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Robert Kurz

GELD OHNE WERT


Grundrisse zu einer Transformation
der l{ritik der politischen Ökonomie

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Horlemann
»Die Leute glauben die Welt is so un so gemacht, un wenn du ihnn
sagst <lasses nich so is, stürzt ihnn ihr Dach aufn Kopf un du stehst
vielleicht mit drunter«
David Mitchell (Der Wolkenatlas, S. 379)

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2. Auflage, August 2012
I. Auflage, Juli 2012
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Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 12. Die doppelte Historizität und der objektive Charakter


der Krisen . .. . .. . . . . . .
Einleitung: Die unvollendete theoretische Revolution ....... II
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
.

r. Das Logische und das Historische .....................


13. Der fragmentarische Charakter und die verkürzte
Rezeption der Marxschen Krisentheorie ............... 244
2. Monetäre und prämonetäre Werttheorie ...............
.

14. Relativer Mehrwert und Expansion des Kapitals.


3. Der Begriff der „Nischenform" und der
methodologische Individualismus .................... . 57 Der binnenhistorische Kompensationsmechanismus
und seine logischen Grenzen ........................
4. Vorkapitalistische Fetischverhältnisse ................. 68
.
.

86 15. Das Ende der inneren Expansionsbewegung,


5. Ein Geld, das noch gar keines ist ..................... .

die Weltkrise der dritten industriellen Revolution und


6. Geld als historische Fundsache und die ursprüngliche
Konstitution des Kapitals ............................ . U2 die Blamage des linken Positivismus .................. .

7. Konstitution und Zirkulation ......................... 135 16. Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ........ .

8. Das Verschwinden der Zirkulation und die Logik des I]. Die doppelte Entwertung des Werts.
Kapitals .......................................... . 157 Auf dem Weg zur historischen Krise des Geldes ........ . 321
9. Der gesamtgesellschaftliche Status der Kategorien und r8. Kategoriale Affirmation, Krisenignoranz und
der methodologische Individualismus hinsichtlich des Mythologisierung der »Zusammenbruchstheorie« ...... .
355,
Kapitalbegriffs ......... . .............. ......... . . .. 167
19. Falscher Historismus und falscher Logizismus.
10. Die abstrakt-materielle Substanz des Sozialismus und Ware-Geld-Beziehungen ........ ...... 368
Kapitalfetischs ............. ........................ 192
20.Das Opfer und die perverse Rückkehr des Archaischen .... 389
II. Die Geldware oder das allgemeine Äquivalent als
ausgesonderte Ware ...................: ............. 206 Literatur • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • 1 • • • • • • • • • • • • • • • • • • • • •
Vorwort

Vom II. bis 13. März 2on fand in der Universität Bremen ein Sympo­
sion unter dem Titel »Magie des Geldes. Seine Rationalität und Irra·
tionalität« statt, veranstaltet von Johannes Beck, Helmut Reichelt,
Gert Sautermeister und Gerhard Vinnai im Rahmen des Instituts
für Kulturforschung und Bildung. Der folgende Text fußt auf einem
Referat, das für diesen Anlass vorgesehen war und wegen familiärer
Verpflichtungen leider nicht gehalten werden konnte. Dieser Kern
wurde in einer ausgearbeiteten, ergänzten und stark erweiterten Fas­
sung zur Grundlage des vorliegenden Buches.
über den ursprünglichen Anlass hinaus stellt der vorliegende Essay
den Versuch dar, verschiedene Argumentationsstränge einer grund­
legenden Neuinterpretation der Kritik der politischen Ökonomie
in einer Art Übersicht oder Gesamtschau vorzustellen. Im Grunde
sind es vier große Themen oder vielleicht auch Projekte, die hier in
einem ersten Versuch zusammengeschlossen werden: Erstens das
Problem der vormodernen oder vorkapitalistischen Sozietäten, die
in der qualitativen Eigenheit ihrer geringen Vergesellschaftung mit
ganz spezifischen Beziehungsformen und damit ihrer grundsätzli­
chen Differenz zur negativen »ökonomischen« Vergesellschaftung
der so genannten Moderne gefasst werden müssen. Deshalb verbietet
sich im Gegensatz zur Aufklärungsvernunft und ebenso zum Mar­
xismus eine transhistorische Bestimmung vermeintlich übergreifen­
der Grundkategorien (»Arbeit«, Geldform, Warenform etc.}, wie sie
aus der bürgerlichen Geschichtsmetaphysik folgt. Zweitens der his­
torische Konstitutionsprozess des Kapitals in der Frühmoderne, der
als Übergangsform eine andere Logik bzw.eine andere Abfolge der
Kategorien impliziert als das »fertige« Kapitalverhältnis. Drittens die
Logik und der kategoriale Zusammenhang oder »Kreislauf<< ( Marx)
des Kapitals als sein eigener Reproduktionsprozess oder »Gang in
sich«, der sich aus einer veränderten Sicht der Grundbestimmungen
auch anders darstellt als in den gängigen Lesarten der Marxschen
Theorie. Und viertens der innere Selbstwiderspruch und die logische
innere Schranke der kapitalistischen Dynamik, die sich schließlich
auch historisch als manifestes Resultat einer fortschreitenden Bin­ Gegenposition, weil sie dasselbe Terrain einer grundsätzlichen Neu­
nengeschichte des Kapitalfetischs aufrichten muss. bewertung der Marxschen Theorie und der Geschichte des Marxis­
Natürlich kann im relativ knappen Rahmen dieser Untersuchung mus mit völlig entgegengesetzten Konsequenzen hinsichtlich der
der vierfache Themenbezug nur essayistisch formuliert werden und kategorialen Bestimmungen zu besetzen beansprucht und daher
nicht in einem ausführlichen monographischen Verfahren. Dafür den Zusammenstoß am meisten herausfordert. Über die frühe­
bietet der Essay aber die Skizze eines umfassenden historisch-logi­ ren Ansätze einer Polemik hinaus, wie sie vorläufig in Texten der
schen Zusammenhangs, der in dieser Form als ein Ganzes bei Theoriezeitschrift »Exit« formuliert wurden (Kurz 2004, 2oosa),
einem weiter greifenden Durchgang durch das Material und die Lite­ wird hier die Kritik an der zirkulationsideologischen und tausch­
ratur wohl nicht noch einmal aufgenommen werden kann und des­ idealistischen Heinrichschen Interpretatfon weitergeführt. Dessen
halb seinen eigenen Wert hat. »Lesart einer Lesart« überwindet vor allem den »methodologischen
Dabei geht es notwendigerweise zugleich um eine Auseinander­ Individualismus« in der Kritik der politischen Ökonomie nicht, der
setzung im theoretischen Feld des Marxismus, und zwar haupt­ als wesentliches Element bürgerlicher Episteme wie bei den neo­
sächlich anhand der zeitgenössischen Debatten zwischen der neu­ orthodoxen Kontrahenten unterbelichtet bleibt. Stattdessen wird
eren Orthodoxie (im weitesten Sinne) einerseits und der so genann­ die entsprechende, aus dem Marxschen » Darstellungsproblem« fol­
ten Neuen Marxlektüre andererseits. Demgegenüber wird hier eine gende Verkürzung bloß mit dem postmodernen Denken kompatibel
dritte Position eingenommen mit dem Anspruch, den bislang im gemacht.
Vordergrund stehenden Streit dieser beiden Lesarten kritisch zu Dem essayistischen Charakter des Textes entsprechend sind auch
transzendieren. Der zentrale Gesichtspunkt ist nicht die Marx-Philo­ in dieser Hinsicht die Zitate sparsam gehalten; noch einmal genauer
logie, sondern die Anforderung einer konkret-historischen Erklä­ aufgerollt wird die Argumentation in später folgenden Texten ähn­
rung gesellschaftlicher Prozesse. Dies betrifft sowohl die Stellung lichen Umfangs mit spezifischen Fragestellungen, die einer gesamt­
des Kapitalismus in der Geschichte als auch seine eigene Geschichte historischen Betrachtung weniger Raum geben und sich mehr auf
und nicht zuletzt seine historischen Grenzen. Die Schärfe des theo­ die immanenten Probleme der Marxschen Theorie im engeren Sinne
retischen Konflikts speist sich daher vor allem aus gegensätzlichen (insbesondere hinsichtlich des Substanzbegriffs) konzentrieren sol­
Begriffen der Historizität des Gegenstands auf mehreren Ebenen. len. Geplant ist in diesem Zusammenhang eine Reihe von Publika­
Obwohl die Ursachen epistemisch und inhaltlich viel tiefer liegen, tionen zur Kontroverse um die Kritik der politischen Ökonomie im
muss sich der Konflikt in der Auseinandersetzung um die Marxsche 2I. Jahrhundert, die ursprünglich als ein einziges Buchprojekt mit
Krisentheorie noch einmal besonders zuspitzen. In diesem Punkt dem vorläufigen Titel »Tote Arbeit« konzipiert war.
stehen die neuere Orthodoxie und die Neue Marxlektüre zusam­ Die veränderte Konzeption als Reihe von Texten mit jeweils
men mit nahezu dem gesamten übrigen Rest- und Postmarxismus begrenzter Thematik und entsprechendem Umfang ist nicht allein
nicht zufällig in einer Front gegen die hier vertretene theoretische dem Zugeständnis an die Lesegewohnheiten eines Publikums
Richtung. geschuldet, das theoretische Werke mit dem Anspruch einer syste­
Es mag auch wohlwollende Interessentlnnen überraschen und matischen Gesamtdarstellung, begrifflichen Entwicklung und Ana­
befremden, dass sich die kritische Absicht dieses Essays im Kon­ lyse nicht mehr aushalten kann oder will.Das voluminöse Marxsche
text der Auseinandersetzung um die Marxsche Theorie in einigen »Kapital« hätte es heute wohl noch schwerer als bei der Erstauflage
zentralen Punkten gerade auch gegen die Version der Neuen Marx­ des ersten Bandes im Jahr r867, über mehr als zweitausend verkaufte
lektüre von Michael Heinrich und seiner »Wissenschaft vom Wert« Exemplare hinauszukommen. Aber man kann die im postmodernen
(Heinrich 2003/1999) wendet. Bei dieser handelt es sich jedoch ideologischen Schmalspur-Positivismus verpönte »Großtheorie« als
nicht um ein unproblematisch verwandtes Denken, wie oberfläch­ ein transformatorisches Projekt, das bewusst dieses »Verbot« miss­
liche Betrachter oft meinen, sondern um die vielleicht wichtigste achtet, auch in kleineren Happen verabreichen. Nicht aus Gründen

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der Anpassung, sondern um der begrifflich-analytischen Darstel­ Einleitung:
lung stärker den Charakter einer Intervention im historisch aktuel­
len Konflikt um die Marxsche Theorie geben zu können.
Denn gerade heute empfiehlt es sich, die theoretische Distanz Die unvollendete theoretische
nicht so sehr in der Stille langjähriger Entfaltung des Begriffs zum Revolution
Gesamtkunstwerk zu suchen, sondern als Konfliktformulierung im
Handgemenge auf dem Feld der Auseinandersetzung. In einer Zeit
realer Epochenbrüc he geht es weniger denn je um ein bloß philolo­ Große und einflussreiche Theorien münden stets in Schulen der
gisches Verständnis im akademischen Sinne, sondern letzten Endes Inte r pret at ion und durchlaufen eine Geschichte, die über ihren
um die historische Praxis radikaler Kritik. Auch die Klärung des Ver­ Ursprung hinausgeht und mit der Gesellschaftsgeschichte vennit­
hältnisses zwischen dem Logischen und dem Historischen in der telt ist. Die Marxsche Theorie ist historisch bereits sedimentiert; sie
Marxschen Theorie, ein wichtiger Punkt in der hier angesproche­ hat sich mehr als r25 Jahre nach dem Tod ihres Schöpfers längst als
nen Auseinandersetzung, hat entscheidende Konsequenzen für eine eine der wirkmächtigsten in der Geschichte des Denkens bewiesen -
neu zu bestimmende Überwindung der kapitalistischen Fetischge­ obwohl sie nicht als ein »artistisches Ganzes« vorliegt, wie Marx es
sellschaft nach dem unrühmlichen Ende der bisherigen Programme seiner Darstellung abverlangen wollte, sondern als ein ungeheurer
von Sozialismus und Kommunismus. Torso teils disparater Textmassen. Der Form nach lässt sich diese
Theorie nicht in die Schematik des akademischen Betriebs einord­
nen; sie liegt auch epistemisch quer zum so genannten wissenschaft­
lichen Methodenverständnis. Marx hat einen paradigmatischen
Einschnitt vollzogen, der immer wieder zu Recht als >>theoretische
Revolution« bezeichnet worden ist.Aber gerade dieser Charakter der
Marxschen Reflexionen gab und gibt Anlass zu Unklarheiten und
Auseinandersetzungen. Denn noch kei n paradigmatischer »Schlag
ins Kontor« ist jemals in einem Zug oder Durchgang vollendet wor­
den. Auch die Marxsche theoretische Revolution ist notwendig eine
unvollendete und insofern unvollständig, interpretationsfähig und
interpretationsbedürftig.
Wie jede wirkmächtige Theorie ist daher auch die Marxsche
gefiltert durch ihre Interpretationsgeschichte, und zwar in doppel­
ter Weise. Zum einen hat die radikale Kritik der politischen Ökono­
m ie eine affirmative Reak tion der bürgerlichen Wissenschaft her­
ausgefordert, die aber gerade durch ihren reaktiven Charakter sel­
ber zu einer Interpretation des inkriminierten Gegenstands genö­
tigt war und ungewollt Elemente davon aufgenommen hat, obwohl
sie Marx die »Wissenschaftlichkeit« absprechen wollte - ohne aller­
dings den tatsächlich wissenschaftskritischen Gehalt seiner Theorie
reflektieren zu können. Zum andern wurde die Marxsche Theorie
positiv rezipiert, jedoch unver meidlic h durch ein selberze itlic h und
sozial bedingtes, fortlaufendes Interpretationsraster, das sich als

10 II
eine Geschichte des Marxismus manifestierte, die zugleich durch zuspitzen. Die kapitalistischen Zumutungsverhältnisse schreien
die Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen (politischen und mehr denn je nach radikaler Kritik, aber eine solche Kritik ist offen­
theoretischen) bürgerlichen Reaktionsweisen bestimmt war und mit bar unter den veränderten historischen Bedingungen nicht mehr
diesen zusammen ein großes historisches Diskursfeld bildete. im Interpretationsraster des Marxismus formulierbar und deshalb
Der darin eingeschlossene Marxismus differenzierte sich aus in paralysiert.
Schulen und deren Interpretationskämpfen. Kennzeichnend war Die Paralyse eines Paradigmas hat aber seine Träger noch nie
dabei ein Verständnis, das die theoretische Revolution von Marx als daran gehindert, sich identitär einzugraben oder Rückzugsgefechte
abgeschlossen betrachtete und sein Hauptwerk zu einer Art Bibel bis zur Selbstauflösung zu führen. Der Zersetzungsprozess wird
erhob. Von wenigen Ausnahmen (etwa ansatzweise bei Rosa Luxem­ dabei teilweise als »Weiterentwicklung« maskiert, die aber nichts
burg) abgesehen enthielt die Rezeptionsgeschichte keine offene Aus­ anderes darstellt als Varianten eines offenen oder uneingestandenen
einandersetzung mit den Grundbegriffen der Marxschen Theorie; Andockens an bürgerliche Theorien, wie sie sich historisch parallel
marxistische Kritik an Marx bezog sich höchstens auf empirische zum Marxismus herausgebildet hatten. qerade daran ist zu sehen,
Tatbestände, deren Vermittlung mit den theoretischen Reflexions­ wie man sich in einem unwahr gewordenen Diskursfeld zusammen
bestimmungen völlig unklar blieb.Die kategorialen Grundlagen der mit den ehemaligen Gegnern eingräbt. Die Konstellationen und
Kritik der politischen Ökonomie wurden so nur verschieden inter­ Konjunkturen dieser Fortsetzungsgeschic:hte eines obsolet geworde­
pretie rt aber nicht weiterentwickelt.
, ne n Verständnisses der Marxschen Theorie mögen in immer schnel­
Marx hatte offenbar eine weit über den Verständnishorizont einer lerer Folge kommen und gehen; sie können nicht darüber hinweg­
bestimmten Epoche hinausgehende Perspektive eröffnet oder, wie täuschen, dass die Historisierung des Marxismus einschließlich sei­
Rosa Luxemburg es ausdrückte, »er hat uns im voraus überholt« (zit. ner Nachgeburten auf der Tagesordnung kritischer Theorie steht,
nach Winkel 1995, 141). Der unvollständige Charakter der Marx­ ohne deren Neuformulierung sich das linke »Praxispostulat« nur
schen Theorie kam daher nur indirekt durch die interpretative Aus­ noch blamieren kann.
einandersetzung und Ausdifferenzierung zum Vorschein, was ihr Historisierung bedeutet, dass eine Geschichte ihren Abschluss
den Geruch eines theologischen Disputs verlieh. Obwohl es sich bei gefunden hat und als abgeschlossene aus einer neuen, ande­
den bürgerlichen philosophischen und wissenschaftlichen Schulen ren Perspektive reflektiert werden muss. Die Schulen der marxis­
kaum je anders verhielt, griff die affirmative Gegenreaktion die mar­ tischen Interpretationsgeschichte haben sich erschöpft, was auf
xistische Auslegungs-Theologie dankbar auf, um den Gehalt der the­ die Erschöpfung ihres historischen Bezugsfelds verweist. Kautsky­
oretischen Revolution grundsätzlich abzuwehren und sie als »ideolo­ anische »Orthodoxie«, Bernsteinscher »Revisionismus«, leninisti­
gisch« bzw. »metaphysisch« zu denunzieren. Der ideologische und sche Revolutionstheorie, Blochs bzw. Gramscis »Praxisphilosophie«
metaphysische Charakter des eigenen (bürgerlichen) Positivismus und »Westlicher Marxismus« bis in die Ausläufer der so genannten
konnte dabei ebenso erfolgreich verdrängt werden wie der realmeta­ Neuen Linken hinein gehören gemeinsam einer untergegangenen
physische Charakter der kapitalistischen Fetischgese11schaft selbst. Epoche an, deren theoretische Bestimmung zu leisten ist, we nn
Die marxistische Interpretationsgeschichte ist erklärungs­ radikale Gesellschaftskritik ihre Ohnmacht überwinden will.
bedürftig. Eine solche Erklärung und überhaupt das Bedürf­ Dass eine tief gehende Zäsur herangereift ist, zeigt sich auch (oft
nis danach sind aber nur möglich, wenn die entsprechende ungewollt) sowohl in der positiv auf Marx bezogenen als auch in der
Geschichte als solche in ihrer Begrenztheit wahrgenommen wird. marxkritischen akademischen Literatur.In beiden Fällen macht sich
Tatsächlich ist das gesamte historische Diskursfeld, zu dem der zunehmend ein resümierender Gesichtspunkt geltend, wobei die
Marxismus gehörte, seit Ende des 20. Jahrhunderts in eigen­ Schulen der Vergangenheit aufgelistet und in Beziehung zueinander
tümlicher Weise verblasst; und zwar obwohl oder gerade weil gesetzt werden. Der meist philologisch begrenzte Charakter dieser
sich die weltgesellschaftlichen Krisenprozesse in neuer Weise Aufarbeitungsliteratur in Form einer Art »Insektenforschung« des

12 13
Marxismus mit Etikettierungen und sogar theoriegeschichtlichen Dieser markante Bruch war jedoch nur das Phänomen eines tiefer
Tabellen kann dennoch nicht verleugnen, dass sie einen noch unbe­ gehenden Prozesses, der sich längst schon im Niedergang der alten
stimmten historischen Einschnitt markiert.Worin dieser besteht und Arbeiterbewegung und dem Verblassen des historischen » Klassen­
welche Tragweite ihm zukommt, ist allerdings, wie es so schön heißt, kampfs« manifestiert hatte. Den Hintergrund für diese Erscheinun­
»umkämpft«.Dabei geht es aber nicht mehr um den Stellungskrieg gen bildet die kapitalistische Produktivkraftentwicklung im Über­
von ausformulierten Positionen, die sich in einer bestimmten interpre­ gang zur dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik, die
tativen Konstellation differenziert haben und für die ihr übergeordne­ nicht nur einen technologischen Umbruch in Gestalt von neuarti­
tes Bezugsfeld (etwa vom Vormärz Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum gen Rationalisierungsprozessen, Informations- und Kommunikati­
Ende des Zweiten Weltkriegs) einen gemeinsamen blinden Fleck oder onsformen (Internet) darstellt, sondern dabei auch die sozialen und
eine fraglose Vo raus setzung bildet. Stattdessen wird die Marxsche kulturellen Verhältnisse umgewälzt, das Weltkapital der Globalisie­
Theorie einerseits im akademischen Betrieb bloß geistesgeschichtlich rung konstituiert und zu einem planetarischen Krisenprozess neuer
verortet und in einen klassischen Museumsbestand eingereiht, ande­ Qualität geführt hat.
rerseits eklektisch mit ideologischen Modeströmungen amalgamiert Es ist nun die Frage, ob dieser Bruch innerhalb einer sich fort­
und/oder vortheoretischen Politik- und Bewegungsbedürfnissen legi· setzenden Geschichte stattgefunden hat, also nur eine Modifikation
timatorisch untergeordnet, ohne sie auf der Höhe des 2.I. Jahrhun­ von grundlegenden Strukturen der immer noch auf ihrem eigenen
derts neu zum polizeiwidrigen Ärgernis für die herrschende Ordnung Boden entwicklungsfähigen modernen Gesellschaft bedeutet, oder
zuzuspitzen. ob es sich um das Ende einer Geschichte als Modernisierungsge­
Unausweichlich geworden ist in diesem Sinne die Sondierung schichte und damit um einen Strukturbruch höherer Ordnung
und begriffliche Bestimmung eines noch unbekannten Terrains, handelt. Von der Beantwortung dieser Frage hängt es ab, wie die
von dem aus gesehen die vergangene Konstellation erst als s olche Erscheinungen theoretisch verarbeitet werden und in die Selbstrefle­
ins Licht rückt. Solange das nicht geschieht, kann sich für die verän­ xion auch der radikalen Kapitalismuskritik eingehen - ob diese sich
derten historischen Bedingungen noch kein stabiles neues Diskurs· also lediglich zu modifizieren braucht, um mit den Veränderungen
feld hinsichtlich der Marxschen theoretischen Revolution und ihrer Schritt zu halten, oder ob sie in sich selbst einen bewussten Bruch
Weiterentwicklung bilden.Was dafür ausgegeben wird, gehört eben vollziehen muss, der das gesamte alte Verständnis von Grund auf in
zumeist bloß dem Auflösungsprozess des Marxismus an. Die kriti­ Frage stellt. Wenn die oberflächlich-philologische Aufarbeitungslite­
sche Reflexion ist in diesem Intermundium zwangsläufig mit einem ratur hinsichtlich des Marxismus implizit und meist unbewusst auf
hohen Risiko behaftet und muss ihr Schicksal in der Bestimmung einen tiefen Einschnitt in der Theoriegeschichte und auf das Ende
des historischen Einschnitts erst finden. Es ist nicht nur zu klären, eines Gesamtdiskurses verweist, kann diese Andeutung einer noch
in welchem Spannungsverhältnis die Geschichte des Marxismus unausgereiften innertheoretischen Zäsur nur in dem Maße begrif­
zur Marxschen Theorie steht. Vielmehr bedarf es gleichzeitig auch fen werden, wie sie in Beziehung zur realen Gesellschaftsgeschichte
der Erhellung, in welcher Weise der historische Marxismus sich an und zu deren »Epochenbruch« gesetzt wird. Es müssen also die
der Unvollständigkeit dieser Theorie gerade durch sein Vollständig· gesellschaftlich-historischen Bedingungen thematisiert werden, in
keitspostulat genährt und darin enthaltene Widersprüche interpre­ die sich die theoretische Auseinandersetzung einordnet. Das kann
tativ einseitig aufzulösen versucht hat. in diesem Essay nur marginal versucht werden, vor allem im Kon­
Dass sich objektiv ein neues historisches Terrain eröffnet hat, text der Auseinandersetzung mit der Marxschen Krisentheorie, und
ist sowohl im offiziellen wie im linken, gesellschaftskritischen Dis­ bleibt daher ein Desiderat der weiteren Theoriebildung und Analyse.
kurs durchaus präsent in der gängigen Rede vom »Epochenbruch«. Hier geht es zunächst um einen übergreifenden Zusammenhang,
Darunter werden meist oberflächlich der Zusammenbruch des in dem die Marxsche theoretische Revolution und ihr unvollendeter
»Realsozialismus« und das Ende des Kalten Krieges verstanden. Charakter beleuchtet we rde n um den Weg der Weiterentwicklung
,
anzuzeigen. Dies betrifft die Frage, worin der »Zeitkern« der Marx· Orthodoxie für »revolutionäre« Positionen stehen sollte. Schon an
sehen Theorie besteht, d. h. ihre historische Begrenztheit sowohl als dieser Stelle kann gesagt werden, dass sich mit der Erschöpfung
auch ihre darüber hinausweisenden Momente. Die angestrebte His­ ihres historischen Bezugsfelds das ganze Spektrum der Marxismen
torisierung kann also keine abschließende sein, sondern nur eine von jeder wie immer verstandenen revolutionären Zielsetzung ver­
transformatorische. Damit stellt sich eine völlig neue Aufgabe, die abschiedet hat und (in der eigenen früheren Diktion) einem Revi­
'
auf dem Boden des Marxismus im bisherigen Verständnis nicht zu sionismus verfallen ist. Das blamable Ende des »Realsozialismus«
bewältigen ist, ja nicht einmal als solche gestellt und formuliert wer· als äußeres Zeichen eines Epochenbruchs ratifizierte in dieser Hin­
den kann. sicht nur eine ideologische Entwicklung, die längst vorher begonnen
Ebensowenig lässt sich diese Problemstellung freilich einem gän­ hatte.
gigen »Postmarxismus« zuordnen. Alle »Post«·Begriffe entstam· freilich war die Zuordnung der Orthodoxie zu radikal kritischen
men der postmodernen Ideologie, die mit der Marxschen Kritik der Positionen und des Revisionismus zur reinen Anpassungsideolo­
politischen Ökonomie sowie dem dazugehörigen »Theorietypus« gie in dieser Einseitigkeit schon immer falsch. Im Ersten Weltkrieg
oder begrifflichen Grundverständnis in jeder Hinsicht inkompati· stimmten gerade auch viele Orthodoxe für die Kriegskredite, wäh­
bei ist und deren hauptsächliche Leistung darin besteht, jede theo­ rend der Erzrevisionist Bernstein sich immerhin dagegen aussprach
retische Klärung in der neuen historischen Situation zu sabotieren und dem sozialdemokratischen Hurrapatriotismus trotzte. Im Gro­
und im Eklektizismus zu ersäufen. An die Stelle kritischer Theo­ ßen und Ganzen freilich waren Orthodoxe und Revisionisten in den
rie tritt die platte phänomenologisch verkürzte Wahrnehmung, der diversen marxistischen Lagern und Schulen über f ahrzehnte hin·
»dekonstruktive« Diskurspositivismus. Es handelt sich im Wesent· weg gleichermaßen praktisch gegenrevolutionär oder reformistisch
liehen um eine Mittelschichts-Ideologie, die den affirmativen Aus­ orientiert. Das lässt schon ahnen, dass beide Seiten von einem the­
druck einer krisenhaften Virtualisierung des Kapitals zu Beginn oretisch und historisch übergeordneten Standpunkt aus betrach·
des 2r. Jahrhunderts bildet. Unter »Postmarxismus« kann man alle tet einem bestimmten begrenzten Feld angehörten und darin ihre
Bestrebungen zusammenfassen, die Marxsche Theorie zu »postmo· unerkannte Gemeinsamkeit hatten.
dernisieren«, das heißt ihr endgültig den Stachel zu ziehen und statt Der eigentliche immanente Gegensatz bestand an der Oberfläche
einer kritischen Überwindung des Arbeiterbewegungs· und Partei­ in der unterschiedlichen Verarbeitung des Widerspruchs von Marx­
marxismus das alte Paradigma bloß zu virtualisieren und mittel­ scher Theorie einerseits und reformistischer Praxis eines bloßen
schichts-kompatibel zu machen. »Kampfs um Anerkennung« der Lohnarbeiterlnnen auf dem Boden
Um gegen die »postmarxistischen« Auflösungs- und Verflüchti· der kapitalistischen Kategorien andererseits. Damit ist schon ein ent·
gungstendenzen den radikalen Gehalt der Marxschen Theorie im scheidender Gesichtspunkt benannt, nämlich der kategoriale. Die
Sinne einer tiefer gehenden Einlösung der theoretischen Revolution Marxsche Theorie bezieht sich wesentlich auf die kategoriale Ebene
weiterzutreiben, bedarf es einer näheren Bestimmung des Begriffs des grundlegenden gesellschaftlichen Formzusammenhangs von
der Transformation im Unterschied zum alten Gegensatz von »abstrakter Arbeit«, Ware, Wertform, Geld und Kapitalverwertung.
Orthodoxie und Revisionismus. Dieser Gegensatz hat seinen Namen Entscheidende Momente der Marxschen kritischen Begriffsbestim­
von der vorsintflutlichen Kautsky-Bernstein-Kontroverse Ende des mung (insbesondere die Analyse des Fet:ischcharakters kapitalisti·
19. Jahrhunderts, aber er wurde weit darüber hinaus zur Bezeich­ scher Vergesellschaftung) wurden von beiden Seiten gleicherma­
nung für die theoretischen Kämpfe zwischen und innerhalb von ßen ausgeblendet und gar nicht verstanden. Während aber die so
sämtlichen marxistischen Schulen seither, bis hin zum »westlichen genannte Orthodoxie das Marxsche Werk theoretisch versteinerte,
Marxismus« und der Neuen Linken der r96oer Jahre. Dabei wurde seine teils disparaten und widersprüchlichen Aussagen auf ganz
der Begriff des Revisionismus mehr oder weniger zum Schimpf­ verschiedenen Ebenen kanonisierte und in eine Art marxistische
wort, das synonym mit Reformismus zu sein schien, während die Sonntagsschule verwandelte, die der wirklichen »politischen« Praxis

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äußerlich gegenüberstand und weitgehend folgenlos blieb, machte der praktisch und programmatisch von der revisionistischen Gegenposi­
Revisionismus eher die Bedürfnisse dieser wirklichen Partei- und tion nie so weit entfernt war.
Bewegungspraxis gegen die »abgehobene« Theorie geltend. Einerseits Die eigentliche Gemeinsamkeit von Orthodoxie (einschließlich
näherte er sich so der bürgerlichen Marx-Kritik an, die ja ebenfalls von der leninistischen sowie der linksradikalen) und Revisionismus
»unwissenschaftlichen« Mystifikationen, Heilsversprechen, philoso­ bestand darin, dass die Kategorien der Kritik der politischen Ökono­
phischen Konstrukten usw. der Marxschen Theorie sprach. Anderer­ mie im Grunde als positive »Definitionen« des objektiven und weit­
seits wurde damit der Abwehr des gesunden arbeiterbewegten Men­ gehend transhistorischen Sachverhalts einer so genannten Ökono­
schenverstands gegen die Zumutungen der theoretischen Distanz mie, als vermeintliche »Basis« von menschlicher Sozietät schlecht­
zum AUtagsbewusstsein Rechnung getragen. Das betraf keineswegs hin verstanden wurden. Zwar tauchten bis zum Ersten Weltkrieg
bloß den parteipolitischen und gewerkschaftlichen Trott im Weber­ noch gelegentlich dunkle Vorstellungen einer sozialistischen Über­
schen »Gehäuse der Hörigkeit«, sondern mindestens ebenso den windung von Wertform und Geld auf. Diese Ideen wurden jedoch
subjektivistischen Linksradikalismus aller Zeiten und Länder. Der erstens auf eine imaginäre, weit entfernte Zukunft verschoben.
theoriefeindliche Affekt war schon immer von Grund auf revisionis­ Zweitens verstand man sie eher in einem technokratischen Sinne,
tisch im Sinne einer falschen Unmittelbarkeit des Voluntarismus, des d. h. nicht als Abschaffung der kapitalistischen Grundkategorien,
Bauchgefühls, der existentialistischen Phrase, des aktuellen Ereignis­ sondern als deren bewusste und »planmäßige« Anwendung, sodass
horizonts und der Mode-Ideologien gegen die sperrigen theoretischen sie bloß phänomenologisch »Verschwinden« (oder friedlich »abster­
Abstraktionen der Kritik der politischen Ökonomie. In gewisser Weise ben«) könnten, ohne dass das zugrunde liegende Fetischverhält­
gehört heute auch das postmoderne »linke« Denken dieser Art von nis der »abstrakten Arbeit« damit zugleich verschwinden müsste
Revisionismus an, soweit es sich überhaupt noch auf Marx bezieht. (so etwa bei Hilferding). Nach dem Ersten Weltkrieg verflüchtigte
Der revisionistische Effekt der praktischen Mitmach-Bedürfnisse sich diese ohnehin nur schwach besetzte Reflexionsebene zuneh­
auf der Ebene bloßer Widerspruchsbearbeitung im unreflektierten mend aus dem marxistischen Diskurs, auch unter dem Eindruck
Rahmen der kapitalistischen Kategorien schlug sich in theoretischer der »realsozialistischen« geplanten Warenproduktion, und wird
oder methodologischer Hinsicht als »linke« positivistische und empi­ heute von nahezu allen rest- und postmarxistischen Strömungen
ristische Orientierung nieder. Dabei bezog sich die Kritik an Marx sorgfältiger als je zuvor gemieden; geradezu wie die Pest. In katego­
gar nicht auf die kategoriale Ebene, deren Bestimmungen höchstens rialer Hinsicht kann man Orthodoxie wie Revisionismus und ihre
als »philosophisch« oder »spekulativ« abgewehrt wurden, ohne sich gesamte Restmasse guten Gewissens als von Grund auf positivis­
inhaltlich darauf einzulassen. Vielmehr wurde eher gegen bestimmte tisch bezeichnen.
analytische Aussagen von Marx eine veränderte Tatsachenwelt gel­ Es stellt sich natürlich die Frage, in welcher Beziehung zu dieser
tend gemacht, etwa hinsichtlich der Herausbildung einer neuen Mit­ nunmehr abgeschlossenen und zu historisierenden Rezeptionsge­
telschicht statt einer zunehmenden Polarisierung von Bourgeoisie schichte die Marxsche theoretische Revolution bzw. deren unabge­
und Industrieproletariat (auch insofern gehört der klassische Revisi­ schlossener Charakter steht. Vorbereitet wurde diese zuvor gar nicht
onismus durchaus in die Ahnengalerie des postmodernen Denkens). mögliche Fragestellung durch eine theoretische Reflexion im Kon­
Ebenso wurde die kategorial überhaupt nicht verarbeitete Marxsche text der Neuen Linken seit den r96oer Jahren, die unter dem Labe1
Krisentheorie auf einer zeitgebundenen empirischen Oberflächen­ »Rekonstruktion der Kritik der politischen Ökonomie« firmierte.
ebene als widerlegt betrachtet. Die Orthodoxen bezogen sich oberflä­ »Rekonstruktion« deswegen, weil erstens dem traditionellen Par­
chenanalytisch und politisch ebenso auf die veränderte Empirie, such­ teimarxismus in allen seinen Fraktionen und Strömungen ganz
ten diese jedoch mit dem Dogma abstrakt zu vereinbaren oder ließen zu Recht unterstellt wurde, dass er insgesamt eine flache und ver­
die »Sonntagsschulen«-Theorie und die empirischen Verhältnisse als kürzte Interpretation der Marxschen Theorie verbreitet und kanoni­
einander äußerlich und unvermittelt für sich bestehen, während man siert hatte. Zweitens, so der eher philologische Grundgedanke, hatte

18
sich diese bis dahin gängige Interpretation auf ein beschränktes edi­ konnte damit gelegentlich akademische Karrieren verfolgen, wenn
torisches Material bezogen. Wichtige Marxsche Texte wurden nur auch bloß im Sinne eines Orchideenfachs. So bekam das philolo­
allmählich im Lauf des 20. Jahrhunderts publiziert und insbeson­ gische Rekonstruktions-Projekt schon unmerklich die Einfärbung
dere die inzwischen berühmten »Grundrisse« erst nach dem Zwei­ eines akademischen Mittelschichtsbewusstseins, wie übrigens die
ten Weltkrieg allgemein zugänglich. Einen wichtigen Anstoß gab Neue Linke insgesamt, deren »proletarisches« Bezugsfeld, mochte
der große Kommentar von Roman Rosdolsky »Zur Entstehungsge­ es noch so martialisch angerufen werden, pure nostalgische Ideolo­
schichte des Marxschen >Kapital<« (Rosdolsky 1968), der sich zen­ gie blieb.Außerdem konnte sich das Rekonstruktions-Projekt dem
tral auf die »Grundrisse« bezog. Nachdem zuvor schon die Marx· oberflächlichen Aktionismus der r968er Bewegung und deren poli­
sehen Frühschriften einen eigenen Strang der »entfremdungsthe­ tizistischen Bedürfnissen natürlich nicht entziehen.Teils band man
oretischen« (meist seicht philosophischen oder moralisierenden) sich im Namen der »Politikfähigkeit«, wenn auch dem Anspruch
Interpretation hervorgebracht hatten, rückten nun die »Grundrisse« nach »kritisch«, doch wieder an ehemalige oder akut ideologisch
ins Zentrum einer neuen und anderen Reformulierung. Die Marx­ verfallende Arbeiterparteien (SPD, DKP, Eurokommunismus) bzw.
sche Ökonomiekritik sollte detailliert am neu erschlossenen Quel­ an die Gewerkschaftsapparate, teils an die so genannten neuen sozi­
lenmaterial rekonstruiert und von »revisionistischen« Fehldeutun­ alen Bewegungen der Mittelschicht und deren Einmünden in die
gen befreit werden. Partei der Grünen. An diesen Orientierungen musste schließlich
Dieses Rekonstruktions-Projekt hatte einen zweideutigen Charak­ der hohe Anspruch der »Rekonstruktion« verenden, jedenfalls für
ter.Einerseits muss ihm das große Verdienst zugeschrieben werden, den größeren Teil des theoretischen Personals.
nicht nur neue Textmassen des Marxschen Werkes erschlossen, son­ Das Rekonstruktions-Projekt lässt sich nicht völlig eindeutig
dern vor allem die vernachlässigte, mehr oder weniger abstrakt her­ zuordnen; in einer bestimmten Phase der Neuen Linken waren
untergeschulte, großenteils positivistisch-definitorisch missverstan­ daran die Theoretikerlnnen fast aller Strömungen mehr oder weni­
dene kategoriale Ebene der Kritik der politischen Ökonomie über­ ger beteiligt, und alle standen unter dem Druck der bewegungs­
haupt wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt zu haben. ideologischen unmittelbaren Praxis- und Politikbedürfnisse, deren
Andererseits fanden diese Rekonstruktionsversuche in einem eigen­ Dominanz noch nie an einen anderen Ort als in den ideologischen
artigen Milieu statt. Die Abwendung vom Parteimarxismus hatte Sumpf geführt hat.Was die Beschäftigung mit der Marxschen The­
auch strukturelle Gründe. Denn die dogmatische Erstarrung oder orie angeht, so zerfiel sie grob gesagt in eine so genannte neuere
revisionistische Auflösung des Parteimarxismus war letztlich dar­ Orthodoxie einerseits und die so genannte Neue Marxlektüre ande­
auf zurückzuführen, dass sich Arbeiterbewegung und Arbeiterpar­ rerseits. Das Adjektiv »neu« verweist in beiden Fällen nicht nur auf
teien längst kapitalistisch institutionalisiert hatten und der Marx­ die Neue Linke im akademischen Mittelschichtsfeld, sondern auch
schen Theorie eigentlich gar nicht mehr bedurften - außer vielleicht auf den (jeweils unterschiedlich ausgeprägten) Durchgang durch
zu nostalgischen Erbauungszwecken. Der theoretische Marxismus das philologisch anspruchsvolle Rekonstruktions-Projekt, dessen
wurde akademisiert und zur Randerscheinung im bürgerlichen Wis­ Erzeugnisse man sich inzwischen mühsam antiquarisch zusam­
senschaftsbetrieb gemacht.Dem entsprach eine marx-philologische mensuchen muss.
Beschränktheit des Rekonstruktions-Projekts, das etwa nach dem Bezeichnenderweise war es gerade die neuere Orthodoxie, die
Motto verfuhr, akribisch-kniefieseHg herauszuschälen, »was Marx sich nur noch bedingt und zunehmend marginal auf die kategoriale
wirklich sagte«. Weil eine Einordnung der eigenen Intention wie Ebene der Marxschen Theorie einlassen wollte, meist wie schon in
des Gegenstands ihrer Abstoßung in die konkret-historische gesell­ der alten Sozialdemokratie eher zu Schulungszwecken (etwa in den
schaftliche Entwicklung selbst weitgehend unterblieb, führte die Vorlesungen zur Einführung in das Marxsche »Kapital« von W.F.
Beschäftigung mit der kategorialen Ebene der Marxschen Theorie Haug) als im Sinne einer konkret-historischen und analytischen
auch nicht zu einer neuen Zielsetzung radikaler Kritik. Aber man Vermittlung. Das Verlassen dieser Ebene lässt sich exemplarisch

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an der so genannten Regulationstheorie oder »Regulationsschule« in einer oberflächlichen Betrachtung von Zeiterscheinungen unter,
ablesen, die ursprünglich noch auf die Grundkategorien der Kri­ so umgekehrt in der Neuen Marxlektüre die empirisch-analytische
tik der politischen Ökonomie bezogen war, sich aber alsbald davon Ebene der Theorie in einer kategorialen philologischen Selbstgenüg­
löste zugunsten einer positivistisch-empiristisch verplatteten The­ samkeit. Mit seiner »esoterischen« Thematik schien sich der ganze
oriebildung (zur Kritik vgl. Kurz 2005 b, 423-451). Insgesamt kann Ansatz als »ewiger Geheimtipp« für ein Schattendasein im links·
man sagen, dass es ausgerechnet die neuere Orthodoxie war, die sich akademischen Betrieb und an den Katzentischen der einschlägigen
nicht nur wie die alte verhielt, sondern eigentlich sogar im klassi· Publizistik zu qualifizieren. Auf schwacher Flamme glühte die theo­
sehen Sinne zumindest implizit zunehmend selber einer revisio­ retische Problematik durch die gelegentlichen Ausfälle der neueren
nistischen Orientierung verfiel. Das Schwergewicht der Theorie· Orthodoxie, die wenigstens auf ihrem eigenen neueren Sonntags·
bildung und der Publikationen (im deutschsprachigen Raum etwa schulen-Terrain tatsächlich »orthodox« bleiben zu wollen geruhte
bei Zeitschriften wie »Das Argument«, »Sozialismus« oder »Pro­ und den begrifflichen Tiefenbohrungen der Neuen Marxlektüre mit
kla«) verlagerte sich irreversibel von den Auseinandersetzungen um wachsendem Misstrauen gegenüberstand.
Grundkategorien (Wert- und Geldtheorie, produktive und unpro· Belebt wurde die Auseinandersetzung im Lauf der r99oer Jahre,
duktive Arbeit, »Reduktionsproblem«, »Transformationsproblem« als sich bei der Neuen Marxlektüre die Marx-Rekonstruktion all­
usw.), die ohne Lösung blieben, auf eine oft soziologisch und über· mählich in eine Marx-Kritik verwandelte. Dafür sorgte auch die the·
haupt phänomenologisch verkürzte Analyse von Entwicklungspro· oretisch-publizistische Intervention von Michael Heinrich, der mit
zessen, Zeiterscheinungen und gesellschaftlichen Konflikten; teil­ seiner »Wissenschaft vom Wert« (Erstauflage 1999) nicht nur das
weise offen wie ein Scheunentor für Ideologien des akademischen Terrain der Rekonstruktion von der basalen Wertform-Analyse auf
Betriebs und Modeströmungen des Zeitgeistes. Von einer kategoria· die gesamte Marxsche Kapitalanalyse erweiterte, sondern auch die
len Vermittlung im Sinne der Marxschen Kritik konnte kaum mehr Frage der Kritik an Marx über seine theoretischen Referenzen hin·
oder nur noch in oberflächlichen Bezügen die Rede sein; übrigens aus verschärfte. Schon in der Einleitung seines Hauptwerks heißt es
gerade auch hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse (so erwarb mit Blick auf das Rekonstruktions-Projekt deutlich: »Die Erschlie·
sich das »Argument« im Unterschied zu den meisten anderen lin­ ßung und Systematisierung der Marxschen Texte, die in den 7oer
ken Theoriezeitschriften zwar große Verdienste durch eine Öffnung Jahren unter diesem Titel stattfand, war zwar ein wichtiger Schritt
zur feministischen Theorie, blieb aber gerade hier den kategorialen zur Aneignung der Marxschen Theorie. Sie setzte aber voraus, dass
Bezug weitgehend schuldig). es einen einheitlichen und korrekten Diskurs gibt, der aus den ver­
Die Frage der Grundkategorien und ihrer Interpretation tauchte schiedenen Marxschen Entwürfen lediglich herauszuschälen, eben
bei der neueren Orthodoxie eigentlich vor allem dann noch auf, wenn zu >rekonstruieren< und gegen Vulgarisierungen und falsche Inter·
es um den schwelenden Konflikt mit der Neuen Marxlektüre ging. pretationen abzugrenzen sei. Die Kritikfähigkeit gegenüber dem
Letztere war es, die (vor allem in den Arbeiten von Hans Georg Back­ Marxschen Text blieb dabei systematisch beschränkt« (Heinrich
haus und Helmut Reichelt, später in der Neuformulierung durch 2003/1999, 16, Hervorheb. Heinrich).
Michael Heinrich) das Rekonstruktions-Projekt weiterführte und Man kann sogar sagen, dass bei Heinrich die »Kritikfähigkeit«
zunächst auf die verschiedenen Aspekte der Marxschen Wertform­ gegenüber Marx das Zentrum der theoretischen Anstrengungen bil­
Analyse konzentrierte. Der Preis dafür war in vieler Hinsicht der fast det. Nun ist natürlich zu fragen, in welchem Sinne der Begriff der
vollständige Verzicht aufkonkrete gesellschaftliche Prozessanalysen Kritik hier zu verstehen ist. Die Kritik kann sich zum einen auf den
und Verortungen der eigenen historischen Situation. Dabei zeigte notwendig unvollendeten Charakter der Marxschen Theorie und in
sich schon eine merkwürdige »Arbeitsteilung« der Kontrahenten in dieser Hinsicht auf deren historische Ortsgebundenheit beziehen.
Form von spiegelbildlichen, komplementären Defiziten. Ging für die Sie kann aber auch auf die Grundlagen und den Modus der Marx­
neuere Orthodoxie die kategoriale Ebene der Theorie zunehmend schen Theorie selbst zielen. Auch bei einer formal immanenten

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Kritik kommt es auf das Kriterium an; sie kann das Unvollen­ und in Beziehung zu unserem heutigen historischen Standort zu
dete benennen, die Theorie von innen heraus gemäß ihrem eige­ setzen. Aus der Sicht der hier vertretenen Einschätzung war die his­
nen Impuls weiterentwickeln und über sich hinaustreiben, oder sie torische Begrenztheit im 19. Jahrhundert eine doppelte, wobei die
kann die Theorie in ihrem immanenten Vollzug an einem dennoch beiden Momente miteinander zusammenhängen.
äußerlichen Maßstab inhaltlicher oder wissenschaftstheoretischer Zum einen stellt die Marxsche theoretische Revolution zwar einen
Bestimmungen messen und damit deren eigenen Impuls verlassen Bruch mit der kapitalistischen Aufldärungsvernunft dar, ist aber
oder überhaupt negieren. Im ersten Fall geht es um die schon ange­ unter den Bedingungen der damaligen Zeit und ihrer theoretischen
sprochene Transformation der Marxschen Theorie, im zweiten doch Ausdrucksformen noch mit den Schlacken dieser Vernunft behaf­
wieder bloß um ihre Revision - diesmal allerdings weit über den tet (so vor allem der bürgerlichen Geschichts- und Fortschrittsme­
klassischen Revisionismus hinaus um die Preisgabe der kategoria­ taphysik in ihrer Hegelschen Darstellung). Ein noch weiter gehen­
len Grundlagen selbst, gerade weil deren negativer Charakter und der Bruch war unter den gegebenen historischen Bedingungen gar
damit die Brisanz dieser Ebene erkannt wurde. nicht möglich, denn das Kapital und seine Vernunft hatten ja noch
Seit Mitte der r98oer und verstärkt in den 199oer Jahren tauchte eine lange Entwicklung auf ihren eigenen Grundlagen vor sich. Die
die hier vertretene wertkritische bzw. (unter Einbeziehung des kategoriale Kritik an der fetischistischen Konstitution des Kapitals
modernen Geschlechterverhältnisses) wert-abspaltungskritische bricht sich daher streckenweise an den Resten bürgerlicher Ontolo·
Interpretation der Marxschen Theorie für die anderen Kombattan­ gie im Marxschen Denken. Zum andern band Marx zwangsläufig
ten als eine Art UFO im Feld der gesellschaftskritischen Auseinan­ seine Theorie in vieler Hinsicht an die erst beginnende Arbeiterbe­
dersetzung auf. Sie wurde sofort von beiden Seiten, also sowohl der wegung, deren immanentes Ziel aber nur die eigene Anerkennung
neueren Orthodoxie als auch der Neuen Marxlektüre, nach geschei­ als Funktionssubjekt auf dem Boden der kapitalistischen Katego­
terten Totschweigversuchen mit schärfster Polemik überzogen (und rien war: eine Aufgabe, die der kapitalistischen »Modernisierung«
darf natürlich auch ihrerseits nichts schuldig bleiben). Bis heute ist selbst und nicht dem Bruch mit dieser angehörte. Daraus entstand
dabei nicht ganz klar, ob unser Beharren auf zentralen Bestimmun­ eine Spannung nicht nur zwischen der Marxschen Theorie und der
gen des fetisch-kritischen Marx oder die gerade in diesem Sinne for­ bürgerlichen Ideologie der Arbeiterbewegung, sondern auch eine
mulierte transformatorische Kritik am »Arbeiterbewegungs«· Marx Spannung in der Marxschen Theorie selbst. Noch die alte Orthodo­
den größeren Stein des Anstoßes bildet. Letzterer ist nicht nur aus xie hatte diese Spannung weitgehend einseitig in das Modernisie­
nostalgischen Gründen identitär besetzt, sondern er soll auch im rungs- und Anerkennungs-Paradigma aufgelöst. Deshalb kann man
Kern der Theorie erhalten bleiben, um ihn dann auf derselben sozio­ den bisherigen Marxismus insgesamt als »Arbeiterbewegungsmar­
logischen Oberflächenebene »korrigieren« zu können (nämlich im xismus« in der kategorialen Befangenheit (oder Gefangenschaft) des
Sinne der postmodernen linken Mittelschichts-Ideologie), während kapitalistischen Formzusammenhangs kennzeichnen. Heute, zu
der »andere« Marx weiter mit Schweigen übergangen oder sogar als Beginn des 2r. Jahrhunderts, hat sich der Kapitalismus dagegen zur
ein wenig »spinnert« abgetan wird. Kenntlichkeit seines fetischistischen Wesens und seiner Krisenreife
Die Kritik an der unvollendeten theoretischen Revolution muss entwickelt. Gerade deshalb musste sich der bisherige Marxismus in
aber deren Weitertreiben beinhalten, nicht ihre partielle oder gänz· allen seinen Strömungen erschöpfen, insofern die Modernisierungs­
liehe Zurücknahme. Die Frage lautet: Mit Marx über Marx hinaus und Anerkennungs-Intention schlicht gegenstandslos geworden ist.
oder gegen Marx hinter Marx zurück? Eine transformatorische Wei­ Die Kritik an Marx seitens der Neuen Marxlektüre, insbesondere
terentwicklung, sofern diese ernsthaft gewollt und nicht nur im in der Version von Michael Heinrich, ist dagegen ihrem Werdegang
Sinne einer Anpassung an die kapitalistischen Verhältnisse des 2I. gemäß viel enger philologisch gefasst ohne tiefer gehende histo­
Jahrhunderts vorgegaukelt wird, setzt voraus, die Marxsche Theorie rische Einordnung und in dieser Enge vor allem auf die bürgerli­
einzig im Sinne ihrer relativen historischen Schranken zu kritisieren che Wirtschaftswissenschaft und deren akademische Entwicklung
bezogen, wobei die Frage des Marxschen »Bruchs mit dem theoreti­ In der Haugschen Invektive kommt nur das Beharren zum Aus­
schen Feld der politischen Ökonomie« (Heinrich, a. a. 0, 121) in ein druck, die Marxsche Theorie im Horizont der vermeintlich unend­
eigentümliches Zwielicht gerät, wie noch zu zeigen sein wird. Dies lich sich fortsetzenden »Modernisierungsgeschichte« unter faden
betrifft insbesondere das Problem, in welchem Verhältnis die Hein­ realpolitischen und bewegungsopportunistischen Prämissen und
richsche Marx-Kritik zur bürgerlichen Neoklassik und zur postmo­ auf dem weder theoretisch noch praktisch in Frage zu steUenden
dernen Ideologie (beides hängt wiederum zusammen) steht. Boden der kapitalistischen Grundkategorien zu interpretieren.
Es könnte nun so scheinen, als stünde die neuere Orthodoxie in Diese Option, und darin besteht die Dialektik einer vermeintlich
reiner Opposition und Abwehr der hier sich andeutenden Auseinan­ bruchlosen und bloß modernisierungsgemäß modifizierten Fortset­
dersetzung um die Kritik an bestimmten Elementen der Mancschen zung des Marxismus, ist heute jedoch nicht mehr zu haben, ohne
Theorie gegenüber, um die alte Identität zu behaupten. Aber das ist selber in mehrfacher Hinsicht uneingestandene Brüche zu vollzie­
nur bedingt der Fall. Natürlich erregen sich die Häuptlinge einer ins­ hen. So ist zum einen auch die vermeintliche Orthodoxie längst von
gesamt eher an traditionellen Verständnismustern (oder jedenfalls der postmodernen Denkweise durchlöchert wie ein Schweizer Käse.
an einer ungebrochenen Fortsetzungsgeschichte des Marxismus) Das kann kaum verwundern, da sie ja auf der kategorialen Ebene sel­
orientierten Lesart über die Redeweise vom »doppelten Marx«, wie ber wider:;;tandslos geworden ist und die phänomenologisch-soziolo­
sie in der hier vertretenen wert-abspaltungskritischen Theorie längst gische und »praxeologisch«-politizistische Beschränktheit der Ana­
gängig ist, oder über die daraus resultierende Bestimmung eines lyse für den genau dazu passenden postmodernen, dekonstruktivis­
»exoterischen« und eines »esoterischen« Marx; eine zuerst wohl bei tischen Diskurspositivismus sperrangelweit offen sein muss.
Stefan Breuer (1977) aufscheinende Differenzierung im Marxschen Zum andern hat die neuere Orthodoxie (erst recht natürlich ihre ex­
Werk. Von Marx selber wurden diese Bezeichnungen (in den »Theo­ »realsozialistische« östliche Verwandtschaft) durch den Zusammen­
rien über den Mehrwert«) für Adam Smith verwendet, den eigentli­ bruch der DDR und der Sowjetunion einen derartigen Treffer einste­
chen Begründer der modernen »ökonomischen Wissenschaft«. Laut cken müssen, dass sie sich eigentlich gar nicht mehr auf den Beinen
Marx besteht die »exoterische« Seite der Theorie von Smith darin, halten kann und vom theoriegeschichtlichen Ringrichter ausgezählt
die kapitalistischen Phänomene erst einmal bloß zu beschreiben, werden muss. Mit zugeschwollenen Augen, zerschlagener Nase und
also die Kategorien nur in ihrer oberflächlichen Daseinsweise zu weichgeklopftem Hirn glaubt nun auch der bibelfesteste Restmar­
bestimmen. Der »esoterische« Smith dagegen habe sich, wenn auch xist, sich zu neuen Ufern fortschleppen zu müssen: »Dass wir uns
fehlerhaft und affirmativ, um eine theoretische Wesensbestimmung dabei immer wieder über Marx hinausbewegen, ist selbstverständ­
des kategorialen »inneren Zusammenhangs« bemüht. W.F. Haug lich« (Haug 2004, 705). Aber wie und in welchem Zustand, und vor
empört sich nun darüber, diese Differenzierung in anderer Weise allem: wohin? Schau auf deinen Weg, kann man da nur sagen; vor
auch bei Marx selbst vorzunehmen: »Zu den skurrilen Erscheinun­ allem wenn Haug mit einem Selbstzitat fortfährt: »Für marxisti­
gen des verbalradikalen Umgangs mit Marx im Postkommunis­ sches Denken muss es daher als ausgeschlossen gelten, unkritisch
mus gehört, dass diese Unterscheidung auf ihren Urheber, Marx, an Marx anzuknüpfen« (ebenda). Auch hier ist umgekehrt kritisch
rückübertragen worden ist« (Haug 2005/1974, 176, Fußnote). Nicht nach Inhalt und Tendenz der spätestens seit 1989 wohlfeilen Marx­
nur für Haug ist es unerträglich, wenn die bloß modernisierungs­ Kritik zu fragen, statt sie zur gemütlichen neuen Diskurs-Garten­
theoretischen, fortschr ittsmetaphysischen und »arbeiterbewegten« laube zu erklären und sich dort wohlwo1Jend einzufinden. Gerade
Momente der Marxschen Theorie als »exoterische« und historisch die politizistische Einbindung der neueren Orthodoxie (inzwischen
verfallende, die fetisch-kritischen, auf den Selbstzweckcharakter des im Dunstkreis der Linkspartei) legt den Verdacht nahe, dass die anvi­
»abstrakten Reichtums« und das »automatische Subjekt« des Werts sierte Marx-Kritik eher der Legitimation von Mitmach- und Anpas­
bezogenen Momente dagegen als »esoterische« und zukunftsfahige sungsbedürfnissen zwecks Pflege der Wunden dient, nachdem man
bezeichnet werden. von der realen Geschichte auf die Bretter geschickt worden ist. Unter

26
solchen Vorzeichen ist die scheinbar orthodoxe Abwehr einer Histo­ historische ursprüngliche Konstitution des Kapitals kategorial zu
risierung des Arbeiterbewegungs-Marx identisch mit einer bloß zeit­ fassen? Zum anderen ist der Status der Kategorien in der kapitalisti­
geistigen, selber revisionistischen Marx-Kritik, die sogar noch hinter schen Binnengeschichte zu bestimmen. Handelt es sich um an sich
den »exoterischen« Marx zurückfällt. dynamische Daseinsformen, die nur in der theoretischen Abstrak­
Den Hintergrund für die Absicht einer mehr oder weniger deut­ tion als immergleiche erscheinen können, oder sind sie an sich sta­
lichen Abstoßung von Marx bilden also sowohl für die neuere Ortho­ tisch, so dass ihnen eine äußere, bloß empirische Ereignisgeschichte
doxie a1s auch für die Neue Marxlektüre zum einen der Zusammen­ gegenübersteht? Von der Beantwortung dieser Frage hängt es nicht
bruch des »Realsozialismus«, das Ende des Kalten Kriegs und die nur ab, ob überhaupt eine abschließende Darstellung des »Kapitals
dritte industrielle Revolution, zum andern das postmoderne Bedürf­ im Allgemeinen« möglich ist, sondern auch, ob es eine innere histo­
nis und die postmoderne Ideologie im Horizont eines linken Mit­ rische Schranke der Kapitalverwertung gibt (Krisentheorie).
telschichts-Bewusstseins. In der Auseinandersetzung damit wird es Der dritte Komplex befasst sich mit dem Verhältnis der Kate­
sich entscheiden, ob es zu einer Transformation der Marxschen The­ gorien zur kapitalistischen Totalität od1er dem »Gesamtprozess«
orie im Sinne der weiterzutreibenden theoretischen Revolution oder (Marx) des Kapitals, der erst im dritten Band des Marxschen Haupt­
eben zu einem Revisionismus neuer Qualität kommt. Im Mittel­ werks behandelt wird. Hier bezieht sich die Frage nach dem Status
punkt stehen dabei zwangsläufig die grundlegenden Kategorien der der Kategorien auf das Verhältnis von Einzelheit und gesamtgesell­
Kritik der politischen Ökonomie und ihr Status. Es sind wenigstens schaftlicher Allgemeinheit. Lassen sich die Kategorien der Kritik der
fünf Fragenkomplexe, die in dieser Hinsicht zu bearbeiten und zu politischen Ökonomie begrifflich an der einzelnen Ware und dem
klären sind, wobei der vorliegende Essay zunächst nur das Terrain einzelnen Kapital darstellen oder handelt es sich von vornherein um
abstecken kann, um eine Übersicht zu den Grundlinien des unaus­ Totalitätskategorien, die als solche nur für das Ganze gelten und aus
weichlichen theoretischen Konflikts zu geben. der Sicht der einzelnen ökonomischen Subjekte und ihres Handelns
Der erste Komplex betrifft die Frage, inwieweit die Marxschen verkehrt erscheinen müssen? Das würde: auch bedeuten, dass der
Kategorien nicht bloß theoretische Kategorien oder ein bloß hypo­ Marxsche Begriff des »individuellen Werts« falsch und allein seinem
thetisches »Modell« darstellen, sondern Realkategorien oder laut »Darstellungsproblem« geschuldet ist, wobei implizit und ungewollt
Marx »objektive Daseinsformen« sind, denen »objektive Gedanken­ der »methodologische Individualismus« bürgerlicher Sozialwissen­
formen« entsprechen. Im letzteren Verständnis ist allerdings die schaft zum Vorschein kommt und den Fortgang der theoretischen
Differenz zwischen dem realhistorischen Verhältnis und dessen the­ Revolution hemmt.
oretischer Reflexion dennoch keineswegs eingeebnet. In der Theorie Der vierte Komplex macht den Status der Kategorien im Ver·
muss nämlich der Status der Kategorien ein anderer sein als in der hältnis von Wesen und Erscheinung aus. Handelt es sich bei den
Realität. Daraus ergibt sich das berühmte »Darstellungsproblem« in Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie um Wesensbestim­
der Stufenfolge der Marxschen Theorie, das von der Neuen Marx­ mungen eines »transzendentalen Apriori«, die nicht unmittelbar als
lektüre zwar ins Spiel gebracht, aber keineswegs zureichend gelöst solche erscheinen können, aber dennoch die gesellschaftliche Rea­
worden ist. lität konstituieren, oder sind die kapitalistischen Phänomene als sol­
Der zweite Komplex bezieht sich auf die Historizität der Katego­ che direkt kategorial zu erfassen und können für sich stehen? Als
rien in einem doppelten Sinne. Zum einen geht es um ihren Sta­ transzendentale Realkategorien können sie nicht empirisch sein,
tus in der vormodernen oder vorkapitalistischen Geschichte. Sind als empirisch verstandene bedürfen sie keiner transzendentalen
sie als formations-übergreifende oder gar transhistorische zu verste­ Bestimmung. Im ersteren Verständnis können Theorie und Empi·
hen, zumindest für die so genannten höheren Kulturen seit etwa der rie nicht ineinander aufgehen und die Erscheinungen müssen erst
neolithischen Revolution, oder gelten sie im strengen Sinne nur für dechiffriert werden; im letzteren fallen Wesen und Erscheinung,
den Kapitalismus? Worin besteht dann die Differenz und wie ist die damit auch Theorie und Empirie unmittelbar zusammen oder die

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Kategorien sind eben unmittelbar empirische. Es gibt dann eigent­ bloße »Verstandesabstraktion« (Hegel) des einzelnen Handelns
lich nur noch Erscheinungen einerseits und deren »Wissenschaft· (etwa den sog. Tauschakt) als wesentlich und konstitutiv setzt. Nicht
liehe« Beobachtung andererseits. umsonst ist dieses Problem dem Marxismus fremd geblieben und
Der fünfte Komplex bildet in gewisser Weise die Conclusio des bestenfalls ebenso marginal wie unzureichend thematisiert worden.
kategorialen Gesamtverständnisses. Ist der Status der Kategorien Aufs Ganze gehen heißt die Devise. Die Konsequenz kann nur in
der Kritik der politischen Ökonomie ein positiver oder ein negativer? einem expliziten Programm der kategorialen Kritik und des prak­
»Positiv« ist hier im Sinne einer neutralen äußeren Gegenständlich­ tischen kategorialen Bruchs bestehen, also einem weitergehenden
keit zu verstehen, der ein Erkenntnissubjekt gegenübersteht. Das »Programm der Abschaffungen« (Karl Korsch). Genau diese Entfal­
ist die grundsätzliche Konstellation des Wissenschaftsbetriebs, die tung negativer Energie meint der Begriff der theoretischen Trans­
den Begriff der Kritik ausschließt und damit eigentlich auch den formation, dem nur noch ein fundamentaler Revisionismus ver·
Untertitel des Marxschen »Kapital«. Kritik muss dann durch eine schiedener Couleur in den Gestalten des Rest- und Postmarxismus
ebenso äußerliche Ethik ersetzt werden. Die Kategorien sind aus die­ gegenübersteht. Transformation oder Revision, das ist hier die Frage.
ser Sicht nicht nur bloße Denkmodelle (wie im ersten Komplex ange­ Deshalb ist Konfrontation angesagt und nicht postmodern-akade­
deutet), sondern auch auf eine unhinterfragbare Objektivität bezo­ mischer Eklektizismus. In einem neuen Anlauf der Polemik lässt
gen, deren »Gesetzmäßigkeiten« bloß erkannt und instrumentell sich das Problem als historisch-gesellschaftlicher Gesamtzusam­
bearbeitet werden sollen. Ist der Status der Kategorien dagegen ein menhang zunächst besonders deutlich an Realität und Begriff des
negativer, dann kann auch ihre Erkenntnis nur eine negative sein, Geldes darstellen. Im Geld erscheint zentral das Wesen; das Geld
also sich nur im Modus der Kritik am Gegenstand selbst vollziehen, ist Kategorie und greifbares Phänomen zugleich, Knotenpunkt der
der zu zerstören ist und dessen »Gesetzmäßigkeiten« abgeschafft Geschichte und sichtbarer Gegenstand der Abschaffung. Deshalb
werden müssen. kann an diesem Gegenstand die negative kategoriale Bestimmung
Aus dieser kurzen Übersicht ist schon zu ersehen, dass ein Wei­ am schärfsten die positivistische Tatsachenhuberei und phänome­
tertreiben der Marxschen theoretischen Revolution in epistemischer nologische Beschränktheit destruieren.
Hinsicht grundsätzlich wissenschaftskritisch sein wird und mit jed­
wedem positivistischen Verständnis des Kapitals Schluss machen
.
muss, wie es noch für den gesamten Arbeiterbewegungsmarxismus
(Orthodoxie und Revisionismus gleichermaßen) kennzeichnend war
und in postmodern reformulierter Weise fröhliche Urständ gefeiert
hat. Ein wesentliches Moment bei dieser Überwindung des positi­
vistischen Denkens bildet die radikale Kritik des »methodologischen
Individualismus«, nicht nur wie im dritten Komplex oben angespro­
chen, sondern als übergreifendes Moment aller Aspekte einer Neu­
interpretation der Kritik der politischen Ökonomie. Es geht dabei
nicht um eine schwammige bürgerliche »Ganzheits«-Ideologie, son­
dern um die präzise Bestimmung des Verhältnisses von gesamtge­
sellschaftlichem Zusammenhang als Wesensbestimmung und ein·
zelnen Erscheinungen oder reproduktiven Mikro-» Einheiten« dieses
gesellschaftlichen Ganzen; also um die Kritik einer in den Gesell­
schaftswissenschaften dominierenden Denkweise, die an die Stelle
der (negativen) Totalität in ihrem Vermittlungszusammenhang die
des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Der widersprüchliche
Charakter dieser axiomatischen Setzung zeigt sich daran, dass das
Geld einerseits tatsächlich als ein gesellschaftlicher Quasi-Naturge­
Das Logische und das Historische genstand erscheint, obwohl bereits dieser Status eine contradictio in
adjecto darstellt, während es andererseits als eine Art »geniale Erfin­
dung« gilt, die in unbestimmbarer Frühzeit gemacht worden sei wie
Wenn wir von der Rationalität oder Irrationalität gesellschaft­ das Rad oder der Pflug.
licher Verhältnisse sprechen (und das Geld ist ein allerdi ngs sehr Eine andere, den Widers pruch bewusst aufnehmende Herange·
eigentümliches gesellschaftliches Ve rhältnis) , dann bedarf es eines hensweise i st nur möglich im Modus der kategorialen Kritik, also
Maßstabs, der erst gewonnen und dargelegt werden muss. Man kann einer negativen Bestimmung. Die Kritik als Erkenntnisform der
das Problem freilich auch umgehen, indem man es aus dem Gegen­ Kategorie Geld führt die destruktiven sozialen Erscheinungen in der
stand selber herausnimmt und in die richtige oder falsche Einsicht vom Geld beherrschten modernen Gesellschaft nicht auf einen irra­
sowie ins bloß subjektive Kalkül verlegt. So erscheint das Geld in der tionalen Umgang mit der Kategorie, sondern auf deren Irrationalität
gewöhnlichen Auffassung nicht nur des Alltagsverstands, sondern selbst zurück. Das Geld wird daher nicht als unhinterfragbar voraus·
auch der ökonomischen Wissenschaft als ein neutraler Gegenstand gesetzt, sondern in seiner Konstitution reHektiert. Der aus Leidens­
wie eine Naturressource; von den schwäbischen Hausfrauen über erfahrungen gewonnene kritische, negative Impuls ist insofern die
die Politstrategen der Schuldenbremse bis zu den linken Theoreti­ Bedingung der Möglichkeit für die Erkenntnis dieses Gegenstands
kern einer »demokratisierten Währung«. Man könne damit rational als solchen, statt ihn bloß positiv-»wissenschaftlich« auf seine Funk­
oder irrational umgehen, aber das habe nichts zu tun mit der Quali· tionen hin zu befragen.
tät der Sache selbst. Geld bildet aus dieser Sicht als Zentralmedium die allgemeine
Die Frage verschiebt sich also nach Art der Naturwissenschaft in reale Darstellungsform einer an sich irrationalen Gesellschaft­
das polare Gegenüber von reinem Objekt einerseits, das stets vor· Hchkeit, in der sich gegenüber den gesellschaftlichen Individuen
gegeben ist, ohne in Frage gestellt werden zu können , und reinem ihre eigenen sozialen Beziehungen zu einem buchstäblich dingli­
Erkenntnis- und Handlungssubjekt andererseits, das sich darauf chen, objektivierten Zusammenhang verselbständigt haben, der
richtig oder falsch beziehen kann. Diese Konfiguration ist aber auch daher auch einer pseudo-naturgesetzlichen blinden Eigendynamik
schon hinsichtlich der außermenschlichen Natur eine historisch­ unterliegt, obwohl er nur aus dem Handeln eben dieser Individuen
gesellschaftlich bestimmte. Denn so wenig die physikalischen und besteht. Es ist das, was Marx wie oben e:rwähnt als gesellschaftli­
biologischen Voraussetzungen der Gesellschaft in bloße Konstrukte chen Fetischismus, als Selbstzweck eines bloß »abstrakten Reich·
aufgelöst werden können wie in der naturvergessenen postmoder­ tums« in der Geldform und als »automatisches Subjekt« der Gesell­
nen Ideologie, so wenig können sie als neutrale und rein äußerliche schaft bezeichnet hat. Wenn wir vom Geld sprechen, sprechen wir
Gegebenheiten unabhängig von der gesellschaftlichen Form ihrer also vom Kapitalismus, denn nur in dieser historischen Formation
Wahrnehmung (und Bearbeitung) verstanden werden. Umso mehr hat das Geld jenen Charakter als eigenständiger sozialer Fetisch und
gilt das für die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst, die, wie wir als übergreifender Zusammenhang mit einer quasi-automatischen
seit Vico wissen, auch selbst gemachte sind und daher keineswegs in Eigengesetzlichkeit angenommen. In dieser Begriffsbestimmung
derselben Art und Weise wie objektive Naturgegenstände betrachtet muss das Geld als eine historisch begrenzte Erscheinung verstan­
und behandelt werden können. Zumindest sollte man als bekannt den werden.
voraussetzen dürfen, dass das Geld nicht auf den Bäumen wächst. Die Schwierigkeit besteht jedoch zunächst darin, dass es Geld in
Die Erkenntnis des Geldes wird verdunkelt durch seinen Charak­ verschiedenen Formen, vor allem Quanta von Edelmetall und etwa
ter als eine anscheinend positive kategoriale Selbstverständlichkeit seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. geprägte Münzen, offensichtlich

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schon längst vor dem Kapitalismus gegeben hat; die Spuren reichen h:1salen Formen insgesamt im Verhältnis zu ihrer Logik erörtert.
in der Tat bis in prähistorische Zeiten zurück. Damit legitimiert 1 1der anders gesagt: Ist diese reale Logik zugleich diejenige einer
sich ja auch der ideologische Status als jene gesellschaftliche Quasi­ l 1 istorischen Abfolge, und ist damit die Logik der »einfachen« For·
Naturgegenständlichkeit. Aus dieser gewissermaßen antediluviani­ 1 1 1cn bis zum Geld bereits eine vorkapitalistisch gültige?
schen Existenz von Geld wird die Schlussfolgerung gezogen, dass Schon Friedrich Engels sprach bekanntlich in seiner Rezen·
es sich zumindest für den so genannten Kulturzustand um eine ::ion der Marxschen Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie«
anthropologische Konstante handelt. Sobald aber ein Konsens über (1 859) von einer »Einheit des Logischen und des Historischen«.
den mehr oder weniger transhistorischen Charakter eines sozialen Finerseits weist er dabei eine rein empirisch-historische Herleitung
Verhältnisses hergestellt ist, und trüge es noch so absurde Züge, wird der ökonomischen Formen zurück: »Die logische Behandlungs­
es der Möglichkeit von Kritik entzogen; zumindest ist die Hürde für weise war allein am Platz« (Engels 1968/1859, 475). Diese »logische
ein kritisches Verständnis viel höher als bei Gegenständen, deren llehandlungsweise« aber sei andererseits »nichts anderes als die his­
historisch begrenzter Charakter außer Frage steht. So erregt es in l orische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden
der Philosophiegeschichte kein Kopfschütteln, dass eine elementare /,ufälligkeiten. Womit diese Geschichte anfängt, damit muss der
Beziehung zwischen Menschen die Gestalt eines von ihnen unab­ Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird
hängigen toten Dings angenommen hat. Darüber hat sich eigentlich nichts sein als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konse­
erst Marx gewundert. quenter Form, des historischen Verlaufs « (ebenda).
Das Problem einer Präexistenz des Geldes spielt keineswegs Diese Engelssche Argumentation ist, was meist übersehen wird,
zufällig eine bedeutende Rolle in der neueren Debatte um die Marx­ entlehnt aus der Hegelschen Logik und Geschichtsmetaphysik. Bei
sche Kritik der politischen Ökonomie. Dies betrifft vor allem den Hegel bezeichnet jene Einheit des Logischen und Historischen die
Anfang des ersten Bandes des »Kapital«, wo Marx die elementaren innere Kontinuität des zu sich kommenden Weltgeistes im Medium
Formen von Ware und Geld begrifflich bestimmt und ihren inneren der Geschichte. Das Historische ist der prozessierenden Logik unter­
Zusammenhang analysiert. Das Geld erscheint dabei als allgemeine geordnet, der geschichtliche Prozess nur die innere Entfaltung eines
Darstellungsform einer gesellschaftlich übergreifenden Warenform transhistorischen Prinzips. Der Hegelschen Mystifikation entklei­
der Reproduktion. Das Kapital wird aus diesen Grundformen abge­ det, aber unter Beibehaltung derselben grundsätzlichen Auffassung
leitet, die gewissermaßen seine »Basis« zu bilden scheinen. einer Einheit von Logik (Form) und Geschichte, übersetzt die Dar­
Die Frage ist nun, wie dieser basale Charakter verstanden wer­ stellung von Engels diese Einheit in die Präexistenz und historische
den muss. Handelt es sich um den rein logischen inneren Auf­ Entfaltung des Formzusammenhangs von Ware und Geld. So auch,
bau des Kapitals auf seinen eigenen Grundlagen oder um eine und noch deutlicher, in seiner berüchtigten Ergänzung zum dritten
»Basis« im historischen Sinne, sodass den elementaren Bestim­ Band des »Kapital«: »Der Warenaustausch aber datiert von einer Zeit,
mungen von Ware und Geld bereits eine vorkapitalistische Reali­ die vor aller geschriebnen Geschichte liegt, die in Ägypten auf min­
tät zugrunde liegen würde? Letzteres scheint die Evidenz histori­ desten dritthalbtausend, vielleicht fünftausend, in Babylonien auf
scher Dokumente und Artefakte nahe zu legen. Marx bemüht denn viertausend, vielleicht sechstausend Jahre vor unserer Zeitrechnung
auch bei seiner logischen Formanalyse Annahmen von prähistori­ zurückführt; das Wertgesetz hat also geherrscht während einer Peri­
schen oder archaischen Daseinsformen und Beispiele aus antiken ode von fünf bis sieben Jahrtausenden« (Engels 1965/1894, 909).
sowie mittelalterlichen Verhältnissen, um die logische Genese des Das Marxsche Wertgesetz habe insofern gegolten »für die ganze
Geldes aus der Warenform zu erklären. Nicht um diese als solche Periode der einfachen Warenproduktion, also bis zu der Zeit, wo
soll es hier zunächst gehen, d. h. im Folgenden wird die Geldform diese durch den Eintritt der kapitalistischen Produktionsform eine
nicht separat in ihrer Marxschen Ableitung behandelt, sondern im Modifikation erfährt« (ebda). Demnach hätte sich also aus der bereits
Kontext der Wertformanalyse das Problem der Historizität dieser prähistorischen, wenn auch unentfalteten Logik der Warenform das

34 35
Geld entwickelt. Dieser Prozess habe sich fortgesetzt bis zur Heraus­ ausgetauscht wird« (ebda). Eindeutig konfundiert Marx hier seine
bildung einer relativ umfassenden »einfachen Warenproduktion« logische Formanalyse mit prähistorischen und antiken Praxisfor­
mit allgemeiner Geldform in den vormodernen Zivilisationen. Dar­ men, die als wertökonomische Grundstufen unterstellt werden, wäh­
aus wiederum sei das Kapitalverhältnis e ntstanden angefangen von
,
rend sie gleichzeitig als Illustrationen für die logische Genese der
frühmodernen Proto-Formen, aber ei gentlich bloß als die »Modifi­ Wertformen unter der impliziten Voraussetzung des Kapitalverhält­
kation« eines transhistorischen Formzusammenhangs. nisses dienen. Nicht anders in den früher geschriebenen, aber erst
Zwei wesentliche Punkte sind bei dieser Argumentation zu beach­ spät publizierten »Grundrissen«, wo Marx ebenso eindeutig sagt:
ten. Zum einen bezeichnet die so genannte Einheit des Logischen »Geld kann existieren und hat historisch existiert, ehe Kapital exis­
und des Historischen ganz im (bloß »materialistisch« gewendeten) tierte, ehe Banken existierten, ehe Lohnarbeit existierte etc Inso­
„.

Hegelschen Sinne eine ideologische Identität von Ontologie und his­ fern entspräche der Gang des abstrakten Denkens, das vom Ein­
torischem Prozess. Die innere Gesetzmäßigkeit, deren Charakter fachsten zum Kombinierten aufsteigt, dem wirklichen historischen
als Beweis für fetischistische Verselbständigungen dabei übrigens Prozess« (Marx 2005/1857-58, 37). Der Konjunktiv verrät den Zwei­
schon hier ignoriert wird, um sie zu positivieren, gilt gut bürgerlich­ fel, denn Marx ist zugleich bewusst, dass es »andrerseits« so etwas
aufklärungsideologisch als die transhistorische Entfaltung ontolo­ wie »sehr entwickelte Formen der Ökonomie« in der Geschichte
.„

gischer bzw. anthropologischer Bedingungen. Zum andern, und gibt, »ohne dass irgendein Geld existiert, z. B. Peru« (ebenda).
das soll hier zunächst interessieren, erscheint damit eine Stufen­ Aber im Großen und Ganzen lässt sich belegen, dass auch Marx
folge von Formbestimmungen, die nicht mehr diejenige des Kapi­ eine transhistorische Auffassung der Wertform-Entfaltung und in
tals ist, sondern der Geschichte im Ganzen. Es wird somit als Resul­ diesem Zusammenhang eines ontologischen oder anthropologi­
tat einer Vorgeschichte der von einem relativ frühen Zeitpunkt an schen Begriffs von »Ökonom ie« vertrat (worunter er ja laut obigem
bereits logisch voll ausgebildete innere Zusammenhang von »abs­ Zitat sogar »abweichende« historische Erscheinungen wie in Peru
trakter Arbeit«, Ware und Geld in vorkapitalistischen Formationen fasst). Jener Engelssche (eigentlich Hegel.ianische) Topos über die
angenommen, auf den das Kapital nur als ebenso logisch-historische Einheit des Logischen und des Historischen wurde daher im tradi­
Fortentwicklung gewissermaßen aufgesetzt worden sei. tionellen Marxismus kanonisiert und blieb lange Zeit unwiderspro­
Diese Interpretation von Engels war Marx nicht nur bekannt, son­ chen. Sowohl die positivistische Strömung innerhalb des Marxismus
dern wurde von ihm offenbar auch geteilt. Sie entspricht ja auch konnte als historisch-empirische »Tatsachenfeststellung« (Geld gab
dem geläufigen Verständnis des historischen Materialismus mit der es doch irgendwie schon im alten Ägypten!) damit etwas anfangen
Vorstellung einer in sich logischen, historisch notwendigen Abfolge als auch umgekehrt die logizistisch-hegelianisierende Strömung als
von Gesellschaftsformationen (also jener bloßen Umpolung der Bekräftigung einer transhistorischen spekulativen Prinzipien-Ent­
Hegelschen Geschichtsmetaphysik). Jedenfalls können einschlägige faltung. überhaupt bilden Positivismus und Hegelianismus die bei­
Marxsche Texte, vor allem die Ausführungen über die Wertbestim­ den Seiten derselben Medaille beim Rückfall des Marxismus hinter
mung und die Wertformanalyse im ersten Band des »Kapital«, wie die kategoriale Kritik.
schon angedeutet durchaus in diesem Sinne gelesen werden. So sagt Es ist ein Verdienst der von Hans-Georg Backhaus und Helmut
Marx über die »einfache Wertform« in seiner an sich rein logischen Reichelt im Gefolge des Rekonstruktions-Projekts begründeten
Analyse, dass sie nur vorkomme » in den ersten Anfängen, wo
„.
Neuen Marxlektüre, diesen Konsens der traditionsmarxi stis chen
Arbeitsprodukte durch zufälligen und gelegentlichen Austausch in Überlieferung aufgebrochen zu haben. Man muss dazu sagen, dass
Waren verwandelt werden« (Marx 1965/1890, 80). Die »entfaltete dieses Problem nicht von Anfang an im Mittelpunkt stand, sondern
Wertform« dagegen, so Marx, » „. kommt zuerst tatsächlich vor, erst im Zuge der Auseinandersetzung mit der neueren Orthodoxie
sobald ein Arbeitsprodukt, Vieh z. B., nicht mehr ausnahmsweise, zum Gehalt der Wertformanalyse an Bedeutung gewann. In seiner
sondern schon gewohnheitsmäßig mit verschiednen andren Waren Untersuchung »Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs« stellt

37
Reichelt zunächst nur fest, dass die »Form der Darstellung nicht
„. philologischen Sachverhalte bleibt nur die Bemerkung, dass Marx
unmittelbar identisch ist mit der Nachzeichnung der historischen selbst offenbar mit der Engelssehen Formel »zumindest >koket­
Genesis „.« (Reichelt 1970, lp}. Und gegen die Engelssche Formel tierte<« (Backhaus, a. a. 0, 157) und streckenweise »den >logischen<
wendet er lediglich ein, dass diese Beschreibung des »Verhältnisses Modus der Entwicklung durch eine Konzeption ersetzte, die eine
beider Methoden« (der logischen und der historischen) die Marxsche >logisch-historischen< Interpretation ermöglichte« (ebda).
Herangehensweise »nur in höchst vermittelter Weise« (a. a. 0, 133} Aus der Sicht dieser neuen Interpretation handelt es sich bei der
betreffe. Bei Marx gehe es vielmehr um die Erkenntnis »der inneren Marxschen begrifflichen Bestimmung des elementaren Formzu­
Logizität der Wertbewegung« und dabei werde der »Kapitalbegriff« sammenhangs von Ware und Geld also (teilweise anscheinend von
bereits »vorausgesetzt« (a. a. 0, 134). Marx selbst missverstanden) grundsätzlich nicht um eine histori­
In der polemischen Auseinandersetzung mit der neueren Ortho­ sche Darstellung, die vorkapitalistische Formationen oder überhaupt
doxie teils sowjetmarxistischer Prägung, teils in Gestalt von W.F. eine transhistorische Bedingtheit einschließen würde, sondern ein­
Haug als Vertreter der »logisch-historischen Methode« in der westli­ zig und allein um die begriffliche Entfaltung des Kapitalverhältnis·
chen Neuen Linken, verschärft dann Backhaus die Kritik an der his­ ses, deren Stufenfolge zwar mit den Grundformen von Ware und
torizistischen Argumentation. Er weist darauf hin, dass »wichtige Geld beginnt, aber eben als bereits kapitalistisch konstituierten.
ethnologische Untersuchungen« jene angebliche Einheit des Logi­ Damit sind wir beim berühmten »Darstellungsproblem« von
schen und des Historischen »als eine Summierung haltloser wirt­ Marx oder dem »Problem des Anfangs« in der Kritik der politischen
schaftshistorischer Spekulationen« (Backhaus 1997/1978, 163) ent­ Ökonomie angelangt. Das Kapitalverhältnis wird dabei wie schon
larven würden. Haugs Festhalten an der Engelssehen Formel, wenn­ angedeutet implizit vorausgesetzt als Bedingung der analysierten
gleich in »differenzierter« Weise (wie Backhaus zugesteht) erweise Waren· und Geldform, muss jedoch rein »darstellungslogisch« aus
sich »weder als logisch widerspruchsfrei noch als historisch stichhal­ diesem basalen Formzusammenhang erst in seinen Vermittlungs ­

tig« (a. a. 0, 165, Hervorheb. Backhaus). So kann Backhaus spotten, stufen erklärt werden. Was real die gesellschaftliche Totalität des
dass die Vertreter jenes Einheitspostulats »bislang bloß Ammen­ Kapitals ist, kann in der theoretischen Darstellung nicht unmittelbar
märchen über die Wertformen der älteren Steinzeit erzählt haben« als solche erscheinen. Vielmehr muss der Gegenstand erst gedank­
(a. a. 0, 165). lich als eine aufeinander folgende Reihe von Bestimmungen entwi­
Es ist hier nicht der Ort, diese Auseinandersetzung im Detail ckelt werden, die real nicht so, sondern unmittelbar als ein Ganzes
nachzuzeichnen; es geht nur um die Bestimmung des Grundpro­ existiert. Die Kategorien sind also reale, die jedoch in ihrem eigenen
blems. Auffällig ist freilich schon an dieser Stelle, dass die Kritik Dasein als Zusammenhang sich unterscheiden von dessen theoreti­
der Neuen Marxlektüre an Engels und der neueren Orthodoxie sich scher Darstellung (in der Neuen Marxlektüre bleibt dieses Verhält­
nur marginal darauf einlässt, den Charakter der vorkapitalistischen nis wie schon angedeutet einigermaßen unklar).
Erscheinungen von Geld und Tauschbeziehungen etc. zu erörtern Daraus ergibt sich für die gedankliche Erfassung und Erklä­
(etwa im Verweis auf »ethnologische Untersuchungen«). Es geht rung eine Dialektik von »Voraussetzung« und »Resultat«, worauf
eigentlich bloß um das Festschreiben eines rein »logischen« Cha­ Marx auch hinweist. In den »Grundrissen« sagt er über das Kapi­
rakters der Marxschen Wertformanalyse unter der impliziten Vor­ tal als Ganzes, als »Konkretes« und als (reale) »Einheit des Mannig ·

aussetzung des Kapitals. Die »Logik« ist dabei anscheinend weni­ faltigen« im Verhältnis zur theoretischen Erfassung: »Im Denken
ger als eine reale des Kapitals an sich bestimmt, sondern eher bloß erscheint es . als Prozess der Zusammenfassung, als Resultat, nicht
als Ausgan gspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und
..

als eine der theoretischen Darstellung durch Marx (diese Unklarheit


des Bezugs von »Logik« wird uns bei der Neuen Marxlektüre auf daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstel­
Schritt und Tritt begleiten). Hinsichtlich der historischen Momente lung ist« (Marx 2005/1857-58, 35). Das Kapital ist also die wirkliche
in der Marxschen Darstellung und damit der auch gegenteiligen Voraussetzung, erscheint jedoch in der Darstellung erst als Resultat,

39
während in dieser umgekehrt die einfache Waren- und Geldform die kapitalistische Totalität rekonstruierenden theoretischen Abstrak­
gedankliche oder logische Voraussetzung bilden muss, während sie tion ist, also die vorläufige Betrachtung einer in die Augen sprin­
erst das wirkliche Resultat ist. Erst das Kapital als gesellschaftliches genden Oberflächenerscheinung (der endlose »Händewechse1«
Verhältnis hat nämlich die Waren- und Geldform in der uns bekann­ von Ware und Geld, wie er sich auf dem universellen Markt da rbie ­

ten Gestalt hervorgebracht (auch wenn das auf den ersten Blick his­ tet), die sich bei fortschreitender Darstellung als bloßer Ausdruck
torisch nicht so erscheint). der dahinter stehenden Kapitallogik entpuppt, verwandelt sich bei
Marx hat jedoch diesen Gedanken nicht durchgehalten. Zwar Engels in jene ominöse »einfache Warenproduktion« als vermeint­
bringt die Neue Marxlektüre Belege für eine solche Lesart; so spricht lich historisch reale Formation und damit auch historische Voraus­
Marx ja bereits im ersten Satz des »Kapital« nicht von der Ware als setzung des Kapitals. Aber Marx hat dieser Interpretation von Engels
einer vorkapitalistischen, sondern ausdrücklich als der Zellform auch nicht widersprochen. Er war sich offonbar selbst unsicher über
des kapitalistischen Reichtums und keines anderen. Ebenso heißt den Status seiner basalen Formbestimmungen.
es in den »Grundrissen«, die (darstellende) Reihenfolge der ökono­ So verwundert es kaum, dass die neuere O rthodoxie ihren Stand­
mischen Kategorien sei nicht bestimmt durch ihre realhistorische punkt einer transhistorischen Bestimmung der basalen Wertformen
Abfolge, sondern »durch die Beziehung, die sie in der modernen bis heute zäh verteidigt; teils durch marx-philologische Verweise mit
bürgerlichen Gesellschaft auf einander haben« ( Marx 2005/1857-58, derselben Berechtigung wie die Gegenseite, teils durch die Erwäh­
41). Mehrfach spricht Marx auch davon, dass nur auf Grundlage der nung von historischem Material, dessen Evidenz meist ohne genau­
kapitalistischen Produktionsweise die Produkte ganz oder überwie­ ere Prüfung geltend gemacht wird. Im Vorwort zur zweiten Auf­
gend die Warenform annehmen und durch Geld vermittelt werden. lage seiner Vorlesungen zur Einführung ins »Kapital« spricht 1-taug
Aber es finden sich auch gegenteilige Belege, nicht nur wie erwähnt zwar von einer gewissen »Unterscheidung zwischen genetisch-logi­
in der Wertformanalyse, sondern auch an zah lreichen anderen Stel­ scher und wirklich-historischer Ebene« (Haug 1976, 18), hält aber
len, wo er durchaus ähnlich wie später Engels davon spricht, dass die geradezu programmatisch fest: »Es ist ein zentraler Gedanke die­
in seiner Darste1lung entwickelte Waren- und Geldform viele histo­ ser Einführung, die Einheit von >Logischem< und >Historischem<
rische Formationen übergreife: »Warenproduktion und Warenzirku­ als grundlegend für die Methode der Kritik der politischen Ökono­
lation sind aber Phänomene, die den verschiedensten Produktions­ mie aufzuweisen« (ebenda). Im Fortgang seiner »einführenden«
weisen angehören, wenn auch in verschiednem Umfang und Trag­ Argumentation lässt er in dieser Hinsicht an Deutlichkeit nichts zu
weite« (Marx 1965/1890, 128, Fußnote). wünschen übrig: »Betrachtet man Auf bau und Resultat des Kapital,
Rein philologisch lässt sich mit der Marxschen Argumentation stößt man auf eine gleichsam phylogenetische (stammesgeschicht­
beides begründen; sowohl die Auffassung, dass es sich bei der basa­ liche) Dimension unserer bestehenden Gesellschaftlichkeit« ( Haug
len Formanalyse um die Darstellung einer bereits vorkapitalistisch 2005, 41, Hervorheb. Haug). Es sei so, ))als wiederholte sich uns die
entwickelten historischen Voraussetzung des Kapitals handle, als Geschichte der Menschheit zum Kapitalismus hin in abgekürzter
auch die gegenteilige, dass es dabei nur um die reale Logik des Kapi­ Form als Lernprozess« (ebenda). Das ist nun wirklich aufklärungs­
tals auf seinen eigenen Grundlagen (und/oder deren theoretische ideologische und hegelianische Geschichtsmetaphysik pur: Das
Darstellung) gehe. Es ist also nicht ganz richtig, wenn die Neue Kapital als reife Leistung »stammesgeschichtlicher« Genese eines
Marxlektüre immer wieder vor allem Engels zum Prügelknaben transhistorisch prozessierenden Formprinzips. Als Reaktion auf die
gemacht und »das krasse Engelssche Missverständnis« (Backhaus Kritik durch Backhaus will Haug nun zwar nicht mehr wie in der
1997, n} des Marxschen »Anfangs« der Kritik der politischen Öko­ ursprünglichen Fassung davon sprechen, »dass auch die wirkliche
nomie gegeißelt hat.Allerdings war es Engels, der dieses Selbstmiss­ Geschichte vermittels der Entwicklung der Wertform weitergegan­
verständnis von Marx kultivierte.Was bei Marx unter dem Titel der gen ist« (a.a. 0, 109, Fußnote), was er jetzt als Verwechslung mit der
»einfachen Zirkulation« ganz eindeutig nur ein Moment der die (empirischen) »Realgeschichte« erklärt, wohingegen eigentlich nur
die »Dimension des geschichtlichen Wirkungszusammenhangs« nur einen >iogischen< Status zu« (Haug 2004, 705). Der Logizis­
(ebenda) gemeint sei. Das ist aber ja genau die Engelssche (hegelia­ mus wird hier zugleich als Idealismus identifiziert, d. h. als eine
nisierende) Position, die das Logische zwar nicht als empirische his­ Art Hegelsche Begriffshuberei ohne »materielle« Grundlage. Haug
torische Abfolge versteht, aber eben doch als bloß von empirischen macht für sich selbst eine »genetische Rekonstruktion« im Sinne
»Zufälligkeiten« gereinigte Logik des Historischen selbst (im Sinne eines (realen historischen) »Entstehungszusammenhangs und eines
einer transhistorischen Entfaltung der Wertform). Geständig wird Werdens« (ebenda) geltend, während bei der Neuen Marxlektüre,
Haug sowieso: »Aber an dieser Form ändert sich eben seit Homers hier in Gestalt von Michael Heinrich, nur von einem »begrifflichen
Zeiten oder seit Tausenden von Jahren vorher (!) nichts, auch wenn Entwicklungsverhältnis«, einer bloß »begrifflichen Rekonstruk­
ihr gesellschaftlicher Status und der Status der auf ihr aufbauenden tion« (ebenda) die Rede sei. Auf diese Weise verschwinde nicht bloß
Formen, zumal der Preisform, ungeheure Wandlungen durchma­ der reale Gehalt, sondern überhaupt die »Diachronie«, der »wirkli­
chen« (a. a. 0, 1 52). che Übergang«, das Ineinander-übergehen von »Geschichtstheorie
Zwar sind Autoren, die eher der neueren Orthodoxie zugerech­ und Gesellschaftstheorie« (a. a. 0, 70 6) . Also Kritik einer Art Hege­
net werden können, und sogar Haug nicht immer und überall in lianischen Idealismus reiner Begrifflichkeit sozusagen im Namen
derselben Offenheit geständig; man ist in einigen Punkten vor den ein er anderen (uneingestandenen) Art Hegelianischer Geschichts­

Attacken der Neuen Marxlektüre zurückgewichen und hat sich um metaphysik der »praktischen« logisch-historischen Formgenese.
eine weitere Ausdifferenzierung der logischen und der historischen Haug benennt damit allerdings in der Tat den wunden Punkt
Argumentation bemüht. Haug selbst, obwohl einerseits eindeutig schlechthin der Neuen Marxlektüre, was sich auch in diesem Essay
mit krudesten historizistischen Zuschreibungen der »einfachen« immer wieder auf verschiedenen Ebenen zeigen wird. Es wurde ja
ökonomischen Form, versucht andererseits sogar, sich dem Gegen­ mehrfach bereits kurz angedeutet, dass in der Interpretation der
satz zu entwinden und rein formal eine vermeintlich »darüber Neuen Marxlektüre der Status des Logischen unklar bleibt; vor
stehende« Position in philologischer Hinsicht zu gewinnen: »Das allem bei Heinrich scheint es sich dabei nicht um eine objektive Rea­
Verlangen nach allgemeinen Patentformeln hat hier wie sonst zu lität, sondern bloß um eine begriffliche Bestimmung in der theore­
unheilvoller Verwirrung geführt. Einzelne Formeln aus dem Kon­ tischen Darstellung zu handeln. Diese Schwäche spürt Haug offen­
text isolierend und sich an ihnen festklammernd, haben sich gegen­ sichtlich; aber damit ist natürlich noch nicht entschieden, welche
sätzliche Interpretationslinien gebildet« (Haug 2003, 389). Schön Realität es denn nun ist, die den theoretischen Reflexionsbestim­
für Haug, dass er mit dieser leeren Meta-Formel nun wieder obenauf mungen zugrunde liegt, und welche reale Geschichte sich hinsicht­
ist, nur sind wir inhaltlich so klug wie zuvor und der »unheilvollen lich der Kategorien vollzogen hat. Die transhistorische Ableitung der
Verwirrung« keineswegs entronnen. kapitalistischen Grundkategorien wird jedenfalls durch den bloßen
Tatsächlich wird natürlich trotz aller Modifikationen die logisch­ Verweis auf die Realität schlechthin nicht richtiger. Es kommt nicht
historische (eigentlich hegelianisch-transhistorische) Lesart munter nur darauf an, den Realitätsbezug als solchen einzuklagen, sondern
fortgesponnen. Auch für eine umfassende Darstellung dieses Gegen­ auch den kategorialen Inhalt dieses Bezugs zu bestimmen; und letz­
diskurses ist hier nicht der Platz; es genügt, einige exemplarische teres ist nicht schon durch ersteres entschieden.
Aussagen anzuführen. Dabei werden auch durchaus Schwächen in Auch Dieter Wolfversucht in einer neueren Abhandlung eine »his­
der Argumentation der Neuen Marxlektüre deutlich. So macht Haug torische« (transhistorische) Lesart des »Kapital« zu retten, obwohl er
immer wieder die (historische) »Realität« der von Marx formulier­ »eine Vermischung der historischen Lesart mit der logisch-systema­
ten B eispiele in der Wertformanalyse geltend, die aufentsprechende tischen ·zu vermeiden« (Wolf 2009, 77) trachtet. Für ihn ist Marx
»Praxisformen« auch schon in der vorkapitalistischen Vergangen­ aber bei seiner rein logischen Analyse zugleich, »ohne einen Schritt
heit verweise: »Die logizistischen Kapitalinterpreten ... kappen jenen in die historische Vergangenheit gemacht zu haben, auf das auch
Realitätsbezug. Dem Gegenstand der Wertformanalyse billigen sie in der Geschichte einfachste Austauschverhältnis gestoßen« (a. a. 0,

42 43
76). Die Marxsche durch »methodisch bedeutsame Abstraktionen Interpretation der Marxschen Formulierungen, der unentschie­
bestimmte Verfahrensweise« habe »zwangsläufig zu einfachen öko­ den bleiben müsste. Vielmehr verweisen die Widersprüche in der
nomischen Verhältnissen (geführt), die es auch in der historischen Marxschen Argumentation auf reale Widersprüche der historischen
Vergangenheit gegeben hat « (a. a. 0, 77). Daraus könne sehr wohl
.„
Entwicklung, aus deren unterschiedlicher Auffassung auch gegen·
ersehen werden, »wie die Menschen immer schon (!) in ihrem Ver­ sätzliche Konsequenzen für die Kritik des Kapitalismus und seine
halten zueinander und zu ihren um des Austauschs willen aufeinan· Überwindung resultieren müssen. Davon ist jedoch merkwürdiger­
der bezogenen Waren das Geld hervorgebracht haben« (a. a. 0, 76). weise wenig die Rede in der deutschsprachigen theoretischen Aus·
Womit wir wieder bei den »Ammenmärchen über die Wertformen einandersetzung zwischen der neueren Orthodoxie (hauptsächlich
der älteren Steinzeit« angelangt wären. der »Argument«-Gruppe um W.F. Haug sowie Restbeständen des
Da darf schließlich auch ein verirrter postoperaistischer Dis­ ehemaligen offiziellen DDR-Marxismus) und der Neuen Marxlek­
kursteilnehmer nicht fehlen, der zwar in gewisser Weise (sozusa­ türe von Backhaus, Reichelt und in jüngerier Zeit vor al1em Michael
gen instinktiv) eher der »logischen« Lesart etwas abgewinnen kann, Heinrich.
weil »der Partei- und Staatsmarxismus in der Regel die historische Das hat vielleicht etwas mit dem weitgehend akademischen Cha­
Richtung vertrat« (Reitter 2004). Des Weiteren wird an der »histori· rakter des Konflikts zu tun, der sich im Rahmen einer eher betuli­
sehen« Lesart moniert, dass sie, wen wunderts, die basalen Formen chen Wissenschaftlichkeit abspielt. Mit dem Niedergang oder viel­
nicht klassenkämpferisch bestimmen würde, könne doch »der Wert­ mehr der kapitalistischen Institutionalisierung der alten Arbeiter­
begriff nicht vom Lohnarbeitsverhältnis und das Lohnarbeitsverhält­ bewegung wurde der theoretische Marxismus aufs Trockene des
nis nicht vom Wert getrennt werden« (a. a. 0). Denn leider hat es ja Wissenschaftsbetriebs gesetzt und damit der früheren Schärfe sei­
etwa in der Antike, ganz zu schweigen von der älteren Steinzeit, die ner inneren Auseinandersetzungen entwöhnt. So bewegt sich die
Lohnarbeit als gesellschaftliches Verhältnis noch gar nicht gegeben. Kontroverse fast nur auf dem Terrain der Marx-Philologie, während
Aber das Geld und sonst noch allerhand »Ökonomisches«? Deshalb man weitere sowohl theoretische als auch praktische oder program·
ist noch eine treuherzige »Klarstellung« vonnöten: »Märkte, Waren matische Schlussfolgerungen im Dunkeln lässt und sich Vertreter
und Geld existierten schon lange vor dem Kapitalismus. Auch gegen beider Seiten »politisch« im Dunstkreis etwa der Linkspartei oder
die Verwendung des Kapitalbegriffs etwa für antike Verhältnisse ist einer genossenschaftlichen Alternativökonomie etc. wieder tref­
prinzipiell nichts einzuwenden ... Zur Verdeutlichung ein Vergleich: fen können. Dieser Charakter einer eng begrenzten und sozusagen
Ebenso wie das zentrale Nervensystem des Huhnes wie des Men­ gebremsten Polemik bedarf der Erklärung aus dem unaufgelösten
schen als Gehirn bezeichnet werden kann, kann von mittelalterli­ theoretischen Problem selbst.
chem und modernem Kapital gesprochen werden, wobei jedoch der
wesentliche Unterschied mitzudenken ist« (a. a. 0). Es wird bedau­
erlicherweise nicht angegeben, im Sinne welches zentralen Nerven·
systems diese »Klarstellung« verstanden werden muss. Immerhin
hätte Hegel an diesem Vergleich eines anti-hegelianischen Ontolo­
gen seine helle Freude gehabt. Die stramm kontinuierliche Meta­
morphose vom Gehirn des Huhns zu dem des Menschen ist fast
so gut wie die vom Faustkeil zum Kapital (samt Klassenkampf
natürlich).
Ganz offensichtlich läuft die ganze Auseinandersetzung, so
wie sie bislang geführt worden ist, ins leere. Es geht aber letzten
Endes nicht nur um einen philologischen Streit über die »richtige«

44 45
2. Warenproduktion« mit universeller Geldvermittlung geführt haben,
dann muss auch der logische Aufbau dieser Formen in ihrem inne­
ren Zusammenhang sich als ein historischer Ablauf widerspiegeln
Monetäre und (wenngleich wie gezeigt in der Darstellung »gereinigt« von Kontin­
prämonetäre Werttheorie genzen, Ungleichzeitigkeiten, Zufälligkeiten etc.).
Warum aber soll zuerst der Wert dagewesen sein? Die grund­
sätzliche Vorgabe liefert die traditionsmarxistische, aus Protestan­
Der Gegensatz in der Interpretation des Verhältnisses von Logischem ti.smus und Aufklärung »ererbte« Arbeitsontologie. Demnach bil­
und Historischem bei der Marxschen Bestimmung der Grundfor­ det die »abstrakte Arbeit« (oder deren Modifikationen), hier übri­
men von Ware und Geld steht in einer engen Beziehung zu der wei­ gens wieder Hegel folgend, eine grundlegende Bestimmung des
teren Kontroverse um eine monetäre oder prämonetäre Werttheorie. Menschseins überhaupt, die insofern alle historischen Formationen
Was ist darunter zu verstehen? Von einer prämonetären Werttheorie übergreift und auch für alle Zukunft gültig bleibt. Diese historisch·
ist dann zu sprechen, wenn die Warenform als solche und damit der ontologische Grundkategorie soll gleichzeitig der logische Aus­
Wert (die Wertgegenständlichkeit der Ware oder die Wertform des gangspunkt sein. Jeder »Stoffwechselprozess mit der Natur« (Marx)
Produkts) logisch und historisch vor dem Geld (in der Theorie: vor und jede dabei von Anfang an gegebene Kooperation unter den Mit­
der Ableitung der Geldform) bestimmt werden muss. Der unterstell­ gliedern menschlicher Sozietäten sei in jeweils bestimmter Weise
ten historischen Genesis der Geldform aus der Wertform entspricht »abstrakte Arbeit«, also angefangen mit der »Menschwerdung des
dann die logische Folge der kategorialen Bestimmung. Genau umge­ Affen« (Engels) und schon vor aller Warenform.
kehrt bei der monetären Werttheorie. Diese postuliert die Herlei­ Hier werden möglicherweise nicht nur Vertreter der neueren
tung der Wertform aus der Geldform, was zunächst wieder als reine Orthodoxie Einspruch erheben und geltend machen wollen, dass die
»Logik« der Marxschen Darstellung verstanden wird, wobei über den krude Ontologisierung der »abstrakten Arbeit« nur einem theoretisch
möglichen historischen Bezug auch in dieser Hinsicht keine Aus­ vorgestrigen dogmatischen Steinzeitmarxismus zugerechnet werden
sagen gemacht werden. Implizit könnte damit allerdings doch nahe könne {im »Realsozialismus« war die technokratische Positivierung
gelegt werden, dass auch historisch sozusagen zuerst das Geld da des negativen Marxschen Begriffs tatsächlich sozusagen Staatsdok·
war und dann erst der Wert oder auch historisch der Wert aus dem trin), während es seither in anspruchsvolleren Interpretationen auch
Geld abgeleitet werden müsste. eher traditioneller Provenienz doch erhebliche Differenzierungen und
Die erstere Auffassung, die eher der Marxschen Wertformana­ Modifikationen gegeben habe, in denen zumindest eine bestimmte
lyse folgt, wird von der neueren Orthodoxie vertreten, die letztere Lesart dieses Begriffs der »abstrakten Arbeit« durchaus als spezifisch
(gelinde gesagt mit einigen Unklarheiten, wie sich zeigen wird) von kapitalistisch und keineswegs transhistorisch bestimmt werde.
der Neuen Marxlektüre. Denn der seit Engels postulierten Einheit Das ist aber nur im Sinne einer Ausflucht und einer Problemver­
von Logischem und Historischem entspricht die prämonetäre Wert· nebelung zu verstehen, wobei auf die argumentativen Verästelungen
theorie insofern folgerichtig, als die Marxsche logische Abfolge der im hier gegebenen Rahmen nicht weiter eingegangen werden kann
Kategorien (Herleitung des Geldes aus der Wertform der Ware) ja (die Thematik bleibt als Aufgabe für eine kritische monographi­
zugleich als eine historische Abfolge gelesen wird. So W.F. Haug: sche Darstellung der marxistischen Arbeitsontologie erhalten). Hier
»Die Ware geht nach Marx' Einsicht« Einsicht dem Geld begrifflich genügt es, darauf aufmerksam zu machen, dass sich durch die theo·
wie historisch voraus« (Haug 2007, 569). Wenn es sich nämlich retischen Modifikationen nichts am Grundproblem einer falschen
bei den basalen Formen um transhistorisch sich entfaltende und Ontologisierung geändert hat. Der Begriff der »abstrakten Arbeit«
im Kern ontologische Bestimmungen handelt, die schon vor dem wird lediglich verdoppelt in eine spezifisch kapitalistische Bedeu­
Kapitalismus zu dem logisch konsistenten System einer »einfachen tung einerseits und eine transhistorisch-ontologische andererseits.

47
Verräterisch ist etwa, wie W.F. Haug sich in seinen Einführungs­ reale frühhistorische Entwicklungsstufe des Werts darstellen. Jene
vorlesungen dagegen verwahrt, dass das Wort »abstrakt« im Marx­ zum Menschsein überhaupt gehörende, also in Grundzügen immer
schen Begriff »in dieser Beziehung oft als bloß negatives Reizwort schon vorhandene Logik der »abstrakten Arbeit« sei auf diese Weise,
verwendet wird« (Haug 2005/r974, ro7). Die grundsätzliche Kritik vermittelt durch die einfache Form des mehr oder weniger spora·
an der Arbeitsontologie sei »oberflächliches scheinradikales Wunsch­ <lischen unmittelbaren Naturaltauschs, nämlich bereits zur Grund­
denken« (a. a. 0, 113), das angeblich zusammen mit dem Kapitalis­ lage der Wertform und des Äquivalenzprinzips geworden.
mus gleich die Errungenschaften der Geschichte loswerden wolle etc. Damit ist gesagt, dass sich der Zusammenhang von »abstrak­
Die »abstrakt-menschliche Arbeit« in einem übergreifenden Sinne sei ter Arbeit« und Wertgegenständlichkeit als in Grundzügen ausge­
»letztlich gleiche menschliche Arbeit, allgemein-menschliche· Arbeit, bildete ökonomische Logik längst vor dem Geld konstituiert habe.
Arbeit überhaupt« (a. a. 0, n4, Hervorheb. Haug) und in dieser Eigen­ Die naturale Wertform (im Grunde genau die »Wertform« schon
schaft eben positiv und ewig gültig. Ähnlich argumentieren alle Ver­ der »älteren Steinzeit«, über die Backhaus gespottet hat) soll noch
treter der neueren Orthodoxie, die samt und sonders an der Arbeitson­ vor jeder Geldvermittlung eine Realität für sich gewesen sein. Daher
tologie festhalten im Sinne eines Begriffs »allgemein-menschlicher« auch die Bezeichnung »prämonetäre Werttheorie«, die allerdings
Arbeit oder »abstrakt-menschlicher Arbeit in allen Gemeinwesen, mangels Differenzierungskriterium keine Selbstbezeichnung der
unabhängig von ihrer historischen Form« (so Wolf 2002, 46). traditionellen marxistischen Auffassung ist, sondern von der Neuen
Es ist wichtig, festzuhalten, dass damit unter welchen argumen­ Marxlektüre mit kritischer Absicht eingeführt wurde.
tativen Verrenkungen auch immer die moderne Arbeitsabstraktion Erst mit der Verfestigung und Ausbreitung von Verhältnissen des
und damit zugleich eine spezifisch kapitalistische Realkategorie zur Warentauschs sei dann als weiterer logischer und zugleich realhisto­
Grundlage einer »ökonomischen« transhistorischen Weltsicht aus rischer Schritt das Geld als allgemeine Ware oder allgemeines Äqui­
der Perspektive kapltalistischer Aufklärungsvernunft gemacht wird, valent entstanden, woraus sich jene »einfache Warenproduktion«
ganz im Sinne jener falschen Einheit des Logischen und des His­ als bereits weit reichender gesellschaftlicher Zusammenhang ent­
torischen. In der kategorialen Reihenfolge dieser vorgeblichen Ein­ wickelt hätte (ebenfalls als eine Realität für sich), aus dem dann wie­
heit steht also die »abstrakte Arbeit« als »Arbeit überhaupt« sowohl derum das Kapital als spezifisches modernes Ausbeutungsverhält­
logisch als auch historisch als fundamentales Prinzip am Anfang. nis hervorgegangen sei mit der Weiterentwicklung des Geldes vom
Sie soll daher noch vor jedem Warentausch eine Realität für sich Medium des Austauschs zum Medium des Profitprinzips.
gewesen sein. Eine ganz andere, gegensätzliche Auffassung folgt aus der Inter­
Als nächstes folgt dann die Vergegenständlichung der Arbeits­ pretation der Neuen Marxlektüre, wobei sich allerdings erhebliche
abstraktion im Produkt, das dadurch zur Ware wird; und diese Ungereimtheiten ergeben, wie sich sogleich zeigen wird. Wenn
zweite Stufe des Logischen soll ebenso eine des Historischen sein. es sich bei der Marxschen Wertformanalyse, so die ursprüngliche
An die oben zitierte diesbezügliche Formulierung von Marx im ers­ Argumentation, grundsätzlich nicht um die Reflexion einer histori­
ten Kapitel des ersten Bandes des »Kapital« anschließend wird also schen Abfolge in der Entwicklung der Formbestimmungen handelt,
behauptet, an den Rändern der archaischen Gemeinwesen hätten sondern einzig um die Darstellungslogik: des Kapitals, das bereits
sich allmählich »ökonomische«, auf einer Wertbestimmung qua die wirkliche Voraussetzung ist, dann betrifft dies auch das elemen­
»Arbeit« beruhende Austauschverhältnisse entwickelt, zunächst in tare Verhältnis von Wert und Geld. Folgt man diesem Gedanken,
rein naturaler Form (also in Form von naturalen Äquivalenten glei­ dann hat Marx also versucht, den realen logischen Zusammenhang
cher Arbeitsmengen vermeintlich als historische oder prähistori­ gedanklich rekonstruieren, und musste dabei wiederum erst begriff.
sche »Realität« einfacher Wertbeziehungen). Die ersten Schritte der lieh entwickeln, was die wirkliche Voraussetzung ist, nämlich das
Marxschen Wertformanalyse sollen somit wiederum nicht nur die Geld. Dabei hätten dann abermals die lediglich zur Illustration her­
Darstellungslogik der Form, sondern gleichzeitig auch bereits eine angezogenen vormodernen Beispiele eher Verwirrung gestiftet.

49
Aber diesem Gedankengang (als Wiederholung jener Kritik an der
r 1 ·rscheinen kann. Der Wert (die Wertsubstanz} bildet die logische
Einheit des Logischen und des Historischen, nun sozusagen ange­ ( 1 1 nd darstellungslogische) Voraussetzung des Geldes, aber dieses ist
wendet in Bezug auf das Geld bzw. das Verhältnis von Vorausset­ d ie wirkliche Voraussetzung als Kapital.
zung und Resultat hinsichtlich der Kategorien von Wert und Geld) Aber genau so sagt es Backhaus nicht, sondern seine lnterpreta­
folgt die Neue Marxlektüre nicht wirklich. Zwar bestimmt Backhaus l ion ist selber interpretationsbedürftig. Denn in welchem Sinne ist
die monetäre Werttheorie zunächst noch als eine genuin Marxsche \'S zu verstehen, dass der Wert nicht »für sich« als eine »prämone-
bzw. als »logische« Interpretation der Marxschen Wertformanalyse 1 ;ire Substanz« gedacht werden könne? Historisch oder reallogisch
und Ableitung des Geldes: »Der Wert ... kann nicht als eine für sich oder darstellungslogisch? Bei Michael Heinrich, der das Prius des
existierende prämonetäre Substanz gedacht werden, die äußerlich auf Geldes weit rigider vertritt als Backhaus, heißt es: »Ohne Wert·
ein Drittes, genannt Geld, bezogen ist. Der Wert existiert nicht jen­ form können sich die Waren nicht als Werte aufeinander beziehen
seits und unabhängig von seiner >adäquaten< Erscheinungsform „. und erst die Geldform ist die dem Wert angemessene Wertform«
Marx fasst also das Problem des >absoluten< Werts als das Problem ( Heinrich 2004, 62). Hier erscheint das Geld ganz unmittelbar und
des Geldes, und umgekehrt. Ist nun aber Wert nicht ohne Geld und damit sowohl logisch als auch empirisch als »Konstituens oder Apri­
Geld gar nicht anders denn als >Existenz< von >absolutem< Wert zu ori« des Werts. Auf diese Weise kommen wir allerdings in ziemli­
denken, so lässt sich ebenso wenig eine Werttheorie vor und neben che begriffliche Kalamitäten. Wenn Heinrich postuliert, im Sinne
der Geldtheorie konstruieren. Der organische Zusammenhang von seiner Interpretation könne das Geld kein bloßes »Anhängsel« der
Wert und Preis findet seinen theoretischen Ausdruck darin, dass sich Werttheorie sein, der Wert sei gar nicht ohne Bezug auf das Geld zu
die Werttheorie in einer bestimmten Geldtheorie >aufheben< muss« entwickeln, sondern dieses sei eben konstitutiv für jenen, so lässt er
(Backhaus 1997/1978, 150). Zwar kann man diese Aussage als eine damit das Bezugsfeld seiner Behauptung im Dunkeln. Implizit wird
über das Verhältnis von Resultat und Voraussetzung auf der Ebene dabei das Geld absolut, in jeder Hinsicht und auf allen Ebenen der
der Darstellungslogik verstehen, und insofern in der Weise, dass es Realität wie der Reflexion, als Prius gesetzt.
keine Realität für sich der einzelnen Stufen der logischen kategoria­ Was bedeutet das? Unter der Hand hat sich die Argumentation
len Ableitung geben kann, also Geld und Wert kapitalistisch gleich­ gedreht. Nun geht es bei der monetären im Unterschied zur prämo­
ursprünglich wären. Aber die Argumentation bewegt sich dabei eben netären Werttheorie nicht mehr bloß um das Verhältnis von Logi­
nicht mehr bloß auf der Ebene einer Kritik der historizistischen tra­ schem und Historischem im bisherigen Sinne,' wenn die Wertform
ditionellen Interpretation, was die Reihenfolge der Kategorien angeht. aus der Geldform hergeleitet wird statt umgekehrt. Das ist jetzt nicht
Vielmehr scheint es jetzt um den logischen Status selbst zu gehen. mehr das Verhältnis von wirklicher (kapitalistischer) Voraussetzung
Das wird noch deutlicher, wenn das Geld acht Jahre später »als Kon­ und Resultat, das bloß in der Darstellung umgekehrt erscheinen
stituens oder Apriori der ökonomischen Gegenständlichkeit« ( Back­ muss. Hier findet stattdessen in der Neuen Marxlektüre ein unver­
haus 1997/1986, 335) bestimmt wird. mittelter Sprung in der Argumentation statt, und zwar von der
»Absoluter Wert« wäre schlicht die Wertgegenständlichkeit der Ebene des Verhältnisses zwischen Logischem und Historischem auf
Ware als substantielle Repräsentanz vergangener »abstrakter Arbeit« eine Ebene innerhalb des Logischen selbst, was den prioritären Sta­
(wie immer dieser Zusammenhang dann in seiner gesellschaftli­ tus des Geldes angeht. Eine Sache ist es, die vorkapitalistische his­
chen Vermittlung zu fassen ist, vgl. dazu Kap. 9 und 10). Diese Sub­ torische Genese des Geldes zu leugnen und auf die reine Darstel­
stanzbestimmung ist jedoch der Geldform logisch vorgängig. Also lungslogik allein der begrifflich-theoretischen Genese des bereits als
zwar nicht im Sinne eines zeitlichen Nacheinander - weder in der kapitalistisch unterstellten Formzusammenhangs abzuheben. Das
kapitalistischen Reproduktion selbst noch gar in einer transhistori­ gilt ja schon für die einfache Wertform. Eine ganz andere Sache aber
schen Abfolge. Aber ohne Wertsubstanz der Waren kein Geld, wäh­ ist es, auch in der logischen Reihenfolge der Kategorien das Geld an
rend andererseits nur im Geld diese Wertsubstanz gesellschaftlich den Anfang zu setzen. Dann haben wir es nicht mehr mit der Kritik
an einer falschen transhistorischen Auffassung der Kategorien zu pos tmodernen Ideologie verweist, in der Zeichen und Bezeichnetes
tun, sondern mit einer Revision der Marxschen logischen Ableitung .ds gleichermaßen real gelten. Man kann sich des föndrucks nicht
der Kategorien, also mit einem krassen Widerspruch zur logischen nwehren, dass für Heinrich & Co. die Marxsche begriffliche Dar­
Marxschen Wertformanalyse selbst, indem diese geradezu auf den �;icllungslogik die eigentliche »Realität« ist, was ja auch schon Haug
Kopf gestellt wird. Dass sie sich auf diese Weise einer fundamen­ :;iiffisant angedeutet hat. Wenn in dieser begrifflichen Realität als
talen Marx-Kritik nähert, ist der Neuen Marxlektüre selbst erst all­ ··i ner sozusagen »virtuellen« die Marxsche logische Darstellung sel­
mählich klar geworden. Damit aber verlässt sie auch ihre eigene frü­ ber (nicht nur ihre transhistorische Interpretation) verworfen wird,
here Position, bloß das Darstellungslogische gegen eine falsche his­ schafft man sich eine eigene neue und ideologische »Realität«, deren
torische Lesart stark zu machen. Dieser Ebenensprung findet jedoch ( :harakter zu dechiffrieren sein wird. Voraussetzung aber ist eben,
ohne zureichende Begründung statt. Denn dass das Geld im Kapi­ dass die Differenz der theoretischen Darstellung zum realen Dasein
talismus immer schon praktisch vorausgesetzt ist, verhindert nicht, der Kategorien verschwimmt; oder das reale Dasein wird nur gut
dass es rein logisch seinerseits die Voraussetzung des Werts hat, um positivistisch in seiner unmittelbaren Erscheinung genommen und
überhaupt allgemein werden zu können. die begriffliche Darstellung als theoretisches »Modell« (miss)ver­
Innerhalb der Darstellungslogik selbst haben wir es nun also mit standen, worauf sich die Erörterung allein bezieht. Dann aber ist die
einer Umkehrung der bereits skizzierten Dialektik von Vorausset­ Darstellungslogik eben die einzige Logik, der nicht die reale unge-
zung und Resultat zu tun. Dass die wirkliche Voraussetzung das 1 rennte Logik des Ganzen gegenübersteht, sondern nur noch die

Geld ist, dieses aber in der logisch-genetischen Stufenfolge der Dar­ Empirie.
stellung als (theoretisches) Resultat erscheinen muss, um den inne­ Das unklare Verhältnis von Reallogik und Darstellungslogik bei
ren Formzusammenhang erklären zu können, entspricht derselben der Neuen Marxlektüre enthält nun wie schon angedeutet auch eine
Dialektik hinsichtlich des Kapitals. Wenn nun die Neue Marxlek­ entsprechende Unklarheit über das Verhältnis von Reallogik und
türe den Sachverhalt beim Geld plötzlich auch darstellungslogisch Geschichte. Der historische Agnostizismus hinsichtlich der Katego­
umkehrt, dann müsste dies ebenso hinsichtlich des Kapitalbegriffs rien fällt natürlich am deutlichsten beim Geld ins Auge, weil die
gelten und Marx auch in dieser Hinsicht kritisiert werden. Das hätte monetäre Werttheorie in ihrer Kritik an der prämonetären Wertthe­
freilich in der Konsequenz den historischen Bezug, dass erst das orie die Bezugsebenen nicht auseinanderhalten kann. Indem sie die
Kapital das Geld und erst das Geld den Wert hervorgebracht hat, was Marxsche darstellungslogische Ableitung des Geldes aus der Wert­
aber die Neue Marxlektüre nicht sagt. Und es wäre dieser Sachver­ form ins Gegenteil verkehrt (mit verheerenden analytischen und
halt dann allerdings auch gegen den Augenschein und die landläu­ praktischen Konsequenzen, wie sich zeigen wird), verzerrt sie impli­
fige Auffassung zu erklären, was die Neue Marxlektüre nicht tut. zit auch die historische Dimension des Problems, weil sie nicht nur
Andererseits wäre damit aber der logische Bezug keineswegs aus­ logisch, sondern auch historisch unfähig ist zu sagen, in welcher
gehebelt, dass dennoch das Kapital das Geld und das Geld den Wert Hinsicht denn das Geld ein Prius sein oder gar eine faktische Prä­
»in sich« durchaus voraussetzt, also die Ableitung des Geldes aus existenz haben soll.
dem Wert gerade dann stimmt, wenn man sie nicht mehr (trans)his­ So sagt die Neue Marxlektüre bekanntlich, dass die Marxsche
torisch missversteht. Tatsächlich scheint an diesem Punkt die Neue Begriffsentwicklung und Formanalyse einzig auf ihren theoreti­
Marx!ektüre selber das Logische und das Historische durcheinander schen Gegenstand, die kapitalistische Produktionsweise, bezogen
zu bringen. Hier ist auch die Wurzel ihrer zum ordinären Revisio­ sei und deren Kategorien entfalte. Schon auf dieser allgemeineren
nismus führenden Marx-Kritik zu suchen. Ebene einer grundsätzlichen Auflösung des Historischen ins Logi­
Die Unklarheit könnte daher rühren, dass die neue Marxlektüre sche (und des Logischen ins Darstellungslogische) wird das Prob­
in ihrer Interpretationsweise Gegenstand und theoretische Dar­ lem der vorkapitalistischen Existenz von Ware und Geld eher aus­
stellung nicht auseinanderhalten kann, was auf die Affinität zur geblendet und unbestimmt gelassen. Damit verbleibt jedoch der

53
traditionellen (transhistorisch bestimmten) Auffassung ein legi­ Interpretation noch einmal die Spur löscht, die der reale Prozess sel­
timatorischer Vorteil, denn ihr Erklärungsmuster erscheint als ber schon gelöscht hat.
umfassender. Die Reduktion des Problems auf die Marxsche Dar­ Wenn es um den Status des Geldes geht, so ist eine monetäre
stellungslogik des Kapitals seitens der Neuen Marxlektüre lässt die Werttheorie nur richtig in dem Sinne, dass sie sich auf eben den
Konstitution des Kapitals und deren Geschichte im Dunkeln. »Gang in sich« des bereits konstituierten Kapitalverhältnisses
Noch schwieriger wird es bei der monetären Werttheorie. Gilt bezieht, in dem das Geld eine wirkliche Voraussetzung ist, und
auch hier, dass nur von bereits kapitalistisch konstituierten Ver­ zwar als reale Kategorie des realen kapitalistischen Ganzen. Das ver­
hältnissen die Rede ist? Und warum wird dann die Marxsche Ablei­ hindert aber eben nicht, dass umgekehrt in der theoretischen Dar­
tung auch darstellungslogisch auf den Kopf gestellt? Bei Heinrich stellung diese wirkliche Voraussetzung nur als Resultat abgeleitet
lesen sich die Ausführungen zur monetären Werttheorie allerdings werden kann, d. h. »Arbeit« und Wertform als logische Vorausset­
durchwegs so, als könnten oder müssten sie auch auf vormoderne zungen der Geldform bestimmt werden müssen. Die prämonetäre
Ware-Geld-Verhältnisse angewendet werden. Die Neue Marxlektüre Werttheorie macht daraus zwar fälschlich eine (trans)historische
würde dann selber auf den Spuren der neueren Orthodoxie wandeln, Voraussetzung. Die monetäre Werttheorie ihrerseits aber klammert
nur mit umgekehrter Reihenfolge von Geld und Wert bzw. »Arbeit«, das Historische einfach aus und legt gerade dadurch eine auch im
sowohl logisch als auch historisch (und somit selber in einer falschen logischen Sinne umgekehrte Voraussetzung nahe.
,,
Einheit des Logischen und des Historischen). Die Kritik an der tradi­ ,1
[ Hier wird eine Paradoxie sichtbar, die weder von der monetären
tionellen prämonetären Werttheorie gerät so in ein eigentümliches noch von der prämonetären Werttheorie aufgelöst werden kann,
Zwielicht. Ist das Geld die logische (und anscheinend auch histo­ weil beide das Verhältnis des Logischen und des Historischen eindi­
rische) Voraussetzung des Werts im Sinne der Neuen Marxlektüre mensional bestimmen. Für die neuere Orthodoxie ist dieses Verhält­
nur im Kapitalismus, während es in prähistorischen, antiken oder nis eine wenn auch komplex vermittelte Identität; ihre Herleitung
mittelalterlichen Verhältnissen auch anders gewesen sein könnte, ist eine solide ontologische und damit solide falsch. Für die Neue
oder macht die monetäre Werttheorie Aussagen über das Verhältnis Marxlektüre existiert dieses Verhältnis gar nicht; ihre Herleitung ist
von Wert und Geld in der Geschichte überhaupt? eine bodenlos logische und damit bodenlos falsch. Das beweist sie,
Es gehthier keineswegs bloß um Fragen, die getrost der Geschichts­ indem sie auch die logische Reihenfolge verkehrt. In beiden Fällen
wissenschaft als »Fach« überlassen werden könnten, während die passen Logisches und Historisches, Resultat und Voraussetzung,
Kritik der politischen Ökonomie sie ignorieren dürfte als nur »stö­ Realität und Darstellung nicht zusammen bzw. wechseln sprung­
rende« Zufälligkeiten, weil sie sich einzig mit dem scheinbar voraus­ haft die Plätze, ohne dass der wirkliche Zusammenhang sichtbar
setzungslosen Kapital auf seinen eigenen Grundlagen beschäftigen wird. Offenbar funkt die historische Präexistenz der Kategorien, die
würde. Der Begriff des Kapitals und die Analyse seines Formzusam­ aber in dieser Verfasstheit nicht mit der Logik ihrer Ableitung über­
menhangs sind nicht zu trennen von der historischen Konstitution einstimmen, bei der theoretischen Reflexion ständig dazwischen,
dieses gesellschaftlichen Verhältnisses. Wenn Marx gelegentlich was weder durch Ontologisierung noch durch begriffliche Ignoranz
davon spricht, dass diese Konstitution ihre Spuren ausgelöscht hat, auflösbar ist.
dann kann das kaum als Aufforderung verstanden werden, sich mit Was fehlt, ist die Dimensionierung des Logischen durch das
diesem Sachverhalt zu begnügen, also die »Löschung der Spur« bloß gerade nicht-ontologische, von tiefen Brüchen gekennzeichnete
zu reproduzieren statt diese Spur wieder sichtbar zu machen und Real-Historische in seiner Uneinheitlichkeit. Die scheinbar identi­
erst auf diese Weise den als voraussetzungslos erscheinenden bzw. schen Kategorien enthalten vielleicht gar keine einheitliche Logik,
zu seiner eigenen Voraussetzung gewordenen »Gang in sich« des was natürlich am deutlichsten bei der »erscheinenden Kategorie«
Kapitals begreifen und erklären zu können. Aber die Neue Marxlek­ des Geldes und seines Status sichtbar werden müsste. Dieses Pro­
türe ist genau darin affirmativ kapitallogisch, dass sie selber in ihrer blem wird erst fassbar, wenn man in der historischen Dimension

54 55
vorkapitalistische Verhältnisse, die frühmoderne Konstitution des

Kapitals und den bereits konstituierten »Gang in sich« des Kapitals
auf seinen eigenen Grundlagen unterscheidet.
Das ist zugegebenermaßen schwierig beim »Problem des Der Begriff der »Nischenform«
Anfangs« in der Darstellungslogik des Kapitals. Auch Marx konnte und der methodologische
nicht alles auf einmal darstellen und alle Dimensionen berücksich­ Individualismus
tigen, weil dies der gedanklich-theoretischen Reproduktion eines
komplexen und auch historischen Ganzen nicht möglich ist, die
sich nur stufenweise entfalten kann. Daraus resultieren nun· aber Auch die Vertreter einer Einheit des Logischen und des Historischen
ja gerade die erheblichen Unklarheiten und Inkonsistenzen im Ver­ bzw. einer damit zusammenhängenden prämonetärt=n Werttheorie
ständnis des Verhältnisses von Historischem und Logischem. So wissen natürlich, dass die Kategorien von Ware und Geld in vorka­
gesehen stellen die gegensätzlichen Auffassungen des traditionellen pitalistischen Formationen keine gesellschaftlich-allgemeinen und
Marxismus bzw. der neueren Orthodoxie und der Neuen Marxlek­ übergreifenden waren. Als allgemein und ontologisch gilt allein die
türe vielleicht nur komplementäre Pole in der Vereinseitigung eines Kategorie der »Arbeit« im Sinne einer logisch-historischen Voraus­
ungelösten theoretischen Problems dar. Die Auflösung in den trans­ setzung des Menschseins schlechthin, während sich daraus erst all­
historischen Entwicklungsprozess eines ontologischen Prinzips mählich der Wert und aus diesem wieder das Geld in archaischen
einerseits und in die reine, zugleich auf den Kopf gestellte Darstel­ Austauschverhältnissen entwickelt haben sollen. Für dieses Ver­
lungslogik des Kapitals andererseits verfehlt beiderseits den histori­ ständnis gilt es nicht als Problem, dass auch in den vormodernen so
schen Bruch in der realen Konstitution des Kapitals. genannten Hochkulturen seit der Antike diese Kategorien bei wei­
Der Begriff des Kapitals und das Verständnis seines »Gangs in tem noch nicht denselben Allgemeinheitsgrad hatten wie im Kapita­
sich« bleiben davon nicht unberührt. Denn der Status und innere lismus, obwohl andererseits mit dem Begriff der »einfachen Waren­
Zusammenhang der kapitalistischen Realkategorien und die Inter­ produktion« ein schon relativ hoher Grad an Verallgemeinerung
pretation von deren Marxscher Darstellung werden jeweils auf spe­ unterstellt wird.
zifische Weise beeinträchtigt. Sowohl bei der im Hegelschen Sinne In diese traditionelle bzw. neo-orthodoxe Auffassung wird philo­
historizistischen prämonetären Werttheorie als auch bei der ahisto­ logisch der Begriff einer Art Zwischenform oder Nischenform hin­
risch-logizistischen monetären Werttheorie, die nicht zufällig Marx eingeschmuggelt, um dem doch in den meisten früheren Epochen
auch darstellungslogisch revidiert, entsteht ein blinder Fleck in gerade nicht-allgemeinen Charakter von Ware und Geld irgendwie
den kategorialen Bestimmungen. In beiden Fällen wird die schein­ Rechnung zu tragen. Bei Marx finden sich nämlich entsprechende
bare vorkapitalistische Präexistenz von Wertform und Geld unzu­ verstreute Aussagen über den insgesamt marginalen Charakter von
reichend reflektiert, und dieser Mangel schlägt zurück auf das Ver­ Ware-Geld-Beziehungen vor dem Kapital:ismus. So heißt es im drit­
ständnis dieser Kategorien im Kapitalverhältnis selbst. ten Band des »Kapital« beiläufig: »Die Handelsvölker der Alten exis­
tierten wie die Götter des Epikur in den Intermundien der Welt,
oder vielmehr wie die Juden in den Poren der polnischen Gesell­
schaft. Der Handel der ersten selbständigen, großartig entwickel­
ten Handelsstädte und Handelsvölker beruhte als reiner Zwischen­
handel auf der Barbarei der produzierenden Völker, zwischen denen
sie die Vermittler spielten« (Marx 1965/1894, 342). Der Begriff des
»Handels« wird hier zwar implizit transhistorisch verwendet, aber
.i in der Metapher von »Intermundien« oder »Poren« zugleich darauf

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57
hingewiesen, dass es sich nicht um die Form einer »gesellschaft­ begrenzten vormodernen »Nischenform« oder im voll ausgebildeten
lichen Synthesis« handeln kann. modernen Kapitalismus, egal ob im großen Zusammenhang oder
Daher muss auch die Geldform starke Beschränkungen aufwei­ lokal begrenzt, zeitlich beschränkt auf bestimmte Festtage, saisonale
sen, wie Marx in der Einleitung zu den »Grundrissen« bemerkt: Gegebenheiten und periodische Ereignisse oder durchgängig und
»Obgleich das Geld sehr früh und allseitig eine Rolle spielt, so ist es alltäglich, nur ein Außenverhältnis betreffend oder auch die Binnen­
im Altertum doch als herrschendes Element nur einseitig bestimm­ verhältnisse durchdringend, vermengt mit anderen Beziehungsfor­
ten Nationen, Handelsnationen, zugewiesen. Und selbst im gebil­ men oder selbständig in Rein.form, vereinzelt oder allgemein: Die
detsten Altertum, bei Griechen und Römern, erscheint seine völ­ logische Bestimmung des damit bezeichneten Verhältnisses, wie es
lige Entwicklung, die in der modernen bürgerlichen Gesellschaft in der Wertformanalyse geleistet wird, soll immer schon als solche
vorausgesetzt ist, nur in der Periode ihrer Auflösung. Also diese und für den jeweiligen Formaspekt unter allen Umständen gültig
ganz einfache Kategorie erscheint in ihrer Intensivität nicht histo­ sein. Bereits ein mehr oder weniger gewohnheitsmäßiger »Natural­
risch als in den entwickeltsten Zuständen der Gesellschaft. Keines­ tausch« an den Rändern archaischer Gemeinschaften würde damit
wegs alle ökonomischen Verhältnisse durchwadend. z. B . im römi­ eben, ohnehin auf der ontologischen »abstrakten Arbeit« beruhend,
schen Reich in seiner größten Entwicklung blieb Naturalsteuer und die elementare Logik der Wertform vollständig enthalten.
Naturallieferung Grundlage« (Marx 2005/1857-58, 37). Obgleich Wenn jeder logischen Stufe der Wertformanalyse eine eigene
auch hier »ökonomische Verhältnisse« implizit als transhistorische realhistorische »objektive Daseinsform« und »objektive Gedan·
anthropologische Gegebenheit figurieren, was den Begriff einer kenform« entspricht, dann kann man auch von einer praktischen
»Ökonomie« ebenso implizit dem »Stoffwechselprozess mit der »Handlungsform« sprechen. Gerade Haug weist ja in seinem »pra­
Natur« überhaupt gleichsetzt, erscheint dennoch die Geldform als xeologischen« Verständnis dauernd darauf hin. So würde die logi­
fragwürdige Bestimmung und als unklar hinsichtlich ihrer »Rolle«. sche Reihe oder Stufenfolge der »Keimformen« des Kapitals ebenso
Wenn Ware und Geld aber in früheren Sozietäten auf sozi­ viele logisch und praktisch für sich isolierbare Handlungsformen
ale »Zwischenräume«, »Nischen« _oder »Poren« beschränkt waren ergeben. Denn eine Handlungsform kann als einzelne betrachtet
und dabei ihre »Rolle« anders bestimmt sein musste, dann heißt und sozusagen seziert werden, ohne dass der gesellschaftliche und
das natürlich, dass die Allgemeinheit der sozialen Beziehungen in historische Zusammenhang mitgedacht wird, in dem sie überhaupt
der gesamten Geschichte bis zum take-off der kapitalistischen Pro­ nur existiert. Hier haben wir es mit einem Aspekt der theoretischen
duktionsweise eine andere, eben gerade nicht von diesen Kategorien Vorgehensweise zu tun, die als »methodologischer Individualis­
bestimmte war, die nur ein unselbständiges Dasein im Kontext einer mus« bezeichnet wird und der bürgerlichen Philosophie und Wis­
anderen Logik haben konnten. Diese Bestimmung ist allerdings nur senschaft insgesamt zu eigen ist; nicht zuletzt der Ökonomie.
schwer vereinbar mit der Vorstellung einer sukzessiven transhisto­ Die explizite Kritik dieser methodologischen Bestimmung-ist in
rischen Entfaltung von Wertform und Geld auf immer höherer Stu­ der marxistischen Theorie vor allem deswegen unterbelichtet oder
fenleiter, obwohl Marx zugleich selber ein solches Verständnis nahe ganz ausgespart geblieben, weil diese in großem Ausmaß selber
gelegt hat. Wenn die »Nischenform« vor dem Kapitalismus gar nicht davon beeinflusst ist. Das gilt in gewisser Weise schon für Marx,
aufgesprengt wurde, dann kann man auch nicht von einer viele For­ auch wenn sich in seinen Texten implizit gegenteilige Reflexionen
mationen übergreifenden Entwicklung sprechen. finden, wie sich gleich zeigen wird. Der Begriff des methodologi­
Dabei ist aber auch noch eine andere Problemdimension zu schen Individualismus wird hier in einem weiteren Sinne als oft
berücksichtigen. Das Postulat einer Einheit des Logischen und des in den Sozialwissenschaften und insbesondere der Ökonomie ver­
Historischen bzw. die prämonetäre Werttheorie unterstellen im standen, nämlich nicht bloß logisch-unmittelbar auf die Hand­
Grunde, dass die Logik einer Sache ganz unabhängig von ihrer Grö­ lungen von Individuen (in der VWL: des homo öconomicus) bezo­
ßenordnung und Reichweite gültig ist. Egal, ob innerhalb einer eng gen, sondern auf ein ideales Einzelnes überhaupt; also auch im

59
institutionellen oder kategorialen Sinne. Der methodologische Indi­ Höhepunkt einer (positiven) transhistorischen Entwicklung und
vidualismus besteht insofern im Wesentlichen darin, eine übergrei­ damit auch deren Kategorien als »weniger entwickelte«, gewisser­
fende, ein Ganzes bestimmende Logik am isolierten einzelnen Fall, maßen in »einfacher« oder »primitiver« Form, eben als »Keimfor·
der dann als »Modell« erscheint, darstellen und erklären zu wollen. men« oder »Elementarformen«, schon in der Antike zu vermuten.
Darunter sind nicht nur als »basal« definierte individuelle Handlun­ Freilich setzt Marx sofort hinzu: »Keineswegs aber in der Art der
gen zu verstehen, sondern auch strukturelle so genannte »Keimfor­ Ökonomen, die alle historischen Unterschiede verwischen und in
men« oder Elementarteile als jene ideale Einzelheit. allen Gesellschaftsformen die bürgerlichen sehen« (ebenda). Noch
Natürlich kann dieses Vorgehen erweitert werden zu »Meta­ verwaschener wird die Argumentation in der anschließenden Rela­
Modellen«, in denen das Ganze wiederum idealtypisch ersche'inen tivierung: »Wenn daher wahr ist, dass die Kategorien der bürger­
soll; aber eben auf Basis einer Logik der einzelnen (hier: ökonomi­ lichen Ökonomie eine Wahrheit für alle andren Gesellschaftsfor­
schen) Akte, Strukturen oder Elementarteile, die zu gesamtgesell­ men besitzen, so ist das nur cum grano salis zu nehmen« (a. a. 0,
schaftlichen Größen und Beziehungen aufgeblasen oder »aggre­ 40). Es ist aber mehr als bloß eine Relativierung »cum grano salis«,
giert« werden. An dieser Stelle kann es nicht darum gehen, das wenn Marx anschließend fortfährt: »Die sog. historische Entwick­
damit aufscheinende Problem in seiner ganzen Tragweite aufzurol­ lung beruht überhaupt darauf, dass die letzte Form die vergangnen
len. Der Aspekt, der hier zunächst interessiert, ist die Auswirkung als Stufen zu sich selbst betrachtet und, da sie selten und nur unter
dieses Vorgehens auf die Bestimmung des Status von Ware und Geld ganz bestimmten Bedingungen fähig ist, sich selbst zu kritisieren
in Verhältnissen, wo diese Kategorien laut Marx nur den Charakter .„ ,sie immer einseitig auffasst« (a. a. 0, 40). Natürlich kann es sich
von Nischenformen haben. keineswegs um die realhistorische Entwicklung handeln, die auf
Die Crux zeigt sich in der Einleitung zu den »Grundrissen«, wo solcher Betrachtung »beruhen« würde, sondern Marx macht hier
Marx sich immerhin zweifelnd fragt, ob die »einfachen Katego­ offensichtlich eine Ideologie des Historischen dingfest, nämlich
rien« (Arbeit, Ware, Geld) über ihre konkrete Existenz im Kapitalis­ eben die bürgerlich-aufklärerische, die alle vergangne Geschichte
mus hinaus »nicht auch eine unabhängige historische oder natür­ »als Stufen zu sich selbst betrachtet«. Eine Ideologie, die Marx aber
liche (!) Existenz« haben (Marx 2005/r857-58, 36). Für ihn hängt eben nicht nur kritisiert, sondern der er auch immer wieder selbst
das anscheinend nur von der Betrachtungsweise ab. Das Problem erliegt.
bei Marx ist hier ein tiefer sitzendes, indem er nämlich einerseits Es ist kaum eine Abgrenzung von dieser bürgerlichen Aufklä­
immer wieder ontologisierende, transhistorische Betrachtungswei­ rungsideologie, wenn Marx die »historischen Unterschiede« bloß in
sen des bürgerlichen Denkens ablehnt, andererseits jedoch in gewis­ dem Sinne »nicht verwischen« will, dass er die »einfachen« Katego­
ser Weise noch der Hegelschen Fortschrittsmetaphysik verhaftet ist, rien (wie hier vor allem das Geld) der Vormoderne in einem »unent­
wie sie ja auch in der Vorstellung einer »Einheit des Logischen und wickelten«, logisch einfachen, und dem Kapitalismus in einem
des Historischen« als transhistorische Entfaltung der Wertform bei »entwickelten(<, logisch komplexeren Zustand zuschreibt. Da wür­
Engels erscheint. Dieser Sicht gehört auch die berühmte Formulie­ den ihm die meisten kapitalistischen Aufklärungsvernünftler sofort
rung in den »Grundrissen« an: »Die Anatomie des Menschen ist ein zustimmen. Eben auf diese Weise fassen ja auch sie die vermeintlich
Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf Höhres transhistorischen Kategorien auf, und mit ihnen der gesamte Mar­
in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur verstanden xismus bis hinauf zur neueren Orthodoxie. Die Evidenz vermeinen
sie allesamt in den scheinbar isolierbaren Handlungen erkennen
;:erden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist. Die bürgerliche
Okonomie liefert so den Schlüssel zur antiken etc.« (a. a. 0, 39). Der und geltend machen zu können, wenn sie auf die Dokumente und
analogisierende Ausflug in die Naturgeschichte, was Marx ansons­ Artefakte der Geschichte blicken: Menschen jagen, pflügen, ernten,
ten bei den bürgerlichen Ökonomen verspottet, unterläuft ihm 1
benutzen Werkzeuge - und schon sind sie bei der »Arbeit«; Men­
schen geben sich gegenseitig Dinge - und schon praktizieren sie

J
hier selber im Drang, die kapitalistische Formation als vorläufigen

60 61
»Warentausch«; Menschen beziehen Produkte auf geprägtes Edel­ Wir kommen dabei zwangsläufig immer wieder auf das Prob­
metall - und schon haben sie eine »Geldwirtschaft« usw. lem des methodologischen Individualismus zurück, hier in seiner
Ist dieses Verständnis bei Marx selber keineswegs bruchlos, wie wir historischen Dimension. Die vermeintlich »idealtypische« einzelne
bereits gesehen haben, so sagt er wiederum beiläufig auch ganz expli­ Handlung oder Elementarform wird unabhängig von ihrer Kon­
zit Gegenteiliges, das nur mit Mühe oder gar nicht in sein sonst zu stitution durch ein weit darüber hinaus gehendes soziales Ganzes
diesem Problem aufscheinendes Verständnis integriert werden kann. betrachtet, was sowohl hinsichtlich des strukturellen zeitgenös­
So heißt es in den »Grundrissen<< einmal ganz unmissverständlich: sischen Vermittlungszusammenhangs als auch hinsichtlich der
»Bei den Alten war nicht der Tauschwert der nexus rerum« (Marx Bedeutung in der Geschichte zu einer falschen identitätslogischen
2005/1857-58, 149). Kann aber der vermeintlich dennoch schon in Definition führt. Das grundsätzliche Problem besteht also darin,
der Antike anzutreffende Tauschwert überhaupt der Tauschwert im dass »Geld« erstens als isolierte und zweitens, damit verbunden,
Sinne der Wertformanalyse sein, wenn er gar nicht seinem Wesen als immer gleiche Kategorie auch unter ganz verschiedenen histori­
einer »gesellschaftlichen Synthesis« entspricht? Gibt es überhaupt schen Verhältnissen bestimmt wird, wobei die einzige Differenz im
einen Tauschwert, der etwas anderes wäre als der »nexus rerum« Grad der »Entwicklung« bestehen soll. Genau darin zeigt sich der
von sozialen Verhältnissen? Noch deutlicher wird Marx wenig spä­ genetisch-historische Aspekt des methodologischen Individualis­
ter, wenn er sagt: »Es liegt in der einfachen (!) Bestimmung des Gel­ mus: Die Kategorien werden anhand eines vereinzelten Handlungs­
des selbst, dass es als entwickeltes Moment der Produktion nur da ablaufs und sowohl strukturell als auch historisch »dekontextuali­
existieren kann, wo die Lohnarbeit existiert« (a. a. 0, 150, Hervorheb. siert« verstanden, also falsch.
Marx). Gewiss kann man den Verweis auf das »entwickelte Moment Die Darstellung eines Verhältnisses oder einer bestimmten Bezie­
der Produktion« so interpretieren, dass Geld zuvor eben nur eine hungslogik am isolierten und ahistorischen »Modell« des idealen
Kategorie des Marktes (der Zirkulation) gewesen sei; aber was heißt Einzelfalls hat drei entscheidende, miteinander zusammenhängende
es, dass damit schon die »einfache Bestimmung« des Geldes nicht Mängel: Erstens wird daraus in gewisser Weise aus der Froschper­
mehr eindeutig festgehalten werden kann? spektive oder im Sinne eines Reagenzglas-Musters auf das Ganze
Noch drastischer äußert sich Marx im voluminösen »Kapi­ geschlossen, das bloß als Summe dieser gleichartigen Einzelfälle
tel vom Kapital« der »Grundrisse«: »Der ökonomische Begriff von erscheint; in entsprechenden (etwa volkswirtschaftlichen) Modellen
Wert kömmt bei den Alten nicht vor Der Begriff von Wert ganz
„.
handelt es sich um ein bloß äußerliches Aufaggregieren. Nicht der
der modernsten Ökonomie angehörig, weil er der abstrakteste Aus­ Einzelfall oder die vermeintliche Elementarform wird von der Eigen­
druck des Kapitals selbst und der auf ihm ruhenden Produktion ist« qualität des Ganzen bestimmt, sondern umgekehrt. Zweitens blendet
(a. a. 0, 667). Nun muss dem »Begriff« des Werts aber eine gesell­ das »Modell« damit auch den Kontext aus, in dem der ideal gedachte
schaftliche Realität entsprechen und umgekehrt eine solche Reali­ Einzelfall real steht. Unterschiedliche Kontexte müssen aber auch
tät ihren »Begriff« hervorbringen, als »objektive Gedankenform« die Logik des Einzelfalls beeinflussen. Drittens wird damit schließ­
und dann auch als bewusster Inhalt der Reflexion. Wenn aber der lich im Unklaren gelassen, welchen realen Allgemeinheitsgrad das
»Wert« vor dem Kapitalismus gar nicht existiert hat und deshalb auch dargestellte _»Modell« hat, also ob es überhaupt als >>Zellform« eines
in der begrifflichen Reflexion »nicht vorkömmt«, wie können dann übergreifenden Zusammenhangs gelten kann oder nicht vielmehr in
unter solchen Verhältnissen Ware und Geld existieren? Oder anders seiner gedanklichen Isolierung an einem anderen Maßstab gemes­
gefragt: Was ist dann das, was uns (bzw. den modernen Ideologen) sen wird als der wirklichen Totalität, der es angehört. Dieser Punkt
als Ware und Geld erscheint, wobei immer schon die Kategorie des kommt hier vor allem in Betracht, da das Problem des Allgemein­
Werts vorausgesetzt ist? Nach der Marxschen Bemerkung hätten wir heitsgrads das historische Problem der »Nischenform« berührt.
es mit einem Geld ohne Wert zu tun; eigentlich für ihn selbst und erst Gerade an dieser Frage lässt sich zeigen, wie ein dialektisches
recht für die Marxisten eine logische und praktische Unmöglichkeit. Totalitäts-Verständnis einem positivistischen »Modell«-Verständnis

62
j
des methodologischen Individualismus unversöhnlich gegenüber­ die gar nichts mit einer »Keimform« der erst vom Kapital konsti­
steht. Für letzteres »gibt« es die isolierbare, am Einzelfall darstell­ tuierten »Arbeitsgesellschaft« und »Wertvergesellschaftung« zu
bare Logik einer Beziehungsform ganz unabhängig davon, in wel­ tun haben, kommt Haug nicht in den Sinn. Seine Argumentation
chem Grad sie ein Ganzes bestimmt; sie sei daher gültig für eine folgt völlig bewusstlos dem »wissenschaftlichen« methodologischen
»Nischenform« ebenso wie für eine gesamtgesellschaftliche Form, Individualismus.
sie könne sich gewissermaßen vom Punkt über die begrenzte Flä­ Das wird noch deutlicher, wenn er sich an anderer Stelle in sei­
che bis zur Totalität (zumindest dem Anspruch nach) ausdehnen nen neuen Einführungsvorlesungen von diesem methodologischen
und bleibe dabei stets mit sich identisch. Genau umgekehrt »gibt« Prinzip abzugrenzen versucht und dabei bemerkenswert hilflos
es für das dialektische Totalitätsverständnis die Logik einer Bezie­ bleibt. Haug wendet sich vordergründig gegen »jenen Regelkanon«,
hungsform überhaupt erst, wenn sie bereits ein Ganzes weitgehend der »uns heute unter dem Namen >methodischer Individualis­
bestimmt; der Einzelfall ist aus der Logik dieses Ganzen abzuleiten, mus< aufgedrängt wird und der das Aggregierungsverbot und die
und dann liefert er erst recht kein »Modell«, weil das Ganze eine Geschichtslosigkeit bei Ausblendung alle:r ökonomischen Ungleich­
eigene Qualität besitzt, nämlich eben die bestimmende, und daher heit und Zwangsverhältnisse über die Sozialwissenschaften ver­
auch mehr und etwas anderes ist als die bloße Summe seiner Teile. hängt« (Haug 2006, 210). Das Problem wird hier gleich in mehrfa­
Deshalb kann ein Teil oder Moment, wenn es scheinbar gleichartig cher Weise verfehlt. Zunächst nimmt Haug den methodologischen
oder ähnlich in ganz anderen historischen Verhältnissen ohne die Individualismus gar nicht als grundsätzliche Vorgehensweise der
spezifische Qualität dieses Ganzen auftaucht, auch keinesfalls als bürgerlichen Wissenschaft und ihrer kapitalistischen Aufklärungs­
identische Logik eben dieses Einzelnen identifiziert werden. vernunft wahr, sondern lediglich als spezifisch neoliberalen »Regel­
Wie wenig dieses dialektische Totalitäts-Verständnis im Marxis­ kanon«, der den Sozialwissenschaften »heute« aufgedrängt werde.
mus aufgenommen ist und wie sehr gerade die Kategorien der Kritik Also eine bloß an der aktuellen Ideologiebildung klebende und
der politischen Ökonomie auch historisch im Sinne des methodo­ damit oberflächliche Kennzeichnung; ein bisschen wenig für eine
logischen Individualismus und seines positivistischen Modellden­ grundsätzliche Einführung.
kens erscheinen, zeigt exemplarisch W. F. Haug in seinen Einfüh­ An der isolierten Betrachtung von einzelnen Stufen der Form­
rungsvorlesungen. Für ihn lauten dabei die Stichworte: »Keim der - bestimmung oder von entsprechenden idealtypischen Einzelfällen
Begriff für das genetisch Erste; konstituierendes Element - das Ele­ sieht Haug ferner nicht etwa das Problem einer Ausblendung des
ment, woraus sich das Komplexe aufbaut. Elementarform und Keim­ Ganzen als Formzusammenhang einer konkreten Totalität in sei­
form bestimmen gleichermaßen das, mit dessen Untersuchung zu ner bestimmenden Eigenqualität, sondern nur die Ausblendung
beginnen war. Außerdem weist Marx ausdrücklich hin auf den Auf. »aller ökonomischen Ungleichheit und Zwangsverhältnisse«, also
bau der Formanalyse: Sie geht voran in Entwicklungsstufen, wobei von äußerlichen Herrschaftsbeziehungen etwa qua juristischem
jeweils die komplexere Form erklärbar wird, aufbauend auf den Privateigentum (somit ganz im Sinne des traditionellen Marxismus
Ergebnissen der Untersuchung der einfacheren Form „.« (Haug verkürzt). Genauer gesagt: Das Ganze im Gegensatz zu den einzel­
2005/1974, 120, Hervorheb. Haug). Zwar gibt der Autor zwecks nen Momenten erscheint bloß als Herrschaftsbeziehung jenseits des
eigener Absicherung zu bedenken, »das Verhältnis der Begriffsent­ Formzusammenhangs, nicht als das mit spezifischer und konstitu­
wicklung zur Realentwicklung« sei »klärungsbedürftig« (ebenda); tiver Eigenqualität begabte Ganze der Formbestimmungen selbst.
aber wir haben ja bereits gesehen, dass alle Relativierungen und Und daher bezieht sich der Vorwurf der »Geschichtslosigkeit«
Modifikationen in dieser Hinsicht nur Vernebelungen sind, weil der ebenso nur auf die soziologischen Herrschaftsverhältnisse, womit
historisch reale Charakter der einzelnen »Praxisformen« auf allen Haug seine eigene »Geschichtslosigkeit« kaschiert, die genau darin
Stufen der analytischen Bestimmung ungebrochen behauptet wird. besteht, die einfache Waren- und Geldform als idealtypische isolierte
Dass es sich dabei um völlig andere »Praxisformen« handeln könnte, Praxisform und identische »Keimform« des Kapitals bis hinab in die
Vorgeschichte zu bestimmen. Er bemerkt gar nicht, dass er auf diese Stufenfolge in der Entfaltung einer mit sich identischen Logik aus
Weise selber ganz dem historischen Aspekt des methodologischen der »Keimform« bis zur vollen Reife gelesen werden. Der Begriff der
Individualismus verhaftet bleibt. »Nischenform« ist in dieser Hinsicht vielleicht nicht sehr glücklich
Das wird vollends deutlich, wenn Haug das bürgerliche Metho­ gewählt, weil er eine solche Interpretation offen lässt (die »Nischen­
denprinzip als »Aggregierungsverbot« versteht. Ausgerechnet damit form« enthielte dann bereits bestimmte Stufen derselben Logik als
habe Karl Popper in seinen Invektiven gegen den Marxschen Tota1i­ voll gültige); aber das verweist eben nur auf die Unk1arheit hinsicht­
tätsanspruch »die Betrachtung auf der Zeitachse als >Historismus< lich des Status der Kategorien, wie es j a auch schon in den »Grund­
und in gesellschaftlicher Totalisierung als >Holismus< wissen­ rissen« zum Ausdruck kommt. Daraus ergibt sich, dass die ver­
schaftlich delegitimieren (wollen)« (Haug, a. a. 0, 210). Mit dieser meintlich identischen »einfachen« Kategorien von Ware und Geld in
vermeintlichen Antikritik verrät Haug aber nur, dass er den metho­ vormodernen Verhältnissen etwas qualitativ ganz anderes waren als
dologischen Individualismus überhaupt nicht verstanden hat. Tat­ im Kapitalismus und dass somit die »bürgerliche Ökonomie« eben
sächlich wird von diesem gar kein »Aggregierungsverbot« erhoben, gerade nicht »den Schlüssel liefert zur antiken etc.«.
sondern die bloße Aggregierung von einzelnen (in ihrer gesellschaft­ Die orthodox-marxistischen Vertreter einer Einheit des Logischen
lichen Qualität isoliert und idealtypisch bestimmten) Handlungen .l und des Historischen sowie einer prämonctären Werttheorie lassen
dabei allerdings nicht die Skrupel und Zweifel erkennen, die wie

t
oder elementaren Bestimmungen ist ja im Gegenteil gerade die Art
und Weise, wie dabei das Ganze nur als Summe seiner identischen gezeigt bei Marx noch unübersehbar sind. Sie begehen den kruden
Teile verstanden und erfasst wird. Die Invektive des methodologi­ Anachronismus, die Logik dieser basalen »einfachen« Formen, die
schen Individualismus gegen das dialektische Totalitätsdenken rich­ nur unter der Voraussetzung des Kapitalverhältnisses existiert, ohne
tet sich daher keineswegs gegen die Aggregierung von Einzelfällen ., jeden Anflug eines Zweifels auf vormoderne, nicht-kapitalistische
als solche (wie sie etwa in der VWL als so genannte volkswirtschaft­ Verhältnisse zu übertragen, wobei der kapitalistische Kontext erst
liche Gesamtrechnung ganz gewöhnlich auch empirisch vorgenom­ ein »Modell« ermöglicht, das zuvor gar nicht denkbar war.
men wird, nämlich als Aufsummierung oder eb�n »Aggregierung« Die Neue Marxlektüre andererseits hat nun zwar das Problem
von einzelnen Geldeinkommen und Geldtransaktionen), sondern philologisch hinsichtlich der Marxschen Darstellungslogik benannt,
gegen die Auffassung, dass das Ganze etwas anderes als diese äußer­ eine systematische und explizite Auseinandersetzung mit der Vor­
liche Summe von einzelnen Handlungen sei und gerade umgekehrt gehensweise des methodologischen Individualismus aber nicht nur
die einzelnen »Fälle« oder Handlungen durch seine Eigenlogik prä­ in Bezug auf den historischen Charakter der Kategorien weitgehend
formiere. Eine dialektische Kritik des methodologischen Individu­ unterlassen. Die methodische Grundlage der bürgerlichen Sozial­
alismus muss sich daher gerade gegen das Vorgehen einer bloßen wissenschaften kommt bei Backhaus nur als ahistorisches Prob­
Aggregierung wenden (auch soweit sich Momente davon noch bei lem, bei Heinrich nur beiläufig und reduziert auf die unmittelbar
Marx finden). Wie weit nicht nur Haug davon entfernt ist, wird sich individuellen Handlungen vor, sodass die mit Marx begründete ent­
noch einmal zeigen, wenn es um dasselbe Problem hinsichtlich des sprechende Kritik an der VWL den Balken im eigenen Auge nicht
Kapitals als »Gang in sich« auf seinen eigenen Grundlagen geht. wahrzunehmen braucht. Damit zusammen hängt die weitere Unter­
Aber die Kritik ist schon in historischer Hinsicht notwendig, um lassung, die kategoriale Differenz zwischen archaischen bzw. anti­
die Theorie einer isolierbaren Eigenlogik von einzelnen Momen­ ken oder mittelalterlichen Formen, die als Ware-Geld-Beziehungen
ten der Wertformanalyse als (trans)historische Handlungslogik erscheinen, und modernen Marktbeziehungen auch nur zu erör­
zurückzuweisen. Aus der Kritik des hier angesprochenen Aspekts tern. Hier zeigen sich erst recht die Grenzen einer Beschränkung
eines methodologischen Individualismus oder eines daraus folgen­ auf die Marx-Philologie.
den »Mode11«-Denkens heraus verbietet sich grundsätzlich die Vor­
stellung, die Marxsche Wertformanalyse könne als realhistorische

66
4· konstituierende Andere, Fremde, das auch das scheinbar Vertraute
zu etwas anderem macht.
Natürlich muss dabei berücksichtigt werden, dass die diversen
Vorkapitalistische agrarischen oder noch früheren Formationen in sich eine eigene
Fetisch-Verhältnisse Vielfalt mit einer eigenen Geschichte darstellen, der im hier zu ver­
handelnden Zusammenhang nicht gerecht zu werden ist. Es geht
einzig um die gemeinsame Differenz zur kapitalistischen Forma­
Das positivistische »Modell«-Denken ist nun gar nicht so historisch, tion. Da die Auseinandersetzung um den Status der Marxschen
wie es in der Variante der marxistischen Orthodoxie erscheinen kategorialen Bestimmungen den Gegenstand bildet, ist außerdem
möchte. Denn wie bei Hegel gilt ja die Geschichte im Grunde genom­ nicht der empirische Forschungsstand über vormoderne Sozietä­
men nur als Medium für die Stufenfolge in der transhistorischen ten zu referieren, was sowieso den Rahmen sprengen würde, son­
Entfaltung eines mit sich identischen logischen Prinzips, der »abs­ dern das Problem soll vor allem in Bezug auf eine Interpretation
trakten Arbeit«, wobei jede Stufe eine voll gültige, für sich darstell­ der widersprüchlichen Marxschen Aussagen zum Charakter der
bare Logik in der Formbestimmung des transhistorischen Ganzen von ihm so genannten »Produktionsweis1en« vor dem Kapitalismus
enthalten soll. Wer ist denn hier eigentlich »logizistisch«? Die Neue skizziert werden. Zu berücksichtigen ist färner. dass diese früheren
Marxlektüre kann den Spieß aber nicht umdrehen, wie es angemes­ geschichtlichen Formationen gar nicht der Gegenstand der Marx­
sen wäre, weil sie sich weitgehend auf die Marxsche Darstellungs­ schen Darstellung sind, sondern nur beiläufig gestreift werde11;
.
logik beschränkt und das historische Konstitutionsproblem kaum meist zu jenen 111ustrationszwecken, die insofern problematisch
behandelt. Nimmt man dieses Problem jedoch auf und verbindet es sind, als sie mit vorkapitalistischen Verhältnissen und Beziehungen
mit einer Kritik des selber »logizistischen«, im Grunde eigentlich die kapitalistische Logik (bzw. deren Darstellung) auf der Stufe von
ahistorischen »Modell«-Denkens, dann könnte Sich daraus zunächst »einfachen« Waren- und Geldformen illustrieren sollen.
die Überlegung ergeben, dass womöglich gar kein »logisch-histori­ Was ist nun eigentlich das qualitativ Andere jener früheren Sozie­
sches Kontinuum« in der Entfaltung von jeweils für sich »modell­ täten? Marx verweist im Fetischkapitel des ersten Bandes des »Kapi­
haft« darstellbaren Stufen der Wertform ·existiert. Wenn nämlich tal« auf einen eigentümlichen Zusammenhang, der allerdings in
unter den Bedingungen des Kapitalverhältnisses Ware/Wertform seiner historischen Bestimmung unklar bleibt, wenn er über die
und Geld etwas qualitativ anderes sind als in vormodernen Sozie­ »phantasmagorische Form« des (kapitalistischen) gesellschaftlichen
täten, dann konstituiert der jeweils verschiedene Kontext auch ganz Verhältnisses als eines real zum »Verhältnis von Dingen« geworde­
unterschiedliche »Logiken« und Funktionen des nur scheinbar nen sagt »Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die
Gleichartigen, wie es aus der schon kapitalistisch bestimmten Pers­ Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Pro­
pektive wahrgenommen wird. dukte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, unter­
Deshalb ist es zunächst erforderlich, die gerade nicht durch eine einander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbstän­
Allgemeinheit von Ware-Geld-Beziehungen, sondern durch etwas dige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen
Anderes konstituierten vormodernen Verhältnisse in ihrer Eigen­ Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten
heit zu betrachten. Das wird überhaupt erst möglich, wenn man den anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von
Blick nicht zuerst auf Erscheinungen richtet, die mit unreflektierter der Warenproduktion unzertrennlich ist« (Marx 1965/1890, 86 f.).
Selbstverständlichkeit als die vertrauten gesellschaftlichen Gegen­ Es ist hier nicht (oder wieder einmal nur implizit) gesagt, dass
ständlichkeiten von »Ware« und »Geld« identifiziert werden und das, was Marx als »Nebelregion der religiösen Welt« bezeichnet,
damit als vermeintliche »Keimformen« der modernen kapitalisti­ auf vormoderne, nicht-kapitalistische S ozietäten verweist. »Reli­
schen Verhältnisse, sondern im Gegenteil zuerst auf das eigentlich gion« könnte von Marx durchaus im Sinne einer bloßen »Ideologie«

68
gemeint sein, was auch durch die Bestimmung als »Produkte des sich, dass die vermeintlichen »religiösen N ebelwelten« der Vorge·
menschlichen Kopfes« nahe gelegt wird. Nun ist allerdings die schichte, der Antike und des so genannten Mittelalters durchaus
Warenform als »objektive Gedankenform« kaum weniger ein (wenn reale Verhältnisse konstituierten, also die jeweilige Reproduktion
auch ebenfalls bewusstlos hergestelltes) »Produkt des menschli­ des irdischen menschlichen Lebens und seiner sozialen Zusam­
chen Kopfes«. Umgekehrt stellen die »mit eignem Leben begabten« menhänge formten. Erst in der Modeme weist die Religion Züge
Produkte der Religion, die als »selbständige Gestalten« erscheinen, eines bloß ideologischen Musters auf; sie ist also nicht verschwun­
ebenso wie die Warenform zugleich »objektive Daseinsformen« dar, den, aber in etwas anderes verwandelt worden, indem sie ihre repro·
was sich im Folgenden zeigen wird. Beides ist Einheit von ideeller duktive und konstitutive Wesensbestimmung für die soziale und
und materieller Form bzw. soziale Beziehungsform, aber in jeweils materie1le Praxis verlor. Solange sie diese aber in den vorkapitalis­
grundsätzlich verschiedener Weise. Wenn Marx darauf nicht weiter tischen Formationen ausmachte, muss sie nicht bloß metaphorisch,
eingeht, so ist das nicht nur seiner auch an dieser Stelle bloß illustra­ sondern völlig real als Analogie zum modernen Waren-, Geld- und
tiven Absicht geschuldet, sondern ebenso seiner Zeitgebundenheit, Kapitalfetisch verstanden werden; somit in der Marxschen Termino­
da er ja soeben erst die Stufe der Religionskritik als Ideologiekritik logie selber als »Produktionsweise«, und zwar ebenfalls als fetischis­
hinter sich gelassen hatte, auf der die Religion noch eher als zeit­ tische, wenn auch als Fetischverhältnis anderer Art.
genössisches Machtverhältnis oder ideologische Flankierung bzw. Es wäre Marx und seinen Zeitgenossen wahrscheinlich ebenso wie
Legitimation von Herrschaftsverhältnissen erscheinen musste und dem auch heute noch gewöhnlichen Verständnis seltsam vorgekom­
nicht so sehr in ihrer historischen Dimension als ein anderes Sozial­ men, die Religion überhaupt als »Produktionsweise« zu bezeichnen.
verhältnis oder eine andere Formation. Daran ist wohl so viel richtig, dass die vorkapitalistischen Sozietä­
Ohne die historische Dimension zu erwähnen, beschränkt sich ten allesamt weit davon entfernt waren, sich selbst oder irgendeinen
Marx darauf, eine »Analogie« zwischen religiösen Formen und denkbaren sozialen Zusammenhang als »Produktionsweise« zu ver­
Warenform festzustellen. Und was ist in beiden Beziehungen ana­ stehen. Es ist ein moderner Ausdruck, genau wie »Reproduktion« in
log? Offenbar der Charakter der Verselbständigung von Ausgeburten einem weiteren Sinne. Dennoch war in diesen früheren Verhältnis·
eines bewusstlosen sozialen Denkens und Handelns, oder eben eines sen auch all das, was wir heute mit »Produktion« oder »Reproduk·
Handelns, das dem bewussten Denken vorausgeht bzw. vorausgesetzt tion« bezeichnen, von einer religiösen Matrix bestimmt, also ganz
ist und selber dessen Form konstituiert statt umgekehrt. Es bedarf anders »verselbständigt« als in der Modeme.
nur einer geringen Interpretationsleistung, um dieses analoge Ver­ Die reproduktive Gemeinsamkeit liegt daher nicht in identischen
hältnis von Verselbständigungen als eine abstrakte Gemeinsamkeit Wert- und Geldformen auf einer »niedrigeren« vorkapitalistischen
zu bestimmen. In beiden Fällen verhält es sich so, dass die Menschen Entwicklungsstufe mit geringerer Reichweite, sondern auf einer viel
ihren eigenen Zusammenhang nicht »bemeistern« (wie Marx das abstrakteren Ebene von unbewältigten, bewusstlos und »hinter dem
nennt), sondern ihre eigenen, von ihnen selbst gemachten Verhält­ Rücken« (so ein beliebter Ausdruck von Marx) der Beteiligten ent­
nisse ihnen als »mit eignem Leben begabte« Phänomene oder sogar standenen, grundlegenden Reproduktions- und Beziehungsstruk­
»Weltgesetze« erscheinen, die ihnen gegenübertreten und denen sie turen. Im geschichtstheoretischen Sinne könnte man von einer
sich unterwerfen. Somit könnte man die Analogie in der Weise verste· »Geschichte von Fetischverhältnissen« sprechen.
hen, dass Religion und Warenform als zwei verschiedene Formen des Auch wenn er die vorkapitalistischen religiösen Konstitutionen
von Marx benannten »Fetischismus« zu bestimmen wären. anderer Fetischverhältnisse nicht als solche untersucht, sondern
Diese Analogie wäre freilich bloß eine metaphorische, wenn Reli­ sie zumindest teilweise als bloße Vorstufen einer im modernen
gion als Muster eines reinen Ideenhimmels, die Warenform dage­ Sinne verstandenen »Produktionsweise« oder »Ökonomie« behan­
gen als Muster handfester materieller Verhältnisse zu gelten hätte. delt hat, macht Marx für die kategoriale Überwindung des Kapita­
Sobald man aber die historische Dimension einbezieht, erweist es lismus einen gleichsam ontologischen Schnitt geltend. Und obwohl

71
er diese Bezeichnung nicht verwendet, ist damit doch der Bruch mit gesellschaftlichen Abstraktionen (»Arbeit«, »Produktion«, »Produk­
einer »Geschichte von Fetischverhältnissen« gemeint. Die einfa­ tivkräfte« etc.) belegt, ohne den damit nicht begreifbaren Hinter­
che, aber schwer zu erfüllende Aufgabe besteht darin, dass die Men­ grund der ganz anderen Verfasstheit zu berücksichtigen.
schen lernen, ihren eigenen »Stoffwechselprozess mit der Natur« Was macht nun das Wesen jener hierarchischen religiösen Welt­
un<l ihre eigenen Beziehungen untereinander bewusst nach Maß­ ordnung aus, die der realen vorkapitalistischen Lebensweise (modern
gabe ihres wirklichen Inhalts und der wirklichen Bedürfnisse zu ausgedrückt: der Reproduktion) als Matrix zugrunde liegt? Sie ist
voHziehen statt unter dem Diktat eines blinden, verselbständigten, stets in einem transzendenten Prinzip verankert, also in einem Prin­
inhaltsfremden und realmetaphysischen Regelsystems. So lautet die zip jenseits der erfahrbaren Welt, das verschiedene Namen trägt,
berühmte Formel im Vorwort der noch vor dem »Kapital« publizier· aber grundsätzlich als göttliche Wesenheit verstanden werden kann.
ten Marxschen Schrift »Zur Kritik der politischen Ökonomie« über Darin besteht der Anfang oder Grund aller Dinge. auch der sicht­
<lcn Bruch mit dem Kapitalismus: »Mit dieser Gesellschaftsforma­ baren Welt, wobei sich eine Stufenfolge entfaltet. Die Rangordnung
tion schließt ... die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft reicht dabei von Gott oder der Götterwelt bis zur unbelebten Materie.
ab« (Marx 1968/1859. 16). Die vorkapitalistischen Formationen ins­ In dieser objektivierten Hierarchie und der entsprechenden Welt·
gesamt werden also mit dem Kapitalismus zu einer »Vorgeschichte« sieht nimmt die Menschenwelt eine mittlere Position ein, in der sie
bewusstlos konstituierter Verhältnisse und Formbestimmungen sich gegenüber den »höheren« (unsichtbaren) Mächten legitimieren
zusammengeschlossen, sodass mit dem von allen Fetischformen muss, um ihr Leben fristen zu können.
bc.freiten Kommunismus die menschliche Geschichte nicht etwa Die menschliche Sozietät ist also angehalten, das transzendente
endet, sondern als eine bewusst gemachte überhaupt erst beginnt. göttliche Prinzip günstig oder »gnädig« zu stimmen, und daraus
Die Andersheit der vorkapitalistischen, religiös konstituierten folgt ein praktisches Regelsystem, das auf Überlieferungen verschie·
Fctischverhältnisse wird aber eben erst begreifbar, wenn klar gewor­ denster Art beruht. Grundlegend dabei ist das Opfer. Gott, der Göt·
den ist, dass es sich bei den religiösen Formen keineswegs um eine terwelt, den höheren Mächten sind Opfer darzubringen, ursprüng·
subjektive »Glaubensfrage« gehandelt hat, wozu die Religion erst in lieh Menschenopfer, um die Weltordnung und den eigenen Platz
Jer Modeme gemacht und damit für die reale Reproduktion irrele­ darin zu erhalten. Aus dem »Opferverhältnis« ist offenbar die Sozi·
vant wurde, sondern um eine objektivierte hierarchische Weltord· etät als solche. entsprungen; die Opferhandlungen, die damit ver·
nung, die auch den »Stoffwechselprozess mit der Natur« und die bundenen Rituale etc. bilden die ursprüngliche Matrix sowohl für
sozialen Beziehungen der Menschen bestimmte; analog zur »Öko­ das Naturverhältnis als auch für das soziale Verhältnis. Trotz der
nomie« des modernen Kapitalfetischs, aber in ganz anderen Formen ungeheuren Entwicklung, die auf dieser Basis über Jahrtausende
JN Verselbständigung. stattgefunden hat, bleiben ihre Grundmuster bis an die Schwelle der
Das gilt dann auch für das Naturverständnis ebenso wie für den Modeme bestimmend. Alle Regeln für das Leben in der Welt, von
Werkzeuggebrauch oder das, was in diesem Kontext in moderner der Jagd über den Ackerbau und die Metallverarbeitung bis hin zu
Terminologie als »Produktivkraftentwicklung« bezeichnet wird. Eine den blutsverwandtschaftlichen und darüber hinausgehenden sozi­
sokhe Begriffsbildung wäre in den vorkapitalistischen Sozietäten alen Beziehungsmustern (einschließlich des Krieges) sind letztlich
chcnfalls unmöglich gewesen, weil für sie so etwas wie »Produktion« aus dem transzendenten Gottesverhältnis und dem damit verbunde­
oJcr Input-Output-Relationen keinerlei eigenständige Bedeutung nen Opferverhältnis abgeleitet; ursprünglich wohl direkt und spä·
haben konnten. Das lässt eine moderne Betrachtung regelmäßig ter in immer weiter vermittelten Formen, aber dauerhaft in diesem
au!Ser Acht, indem sie die eigenen Kategorien auf ganz andere Ver­ transzendenten Bezug, der als praktisch-irdisch umgesetzter die
hältnisse projiziert. Der reale Ablauf von Umformungen der Natur· »Realmetaphysik« der jeweiligen Verhältnisse konstituiert.
stoffe, etwa dass man für den Transport oder das Heben von Steinen Hier wird nun schon eine wesentliche Differenz der religiö­
bestimmte Techniken benötigt, wird dann projektiv mit modernen sen Konstitutionen zum modernen Kapitalfetisch deutlich. Die

72 73
T
kapitalistische Ordnung ist zwar ebenfalls »realmetaphysisch« ver­
ankert im Formzusammenhang des »abstrakten Reichtums« und
seines »automatischen Subjekts«, des scheinbar sich selbst bewegen­
den Werts, der in gewisser Weise an die Stelle Gottes getreten ist.
1 wird aber in anderer Weise real, nämlich als dingliche, durchaus
nicht jenseitige Erscheinung. Dieses nunmehr unmittelbar irdi­
sche realmetaphysische (transzendentale) Wesen muss zwar durch
permanente Verhaltensanpassung ebenfalls günstig oder »gnädig«
Aber es handelt sich dennoch um kein transzendentes Gottesver­ gestimmt werden (Signale des Marktes usw.), aber offensichtlich in
hältnis mehr. Der Wert ist zwar als Substanzbestimmung physisch ganz anderer Weise als das göttliche höhere Wesen.
»unfassbar« (Marx), jedoch trotzdem nicht schlechthin jenseitig.
Das ehemals transzendente Fetischprinzip ist in die durchaus fass­
t
1

Die Götterwelt ist nämlich in dem Sinne transzendent, dass sie
empirisch-sinnlich nirgendwo fassbar ist; die entsprechenden Abs­
bare irdische Erscheinungsform des Geldes eingewandert, in dessen traktionen nehmen keine sichtbare, scheinbar selbständig tätige
Bewegung oberflächlich die steuernde Matrix sichtbar wird. oder prozessierende Gestalt an, sondern bleiben Phänomene im
Man könnte das Fetischverhältnis jetzt nach einem nicht in die­ menschlichen Geist. Ihre objektivierte Verselbständigung kann
sem Sinne explizierten Ausdruck Kants als »transzendental« (im nicht unmittelbar als solche auftreten, sondern bedarf einer beson­
Unterschied zu »transzendent«) bezeichnen. Die stumme und deren »Umsetzung« in die materielle Welt. Die symbolischen Dar­
objektivierte, als selbstverständlich erscheinende Voraussetzung des stellungen in Form von Artefakten (Statuen etc.) können nicht
Erkennens, Denkens und Handelns in der Welt ist aus ihrer jensei­ den Anspruch erheben, die Götter zu »sein«, was auch allgemein
tigen Verankerung gerissen und als »innerweltliche« gesetzt, ohne bewusst ist. Die Götter treten also nicht empirisch und leibhaftig
jedoch ein Teil oder ein integrales Moment dieser (natürlichen und auf, sie sind nicht sichtbar irdisch anwesend. Daran ändert es auch
sozialen) Welt zu sein; sonst wäre es kein allen Dingen und Verhält­ nichts, wenn sie »volkstümlich« analog zu einer Existenz im raum·
nissen in der Welt bewusstlos vorausgesetztes »Prinzip«. In diesem zeitlichen Kontinuum oder grobsinnlich ortsgebunden vorgestellt
Sinne ist der Ausdruck Kants für das Problem der »Gewissheit« auch werden, etwa dass der Himmel irgendwo »oben« in der Welt sein
von einem affirmativen und kategorial unkritischen bürgerlichen oder die Götterresidenz sich gar aufdem sichtbaren Olymp befinden
Denken des Öfteren in seiner frühere »Denkverhältnisse« umstür­ soll. Empirisch anwesend und greifbar sind die Götter oder das gött­
zenden Wirkung benannt worden: »Das war der Paukenschlag, das liche Prinzip in der Welt nie.
>a priori< ward vom Himmel heruntergeholt, und die Kathedralen Auch der abstrakte Wert als gesellschaftliches Prinzip des moder­
der Metaphysik mussten einstürzen« (Safranski 2009, ro). nen Fetischsystems ist nun zwar, wie Marx gezeigt hat, empirisch
Nur der erste Satz dieser Aussage ist richtig, während der zweite nirgendwo als solcher zu erfassen und enthält insofern ein transzen­
das ideologische Selbstmissverständnis der Modeme reproduziert. dentes Moment. Er ist aber dennoch eine Realabstraktion, die nicht
Jedes°>>Apriori«, das allem Denken und Handeln als nicht mehr hin­ nur im menschlichen Geist existiert, sondern eben in der Form des
terfragbare Form vorausgesetzt wird, ist ein metaphysisches. Zwar Geldes auch empirisch-leibhaftig in der Welt erscheint; und zwar
mussten die Kathedralen der transzendenten alten Metaphysik tat­ durchaus als verselbständigte prozessierende Macht, deren Charak­
sächlich einstürzen, auch wenn ihre Ruinen Wallfahrtsorte für das ter als menschliches Artefakt dabei verschwindet, weil sie eben nicht
unbehauste moderne Bewusstsein blieben; aber das war gerade des­ bloß symbolische Darstellung ist, sondern direkt sichtbare und fühl­
wegen so, weil an ihrer Stelle nur die Kathedralen der neuen kapita­ bar eingreifende, wenn auch unpersönliche Instanz. Das :macht die
listischen Realmetaphysik errichtet wurden. Bis in die architektoni­ »transzendentale« Qualität aus: Es handelt sich um eine paradoxale
sche Erscheinungsform hinein sind die Geldhäuser und Konzern" »immanente Transzendenz«, ein empirisch-sinnlich erscheinendes
zentralen (denen die Gewerkschafts- und Parteizentralen längst bis und selbständig agierendes abstraktes, realmetaphysisches Prinzip,
zum Verwechseln ähnlich sehen) als Tempel des apriorischen Prin­ das keiner besonderen »Umsetzung« mehr bedarf, sondern diese
zips moderner Fetischvernunft identifizierbar. Das transzenden­ schon selber in seiner realen Erscheinung liefert. Daraus erhellt
tale Prinzip oder Apriori bleibt seinem Wesen nach metaphysisch, schon, dass das so bestimmte Geld etwas anderes sein muss als das

74 75
scheinbar gleichartige Ding in vormodernen, religiös-transzendent Missverständnis über den Charakter von Herrschaft und Ausbeu­
organisierten Sozietäten. tung generell und gerade auch im Kapitalismus durch. Marx redu­
Nach der Analogie zu den vermeintlichen »religiösen Nebelwel­ ziert dabei nämlich implizit auch das Kapitalverhältnis auf einen
ten« f indet sich bei Marx ein weiterer, schon präziser gefasstei: Hin­ subjektiven Aneignungszweck von »mehr« Lebensmitteln und
weis zur Differenz moderner und vormoderner Konstitution. Dabei Reichtum im weitesten Sinne, was womöglich durch die Fetisch­
scheint jedoch gerade jene Analogie im Hinblick auf Fetischverhält­ form nur »verschleiert« würde. Weiter ist der Arbeiterbewegungs·
nisse wieder zu verschwinden und einem bloßen Unterschied hin­ marxismus nie gekommen. Diese verkürzte Auffassung steht aller­
sichtlich der Mittelbarkeit (im Kapitalismus) und Unmittelbarkeit (in dings im Widerspruch zur anderen Marxschen Bestimmung des
vorkapitalistischen Formationen} von äußerlichen Herrschaftsbezie­ Kapitals als eines realmetaphysischen Selbstzwecks, nämlich eben
hungen (Herr-Knecht-Verhältnissen) Platz zu machen. Über »das der endlosen Akkumulation von »abstraktem Reichtum« durch das
finstre europäische Mittelalter« heißt es: »Persönliche Abhängigkeit »automatische Subjekt« des Werts; ein Widerspruch und ein Prob­
charakterisiert ebensosehr die gesellschaftlichen Verhältnisse der lem übrigens, das sich durch das gesamte Marxsche Werk zieht, was
materiellen Produktion als die auf ihr aufgebauten Lebenssphären. hier nicht weiter behandelt werden kann.
Aber eben weil persönliche Abhängigkeitsverhältnisse die gegebne In der »subjektivistischen«, das Fetischverhältnis auf vorausset­
gesellschaftliche Grundlage bilden, brauchen Arbeiten und Pro­ zungslose Willensverhältnisse reduzierenden Diktion, die implizit
dukte nicht eine von ihrer Realität verschiedne phantastische Gestalt den abstrakten Mehrwert wieder auf ein konkretes Mehrprodukt
anzunehmen. Sie gehen als Naturaldienste und Naturalleistungen zurückführt, erscheint nun auch jener subjektive Ausbeutungswille
in das gesellschaftliche Getriebe ein. Die Naturalform der Arbeit als transhistorisch, nur in verschiedenen Formen sich darstellend: in
ihre Besonderheit, und nicht, wie auf Grundlage der Warenproduk'. der Modeme »verschleiert« durch die Stufenfolge des Waren-, Geld­
tion, ihre Allgemeinheit, ist hier ihre unmittelbar gesellschaftliche und Kapitalfetischs, in der Vormoderne anscheinend direkt, »natu­
Form. Die Fronarbeit ist ebensogut durch die Zeit gemessen wie die ral« und »unverschleiert«. Es wird damit einerseits das moderne
Waren produzierende Arbeit, aber jeder Leibeigne weiß, dass es ein »Versachlichte Herrschaftsverhältnis« anachronistisch (und ideolo­
bestimmtes Quantum seiner persönlichen Arbeitskraft ist, die er gisch) in eine letztlich doch wieder persönliche (wenn auch »klas­
im Dienst seines Herrn verausgabt. Der dem Pfaffen zu leistende senmäßig« bestimmte} bloße Aneignung des Mehrprodukts aufge­
Zehnten ist klarer als der Segen des Pfaffen. Wie man daher immer löst. Andererseits wird im Gegenzug das agrarische »persönliche
die Charaktermasken beurteilen mag, worin sich die Menschen hier Herrschaftsverhältnis« ebenso anachronistisch in eines moderner
gegenübertreten, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen Interessen·Subjektivität übersetzt, die nur »unverhüllt« aufgetreten
in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen persönlichen sei.
Verhältnisse und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhält­ So wenig aber der moderne Kapitalfetisch ein persönliches Aus­
nisse der Sachen, der Arbeitsprodukte« (Marx 1965/1890, 91 f.). beutungsverhältnis darstellt, umso weniger lässt sich das votmo­
Die vorkapitalistischen Verhältnisse, so scheint es, sind also hin­ derne soziale Verhältnis in ein unmittelbares subjektives Kalkül
sichtlich der Aneignung eines Mehrprodukts durch eine »herr­ auflösen. Dann wären die vormodernen Sozietäten in sozialer Hin­
schende Klasse« gewissermaßen völlig durchsichtig und einfach sicht frei von jedem Fetischismus und völlig bewusst konstituiert
gewesen, während sich derselbe ausbeuterische Sachverhalt im Kapi­ gewesen, was allerdings zugleich Herrschaft als solche bzw. einen
talismus durch die Verkehrung in »gesellschaftliche Verhältnisse der »Ausbeutungstrieb« anthropologisieren würde. Umgekehrt müsste
Sachen« irgendwie verdunkelt hat. Diese Sicht verdankt sich aller­ dann das moderne Fetischverhältnis als bloße Komplizierung und
dings einer mehrfachen Verkennung des tatsächlichen Zusammen­ eben Verschleierung derselben anthropologischen Voraussetzung
hangs. Zunächst schimmert hier in der Marxschen Formulierung erscheinen. Von einer solchen Auffassung ist Marx natürlich weit
ein auch sonst immer wieder anzutreffendes »subjektivierendes« entfernt, obwohl sie in seine Formulierungen ob ihrer Unklarheit

77
r
hineininterpretiert werden könnte. Immerhin spricht Marx auch im indem die personifizierte Götterwelt in spiegelbildlichen sozia­
Hinblick auf die vorkapitalistischen Beziehungen von »Charakter­ len Personifikationen irdisch »realisiert« oder »umgesetzt« wurde.
masken«, »wie immer« man diese beurteilen möge (er interessiert Dieses »personale Prinzip« pflanzte sich als eine Art Verkettungs­
sich also dafür nicht weiter, weil sein Gegenstand ja im ersten Buch Zusammenhang in den menschlichen Beziehungen fort, zunächst
des ersten Bandes »der Produktionsprozess des Kapitals« ist). Von in Gestalt von diversen Stellvertretern Gottes auf Erden mit ganz
Charaktermasken aber kann nur die Rede sein, wenn die mensch­ verschiedenen Ausprägungen und auf ganz verschiedenen Ebenen,
lichen Beziehungen von einem verselbständigten Prinzip bestimmt vom Gottkaiser, König usw. bis zum pater familias.
werden. Gelegentlich spricht Marx auch von der Bindung durch Es handelt sich also um ein System von direkten personalen
»Traditionen« in den alten agrarischen Verhältnissen, deren Charak­ Repräsentationen des transzendenten Prinzips. Insofern ist der vor­
ter aber nicht näher erläutert wird. moderne Fetisch gerade kein dinglicher wie in der Modeme das
Die Unklarheit löst sich auf, wenn der Begriff des »persönlichen Geld, sondern ein unmittelbar personaler. Hierin liegt übrigens die
Abhängigkeitsverhältnisses« nicht als »nackte« subjektive Interes­ Ironie des Fetischbegriffs, der bekanntlich aus der portugiesischen
senkategorie bestimmt, sondern in Beziehung zur religiösen Mat­ Kolonisation Westafrikas stammt und ursprünglich die >>Zauberge·
rix der Weltordnung gebracht wird. Die transzendente Verankerung genstände« der Eingeborenen bezeichnete, wie sie in der Wahrneh­
in einem göttlichen Prinzip mochte in theologischen oder philo­ mung der Kolonisatoren erschienen, nämlich als »primitive« Besee·
sophischen Spekulationen ganz abstrakt verstanden worden sein, lung toter Dinge. Diese Fetische konstituierten jedoch in den dorti­
für den Hausgebrauch der alltäglichen Reproduktion war sie von gen Sozietäten gerade nicht die Denk- und Handlungsmuster oder
Grund auf personifiziert. Denkbar und geschichtlich wiederholt real die sozialen Beziehungen, sondern diese waren wie überall in den
war ein Wechsel der personalen Träger oder Trägergruppen, nicht agrarischen oder noch älteren Formationen grundsätzlich durch
jedoch eine Abschaffung des personifizierenden Prinzips selbst. Personifikationen bestimmt, während die Zaubergegenständlich­
Dessen transzendenten Begriff dieser personalen Hülle zu entklei­ keit marginal blieb. Die Vorstellung eines primitiven Fetischismus
den, konnte nur als Sakrileg verstanden werden. Deshalb galt jenes wurde dann in der Aufklärungsvernunft religionskritisch auf die
spekulative Denken seit der Antike immer wieder als polizeiwidrig, pomphaften Rituale des Katholizismus übertragen, die allerdings
weil es potentiell die »personifizierte« Weltordnung herauszufor­ ebenfalls eher personifiziert als verdinglicht waren (etwa im Mari­
dern schien: Die philosophische (oder sogar theologische) Reflexion enkult oder der Heiligenverehrung). Marx blieb es vorbehalten, den
drohte durch die Abstraktifizierung des göttlichen Prinzips dessen Fetischbegriff nicht ohne beißenden Spott auf die gesellschaftliche
transzendenten Charakter durchsichtig und die scheinbar selbst­ Grundlage der Aufklärungsvernunft selber anzuwenden, nämlich
verständliche irdische Ordnung erklärungs- und legitimationsbe­ die Stufenfolge des Waren-, Geld- und Kapitalfetischs. Das war aber
dürftig zu machen. So musste jener antike Philosoph als verdächtig keineswegs bloß eine Boshaftigkeit, sondern damit wurde die Sache
erscheinen, der gesagt haben soll, dass die Götter der rferde, wenn selber glücklich auf den Begriff gebracht. Denn erst in der Modeme
sie welche hätten, die Gestalt von Pferden annehmen würden. wird im Unterschied zu den unmittelbar personifizierten vorkapi­
Warum musste das transzendente göttliche Prinzip für die talistischen Strukturen ein beseeltes totes Ding, nämlich das Geld,
»Umsetzung« in die Matrix des innerweltlichen Denkens und Han­ zur leibhaftigen Erscheinungsform der Realmetaphysik und zum
delns anthropomorph gemacht werden? Da die Götterwelt nicht real sichtbaren »nexus rerum«, zur in der Tat primitiven Matrix der herr·
erscheinen konnte, war es notwendig, sozusagen ihr Spiegelbild auf sehenden Reproduktion. Die Aufklärungsvernunft ist nichts als die
die irdischen menschlichen Verhältnisse zu projizieren. Das ging bewusst-unbewusste Reflexionsform dieses Primitivismus, ablesbar
nicht in Form eines abstrakten, unpersönlichen Prinzips, sondern auch an ihrer salbungsvollen Predigt zur Legitimation der moder­
nur durch eine doppelte Personifizierung nach dem Motto »wie nen »Zaubergegenständlichkeit«, deren dinghafter Fetischcharakter
oben, so unten«. Die hierarchische Weltordnung wurde garantiert, noch denjenigen der wildesten Wilden übertrifft .

79
Wenn wir allerdings mit Marx den Fetischismus zum Begriff noo, der dazu äußert: »Wir müssen deshalb (im König) eine doppelte
einer Verselbständigung von realmetaphysischen Beziehungs- und Person erkennen: eine kommt aus der Natur, eine aus
der Gnade .„

Handlungsformen erweitern, dann ist damit nicht nur der dingliche Die eine war von Natur aus gleich wie bei anderen Mensch en, die
Fetisch der Modeme, sondern auch der personale Fetisch der Vormo· andere erhob ihn durch die Eminenz der Gottwe rdung (eminen tia
alle . Im
<lerne zu bezeichnen. In diesem früheren Fetischverhältnis sind die deificationis) u nd die Macht des Sakraments über anderen
im
personalen Repräsentanten nicht nur sie selbst, wie sie leiben und Hinblick auf die eine Person war er von Natur aus ein Mensch,
s, das
leben, sondern zugleich etwas anderes, nämlich buchstäblich phy· Hinblick auf die andere war er durch die Gnade ein Christu
­
siologische Repräsentationskörper des Transzendenten. Das machte heißt ein Gottmensch« (a. a. 0, 67, Hervorheb. i. Orig.). Die Verdop
ist auch eine des Leibes, nämlic h in die leiblich e
Probleme in diesen Sozietäten selbst und bei ihrer frühmodernen pelung der Person
Transformation wie etwa Ernst Kantorowicz in seiner berühmten
, physische Existenz und in die leibliche sakral repräsentative Exis­
-

Abhandlung über die »Zwei Körper des Königs« (1957) gezeigt hat. tenz. Letztere ist die personifikatorische Charaktermaske, wie Marx
die
Von dieser Publikation wird nicht zu Unrecht gesagt, dass sie »sich es nennen müsste. Von dieser doppelten »persona mixta« ist
auch darin als ein einzigartiges Werk erweist, dass es wie ein erra­ eine (die natürliche) sterblich, die andere (die transze ndente Reprä­
tischer Block in der Forschung liegt, ein Werk ohne Vorgänger und sentanz, der »Corpus mysticum«) unsterblich. Der »character angeli­
ohne Nachfolger, und dennoch ein weiterführendes Werk, das frei­ cus des Königs«, so ein anderer mittelalterlicher Begriff
, »erscheint
den
lich trotz aller positiven Rezensionen die ihm gebührende Resonanz als Ebenbild der >heiligen Geister und Engel<, weil er gleich
noch nicht gefunden hat« (Fleckenstein 1990, 17). Daran wird sich Engeln das Unverä nderliche in der Zeit darstellt« (a. a. 0, 32, Her­
so lange wenig ändern, wie sich die Geschichts- und Sozialwissen­ vorheb. Kantorowicz).
schaft einschließlich der marxistischen Kollegenschaft ihre falschen Es ist hier natürlich die christliche religiöse Konstitution der Vor­
ten
Ontologisierungen nicht abgewöhnt und moderne Kategorien hart· moderne, wie sie sich auch sonst überall mit zahlreichen Varian
logisch en Begriff en
näckig in die Vergangenheit projiziert. findet, die »das Königtum faktisch mit christo
g in »geistli ­
Die Leistung von I<antorowicz besteht gerade darin, dass er am definiert« (a. a. 0, 40). Daran ändern auch die Spaltun
Beispiel der englischen Geschichte das Problem der letztlich sak­ che« und »weltliche« Macht oder der Investiturstreit zunäch st nichts
sich in
ral konstituierten Personifikationen und ihrer frühmodernen Auf­ Wesentliches. Kantorowicz führt absurde Beispiele an, wie
·
lösungsprozesse exemplarisch analysiert hat. Es geht dabei um eine der frühm odernen Transformation diese konstituierende »physio
»ebenso phantastische wie subtile Darstellung des >Superkörpers< logische« Fiktion noch in ihrer allmäh lichen Auflösu ng geltend
­
oder >politischen Körpers< des Königs ... «, die nicht »von einem machte; etwa wenn König Georg III. »das Parlament um die Geneh
stück als Mensch und nicht
abstrakten >Staat< .„ , sondern von einer abstrakten physiologi­ migung dazu bitten musste, ein Grund
ent
schen Fiktion« (Kantorowicz 1990/1957, 28) ausgeht. Hier haben als König besitzen zu dürfen« (a. a. 0, 27), oder wenn das Parlam
« Heer aufbot ,
wir schon den Hinweis auf die Differenz von vormoderner Perso· »im Namen Karls I „ Königs im politischen Körper ein
nifikation oder »Verkörperlichung« und moderner Verdinglichung um »denselben Karl I„ König im natürlichen Körper« (a. a. 0, 44)
oder Versachlichung. Indirekt klingt das Fetischproblem an, wenn zu bekämpfen.
Vari-
Kantorowicz den Sachverhalt als spezifischen Ausdruck »einer vom Hier kann es nicht darum gehen, die spezifisch englische
die christl ich-mittelalterliche von antiken
Menschen geschaffenen Irrealität - die seltsame Konstruktion eines ante von anderen oder
n;
menschlichen Geistes, der schließlich zum Sklaven seiner eigenen bzw. vorgeschichtlichen religiösen Konstitutionen zu unterscheide
frühm oderne n Transformations­
Fiktionen wird« (a. a. 0, 29) bezeichnet. ebenso wenig ist beabsichtigt, den
en.
Was hat es nun mit den beiden Körpern des Königs auf sich? Im und Auflösungsprozess in dieser Hinsicht genauer nachzuzeichn
n des Königs <<
Prinzip ist die Sache sehr einfach. Kantorowicz bezieht sich unter Vielmehr steht das Konstrukt von den »zwei Körper
person alen
anderem auf einen anonymen normannischen Autor aus dem Jahr für die vormodernen Verhältnisse einer unmittelbar

80 81
Repräsentanz des transzendenten göttlichen Prinzips überhaupt, Sinn, wie sie ihre eigene Vernunft als primitive, vorgeschichtliche
das von schamanistischen Strukturen über diverse Gott- oder Pries­ {im Marxschen Sinne) zu erkennen vermögen.
terkönige und sakrale »Republiken« der Antike bis zu den christ­ Es muss darüber hinaus festgehalten werden, dass die Form der
lich-mittelalterlichen Feudalismen seine eigene große Geschichte unmittelbaren personalen Repräsentanz keineswegs nur eine Ein­
hatte. In allen diesen Epochen folgen die wie immer verfassten »per­ bahnstraße persönlicher Abhängigkeitsverhältnisse darstellt, wie
sönlichen Abhängigkeitsverhältnisse« keineswegs aus einem per­ es am Beispiel der Spitze des sakralen Herrschaftsverhältnisses
sönlichen oder im modernen Sinne »subjektiven« Ausbeutungs­ erscheinen könnte. Die hierarchische religiöse Weltordnung ent­
bzw. Interessenkalkül, sondern aus den personalen statt dinglichen hält durchaus komplexe Strukturen der Wechselseitigkeit. Die vie­
Fetischverhältnissen, die ebenso wenig unmittelbare Willensver­ len, nach »unten<< ausfransenden Abhängigkeiten sind also keines­
hältnisse sind. Auch der personale Fetisch übersteigt seine Träger wegs bloß einseitig und eindimensional, sondern schließen vielfäl­
wie der moderne verdinglichte Fetisch, nur in anderer Weise; und tige und tief gestaffelte wechselseitige Verpflichtungsverhältnisse
stets werden »Charaktermasken« sozialer Verhältnisse hervorge­ ein, die auch für die nur scheinbar »direkt« Herrschenden gelten.
bracht, wenn auch in völlig verschiedener Form. Herrschaft steht grundsätzlich nie für sich als pures Willensverhält­
Deshalb ist in den vormodernen Verhältnissen gerade keine nis, sondern ist immer Ausdruck eines übergreifenden, dem Wil­
schlichte Willkür am Werk, wie es etwa auch Hegel annimmt len vorgelagerten Fetisch-Verhältnisses; deshalb müssen sich die
{zumindest für die orientalischen Sozietäten), sondern ein anderes Herrschenden auch immer nach Maßgabe des verselbständigten
verselbständigtes Regelsystem. Dazu gehört auch das Geschlech­ Regelsystems legitimieren, ansonsten verfällt ihre Funktion. Es ist
terverhältnis, das in den meisten Kulturen (wenn auch keineswegs der moderne Blick, der hier allein unmittelbare, sich selbst begrün­
allen} patriarchal verfasst war. Auch diese Beziehungsebene konnte dende Herrschaft sieht, weil er an verdinglichte statt an personale
mit sakraler Rückbindung nur eine unmittelbar personifizierte Zwangsverhältnisse gewöhnt ist.
Repräsentanz der göttlichen Transzendenz beinhalten, wobei eine Die moderne »Personifizierung« des Kapitals durch Eigentümer,
männliche Götterhierarchie eben eine spiegelbildliche patriarchale Manager etc. ist eine qualitativ andere, nämlich eine mittelbare, indi­
Struktur auf Erden hervorbrachte. An der Form der Repräsentanz rekte Repräsentation des irdischen »gesellschaftlichen Dings«, wäh­
hätte sich natürlich auch bei matriarchalen Verhältnissen nichts rend die religiös konstituierte »Personifizierung« die unmittelbare
geändert, einschließlich der Opferverhältnisse. Obwohl die funda­ Repräsentation des göttlichen Prinzips darstellt. Der Exekutor des
mentale Differenz der modernen, verdinglichten und versachlichten Kapitalfetischs handelt als »Fachkraft« einer pseudo-naturhaften
Fetisch-Konstitution zu den direkt personifizierten religiösen Kons­ Versachlichung, der Exekutor der jenseitigen Macht als »Interpret«
titutionen der Vormoderne meist unterbelichtet bleibt, wird wenigs­ eines pseudo-persönlichen göttlichen Willens. Der bloße Funktio­
tens das Patriarchat gern von androzentrisch-universalistischen när oder die Charaktermaske des Geldes ist daher eine andere Figur
Aufklärungsvernünftlern ganz unter die früheren »persönlichen als der bloße Funktionär oder die Charaktermaske des Himmels.
Abhängigkeitsverhältnisse« subsumiert und die moderne Minder­ Das macht auch praktisch den Unterschied von transzendenter und
st:Hung der Frauen einschließlich sexistischer Ideologien als bloßer transzendentaler Repräsentation aus oder den Unterschied von Gott
»Überhang« einer barbarischen Vergangenheit verharmlost. Es wird und Wert. Der personale Fetisch erschöpft sich dabei keineswegs in
dann so getan, als gelte es nur noch, das angebliche Emanzipations­ Ordnungsverhältnissen von Herr und Knecht, sondern gilt auch für
versprechen der Aufklärungsvernunft für den weiblichen Teil der gleichrangige Beziehungen. Allgemein könnte man für die religiö­
Menschheit einzulösen. Dass der verdinglichte und versachlichte sen Konstitutionen der Reproduktion von einem daraus folgenden
Kapitalfetisch die ganz eigene, entsprechend versachlichte Qualität allseitigen Zusammenhang persönlicher oder auch institutionel­
eines spezifisch modernen Patriarchats in seine Formen selbst ein­ ler bzw. kollektiver Verpflichtungsverhältnisse sprechen, der in der
geschrieben haben könnte, kommt diesen Ideologen so wenig in den Regel sehr komplex und vielschichtig ist.
irreführend ist, soweit er moderne Beziehungen und Vorstellungen
Der Begriff der »Verpflichtung« darf dabei nicht mit dem moder­
impliziert. Es handelt sich nicht um ein durch Warenform bzw. Geld­
nen abstrakten Rechtsverhältnis von Vertragsbeziehungen unter
logik und entsprechende Rechtsverhältnisse vermitteltes Eigentum,
dem dinglichen Diktat des Geldes bzw. des Kapitalfetischs verwech­
auch wenn die Repräsentanten der Grundherrschaft wechseln kön­
selt werden. In der verdinglichten bzw. versachlichten Rechtsbezie­
nen. Die »Grundherrlichkeit« ist vielmehr statisch (als solche nicht
hung gelten die Personen nur als (exekutierende) »Exemplare« eines
veräußerbar und nicht durch eine »ökonomische« Dynamik vermit­
nicht nur abstrakt-allgemeinen, sondern eben auch dinglich erschei­
telt) in die religiöse Konstitution und das System der Verpflichtungs·
nenden Prinzips. In den vormodernen Verpfüchtungsverhältnissen
verhältnisse eingesunken, also deren Bestandteil.
ist dagegen die abstrakte Beziehungsstruktur in ihren diversen Aus­
Deshalb stellt auch die von Marx im dritten Band des »Kapital«
formungen ein Prinzip, das nicht dinglich erscheint, sondern direkt
:
au die empi�ischen Personen oder Institutionen in ihrer Eigen­
beschriebene agrarische »Naturalrente« keine besondere Form
eines transhistorischen »Mehrprodukts« dar, das als kapitalistischer
heit bezogen ist. Es herrscht also eine Art »principium individua­
»Mehrwert« nur eine neue Fmmbestimrnung angenommen hätte,
tionis« in den Verpflichtungsverhältnissen, d. h. bestimmte »Ver­
sondern ein von der Wertvergesellschaftung grundsätzlich verschie·
pflichtungs-Strukturen« werden zwischen bestimmten, namentlich
denes Verhältnis, das nicht über die Abstraktion eines »Mehrpro·
genannten Personen, Gruppen, Landsmannschaften, Berufen, Stä<l·
dukts« kompatibel gemacht werden kann. Aus demselben Grund
ten, Tempeln, Königen usw. eingegangen. Sie gelten dann nur in
handelt es sich wie schon angedeutet ebenso wenig um die bloß
diesem spezifischen Verhältnis, während eine abstrakt-allgemeine
besondere Form eines transhistorischen Ausbeutungs- und Berei·
»universalistische« Verpflichtungsstruktur fehlt. In bestimmter
cherungsverhältnisses, da die Grundherrschaft ein Moment der weit
Hinsicht sind die alten Verpfüchtungsverhältnisse daher »indivi­
dueller« als die modernen im Sinne der Persönlichkeit oder insti· 1 gefächerten institutionellen Verpftichtungsverhältnisse bildet, das
einer ganz anderen Matrix als der moderne Kapitalfetisch angehört.
tutionellen Einzelheit, während andererseits das moderne Rechts­
Und dieser beruht ja seinerseits erst recht nicht auf einem bloß »sub­
verhältnis zum ersten Mal eine »abstrakte Individualität« überhaupt
jektiven« Ausbeutungstrieb.
hervorbringt, die jedoch die wirklichen Personen oder einzelnen
Nachdem nun die historische Differenz und das Andere der vor­
sozialen Zusammenhänge ihrer konkreten Eigenart beraubt und sie
kapitalistischen Verhältnisse in Grundzügen skizziert ist, können
eben zu bloßen »Exemplaren« der verdinglichten Selbstzweck-Bewe­
wir uns dem Charakter der vermeintlich vertrauten und identischen
gung stempelt. In beiden Fällen bleiben die wirklichen menschli·
»Nischenform<< in diesen Verhältnissen zuwenden.
chen Individuen geprägt und gemodelt von einem ihrem bewuss­

te� u�riff äußerlichen und unzugänglichen, verselbständigten �
Prmzip1en-Zusammenhang. Deshalb kann hier im Sinne der sozi­ 'i

1
alen Befreiung und der bewussten Selbstbestimmung von keinerlei
»Fortschritt« gesprochen werden. Die eine, konkret-individuelle und
persönliche Verpflichtung ist so repressiv wie die andere, abstrakt·
individuelle und versachlichte. l
i
Soweit die alten Verpflichtungsverhältnisse seit dem Neolitrukum 1
so genannte agrarische, also durch Ackerbau und/oder Viehzucht
im »Stoffwechselprozess mit der Natur« (Marx) bestimmte sind,
s�ielt dabei schließlich noch ein weiteres von Marx genanntes Krite·
num vorkapitalistischer Strukturen eine Rolle, nämlich das Grund­
eigentum. Die soziale Matrix ist weitgehend auf die Herrschaft über
Grund und Boden fixiert, wobei jedoch der Begriff des »Eigentums«
5. jedenfalls selbstverständlichen, keinesfalls das Leben »erfüllenden«
Dingen und Beschäftigungen zugeschüttet wird. Andererseits wird
diese Banalisierung gerade dadurch monströs, dass es gar nicht wirk­
Ein Geld, das noch gar keines ist lich um die sinnlichen Bedürfnisse und Gegenstände geht, schon
gar nicht primär für den Genuss, sondern diese nur die Tragfläche
bilden für den fetischistischen Selbstzweck des »abstrakten Reich­
Was folgt aus der religiös-personalen Konstitution für die Existenz tums«. Die »Ökonomie« ist daher ganz und gar nicht dasselbe wie
von Ware und Geld in diesen vormodernen Fetisch-Verhältnissen? die schlichte Herstellung von materiellen Produkten des Bedarfs,
Um diese Frage beantworten zu können, muss erst einmal die Rück­ sondern sie hat sich dieses keineswegs an sich besonders bedeut­
projektion moderner Kategorien auf einer allgemeineren Ebene same Moment imperialistisch untergeordnet und erst dadurch zum
noch weiter kritisiert werden. Es ist wie gezeigt sehr zweifelhaft, allumfassenden Diktat gemacht. Ein Brot ist kein Brot und eine Hose
ob man hier überhaupt von »Produktionsverhältnissen« im Sinne keine Hose, sondern beides »gilt« nur als Repräsentanz vergangener
einer bestimmenden und begrifflich isolierbaren Kategorie spre­ »abstrakter Arbeit« und damit des »abstrakten Reichtums« in der
chen kann. Aus der selbstverständlichen Tatsache, dass die Men­ Geldform. Deshalb wird nichts hergestellt, bloß weil ein Bedürfnis
schen immer ihre Lebensmittel produzieren müssen, folgt keines­ danach besteht und die materiellen Mittel dafür existieren; und aus
wegs automatisch, dass dieser Sachverhalt überhaupt der für sie ent­ diesem Grund gibt es trotz eines Imperialismus der »Produktion«
scheidende ist und eine ihre Sozietät bestimmende eigene Logik ent­ immer wieder nicht einmal genug Brot und Hosen für alle.
hält, die alle anderen Momente des Lebens determiniert. Es ist eine Nun konnten die vorkapitalistischen Sozietäten, ganz zu schwei­
moderne Legende, dass die Produktion oder im modernen Verständ­ gen von den prähistorischen, zwar kein Spielzeug auf den Mars
nis die »Arbeit« in der frühen Menschheit die gesamte Lebenszeit schießen, keine Atombombe bauen und nicht ganze Landschaften
ausgefüllt hätte, in der Folge nur mühsam durch »Produktivkraftent­ zubetonieren. Aber dieser Mangel an spezifisch modernem Aber­
wicklung« ein wenig vermindert worden sei und erst die glorreiche witz kam nicht daher, dass sie dauernd mit Jagen und Sammeln oder
Modeme des Kapitals durch Technik und Wissenschaft die Potenz Ackern und Säen beschäftigt gewesen wären und für nichts sonst
zur »freien Zeit« im großen Maßstab hervorgebracht hätte. Marx Zeit gehabt hätten. Ihr Potential an fetischistischem Überschuss,
folgt dieser Legende nur halb, was die vermeintlich extreme vormo­ damit aber auch an Grausamkeit und Barbarei war bloß ein anderes.
derne Mühsal angeht, während er zugleich weiß und sagt, dass erst Das gilt nicht nur für die so genannten Hochkulturen der Antike,
der Kapitalfetisch die gesamte Lebenszeit der Menschen in »Arbeits­ sondern auch für alle noch früheren Sozietäten des Vorderen Ori­
zeit« auf immer höherer Stufenleiter verwandelt. ents. Die ägyptischen Pyramiden etwa, eine der bekanntesten Mani­
Das traditionelle und eher vulgäre Verständnis eines »historischen festationen frühgeschichtlicher Architektur, lassen sich kaum aus
Materialismus« übersetzt die abstrakte, sicherlich anthropologisch »Produktionsverhältnissen« des damaligen alltäglichen Lebens
gültige Tatsache eines menschlichen »Stoffwechsels mit der Natur« erklären. Selbst wenn man die »hydraulische Kultur« (Karl August
in eine basale Herleitung des Denkens und Handelns, ja des Verhält­ Wittfogel) von großflächigen Bewässerungssystemen als Moment
nisses zur Welt überhaupt, aus der Verfertigung lebensnotwendiger bei der Herausbildung eines Machtgefüges von Gottkönigen sehen
Gegenstände von Essen, Trinken, Bekleidung, Wohnung, Werkzeu­ kann, lässt sich daraus weder der Aufwand für die bis heute beste­
gen, Waffen etc. und erst sekundär auch kultureller Produkte. Damit henden Monumente noch deren spezifische Qualität ableiten. Das
wird die spezifisch kapitalistische Bestimmtheit durch eine »Produk­ wird vollends unmöglich bei den noch wesentlich älteren Artefakten,
tionsweise« oder »Ökonomie« ontologisiert. Einerseits kommt auf die erst vor wenigen Jahren in Anatolien (<;:atal Höyük und Göbe­
diese Weise die monströse Banalität der kapitalistischen Lebensweise kli Tepe) entdeckt wurden und dem jüngeren Paläolithikum zuge­
zum Ausdruck, in der die Lebenszeit mit an sich belanglosen oder rechnet werden müssen. Es handelt sich, wie der Archäologe Klaus

86
Schmidt betont, um ganz unerwartete »große, teilweise monumen­ reale Reproduktionsverhältnisse ignoriert und Geschichte über­
tale Architektur, spektakuläre Kunst . « (Schmidt 2008, 49) von
..
haupt als ungebrochene Ideengeschichte versteht, aus der die histo­
steinzeitlichen Jägerkulturen mit einem Alter von zehntausend bis rischen Formationen abgeleitet werden (wie bei Hegel). Die bewuss­
zwölftausend Jahren. Nichts davon lässt auf eine Begründung durch ten Ideen als ideologische sind zwar umgekehrt abzuleiten aus der
die Produktion der Lebensmittel oder gar durch die dafür benutz­ bewusstlosen fetischistischen Konstitution realer Lebensverhält­
ten Werkzeuge schließen. Vielmehr handelt es sich um Artefakte, nisse, die jedoch ihrerseits als solche gerade in ihrem Fetisc�cha­
»die einen den Kampf ums tägliche überleben weit überragenden rakter keineswegs unmittelbar materiell ist. Erst die bewusste Uber­
geistigen Hintergrund voraussetzen« (Schmidt, a. a. 0, 244). Das windung fetischistischer Realkonzepte überhaupt wird die falsche
kann auch für die noch weitaus älteren, geradezu einem Abgrund Dualität gegenstandslos machen und auch das ideologische Denken
der Vorzeit entstammenden berühmten Höhlenmalereien mit ihren verschwinden lassen.
exakten, teilweise perspektivischen Darstellungen angenommen Wenn die Vormoderne insgesamt bis tief in die Steinzeit hinab
werden. Es wäre lächerlich, all diese materiellen Zeugnisse halb keine »Produktionsverhältnisse« im strengen Sinne eines logisch
tierischen Wesen zuzuschreiben, die Eicheln gefressen oder rohes verselbständigten und alle anderen Momente sich unterordnen­
Fleisch hinuntergeschlungen hätten (eine nur wenig übertreibende den und anverwandelnden Bereichs hatte, kann also umso weni­
Karikatur des bürgerlich-aufklärungsideologischen Geschichtssche­ ger von entsprechenden »ökonomischen« Verhältnissen und über­
matismus). Und es geht dabei auch nicht um eine im modernen phi­ haupt einer »Ökonomie« als einem eigengesetzlichen Bereich oder
losophischen Sinne »ideal istische« Interpretation, denn schon die gar einer selbständigen »zweiten Natur« die Rede sein. Das Wort
frühesten (vermutlich religiösen) Fetischismen konstituierten ja Oikonomia stammt zwar aus der griechischen Antike, bezeichnete
eine reale Lebensweise; nur dass diese nicht einem sogar die Werk­ damals aber etwas völlig anderes, nämlich (etwa bei Aristoteles) die
zeuge und Lebensmittel selbst fetischisierenden Muster wie in der konkreten Regeln und »Rezepte« für eine Haushaltsführung ohne
Moderne folgte, in dem das Weltverhältnis durch das abstrakte Prin­ gesamtgesellschaftliche Dimension, schon gar nicht von Ware und
.
zip von Wertform und Geld real verdinglicht wird. Wertform. Es ging z. B. darum, wie man Olivenbäume schneidet,
In diesem Sinne müsste gerade der mit den Marxschen Begriffen Sklaven behandelt, die beste Jahreszeit für Seefahrten bestimmt
von »abstrakter Arbeit« und Wertform bestimmte sowie als Fetisch­ usw. Die bunten Sammelsurien von Überlegungen und Ratschlä­
verhältnis erklärte Kapitalismus Ausdruck einer »idealistischen« gen können beim besten Willen nicht als »ökonomisches Denken«
Interpretation sein. In Wahrheit sagt die bloße Tatsache einer mate­ bezeichnet werden; und selbst »Geldfragen« erscheinen dabei für
riellen Produktion von Lebensmitteln gar nichts über den spezifi­ ein modernes Verständnis in höchst absonderlichen Zusammen­
schen Charakter der jeweiligen Sozietät aus, der nur aus den Bezie­ hängen. Das gilt für alle vormodernen Sozietäten einer zumeist
hungsformen zur Natur und der Menschen untereinander erklärt agrarischen Reproduktionsweise, während für noch frühere Verhält­
werden kann. Diese Formen als solche sind jedoch niemals »mate­ nisse natürlich gar keine Überlieferungen vorliegen.
rielle«, sondern es handelt sich um bewusstlos aus einer unreflek­ Darauf macht auf Grundlage empirischer Forschungen zum
tierten Praxis entstandene »geistige Konzepte«, die dann allerdings christlichen Mittelalter auch der bedeutende Vertreter der französi­
ein Regelsystem von Verhältnissen konstituieren, in die selbstver­ schen »Nouvelle Histoire« und Mediävist Jacques Le Goff aufmerk­
ständlich auch die materielle Produktion eingebunden ist, ebenso sam. I n seinen Untersuchungen »Wucherzins und Höllenqualen«
wie die Sexualität oder überhaupt das Körperverständnis. Nur inso­ (1986) und »Geld im Mittelalter« (2010) nähert er sich einem Ver­
fern die Formbestimmungen der Beziehungsverhältnisse zugleich ständnis der vorkapitalistischen Verhältnisse, das die falschen kate­
materielle Reproduktionsverhältnisse »darstellen« und regulie­ gorialen Ontologisierungen hinter sich lässt. Als Referenz greift er
ren, kann man von einem »historischen Materialismus« sprechen dabei nicht zuletzt auf Karl Polanyi zurück, der mit seinen Unter­
im Gegensatz zu einer »idealistischen« Geschichtsphilosophie, die suchungen aus den 194oer und r95oer Jahren in ähnlicher Weise

88
wie Kantorowicz als Solitär Breschen in das bürgerlich-aufklärungs­ erklärt sich durch das Fehlen eines spezifischen Bereichs >Ökono­
ideologische und marxistische Geschichtsverständnis geschlagen mie< sowie fehlende diesbezügliche Thesen oder Theorien. Histori­
hat. Polanyi setzt bereits den Begriff von »Beziehungsgeflechten« ker, die den scholastischen Theologen oder den Bettelmönchen, vor
(der dem obigen der »Verpfiichtungsverhältnisse« entspricht) einer allem den Franziskanern, ökonomisches Denken andichten, bege­
Rückprojektion der modernen Warenlogik entgegen: »Wir müssen hen einen Anachronismus« (a. a. 0, 240 f.).
uns von der tief verwurzelten Vorstellung frei machen, nach der die Le Goff beruft sich dabei auf zahlreiche ältere und neuere Belege
Ökonomie ein Erfahrungsbereich ist, dessen sich die menschlichen oder Referenzen, so etwa eine Abhandlung des spanischen Anthro­
Wesen notwendigerweise immer bewusst waren. Metaphorisch aus­ pologen Bartolome Clavero, der für das Mittelalter ebenfalls die ein·
gedrückt, waren ökonomische Tatbestände ursprünglich in Begeben­ deutige Aussage macht: »Es gab keine Wirtschaft« (Clavero r991, zit.
heiten eingebettet, die ihrerseits nicht ökonomischer Natur waren; nach Le Goff 2on, 239). Polanyis Begriff der »Einbettung« ist also
ebenso verhielt es sich mit den Zwecken und Mitteln, die grundle­ nun radikalisiert zur Einsicht in das Fehlen der Kategorie überhaupt;
gend materielle waren. Der Begriff der Ökonomie bildete sich erst im nicht nur im Sinne von zeitgenössischen Theorien, sondern auch im
Laufe der Zeit und der Geschichte heraus« (Polanyi/Arensberg r957, Sinne eines realen Daseins (das ja im Denken eine entsprechende
zit. nach Le Goff r988/r986, 17, Hervorheb. i. Orig.). Reflexionsbestimmung hervorrufen müsste). Daraus erhellt, dass
Die Schwerkraft des bürgerlich-aufklärungsideologischen Den­ die Verwechslung von »Produktion der Lebensmittel« oder »Repro­
kens zeigt sich hier daran, dass Polanyi immer noch von »ökono­ duktion« in einem allgemeineren Sinne mit »Ökonomie« im moder­
mischen Tatbeständen« spricht, obwohl er bereits über diese ana­ nen Sinne ein typischer Anachronismus ist, der eben in der kapi·
chronistische Zuschreibung hinausgeht. Das geschieht jedoch ledig­ talistischen Aufklärungsvernunft wurzelt. Im Rückblick auf Pola­
lich in der Weise, dass er jene als dennoch vorhanden unterstellten nyi lässt sich also sagen, dass zwar die materielle Produktion in ein
»Tatbestände« in andere Strukturen »eingebettet« sieht (den Termi­ (religiös konstituiertes) Gefüge »eingebettet« gewesen ist, aber nicht
nus der »Einbettung« verwendete Polanyi bereits in seiner berühm­ eine »Ökonomie«. Denn etwas, das es gar nicht gibt, kann auch nicht
ten, 1944 erschienenen Untersuchung über die »große Transfor­ in etwas anderes »eingebettet« sein. Sicherlich bildete dieses soziale
mation«, die uns im nächsten Kapitel näher beschäftigen wird). Gefüge, in dessen Zusammenhang auch die Lebensmittel produ­
Le Goff nimmt nun diesen Gedanken auf und zeigt, dass es in der ziert wurden, in gewisser Weise eine »zweite Natur«, aber eben als
vormodernen christlich-agrarischen Welt Westeuropas (und damit anders konfiguriertes Fetischverhältnis, das seine bestimmte Logik
erst recht in noch früheren Zuständen) weder eine distinkte oder hatte und keine eigengesetzliche andere neben sich dulden konnte.
gar dominierende Sphäre der )>Ökonomie« noch ein entsprechendes Ähnlich zugespitzt wie bei LeGoff findet sich die Kritik des
Denken gab. Man müsse der Tatsache Rechnung tragen, >>dass die Begriffs der »Ökonomie« für vorkapitalistische Verhältnisse in der
Realitäten, die wir heute isolieren und zum Gegenstand der spezi­ Untersuchung »Im Takt des Geldes« von Eske Bockelmann (2004).
fischen Kategorie des ökonomischen machen, damals ganz anders Obwohl Bockelmann in anderer Hinsicht zu kritisieren ist (vgl. dazu
betrachtet wurden« (Le Goff, a. a. 0, r6). die folgenden Kap.), sind seine Ausführungen in diesem Punkt
In seiner ein Vierteljahrhundert später erschienenen Untersu­ durchaus erhellend: »Welche Wirtschaft ... hatte die Antike? Sie
chung über »Geld im Mittelalter« geht Le Goff einen Schritt weiter. hatte keine und nicht etwa, dass ihr nur das Wort fehlen würde „ ;
„. .

Jetzt sagt er, es handle sich bei Interpretationen, die einen »spezifi­ nein, es fehlt ihr di� Sache. >Ökonomie< ist zwar ein Wort schönsten
schen Bereich Ökonomie« unterstellen, um eine moderne Projek· griechischen Ursprungs doch ... Wort und Sache haben für uns
.„

tion; der hier transportierte Ökonomiebegriff sei erst im r8. Jahr­ eine Bedeutung angenommen, die sie in der Antike nicht hatten und
hundert aufgetaucht (Le Goff 2on, 237). Die )>Ökonomie« war also in ihr nicht haben konnten « (Bockelmann 2004, r96 f„ Hervor­
„.

nicht etwa in anderen Beziehungen sozusagen versteckt, sondern heb. Bockelmann). Andererseits heißt es über die modernen ideo­
gar nicht existent: »Dass es keinen mittelalterlichen Geldbegriff gab, logischen Projektionen hinsichtlich der Antike: »Grundsätzlich „.

91
T
l
wurde ihr Wirtschaften nach dem Muster des uns vertrauten markt­ Sind einmal die religiöse Matrix und die darin eingeschlossenen
wirtschaftlichen Systems missdeutet« (Bockelmann, a. a. 0, I98). Repräsentanzen als wesentlich für die vormodernen Verhältnisse
Hier wird die Zuspitzung der Kritik unwillkürlich um eine Ebene erkannt, dann muss auch die als »Geld« identifizierte Erscheinung
zurückgenommen, denn plötzlich scheint es (ähnlich wie bei Pola· i diesem Zusammenhang angehören, also in einen ganz anderen Kon­
!
nyi) doch ein »Wirtschaften« der Antike gegeben zu haben, das text als in der Modeme eingebunden gewesen sein. So könnte die
lediglich sekundär ein anderes gewesen sein soll als das moderne materialiter als »Geld« identifizierte Gegenständlichkeit als eine (für
»marktwirtschaftliche«, während doch kurz zuvor gesagt wurde, unser Verständnis in befremdlicher Weise) religiös bestimmte tat­
dass die »Sache« überhaupt fehlte. Man könnte vielleicht zugeste­ sächlich vor und unabhängig von so genannten Tauschverhältnissen
hen, dass der Ausdruck »Wirtschaften« hier eher im Sinne von Aris­ oder parallel dazu entstanden sein. Es ist im letzten Kapitel bereits
toteles oder in einer auch heute gebräuchlichen metaphorischen festgestellt worden, dass sich das die Reproduktion konstituierende
Bedeutung des Haushaltens in allen möglichen Bezügen gemeint Gottesverhältnis wesentlich als Opferverhältnis dargestellt hat. Geop­
ist; eine Unschärfe bleibt jedoch. Dieser flüchtige Widerspruch fert werden musste der transzendenten Macht aber etwas, das man
verweist allerdings auf die Schwierigkeit, vom eingefleischten auf. nicht leichten Herzens verschmerzen konnte, das einen hohen Auf·
klärungsvernünftigen Begriff einer »Ökonomie« als vermeintlich wand erforderte etc. und nur deshalb des Opferns würdig war. Schon
transhistodschem Sachverhalt wegzukommen und »Produktion der an dieser Stelle ist ein Hinweis auf Gold und Silber angebracht,
Lebensmittel« im weitesten Sinne nicht mit diesem kategorial selb­ obwohl sich deren Bedeutung auch in sakraler Hinsicht nur durch
ständigen Bereich zu verwechseln. eine lange Geschichte erklären lässt. Dass Edelmetalle selten und
Welchen Status hatten dann aber die aus moderner Sicht als mühsam zu beschaffen sind, kann als Sachverhalt eine »Wertschät­
»Warentausch« und »Geld« identifizierten Erscheinungen in sol· zung« beinhalten, muss aber deswegen noch lange keinen »ökono·
chen Verhältnissen� Sie konnten jedenfalls keine »Ökonomie« nach mischen Wert(< konstituieren. Im Zusammenhang der religiösen
modernem Verständnis im Miniaturformat oder als fertige »ökono· Matrix erscheinen die Edelmetalle dagegen seit einem relativ frühen
mische Gesetzmäßigkeit« auf bestimmten Stufen einer Wertform­ Zeitpunkt als besonders geeignet für Opforgaben an die Götter bzw.
Entfaltung sein. Im Folgenden werden zu diesem Problem Thesen das göttliche Prinzip; zunächst neben anderen Formen des konkre·
formuliert, die zwar dem Rahmen des Textes entsprechend nicht ten Reichtums, etwa Vieh. Diesem Verhältnis und seiner Geschichte
mit empirisch-historischem Material gefüttert sind, aber dieses ist nun genauer nachzugehen.
durchaus voraussetzen bzw. einer anderen Interpretation mehr oder Obwohl Marx einerseits über weite Strecken dem »methodolo­
weniger bekannten Materials folgen. gischen Individualismus« in historischer Hinsicht folgt und schon
Zunächst ist die grundlegende Bedeutung der religiösen Matrix den Frühformen des Geldes eine identische »ökonomische« Logik
hervorzuheben, die mit ihrer Eigenlogik auch das bestimmt, was aus zuspricht, finden sich andererseits bei ihm überraschenderweise
moderner · Sicht anachronistisch als »ökonomische Beziehungen« auch Aussagen, die auf eine ganz andere Konstitution verweisen. So
identifiziert wird, und sei es in bloßen »Nischenformen«. Kann man heißt es im »Kapitel vom Geld« der »Grundrisse(<: »Bei allen alten
hinsichtlich der angeblich prähistorischen, antiken oder mittelalter­ Völkern erscheint das Aufhäufen von Gold und Silber ursprüng·
lichen »Wertformen« von einer rein modernen Interpretation spre­ lieh als priesterliches und königliches Privilegium, da der Gott und
chen, die aus der hier dargelegten Sichtweise ebenso anachronis· König der Waren nur den Göttern und Königen zukommt« (Marx
tisch sein muss, so ist das »Geld« in Form handfester Artefakte und 2005/1857-58, 156). Es wird also zwar im transhistorischen Sinne
offensichtlich damit zusammenhängender Praxisformen natürlich von »Waren« gesprochen, zugleich aber ein religiöser (statt gesetz­
nicht in derselben Weise als Kopfprodukt moderner Betrachter abzu­ mäßig-ökonomischer) »Ursprung« angenommen. Da Marx dieser
tun. Aber es kann sich um Artefakte und Praxisformen mit einer Frage nicht weiter nachgeht, bleibt der Hinweis erratisch und die
gänzlich anderen Bedeutung gehandelt haben. fundamentale Differenz zwischen einer religiös-personalen und

L 92 93
einer ökonomisch-sachlichen Logik unthematisiert. Im Marxis­ Dabei ist auch das Rind nicht der eigentliche Ursprung. Als quasi
mus mit seiner bürgerlich-aufklärerischen Ideologie einer trans­ axiomatisch kann das Bedürfnis und die Notwendigkeit angesehen
historischen Entfaltung »ökonomischer Grundverhältnisse« wurde werden, in einer unsicheren und unbegreiflichen Welt die Götter
dieses Schlaglicht auf einen religiösen Zusammenhang natürlich gnädig zu stimmen. Es musste also der Götterwelt geopfert wer­
ignoriert. den, und dabei entstand eine Wertung für diese Qualität, die ihren
Tatsächlich lässt sich sogar das Wort »Geld« auf eine einschlägige Namen bekam: » Das Opfer heißt >gelt<« (Laum, a. a. 0, 53). Dieses
ursprüngliche Bedeutung zurückführen, wie es das »Etymologische »gelt« musste hohe Bedeutung einnehmen im Sinne einer »Hin­
Wörterbuch des Deutschen« (Berlin 1986) erklärt. Danach sind die gabe«, einer großen Darbietung, die nichts mit einem ökonomi­
entsprechenden althochdeutschen und altenglischen Begriffe durch­ schen Kalkül zu tun hatte. Deshalb war das ursprüngliche »gelt«
wegs im Kontext von »Opfer« und »Vergeltung« bestimmt: Geld also <las Menschenopfer. Da es um das Höchste ging, das geopfert wer­
»gehört anfangs in die kultische und rechtliche Sphäre und bedeutet den musste, waren die zu opfernden Menschen zwangsläufig hoch­
>Opfer, Buße, Tribut<, eigentl. >das, womit man Opfer, Buße erstat­ gestellte Persönlichkeiten, heilige Menschen, die Besten, Schöns­
ten, entrichten kann< ... «. Vor diesem Hintergrund hat der Alter­ ten, Tapfersten, Klügsten usw. Es musste weh tun, und es tat offen­
tumswissenschaftler und Philologe Bernhard Laum schon vor mehr bar so weh, dass sich allmählich die »Idee der Stellvertretung«
als 80 Jahren mit seinem Buch »Heiliges Geld« (1924) eine Theo­ (Laum, a. a. 0, roo) entwickelte. Da das Opfer an sich symbolisch
rie vom religiösen Ursprung des Geldes entwickelt, die insgesamt war, konnte das Menschenopfer durch ein stellvertretendes Sym­
auf wenig Interesse stieß und weder bei den bürgerlichen Ökono­ bol abgelöst werden. Laum zitiert in diesem Sinne einen brahmani­
men noch bei den Marxisten Anklang fand. Auch wenn Laum das schen Text: »Die Götter nahmen anfangs den Menschen als Opfer­
Problem nicht so bezeichnet, so ist doch der historische Aspekt des tier, da wich von ihm der medha (= die Opferfähigkeit) und ging in
»methodologischen Individualismus« für dieses Desinteresse weit­ das Ross; da entwich von diesem die Opferfähigkeit und ging in das
gehend verantwortlich. Es wurde ihm angekreidet, dass er behaup­ Rind « (Laum, a. a. 0, 1or).
„.

tet hatte, die modernen Geldtheorien seien allesamt »aus den Das Rind ist schließlich zumindest im indogermanischen Raum
Erscheinungen der Gegenwart abstrahiert« und müssten in ihrer das bevorzugte Opfertier, um durch diese Gabe eine Gegenleistung
transhistorischen Verallgemeinerung als eine »Vergewaltigung der des Gottes welcher Art auch immer zu erlangen. Das Rind bildet
Geschichte« (Laum 2006/1924, 9) bezeichnet werden. also nicht ein Tauschmittel zwischen Menschen als »prämonetäres
Laum historisiert die Kategorie des »Ökonomischen« selber noch Geld« im modernen Verständnis, sondern, wie es sprachlich längst
nicht wie Le Goffund ansatzweise Bockelmann später; er verwendet erschlossen ist (etwa im lateinischen »pecunia«), ein sakrales »Zah­
sie im herkömmlichen modernen Sinne. Aber dennoch zeigt er fak­ lungsmittel« im Verkehr mit der Götterwelt. Diese Formulierung ist
tisch, dass das Verhältnis zu materiellen Gütern überhaupt etwa in schon eine moderne Verballhornung, aber uns stehen keine adäqua­
der Homerischen Welt noch mehr gefühlsmäßig als »gesetzmäßig« ten Begriffe zur Verfügung. In einer langen, großenteils nicht mehr
ist: »(Objektive) Maßstäbe fehlen noch vollständig« (Laum, a. a. O, oder nur mühsam und bruchstückhaft durch Zeugnisse belegba­
20). Quantitative »Wertungen«, allerdings keineswegs im modernen ren Geschichte (nicht zuletzt in sprachhistorischer Hinsicht) hat
ökonomischen Verständnis, werden zahlenmäßig in »Rindern« aus­ sich die sakrale »Rinderwährung« vielfach ausdifferenziert und
gedrückt (etwa im Begriffder »Hekatombe«). Aber diese Quantitäts· umgewandelt.
bestimmung stammt, wie Laum nachweist, nicht aus einer säku­ So erfasst das Opferverhältnis und dessen Viehmaterie die
laren »Logik des Tausches«, sondern allein aus dem Opferkult im menschlichen Beziehungen zum einen im direkten Anschluss an die
Gottesverhältnis. Und um diesen Zusammenhang geht es wesent­ Kulthandlungen, etwa in der Zuteilung von Fleischportionen beim
lich bei allem, was von modernen Interpreten fälschlich als »Ökono· »heiligen Mahl« für die Beteiligten; vom Opferspezialisten (später
mie«, »Tausch« und »Geld« aufgefasst worden ist. Priester) bis zum einfachen Mitglied der jeweiligen Sozietät. Zum

94 95
�..

andern wird das Opferverhältnis in ebenso religiöser Ableitung über­ Das Edelmetall als Geld, schließlich auch als gemünztes, verliert
tragen auf Verhältnisse der Blutrache bei Tötungsdelikten oder des diesen sakral und daher nicht-ökonomisch konstituierten Charakter
so genannten »Frauenraubs« zwischen verschiedenen Sozietäten, keineswegs grundsätzlich. Laum zeigt, welche Metamorphosen dabei
und zwar in Form der Sühneleistung, die dem Opfer entspricht. In die Rinder oder Viehwährung als Gottesbeziehung durchgemacht
-

diesem Sinne erweist sich »der Kult als Schöpfer normierter Entgel­ hat. Ursprünglich selbst ein Substitut innerhalb der symbolischen
tungsmittel« (Laum, a. a. 0, 15 ff), und das »gelt« geht ein in ebenso Opferhandlung, nämlich der erwähnte Ersatz des Menschenopfers

l
sakral bestimmte menschliche Beziehungen, die entsprechend (das elementarste »Geld« der Geschichte) durch das Tieropfer, wird
durch kultische Rechtsverhältnisse geregelt sind; also nicht durch das Symbol des lebenden Tieres in zweiter Potenz substituiert durch
ein »Recht« im modernen Sinne, hier waltet bei den meisten· Inter­ symbolische Requisiten des kultischen Vollzugs, etwa den Bratspieß
pretationen schon wieder der sprachliche, aufklärungsideologisch (drachme, obolos), womit die hierarchischen Verteilungsverhältnisse
gewendete Anachronismus. Alle persönlichen und institutionellen gemäß dem jeweiligen Status im »Gottesverkehr« verbunden sind.
Verpfiichtungsverhältnisse in ihrer historischen Ausdifferenzierung Weiterhin treten Mischformen auf. so bei der symbolischen Wand­
leiten sich aus diesem Grundverhältnis des Opfers und seiner Ritu­ lung vegetabilischer Opfer in Nachbildungen von Tieren, in runde
ale her. Opferkuchen mit einfacher Form oder mit tierischen Prägungen
Im Status des Opfers oder Gottesgeschenks und seiner zwischen­ (auch die christliche Hostie dürfte dieser Herkunft angehören),
menschlichen Derivate ist die Bedeutung eben keine substantielle zuletzt synkretistisch als Form von runden Edelmetallplatten mit
als Repräsentanz von etwas anderem (schon gar nicht von »Arbeit«), als Sigel aufgeprägtem Tieropfersymbol (Rindsköpfe), dann mit Göt­
sondern eine wesentlich symbolische im Gottesverkehr der persona­ terköpfen und in historischer Zeit mit Herrscherköpfen. Laum weist
len Repräsentanzen. Dabei spielt die Quantität durchaus eine Rolle, darauf hin, »dass bei den stellvertretenden Opfern mehr und mehr
aber nur eine unmittelbar naturale. Der Symbolcharakter drückt der innere Gehalt zurücktritt; nur die Form ist wichtig, während das
kein »ökonomisches Gesetz« aus, sondern ein religiöses Verhältnis Material, aus dem sie besteht, gleichgültig ist« { Laum, a. a. 0, 102).
der Reproduktion. Sammelplätze sind die heiligen Stätten oder Tem­ Aus heutiger Sicht ist es nicht ganz ohne Ironie, wenn die Münze
pel, wo sich schließlich Gaben an die Götter auch in haltbarer Form als hoheitliches Symbol der Herrscher bloß das Rindvieh einschließ­
akkumulieren, namentlich Edelmetall in kunstvoller Fertigung oder lich der Kopfprägungen abgelöst hat, aber es handelte sich eben um
als Barren. Diese Tempelschätze können vielleicht als eine Art »Got­ heilige Angelegenheiten. Wie wenig die Edelmetalle mit einer »Wirt­
tesguthaben« oder »Heilsguthaben« bezeichnet werden. Sie deshalb schaft« und entsprechenden Beziehungen von »Angebot und Nach­
als »Banken<< zu verstehen, ist wieder ein typisch moderner Ana­ frage« zu tun hatten, geht aus dem »Wertverhältnis« zwischen Gold
chronismus als Rückprojektion der eigenen verdinglichten Logik und Silber hervor, das laut Daum von d.er Antike bis in die frühe
auf die ganz andere der unmittelbar personalen Repräsentanz, bei Neuzeit 1 : 13 1/3 betrug; als Beziehung von göttlichen Symbolen
der es um die Beeinflussung transzendenter Mächte geht, nicht um der Sonne (Gold) bzw. des Mondes (Silber) leitete sich diese Rela­
den Vollzug transzendentaler ökonomischer Gesetze (Laum, a. a. 0, tion aber aus keinerlei ökonomischen Gesichtspunkten ab, weder
166). Der Anachronismus findet sich auch bei Marx gerade an der einer Arbeitssubstanz noch einer Marktkalkulation, sondern »aus
' 1
Stelle in den »Grundrissen«, wo er den religiösen Ursprung der dem Verhältnis der Umlaufszeiten der betr. Gestirne zueinander«
Geldform streift: »Der Staatsschatz als Reservefonds und der Tem­ {Laum, a. a. 0, 155).
pel sind die ursprünglichen Banken, worin dies Allerheiligste kon­ Natürlich ist die schon länger bekannte, erst von Laum systema ­

serviert wird« (Marx 2005/1857-58, 157). Auch hier scheint die Diffe­ tisch dargestellte Abkunft von Geld und Tauschbeziehungen aus dem
renz zu einer »ökonomischen« Logik im Sinne der Wertabstraktion Opferverhältnis und der Opfergegenständlichkeit der religiösen Kon­
zwar auf, wird aber eben in den Anachronismus von »Ursprüngli­ stitutionen trotz der Abwehr der herrschenden Wissenschaft nicht
chen Banken« umgebogen. unbemerkt geblieben und immer wieder in der Literatur aufgetaucht.

97
Im Kontext der Neuen Linken hat Horst Kurnitzky mehrfach die Das Resultat ist bei Kurnitzky eine ebenso unvermittelte Feier des
Thematik aufgegriffen, zuletzt in seinem Essay »Der heilige Markt« »Marktes« schlechthin als zivilisatorische Potenz und Form einer
(1994). Dort heißt es (ohne expliziten Bezug auf Laum): »Der Markt »fundamentalen gesellschaftlichen Institution der Vermittlung«
und das den Austausch auf dem Markt vermittelnde Geld entstam­ (a. a. 0, 17). wobei die kurzschlüssige Reduktion auf die sexuelle
men historisch einem Opferkult. Geld verkörpert in allen Gesellschaf­ Triebstruktur noch einmal kurzgeschlossen wird mit emanzipatori­
ten bis heute Opferverhältnisse. Nicht Tauschverhältnisse, sondern schen Ideen überhaupt: »Vermittelt durch das Geld, das als Tausch­
Opferverhältnisse waren immer wieder die Grundlage der gesell­ mittel das tabuierte Inzestobjekt verkörpert und alle Handelsbezie­
schaftlichen Synthesis« (Kurnitzky 1994· 31). Die hier aufscheinende hungen erst ermöglicht, ja historisch sogar allererst veranlasst hat,
Einsicht in den vormodernen Charakter des Geldes wird aber entwer­ ist es vor allem die erotische Qualität der vermittelten Waren und
tet durch eine umgekehrte kurzschlüssige Projektion auf den Kapi­ deren Vermittlung durch den Handel, die Menschen auf dem Markt
talismus (»bis heute«). Zwar enthält auch der Kapitalfetisch, wie sich zusammenbringt Ob beim Palaver auf dem Marktplatz einer

1
„.

noch zeigen wird, tatsächlich durchaus ein allerdings pervertiertes Stammessiedlung in Afrika oder auf der griechischen Agora oder
Opferverhältnis (vgl. das abschließende Kap. 20), das jedoch grundle­ einem römischen Forum, immer war es der Ort, wo die Gesellschaft
gend anders konstituiert ist als alle vormodernen Formen, wenn auch nicht nur ihre Waren austauschte, sondern auch redend ihre Interes­
in gar keiner Weise als ein emanzipatorischer »Fortschritt« - wie ihn sen erst ermittelte ... Auf diese Form der Vermittlung gemeinsamer
Kurnitzky allerdings schon i n die frühe »Marktform« als solche hin­ Interessen gehen bis heute alle demokratischen Idealvorstellungen
eininterpretieren möchte, wie sich gleich zeigen wird. zurück« (a. a. 0, 72). Die >>Menschwerdung des Affen« kommt also
Durch seine kurzschlüssige Projektion auf die heutigen Ver­ im Unterschied zu Engels und dem traditionellen Marxismus nicht
hältnisse entgeht Kurnitzky die entscheidende Differenz. sodass durch »Arbeit«, sondern durch Geld und Markt zustande (a. a. 0,
er unvermittelt von der alten Opfergegenständlichkeit auf die (aus­ 94); aber genauso ideologisch ontologisiert und idealisiert. Zwar
schließlich modernen) »ökonomischen« Formen von Markt und soll es dann in der Geschichte, vor allem der neueren, zu allerhand
Geld schließt - also seinerseits einem falschen transhistorischen Abweichungen von der zivilisatorischen Segnung des »heiligen
Denken verhaftet bleibt, das die ungleichen, bloß mit demselben Marktes« gekommen sein (durch den Staatssozialismus ebenso wie
Namen belegten Gegenständlichkeiten und Praxisformen homoge­ durch neoliberale Machenschaften), aber das transhistorische Prin­
nisiert und ontologisiert. Die Grundlage dafür bildet eine psycho­ zip bleibe unüberschreitbar. Die historische Differenz von unmit­
analytische Deutung, die zwar sicherlich ein wichtiges Moment telbar personal bestimmten Verpflichtungsverhältnissen qua »Got­
aufgreift, dieses aber vereinseitigt und ebenfalls ontologisiert. Kur­ tesverkehr« und moderner Versachlichung bzw. Verdinglichung
nitzky reduziert nämlich das die ursprünglichen Lebensverhält­ qua Verwertungslogik wird dabei ebenso gelöscht wie der repressive
nisse bestimmende Opferverhältnis auf eine Entsagung »von letzten 'l
Charakter von Fetischverhältnissen überhaupt.
Endes sexuellen Wünschen« (a. a. 0, 18), wobei das Opfer mit dem p
Auch Laum transportiert noch einen (wenngleich anders begrün­
Inzestverbot korrespondiert. Diese Reduktion einer epochalen Welt­ deten) anachronistischen Begriff der »Ökonomie«, indem er den
sicht und entsprechender Weltverhältnisse operiert zudem mit der Übergang zur Münze und deren »Profanisierung« identifiziert als
Annahme einer transhistorischen Triebstruktur, sodass >>bis heute« Auflösung des sakralen Bezugs schon in relativ früher Zeit und als
das Geld im Wesentlichen »Ersatz« vermittle, »Ersatz für das Opfer, Beginn »wirtschaftlicher Nutzung« (a. a. 0, 165, 171). Aber auch die
Ersatz für das durchs Opfer verlorene, geopferte Triebziel« (a. a. 0, münzenden Instanzen bilden ja immer noch ein personal bestimm­
23). Das »Geld« war aber selbst die Opfergegenständlichkeit, und es tes Repräsentanzverhältnis jener transzendenten Mächte, um deren
führt von da kein direkter Weg zur modernen Ökonomie, sowenig Gunst es geht. Die Münze bezeichnet also wie zuvor das unge­
wie von der psychischen Verfasstheit prähistorischer oder antiker münzte Edelmetall sozusagen ein Geld, das noch gar keines ist, weil
Menschen zu derjenigen der Wiener Decadence von 1900. es die symbolische Prägung eines hoheitlichen Gottesverhältnisses

99
darstellt, nicht aber den allgemeinen Ausdruck einer ökonomischen Natürlich kann niemand etwas geben, das er nicht hat; es kann
Beziehung oder einer ökonomischen »gesellschaftlichen Synthesis«. nichts gegeben werden, das nicht produziert wurde; und niemand
Sicherlich geht dieses religiös konstituierte »Gottesgeld« in mensch­ kann auf Dauer seinen eigenen Lebensunterhalt weggeben. Aber das
liche Austauschbeziehungen ein; aber ohne aus diesen logisch her­ ist trivial. Es folgt daraus keine bestimmte »ökonomische Gesetzmä­
ausgewachsen und ohne überhaupt Ausdruck einer selbständigen ßigkeit« mit einem objektivierten Regelsystem. Dieses aus jenen tri­
ökonomischen Allgemeinheit zu sein. Denn auch die Austauschver­ vialen Selbstverständlichkeiten abzuleiten, ist bereits moderne kapi­
hältnisse selbst stehen nicht für sich als eine eindeutige Zirkulations­ talistische Ideologie. Wenn also das ursprünglich unabhängig davon
sphäre von Waren, sondern sie sind eben »eingebettet« in das religi­ konstituierte »Geld« in Austauschbeziehungen eingeht, ergeben sich
öse System persönlicher Verpflichtungsverhältnisse. daraus zwar neue Verhältnisbestimmungen, die sich aber nicht von
Spuren dieser Zuordnung finden sich in zahlreichen mehr oder der religiös-personalen Matrix lösen, somit auch nicht versachlichte
weniger bekannten Untersuchungen, auch wenn dabei trotz der Ein­ Quantitätsbestimmungen darstellen. Die Warenform hat noch kein
sicht in den andersartigen Charakter mangels anerkannter Bezeich­ selbständiges Dasein, das sie von den Verhältnissen personaler Reprä­
nungen der Begriff »Ökonomie« mit entsprechend »fremden« sentanz klar unterscheiden und eine Eigenlogik konstituieren würde.
Zusammensetzungen verwendet wird; so spricht etwa Max Weber in Es liegt der materiellen Reproduktion i n diesen Verhältnissen kei­
seiner Religionssoziologie für vormoderne Sozietäten in Anlehnung nesfalls eine. objektive Allgemeinheit »abstrakter Arbeit« zugrunde.
an einen theologischen Begriffdes 19. Jahrhunderts von einer »Heils­ Das gilt nicht nur für den bloßen Tausch von Überschüssen, die über
ökonomie«. Le Goffwiederum verweist zustimmend auf seinen Kol­ das Lebensnotwendige hinaus produziert wurden, also gar nicht von
legen Laurent Feller, der (2007} geschrieben hatte, dass im vormo­ vornherein für den Austausch vorgesehen waren. Vielmehr sind
dernen Gefüge »Kauf und Verkauf.:< nicht das sind, als was sie uns auch gewohnheitsmäßige Produktion für den Austausch und Geld­
heute erscheinen, sondern vielmehr »einer gesellschaftlichen Logik verkehr noch mit anderen Formen der Reproduktion verwoben und
(gehorchen), die .„ bestimmt wird durch Familienbande, Freund­ erscheinen nur als Besonderheit im Kontext persönlicher bzw. insti­
schaft, Nachbarschaft sowie die Zugehörigkeit zu einer bestimmten tutioneller Verpflichtungsverhältnisse. Es handelt sich also nicht um
Gruppe mit Statusgleichheit« (Feller 2007, zit. nach Le Goff 2oro). Warenproduktion und Handel im modernen Sinne.
Die Beziehungsstruktur folgt also vor wie nach der Münzprägung In diesem Sinne weist Giorgio Agamben in seiner Abhandlung
nicht einem sachlichen »Wertgesetz«, sondern eben unmittelbar über den Ausnahmezustand beiläufig darauf hin, dass sich etwa im
personalen Repräsentanz- und Verpflichtungsverhältnissen. Das hat römischen Recht der Begriff der personal bestimmten »auctoritas«
nichts mit einer Begrenztheit der Ressourcen zu tun, die natürlich auf eine »große Bandbreite« von Verhältnissen bezieht, die neben
in gewisser Weise immer gegeben ist, da es in einem begrenzten verwandtschaftlichen Beziehungen auch solche des »Tauschs« erfas­
irdischen Raum keine unendlichen Ressourcen geben kann. Aber sen: »So macht die auctoritas des Vormunds die Tat des Mündels
die »Ökonomie« folgt nicht aus einer überzeitlichen Begrenzung gültig, und die auctoritas des Vaters >autorisiert< die Heirat des Soh­
der Ressourcen, sondern sie setzt als spezifisch modernes (kapita­ r·i nes „. Analog dazu ist der Verkäufer g1ehalten, den Erwerbenden
listisches) Fetischverhältnis ihre eigenen, von gegebenen Naturstof­ darin zu unterstützen, dass er seinen Eigentumstitel im Lauf eines
fen und menschlichen Fähigkeiten ganz unabhängigen Begrenzun­
gen, die allein dem an sich absurden fetischistischen Selbstzweck l.\ 1 Forderungsprozesses gegenüber einem Dritten einlösen kann
(Agamben 2004, 90, Hervorheb. Agamben). Es handelt sich also
.„ «

geschuldet sind. Da das »Wertgesetz« nicht den geringsten Bezug


zur Beschränktheit naturaler Bedingungen hat, kann es auch nicht J1 nicht um einen auch der Rechtsform nach sachlichen Kauf- und Ver­
kaufsakt im modernen Sinne, sondern die Transaktion ist in eine
seit tausenden von Jahren gültig gewesen sein, wie es der gute alte ganz andere Form persönlicher Verpfüchtungsverhältnisse einge­
Engels zusammen mit den bürgerlichen Ideologen und der neueren bunden, die im ursprünglichen Opferverhältnis wurzeln und nach
Orthodoxie a la Haug annimmt. wie vor sakral konstituiert sind.

100 IOI
In diesem Zusammenhang ist noch einmal auf Polanyis Begriff Sinne einer Wertform von Waren stellt erst recht einen gewaltsamen
der »Einbettung« zurückzukommen. Obwohl er wie Laum und Anachronismus dar.
andere den unklaren Begriff einer (in Wahrheit ausschließlich Polanyi nennt noch ein drittes Prinzip vormoderner Reproduk­
modern-kapitalistischen) »Ökonomie« transportiert, sieht er es als tion, nämlich das >>Prinzip der Haushaltung«, des altgriechischen
eine »große Erkenntnis« der neueren anthropologischen Forschung, Oikos auf einzelfamilialer Basis. Es »besteht in der Produktion für
»dass die wirtschaftliche Tätigkeit <les Menschen in der Regel in den Eigenbedarf« (a. a. 0, 84) dieses Familienverbands. Oft wird
seine Sozialbeziehungen eingebettet ist« (Polanyi 1978/1944, 75). diese Oikos-Subsistenz als das ursprüngliche, archaische Verhältnis
Aufgrund seiner Begriffsverwirrung sagt Polanyi über die vormo­ verstanden, dem alsbald der geldvermittelte Warentausch im moder­
dernen Sozietäten, »das Wirtschaftssystem« sei »von nichtökonomi­ nen Sinne gefolgt sei. Polanyi weist jedoch daraufhin, dass Rezipro­
schen Motiven getragen worden« (ebenda). Gemeint sind Tätigkei­ zität und Redistribution größerer Verbände viel älter sind als die ein­
ten für den materiellen Lebensunterhalt ode r im Kontext me nsch­ zelfamiliale >>Haushaltung«. Das »gelt«, so können wir hinzufügen,
licher Beziehungen (Pflege, Kultur usw.), die aber gerade in nicht­ entstammt gerade dem archaischen Verhältnis und nicht einer »öko­
wirtschaftlichen Formen ausgeübt wurden. Die unmittelbare sozi­ nomischen« Weiterentwicklung über die Haushaltungs-Subsistenz
ale Beziehung in ebenso unmittelbar personalen Fetischformen ist hinaus; und auch in den höchstentwickelten Sozietäten und »Rei­
bestimmend, nicht die dingliche Selbstbewegung des Geldes. Pola­ chen« der Antike hat die Geldform das System sakraler personaler
nyi nennt nun zwei große P rinzipien , in denen sich die vormoderne Verpflichtungsverhältnisse nicht verlassen.
soziale Reproduktion vollzog: »Reziprozität und Redistribution« Unter den Bedingungen vormoderner Reziprozität und Redistri­
(a. a. 0, 77, Hervorheb. Polanyi). bution kann im Grunde nicht von »Warentausch« gesprochen wer­
Die Reziprozität besteht darin, dass Früchte der Produktion oder den; zumindest gibt es keine scharfe Abgrenzung zwischen Tausch,
des Wissens an die anderen Mitglieder der jeweiligen Sozietät abge­ »Geschenk<<, Abgabe (an innere Instanzen) oder Tribut (an äußere
geben werden, wobei dasselbe in umgekehrter Richtung erwar­ Instanzen). Besonders augenfällig wird das bei der eigentümlichen
tet wird. Geben und Nehmen fallen jedoch als Akte auseinander Kategorie des »Geschenks«, das eine heute nicht mehr geläufige
und folgen auch keinerlei abstraktem Äquivalenzprinzip, sondern Bedeutung hat, die man im modernen Verständnis wiederum ana­
ursprünglich sakralen Verpfl.ichtungsverhältnissen einer gewohn­ chronistisch als eine »politische« oder »ökonomische« bezeichnen
heitsmäßigen »gegenseitigen Hilfe«. Es handelt sich also nicht um würde. Tatsächlich trifft keine dieser Bezeichnungen den Sachver­
Warentausch nach dem Wertgesetz, auch wenn der moderne ideo­ h alt , der sich nur durch einen »Austausch« im Rahmen persönli­
logische Betrachter das so sehen möchte. Die Redistribution ist cher oder kollektiver Verpflichtungsverhältnisse erklären lässt. Er
nichts anderes als eine erweiterte, hybride Form der Reziprozität, die entspringt weder einer abgrenzbaren Sphäre der Warenproduktion
»einen Mittelsmann in der Person des Häuptlings oder eines ande­ noch einem »Schenken« im heute geläufigen Sinne. Und der omi­
ren prominenten Mitglieds der Gruppe« (a. a. 0, 81) bedingt; »die­ nöse Begriff findet sich ohne weitere Reflexion wiederum bei Marx

.1
ser erhält und verteilt die Vorräte, vor allem wenn diese eine Lage­ an der erwähnten Stelle im »Kapitel vom Geld« der »Grundrisse«,
rung erfordern. Dies ist die eigentliche Redistribution« (ebenda). wenn er beiläufig erwähnt, Gold und Silber, weit entfernt von einer
In Verbindung mit der religiösen Hierarchie konstituiert die Redis­ ökonomischen G esetzmäßigke it, hätten »zum Geschenk für Tempel
tribution personale Herrschaftsverhältnisse, die sich geschichtlich und ihre Götter« (Marx 2005/1857-58, 157) gedient.
ausdifferenziert und komplex entwickelt haben; das redistributive Fast gleichzeitig mit Bernhard Laums »Heiligem Geld« erschien

1
Moment bleibt jedoch durchgehend erhalten. Und dabei handelt in Frankreich das berühmte Buch »Die Gabe. Form und Funktion
es sich natürlich erst recht nicht um Warenproduktion und Markt­ des Austauschs in archaischen Gesellschaften« von Marcel Mauss
beziehungen, auch wenn in den Vermittlungsformen das sakrale (1925). Darin skizziert der Ethnologe und Soziologe bereits ähn­

l
»Geld« eine Rolle spielt. Die Interpretation der Redistribution im lich wie später Polanyi in Grundzügen soziale Verhältnisse einer

102
103
Reziprozität, die nicht die Waren- und Geldform annimmt. Die und das unmittelbar personale Repräsentanzverhältnis. So stellt
»Form des Geschenks« (Mauss 1990/1925, 18) als Reproduktion oder Polanyi etwa für den so genannten Kula-Handel der Trobriandinseln
deren Moment »verknüpft sich zu einem unentwirrbaren Netz von fest, dass dabei »jedes Individuum seinen Partner auf einer anderen
Riten, rechtlichen und wirtschaftlichen Leistungen« (Mauss, a. a. O, Insel (hat), wodurch die Beziehung der Reziprozität in bemerkens­
23 f.), wobei die wiederum anachronistischen Begriffe abermals auf wertem Maße personalisiert wird« (a. a. 0, 79).
die Schwierigkeit verweisen, diesen Verpflichtungssystemen termi­ Exemplarisch zeigt sich das eigenartige Geschenkverhält­
nologisch gerecht zu werden. Diese »Geschenkökonomie« (ebenfalls nis auch an einem Klassiker der so g1�nannten »ökonomischen
ein Verlegenheitsbegriff} kann allerdings bis zur Selbstzerstörung Geschichtsschreibung«, nämlich der »Gesellschafts- und Wirt­
gehen und durchaus unfriedlich verlaufen: »Schließlich vollziehen �chaftsgeschichte der hellenistischen Welt« von Michael Rostovtzeff
sich diese Leistungen und Gegenleistungen in einer eher freiwilli­ (1998/1941). Dem Autor ist oft zu Recht vorgeworfen worden, dass er
gen Form „„ obwohl sie im Grunde streng obligatorisch sind, bei bedenkenlos moderne ökonomische und soziologische Kategorien
Strafe des privaten oder öffentlichen Kriegs „. Man geht bis zum auf antike Verhältnisse anwendet. Dieses theoretische Defizit hin­
offenen Kampf, bis zur Tötung der einander gegenübertretenden dert ihn aber nicht, dem empirischen Material sein Recht zu geben.
Häuptlinge .„« (Mauss, a. a. 0, 22, 24). Und dabei ist neben anderem auffälllg, dass bei der Aufzählung
überhaupt ist der für moderne Ohren missverständliche Begriff von »Wirtschaftlichen« Verhältnissen und Transaktionen immer
des »Geschenks« nicht nur in archaischen Sozietäten synonym mit wieder von »Geschenken« die Rede ist. So macht der Seleukiden­
dem des »Opfers« und verweist auf die Ursprünge im »Gottesver­ könig Antiochos der Stadt Milet ein Geschenk in Form einer Säu­
kehr«. Le Goff erwähnt, dass »das griechische Wort antidoron für lenhalle (Rostovtzeff 1998/1941, Bd. r, 133), wobei dies mit Auflagen
Gewinn . „ wörtlich >Gegengeschenk< (bedeutet)« (Le Goff 2ou, verbunden ist. Zu den hellenistischen »Listen von Schiffsladungen
238), und zwar ebenfalls in einem religiösen Kontext. Auch hier in der Form von Zahlungsbelegen« aus Rhodos heißt es ergänzend:
haben wir es mit keinerlei »Wertgesetz« zu tun, sondern mit diver­ »Die erwähnte „. Schiffsladung war jedoch davon verschieden: sie
sen »Geschenkformen«, die allesamt aus dem kultischen Bereich war ein Geschenk« (a. a. 0, 174). Die Rede ist auch gelegentlich von
hergeleitet sind, etwa das Opfermahl im Kontext der »Gastfreund­ »Fleischspenden« (a. a. 0, 340); an anderer Stelle sagt der Autor über
schaft« und dabei überreichten Gaben. Letztere sind in archaischer die Verhältnisse im Seleukidenreich: »Manchmal mag ein Kauf eine
Zeit laut Bernhard Laum eher so zu verstehen, dass reisende Fremde verschleierte Schenkung gewesen sein .„, oder eine Schenkung ein
sich unter Berufung auf Opferbräuche vom Schicksal loskauften, verschleierter Kauf« (a. a. 0, 386). Es gibt »Übertragung von Eigen­
abgeschlachtet zu werden. tum durch Verkauf, Schenkung, Tausch und durch Teilung« (a. a. 0,
Aber auch die Reziprozität und die Redistribution innerhalb einer 403). In einem Atemzug werden genannt »Hilfe und Schutz, Dar­
Sozietät werden vielfach (neben der fälschlichen Bestimmung als lehen und Geschenke« (a. a. 0, 439). Es gibt »widerrufliche« Land­
»Warentausch«) mit dem Begriff des »Geschenks« belegt, wobei geschenke des Königs (a. a. 0, 441). Inschriften zeugen von »Ver­
es sich vermutlich auch um Übersetzungsschwierigkeiten han­ schwenderischen Getreidegeschenke(n)« (a. a. 0, 444), was nach
delt. Polanyi verallgemeinert den Begriff sogar im Rahmen seiner Meinung des Autors seltsamerweise auf einen >>starken Exporthan­
Begriffsbildung: »Der Vollzug sämtlicher Tauschakte in Form von del in dieser Ware (!)« (ebenda) hindeuten soll.
Geschenken, wobei Reziprozität erwartet wird, wenn auch nicht Obwohl es sich laut Titel um eine »Wirtschaftsgeschichte« han­
unbedingt von seiten derselben Person, ist ein Vorgang, der genau­ delt, geht es begrifflich durcheinander wie Kraut und Rüben, wenn
estens ausgeklügelt ist und durch die Schaffung von >Dualitäten<, die Transaktionen in modernen Kategorien von Ware, Geld und
in denen Gruppen durch gegenseitige Verpflichtungen verbunden Markt beschrieben werden und sich dieser Zuordnung doch sträu­
sind, perfekt abgesichert ist « (Polanyi, a. a. 0, 76). Auch bei den
„.
ben. Zwischen Tausch, Geschenk, Kauf, Darlehen, Spende, Zwangs­
»Geschenk«-Beziehungen gelten das »principium individuationis« opfer (a. a. 0, 185) und Requisition (a. a. 0, 248) lässt sich offenbar

105
keine klare Abgrenzung vornehmen. Und die Akteure, die sich geläufigen abstrakten Begriff des »allgemeinen Äquivalents<< (Marx)
gegenüberstehen, befinden sich für ein modernes Verständnis in in einer Waren produzierenden »Ökonomie« entsprach. So lautet die
eigentlich undefinierbaren Beziehungen, die irgendwo zwischen Schlussfolgerung: »Was wir heute unter Geld verstehen, „ ist ein
.

persönlicher Abhängigkeit, Tausch- und Kaufverhältnissen, Partner­ Produkt der Moderne« (Le Goff, a. a. 0, 9).
schaften, Bündnissen, Tochtergründungen etc. (Rostovtzeff nennt Die historisch-empirische Darstellung von Verhältnissen, in
die Begriffe »Sympolitie« und »Synoikismos«) angesiedelt zu sein denen trotz oberflächlich ähnlicher, wenn auch reduzierter oder
scheinen. begrenzter Erscheinungsformen eine völlig andere Logik am Werk
Auffällig ist nicht zuletzt, dass auch die Kategorie »Geld« sehr ist, bleibt natürlich unzureichend, wenn sie nicht auf theoretische
häufig und meist im unvermittelten Zusammenhang mit natura­ Begriffe gebracht und entsprechend erklärt wird. Hier machen sich
len Gütern in der Form des »Geschenks« auftritt. So werden im nun die Fachborniertheit des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs
Seleukidenreich »viele Schenkungen vom König und persönliche und die Unvermitteltheit der Marxschen Theorie mit dessen empi­
Geschenke vom Gouverneur« mehr oder weniger zwangsweise rischen Ergebnissen bzw. überhaupt die relative Äußerlichkeit von
erwidert durch »Geschenke für den König, die >Kränze< und das Geschichtswissenschaft, Ethnologie usw. einerseits und »Marxis­
>Gold für Geschenke< „.« (a. a. 0, 415 f.). Das Verhältnis der »Gabe« mus<� andererseits negativ bemerkbar. Aus ideologischen Gründen
bezieht sich also keineswegs nur auf Beziehungen ohne Geld, aber der traditionellen wie neueren Orthodoxie und ihrem transhistori­
dabei folgt die Geldform (eigentlich nur gewogenes Edelmetall in schen Verständnis der kapitalistischen Basiskategorien ließ auch der
Naturalform oder Münzen in hoheitlicher »Gottesform«) erst recht (im Westen marginale) universitäre Marxismus jene Hinweise his­
keiner eigenen »ökonomischen« Logik, sondern gehört einem torischer Untersuchungen weitgehend unbeachtet, obwohl er sich
ganz anderen Zusammenhan g an. Geld ist nicht eigentlich ein sonst in fast jeder Hinsicht nach der akademischen Decke streckte.
»Tauschmedium«, obwohl es auch eine Art von Tauschverhältnis­ Dasselbe gilt für den erst recht dogmatischen staatssozialistischen
sen vermittelt, sondern eher und zugleich ein »Geschenkmedium«, Wissenschaftsbetrieb.
wobei sowohl »Tausch« als auch »Geschenk« in unmittelbare per­ Umgekehrt haben die bürgerlichen Historiker und Vertreter ver­
sonale Verpflichtungsverhältnisse eingebunden sind und nicht den wandter Wissenschaften von Laum und Mauss über Kantorowicz
modernen Begriffen entsprechen. Erklären lässt sich das nur dar­ und Polanyi bis zu Le Goff meist keine Ahnung von der verpönten
aus, dass das Geld seinen ursprünglichen Charakter als »Opferge­ Marxschen Theorie oder besitzen wie die meisten Fachwissenschaft­
genständlichkeit« noch nicht grundsätzlich verloren hat. Die Kate­ ler nur ein ganz verzerrtes und vulgäres Allerweltsverständnis. So
gorie »Geschenk« oder »Gabe« hatte offensichtlich auch in den (oft ist es kaum verwunderlich, dass es keine systematische Verbindung
fälschlich als in ökonomischer Hinsicht »fast modern« bezeichne­ zwischen dem seit den 192oer Jahren entwickelten Strang jener
ten) hellenistischen Reichen eine eigene Bedeutung in den Bezie­ Untersuchungen zu vormodernen Verhältnissen und der Debatte
hungsverhältnissen, wobei »Geld« unterschiedslos neben Vieh, um die Marxschen Kategorien bzw. das Problem der Darstellungs­
Getreide, Waffen etc. darunter subsumiert werden kann. logik im »Kapital« gibt.
Die scheinbar paradoxe Ausdrucksweise vom Geld, das noch Die terminologische Unsicherheit kommt nicht von ungefähr,
gar keines ist, stellt vor diesem Hintergrund nur den Versuch dar, weil die Einsicht in den fremden, andersartigen Charakter der vor­
eine vermeintlich bekannte und vertraute, angeblich übergreifende kapitalistischen Konstitutionen oberflächlich bleibt. Es fehlt die radi­
Erscheinung der Geschichte in ihrer Fremdheit und ganz anders­ kale theoretische Kritik an den modernen Kategorien, die allein als
artigen Logik anzudeuten. Nichts ist, was es scheint; dasselbe ist Katalysator für eine begriffliche Bestimmung der früheren Sozie­
nicht dasselbe. Wenn Le Goff für seinen Untersuchungszeitraum täten dienen könnte. Deshalb hängt die aufscheinende Differenz
feststellt, »dass es keinen mittelalterlichen Geldbegriff gab« (Le in der Luft. Die im Sinne des akademischen Positivismus vorge­
Goff 2on, 240), dann heißt das nur, dass »Geld« nicht dem heute nommene bloße Beschreibung der Andersartigkeit bleibt kategorial

106
unbestimmt. Genauer gesagt: Die differente P hänomenologie der Sinnsprüchen für das individuelle Verhalten werden natürlich die
Vormoderne und die kategoriale Ontologisierung der Modeme ste­ Probleme kapitalistischer Vergesellschaftung in gar keiner Weise
hen unvermittelt nebeneinander, oder der apodiktischen Formu­ . berührt.
lierung der Inkompatibilität wie bei Le Goff fehlt die zureichende Heute droht der Begriff der >>Geschenkökonomie« in genau die­
Begründung. Andererseits konnte und kann der Marxismus hier ser Diktion wieder eine ideologische Karriere in linken Szene-Krei­
nicht weiterhelfen, weil bei ihm selber die Ontologisierung der sen zu durchlaufen, die daraus eine Pseudo-Alternative zum Kapi·
modernen Kategorien korrespondiert mit einem Mangel an katego­ talismus hecken wollen, weil sie eine moderne, naiv-kitschige und
rialer Kritik. liebesduselige Vorstellung von »Geschenk« unterjubeln wollen, als
So blieben die Ergebnisse historischer und ethnologischer For­ ginge es um eine Art ökonomisches Weihnachten. Es handelte sich
schu�g weitgehend ohne theoretische Aufarbeitung und ohne sys­ aber bei den archaischen, antiken oder christlich-mittelalterlichen
tematischen Bezug auf die historische Konstitution und kategoriale Formen der »Gabe« ganz und gar nicht um »kommunistische«
Analyse des Kapitals. Stattdessen wurden sie ziemlich wildwüch­ oder sonst wie herrschaftsfreie Beziehungen, sondern um beinharte
sig id �ologisch ausgeschlachtet, und zwar von rechten (bis hin zu und konfliktgeladene Strukturen bloß anderer Art. Weder waren
Faschismus und NS) wie linken Strömungen eines eher kleinbür­ solche Geschenkbeziehungen grundsätzlich >>geldfrei«, obwohl sie
gerlichen und schlecht utopistischen Denkens. Die empirischen keiner eigenständigen Logik von Ware-Geld-Beziehungen folgten,
Einsichten in die Andersartigkeit vormoderner Strukturen dienten noch beinhalteten sie eine bewusste gemeinschaftliche Reproduk­
oft weniger einer Erklärung der Vergangenheit in ihrer spezifischen tion. Ganz im Gegenteil ist das »Geschenkverhältnis« immer ein
Eigen�erfassung als vielmehr einer Mystifikation der Gegenwart fetischistisches Verpflichtungsverhältnis, dessen Reziprozität Herr­
und emem entsprechend reaktionären »Antikapitalismus«. schaftsbeziehungen und wie gezeigt auch Krieg grundsätzlich ein­
Das zeigte sich schon bei einigen der akademischen Urheber sel­ schließt. Aber es ist eben auch kein Verhältnis einer selbständigen
ber. So machte Bernhard Laum eine akademische NS-Karriere, auch »ökonomischen Sphäre«.
wenn er kein Wortführer war; und in anderer Hinsicht finden sich Es geht also nicht um eine rückwärtsgewandte Programmatik,
bereits bei Marcel Mauss und seinen diversen Rezipienten An� ätze die eine am Kapitalismus leidende Menschheit mit der Mystifikation
einer anachronistischen Interpretation der »Gabe« in Bezug auf eine vormoderner Verhältnisse erlösen möchte, sondern um die reale und
Einschätzung oder Veränderung moderner Verhältnisse. Mauss begriffliche Differenz vormoderner und moderner Fetischverhält­
weiß zwar, dass die nicht-ökonomische Geberei durchaus unfried­ nisse, die jeder transhistorischen Bestimmung rein kapitalistischer
lich sein konnte, dass es sich oft um »rein zerstörerische Formen der Kategorien den Garaus macht. Daraus folgt gerade, dass weder die
Konsumtion« (Mauss, a. a. 0, 170) gehandelt und dass sich »mittels vormodernen (religiösen) Verpflichtungsverhältnisse noch das darin
solcher Gaben die Hierarchie (etabliert)« hat: »Geben heißt Über­ · »eingebettete« Münzgeld den geringsten Hinweis für eine positive
legenheit beweisen, zeigen, dass man mehr ist und höher steht ... Überwindung des Kapitalismus geben, sondern im Gegenteil der
annehmen, ohne zu erwidern oder mehr zurückzugeben, heißt tiefe Bruch zwischen jenen alten Verhältnissen und der kapitalis­
sich unterordnen, Gefolge und Knecht werden« (ebenda). Obwohl tischen Formation auf die Notwendigkeit eines noch tieferen Bruchs
also Mauss durchaus bewusst ist, dass die Beziehungen der »Gabe« mit dem Kapitalfetisch verweist, der jede »logisch« oder mystifikato­
alles andere als emanzipatorisch sind, möchte er doch einigerma­ risch begründete Form-Identität ausschließt.
ßen süßliche »moralische Schlussfolgerungen« (a. a. O, 157) ziehen, Jenes alte Geld, das noch gar keines ist, könnte man tatsächlich
um sich auch im Kapitalismus mehr »dem Geben und Erwidern zu als »Geld ohne Wert« bezeichnen. Denn Austausch und Geldver­
verschreiben« (a. a. 0, r8o), etwa im Sinne »gegenseitiger Achtung kehr sind in diesen Verhältnissen eben keine Oberflächenerschei­
u�d Großzügigkeit, die durch Erziehung lernbar sind« (a. a. o, r82). nung eines dahinter stehenden Systems von »abstrakter Arbeit«
Mit derart moralisierend heruntergebrochenen, großmütterlichen und Wertgegenständlichkeit. Was in diesem Sinne von Marx als

108
»Nischenform« bezeichnet wird, ist keine »fertige« logische Form über den logischen bzw. darstellungslogischen Status des Geldes in
des Werts in »Nischen«, sondern integraler Bestandteil einer ande­ seinem neuen, kapitalistischen Dasein gesagt.
ren, nicht auf »Arbeitssubstanz« und Wertform beruhenden Mat­ Für den Zweck unserer Auseinandersetzung ist festzuhalten: Es
rix der materiellen Reproduktion. Man könnte allenfalls sagen, dass �
gibt keine transhistorische Kontinuität von »abstrakter Arbeit« un
Austausch und Geld in sich eine Potenz zur Verselbständigung hat­ Wertform, sondern diese Kategorien sind erst das Resultat der kapi­
ten, die aber erst von ihren modernen Manifestationen her zu erken­ talistischen Konstitution. Dazwischen liegt eine historische Trans­
nen ist, während sie in vormodernen Sozietäten noch unentbunden formation, durch die Austausch und Geld von der Matrix persön­
war. Sicherlich könnten genauere Untersuchungen ergeben, dass es licher Verpflichtungsverhältnisse abgelöst und in die Matrix von
im Kontext der selber uneinheitlichen vormodernen Matrix womög­ »abstrakter Arbeit« und Wert des Kapitalfetischs transformiert
lich Zeiten gab (etwa in der Spätantike), in denen die Waren- und wurden. Diese Transformation ist nun selber zum Gegenstand der
Geldform näher daran war »auszubrechen« als in früheren oder Untersuchung zu machen in ihrer Eigenqualität.
späteren Zuständen; aber das ist eine Überlegung a posteriori, und
faktisch begann die wirkliche Verselbständigung eben erst in der
Frühmoderne.
Es liegt auf der Hand, was die hier skizzierte Einsicht für die jün­
gere Auseinandersetzung um die Marxsche Theorie bedeutet. Mit
punktuellem Bezug auf erratische Stellen der Marxschen Reflexion,
aber grundsätzlich über Marx hinausgehend ist die Hegelianische
»Einheit des Logischen und des Historischen« zu verwerfen, in der
die neuere Orthodoxie trotz einiger Windungen und Wendungen
verharrt. Es sind gerade die von Haug eingeklagten »Praxisformen«
der vormodernen Sozietäten, die bei genauerem Hinsehen die logi­
sche Stufenfolge der Marxschen Wertformanalyse als entsprechende
historische Realitäten dementieren. Genau umgekehrt: Realhisto­
risch war zuerst das Geld da, lange vor der Wertform der Ware und
dem entsprechenden kategorialen Zusammenhang.
Aber diese Priorität eines »Geldes ohne Wert« als symbolische
»Opfergegenständlichkeit« in sakral bestimmten, unmittelbar per­
sonalen Verpflichtungsverhältnissen hat andererseits auch nicht das
geringste zu tun mit der Art und Weise, wie in der Neuen Marx­
lektüre das Geld als Prius gesetzt wird. Es handelt sich historisch
(im Sinne vormoderner Verhältnisse) nicht um das Prius des Geldes
in einer bloß umgekehrten kategorialen Reihenfolge (Geld - Wert
- »abstrakte Arbeit«); insofern sie sich rein marx-philologisch ein­
gegraben hat, kann die Neue Marxlektüre dazu nur implizite und
falsche Aussagen machen. Das Geld ist also zwar historisch-empiri­
sche Voraussetzung des modernen Kapitalfetischs, aber eben nicht
in dessen eigener Logik, sondern als eine andere, damit inkompati­
ble Gegenständlichkeit. Deshalb ist mit dieser Priorität auch nichts

III
HO
6. darstellte, wie er selbst betont. Zweitens und vor allem ist damit
aber nur eine Voraussetzung der historischen Wende zum Kapitalis­
mus benannt, nämlich das Entstehen einer Masse von entwurzelten
Geld als historische Fundsache und
und aus traditionellen Bindungen freigesetzten Menschen, die sich
die ursprüngliche Konstitution des Kapitals
im spätmittelalterlichen Europa aus verschiedenen Gründen einer
Deformation der feudalen Strukturen herauszubilden begann. Eine
Natürlich ist der Kapitalismus nicht vom Himm aus späterer Sicht als solche erkennbare Voraussetzung ist aber noch
el gefallen. Er muss nicht die Sache selbst, denn für sich genommen hätte jene Entwur-
von empirischen Verhältnissen seinen Ausgang
genommen- haben, zelung auch zu ganz anderen Folgen führen können.
die in die Zeit des so genannten späten Mittelalter .
s oder besser gesagt Entscheidend für die Sache selbst ist eine Transformation des
einer bestimmten Erosion der alten persönlichen
Verpfl.ichtungsver­ Geldes, die erst jene Voraussetzungen zu solchen des Kapitalismus
hältnisse auf der Basis agrarischer Reproduktion
fallen. Wenn unter machte. Was ist mit dem »Geld ohne Wert« geschehen, dass es zur
diesen Bedingungen keine Logik »abstrakter
Arbeit« existiert hat Erscheinungsform des Werts wurde, der zuvor gar nicht existiert
und damit auch keine für sich stehende Wertform,
sondern nur eine hatte? Auch die Untersuchung dieser Konstitution muss von den
ganz anders geregelte »Wertschätzung«, die noch
digten »ök9nomischen« Charakter hatte - dann
keinen verselbstän­ gewohnten Bahnen abweichen, die meistens in eine apologetisc e, �
bleibt als empirisch aufklärungsideologische Argumentation münden. Eine Erkenntms­
fassbarer Befund nur die Existenz von Geld übrig
; allerdings eben weise in der Form der Kritik kann dagegen zur Rolle des Krieges
ein Geld, das mit dem später geläufigen Gegenstan
d dieses Namens und seiner veränderten Bedingungen führen.
viel weniger gemein hatte, als man es bis heute
für selbstverständ­ Maßgeblich dabei war die Innovation der Feuerwaffen seit dem
lich hält. Diese empirische vormoderne Gegenstän
dlichkeit »Geld« 1+ Jahrhundert, die in ihrer Tragweite meist unterschätzt oder her­
bildete gewissermaßen eine historische Fund
sache· für ganz neue untergespielt wird. Man kann durchaus von einer »militärische�
Motive und daraus resultierende Entwicklungen
, die zur ursprüngli­ Revolution« sprechen, von einem qualitativen, geradezu ontologi­
chen Konstitution des Kapitals führen sollten.
Worin bestand der allgemeine und übergreifende schen Bruch in der Kriegführung. Von prähistorischen Zeiten bis
Charakter des zur Frühmoderne hatte es zwar zahlreiche Metamorphosen des Krie­
entsprechenden Umwälzungsprozesses? Marx besch
reibt im Kapi­ ges, der Waffentechnik und militärischen Organisation gegeben; die
tel über die ursprüngliche Akkumulation vor allem .
die gewaltsame elementaren Grundlagen von Hieb- und Stoßwaffen bis zu Belage­
Enteignung und Vertreibung der unteren bäuer
lichen Schichten im rungsmaschinen blieben jedoch über Jahrtausende dieselben und
damaligen England, um das Entstehen einer von
Land und Produk­ wurden nur verfeinert, bestimmte Materialien durch andere ersetzt
tionsmitteln »freien« Population als Voraussetzu
ng für die kapita­ etc. Die Distanzwaffe von Pfeil und Bogen, schon seitder Steinzeit
listische Produktionsweise zu erklären. Das spezi
fische Motiv dabei bekannt, blieb im Rahmen dieser elementaren Formen des Militä­
war es, Viehweide für die Schafzucht vor dem
Hintergrund einer rischen, den auch die Armbrust trotz ihrer höheren Durchschlags­
erweiterten Textilproduktion zu schaffen. Deshalb
hatte schon Tho­ kraft noch nicht verließ. Erst die Feuerwaffen, Kanonen und Muske­
mas Morus geschrieben, dass die Schafe die Mens
chen fressen. ten, brachten jene neue Qualität einer die unmittelbare menschliche
Damit ist freilich die eigentliche Triebkraft des Proze
sses noch nicht Kampfkraft transzendierenden Vernichtungsmaschine, die zusam­
erfasst. Erstens lässt sich diese spezifische Art
der ursprünglichen men mit dem Krieg auch die sozialen Grundlagen umwälzen sollte;
Akkumulation nicht verallgemeinern; sie bildet
eher ein Beispiel. ein Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte. Denn
Zum paradigmatischen wurde es bei Marx, weil
er den Gesamtpro­ die zuvor nie dagewesene relative Verselbstständigung eines dingli­
zess und die Logik des Kapitals überhaupt weitg
ehend anhand der chen Kriegsapparats gegenüber menschlichen Eigenschaften (Mut,
britischen Verhältnisse als den zu seiner Zeit
fortgeschrittensten Kraft, List etc.) zog aufgrund ihrer materiellen Bedingungen eine

II2
113
i blieb es natürlich nicht. Im
ungeahnte, noch viel weiter gehende Verselbstständigung entspre­ ist< « ... (Parker 1988 , 26 f., 30). Dabe
onische Entwicklung von
chender oder damit vermittelter neuer Formen der Reproduktion Gegenzug begann eine neuartige architekt
net waren, einer Kanonade
nach sich. Der moderne Kapitalfetisch war nicht zuletzt eine Ausge­ Bollwerken und Befestigungen, die geeig
Kanonen-Technologie und
burt der frühmodernen militärischen Revolution. standzuhalten. Der Wettstreit zwischen
einer Eskalation, die sich mit
Spuren einer solchen Argumentation finden sich schon bei Innovationen im Festungsbau führte zu
Geschichte gültigen Begriff
Werner Sombart in seiner Studie »Krieg und Kapitalismus« (1913), einem für die gesamte kapitalistische
ben lässt: »Dies liatte zur
die vor allem empirisches Material heranzieht. Sombarts Kriegsbe­ militärtechnischer Konkurrenz beschrei
chen europäischen Staaten
geisterung 1914 und seine späteren Anbiederungsversuche bei den Folge, dass die anhaltende Rivalität zwis
ungs wett lauf auslöste, wenn
Nazis ließen sein Interesse für das Thema offenbar erkalten. Der weiterhin von Zeit zu Zeit einen Rüst
militärische Technik ihrem
begrifflich noch unklare Gedanke eines Zusammenhangs der Feu­ es danach aussah, als könnte eine neue
Krieg verschaffen« (McNeill,
erwaffen-Revolution mit der Entstehung des Kapitals geriet über Besitzer einen signifikanten Vorteil im
es bis dahin in der gesamten
viele Jahrzehnte wieder in Vergessenheit. Erst in den l98oer Jahren a. a. O, 91). Ein solches Kriterium hatte
finden sich wieder systematische Untersuchungen dazu. Zumin­ Menschheitsgeschichte nicht gegeben.
den genannten Histori-
�est gestreift wird das Problem etwa in dem gesamthistorischen Wenn in diesem Zusammenhang bei
aftlichen Konsequenzen«
-
Uberblick zur militärischen Entwicklung »Krieg und Macht. Mili­ kern von »Wirtschaftlichen und gesellsch
ist, dann vor allem hinsicht­
tär, Wirtschaft und Gesellschaft vom Altertum bis heute« (1984) der militärischen Revolution die Rede
s Aufs tiegs Europas: »Die
von William H. McNeill. In seinem bedeutendsten Werk »Die mili­ lich der Außenwirkung im Sinne eine
dert die erstaunliche welt­
tärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens Folge war, dass im 17· und 18. Jahrhun
te« (McNeill, a. a. 0, 93).
1500-1800« (1988) unternimmt der britisch-amerikanische Militär­ weite Expansion Europas einsetzen konn
weitgehend in diesem »Auf­
historiker Geoffrey Parker den Versuch, die Umwälzung der mili­ Für Parker erschöpft sich die Thematik
t dieser Gesichtspunkt eine
tärischen Strukturen mit der Verlagerung der globalen Hegemonie stieg des Westens«. Auch bei Zinn spiel
15· Jahrhunderts verfügten
in Beziehung zu setzen. Der deutsche Linkskeynesianer Karl Georg wesentliche Rolle: »Zum Ausgang des
lte Feuerwaffentechnologie.
Zinn hat mit seinem kurz darauf folgenden Buch »Kanonen und europäische Mächte über eine entwicke
Zeitpunkt, als die übersee­
Pest. Über die Ursprünge der Neuzeit im 14. und 15 . Jahrhundert« Die Feuerwaffe hatte gerade zu jenem
Entwicklungsstand erreicht,
(1989) einen erstaunlichen Ausflug in die Historiographie gemacht, ischen Eroberungen einsetzten; einen
ensen logistischen Schwie­
der mehr als seine Vorgänger die »Feuerwaffeninnovation« in Ver­ der es den Europäern erlaubte, die imm
Ausbreitung über die Erde
bindung mit der frühkapitalistischen Konstitution bringt. rigkeiten, die sich der kolonialistischen
ichen« (Zinn 1989 , 10). Es
Betont wird zunächst die durchschlagende Wirkung der neuen stellten, durch hohe Feuerkraft auszugle
he >Kapitalismus als Welt­
Waffensysteme, die bei den Zeitgenossen, vor allem den Fürsten, müsse betont werden, »das s der europäisc
beruht« (a. a. 0, 19)·
gewaltigen Eindruck machte. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts gab system< auf der Feuerwaffeninnovation
Kon stitu tion des Kapitalismus
es den »Einsatz schwerer Artillerie gegen eine Burg nach der ande­ Der Zusammenhang mit der
Auß enw irkung, die dem Prob­
ren, wobei ehemals trutzige Wehranlagen binnen weniger Stunden erschöpft sich aber nicht in dieser
rlich bleibt. Die Rede von
zusammenstürzten, sofern die Besatzung es nicht vorzog zu kapi­ lem auch in begrifflicher Hinsicht äuße
niale Expansion des Kapi­
n
tulieren. Ein Jahrhundert rascher Entwicklung in der Geschützkon­ der militärtechnologisch fundierten kolo
ohl er im Zuge derselben
struktion lag hinter dieser dramatischen Demonstration der Macht talismus setzt diesen schon voraus, obw
en ist. In einer allgemei­
die die Feuerwaffen inzwischen erlangt hatten« ( McNeil 1984, 85) '. Entwicklu ng ja überhaupt erst entstand
hingewiesen: »Historisch
So »genügte oft schon ein einziges Geschütz, um eine Garnison zur nen Formulierung wird darauf durchaus
mus ein Zusammenhang,
Aufgabe zu bewegen - Niccolo Machiavelli schrieb 1519, dass seit 1494 besteht zwischen Rüstung und Kapitalis
länglichen Verständnisses
>auch die stärkste Mauer in wenigen Tagen zusammengeschossen der nur um den Preis eines völlig unzu

115
der kapitalistischen Entwicklung ausgeblendet werd
en kann« (Zinn, brachte eine »Zunehmende unproduktive Verwendung des gesell­
a. a. 0, 17)· Davon aber will die aufgeklärte kapit
alistische Bürger­ schaftlichen Mehrprodukts« (Zinn, a. a. 0, 25). Erkennbar ist dabei,
vernunft nichts wissen: »Das faktische historische
Gewicht der Feu­ dass die Produktion und Mobilisierung von Kanonen im großen
erwaffeninnovation und des neuzeitlichen Rüstu
ngswesens wird Maßstab sowie die dadurch bedingte völlig veränderte Kriegführung
jedenfalls in der für das breitere historische Bewu
sstsein prägenden die alten Reproduktionsverhältnisse aufzusprengen begannen.
Geschichtsvermittlung eher verdrängt als angem
essen herausge­ Die militärische Revolution führte sozusagen zu einer Art Feu­
st�llt oder gar im Sinne einer pazifistischen Dista
nzierung aufzuar­ erwaffen-Ökonomie oder jedenfalls zu einer Form der Ressourcen­
beiten versucht Waffen werden als technische
„.
, ja ästhetische Leis­ Mobilisierung, die als Prototyp einer »Ökonomie« überhaupt im
tungen zur Schau gestellt, aber die zentrale histo
rische Funktion der modernen Sinne (im Unterschied zur antiken Bedeutung dieses
Feuerwaffentechnik wird verdeckt« (a. a. 0, 19)·
Begriffs) verstanden werden kann. Dies betraf sowohl die techni­
Das ist wohl auch der Grund, warum die Ansätze
der Militärhis­ schen als auch die organisatorischen Bedingungen. Die Kanonen­
toriker und vor allem der von Zinn seither kaum
gesellschaftsthe­ produktion war nicht mehr von Dorfschmieden oder städtischen
oretisch weitergeführt worden sind. Gerade auch
die linke Theorie 'handwerklichen Waffenproduzenten zu leisten, sondern erforderte
ist viel zu sehr in der kapitalistischen Aufklärun
gsvernunft und große Produktionsanlagen. Durch die damit verbundene steigende
deren affirmativer Glorifizierung der Modeme
verwurzelt, als dass Metallnachfrage nahmen Bergbau und Verhüttungswesen einen
sie sich der wirklichen historischen Konstitutio
n des Kapitals stel­ erzwungenen raschen Aufschwung. Es entstand ein bis dahin unbe­
len wollte. Die widersprüchliche Haltung von Marx
zwischen Hegel­ kannter proto-industrieller militärischer Komplex, der eine ebenso
scher Geschichtsmetaphysik und radikaler Fetischkriti
k wurde weit­ neuartige großräumige Logistik erforderte.
gehend einseitig in eine linksbürgerliche Forts
chrittslegende auf­ Wie selbstverständlich wird nun der exorbitant steigende Aufwand
gelöst, die kaum Platz lässt für eine systematisch
e Einsicht in den für den neuen militärisch-industriellen Komplex (ein Begriff, der
Zusammenhang von ursprünglicher Akkumula
tion, mllitärischer ein stets präsentes wesentliches Moment des Kapitalismus bezeich­
Revolution und Unterwerfung der Welt unter
die neue Logik des net und für das 20. Jahrhundert wieder eine besondere Bedeutung
Geldes, die sich als Kapitalismus zur gesellscha
ftlichen Reproduk­ erlangte) in Geld ausgedrüdct: »Rüstung war schon immer teuer,
tion formierte.
aber mit der Feuerwaffe änderte der Rüstungsaufwand seine Dimen­
Um diesen Zusammenhang zu erhellen, ist
das Augenmerk sion grundlegend Die >Große Frankfurter Büchse< von 1394 kos­
weniger auf die Außenwirkung als vielmehr auf
„.

die innere Trans­ tete ro76 Gulden 14 Solidi und 5 Heller, ein Betrag, der dem Wert
formation der europäischen Sozietäten selber im
„.

Kontext der mili­ von 101 Ochsen entsprach« (Zinn, a. a. 0, 138 f.). Man kann sich
tärischen Revolution zu richten, die nicht umso
„.

nst oft als »innere vorstellen, in welcher Größenordnung sich die Kosten für die wei­
Kolonisierung« beschrieben worden ist, ohne dass
damit freilich terentwickelte Kanonenproduktion bewegten. Dasselbe gilt natürlich
die kategoriale Tragweite ausgeschöpft wäre. Zinn
geht darauf unter umgekehrt für den kanonenresistenten Festungsbau: »Die sieben
�erweis auf die alte empirische Untersuchung von Sombart partiell Kilometer lange Enceinte Antwerpens mit neun Bastionen und fünf
.
em. Die Feuerwaffeninnovation bedeutete zunäc
hst eine dramatisch monumentalen Toren kostete eine Million Gulden« (Parker, a. a. 0,
forcierte »Ausrkhtung auf die militärischen Verw
endungsmöglich­ 32), eine für die damalige Zeit phantastische Summe. Insgesamt kann
keiten technischer Neuerungen, so dass sich auch
die neuzeitliche gesagt werden: »Doch die Kosten waren gewaltig. Nur die reichsten
Technikentwicklung als ausgeprägt rüstungsor
„.
ientiert qualifizie­ Staaten und Städte konnten sich die große Zahl von Geschützen und
ren lässt« (Zinn, a. a. 0, 18). Diese veränderte
qualitative Gewich­ die gewqltigen Bauarbeiten leisten« (McNeill, a. a. 0, 89).
tung hatte jedoch auch einen quantitativen Aspek
t: Die militärische Das Geld wird hier jedoch immer noch in der bekannten Manier
Revolution wurde zum unersättlichen Ressourcen
-Fresser. Die Feu­ der Aufklärungsvernünftler (und der Marxisten als ihrem ideologi­
erwaffe führte zur »Militarisierung des neuzeitlich
en Europa« und schen Wurmfortsatz) blind in seiner modernen Form vorausgesetzt,

n6
die implizit als unhinterfragbar transhistorisch
e gilt. In diesem bewegen. Diese neue Expansion der Geldform hatte ab�r nic�ts zu
Punkt zeigt sich jedoch gerade die Schwäche
sämtlicher Untersu­ tun mit dem bisherigen Dasein des Geldes. Es war keme Wieder­
chungen über den Zusammenhang von >>Krie
g und Kapitalismus« kehr spätantiker Geldbeziehungen, sondern der Anfang einer qua­
nicht nur bei Sombart, sondern auch bei den
einschlägigen Pub­ litativen Transformation des Geldes selber, die mit dem qualitativen
likationen der 198o er Jahre. Sie bleiben empi
risch und beschrei­ Bruch in der Kriegführung einherging.
bend, ohne das Problem begrifflich zu erfas
sen; insofern ähnlich Die Expansion des Geldes vollzog sich nicht horizontal im Kon­
wie umgekehrt die Beschreibungen des vorm
odernen »Geldes« bei text religiös-personal konstituierter Verpflichtungsverhältnisse, son­
Laum, Mauss u. a. bis zu LeGo ff. Die Argument
ation ist weitgehend dern vertikal im Kontext der militärischen Revolution »von oben«.
fachspezifisch und nicht mit den Kategorien des
Kapitals vermittelt. Dabei transformierte sich auch dieses »Oben« selbst; die religiöse
Diese erscheinen vielmehr als unproblematisch
in der Phänomeno­ Hierarchie löste sich auf in eine noch unbestimmte andere Logik
logie eines Transformationsprozesses, der dami
t eben nicht in sei­ der Herrschaft. Diese erwies sich als zunehmend geprägt durch das
ner entscheidenden Dimension erfasst werden
kann. Das gilt auch Bedürfnis nach Geld und immer mehr Geld für die anders nicht
für Zinn, der zwar die apologetische Unterbeli
chtung der Rolle der ' zu bewerkstelligende Mobilisierung des militärisch-industriellen
Feuerwaffeninnovation bei der Geburt des Kapit
alismus anprangert, Komplexes. Schritt für Schritt, Zug um Zug wurden alle hierarchi­
jedoch selber das kategoriale Problem dabei völlig
unberücksichtigt schen Verpflichtungsverhältnisse, Abgaben, Tribute, Leistungen,
lässt.
Gesehen wird zumeist, auch sonst in der »Geschenke« vielfältigster Art brutal »monetarisiert« und zugleich
Geschichtswissen­ in die Höhe getrieben. Die vertikal ausdifferenzierte Macht zent­
schaft, nur eine rapide qu.antitative Erweiteru
ng von Geldumlauf ralisierte und konzentrierte sich, was Zinn durchaus sieht: »Letzt­
und Geldverhältniss en, ob diese Entwicklung
nun in ihrer inneren lich führte der rüstungsbedingte Finanzbedarf zur Entwicklung des
Beziehung zur militärischen Revolution erscheint
oder nicht. In der modernen Steuerstaates mit festem Beamtenapparat und ökono­
Regel wird sogar eher eine zivilisatorische Verb
esserung durch die misch orientierter Staatsverwaltung« (Zinn, a. a. 0, 139, Hervorheb.
einsetzende Expansion von Geldbeziehungen
betont; oft unter Ver­ Zinn). In dieser umfassenden Monetarisierung von oben wurden
weis auf die vermeintliche »Wiederkehr« eines
spätantiken Waren­ die überkommenen, noch aus den alten personalen Verpfiichtungs­
und Geldverkehrs nach der » Unterbrechung«
durch das finstere Mit­ strukturen stammenden intermediären Gewalten buchstäblich
telalter, wobei der erneute Aufschwung alsba
ld alle antiken »Geld­ platt gemacht und eliminiert; an die Stelle der dezentralen feuda­
ökonomien« hinter sich gelassen und die glorr
eiche kapitalistische len Fleckenteppiche der Macht trat die Zentrale des fürstlichen bzw.
Modeme auf den Weg gebracht haben soll. Der
Sachverhalt ist aber königlichen »Hofes« in einem neuen Sinne, denn dort sammelte
ein ganz anderer.
Tatsächlich war es offenbar die Geldform, die sich nun ein Hofadel auf der Basis neuer bürokratischer Strukturen
sich für die Mobili­ des »Geldeintreibens«. Der moderne, zunächst »absolutistische«
sierung des neuen militärisch-industriellen
Komplexes aufdrängte. Flächenstaat, der Staat überhaupt im heute geläufigen Verständ­
Obwohl es noch nicht als allgemeine Form
eines »abstrakten Reich­ nis, entstand gleichursprünglich mit dem militärisch-industriellen
tums« figurierte, schien das Geld am beste
n geeignet, die erforder­ Komplex von Kanonenproduktion bzw. neuer Kriegführung und der
liche großräumige Logistik in Gang zu bring
en. Als bis zu einem qualitativ veränderten Mobilisierung des Geldes in einem zuvor nie
gewissen Grad immer noch sakrale Gegenstän
dlichkeit stand es dagewesenen Zweckzusammenhang.
außerhalb der alltäglichen Reproduktion;
aber gerade deswegen Es war diese Verschmelzung der heraufdämmernden unheiligen
konnte es einem Zweck zugeführt werden,
der zwar selber kein Dreieinigkeit von Kanonen, Staatlichkeit und Geld, die zur Geburt
unmittelbar sakraler mehr war, aber ein
ebenso der alltäglichen des monströsen Kapitalfetischs führte; natürlich ohne dass sich
Reproduktion jenseitiger. Die Ressourcenflü
sse im Gefolge der mili­ die bornierten Akteure über die Tragweite ihres Treibens bewusst
tärischen Revolution mussten sich in der
Form von Geldflüssen waren. Als wesentlich lässt sich dabei jenes Moment bestimmen, das

n8
Karl Polanyi in seiner berühmten Untersuchung »The Great Trans­ »entbettet« und das Verhältnis kehrt sich um, wobei die Etablit•·
formation« (1944) als »herausgelöste Ökonomie« bezeichnet hat; rung einer »Marktwirtschaft« der entscheidende Faktor sein sol l .
nämlich im Sinne einer Verselbständigung der »Wirtschaft« oder Dies bedeute »nicht weniger als die Behandlung der Gesellschaft a18
des Marktes (»market-society«) gegenüber allen anderen Lebensbe­ Anhängsel des Marktes. Die Wirtschaft ist nicht mehr in die sozi·
reichen. Die Herauslösung des neuen Militärapparats und seiner alen Beziehungen eingebettet, sondern die sozialen Beziehungen
technologischen Basis aus dem gesellschaftlichen Gefüge zog die sind in das Wirtschaftssystem eingebettet« (Polanyi 1978/1944, 89).
Herauslösung des dafür in neuer Weise mobilisierten Geldes aus Der Gedanke ist äußerst fruchtbar, aber er bleibt im Ansatz stecken ,
den komplexen alten Verpflichtungsverhältnissen nach sich. weil Polanyi eben zusammen mit der bürgerlichen Wissenschaft
Die Frage ist allerdings, ob das hauptsächliche Moment dabei die überhaupt die kategoriale Ebene in kritischer Hinsicht meidet (wi
Entstehung eines universellen Marktes war. Nun kann man zwar längst auch der Marxismus). Deshalb ist auch seine Darstellung phä­
sagen, dass die Expansion des Geldes eine Expansion des Marktes nomenologisch reduziert, was zu erheblichen Fehldeutungen führt.
oder von Märkten im Plural bedingen musste. Diese Entwicklung Wesentlich dabei ist die Verkürzung des Problems auf den erschei-
hatte jedoch nichts zu tun mit jenen Formen des »Tauschs«, ob , nenden Markt und seinen Mechanismus, der schon zu Beginn sei­
geldvermittelt oder nicht, wie sie im Rahmen aller früheren sakral ner Untersuchung von Polanyi bloß als »falsche Idee« denunziert
konstituierten Verpflichtungsverhältnisse bestanden hatten, ohne wird: »Wir vertreten die These, dass die Idee eines selbstregulieren·
eine abgrenzbare eigene Sphäre zu bilden. Die repressive, gewalt­ den Marktes eine krasse Utopie bedeutete« (a. a. 0, 19)· Damit ist
sam durchgesetzte Monetarisierung und damit formale Verein­ natürlich die frühmoderne Konstitution des Kapitalismus in gar kei­
heitlichung der komplexen alten Prinzipien von Reziprozität und ner Weise zu erfassen. Hinter dem Markt in seiner historisch neuen
Redistribution zwang nun die Menschen dazu, bislang in vielfälti­ Form steht die neue Logik des Geldes im Kontext der militärischen
gen Zusammenhängen distribuierte Produkte und Dienste einheit­ Revolution. Das Geld selber ist es, das hier »entbettet« wird, d. h. von
lich »ZU Geld zu machen«, um die Anforderungen des monetari­ seiner Verwobenheit in die alten Verpflichtungsverhältnisse zwang­
sierten neuen Steuer- und Kanonen-Staates bedienen zu können, haft abgelöst und in einen völlig anderen Status wie Modus versetzt.
denen mittels bürokratischer oder gekaufter Gewaltapparate Nach­ Diese Ebene erreicht Polanyi mit seinem bloß beschreibenden, auf
druck verliehen wurde. Der allseitige Zwang zum »Geldverdie­ den Markt fixierten »Entbettungs«- oder »Herauslösungs«-Begriff
nen« nicht für eigene Zwecke, sondern für den fremden, äußeren gar nicht,
Zweck des staatlich-militärisch-industriellen Monsters konstituierte So verfehlt er sogar den historischen Zeitraum der »Herauslö­
einen noch nie dagewesenen Markt, auf dem die »Wechselseitig­ sung« einer kapitalistischen Ökonomie um mehrere hundert Jahre.
keit« der Akteure nur noch eine leere formale Hülle war, weil ledig­ Da die Ideologie eines »selbstregulierenden Marktes« dem 19. Jahr­
lich ein funktionales Handeln für die gewaltsam darüber gestülpte hundert (und dann, was Polanyi 1944 nicht wissen konnte, wieder
»Geldbeschaffungsmaschine«. dem späten 20. Jahrhundert) angehört, setzt er die »große Umfor­
Polanyi sieht aber nur die Erscheinungsform des Marktes oder mung« im Sinne jener »Entbettung« ebenfalls erst im 19. Jahrhun­
dessen Expansion, weil sein erkenntnisleitendes Interesse nicht von dert an, wobei er sich ähnlich wie in anderer Weise Marx auf das
der Sache selbst in ihrer historischen Eigenart bestimmt ist, son­ englische Exempel konzentriert. Zwar ist es richtig, dass sich die
dern von der Auseinandersetzung mit der erst · viel später einset­ Transformation, vor allem im globalen Maßstab gesehen, bis weit ins
zenden wirtschaftsliberalen Ideologie des 19. Jahrhunderts. Da er 20. Jahrhundert hinein zog und dass das Kapital laut Marx erst mit
wie gezeigt eine »Ökonomie« als besonderes und transhistorisches der Industrialisierung begann, »auf seinen eigenen Grundlagen«
Moment immer noch voraussetzt, kann es für Polanyi nur um deren zu »prozessieren«. Aber die Wurzel dieser Entwicklung ist viel frü­
Status bzw. dessen Veränderung gehen. Die sozio-kulturell »einge­ her zu suchen, vor allem in den Rückwirkungen der militärischen
bettete« vormoderne Ökonomie, so Polanyi, wird gewissermaßen Revolution 'auf die soziale Reproduktion und ihre Verkehrsformen.

120 121
Aufgrund seiner markt-reduktionistischen Herangehensweise ist gesellschaftlich-historische Differenz von alter und neuer Form d r
Polanyi weit davon entfernt, diesen Zusammenhang herstellen zu sozialen Verfasstheit von Grundherrschaft, Grundbesitz und Bod 1 1 -
können. nutzung zu erklären gälte.
Für ihn ist es erst die vom universellen »selbstregulierenden« Schließlich ist laut Polanyi auch »Geld« eigentlich keine War ,
Markt beherrschte »Gesellschaft des r9. Jahrhunderts«, die »eine sondern » „. nur ein Symbol für Kaufkraft, das in der Regel über­
bemerkenswerte Abweichung« (a. a. 0, ro6) von aller bisherigen haupt nicht produziert (!), sondern durch den Mechanismus d s
Geschichte »eingebetteter« Ökonomien darstellen würde. Kenn­ Bankwesens oder der Staats:fi:qanzen in die Welt gesetzt wird«
zeichen dieser Abweichung, die erst die totalitäre »market-soci­ (a. a. 0, 107 f.) . Hier geht nun endgültig alles durcheinander. »Geld«
ety« bedingt habe, sei die »Fiktion« eines Warencharakters · dreier als ursprüngliche Opfergegenständlichkeit, die als sakral konstitu­
bis dahin niemals warenförmiger Faktoren, nämlich Arbeit, Boden iertes Verhältnis auch in persönliche und institutionelle Verpfl.ich­
und seltsamerweise auch Geld: »Indessen sind Arbeit, Boden und tungsverhältnisse einging, war sicherlich wie gezeigt eine wesent­
Geld ganz offensichtlich keine Waren: die Behauptung, dass alles, lich symbolische Gegenständlichkeit. Aber davon weiß Polanyi ja gar
was gekauft und verkauft wird, zum Zwecke des Verkaufs produziert ' nichts, da er die Geldform offensichtlich transhistorisch als Moment
werden musste, ist in bezug auf diese Faktoren eindeutig falsch« einer »Ökonomie« versteht (vgl. dazu rn�ch einmal Kap. rr). Als wirk­
(a. a. 0, ro7, Hervorheb. Polanyi). lich symbolische Materiatur war sie jedoch gerade kein Symbol für
Nebenbei macht Polanyi dabei seine im Rahmen des Üblichen »Kaufkraft« im ökonomischen Sinne, deswegen aber auch schon gar
angesiedelte arbeitsontologische Basis deutlich, die er mit bürgerli­ nicht von »Banken oder Staatsfinanzen« in die Welt gesetzt.
chen und marxistischen Ideologen teilt: »Arbeit ist bloß eine andere Die Anachronismen überschlagen sich geradezu, weil Polanyi
Bezeichnung für eine menschliche Tätigkeit, die zum Leben an weder kategorial noch historisch den Punkt trifft. Für ihn konnten
sich gehört „.« (ebenda) , also nicht zum Marktgegenstand gemacht Arbeit bzw. Arbeitskraft, Boden und Geld »selbstverständlich nicht
werden dürfe. Er sieht dabei zwar richtig die Ungeheuerlichkeit, real in Waren umgewandelt werden, da sie in Wirklichkeit nicht für
dass »die menschliche Arbeitskraft „. zur Ware gemacht werden den Verkauf auf dem Markt produziert wurden. Aber die Fiktion,
(musste) « (a. a. 0, r46). Aber dies war keine bloße Formverände­ dass sie zu diesem Zweck produziert würden, wurde zum Orga­
rung eines anthropologischen Sachverhalts, wie es teilweise auch bei nisationsprinzip der Gesellschaft« (a. a. 0, nr). Erstens sind aber
Marx noch erscheint, sondern die Konstitution der abstrakt-univer­ Arbeitskraft und Geld als berelts kapitalistisch konstituierte Gegen­
sellen Realkategorie »Arbeit« selb�t. Richtig ist weiter, dass erst die ständlichkeiten sehr wohl »produzierte« in der Warenform (dass
Entstehung von »Arbeitsmärkten« überhaupt ein totalitäres »öko­ der Warencharakter des Geldes sich von dem aller anderen Waren
nomisches« Marktsystem begründet (Genaueres dazu im nächsten unterscheidet und erst in der Moderne entstand, ist bei Polanyi gar
Kapitel). Aber das geschah in Grundzügen eben bereits zusammen kein Thema). Zweitens können diese Form auch Gegenständlichkei­
mit der Transformation des Geldes lange vor dem von Polanyi ins ten annehmen, die gar nicht »produziert« wurden oder auf die kein
Auge gefassten Zeitraum. ' »Arbeitsaufwand« entfällt (vgl. dazu ausführlich Kap. 9), wozu in
Ebenso ontologisierend argumentiert Polanyi zur Erde als Grund­ gewisser Weise auch der Boden gehört (wobei allerdings im Unter­
lage sozialer Reproduktion: »Boden wiederum«, so seine These, »ist schied zu anderen Waren der Ertrag einer Nutzung implizit unter­
nur eine andere Bezeichnung für Natur« (a. a. 0, ro7); und Natur stellt wird). Die crux bei Polanyi ist es, dass er einen transhistori­
als solche der Warenform zu unterwerfen, sei erst recht in gewis­ schen und zugleich in gewisser Weise normativen, positiven Begriff
ser Weise pervers. Polanyi vergisst dabei, dass das Grundeigen­ · von Ware, Geld und »Ökonomie« postuliert, von dem erst die liberal­
tum in einer allerdings völlig anderen Weise schon in den vormo­ ut6pische »market-society�< des 19. Jahrhunderts mit dem Anspruch
dernen Sozietäten keine bloße »Natur« mehr gewesen ist; und er eines »selbstregulierenden Systems« eine negative »Abweichung«
ignoriert mit seiner pauschalen Naturalisierung, dass es gerade die gewesen sei. Damit verfehlt er aber den Begriff des Kapitals und die

122 123
Erklärung seiner historischen Ko,nstitution. Das Wesentliche daran Marktradikalismus zu enormen Katastrophen führen würde, »W 1 1 1 1
ist gerade die Mutation des Geldes und der Arbeitskraft zu Waren, keine gesetzlichen Eingriffe und Lenkungsmaßnahmen erfolgt • n ,
woraus erst das verselbständigte System einer Warenproduktion u m diesen zerstörerischen Kräften entgegenzuwirken« (a. a . 0, i 8 1 ) .
überhaupt entstehen konnte, wobei die »Selbstregulation« nur in Allmählich, und insbesondere unter dem Eindruck von Weltkri H
einem sehr engen Sinne zu verstehen ist und auf die Instanz des und Weltwirtschaftskrise im 20. Jahrhundert, werde die »Waren
Staates als andere Seite, die gleichursprünglich entstanden war, stets fiktion« der »falschen« Gegenständlichkeiten korrigiert, indem di ·

angewiesen bleibt. »Gegenbewegung in der Einschränkung der Freiheit des Marktes


Dieser Zusammenhang ist Polanyi unzugänglich, weil er auf­ in bezug auf die Produktionsfaktoren Arbeit und Boden<< (a. a. ,
grund seiner Vorannahmen die eigentliche Transformation eben 183) entstehe, die schließlich auch das Geld erfasse: »Im Rückblick
erst im 19. Jahrhundert ansetzt. Für ihn ist alle vorherige »Ökono­ wird unsere Zeit als jene gelten, die das Ende des selbstregulieren·
mie« unter Einschluss der frühmodernen Verhältnisse bis hinauf den Marktes erlebt hat« (a. a. 0, 196).
ausgerechnet zu Adam Smith noch eine »eingebettete« und fällt In dieser Einschätzung zeigt sich natürlich die Beschränkthei t
nicht unter die Konstitution eines »Kapitalismus«, der auf einen ' des Denkens von Polanyi in den Zeitverhältnissen, für die ja übri­
»selbstregulierenden Markt« bzw. eine gewaltsam durchgesetzte gens »Sozialismus« noch ganz naiv identisch war mit Staatsregu­
entsprechende Ideologie reduziert wird. Der ebenfalls wie in der lierung und Staatseigentum. Bei Polanyi erweist sich so »The Great
bürgerlichen Philosophie als transhistorisch aufgefasste Staat, der Transformation« weniger als der Prozess jener »Herauslösung« des
als positive soziale Instanz figuriert, wird so noch für die Zeiten des ökonomischen, den er begrifflich wie zeitlich verfehlt, sondern viel·
Merkantilismus als Garant der »Einbettung« grandios missverstan­ mehr als der vermeintlich gesellschaftsrettende umgekehrte Pro·
den: »Das wirtschaftliche System war in den allgemeinen gesell­ zess einer »Wiedereinbettung« des ökonomischen ausgerechnet
schaftlichen Verhältnissen eingebettet; die Märkte waren bloß ein durch staatliche Regulation der unüberwundenen kapitalistischen
zusätzlicher Faktor eines institutionellen Rahmens, der mehr denn Grundkategorien, die er mit den meisten zeitgenössischen Theore­
je von der gesellschaftlichen Macht kontrolliert und reguliert wurde« tikern für transhistorische hält. So wird die wirkliche Konstitution
(a. a. 0, 101). des Kapitals .in der Frühmoderne gewaltig unterschätzt, untertrie­
Ganz im Gegenteil war aber der Staat selber die Instanz und ben und gewissermaßen verharmlost, während im Gegenzug die
zugleich das Produkt der »Herauslösung« einer damit erst sich kon­ Tendenz zur zunehmenden staatlichen Kontrolle und (1944 erst her­
stituierenden »Ökonomie«, was nur im Kontext der frühmodernen aufdämmernden) keynesianischen Marktregulation ebenso über­
militärischen Revolution erhellt werden kann. Da Polanyi den wirk­ schätzt, übertrieben und fälschlich für »die« Lösung gehalten wird.
lichen Zusammenhang inhaltlich-kategorial verfehlt und deswegen Polanyis Erklärungsversuch verschenkt letztlich seinen eigenen
historisch völlig falsch einordnet, gelangt er zu weiteren grotesken fruchtbaren Grundgedanken der .»Herauslösung« und Verselb­
Anachronismen. So erscheint bei ihm der frühmoderne Staat als ständigung des ökonomischen, das nur als Prozess der Geburt des
angebliche Instanz einer >>noch eingebetteten Ökonomie« auf einer Kapitalismus zu fassen ist. Der Begriff muss aber viel tiefer gehen
Linie mit den »Einbettungsverhältnissen« etwa auf den Trobriand­ und sich von einem transhistorischen Verständnis des ökonomi­
inseln oder in antiken und archaischen Sozietäten. schen überhaupt lösen, das lediglich einmal »eingebettet« gewe­
Vor diesem verzerrten Hintergrund nimmt es nicht wunder, sen, dann »entbettet« worden sei und schließlich glücklich wieder
dass Polanyi dann den »Selbstschutz der Gesellschaft« (a. a. 0, 181, »eingebettet« werden solle. Mit LeGoff ist stattdessen der Begriff
passim) gegen die liberale Negativutopie einer selbstregulierenden einer »Ökonomie« identisch zu setzen mit der kapitalistischen
»market-society« nicht zuletzt in staatlichen Maßnahmen schon seit Moderne, aber nicht bloß als abstrakte Feststellung, sondern im
dem 19. Jahrhundert sieht. Es sei von den verschiedensten gesell­ Sinne einer konkreten Theorie der historischen Konstitution, in
schaftlichen Kräften allmählich eingesehen worden, dass dieser der das Geld aus der alten Opfergegenständlichkeit zur modernen

125
Wertgegenständlichkeit mutierte - erzwungen vor allem durch die abstrakten »ewigen Schatz« im krassen Widerspruch zu den all · 1 1
frühmoderne militärische Revolution. religiösen Geboten eines angemessenen innerweltlichen Verha l
Sicherlich wäre es verfehlt, diese historische Mutation in eine tens; bereits i n der sich zersetzenden religiösen Denkform macht ·

eindimensionale Kausalbeziehung aufzulösen. Transformationen sich das transzendentale Prinzip des mutierten Geldes als Konku r
sind immer mehrdimensional; es fließen Prozesse auf verschiede­ renz zum transzendenten göttlichen Prinzip bemerkbar. Der Wid ·r­
nen Ebenen zusammen. Zu nennen wären für die frühmoderne spruch wurde durch eine mörderische Projektion verarbeitet, d i
Übergangszeit etwa in ideeller Hinsicht die religiösen Verwerfun­ den alten christlichen Anti-Judaismus instrumentalisierte. Aus den
gen (der Verlust der »christologischen« wie der damit verbundenen »Gottesmördern« wurden die »Geldmonster«, um die eigene Mons­
institutionellen Gewissheiten vom Investiturstreit bis zum Zeital­ trosität der Geldmenschlichkeit auf die Juden zu projizieren und
ter der Pestkatastrophe) und der daraus hervorgehende Protestan­ den drohenden Selbsthass bzw. die Furcht vor der noch als göttlich
tismus, der die Gottesbeziehung individualisierte und zugleich das gedachten Strafe ob des eigenen »Geldkultus« in den Hass gegen di
»Heil« in der genussfeindlichen Form des abstrakten dinglichen fremden Anderen zu verwandeln, denen die Last der »Geldsünde«
Reichtums säkularisierte (Aspekte davon finden sich bei Max Weber, , stellvertretend aufgebürdet werden sollte. Es waren die empirischen
wenn auch funktional reduziert und kategorial unterbelichtet). Ganz Momente der Transformation selbst (und die dabei Juden zeitweise
unbeabsichtigt en�ies sich diese ideelle Mutation a.ls kompatibel mit spezifisch zugewiesenen Geldfunktionen), die eine entsprechende
den Grundtendenzen der sozialökonomischen Umwälzung. Man Projektionsfläche abgaben, wie Moses Mendelssohn es gerade für
kann in dieser Hinsicht von einer eigenständigen »ideologischen« Preußen anschaulich zu schildern wusste. Ursprünglich War es vor
Entwicklung sprechen, die sich noch innerhalb der religiösen Form allem der deutsche National- und »Fortschritts«-Heros Luther, der
vollzog, aber bereits einen Übergang von der transzendenten Ver­ die Grundlagen dieser ideologischen Mutation in ebenso deutlichen
ankerung zur transzendentalen innerweltlichen Realmetaphysik wie wüsten Ausformulierungen legte, die besonders ins deutsche
markierte. Nationalbewusstsein, aber auch ins europäische Gesamtbewusst­
Dieser Charakter der religiösen Transformation wird von Marx sein einsanken, um sich von dort aus in die ganze kapitalistisch wer­
des Öfteren angesprochen, ohne dass er ihn genauer reflektiert; so dende Welt zu verstreuen w:ie Metastasen .
im »Kapitel vom Geld« der »Grundrisse«: »Der Geldkultus hat sei­ . Abgesehen von der eigenständigen ideologischen Konstitution,
nen Asketismus, seine Entsagung, seine Selbstaufopferung - die die ihre religiöse Haut erst spät abwarf, lassen sich aber Kanonen­
Sparsamkeit und Frugalität, das Verachten der weltlichen, zeitlichen produktion und daraus entspringende Proto-Staatlichkeit als wesent­
und vergänglichen Genüsse; das Nachjagen nach dem ewigen Schatz. liche Momente für eine Transformation des Geldes und die Geburt
Daher der Zusammenhang des englischen Puritanismus oder auch einer »politischen Ökonomie« (real wie als theoretische Reflexion)
des holländischen Protestantismus mit dem Geldmachen« (Marx bestimmen. Der in der Frühmoderne entstehende militärisch-pro­
2005/1857-58, 158, Hervorheb. Marx). Diese Transformation im toindustrielle Komplex auf Bas.is der Kanonenproduktion und ihrer
religiösen Denken hat sich aus dessen eigener Entwicklung heraus Folgeerscheinungen bildete eine eigentümliche Verselbstständi­
ganz unabhängig von der frühmodernen militärischen Revolution gung gegenüber der bisherigen, hauptsächlich agrarischen Repro­
vollzogen, ist aber in der Folge mit dieser zu einem prozessierenden duktion, weil er eben jenseits der alten militärischen Mobilisie­
Gesamtkomplex verschmolzen. rungsformen einen spezifischen Apparat mit spezifischen Mitteln
Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass sich schon in den frü­ erforderte. Diese »Herauslösung« der Kriegsmacht aus dem Gefüge
hen Phasen des konstituierenden Prozesses zugleich die ideologi­ der komplexen Verpflichtungsverhältnisse und aus dem bisherigen
schen Grundelemente des modernen Antisemitismus herausgebil­ Alltag war nicht nur äußerlich-quantitativer Natur, weil der materi­
det haben. Auch innerhalb des noch religiösen Denkens standen elle Aufwand unvergleichlich größer geworden war, sondern sie ent­
der heraufdämmernde »Geldkultus« und das Jagen nach dem bloß fesselte zugleich eine blinde Dynamik der vorgefundenen und für

127
veränderte Zwecke aufgegriffenen Geldmaterie, die sich dabei in die berühmte Hanse wie alle spätmittelalterlichen Kaufmannsg i l
jenes Medium völlig neuer Qualität verwandelte. den und verwandte Organisationsformen in diesem Prozess u n l l ' I' ,
Mit der Verselbstständi gung einer bis dahin ungekannten Mili­ statt ihn auf den Weg zu bringen.
tärmaschine verselbstständigte sich auch die Geldlogik, wobei die Worin bestanden nun die weiteren Schritte dieser Transfornw
erste Triebkraft der bereits angesprochene immer größere »Geld­ tion? Die »Herauslösung« und Verselbstständigung der Feuerwa f
hunger« der Fürsten im frühmodernen »Rüstungswettlauf« der fen-Militärmaschine und Staatsmaschine aus dem sozialen Körp 'I'
Produktion und Weiterentwicklung von Feuerwaffen bzw. dage­ und die daraus folgende »Herauslösung« und Verselbstständigung
gen verteidigungsfähigen neuen Bollwerken mit stetig steigenden des Geldes über die Köpfe der Urheber hinweg verwandelte die Geld­
Kosten war. Die Verwandlung der feudal-dezentralen Strukturen in materie zum ersten Mal in einen irdischen Selbstzweck, und zwar i 1 1
bürokratische Staatsapparate als Geldeintreibungs-Apparate machte einen unaufhörlich prozessierenden. Das lässt sich nachvollzieh n
die dabei selber erst konstituierte Staatlichkeit gewissermaßen zum aus dem ursprünglichen Motiv der staatsbildenden Fürsten, ihrem
Demiurgen jener »Neuerfindung« des Geldes. Der ursprüngliche vom Rüstungswettlauf erzwungenen Geldbeschaffungsapparal
Zusammenhang einer wechselseitigen Erzeugung von Staat und freien Lauf zu lassen. Der Geldhunger konnte trotzdem nicht gestillt
Mutation des Geldes führte in der einseitigen ideologischen Aus­ werden. Dieses Motiv verfestigte und institutionalisierte sich dah r
richtung auf die staatliche Demiurgenfunktion zu einer bis heute zusehends als Rückkoppelung des von allen seinen früheren Ein­
(nicht zuletzt in der gesamtsozialdemokratischen Linken) nachwir­ bindungen »befreiten« Geldes auf sich selbst; somit als die Logik,
kenden Staatsillusion. Diese früheste Instanz der »politischen Öko­ Geld zu beschaffen, um mehr Geld zu beschaffen. Die Unersättlich­
nomie« verlor aber schon bald die Kontrolle über ihr vermeintlich keit der neuen Kriegsmaschine bildete zwar noch über lange Zeit
zweckfunktionales Geschöpf. Die Monetarisierung aller Natural­ den spezifischen äußeren Zweck; aber indem der Beschaffungsap­
abgaben und die Erfindung immer neuer Geldsteuern erzwangen parat in der transzendentalen Geldform auf Touren kam, löste sich
zusehends eine Monetarisierung der gesamten Reproduktion mit durch dessen zunehmende Eigendynamik die Unersättlichkeit der
ungeahnten Folgen. Form von ihrem ursprünglichen Zweck, wurde in sich selber abs­
Zwar gab es, wie Le Goffbetont, schon seit dem »langen 13 . Jahr­ trakt und zu einem von .jedem materiellen Inhalt emanzipierten
hundert« eine Ausweitung von Tausch- und Geldbeziehungen und Selbstzweck, in dem die Warenkörper nur noch das Mittel darstel­
Tendenzen zu einer Monetarisierung der Naturalleistungen. Gerade len für die Geldvermehrung um ihrer selbst willen. So begann sich
deshalb wird der Kapitalismus gern auf eine »friedliche«, zivilisa­ die später von Marx aufgestellte allgemeine Formel des Kapitals real
torische Innovation kaufmännischer und städtischer Initiativen zu konstituieren.
zurückgeführt, was ja die Grundlage der abgeschmackten Fort­ Indem die zunehmende Monetarisierung zuerst der Abgaben,
schrittslegende bildet. Aber diese Expansion des Austauschs und dann der Reproduktion überhaupt und damit der meisten Lebens­
der Anwendung von »Geld«, die allmählich wieder das Niveau der bereiche fast alle Beziehungen in Geldbeziehungen verwandelte,
Spätantike erreichte, durchbrach zunächst so wenig wie diese das drängte die verselbstständigte Geldlogik über ihren ursprünglichen
alte religiöse und personale Verpflichtungsgefüge. Der Durchbruch Zweck der militärischen Revolution hinaus. Die »politische Ökono­
zum embryonalen Kapitalverhältnis kam erst mit der frühmoder­ mie« im strengen Sinne einer unmittelbar staatlichen Veranstal­
nen militärischen Revolution und dem Protestantismus seit dem 15. tung verdoppelte sich in Staatsmaschine einerseits und bewusstlose
und vor allem dem 16. Jahrhundert. Die Geburt des Kapitals aus der Geldmaschine andererseits.
modernen Kriegsökonomie war keine Fortsetzung spätmittelalter­ Das Geld »emanzipierte« sich nun auf paradoxe Weise von sei­
licher Formen des Austauschs und des "alten" Geldes, sondern zer­ nen diversen Trägern, die allesamt zu bloßen Funktions-Subjek­
störte diese im Gegenteil direkt gewaltsam oder indem sie von der ten der von ihnen selber erzeugten und in Gang gehaltenen, von
neuen »politischen Ökonomie« überrollt wurden. So ging etwa auch allen Bedürfnissen entkoppelten Bewegung degradiert wurden; von

128 12 9
den Spitzen des Staates und der Geldmaschine selbst bis zu deren sozialen Körper herausgeschnittenen materiellen »Kosten«, d n • 1 1
Menschenmaterial, in das sich die Masse der Bevölkerung verwan­ Begriff im modernen Sinne dabei erst entstand, musste selber di s v 1
deln musste. Das Geldmedium war zum Selbstzweck seiner eige­ Materialität angehören. Andererseits lag in der Materie der neut'l l
nen Akkumulation geworden. Der Fetischismus dieses irrationa­ Zerstörungsmaschinerie eine Abstraktion von den materiellen und
len Selbstzwecks, der in keinem bewusst gesetzten Zweck mehr sozialen Bedürfnissen; es war eine materielle Mobilisierung für
aufging, noch nicht einmal dem des Feuerwaffen-Militärapparats, einen paradoxen, immanent-jenseitigen, »abstrakten« Zweck. Di s t •
brachte zum ersten Mal in der Geschichte jene selbstbezügliche, Abstraktheit übertrug sich auf die Geldmaterie als ihren allgem i­
allen Lebensbereichen entfremdete und sie unterjochende »Öko­ nen Ausdruck. Die paradoxe »Realabstraktion« der Warenform und
nomie« oder »Wirtschaft« hervor, wie sie heute auch dem Alltags­ der transzendentale Charakter des damit verbundenen gesellschaft­
bewusstsein als selbstverständlich erscheint und von der »aufge­ lichen Verhältnisses haben darin ihren Ursprung. Das mutiert ·

klärten« Wissenschaft auf alle Zeiten und Sozietäten ideologisch frühmoderne Geld war die Urform dieser transzendentalen Real­
zurückprojiziert wird. abstraktion, also die Ur-Ware, die allen von ihrer Logik (zunächst
Wir haben nun den historischen Mechanismus der Herauslösung noch der allseitigen Monetarisierung und Geldeintreibung) berühr­
und Transformation des Geldes sowie seine Verwandlung in einen ten Gegenständen die bis dahin nicht dagewesene verselbständigt
prozessierenden Selbstzweck als Skizze vor uns, deren weitere Aus­ Warenform aufzwang. Nur deshalb ist es auch die »Königsware«
führung anderen Orts zu leisten ist, da diese Aufgabe den Rahmen oder allgemeine Ware.
des vorliegenden Essays sprengen würde. Es ist hier nun allerdings Es verhält sich also ganz anders, als es sich Polanyi vorstel­
zu fragen, welche Konsequenzen diese Mutation in kategorialer Hin­ len wollte: Nicht das Geld wurde »fälschlich« zur Ware gemacht
sicht real hatte. Zunächst ist die Verwandlung des Geldes aus seiner und einem schon immer gegebenen Waren-Universum eingeglie­
rein symbolischen Opfergegenständlichkeit in eine zunächst unklare dert, sondern genau umgekehrt: Erst das zur herausgelösten War
Wertgegenständlichkeit oder Ware zu nennen. Der alte symbolische gewordene Geld als Proto-Ware machte sukzessive alle Produkte
Charakter war auch noch seit der Antike beim Übergang des Geldes und Dinge des Bedarfs zu Waren jenseits der (im Sinne einer selb­
von »Gottesbeziehungen« zu sozialen Beziehungen erhalten geblie­ ständigen, distinkten Sphä,re) nicht-warenförmigen alten Verpflich­
ben, insofern letztere selber als komplexe Struktur von Bindungen tungsverhältnisse. Insofern lässt sich auch auf einer zweiten Ebene
in das Gottesverhältnis (ursprünglich das Opferverhältnis) einbezo­ die Thes.e belegen, dass das Geld historisch-empirisch zuerst da
gen waren. Die Herauslösung des Geldes aus diesem Beziehungsge­ war: nämlich nicht nur als jene anders geartete symbolisch-sakrale
flecht und seine neue Rolle als Medium der Mobilisierung von unge­ Opfergegenständlichkeit in vormodernen Verhältnissen , sondern
heuren Ressourcen für die militärische Revolution begann es zum auch als mutierte Fundsache und Ur-Ware in der frühmodernen
»Ausdruck« zu machen für diese Ressourcen, deren Zweck zugleich Transformation.
jenseits der sozialen Reproduktion lag. Durch diese Einsicht ist aber, um es schon hier anzudeuten, die
Damit bildete sich hinter dem Rücken der Akteure zunächst eine Marxsche Wertformanalyse keineswegs zu negieren, da (und soweit)
eigenartige doppelte Bestimmung des Geldes aus. Nämlich einerseits diese sich auf den »Gang in sich« des bereits fertig konstituierten
seine »Materialisierung« als spiegelbildliche Materiatur der materi­ Kapitals bezieht, während wir es hier immer noch mit seinem unfer­
ellen Ressourcen für den militärisch-protoindustriellen Komplex; tigen Embryonalzustand und seinen Geburtswehen zu tun haben.
eine Materialität, der es als bloß symbolische Codierung wechsel­ Negiert ist damit allerdings jene Interpretation der alten wie der neue­
seitiger sozialer Verpflichtungsverhältnisse zuvor gar nicht bedurft ren Orthodoxie, dass das Geld im modernen Sinne das Produkt einer
hatte, die aber in der neuen Bestimmung als abgelöstes Medium transhistorischen Warenlogik sei. Historisch verhält es sich genau
für den abgelösten materiellen Zweck der Zerstörungsmaschine umgekehrt wie kapitallogisch; historisch hat das Geld in seiner Muta­
zwangsläufig wurde. Geld als Gegenstück für die nunmehr aus dem tion zur Ware erst die allgemeine Warenproduktion hervorgebracht.

130 131
Damit war die Transformation aber noch nicht vollendet, da früheren Publikationen gezeigt hat. Über die Gleichursprünglich­
eben nicht nur das Geld transformiert wurde, sondern das gesamte keit von modernem Geld (Kapital) und Staat innerhalb der offiziel­
Weltverhältnis einschließlich der materiellen Produktion. Durch len Gesellschaft legte sich die andere und grundsätzlichere Gleich­
die Herauslösung und Monetarisierung der diversen Gaben und ursprünglichkeit von abstrakter Allgemeinheit (Geld und Staat)
Abgaben war d�r neue Zustand immer noch erst äußerlich überge­ einerseits und geschlechtlicher Abspaltung der darin nicht aufge­
stülpt. Die Verwandlung der Geld-Gegenständlichkeit in eine dis­ henden Momente der Reproduktion andererseits: »Das Abgespal­
tinkte Waren-Gegenständlichkeit und in der Folge die Verwand­ tene ist kein bloßes >Subsystem< dieser Form (wie etwa der Außen­
lung von immer mehr Produkten in Waren sowie die Konstitution handel, das Rechtssystem oder auch die Politik), sondern wesentlich
von Märkten als einer gesonderten Sphäre konnten nicht bestehen und konstitutiv für das gesellschaftliche Gesamtverhältnis« (Scholz
ohne eine tiefer gehende Formveränderung der Produktionstätig­ 2ou /2000, 2r) . So entstanden das moderne Geschlechterverhältnis
keit selbst; zunächst noch nicht im technischen Sinne, sondern und die bürgerliche Familie, die mit den früheren Strukturen glei­
als neue soziale Formbestimmung gemäß der Matrix der Ur-Ware chen Namens so wenig mehr zu tun hatten wie das mutierte Geld"
und ihrer dinglichen Abkömmlinge. Es stellte sich nämlich bald mit seinen alten Daseinsformen. Natürlich gab es auch hier keine
he,raus, dass die Degradation eines wachsenden Teils der Bevölke­ bewusste Zwecksetzung im Sinne eines neuen, übergreifenden Ver­
rung zum Menschenmaterial der installierten Geldmaschine nicht hältnisses und seiner transzendentalen Logik, sondern die Akteure
bei der »Verwarenförmigung« der Produkte stehen bleiben konnte. handelten aus begrenzten Motiven heraus (etwa der Auflösung der
Vielmehr mussten dadurch auch die Produzenten selber in eine Art alten personal-patriarchalischen Repräsentanzen), die sich auch in
Ware verwandelt werden. Diese entscheidende Transformation, die dieser Beziehung »hinter ihrem Rücken« zu einer anderen Konstel­
im nächsten Kapitel genauer behandelt wird, erscheint (wie schon lation der geschlechtlichen Beziehungen entwickelten.
kurz angedeutet) in der Interpretation von Polanyi ebenfalls ver­ Der Prozess der symbolischen und reproduktiven Zuschreibungen
kehrt, da er die Warenform der »Arbeitskraft« nicht als Konsequenz an das weibliche Geschlecht verlief genauso blutig und repressiv wie
der Warenform der Produkte und diese wiederum nicht als Konse­ die Entwurzelung großer Bevölkerungsteile und die Umwandlung
quenz der Warenform des Geldes erkennt, sondern den Warencha­ des Geldes. Das beweist d,ie barbarische Hexenverfolgung, die sich
rakter von Geld und »Arbeit« als destruktive Abweichung von den vom 15. bis ins frühe r8. Jahrhundert hinzog. Das antike und feudal­
>mormalen« und vermeintlich schon immer produzierten Waren mittelalterliche Patriarchat transformierte sich so in das moderne,
missversteht. mit der neuen Geldlogik vermittelte. Die männliche Dominanz löste
Bei dieser Transformation wurden auch die Geschlechterverhält­ sich also nicht etwa auf, sondern nahm eine andere, von der entste­
nisse umgewälzt, was hier ebenfalls nicht genauer ausgeleuchtet henden »Ökonomie« bestimmte, quasi »sachliche« Verfasstheit an.
werden kann, aber dennoch nicht bloß der Vollständigkeit halber Der mit der ursprünglichen Feuerwaffen-Mobilisierung verbundene
erwähnt werden soll. Es handelte sich vielmehr um ein wesentliches strukturell »männliche« Charakter des »Herauslösungs«-Prozesses
Moment der kapitalistischen Konstitution schon seit den Anfängen wurde in die Basis des heraufdämmernden Kapitals eingeschrieben;
der Transformation des Geldes. In diesem Prozess wurden näm­ aber eben gerade als von den Grundformen abgespaltenes, in der
lich alle in der auch den Staat bestimmenden Geldlogik nicht oder offiziellen Reflexion nicht explizit vorkommendes Moment.
nur schwer darstellbaren Elemente der sozialen Reproduktion (vom Nachdem die selbstreferentielle Geldvermehrungsmaschine ein­
Essen kochen über die Kinderbetreuung bis zur »Liebe«) ebenfalls mal etabliert war und alle nicht von ihr erfassbaren Momente der
aus den bisherigen Bindungs- oder Verpflichtungsverhältnissen her­ Reproduktion geschlechtlich abgespalten hatte, erzeugte die so
ausgelöst, aber zugleich von der neuen Waren-Gesellschaftlichkeit geschaffene »Ökonomie« aus ihrer blinden Dynamik heraus eigene
abgespalten und an die Frauen delegiert, wie Roswitha Scholz in »Gesetzmäßigkeiten« in der Art von Quasi-Naturprozessen. Physi­
ihrem Buch »Das Geschlecht des Kapitalismus« (2on/2000) sowie kalische und biologische Metaphern bestimmen nicht zufällig seit

132 133
dem r8. Jahrhundert die entstehende ökonomische Wissenschaft
(und überhaupt die Aufklärungs-Ideologie) ebenso wie militärische, 7·
die auf den eigentlichen Ursprung verweisen. Diese »zweite Natur«
hatte mit derjenigen aller früheren, religiös und personal konstitu­ Konstitution und Zirkulation
ierten Fetischverhältnisse nichts mehr gemein: an die Stelle sym­
bolischer Ordnung trat ein buchstäblich mechanischer Vorgang,
während sich das symbolische Moment auf die Zuschreibungen an Aus der Mutation des Geldes von der symbolischen Opfergegen­
das weib�iche Geschlecht konzentrierte (Frau = Natur). Die komple­ ständlichkeit zur materiellen »ökonomischen« Gegenständlichkeit
xen, göttlich legitimierten Verpflichtungen waren zur anonymen erhellt, dass es vorher kein Kapital gegeben haben kann. Was auch
»Gesellschaft« geworden und diese zum tatsächlich maschinenhaf­ noch Marx selber dafür hält, etwa in Gestalt des von ihm so genann­
ten »System«. ten antiken oder mittelalterlichen Kaufmanns- und Wucherkapitals,
hat aufgrund der Einbindung in die skizzierten damaligen Verhält­
nisse noch gar nicht die abstrakte Allgemeinheit des Geldes zu sei­
ner substantiellen Grundlage. Es geht also nicht um die Ausdeh­
nung einer schon längst vorhandenen Realabstraktion von der zins­
tragenden und zirkulativen Form, die schon »Kapital« gewesen wäre,
auf die materielle Produktion, sondern das Kapital als Verwertungs­
. bewegung entsteht in allen seinen Formen überhaupt erst durch jene
historisch singuläre Mutation des Geldes zum herausgelösten ökono­
misch-gesellschaftlichen Selbstzweck. Es ist wiederum das Darstel­
lungsproblem, das Marx diesen Streich gespielt hat, davon qualitativ
grundsätzlich verschieden� Gegenstände oder Beziehungen als ein
bloß noch nicht zur »proc;luktiven« Reife gelangtes Zirkulationska­
pital zu identifizieren, indem er bei der Analyse der kapitalistischen
Basiskategorien Ausflüge in die Geschichte unternimmt und eine
dort gar nicht vorhandene »ökonomische« Logik unterstellt. In die­
ser Hinsicht bleibt er selbst noch bürgerlicher Aufklärungsideologe.
Dieselbe falsche, anachronistische Vorstellung findet sich gele­
gentlich auch in der Version der Neuen Marxlektüre von Michael
Heinrich, sobald er zufällig einmal auf vormoderne Verhältnisse zu
sprechen kommt: »Historisch sind Kreditverhältnisse sehr alt. Seit
Geld existiert, kann es auch gegen Zins verliehen werden. In vorka­
pitalistischen Zeiten war der Bedarf an Kredit ein Resultat entweder
der wirtschaftlichen Not (etwa einer Missernte) oder der Luxus- bzw.
Kriegsbedürfnisse der regierenden Könige und Fürsten« (Hein­
rich 2oro, 133) . Materielle Probleme (Not aufgrund von Missern­
ten, Luxus- und Kriegsbedürfnisse), die vor dem Hintergrund einer
ganz anderen gesellschaftlichen Matrix sich stellten, werden hier in
»Wirtschaftliche« Kategorien übersetzt und also eine »Ökonomie«

134 135
als ontologische Gegebenheit unterstellt. So erscheinen dann auch der Zirkulationsbegriff als Knackpunkt für die genauere Analyse
»Geld«, »Kredit« und »Zins« als an sich identische transhistorische der Transformation. Geld als logisch-ökonomisch bestimmtes »Zir­
Kategorien, die lediglich anders konfiguriert gewesen wären, näm­ kulationsmittel« setzt natürlich seine Zirkulation voraus, nämlich
lich eben zirkulativ beschränkt. als Medium einer allgemeinen Warenproduktion, die in derselben
Heinrich zeigt damit ungewollt, dass auch er dem »methodologi­ Weise objektiv logisch-ökonomisch bestimmt ist. Wie aber kann es
schen Individualismus« in historischer Hinsicht unterliegt, indem eine durch Geld vermittelte Zirkulation geben, wenn es gar keine
er bereits tief in der geschichtlichen Vergangenheit ganz unabhän­ apriorische und eigenlogische Produktion von Waren gibt?
gig vom modernen Kapitalverhältnis eine »einfache« basale Logik Hier haben wir es eben auch bei Marx selber wieder mit dem Pro­
walten sieht, die sich über viele Formationen hinweg entfaltet und blem des »methodologischen Individualismus« oder einem Aspekt
ein »Kapital« auf Basis der Geldform, jedoch noch ohne kapitalisti­ davon auf der logisch-historischen Ebene zu tun. Marx nimmt offen­
sche Produktion beinhaltet hätte. Er gibt auf diese Weise indirekt zu, bar an, dass auch dann, wenn die Waren- und Geldform bloß eine
dass er das allgemeine Verhältnis von Logischem und Historischem »Nischenform« bildet, es dennoch eine »Zirkulation« gibt. Der
durchaus im traditionellen Sinne begreift und insofern, wie oben Begriff der Zirkulation setzt aber bereits eine relativ verallgemei­
bereits vermutet, die »monetäre Werttheorie« auch für vorkapitalis­ nerte Warenproduktion voraus. Erstens ist eine solche in vielen vor­
tische Verhältnisse als gültig vers_tehen muss. Es ist ganz offensicht­ modernen (archaischen oder antiken und mittelalterlichen) Sozie­
lich so, dass ihn das aus der Marxschen Darstellungslogik resultie­ täten in gar keiner Weise gegeben, obwohl ein von Marx im moder­
rende Problem des Verhältnisses von Logischem und Historischem, nen Sinne als »Handel« identifizierter Austausch existiert. Zweitens
das doch eigentlich konstitutiv für die Neue Marxlektüre ist, gar waren aber eben auch höher entwickelte Formen dieses Austauschs
nicht weiter interessiert. Da er ebenso wenig wie Backhaus und und dessen Vermittlung durch Münzgeld zutiefst in »Gottesverhält­
Reichelt eine Untersuchung der Differenz zwischen vormodernen nisse« und dementsprechend in persönliche Verpfl.ichtungsverhält­
Erscheinungen, die als »Geld« bezeichnet werden, und dem moder­ nisse eingebunden. Deshalb kann dabei aµch von einer logisch und
nen kapitalistischen Geldbegriff vorgenommen hat, unterläuft es faktisch isolierbaren »Zirkulation« keine Rede sein, da jeder ver­
ihm eben, dass er unbewusst in die traditionelle Auffassung zurück­ meintlich isolierbare Händewechsel von Ware und Geld von solchen
fällt und damit wiederum ungewollt die ansonsten kritisierte neuere Verpflichtungsverhältnissen überformt und determiniert blieb.
Orthodoxie zumindest in dieser Hinsicht selber legitimiert, nur dass Wenn die Präferenzen des Austauschs von religiösen und ver­
er in derselben transhistorischen Entwicklungslogik wie gezeigt das wandtschaftlichen Bindungen sowie von freundschaftlichen oder
Geld statt den Wert der Ware an den Anfang stellt. Aber beide Vor­ auch feindlichen »Gabe«-Beziehungen bestimmt werden, nicht aber
stellungen heben gleichermaßen auf die Existenz einer vormoder­ von versachlichten Ware-Geld-Relationen und schon gar nicht von
nen ökonomischen Zirkulationssphäre ab, in der sich bereits die einer ökonomischen Konkurrenz, dann kann überhaupt keine für
modernen ökonomischen Kategorien identisch getummelt hätten. sich darstellbare »Zirkulationssphäre« existieren. Somit ist auch ein
Das Missverständnis, dem Marx bei der Bestimmung eines vor­ »Zirkulationskapital« eine logische und praktische Unmöglichkeit.
modernen Wucher- und Kaufmannskapitals aufsitzt, hat also weit­ Was als solches erscheint, bildet nur eine Fortsetzung der ideolo­
reichende Folgen, die zu erörtern einige Probleme der historischen gischen Projektion moderner Kategorien auf ganz andere Verhält­
Konstitution wie der Reproduktion des Kapitals »in sich« erhellen nisse. Der antike Abenteuer-Kaufmann, wie er bei Hesiod, Homer
kann. Marx spricht durchgängig nicht vom »Kapitalismus«, son­ oder in den Erzählungen von »Tausend und einer Nacht« etwa als
dern immer von der »kapitalistischen Produktionsweise«, gerade Sindbad der Seefahrer erscheint, agiert in keiner unabhängig von
weil er den Kapitalbegriff bereits für vormoderne Strukturen ihm persönlich und seinen nicht-ökonomischen Beziehungsstruk­
ansetzt, dort aber noch nicht auf der Produktions-, sondern eben turen konstituierten »Zirkulationssphäre«. Es gibt hier überhaupt
nur auf der so genannten Zirkulationsebene. Damit erweist sich keine abgrenzbare »Sphäre«: »Jede Handelsfahrt ist ein einmaliger

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besonderer Akt. Eine solche Fahrt dauert oft ein ganzes Jahr«, sodass des Kapitals bildete, konnte das Kapital sozusagen nicht mit sich
»von einem Handel, der feste Normen kennt und verwendet, nicht selbst beginnen, sondern nur mit der qualitativen Umwandlung
die Rede sein kann« (Laum, a. a. 0, 21). Selbst bei eingespielten und und zugleic;h quantitativen Ausdehnung der vorgefundenen Gegen­
gewohnheitsmäßigen Austauschverhältnissen kann keine »Zirkula­ ständlichkeit »Geld«.
tion« als eigenlogische Bestimmung erscheinen. Dass der im moder­ Aus der anachronistischen Sicht, die kapitalistische Kategorien
nen Sinne so genannte Kaufmann um besonderer »Schätze« willen in die Geschichte projiziert, muss dies als bloß quantitative Ausdeh­
das Risiko von Seefahrten auf sich nimmt, hat nichts mit einem zir­ nung einer (als schon vorhanden unterstellten) Zirkulationssphäre
kulativen abstrakten Profitkalkül zu tun. erscheinen, ausgehend von der berühmten Engelssehen »einfachen
Dasselbe gilt für den Wucher und die damit verbundenen· Prob­ Warenproduktion«, woraus dann ab einem bestimmten Umschlags­
leme. Auch das antike Zinsverhältnis war ein persönliches Verpfl.ich­ punkt das kapitalistische Profitprinzip hervorgegangen sei. Diese
tungsverhältnis und erwuchs nicht aus einer selbständigen Geldzir­ Interpretation erscheint auf den ersten Blick schlüssiger und mehr
kulation, wie sich an den diversen antiken Wucherkrisen und deren mit den historischen Tatsachen übereinstimmend als diejenige, die
Lösungen zeigt; etwa der berühmten »Seisachtheia« durch Solon besagt, dass die Heraufkunft einer distinkten »Zirkulationssphäre«
im Athen des 6. Jahrhunderts v. Chr. Die Vorgänge und Maßnah­ (es wird sich zeigen, wie problematisch dieser Begriff ist) umgekehrt
men lassen sich gar nicht aus einem Kapitalbegriff vor dem Hinter­ erst eine Erscheinung der kapitalistischen Konstitution war und
grund einer monetären Zirkulationslogik erklären, sondern nur aus somit, wie es scheint, das Kapitalverhältnis bereits voraussetzt. Denn
dem Gefüge religiös-personaler Verpflichtungen und Regularien, in wenn es das Kapital noch gar nicht gibt, könnte es dann eigentlich
denen das Geld keine davon abgelöste Rolle spielte; es bildete zwar auch die Zirkulation nicht geben; und so scheint sich die Argumen­
eine symbolische, aber keine »mit eigenem Leben begabte« transzen­ tation in den Schwanz zu beißen oder ein spekulatives Konstrukt zu
dentale Gegenständlichkeit. sein, das aus einem ideellen Kern oder Keim des Kapitals jene histo­
Gerade umgekehrt verhält es sich aber bei der historischen Kon­ risch-empirische Erscheinung einer ausgedehnten Zirkulation her­
stitution des Kapitals in der frühen Neuzeit. Grundsätzlich könnte vorgehen lässt. Allerdings ist das nur implizit das Problem der Neuen
man sagen, dass erst der frühe take off des Kapitals so etwas wie eine Marxlektüre, die sich ja mit dem Konstitutionsprozess so gut wie gar
Sphäre der Zirkulation hervorbringt; eben jene von Polanyi fälsch­ nicht befasst, sondern eher und notwendigerweise explizit das Prob­
lich fürs Ganze genommenen Märkte neuer Qualität. Dabei gibt es lem der hier vertretenen (wert-abspaltungskritischen) Position. Man
allerdings eine Schwierigkeit. Wenn und soweit die reinen, analy­ könnte nur wieder sagen, dass die Neue Marxlektüre dieses Problem
tisch darstellbaren Grundkategorien von Ware und Geld das Kapital als ein objektives ignoriert und sich damit seitens der traditionellen
als Systemzusammenhang bereits voraussetzen, müsste das eigent­ Auffassung von der »Einheit des Logischen und des Historischen«
lich auch für eine Zirkulation als besonderem Prozess in der Repro­ angreifbar macht.
duktion dieses Ganzen gelten. Was als Zirkulation erscheint, ist aus Aufgelöst werden kann dieses Problem durch eine genauere
dieser Sicht nur eine erste Oberflächenbestimmung in der theore­ Betrachtung des Konstitutionsprozesses und seiner konkreten
tischen Reproduktion des realen Verhältnisses, also jene »einfache Abfolge. Durch die qualitative Transformation des Geldes wird nicht
Zirkulation« in der Marxschen Darstellungslogik, deren wirklicher eine vorhandene Zirkulationssphäre ausgedehnt, sondern eine sol­
Prozess derjenige des Kapitals und damit etwas anderes ist. che erst geschaffen - und zwar bevor das Kapital als solches in allen
Zu unterscheiden sind hier jedoch der historische Konstitutions­ seinen Momenten existiert und »prozessiert«. Empirisch geht es im
prozess einerseits und der als Zirkulationssphäre bezeichnete uni­ Kontext der militärischen Revolution um den Einsatz der vorgefun­
verselle Markt als Moment des kapitalistischen »Gangs in sich« denen Geldform für jenen völlig neuen, »herausgelösten« Zweck,
andererseits. Da das »alte« Geld, das im oben skizzierten Sinne noch woraus wiederum ein Zwang zur »Monetarisierung« traditioneller
gar keines ist, die geschichtliche »Fundsache« in den Anfängen Verpflichtungs- und Abhängigkeitsverhältnisse resultiert, die auf

139
diese Weise ihren bisherigen Charakter verlieren, wie wir bereits »Marktabhängigkeit« bedeute usw. Bei Bockelmann verwandelt
gesehen haben. Der Zwang zum Verkaufen, um den aufoktroyier­ sich also die Reduktion des Kapitals auf die Zirkulationssphäre, eine
ten »Geldhunger« der neuen Machtstruktur zu befriedigen, hat als wesentliche Komponente der Aufklärungsphilosophie, die ihre Wur­
Kehrseite den Zwang zum Kaufen, indem sich dabei unter der Hand zel teils in der real unvollendeten Konstitution des Kapitals, teils
neue Strukturen der Spezialisierung bilden, ohne dass die bisherige in deren ideologischer Verarbeitung hat, unversehens in die Sache
Produktionsweise als Ganzes umgewälzt und bereits ein System der selbst, die aber darin nicht aufgehen kann. Deshalb ist sein Ansatz
»abstrakten Arbeit« etabliert wäre. Das Kapital tritt also ins Leben, auch aus der Sicht der hier vertretenen Position bereits als verkürzt
indem es sich selbst sozusagen vom Schwanz her aufzäumt, näm­ kritisiert worden: Bockelmann trifft zwar im Unterschied zu Polanyi
lich als Konstitution einer zuvor gar nicht vorhandenen Zirkulati­ sozusagen die »richtige Epoche« der fortgeschrittenen »Herauslö­
onssphäre. Zumindest erscheint so die Selbsterzeugung des »auto­ sung« und Konstitution einer so genannten Ökonomie, aber er bleibt
matischen Subjekts«, obwohl es natürlich nur menschliche Zweck­ ähnlich wie Polanyi stehen bei der ursprünglichen Phänomenolo­
handlungen sind, die aber als bornierte hinter dem Rücken ihrer gie einer reinen Marktvermittlung; seine damit verbundene, durch­
Akteure eine sich objektivierende Logik in Gang setzen. aus innovative »Historisierung moderner Subjektivität und moder- ·

Soweit es die historische Empirie betrifft, figuriert dann in den ner Erkenntnisformen« bleibt insofern unzureichend, als er »darauf
darüber nicht oder nur unzureichend hinausgehenden Untersuchun­ (beharrt), dieses Problem in toto auf die Ware-Geld-Relationalität zu
gen die Zirkulation (der Markt) als das »Eigentliche« der Modeme, reduzieren« (Späth 2on, 59). Er »spricht damit weder das Problem
„.

wie es etwa bei Polanyi geschieht, wenn er die »herausgelöste« Öko­ warenproduzierender Arbeit noch den androzentrischen Charakter
nomie als »market-society« bezeichnet. Dieses konstitutionelle Pro­ bürgerlicher Subjektivität an« (ebenda). Genau dieses Problem gilt
blem eines zirkulativen historischen Prius findet sich auch in der es aber beim Fortgang einer Analyse der »kategorialen Konstitution«
bereits erwähnten neueren großen Studie »Im Takt des Geldes. Zur über die bloß zirkulative Logik hinaus genauer zu klären.
Genese des modernen Denkens« (2004) von Eske Bockelmann. Die Bei Bockelmann wie in anderer Weise zuvor bei Polanyi haben
Geburt der Modeme wird darin aufden Anfang des 17. Jahrhunderts wir es gerade mit der entgegengesetzten Fehldeutung zu tun wie
datiert, wobei der abrupt und begründungslos neu eingeführte Takt beim traditionellen Marxismus oder auch in der genuin bürgerli­
in Musik 'und Lyrik das Exempel abgibt für die Logik einer um sich chen Ideologie: Wird dort die Zirkulation oder funktionale Ware­
greifenden Zirkulation des Geldes bzw. der Verallgemeinerung von Geld-Relation zurück in die Geschichte projiziert, um das Kapital
Ware-Geld-Beziehungen. Bockelmann identifiziert diese Logik als · aus dieser vermeintlichen Basis hervorgehen und darauf aufsitzen
inhaltslose »reine Verhältnisbestimmung« (a. a. 0, 227) oder »reine zu lassen, so werden hier umgekehrt das Kapital oder die Modeme
Synthesis«, als »funktionale Abstraktion« in der zirkulativen Ware­ und deren Genese auf die als zirkulativ bestimmte Funktionssphäre
Geld-Beziehung. Die Synthesis sei allein »dieser Bezug, dieses Ver­ reduziert und damit identifiziert. Der Übergang zum System der
hältnis« (a. a. 0, 242), also eine rein relationale Form, ohne jeden sub­ »abstrakten Arbeit« und der demgemäß umgewälzten Produktions­
stantiellen Inhalt. sphäre fehlt; und entsprechend verkürzt bleibt der Begriff der kapi­
Das ist in gewisser Weise richtig für die ursprüngliche Konstitu­ talistischen »Realabstraktion«, worauf noch zurückzukommen ist.
tion, die kategorial unfertig und noch »verkehrt« ist. Bei Bockelmann
erscheint es aber so, als wäre mit diesem konstitutiven Hereinbre­ Aber natürlich konnte es so nicht bleiben: Der Konstitutionsprozess
chen einer Ware-Geld-Zirkulation (deren Hintergrund in den Kon­ musste sich über die zirkulative Relation oder funktionale Abstrak­
sequenzen der militärischen Revolution ganz ausgeblendet bleibt) tion hinaus fortsetzen, bis er seinen Grund in der »abstrakten Arbeit«
und ihrer rein relationalen und funktionalen Abstraktion schon der erreicht hatte, der die eigentliche Logik der »reinen Synthesis« als
Begriff des Kapitals und seiner »Wirtschaftsgesellschaft« gegeben, eine apriorische bildet. Eine allgemeine Zirkulation kann nicht für
was für die Individuen (ähnlich wie bei Polanyi) eine umfassende sich existieren oder eben nur für einen sozusagen schwebenden
Übergangszustand. Die neue Daseinsform erschien freilich zunächst In diesem Zustand befand sich die Konstitution auf der Kippe,
real so in der Expansion der Geldform und des Kaufens und Verkau­ ablesbar auch an den zunehmenden Friktionen und Revolten, deren
fens auf Märkten. Aber diese Handlungsformen hatten ja nun nichts berühmteste der große deutsche Bauernkrieg in der ersten Hälfte
mehr zu tun mit den nur scheinbar identischen etwa der Spätantike des 16. Jahrhunderts war. Die diversen Aufstände gegen die Durch­
oder dann wieder des Spätmittelalters, die wie gezeigt allesamt noch setzung der neuen negativen Vergesellschaftung ziehen sich bis
der Struktur persönlicher Verpflichtungsverhältnisse unterlagen. Dar­ ins frühe 19. Jahrhundert hin. Natürlich lassen sich die einzelnen
aus konnte kein selbständiger Systemcharakter von Geld und Ware Momente schwer trennen. Was hier analytisch wie in einer Abfolge
entstehen. Zum abstrakt-allgemeinen System zuerst einer »Zirkula­ skizziert wird, war in der Realität ein ungleichzeitiges Gemenge.
tionssphäre« waren Geldform und Warenform als zunehmende Ver­ Sichtbar und bis zu einem gewissen Grade dokumentarisch greifbar
kehrsform eines »realabstrakten« Kaufens und Verkaufens erst durch ist der Übergang von der äußerlichen Schröpfung der erzwungenen
den äußerlichen Zwang der Geldabschöpfung qua monetarisiertem Zirkulation zur direkten Produktion für den nunmehr vorausgesetz­
Steuerstaat für den militärisch-protoindustriellen Komplex geworden. ten Selbstzweck der Geldvermehrung, aber zuerst in Gestalt eines
Der sich davon emanzipierende, zum transzendentalen Apriori minoritären staatlichen Zwangsarbeitsverhältnisses. Die kategoriale
der gesamten Reproduktion sich fortentwickelnde Selbstzweck der Mutation drang dabei auch in dieser erweiterten Hinsicht nirgends
Geldvermehrung um der Geldvermehrung willen, die phänomeno­ ins reflektierende Bewusstsein, sondern vollzog sich wiederum hin­
logische allgemeine Formel des Kapitals, folgte tatsächlich zunächst ter dem Rücken ihrer Macher wie ihrer Opfer. Es wurde empirisch
jener Marxschen Bestimmung eines Zirkulationskapitals; aber deutlich, dass es nicht dauerhaft möglich war, eine bloße Zirkulation
eben erst jetzt in der frühkapitalistischen Konstitutionsbewegung. des ökonomisierten Geldes abzuschöpfen, um den unersättlichen
Genauer gesagt: · Die später als »Mehrwert« bestimmte Kategorie Hunger der einmal installierten Geldmaschine zu stillen, ohne die
enthielt anfangs nichts anderes als die permanente Abschöpfung von Produktionsbedingungen selber diesem Monstrum zu unterwerfen
Geld aus der eben von diesem Geldhunger erst zwangsweise geschaf­ und sie entsprechend umzuformen.
fenen Zirkulation eines auf diese Weise erst ökonomisierten Geldes Diese Umwälzung des Produktionsprozesses ist von Historikern
und der Verwandlung der Produkte in Waren. Es war die Abschöp­ und Soziologen oft beschrieben worden, allerdings durchwegs ohne
fung einer zwangsweise und äußerlich monetarisierten Produktion, Reflexion der damit verbundenen kategorialen Transformation, da
die selber noch außerhalb dieser Bestimmung stand. Der Zweck und ja die modernen Kategorien immer schon als transhistorische vor­
die Logik von Warenform und Geldzirkulation bestanden also in gar ausgesetzt werden. Tatsächlich aber entstanden durch die Mutation
keiner Weise darin, so genannte Gebrauchswerte (ein auch wieder des Geldes zur Ware und die umfassende Monetarisierung erst die
erst auf dieser Basis entstandener Begriff) oder materielle Produkte abstrakt-allgemeine, universelle »Arbeit« und ihr Begriff. Auch das
für die Bedürfnisbefriedigung zu vermitteln. Vielmehr nahmen die war ein langer und widersprüchlicher, erst ex post in seiner Trag­
Produkte allein deswegen den Umweg über die Vermittlung durch weite erkennbarer Umwälzungsprozess. Die neuen, absolutistischen
diese Formen an, weil es um die Schröpfung der so verwandelten Machthaber des militärisch-protoindustriellen Komplexes gingen
Reproduktion in der Geldform ging. Die Zirkulation war die Folge alsbald dazu über, Geld nicht nur durch die Monetarisierung und
der ursprünglichen Schröpfung, und in diesem Prozess wurde sie ständige Erhöhung der traditionellen Abgaben aus dem sozialen
nun umgekehrt zur Voraussetzung immer weiter fortgesetzter Körper zu schröpfen, sondern ein eigenes neues Produktionssys­
Schröpfung. Indem so die Expansion dieses neuen Formzusammen­ tem zu schaffen, das im Unterschied zur übrigen Produktion von
hangs eine selbsttragende Dynamik gewann, wurde die Ur-Ware vornherein einzig dem Zweck der Geldvermehrung diente. Das gilt
Geld nicht mehr bloß zum materiellen Ausdruck oder Gegenstück für den Agrarsektor in Gestalt von staatlichen Latifundien (auch
der militärisch mobilisierten Ressourcenmasse, sondern der sozialen in den neuen kolonialen Regionen Amerikas) ebenso wie für pro­
Reproduktion und ihrer Gegenstände überhaupt. toindustrielle »posthandwerkliche« Sektoren nach dem Muster der

143
Kanonenproduktion und ihrer vorgelagerten Zulieferungen (Berg­ Seine Aufgabe blieb einerseits die alte, nämlich den militärisch­
bau, Verhüttung), aber weit darüber hinausgehend und immer mehr industriellen Komplex am Laufen zu halten; dieser Zweck wurde
Produktionszweige erfassend. Zugleich wurden diese Produktions­ aber zusehends ein sekundärer, während die Systemerhaltung,
stätten zwangsweise mit dem Menschenmaterial der »Entwurzel­ Menschenverwaltung und Zurichtung der Individuen für den ent­
ten« gefüttert oder zumindest in Form der berüchtigten Armen-, standenen Selbstzweck an die erste Stelle rückte. Die schließliche
Arbeits-, Zucht- und nicht zuletzt Irrenhäuser die Disziplin für die »Demokratisierung« dieser abstrakten Allgemeinheit im späten 19.
neue Selbstzweck-»Arbeit« exemplarisch und auf brutalste Weise und im 20. Jahrhundert war nicht das potentielle Dementi der kapi­
eingeübt oder der Bevölkerung »vorgeführt«. talistischen Konstitution (wie es auch und gerade in der linken Ideo­
Damit etablierte sich aus der permanenten Abschöpfung der logie bis zum Erbrechen kolpo,rtiert wird), sondern ihre Vollendung.
Zirkulation herk�mmend eine demselben Zweck von vornher­ Der Selbstzweck des »abstrakten Reichtums« war damit nämlich
ein dienende »Produktionsweise«, deren Ausbreitung sich ebenso zur allgemeinen Voraussetzung des sozialen Willens geworden.
wie schon das verselbständigte Geld von der »Staatsunmittelbar­ Erst der Systemcharakter des verselbständigten Geldes und sein
keit« emanzipierte, indem sich die Agenten des heraufdämmern­ pseudo-naturgesetzliches Prozedere setzten die Realkategorie des
den Systems selbständig machten. Aus staatlichen Produktionsstät­ empirisch-sinnlich nicht fassbaren ökonomischen »Werts« als seine
ten für den neuen Selbstzweck der Geldvermehrung wurden (oder eigene Voraussetzung; das symbolische »Geld ohne Wert« im Kon­
daneben entstanden) seit dem 17· Jahrhundert »private«, derselben text personal-symbolischer Repräsentationen hatte sich selbst in
Logik folgende manufakturelle oder proto-industrielle »Unterneh­ seiner »herausgelösten« Eigenbewegung zum bloßen Ausdruck
men«, wie Bockelmann erwähnt: »Auch das Einzelunternehmen einer abstrakten Wertgegenständlichkeit gemacht und damit über­
als Rechtseinheit, die Firma mit Handelsnamen und selbständigem haupt erst eine Warenproduktion im eigentlichen Sinne kreiert. Der
Gesellschaftsvermögen nimmt zu dieser Zeit ihre volle Gestalt an« Selbstzweck des Geldes fand seine allgemeine Geltung als Erschei­
(Bockelmann, a. a. 0, 214). Die Geldmaschine spaltete sich sukzes­ nungsform des sich verwertenden abstrakten Werts, als Verwer­
sive auf in eine Vielzahl kapitalistischer Produktionsunternehmen tungsbewegung, deren Begriff erst derjenige des Kapitals oder des
mit dem auch subjektiv bestimmenden Profitmotiv einerseits und »automatischen Subjekts« (Marx) der Gesellschaft ist. Diese Wert­
dem diesen Gesamtprozess der Profitproduktion a�schöpfenden gegenständlichkeit der Ware als Form der Verwertung und Wesen
Steuerstaat andererseits; beide Seiten unter dem verselbständigten des mutierten Geldes musste jedoch ihrerseits einen Bestimmungs­
Diktat einer unaufhörlichen Vermehrung des »abstrakten Reich­ grund eben in jener gesellschaftlichen Substanz finden, die Marx als
tums« in der Geldform. »abstrakte Arbeit« bezeichnet hat.
Es handelte sich also nicht bloß um das institutionelle Auseinan­ Denn die Wertgegenständlichkeit konnte keine bloß symbolische
derfallen von Staatlichkeit und Ökonomie, sondern zugleich um die Darstellungsform mehr sein wie die alte Opfergegenständlichkeit
Verdoppelung der Abschöpfungslogik auf der gemeinsamen Basis im Kontext persönlicher Verpfüchtungsverhältnisse. Das Abstrakte
der verselbständigten Geldvermehrung: einerseits die abstrakte Pro­ des »abstrakten Reichtums<< als dinglicher Selbstzweck musste
fitlogik der aus dem ursprünglich staatlichen Monetarisierungs­ auch eine selber unmittelbar dingliche, nicht mehr bloß symboli­
prozess entstandenen »Unternehmen«, andererseits die nochma­ sche Qualität annehmen, wie im letzten Kapitel schon kurz ange­
lige sekundäre Abschöpfung dieser nunmehr vorgelagerten »unter­ sprochen hinsichtlich der Mutation des Geldes. Dies soll im Fort­
nehmerischen« Abschöpfung durch den Steuerstaat, der sich im gang auf die Produktion im Folgenden genauer gezeigt werden. Wie
Fortgang der Konstitution zur zweiten >>abstrakten Allgemeinheit« sich die Zirkulation des »herausgelösten« Geldes aus einer Folge in
neben dem Geld mauserte. Diese Erhöhung war aber gleichzeitig die Voraussetzung des Abschöpfungsprozesses auf Grundlage die­
eine Erniedrigung, denn in demselben Prozess verwandelte sich der ser Form verwandelt hatte, so verwandelte sich nun die Materiatur
Staat vom Herrn in den Diener (Minister) der ganzen Veranstaltung: des Geldes als Wertgegenständlichkeit der Ur-Ware ebenso aus einer

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Folge in die tiefer li<�gende Voraussetzung der gesellschaftlichen vollzieht sich jetzt nicht mehr bloß als zirkulative Handlung des
Geldmaschine. Die »Realabstraktion« als »automatisch« vollzogene Kaufens und Verkaufens bzw. der äußeren monetären Abschöpfung
Handlungsform oder Praxisform erweiterte sich dementsprechend dieser Handlungsweise, sondern als Produktionstätigkeit selbst und
von der als solcher instabilen Zirkulation auf die jetzt erst das Ganze als Reproduktion des Ganzen.
fundierende Herstellung des gesamten »Warenpöbels« in den neuen Die Quantitätsbestimmung dieser »real-abstrakten« Substanz,
Produktionsstätten. Das »Abstrakte« dieses erweiterten Handlungs­ der von ihrem Inhalt abgelösten Verausgabung menschlicher Ener­
vollzugs, der so erst vom bloß zirkulativ bestimmten Schröpfungs­ gie, nämlich von »Nerv, Muskel, Hirn« überhaupt, ist die Zeit. Also
prozess zu einer gesamtgesellschaftlichen Reproduktion wurde, die »Arbeitszeit« an sich, wenngleich deren gesellschaftliche Gültig­
ergriff nun kategorial die Produktion selbst in doppelter Weise. · keit sich nicht unmittelbar darstellen kann, sondern durch die Ver­
Zum einen als Gleichgültigkeit gegenüber dem konkret-stoff­ mittlungsbewegung der Konkurrenz und »Realisierung« auf dem
lichen Inhalt hinsichtlich der Zwecksetzung: Zweck ist allein die Markt hindurch nur in der verdinglichten Form des Geldes (vgl.
Geldvermehrung um der Geldvermehrung willen. Zwar müssen zu dazu genauer die beiden folgenden Kapitel). Dass die Quantität der
diesem Behufe konkrete Produktionstätigkeiten gemäß bestimm­ Substanz nur in ihrer Zeiteinheit erfasst werden kann, hat dazu ver­
ten technischen Erfordernissen des jeweiligen materiellen Pro­ führt, diese »Verausgabte Zeit« als solche mit der Substanz zu ver­
duktionsinhalts ausgeführt werden (bei Marx später als »konkrete wechseln oder deren Begriff darauf zu reduzieren (so etwa auch bei
Arbeit« bezeichnet); aber diese augenfällige, scheinbar transhisto­ Postone 2003). Das ist aber ungefähr so unsinnig, als würde man
rische, höchstens vielleicht technisch veränderte Tätigkeit ist jetzt das Gewicht in Kilogramm unabhängig von der bestimmten Mate­
nur noch die »Erscheinungsform« von etwas ganz anderem, vorher rie, die schwer ist, für sich nehmen oder mit der schweren Gegen­
nie Dagewesenen, nämlich eben der Produktion von »abstraktem ständlichkeit gleichsetzen wollen. Der Unterschied ist allerdings
Reichtum« in der Geldform als Selbstzweck. Dasselbe ist nicht das­ der, dass die Schwere ganz unterschiedlichen natürlichen Materien
selbe; die konkrete technische Umformung von Naturstoffen ist jetzt zukommt, während die »Arbeitszeit« nur für die von ihrem stofflich­
kein Eigenzweck mehr im Rahmen persönlicher Verpflichtungsver­ konkreten Inhalt abgelöste Verausgabung menschlicher Energie gilt.
hältnisse, sondern unmittelbar in ihrem Vollzug bloßer »Ausdruck« Im einen Fall handelt es sich um einen unmittelbar stofflichen, im
eines völlig inhaltsfremden anderen, vom neuen dinglichen Feti­ andern um einen real-abstrakten Gegenstand mit dennoch materi­
schismus bestimmten sozialen Prozesses. alem (energetischen) Hintergrund. Aber in beiden Fällen ist die zu
Zum anderen ist diese Gleichgültigkeit gegenüber dem stoff­ messende Gegenständlichkeit nicht identisch mit der Einheit, in der
lichen Inhalt dennoch materiell gefasst, jedoch nicht am Stoff der sie gemessen wird. Wie Schwere immer nur die Schwere von »etwas«
technis.ch umgeformten äußeren Naturgegenstände, sondern am sein kann, so auch die Zeit immer nur die Zeit von »etwas« und
Vollzug der Produktionstätigkeit selbst als »soziale Materiatur«, die nicht selbst die »in« der Zeit sich darstellende Gegenständlichkeit.
im gesellschaftlichen Fetischverhältnis an den produzierten Gegen­ Nach diesem Exkurs zurück zur Konstitutionsgeschichte. Es
ständen wieder erscheint. Da die Gleichgültigkeit gegenüber dem gehen also nicht mehr Bauern und Handwerker auf den Markt, um
konkreten Inhalt sich auch auf die Art der konkreten Produktionstä­ ihre Produkte zu Geld zu machen und sich dann vom monetären
tigkeit erstrecken muss (das betrifft nicht die selber abstrakte »tech­ Steuereintreiber schröpfen zu lassen (wodurch der Markt oder die
nische Effizienz«, sondern den stofflichen Charakter des Produkts Zirkulation als gesonderte Sphäre der Realabstraktion erst entstand),
und der dazugehörigen Tätigkeit, egal ob Schokoladentörtchen oder sondern es wird von vornherein in »herausgelösten« Anstalten für
Handgranaten), bleibt laut Marx nichts übrig als eine »gespensti­ den Geldvermehrungsprozess produziert. Dass die Irrenanstalt ein
sche« Materiatur, nämlich die Verausgabung abstrakt menschlicher konzeptionelles Paradigma für die Konst.itution des Kapitalfetischs
Energie überhaupt oder von »Nerv, Muskel, Hirn« (Marx). Das ist war, ist durchaus passend. Im Prinzip ist jedes »Unternehmen«
die Substanz des »abstrakten Reichtums«. Die »Realabstraktion« eine komplette Irrenanstalt, und heute mehr denn je. Denn es hat

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etwas Irres, die materielle Produktion ebenso wie die Bedürfnisse Erotik, Sexualität, >Liebe< umfassen, gehen Gefühle, Emotionen,
der selbstzweckhaften Eigenlogik eines toten Dings zu unterwer­ und Haltungen mit ein, die der >betriebswirtschaftlichen< Rationa­
fen. Wie man Foucault entnehmen kann, entstand in diesem Pro­ lität im Bereich der abstrakten Arbeit entgegengesetzt sind und sich
zess der ursprünglichen Transformation und Konstitution erst der der Arbeitskategorie widersetzen, auch wenn sie von zweckrationa­
moderne Begriff des Irrsinns, der in einer dialektischen Bewegung len Momenten und protestantischen Normen nicht völlig frei sind«
zur Grundlage der herrschenden »produktiven« Normalität gewor­ (Scholz 2 on/2000, 22).
den ist. Die Diktatur der »abstrakten Arbeit« ist nicht nur etwas anderes
Der Fortgang von der nicht für sich existenzfähigen Zirkulati­ als die bloß zirkulative Realabstraktion, sie bedarf auch des Waren­
onssphäre zur allgemeinen »abstrakten Arbeit« stabilisierte erst das charakters der Arbeitskraft, um überhaupt verallgemeinerbar zu
sozusagen aus dem Ei gekrochene monströ�e Geschöpf der militäri­ sein. Der ursprünglich staatsunmittelbare Zwang konnte das Pro­
schen Revolution zum verselbständigten System einer »gesellschaft­ duktionssystem der »abstrakten Arbeit« nur exemplarisch einfüh­
lichen Synthesis«. Dabei ist noch einmal auf den Unterschied zum ren, aber nicht durchhalten und allgemein machen. Mit der Aufspal­
Fetischismus des alten transzendenten Gottesverhältnisses hin­ tung der Selbstzweck-Maschine in Staatlichkeit und Unternehmen
zuweisen. In diesem Verhältnis konnte die Opfergegenständli�h­ ging der direkte äußerliche Zwang in allgemeine gesellschaftliche
keit eine rein symbolische bleiben. In demselben Maße jedoch, wie Bedingungen über, also in jenen von Marx benannten »stummen
diese vorgefundene Gegenständlichkeit zunächst als Ausdrucks­ Zwang der Verhältnisse«. An die Stelle der unmittelbaren Zwangsar·
und Bewegungsform der Mobilisierung von materiellen Ressour­ beit für den »herausgelösten« Selbstzweck trat der mittelbare Zwang
cen für die militärische Revolution fungierte und schließlich zum zum Verkauf der Arbeitskraft, die dann in ihrer »Anwendung« mehr
allgemeinen Reproduktionsverhältnis wurde, musste sie als allge­ Wert produzieren konnte, als sie gekostet hatte. Erst die allgemeine
meine Form eines paradoxen materiell-irdischen, aber real abstrak­ Konstitution von Arbeitsmärkten machte auch die Warenmärkte
ten Reichtums selber »substantiell« werden. Diese Substantialität universell und das Geld endgültig zur Königsware . .
konnte nur eine soziale sein, eben die »abstrakte Arbeit«. Der Weg Was hier grob skizziert wurde, ist eine ganz eigene »Einheit des
liegt nun offen da: von der Mutation des Geldes zur Ur-Ware über die Logischen und des Historischen«, die sich fundamental von derjeni­
Entstehung einer Zirkulationssphäre zum System der »abstrakten gen des alten Marxismus und der neueren Orthodoxie unterscheidet.
Arbeit«, die nun das Wesen bildet. Sowohl der gesamte Warenpöbel Es ist diese Einheit ganz und gar nicht als transhistorische im Hegel­
wie auch das Geld als dessen allgemeine Darstellungsform sind als schen. Sinne, sondern allein als spezifisch historische der ursprüng­
»Wertgegenständlichkeiten« Materiatur der abstrakten Arbeitssubs­ lichen Konstitution des Kapitals seit der frühen Neuzeit zu betrach­
tanz geworden. ten. Was Engels fälschlich für die gesamte Geschichte der letzten
>�Abstrakte Arbeit« ist bei vollendeter Konstitution jede funktio­ sieben Jahrtausende gesagt hatte, gilt allerdings auch hier, und nur
nale Tätigkeit im gesamtgesellschaftlichen Reproduktionskomplex, hier: nämlich der Charakter der kritischen Reflexion als begriffiich­
mit Ausnahme der »abgespaltenen«, nicht ins System der abstrak­ analytische Darstellung des Historischen dieser Transformation in
ten Arbeitssubstanz und ihrer Erscheinungsformen integrierbaren, der logischen Form, bereinigt von allen Zufälligkeiten, Ungleichzei­
als »weiblich« bestimmten Momente der Reproduktion. Diese abs­ tigkeiten und Gemengelagen etc.
trakte, androzentrische Allgemeinheit der Arbeit ist es also, die auch Real hat sich der Transformationsprozess über Jahrhunderte
das geschlechtliche Abspaltungsverhältnis vollendet, das im zirku­ erstreckt, wobei alte Formen, neue Formen und zahllose Zwischen­
lativen Übergangszustand ebenfalls noch nicht voll ausgebildet war, stufen, Bruchformen und Abstufungen nebeneinander; durchei­
sondern erst als (verschwiegener) Gegenpol zur »abstrakten Arbeit<< nander und nacheinander existierten: »Mit dem Übergang in die
seinen Grund findet: »In die abgespaltenen Tätigkeiten, die nicht Modeme waren die Menschen zwischen zwei Fetischverhältnis­
zuletzt auch menschliche Zuwendung, Betreuung, Pflege bis hin zu sen, einem modulierten alten und einem mit rasanter Dynamik

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sich entwickelnden neuen, historisch beispiellos schweren Bedrü­ eine andere Geschichte, nämlich die Binnengeschichte des Kapi­
ckungen ausgesetzt, gerieten also gewissermaßen zwischen Ham­ tals, angetrieben von der Konkurrenz, Produktivkraft- bzw. Des­
mer und Amboss. Das alte vormoderne, wirkte dabei, zumindest truktivkraftentwicklung und sukzessiven Neukonfiguration der
in wesentlichen Teilen und in neuen Amalgamierungen, noch weit »abstrakten Arbeit«. Diese Binnengeschichte ist nicht nur strikt zu
bis ins 20. Jahrhundert fort, während sich das neue, kapitalistische, unterscheiden von der vormodernen Geschichte der »Gottesverhält­
immer mehr ausdifferenzierte« (Weber 2009, 178). Die alten per­ nisse« und den entsprechenden Verpflichtungsverhältnissen, son­
sonalen Verpflichtungsverhältnisse konnten nicht bei sich bleiben, dern auch von der Konstitutionsgeschichte des Kapitals selbst. Eine
aber einzelne Momente davon wirkten zäh nach, ohne noch dasselbe solche notwendige Dreiteilung der Geschichte (aus der Perspektive
zu sein, während der neue dingliche Kapitalfetisch sich durch diese des heutigen historischen Standorts an den Grenzen des Kapitals)
Gemengelage und soziale Trümmerlandschaft hindurch eine Welt verfehlt Marx insofern aufklärungsideologisch, als er die spezifisch
nach seinem Bilde formte. Konkret-hi�torische Untersuchungen des kapitalistische Konstitutionsgeschichte seit dem 15· und 16. Jahrhun­
Gesamtprozesses müssen dem Rechnung tragen; sie können dies dert konfundiert mit angeblich vormodernen, antiken Formen eines
jedoch erst mit dem hier angedeuteten Begriffsapparat einer kate­ anachronistischen Zirkulationskapitals.
gorialen Historisierung, der die identitätslogisch� transhistorische Die »Reihenfolge der ökonomischen Kategorien« verläuft nun
Ideologiebildung und Selbstlegitimation der kapitalistischen Auf­ im frühmodernen Herausbildungsprozess so, dass vor dem Hinter­
klärungsvernunft hinter sich lässt. grund des hoheitlichen abstrakten »Geldhungers« die Geburt einer
B trachten wir nun das Logische des historischen Konstitutions­ gesellschaftlichen Zirkulationssphäre den Ausgangspunkt bildet,
proz sses, so ergibt sich der zunächst irritierende Sachverhalt, dass die jedoch nur bestehen und weiter prozessieren kann, indem sie die
sich darin die Reihenfolge der Kategorien genau andersherum dar­ gesamte Reproduktion umwälzt, die Konkurrenz auf den entstehen­
st Ut als in der Logik des einmal entstandenen Kapitals. Dieser Pro­ den »herausgelösten« Märkten erzwingt (vgl. dazu die nächsten bei­
bl mzusammenhang verlangt eine genauere Erläuterung. Dabei ist den Kapitel) und erst allmählich die eigentliche Basis der »abstrak­
noch einmal zurückzukommen auf die Marxsche Aussage in den ten Arbeit« und damit den Kapitalfetisch hervorbringt. »Abstrakte
»Grundrissen«, dass die Abfolge der ökonomischen Kategorien Arbeit« und Wertgegenständlichkeit der offiziellen Reproduktion
in seiner Darstellung bestimmt sei allein durch ihren logischen sind also konkret-historisch nicht Voraussetzung, sondern Resultat;
Zusammenhang in der modernen bürgerlichen Gesellschaft, die, so begleitet von der geschlechtlichen Abspaltung der nicht-monetären
setzt r hinzu, »gerade das umgekehrte von dem ist, was als ihre und nicht in die »abstrakte Arbeit« integrierbaren Momente. Nach­
naturgemäße erscheint oder der Reihe der historischen Entwicklung dem das Kapitalverhältnis aber einmal gesellschaftlich implemen­
entspricht« (Marx 2005/1857-58, 41). Verstehen wir nun die »Reihe tiert .und sein »Gang in sich« bestimmt ist, erweisen sich umge­
der historischen Entwicklung« nicht mehr als eine alle bekannten kehrt »abstrakte Arbeit« und allgemeine Wertgegenständlichkeit
Epochen übergreifende, also transhistorische, sondern allein als die zusammen mit der »unsichtbaren« geschlechtlichen Abspaltung
Reihe der Entwicklung in der historischen Konstitution des Kapitals als logische und faktische Voraussetzung, während die historisch
seit dem 15 . Jahrhundert, dann wird erst deutlich, worin »das Umge­ »Ursprüngliche« Zirkulation nicht nur zum logisch-faktischen
kehrte« im Verhältnis zum später »auf seinen eigenen Grundlagen Resultat wird, sondern auch keine bloße Zirkulation in jenem Sinne
prozessierenden« Kapital besteht. des konstitutiven Übergangsstadiums mehr ist.
Marx befasst sich damit nicht weiter, denn er stellt ja nach eige­ Eine erhellende Argumentation findet sich dazu bei Foucault in
ner Aussage gar nicht den historischen Konstitutionsprozess des seiner Studie »Die Ordnung der Dinge« (1966). Er zeigt darin, wie
Kapitals dar, sondern das bereits fertig ausgebildete Kapital, das sich seit dem Merkantilismus die »Ordnung des Wissens« (hier im
wie gezeigt die Spuren seiner Genese ausgelöscht hat. Auf dieser entstehenden ökonomischen Denken) zunächst auf den Tauschwert,
Basis des nunmehrigen logischen »Gangs in sich« entwickelt sich die Zirkulation und ihre Bewegung bezieht, um erst seit Adam Smith
und Ricardo in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert den »Begriff Was Foucault nicht mehr analysiert, weil es aus seinem Untersu­
der Arbeit« als ökonomische Voraussetzung und Basis einzuführen chungs-Zeitraum herausfällt (und er sich sowieso nicht auf einen
(Foucault 1994/1966, 274). Der »Begriff des Reichtums« sei nun Begriff des Kapitals als solchen und seiner Geschichte bezieht),
nicht mehr bloß auf Tauschwerte, sondern auf die »Arbeit« bezogen, ist der Rückfall in der ökonomischen »Ordnung« des Wissens
und damit seien »mit einem Schlag ... alle alten Analysen des Gel­ und seiner Gegenstände hinter die Wende zur »Arl3eit« und zur
des, des Handels und des Warentauschs in ein prähistorisches Zeit­ Geschichte. Das Denken der kapitalistischen Aufklärungsvernunft
alter des Wissens gerückt worden« (ebenda) . Damit werde der his­ unter Einschluss großer Teile des deutschen Idealismus war ni�ht
torisch entstandene ökonomische Gegenstand nicht mehr subjektiv nur im unmittelbar ökonomischen Sinne zirkulationsideologisch
bestimmt nach dem »Bedürfnis, das die Äquivalenzen misst« (Fou­ fixiert, dem äußeren Gang der Konstitutionsgeschichte entspre­
cault, a. a. 0, 275), sondern objektiv als »Arbeitsmenge, die in dem chend. Adam Smith und David Ricardo hatten dann als »Klassiker«
Pr is der Dinge enthalten ist« (ebenda). Damit hat sich die Bestim­ der kapitalistischen ökonomischen Wissenschaft auf den eigenen
mung der neuen ökonomischen Gegenständlichkeit gedreht: »Der Grundlagen des Kapitals den affirmativen Übergang zur objektiven
Wert hat aufgehört, ein Zeichen zu sein, er ist ein Produkt gewor­ Arbeitssubstanz formuliert, allerdings eng ökonomisch begrenzt.
den ... Während im klassischen Denken der Handel und der Waren­ Erst Hegel als Abschluss des deutschen Idealismus zog daraus einen
tausch als unübergehbare Grundlage für die Analyse der Reichtümer philosophischen Begriff der »abstrakten Arbeit«, der in seiner Dik­
di n n ... , wird seit Ricardo die Möglichkeit des Warentauschs auf tion idealistisch und damit rein geistig gefasst war; gleichzeitig auch
di Arbeit gegründet. Und die Theorie der Produktion muss künftig als Moment einer Geschichte des transhistorisch sich entfaltenden
stets der der Zirkulation voraufgehen« (a. a. 0, 312). Erst mit dieser geistigen Prinzips. Während Marx diesen Begriff radikal kritisch
Fundierung in »Arbeit« und Produktionsweise statt Tausch und Zir­ (negativ) und »materiell« in Abgrenzung von den bürgerlichen Klas­
kulation sei eine »zeitliche Kette« und damit überhaupt die »Histori­ sikern reformulierte, und der »Marxismus« diesen negativen Marx­
zität ... in die Seinsweise der Ökonomie eingedrungen« (a. a. 0, 313). schen Begriff wiederum in eine ontologische Affirmation umbog,
Foucault beschreibt anhand der Transformation in der »Ord­ flüchtete sich das bürgerliche ökonomische und philosophische
nung der Dinge« (das heißt des Wissens davon) ziemlich exakt die Denken zurück in seine zirkulationsideologischen Ursprünge, also
Wandlung vom Zirkulations-Paradigma zum »Arbeits«-Paradigma, in ein »prähistorisches Zeitalter des Wissens«, um den Ausdruck
damit aber auch von der Konstitutionsgeschichte zum logisch-fak­ von Foucault zu verwenden. So genau wollte man es nun gar nicht
tis h n »Gang in sich«. Nicht nur daran zeigt sich übrigens, dass mehr wissen.
r in d r postmodernen Rezeption nicht aufgeht, die gerade an sei­ Die Grenznutzenschule bzw. die »neoklassische« subjektive Wert­
nen materialen Inhalten wenig interessiert ist. Foucault kann aller­ lehre ver.warf als bis heute letzter Schrei der VWL die Einsicht in
ding seine scharfe Analyse nicht zureichend einordnen, weil er die objektive Arbeitssubstanz als logische Voraussetzung wieder, die
s in rseits bewusst am »Ganzen der Gesellschaft« kein Interesse noch nicht einmal als affirmative Positivierung mehr gelten sollte,
zeigt (und nur insofern tatsächlich postmodern ist). Erst im Kon­ um stattdessen den Wertbegriff auf den Tauschwert und diesen auf
t xt iner dynamischen und historisch prozessierenden »konkreten den empirischen Preis als Ausdruck rein zirkulativer subjektiver
Totalität« gewinnt aber seine Untersuchung ihren Stellenwert; und Dispositionen von Marktteilnehmern zu reduzieren. Dieser ideolo­
zwar nicht nur für den Übergang von der zirkulationszentrierten gischen Reduktion in der Ökonomie entsprach eine ebensolche in
Konstitution zur produktionszentrierten Logik des Kapitals auf sei­ der Philosophie, wie sie die lebensphilosophische Strömung, der
nen eigenen Grundlagen, sondern auch für den binnenhistorischen Neukantianismus und die Wissenssoziologie bis hin zur Heidegger­
Prozess auf diesen Grundlagen, also den nicht bloß logischen, son­ schen Existenzphilosophie repräsentierten. Nicht umsonst hat übri­
dern auch historischen »Gang in sich«, und die dabei entstehenden gens das postmoderne Denken in diesem Kontext von subjektiver
Ideologiebildungsprozesse. Wertlehre, Neukantianismus und Existentialismus seine Wurzeln,

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was es als krisenkapitalistische Ideologie enthüllt und im Sinne radi­ Wertgegenständlichkeit. Wie schon bei Alfred Sohn-Rethel und im
kaler Kritik völlig disqualifiziert. Begriff der »Tauschgesellschaft« bei Adorno soll die kapitalistische
Die ursprüngliche Faktizität eines empirischen >:•Primats der Zir­ »Realabstraktion« kein substantielles, auch die Produktion übergrei­
kulation« in der kapitalistischen Konstitutionsges·�hichte bis zum fendes Apriori der negativen kapitalistischen Vergesellschaftung
Ende des 18. Jahrhunderts, die logisch und damit auch faktisch nicht sein und ihr kein Inhalt der Verausgabung abstrakt menschlicher
bei sich bleiben konnte, hat sich so als rein ideologische Basis des Energie zugrunde liegen. Heinrich benutzt den Begriff der »abstrak­
falschen bürgerlichen Aufklärungsbewusstseins bis heute erhalten. ten Arbeit« nur noch in einem substanzlosen, gewissermaßen rein
Arbeitssubstanz und negative Geschichte werden in eine ahistorisch­ geistigen Sinne (ähnlich übrigens wie Hegel). Was die Praxisform
zeitlose, zirkulative, tauschidealistische und idealtypische singuläre und den Begriff der »Realabstraktion« angeht, nähert er sich damit
»Handlung« des atomisierten Marktsubjekts aufgelöst; damit aber der Vorstellung an, es handle sich nur um eine rein funktionale Abs­
auch letzten Endes (»wissenschaftlich« erst im 20. jlahrhundert) das traktion der »Tauschhandlung« oder der zirkulativen Relation von
Geld in ein bloßes »Zeichen« - nicht etwa einer Realsubstanz, son­ Ware und Geld, was von Heinrich ausdrücklich als »Zirkulations:
dern einer subjektiven funktionalen Abstraktionsleistung des selber theorie des Werts« (Heinrich 2004, 51) bezeichnet wird (vgl. dazu
abstrakten Waren-Individuums (dazu genauer Kap. ro) . genauer die drei nächsten Kapitel) .
Hatte sich der traditionelle Marxismus mit seiner arbeitsontolo­ Die Wurzel dieser Auffassung, die bewusst oder unbewusst der
gischen und geschichtsübergreifenden »Einheit des Logischen und regressiven zirkulationsideologischen Tendenz bürgerlicher Ideolo­
des Historischen« noch auf die positivierte Arbeitssubstanz und gie bis zum Postmodernismus sich angleicht, liegt in der Verwechs­
damit auf eine ebenso positivierte »materialistische« Fortschritts­ lung der kategorialen Reihenfolge von Konstitution und »Gang in
geschichte affirmativ bezogen, so begann nach dem Ende der alten sich« oder von Genesis und Geltung. Während die alte und neue
Arbeiterbewegung bzw. ihrer kapitalistischen Institutionalisierung Orthodoxie die objektive Logik oder Geltung der Wertgegenständ­
und nach dem Zusammenbruch des selber auf »abstrakter Arbeit« lichkeit zwar mit Marx als Ableitung des Geldes aus der Wert­
beruhenden Staatskapitalismus eine Annäherung des neo- und post­ form und letztere aus der die Produktion übergreifenden »abstrak­
marxistischen Denkens an die bürgerliche Zirkulationsideologie im ten Arbeit« bestimmen, diese Logik aber schon als prähistorische
Allgemeinen und die ökonomische subjektive Wertlehre im Beson­ und transhistorische gültig sein lassen wollen (was bei Marx sel­
deren. Die postmoderne Linke war der Trendsetter dieser Tendenz, ber widersprüchlich bleibt), stellt die Neue Marxlektüre zum einen
die nun die bürgerliche Regression zum Zirkulations-Paradigma in die kategoriale Reihenfolge bloß auf den Kopf, indem sie »abstrakte
der Gesellschaftskritik wiederholte - statt von der ebenso spät-auf­ Arbeit« und Wertform implizit genauso transhistorisch (zumindest
klärungsphilosophischen wie traditionsmarxistischen Affirmation bei Heinrich) aus dem Geld ableitet. Zum andern wird damit aber
zur radikalen Kritik von »abstrakter Arbeit« und Wertgegenständ­ auch für den »Gang in sich« des Kapitals das Geld als logische Vor-
lichkeit als logischer und faktischer Basis des Kapitals überzugehen. . aussetzung bestimmt, die Wertform auf den erscheinenden Tausch­
Davon ist leider auch die Neue Marxlektüre nicht unbeeinflusst wert reduziert und die »abstrakte Arbeit« als bloße Denkform ent­
geblieben. Das betrifft vielleicht weniger die Begründer als vielmehr substantialisiert und entwirklicht.
deren Rezeption durch Michael Heinrich, der heute als bekanntes­ Das Geld ist nun zwar in der Tat die wirkliche Voraussetzung,
ter Vertreter der Neuen Marxlektüre und als entscheidender Stich­ aber nur die empirisch-historische. Als historisches Prius ist das
wortgeber für eine aktuelle Marx-Interpretation gilt. Bei Heinrich Geld aber gerade keine Kategorie einer ökonomischen Logik. Dazu
findet sich sowohl in seinem Hauptwerk »Die Wissenschaft vom wird es erst in der frühmodernen historischen Konstitution des
Wert« (2003, zuerst 1999) als auch in seiner »Einführung zur Kapitals aus den genannten Gründen gemacht, woraus historisch­
Kritik der politischen Ökonomie« (2004) eine schroffe Distanzie­ . empirisch zuerst eine Zirkulationssphäre und dann ein System der
rung vom Marxschen Substanzbegriff der »abstrakten Arbeit« und real und substantiell »abstrakten Arbeit« als »Produktionsweise«

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folgt. Aber bei jedem logischen Schritt dieser Selbsterzeugung des 8.
Kapitals wird die Folge zur Voraussetzung des weiteren Prozesses,
wodurch sich die kategoriale Reihenfolge umkehrt. Weil die Neue
Marxlektüre die konkret-historischen Differenzen ausblendet, ver­ Das Verschwinden der Zirkulation und
legt sie den historischen Gang der Genese in den »Gang in sich« die Logik des Kapitals
der Geltung, die Logik der Konstitution des Kapitals in die Logik der
Reproduktion des Kapitals auf seinen eigenen Grundlagen. Das ist
ihre elementare Fehlleistung. Der reine Logizismus der Darstellung Sind die Konstitutionsgeschichte und das Problem der Differenz
ist historisch gewissermaßen farbenblind; er kennt nur eine ·ahis­ in der »historischen« und der »logischen« Reihenfolge der Katego­
torische Formbestimmung, die kein Vorher und kein Nachher hat, rien erst einmal geklärt, können auch Begriff und Analyse des Kapi­
sondern ätherisch über der wirklichen Entwicklung schwebt wie der tals auf seinen eigenen Grundlagen oder als »Gang in sich« neu /

Geist Gottes über den Wassern und gerade deshalb kompatibel ist bestimmt werden. Dabei ist wieder auf das Marxsche Darstellungs­
mit der akademischen Wissenschaftstheorie. problem zurückzukommen. Wenn die Engelssche, von Marx hin­
Die daraus sich ergebende Anpassung an die bürgerliche Zirku­ genommene »einfache Warenproduktion« dem Schein einer »ein­
lationsideologie im Allgemeinen und deren links-postmoderne Vari­ fachen Zirkulation« aufsitzt, die in Wirklichkeit nur eine obei:fläch­
ante im Besonderen hat allerdings weitreichende Folgen für die Aus­ liche Ebene in der Darstellung des fertigen Kapitals bildet, das seine
einandersetzung mit dem Marxschen Darstellungsproblem und den historische Konstitution »gelöscht« hat, dann folgt aus der Rekons­
Schwierigkeiten beim Versuch einer Auflösung der damit verbun­ truktion von letzterer eine viel weiter gehende Korrektur, als sie in
denen Widersprüche, wie im Folgenden gezeigt werden soll. Dabei der Neuen Marxlektüre formuliert worden ist.
muss über das bisher Gesagte hinaus der Begriff der »Zirkulation« Streng genommen ist die »Zirkulation« überhaupt nur ein Phä­
sogar grundsätzlich in Frage gestellt werden. nomen der konstituierenden Transformation aus den vormodernen
Verhältnissen heraus, also eine historisch verschwindende Erschei­
nung des Übergangs. Der fixierte Begriff der Zirkulation als ver­
meintlich transh1storische Bestimmung verdankt sich im Grunde
jenem Engelssehen Missverständnis, dem Marx durch seine Darstel­
lungslogik Nahrung geliefert hat. Es gab in den früheren Formati-.
onen noch keine Zirkulation und es gibt sie im voll ausgebildeten
Kapitalismus nicht mehr. Denn auch für den »Gang in sich« des fer­
tigen, auf seinen eigenen Grundlagen sich fortentwickelnden Kapi­
tals ist der Begriff schon wieder obsolet.
Eine Zirkulation im Wortsinne würde nämlich einzig der For­
mel W - G - W entsprechen, bei Marx eigentlich nur eine Ebene
der fortschreitenden Darstellung bzw. gedanklichen Rekonstruk­
tion des Kapitals in seiner Logik, aber ohne jede selbständige Rea­
lität. Für die vorkapitalistischen Sozietäten kann diese Formel nicht
gelten, weil sie gar keine allgemeine Warenproduktion kannten;
und für den Kapitalismus kann sie nicht gelten, weil hier die Geld­
form keine vermittelnde mehr ist, sondern Anfang und Ende der
Selbstzweck-Bewegung bildet, während umgekehrt die Ware selber

I57
nur noch »Mitte« ist, d. h. bloßes Mittel für einen ihr äußerlichen bleibt entweder ganz außerhalb der Wahrnehmung und Selbstwahr·
Zweck. Insofern bezeichnet die Formel gar keinen realen Vorgang, nehmung oder wird heruntergebrochen auf irgendeine Variante des
sondern ist nur ein heuristisches Hilfsmittel bei der Marxschen the· alten kleinbürgerlichen Affekts gegen das soziologisch verkürzt ver­
oretischen Rekonstruktion des wirklichen Verhältnisses. Er muss standene »Großkapital« und vor allem gegen das zinstragende Kapi·
die falsche Formel des Augenscheins virtuell aufstellen, um die rich­ tal der Großbanken - was nebenbei die Anfälligkeit des postmoder­
tige Formel der verborgenen realen Bewegung erklären zu können. nen Denkens für einen verdrucksten Antisemitismus erhellt, denn
Was würde die »einfache« Formel W - G - W in einer bloß vorge­ die moderne antisemitische Ideologie ist schon seit dem 19. Jahr­
stellten Welt bedeuten? Als ein solches Verhältnis wäre es der allge­ hundert untrennbar verbunden mit diesem verkürzten oder reaktio­
meine, universelle Austausch in einer Gesellschaft von lauter unab­ nären »Antikapitalismus« der klassischen Kleineigentümer wie der
hängigen »einfachen« Warenproduzenten durch das Geldmedium, postmodernen Selbstverkäufer.
sodass Gebrauchsgüter in Warenform für den Konsum vermittelt Eine idealisierte »Zirkulation« in den virtuellen Welten der ideo­
würden; ein Verhältnis, das so eben nie existiert hat. Seinen Ort hat logisch versifften kleinen Warenbürgerlichkeit bildet natürlich das
es einzig in der bürgerlich-wirtschaftswissenschaftlichen Ideolo­ Eldorado der entsprechenden Wunsch-Zwangsvorstellungen. Was
gie, die von solchen unabhängigen Warenproduzenten als Voraus­ dann unter solchen Voraussetzungen tatsächlich »Zirkulieren«, also
setzung des universellen Marktes ausgeht und dabei das Kapitalver· nicht in den einzelnen Kauf. bzw. Verkaufsakten erlöschen würde,
hältnis verschwinden lässt; nicht nur als empirisch-soziologisches wäre tatsächlich einzig das Geld, das endlos von einer Hand in die
Verhältnis von »Lohnarbeit und Kapital« (was auch schon dem tra­ andere wechselt. Eine solche Zirkulation hat es wie gezeigt in vorka­
ditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus aufgefallen ist), sondern pitalistischen Verhältniss.en als allgemeines Verhältnis (und nur als
natürlich erst recht als Kapitalfetisch oder Selbstzweck des »abstrak­ solches. hätte es selbständige Wirklichkeit) nicht gegeben. Nur im
ten Reichtums«. qualvollen Prozess des Übergangs zum Kapitalverhältnis erscheint
In dieser Ideologie von einer Gesellschaft unabhängiger Waren­ eine derartige Zirkulation, verschlungen noch mit den sich auflö·
produzenten, wobei vom spezifischen Charakter der Ware Arbeits­ senden alten Verpflichtungsverhältnissen (Monetarisierung der
kraft interessiert abgesehen wird, erscheint der Markt als »natür­ Abgaben); eine Zirkulation, die jedoch als solche keinen eigenen
liche« Sphäre des Austauschs von Gebrauchsgütern, für den das Bestand haben konnte, sondern eben nur transitorische Erschei­
Geld bloß ein verschwindendes Hilfsmittel sei. Diese ursprüngli­ nung und mit-konstituierendes Moment war. Sobald aber das Kapi·
che Ideologie der Wirtschaftswissenschaft, die immer deren Grund­ tal gemäß seiner eigenen Logik auf Basis eines Systems »abstrak­
lage gebildet hat, findet heute in postmodernen Zeiten mehr denn ter Arbeit« und Wertgegenständlichkeit »prozessiert«, haben wir es
je Nahrung in einem »Volks«· oder Massenb �wusstsein, das von der eigentlich mit etwas anderem zu tun.
Diskurshegemonie der neuen Mittelschichten geprägt ist, auch und Was nun als »Zirkulation« erscheint, ist schon gar keine mehr
gerade weil diese unter die Räder zu kommen drohen. Für die sozial oder tatsächlich bloßer Schein, der etwas anderes verbirgt; also
selbstaffirmativen Objekte des »Outsourcing« und der Selbstausbeu­ sogar als »Phänomen« nicht bloß einer zwar richtigen, aber unzu­
tung, die Scheinselbständigen und prekarisierten kleinen Dienst­ reichenden Wahrnehmung geschuldet, sondern eher eine veritable
leister aller Art bis hin zu den pseudo-alternativen Kleinbetrieben, Täuschung. Darüber lässt Marx schon in den »Grundrissen« eigent·
Selbstverkäufern und »Lebensunternehmern« ihrer Arbeitskraft lieh keinen Zweifel: »Die Zirkulation, die ... als das unmittelbar Vor·
erscheint die Gesellschaft exakt so als eine Ansammlung von wan­ handne an der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft erscheint,
delnden Klitschen, die sich nach der Idiotenformel W - G - W ver­ ist nur, sofern sie beständig vermittelt ist ... Muss also ... als totaler
mitteln (»Idiot« hier gewissermaßen im antiken Sinne verstanden). Prozess selbst vermittelt sein. Ihr unmittelbares Sein ist daher rei·
Dass diese Daseinsformen allesamt bloß Derivate der gesamtgesell­ ner Schein (!). Sie ist das Phänomen eines hinter ihr vorgehenden Pro·
schaftlichen Reproduktion nach der Formel des Kapitalfetischs sind, zesses ...« (Marx 2005/1857-58, 180, Hervorheb. Marx). Diese Aussage

1 59
steht im Gegensatz zu zahlreichen entgegengesetzten, wo Marx diese die einzelne Ware, während eben nur das Geld dem Anschein nach
Zirkulation selber in ihrer falschen Unmittelbarkeit nimmt, wobei . zirkuliert. Aber das Geld ist jetzt kein Geld mehr oder kein »ein­
nie ganz klar ist, ob er dabei kontrafaktisch eine reale vorkapitalisti­ faches« Geld, sondern Kapital. War das Geld vor dem Kapitalismus
sche, »einfache« Zirkulation vor Augen hat oder ob es ihm nur um noch gar kein Geld im heutigen Sinne, so ist es jetzt als solches, als
eine (nicht als real bestimmte) Stufe in der begrifflichen Darstellung vermeintlich einfacher ökonomischer Gegenstand, nur noch »fal-
. scher Schein«. Denn die Universalisierung und Verselbständigung
des »hinter« der vermeintlichen Zirkulation vorgehenden wirklichen
Prozess�$ geht. des Geldes zur Wertgegenständlichkeit bzw. zu deren allgemeinem
Dieselbe Unklarheit oder Doppeldeutigkeit findet sich in der Ausdruck geht nur, indem es zu Kapital wird, also zum tautologisch
begrifflichen Darstellung selbst, wenn Marx sich darüber auslässt, auf sich selbst rückgekoppelten Selbstzweck-Medium. Das »reine«,
was hier eigentlich zirkulieren soll. Der erst unter kapitalistischen »einfache« Geld als Geld hat es weder vor dem Kapitalismus gege­
Bedingungen universelle Händewechsel von Ware und Geld ist nicht ben noch existiert es beim »Gang in sich« des Kapitals, sondern nur
nur keineswegs das, als was er erscheint, nämlich eben als Zirkula­ bei seiner transitorischen Mutation, die aber eben historisch erlischt.
tion. Vielmehr verhalten sich die beiden Gegenständlichkeiten Ware Die Formel W - G - W als bloß gedanklich-analytische Abstrak­
und Geld auch der äußeren Erscheinung nach völlig unterschied­ tion, die weder eine vorkapitalistische noch eine kapitalistische Rea­
lich hinsichtlich des »Zirkulierens«, was durch das landläufige lität hat, muss durch die reale kapitalistische Formel G - W G' -

(gerade auch marxistische) Verständnis dieses Begriffs verdunkelt ersetzt werden, unter deren Herrschaft »W« und »G« überhaupt
wird. Einerseits lässt Marx neben dem Geld auch die Waren mun­ erst zu reinen Formen werden. Was jetzt »Zirkuliert«, ist einzig das
ter zirkulieren: »Das Geld läuft ... in einer entgegengesetzten Rich­ Kapital; aber kann man hier überhaupt noch von einer Zirkulation
tung um wie die Waren ... Es ist Zirkulationsrad, Zirkulationsin­ sprechen? Deren Begriff wurde ja historisch aus einer anachronisti­
strument für den Warenumlauf ...« (Marx 2005/1857-58, 124). Aber schen Rückprojektion kapitalistischer Kategorien in die Vormoderne
die Waren laufen weder in gleicher noch in entgegengesetzter Rich­ gewonnen, theoretisch aus jener problematischen Marxschen Dar­
tung wie das Geld um, sondern überhaupt nicht, wie Marx selber an stellungslogik, die rein gedanklich-rekonstruierend mit den »einfa­
anderer Stelle nebenbei feststellt: »In der Zirkulation, wenn ich eine chen<< Formen von Ware und Geld beginnt und wohl auch beginnen
Ware gegen Geld austausche, dafür Ware kaufe und mein Bedürfnis musste. Hat eine Zirkulation jedoch nur in der frühmodernen kon­
befriedige, ist der Akt am Ende« (Marx 2005/1857-58, 208). kret-historischen Konstitutionsphase Realitätsgehalt, so haben wir
In der Tat: Waren zirkulieren gar nicht über viele »Händewechsel« es danach in Wirklichkeit mit der Realisierungsbewegung des Kapi­
von Verkäufern und Käufern hinweg, sondern jede Ware geht von der tals zu tun, wie Marx nicht nur im zweiten Band des »Kapital« zeigt.
Produktion über den Verkauf in den Konsum, worin sie verschwindet. Die Realisierung des selbstzweckhaften abstrakten Mehrwerts ist
Der Zwischenhandel kann nicht als Ausweis einer Zirkulation von aber etwas anderes als die Zirkulation von Geld.
Waren gelten, da er die Einbahnstraße zum Konsum nur ein wenig Zwar spricht Marx dabei ausdrücklich vom »Zirkulationsprozess
verlängert. Ebensowenig darf die Kette von Rohstoffen und Halbfab­ des Kapitals«, aber diese Terminologie stammt eben aus seinem Dar­
rikaten bis zur fertigen Ware oder das Verhältnis von Produktionsmit­ stellungsproblem und überträgt dabei die Vorstellungsweise einer
'
telindustrie und Konsumgüterindustrie als Zirkulation von Waren bestimmten »einfachen« Ebene der bloßen Anschauung auf das
missverstanden werden. Dabei handelt es sich nur um die stoffliche reale Wesen des gesellschaftlichen Verhältnisses im Ganzen. Präzi­
Funktionsteilung, nicht um den »Umlauf« ein und derselben Ware. ser ist es, wenn Marx als Überschrift des Ersten Abschnitts des zwei­
Soweit (etwa bei Maschinen) Wertübertragung stattfindet, ist diese ten Bandes den Titel wählt »Die Metamorphosen des Kapitals und
im Produktionsprozess angesiedelt, nicht in einer Zirkulation. ihr Kreislauf«, wobei »Kreislauf« hier aber etwas ganz anderes, viel
Waren »zirkulieren« also nie und nirgends. Sie werden produ­ umfassenderes als »Zirkulation auf dem Markt« meint. Der dritte
ziert, gekauft und verbraucht; aber das sind alles einzelne Akte für Band des »Kapital« schließlich hat den Titel »Der Gesamtprozess der

160 r6I
kapitalistischen Produktion«. Hier ist nicht mehr die Rede von einer Verkaufsakte sämtlicher kapitalistischer »Wirtschaftssubjekte«
»Zirkulation« des Kapitals und es wird deutlich, dass der Begriff der (unter- Einschluss des Staates) gehören ausnahmslos diesem Rea­
Sache selbst einen stets erweiterten Reproduktionsprozess bezeich­ lisierungsakt an, sonst könnten sie gar nicht stattfinden. Das ent­
net, in dem der universelle Markt nur ein Moment bildet, das gar scheidende Stadium dieser Metamorphosen jedoch, der Produkti­
nicht für sich genommen begriffen werden kann. Dieser »Gesamt­ onsprozess, findet überhaupt nicht auf dem Markt statt. Indem also
prozess« ist die wirkliche Voraussetzung aller seiner Momente, wäh­ jener »Kreislauf der Metamorphosen« die Produktion einschließt
rend er nur in der theoretischen Darstellung als Resultat erscheint. und sogar zum Zentrum hat, ist er etwas qualitativ völlig anderes als
Die Metamorphosen des Kapitals bestehen darin, dass es nach­ eine »Zirkulation« auf dem Markt. In diesem Sinne »zirkulieren«
einander die Erscheinungsformen des Geldkapitals, des Produkti­ weder die Waren als Stadium der Metamorphose noch das Kapital
onskapitals (Sachkapital und Arbeitskraft), des Warenkapitals und als solches, und auch die Zirkulation des Geldes bei all diesen Käu­
schließlich wieder des Geldkapitals annimmt. Der qualitativ tautolo­ fen und Verkäufen (jeder Verkauf ist andererseits Kauf) kann als
gische Charakter dieser Metamorphosen, nämlich dass aus Geldka­ Trugbild bezeichnet werden, weil es bloß ein Moment in einem ganz
pital wieder Geldkapital wird (G - W - G), erklärt sich laut Marx ein­ anderen »Kreislauf« ist.
zig aus dessen quantitativer Veränderung. Im Produktionsprozess Nicht das Geld als Geld zirkuliert, sondern der Mehrwert rea­
wird aus Wert in Gestalt einer Summe von Geldkapital Mehrwert lisiert sich. Was Marx als »einfache Zirkulation« auf der Darstel­
in Gestalt einer größeren Summe von Geldkapital (G - W - G'), die lungsebene bezeichnet hat, ist im Grunde der Zirkulationsbegriff
jedoch erst durch den Verkauf des Warenkapitals »)·realisiert«, d. h. überhaupt und besitzt gar keine kapitalistische Realität. Vielmehr ist
in ihre (vermehrte) ursprüngliche Gestalt zurückverwandelt wer­ es jener »falsche Schein«, wie sich der Verwertungsprozess für die
den muss. Dieser, fetischistische Selbstzweck des Mehrwerts und Anschauung der einzelnen empirischen »Wirtschaftssubjekte« dar­
die unaufhörliche Wiederholung dieses Verwertungsprozesses sind bietet. Die wirkliche Metamorphose des »automatischen Subjekts«
es gerade, die das Kapital zum »automatischen Subjekt« der Gesell­ spielt sich ja hinter ihrem Rücken ab, obwohl sie selber die einzi­
schaft machen. gen Träger der Verwertungsbewegung sind. Von ihrem partikula­
Von einem »Kreislauf« kann :rp.an nur in dem Sinne sprechen, ren und also bornierten Standpunkt aus, der allerdings schon die
dass das Kapital, um seinem Selbstzweck Genüge zu tun, stets die bewusstlose Verinnerlichung der Selbstzweck-Kategorien voraus­
Reihenfolge dieser Metamorphosen »durchlaufen« muss; es »zirku­ setzt, »gibt« es überhaupt nur den universellen Häridewechsel von
liert« aber nicht als solches auf dem Markt, sondern dieser bildet Ware und Geld, also auch die ewige Zirkulation des Geldes, während
eben nur die Sphäre der »Realisation« als Abschluss der Verwer­ die Produktion als »externer«, der Geldzirkulation äußerlicher und
tungsbewegung; er ist selber nur eine Station in jenem Kreislauf, im übrigen ebenso wie der Markt naturgegebener Faktor erscheint.
während der Begriff der Zirkulation nur die Bewegung innerhalb So erweist sich der gängige und auch von Marx noch verwendete ·

dieser einen Station oberflächlich wahrnimmt, nämlich den ewigen Begriff der Zirkulation, der als Synonym für den Markt verstanden
Händewechsel von Ware und Geld, der jedoch eben bloßer Schein wird, als eine bereits ideologische Wahrnehmung, die das wirkliche
ist. Verhältnis verzerrt und verkürzt wiedergibt. Das ist allerdings nicht
Wenn die Kapitalrepräsentanz selber als Käufer auf dem Markt nur ein Problem der offiziellen Wissenschaft, sondern auch des tra­
erscheint, ist auch dieser Akt nur ein Moment der Realisation, ditionellen Marxismus, das seine Wurzeln in der Marxschen Dar­
indem hier bestimmtes Warenkapital (etwa Produktionsmittel) sich stellungslogik bzw. deren Terminologie selbst hat. Die Übertragung
in Geldkapital zurückverwandelt. Dasselbe gilt für das Warenkapi­ des Zirkulationsbegriffs auf die Metamorphosen des Kapitals legte
tal in Form von Konsumtionsgütern, die sowohl von Kapitalreprä­ eine Interpretation nahe, in der die Produktion als quasi neutraler
sentantinnen als auch von Lohnarbeiterinnen gekauft werden; auch oder nur äußerlich (etwa in den sozialen Rahmenbedingungen) vom
dabei handelt es sich um ein Moment der Realisation. Die Kauf- und Kapital beeinflusster Raum gilt, während sich das Kapitalverhältnis
einerseits soziologisch-herrschaftslogisch und juristisch verkürzt einverleibte und »aufhob« in den.Metamorphosen seines »Gangs in
darstellt (Eigentumsverhältnisse bzw. Gegensatz von Eigentümern/ sich«: In Wirklichkeit verhält es sich genau umgekehrt wie in der
Nichteigentümern), andererseits als »chaotische« Vermittlung Interpretation der Frankfurter Schule.
durch eine »planlose« Zirkulationssphäre. Die wirklichen Metamor­ Die kritische Theorie wird durch diese falsche Bestimmung des
phosen des Kapitals als Gesamtprozess schrumpfen ein auf ein so Zirkulationsbegriffs nicht entwertet, da sie dennoch selber eine Vor­
gar nicht reales Zirkulationsverhältnis. Die daraus resultierende ver­ aussetzung der hier formulierten Korrektur bildet; aber die verzerrte
mittlungslose oder nur äußerlich vermittelte Dichotomie von Pro­ Wahrnehmung des Problems verweist auf das bekannte Defizit ihrer
duktion und Zirkulation als ideologische Wahrnehmung einer in Protagonisten in der kategorialen Kritik der politischen Ökonomie.
Wirklichkeit ganz anderen Totalität findet sich bis hinauf zu Michael Sowohl die historische und logische Fehldeutung bei Adorno und
Heinrich, bei dem daher der Begriff des »Gesamtprozesses« ebenso Horkheimer (bzw. verschärft bei den »antideutschen« Ideologen
äußerlich, formal und unklar bleibt. des bürgerlichen Tauschidealismus) als auch das ebenfalls zirkula­
Beiläufig bemerkt ist das »Verschwinden der Zirkulation« im hier tionsideologische Abgleiten der Neuen Marxlektüre vor allem in der
skizzierten Sinne etwas völlig anderes als in der kritischen Theo­ Version von Michael Heinrich haben ihre Wurzeln nicht nur in der
rie von Adorno/Horkheimer. In den Texten zum autoritären Staat äußerlichen Dichotomie von Produktion und Zirkulation, wie sie der ·

und bei den späteren Rezeptionen (etwa seitens der so genann­ traditionelle Marxismus formuliert hatte, sondern eben schon in der
ten »antideutschen« Ideologie) wird behauptet, die (als real unter­ Marxschen Darstellungsform selbst, in der die nur dem »Problem
_
stellte) Zirkulation im Sinne eines allgemeinen Tauschverhältnisses des Anfangs« geschuldete Logik eines allgemeinen Zirkulationsbe­
auf dem Markt sei durch das staatliche Kommando usurpiert und griffs sich fortpflanzt auf allen Ebenen der Darstellung.
ersetzt worden. Diese hinsichtlich der Kritik der politischen Ökono­ Dementiert wird die tauschidealistische Ideologie vom autono­
mie verkürzende Verarbeitung vor allem des NS enthält eine ideolo­ men Zirkulationssubjekt allerdings nicht nur durch den Charakter
gische Bewertung, indem sie als tauschidealistisches Gegenbild ein des Marktes als bloßer Station in den Metamorphosen des »automati­
pseudo-autonomes bürgerliches Zirkulationssubjekt beschwört. schen Subjekts«, sondern auch innerhalb der fälschlich als »Zirkula­
Tatsächlich hat ein solches niemals existiert. Eine Zirkulation des tion« apostrophierten Sphäre der Realisierung des Mehrwerts selbst.
mutierten Geldes entstand wie gezeigt nur vorübergehend in der Handelte es sich nämlich beim universellen Kaufen und Verkaufen
transformatorischen Konstitution des Kapitals, und zwar als integ­ wirklich um die autonomen Akte von autonomen Wirtschaftssubjek- ·

raler Bestandteil des blutigen »Herauslösungsprozesses« der dabei ten, dann würde sich der Zusammenhang von abstrakter Arbeitssubs­
überhaupt erst entstehenden ökonomischen Kategorien aus den tanz, Wertgegenständlichkeit und Geld linear in den einzelnen Akten
alten Verpflichtungsbeziehungen. Und es war ausgerechnet der sich vollziehen, alle Akteure würden jeweils ihre eigene Arbeitssubstanz
in eben diesem Prozess selber erst herausbildende frühmoderne und Wertgegenständlichkeit zu derjenigen der anderen »äquivalent«
Staat, der diese Zirkulation buchstäblich erzwang. Als »verschwin­ in Beziehung setzen. Tatsächlich wird der Begriff der Äquivalenz auch
dend« aber erwies sich die alles andere als autonome Zirkulations­ bei Marx über weite Strecken in diesem Sinne gebraucht, nämlich als
sphäre in dem Maße, wie durch sie hindurch das Kapitalverhältnis unmittelbare Äquivalenz von Ware und Gegenware oder Ware und
entstand, wobei der Markt gerade dadurch universell wurde, dass Geld. Bleibt dieses Verständnis aber bei Marx widersprüchlich, wie
er nur noch »Realisationssphäre« in den Metamorphosen des Kapi­ sich vor allem im dritten Band des »Kapital« zeigt, wo die postulierte
tals sein konnte. Das »Verschwinden« der selbständigen Zirkulati­ Äquivalenz-Relation plötzlich nicht mehr stimmt, so ist es in den
onssphäre ist also kein spätes Resultat einer bloß äußerlichen Kom­ tauschidealistischen Interpretationen gerade auch linker Provenienz
mandogewalt des Staates, sondern im Gegenteil ein schon frühes zum falschen Bewusstsein der Ideologie geworden, wobei sich eine
Resultat der inneren »Autonomisierung« des »automatischen Sub­ vorgeblich radikale Kritik schnell als seichter bürgerlicher Linkslibe­
jekts« selbst, das die gerade selber staatlich kreie.rte Zirkulation sich ralismus (so etwa bei den so genannten »Antideutschen«) entpuppt.

165
Die reale Erscheinung, die diese Ideologie innerhalb der Markt­
sphäre selber desavouiert, ist die universelle Konkurrenz. Das allge­ 9·
meine Konkurrenzverhältnis erweist sich als Exekutor des »stum­
men Zwangs« (Marx) einer Logik, die jedweder Autonomie der Der gesamtgesellschaftliche Status
Individuen Hohn spricht. Die ideologische Fortschrittslegende vom der Kategorien und der methodologische Individualismus
emanzipatorischen Charakter des vermeintlich freien »Tauschsub­ hinsichtlich des Kapitalbegriffs
jekts«, das vielleicht lediglich von der nicht-autonomen kapitalisti­
schen Produktionssphäre unterjocht werde, blamiert sich daran,
dass qua Konkurrenz gerade die angebliche Sphäre der Autono­ . Zur Erinnerung: Wie einleitend bereits vorausgesagt, hat sich gezeigt,
mie Schauplatz eines Kampfes aller gegen alle ist, der notwendi­ dass die Ausblendung der Konstitutionsgeschichte des Kapitals in ·

gerweise in Gewalt umschlägt. Der »freie« Markt ist genauso ein ihrer Differenz zum »Ga'ug in sich« dieses Verhältnisses negative
Quellgrund der Gewalt wie alle anderen Stationen oder Momente Auswirkungen auf das Verständnis von letzterem hat. Dabei setzt
der Verwertungslogik. sich das Marxsche Darstellungsproblem in einer weiteren Hinsicht
Es ist augenfällig, dass in den vormodernen Formen des Aus­ fort. Das Mitschleppen des eigentlich aus der verkehrten Anschau­
tauschs unter dem Diktat personaler Verpflichtungsverhältnisse, ung der empirischen »Wirtschaftssubjekte« resultierenden Zirkula­
auch wenn sie fälschlich als Warenproduktion und Wertform identi­ tionsbegriffs durch die gesamte Marxsche Kapitalanalyse hindurch
fiziert werden, keine derartige Konkurrenz existiert hat. Auch in der ist eng verbunden mit jener anfänglichen Analyse der Wertform der
frühmodernen ursprünglichen Konstitution entwickelt sich das all­ Ware, die ja das Missverständnis einer »einfachen Warenproduk­
gemeine Konkurrenzverhältnis erst in dem Maße, wie sich die apri­ tion« und »einfachen Zirkulation« erst hervorgerufen hat. Es geht
orische Synthesis durch »abstrakte Arbeit« und die Kapitalverwer­ dabei aber nicht nur um das Verhältnis von Warenform und Kapi­
tung durch viele Einzelkapitale hindurch herausbilden. Legt man talform schlechthin bzw. um Warenform und Geldform als bloße
die tauschidealistische Vorstellung zugrunde, dann ist die Konkur­ Erscheinungsformen der Kapitalform (statt als ökonomische Katego­
renz völlig unerklärlich. Sie wird erst daraus erklärbar, dass es die rien für sich), sondern zugleich auch um das Verhältnis von einzel­
ideologisch postulierte individuelle Äquivalenz der Markthandlun­ ner Ware bzw. einzelnem Kapital und Gesamtkapital oder der Totali­
gen überhaupt nicht gibt. Das hat natürlich Konsequenzen für die tät des gesellschaftlichen Zusammenhangs, wie sie Marx im dritten
weitere Kapitalanalyse, die sich an den berühmten Widersprüchen Band als »Gesamtprozess« bezeichnet. Damit sind wir abermals und
der Wertbestimmung zwischen dem ersten und dem dritten Band auf neuer begrifflicher Stufenleiter beim Problem des methodologi­
des »Kapital« zeigen (sog. Transformationsproblem) . Darauf soll als schen Individualismus angelangt.
nächstes eingegangen werden. Die Art und Weise, wie Marx bei seiner beabsichtigten Gesamt­
darstellung im ersten Band des »Kapital« den Anfang macht, näm­
lich mit der Analyse der Warenform als solcher, erzeugt eine spezi­
fische Unschärfe der Begriffsbestimmung. Ausdrücklich ist dabei
nämlich von der »einzelnen Ware« als Gegenstand die Rede. Es
bleibt zunächst offen, ob damit jede einzelne empirische Ware oder
die »idealtypische« einzelne Ware gemeint ist. Obwohl man eher
letzteres vermuten könnte, bezieht die landläufige Interpretation
die elementare Marxsche Formanalyse umstandslos auf die empiri­
schen Waren oder setzt implizit empirische und idealtypische Ware
unproblematisch synonym. Wie aber aus dem Gang der Marxschen

166
Argumentation hervorgeht, unterscheidet er von Anfang an zwischen Gesamtzusammenhangs jedoch als bloße Modifikation der basalen .
der von allen kapitalistischen Vermittlungsverhältnissen zunächst Logik, weil er diese ja bereits an der idealtypischen einzelnen Ware
notgedrungen abstrahierenden und also idealtypischen Analyse der als Ausgangspunkt oder »Zellform« abgehandelt hat. Aus der Sicht
Ware einerseits und den unvermeidlichen empirischen »Verunreini­ des Gesamtprozesses ist das falsch. Die einzelne Ware, mag sie noch
gungen« (etwa hinsi�htlich von Preisschwankungen) und Modifika- so idealtypisch verstanden werden, kann gar nicht die Logik des Ver­
. tionen durch den Gesamtprozess andererseits. hältnisses selber in sich bergen und daher auch nicht gedanklich
So weit sind auch Teile der neueren Orthodoxie und Michael Hein­ isolierter Gegenstand der Wesensanalyse sein. Das (negative) Wesen
rich als Vertreter der Neuen Marxlektüre gekommen. Die viel wich­ ist das Ganze, das einzelne Moment nur unwesentliche und damit
tigere Frage ist aber, ob die »idealtypische Abstraktion« an der· ein­ unselbständige Erscheinung.
zelnen Ware überhaupt einen begrifflichen Zugang zur Logik des Das Darstellungsproblem von Marx beruht also letzten Endes
Kapitals eröffnet. Damit fängt sich Marx nämlich erhebliche Schwie­ darauf, dass der »Anfang« in Gestalt der Analyse der Warenform
rigkeiten und Inkonsistenzen ein. Denn zunächst ist zu unterschei­ unwillkürlich in die Falle des methodologischen Individualismus
den zwischen bloß empirischen Modifikationen und solchen des logi­ führt. Das gilt nicht nur für die unterstellte oder eingeflossene trans­
schen (also selber allgemein darzustellenden) Vermittlungszusam­ historische Logik der »einfachen« Warenform, sondern auch für die
menhangs. Empirische Schwankungen, wie sie zufällig in den Markt­ Kapitalanalyse selbst. Die basalen Bestimmungen der Wertform der
beziehungen entstehen (etwa bei subjektiven Übervorteilungen), Ware als Moment des Kapitals können gar nicht an der einzelnen
aufgrund nationaler bzw. regionaler und kultureller Besonderheiten Ware entfaltet werden. Dieses Problem setzt sich fort im Begriff des
auftauchen (z. B. Aufwand von Ressourcen für nicht-ökonomische Kapitals, der ebenso wenig am (wiederum idealtypischen) einzel­
Zwecke) oder durch spezifische Marktlagen gegeben sind (mangelnde nen Kapital zu entwickeln ist. Die analytischen Bestimmungen der
oder überflüssige Nachfrage und Zufuhr, Missernten, schiere Selten­ Waren- und Kapitalform können nur aus der begrifflichen Analyse
heit von Gegenständen usw.), können in der Tat theoretisch vernach­ des Gesamtzusammenhangs hergeleitet werden. Damit aber ist eine
lässigt werden. Ganz anders verhält es sich jedoch mit den nicht-empi­ »idealtypische« selbständige Begrifflichkeit der einzelnen Momente
rischen Modifikationen, wie sie sich aus dem »Gesamtprozess« der ausgeschlossen. Einzelne Ware und einzelnes Kapital bilden kein
kapitalistischen Reproduktion auf der Form- und Substanzebene als »Modell« für das Gesamtverhältnis, sondern dieses bestimmt in sei­
solcher ergeb�n. Wenn diese aber selber begrifflich in ihrer logischen ner Eigenqualität umgekehrt die einzelnen Waren und die einzelnen
Allgemeinheit darzustellen wären, wie Marx es ja im dritten Band_ Kapitalien, die überhaupt keinen idealtypisch darstellbaren, sondern
versucht, dann stellt sich die Frage nach dem Verhältnis der basalen immer nur einen empirischen Status haben.
Analyse der idealtypischen (einzelnen) Ware im ersten Band und der Aus einer philologisch beschränkten Sicht ist diese Problemebene
Analyse der abstrakt-allgemeinen Totalität des Reproduktionsprozes­ nur schwer erkennbar. Sie erschließt sich eher, wenn die kategoria­
ses im dritten Band. Hier widersprechen sich die Darstellungsebenen, len Bestimmungen in Beziehung gesetzt werden zum historischen
und das ist in der Marx-Kritik weidlich ausgeschlachtet worden. Konstitutionsprozess des Kapitals und auf diese Weise die kategori­
Diese Diskrepanz ergibt sich aus der Umkehr von Voraussetzung ale Abfolge des »Gangs in sich« in einem anderen Licht erscheint.
und Resultat in der Darstellungslogik. Die einzelne Ware ist real nur Ausgehend von der Kritik des ontologisierten Zirkulationsbegriffs
die empirische Erscheinungsform des zu Anfang nicht unmittelbar führt die Reflexion dann zum kritischen Verständnis des methodo­
als solches darzustellenden (kapitalistischen) Ganzen. So bilden also logischen Individualismus auf der Ebene der Kapitalanalyse selbst.
die in Wirklichkeit vom Ganzen bestimmten »Modifikationen« die Da die Neue Marxlektüre diesen Weg der Reflexion nicht genommen
wesentliche Voraussetzung, weil das Ganze die wirkliche Vorausset­ hat, bleibt sie in der angestrebten Korrektur der Marxschen Wert­
zung ist; sie sind also eigentlich gar keine »Modifikationen«, sondern formanalyse selber bei der idealtypischen einzelnen Ware bzw. (als
die Logik der Sache selbst. Bei Marx erscheint die Darstellung des monetäre Werttheorie) bei der einzelnen Ware-Geld-Relation stehen,
ohne das darin liegende Problem des methodologischen Individua­ bzw. die wechselseitige Bedingtheit von Produktion und Zirkulation
lismus zu erkennen. Sie löst also letztlich ihren eigenen Anspruch verweist: »Das gesellschaftliche Verhältnis, das sich in Wert und der
nicht ein, die umgekehrte Reihenfolge von »Voraussetzung« und Wertgröße ausdrückt, konstituiert sich gerade in Produktion und
»Resultat« in Darstellung und Wirklichkeit auf den Begriff zu brin­ Zirkulation, so dass die >Entweder-oder-Frage< keinen Sinn hat«
gen und zu Ende zu denken. , (Heinrich 2004 , 53). Auf diese Weise ist aber die Sache nicht erklärt,
Bleiben .die Konsequenzen bei der ursprünglichen Neuen Marx­ sondern es wird nur versichert, dass es qua gesellschaftlicher Ver­
lektüre von Backhaus und Reichelt unklar, da hier der »Gesamtpro­ hältnisbestimmung gar keiner weiteren Erklärung bedürfe. So bleibt
zess« bzw. das systematische Verhältnis von erstem und drittem es freilich eine Leerformel, wenn Heinrich sagt, dass Produktion
Band des »Kapital« keine große Rolle spielen, so wird das Defizit bei und Zirkulation (deren Begriff er natürlich auch unproblematisch
Michael Heinrich zur vollen Kenntlichkeit gebracht. Die schon von verwendet) nicht gegeneinander ausgespielt werden dürften. Denn
Anfang an schwelende und seit mehr als einem Jahrzehnt immer es geht ja gerade darum, dieses Postulat aus einem übergeordne­
wieder aufflackernde Polemik zwischen der hier vertretenen wert­ ten Zusammenhang herzuleiten, also einen Begriff des Ganzen zu
abspaltungskritischen Theorie und der Interpretation von Hein­ bestimmen. Worin besteht denn konkret der innere Zusammenhang
rich hinsichtlich zentraler Begriffe der Marxschen Theoriebildung . der Funktionssphären von Produktion und Markt oder die wirkliche
kann erst vor dem Hintergrund einer Kritik und Überwindung des Voraussetzung des »Gesamtprozesses« als Gesamtkapital?
methodologischen Individualismus in der Kapitalanalyse zur vollen Die Verhältnisbestimmung bei Heinrich ist leer, formal und
Klarheit gebracht und zu Ende geführt werden. Das betrifft zunächst äußerlich, weil er gar keinen übergreifenden Begriff dieses Ganzen
wie oben schon skizziert die Hypostase des Zirkulationsbegriffs bei hat, der logische und analytische Relevanz besäße. Er bleibt wie übri­
Heinrich und in diesem Kontext dann auch den Status des Marx­ gens die gesamte akademische Soziologie und methodologisch der
schen Substanzbegriffs im Verhältnis von Wertform bzw. (qualitati­ Strukturalismus sowie (in etwas anderer Weise) die Systemtheorie
ver) Wertgegenständlichkeit einerseits und Wertgröße andererseits stehen bei verschiedenen »Sphären« oder »Subsystemen«, die zuei­
in den Metamorphosen der kapitalistischen Reproduktion, wie im nander nur äußerlich in Beziehung gebracht werden. Das Ganze
Folgenden zu entwickeln ist. soll dann eben nichts als das funktionale Verhältnis der getrenn­
Auf den ersten Blick scheint es so, als würde sich die Kontroverse ten Sphären sein, es hat keinen eigenen inhaltlichen Begriff. Genau
um den Substanzbegriff beiderseits nur auf das Verhältnis von Pro­ das ist positivistisches Denken in der Gesellschaftswissenschaft und
duktion und Zirkulation der einzelnen Ware beziehen, weil das ja eng verbunden mit dem methodologischen Individualismus: Die
der üblichen und an Marx selbst orientierten Vorgehensweise ent­ einzelnen »Tatsachen« oder »Handlungen« werden gewissermaßen
spricht. Das wert-abspaltungskritische Pochen auf den materiellen induktiv nur bis zur berüchtigten »Meso-Ebene« von so genannten
Substanzbegriff bei Marx (abstrakt menschliche Energie als Veraus­ Bereichen begrifflich abstrahiert, während der wirkliche Gesamtzu­
gabung von Nerv, Muskel, Hirn) wäre dann eine Favorisierung der sammenhang sozusagen im Nebel verschwindet und eben nur als
Produktion als Prius, die Heinrichsche »anti-substantialistische« äußere Verbindung oder so genannte Wechselwirkung der »eigent­
Wertbestimmung durch die funktionale Abstraktion des Tauschakts lichen« Einzelbereiche erscheint (diese positivistische Reduktion
umgekehrt eine ebensolche Favorisierung der Zirkulation als Prius; der Dialektik findet sich schon bei Engels und später wieder bei Alt­
aber beides deutbar auf der Ebene der Einzelheit. Damit aber ist die husser) . Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass dieser »fröhliche
beschränkte Sicht auf die idealtypische einzelne Ware bzw. den ein­ Positivismus« einer Gesellschaftstheorie mit beschränkter Abstrak­
zelnen Produktions- oder Zirkulationsakt (in Wirklichkeit Realisie­ tionshöhe geradezu das Wesensmerkmal der postmodernen Ideolo­
rungsakt) nicht durchbrochen. gie bildet. Das Ganze, soweit davon überhaupt noch die Rede sein
Heinrich nimmt nun zwar in seiner Einführungsschrift (2004) »darf«, ist dann wieder nur die Summe seiner Teile oder die Logik
indirekt auf den »Gesamtprozess« Bezug, indem er auf die Einheit schon anhand der Einzelheit darstellbar.
Heinrich ist von dieser Denkweise in seinem Verständnis der Kri­ tauschidealistischen Vorstellung resultiert wie gezeigt aus diesem
tik der politischen Ökonomie insofern affiziert, als er nur bis zum bornierten Standpunkt des empirischen Funktionssubjekts kapita­
Begriff der einander äußerlichen Bereiche von Produktion und Zir­ listischer Vergesellschaftung. Letztere aber ist das wirkliche Apri­
kulation gelangt, während das übergreifende transzendentale Apri­ ori, das im funktionalen Bewusstsein nicht erscheint, weil es sich
ori des Gesamtzusammenhangs zur Leerstelle verkommt. Produk­ "hinter dem Rücken« der Handelnden als jenes »automatische Sub­
tion und so genannte Zirkulation oder Markt können so nicht mehr jekt« konstituiert und reproduziert. Nicht eine Zirkulation bildet die
als Erscheinungsformen bzw. Sequenzen eines Ganzen unter des­ Sphäre einer sekundären Vergesellschaftung oder eines erst aposte­
sen vorausgesetzter und bestimmender Eigenqualität erkannt wer­ riorischen Zusammenhangs jenseits der Produktion, sondern Pro­
den, sondern stehen ii1 gewisser Weise für sich. An Formulierungen duktion und Markt oder Realisationssphäre des Kapitals sind beide
des »Anfangs« bei Marx anknüpfend erscheint es dann bei Hein­ gleichermaßen bloße Funktionssphären oder Momente in der Meta­
rich so, als wäre die Produktion einerseits quasi neutral-ontologisch, morphose des Kapitals als eines apriorischen gesellschaftlichen
als konkret-unmittelbare Herstellung von Gebrauchsgütern ohne Ganzen.
jeden apriorischen gesellschaftlichen Bezug: »(Vor) dem Austausch Wenn aber dieses Ganze oder der »Gesamtprozess« als Kapital­
existieren nur Gebrauchswerte« (Heinrich 2003/1999, 242). Der fetisch oder »automatisches Subjekt« die wirkliche Voraussetzung
Begriff des Gebrauchswerts sei »unabhängig davon, ob die Sache und damit die ihren eigenen Akteuren gegenüber verselbständigte,
getauscht wird oder nicht« ( Heinrich 2004, 38). Er vergisst hier, ihnen entglittene Wesensbestimmung ihres Verhältnisses bildet,
dass der Begriff eines »Gebrauchswerts« überhaupt erst als innerer dann sind auch die scheinbar »Voneinander unabhängigen« Pri­
Gegensatz der Warenform Sinn macht und keinen transhistorischen vatproduzenten oder Einzelkapitale in Wirklichkeit »hinter ihrem
Status beanspruchen kann. Andererseits soll dann die Produktion Rücken« bereits vergesellschaftet, bevor sie empirisch auf dem
historisch-spezifisch nur insoweit sein, als sie durch »voneinan­ Markt in Beziehung treten. Sie können als die realen Akteure erst im
der unabhängige Privatproduzenten« bzw. »in einer auf Privatpro­ Nachhinein durch den Markt vollziehen, was ol5jektiv schon im Vor­
duktion beruhenden Gesellschaft« ( Heinrich, a. a. 0, 53) betrieben hinein existiert, nämlich die allseitige Vermitteltheit, wechselseitige
wird, wobei die Produzenten bzw. Produktionseinheiten in keinem Abhängigkeit und tief gestaffelte Funktionsteilung der gesellschaft­
Zusammenhang stünden. Dieser werde erst hergestellt durch die lichen Reproduktion. Es ist ein umfassender Verkettungszusam­
so genannte Zirkulation. »Vergesellschaftung« erscheint dann als menhang von vielfältig gegliederten, ineinander greifenden Teil­
allein durch eine Zirkulationssphäre bestimmt. Und nur in dieser produktionen, Zulieferungsbeziehungen und Infrastrukturen, der
wäre dann auch die Wertabstraktion als rein funktionale des Tausch­ sich durch das Kapital als apriorischer Gesamtkomplex herausgebil­
akts und eben nicht als substantielle der Produktion angesiedelt. det hat. Nicht um dessen Bewertung geht es hier (eine Abschaffung
Diese Interpretation folgt selber der aus der »einfachen« Analyse des Kapitals wird nicht zugleich die Vergesellschaftung als solche
der einzelnen idealtypischen Ware resultierenden vorläufigen Abs­ abschaffen, aber auch nicht die vorgefundene negative Form über­
traktion einer »einfachen« Warenproduktion und »einfachen« Zir­ nehmen, die destruktive und sachlich unsinnige Aufsplitterungen
kulation ohne Realitätsgehalt. »Real« handelt es sich nur um die von Reproduktionsprozessen enthält), sondern allein um den gesell­
»verkehrte« Anschauungsweise der empirischen einzelnen Wirt­ schaftlichen oder vergesellschafteten Charakter als Voraussetzung
schaftssubjekte. Nur für diese sieht es so aus, als wäre die Produk­ statt als Resultat.
tion eine von unabhängigen, unverbundenen Privatproduzenten Heinrich ist das zwar irgendwie bekannt; so sagt er eher beiläu­
betriebene und als würde der Zusammenhang allein durch den fig in einem Gelegenheitstext, die »privaten Warenproduzenten«
Markt oder die Zirkulation des Geldes hergestellt. »Für sie« ist es stünden »durch die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwar in einem
tatsächlich so, aber nicht »an sich«. Der illusorische Begriff einer gesellschaftlichen Zusammenhang« ( Heinrich 2002). Dieser wird
selbständigen Zirkulation überhaupt und einer entsprechenden aber nicht als das wirkliche Apriori erkannt, denn laut Heinrich

173
erhielten die Produkte dieser Privatproduzenten »ihren gesellsch�ft­ Form ihres Willens und Handelns blind vorausgesetzt, bevor sie
lichen Charakter . erst nachträglich, nämlich dann, wenn sie sich
„ überhaupt zu »arbeiten« anfangen (auch die allgemeine Arbeitskate­
auf dem Markt bewähren« (a. a. 0). Die Gesellschaftlichkeit der Pro­ gorie selbst gehört zu dieser Form und ist daher historisch begrenzt,
duktion und damit der Produkte ist jedoch eben schon die Voraus­ was Wolf ja ableugnet). So ist es auch völlig kontrafaktisch, wenn
setzung, nicht erst das Resultat der Marktvermittlung. Ob die Pro­ Wolf ganz ähnlich wie Heinrich weiter argumentiert: »Bevor sich
dukte als Teil der transzendentalen gesellschaftlichen Wertsubstanz die Menschen als Besitzer von Waren gegenüberstehen, hat zwi­
anerkannt werden oder nicht, ob sie also in Geld zurückverwandelt schen ihnen kein gesellschaftlicher Zusammenhang bestanden,
werden oder verfallen, hat nichts mit der apriorischen Gesellschaft­ der die proportionelle Verteilung der Gesamtarbeit geregelt und den
lichkeit zu tun, sondern nur mit der (subjektiven, empirischen) einzelnen Arbeiten eine gesellschaftlich-allgemeine Form gegeben
»Bewährung« der einzelnen Akteure oder Kapitalien »in« dieser hätte. Beides vollbringt der Austausch auf eine den Menschen unbe­
Gesellschaftlichkeit. Das mögliche Scheitern ist ebenso Teil dieser wusste Weise « (ebenda). Dass es die Konkurrenz auf dem Markt
Gesellschaftlichkeit, allein durch deren Apriori bestimmt; Gelingen ist, die eine permanente Korrektur und Veränderung (nicht: Kon­
wie Scheitern verweisen gleichermaßen auf die vorgegebene Vor­ stitution) jener »proportionellen Verteilung« regelt, setzt aber wie­
aussetzung des gesellschaftlichen Charakters ihrer Produkte. Hein­ derum diesen Zusammenhang als »bestehenden« bereits voraus
rich begreift nicht, dass die Gesellschaftlichkeit als negative, objek­ und dessen »gesellschaftlich-allgemeine Form« erst recht, die nicht
tive Totalität das transzendentale Apriori sowohl der Produktion als erst durch den »Austausch« (die Realisierungsbewegung auf dem
auch des Marktes bildet, sie also kategorial vorausgesetzt ist, damit Markt) zustande kommt.
sie überhaupt funktional in diese beiden Sphären auseinanderfallen Kaum überraschend zeigt sich hier eine Übereinstimmung von
kann. neuerer Orthodoxie und Neuer Marxlektüre in einem gemeinsamen
Diesen apriorischen Zusammenhang des Ganzen verfehlt ganz zirkulationsideologischen Begriff des gesellschaftlichen Zusam­
genauso und fast noch deutlicher Dieter Wolf als Vertreter der neu­ menhangs. Damit beweisen Heinrich und Wolf beiderseits ein posi­
eren Orthodoxie. Auch für ihn stellt sich der Zusammenhang nicht tivistisches Denken, indem für sie die erscheinenden Funktions­
nur subjektiv, sondern auch objektiv als zeitliches Nacheinander sphären in ihrer Getrenntheit und zeitlichen Abfolge die einzige
verschiedener Sphären und als im Wesentlichen zirkulativ vermit­ Realität sind, während das apriorische Wesensverhältnis als Totalität
telt dar: »Gehen die Menschen erst vermittels des Austauschs ihrer für sie gar kein eigenes reales Dasein hat, sondern nur die positiv
Arbeitsprodukte einen gesellschaftlichen Zusammenhang mitein­ fassbaren funktionalen Erscheinungen. Sie nehmen dabei gleicher­
ander ein, dann tun sie dies erst nach der Verausgabung ihrer ein­ maßen unbewusst in der Theorie den Standpunkt der handelnden
;zelnen Arbeiten« (Wolf 2002, 77, Hervorheb. Wolf). Die Abfolge ist Funktionssubjekte ein, »für die« es eben tatsächlich so erscheint, als
so vom subjektiven Handeln bestimmt und erscheint als logische wären sie an sich erst einmal »privat« oder vereinzelt und würden
Selbstverständlichkeit (erst produzieren, dann auf den Markt gehen; »gesellschaftlich« erst durch das H andeln auf dem Markt.
so selbstverständlich wie: erst die Hose anziehen, dann die Schuhe), Dieser Schein ist, wie schon angesprochen, auf der subjektiven
während aber der wirkliche Zusammenhang bereits vorausgesetzt Ebene real, denn das Ganze oder Wesensverhältnis bildet ja nicht die
ist, weil sonst dieses Handeln gar nicht möglich wäre. Wolf fährt bewusste gemeinschaftliche Organisierung der Gesellschaftsmit­
fort: »Im Austausch der Arbeitsprodukte entscheiden die Menschen glieder zum Zweck ihrer Bedürfnisbefriedigung, sondern der apri­
erst nach der Verausgabung ihrer Arbeiten über deren spezifisch­ orische materielle Gesamtkomplex ist seinerseits der apriorischen
gesellschaftliche Form« (a. a. 0, 77, Hervorheb. Wolf). Die Men­ fetischistischen Selbstzweckbewegung des »abstrakten Reichtums«,
schen »entscheiden« überhaupt nicht über die spezifisch-gesell­ der Verwandlung von Wert in Mehrwert, von »abstrakter Arbeit«
schaftliche Form ihrer Arbeiten, weder vor noch nach deren Veraus­ in »mehr abstrakte Arbeit« unterworfen. Deshalb ist es auch kein
gabung, sondern diese ist ihnen bereits als historisch konstituierte direkter Zusammenhang zwischen Bedürfnissen und dem Einsatz

174 175
der Ressourcen, sondern der tautologische »Kreislauf« des Kapital­ auch der einzelnen Ware sein muss. Aus dieser Sicht, die einem dia-·
fetischs, und zwar als Gesamtkapital. Die Befriedigung der Bedürf. lektischen Totalitätsverständnis und nicht mehr dem methodologi­
nisse ist bestenfalls nur Abfallprodukt oder »Nebenwirkung«, schen Individualismus mit seinem Modelldenken folgt, kann sich
nicht Zweck, und deshalb auch nicht zwingend, sondern eher mit .
die Marxsche Darstellung eigentlich nur auf das in sich vermit­
Restriktionen belegt und geradezu lästig. Was in diesen Metamor­ telte Ganze des fetischistischen Kapitalverhältnisses beziehen. Die
phosen der Selbstzweckbewegung den Abschluss der »Realisie­ von Marx theoretisch dargestellten Realkategorien des Kapitals sind
rung« oder Rückverwandlung des Mehrwerts in die Form des Geld­ deshalb von Anfang an und auf allen Ebenen der Darstellung nur
kapitals bildet, erscheint nun aus der verkehrten Sicht der Funkti­ als Kategorien des gesellschaftlichen Ganzen, des Gesamtkapitals
onssubjekte so, als wäre es erst die Vergesellschaftung. Das heißt: und seiner Gesamtbewegung als Gesamtmasse zu verstehen, die
erst der abschließende Vollzug der Selbstzweck-Bewegung vermit­ unmittelbar empirisch nicht erfasst werden kann, weil sie qualitativ
telt »für« die Akteure ihren eigenen, längst bewusstlos an sich schon und quantitativ gleichermaßen etwas anderes ist als die empirische
vermittelten Zusammenhang. Und eben deshalb können sie daran Bewegung der Einzelkapitale. Letztere jedoch ist es allein, die für die
auch scheitern und müssen womöglich ihre Produkte einstampfen. Akteure praktisch erscheint, während die wirkliche Bewegung des
Ist die Einsicht in dieses paradoxale, negativ objektivierte Ver­ realen Gesamtkapitals empirisch nur indirekt erfassbar ist an ihren
mittlungsverhältnis einmal gewonnen, so hat das entscheidende gesellschaftlichen Wirkungen (vor allem in den Krisen). Genau die­
Konsequenzen für den Status der kapitalistischen Kategorien und ses Problem ist es, das von der Neuen Marxlektüre genauso verfehlt
deren problematis�he Darstellung durch Marx. Es ist erhellend, wird wie von den traditionellen Interpreten.
dass bereits in den Anfängen der Marxschen Wertformanalyse Erst das Gesamtkapital und nur das Gesamtkapital, das fetischis­
vom Gesamtverhältnis als »Gesamtarbeit« die Rede ist (worauf sich tische Ganze, ist die kategoriale Entität, die man als »das Kapital« zu
zwar die Kombattanten von neuerer Orthodoxie und Neuer Marx­ kennen glaubt, um sie jedoch in der gewöhnlichen Lesart des ersten
lektüre gleichermaßen beziehen, ohne jedoch die Tragweite dieser Bandes des Marxschen Hauptwerks grundsätzlich als das Einzelka­
Bestimmung zu erfassen) . Nun sagt auch Marx, dass sich der abs­ pital zu verstehen, sei es empirisch oder (nur wenig reflektierter) ide­
trakte Arbeitsaufwand für die einzelne Ware als Teil der Gesamtar­ altypisch bzw. »im Allgemeinen«, wobei dieses Allgemeine aber nur
beit »bewähren« müsse, doch die Vermittlung zwischen Produktion das allgemeine oder abstrakte Einzelne meint und nicht die Tota­
bzw. Arbeitsaufwand pro einzelne Ware und gesellschaftlichem Gan­ lität als (negative) wirkliche Allgemeinheit. Aus dieser Sicht bleibt
zen oder »Gesamtarbeit« wird nicht geleistet bzw. erscheint ledig­ letztlich der Charakter des Kapitals als Fetischgegenständlichkeit
,
lich im Verweis auf die gesellschaftliche Durchschnittsproduktivität verborgen. Denn auf der Ebene des Einzelkapitals scheint es sich
als Bedingung für die »Gültigkeit« des einzelnen Arbeitsaufwands. noch um eine handlungstheoretisch erfassbare, im subjektiven Kal­
Diese Bestimmung ist zwar richtig, aber völlig unzureichend, um kül einigermaßen aufgehende Veranstaltung zu handeln, in der sich
das Verhältnis von einzelner Teilproduktion und Gesamtproduktion unmittelbar Akteure des Interesses gegenüberstehen. Das, was diese
zu erklären; sie verbleibt noch im Horizont des methodologischen Akteure selber konstituiert und was in ihrer bornierten Wahrneh­
Individualismus. Vom wirklichen komplexen Vermittlungszusam­ mung nicht als distinkter Gegenstand erscheint, nämlich die vor­
menhang des »Gesamtprozesses« ist erst im dritten Band die Rede, ausgesetzte Entität des »Gesamtprozesses«, verschwindet in einer
dort jedoch schon in einem unaufgelösten Spannungsverhältnis zur unmittelbaren Tatsachenwelt. Deshalb sind die gängigen Begriffe
Wertform- bzw. Warenanalyse im ersten Band, die noch auf die ide­ des Kapitalverhältnisses einerseits subjektivistisch bestimmt, im
altypische einzelne Ware fixiert ist. traditionellen Marxismus wie auf andere Weise in der VWL oder
Ist das Kapital die wirkliche Voraussetzung der Warenform, so gilt im postmodernen Denken, während andererseits der unerkannte
jedoch weiter, dass das Gesamtkapital oder der »Gesamtprozess« des Bedingungsgrund zur positiven, unüberschreitbaren Objektivität
Kapitals die wirkliche Voraussetzung des Einzelkapitals und damit von äußeren »Gesetzmäßigkeiten« gerinnt. Gerade die postmoderne

177
Ideologie kann das Kapital bestenfalls als abstrakte Einzelheit wahr­ zu einer totalen Substanzmasse des gesamtgesellschaftlich produ-·
nehmen, weil schon diese geringe Abstraktionshöhe fast schon als zierten Werts. Selbstverständlich bleibt dabei die Bestimmung rich­
unzulässige Verallgemeinerung gilt. Was die handelnden Subjekte tig, dass nur die mit gesellschaftlich-durchschnittlicher Produkti­
-
übersteigt und die reale Verwertungsbewegung ausmacht, ist jedoch vität verausgabte Arbeitsenergie »gültig« ist; aber eben nicht hin­
das Ganze des »automatischen Subjekts«, das konstitutive und trans­ sichtlich des Arbeitsaufwands für die einzelne Ware, sondern hin­
zendentale Apriori, das im Einzelkapital nur erscheint, aber dieses sichtlich seines Beitrags zur Gesamtmasse der gesellschaftlichen
nicht kategorial ist. Allein das Gesamtkapital ist die Selbstbewegung Wertsubstanz.
des Werts gewissermaßen als »atmendes Monster« , das den Akteu­ Die Metamorphosen des Kapitals müssen nun kategorial in der
ren gegenübertritt, obwohl sie es selbst erzeugen; eine Art negati­ Einheit von Form und Substanz ebenfalls als gesamtgesellschaftli­
ver Adam Kadmon der bewusstlosen Gesellschaftiichkeit. Oder in cher Prozess hinter dem Rücken der Akteure verstanden werden,
den Worten von Marx der ;>sich selbst verwertende Wert, ein beseel­ also auch die Realisierungsbewegung. Ganz anders erscheinen die­
tes Ungeheuer, das zu >arbeiten< beginnt, als hätt'es . Lieb'im Leibe« selben Metamorphosen jedoch auf der empirischen Ebene für die
(Marx r965/r890, 209). Einzelkapitale und deren Repräsentanten, die ja den Standpunkt
Werden aber in dieser Weise die Marxschen kategorialen Bestim­ ihres eigenen Gesamtzusammenhangs nicht einnehmen können.
mungen entgegen dem vom ersten Band nahe gelegten Verständnis Die Realisierungsbewegung auf dem Markt ist aber vermittelt durch
allein für das Gesamtkapital oder den »Gesamtprozess« als gültig die universelle Konkurrenz, und diese vermittelnde Bewegung der
bestimmt, dann hat das entscheidende Konsequenzen für das Ver­ Konkurrenz ist es ihrerseits, von der die Anschauung der Funktions­
hältnis von Wesen und Erscheinung oder (in der begrifflichen Dar­ subjekte und ihr Verhalten bestimmt wird. Die wirkliche substanti­
stellung) das Verhältnis von Theorie und Empirie. Anders gesagt: elle Wertproduktion als Ganzes verschwindet dabei in der verzerrten
Das Verhältnis von Wertform (Qualität) und Wertgröße (Quantität) Wahrnehmung durch den Filter der Konkurrenzverhältnisse.
ist aus dieser veränderten Sicht gar nicht an der einzelnen Waren­ Vom Standpunkt des Einzelkapitals sieht es so aus, dass ein
produktion oder einzelnen Ware (und am einzelnen Realisierungs­ bestimmter Aufwand an Geldkapital, die Kosten (Vorauskosten) der
akt auf dem Markt) zu erklären, wie es Marx jedoch aufgrund sei­ Produktion, eingesetzt wird. Dabei wird kein Unterschied gemacht
ner Darstellungsweise in die Argumentation des »Anfangs« ein­ zwischen der allein neuen Wert produzierenden Arbeitskraft und
geflossen ist, weil dort die Logik des gesamtgesellschaftlichen Ver­ dem Sachkapital, das früher produzierten Wert (der für den Käu- ·

mittlungszusammenhangs noch nicht formuliert wird. Alles, was fer dieses Sachkapitals eben als bloße Kosten erscheint) nur über­
Marx über Wertsubstanz und Wertgröße sagt, kann sich nicht auf trägt. Das kann gar nicht anders sein, weil es für das Einzelkapital
die einzelne Ware (und sei es die idealtypische) beziehen, wie es in überhaupt nicht auf den Wert ankommt, der von seiner eigenen ein­
seiner analytischen Entfaltung der Wertform als solcher fälschlich gekauften Arbeitskraft produziert wird; und ebenso wenig auf den
erscheint, sondern nur auf das Gesamtkapital und damit auf die wirklichen Wert, der von seinen Zulieferern als Beitrag zur Gesamt­
gesamte Warenmasse. An der einzelnen Ware fallen somit die Qua­ wertmasse produziert wurde. Vielmehr sind für das Einzelkapital
lität als Wertgegenständlichkeit und deren Quantität auseinander. allein die erscheinenden (und realisierten) Preise als Kosten oder
Die einzelne Produktion bildet bereits apriori einen Teil der kapi­ Erlös maßgebend, die gar keinen direkten Bezug zur Wertebene
talistischen Gesamtproduktion, der einzelne Arbeitsaufwand damit haben und daher auch nicht bloße Modifikationen »individueller
einen Teil der »Gesamtarbeit«. Mit anderen Worten und anders als Werte« darstellen.
in der anfänglichen Marxschen Fixierung auf die einzelne Ware: Die Ziel und Zweck für das Einzelkapital ist es, beim Verkauf auf dem
verausgabte abstrakt-menschliche Energie »fließt« nicht unmittel­ Markt über das Einspielen der verausgabten Kosten hinaus einen
bar in die jeweils produzierte einzelne Ware, sondern sie wird hinter Profit zu erzielen, der mindestens dem gesellschaftlichen Durch­
dem Rücken der einzelnen Produktionsagenten objektiv aggregiert schnittsprofit entsprechen soll. Dieser ist von Branche zu Branche

179
verschieden und unterliegt verschiedenen Modifikationen, die alle­ aggregiert sich hinter dem Rücken der Akteure zu einer gesellschaft­
samt von den Markt- und Konkurrenzverhältnissen bestimmt wer­ lichen Gesamtmasse des Werts bzw. Mehrwerts. Und nur auf dieser
den und nicht unmittelbar aus der basalen gesamtgesellschaftli­ Ebene sind die Begriffe von Wert und Mehrwert im strengen Sinne
.
chen Wertebene hervorgehen. Für das Einzelkapital ist es über län­ gültig und real. Das Kapital ist hier ein gesellschaftliches Ganzes,
gere Zeiträume hinweg lebensnotwendig, nicht unter den Durch­ das sich aber erst als dieses Ganze durch die Vermittlung der Pro­
schnittsprofit zu fallen. Um dies zu erreichen, muss es sich in der duktion und der Marktkonkurrenz von Einzelkapitalien realisieren
Konkurrenz auf dem Markt durchsetzen. Aus seiner in diesem muss. Die .gesamte, von der Gesamtarbeit produzierte Wertmasse
Punkt durchaus zutreffenden Sicht hat der dabei erzielte Erlös über­ wird repräsentiert von der gesamten Warenmasse, unabhängig vom
haupt nichts zu tun mit der Quantität der von ihm angewendeten individuellen Einsatz von Arbeitskraft für individuelle Waren. Reali­
Arbeitskraft bzw. der von dieser verausgabten Arbeitsmenge, damit siert werden aber muss sie von den Einzelkapitalien als einzig realen
aber scheinbar auch nichts mit Arbeitsmengen überhaupt. So sieht Trägern, wie sie ja auch von diesen produziert wurde als Beitrag zur
es auch die VWL, die auf diese Weise »theoretisch« den Standpunkt Gesamtmasse.
des bornierten Einzelkapitals einnimmt, wie gleich noch genauer Jetzt kommt der entscheidende Punkt: Die Einzelkapitale rea­
zu erläutern ist. Und das ist auch durchaus richtig, aber eben nur lisieren für sich nicht diejenige Wertmasse, die von ihnen jeweils
für das Einzelkapital, das seinen eigenen gesellschaftlichen Bedin­ einzeln in ihren vier Wänden produziert wurde, sondern vielmehr
gungszusammenhang auf der substantiellen Wertebene gar nicht denjenigen Anteil an der gesamtgesellschaftlich aggregierten Wert­
kennen kann. masse, den sie in der Konkurrenz auf sich ziehen und aneignen
Daraus erhellt auch, dass und warum der Marxsche Wertbegriff können. Es gibt also gar keinen unmittelbaren Zusammenhang zwi­
ein völlig anderer ist als derjenige der bürgerlichen Wirtschaftswis­ schen dem einzelkapitalistischen Arbeitsaufwand und dem einzel­
senschaft. Trotz der durchgehenden »individuellen« Wertbestim­ kapitalistischen Profit, somit aber auch nicht zwischen der für eine ·

mung bei Marx kann sein Wertbegriffletztlich nur aus dem Kapital einzelne Ware aufgewendeten Arbeitsmenge und ihrer Wertgröße -
als Gesamtverhältnis abgeleitet werden. Der bürgerliche Begriff der in Wahrheit nur ihrer Preisgröße, weil der Wert gar nicht individuell
»Wertschöpfung« dagegen bezieht sich allein auf das Verhältnis von zu bestimmen ist; er liegt dem PreiSsystem gesamtgesellschaftlich
Kosten und Gewinn (des Einzelkapitals); ganz unabhängig von der zu Grunde, was etwas anderes ist.
eigentlichen, substantiellen (gesamtgesellschaftlichen) Wertbildung Bei Marx erscheint der Zusammenhang aber als unmittelbarer
durch menschliche Arbeitsenergie. Er ist daher vom Standpunkt des von individueller Arbeitsmenge und individueller Wertgröße im ers­
Einzelkapitals bestimmt. Dessen Verhältnis von Kosten und Gewinn ten Band des »Kapital«, weil seine Darstellungslogik den in Wirk­
wird hochgerechnet auf die Summe der Einzelkapitale, woraus sich lichkeit gesamtgesellschaftlich vermittelten Zusammenhang zwi­
ein verfälschtes Bild der wirklichen Wertschöpfung ergibt. schen Wertgegenständlichkeit und Preisgröße methodologisch-indi­
Diese Sicht ist allerdings völlig korrekt, soweit es tatsächlich das vidualistisch an der idealtypischen einzelnen Ware und ·zwischen
Einzelkapital selbst betrifft; sie ist nur verzerrt und verkehrt, was Mehrwert und Profitgröße am idealtypischen Einzelkapital abhan­
den Gesamtprozess oder die Reproduktion des Gesamtkapitals delt, während die tatsächliche Vermittlung von Wert- und Profit­
betrifft, wovon in Wirklichkeit die Reproduktion der Einzelkapitale größe erst im dritten Band als Logik des »Gesamtprozesses« thema­
bestimmt wird - aber diesen Standpunkt kann ja das Einzelkapital tisiert wird. So kommt die Diskrepanz zwischen dem ersten Band
gar nicht einnehmen, er geht es nichts an, während die VWL damit (individuelle Wertbestimmung) und dem dritten Band (gesamt­
allerdings ihren Beruf verfehlt. Wie sieht die Sache nun vom allein kapitalistische Wertbestimmung) zustande. Das berühmte Trans­
theoretisch distanziert einzunehmenden Standpunkt des Gan­ formationsproblem, nämlich die Umwandlung vermeintlich »indi­
zen aus? Die Gesamtheit der »gültig« (dem Produktivitätsstandard vidueller Werte« in davon grundsätzlich größenmäßig verschiedene,
entsprechend) in den Einzelkapitalien verausgabten Arbeitsmenge gesamtgesellschaftlich vermittelte »Produktionspreise«, ist somit ein

180 181
Scheinproblem, das allein aus dem Bruch im Gang der Marxschen Realisierung erscheinen, wobei letztere gleichzeitig ein Moment ·
Darstellung resultiert. Was die Wertgröße betrifft, so gibt es über­ in der Realisierung des Werts bzw. Mehrwerts des Gesamtkapitals
haupt kein unmittelbares Verhältnis zur einzelnen Arbeitsmenge ist. Der Wert bildet allein eine Kategorie des Gesamtkapitals, wäh­
und ihrem einzelnen Resultat, sondern nur eine g;esamtkapitalisti­ rend auf der individuellen Ebene der Einzelkapitale und der »Wirt­
sche totale Wertgröße, die an der einzelnen Ware als nicht indivi­ schafts«- oder Funktionssubjekte überhaupt empirisch nur Preise
duell, sondern allein durch die Konkurrenzvermittlung bestimmter existieren, deren substantieller Wertcharakter »für sie« gar nicht als
Teil davon in Form des Preises erscheint. Nur der (ausgeschriebene solcher erscheint, sondern nur indirekt in Gestalt von Auswirkun­
und realisierte) Preis ist individuell, der Wert ist immer gesamtge­ gen des hinter ihrem Rücken sich vollziehenden Gesamtprozesses
sellschaftlich. Der Preis ist nur empirisch als Resultat der Konkur­ sich bemerkbar macht.
renz, der Wert ist grundsätzlich nicht-empirisch als gesamtgesell­ Man könnte nun einwenden, dass damit gar keine Entsprechung
schaftliche Wesensbestimmung, die nur indirekt durch den Ver­ von Wert und Preis mehr existiere und die Preise geradezu rein will­
mittlungszusammenhang hindurch erscheinen kann. kürlich wären. Dieser Einwand verlässt aber den eingefleischten
Wäre es nicht so, würde also tatsächlich die Wertgröße grund­ methodologischen Individualismus nicht und verfehlt das Problem.
sätzlich linear vom individuellen Arbeitsaufwand für die individu­ Wenn nämlich der Wert allein eine gesamtgesellschaftliche oder
elle Ware bestimmt und dabei der Preis nur durch sich gesamtge­ gesamtkapitalistische Kategorie ist, dann muss es die Entsprechung
sellschaftlich wieder ausgleichende »Modifikationen« wie Markt­ von Wert (als Gesamtmasse im Singular) und Preisen (als jeweils
schwankungen etc. von dieser »eigentlichen« individuellen Wert­ individuelle Bestimmung der vielen Waren und Einzelkapitalien im
größe abweichen, dann müsste die universelle Konkurrenz als völlig Plural, in Form eines konkurrenzvermittelten Anteils am Wert) sehr
überflüssig und unerklärlich erscheinen oder gar subjektiven Dispo­ wohl geben, aber eben wieder nur auf der Ebene des Ganzen. Nur
sitionen zugeordnet werden. Der realisierbare Preis wird aber durch auf dieser Ebene müssen Wertmasse und Preismasse (Summe der
die Konkurrenz ermittelt, deren Bewegung den Wert nicht erzeugt, individuellen Anteile an der Wertmasse) letztlich einander entspre­
sondern ungleich verteilt. chen - nicht unmittelbar und exakt, sondern prozessual und fluktu­
Die gesamte marxistische Debatte ebenso wie die bürgerliche ierend; wenn nicht, macht sich die Diskrepanz krisenhaft geltend.
Marx-Kritik sind nie darüber hinausgekommen, den »individuellen Das sagt Marx dann im dritten Band auch, wenngleich er an der aus
Wert« als fraglose Basis zu nehmen und dann entweder die Diffe­ dem Anfang seiner Darstellung herrührenden individuellen Wert­
renz zum so genannten Produktionspreis irgendwie mathematisch bestimmung als Apriori festhält.
durch diverse »Umrechnungsversuche« klären zu wollen (ein typi­ Die berühmte Äquivalenz findet also überhaupt nicht auf der
sches Beispiel, wie eine »Mathematisierung<< am falschen Ort an die Ebene des so genannten »Tausches« zwischen einzelner Ware und
Stelle begrifflicher Klärung treten kann), oder eben damit zeigen zu Geld statt; diese Beziehung ist ihrem Wesen nach inkongruent. Des­
wollen, dass die Marxsche Wertbestimmung durch Arbeitssubstanz halb ist es auch gar kein »Tausch«, sondern eben die Realisierungs­
an sich schon fehlerhaft sei, wie sein analytisches Herumeiern im bewegung des Kapitals, die sich durch disparate, von der Konkur­
dritten B and selber beweise. renz vermittelte, einzelne Realisierungsakte auf der Preisebene hin­
Noch einmal: Es gibt aber überhaupt keine »individuellen Werte«, durch vollzieht, während das Äquivalenzprinzip erst auf der gesamt­
sondern der Wert bzw. Mehrwert (darin besteht ja der Selbstzweck) ges�llschaftlichen Ebene gültig ist. Damit erweist sich freilich jed­
aggregiert sich objektiv zu einer Gesamtmasse in der Metamor­ wede Vorstellung, die dieses Prinzip von seinem rein funktionalen,
phose des Gesamtkapitals, während es »individuell« nur vom jeweils fetischistischen Sachgehalt ablöst und in ein subjektives Gerech­
eigenen Beitrag dazu logisch und empirisch-größenmäßig ver­ tigkeitspostulat verwandelt, als im höchsten Grade ideologischer
schiedene, durch die Konkurrenz vermittelte Aneignungen eines Tauschidealismus, der die totale Marktkonkurrenz in eine subjek­
Teils dieser Gesamtmasse gibt, die in Form der Preise bzw. deren tive Autonomie von Zirkulationssubjekten umlügt. Diese bereits

182
oben formulierte Kritik findet jetzt ihre genauere Begründung. Dass von Vorauskosten, Preis und Profit, das sich allein aus dem konkur­
das »automatische Subjekt« in seiner Vermittlungsbewegung quan­ renzvermittelten Bezug auf die gesamtgesellschaftliche Wert- und
titativ mit sich selbst übereinstimmen muss, ist eine »Gerechtig­ Mehrwertmasse ergibt. Dab�i konkurrieren sowohl die Autoher­
keit« und »Autonomie« zum Abgewöhnen, während die »Freiheit« steller als auch die Zahnbürstenhersteller untereinander, aber auch
und »Autonomie« der individuellen Akteure allein darin besteht, die verschiedenen Branchen wechselseitig um die gesellschaftliche
sich gegenseitig im Kampf um die Wert- bzw. Mehrwertmasse zu Kaufkraft (durchaus vorstellbar, dass kapitalistische Subjekte eher
Tode zu konkurrieren, indem sie sich die Wertbrocken vom Mund auf die Zahnbürste, das Abendessen, saubere Wäsche usw. verzich­
wegbeißen, ohne dass dabei irgendeine subjektive oder individuelle ten als auf das Auto) .
Äquivalenz zum Zuge käme. Andererseits ist es keineswegs ausgemacht, dass der mindestens
Umgekehrt können die Preise aber auch aus der individuellen erforderliche Preis auch tatsächlich erzielt wird. Es gibt ja bekannt­
Perspektive der konkurrierenden Einzelkapitalien nicht willkürlich lich ständig Verlierer in der Konkurrenz, die entweder keinen zurei­
sein. Aus dieser partikularen Sicht muss der zu realisierende Preis chenden Profit mehr erzielen oder sogar nicht einmal mehr einen
den Kostenaufwand plus einen bestimmten Profit einspielen. Der die Selbstkosten (Vorauskosten) deckenden Preis. Sie müssen dann
Preis (zunächst als geforderter, noch nicht realisierter) für ein Auto ihre Produkte verschleudern, den Verlust vorübergehend durch Kre­
kann daher nicht derselbe sein wie der einer Zahnbürste. Dieses ditaufnahme ausgleichen oder schließlich bankrottgehen. Das heißt
Verhältnis von (einzelkapitalistischen) Kosten und Ertrag vollzieht nur, dass sie individuell nicht mehr am Kampf um die gesellschaft­
sich jedoch gar nicht direkt auf der Wertebene, insofern es hier nicht liche Mehrwertmasse teilnehmen können, was kapitalistischer All-
um die spezifischen Kosten für die (gesamtgesellschaftlich) allein tag ist. .
wertsetzende Arbeitskraft und deren Beitrag zur Neuwertmasse Steigert sich dieses Problem über die üblichen Einzelfälle hin­
geht, sondern bloß um die empirischen Gesamtkosten (Arbeitskraft aus zu einer kritischen Masse, ist dies einem gesamtgesellschaft­
und totes Sachkapital) des Einzelkapitals. Da diese Vorauskosten im lichen Missverhältnis von realer Wert- bzw. Mehrwertproduktion
Falle des Autos auch bei höchster, von der Konkurrenz erzwunge­ und ausgepreister Warenmasse geschuldet. Die Krise besteht also
ner Produktivkraftentwicklung nie so niedrig sein können wie im letztlich nicht darin, dass real produzierter Mehrwert nicht mehr
Falle der Zahnbürste (ganz abgesehen davon, dass auch bei deren ausreichend »realisiert« werden kann (wie es teilweise bei Marx
Herstellung die Produktivität ständig zu steigen hat), gibt es hier und durchgängig im traditionellen Marxismus erscheint), sondern
immer eine Differenz des jeweiligen Kostenaufwands, die sich in umgekehrt darin, dass erheblich zu wenig reale Mehrwertmasse
den Preisen niederschlagen muss. Indirekt ist diese Differenz inso­ produziert wurde im Verhältnis zur Gesamtheit der noch nicht rea­
fern mit der Wertebene vermittelt, als nicht nur der Profit als Resul­ lisierten Preise oder dass realer Wert einerseits und »ideeller Wert«
tat ein Anteil an der gesamtgesellschaftlichen Wertmasse ist, son­ (bloß vorgestellt als Preise) andererseits auf der gesamtgesellschaft­
dern dies natürlich ebenso für die Vorauskosten gilt. Der Anteil der lichen Ebene weit auseinanderklaffen (dieses Problem wird in den
Vorauskosten an der gesamtgesellschaftlichen Wertmasse ist eben folgenden Kapiteln ausführlicher erörtert). Aus der Perspektive der
beim Auto größer als bei der Zahnbürste. Er muss mindestens (plus Einzelkapitale und der einzelnen Wirtschaftssubjekte überhaupt ist
Profit) wieder eingespielt werden, deshalb kann der Preis nicht belie­ das ein Mysterium, weil eben das Ganze außerhalb ihres funktional
big sein, sondern orientiert sich im Kalkül an den Vorauskosten pro bornierten Gesichtsfeldes liegt, obwohl sie selbst dieses Ganze ein­
Ware. Aber es gibt keine direkte Beziehung und deshalb auch keine schließlich seiner Widersprüche in Bewegung halten.
grundsätzliche oder strukturelle Kongruenz von Wertebene einer­ Betrachten wir nun den Problemzusammenhang in der Geschichte
seits und Preis- bzw. Kostenebene der Einzelkapitalien andererseits. der politischen Ökonomie oder VWL, so zeigt sich bei jenem von Fou­
Der empirisch fassbare Zusammenhang setzt kein individuelles Ver­ cault konstatierten Übergang vom (subjektiven) Zirkulationspara­
hältnis von Arbeitsaufwand und Wertgröße, sondern nur ein solches digma zum (objektiven) Arbeitsparadigma ein folgenreiches Defizit.
Sowohl Adam Smith als auch David Ricardo als bürgerliche Klassiker Interventionen) resultieren sollen. Zu allem Überfluss lässt sich die·
vollziehen zwar den Übergang von der subjektiven (zirkulativen) zur subjektiv-individuelle und funktionale Abstraktion als »Modell«
objektiven Wertlehre, aber sie behalten dennoch den Gesichtspunkt glänzend »mathematisieren« und hochrechnen auf die Summe
des methodologischen Individualismus bei, der eigentlich dem »vor­ gesellschaftlicher Aggregate von Nutzenschätzungen, auch wenn
sintflutlichen« Zirkulationsparadigma entstammt. Der Arbeitsauf­ diese »substanzlosen« Größen nichts mehr mit der kapitalistischen
wand als quantitative Wertbestimmung wird idealtypisch auf die Realität zu tun haben, gerade nicht mit der empirischen. Die mathe­
einzelne Ware bezogen und soll ebenso individuell beim einzelnen matische »Schönheit« dieser Modelle gehört geradezu dem irrea­
»Tausch« wiedererscheinen. Dieses Defizit der bürgerlichen I<lassi­ len ökonomischen Ästhetizismus einer Theorie an, die schon keine
ker ist ihrer affirmativen, apologetischen Herangehensweise geschul­ mehr ist, sondern eher eine Art intellektuelles Kunsthandwerk.
det, weil der Blick auf das Ganze sofort dessen paradoxale Verfasst­ In welcher Beziehung steht nun in dieser H insicht die Marxsche
heit ebenso wie deren innere Widersprüche zur Kenntlichkeit brin­ Kritik der politischen Ökonomie zu ihrem bürgerlichen Gegen­
gen würde und deshalb tabuisiert werden muss. So bleibt auch die stand? Soweit Marx der Arbeitswertlehre von Smith und Ricardo
mit der objektiven Arbeitswertlehre verbundene Historizität der the­ einen wenn auch unvollendeten und fehlerhaften »wissenschaftli­
oretischen Erklärung auf halbem Wege stecken, weil sie das ebenso chen<< Gehalt zugesteht, verweist dieses Zugeständnis nicht nur auf
tabuisierte Krisenproblem als objektives in sich birgt. eine allgemeine Befangenheit im bürgerlichen Aufklärungs- bzw.
Der methodologische Individualismus bildet nun das Scharnier, Fortschrittsdenken, sondern auch auf eine partielle Affinität zur
das die objektive Arbeitswertlehre wie oben gezeigt wieder in eine verkürzten, methodologisch-individualistischen Reflexion des Sub­
Zirkulationstheorie des Werts, also in die »neoklassische« subjek­ stanzproblems bei den bürgerlichen Klassikern im Besonderen, wie
tive Wertlehre zurückkippen lässt. Die vage und zaghafte Thema­ sie ja im Marxschen »Anfang« mit seiner begrifflich-analytischen
tisierung des substantiellen Gesamtzusammenhangs, die dennoch Fixierung auf die idealtypische einzelne Ware ebenfalls zum Vor­
kontrafaktisch bei einem individuellen Verhältnis stehen geblieben schein kommt.
war, wird nun storniert und ersetzt durch eine zirkulative Reinter­ Bereits auf dieser Ebene unterscheidet sich der Marxsche Subs­
pretation: Der Standpunkt des bornierten Einzelkapitals oder ein­ tanzbegriff allerdings von dem der bürgerlichen Klassiker erstens,
zelnen Wirtschaftssubjekts überhaupt, der theoretisch nie verlassen indem er den von Hegel übernommenen Begriff der »abstrakten
worden war, wird nun wieder zurückgeführt auf seine angestammte Arbeit« kritisch-materialistisch wendet, damit den Begriff der Sub­
Sphäre, den Markt, und auf dessen ideologisches Wahrnehmungs­ stanz als abstrakt-menschliche Arbeitsenergie (Verausgabung von
muster. Deshalb radikalisiert die Entwicklung der l»Neoklassik« den Nerv, Muskel, Hirn) sowohl von der klassisch-bürgerlichen ökono­
mikroökonomischen Standpunkt bis zur heute fast vollständigen mischen Bestimmung als »Arbeit« in ihrer inkommensurablen kon­
Selbstaufgabe der VWL im Sinne einer Wissenschaft des ökonomi­ kret-sinnlichen Gestalt und bloßen Nominalabstraktion als auch von
schen Ganzen. der Hegelschen rein ideellen Bestimmung ablöst und auf ihren real
Die Wertbestimmung als funktionale Abstraktion einer subjekti­ abstrakten oder paradoxen »abstrakt sinnlichen« Fetischcharakter
ven Nutzenschätzung von individuellen Marktteilnehmern schlägt zurückführt.
mehrere Fliegen mit einer Klappe: Die Widersprüche einer indivi­ Zweitens bleibt Marx im Unterschied zu den bürgerlichen Klas­
duellen Wertbestimmung werden einer Scheinlösung zugeführt, sikern nicht bei dem dennoch auch von ihm partiell beibehaltenen
und der Kapitalfetisch als gesamtgesellschaftliches Verhältnis ver­ Zirkulationsbegriff einer allgemeinen »einfachen« Warenproduk­
schwindet ebenso im Kalkül des einzelnen homo öcönomicus tion stehen, sondern entwickelt den Kapitalbegriff als Selbstzweck
wie die Krisen, die im Rahmen dieser reduzierten ökonomischen des »abstrakten Reichtums« und »automatisches Subjekt«, wenn­
Logik gar nicht mehr denkbar sind und nur aus dem »externen« gleich ebenfalls zunächst bloß auf der Ebene des idealtypischen
Faktor von wiederum subjektiven Fehlleistungen (etwa politischen Einzelkapitals.

186
--

Drittens gelangt Marx dann endlich im dritten Band des »Kapi­ Unterschied zu den bürgerlichen Klassikern nicht auf »einen einzel­
tal« zum Begriff eines gesellschaftlichen Gesamtverhältnisses mit nen Austauschakt« (Heinrich 2004, 44), sondern auf einen »gesell­
eigener, übergreifender Qualität »hinter dem Rücken« der Akteure, schaftlichen Gesamtzusammenhang« (ebda) beziehe, aber diese
.
ein Smith und Ricardo völlig fremder Gedanke. Aufgrund seiner Einsicht wird nicht systematisch entwickelt und nicht als solche auf
Darstellungslogik verwickelt sich Marx dabei allerdings in Wider­ das Marxsche Darstellungsdefizit bzw. den Grund der »Befangen­
sprüche zwischen der noch dem bürgerlichen methodologischen heit« in Momenten der bürgerlichen Klassik zurückgeführt. Das
Individualismus verhafteten Wertformanalyse des »Anfangs« und Problem des methodologischen Individualismus als Grundkonzept
der erst abschließenden und inkonsequenten Reflexion der basalen bürgerlicher Gesellschaftswissenschaft im Allgemeinen . und der
Kategorien als solchen eines empirisch nicht unmittelbar erschei­ politischen Ökonomie oder VWL im Besonderen taucht bei Heinrich
nenden, in sich vermittelten Gesamtverhältnisses. nur äußerlich als Defizit der Klassik und Neoklassik im Sinne der
Michael Heinrich spricht nun in seiner Interpretation bestän�ig dortigen Ideologie auf, nämlich als »ein individueller Prozess zwi­
davon, dass Marx eine »theoretische Revolution« vollzogen habe, schen Mensch und Natur« (Heinrich 2003/1999, 206, Hervorheb.
dennoch aber »schon in den Grundlagen« auf bestimmte Weise Heinrich). In dieser Allgemeinheit scheint sich das Problem auf eine
dem Verständnis der bürgerlichen politischen Ökonomie verhaftet gesellschaftliche oder ungesellschaftliche Betrachtungsweise über­
geblieben sei. Aus dem bisherigen Argumentationsgang des hier haupt zu reduzieren. Es geht aber um den methodologischen Indi­
vorliegenden Textes könnte man dieser Aussage zwar in ihrer Abs­ vidualismus im Sinne einer Reduktion auf die »modellhafte« Ein­
traktheit zustimmen. Entscheidend ist aber natürlich, worin denn zelheit innerhalb einer Reflexion des gesellschaftlichen Zusammen­
die theoretische Revolution eigentlich inhaltlich besteht und in wel­ hangs selbst. In dieser Hinsicht bleibt das Verhältnis von einzelner
cher Weise bzw. auf welcher Ebene Marx dem »theoretischen Feld Ware bzw. einzelnem Kapital und »Gesamtprozess« auf der Ebene
der klassischen politischen Ökonomie „.in nicht unerheblichem der Wertformanalyse bei Heinrich genauso unklar wie bei Marx sel- ·

Maße verhaftet blieb« (Heinrich 2003/1999, 198). Genau an diesem ber bzw. er nimmt ausgerechnet hier das Moment der Befangenheit
Punkt scheiden sich die Geister der hier vertretenen wert-abspal­ im »Feld der klassischen bürgerlichen Ökonomie« nicht wahr.
tungskritischen Theoriebildung und der Neuen Marxlektüre in der So bleiben in seiner Interpretation die Kategorien von »abstrak­
Version von Heinrich ganz grundsätzlich; und hier ist auch die Wur­ ter Arbeit« und Wert durchaus weiterhin implizit begrifflich auf die
zel der Polemik zu suchen, nicht erst in der Krisentheorie (wie bei »einfache« und einzelne Waren- bzw. Geldform fixiert und daher
oberflächlicher Betrachtung oft angenommen wird). Die theoreti­ auch am idealtypischen Einzelfall kleben. Heinrich spricht genau
sche Auflösung ist jeweils eine diametral entgegengesetzte. Hein­ wie seine neo-orthodoxen Kontrahenten ganz unbefangen weiter­
rich erklärt zur »Befangenheit« im Feld der klassischen bürgerli­ hin vom »Wert« bzw. der »Wertgröße einer Ware« (a. a. 0, 53, pas­
chen Ökonomie, was aus unserer Sicht gerade umgekehrt Moment sim). Wenn er sich dennoch dagegen wendet, »die Wertgröße als
der theoretischen Revolution ist; und er hält unproblematisch für Eigenschaft der einzelnen Ware« (a. a. 0, 52) zu bestimmen, dann
ein lediglich noch inkonsequent ausgeführtes Moment der theore­ ist das insofern eine Mogelpackung, als damit nicht etwa wie in den
tischen Revolution, was für uns gerade umgekehrt zu jener »Befan­ obigen Ausführungen die Vermittlung durch den »Gesamtprozess«
genheit« im bürgerlichen Horizont gehört. oder die aggregierte gesellschaftliche Gesamtwertmasse gemeint
Das wird anhand des Status der Kategorien im Verhältnis von ist, sondern im Kontext der monetären Werttheorie nur die Wertbe­
einzelner Ware bzw. Einzelkapital einerseits und Gesamtkapital stimmung der immer noch einzelnen Ware durch die »zirkulative«
andererseits noch deutlicher als anhand einer beschränkten Aus­ Beziehung auf das Geld (vgl. dazu Genaueres weiter unten). Des­
einandersetzung um den Zirkulationsbegriff und findet in diesem wegen wird bei Heinrich auch das kategoriale Verhältnis von Ein­
erweiterten Problemfeld erst seine Begründung. Heinrich erwähnt zelkapital µnd Gesamtkapital nicht schon bei der basalen Bestim­
zwar in seiner »Einführung«, dass sich die Marxsche Analyse im mung des Verhältnisses von »Arbeit«, Wert und Geld entscheidend

188
problematisiert. Die Verkehrung von >>Voraussetzung« und »Resul­ an der gesellschaftlichen Gesamtmasse des Werts. Die individuelle
tat« in Darstellung und Realität bleibt systematisch ausgeklammert. Arbeit ist also zwar in der Tat ein Teil dieser Gesamtarbeit, indem
Der gesellschaftliche Gesamtzusammenhang, ohnehin nicht als sie zu dieser beiträgt, aber kein Bestimmungsgrund für eine Wert­
solcher in seiner Eigenqualität des kategorialen Ganzen als Apriori größe (in Wirklichkeit: Preisgröße) der von ihr produzierten Ware.
erfasst, kommt sozusagen erst durch die Hintertür und verkürzt als . Heinrich scheitert wie übrigens 'die gesamte Neue Marxlektüre an
»Austausch« herein, in dem für Heinrich ja überhaupt erst die Ver­ der Wertbestimmung, weil er trotz Verweis auf die »Gesamtarbeit«
gesellschaftung besteht. das gesellschaftliche Vermittlungsverhältnis von apriorischer Wert­
»Wertgegenständlichkeit« als qualitative Bestimmung und Wert­ gegenständlichkeit, einzelner Ware und Reproduktion des Gesamt­
größe als deren Quantität fallen daher bei Heinrich weiterhin unmit­ kapitals nicht zureichend klärt, sondern die Kategorien an der ideal­
telbar zusammen; aber nicht mehr als Identität vor dem »Tausch«, typischen Einzelheit kleben lässt.
sondern nur in diesem. Im Sinne seiner positivistischen Reduktion
des Ganzen auf einander äußerliche, getrennt erscheinende Funkti­
onssphären verwandelt sich die richtige Bestimmung, die Wertge­
genständlichkeit sei keine dem einzelnen Produkt zukommende,
sondern nur eine gemeinsame, in die falsche, dieses Gemeinsame
könne bloß im Austauschprozess existieren. Wenn aber die Wert­
form eine apriorische, Produktion und Markt konstitutiv vorgela­
gerte Bestimmung ist, dann kommt dem einzelnen Produkt sehr
wohl »Wertgegenständlichkeit« als Warencharakter zu, gerade weil
es bereits apriori Bestandteil eines gemeinsamen, gesellschaftlichen
Ganzen ist.
Und eben weil er die apriorische qualitative Bestimmung als
Wertgegenständlichkeit nicht von deren quantitativer Bestimmung
durch den Vermittlungsprozess der Konkurrenz trennen kann,
bleibt Heinrich auf der quantitativen Ebene selber dem Begriff eines
»individuellen Werts« verhaftet; nur mit der Umkehrung der Per­
spektive, indem dieser immer noch individuelle Wert nun durch
den Austausch bestimmt sein soll: »Die WertgröJSe einer Ware ist
nicht einfach ein Verhältnis zwischen der individuellen Arbeit des
Produzenten und dem Produkt ... , sondern ein Verhältnis zwischen
der individuellen Arbeit des Produzenten und der gesellschaftlichen
Gesamtarbeit« (Heinrich 2004, 53, Hervorheb. Heinrich). Die quan­
titative Bestimmung im Hinblick auf die Wertebene ist jedoch weder
das eine noch das andere. Es gibt überhaupt keine Wertgröße der
einzelnen Ware, sondern nur eine Preisgröße. Diese (realisierte)
Preisgröße wiederum beruht überhaupt nicht auf der individuellen
Arbeit eines Produzenten (bzw. Einzelkapitals), die bloß in unter­
schiedliche Beziehungen (eine falsche und eine richtige) gesetzt
würde, sondern auf dem konkurrenzvermittelten Anteil einer Ware
10. (Heinrich 2004 , 48). Als würde nicht eben das Naturmoment am
Menschen kapitalistisch abstraktifiziert, als bestünde nicht gerade
darin die real verdinglichende negative Qualität des Kapitalfetischs,
Die abstrakt-materielle Substanz des Kapitalfetischs will Heinrich das Gesellschaftliche gegen die gerade selber gesell­
schaftlich konstituierte physiologische Realabstraktion ausspielen,
ohne seinerseits noch einen Inhalt der Wertsubstanz angeben zu
Die mangelnde Überwindung des bürgerlichen methodologischen können.
Individualismus in der Kritik der politischen Ökonomie führt die So löst er das Problem genau in die falsche Richtung auf. Nicht der
Neue Marxlektüre in eine ganz andere, geradezu entgegengesetzte apriori gesamtgesellschaftliche Charakter der von Marx ganz richtig
Richtung als die hier vertretene Auffassung, um die Widersprüche bestimmten Wertsubstanz wird von ihm gegen die Marxsche Fixie­
und Inkonsistenzen der Marxschen Darstellungslogik aufzulösen, rung auf den »individuellen Wert« als . vermeintlicher Basis ins Feld
was aber nur in neue Widersprüche und Inkonsistenzen führt, wie geführt, sondern genau umgekehrt der Marxsche Substanzbegriff
nun zu zeigen ist. Dies betrifft vor allem den Marxschen Substanzbe­ (mitsamt der Reflexion auf dessen real paradoxen, »abstrakt-materiel­
griff der »abstrakten Arbeit«. len« Charakter) als solcher von Grund auf verworfen, um den immer
Heinrich weist zwar richtig darauf hin, dass die Vorstellung, eine noch individuellen Wertbegriff zu »entsubstantialisieren«. Dieser
bestimmte einzeln verausgabte abstrakte Arbeitsmenge »stecke« nun Substanzbegriff einer nicht unmittelbar empirischen Fetisch-Reali­
in der produzierten einzelnen Ware, eine von Marx selbst nahe gelegte tät, der für die positivistische Wahrnehmung ein Gräuel und Ärgernis
Fehlleistung der traditionellen Auffassung sei. An dieser Stelle gabelt bildet, ist ein solches auch für Heinrich, der damit abermals seinen
sich jedoch der Weg der Argumentation in die hier vertretene, im letz­ positivistischen Hintergrund offenbart.
ten Kapitel dargestellte Richtung einerseits und die von der Neuen Das grundsätzliche Verhältnis von individuellem Preis und gesamt-
Marxlektüre eingeschlagene Richtung einer Kritik des Marxschen
·

gesellschaftlicher Wertmasse bleibt also bei Heinrich genauso unter­


Substanzbegriffs andererseits. Denn die Einsicht, dass es keinen line­ belichtet wie im gewöhnlichen Marxismus, weil er die Frage gar nicht
aren Zusammenhang von einzelner Arbeitsmenge und Wertgröße systematisch weiterverfolgt, sondern bloß in der gewöhnlichen Manier
der einzelnen Ware gibt, führt in der Neuen Marxlektüre und spezi­ marx-philologisch referiert, während die scharfe Ablehnung des Sub­
ell auch bei Michael Heinrich keineswegs zum gesamtgesellschaft­ stanzbegriffs unbekümmert um das Verhältnis von einzelner Ware
lichen Vermittlungszusammenhang von Produktion, Wertsubstanz bzw. Einzelkapital einerseits und Gesamtkapital andererseits zum
und Preis. Heinrich konfundiert nämlich stattdessen durchgehend Dreh- und Angelpunkt seiner »originellen« Argumentation wird.
die Mängel einer unmittelbar individuellen Bestimmung der Wert­ Heinrichs Behauptung, ausgerechnet mit dem Substanzbegriff sei
größe einerseits und den Marxschen Substanzbegriff als solchen Marx im bürgerlichen »theoretischen Feld« befangen geblieben, ist
andererseits. kontrafaktisch, denn Smith und Ricardo kennen den Begriff der »abs­
Die durchaus gesellschaftliche Marxsche Bestimmung der Wert­ trakten Arbeit« gar nicht und heben daher auch nicht auf die abstrakte
substanz als Verausgabung abstrakt-menschlicher Energie von »Nerv, Verausgabung menschlicher Arbeits- oder Lebensenergie ab, son­
Muskel, Hirn« wird in falscher Unmittelbarkeit gleichgesetzt mit dem dern beziehen die bloße Nominalabstraktion der »konkreten Arbeit«
vermeintlichen Eingehen in die einzelne Ware. Aber nicht letzteres unmittelbar auf die Wertgröße, wobei sie die Wertform blind-ontolo­
wird grundsätzlich kritisiert, sondern ersteres. Heinrich negiert die gisch voraussetzen. Heinrich weiß das natürlich, aber er tut so, als
Marxsche Bestimmung der Substanz als reale abstrakt-menschliche habe Marx mit seinem substantiellen Begriff der »abstrakten Arbeit«
Energie, als spezifisch kapitalistische »physiologische Abstraktion«, bloß eine »Präzisierung der Klassik« vorgenommen und »eine dort
indem er darin eine »naturalistische Interpretation« sehen will, also nicht vollzogene Unterscheidung nachgeholt« (Heinrich 2003/1999,
eine >>ganz ungesellschaftliche, sozusagen natürliche Grundlage« 212). Im Gegenteil ist aber gerade die substantielle Bestl.mtnung der

1 93
»abstrakten Arbeit« ein wesentliches Moment beim Bruch mit d<er ein Gedankending, das zugleich als solches materiell ist, nämlich das ·

Klassik. Nicht mit seinem Substanzbegriff ist Marx im bürgerlichen Moment realer Energieverausgabung.
»theoretischen Feld« stecken geblieben, sondern allein mit der »indli­ Für Heinrich besteht aber der Unterschied zwischen Nominalab­
viduellen« Bestimmung der Wertgröße im Sinne des methodologi­ straktion und Realabstraktion allein darin, dass erstere bewusst und
schen Individualismus. . letztere bewusstlos vollzogen würde, während das »Reale« eigentlich
Heinrich subsumiert jedoch das Problem des gesellschaftlichen keine substantiell-materielle Basis mehr hat, sondern eben nur der
Vermittlungsverhältnisses unter seine Polemik gegen den Substan:z­ funktionale Vollzug der Abstraktion als substanzloses Gedankending
begriff überhaupt und gelangt so zu einer völligen Konfusion in seiner im »Tausch« �ein soll. Es bleibt sein Geheimnis, worauf sich dann
Darstellung von ersterem, die eher hinter Marx zurückfällt, als de:s­ überhaupt die Quantifizierung bezieht, die sich auf den verschiede­
sen Defizit zu korrigieren. Einerseits behauptet er, dass es gar keime nen Ebenen von Wertform, Preisform und Geldform niederschlägt,
materiell durch abstrakte Arbeitsenergie bestimmbare Substanz gebce, wie im Folgenden genauer gezeigt wird.
auf die sich der Wertbegriff und letztlich die Preise zurückführen lie­ Eine bloße Abstraktion als solche kann man nicht quantifizieren.
ßen; die »Realabstraktion« sei allein eine im »Tausch« vorgenom­ Heinrich hat sich schon grundsätzlich den Zugang zu einer Problem­
mene, wodurch die an sich inkommensurablen Waren »„. >gewallt­ lösung verbaut, indem er die gesellschaftliche Vermittlung gegen den
sam< verglichen werden« ( Heinrich 2003/1999, 219). Das »Reale« Substanzbegriff überhaupt ausspielt. Das hat allerdings den Preis,
an der Abstraktion ist dann allein die Tauschhandlung; die Abstralk­ dass er den Vermittlungszusammenhang selber wie bereits gezeigt
tion bezieht sich auf kein materielles Substrat mehr, sondern bleibt auf den so genannten »Austausch«, tatsächlich die Realisierungs­
ein bloßes Gedankending. Das ist aber nur bedingt richtig und gilt sphäre des Werts bzw. Mehrwerts reduzieren muss. »Realisieren«
für jede Abstraktion. Um ein spezifisches Gedankending als Realab­ kann sich aber nur etwas, das schon da ist, aber noch nicht in »rea­
straktion handelt es sich jedoch im Sinne eines Handlungsvollzugs, lisierter« Form. Was als »Realisierung« bezeichnet wird (das deut­
der nicht allein im Tausch existiert, sondern schon in der Produktion: sche Wort »Verwirklichung« trifft die Sache vielleicht noch besser),
Auch in dieser wird objektiv (nicht subjektiv-bewusst) im Sinne des ist nicht die substantielle »Entstehung« des Werts, sondern lediglich
transzendentalen Apriori vom konkret-technischen Produktionsvoir­ die Metamorphose oder der Formwandel der im Produktionsprozess
gang abstrahiert, und zwar eben in Bezug auf die reale abstrakte Veir­ entstandenen Substanz, die Verwandlung der Wertgegenständlich­
ausgabung von menschlicher Energie, die dann im Tausch als Wer!t­ keit der Ware in die Geldform bzw. die (quantitativ erweiterte) Rück­
gegenständlichkeit wieder erscheint; aber eben nicht individuell, son­ verwandlung in ihre Ausgangsgestalt.
dern gesellschaftlich-konkurrenzvermittelt. Andererseits möchte sich Heinrich jedoch nicht die Blöße geben,
Im Tausch, sprich: in der Realisierungsbewegung auf dem Marktt, umstandslos die neoklassische, rein zirkulativ (und also ideologisch)
ist der Wert tatsächlich nur ein scheinbar nominalistisches Gedam­ bestimmte subjektive Wertlehre zu reproduzieren, die in ihrem wei­
kending, weil die Verausgabung abstrakt-menschlicher Energie ja teren Fortgang konsequenterweise den Wertbegriff überhaupt fallen
bereits vergangen ist und nur als gesellschaftliche Abstraktion fiktiv gelassen und in die Kategorie des Preises aufgelöst hat. Es soll mithin
am Warending als dessen »Geltungsbestimmung« haftet. Aber diesie als letzter Schrei der VWL nur noch Preise geben, der Wert gilt als
Energie muss ja wirklich in der Produktion verbrannt worden seim, Mystifikation. Heinrich distanziert sich davon nur halbherzig, indem
damit das möglich ist; die Realabstraktion erfasst in diesem Sinne er zwar den Marxschen Substanzbegriff genau wie die Neoklassik
auch die Produktion, nicht erst die Markthandlung, und in diesem verwirft, jedoch trotzdem unausgewiesen an einem Wertbegriff fest­
Sinne ist der Wert eben kein bloß nominales Gedankending, sondern hält und eine Beziehung zwischen »Arbeit« und Wertgröße bzw.
eine andere Art der Realabstraktion: ein Gedankending nur insofern, Preis nicht ausschließt, ohne diese allerdings erklären zu können.
als die Verausgabung physiologischer Energie zwar nicht von dere111 So setzt sich jedoch die Konfusion in eklatanter Weise fort, wenn
konkreter Form (alias »konkrete Arbeit«) getrennt werden kann; aber es darum geht, »trotz alledem« einen Bezug oder eine Vermittlung

1 94 1 95
von »Arbeit« und Wert herzustellen. Das geht eigentlich nicht, ohne zuvor lang und breit grundsätzlich zurückgewiesen hat, nämlich dass .
am Substanzbegrifffestzuhalten, denn nur dieser kann einen solchen die Waren »bereits vor dem Austausch einen Wert besitzen«, der im
Zusammenhang erklären im Gegensatz zur bloß zirkulativen funk­ Austausch nur »realisiert« werde, plötzlich »seine Berechtigung« zu,
tionalen Abstraktion, die einen Bezug zur »Arbeit« überhaupt aus­ ohne den dabei auftauchenden haarsträubenden Widerspruch in sei­
schließt. Heinrich gerät hier schon semantisch ins Schleudern. Teil­ ner eigenen Argumentation überhaupt zu bemerken. Das Zugeständ­
weise spricht er selber mit Marx sozusagen philologisch-definitorisch nis ist aber selber eine Verschlimmbesserung, denn damit fällt er erst
von der irgendwie doch auf »Arbeit« beruhenden »Wertsubstanz«. Er recht auf einen individuellen Wertbegriff zurück; tatsächlich besitzt
polemisiert jedoch zugleich gegen die »Rede von der Wertsubstanz«, die Ware vor dem Marktgang zwar bereits die Wertgegenständlichkeit
insofern diese »substantialistisch« verstanden werde, und zwar »häu­ als ihre apriorische gesellschaftliche Qualität, aber diese ist eben nicht
fig« (Heinrich 2004, 47). Was dürfen wir uns unter einer »Substanz« als quantitativer Wert (Wertgröße) bestimmt. »Fixiert« wird die Quan­
vorstellen, die jedoch beileibe »nicht substantialistisch« verstanden tität außerdem nicht im »Austausch« schlechthin durch Bezug auf
werden soll? Bei dieser merkwürdigen, in den Heinrichschen Texten die Geldform, sondern durch die Konkurrenz bzw. deren Ergebnis auf
mehrfach auftauchenden Formulierung handelt es sich um einen ele­ dem Markt, der eben kein einfacher »Austausch« ist. Tatsächlich fehlt
mentaren logischen Fehler, um eine contradicitio in adjecto. Genauso bei Heinrich auf der Darstellungsebene der Vermittlung von Wert­
gut könnte man von einem »nicht runden Kreis« sprechen oder von substanz und Wertgröße der Begriff der Konkurrenz durchgehend.
einem »nicht hölzernen Holz« usw. Der sprachliche Lapsus enthüllt So bleibt dann natürlich auch der Unterschied von Wertgröße und
die inhaltlich-begriffliche Verwirrung oder den logischen Selbstwi­ konkurrenzvermittelter individueller Preisgröße (als Anteil an der
derspruch, den Marxschen Substanzbegriff formal-philologisch zu gesamtgesellschaftlichen Wertmasse) unreflektiert. Stattdessen soll
übernehmen und ihn dennoch inhaltlich zu verwerfen. · es sich wie schon in zahlreichen anderen Passagen bei Heinrich um
Worin besteht nun die Substanz bzw. in welcher Hinsicht ist die jenes ominöse »Verhältnis der individuellen Privatarbeit zur gesell­
»Arbeit« diese Substanz (als Grundlage der Quantifizierung), die schaftlichen Gesamtarbeit« handeln. Diese Formulierung bleibt aber
aber doch keine sein soll? Inwiefern ist sie keine oder dann doch nicht nur wie gehabt am Begriff einer individuellen Wertgröße kle­
eine? Heinrich steigert die Konfusion weiter, soweit er versucht, sich ben, sondern lässt auch völlig im Dunkeln, worin denn nun die quan­
trotz eines unklaren, letztlich zirkulationsfixierten »Anti-Substantia­ titative Vermittlung zwischen »Arbeit« und »Austausch« besteht oder
lismus« von der Theorie einer Entstehung des Werts in der Zirkula­ was jene Substanz ist, die zugleich keine sein soll. Der Begriff »Ver­
tion abzugrenzen: »Wenn Marx an mehreren Stellen betont, dass die hältnis« sagt darüber nichts aus, er ist rein relationistisch und damit
Waren ihren Wert nicht aufgrund des Austauschs erhalten, dass sie wiederum verdächtig nahe an der marginalistischen funktionalen
ihren Wert im Austausch realisieren (was unterstellt, dass sie bereits Abstraktion der reinen Markthandlung, wovon sich Heinrich ja hin­
vor dem Austausch einen Wert besitzen), so hat dieses Argument sichtlich der Werttheorie eigentlich abgrenzen will. Diese Abgren­
seine Berechtigung, insofern es gegen bloße Zirkulationstheorien des zung erweist sich so als unbegründete Schutzbehauptung oder Ver­
Werts (eine Ware ist das >wert<„ was man für sie erhält) gerichtet ist nebelungstaktik, denn hinsichtlich des gesellschaftlichen (substanti­
und statt dessen daraufinsistiert, dass dem Wert ein bestimmtes Ver­ ellen) Inhalts der Quantifizierung sind wir so klug wie zuvor.
hältnis der individuellen Privatarbeit zur gesellschaftlichen Gesamt­ Wenn es letztlich doch die »Arbeit« sein soll, die sich in eine Quan­
arbeit zugrunde liegt. Allerdings kann dieses Verhältnis vor dem Aus­ tität der Wertgegenständlichkeit umsetzt, wenn sich also eine prozes­
tausch nicht fixiert werden« (Heinrich 2003/1999, 232 f., Hervorheb. sierende soziale Quantität (Arbeitszeit) in eine dingliche Quantität
Heinrich). des als Geld realisierten Werts verwandelt, dann muss Heinrich uns
Jetzt geht endgültig alles durcheinander, Wertgegenständlichkeit endlich enthüllen, welche unbekannte Qualität der »Arbeit« es denn
und Wertgröße ebenso wie Produktion und Austausch; von Vermitt­ ist, die jene Quantifizierung ausmacht, und zwar bereits vor dem
lung keine Spur. Heinrich gesteht genau dem »Argument«, das er »Austausch«, denn in diesem ist ja die vorherige Produktionsarbeit

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nicht mehr als solche anwesend. Die Marxsche Bestimmung als abs­ Was hier »fließt«, ist nur noch der theoretische Begriff, der keinen
trakt-menschliche Energieverausgabung von Nerv, Muskel, Hirn hat realen Zusammenhang mehr bezeichnet. Es ist die durchgängige
Heinrich jedoch bereits ausgeschlossen. Er sagt nur, dass die »Arbeit« Verwechslung von realem Verhältnis und Darstellungslogik, wie sie
in der Produktion immer eine konkrete sei und als solche nicht für die uns bei Heinrich schon öfter begegnet ist, die das Mysterium der Ver-
abstrakte Wertgrößenbestimmung »gemessen« werden könne (Hein­ . wandlung von »konkreter Arbeit« (Produktion) in »abstrakte Arbeit«
rich 2003/1999, 218). »Abstrakte Arbeit« hingegen könne »überhaupt (Austausch) als leichte Übung erscheinen lässt.
nicht >verausgabt< werden« (Heinrich 2004, 49). Sie sei vielmehr In der weiteren Argumentation verschiebt Heinrich dieses Prob­
»ein im Tausch konstituiertes Geltungsverhältnis« (ebenda, Hervor­ lem nur, indem er sagt, im »Tausch« würde die einzeln verausgabte
heb. Heinrich). Damit klafft ein unüberbrückbarer Abgrund zwischen konkrete Arbeit als Wert bildende und als »Bestandteil« der gesell­
Produktion und »Tausch«. Wenn »abstrakte Arbeit« allein im Aus­ schaftlichen Gesamtarbeit »gelten«. Damit ist er nicht weiter als Marx
tausch »konstituiert« wird, während in der Produktion nur »konkrete im ersten Band: Die Aussage nämlich, dass die einzelne Arbeit sich
Arbeit« existiert, dann sind beide Sphären in Wahrheit inkommensu­ auf dem Markt als Bestandteil der Gesamtarbeit bewähren muss,
rabel und die Quantifizierung hat keinerlei objektive Grundlage. überwindet den methodologischen Individualismus eben keines­
Die Unlösbarkeit des Problems in der Heinrichschen Diktion ergibt wegs, wenn nicht zugleich der gesamtgesellschaftliche Charakter der
sich natürlich daraus, dass er wie schon gezeigt die gesellschaftli­ vori. der »gültigen« Arbeit gebildeten Wertmasse festgehalten wird.
che Vermittlung der Wertsubstanz hinsichtlich ihrer Quantitätsbe­ Da Heinrich in dem Vorgang nichts anderes sieht, als dass »individu­
stimmung nicht erklären kann. Er schlägt den Inhalt des Substanz­ ell verausgabte Arbeitszeit« auf »gesellschaftlich notwendige Arbeits­
begriffs fälschlich einer >>Ungesellschaftlichen« Denkweise zu und zeit reduziert« werde, verlässt er damit die falsche Bestimmung eines
muss gerade deshalb die »Arbeit« und ihr Produkt vor dem »Tausch« »individuellen Werts« auch in diesem Punkt nicht und beweist nur,
eine ungesellschaftliche »konkrete« Tätigkeit und Gegenständlich­ dass er das Marxsche Darstellungsproblem gar nicht verstanden hat.
keit sein lassen, während die »abstrakte Arbeit« und abstrakte Wert­ Statt das Verhältnis von individuellem Aufwand an Arbeitsenergie
gegenständlichkeit rein zirkulativ konstituiert sein sollen, ohne dass und gesamtgesellschaftlicher Vermittlung der Wertgröße zu klären
die individuelle Wertgrößenbestimmung verlassen und die Quanti­ oder dieser Frage überhaupt nachzugehen, springt er unvermittelt
tät in ihrer gesellschaftlichen Vermittlung erfasst wird. Die Wurzel von diesem Zusammenhang auf den ganz anderen des Verhältnisses
dieser Fehldeutung, die das »Verhältnis« in völlig inkommensurable von Produktion und Markt (für ihn Zirkulation oder »Tausch«), von
Sphären auseinanderfallen lässt, ist im mangelnden Verständnis der einzelner Ware und Geld bei der immer noch individuellen Wertbe­
Realabstraktion von »Arbeit« und Wert als transzendentales Apriori stimmung dieser Ware.
zu suchen, das alle erscheinenden Sphären qualitativ übergreift. Indem er den individuellen Wert nur in den »Austausch« durch das
Sobald es um die gesellschaftliche Vermittlungsbewegung geht, Geld verschiebt, muss er behaupten, dass die individuelle Arbeit als
»vergisst« Heinrich gewissermaßen seine eigene Aussage, dass die abstrakte eben ·durch das Geld im Austausch »gemessen« werde. So
Vorstellung, die jeweils aufgewendete Arbeit »fließe« in die einzelne drehen wir uns im Kreis, denn es bleibt wiederum offen, was es denn
von dieser Arbeit produzierte Ware, eine Fehldeutung sei. In der wei­ sein soll, das vom Geld »gemessen« wird. Das Problem wird immer
teren Argumentation kommt er auf dieses Problem gar nicht mehr nur auf eine neue Darstellungsebene verschoben, ohne seiner Lösung
zurück und klärt daher auch nicht, wohin denn die aufgewendete näher zu kommen. An die Stelle einer Klärung, welche objektive Sub­
Arbeit stattdessen fließt (der Begriff einer gesamtkapitalistischen stanz der Quantifizierung zugrunde liegt, tritt der Begriff der »Gel­
Aggregierung der gesellschaftlichen Wertmasse bleibt ihm so fremd tung«. Heinrich will uns einfach nicht verraten, worin die quantita­
wie dem gesamten einschlägigen Diskurs). Das ist natürlich deshalb tive Vermittlung von »konkreter« und »abstrakterArbeit« besteht (für
so, weil er das, was hier das »Einfließen« der »Arbeit« in eine Gegen­ ihn inkommensurabel auf zwei getrennte Sphären verteilt), sondern
ständlichkeit ausmacht, schon entmaterialisiert und entwirklicht hat. postuliert begründungslos: »Im Tausch gilt die verausgabte konkrete

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Arbeit als ein bestimmtes Quantum Wert bildender abstrakter Arbeit »Tausch« (eigentlich ein archaisierender Begriff, real handelt es sich ·
und damit auch als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit« um Ware-Geld-Transaktionen der »Realisierungsbewegung«) kann
( Heinrich 2004, 49, Hervorheb. Heinrich). nur »erscheinen«, was die einzelnen Waren qualitativ-wesensmäßig
Wir können die Sache drehen und wenden, wie wir wollen: Objek­ bereits »sind«, aber in ihrer Einzelheit noch nicht »ausdrücken« kön­
tiv sind und bleiben die angeblich nur-konkrete Arbeit der Produk­ nen, weil hier die »Entäußerung« des Wesens in die Erscheinung
tion und die »abstrakte Arbeit« als bloßes »Geltungsverhältnis« der keine äußere sachliche Entsprechung findet, sondern nur die form
»Zirkulation« in gar keiner Weise kommensurabel. Ein »Geltungs­ des ideellen (nicht realisierten) Preisausdrucks:
verhältnis« stellt aber als solches keine quantifizierbare objektive Qua­ Indem das Kapitalverhältnis als gesellschaftliches Verhältnis und
lität dar, solange nicht geklärt ist, worin diese als beiden Seiten des als fetischistische Form des Ganzen der gesellschaftlichen Reproduk­
Verhältnisses gleichermaßen zukommende inhaltlich besteht. Das tion das wirkliche Apriori ist, stellt die Produktion eben bereits sub­
reine Verhältnis ohne Inhalt wäre leer - es sei denn, der Begriff der stantielle Wertproduktion dar und das einzelne, noch nicht als Wert
»Geltung« wird seines objektiven Charakters entkleidet und in den realisierte Produkt ist apriori bereits Ware und damit Wert der Quali­
einer bloß subjektiven »Vereinbarung« oder »Schätzung« verwandelt. tät nach (das mögliche Misslingen der Realisierung dementiert nicht
Dann freilich wären wir doch beim subjektiven Wert- oder letztlich diese gesellschaftliche Formbestimmung, sondern findet auf deren
bloßen Preisbegriff der Neoklassik angelangt und es bedürfte gar kei­ Boden statt und wird durch sie überhaupt erst zwingend). Diese aprio­
ner Vermittlung zwischen Arbeitsaufwand in der Produktion und rische, intrinsisch-gesellschaftliche Wertgegenständlichkeit ist jedoch
»Geltungsverhältnis« auf dem Markt mehr, weder ein individuelles noch nicht unterschieden vom Warenleib als konkretem Produkt, sie
noch ein gesamtkapitalistisches. ist an der einzelnen Ware noch »gespenstisch«, weil diese als etwas
Logischerweise wiederholt sich das Problem der Inkommensura­ anderes gesellschaftlich objektiv »gültig« ist: nicht als Tisch usw„
bilität von »nur-konkreter« Arbeit in der Produktion und »abstrak­ sondern als Repräsentanzgegenstand eines zunächst unbestimm­
ter Arbeit« als .ominösem »Geltungsverhältnis« in der »Zirkulation« ten Quantums vergangener »abstrakter Arbeit«. Diese negative und
ebenso beim Problem der »Wertgegenständlichkeit«. Bloß konkret­ »gespenstische« gesellschaftliche Qualität »erscheint« zunächst bloß
sinnliche Produkte der Produktion und abstrakte Wertgegenständ­ virtuell, im daran hängenden oder darauf geklebten Preisschild; real
lichkeiten erst auf dem Markt sind ebenso unvermittelte und inkom­ erscheinen kann sie jedoch erst durch den Verkauf, indem sie in Geld
mensurable Bestimmungen. Heinrich treibt dabei Schindluder mit zurückverwandelt wird und sich damit als Quantum in der gesamtge­
dem Begriff der »Erscheinung«. Wie der Positivismus überhaupt und sellschaftlichen Realisierungsbewegung des Kapitals bewährt. Hein­
die postmoderne Ideologie im Besonderen verleugnet er offenbar ein rich dagegen behauptet, dass im »Tausch« (tatsächlich: im Realisie­
Verhältnis von Wesen und Erscheinung; es gäbe dann nur noch für rungsakt) nicht »erscheint«, was der Gegenstand »wesentlich« bereits
sich stehende Erscheinungen, die aufnichts mehr zurückgeführt wer­ ist und sein muss, sondern dass dieses bloße »Erscheinen« für sich
den müssen. Sehr bequem, um dem Problem der Inkommensurabili­ konstitutiv wäre. Der Dialektiker Marx würde sich schütteln, wenn
tät von konkret-sinnlicher und abstrakt-fetischistischer Gegenstands­ er das lesen müsste. Dass Heinrich wie oben gezeigt an einer Stelle
bestimmung der kapitalistischen Reproduktion zu entschlüpfen. So in Bezug auf die »Realisierung« auch das Gegenteil sagt, dokumen­
beruft sich Heinrich auf Marx-Zitate, wo dieser des Öfteren sagt, der tiert nur die Konfusion und die Unklarheit hinsichtlich des Verhält­
Wert könne erst in der Form des Tauschwerts »erscheinen«. In die­ nisses von »Substanz« und deren »Realisierung« bzw. von »Wesen«
sem Sinne heißt es etwa, erst »innerhalb ihres Austauschs« erhielten und »Erscheinung«.
die »Arbeitsprodukte« eine von ihrer »Gebrauchsgegenständlichkeit« Sozusagen den Beweis dafür, wie Heinrich das Verhältnis von
verschiedene »Wertgegenständlichkeit« (zit. bei Heinrich 2004, 53). Qualität und Quantität des Werts grundsätzlich verfehlt, finden wir
Nun lässt aber Marx ganz zu Recht keinen Zweifel daran, dass der in der Art und Weise, wie er das berühmte Transformationsproblem
»Tauschwert« eben bloße »Erscheinungsform« des »Werts« ist. Im (Umwandlung von Werten in Produktionspreise) behandelt. Weit

200 201
entfernt davon, dieses als ein durch die Diskrepanz in der Marx­ Charakter unaufgehobene begriffliche Darstellung zur eigentlichen
schen Darstellungslogik entstandenes Scheinproblem aufzulösen, Realität macht, um das ungelöste Problem der Quantifizierung »weg­
bleibt er ausdrücklich bei der Unlösbarkeit auf der Ebene der indivi­ zuerklären«, zu eskamotieren.
duellen Substanz stehen, die für ihn diejenige der Substanzbestim­ Einen wenn auch schrägen Sinn könnte das wiederum nur erge­
mung überhaupt ist. Er meint stattdessen die zirkulative Geldver­ ben, wenn damit (in Anlehnung an die jüngere VWL) gesagt werden
mittlung für eine höchst eigentümliche »Lösung« des Transforma­ soll, dass es überhaupt nur Preise und gar keinen Wert gibt. Wollte
tionsproblems ins Feld führen zu können. Es ließen sich nämlich, man aber das Transformationsproblem ausgerechn�t in diesem Sinne
so Heinrich, »(prämonetäre) Werte nicht in (prämonetäre) Produkti­ als Scheinproblem auflösen, dann könnte auch von einer »Transfor­
onspreise verwandeln« (Heinrich 2003/1999, 279). Das ist in der Tat mation von Werten in Produktionspreise« keine Rede mehr sein,
so, aber nur, wenn man von individuellen Werten ausgeht. Heinrich woran aber Heinrich trotzdem festhält. Er löst das Problem nicht auf
schließt daraus wiederum, dass es keine logisch dem Geld vorgängige andere Weise als es bei Marx und in der marxistischen Rezeption
Wertsubstanz geben könne, weil er diese eben auch nur als individu­ erscheint, während die Argumentation dabei in sich widersprüchlich
elle verstehen will. bleibt, sondern er erklärt es ohne Begründung auf sophistische Weise
Statt also das Substanzproblem auf die Ebene des Gesamtkapi­ (»Begriff« versus »Quantität«, erinnert das nicht an Hegel, muss man
' da nicht ehrfürchtig erschauern?) bloß für gegenstandslos, ohne aber
tals und seines »Gesamtprozesses« zu heben, wirft er Marx nun vor,
dass dieser das Verhältnis von Werten und Preisen (Produktionsprei­ die Problemformulierung aufzugeben. Hier zeigt sich am deutlichs­
sen) überhaupt als ein quantitatives bestimmen wolhe. Dem Geld ten, wie haltlos die begriffliche Eliminierung des Substanzbegriffs als
könne gar »kein quantitativ bestimmtes Wertsystem« (a. a. 0, 280) einer logisch vorgängigen Bestimmung ist.
zugrunde liegen. »Deshalb« stelle sich im Rahmen einer monetären Die hier geführte Auseinandersetzung mag etwas schwerfällig wir­
Werttheorie »das Problem einer quantitativen Umrechnung von Wer­ ken, weil es mühsam ist (und man dabei Redundanzen in Kauf neh- ·

ten in Produktionspreise überhaupt nicht« (ebenda, Hervorheb. Hein­ men muss), die in Heinrich vereinigten Vorurteile von traditionellem
rich). »Vielmehr« gehe es »bei der Transformation von Werten in Pro­ Marxverständnis und postmoderner Virtualisierung der Kategorien
duktionspreise . .. um den begrifflichen Übergang zwischen verschiede­ zu widerlegen. Deshalb zu diesem Punkt abschließend noch einmal
nen Stufen der Darstellung« (ebenda, Hervorheb. Heinrich). eine Zusammenfassung. Wie stellt sich das Problem des Zusammen­
Diese Argumentation ist wirklich unbezahlbar. Egal, wie man das hangs von »abstrakter Arbeit«, Wertgegenständlichkeit der Ware und
Transformationsproblem behandelt und lösen oder als Scheinproblem Wertgröße oder genauer Preisgröße aus der hier entwickelten Sicht
gegenstandslos machen will, es kann überhaupt nur ein quantitatives dar?
sein; so ist es ja definiert, nämlich als quantitative Differenz von Wert Die historisch-spezifische Qualität der realabstrakten Kategorien
und Produktionspreis. Qualitativ gibt es keine Differenz, beides wird bildet das apriorische und übergreifende Ganze. Das Kapital ist nicht
in Geld ausgedrückt und (marxistisch) auf »Arbeit« zurückgeführt. die äußere Summe der Einzelkapitalien, sondern das Gesamtkapital
Der »begriffliche Übergang«, von dem Heinrich spricht, hätte also als transzendentales Wesen; die Metamorphosen sind diejenigen die­
gerade die quantitative Differenz zu erklären, indem die vermittelnde ses Ganzen oder Wesens, auch wenn sie in verkehrter Form nur aufder
Bewegung zwischen Wert und sog. Produktionspreis aufgedeckt Ebene der Einzelkapitalien und ihrer Marktkonkurrenz real »erschei­
wird. Heinrich ist nun so »originell«, den »begrifflichen Übergang« nen«. Das ist auch der Grund, warum die bürgerliche Statistik nur die
gegen die Bestimmung der quantitativen Differenz ausspielen zu wol­ empirischen Momente der Erscheinungsebene in ihrer Verzerrung
len. Hier zeigt sich wieder, dass er die wirkliche soziale und sachli­ wiedergeben kann, die nicht mit der substantiellen Bewegung auf der
che oder materielle (im Sinne der zugrunde liegenden realen Arbeits­ nicht-empirischen Wertebene identisch sind. Auch Marxisten verfal­
substanz) Transformation nicht einer begrifflichen Lösung im kri­ len aus den genannten Gründen dieser bürgerlichen Sicht, indem sie
tisch-theoretischen Denken zuführt, sondern die in ihrem defizitären oft umstandslos die statistischen Größen in eins mit der Wertebene

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setzen (also z. B. über die Statistik einer »Profitrate« fabulieren, die sondern ein realisierter Preis als ein vom individuellen Beitrag auf
als reale gesamtkapitalistische gar nicht unmittelbar erscheinen kann der Wertebene ganz verschiedenes Quantum der totalen Wertmasse.
und als bloße Summe der jeweiligen volkswirtschaftlich erfassten Die »erscheinende« Wertgegenständlichkeit als realisierter Preis in
empirischen, gar nicht direkt mit der Wertebene vermittelten Einzel­ der Konkurrenz ist dabei zugleich ein Moment in der Realisierungs­
profi.traten ein völlig verzerrtes Bild ergeben muss) . Der Zusammen­ bewegung oder Metamorphose des Gesamtkapitals.
hang von Statistik und realer Verwertungsbewegung ist ein indirek­ Bei Heinrich dagegen wird dieser Zusammenhang überhaupt
ter, der keinesfalls unmittelbar in empirischen Daten ausgedrückt nicht thematisiert; er ersetzt die Kritik an der Marxschen Wider­
werden kann, sondern nur im Sinne von Indizien zu erschließen ist. sprüchlichkeit zwischen individueller Wertbestimmung und gesamt­
Die Produktion ist unter der Bedingung dieses apriorischen Gan­ kapitalistischem Vermittlungsprozess durch die Kritik am völlig kor­
zen bereits Einheit von »konkreter« und »abstrakter« Arbeit, im rekten Marxschen Substanzbegriff. Indem er dabei Produktion und
Resultat Einheit von stofflichem Produkt und Wertgegenständlich­ Marktvermittlung von Wertgegenständlichkeit und Wertgröße in
keit. Gesellschaftlich »gültig« ist dabei an der »konkreten« Arbeit nur inkommensurable Bestimmungen auseinander reißt, kann er weder
ihr Aspekt als »abstrakte« Arbeit, als Verausgabung von menschlicher individuell noch gesamtgesellschaftlich erklären, welche Qualität
Arbeits- oder Lebensenergie (Nerv, Muskel, Hirn). »Konkrete« und überhaupt quantifiziert wird. Sein Festhalten am Wertbegriff und an
»abstrakte« Arbeit fallen also nicht in zwei getrennte Sphären ausei­ einem Zusammenhang von »abstrakter Arbeit« und Wert bleibt bloße
nander, sondern sind zwei Aspekte derselben Logik, die alle Sphären Versicherung und argumentativ leer. Was diese Argumentation einer
übergreift, dabei aber die konkrete Seite nur als Erscheinungsform substantiell vermittlungslosen zirkulativen Wertbestin:imung nahe
der (real) abstrakten »gelten« lässt. Das Produkt wiederum ist des­ legt, ist viel eher die subjektivierende Auffassung der bürgerlichen
'
halb seinerseits nur gesellschaftlich »gültig« als Repräsentationsge­ Neoklassik.
genstand dieser realabstrakten Substanz, als Wertgegenständlichkeit. Das erklärt auch, warum die Heinrichsche Marx-Revision an ·

Dabei ist jedoch diese bereits die einzelne Ware bestimmende gesell­ genau der falschen Stelle bei der postmodernen Linken (zumindest
schaftliche Qualität, nämlich als apriori kapitalistisch produzier­ im deutschsprachigen Raum) so prominent und beliebt ist, denn das
ter Gegenstand, eben noch nicht quantitativ bestimmt. Qualitative postmoderne, schon von Haus aus der subjektiven Wertlehre verbun­
Wertgegenständlichkeit der einzelnen Ware und Wertgröße als nur dene Denken kann hier vermeintlich mit Marx verheiratet werden,
gesamtkapitalistische fallen zunächst auseinander. Die aufgewendete ohne sich die zirkulationsideologischen Flausen abgewöhnen zu müs­
substantielle Arbeitsenergie fließt nicht unmittelbar in die von ihr sen. Ähnliches gilt für die Vertreter der nur oberflächlich an Adorno
produzierte Ware, sondern gewissermaßen in einen Gesamtfonds des orientierten, im Kern eher bürgerlich-liberalen Ideologie der sog.
Gesamtkapitals als bestimmender Qualität und Quantität des Gan­ »Antideutschen«, die an Heinrich zumindest soviel schätzen, dass
zen. Das Bild vom Gesamtfonds darf natürlich nicht im Sinne einer er ihrem eigenen Tauschidealismus als bestätigende Referenz dienen
intentionalen, quasi vertraglichen und regulierten »Einzahlung« von kann.
Wertmengen verstanden werden; vielmehr handelt es sich um eine
bewusstlose, hinter dem Rücken der einzelkapitalistischen Akteure
sich vollziehende Aggregierung, die wieder nur in der »Realisierung«
durch die Einzelkapitale (und die dabei entstehenden Friktionen) hin­
durch sichtbar wird, also nie unmittelbar als solche, obwohl sie den
Bestimmungsgrund der erscheinenden Größen (Preise, Löhne, Pro­
fite) bildet. Der Anteil des einzelnen Kapitals und damit der einzel­
nen Ware an dieser Gesamtmasse wird erst durch die Konkurrenz auf
dem Markt ermittelt. Dieser Anteil ist keine individuelle Wertgröße,
II. oder relationalen Wertbegriffs selber, bei dem das Geld gar keine
spezifische Eigenbedeutung annehmen musste. Vorläufer gab es
schon vor der eigentlichen bürgerlichen Klassik von Smith und
Die Geldware oder das allgemeine Äquivalent Ricardo, noch im Sinne der alten zirkulationsideologischen Dok­
als ausgesonderte Ware trin; etwa bei Ferdinando Galiani (1728-1787) und Anne Robert
Jacques Turgot (1727-1781). So »Verwarf Galiani die Verwendung
des Substanzbegriffs für Güter und kritisierte die traditionelle Auf­
Es stellt sich nun die Frage nach der spezifischen Rolle und Bestim­ fassung, der zufolge Wert eine den Dingen innewohnende Quali­
mung des Geldes im kapitalistischen Gesamtprozess. Das betrifft tät sei. Er beschrieb Wert als eine veränderliche, vom menschlichen
vor allem den eigenständigen Warencharakter des Geldes, der von Geist hergestellte Beziehung zwischen dem Besitz eines Dings und
der bürgerlichen ökonomischen Wissenschaft nie geklärt wor­ dem Besitz eines anderen ... als ein aus zwei Verhältnissen beste­
den ist und schon von den Klassikern logisch widersprüchlich hendes Verhältnis, Nützlichkeit und Knappheit ... Er bezog den Wert
bestimmt wird. Einerseits ist es für sie ursprünglich handgreiflich der Edelmetalle ganz konsequent auf ihre Nützlichkeit und Knapp­
und evident, also gar keiner besonderen theoretischen Begründung heit « (Pribram 1998/1983, 226 f.). Turgot »leitete ... den Wert eines
bedürftig, dass das Geld eine Ware sein muss. Obwohl es zu ihrer Gutes ... aus dem Vergleich gegenwärtiger mit künftigen Bedürf­
Zeit längst auch Papiergeld und Buchgeld gab, schien es sich dabei nissen sowie aus der Antizipation der Schwierigkeiten ab, die mit
offensichtlich nur um sekundäre Substitute und Repräsentanzfor­ der Erlangung des begehrten Objekts verbunden sind. Turgot unter­
men (»Stellvertreter«) des »eigentlichen« Geldes zu handeln, näm­ stellte also für jedes einzelne Individuum die Existenz einer Skala
lich der Gold- oder Silberware. Andererseits schien das Geld aber subjektiver Wertsetzungen ...« (Pribram, a. a. 0, 230). Das Geld
zugleich in seinem Warencharakter gar nicht so wichtig und gera­ erscheint hier nur als Spezialfall des subjektiven, relativen Werts
dezu eine verschwindende Größe gegenüber den eigentlichen Waren einer Ware; kapriziert auf die individuellen Tauschsubjekte.
als konkreten Bedürfnisgegenständen zu sein. Bekanntlich stellt es Die subjektive Wertlehre oder der Marginalismus des späteren
etwa für Ricardo nur einen »Schleier« über der natural-materiellen 19. Jahrhunderts, die im Rahmen dieser Untersuchung kein für
Wertvermittlung von Produktion und »Tausch« dar. Es soll bloß ein sich abzuhandelnder Gegenstand sein können, haben diese Bestim­
»Auskunftsmittel« für die »eigentlichen« Wertverhältnisse sein und mung nicht nur wesentlich deutlicher gefasst, sondern wie schon
damit keine notwendige innere Verdoppelung der Wertsubstanz in angesprochen auch radikalisiert zur faktischen Preisgabe des eigent­
Ware und Geld. lichen Wertbegriffs zugunsten von dessen Auflösung in den erschei­
War für die bürgerlichen Klassiker die Form der gemünzten Edel­ nenden Preis. Dieses Problem ist nun wenigstens andeutungsweise
metalle als Geld bzw. als notwendige Basis für Kreditgeld oder Geld­ weiter zu skizzieren, um den Zugang zur Auseinandersetzung um
scheine noch selbstverständlich, so konnte dennoch aus dem ver­ die Geldtheorie zu eröffnen.
meintlichen Charakter als bloßes »Auskunftsmittel« im Prinzip Vom »Wert« ist in der Grenznutzenschule oder überhaupt der
auch geschlussfolgert werden, dass Geld im Grunde nur ein subs­ subjektiven Wertlehre nur noch in dem Sinne die Rede, »Tausch­
tanzloses »Zeichen« sei: also nicht selber ein realer Wert, sondern werte, wie sie auf Wettbewerbsmärkten ermittelt werden, unmit­
lediglich ein Symbol für die realen Werte. Diese Schlussfolgerung telbar aus individuellen Wertungen abzuleiten« (Pribram, a. a. 0,
wurde jedoch nicht mit aller Konsequenz gezogen, weil noch im 18. 5 28). Die Reduktion auf eine »subjektive Rationalität« (a. a. 0, 530)
und 19. Jahrhundert die Evidenz der goldenen bzw. silbernen subs­ bloßer Wahlhandlungen, deren gesellschaftliche Voraussetzung
tantiellen Geldware dagegen zu sprechen schien. und Bedingungszusammenhang vollständig in der Selbstverständ­
So kaprizierte sich die »relativistische« Denkrichtung zunächst lichkeit der Fetischformen verschwinden, ist zugleich die Reduk­
eher auf die Herausbildung eines subjektiven, »nominalistischen« tion auf rein relationale Beziehungen, denen keine objektivierte

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Substanz-Gegenständlichkeit zugrunde liegen soll. Der »Tausch­ Arbeitswert wiederum als Spezialfall eines entsprechenden allge�
wert« ist nicht mehr die in der Relation erscheinende Form des meinen Warenwerts einerseits und in ein bloßes »Auskunftsmittel«
»Werts«, sondern steht für sich; und die Quantität in dieser Rela­ (»Geldschleier«) ohne eigene ökonomische Bedeutung andererseits
tion zweier Warendinge oder eben von Ware und Geld wird in die bis schließlich zum reinen Marginalismus, bei dem die tendenzielle
»subjektive Wertung« ihrer Besitzer aufgelöst. Der Subjektivismus Preisgabe des Wertbegriffs überhaupt mit dem völligen Fehlen einer
der »individuellen Wertung« oder »Geltung« in diesem Sinne ist die spezifischen Geldtheorie zusammenfallt. Man kann sagen, dass das
pure Ideologie des selbst-affirmativen Markt- und Geldsubjekts, das Geld im gesamten bürgerlichen Denken zuerst als bloßer Waren­
keine Theorie seiner verrückten Verfasstheit braucht, sondern nur wert unter anderen ohne kategoriale Eigenbestimmung und schließ­
eine Theorie seiner Funktionshandlungen. lich als bloße Marke für den Preis, in jedem Fall als eine selbstver­
Aller ökonomische und philosophische Relativismus, Relationa­ ständlich vorausgesetzte gesellschaftliche Naturtatsache ohne weite­
lismus und Nominalismus der Moderne ist so zugleich subjekti­ ren theoretischen Begründungsbedarf erschien.
vistisch im Sinne des Marktsubjekts, das den Vollzug des Kapital­ Das änderte sich erst im 20. Jahrhundert, als sich zuerst die Kriegs­
fetischs mit seiner Freiheit identifiziert; und die dümmste Version wirtschaften der Weltkriegsepoche nicht mehr durch den »Gang in
ist die jüngste, nämlich die postmoderne. Es erweist sich, dass die sich« des Kapitalfetischs mobilisieren ließen. Schon zuvor hatte es
zwischen den tauschidealistischen Anfängen und der späteren sub­ in den massiven Industrialisierungsprozessen der zweiten Hälfte
jektiven Wertlehre der Neoklassik liegende Klassik mit ihrem objek­ des 19. Jahrhunderts Bedenken gegeben, ob sich das Verhältnis von
tiven Arbeitswert letztlich Episode in der bürgerlichen ökonomi­ Warenmasse und Geld noch auf einer »metallischen« Basis bewegen
schen Wissenschaft geblieben ist. Denn die zirkulationsideologische könne und regulieren ließe. In diesem Zusammenhang spielte bei
Beschränktheit des kapitalistischen Aufklärungsdenkens musste den Auseinandersetzungen der VWL bis zum ersten Weltkrieg die
von der »gefährlichen« objektiven Arbeitssubstanz, ohne diesen Frage, ob das Geld als »Zeichen« auf Edelmetall basieren müsse (so
Begriff zu Ende denken zu können, nicht nur auf den Tauschidea­ genannter Metallismus) oder gänzlich durch papierene Geldscheine
lismus überhaupt zurückfallen, sondern diesen auch noch subjekti­ des jeweiligen Staates (Währung) bzw. bloße Buchungen ersetzt wer­
vieren: also das »Tauschverhältnis« jetzt nicht mehr im Sinne einer den könne (so genannter Nominalismus), eine große Rolle. In den
objektiven idealen Äquivalenz, sondern unterschiedlicher subjektiv­ Kriegswirtschaften, aber im späteren Verlauf der zweiten Hälfte des
idealer Nutzenkalküle verstehen. Hier interessiert aber der Geldbe­ 20. Jahrhunderts in der kapitalistischen Reproduktion überhaupt,
griff, der freilich nicht ohne die bürgerlichen ideologischen Meta­ setzte sich schließlich eher faktisch-notgedrungen als theoretisch
morphosen des Wertbegriffs verstanden werden kann. ausgewiesen die zweite, nominalistische Auffassung durch.
übergreifend blieb dabei der zirkulativ oder marktideologisch Obwohl die akademische Debatte hier nicht weiter dargestellt
bestimmte methodologische Individualismus. Der Weg ging »wert­ werden kann, ist doch kurz auf eine eigentümliche Verwerfung
theoretisch« von der Auseinandersetzung über die »Tauschver­ darin hinzuweisen. Man muss zunächst unterscheiden zwischen
hältnisse« mit den Ansätzen einer subjektiven Wertlehre über die der neoklassischen Abkehr von der Substanzbestimmung der Ware
methodologisch-individualistisch verkürzte Arbeitswertlehre zur (Arbeitswert) überhaupt zugunsten einer subjektiven reinen Funk­
radikalen Subjektivierung eines reinen Preissystems. übergreifend tionsbestimmung einerseits und der Frage nach dem selbständigen
blieb aber auch in allen drei theoriegeschichtlichen Epochen das Warencharakter des Geldes andererseits. Nachdem die frühe Neo­
weitgehende Desinteresse an einer eigenständigen Geldtheorie. Der klassik den substantiellen Charakter der Ware theoretisch eliminiert
Weg ging »geldtheoretisch« von der tauschidealistisch oder zirkula­ hatte, musste sie in gewisser Weise den Warencharakter des Geldes
tionsideologisch bestimmten Subjektivierung des Geldes als Spezi­ gar nicht mehr bestreiten, da das Problem sowieso schon qua Auflö­
alfall eines entsprechend subjektiven allgemeinen Warenwerts über sung in die reine Funktionsbeziehung erledigt schien. Daher keine
die Verdoppelung des Geldbegriffs in einen impliziten objektiven explizite neoklassische Geldtheorie bzw. der Warencharakter des

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Geldes (auch im Sinne der Goldware) konnte beibehalten werden, Zum einen fundierte er seine Geldtheorie in der negativen Bestim,
weil der Substanzcharakter der Ware selber eskamotiert worden war. mung der »abstrakten Arbeit« als Substanz der Werte und somit
Erst als das Problem der Goldbindung im 20. Jahrhundert praktisch auch des Geldes als abstrakter gesellschaftlicher Allgemeinheit die­
wurde, musste man einen Schritt weiter gehen. An die Stelle einer ser Wertsubstanz. Damit ist jeder bloß symbolische Charakter des
Vorstellung vom Warencharakter des Geldes qua Gold- und Silber­ Geldes ausgeschlossen. Das Geld wird in seinem Warencharakter
ware trat allgemein die Auffassung, dass das Geld wirklich nichts weitaus stärker und konsequenter betont als in der bürgerlichen
als ein Zeichen oder eine Marke für den Verkehr der eigentlichen Klassik. Zugleich ist mit dem negativen Charakter der »abstrakten
Waren sein könne; letztlich auf einer gesellschaftlichen Vereinba­ Arbeit« auch derjenige ihrer allgemeinen dinglichen Erscheinungs­
rung oder dem Akt eines staatlichen Dekrets beruhend, wodurch form Geld negativ bestimmt (die Positivierung der »Arbeit« im Mar­
die »Geltung« allein als staatliche Zwangsfixierung bestimmt sei xismus zog dagegen logischerweise auch diejenige des Geldes nach
(begrifflich ist das Problem in der späteren Neoklassik und bis heute sich).
unklar und tellweise umstritten geblieben, implizit verband sie sich Zum anderen wird aber das Geld von Marx auch nicht mehr als
mit dem faktischen Mainstream). Ware unter Waren mit mangelnder Distinktion seines besonderen
Hatte man also das Geld lange Zeit einerseits als Ware unter Charakters verstanden. Es ist nämlich in der Marxschen Theorie
Waren und andererseits zugleich implizit als bloßes Zeichen ver­ kein passives Hilfsmittel oder »Auskunftsmittel« für Marktteilneh­
standen, so konnte es nun als tatsächliche abstrakte Allgemeinheit mer mehr, sondern die allgemeine Erscheinungsform des kapitalis­
der Warenwelt nur in dem Sinne theoretisch Anerkennung finden, tischen irrationalen Selbstzwecks und gerade deshalb nicht nur all­
dass es explizit auf eine reine Zeichenform reduziert und zugleich gemeine Ware, sondern »Königsware«: Das eigentliche Selbstzweck­
als staatliches allgemeines »Geltungsverhältnis« bestimmt wurde. Medium kann unmöglich eine mehr oder weniger vernachlässigens­
Die Verdoppelung der Ware bzw. ihrer Wertform in Ware und Geld werte Sonderform für den Hausgebrauch der Marktsubjekte sein,
durfte unter der bürgerlichen Denkvoraussetzung des methodolo­ sondern es muss in seiner Besonderheit gegenüber dem »Warenpö­
gischen Individualismus und des Nutzenkalkül-Subjektivismus nur bel« eine zentrale (negative) Bedeutung einnehmen und selber die
als »individuelle Wertung« einerseits (Ware) und politisch-subjek­ Marktsubjekte bestimmen statt von ihnen bestimmt zu werden als
tive, staatliche Allgemeinheit der dafür erforderlichen Marke (Geld) bloße Spielmarke ihres vermeintlich »freien« Handelns.
andererseits erscheinen. Zugleich wurde damit dem objektiven Deshalb polemisiert Marx auch gegen die im Verhältnis zur bür­
Druck der Krise des Geldes auf der oberflächlich als »metallisch« gerlichen Theorie lediglich umgedrehte Doktrin des Proudhonis­
verstandenen Basis der Goldware nachgegeben. Dass die Krise des mus und verwan4ter Auffassungen, die nicht das Geld endgültig zur
.
Geldes als Vorschein einer inneren Schranke der Kapitalverwertung gewöhnlichen Ware, sondern die gewöhnliche Ware endgültig zum
sich damit nur in den Prozess einer schubweisen »säkularen Infla­ Geld machen wollen, also derselben mangelnden Distinktion von
tion« verwandeln konnte, wurde immer wieder pragmatisch in Kauf »Warenpöbel« und Geldware erliegen. Implizit sagt die Marxsche
genommen, ohne dass diese schleichende Entwertung theoretisch Kritik, dass das Geld, obwohl »darstellungslogisch« aus der Waren­
zu erklären war (zur Geldkrise vgl. ausführlich Kap. 17) . form abzuleiten, dennoch real die wirkliche Voraussetzung der allge­
Marx war im Grunde der erste und einzige Theoretiker, der in meinen Warenform bildet (dass dies nichts mit der revisionistischen
der Form der Kritik eine explizite und kohärente Geldtheorie ent­ Geldtheorie der Neuen Marxlektüre zu tun hat, wird sich im Fol­
wickelte, in der das Geld weder im Allgemeinen Begriff der Ware genden zeigen). Oder anders gesagt: Die Warenform der Produkte
verschwindet noch auf ein funktionales »Zeichen-« reduziert wird. ist letztlich nicht der Grund des Geldes, sondern das Geld als zen­
Er setzt sich damit von vornherein ab sowohl von der bürgerlichen trale und seinen »Gesamtprozess« übergreifende Erscheinungsform
Klassik als auch vom vor- und nachklassischen ökonomischen Sub­ des Kapitals ist der Grund und zugleich der Ausdruck für die all­
jektivismus und Relativismus. gemeine Warenform der Produkte. Es ist also unmöglich, das Geld

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zu degradieren und zugleich die Warenform in irgendeiner Weise kann es sich beim Geld auch nicht um eine bewusste, »subjektive«,
(und sei es in Gestalt eines vermeintlich »direkten« Arbeitswerts wiederum äußerliche staatliche Setzung oder gesellschaftliche (ver­
oder einer »Leistungsverrechnung«) beizubehalten. Daher nicht nur tragliche) Vereinbarung handeln, sondern nur um eine aus blinden,
in den »Grundrissen« der Spott von Marx über diese typisch klein­ bewusstlosen Prozessen resultierende Gegenständlichkeit, die das
bürgerliche kategoriale Verdrehung: »Lasst den Papst bestehn, aber zu Grunde liegende Fetischverhältnis des »abstrakten Reichtums«
macht jeden zum Papst. Schafft das Geld ab, indem ihr jede Ware zu und das Kapital als nicht-empirischen »Gesamtprozess« zum hand­
Geld macht und mit den spezifischen Eigenschaften des Geldes ver­ greiflich erscheinenden Dasein bringt. Es ist die negative Objekti­
seht« (Marx 2005/1857-58, 62). vität der sich verwertenden gesellschaftlichen Wertsubstanz selber,
Die Marxsche kategoriale »Kritik durch Darstellung« ist so beson­ die sich an ihr selbst in Ware und Geldware verdoppelt; nicht aber
ders hinsichtlich des Geldes und seines theoretischen Begriffs eine äußerliche Spaltung in Warenwerte und Geldzeichen oder gar
zugleich schärfste Ideologiekritik am bürgerlichen ökonomischen eine Auflösung in subjektive Nutzenschätzungen und deren Jetons.
Bewusstsein überhaupt. Es gehört gerade zur Marxschen »theoreti­ Jedweder Versuch, den Fetischcharakter der Geldform als »ausge­
schen Revolution«, dass er den bloßen >>Schleier«- oder »Zeichen«­ sonderte Ware« letztlich in binnenrationales Subjekthandeln aufzu­
Charakter des Geldes begrifflich durchbricht und das Geld logisch lösen, ist eine ideologische Interpretation.
aus der substantiellen Wertform in ihrer sich selbst vermittelnden An der Ableitung und dem Begriff des Geldes zeigt sich nun aller­
Bewegung herleitet, ohne deswegen seinen Charakter als zugleich dings bei Marx dasselbe theoretische Darstellungsproblem wie an
diese Bewegung (in ihrem »Gang in sich«) bedingende reale Vor­ der Bestimmung des Werts bzw. der Wertsubstanz als solcher. Die­
aussetzung zu verleugnen. Der scheinbare argumentative Wider­ ses Problem besteht wie schon durchgängig gezeigt in seinen Ansät­
spruch löst sich auf in die von Marx allerdings nicht erfasste und zen einer falschen Historisierung der logischen Genese, die gerade
analysierte historische Selbsterzeugung des Kapitals, den ursprüng­ das Gegenteil der historischen ist und nur für den »Gang in sich«
lichen Konstitutionsprozess, in dem Voraussetzung und Resultat die des Kapitals gilt. Da die Ableitung des Geldes als der »ausgesonder­
umgekehrte Reihenfolge durchlaufen wie beim fertigen »Gang in ten Ware« der Wertformanalyse zu Beginn des ersten Bandes des
sich«. So ist das Geld notwendigerweise die »ausgesonderte Ware«, »Kapital« angehört, erscheint sie in demselben transhistorischen
aber nicht als Folge der Transformation eines bereits zuvor beste­ Zusammenhang wie der Waren- und Wertbegriff. Auch und gerade
henden Waren-Universums, sondern diese konstitutive Aussonde­ die Geldware gilt der gängigen Lesart zufolge nicht als spezifisches
rung der Geldware geht einher mit der Herausbildung der allgemei­ Resultat der kapitalistischen Konstitution, sondern als bereits archai­
nen Warenform selbst oder die Verwandlung des Geldes in Ware sche Herausbildung aus der einfachen Warenform. Die Entwicklung
als Ursprung des Kapitals verwandelt erst die Produkte allgemein in der Wertformanalyse zum Begriff des Geldes akzentuiert das histo­
sekundäre Waren. risch-genetische Missverständnis der Darstellung sogar in besonde­
Wenn somit das Geld nach Marx weder eine einfache Ware unter rer Weise, weil es sich hier natürlich nicht mehr bloß um logische
Waren mit der lediglich zusätzlichen Funktion eines »Auskunfts­ Bestimmungen und zugleich um unbelegbare historische Mutma­
mittels« über die Wertverhältnisse ist noch ein bloßes Zeichen ßungen handelt, sondern ein reichhaltiges dokumentarisches Mate­
oder eine Spielmarke für subjektive Nutzenschätzungen, sondern rial seit der Antike vorliegt. Marx kann also auf zahlreiche Belege
in gewissem Sinne die »Ware aller Waren«, dann ist damit erst die für seine »Illustration<< der logischen Entwicklung zurückgreifen,
reale Verdoppelung der Waren als »Wertgegenständlichkeiteri«, in die dann unmittelbar und unwillkürlich auf eine transhistorische
Ware und Geld begründet. Es handelt sich so nicht um zwei ihrem Entwicklung der Geldform hinzudeuten scheinen. Da zur Zeit von
Wesen nach verschiedene und einander äußerliche Gegenstände, Marx die historisch-empirischen Formen von Geld hinsichtlich ihrer
sondern um die innere Verdoppelung der substantiellen Wertform qualitativen Differenz zum modernen Geld von der Geschichtswis­
selbst in zwei aufeinander bezogene Erscheinungsformen. Deshalb senschaft noch nicht erschlossen waren und er selbst sich mit dieser

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Materie gar nicht spezifisch befasste, sondern sie eben nur nebenher dieses Verhältnis könne jedoch »nicht unmittelbar« sich darstellen,
»illustrativ« heranzog, ist in seiner Darstellung das Geld genauso sondern nur »im Geld« als den Waren gegenübertretender Tausch­
wie die Ware ein auch für ihn »viele Formationen übergreifender« wert (Marx 2005/1857-58, n9). Die Ware als »von ihrem natürlichen
identischer Gegenstand, der nicht im entferntesten auf seinen, vom Dasein« verschiedner Tauschwert wird mit dem Geld als Ware, die
modernen Geld einer verselbständigten »Ökonomie« ganz verschie­ _den Tauschwert gerade in ihrem materiellen Dasein repräsentiert,
denen, sakralen Ursprung und Zusammenhang bezogen wird. unmittelbar äquivalent gesetzt: »Also ein Tauschwert, der das Pro­
Dieses historische Moment des methodologischen Individualis­ dukt say eines Tages ist, drückt sich aus in einem Quantum Gold
mus, also die vermeintliche kategoriale Identität des Geldes unab­ oder Silber, das einem Tag Arbeitszeit; das Produkt eines Arbeits­
=

hängig von seiner qualitativ verschiedenen Bestimmung durch einen tags ist« (a. a. 0, 120). Hier finden wir den methodologischen Indi­
übergreifenden Zusammenhang und dessen jeweilige Verfasstheit, vidualismus der Wertbestimmung wieder in der Geldbestimmung
setzt sich nun fort in der logischen Reproduktion des methodologi­ als einzelnes Verhältnis von Ware und Geld. Die (von Marx selber
schen Individualismus bei der Begriffsbestimmung des Geldes auf natürlich nicht geteilte, obwohl er ihr wie hier gelegentlich Vorschub
der Ebene der Kapitalanalyse. Nicht nur ist das Geld erst im Kapita­ leistet) tauschidealistische Ideologie der falschen unmittelbar-indi­
lismus die >>ausgesonderte Ware«, weil erst hier die Ware als Erschei­ viduellen »Äquivalenz« als »Gerechtigkeitsprinzip« und illusori­
nungsform des Kapitals einen von allen anderen Beziehungen abge­ sche Autonomie des Tauschsubjekts knüpft auch an diese Vorstel­
lösten Allgemeinheitscharakter hat, während Geld in vormodernen lung an und erweitert sich so vom »einfachen« Warentausch zur
Sozietäten gar kein allgemeiner Ausdruck einer Warenproduktion Ware-Geld-Relation.
oder überhaupt einer selbständigen so genannten Ökonomie sein Richtig ist das identische Moment der Verdoppelung aber auch
konnte. Vielmehr ist darüber hinaus deswegen, weil das Kapital in hinsichtlich der Geldform nur in qualitativer Hinsicht, nicht in
seinem Wesen als allgemeine Wertabstraktion und als prozessie­ quantitativer. Das folgt aus der eigentümlichen Verkehrung in der
rende Substanz nur auf der Ebene des »Gesamtprozesses« existiert, Warenlogik, die das Wesen und überhaupt die Notwendigkeit die­
das Geld wiederum auch nur aus diesem Ganzen oder dem kapita­ ser Verdoppelung ausmacht. Das Geld ist in dem Sinne die »aus­
listischen Gesamtverhältnis abzuleiten, nicht aus der Wertform der gesonderte Ware«, dass sich in seinem Warenkörper das Verhältnis
einzelnen idealtypischen Ware. von Wertabstraktion (erscheinend als Tauschwert) einerseits und.
Aus der letzteren verkürzten, auf die individuelle »einfache« konkret-stofflichem »Gebrauchswert« andererseits auf den Kopf
Wertbestimmung reduzierten Analyse heraus scheinen sich Ware stellt, sich auflöst und zu einer Identität verschmilzt: Die Geldware
und Geld bei Marx substantiell wie der Form nach unmittelbar auf repräsentiert Wert, aber ihrer Wertgestalt steht in ihrem spezifi­
der Ebene der Einzelheit zu verdoppeln: Der individuelle, von der schen Dasein als Geldware im Gegensatz zu allen anderen Waren
unmittelbar aufgewendeten Arbeitsmenge bestimmte Wert der ein­ kein Gebrauchswert als sinnliche Nützlichkeit gegenüber (wie beim
zelnen Ware hat aus dieser Sicht sein ebenso unmittelbares Pen­ Stuhl, auf dem man sitzen, oder beim Rock, mit dem man sich klei­
dant oder Gegenüber in demselben individuellen Wert der Geld­ den kann). Im Gegenteil besteht ihr gesellschaftlicher Gebrauchs­
ware (der jeweiligen Geldeinheit), die diesem dort nicht sichtbaren wert nicht in einer solchen konkret-stofflichen Nützlichkeit, sondern
und ausdrückbaren Wert erst seine abstrakte, allgemeine Wertge­ gerade umgekehrt darin, den abstrakten Wert aller anderen Waren
stalt in sinnlich-stofflicher Form verleiht. Was »später« dazukommt (ihre paradoxe abstrakt-sinnliche Wertgegenständlichkeit als Reprä­
und in Gestalt der Preise davon abweicht, sollen wieder nur »Modi­ sentanzgegenstand vergangener abstrakter Arbeitsenergie) auszu­
fikationen« dieser prinzipiellen Kongruenz sein. Im »Kapitel über drücken oder real darzustellen.
das Geld« der »Grundrisse« vertritt Marx explizit diese Reduktion: Mit anderen Worten: Der Gebrauchswert der ausgesonderten Geld- ··

»Als Tauschwert« sei die Ware »im Verhältnis zu der in ihr enthalt­ ware ist erstensim Unterschied zu allen anderen Waren kein im Kon­
nen Arbeitszeit« ein »Äquivalent für alle andren Werte (Waren)«; sum verschwindender und individueller, aus dem gesellschaftlichen

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Vermittlungszusammenhang partiell (beim produktiven Konsum allesamt in der Geldware und nur noch in dieser haben. Sie bildet
von Rohstoffen, Maschinen etc.) oder ganz (beim Endkonsum) her­ das »allgemeine Äquivalent«. Deshalb kann man mit Geld alles kau­
ausfallender, sondern ein unmittelbar und rein gesellschaftlicher. fen, aber man kann nicht umgekehrt Geld kaufen wie man einen
Gerade deshalb ist es zweitens auch kein Gebrauchswert im Sinne Tisch oder Brötchen oder eine Maschine kauft.
des stofflich-sinnlichen Nutzens wie bei allen anderen Waren, son­ Das gilt für die gesamte Sphäre der Realisierungsbewegung des
dern durch ihre Aussonderung wird die Wertgegenständlichkeit der Kapitals, in der das universelle Kaufen und Verkaufen nur die Rück­
Geldware selber zum Gebrauchswert; nur erklärbar durch ihren verwandlung des Warenkapitals in die Ausgangsform des Geld­
Charakter als irrationales Selbstzweck-Medium des »abstrakten kapitals vermittelt. Außerhalb dieser Sphäre kann man Geld zwar
Reichturris«. Es ist also beileibe nicht der metallische Charakter der nicht unmittelbar kaufen, aber leihen, wobei es aber nicht als ein­
Goldware im Sinne einer stofflichen Nützlichkeit als Schmuckge­ fache Ware gilt, sondern als Geldkapital unterstellt ist, dessen Preis
genstand oder als industrieller Rohstoff, der den gesellschaftlichen im Zins besteht. Der so genannte Geldmarkt ist also etwas qualita­
Gebrauchswert ausmachen und als solcher den Wert aller anderen tiv anderes als der Warenmarkt, obwohl das Geld in beiden Fällen
Waren ausdrücken würde (wie in der Marxschen Wertformanalyse Bestandteil des »Kreislaufs« des Kapitals und somit in die Metamor­
noch auf der Darstellungsebene des einfachen Wertausdrucks der phosen des Gesamtkapitals eingeschlossen ist; aber eben auf ver­
Rock als Rock den Wert der Leinwand), sondern es ist ihr abstrakter schiedenen Ebenen und in verschiedenen Funktionen. Im einen Fall
Wertcharakter als Repräsentanz von »abstrakter Arbeit«, der unmit­ kauft das Geld direkt Ware, um die Realisierung zu vermitteln, im
telbar mit ihrer selber abstrakten, rein gesellschaftlichen »Nützlich­ anderen Fall wird das Geld »gekauft« in der Form des Leihkapitals,
keit« als Selbstzweck-Medium zusammenfällt. Diesen Schritt hat um indirekt oder sekundär Ware (Produktionsmittel oder Konsum­
Marx nicht ausreichend expliziert, was wiederum mit dem methodo­ tionsmittel) zu kaufen, wobei der Preis (Zins) des geliehenen Gel­
logischen Individualismus der Wertformanalyse zusammenhängt. des unterstellt ist als Einkommen aus Kapitalverwertung. Man kann
Denn der paradoxe Charakter des abstrakten Werts der Geldware als diese Verhältnisbestimmung auch umgekehrt lesen: Die Geldware
ihr rein gesellschaftlicher Gebrauchswert lässt sich nur gesamtge­ als bloßes Zahlungsmittel für Warenkäufe ist nur indirekt Kapital,
sellschaftlich oder vom »Gesamtprozess« her erklären. indem die Summe der Käufe und Verkäufe nichts anderes ist als
Der Wert der Geldware ist also selber ihr fetischistischer die Realisierungsbewegung des Gesamtkapitals. Die Geldware als
Gebrauchswert, während ihre stoffliche Nützlichkeit, die sie den­ .
Gegenstand von Käufen und Verkäufen sui generis auf den Geld­
noch sekundär mit allen anderen Waren gemeinsam hat, aus ihrem märkten ist dagegen direkt Kapital, aber nur einzelnes Geldkapital,
Geldwaren-Charakter herausfällt. Diese unmittelbare Identität von das seinen Beitrag zur Mehrwertmasse des Gesamtkapitals erst leis­
Wert und Gebrauchswert der zentralen Fetischgegenständlichkeit ten muss durch Anwendung von Arbeitskraft.
ist nur möglich, weil sie eben aus dem Waren-Universum ausgeson­ Sind nun die Korrekturen und Präzisierungen als Kritik des
dert wurde und daher ihr spezifischer Warenleib als einziger direkt methodologischen Individualismus in der Bestimmung des Geldes
als Wert gilt. Das hat wiederum die Konsequenz, dass die Geldware einmal vollzogen, bleibt die Marxsche Geldtheorie die einzig schlüs­
als solche einer Seite der Wertform-Bestimmung in der Beziehung sige Ableitung des Geldes in seinem logisch-realen Doppelcharakter
zu den anderen Waren verlustig geht, während für diese insge­ als Resultat und Voraussetzung des Kapitalfetischs. Diese Marxsche
samt dasselbe in umgekehrter Weise gilt. Denn allein die .Geldware Ableitung des Geldes als »ausgesonderte Ware« ist nämlich insofern
kann selber nicht mehr unmittelbar als Tauschwert in der relativen durchaus der »Zeichentheorie« überlegen, als sie im Unterschied zu
Wertform »erscheinen«, weil sie durch ihren spezifischen Charak­ dieser die Verdoppelung der Ware in Ware und Geld nicht äußer­
ter auf ein separates Dasein in der Äquivalenzform festgenagelt ist. lich und unvermittelt oder subjektiv, sondern als inneren Zusam­
Im Gegenzug können alle anderen Waren nur noch in der relativen menhang und substantiell vermittelt oder objektiv darstellt. Das gilt
Wertform erscheinen, weil sie ihre gemeinsame Äquivalenzform aber eben nur für die qualitative, nicht jedoch für die quantitative

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Bestimmung. Quantitativ findet gerade keine einfache Verdoppe­ zukommen, während die relative Wertform der Warenmasse gerade.
lung statt, weil wie gezeigt aufgrund der gesamtgesellschaftlichen keiner individuellen Wertgröße mehr entspricht.
Vermittlung keine Kongruenz zwischen Wertsubstanz und Preis­ Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Die Waren haben kei­
größe bestehen kann. Das Geld im Kauf- bzw. Verkaufsakt drückt nen individuellen Wert, sondern nur einen individuellen Preis. Die
nicht einen individuellen Wert der Ware, sondern den empirischen Preise selbst aber müssen unmittelbar in der Wertform erscheinen,
Preis als den in der Konkurrenz ergatterten Anteil an der gesamt­ realen Wert ausdrücken, nämlich den jeweiligen Anteil an der rea­
kapitalistischen Wertmasse aus. Wenn Marx im Geldkapitel der len gesamtgesellschaftlichen Wertmasse, den die Ware beim Ver­
»Grundrisse« sagt, die Tatsache, dass die Ware »ihrer sozialen Sub­ kauf auf sich ziehen kann. Deshalb muss das Geld, das die Preise
stanz nach Tauschwert« sei, diese Bestimmtheit aber »nicht mit ihr darstellt und realisiert, nicht nur selber Ware, sondern im Unter­
unmittelbar (zusammenfällt)«, sondern vermittelt sei »durch ihre schied zu allen anderen Waren auch unmittelbar individueller Wert
Vergleichung mit dem Geld« (Marx 2005/1857-58, 121), dann ist dies sein; nicht bei jedem Funktionsvollzug, etwa im alltäglichen Zah­
eben nicht nur als qualitative Einheit in der Verdoppelung, sondern lungsverkehr, aber im Prinzip. Dass in den meisten Vollzügen der
auch (im Unterschied zur Marxschen Darstellung) als quantitative Metamorphosen des Kapitals bloße Geldzeichen gewohnheitsmä­
Differenz im Verhältnis von Ware und Geld zu verstehen. ßig an die Stelle des wirklichen, unmittelbar wertsubstantiellen Gel­
Daraus ergibt sich nun aber eine weitere Eigentümlichkeit im des getreten sind, bildet gerade den empirischen Hintergrund für
Verhältnis von Waren und Geld, die den spezifischen Charakter die theoretische, dem Alltagsbewusstsein entsprechende Illusion
des Geldes ausmacht. Es ist nicht nur so, dass ausschließlich beim vom reinen Zeichen- oder politischen Geltungscharakter des Gel­
Geld qualitativ gesellschaftlicher Gebrauchswert und Wert unmittel­ des. Aber die objektive Bedingung der Möglichkeit für die Geltung
bar zusammenfallen. Vielmehr ergibt sich genau daraus auch eine der funktionalen Geldsurrogate bleibt deren »Deckung« durch Geld
grundsätzliche Differenz im Verhältnis von Wertform und Wert­ als unmittelbare individuelle Wertsubstanz, so verdunkelt dieser
größe zwischen Ware und Geld. Zusammenhang zeitweilig auch sein mag.
Wertform ist beides, die Ware wie das Geld, weil beides Moment Diese Notwendigkeit des Geldes als letztlich individueller Wert
in der verselbständigten Bewegung des Kapitalfetischs ist. Bei den ergibt sich aus dem Wesen des Kapitals als einer gesamtgesellschaft­
Waren ist jedoch in dieser qualitativen Formbestimmung die Quan­ lichen, aber widersprüchlich in sich vermittelten Bewegung. Das
tität grundsätzlich unbestimmt: Welche Größe der Wertanteil an der wirkliche Gesamtkapital als Wesen kann empirisch nur in Form der
Gesamtwertmasse in der Form des realisierten Preises hat, wird erst vielen Einzelkapitale existieren. Die produzierte Gesamtwertmasse
durch die Konkurrenz auf dem Markt festgestellt und hat nichts mit wird einerseits repräsentiert von der Gesamtmasse der Waren. Da
dem individuellen Arbeitsaufwand für die Ware z:u tun, also nichts diese Waren nichts anderes sind als ein Stadium in der Metamor­
mit einem individuellen Wert, der mit dem Warenkörper sozusa­ phose des Gesamtkapitals, nämlich das totale Warenkapital, verteilt
gen verschmolzen wäre. Genau umgekehrt verhält es sich jedoch sich die Wertmasse auf die Warenmasse ungleichmäßig qua. Kon­
notwendigerweise bei . der Geldware. Diese bildet den »allgemei­ kurrenz in der Realisierungsbewegung (bis hin zum Nullwert bei
nen Wert«, sie muss ihn also auch individuell darstellen oder reprä­ den an ihrer Realisierung vollständig gescheiterten Waren). Damit
sentieren. Wertform (qualitativ) und Wertgröße (quantitativ) fallen letztere jedoch stattfinden kann, muss die Gesamtwertmasse der
hier notwendigerweise ebenso unmittelbar zusammen wie (gesell­ Waren sich andererseits verdoppeln in der Gesamtwertmasse des
schaftlicher) fetischistischer Gebrauchswert und abstrakte Wertge­ Geldes. Der Fetischcharakter der Warenmasse als »abstrakter Reich­
genständlichkeit. Wenn sich die Warenwelt aufspaltet in die stets in tum« kann nicht an den Waren selbst direkt und verselbständigt
relativer Wertform befindlichen gewöhnlichen Waren einerseits und erscheinen; die abstrakte Wertgegenständlichkeit ist nicht nur mit
die immer in Äquivalenzform befindliche Geldware andererseits, den einzelnen Warenkörpern verschmolzen, sondern sie ist auch
dann muss diesem »allgemeinen Äquivalent« individueller Wert unsichtbar und empirisch ungreifbar als jene Gesamtwertmasse

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aller Waren, die von den einzelnen Waren nicht unmittelbar darge­ in der annähernden Entsprechung von Wertmasse und Preis­
stellt werden kann. Der abstrakte Wert als verselbständigter Gegen­ masse bestehen kann, letztere aber eben in der Geldform sich aus­
stand muss aber nicht nur getrennt von den Warenkörpern erschei­ drückt, dann ist die gesamtgesellschaftliche Äquivalenz diejenige
nen und sich realisieren (darin besteht ja der irrationale Selbst�Zweck von unsichtbarer (von der Gesamtmasse der Waren repräsentier­
der ganzen Übung), sondern er muss auch als diese getrennte, hand­ ter) Wertmasse einerseits und (selber wert-substantieller) sichtbarer
greiflich gewordene Realabstraktion unmittelbar selber quantitativ Geldmenge andererseits. Der Begriff der »Masse« oder »Menge«
Wertgegenständlichkeit sein, sonst könnte diese gar nicht als sol­ bezieht sich hier aber nicht auf die Menge oder Summe einzelner
che dargestellt und realisiert werden. Damit die Metamorphosen Stücke schlechthin (wie in der bürgerlichen so genannten »Quan­
des Kapitals sich vollenden können, muss sich der Wert substanti­ titätstheorie« des Geldes), sondern auf die doppelte Wertsubstanz­
ell in diese seine verselbständigte Gestalt, also dargestellt im Geld, größe in abstrakt-menschlicher Arbeitsenergie, die gesamtgesell­
zurückverwandeln. schaftlich kongruent sein muss, egal wie sie sich auf die einzelnen
Es wäre nämlich geradezu absurd, wenn die realabstrakte Arbeits­ Waren und »Geldstücke« oder Geldeinheiten in der Konkurrenzver­
substanz als Wertsubstanz nur den vielen Waren zukäme, in denen mittlung verteilt. Deshalb stehen sich nicht äußerlich »Warenberge«
sie von deren Naturalform nicht getrennt sein kann, während sie und »Metallberge« gegenüber wie bei Ricardo in der ursprünglichen
ausgerechnet in der verselbständigten Form des Geldes, in welcher rein numerischen und formalen Quantitätstheorie, sondern zwei
Gestalt das Kapital seine eigentliche Reinkarnation als reiner Wert gleichermaßen substantielle Erscheinungsformen des Werts. Die
erfährt, plötzlich gar nicht mehr vorhanden und ein bloßes Symbol gesamte, kapitalistisch »gültige« Arbeitsenergie muss sich in der
sein sollte. Genau umgekehrt: Die einzelne Ware kann als solche Verdoppelung kongruent verteilen auf den »Warenpöbel« einerseits
sogar ohne jede Arbeitsenergie produziert worden sein (nach der fal­ und die »königliche« Geldware andererseits. Es versteht sich von
schen Auffassung eines »individuellen Werts« wäre sie also völlig selbst, dass schon allein darin die Potenz ungeheurer Friktionen der
wertlos) und dennoch in der Konkurrenz auf dem Markt einen Preis Vermittlungsbewegung liegt.
erzielen, der sie an der gesamtgesellschaftlichen Wertmasse teilha­ Die hier skizzierten grundsätzlichen Bestimmungen bedürfen
ben lässt. Genau das ist beim Geld nicht möglich. Da es ja als das nun einiger weiterer Konkretisierungen. Rein logisch könnte jede
ausgesonderte »gesellschaftliche Ding«, als eigentlicher Fetischge­ Ware, sofern sie als »allgemeines Äquivalent« ausgesondert wird, die
genstand also, diese Wertmasse in seiner Summe unmittelbar dar­ Geldfunktion übernehmen. Dass sich diese wesentliche kapitalisti­
stellt, muss eben auch jede einzelne Geldeinheit im Unterschied zu sche Funktion als Erscheinungsform des irrationalen -Selbstzwecks
jeder einzelnen Ware prinzipiell (wenn auch wie gesagt nicht bei an die Edelmetalle heftete, hat nicht nur mit der vorkapitalistisch
jedem Funktionsvollzug) unmittelbar Wertsubstanz )>sein«. Diese tradierten Gestalt der vorgefundenen, aus ganz anderen Verhältnis­
Notwendigkeit lässt sich daher auch auf der Ebene der »einfachen« sen stammenden alten Geldmaterie zu tun, sondern ist auch sach­
Warenanalyse darstellen, insofern die Warenform als Form des lich durch das Kapital bedingt im Sinne einer funktionalen Pragma­
Gesamtprozesses Erscheinungsform des Kapitalfetischs ist: Es kann tik. Die zuvor gar nicht in Betracht kommende abstrakt-menschliche
nicht sein, dass nur die in der relativen Wertform fixierte Menge des Arbeitsenergie als Substanz des zuvor gar nicht existenten ökonomi­
»Warenpöbels« Arbeitssubstanz repräsentiert, während das in der schen Werts wird von den Edelmetallen aufgrund ihrer relativ gerin­
Äquivalentform fixierte Geld »substanzlos« wäre. Damit überhaupt gen, schwer zu findenden und nur mit hohem Aufwand zu fördern­
ein Wertausdruck gebildet werden kann, müssen beide Seiten der­ den Menge in besonders verdichteter Form repräsentiert und macht
selben Substanz angehören. sie daher zum bevorzugten Körper der in diesem wertsubstantiellen
Es ist schon gezeigt worden, dass sich dabei in der einzelnen Ware­ Sinne »ausgesonderten« Ware.
Geld- Relation keine substantielle Äquivalenz herstellt oder höchstens Das macht Marx im »Kapitel vom Geld« deutlich, wenn er
eine zufällige. Wenn die Äquivalenz nur als gesamtkapitalistische über das Edelmetall sagt, »dass es großen Wert (Arbeitszeit) in

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verhältnismäßig schmalem Volumen enthält. Die in ihm realisierte Da die substantielle Geldware in einem bestimmten Zeitraum meh­
Arbeitszeit, Tauschwert, ist das spezifische Gewicht der Ware. Dies rere Wertgegenständlichkeiten von Waren nacheinander darstel­
macht die edlen Metalle besonders geeignet zum Dienst der Zirkula­ len kann, bezieht sich die Verdoppelung von Ware und Geld nicht ­
tion (da man bedeutende Portion Wert in der Tasche mit sich tragen auf zwei absolut gleiche Größen, sondern die gesamtgesellschaftli­
kann) und zur Akkumulation, da man großen Wert in schmalem che Äquivalenz besteht darin, dass innerhalb .des bestimmten Zeit­
Raum in Sicherheit bringen und aufhäufen kann« (Marx 20 05/1857- raums die Realisierung der Warenmasse in die Geldware stattfinden
58, 163). In dieser Aussage kommt (abgesehen vom problematischen muss, jedoch die Geldware dabei nacheinander mehrere Repräsen­
Zirkulationsbegriff) auch besonders klar zum Ausdruck, dass ers­ tanz- oder Realisierungsbewegungen verschiedener Waren durch­
tens das Geld allein über seine eigene Wertsubstanz den Wert aller laufen kann. Das Einzelkapital A kauft vom Einzelkapital B Maschi­
anderen Waren darstellt und es sich um die Verdoppelung des Werts nen, womit der Wert letzterer Waren realisiert wird; mit diesem Geld
selbst handelt, nicht um eine bloß symbolische und rein formale bezahlt B seine Zulieferer, womit wiederum deren Waren realisiert
Repräsentanz der Wertmasse im Geld. Zweitens wird hier unmiss­ werden usw. in einem unendlichen Verkettungszusammenhang.
verständlich die Verkehrung im Begriff des »Gebrauchswerts« am In einem bestimmten Zeitraum kann also gesamtgesellschaftliche
Geld dargestellt: Die Form des »allgemeinen Äquivalents« kann Äquivalenz von Ware und Geld hergestellt werden, ohne dass die
eben nicht darin bestehen (wie noch in der einfachen Wertform­ Gesamtwertmasse der Waren und die Gesamtwertmasse der Geld­
analyse), dass der stofflich-naturale Gebrauchswert der einen Ware ware identisch oder gleich groß sein mussten. Und je schneller die
den Wert bzw. Tauschwert der anderen Ware darstellt, sondern es Durchlaufgeschwindigkeit der Transaktionen, desto geringer muss
ist gerade die abstrakte Wertgestalt der Geldware als unmittelbare die substantielle Gesamtwertmasse der Geldware sein, um den ver­
Repräsentanz vergangener abstrakt-menschlicher Arbeitsenergie, selbständigten reinen Wert und Mehrwert der gesamten Warenwelt
die ihr im Unterschied zu allen anderen Waren, denen diese unmit- darstellen zu können. Das ändert aber nichts am Charakter der Geld­
. telbar-individuelle Repräsentanz gerade nicht zukommt, gewisser­ ware als solcher und auch nichts an ihrem Charakter als Akkumu­
maßen den Meta-Gebrauchswert verleiht, den Anteil aller Waren an lationsbewegung, die eine permanente Steigerung realer Wertsub­
der gesellschaftlichen Wertsubstanz auszudrücken. Diese oben aus­ stanz in der ausgesonderten Geldwarenform erzwingt und schon
geführte Bestimmung liegt implizit der zitierten Marxschen Aus­ allein deshalb nicht unendlich weitergehen kann.
sage zu Grunde. Da die »Verwarenförmigung« der Reproduktion Zum zweiten wird eine objektive Täuschung dadurch erzeugt,
sowohl von der Geldware ausgeht als auch gleichursprünglich diese dass das Geld, wie schon angedeutet, alltäglich durchaus in den
allgemeine Ware oder »Königsware« aus dem »Warenpöbel« ausson­ meisten seiner Funktionen durch symbolische Zeichen (Papier­
dert, wird deren Warenleib als unmittelbarer Wert zum eigentlichen geld, Wechsel und Eigentumstitel, inzwischen auch elektronische
Zweck als das Bleibende und Ewige, sich ewig Akkumulierende im Buchungen) ersetzt werden kann. Das hat aber natürlich nicht das
Gegensatz zum Verschwinden des »Warenpöbels« im Konsum. Geringste mit dem sakral fundierten Symbolcharakter vorkapitalis­
Es sind nun vor allem zwei Erscheinungen auf der Ebene der tischer Geldformen zu tun. Bildet dort das Symbol als Stellvertreter­
Geldware, die das Wesen der Sache verdunkeln und zu falschen Objekt das Wesen der Sache selbst, weil das ursprüngliche »Gelt«
Schlussfolgerungen im Sinne einer bloß symbolischen oder »Zei­ als Menschen- oder Tieropfer selber schon symbolischen Charakter
chentheoretischen« Erklärung verleiten. Zum einen handelt es sich hatte, so handelt es sich hier um eine ganz andere Art der Stellvertre­
dabei um die Durchlaufprozesse des »Händewechsels« von Ware tung. Der Ursprung ist kein symbolischer in der transzendenten Got­
und Geld bzw. von verschiedenen funktionalen Aggregierungen tesbeziehung, sondern ein paradox materieller bzw. substantieller in
des Geldes; prozessierende Zustandsveränderungen, die als »Markt­ der transzendentalen Selbstvermittlung des Kapitalfetischs. Deshalb
zirkulation« erscheinen, jedoch allesamt nichts als Stadien in den heißt »Stellvertretung« hier nicht Auswechslung eines Symbols durch
Metamorphosen oder im Kreislauf des Kapitalfetischs darstellen. ein anderes (weniger brutales), sondern unmittelbare Repräsentanz

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einer bloß verdoppelten, an sich substantiellen und letztlich allein Geldhungersnot bleibt dieselbe, ob in Gold oder Kreditgeld, Bank­
als solche gültigen Gegenständlichkeit, die in dieser ihrer Substanz­ noten etwa, zu zahlen ist« (a. a. 0, 152). Da Marx noch selbstver­
form auch jederzeit eingefordert werden kann. Für den alltäglichen, ständlich »goldgedeckte« Banknoten unterstellt, ist es nur deswe­
»normalen«, nur mäßig gestörten Verkehr in den Metamorphosen gen gleichgültig, ob Gold direkt oder Banknoten mit Golddeckung
oder im Kreislauf des Kapitalfetischs können die »Zeichen« der wirk­ gemeint sind; ein davon entkoppeltes Papiergeldsystem und dem­
lichen Geldsubstanz temporär an deren Stelle treten, was eben jene zufolge die erst nach dem Ersten Weltkrieg einsetzende säkulare
ideologische Illusion erzeugt: »Weil Geld durch Zeichen seiner selbst ' Inflation kannte Marx noch gar nicht. Der unmittelbare Goldleib der
ersetzt werden kann, entstand der . . . Irrtum, Geld sei bloßes Zei­ Geldware wird umso mehr gefordert, je stärker sich die »ungedeck­
chen. Indem man aber die gesellschaftlichen Charaktere ... für bloße ten« bloßen Geldzeichen entwerten (vgl. Kap. 17). Was Marx als das
Zeichen, erklärt man sie zugleich für willkürliches Reflexionspro­ »plötzliche Umschlagen aus dem Kreditsystem in das Monetarsys­
dukt der Menschen. Es war dies beliebte Aufklärungsmanier des 18. tem« (ebenda) bezeichnet, ist daher fü letzter Instanz nichts ande­
Jahrhunderts ...« (Marx 1965/1890, 105 f.). res als das Umschlagen der Zettel- und Buchungswirtschaft in die
Aber die reale und reine, in seinem gesellschaftlichen Fetisch­ substantielle Geldware als Edelmetall. Dieser Umschlag, so Marx
Gebrauchswert verewigte und der menschlichen materiellen Repro­ nicht ohne böse Ironie, »fügt den theoretischen Schrecken zur prak­
duktion jenseitige Arbeitssubstanz der ausgesonderten Geldware tischen Panik« (ebenda).
lauert sozusagen stets im Hintergrund als im Kapitalismus unauf­ Es ist nun gerade dieses substantielle Moment in der Ableitung
hebbare Gegenständlichkeit. In den Krisen, die sich in der Regel des Geldes, das in der Geschichte der Auseinandersetzung mit der
zuerst auf der Erscheinungsebene des Geldes manifestieren, wird Marxschen Theorie reichlich Ansatzpunkte geliefert hat, um die
unerbittlich und geradezu panisch die reale, sonst nur implizit vor­ Marxsche Geldtheorie als veraltet und »vorsintflutlich« zu denun­
ausgesetzte »Wertaufbewahrungsfunktion« des Geldes geltend zieren. Genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Es ist gerade die
gemacht. Darauf weist Marx völlig zu Recht unermüdlich in allen Rückkehr der an der objektiven Arbeitswerttheorie gescheiterten
drei Bänden des »Kapital« auf allen Ebenen seiner Begriffsbestim­ bürgerlichen VWL zu ihrem eigenen »vorsintflutlichen« Zustand
mung und Analyse hin, so schon im 1. Abschnitt des ersten Ban­ einer zirkulativ verkürzten subjektiven Wert- bzw. einer funktio­
des: »Mit allgemeineren Störungen ..., woher sie immer entsprin­ nal reduzierten Preistheorie in der Neoklassik, die notwendiger­
gen mögen, schlägt das Geld plötzlich und unvermittelt um aus weise auch die bloße »Zeichen«- und äußerliche Quantitätstheo­
der nur ideellen Gestalt des Rechengeldes in hartes Geld. Es wird rie des Geldes radikalisiert hat. Die Illusion, die Preisgröße einer
unersetzlich durch profane Waren ... Eben noch erklärte der Bür­ Ware werde durch subjektive Nutzenschätzungen der individuellen
ger in prosperitätstrunknem Aufklärungsdünkel das Geld für lee­ Marktteilnehmer bestimmt, musste nach einem Zwischenspiel mit
ren Wahn. Nur die Ware ist Geld. Nur das Geld ist Ware! gellt's jetzt dem bereits substanzlosen Begriff der Geldware zu der anderen Illu­
über den Weitmarkt. Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, sion führen, das Geld als an sich substanzloses symbolisches Zei­
so schreit seine Seele nach Geld, dem einzigen Reichtum« (Marx chen subjektiver Schätzungsverhältnisse sei sowieso bloß ein Pro­
1965/1890, lp). »Geld« in dieser letzten Wertaufbewahrungsfunk­ dukt ebenso subjektiver gesellschaftlicher Vereinbarung oder staat­
tion als eigentliche Erscheinungsform des selbstzweckhaften »abs­ lich-politischer »Garantie«.
trakten Reichtums« muss aber seinen Goldleib vorweisen können, Aus dieser verkehrten Sicht gilt die Marxsche Geldtheorie als eine
reine Papierzettel ohne »Golddeckung« verlieren in dieser Situa­ rein zeitgebundene, fast noch »archaische«, die durch die Fortent­
tion jede »Gültigkeit«, womit der praktische Beweis erbracht wäre, wicklung sowohl der realen kapitalistischen Verhältnisse als auch
dass bloße »Zeichen« des Geldes kein wirkliches Geld sind. Dem der ökonomischen Theorie »widerlegt« worden sei. Keynes hat sich
widerspricht es nicht, wenn Marx an der bezeichneten Stelle fort­ bekanntlich über das Gold als »barbarisches Metall« lustig gemacht,
fährt: »Die Erscheinungsform des Geldes ist hier - gleichgültig. Die um die Entkoppelung der Währungen von der Goldbindung seit dem

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Ersten Weltkrieg als unproblematisch zu rechtfertigen. Er wollte und Aber 'die Dialektik solcher Derivate, wie sie mit dem entstehenden
konnte nicht in Rechnung stellen, dass der Kapitalismus in seinem Bankwesen verbunden sind, besteht umgekehrt gerade darin, dass
zentralen Selbstzweck-Medium selber in gewisser Weise ein »archa­ erst der Übergang zu einer harten Substantialisierung des sich als
isches« und »barbarisches« Fetischverhältnis ist und sich von des­ Kapitalfetisch verselbständigenden Geldes, also die allmähliche und
sen verdinglichter Realsubstanz keinesfalls emanzipieren kann. bewusstlose Herausbildung des Systems »abstrakter Arbeit«, eine
Es verhält sich gerade umgekehrt wie in der seit der Neoklassik Staffelung repräsentativer Zeichensysteme für verschiedene prakti­
gängigen bürgerliGhen Auffassung: Die ohnehin fälschlicherweise sche Funktionen der neuen Geldware erforderlich gemacht hat. Eine
bloß äußerlich am »metallischen« Charakter des Geldes statt an solche Ausdifferenzierung von realer Geldware und bloßen Geldzei­
seiner unmittelbaren Repräsentanz von abstrakter Arbeitsenergie chen war für das alte, aus sakralen Bezügen entstandene Geld im
festgemachte substantielle Dinglichkeit des »allgemeinen Äquiva­ Kontext von religiös bestimmten Verpflichtungsverhältnissen gar
lents« ist nicht ein Überbleibsel vorkapitalistischer »einfacher« und nicht nötig und nicht einmal denkbar. Denn hier hatte es sich ja
noch roher Warenbeziehungen, die der. glorreiche Kapitalismus als­ ohnehin immer nur um symbolische Formen einer letztlich magi­
bald durch ein raffiniert-»zivilisatorisches«, sozusagen »vergeistig­ schen Gleichsetzung von materiellen und geistigen Gegenständlich­
tes« Zeichensystem abgelöst hätte. Vielmehr waren es gerade umge­ keiten gehandelt, egal welche Gestalt diese annahmen.
kehrt die religiös als »Gottesverhältnisse« konstituierten vormoder­ In der VWL und im bürgerlichen Denken überhaupt einschließ­
nen und archaischen Gemeinwesen, in denen das sakral bestimmte lich des historischen ist die gängige begrifflich-argumentative Ver­
Geld im Kontext persönlicher Verpflichtungsverhältnisse eine rein kehrung der geschichtlichen Mutation im Dasein des Geldes eine
symbolische, »geistige« Bestimmung hatte, während erst die kapita­ Ausflucht und entspringt einer durchsichtigen Verdrängung des
listische Geldform der verselbständigten Fetisch-Ökonomie notwen­ Krisenproblems, wie in den folgenden Abschnitten genauer gezeigt
digerweise einen real substantiell-verdinglichten Charakter anneh­ werden soll. Abgesehen von . der spezifischen Problematik der his­
men musste. torischen Untersuchung von Bockelmann ist es nun außerordent­
Dieses Problem verfehlt auch die historische Untersuchung von lich bezeichnend für die Entwicklung eines Großteils der neueren
Eske Bockelmann, was seiner erwähnten Fixierung auf die früh­ marxistischen Theorie, dass sie ohne zu erröten ziemlich blindlings
moderne transformatorische Zirkulationssphäre geschuldet ist. den Spuren der bürgerlichen VWL und deren »logischer« Entsubs­
So scheint für ihn der spezifische Charakter des modernen Gel­ tantialisierun'g des Geldes gefolgt ist; teils bloß implizit und in kate­
des gerade daraus zu entspringen, dass über abgeleitete Geldfor­ gorial nicht mehr vermittelten Teilanalysen aktueller Entwicklun­
men so etwas wie eine Virtualisierung stattgefunden hätte, die der gen, teils aber auch schon explizit und in bewusster Abkehr gerade
rein funktionalen zirkulativen Abstraktion in den Ware-Geld-Bezie­ von der über das bürgerliche Verständnis hinausweisenden Marx­
hungen entsprechen würde. Für ihn handelt es sich um ein »Geld, schen Begriffsbestimmung des Geldes. Darin zeigt skh wieder die
das seinen Wert vom materialen Dasein löst« (Bockelmann 2004, positivistische Schlagseite eines De�kens, das sich vermeintlich an
218), und zwar durch seit der frühen Neuzeit entstehende »Kre­ den historischen Tatsachen · orientieren und dabei nicht gegenüber
ditinstrumente«, die »Geld nicht mehr nur vorübergehend vertre­ der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft ins H intertreffen geraten
ten, sondern selber als Geld und Tauschwert gelten« (a. a. 0, 214, möchte, während es in Wirklichkeit wie diese von der Oberfläche der
Hervorheb. Bockelmann), woraus sich schließlich eine »bloß vir­ Erscheinungen sich blenden lässt.
tuelle Substanz« (a. a. 0, 306) von Wert und Geld ergebe. Bockel­ Das gilt keineswegs zufällig wiederum prominent für die Ver­
mann dreht also die Marxsche Geldtheorie und Analyse ins Gegen­ sion der Neuen Marxlektüre von Michael Heinrich. Nachdem er
teil; ganz so, als sei ausgerechnet mit Beginn der kapitalistischen schon den Marxschen Substanzbegriff des Werts verworfen hat, ist
Moderne das »Monetarsystem« endgültig in:s »Kreditsystem« s nur konsequent, dass er auch den Warencharakter des Geldes
umgeschlagen. grundsätzlich leugnet und damit die Marxsche Geldtheorie ebenso

226
grundsätzlich revidiert: »Dass das allgemeine Äquivalent unbedingt nicht ausreichend explizierten Schritt zur spezifischen Geldware
eine Ware sein müsse, hatte Marx ... nicht gezeigt, sondern unter­ lässt Wolf in dieser einfachen Bestimmung verschwinden. Es ent­
stellt« (Heinrich 2004, 68). Es ist Heinrich selbst, der hier Marx geht ihm daher, dass es nicht der stoffliche Gebrauchswert der Geld­
eine unzureichende Begriffsbestimmung bloß unterstellt, denn auf ware ist, der sie zum »allgemeinen Äquivalent« macht, sondern die
das Marxsche Defizit einer Befangenheit im methodologischen Indi­ Verkehrung von Tauschwert und Gebrauchswert, indem gerade die
vidualismus auch hinsichtlich der Geldtheorie kommt er selber gar abstrakte Wertgegenständlichkeit der Geldware mit ihrem gesell­
nicht zu sprechen. Stattdessen wischt er mit einer Handbewegung schaftlichen Gebrauchswert zusammenfällt, der den preisbestimm­
gerade die entscheidende Marxsche Argumentation zur inneren ten Anteil aller Waren an der gesellschaftlichen Wertmasse aus­
gegensätzlichen Verdoppelung der kapitalistischen Wertsubstanz in drückt und daher als einziger Gebrauchswert nicht im Konsum
Ware und Geld vom Tisch und ignoriert das wesentliche Moment erlischt. Umgekehrt eskamotiert die Neue Marxlektüre bei Heinrich
der Marxschen theoretischen Revolution gegenüber der gesamten und anderen das Problem des allgemeinen Wertausdrucks, indem
bürgerlichen ökonomischen Theorie ausgerechnet hinsichtlich des sie es vom Warencharakter ganz ablöst, sodass sich die Frage nach
Geldbegriffs. . dem spezifischen Gebrauchswert einer Geldware gar nicht mehr
Die neuere Orthodoxie dagegen verteidigt die Marxsche Geld­ stellt.
theorie gerade in deren Defizit des methodologischen Individualis­ Während sich also die neuere Orthodoxie geldtheoretisch ganz
mus, indem etwa für Dieter Wolf das Geld wieder nur »die Bezie­ traditionell im Marxschen Darstellungsproblem verfängt und dabei
hung der Waren als Werte zueinander« (Wolf 2009, 9) vermitteln wenigstens auf dem wertsubstantiellen Gehalt einer Geldware über­
soll, womit eine individuelle Kongruenz von Warenwert und Geld haupt zu bestehen scheint, fällt Heinrich mit der grundsätzlichen
unterstellt wird. Die Waren beziehen sich jedoch nicht individuell Negation des Warencharakters des Geldes trotz einiger Windungen
»als Werte zueinander«, sondern eben auf die gesamtgesellschaft­ und Wendungen letztlich hinter Marx zurück auf die bürgerliche
liche Wertmasse, und zueinander nur als Preise in der Geldform, Vorstellung vom Geld als substanzloser Marke für Tauschhandlun­
wobei allein das Geld die gesellschaftliche Wertsubstanz auch indi­ gen. Dieser Revision ist daher genauer nachzugehen als der gewöhn­
viduell repräsentieren muss, um die Preise überhaupt realisieren zu lichen geldtheoretischen Verkürzung in der neueren Orthodoxie.
können. Wenn Wolf den Vertretern der Neuen Marxlektüre vorwirft, Es ist ja klar: Wenn wie bei Heinrich die (auch bei ihm immer
die Beziehung der Waren zueinander »in der Beziehung zwischen noch individuell vorgestellten) Warenwerte zwar »irgendwie« auf
preisbestimmten Waren und Geld aufgehen bzw. verschwinden zu »abstrakte Arbeit« zurückgeführt werden, jedoch diese Realabs­
la� sen« (ebenda), dann enthüllt er damit nur den komplementären traktion keine Substanz haben oder sein soll, sondern eine absurde
Charakter des jeweiligen theoretischen Defizits: Die einen rekur­ »Messung« ohne Inhalt eines Gemessenen, eine schiere »Form«,
rieren fälschlich auf die Beziehung individueller Wertsubstanzen, letztlich die bloß funktionale Beziehung kalkulierender Subjekte -
während die anderen die Wertsubstanz selber tatsächlich verschwin­ dann kann auch das »allgemeine Äquivalent« keine ausgesonderte
den lassen. Ware sein, sondern nur die äußerliche »Allgemeinheit« einer bloßen
Dasselbe komplementäre Defizit ergibt sich hinsichtlich der spe­ Form ohne tatsächlichen substantiellen Inhalt. Welchen Charakter
zifischen Gebrauchswert-Bestimmung des Geldes. Bei Wolf heißt das Geld dann eigentlich hat, ob es wie in der VWL (und im postmo­
es: »Im Gebrauchswert der Äquivalentware wird der Wert der jeweils dernen »Diskurs«) ein bloß symbolisches »Zeichen« ist oder was es
anderen Ware oder aller Waren ausgedrückt ...« (Wolf, a. a. 0, n3). sonst darstellen soll, sagt Heinrich eigentlich nicht bzw. er drückt
Damit wird das Verhältnis von Ware zu Geldware aber auf das (fik­ sich um die Konsequenzen seiner eigenen Revision der Marxschen
tive) Verhältnis von Ware zu Ware reduziert, also im Sinne der ein­ Geldtheorie herum.
fachen Marxschen Wertformanalyse, wo der Rock als konsumtives Einerseits referiert er Marx mit dem Hinweis, nur für die »Zirku­
Gebrauchsding· den Wert der Leinwand ausdrückt. Den von Marx lation« genüge »symbolisches Geld« als bloßes »Mittel«; hingegen

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müsse Geld als »Einheit von Wertmaß und Zirkulationsmittel« blamablen Population, zu deren allfälliger »praktischer Panik« sic}?­
durchaus »wirkliches Geld« sein, nämlich »selbständige Gestalt des alsbald der »theoretische Schrecken« fügen könnte.
Werts« (Heinrich 2004 , 6 6) . Er zitiert sogar Marx, der in dieser Hin­ Das Zauberwort bei Heinrich und seinen Schülern oder interes­
sicht vom »materiellen Dasein des abstrakten Reichtums« spricht sierten Nachbetern, teilweise aber auch schon bei Backhaus und Rei­
(a. a. 0). Aber genau hier liegt der Hund begraben. Was nämlich den chelt, ist auf diese Weise gut aufklärungsideologisch wie schon hin­
materiellen Charakter angeht, so differenziert Heinrich an dieser sichtlich des Werts noch mehr hinsichtlich des Geldes der Begriff
Stelle andererseits im Gegensatz zu Marx nicht zwischen der spezi­ der »Geltung«. Dieser Begriff oszilliert diffus zwischen der Bedeu­
fischen substantiellen Repräsentation »abstrakter Arbeit« und phy­ tung einer objektiven Gültigkeit (im Sinne des verselbstständigten, .
sischer Materie (Metall oder Papier). Es scheint überhaupt egal zu real verdinglichten Fetischverhältnisses), wie er eindeutig bei Marx
sein, worin die »Materie« des Geldes besteht, denn »was als Geld gemeint ist, und einer »Gültigkeit« als subjektiver »Geltung« (im
fungiert«, so Heinrich, »gilt« in seinem >>Unmittelbaren materiellen Sinne der bürgerlichen Vorstellung von Vertrag oder Dekret). Das
Dasein als Wertding« (a. a. 0). Hier haben wir wieder die vollstän­ letztere, eindeutig gegen die Marxsche Auffassung gerichtete Ver­
dige Konfusion. Wenn es so ist, wie Heinrich sagt, dann gibt es gar ständnis möchte die unbezweifelbare Tatsache, dass der verding­
keinen Unterschied von Papierzetteln oder sonst wie bloß »symboli­ lichte Fetisch kein äußerlicher Gott oder Geist ist, sondern es die
schem Geld« einerseits und »wirklichem Geld« andererseits. Hein­ Menschen selbst sind, die das ihnen gegenüber verselbständigte
rich widerspricht sich also selbst, soweit er andererseits mit Marx »automatische Subjekt« in Gang halten, einer vulgär-aufklärungs­
diese Differenzierung dennoch macht. Oder die Festlegung einer ideologischen Umdeutung zuführen. Die negative Objektivität soll
Differenz von »symbolisch« und »wirklich« ist rein willkürlich. »handlungstheoretisch« in eine ursprüngliche oder letztbestim­
ökonomisch »wirklich« ist aber allein die spezifische Repräsentanz­ mende Intentionalität aufgelöst werden. Diese Sorte »Geltung« wird
Gegenständlichkeit vergangener »abstrakter Arbeit« oder verausgab­ dann gerade am Begriff des Geldes »geltend« gemacht.
ter menschlicher Energie, nicht irgendeine äußere naturstoffliche Wenn Heinrich nur scheinbar in Anlehnung an Marx das »wirk­
Materialität. Letztere kommt auch allen bloß symbolischen Gegen­ liche Geld« als »selbständige Gestalt des Werts« bestimmt, so ist das
ständlichkeiten zu, denn »materiell« in diesem Sinne sind auch also bei ihm wieder einmal eine theoretische Mogelpackung, denn
Papierzettel oder sogar elektronische Buchungsimpulse. Worin soll in der eingeschmuggelten, subjektiv konnotierteh »Geltungstheo­
dann noch der Unterschied von »symbolischem« und »wirklichem« rie« besteht der »Wirklichkeitscharakter« um keinen Deut anders als
Geld bestehen? Ist es vielleicht die Differenz des Geldbegriffs im der bloße »Symbolcharakter« aus einer letztlich beliebigen Setzung,
Kopf von Heinrich und Euro-Scheinen in seinem Geldbeutel? Im und von einer »selbständigen Gestalt des Werts« kann dann gar
Grunde hat Heinrich sich einen bloßen »Zeichen«-Begriff des Gel­ keine Rede mehr sein; es sei denn, man erklärt auch den Wert selbst
des ausgerechnet damit erschlichen, dass er den Sinn der Marx­ zu einer subjektiv gesetzten Angelegenheit (womit dann wieder die
schen Aussage völlig verdreht. neoklassische subjektive Wertlehre verräterisch unter dem marxo­
Er gibt damit dem postmodernen Affen reichlich Zucker, der die logischen Revers hervorlugt). Eine objektiv verselbständigte allge­
Welt als Ansammlung von »Zeichen« sehen möchte - und natür­ meine Gestalt des Werts kann das Geld überhaupt nur als »ausgeson­
lich vor allem sein Grund- und Hauptnahrungsmittel · Geld bzw. derte Ware« sein. Aber während Heinrich einerseits jene »Gestalt«
Kredit. Eben auf diese Weise erweist sich das postmoderne Denken selber als notwendige zu formulieren scheint, leugnet er zugleich
als Verfallsgestalt der kapitalistischen Vernunft, die »in prosperitäts­ explizit deren ebenso notwendige Voraussetzung. Geld müsse keine
trunknem Aufklärungsdünkel das Geld für leeren Wahn« (sprich: Ware sein. Und somit dann natürlich au.eh kein selbständiger Wert..
für eine problemlose Zeichen-Sammlung zwecks ewiger Shopping­ Wie eine »selbständige Gestalt des Werts« ohne eine selbständige
Seligkeit) erklärt und sich damit bereits grausam blamiert hat. Und Wertsubstanz möglich sein soll, bleibt wieder einmal Heinrichs
Heinrich reüssiert vor allem als der »marxistische« Prophet dieser Geheimnis. Es sei denn, der Wert selber ist gar keine Substanz, was

23 0 2 31
Heinrich ja auch schon nahe gelegt hat, aber eben nur halbherzig und als Dynamisierung eines inneren Widerspruchs, der das Kapi­
und halbseiden, indem er sich um die Vermittlung von Arbeit und tal objektiv in Frage stellt und an seine historischen Grenzen heran­
Wert, von Substanz und Form systematisch herumdrückt. Seine führt. Nicht zuletzt darin besteht die grundsätzliche Differenz von
Nähe zur bürgerlichen Neoklassik und insbesondere den geldtheore­ positivistischem und kritisch-dialektischem Denken, dass im einen
tischen Modifikationen seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird den­ Fall die so genannten Tatsachen als widerspruchslose unmittelbare
noch gerade hinsichtlich der Geldtheorie überdeutlich. Gegebenheit ohne jede gesellschaftlich-historische Tiefendimension
Die eindeutige Abgrenzung von der Marxschen Ableitung des genommen werden, während sie im anderen Fall als Erscheinungs­
Geldes aus der Warenform ist bei Heinrich in begrifflicher Hin­ formen oder als Oberflächenbewegung einer inneren historischen
sicht allerdings eine bloße Behauptung: Dass Marx sich kein »kapi­ Widerspruchsdynamik erst kritisch zu erklären sind.
talistisches Geldsystem ohne Geldware« habe »Vorstellen« können, Im Sinne der historischen Zeit ist seit Präsident Nixons Entschei­
folge »keineswegs aus seiner Analyse von Ware und Geld« (Hein­ dung sozusagen erst ein Wimpernschlag vergangen, sodass noch
rich 2004, 68) Kunststück, wenn man diese Analyse ihrer begriff­
-
gar keine historische Bewertung möglich ist. Vielmehr wird eine
lichen Grundlage beraubt. Es ist bezeichnend, dass die einzige Analyse der Dialektik von Wesen und Erscheinung des Geldes erfor­
Begründung, die Heinrich selbst liefert, keine begriffliche der kate­ derlich, die zu ganz anderen Resultaten als Heinrich und die VWL
gorialen Analyse ist, sondern eine rein historisch-empirische »Tat­ gelangt. H ier zeigt sich sehr deutlich und unmissverständlich, dass
sachenfeststellung«. Das factum brutum, dass Anfang der r97oer die Heinrichsche Lesart der Marxschen Theorie schon keine Les­
Jahre der damalige US-Präsident Nixon die Goldkonvertibilität des art oder Interpretation im Sinne einer Weiterentwicklung mehr ist.
Dollar aufgekündigt hatte und damit keine Währung mehr an das Bei ihm handelt es sich in der Geldtheorie, und keineswegs nur in
Gold gebunden war, reicht ihm als scheinbar unmittelbar-prakti­ dieser, gerade nicht um eine theoretische Transformation, sondern
scher »Beweis« völlig aus: »Seit dieser Zeit gibt es keine Ware mehr, um einen bloßen Revisionismus alten Stils sowohl in inhaltlicher
die auf nationaler oder internationaler Ebene die Rolle einer Geld­ als auch in methodologischer Hinsicht. Wir haben es also mit einem
ware spielt« (a. a. 0, 68) . Somit steht für Heinrich fest, dass »die Rückfall hinter Marx zugunsten genau jener positivistischen Wahr­
Existenz einer Geldware lediglich ein historischer Übergangszu­ nehmung zu tun, die eine partikulare historische Empirie meint
stand« (ebenda) gewesen sei. Die gesamte begriffliche Ableitung des gegen die kategoriale Analyse der Marxschen Theorie ins Feld füh­
Geldes im »Kapital« soll also einfach eine zeitgebundene Fehlleis­ ren zu können.
tung von Marx gewesen sein, inzwischen sei der Kapitalismus eben
weiter und habe sich. vom eher »archaischen« Warencharakter des
Geldes emanzipiert. Das ist die exakte Reproduktion der geldtheo­
retischen Entwicklung in der VWL, wobei letztere sich allerdings
schon länger im Rahmen einer bloßen »Zeichentheorie« bewegt hat.
In den nächsten Kapiteln wird sich zeigen, wie Heinrich damit
auch die Krisentheorie aushebeln möchte und übrigens den kapita­
listischen Notenbanken aus der Seele spricht. Hier ist zunächst nur
festzuhalten, dass seine Begründung höchst oberflächlich und empi­
ristisch bleibt, also wieder einmal ganz dem positivistischen Modus
bürgerlicher Wissenschaft folgt. Die sukzessive Entkoppelung des
Geldsystems von der Bindung an Edelmetalle im 20. Jahrhundert
wird als Identität von empirischer und kategorialer Entwicklung
genommen (»so ist das halt jetzt«), statt als schubweises Aufbrechen

23 2 233
12 . erscheint) Veränderungen des sozialen Gefüges nach sich zog. Doch
hier fand nirgends die Auflösung in eine verselbständigte »Ökono­
mie« mit einem allgemeinen Äquivalent als reiner Gestalt des Werts
Die doppelte Historizität und auf der Basis »abstrakter Arbeit« statt, sondern immer nur eine
der objektive Charakter der Kriscm Umwandlung bestimmter persönlicher Verpflichtungsverhältnisse
in einen anderen Modus, der auch verstärkt (immer noch sakral
fundierte) Geldbeziehungen einschloss und andere, traditionell
Es ist bekannt, dass die Katastrophen oder der Untergang vormoder­ . bestimmte Abhängigkeiten zurücktreten ließ. Selbst in den Zeiten
ner Sozietäten im Rahmen von Gottesverhältnissen oder Gottesbezie­ des Hellenismus und der Spätantike, in denen sich aus moderner
hungen und daraus abgeleiteten irdischen Verpfiichtungsstrukturen Sicht ein zirkulativer »Ausbruch« des Geldes anzudeuten schien,
persönlicher oder institutioneller Art meist eher äußere als innere fand er letztlich dennoch nicht statt.
Ursachen hatten: Naturkatastrophen, Missernten,. Eroberungen und In allen diesen Verhältnissen konnte es daher keine gesellschaftli­
Unterwerfungen (ein Gott schlägt den anderen) etc. Es lassen sich chen »Krisen« im modernen Sinne geben, die stark im politisch-öko­
allerdings auch innere Verwerfungen im Kontext von Brüchen in nomischen Sinne konnotiert sind, auch wenn der Begriff von dieser
den Verpfiichtungsbeziehungen (etwa bei dynastischen Wechseln) Sphäre ausgehend sozusagen imperial geworden ist (ähnlich wie der
oder durch religiöse Neuinterpretationen feststellen. Natürlich gab Arbeitsbegriff) . So spricht man heute auch von politischen, kultu­
es auch ständig materielle Konflikte, vom Kampf um Viehweiden bis rellen oder persönlichen Krisen etc„ aber der Begriff ist präformiert
zum Streit um die Opfer und Abgaben. Auch Blutrache, Frauenraub und stets überlagert von seinem modernen Ursprung in der objek­
etc. hatten ihre materielle Dimension in Form der Sühneleistungen. tivierten, verdinglichten Ökonomie des Kapitalfetischs. Obwohl der
Insofern konnte das »Gelt« durchaus Teil einer unkontrollierten Ent­ Krisenbegriff aus dem griechischen medizinischen Vokabular der
wicklung von Konflikten werden. Da es jedoch keine verselbstän­ Antike stammt und die Klimax eines Krankheitsverlaufs bezeichnet,
digte Eigendynamik enthielt, war eine aus ihm selbst hervorgehende wurde er in den vormodernen agrarisch-religiösen Verhältnissen nie
»Krise« der Reproduktion unmöglich. in einem gesellschaftlichen Sinne oder als allgemeine soziale Meta­
Soweit die sakrale Geldform in die sozialen Beziehungen bei diver­ pher gebraucht. Das ist leicht erklärlich, denn der Fetischcharak­
sen Austauschverhältnissen verstärkt Eingang fand, hatte sie natür­ ter dieser Verhältnisse war eben nicht in derselben Weise wie der
lich trotzdem Rückwirkungen auf die Ordnungsgefüge der jeweili­ moderne versachlicht und objektiviert, sondern durchgehend per­
gen Sozietäten. Derartige Veränderungen bezogen sich jedoch auf sonal bestimmt. So wäre es sonderbar und unangemessen erschie­
die personalen Repräsentationsstrukturen selbst; es handelte sich nen, Konfliktverläufe unter den personalen Repräsentanzen mit der
nicht etwa um Stockungen in einem »Geldkreislauf«, Einbrüche Kurve eines Krankheitsverlaufs bildlich auszudrücken.
einer »Konjunktur«, »Finanzkrisen« etc. Dafür fehlten alle Voraus­ Eine solche Bezeichnung wurde erst unter den modernen Bedin­
setzungen. Die bürgerliche Geschichtsideologie tut aber so, als gäbe gungen des Kapitalfetischs sinnvoll, weil sich hier die Turbulenzen
es irgendwie Analogien in diesem Sinne. So werden die Klagen über und Erschütterungen nicht in erster Linie durch institutionelle Kon­
die zersetzende Wirkung von inneren Geldbeziehungen auf die tra­ flikte der personalen Repräsentanzen begründen wie in der religi­
ditionellen, archaischen Clanstrukturen in der frühen griechischen ösen Konstitution der Vormoderne, sondern genau umgekehrt die
Antike gern zitiert, um dabei eine sich ausbreitende »Geldökono­ Konflikte der »Charaktermasken« durch die objektivierten Erschüt­
mie« mit eigener Logik zu unterstellen. Aber davon kann keine Rede terungen des verdinglichten Reproduktionszusammenhangs. Eben
sein, auch wenn die Übertragung des »heiligen Geldes« auf innere diesen verräterischen Sachverhalt will das bürgerliche Bewusst­
Beziehungen in den diversen Sozietäten (nicht zu verwechseln mit sein nicht wahrhaben. Da die real verdinglichten Formen des Kapi­
einer völligen »Profanierung«, wie es auch bei Bernhard Laum noch talfetischs, namentlich das Geld, vor. allem von der Neoklassik

234 235
kontrafaktisch in den Kontext subjektiver Entscheidungskalküle und der postmodernen Ideologie überhaupt ist nichts anderes als ein
gerückt werden, während sein Dasein als solches überhaupt nicht weiteres Moment in der Annäherung einer heruntertransformier­
mehr der Reflexion unterliegt, müssen eben auch die Friktionen und ten, weitgehend zurückgenommenen Kritik der politischen Ökono­
Turbulenzen, wie sie auf den Märkten erscheinen, als jene Resultate mie an die bürgerliche Neoklassik.
subjektiver (vor allem äußerlich-politischer) Fehlentscheidungen Ist aber die Krise nicht im bloßen Konflikt um subjektive »Gel­
falsch erklärt werden. tungsverhältnisse« angelegt, sondern in der objektiven »Gültigkeit«
Wobei übrigens der Gegensatz von Subjekt und Objekt sel­ des verdinglichten »abstrakten Reichtums« und seiner verselbstän­
ber erst der Wahrnehmungsweise des modernen Kapitalfetischs digten Verwertungsbewegung, dann muss auch ihr letzter Grund
entstammt und der Begriff der Subjektivität ungewollt auf den in einem objektiven inneren Widerspruch dieses Prozesses gesucht
»Charaktermasken«-Status sämtlicher Akteure und damit doch wie­ werden, wie es ja übrigens dem: ursprünglichen, aus der Medizin her­
der auf die verdinglichte Objektivität verweist, auch und gerade die­ kommenden Krisenbegriff entspricht. Dabei ist es gleichgültig, ob
jenige der Krise. Der traditionelle Marxismus hatte diese Objektivi­ die Metapher sich auf einen organischen oder einen mechanischen
tät geradezu angebetet und positivistisch in den affirmierten Grund­ Zusammenhang bezieht, denn in beiden Fällen handelt es sich um
kategorien von »abstrakter Arbeit«, Warenform und Geld reprodu­ eine >>Ungewollte«, keinem bewussten Kalkül entspringende Resul­
ziert, während er die gerade von dieser Objektivität bedingten Kri­ tante, die sich einstellt unabhängig vom Bewusstsein der Beteilig­
sen durch theoretische Erkenntnis und etatistische »Beherrschung« ten. Also tatsächlich ungefähr wie die organische Erkrankung eines
eben der »objektiven Gesetze« aushebeln wollte (statt durch Abschaf­ Körpers etwa durch eine Infektion oder durch zellulare Veränderun­
fung der basalen Realkategorien und ihres substantiellen Formzu- ·
gen, die zum Tod führen können; oder wie der mechanische Defekt
sammenhangs). Der »westlich«-subjektivistische Marxismus und einer Maschine, der ihren Motor zum Stillstand bringt.
seine postmodernen Derivate hingegen haben inzwischen die nega­ Es tut diesem Sachverhalt keinen Abbruch, dass der vorausge­
tive, verdinglichte Objektivität des Kapitalverhältnisses (großenteils setzte Gegenstand oder Sachverhalt kein Naturprozess und keine
sogar den Marxschen Fetischbegriff) grundsätzlich gestrichen und Maschine ist, sondern die menschliche Gesellschaft unter der
damit auch die Krise, fast noch stärker als die bürgerliche Neoklas­ Herrschaft des kapitalistischen Selbstzwecks. Da Menschen keine
sik, ganz in »subjektive« (politische) Willenshandlungen der sozia­ Steine, keine Pflanzen oder Tiere und keine Maschinenteile sind,
len Akteure aufgelöst. sondern mit Bewusstsein begabte Wesen, liegt zwar auch bewuss­
Die Krise lässt sich dagegen nur erklären und analysieren, wenn tes Handeln zugrunde, aber unter kapitalistischen Bedingungen
sie als spezifische Verlaufsform der verselbständigten, verdinglicht eben gerade nicht als gesellschaftlich bewusstes, sondern als par­
in der Geldform erscheinenden »Ökonomie« des Kapitalfetischs, tikulares oder atomisiertes von Funktionssubjekten, deren eige­
somit als defizitäre Entwicklung und Bewegung des »automatischen ner Zusammenhang sich außer ihnen herstellt. So ergibt sich das
Subjekts« verstanden wird. Dass darauf subjektive (politische, ideo­ paradoxe Verhältnis, dass sich das Bewusstsein auf die Einzelheit
logische, kulturelle) Reaktionen stattfinden und die konkret-empiri­ (das einzelne individuelle, betriebswirtschaftliche oder staatliche
sche Verlaufsform in Krisenzeiten mitbestimmen, steht auf einem Handeln) beschränkt, während die Allgemeinheit oder der Gesamt­
anderen Blatt und ändert nicht das Geringste am blind objektivierten zusammenhang zum bewusstlosen Prozess wird; auf der Mikro­
Charakter der Krise als solcher. Marx hat in diesem Sinne bekannt­ Ebene herrscht Bewusstheit, auf der Makro-Ebene dagegen völlige
lich und völlig zu Recht von der »inneren Schranke« des Kapitals Bewusstlosigkeit. In natürlichen oder maschinellen Prozessen sind
gesprochen, was auch unter Verrenkungen nicht als bloße Resul­ beide Ebenen bewusstlos, sowohl das einzelne Teil oder Moment als
tante subjektiver Intentionen interpretiert werden kann. Der subjek­ auch der Zusammenhang; in der kapitalistischen Gesellschaft als
tivistische Krisenbegriff im Argumentationsstrang von großen Tei­ einem warenproduzierenden Selbstzweck-System ist dagegen die
len des »westlichen Marxismus«, des Operaismus/Postoperaismus Bewusstheit des einzelnen Teils oder Moments so konstituiert oder

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präformiert, dass daraus ein bewusstloser Zusammenhang oder kapitalistischen Entwicklungsprozess eben nicht äußerlich perio­
Gesamtprozess entsteht, ganz wie bei an sich schon bewusstlosen disch unterbricht, sondern seine eigene innere Dynamik ausmacht.
Naturdingen oder Maschinen. Dabei sind wiederum zwei Fehler zu vermeiden. Es kann weder
Das macht gerade den Skandal der fetischistischen Vergesell­ darum gehen, in positivistischer Manier die binnenhistorische
schaftung aus, dass die menschliche Bewusstheit als gesellschaft­ Abfolge der empirischen Krisen zu »erzählen« ohne Rekurs auf
liche wieder derart reduziert wird, dass sie analog zu einem blin­ die kategoriale Ebene oder sogar als (revisionistische) Frontstellung
den Naturprozess abläuft. Daraus lässt sich schon ersehen, wie halt­ gegen diese. Noch ist es umgekehrt erlaubt, die kategoriale Bestim-­
los alle Versuche sein müssen, die objektiven Krisen dieser absur­ mung der Krise oder ihres Mechanismus völlig getrennt von der
den, negativen Gesellschaftlichkeit auf deren eigenen Grundlagen realen historischen Binnenentwicklung des Kapitals zu begreifen
»bewältigen« und überwinden zu wollen, ohne das zugrunde lie­ und darzustellen; gewissermaßen als (scheinorthodoxe) ahistori­
gende Fetisch-System von Grund auf (kategorial) zu negieren und sche Logik, die nur indirekt historisch wäre in der leeren· Abstrak­
abzuschaffen. tion, dass der Kapitalismus irgendwann einmal entstanden sein und
Es ist offensichtlich, dass die hier waltende Bewusstlosigkeit irgendwann auch wieder zu Ende gehen muss, während seine innere .
einer Objektivierung im Sinne des verdinglichten Geldfetischs Geschichte nur als eine Abfolge von zufälligen Ereignissen oder
als Erscheinungsform des Kapitalfetischs etwas anderes ist als die höchstens als ein ewiges Auf und Ab von Konjunkturen und Struk­
Bewusstlosigkeit im Sinne personalisierter Gottesbeziehungen turbrüchen auf der Basis des Immergleichen erscheint, denen aber
der vormodernen Sozietäten. Hier wie dort bewusstlose Vorausset­ kein!'! aufsteigende, in gewisser Weise teleologische Entwicklungs­
zungen als Quelle von Konflikten; aber nur hier eine Objektivie­ und Widerspruchslogik zugrunde läge. Genau darin besteht, wie im
rung als bewusstloser Krisenprozess. Wenn also die gesellschaftli­ Folgenden auf verschiedenen Ebenen zu zeigen sein wird, die anti­
che Krise als »innere Schranke« der gesellschaftlichen Form selbst geschichtstheoretische Dimension der spezifischen Neuen Marxlek­
statt als bloß äußere Schranke· von· Naturbedingungen oder frem­ türe von Michael Heinrich; gerade auch in dieser Hinsicht ganz ein­
den Eroberungen allein ein Merkmal des mode.rnen Kapitalfetischs deutig gegen eine zentrale Errungenschaft der Marxschen theoreti­
ist, dann haben wir es mit einer doppelten Historizität der Krise zu schen Revolution gerichtet, die auch in diesem Punkt zurückgenom­
tun: Einmal als spezifisch historische Erscheinung des Kapitalis­ men (revidiert) werden soll.
mus im Unterschied zu allen anderen, früheren Formationen der »Teleologie« ist hier einzig und allein im Sinne kapitalistischer
Geschichte. Und zum anderen als Geschichte der Krisen auf dem Binnengeschichte zu verstehen; und zwar als Zwang zur perma­
Boden des Kapitals selbst oder als kapitalistische Binnengeschichte. nenten (auf dem Zeitpfeil unaufhaltsam aufsteigenden) Produk­
Es ist p.lso nicht nur zu vermeiden, den Krisenbegriff transhisto­ tivkraftentwicklung mit ebenso fortschreitender Rückwirkung auf
risch zu verwenden und auf ganz anders geartete Erscheinungen der den Selbstzweck des Verwertungsprozesses, wie ebenfalls im Fol­
Vorgeschichte, der Antike oder des Mittelalters (im formalen Ver­ genden zu zeigen sein wird. Es geht also darum, dass die empiri­
ständnis der bürgerlichen Geschichtswissenschaft) zu projizieren. sche Entwicklung samt den darin eingeschlossenen empirischen
Dieses Gebot stellt nur die Fortsetzung der Einsicht dar, dass auch Krisen zugleich eine Entwicklung und Bewegung der Realkatego­
»abstrakte Arbeit«, Wertform, Kapital, Staat und geschlechtliches rien durch die Zeit ist; die Kategorien selbst sind an sich historisch­
Abspaltungsverhältnis allein dem Kapitalfetisch angehören und dynamische. Genauer gesagt: Der Dualismus von kategorialer und
nicht auf andere Verhältnisse zurück projiziert werden können wie empirischer Ebene ist allein dem theoretisch-analytischen »Darstel­
in der bürgerlichen Geschichtsmetaphysik bzw. ihrer marxistischen lungsproblem« geschuldet, das di.e abstrakten Kategorien gedank­
Verlängerung. Es gilt aber auch, andererseits die kapitalistische Bin­ lich isolieren muss, um überhaupt Erkenntnis zu ermöglichen. In
nengeschichte als Krisengeschichte zu begreifen und darzustel­ der Wirklichkeit jedoch sind beide in der gedanklichen Reproduk­
len. Die modernen Krisen haben eine eigene Geschichte, die den tion verschiedenen Momente ganz ungeschieden; die »Empirie« ist

2 39
diejenige der Kategorien, und die Kategorien . sind diejenigen der Ebene. So sind etwa die Münzverschlechterungen der frühen Neti­
Empirie. zeit im Kontext der (absolutistischen) Herausbildung moderner
Das Kapital ist also auch in diesem (binnenhistorischen) Sinne ein Staatlichkeit nicht identisch zu setzen mit den Inflationen des 20.
Ganzes, ein »Gesamtprozess«. Deshalb bedarf es in dieser Hinsicht Jahrhunderts auf der Basis des hochentwickelten Kapitalfetischs
erst recht einer Kritik des »methodologischen Individualismus«, wie (wie es gegenwärtig gern versucht wird, um die aktuellen Geldkri­
er aus der problematischen (theoretischen) Darstellungslogik her­ sen als schon altes Phänomen falsch zu identifizieren und sich damit
vorgeht. Denn die statistisch erfasste Empirie ist vor diesem Hinter­ zu beruhigen). Zur Verwirrung trägt bei, dass sich die Durchset­
grund wie bereits gezeigt immer die bloß äußerlich aggregierte der zungskrisen verschiedener Art über Jahrhunderte erstreckten, weil
Einzelkapitale oder überhaupt der einzelnen »ökonomischen Sub­ die Entwicklung des Kapitals zum Weltkapital ein ungleichmäßiger
jekte«. In dieser reduktionistischen Wahrnehmung vom Standpunkt und ungleichzeitiger Prozess war. Daraus folgt wiederum eine neue
der Funktionssubjekte scheint die Dynamik allein auf der isolierten, Komplexität, denn erstens waren die späteren Durchsetzungskrisen
äußerlich bestimmten Seite der Empirie zu liegen, während die kate­ nicht mehr vermittelt mit der frühen zirkulativen Konstitution und
goriale Ebene als starr und ahistorisch erscheint, weil sie nicht als ihren Widersprüchen, sondern bereits mit der weiter entwickelten
innere Wesenslogik der Dynamik des Ganzen selbst bestimmt ist, Sphäre der »Realisation« in Gestalt des Weltmarkts, der den »Gang
sondern als abstrakt-allgemeine Funktionslogik individueller (noch in sich« des Kapitals noch vor der Entstehung von kapitalistischen
dazu »Zirkulativ« ideologisierter) Handlungen. Deshalb können Nationalökonomien embryonal bestimmte. Zweitens setzte sich die
dann auch die Krisen leicht der bloßen Empirie zugeschlagen werden Ungleichmäßigkeit und Ungleichzeitigkeit der kapitalistischen Ent­
und damit eben auch einer bloß äußerlichen Ereignisgeschichte, als wicklung auch auf ihren eigenen Grundlagen fort. So stellten etwa
hätten die Grundkategorien damit gar nichts zu tun. Wie sich zeigen die Krisen, die mit den Beziehungen zwischen dem bereits konsti­
wird, folgen dieser verkürzten Wahrnehmung der Krisen auch weit­ tuierten europäischen Kapital und den Kolonien in Nord- und Süd­
gehend die marxistische Krisentheorie und insbesondere die Neue amerika verbunden waren, im Unterschied etwa zu denjenigen in
Marxlektüre in der Version von Michael Heinrich. Asien und vor allem Afrika keine einfachen Durchsetzungskrisen
Allerdings ist der historische Krisenbegriff im Kontext kapitalis­ im Zusammenstoß mit vorkapitalistischen Reproduktionsformen
tischer Entwicklung weiter zu differenzieren. Dabei setzt sich die mehr dar. Denn in beiden Amerika waren es ja europäische, bereits
Verdoppelung in der Historizität der Krise fort. Zunächst ist noch kapitalistisch geformte Siedlungen, die einen eigenen Entwick­
einmal zu unterscheiden zwischen den Krisen im Kontext der histo­ lungsprozess durchmachten, der spezifische Krisenerscheinungen
rischen Konstitution des Kapitals und den Krisen bei seinem »Gang in der Weltmarktbeziehung mit den (bald schon ehemaligen) »Mut­
in sich« auf seinen eigenen Grundlagen. In gewisser Weise wieder­ terländern« hervorbrachte.
holt sich dabei die Problematik der »Zirkulation« als transitorisches Es ist hier nicht der Ort, der Komplexität all dieser Übergangs­
Phänomen im Unterschied zur Sphäre der »Realisierung« als Funk­ und Durchsetzungsprozesse mit ihren krisenhaften Friktionen im
tionsraum des voll ausgebildeten Kapitals hinsichtlich der Krisen auf Einzelnen nachzugehen. Festzuhalten ist im Rahmen dieser Unter­
analoge Weise. suchung nur, dass die Konstitution und historische Entwicklung
Im frühmodernen Prozess der Konstitution haben wir es zunächst des Kapitals über lange Zeit und bis ins 20. Jahrhundert hinein
mit Durchsetzungskrisen der Kapitallogik zu tun; d. h. mit Frik­ eine Gemengelage zwischen der reinen Logik des Kapitalfetischs als
tionen, die sich aus dem Zusammenstoß mit vorkapitalistischen »Gang in sich« einerseits und einer Vielzahl von Durchsetzungswei­
Reproduktionsformen auf Basis der »Gottesverhältnisse« und deren sen, Urigleichzeitigkeiten und Verwerfungen im Gefüge des Welt­
personaler Repräsentation ergeben. Diese unmittelbaren Durchset­ markts andererseits bedingte. In diesen Prozessen war die innere
zungskrisen vermengen sich mit Widersprüchen der erst entstehen­ Logik und Dynamik nur schwer in ihrer Allgemeinheit zu erfassen.
den neuen Geldlogik noch auf der unentwickelten »Zirkulativen« Dieses Problem sollte nachwirken bis in die Marxsche Krisentheorie.
Eine nochmalige Komplizierung ergibt sich bei der Bestimmung Kompensationsmechanismus fixiert bleibt, also die übergreifende
der reinen Logik der Krise auf der Ebene des »Kapitals im Allgemei­ Logik des Gesamtprozesses und seines basalen, schließlich reif wer­
nen« (Marx) selbst, denn diese kann ja wie gezeigt nicht wirklich von denden Widerspruchs systematisch ausblenden möchte. In jüngs­
der prozessierenden Empirie getrennt werden, auch wenn die theo­ ter Zeit hat auch dabei Michael Heinrich mit seinen Publikationen
retischen Abstraktionen unumgänglich sind. Wenn wir nun zwecks · eine gewisse »innermarxistische« Diskurshegemonie erreicht, weil
theoretischer Erklärung von der Konstitutionsgeschichte sowie von seine Version der grundsätzlichen Ableugnung einer historischen
der ungleichzeitigen und ungleichmäßigen Entwicklung im Welt­ Schranke des »abstrakten Reichtums« wiederum sowohl den Rest­
maßstab absehen, muss sich trotzdem der Krisenbegriff auch als bestand des traditionellen Marxismus als auch die postmoderne
derjenige des für sich betrachteten »Gangs in sich« verdoppeln. Linke bedienen kann, die beide gleichermaßen, wenn auch aus
Genauer gesagt haben wir es zum einen mit einer den histori­ unterschiedlichen Gründen, auf eine Verewigung der kapitalisti­
schen Gesamtprozess des Kapitals übergreifenden Logik zu tun, mit schen Kategorien angewiesen sind: die einen, weil sie die »abstrakte
einem inneren Selbstwiderspruch zwischen der Produktivkraftent­ Arbeit« und deren verdinglichte Formen ontologisiert haben; die
wicklung und dem Selbstzweck des »abstrakten Reichtums«, der anderen, weil sie selber bloß die ideologischen Ausgeburten eines
von Anfang an zu Grunde liegt, aber sich erst historisch herausar­ virtualisierten Finanzblasen-Kapitalismus in linkem Gewand dar­
beitet, in immer reinerer Form zu Tage tritt und auf eine Kulmi­ stellen. Dies ist nun anhand der Auseinandersetzung um die Marx­
nation zutreibt. Dieser innere Selbstwiderspruch., der die Dynamik sche Krisentheorie genauer auszuführen.
bestimmt, bildet gewissermaßen den geheimen Mechanismus der
Krise an sich, der sich aber erst nach einer langen Inkubations­
zeit auch direkt an der Oberfläche der Erscheinungen als solcher
manifestiert.
Zum andern aber liegt zwischen der Konstitutionsgeschichte und
dieser historischen Kulmination des inneren Widerspruchs und
seiner Dynamik eben jene Inkubationszeit, in der sich innerhalb
des kapitalistischen »Gangs in sich« ein historischer Kompensa­
tionsmechanismus geltend macht, der (wie sich zeigen wird) auf der
Produktion des so genannten »relativen Mehrwerts« (Marx) sowie
auf der gleichzeitigen inneren und äußeren Expansion des Kapitals
beruht. Der elementare logische Widerspruch wird auf diese Weise
überlagert von einer historischen Modulation, die den Widerspruch
nur scheinbar periodisch löst, indem sie ihn auf wachsender Stu­
fenleiter in immer größerem Maßstab reproduziert. Die Welt wird
mit immer mehr Waren zugeschüttet, die immer weniger wert sind,
obwohl es allein auf diesen abstrakten Wert als Überschuss (Mehr­
wert) ankommt. Aber die temporäre Kompensation durch Expansion
ist keine unendliche, weil erstens die Erde kein unendlicher Raum
ist und zweitens der relative Mehrwert nicht unendlich gesteigert
werden kann.
In dieser Hinsicht ist es gerade die reflektierteste marxis­
tische Krisentheorie, die auf eine unendliche Verlängerung des

243
zu realisierender Anteil an der Wertmasse und das entsprechencle
Geld müssen nun aber, gesellschaftlich hochgerechnet, nicht über­
einstimmen, weil das durch Verkäufe erlöste Geld nicht zwangsläu­
Der fragmentarische Charakter und fig wieder in entsprechende Käufe umgesetzt wird. Die Metamor­
die verkürzte Rezeption der Marxschen Krisentheorie phose der Ware in die Geldform ist also keineswegs garantiert, da
ja private Produktion und Realisierung des Mehrwerts getrennten
Sphären angehören und erst a posteriori durch das Markthandeln in
Marx hat bekanntlich keine kohärente, in sich schlüssige Krisenthe­ Übereinstimmung gebracht .werden - oder eben auch nicht.
orie hinterlassen, sondern eine fragmentarische und widersprüchli­ Das gilt nicht nur für das allgemeine Verhältnis von Käufen und
che, deren Elemente sich über weite Strecken seines theoretischen Verkäufen oder die allgemeine Bewegung des Geldes, sondern sogar
Opus verteilen. Dieser Sachverhalt hat natürlich Anlass zu ewigen für die einzelne Transaktion; denn soweit sie formell vollzogen ist,
Kontroversen um die Interpretation gegeben, sowohl hinsichtlich der kann sie bei einem zeitlichen Abstand zwischen Kaufvertrag und
Ursachen und des Status der Krise in der kapitalistischen Dynamik realer Zahlung immer noch substantiell misslingen, sollte der Käu­
als auch hinsichtlich ihrer Erscheinungen, Phasen und Verlaufsfor­ fer zahlungsunfähig werden (ein bei Wechselgeschäften durchaus
men. Bei Marx selber ist das Krisenproblem in gewisser Hinsicht alltäglicher Fall). Da dieser Widerspruch in seiner Allgemeinheit
ähnlich doppeldeutig formuliert wie die Grundkategorien; wie deren modellhaft an der Ware-Geld-Transaktion als solcher (als idealer
Bestimmungen streckenweise zwischen Ontologisierung, Histori­ Einzelheit) festgemacht werden kann, erfordert seine Feststellung
sierung und Darstellungsproblematik oszillieren, so diejenigen der auch keine Einsicht in den Gesamtprozess als wirkliche Vorausset­
Krisentheorie zwischen (ebenfalls darstellungslogisch bedingten) zung, sondern kann auf die Defizite einer vermeintlichen »Zirkula­
»zirkulativen« Oberflächenerscheinungen und einem substanti!'!l­ tion« zurückgeführt werden; oder jedenfalls einer »unregulierten«
len Selbstwiderspruch des »automatischen Subjekts«. Und gerade Zirkulation, deren Problem einzig in einem möglichen quantitati­
auch in der Krisentheorie ist daher eine Differenz des »exoteri­ ven Missverhältnis rein auf der Geldebene bestehen würde, nämlich
schen« und des »esoterischen« Marx herauszuschälen. Dabei finden zwischen den beiden Momenten von Käufen und Verkäufen, wobei
sich in »exoterischer« Hinsicht drei verkürzte Begründungen der aber der Widerspruch am »Modell« der Transaktion festgemacht
Krisenmechanik. wird, nicht am konkreten Ganzen der Reproduktion.
Den Hintergrund bildet zunächst auch hier der methodologische Ein wenig näher am gesamtgesellschaftlichen Charakter des Kri­
Individualismus. Auf der Ebene der einzelnen, isoliert betrachte­ senproblems ist eine Erweiterung derselben Argumentation, die
ten Ware-Geld-Beziehung fällt ein oberflächlicher Widerspruch ins sich auf die so genannte Disproportionalität der Produktionszweige
Auge, nämlich dass die beiden Momente der Transaktion zeitlich bezieht. Dabei spielt bereits das Verhältnis von stofflichem Inhalt
und ihrem Begriff nach auseinanderfallen, indem keine Unmittel­ (dem sog. Gebrauchswert) und Wertform (Tauschwert in der Geld­
barkeit des · Austauschs von Produkten besteht, sondern sich das form) eine Rolle, allerdings eine eng begrenzte und oberflächli­
entsprechende H andeln, wie Marx im ersten Band über »Geld und che, noch nicht auf das eigentliche Grundproblem der Krisen bezo­
Warenzirkulation« schreibt, »in den Gegensatz von Verkauf und gene. Die private Produktion erfolgt nämlich sozusagen ins Blaue
Kauf spaltet« (Marx 1965 a/1890, 127), also das Geld dazwischen­ des Marktes hinein, ohne dass der wirkliche (inhaltlich-stoffliche)
tritt. Deshalb ist es ja auch, wie bereits ausführlich begründet, gar Bedarf vorher bewusst festgelegt wurde. Es besteht aber natürlich
kein »Tausch« und erst recht keine »Zirkulation« von Waren, son­ ein bestimmter Gebrauchswert-Bedarf gemäß der Zahlungsfähig­
dern die Realisierung des kapitalistischen Selbstzwecks, d. h. die keit. Dies betrifft nicht nur die Konsumtionsmittel, sondern ebenso
Rückverwandlung des Mehrwerts in die ursprüngliche Geldmate­ die Produktionsmittel. Es kann nun sein, dass die privaten Produ­
rie. Erforderlich ist das auf der Ebene des Gesamtkapitals. Ware als zenten, also die Einzelkapitale, nicht nur an der Zahlungsfähigkeit

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vorbei, sondern auch am stofflichen Bedarf vorbei produzieren, weil »Kapital« werden innere Widersprüche der kapitalistischen Repro­
dieser ihnen eben (als zahlungsfähiger natürlich)1 unbekannt ist und duktion deutlich, die zu benennen als krisentheoretisches Argu­
erst durch die (wertmäßige) Realisierungsbewegung auf dem Markt ment verstanden werden kann. Da aber ja erst der »Gesamtprozess«
sich erweist. So ist es möglich, dass zu wenig Rohstoffe und zu viel die wirkliche Wesensbestimmung bildet (und erst auf dieser Ebene
Werkzeugmaschinen (oder umgekehrt) produziert werden, zu viel die Kategorien gültig sind), kann auch die Krisentheorie erst in die­
oder zu wenig Autos, Kurbelwellen, Zahnspangen, Schnittkäse, Toi­ sem Zusammenhang ihre eigentliche Begründung finden, also dar­
lettenpapier usw. Die Töpfe kommen nicht zu ihrem Deckel, die stellungslogisch erst im dritten Band des »Kapital« (wo sie, wie sich
stoffliche Produktion wird disproportional, und in bestimmten Pro­ zeigen wird, von Marx nicht eindeutig ausformuliert wird, obwohl er
duktionszweigen türmen sich unverkäufliche Waren, die zwar an den Schlüssel für die wesentliche Erklärung liefert) . Die verkürzten
sich »Wert« darstellen würden, jedoch überflüssig sind, während krisentheoretischen Elemente entstammen einem Verständnis des
umgekehrt andere Waren fehlen. Das betrifft insbesondere die Pro­ methodologischen Individualismus und einer Beschränkung auf
portionen von Konsumgüterindustrie und Produktionsmittelin­ die vermeintlich »Zirkulativen« Widersprüche; sie wurden aber im
dustrie. Diese »Disproportionalitätstheorie« der Krise bezieht sich Marxismus nicht »darstellungslogisch« als noch unvollständige the­
wesentlich auf das Auseinanderfallen von Produktion und Markt, oretische Rekonstruktion des wirklichen Zusammenhangs gelesen,
wobei das Defizit wiederum in der »Zirkulation« gesehen wird, also sondern als gültige Erklärung der realen Krisen. Die ungleiche Dis­
im »Chaos« der Märkte. tribution des Werts als fehlende Kaufkraft steht natürlich im Mittel­
Ein dritter Ansatz erklärt die Krise aus dem Widerspruch von punkt einer derart ideologischen Interpretation.
Produktion und Distribution. Wie in den beiden anderen verkürzten Mangelnde »Verteilungsgerechtigkeit« als letzter Grund der Kri­
Krisenerklärungen wird dabei die Produktion von (für die Verwer­ sen, das ist allerdings eine Argumentation, die sich in dieser kruden
tung ausreichender) Wertsubstanz blind vorausgesetzt. Die Krise Fassung bei Marx auf keiner Darstellungsebene findet. Zwar wird
soll lediglich darin bestehen, dass die Lohnarbeiterinnen letztlich ausgerechnet der dritte Band des »Kapital« gern dafür herangezo­
zu wenig Geld (Lohn) bekommen, um die Masse der produzierten gen, aber damit krisentheoretisch die Logik des »Gesamtprozesses«
Waren kaufen zu können. Das Problem wäre also die mangelnde auf frühere Darstellungsebenen zurückgeworfen. Dabei kann man
Kaufkraft, obwohl genügend Wertsubstanz sozusagen in Gestalt auf Unklarheiten bei Marx selber zurückgreifen, muss seine Argu­
der Warenkörper herumliegt. Das ist die besonders bevorzugte Ver­ mentation aber auch einigermaßen verbiegen. Wenn Marx nämlich
sion · des Arbeiterbewegungsmarxismus, weil hier der Krisenbe­ dort sagt, der »letzte Grund aller wirklichen Krisen« bleibe »immer
griff direkt mit der Ideologie der »Gerechtigkeit« auf dem Boden die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber
des Werts, also des Kapitalfetischs, zusammengeschlossen wer­ dem Trieb der kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so
den kann: Die Krise wird gar nicht strikt ökonomisch und objektiv zu entwickeln, als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der
erklärt, sondern aus der (subjektiv verstandenen) Klassenherrschaft Gesellschaft ihre Grenze bilde« (Marx 1965 b/1894, 501), so lässt
der Bourgeoisie, also letztlich aus den politischen und juristischen sich diese Argumentation nicht so einfach in ein Distributionspro­
(Privateigentum) Herrschaftsbeziehungen und dlen daraus resultie­ blem des Werts bzw. seiner Erscheinungsform Geld auflösen. Marx
renden Verteilungsverhältnissen (Distribution). Das hat die Bour­ wirft hier nämlich eigentlich die Frage auf, in welchem Verhältnis
geoisie nun davon, dass die Arbeiterinnen zu wenig vom Wert abbe­ auf den beiden Seiten von Warenmasse und Geldma�se das stoffli­
kommen, also dass ihnen »der Mehrwert vorenthalten« wird: Dafür che Moment (der sog. Gebrauchswert) einerseits und das Moment
bekommt sie die Krise an den Hals. des Werts andererseits stehen.
Die skizzierten Krisenerklärungen können allesamt dem nun Das hat etwas mit den Verdoppelungen in den Erscheinungsfor­
sattsam bekannten »Darstellungsproblem« zugerechnet werden. men des Kapitalfetischs zu tun. Die Ware verdoppelt sich in Wert
Schon auf den Darstellungsebenen der beiden ersten Bände des und Gebrauchswert, der Wert seinerseits verdoppelt sich in Ware

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und Geld. In der zitierten Aussage von Marx ist nun das »Angebot« Das ist, wie sich zeigen wird, der Dreh- und Angelpunkt sowohl
oder die produzierte Warenmasse implizit in ihrer stofflichen Form der radikalen, auf den Grund gehenden Krisentheorie als auch der
(Gebrauchswert) bestimmt, d. h. als ungehemmt steigende stoff­ radikalen, auf den Grund gehenden Kritik und Überwindung des
liche Masse von konkreten Gütern aufgrund der stofflichen Produk­ Kapitalfetischs: nämlich die strikte Unterscheidung und Gegen­
tivkraftentwicklung. Die »Nachfrage« hingegen, die >>Konsumtions­ überstellung von Stoff und Form, von konkreten Produkten und
fähigkeit der Gesellschaft«, ist ausdrücklich nicht »stofflich« oder abstrakter Wertgegenständlichkeit, wie es bereits aus der Sicht der
»natural« bestimmt, somit nicht als die schlichte absolute Fähigkeit, hier vertretenen Position dargestellt wurde: »Die Nichtbeachtung
die stofflichen Produkte zu verknuspern, sondern als »Konsumti­ des Unterschieds von wertförmigem und stofflichem Reichtum
onsbeschränkung« in der Geldform. Das ist leicht nachvollziehbar. mag im modernen Alltag unproblematisch sein und das tägliche
Denn das »Angebot« lässt sich nicht bloß wertmäßig, sondern auch Handeln sogar erleichtern. Jede Theorie aber, die diesen Unter­
stofflich quantifizieren als Menge von Lebensmitteln, Haushaltsge­ schied verkleistert oder von vornherein gar nicht erst zur Kenntnis
räten, Bekleidung, Kulturgegenständen und überhaupt Gebrauchs­ nimmt, muss den historisch spezifischen Kern der kapitalistischen
gütern aller Art. Die »Nachfrage« hingegen lässt sich als bloß leibli­ Produktionsweise notwendig verfehlen« (Ortlieb 2009, 29). Genau
che und kulturelle »Fähigkeit« zum Konsum unter kapitalistischen so verfährt aber sowohl die klassische als auch die neoklassische
Bedingungen gar nicht faktisch quantifizieren, sondern höchstens VWL, die stets so tut, als ginge es allein um die stofflich-inhaltli­
qualitativ als Wünsche oder Bedürfnisse ausdrücken. Quantitativ che Produktion, während deren abstrakte Wertform einerseits nur
kann sie unter diesen Bedingungen nur als zahlungsfähige Nach­ als »Geldschleier« erscheint (vgl. Ortlieb, a. a. 0,. 30), andererseits
frage erscheinen, als »Kaufkraft« und damit als Wert in der Geld­ aber selber als eine Art »Naturalform« gesellschaftlicher Reproduk­
form. Der von Marx an dieser Stelle dingfest gemachte Widerspruch tion, während die linke Kritik gerade diesen Punkt weitgehend aus­
besteht also in Wahrheit zwischen stofflicher Produktivkraft bzw. gespart hat: »Über dieses Verständnis scheint auch der traditionelle
»naturaler« Produktenmasse einerseits und mangelndem Geldein­ Marxismus nur selten hinaus gekommen zu sein« (Ortlieb, a. a. 0,
kommen als allgemeiner Wertform in Gestalt der Nachfrage ande­ 30). Der Marxismus der Arbeiterbewegung und des akademischen
rerseits. Die Krisentheorie des »esoterischen« Marx bezieht sich Betriebs hat beide Gegenstandsformen des Reichtums eher konfun­
wesentlich auf diesen fundamentalen Widerspruch an der Basis der diert als ihre Unversöhnlichkeit herausgearbeitet. Daher musste er
kapitalistischen Produktion und nicht bloß auf die oberflächlichen auch den Zugang des »esoterischen« Marx zur Krisentheorie ver­
Widersprüche in der Marktvermittlung bzw. Distribution. fehlen, der genau auf den Gegensatz von steigender stofflicher Pro­
Es ist ein Widerspruch zwischen stofflicher Substanz und Wert­ duktivität einerseits und abstrakter Wertgegenständlichkeit anderer­
substanz, zwischen konkretem und abstraktem Reichtum. Ein seits abhebt: Die wachsende Masse der konkreten Produkte lässt sich
Tisch, ein Brot, ein Kleidungsstück usw. sind unmittelbar Erschei­ immer schwerer als Wertsubstanz darstellen und in Geld verwan­
nungsformen konkreter Bedürfnisgegenständlichkeit, ganz unab­ deln, aber um letzteres allein geht es dem Kapitalismus.
hängig davon, ob und wieviel abstrakt-menschliche gesellschaftli­ Dieser Widerspruch und seine Dynamik sind nun erst zu erklä­
che Arbeitsenergie sie repräsentieren können. Als Wertgegenständ­ ren. Dabei ist die Argumentationslinie des »esoterischen« Marx, die
lichkeiten (und somit als Kapitalbestandteile) dagegen »gelten« sie am Widerspruch von Stoff (Gebrauchswertmasse) und Form (Wert­
nur, soweit und in welchem Maße sie eben diese abstrakt-menschli­ substanz) festhält, die verborgene und weitgehend ausgeblendete.
che gesellschaftliche Arbeitsenergie repräsentieren. Können sie das In der marxistischen Rezeption findet sich stattdessen gewöhnlich
nicht, gelten sie auch »nichts«, weil sie aus den Metamorphosen des eine ganz andere Argumentationslinie, die den Widerspruch eigent­
kapitalistischen Selbstzwecks herausfallen. Dann wird auch ihre lich nicht erklärt, sondern nur ein billiges, falsches und oberflächli­
konkrete Produktgegenständlichkeit negiert und eher zerstört als ches Bewältigungskonzept liefert mit der Vorstellung, nun die man­
den entsprechenden Bedürfnissen zugeführt. gelnde abstrakte Wertsubstanz auf der Nachfrageseite sozusagen

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»auffüllen« zu wollen, als würde es sich um eine zufällige oder Wertsubstanz mehr, sondern nur noch ein Widerspruch im Kreis:
willkürliche Diskrepanz handeln, die durch bloß guten Willen oder lauf der (als an sich ausreichend unterstellten) Wertsubstanz selbst.
Vereinbarungen etc. auf dem Boden der kapitalistischen Kategorien Jetzt geht es auf einmal nur noch um das berühmte »Realisie­
ausgeglichen werden könnte. rungsproblem«. An dieser Stelle ist für Marx offensichtlich die Pro­
Diese flache Interpretation rührt eben daher, dass der »abstrakte duktion von wachsenden stofflichen Produktmassen und die Pro­
Reichtum« (bzw. die abstrakte Wertgegen.ständlichkeit der konkre­ duktion von wachsender Wertsubstanz noch unmittelbar identisch
ten Produktgegenständlichkeit) als unproblematisch und quasi onto­ und kein grundsätzliches Problem; gerade durch die Produktivkraft­
logisch blind vorausgesetzt wird. Es wird also so getan, als wäre es entwicklung, so meint er, »schwillt die Masse des so produzierten
gar kein Widerspruch zwischen stofflichem Reichtum einerseits Mehrwerts ins Ungeheure« (Marx 1965 b/1894, 224). Das Problem
und mangelnder Wertsubstanz andererseits, sondern nur ein Wider­ ist eben vermeintlich nur die Rückverwandlung dieses >>Ungeheu­
spruch in der Distribution des »abstrakten Reichtums« selbst; und ren«, in der Warenmasse inkorporierten Mehrwerts in die Geldform
nur dann löst sich das Problem wie gezeigt auf in die vermeintlich des Kapitals: »Die Bedingungen der unmittelbaren Exploitation und
subjektive Herrschaft der Kapitalistenklasse, in ihre »private Aneig­ die ihrer Realisierung sind nicht identisch. Sie fallen nicht nur nach
nung« des »abstrakten Reichtums« aufgrund ihres Privateigentums Zeit und Ort, sondern auch begrifflich auseinander. Die einen sind
usw. Davon soll dann jene mangelnde Nachfrage als »Armut der nur beschränkt durch die Produktivkraft der Gesellschaft, die and­
Ma_ssen« kommen, nämlich als Geldarmut aufgrund des »Vorenthal­ ren durch die Proportionalität der verschiednen Produktionszweige
tenen Mehrwerts«. Warum dann die Kapitalisten selber den Mehr­ und durch die Konsumtionskraft der Gesellschaft« (a. a. 0, 224).
wert nicht ausreichend in Nachfrage verwandeln, wird gar nicht erst Marx behauptet hier zwar, die einzige Schranke für die »Exploi­
gefragt oder implizit und kontrafaktisch als eine Art »Schatzbil­ tation«, also die Produktion des Mehrwerts, sei die gegebene »Pro­
dung« angenommen. duktivkraft der Gesellschaft«; aber nicht etwa in dem oben heraus­
Marx gehört auf einer Linie seiner Argumentation, eben der »exo­ geschälten Sinne, dass die unaufhaltsam steigende stoffliche Pro­
terischen«, zumindest teilweise selber dieser verkürzten Sichtweise duktivkraft in Widerspruch zur mangelnden Wertsubstanz trete,
an, auch wenn er das Problem komplexer analysiert. Einige hundert sondern im Gegenteil, dass nur ein zu langsames Tempo dieser Pro­
Seiten vor der oben zitierten Stelle, im Kapitel über die Entfaltung duktivkraftentwicklung die zusammen mit dieser angeblich »stets«
der inneren Widersprüche des Gesetzes vom tendenziellen Fall der anschwellende Mehrwertproduktion relativ bremsen könne. Hin­
Profitrate, stellt er (ebenso implizit) den Widerspruch ganz anders gegen werden für die Realisierung des Mehrwerts außer der man­
und mehr im Sinne der gewöhnlichen marxistischen Interpretation gelnden Kaufkraft (»Konsumtionskraft«) jene beschränkte oder
dar, nämlich nicht mehr als Gegensatz von unaufhörlichem Wachs­ mangelnde »Proportionalität der verschiednen Produktionszweige«
tum des stofflichen Reichtums einerseits und mangelnder Wert­ sowie das »Auseinanderfallen« der Bedingungen von Produktion
substanz (als mangelnde Kaufkraft erscheinend) andererseits, son­ und Realisation »nach Zeit und Ort« genannt. Hier haben wir nun in
dern als Gegensatz von Produktion und Realisation des »abstrakten schönster Eintracht die drei verkürzten Krisenerklärungen vereint:
Reichtums« oder der Wertsubstanz selbst. Plötzlich haben wir es mit Erstens der elementare Gegensatz von Käufen und Verkäufen über­
der ganz anderen Argumentation zu tun, dass hier nicht nur beide haup.t, zweitens die möglich Disproportionalität der Produktions­
Seiten von Angebot und Nachfrage gleichermaßen in ihrer Wertge­ zweige und vor allem drittens die mangelnde Kaufkraft aufgrund
stalt erscheinen; vielmehr soll das Problem jetzt auch lediglich darin der kapitalistischen Distributionsverhältnisse, also der ungleichen
bestehen, dass die von den Warenkörpern repräsentierte Masse der Verteilung des »abstrakten Reichtums«. Dessen Grundlage, die
Wertsubstanz (vergangene »abstrakte Arbeit«) nicht mehr ausrei­ Exploitation oder die Produktion des Mehrwerts an sich, hat dage­
chend ihre notwendige Metamorphose in die Geldform vollziehen gen scheinbar mit der Krise nichts zu tun. Die Krise wird vielmehr
könne. Es ist also kein Widerspruch von stofflichem Reichtum und allein durch mangelnde »Realisierung« erklärt, also durch Mängel
der »Zirkulation« (tatsächlich der Etappe der Marktvermittlung im Gestalt dieser bürgerlichen Ideologie in der linken Gesellschaftskri­
Kapitalkreislauf) und der Distribution. tik; aber er bildet nur die Spitze des Eisbergs in dieser Hinsicht. Tra­
Diese Argumentation von Marx im dritten Band des »Kapital«, ditionell setzt sich die auf das Distributionsverhältnis und damit auf
die auf eine andere (eigentlich bereits erledigte) Darstellungsebene die subjektive (soziale und politische) Macht verkürzte Krisentheorie
springt als die weiter oben zitierte aus demselben Band, lässt den in ein ebenso subjektives Bewältigungskonzept um: Die »Arbeiter­
tiefer liegenden Gegensatz von Stoff und Form, von konkretem klasse« soll die politisch-soziale Macht erobern in Form einer bloßen
und abstraktem Reichtum außer Betracht und beschränkt sich auf Aufhebung des juristischen Privateigentums an den Produktions­
einen oberflächlichen Widerspruch innerhalb der Bewegung der mitteln und auf diesem Weg eine »gleiche« und »gerechte« Vertei­
Wertform (des »abstrakten Reichtums«) selbst, der keine ·»innere lung des »abstrakten Reichtums« oder des Mehrwerts ermöglichen.
Schranke« markiert, sondern sich immer wieder auflösen lässt. Der Damit würden dann auch weitgehend die Krisen überwunden, wäh­
Widerspruch in den skizzierten Marxschen Argumentationen des rend die Wertform als abstrakte Arbeitssubstanz samt ihrer Geld­
dritten Bandes zeigt nur den unvollendeten Charakter der theore­ form bis in alle Ewigkeit erhalten bliebe. Auch- diese Konsequenz
tischen Entwicklung an, wobei diese Texte ja, um es noch einmal findet sich im Postoperaismus mit unwesentlichen Verschiebungen
zu betonen, Werkstattskizzen sind, die so nicht für die Veröffent­ in der Begriffsbildung heute am vielleicht einfältigsten formuliert.
lichung bestimmt waren. Das zweite Moment in diesem verkürzten Krisenbegriff ist nur
Weiter als bis zu diesem Punkt eines oberflächlichen Wider­ eine Ergänzung des ersten auf der objektiven Ebene, die sich dabei
spruchs innerhalb der Metamorphosen des Mehrwerts ist der tra­ jedoch auf einen engen Bereich beschränkt. Der Widerspruch, der
ditionelle oder Arbeiterbewegungsmarxismus nie gekommen. Sein zusammen mit der ungleichen Distribution angeblich die Krisen
Krisenbegriff (und die Auseinandersetzung · darüber) beschränkt herbeiführt, soll sich nämlich zum andern auf die fälschlich als
sich auf zwei Momente. Zum einen und vorrangig auf die sozio­ »Zirkulation« isolierte Sphäre des Marktes konzentrieren, oder rich­
logisch und politisch-juristisch verkürzten Distributionsverhält­ tiger ausgedrückt: im Gesamtkreislauf des Kapitals eben auf die
nisse innerhalb des als solchen nicht in Frage gestellten »abstrakten Sphäre der »Realisierung«. Erzeugt werden soll dieser Widerspruch
Reichtums«. Der Kapitalfetisch wird völlig missverstanden als sub­ auch durch die private Form der Produktion, die sich erst über den
jektiver Bereicherungstrieb und als subjektive Aneignungsmacht Markt vergesellschaften würde; ein Zusammenhang, der traditio­
der (kollektiv personifizierten) Kapitalistenklasse. Das ist überhaupt nell als »Anarchie des Marktes« beschrieben wird. Dabei bleibt wie
die Grundlage des Marxismus, der auf diese Weise in Wahrheit völ­ gezeigt auch die Neue Marxlektüre von Michael Heinrich stehen, die
lig konform mit den kapitalistischen Basisformen geht und eine bür­ den apriorischen Charakter einer »hinter dem Rücken« der Akteure
gerliche Ideologie der Lohnarbeiterinnen bleibt. Untrügliches Indiz und außerhalb ihrer Kontrolle bereits vor ihren Handlungen existen­
für den ideologischen Charakter dieses Denkens ist es, dass seine ten negativen Vergesellschaftung nicht erkennt.
Vertreter mit dem Marxschen Fetischbegriff ebenso wie mit der Das mangelnde Verständnis des tran.szendentalen Charakters
(negativen) Dialektik als Erkenntnisform der negativen Vergesell­ des Kapitals, also 'einer fetischistischen, den Akteuren gegenüber
schaftung nichts anfangen können und diese Momente der Marx­ verselbständigten Vergesellschaftung, die zwar in Produktion und
schen Theorie ausblenden oder abwehren und sogar direkt negie­ Marktrealisierung auseinanderfällt, aber nicht erst durch den Markt
ren. Nicht der »abstrakte Reichtum« selbst ist das Problem, sondern hergestellt wird, macht sich auch in der Krisentheorie bemerkbar.
seine ungleiche Verteilung; nicht der Fetischcharakter des kapita­ Das zweite Bewältigungskonzept in dieser Hinsicht ist daher nur
listischen Selbstzwecks, sondern die vermeintlich subjektive Herr­ eine Ergänzung und Erweiterung des ersten: Der Staat soll als gesell­
schaft der Bourgeoisie. schaftlicher »Generalunternehmer« den Markt planen, also die allge­
Der Postoperaismus etwa von Michael Hardt und Antonio Negri meine Marktkonkurrenz und die damit verbundene »Anarchie« der
ist heute die am schärfsten zugespitzte Form und unverhüllteste ökonomischen Entscheidungen durch eine Planbürokratie ersetzen;

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natürlich immer noch auf Basis des »abstrakten Reichtums« und Auch wenn hier nicht der Ort ist, die verkürzten marxistischen
seiner Wertsubstanz. Voraussetzung dafür wäre, dass die Krise tat­ Krisentheorien ausführlicher darzustellen, die sich immer nur auf
sächlich bloß einem oberflächlichen Widerspruch (oder »Gleichge­ den ihnen genehmen »exoterischen« Strang der Marxschen Argu­
wichtsstörungen«) innerhalb der Metamorphosen des abstrakten mentation beziehen, so muss doch wenigstens erwähnt werden,
Werts entspringt und nicht die Wertsubstanz selber betrifft. Ist aber dass die sog. Überakkumulationstheorie der Krise die oben genann­
letzteres der Fall, kann die Paradoxie eines »geplanten Marktes« die ten drei zirkulativ und distributiv reduzierten Ansätze der Krisener­
Krise nicht aufheben, sondern nur verschlimmern. klärung keineswegs übersteigt, obwohl ihr dies oft angedichtet wird.
Innerhalb seiner illusionären Ideologie der oberflächlichen Kri­ Scheinbar wird hier zwar die Produktion des Kapitals (des Werts)
senbewältigung erlaubt sich das linksbürgerliche Denken freilich die selbst in die Krisentheorie einbezogen, indem ein Missverhältnis
eine oder andere Modifikation: Der Staat muss erstens als Instanz zwischen einem bestimmten Stand der Kapitalakkumulation und
für die Überwindung der »anarchischen« Disproportionalität der der gesellschaftlichen Kaufkraft als Krisenursache erscheint; empi­
Käufe und Verkäufe sowie der Produktionszweige nicht· unbedingt risch als · »Überinvestition« von Sachkapital (oder auch Arbeitskraft)
ein »proletarischer« oder »Arbeiterstaat« sein, er kann auch als neut­ im Boorn, die dann im Abschwung als »Überproduktion« oder als
rale Instanz der einschlägigen Krisenbewältigung aufgefasst werden; »Überkapazität« der Produktion gemessen an der zurückgehenden
das gilt dann mehr oder weniger auch für die >»gerechte« Distribu­ Kaufkraft figuriert.
tion und gelingende »Realisierung«. Und zweitens könnte die Plan­ Das ist aber nur eine erweiterte, akkumulationstheoretische
bürokratie ruhig ein bisschen »de�okratisiert« werden, damit alle Begründung der distributiv verkürzten Krisentheorie, die ja auch als
ein wenig an der Verwaltung des »abstrakten Reichtums« beteiligt »Überproduktionstheorie« firmiert (der Begriff »Unterkonsumtion«
sind. Fast die gesamte Linke, gerade auch die so genannte radikale bildet nur die Kehrseite desselben Oberflächenzusammenhangs).
und am deutlichsten heute der Postoperaismus, wollen so im Grunde Indem die Überakkumulation als Überinvestition zu einer Überpro­
nur den besseren Kapitalismus organisieren oder den Kapitalfetisch duktion über die gesellschaftliche Kaufkraft hinaus führt, kommt
»selbst verwalten«; eine geradezu absurde Option, die von Grund auf es zu »Überkapazitäten« bei allen Formen im Kreislauf des Kapi­
in sich widersprüchlich ist und scheitern muss, da es keine bewusste tals: zu große Warenbestände, die unverkauft bleiben, ein Sinken
gesellschaftliche Selbstbestimmung in der gesellschaftlichen Form im Auslastungsgrad der Produktionsmittel, überflüssig werP.ende
der strukturellen Fremdbestimmung geben kann. Arbeitskraft, ein Stau von nicht mehr rentabel in Produktionsmittel
Die ideologische Verblendung des diesem ganzen Interpretati­ reinvestierbaren Profiten oder »überschüssigem« Geldkapital. Dabei
onsstrang verpflichteten Bewusstseins liegt auf der Hand: Dessen ist es letztlich egal, ob diese Überakkumulation eine bloß zyklische
Vertreter können offenbar die stoffliche Gebrauchswertmasse (im oder eine tiefer gehende sog. strukturelle ist; das macht nur einen
Jargon der politischen Ökonomie) überhaupt nur in ihrer fetischis­ graduellen Unterschied in Art und Umfang der »Überakkumulati­
tischen Form der Wertgegenständlichkeit wahrnehmen, die sie so onskrise« aus. Die Überakkumulationstheorie, die sich in den frag­
blind wie ihre offiziellen bürgerlichen Wissenschaftskollegen vor­ mentarischen Argumentationssträngen bei Marx nur angedeutet
aussetzen. Deshalb kann es ihnen gar nicht in den Sinn kommen, findet, kann den Anspruch erheben, in gewisser Weise die oben
dass die produzierte stoffliche Gegenständlichkeit aufhören könnte, skizzierten drei verkürzten Krisenerklärungen anhand des Gegen­
ernsthaft eine Wertgegenständlichkeit zu sein, also dass der steigen­ satzes von Käufen und Verkäufen, Disproportionalitäten der Pro­
den Produktmasse logisch-grundsätzlich eine fallende und schließ­ duktionszweige und gesellschaftlicher »Unterkonsumtion« in sich
lich faktisch verschwindende Wertmasse entsprechen würde. Das ist aufgehoben zu haben; nicht aber die darin enthaltene theoretische
für sie praktisch undenkbar; und deshalb nehmen sie den krisenthe­ Verkürzung an sich.

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oretischen Widerspruch in der Marxschen Argumentation des drit­ Es bleibt nämlich implizit oder explizit die eigentlich paradoxe
ten Bandes gar nicht wahr oder ebnen ihn ein. Unterstellung, dass die Überakkumulation sozusagen »zu viel

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Wert« in Form von Warenkörpern »produziert« habe, der ledig­ oder »abstraktem« Reichtum andererseits . unthematisiert läss.t ,
lich nicht genügend in der Geldform zu »realisieren« wäre. Es läge indem sie das Problem weiterhin auf ein bloßes Stocken in der »Rea­
also Wertsubstanz in der einen Form brach, weil nicht genügend lisierung« zurückführt.
Wertsubstanz in der anderen Form mobilisiert werden könne. Der Damit ist es ausgerechnet die bislang elaborierteste Interpre­
Widerspruch zu jener anderen Marxschen Argumentation, die ein tation der fragmentarischen Marxschen Krisentheorie, die sich
Missverhältnis von stofflicher Reichtumsproduktion einerseits und zugleich am meisten der bürgerlichen VWL annähert. Die Neoklas­
Wertsubstanz andererseits überhaupt sieht, bleibt also weiterhin sik nämlich kennt zwar eigentlich keine innere Krise der Verwer­
unaufgelöst. Die explizit ausforbulierte Überakkumulationstheorie tung; wenn diese aber durch äußere subjektive Fehlleistungen (ins­
kommt daher zu einer Konsequenz, die sich bei Marx so nicht mehr besondere infolge politischer Einmischung) zustande gekommen
findet oder nur schwer in seine Formulierungen hineininterpre­ ist, müsse es eine »Anpassung« in der Reproduktion geben, womög­
tiert werden kann. Die Krise verweist dann nämlich nicht mehr auf lich sogar einen als »heilsam« unterstellten »Anpassungsschock«,
eine »innere Schranke« des Kapitals, sondern wird zu dessen eige­ der sich nur als Entwertung »überschüssiger« Kapitalbestandteile
�er Funktion, indem sie durch Kapitalentwertung auf allen Ebenen vollziehen kann. Das ist natürlich nichts anderes als die »Bereini­
oder in allen Aggregatzuständen (insbesondere als Entwertung von gung« im marxistischen Jargon. Krisentheoretisch sind in diesem
Sachkapital und »überschüssigem« Geldkapital sowie in Form von zentralen Punkt VWL und Marxismus als Brüder im Geiste zu
Massenentlassungen) eine »Bereinigung« vollziehen würde, sodass bezeichnen. Ob die Krise nun wie in der VWL als Resultat »außer­
sich der »Stau« von Überinvestition allmählich auflösen könne und ökonomischer« Interventionen oder wie bei den Marxisten als
es munter »auf ein Neues« im Verwertungsprozess gehen dürfe. immanenter Widerspruch der Ökonomie selbst erscheint, ist uner­
heblich, weil sie ja in jedem Fall nur der Revitalisierung von Kapi­
Die Krise erscheint so statt als Moment oder Vorschein eines unlös­ talverwertung dienen kann.Es gibt dabei aber einen kleinen Schön­
baren kategorialen Widerspruchs in der kapitalistischen Reproduk­ heitsfehler. Die Theorie einer bloßen »Bereinigung« oder »Anpas­
tion als etwas ganz anderes: nämlich als eine Art systemisch einge­ sung« unterstellt im Grunde, dass es entweder eine Akkumulation
bautes »Großreinemachen« oder eine »automatische Waschanlage« des Kapitals als historisch aufsteigenden Prozess gar nicht gibt, son­
des Kapitals, eine seiner positiven Funktionen wie der Kredit oder dern nur ein zufälliges Auf und Ab bzw. eine ahistorische Reihe
der Einzelhandel. Wie schön für das Kapital als »automatisches Sub­ von zusammenhangslosen Akkumulationsbewegungen, oder dass
jekt«: Das Nicht-Gelingen seines Kreislaufs bildet genauso eine sei­ die Überakkumulation nur über einen aktuell gegebenen Akku­
ner Lebensfunktionen wie das Gelingen. Da kann prinzipiell nichts mulationsspielraum hinausschießt. Wir hätten es dann mit einem
mehr schief gehen. Der dialektische, immanente und laut Marx einigermaßen öden Wechselspiel von Investition und Entwertung
»prozessierende« Widerspruch ist weggezaubert; denn ein Wider­ zu tun, das immer wieder an einer Art Nullpunkt nach dem »Ent­
spruch, der bloß eine Funktion des sich Widersprechenden sein soll, wertungsschock« beginnt. Die verschiedenen Kapitalbestandteile
ist natürlich gar keiner mehr. (Arbeitskraft, Sachkapital, Warenkapital, Geldkapital) werden nur
Es zeigt sich so ein höchst eigentümlicher Status der Überakku­ erweitert und angehäuft, um anschließend wieder entwertet und
mulationstheorie. Einerseits geht sie sozusagen in die richtige Rich­ auf ein früheres Niveau gewissermaßen zurückgebombt zu werden,
tung, nämlich insofern, als das Krisenproblem nicht mehr einseitig damit alles wieder von vorn anfangen kann. Das ist aber eine bloß
»Zirkulativ« oder »distributiv« fixiert, sondern auf die Produktion formale Bestimmung, die eben nur von der Wertseite ausgeht. Was
des Kapitals selber bezogen wird. Andererseits bleibt dabei aber jene natürlich folgerichtig ist, wenn das Problem auch nur innerhalb der
entscheidende theoretische Verkürzung erhalten, die den eigent­ Metamorphosen der Wertsubstanz gesehen wird. Ganz anders sieht
lichen Widerspruch zwischen Produktivkraftentwicklung oder stoff­ die Sache jedoch aus, wenn wir den Widerspruch von Gebrauchs­
lichem Reichtum einerseits und Wertgegenständlichkeit als solcher wert und Wert, von Stoff und Form einbeziehen. Das betrifft zentral

257
die Frage der (stofflichen, »naturalen«) Produktivkraftentwicklung nach einer gewissen Inkubationszeit zu einem neuen selbsttragen-.
in ihrem Verhältnis zur Verwertung. den Aufschwung (d. h. einer erweiterten Profitmasse) auf Basis des
Die von der Konkurrenz erzwungene Produktivkraftentwick­ neuen Produktzyklus bzw. der neuen Marktkombinationen führt,
lung setzt einen Produktivitätsstandard, der seinerseits die Verwer­ denn das Verhältnis von Produktivitätsstandard und Masse der »abs­
tungsbedingungen diktiert. Insofern sind stoffliche Produktivität trakten Arbeit« interessiert (nicht nur Schumpeter) überhaupt nicht.
und Verwertungsfähigkeit verschränkt. Wenn es nun die Produktiv­ Es ist hier nicht der Ort, diese Theorie und ähnliche Argumen­
kraftentwicklung selbst ist, die Verwertungsmöglichkeiten limitiert, tationen im einzelnen zu widerlegen (als verwandte Ansätze, teils
1 '
dann führt jene unterstellte »Bereinigung« oder »Anpassung« kei­ auch als Erweiterungen und Modifikationen können etwa die Theo­
neswegs automatisch zu neuer Akkumulation. Denn jeder· Anlauf rie der langen Wellen oder in anderer Weise die Regulationstheorie
»auf ein Neues« müsste ja denselben einmal erreichten Produktivi­ gelten). An dieser Stelle genügt es, darauf hinzuweisen, dass es sich
tätsstandard zur Grundlage haben. Mit der Entwertung von Kapital bei den linken Varianten dieser Argumentation, die meist die Über­
wird eben nicht zugleich die wissenschaftlich-technische Produk­ akkumufationstheorie in ihren Schlussfolgerungen flankieren, um
tivkraft gelöscht, die im gesellschaftlichen Wissenskorpus erhalten eine eklektische Mischung aus bürgerlichen VWL-Theorien und ver­
bleibt und hinter die kein Zurückgehen möglich ist. kürzten Marx-Interpretationen handelt, die allesamt dem Problem
Auch mit dem Instrumentarium der Überakkumulationstheo­ des Verhältnisses von Stoff und Form, von Produktivkraftentwick­
rie ist dieses Problem des Verhältnisses von Produktivkraftentwick­ lung und Wertsubstanzbildung ausweichen. Stets wird der Zusam­
lung und Verwertung bzw. Entwertung logisch nicht auflösbar; es menhang von Überakkumulation, Entwertung oder »Bereinigung«
bleibt ein blinder Fleck in der Argumentation. An die Stelle einer einerseits und neuen Verwertungspotentialen (als zusätzliche Mobi­
kategorialen Analyse tritt daher eine Art historisch-empirischer lisierung menschlicher Arbeitskraft) andererseits in einer »black­
»Anbau«, wobei die theoretische Architektur meist von Schumpeter box«-Argumentation bloß als ein Quasi-Automatismus unterstellt,
übernommen wird. Dieser hatte in seiner »Theorie der wirtschaftli­ ohne eine Begründung auf der Ebene kategorialer Analyse selbst lie­
chen Entwicklung« (Schumpeter 19 97/19u) ve1rsucht, im Rahmen fern zu können.
der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre der bis dahin ausgeblende­ Ein völlig anderer Krisenbegriff ergibt sich, wenn wir uns auf die­
ten kapitalistischen Dynamik Rechnung zu tragen. Nicht die inne­ jenige Marxsche Formulierung des Problems im dritten Band kon­
ren Verwertungsbedingungen des Systems »abstrakter Arbeit«, zentrieren, die nkht von einem Widerspruch innerhalb der Wert­
· deren Begriff ihm wie der offiziellen ökonomischen Wissenschaft substanz ausgeht als bloßes »Realisierungsproblem«, sondern von
überhaupt fehlt, sind dabei sein Gegenstand, sondern die oberfläch­ j nem viel tieferen und grundsätzlichen Widerspruch zwischen
lichen Veränderungen der Märkte. Die Produktivkraftentwicklung dem stofflichen oder konkreten Reichtum einerseits und der Wert­
wird also nicht auf die Anwendungspotentiale von Arbeitskraft als substanz als solcher andererseits. Die mangelnde Nachfrage als
einziger Wertschöpfungspotenz bezogen, sondern nur auf eine Ver­ mangelnde Kaufkraft in der Geldform ist dann nichts anderes als
änderung oder Erweiterung der gesellschaftlichen Palette von Pro­ die Kehrseite einer mangelnden Wertsubstanz der Produkte als
dukten und Bedürfnissen. Alte Produktzyklen erlöschen, verlieren Waren selber, also einer mangelnden Produktion von Wert über­
ihre Marktanteile, ihre Marktmacht oder überhaupt Marktfähigkeit haupt. Dann muss allerdings auch die Rolle der Produktivkraftent­
und werden durch neue, von kreativen Unternehmern hervorge­ wicklung ganz anders aufgefasst werden, nämlich als die Bewegung
brachte abgelöst. Diese mit dem berühmten Begriff der »schöpferi­ lcs inneren Widerspruchs selbst, wie es sich in jenem erratischen
schen Zerstörung« ·bezeichnete Innovation, der Übergang zu neuen M arx-Zitat im dritten Band darstellt.
Produktzyklen und Marktkombinationen, kann zu einer transfor­ Diese Auffassung findet sich nun bei Marx am deutlichsten im
matorischen Krise führen. Nicht nachgewiesen, sondern schlicht b rühmten so genannten Maschinen-Fragment in den »Grund­
unterstellt wird, dass die ·stofflich-inhaltliche kreative Entwicklung ri:;sen«, wo ausdrücklich ein Bezug hergestellt wird zwischen der

2 59
Produktivkraftentwicklung und der »Entwertung des Werts«. Hier beherrschende Form« (a. a. 0, 596). Damit dementiert sich der feti:
stellt es sich ganz und gar nicht so dar, dass die Produktivkraftstei­ schistische Selbstzweck an ihm selber und stößt an seine objektive
gerung immer und ewig einher ginge mit einer »ins Ungeheure« innere Schranke, die schließlich zu einer absoluten wird oder, wie
wachsenden Mehrwertproduktion. Vielmehr wird ganz im Gegen­ die berühmte Marxsche Aussage im Maschinenfragment lautet:
teil die elementare Tatsache geltend gemacht, dass permanente Ent­ »Damit bricht die auf dem Tauschwert ruhnde Produktion zusam­
wicklung der Produktivität menschliche Arbeitskraft und damit die men« (a. a. 0, 601). Übrigens verweist Marx im Grunde auf diesen
Verausgabung abstrakt menschlicher Energie, also von »abstrakter Widerspruch schon in der Wertformanalyse zu Beginn des ersten
Arbeit«, sukzessive überflüssig macht und durch technische »Agen­ Bandes, wenn er die elementare Tatsache feststellt, dass eine Ware
zien« oder eine »technologische Anwendung der Wissenschaft« umso weniger Wert repräsentiert, je geringer der Arbeitsaufwand
(Marx 1965 b/1894, 595) ersetzt. Das ist sogar das ausdrückliche Ziel für sie ist: »Je größer die Produktivkraft der Arbeit, desto kleiner
der wissenschaftlich-technischen »Rationalisierung«. die zur Herstellung eines Artikels erheischte Arbeitszeit, desto klei­
Damit ist allerdings ein objektiver' Grundwiderspruch im »auto­ ner die in ihm kristallisierte Arbeitsmasse, desto kleiner sein Wert«
matischen Subjekt« des Kapitalfetischs und seiner historischen (Marx 1965 a/1890, 55).
Dynamik gesetzt: Einerseits beruht der Selbstzweck des »abstrak­ Es stellt sich nun natürlich die Frage, warum überhaupt der Kapi­
ten Reichtums« einzig und allein auf der stets gesteigerten Veraus­ talismus seine eigene Substanz »ganz unabsichtlich« aushöhlt, um
gabung menschlicher Arbeitsenergie, laut Marx die »Substanz des sich damit in die objektive Krise zu stürzen, und wie das eigent­
Kapitals«, deren handgreiflich verdinglichte Erscheinungsform das lich zugehen kann, wenn doch jedes Kapital auf maximale Ausbeu­
(kapitalistische) Geld nur ist. Andererseits macht die stetige Produk­ tung von Arbeitskraft bedacht sein muss. Die Antwort ist im Grunde
tivkraftsteigerung in ebenso wachsendem Ausmaß eben diese Sub­ schon gegeben mit der Kritik des »methodologischen Individualis­
stanz überflüssig, nimmt sie aus dem Produktionsprozess heraus mus« in der kapitalistischen quantitativen Wertbestimmung und
und führt damit zur schleichenden und schließlich dramatischen damit der Kritik an der Vorstellung eines »individuellen Werts«.
Entwertung der immer mehr nur noch formalen (zusehends ent­ Es wurde ja gezeigt, dass sich im Verhältnis des Kapitals als gesell­
substantialisierten) »Wertgegenständlichkeiten« Ware und Geld. schaftlichem Gesamtkapital hinter dem Rücken der Akteure der von
Im Maschinenfragment der »Grundrisse« sagt Marx dazu, dass » ... den Einzelkapitalien produzierte Wert zu einer Gesamtwertmasse
das Kapital hier - ganz unabsichtlich - die menschliche Arbeit auf aggregiert, um die jene vielen Einzelkapitalien konkurrieren. Dar­
ein Minimum reduziert, die Kraftausgabe« (a. a. 0, 598); also genau aus ergibt sich für sie die Perspektive, dass es auf den möglichst
jene Substanz abstrakt-menschlicher Energie von »Nerv, Muskel, . effizienten (im Sinne einer >>abstrakten Effizienz« der betriebswirt-
Hirn«, die Michael Heinrich in eine leere imaginäre Größe irgend­ schaftlichen Konkurrenzrationalität), Zeit und Material sparenden
wie festgelegter »Geltung« verwandeln möchte. An die Stelle der Einsatz aller Kapitalbestandteile ankommt, wobei auch die Arbeits­
substanzbildenden menschlichen Energie tritt laut Marx die »Macht kraft ein sogar vorrangig zu sparendes Material darstellt, da dieser
der Agentien« (a. a. 0, 600), die von ihr als selber verschwindender Kostenfaktor und sein Zugriff auf das tote Material nicht nur vom
Größe »in Bewegung gesetzt werden« (ebda). Arbeitsmarkt bestimmt wird, sondern dem inneren betriebswirt­
So ist »das ... Kapital selbst der prozessierende Widerspruch schaftlichen Kalkül direkt zugänglich ist, während die Kosten des
(dadurch), dass es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren Sachkapitals objektiv durch den gesellschaftlichen Produktivitäts­
strebt, während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß standard bedingt sind und allein vom Markt bestimmt werden.
und Quelle des Reichtums setzt« (a. a. 0, 601). Ein dynamischer Aus dieser Perspektive ist es bei Strafe des Untergangs in der
Widerspruch kann aber nicht ewig vor sich hin »prozessieren«, Konkurrenz erforderlich, mit möglichst immer weniger Arbeits­
sondern muss kulminieren oder seine Klimax durchlaufen: »Das kraft immer mehr Material zu bewegen und Waren zu produzie­
Kapital arbeitet so an seiner eignen Auflösung als die Produktion ren (betriebswirtschaftliche Kostensenkungspolitik). Zwar muss die

260
nach dem jeweiligen Produktivitätsstandard anzuwendende Arbeits­ Aber eben deshalb kann er dieses seinem Begriff nach nicht trans­
kraft maximal geschurigelt, eingespannt und optimal ausgepresst zendieren; was er »zusammenfasst«, ist ja gerade der blinde Prozess
werden; aber es kommt betriebswirtschaftlich natürlich nicht auf der Konkurrenz, auf dessen Resultate er nur reagieren kann wie alle
eine möglichst hohe Zahl dieser Arbeitskräfte an, weil dadurch abso­ anderen Funktionssubjekte auch.
lut mehr Wert produziert würde, sondern im Gegenteil darauf, die Das Kapital ist so das verselbständigte Objekt des fetischistischen
eigene angewendete Arbeitskraft möglichst zu minimieren. Betriebs­ Handelns der Subjekte, die nur deshalb solche sind, und in dieser
wirtschaftlicher systematischer Abbau von absoluter Arbeitsmenge Verselbständigung verkehrt sich die ideologisch unterstellte Bezie­
einerseits und zugleich maximale Auspressung der noch anzuwen­ hung: Nicht das Objekt wird von den Subjekten bearbeitet, sondern
denden, immer weiter minimierten relativen Arbeitsmenge anderer­ umgekehrt »bearbeitet« es diese selber, und eben deswegen wird
seits bilden keinen Gegensatz, sondern sind im Gegenteil die beiden es zum »automatischen Subjekt«, dessen Objekte die empirischen
Seiten derselben Medaille. funktionalen Subjekte nur sind. Die »freie« Intentionalität auf der
Auf die Folgen für den »Gesamtprozess« des Kapitals als des Mikro-Ebene verwandelt sich in einen mechanischen Vollzug der
gesamtgesellschaftlichen »automatischen Subjekts« dürfen und Objektivität auf der Makro-Ebene einerseits und ein irrationales
können die betriebswirtschaftlichen Akteure keine Rücksicht neh­ Reagieren (Ideologie) auf diesen Prozess und seine Resultate ande­
men, eben weil die Konkurrenz sie zu dieser Ignoranz ihres eigenen rerseits. In dieser Verkehrung ist zwangsläufig die Krise angelegt,
gesellschaftlichen Bedingungszusammenhangs zwingt. Der tiefste weil das »automatische Subjekt« weder denkt noch als solches sel­
Grund der Krise ist zugleich der Grund des gesellschaftlichen Ver­ ber handelt, sondern nichts anderes ist als die blinde Form, die dem
hältnisses selbst; in dieser Hinsicht wird auch der fetischistische Handeln der Menschen apriori zugrunde liegt; und zwar die Form
Subjekt-Objekt-Dualismus besonders deutlich. Auf der betriebswirt­ einer Bewegung, eines dynamischen Prozesses, den die in diese
schaftlichen Ebene des Einzelkapitals agieren die ökonomischen Form eingeschlossene universelle Konkurrenz erzwingt. Es ist nicht
bewussten »Subjekte« und entwickeln ihre Kalküle; hier findet sich bloß das empirische Resultat, sondern vielmehr die innere Logik des
keine Objektivität, sondern die abstrakte »Freiheit« des subjektiven Handelns, die sich in ihrer verdinglichten Verselbständigung den
Handelns. Deshalb können sich die Marxschen Kategorien, die sol­ Handelnden gegenüber zu einer eigenen transzendentalen Macht
che der negativen Objektivität sind, gar nicht auf diese Ebene bezie­ entwickelt, die ihnen schicksalhaft erscheinen muss.
hen oder nur gebrochen und in gewisser Weise formal (etwa im Was sich in seinem paradoxalen Charakter schwer reflektieren
Begriff des Profits); was auf der betriebswirtschaftlichen Ebene des lässt, ist in seiner vollziehenden Mechanik sehr einfach. Aus der Per­
Einzelkapitals geschieht, ist eben nkht ein Modell des kapitalisti­ spektive der Akteure gibt es keinen Wert, sondern nur Kosten und
schen Prozesses im getreuen verkleinerten Maßstab, auch wenn es Gewinne (oder Verluste). Sie werden am Markt durchsetzungsfähig
noch im ersten Band des »Kapital« streckenweise so erscheint (und in dem Maße, wie sie Arbeitskraft und damit wertbildende Substanz
sich als Problem bei Marx insgesamt durchzieht). Dem Marxschen i n ihrer eigenen Produktion minimieren, überflüssig machen und
Begriff des Kapitals und seinen aus diesem Begriff entwickelten durch »technische Agenzien« ersetzen. Wenn das alle tun, wird aber
Kategorien entspricht allein das Gesamtkapital oder der »Gesamtpro­ der Gegenstand, um den sich die Konkurrenz überhaupt dreht, die
zess« seiner Vermittlungen; und auf dieser Ebene kann es allerdings gesamtgesellschaftliche Wertsubstanz nämlich, sukzessive elimi­
kein bewusst kalkulierendes Subjekt geben, hier findet sich nur die n iert. Oder anders ausgedrückt: In der Konkurrenz werden gerade
verselbständigte Objektivität, die keinerlei »Freiheit« des subjektiven diejenigen Einzelkapitale durch einen größeren Anteil an der noch
Handelns kennt, sondern nur ihre logische Gesetzmäßigkeit. vorhandenen, jeweils produzierten gesellschaftlichen Wertsubstanz
Der Staat ist zwar die »Form« der »Zusammenfassung der bürger­ belohnt, die dazu nicht nur selber am wenigsten beitragen, sondern
lichen Gesellschaft« ( Marx 2 005/1857-58, 42), also des kapitalisti­ diese Substanz sogar systematisch abzubauen helfen. Wahrzuneh­
schen Fetischverhältnisses, und damit dessen integraler Bestandteil. men ist diese gegensätzliche Bewegung nur aus der Perspektive des
Werts, die eine rein gesamtgesellschaftliche ist und nur in der kri­ kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten
tischen Theorie eingenommen werden kann. Objektiv handelt es Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mit­
sich aus dieser Sicht, die den praktischen Akteuren verwehrt ist, tel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigerm Maßstab
um einen elementaren Selbstwiderspruch des »automatischen Sub­ entgegenstellen« (a. a. 0, 260). Damit ist kein ewiges Wechselspiel
jekts«, der aufgrund seiner blinden Dynamik historisch kulminie­ von Verwertung und Entwertung oder eines immer neuen »Zurück
ren muss. auf Los« bzw. auf einen abstrakten Nullpunkt benannt, und eben­
In dieser Perspektive steigt der Mehrwert gesamtgesellschaftlich sowenig die ewige Erweiterung der Akkumulation bis ins Unend­
(und nur auf dieser Ebene hat die Kategorie Gültigkeit) nicht bis ins liche qua Kreation neuer Produktionszweige etc. Vielmehr ist das,
»Unendliche« an, während lediglich die Bedingungen seiner »Rea­ was »aufs neue« geschieht, eben nicht die Akkumulation, sondern
lisierung« Probleme machen würden, sondern im Gegenteil ist das die Aufrichtung der »Schranken«, und zwar »auf gewaltigerm Maß­
langfristige historische Resultat der kapitalistischen Dynamik eine stab«. Damit wird auf eine absolute Schranke verwiesen, weil der
völlige Aushöhlung des Werts überhaupt und damit auch ein Versie­ Maßstab, in dem sich die Schranken aufrichten, historisch nicht
gen der Mehrwertproduktion als absolute Größe. Aus diesem ande­ beliebig vergrößert werden kann.
ren, grundsätzlicheren Begriff der Krise ergibt sich natürlich auch Es wurde schon gezeigt, wie sich der traditionelle oder Arbeiterbe­
eine ganz andere Konsequenz: nämlich nicht die »gerechtere« und wegungsmarxismus ganz auf diejenigen »exoterischen« Momente
»systemoptimale« Verteilung des Mehrwerts (was gar nicht produ­ der fragmentarischen Marxschen Krisentheorie kapriziert hat, die
ziert wurde, kann auch nicht besser verteilt werden), sondern die jene drei verkürzten Erklärungen der Krise enthalten. Im Grunde
Abschaffung der Wertform der gesellschaftlichen Reproduktion genommen handelt es sich dabei gar nicht um theoretische Erklä­
selbst. Damit hat sich dann auch der ganze ideologische Plunder rungen, sondern eher um eine bloße Beschreibung der Krisenphä­
einer »Demokratisierung« der unüberwundenen Fetischverhält­ nomene auf noch unvollständigen Darstellungsebenen bei Marx.
nisse erledigt. Die phänomenologische »Richtigkeit«, selbst wenn sie gegeben ist,
Im Maschinenfragment der »Grundrisse« hat Marx diesen Selbst­ stellt aber noch keinen inneren Zusammenhang her, in dem die drei
widerspruch des Kapitals in seiner grundsätzlichen Logik reflektiert Momente auf ihre gemeinsame Wurzel oder Ursache zurückgeführt
und daraus auch die Konsequenz gezogen, dass die damit gesetzte würden. Es handelt sich also nur um eine zusammenhangslose,
objektive innere Schranke des Kapitals nach einem unbestimmten oberflächliche »Tatsachenrichtigkeit«, wie sie das positivistische
Zeitraum des historischen Verlaufsprozesses sich als eine absolute Denken kennzeichnet. Und wie es dem Positivismus stets wider­
aufrichten muss. Diese Einsicht erscheint ebenso im dritten Band fährt, so führt seine Herangehensweise auch hier, sobald sie die
des »Kapital«, wenn auch erratisch; nicht nur an der oben zitierten Ebene der bloßen Beschreibung verlässt und tatsächlich eine Erklä­
Stelle über den Widerspruch von Stoffmasse einerseits und Formbe­ rung liefern will, zu direkt falschen Ergebnissen: Im tiefer gehenden
schränktheit oder Wertsubstanz andererseits, sondern auch schon Strang der Marxschen Argumentation ist die Krise eben kein Pro­
zuvor, wenn es etwa heißt, » ... dass die kapitalistische Produktions­ blem der mangelnden »Realisierung« des real produzierten Mehr­
weise eine Tendenz einschließt nach absoluter Entwicklung der Pro­ werts, sondern ein Problem der mangelnden Produktion des Mehr­
duktivkräfte, abgesehn (!) vom Wert und dem in ihm eingeschloss­ werts selbst, das nur dem positivistisch verblendeten Blick als nicht
nen Mehrwert« (Marx 1965 b/1894, 259). Wenn aber die eine Seite gelingende Rückverwandlung des Werts in die Geldform erscheint
des Widerspruchs, die Produktivitätssteigerung, »absolut« der Ten­ (weil er die stofflichen Produkte immer schon als abstrakten Wert
denz nach wird, kann nicht die andere, die Aushöhlung und Reduk­ sieht).
tion des »Werts und des in ihm eingeschlossenen Mehrwerts«, eine Auch hinsichtlich der Krise ist zwischen Wesen und Erscheinung
bloß relative bleiben. Marx lässt auch hier mit Recht keinen Zweifel zu unterscheiden, soweit es den logischen »Gang in sich« des kapita­
daran, dass diese Dynamik sich nicht beliebig verlängern lässt: »Die listischen Fetischverhältnisses betrifft. Friktionen der Reproduktion
auf der Geldebene durch das Auseinanderfallen von Käufen und Krisenthematik explizit aufzunehmen. Allerdings ist sie bei ihm
Verkäufen, Disproportionalitäten zwischen den Produktionszwei­ nicht identisch mit der historischen Dynamik des Kapitals, sondern
gen, sog. Überproduktion und Überakkumulation sind nichts ande­ wird dieser eher äußerlich als eine Art unwesentlicher Wurmfort­
res als verschiedene Erscheinungsformen des tieferen Grundes (und satz angefügt und bleibt daher als solche ähnlich begrenzt wie in
damit des Wesens der Krise) an der Oberfläche des Marktes, näm­ den früheren theoretischen Entwicklungen der Neuen Linken. Ent­
lich einer periodisch und schließlich historisch absolut sinkenden scheidend ist aber natürlich der Inhalt der theoretischen Argumen­
realen (kapitalistisch »gültigen«) Wert- und Mehrwertmasse auf­ tation. Und hier findet sich eindeutig, dass Heinrich ganz und gar
grund der über die Wertform hinausschießenden Produktivkraft­ den verkürzten traditionsmarxistischen Erklärungen der Krise ver­
entwicklung. Die Krisenerscheinungen können an der Marktober­ haftet bleibt und sich ausschließlich auf den entsprechenden »exote­
fläche zeitlich und strukturell auseinanderfallen je nach Lage der rischen« Marxschen Argumentationsstrang bezieht, während er alle
Verwertungsbedingungen und der monetären wie stofflichen Ver­ darüber hinausgehenden Formulierungen des »esoterischen« Marx
mittlungsketten; aber letztlich ist die übergreifende Wesensbestim­ entweder ignoriert oder direkt zurückweist.
mung der Krise entscheidend für die Erklärung der diversen unein­ Der entscheidende Punkt ist, dass Heinrich ganz grundsätzlich
heitlichen Phänomene. keinerlei Widerspruch zwischen Produktivkraftentwicklung einer­
Wie sich schon angedeutet hat, ist auch die Neue Marxlektüre seits und Produktion von Wert bzw. Mehrwert andererseits sehen
nicht bis zu diesem Punkt vorgedrungen. Es muss aufschlussreich will. In dieser Hinsicht erliegt er gänzlich jener traditionellen Lesart,
und geradezu verräterisch genannt werden, dass gerade in dieser die Produkt- oder Gebrauchsgegenständlichkeit einerseits und abs­
dem traditionellen Marxismus und der neueren Orthodoxie gegen­ trakte gesellschaftliche Wertgegenständlichkeit andererseits kon­
über begrifflich anspruchsvollen Lesart ausgerechnet die Krisenthe­ fundiert und den Gegensatz verschwiemelt. Darauf hat Claus Peter
orie systematisch unterbelichtet bleibt, ja sogar bei Backhaus und Ortlieb anhand einer Aussage von Heinrich in dessen Auseinander­
Reichelt eigentlich gar nicht vorkommt. So weit geht die philologi­ setzung mit der hier vertretenen radikalen Krisentheorie aufmerk­
sche Durchdringung der Marxschen Texte dann doch nicht. Man sam gemacht. Heinrich behauptet dort, die »wachsende Produktiv­
kann das mit einiger Mühe rechtfertigen, soweit sich der Gegen­ kraft« sorge dafür, »dass die von einer >produktiven< Arbeitskraft
stand der Untersuchungen auf den Wertbegriff und die Wertform­ produzierte Mehrwertmasse beständig steigt, dass also eine >pro­
analyse beschränkt. Allerdings hat die weitgehende Ausklamme­ duktive< Arbeitskraft eine ständig wachsende Masse unproduktiver
rung der Krisentheorie auch einen historischen Grund; denn die Arbeiter unterhalten kann« (Heinrich 1999) . Ortlieb kommentiert
akademischen Bemühungen um eine »Rekonstruktion der Kri­ zutreffend: »Auf der Ebene des stofflichen Reichtums, auf den sich
tik der politischen Ökonomie« in den 197oer Jahren, aus denen die wachsende Produktivkraft ausschließlich bezieht, wäre dieses
die Neue Marxlektüre hervorgegangen ist, hatten in diesem Punkt Argument (als Möglichkeit) na.türlich richtig, nur mit der >von einer
schon immer ihren blinden Fleck. Der akademische Marxismus der produktiven Arbeitskraft produzierten Mehrwertmasse< hat das
Neuen Linken seit den 196 oer Jahren hatte dieses Thema insgesamt nichts zu tun, denn diese bemisst sich nun einmal in der verausgab­
relativ klein geschrieben, und seit den 198oer Jahren verschwand es ten Arbeitszeit, weshalb die von einer noch so produktiven Arbeits­
bis auf kümmerliche Reste noch mehr aus dem einschlägigen Pub­ ) raft an einem Arbeitstag produzierte Mehrwertmasse nie größer
likationsbetrieb, jedenfalls auf der Ebene der kategorialen Analyse. sein kann als eben ein Arbeitstag Der Fehler liegt in der Gleich­
„. .„

Michael Heinrich als Fortsetzer und aktueller Hauptinterpret �etzung der beiden Reichtumsformen Es ist keineswegs zufällig,
„.

der Neuen Marxlektüre kann nun mit seinem Anspruch einer wei­ dass derartige Fehler von Leuten, die es eigentlich besser wissen,
terentwickelten Fassung der »Wissenschaft vorn Wert« und ein­ eradezu zwangsläufig dann auftreten, wenn sie gegen die Möglich­
führenden Gesamtdarstellungen des Marxschen Argumentations­ ! it einer finalen Krise des Kapitals polemisieren. Denn die Diagnose
gangs über die drei Bände des »Kapital« hinweg nicht umhin, die d s notwendigen Auftretens einer solchen Krise hängt wesentlich
„.

266
an dem Unterschied zwischen den beiden genannten Reichtums­ Wechsels von Verwertung und Entwertung, in der die historische
formen und darin, dass sie zunehmend auseinandertreten« (Ortlieb Dynamik des Kapitals ausgeblendet und so getan wird, als würde stets
2009, 31 ff.). Heinrich konfundiert nicht nur unausgewiesen stoff. von neuem ein Nullpunkt durchlaufen, vertritt Heinrich sogar am
liehe Produktivitätssteigerung und Mehrwertproduktion, sondern prägnantesten und in einer zugespitzten Weise: »Krisen haben nicht
er verwechselt auch den steigenden relativen Anteil des Mehrwerts nur eine zerstörerische Seite, für das kapitalistische System als Gan­
pro Arbeitstag am von einer Arbeitskraft produzierten Gesamtwert zes sind sie durchaus >produktiv<. Die Vernichtung der unproduk­
mit der Steigerung der von dieser Arbeitskraft produzierten absolu­ tiven Kapitale vermindert die Produktion, die Entwertung des noch
ten Mehrwertmasse pro Arbeitstag, die aber eben, wenn die Arbeits­ fungierenden Kapitals und die niedrigen Löhne steigern die Profit­
kraft überhaupt noch selber einen Wert hat, stets kleiner sein muss rate der verbleibenden Kapitale ... Das alles zusammen macht den
als die verausgabte Energie eines Arbeitstages (dieses Problem wird Weg frei für einen neuerlichen Aufschwung, der häufig noch durch
uns im nächsten Kapitel genauer beschäftigen). die Einführung technischer Neuerungen unterstützt wird Krisen „.

Heinrich meidet also jene auf den Widerspruch von Stoff und sind also nicht nur zerstörerisch, vielmehr wird in Krisen die Einheit
Form, von Produktenmasse und Wertgegenständlichkeit bezogene von Momenten, die (wie Produktion und Konsum) zwar zusammen­
Passage im dritten Band des >>Kapital« sorgfältig, um sich allein auf gehören, aber gegeneinander verselbständigt sind (Produktion und
diejenige oben zitierte Aussage von Marx zu beziehen, die perma­ Konsum gehorchen unterschiedlichen Bestimmungen) gewaltsam
nente Produktivkrafterweiterung identisch setzt mit »grenzenloser« wieder hergestellt« (a. a. 0, 173 f.). Somit gelte: »(Für) das kapitalisti­
Steigerung des Mehrwerts. Nachdem Heinrich so den Widerspruch sche System als Ganzes sind Krisen . die Auflösung von Blockaden,

von Stoff und Form bzw. Stoffmasse und Wertsubstanz eskamo­ die Weichenstellungen für neue technologische, ökonomische, sozi­
tiert hat, bleibt für ihn als Erklärung der Krisen nur noch ein unbe­ ale und politische Entwicklungen. Ein Großteil seiner Dynamik ver­
stimmter Widerspruch von »Produktion« und »Konsumtion«: Der dankt das kapitalistische System der produktiven Verarbeitung von
»tendenziell unbegrenzten Ausdehnung der Produktion steht· eine
„. Krisen. Krisen sind im Kapitalismus in doppelter Hinsicht notwen­
mehrfach begrenzte Konsumtionskraft der Gesellschaft gegenüber« dig: Sie werden notwendigerweise von der kapitalistischen Entwick­
(Heinrich 2004, 172, Hervorheb. Heinrich). lung selbst erzeugt und sie sind notwendig, um die Dynamik dieser
Ganz davon abgesehen, dass in einem begrenzten irdischen und Entwicklung zu erhalten« (Heinrich 2010, 142 f.).
natürlichen Raum rein logisch keine »unbegrenzte Ausdehnung Damit ist die Kr1sentheorie allerdings endgültig abserviert für den
der Produktion« möglich ist, lässt Heinrich in dieser und ähnlichen »Gesamtprozess« des Kapitals, in Bezug auf den sie hinsichtlich des
Argumentationen bei der Gegenüberstellung von »Ausdehnung der Werts und Mehrwerts einzig bestimmt werden kann, wie oben gezeigt
Produktion« und »begrenzter Konsumtionskraft« stets die Differenz wurde. Die Krise fällt für Heinrich auseinander in eine »zerstöreri­
von stofflich-inhaltlicher und wertmäßiger Seite der Produktion sche« Seite einerseits, die aber nur das Menschenmaterial sowie ein­
außer Acht. Implizit freilich setzt er den Widerspruch rein imma­ zelne »unterproduktive« Kapitalien betrifft, und in eine »produktive«,
nent auf der Wertebene an, sodass einer angeblich »unbegrenzten« innovative etc. Seite andererseits, die für »das kapitalistische System
Ausdehnung der Produktion von Wert und Mehrwert, inkorporiert als Ganzes« gelten soll. Wir haben es also dieser Auffassung zufolge
in die ebenfalls wachsende Warenmasse, eine begrenzte Wertmasse ar nicht mit einer Krise des Kapitalismus zu tun (die gibt es für
seitens der Konsumtion, also eine zu geringe Kaufkraft, gegenüber­ Heinrich so wenig wie für die VWL), sondern einzig mit einer sozi­
stehen würde. Das Problem reduziert sich für ihn also wie gehabt al n Krise für die Massen und einer Krise für einzelne Kapitalisten.
auf die periodisch mangelnde »Realisierung« des vermeintlich Hier zeigt sich schon wieder deutlich der methodologische Indi­
durchaus in genügender Menge produzierten Mehrwerts. vidualismus, indem das Krisenproblem auch hinsichtlich der man­
Die daraus auch schon früher von der verkürzten Überakkumu­ f.' lnden Wertgröße auf das Einzelkapital zugeschnitten wird, sodass
lationstheorie gezogene Konsequenz eines »ewigen« periodischen sogar der Widerspruch zwischen Produktion und Konsumtion

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eigentlich gar kein systemischer mehr ist, sondern nur noch ein ein­ Die Krise reduziert sich so in objektiver Hinsicht auf einen tem­
zelkapitalistisch bedingter. Diese Argumentation öffnet natürlich J'l rären Widerspruch zwischen verschiedenen Momenten des
gleichzeitig Tür und Tor für eine rein subjektivistische Interpreta­ Kapitalkreislaufs, wobei das Problem nicht nur auf Einzelkapitale
tion der Krise wie etwa im Postoperaismus, wonach die Krise sogar beschränkt, sondern auch (ebenfalls wie gehabt) zirkulationsideolo­
von den stärksten Kapitalfraktionen »inszeniert« werden könnte, {'isch formuliert wird. Denn da ja auch bei Heinrich die Krise nur
falls ihnen diese sonderbare Aufgabe nicht bereits von den >>Kämp­ als »Realisierungsproblem« stattfindet, also Produktion des Werts
fen der Arbeiterklasse« (alias Multitude) abgenommen wurde. , u nd Markt auseinandergerissen werden, kann die Krise nicht vom
Da für Heinrich die Krise auf der Ebene des »Gesamtprozes­ i nneren Zusammenhang dieser Sphären, sondern grundsätzlich
ses« gar nicht als solche existiert bzw. in eine reinigende »Funk­ 1 1 ur noch von der Seite des Marktes ausgehen. Damit wird aber trotz

tion« umdefiniert worden ist, muss er eigentlich die weitere, erneute d s Verweises auf die »Realisierung« der Markt als bloße Zirkula-
Akkumulation auf dem Niveau des neuen Produktivitätsstandards 1 ion wahrgenommen (was der Heinrichschen Ontologisierung der
begründen. Hier findet sich aber nur der vage (letztlich auf Schum­ Produktionssphäre als solcher entspricht). Auf die substantielle Pro­
peter zurückgehende) Hinweis, dass der »neuerliche Aufschwung« luktion von Wert und Mehrwert kann sich die Krise dann gar nicht
durch die »Einführung technischer Neuerungen« und damit ver­ rnehr beziehen, und gerade deshalb auch nicht auf den »Gesamtpro­
bundene Investitionsbedürfnisse irgendwie »unterstützt« werde. z ss« oder das transzendentale Apriori, das für Heinrich sowieso ein
Dieses Argument ist gleich doppelt falsch. Zum einen impliziert es, Mysterium bleibt. Glücklicherweise hat er ja außerdem noch eine
dass das wesentliche Moment der »Krisenbereinigung« bloß in der zusätzliche Sicherung gegen die Theorie der »inneren Schranke«
Kapitalvernichtung bestünde, sodass die Akkumulation auf einem 'ingebaut: mit der schlichten Behauptung nämlich, dass es die
früheren Niveau von neuem beginnen könne. Dass ein systemi­ Wertsubstanz eigentlich gar nicht gibt oder (noch besser) dass man
scher Zwang zur erweiterten Akkumulation besteht, der sich nicht ,•i bitteschön nicht »substantialistisch« verstehen möge.
in der Logik von »zwei Schritte zurück, dann wieder zwei Schritte Dennoch bleibt der Begriff cler »inneren Schranke« für Hein­
vorwärts« erschöpfen kann, soll für den »neuerlichen Aufschwung« rich ein Ärgernis, schimmert durch diesen Begriff doch genau jener
gar nicht wesentlich sein. Der »Einführung technischer Neuerun­ A rgumentationsstrang bei Marx durch, den er unbedingt zu elimi-
gen« wird nur eine »unterstützende« Rolle zugeschrieben, obwohl 1 1 ieren bestrebt ist. Nachdem er die Schranke schon in eine Reini­
sie für eine nicht bloß »neuerliche«, sondern eben auch erweiterte i-;u ngsanlage des Kapitals umdefiniert hat, soll damit jede »unaus­
Akkumulation konstitutiv sein müsste. w ichliche Entwicklungstendenz« (Heinrich 2004, 178) der kapita­

Zum andern aber bleibt das Verhältnis jener >l•technischen Neue­ l i stischen Binnengeschichte widerlegt sein. Die innere Schranke wie
rungen« zur Produktion von Mehrwert völlig unbestimmt. Schum­ i n der hier vertretenen radikalen Krisentheorie als »absolute histori ·

peter lässt wiederum grüßen, oder eben die Theorie der langen Wel­ N he Schranke« zu bestimmen, ist dann Anathema. Trotz seiner in

len bzw. die Regulationstheorie. Wie diese meint auch Heinrich :ich widersprüchlichen Argumentation im dritten Band sieht Marx
es sich sparen zu können, den Zusammenhang zwischen »techni­ j ·doch diese Tendenz durchaus: »Wird gesagt, dass die überproduk-
schen Neuerungen« und erweiterter Verwertungsfähigkeit (Mobi­ 1 i n nur relativ, so ist dies ganz richtig; aber die ganze kapitalistische
lisierung von Massen »abstrakter Arbeit«!) zu begründen. Er wird Produktionsweise ist eben nur eine relative Produktionsweise, deren
auch von ihm bloß unterstellt; sogar im Verhältnis zu jenen bür­ S hranken nicht absolut, aber für sie, auf ihrer Basis absolut (!) sind«
.
gerlichen Theorien in reduzierter Weise, weil bloß »unterstützend« ( Marx 1965 b/1894, 267).
statt bestimmend für den »neuerlichen Aufschwung«. Dass techno­ Heinrich dagegen will von der »Schranke« nichts wissen, sie weg­
logische Innovationen bereits »arbeitsarm« und sukzessive immer :t.au bern oder den Begriff bis zur Unkenntlichkeit verballhornen.
»arbeitsärmer« ins Leben treten könnten, schliefSt er begründungs­ U m seine völlig gegenteilige Bestimmung als bloße Bereinigungs­
los aus bzw. dafür interessiert er sich überhaupt nicht. f u nktion zu decken, kommt er zusätzlich mit einer bauernschlauen
Umdeutung: »Im dritten Band des >Kapital< spricht Marx zwar von n eh nicht einmal das, sondern sogar als »produktive Funktion«
den >Schranken< der kapitalistischen Produktionsweise, aber nicht fiir diesen) verstehen, nicht als die damit aufscheinende Relativität
im Sinne eines zeitlichen Endes. Beschränktheit ist hier als Bornie­ <l r Produktionsweise selbst im Sinne ihrer Historizität, die gerade
rung zu verstehen: Borniert ist, dass das Kapital zwar die Produk­ c.lurch das Erreichen der »absoluten Schranken« bestimmt wird. Der
tivkräfte in einem Ausmaß entwickelt wie keine Produktionsweise g samte Strang der Marxschen Argumentation, der sich auf einen
zuvor, dass diese Entwicklung aber einzig der Kapitalverwertung n icht bloß strukturellen, sondern historisch�dynamischen »Gesamt­
dient« (Heinrich 2004, 176). prozess« des Kapitals bezieht, auf die übergreifende Logik eines
Wenn man die Marxsche und die Heinrichsche Aussage wie hier i n neren Selbstwiderspruchs und damit letztlich auf die Krise als
direkt gegenüberstellt, springt die Diskrepanz ins Auge. Marx spricht 'i ne der Produktionsweise selbst, wird von Heinrich liquidiert und
in der schwankenden Argumentation seiner unvollendeten Arbeits­ rür gegenstandslos erklärt. Für ihn markiert der Krisenbegriff, der
manuskripte hier wieder ganz eindeutig vom Widerspruch zwischen schon gar keiner mehr ist, höchstens das »ewige Auf und Ab« kapi­
stofflich-»naturaler« Produktivität und Wertsubstanz, auch wenn er t ::ilistischer Reproduktion.
das selber nicht genau reflektiert. Denn worauf bezieht sich an die­
ser Stelle der H inweis, dass »die Überproduktion nur relativ« und
diese Behauptung »ganz richtig« sei? Offensichtlich gerade nicht auf
einen bloß »relativen« Charakter des Krisenproblems innerhalb der
kapitalistischen Wertverhältnisse. Sonst würde nicht im nächsten
Satz die (historische) »Relativität« der Produktionsweise als solcher
benannt. Genau in diesem Sinne ist auch der folgende Satz zu ver­
stehen: Die kapitalistische Grenze der Produktion von »konkretem
Reichtum« ist keine absolute, sondern die Menschen könnten die
steigende Gütermasse durchaus gemäß ihren Bedürfnissen gebrau­
chen. Indem die wachsende Gütermasse aber nicht mehr genügend
Wertsubstanz für die Verwertung repräsentiert, wird sie zur »abso­
luten Schranke« nicht für die Bedürfnisse, sondern für die kapitalis­
tische Produktionsweise, »für sie«, »auf ihrer Basis«. Es geht ganz
klar um die »absoluten Schranken« der Verwertung selbst, die sich
schließlich in der »Überproduktion« (gemäß kapitalistischen Krite­
rien) aufrichten müssen.
Was macht Heinrich daraus? Et möchte den von Marx eindeutig
bestimmten Begriff der »Schranke« im Sinne einer historisch (und
damit eben auch zeitlich) erscheinenden »Grenze«, einer immer
schwerer und schließlich gar nicht mehr überwindbaren »Barriere«,
herunterspielen im Sinne einer eher bloß moralischen oder geisti­
gen »Bornierung«, die mit den Wertverhältnissen bzw. mit einem
Widerspruch von Stoff und Form, von Produktenmasse und Wert­
substanz überhaupt nichts zu tun habe. Er will also die »Relativi­
tät« der Überproduktion gegen den Wortsinn von Marx als eine bloß
relative Beeinträchtigung des Verwertungsprozesses (eigentlich

273
einen bloßen Aufschub innerhalb des historischen Gesamtprozes­
ses generiert, sondern ein ahistorisches allgemeines »Gesetz« kapi­
talistischer Reproduktion darstellen würde, sodass jene Modulation
Relativer Mehrwert und Expansion des Kapitals. sich eben bis ins Unendliche wiederholen könnte. Den marx-philolo­
Der binnenhistorische Kompensationsmechanismus und gischen Bezug bilden natürlich genau jene Stellen im »Kapital«, die
seine logischen Grenzen wie die zitierte im dritten Band mit Hilfe des dabei vorausg7setzten
Kompensationsmechanismus ausgerechnet vermittels der Produk­
tivkraftentwicklung die Mehrwertmasse trotz zeitweiliger Unterbre­
Die Sache, das Krisenproblem, wäre theoretisch und praktisch längst chungen letztlich » ins Ungeheure anschwellen« lassen. Und dieses
klar, wenn sich der Grundwiderspruch zwischen Stoff und Form, »Ungeheure« ist für den gewöhnlichen Marxismus so gut wie iden­
»naturaler« Produktmasse und Wertsubstanz geradlinig entfalten tisch mit dem »Unendlichen« in der Zeit.
würde. Das ist jedoch gerade nicht der Fall. Vielmehr wird der Wider­ Es ist wiederum Michael Heinrich als in diesem Punkt ideeller
spruch in der kapitalistischen Dynamik sozusagen durch historische Gesamt-Rest- und Postmarxist, der das Problem in ein ewig bloß
Vermittlungsprozesse hindurchgeschleust, in denen er sich erst all­ relatives oder eigentlich gar nicht vorhandenes umdeutet und dabei
mählich zur vollen Kenntlichkeit aufbaut. Hier kann abgesehen wer- . in seiner marx-philologischen Reduktion ein wenig krude wird.
den von den diversen historisch-empirischen >:· Durchsetzungskri­ Gegen jedwede Bestimmung einer inneren historischen Schranke
sen« des Kapitalfetischs vor dem Hintergrund seiner ungleichmä­ des Kapitalfetischs gewendet versucht er geltend zu machen, Marx
ßigen und ungleichzeitigen Entwicklung im Weltmaßstab, hin zum habe sich »lediglich an einer einzigen Stelle« erlaubt, eine »Bemer­
Weltkapital als globalem Gesamtverhältnis. Festzuhalten bleibt in kung« zu äußern, »die sich als Zusammenbruchstheorie verstehen
dieser Hinsicht nur, dass die damit verbundenen Verwerfungen die lässt« (Heinrich 2004 , 176), nämlich die oben angeführte in den
kategoriale Ebene eher verdunkeln und gern für falsche Analogie­ »Grundrissen«. Heinrich hebt offenbar allein auf das ominöse Wort
bildungen durch historische Rückprojektionen benutzt werden, weil »Zusammenbruch« ab, um die ungeliebte Problemstellung isolieren
dabei die innere Logik des Kapitals im Allgemeinen und hinsichtlich und marginalisieren zu können, als hätte Marx bei dieser Formu­
der Krise im Besonderen bis zur Unkenntlichkeit überlagert wird lierung vielleicht einen blackout oder zuviel Schnaps intus gehabt.
von scheinbar selbständigen Oberflächenerscheinungen. Erstens aber geht es bei der Marxschen kategorialen Analyse nicht
Entscheidend für ein zureichendes Verständnis ist aber jene bloß um jene einzelne »Bemerkung«, sondern das gesamte »Maschi­
andere historische Modulation auf der kategorialen Ebene selbst; nenfragment« entfaltet eine einschlägige Argumentation, die ganz
nämlich der über mehrere Epochen hinweg sich erstreckende rela­ unabhängig von dem darin enthaltenen Reizwort genau darlegt,
tive Kompensationsmechanismus, durch den der Grundwider­ worin der elementare Selbstwiderspruch besteht und wie er sich ent­
spruch zunächst nicht unmittelbar in Erscheinung tritt, aber auch falten muss bis zur absoluten historischen Schranke. Zweitens finden
nicht gelöst, sondern (wie von Marx in obigem Zitat festgestellt) sich auch im dritten Band des »Kapital« entsprechende Aussagen zum
zunächst in immer größerem Maßstab reproduziert und nur in die­ elementaren Widerspruch von stofflicher Produktivkraftentwicklung
sem Sinne (periodisch) zeitweilig überwunden wird. und Wertsubstanz, obwohl diese im Gegensatz zu der Analyse eines
Es ist kaum überraschend, dass sich die verkürzte und im Kern bloß relativen Widerspruchs und der Vorstellung eines gerade dadurch
apologetische marxistische Krisentheorie bzw. die Interpretation der »ins Ungeheure schwellenden Mehrwerts<� stehen. Marx hat in seinen
Marxschen Kapitalanalyse in dieser Hinsicht strikt auf die histori­ fragmentarischen Texten offenbar diesen Gegensatz nicht mehr ver­
sche Modulation als Kompensationsmechanismus des Widerspruchs mitteln können. Es ist aber ein Zeichen theoretischer Ignoranz, wenn
kapriziert, um letzteren eskamotieren zu können. Dabei muss dann Heinrich den einen Argumentationsstrang einfach verschwinden
a priori unterstellt werden, dass dieser Mechanismus nicht etwa lässt, indem er ihn auf eine zufällige »Bemerkung« reduziert.

2 75
Heinrich meint dann, die Gegenstandslosigkeit des auf jene einzelnen Ware darstellen, dann müsste man die überhaupt mög­
»Bemerkung« eingedampften Problems ziemlich billig damit liche Gesamtmasse von Wert und Mehrwert auf einen Durchschnitt
>>beweisen« zu können, dass er auf die Marxsche Analyse des »rela­ der Aneignungsfähigkeit anhand einer idealtypisc.hen Ware bezie­
tiven Mehrwerts« im ersten Band zurückgreift: »Die Wertseite des hen, oder die G;esamtwarenmasse, von ihrer Vielfalt und Binnendif­
angesprochenen Prozesses, dass immer weniger Arbeit im Produk­ ferenzierung absehend, als eine einzige ideale Ware nehmen und
tionsprozess der einzelnen Waren verausgabt werden muss, wird im in Beziehung zur Gesamtwertmasse bzw. deren Aufteilung in Wert
>Kapital< nicht als Zusammenbruchstendenz, sondern als Grund­ als Vorauskosten und Mehrwert setzen. Auf jeden Fall kann es nicht
lage der Produktion relativen Mehrwerts analysiert. Der scheinbare um empirische einzelne Waren und einzelne Kapitalien gehen, son­
Widerspruch, von dem Marx in den >Grundrissen< so frappiert war dern die Wertebene ist wie bereits ausführlich dargelegt allein die­
... «, so Heinrich bemüht süffisant, werde bei der hier vertretenen jenige des Gesamtkapitals oder des »Gesamtprozesses«. Indem er
radikalen Krisentheorie »... gar zum >logischen Selbstwiderspruch das Problem des »methodologischen Individualismus« ignoriert
des Kapitals<, an dem der Kapitalismus zwangsläufig zugrunde bzw. selber dieser Vorgehensweise erliegt, lässt sich Heinrich das
gehen müsse. Im ersten Band des >Kapital< entschlüsselt Marx die­ Schlupfloch offen, in seiner Argumentation zwischen empirischer
sen Widerspruch dagegen beiläufig als ein altes Rätsel der politi­ Ebene (des Einzelkapitals) und kategorialer Ebene (des Gesamtkapi­
schen Ökonomie ... Dieses Rätsel, so Marx, sei leicht zu begreifen, tals) zu changieren, wie wir noch mehrfach sehen werden.
wenn man berücksichtige, dass es den Kapitalisten nicht um den Im Rahmen dieses Essays kann die zugrunde liegende Problema­
absoluten Wert der Ware, sondern um den Mehrwert (bzw. Profit) tik des Anteils des Mehrwerts am Gesamtwert nur knapp dargestellt
gehe, den ihm diese Ware einbringt. Die zur Produktion der ein­ werden, was jedoch genügen müsste, um die basale Fehlleistung von
zelnen Ware nötige Arbeitszeit kann durchaus sinken, der Wert der Heinrich zu erhellen. Dazu sind einige Marxsche Begriffsbestim­
Ware abnehmen, sofern nur der von seinem Kapital produzierte mungen zu rekapitulieren. Bekanntlich teilt Marx das Kapital (hier
Mehrwert bzw. Profit wächst. Ob sich der Mehrwert/Profit auf eine immer zu denken als Gesamtkapital) auf in zwei Bestandteile, näm­
kleinere Zahl von Produkten mit hohem Wert oder auf eine größere lich das »konstante« Kapital (Sachkapital) und das »Variable« Kapi­
Zahl von Produkten mit niedrigerem Wert verteilt, ist dabei uner­ tal (Arbeitskraft). Der Unterschied ist festgemacht an der Wertschöp­
heblich« (Heinrich 2004, 177 f.). fungspotenz. Durch das Sachkapital (Gebäude, Maschinen, Rohstoffe
Unter der Hand unterstellt hier Heinrich erstens, dass ein perma­ etc.) wird nur der in ihm dargestellte Wert auf die Produkte übertra­
nent weiter gehender Prozess der Minimierung (nämlich von wert­ gen, d. h. derjenige Anteil am (vergangenen) Gesamtwert, den sie
produktiver »abstrakter Arbeit«) sich bis ins Unendliche immer nur beim Verkauf an das jeweilige Einzelkapital auf sich ziehen konnten
auf ein relatives Verhältnis von Wert in Form der Vorauskosten einer­ und der preislich als dessen sachliche Vorauskosten erscheint; es wird
seits und des Mehrwerts/Profits andererseits beziehen würde. Dass kein Neuwert durch die Anwendung dieses Sachkapitals produziert,
die gesamte Wertmasse irgendwann so klein werden könnte, dass wertmäßig bleibt seine Größe konstant. Allein durch die Arbeitskraft
diese Binnendifferenz der beiden Bestandteile quantitativ gegen­ wird Neuwert produziert als Beitrag zur gesellschaftlichen Gesamt­
standslos wird, kommt ihm nicht in den Sinn. Zweitens stellt er das wertmasse, wobei dieser sich aufteilt in die (wertmäßigen) Reproduk­
Problem explizit an der einzelnen Ware des einzelnen Kapitals dar, tionskosten der Arbeitskraft selbst und den Mehrwert. Deshalb ist die
also wiederum verblendet durch den »methodologischen Individua­ Arbeitskraft als Kapitalbestandteil hinsichtlich der Wertschöpfung
lismus«. Auch eine Ware, für deren Produktion keinerlei menschliche variabel, d. h. sie produziert mehr Wert, als sie kostet. Dieser Zusam­
Arbeitsenergie aufgewendet wurde und die daher überhaupt nichts menhang geht wie gezeigt das Einzelkapital nichts an, er erscheint
zur gesellschaftlichen Gesamtwertmasse beiträgt, kann jedoch in einzig in der kritischen Analyse des Gesamtprozesses.
der Konkurrenz einen Anteil am gesellschaftlichen Mehrwert/Profit Es gibt nun zwei Möglichkeiten, den Mehrwert zu steigern, wie
in der »Realisierung« auf sich ziehen. Will man das Problem an der Marx sagt; nämlich die (zusätzliche) Produktion von »absolutem« und

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von »relativem« Mehrwert. Man kann dies auch als zwei verschiedene, Gariz anders verhält es sich bei der Erweiterung durch Produk­
aber miteinander verschlungene »Methoden« der Mehrwertsteige­ t·ion des relativen Mehrwerts, auf die Michael Heinrich sich kaprizie­
rung verstehen. Die Erweiterung durch absoluten Mehrwert besteht ren möchte. Hier geht es nicht mehr um die absolute Ausdehnung
darin, die Arbeit einerseits zu verdichten (Beschleunigung der Pro­ der Verausgabung von Arbeitsenergie, sondern um die Erhöhung
duktionsvorgänge etwa mittels Fließband etc., oder eine Arbeitskraft des relativen Anteils von Mehrwert an der gesamten Neuwertschöp­
das frühere Pensum von zwei oder drei erledigen zu lassen), also in fung. Wie kommt diese zustande? Die Konkurrenz zwingt die Ein­
derselben Zeit ein höheres Quantum der Verausgabung von Nerv, zelkapitale zur Kostensenkung oder zur Steigerung des Outputs pro
Muskel, Hirn abzupressen, und die Arbeitszeit andererseits zu ver­ Kosteneinsatz. Das schafft nicht nur den Anreiz zur Verdichtung
längern. Wenn bei denselben Reproduktionskosten der Arbeitskraft und Verlängerung des Arbeitsprozesses, sondern eben auch zur
der Arbeitstag ausgedehnt wird, etwa von 7 auf 8 Stunden oder mehr, · Produktivkraftsteigerung mittels Einsatz von verwissenschaftlichter
dann erhöht sich natürlich der absolute Anteil der Mehrwertproduk­ Maschinerie. Wir haben bereits gesehen, dass dieser Prozess suk­
tion entsprechend. Diese Methode könnte dazu verführen, den Mehr­ zessive Arbeitskraft (relativ und schließlich absolut, dazu Näheres
wert methodologisch-individualistisch auf das Einzelkapital zu bezie­ weiter unten) überflüssig macht, also in the long run den fetischis­
hen, da hier der Zusammenhang empirisch-einzelkapitalistisch dar­ t ischen Selbstzweck der Produktionsweise als solcher untergräbt,
stellbar zu sein scheint (über weite Strecken auch bei Marx im ersten obsolet macht und an seine innere Schranke führt. Davon wollen wir
Band). Das ist aber ein Trugschluss. Für das Einzelkapital gehören sol­ hier zunächst absehen, denn als Widerspruch in sich ist es derselbe
che Maßnahmen einzig zur Kostensenkungspolitik unter dem Druck Prozess, der anscheinend zunächst den relativen Anteil des Mehr­
der Konkurrenz. Dass dabei der eigene Beitrag zur gesamtgesellschaft­ werts erhöht und damit jenen historischen Kompensationsmecha­
lichen Mehrwertmasse erhöht wird, um die man sich dann anteilsmä­ n ismus konstituiert. Wie ist das zu verstehen?
ßig balgt, ist eine objektive (Neben-)Wirkung, die das Einzelkapital als Die Kostensenkung oder Erhöhung des stofflichen Outputs pro
solche nicht beabsichtigt und die ihm auch egal sein muss. Was das Kosteneinheit qua Produktivkraftsteigerung des Einzelkapitals hat
Handeln der Kapitalagenten angeht, so sind hier nur zufällig einzelka­ in der Summierung (da alle dazu gezwungen sind) eine doppelte
pitalistische Intention und totale Mehrwertschöpfung identisch. gesamtkapitalistische Nebenwirkung auf der Wertebene. Zum einen
·Wie Marx bereits gezeigt hat, ist die Erweiterung durch absolute ist es jene schleichende Aushöhlung der Wertsubstanz überhaupt;
Mehrwertproduktion historisch begrenzt. We:il die menschliche zum andern aber führt diese Produktivkraftsteigerung, insoweit
Physis selber begrenzt und nicht beliebig belastungsfähig ist, kann sie flächendeckend wird und alle Produktionszweige erfasst, dazu,
weder der Arbeitstag unendlich verlängert noch der Arbeitspro­ dass sich die Lebensmittel im weitesten Sinne verbilligen (das ist ja
zess unendlich verdichtet werden. Ganz abgesehen davon, dass es auf der Preisebene der Zweck der Übung, um in der Konkurrenz zu
zwangsläufig zu elementarer Gegenwehr und sogar zu Notmaßnah­ bestehen und mit mehr Waren durch Preisvorteil einen größeren
men der zusammenfassenden Instanz des Staates kommt, während Marktanteil und damit einen größeren Anteil an der gesellschaft­
die Charaktermasken der unmittelbaren Kapitalrepräsentanz offen­ lichen Wertmasse zu ergattern). Soweit diese verbilligten Lebens­
bar zu einer ungeheuerlichen Hemm,ungslosigkeit in dieser Hin­ mittel nun in die Reproduktion der Ware Arbeitskraft auf gesamt­
sicht bereit sind, wenn sie keine Gegengewalt erfahren. Als über­ gesellschaftlicher Ebene eingehen, senken sie deren Wert. Bei sonst
wiegende Methode des »automatischen Subjekts« durch die konk�r­ gleichbleibenden Bedingungen erhöht sich damit der relative Anteil
renzvermittelten bewussten Handlungen seiner Funktionäre findet des Mehrwerts am gesamten Neuwert, da ja der Anteil des Werts des ·
sich die Produktion von absolutem Mehrwert daher zunächst eher in variablen Kapitals gesenkt wird.
den Anfängen des Kapitals auf seinen eigenen Grundlagen oder als Das ist aber nun eindeutig ein Zusammenhang, der in gar keiner
»Gang in sich«, ohne dass allerdings dieser spezifische Mechanis­ Weise mehr als ein subjektiv-intentionaler auf der Ebene des Ein­
mus jemals aufgehört hätte zu wirken. zelkapitals missverstanden werden kann. Hier kommt sich deshalb

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Marx schon im ersten Band des »Kapitals« selber mit seiner Bestim­ Teilt sich eine Größe von 10 zuerst auf in S:S und dann in 7:3, sö hat
mung eines »individuellen« (einzelkapitalistisch konstituierten) sich der erste Anteil relativ und absolut vergrößert. Sinkt jedoch die
Werts in die Quere. Die Produktion des relativen Mehrwerts ist Größe selber auf 2, dann wird sich die Aufteilung in derselben Pro­
eigentlich bereits mit einem individuellen Wertbegriff inkompati­ portion oder sogar in einer noch günstigeren auch für jenen bevor­
bel. Dass die Produktivkraftsteigerung als eine ihrer Nebenwirkun­ zugten Teil als dramatische absolute Verminderung darstellen. Denn
gen den relativen Mehrwert erhöht, ist überhaupt nur zu erklären, sogar 9 Teile von 2 sind viel weniger als 5 oder 7 von IO. Oder, um ein
wenn die Wertebene allein als diejenige des »Gesamtprozesses« ver­ anderes Bild zu gebrauchen: Der relativ größere Anteil an einer Flä­
standen wird. Die auf die Konkurrenz bezogenen Maßnahmen der che ist kein flächenmäßiger Vorteil mehr, wenn sich die Fläche sel­
Einzelkapitale, die dazu führen, können beim besten Willen von kei­ ber von der Größe eines Fußballplatzes auf diejenige eines Bierfilzes
ner Ahnung dieses Zusammenhangs getrübt sein. Dass die indivi­ verkleinert. Es ist ein wenig peinlich, das einem studierten Mathe­
duelle Produktivitätssteigerung in ihrer Verallgemeinerung durch matiker wie Heinrich vorhalten zu müssen. Leider reduziert sich
die Konkurrenz zu einer Erhöhung des relativen Mehrwerts auf der sein Argument an der angegebenen Stelle auf genau diese Absurdi­
gesamtkapitalistischen Ebene führt, ist vom intentionalen und ein­ tät. Dass ihm das von der links-postmodernen Gemeinde dankend
zelkapitalistisch bornierten Standpunkt der Akteure ebenso zufällig abgenommen wird, spricht nicht für deren Abstraktionsvermögen.
und äußerlich wie die Untergrabung der Produktionsweise als sol­ Wir können das Problem noch einmal etwas anders formulie­
cher durch denselben Prozess. ren, um dann auch zu erklären, was mit der absoluten oder Gesamt­
Michael Heinrich meint nun, die eine, das Ganze untergrabende größe des Werts geschieht. Der relative Mehrwert bzw. dessen Erhö­
Nebenwirkung sei durch die andere, den relativen Mehrwert stei­ hung im Zusammenhang mit der gesamtgesellschaftlich gesteiger­
gernde, grundsätzlich widerlegt und theoretisch erledigt. Dabei lässt ten Produktivkraft bezieht sich auf den gesenkten Wert der Arbeits­
er jedoch wesentliche Aspekte völlig außer Acht. Er ignoriert den kraft bzw. des im Preis der Arbeitskraft festgelegten Anteils an der
in sich widersprüchlichen Charakter dieses Prozesses, um dessen Gesamtwertmasse (der reale Preis wird ebenfalls durch die Konkur­
Logik einseitig aufzulösen. Es ist ja derselbe Vorgang, der einerseits renz ermittelt, sowohl zwischen Lohnarbeiterinnen und Kapitalre­
den relativen Anteil des Mehrwerts am Gesamtwert erhöht und die­ präsentanz als auch der Lohnarbeiterinnen untereinander; dass dies
sen Gesamtwert (unter sonst gleichbleibenden Bedingungen, das ist eine andere Art der Konkurrenz ist als diejenige auf den Waren- .
hier noch einmal festzuhalten!) gleichzeitig vermindert. märkten, ist hier nicht zu erörtern). Es geht dabei aber, und das ist
Es hat geradezu etwas Eulenspiegelhaftes, wenn Heinrich bloß entscheidend, um das Sinken des Werts und das Steigen des Mehr­
die Verschiebung innerhalb des Neuwerts zugunsten des Mehrwerts werts pro einzelne Arbeitskraft im Durchschnitt auf der (gesamtge­
pro Arbeitstag sehen will, während er die veränderte Zusammen­ sellschaftlichen) Wertebene. Das gilt übrigens auch für den »absolu­
setzung pro Geldkapital und die durch denselben Prozess bedingte ten Mehrwert«. Die Begriffe des absoluten und des relativen Mehr­
Verminderung der allein wertproduzierenden Arbeitskraft auf die­ werts sind immer in Bezug auf die einzelne Arbeitskraft zu verste­
ser Ebene ausblendet. Implizit ist damit nämlich gesagt (auch wenn hen, im Unterschied zur absoluten Mehrwertmasse, die sich auf
Heinrich das nicht bewusst zu werden scheint), die Verminderung die gesellschaftliche Gesamtgröße des Mehrwerts (egal ob durch
des Ganzen sei vernachlässigenswert für den einen Teil dieses Gan­ absolute oder relative Erhöhung pro Arbeitskraft generiert) bezieht.
zen, der sich relati