicus, summa medicina corporum humanorum« (Maier Arc.,
S. 74).
[S. A3r] extremis oculis libare] Ein synästhetisches Bild, eigentlich: ›mit
entferntesten Augen kosten‹. Eine Verbindung von ›oculis‹ mit ›libare‹ fin-
det sich nicht im ThLL.328
mearum ineptiarum conscij … Tuo tamen suasu, et persuasu] Der weit-
verbreitete Exordialtopos der auf Abfassung oder Veröffentlichung drän-
genden Freunde, hier neben demjenigen der Bescheidenheit, findet sich
etwa bereits in Quintilians Vorrede zur Institutio: »cum a me quidam fami-
liariter postularent ut aliquid de ratione dicendi componerem« (QVINT.
inst. prooem. 1).
dicamne, an invidiam?] Die ›invidia‹ spielt in der als Dialog verfaßten
Turba philosophorum eine besondere Rolle. In ihr versammelt Pythagoras
seine Schüler um sich, um über das alchemische Werk zu disputieren, wo-
bei dem Anschein nach die Decknamen kommentierend geklärt werden,
tatsächlich aber ihre Anzahl beträchtlich gemehrt wird.329 Die Turba ist
ein ›alchemischer Kommentar‹ nach der Definition von Jean-Marc Mandio-
so: Kennzeichen eines solchen ist: »feindre d’expliquer tout en ne révélant
rien«.330 Bei fast jeder neuen Erläuterung, welche einer aus der Runde der
versammelten Gelehrten geben möchte, warnen die anderen im Sinne von:
»cave tamen ne sis invidus. Non est enim sapientum invidia« (Turba, S. 20)
– in der deutschen Übersetzung durch Julius Ruska: »Hüte Dich aber nei-
disch zu sein, denn es ist nicht Sache der Weisen, Neid zu empfinden.«331
Dergleichen findet eine gute Auskunft in der Art »Optime dixisti ab invi-
dia« (Turba, S. 28) ihren Beifall. Die andauernd gescholtenen ›invidi‹ (›die
Neider‹) sind nämlich diejenigen alchemischen Gelehrten, welche ›aus
Neid‹ durch den ausgiebigen Gebrauch von Synonyma die wahre Bedeu-
tung verschleiern: »Invidia autem nomina multiplicaverunt, ut posteros se-
ducerent« (Ebd., S. 48).

327 Conti, S. 319.


328 Weder die Lektüre der Artikel ›oculus‹ (ThLL 10, 2 (1968–1981), Sp. 441–452) und
›libo‹ (ThLL 7 (1956–1979), Sp. 1337–1342) noch eine Online-Recherche im ThLL
führten zu einem Ergebnis.
329 Vgl. A. Calvet (2000), S. 466 f.
330 J.-M. Mandioso (2000), S. 485.
331 J. Ruska (1931), S. 210; zu den ›Neidern‹ vgl. ebd., S. 290 f.

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204 C. Kommentar

importunius efflagitare satagentes] Man beachte: drei Ausdrücke des


Nötigens!
Multa dies, et multa litura coêrcuit] Zitiert nach HOR. ars. 292–294:
»carmen reprehendite, quod non/ multa dies et multa litura coercuit/ atque
praesectum decies non castigavit ad unguem.«
[S. A3v] Romanae elegantiae proceres] Das Hauptmerkmal wahrer la-
teinischer Redekunst ist eben die hier genannte ›elegantia‹. Erst sie sorgt für
»Correktheit, und lichtvolle Bestimmtheit des Ausdrucks«.332
Tuos verò Graeculos] Wer die beiden ›Griechlein‹ sind, ist nicht eindeu-
tig zu ermitteln. Sie finden sich weder im Nuncius Olympicus, dem von
Morsius herausgegebenen Katalog, noch unter anderen von Morsius edier-
ten Titeln.333 Womöglich handelt es sich jedoch um die in den Scholien
(vgl. meinen Kommentar zu CHRYS., S. 20, 27; u. S. 51, 22) zitierten By-
zantiner Theophrastos und Heliodoros aus dem 8. Jahrhundert, welche
Morsius dann für antik angesehen haben müßte.
morosos istos Catones, aut Solones] Man beachte die hier scherzhaft
gebrauchte Figur der ›traductio‹ (das heißt »die Wiederholung nur schein-
bar gleicher Wortkörper mit durchaus verschiedener Bedeutung«)334 des
Namens ›Morsius‹ zu ›morosos‹. Zugleich wird der so erzeugte ›Morsius
morosus‹ mit den als düstre und gestrenge Sittenrichter überlieferten Ge-
stalten des römischen Zensors Cato maior und dem Athenischen Staats-
mann Solon, dem unter anderem das folgende Persiuszitat ein ähnliches
Auftreten nachsagt, in Verbindung gebracht. Quintilian bezeichnet diese
Figur als ›metalepsis‹ und nennt als prominentestes Beispiel Ciceros Kes-
seltreiben gegen Verres: »ut omnia uerreret [cum diceretur Verres] […]
molestiorem qua aprum Erymanthium fuisse« (QVINT. inst. 6, 3, 55). Zu-
gleich erinnern solche Scherze auch die anagrammatischen Spiele der frü-
hen Libelli Carminum Tres, wo es ähnlich zu Demokrit heißt: »Democritus
αναγρ. Mirè doctus./ Et mordicus.« (LIBELLI, S. D3v). Dieses Wortspiel
des Widmungsbrief nahm übrigens Moscherosch als einziger, der Geleit-
texte zur Chryseis verfaßte, zum Anlaß, sein zweites Epigramm auf dem
letzten Blatt der Ausgabe mit den Worten zu endigen: »Necandi/ MORSI-
US in te jus, sed MORS jus non habet in te.«335 – und somit den hier
eröffneten Ring zu schließen.
Obstipo capite … verba labello] Zitiert nach PERS. sat. 3, 78–82: »non
ego curo/ esse quod Arcesilas aerumnosique Solones/ obstipo capite et

332 Ernesti: Lat., S. 143.


333 Vgl. J. Morsius (1994) u. H. Schneider (1929), S. 73–78.
334 Lausberg § 658 f.
335 Veröffentlicht in W. Kühlmann (1984), S. 120.

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Chryseis, Liber I. 205

figentes lumine terram,/ murmura cum secum et rabiosa silentia rodunt/


atque exporrecto trutinantur uerba labello«.
decet inter bonos benè agier] Eine in der römischen Gerichtssprache
übliche Formel zum Ausdruck des Vertrauens, wie sie beispielsweise Cice-
ro in seiner Topik anführt; vgl. »In omnibus igitur iis iudiciis, in quibus ›ex
fide bona‹ est additum, ubi vero etiam ›ut inter bonos bene agier oportet‹
[etc.]« (CIC. top. 66).

Furichius, Chryseis, Liber I, Kommentar

[S. 1] Argumentum assidua infinitae Bonitatis invocatione praemissa] Die


Anrufung der unendlichen Güte Gottes: Der Alchemiker Furichius unter-
streicht bereits vor dem ersten Vers sein Bekenntnis zum Christentum; wie
auch, daß das alchemische Werk nur durch göttliche Gnade gelingen kann.
GL ›Argumentum‹ Exordium] Der erste von mehreren rhetorischen
Termini, mit welchen Furichius einzelne Abschnitte der Chryseis hinsicht-
lich ihrer Funktion durch eine Randnotiz ausweist. Mit ›exordium‹ wird
üblicherweise der Anfangsteil einer Rede bezeichnet, welcher die Hörer-
schaft, oder die Leser, zum Aufmerken bringen soll, indem er die Anwe-
senden »beneuoli, attenti atque dociles« (QVINT. inst. 4, 1, 5) stimmt.336
Mit dem ›exordium‹ geht der ›Exordialtopos‹ einher – in diesem Fall die
Anrufung der für den Gegenstand der Dichtung zuständigen Gottheit.337
2–3 Teque meos lustrante animos novo, Apollo, vigore,/ Incipio immen-
sis reparare laboribus artem] Variiert das berühmte »In nova fert animus
mutatas dicere formas/ corpora: di, coeptis (nam vos mutastis et illa)/ ad-
spirate meis« (OV. met. 1, 1–3) hin zu einer Anrufung Apolls, der sowohl
als Musenführer dem Werk des Dichters seine Förderung angedeihen lassen
soll als auch als ›Phoebus-Apoll‹ das ›Gold‹ im alchemischen Werk und die
zentrale Figur der folgenden mythoalchemischen Episoden darstellt.
Claudian ruft – wie es sich für ›den Raub der Proserpina‹ gehört – die
Götter der Unterwelt an: »Di, quibus innumerum vacui famulatur Averni/
vulgus iners, opibus quorum donatur avaris/ quiquid in orbe perit, quos
Styx liventibus ambit/ interfusa vadis et quos fumantia torquens/ aequora
gurgitibus Phlegeton perlustrat anhelis:/ vos mihi sacrarum penetralia pan-
dite reum/ et vestri secreta poli […]« (CLAVD. rapt. Pros. 1, 20–26).
Augurelli widmet sein Werk umständlich dem Vater der Christenheit
Leo X. (1513–1521), dem vormaligen Giovanni de’ Medici: »Cumque ope-
ri Autorem, cuius sub nomine tutum/ pergeret, optarem […]« (Augurelli,
Prol., 7 f.).338 Zugleich bittet er ihn um Nachsicht dafür, daß er im Folgen-
336 Vgl. auch Ernesti: Lat., S. 154.
337 Vgl. E. Curtius (1967), S. 95–99.
338 Vgl. R. Weiss (1962), S. 580.

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206 C. Kommentar

den, um den Prozeß zu beschreiben, der Tradition gemäß die Namen der
antiken Götter verwenden wird,339 um schließlich am Beginn des 1. Buches
die, seinem Dafürhalten nach, für das ›opus‹ wichtigsten Numina – Phoe-
bus, Diana, Mercurius und am ausführlichsten Vulcanus – herbeizuzitieren:
»Phoebe ades. Et tecum accelerans non passibus aequis/ alma soror, grauis
argento cui saepe fatiscit/ orbis item […] Tu quoque nec coeptis Cylleni
audacibus usquam/ defueris […] Denique tu, pater ignipotens, […] Tu ma-
xime praesis/ artifici Vatique simul tua facta canenti. […] Tu princeps ope-
ris tanti. Tu carminis esto/ principium, feruens Dulcis mihi spiritus oris/
extet, eatque uirum per te, Vulcane per, ora« (Ebd. 1, 10–42). Die Reihe
schließt bezeichnend die Muse des Vergil: »Nec tu non faueas tantis aequis-
sima Votis,/ prisci perpetuum saecli decus, Heroine,/ quam circum exultant
laudata ad flumina Nymphae/ Minciades, Phoebique chorus comitatur eun-
tem,/ aut fouet Andino recubantem in gramine Manto/ laeta trium nodo
Neptem complexa sororum.« (Ebd. 1, 43–48).340
Während Furichius sich nun mühsam daran macht, ›die Kunst zu erneu-
ern‹ (CHRYS., S. 1, v. 3),341 kann Augurelli sich rühmen, als der erste
Verfasser eines lateinischen alchemischen Lehrepos unbetretene Wege zu
beschreiten: »est animus quaerentibus ultro/ dicere, quaque palam uestigia
nulla priorum/ apparent, porferre pedem.« (Augurelli, 1, 3–5).
4–5 magnae penetrare recessus/ Matris] Nach GL. 4 steht die ›Große
Mutter‹ als Antonomasie für ›Cybele‹ und hier zunächst schlicht für die
Erde, welche aus ihrem Inneren die Metalle hervorbringt.
S. 2 [2–S. 3, 3] Ambitiosa cohors … rursumque revelli] Nach GL. 2 be-
steht die ›ehrgeizige Schar‹ aus ›den Griechen und einigen von den Ara-
bern‹. Furichius verschmilzt bereits hier die Gigantomachie (vgl. GL. 5
›Γιγαντομαχία‹) mit den Bemühungen der frühen Astrologie und Astrono-
mie. Trotzdem hält er sich in der folgenden Anapher (›Ambitiosa-At-At‹)
strikt an die zeitlich korrekte Abfolge der nicht nachlassenwollenden Him-
melsstürmer:
– In den Versen 2 bis 13 sind die ›Ambitiosa cohors‹ noch die Giganten
des Mythos.

339 Vgl. »Quam si forte legens, interdum nomina diuum/ Offendes, quos uana olim co-
luisse uetustas/ Dicitur; extemplo haud renuas, sacra optima quanquam/ Exerces, ue-
ramque fidem; cultumque tueris./ Illa etenim tanquam priscis consueta uocari/ Vatibus,
enixe quos tunc imitabar, adiui/ Suppellex, et paribus curis in uota uocaui./ Materies
etiam solitum conquirere Solis/ Et Lunae auxilium necnon Vulcania uelle/ Arma uide-
batur, quorum implorare fauorem/ Fas erat: et mihi iam per te licuisse, sit id nunc/
Concessum, et uenia dignum peccasse fatenti.« (Augurelli Prol., 29–40).
340 Die ›Minciades Nymphae‹ leben im oberitalischen Flüßchen Mincio, in der Nähe von
›Andes‹ (das Adjektiv dazu: ›Andinus, -a, -um‹) – das Dorf bei Mantua, in welchem
Vergil geboren wurde.
341 In der ›Aurea Catena‹ ist es eingangs Mercurius, der »Caepit inexhaustis reparare
laboribus artem« (AVR. CAT., S. 1, 3).

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Chryseis, Liber I. 207

– Von Vers 14 (›At nata est nova gens‹) bis Vers 27 sind es die griechi-
schen Philosophen.
– Von Vers 28 (›At tandem exorta est Arabum gens‹) bis zu Vers 3 auf
Seite 3 sind es arabische Gelehrte.
Der im ersten Abschnitt behandelte Versuch der Giganten in den Olymp ein-
zudringen, indem sie die Berge Pelion und Ossa aufeinandertürmen, scheitert
jedoch letztlich daran, daß Jupiter mit seinen Blitzen die Berge entzwei
schlägt; vgl. v. 8 f. »cum Iuppiter Ossam/ Prostravit«. Derart findet sich die
Gigantomachie etwa in OV. met. 1, 151–162. Furichius selbst verweist (GL.
5: »Vide et Vergil. lib. Georgic.«) auf Vergils Georgica; genauer auf: VERG.
georg. 1, 278–283: »tum partu Terra nefando/ Coeumque Iapetumque creat
saeuumque Typhoea/ et coniuratos caelum rescindere fratres./ ter sunt conati
imponere Pelio Ossam/ scilicet, atque Ossae frondosom inuoluere Olympum;
/ ter pater exstructos disiecit fulmine montis.« Eine diesen Kampf als Auf-
bäumen des menschlichen Hochmutes wider die Götter weisende euhemeri-
stische Deutung findet sich von Macrobius – »Gigantas autem quid aliud
fuisse credendum est quam hominum quandam impiam gentem deos negan-
tem et ideo aestimatam deos pellere de caelesti sede voluisse?« (MACR. sat.
1, 20, 8) – bis zu Natale Conti. Dieser interpretiert das Riesengeschlecht als
»imprudentes homines quibus libido et impetus animi dominatur, Deos om-
nes contemnere, ac pro suis viribus religionem euertere: cum religio sit omni
temeritati et improbitati aduersaria.« (Conti, S. 344).
Die von Furichius hier im einzelnen angeführten Mythologeme der anti-
ken Gigantomachie sind neben den genannten die folgenden:
9–12 Victoria nota Tonantis/ Enceladi … Bryareus] Den ›Donnerer‹
(›Tonans‹) Jupiter erinnert bei Claudian die über die Entführung ihrer Toch-
ter aufgebrachte Ceres, ihr Stammsitz ist Sizilien, daran, wie er mit den
Giganten Enceladus und dem hunderarmigen Riesen Briareus verfuhr –
so soll er nun auch mit diesem Räuber verfahren: »quae talia vivo/ ausa
Tonante manus? […] an vicina mihi quassatis faucibus Aetna/ protulit En-
celadum? nostros an forte penates/ adpetiit centum Briareia turba lacertis?«
(CLAVD. rapt. Pros. 3, 182–188).
12–13 suntque arma Mimantis rupta Iovi/ centumgeminiqué Aegeonis
enses] Furichius zitiert nun direkt aus Claudian. Im dritten Buch gibt dieser
eine Topographia jenes Hains in der Nähe des Ätna, in welchem Jupiter die
Waffen der vernichteten Giganten aufhing; vgl. CLAVD 3, 332–356. Es
heißt über zwei der dortigen Bäume: »haec centumgemini strictos Aegeonis
enses/ curvata vix fronde levat; […] haec arma Mimantis/ sustinet.« (Ebd.
3, 345–347). ›Mimas‹ ist einer der Giganten, ›Aegeon‹ ein anderer Name
des hundertarmigen Briareus.342
342 Zu den Namen der Giganten und Unterschieden in der Beschreibung der ›Gigantoma-
chie‹ durch antike Dichter vgl. Conti, S. 342–344.

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208 C. Kommentar

14–27 At nata est nova gens olim … Canicula messes] Nach GL. 3 ›die
[griechischen] Astrologen‹ als neues Empörergeschlecht, welches sich im
Gegensatz zu jenem Riesengeschlecht den Himmel auf listige Weise, durch
Gebete und ohne Gewalt teilweise anzueignen vermag (vgl. v. 15: »coepit
contexere fraudem/ Quâ precibus, non vi«). Fast alle griechischen Philo-
sophen setzten sich intensiv mit der Sternkunde auseinander. Als Beginn
der abendländischen Astronomie wird gerne die erste Berechnung einer
Sonnenfinsternis durch den 639 vor Christus geborenen Thales von Milet
genannt. In der von ihm begründeten ›Ionische Schule‹ folgten seine Schü-
ler Anaximander, Anaximenes und Anaxagoras. In Unteritalien erkannte
Pythagoras (ca. 570–480 v. Chr.) die Kugelform der Erde, Plato fügte dieser
Kugel eine Achse hinzu. Nicht minder beschäftigten sich ebenso Demokrit
und Aristoteles mit der Astronomie. Die Führungsrolle auf diesem Gebiet
fiel schließlich der von König Ptolemaios Philadelphos um 300 vor Chri-
stus begründeten Akademie in Alexandria zu, vor allem unter ihrem 276
vor Christus geborenen Bibliothekar Eratosthenes.343 Im folgenden werden
in der Chryseis einige der von ihnen erfaßten Himmelserscheinungen auf-
geführt:
Neben dem Wissen über den Lauf von Phoebus vierspännigem Sonnen-
wagen (v. 20 f.) nennt Furichius:
22 Cur lucem extendant Chelae? Cur Bruma remittat] Furichius sieht
sich genötigt dem Leser zum Verständnis dieses Verses sowohl eine Glosse
(›Wendekreis des Krebses wie auch des Steinbocks‹) als auch eine Scholie
an die Hand zu geben. Nach SCHOL. bezeichnen die ›Chelae‹ hier nicht,
wie im astronomischen Kontext üblich, das Sternbild der ›Waage‹. Das
griechische Χηλαὶ wird hier mit dem lateinischen ›forceps, ipis‹ der ›Zan-
ge‹ übersetzt. Furichius verwendet sie in Analogie zu Manilius und Vergil,
welche sie ›bei Gelegenheit […] für das Sternbild des Skorpions heranzie-
hen‹ – tatsächlich ragen die ›Scheren‹ des Skorpions in das Bild der Waa-
ge344 – ebenso als ›pars pro toto‹. Bei ihm stehen sie jedoch doch für das
andere Krustentier am nächtlichen Himmel: den Krebs. Dieser, zusammen
mit dem Steinbock, steht dann auch als solcher in der hier zitierten Stelle
aus der Appendix Vergiliana – der Vers 22 bringt also das Nämliche zum
Ausdruck: daß, wenn die Sonne den Wendekreis des Krebses passiert, die
Tage länger werden; daß, wenn sie den Wendekreis des Steinbocks (›bru-
ma‹) passiert, sich die Tage verkürzen. In beiden Fällen scheint, wie Furi-
chius mit GL. 21 (›duo solstitia‹), zum Ausdruck bringt, die Sonne still-
zustehen.

343 Vgl. F. Krafft (1997); u. J. Mädler (1873), Bd. 1, S. 35–85.


344 Vgl. ThLL 3 (1907), Sp. 1003: »bracchia Scorpionis, sidus aequionoctii, quod Latini
plerumque Libram dixerunt« – bei Manilius etwa als Waage: MANIL. 2, 179; und bei
Vergil als Skorpion VERG. georg. 1, 32–35.

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Chryseis, Liber I. 209

24 Cur jubar abscondat? Cur manca fronte coruscet?] SCHOL. erklärt:


›Spielt an auf die Verfinsterungen, wie der andere Teil des Verses auf die
Veränderungen des Mondes.‹
25–26 Quid vehat Orion … Bootae?] Dazu SCHOL. 25: ›Daß das Auf-
gehen und das Sinken jener Sternbilder immer etwas Großes verheißt, sa-
gen alle Gelehrten. [Hp. Aër. 2, 2] indem er [der Arzt] nämlich erkennt den
Wechsel der Jahreszeiten wie auch der Sterne Auf- und Untergang, [kann er
im voraus erkennen, wie der Zustand des Patienten sich im Laufe des Jah-
res entwickeln wird] etc. Man muß auch auf der Sterne Aufgang achtgeben,
und am meisten des Hundes zudem des Arcturus, wie auch noch auf der
Plejaden Untergang.‹345 Hier markieren also die Sterne Wendepunkte im
Verlauf einer Krankheit.346 Als allgemeine Beispiele für den Einfluß der
Gestirne auf das irdische Leben nennt er zudem die entsprechende Stelle
aus den Problemata des Aristoteles, wo ebenso der Aufgang der Sternbilder
Orion, Plejaden und Hund Veränderungen des Klimas und der Gesundheit
anzeigt (vgl. Arist. Pr. 1, 3) als auch die (Pseudo-)Platonische Epinomis,
wobei er darauf hinweist, daß die Stoiker – besonders deutlich an einigen
Stellen bei Manilius347 – hiervon die ›Notwendigkeit des Schicksals‹ ablei-
ten. Zu dieser Lehre bietet er jedoch zugleich mit dem Verweis auf den
Stagiriten, der sagt ›Alles veranlaßt irgendwie das Göttliche in uns.
etc.‹,348 eine gegenteilige Lehrmeinung.
Die Epinomis wird bereits in der Antike dem im 4. Jahrhundert lebenden
Platoschüler Philippos von Opús zugrschrieben. Sie schließt direkt an das
Gespräch der Nomoi an, und wird deshalb üblicherweise dem Corpus Pla-
tonicum zugerechnet. In ihr wird unter anderem auf das Verhältnis der Le-
benwesen zur Weltseele, die fünf Elementarbereiche und die Beschaffenheit
der Gestirne eingegangen.349
27 combusta Canicula] Der Stern ›canicula‹ (›Kleiner Hund‹) im Siri-
us.350 Unter seinem Einfluß – ›er kläfft Flammen‹ – ist es, wie Manilius
sagt, am heißesten: »Cum vero in vastos surget Nemeaeus hiatus,/ exoritur

345 Vgl. ebd. 11, 2. Die griechischen Zitate stehen kursiv.


346 Zur ›Astromedizin‹ als eine der vier Säulen der Paracelsischen ›Medicina nova‹ vgl.
CP 2, S. 340 et passim; sowie allgemein W.-D. Müller-Jahncke (1985).
347 Zum Beispiel: »saecula dinumerare piget, quotiensque recurrens/ lustrarit mundum
vario sol igneus orbe./ omnia mortali mutantur lege creata,/ nec se cognoscunt terrae
vertentibus annis/ exutas variam faciem per saecula ferre […]« (MANIL. 1, 513–517);
und vor allem der Anfang des 4. Buches: »Quid tam sollicitis vitam consumimus
annis/ torqueremur metu caecaque cupidine rerum/ aeternisque senes curis, dum quae-
rimus, aevum/ perdimus et nullo votorum fine beati/ victuros agimus semper nec
vivimus umquam. […] fata regunt orbem, certa stant omnia lege/ longaque per certos
signantur tempora casus. […]« (Ebd. 4, 1–15; et passim).
348 Vgl. Arist. EE 1248a 26 f.
349 Vgl. H. Krämer (2004), S. 81–86.
350 Vgl. MlatWB 2 (1999), Sp. 160.

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210 C. Kommentar

candens latratque Canicula flammas/ et rabit igne suo geminatque incendia


solis.« (MANIL. 5, 206–208). Es sind diese ›dies caniculares‹ auch im
Deutschen die nach dem Hund des Orion benannten ›Hundstage‹ vom
24. Juli bis zum 23. August.351
28 At tandem exorta est Arabum gens] Das griechisch-römische Erbe
traten in den durch Islam eroberten Gebieten wie auch ausgehend von
den erhaltenen Abschriften Konstantinopels die Araber an. Diese brachten
die Sternkunde beträchtlich voran; so entdeckte beispielsweise der Astrono-
nom Almansor um 1150 die Schiefe der Ekliptik. Die arabischen Traktate
und Übersetzungen verlorener antiker Texte wurden im Mittelalter von eu-
ropäischen Gelehrten emsig rückübersetzt.352 Furichius aber hat weder von
einer auf chaldäische und vorislamische Ursprünge zurückgeführten Stern-
deuterei noch von der Astrologie an sich eine hohe Meinung, so empfiehlt
er in SCHOL. demjenigen, »qui ›gerras germanas‹ audire avet, ›atqué lyras
lyras‹, ut cum Plauto loquar« – also ›reinen Unfug‹ und ›Larifari‹353 – ein-
schläge Schriften, wie die ›Hundert Aphorismen‹ des Hermes Trismegistos,
und vor allem alte Schriften arabischen Ursprungs, wie das Centiloquium
siue de consuetudinibus in astrorum judiciis des Bethem, den Almeon Al-
manzor, welcher in seinem Werk Almansoris Aphorismi, seu propositiones
ac sententiae Astrologicae ad Saracenorum Regem zur vertiefenden Lek-
türe empfiehlt: Zahels De temporum significationibus in judiciis die Schrif-
ten des Messalah, wie dessen De ratione circuli et stellarum, und die Trak-
tate eines gewissen Omar.354
Diese finden sich allesamt in derselben Reihenfolge in einer 1533 in
Basel bei Hervagen vom ehemaligen Priester und Astrologen Nicolaus
Pruckner (auch: Prugner, um 1500–1557)355 herausgegebenen Sammlung
astrologischer Texte, deren langer Titel hier anklingt. Sie beginnt nach ei-
nem terminologischen Glossar mit dem, im Gegensatz zum philologischen
Maniliuskommentar des Scaliger, rein auf die praktische Sterndeutung aus-
gerichteten Firmicus-Kommentar des Herausgebers. Es folgen drei dem
Ptolemäus zugeschriebene Schriften sowie die Werke, auf welche Furichius
in seiner Scholie hindeutet, wobei dem genannten Omar die Schrift Omar
de Natiuitatibus Lib[ri] III entspricht. Die Sammlung schließt mit dem Text
des Manilius.356 Es ist anzunehmen, daß Furichius dieser Band – und damit
351 Vgl. F. Kluge (1989), S. 321.
352 Vgl. J. Mädler (1873), Bd. 1, S. 85–103; u. B. Waerden (1980).
353 Vgl. »nam tuae blanditiae mihi sunt, quod dici solet,/ gerrae germanae, αἱ δὲ κολλῦραι
λύραι.« (PLAVT. Poen. 1, 1, 8 f.); u: »nunc enim esse negotiosum interdius uidelicet
Solonem,/ leges ut conscribat, quibus se populus teneat. gerrae!« (PLAVT. Asin. 3, 3,
9 f.).
354 Vgl. Zedler 1 (1732), Sp. 1292; ebd., 3 (1733), Sp. 1530; ebd., 20 (1739), Sp. 1116;
ebd., 60 (1749), Sp. 1145; sowie Thorndike 5 (1994), S. 322 f.
355 Vgl. L. Keller (1888).
356 Vgl. im Literaturverzeichnis N. Pruckner (1533); u. E. Zinner (1941), S. 180, Nr. 1533.

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Chryseis, Liber I. 211

diese Ausgabe des Firmicus – während der Niederschrift der Chryseis vor-
lag.
Als weitere Gegner der Weissagung aus den Sternen nennt Furichius
zunächst Joseph Justus Scaliger und den Renaissancephilosophen Pico del-
la Mirandola (1463–1494), welcher mit seinen unvollendeten Disputationes
adversus astrologiam divinatricem versuchte, dem Spuk ein Ende zu be-
reiten.357 Diesen folgt als ›Mornaeus‹ der als Politiker, religiöser Schrift-
steller sowie als reformierter Mitbereiter des Edikts von Nantes bekannte
Philippe de Mornay (1549–1623).358 Die Reihe schließt mit ›Johannes
Smetius‹. Bei letzterem scheint es sich jedoch nach dem Epitethon ›Medi-
cus et Melicus‹ – ›Arzt und lyrischer Dichter‹ um einen anderen als den
einzig auffindbaren ›Johann‹ zu handeln, denn dieser war ein recht unbe-
deutender Pastor aus Nijmegen, welcher dort 1645 verstarb.359 Näher liegt,
daß Furichius sich hier auf Henricus Smetius, genannt ›à Leda‹ bezieht. Es
ist dies ein 1537 in Flandern geborener Mediziner und Dichter, der bereits
als Jugendlicher das Griechische und Lateinische vollkommen beherrschte.
Er studierte in Löwen, Rostock und Heidelberg und wurde 1561 in Bologna
zum Doktor der Medizin promoviert. Er praktizierte zunächst in Antwerpen
und wurde später der Leibarzt von Friedrich III. Kurfürst von der Pfalz.
1585 wurde er als Professor nach Heidelberg berufen, wo er 1614 starb.
Neben lyrischen Texten, lateinischen Übertragungen griechischer Texte,
schrieb er zahlreiche medizinische Lehrschriften.360
[S. 3] 1–2 Ipsae etiam Parcae … feruntur] Das Bild der an den Himmel
gewanderten Schicksalsgöttinnen findet sich nicht bei Manilius. Conti ver-
weist darauf, daß die Parzen, da sie nun einmal den Lebensfaden spinnen,
die Geburtsumstände eines Menschen, sein ›fatum‹ versinnbildlichen, also
auch, wobei er einen gewissen Einfluß der Gestirne keineswegs abstreitet,
die astrologische Nativität.361 Daß die Parzen sich nun am hellen Firma-
ment niedergelassen hätten, steht in scharfem Kontrast zu ihrem klassischen
Aufenthaltsort: »Hae dictae sunt in spelunca quadam obscura habitare so-
litae« (Conti, S. 108).
357 Vgl. B. Copenhaver (1999b), S. 19.
358 Vgl. die Monographie H. Daussy (2002); sowie R. Evans (1997), S. 7, 16, 139, 143;
neben älteren Darstellungen wie Z.: Mornay, Philippe de. In: NBG 36 (1865), Sp.
617–623; Zedler 21 (1739), Sp. 1726–1730.
359 Vgl. Jöcher 4 (1751), Sp. 644 f.; Kestner, S. 793 f.; Zedler 38 (1743), Sp. 96 f.
360 Vgl. W. Kühlmann u. J. Telle (1985), S. 277–281; ein Auszug aus dem lyrischen Werk
und eine Kurzbiographie in W. Kühlmann u. H. Wiegand (1989), S. 138–147 u. 291 f.
361 Vgl.: »Dictae sunt Parcae stamina de colo nascentibus detrahere, quibus vniversa vitae
fortuna continentur: quia pro primo aeris temperamento, quem nascentes infantes imbi-
berunt crediti sunt à philosophis et mores, et fortunam, et actiones, et vim etiam
vitalem habere et haurire […] Fatum siue Parcam appellarunt illud […] Illud sanè
non negauerim plurimum posse in nobis aeris vim, quo nascentes primum imbuimur,
tum ad vires corporis, ad temperamentum, et ad fortunae benignitatem, quam imprimit
in nobis occulta vis siderum« (Conti, S. 108).

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212 C. Kommentar

GL. 2 Astrologiae vel potius ᾽Αϲρομαντέιαϲ vanitas] bezieht sich auf die
Verse 1–6, in welchen auf die Auswüchse der ›Sterndeuterei‹ eingegangen
wird. Das griechische ἀϲρομαντέια ist geringschätziger als ἀϲτρολογία, von
welcher sich zur Entstehungszeit der Chryseis die Astronomie noch nicht
gänzlich als Wissenschaft abgegrenzt hatte.362
6 Satrapasqué polo] Furichius erklärt den Begriff ›Satrapas‹ erst im 4.
Buch der Chryseis durch GL., S. 53, v. 8. Es wird hier auf den von im
dritten und vierten nachchristlichen Jahrhundert von Neuplatonikern wie
Plotin, Porphyrius und Iamblichus theoretisch ausgearbeiteten und begrün-
deten Zusammenhang zwischen Astrologie und Magie angespielt. Die Pla-
neten werden in dieser – in der Renaissance zuerst von Marsilio Ficino und
seinem Schüler Pico della Mirandola erneuerten – Tradition nicht nur als
Götter, sondern als Dämonen angesehen. Jenen wiederum ist eine, in ihrem
Umfang je nach Neuplatoniker unterschiedliche, Hierarchie anderer Dämo-
nen unterstellt. Alle sind sie Intelligenzen, die gleichsam persönlich walten,
sich offenbaren und auch beschworen werden können.363 So schreibt
Agrippa von Nettesheim in 16. Kapitel des 3. Buches von De occulta philo-
sophia, das allgemein das Wesen der Dämonen betrachtend, über deren ›su-
pralunare‹ Art: »similiter pro aliarum stellarum tam nomine quàm uirtute
uarios daemones cognominant: et quia ueteres astrologi quinque supra
quinquaginta adferebant motus, hinc totidem illis adinuenerunt intelligen-
tias, siue daemones« (Nettesheim, S. 239 f.) Zu diesen gehören auch die, in
den hermetischen Schriften so zum ersten Mal bezeichneten, ›septem
mundi gubernatores‹ – die sieben Planeten.364 Von ihnen etwa ist zu Beginn
des Pimander die Rede: »Cumqué [homo] omnium in se potestatem habere
opificia septem gubernatorum animaduertit.« (Pimander, S. 1817)
GL. 7 Meteora] Mit ›meteora‹ werden üblicherweise die ›Lufterschei-
nungen‹, also die Naturerscheinungen zwischen Himmel und Erde bezeich-
net. Mit ihnen beschäftigt sich etwa die Meteorologie des Aristoteles. Eine
alchemische Meteorologie stellt das 2. Buch (der zweite Tag) in Michael
Maiers alchemischem Dialog Septimana Philosophica dar.365 Hier nennt
Furichius von den ›Meteora‹ die ›Wolken‹ (›nubes‹) und darüber in den
Versen 8 f. die ›Kometen‹.
12 Lybiae quot littus arenas] Daß Lybien, welches ab dem zweiten Buch
(vgl. CHRYS. S. 13, 0 »FO rte peragravi Lybiae deserta remotas«) der Hand-
lungsort der Chryseis ist, hier im astrologischen Kontext Erwähnung findet,

362 Vgl. I. Kelter (1999).


363 Vgl. B. Copenhaver (1999a).
364 Vgl. auch das 59. Kapitel des 2. Buches, welches beginnt: »Praeterea septem illos
mundi gubernatores (ut uocat Hermes) Saturnum, Iouem, Martem, Solem, Venerem,
Mercurium et Lunam [etc.]« (Nettesheim, S. 204).
365 Vgl. MAIER Sept., S. 34–66.

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Chryseis, Liber I. 213

liegt auch daran, daß das Land noch vor Ägypten die Sternkunde hervor-
gebracht haben soll. Die Natur soll dies begünstigt haben, indem der wol-
kenlose lybische Himmel geradezu zur Beobachtung eingeladen hat.366
S. 3, 15–17 Vt primùm Deus ossa hominis, ceu rudera, terrâ/ Formâit
madidâ … Siculis Steropes] SCHOL. 15 weist den Ursprung dieser Vor-
stellung, daß der Mensch geschaffen wurde aus Erde und Feuer, Plato zu:
›Platonis figmentum est‹. Daneben wird auf Hippocrates De Carnibus
11, 32 verwiesen. Jenen Abschnitt gibt es nicht.
18–19 Vtque recocta … motus mediante liquore] Furichius unterstreicht
den Bezug auf die Funktionweise der Gelenke einerseits über GL. 18, in
welcher er auf Galens Kommentar zu der Schrift des Hippokrates über die
Gelenke verweist, andererseits führt er über GL. 19 (› Paracelsus barbarâ
voce Synoviam vocat.‹) die Einführung des Begriffs ›Synovia‹ für die Ge-
lenkschmiere durch Paracelsus an.367 Hinzuzufügen ist, daß die Verbindung
von ›recoquere‹ und ›ossa‹ – von ›wiederaufkochen‹ und ›Knochen‹ – ei-
gentlich nur in Verbindung mit Medea gebraucht wird; so in der Argonau-
tica des Valerius Flaccus, in welcher es über die Zauberin heißt: »Recoquit
fessos aetate parentes«368. Das nämliche Mythologem interpretiert bereits
Petrus Bonus im 11. Kapitel der Pretiosa Margerita novella alchemisch:
»Et hoc est fabula ejusdem illius senis, volentis rejuvenescere, quem Medea
docuit, membra sua omnia anatomia dividi, et decoqui in aqua usque ad
perfectam decoctionem integrè, et non ultra, et tunc membra omnia in suis
locis glutinarentur, et esset factus juvenis: sed cum custos dormiret, in
complemento decoctionis integrae, resoluta sunt omnia membra in fumum
et non reviviscit, etc.« (Bonus, S. 43).
26–32 Vt pater Oceanus … Eridanus] Der Gott Oceanus, Sohn des Him-
mels und der Erde (»Coeli et Vestae, quam terram nonnulli vocarunt«) als
in Orphischer Tradition Vater aller Götter wie auch als Vater aller Flüsse.

366 Vgl. Zedler 18 (1738), Sp. 1414: »Sie [die lybischen Weisen] seyn die ersten gewesen,
die, weil es bey ihnen immer heiter Wetter, die Astronomie aufgebracht. Sie haben am
ersten angemercket, daß der Mond kein eigenes Licht habe, sondern es von der Son-
nen empfange. Sie seyn auch die ersten gewesen, welche die Planeten, ihren Lauff und
Würckung beobachtet, bestimmt und benahmset, von welchen es erst die Egypter
gelernet«.
367 Vgl. etwa Paracelsus 5 (1931), S. 31: »dico autem quod podagra cum speciebus suis,
dolorem talem non parit, nisi tactum sit gluten, quod synovia apud chirurgicos appe-
latur.«; oder auf deutsch Ebd., S. 138: »Nun ist aber ein ander generation vorhanden,
die uber die ander all ist mit herti und schmerzen, und ist die. der gluten, der bei den
alten wundarzten synovia heißt, der ist zech und ein leim gleich dem eierklar.«
368 Vgl. Gesner 4 (1749), Sp. 96. In modernen Ausgaben lautet die Stelle anders: »mutat
agros fluviumque vias, suus alligat urgens/ cuncta sopor, recolit fessos aetate parentes«
(VAL. FL. 6, 443 f.)
369 Conti, S. 426–428. So bereits PLIN. nat. 2, 166: »est igitur in toto suo globo tellus
medio ambitu praecincta circumfluo mari«; vgl auch MACR. somn. 2, 9.

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214 C. Kommentar

Mit diesem, seinen Söhnen teilt er die vom Mond erhaltene beständige
Bewegung und teilt sie ihnen mit (»Est enim non minùs Oceani, quam
fluuiorum perpetuus motus, cùm modò affluat, modò refluat; quod fieri
ad Lunae cursum nonnuli arbitrantur«), denn er ist ›jene Wassermasse,
welche die Erde von allen Seiten umgibt‹ – »illa aquarum moles quae
terram vndique circumdat.«369 Im folgenden nennt Furichius einige jener
Söhne, die Ausflüsse des Oceanus selbst sind.
GL. 27 Nutritio] Neben der Vergleichspartikel ›ut‹ (›ut pater Oceanus‹)
streicht Furichius den hier ausgebreiteten Vergleich von Mikro- und Ma-
krokosmos – des Blutkreislaufes im menschlichen Körper und des Was-
serkreislaufes auf der Erde370 – mit dieser Glosse heraus. Die Bildlichkeit
von Wasserläufen und der Adern wird seit jeher füreinander verwendet.
Zugleich sind die Adern im Inneren der Erde, da ›nutritio‹ ebenso ein
naturkundlicher Fachbegriff ist, auch die Adern der Metalle, welche
sich im Alchemo-Paracelsimus nähren wie sie auch wachsen. Thomas
Erastus, als entschiedener Gegner Hohenheims, faßt sie wie folgt zusam-
men: »Est autem haec suffectio partium deperditarum: siue alimenti trans-
mutati vnio [sic] naturalis. Quae ergo verè nutriuntur, alimentum ad se
attrahunt, intra se concoquunt, concoctum distributumqué particulae sin-
gulae, etiam minimae, transmutant, ac deinde vniunt, vt idem fiat eum eo,
cui additum fuit. Haec est vera nutritionis natura, et nominis huius signi-
ficatio. Sed noua nunc nobis addiscendam video grammaticam. Quippe
vna est (iuxta Paracelsum) in illis etiam, quae verè non nutriuntur.« (Eras-
tus, S. 262).
28–32 Niliacis alveîs … Eridanus] Macrobius beschreibt in seinem
Kommentar zum Somnium Scipionis die Suche nach den Quellen der Flüsse
Nil, Eridanus, Hister und Tanais371 – bei Furichius steht an seiner statt der
Ganges – als Analogie zum Erkennen der Ursachen und Ursprüngen in der
Natur wie auch im Seelenleben des Menschen:372
28 Niliacis alveîs] An erster Stelle der Nil, wobei Furichius ausführlich
auf dessen vermutete Quellen eingeht: unter dem Wendekreis des Stein-
bocks wie auch dessen Mündung(-en) (›ultraque alterum tropicum‹) unter
einem ›zweiten Wendekreis‹ – nämlich des Krebses. Hierbei wird auf die
›Exercitatatio XLVII. De Nili incremento‹ in Iulius Scaligers De subtilitate
verwiesen. Dort heißt es unter anderem: »Et eadem situs proportio fontium
sub Capricorno, et faucium sub Cancro« (Scaliger Exerc. ad Card., S. 168).

370 Zum Menschen als Mikrokosmos als Zentralvorstellung des Paracelsismus vgl. CP 2,
S. 475, 555 et passim. Als wichtige Schrift hierzu gilt die ›Astronomia magna oder die
ganze Philosophia sagax der großen und kleinen Welt‹, welche 1571 von Michael
Toxites herausgegeben wurde.
371 Der heutige Don.
372 Vgl. MACR. somn. 2, 16, 24–26.

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Chryseis, Liber I. 215

Dann nennt Furichius, unter Verweis auf Plinius,373 die unterschiedlichen


Namen des Flusses bei den verschiedenen Völkern, bevor er noch die in
Dialogform abgefaßte Schrift De medicina Aegyptiorum libri quattuor (Ve-
nedig 1591) des bedeutenden, italienischen Arztes und Botanikers Prospero
Alpino (1553–1616) – er beschreibt unter anderem als erster Europäer wis-
senschaftlich die Kaffeepflanze – anführt. Alpinos Schriften über die Flora
und, soweit sie pharmakologisch verwertbar ist, Fauna Ägyptens stützen
sich auf Material, das er 1581 bis 1584 in Alexandria und Kairo sammeln
konnte.374 Furichius bezieht sich hier auf das 8. Kapitel ›De aeris mutatione
ex ventorum Septentrionalium spiratione, atque ex augmento flumins Nili.‹
des 1. Buches.375 Zudem geht Alpino noch auf die medizinische Anwen-
dung des Nilwassers ein.
29 Euxinum … Istrum] An zweiter Stelle die Donau (›Ister‹), welche sich
ins Schwarze Meer – ein Teil des Alles Umgebenden Oceanus376 – ein-
strömt. Das Schwarze Meer wird hier nach seinem üblichen Epitheton als
εὔξεινον das ›gastliche, gastfreundliche‹ bezeichnet. Boccaccio schreibt
darüber im geographischen Anhang seiner Genealogia: »Euxinum mare
est quod uulgatori uocabulo pontum dicimus.« (Boccaccio, S. 159r). Über
den ›Pontus‹ heißt es in Ovids Tristia: »cum maris Euxini positos ad laeva
Tomitas/ quaerere me laesi principis ira iubet.« (OV. trist. 4, 10, 97 f.).
30 ortum … Gangen] Im Osten der, seit dem Zug Alexanders des Gro-
ßen, legendäre Ganges; vgl. zu diesem PLIN. nat. 6, 65–70.
31 Hesperias … ad oras,/ Dicitur Eridanus] Der poetische Name des
Flusses Po, lateinisch ›Padus‹, dessen Quellen in der Unterwelt vermutet
wurden: »Eridanus fluuius est italiae celeberrimus apud graecos aliasque
nationes omnem cisalpinam irrigat galliam: et quoniam hic idem et padus
est […] Fingunt graeci hunc apud inferos natum: et in terras ac superos
euasisse.« (Boccaccio, S. 148v). Von Einigen wird er als mythische Gestalt
mit Phaeton, der mit dem Sonnenwagen verunglückte Sohn des Phoebus
und der Clymene, gleichgesetzt, da dieser bei der Poquelle aufschlug: »Est
autem in regione Celtarum locus ille, in quem cecidisse Phaeton dicitur: vbi
scatent fontes Eridani […] Quidam crediderunt dictum fuisse ab illo incen-
dio Phaethontem cognomine, cùm priùs Erdianus diceretur, à quo etiam
fluuius nomen obtinuit.« (Conti, S. 298).377

373 Vgl. PLIN. nat. 5, 48–59. Dort werden ausführlich über den Nil gehandelt. Die unter-
schiedlichen Bezeichnungen durch die dort lebenden Stämme ebd. 5, 53.
374 Vgl. G. Lusina (1960).
375 Vgl. P. Alpino (1591), S. 11v – 14r.
376 Vgl. »Ad Septentrionem et ad oppositam huic regionem mare Ponticum et glaciale
nuncupatur« (Conti, S. 427).
377 Vgl. auch PLIN. nat. 3, 117.

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216 C. Kommentar

[S. 4] 1 agrorum latitantia semina] Von Furichius präzisiert durch die


GL. ›Μεταλλών‹ – also: ›die in den Äckern verborgenen Samen der Me-
talle‹. Zur Bildlichkeit des Ackerbaus in der Alchemie vgl. Kommentar zu
CHRYS., S. 5, 15–29.
2–9 Nec sat erat … rabiem detersit inanem] In diesem Abschnitt blendet
Furichius das Eiserne Zeitalter, wie es in OV. met. 1, 127–150 geschildert
wird, und den Schrecken über den Raub der Proserpina, wie CLAVD. rapt.
Pros. 2, 186–246 ihn darstellt, übereinander:
2–3 Nec sat erat … hianteis] Das nimmerzufriedene Menschenge-
schlecht zitiert das Anbrechen des schlechtesten, vierten Zeitalters in den
Metamorphosen: »vela dabat ventis, nec adhuc bene noverat illos/ navita,
quaeque diu steterant in montibus altis,/ fluctibus ignotis insultavere cari-
nae, […] nec tantum segetes alimentaque debita dives/ poscebatur humus,
sed itum est in viscera terrae,/ quasque recondiderat Stygiisque admoverat
umbris,/ effoditur opes, inritamenta malorum;« (OV. met. 1, 132–140).
4–9 Cybele … detersit inanem] Cybele: eine Göttin, in der sich im Laufe
der Zeit viele Einzelgottheiten sammeln. Daher erscheint sie unter vielen
Namen. Conti führt sie unter dem griechischen ›Rhea‹ und Giraldi unter
›Ops. Rhea‹378 – Sie ist Tochter von Himmel und Erde, Gemahlin des
Saturn, Mutter Jupiters. Bei Claudian verstummt auf ähnliche Weise das
Gefolge der Cybele, als sie von Ceres aufgesucht wird: »terribiles intus
thiasi vaesanaque mixto/ concentu delubra gemunt; ulultatibus Ide/ baccha-
tur; tumidas inclinant Gargara silvas./ postquam visa Ceres, mugitum tym-
pana frenant;/ conticuere chori; Chorybas non inpulit ensem;/ non buxus,
non aerea sonant blandasque leones/ summisere iubas.« (CLAVD. rapt.
Pros. 1, 206–212). In der Chryseis verstummt nun all dies, da der Mensch
sich daran macht, in die Erde einzudringen. Die hierbei aufgeführten My-
thologeme sind im einzelnen:
5 fulvis inhibebat frena leaenis] Sie fährt auf einem, je nach Dichter
zwei- oder vierspännigen Löwenwagen.379 Ein ausdrücklich von Löwinnen
(›leaneae‹) gezogenes Gefährt wird in den hier verwandten Mythologien,
wie auch bei Valerian, nirgends verzeichnet; Ricciardi (vgl. Bd. 1, S. 340v)
verweist nur auf Stellen des Alten Testaments. Jedoch ist es angemessen,
weiblichen Gottheiten weibliche Tiere an die Seite zu stellen wie auch zu
opfern.

378 Vgl. hierzu Conti, bei welchem sie (S. 500–505) unter ›Rhea‹ behandelt wird: »Haec
eadem Dea vocata fuit variis nominibus nam et Proserpina, et Isis, et Cybele, et Idaea,
et Berecynthia, et Tellus, et Rhea, et Vesta, et Pandora, [etc.]« (Conti, S. 503); bezie-
hungsweise Giraldi, S. 186–203. Bei Boccaccio steht sie unter dem römischen Namen
›Ops‹ (vgl. Boccaccio S, 23rf.). Im DNP nun wird man bei ›Rhea‹ auf den ausführli-
chen Artikel zu ›Kybele‹ verwiesen.
379 Vgl. Boccaccio, S. 23r; u. Conti, S. 501.

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Chryseis, Liber I. 217

6 Non emittebant ululatus Moenades] Nach der Göttin kommt ihr Ge-
folge; zunächst ihre heulenden Priesterinnen, die Mänaden. Die Bezeich-
nung wird bereits bei Catull von den Rasenden im Gefolge des Bacchus auf
diejenigen im Zug der Rhea übertragen: »sequimini/ Phrygiam ad domum
Cybe[l]es, Phrygia ad nemora deae, […] ubi capita Maenades vi iaciunt
hederigerae« (CATVLL. 62, 19–23).
7–9 Tibia … cymbala … rabiem detersit inanem] Es folgt die Schar der
Corybanten, ihrer kastrierten, sich wie wahnsinnig gebärdenden, lärmenden
Priester: »Huiusce Deae famuli et Curetes et Corybantes vocati sunt: nam
cùm insaniam, ac beluinam quandam rabiem imitarentur, vocati sunt Cory-
bantes à iacendis capitibus insanorum more.« (Conti, S. 502). Das übliche
Instrument bei den Feierlichkeiten ist die Handtrommel ›tympanum‹, des-
weiteren ertönen neben Hörnern die hier genannten Flöten (»cum magno
tibiarum cornicumqué stripitu«, Conti S. 501), und es krachen die Zim-
beln.380
11 Hinc aurum fulsit] Furichius verweist in seiner SCHOL. auf den
Scaliger der Exercitationes und zugleich auf den, dort diesbezüglich als
Unfug abgetanen, Timaeus-Kommentar des Philosophen Proklos. Diesen
verfaßte jener Vorsteher der neuplatonischen Schule von Athen (412 bis
485 n. Chr.) im Jahr 439, jedoch stellt der Timaios-Kommentar nur einen
Bruchteil von dessen – er wird der letzte Universalgelehrte der Antike
genannt – gewaltigem philosophischen und theologischen Werk dar.381 Im
Zuge der Kommentierung von Plato Ti. 18b, wo es darum geht, daß die
›Wächter‹ des Idealstaates weder Gold noch Silber besitzen sollen, spricht
Proklos über die Zugehörigkeit von Metallen und Planeten (vgl. Procl. in
Ti. 1, 14b). Bei Scaliger richtet sich der Blick Furichius’ auf den ersten
Abschnitt der 106. Exercitatio ›Quae de Metallis‹ und damit gegen die
dort vehement vertretene Meinung, die Zusammengehörigkeit der sieben
Planeten und der sieben Metalle sei das Geschwätz der ›Kohlebrenner‹ –
einer von Scaligers üblichen Schimpfnamen für Alchemiker. Also beginnt
er seine Schelte: »Solae adductae fabulae è carbonariis, secundum quorum
sententiam tot [metalla] existere scribis, quot sunt Planetae numero. Quas
ineptias Proclus quoque aut secutus est, aut instituit in Timaeo. [etc.]«
(Scaliger Exerc. ad Card., S. 386 f.). Furichius aber fühlt sich für dieses
Mal genötigt diesem seinem ›Helden‹ zu widersprechen: ›Ohne trotzdem
einen solchen Heroen anzugreifen, werden wir nicht finden, daß dies auf
unpassende Weise geschieht, sobald wir tiefer einen Blick in die Natur der
Metalle werfen. Womöglich wird sich einmal die Gelegenheit ergeben,
Mehreres über dies auszuführen, wenn jemand einen Anlaß darböte.‹ Ab-
schließend referiert er nochmals aus Scaliger, der als Beispiel für eine an-
380 Vgl. Conti, S. 504.
381 Vgl. H. Saffrey (2001).

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218 C. Kommentar

dere Zuweisung der Metalle die Chaldäer heranzieht, diese weisen der Ven-
us das Messing zu: »orichalcum, ne sis nescius, attribuunt Chaldeaei. Hoc
ex Raziele habemus in bibliotheca nostra.« (Scaliger Exerc. ad Card.,
S. 387). Das Buch Raziel – oder: Sepher Raziel, hoc est, Liber Angelorum
– genießt den Ruf eines der ›gefürchtetsten magischen Werke des lateini-
schen Mittelalters‹ – seinen Namen hat es vom Engel ›Raziel‹, der Adam
im Paradies in die Geheimnisse der Schöpfung einweiht. Albertus Magnus
erwähnt diese Sammlung von sieben ursprünglich wahrscheinlich hebräi-
schen Texten in seinem Speculum astronomicum bereits um 1260. Es
scheint nur als Manuskript kursiert zu sein.382 Nachdem er sich derart ab-
gesichert hat, fährt Furichius in den Versen der Chryseis mit der üblichen
Zuweisung der sieben Metalle, wie er auch in GL. 10 betont, fort.
11 generoso sulphure turgens] Das Gold strotzt vom ›Schwefel‹. Der
alchemische Schwefel ist hier eines der beiden – bei Paracelsus und seinen
Nachfolgern kommt als drittes ihrer ›Tria prima‹ das ›Salz‹ hinzu383 – bei
der Entstehung der Metalle wirkenden Prinzipien (›Sulphur‹ und ›Mercuri-
us‹ und/oder ›Sal‹).384 Hier ist er das »principium formatiuum«, welches
den Metallen die Gestalt verleiht, als »informator uim plasticam habens«.385
14 Triste illinc plumbum] Das Blei als dem Planeten der Melancholiker
unterstelltes Metall.386
15 Cypridos] Venus nach ihrer wichtigsten Kultstätte als ›Zyprierin‹. An
den Gestaden der Insel betrat die Schaumgeborene das Land.387 Auch das
ihr zugehörige Kupfer ›cuprum‹ leitet sich von der Insel ab: »Cyprium aes
in Cypro insula prius repertum, unde et vocatum« (ISID. orig. 16, 20, 2);
und Maier in seinen Arcana arcanissima: »vnde et Cypria cognominatur,
aeri quasi Cyprio praefecta.« (Maier Arc., S. 111).
16–20 vivax ebullijt unda … mandata deorum] Das Quecksilber – ›ar-
gentum vivum‹ hier in Gestalt der Figura etymologica als ›unda vivax‹ –

382 Vgl. S. Gentile (1999), S. 230–237. Dort werden bis ins späte 17. Jahrhundert nur
Handschriften aufgeführt.
383 Vgl. CP 1, S. 247; sowie die Zusammenfassung Adam von Bodensteins ebd., S. 307 f.
384 Vgl. L. Abraham (1998), S. 176 f.; u. Ernsting, S. 243 u. S. 290: »der Schwefel, ist
eines von dem dreyen so genannten primis principiis Chimicorum«.
385 Vgl. Ruland, S. 454 f.
386 Zur inzwischen unüberschaubaren Literatur zum Thema ›Saturn und Melancholie‹ sei
verwiesen auf Klibansky, Raymond; Panofsky, Erwin Panofsky; u. Saxl, Fitz: Saturn
und Melancholie. Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Re-
ligion und der Kunst. Übers. von Christa Buschendorf. Frankfurt a. M. 1990; und auf
den dem Andenken Klibanskys gewidmete Ausstellungskatalog von Clair, Jean (Hg.):
Mélancolie. Génie et folie en Occident. Paris 2005; sowie T. Reiser (2007b), S. 143–
145; zum Verhältnis zwischen Alchemie und Melancholie in der Renaissance auf N.
Brann (1985); aufschlußreich für das Melancholieverständnis im deutschen Späthuma-
nismus und an der Straßburger Akademie der Zeit W. Kühlmann (1982), S. 267–283.
387 Vgl. Conti, S. 202.

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Chryseis, Liber I. 219

wird in seinem geschwinden Hin- und Herfließen (›errare utrò citròque‹)


seiner mythologischen Entsprechung ›Mercurius‹ als Sohn des Jupiter und
der Maja verglichen.388 Antonomastisch als ›Maia genitus‹ kennt man ihn
etwa aus VERG. Aen. 1, 297: »Haec ait et Maia genitum demittit ab alto«;
oder CLAVD. rapt. Pros. 1, 76 f.: »Tum Maia genitum, qui fervida dicta
reportet,/ imperat acciri.«.
27 – S. 5, 14 Ipse Iovis currus … summum mucronis acumen] Wie in
SCHOL. 27 angegeben hat der französisch aufgewachsene Furichius ›diese
[Mythen] aus Pierre Ronsards, des unvergleichlichen französischen Dich-
ters, Hymnus vom Gold frei entnommen.‹ Gemeint ist Pierre de Ronsards
(1524–1585) dem Freund Jean Dorat, latinisiert ›Auratus‹ (gest. 1588), ge-
widmete Hymne de l’Or – »Je ferois grande injure à mes vers et à moy,/ Si
en parlant de l’Or, je ne parlois de toy/ Qui as le nom doré mon Dorat« (v.
1–3).389 Diese Hynme ist nicht alchemischen Inhalts sondern singt ironisch
ein Loblieb auf die Macht und die Möglichkeiten, welche das Gold im
allgemeinen wie im besonderen verleiht, wobei im Gegenzug die Armut
übel geschmäht wird. Furichius bezieht sich hier auf die Verse 263 bis
312. Dort finden sich die antiken Götter zum Wettstreit zusammen, wer
von ihnen den größten Reichtum besäße. Nachdem jeder aufgetreten ist
und man soeben Neptun den Preis zusprechen will, erscheint Mutter Erde
und »[o]uvrit son large sein, et au travers des fentes/ De sa peau, leur
monstra les mines d’Or luisantes« (v. 275 f.).
Zutiefst beeindruckt sprechen die anderen ihr den Sieg zu, nur um sie
sogleich zu bedrängen, ihnen etwas von diesem Reichtum zuteil werden zu
lassen. Furichius bedient sich freizügig bei Ronsard und variiert stark; so-
wohl hinsichtlich der Abfolge und Anzahl der Gottheiten wie auch mit
Blick auf deren Attribute. In der Hymne ziert als erster Jupiter nicht seinen
Wagen und sein Haupthaar mit Gold sondern »son throne,/ Son sceptre, sa
couronne« (v. 291 f.). Doch schließt bei Furichius (vgl. CHRYS. S. 5, 13 f.:
»Iustitia ipsa etiam lances illo aere gemellas/ Curavit fieri et summum mu-
cronis acumen.«) wie bei Ronsard, welcher auf deren Käuflichkeit anspielt,
die Reihe mit Iustitia: »Et mesme la Justice à l’oeil si renfrongné/ Non plus
que Jupiter ne l’à pas dédaigné:/ Mais soudain cognoissant de cest Or
l’excellance/ En fist broder sa robe, et faire sa Balance.« (v. 310–312).
Weitere Abweichungen und Gemeinsamkeiten – im Zuge lexikalischer Er-
klärungen – sind:
29–32 Mundum Iuno suum … hôc tingere fuco] Iuno wird traditionell
mit einem Pfauenwagen dargestellt – die Pfauen-Augen waren ursprünglich
die Augen des von Merkur listig getöteten Riesen Argus.390 Hier werden

388 Vgl. zum Gott Mercurius: Conti, S. 235–242.


389 Hier und im folgenden zitiert nach P. Ronsard (1994), Bd. 2, S. 580–594.
390 Vgl. OV. met. 1, 720–723: »Arge, iaces, quodque in tot lumina lumen habebas,/ ex-

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220 C. Kommentar

neben dem üblichen Putz der Göttin und dem Gefährt auch die Schnäbel
der Vögel vergoldet. Bei Ronsard schmückt sie wie ihr Gatte ihren Thron
und ihre Schuhe: »et Junon la matrone/ Ainsi que son espoux son beau
throne en forma/ Et dedans ses patins par rayons l’enferma:« (v. 292–294).
33 Mars Siculum petijt Rhodopeius antrum] Der ›Rhodopeische Mars‹
ist, nach dem Berg ›Rhodope‹ mitten in Thrakien benannt,391 der ›Thraki-
sche Mars‹. Mars wird als ›Thraker‹ bezeichnet, da er zum einem bei den
Thrakern, vor allem in der Stadt Creston, über alle Maßen verehrt wurde,
auch der Liebeshandel mit Venus fand in Thrakien statt – »apud Thraces
eximiè colebatur Mars […] Est etenim Crestone Thraciae ciuitas, ac Deus
Thracum Mars« (Conti, S. 82). Die ›Sizilische Grotte‹ ist, wie schon er-
wähnt, der Ort der Schmieden des Vulcanus. In der Hymne d’Or schmückt
Mars ebenso seine Waffen: »Mars en fist engraver sa hache et son boucler«
(v. 305).
S. 5, 10 Atque strias arcus] Die ›Kanneluren‹ des Bogens; auffällig ist
hier die Verwendung eines hauptsächlich aus der Architekturtheorie Vitruvs
(vgl. VITR. 4, 4 et passim) bekannten Begriffs für die erhabenen Verzierun-
gen an der Waffe des Liebesgottes, welches sich so nicht bei Ronsard
finden; dort nur: »Amour en fist son trait« (v. 301).392 Bis zur frühen Neu-
zeit hatte sich der Begriff ›striae‹ jedoch auch zur Bezeichnung der Rillen
auf der Muschelschale eingebürgert; so geht etwa Julius Caesar Scaliger in
der 220. Exercitatio auf die ›Concharum striae‹ ein.393
[S. 5, Fortsetzung] 15–29 Haec ita mortales … immenso robore vires]
Über GL. 15 ›Alchymia‹ wird bereits hervorgehoben, daß die in diesem
Abschnitt stehenden Bilder des Ackerbaus allesamt alchemische Bedeutung
haben; neben dem direkten Verweisen auf die Gerätschaften des Alchemi-
kers in den Versen 23 f.
Bilder aus dem Bereich des Ackerbaus sind der alchemischen Literatur
allenthalben anzutreffen.394 Im Traktat Gloria Mundi wird die Analogie
erläutert: Der Alchemiker wird als ein ›arator‹ bezeichnet, der eines rei-
nen/unberührten Ackers (›terra‹) bedarf wie auch der Feuchtigkeit oder
des Regens; das heißt: ›aqua Mercurii‹. Dieses sorgt sorgt dafür, daß die
ebenso reine/unberührte Saat – von verbundenem ›Mercurius et Sol‹ – sich
auflöst und wiederersteht (›putrescat et iterum reviviscat‹). Zur Reife ge-
langt die Pflanze dann durch die Wärme der Sonne (›solis calore, ut ad

stinctum est, centumque oculos nox occupat una./ excipit hoc volucrisque suae Satur-
nia pennis/ conlocat et gemmis caudam stellantibus implet.«
391 Vgl. »Rhodope mons thracie mediterraneus est« (Boccaccio, S. 138v).
392 Vgl. L. Callebat (1995), S. 220.
393 Vgl. SCALIGER Exerc. ad Card., S. 662 f.; vgl auch »STRIAE columnarum. v[el]
colomnarum striae siue cauaturae« (Ricciardi, Bd. 2, S. 225v).
394 Vgl. den Kommentar zum 6. Emblem, das einen Goldmünzen sähenden Bauern dar-
stellt, der ›Atalanta fugiens‹ Michael Maiers in H. De Jong (1969), S. 81–87.

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Chryseis, Liber I. 221

maturitatem perveniat‹) und bringt reiche Ernte (›fructus fert mulitpli-


ces‹).395
Die im folgenden häufige Verwendung von Bildern des Ackerbaus in der
Chryseis mag auch damit zusammenhängen, daß Furichius – wie er in den
Scholien angibt396 – Vergils Lehrgedicht über den Landbau Georgica bei
der Abfassung seiner Chryseis im Hinterkopf hatte.
GL. 30 Propositio] Hier als »Πρόθεϲιϲ, propositio argumenti, qua nar-
ratur res, cuius in sequentibus demonstratio additur.« (Ernesti: Gr., S. 290).
S. 6, 4 alter Palinurus] Palinurus, der Steuermann des Aeneas wird, da-
mit dessen Schiff am Felsen der Sirenen scheitert, von Somnus eingeschlä-
fert und geht über Bord. Als Aeneas dessen inne wird, kann er gerade noch
rechtzeitig das Steuer an sich reißen: »multa gemens casuque animum con-
cussus amici:/›o nimium caelo et pelago confise sereno,/ nudus in ignota,
Palinure, iacebis harena.‹« (VERG. Aen. 5, 869–871).397
5 Hac sine, cum medicus, genuit quem Pergamus olim] Die SCHOL. zu
diesem Vers verweist bereits auf den von etwa 129 bis 216 nach Christus
lebenden antiken Arzt Galenos aus Pergamon, der sich vor allem durch
seine Kommentare zu Hippokrates, seine zeitweise Stellung als kaiserlicher
Leibarzt und seine auf Sektionen beruhenden anatomischen Forschungen
auszeichnete. Den Ruf als ›Atheist‹ trugen ihm vor allem seinen Schriften
De demonstratione und De sententiis ein, in welchen er einen Schöpfergott
entschieden in Frage stellt – ein Standpunkt, mit welchem sowohl die
christliche wie auch die muslimische Rezeption ihre Not hatte.398 Hierauf
nimmt auch Furichius bezug: ›Bekannt ist Galens Possenreißen gegen un-
seren Heiland, seine Ungerechtigkeit gegen Moses, wenn er diesen kriti-
siert, weil er, da er die Ursachen der Dinge behandelt, einzig den Willen
Gottes lehrt, obschon er freilich dasselbe bei anderen kritisieren könnte.
Wie bei Plato, welcher die Weltseele behandelt. Wie auch bei Aristoteles
selbst sowie Avicenna, welche die Erzeugung aller Dinge, dieser gewissen
zehn Intelligenzen, jener mehreren, zuweisen.‹ Ähnlich äußert sich auch der
Tractatus aureus zu gotteslästerlichen Einlassungen der sonst unangefoch-
tenen Autoritäten, wie des Galenus: »Absit enim ut Hermes, Pythagoras,
Plato, Anaxagoras, aliique plures Chimici Philosophi, tam scabiosè et impiè
loquantur de DEO, ac ipse Galenus Chymiae ignarus loquitur de Christo et
Moyse.« (Tract. aur., S. 593). Ein solcher Atheismusvorwurf gilt als ›früh-
paracelsistisches Standardargument‹ und richtet sich ursprünglich gegen
jenen ›textfixierten Arzthumanismus‹, welcher ohne den Willen zur prakti-

395 Vgl. Gloria mundi, S: 248 f.


396 Vgl. SCHOL. [S. 57], S. 2, 25; SCHOL. [S. 65], S. 31, 8; SCHOL. [S. 66], S. 32, 30; et
passim.
397 Entsprechend W. Kühlmann (1984), S. 126, Anm. 64.
398 Vgl. V. Nutton (1998b).

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222 C. Kommentar

schen Erfahrung stur an den Buchstaben des Corpus Hippocraticum und


dem dieses zum Großteil kommentierenden Corpus Galenicum festhielt.399
Als Belegstelle für Existenz von Atheisten unter den alten Griechen führ
SCHOL. zuletzt ›Arrianus wider Epiktet‹ an. Dies bezieht sich auf Arrianos
von Nikomedeia, auch Flavius Arrianus. Dieser von ca. 85–90 bis etwa 150
n. Chr. lebende, als Römer griechisch schreibender Philosoph und Histori-
ker, war ein Schüler des Stoikers Epiktetos (ca. 50–125 n. Chr.). Nach des-
sen Tod gab er dessen Vorlesungen Diatribae heraus und verfaßte mit dem
Encheiridion ein Handbuch zu dessen Lehre.400
12 nulla ut primordia Mundi] Die SCHOL. verweist darauf, daß Arist.
Cael. 1, 9 die Unendlichkeit des Himmels annimmt, dann fährt Furichius
fort: ›Eine Verteidigung unternimmt des göttlichen Lehrers recht göttlicher
Schüler Julius Caesar Scaliger Exerc. 61. s. 3‹. In dieser weist Scaliger
nach, daß Aristoteles, indem er von einer ersten Ursache spricht, »[a]ngovit
enim ille quoque Deum opt[imum] [maximum] esse mundi causam effici-
entem etiam apud Aristotelem« (Scaliger Exerc. ad Card., S. 217).
13 animasqué rapi] Die SCHOL. zitiert aus der angegebenen SCAL.
Exerc. 101. s. 18. Dort heißt es wortwörtlich: »nefandum illud Hippocratis
deliramentum, a quo non absunt Galeni trepidationes […]« (Scaliger Exerc.
ad. Card, S. 350), dann wird in der Scholie, wie bei Scaliger, aus Galens
entsprechendem Kommentar zitiert: ›wenn aber aus Feuerähnlichem, wird
zusammen mit der Krankheit sowohl die Seele als auch der Körper ver-
zehrt.‹ – Kühlmann verweist in diesem Zusammenhang auf »die häreti-
schen Theoreme des nichtchristianisierten Aristotelismus, wie sie z[um]
Beispiel von Pomponazzi (1462–1525) vertreten wurden.«401 In seinem
Hauptwerk, dem 1516 in Padua erschienem Traktat De immortalitate ani-
mae bestritt der Aristoteliker Pietro Pomponazzi die Unsterblichkeit der
Seele. Wie zu erwarten erregte das Buch, obwohl es als rein philosophisch
und nicht theologisch ausgewiesen ist, heftigen Widerstand und zog zahl-
reiche Gegen- sowie Verteidigungschriften nach sich.402
17–20 Icarus in medijs … in aëre ferri] Die, vor allem in der Emblema-
tik übliche, Verbindung des Sturzes des Icarus (OV. met. 8, 183–235) mit
der zum Sturz des Phaeton gehörenden Mahnung des Phoebus: »medio
tutissimus ibis« (OV. met. 2, 137) – für die Einhaltung des ›rechten Mittel-
weges‹.403 Die Mahnung des Daedalus lautet: »instruit et natum ›medioque
399 Vgl. CP 1, S. 184–187.
400 Vgl. E. Badian (1997); u. B. Inwood (1997).
401 W. Kühlmann (1984), S. 126, Anm. 66.
402 Vgl. ebd.; u. J. South (1999), S. 117. Der Traktat ist verfügbar in der Ausgabe: Pom-
ponazzi, Pietro: Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele. Hrsg. und übers. von
Burkhard Mojsisch. Hamburg 1990. (Philosophische Bibliothek; 434).
403 Vgl. Henkel-Schöne, Sp. 1617. Eine Anthologie zum ›Mythos Ikarus‹ von Ovid bis in
die deutsche Gegenwartsliteratur bietet A. Aurnhammer u. D. Martin (1998).

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Chryseis, Liber I. 223

ut limite curras,/ Icare,‹ ait ›moneo, ne, si demissior ibis,/ unda gravet
pennas, ni celsior, ignis adurat./ inter utrumque vola‹« (OV. met. 8, 203–
206). Die mannigfache Deutung und Verbreitung des Daedalus-Mythos im
16. Jahrhundert ist gerade an der Wirkung von Pieter Bruegels des Älteren
(um 1525–1569) Gemälde ›Landschaft mit pflügendem Bauern und Ikarus-
sturz‹ ersichtlich.404 Auch Conti bietet einen für seine Verhältnisse recht
umfangreichen Eintrag: S. 407–420. Dort nennt der Mythologe den Grund
für die Beliebtheit dieses Motives: »Neque alia de causa haec celebrata sunt
à poetis, nisi vt demonstrarent diuitiarum et rerum omnium excellentiam
nemini esse tutam: optimamqué esse mediocritatem, quae neque inuidiam
secum trahat plurimorum, neque tamen contemnatur quod patitur infima
hominum conditio.« (Conti, S. 420).
21–27 Nos verò ad coelos audacibus ire carinis … imas?] Dem warnen-
den Hinweis auf das Schicksal des Icarus stellt Furichius unmittelbar darauf
in Antithese, wie aus der entsprechenden Stelle der Aurea Catena ersicht-
lich wird, sein eigenes, gelingendes Wagen gegenüber: »Nos verò ad caelos
audacibus ire carinis/ Non formidamus« (AVR. CAT., S. 2, 9 f.). Die sich
durch die ganze Chryseis ziehende Bildlichkeit der Schiffahrt und des
Schiffbruchs wird hier in diejenige des Himmelssturzes geblendet.405
GL. 22 Deus ἀγραῖοϲ] Apoll als ›der die Jagd beschützende Gott‹.406
[S. 7] 2–4 et raperent Plutonia regna … Sorte Promethea, rostro fodica-
bit adunco] Das Schicksal des Prometheus, der an den Kaukasus geschmie-
det seine Marter (vgl. CONTI, S. 164–171) erlitt, wird hier von Furichius
zur Jenseitsstrafe im Reiche des Pluto, also zu seiner Bestrafung, wie sie in
den Ovidischen ›sedes scelerata‹ (vgl. OV. met. 4, 447–480) stattfindet.
Augurelli sieht für die Verräter an der Kunst die nämliche Strafe vor:
»Caucasea meritum uolucrique et rupe Promethea,/ quam, qui hac impru-
dens aurum inuulgauerit arte,/ dignus erit poena simul ut multetur ultra-
que?« (Augurelli, 3, 447–449).
5–20 Primum igitur … sub cortice coelum.] Von Furichius in GL. 5 als
›Mixtionis doctrina‹ ausgewiesen beschreibt dieser Abschnitt, wie nach
Aristotelischer Vorstellung aus den vier Elementen durch Vermischung
die zusammengesetzen, homogenen Körper, beispielsweise die Metalle
oder Holz, entstehen. Bei Aristoteles geschieht die ›mistio‹ durch ein fünf-
tes Element, bei Plato durch die Weltseele und bei den Astrologen durch
den Einfluß der Gestirne.407 Die Paracelsische ›mistio‹ beschreibt Erastus in

404 Vgl. etwa zur Motivgeschichte des Sturzes und Interdependenz von literarischer Quel-
le und darstellender Kunst J. Mirollo (1996); u. Ch. Vöhringer (2002).
405 Zur Schiffahrtsmetaphorik vgl. etwa E. Curtius (1967), S. 138–141; u. vor allem das
erste Kapitel von M. Hardt (1966), S. 7–18.
406 Das ihm geweihte Heiligtum in Attika bei Paus. 1, 41, 6; vgl. auch Giraldi, S. 313.
407 Vgl. A. Lumpe (1980).

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224 C. Kommentar

seiner zweiten Disputatio wie folgt: »Paracelsi assignant omne hoc offi-
cium seminib[us] seu vitalibus principijs ex Orco seu abysso in lucem pro-
deuntibus, omni scientia seu potestate infallibili instructissimis. Haec pro-
cessura sibijpsis [so] conuenientia elementa assumere, naturisqué suis con-
gruentia corporum principia constituere: ponderibus iustis permiscere. Fieri
hoc, vitalibus tincturis per omnia penetrantibus, omniumqué virtutes secum
ducentibus, et validis vinculis sic componentib[us] vt in minima materiae
portione quauis, sensuu[]m testimonio planè similiari, omnia illa quantu-
muis diuersa comprehendantur.« (Erastus, S. 211).
Das abschließend verwandte ›Schale-Kern-Bild‹ wurde neben seiner all-
gemeinen Beliebtheit im Frühbarock besonders von den Paracelsisten pole-
misch wider die Galenisten gebraucht, da jene der Oberfläche verhaften
blieben und somit nicht zum ›inneren Kern‹ der Natur vordrangen.408
17–18 Ars Naturae vestigia legit … retexendo stamen telamque vetu-
stam] Der alte Topos der mimetischen Kunst,409 wird hier durch GL. 17
zur die Natur nachahmenden ›Chymia‹ – die Alchemie folgt der Natur,
indem sie, nach weitverbreiteter Symbolik, deren ›Gewebe‹ wiederauf-
webt.410 Darauf, daß der Alchemiker der Natur nachzuspüren habe, verwies
Petrus Bonus bereits in seinem Prolog.411 Letztlich geht es hierbei, wie
Augurelli ausführt, darum, der Natur abzuschauen, wie die Metalle hervor-
gebracht werden, und so dasselbe künstlich zu bewerkstelligen: »Iam patet
his [artificibus], ut non tantum sub montibus aurum/ natura efficiat, sed ut
id quoque prodeat arte;« (Augurelli 1, 108 f.).
19–20 Invenit majora illis, quae numina plebis/ tangunt] Das Größere,
welches die Alchemie findet, sind wie Furichius in SCHOL. 19 mitteilt:
›Die drei Principia der Chemiker.‹ In der Aurea Catena werden sie benannt:
»Sunt queis tria consignata probantur,/ Spiritus atque animae vigor et ve-
getabile corpus.« (AVR. CAT., S. 3, 2 f.). Was diese genau sind ist unklar.
Als Vertreter verschiedener Lehrmeinungen hierzu – das heißt vor allem:
zum Verhältnis der Principia zu den vier Elementen – nennt Furichius:
Sennertus, Erastus, Palmarius:
Daniel Sennert ist einer der bedeutendsten deutschen Ärzte. Er wurde
1572 in Breslau geboren, studierte in Wittenberg, Leipzig, Jena und Frank-
furt an der Oder, wurde 1601 Doktor und 1602 Professor der Medizin in
Wittenberg und später Kursächsischer Leibarzt. 1637 starb er in der Luther-

408 Vgl. CP 2, S. 1001–1003.


409 Vgl. L. Abraham (1998), S. 11 f. Zum ›Verhältnis von Natur und Kunst‹ im Hermetis-
mus der Zeit vgl. W. Kühlmann (2005a), S. 87–105 – zur damit verbundenen ›Lektüre
der Natur‹ gemäß der Paracelsischen Signaturenlehre vgl. ders. (2002a); sowie J. Telle
(2003a), S. 10–13.
410 Vgl. hierzu T. Burckhardt (1992), S. 36 et passim; u. W. Kühlmann (1984), S. 128,
Anm. 68.
411 Vgl. Bonus, S. 1 f. et passim.

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Chryseis, Liber I. 225

stadt an der lokalen Seuche.412 In seiner Schrift De Chymicorum cum Aristo-


telicis et Galenicis consensu ac dissensu refertiert er im 8. Kapitel ›De Ele-
mentis‹413 verschiedene Ansichten bis hin zu Paracelsus, dem er vier Princi-
pia unterstellt und diese für falsch erklärt: »Deindè, quod Paracelsus, in La-
byrint. Med. errat. non ut reliqui saniores Chymici, qui tria, quae ponunt
principia, vel Elementis posteriora et ex iis orta, vel ut in corporibus natura-
libus constituendis socia statuunt, sua tria principia ante Elementa ponit […]
Et propterea alii Chymici saniores eam defendere ausi non sunt; Sed ut modò
dictum, vel tria ista Chymicorum principia ex Elementis mista esse, vel in
corporibus naturalibus constituendis socia esse, sentiunt.«414
Mit Erastus ist der Heidelberger Professor und fanatische Antiparacelsist
Thomas Erastus gemeint. Dieser wurde 1524 in der Schweiz geboren, stu-
dierte in Bologna Medizin und hatte ab 1558 eine Professor für Medizin in
Heidelberg inne. Streitbar und streitlustig mischte er sich in religiöse Fra-
gen und wurde zeitweise mit dem Bann belegt. 1580 ging er, um dem
Luthertum auszuweichen, nach Basel, wo er 1583 starb. Er schrieb kontro-
verstheologische Schriften, Werke gegen Zauberkräuter und Sterndeutung.
In seinen vier Disputationes De medicina nova Philippi Paracelsi (Erst-
druck: Basel 1572/73) griff er heftig den nach seiner Meinung auf Teufels-
werk415 gründenden Paracelsimus wie auch den Florentiner Neuplatonis-
mus an, deren Anhänger für ihn auf den Scheiterhaufen gehörten.416 Der
Abschnitt über die ›Principia‹ in der zweiten Disputatio, auf welchen Furi-
chius hier verweist, gibt eine Kostprobe dieser Polemik: »Credo Paracel-
sum Aristotelis mentem ne vel eminus quidem olfecisse. Quomodo enim
homo indoctus, perpetuò ebrius, eiusmodi cognoscere in animum induxis-
set? Audiuit omnes dicentes, tria esse rerum principia. Audiuit non minus
affirmantes, quatuor elementa esse rerum principia. Cumqué non sciret inter
mista et simplicia distinguere, et Aristotelem putaret elementorum quoque
principia existimauisse corpora, placuit ei in horum locum substituere tria
illa, quae apud auri decoctores inuenerat.«417
Petrus Palmarius (auch: Palmerius) ist Pierre Le Paulmier de Grentemes-
nil (1568–1610), ein Neffe des vor allem für seine Schriften über Schuß-

412 Vgl. Alchemie Lexikon, S. 334 f.; sowie die Würdigung in Bayle 4 (1730), S. 189–
192; Kestner, S. 779 f.; Thorndike 7 (1994), S. 203–217; Ferguson 2 (1954), S. 371–
373; W. Pagel (1958), S. 333–343; hervorzuheben der Aufsatz von W. U. Eckart
(1992).
413 Vgl. D. Sennert (1629), S. 73–85.
414 Ebd., S. 77.
415 Zu diesem ebenso griffigen wie gefährlichen Vorwurf gegen Paracelsus, vgl. etwa CP
2, S. 147 u. 489 f.
416 Vgl. W. Pagel (1958), S. 311–333; W. Kühlmann u. J. Telle (1985), S. 265–271;
J. Telle (1986c); ders (1989b) u. ders. (2008e); Ch. Gunnoe (1994); sowie Thorndike
6 (1994), S. 251 f.; Ferguson 2 (1954), S. 163.
417 T. Erastus (1677), S. 45; vgl. et passim.

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226 C. Kommentar

verletzungen bekannten französischen Arztes Julien Le Paulmier de Gren-


temesnil (1520–1598).418 Er studierte Medizin und war Arzt am Hôtel-Dieu
in Paris. Seine Verteidigungsschrift des Paracelsismus Lapis Philosophicus
Dogmaticorum (Paris 1609), auf welche Furichius sich hier bezieht, brachte
ihm beträchtlichen Ärger mit den Pariser Galenisten ein, welche ihn zum
öffentlichen Eingeständnis aller seiner ›Fehler‹ zwangen.419 Die Principia
behandelt er im 7. Kapitel ›Quae et quot sind Chymicorum principia et
elementa, illisque non excludi communia physicorum vt nec medicorum
propria‹ des Werkes.420
21–S. 8, 8 At quia res nova erat … Mercurium fermè omnes nomine
jactent] Furichius erklärt in GL. 21, daß es sich hierbei um die Rechtferti-
gung der immensen und kaum zu durchschauenden Bezeichnungsvielfalt in
der Alchemie handelt, gerade für den alchemischen Mercurius. In der Trak-
tatliteratur wird sie immer wieder thematisiert: von Petrus Bonus, der sie im
9. Kapitel seiner Margarita Pretiosa ausführlich behandelt (vgl. Bonus,
S. 34–36) bis zur kompilatorischen Harmonia seu consensus Philosopho-
rum Chemicorum von David Lagneus, die auf knapp einer Seite eine Kost-
probe der Synonymie gibt: »Spirituale, corporale, coeleste, terrenum, cae-
lum, terra, aestas, autumnus, hyems, ver, masculinitas, foemininitas, cor
brutorum, fel, succus herbarum, homo, capilli, sangvis, menstruum, fecun-
dina, arbor, planta, herba, […] margarita, nix, grando, cinis clavellatus,
terra alba, lapis candidus, pulvis albus stellatus, splendidus, lapis rubeus,
crocus, cinabrium, minium, haematites, sangvis humanus combustus, vitel-
lus ovi, alumen, calcinatum, corallus, et, ut uno verbo dicam, vocatur no-
mine omnium rerum, quae in mundo sunt.« (Lagneus, 717).421
Hier nun:
– In den Versen 21–28 führt Furichius Kosenamen an, wie die Kunst ›non
secus ac mater‹ (v. 23) sie im Spiel für ihr Kind verwendet, wobei die in
Vers 34 genannte ›anima‹ sowohl ein gebräuchlicher lateinischer Kose-
name ist als auch auf die Platonische ›anima mundi‹ anspielt.
– In den Versen 29–30 folgen mytholachemische Decknamen, doch ist
schon das Patronym ›Aeacides‹ (v. 29) als solches äußerst mehrdeutig,
denn ›Sohn des Aeacus‹ werden unter anderen Aeneas, Achilles und der
König Perseus genannt.
– In den Versen S. 8, 4–8 schließlich folgen alchemische Termini; genauer,
wie Furichius in GL. 4 angibt, die drei Principia ›Sal‹, ›Argentum vi-
vum‹ und ›Sulphur‹ – welche allesamt dennoch im ›opus magnum‹ (v. 5)
ebenso als ›Mercurius‹ bezeichnet werden. Die Zusammenhänge werden

418 Vgl. NBG 29 (1862), S. 818 f.; sowie Thorndike 5 (1994), S. 482 f..
419 Vgl. Ferguson 2 (1954), S. 163; sowie D. Kahn (2007), 368–371, et passim.
420 Vgl. P. Palmarius (1609), S. 35–40.
421 Vgl. zur ›Fachsprachendiskussion‹ der Zeit W. Kühlmann (2002a).

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Chryseis, Liber I. 227

im Folgenden in der Chryseis über die Beschreibung und Deutung gra-


phischer Symbole weiter erläutert.
Zu diesem merkt er in SCHOL. 8 an: ›Zwar ist diese Art zu Sprechen
den Lateinern [d. h.: der sonst präzisen Formulierung im Lateinischen]
fremd. Doch für neue Dinge neue Bezeichnungen. Bekannt ist, daß das
Quecksilber als dem Mercurius geweiht angesehen wurde. Und wie dies
bei den Metallen das dritte Principium ist, so ist in den übrigen etwas ent-
sprechendes, das man mit der nämlichen Bezeichnung benannt hat.‹ Hierzu,
daß alles als Mercurius – wie auch Mercurius mit allem – bezeichnet wer-
den kann, äußerst sich auch Augurelli: »Quin etiam huic uni, quo se mollire
metalla/ inuenere modo, cunctarum nomina rerum/ imposuere, quod haec
cunctis uis insita rebus/ haereat, incipiatque omnes, et compleat una./ Cunc-
ta adeo cunctis occultauere, neque illi/ nequicquam interdum seriem abru-
pere loquendo/ perpetem, et excursus interposuere uacantis.« (Augurelli
2, 338–344).
[S. 8, Fortsetzung] 9 similem cum circite nudo … cui simplicitas sincera
cohaeret] Auf die Decknamen folgen geometrische Figuren. Siehe hierzu
den folgenden Kommentar zu den Versen 14-S. 9, 14.
11 mens saucia amore] Zititert den berühmten Anfang des vierten Bu-
ches der Aeneis. Dort heißt es über die liebeskranke Königin Karthagos
Dido: »At regina graui iamdudum saucia cura« (VERG. Aen. 4, 1).
14 – S. 9, 14 Ergò, non postea oberret … specie faciat meliore coruscum]
Die Abfolge der hier beschriebenen und glossierten geometrischen Zeichen
– blanker Kreis (CHRYS., S. 8, 9), Kreis im Kreis, Dreieck, Quadrat, Drei-
eck – entspricht derjenigen im kommentierten Tractatus aureus (Tract. aur.,
S. 607–612). Durch sie und ähnliche Bilder aus dem Bereich des Ackerbaus
wird der Ausspruch des Trismegistos ›Est in Mercurio quicquid quaerunt
Sapientes.‹ erläutert: »in ejus gratiam hic proponam figuras aliquas hiero-
glyphicas: quibus varii Mercurij proprietates et conditiones, quanta fieri
potest luce et brevitate, adumbrabo.« (Ebd., S. 607). Alle ›Hieroglyphen‹
– die ›tacitae figurae‹ in CHRYS., S. 8, 16 – bezeichnen somit Eigenschaf-
ten und Zustände des philosophischen Mercurius:
17 Circulus in circo repsit] Graphische verdeutlich durch GL. ›⊙‹ und
als Symbol erklärt durch SCHOL.: ›Er bezeichnet die Materie des Steines,
welche soweit sie roh ist, recht üppig ist, doch recht unrein, sobald sie aber
auf gehörige Weise aufbereitet wird, kommt sie geringer hervor, doch um
vieles reiner.‹ – Es handelt sich demnach um die alchemische ›materia
prima‹ als Ausgangsstoff für die Herstellung des Steines; als ›materia cru-
da‹ (auch ›remota‹) wird sie im unbearbeiteten Zustand und als ›materia
proxima‹ (auch ›praeparata‹) im vollendeten Zustand bezeichnet.422

422 Vgl. G. Geßmann (1959), S. 48 f.

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228 C. Kommentar

Der Kommentator des Tractatus aureus führt zu seinem, jenem glossier-


ten Kreis im Kreis bei Furichius entsprechenden ›Circulus duplex‹ aus:
»Gemina circuli descriptio indicat duplicatum illud Bernardi Trevisani Mer-
curium agens videlicet et patiens: sive sulphur et Mercurium. Ac quamvis
binarius numerus confusionis author dicatur, et proinde materiae diversita-
tem aliquam arguere videatur: nulla tamen planè est diversitas. Ambo enim
Mercurij ejusdem sunt originis, ejusdem naturae et essentiae, quod vel ex
utriusque forma circulari facilè innotescit.« (Tract. aur., S. 608) Beide Krei-
se bezeichnen demnach jeweils einen ›Mercurius‹ – wie auch ein einfacher
Kreis ›○‹ (vgl. CHRYS., S. 8, 9) ob seiner Vollkommenheit »nihil aliud
significat, quàm verum et unicum Philosophorum Mercurium« (Tract.
aur., S. 608). Der philosophische Mercurius wird als doppelter begriffen,
da er alle Gegensatzpaare, wie das genannte ›agens et patiens‹, in sich
vereint. Auch findet sich im Kommentar des Tractatus die Erklärung dafür,
daß der innere Kreis, obwohl er der kleinere ist, den äußeren – v. 19 ›ex-
cellit pretio‹ – an Wert übertrifft: »Nihil autem refert, quod interior minor
apparet exteriori. Majoris enim perfectionis id tantum signum est. […] Mi-
nor autem occultatus in majorem agit, eumque sibi assimilat.« (ebd.)
20–26 Non secus, ac in farre … pabula praebet] Der Vergleichscharak-
ter – der erste Epische Vergleich innerhalb der Chryseis – der Stelle wird
duch GL. ›Comparatio‹ besonders hervorgehoben. Ein ähnlicher Vergleich
aus dem Sachbereich des Ackerbaus findet sich nach den geometrischen
Symbolen im Kommentar des Tractatus: »A primo itaque colorum, opus
incipiendum, h[ic] e[st] Mercurius per se perfectus nihil agit, neque prodest
quicquam in opere Alchymico, nisi mortificetur. Granum enim tritici, nisi in
terram cadens putrefiat, nullum fert fructum, sed solum manet. Eodem
modo Mercurius suam in terram projectus, novum generationis vigorem
recipit.« (Tract. aur., S. 611).
27–30 picti aemula vera trigoni … fluxusque dierum] Graphisch ver-
deutlicht durch GL. ›△‹ bezeichnet das Dreieck hier dasjenige, welchem
es die ›Erde‹ gleichtut. Die Erde selbst wird als Elementenzeichen für ge-
wöhnlich als gleichseitiges, quergestrichenes Dreieck dargestellt, welches
mit der Spitze nach unten steht.423 Ein, wie von Furichius glossiertes, mit
der Spitze nach oben stehende Dreieck bezeichnet in seiner gebräuchlich-
sten Bedeutung als Elementenzeichen das Feuer (mit der Spitze nach unten
das Wasser) und mit dem Feuer oder Hitze verbundene Prozesse.424
Allein, die Scholie des Tractatus aureus zeigt drei unterschiedlich ge-
kennzeichnete, doch gleichbedeutende Dreiecke: Zwei bezeichnen die Ver-
bindung von ›Sal sive corpus‹ und ›Sulphur sive anima‹ mittels ›Mercurius

423 Vgl. G. Geßmann (1959), Tafel XIV; u. W. Schneider (1981), S. 55.


424 Vgl. G. Geßmann, S. 29.

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Chryseis, Liber I. 229

sive spiritus‹ und von ›Luna‹ und ›Sol‹ durch ›Mercurius‹. An den Spitzen
des anderen Dreiecks stehen die Zahlen 10, 100 und 1000. Sie entsprechen
dem »dum dena atque iterum dena effluat hora/ Et numerus perfectus eat«
(CHRYS., S. 8, 29 f.), da sich bei dieser Verbindung ›Mercurius‹ jeweils bis
ins Unendliche verzehnfacht: »Non enim fit progressus ab unario ad cen-
tenarium et millenarium, omnium numerorum ultimum et perfectissimum
(numerato enim millenario, non datur alius numerus: sed per hunc fit pro-
gressus in infinitum) nisi per denarium.« (Tract. aur., S. 609).
Sowohl hier in der Chryseis wie auch im Tractatus werden hierfür wie-
der Bilder des Ackerbaus verwandt: »sic quoque Luna et Sol procreare non
possunt sobolem sibi similem nisi mediante Mercurio, qui loco semini eli-
citur ex amborum corporibus, inque terrae centro tamquam proprio vase
digeritur et perficitur.« (Tract. aur., S. 609) – ›Mercurius‹ als fruchtbares
Getreidekorn.
Zugleich steht die Reihe 1–10–100–1000 für die Gesamtheit der Schöp-
fung, wobei die Eins Gott bedeutet: »Denarius apud Pythagoricos sig[nifi-
cat] supercaelestem mundum. sicuti centenarius, signific[at] mundum coe-
lestem, et millenarius, signific[at] mundum elementarem. Fons, et princi-
pium Denarij est unitas, et Deus quem signific[at] vnitas, et punctum, est
fons, et principium Angelorum.« (Ricciardi, Bd. 2, S. 79r).
32–S. 9, 1 Tetragono dixêre parem … elementa gravi insurgentia bello]
Das ›Viereck‹ in dessen Mitte recht göttliches Feuer ›aufblitzt‹ wird hier
durch GL. 32 ›□‹ dargestellt. Der Kommenator des Tractatus aureus zeich-
net in das ›Quadragulum secretum sapientum‹ das ›recht göttliche Feuer‹
als Strahlenkranz hinein und erklärt, was es damit auf sich hat: Die vier
Ecken des Vierecks stehen für die vier sonst unversöhnlichen Elemente,
welche durch den Mercurius (›circulus ille exiguus‹ oder bei Furichius ›ig-
nis divinior‹) ›ausgesöhnt‹ werden: »Est enim is mediator, pacem faciens
inter inimicos sive elementa, ut convenienti amplexu se invicem diligant:
Imò hic solus efficit quadraturam circuli, à multis hactenus quaesitam, à
paucis verò inventam. Radiis enim suis ferit omnes elementorum angulos,
et longa circumrotatione angularam hanc quadraturae formam vertit in cir-
cularem sibi conformem: de quo satis.« (Tract. aur., S. 610) Diese ›Quadra-
tur des Kreises‹ ist also die Angleichung der vier Elemente in den als Kreis
dargestellten Mercurius. So ist auch in der entsprechenden Stelle der Aurea
Catena statt von ›Feuer‹ von ›Hermes‹ die Rede: »In trigono tamen omne
latet, si penniger Hermes/ Primum in tetragono regnet« (AVR. CAT.,
S. 3, 23 f.).
[S. 9, Fortsetzung] 2–3 Ast triquetri … retinetque profundum] Die Stelle
ist aller Wahrscheinlichkeit nach lediglich als Kommentar oder Kurzfas-
sung der im Tractatus aureus folgenden drei Dreiecke, in deren Mitte je-
weils ein Quadrat steht, zu verstehen: Eines trägt die Buchstaben ›MER-

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230 C. Kommentar

CVRIVS‹ und hat im Viereck einen Kreis, das andere die Zahlen 1 bis 8
und das dritte die Planetenzeichen sowie einen Punkt im Quadrat. Der
Kommentator des ›Tractatus‹ bleibt jedoch jegliche Aufklärung schuldig:
»Hae tres figurae eodem significato unum tacitè pandunt arcanum, quod
non promiscuè cunctis prostituendum. Sufficiat tibi Lector, quod elicere
possis veritatem istius versiculi: ›Est in M E R C U R I O quicquid quaerunt
sapientes.‹« (Tract. aur., S. 610). Auch steht dieser in der Aurea Catena
anstelle der Erde in der Chryseis: »si penniger Hermes […] mox surgat in
altum,/ Tum praeceps detur, rursusque in origine cesset.« (AVR. CAT.,
S. 3, 23–25). Womöglich gibt Furichius mit der Angabe: ›an der Grundlinie
beginnend eine Seite hinauf, dann die andere hinunter‹ die ›Leserichtung‹
dieser Figuren an; zur kosmologischen Bedeutung der Acht wie der Sieben
vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 44, 2.
4–6 Imprimis tamen ingenii … Communem in lucem proferre] Beruht auf:
»Majora autem magisque stupenda perficiet, si centralia ista tria interius ad-
huc occultè latitantia, punctum videlicet, numerum octonarium, et circulum,
in apricum Solis sive in lucem externumque aspectum produxerit. Hoc enim
miraculosè perpetrato, sequens tandem schema prodibit ultimum, omnique
perfectione astrali, spirituali ac regali absolutum: à pluribus hactenus visum:
vix autem millesimo intellectum.« (Tract. aur., S. 611). Die Abbildung hierzu
ist ein Kreis, der ein mit der Spitze nach oben stehendes Dreieck umschließt,
in dessen Mitte wiederum ein Viereck einen Kreis umfaßt.
Diese Figur ist hinlänglich in der alchemischen Literatur der Zeit ver-
treten, so zeichnet sie in Michael Maiers Atalanta fugiens in der Pictura des
21. Emblems ein Alchemiker mit einem großen Zirkel an eine Wand, wobei
im inneren Kreis ein nacktes Paar abgebildet ist. Die Inscriptio, welche dem
Rosarium Philosophorum entstammt, lautet: »Fac ex mare et foeminum
circulum, inde quadrangulum, hinc triangulum, fac circulum et habebis
lap[idem] Philosophorum.«; die Subscriptio: »Foemina masque unus fiat
tibi circulus, ex quo/ Surgat, habens aequum forma quadrata latus./ Hinc
Trigonum ducas, omni qui parte rotundam/ In sphaeram redeat: Tum Lapi-
dis ortus erit. Si res tanta tuae non mox venit obvia menti,/ Dogma Geo-
metrae si capis, omne scies«.425 Diese Figur bedeutet von innen nach außen
gelesen den alchemischen Prozeß und faßt die bei Furichius wie im Trac-
tatus aureus vorangegangen geometrischen Figuren zusammen: Der innere
Kreis steht für die Vereinigung der Gegensätze (siehe oben zu CHRYS.
S. 8, 15 ›circulus in circo‹) der beiden Mercurii im Mercurius, das Quadrat
(siehe oben zu CHRYS. S. 9, 1 ›tetragon‹) versinnbildlicht Ausgleich zwi-
schen den vier Elementen durch den Mercurius, das Dreieck (siehe oben zu
CHRYS. S. 8, 27 ›verus trigonus‹) die Entstehung der ›Dreiheit‹ oder der
drei alchemischen Principia (›spiritus, corpus, anima‹ oder ›Sal, Sulphur,
425 H. De Jong (1969), S. 397.

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Chryseis, Liber I. 231

Mercurius‹ etc.) aus der ›Vierheit‹ der durch Mercurius beherrschten Ele-
mente, womit man den äußeren Kreis – wiederum Mercurius – als den
Stein der Weisen erlangt und das Werk verstanden hat.426
9–14 Sed prius ê siliqua … meliore coruscum] Furichius erläutert dieses
Bild des Ackerbaus, welches die vorangegangenen Bilder desselben Sach-
bereiches variiert, in SCHOL. 9: ›Es wird über den Samen gesprochen,
welcher aus dem unversehrten Körper des Goldes hervorzulocken ist, und
in seiner Erde einzugraben ist.‹ – Beim, als (aristotelischen) unvermischten
Körper, begriffenen Gold wird die ›Mischung‹ rückgängig gemacht, wo-
durch die vier Elemente und der alchemische ›Mercurius‹ als Same bloslie-
gen. Jener wird dann in trächtige Erde gegeben: Die ›Parthenia virtus‹ (v.
13) spielt – wie aus »Intacta[] gremium, quae impuri nescia amoris,/ Par-
thenia virtute gravis« (AVR. CAT., S. 4, 1 f.) ersichtlich wird – auf eine Art
›Jungfernzeugung‹ an; nach dem Berg Parthenius – vom griechischen
›παρθένιοϲ‹ für ›jungfräulich‹ – in Arkadien »a uiriginibus denominatus:
eo quod in eodem uenari consueuerunt.« (Boccaccio, S. 138r).
15–20 Porrò penetrandum … quarta moratur] Die Verse stellen eine
Bearbeitung der die im Tractatus aureus gleichfalls auf die geometrischen
Symbole folgenden Auslegung jener Hermesworte dar: »Scitote filij sapien-
tum, quod priscorum Philosophorum aquae est divisio, quae dividit ipsam
in alia 4. Vnum duobus, et tria uni: quorum colori tertia pars est, humori
scilicet coagulanti: duae verò tertiae aquae sunt pondera sapientum.« (Tract.
aur., S. 612). Wie Furichius in GL. 16 erläutert wird mit diesen die ›All-
gemeine Zubereitung des Mercurius der Weisen‹ umschrieben; wie sie be-
reits die geometrische Figur der Verse 4–6 darstellt: Das ›Wasser‹ ist hierbei
nach CHRYS., S. 9, 17 die ›vorgenannte Erde‹ – sprich: erneut Mercuri-
us.427 Über Mercurius gelangt man demnach an die vier Elemente und
drei Principia, welche die ab CHRYS., S. 9, 24 behandelte alchemische
›Siebenzahl‹ ausmachen. So heißt es im Tractatus weiter: »Hanc in quatuor
partes dividendam [Hermes] ait: nempe unam partem in duas: tres verò
partes uni addendas. Ex quibus omnibus conjunctis septem inde partes,
tanquam sparsim in verborum contextu disseminatae, resultant. Unum
enim et duo faciunt tria: Tria et unum, quatuor: Hunc quaternarium si ad-
deris priori ternario, conficies septenarium.« (Tract. aur., S. 612). Die Vor-
trefflichkeit dieses ›Wassers‹ unterstreicht Furichius im folgenden, indem er
es auf die Ebene der Mythologie hebt und als den Nymphen angenehmen
Aufenthaltsort bezeichnet:

426 Vgl. H. De Jong (1969), S. 166–176; dort wird auch auf den hier verwandten Kom-
mentar des ›Tractatus aureus‹ eingegangen.
427 Vgl. »Quod suprà author elementorum scientiam appellavit, nunc Philosophorum
aquam nominat« (Tract. aur., S. 612); sowie meinen Kommentar zu CHRYS., S. 9,
2–3.

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232 C. Kommentar

23 Näiades … Nymphaeque] Weibliche Wassergottheiten werden im all-


gemeinen, im besonderen wenn sie sich Meere tummeln, als ›Nymphen‹
bezeichnet. Dagegen sind ›Najaden‹ ausschließlich Nymphen in Flüssen.
Meernymphen nennt man ebenso noch ›Nereiden‹.428
24–S. 10, 13 Haec qui perpendet … seu splendida Aethna] Von Furichius
wird dieser Abschnitt in GL. 24 als ›Lob der Siebenzahl‹ ausgewiesen, wel-
che sich aus der obigen Teilung des ›alchemischen Wassers‹ in den Versen
15–20 ergibt. Über jene heißt es in derselben Scholie des Tractatus aureus:
»In his autem numeris tacitè occultari sapientum pondera, author non obscurè
adstruere videtur, praecipuè in septenario, qui numerus sacer habitus fuit anti-
quitus, utpote in quo plurimum sapientiae sit reconditum: sed vim et virtutem
ejus mentis oculis contemplari debes.« (Tract. aur., S. 612).
Demgemäß werden hier in der Chryseis einige der Bereiche genannt, in
welchen der Zahl Sieben (in Pythagoreischer Tradition) eine bedeutende
Rolle zukommt – eigentlich ist sie überall anzutreffen: In ihr sind die
Vier und die Drei, Körper (vier Elemente, vier Qualitäten) und Seele (drei
Seelenkräfte) enthalten: »Vocantque ipsum Pythagorici humanae uitae ue-
hiculum, quod non tam ex partibus suis mutuatur, quàm totalitatis suae
proprio iure perficit, complectitur enim corpus et animam: nam corpus
constat ex quatuor elementis, et quatuor qualitatibus afficitur: ternarius quo-
que ad animam spectat propter triplicem uim eius, scilicet rationalem, iras-
cibilem et concupiscibilem« (Nettesheim, S. 114). In ihr sind das Gerade
und das Ungerade, das Männliche und das Weibliche, das Agens und das
Patiens, das Doppelte und das Dreifache, zusammen mit der Acht, die
Grundlage der Weltseele, des Kosmos, der Polis, letztlich aller Dinge ent-
halten: »hoc enim vere perfectum est quod ex horum numerorum permix-
tione generatur. nam impar numerus mas et par femina vocatur, […] hinc et
Timaeus Platonis fabricatorem mundanae animae deum partes eius ex pari
et impari, id est duplari et triplari numero, intertextuisse memoravit; ita ut a
duplari ad octo, a triplari usque ad viginti septem staret alternatio mutuandi.
hi enim primi cybi utimque nascuntur; si quidem a paribus bis bina, quae
sunt quattuor, superficiem faciunt; bis bina bis, quae sunt octo, corpus
solidum fingunt; a dispari vero ter terna, quae sunt novem, superficiem
reddunt, [etc.]« (MACR. somn. 1, 6, 1–3).429 In SCHOL. 25 verweist Furi-
chius gesondert auf die folgenden Texte: Den sehr ausführlichen Hippocra-
tes-Kommentar – schon dem Titel nach zu De septimestri partu – des
›Lalamantius medicus Heduus‹;430 das heißt: des französischen Arztes

428 Vgl. Conti, S. 254–256; bes.: »Fluuiorum praesides Naiades dicebantur, quia fluuij
perpetuò fluerent νάειν enim fluere significat« (ebd. S. 254).
429 Erschöpfendes zur Bedeutung ›Siebenzahl‹ auf den annähernd 17 Teubner-Seiten von
MACR. somn. 1, 5, 6–1, 6, 83 u. Nettesheim, S. 114–121; A.-J. Pernety (1972), S. 332;
oder H. Meyer u. R. Suntrup (1987), S. 479–565.
430 Vgl. J. Lalamant (1571).

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Chryseis, Liber I. 233

und Philologen Jean Lalamant aus Autun (lat. u. a. ›Hedua‹),431 der Ende
des 16. Jahrhunderts starb. Er machte sich zudem als Herausgeber und
Kommentator der Schriften Galens wie auch des Sophokles einen Na-
men.432 Dem möglichen Einwand, daß diese Hochschätzung der Siebenzahl
zu sehr nach den Hirngespinsten der Pythagoreer röche (›quod Pythagorae
somnia sapiant‹), hält Furichius den ›nüchternen‹ Aristoteles der Historia
animalium entgegen, wobei er allerdings unterschlägt, daß es sich in sei-
nem Zitat um Kerbtiere handelt: ›Die Zeit der Entwicklung vom Anfang bis
zum Ende bemißt sich bei den meisten [hier im Original: Insekten (!)]
ungefähr auf drei oder vier Wochen.‹433 Im selben Abschnitt werden dann
für die Entwicklung der Eier sieben Tage angegeben. Dasselbe gilt nach
Aristoteles, so Furichius, auch für die ›meisten‹ Krankheiten.434 Danach
räsoniert Furichius noch kurz über die Macht der Siebenzahl und ihre Be-
deutung in der Astrologie.
Weiteres zur Siebenzahl im Kommentar zu CHRYS. S. 29, 8–11.
29–30 Ipsa sagittifero … Threicius si vera refert] Furichius verweist in
SCHOL. 29 auf den Thrakischen (›Threicius‹) Sänger Orpheus. Der Vers
aus dessen Fragementen, welchen er dort als frei bearbeitete (›mutuò sump-
tus‹) Vorlage angibt, lautet übersetzt: ›Den siebenten Tag liebte der fern hin
treffende Apoll‹ – ›Απόλλων ἑκάεργοϲ‹ (›der fern hin treffende‹) ist auch
eines der gebräuchlichen Epitheta des Apoll bei Homer: »Hecaergus Apollo
à poetis, et in primis Homero cognominatus, […] quòd procul spargat ra-
dios, et eminus operet. quo loco Pindarus inducit Cyrenem nympham, ad-
mirantem Apollinem, quòd sagittis leones conficeret.« (Giraldi, S. 325).435
Das Orpheusbild der zeitgenössischen Hermetik schildert Maier in seiner
Aurea Mensa: Der Thraker, der Griechen erster Priesterkönig, Theologe, Se-
her und Gesetzgeber, soll sogar noch von Pythagoras im Ägypten des Cheops
in die Geheimnisse der Chemie eingeweiht worden sein. Seine Schriften – die
Hymnen nicht minder als seine Argonautica, in welchen er als erster vom
Goldenen Vlies berichtet – sind alchemischen Inhalts, da sie das in den Hiero-
glyphen der ägyptischen Priester verschlüsselte Wissen tradieren.436
[S. 10, Fortsetzung] 14–15 Hactenus auriferae … vannus] Furichius
klärt in SCHOL. 14 über die hier verwandte Bildlichkeit aus dem Bereich

431 Vgl. Orbis latinus 1 (1972), S. 179.


432 Vgl. Kestner, S. 455; Jöcher 2 (1750), Sp. 2213; u. K.: Lalamant. In: NBG 28 (1878),
Sp. 943 f.
433 Vgl. Arist. HA 5, 20.
434 Zur Bedeutung der Siebenzahl in der Medizin der neuplatonischen Renaissance vgl.
das 20. Kapitel ›De periculis evitandis ex quolibet vitae septenario imminentibus‹ im
2. Buch von Ficino Vita, S. 230–234.
435 Vgl. etwa Hom. Il. 1, 146 f. Zu den Mythen um Orpheus und dessen Schriften vgl.
Conti, S. 399–401.
436 Zusammengefaßt aus Maier Mensa, S. 99–105.

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234 C. Kommentar

des Ackerbaus auf: »Unserer Erde Pflug ist das Feuer, wie auch das für den
Mercurius notwendige Menstruum; die Ernte das bereitete Gold; die Fut-
terschwinge das notwendige Gefäß, welches die Araber ›Aludel‹ nennen.«
Das alchemische Gefäß namens ›Aludel‹ ist nach Ruland ein »vitrum sub-
limatorium. Ein sublimirGeschirr« (Ruland, S. 32).
20 fama aurea repsit] Die Fama des Goldes kriecht, so wie es der Ety-
mologie der ›Chryseis‹ als ›Proserpina‹ von ›proserpere‹ (stammgleich mit
›repere‹) entspricht.437 Sie fliegt nicht wie die klassische Fama Vergils,
welcher an Geschwindigkeit nichts gleich kommt; vgl.: »Extemplo Lybiae
magnas it Fama per urbes,/ Fama, malum qua non aliud uelocius ullum:«
(VERG. Aen. 4, 173 f.); oder etwa: »Et iam Fama uolans« (ebd. 11, 139).
S. 10, 21–23 Ille Seyr flavum … Apollinis unguen] Der weder bei Ernst-
ing oder Ruland noch in den verwandten Wörterbüchern verzeichnete Aus-
druck ›Seyr‹ findet sich im Tractatus aureus: »Accipe de humore unciam
unam et mediam, et de rubore meridionali, id est anima Solis, quartam
partem, id est, unciam mediam, et de Seyre citrino, similiter unciam medi-
am, et de auripigmento dimidium, quae sunt octo, id est uncia tres […]«
(Tract. aur., S. 613). Die genannten Substanzen sind nach der dortigen Scho-
lie synonym und verweisen auf die siebenmalige, letztlich achtmalige De-
stillatio des ›aqua Mercurij‹ – nach Ruland: »der lapis zerlassen/ mit seinem
eignen Wasser/ daß in dem Stein fix ist, und läufft weiß wie Wasser.«438 –
welches dann besonders rein ist: »Humor enim, Rubor meridionalis, Anima
Solis, Seyr citrinum, Auripigmentum, vitis sapientum, et vinum nihil aliud
significant, quàm aquam Mercurij septies destillatam: quae post octenam
destillationem, vi ignis vertitur in cinerem sive pulverem subtilissimum:
qui ob puritatem et perfectionem suam igni resistit.« (Tract. aur., S. 613).
In der Aurea Catena kommt das (!) ›Seyr‹ sogar zweimal vor, einmal im
Kontext der achtfachen Destillatio »Sique Seyr citrinum, et viventis Apolli-
nis aura« (AVR. CAT., S. 4, 25). Das andere Mal: »Serua igitur sublime Seyr,
thalamis sed in imis/ Quod genitum est terrae.« (Ebd., S. 6, 4 f.).
24–25 Et totidem formas … mutavit Vlyssis] Verweis auf die Kirke der
Odyssee, welche die Mannschaft des Odysseus in Schweine verwandelt,
wie sie vor deren Ankunft schon ihre anderen männlichen Gäste in Löwen
und Wölfe verzaubert hatte. Odysseus gelingt es, der Behexung durch das
ihm von Hermes gewiesene Kraut Moly zu widerstehen (vgl. Hom. Od.
10, 210–574). Auf jenes Wunderkraut kommt Furichius im vierten Buch
der Chryseis zurück; vgl. »Prisca suum quondem laudârunt secula Moly.«
(CHRYS. S. 55, 6).439

437 Vgl. »Dicunt etiam eam [Cererem] Opem, quod opere melior fiat terra: Proserpinam,
quod ex ea proserpiant fruges« (ISID. orig. 8, 11, 59 f.).
438 Ruland, S. 49.
439 Vgl. zu Circe auch im allgemeinen Conti, S. 305–309.

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Chryseis, Liber I. 235

29–S. 11, 4 Omnes Mercurium … mortemqué resignat] Durch GL. 29


(›Mensura temporis pro figendo Mercurio.‹) gekennzeichnet, geht es hier
darum Mercurius ›fix‹ zu machen; das heißt: unempfindlich gegen das
Feuer.440 Dementsprechend wird hier nochmals auf die achtfache Destilla-
tion des Mercurius hingewiesen; vgl. den obigen Kommenar zu CHRYS.,
S. 10, 21–23.
[S. 11, Fortsetzung] 6 novis Phoenix progerminat alis] Das seit der
Antike verbreitete Bild des der Asche entsteigenden Phoenix ist eines der
in der Alchemie gängigsten, im Werk Michael Maiers erscheint er – mit
dem Attribut der Zweigeschlechtlichkeit versehen – gleichsam als ›leitmo-
tivische‹ Allegorie des philosophischen Mercurius.441 Bei Furichius ist der
Wundervogel zugleich über das Verb ›progerminare‹ mit dessen alchemi-
scher Pflanzenmetaphorik und damit den Bildern des Ackerbaus verwoben.
7–16 Denique conandum est … nova luce impleat orbem] Wie Furichius
in GL. 7 (›Augmentatio‹) angibt, behandelt dieser Abschnitt die ›Vermeh-
rung‹ des alchemischen Mercurius, in der Bildlichkeit der Astronomie, wo-
bei gleichzeitig auf das Motiv der ›Chymischen Hochzeit‹ als Verbindung
von Sol und Luna, Phoebus und Diana angespielt wird.442
Darüberhinaus ist noch zu erläutern:
8 cacumina] Steht hier im Doppelsinn: Der oberste Teil eines Destilla-
tionsgefäßes wird ebenso als ›cacumen‹ bezeichnet.443
12 luctifluasque faces] Ein Adjektiv ›luctifluus‹ (aus ›luctus‹ und ›fluere‹)
findet sich weder im ThLL noch bei Blaise oder Du Cange. Nach Gesners
Eintrag zu ›luctisonus‹ – im Bezug auf die in eine Kuh verwandelte Io in
Ovids Metamorphosen – liegt es nahe, eine hierzu analoge Neubildung an-
zunehmen.444 In der Aurea Catena bezieht es sich auf das Antlitz der Diana:
»Luctifluum micuit vultum, fulgetque bicornis« (AVR. CAT., S. 5, 12).
18 clarum produco theatrum] Das Bild des Theaters ist in alchemischen
Schriften, wie auch in deren Titeln – man denke nur an das Theatrum
Chemicum – häufiger anzutreffen.445
S. 11, 22–28 Ex quo puniceum … vaga flumina montes] Für das Verständ-
nis der Metallentstehung empfiehlt Furichius die Betrachtung des menschli-

440 Vgl. Ernsting, S. 155: »Fixare, fix oder Feuer=beständig machen, figiren«; u. Ruland,
S. 215: »Fixatio, est rei ignem fugientis, vt eum amplius non fugiat, sed in eo fixa
permaneat, per ignem assuefactio, siue ea fiat per calcinationem […] siue tandem rei
fixae additionem perficiatur.«
441 Vgl. E. Leibenguth (2002), S. 111–116; dort zugleich weitere Literaturhinweise.
442 Vgl. zur ›Sol et Luna-‹Allegorie J. Telle (1980d), S. 47 f.; 80–96 et passim; sowie R.
Zeller (2007).
443 Vgl. MlatWB 2 2 (1999), Sp. 13 f.
444 Vgl. Gesner 3(1749), Sp. 138; und: »tollens ad sidera uultus/ et gemitu et lacrimis et
luctisono mugitu« (OV. met. 1, 732 f.).

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236 C. Kommentar

chen Blutkreislaufes. Ausdrücklich möchte er, entgegen der alten Galeni-


schen Lehrmeinung, nach SCHOL. 27 hierbei einen Kreislauf in Paracelsi-
scher Tradition angenommen haben: ›Einst lehrte Paracelsus, daß dem Blut
eine kreisförmige Bewegung zueigen ist, diese Lehre wurde auch schon von
einigen früheren Galenisten verbreitet.‹ Dessen ungeachtet dürfte Furichius
mit den einschlägigen Arbeiten der Paduaner Medizinprofessoren Girolamo
Fabrici d’Acquapendente und Santorio Santorio bekannt gewesen sein. Die
beiden Italiener waren es, die dem endgültigen Entdecker des Blutkreislaufes
William Harvey, welcher 1602 in Padua promovierte, den Weg bereiteten.446
29–S. 12, 3 Non minus in rudibus … cerea in alto] Dem Wachstum der
Metalle vergleicht Furichius hier das Wachstum der Korallen, wobei er über
SCHOL. 2 auf Plinius, Solinus und Dioskurides verweist:
Korallen wurden bis ins 19. Jahrhundert den Pflanzen zugerechnet. Pli-
nius behandelt sie in PLIN. nat. 32, 21–24.447 Er zählt die bei den Aeoli-
schen Inseln (›Aeoliis ab undis‹) im Sizilischen Meer Vorkommenden zu
den prächtigsten: »gignitur […] laudatissimum in Gallico sinu circa Stoe-
chadas insulas et in Siculo circa Aeolias ac Drepana.« (PLIN. nat. 32, 21)
Die ›Beeren‹ derselben – dasjenige, was für Schmuck und Heilmittel Ver-
wendung findet – sind unter Wasser weiß und weich – wie das von Furi-
chius zum Vergleich herangezogene Wachs – und werden beim Herausneh-
men hart: »bacae eius candidae sub aqua ac molles, exemptae confestim
durantur et rubescunt« (Ebd. 32, 22).
Solinus bezeichnet Gaius Iulius Solinus einen Grammatiker um die Wen-
de vom 3. zum 4. Jahrhundert n. Chr., auf dessen auch Polyhistor genann-
tes Werk Collectanea rerum memorabilium hier verwiesen wird. Diese
Sammlung von Merkwürdigkeiten aus der antiken Welt erfreute sich bis
in die Neuzeit großer Beliebtheit.448 Dort werden die Korallen als im Ligu-
rischen Meer wachsende Sträucher abgehandelt: »Ligusticum mare frutices
procreat, qui quantisper fuerint in aquarum profundis, fluxi sunt tactu prope
carneolo: deinde ubi in supra tolluntur, natalibus derogati saxi lapides sunt.
[…] curallium alias dicunt:« (SOL. 2, 41–43).
Der von Furichius hier angegebene Dioskurides schließlich ist Pedanios
Dioskurides, der im ersten nachchristlichen Jahrhunder lebender, von Pli-
nius zitierter, Verfasser der üblicherweise De materia medica genannten
pharmakologischen Schrift, welche bis ins 19. Jahrhundert starkt rezipiert
wurde.449 Furichius liegt er – wie SCHOL. [66], S. 35, 2 verrät – in einer
von Petrus Andreas Matthiolus kommentierten Ausgabe vor.

445 Vgl. L. Abraham (1998), S. 199.


446 Vgl.G. Ongaro (2001), S. 164–171.
447 Vgl. V. Pingel (1999).
448 Vgl. K. Sallmann (2001); u. Zedler 38 (1743), Sp. 586.
449 Vgl. A. Touwaide (2000); und: Zedler 7 (1734), Sp. 1024 [es werden dort fälschlich
neun Spalten als ›1024‹ gezählt, drei davon umfaßt der Eintrag zu Pedanios].

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Chryseis, Liber I. 237

Der italienische Arzt und Botaniker Pietro Andrea Mattioli wurde 1500
in Siena geboren. Er war zuerst kaiserlicher Leibarzt und ließ sich später in
Trident nieder, wo er 1577 an der Pest starb. Er verfaßte auch einen Dialog
zur ›Gallischen Krankheit‹ sowie weitere medizinische Lehrschriften.450 In
seinem Dioscurides-Kommentar weist er im 97. Kapitel des 5. Buches auf
den Irrtum des Plinius hin, daß die Korallen Beeren tragen: »Quandoqui-
dem, ut fatentur ij, qui corallia expiscantur, et in ijs mercaturam exercent,
nullas per se baccas edunt. Baccae enim, quae in coralliorum monilibus
cornis, ac cerasis similes uisuntur, ex ipsorum truncis torno, et lima prius
parantur.«451
Nach alchemischer Vorstellung sind in Analogie zu den Korallen – wie
Furichius es auch in SCHOL. [S. 69] S. 51, 29 hervorhebt – die Metalle an
ihrem Entstehungsort im Erdinneren weich und werden erst im Laufe der
Zeit hart.452 Die Verwendung solcher Vergleiche im naturwissenschaftli-
chen Kontext rechfertigt SCHOL. 4 mit dem Verweis auf Hippokrates
(vgl. Hp. Vict. 4, 3–5, 1). Dieser spricht sich ausdrücklich für die Verwen-
den von Analogien (in seinem Falle: Geburt-Tod wie Vermischung-Tren-
nung wie Vermehrung-Verminderung) aus.
[S. 12, Fortsetzung] 6–10 Est radius … spiritus ingens] Furichius führt
in diesem Abschnitt synkretistisch mehrere naturphilosophische Meinungen
über die Entstehung der Dinge zusammen, wie es noch mehr in der ent-
sprechenden Stelle der Aurea catena deutlich wird: »Hic radius vigor est
Mundi, quem turba magorum/ Dixit mundi animam: quem quondam Ery-
cina per omnem/ Distribuit Tellurem: ob quem manet insita vita./ Hic sa-
pientum aether: hic vera illa astrica virtus./ Spiritus altifluus sine nocte,
volansque sine alis.« (AVR. CAT., S. 5, 26–29).
Einen Ansatzpunkt zur Erläuterung dieser Stelle bieten die Platonische
wie auch die Aristotelische Vorstellung der Beziehung zwischen Form und
Materie, welche hier, wie auch ihre Wahrnehmung durch die Alchemiker,
umrissen wird:
Seit Plato, eigentlich schon bei den Vorsokratikern, reflektiert die Philo-
sophie die Problematik zwischen Form (forma, εἶδοϲ, μορφή) und Materie
(materia, ὕλη): zwischen der sichtbaren Gestalt, beziehungsweise der Be-
schaffenheit, und dem Gestalteten. So ist für Plato die Form nicht dem – an
sich gestaltlosen – Materiellen immanent sondern leitet sich aus der ihr
entsprechenden transzendenten, ewigen Idee (ἰδέα) ab: Die Dinge sind Ab-
bilder der ›ewig seienden‹ Ideen. Die Neuplatoniker sehen daran anknüp-

450 Vgl. Jöcher 3 (1751) Sp. 297; Kestner, S. 526 f.; sowie J. Telle (1986b); Thorndike 6
(1994), S. 261–263 u. D. Kahn (2007), S. 134 f. et passim.
451 P. Matthiolus (1558), S. 695.
452 So auch im 32. Emblem ›Corallus sub aquis ut crescit et aëre induratur, sic lapis‹ der
›Atalanta fugiens‹ Maiers.

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238 C. Kommentar

fend die Materie als die unterste und somit ›schlechteste‹ aller aus der Ur-
idee, dem Einen (ἔν), hervorgehenden ›Emanationen‹ an.
Aristoteles wie auch seine Nachfolger sehen im Gegensatz hierzu so-
wohl Form als auch Materie nur in den Dingen, die werden und entstehen.
Die körperliche Welt kam nach ihnen dadurch zustande, daß aus der unbe-
stimmten Materie als solcher die vier Elemente sowie als fünftes der Äther
hervorgegangen sind. Durch Mischung (mistio, μῖξιϲ) jener fünf enstanden
dann die zusammengesetzten Körper, deren Bestandteile sich jedoch im
Zuge gänzlicher Verschmelzung einander angeglichen haben, wie man es
beispielsweise am Gold sehen kann. Die Form ist hierbei durch die Bestim-
mung der Dinge gegeben. Diese aristotelische Vorstellung der Mischung
liegt auch derjenigen der alchemischen Transmutationstheorie zugrunde.
In rinascimentaler, neuplatonischer Tradition ist dagegen die Weltseele
das allen Dingen ihre Form verleihende Prinzip, welches zugleich in allen
präsent ist – alles beseelt. Diese ›anima mundi‹ (ψυχὴ τοῦ κόϲμου) ist, von
Plato eingeführt, in analoger Vorstellung zur Seele als Lenkerin des Körpers
das bewegende Prinzip des Kosmos, welches zwischen Belebtem und Un-
belebten vermittelt. Ebenso ist sie ist die Ursache aller Bewegung. Daran
anschließend betrachten die Stoiker die Welt als Lebewesen, das von der
Weltseele, dem Geist Gottes, als feuriges Pneuma (mens, spiritus, πνεῦμα)
durchdrungen wird. Die synkretistische Meinung der Hermetiker und Al-
chemiker, welche allerdings Vieles als Pneuma bezeichnen, schließt daran
an und betrachtet das Pneuma/die Weltseele ebenso als die ›in den Dingen
verborgene Kraft, welche durch Wärme freigsetzt werden kann, Metalle
verwandelt‹ – also letztlich als den philosophischen Mercurius.453 So um-
schreibt hier auch Furichius den alchemischen Mercurius als jene ›in den
Dingen verborgene Kraft‹ – den Urheber der Vermischung. In den beiden
zugehörigen Scholien verweist er dann auf die von ihm in Entsprechung
gebrachten Philosopheme:
In SCHOL. 6, indem der vom ›calidum innatum, quod omnibus inesse,
deprehenditur, caeleste penitus, atque τὸ τῶν ἄϲτρων ϲτοιχεῖον ἀνάλογον‹
spricht, nennt Furichius eine der Grundlagen der Medizin Daniel Sennerts:
›die eingepflanzte oder eingeborene Wärme als Instrument der Seele in den
Ernährungs- und Fortpflanzungsvorgängen‹. Der Wittenberger Professor
stellte sich diese ›Wärme‹ in gewisser Weise stofflich vor, ist sie doch
Trägerin der auch aus toten und somit entseelten Lebewesen in der Pharma-
zie gewonnenen Heilkräfte. Dabei sieht er bereits in seinen eigenen Schrif-
ten die Analogie zum Stein der Weisen, welcher sich von der unreinen
Materie abscheiden läßt.454
453 Zusammengefaßt aus: C. Bormann (1972), Sp. 977 f., 982–984, 986; 1011–1013;
A. Lumpe (1980); T. Tieleman (2000); G. Verbeke (1974), Sp. 160 f.; u. J. Zachhuber
(2004), Sp. 515–518.
454 Vgl. M. Stolberg (1993), S. 51–56.

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Chryseis, Liber I. 239

Diesem ›Calidum‹ vergleicht Furichius zunächst beiläufig das stoische


Pneuma und den sympathetischen Einfluß der Gestirne, wie er einem astro-
logisches Weltbild zugrundeliegt. Dann geht er zum Aristotelismus über,
wie er für ihn von ›Alexander Aphrodisaeus‹ vertreten wird. Es dies der
um die Wende zum zweiten nachchristlichen Jahrhundert lebende Aristo-
teleskommentator (inbesondere der naturwissenschaftlichen Schriften) Ale-
xandros von Aphrodisias.455
Dessen diesbezügliche Ansicht (›omnia ab Elementis deducit‹) referiert
und widerlegt der in der Scholie ebenfalls genannte ›Fernelius‹ – der bis ins
18. Jahrhundert mit seinen Schriften nachwirkende Leibarzt des französi-
schen Königs Heinrichs II., Jean Fernel (1497–1558).456 Ihn führt Maier in
seinen Symbola Aureae Mensae als den ersten Arzt seiner Zeit ein, einem
Galen gleichzustellen, um ihn dann gegen die ›calumniatores‹ in Schutz zu
nehmen, welche ihm ankreiden, er sähe die Krankheit sowohl in der Form
als auch der Materie. Maier hält dagegen, Fernel habe in seinen medizini-
schen Schriften nicht die ›morbi hominum sed metallorum‹ behandelt: »Im-
perfecta enim dicta metalla, patiuntur ›morbum formae et materiae‹, respec-
tu auri: ›Formae‹, quia formam auri non habent, quam curatione seu pro-
iectione acceptura sunt. ›Materiae‹, quia haec heterogeneis, tamquam hu-
moribus superfluis obstructa, morbum Organicum in via sentit.« (Maier
Mensa, S. 342).457
Im 2. Kapitel Rei naturalis formam, substantiam esse, non accidens des
1. Buches seines Werkes De abditis rerum causis führt der französische
Leibarzt bei der Randbemerkung ›Alexandri mistio, quae falsa est‹ aus,
daß die ›mistio‹ nach Alexandros als eine Vermischung sich gegenseitig
beeinflussender ›formae‹ und ›qualitates‹ der Elemente nicht möglich sei,
denn dabei könnten gegensätzliche ›Qualitäten‹ einander aufheben und ein
›Feuer ohne Wärme‹ oder ›nicht-nasses Wasser‹ entstehen. Dies ist ihm
unvorstellbar, da nach seinem Dafürhalten die ›formae‹ der Elemente in
der Mistio erhalten bleiben.458 Furichius’ zusätzlicher – wie üblicher Hin-
weis – auf Iulius Scaliger bezieht sich auf dessen 23. Exercitatio, welche

455 Vgl. R. Sharples (1996); CP 1, S. 68 f.; sowie besonders zur ›calor-Lehre‹ der Zeit
M. Mulsow (1998), S. 201–205.
456 Vgl. zu Fernel: CP 1, S. 68 f.; D. Kahn (2007), S. 181 et passim; sowie C. Saucerotte:
Fernel (Jean). In: NBG 17 (1873), Sp. 477–483; u. Thorndike 5 (1994), S. 556–560.
457 Zusammengefaßt aus Maier Mensa, S. 339–343.
458 Vgl. »Haud secus enim formarum, quae in elementis inhaerescunt, coitionem fieri
[Alexander] autumat, quàm contrarium qualitatum confusionem, quasi propriae ele-
mentorum qualitates remitti nequeant, nisi et ipsae pariter commutentur formae. Si
enim aliqua ex parte eas quispiam retundi dicat, cùm sit reliquiarum, inquit, eadem
ratio, possent quoque omnes illorum qualitates in nihilum tandem redigi, forma super-
stite et haudquaquam offensa. Id autem perquàm absurdum in natura videtur: neque
enim subsistat ignis, omnis caloris expers: neque aqua, ab omni humore destituta.«
(J. Fernel (1577)).

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240 C. Kommentar

übertitelt ist Caloris diuisio, et modi und die Problematik noch ausführli-
cher darlegt.459
In SCHOL. 9 verweist Furichius nun konkret auf die Anhänger Platos
und nennt die beiden bedeutendsten Erneuerer platonischen Denkens: Plo-
tinos und Marsilio Ficino mit dessen Buch De vita caelitus comparanda:
Plotinos gilt als der Begründer des Neuplatonismus, er wurde 205 n. Chr.
geboren und starbt 270. Er studierte zunächst in Alexandria und war 243 im
Gefolge Kaisers Gordianus III., als dieser gegen die Perser zog. Nachdem
sein Gönner ein Jahr später ermordet worden war, begab der Philosoph sich
nach Rom und eröffnete dort seine Schule, welche 269 jedoch in Folge
eines neuerlichen Machtwechsels aufgelöst werden mußte. Plotinos zog
sich dann nach Campanien zurück. Sein bedeutendster Schüler war der
Herausgeber des Gesamtwerkes Porphyrios. Die Wiederentdeckung der
Plotinischen Lehren für die Renaissance erfolgte 1492 mit der Übersetzung
durch Ficino.460
Im von Furichius genannten dritten der drei üblicherweise De vita oder
De triplici vita genannten Bücher des Florentiners, das den Titel Marsili
Ficino Florentini Liber De Vita Coelitus Comparanda compositus ab eo
inter Commentaria eiusdem in Plotinum trägt, werden also zugleich die
Ansichten Plotins berücksichtigt. In den ersten drei Kapiteln der Schrift
wird auf das Wirken und gegenseitige Verhältnis der von Furichius genann-
ten ›anima mundi‹ als Ausführerin der ›mens divina‹ auf den materiellen
Teil der Welt (›corpus mundi‹) durch den ›spiritus mundi‹ eingegangen: Der
Göttliche Intellekt (›mens‹) enthält in sich die Ideen und teilt sie der Welt-
seele (›anima‹) mit, welche aus sich selbst den Geist (spiritus) gebiert, um
im Anschluß mit diesem die vier Elemente zu zeugen.461
In diesen Furichianischen Synkretismus fließen dann im 2. Buch der
›Chryseis‹ (vgl. Kommentar zu CHRYS., S. 24, 1–25) noch die Vorstellun-
gen des Alten Testaments und der Kabbalisten ein.
11 Hunc Amor] Furichius verweist zunächst auf die ›Liebe‹ (›Amor‹ und
›Venus‹) als der Welt zugrundeliegendes und sie belebendes Prinzip: »Hanc
vnam denique mundum procreasse, et procreatum nutrire et conseruare
crediderunt« (Conti, S. 206). Als poetische Behandlungen des Themas
nennt er zunächst den Beginn De rerum natura des Lukrez: »AENEADVM
genetrix, hominum divumque voluptas,/ alma Venus, caeli subter labentia
signa/ quae mare navigerum, quae terras frugiferentis/ concelebras, per te
quoniam genus omne animantium/ concipitur visitque exortum lumina solis
[etc.]« (LVCR. 1, 1–5). Als weitere Bearbeitung und als eigenes Lieblings-

459 Vgl. SCALIGER Exerc. ad Card. S. 98–110.


460 Vgl. P. Hadot (2000).
461 Vgl. Ficino Vita, S. 242–256; zur Rezeption der Stelle bei Paracelsisten, wie Gerhard
Dorn, vgl. CP 2, S. 904 f.

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Chryseis, Liber I. 241

gedicht verweist Furichius dann auf das dem Catullus zugreschriebene Per-
vigilium Veneris, dessen Verse 63–67 er in seiner Scholie zitiert.462
Wie bereits anläßlich des Verses CHRYS. S. 4, 11 verweist der Straßbur-
ger erneut auf die 106. Exercitatio Quae de Metallis des Iulius Scaliger –
nur, daß er ihn nun nicht als Vertreter einer gegenteiligen Meinung, sondern
als Autorität und Gewährsmann anspricht – wobei er jedoch das erste Ko-
lon der Stelle (»Neque Veneri aes attribuerim«) unterschlägt und einzig das
folgende übernimmt: »felicissimo siderum, auspicatissimaeque parenti, non
Aeneadum modo, vt canit maxima poeta; sed, vt prisci omnes voluere,
totius quoque propagationis, atque ideo rerem aeternitas.« (SCAL. Exerc.
ad Card., S. 387).
11 Erycina] Name der Venus nach dem Berg Eryx auf Sizilien: einer der
vielen Orte, an welchen die Göttin verehrt wird.463
14 volat ille sine alis] Nach dem Ausspruch des Hermes im Tractatus
aureus: »scitote, quod caput artis est corvus, qui nigredine noctis, et clari-
tate diei volat sine alis.« (Tract. aur., S. 618). Siehe hierzu den Kommentar
zu CHRYS., S. 14, 4–14.
21 quaeret sine fine … in umbris] Der Vers ist mit ›ritu Democriti‹
glossiert: Der Alchemiker soll nach Art des Philosophen Demokritos von
Abdera (2. Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr.) nach Naturerkenntnis stre-
ben. Zwar ist keines der zahlreichen Werke dieses Repräsentanten des grie-
chischen Atomismus auf und gekommen, doch ranken sich um seine Ge-
stalt – er gilt, man denke an Christoph Martin Wielands (1733–1813) Ab-
deriten (1774–1780), vor allem als Typus des nur seiner Wissenschaft le-
benden Weisen – Legenden, zudem sind alchemische Schriften unter sei-
nem Namen bekannt.464 Furichius’ Zeitgenosse Michael Maier faßt jene im
3. Buch seiner Aurea mensa zusammen.465 Dort heißt es: »quod non con-
tentus patriae suae, siue totius Graeciae sapientum doctrinis, ad exteras
regiones profectus sit: Nam non solùm in Aegyptum eam ob causam, veluti
scientiarum omnium matrem et nutricem, sed quoque in Orientem longis et
periculosis peregrinationibus, vbi à Persis et ab ipsis Indis multa didicit,
sese contulit.« (Maier Mensa, S. 91 f.) Nach diesen Reisen verkauft Demo-
krit den Großteil seines Besitzes und zieht sich in ein Häuschen in der Nähe
Abderas zurück, wo er sich ganz seinen Studien widmet.

462 Die Forschung ist sich bis heute über die genaue Zuordnung des Textes uneins, eine
gewisse Einhelligkeit besteht jedoch hinsichtlich einer Datierung um das Ende des
vierten nachchristlichen Jahrhunderts; vgl. P. Schmidt (2000).
463 Vgl. »Erix siciliae mons est: drapano propinquus: cuius in summitate fuit olim erici-
niae ueneris templum a erice euisdem filio.« (Boccaccio, S. 135v); ebenso: Conti,
S. 209.
464 Vgl. den Eintrag ›Demokrit, pseudo-Demokrit‹ im Alchemie Lexikon, S. 108–110;
sowie CP 2, S. 122.
465 Vgl. MAIER Mensa, S. 90–138; bes. S. 90–99.

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22 secum habitans … relinquens] Zur hier schon angedeuteten Motivik


des Eremiten vgl. meinen Kommentar zu CHRYS., S 16, 18-S. 17, 10.
24 pro semine glebam] GL. 24 weist die ›Scholle‹ bereits als ›Materia
Lapidis Philosophici‹ aus.
25 Non hùnc, qui lubricus] Furichius verweist hierbei in SCHOL. auf
den Liber XII portarum von George Ripley, bezeichnenderweise auf die
Verse des englischen Originals und nicht auf eine lateinische Prosaüberset-
zung.466 Der britische Regularkanoniker George Ripley (um 1415 – 1490)
gilt als einer der wichtigsten Autoren der Alchemie. Neben Traktaten, wie
der Medulla alchymiae, verfaßte er ebenso allegorische Texte. Als sein
Hauptwerk gilt die Dichtung Twelve Gates.467 In diesem an poetischen
Farbbeschreibungen reichen Werk bezeichnen die zwölf ›Tore‹ die zwölf
grundlegenden Schritte des alchemischen Opus: 1. Calcination, 2. Solution,
3. Separation, 4. Conjuction, 5. Putrefaction, 6. Congelation, 7. Cibation,
8. Sublimation, 9. Fermentation, 10. Exaltation, 11. Multiplication, 12. Pro-
jection.468 In seiner Vorrede führt Ripley bereits aus, welchen ›Mercurius‹
er meint und welchen nicht: »But many one mervelyth whych mervel may,/
And muse on such a mervelous thyng,/ What ys our Stone syth Phyloso-
phers doth say,/ To such as ever be hyt sechyng: […] To thys I answer/ that
Mercury it ys I wys/ B