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SPALTPILZE &

PROVOKATIONEN
Eine Abrec;:hnung mit der linken und alternativen Szen~

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VERLAG NEUE STRÖMUNG 6.-DM


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INHALTSVERZEICHNIS

ZU DIESER BROSCHÜRE ...................................................................................,. S. 5

DIE ZUKUNFT DER "SZENE" UND DIE KRISE DES KAPITALISMUS ······; ············· S. 7
Unmittelbarkeits-Fetisch und linkes Bewußtsein .....................................: ............. S. 8
Faschismus und "Männerphantasien" ...................................•...................•............. S. 10
Das "Komm" als "kritisches" Integrationsmodell ................................................... S. 14
Endzeit-Stimmung ...........................•.•..........................................................•...... S. 19
Warum ist die Hausbesetzer-Bewegung gestorben? ................................................ S. 23
Funktionalistisches oder emanzipatorisches Wissen ................................................ S. 26
Theorie und Praxis ............................................................................................... S. 34
Wer fürchtet sich vor Fraktionen? ........................................................................ S. 36
Zukunftsmusik ...................................................................................................... S. 44
Postscripturn zu Wolfgang Pohrt ........................................................................... S. 51

DAS ELEND DER ELENDSVERWALTER ............................................................... S. 54

EINIGE ÜBERLEGUNGEN ZU DEN "ÜBERLEGUNGEN" DES KB oder WARUM


DER SCHWANZ DES GETRETENEN HÜNDCHENS AM LAUTESTEN HEULT ......... S. 58

WIR SEZIEREN EINEN PAPIERTIGER / Zur Auseinandersetzung mit den


"Antiimperialisten" und den Resten der 81 -e r Bewegung ....................................... S. 71

ANHANG ....................................................................................................••...... S. 78

IMPRESSUM: EPITAPH FÜR DIE NEUE WEHLEIDIGKEIT ......................................................... S. So

FLUGBLATT DES KB ......................................................................................... S. 90


Verlag. Neue Strömung
Postfach 21 11, D-8520 Erlangen DIE BÄH-GENERATION SCHLÄGT ZURÜCK / Leserbriefe aus dem "Piärrer" (Nürn-
berg) und der "Saarhexe" (Saarbrücken) ................................................................ S. 92

Druck: Rumpel-Druck, Bogenstr. 7, 8500 NUrnberg 40

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ZU DIESER BROSCHÜRE
SPALTPILZE UND PROVOKATIONEN
Eine Abrechnung mit der linken und alternativen Szene
Im Februar 1984 publizierte die Nürnberger Stadtzeitung "Plärrer" ein Pamphlet, dessen
ursprünglicher Titel "Epitaph für die neue Wehleidigkeit" in die etwas großväterliche
Form "Oh diese Jugend" verwandelt worden war und unter dieser Überschrift inzwischen
in einer ganzen Reihe weiterer Alternativ-Blätter erschienen ist. Die "Haßliebe" der
alternativen Redakteure zu diesem Text (so die Tübinger "Tüte") ist offenbar der darin
enthaltenen radikalen Kritik am Bewußtsein der oppositionellen "Szene" dieses unseres
Landes geschuldet - eine Kritik, die freilich sogleich (und wie beabsichtigt) zornige Reak-
tionen nicht nur von Grün-Alternativen und anderen pazifistischen Betroff~nheits-Schätz­
chen, sondern auch von einigen vermeintlich undogmatischen Bewegungs-Marxisten und
sogar von diversen Restbeständen verbissener K-Gruppen ausgelöst hat.
Als Antwort auf das durchaus erwartete Aufjaulen der Gesamt-"Szene", aber auch um
unsere Anschauungen über die Entwicklung der linken Opposition etwas detaillierter dar-
zustellen, veröffentlichen wir in dieser Broschüre einige Beiträge, die im Anschluß an
das oben erwähnte überaus "zynische" und "menschenfeindliche"- Pamphlet entstanden
sind. Dies auf die Gefahr hin, daß das bekanntermaßen aktualitäts-fetischistische Kurz-
zeitbewußtsein von Medien-Krüppeln einer derart langatmigen Argumentation, die an
eine zwar grundsätzliche, aber immerhin schon Monate (!) zurückliegende Auseinander-
setzung anknüpft, einfach nicht mehr folgen kann.
Der ursprüngliche Provokations-Text als Stein des Anstoßes und Leserbrief-Reaktionen
der empörten "Szene" aus Nürnberg una Saarbrücken sowie ein höchst ausgewogenes Flug-
blatt des KB (mit dem sich einer unserer Beiträge gesondert beschäftigt) sind im Anhang
dokumentiert.
Von einigen Karikaturen abgesehen können wir leider mit farbigen Bildern und anre-
ge nden Illustrationen nicht dienen. Für den Leser, der darauf nicht verzichten mag, hier
'noch einige Literaturhinweise, um Entzugserscheinungen vorzubeugen: Alle meine Entchen
(Pestalozzi-Verlag), Willi Waschbär hat Geburtstag (Ravensburger), Alles über Osterhasen
(Verlag Pro Juventute), Im Kinde.rgarten (Sauerländer). Zufrieden?
Ansonsten wünschen viel Wut beim Lesen
Die Herausgeber

VERLAG NEUE STRÖMUNG


Juli 1984
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DIE ZUKUNFT DER "SZENE" UND DIE KRISE DES KAPITALISMUS


Anmerkungen zu einer Kontroverse

Der Stein des Anstoßes

Einigermaßen überraschen muß es, daß die Polemik im "Piärrer" gegen das
"Szene"-Bewußtsein in der Linken, in der oppositionellen Jugend- und ehemali-
gen Hausbesetzerbewegung etc. kaum rüde Abwehr-Affekte hervorgerufen hat,
sondern eher Interesse und Unsicherheit. Entweder ist diese "Szene" schqn zu
müde, um sich noch gegen Kritik zu verteidigen, oder sie ist in Wahrheit heute
nicht mehr so umstandslos von den (hauptsächlich griin-alternativ bestimmten)
Antworten überzeugt , die in den letzten Jahren vom dominierenden Teil der Oppo-
sitionsbewegung auf die ökonomische und politische Krise des Kapitalismus gege-
ben wurden. Als beleidigt im altfränkischen Sinne zeigten sich öffentlich eigentlich
nur der KB und das jugendbewegte Sozialarbeiter- Team des "Komm", die gleicher-
maßen auf die Kuhstallwärme diffuser "Szene"-Gemeinsamkeit und auf die anti-
polemischen Wallungen des deutschen Gcfiihlsmenschentums setzten. Denn während
das Pamphlet in Frankreich als anerkannte literarische Gattung gilt, ist der pole-
mische Ausdruck in Deutschland traditionell verpönt und das inhaltslose Altweiber-
geplärre "Das ist ja Polemik!" wird an sich schon als Argument gehandelt. Viel-
leicht liegt es daran, daß die Franzosen einmal ihren König geköpft haben, während
die nach einem Ausdruck von Friedrich Engels "ins nationale Bewußtsein gedrungene
Bedientenhaftigkeit" die Deutschen mit der Geste des dumpfen und stumpfen
Biedermannes vor Polemik zuriickschrecken läßt . Deswegen kann man hierzulande
auch gewöhnlich Polemik nicht von bloßem Geschimpfe und von leerer Pöbelei
unterscheiden. Aber wirkliche Polemik ist nichts als eine notwendig "einseitige"
Zuspitzung brennender inhaltlicher Fragen: sie kann zwar nicht umfassende Analysen
ersetzen , aber zunächst einmal den Finger auf wunde Punkte legen. Die vorliegende
Gegenpolemik , sowohl im "Piärrer" als auch .im Flugblatt des KB, wirkt vielleicht
deswegen so hölzern und einigermaßen armselig, weil sie von dieser inhaltlichen
Funktion einer Polemik kaum etwas ahnt . Stattdessen greift man reichlich zum
Mittel der persönlichen Denunziation und baut einen billigen Popanz auf , den des
angeblich verbitterten und gescheiterten Alt-SDS-Iers und Alt-ML-ers, der in seiner
Altersbosheit die wunderbare Jugend beschimpft, während man sich selber in der
Pose eines Freundes und Helfers dieser Jugend gefällt. Die polemisch zugespitzten
inhaltlichen Fragen werden nicht aufgegriffen, sondern eher abgeblockt und bloß
am Rande gestreift. Offenbar wollen sich die unverdrossenen Alt-ßewegungsbewegler
auf keinen Fall aus dem Routine - Trott aufschrecken lassen, in dem sie seit Jahren
vor sich hinstolpern wie Esel in der orientalischen Tretmühle. Besonders pikant
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erscheint in diesem Zusammenhang die mit großer Abgeklärtheits-Gebärde vor- heit in den "neuen sozialen Bewegungen" (Anti-AKW, Frieden, Jugend, Frauen,
getragene Berufung des KB auf den "langen historischen Atem". Dazu muß man Schwule, Hausbesetzer etc.) weiter, ohne je über den Horizont der Tagespolitik
wissen, daß der lange historische Atem des KB hauptsächlich darin besteht, wie hinauszuschauen. Wie alle K-Gruppen ist auch der KB, ohne daß es ihm bewußt ist,
ein Pawlowscher Hund auf die Oberflächenbewegung der Gesellschaft zu reagieren, in gewisser Weise von der verkürzten "instrumentellen Vernunft" des Spätkapitalis-
überall dort zu bellen, wo sich etwas bewegt, und seinen hauptseitig organisatori- mus geprägt; zwar lehnt er theoretische Arbeit und inhaltliche Klärung nicht direkt
sehen "Einfluß" zu Tagespreisen zu offerieren. Damit kann eine Sekte vielleicht noch ab, erkennt sie aber nur insoweit an, als sie sich unmittelbar praktisch-politisch ver-
einige Jahre vor sich hinvegetieren, bloß hat dies kaum etwas mit dem langen histo- wursten läßt. Auf diese ~eise haben die K-Gruppen binnen eines Jahrzehnts eine \
rischen Atem der Revolution zu tun. Man muß dem KB vorwerfen, daß er das "K" Menge Leute orgamsatonsch verheizt, wenig zur inhaltlichen Klarheit beigetragen
in seinem Namen inhaltlich viel zu wenig ernst nimmt, und in dieser Hinsicht scheint und kaum bewußte Revolutionäre herangebildet. Sie sind theoretisch so hohl und
speziell der Nürnberger KB eine einsame Spitzenstellung zu halten. schwachbrUstig wie vor zehn Jahren, ihre Einsicht in den objektiven gesells~haft­
lichen Gesamtzusammenhang ist keinen Schritt weiter gekommen und gegenüber den
Unmittelbarkeits-Fetisch und linkes Bewußtsein modischen grün-alternativen Angriffen auf den Marxismus sind sie nicht einmal zu
richtigen Rückzugsgefechten fähig.
In a nderer Form zeigt sich derselbe Unmittelbarkeits-Fetisch heute bei den Grün-
Polemisch eine Verbindung herzustellen zwischen dem herrschenden "Zeitgeist"
Alt ernativen selbst, die am objektiven Vermittlungszusammenhang der kapitalisti-
des Spätkapitalismus und dem ideologischen Zustand der linken und alternativen
schen Produktionsweise (Profitprinzip, Marktgesetze etc.) vorbei unmittelbar zu allerlei
Opposition, ist keineswegs, wie der KB meint, ein logischer Fehler, sondern ganz im
schönen und nUtzliehen Dingen wie "sinnvoller Arbeit für alle" usw. übergehen wollen
Gegenteil ein Hinweis auf die Logik der Tatsachen selbst. Eine Gesellschaft, in der
und dabei doch nur an einen so berüchtigten Gesellen wie den "gesunden Menschen-
die Tauschwertbeziehung alle Lebensäußerungen durchdrungen hat, eine Gesellschaft
verst a nd" appellieren und den Übeln der kapitalistischen Warenproduktion bloß
des "absoluten Marktes", orientiert zunehmend ihr ganzes Denken und Handeln am
äußerlich-moralisierend gegenübertreten können. Ebenso unmittelbarkeits-fixiert
kurzfristigen Zyklus der Marktvermittlungen. Das allgemeine Knopfdrlicker- und

m
Runterschlucker-Bewußtsein erkennt sich nur unter dem Gesichtspunkt der unmittel- zeigen sich die Anarchos und Gruppen wie die "Autonomen", "Anti-lmps" etc., deren
baren Verwertbarkeit wieder, was davon abweicht oder auf einen größeren Zeithori- polit ischer und theoretischer Horizont auch nicht weiter als ihre Nasenspitze reicht
zont bezogen ist, das ist von !ibel oder zumindest uninteressant. "Hier und heute", und die sich schon deswegen für militant halten, weil sie in ganz spontaner Verzweif-
"subito", "alles und sofort" - oder gar nichts, das ist die Parole. lung mit Lehm schmeißen und ein wenig die Wände anmalen.
Die linke Oppositionsbewegung der BRD in den letzten 15 bis 20 Jahren ist von Dieses bornierte Unmittelbarkeits-Denken hat im Laufe d~r Zeit den notwendigen
dieser verkürzten "instrumentellen Vernunft" (Horkheimer) bis hinein in ihre politi- Frakt ionskampf um Weg und Ziel der Oppositionsbewegung verwässert und zu einer
sehen Äußerungen und bis hinein ins Alltagsbewußtsein keineswegs frei gewesen und a llgemeinen Versumpfung des theoretischen Denkens geführt; bis hin zur offenen
ist es auch heute nicht, am allerwenigsten der KR. Freilich nimmt der allgemeine Theoriefeindlichkeit. Die großen historischen Fragen der Gesellschaft traten in den
Unmittelbarkeits-Fetisch zu verschiedenen Zeiten und aus verschiedenen Zusammen- Hi ntergrund und wurden als bloße Ideologie oder akademische Spielerei denunziert,
hängen heraus unterschiedliche Formen an. Die K-Sekten wollten unmittelbar die di e keinen praktischen Nährwert habe. Die verschiedenen "Praxisfelder" und Einpunkt-
sogenannten Massen gewinnen und verteilten Tonnen von Flugblättern vor den Fabri- ode r Teilbewegungen verselbständigten sich gegeneinander und zersplitterten in
ken, ohne sich um die objektiven Vermittlungszusammenhänge der Widersprüche im tausenderlei gschaftlhuberische Einzelinitiativen, die alle nur noch auf ii-Jr besonderes
realen Lebensprozeß der Gesellschaft zu kümmern, aus denen her~us eine gesell- "Thema" starrten und sich keine Rechenschaft mehr über den ges~llschaftlichen Ge-
schaftliche revolutionäre Bewegung nur entstehen und aus deren Erkenntnis heraus Sa mtzusammenhang ablegten, in dem ihre Tätigkeit objektiv steht. Aber man kann
der "subjektive Faktor" erst bewußt intervenieren kann (in etwas abgewandelter nicht über Jahre hinweg immerzu spontan sein oder die Tretmühle eines verselb-
Form unternimmt heute erneut die "Marxistische Gruppe" diesen untauglichen Ver- ständigten Organisationsapparates bewegen, bis man in einer breiigen Routine er-
such). Als sie mit dieser Vergehensweise scheiterten, lösten die K-Gruppen sich stickt. Die harten gesellschaftlichen Tatsachen selbst stoßen die Opposition mit der
entweder auf und warfen gleich den ganzen Marxismus mit über Aord, oder sie Nase auf die Notwendigkeit der inhaltlichen Klärung jener "großen Fragen" des ge-
wurstelten mit der gleichen theo~etischen Kurzatmigkeit und Organisationsborniert- seilschaftliehen Gesamtzusammenhangs. Die Alternativ-Bewegung ist als Bewegung
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gescheitert, die Hausbesetzerbewegung ist sang- und klanglos zu Ende gegangen, ihres revolutionären Flügels), die nicht in der Lage war, Sexualität und Farnflic
die Friedensbewegung in ihrer bisherigen Form hat sich vor der Härte des imperi a- revolutionär zu thematisieren. Mit dem imperialistischen Stadium der entwickelten
listischen Machtapparats lächerlich gemacht. Die elementaren praktischen Erfah- kapitalistischen Länder setzte sich, verbunden mit einer relativen Besserstellung zu-
rungen dieser achtziger Jahre selbst sind es, die wieder zurückfUhren zur Frage mindest ihrer oberen Schichten, auch in der Arbeiterklasse die kleinbUrgerlich-patri-
der theoretischen und politischen Klärung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungs- archalische Familienstruktur durch. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung in der Sowjet-
prozesse, die das Unmittelbarkeitsbewußtsein aus den Augen verloren hatte. union, wo mit der Herausbildung einer neuen herrschenden Klasse auch die bUrger-
liehe Familie bzw. Sexualmoral restauriert und einschneidende Maßnahmen der Oktober-
Faschismus und "Männerphantasien" revolution (z.B. die Auflösung der Standesämter) wieder rUckgängig gemacht wurden.
Bis heute unterscheiden sich die offiziellen Aussagen der StaatsbUrokrati~ des Ost-
Keineswegs freilich ist mit der grundsätzlichen theoretischen und praktischen Aus- blocks zu Familie und Sexualität kaum von den finstersten Statements der christ-
einandersetzung auch die "Ideologie" selbst verschwunden; was der Mensch macht, lichen Kirchen. Für die Arbeiterbewegung des Westens hatte diese Verdunkelung
muß vorher durch seinen Kopf hindurch, und die Praxis der "Szene" (sowohl die pol i- eines wichtigen Moments des gesellschaftlichen Gesamtprozesses zur Folge, daß sie
tische Praxis im engeren Sinne als auch die Lebenspraxis) ist durchaus ideologisch den Auflösungserscheinungen der Blutsverwandtschafts-Familie im Kapitalismus ge-
bestimmt, nur legt man sich über diese Ideologie immer weniger inhaltliche Rechen- genüber hilflos-moralisierend, konservativ und mit eher kleinbürgerlichen Positionen
schaft ab. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich auch sofort, daß hinter den diffusen reagierte; gleichzeitig blieb die proletarische Frau durch die knechtende Unterordnung
ideologischen Syndromen tatsächlich bestimmte Theorien stehen, die als solche zwar unter die Mutter-Rolle und die Fesselung an die privatistische Sphäre des Einzelhaus-
von der "Szene" im weitesten Sinne nicht selbständig verarbeitet werden, aber doch halts objektiv weitgehend vom politischen Emanzipationskampf ausgesperrt. Dieses
über Wirtshausgeschwätz, vertrödelte Nachmittage an WG-Küchentischen, durch unbegriffene Verhältnis der Geschlechter rächte sich dadurch, daß die weibliche "Hälfte
Hörensagen, gelegentliche Zeitschriftenlektüre und andere sekundäre Kanäle ins Be- des Himmels" zum passiven Bleigewicht am Hals der Arbeiterbewegung wurde; bis
wußtsein tropfen. Das Wesen dieser Theorien ist der ideologische Angriff auf den in die Familien führender kommunistischer Funktionäre hinein blieben die Frauen in das
revolutionären Marxismus, verbunden mit einer zuckersüßen Rechtfertigung der zu- Korsett einer familienbornierten und dem Klassenkampf gegenüber abwehrenden
nehmend versumpfenden Lebenspraxis von Leuten, die einmal einen revolutionären Haltung gezwängt. Der offen und militant patriarchalischen Ideologie des Faschismus
politischen Anspruch hatten bzw. von Jugendlichen, die diesen Anspruch nur noch als hatte daher in dieser Hinsicht die Arbeiterbewegung kaum etwas entgegenzusetzen.
verbiestertes Schreckgespenst längst versunkener Zeiten (1968 nämlich) begreife n Theweleit greift nun zwar diesen Problemkomplex auf; er untersucht die Folgen
können. des patriarchalischen Geschlechterverhältnisses in der Phase seiner bereits begonnenen
Theorien werden von Theoretikern gemacht, und eineri dieser "Szene"-ldeologen objektiven Auflösung zu Beginn des 20. Jahrhunderts anhand einer Fülle von literari-
der letzten Jahre, Klaus Theweleit mit seinem zweibändigen Werk "Männerphantas ien", schem Material der konterrevolutionären Freikorps in den ersten Jahren der Weimarer
hat die Sozialarbeiter-Belegschaft des "Komm" zu ihrem Guru gekürt. An Thewe leit Republik (diese Freikorps sollten schon wenig später die Kerntruppe der aufsteigenden
und seiner Nürnberger Lesergemeinde läßt sich exemplarisch die Raffinesse des so- faschistischen Massenbewegung bilden). Aber Theweleit verspielt die Chance, seinem
zialpädagogischen Bewußtseins aufzeigen. Um diesem Theoretiker gerecht zu we rde n, Material gerecht zu werden und damit zum· Fortschritt der revolutionären Theorie
muß man allerdings zuerst ein wenig das einzige gute Haar kämmen, das an ihm zu beizutragen. Ursache dafür ist vor allem die ideologische Basis seiner Untersuchungs-
finden ist. Theweleits Faschismus-Analyse setzt durchaus an einem wichtigen Pu nkt methode. Gestützt auf die französischen Theoretiker Gilles Deleuze und Felix Guattari
an, nämlich an der Rolle der bUrgerliehen Familie und der patriarchalischen Ge- setzt er als völlig unausgewiesenen Ausgangspunkt die Konstruktion eines abstrakt-
schlechterverhältnisse in der Genese des Faschismus: "Besondere Bedeutung ge winnt unhistorischen Unbewußten als menschlichen "Wesenskern"; dieses Unbewußte, das die
... eine Auseinandersetzung mit dem Ich des 'soldatischen Mannes', womit nebe n richtungs- und zunächst inhaltslose Triebenergie beinhalten soll, produziere insofern
dem k'!pitalistischen Produktionsverhältnis ein bestimmtes mann/weibliches Ver hält nis
den unbestimmten "Wunsch zu wünschen", von der inneren Triebenergie gespeiste
(das patriarchalische) als Produzent einer lebensvernichtenden Realität ins Zentrum
"Wünsche" als Voraussetzung jeder Objektbeziehung zur Außenwelt (z.B. den Wunsch
einer Auseinandersetzung mit dem NS treten müßte" (Komm-Zeitung, März 8 3).
nach Berührungen, nach sCo1<uellem Kontakt, nach Dingen, die zu produzieren sind usw.).
Tatsächlich liegt hier eine Schwachstelle der gesamten alten Arbeiterbewegung (auch
Das so verstandene Unbewußte wird daher auch als "Wunschmaschine" bezeichnet. Mit
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französischen Küche kleiden. Ebenso ist die Form der sexuellen WUnsche historisch
dieser Konstruktion präsentiert Theweleit wieder einmal einen Neuaufguß der Theorie
von einer abstrakten, unhistorischen "Natur des Menschen", die vor aller menschlichen bedingt; die Herausbildung erotischer Kultur als Teil der historischen Selbstproduktion

Entwicklungsgeschichte und unabhängig von dieser existieren soll, ein zentraler Topos des Menschen und gleichzeitig die patriarchalische Repression als notwendiges Moment
aller bUrgerliehen Ideologie seit Rousseau. Die Theorie wird, hinter Marx zurück- aller bisherigen Klassen- und Ausbeutergesellschaft sind nicht voneinander zu trenn·en.
fallend, von den FUßen wieder auf den Kopf gestellt, freilich auf einen Kopf, der sich Theweleit zerreißt die historisch-materielle Einheit des politisch-ökonomischen und
mit dem historisch reflektierten Idealismus Hegels nicht messen kann. Der aus der psychisch-sexuellen Lebensprozesses; er untersucht die psychischen Mechanismen nicht
Psychoanalyse Freuds genommene Begriff des Unbewußten erscheint, in Form der theo- als Moment eines historischen Gesamtzusammenhangs, sondern stellt sie der politischen
retischen black box der "Wunschmaschine", statt der Arbeit in der materiellen Repro- Ökonomie geradezu feindlich entgegen (sogar dort, wo sein eigenes Material ganz of-
duktion des Lebens und der daraus folgenden historischen Entwicklung der Produktiv- fensichtlich sozialökonomische Ableitungen nahelegt). Die Reduzierung d~s Gesellschaft-
kräfte als die "wahre" Triebkraft der menschlichen Lebenstätigkeit; nicht der materielle lichen auf den psychesexuellen Apparat und dessen Ablösung von seinen wirklichen
Lebensprozeß der Gesellschaft ist die Grundlage der psychesexuellen Struktur, sondern historisch-ökonomischen Grundlagen führt ihn folgerichtig zum Kult eines abstrakten,
genau umgekehrt. Mehr noch: der historisch-materielle Lebensprozeß und die Entwick- unhistorischen Individuums, so ziemlich die älteste und abgehangenste ideologische
lung der Produktivkräfte erscheinen sogar als bloße Abfolge immer neuer Formen der Klamotte der Bourgeoisie und des Kleinbürgertums. Anstelle einer konkreten historisch-
Repression dieser "schon immer" vorhandenen "Wunschmaschine", als bloße Formen materialistischen Kritik der bürgerlichen blutsverwandtschaftlich-patriarchalischen
ihrer Einsperrung und der Abschottung des Bewußtseins von den eigenen "inneren Wün- Familie und deren bewußtloser Reproduktion in der Arbeiterklasse entwickelt er so
schen". die verschwommene Perspektive einer "Triebbefreiung" dieses abstrakten Individuums
Der Trick dieser Argumentation ist ein sehr einfacher. Mit großem theoretischem ("Fiießenlassen der Wünsche").
Aufwand wird die freilich unbestreitbare Tatsache ausgewalzt, daß der Mensch über- Für die Faschismusanalyse hat diese bürgerliche theoretische Grundlage Theweleits
haupt Bedürfnisse (und daraus folgend natUrlieh "Wünsche" zur Befriedigung dieser Be- fatale Folgen. Die patriarchalisch geprägte psychesexuelle Struktur der Freikorps-Solda-
dürfnisse) hat, das Bedürfnis nach Nahrung, Wohnung, Kleidung, Sexualität etc. Aber ten wird nicht als ein Moment des historischen Gesamtprozesses der Gesellschaft d'e s
diese Tatsache als solche ist nichts als eine ungeheuer platte Trivialität und sie wird imperialistischen Kapitalismus in Deutschland herausgearbeitet, sondern offen den
dadurch nicht weniger platt, daß ich die Existenz dieser abstrakt-natUrliehen Bedürf- politisch-ökonomischen Triebkräften des Faschismus entgegengestellt. So erscheint der
nisse zu einer aparten "Natur des Menschen" stilisiere, und sei es in der Form des Faschismus schließlich als bloßer Ausdruck und Abklatsch dieser psychesexuellen Mecha-
theoretischen Monstrums einer unbewußten "Wunschmaschine". Was Theweleit und mit nismen, die sorgfältig von allen politisch-ökonomischen Zusammenhängen abgeschnitten
ihm alle anderen Ideologen irgendeiner "Natur des Menschen" übersehen, ist die bleiben. In einer phantastischen Konstruktion schnurrt die verheerende historische
historische Bedingtheit des konkreten Inhalts dieser menschlichen Bedürfnisse, der Niederlage der Arbeiterbewegung zum Problem einer mangelnden Auseinandersetzung
eben in letzter Instanz abhängig bleibt von der Entwicklung der Produktivkräfte und mit dem Ich des "soldatischen Mannes" und dessen patriarchalischen "Männerphanta-
den daraus folgenden Produktionsverhältnissen. Es ist die bestimmte historische Form sien" zusammen. Daß der theoretische und praktische Mangel der damaligen Arbeiter-
der Wünsche, auf die es ankommt; denn was ich konkret wünsche und wie ich es wün- bewegung sich keineswegs nur auf das Problem des Geschlechterverhältnisses bzw.
sche ist keineswegs bloß die Funktion einer "Hemmung" (Einsperrung_etc.) oder eines der patriarchalischen Familie beschränkte, daß sich .z.B. in der konkreten Analyse
"Fiießenlassens" der Wünsche, sondern in erster Linie eine Funktion des historischen der Klassenverhältnisse mindestens ebensolche Lücken zeigten (und zu katastrophalen
Entwicklungsstandes der jeweiligen Gesellschaft. Die Entwicklung der Produktivkräfte politisch-strategischen Fehleinschätzungen führten), bleibt bei Theweleit völlig außer
der Arbeit ist so gesehen nicht nur Mühe, Qual und Repression der WUnsche (dies Betracht und wird mehrfach sogar ausdrücklich negiert. Wenn man bedenkt, daß die
ist sie auch, insofern diese Entwicklung unvermeidlich durch die Entfaltung verschiede- Hauptursache der Niederlage die politische Spaltung der Arbeiterbewegung war und
ner Stufen von Klassen- und damit Ausbeutungs-Gesellschaften hindurchgeht), sondern die Unfähigkeit der KPD, diese Spaltung auf revolutionäre Weise zu überwinden, dann
gleichzeitig die Produktion des Gegenstandes der Wünsche und die historische Heraus- kann die Verabsolutierung des isolierten psychesexuellen Moments (noch dazu haupt-
bildung der Genußfähigkeit selbst. Der Steinzeitmensch hat genauso das abstrakte Be- sächlich an den kleinbürgerlichen Schichten festgemacht, aus denen die Freikorps-
dürfnis nach Nahrung wie ein Mensch des 20. Jahrhunderts, aber er kann dieses Bedürf- Leute großenteils stammten) nur als grotesk erscheinen. Diese Fehlleistung macht aber
nis beim besten Willen nicht in den "Wunsch" nach einem achtgängigen Festmahl der gerade den Erfolg Theweleits aus, hat er doch damit theoretische Nahrung für die
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unpolitischen Aussteiger-Träume des heutigen sozialpädagogischen Neo-Kleinbürger- "Das Rezept , daß 1933 verhindert worden wäre, wenn man den Faschisten rechtzeitig
tums geliefert. eine aufs Maul gegeben und (sie) aus allen Einrichtungen entfernt hätte, erscheint uns
mehr als fragwürdig, weil es einen Stil der politischen Auseinandersetzung beinhaltet,
Das "Komm" als "kritisches" Integrationsmodell auf (den) sich faschistische Gruppen nur allzu bereitwillig eingelassen haben und ein-
lassen" (Komm-Zeitung, März 83). Flugs haben sich hier die jugendlichen underdogs in
Daß die sozialpädagogische Besatzung des "Komm" sich zu einem Theweleit-Fanclub "den Faschismus" verwandelt, für den man dann wohl auch "Verständnis" aufbringen
entwickelt hat, ist wohl weniger auf eine Auseinandersetzung mit dem umfangreichen muß, damit er sich womöglich nicht auf Gewalt einläßt. Das ist wirklich die mit Ab-
historischen Material zurückzuführen, das dieser zusammengetragen hat, sondern stand dümmste "antifaschistische" Argumentation, die ich je gehört habe, wlirdig der
vielmehr auf die ideologischen lmplikationen und Perspektiven seiner Untersuchung. sozialpädagogischen alten Weiber, die auf "Konfliktentschärfung" kond~ioniert sind.
Wenn der Faschismus bei Theweleit schließlich nicht mehr als Frage des revolutio- Aber "der Faschismus" ist nicht einfach ein anderer Name für die sozialpsychologischen
nären politischen Kampfes, sondern weit eher als therapeutisches Problem erscheint, Probleme von Unterschicht-Jugendlichen, sondern der politische Ausdruck des sozial-
so kommt diese Auffassung ihrer eigenen naturwüchsigen Ideologie und ihrem Berufs- ökonomischen Klassenkampfes und ein historisches Indiz für dessen Unversöhnlichkeit,
bild entgegen. Dieser Zusammenhang wird zunächst dadurch verschleiert, daß die für die Unhaltbarkeit der bestehenden Gesellschaftsordnung, für die Unvermeidlichkeit
Sozialpädagogen an ein empirisches Faktum anknüpfen, nämlich das Einsteigen prole- der gewaltsamen Konfrontation. Kapitalverhältnis und Marktwirtschaft sind in der
tarischer underdogs, jugendlicher Dauerarbeitsloser etc. auf faschistische Schlagworte, Weltwirtschaftskrise langfristig auf friedliche Weise weder aufrechtzuerhalten noch zu
Rituale und Symbole (Skins usw.), eine Erscheinung, die z.B. in der "offenen" Jugend- beseitigen. Indem Theweleit das Wort "Kampf" fast nur in Anführungszeichen verwendet
arbeit des "Komm" zu beobachten ist (bis hin zum Prügel-Terror der Skins gegen andere und die bewaffnete Klassenauseinandersetzung faktisch auf sexualpathologisch-halluzina-
Jugendliche). Mit pädagogischem Augenaufschlag wird "Verständnis" für diese Jungs torische Wahrnehmungsprozesse des abstrakten Individuums "soldatischer Mann" zurück-
gefordert, "der Verzicht, die Ablehnung eines Feindbildes, rechten Jugendlichen gegen- führt, legt er eine sozialpazifistische Interpretation seiner Untersuchung nahe, auf die
über, bei uns selbst. Eine sinnvolle politische Arbeit kann nicht in einer Anti-Haltung sich unsere pädagogischen Mittelklassler dankbar stürzen. Damit entpuppt sich auch
ihnen gegenüber bestehen, sondern in der Verdeutlichung dessen, was für uns die Werte der Sinn des sorgfältigen Wegpräparierens der psychosexuellen Motive von allen poli-
und Ziele einer (besseren) Welt darstellen. Der beständige Kontakt und die Konfron- tisch-ökonomischen Zusammenhängen als ordinärer bürgerlicher Pazifismus, als liberales
tation mit dem, was wir wollen, und nicht die Ausgrenzung, sind die einzige Möglichkeit Gefasel vom "Stil der politischen Auseinandersetzung", das die handfeste Realität des
einer wirksameren Politik gegenüber Jugendlichen, die auf rechts abfahren" (Komm- ökonomischen Klassengegensatzes wegmogeln möchte. Kein Wunder, daß der "Wille zur
Zeitung, April 82). Macht" oder die Perspektive der "Machterringung" den "Komm"-Sozialarbeitern ein
Nun wird kein Revolutionär leugnen, daß es falsch wäre, die Aggressionen prole- Greuel ist, setzt ihre versöhnlerische Ideologie doch die bestehende Macht des Kapitals
tarischer underdog-Jugendlicher umstandslos mit der bewußten Politik faschistischer als nicht mehr in Frage gestellte Rahmenbedingung voraus. Hinter dem therapeutischen
Organisationen gleichzusetzen und entsprechend zu bekämpfen (wo die Skins allerdings "Antifaschismus" wird eine therapeutische Einstellung zum Klassenkampf überhaupt
als ideologisch geschulte und organisierte faschistische Schlägerbanden auftreten, sind sichtbar, der auf dem Boden der bestehenden Ausbeuterordnung "behandelt" werden soll.
sie wirklich nur noch als absoluter politischer Feind zu behandeln, dessen Bewegungs- Die Probleme der underdog-Jugendlichen müssen dazu herhalten, diese sozialpazifisti-
ansatz vernichtet werden muß, und zwar alles andere als gewaltfrei). Aber genau diesen sche Mittelklassen- Ideologie zu verschleiern und "kritisch" zu maskieren.
Fehler, schon die ziellosen Aggressionen und rechten Schlagworte unorganisierter under- Aber diese pazifistische Ideologie verharmlost nicht nur den objektiven Klassen-
dog-Jugendlicher mit "Faschismus" gleichzusetzen, machen unsere Sozialpädagogen gegensatz, sie wird eben dadurch auch den Problemen der proletarischen Unterschicht-
selber, freilich andersherum: sie verharmlosen den wirklichen Faschismus (und letztlich Jugendlichen nicht einmal im Ansatz gerecht. Die Aggressionen der Skins, Punks usw .
den Klassenkampf überhaupt), indem sie ihn, Theweleit folgend, auf eine psycho- sind nicht Resultat einer verwickelten kleinbürgerlichen Sozialisation, sondern direkter
sexuelle und sozialtherapeutische Frage herunterbringen, Politik mit Pädagogik ver- Ausdruck ihrer sozialen Klassenlage ("Unterprivilegierung", wie es in der Soziologie
wechseln und so die unvermeidliche Konfrontation der Klassen ideologisch entschärfen so schön heißt). Wenn sich diese Aggressionen als Hetze gegen Ausländer, Terror gegen
möchten. Fast unmerklich gleitet die Argumentation von dem Problem aggressiver Schwule und primitives Macho-Verhalten gegen Frauen äußern, dann nicht in erster
underdog-Jugendlicher im "Komm" zu historisch-gesellschaftlichen Fragestellungen über: Linie aus Gründen einer sexualpathologischen Wahrnehmung der Realität wie vielleicht
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bei den bürgerlichen Freikorps-Offizieren der zwanziger Jahre, sondern weil sie, längst in einen Selbstzweck verwandelt, der nicht mehr auf ein politisches Ziel
selber schwach und am unteren Ende der sozialen Stufenleiter, in diesen Menschen- ausgerichtet ist, im Gegenteil: die alternativen Projekte selbst sind Ausdruck einer
gruppen den noch Schwächeren und damit das Objekt einer Aggressionsabfuhr erken- Entpolitisierung, das Verhältnis von Politik und deren logistischen kulturellen Struk-
nen, aus der sie ein gewisses Selbstwertgefühl ohne allzu großes Risiko ziehen können. turen ist auf den Kopf gestellt. Die Alternativen nehmen den politischen Kampf nur
Solange der "letzte Dreck" nicht das System bekämpft, das ihn zum "letzten Dreck" noch mit den Augen eines klassischen Kleinbürgers wahr, der den gesamten gesell-
erst macht, wird er immer nur nach einem anderen "letzten Dreck" suchen, den er schaftlichen Prozeß ideologisch dem Gedeihen seiner kleinen Klitsche unterordnet.
noch unter sich drücken und aus dessen Verfolgung und Erniedrigung er sich ein (und Logischerweise erscheint ihnen die Politik bestenfalls noch als sekundäre Logistik
sei es noch so klägliches) Moment der eigenen Stärke suggerieren kann. Deshalb ist es ihrer kulturellen und kleinbetriebliehen Projekte statt umgekehrt; diese Projekte
auch sinnlos, diesen Leuten bloß äußerlich und bürgerlich-aufklärerisch gegenüberzu- entpuppen sich so als kleinbürgerliche im unmittelbarsten Sinne. Damit aper ist die
treten, um ihnen nachzuweisen, daß die Ausländer gar nicht schuld an der Arbeitslosig- Politik für diese Helden des kritischen Denkens von der Dimension des gesellschaft-
keit und daß sie keine Wüstlinge und Frauenschänder sind, daß die Schwulen keine per- lichen Emanzipationskampfes zusammengeschrumpft auf den Horizont kleinkarierter
versen Schweine sind usw. Dieses Aufklärerturn bildet sich ein, es ginge dabei um in- Kirchturms- und Kommunalpolitik im Dunstkreis der jeweiligen Grünen und der
haltliche Argumente, während solche in Wirklichkeit völlig gleichgültig sind; es geht "linken" Sozialdemokratie, ein Rahmen, der tatsächlich ausreicht für das heroische
nicht im geringsten um Argumente, sondern allein um Vorwände, und jeder Vorwand Ringen um die Existenz alternativer Würstchenbuden.
ist willkommen, wenn der Wille zum Pogrom da ist. Die sozialpsychologische Reaktions- Das "Komm" erweist sich so als "kritisches" Integrationsmodell in doppelter Hin-
weise der Unterschicht-Jugendlichen bleibt völlig unvermeidlich, solange sie nur als sicht: erstens wird es zur Freizeit-"Heimat" und zum Ort sozialintegrativer Be-
partikularisierte Subjekte eines unbegriffenen Zusammenhangs agieren und nicht über schäftigungstherapie für Unterschicht-Jugendliche und andere von der kapitalistischen
eine kriminelle und pogrom-trächtige Bandenbildung hinauskommen, d.h. solange sie Realität zermalmte Ausgeflippte; zweitens hat es sich zum ideologischen Pol alter-
nicht die Möglichkeit haben, sich in eine politische Kampfbewegung der Arbeiterklasse nativer Entpolitisierung gemausert, mit Ausstrahlungskraft (über die Komm-Zeitung,
einzugliedern. Gerade diese Perspektive aber ist es, die von den Sozialpädagogen mit· Veranstaltungen, Seminare etc.) in die gesamte "Szene" und bis in die ehemals poli-
Händen und Füßen krampfhaft abgewehrt wird. Sie können die sozialen Ursachen der tische Linke hinein. Auch für viele Gymnasiasten, Fachoberschüler, Studenten usw.
Aggressionen nicht beseitigen, aber statt diese Aggressionen dann auf das "richtige" mit sozial unklarer Zukunfts-Perspektive mußte die "Komm"-ldeologie mit ihren
Objekt (Staat und Kapital) "umzulenken", beschäftigen sie sich mit ihrer "therapeuti- praktischen connections zu allerhand lokalen alternativen Projekten (Netzwerk etc.)
schen" Besänftigung, ihrem Zurückdrehen auf eine im polizeili.chen Sinne erträgliche zunächst attraktiv und verführerisch wirken. Denn natürlich knüpft das Denken der
Sparflamme. Die scheinbar so kritische, antiautoritäre Ablehnung des "Machtdenkens Alternativen am allgemeinen Unmittelbarkeits-Bewußtsein an. Nicht nur die Punks
überhaupt", des politischen Klassenkampfes usw. erweist sich in diesem Zusammenhang und die Skins, auch die "Szene" im weitesten Sinne und die sogenannte Linke reagie-
plötzlich als sehr vereinbar mit dem sozialen Integrationsauftrag unserer pädagogischen ren ja unmittelbarkeitsfixiert auf die unbegriffene Oberflächenbewegung der Gesell-
Mittelklassler, über den sie sich erhaben glauben. ~chaft, wenn auch vielleicht auf verschiedenen Abstraktionsebenen. Schon in der 68-er
Und worin bestehen sie nun, die "Werte und Ziele einer besseren Welt", die anstelle Bewegung mit ihrem subjektivistischen Praxis-Fetisch war der Weg von einem halb-
des Klassenkampfes die proletarischen Jugendlichen beglücken und in Antifaschisten verdauten, oberflächlich angeeigneten wissenschaftlichen Sozialismus zum affektiven
verwandeln sollen? "Eine 'Minderheit' lebt 'anders'. Sie versucht produktive Kultur, "gesunden Menschenverstand" als Kapitulation vor dem Unmittelbarkeits-Oruck der
selbstverwaltete Zentren, selbstbestimmte Arbeit, kollektives Leb~n durchzusetzen ... " warenproduzierenden Gesellschaft angelegt. Die verschiedenen "Bewegungs"-Meta-
(Komm-Zeitung, April 82). Mit einem Wort: "Die Mitarbeiter im Komm werben um morphosen bis zum alternativen Kleinkrämer-Bewußtsein als bisherigem Tiefpunkt
alternative Positionen. Dies ist ihr praktizierter Antifaschismus" (Komm-Zeitung, können daher auch als Stufenfolgen des Versackens im Sumpf der Unmittelbarkeit
März 83). . gelesen werden. Wenn die Skins auf eine Realität, die sie nicht begreifen und die
Soweit die relativen "Freiräume" in Jugend- und Kommunikationszentren, linke ihnen wehtut, mit der Unmittelbarkeit zielloser Aggression reagieren, dann ist der Ver -
Kneipen, Kulturgruppen, Druckereien usw. als Logistik des Klassenkampfes verstanden such, die gesellschaftliche Struktur und deren unaufhaltsame Entwicklungsgesetze ohne
werden, als Momente des Aufbaus einer revolutionären politischen Kampfbewegung, politischen Klassenkampf zu "unterlaufen" und individuell (bzw. in kleinen Gruppen)
wäre nichts dagegen einzuwenden. Für die Alternativen aber haben sich diese Projekte "auszusteigen", um auf dem Boden bzw. in den "Nischen" dieses unbegriffenen Kapita-
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lismus "anders leben" und "selbstbestimmt arbeiten" zu wollen, von dieser absoluten tiven Mittelklassen des Imperialismus (Sozialarbeit, Dienstleistungen, Ausbildungsinsti-
Hilflosigkeit der Skins nur der Form nach verschieden. Von der nebelhaften "Ferne" tutionen usw.), die den Kapitalismus "unterlaufen" und dem Klassenkampf ausweichen
des gesellschaftlichen Emanzipationskampfes und seiner Ziele (nebelhaft deswegetl, möchten; die connections zwischen den Sozialpädagogen des "Komm" als ideologischen
weil man sich nie ernsthaft damit auseinandergesetzt hat) zur scheinbaren "Nähe" Akkumulatoren und den zum kleinbürgerlichen Selbstzweck verkommenen Alternativ-
handgreiflich-unmittelbarer Alternativ-Projekte, mit vielen Bussis, rituellen Umar- Klitschen sind daher kein Zufall. Es gab einmal den Witz, daß der Sozialarbeiter dem
mungen und prothesenhaftem Gefühlskult dekoriert, diese Entwicklung des Unmittel- Arbeitslosen rät, Sozialarbeiter zu werden; dieser Witz ist nun dahingehend erweitert
barkeits-Fetischs war eigentlich vorauszusehen. So braucht sich der KB z.B. kaum zu worden, daß er als alternativen Ratschlag den zur Eröffnung einer Kneipe oder eines
wundern, daß seine Organisation mit der Alternativ-Ideologie überschwemmt wurde Kleinbetriebs bereithält oder selber auf ein solches Projekt umsteigt. Aber der Witz
und er scharenweise Mitglieder an die Alternativbewegung verloren hat. Seine eigene ist wirklich bloß ein Witz; schon heute machen sich die alternativen KneiJ;>en, Drucke-
Ebene des Unmittelbarkeits-Denkens als politischer Praktizismus, seine Unfähigkeit reien usw., den Gesetzen der Warenproduktion und des Marktes entsprechend (und sei
zur Heranbildung theoretisch bewußter Kommunisten, ist strukturell dem Denken, es nur der Markt der "Szene" selber), zunehmend gegenseitig Konkurrenz, die bei Zu-
das ihm jetzt als alternativer Antikommunismus entgegenschlägt, durchaus ähnlich nahme der Anzahl konkurrierender Projekte und gleichzeitiger Abnahme des finanziel-
und nur graduell davon unterschieden. Wenn schon handwerklerisch herumwursteln, len Konsumtions-Fonds der "Szene" schon bald mörderisch werden muß. Für die große
warum dann nicht gleich eine Schreinerei oder eine Kneipe mit irgendwie emanzipato- und immer weiter anschwellende Masse der arbeits- und berufslosen Unterschicht-
rischem Anspruch aufmachen, statt ewig bloß auf Sitzungen ohne inhaltliche Diskus- Jugendlichen ist diese Sorte "praktizierter Antifaschismus" einer alternativen Mittel-
sion herumzuhängen, Flugblätter zu verteilen, Sympis zu belabern und allmählich gar klassen-Szene nichts als blutiger Hohn; die lächerliche Annahme, diese Opfer der Kapi-
nicht mehr so genau zu wissen, wozu das eigentlich alles gut sein soll? talverwertung könnten dadurch von rechtsradikalen Aggressions-Mustern abgebracht
Seinen Höhepunkt als lokales Zentrum der Alternativbewegung erlebte das "Komm" werden, spiegelt nur die Mischung aus Illusion und Zynismus im Bewußtsein der berufs-
1981 mit der bundesweit berühmt gewordenen "Nürnberger Massenverhaftung", wie mäßigen Ohnmachtspropheten des imperialistischen Sozialstaats. Aber auch die im
es überhaupt einen gewissen Nimbus aus den Anfeindungen intellektuell etwas unter- Rahmen des "Komm" eifrig genährten "Aussteiger"-Träume der zwischen den Klassen
belichteter Justiz- und Polizei-Häuptlinge sowie provinzieller CSU-Würdenträger herumstrolchenden Gymnasiasten, Fachoberschüler, Studenten usw. ohne jede klare
schöpft, die das sanft blökende Schaf der grün-alternativen Herzensbewegung wirklich Lebensperspektive sind in der Regel schon nach kurzer Zeit verdampft. Das vorläufige
für einen verkappten roten Wolf halten. Diese Feindbild-Konstellation schmälert aber Resultat? Die soziokulturelle Ruine des "Komm" wurde erfolgreich entpolitisiert und
nicht im geringsten die integrative Funktion des "Komm"-Modells und seiner alterna- von linken Aktivitäten weitgehend "gesäubert" (0-Ton Peter Hess: "Was heißt heute
tiven Sozialpädagogen, sondern bestärkt sie sogar; die rechte Hand der Bourgeoisie schon noch links oder rechts"); das scheinbare Zentrum des Widerstands (oder das Zen-
muß nicht immer wissen, was die linke Hand tut. trum des Scheinwiderstands) hat sich zum traurigen Anziehungspunkt für den mensch-
Trotzdem kann man heute, 1984, die Erfolge des "Komm" und s<!iner Hüter als lichen Ausschuß der kapitalistischen Warenproduktion entwickelt, dem kein Sozialpäda-
ziemlich bescheiden einschätzen. Die Alternativ-Ideologie beginnt ihre Anziehungs- goge ernsthaft helfen kann, und zum mutmaßlichen Rekrutierungsfeld für den neofa-
kraft rapide einzubüßen. Der Traum vom "anders leben " und "selbstbestimmt arbei- schistischen Untergrund, der dümmer wäre, als anzunehmen ist, wenn er die "ver-
ten" innerhalb der "Nischen" des Kapitalismus ist nur für eine winzige Minderheit ständnisvollen" und von jeglichem "Machtbewußtsein" völlig freien sozialpädagogischen
machbar, und selbst für diese nur vorübergehend oder von vornherein bloß als in- Weihnachtsmänner nicht als nützliche Idioten betrachten würde.
karniertes ideologisches Luxusprodukt des Mittelklassen-Bewußtseins. Gutverdienende
Sozialpädagogen (d.h. solche, die einen Posten in der staatlichen Elendsverwaltung Endzeit-Stimmung
ergattert haben), Ärzte, Lehrer usw. sind es im wesentlichen, denen sich die Alter-
nativ-Projekte als "kreative" Freizeitgestaltung oder vielleicht auch als realistische Es war einmal eine finstere Zeit, in der es noch ein Proletariat gab und einen Klas-
"Aussteiger"-Perspektive darstellen, alternativ freilich höchstens zu einem der be- senkampf. In dieser längst vergangeneo Epoche des Elends war der furchtbare Irrtum
liebten exclusiven Sahara-Trips oder zum Erwerb eines Bauernhauses, aber nicht zur aufgekommen, die Emanzipation der Menschheit müsse mit Hilfe einer politischen
Lohnarbeit der Massen. Das neue Kleinbürgertum der Alternativen hat keine eige- Klassenpartei errungen werden. Dieser verhängnisvolle Fehler brachte eine mißratene
ne gesellschaftliche Lebensgrundlage, es ist ein Produkt hauptsächlich der reproduk- Frankenstein-Sippe hervor, die sogenannten "Kader", die schon bald eine zutiefst re-
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pressive, sadomasochistische Tätigkeit zu entfalten begannen. Dies ist nur wenig


Ganz ohne Spaß. Die "autonomen" Anti-Intelligenzler merken offensichtlich nicht
übertrieben das Bild, das die kritischen Emanzipationsheiligen der Mittelklasse ':On
einmal, daß sie trotz aller unmittelbarkeitsfixierten Militanz des Augenblicks voll im
den Greueln einer kommunistischen Kampforganisation liebevoll zu entwerfen pfle-
Schlepptau der sozialpädagogischen Mittelklassen- Ideologie segeln, und mit ihnen die
gen. "Selbstunterdrückung" hat Theweleit bei den bedauernswerten Anhängern des
gesamte oppositionelle Jugend, die es dem Zeitgeist unbedingt recht machen muß, um
revolutionären "Kampfdenkens" diagnostiziert, eine Formel, die auch dem in spiri-
in hedonistischer Kurzatmigkeit noch einmal kreischend auf den Putz zu hauen, bevor
tualistische Höhen aufgestiegenen Grenzüberschreiter Rudolf Bahro bedeutungs-
die Atomsonne aufgeht. An diesen Zusammenhang sollen die hirnlosen Paradiesvögel
schwanger über die Lippen geht. Auf derselben Argumentationslinie liegt es, wenn
des steinewerfenden Bäh-Widerstands nachdrücklich erinnert werden, wenn sie mit dem
der "körperbewußt" glucksende Szene-Philosoph Sloterdijk die "Abrüstung der ge-
naiven Stolz von Stammeskriegern die Narben der letzten Startbahn-West-Demo zeigen
sellschaftlichen Kampf-Subjekte" fordert, ein Gedanke, der mitten in der politisch-
und dann friedlich ihren nächsten Acid-Trip schmeißen.
ökonomischen Weltkrise des Kapitalismus ja wirklich naheliegt.
Tatsächlich können auf die Dauer einige elementare Wahrheiten nicht durch ein
Diese ein wenig zu breit grinsenden Denker auf der Höhe der Zeit sind allesamt
hohles Bauchdenken wegeskamotiert werden, dessen "Lebensfreude" ohnehin bloß ideo-
lebenslustige Leute, die den Atomtod gebührend zu feiern wissen. Kaum begannen
logisches Straßentheater ist und mit Genußfähigkeit so viel zu tun hat wie kulinarische
die wesentlichsten ökonomischen Voraussagen von Kar! Marx wirklich einzutreffen,
Kultur mit fettigen Würsten aus der lmbißbude. Wo es Klassen gibt, muß es auch Klas -
da mußte sich eine lebensphilosophisch geläuterte Ex-Linke mit verdächtig infanti-
senkampf geben; wo es Klassenkampf gibt, wird es schließlich auch politische Klassen-
ler Lautstärke über Titten, Ärsche, Mösen und Schwänze verbreiten, um schließlich
parteien geben; und wo es Parteien gibt, müssen sich unvermeidlich auch Parteikader
mit irrem Gekicher beim Räsonnement über die elementaren Körperfunktionen an-
herausbilden. Diesen primitiven Gesetzmäßigkeiten, die dem Verständnis eines Grund-
zugelangen. Bekanntlich werden die Mittelklassen in der Krise verrückt. Endzeit-
schülers zugänglich sind, kann sich auf die Dauer selbst die Mittelklassen-Partei der
Jeremiade und theatralisch in Szene gesetzte "Lebensgier" sind die beiden Seiten
Grünen nicht entziehen. Daran werden auch die ideologischen Albernheiten der Alter-
derselben Medaille. Die Denunziation des politisch-revolutionären Denkens und Han-
nativen als rechter und der "Autonomen" als linker Randströmung dieser Partei des Neo-
deins als "lebensfeindlich" korrespondiert mit einer raunenden Untergangs-Mystik,
Kleinbürgertums nichts ändern. Erst recht gelten solche Gesetze für die Herausbildung
die hinter der unpolitisch kultivierten "Angst" vor dem 3· Weltkrieg keinen gesell-
einer künftigen revolutionären Partei des Klassenkampfs. Daß diese Partei weder mit
schaftlichen Antagonismus mehr sehen will. So schlägt die Wehleidigkeit der End-
der fossilen Sekte der Osthandels-Agentur DKP noch mit den Gespenster-Organisatio-
zeit-Stimmung um in das johlende Volksfest eines schrillen Hedonismus, der mühsam
nen der K-Gruppen etwas zu tun haben kann, wissen wir inzwischen. Der ständige Ver-
die Ausweglosigkeit eines Bewußtseins überdeckt, das die atomare Vernichtung immer
weis auf die verklemmten Pfadfinder-Typen in den byzantinischen K-Mini-Sekten oder
noch lieber als die kommunistische Revolution in Kauf nimmt.
auf die volkstümlich jodelnden Biertisch-Funktionäre der DKP wird allmählich zu billig,
Daß bei einem Netto-Monatseinkommen von zwei- bis dreitausend Mark aufwärts
um noch länger von den unausweichlichen Erfordernissen des Klassenkampfs ablenken
Störungen in der sozialökonomischen Wahrnehmungsfähigkeit eintreten können, ist
zu können. Eine revolutionäre Partei , die nicht als parthenogenetische Sekte dem bloßen
noch einigermaßen begreiflich. Befremden muß es schon eher, wenn auch Leute,
Willen allzu jungfräulicher Links-lntellektueller entspringt oder als farbloser Bodensatz
die angeblich nichts mehr zu verlieren haben als' den Sozialhilfesatz oder ein er-
der Geschichte zurückgeblieben ist, sondern aus dem realen gesellschaftlichen Entwick-
schwindeltes Bafög, in diesen Chor nachgemachter Frohsinns-Existentialisten ein-
lungsprozen herausgearbeitet wird, kann nicht auf politisch bewußte, disziplinierte,
stimmen. Sogar die inzwischen sanft entschlafene Berliner "Radikal", ein nicht ganz
theoretisch durchgebildete Kader verzichten. Solche Kader haben sich noch nie aus der
ernst zu nehmendes Fachblatt für spaßigen Freizeit -Terrorismus , fordert mit deutschem
Unmittelbarkeit des gesellschaftlichen Durchschnittsbewußtseins heraus entwickelt, das
Biergrimm den unmittelbaren Spaß an der "Revolte", ohne freilich außer einer gewis-
der Oberfläche des Kapitalismus verhaftet bleibt. Daß es sich dabei nur um Leute han-
sen Emanzipation von der Grammatik irgendeine Form von Lustigkeit aufweisen zu
deln kann, die sich nicht "gehen lassen" (eine Sloterdijk- Forderung), sondern "an sich
können. Aber Spaß muß sein, und wenn alles in Scherben fällt, "im Taumel (Delirium
arbeiten", ist eine blanke Selbstverständlichkeit. Wenn eine solche Lebensweise als
tremens? R. K.) einer Revolte, die nichts mehr mit der Revolution zu tun hat oder
"Selbstunterdrückung" bezeichnet wird, dann sollen die alternativen Unmittelbarkeits-
mit dem Gesetz der Geschichte" Uean Baudrillard, in: radikal 126/127). ln einer
Hedonisten doch rasch einen Schlafsack und eine Pulle chemischen Aldi-Rotwein ein-
Epoche für Vollidioten, die MacDonaids neuerdings sogar einen "Kartoffelspaß" ab-
packen, sich schleunigst zum nächsten U-Bahn- Schacht trollen und ansonsten ihr Maul
gerungen hat, darf eben auch der Revoluzzer-Spaß im Warenangebot nicht fehlen .
halten. Dann müssen nämlich alle Tätigkeiten oberhalb des Stadtstreicher- Niveaus als
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"Selbstunterdrückung" definiert werden, sogar die "Selbstverwirklichungs"-Projekte Zwecke prostituierten und statt kommunistischer Kader praktizistische Pfuscher von
der alternativen Kleinkunst. Sowenig es "Selbstunterdrückung" ist, wenn ich mi~ ein der Qualität dressierter Schäferhunde hervorbrachten. Erst recht nicht thematisiert
Schnitzel in der Pfanne brate, statt es blutig hinunterzuschlingen, ebensowenig ist die werden konnte die Frage der Theorie natürlich von den Alternativen oder den "Auto-
"lustaufschiebende" Arbeit, die ich in gesellschaftliche Tätigkeit gleich welcher Art nomen", die ihren besonderen Stolz darin sehen, mit ganz anderen Körperteilen als dem
investiere, an sich schon "repressiv". Kultur und selbst Genußfähigkeit sind immer pro- Gehirn zu denken.
duziert, Resultat von Vermittlung; der direkte, unmittelbare "Lustgewinn" signalisiert Auf lange Sicht werden aber zehn "Schlauköpfe" immer noch mehr bewirken als
bloß Roheit und Barbarei. Letztlich gilt dieses Kulturgesetz der Vermittlung auch für hundert bauchdenkende Dummköpfe. Und wenn tausend alternative Koryphäen des ge-
die politische und theoretische Tätigkeit eines "Kampfsubjekts", selbst wenn diese Ak- sunden Menschenverstandes und Anwälte der "Lebendigkeit" ein Gezeter über "elitäres
tivität nicht einfach in kulturellen Genuß einmünden kann (Die Revolution ist kein Machtdenken", "Selbstunterdrückung" usw. erheben, dann sollte man sie ,einfach stehen-
Festbankett, lasen wir mal bei Mao Tse-tung). Die Repression, die vom Genuß (und der bzw. auf ihren sozialen Bastei-Projekten sitzenlassen. Wenn sie sich genügend "selbst-
Genußfähigkeit) abschneidet, ist vorläufig immer noch in erster Linie die Erscheinung verwirklicht" haben und auch der große Atomknall vorläufig noch etwas auf sich warten
des objektiven Klassengegensatzes in dieser Gesellschaft. Ohne Klassenkampf sich aus läßt, wird es vielleicht einigen von ihnen doch allmählich langweilig werden , ständig
dieser Repression hinwegmogeln zu wollen und sie sogar hauptsächlich den Fehlern, eine unheimlich gute Angst zu haben und heiße Untergangspartys zu feiern.
ja sogar überhaupt der Existenz der revolutionären politischen "Kampfsubjekte" selbst
in die Schuhe zu schieben, ist nicht nur dummfrech, sondern auch Ausdruck der Kapi- Warum ist die Hausbesetzer-Bewegung gestorben?
tulation vor dem Kapital, die sich rituell in den Demutsgesten der Friedensbewegung
wiederfindet. Daß Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit sei, diese Erkenntnis Hegels Der schnelle, sang- und klanglose Untergang der Hausbesetzer-Bewegung von 1981 war
hat freilich der gröhlend-fröhlichen "Wissenschaft" der kleinen Bürger noch nie ge- ein Modellfall des Scheiterns der "neuen" antitheoretischen und antikommunistischen
schmeckt. Aber die revolutionäre gesellschaftliche Bewußtheit kann sogar durchaus Ideologeme des "Bauchdenkens", der alternativen "Produktion und Lebensweise" und des
als Moment einer "Selbstverwirklichung" verstanden werden, der einzigen, die diesen kurzatmigen Neo-Anarchismus der "Autonomen". Diese Bewegung hatte nie das Ziel,
Namen überhaupt verdient. Denn leider entpuppt sich immer noch jede "Selbstverwirk- eine gesellschaftliche Avantgarde der Umwälzung zu bilden oder zumindest zur Entwick-
lichung" als Lüge und Heuchelei, die sich um den gesellschaftlichen Widerspruch des lung einer solchen Avantgarde beizutragen. Noch die militantesten "Autonomie"-Vorstel-
Klassenkampfs herumdrücken möchte. lungen waren vermittelt mit dem neo-kleinbürgerlichen "Aussteiger"-Bewußtsein, mit dem
Diese alte Wahrheit wurde von den K-Sekten bis zum Überdruß strapaziert, um Versuch, unterhalb der politischen Ebene sich "alternativ" einzurichten mit ekelhafter
ihre gravitätische Handwerkelei in den Theaterkostümen der 3· Internationale zu recht- deutscher Gemütlichkeit. Diese Bewegung wollte den Staat nicht stürzen, sondern bloß
fertigen, bis die neuen Kleinbürger ihrerseits den Tragikomödien-Stadel der K-Grüppler von ihm in Ruhe gelassen werden oder sich sogar von ihm aushalten lassen. Die Lohnab-
als Rechtfertigung nahmen, die Wahrheit des Klassenkampfes selber und seiner politi- hängigen galten als die "Idioten, die sich ausbeuten lassen". Aber die alternativen Spieß-
schen Konsequenzen zu leugnen. Die historische Erfahrung des Untergangs der alten bürger-Träume scheiterten und scheitern für die Mehrheit an schlichten ökonomischen
Arbeiterbewegung, der bürgerlichen Bürokratisierung ihrer Parteien und der ideolo- Voraussetzungen. Ganz abgesehen davon, daß einem 18-Jährigen, der keinen anderen
gischen Versumpfung ihrer Kader wurde von keiner der neuen oppositionellen Strö- Traum hat als den, eine Kneipe aufzumachen, ganz einfach der Arsch versohlt gehört
mungen in der BRD wirklich aufgearbeitet. Schon jetzt läßt sich sagen, daß die Kritik (eine Bemerkung, die den lechzenden Sekundärliteraten psychosexueller Metaphorik zur
der historischen Arbeiterbewegung und ihrer Organisationsformen gerade an dem zen- gefälligen Ausschlachtung empfohlen sei). Die Träume der Hausbesetzer waren mies,
tralen Nervenpunkt ansetzen muß, der auch in jeweils spezifischer Form die Achilles- kleinkariert, durch und durch philiströs und außerdem noch strohdumm. So endete die
ferse der K-Sekten ebenso wie der Grün-Alternativen markiert: nämlich am Verhältnis Militanz auch schon ideologisch kleinlaut und mit eingezogenem Schweif, noch bevor die
zur Theorie. Ohne umfassende theoretische Kenntnisse und ohne die freie Luft der Polizei bewies, wer militärisch immer noch Herr im Hause ist (kein Kunststück gegen-
theoretischen Debatte, die weder der politischen Disziplin widerspricht noch in der über 15 - 30-jährigen Kindern, die eine Panzerfaust oder ein MG höchstens mal im Film
sattsam bekannten, bornierten und praxisfixierten "Schulung" aufgeht, können revolu- gesehen haben, grauenhaft nette Kriegsdienstverweigerer sind und ausgerüstet mit
tionäre Kader nicht gedeihen. Ein solcher kritischer Ansatz war den K-Gruppen nicht Silvesterknallern vom "militanten Widerstand" faseln).
möglich, weil sie selber die revolutionäre Theorie für kurzsichtig-subjektivistische Eine Berufung auf die "allgemeine Wohnungsnot", insbesondere der berüchtigten
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"kinderreichen Familien", mußte politisch unfruchtbar und hoffnungslos bündnis- Die jüngsten Stufen der Industrialisierung und kapitalistischen Vergesellschaftung
unfähig bleiben. Denn die katholischen Deppen, die Bälger wie die Karnickel heck.en, aller Lebensbereiche stehen in immer krasserem Mißverhältnis zum bürgerlichen
sind bei F.J. Strauß allemal besser aufgehoben. Die Hausbesetzer-Bewegung war un- Überbau und zur offiziellen Kultur, deren Institutionen aber (z.B. die Familie) zur
fähig, ihre eigene gesellschaftliche Ursache zu thematisieren. Wohnungsnot und Spe- Herrschaftssicherung unerläßlich bleiben. Der auf seinem eigenen Boden unlösbare
kulantentum, Begleiter des Kapitalismus von jeher, konnten höchstens den Anlaß, aber ökonomische Grundwiderspruch des Kapitalismus hat - erst heute mit voller Konse-
nicht den sozialhistorischen Grund dieser Bewegung geben; ihr tieferer Herausbildungs- quenz - die nicht unmittelbar produktiven Sphären der Gesellschaft und die Alltags-
zusammenhang ist in der galoppierenden Zersetzung der bürgerlich-patriarchalischen kultur erfaßt und durchtränkt (Für diejenigen, die es noch nicht oder nicht mehr wis-
Familie zu sehen. Die beschleunigte Abnabelung der 16- bis 21-Jährigen vom bundes- sen: der Kapitalismus selbst ist es, der die stofflichen Voraussetzungen der Freiheit
deutschen Konsum-Elternhaus ist sozial nicht autorisiert, aber unaufhaltsam. Im Welt- schafft, die aber unter seinen ökonomischen Gesetzmäßigkeiten sich in i~r Gegenteil
bild der offiziellen Kultur haben die Kinder, im Widerspruch zu ihrem juristischen Er- verkehren).
wachsenen-Status (Volljährigkeitsalter 18), während der Ausbildung im Elternhaus zu Aber die Hausbesetzerbewegung hatte nicht nur keinerlei klaren Begriff von den
wohnen, um erst als fertige Lohnarbeiter und im Rahmen ihrer segensreichen Verhei- ihr zugrunde liegenden gesellschaftlichen Widersprüchen, sie wollte diese WidersprUche
ratung einen eigenen Kleinfamilien-Hausstand zu gründen und dann für den Rest ihres auch gar nicht politisch-gesellschaftlich auskämpfen, sondern aus ihnen "aussteigen".
Lebens dem absoluten Stumpfsinn entgegenzudämmern. So wurde bisher das infernalische Dämlicher "Gartenlaube"-Romantizismus, reaktionäre Verherrlichung vorindustrieller
deutsche Familienglück fortgepflanzt; lediglich den Studenten gestand man traditionell Produktionsweisen und die hoffnungslosen kleinbürgerlichen Träume der Alternativen
ein wenig vorehelichen Auslauf zu, mit "Bude" und Frau Wirtin, Männerbünden und bestimmten weitgehend ihre Ideologie. Ihr Denken und Handeln war in erster Linie
Biersaufen bis zum Vollverlust der Intelligenz als Voraussetzung für eine juristische oder von der Idee individueller ökonomischer Kleinprojekte geprägt, nicht von der Idee ge-
sonstige Karriere. ln dieser Hochkultur der Bourgeoisie ist eine unkontrollierte Selb- sellschaftlicher Emanzipation und deren politischer Vermittlung. So blieb die Chance
ständigkeit der Jugend nicht vorgesehen: für die Lehrlinge, Schüler, Studenten oder gar zur Entfaltung des Klassenkampfes in dieser Sphäre (Familie, Wohnungsfrage, Alltags-
die jugendlichen Arbeitslosen ohne eigenes Einkommen und mit minimalen Verdienst- kultur} ungenutzt. Es entwickelten sich keine Verbindungen zwischen "alten" (aus der
möglichkeiten sind die Wohnungen auf dem kapitalistischen Markt (und selbst die Sozial- 68-er Bewegung stammenden, inzwischen oft entpolitisierten) und "neuen" Wohngemein-
wohnungen) unbezahlbar. Erst recht kein Platz findet sich in der offiziellen Kultur für schaften; statt den Kampf gegen die Wohnungsnot zu politisieren und mit einem offenen
nichtfamiliale Wohn- und Lebensgemeinschaften, und zwar kein Platz im buchstäblichen Angriff auf die bürgerliche Familie zu verbinden, verschanzte man sich hinter "sozial-
Sinne: Die "modernen" Wohnklos und Fernsehzellen der erbärmlichen Kleinfamilie sind staatlichen" Phrasen. Den hunderten und tausenden von Kindern und Jugendlichen, die
normalerweise nicht für mehr als drei Personen berechnet. Für die Leute aus der mit unklaren Vorstellungen allein im Raum Nürnberg von der Hausbesetzerszene
jüngeren Generation, die sich teils in bewußter Abgrenzung zur Familienideologie, teils magisch angezogen wurden, konnte die Bewegung keinerlei gesellschaftliche und poli-
der Not gehorchend (zu fünft oder zu sechst ist die Miete vielleicht erschwinglich) zu- tische Perspektive vermitteln; nicht einmal Ansätze eines Programms, nicht einmal
sammengetan haben, ist es also nicht nur schwer, eine Wohnung zu bezahlen, sondern klare Reformforderungen wurden entwickelt. Daher blieb auch der organisatorische
fast noch schwerer, überhaupt eine ihren Bedürfnissen entsprechende zu finden. Zusammenhang gleich Null, die wenigen lokalen "Häuserräte" kamen über ziemlich in-
Der Druck der bürgerlichen Kultur äußert sich aber nicht bloß in der Objektivität haltsleere ad-hoc-Zusammenschlüsse kaum hinaus. Die politisch-ideologische Erschütte-
der vorgefundenen Verhältnisse, sondern auch in der bewußten Repression. Nicht nur rung des öffentlichen Lebens nach der "Nürnberger Massenverhaftung" wurde nicht aus-
Eltern, Hausbesitzer und andere Gestalten des bürgerlichen Lebens spielen autoritär genutzt; zu den "Falken", Gruppen der Gewerkschaftsjugend usw., die in die Protest-
ihre ökonomische Zwangsgewalt aus; Wohngemeinschaften sind bekanntlich auch viel welle gegen die Polizei- und Justiz-Aktion hineingezogen wurden, konnten keine enge-
leichter und schneller als normgerechte Haushaltungen das Opfer nachbarlicher Be- ren Verbindungen hergestellt und die Auseinandersetzung nicht weitergetrieben werden.
spitzelung, Verleumdung und gehässiger Kleinkriegsmanöver verklemmter Spießbürger- Wie so oft ging politisch bloß die Saat des Sozialdemokratismus auf. Statt zur Entwick-
bosheit, oft genug auch polizeilicher Maßnahmen und Übergriffe. So war die Hausbe- lung des Klassenkampfs und zur Herausbildung einer Avantgarde gesellschaftlicher Um-
setzerbewegung ihren objektiven Ursachen nach ein Ausbruch lange angestauten Unmuts wälzung beizutragen, ließ die Bewegung sich fast widerstandslos ghettoisieren. Die
eines Teils der jungen Generation, vermittelt mit einer ganzen Kette tiefgreifender Grünen und die "linke" Sozialdemokratie hatten ein "Randgruppen"-Spielzeug mehr, die
soziokultureller Strukturveränderungen, die der Kapitalismus selber hervorgebracht hat. liberale Bourgeoisie durfte wieder einmal die Demokratie retten, und die Bullen durften
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die Hausbesetzer-Ghettos dann aufrollen. losigkeit der revolutionären Linken heute nicht nur auf objektive Bedingungen zurück-
Die marxistische Linke, soweit noch existent, hat diese Bewegung alleingelass~n, zuführen ist, sondern auch auf die nicht weniger schmähliche geistige Machtlosigkeit
weil sie ihr nichts zu sagen hatte. Die "Marxistische Gruppe" (MG), die Familie und ihrer dogmatisch versteinerten bzw. praktizistisch versumpften Theorie; zwar hat auch
Sexualität für "Privatsache" hält, was ja das Grundgesetz bekanntlich auch juristisch dieser Umstand selber ein Moment historischer Bedingtheit an sich, aber gerade die Lage
garantiert, blieb in ihrer Kritik der Hausbesetzer notwendigerweise ökonomistisch be- an der "theoretischen Front" ist noch am ehesten durch subjektive Anstrengung direkt
schränkt; Gipfelpunkt dieser Beschränktheit war die Aufforderung eines MG-Agitators zu verändern - Einsicht in die Notwendigkeit vorausgesetzt. "Wissen ist Macht", diese
anläßlich der Massendemonstration vor der Lorenzkirche, die Jugendlichen sollten nicht Parole der alten Arbeiterbewegung bleibt grundsätzlich gültig, auch wenn sie dem
Häuser besetzen, sondern "einen gescheiten Lohn fordern". Eine Aufforderung, die in sozialen Abrüstungsphilosophen Sloterdijk nicht in seinen modisch-pazifistischen Kram
dieser Situation fast schon die Qualität des Ratschlags von Helmut Kohl an die Arbeits- paßt. Aber welches Wissen? Bei vorlauten linken Sektenpredigern kommt n~türlich die
losen erreicht, "in die Hände zu spucken und die Ärmel aufzukrempeln". Antwort wie aus der Pistole geschossen: Das Studium der marxistischen Klassiker und
Auch der KB, sonst als Bewegungsbeweglee und organisatorischer Einflußnehmer des Zentralorgans des jeweiligen politischen Hobby-Vereins. Aber erstens beschränkt
kaum zu bremsen, hielt sich der Häuserkampfbewegung gegenüber auffallend zurück. sich dieses "Wissen" meistens zunehmend auf die Absonderungen der eigenen Sekten-
Dies ist auch leicht erklärlich; läßt sich der KB doch lieber von christlichen Pazifisten häuptlinge und den tagespolitisch verkürzten Ausstoß eines windigen Agitprop-Schundes,
und liberalen Atomkraftgegnern still dulden, als von militanten Neo-Anarchisten ideo- vom Typus etwa des prinzipiell nicht erektionsfähigen DKP-Organs "Unsere Zeit" (die
logisch anrempeln: er könnte dabei in die Gefahr geraten, seine theoretische marxistische Originalität des Titels entspricht der des Inhalts) sowie diverser "Roter Fahnen" und
Substanz unter Beweis stellen zu müssen, und mit leerer Luft läßt sich schlecht handeln anderer Arbeiterkrämpfe, die von Rechts wegen als harte Schlafmittel für apotheken-
auf dem Markt der "Meinungen". Außerdem hätte diese Ebene der ideologischen Ausein- pflichtig erklärt werden müßten; zweitens ist es auch mit der bloßen Klassiker-Aneignung
andersetzung, zu der man bei den Händchenhalter-Bewegungen bekanntlich nicht ge- nicht getan, solange nicht der heutige Entwicklungsstand des Kapitalverhältnisses ad-
zwungen wird, ja auch "praktisch" vermutlich gar nichts gebracht, und so ließ der bor- äquat theoretisch auf den Begriff gebracht (und also die marxistische Theorie historisch
nierte Handwerklee lieber gleich die Kelle sinken. Daß der historische Materialismus des konkretisiert worden) ist. Drittens schließlich genügt weder für das Verständnis der
KB nach mehr als zehnjähriger Existenz dieser Organisation nicht ausgereicht hat, um Klassiker-Texte noch gar für deren Konkretisierung auf der Höhe "unserer Zeit" die
eine systematische Untersuchung des Zusammenhangs von sozialökonomischer Entwicklung bloße Aneignung des "Skeletts" der marxistischen Theorie und ihrer allgemeinen Schluß-
des Kapitalismus und Zerfall der bürgerlichen Familie auch nur in Angriff zu nehmen, folgerungen, sondern dazu werden weit umfassendere Kenntnisse des historisch ange-
versteht sich von selbst. Als die neue Innerlichkeit auftrumpfte und die Scham vorbei war, häuften Wissens der Menschheit benötigt, auf dessen Zusammenfassung und Verarbeitung
durften einige KB-Jünglinge im "Arbeiterkampf" über ihre Onanierphantasien berichten; der Marxismus beruht. Kurz: revolutionäre Kader brauchen w.ie das tägliche Brot - Bil-
ansonsten ist auch die "Frauenseite" dieses Blattes ein getreues Spiegelbild der "bewe- dung. Es ist schon fast amüsant, zu beobachten, wie allergisch die gesamte "Szene"
gungsmarxistischen" Praktizisten-ldeologie und eine Fundgrube für Satiriker. auf diesen Begriff reagiert. Rülpsend-verächtlich, verballhornt als "Büldung" mit höhni-
Was an Auseinandersetzung übrigblieb, war die denkbar unfruchtbarste Konfrontation schem Echo hervorgestoßen, wird das hingeworfene Reizwort von der erpichten Ideo-
zwischen der hohlen Eloquenz sozialdemokratische'r Salonlinker und Integrationsideologen logenherde am Futtertrog populärer Kulturfeindschaft grunzend und quiekend aufge-
vom Schlage eines Hermann Glaser und dem hilflosen Gegrunze nichtswissenwollender schnüffelt. Woher dieser viehische Bildungshaß, der sich bei einer Generation von Ent-
Jung-Anarchos, die genau das im Kopf haben, was sie an die Wände malen: ein großes alphabetisierten und vom Medienkitsch Lobotomisierten mit schmutzigem Verkäufer-
"A" in einem stilisierten Loch. Fazit: Die 81-er Bewegung ging zugrunde an ihrer Mischung lächeln anbiedert? Daß das denkfaule, am Unreflektiert-Praktischen orientierte Nicht-
aus Alternativ-Ideologie und Neo-Anarchismus; die Linke stand wie immer daneben und Wissenwollen eine Kritik des "Bildungsbürgertums" und seiner befiissen-humanistischen
war damit beschäftigt, ihre Karikatur auf den revolutionären Marxismus unverdrossen Spießigkeit enthalte, ist Leuten kaum abzukaufen, die soeben noch Proletariat und
weiter auszumalen.
Klassenkampf für eine Chimäre verbitterter Altrevolutionäre erklärt haben. Die Pose
des Blaumanns, der keine Zeit zum Lesen hat, gegen Fremdwörter und für Nägel mit
Funktionalistisches oder emanzipatorisches Wissen Köpfen ist, entspricht allerdi[lgs ganz der bäurischen Rückständigkeit der Alternativen.
Auch sozialdemokratisch-imperialistischen Gewerkschaftsfunktionären, die sich an
Kein Weg führt vorbei an der Erkenntnis, daß die schmähliche praktisch-politische Macht- schwieligen Fäusten (nicht den eigenen) und antiintellektueller Hetze aufgeilen können,
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ist diese Pose manchmal nicht ganz fremd. um ihrer selbst willen, erwies sich als die stärkere Quelle des Radikalismus im Ver -
Die revolutionäre Kritik des Bildungsphilisters sieht anders aus. Nicht etwa. die Be- gleich zu aller späteren Gewerkschafts- und Partei-"Schulung". Der nichtfunktionalisti-
schäftigung mit alten Sprachen, klassischer Literatur und Philosophie an sich erweist sche Charakter dieses Wissens, das Streben nach "hoher Kultur" als Selbstzweck, mußte
sich als das Ekelhafte des Bildungsbürgers, sondern seine soziale Dummheit, die alle mit schmerzhafter Schärfe die bestehende soziale Realität als unerträglich erscheinen
Schönheit und alles Wissen mit Fäulnis durchsetzt und als heuchlerische Ignoranz erschei- lassen und mUndete folgerichtig mit der Infragestellung des Arbeiterdaseins als solchem
nen läßt. Der Bildungsbürger, allen voran der deutsche, steht den klassischen Werken direkt in die revolutionäre Parole: Nieder mit dem Lohnsystem! Ohne die Kader der
äußerlich gegenüber, er ist bloß bierbäuchiger Tourist in einer Welt, die er nicht mit sich Arbeiterintelligenz, die durch diese Schule gegangen waren, hätte der Marxismus niemals
und seiner wirklichen sozialen Welt vermitteln kann und auch gar nicht will. Er sieht gesellschaftlich Fuß fassen können.
nicht die Arbeiter, die das siebentorige Theben bauten, weil er auch die Arbeiter nicht Bildungsbürgertum und Arbeiterintelligenz, ohnehin schon Minderheit,en innerhalb
sieht, von denen die Kulturpaläste seiner Klasse errichtet wurden. Er möchte, daß die ihrer Klassen, sind an der kapitalistischen Funktionalisierung des Wissen's zugrunde ge-
Wissenschaft halt macht vor der sozialökonomischen Realität, sowohl der Gegenwart gangen. Die Bourgeoisie mußte sich geistig selbst enteignen, indem sie das Wissen voll-
wie der Vergangenheit, um für diesen "Bereich" ein moralisierendes Beschwichtigungsge- kommen in den Schacher einkoppelte und damit in den Verwertungs-Fetisch der falschen
fasel anzustimmen , das sich schnell in Wolfsgeheul verwandelt, wenn seine Privilegien, Unmittelbarkeit. Nicht nur, daß die alten Sprachen und die Philosophie langsam aus der
seine Wertpapiere, seine Wochenendvilla und der ganze übrige Dreck angetastet werden akademischen Bildung verschwinden, wie die Gesellschaftswissenschaften überhaupt gegen-
könnten, für den er sein Leben vergeudet und um dessentwillen er sich direkt oder in- über technologischem "Anwendungswissen" immer mehr an Boden verlieren; das Wissen
direkt an der Ausbeutung des Proletariats beteiligt hat. überhaupt, selbst in seiner zurückgestutzten und verkürzten Form, hat jeden Schein von
Aber eigentlich müßte ich im Präteritum schreiben, denn der wirkliche Bildungsbürger eigener innerer Zwecksetzung verloren und damit ist auch der Genuß daran beim Teufel.
ist schon lange tot und begraben. Was heute als "gebildet" im bürgerlichen Sinne daher- Die rigorose Funktionalisierung des Wissens, sein immer engerer Mittelcharakter für
stolpert, allen voran die intellektuelle Negativauslese der Politiker und ihres unsäglichen außer ihm liegende Zwecke, folgt getreu dem mörderischen Befehl des losgelassenen, von
Nachwuchses, brüstet sich mit immer denselben drei Brocken Latein, hat seine Rhetorik allen denkbaren menschlichen Zielen emanzipierten Mechanismus der Kapitalverwertung.
bei der Seifenreklame gelernt, und die Hausbar ist mit Sicherheit inhaltsreicher als die Alle eigenen körperlich-geistigen Zwecke der Menschen verwandeln sich in bloße Mittel
Bibliothek. Da man über Tote nicht allzu viel Schlechtes reden soll, ist es vielleicht an- für die ihnen äußerliche ökonomische Maschine des verselbständigten abstrakten Werts.
gebracht, einen positiven Aspekt der untergegangenen alten Bildungsspießerei zu zeigen. Der Fachidiot hat entweder gar keine Freude mehr an seinem Wissen oder es ist die
Was immer an Borniertheit bei dieser Bildung zu kritisieren ist, sie hatte noch keinen Freude einer Beschränktheit mit zwangsneurotischen Zügen. Das Wissen ist sein Pfund,
absolut funktionalistischen Charakter, galt nicht als bloßes Mittel eines außer ihr liegen- mit dem er wuchern muß; aber sobald es angefangen hat, sich selber in abstraktem
den Zweckes, sondern erschien als Selbstzweck, als kultureller Lebensgenuß, der naiven Wert als Geld auszudrUcken, ist es auch schon zum notwendigen Übel heruntergekommen:
Denkfreude, Schaulust und Debattierkunst antiker Sklavenhalter nachempfunden. Der entfremdete Arbeit, die nach Gratifikation außer ihr verlangt als Entschädigung, als
wirkliche Bildungsbürger wucherte mit seinem Pfunde, um Freiheit für den Genuß der Taschengeld für das "wirkliche Leben", das gerade dadurch immer unwirklicher wird.
Bildung zu erlangen; aber er wucherte nicht m'i t der Bildung selbst als seinem Pfunde. Nicht Wahrheit und Schönheit selber sind der Lohn des Wissens, sondern der Porsche und
Der wilhelminische Bildungsspießer Heinrich Schliemann, ein durchschnittlicher Schache- anderer Extra-Plunder, den man sich dafür kaufen kann, einschließlich repräsentativer
rer von Beruf, hat sich mit der Ausgrabung Trojas sogar in die Annalen der Wissenschaft Ehefrauen. Damit aber sind Wahrheit und Schönheit als solche vernichtet, ihr altes
eingetragen. Dieser Paradefall eines alten Bildungsbürgers, der sein Geld und sein Pathos erscheint als lächerlich und verlogen. Das technologisch-anwendungsorientiert
Wissen dazu benutzte, sich selbst einen Gymnasiastentraum zu erfüllen, zeigt eine in- verkürzte Wissen entpuppt sich als Moment einer umfassenden Selbst-Entwirklichung
zwischen ausgestorbene Gestalt der Bourgeoisie. Ihre Bildung enthielt wirklich noch, um des Menschen.
in der modernen Sozialpädagogen-Terminologie zu sprechen, ein Moment von "Selbstver- Die gewerkschaftsbornierte Kapitulation der Arbeiterbewegung vor der kapitalisti-
wirklichung". Die Orientierung der frühen Arbeiterbildungsvereine am Bildungsbegriff schen Funktionalisierung von Wissen und Kultur trug ihren Teil bei zur revisionistischen
dieses Bürgertums war nur scheinbar eine Anpassung an die bestehende Gesellschafts- Verflachung des Marxismus. Funktionalistische Einbindung der Arbeiterkader, das hieß:
ordnung und lenkte in Wirklichkeit keineswegs vom Klassenkampf ab, ganz im Gegenteil. Ein gerechter Lohn für ein gerechtes Tagewerk, Verewigung der Lohnsklaverei, fach-
Die Beschäftigung mit Astronomie, Latein, Philosophie usw., diese zweckfreie Bildung idiotisches Aufstiegswissen für eine besonders widerliche, verspießemde Oberschicht
-Jo- -JI -

von Technikern und Facharbeitern. Bildungsspießer konnten sie nicht werden als logischen" Glitzer- und Flimmerkisten, die man schließlich an die konsumierenden
Arbeiter, die "klassische" Bildung vermittelte ihnen eher revolutionäre Gedanken. Aber Massen verscherbelt, gibt es nichts mehr zu lernen, was nicht auch Affen lernen könn-
fachbornierte Technologiespießer konnten sie werden, und das wurden sie dann auch. ten; und einige Schriftsteller im Trend machen daraus dann Flipper- Lyrik und Compu-
Das scheinbar so esoterische klassische Kulturwissen hatte, der Arbeiterintelligenz in die ter-Prosa. Die aus dieser (vergessen wir bitte nicht: kapitalistisch bestimmten) Techno-
Hände gefallen , den Riß zwischen den Klassen schroff offengelegt; das funktionalistische logie hervorgehende oder mit ihr zusammenhängende "Kultur", "neue Kultur" oder
Anwendungswissen erwies sich als sozialer Kitt, als spezifische neue Dummheit der "Jugendkultur", was ist sie anderes als die profitorientierte Mache einer Kultur - und
breiigen Masse eines neuen, Iohnabhängigen Kleinbürgertums, Träger des technologischen Freizeitindustrie, die das Angebot für äffisch gewordene Bedürfnisse produziert und
Mittelbaus der gesellschaftlichen Arbeit für ein volles Jahrhundert. damit diese regeedierten Bedürfnisse erst schafft. Wenn dieser Gesamtkomplex techno-
Die antikommunistischen grün-alternativen Ideologen, die das bloße Wort "Bildung" logisch vermittelter lnfantilisierung Kultur sein soll, dann ist auch die ~undescheiße
schon in Veitstänze versetzt , haben von diesen Zusammenhängen keine Ahnung. Ihre auf deutschen Gehsteigen Kultur.
flache, kulturfeindlich sabbernde Kritik des Bildungsbürgertums läuft auf eine Rechtfer- Im übrigen verwickeln sich die sozialpädagogischen Integrations-Apologeten der
tigung der funktionalistischen Selbst- Entwirklichung des Menschen im Spätkapitalismus nicht von der Jugend selber gemachten technologischen "Jugendkultur" hier in einen
hinaus, also gerade das Gegenteil dessen, was sie selber als Zielsetzung angeben. Statt aufschlußreichen Widerspruch. Denn einerseits malen sie das falsche Schreckensbild
einer Rückeroberung des selbstbestimmten Wissens auf neuer historischer Stufenleiter eines "Computer- und Atom-Staates", aus dem der gesellschaftliche Antagonismus der
und über die Beschränktheit des alten Bildungsbürgertums hinaus wollen sie gar keine Klassen zugunsten einer holzgeschnitzten und tendenziell technikfeindlichen Produktiv-
Bildung mehr ; an die Stelle umfassender Kultur ist der irrationalistische Kult des Frag- kraftkritik eliminiert wurde; andererseits aber verherrlichen sie ausgerechnet die kapita-
mentarischen und Hingerotzten getreten. Die sozialpädagogischen "Komm"-ldeologen listische Ausformung dieser Technik in ihren idiotischsten Produkten aus purem Oppor-
suhlen sich noch in der Kaputtheit und Mode-Abhängigkeit einer Jugend, die in der keim- tunismus der Jugend-Szene gegenüber als "neue Kultur". Offenbar existieren die von
freien Klosettkachel-Atmosphäre spätkapitalistischer Surrogat- Kultur sich herumtreibt: ihnen prognostizierten Volltrottel einer "Welt am Draht" bereits: sie selber gehören
"Du bist beleidigt, daß niemand mehr auf den Revolutionär hört (hier ist auch der Wunsch dazu.
der Vater des Gedankens, R.K.), der in Folge von Hegel, Marx und Lenin steht, bei denen Leider ist auch der Marxismus seit langem von der funktionalistischen Verkürzung
die Vermittlung von 'Wissen' in ihrer Geschichte noch was galt ... Konkurrenz zu neuen der Wissenschaft im Kapitalismus durchseucht. Die aus der 68-er Bewegung hervorge-
Medien, den Ausdrucksformen heutiger Jugend, ihre Vorliebe für Technologie und gangenen Strömungen, dem Unmittelbarkeits-Fetisch verfallen, konnten diesen Funktio-
New Wave sucht der alternde Revolutionär gar nicht; es ist auch hoffnungslos, da Plätze nalismus in ihrem kurzgeschlossenen Verständnis von Theorie und Praxis nicht überwin -
besetzt sind bzw. die Jungen sich eh schon besser auskennen. Man müßte zugeben, den. Bei der "Marxistischen Gruppe" (MG) als scheinbarer Gralshüteein des "Wissens"
wieder etwas lernen zu müssen. Daß du jetzt und heute das stramme Vorbild der sozial- kann man sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, daß sie den gesamten geistigen
demokratischen Arbeiterintelligenz des letzten Jahrhunderts vor Dir hast, ist dafür be- Uberbau der Gesellschaft für eine Art Betrugsmanöver der Bourgeoisie hält, das die
zeichnend ... " (Peter Hess in seiner Gegenpolemik, "Plärrer" 3/84). "New Wave", was immer Massen vom ungehemmten Fressen,Saufen, Surfen und Mickymaus-Lesen abhalten soll;
dieser Mist sein soll, als Alternative zu Hegel, Marx und Lenin, das ist schon ein Einfall, die Verständnislosigkeit gegenüber jeglicher Bedürfniskritik zeigt einen ökonomistisch
der eines Sozialpädagogen würdig ist. Und "Wissen" natürlich in Gänsefüßen. Als hätte verflachten "Materialismus" der krudesten Gangart. Dieses Verständnis schlägt sich in
die modische Freude an Computer-Technologie irgendetwas zu tun mit Kenntnissen über einer auf unmittelbare Agitation zielenden Theoriebildung nieder, deren Traktate durch-
die naturwissenschaftlichen Grundlagen dieser Technik oder über ihren historisch-gesell- wegs den Eindruck einer Art Wirtshausatmosphäre vermitteln, in der sich ein Agitations-
schaftlichen Zusammenhang. Als gäbe es an dieser Freizeit-Technologie, an diesen Medien- subjekt bedeutungsvoll einem Agitationsobjekt nähert, um mit ihm umständlich über
Spielen und diesem "Computer-Spaß" in der Form, wie er den Massen präsentiert wird, jede einzelne falsche Abstraktion des gesunden Menschenverstandes zu rechten, eine
außer Knöpfe-Drücken in der richtigen Reihenfolge irgendetwas zu "lernen", was über wahre Sisyphus-Arbeit mit dem idealistischen Hintergedanken, daß die Massen nur durch
das Niveau einer Basteistunde im Kinderfunk hinausginge. Selbst das technologisch verkürz- falsche Vorstellungen vom Klassenkampf abgehalten werden.
te Wissen, das in diesen Spiel-Programmen steckt, bleibt auf relativ wenige Spezialisten Zwar anders, aber nicht besser der KB, der es, mit seiner eigenen Beschränktheit
(berufsmäßige Elektroniker etc.) begrenzt, und für die ist es nicht nur "Vorliebe", sondern kokettierend, durchaus fertigbringt, eine seiner spärlichen "Schulungen" mit einer aus-
eben auch entfremdete Arbeit, die nicht von ihnen selbst bestimmt wird. An den "techno- drUckliehen Distanzierung von jeder nicht unmittelbar funktionalistischen Theorie einzu-
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Selbst- Entwirklichung einer sich oppositionell gebenden Szene, die durch die kapita-
leiten: "Hiermit laden wir euch ein zum ersten Teil einer dreiteiligen Schulung zum
listischen Verhältnisse bereits auf den Zustand eines intellektuellen Kretinismus zurück-
bürgerlichen Staat. Dabei wollen wir die Staatsfrage nicht in der Form eines abgehobe-
geworfen wurde. Niemand hat das Recht, sich "oppositionell" zu nennen, der nicht
nen Theorieseminars abhandeln, sondern - entsprechend dem uns nachgesagten Praktizis-
einmal den Versuch macht, Widerstand gegen die völlige Entleerung seines eigenen
mus - uns Grundlagen zur Klärung von Fragen erarbeiten, die sich heute jeder/jedem
Kopfes zu leisten. Wenn die Schmerz-Schwelle so niedrig liegt, daß sie schon gleich nach
Linken stellen" (Beilage des KB Nürnberg zum AK 245, April 84). Der Versuch, sich der
der Null-Marke kommt, dann kann sich alles, was "Spaß" macht, nur noch auf dem Niveau
Theorie zu nähern, schlägt schon im gleichen Atemzug wieder um in eine Distanzierung
von Haustieren bewegen. Freiheit und Lebensgenuß des Körpers wie des Intellekts und
von der Theorie, die im bauchdenkenden Szene-Jargon als "abgehoben" denunziert wird;
der Emotion verwirklichen sich überhaupt erst nach der Überwindung dieser Schmerz-
und so ist man sofort wieder genau da, wo man sich schon vorher befunden hat und
schwelle von aufgeschwemmter Unlust und schläfriger Gleichgültigkeit "~ntwirklichter",
stellt sich nur Fragen, die sich "heute" (hier und heute, bloß nicht weiter denken, denkt
dem totalen Funktionalismus unterworfener Subjekte, die sich selbst erst als tote
der Polit-Junkie mit dem Aktualitäts-Horizont der Tages-Journaille) "jeder" stellt.
Objekte eines gesellschaftlichen Zusammenhangs wiedererkennen, an den sie ihre mensch-
Hier trifft sich der KB unbewußt mit den sozialpädagogischen "Komm"-ldeologen, die
liche Identität schon verloren haben. Ich kritisiere dabei nicht so sehr die wirklichen
sich gleichfalls gern des Terminus der "Abgehobenheit" zur Abwehr revolutionärer Zu-
mutungen bedienen und die Theorie für "ominös" erklären (so Peter Hess in seiner Gegen- Unterschicht-Jugendlichen, die underdogs, die der Kapitalismus von allen Bildungsmög-

polemik im "Plärrer"). Aber der scheinbar "abgehobene" Adler ist es, der schließlich lichkeiten abgeschnitten hat und für die es ein unglaublich harter Weg ist, aus diesem
Zustand herauszukommen, sondern vielmehr diejenigen, die durchaus den notwendigen
pfeilschnell und mit tödlicher Sicherheit zustoßen kann, während das kaum zwei Meter
hoch flatternde Huhn nicht umsonst als Symbol der gackernden Dummheit gilt. Für ein Spielraum besitzen, um der Entintellektualisierung Widerstand zu leisten.

borniertes Politikaster-Subjekt wie den KB freilich, das mit dem Rüssel im Morast der Warum soll es nicht "Spaß" machen (wenn auch freilich nicht in der üblichen infan-

Unmittelbarkeit wühlt, wäre sogar die "Abgehobenheit" eines Huhns schon ein Fort- tilen Bedeutung des Wortes), das Wissen zurückzuerobern für uns selbst, gegen den
kapitalistischen Funktionalismus, gegen die verquälte und unlustige instrumentelle Ver-
schritt.
Die Theoriefaulheit funktionalistischer Polit-Praktiker findet sich vergröbert wieder kürzung? Warum soll es nicht "spannend" sein, individuell und in kleinen Kollektiven

in der hoffnungslosen Kulturfeindlichkeit einer barbarisierten Jugend, deren Begriff von sich selbst Aufgaben zu stellen und Projekte auszuarbeiten, gleichgültig auf welchem
Genuß und "Lebensfreude" auf klägliche Freizeit-Verrenkungen zusammengeschrumpft ist. Gebiet? Das Studium der Literatur der Vergangenheit (aus der aufschlußreiche Ver-

Die Funktionalisierung alles Wissens macht Bildung und Wissenschaft zu Objekten eines gleiche mit unserer heutigen Realität geschöpft werden können, z.B. was den Wandel

Hasses, der über die Zwangs-Zuchtanstalt Schule von Kindesbeinen an genährt wird. der Geschlechterbeziehung betrifft) ebenso wie die Beschäftigung mit dem wissenschaft-

Lernen erscheint als fremdbestimmte Arbeit, als Qual, die man am besten auf das abso- lichen Sozialismus und mit der Geschichte der Arbeiterbewegung, naturwissenschaftliches
ut notwend1ge Minimum beschränkt. ~chnet der -wliste Anti-Intellektualismus seine Grundlagenwissen ebenso wie technische Kenntnisse. Wenn die Jugend angeblich eine
eigene Karikatur, um zu zeigen, wie sehr der Kapitalismus die Theorie bereits zur Ziel- solche "Vorliebe für Technologie" hat, warum mußte dann ausgerechnet das (mehr zu-

scheibe der blinden Wut gemacht hat: "Zu allem Überfluß wollen sie (die Leute der fällige und metaphorische) Beispiel des "Fernseher-Reparieren-Könnens" am meisten die

"Szene", R.K.) auch noch Spaß haben, einen draufmachen und beschäftigen sich mit so herablassende, aber hilflose Ironie der blassen Kritiker auf sich ziehen? Vielleicht des-

Zeugs wie Mystik, und der Hammer ist, daß ihnen das auch noch mehr Freude macht wegen, weil damit allzusehr in Erinnerung gerufen wurde, daß die "New Wave-Kultur"

als der wissenschaftliche Sozialismus. Also ich stimme dir da völlig zu, ich für meine auf das KnopfdrUcker-Bewußtsein verspielter Dauerpubertärer zugeschnitten ist, die sich
Person hab noch nichts gefunden, was mir mehr Spaß machen könnte als eben der, nicht als menschliche Subjekte, sondern bloß als strampelnde, puppenhafte Objekte
vielleicht mal abgesehen vom Wochenabwasch für eine achtköpfige WG oder zum Zahn- und Anhängsel dieser Technologie erweisen?
arzt gehen" (Leserbrief von Christine Schuler im "Plärrer" 4/84). Selbst wenn wir einmal Ubrigens ist es durchaus nicht erforderlich, daß sich jeder einzelne Revolutionär
außer acht lassen, daß die spaßigen Jung-Mystiker auch über Mystik nichts Nennens- in allen Wissensgebieten gleichzeitig auskennt, aber eine revolutionäre Kampfbewegung
wertes wissen, d.h. nicht mehr, als in einigen schwachsinnigen "Esoterik"-Schwarten als Ganzes muß tatsächlich alle "W,affengattungen" des Wissens beherrschen, sie muß
steckt, die von der kapitalistischen Bewußtseins-Industrie auf den Markt für Freizeit- prinzipiell fähig sein sowohl zur Kritik der bUrgerliehen Literatur wie zum Lahmlegen
Blödelei geschleudert werden, - so zeigt der Vergleich einer Rezeption des wissenschaft- der Stromversorgung. Diese "Höhe des Adlers" ("Abgehobenheit" im Jargon der prakti-
lichen Sozialismus mit einem Gang zum Zahnarzt das Ausmaß der Entfremdung und zistischen Stümper) aber kann nur erreichen, wer sich befreit vom engen, kläglichen
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und kleinlichen, aktualistisch und instrumentell verkürzten Funktionalismus der ver- weniger Demos, Veranstaltungen, Flugblätter, "Aktionen", dafür aber mehr inhaltliche
lotterten bürgerlichen Kultur. Klarheit. Es wird schnell langweilig und damit lähmend, über Nicaragua und den Imperia-
lismus immer dieselben dürftigen Informationen schematisch herunterzubeten und mit
Theorie und Praxis ein paar Neuigkeiten aus der Tagespresse äußerlich anzureichern. Warum soll ein Soli -
daritätskomitee nicht systematisch Informationen über den Imperialismus und die "Dritte
Unvermeidlich wird der daumenlutschende und nägelbeißende praktische Praktiker Welt" sammeln und verarbeiten, Uber Waren- und Kapitalexport, Rohstoffinteressen,
jetzt fragen, wo denn die "Praxis", die gute alte Dame, bei diesen Überlegungen geblie- Landwirtschaft, Weltmarktzusammenhänge, internationales Kreditwesen und Staatsver-
ben sei. Soll man etwa die Nicaragua-Solidarität aufgeben zugunsten einer Beschäfti- schuldung usw., um nur einige wichtige Fragestellungen zu nennen? Warum soll nicht
gung mit Astronomie oder Hegels Logik? In Nürnberg fand im April 1984 eine beschä- gerade eine praktisch arbeitende Gruppe gemeinsam auch Marx und Hegel l esen, um eine
mende Nicaragua-"Solidaritätsdemonstration" statt, die einen absoluten Tiefpunkt der (freilich nicht "unmittelbar anwendbare") theoretische Grundlage zu bekom'men, von der
internationalistischen "Praxis" markierte. Der klägliche Haufen, schlecht oder gar nicht aus sie ökonomische und politische Informationen überhaupt verstehen und einordnen
vorbereitet, gemischt aus Anarchos, Christen, KB, versprengten DKPisten und Zufalls- kann? Vielleicht werden dann auch die Veranstaltungen wieder inhaltsreicher, vielleicht
teilnehmern, schlich lustlos und kaum beachtet durch die Straßen; in der Nähe des werden dann auch wieder mehr Leute zur Mitarbeit motiviert, vielleicht gibt es dann
Amerikahauses galoppierte dann eine Handvoll naiver Lederjackenjünglinge vor die Ein- auch wieder -größere und "schwungvollere" Demonstrationen, wenn die Gebetsmühlen des
gangstür dieser Institution und ließ dort ein paar Knallfrösche los (nicht einmal der Praktizismus einmal zum Stillstand kommen und die Praktiker endlich anfangen , sich
Schaukasten wurde beschädigt), während die frömmeren Kundgebungsteilnehmer sich auf die Höhe ihrer Aufgaben hinaufzuarbeiten.
wie erschrockene Pinguine zusammendrängten und ein einsamer KB-Häuptling mit seiner Theoretische Grundlagen sind freilich nicht nur nötig, damit die Praktiker sich
Fahne zwischen parkenden Autos umherirrte. Das Resultat: eine kindische Balgerei mit "themenbezogen" qualifizieren können. Eine Hauptursache der politischen Lähmung und
einigen gleichfalls halbwüchsigen Bullen und auch noch zwei Festnahmen für den ganzen Stagnation in der Linken ist ja gerade die selbstreflexive Borniertheit der verschiedenen
Unsinn. Wenn jemand die Frechheit besitzen sollte, eine derart hundserbärmliche Ver- Einpunkt-Bewegungen und Initiativen. Diese Borniertheit kann nicht durch äußerliche
anstaltung als "Praxis" zu bezeichnen, dann muß allerdings die Antwort auf obige Frage Verknüpfungen (Friedensbewegung plus 35-Stunden-Woche), sondern nur durch einen ge-
lauten: jawohl, es ist tatsächlich sogar besser, Astronomie zu studieren, als sich mit meinsamen, quer durch alle Initiativen und Einzelbewegungen hindurchgehenden inneren
einem Aktivismus dieser Qualität unerträglich zu blamieren. Wie tief wollt ihr, die strategischen Bezug auf die Grundstruktur dieser Gesellschaft überwunden werden.
praktischen Praktiker, denn eigentlich noch sinken, bevor sich bei euch so etwas wie Ökonomik und Politik des objektiv bestehenden Klassengegensatzes liefern Grundlage
Schamgefühl zu regen beginnt? und Rahmenbedingung aller oppositionellen Bewegungselemente, der Grundwiderspruch
Natürlich geht es nicht darum, die Nicaragua-Solidarität der Linken oder generell der Ausbeuterordnung bildet sich mehr oder weniger vermittelt in allen Einzelwider-
die politische Praxis einzustellen, sondern im Gegenteil darum, eine solche Praxis erst sprüchen der gesellschaftlichen Oberfläche ab, in der Massenarbeitslosigkeit und Ent-
einmal anzustreben, die es überhaupt verdient, als revolutionäre und politische bezeichnet qualifizierung ebenso wie in der Kriegsgefahr, in der Frauen- und Schwulenunterdrückung
zu werden. "Eingestellt" haben ihre Praxis doch eine Menge Leute, die es mit Recht ebenso wie in der Verseuchung der natürlichen Umwelt. Diese Tatsache wird geleugnet
leid sind, auf Demos wie der oben beschriebenen mitzuhatschen, auf Veranstaltungen im Gefasel der modisch- subjektivistischen Bauchredner über eine "multikausale Logik",
immer das gleiche Ritual ablaufen zu lassen und in Flugblättern immer die gleichen mit dem sie nur Oberspielen wollen, daß sie sich nie err5thaft mit Logik beschäftigt ha-
Phrasen zu lesen. Eine wirklich revolutionäre Praxis, eine solche, die mobilisierende ben. Eine Praxis, die sich nicht mit einem Herumbasteln an Sekundärphänomenen und
Kraft entfaltet, kann nur eine langfristig angelegte und planmäßige sein, die sich nicht mit einem Sammelsurium von Einzelforderungen begnügt, sondern sich auf eine Strategie
durch moralisierendes Geschwätz rechtfertigt, sondern durch die Theorie hindurchge- der gesellschaftlichen Umwälzung stützen will, kann nur durch eine theoretische, über
gangen ist. Revolutionäre Praxis ist revolutionäre Theorie, die zur materiellen Gewalt die Tagespolitik hinausgehende Auseinandersetzung gewonnen werden. Die verbreitete
wird, kein hilfloses Herhinken hinter der gesellschaftlichen Oberflächenbewegung. Unlust der Unmittelbarkeits-Fetischisten, politischen Handwerkler und Existential- Clowns,
Für jede beliebige Gruppe oder Organisation, z.B. auch für ein Nicaragua-Solidaritäts- diese "abgehobene" Auseinandersetzung zu fUhren , mag gegenwärtig noch immer die
komitee, müßte daher zuerst einmal die Devise Lenins gelten: "Lieber weniger, aber politischen Sonntagsspaziergänger mit den kleinen Trippelschritten im "Hier und Jetzt"
besser". Schluß mit dem "spontanen", schwächlichen, inhaltsarmen Herumgduchtle; triumphieren lassen, die mit revolutionärer Strategie nichts im Sinn haben : "Es muß eine
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bittere Erfahrung nach anderthalb Jahrzehnten politischer Arbeit sein, daß die Zeit Wütende Abwehr des Fraktionskampfes deutet aber bloß darauf hin, daß sich hinter
endgültig vorbei ist, in der von Generationen oder Klassen die Antwort auf 'b~ennen- dem Vorhang der Einheitsideologie eine Fraktion wirklich oder scheinbar, vorübergeh,e nd
de Fragen der Bewegung' gesucht wird ... " (Peter Hess im "Piärrer" 3/84). So mag es oder längerfristig durchgesetzt hat. Denn entgegen den theoretisch stumpfsinnigen An-
scheinen, solange der ideologische Dünnschiß eines furzenden Mittelklassen-Existentia- nahmen des heutigen oppositionellen Durchschnittsbewußtseins sind Fraktionen keineswegs
lismus dominiert. Daß diese Zeit wirklich vorbei sein soll, wird aber der fromme Wunsch immer das Produkt subjektiver "Machtansprüche" oder willkürlicher Streitlust von unmo-
der Apologeten dieses unappetitlichen status quo in der "linken" und oppositionellen ralischen Leuten, sondern besitzen vielmehr eine objektive gesellschaftliche Grundlage,
Szene bleiben. "Brennende Fragen" verlieren nicht dadurch an Temperatur, daß sie von die freilich erst bewußt herausgearbeitet werden muß. Diese Tatsache wurde verdunkelt
relativistischen Ignoranten nicht zur Kenntnis genommen werden. Das zeigt sich spä- durch die Entwicklung der alten Arbeiterbewegung, deren beiden großen historischen
testens dann, wenn der Boden unter den Füßen heiß zu werden beginnt ... Wellen (2. und 3· Internationale) in bürokratischer Erstarrung endeten, d.h. jn bürgerlicher
Politik, die sich als unfähig erwies, den Rahmen der warenproduzierenden Gesellschaft
Wer fürchtet sich vor Fraktionen?

Fast schon an Hysterie grenzt die Reaktion der bequem und vermeintlich bauernschlau
vor sich hindümpelnden Eunuchen des Widerstands auf die bloße Erwähnung des Frak-
tionskampfes und seiner politischen Notwendigkeit; aufschlußreich sind Assoziations-
zu sprengen. Die Filterung durch administrative Apparate konnte nicht die gesellschaft-
lichen Grundlagen des Fraktionskampfes beseitigen, zwang diesem Kampf aber die bis zur
Unkenntlichkeit verzerrte Form scheinbar subjektiv-willkürlicher Auseinandersetzung
"hinter den Kulissen" ohne offen ausgetragenen Wahrheits- und Objektivitäts-Anspruch,
von "Palastintrigen", rituellen "Säuberungswellen" usw. auf - eigentlich Formen, die dem
J
ketten wie diese: "Hammer und Sichel, Fraktionskämpfe, Stalin, Gulag ... " (unverkenn- heutigen "linken" Spießer durchaus sympathisch sein müßten, entsprechen sie doch zu-
bar Peter Hess, in: "Piärrer" 3/84). Aber diese Analogie (Fraktionskämpfe ~ Stalinismus) mindest von der Denkweise her seiner eigenen schleimigen Vorgehensweise, sobald die
geht gerade andersherum auf. Herrscht nämlich in den stalinistischen Bürokratien des fiktive Eintracht zusammenbricht. Als Farce von Hundehütten-lntrigen in Miniatur-Appa-
Ostblocks (und ihren westlichen Ablegern) bis heute absolutes Fraktionsverbot, um jede raten spielten die K-Gruppen in der BRD mit bombastischem Imponiergehabe diese
grundsätzliche theoretisch-politische Auseinandersetzung schon im Keim zu ersticken, historische Form des Fraktionskampfes nach, der bei ihnen nicht einmal mehr indirekt
so hat sich die oppositionelle "Szene" in der BRD einschließlich der Friedensbewegung als objektiv-gesellschaftlich zu erkennen war. Der abstoßend häßliche Charakter dieser
schon selber freiwillig entmündigt, indem sie eine inhaltlich bestimmte fraktionelle oft an den Haaren herbeigezogenen ideologischen Kleinkriege und Grabenkämpfe in und
Auseinandersetzung gar nicht mehr will und sogar scheut wie der katholische Teufel zwischen winzigen Sekten mit jeweils administrativem "proletarischem" Alleinvertretungs-
das Weihwasser. Nicht der Anspruch auf Wissenschaft, Wahrheit und Objektivität wird anspruch ließ den Begriff des gesellschaftlichen Fraktionskampfes nicht nur historisch
ausgekämpft, sondern im einen (östlichen) Fall entscheidet der Subjektivismus eines vermittelt, sondern aus eigener Anschauung zur Horrorvision entarten. Im Schatten dieses
administrativen Zwangsapparats, im anderen der Subjektivismus des kleinsten gemein- Schreckensbildes konnte sich eine andere, keineswegs bessere Fraktion etablieren, deren
samen Nenners und des antiintellektuellen Geschwätzes. Diese Gesamt-"Szene" ist wirk- spezifische Mittelklassen-Ideologie als solche unter Menschheitsgetue, Gefühlskult, End-
lich ein stinkender ideologischer Sumpf, die Theweleit-Fans mögen Sexualsymbolik in zeit-Propaganda und theoriefeindlichem Unmittelbarkeits-Denken versteckt wurde; übrigens
solcher Metapher entdecken, soviel sie wollen. ' Sie stehen der untergegangenen alten keineswegs bewußt, denn das Kleinbürgertum, das neue fast noch mehr als das alte, tritt
Arbeiterbewegung näher als sie glauben, und zwar deren schlechtesten, spießbürger- nie als es selbst offen auf, sondern fühlt sich stets in aller Unschuld als Vertreter der
lichsten Zügen. Nicht nur in Frankfurt heißt etn Fußballclub "Eintracht", und nicht Menschheit überhaupt sowie der Flora, Fauna und womöglich der Außerirdischen berufen.
allein in der bis heute wilhelminischen Sportbewegung, sondern im gesamten deutseh- Jüngster Paradefall eines solchen Ideologen: Rudolf Bahro.
nationalen Vereinsleben drückte dieser liebliche Name (oft zu allem Überfluß auch noch Gesellschaftliche Fraktionen wurzeln aber in einer Klassengesellschaft nach wie
bildungsbürgerlich latinisiert als "Concordia") die abgrundtiefe Furcht vor jeder offenen vor in Klasseninteressen, wie vermittelt sich diese auch ausdrücken mögen. Ein gemein-
Auseinandersetzung aus. Die besoffene Biertisch-Gemeinschaftsseligkeit, hintenherum sames "Gattungsinteresse" existiert nicht, solange die Klassengesellschaft nicht über-
ergänzt durch intrigante Heimtücke und menschliche Schäbigkeit, mündet in Deutsch- wunden ist. Die grün-alternativen Ideologen haben gegen diese alte Wahrheit kein wirk-
land anscheinend auch bei der Linken noch immer unvermeidlich im alten Einheits-Ge- lich neues Argument vorbringen können. Freilich handelt es sich bei dem Zusammen-
gröhle: "Wir wollen doch im Grunde alle dasselbe". Dem ist allerdings schwer zu wider- hang von ideologisch-politischen Fraktionen und sozialökonomischen Klassen "nicht um
sprechen. eine einfache Gleichung ersten Grades" (Engels), sondern um eine komplizierte Wechsel-
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beziehung, die sich in zwei Richtungen oder Dimensionen entfaltet: einmal als Heraus- Mittelklassen- Wählerpotential der Grünen besitzt und nur dessen sozial und politisch
bildung großer gesellschaftlicher Fraktionen, die sich auf verschiedene Klassen beziehen unentschlossenes Dummschwätzerturn repräsentiert, das sich selber als "progressiv"
und in einem längeren sozialhistorischen Prozeß zu politischen Klassenparteien heran- begreift, ohne so genau wissen zu wollen, wohin der Fortschritt denn gehen soll. Außer -
reifen können; zum andern als fraktioneHe Richtungen oder Strömungen innerhalb dieser dem existieren noch außerhalb der grünen Partei, als ihre Randströmungen mit "anti -
großen politischen Klassenparteien, eine gleichfalls unvermeidliche und keineswegs politischen" Affekten , rechts die gesetzten alternativen Kleinscheißer und Projektles-
erschreckende Erscheinung, die ihre Ursache in ungleichzeitigen sozialhistorischen Ten- macher, Öko-Bauern, Krisen-Heiligen usw . und links die jugendlichen neo-anarchistischen
denzen innerhalb einer Klasse sowie in Übergangsschichten zwischen den Klassen und "Autonomen" auf Existential-Trip inclusive Sandkasten- Militanz.Genug Fraktionen also,
den daraus hervorgehenden unterschiedlichen ideologischen Reflexen hat. Diese unter- sollte man meinen. Allerdings sind dies alles Sekundärtendenzen innerhalb einer großen
schiedlichen Tendenzen müssen ausgekämpft werden, um zu einer nicht nur fiktiven gesellschaftlichen Mittelklassen-Fraktion, die durch die ideologische Klammf r des sozial-
Einheit im Klassenkampf zu gelangen; ausgekämpft aber können sie nur werden, wenn pädagogischen und neo-kleinbürgerlichen Durchschnittsbewußtseins zusammengehalten
sie durch theoretische Intervention auf ihre objektiven gesellschaftlichen Wurzeln zu - werden und nur dessen verschiedene Konsequenzen repräsentieren. Die Wut nicht nur der
rückgeführt und in einer auf objektiver Analyse beruhenden Strategie aufgehoben worden alternativen "Komm"- ldeologen gegen die Forderung nach einem neuen Klärungsprozeß
sind. durch Fraktionskampf läßt sich so aus dem Kontext erklären, in dem diese Forderung
Die K-Gruppen begriffen trotz ihres revolutionären Anspruchs nicht diesen gesell- erhoben wurde: nämlich als radikale Kritik der unausgesprochenen, aber real existieren-
schaftlichen Charakter des Fraktionskampfes; weder konnten sie sich insgesamt als den gemeinsamen Grundlage der verschiedenen Tendenzen innerhalb der gesellschaft-
große klassenmäßige Fraktion mit proletarisch-revolutionären Zügen gesellschaftlich lichen Mittelklassen-Fraktion, als Hinweis auf die gemeinsame soziale und ideologische
herausarbeiten noch ihre inneren Differenzen mit objektiven Tendenzen innerhalb der Basis eines Bewußtseins, das fälschlich von sich glaubt, den Raum oppositioneller An-
Arbeiterklasse vermitteln. Der Fraktionskampf in und zwischen den einzelnen K-Sekten sätze allein auszufüllen und sich nur noch mit Nuancen und unterschiedlichen Akzent-
blieb so eine gesellschaftlich leere Hülse ohne sozialen Vermittlungszusammenhang, setzungen auf seiner eigenen Grundlage auseinandersetzen zu müssen. Man wittert die
die sich schnell mit willkürlich-subjektivistischen Inhalten (meist auf gespenstische Weise "Konkurrenz", die von einer anderen Klassenbasis ausgeht, man schreit auf, halb wütend
der Geschichte der 3· Internationale entlehnt) füllte. Nicht der Kampf um objektive und halb erschrocken, weil die vermeintliche Leiche des Marxismus sich wieder zu be-
Analyse und eine daraus abgeleitete Strategie konnte sich so entfalten, sondern nur der wegen beginnt, das "Szene"-Bewußtsein nicht umschmeichelt, sondern polemisch attackiert
administrativ verhüllte Kampf verbohrter Cliquen um die Herrschaft über die jewei- und immer noch nicht ablassen will von der als revolutionäre Kraft längst totgesagten
ligen ' Puppenstuben-Organisationsapparate •.., Arbeiterklasse.
Wenn die verschiedenen grün-alternativen Mittelklassen-Ideologen heute bei der Die grün-alternativen Ideologen wollen es nicht wahrhaben, daß die Herausbildung
bloßen Erwähnung des Wortes "Fraktion" losgeifern, dann können sie sich natürlich auf des heutigen "Szene"-Bewußtseins im weitesten Sinne identisch ist mit dem Sieg einer
diese historischen Erfahrungen sowohl in der Geschichte der Oppositionsbewegung der bestimmten sozialen und politisch-ideologischen Fraktion in einem Fraktionskampf ; und
BRD als auch in der vorherigen Geschichte der Arbeiterbewegung berufen. Dies ändert noch viel weniger wollen sie etwas davon wissen, daß dieser Sieg nur ein vorübergehender
jedoch nichts daran, daß es nach wie vor objektive gesellschaftliche Grundlagen für war und heute seine Bedingtheit und Vergänglichkeit unübersehbar ans Tageslicht tritt.
Fraktionen gibt und der Fraktionskampf sich daher unvermeidlich entfalten muß. Diese Sie können es nicht fassen , daß eine scharfe Kritik der DKP und der K-Gruppen nicht
Notwendigkeit zeigt sich ja in der grün-alternativen Bewegung selbst. ln der grünen identisch ist mit einem Fallenlassen des Marxismus und einem Überlaufen zu ihren Posi-
Partei als Hauptblock dieser Bewegung haben sich zwei Flügel herausgebildet, ein ziem - tionen, wie es in den vergangenen Jahren weitgehend der Fall war. Aber diese Zeit
lich offen reaktionär- kleinbürgerlicher um Bahro mit fundamentalistischer Produktiv- ist vorbei .
kraft- Kritik, nationalistisch-patriotischen und mystischen Zügen; andererseits ein so- Tatsächlich waren es wohl drei größere politisch-ideologische Fraktionen, die als
zialreformistischer Flügel um die GAL Harnburg und einige SPD-Dissidenten, die gesellschaftliche Orientierungs-Strömungen der linken Opposition aus der 68-er Bewegung
connections zu Teilen des Gewerkschaftsapparats besitzen und ein auf Sand gebautes hervorgingen: eine linkssozialistisch-reformistische mit starken Verbindungen zum linken
reformistisches Beliebigkeits-Bündnis mit der SPD anstreben. Zwischen diesen beiden Flügel der Sozialdemokratie; eine Spontaneistische mit individuellen "Autonomie"-Träumen
Flügeln pendelt ein kleiner, programmatisch haltloser und penetrant moralisierender und existentialistischen Kaspereien, die aber als eine wesentliche Quelle der grün -alter-
Zentrumsblock (Kelly, Bastian u. Co.), der aber große Ausstrahlungskraft auf das nativen Bewegung gelten kann; und schließlich eine proletarisch-revolutionäre, die sich
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in Gestalt der K-Gruppen hoffnungslos zur Sektenbewegung verpuppte und damit unfähig die gesellschaftliche Systemfrage als Reaktion auf die allgemeine Krise zu stellen be-
zur gesellschaftlichen Vermittlung blieb. ginnen. ln der einen oder anderen Weise - denn verschiedene Klassen und Schichten,
Man muß die Herausbildung dieser Fraktionen und ihrer gemeinsamen Quelle, der die in Opposition zum Gesamtsystem geraten, werden auch verschiedene Antworten da-
68-er Bewegung, in Beziehung setzen zur politisch-ökonomischen Entwicklung des Nach- rauf geben. Insofern waren die drei großen Fraktionen der 68-er Bewegung tatsächlich
kriegskapitalismus, um sie verstehen zu können. Alle großen politischen Parteien in der keineswegs Produkte subjektiven Denkens, sondern besaßen und besitzen objektive gesell-
BRD und der gesamten westlichen Welt sind seit langem nur noch Träger des kapitalisti- schaftliche Grundlagen. Wie immer in der Geschichte traten die sozialökonomischen
schen Systeminteresses ("Gemeinsamkeit der Demokraten" heißt das offiziell), ihre Diffe- Klassen nicht direkt und massenhaft auf den Plan, sondern zunächst durch ihnen mehr
renzen erweisen sich teils als systemimmanente Interessenkonflikte verschiedener sozialer oder weniger entsprechende ideologisch-politische Überbau-Strömungen, eben die Frak-
Klientel (die aber letztlich doch immer dem "Gemeinwohl", sprich: dem Interesse des tionen der 68-er Bewegung. Deren klassenmäßiger Bezug ist durchaus festz;ustellen. Die
Finanzkapitals, untergeordnet bleiben), teils als ideologische Reste der jeweiligen histori - ursprünglich Spontaneistische Fraktion, die sich mit anderen gesellschaftlichen Tendenzen
schen Abkunft oder auch als taktische Varianten der kapitalistischen Systemsicherung, di e vermitteln konnte (Bürgerinitiativen, "neue soziale Bewegungen"etc.), ging im breiten
aber gleichwohl subjektiv als Gegner auftreten können. Die konservativ-christlichen Strom der heutigen grün-alternativen Bewegung auf , die nicht zu Unrecht mit dem so-
Parteien, historisch ursprünglich die Vertreter der feudalen Reaktion gegen den aufstei - zialpädagogischen Mittelklassen-Bewußtsein in Verbindung gebracht wird. Tatsächlich ist
genden Kapitalismus und die bürgerliche Demokratie, haben sich ebenso zu Hauptparteien es eine auch historisch neue Formation der Mittelklassen, die in Gestalt der imperia-
des Monopolkapitalismus gemausert wie die Sozialdemokratie, die historisch bekannt- listischen Reproduktionsapparate (Sozialarbeiter, Lehrer, angestellte Ärzte, Personal im
lich von der ersten großen Welle der Arbeiterbewegung abstammt. Mit Abstrichen kann Gesundheits- und Pflegewesen, in der Sozialverwaltung usw.) erst seit den 70-er Jahren
diese Einschätzung auch für die großen "kommunistischen" Parteien des Westens gelten, eine ungeheure Ausdehnung erfuhr, verbunden mit dem sprunghaften Anwachsen neuer
vor allem die romanischen, die längst den Weg des Sozialdemokratismus gegangen sind; mittlerer Ausbildungsinstitutionen (Fachoberschulen, Fachhochschulen). Die Massen dieser
die Restposten der 3· Internationale in Mitteleuropa, speziell die DKP hierzulande, sind neuen Mittelschicht, sei es als Fachschüler, Studenten, Praktikanten etc. , sei es als Be-
dagegen völlig vom Ostblock abhängige, bewegungsunfähige Sekten, konsens- und politik-
rufstätige in den sozialen und medizinischen Reproduktionsapparaten oder als entspre-
unfähig sowohl für reformistische wie für revolutionäre Ansätze in der westlichen Ge-
chende Arbeitslose, begannen eigene ideologisch-politische Konturen zu entwickeln, die
sellschaft: sterbenslangweilige Marionetten des real existierenden Desasters im Osten.
denen des alten Kleinbürgertums zum Verwechseln ähnlich sehen. Diese Strömung konnte
Die liberalen Parteien schließlich, ursprünglich historisch die Hauptvertreter des jungen,
sich mit der grünen Partei als ihrem Zentrum auch politisch etablieren.
aufsteigenden Kapitalismus, sind zu Randparteien des Monopolkapitals mit z.T. klassisch-
Anders die beiden übrigen Fraktionen, denen keine soziale Bewegung in der Arbeiter-
kleinbürgerlicher Klientel herabgesunken, besitzen aber ideologische Bedeutung als Grals -
klasse und den traditionellen Iohnabhängigen Mittelschichten entgegenkam. Die Links-
hüter der Marktwirtschaft und damit der Illusionen gerade der berüchtigten "kleinen
sozialisten mit ihren reformistischen Sozialstaatsillusionen, verbunden mit einem vor-
Selbständigen". Dieses Parteien-Triumvirat der konservativ -christlichen, sozialdemokrati -
sintflutlichen Marxismus-Verständnis, konnten als eigenständige Richtung nur an den Uni-
schen (bzw . in Südeuropa auch "eurokommunistischen")und liberalen Hauptblöcke bildete,
versitäten einige Positionen behaupten; ein Teil von ihnen sickerte in die grüne Partei
mit Variationen und in wechselnden Konstellationen, seit langem das politisch-ideologi- ein, angezogen von deren relativen Erfolgen. Die große Stunde der Linkssozialisten käme
sche System des gesellschaftlichen status quo tn den imperialistischen Staaten West-
erst, wenn die SPD sich spaltet und deren linker Flügel eine eigene sozialreformistische
europas.
Partei bildet, gestützt auf Teile des Gewerkschaftsapparats und ideologisch aufgemotzt
Die 68-er Bewegung hat diesen status quo natürlich sozialökonomisch nicht grund-
mit einigen pseudomarxistischen Phrasen. Dies ist auf mittlere Sicht nicht zu erwarten,
sätzlich angreifen können als Jugend- und Studentenrevoltc, aber man muß sie als erste
solange die SPD in der Oppositionsrolle sich wieder linker und kritischer geben kann, als
tiefgehende ideologische Reaktion im gesellschaftlichen Überbau auf die beginnende
sie in Wirklichkeit ist; die imperialistische Integrationsstrategie der Sozialdemokratie
Weltkrise der kapitalistischen Warenproduktion und des Weltmarktes verstehen; dement-
in staatstragender Oppositionsfunktion, heute mit Friedenswilly und anderen albernen
sprechend waren ihre Erfolge auch hauptsächlich politisch-ideologische: sie zerstörte
Moralfiguren wie Eppler und Vogel an der Spitze, hat sich schließlich historisch schon
den weltanschaulichen gesellschaftlichen Konsens und legte die Grundsteine für neue
so oft bewährt, daß die deutsche "sozialistische" Scheinopposition auch weiterhin gerne
oppositionelle Parteien außerhalb des stagnierenden politischen Systems, die in der einen
darauf hereinfällt.
oder anderen Weise nach Jahrzehnten der relativen sozialökonomischen "Ruhe" wieder
Die K-Gruppen schließlich waren zwar als proletarisch-revolutionärer Flügel aus dem
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Fraktionierungsprozeß der 68-er Bewegung hervorgegangen, aber sie konnten dieser Kleinprojekte und die "autonome" Westentaschen-Militanz haben sich bereits totgelaufen.
Position keine neuen, vorwärtstreibenden, gesellschaftlich vermittlungsfähigen Inhalte Politisch konnte der Gefühls-Pazifismus die Vorbereitung des dritten Weltkriegs um kei-
geben. Im Gegenteil, ihre ererbte Unmittelbarke its-Fixiertheit trieb sie in einen halt- nen Millimeter aufhalten, sozial kann er keine Perspektive für die Masse der jugendlichen
losen Sekten-Praktizismus, der sich das Kostüm aus einer vergangenen und völlig unbe- Entqualifizierten, Arbeitslosen usw. geben. Die Antwort der Grün-Alternativen auf die
griffenen Epoche der Arbeiterbewegung ausleihen mußte (J. Internationale); ihr Unter- Systemfrage erweist. sich zunehmend als untauglich, illusionär . (jedenfalls für die Masse
\ gang im finsteren Sektenwesen war daher vorprogrammiert, zumal auch keine spontane der lohnanhängigen oder ganz marginalisierten Jugend), versöhnlerisch und spießbürger-
Kampfbewegung in der Arbeiterklasse entstand, die ihr hätte Leben einhauchen können. lich. Ihr Pazifismus nach außen ist auch ein Pazifismus nach innen; sie wollen den Pelz
Gesellschaftlich ohne Basis, theoretisch haltlos und faschingsmäßig-nostalgisch kostü- des Kapitalismus waschen, ohne ihn naß zu machen. Von sich aus werden sie auch bei
miert, mußten die vertrocknenden K-Sekten den Aufstieg der grün-alternativen Bewegung einer Verschärfung der sozialen und politischen Lage keinen Schritt mehr, weitergehen.
des Neo-Kleinbürgertums mitansehen. Kein Wunder, daß die opportunistischen Politikaster Man muß sich bloß das Gewinsle gegen auch nur vorsichtige Andeutungen' über die Not-
und Unmittelbarkeits-Fetischisten in ihrer Mehrheit das windige proletarische Nostalgie- wendigkeit des revolutionären Kampfes anhören, das jede linke, "systemüberschreitende"
Kostüm leichten Herzens abwarfen und in hellen Scharen zu den Grün-Alternativen Kritik an der gegenwärtigen Friedensbewegung abblocken möchte: " (Der Satz) 'Wer den
überzulaufen begannen , direkt unter Selbstauflösung des eigenen Saftladens oder indirekt Frieden will, muß eine Gesellschaftsordnung besiegen lernen, die den Krieg erzeugt' ...
durch "taktisches" Anhängen. zwingt somit zu dem Schluß, daß Du für eine gewaltsame 'Befreiung' plädierst. Aber
Ist es also zuviel behauptet, wenn ich den status quo in der Oppositionsbewegung wovon? (!!) Von einer - wenn auch zunehmend eingeschränkten - Demokratie? Gerade
(außerhalb des offiziellen politischen Spektrums) als den Sieg einer Fraktion in einem diese wollen wir ja mit aller Kraft erhalten, wieder funktionsfähig machen. Aber mit
Fraktionskampf bezeichne? Scheinbar hat die grün-alternative Bewegung mit ihren Rand- Gewalt? Was wäre das Ende vom Lied?" (Kristina Hadeler für die Friedensini Nordost
strömungen alle anderen oppositionellen Positionen (vor allem die revolutionären) völlig Nürnberg gegen einen Kritiker der vorherrschenden Ideologie in der Friedensbewegung,
aufgesogen oder hoffnungslos marginalisiert. Kein Wunder, daß die vorübergehend sieg- in: "Plärrer" 5/84). Das ist dieselbe Geisteshaltung, die schon angesichts einer allgemei-
reichen Mittelkl"asse-ldeologen jetzt vom Fraktionskampf nichts mehr wissen wollen und nen Polemik gegen das Szene-Bewußtsein aufjaulte: "Ja,ja, der böse Pazifist. Er verhin-
vor allem den revolutionären Marxismus nicht oft genug als "veraltet", "lebensfeindlich", dert den 'ernsthaften, langfristigen, planmäßigen Kampf', von dem Kurz wohl immer noch
"selbstunterdrückend" usw. denunzieren können. Aber die Zeiten ändern sich. Der Schuh, träumt ... Bobby schwärmt von Macht, Klassenkampf, Scharfmachen und Niederwerfung
den sich die Grün-Alternativen angezogen haben, erweist sich als viel zu gro.ß für sie. bis hin zur finsteren politischen Entschlossenheit. Über Leiden, Opfer und Entbehrung
Ihr "Sieg" beruhte nicht im geringsten auf theoretisch-programmatischer Überlegenheit, zum Sieg, zur Weltrevolution ... Wer 'befreit' wird, ist letztlich wurscht. Nur wer be-
sondern bloß auf der hilflosen Flachheit ihrer früheren marxistischen Gegner, mehr noch freit, der ist sich wichtig. Und wer sich nicht freiwillig 'befreien' lassen will, der wird
auf der naturwüchsigen Herausbildung einer ihnen entsprechenden neo-kleinbürgerlichen bestenfalls geächtet, meistens schlimmeres" Ommo Freisleben, Leserbrief im "Plärrer"
Klassenbasis, die im Unterschied zur Arbeiterklasse in den letzten Jahren reale Bewe- 4/84).
gungsansätze entwickelte. Aber die Ausstrahlungskraft dieser Ideologie und dieser poli- Immerhin offenherzig sind diese Leute. Das Wort Befreiung können sie nur in An-
tischen Kraft über den Dunstkreis der sozialpädagogischen Mittelklasse hinaus beginnt führungsstrichen und mit negativer Besetzung verwenden, vor der Befreiung haben sie
schwächer zu werden. Darüber können auch die jüngsten Wahlerfolge des Jahres 1984 Angst, nicht einmal "freiwillig" wären sie dazu bereit! Ist das nicht der ekelhafte,
(Landtagswahl in Baden-Württemberg, Europawahl) nicht hinwegtäuschen; denn wie bei stinkige deutsche Spießbürger, wie er leibt und lebt? Diese immer noch nicht ausgestor-
einem ins Wasser geworfenen Stein die Bewegung im Zentrum schon verebbt, während bene Kanaille gibt sich ungeheuer oppositionell, von einem "ernsthaften" Kampf aber
sich an der Peripherie noch Wellen ausbreiten, so macht sich unter den aktiven und po- träumt sie noch nicht einmal, wirft solches im Gegenteil hämisch anderen vor! Ist es
litisch bewußteren Kernen der oppositionellen "Szene" langsam .Unbehagen breit und nicht sonnenklar, daß solche erbärmlichen Heuchler nie und nimmer den imperialisti -
der grün-alternative Einfluß hat seinen Höhepunkt bereits überschritten, wenn an der schen Kriegspolitikern das Handwerk legen wollen, sondern bloß ihre Händchen in Un-
Peripherie der Gesamtbewegung das Bewußtsein der parlamentarisch-kreuzehenmalenden schuld waschen? Das "Ende vom Lied" ist angesichts der harten Tatsachen unvermeid-
Unpolitischen erst vom ursprünglichen gesellschaftlichen Anstoß erreicht wird. Der in- lich die gesellschaftliche Gewalt, entweder die Gewalt der Revolution oder die des im-
haltliche Flügelkampf in der grünen Partei hat eben erst begonnen und unübersehbar die perialistischen Krieges und der Konterrevolution. Diese Spießer, die nicht aus der Ge-
theoretischen und programmatischen Schwächen offengelegt. Aber auch die alternativen schichte lernen und die Gesetze der kapitalistischen Weltmarkt-Ökonomie nicht begrei-
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fen wollen, verdienen tatsächlich nichts anderes. als von der kapitalistischen Gewalt, Ihre Überreste führen ein verkümmertes Schattendasein oder, was noch wesentlicher
vor der sie den Kopf in den Sand stecken, wie die Ferkel geschlachtet und atomar ge - und schlimmer ist, sie haben sich als große politische Organisationen in Grenzträger des
grillt zu werden. An welche Instanz wollen sie sich denn wenden. wie wollen sie die Kapitalismus verwandelt, in Eckpfeiler des imperialistischen politischen Systems. Eine
Maschinerie des Imperialismus stoppen 7 Wahrscheinlich wissen sie selber nicht, was sie neue Arbeiterbewegung muß gewissermaßen bei der Null - Marke wieder von vorn beginnen,
eigentlich gesellschaftlich wollen außer Friede, Freude, Eierkuchen. Sie wissen nur ganz aber natürlich kann dies nicht mehr dieselbe Null-Marke wie im vergangenen Jahrhundert
sicher, was sie nicht wollen, nämlich den revolutionären Marxismus, den Befreiungs- sein. Eine solche neue Arbeiterbewegung wird sich nur durch unbarmherzige Kritik
kampf der Arbeiterklasse und ihrer in eine "neue Armut" getriebenen Reservearmee von ihrer Vorgängerin (2. und 3· Internationale) einen eigenen historischen Ausgangspunkt
Arbeitslosen und Marginalisierten, die internationale Revolution der Unterdrückten und schaffen; aber bis jetzt wurde die alte Arbeiterbewegung noch nicht grundsätzlich kri-
Ausgebeuteten gegen die famose "Funktionsfähigkeit " der famosen Demokratie dieses tisch aufgearbeitet. Seit dem zweiten Weltkrieg ist eine historische Latc;nzepoche des
'
nach innen und außen mörderischen Imperialismus. Klassenkampfs eingetreten, auf allen Ebenen, auch der theoretischen. In dieser Latenz-
Die Zeit ist reif , daß sich wieder marxistische Revolutionäre finden. die sich radikal epoche gab es zwar auch Streiks, soziale , politische und ideologische Auseinandersetzungen,
von diesen übermütig gewordenen Herrschaften abgrenzen und einen neuen Ansatz für aber keine selbständige revolutionäre Arbeiterbewegung mehr mit dem Ziel, den Kapita-
eine revolutionäre Kampfbewegung suchen. Die Erfahrung der letzten zehn Jahre zeigt lismus zu beseitigen. Die Arbeiterklasse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte in
uns, daß Unmittelbarkeitsdenken , politischer Praktizismus und süßlicher Gefühlskult nur den entwickelten Ländern den revolutionären Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise nicht
den kleinbürgerlichen Strömungen genützt haben. Das anödende Mitwursteln ehemals erreichen können; der revolutionäre Teil der alten Arbeiterparteien hatte sich in den
revolutionärer Linker auf der Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners läuft in Wirklich - erfolglosen Kämpfen seit dem Ausgang des ersten Weltkriegs erschöpft und verbraucht
keit auf eine Kapitulation vor den Grün-Alternativen oder sogar der Sozialdemokratie oder war sogar völlig besiegt und vernichtet worden wie in Deutschland. Gleichzeitig
hinaus, als bloße Umstülpung des Sektenwesens. Wir müssen uns gar nicht unmittelbar gelang es dem Kapital, mit Hilfe des keynesianischen Staatsinterventionismus seit dem
"einbringen" in jeden Mist, der abläuft, bloß weil er abläuft . Die revolutionäre politi - zweiten Weltkrieg die neue, unvermeidliche und verheerende Weltwirtschaftskrise iiber
sche Intervention, gerade in einer nichtrevolutionären Situation , hat einen anderen Cha- mehrere Jahrzehnte hinauszuzögern.
rakter. Aus dem Niedergang der K-Gruppen ist vor allem zu lernen, daß zumindest eine Aber jetzt wird die neue Götterdämmerung des Kapitalismus sichtbar. Die Weltkrise
revolutionäre Fraktion nicht überleben kann ohne theoretische Aufrüstung und Bildung. der warenproduzierenden Gesellschaften; ideologisch eingeläutet schon 1968, hat die
Um gesellschaftlich wirksam zu werden, müssen wir uns vor allem wieder in eine theo- Rahmenbedingungen eines neuen revolutionären Kampfes herausgearbeitet. Aber die sub-
retisch überlegene Macht verwandeln. Praxis ist darin eingeschlossen, aber nicht als jektive Intervention, die den Keim der kommunistischen Arbeiterbewegung des 21. Jahr -
Herhecheln hinter den grün-alternativen Neo-Spießbürgern, sondern im Zusammenhang hunderts hervorbringen wird , muß weit ausholen, viel weiter als das heute in der Opposi -
mit deren radikaler Kritik . Wir werden sehen. tionsbewegung dominierende Neo-Kleinbürgertum, dem das unhistorische, kurzsichtige
Unmittelbarkeits-Bewußtsein wesensgemäß bleibt, weil es die bestehende Ordnung weder
Zukunftsmusik sprengen will noch kann.
Einer der Hauptfehler sowohl der alternativen Marxismus-Kritiker wie der traditio-
Daß die Arbeiterklasse nicht kämpft , schon gar nicht revolutionär , wird von den Mittel- nellen Linken besteht darin, die Arbeiterklasse als tote Abstraktion zu fassen. Aber "die"
klassen-Ideologen mit einer Mischung aus Süffisanz und geheucheltem Bedauern zu Pro- Arbeiterklasse als abstraktes Ganzes gibt es real überhaupt nicht. Wie in allen anderen
tokoll genommen, um den unverbesserlichen Marxisten etwas zu angestrengt und eilfertig Klassen und der Gesellschaft als Totalität finden wir auch in der Arbeiterklasse sozial -
ewige Bedeutungslosigkeit zu prognostizieren: "Deshalb heult ihr auf, weil die Fronten historische Ungleichzeitigkeiten, Formationen , Schichten und Differenzierungen, deren
und Kriege, die ihr noch in eurem Lebensbild habt, nirgends mehr realisierbar sind: wie Mißachtung nicht ungestraft bleiben kann.
bekannt auch nicht bei den Arbeitern" (wieder mal Peter Hess, im "Piärrer" 3/ 84). Aber Schon der erste Ansatz einer konkreten Analyse muß zeigen, daß in der Arbeiterklasse
ein wenig schimmert sogar hier die Befürchtung durch, die Arbeiterklasse, dieses unbe - wie übrigens auch in den Mittelklassen heute ein tiefer sozialer , politisch- ideologischer
kannte Wesen, könnte sich doch noch eines Besseren besinnen. und kultureller Graben zwischen jungen und älteren Generationen existiert. Die Nieder -
Man muß jedoch kein würfelnder Augur sein, um die andauernde politische Schwäche lage gegen den Faschismus hatte der alten deutschen Arbeiterbewegung das Rückgrat ge -
der Arbeiter verstehen zu können . Die alte Arbeiterbewegung ist tot, nur noch Geschichte . brochen; die Kriegsgeneration der Arbeiterklasse hatte bereits ihren Frieden mit dem
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Nationalsozialismus gemacht. Diese Kapitulation vor dem Todfeind der politischen Iichen Arbeiter gibt es objektive Differenzierungen, die ausgekämpft werden müssen.
Selbständigkeit der Arbeiter, die ererbte traditionelle Staats- und Autoritätsgläubig- Vielleicht ergeben sich daraus auch notwendigerweise Fraktionen innerhalb einer neuen
keit und die (letztlich selbstverschuldeten) Erfahrungen mit der alles andere als revo- Arbeiterbewegung bzw. innerhalb einer zukünftigen revolutionären Partei. Das ist nichts
lutionären russischen Roten Armee, in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern und bei der Schlimmes; die Menschheit entwickelt sich weiter, indem sie sich streitet - das gilt auch
Vertreibung von Millionen (auch Arbeitern) aus den deutschen Ostgebieten verbanden für eine revolutionäre Klasse. Es kommt nur darauf an, die objektiven Differenzierungen
sich bei den Kriegs- und ersten Nachkriegsgenerationen der Arbeiterklasse zum Syndrom theoretisch bewußt zu machen und in einer revolutionären Strategie aufzuheben. Grob
eines dumpfen, irreparablen Antikommunismus und zur festen Einbindung in den neuen läßt sich das Kampfpotential, das in den kommenden Jahren Momente revolutionärer
kapitalistischen Staat der BRD. Diese politisch-ideologische Integration erhielt ein Intervention herausarbeiten kann, etwa wie folgt gliedern:
starkes soziales Fundament durch die lange Welle ökonomischer Prosperität, das bekann- 1. Lehrlinge und junge Facharbeiter, die von der technologischen Umwäl~ung der Mikro-
te "Wirtschaftswunder" als Folge des Rekonstruktionsprozesses der im Krieg zerstarten elektronik in ihrem sozialen Nerv getroffen werden. Das Verschwinden menschlicher Prä-
Kapitalien sowie des Staatsinterventionismus, und die damit verbundene zunehmende zisionsarbeit, Basis des Facharbeiterstatus und eines damit verbundenen bornierten Be-
Besserstellung der Arbeiter. Heute, in der wellenförmig aufbrechenden ökonomischen rufsstolzes, wird bis zum Ende dieses Jahrhunderts nicht nur die Massenarbeitslosigkeit
Weltkrise, sind diese Generationen auch weiterhin sozial weit mehr abgesichert als unaufhaltsam weiter in die Höhe schrauben, sondern auch eine (berufliche) Entqualifizie-
die Jugendlichen einer neuen Generation von Enterbten; sie sind mit Häusern oder zu- rung auf breiter Front bringen und auf wachsender Stufenleiter vollzogene Ausbildungs-
mindest teuer und geschmacklos eingerichteten Wohnungen gesegnet, haben schon ge- gänge entwerten, bevor noch die damit qualifizierte Arbeitskraft verkauft werden kann.
nügend Sozialversicherung gezahlt und andere Ansprüche erworben, die erst für die Dieses Problem ist nicht mehr auf dem Boden der bestehenden Gesellschaftsordnung zu
jungen Generationen abgebaut werden, profitieren als erste bei Entlassungen von "So- lösen. Die nachwachsenden Generationen ständig entqualifizierter Facharbeiter ohne Zu-
zialplänen" usw. Sie sind durchwegs verfettet und wohl auch einigermaßen verblödet; kunftsperspektive müssen sich zwangsläufig den auf Staats- und Systemtreue eingeschwo-
sie krallen sich gierig fest am gesellschaftlichen status qua, treten militant und autori - renen sozialdemokratisch verseuchten Gewerkschaften entfremden, und zwar um so mehr ,
tär geifernd gegen jede Andeutung einer Umwälzung der Gesellschaftsordnung auf, mit je größerer Wucht die technologische Umwälzung in ganzen Branchen die Facharbei-
klatschen Beifall, wenn die Polizei jugendliche Demonstranten zusammenschlägt und terpositionen niedermähen wird, ohne daß SPD und Gewerkschaften mehr als hilflose Be-
betätigen sich gelegentlich selbst als aufmerksame Hilfspolizisten. Kurz, sie erscheinen schwörungen dazu ausspucken können. Es läßt sich schwer voraussagen, in welchen Formen
immer größeren Teilen der Jugend mit Recht als ekelhaft, aber man muß verstehen, wie die politisch-ideologische Ablösung der jugendlichen Facharbeiterschichten von diesem
sie historisch zu solchen Scheusalen geworden sind. Eine - schwer vorstellbare - "Wieder- Staat vor sich gehen wird, vielleicht zunächst als Belebung linksoppositioneller Strömungen
vereinigung" der Generationen wäre heute nur auf dem Boden eines neuen Klassenkampfes in den Gewerkschaften. Wenn diese Opposition die Schwelle politischer Organisierung er-
möglich; eine wertvolle Minderheit der Älteren wird dazu vielleicht sogar bei einem reicht, werden vorübergehend reformistische linkssozialistische Positionen eine Auffang-
Fortschreiten der Krise bereit sein, ein anderer Teil kann womöglich neutralisiert wer- stellung bilden, da die Politisierung der jugendlichen Facharbeiterschichten von einer so-
den, nicht durch Überzeugung, aber durch einen Rest familiärer Gefühle. Man braucht zialen Defensive ausgeht. Der linke Reformismus am Rande der Sozialdemokratie ist
sich aber keine Illusionen machen: Die Mehrheit der älteren Generationen ist mehr oder aber ideologisch antiquiert und könnte von einer theoretisch gut vorbereiteten revolutio-
weniger für den Klassenkampf abzuschreiben; die abgetakelten Glückskinder des Adenauer- nären Bewegung überrannt werden. Möglicherweise wird die soziale Defensivposition der
Regimes würden noch ihren eigenen Kindern und Enkeln in den Rücken fallen, wenn sie Facharbeiter dann langfristig zwar Momente einer eher zögernden, tendenziell rechts-
dazu nicht schon zu alt und zu vertrottelt wären. Bis zur Jahrtausendwende werden sie opportunistischen Fraktion hervorbringen, aber innerhalb einer großen revolutionären
ohnehin ausgestorben sein, Friede ihrer Asche. Strömung.
Auch in der Arbeiterklasse war das Jahr 1968 eine Zäsur; damals flackerte nicht 2. "Jobber", Saison- und Teilzeitarbeiter, Aushilfskräfte usw. aus allen bisherigen Quali -
einfach ein traditioneller Generationskonflikt bei den Mittelschichten auf, sondern eine fikationsebenen und Schichten der gesellschaftlichen Arbeit. Diese neue soziale Erschei -
historische Epoche ging zu Ende. Aber auch aus den jungen Generationen, mögen sie nung, von den staatsfrommen Facharbeiter-Gewerkschaften krampfhaft abgewehrt, ist
durchaus kampffähig und tendenziell wenigstens zum Teil sogar kampfwillig sein, kann heute bereits millionenfache Realität. Obwohl die Gewerkschaften sich bis jetzt ziemlich
eine neue Arbeiterbewegung nicht geradlinig aufsteigen; das Neue muß erst bewußt ge - weigern, diese Schichten zu organisieren und ihren sozialen Interessenkampf zu führen ,
macht werden, muß durch die Theorie hindurch, und auch innerhalb der heute jugend- reift hier ein Feld selbständiger sozialökonomischer Kämpfe und Organisationsansätze
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heran, das nicht mehr von sozialdemokratischen Traditionen belastet ist. Gespeist wird revolutionäre politische Sozialisation). Rascher können junge Arbeitslose aus quali -
diese neue Schicht der "Jobber" aus den verschiedensten Quellen, ehemalige Lehrlinge fizierteren Arbeiterschichten eine revolutionäre Bedeutung erlangen. Aus dieser Gruppe
und Facharbeiter finden sich hier ebenso wie Unterschicht - Jugendliche ohne jede Quali- werden heute schon die zahlreichen Arbeitslosen-Initiativen gespeist, die sich mit Recht
fikation und junge Ausländer. Vor allem aber stammen die "Jobber" aus den ungeheuer über die Haltung der Gewerkschaften beklagen und am eigenen Leib erfahren, wie wenig
ausgedehnten mittleren und höheren Ausbildungsinstitutionen: Fachoberschüler, Gymna- vom Sozialdemokratismus zu erhoffen ist. Dennoch wird eine tatsächliche "Linksentwick-
siasten und Abiturienten, abgebrochene Studenten, arbeitslose Sozialarbeiter und Akade- lung" der Arbeitsloseninitiativen zunächst nur von einer bewußten Minderheit ausgehen
miker, nicht übernommene Lehrer, Referendare usw. , zunehmend ohne jede Berufsaus- können, die auch theoretische Klarheit besitzt.
sicht auf ihrer ursprünglichen Qualifikationsebene, geben sich hier ein Stelldichein in 4· Junge Ausländer, vor allem Türken, die zwar auch in den Gruppen der herabgestuften
Fabriken und Gaststättenketten, als Taxifahrer. in Büros und Lagerhallen. Speditionen Facharbeiter, "Jobber" und Arbeitslosen aufzuführen wären, aber trotzderq eine besondere
und Kommunikations-Institutionen wie Post. Fernmeldewesen usw., oft mit großer Flul. - Gruppe bilden. Oft nicht einmal beim Arbeitsamt registriert oder überhaupt illegal ,
tuation und schneller Umgruppierung. Rascher als in allen anderen Teilen der Arbeiter - kulturell entwurzelt und ihren nicht selten reaktionären , religiös geprägten Elternhäusern
klasse reift im Schmelztiegel dieser neuen "Jobber"-Schicht. einem Produkt von l~atio ­ in der hochindustrialisierten BRD immer schneller entfremdet, bilden sie ein diffuses
nalisierung und Massenarbeitslosigkeit , nicht nur sozialer. sondern auch politisch-ideolo- Potential politischer Einflußnahme ; linke türkische Gruppen haben hier an vielen Orten
gischer Sprengstoff heran.Denn die Massen von Jugendlichen mit mittlerer oder höherer schon gute organisatorische Arbeit geleistet und könnten in eine neue, internationa-
Bildung, die in diese neue Schicht hineinströmen, bringen nicht nur eine starke Unzu- listisch geprägte Arbeiterbewegung integriert werden.
friedenheit mit, sondern auch neue, anti-familiale Lebensformen und zumindest "Brocken" Das hier grob abgesteckte revolutionäre Kampfpotential aus der sozialökonomischen
linker , mehr oder weniger staatsfeindlicher Ideologie (ein Teil von ihnen ist in den ver - Entwicklung heraus ist heute, am Ende der ersten Phase der Weltwirtschaftskrise, sicher-
gangenen Jahren durch die verschiedenen oppositionellen Bewegungen hindurchgegangen) . lich noch nicht sehr weit herangereift, aber seine Konturen werden doch schon sichtbar.
Von der "Jobber"-Schicht aus können sich soziale Unzufriedenheit und revolutionäres Das Ende der alternativen (und auch der sozialdemokratischen) Illusionen wird die Hin -
Denken in andere Teile der Arbeiterklasse ausbreiten. Diese Möglichkeit wurde bis jetzt wendung zur revolutionären Theorie neu entfachen; Kar! Marx ist noch lange kein toter
abgeblockt durch das Vorherrschen der grün-alternativen Ideologie in der "Szene", durch Hund. Wichtig in dieser Hinsicht ist die Beobachtung, daß sich in jüngster Zeit ein Teil
die illusionären Träume vom "selbstbestimmten Arbeiten" ohne sozialen und politisch- der "Autonomen" offensichtlich ideologisch vom breiten Strom der grün-alternativen
revolutionären Kampf. Aber auf die Dauer kann sich das sozialpädagogische Bewußtsein Mittelklassen- Fraktion zu lösen und das objektive eigene Sein als Lohnarbeiter revolu-
nicht behaupten gegen das quasi-proletarische Sein einer immer größeren Masse von tionär aufzuarbeiten beginnt; der ideologische Mischmasch der "Autonomen" beginnt sich
(auf ihrer Qualifikationsebene) dauerarbeitslasen Ex-Studenten, Akademikern und Halb- zu klären, sie spalten sich tendenziell in verludernde Existential-Spinner und Drogen-
Akademikern, die ständig zum "Jobben" gezwungen sind. Die soziale Voraussetzung für Mystiker einerseits, die nur in der Gosse landen können, und neo-marxistische Initiativen
einen ideologischen Bruch eines Teils der "Szene" mit der breiten Mittelklasse-Fraktion andererseits, die sich wieder dem sozialökonomischen Kampf und der theoretischen De-
ist längst herangereift. batte zuwenden. Ihre Annäherung an den Marxismus verläuft wohl unvermeidlich über
J. Junge Arbeitslose, die zunächst außerhalb der "Jobber"-Sc.hicht bleiben, aber auch be- die Rezeption alter syndikalistischer Positionen (die anarchistischen Momente in der Ideo-
reits aus der Facharbeiter-Position herausgefallen sind und sich registriert oder nicht - logie des Syndikalismus vermitteln den Übergang zu marx istischen Positionen vom "bauch-
registriert in sozialer Wartestellung befinden. Was die von der Volksschulbank weg ar - denkend" - hedonistischen Neo-Anarchismus am Rande der grün-alternativen Mittelklassen-
beitslosen underdogs angeht, die zwangsläufig in Kriminalität (die Situation in den sUd- Bewegung) und trägt Züge ultralinker Simplifizierung, aber der erste Schritt ist damit
europäischen und südamerikanischen Ländern kann einen diesbezüglichen Vorgeschmack getan.
geben) und Bandenbildung abgleiten (Skins etc.), so können sie großenteils sicher nicht Zweifellos liegen die Keime jugendlicher Facharbeiter-Opposition, erste "Jobber"-
unmittelbar für eine revolutionäre Bewegung gewonnen werden: sie bilden gegenwärtig lnitiativen der "Autonomen" und Ansätze marxistischer Theoriebildung (die von den
im Gegenteil ein Rekrutierungsfeld des Neofaschismus. Von einer gewissen Heife ihrer intellektuellen Elementen unter den neo-marxistischen "Autonomen" wichtige Impulse
Entwicklung an wird aber eine neue revolutionäre Arbeiterbewegung sich auch dieser un - erhalten kann , z.B. in der kritischen Aufarbeitung des italienischen "Operaismus") heute
tersten Schicht organisatorisch zuwenden können (durch direkte Hilfe, Straßenclubs usw.) noch weit auseinander und es wird ein langer Weg durch praktische Erfahrungen und
und sozusagen selber "negative" Sozialarbeit betreiben (statt bürgerliche "Hesozialisierung" theoretische Auseinandersetzung hindurch nötig sein, um diese verschiedenen Momente
-so- -s•-

gesellschaftlicher Intervention zum Kern einer neuen revolutionären Arbeiterbewegung Postscripturn zu Wolfgang Pohrt
zusammenzufügen. Schon mittelfristig könnte sich als organisatorische Perspektive er-
geben, daß lokal oder regional Arbeitsloseninitiativen, gewerkschaftsoppositionelle Grup- Man kann gegenwärtig anscheinend keine Auseinandersetzung in der Linken führen, ohne
pen, "Jobber"-Organisationen, revolutionäre Frauen-, Schwulen- und andere Gruppen (bzw. eine Bemerkung über den "Konkret"- und "taz"-Autor Wolfgang Pohrt zu verlieren, der
Fraktionen in Einpunktbewegungen) usw. sowie marxistische Theorie-Initiativen unter dem in der intellektuellen Wüste neudeutscher Opposition die Rolle einer einsamen giftigen
gemeinsamen Dach von "Arbeitervereinen" oder "Arbeiter- und Jugendvereinen" zum An- Heuschrecke spielt, die von hunderten von Bußpredigern verfolgt wird. Der kleine Wolf-
satz einer neuen politischen Richtung zusammenwachsen. gang-Pohrt-Fanclub in Nürnberg hat mir vorgeworfen, von seinem literarischen Sternchen
Eine solche neue revolutionäre Bewegung muß Zeit dafür verwenden, mit der Ver- "abgekupfert" zu haben (Leserbrief im "Plärrer" 4/84, siehe Dokumentation im Anhang).
gangenheit abzurechnen; sie muß ihre praktische wie theoretische Intervention über den Wie es scheint, bezieht sich dieser Vorwurf hauptsächlich darauf, daß ich überhaupt die
Gesichtskreis der alten Arbeiterbewegung hinaus ausdehnen (z.B. in der Kritik der bür- unter dem Bürgerkönig Kohl noch weniger häufig als vorher anzutreffende' Form der Pole-
gerlichen Familie und Sexualität); sie muß sich ihr eigenes kulturelles Umfeld und ihre mik gewählt habe, eine Form, die für deutsche Leser offenbar bereits auf das Marken-
eigenen neuen Symbole schaffen. Bei den "Autonomen", die wieder in Richtung Marxismus zeichen eines bestimmten Schriftstellers zusammengeschrumpft ist. Nun gut, Wolfgang
marschieren, ist z.B. neuerdings die rote Fahne mit schwarzer Katze aufgetaucht ("black Pohrt ist ein glänzender Polemiker und noch dazu einer der wenigen linken Publizisten,
cat" oder "wild cat" war bei den linkssyndikalistischen Bewegungen in den USA das Symbol die nicht schweifwedelnd der grün-alternativen Spießbürger-Szene hinterhergekrochen
für "wilden Streik"). Warum nicht? Man muß nicht gleich alle Fehler der alten amerikani- sind. Ich fasse den Vorwurf daher als Kompliment auf, das ich freilich nach Lektüre des
schen Anarchosyndikalisten nachmachen, um solche noch unverbrauchten Symbole zu über- Textes der Pohrt-Freunde leider nicht vollkommen ehrlichen Herzens zurückgeben kann.
nehmen, die sogar "blockübergreifend" werden könnten, weil sie auch eine klare Absage Ihre hauptsächliche inhaltliche Kritik läuft auf den Vorwurf hinaus, ich würde den
an die bürokratischen Staaten des Ostblocks signalisieren. Ansatz einer radikalen Kritik der linken Szene durch eine "vermittelnde" Position wieder
Vielleicht gelingt es uns, auf lange Sicht mit diesem neuen gesellschaftlichen Ansatz zurücknehmen. Kommt drauf an, was man unter "Vermittlung" versteht. Für den Alltags-
einer revolutionären Arbeiterbewegung den Kommunismus wieder in jenes drohende Ge- gebrauch des gesunden Menschenverstandes ist dieser Begriff synonym mit "Versöhnlich-
spenst des "Manifests" zu verwandeln, das umgeht in Europa, und gegen das sich wieder keit'' oder, negativ gewendet, mit "Kompromißlertum": und so ist es wohl auch von den
alle alten Mächte verbünden mögen: Mitterand und die Kelly, Kohl und Tschernenko, der Pohrt-Fans gemeint. Freilich scheinen sie hier einer Verwechslung zu erliegen. Im präzi-
Papst und Frau Thatcher, Honeder und Herr Schily, nicht zu vergessen natürlich deutsche seren philosophischen Sprachgebrauch bedeutet "Vermittlung" etwas anderes, nämlich den
Polizisten. Schroffe theoretische und politische Abgrenzung ist nötig sowohl von den Grün- objektiven Zusammenhang verschiedener Momente eines Gesamtprozesses und ihr Ein-
Alternativen als auch von der Sozialdemokratie und ihren "linken" Randgruppen (was spä- wirken aufeinander; in unserem Falle steht hier die Frage der Einwirkungsmöglichkeit
tere taktische Zusammenarbeit in Teilfragen nicht ausschließt, aber zuerst muß der Kom- radikaler Kritik auf die linke Szene, die Fähigkeit zur Polarisierung, zum Herausarbeiten
munismus wieder eine eigenständige, unabhängige gesellschaftliche Macht werden). einer revolutionären gesellschaftlichen Strömung - publizistische Polemik und Theorie
Jeder wenn auch nur symbolisch oder metaphorisch gemeinte historische Analogismus überhaupt kann natürlich nur ein Teilmoment in einem solchen Prozeß sein. So verstanden
hinkt und gibt zu großen Mißverständnissen (weil banale~ Gleichsetzungen) Anlaß, aber lasse ich den Vorwurf gerne auf mir sitzen. Daß "Versöhnlertum" und gesellschaftliche
ich will zuletzt doch das Schlaglicht einer solchen Analogie setzen: Wenn die Kämpfer Vermittlung eines radikalen theoretischen Ansatzes für die Pohrt-Freunde identisch er-
der RAF unsere "Volkstümler"- Terroristen waren, dann müssen wir uns zu den "Bolsche- scheinen, dürfte kaum auf Zufall beruhen. Der Hintergrund dieser falschen Identität ist
wiki" des Spätkapitalismus mausern (was kritische Einwände gegen Momente der Lenin- politische Resignation, und Meister Pohrt selber ist es wohl, der dafür schon vor einigen
schen Theorie einschließt), oder, um einen anderen strapazierten Vergleich zu gebrauchen, Jahren die theoretischen Fundamente gelegt hat (Theorie des Gebrauchswerts, erschienen
wir müssen - da die Gironde bis zum Überdruß gesprochen hat - die proletarisch-revo- 1976 bei Syndikat, Frankfurt). Vielleicht ist es gerade diese (selten explizit angedeutete)
lutionären Jakobiner des 21. Jahrhunderts werden. Für illusionär kann eine solche Per- resignative Grundposition, die Pohrts polemischen Attacken ihre gallbittere Würze ver-
spektive nur halten, wer selber der Illusion erliegt, daß ein Überleben auf dem Boden leiht; die eigenartige Mischung aus Radikalität und Resignation, hierin der Frankfurter
der Warenproduktion möglich ist. Schule nicht unähnlich, vermag sogar durchaus auch gegen den Willen (oder trotz der
Hoffnungslosigkeit) des Autors "vermittelnde" Wirksamkeit zu entfalten. Freilich sind
dafür Rezipienten nötig, die sich als fähig und willens erweisen, selbständig eine revolu-
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tionäre Perspektive zu entwickeln und die sich folglich selber als "Vermittler" im Sinne Einheitsbewegung.
radikaler Kritik begreifen. Wer allerdings von der linken Opposition in diesem Land über - Der politische Zusammenhang der Auseinandersetzung (in diesem Falle die durchaus
haupt nichts mehr will, der mag sich mit dem Statement bescheiden, daß er "nur noch in mancher Hinsicht kritisierenswerte Amnestie-Kampagne für politische Gefangene, wie
Ekel" empfinde. Dann aber sollen diese Pohrt-Freunde doch den Anstand aufbringen, sich sie Wolfgang Pohrt angeleiert hat), wird angesichts eines solchen erbärmlichen Niveaus
von Leuten fernzuhalten, vor denen sie sich "nur noch ekeln", statt selbigen die Türen fast irrelevant. Nicht auf Pohrt wird dadurch ein schiefes Licht geworfen, sondern auf
einzulaufen und, um die eigene Passivität zu kaschieren , mit ihrem "Ekel" auch noch den KB selbst und mit ihm auf jene Mehrheit von Altlinken, denen die "Bewegung" immer
hausieren zu gehen. Ich ziehe es vor, Gründe für die Veränderbarkeit der Situation heraus- alles war und die daher heute hinter den Grün-Alternativen hertrotteln, vor keiner
zufinden. Peinlichkeit zurückschreckend.
Wolfgang Pohrt kann in seiner polemischen Publizistik gegen die Sünden der Linken
und gegen die reaktionäre Ideologie der Grün-Alternativen in mancher Hinsicht als Ver- Robert Kurz
bündeter einer revolutionären Richtung verstanden werden. Was seine in Resignation
mündende Theorie (und einige seiner eigenartigen Schlußfolgerungen) betrifft, so hat er
eine klare, offene Kritik verdient, die noch zu leisten ist. Gerade deshalb muß man Pohrt
allerdings in Schutz nehmen gegen eine von jeder theoretischen Kritik und geschliffenen
Polemik meilenweit entfernten Anpinkelei, wie der KB sie gegen ihn aus offensichtlichen
Motiven der Anbiederung bei den "Bewegungen" losgelassen hat ("Arbeiterkampf" 245,
April 84). Nicht nur, daß Pohrt dort ganz im Stil der grünen Herzensbewegten seine pole-
mische Kritik als "Zynismus" ausgelegt wird, nicht nur, daß der "Arbeiterkampf" als Kron-
zeugen ausgerechnet den notorischen Moralquassler Christian Geissler bemüht, der eine
"Menschenfeindlichkeit" Pohrts entdeckt, "sobalds um den Menschen geht im Lande" (wer
kann dieses Gefasel eigentlich noch hören?); nein, die "kommunistischen" Redakteure ent-
blöden sich nicht einmal, Pohrt ausgerechnet deswegen zu denunzieren, weil er z.B. den
neuen Irrationalismus in der Frauenbewegung attackiert, der den Intellekt als männliche
"Verstandestümelei" und "Vernunftgläubigkeit" anschwärzt, während die Frauen empfäng-
lich seien "für andere der Vernunft und dem Verstand überlegene Erkenntnisquellen, für
Botschaften aus dem Jenseits, für die Sprache der Tiere, für die Stimme der Natur, für
den Ruf des Blutes" (Pohrt in "konkret" 3/84, zitiert nach "Arbeiterkampf"). Niemand
kann die starke Tendenz irrationalistisch-faschistoider Lebensphilosophie übersehen, die
sich heute in der Frauenbewegung und in der grün-alternativen Bewegung insgesamt aus-
breitet und die in engem Zusammenhang steht mit ökonomisch reaktionären Vorstellungen
(Rückkehr zur kleinen Warenproduktion), zu politischem Nationalismus (bzw. "Regionalis-
mus") und zu antikommunistischen Haßtiraden (Kommunisten gegenüber ist bekanntlich
ein Nachlassen der pazifistischen Liebenswürdigkeit durchaus erlaubt). Den Kommunisten
des "Arbeiterkampf" aber fällt nichts Besseres ein, als Pohrts zutiefst richtige Polemik
gegen diese ideologische Quacksalberei an den Pranger zu stellen und sich als typische
Aktionisten noch beim finstersten Teil der Frauenbewegung frischfrommfröhlichfrei anzu-
biedern: "Wir sind .•. voller Hoffnung, daß einige couragierte Frauen Mittel und Wege
für den Einsatz von lila Sprühdosen finden" . Nieder mit dem Störenfried, mit dem "zyni -
schen" Polemiker, es lebe die mystische "Menschenfreundlichkeit" der Mittelklassen-
-54- -ss-

DAS ELEND DER ELENDSVERWALTER jugendlicher gehört es natürlich auch , den inhaltlichen Anspruch eines "orthodoxen"
Erste Antwort an die Kritiker, die im "Plärrer" aus Platzgründen nicht abgedruckt Marxismus als furchtbar "veraltet" zu denunzieren. ganz im Stil der Kampagne "Trau
werden konnte keinem über 130" des Arbeitgeberverbandes. Immerhin, angesichts des niemals end-
gültig abgeschlossenen Sozialarbeiter-Techtelmechtels mit dem "stinkenden Leichnam"
Polemik verträgt der Deutsche in seiner Eigenschaft als Christ, kaisertreuer Unter- Sozialdemokratie oder angesichts des atavistischen Geisteszustands von gleichfalls
tan, mystischer Gemeinschaftsfanatiker und notorisch guter Mensch einfach nicht. modebewußten Leuten, die den vermoderten deutschen Irrationalismus wieder aus-
Abo-Kündigungen bei einer Alternativ-Zeitung als Reaktion auf eine gedruckte Breit- graben und demnächst vielleicht auf Kreuzwegen im Knoblauchsland mit Teufelsbe-
seite gegen das fortschrittliche Durchschnittsbewußtsein, ein schönerer Beweis für das schwörungen anfangen, kann man sich als revolutionäre 68-er Konserve fast noch
hinterwäldlerische Stammtisch-Niveau des alternativen Publikums hätte nicht geliefert taufrisch fühlen .
werden können. Vielleicht mußte ein Pamphlet im "Plärrer" wirklich erscheinen wie ein Einem Bewußtsein, das den politischen Kampf durch wechselseitige Sozialpädago-
Porno-Foto in der "Bäckerblume"; oder haben dadurch einige Leutchen erst gemerkt, dal gik ersetzen möchte , muß schon die bloße militärische Metapher als faschismusver-
es vielleicht doch nicht das Zentralorgan des Kleintierzüchter-Vereins ist, was sie da dächtig erscheinen. Wenn Theweleit vielleicht zeigt, daß im rechtsradikalen "Macht-
monatlich geliefert bekommen? Jedenfalls ist die Störung der selbstzufriedenen Seelen- bewußtsein" verdrängte Homosexualität und Frauenfeindlichkeit lauern, dann ist dieser
ruhe einer Szene, deren zelebrierte Wehleidigkeit höchstens noch umschlägt in den Zusammenhang durch die reale Emanzipation schwuler Beziehungen und durch die
rheinischen Frohsinn von Atomtods-Feten, kaum zu bedauern. reale gesellschaftliche Befreiung der Frau aufzuheben, nicht durch Verzicht auf revo-
Nicht überraschen muß es, daß schwarz auf weiß, mit immerhin zu richtigen lutionäres Machtdenken, das Ja gerade offen die politische Voraussetzung jeder wirk-
Wörtern gefügten Buchstaben, nicht die tendenziell analphabetische Bäh-Jugend ge- lichen Befreiung beim Namen nennt. Immerhin zogen nicht zuletzt jene Frauen als
antwortet hat, sondern wohl mehr deren ideologische Betreuer, hauptsächlich eine "Flintenweiber" den besonderen Haß der Faschisten auf sich, die aus der ihnen zugc-
stadtbekannte Riege von Sozialarbeitern. Das Elend dieser kritisch-dynamischen Elends- dachten gesellschaftlichen Rolle fielen, indem sie am Kampf revolutionärer Bewe-
verwalter besteht darin, daß sie zu eigentlich eher senilen Verwechslungen neigen, gungen teilnahmen. Die "Männerphantasien" geraten den pädagogischen Integrations-
zum Beispiel erstaunliche Mühe haben, links und rechts zu unterscheiden. Der Weg denkern zum billigen Trick, um ihre sozialpazifistische Predigt loszuwerden, fast
vom Linken zum Rechten ist mit bürgerlichen Floskeln des sogenannten "Erwachsen- schon im Sinne des Herrn Woytila, der ja auch Unterdrückern und Unterdrückten
werdens" wie jener von der "Illusionslosigkeit" gepflastert, die wenig mehr als eine gleichermaßen vom "Machtdenken" abrät und damit nur zeigt, daß er auf der Seite
durch geheuchelte Wehmut versüßte Anpassung an die Tauschwertgesellschaft meint. der Machthaber steht. Übrigens muß daran erinnert werden, daß der Erfinder des
Vom revolutionären Bewußtsein zur niederträchtigen Durchwurstelei in volkstümlicher schönen Begriffs "Linksfaschismus" Professor Habermas gewesen ist, Verwässerungs -
Schwejik-Pose; von der Kritik kapitalistisch vermittelter Bedürfnisse zur Sloterdijk'schcn theoretiker der Frankfurter Schule und sozialdemokratischer lntegrationsdiplomat,
Ideologie reflektierter Bedürfnislosigkeit. Nur dürfte eine genauere Inspektion der der diesen Vorwurf 1968 mit großer demokratischer Gebärde gegen Rudi Dutschke
diversen Diogenes-Tonnen ergeben, daß einige davon verdächtig komfortabel ausge- schleuderte, weil er in der Verletzung akademischer Hausordnungen bereits den revo-
stattet sind. lutionären Willen witterte. Die aufheulende Springer- Presse hat dieses Stichwort
Wer dazu auffordert, mit dem Kopf statt mit dem Bauch oder mit dem Arsch zu damals mit großer Dankbarkeit aufgenommen und der Begriff gehört seither zum
denken, der handelt sich den "Oberlehrer"-Vorwurf unfehlbar von denjenigen Ober- Grundarsenal der Schlagworte bürgerlicher Ideologie. Wer sich heute schon vor einer
lehrern ein, die erfolgreich ihren Psychologie-Kurs absolviert und es gelernt haben, zukünftigen revolutionären Macht mehr fürchtet als vor der bestehenden, die mit
sich dem ideologischen Elend der Jugend mit gekonnter Lieblosigkeit anzubiedern. Repression keineswegs geizt und immerhin auf den Atomkrieg zusteuert, der wird
Wer auf bestimmter Kritik beharrt, muß von denen als Besserwisser verschrien vermutlich angesichts einer tatsächlichen revolutionären Bewegung auch als erster
werden, deren ordinärer Relativismus nur zeigt, daß ihnen sowieso alles egal ist. nach der Polizei rufen. Das gutfrisierte und mit Emanzipationsparfum (Duftnote:
Es handelt sich dabei um dieselben Leute, die sich deswegen auf der Höhe der Zeit pädagogische Innerlichkeit) deodorierte Ohnmachtsbewußtsein städtischer Sozialar-
glauben, weil sie stets mit dem Strom schwimmen, weil sie pünktlich zum Saison- beiter, deren einziges "revolutionäres" Attribut gelegentlich getragene Lederjacken
Beginn als mechanische Registrierkassen des Zeitgeistes den letzten Schrei der ver- s ind, deckt sich insofern völlig mit dem zum moralischen Fusel destillierten Geist
markteten Moden zielsicher ausspucken. Zum Standard-Repertoire gewiefter Berufs- des Gros jener friedensbewegten Opposition, die nichts weiter als das gute, das
-s6- -57-

bessere Gewissen des imperialistischen Staates sein möchte. Nichts wäscht die blutige Marxismus wieder einmal gegen den historischen Strich seiner Entwicklung gebürstet
Weste des deutschen Kapitals weißer als das bewährte Betroffenheitspulver mit dem werden muß. Die dem Ostblock gegenüber blind apologetische Festzelt-Sekte DKP
speziellen Wirkstoff eines psychoanalytisch aufbereiteten Defaitismus, der seine konter- ist keine Alternative; die Zeit des farcenhaften Auftritts der K-Gespenstergruppen
revolutionäre Potenz als besonders tiefe menschliche Einsicht rationalisiert. Alles darf scheint abgelaufen. Noch lange nicht abgelaufen ist die Zeit des Marxismus als radika-
sein, Töpferwerkstätten, gegenkulturelle Kleinkunst, der gewaltfreie "Diskurs" über die ler theoretischer Kritik der Verhältnisse, die zur materiellen Gewalt werden kann.
Zukunft der Vergangenheit, die Spielwiese für Bewußtseinsakrobatik - bloß nicht das Gesellschaftlich ist Verhärtung angesagt. Abschied vom sozialpädagogischen Elendsbe-
Aufwerfen der Machtfrage, bloß nicht "zum x-ten Mal nachweisen, daß sich der Kapita- wußtsein, das zwischen reformistischen Schrebergarten-Träumen und existentialistischen
lismus in einer Oberproduktionskrise befindet" (Komm-Zeitung). Als wüßte diese lyrische Todesbotschaften pendelt. Der innere Frieden hat keine Zukunft. Also zur Tagesordnung.
Narhalla des status quo überhaupt so genau, was eine Oberproduktionskrise ist. Wer er- Aber anders: Gegen den Strom.
innert sich da nicht an den denkwürdigen Auftritt des Gewerkschaftsbosses Horst Klaus
vor der Lorenzkirche anläßlich der Nürnberger Massenverhaftung anno 1981; diesem Robert (Bobby) Kurz
"linken" Sanitätsrat der Sozialpartnerschaft fiel angesichts der staatlichen Repression
auch nichts Besseres ein, als in seiner holprigen Rede des langen und breiten vor der
schrecklichen Gefahr revolutionärer Gelüste zu warnen. Die zähneklappernde Botschaft
mußte ein umso grelleres Licht auf den ideologischen Zustand des Gewerkschaftsfürsten
werfen, als von seinen Zuhörern außer einer anarchistischen Kindergruppe kaum jemand
an Revolution dachte: die versammelte frischgebügelte Gymnasialjugend wollte sich
doch nur bestätigen lassen, daß "wir" trotz alledem "in einer Demokratie" leben, und
das sozialdemokratische Fußvolk schlurfte anschließend ins Gotteshaus, um unter der
sachkundigen Anleitung eines demokratischen Geistlichen für den inneren Frieden zu
beten.
Es kostet momentan keine große Anstrengung, radikale Kritik als die Verirrungen
eines "Altlinken" abzutun. Aber die emanzipatorischen Elendsverwalter und kritischen
Untergangs-Sensibilisten sollten aufpassen, daß sie nicht plötzlich weit hinter einem
neuen Zeitgeist zurückbleiben. Denn die Verhältnisse, sie sind nicht so. Eine "Wende"
zieht früher oder später die andere nach sich, und Karl Marx wird vielleicht schneller
rehabilitiert, als es den Strategen der Bewußtseins-Märkte recht ist. Erscheinungen wie
Punk, New Wave etc. unter der Jugend sind keine neuen kulturellen Äußerungen, son-
dern bloß ideologische Zerfallsformen der sozialen Integration unter d~m Eindruck der
Weltwirtschaftskrise. Es kommt nicht darauf an, Ghettos für "Randgruppen" zu basteln,
auf die der Repressionsapparat dann gelegentlich draufschlagen kann, damit der Stoff
für die Betroffenheit nicht ausgeht und die Arbeitsplätze der sozialpädagogischen
Mittelklasse erhalten bleiben. Es kommt darauf an, eine ncwe gesellschaftliche Avant-
garde für den Machtkampf gegen die alten Feinde zu formieren: gegen das bürgerliche
Eigentum, gegen den bürgerlichen Staat, gegen die bürgerliche Familie. Aufrüstung
für den Klassenkampf, insofern ganz orthodox.
Freilich sollte heute niemand besser als ein marxistischer Revolutionär wissen,
daß die alte Arbeiterbewegung spätestens seit dem 2. Weltkrieg endgültig gestorben
ist, daß die alten Formen und Inhalte restlos ausgelutscht und ausgelaugt sind, daß der
-ss-

Stoff für grundsätzlichere


Uberlegungen bietet erst der
EINIGE ÜBERLEGUNGEN ZU DEN 'UBERLEGUNGEN ' DES KB Regriff der 'Einschätzung·,
der, das im voraus, den ganzen
ODER Widerspruch des KB enthält.
Unsere lieben Kommunisten
WARUM DER SCHWANZ DES GETRETENEN HUNDCHENS wollen auf Grund einer anderen
AM LAUTESTEN HEULT 'Einschätzung' der Bewegung
zu einer Ablehnung des ,Zeit-
schriftenprojekts "Eiser~e
Siehe Flugblatt des KB Seht nur dies Blatt, von seiner Hand Fresse" gekommen sein. Ab-
im Anhang (S. 90) geschrieben. ein lahm Sonett aus gesehen davon, daß die An-
eignem leeren Hirn ... sicht, ein kritisches Organ sei überfliissig, weil die kritisierte Bewegung eh
theoriefeindlich wäre (gerade das müßte dann ja auch kritisiert werden), von
\Villiam Shakespeare
tiefer politischer Ignoranz zeugt, ist die Darstellung in den 'Überlegungen·
nur die halbe Wahrheit. Wie entstand die Einschätzung· wirklich?

So war uns also wieder einmal das Jahresereignis vergönnt, ein Flugblatt der Zunächst war der KB vom Zeitschriftenoro.iekt sehr angetan. Die ro 'Eisen-

Nürnberger KB-Gruppe in die Hand zu bekommen. Die Freude wurde noch fresser, unterihnen oben genannter Herr Kurz, wurden in die heiligen Hallen

dadurch gesteigert, daß es sich nicht um den iiblichen Arbeiterl..ampf- Nach- der Organisation eingeladen, zwecks gemeinsamer Diskussion. Die berufs-

druck handelte, sondern um eine echte Eigenprodul..tion. Toll! Welches bedeu- mäßigen blinden Passagiere für Politdampfer äußerten natürlich, wie immer

tende weltpolitische Ereignis konnte die sonst so stillen und bescheidenen und überall, ihr Wohlwollen gegenüber dem Projekt und kündigten sogar ihre

Nürnberger KBier zu derartigen Geistesleistungen getrieben haben ·' Der 111. evntuelle Mitarbeit an, die so wenig wie möglich durch inhaltliche Debatten

Weltkrieg, der Kampf des Volkes von EI Salvador , die Ent,vicklung der Sowjet- belastet werde sollte. Doch, oh Schreck, die ekelhaften Theoriewixer von der

union oder vielleicht die Kommunalwahlen '' Weit gefehlt. Es war lediglich das Eisernen Fresse hatten nichts besseres zu tun, als die Politik der heiligen

ketzerische Pamphlet eines gewissen, bis dato völlig unbekannten Herrn Kurz, Mutter Organisation und ihrer fleißig rädelnden Kinder zu kritisieren. Nach

dem auch noch seine Unwichtigkeit bescheinigt wird. Warum also dann ein diesem Affront war die Zusammenarbeit natürlich gestorben, dafür aber, oh

Flugblatt, noch dazu in riesiger Auflage '' Den Grlindcn dieses, flir nlirnberger wie dialektisch, eine neue 'Einschätzung· P,eboren.

KB- Verhältnisse, geradezu phänomenalen Kraftalts nachzugehn, soll Aufgabe So verlief alles gemäß der Ideologie des KB: die 'Einschätzung' wurde nicht

dieser kleinen Schrift sein. von "akademistischen Seminarmarxisten" am Schreibtisch ersonnen, sondern
entwickelte sich unmittelbar aus der 'politischen' Praxis der Kommunisten.

Heißa, heißa , der Kerl tanzt ja wie toll Nicht die Untersuchung der realen Verhältnisse war entscheidend, die ob-

gewiß hat die Tarantel ihn gebissen jektive Notwendigkeit radikaler Kritik, sondern unmittelbar taktische Uber-
legungen.
E.A.Poe
Diese Vorgehensweise mag zwar seltsam erscheinen, ist .iedoch in der ML-
Der KB gefällt sich in seinen 'Uberlegungen ' vor allem in billigen persön- Bewegung nichts Neues, und wer die Entwicklung des Marxismus noch etwas
lichen Angriffen und Fehldarstellungen. Diese im einzelnen zu widerlegen weiter zurückverfolgt, wird erstaunt feststellen, daß sie durch einen georgischen
ist müßig. Wiederholt sei hier nur die Bemerkung eines altgedienten Scene- Rauernsohn und dessen 'Sozialismus in einem Lande' berühmt wurde und auch
Veteranen:"Wollte man die ganzen begonnenen und gescheiterten Projekte des in China nicht ganz unbekannt war.
KB aufzählen, so könnte man damit mehrere Bände füllen". Doch dies, wie
gesagt nur am Rande.
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Die gar wundersame Verwandlung dadurch eindeutiger und das ist gut so." (Offene Antwort an Bahro, 1980,
Leitendes Gremium des KB)
des ' Marxisten · ßahro in einen
Glücklicherweise entwickelte sich Bahro mehr und mehr nach rechts und
arbeiterf e indli c hen 'Schwätzer ·
ermöglichte damit sogar dem biedersten ML - Kader die, wenn auch ober -
flächliche , Widerlegung.
Eine ähnliche Behandlung dur c h die westdeut schen K- Gruppcn widerfuhr
Die Schwächlichkeit dieser inhaltlichen Bcfassungen mit ßahro entspricht
librigcns auch dem SED-Kritikcr Bahro. Obwohl er bereits in der "Aiternative 'Xn)
genau der tagespolitisch bedingten Kurzsichtig~eit der K- Gruppen - ldeologen.
seinen Abschied vom Proletariat und damit vom Marxismus genommen hatte ,
Beispielhaft sei hier nur ein Artikel aus AK 227 herangezogen: Titel : "Mit
reagierte die gesamte ML, allen voran der KB , mit theoretischer Ignoranz und
Bahro zurück ins Mittelalter" . Diese Veröffentlichung neueren Datums ~ teilt
ta~tischen Umarmungsver s u c hen ~ Das Buch ma c hte furorc, die Kommunisten
in etwa das höchste Niveau dar. das sich zwischen Berichten und Interviews
schwiegen. Die Veranstalter · des Bahro-
(JHT (1/HfT 'N PU VR, HRU RB /Al PIE finden läßt.
kongresses bcurtei Itcn die La ge so : PP~ lfRAJNEK.EIJ I - ~
I
"Die ML -Orga nis at 1onc n glän zt en durc h
gebremste Zune igung oder Abstinenz . Keinem von diesen Philosophen ist
Der KB hielt s ic h raus, war mit de n es eingefallen. nach dem Zu -
Listen beschäftigt . Der KB\V libtc s ic h
im Plakate abreißen, die KPD - MI_ war ~ammenhang der deutschen
im Bctr1eb, die KI'D, weltoffen und Philosophie mit der deutschen
gesprächsbereit. war wohlwollend ... "
(Stein~e, Sliß, Wolter :"Sein Lied geht Wirklich~eit , nach dem Zusammen-
um die Welt" in Kritik 19 S. 5 I) hange ihrer Kritik mit ihrer
Beim KB vollzog sich der Wandel zur eigenen materiellen Umgebung
kritischen ' Eins chätzum( wiederum in zu fragen.
bezei c hnender Weise . Bahro ~am in den Kar! Marx
\Vesten, trat den Grlincn bei und ent -
wickelte seine ideologisc hen Konturen. Die erste Hälftedieser halb-
deren Grundstein er bereits in der "Alternative" gelegt hatte, weiter. Er theoretischen Entäußerung besteht
gewann an Einfluß und wurde so auch flir die immer bündniswilligen Kßler Uberhaupt nur aus taktisch be-
interessant. Doch die friedliche Koexistenz währte nicht lange. Als Bahro stimmtem Firlefanz, der inhalt-
schließlich soweit ging. die Selbstauflösung des KR zu fordern (welch schreck-
lich nur das Unbegriffensein realer Klassenverhältnisse durchscheinen läßt. Da
licher Frevel) , sah sich dieser endlich gezwungen, Kritik zu Uben .
wird beweint, daß Bahro bestimmen möchte wer ·grun · ist und wer nicht.
Wider war eine neue ' Einschätzung · geboren. aber nicht aus einer theoretischen
Während er dies an ökonomischen Inhalten bestimmt von denen er sich ab-
Auseinandersetzung, sondern aus einer plötzlichen tagespolitischen Wendung.
grenzt, ist dies für den KB natürlich eine organisatorische Frage. Man hat
Die Entdec~ung, daß ßahro wohl doch kein Kommunist war, kommt so ganz
schließlich die Anwesenheit seiner Mitglieder bei den Grlinen zu rechtfertigen
liberraschend und wird mit der entsprechenden naiven Enttäuschung kommentiert :
(in Nürnberg allein an die 10) . Wenn Bahro diese und andere kommunistische
"Lieber Genosse ßahro, als du gleich nach deiner Einreise in di e BRD deine
Absicht bekanntgabst, die Sozialisten dieses Landes zusammenführen zu U-Boote zum Verlassen der Partei auffordert, hat er allerdings recht.
wollen,war noch keineswegs absehbar. daß es bei einer Empf e hlung zum Im weiteren werden dann eine Anzahl inhaltlicher Aussagen über die Gewerk -
politischen Selbstmord enden wUrde. Nun ist es heraus: manches wird
schaften, Arbeitslosigkeit und das Verhältnis zur 111. Welt zitiert, von denen
keine einzige widerlegt wird. Am Schluß wird lediglich die angebliche Kon -
ö Bahro hieß damals beim KB noch "Marxist " oder "Marxistischer Kritiker"
mit Vornamen (vgl. Arbeiter~ampf 133 s. I und sl sequenz daraus als Schreckensbild an die Wand gemalt :
"ßahros Thesen beinhalten eine Frontstellung gegen die Arbeiterklasse und
-62- -63-

gegen autonome gewerkschaftliche Ansätze. Sie laufen hinaus auf Verewigung Zielrichtung, die ihn mit dem Rest der Grün-Alternativen Bewegung und
der Trennung zwischen Grünen und Arbeiterklasse, somit auch auf Verewigung
der Hegemonie der Sozialdemokratie über die Arbeiterklasse." (AK 227 S. 37) ihrer Ideologen verbindet. Die Kritik des KB an dieser Ansicht beinhaltet
Daß die Trennung zwischen Alternativideologie und Marxismus nunmal eine im wesentlichen drei Punkte: in der vorindustriellen Gesellschaft herrschte
Tatsache ist und ihre objektiven Ursachen in materiellen Klassenverhältnissen Armut, Kleinprojekte heben die Konkurrenz nicht auf, sie sind von der ln-
hat, ist unseren Ruckzuck-Kommunisten fremd. Daß die Grünen eine eigene dustriegesellschaft abhängig. So richtig diese Kritik sein mag, so beschränkt
politische Strömung darstellen, mit eigenen Ideologen, wie Ulrich, Huber, Bahro ist sie auch und zudem schon zigmal von Linkssozialistischer und DKP-Seite,
etc. und einer eigenen sozialen, klassenmäßigen Basis, die hauptsächlich aus mit einer viel stichhaltigeren ökonomischen Ableitung, vorgebetet. Durch
dem in den letzten Jahrzehnten aufgeblähten Reproduktionsapparat kommt, ist ihre Wiederholung werden diese zusammenhanglosen Argumente allerdinßS
dem KB völlig gleichgültig. Er hat da seine eigene Einschätzung: nicht besser. '
"Daß die Grüne Partei allerdings Teil des Prozesses der Herausbildung einer Die Kritik des KB versteht weder die gesellschaftlichen noch die ideologie-
sozialistischen Partei in der BR D ist, ist kaum zu bestreiten. Insofern müßte geschichtlichen Ursachen für den Aufstieg von Autoren wie Bahro und kann
es eine Aufgabe von Kommunisten sein, auch innerhalb der Grünen Partei
diesen Prozell voranzutreiben." (AK- Nachdruck Thesen zur Perspektive der G.P.) sich ihnen deshalb nur als richtigere Meinung gegenüberstellen. Eine wirksame
Die sozialistische Partei als Mixtur aus verschiedenen bürgerlichen Strö- Kritik der Grün-Alternativen Ideologie müßte zumindest ansatzweise auf ihre
mungen? Und dieser Mist soll etwas mit Marx oder Lenin zu tun haben? Klassenbasis eingehen, die realen ökologischen Probleme in marxistischer
Oder haben neuere tagespolitische Ereignisse die "Einschätzung' schon Weise aufnehmen und damit den Ökologismus "dialektisch aufheben', d.h.
wieder umgeworfen? Doch zurück zu unserem Bahro-Artikel. seine positiven Gesichtspunkte aufgreifen. Sie müßte außerdem die Verkürzung
Noch viel schlimmer ist das Verständnis der Arbeiterklasse selbst, das hier des Marxismus seit der II. Internationale, deren wichtiger Punkt gerade die
zum Ausdruck kommt. Diese hat angeblich nur die Wahl zwischen Grünen unkritische lndustriebejubelung war, als Ursache des Aufstiegs bürgerlicher
und SPD, muß nicht ihre eigenen ideologischen Konturen entwickeln, ist auf Ideologien erkennen und deren Kritik mit einer Überwindung dieser Verkürzung
bürgerliche Parteien angewiesen. Welchen Sinn hat dann aber eine kommu- den Boden entziehen.
nistische Organisation? Bleibt für diese nur noch die Aufgabe, die Grünen so Zu solchen Überlegungen aber kommt der KB gar nicht erst. Daß Ideologien

zu beeinflussen, daß sie sich der Probleme der Arbeiterklasse annehmen? in historischen Zusammenhängen stehen, ist ihm fremd. Der völlig auf aktuelle

Theorie und Praxis des KB deuten auf "Einschätzungen getrimmte ML- Verstand hat ganz vergessen, wie man in
ßLap_pll>TJUaELCHEN
historischen Zusammenhängen denkt und taugt höchstens für einen theoretischen
eine solche Ansicht hin. GITFILLT rttR NICI{T!
Grundlage dieser Konfusion ist, wie 1oom-Lauf, während ihm auf lange Strecken schnell die Puste ausgeht.

gesagt, das Fehlen eines klassenmäßi- Marxistische Kategorien, wie Klassengesellschaft und gesellschaftliche Totalität,
sind unserem ideologischen
gen Herangehens an die Wirklichkeit {JJf VfRSTW( ICH Dil5 NlJR
und damit eines historisch-materiali- Rlf 6EsrENJ.VIELLEJCH1 UNTeR Schlappschwanz hohle Phrasen,
DEM FILTB\NRTIVEW PONQiO ••• die er irgendwann mal geschult
stischen Ansatzes. Diesen entscheiden-
den Fortschritt des Marxismus gegen- hat, aber nicht anwenden kann,

über bürgerlichen Ideologien hat der höchstens , je nach taktischer


KB in der tagespolitischen Rödelei Notwendigkeit, dogmatisch gegen-

verloren. Er ist nicht mehr in der überstellt~ Was bleibt sind jeder-
Lage, Ideologie und Gesellschaft in zeit falsifizierbare "Einschätzungen:
einen Zusammenhang zu stellen und ä Typisches Beispiel für diesen Fall
daraus eine wirksame Kritik zu entwickeln. ist eine Kritik an Gorz in AK 228.
Man zitiert ihm gegenüber Marx:
Der inhaltliche Teil des Artikels bestätigt diese Behauptung. Er beginnt mit "ln Ländern wie Frankreich, wo die
überlangen Bahro-Zitaten, in denen dieser den Ausstieg aus dem Industriesystem Bauernklasse mehr als die Hälfte
der Bevölkerung ausmacht, war es
und den Aufbau einer selbstverwalteten Kleinproduktion proklamiert, eine
natürlich daß Schriftsteller, die für das Proletariat gegen die Bourgeoisie auf-
-64- -6s-

Nach diesem längeren Abschweif sind wir somit wieder zu unserem Ausgangs-
WEHDEN AUCH SIE STÄNDIG VON Mt - SEKTENJUNGERN BELÄSTIGT? begriff zuriickgekehrt. Wie gesagt liegt in diesem Wort 'Einschätzung· der
Sitzt auch in ihrer Initiative ein Killer, der nicht gern zugibt, daß er einer ganze Widerspruch des KB und die ideologische Ursache seiner Verirrungen
ist" begraben - das falsch verstandene Verhältnis von Theorie und Praxis.

Wir empfehlen in diesem Fall: Warum die theoretische Praxis der


praktischen Theoretiker nur eine
theoretische ist und die prakt;ischen
KIHTIK Theoretiker nur theoretische Theo-
retiker
oder
Hilfreich in allen Fällen. Sehen sie die Wirkung von KI~ITIK im Fall Bahro.
du liebst dich nicht ich lieb dich
nicht da da da
vcmHEI~: (AK 133 S. sl
"Auf dem Programm der Kommunisti- "Bahros Alternative stellt einen Der theoretisch-wissenschaftlichen Arbeit wird jede Eigenständigkeit abge-
schen Opposition soll nach Bahros Mei- wichtigen Ansatz für die Diskussion sprochen, sie hat immer unmittelbares Instrument der aktuellen politischen
nung stehen: statt Au sweitung von gerade auch der ßRD-tinken dar. Praxis zu sein. So kann ein Bahro natürlich nicht kritisiert werden, bevor
Großtechnologien und unbegrenztem Seine Perspektive einer sozialistischen nicht völlig klar ist, daß von ihm nichts praktisches mehr zu erhoffen ist.
industriellen Wachstum, Entwicklung Gesellschaft ist für Ost und West Theorie und Praxis stellen so (Ur den KB eine "dialektische Einheit" dar.
a Iterna ti ver Produl.. tions-und Lebens- gleichermaßen bedeutend." Selbige kommt aber nur dadurch zustande, daß man das Problem ins Subjekt
formen." verlegt, konkret: in die individuelle Tätigkeit der Kommunisten oder besser,
der Parteikader. Durch diesen Trick eriibrigt sich allerdings die Auseinander-
setzung mit dem Verhältnis von Theorie und Praxis, denn ein Kommunist, als
NACHHEI~: (AK 227 S. 37) Individuum, ist natürlich sowohl 'theoretisch· wie 'praktisch' tätig. ßeide

"Das Geschwätz von Leuten wie Rahro Begriffe aber sind, so verwendet, falsch.
"Sein Zauberwort lautet: alternative
S~wie die Theorie nicht nur Instrument der Tagespolitk sein kann, sondern
Projekte. Also Kleinproduktion in Uber- hat den praktischen Nutzeffekt, daß
sich die Griinen als Buhmann fiir die Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse in ihrer Totalität, so kann auch
schaubaren, selbstversorgenden. weit-
Auswirkungen der kapitalistischen die Praxis, zumindest nach kommunistischem Verständnis, nur gesellschaftlich
gehend autonomen Einheiten."
wirksame und nicht individuelle sein. Das Problem ist also in der Realität
Krise aufbauen lassen könnten."
die Vermittlung zwischen individueller, 'theoretischer · Praxis und gesamtge-
sellschaftlicher oder anders, zwischen theoretischem Pol und revolutionärem

deshalb
traten ... den kleinbiirgerlichen Maßstab anlegten." Dieser UND SV ~IEf'E IUI NICU DEN
vor 150 Jahren durchaus richtige Satz hat heute keinerlei
analytischenWert mehr; oder sind in Frankreich etwa mehr
lll/ftPF DER KURfi.J( NER qEqEN
als so% der Bevölkerung Bauern. Wer selber nicht mit ...... TIER5Ulc1TLER RN!
,.."..,~
KI~ITIK
Klassenkategorien umgehen kann, muß iiberholte Wahrhei-
ten als dogmatische Phrasen Ubernehmen. Der ach so offe-
ne Praktizist erweist sich so wieder einmal als der einzig
in allen Buchläden echte Dogmatiker.

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-66- -67-

Subjekt, zwischen Partei und Arbeiterklasse. Die Aufgabe der Kommunisten Hündchens heult also deshalb am lautesten, weil er doppelt getretener _ist. An
besteht somit hauptsächlich in der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse 'kommunistischer Politik' bleibt dann übrig, daß, nachdem man Veranstaltungen
und der Erarbeitung einer daraus abgeleiteten Strategie, deren entscheidendes (natürlich incognito) mitorganisiert, auf denen andere reden (z.B. Kari-Heinz
Moment zunächst die Vermittlung mit der I{ lasse selbst ist, denn nur dieser Um wer, Hansen zu Nicaragua), die Parteitrottelchen am Schluß brav ihren Arbeiter-
führt zu einer wirksamen Praxis. kampf hochhalten.
Das Fehlen einer solchen Strategie hingegen bewirkt. wie man am Beispiel des Die Redaktion dieser Zeitung scheint auch tatsächlich den Restposten Kommu-
KB wunderbar sehen kann, unkritische Abhängigkeit von tagespolitischen Ereig- nisten zu enthalten, der sich in diesem Haufen aus Nobelalternativies,
nissen und letztlich theoretische und praktische Hilflosigkeit. Der Subjekti- moralisierender Frauenfront und ewig rödelnden Politikastern findet. Denn
vismus, für den Politik immer nur individuelles Einwirken auf diese Ereignisse zwischen Zusammenfassungen aus Taz- , FR- und SZ- Artikeln, unsinnige'h

ist, wird so zur Marionette objektiver Entwicklungen. Interviews und anderen Lückenfüllern, entdeckt man doch noch hin und wieder
Dieses Dilemmakönnte nur durch kritische. theoretische Hinterfragung der den einen oder anderen lesbaren Artikel, der von der inhaltlichen Kompetenz
eigenen gesellschaftlichen und ideologischen Voraussetzungen erkannt und gelöst des Verfassers zeugt. Der KB als Bundesorganisation stellt hingegen nur eine
werden. Da diese aber dummerweise in der Tagespolitik nicht vorkommen, hohle Schale für eine inhaltliche Linie dar, die man nicht mehr hat und als
schließt sich der Teufelskreis des subjektivistischen Praktizismus. fundierte, undogmatische niemals hatte. Die Uraltthesen von der besonderen
Nach diesem Verständnis hat also der KB weder Theorie noch Praxis. Eine Aggressivität des BRD-lmperialismus und der Faschisierung sind von den Mit-
Scheinlösung für dieses Dilemma findet er im Anbiedern an vorhandene Be- gliedern genauso unbegriffen, wie sie, ander Realität gemessen, falsch sind.
wegungen, durch die er hofft, doch noch Einfluß auf gesellschaftliche Fragen Die tote Organisationshülse hat ihre politische Existenzberechtigung längst
gewinnen zu können. Genauso unvermittelt, wie man sich 10 Jahre zuvor vor verloren und die Leute, die ihr wieder Leben einhauchen könnten) sind eine
die Fabriktore stellte, schmeißt man sich jetzt politischettStrömungen in den schmale Minderheit. Das dennoch lebendige bornierte Festhalten an dieser
Rachen. Dort wird dann versucht, als Schwanz der Grünen, der Demokratischen toten Hülse führt uns zum, neben der inhaltlichen Betroffenheit, zweiten
Sozialisten oder der AK\V-Bewegung mit dem jeweiligen Hund zu wackeln. Das Grund der Überreaktion des KB -des ML-Sektencharakters als Kehrseite des
aus dieser lächerlichen Pseudo-Politik folgende 'Ausbluten· des KB, der fließen- unvermittelten Praktizismus.
de Übergang in die Grün-Alternative Scene, wird dann als "die Krise der Lin-
So sieht der Wal wie ein Fisch aus
ken" bewinselt. ist aber ein Säuger
Sie geben sich jede belieb'ge Gestalt der Klippschliefer ähnelt einem Hasen
zum Exempel sie sehn einen geilen ist aber eine Art Elefant
langhaarig verwilderten Bubenfreund Fritz Erik Hoevels
gleich äffen sie nach des Verrückten
Das Nicht-Vorhandensein einer gesellschaftlich wirksamen Praxis, sprich: einer
Gestalt und verwandeln sich selb st in
revolutionären Arbeiterbewegung und einer Vermittlung mit dieser, sowie das
Kentauren
fehlende Verständnis dieses Verhältnisses, führten in den 70er Jahren zu einem
Sokrates
Abgleiten der ML- Bewegung in den unvermittelten Prakti- _ " /.<\. \Jri!W\
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, daß sich der
zismus. Unkritisch wurden theoretische Konzeptionen der
KB von der Polemik des Herrn Kurz besonders betroffen
Stalinkomintern und des Maoismus übernommen. Der Marx·
fühlt. Denn in seiner falschen Unmittelbarkeit, Theorie-
ismus wurde zur unmittelbaren Handlungsanleitung verwur-
losigkeit und der Verleugnung real vorhandener politischer
stet und letztlich Rechtfertigungsideologie der eigenen Pra·
Fraktionen, mit eigenständigem ideologischen Profil und
xis, wie er dies schon 50 Jahre zuvor für die Entstehung
eigener Klassenbasis, treffen sich diese 'Kommunisten·
einer neuen Klassengesellschaft in der Sowjetunion gewor-
mit dem Rest der Scene, sind Bestandteil und gleichzeitig
den war. Die Tragödie wiederholte sich, weil unbegriffen,
Rührlöffel des "d.len Breis". Der Schwanz des getroffenen
-68- -69-

als Farce. lung des Marxismus, der allgemeinen P,eistigen Enteignung in der spätbürger-
Fehlende Praxis und fehlende Theorie, beide unverstanden, wurden durch Dog- lichen Gesellschaft und den unentwickelten Klassenkämpfen in der BRD abge-
matismus und starke Worte ersetzt und fanden schließlich ihre Form in Prolet- leitet werden.
kult und Sektenfanatismus. Der KB nahm seinen Abschied davon nur rein äußer- Die 'iiberle~ungen· boten einen guten Anlaß, Praktizismus und Sektenhaftig-
lich, indem er sich zunächst der AK\V-Bewegung und später den Grünen zuwandte. keit des Kll der öffentlichen Diskussion preiszugeben und damit vielleicht
Der praktische Abschied vom Proletariat fiel um so leichter, da man dessen unsere SektenjUnger zu einer ehrlichen AuseinandersetZling zu zwingen.
Rolle und Entwicklung sowieso nie begriffen hatte. (Wer heute eine offene VV
des KB besucht, wird schnell feststellen, das der KB bis jetzt noch keinen Die Waffe der Kritik kann allerdings die 1 '<ritik
Schritt weiter gekommen ist). der Waffen nicht ersetzen, die materiell~ Gewalt
Auch nach dem großen Schwenk geben sich inhaltliche Konfusion und pseudo- muß ·gestiirzt werden durch materielle Gewalt
praktische Rödelei weiterhin die Hand. Immer noch stehen, an der Stelle einer allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt
theoretisch abgeleiteten Strategie, taktische Manöver und organisatorische sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist
Anbiederungsversuche. Interessant sind die Gruppen und Strömungen, die sich fähig die ll.~assen zu ergreifen, sobald sie ... radikal
möglichst unkritisch verhalten und die Sekte nicht in Frage stellen, weshalb wird. l~adikal sein ist, die Sache an der Wurzel
sich der KB auch mit Ökoleuten und Pazifisten wesentlich besser versteht als fassen.
mit kommunistischen Kritikern. Karl Marx
Wer statt organisatorischen Bündnissen offene Auseinandersetzung und Kritik
fordert, wird abgeblockt, als Gegner entlarvt und folglich bekämpft. So erging Trotz allem wird sich die Initiative Marxistische Kritik, die sich als Diskus-
es der "Eisernen Fresse", der jüngst entstandenen "Marxismus- Arbeitsgruppe" sionsforum der verbliebenen Marxisten und anderer revolutionärer tinker
(jetzt Initiative Marxistische Kritik) und zuletzt auch Robert Kurz. versteht, auch weiterhin um die Mitarbeit des KR, oder besser seines kritischen
Diese Leute hatten es doch tatsächlich gewagt, sich außerhalb der Sekte mit Teils bemiihen. Die Aufforderung steht und bleibt bestehen. Andererseits sind
kommunistischer Theorie zu beschäftigen und diese kritisch gegen die treu- uns natiirlich kritische, unorganisierte teute, mit wirklichem inhaltlichem In-
doofen MLer zu wenden. Diese Vorgehen kann von bornierten Rödlern natür- teresse, lieber als teute, die sich erst einmal a priori als Kommunisten or-
lich nicht als Bereicherung und als Aufforderung zur inhaltlichen Auseinander- ganisieren, obwohl ihnen nicht einmal die einfachsten Grundbegriffe des
setzung verstanden werden, sondern nur als organisatorischer Angriff, als "Li- Marxismus bekannt sind. Es ist schon bezeichnend für diese Sekte, wenn man

quidatorentum". Die Reaktion ist entsprechend traditionell: die Diskussion wird auf einer 'lmperialismusschulung· nicht einmal in der tage ist Kategorien wie

eingestellt, Tatsachen werden entsprechend der eigenen Taktik verdreht, Mit- Warenproduktion oder Vergesellschaftung der Produltion zu klären, aber dann,

glieder nicht mehr über Seminare des in bornierter l'olitilasterarroganz, 'Einschätzungen· der Friedensbewegung mit

Der hinter taktischer Schleimerei konkreten Forderungen abgeben möchte.

und Pseudooffenheit verborgene ML- Nach dieser vorletzten Anekdote noch eine letzte: in einem Leserbrief von 3

Sektencharakter tritt so wieder offen Genossen aus Harnburg in AK 244 wird die Krise des KR auf das sinkende

ans Tageslicht. Seine ideologischen Interesse an sozialistischen Positionen geschoben (wahrscheinlich vor allem im

Grundlagen sind das unverstandene KB selbst). Die Redaktion reagiert mit Unverständnis, weil der Rrief keine

Theorie- Praxis- Verhältnis und der Handlungsanleitung enthält. Ist diese schwachsinnige Begründung folglich das

daraus resultierende unvermittelte einzige, was der KB zu seinem schrittweisen Verschwinden zu sagen hat? Die

Praktizismus. In einer genaueren Ana- bösen Leute haben also keinen Roclc mehr auf Kommunismus?
Die Realität stellt sich ganz anders dar: Im Sumpf der alternativen Szene
lyse, die jedoch den Anspruch dieser
kleinen Schrift übersteigt, müßten
diese Erscheinungen aus der Entwick-
-70- - ?I -

keimt gerade in letzter Zeit, nach dem Abflauen des Friedensaktionismus, WIR SEZIEREN EINEN PAPIERTIGER

ein nicht geringes Interesse an revolutionärer Theorie auf. Was fehlt sind Zur Auseinandersetzung mit den "Antiimperialisten" und den Resten der 8I -ef Bewegung
gerade die Leute, die nicht nur beim Aktionsfeuerehen -Schüren Selbstbefriedi-
gung betreiben, sondern auch sozialistische Positionen vertreten und an ihnen
arbeiten, um damit dieses steigende Interesse auffangen zu können. Januar I984 - Deutschland ein Wintermärchen. Ein Blick in die Polit- Landschaft der BRD
Die IMK könnte ein solches Forum werden und volle Seminare und Arbeits- stimmt traurig, wendet er sich der radikalen Linken zu , so wird aus der Trauer nackte
gruppen haben diese Möglichkeit bewiesen. Auch wenn dadurch nur wenige Verzweiflung. Wo man hinsieht Resignation und Ratlosigkeit. Als einzige Perspektive er-
Leute für die Herausbildung einer marxistischen Strömung gewonnen werden scheint die Lust am Untergang , der die Herrschenden den Weg bereiten. Der Zeitgeist
können, stellt dies immer noch einen Fortschritt gegenüber der Strategie dar, steht auf Apocalypso und zwar subito und verbindet darin Normal- und Altfrnativspießer.
die Grün-Alternative Bewegung mit frustrierten Ex - Kommunisten zu beliefern. Die beschworene Wende wendet sich zur Spirale und geht in den freien Fa(! über. - Warten
Um wenigstens ein wenig dem Anspruch des KR gerecht zu werden, möchte auf den Aufschlag. Noch zehn bis zwanzig Minuten bis zur Detonation - bitte alle an-
ich meine kleine Schrift mit konkreten Forderungen beschließen: schnallen.
- Wiedereinführung einer offenen Diskussion innerhalb von KR und AK, in der Der kurze Vorfrühling der Autonomie ist unter dem Druck der Packeismassen in sich
auch eigene Strategie und Organisation in Frage gestellt werden zusammengefallen. Die 8I -er Bewegung ist längst an ihren eigenen Unzulänglichkeiten ein-
- Beteiligung der Restkommunisten innerhalb des KB an einer offenen Diskus- gegangen. Die Träume von damals hat die schnöde Realität weggeäzt - kleinlich und
sion, unabhängig von organisatorischen und theoretischen Differenzen schrumpelig sind sie geworden.
- öffentliche Antwort auf diese kleine Schrift Die 8I-er Bewegung war durch und durch subjektiv und wollte es sein. Dies war glei-
- Erdheerkuchen mit Sahne statt Müsli mit Tomatenketchup chermaßen der Grund ihrer Stärke wie ihrer Beschränktheit. Sie wollte alles und wollte
es subito. Sie liebte den Augenblick und lebte in ihm . "Die zweite Hälfte des Himmels
könnt ihr haben, das Hier und das Jetzt das behalt ich", und wir glaubten daran. Doch
ln stiller Hoffnung Augenblicke währen nicht allzulange, die herrschenden Verhältnisse haben hierzulande
einen langen Atem. Wir hatten ihn nicht . Wir riefen: "Macht aus dem Staat Gurkensalat".;
Jürgen Erdmann und der Staat zuckte kurz zusammen unter unseren Steinwürfen. Doch erholte er sich
schnell und stand unverändert und mächtig. Wir hatten ihn nicht mehr haben wollen, trotz-
dem war er geblieben.
Er hatte sich von unseren rituellen Handlungen nicht wegbeschwören lassen. Die BRD-
Verhältnisse lassen sich nur im langwierigen Stellungskrieg aufbrechen, doch wir liebten
die Revolte, ihre Militanz und ihren Pulverdampf. Vorstellungen von politischer Strategie
und Taktik gab es kaum und sie waren verpönt . Unsere Subjektivität sollte unsere Waffe
sein und sonst gar nichts. So sind wir den betonierten Verhältnissen entgegengeknallt -
die Verhältnisse waren stärker und kriegten Plexiglasscheiben .
Die Verhältnisse waren nicht nur stärker, weil der Bullenappa rat, bürgerliche Presse
und die Politiker gegen uns waren und weil wir isoliert waren. Sie setzten sich durch,
weil sie in uns waren und sind, in der Art wie wir miteinander umgehen , wie wir unser
Leben gestalten. Daß wir dam it nicht klar gekommen sind, hat der 8 I -er Bewegung den
Todesstoß gegeben , alles andere war dagegen bloß Zugabe . Jedenfalls war der pure Sub-
jektivismus von 8 I gescheitert und im Wesentlichen an sich selbst . 8 I verklärte sich
binnen kurzem zum Mythos. Es war einmal und ist nicht mehr. Resignation machte sich
breit, die meisten Kämpfer von gestern krochen zurück unter die Kneipentische und sind
-72- -73-

da bislang geblieben. alte Scheiße vom Hals schaffen können" (Charly).


Andere beschlossen weiterzukämpfen, aber ganz anders: Der Feind ist ein großes, all- Die "Antiimps" zerreißen den realen Zusammenhang, um die Schwierigkeiten vermei-
umfassendes, objektives System; also müssen wir selber objektiv handeln. Weg mit allem den zu können, die beschissenen Verhältnisse auch in sich selber bekämpfen zu müssen.
Subjektivismus! Das ist nur Psychokrempel, Privatangelegenheit, private Schwäche, Neben- Das ist psychisch bequem, denn die Verhältnisse sind in ihnen selbst genauso tief einge-
sache. Nichts im Vergleich zu den Aufgaben im Kampf gegen die imperialistischen Schwe i- graben wie in der äußeren Welt. Die "lmps" können auf diese Weise eine scheinbar feste
ne. Binnen Jahresfrist schlug das Pendel der historischen Entwicklung in die entgegenge- Identität wahren. ln ihnen selbst herrscht Ruhe, der Feind steht außen, allerdings nur,
setzte Richtung aus. Aus borniertem Subjektivismus wurde bornierter Objektivismus. Die weil sie die vielbeschworene Hauptkampflinie verkennen. Die nämlich läuft mitten durchs
pittoresken Bilder, mit denen die 81-er die Realität beschrieben, wurden von der Leer- Subjekt, und nicht zwischen tollen Kämpfern und feindlicher Gesellschaft.
formel "Imperialismus" verdrängt, der alles untergeordnet wurde. Der Antiimperialismus Die eigene Lage kommt in den Theorien der "lmps" nicht vor. Zwisch~n der eigenen
war neu geboren. Der Gegner war real und derselbe geblieben. Die Antwort der radikalen Erfahrung und den angeblichen Gesetzmäßigkeiten antiimperialistischen Kampfes besteht
Linken hatte sich scheinbar in ihr Gegenteil verkehrt. Die alten enttäuschten 81-er liefen keinerlei Verbindung. So bleibt der Begriff "Imperialismus" vollkommen inhaltsleer, weil
scharenweise ein paar übriggebliebenen Dogmatikern aus den 70-er Jahren nach. Aber so er nichts mit irgendwelchen konkreten Menschen und deren Erfahrungen zu tun hat. Die
überraschend, wie sie scheint, ist diese Entwicklung nicht. Schriften der "lmps" bestehen aus einer Aneinanderreihung von Leerformeln: Da soll der
Mit dem Verfall der 81-er Bewegung waren die Schwierigkeiten im Umgang mit ande- Teufel weiß was zusammenkommen, da ist dauernd von Perspektiven die Hede, die nie
ren Leuten und mit sich selbst oft bis ins Unerträgliche gewachsen. Das große Feeling, genannt werden, da geht ein Kampf andauernd weiter, und es wird nie erzählt, für was
das alle miteinander verbunden hatte, war schnell im AlltagsstreB verpufft. Grad in der eigentlich gekämpft wird. Die Begrifflichkeiten (z.B. Metropole, Peripherie, Front) sind
militanten Häuserscene war mit den Rückschlägen die Kluft zwischen den Ansprüchen willkürlich aus marxistischen Theorien herausgebrochen, die die "lmps", wenn überhaupt,
und der Realität des autonomen Zusammenlebens für viele unüberbrückbar geworden. dann nur oberflächlich kennen. Sie klingen gut und bedeuten gar nichts. Wenn du ein Flug-
ln dieser Situation boten die "lmps" 'nen bequemen Ausweg. Alle Schwierigkeiten zwischen blatt von denen gelesen hast, hast du alle gelesen. Konkret steht außer Prozeßterminen
Leuten waren mit einem Schlag in den Hintergrund gedrängt und gleichgültig, wenn man nix drin.
sich dem großen objektiven Feind stellt, dem Imperialismus, auch wenn man nicht so "Antiimperialismus" ist keine Theorie, sondern eine Lebenshaltung. Man hat von
genau weiß, was Imperialismus denn eigentlich ist. Psychos und Beschäftigung mit sich selber gestrichen die Schnauze voll und trägt neue
Man kam mit dem Anschluß an die "lmp"-Sekte leicht zu einer neuen Identität, die Sachlichkeit. Man redet von den "Schweinen" (statt sie zu essen), damit man nicht mehr
für viele dringend nötig war. Dieses "Ich weiß nicht einmal, wer ich bin" (Fehlfarben) war von sich reden muß. Weil man mit sich selber nicht sonderlich klarkommt, wird der Feind
noch ganz geil, als es gemeinsame Haltung mit vielen anderen Peoples zusammen war. von außen projiziert. Daher wird auch die Ausgereiftheit und Klarheit, die ihren Gedanken
Doch ganz vereinzelt nicht mehr zu wissen, wer man ist, was vielen nach dem Ende der fehlt, durch den moralischen Impetus ersetzt, mit dem sie sie raushauen. Wer widerspricht,
Bewegung drohte, war allzu heavy. Die Flucht in die Arme einer Sekte als Ersatzmutter ist ein Schwein. Die "lmps" leiten aus dem Scheitern des puren Subjektivismus einen eben-
lag da ganz nahe; ob man sich für Baghwan oder den Antiimperialismus entschied, war so puren Objektivismus ab und bleiben dabei selber durch und durch subjektiv. Denn eben
wohl oft eher zufällig und austauschbar. Nicht zufällig blühten beide Bewegungen gleich- weil das eigene Subjekt nicht zum Thema gemacht und stattdessen verdrängt wurde, kehrt
zeitig auf. das Verdrängte zurück. Die Außenwelt wird verzerrt wahrgenommen. Sie ist Spielfeld
Beiden gemeinsam ist ein klares, einfaches Schwarz-Weiß-Weltbild, das sich schützend für kollektive Projektionen aus dem eigenen Inneren, eben weil ausschließlich von objek-
zwischen Realität und Subjekt schiebt. Alles Böse bleibt draußen vor der Tür, die eigene tiven Tendenzen die Rede ist.
Person bleibt von Widersprüchen unberührt. Der Preis dafür ist allerdings ein hohes Maß Eine ähnliche Entwicklung gab es schon einmal in der Geschichte der ßHD-Linken.
an Realitätsverlust. Denn die Realität besteht in der wechselseitigen Durchdringung von Auch die 68-er Bewegung war vom Subjekt ausgegangen, das sich gegen seine Vergesell-
Objekt und Subjekt, innerer und äußerer Welt, von konkreten Verhältnissen und konkreten schaftung wehrte. Sie hatte sich antiautoritär gebärdet, um nach ihrem Abflauen in
Menschen, wobei die Menschen die Verhältnisse produzieren und die Verhältnisse die Men- einen rigiden Marxismus-Leninismus umzukippen. Aus den langhaarigen, rebellierenden
schen. Verhältnisse können nicht grundlegend geändert werden, ohne daß sich dabei die Kommunarden wurden adrett gekleidete, disziplinierte Marxisten-Leninisten, die die KPD
Menschen ebenso grundlegend ändern: "Die Revolution ist nicht nur notwendig, weil sie der 20-er Jahre zu kopieren suchten. Doch wiederholt die Geschichte nicht nur ihre Tra-
der einzig gangbare Weg ist, sondern auch dafür, daß sich die stürzenden Klassen die gödien als Farcen, auch ihre Farcen werden als Persiflagen nochmals aufgeführt. Wenn
-74- -75-

die ML-Bewegung der 70-er Jahre eine Farce der Arbeiterbewegung der 20-er Jahre sehen dem, was ist, und dem, was in diesem Land sein könnte. Radikale Träume spie-
war, so sind die "lmps" eine Karikatur der verrotteten ML-er. Sie sind genauso borniert len mit den Möglichkeiten eines ganz anderen Lebens hier und morgen. Aus ihnen
und dogmatisch wie ihre Vorgänger. Der einzige Unterschied ist der, daß die "Antiimps" schöpfen wir die Kraft und die Lust, etwas zu verändern. Wer keine Kraft zum Träu-
wesentlich dümmer sind. Aber das ist immer so: Wer einen Fehler das erstemal macht, men hat, hat keinen Grund zum Kämpfen. Unsere Träume sind ausgewandert, weil
der irrt, wer ihn wiederholt, ist ein Depp. wir es aufgegeben haben, uns mit den Realitäten im eigenen Land auseinanderzusetzen.
"Antiimperialistische" Schriften bestehen aus Phrasen; wo sie von Zusammenhängen Wir machen es uns lieber in unserem Privatghetto bequem und warten auf den Unter-
sprechen, werden die nicht erklärt und hergeleitet, sondern schlicht proklamiert. Da wird gang. Die "Antiimps" sind da nur ein Symptom, wenn auch ein extremes.
erbarmungslos innerhalb von 2 1/2 Sätzen von den Befreiungsbewegungen der Dritten Die staatlichen Repressionsapparate haben an den "Antiimps" 'nen billigen Sparrings-
Welt über die Krefelder Krawalle unvermeidlich zum Schmutzstreik von Bernd Rössner partner - mehr sind sie nicht. In der Auseinandersetzung mit den "Antiimps" schaffen
übergeglitten. Dinge werden also miteinander zusammengeschmissen, die in dieser Un- sich die "Schweine" das legale und logistische Instrumentarium, mit dem" sie zukünftige
mittelbarkeit schlicht nichts miteinander zu tun haben; ihre Auswahl ist rein willkürlich. Bewegungen niederschlagen wollen. Schon die alte RAF war von der Bundesstaatsanwalt-
Materialien aus der äußeren Wirklichkeit: Isofolter, Niealand wird Gewalt angetan. Sie schaft als Rechtfertigung für den Aufbau des Repressionsapparats funktionalisiert wor-
werden zusammengebaut zu einem geschlossenen Weltbild, um den "lmps" eine ungestörte den und dient heute noch mit dazu. Das kapitalistische System steckt in der Krise und
Identität zu ermöglichen. das Aufflammen von Kämpfen, gegen die die bisherigen Bewegungen Fingerübungen wa-
Z.B. der Internationalismus: Da stellen die Herren und Damen "Antiimps" sich in den ren, ist langfristig unvermeidlich. Die Staatsseite bereitet sich darauf vor, die Linke ist
internationalen Klassenkampf mitten hinein, damit sie nicht allein stehen, sondern in einer in Deutschland noch weit davon entfernt. Noch ist Deutschland eindeutig das Land der
Front mit dem palästinensischen Volk, der IRA, mit Grenada und was weiß ich. Vampir- Konterrevolution.
mäßig saugen die hiesigen "Antiimps" ihr Leben aus den Guerillakämpfen in anderen Tei- Die "lmps" sind eine Avantgarde ohne Fußvolk, ohne Beziehung zu der Gesellschaft,
len der Welt (deswegen ist Habasch auch so blaß). Die Erfolge dort werden als eigene in der sie kämpfen. Das ist ihre große Gemeinsamkeit mit der alten RAF. In ihrer ein-
Erfolge verbucht. Die Realität der Kämpfe dort verbirgt, wie imaginär die Kämpfe hier- seitigen Fixierung auf den Knastkampf reproduzieren sie ständig ihre Ghettosituation
zulande sind. Unter den Tisch fällt, daß die Einheit dieser Kämpfe, soweit es eine gibt, zum Rest der Welt. Wenn die hehren Kämpfer die bestehende Gesellschaft nur als Warte-
eine rein negative ist. Alle richten sich gegen irgendwelche Ausformungen des Imperialis- saal für den Knast verstehen, so spiegelt dies ihr Feeling wider, die einzig Aufrechten
mus, das ist alles. Positiv haben sie erstmal nichts miteinander zu tun. Sozialismus in in einer durch und durch manipulierten Welt zu sein. Alle anderen sind bewußt oder un-
Niealand ist etwas ganz anderes als in der BRD. Das fällt ihnen nicht auf, weil die Rea- bewußt "Counters". Eine solche Sichtweise hebt zwar das Selbstwertgefühl, macht aller-
lität des Landes, in dem sie leben, in der Theorie der "Antiimps" gar nicht vorkommt. dings politikunfähig. Unfähig, an den realen Widersprüchen dieser Gesellschaft angreifen
Die Funktion des Internationalismus hat in den letzten 20 Jahren eine eigenartige Schlei- zu können, bewegen sich die "lmps" in der Gesellschaft wie Fische in der Salzsäure.
fe gezogen. Zu Beginn der APO erkannten die Revoltierenden anhand der Schweinerei Übrig bleibt nur die Pos(s)e des Kämpfers, ohne daß konkretisiert werden kann, was
in der Dritten Welt, daß auch in ihrer Gesellschaft, in ihrem Leben etwas im Argen lag. kämpfen überhaupt heißt, und wofür gekämpft werden soll.
Die Beschäftigung mit den Verbrechen der Yanks in Vietnam schärfte das Bewußtsein Sie, die tollen Kämpfer im internationalen Klassenkampf, haben von den WidersprUch -
für die Verlogenheit des Adenauerregimes. Die Auseinandersetzung mit dem Vietnam- en des BRD-Kapitalismus keinen blassen Schimmer. Die Wirklichkeit der BRD schrumpft
krieg und dem Schahregime war der Ausgangspunkt für Kämpfe gegen den Status Quo bei ihnen auf Knast zusammen. Im Knastkampf erschöpft sich denn auch weitgehend
im eigenen Land. Heute flüchten sich die hierzulande gescheiterten Kämpfer unter die "antiimperialistische" Politik. Dieser Kampf gilt als der eigentliche in den Metropolen.
Sonne der Internationalen Solidarität. Es ist in dem Zusammenhang charakteristisch, daß Alles andere ist Pipix. Die eigene Knastarbeit ist Vorspiel für den eigenen Kampf im
die einzigen guten und großen Demos letztes Jahr in Nürnberg wegen Grenada liefen. Knast. Die "antiimperialistischen" Gefangenengrüppler von heute sind die politischen
Die Zerschlagung des revolutionären Ferienparadieses Grenada hat mehr Leute in Bewe- Knackis von morgen; der Kreis schließt sich und frißt Menschen.
gung gebracht als alles, was hierzulande lief. Unsere Träume sind in ferne Urlaubs- Eine Strategie, die konkrete Menschen für abstrakte und imaginäre Ziele sinnlos ver-
länder ausgewandert. Sie haben sich mit dem Sieg der Reaktion hierzulande eingerichtet, heizt, ist objektiv konterrevolutionär. Den "lmps" gelingt es, die Politik des bürgerlichen
schweifen in die Ferne und werden dabei belanglos. Staates heldenhaft umzusetzen. Was Zimmermann nicht schafft, schaffen seine objektiven
Radikale Träume wären Träume der Nähe, die die Diskrepanz sichtbar machen zwi- Verbündeten in ihrer Lemmingstrategie (der Lemming ist das Wappentier der "lmps" und
-76- -77-

ein leichtes Beutetier des Bundesadlers). Bei der Reagan- Demo waren noch über 1o.ooo· Spurstalinisten gehen (frei nach Rosa). Hier bricht das Manuskript der Counter-
auf der Straße, bis Krefeld haben die "Antiimps" ihr Bestes getan, um die Zahl der Akti- Schweine ab. Fortsetzung droht.
visten auf 2000 gesundzuschrumpfen, und so schnell werden sich nicht mehr so viele ins
offene Messer führen lassen. Noch einige knackige Losungen:
Die staatliche Repression trifft derzeit gerade auch die "Antiimps" und die Autonomen,
die ihnen hinterhertrotten. Damit begründen sie ihren Avantgardeanspruch. Papa Staat ZUSAMMENLEGUNG VON PETROPOLE UND MARY-PHERRIE
schlägt uns, also nimmt er uns als Gegner ernst, lautet die Ammenmärchenlogik, die da -
hintersteht. Doch wer am radikalsten vom Staat eins in die Fresse kriegt, muß deswegen DIE SCHWEINE DIREKT ANGREIFEN - NATURLICH AUCH IM SCHLACHTHOF
noch lange nicht der radikalste Gegner dieses Staates sein. Die Nazis haben 6 Millionen
Juden hingeschlachtet, trotzdem wurde der 2. Weltkrieg in Stalingrad entschieden und MESSER UND GABLE MITBRINGEN
nicht in Auschwitz.
Vor diesem Hintergrund brauchen die "lmps" die Gefangenen. Vom edlen Gefangenen
nähren sich dessen Unterstützer. Ein Teil des Glanzes des bewaffneten Kampfes fällt so Manfred Kaiser/Uili Krug (Autonome Nürnberg)
auf die "lmps". Ohne dies wären die Gefangenen aus der RAF längst nur noch ein humani -
täres Problem. Ihr Konzept vom bewaffneten Kampf ist jämmerlich gescheitert und poli -
tisch völlig irrelevant geworden. Sie reden sich ein, die verzweifelten Hungerstreiks der
RAFier im Knast wären nicht das qualvoll lange hingezogene Ende des RAF-Kampfes,
sondern erst dessen Beginn.
Trotzdem berufen sich die "lmps" andauernd auf diese gescheiterte Avantgarde. Keine
wirklich lebendige Bewegung würde sich eine Leiche auf den Schild heben. Andere Formen
von militantem Widerstand, die im Gegensatz zur RAF heute politisch-strategisch rele-
vant sind (RZ, Rote Zora, Guerilla diffusa) fallen weitgehend aus den "lmp"-Zusammen-
hängen raus und werden nicht propagiert. Sie sind keine Gefangenenbeschaffungsorgani -
sationen und daher für die "lmp"-ldeologie unbrauchbar.
Die "Antiimps" brauchen die politischen Gefangenen zur eigenen ldentitätsbildung.
Genauso wie sie Kraft schöpfen aus den Guerillakämpfen der dritten Welt, so schöpfen
die "lmps" ihre bundesrepublikanische Identität von den eingefahrenen RAFiern, ob sie
wollen oder nicht. Die werden zu hehren Helden stilisiert, die das gerafft haben , was man
selber nicht so gepackt hat, und ebenso als Märtyrer verheizt wie die Leute, die in
Krefeld oder sonstwo eingefahren sind. Christoph Wackernagel (RAF-Gefangener) beschrieb
in der TAZ vom 31.1.84 diesen Prozeß: "Die 150%-igen draußen .. . müssen sich fragen
lassen, ob sie die Gefangenen als Lebensinhalt oder Existenzberechtigung brauchen ... Die
Leute jedoch, die die Gefangenen als große Kämpfer in den Himmel heben, sind keinen
Deut besser als die, die sie als Spinner verurteilen ... Die Zerstörung des Mythos vom
Gefangenen als dem besseren Menschen ist ein Zweck ihrer Amnestierung. Für viele mag
dann eine falsche Hoffnung und Perspektive zusammenbrechen - daß Widerstand nur
möglich ist, weil es ihn im Knast gibt . Daher die Aufregung: sie sind dann auf sich selbst
gestellt".
Der Kampf um eine revolutionäre Bewegung kann nur über die Leiche dieser Schmal -
-So- -81-

EPITAPH FUR DIE NEUE WEHLEIDIGKEIT sind, deren relative Vermassung nichts mit Emanzipation, viel aber mit der Disponi-
"Der Bürger aber ist tolerant. Seine Liebe zu den bilität von Lohnarbeitern zu tun hat, die sie nicht gerne sein wollen. Nicht bloß aus
Leuten, wie sie sind, entspringt dem Haß gegen den falsch verstandenen empirischen Gründen gilt die Arbeiterklasse als historisches Sub-
richtigen Menschen" jekt diesen weichen Köpfen als "erledigt", sondern auch deswegen, weil sie auf sie herab-
Theodor W. Adorno blicken möchten mit der schiefen Arroganz der Halbgebildeten. Ihr Haß gegen den
"Eiite"-Begriff der Konservativen kommt nicht aus dem Wissen, daß die Produktivkraft

Niemand scheint noch einen klaren Begriff davon zu haben, was die "Szene" der neuen der Gesellschaft längst wirkliche Bildung verallgemeinern und jede "Elite" ebenso wie

Jugendbewegung und ihrer altlinken Hätschler eigentlich gesellschaftlich sei, aber jeder die Lohnsklaverei überflüssig machen könnte, sondern aus dem Haß gegen die wirkliche

weiß ihre Existenz gleichsam am eigenen Leib. Man kennt sich und man zeigt sich in Bildung selbst, aus dem Haß des Halbintellektuellen gegen den ganzen, u~geschmälerten

den keineswegs wohlfeilen Sperrmüll-Kneipen wie die Hautevolee des Metzgerhandwerks Intellekt: "elitär" ist für sie derjenige, der die Bücher auch gelesen hat, die sie bloß vom

und der leitenden Angestellten sich kennt und sich zeigt in den provinziellen Etablisse- Hörensagen kennen, und der auf den konkreten Inhalt der Begriffe pocht statt auf die
hohlen Floskeln des angelernten Jargons. Wer im Verdacht steht, noch etwas zu sagen zu
ments der offiziellen Kulturruinen.
haben, dem wird mit rülpsender Sinnlichkeitsideologie oder mit den Sprlichen jenes Ge -
Die "Szene" hat keine scharfen ideologischen Konturen mehr, sie wuchert wie ein
flihlsfeminismus übers Maul gefahren, der sich selber dementiert, indem er ausgerechnet
einziger riesiger Schimmelpilz auf dem abgestandenen Wasser toter Seitenarme des ge-
Intellekt und Wissenschaft als Ausgeburten des maskulinen Chauvinismus anschwärzt. Die
sellschaftlichen Prozesses. Nicht nur die politischen Fraktionen der alten 68-er Bewegurg
"antiautoritäre Phase" kehrt zurück, aber als infantile Regression eines faschistoiden Anti -
haben sich aufgelöst in diese gallertartige Masse, überhaupt jede gesellschaftliche Be-
Intellektualismus.
stimmtheit eines oppositionellen Willens hat sich verflüchtigt bis zur wüsten Beliebig-
keit. Der Fraktionskampf ist verpönt, nicht weil man die alten Fraktionen verarbeitet Die neue Intellektuellenfeindlichkeit der nach eigenen Angaben oppositionellen Jugend
ist begründet, denn diese Verächter der Bild-Zeitung erlahmen bereits in ihrem geistigen
und überwunden hätte, sondern weil man hinter sie zurückgefallen ist, weil die Schwelle
Aufnahmevermögen, wenn sie es mit mehr als drei Seiten theoretischer Erörterung ohne
der intellektuellen Belastbarkeit bereits unter dem Niveau einer Auseinandersetzung
Bildehen und Medien-Firlefanz zu tun bekommen. Wo selbst die nicht einmal mehr artifi-
mit bestimmten Gründen liegt. Die Symbole von 1968 wurden zu Kitsch und Kunsthand-
zielle bürgerliche Literatur nur noch von den Literaten selber und von ihren gelangweilt-
werk verarbeitet und schmücken bestenfalls noch die politischen Schlafzimmerwände
berufsmäßigen Rezensenten gelesen wird, wo sogar die Reichen sich kulturell nichts mehr
derer, die es heute nicht mehr gewesen sein wollen. Der Sieg der Fraktion der Frak-
leisten außer zum Status-Ornament verkommener Klassik und ordinärer Bestseller- Litera-
tionslosen ist aber der des verquollenen neuen Mittelschicht-Bewußtseins, das fatal im
tur, wo also auch die herrschende Klasse noch unter das Niveau ostelbischer Landjunker
Dusel falscher Menschlichkeit an die Volksgemeinschaftsideologie ihrer Väter, der bil-
des vorigen Jahrhunderts gesunken ist, da muß der wirklich oppositionelle Intellekt auch
dungsblirgerlichen Fleischermeister des deutschen Geistes, erinnert.
außerhalb der offiziellen Subkultur stehen, die nicht viel mehr als geistige Glasperlen und
So nimmt es nicht wunder, daß die liebste Beschimpfung und die liebste Selbstbe-
die Ohr- und Nasenringe sich ausbreitender Neo-Barbarei kennt. Wenn einigermaßen zu-
zichtigung sich im anti-aufklärerischen Dunkelmänner-Stichwort der angeblich drohenden
sammenhängende Texte als "Bieiwüste" firmieren, wenn Artikel alles sein dürfen, bloß
"Verkopfung" äußert, als wäre ein Zuviel an Intellekt die größte Gefahr für Leute, die
nicht "lang", wenn nichts geht ohne Großschrift, Schlagzeilen, Comics und Kinkerlitzchen,
kaum richtiges Deutsch schreiben können. Die grassierende Theoriefeindlichkeit ent-
wenn nicht an das originale Denkvermögen des Lesers appelliert werden kann, sondern
springt nicht dem Willen zur umwälzenden Praxis, der sich als solcher erst theoretisch
bloß an seine linksdeutsch aufgemotzten und lkea-gestylten Konsumentenklischees, dann
vermittelt wissen kann, sondern vielmehr derselben dumpfen Furcht vor Belästigung, die
weiß man, bei wem die meisten alternativen Stadtmagazine in die Lehre gegangen sind
den Spießer bekanntlich zu der schmutzigen und affirmativen Weisheit veranlaßt, daß
und welche Analphabeten sie als Kundschaft voraussetzen müssen.
Politik ja ohnehin bloß ein schmutziges Geschäft sei.
Das Zeitalter der Ideologien geht so bloß insofern zuende, als keiner mehr die großen
Die theatralische Gebärde des angeblich nach Leben gierenden Intellektuellen ist
Ideen der Vergangenheit kennt und keiner mehr fähig oder auch nur willens ist, sie sich
schon deswegen verlogen, weil sie nicht wirklich von Intellektuellen kommt, sondern
wirklich anzueignen. Die übriggebliebenen Marxisten der "Szene" haben fast nichts von
von Leuten, die gerne solche gewesen sein möchten. Sie verdrängen so im ideologischen
Marx gelesen, dafür haben aber die Anarchisten auch kaum etwas von Bakunin gelesen.
Salto, daß die Bourgeoisie selber längst die bürgerliche Bildung abgeschafft hat, daß sie
Was sich in den Köpfen zusammenbraut, ist ein ekler Brei aus nicht zu Ende gelesener
nichts als die Halbfabrikate einer entintellektualisierten industriellen Schmalspurbildung
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Sekundärliteratur, eingebleutem Schulbuchwissen und einem Hauptanteil aufgeblasener das nur als geistige Erwerbsvoraussetzung für den Konsum von Einfamiliengruften,
Vulgär-Originalität, die sich faul aufs selbständige Denken beruft, ohne es je gelernt Autos und Tiefkühltruhen begriffen wurde, verdampft unter dem Eindruck der ökono-
zu haben. Sie kennen Kant und Hege!, Balzac und selbst Brecht bestenfalls so, wie man mischen Krise und der technologischen Entwertung des Mittelbaus der gesellschaftlichen
den Eiffelturm, das Alpenglühn und Udo Jürgens kennt. Wenn sie es ablehnen, sich durch Arbeit: der lustlose Fachidiotismus schlägt um in die vollendete intellektuelle Demoti-
das bisherige Wissen der Menschheit hindurchzuarbeiten, dann mit dem Gestus jenes vation und verspielte Medienkasperei hilfloser Konsumbabies, die es schon für etwas
"Das brauchts nicht", mit dem ein heruntergekommener Landstreicher es aufgegeben hat, Besonderes halten, wenn sie tatsächlich mal ein Buch gelesen haben und die gerade noch
sich auch nur noch den Hintern zu wischen. Das Resultat dieser mit blökender Ignoranz soviel Initiative entwickeln, daß sie selbständig aufs Klo gehen und nicht in die Hose
triumphierenden Neurasthenie des Intellekts ist dann unvermeidlich jene Art von "eigener pissen.
Meinung", die auf jeden Fall nichts kostet und sich würdig an die salbadernde Biertisch- Die intellektuelle . Schwächlichkeit dieser neuen Opposition muß läche ~ lich und
Kreativität der Weltkrieg II-Veteranen anschließt. So kann es nicht ausbleiben, daß erbärmlich erscheinen, wenn man sie mit der Intelligenz der Arbeiterbewegung des ver-
diese oppositionelle Jugend sich nach geworfenem Stein, nach gehabtem Psycho-Gesabber gangeneo Jahrhunderts vergleicht. Diese Arbeiterintellektuellen waren Leute, die sich
am WG-Küchentisch oder nach dem Gang zum Sozialamt mit derselben Penetranz vor nach einem knüppelharten 10-Stunden-Tag noch hinsetzten, um Astronomie, Differen-
dem Fernseher niederläßt wie ihre stumpfsinnig gearbeiteten Erzeuger, höchstens mit dem tialrechnung, klassische Philosophie und Fremdsprachen zu studieren, und sie waren
Unterschied, daß sie es sich verkneifen kann, vorher noch den Abfall wegzubringen. fähig, sich über materialistische Erkenntnistheorie zu ereifern. Natürlich, sie waren we-
Gewiß, es ist der schon seit langem beschworene Geist der integrativen Bewußtseins- nige, und die große Masse des unteren Proletariats ist noch nie unmittelbar durch bloße
apparate eines verselbständigten gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs der Waren- Wissensvermittlung zum Kampf aufgestachelt worden. Aber nur aus dieser Aneignung
produktion, der immer neue Generationen immer umfassender geistig enteignet und sie des gesamten menschlichen Wissens kann der Funke jener Erkenntnis geschlagen werden,
immer tiefer in die Entalphabetisierung treibt. Der "absolute Markt" (H. Braverman) die zunächst bei einer Avantgarde das Arbeiterdasein als solches in Frage zu stellen
und das tendenzielle Verschwinden der geistigen Potenzen aus dem unmittelbaren Re- imstande ist. Die oppositionelle Pseudo-lntelligenz der neuen Jugendbewegung freilich,
produktionsprozeß der Gesellschaft läßt verkrüppelte Subjekte zurück, die aufgehn im die sich den Hintern ein paar Stunden täglich in den drittklassigen Ausbildungsinstitu-
unendlichen Prozeß des Kaufens und Sichverkaufens. Man mag den Sachverhalt abtun tionen wetzt und die folglich disponible Zeit in bisher für breitere Schichten ungekanntem
mit resignierendem Achselzucken. Aufreizend wirkt freilich, daß diese Jugend zwar ge- Ausmaß genießt, hat mit dem Wissensdrang der alten Malocher-lntelligenz soviel zu
schwätzig plappernd den Begriff der steuernden Bewußtseinsapparate und der Vermarktung schaffen wie Innenminister Zimmermann mit objektiver Wahrheit. Wenn sie sich mit der
aller Lebensprozesse im Munde führt, sich aber nicht im mindesten dagegen zur Wehr Arbeiterklasse nicht vermitteln kann noch will, so nicht zuletzt deshalb, weil sie ihr
setzt, sondern im Gegenteil noch ihre eigene Entintellektualisierung bejubelt und ideo- auch nicht einmal mehr den Schatten von Bildungselementen zuführen könnte.
logisiert. Ein solcher Widerstand wäre nämlich durchaus möglich, jedenfalls denen, die Man braucht nicht zu hoffen, daß das Fehlen des verschmähten Intellekts wenigstens
sich nicht kaputtarbeiten müssen, denn die gesellschaftliche Objektivität ist niemals die Körperlichkeit dieser Jugend hervortreten ließe. Die neue Sinnlichkeit erweist sich
eine absolute, muß sie doch durch jedes einzelne der realen Subjekte, die diese objek- als ideologisches Surrogat dessen, was man nicht hat. Wenn irgendeine Jugend als An-
tive Totalität reproduzieren, hindurchgehn wie durch eine Luftschleuse. Aber diese sammlung potentieller Rollstuhlfahrer eingeschätzt werden muß, dann die der oppositio-
Subjekte, gerade die scheinoppositionell trommelnden, gefallen sich ungemein in ihrer nellen "Szene". Man fragt sich, wie es ihre Militanten überhaupt noch fertigbringen,
eigenen Hohlheit und Produziertheit und sie möchten am liebsten sogar noch den Ge- einen Pflasterstein vom Boden aufzuheben. Denn seitdem der offizielle Sport als Be-
danken der Befreiung billig im Supermarkt nachgeschmissen bekommen. standteil der affirmativen Kultur entlarvt ist und sich bald nur noch Unterschicht-Pro-
Die oppositionelle Jugendbewegung erweist sich so in ihrer Ideologie nur als bewußt- leten und Rechtsradikale von den Herrschenden im Waffengebrauch unterweisen lassen,
loser Abklatsch von Verhältnissen, wie sie die gesamte heranwachsende Generation ober- während die oppositionellen Jugendlichen ihre zartbeseelten Astralleiber nicht einmal
halb des Subproletariats modeln. Diese Jugend bleibt sozial diffus, sie kommt aus allen mehr über Trimmpfade für Senioren und Infarktpatienten schleppen, beschränkt sich die
alten Klassen und Schichten, steht dem Produktionsprozeß fern und ihre soziale Zukunft Körperlichkeit der "Szene" entweder gleich auf den großmütterlichen Konsum von Ge-
erscheint unsicher und verschwommen: weder Arbeiter noch Intellektuelle, weder Fisch sundheitstees und Gemüsesäften, oder die durchschnittlichen Adepten der neuen Sinn-
noch Fleisch, wässriger output der Semi-Bildungsinstitutionen, wie sie in den siebziger lichkeit erweisen sich als aufgedunsene Kneipenhocker, deren Sinne in Wahrheit so abge-
Jahren aus dem Boden gestampft wurden. Der flache Funktionalismus eines Wissens, stumpft sind wie ihre Köpfe hohl. Körperlich durchgebildete Menschen findet man noch
-84- -ss-
eher bei den Faschisten, und in den Karateclubs tummeln sich junge Polizisten und in der theoretischen und praktischen Kritik der Gesellschaft sein Anders-Leben sich
junge Neonazis. Wird das ein Spaß, wenn sie die anarchistischen Laschis und die öko- scheinbar unbequemer macht, als es den von der Konsumentenkultur des "absoluten
pazifistischen Jugendgreise durch die künftigen Konzentrationslager scheuchen dürfen. Marktes" bereits verschlungenen Konsumkritikern erträglich erscheint. Die große
Die schwerstbehinderte Konsumentenmentalität der jungen Opposition setzt sich Chance, in "neuen Lebensformen" gesellschaftliches Lernen, Wissenschaft und Erotik
fort in ihren Wohngemeinschaften und Liebesbeziehungen. Wie mit ihrem Intellekt und zu verbinden, um eine neue Generation intellektuell überlegener und kulturell hoch-
mit ihrem Körper, so gehen sie auch miteinander um: hinter softigen Verkehrsformen stehender Revolutionäre heranzubilden, wird verspielt mangels Erotik und mangels
verbirgt sich oft mehr gegenseitige Unverbindlichkeit als in bUrgerliehen Familien. Lernwillen. Die konsumierenden Monaden wollen nur unmittelbar über sich selber reden
Außer Gesten nichts gewesen. Ein kleinlicher, weil grotesk ichschwacher Egoismus treibt und allein dafür brauchen sie sich wechselseitig. Wer tatsächlich zu der Karikatur ge-
jeden in die ständige Furcht, irgendwo irgendwie zu kurz zu kommen. Noch die eroti- worden ist, wie sie sich die Spießerphantasie der Väter ausgemalt hat, kan!l seine eigene
schen Beziehungen werden davon überschattet. Die Schwelle zur Sexualität ist niedrig, Kaputtheit dann mit gequält-ironischen Sprüchen illustrieren: "Wir sind die Leute, vor
aber dahinter kommt nichts. Die objektive Distanz zwischen den Individuen wird schein- denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben". Die Fixierungen politisch und mensch-
aufgehoben, aber nicht wirklich verarbeitet, weil Kraft und Interesse dafür fehlen. lich versumpfter Nachkriegs-Elternhäuser überwindet man aber nicht dadurch, daß man
Leistungsverweigerung in der gegenseitigen Verantwortlichkeit: Mach mir bloß keinen als Zwanzig- oder Dreißigjähriger verträumt mit der eigenen Scheiße spielt.
StreB! Hinter den hochnotpeinlichen Aufnahmezeremonien in die Wohngemeinschaften, Konnte die bürgerliche Jugendbewegung zu Beginn dieses Jahrhunderts der gleich-
die klären sollen, ob ein potentielles neues Mitglied "dazupaßt", steht die leere Hilflosig- zeitigen Arbeiterjugendbewegung nicht das Wasser reichen, der gegenüber sie als brav-
keit von Leuten, die nicht einmal wissen, ob sie zu sich selber passen. Weil jeder darauf romantizistisch und verantwortungslos erscheinen mußte, so hält sie den Vergleich mit
bedacht ist, daß ihn selber nichts viel kosten darf, nicht einmal die Liebe, ist alles zu der heutigen oppositionellen Jugend-Szene leicht aus; denn in all ihrer versponnenen
billig: Menschen im Hotel. Dünkelhaftigkeit und ideologischen Verblasenheit war sie wenigstens noch nicht bis zum
So erstaunt es nicht, daß in diesen Beziehungen äußerst selten gemeinsame theoreti- hilflosen Gegreine und bis zur Verliebtheit in das eigene Kaputtsein abgesunken, eine
sche und praktische Projekte erscheinen, die über Freizeitkonsum hinausgehen - höchstens Lebenshaltung, die den breimäuligen Wiederkäuern des Zeitgeistes gerade recht kommt
ebenso vage wie hochfliegende und meistens illusorische Aussteigerträume, die nicht auf und z.B. dem Luchterhand-Verlag ganz zwanglos den Titel "Mut zur Angst" ("Schrift-
gemeinsamer Lust, sondern auf gemeinsamer Unlust beruhen (mit Ausnahme vielleicht steller für den Frieden") eingegeben hat. So armselig, so windelweich, so verlogen und
einer gewissen Musik-Szene, die sich aber allein mit diesem Gefühls-Medium auch nicht so gemeingefährlich friedfertig wie die heutige hat noch keine oppositionelle Jugend,
über das allgemeine Niveau blasser Egozentrik erhebt). Man wird es kaum erleben, daß nicht einmal in Deutschland, auf ihre Knebelung, Entmündigung und soziale Nieder-
eine Wohngemeinschaft, Freunde oder ein Liebespaar zusammen einen philosophischen knüppelung reagiert. Die paar tausend "Militanten" sind kein Alibi. Die einfache, flache,
Text um der Erkenntnis willen durcharbeiten oder, in realer Konsumverweigerung, einmal unmittelbar-existentialistische Negation des Bestehenden mündet zwangsläufig in dieses
ein halbes Jahr bewußt den Fernsehapparat abgeschaltet lassen, um sich gemeinsam die zurück. Eine Militanz, die bloß aus dem hohlen Bauch der gelangweilten Unlustigkeit
Funktionsweise dieses Geräts anzueignen und es womöglich selber reparieren zu können. und Unreflektiertheit arbeits- und lernunfähiger Konsumkrüppel kommt, hat keinerlei
Auch sonst leiden Arbeitskreise aller Art, speziell politisch-theoretische, schnell an Aus- gesellschaftliche Perspektive. Diese infantilen Steinewerfer sind für den Staat etwa so
zehrung, weil die zerstreuten Subjekte das Interesse am konkreten Gegenstand leichter gefährlich wie die sieben Zwerge, weiße Karnickel oder dreijährige Mädchen. Das wissen
verlieren als junge Hunde das an einem Spielknochen; was nicht mundgerecht und am besten sie auch, und sie wollen es gar nicht anders. Sie verweigern jede wirkliche, über die Un-
schon vorverdaut konsumiert werden kann, ist bereits zuviel für den schwachen geistigen mittelbarkeit des Tages hinausgehende geistige und politisch-organisatorische Anstreng-
Verdauungsapparat derer, die sich positiv an eine Hobby- und Ausmalkultur adaptiert haben , ung, also auch die revolutionäre, also gar nichts. Der junge Anarcho, der noch so ange-
wie sie einer Beschäftigungstherapie für behinderte Kleinkinder angemessen wäre. ekelt, aber von "unseren Politikern" spricht, verrät unfreiwillig das Geheimnis der ganzen
Wer den Vorschlag machen würde, am WG-Küchentisch aus klassischen Romanen vor- Zunft. So verhalten sich verwöhnte Kinder, die mit kreischenden Wutausbrüchen und
zulesen wie bei der Kommune der Textilarbeiterinnen in Tschernyschewskis "Was tun?" Selbstmorddrohungen vom Vater Liebkosung oder ein neues Fahrrad erpressen wollen.
oder über die Liebe bei Hölderlin und Novalis zu diskutieren, müßte vermutlich riskieren, Für ernsthaften, langfristigen, planmäßigen Kampf sind diese parasitären Gefühlsradika-
für verrückt erklärt zu werden. Nichts kann diesen blasierten Coca-Cola-Kindern fremder len nicht zu haben, und schon gar nicht wollen sie wirklich gewinnen gegen die alte Welt
vorkommen als der klassisch-sozialistische Gedanke an einen "neuen Menschen", der bewußt der bestehenden Ordnung; dann bestünde nämlich tatsächlich die Gefahr, daß sie selber
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aktiv die Arbeit und den Lebensprozeß der Gesellschaft gestalten müßten. Und das langen Märschen so leicht entfernt. Ironischerweise ist das Ziel der kritischen Anstreng-
macht vermutlich keinen Spaß. Angst haben macht Spaß und sich abreagieren. ung das unbefangenste Sichgehenlassen". Besser hätten es nicht einmal die Punks sagen
Diese Ideologie der schlaffen Schönheit des eigenen Untergangs hat ihre Geschichte. können. Sloterdijk spricht aus der ideologischen Konsumentenseele des militanten Passi-
Vor der neuen Wehleidigkeit gab es bekanntlich die neue Innerlichkeit und vor dieser, vismus, wenn er warnt vor den "Gefahren des Wissens, die im Suchtcharakter der Theorie
1968, die neue Unmittelbarkeit. Und dieses letztere Ideologem scheint es zu sein, das am liegen" und dafür die "innere Zeit, die nur das Jetzt kennt" lobpreist, um immer wieder
umfassendsten ur.d präzisesten die Lebenshaltung spätkapitalistischer Jugend widerspie- auf den großväterlich-orientalischen Gedanken zurückzukommen: "Alle Geheimnisse lie-
gelt und aus dem sich all die neuen welken Blüten der jungen Opposition entfaltet haben . gen in der Kunst des Nachgebens, des Nichtwiderstehens". Die Arbeitslosen, die Hungern-
Konnte diese Unmittelbarkeits-ldeologie der neuen Linken während der Fraktionierungs- den und die Gefolterten in aller Welt werden begeistert sein. Und natürlich muß dieser
phase der 68-er Bewegung im "Wir wollen alles" der Spontis und im "Parteiaufbau" aus Philosophie des Sichgehenlassens, ein Ausdruck, der verdächtige Begeisterungsstürme ~er­
dem Stand der K-Sekten noch leidlich als revolutionär erscheinen, so erweist sie sich vorgerufen hat, der Wissensdrang der alten Arbeiterbewegung suspekt ersc~einen: "Wer
retrospektiv in Wahmeit als die erste Basisideologie verstörter Konsumtrottel, die weder die Macht nicht sucht, wird auch ihr Wissen, ihre Wissensrüstungen nicht wollen". Ganz
begrifflich noch real -gesellschaftlich notwendige Vermittlungsschritte auszuhalten ver- im unbefangenen Sichgehenlassen ist er hier ausgeplaudert, der Wille zur Ohnmacht, der
mögen und die nun am Ende der sieben fetten Jahre des Kapitals ganz schnell und billig Wille zur Unwissenheit als "ein listiges Nichtswissenwollen von Zusammenhängen, ein
die soziale Umwälzung konsumieren wollen, und wenn das nicht geht, dann eben den Sichunzugänglichmachen für Allgemeinheitszumutungen". Es ist die endgültige Gestalt des
Untergang. Auf diese Weise wird erklärbar, warum die meisten der vorzeitig ideologisch sich fälschlich für ein Individuum haltenden deutschen SpießbUrgers und notorischen
altgewordenen 68-er der neo-oppositionellen Bäh-Jugend nicht ins Gesicht lachen und ihr , Untertanen, die sich hier präsentiert als Ausbund lachender Philosophie, um die Feigheit
soweit das überhaupt noch einen Sinn hat, die Leviten lesen, sondern im Gegenteil diesen ihrer Opposition ins gute Licht zu rücken und sich auf den Genuß der Apokalypse vor-
Endzeit-Wechselbälgern ideologisch moderat, aber durchaus beifällig hinterherzotteln, zubereiten, den sie einem tatsächlichen Aufbegehren allemal vorzieht.
wenn auch mit Bauernhäusern und Eigentumswohnungen im diskreten background. Wo der offene Wille zur Ohnmacht laut wird, kann ein anderer wichtigtuender Sekun-
Sich noch in der scheinhaften Konsumkritik als dressierter Konsument zu entpuppen dant der neuen Weinerlichkeit nicht weit sein, die deutschen Gewerkschaften oder die
und als Oppositioneller alles zu wollen, bloß nicht wirklich die Macht zur realen Ver- deutsche "Arbeiterbewegung" nämlich, d.h. die Hauptverwaltung des sozialen Sterbekassen-
änderung, dies schließt die neue Jugendbewegung aller Schattierungen und die angepaßte n vereins, der aus unerfindlichen Gründen noch immer diesen altehrwürdigen Namen trägt
Altlinken mit der schweigenden Mehrheit der "Ich geb Gas-ich will Spaß"-Idioten fest und dessen Repräsentanten das unvergleichliche Schauspiel bieten, angesichts der ebenso
zusammen. Da der unverbesserliche und nicht wirklich widerstandswillige Konsument kühl kalkulierten wie brutalen sozialen Demontage fast schon hör- und riechbar, wenn-
aber spürt, daß seine Welt, die nicht die seine ist, auf das schwarze Loch von Krise und gleich nicht immer unelegant, staatstragend in die Hosen zu scheißen. Sind sie doch nicht
Krieg zutreibt, wird er wehleidig und beginnt seine sorgsam gezüchtete Angst zu kulti- zufällig die traurigen Reste einer weit älteren Schicht der Unmittelbarkeits-Ideologie,
vieren. der trade-unionistischen nämlich, die ihre eigene Tradition der Theoriefeindlichkeit hat
Wenn die Punk-Parole "sich so zu geben, wie man sich gerade fühlt ... , Spielen, Spaß und der es nur allzu gut gelungen ist, den revolutionären Impuls der alten Arbeiter-Intelli-
haben, Leistung verweigern" (Spiegel 28/83) das Lebensgefühl dieser ganzen elenden und genz in eine verblendete Hoffnung auf die ägyptischen Fleischtöpfe des Kapitalismus
verlogenen Bande widerspiegelt, dann ist auch ihr Motto "World war 3 - a Iot of fun" die aufzulösen, die immer nur dazu geführt hat, einem Ende auf den Barrikaden das Ende an
heimliche Losung der schluchzenden neuen Jugend- und Friedensbewegung und es wird der Front des imperialistischen Krieges oder im KZ vorzuziehen, denn da hatte man ja
erklärbar, warum bei den denkbaren Möglichkeiten einer freien Gesellschaft als erstes wenigstens sein Essen und seine Ordnung.
das "Recht auf Selbstmord" assoziiert wird. Ironischerweise treffen sich heute rechte Sozialdemokraten vom Schlage Dachlatten-
In Deutschland muß sich bekanntlich auch noch die galoppierende Theorielosigkeit Börners, Gewerkschaftsgewinnler Marke Neue Heimat, gefühlsnärrisch gewordene 68-er
theoretisch rechtfertigen, und so stieg gerade rechtzeitig aus dem Sumpf der Intelli- und neue Bäh-Jugendbewegung im ideologischen Koordinatenkreuz des Anti-Intellektualis-
gentsia ein neuer Modephilosoph auf, Herr Sloterdijk, der das Lebensgefühl der abge- mus und des kruden Unmittelbarkeits-Fetischs. Der antitheoretische Affekt eines seichten
fuckten Opposition zu intonieren versteht und ihr unter der Maske der "fröhlichen Praktizismus und die politische Weinerlichkeit erweisen sich als die beiden Seiten ein-
Wissenschaft" ihre Abgefucktheit als Ausdruck verborgener Weisheit vorführt: "Man muß und derselben Medaille. So ergibt sich ganz zwanglos die Möglichkeit der schon lange er-
die kritische Sucht des Besserns auflösen, dem Guten zuliebe, von dem man sich auf träumten großen Vereinigung der Opposition auf der Grundlage des gemeinsamen Willens
-88- -89-

zur Ohnmacht und des "listigen Nichtswissenwollens von Zusammenhängen", und neue dann wird klar, daß hier auch der Revolutionär nur noch weinen oder kotzen kann
Jugendbewegung, Altlinke und Gewerkschaften können sich mit dem schönen Bewußtsein und daß die zynische Vernunft versucht sein muß, diesem unserem Lande samt seiner
um den Hals fallen, die Anstrengung des Begriffs und die Risiken des wirklichen Kampfes hoHnungslosen jungen und alten Opposition nichts anderes mehr als den atomaren
endgültig in der betriebsnudelhaft aufgezogenen symbolischen Aktion und im anti-in- Gnadenschuß zu wünschen, auf daß dieses heulende Gesamtelend vom Antlitz der Erde
tellektuellen Gefühlsgeschwätz umgangen zu haben. getilgt werde.
In diesem erlauchten Bündnis darf schließlich auch GOTT der HERR samt seiner
Stellvertreter auf Erden nicht fehlen, und es ist nur folgerichtig, daß die neue Wehlei- Robert Kurz
digkeit die intellektuelle Guillotinierung der Opposition dadurch vollendet, daß sie sich
mit der neuen Religiosität komplettiert. Selbst in der Geschichte der deutschen Oppo-
sitionsbewegungen ist es ein Novum, daß sich große Teile der Jugend eine "Sinngebung"
ihres Protestes ausgerechnet von Pfaffen liefern lassen und begierig dem letzten Wort
von Bischofskonferenzen lauschen. Gemessen an aller modernen Emanzipationsbewegung
seit der französischen Revolution ist das eine solche Schmach und Schande und so un-
glaublich dumm, daß es sogar die Polizei erlaubt. Die Einsicht eines Kar! Marx voraus-
gesetzt, daß "die Kritik der Religion der Anfang aller Kritik" sei, läßt das Faktum nur
darauf schließen, daß diese Opposition bereits unter aller Kritik ist.
Wo sich die Kirchen wieder mit Jugend füllen, wo der Übergang vom Gefühlsanarcho
zum Mystiker fließend ist und die Prophezeiungen des Nostradamus Konjunktur haben,
wo man für lumpige achtmarkachtzig eine Anleitung für den "Sprechfunk mit Verstorbe-
nen" (Goldmann "Grenzwissenschaften") erwerben kann und das alles viel mehr Spaß
macht als der wissenschaftliche Sozialismus, da braucht Gottseidank niemand mehr zu
befürchten, daß die Opposition in Klassenkampf ausarten könnte und in den Willen zur
Niederwerfung der bestehenden Gesellschaftsordnungen, die gesetzmäßig Krieg und Mas-
senelend hervorbringen. Es darf singend auf den Weltuntergang gewartet werden. Alle
Eigenschaften, die man selber nötig hätte, also ideelle "Härte", "finstere" politische Ent-
schlossenheit usw., werden mit frommem Augenaufschlag auf den Gegner, Verzeihung:
"unsere Regierung", projiziert. Die Herren Lambsdorff, Strauß und Zimmermann etc.,
die grinsend und vielleicht sogar überrascht feststellen können, daß es zunehmend gar
keinen harten Kern der Opposition mehr gibt, mit dem öligen Gestus der "Betroffenheit"
als "Scharfmacher" zu bezichtigen und erschreckt die Selbstverständlichkeit des "Klas-
senkampfs von oben" auszumalen, als gäbe es irgendeine überirdische Instanz, an die man
sich wenden könnte, läßt die Frage nach dem eigenen theoretischen und praktischen
"Scharfmachen", nach der eigenen Mobilmachung für den "Klassenkampf von unten" gar
nicht erst aufkommen. Der HERR hats gegeben, der HERR hats genommen, am Ende
wird es das Leben sein. Wenn man mitansehen muß, wie neo-religiöse Jünglinge und
Jungfrauen, schwer bereuende ehemalige K-Grüppler und deutsche Gewerkschaftsfunk-
tionäre flennend, betend und händchenhaltend die Herrschenden anflehen, sie möchten
doch ein wenig netter, sozialer und friedlicher sein, garniert von einer Handvoll entpoli-
tisierter Schaufenster- und Autozertrümmerer mit kindlichen Plünderungsphantasien,
-91-
Erwartungen so herbe zu enttauschen , grenzt das schon ans jetzt tn setnem Art ike l. Er merkt offenbar gar nicht, wie lücken-
Tragik -Komische. Oie jungen Leute hatten ja wirklich mal eine los er sich damtt 111 die Reihen derjenigen einfügt, die er doch
knackige Demo organ•s•eren kOnnen mit der Hauptlosung : so radtkal zu bekcimpfen vorgibt.
Wir fordern die beschleunigte Herausgabe der Nullnummer
der Eisernen Fresse" o . a . Aber nichts, gar nichts tut sich' Ist Umgekehrt is t festzustellen, daß diejen igen, d ie sich jetzt z. B.
ja wirklich das Letzte' Diese Jugend ist ja_wirklich zu_blöd , die tn Plarrer-Leserbriefen uber 8 . K. ereifern, das alles schon lange
haben es ja gar nicht verd•e_n~. daß man 1hnen mal eme unver· hmter sich haben , so lange, daß sie sich wahrscheinlich schon
hullte kommumstische Posttton unter dte vom Alkohol und gar ntcht mehr daran erinnern können . Sie nutzen natür lich
anderen Orogen gerötete Nase reibt! auch die sehr billig angebotene Gelegenhe it, mal wieder dem
Marxismus e1ns drauf zu geben . Das. was B. K. unter diesem
Mit der gleichen Art von vollig unberechtigter Uberheblichkeit Et ikett anb1etet, entspricht wahrscheinlich auch ungef ähr den
und diesem widerlichen Imponiergehabe, mit dem damals die Vorstellungen. die die Leserbriefschreiber sich davon machen .
neue Zeitung angekundigt wurde, wird jetzt der Rest der Weit Man spielt sich sozusagen die Ba lle zu und vermutl ich gibt es
1. runtergeputzt. Was das mit Marxismus -oder gar mit Leninis· auch wieder Zuschauer, denen das genügt. Dabei ist der hi-
mus- zu tun haben soll , ist uns schleierhaft. B. K. setzt damit storische Hor izo nt der .. ML-Kritiker" mindestens genauso be-
B. K. macht in seinem Artikel einen entscheidenden logischen die unrühmliche Tradition mancher K·Gruppen fort, im Namen schrankt w1e der von B. K., einz ig ihr kurzer , völlig unbedeu·
Fehler: Er vermischt in fast jedem Absatz die Kritik an .. der von den alten Her re n ihre Scharlatanerien zu betreiben und tender polit ischer Lebensabschnitt läßt sie zu weitreichenden
Szene", womit der wohl .,die Linke" im weitesten Sinne meint, damit dazu beizutragen. deren Vorstellungen zu diskredi· .. E1nschatzungen" kommen : z. B... daß die Zeit endgültig vor-
mit einer Kritik an der .. heutigen Jugend" ganz allgemein, was tieren . bei 1st , in der von Generationen oder Klassen die Antworten
z. T. bis hin zu einer Kritik des bestehenden .. Zeitgeistes" über- Naehhemerkunp: Summa Summarum und sehr wohlwollend formuliert: Ganz auf ,brennend e Fragen der Bewegung' gesucht wird." Endgül-
haupt führt (Motto: Nicht mal mehr die Bourgeoisie liest Bü- offensichtlich ist die ganze Ausketzerei im Plarrer eine Folge tig' Endgu ltig bei Peter Hess vielleicht ...
Mit dieaar Flupaehrift hat •ich die "Fiaet .. ..
cher!). Diese Vermischung ist aber nicht nur irgendein Fehler von politischen Enttciuschungen, uberzogenen HoHnungen und
im Artikel, sondern umgekehrt basiert der Artikel auf diesem P'reaae" erat•ala tu Yort ~e•eldet, Tm Herbst,
Erwartungen in die Geschwindigkeit und Grundlichkeit politi·
Fehler, anders ausgedrückt : ohne diesen Fehler wäre der Arti- ap•testens im Oktoher, !!Oll die erste richt t~re
scher Entwicklungen - was in B. K.' s ,.Nachbemerkungen"
kel in dieser Form gar nicht möglich . Denn spatestens in dem
5.
Aua~rahe der " E isernen Frease" - so nennen wir un- 19B3 noch den .. Anarchos" , die ja jetzt nicht einmal Bakun in

I.
Augenblick, wo man sich vollständig uber die Szene ausgekotzt gelesen haben. angekreidet wurde. Kurz : Bobby 1st einfach die
sere Zeitunl'! nach einem r~edicht von Yaak Kar sun- Nun sind die Zeiten auch nicht gerade ros ig und es gibt nicht
hat, kommt man zu der Frage, warum die Lage so ist, wie sie Luft ausg~angen, wies<:> vielen in d~n letzten J_ahren . Das hätte gerade vie l, was dazu angetan wäre, die Stimmung der Linken
ist. Genau diese Schiene zum rationalen Ansatz kann man ge· ke - folgen.
er auch kurzer sagen konnen. Dam1t waren w1r auch beim ra- so r1chtig uberschwappen zu lassen. Aber die ZeitC?n sind auch
schickt verlassen, wenn man anfängt, seine Jammerei über Wer Y1r aind ? Mehrheitlich jün,•ere Leute, 18
tionalen Kern des Artikels. nicht schlechter als anderswann und die Bedingungen für linke
schlechthin alles auszudehnen. Damit verhält B. K. sich genau ht.a 2), die ihre politis che "Taufe" in den J,.t z- Politik sind auch nicht ungünstiger als anderswo . Die Grenze,
so wie diejenigen, denen er den atomaren Gnadenschuß ten zvet Jahren, insbesondere zur 7 ett der wo sich die westdeutsche Linke über die Bedingungen beschwe-
wünscht : Ungetrübt von jeder .. Kopf/astigkeit" läßt er seiner ren durfte. ist langst nicht erreicht . Insofern sollte sich ke iner
Hauabeaetzunpfl)n, erhalter1 hahen. /\her auch ein [ 3.
,.echten Betroffenheit" freien Lauf. mit soetwas rauszureden versuchen. Das Problem der Linken
paar f'oeetle aua der 'h8er hz,... ml -neve~un,
Um zu diesem rationalen Kern zu gelangen , muß man sich wirk - h ie rzulande sitzt in ih rem Kopf, wer etwas anderes behauptet,
sind dabei. r. eraeinaa• haben vir una illl letzt,.n lich durch einen großen, fetten . unappetitlichen Re isberg sucht faule Ausreden.
2. Jahr • i t marxistiaeher Theorie befaßt, Jet~t durchfressen, der angereichert ist mit ekligen ., Rosinen" aus
vollen vir dafUr aor,..en, daß tm C: pektrura ct"r Geschmack/osigkeitu>(..KZ" , .. Atomarer Gnadenschuß") und
Diese Einschätzung, nämlich daß es sich be1 dem Artikel nicht abgestandenem KulturfiP.ssimismus. Zuerst einmal muß man
NUrnber~tar Scen e endlich auch rual eine unver- 6.
um das Ergebnis einer Überlegung , sondern um das einer Stirn· alles abziehen, was getrost unter die Spane ,.Alte Männer jam-
mung handelt, resultiert aus verschiedenen Erfahrungen , die hüllte koa.uniatieche PoAition auftau c ht, A lso, mern über die heutige Jugend " zu fuhren ware. Diese Sparte Darauf deutet auch die Absurditat der jetzigen Situat ion : Da
wir in der Vergangenheit mit B. K. gemacht haben. mit de• l(evaltfreien Moralfusel der r. rUnen ha- füllt seit Jahrtausenden die Spalten der Steinplatten, Papyrus· werden rethenweise andere Leinder überfallen, da werden Tau·
ben vir nichtl!l im ~tnn , p:enauaovenif" vie mit rollen. Bücherschwarten und Gazetten (bald auch die der Bild - sende in aller Welt massakr iert, da werden die gefährl ichsten
So hat er sich z. 8 . vor nicht allzu langer Zeit, nämlich in den schirme). je nachdem, auf welchem technischen Niveau man Waffen 1n der Geschichte der Menschheit entwickelt und sta·
den alternativen ln aelchen und -.:istplKtzchen
Tagen der Hausbesetzer-Bewegung, äußerst schwärmerisch über sich gerade befindet. Was dann bei Bf K. schließlich ubrig t iomert : d ie Linke tummelt sich in den Kneipen und lallt von
die neue proletarische Jugendbewegung ausgelassen . Diese Be· der modernen t<leinunternehmer, die hetde letz-
bleibt, ist die in manchen Punkten sicherlich zutreffende Be· den schlechten Zeiten , daß alles so schlaff sei , daß .. nix Rich·
wegung, so B. K. damals in Gesprächen, sei ein Lichtblick in tanendea den S taat verschone n . n as ..,ollen vJr schreibungder sogenannten ,.linken Szene" . tiges lauft". daß die Friedensbewegung sowieso Asche ist usw.
der ach so traurigen kleinbürgerlichen Welt, diese proletarischen aber ~tarantJert ntcht. W'ie vtr mi t den Anarchoa Und dann kommt einer daher, rotzt seinen ganzen Frust im
Jugendlichen, die jetzt die Häuser besetzen, würden ganz spon· alternativen Stadtblatt der Szene vor die Füße und schon steht
auskommen, vtr·d !lieh noch zei.tren. l' naerer ~!etnunr
tan den Eigentumsbegriff in Frage stellen (als würde das nicht 4. diese in heller Aufregung, hektische diplomatische Akt ivitäten
naeh haben aie zuviele Illusionen. Wflla die Ce-
jeder Kaufhausdieb auch machen'). usw . usf. Da müßten jetzt werden entwickelt, verschiedene Veranstaltungskonzepte wer·
die Kommunisten auf der Matte stehen und ideologisch "rein- a ch vtndtrket t einer revolut ionlren I· ntwicklun r Vielen aus dieser Szene geht es seit längerem schon ahnlieh wie den durchgespielt, ja sogar der KB wird angerufen und nach
arbeiten". Gesagt - getan. Was macht ein Kommunist in einer betrifft, und ihre St u1.tsfeindachaft tat mehr B. K. heute, ihnen ist die Luft ausgegangen . Und dabei sind seiner Meinung gefragt- das gibt's doch gar nicht.
solchen Situation? Jawoll, er gründet eine neue Zeitung . Zu · S ache der S elbatdaratelluno~~: als ernsthllftf!r 1'{•- keineswegs nur .. alte"(?) 68er, sondern auch eine ganze Menge,
mindest stellt er fest, daß man die Gründung einer neuen Zei- die spciter dazu gestoßen sind . Vielen ist m1t 8 . K. gemein , daß
lit ik.
tung ins Auge zu fassen plane . Das war Anfang 19Bl B. K. ste aus der Enttauschung darüber, daß sich ihre alten Ideale
scharte eine kleine Truppe von Anhängern um sich herum und So , wer narh diesem Hundumachlar noch nicht nicht schnell genug verwirklicht haben bzw . verwirklichen lie- 7.
e> wurde geschult. venuf" von una het, den laden vir natUrlieh h et L-- ßen, nun diese alten Ideale verteufeln . Das deutet auf die Un-
Das g1bt's doch' Deshalb ein Vorschlag : Man könnte - als von
I ich z u r !'litar t- eit ein, ~eldun .: en hitte e.n d t~ fahigkeit hin, darüber rational zu reflektieren,
Auch der KB wurde seinerzeit angesprochen/ emgeladen, sich dem Art ikel angesprochener .. Szene-Linker'!... mal versuchen,
Poet ed res ae. mit welchen Erwartungen man sich seinerzeit fur ganz be·
an dem Projekt ,.Nürnberger Jugendzeitung" zu beteiligen. Wir völlig losgelöst von allen ärgerlichen und provozierenden For-
stimmte politische Ziele emgesetzt hat ;
hielten das ganze Projekt damals nicht für sinnvoll , erstens weil multerungen, abstrahierend von allem, was einen innerlich in
warum man das Gefühl hat , diese Erwartungen seien ent-
wir eine andere Einschcitzung von der Hausbesetzerbewegung Wallung bringt, die Dinge herauszufischen, die einfach stim·
täuscht worden; men : die konstatierte weitverbreitete Resignation, die überall
hatten - wir sagten ihr ein baldiges Ende voraus und hatten wem man dafür eigentlich die Schuld geben soll ;
auch nicht gerade den Eindruck, daß es sich beim Gros der Be· anzutreffende Haltung gegen .. kopflastiges" Arbeiten. das Zen-
unter welchen konkreten Bed ingungen und mit welchen trieren der Hauptaktivitäten auf Beziehungs- , WG· und ähnli·
teiligten nun speziell um Leute handelte, deren Gier nach Poet adreee e: Uol:-e,r·1 Xur7, Pos• ft\ch 2111, konkreten Erfolgschancen man sich für diese Dinge einge·
Theoretischem kaum noch zu stillen ware-und zweitens weil chen Kisten , das Ausbreiten des Mystizismus jedwecter Coleur,
8")2 0 Fr l .. nren setzt hat und angefangen vom Tarot-Karten-Legen bis hin zu den Menschen·
wir nicht wußten, welchen Sinn nun eine weitere kommunisti· in welchen Zeiträumen sich normalerweise gesellschaftliche
sehe Zeitung, die sich nicht verkaufen läßt, ergeben sollte. ketten .
Prozesse abspielen .
Aber von solch defätistischen Positionen l1eßen sich die " jun-
gen" Leute natürlich nicht einlullen . Über e in Jahr lang wurde Wenn mdn boswtlllg ware, kOnnte man ja konstatieren, daß d •e Immer wiederkehrendes Merkmal dieser Unfahigkeit ist es, die In diesem Sinne, viele Grüße
wöchentlich über Konzept, Inhalt unU Tttel der neuen Zettung Staatsfeindschaft der B.K .-Gruppe nicht einmal e1ne Sache de r Schuld für den eigenen Frust bei denjenigen zu suchen, die un·
diskutiert. Schließlich . im Sommer 1982, erschien zwar nicht Kommunistischer Bund (KBI I Gruppe NIJrnberg
Sel bstdarstel lung geschweige denn ernsthafte Politik war, denn verschämterweise den eigenen Erwartungen nicht entsprochen
die geplante Zeitung, aber immerhm ein funfseit iges Info " AL· d1e ., Etserne Fresse" verroste te. ehe s•e m1t Sauerstoff 1n Be· haben . So ist es heute gang und gabe, z. B. über die Vietname·
macht" zur Gründung der AL Nurnberg, in dem 1n emer .. Nach · ruhrung kam : s1e erschten n•e . jectenfalls b1s heute n1cht. sen zu meckern, weil sie den Sozialismus nicht so aufgebaut
bemerkung" für den "Herbst. spatesrens im Oktober" die Her· haben , wie sich ein westdeutscher SOS-Student das wohl ge·
ausgabe der "Eisernen fresse " - auf e men Namen halte man Wenn B K. heute die ganle Jugend anpobelt, weil ste so unver· wünscht hätte. Da ist man äußerst enttauscht über dies und je-
sich also offenbar inzwtschen geeintgt - angekunc1igt wurrle schamt •st. rl•P von ihm 111 ste gesetzten Hoffnungen und nes in der Welt und wendet sich schauderndab-so wie 8. K. Impressum V . 1.S. d . P.: M . Pic kardt , Postfach 910 552 , 85 Nurnberg
·92- -93-

antwortlich sind, die sie irgendwann


- Hier spricht der zum Zynismus zutaga fördern, ist ein wahres
geronnene, geradlinige Wille zur Glück für den SOS und die ML-Be-
Macht;. dessen Hoffnungen und wegung. Denn den Revolutionär
Illusionen enttäuscht wurden. Ein- Bobby Kurz gezeugt zu heben, wö-
mal icheiterten sie selbst und dann ge schwer. Da hat einer jahrelang
bestätigen sich auch nicht die Hoff- Bücher gestapelt, alles gelesen, we-
nungen auf die jüngere Generation, nig verstanden (am wenigsten den
man akzeptierte sie nicht als Lehr- Marxismus), um unverdrossen .den
Betr.: PLÄRRER·Titel 2/84: .,Oh meister, ließ sich nicht instrumen- Oberlehrer zu markieren. Für die
die.. Jugend - Epitaph auf die talisieren. Das macht bitter, wenn Schüler, Lehrlinge, Genossen. Mit
neue Wehleidigkeit". man sich für Höheras berufen fühlt. pädagogischem Geschick stets be-
Letztendlich darf man froh sein, strebt, eine .. Generation intellek-
Beim Lesen von Bobby Kurzs Bei· daß Leute wie Kurz gescheitert tuell überlegener und kul~urell
trag über die Jugend war ich zu- aind, denn Leute wie ich hätten we- hochstehender Revolutionäre
nächst weniger von den Inhalten nig zu lachen unter einer Dikta- heranzubilden".
verblüfft, als vielmehr von der kla- tur der pseudo-proletarischen In-
ren, nicht durch ein Staubkorn des telligenz . Sendungsbewußte Oberlehrer
. Zweifels belasteten Überzeugthalt waren gefragt seinerzeit. Heute ist
seines Schreibens. Ein solches ver- Abir die Zeiten ändern sich und das anders, so sehr, daß ..auch der
meintliches Wissen wo es langgeht, in diesem Wendel büßten nicht nur Revolutionär nur noch weinen oder
ist sonst: nur beim Papst, einem die K-Gruppen ihran ideologischen kotzen kann". Er erfleht den Gna-
reaktionären Klerus, den Neokon- · Lebenssaft ein bei einer oppositio- denschuß im Namen der unbelehr-
servativen oder größenwahnsinni- nellen Jugend, die allen Ideologien baren Ignoranten, Schlaffis, Theo-
gen Para·n oikern vom Typ eines mit einer gewissen Reserviertheit riefeinde. Ausgerechnet Theorie-
Dramatikers Marder, in Klaus gegenübersteht. Insofern ist die feindlichkeitl Wie erbärmlich wenig
Manns Roman .. Mephisto", zu Jugend reifer und älter als Bobby muß man von den Kernsätzen des
finden. Der Unverstandene, des- Kurz, denn die Phase der illusions- Marxismus begriffen haben, um so-
sen Botschaft nicht gehört wird, haften Naivität ist unwiederbring- ziale Bewegungen so völlig unge-
weil die Wett nicht verstehen kann, Ein Bild ·von einer Jugend, wie lich vorbei. Man kann nicht wieder -trübt vom Verständnis der gesell-
zieht sich zurück in die verbitternde sie sein sollte, wird entworfen, das Kind werden, wenn man einmal er- schaftlichen Verhältnisse zu be-
Isolation. Und so auch hier: Wenn sich an die Arbeiterbildungsvereine wachsen ist. Der Artikel von Bobby trachten, deren Erscheinungsform
diese Jugend auf Bobby Kurz und um die Jahrhundertwende orien- Kurz sagt wenig übir die Jugend- sie sind? Aber um die materiellen
andere der alten Garde nicht hö- tiert: Sportlich soll sie sein, die Ju- szene aus, dafür bedarf es einer ge- Grundlagen, di~ Kritik der politi-
ren will und stattdessen ihr Leben gend, damit sie auch kämpfen kann, wissen Empathie, einer Sensibilität schen Ökonomie, hat sich der Re-
einem frivolen Hedonismus weiht, belesen, und vor allem das richtige für die Zeit, deren Mangel nicht mit volutionär Kurz eh nie geachert,
des alles Wahre in einem .. Brei von soll es sein, das gelesen wird, am Verweise auf Klassiker und arrogan- sein Metier war der Fraktions-
Halbwissen" aufweicht, und keine besten die Klassiker Marx, Lenin, tem Gepolter wettzumachen ist. kampf, messerscharf. Es ist das
.,ideelle Härte", keine ..finstere po- Kant und Hagel, vielleicht auch Aber er sagt viel über Laute wie alte Lied: diejenigen Mler, die
litische Entschlossenheit" mehr hat, Bracht, der Moderne wegen. Aber . Bobby Kurz und viel leider auch in dem Maße das revolutionäre
ja, nicht einmal mehr körperlich auf .damit nicht genug, zu Tisch soll über den PLÄRRER, der einen Getue kultivierten, wie ihnen in-
der Höhe ist, solieiern sich nur noch auch gelesen werden wie im Klo- solchen Artikel ohne Kommentar haltlich die Luft ausging, stehen
in Kneipen doof säuft, dann soll sie· ster und abends wird dann nicht in abdruckt und somit Einverständ· haute am dümmsten da.
doch endlich auch ,,den atomaren die Glotze geguckt, nein, da wird nissignalisiert.
Gnedenschuß" bekommen, ..auf . Bleibt die Frage, was den
dar Fernseher zerlegt, um sich die _ _ _ DEMURRAY PLÄRRER bewegt hat, einem
daß dieses heulende Gesamtelend Technik anzueignen. Denn alles NnrnhArl"'
voro Antlitz der Erde getilgt wer- derart verkorksten Exemplar der
hat seine Wichtigkeit: Körperkraft, Marke SDS/ML-Leiche die Titel·
de". Wenn nicht revolutionär, dann geschulter entschlossener Intellekt
eben gar nicht, ja, so spricht der story zu reservieren. Mal wieder
und technischer Verstand, um als. eine unglückliche Hand bei al)aly-
linksfaschistische Moralist aus einer Herrenmenschen oder Kurz'sche tischen Anleihen bewiesen? Kaum,
lebensfeindlichen und lebensfernen Avantgarde zu bestehen und der Ar- der Mißgriff scheint kalkuliert: die
o.btrlehrerhaften Position. ElrJ_ beiterklasse den Weg in die· fraie Alt-Linken der Redaktion muß es
Klaus Theweleit hätte wohl seine Gesellschaft zu leuchten. Alle arida· längst gejuckt haben, gegen die
Freude, in Bezug auf die Analyse ren jugendkulturellen Äußerungen, ..Szene" mal die Sau rauszulassen.
der Kurz'schen Texte, auf seine Punk, New Wave inklusive die For- Da man nun von dieser lebt, ist
faschistoiden Metaphern hin. Aber men des Widerstal)des, sind per se nichts unverfänglicher, als sich des
nicht nur dafür bietet Bobby Kurz Humbug. Schon an der. Aufma- nekrophilen - Amokläufers Kurz zu
ein Paradebeispiel : man findet, .:hung der alternativen Zeitungen bedienen, dem man ja nur das Ter-
glaube ich, selten einen Text, in kann man sehen, so Kurz, daß sie rain bereitgestellt hat - acht er:

-
dem ideologische Verhärtung mit nur noch für Analphabeten ge- brechende Seiten lang.
all seiner bornierenden Konsequenz macht werden. Alles eben ~onsum­ Daß politische Bewegungen nicht
so stolz auf den Tisch gelegt wird. lutschis. · für jede skurrile Erscheinung ver- DIRK VOQELSANQ
NOrnberg
•94- -95-

Oh Bobby, den .. klaren Begriff" ei- schon besser auskennen. Man müß- Kopf, welche neuen politischen kümmern, kannst Du Deinen Arti-
nes sozialen Gegenstandes zu haben, te zugeben, wieder etwas lernen zu Bewegungen entgegenzusetzen ist, kel nur aus zwei Gründen geschrie-
setzt mindestens Praxis voraus, die müssen. Daß Du jetzt und heute möchtest aber praktisch die alten ben haben: Entweder zur Darbie-
Theorie - von mir aus auch revolu- das. stramme Vorbild der sozial- asketischen, aufopfernden .. Genos- tung 'Deines Narziß oder zur Anbie-
tionäre - im Lebensprozeß der Ge- demokratischen Arbeiterintelligenz sen" für die Machterringung, welche derung an die Herrschenden, als
sellschaft einschließt. Oeine ominö- des letzten Jahrhunderts vor Dir sich (nach der Revolution) wieder Hofschreiber über die Szene. (Wel-
se ..Theorie", das Beschimpfen an- hast, ist dafür bezeichnend und hin- einmal gegenseitig umbringen. Das che bei der FAZ und ..Welt" gut
derer Leute, die Ou offensichtlich sichtlich. politischer Methoden u~ allerdings will die Szene nicht mehr. bezahlt werden). Denn Dein Schluß
nicht kennst und das wilde Ourch- Weitblick für die .. Niederwerfung Als personifizierte Ablösung her- des .. Untergangs" oder auch ..er-
einenderwirbeln von Gedankel'!fet- der bestehenden Gesellschaftsord- kömmlicher Kämpfer im Kampf ·ledigt werden" zeigt, wie scheiß-
zen und eigenen Phantasien, machte nug" nahezu unübertrefflich. Über um Macht und Herrschaft und für egal Dir eine Auseinandersetzung
mich beim Lesen lustig und nach- die politische Effizienz una AUI- - deren lnstrumentalisierung . in dar ist bzw. bist Du in bester Gesell-
denklich zugleich. Nachdenklich, strahlung dessen weißt Du selbst Gesellschaft ist sie ein Greuel für schaft mit bezahlten Schreiberlin-
weil ich von Oir eher soziologische Bescheid. Und weil Du auch die Dich und andere. Deshalb heult gen, wenn es darum geht, Rand-
Begriffe über die Szene erwartet Geschichte der Arbeiterbewegung, ihr auf, weil die Fronten und Krie- gruppen, Freaks, Outlaws oder die
hätte oder eine Einbettung dersel· den Prozess der Sozialdemokratie ge, die ihr noch in-eurem Lebens- sog. Null-Bock-Generation schrift-
ben in marxistische Klassenanalyse. und des Kommunismus weiterver· bild habt, nirgends mehr realisier- lich zu eliminieren. Eine .. revolu-
Warum war ich nicht wie andere bar sind: wie bekannt auch nicht tionäre" edle Zukunft herauszubrül-
wütend? Ich denke, den Zweck und folgt hast und den Bruch mit den
bei den Arbeitern. Und zu jenen, len, jedoch Selbstrepression, Effek-
das Instrument des Pamphlets Resten der .. Kaderpartei" hinter die in Parteien, auch den Grünen,
Dir hast, ;st der politische Salto tivität und Autorität von sich und
durchschaut zu haben. jene Politikspiele noch aufeinan- anderen zu verlangen, paßt in die
Mortale in Deinem Artikel nichts derprallen lassen, treibts D'ich in
a) Du bist beleidigt, daß nie· als rhetorischer Abgesang an die zwanghafte Ordnung puritanischer
mand mehr auf den Revolutionär Deiner S,quemlichkeit des Intel- Mentalität und Charakter des Spieß-
Linke selbst. Also wolltest Du nur lektuellen auch nicht. Dort herrscht
hört, der in Folge von Hagel, Marx Publikumsbeschimpfung und die bürgers und seiner Herren.
und L8nin steht, bei denen die Ver- Szene reizen? wohl zu viel Gedränge, Pragmatis- PETER HESS
mittlung von .. Wiuen" in ihrer Ge- mus, Schlappheft und zu viel Sen- NUrnberg
schichte noch was galt. Es muß eine b) Dafür bist Du aber zu ant· sibilität für Randgruppen. Und die
fernt und auf einem anderen Weg Sozialarbeiter, Lehrer und Pfaffen
bittere Erfahrung- nach anderthalb als daß dies noch erreicht oder gar dieser Generation sind ja nichts-an-
Jahrzehnten politischer Arbeit sein, gewünschte .. Fraktionskämpfe" deres als die gottverdammten
daß die Zelt endgültig vorbei ist, hervorruft. Wofür auch? Die Ab- .. Hätschler" der ..Szene" und von
in der von Generation oder Klassen gehobenheit beruht - und nicht demselben verfluchten Holz ge-
die Antworten auf .. brennende Fra- nur bei Dir - auf Berührungsäng- schnitzt (sprich Neuer Sozialise-
gen der Bewegung" gesucht wird. sten mit der Szene und zwischen tionstyp). Wofür taugt Dein Arti·
Du nimmst der Anti-Jugind dies verschiedenen Szenen. Das zeigt, kel7
übel. Die Normal-Jugend erwähnst daß keine Orte, Handlungen und
Du gar nicht, denn diese findet Ih- Diskussionen von Dir beschrieben
re Lebenswege und Antworten eher werden, daß keine Inhalte genannt
auf der Leinwand, im Fernsehen werden, sondern Begriffe wie
und auf Video.
s ..Schimmelpilze", ..gallertartige
Masse", zu Diffamierung, statt Ana·
lyse, herhalten müssen.
Merkst Du nicht, wie nahe Du
sprachlich . einer Inquisition, oder
modern gesagt, den von Theweleit
beichriebenen .. Männerphantasien"
fasch.istischer Offiziere bist. Auch Kann ich' einem Kinde, das schrei-
dort war Schleim und Dreck Be- end um lieh schlägt, nur weil ihm
zeichnung aller· Abweichler und sein Spielzeug abhanden gekommen
Roten - bei Dir fehlt nur die Ver- ist, mit Vernunftargumenten klar-
dammung der Frauen in der Szene machen, daß es sich albern ver-
Konkurrenz zu neuen Medien, als Hexen und Huren. An welche hält? Zumal es sich um sein Lieb-
den AuidruCksformen- lliiutiger- JÜ· ..Symbole" denkst Du eigentlich, llngapielzeug, die Revolution, han-
'g&ria, ihre Vorliebe für Technolo- die verloren gingen? Hammer und delt? Ein Kind kann damit rechnen,
gie und New Wave sucht der alt,.rn· Sichel, Fraktionskämpfe, Stalin, c) Da Dich die Probleme und ln- daß ihm die Erwachsenen den Zor-
de Revolutionär gar nicht; es ist Gulag oder die Chinesische Kultur- halte der Szene wie erstmals Jobs nesausbruch nicht nachtragen.
auch hoffnungslos, da Plätze be- revolution? Du hast eine Kritik im und Arbeit, Beziehungskisten und Wenn es aber zum Messer greift,
setzt sind bzw. die Jungen sich eh Wohngemeinschaften, neue Me- um die Familie abzustechen, um
dien, ihre Musik und ihre Feste, die sich mit dl818r Methode sein Spiel-
Kriminalisierung nach § 129a und zeug, die Revolution, selbst zu ba-
BtMG usw. einen feuchten Dreck steln, stehen beide Selten am
Scheide~N~tg.
-96- -97-

Rob..t (Bobby) Kurz hat mit Szene '84 möglicherweise Staat, Aber jetzt mal von Revolutionär
seiner vernichtenden Abrechnung
mit der ..Szene '84" genau diesen
aber sicher keine Revolution zu
machen sei. Da mm die von dir be-
zu Revolutionär: Du stellst völlig
richtig fest, daß wir nun schon seit Elend
Punkt markiert. Am Ende seiner schriebene Wirklichkeit sich der lro- mehr als 60 Jahren pausenlos re-
Vernunft, bietet er ihre Negation
an, den Zynismus, als Methode po-
nlsierung entzieht, weil sie als Per-
siflage ihrer selbst zu werten sei,
lächelt 'Zwischen deinen Zeilen eine
volutionäre Situationen haben, daß
die Arbeiterklasse seitdem in den
Startlöchern sitzt und nur darauf
der Kritik
litischer Analyse an. Er überholt
damit den Mann, den er vehement ganz andere Aussege mich ·an, näm- Betr.: "Oh diese Jugend", PL.A."R-
lich die: Mit dieser Szene '84 ist wartet, daß die Avantgarde sich. RER-Titel 2/84; Diskussion zum
beschimpft, Pater Sioterdijk, weit endlich zusammenrauft und die
rechts. sicher kein Staat zu machen, mög- Thema im KOMM
licherweise aber eine Revolution. Bahnhöfe freigibt für den Kauf
Der Irrwitz der Situation: Eine Bobby, ich sege dir, du bist weit .von Bahnsteigkarten für die Re· Nach dem etwas billig von Wolfgang
Vernichtung des Bobby Kurz so, besser als die Sportreporter. Das volution. Aber es geht nichts. Die·
ses Land ist so verkommen, daß Pohrt abgekupferten Artikel von
wie er andere vernichtet, verbietet belegt das zweite Beispiel, mit dem Bobby Kurz waren sich die lokalen
sich wegen unvermeidlicher Niveau- du besonders subversiv zuschlägst. hier nicht einmal eine Revolution
über die Bühne geht. Heute wissen Protestverwalter in ihrer Empörung
losigkeit; eine Vernunftargumenta- einig wie selten und konterten auf
tion gegen dieses Gebirge von Haß Du sagst so klar wie niemand wir, daß die drei Jugendgeneratio·
seit - Moment, da muß ich rech· nen hinter uns allesamt Arsch· den Leserbriefseiten des PLÄRRER
und Verachtung wäre zwangsläu- mit dem schrillen Geheul: "Es ist
fig .banal; aber das Gespräch muß nen - etwa 45 Jahren, daß alle Iöcher waren. Erst haben sie sich
krummgearbeitet, dann haben sie nicht, was nicht sein darf". Herr
trotzdem weitergehen. Himmel Hoffi,ung-darauf, daß der Mangel Kurz hatte die Frechheit besessen,
hilf, oder besser, Teufel nochmal, an Intellekt, also die Dummheit, sich kaputtschießen lassen, und
dann haben sie sich wieder krumm- eine Ansammlung von Schäfchen
Robert (Bobby) Kurz, laß es mich der Szene '84 wenigstens ihre Kör- nicht als "Basis", sondern als
versuchen. perlichkeit hervortreten ließe, Schi· gearbeitet. Man hätte annehmen
können, daß wenigstens diese Ge· Schafsherde zu bezeichnen. Das
Bei Lektüre deiner oppositionei· märe sei. Wer das damals von der schien wie Verraf an der "Bewe-
Szene '39 gesagt hätte, wäre wagen neratlon von heute, diese Szene
len · Opposltionsbaschreiburig '84, zu Leistungsträgern des Um- gung", und dementsprechend war
,.Szene '84 - lasch und lahm" hat Verstoßes gegen die Rassengesetz· die Reaktion ihrer Exponenten. Zu·
mäßigkeits-Theorie erschossen wor- sturzes wird. Das war gebongt, ge-
mich dein Zornesblitz so geblen- ritzt und eigentlich unausweich· mindest hatte Herr Kurz den rot·
den. Du aber, Bobby, kennst die bemäntelten Vertretern alternativer
det und verstrahlt, wie eine Atom- neuasten medizinischen Forschungs- ICh. Stattdessen bittet dieser al·
bombe, die mich traf, als ich gera· Ideologien das Recht abgesprochen,
lerletzte Haufen flennend, betend sich als "Linke" zu bezeichnen, und
de keine Aktentasche als Kopf· und händchenhaltend die Herr- er hatte die Basisbewegung der gei-
schutz bei mir hatte. Die Totalität schenden um Milde. stigen Armut bezichtigt. Man spiel·
deines Elends als Revolutionär Ich stelle mir vor, wie dir zu- te also Empörung. Daß die anfangs
zwingt mich zur Inanspruchnahme mute Ist, Vlienn du für dieses heu- so heftige Zornesaufwallung dann
eines totalen Gegenbildes: Jedes· lende Gesamtelend den atomaren doch zu Betulichkeit und allgemei·
mal wenn ich beim Club war, du Gnadenschuß für gerade noch an· ner Konzilianz gelierte, war bei ge-
weißt schon, nicht beim RC, son· gemessen halten mußt. Wie riefst nauer Lektüre des Artikels von Bob·
dern beim sogenannten FCN, und du doch aus: Mein Antlitz ·möge by Kurz vorauszusehen. Neben vie·
am übernächsten Tag .die Spielbe- slc;h von der Erde tilgen? Bei allem len brillanten Formulierungen und
richte las, hatte ich den sicheren Respekt für deine Bereitschaft zur genauen Beobachtungen verrät er
Eindruck, auf einer ganz anderen Selbstaufgabe, sage ich dennoch, an einigen Stellen, worum es ihm
Veranstaltung gewesen zu sein. Die ergebnissa, die da heißen: Seit hier bist du zu weit gegangen, Bob· wirklich geht: nicht um die unver:
Sportreporter sind 11anz fraglos .se- 5000 Jahren haben sich weder die by. Da erinnere ich mich an etwas. söhnliche Kritik an. der Gemein·
riöse Leute. Also muß es wohl an Größe des Pimmels bei den Män- ~ls mein Rottenführer bei dan Schaftsideologie schlechthin, son-
mir liegen, daß ich mich nun auch nern noch der Brustumfang bei den Pimpfl!n mich bei einer Übung mit dern vielmehr um deren Verbesse·
noch von dir verarscht fühlen muß. Frauen verändert. Es ist damit fast der Panzerfaust anfegte, ..was, du

~
Du bist mir einer ... unmöglich, Bobby du weißt es, · '"' - . • Op
verweigerst die Gefolgschaft!",
an äußeren Merkmalen festzustellen,
~
Allerdings muß Ich zugestehen, stammelte ich mit voller Hose
daS dein Trick nicht leicht zu ob die Menschheit seitdem nun . ,.Nein". Dir, mein lieber Bobby,

;>-~ _/~'"' rJ
durchschauen Ist. Das Ist gute alte klüger oder dümmer geworden ist. sage ich auf die nämliche Frage,
Dialektlk-5chule, mit unverkennba- Meines Wissens gibt es nur eine die du mir mit deiner gnadenlosen
ren Anleihen bei Hagel, Marx, Bal- einzige Ausnahme, und zwar Goeb- Polemik ebenso anträgst, ,,Ja".
zac und sogar Brecht. listig bietest bels, der seinen Über-Intellekt mit
einem Klumpfuß bezahlen mußte. Zur Tagesordnung.
du dem Leser die schauderhafte
Wirklichkeit als Surrogat für die Kein Mensch kann sich doch wün·
schen, daß diese gut gewachsenen KLAUS SCHLESIQER
weit hinter Ihr zurückbleibende Iro- NUrnberg
nie an. Das hat Folgen. Jungen und Mädchen der Szene '84,
die ohnehin im Rollstuhl landen
Du sagst so klar wie niemand werden, das auch noch mit einem
zuvor, daß mit dieser engepaßten Klumpfuß tun müssen.
-98-
-99-

rung. Nicht, daß' z.B. die Wohnge- len, möchte ich nicht auf den ln-
tlir noch mit Faschings-Helau beju- Toll! Daß es noch Leute mit dei- halt sondern auf die Sprache ein-
meinschaften kleine Volksgemein- belt zu werden, wurde auf der nem Durchblick gibt, macht mir
schaften sind, greift er an, sondern gehen. Ich habe bei diesem Artikel
Versammlung auch noch über wieder Hoffnung. Genauso ist es schon ·mal viele Wörter gar nicht
daß ihre intime Tyrannei noch ,.Theorie oder Praxis" diskutiert, doch, wie du ·schreibst. Friiher gab
nicht kollektiv genug ist. verstanden. Was bitte ist z.B. blö-
als würde diese falsche Fragestel- es wohl Arbeiter und Intellektuelle kende Ignoranz triumphierender
Eine auf solche Weise angedeu- lung selbst nicht schon Theorie- (Fisch und Fleisch, wie du aufS. 14 Neurasthenie des Intellekts, Surro-
tete Versöhnungsbereitschaft niuß- feindschaft implizieren. Die Aus- so schön unterscheidest). Erstere gat, Rezensenten, Monaden, Dispo-
te logisch zum Konzept einer har- würfe gipfelten im eintönigen Weh- haben gearbeitet, letztere geredet. nibilität... Deshalb gehöre ich nach
monischen Veranstaltung ausarten, geschrei über eine durch die.Ratio- Und heute? Da kommen diese so- Ihrer Aussage wahrscheinlich auch
wie sie dann in dem von den oben nalität kaputtgemachte, weil begrif- zial diffusen, halbgebildeten Pro- zu den ,.Halbfabrikaten einer ent-
genannten provinziellen Größen an- fene und damit als absurd erkann- leten daher, reißen die Klappe auf, intellektualisierten industriellen
beraumten Vorbereitungstreffen te Bauch- und Betroffenheitskul- haben noch nicht einmal Balzac Schmalspurbildung". Ich kann' dies
mit Bobby Kurz ausgekartelt wur- tur. Nur so nämlich ist der Ein· gelesen oder sich auch nur einen nicht beurteilen. Nun frage ich
de. Statt der versprochenen, radika- wand auf der Veranstaltung zu ver- Gedanken über die Liebe bei Höl- mich, welchen Leserkreis der
len Kritik und statt der zu erwar- stehen, daß die Frauenbewegung derlin oder Novaljs gemacht, aber PLÄRRER, der Artikel in solchem
tenden, Iiicksichtslosen Denunzia- aus dem Protest gegen die 68er wollen reingackern, wenn gebildete
Männer entstand, während ihre Ge- Leute reden. Also da hört sich doch Stil bringt, eigentlich ansprechen
tion einer schwachsinnigen Bewe- will. Muß man vorher mindestens
gung fand sich ein etwas scQüch- burtsstunde doch nur war, als ein alles auf! Zu allem Überfluß wollen
paar Megären ihre· entblößten Brü- sie auch noch Spaß haben, einen vier Semester studiert haben, um
terner, weil eingeschüchterter Bob- bestimmte Artikel lesen zu können
by Kurz als Aufreißer einer Schicki- ste als Kampfmittel gegen ein Re- draufmachen und beschäftigen sich
ferat des altemden Adorno ein- mit so Zeugs wie Mystik, und der oder muß man jetzt immer ein
Micki-Szene wieder, der, übertöl- Fremdwörterlexikon beihand ha-
pelt von Opportunisten, zum lah- setzten und ihn als ,.Theorie- Hammer ist, daß ihnen das auch
wixer" denunzierten; das war nur noch mehr Freude macht als der ben. Wenn der PLÄRRER nicht
men & laschen Bauchredner eines nur eine Zei~ng für ,.Hochintellek-
Konziliums von Versöhnlern wur- der erste Ausdruck eines inzwischen wissenschaftliche (!) Sozialismus.
etablierten, verbiesterten und re- Also ich stimme dir da völlig zu, tuelle" sein soll, müßtet ihr euch,
de. Friedlich und zahm geworden, die Redaktion, schon vorher über-
eingepaßt in eine Riege von wolfs- aktionären Willens, die Menschheit ich für meine Person hab noch
wieder als natürliche Gattung einzu- nichts gefunden, was mir mehr legen, in welchem Stil und welcher
pelzigen Schafshirten, gatzte er ab Sprache die Artikel geschrieben
und an vermittelnd zwischen den führen und ihr Bewußtsein als hi- Spaß machen könnte, als eben der,
storische Produktivkraft zu hinter- vielleicht mal abgesehen vom Wo- werden. MONIKA BARNKLAU
Kommentaren der vorher im Nürnber& -
PLÄRRER-Artikel Geschmähten, treiben und zu zerstören - was chenabwasch für eine achtköpfige
und degradierte - vielleicht unge- allerdings einen faschistoiden Kern WG oder zum Zahnarzt gehen. Nein
wollt - die Waffe der Kritik zu hat. Das anti-intellektuelle Ressen- wo kämen wir denn hin, wenn die
einer_therapeutischen Kopfschmerz-
tablette und zu einem sozialpäda-
timent, die Glaubenssucht, die
Praxisbesessenheit haben gerade
Leute auch noch WaS ZU lachen
hätten. CHRISTINE SCHULER
f~~ft/J~
gogischen Mittel. Das Publikum, hier eine schlimme Hypothek _,_ Nürnber&
~~~~
das auf der Suche nach-Unmittel- und die hat Bobby Kurz nicht

~t1
barkeit, Identität und Intimität benannt. Die ungeheuerliche Wahr-
sich spontan zum Thing-Kreis grup- heit des Anti-Intellektualismus die-
pierte, legte dem Denkenden und ses Landes nämlich ist die Wahr-
Verzweifelten die erbarmungslose heit seiner Ungeheuer: der . Natio-
Toxikose auf und bescherte den nal- Sozialisten. Die Post-Au-
Ignoranten ihre erbärmliche Nar- schwitz-Gesellschaft, die Kinder im
kose. Der Traum der Praxisbeses- Vaterhaus des Henkers, die wohl Deine Abrechnung mit der Szene
senen, endlich besinnungslos und noch zur sentimentalen Zornes- erinnert mich an die schäumende
frei von theoretischem Wissen los- aber nicht zur feintiihligen Scha- Wut eines ve1schmähten Liebhabers,
schlagen zu_ . dürfen, fand ein alp- mesröte fähig sind, auf deren der sich zu lange - allem Augen-
traumhaftes Organ in den dumm- Hohngesichtern auch nur zu sehen schein zum Trotz - seine Angebe-
schnäuzigen Bierzelt-Statements un- ist, daß sie zur anti-intellektuellen tete zum holdseligen Engel stili-
ter dem Motto ,.Nieder mit der ·Rohheit noch den geistlosen Spott siert hat und der schließlich, unter
Theorie", womit weniger Theorie üben wollen,. verursachen uns nur heftigen Geflihlskrämpfen, ein-
als Reflexion und Denken generell mehr Ekel. KARLHEINZ KUHN
sehen muß, daß es sich um ei
gemeint war. · WERNERSCHULTHEmS
Nürnberc Herzlichen Glückwunsch, lieber ganz · gewöhnliches Frauenzimmer
Und nicht genug damit, daß Verfasser dieses Artikels. Er hat be- handelt. Die Szene kann doch
denen, die ohnehin den Weg des -wiesen, daß Sie nicht zu der ,,in- nichts dafür, wenn du dir als .,al-
Desasters eingeschlagen haben, in tellektuellenfeindlichen, verblöde- ter 68er" immer noch Inteiligenz
unfaßbarer Monotonie erlaubt wur- ten, lahmen und laschen Szene '84" und Kleinbürgertum als revolutio"
de, -sich alles· zu erlauben und da- gehören. Bei mir ist das schon et- näres Subjekt wünschst.
was anders. Trotz totaler Verallge- Ul',AIGNER
meinerungen, fast schon Vorurtei- Nürnbelll
-roo- -IOI-

Jetzt ists geschafft. Der


..... .....

.... i ( . !I~
...

.-
. ·~·
· • 0

~ ·~·
·'
in die Kneipe geht (und nicht no'cll
das Bier selber braut), sondern ein-
fach ein paar Halbe reinzischt .
SEPPSOMMER
Aber damit noch nicht genug. Bob-
by hält diese Unterschicht-Proleten
immer noch tiir besser als die heu-
tige oppositionelle Jugend, weil
Saarhexe ist der Einbruch
in rlie revolutionäre Arbei-
11 terklasse gelungen. Siehe

t' ··'. . ~·\y,


Mitllled der Sponti-Szene letztere nicht einmal bereit ist, die Lebensansichten eines
Nürnbel'l sich "körperlich durchzubilden"

I .··~~!Ja·· .,,. ........ •


' ma rxist isch/leninist ischen
und militarisieren zu lassen. Hach,
Robort Kurz kann sich freuen: Die ist das lasch! Ganz und gar nicht Taxifahrers in der letzten
seinen Artikel ablehnende Leser- wie Kurz' "neuer Mensch". DeM Nummer. Woher ich weiß,
schaft dürfte wohl . auch geradezu der braucht "Militanz mit gesell-

-· -
daß es ein Marxist/Leninist
maßgeschneidert sein. Klar, die nor- schaftlicher Perspektive". Na bra-
malsterbliche Jugend wird den Arti- vo. Schließlich ist Friedfertigkeit ist? Ganz einfach: es steht
kel meist recht bald beiseite legen gemeingefährlich. Herr Geißler am Ende in der Kurz :.13io-

\V-, und sich kopfschüttelnd fragen, was


der Knallkopf eigentlich sagen will.
Darautbin kaM sich Kun: ins
hätte das nicht treffender aus-
drücken können. Ja ja, der böse
Pazifist. Er veihindert den "ernst-
graphie drin. Er
er sei einer und nach Marx
bestimmt ja das ßewußtsein
denkt,

Des Autors eigene Unzulänglich- Fäustebon lac;hen und sagen, na al-


keiten, von denen er natürlich haften, langfristigen, planmäßigen I das Sein, oder nicht?
so, diese dumme Jugend begreift Kampf', von dem Kurz wohl im-
durchgehend abstrahiert, gehen auf nicht mal, was ich schreibe. Hab ich Ja und dann sieht mans
in dem alten sozialistischen Gedan- mer noch träumt. Freiheit ist, auf
doch recht gehabt ... Somit ist dieser den 68er Barrikaden den Heldentod auch im Artikel, wenn
ken von der Diktatiu des Proleta- Artikel nichts anderes als eine men-
riats, was er sich aber so nicht zu zu erleiden. Bobby schwärmt von rnan seinen Kalle gelesen
tale Selbstbefriedilrun" von Kurz' Macht, Klassenkampf, Scharfma- hat und die unverwechsel-
beneMen traut. Doch die Zerris-
senheit in .seinen eigenen Wider- chen und Niederwerfung bis hin zur lm ren marxistischen ßegriffe
sprüchen macht es deutlich. Dem finsteren politischen Entschlosslln- <·rkennL wie: "die oppositio-
"Klassenkampf von oben" (den/ heit. Über Leiden, Opfer und Ent-
das gibts nicht, es gibt nur einen behrung zum Sieg, zur Weltrevolu- nelle Jugendbewegung",
Druck· von oben nach unten - weil tion. Gelobt sei, was hart macht. "ab~e s 1andenes Wasser
zum Kampf immer mindestens zwei Diese Devise ist doch nicht neu. totc!r Senenarrne des
gehören) möchte er einen Wider· Auch in diesem Artikel wird wie- gesellschaftlichen Prozesses",
stand derer entgegensetzen, die sich der einmal deutlich, daß wohl "blasierte Coca-Cola Kinder",
nicht kaputtarbeiten müssen. Ist die jeder Machtinteressierte den glei-
Aussage, daß die gesellschaftliche chen Bockmist baut: Der Mensch "Zeitalter der Ideologien";
Objektivität niemals eine absolute an sich wird nicht in Betracht ge- Aber wie gesagt: ''Niemand
ist, noch richtig - so wirds fatal, zogen. Er ist nur Mittel zum Zweck. scheint noch eine n klaren
wenn er vom "Klassenkampf von Wer "befreit" wird, ist letztlich Begriff davon zu haben ... ".
unten" träumt und dabei auf seine wurscht. Nur wer befreit, der ist
geharnischte Szene setzt, welche es . sich wichtig. Und wer sich nicht
freiwillig "befreien" lassen will, der Einige Erscheinungen · trifft
scheint, seine Klasse zu sein. Diese
Szene ist nur so beschissen drauf, I wird bestenfalls geächtet, meistens Kurz richtig, aber warum
lern" Intellekt. Diese schlimmeres. Ein Zyniker ist ein
weil sie eine ~igene Mobilmachung
erst gar nicht aufkommen läßt.
Ich hab auch nicht Hege! gelesen
ten aufgeblähte Schmollschrift, die
eigentlich nichts anderes besagt,
als daß die heutige Jugend zu blöd
I schlechter Heilsbringer, Menschen-
verachtung ist eine üble Botschaft.
IMMO FREISLEBEN
kommt es zu den Erscheinun-
gen? Vielleicht
Teil der Szene aus dem
ist ein
und es wäre müßig zu erzählen, Nürnber&
auch schon mal in ein Buch ge- ist, sich zum "klassischen soziali- gleichen Grund abgesackt,
schaut zu haben. Aber der gute stischen neuen Menschen" ·um- aus dem Kurz, wie er es
oder schlechte Bobby sollte sich ge- , modeln zu lassen und doch mitsamt
ihrer ganzen Elterngeneration zur ausdrückt, zum Kotzen
falligst verwahren, allen Leuten, die kommt (und die SH jetzt
nicht mehr auf seinem Trip sind, zu Hölle fahren möge, un.d er, der
unterstellen, sie hätten nur Scheiße Bobby, doch nur Perlen vor die doch den Kübel darstellt,
im Kopf und würden sich geradezu Säue werfe, weM er sie zu "befrei· um im ßild zu bleiben)
dage,en ausmachen, eine gute . en" versuche, nun, dafür hätte doch
.wohl auch eine halbe Seite gereicht. und nun zeigen beide
Schrift zu lesen und die Auseinan- Wer fahig ist, einen derart von Men- mit den ringern aufeinander.
dersetzungen zu fUhren. Denn das schenverachtung triefenden Artikel jedenfalls ist es nicht un-
tue ich mitunter sehr gerne - zum
einen' Zum anderen würde ich mich zu schreiben, der muß sich schon mö~lich, dieses verwirrende
sogar mit Bobby Kurz solidarisie· gewaltig darüberstehend flihlen. Au- Bild irn gesellschaftlichen
ren, nämlich dann, wenn er nach ßerdem setzt Robort Kurz die "Ba- Zusammenhang zu erkliiren
einer 12-Stunden-Taxischicht zu- sis" gar nicht unten an, deM unter
den Arbeitern gibt es da noch die (wie der Marxist/Leninist
hause eben nicht mehr seinen Fern- Fochl e r hat es vor etwa
seher auseinandernimmt, posthum "Unterschicht-Proleten". Ob Kurz
die wohl auch "befreien" will?
-102- -103-

Nett.wcrk die Zeitung immer aber auch ein KO nicht Ich kann trotzdem die Pun-
1/2 Jahr im Arbeiterkampf
am Beispiel der Grünen besser gefällt, aber da~ akzeptieren und motzt statt- kte nochmal kurz rauszie-
gezeigt). sieht ein Teil der Redaktion dessen, daß mit wirklichen hen:
Also: Der Autor polemisiert schon als Lob, statt über , Boxhandschuhen geboxt • mehr Körperertüchtigung
gegen Intellektuellen - und die Ursachen nachzudenken. wird und nicht mit Watte- • mehr Theorie
Opportunismus ahoi! kuni bäuschchen geworfen. • eine Intelligenz, die sich
Theor iefeindl ichkei t, ohne
selbst der Sache auf den Ring frei für die erste als fortschrittlich versteht,
Grund zu gehen. Er wirft Runde: Bobby Kurz rechnet Na und? Seit wann ist muß sich irgendwie in Bezug
der "Szene" vor , daß s1e ab: mit Müslis und Milis, Zynismus denn verboten? lsetzen zur Arbeiterklasse,
nicht liest, während die Ökopazifisten, Anarchola- Aber was bei jedem guten da nur diese in der Lage
eigene Literaturliste (wie schis und sonstigem Szene- Redakteur, nicht nur etwa ist, Veränderungen auch
in teilweise schlechter gevölk; 7 Seiten lang, in bei 'Konkret', sondern :1urchzusetzen.
K-Gruppentradition) bei SAARHEXE 3/84. Die sogar beim scheißliberalen
Brecht aufhört, schließlich Schläge sitzen, denn Bobby 'Stern' Einstellungsbedingung Fazit: Bobby Kurz hat mit
bezieht er dann genau die Kurz kennt die wunden ist, nämlich daß er/sie seiner Kritik recht, schon
auf der Oberfläche getroffe- Stellen "seiner" Szene. oben seine/ihre 5 Groschen allein deswegen, weil aus
nen Fehler (Theoriefeindlich- Punkt für Punkt stellt er beisammen hat, ist in der der Szene keine( r) willens
keit ... ) mit ein, wenn schonungslos ihre Schwach- alternativen Szene verpönt; und in der Lage ist, ihn
er marktgerecht, konsumo- stellen bloß, mißt die Szene hier herrscht der Zwang zu widerlegen.
rientiert formuliert. Da~ an ihren eigenen Ansprüchen zum 'positiven' Denke_!!:_ Günter Schule r
ist verlogen und hilft nicht und stellt fest: "Außer Ich übersetze mal: ·~Gegen
die Fehler zu überwinden. Spesen nichts gewesen". deine Inhalte können wir ·P.S.: Das ist natürlich k e i
schlecht was sagen, aber ne pwfunde Auseinand<'r-
Und genau das war der Das war's denn auch. Nach aus dem Stil drehen wir set7.ung mit eiern Artikel
schlechte Grund für die der ersten Runde darf dir 'nen Strick ... ": Ein von Bobby Kurz. Anlal~
Saarhexer, den Artikel ausgezählt werden. So "arm- Fall für die Genfer Konven- für diesen Leserurief
zu übernehmen: weil noch selig und gemeingefährlich tion!
I waren nur ein gutes Dutzend

-
was fetziges in der Numme friedfertig" verhält sich Wenn ehr meint, derBeitrag Reaktionen aus meiner
fehlte. " ... denn diese Verä sei destruktiv, lest ihn und weirerne Um-
"diese Opposition" nämlich
chtP.r der BILD-Zeitung doch wirklich noch _t!_inmal.
nicht nur angesichts ihrer
erlahmen bereits in ihrem "sozialen Knebelung und
geistigen Aufnahmevermögen Niederknüppelung", sondern
wenn sie es mit mehr al auch, wenn mal einer
drei Seiten Theoretischer kommt und ihr "die Leviten
Erörterung ohne · Bildchen" li'est". Anstatt den Fehde-
und Medienfirlefanz zu handschuh au fzug reifen,
tun bekom ·men." Mit der dem Autor nachzuweisen,
gleichen Argumentation daß er mit seiner Kritik
lehnen die Leute, die diesen aus den und den Gründen
Artikel in der Nummer verkehrt lr~igt, oder zumin-
haben wollten, öfters theo- dest die Diskussionspunkte
retische Artikel für die aufzugreifen (ein Diskus-
Zeitung ab. Stattdessen sionsbeilrag war der Artikel
spielt der Verkaufswert doch wohl, oder?), läßt
eine immer größere Rolle, sich nichts weiter als ein
was dann schlimm ' wird, unwilliges Maulen verneh-
wenn die inhaltlicl1e Aus- men: das ist Zynismus,
richtung der Zeitung ' immer ist destruktiv etc. pp ..
mehr dem Zufall überlassen Der Gegner im Ring
wird. Kein Wunder, wenn schlägt nicht zurück, mag

INITIATIVE MARXISTISCHE KRITIK (IMK) NURNBERG
.,

Die IMK strebt einen theoretischen und praktischen Ar-


beitszusammenhang von Marxisten an im Sinne einer
radikalen theoretischen Kritik der gesellschaftlichen Ver-
hältnisse, die zur materiellen Gewalt werden kann.
Wer die politische Praxis ernst nimmt, wird auch die
theoretische Klärung ernst nehmen. Unser Programm ist
ein Angebot, an dieser Klärung mitz(farbeiten.

Wochenendseminare (für auswärtige Teilnehmer können


Obernachtungsmöglichkeiten besorgt werden):

Politische Ökonomie des Sozialismus - Kritik und Ein-


schätzung der Sowjetunion. 22./23. September 1984

Politische Ökonomie der Frauenbewegung - Eine Aus-


einandersetzung. 8./9. Dezember 1984

Weitere Seminare und Veranstaltungen für 1985 sind


geplant. Anmeldung und Anfragen bitte an:
Verlag Neue Strömung, Postfach 21 11, D-8520 Erlangen
.
Me-ti sagte: Denken ist etwas, das auf Schwierigkeiten
folgt und dem Handeln vorausgeht.
Bertolt Brecht

manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!
ernst jandl

Me-ti lehrte: Umwälzungen finden in Sackgassen statt.


Bertolt Brecht

Vom Primat der praktischen Vernunft war stets nur ein


Schritt zum Haß gegen die Theorie.
Theodor W. Adorno