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Dennis H.

Krüger

DAS „OKKULTE“ 3. REICH


Forschung zwischen
Germanenkunde, Okkultwissenschaften &
Geheimwaffentechnologie
Vorwort

as okkulte 3. Reich - ein Thema, das bereits auf eine umfangreiche Liste
von Veröffentlichungen zurückblickt. Zugleich ein Themengebiet, um
das die akademische Forschung für gewöhnlich einen weiten Bogen
macht, um es der so genannten Verschwörungs- und Okkultliteratur zu über­
lassen. Kernpunkt ist die Befassung führender Protagonisten des 3. Reiches,
insbesondere aus dem Umfeld der SS, mit einem - im Vergleich zu heutigen
Darstellungen - alternativem Verlauf der Frühgeschichte und okkulten Phäno­
menen, wobei innerhalb des 3. Reiches wirkende „Geheimbünde" als esoteri­
sche Drahtzieher die NS-Herrschaft geprägt und dabei eine verborgene Rolle
bei der Entwicklung der „Wunderwaffen" des Dritten Reiches eingenommen
haben sollen. Eine politische Dimension der Thematik impliziert die Existenz
verschiedener Vereinigungen, die sich als wahre Erben des nicht untergegan­
genen Deutschen Reiches sehen, und sich argumentativ auch auf eine „Dritte
Macht" reichsdeutscher Provenienz stützen, die mit ebenjener „ Wunderwaffen-
Technologie" noch heute die Weltpolitik beeinflussen würde.
Im Zusammenhang mit Geheimbünden des Dritten Reiches werden ins­
besondere die Thule-Gesellschaft sowie die Organisation „Ahnenerbe" ge­
nannt. Während erstere nach wissenschaftlicher Aufarbeitung - im Ge­
gensatz zur häufigen Unterstellung einer gewichtigen Hintergrundrolle
als Drahtzieher der NS-Protagonisten in früheren Publikationen - nur noch
marginal in der jüngeren Literatur als noch zur Zeit des Dritten Reiches
wirkend erscheint, wird letztere trotz einer bereits 1969 publizierten umfas­
senden wissenschaftlichen Abhandlung, um so nachhaltiger in einen sol­
chen Zusammenhang gebracht. Dies liegt insbesondere daran, daß seiner­
zeit Bedenken hinsichtlich der Befassung des Ahnenerbes mit okkulten und
geheimen Forschungen unter Hinweis auf „fehlende Akten" nicht restlos
ausgeräumt werden konnten und überdies eine enge Verflechtung des Ah­
nenerbes mit dem „Persönlichen Stab RF-SS" bestand, in dem sich - anders
als im tatsächlichen Ahnenerbe - in der Tat eine Reihe von Persönlichkeiten
befanden, die sich mit okkulten Forschungen befaßten.
Einer besonders großen Beliebtheit erfreuen sich okkulte Zusammenhänge
des 3. Reiches traditionell in Frankreich, einem Mutterland der okkulten Ge­
sellschaften. Hier drehen sich viele Publikationen vor allem um den Spiritis­
mus der NS-Protagonisten und die Gralssuche Otto Rahns, der viele Jahre in
Frankreich lebte und Verbindungen zu verschiedenen französischen Okkul­
tisten unterhielt. In den USA, wo sich die Mehrheit Kenntnisse historischer
Geschehnisse vor allem der Zeit des 2. Weltkrieges aus Hollywood-Filmen
aneignet,1 fielen viele dieser okkulten Ansätze auf fruchtbaren Boden; hier

1 So Levenda (2002)

3
war es vor allem das Interesse an okkulten Forschungen innerhalb des 3.
Reiches und die Verwendung bestimmter Symbole, wie des Hakenkreu­
zes, was Autoren und Leserschaft der Okkultliteratur fesselte. Zunehmend
verlagert sich hier jedoch der Schwerpunkt des Blickwinkels auf die tech­
nischen Aspekte der verborgenen Geschichte des 3. Reiches. Während bei­
spielsweise Col. Howard Buchners Werk noch ganz in der französischen
Tradition der Veröffentlichungen etwa Angeberts und Bernardacs stand,
drehen sich die Werke zum okkulten 3. Reich der letzten Jahre vor allem
um die Beziehungen zwischen den Okkultgruppen und moderner Techno­
logie. In der kurzen Übersicht zur Literatur wird auf einige dieser Werke
zurückzukommen sein. All diesen typischen Okkultveröffentlichungen
gemein, ist das fast völlige Ausblenden wissenschaftlicher Forschungen
über deutsche Vereinigungen am Vorabend des Dritten Reiches. Trotz
der wissenschaftlich untermauerten Entmystifizierung der Legenden um
das Ahnenerbe, die Thule- und Vril-Gesellschaften sowie Weisthor und
Otto Rahn2 - um nur einige zu nennen -, erfreuen sich derlei Legenden
nach wie vor großer Beliebtheit. Nicht zuletzt deshalb, weil die genann­
ten Veröffentlichungen mit wissenschaftlichem Hintergrund oftmals den
Eindruck vermitteln, als wenn hier wichtige Episoden ausgelassen oder
gar verschwiegen werden. Genau dies ist nämlich das Manko der wissen­
schaftlichen Veröffentlichung und gebiert den Reiz der Laiendarstellung:
Der Wissenschaftler orientiert sich an den der Forschung zugänglichen
Quellen, daß heißt an Akten, an mündlichen Überlieferungen wie etwa
Zeugenaussagen oder an vorhandenen materiellen Hinterlassenschaften.
Daß gerade im Bereich der okkulten, also im Verborgenen wirkenden Ge­
schichte dies die tatsächlichen Geschehnisse nur Auszugsweise widerspie­
gelt, liegt auf der Hand.3 Verborgene Geschehnisse werden in der Regel
nicht anhand von Akten überliefert. Wo diese vorhanden waren, werden
sie zudem oft vernichtet oder zur Verschlußsache erklärt - bis in die heu­
tige Zeit.4 Für den Wissenschaftler sind sie somit nicht greifbar, ihr Inhalt
entzieht sich einer Darstellung. Dazu kommt, daß viele der wissenschaft­
lichen Publikationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts starken Ten­
denzen ausgesetzt sind, die Rolle des 3. Reiches nicht objektiv, wie man
es von Historikern erwarten würde, sondern aus dem Blickwinkel eines
„gegnerischen Systems" betrachten. Dies führte vor allem im Falle der
Veröffentlichung Michael Katers zu einigen Schlußfolgerungen, die sich
weniger an der Faktenlage, denn an persönlichen Befindungen orientieren,

2 Kater (2006), Rose (1999), Bahn (2003), Lange (1999), Lange (2001)
3 Siehe hierzu zuletzt Knaack (2010), S. 10 ff.
4 Zur Problematik der bewußten Aktenvernichtung durch US-Behörden nach dem
2. Weltkrieg, siehe Georg (2009), S. 53 f. ebenso Mayer/Mehner (2007), S. 19.

4
nicht nur was die persönliche Einschätzung verschiedener Protagonisten
des 3. Reiches betrifft.5
Die vorliegende Veröffentlichung versucht nun, die verschiedensten Quel­
len über das „Okkulte 3. Reich" zusammenzutragen, die Thesen der Sekun­
därliteratur, vor allem der „Okkultveröffentlichungen" zu sichten und unter
wissenschaftlichem Gesichtspunkt darzustellen und - wo möglich - auf ihren
Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Dabei steht die Forschungstätigkeit der SS in
Bezug auf die Frühgeschichts- und die Erforschung okkulter Phänomene im
Mittelpunkt der Betrachtung, wobei wiederum die Organisation „Ahnener­
be" eine Schlüsselrolle einnimmt. Die Betrachtung der okkulten Vorläufer des
3. Reiches, die bereits in einer Vielzahl von Werken Würdigung erfuhr, wird
lediglich gestreift und in den Handlungsrahmen eingebettet.
Das Grundgerüst des Werkes beruht auf dem Entwurf einer Magisterarbeit
über das Ahnenerbe, der zu einem Zeitpunkt entstand, als dieses außer durch
Michael Kater und einige wenige Forscher noch weitgehend unerschlossen
war. Mittlerweile hegen eine ganze Reiche von Publikationen, vor allem Dis-
seratationen vor, die sich der Thematik näherten. Trotz der teilweise zu er­
kennenden wissenschaftlichen Akribie und der Vielzahl neuer Forschungser­
kenntnisse haben jedoch auch diese Werke traditionell jene Dinge ausgelassen,
die über die vorhandenen Aktenbestände hinausreichen.
Mit diesem Werk wird daher der Versuch unternommen, eine Brücke zwi­
schen beiden Forschungsansätzen zu schlagen und dem Leser eine Gesamt­
darstellung der okkulten Phänomene in Bezug auf die SS als wichtigster Un­
terorganisation des 3. Reiches zu präsentieren.
In die hier vorhegende 2. Ausgabe sind neben einigen Korrekturen auch
Ergänzungen eingeflossen, die sich aus der Berücksichtigung der seit Veröf­
fentlichung der ersten Ausgabe erschienenen Werke zum Themenkomplex
ergeben haben.

Dennis Krüger

Zelebrierung der arisch-germanischen


Vergangenheit auf dem Tag der Deut­
schen Kunst in München -1937
5 Auch von der heu tigen akademischen Forschung wird das Werk Katers inzwischen
in Teilbereichen kritisiert. Dabei wird hier Kater allerdings zum Vorwurf gemacht,
daß einige Ahnenerbe-Akteure zu positiv dargestellt seien, da Kater zwischen objek­
tiven Forschern und „Scharlatanen" unterscheidet; siehe dazu Krall (2006).

5
Jüngere & Standard-Literatur zum Themenkreis
Michael Kater: Das Ahnenerbe der SS
Als Standardwerk zum Ahnenerbe firmiert nach wie vor das bereits 1969
veröffentlichte „Ahnenerbe" von Michael Kater. Auf etwa 468 Seiten wertet
Kater einen Großteil des damals zugänglichen Aktenbestandes aus. Neben
vielen subjektiven Empfindungen, die Kater in sein Werk einfließen läßt, ist
es vor allem das hohe Alter der Veröffentlichung, das seinen Wert schmä­
lert. Aufgrund einer Umstellung in der Aktenverwaltung durch die Signa­
turen neu vergeben wurden ohne die früheren zu vermerken (Kater stützt
sich auf T-580 Signaturen des alten Berlin Document Centers, die unter der
selben Signatur als „Captured German Documents" im Nationalarchiv in
Washington vorliegen), sind zudem die Belege Katers für die Forschung oft
nicht mehr nachvollziehbar. In letzter Zeit wird Kater ferner vorgeworfen,
das Ahnenerbe vor allem hinsichtlich seiner vorgeblichen Rolle bei der Ju­
denverfolgung zu „mild" behandelt zu haben. (Kater 2006)

V.V. Trimondi: Hitler, Buddha, Krischna


Dieser Klassiker zur okkulten Rolle des Ahnenerbes verbindet den antina-
zistischen mit einem stark anti-tibetischen Element. Hier können die Auto­
ren die Knüpfung „okkulter Kontakte" ausmachen, die sich insbesondere
mit der Ernst-Schäfer-Expedition nach Tibet 1938/39 manifestierten; Tibet
wiederum spielt dabei eine an „aufklärerische" Broschüren Erich Luden­
dorffs aus der Zeit der 30er Jahre erinnernde Rolle als heimliches Zentrum
„schwarzmagischer Tätigkeit" und wichtigster Verbündeter der damali­
gen Achse des Bösen aus Nationalsozialismus und Faschismus. Um diesen
Schwerpunkt herum bringen die Autoren jedoch eine Fülle von Quellen für
den okkulten Untergrund des 3. Reiches. (Trimondi 2002)

Christopher Haie: Himmler s Crusade


Für diese lange Zeit von der orthodoxen Forschung gemiedene Episode nati­
onalsozialistischer Forschung entspannte sich vor allem in den letzten Jahren
in den USA ein größeres Interesse, das geprägt war von einer Mischung aus
Faszination und Abscheu, wobei ein starker Hang nach Verwendung typischer
NS- und SS-Symbolik in der Aufmachung unverkennbar war.
Eine für diese Sparte typische anglo-amerikanische Veröffentlichung, die eben­
falls bei aller warnenden Kritik eine gewisse Empathie nicht verhehlen kann,
liegt seit 2006 mit Christopher Haies populärwissenschaftlichem Ansatz vor, das
mit seiner umfassenden Auseinandersetzung mit der Tibet-Expedition zu den
erstzunehmenden US-Publikationen zu zählen ist, vermochte der Autor doch
über Bruno Beger, den letzten lebenden Expeditionsteilnehmer von 1938/39, an
Primärquellen zu gelangen, die deutschen Veröffentlichungen aufgrund der Ne­
gativerfahrungen Begers mit dem Forscher Kater seitdem verschlossen blieben.
(Haie 2008)

Peter Mierau: Nationalsozialistische Expeditionspolitik


Diesen Mangel an Augenzeugenberichten erregt insbesondere Peter Mieraus
Werk, das unverständlicherweise ganz auf die englischen populärwissen­
schaftlichen Veröffentlichungen verzichtet und sich allein auf deutsche Ak­
tenbestände beschränkt. Zwar wertet Mierau die Bestände des Bundesarchivs
Berlin sowohl zu den deutschen Bergexpeditionen der 30er Jahre („Nanga Par-
bat" u.ä.) als auch zu Schäfers und weiteren geplanten Tibet-Expeditionen mit
bewundernswerter Akribie aus, allein sind es gerade die bei Haie durchschim­
mernden Eindrücke Begers, die ebenso vermißt werden, wie amerikanische
Aktenbestände, die gerade in der jüngsten Zeit zunehmend der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden („Freedom of Information Act" ) und so mit zur
neuen Begeisterung für den dortigen „SS-Kult" sorgen. (Mierau 2006)

Maximilian Schreiber: Walther Wüst


Eine im gleichen Verlag jüngst erschienene Arbeit, befaßt sich nunmehr erst­
mals mit einem der bedeutendsten Protagonisten des fokussierten Ahnenerbes,
dem Kurator Walther Wüst. Während die Untersuchung Maximilian Schrei­
bers mit vielen Vorbehalten hinsichtlich der Rolle Wüsts aufräumt, mindert die
vornehmliche Betrachtung Wüsts Rolle als Dekan der Uni München den Wert
der Veröffentlichung als klassische Biographie, klammert sie doch die gerade
wesentlich erscheinende Rolle als Kurator weitestgehend aus. (Schreiber 2008)

Hans Jürgen Lange: Weisthor / Otto Rahn


Insbesondere zu den beiden bekanntesten Mitgliedern des Persönlichen Sta­
bes RF-SS, Otto Rahn und Karl-Maria Wiligut alias Weisthor - oft als „Ras­
putin Himmlers" charakterisiert - liegen bislang zwei Biographien aus der
Feder Hans-Jürgen Langes vor, die in ihrer Wissenschaftlichkeit jeweils als
Standardwerke bezeichnet werden können. Das Weisthor-Buch ist soeben
als überarbeitete Ausgabe unter dem Titel: „Im Licht der Schwarzen Sonne"
im Eigenverlag des Autoren erschienen. (Lange 1999 / Lange 2010)

Franz Wegener: Heinrich Himmler & der französische Okkultismus


Zum Themenkomplex Himmler und der französische Okkultismus findet
man eine knappe Einführung in dem als Teil der „Essenz & Tradition"-Rei-
he im Forsite-Verlag erschienenen Band „Okkulte Wurzeln & Forschung im
Dritten Reich" sowie eine Übersicht in Franz Wegeners „Heinrich Himmler",
das auch viele weitere, bislang vernachlässigte Interessengebiete Himmlers
wissenschaftlich beleuchtet. (Wegener 2004)

7
Peter Levenda: Unholy Alliance / Rüdiger Sünner: Schwarze Sonne
Eine der wenigen „seriösen" angloamerikanischen Veröffentlichungen zum
Themenkomplex der okkulten Verstrickungen und der Gralssuche der Nazis,
die nicht zu sehr ins Phantastische abgleitet, ist Levendas Veröffentlichung,
die als diesbezügliches Standardwerk des englischsprachigen Raumes anzu­
sprechen ist. Neben den „okkulten Wurzeln" wie sie bereits vom früheren
Standardwerk Goodrick-Clarkes untersucht wurden, befaßt sich Levenda sehr
detailliert mit dem Ahnenerbe, dem Wirken Rahns und Weisthors sowie der
Frage nach der Kontinuität des Nazi-Okkultismus. Allerdings vermag Levenda
dabei trotz Nutzung einiger „Captured German Documents" - im Vergleich
zu Rüdiger Sünners kompakter Veröffentlichung „Die Schwarze Sonne" - we­
nig abweichendes zu präsentieren, was wohl der versäumten Aktualisierung
der bereits 1995 erschienenen Erstausgabe geschuldet sein dürfte. (Levenda
2007 / Sünner 1999)

Joscelyn Godwin: Arktos


Ein weiteres Standardwerk des angloamerikanischen Raumes ist das 1996
in den USA erschienene Werk Arktos des promovierten Musikwissenschaft­
lers Godwin, das bereits 1997 in mangelhafter Übersetzung im deutschen
Sprachraum erschienen war. Die Neuauflage beim Ares-Verlag erfüllt den
Anspruch, die Behandlung des NS-Okkultismus anhand „seltener Schriften,
antiker Mythen und unbekannter Science-Fiction-Literatur" dem Leser im
Sinne des Autoren zu vermitteln. Hervorzuheben ist jedenfalls Godwins
umfassende Betrachtung, die sich ausgehend von der Frage der Bedeutung
der Erdpole in den Mythen der Menschheit über Entstehungsmythen der
„Arier" in Wissenschaft und Esoterik, bis zu den „okkulten Wegbereitern"
des Dritten Reiches und bis heute nachwirkenden Legenden einer mit Ge­
heimtechnologien versehenen Dritten Macht erstreckt. (Godwin 2007)

Nicholas Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne


Die aus dem Jahr 2002 stammende Veröffentlichung Goodrick-Clarkes,
Black Sun: Aryan Cults, Esoteric Nazism, and the Politics of Identity, wurde
erst 2009 ins Deutsche übertragen. Ebenso wie sein frühes Werk „Okkul­
te Wurzeln des Nationalsozialismus" füllt auch dieses Lücken in der For­
schung und ist als weiteres Standardwerk mit wissenschaftlichem Anspruch
zu bezeichnen. Der Schwerpunkt liegt hier auf den Nachkriegslegenden
(Stichpunkt: Neuschwabenland) und den bis heute fortwirkenden Mythen.
Ausführlich wird hier auch das Wirken Miguel Serranos skizziert.

Heather Pringle: The Master Plan


Hinter diesem etwas irreführenden Titel verbirgt sich eine Darstellung des Ah­
nenerbe mit Schwerpunkt auf den Expeditionen und Forschungsreisen. Trotz

8
der vielen Ergänzungen zu Katers Werk - insbesondere was die Biographien
einzelner Protagonisten anbelangt - und des anderen Blickwinkels der Autorin,
werden allerdings kaum Fakten gebracht, die über das bislang bekannte hin­
ausgehen: Der Aufbau des Buches soll den geradlinigen Weg des Ahnenerbe
vom Forschungsverein zum Handlanger der Judenvernichtung widerspiegeln.
(Pringle 2006)

Stephen Flowers: The Secret King


Mit „The Secret King" präsentiert der als Mitglied einer okkulten Loge
wirkende Herausgeber Stephen Flowers eine Würdigung Wiliguts, welche
der erwähnten angloamerikanischen Faszination am NS-Okkultismus Rech­
nung trägt und an der auch für ihren Hang zum Romantizismus bekannte
Protagonisten der Neo-Folk Musikszene mitwirkten. In diesem Buch wer­
den dem amerikanischen Publikum erstmals eine Reihe von Originaldoku­
menten präsentiert, wobei als Bonus auch ein 1997 erfolgtes Interview von
Manfred Lenz mit Gabriele Winkler-Dechend, einer engen Mitarbeiterin
Wiliguts, enthalten ist, das diese Veröffentlichung auch für den deutschen
Sprachraum interessant macht. (Flowers /Moynihan 2001)

Detlev Rose: Die Thule Gesellschaft


Mit diesem Werk führt Rose erstmals den wissenschaftlichen Nachweis vie­
ler falscher Legenden um die Thule-Gesellschaft und ihren Begründer Ru­
dolf von Sebottendorf. (Rose 2008 )

Peter Bahn: Die Vril-Gesellschaft


Wie Roses Werk in Bezug auf die Thule-Gesellschaft, beleuchtet Bahns Werk
Mythen über die Vril-Gesellschaft: Eine wissenschaftliche Betrachtung der
mythenumrankten Gesellschaft. (Bahn 1997)

Jan-Erik Schulte (Hg.): Die SS, Himmler & die Wewelsburg


Etwas enttäuschend fällt dieser kürzlich erschienende Sammelband zur
Wewelsburg aus, der trotz seines Umfangs und der Beteiligung einer Reihe
akademischer Forscher viele Fragen, die Karl Hüser mit seinem bisherigen
Wewelsburg-Standardwerk Wewelsburg - Kult- und Terrorstätte der SS" of­
fen ließ, nicht beantworten kann. (Schulte 2009)

Neben den hier aufgeführten Werken existieren eine Reihe weiterer akadami-
scher wissenschaftlicher Werke, die allerdings stark dem Zeitgeist huldigen und
zumeist nur Teilbereiche beleuchten - u.a. „Uta Halle: ... die Externsteine sind
bis auf weiteres germanisch"oder „Achim Leube: Prähistorie und Nationalsozi­
alismus". Eine überaus reichhaltige Fundgrube zum Ahnenerbe bietet dagegen
Prof. Gerd Simon unter http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon an.

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Innerhalb der Forschung über eine deutsche Atom-Bombe nehmen die Au­
toren Harald Fäth, Thomas Mehner und Edgar Mayer eine Pionierstellung
ein, die lediglich angesichts zahlreicher Neuveröffentlichungen ein und der­
selben These einen faden Beigeschmack hinsichtlich allzu kommerzialisier­
ter Ausbeutung der Forschung erhält - wobei hier auch der herausgebende
und in diesem Bereich führende Verlag nicht ganz unschuldig sein dürfte.
Dennoch trugen insbesondere die Veröffentlichungen
„Geheime Reichssache" (Mayer / Mehner 2004), die erstmals entschei­
dende Zeugenaussagen präsentierte, sowie das jüngste, die Thesen zusam­
menfassende Publikation „Die Angst der Amerikaner vor der deutschen
Atombombe" (Mayer / Mehner 2007) zur Erhellung des Phänomens bei.
Co-Autor des letzteren Werkes ist Friedrich Georg, der als bester Kenner
der deutschen Geheimwaffenforschung insgesamt zu nennen wäre. Seine
derzeitige Veröffentlichung „Hitlers letzter Trumpf" (Georg 2009) stellt das
diesbezüglich umfassendste Übersichtswerk dar.

Größere Außenwirkung erzielte jedoch die Veröffentlichung Rainer Karlschs


Hitlers Bombe (Karlsch 2005) im „anerkannten" DVA-Verlag, der die These
der Existenz einer deutschen Atombombe erhärtete, nicht ohne jedoch auf
entschiedenen Widerspruch der Historikerzunft zu stoßen.

Ein bislang weitgehend unerforschtes Feld außerhalb der Verschwörungsli­


teratur stellt dagegen die Existenz einer weiteren Geheimwaffe des Dritten
Reiches dar, die als „Glocke" bezeichnet wird. Hier sind es insbesondere
der polnische Autor Igor Witkowski mit „Die Wahrheit über die Wunder­
waffe" (Witkowski 2008) und der US-amerikanische Autor Joseph Farrel,
deren Bücher mittlerweile auch in deutscher Übersetzung erhältlich sind.
Dem polnischen Militärjournalisten Witkowski gelang es bei seiner Suche
nach deutschen Waffenprojekten erstmals Zugang zu Dokumenten in pol­
nischen und US-amerikanischen Archiven zu bekommen, die Rückschlüsse
auf elektromagnetische Waffen und unbekannte Energie-Quellen zuließen.
Auf Witkowski bezieht sich in weiten Teilen Joseph Farrels 2006 erschienen-
des, zwiespältiges „Die Bruderschaft der Glocke" (Farrell 2009), welches
als Fortsetzungsband des bereits 1998 publizierten „Das Reich der Schwar­
zen Sonne" (Farrell 2010) verschiedene Okkultelemente verbindet und da­
mit ein typisches Werk der akkumulierenden Verschwörungstheorien nach
Art van Heisings im angloamerikanischen bietet. Vor den beiden genann­
ten war bereits Nick Cook, ein bekannter Autor der US-Militär-Zeitschrift
„Jane's Defense Weekly", den Hinweisen auf deutsche Geheimwaffen und
der Entwicklung eines Antigravitationsantriebes in seiner „Jagd nach Zero-
Point" (Cook 2005) nachgegangen. Im Gegensatz zu Farrel wählte Cook den
überzeugenderen Stil der autobiographischen Erzählung seiner Suche nach

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deutschen Geheimwaffen. Dabei sticht insbesondere Cooks glaubwürdige
Recherche hervor, die ihn mit allerhand hier zu erwähnenden Theorien und
Protagonisten konfrontiert.

Zum Themenkomplex Neuschwabenland liegt mit Heinz Schöns „Mythos


Neuschwabenland" (Schön 2004), nunmehr ebenfalls ein Werk vor, das sich
den Quellen der deutschen Antarktis-Expeditionen widmet und auch erst­
mals den Komplex der US-Expedition „Highjump" von der Quellenseite her
betrachtet.

Ebenfalls um wissenschaftliche Zurückhaltung bemüht ist das zweite Werk


des Autorenduos Heiner Gehring und Karl-Heinz Zunneck, das sich aus­
führlich mit den verschiedensten Theorien um „Flugscheiben über Neu­
schwabenland" auseinandersetzt und im Fazit zu dem Urteil kommt, daß es
„einen wahren Kern (gibt), um den sich aber im Laufe der Zeit eine Vielzahl
von Mythen und Legenden rankten, die sich mit dem Beginn des Internetz­
eitalters in eine oft nicht mehr nachvollziehbare, ja geradezu aberwitzige
Dimension entwickelt haben." (Gehring / Zunneck 2005)

Die letzte in diesem Bereich erschienenden Veröffentlichungen, „Die Zu­


kunft hat längst begonnen" (Sternhoff 2007) und „Götterwagen und Flug­
scheiben" von Gilbert Sternhoff (letzteres gemeinsam mit Mathias Kappel
- Sternhoff 2010), greift die verschiedenen Spekulationen zur „3. Macht", der
Legende einer nach 1945 weiterexistierenden deutschen Exilmacht auf und
entwirft mit der Theorie einer ausschließlich in Südamerika existenten Ba­
sis deutscher Absatzbewegungen eine durchaus plausible Alternative zur
Antarktis-These. Zur Bestärkung der These, wonach sich deutsche Exilanten
in Südamerika zu einer Vereinigung zusammenfanden, die als Dritte Macht
anzusprechen wäre, ist ein Interview des Autoren mit einem involvierten
Zeitzeugen abgedruckt, das viele Details über die bekannten Hinweise auf
diese Absatzbewegung enthält.

Nachtrag:
Kurz vor Drucklegung dieser Veröffentlichung erschien als Neuauflage
das vergriffene Werk: „Stuart Rüssel / Jost Schneider: Himmlers Burg -
Wewelsburg, Zentrum der SS" - ein Bildband von einem der besten Kenner
der Hintergrundgeschichte zur Wewelsburg, das sich auf zahlreiche Augen­
zeugen und Primärdokumente stützt.
Für die 2. Ausgabe wurde auch auf das neu aufgelegte Werk von Rudolf
Mund: „Der Rasputin Himmlers" zurückgegriffen.

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Inhalt
Vorwort 3
Literaturübersicht.............................................................................................. 6
Einleitung.......................................................................................................... 14

1. Heinrich Himmler & die völkischen Geheimbünde.................................. 18


1.1. Die völkischen Okkult- & Germanenbewegungen..................................... 18
1.2. Heinrich Himmler........................................................................................ 37
1.3. Die SS - Von der „Schutzstaffel" zum „Ritterorden".................................. 44

2. Wewelsburg & Erberinnerung -


der mysteriöse Oberst Wiligut / Weisthor..................................................... 50
2.1. Die Wewelsburg - das geplante weltanschauliche Zentrum....................... 50
2.2. „Erberinnerung" & Runenmagie................................................................. 64
2.3. Wiligut / Weisthor - „Himmlers Rasputin"................................................. 70

3. Ahnenerbe & Urreligion: Der Vermächtnis des Herman Wirth 77


3.1. Himmlers „Privatforscher"? - Das SS-Ahnenerbe...................................... 77
3.2. Wilhelm Teudt & die Zeitschrift „Germanien".......................................... 81
3.3. Herman Wirth & die Urreligion.................................................................. 91

4. Indogermanisches Weistum statt „Germanentümelei" ? -


Walther Wüst & der kommende SS-Glaube............................................... 100
4.1. Männerorden statt Urmutter - die Verdrängung Wirths.............................100
4.2. Walther Wüst & die Reform des Ahnenerbe............................................. 105
4.3. Das indoarische Erbe: Hauer, Hielscher, Evola & der „SS-Glaube" 113

5. Okkultismus, Ausgrabungen & Expeditionen


Forschungsschwerpunkte & Kuriositäten im Ahnenerbe........................... 129
5.1. Symbol-, Germanenkunde und Ausgrabungen.......................................... 129
5.2. Forschungsreisen & Expeditionen bis 1939.............................................. 138
5.3. Astrologie, Alchemie & Rutengänger.........................................................151

6. Das Welteis, Edmund Kiß & Atlantis...................................................... 158


6.1. Die Welteislehre..........................................................................................158
6.2. Edmund Kiß & das Pyrmonter Protokoll.................................................. 161
6.3. Atlantis & die vorgeschichtlichen Zivilisationen...................................... 166

7. Gegnerforschung, Hexenkartothek & Männerbünde ........................... 173


7.1. Die Freimaurerei im Visier Himmlers...................................................... 173
7.2. Der H-Sonderauftrag................................................................................. 180
7.3. Otto Höfler, Bernhard Kummer & die Männerbünde............................... 184
8. Auf der Suche nach dem Heiligen Gral -
Otto Rahn & die Grals-Mission der SS......................................................... 188
8.1. Der Heilige Gral - das indoarische Erbe................................................... 188
8.2. Der Gralsforscher Otto Rahn im Land der Katharer................................. 194
8.3. Die Gralssuche der SS................................................................................ 197

9. Die verschwundene Akte - SS-Okkultforschung &


das Geheimnis des Gaston de Mengel............................................................210
9.1. Die Polaires.................................................................................................210
9.2. Agarthi, Shambalah & der polare Mythos..................................................220
9.3. Gaston de Mengel & die Okkultforschung im Ahnenerbe.........................229

10. Geheimnis Tibet - Rätsel Paraguay.


Ernst Schäfer & die SS-Expeditionen .......................................................... 239
10.1. Ernst Schäfer & das Treffen des westlichen &
östlichen Hakenkreuzes.................................................................................... 240
10.2. Weitere Asien-Expeditionen.................................................................... 247
10.3. Das Ahnenerbe & die Südamerika-Planungen........................................ 250

11. Kriegswichtige „Zweckforschung"


Bruno Beger, Hans Rammler & das SS-Ahnenerbe.................................... 257
11.1. Das Ahnenerbe im Krieg..........................................................................258
11.2. Von Tibet nach Dachau........................................................................... 266
11.3. Rammler, die Atombombe & die Geheimwaffenforschung.................... 272

12. Von Neuschwabenland nach Aldebaran:


Spekulationen um SS-Geheimprojekte.........................................................291
12.1. Der Flugscheiben-Mythos....................................................................... 291
12.2. Neuschwabenland & die 3. Macht........................................................... 300
12.3. Vril & Schwarze Sonne........................................................................... 309
12.4. Das Geheimprojekt „Die Glocke"........................................................... 321

Ausklang: Eine vorläufige Bilanz...................................................................327


Anhang............................................................................................................ 332
Schriftenreihe des Ahnenerbe.......................................................................... 332
Literatur............................................................................................................ 334
Personenregister............................................................................................... 348
Einleitung

„Die Jahre des Nationalsozialismus waren ei­


ner der wenigen Augenblicke in der Geschichte
unserer Kultur, in denen sich laut und sichtbar
eine Tür zu etwas anderem auftat...."1

ie „okkulten Elemente" des Dritten Reiches - ein literarischer Dau­

D erbrenner, dem es auch nach 40 Jahren kontinuierlicher Veröffentli­


chungen nicht an Brisanz mangelt.
Doch was genau umfaßt dieses „Okkulte" eigentlich? Das „Okkulte" ist
verborgenes, verworfenes Wissen, „es ist ein Untergrund, dessen grundsätz­
liche Gemeinsamkeit die Opposition gegen die herrschenden Kräfte ist", wie Marco
Frenschkowski erläutert.2 James Webb, Verfasser einer 2-bändigen Buch­
reihe über okkulte Strömungen im 19. und 20. Jahrhundert, zählt zu den
„verborgenen" Strömungen Hypnotismus, Magie, Astrologie, Wiinschelru-
tengängerei, geheime Gesellschaften und eine Vielzahl ähnlicher Gegenstän­
de von „zweifelhafter intellektueller Respektabilität". Für ihn ist die Befassung
mit dem Okkulten, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem
in Europa aufzukommen begann, eine „Flucht vor der Vernunft" in Reaktion
auf die Aufklärung und Entmystifizierung vieler Welträtsel.3
Eine bedeutende Rolle in der Hervorbringung okkulter Persönlichkeiten
und Gesellschaften spielte bis in die heutige Zeit Frankreich. Hier wirkten
Männer wie Stanislaus de Guaita und Joseph Peladan, welche die ursprüng­
lich aus Deutschland stammende Rosenkreuzer-Gesellschaft wiederbeleb­
ten, oder Gerard Encausse alias Papus, der sich dem Studium der Kabbala
widmete und die Martinisten ins Leben rief.4 Auch eine spätere Gesellschaft,
auf die im 10. Kapitel näher einzugehen sein wird, hat hier ihre Ursprünge:
die Bruderschaft der Polaires.
In Deutschland erlebte der Okkultismus zu dieser Zeit ebenfalls eine Blüte,
enthielt aber von Beginn an eine spezifisch deutsche Note, die sich vornehm­
lich in Verbindung zu den verborgenen germanischen Wurzeln offenbarte.
Bereits vor dem 1. Weltkrieg stieg die Zahl dieser Geheimbünde und okkul­
ter Gesellschaften rasant an und setzte nach Ende des Krieges seinen An­
stieg fort - mit dem einzigen Unterschied, daß sich nach dem Krieg nicht nur
1 Pauwels / Bergier (1969), S. 308; Autor Bergier (1912-1978), ein als Jakow
Michailowitsch Berger geborener Russe, soll übrigens Schüler des Okkultisten
Georges I. Gurdjieff (1866-1949) gewesen sein...
2 Vorwort zu Webb (2009), S. 14.
3 Webb (2009), S. 52 f.
4 Zur Biographie siehe Carmin (2005), S. 367ff.

14
der deutsche Okkultismus durch neue Bestandteile völkischen und rassebe­
wußten Denkens bemerkbar machte, die sich auch aus Revanchegefühlen
und der Reaktion auf die Geringschätzung der deutschen Frühgeschichte
speisten. Das besondere Augenmerk dieser neuen okkulten Vereinigungen
galt der eigenen, der deutsch-germanischen Frühgeschichte und der Suche
nach dem Seelenheil auf germanischer Grundlage. Daß dies zu dieser Zeit
zwangsläufig mit okkulten Betrachtungsweisen einherging, war dem Um­
stand geschuldet, daß die Frühgeschichte im Allgemeinen auf sehr jungen
wissenschaftlichen Füßen stand und die germanische Frühgeschichte im
Besonderen kaum das Interesse der akademischen Forschung auf sich zu
ziehen vermocht hatte, sofern es über die Rolle der Germanen als tumbe
Gegenspieler des Römischen Reiches hinausging.
Mit Machterringung am 30. Januar 1933, erfüllte das 3. Reich vor allem
zwei Voraussetzungen, okkulte Strömungen zu fördern: Zum einen waren
verschiedene Protagonisten okkulten Dingen zugeneigt, was jedoch nicht
bedeutet, „daß der gesamte NS-Staat zu einer okkulten Organisation mutierte",
wie es insbesondere in den USA häufig zu lesen ist.5 Ein Hang zum Okkulten
läßt sich vor allem für Himmler konstatieren, dessen okkulte Vorlieben noch
nähere Betrachtung erfahren, mit Abstrichen aber auch für den Reichskanz­
ler Adolf Hitler selbst, in dessen Bibliothek sich eine reichhaltige Auswahl
an Büchern okkulten Inhaltes fand. Ebenso ist der stellvertretende Parteichef
Rudolf Hess für seinen ausgeprägten Hang für okkulte Dinge, insbesondere
die Astrologie, bekannt.6

5 So Levenda (2002), S. 201, der sich, obgleich er noch zu den seriöseren US-Autoren
zu zählen ist, sogar zu der Behauptung verleiten läßt, „the secret beliefs and practises
ofa select coven ofderanged oocultists became the official policy ofthe nation“. Siehe
dagegen u.a. Rissmann (2001), S. 158 f: „Oie verbreitete Interpretation des National­
sozialismus als einer okkultistisch geprägten Ideologie, in die politische Praxis umge­
setzt von unheimlichen Esoterikern, dürfte auf eine Überschätzung der Rolle Heinrich
Himmlers zurückgehen, der in der Tat auf völkische Okkultismen zurückgriff." Wer
angesichts dieser abergläubischen Tendenzen innerhalb der Führungsriege des 3. Rei­
ches die Nase rümpft, sei auf die ebenfalls zu erwähnende Tatsache hingewiesen, daß
sich die deutschen Politiker damit in bester Gesellschaft befanden: Sowohl in den USA
als auch Großbritannien bestand während des Krieges eine enge Verbindung zwischen
Politik und okkulten Kreisen: So arbeitete u.a. der englische MI 6 mit bekennenden
Okkultisten wie Aleister Crowley, Jack Parsons und Ron L. Hubbard (Scientology-
Gründer!) zusammen; vgl. Graddon (2008), S. 180 f.
6 Vgl. Berndt (2011), S. 124 ff.; hier findet sich auch die wohl treffende Bilanz,
der zufolge Hitler weder Okkultist noch Okkultismusgegner war, sondern diesen
Dingen - zumindest privat - durchaus aufgeschlossen gegenüber stand: „Insgesamt
ergibt sich so das Bild eines Adolf Hitler, der sich eigentlich sein ganzes Leben über

15
Zum anderen trat das 3. Reich an, grundsätzliche Gegebenheiten jener Zeit,
seien sie politischer, biologischer aber auch wissenschaftlicher Natur, gene­
rell in Frage zu stellen. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Offen­
heit gegenüber allen Denkansätzen, die sich vom - sogenannten - „jüdisch­
materialistischen" Weltherrschaftssystem der damaligen Zeit absetzten.7
Diese Suche nach Alternativen war insbesondere im und vor allem am Ende
des Krieges ein dominierender Faktor in der nationalsozialistischen Wissen­
schaft. Vor dem Krieg waren es insbesondere die Suche nach historischen
Vorbildern und Versatzstücken, mit deren Hilfe das neue Reich gestützt
werden sollte. Eine wichtige Rolle kam dabei Himmler und seiner Organi­
sation Ahnenerbe zu, die sich im Verlauf des 3. Reiches von einem „Quasi-
Privatforschungsverein" zum offiziellen SS-Wissenschaftsinstitut wandelte.
Neben dem Ahnenerbe liegt der Fokus der Betrachtung aber auch auf dem
Persönlichen Stab Himmlers, unter dessen Dach Forscher jenen Aufträgen
nachgingen, die selbst für das Ahnenerbe zu unwissenschaftlich waren. Als
dritte Gruppe, die sich auch mit „okkulten" Angelegenheiten befaßte, ist
die „Gegnerforschung" innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA)
unter Franz Six zu nennen, die sich unter anderem mit der Bekämpfung der
Freimaurerei befaßte.
Dabei muß bei der Betrachtung grundsätzlich thematisch unterschieden
werden, zwischen den okkulten Wurzeln vor Errichtung des 3. Reiches und
der Befassung mit okkulten Themen innerhalb des Nationalsozialismus. Zu
ersterem Thema gibt es bislang eine ganze Reihe von Veröffentlichungen,
die sich vor allem auf die Ariosophie und die Thule-Gesellschaft als „geistige
Väter" des Nationalsozialismus konzentrieren. Ein Element dieser okkulten
Wurzeln ist die hypothetische Beeinflussung Hitlers durch diverse Vorgän­
ger. Hier sind insbesondere Guido von List, der Gründer des Armanen-Or-
dens, und dessen einstiger Schüler Jörg Lanz von Liebenfels, der Mann, der
nach einem Biographen desselben „Hitler die Ideen" gab,8 zu nennen. In die
Reihe der Impulsgeber gehört aber nicht zuletzt auch Dietrich Eckart, oft als
„Mentor Hitlers" benannt - und mit ihm, die Thule Gesellschaft. Letztere in­
des insbesondere innerhalb der Verschwörungsliteratur nimmt oftmals die
Rolle eines esoterischen Zirkels hinter den offiziellen Machthabern ein und
wird in einigen Fällen gar als ein Glied innerhalb einer Reihe eines Jahrhun­
derte währenden esoterischen Konfliktes zweier Parteien genannt: Thule auf
der einen - Zion auf der anderen. Ins Extrem übersteigert erscheint dieser

für Astrologie interessiert und sich phasenweise auch intensiv mit ihr beschäftigt
hat. Wie stark sich Hitler aber letztlich von Astrologie und Hellseherei inspirieren
ließ, bleibt fraglich." (S. 235).
7 Vgl. hierzu Witkowski (2008), S. 4f; ebenso Farrell (2009), S. 10.
8 Daim (1985).

16
Hintergrund bei Miguel Serrano, der den Mythos von Hitler als einem Ein­
geweihten mit der indoarischen Avatar-Lehre verknüpft und Hitler als den
letzten Avatar in einem Ringen kosmischer Kräfte charakterisiert.9
Daneben existiert auch die - ursprünglich erstmals durch Nesta Webster
(1876-1960) begründete - Verschwörungsrichtung, die das 3. Reich als Be­
standteil einer einzigen Weltverschwörung sieht, die seit frühester Zeit an
der „Versklavung" der Menschen arbeitet und auch das 3. Reich steuerte,
um eine „Neue Weltordnung" zu errichten.10
Einer der Vertreter dieser Verschwörungsrichtung, der US-Amerikaner
Jim Keith, veröffentlichte vorgebliche Aufzeichnungen eines Vatikan-Prie­
sters, welche die jahrhundertelange Zusammenarbeit zwischen einem „Teu­
tonischen Orden" und einer Gruppe semitischer Magier aufdecken. Diese
hätten auf einem Treffen 1897 auch die Protokolle der Weisen von Zion als
Richtschnur ihrer kommenden Tätigkeit erstellt.11
Dabei stellt sich allerdings die Frage, warum eben jene Mächte - oft als „Fi­
nanzadel" bezeichnet -, die tatsächlich als hinter den Kulissen der Politik wir­
kende Kulissenschieber zu agieren scheinen, seinerzeit alles aufboten, um das
3. Reich zu vernichten, wenn es doch von ihnen selbst gesteuert wurde?
Eine weitere mythenumrankte Vereinigung stellt die Vril-Gesellschaft
dar, die bei einigen Autoren als Bindeglied zwischen uralten magisch-eso­
terisch Strömungen und dem Nationalsozialismus dient. In diesem Zusam­
menhang wird auch immer wieder die Person Karl Haushofers erwähnt, der
sowohl hier als auch in der Thule-Gesellschaft Mitglied gewesen sei.
Daß diese Theorien, so unglaublich und realtitätsfern sie auch klingen mö­
gen - zumindest in Teilen in den Bereich nationalsozialistischer Forschungen
hineinwirkten, soll im folgenden anhand zugänglicher Quellen und den Er­
kenntnissen der bisherigen Forschung dargestellt werden.
Unumstrittener als okkulte Triebkräfte innerhalb des 3. Reiches jedenfalls,
sind gewisse Einflüsse auf das Dritte Reich, die ihre Wurzeln in den esote­
rischen Bewegungen der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und im be­
ginnenden 20. Jahrhundert hatten und deren Portrait unsere Darstellung ein­
läuten wird.

9 Serrano (1987/2010).
10 So insbesondere Carmin (2005), S. 7 ff.; zum Ursprung bei der britischen Schrift­
stellerin und „Verschwörungstheoretikerin" Nesta Webster („Secret societies and
subversive movements", 1921), vgl. Webb (2008), S. 170.
11 Vgl. dazu Graddon (2008), S. 184 f.

17
1. Heinrich Himmler &
die völkischen Geheimbünde
„So sind wir angetreten und marschieren nach
unabänderlichen Gesetzen als ein nationalso­
zialistischer, soldatischer Orden nordisch be­
stimmter Männer und als eine geschworene Ge­
meinschaft ihrer Sippen den Weg in eine ferne
Zukunft."12

1.1. Die völkischen Okkult- & Germanenbewegungen

ie erste populäre Darstellung einer esoterischen Geschichte des Men­

D schen stammt von Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891), die das


Werk „Die Geheimlehre" verfaßte. In diesem sprach die russische
Okkultistin von sieben verschiedenen menschlichen Entwicklungsstufen die
geprägt wurden durch verschiedene Menschenrassen.

Theosophie & Ariosophie


Die aus dieser Lehre entstehende Theosophie vertrat eine Weitsicht, die von
einer Art „Gottgleichheit" des Menschen ausgeht, die im Laufe der Zeit ver­
schwimmt und sich damit sowohl Darwins Theorie der Menschentstehung
als auch der chronologischen kontinuierlichen Weiterentwicklung des Men­
schen entgegenstellte.13
14 Jedoch beanspruchte die Theosophie zugleich „eine
universelle Bruderschaft ohne Rücksicht auf Rasse,
Geschlecht oder Hautfarbe zu bilden, das verglei­
chende Studium von Religionen, Philosophien und
Wissenschaften zu fördern sowie die unerklärten Na­
turgesetze und die verborgenen Kräfte des Menschen
zu erforschen.
Ein bedeutender Punkt in Blavatskys Lehre
nehmen esoterische Kraftzentren ein, die sie in
Tibet und der Wüste Gobi verortet und die in Zu­
sammenhang mit den Mythen von Agarthi und
Shamballah stehen, die - wie in folgenden Kapi­
teln geschildert - in den esoterischen Kreisen eine
Helena Petrowna Blavatsky große Rolle spielen.

12 Himmler (1937).
13 So hielt Blavatsky - ebenso wie später Lanz von Liebenfels - Menschenaffen für
Produkte von Sodomie; vgl. Godwin (2007), S. 56.
14 Blavatsky (1969), S. 42.
18
Inspiriert durch die Theosophie wurde eine ganze Reihe von Mystikern
und Gelehrten der damaligen Zeit, unter anderem Rudolf Steiner (1861-1925),
aber auch der österreichische Kaufmann Guido von List (1865-1919), der den
theosophischen Okkultismus mit der völkischen Lehre verband und daraus
die Ariosophie schuf - eine okkulte, den Arier betreffende Weisheit. List be­
trachtete sich als den letzten Magier der Armanen, der einstigen geistigen
Führer oder Priester der „Ariogermanen". 1908 schuf er mit seiner Veröffent­
lichung „Die Armanenschaft der Ariogermanen" die Grundlage dieser Lehre,
indem er die Einteilung der Germanen durch Tacitus als ständische Dreiglie­
derung interpretierte: Armanen (Irmionen) = Priester, Ingväonen = Adelige
und Fürsten, Istävonen = Bauern und Handwerker. Schon früh verband er sei­
ne okkult-völkische Lehre mit der Warnung vor der „internationalen jüdischen
Verschwörung", die damals erstmals in breiteren Kreisen der Gesellschaft auf­
tauchte, und empfahl zur Lösung, einen rassisch homogenen Staat mit einem
durch die Arier selbstgewählten „Führer" als neuer Herrschergestalt.15
Als Symbol eines neuen, rassereinen Reiches empfahl der Armane die
doppelte Sig-Rune 44, die er als Femerunen deutete.16 Schwerpunkt der
Durchsetzung der Armanen-Regeln sollte eine überwiegend staatlich-orga­
nisierte Erziehung der Kinder sein, wobei die Familie selbst streng patriar­
chalisch ausgerichtet werden müßte. Eine große Rolle in Lists Lehre spielte
auch die Interpretation der Runen als okkulte Anleitungen.
190517 gründete der List-Schüler und Freund Georg Lanz von Liebenfels
(1874-1954), ein ehemaliger Zisterzienser-Mönch, in Wien die „Guido-von-
List-Gesellschaft", die in Österreich zu einem Zentrum ariosophischer und
antisemitischer Kreise wurde. Zu den bekannteren Anhängern dieser Gesell­
schaft zählten der damalige Wiener Oberbürgermeister Karl Lueger, der be­
kannte Theosoph Franz Hartmann und weitere Mitglieder der Wiener Theo­
sophischen Gesellschaft. Über die deutsche „Guido-von-List-Gesellschaft"
wurden Lists Ideen auch im Wilhelminischen Kaiserreich verbreitet.
1911 gründete von List den „Hohen Armanen Orden" (HAO) als inneren
Zirkel der List-Gesellschaft, der aus den Anhängern einen elitären Kern he­
rausbilden sollte. Aus diesem Zirkel heraus wurden später die Gründung
sowohl des „Reichs-Hammer-Bundes" als auch des „Germanen-Ordens" in
Deutschland beeinflußt.
Lanz von Liebenfels war ebenfalls ein bekannter Protagonist der alldeut­
schen und ariosophischen Aktivitäten. Sein 1905 veröffentlichtes Buch „Die
Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron"
propagierte die Verwirklichung der Rasse-Reinheit. „Die niederen Rassen sollen

15 Von List (1908), S. 14 ff.


16 Von List (Rita), S. 103.
17 Heute wird verschiedentlich 1908 als Gründungsjahr genannt (u.a. Wikipedia).

19
sterilisiert werden, die arische Rasse der Gottmenschen solle sich durch strenge Unter­
ordnung der Frau unter den arischen Mann vermehren. Unverheiratete Brutmütter
sollen in Zuchtklöstern von blonden blauäugigen arischen Ehehelfern begattet wer­
den, um Neuarier zu gebären", wie ein Lanz nicht allzu gewogener Autor dessen
Ziele dramatisierte.18 Ein Zitat, das oft als Vorlage für die Lebensborn-Kon­
zeption im 3. Reich herhalten mußte, obgleich dieses nichts mit einer „Zucht­
anstalt" zu tun hatte, sondern alleinerziehenden Müttern eine Unterkunft bot.
Im selben Jahr begann Lanz mit der Herausgabe seiner Broschüre „Ostara,
Briefbücherei der Blonden und Mannesrechtler", die heute zumeist als „übles
Hetzblatt" bezeichnet wird. Lanz publizierte auch astrologische Prophezei­
ungen und Abhandlungen zu Themen wie „Sexualphysik", „Liebe als odische
Energie" oder „Rassenmystik".
Noch vor der „Guido-von-List-Gesellschaft" gründete Lanz 1900 den
„Ordo Novi Templi" (ONT),19 den Neuen Templer Orden, als Wiedererwe­
ckung des Templerordens auf Grundlage der Idee eines auf Rassengleich­
heit aufbauenden Männerordens mit der Losung, „Liebe Gott in deinem
Nächsten, d.i. in deinem Artgenossen."20 Seine Aufgabenbereiche lagen in
18 Orzechowski (1987), S. 33; zu tatsächlichen Plänen einer „Zuchtanlage" siehe We­
gener (2010); dagegen relativiert Mund (1976), S. 211, die Lanzschen Rassenzucht­
pläne mit Hinweis auf die eigentlich geistige Natur dessen Rassebegriffs: „...heute
scheint es, daß Dr. Lanz vielmehr eine aristokratische Einstellung eines Menschen als
ein rassisches Erscheinungsbild forderte".
19 Goodrick-Clarke (2004), S. 59, dem die Forschung heute folgt, nennt als Gründungs­
jahr 1907; Mund zufolge, der sich auf persönliche Aussagen des Lanz beruft, erfolgte die
formelle Gründung bereits am 25.12.1900, S. 39; so auch Lorenz (2010), S. 27
20 Sol Invictus (Kreuz), S. 12; zur Legitimation des Ordens als Nachfolger des ur­
sprünglichen Templerordens führt Mund aus: „Somit ist die rechtmäßige Übertra­
gung der Weihen in ununterbrochener Folge über die Zisterzienserabtei Heiligen

20
der Stammbaum-, Ahnen- und Rassenfor­
schung, Erforschung und Anknüpfung an die
kulturellen und geistigen Errungenschaften der
Ahnen sowie der Ausarbeitung rassenbiolo­
gischer Richtlinien einer Kolonisation, die auch
eine Heiratsförderung beinhaltete.21
In der Rückschau gehören Lanz von Lieben­
fels und sein ONT zu den heute meistkritisier­
ten Bünden vor 1933. So wirft Dietrich Bronder
Lanz und seiner „absonderlichen Lehre“ vor, „mit
List zusammen das geistige Zentrum des rassischen
Antisemitismus gebildet“ und als „direkter Wegbe­
reiter der düsteren Rassenmystik des Nationalsozia­
lismus“ gedient zu haben.22 Seine Behauptung,
Die Ruine der Burg nach der Lanz „gleich jüdischer Abkunft (war)
Werfenstein heute wie Adolf Hitler“, hat sich indes als unhaltbar
für beide Personen herausgestellt, wird aber
dennoch bis heute kolportiert.23 In Bezug auf die okkulten Vereinigungen
sieht der Autor Glowka die Bedeutung des ONT darin, „daß er dem völkisch­
antisemitischen Gedankengut eine eigenartige ariosophische Esoterik unterlegt und
damit in andere Okkultbereiche ausstrahlt."24
Lanz von Liebenfels ist zugleich auch der eigentliche Wortschöpfer und
damit Begründer der Ariosophie, der „Ur-Religion der Ario-Heroiker" und
des „Urchristentums einer arischen Rassen- und Ahnenkultreligion".25

Kreuz, in Niederösterreich (dieser trat Lanz 1893 bei und empfing die Priesterweihen
1897; Anm. Autor) bis zum Jahr ihrer Gründung 1133, dann über den Sohn des Ba­
benberger-Herzogs Friedrich II, dem Streitbaren, Bischoff Otto von Freising, früheren
Abt der Zisterze Morimund in Burgund, und weiter über den Stern der Zisterzienser,
den hl. Bernhard von Clairvaux und den Äbten Stefan Harding und Alberich von
Zisterz zum Gründer des Zisterzienserordens, dem burgundischen Adeligen Robert
von Molesmes, bis zum Jahr 1098 lückenlos zu verfolgen." Mund (1976), S. 44
21 Vgl. Sol Invictus: (Kreuz), S. 12; das offizielle Programm „Der Orden des neuen
Tempels“ von 1907 beginnt mit: „Die Staaten werden im Interesse ihres Bestandes
der Kultur zur planmäßigen Zucht der staats- und kulturerhaltenden Menschen
arischer Rasse kommen müssen."
22 Bronder (1964), S. 228.
23 So Zoller (1994), S. 13 ; vgl. den Ursprung bei Bronder (1969), S. 227; dessen
ungeachtet findet sich diese Legende heute noch, so etwa auf Wikipedia (Artikel
Lanz von Liebenfels) oder bei Paminer (Lanz von Liebenfels), S. 1.
24 Glowka (1981), S. 21.
25 Vgl. Sol Invictus (Kreuz); heute wird der Begriff Ariosophie historisch unscharf

21
Die Besonderheit des ONT gegenüber der Lehre Lists
war dabei, daß Lanz Interesse nicht den „ariogerma-
nischen", also den heidnischen Göttern galt, sondern
dem Christentum, welches er als „arische Religion"
betrachtete, die von „jüdischer Seite" entstellt und
ihres wahren Kerns beraubt worden wäre. Lanz zu­
folge war Jesus ein Engel, der sich anders als viele
andere, nicht mit Affen bzw. „Tschandalen" paarte.
Als Gottessohn war er einer von vielen Menschen, die
ihren Namen aufgrund ihrer Reinheit, ihrer höheren
anthropologischen Abstammung als unvermischte
Engelwesen trugen.26
Dahinter steht die alte theosophische Vorstellung
vom Abstieg, der Degeneration des Menschen vom
Gottmenschen bzw. Engel zum affengleichen Wesen
durch Paarung mit Affenwesen. Jesu Lehre habe sich
demnach gegen die Vermischung der Gott- bzw. En­
gelsmenschen mit den Affenwesen gerichtet und wäre
auch so in der Bibel zu finden gewesen, bevor diese
„unter dem Einfluß der Tschandala bis zur Unkenntlich­
keit verstümmelt" worden und nur noch einigen Orden
und Mystikern bekannt gewesen sei: „Das reinigende
Geheimnis ist die Zuchtwahl, die Gott seit den Urzeiten
übte." Daher sei auch die Lehre Jesu, „Liebe deinen
Nächsten" ganz wörtlich aufzufassen, nämlich, „daß
man den „Nächsten", d.i. den in der Art nahestehenden
Menschen geschlechtlich liebt. Man haßt und beschimpft
Gott, wenn man mit Minderwertigen Kinder zeugt und Grabplatte des Berthold
diese der Art nach auf Jahrhunderte hinabstößt."27 von Trenn in der Zis­
Die Tempelritter hätten dann im Mittelalter ver­ terzienser-Abtei Heili­
sucht, die eigentliche Lehre Jesu - die Bekämpfung genkreuz bei Wien
der Vermischung mit den Tschandalen - wieder her­
zustellen. Als Erweckungserlebnis diente Lanz dabei
der Fund einer Grabplatte die einen Ritter - für Lanz einen Tempelritter - zeigt,
der auf einen zu seinen Füßen kauernden Affen weist (Bild rechts oben).28

auch auf die Lehren Lists und ähnliche Strömungen angewendet, vgl. Wikipedia:
Ariosophie; ebenso Goodrick-Clarke (2004).
26 Lanz (1906), S. 114 ff.
27 Lanz (1906), S. 138 f; Dietrich Eckart erkannte die eigentliche Übersetzung
„Liebe deinen Nächsten" als „Liebe deinen Volksgenossen"; Eckart (1933), S. 25.
28 Vgl. Sol Invictus (Kreuz), S. 7f.

22
Über verschiedene Gönner und Freunde erhielt Lanz für seinen ONT zahl­
reiche Spenden mit denen verschiedene Ordensburgen erschaffen wurden.
Auf der wichtigsten, Burg Werfenstein, wurde 1907 zum „erstenmal in der
Geschichte der Neuzeit eine Hakenkreuzfahne gehißt".29 Gemäß Daim deu­
tete der ONT die Flagge wie folgt: „Der goldene Grund als Symbol der Ewigkeit,
die (vier blauen) Lilien als Symbol der (Rassen-)Reinheit und das rote Hakenkreuz
als Symbol des aufsteigenden Arioheroischen."
Aus dem Umfeld des ONT erfolgte 1925 auch die Gründung der Edda-
Gesellschaft, auf die noch einzugehen sein wird.
In Österreich wurde 1932 der „Lumenclub" gegründet, ein „Vorhof" des
ONT, wie es Rudolf Mund ausdrückt.30 Lediglich dieser soll am 4. März 1942
mit Wirkung zum 2.12.1938 aufgelöst worden sein, während der ONT ledig­
lich aus eigenem Entschluß geruht habe.31 Lanz von Liebenfels, der sich selbst
seines Einflusses auf die NSDAP rühmte, wurde mit Schreibverbot belegt.

Germanen-Orden & Thule Gesellschaft


Der Germanen-Orden wurde offiziell 1912 durch Theodor Fritsch, Hermann
Pohl und weitere Anhänger Guido von Lists und Lanz von Liebenfels ge­
gründet. Vorläufer war eine bereits im April 1911 unter der Leitung von
Hermann Pohl als „Wotanloge" in Magdeburg gegründete Vereinigung.32
Verbindungen zu ariosophischen Kreisen bestanden dabei nicht nur perso­
nell, sondern auch organisatorisch: Neben einem „Bundeswart" (Karl August
Hellwig) und dem „Ehrenbundeswart" Fritsch bestand auch ein zwölfköp­
figer „Armanenrat", der den Vorstellungen Guido von Lists entlehnt war.33
Theodor Fritsch (1852-1934) profitierte bei der Werbung neuer Mitglieder
von seiner Bekanntheit als Autor der Zeitschrift „Der Hammer" und eines viel­
gelesenen „Handbuch[es] der Judenfrage", in dem antisemitische Zitate berühmter
Personen - von Seneca über Luther und Goethe bis Bismarck und Wagner -
sowie Namenslisten von jüdischen Künstlern und Wissenschaftlern enthalten
waren, die in Verbindung mit ungeklärten Verbrechen gebracht wurden.
Der Germanen-Orden gilt als innerer Kreis des etwa gleichzeitig for­
mierten „Reichs-Hammer-Bundes", welcher die aufgrund der vielseitigen
antisemitischen Aktivitäten Fritschs entstandenen „Hammergemeinden"
zusammenfaßte. Sebottendorf konkretisierte, daß der Germanen-Orden
als Geheimloge aufgebaut worden war, um die „geheime jüdische Weltver-

29 So Mund (1976), S. 77.


30 Mund (1976), S. 34.
31 Mund (1976), S. 10; siehe auch Lorenz (2010), S. 141 f.
32 Goodrick-Clarke (2004), S. 117.
33 Vgl. Goodrick-Clarke (2004), S. 55.

23
Links: Rudolf
Glauer alias von
Sebottendorf
(rechts außen)
in der Türkei

Rechts: Symbol
der Thule-Ge­
sellschaft

schwörung" mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen.34 „Das okkulte Moment des
Germanen-Ordens tritt“, daher nach Glowka „hervor durch eine geradezu mysti­
sche Verherrlichung der Reinheit des deutschen Blutes sowie der Annahme, daß den
Runen eine spezifische magische Kraft innewohne."35
Infolge des 1. Weltkrieges kamen die Tätigkeiten des Ordens weitgehend
zum Erliegen und es entstanden Finanzierungsprobleme, die in einem Streit
zwischen Pohl auf der einen, Leipziger und Berliner Ordensbrüdern auf der
anderen Seite, kulminierten.
Daraufhin gründete Pohl 1916 mit Unterstützung der Logen von Breslau,
Hamburg und Gera den „Germanenorden Walvater", während der eigent­
liche Germanenorden als „loyaler Germanenorden" fortan von Erwin von
Heimerdinger mit Unterstützung Philip Stauffs ohne größere Bedeutung
weitergeführt wurde.36 Durch die Nutzung des bisherigen Briefpapiers und
Stempels gelang es Pohl auch loyale Logen wie die Berliner auf seine Seite zu
ziehen, sorgte dabei aber für eine große Verwirrung unter den Mitgliedern,
die zu Auflösungsgerüchten des Germanenordens als Ganzem führten.37
Bereits 1915 hatte Kurt Paehlke („Weishaar"), Mitglied des Königsber­
ger Germanenordens, gemeinsam mit Ordensbrüdern den eigenständigen
„Bund der Guoten" gegründet, der in Ostpreußen zu einer bedeutenden
Sammelbewegung verschiedenster Verbände anwuchs und Anfang der 30er
Jahre um die 3000 Mitglieder führte.38 Der Bund befaßte sich bis zu seinem
34 Sebottendorf (1933), S. 33.
35 Glowka (1981), S. 22.
36 Vgl. Goodrick-Clarke (2004), S. 118; ebenso Wegener (2005), S. 9.
37 Goodrick-Clarke (2004), S. 119.
37 Vgl. dazu Wegener (2005), S. 11.

24
Verbot ähnlich dem Germanen-Orden mit Rassenkunde, Theosophie, Ok­
kultismus, Astrologie und allen möglichen Geheimlehren.
Die weitere Entwicklung der Pohlschen Neugründung ist dagegen eng
mit dem Namen Rudolf von Sebottendorf (1875 - 1945), geborener Rudolf
Glauer, verbunden. Glauer war als Seemann 1900 nach Ägypten gelangt, wo
er als Verwalter von Besitztümern des türkischen Grundbesitzers Hussein Pa-
sha zu einigem Wohlstand kam. Von diesem späteren Freund, der in Dien­
sten des Vizekönigs von Ägypten, Abbas Hilmi, stand, wurde er auch in den
Sufismus eingeführt und entdeckte sein Interesse an esoterischen Lehren.
Durch den jüdischen Seidenhändler und Kabbala-Schüler Termudis, dessen
reichhaltige okkulte Büchersammlung Glauer erben sollte, wurde er in eine
orientalische Freimaurerloge eingeführt, wo er zum Meistergrad der Rosen­
kreuzer aufstieg, bevor er nach einem Zwischenaufenthalt in Deutschland
(1902-1908) 1911 die türkische Staatsbürgerschaft erlangte und durch einen
Baron Heinrich von Sebottendorf nach türkischem Recht adoptiert wurde.
Seit 1913 wieder in Deutschland, machte er 1916 aufgrund einer Zeitungs­
anzeige des Germanenordens Bekanntschaft mit dem Vorsitzenden des Ger­
manenordens Walvater, Pohl.39
Im Dezember 1917 wurde Sebottendorf zum Meister der bayerischen Pro­
vinzen dieses Germanenordens ernannt und entfaltete eine rege Werbekam­
pagne, die zu einem Anstieg der Interessenten und daher auch zum Zwang
der Anmietung einer größeren Örtlichkeit führte, die man 1918 in den Räu­
men des Hotels „Vier-Jahreszeiten" in München fand.40
Hier wurde der bayerische Ableger des Germanen-Ordens zur Tarnung
der Tätigkeit als „Thule-Gesellschaft" ins Leben gerufen, die allerdings erst
am 21.März 1919 ins Münchener Amtsregister eingetragen wurde. Offizieller
Zweck war die „Erforschung deutscher Geschichte und Förderung deutscher Art".
Dabei sollte der Name Thule, in Anlehnung an die antiken Überlieferungen
von einem geheimnisvollen Wohnsitz der Nordvölker im äußersten Norden,
sowohl mythische Assoziationen mit der Überwindung bestehender Prämis­
sen als auch mit der Sehnsucht nach dem Urquell der Arier wecken.41
Als Symbol wurde das runde Hakenkreuz erwählt, daß Sebottendorf als
„das heilige Zeichen der Sonne“ den arischen Völkern zuordnet. Für Sebotten­
dorf hatten die Arier innerhalb des deutschen Volkes, eine Mission zu erfül­
len: „Arier waren es, die der Welt die Kultur brachten. Sie waren die Lichtbringer
der ganzen Welt. Der Geist der Erde, der eins mit dem Geiste der Welt ist, kommt in
dem arischen Menschen zum reinsten Ausdrucke. Durch die Schrecken der Eiszei-

39 Vgl. auch zur ausführlichen Biographie Glauers/Sebottendorfs, Goodrick-Clarke


(2004), S. 122 ff.
40 Vgl. Rose (2008), S. 32 ff.
41 Sebottendorf (1933), S. 52; vgl. auch Goodrick-Clarke (2004), S. 128.

25
ten entwickelte dieser Geist den
weisen, weißen Arier, dessen
religiöse Anschauung turm­
hoch über den unseligen stand,
weil er unverdorben eine un­
mittelbare Erkenntnis hatte.
Durch die Rassenmischung
begann die Verdunklung, in
der sich nach dem Plane des
Weltengeistes andere Kräfte
entwickeln sollten. ... Ob die
Deutschen bestimmt sind, ein
neues Geschlecht der Welt zu Gottfried Feder Alfred Rosenberg
geben? Fast scheint es so, eine
neue, diesmal geistige Eiszeit ist über uns hereingebrochen, es wird an uns sein zu
erweisen, ob wir ihr gewachsen sind.''42
In die Zeit der Annahme des Tarnnamens fällt auch die Übernahme des
Münchener Beobachters, aus dem später der „Völkische Beobachter" her­
vorging.43 Umstritten in der Forschung war dabei, ob die Thule-Gesellschaft
lediglich den bayerischen Zweig des Germanenordens darstellte, der nicht an
die Öffentlichkeit treten sollte, oder eigenständig unter dem Vorsitz Sebot-
tendorfs agierte, der bereits vor der Namensfindung der Gesellschaft auf der
Weihe am 17. August 1918 zum Vorsitzenden berufen wurde. Eine Tagebuch­
eintragung des Thule-Mitglieds Walter Nauhaus weist auf die Verschmel­
zung der Thule mit dem Germanen-Orden (Walvater) hin. Danach noch
nachweisbare Veranstaltungen des Germanenordens dürften dem „loyalen
Orden" zugeschrieben werden. Rose, der zuverlässigste Biograph der Thule
führte hierzu aus: „Sebottendorf begann also seine Tätigkeit im Auftrag des Germa­
nenordens, organisierte dann aber unter dem Endruck der politischen Veränderungen
seinen eigenen Kreis als Thule-Gesellschaft, rekrutierte dafiir die Mitglieder zum Teil
aus dem Germanenorden, aber auch aus anderen völkischen Gruppierungen. Nicht
einmal die Thule-Gesellschaft ist wohl vollständig in die Aktionen und Planungen
Sebottendorfs einbezogen worden, sondern nur ein Teil von ihr."44
Die Tätigkeit der Thule-Gesellschaft seit 1918 bestand weniger in der Rolle
einer Geheimgesellschaft denn eines konspirativen Rahmens für die gegen­
revolutionäre Tätigkeit einer nationalistischen Gruppe. In den Wirren der
Zeit des Zusammenbruchs 1918 die in Bayern ein Anwachsen der kommuni­
stischen Kräfte und schließlich die Errichtung der Räterepublik gewärtigte,

42 Sebottendorf (1923), S. 27; zum Hakenkreuz S. 47.


43 Vgl. dazu Sebottendorf (1933), S. 44.
44 Rose (2008), S. 81.

26
sorgte die Thule für die Vernetzung der Freikorps- und völkischen Kräften
und hatte somit einen nicht unbedeutenden Anteil an der Niederschlagung
der Räterepublik. Der sogenannte Thule-Kampfbund als exekutives Organ
begründete das Freikorps Oberland, legte Waffenlager an und infiltrierte
gegnerische Organistionen. Nach Auffindung einer Mitgliedsliste und wei­
teren belastenden Materials bei der Durchsuchung der Thule-Vereinsräume
in den Vier Jahreszeiten durch die Geheimpolizei der Räteregierung am 26.
April 1919, wurden sieben Thule-Mitglieder am 30. April als Geiseln erschos­
sen. Am 3. Mai war die Rote Armee der Räterepublik besiegt und die Thule
wirkte bei der Ergreifung flüchtiger Verdächtiger mit. Nach Konsolidierung
der Lage 1920 sank die Thule-Gesellschaft zunehmend in die Bedeutungslo­
sigkeit und beschränkte sich auf Vorträge und Feiern. Bereits im September
1919 hatte Sebottendorf aufgrund interner Streitigkeiten um die Schuld an
der Auffindung belastender Dokumente die Vereinigung verlassen. Fortan
widmete sich Sebottendorf primär der Astrologie.45
Der letzte Vortrag der Thule-Gesellschaft ist für 1926 belegt als die Vereini­
gung gerade noch fünf Mitglieder zählte. 1930 folgte schließlich die Löschung
aus dem Vereinsregister. Zwar wurde im September 1933 unter Führung Se-
bottendorfs die Thule-Gesellschaft neu gegründet, jedoch spielte sie lediglich
noch eine Rolle als Erinnerer an die Märtyrer von 1919.46
Aufgrund verschiedener Veröffentlichungen zur Thule-Gesellschaft be­
stand lange Zeit Unklarheit über die Mitgliederliste der Thule, auf der zahl­
reiche politisch und gesellschaftlich angesehene und einflußreiche Münchner
Persönlichkeiten, u.a. der völkische Publizist Dietrich Eckart erschienen. Ne­
ben dem Geopolitiker Karl Haushofer sollen folgende spätere national-sozi­

45 Dabei versteht Sebottendorf unter Astrologie nicht die heutige „Horoskopleserei",


sondern vielmehr die einstige Wissenschaft von den Sternen, also die heutige Ast­
ronomie, die auch religiöse Elemente enthielt: „Wenn man heute in irgend welchem
Zusammenhänge das Wort Astrologie gebraucht, so geschieht es immer im Sinne von
Sterndeutung, ohne daß man sich darüber klar wird, daß dieser Sinn des Wortes ver­
hältnismäßig neueren Ursprunges ist, daß die Astrologie ehedem die Königin aller
Wissenschaften war, ja daß Astrologie als Religion schon gewesen ist, ehe es Schrift
und Schrifttum gegeben hat. Heute ist die Mutter aller Wissenschaften zum verach­
teten Aschenbrödel geworden und wenn man jemanden als Gaukler bezeichnen will,
so nennt man ihn einen Astrologen. .. Was man heute unter dem Namen Astrologie
versteht, wird am besten durch das Wort Astromantik wiedergegeben, auch Horo-
skopie würde sinngemäß sein. ...Astrologie war die Wissenschaft von den Sternen
schlechthin, dann wurde sie zum Sternglauben und noch später zur Sterndeutung.
Setzen wir also die Astrologie wieder an den ihr gebührenden Platz, als Mutter der
beiden Wisssenschaften: Astromantik und Astronomie. “ Sebottendorf (1923) S. 5.
46 So Rose (2008), S. 85.

27
alistische Persönlichkeiten bereits Thule-Mitglieder gewesen sein:47 Wilhelm
Frick (u.a. ab 1939 Mitglied des sechsköpfigen Kriegskabinetts), Rudolf Hess
(Stellvertreter des Führers), Julius Streicher (Herausgeber des antisemitischen
Blattes „Der Stürmer", später Fränkischer Gauleiter), Alfred Rosenberg
(NSDAP-Parteüdeologe, ab 1941 Reichsminister für die besetzten Ostgebiete),
Hans Frank (ab 1939 Generalgouverneur von Polen).
Bei Bronder erscheinen darüber hinaus noch Hitler, Himmler, Göring,
Feder, Karl Haushofer, Dietrich Eckart, Hitlers Leibarzt Morell und sogar
Guido von List und Lanz von Liebenfels - wobei Bronders abschließender
Hinweis „auf die z.T. mangelhafte und unsichere Belegbarkeit des Angeführten"
hier Bände spricht.48
Mittlerweile hat nun Rose in der ersten umfassenden wissenschaftlichen
Arbeit nachgewiesen, daß sowohl Adolf Hitler als auch Eckart und Hausho­
fer niemals Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren - ebenso wenig Göring
und Himmler.49 Für Rosenberg ist eine Mitgliedschaft umstritten, wird aber
in jedem Fall angesichts einer lediglich kurzen Erwähnung derselben bei Ro­
senberg vermutlich überschätzt.

„Die Mächte des Bösen"


Ungeachtet dieser offiziellen Version der Entstehung der Thule-Gesellschaft,
existieren bei diversen Autoren ebensoviele Alternativthesen. So behauptet
Robert Charroux die Thule-Gesellschaft wäre 1910 durch einen gewissen
Felix Niedner (geb. 14.04.1859) gegründet worden, einen Übersetzer alter
Edda-Texte (Thule - Altnordische Dichtung und Prosa), über den es kaum
biographische Details gibt.50 Um 1919 hätte die Gesellschaft dann neue Im­
pulse durch die „eingeweihten" Baron von Ungern-Sternberg, Karl Haushofer
sowie Paul Rohrbach erhalten.51 Reginald Phelps, dem unter anderem James
Webb folgt, schreibt, daß die Thule-Gesellschaft ursprünglich von Walter
Nauhaus, einem verwundeten Weltkriegsveteranen und späterem Kunststu­
denten, geleitet wurde, der Hüter des Stammbaumes des Germanen-Ordens
gewesen wäre. 1917 soll dieser von Berlin nach München gekommen sein, um
dort die Thule-Gesellschaft als verdeckten Zweig des Germanen-Ordens zu
47 Nach Orzechowski (1987) S. 19f.
48 Bronder (1964), S. 239f.
49 Rose (2008), S. 121 f.; Allerdings sind Besuche von Veranstaltungen der Thule
durch diese Personen damit nicht ausgeschlossen. Im Falle Eckerts ist sogar von
einem regelmäßigen Verkehr mit Thule-Mitgliedern auszugehen!
50 Dieser Version schließen sich auch Dr. Alexander Berzin (http://www.herzin-
archives.com/web/de/archives/advanced/kalachakra/shambhala/nazi_connection_
shambhala_tibet.html) sowie einige US-Autoren an.
51 Charroux (1967), S. 249f.

28
Dietrich Eckart Georges I. Gurdjieff Karl Haushofer

gründen. Erst Ende 1917, anfang 1918, soll demnach Sebottendorf alias Glauer
zu der Gruppe gestoßen sein um gemeinsam mit Nauhaus neue Mitglieder
zu rekrutieren und den Vorsitz zu übernehmen.52 Tatsächlich unterstützte
Nauhaus Sebottendorf bei der Werbung neuer Mitglieder für den Ableger des
Germanen-Orden und schlug auch den Namen Thule vor. Sebottendorf zufol­
ge wollte er „aus den älteren Herren das Rückgrat der Bewegung bilden" während
Nauhaus die Jugend „sammeln sollte".53
Nach anderer Quelle wäre die Thule-Gesellschaft bereits 1912 durch einen
Max Heindl begründet worden. Die Herkunft dieser These bleibt indes im
Dunkeln. Belegt scheint eine Kontaktaufnahme Heindls mit Rudolf Steiner
1909, mit dem er den Aufbau einer okkulten Gesellschaft plante, was sich al­
lerdings zerschlug. Danach wurde er in den wiederbegründeten Rosenkreu­
zer-Orden eingeweiht und fand Zugang zur Loge der älteren Brüder unweit
Berlins. Noch vor dem 1. Weltkrieg gründete Heindl in Seattle / USA die „Ro-
sicruzian Fellowship".54
Jene Rosenkreuzer hat auch der Autor E.R. Carmin im Visier, wenn er
die Vorbereitung des geistigen Nährbodens des Germanen-Ordens und der
Thule-Gesellschaft dem Lanz-Vertrauten und Blavatsky-Freund Franz Hart­
mann zuschreibt, der als Mitglied eben jener Rosenkreuzer 1895 den „Ordo
Templi Orientis" (OTO) mitbegründete. Diesem gesellte sich Theodor Reuß,
Mitglied des britischen „Golden Dawn" und Freund des späteren Ober­
hauptes dieser Gesellschaft, Aleister Crowley, hinzu.55
52 Webb (2008), S. 347.
53 So Sebottendorf (1933), S. 41; zu Nauhaus, S. 52; vgl. ebenso Goodrick-Clarke
(2004), S. 127.
54 So Glowka (1981), S. 112.
55 Carmin (2005), S. 38 f; 1912 wurde der mit dem britischen Geheimdienst in Ver-

29
Die abwegigste These stellt - wie so oft - das Autorenduo Pauwels / Bergier
auf: Ihnen zufolge sei die Thule erst 1923 und zwar durch Karl Haushofer
gegründet worden. Grundlage sei dabei nicht germanisches, sondern tibe­
tisches Weistum gewesen.56
Bei allen Okkult-Autoren werden mystische Hintergründe innerhalb des
Wirkens der Thule-Gesellschaft angenommen. So schreibt Autor Richardi
unter Bezug auf Hermann Wilhelm: „Die Geheimnisse dieser legendären Thu­
le-Zivilisation wollte man durch okkulte Praktiken und magische Rituale ivieder
sichtbar machen. Man war überzeugt, daß Wesen, die zwischen den Menschen und
Geistern aus dem Jenseits standen, den Eingeweihten des inneren Kreises magi­
sche Kräfte verleihen könnten", die eingesetzt werden sollten, „um Deutschland die
Herrschaft über die Welt zu sichern und zur Wiege einer neuen Rasse von Über­
menschen aus Mutationen des Homo Sapiens werden zu lassen. So wird der innere
Kreis der Thule-Gesellschaft, der nur eingeweihten Adepten der Esoterik zugänglich
ist, absichtlich geheim gehalten."57 Und Charroux läßt 1934 die längst aufge­
löste Thule-Gesellschaft „zu einem mächtigen Geheimbund" werden, „dessen
Name weder der Öffentlichkeit noch denen bekannt werden durfte, die um Auf­
nahme baten". Deshalb sei sie als „Deutschritterorden", teils auch als „Posei­
donsritter" bezeichnet worden.58
Überaus abwegig ist bei allen Okkultautoren die Behauptung, Haushofer hät­
te eine okkulte Rolle hinter den Kulissen gespielt, insbesondere vor dem Hin­
tergrund seiner durchweg seriösen, geopolitischen Ausrichtung. Eine oft unter­
stellte okkulte Verbindung Haushofers mit Tibet, wo er sich zwischen 1903 und
1908 aufgehalten haben soll,59 scheint pure Spekulation, lediglich ein Aufenthalt
in Japan als Militärattachee zwischen 1908 und 1910 läßt sich nachweisen.60
Dabei durchquerte er auf der Hin- und Rückreise nach bzw. von Japan
auch Indien, Burma, Hongkong sowie China, ein Tibet- Aufenthalt entzieht

bindung stehende Crowley von Reuß, der auch die Illuminatenloge wieder begrün­
dete und Papus zur Gründung des Pariser „Memphis-Misraim-Ritus" ermächtigt
haben soll (ebenda, S. 326), in den OTO eingeweiht; ebenda, S. 43.
56 Pauwels / Bergier (1968), S.368; ähnlich Carmin (2005), S. 45 ff.; siehe zur Ein­
schätzung Goodrick-Clarke (2009), S. 239.
57 Richardi (1991), S. 36.
58 Charroux (1967), S. 255, hierher stammt auch die Legende, die SS hätte auf Or­
densburgen - die in Wirklichkeit der Partei unterstanden - okkulte und körperliche
Schulungen durchgeführt, wobei auch ein Kampf gegen Doggen zur Abhärtung Be­
standteil gewesen wäre.
59 Pauwels/ Bergier (1968), S. 372, berichten lediglich von Reisen Haushofers in
den „Fernen Osten" und nach Japan, „wo er einer der bedeutendsten buddhisti­
schen Geheimgellschaften" beigetreten sein soll.
60 Hakl (2006), S. 198.

30
sich jedoch unserer Kenntnis Auch Haushofers Mitgliedschaft in der japani­
schen Luminous-Loge, einer buddhistischen Geheim-Gesellschaft, die Pau­
wels/Bergier behaupten, und die mit den „Gelbmützen" gleichgesetzt wird,
ist weder verifizierbar noch realistisch.61
Zu den sieben Begründern der Partei NSDAP zählte auch eine Dame, die,
je nach Blickwinkel des Verfassers, als „Gewissen der Partei" oder als Prota­
gonistin jener Gruppe bezeichnet wird, die „sich den Schwarzen Mächten In-
nerasiens ausgeliefert hatten und bereit waren, durch ein Meer von Blut zu waten,
um die Weltherrschaft zu erringen", wie es Pauwels und Bergier nahelegten.62
Die Rede ist von einer gewissen Frieda Dorenberg. Diese war Mitglied der
Edda-Gesellschaft und eines Kreises, der sich „Freie Söhne der Nord- und
Ostsee" (FSNO) nannte. „Hier beschäftigte man sich unter anderem mit dem Ge­
dankengut des Kristgermanen Gustav Müller, verehrte das steirische Schreibmedi­
um Jakob Lorber und hörte die, Offenbarungen aus dem Urlicht' eines Mediums aus
München", wie Rudolf Mund bemerkte.63
Insbesondere die Ankündigung „der Herabkunft des Starken von Oben
aus dem Urlicht" weckt Assoziationen mit dem späteren Führerkult um
Adolf Hitler. Tatsächlich war das Wirken dieses Kreises aber weniger auf
okkult-magische Dinge ausgerichtet, denn auf die Befassung mit dem, was
der später zu diesem Kreis stoßende Karl-Maria Wiligut als deutsches Ur-
kristentum bezeichnete: Frieda Dorenberg und Erna von Benthin, auch als
„Medium des Nationalsozialismus" bezeichnet, geben sich, laut Mund, in
ihren Visionen und Offenbarungen dementsprechend „als Christen im ma-
nichäischen Sinne" zu erkennen.64 Noch bis 1945 hielt Himmler Kontakt zur
inzwischen hochbetagten Frieda Dorenberg.

Adolf Hitler, Dietrich Eckart & die Deutsche Arbeiter-Partei (DAP)


Die DAP wurde am 5. Januar 1919 von Anton Drexler, einem Werkzeug­
schlosser, und Karl Harrer, einem Sportjournalisten, gegründet und entsprang
ihrer Zusammenarbeit in einem „politischen Arbeitszirkel".
Die Verbindung zwischen der Thule-Gesellschaft und der DAP kann ent­
gegen den Angaben Bronders, der in Sebottendorf den Gründer eines „Ar­
beiterzirkels" innerhalb der Thule-Gesellschaft sieht, aus dem sich die DAP
entwickelt habe, vielmehr über Adolf Hitler hergestellt werden.
Nach Tyrell sah Drexler im Nationalismus ein einigendes Band für alle
Schichten des deutschen Volkes. In einer Broschüre von 1919 benutzte er be­
reits den Begriff „National-Sozialismus" , wobei „Sozialismus" die Funktion

61 Siehe Rose (2008), S. 176.


62 Pauwels / Bergier (1969), S. 392.
63 Mund (2011), S. 72.
64 So Mund (2011), S. 75.

31
eines Mittels zu nationalem Zwecke hatte.
Karl Harrer war eines der einigen Hundert
Mitglieder der Münchner Thule-Gesellschaft.
„Dieser völkische, nach Art der Freimaurerlogen
organisierte und antisemitische Vorkriegstraditi­
onen weiterführende Bund suchte, nicht zuletzt
durch die gärende Volksstimmung in Bayern ge­
gen Kriegsende bewogen, auch Einfluß in der Ar­
beiterschaft zu gewinnen und hatte Harrer beauf­
tragt, in dieser Richtung tätig zu werden."65
Die Beziehung der DAP zur Thule-Gesell­
schaft war nur locker, aber doch nützlich, vor
allem für die Vermittlung von Kontakten,
Mitgliedern und Referenten (deren erster
Dietrich Eckart war). Der „politische Ar-
beitszirkel" blieb weiterhin bestehen. Seine „Der Bannerträger" (1938) Bild
ausgewählten Mitglieder, die auch der DAP von Hubertus Lanzinger, das
beitreten mußten, wurden vom Vorsitzenden Hitler, der sich ein „Alleinver­
(und anfänglichem hauptsächlichem Redner) fügungsrecht" über jede öffent­
Harrer berufen und mußten Stillschweigen liche Ausstellung dieses Bildes
geloben über Interna, Namen und Tagungs­ sicherte, nicht der Öffentlichkeit
stätten. Am 5.1.1919 kam es zum Zusammen­ zugänglich machen wollte
schluß mit dem „Freien Arbeiterausschuß für
einen guten Frieden" Anton Drexlers deren Fusionsergebnis fortan als „Deut­
sche Arbeiter Partei" firmierte.
Am 12. September 1919 nahm Adolf Hitler erstmals an einer Versammlung
der DAP teil. Dies im Auftrag der Aufklärungsabteilung des Gruppenkomman­
dos 4 der Reichswehr, welche die politische Entwicklung an der Basis im Auge
behalten wollte. Die DAP bekundete Interesse an Hitler, der als politischer Auf­
klärungsredner schon Erfahrung gesammelt hatte. Im November 1919 sprach
Hitler bereits als Hauptredner auf den DAP-Versammlungen, die immer noch
im kleinen Kreis der Mitglieder stattfanden. Am 24. November übernahm er
die Leitung der „Partei-Rednerschule". Als Werbe-Obmann wurde er siebtes
Mitglied im Arbeitsausschuß der DAP. Er betrachtete es, unterstützt von Drex­
ler, als seine vordringliche Aufgabe, die politischen Ideen der kleinen Partei in
der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. In dem nun folgenden Konflikt
mit Harrer ging es nicht nur um die Frage „Loge" oder „Massenbewegung"
oder welche Propaganda-Taktik die sinnvollste sei, sondern um die Frage nach
dem ausschlaggebenden Führungsgremium der Partei. Hitler befürchtete den
Versuch parteifremder Kreise, die DAP von außen zu lenken. Am 5. Januar

65 Tyrell (1975), S. 22.

32
1920 schied Harrer schließlich aus der Partei aus. Am 24. Februar sprach Hitler
bereits vor 2000 Menschen im Hofbräuhaus-Festsaal in München und verlas
das 25-Punkte-Programm der Partei, die nun „Nationalsozialistische Deutsche
Arbeiterpartei" (NSDAP) genannt wurde. Der Ruf der NSDAP verbreitete sich
über Münchens Grenzen hinaus, und Hitler trat schon 1920 mehrere Male au­
ßerhalb Münchens als Redner auf. Seit dieser Zeit erhielt der einstige Gefreite
Unterstützung von einer Reihe einflußreicher Persönlichkeiten: „Der Münch­
ner Polizeipräsident Emst Pöhner gab ihm Rückendeckung, der Hauptmann
Emst Röhm stellte ihm die Verbindung zur Reichswehr her, der General Erich
Ludendorff schenkte ihm sein Wohlwollen, und der Ingenieur Gottfried Feder
öffnete ihm die Augen für die „Herrschaft des Zinses". Neben diesen Män­
nern, die Hitlers politischen Werdegang in den ersten Jahren beeinflußt haben,
steht der Dramatiker und Journalist Dietrich Eckart. Den meisten gilt er als der
Förderer Hitlers schlechthin."66 Eckart gab seit Dezember 1918 die Zeitschrift
„Auf gut Deutsch" heraus, die fast ausschließlich die sogenannte „Judenfrage"
aufgriff, und erstmals unter dem Einfluß Gottfried Feders und Alfred Rosen­
bergs, zwischen „raffendem Kapital des Juden" und „schaffendem Kapital" des Ari­
ers unterschied und sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus als Manife­
stationen eines „jüdisch-materialistischen" Geistes charakterisierte.67
Am 14. August 1919 hielt Eckart vor Mitgliedern der DAP einen ersten Vor­
trag, wurde jedoch nicht Mitglied, obgleich er künftig als „Dichter der Bewe­
gung" gefeiert wurde. Nach Ansicht des Autoren Plewnia wollte er Distanz
halten, denn später betrachtete er sich als Kontrolleur der Partei und ihres
Führers. Adolf Hitler hörte er zu'Beginn des Jahres 1920 in einer Versamm­
lung reden, hat ihn aber möglicherweise schon im Herbst oder Dezember 1919
kennengelemt. Eckart erhielt wiederholt Besuch von Hitler. Während Hitler
die Juden vorwiegend als Rasse verurteilte, verachtete Eckart sie als Vertreter
einer bestimmten Geisteshaltung. Eckart wurde Hitlers „väterlicher Freund",
von dem Hitler selber später sagte, er sei sein einziger großer Freund gewesen,
der ihn auch in höhere Gesellschaften einführte und seine Kreditwürdigkeit
förderte. Eckart sah die Vorteile Hitlers in dessen hypnotischer Überzeugungs­
kraft und Redegabe und in seinem Draufgängertum. Außerdem war Hitler
Junggeselle und als Autodidakt noch belehrbar. Nach seiner Scheidung im
März 1921 gab Eckart „Auf gut deutsch" zugunsten des 1920 von der NSDAP
erworbenen Völkischen Beobachters" auf, und trat in die Dienste des 20 Jahre
jüngeren Adolf Hitler. Im Sommer 1921 verhalf Eckart Hitler in einer internen
Parteikrise durch seine Vermittlerrolle zum Sieg, und Hitler machte sich zum
Diktator der bis dahin nach demokratischen Grundsätzen geleiteten NSDAP.
Gleichzeitig mit Hitlers Aufstieg verlor Eckart mit der Zeit an Bedeutung. Neue,

66 Plewnia (1970):, S.7.


67 Zit. nach Zoller (1994), S. 10. 5

33
jüngere Männer - u.a. Rudolf Hess - befanden sich nun in Hitlers Nähe. Noch
im Frühling 1923 pries Eckart, der das Schlagwort „Deutschland erwache!" ge­
prägt hatte, Hitler im Völkischen Beobachter als „Erlöser". Obwohl Eckart am 8.
November 1923 bei Hitlers Bürgerbräuputsch nicht anwesend war und es un­
klar ist, ob er beim Marsch auf die Feldherrnhalle mitmachte, wurde er am 15.
November verhaftet und u.a. auf Landsberg interniert. Als er am 26. Dezember
1923, sechs Tage nach seiner Haftentlassung, durch Herzversagen starb, wur­
de er zum Märtyrer der „Bewegung" erklärt. Einige Monate nach Eckarts Tod
erschien seine unvollendete Schrift „Der Bolschewismus von Moses bis Lenin.
Zwiegespräch zwischen Hitler und mir" (ob mit oder ohne Bewilligung Hit­
lers ist unklar), mit welcher Eckart versuchte, der Partei und Hitler ein weltan­
schauliches Fundament zu geben. Die heutige Forschung geht davon aus, daß
Eckart entgegen seinen Angaben alleiniger Autor war und Hitler nur fiktiver
Gesprächspartner.68 Die Empfänglichkeit Hitlers gegenüber okkulten Dingen
indes reduzierte sich trotz anderlautender Legenden69 überwiegend auf das
Studium okkulter Titel, wie seine erhaltende Leseliste offenbart. Die Astrolo­
gie beispielsweise betrachtete Hitler als „Aberglauben", obgleich ihn 1923 die
Astrologin Elsbeth Ebertin schwer beindruckte, deren Prophezeiungen sich für
Hitler Punkt für Punkt erfüllten. „Aber Hitler sprach nur ganz ironisch von dieser
Koinzidenz und betrachtete das ganze als einen Spaß", bemerkte Hitlers ehemalige
Privatsekretärin Frl. Schröder dazu.70
Allerdings berichtet Trevor Roper unter Bezug auf das Tagebuch des Grafen
Schwerin von Krosigk von einer Begebenheit Anfang April 1945 als Goebbels
gegenüber Hitler aus Carlyles „Geschichte Friedrich des Großen" eine Passage
zitierte, in der die Verzweiflung Friedrichs angesichts der bevorstehenden Nie­
derlage im 7-jährigen Krieg geschildert wird. Kurz danach starb die russische
Zarin und ihr Nachfolger schloß Frieden mit Preußen. Daraufhin seien Hitler
Tränen in die Augen gestiegen und er hätte sich Horoskope kommen lassen, die
vor dem Krieg erstellt und seitdem unter Verschluß gehalten worden wären.
Diese hätten übereinstimmend den Kriegsausbruch 1939, die Siege bis 1941 und
dann die Kette der Rückschläge bis 1945 mit einem anschließenden Frieden in
der zweiten Aprilhälfte vorhergesagt. Als am 12. April Roosevelt starb, hielt
Goebbels dies für die angekündigte Wende - vielleicht auch Hitler selbst.71

68 Plewnia (1970), S. 94 ff.; Eckart (1933).


69 Vor allem das mittlerweile als Erfindung erkannte Werk Herman Rauschnings
(1940) sowie das sich in weiten Teilen darauf berufende Werk Trevor Ravenscrofts,
„Der Speer des Schicksals" haben hier die wüstesten Legenden produziert.
70 Zitiert nach Howe (1995), S. 316.
71 So Howe (1995), S. 320ff.; auch die Vorhersage Kraffts bezüglich eines Attentates
auf Hitler zwischen dem 7.-10.November 1939 dürfte angesichts des Elser-Attentates
am 9. November Erstaunen ausgelöst haben, vgl. ebenda, S. 228; vgl. zu Hitlers Ver­

34
Hitlers Verhältnis zu okkulten Dinge kann vielleicht zusammenfassend als ein
generelles Interesse an verschiedenen, auch okkulten Themen, aber einer offizi­
ellen Ablehnung jeder okkulten Richtung zusammen gefaßt werden. Tatsächliche
okkulte Elemente traten dagegen in Zusammenhang mit einem anderen Protago­
nisten des 3.Reiches - nämlich Heinrich Himmler - weitaus sichtbarer zutage.

Das Hakenkreuz
Auch dem alles überragenden Symbol des Nationalsozialismus, dem Haken­
kreuz, wird immer wieder die Bedeutung eines okkult-magischen Elementes
der Bewegung unterstellt. In „Mein Kampf" erklärt Hitler die Symbolik der Ha­
kenkreuz-Fahne wie folgt: „Im Rot sehen wir den sozialen Gedanken der Bewegung,
im Weiß den nationalistischen, im Hakenkreuz die Mission des Kampfes für den Sieg des
arischen Menschen und zugleich mit ihm auch den Sieg des Gedankens der schaffenden
Arbeit, die selbst ewig antisemitisch war und antisemtisch sein wird."72
Bereits Webb verwies darauf, daß die Frage, wer letztendlich der geistige
Vater der Übernahme des Hakenkreuzes in der Neuzeit gewesen war, eine
müßige ist, da es bei vielen völkischen Verbänden nicht nur in Deutschland
Verwendung fand. Einen direkten Einfluß auf die Übernahme übte unbestrit­
ten die Thule-Gesellschaft aus, was die Legenden um die tiefe Beeinflußung
der neuen Bewegung zementierte. Diese hatte das runde Hakenkreuz zu ih­
rem Symbol erkoren. Für die DAP hatte neben Hitler auch der Thule-Mann
Dr. Friedrich Krohn ein Wappen entworfen, das ebendieses abgerundete Ha­
kenkreuz auf weißem Grund zeigte.73
Einer der ersten völkischen Protagonisten, der das Hakenkreuz wiederent­
deckte war jedoch Friedrich Ludwig „Turnvater" Jahn. Danach taucht es spä­
testens 1908 bei Guido von List als „Werdandi-Rune des ewigen Vergehens"
auf.74 Lanz von Liebenfels ließ 1907 ein Hakenkreuz-Banner auf seiner Burg
Werfenstein hissen. Die dahinter stehende Deutung sieht im Hakenkreuz das
Symbol des Ariers,75 obgleich sich seine Nutzung nicht auf die klassischen
arischen Völker beschränkte, sondern sich auch in Amerika, in Sumer und bei
den südeuropäischen Bandkeramikern fand.

hältnis zum Okkultismus Berndt (2011), S. 160 ff.; hier auch der Hinweis auf die
mögliche astrologische Beraterin Hitlers, Elsbeth Ebertin (S. 176), sowie Hitlers ok­
kulte Eiteratur, darunter Carl Loogs Nostradamus-Weissagungen (S. 223).
72 Zit. nach Richardi (1991), S. 284; das „weiß" tritt dabei europaweit als Erken­
nungsfarbe der antikommunistischen Freikorps und Verbände auf, u.a. in Rußland
ab 1917 und bei den deutschen Freikorps.
73 Richardi (1991), S. 282.
74 von List (Rita), S. 57ff.
75 Erstmals bei Krause (1891), der es als „arisches Leitfossil" bezeichnet, S. 104 f;
siehe auch Scheuermann (1933), S. 7 ff.

35
Vinca-Schrift aus dem Balkan-Raum, ca. 6. Jahrtausend v.Zw.
Da diverse völkische Autoren aber auch jene Völker unter die Arier sub­
sumierten, die noch vor der klassischen Wanderung der Indogermanen seit
dem 2. Jahrtausend v.Zw. andere Völker inspirierten ohne ihre indogerma­
nische Sprache etablieren zu können, war die Gleichsetzung „Arier und
Hakenkreuz" nicht von der Hand zu weisen. Gemäß dieser Deutung war
das Hakenkreuz das Zeichen der Sonne, genauer gesagt des Sonnenlaufes
und stand damit in Verbindung mit dem wiedererwachenden Leben.76 Plas­
tisch symbolisierte es zugleich den Lauf des Sternbildes des kleinen Wagens
um den Polarstern, wodurch es auch zum Zeichen der Herkunft der Ari­
er aus dem Polgebiet avancierte.77 Dieses Zeichen trugen die „nordischen"
Auswanderer demnach seit etwa 10.000 v.Zw. als Eroberer in die südlichen
Gebiete, die sie auf ihren ersten Wanderzügen eroberten oder kulturell „be­
fruchteten", wie etwa Sebottendorf postulierte.
Das bislang früheste Vorkommen ist allerdings im südosteuropäischen
Raum eruiert worden, wo Elisabeth Weeber es auf die Zeit um 10.000 v.Zw.
datiert, ohne diese frühe Zeitangabe allerdings stichhaltig zu untermauern.78
Auch Jörg Lechler sah das früheste Auftreten des Hakenkreuzes im bandke­
ramischen Siebenbürgen, setzte es jedoch auf die Zeit um 3000 v.Zw.79
Überall wo es Verwendung fand, wurde es indes unbestritten zum Heils­
und Glückszeichen der Erneuerung - wobei dies natürlich nicht für die
unterworfenen Völker galt. Aufgrund der weiten Verbreitung des Haken­
kreuzes haben verschiedene Forscher zeitweise eine unabhängige regiona­
le Entstehung vertreten. Ludwig Wilser bemerkte dazu aber bereits 1918:
„Kann man auch die Möglichkeit einer solchen Entstehung nicht ganz von der
Hand weisen, so liegt doch ohne Frage eine viel größere Wahrscheinlichkeit in der
Annahme, dies eigenartige Zeichen habe sich unter ganz besonderen Umständen in
einem beschränkten Gebiet entwickelt und von da aus im Laufe der Zeit durch Völ­
kerwanderungen, nachbarschaftlichen Verkehr und Handelsbeziehungen in immer
weiterem Umkreis verbreitet."80
76 vgl. zustimmend Wilser (1918), S. 3f; Lechler (1921), S. 8f.
77 siehe hierzu, Evola: Das Hakenkreuz als polares Symbol, in: Evola (2009).
78 Weeber (2007).
79 Lechler (1921), S. 1.
80 Wilser (1918), S. 1.

36
Samarra-Tonteller. Prä- Jahreszeitliche Positionen Dalai Lama mit Swastika-
Sumerisch ca. 5500 v.Zw. des Sternbildes Kleiner Teppich
Wagen um den Polarstern
Obgleich es auch in Israel- vermutlich durch die nordisch-stämmigen Phi­
lister auftaucht, wurde es seit dem 19. Jahrhundert zum Gegenbild Judas
erkoren. Noch heute zeigen Hoheitszeichen buddhistischer Würdenträger,
so des tibetischen Dalai Lamas, dieses Symbol.
Verschiedentlich wird dem Hakenkreuz eine magische Bedeutung zu­
gesprochen, die in Zusammenhang mit seiner Ausrichtung stehen soll. So
sei das linksdrehende Hakenkreuz, auch mit der goldenen Sonne assoziiert,
Zeichen der Schöpfung und Fruchtbarkeit; demgegenüber das rechtsdrehen­
de, Synonym der Schwarzen Sonne, die das wiederentfachte irdische Feuer
symbolisiere. Andere Autoren wiederum sehen das linksdrehende in einem
„positiven", das rechtsdrehende in einem „negativen" Kontext. Für Serrano
dagegen impliziert das linksdrehende Hakenkreuz den vorzeitlichen Exo­
dus der Weißen Rasse und das gegenläufige die Rückkehr der Rasse an ihr
esoterisches Zentrum am Pol.81 Godwin weist jedoch zurecht darauf hin, daß
eine bevorzugte Verwendung bei keinem der dieses Zeichen nutzenden Völ­
ker feststellbar sei und lediglich die Unterscheidung zwischen Symbol für
die polare Drehung („linkshändig") und den Lauf der Sonne („rechtshän­
dig") sinnvoll erscheine.82

1.2. Heinrich Himmler

Ein Protagonist, der aus den Kreisen der völkischen Germanenbünde


hervorging, sollte die Geschichte des 3. Reiches wesentlich mitbestimmen:
die Rede ist von Heinrich Himmler. Dieser wurde als zweiter von drei Söh­
nen des aus Lindau (Bodensee) stammenden Oberstudiendirektors Joseph
Gebhard Himmler (1865-1936) und dessen Frau Anna Maria Heyder (1866-
1941) geboren. Die Familie entstammte einem bürgerlich-katholischen Mili-

81 vgl. Godwin (2007), S. 184.


82 ebenda, S. 185.
37
eu, der Vater war Rektor des angesehenen huma­
nistischen Wittelsbacher-Gymnasiums in München
und zugleich Privatlehrer von Prinz Heinrich von
Bayern, der Taufpate Heinrichs wurde.83
Noch vor Abschluß seiner Schullaufbahn - erst
1919 holte Himmler sein kriegsbedingt verscho­
benes Abitur nach - bewarb sich Heinrich 1917 als
Offiziersanwärter und durchlief die Ausbildung.
Das Kriegsende verhinderte jedoch einen Fron­
teinsatz. 1918 kämpfte er stattdessen im „Freikorps
Lauterbach" erfolgreich gegen die Münchener Rä­
terepublik und begann 1919 ein landwirtschaftli­
ches Studium. Während dieser Zeit war er in der
Studentenverbindung Apollo im Rothenburger Verband Schwarzer Ver­
bindungen (RVSV) aktiv (heute: Burschenschaft Franco-Bavaria München
in der DB) und engagierte sich bei der katholisch orientierten Bayerischen
Volkspartei (BVP), aus der er 1923 austrat. Über seine Mitgliedschaft bei den
Artamanen kam der mittlerweile diplomierte Landwirt in Kontakt mit der
NSDAP, der er am 2. August 1923 beitrat. Am 9. November 1923 beteiligte
er sich in seiner Eigenschaft als Mitglied des Röhmschen Freikorps „Reichs­
kriegsflagge" am gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsch.
Nach Aufstieg zum Parteiredner in Erich Ludendorffs Nationalsozialisti­
scher Freiheitsbewegung (NSFB) und Beitritt zu dem Ernst Röhm nahestehen­
dem Deutschvölkischen Offizierbund (DVOB), begann 1925 Himmlers Karriere
in der NSDAP: 1925 trat er in die SA ein und wechselte wenige Monate später
zur SS, innerhalb derer er 1927 zum stellvertretenden Reichsführer-SS ernannt
wurde. Nach der Absetzung Erhard Heidens als Reichsführer-SS berief Adolf
Hitler nunmehr Himmler am 6. Januar 1929 an die Spitze der Schutzstaffel,
allerdings noch unter dem Oberkommando der SA. 1933 wurde Himmler nach
der Machtübernahme zum Polizeipräsidenten von München ernannt. Auf­
grund seiner „Verdienste" bei der Niederschlagung des Röhm-Putsches am 30.
Juni 1934 wurde er in „Anerkennung seiner Loyalität dem Führer gegenüber"
von Adolf Hitler in die Dienststellung eines „Reichsleiters der NSDAP" (offizi­
elle Bezeichnung: „Reichsleiter SS") erhoben und die SS aus der übergeordne­
ten SA herausgelöst. Damit war der „Reichsführer-SS" (RF-SS) nur noch Hitler
persönlich verantwortlich.
Am 17. Juni 1936 erfolgte ein Erlaß Hitlers, der das Amt des RF-SS mit dem
neu geschaffenen staatlichen Amt eines Chefs der Deutschen Polizei im Reichs­
ministerium des Innern personell und institutionell miteinander verband.
Himmler unterstand damit der gesamte Polizeiapparat, bestehend aus den

83 Zur ausführlichen Biographie siehe Longerich (2009), S. 18 ff.

38
Ämtern der Ordnungspolizei, der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und des
Reichskriminalpolizeiamts. Als Reichsführer-SS unterstand ihm weiterhin der
Sicherheitsdienst (SD) als parteiinterner Nachrichtendienst. Himmler wurde in
seiner neuen Eigenschaft den Befehlshabern des Heeres und der Marine sowie
den Reichsministern im Rang gleichgestellt und erhielt Kabinettsrang.

Heinrich Himmlers Vorliebe für Geschichtsromantik und Okkultismus


Heinrich Himmler, der stets aufgeschlossen gegenüber unorthodoxen
Forschungen gerade in Bezug auf die germanische Vorgeschichte war, gilt
als der entscheidende Faktor für die Nachkriegslegenden, die sich um tat­
sächliche oder vermeintliche okkulte und esoterische Forschungen der SS
innerhalb des 3. Reiches ranken. Bereits in jungen Jahren interessierte sich
der Lehrersohn für die deutsche Geschichte, mit 10 Jahren kannte er den
Verlauf der bedeutendsten Schlachten der deutschen Geschichte auswen­
dig, in seiner Gymnasialzeit hatte er seine Kenntnisse deutscher Militär­
geschichte noch weiter ausgebaut. 84 Daneben war Himmler ebenfalls seit
frühester Kindheit interessiert an
Mythen und Sagen, gegenüber de­
nen sich seine grundsätzliche Ein­
stellung verdeutlicht: In alten Sagen
sah er nämlich, ähnlich wie auch
Adolf Hitler selbst,85 eine mythisch
verhüllte, einstige Wirklichkeit; Sa­
gen seien „das Gesagte, die Chronik"
der Altvorderen noch bevor schriftliche
Aufzeichnungen existierten."86
Inspiriert wurde er in diesem
Glauben ausweislich seiner Bücher­
liste neben Edgar Daques „Urwelt,
Sage und Menschheit" (1924) auch
durch Ernst Bethas „Die Erde und
unsere Ahnen".87
Bereits Anfang der 20er Jahre
stand Himmler in Kontakt zu ver- Himmler und Mentor Hitler, ca. 1954

84 Vgl. Pringle (2006), S. 19; dagegen behauptet Kater (2006), S. 16, unzutreffend,
daß Himmler sich erst spät für die Geschichte interessiert hätte.
85 Hitler führte dazu in privater Gesprächsrunde aus: „Wir tun gut daran anzu­
nehmen, daß das, was die Mythologie von Gestalten zu berichten weiß, die Erinne­
rung ist an eine einstige Wirklichkeit"; nach Picker (1997), S. 298.
86 Siehe Sünner (1999), S. 10.
87 Edgar Dacque: Urwelt, Sage und Menschheit. Oldenburg 1924 ; Ernst Betlia:

39
Kranzniederlegung am Grabe Heinrichs I. in Quedlinburg 1936

schiedenen völkischen Okkult- und Geheimbünden, darunter dem Bund


der Guoten (1925) sowie - seit 1926 - der Edda-Gesellschaft.88
Hier fand er Anregungen, die ebenso seine romantische Vorstellung über
die germanische Frühzeit anregten wie sein okkultes Weltbild festigten.
Geradezu erstaunlich mutet dabei Himmlers breitgefächertes Interesse hin­
sichtlich verschiedenster Fachgebiete an: Es reichte von Agrarthemen, über
Tierzucht, Rassenkunde, Germanenkunde, europäische Geschichte, Mythen
bis hin zu waffentechnischen Fragen. Eine Gemeinsamkeit, die er mit dem
ebenfalls umfassend interessierten Reichskanzler teilte. Seine romantische
Schwärmerei war jedoch zugleich eine entscheidende Schwäche, die sich
insbesondere in der mangelnden Fähigkeit zur kritischen Abwägung ihn
begeisternder oder in seiner ausgebildeten Meinung bestärkender Schriften
und Persönlichkeiten offenbarte. Der Historiker Michael Kater faßte Himm­
lers Auffassung von Wissenschaft dahingehend zusammen, daß dieser ein
Forschungsergebnis als Axiom vorgab, das wissenschaftlich untermauert
werden mußte, auch wenn dazu Fakten ausgeblendet wurden.89 Für Himm­
ler bestand die Vergangenheit aus Hunderttausenden von Mosaiksteinen,
die - richtig zusammengesetzt - das gewünschte Bild ergaben.90
Die Erde und unsere Ahnen. 1913.
88 Wegener (2004), S. 57; vgl. auch Wegener (2005), S. 37 f.
89 Kater (2006), S. 19.
90 Nach Kater (2006), S. 19; ebenso Pringle (2006), S. 12; Hintergrund dieser
Wissenschaftsauffassung ist dabei der von Kater ausgeblendete Fakt, daß die Wis­
senschaft aufgrund ihrer Arbeit mit überlieferten Quellen nie das ganze Bild fassen
kann, da stets einige Quellen nicht greifbar sind - unter diesem Blickwinkel erweist

40
Eine jener Schriften, die Himmler faszinierten, war die Ura-Linda-Chronik,
die später noch eine größere Rolle spielen sollte. Bereits 1932 war sie jedoch
ein Grund für Himmler, über die Errichtung eines eigenen, quasi privaten For­
schungseinrichtung nachzudenken, die strikt germanisch ausgerichtet und
gegen die „jüdisch-versippte" akademische Wissenschaft antreten und trium­
phieren sollte. Bevor diese Überlegungen jedoch Gestalt annahmen, umgab
sich Himmler überwiegend mit Laienforschem, die er im Kreis der Edda-Ge­
sellschaft, der Artamanen und anderer völkischer Bünde kennen gelernt hatte.
1936 gründete Himmler eine „Gesellschaft zur Förderung und Pflege Deut­
scher Kulturdenkmäler e.V.", die historische Bauwerke aus Geschichtsepo­
chen betreute, die ihm am Herzen lagen: Aus der germanischen Vorzeit, der
heidnischen Ära des frühen Mittelalters und der Epoche deutsch-kolonialer
Ostmission unter dem Deutschen Ritterorden. „Himmlers Denkmäler-Verein
pflegte bewußt, was in das antichristliche und antislawische Weltbild der SS paßte, so
alte Burgen des Deutschen Ritterordens oder den Sachsenhain bei Verden an der Al­
ler, Erinnerungsstätte für die im Jahr 782 von Karl dem Großen (,Karl dem Franken')
hingerichteten 4.500 heidnischen Sachsen.. . Geschichtsromantik, Germanen- und
Heidentum als Integrationsfaktoren der aus allen Gesellschaftsschichten rekrutier­
ten SS - das war der Sinn dieser und auch anderer Stiftungen Himmlers", wie
Arfst Wagner Himmlers diesbezügliches Interessengebiet resümierte.91
„Diese Dinge interessieren uns, weil sie im weltanschaulichen und politischen Kampf
von größter Wichtigkeit sind" führte Himmler im vertrauten Kreis dazu aus.92
Seinen Volksbegriff umriß Himmler einmal folgendermaßen: „Das Volk
wird begriffen nicht als Summe von einzelnen, nicht einmal als die Gesamtheit der
gegenwärtig lebenden Menschen gleichen Blutes, sondern als überpersönliche und
überzeitliche Gesamtwesenheit, die begrifflich alle Generationen dieses Blutes - von
den frühesten Ahnen bis zu den fernsten Enkeln - umfaßt."93
Wie Longerich bemerkte, war jedoch die innerhalb der SS betriebene Ger­
manenverehrung „nicht bloßer Ausfluß einer persönlichen Marotte des Reichsfüh­
rers", sondern es ging darum, „der SS im ideologischen Kernbereich des Nationalso­
zialismus eine feste Rolle als Hüterin des germanischen Erbes und seiner Ausdeutung
zu sichern".94
Ein besonderes Interesse Himmlers galt dem sächsischen König Heinrich I.
(875-936), genannt der „Vogler". Dieser war der Vater des ersten deutschen
Kaisers, Otto I., und gilt als der Wegbereiter des Deutschen Reiches. Sein be­

sieh Himmlers Forderung nach einer ganzheitlichen Geschichtsbetrachtung aus


verschiedenen Blickwinkeln durchaus als sinnvoll.
91 Wagner (1993).
92 Zit. nach ebenda.
93 Himmler, zit. nach Wildt (2010), S. 46.
94 Longerich (2010), S. 284.

41
sonderes Verdienst war zum einen die Oppo­
sition zum römischen Papst und zum anderen
seine erfolgreiche Ostkolonisation.
Anläßlich der geplanten 1000-Jahr feier des
Todestages des „Slawenbezwingers" Hein­
rich, gelang es Himmler die Feierlichkeiten an
sich zu reißen.
Dr. Hermann Reischle, Chef des Rasseamtes
unter Darre, nannte diese Feier „propagandis­
tisch [...] geradezu ein Geschenk des Himmels" und
berichtete am 24.10.1935 an Himmler: „Durch
ihre zweckmäßige Gestaltung können wir mit einem
großen Schlag das erreichen, was sonst auf propa­
Himmler im Jahr 1939 gandistischem Weg nur mühsam in Jahren durch­
gekämpft werden könnte. Schon aus diesem Grund
muß die entscheidende Beteiligung der SS und damit unsere Einflußnahme auf die
Vorbereitung und Gestaltung der Feier dringend befürwortet werden."95
Um das Gedenken an Heinrich I. in den Köpfen zu verankern, gründete
er die König-Heinrich-I.-Gedächtnis-Stiftung. Am tausendsten Todestag des
Königs, dem 2. Juli 1936, schwor der lebende dem toten Heinrich in dessen
(damals leerer) Gruft im Quedlinburger Dom, die Ostmission des Sachsen
fortzusetzen und zu vollenden. Ein Jahr später ließ er die Gebeine Heinrichs
I. in feierlicher Prozession in den Dom überführen. Heinrichs Gruft sollte laut
Himmler „eine Weihestätte sein, zu der wir Deutschen wallfahren, um König
Heinrichs zu gedenken".96
Noch im Dezember 1935 legt er fest, daß die SS mit der Stadt Quedlinburg
alleinige Trägerin der Feiern am 2. Juli 1936 sein sollte.
Wie Heinrich I. von ihm instrumentalisiert wurde, geht aus einem Tage­
bucheintrag des Leibarztes F. Kersten hervor: „Er rechnete mir vor, daß bei sys­
tematischer Verfolgung dieser Maßnahmen" (nämlich die Rückzüchtung der „germa­
nischblond-blauen Urrasse") „in einhundertzwanzig Jahren nach den Mendelschen
Gesetzen das deu tsche Volk wieder weitgehend reinblütig germanisch aussehen werde,
die Geschichte ihm das danken und in tausend Jahren sein Lebenswerk genau so ver­
stehen würde, wie dies jetzt mit dem Werk König Heinrichs I. der Fall sei."
Doch das Interesse Himmlers an seinem Namenspatron ging über die blo­
ße Verehrung und Instrumentalisierung hinaus: „An jedem Todestag des Königs
machte sich der Reichsführer auf, mit dem anderen Heinrich stille Zwiesprache zu pfle­
gen - in der kalten Krypta des Doms pünktlich zur Zeit, wenn die zwölf dröhnenden Glo­
ckenschläge die Mitternachtsstunde verkündeten", wie Wagner zu berichten weiß.

95 Zit. nach Helzel (2008), S. 5.


96 Himmler, zitiert nach Wagner (1993).

42
Tatsächlich glaubte Himmler an spiritistische
Vorgänge wie die Geisterbeschwörung. Zum
Buch „Die Phänomenologie des Spitismus"
des Münchener Philosophen Freiherr Dr. Carl
du Prel (1839-1899), notierte Himmler in einer
Anmerkung: „Ein wissenschaftliches Werkchen
auf philosophischer Gru ndlage, das mich wirklich
an den Spiritismus glauben läßt und mich erst
richtig in denselben eingeführt hat.“97
So beschränkte Himmler seine spiritisti­
schen Kontakte nicht auf Heinrich, sondern
nutzte seine Fähigkeit regelmäßig, Geister
zu beschwören. Allerdings, „müsse man eine
bestimmte Veranlagung dafür haben und es kä­
men nur die Geister von Menschen in Frage, die
schon hundert Jahre tot seien“, wie der Reichs­
führer seinem Arzt Dr. Kersten anvertraut Heinrich-Gedenkplakette der SS
haben soll.98 „Wenn er im Halbschlaf liege, be­
richtete Himmler, erscheine ihm der Geist König Heinrichs und erteile ihm wertvolle
Ratschläge. Oft begann Himmler mit der Redensart:,König Heinrich hätte in diesem
Falle folgendes getan.' Er beschäftigte sich mit seinem Helden so lebhaft, daß er sich
allmählich für eine Reinkarnation des Königs hielt."99
Als Mittel zur Geisterbeschwörung bediente sich Himmler des Pendels.
1925 studierte er einen praktischen Leitfaden für „Pendelpraxis und Pen­
delmagie", der nach Auskunft des Untertitels als „Anleitung zum Gebrauch
des siderischen Pendels zwecks Feststellung von Krankheiten und mensch­
lichen Charaktereigenschaften, Geschlechtsbestimmung und Befragung der
Jenseitigen" fungierte.
Ein wichtiges Rolle spielte dabei das sogenannte Od, eine Art Äther (in­
disch „Prana"), das fünfte Element neben Luft, Feuer, Wasser und Erde, das
als kosmischer Energiespeicher diente.100
Sein spiritistisches Wesen zeigte sich jedoch auch in der Konsultation
von Astrologen. Hierzu führte Kersten aus: „Vor wichtigen Entscheidungen
ließ sich Himmler einen seiner beiden Astrologen kommen, um sich das Horoskop
stellen zu lassen... Himmler hat öfters betont, daß die Astrologen einstimmig der

97 Heinrich Himmlers Leseliste 1919-1934, Nachlaß N 1126, NL 126/9 fol.l - zit.


nach Wegener (2004), S.43.
98 Kersten (1952), S. 183.
99 Höhne (1981), S. 141 ff., wobei dieser vorgebliche Glaube Himmlers, eine Rein­
karnation Heinrichs zu sein, mittlerweile als Legende erkannt wurde.
100 So Wegener (2004), S. 43ff.

43
Meinung seien, Deutschland könne erst dann aufsteigen und gesunden, wenn alle
Juden ausgerottet seien."101 So kritisch dieses von dem über weite Strecken un­
glaubwürdigen Leibarzt Himmlers überlieferte Zitat zu betrachten ist, ist
daraus zumindest ein großes Interesse Himmlers an der Astrologie, beson­
ders zum Kriegsende, herauszulesen. Von Mai 1944 bis April 1945 konsul­
tierte er den Astrologen Wilhelm Wulff zu verschiedensten Fragestellungen
und ließ sich regelmäßig Horoskope erstellen.102
Ein der Geisterbeschwörung eng verwandtes Gebiet war die Telepathie,
die Hellseherei, für die Himmler ebenfalls ein offenes Ohr besaß. Hierzu las
er 1923 die Veröffentlichung Friedrich zur Bonsens und fügte als Anmer­
kung hinzu: „Es ist ein genaues Referat und Zusammenstellung über unbekannte
und sagenhafte Gebiete. Ein kleiner Ausschnitt aus der unendlichen Terra incognita,
alles Übersinnliche, was da sind Astrologie, Hypnose, Spiritismus, Telepathie usw.
- Darstellung und Erklärungsversuche wissenschaftlich und gut verständlich."103
Über das Okkulte und Geschichtliche hinaus war der strenggläubige Leh­
rersohn auch an religiösen Fragen interessiert - insbesondere an der Frage,
wodurch sich das Christentum zukünftig ersatzen lassen könnte. Gemäß
Himmler waren die germanischen Religionsquellen durch das Christentum
verschüttet worden. Es galt daher diese aus alten Sagen „wie durch einen
Brunnenschacht wieder ans Licht zu heben“.104 Mangels germanischer Quel­
len befaßte er sich daher auch mit den indoarischen Überlieferungen, die in
einem späteren Kapitel nähere Betrachtung erfahren.

1.3. Die SS - Von der Schutzstaffel zum „Ritterorden"

„Ich bin überzeugt von der Weltanschauung, daß letzten Endes in der Welt nur
das gute Blut, auf die Dauer gesehen, die beste Leistung hervorbringt. Danach muß­
te es richtig sein, daß wirklich nur das gute Blut nach unserer Kenntnis der Ge­
schichte als das führende, schöpferische und jeden Staat, vor allem jede soldatische
Betätigung tragende Blut anzusehen ist, und zwar das nordische Blut. Ich sagte
mir: Wenn es mir glückt, in einer Organisation möglichst viele Menschen, die zu
einem namhaften Teil Träger dieses erwünschten Blutes sind, aus dem deutschen
Volke zu erfassen und unter soldatischen Gehorsam zu bringen, sie allmählich mit
dieser Erkenntnis vom Wert des Blutes und von der ganzen Weltanschauung, die
daraus entspringt, zu erfüllen, dann müßte es möglich sein, tatsächlich eine Ausle­
seorganisation zu schaffen, die jeder Belastung standhält."105

101 Kersten (1952), S. 183.


102 Berndt (2011), S. 243 ff.
103 Leseliste, zit. nach Wegener (2004), S. 50.
104 Birn (2009), S. 70.
105 Heinrich Himmler (1948). S. 207.

44
Mit diesen Worten umschreibt Heinrich Himmler seine Vorstellung von
der SS. Die am 4. April 1925 zum persönlichen Schutz Adolf Hitlers begrün­
dete Schutzstaffel der NSDAP (SS) unterstand seit 1926 der Sturmabteilung
(SA) und wurde erst nach dem „Röhm-Putsch" 1934 zu einer eigenständigen
paramilitärischen Organisation der NSDAP, die zugleich den parteiinternen
„Polizeidienst" ausübte.
Um in die SS eintreten zu können, mußte der Bewerber bestimmte rasse­
biologische und weltanschauliche Kriterien erfüllen und auch Ehefrauen der
SS-Mitglieder wurden hinsichtlich ihrer „Rassenreinheit und Erbgesundheit"
überprüft.106 Während die Beibringung des großen Ariernachweises - eines bis
1800 zu dokumentierenden Nachweises, daß sich keine jüdischen Vorfahren
in der Ahnenreihe befanden - bei der NSDAP und ihren Unterorgansistionen
relativ lax gehandhabet wurde, mußte der SS-Anwärter diesen Nachweis bis
1750 in jedem Fall führen107 und selbst Himmler erbrachte diesen Nachweis!
Unter dem Einfluß Himmlers wandelte sich die ursprüngliche Schutzstaffel
zu einem „Führungsorden" der nationalsozialistischen Weltanschauung, bei
deren Aufbau sich der Reichsführer vom Jesuitenorden, mittelalterlichen Rit­
terorden und der Sagenwelt König Arthus gleichermaßen inspirieren ließ.
1935 kam es zur Umbennung der bisherigen Verwaltungseinheiten der
SS in Allgemeine SS. Dadurch sollte sich der eigentliche SS-Orden von den
bewaffneten Verbänden, der SS-Verfügungstruppe und den SS-Totenkopf-
verbänden, abgrenzen, die später die Waffen-SS bildeten. Diese Allgemeine
SS, nun auch Heimat- oder Schwarze-SS genannt, unterstand nun dem neu­
en Kommandoamt der Allgemeinen SS in Berlin.
Damit kam es zur klassischen Dreiteilung der SS, die informell bis 1945
Bestand hatte: 1. Allgemeine SS - 2. SS-Totenkopfstandarten - 3. SS-Verfü­
gungstruppe.
Die SS umfaßte 1939/40 folgende Hauptämter und deren Unterabteilungen:
- Das Führungshauptamt (FHA) war die betriebliche Stabsstelle (Hauptquar­
tier) der SS. Es leitete und verwaltete die Offiziers-Schulen, medizinische
Versorgung, Transportvorgänge, Lohnzahlungen und Ausrüstungen.
- Das Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) hatte die Aufgabe, eine
„rassisch wertvolle" Führungselite herauszubilden.
- Das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) entstand aus der Zusammenle­
gung von SD und SiPo und war die zentrale Stelle zur Ausübung der
polizeilichen Funktionen der SS.
- Das SD-Amt Reinhard Heydrichs diente als Geheimdienst zur Bekämp­
fung äußerer wie innerer Gegner und zur „Bespitzelung" der Bevölke­
rung.

106 Hambrock (2009), S. 79.


107Nolzen (2009), S. 31.

45
- Die Sicherheitspolizei (Sipo) war für die Kriminal- und die Geheime Staats­
polizei (Gestapo) zuständig.
- Militärischer Zweig der SS war die aus Verfügungstruppen und Totenkopf-
verbänden gebildete Waffen-SS
- Das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) steuerte die Kon­
zentrationslager und deren Konstruktion und verwaltete die SS-eigenen
Industrien, Gewerbe- und Landwirtschaftsbetriebe.108
Das Ausmaß dieser wirtschaftlichen SS-Unternehmungen gehört dabei zu
den unbekanntesten Vorgängen in Zusamenhang mit der SS, vor allem da
während des Krieges „nie darüber gesprochen wurde", wie Himmler in einer
Rede 1940 bemerkte.109
Gegen Ende des Krieges (1944/45) zählte die SS formal über 840.000 Mit­
glieder, zu denen neben dem „SS-Führerkorps" (d. h. Führungsschicht in
den SS-Hauptämtern und die Offiziere sowie die Unteroffiziere der Waffen-
SS) auch Polizeioffiziere gehörten, sobald ihr Dienstgrad einem SS-Rang
entsprach. Die Zugehörigkeit der Offiziere von Waffen-SS und Polizei zur
SS wurde von Amts wegen begründet; für die Mannschaften der Waffen-SS
und Polizei war eine Übernahme in die SS erst für die Zeit nach Ende des
Krieges vorgesehen.
In der Zeit nach dem Kriegsende wurde das Wort vom „Staat im Staate"
für die SS geprägt, was die Überhöhung der SS als monolithischem, von ei­
nem gemeinsamen Willen geprägten „Orden des Bösen" implizierte. Durch
die Arbeiten Gerald Reitlingers und insbesondere Heinz Hohnes erfolgte die
Entdämonisierung und Verdeut­
lichung des heterogenen Charak­
ters der SS, „freilich nicht ohne den
verbrecherischen Charakter der SS als
ganzes in Frage zu stellen", wie Jan
Schulte es formuliert.110
Weltanschaulich wirkte neben
Himmler selbst vor allem das seit
1931 von Richard Walther Darre
geleitete „Rasse- und Siedlungs­
hauptamt" (RuSHA), das ne­
ben dem SS-Hauptamt und dem
Hauptamt SD eines der drei ältes­
ten SS-Hauptämter war. Das „Ras­
seamt der SS" wurde bereits Ende
SS-Stabswache in Berlin
108 Nach Schulte (2009).
109 Vgl. Georg (1963), S. 10; siehe hier auch zur Geschichte der SS-Wirtschaft.
110 Vgl. hierzu Schulte (2009), S. XIV.

46
Dezember 1931 gegründet und war zuständig
für Rassenuntersuchungen und Ehegenehmi­
gungen für Angehörige der SS. Später wurde
es als „Rasse- und Siedlungsamt" bezeichnet
und ab Januar 1935 als SS-Hauptamt geführt.
Im Zusammenhang mit der Bildung des
Reichskommisariats für die Festigung deut­
schen Volkstums und der Ausarbeitung des
„Generalplans Ost" übernahm es Aufgaben
der Rassenselektion der Bevölkerungen der
besetzten Gebiete sowie der Auswahl von
Kandidaten für die geplante Ansiedlung ent­
lassener SS-Angehöriger im Osten. Richard Walther Darre -
Für die Durchführung von nichtstaatlichen Erster Leiter des RuSHA
und inofiziellen Angelegenheiten sorgte der
„Persönliche Stab RFSS", der dem SS-Obergruppenführer Karl Wolff un­
terstand. Dieser Stab, der sich aus der Adjutantur des RF-SS entwickelte,
war eines der Berliner Hauptämter und für alle Himmlerschen Belange
bestimmt, die nicht in den Bereich eines SS-Hauptamtes fielen, bearbeitet
durch seine Sachbearbeiter den normalen Dienstverkehr, Hier wurde die
Presseabteilung des Reichsführers SS sowie ein umfangreiches Kulturrefe­
rat geführt, dem unter anderem auch die SS-Porzellan-Manufaktur in Allach
angeschlossen ist. Ferner unterstanden ihm die privaten Organisationen
„Lebensborn", „Freundeskreis Reichsführer SS", „Ahnenerbe" und „För­
dernde Mitglieder der SS", sowie die Wewelsburg.111
Der Persönliche Stab RF-SS war eine Einrichtung, die es Himmler ermög­
lichte, eigene Forschungsinteressen an diesem Stab angehörende Mitarbeiter
zu delegieren und zugleich Forscher, deren Arbeit dem Interesse Himmlers
entsprachen, unter dem Schutz und - zumindest eingeschränkter Bezahlung
- arbeiten zu lassen. Die Arbeit dieser von der akademischen Wissenschaft
zumeist ausgegrenzten oder sich selbst von jener bewußt abgrenzenden For­
scher trug zu einem nicht unerheblichen Teil zum schlechten Leumund des
Ahnenerbes bei, obgleich dieser nicht deckungsgleich mit jenem war.
Ab dem Jahr 1936 wurde der Persönliche Stab RFSS von einem unterge­
ordneten Amt im RuSHA zum Hauptamt erklärt. Mitarbeiter des Ahnen­
erbes, das offiziell lediglich als unabhängiger Verein firmierte, inoffiziell
jedoch personell dem RuSHA nahestand, wurden nach zunehmendem Zer­
würfnis zwischen dem RuSHA-Leiter Walter Darre und Himmler mehrheit­
lich in das neue Hauptamt aufgenommen um ihre Bindung an Himmler zu
festigen, wobei es jedoch auch Ausnahmen von dieser Regel gab.

111 Vgl. Alquen (1939); siehe dazu: Wikipedia: SS.

47
Der Großmufti von Jerusalem bei einem Besuch bosnischer SS-Freiwilliger
Eine der für die vorliegende Untersuchung relevantesten Abteilungen in­
nerhalb des Persönlichen Stabes war die Abteilung „Ausgrabungen", neben
der noch eine Reihe weiterer Forscher zwar in der selben Sache, aber diesem
nicht unterstehend tätig waren.
Entsprechend seines eigenen Lebenslaufes, der stark vom Glauben geprägt
war und entgegen der propagandistischen These von der „Gottlosigkeit" der
SS, legte Himmler großen Wert auf die Gläubigkeit seiner SS-Männer. Un­
ter dieser Gläubigkeit verstand er allerdings weniger die Zugehörigkeit zu
einer Konfession, als einen grundsätzlichen „Gottglauben". Auf dieser Basis
plante Himmler eine mittelfristige Ersetzung des Christentums durch einen
arteigenen Glauben, auf den an anderer Stelle näher einzugehen sein wird.
Diesbezüglich spielte die Frage auch in der Erziehung des SS-Mannes eine
Rolle. In der SS-Publikation „50 Fragen und Antworten für den SS-Mann"
steht als erste Frage: ,Wie lautet dein Eid?'
Antwort: ,Wir schwören dir, Adolf Hitler, als Führer und Kanzler des Deut­
schen Reiches Treue und Tapferkeit. Wir geloben dir und den von dir bestimmten
Vorgesetzten Gehorsam bis in den Tod. So wahr uns Gott helfe!'
Zweite Frage: ,Also glaubst Du an einen Gott?'
Antwort: ,Ja, ich glaube an einen Herrgott.'
Dritte Frage: ,Was hältst Du von einem Menschen, der an keinen Gott glaubt?'
Antwort: ,lch halte ihn für überheblich, größenwahnsinnig und dumm; er ist
nicht für uns geeignet.'
Himmler selbst führte dazu aus:
„Ich habe Ihnen diese drei Fragen und Antworten mitgeteilt, um damit eindeutig
unsere Stellung zur Religion darzutun. Seien Sie überzeugt, wir wären nicht fähig,
dieses zusammengeschworene Korps zu sein, wenn wir nicht die Überzeugung und

48
den Glauben an einen Herrgott hätten, der über uns steht, der uns und unser Vater­
land, unser Volk und diese Erde geschaffen und uns unseren Führer geschickt hat.
Wir sind heilig davon überzeugt, daß wir nach den ewigen Gesetzen dieser Welt
für jede Tat, für jedes Wort und für jeden Gedanken einzustehen haben, daß alles,
was unser Geist ersinnt, was unsere Zunge spricht und was unsere Hand vollführt,
mit dem Geschehen nicht abgetan ist, sondern Ursache ist, die ihre Wirkung haben
wird, die im unentwegten, unentrinnbaren Kreislauf zum Segen oder Unsegen auf
uns selbst und auf unser Volk zurückfällt. Glauben Sie, Menschen mit dieser Über­
zeugung sind alles andere als Atheisten. Wir verbitten uns aber, deswegen, weil
wir uns als Gemeinschaft nicht für diese oder jene Konfession, nicht für irgendein
Dogmafestlegen, oderauch nur von irgendeinem unserer Männer dieses verlangen,
unter Mißbrauch des Wortes Heide als Atheisten verschrien zu werden."112
Und er beschließt diese Ausführungen mit den folgenden Worten:
„So sind wir angetreten und marschieren nach unabänderlichen Gesetzen als
ein nationalsozialistischer, soldatischer Orden nordisch bestimmter Männer und
als eine geschworene Gemeinschaft ihrer Sippen den Weg in eine ferne Zukunft."113
Bestandteil dieser Zukunft war zugleich eine Neuordnung der politi­
schen Landkarte Europas. Neben der geplanten Errichtung eines eigenen
SS-Staates „Burgund" erwuchs innerhalb der SS im Zuge ihrer „Europäisie­
rung" durch Rekrutierung verschiedener Nationalitäten für die Waffen-SS,
der Plan eines zentralregierten, aber regional verwalteten Europas das sich
zwischen Atlantik und Ural erstrecken sollte. Mit der Idee nach Volks- und
Stammeszugehörigkeit untergliederten Regionen, deren Verbundenheit
sich aus der gemeinsamen germanischen Abstammung gespeist hätte, ent­
warf die SS somit einen Gegenentwurf zum heute existenten Europa der
Bürokraten, in dem Wirtschaftsinteressen vorherrschen. „Das ganze Natio­
nalitätenproblem, das", wie Miguel Serrano resümiert, „von dem in den Westen
eingeschleusten Kommunismus zur Erreichung seiner Ziele hochgespielt wird, wäre
dann beseitigt als Ergebnis einer organischen, lebenswichtigen, nicht nur vernunft­
bezogenen Sinngebung. Die großen künstlichen Menschenzusammenballungen,
welche die Völker gegenwärtig bilden, würde gegenüber freiwilligen Verbindungen
der blutsverwandten Vaterländer' in den Hintergrund treten."114
Wenn sich dieser Gedanke auch erst im Laufe des Krieges manifestierte
und auch dem zunehmend negativen Kriegsverlauf Tribut zollte, so handel­
te es sich bei diesem Gedanken eines germanischen Europas gleichberech­
tigter Stämme um eine Vision, deren Umsetzung durchaus möglich gewe­
sen wäre und deren Anvisierung vor allem die europäischen SS-Freiwilligen
beflügelte.

112 Himmler (1937), S. 26.


113 Ebenda, S. 31.
114 Serrano (1978); S. 70.

49
2. Wewelsburg & Erberinnerung - die SS-Burg und der
mysteriöse Oberst Wiligut/Weisthor

„Ich habe es gefunden Herr Reichsführer - hier


ist die Prophezeiung der großen Entscheidungs­
schlacht, über die wir uns unterhalten haben,
sogar schriftlich niedergelegt. Soll ich sie ihnen
vorlesen? Der Text ist in mittelhochdeutscher
Sprache abgefaßt.115

2.1. Die Wewelsburg

och über dem Almetal

H unweit Paderborns ragt


auf einer Bergzunge eine
Burg empor, deren Dreiecksge­
stalt in dieser Form einmalig in
Deutschland ist - die Wewels­
burg. Mit diesem Namen verbin­
den sich zahlreiche Sagen und
Legenden über Heinrich Himm­
ler, die SS und die okkulte Seite
des Nationalsozialismus. Die am 27. Juli 1934 auf hundert Jahre für einen
jährlichen Pachtzins in Höhe von einer Reichsmark erworbene Wewelsburg,
benannt nach ihrem frühesten Besitzer Raubritter Wewel von Büren, wird
von einem tiefen Burggraben umgeben, über den eine steinerne Brücke
durch ein Tor in den dreieckigen Innenhof führt. Drei dreistöckige Burgflü­
gel aus Kalksteinen umgeben den Hof und führen zur Spitze hin, die von
einem massiven Rundturm abgeschlossen wird, dessen Eingangsportal mit
Stilmerkmalen der Renaissance geschmückt ist.116
In diesem wuchtigen Rundturm, dem Nordturm, befindet sich ein runder
Saal, der sogenannte (Ober-)Gruppenführersaal,117 den Himmler als Ver­
sammlungsraum der SS-Führung vorgesehen hatte. Den Boden des Saals
schmückt ein Sonnenrad, das aus 4 Hakenkreuzen gebildet wird, deren Bal­
ken auch als (insgesamt 12) stilisierte Sig-Runen gedeutet werden können.
Mit malerischen Umschreibungen vermeintlicher Vorgänge auf der Burg
lieferte Autor Heinz Höhne Ende der 60er Jahre die Grundlage für diverse
115 Weisthor gegenüber Himmler nach Zeugnis Karl Wolffs; vgl. Mund (2011), S. 12.
116 Vgl. zu weiteren Details Frank (2007), S. 14 f.
117 Himmler selbst sprach von Gruppenführersaal - der erste Chronist der Burg,
Karl Hilser (1982), nennt ihn Obergruppenführersaal.

50
Spekulationen: „In Himmlers Gralsburg saßen die Auserwählten rund um des
Reichsführers eichenhölzerne Tafel, jeder in einem schweinsledernen Ohrensessel mit
einem silbernen Plättchen, das den Namen des jeweiligen SS-Ritters preisgab",118 Wie
Daniela Siepe bemerkte, befanden sich im Obergruppenführersaal allerdings
nie schweinsledernde Ohrensessel - diese waren vielmehr Bestandteil eines
Nebenraumes im Ostflügel, der tatsächlich in etwa die Maße von 35 Meter
x 15 Meter aufwies und von Höhne mit dem Saal im Nordturm verwechselt
worden sein dürfte.119
„Jeder der Auserwählten besaß ein eigenes Gemach in der Burg, das jeweils in ei­
nem bestimmten historischen Stil eingerichtet und einer historischen Persönlichkeit
gewidmet war. "12° Daß diese tatsächlich existenten Gemächer jeweils einem
SS-Oberen gewidmet waren, ist dabei ebenfalls eine Interpretation Hohnes,
denn offiziell fungierten die Räume lediglich als Studienzimmer ohne einer
bestimmten Person zugeordnet zu sein. Vielmehr sollten die SS-Führer von
Tagung zu Tagung - mit Ausnahme Karl Wolffs - die Räume wechseln, bis
sie zu Lehr- und Studienzwecken mit allen Gestalten, die als Namenpatrone
der Räume dienten, vertraut gewesen wären.121
Als Namensgeber dienten „Heinrich I.", „Friedrich II.", „Friedrich Bar­
barossa", „Widukind", „Heinrich der Löwe", „König Arthus", „Der heili­
ge Gral", „Arier", „Deutscher Orden", „Fridericus" und sogar „Christoph
Kolumbus", dessen Frequentierung in Kreisen der SS überraschen mag.122
Neben thematischer Literatur sollen sich auch entsprechende Requisiten in

118 Höhne (1981), S. 142.


119 Siepe (2009), S. 492 f.
120 Höhne (1981), S. 142.
121 Helzel (2008), S. 128 (Anm. 51); Unklarheit besteht auch über die Anzahl dieser
Zimmer, die zumeist mit 12 angegeben wird, wobei Moors (2009), S. 170,11 nennt,
zzgl. eines Doppelzimmers für Himmler.
122 Vgl. Hiiser (1982), S. 33; leider gibt es keine Übersicht über alle Namen der Zimmer,
so daß der 12. Name im Dunkeln bleiben muß; auffällig ist aber ein Schwerpunkt auf
sächsische Herrscher bzw. Kaiser und die Gralslegende. Der wenig zuverlässige Ravens­
croß (1996), S. 312 f, meint demgegenüber, daß alle Zimmer nach Herrschern benannt
gewesen wären, die irgendwann mal über den „Heiligen Speer" verfügt hätten und nennt
noch Konrad IV. sowie Philipp von Hohenstaufen. In Himmlers Heinrich-Zimmer habe
sich daher auch eine Kopie der Heiligen Lanze befiinden. Die Benennung nach Kolum­
bus, der im 3. Reich verschiedentlich auch als „Jude" herabgesetzt wurde, bleibt bislang
ein Rätsel. Otto Hauser, Autor einer 1935 erschienenden „Geschichte des Judentums",
bescheinigte Kolumbus zumindest eine germanische, vielleicht sogar deutsche Abstam­
mung. 1942 veranstaltete das Reichserziehungsministerium eine Kolumbus-Feier an der
auch das Ahnenerbe laut Empfehlung des Freiherm von Lützelburg, Leiter derAE-Stätte
für Botanik, teilnehmen sollte; vgl. Simon (ChrLuetz).

51
den jeweiligen Zimmern befunden haben. Gemäß der fragwürdigen Über­
lieferung Ravenscrofts hätte sich in Himmlers Raum eine Kopie der heiligen
Lanze befunden, die 1935 angefertigt worden sei als „Himmler auf Hein­
rich I. stieß", wie Helzel bemerkt, der die Geschichte trotz der mangelhaften
Quelle für glaubwürdig hält.123 Allerdings zitiert Helzel als weiteren Quel­
lenbeleg auch den Autoren Frischauer, der sich bei seiner Wewelsburgschil-
derung auf Zeugenaussagen beruft.
Ebenso spekulativ ist die Annahme, Himmler habe die Zahl seiner hier
empfangenen Gruppenführer zukünftig tatsächlich auf 12 begrenzt wissen
wollen, wie es die Legende besagt: „Geschichtsromantiker Himmler wußte aus
seinen Sagenbüchern, daß der Keltenkönig Artus (500 nach Christus) die zwölf tap­
fersten und edelsten Ritter um eine runde Tafel versammelt und mit ihnen zusammen
Glaube und Freiheit der Kelten gegen die eindringenden Angelsachsen verteidigt hat­
te. Hier konnte man auch für die SS lernen. Die König-Artus-Sage muß den SS-Chef
beeindruckt haben, denn er duldete an seiner Tafel stets nur zwölf Gäste. Und wie
einst Artus die tapfersten Zwölf ausgewählt hatte, so bestimmte nun König Heinrich
die zwölf besten Obergruppenführer zu oberen Hierarchien seines Ordens.124
Tatsächlich sind nur wenige Zusammenkünfte durch Quellen belegt: Die
bekannteste vom 11. bis 15. Juni 1941, als Himmler im Vorfeld des Unterneh­
mens Barbarossa - das in den Planungen von Hitlers Generalstabschef Franz
Halder 1940 noch „Plan Otto" hieß125 - zu einer SS-Gruppenführertagung
auf die Wewelsburg einlud. Bei der Tagung habe er den Zweck des Angriffs
auf die Sowjetunion, nämlich „die Dezimierung der Bevölkerung der slawi­
schen Nachbarländer um 30 Millionen" verkündet - so zumindest ein Groß­
teil der Autoren, die hier einer Aussage des SS-Führers Erich von dem Bach
(Zelewsky) vor dem Siegertribunal der Alliierten in Nürnberg folgen.126

123 Dabei spricht Helzel selbst von einem „über weite Strecken, was Hitlers Okkultismus
angeht, unglaubwürdigen Buch", S. 128 (Anm. 51); vgl. Ravenscroft (1996), S. 310 ff.;
Hüser (1982), S. 33, spricht Franzius und Jordan die Ausstattung der Zimmer, darunter
einen Globus für das Kolumbus-, und einen Bergkristall für das Gralzimmer zu.
124 So Höhne (1981) S 141 f.
125 Helzel (2008) vermutet nachvollziehbar in Anspielung auf Otto I., S.36
126 Helzel (2008), S. 29; dagegen verweist Schulte (2009), S. 15, darauf daß die Aus­
sage nicht nachweisbar sei. Karl Wolff hat diese Aussage sowohl gegenüber Frischauer
(1953) als auch Hüser bestritten, und sprach von „Millionen von Toten als Folge"
nicht aber Ziel des Kriegs; Hüser (1982), S. 3; Jedenfalls steht dieses Ziel auch im
Gegensatz zum vielzitierten „Generalplan Ost" Himmlers, der die Umsiedlung eben
jener Zahl von Menschen vorsah (Fassung von Mai 1942 bzw. „Generalsiedlungs­
plan von September 1942 - siehe u.a. Wikipedia: Generalplan Ost) - zur Einstellung
Himmlers gegenüber den Ostvölkem siehe auch Höhne (1981), S. 47, der Kersten
mit den Worten zitiert: „Im Grunde seines Wesens hätte Himmler die Völker des

52
Ölgemälde der Burg von Robert Kämmerer-Rohrig, 1940
Insgesamt ist die Quellenlage trotz zahlreicher Publikationen über die
Burg relativ dürftig. Dies liegt vor allem daran, daß Himmler ein Verbot
erließ, über die Wewelsburg zu berichten.
Doch welche Rolle spielte die Burg - war sie Schulungszentrum, SS-Kult-
stätte oder Zentrum des neuen Reiches? Himmler selbst sprach lediglich da­
von, „die Wewelsburg ... als Reichsführerschule der SS auszubauen".117
Gesichert scheint daher nur die Anfangszeit der Nutzung: Mithilfe eines
Kommandos des freiwilligen Arbeitsdienstes und eines Stabes von SS-Exper­
ten wurden sowohl die Inneneinrichtung als auch Teile der Außengestaltung
der Burg verändert. Über dem Speisesaal im Südflügel des Festungsdreiecks
wurden die Privatgemächer des Reichsführers eingerichtet, zu denen auch
ein Saal für seine umfangreiche Waffensammlung und ein weiterer für eine
Bibliothek gehörten. Im Südflügel wurde ein Museum eingerichtet, für das
SS-Obersturmführer Wilhelm Jordan prähistorische und geologisch-paläon­
tologische Exponate zusammenstellte. Derweil arbeitete der Sippenforscher
Rudi Bergmann an der Erstellung verschiedener Ahnentafeln für SS-Offiziere,
darunter auch Himmlers Stammbaum, und Obersturmführer Dr. Bernhard
Frank an einer Arbeit über die Flurnamen der Umgebung Wewelsburgs.127 128

Entgegen anderslautender Stimmen stand das Wewelsburg-Museum auch


für Besichtigungen durch Gäste der Burg zur Verfügung.129 Daneben entstan-

Ostens lieber erzogen als ausgerottet"; vgl. dazu auch Longerich (2010), S. 273, der
Himmler folgend zitiert: „Jedes gute Blut... das sie irgendwo im Osten treffen, kön­
nen sie entweder gewinnen oder sie müssen es totschlagen". Longerich folgert daraus,
daß Himmler die größte Gefahr nicht mehr von einem „asiatisch-bolschewistischen
Block unter jüdischer Führung" ausgehend sah, sondern von asiatischen Horden un­
ter arisch-germanischer Führungsschicht. Seit 1942 - so Longerich - „traten [daher]
die Juden als Hauptgegner immer mehr zurück".
127 Vgl. Moors (2009), S. 170.
128 Vgl. Rüssel (2010), S. 7.
129 Hüser (1982) S. 32 f, hatte behauptet, an dem Museum konnten sich nur „Himmler
53
Himmler und Karl Wolff im Almetal - rechts: Der Innenhof der Burg heute
den ein Sitzungssaal und ein Gerichtssaal für das oberste SS-Gericht, das sich
im gleichen Trakt wie die Gästezimmer befand.
Nachdem Himmler Manfred von Knobelsdorff zum Burghauptmann er­
nannt, ein Berichterstattungsverbot für die Presse und ein Besuchsverbot
verhängt hatte, wurde der Aufbau der SS-Schule in Angriff genommen. Für
diesen Zweck wurden bereits zwei Schulungsleiter, Karl Lasch und Wal­
ter Franzius, ernannt.130 Ein umfangreicher Lehrbetrieb war von Beginn an
nicht vorgesehen, wie Schulte unter Verweis auf die auf einen kleinen Kreis
von Besuchern zugeschnittenen Umbaumaßnahmen an der Burg bemerkt.131
Auch eine reichhaltige Bibliothek, die 1938 fast 16.000 Bände umfassen soll­
te, geleitet von Dr. Hans Peter des Coudres, befand sich im Aufbau und
sollte der weltanschaulichen Bildung der SS-Führer dienen.132
Im Februar 1935 wurden die zunächst dem RuSHA Darres zugeordne­
ten Mitglieder der Burgmannschaft mitsamt der nun als „SS-Schule Haus
Wewelsburg" firmierenden Burg in den Persönlichen Stab Himmlers über­
stellt.133 Mit der Entlassung von Knobelsdorfs, dem Schwager Darres, 1938,
war der Bruch zwischen diesem und Himmler nun auch auf der Wewels­
burg vollzogen - wenige Monate später wurde Darre - auf eigene Initiative
- als Leiter des RuSHA entlassen.134

selbst und eigens geladene Gäste erfreuen“; Rüssel (2010), S. 124 f. weist dagegen an­
hand von Tätigkeitsberichten Jordans nach, daß auch andere Gästegruppen wie BDM-
und Verwundetengruppen ebenso wie Fachwissenschaftler das Museum besichtigten.
130 Vgl. Frank (2007), S. 18; siehe auch Rüssel (2010), S. 9
131 Schulte (2009), S. 7, demnach standen maximal 50 Betten zur Verfügung.
132 Vgl. Frank (2007), S. 20
133 Goodrick-Clarke (2004), S. 162
134 Vgl. Schulte (2009), S. 8; siehe auch Moors, S. 175, der als offizielle Gründe der
Entlassung „arrogante Ungeschicklichkeiten im Umgang mit der Dorfbevölkerung
und disziplinarische Mißstände bei den Untergebenen“ anführt; diese kann aller­

54
Der „Obergruppenführersaal" mit Bodenornament (links) - Die Gruft (rechts)

Zum neuen Burghauptmann avancierte Standartenführer Siegfried Tau-


bert, der als weltanschaulich gefestigter SS-Mann galt.
Den Hintergrund für diesen Wechsel bildet der Forschung zufolge, die Auf­
gabe des anfänglichen Plans, die Burg zu einer SS-Schule auszubauen. Statt­
dessen sollte die Burg nun zu einem zentralen ideologischen Zentrum der SS
werden. Auf der SS-Gruppenführertagung in Bad Tölz am 18. Februar 1937
kündigte Himmler die Errichtung eines Gruppenführer-Saals auf der Wewels­
burg an, der mit den Wappen verstorbener SS-Führer geschmückt werden soll­
te. Und am 8. November erwähnt er ab 1939 jährlich stattfindende Gruppenfüh­
rer-Treffen auf der Wewelsburg.135
Seit 1937 kam es auch zu einer engeren Anbindung der SS-Schule Wewels­
burg an das Ahnenerbe. Die Leitung der wissenschaftlichen Arbeiten auf der
Wewelsburg übernahm 1938 offiziell der Ahnenerbe-Präsident Walther Wüst
als „Wissenschaftlicher Stabsleiter". Im März 1938 hatte Wüst gemeinsam mit
Himmler die Burg besucht, und über zukünftige Planungen gesprochen.136

dings der Zeitzeuge Frank nicht bestätigen.


135 Beide Himmler-Zitate bei Schulte (2009), S. 9.
136 Vgl. Rüssel (2010), S. 123.

55
Damit sollte die Forschung der Wewelsburg künftig als Teil der expandie­
renden SS-Wissenschaftsorganisation Ahnenerbe fungieren. Im Rahmen der
Zusammenarbeit kam es auch zu Forschungsaufträgen an die Wissenschaftler
der Wewelsburg, so etwa an Wilhelm Jordan „bestimmte Ausgrabungen" an
den Externsteinen durchzuführen.137
Nachdem der bislang für die Arbeiten zuständige RAD zum Ausbau des
Westwalls abgezogen wurde, erfolgte 1939 die Einrichtung eines Arbeitsla­
gers „Niedernhagen" um die - nun zunehmenden - Arbeiten durch Häftlin­
ge ausführen zu lassen.138
Helzel vermutet dahinter, die Erkenntnis der SS-Ideologen, „was sich mit
einer chronologisch nicht genau fixierbaren sächsischen Wallburg anfangen läßt";
nämlich, „ die Umwandlung in eine Heinrichsburg. "139 In diesem Zusammenhang
sieht Helzel auch die parallel zur Heinrichsfeier 1936 erfolgte Gründung der
„Gesellschaft zur Förderung und Pflege Deutscher Kulturdenkmäler e.V."
in München, deren Hauptzweck Erhaltung und Ausbau der Wewelsburg
war: „Aus der Wewelsburg soll in der Himmlerschen Vision der Mittelpunkt ei­
nes „Großgermanischen Imperiums" werden, für dessen Ausbau der Chef-Archi­
tekt Hermann Bartels bis 1964 die Summe von 250 Mio. RM veranschlagt. .. Dort
möchte er nach dem Krieg als,Reichsverweser' residieren."140 Tatsächlich blieb es
bei 13 Mio Reichsmark die bis Kriegsende investiert wurden.
Dabei übersehen die Autoren, allen voran Helzel, zumeist den Grundgedan­
ken der „Schulung" in Himmlers Augen - die Beibehaltung des Namens „SS-
Schule Haus Wewelsburg" weist darauf hin, daß der Schulungsgedanke kei­
neswegs „fallen gelassen wurde",141 sondern lediglich anders zu verstehen ist.
Es sollten eben keine klassischen Schulungen in Hörsälen und Seminaren, etwa
für den SS-Nachwuchs, stattfinden, sondern es spricht alles dafür, daß damit
die persönliche weltanschauliche Schulung, also die geistige Reifung des SS-Of-
fiziers ins Auge gefaßt war, für welche die Burg eine geeignete Kulisse bot. Fol­
gerichtig stand am Abschluß dieser geistigen Schulung die „quasiliturgische"
Aufnahme in den Kreis der SS-Gruppenführer, die einmal jährlich ausschließ­
lich auf der Wewelsburg stattfinden sollte.142 Auch die Absetzung Knobelsdorffs
hat nichts mit den neuen Plänen zu tim. Erstens erfolgt sie lange nach den ers-

137 Vgl. dazu Rüssel (2010), S. 94; unklar bleibt allerdings welche „bestimmte Ex-
ternstein-Grabung" gemeint war, da diese in der Vita Jordans nicht auftaucht. Siehe
auch Frank (2007), S. 38 f.
138 Rüssel (2010), S. 9; vgl. auch Schulte (2009), S. 7.
139 Helzel (2008), S. 28.
140 So Helzel (2008), ebenda.
141 So exemplarisch Helzel (2008), S. 27.
142 Schulte (2009), S. 9; vgl. dazu auch Serrano (2010), S. 7, der der Wewelsburg
eine wichtige Rolle bei der „Initialisierung" der SS-Krieger einräumte.

56
ten Schritten auf dem Weg zur
Ordensburg und zweitens
bestand ein enges Verhältnis
zwischen Wiligut und dem
Burghauptmann, der beein­
flußt durch den alten Oberst
seine Briefe in „irministischer
Treue" abschloß - als Zeichen
für sein Interesse an der alten
Religion, wie sie von Weis­
thor gepredigt wurde, der ja
wichtiger Berater bezüglich Himmler und Gefolge bei einem Besuch der bedeu­
der Neugestaltung der Burg tendsten Grabung Jordans: Der Freilegung eines
war.143 germanischen Hauses bei Böddeken, 1937.
„Es ist mein Ziel", so er­
klärte Himmler 1937, „daß möglichst im Bereich jeder Standarte ein solcher kul­
tureller Mittelpunkt deutscher Größe und deutscher Vergangenheit gezeigt werden
kann, daß er wieder in Ordnung gebracht und in einen Zustand versetzt wird, der
eines Kulturvolkes würdig ist."144
Doch für die Wewelsburg hatte Himmler noch weitergehende Pläne -
nicht nur geistiges Zentrum und Treffpunkt des „Neuadels der SS", sondern
zugleich „Zentrum des neuen Reiches" sollte die Wewelsburg werden - mit
dem Nordturm als symbolischem „Mittelpunkt der Welt". Der Architekt,
Hermann Bartels, erinnerte sich in einem nach dem Krieg verfaßten Brief
folgendermaßen an die Planungen: „Aus einem anfänglich kleinen Planungs­
gedanken mit einem Kostenaufwand von etwa 300.000 RM wurde nach jähren
ein umfangreiches kühnes Projekt mit Forschungsinstituten der Vor- und Früh­
geschichte, der Astronomie mit Sternwarte, Bibliotheken und sonstigen kulturellen
und wissenschaftlichen Gebieten von vielen Millionen Mark."145
Unbestritten hätte der gigantische Komplex auch an an eine Lanze erin­
nert - mit der Burg selbst als Lanzenspitze. „Ein weltanschuliches Zentrum
in baulicher Ausgestaltung der Longinus-Lanze" in deren Mitte sich symbo­
lisch die Kraft des neuen Adels ergießen sollte.
Die zu den Reichsinsignien zählende sogenannte heilige Lanze, Mauriti­
us-Lanze oder der Longinus-Speer soll Himmler genau wie seinen Namen­
patron Heinrich I. fasziniert haben. Letzterer hatte für ihren Erwerb vom
König von Burgund sogar einen Teil seines Reichsgebietes hergegeben.146

143 Vgl. Goodrick-Clarke (2004), S. 163.


144 Zit. nach Höhne (1981), S. 144.
145 Hermann Bartels an Dr. Flächsner am 15.4.1948, zit. nach Rüssel (2010), S. 34.
146 Helzel (2008), S. 31 f.

57
Gemäß dem bekannten Mittelalterhistoriker Helmut Beumann, habe dessen
Vater Otto I. die Lanze in einer Schlacht gegen die Ungarn dem Heer vorantra­
gen lassen, weil sie am Gedenktag des Longinus, am 15. März 933, stattfand.
Bei der entscheidenden Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld von 955
soll Otto die Lanze dagegen selbst in den Kampf geführt haben.
In der Lanze lebte also - so Helzel - „die Tradition des Kampfes gegen die „asi­
atischen Horden" am sinnfälligsten fort." Weiter folgert Helzel: „Ihr Symbolgehalt
fand bis in die endgültigen Ausbauplanungen des Äußeren der Wewelsburganlage
von 1944 Ausdruck. Der dreieckige Burgkern war jetzt der äußerste Punkt einer
Speerspitze, die sich gleichschenklig über einige hundert Meter erstreckte und die bis
in die als Schaft gedachte schnurgerade Zufahrtsstraße kilometerweit architektonisch
ausgestaltet werden sollte."147
148

Dabei ähnelt die geplante Lanzenspitze in den ersten Entwürfen 1941


sehr genau der Reichslanze, während spätere Entwürfe eine gleichschenk­
lige Spitze bilden. Helzel zufolge sollte die Lanze damit „vom christlichen
Hintergrund gelöst und in „germanische Kontinuität" eingepaßt wurde. Der dem
„Ahnenerbe" nahestehende Prof. Otto Höfler, „... sah als einer der Hauptreferenten
des Erfurter Historikertages von 1937 im Rahmen einer von ihm entwickelten „ger­
manischen Kontinuitätstheorie" in der Reichslanze den Speer Wotans, der in diesem
Sinne,heilig' und seit 919 in Heinrichs Hand gewesen sei."149
In das mythologische Konzept des neuen Reiches paßt auch die Toten­
stätte des SS-Neuadels - die Gruft im Keller des Nordturms. Hier lag „das
zukünftige SS-Walhall, wo die Asche der verstorbenen und gefallenen SS-Führer in
einem Schrein gemeinsam mit dem SS-Totenkopfring aufbewahrt werden sollte",
wie Höhne bemerkte.149
Das aus farbigem Naturstein herausgearbeitete Gewölbe, das durch 1,80
Meter dicke Mauern von der Außenwelt getrennt war, enthielt in seiner Mitte
eine brunnenartige Vertiefung, in die zwei Stufen hinabführten. Vermutun­
gen besagen, daß im Zentrum einst eine steinerne Schale stand, in der die von
Karl Diebisch zu entwerfenden Wappen toter Obergruppenführer verbrannt
werden sollten. Ferner hätten die Urnen dann auf den zwölf steinernen So­
ckeln, die sich entlang der Wand der Gruft aufreihen, ihre letzte Ruhe finden

147 Helzel (2008), S. 32.


148 Helzel (2008), S. 32; vgl. auch Wikipedia: Heilige Lanze; Hitler ließ nach dem
Anschluß Österreichs die seit der napoleonischen Besatzung Preußens in der Wie­
ner Hofburg aufbewahrte Heilige Lanze nach Nürnberg überführen, in die Stadt der
Reichsparteitage. 1945 wurde sie von den US-Amerikanern erneut nach Wien ge­
bracht, wo sie heute als Teil der Reichskleinodien ausgestellt wird. Trevor Ravenscroft
zufolge, wollte Hitler die Macht der Lanze für seinen geplanten Eroberungskrieg nut­
zen, tatsächlich aber schenkte er ihr nach 1936 keinerlei nachgewiesene Beachtung.
149 vgl. Hüser (1982), S. 70 f.

58
Pläne zum Ausbau der Wewelsburg: Links oben Entwurf 1941, der deutlich eine
an die „Heilige Lanze" erinnernde Speerspitze zeigt, darunter Entwurf 1943 mit
„germanischer" Lanzenspitze. Oben: Modell des Entwurfs von 1943.

59
sollen. Die Entlüftung durch vier faustgroße Löcher in der Kellerdecke, die
ein stilisiertes Hakenkreuz schmückte, war so konstruiert, daß sich während
der Verbrennungszeremonie der Rauch wie eine Säule im Raum hielt.150 Indes
ist auch diese Version der Phantasie Hohnes entsprungen. Dennoch geht die
Mehrzahl der Forscher heute davon aus, daß in der Vertiefung in der Mitte
des Raumes eine Schale mit einer „ewigen Flamme" installiert werden sollte.
Dagegen spricht jedoch, daß die „Entlüftungslöcher" in der Decke im
Nichts enden. Einen weiteren Widerspruch ruft die Akustik hervor, die ge­
nau über der Vertiefung erzeugt wird. Die flüsternde Stimme einer dort ste­
hende Person kann in allen Ecken der Gruft deutlich wahrgenommen wer­
den. Für die Person selbst vervielfacht sich die eigene Stimme und gerät in
Schwingungen, die ein leichtes Vibrieren erzeugen. Wenn die Akustik kein
Produkt des Zufalls ist - was eigentlich ausgeschlossen werden kann - dann
müßte auch der Zweck der Vertiefung damit in Zusammenhang stehen.
Doch was sollte dort installiert werden, wo sich heute nur noch eine Rotun­
de findet, die auf eine Entfernung eines vordem existierenden Gegenstandes
hinweist ? Bevor wir in einem späteren Kapitel darauf zurückkommen, sol­
len die unumstrittenen Funktionen Erwähnung finden.
Der Raum selbst, oft als das „Allerheiligste des Ordens", seine „Kultstät­
te", oder „das Reich der Toten" bezeichnet, erinnert architektonisch an grie­
chische Kuppelgräber. Unzweifelhaft weisen Form, Akustik und Lichtfüh­
rung allesamt auf einen solchen Ort der „Totenehrung".151
Tatsächlich dürfte die Gruft, in dem die Asche gefallener SS-Führer auf­
bewahrt werden sollte, als heiliger Kultraum gedeutet werden. Einem Brief
Jordans zufolge, sollte auch Himmler hier seine letzte Ruhestätte finden.152
Hier im Nordturm, mit dem Hakenkreuz an der Decke der Gruft und
dem im Raum darüber liegenden Sonnenrad („Schwarze Sonne")153 lag nach
Plänen des Architekten Bartels der Endpunkt der zentralen Achse des neuen
Wewelsburg-Komplexes. Doch zur Ausführung der bis 1943 konzipierten
Pläne kam es kriegsbedingt nicht mehr: Im April 1943 wurden die Bauar­
beiten eingestellt, obgleich die Planungen noch weiter fortschritten.154 Am
30. März sprengte ein von Himmler beauftragtes Kommando unter Heinz
Macher die Burg, die jedoch nur leicht beschädigt wurde. Nach Abzug der
SS nahmen Dorfbewohner zahlreiche vorhandene Artfakte aus der Wewels­
burg an sich - was noch übrig war, wurde von den einrückenden US-Trup-
pen als Souvenir mitgenommen.

150 So Höhne (1981), S. 141.


151 Kreismuseum Wewelsburg, S. 8.
150 So Frank (2007), S. 38.
153 Zur Schwarzen Sonne siehe folgendes Kapitel 12.
154 Vgl. Rüssel (2010), S. 9; vgl. auch Hüser (1982), S. 276ff.

60
Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Wewelsburg fällt der Blick er­
neut auf Wiligut, der den Reichsführer regelmäßig bei Besuchen der Burg
begleitete.
Dieser hatte nämlich nicht nur den SS-Totenkopfring im Auftrag Himm-
lers entworfen und mit Runen geschmückt, deren Bedeutung er sorgfältig
erörterte,155 sondern ebenso könnte Himmlers Berater auch verantwortlich für
das Sonnenrad im Gruppenführersaal, die heute sogenannte „Schwarze Sonne"
zeichnen.
Umstritten ist bislang allerdings der Grund, der zur Auswahl der Wewels­
burg als Schulungszentrum führte. Am 3. November 1933 sah Himmler die
Wewelsburg zum ersten Mal - in seinem Gefolge: Architekt Hermann Bartels
und das Ehepaar Oeynhausen.156 Am Anfang desselben Jahres befand er sich
mit Hitler auf Wahlkampftour im Lipper Land, unweit der Wewelsburg. Als
Herberge diente damals die Grevenburg, die sich im Besitz der Familie Adolf
und Jutta von Oeynhausen befand. Hier, im Burgidyll, fand die Gesellschaft­
seilschaft Ruhe von den Strapazen des Wahlkampfes, die auch Himmler für
sich und seine Gruppenführer gewünscht haben mochte.157
Sowohl die Athmosphäre der dortigen Burg, als auch der Mythos
des umliegenden ostwestfälischen Landstrichs mit seinen „wichtigen
Kristillisationspunkten"158 dürfte Himmler bewogen haben, hier seine geplan­
te SS-Führerschule zu suchen. Ähnlich formuliert es auch der Völkische Beob­
achter vom 26.9.1934: „Mit dem heutigen Tage ist die alte trutzige Teste Wewels­
burg, an historischer Stätte im alten Sachsenlande gelegen, von der SS der NSDAP in
ihre Obhut genommen worden.... Hier an dieser Stätte im alten Reich der Sachsen hat
Widukind dem Frankenkaiser getrotzt - vielleicht sind hier vor fast 2000 Jahren auch
die germanischen Freiheitshelden gegen Roms Machtgelüste zu Felde gezogen ... Nur
wenige Kilometer weit liegen die sagenumwobenden Extemsteine mit der Irminsul
und von Ferne mahnt die Gestalt Hermanns des Befreiers von der Grotenburg."
Auch der Leiter des RSHA Darre dürfte den Standort in Westfalen aus­
weislich seiner Schrift „Neuadel aus Blut und Boden" (1930) begrüßt haben:
„Hier und da in Westfalen" habe, so Darre in dieser Schrift, ein „Stamm kleinerer
und mittlerer freier Gutsbesitzer und Bauern" überlebt, der typisch für das Ger­
manentum sei, das anderenorts mit dem 10. Jahrhundert mehr oder weniger
flächendeckend untergegangen ist.159

155 Dagegen verneint Mund (2011), S. 102, allerdings Weisthors Urheberschaft,


da die Runen den spezifischen Charakter Guido von Lists tragen würden und somit
weit entfernt von Wiliguts Runenaussagen seien.
156 Schulte (2009), S. 6.
157 So zumindest Moors (2009), S. 162 f.
158 So Schulte (2009), ebenda.
159 Darre (1930), S. 32; vgl dazu Helzel (2008), S. 26.

61
Himmler an der Wewelsburg - im Bild Rechts: Wiligut-Weisthor,
Schöpfer des SS-Totenkopfringes ? (links)
Bevor die Wahl auf die Wewelsburg fiel, war im Juli 1933 ein anderes Ob­
jekt im Fokus Himmlers: Die Schwalenburg im lippischen Städtchen Schwa­
lenberg.160 Ehe es jedoch zur Vertragsunterschrift kam, wurde die Mietverein­
barung von Seiten der SS aufgrund vorgeblicher unhaltbarer Bedingungen
der Hausherrin Gräfin Marie zur Lippe-Biesterfeld rückgängig gemacht.161
Offiziell sei Himmlers Interesse vom Ehepaar Oeynhausen und Architekt
Bartels von der Schwalenburg weg und von „von einflußreichen Vertretern
der ländlichen Führungsschicht des Kreises Büren" auf die Wewelsburg hin ge­
lenkt worden.162 Ausgrabungsbefunden von 1924 war zu entnehmen, daß
die Wewelsburg offenbar anfänglich als sächsische Wallburg angelegt war
und „in die Zeit der Abwehr kämpfe König Heinrichs I. um 930 gegen die
Ungarn oder ,Hunnen'" fiel.163 Somit soll also die Verehrung Heinrichs das
zentrale Motiv Himmlers gewesen sein, die Wewelsburg zu erwählen.
Ähnlich spekuliert auch Bernhard Frank: „Wer dieses Land sieht, der sieht
hinein in ein Kernland deutscher Geschichte. So ähnlich mag es auch Himmler er­
gangen sein, als er dieses germanische Kernland... bereiste, wo er nach langer Suche
160 So berichtete die Süddeutsche Sonntagspost am 23. Juli 1933 von einer Pach­
tung der Schwalenburg auf 99 Jahre um dort eine „Rasseschule der SS „ einzurich­
ten; siehe Moors (2009), S. 167.
161 Vgl. Moors (2009), S. 167, der den Grund der Weigerung des Aufziehens der
Hakenkreuzfahne als vorgeschoben bezeichnet.
162 Vgl. Moors (2009), S. 168, der die Ernennung Adolf von Oeynhausens, der zuvor die
Schwalenburg empfohlen hatte, zum Regierungspräsidenten von Minden zum 1. April
1933 als Grund annimmt (Minden lag im gleichen Regierungsbezirk wie Wewelsburg).
163 Helzel (2008), S.27f.

62
sein Monsalvatsch, die Gralsburg seiner Träume gefunden hatte. Ob sich Himmler
bei seiner Suche nach der Gralsburg dessen bewußt war...? Das glaube ich bei sei­
nem hohen Interesse für geschichtliche Vorgänge annehmen zu müssen. ... Lange
hatte er in der Diözese Paderborn gesucht, die Burgen und Schlösser des Landes
besichtigt, um sich schließlich für die Wewelsburg zu entscheiden."164
Das Paderborner Land als „Kernland deutscher Geschichte" als alleini­
ger Grund hier die SS-Burg anzusiedeln? Dies dürfte angesichts zahlreicher
anderer, ebenfalls geschichtsträchtiger Orte in Deutschland etwas mager
ausfallen. Denn für die Wahl dieses Gebietes und speziell der Wewelsburg
spricht auch eine andere Begebenheit:
„Ich habe es gefunden Herr Reichsführer - hier ist die Prophezeiung der großen
Entscheidungsschlacht“, mit diesen eingangs zitierten Worten richtete ein äl­
terer Herr in SS-Brigadeuniform die Aufmerksamkeit des Reichsführers auf
sich. Die Rede ist vom ehemaligen Ku.K-Obersten Karl Maria Wiligut, der
unter dem Pseudonym Weisthor einen nicht unerheblichen Einfluß auf sei­
nen Dienstherren ausübte.165
Eine alte westfälische Sage von der „Schlacht am Birkenbaum" besagt,
daß den nächsten Sturm aus dem Osten nur eine Burg in Westfalen überste­
hen werde. In dieser lokalen Ausprägung der seit dem Mittelalter bekannten
Kaisersage ist von einer endgültigen Schlacht zwischen Ost und West oder
zwischen „Hunnensturm" und westlichem „Weltmissionierungsauftrag"
die Rede. Der „direkte Zugang zum Osten" sollte symbolisch gewährleistet
werden, indem man mit einer acht Kilometer langen Allee Anschluß an den
„Hellweg" suchte, die alte, aus vorrömischer Zeit stammende west-östliche
Verbindungsstraße, wie Helzel spekuliert.166
Gemäß Goodrick-Clarke, prophezeite Wiligut gegenüber Himmler die
erneute Bedeutung dieser Sage für die Zukunft. Die Wewelsburg sei „ein
magischer Kraftpunkt der Deutschen im zukünftigen Konflikt zwischen
Europa und Asien". Sie sei „das Bollwerk, an dem der neue Hunnensturm
zerbrechen" würde.167 Gedanken, die Himmler, der ebenfalls von einer Ent­
scheidungsschlacht zwischen West und Ost in den nächsten 100-200 Jahren
ausging, tief beeindruckt haben dürften.168

164 Frank (2007), S. 17.


165 Laut Mund (2011), S. 12, berichtete Karl Wolff, „je länger ich Heinrich Himmler
kannte, umso sicherer war ich, daß er alles, was ihm aus diesen alten Überlieferungen
bekannt wurde, wirklich glaubte.“ Vgl. auch Goodrick-Clarke (2004), der die Ent­
wicklung der Wewelsburg zur Ordensburg als „spektakulärsten Beitrag Weisthors
zum Dritten Reich“ bezeichnet, S. 162.
166 Helzel (2008), S. 30.
167 Goodrick-Clarke (2004), S. 162 f.
168 Vgl. ebenda.

63
Auch Wagner berichtet von dieser Begebenheit, die er allerdings als Le­
gende abtut. Wagner zufolge sei der Landrat des Kreises Büren, zu dessen
Aufgaben auch die Instandhaltung der Burg gehörte, froh gewesen, „dem bur­
gennärrischen SS-Chef das Gemäuer abtreten zu dürfen. Der Romantiker Himmler
hatte seine Marienburg gefunden, denn wie er in der SS einen zweiten Deutschen Rit­
terorden sah, so plante er auch die Wewelsburg als geistiges Zentrum, als Stätte der
Inspiration des neuen Ordens, analog der Marienburg in Westpreußen, in der einst
die Hochmeister der Deutschritter die Herrschaft über die Slawen konzipiert und ihre
berühmtesten Toten unter dem Chor der Schloßkirche begraben hatten."169
Allerdings ist die Quelle der vermeintlichen Legende Karl Wolff, Leiter
des Persönlichen Stabes RF-SS, der sicherlich kein Motiv hatte, der Nachwelt
einen „Bären aufzubinden". Auch Schulte tendiert zu einer Glaubwürdig­
keit des Berichtes, allerdings nimmt er einen späteren Bezug der Sage auf
die bereits erworbene Burg an: „Wiligut, der sich selbst Weisthor nannte, soll die
Sage aktualisiert und auf die Wewelsburg bezogen haben".170
Allerdings spricht der Zeitpunkt der ersten Bekanntschaft zwischen Himm­
ler und Wiligut Mitte 1933 auf einer Tagung der Nordischen Gesellschaft171 für
die Beeinflussung Himmlers vor dem Erwerb der Burg. Bereits im Novem­
ber 1933 - also zur gleichen Zeit als Himmler die Burg nach Schulte erstmals
sah - trat Wiligut in die SS ein172 - und das wohl nicht ohne Grund! Deshalb
kam es wahrscheinlich auch zu dem kurzfristigen Entschluß, die Zusage der
Anmietung der Schwalenburg rückgängig zu machen - ebenfalls genau zum
Zeitpunkt (etwa im Juli 1933) des ersten Treffens Himmler-Wiligut.173
Doch wer war dieser Wiligut eigentlich, von dem heute vielfach als
„Scharlatan" die Rede ist?

2.2. „Erberinnerung" & Runenmagie

Die Suche nach dem Hintergrund Wiliguts führt zu einer der okkulten
Gruppen die nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland tätig waren: der Ed­
da-Gesellschaft. Diese zählte jenen Mann zu ihren Mitgliedern, der Wiligut
mit Himmler auf der Tagung der nordischen Gesellschaft bekannt machte:
Richard Anders (1894-1965).
169 Wagner (1993).
170 Schulte (2009), S. 8; Hiiser (1982), S. 2, bestreitet aber ebenso wie Höhne (1967), S.
141 f, daß die Sage oder Wiligut einen Einfluß auf den Erwerb der Burg gehabt hätten.
171 Lange (2010), S. 46.
172 Lange (2010), S. 42.
173 Die Beeinflußung Himmlers durch Wiligut zur Auswahl der Wewelsburg zieht
auch Goodrick-Clarke (2004) in Betracht, hält sie aber anders als die Pläne zum
Ausbau der Burg zum weltanschaulichen Zentrum für nicht beweisbar, S. 163.

64
Plan zum Ausbau des Nordturms und der Gruft - Blick in ein „Studierzimmer"
Obgleich dieser bei Goodrick-Clarke als SS-Mitglied erscheint, ist seine
Mitgliedschaft in der SS nicht belegt.174 Der aus Ludwigshafen stammende
Architekt Anders war unter dem Ordensnamen Fra Ra Mitglied des ONT
des Lanz von Liebenfels und befaßte sich vor allem mit „Großsteinskulptu­
ren", Menschen- und Tierköpfe bzw. Körpern, die seit der jüngeren Altstein­
zeit von Menschen aus Felsen herausgearbeitet worden sein sollen.175 Diese,
„unsere germanischen Kultstätten aber, die Spiegler der exakten Himmelsortung,
begründet im urgewachsenen Fels", so Anders, „wurden zum fundamentalen Aus­
gangspunkt aller Kultur".176
Richard Anders war ähnlich wie sein Freund Wiligut, von seiner Bega­
bung überzeugt, altes Urwissen aus einer Art „Erberinnerung" schöpfen zu
können. Beider Freundschaft hielt Anders allerdings nicht davon ab, Wiligut
in einigen Punkten zu kritisieren. In Bezug auf eine Erklärung des Wortes
Gral in Runen kritisierte er: „Ich allein habe mir mein Wissen selbst erworben
und dasselbe nur mit dem Urwissen Wiliguts verglichen. Dabei mußte ich feststel­
len, daß auch ihm bereits vieles verloren gegangen war, während - dank göttlicher
Gnaden - ich das Glück habe, immer tiefer in dasselbe eindringen zu dürfen."177
Unbestritten stand Anders in direktem Kontakt mit Himmler. In einer
Grabrede eines ONT-Bruders heißt es gar, „wer hätte es hinter diesem sich so

174 Goodrick-Clarke (2004), S. 158; Katholing (2001) verweist dagegen auf Rüdiger
Sünner, der von einer Anfrage an das Bundesarchiv Berlin berichtet, die eine Mit­
gliedschaft von Anders in der SS für unwahrscheinlich halten; S. 120.
175 Zur Geschichte der Großskulpturen-Forschung siehe Katholing (2001)
176 Anders: „Der Schlüssel...", zit. nach Katholing (2001), S. 134.
177 Katholing (2001), S. 121

65
bescheiden gebenden Menschen vermutet, daß er vor drei Jahrzehnten als Spiritus
Rektor, als geistiger Berater der damaligen Reichsregierung fungierte? In esoteri­
schen Glaubenstiefen wurzelnd, setzte er all seinen Einfluß daran, dem deutschen
Reich und seinen Menschen den äußeren Frieden zu erhalten. Er traf sich mit dem
damaligen Reichsführer SS Himmler auf Burg Trifels in der Pfalz, offenbarte dem­
selben das Urweistum unserer Ahnen und beschwor ihn, niemals den Weg der Ge­
walt zu beschreiten."178
Auch wenn hier seine Rolle überwertet worden sein mag, so ist sein Ein­
fluß auf den SS-Führer unbestritten: Nach Rudolf Mund könnte Anders
Himmler auch bei der Verfassung des Heiratsbefehls vom 31. Dezember
1931 beraten haben, da deren erster Punkt genau dem ersten Punkt der
ONT-Ordensregeln entspricht.179
Auch bei der Entscheidung Himmlers, den Menhir Gollenstein im saar­
ländischen Blieskastel offiziell für die SS zu erwerben, dürfte Anders mit­
gewirkt haben. Dennoch vertraute der Reichsführer dem Felsbildforscher
nicht blind. In einem Brief an Ahnenerbe-Kurator Walther Wüst, bittet
Himmler diesen um Einholung von fachkundigen Stellungnahmen zu An­
ders Forschungen. Anders sei nämlich „in vieler Hinsicht nicht ernst zu neh­
men, liefert aber wie viele dieser Menschen, dieses und jenes Brauchbare." Diese
kritischen Worte könnten indes ein Zugeständnis an den wissenschaftlich
pedantischen Wüst gewesen sein, dem gegenüber sich Himmler vielleicht
keine Blöße geben wollte. Denn weiter bekräftigt Himmler die von Anders
vertretene These der Fertigung von Großsteinskulpturen in „atlantischer
Zeit". „Was die Bilder angeht, so bin ich der Ansicht, daß in ganz frühen Zeiten -
ich denke hierbei an atlantische Zeiten - die letzten großen Steinbilder in die Berge
hineingeform t wurden. “180
Trotz aller Skepsis innerhalb des Ahnenerbes an derlei „erberinnerten"
Forschungen, bemühte man sich - vielleicht auch aus Rücksicht auf Himm­
lers bekannte Vorlieben - um eine sachliche Würdigung: So fiel die Beur­
teilung durch Dr. Werner Müller181 positiv aus und lobt, „was man auch aus
wissenschaftlich nicht stichhaltigen Anregungen herausholen kann.“ Selbst Wal­
ther Wüst wollte die Möglichkeit der künstlichen Erschaffung von Groß­
skulpturen unter Verweis auf den hellenistischen Plan, den Berg Athos zu
einem Alexander-Kopfbildnis umzugestalten und dem tatsächlich umge­

178 Zitiert nach Katholing (2001), S. 121; auf der Reichsburg Trifels wurden im
Mittelalter vorübergehend die Reichskleinodien aufbewahrt, zudem galt der Burg­
berg Trifels als Schlafstätte des deutschen Kaisers Friedrich II. bzw. Barbarossa.
179 Mund (2011), S. 86 f; ebenso Katholing (2001), S. 120.
180 Brief Himmler an Wüst vom 22.03.1939, zit. nach Katholing (2001), S. 135 f.
181 Ahnenerbe-Abteilungsleiter für Ortung & Landschaftsbilder - späterer Verfas­
ser mehrerer Veröffentlichungen über die Religion der Indianer.

66
setzten neuzeitlichen Präsidenten-Bergportrait in den USA, nicht gänzlich
ausschließen.182
Die Edda-Gesellschaft, der Anders neben dem ONT angehörte, wurde am
29. November 1925 in Dinkelsbühl von Rudolf John Gorsleben gegründet.
Ihre Mitgliederzahl stieg innerhalb weniger Jahre auf mehrere hundert Mit­
glieder. Der Vorsitzende Gorsleben war ein klassischer Protagonist inner­
halb der völkisch-okkulten Bewegungen und wies einige Gemeinsamkeiten
mit dem Thule-Gründer Rudolf von Sebottendorf auf. Im ersten Weltkrieg
kämpfte er an türkischer Seite gegen die von den Briten aufgewiegelte ara­
bische Stämme - bemerkenswerter Weise befand er sich damit zur gleichen
Zeit wie Sebottendorf in der Türkei.183 Nach dem Krieg zählte Gorsleben zu
den bekannteren Vertretern der völkischen Bewegung und war unter dem
Namen Fra Rig ebenso Mitglied des Ordo Novi Templi wie der Guido-von-
List-Gesellschaft.184 Daneben trat er auch schon früh als Redner bei Veran­
staltungen der NSDAP auf.185
Seit 1933 bestanden auch Querverbindungen der Edda-Gesellschaft zur
Arbeitsgemeinschaft Deutsche Glaubensbewegung die am 29. und 30. Juli
1933 in Eisenach gegründet wurde. Auf Einladung von Jakob Wilhelm Hau­
er kamen hier die wichtigsten freireligiösen, freiprotestantischen, religiös­
völkischen und deutschgläubigen Gruppen zusammen. Der der Einladung
begleitende gemeinsame Aufruf „an die Männer einer germanisch-deut­
schen Glaubensbewegung" wurde unter anderem von Hauer, Ernst Berg­
mann und Arthur Drews sowie bekannten Vertretern des völkischen Lagers
wie Ludwig Fahrenkrog, Bernhard Kummer, Gustav Neckel, Herman Wirth
und Theodor Fritsch unterschrieben.186
Der Zusammenschluß umfaßte die Germanische Glaubensgemeinschaft
(GGG - Ludwig Fahrenkrog), die Volkschaft der Nordungen, die Nordische
Glaubensgemeinschaft, den Rig-Kreis, die Adler und Falken die Deutsch­
gläubige Gemeinschaft, die Nordisch-religiöse Arbeitsgemeinschaft sowie
Mitglieder des Freundeskreises der Kommenden Gemeinde und der Bund
freireligiöser Gemeinden welcher aus dem Volksbund für Geistesfreiheit
ausscherte, der im Juli 1933 verboten wurde. An der Spitze dieser Arbeitsge­
meinschaft standen Hauer und ein Führerrat, dem der Philosoph Ernst Berg­
mann (1881-1945), der Rassenideologe Hans F. K. Günther, der Schriftsteller
Ernst zu Reventlow, Arthur Drews, Hermann Mandel, der Historiker Herman
Wirth sowie Ludwig Fahrenkrog und Lothar Stengel-von Rutkowski (Adler

182 Vgl. Katholing (2001), S. 136.


183 Vgl. Levenda (2007), S. 185.
184 Orzechowski (1987), S. 23.
185 So Willing (2001), S. 149.
186 Bartsch (1938), S. 44 f

67
Links: Der
Runenstein
von Busdorf,
ca. 1000
u.Zt.

Rechts: Lanzenspitze von Kowel, mit eingraviertem


Hakenkreuz
und Falken), zeitweise Johann von Leers und Mat­
thes Ziegler (Amt Rosenberg) angehörten.187
Das seit 1922 erscheinende Edda-Organ ,,Ha-
gal" befaßte sich mit dem Gesamtkompendium
„arischer Überlieferungen", worunter laut Un­
tertitel kosmische Technik, Sternen-, Schicksals, Runenkunde, Ursprache,
Urschrift, Ursinn in Edda, Veden, Bibel und anderen Überlieferungen"
verstanden wurde. Ab 1929 zählten nun „Alte Überlieferungen, Sagen und
Märchen, Runenwissen, Geheimnis der Sprache, redende Bauwerke, heilige
Berge, Haine und Quellen, Wappen, Namen, Zahlen und redende Zeichen,
Brauchtum aus alter und neuer Zeit, Nähr, Wehr- und Lehrstand, Gau- und
Stammeskunde, von Recht und Glauben, Ursprache, Urschrift, Ursinn"
dazu188 - eine Auflistung, die stark an spätere Beschäftigungsfelder der Or­
ganisation Ahnenerbe erinnert.
Das kurz vor seinem Tod erschienende Lebenswerk Gorslebens, „Die
HochZeit der Menschheit", war in völkischen Kreisen weit verbreitet und
bietet nicht nur einen guten Überblick über die umfassende Forschung der
Edda-Gesellschaft, sondern liest sich über weite Strecken wie ein Inhalts­
verzeichnis der zukünftigen Forschungsschwerpunkte innerhalb der SS
und ihrer Forschungsorganisationen. Besonders hervorstechend war in die­
sem Werk die erstmals als „Erberinnerung" bezeichnete Überlieferung al­
ten Weistums „innerhalb bestimmter Familien vom Vater zum Sohn", über
deren Gabe auch Gorsleben selbst verfügt haben will.189 Parallel zu dieser
mündlichen Überlieferungstradition, besteht nach Gorsleben die Möglich­
keit, altes Wissen, das die katholische Kirche versuchte auszumerzen, aus
der „alten arischen Bilderschrift", den Runen und aus Märchen und Sagen,
u.a. der Edda (von Gorsleben als „ehe da", also seit ältester Zeit existent ge­
deutet) zu erschließen. Diese bezeichnet Gorsleben als „Kahla", als versteck­

187 Barth (2004), S. 382; im Mai 1935 beschloß man die Umwandlung in die
„Deutsche Glaubensbewegung" (DG).
188 Aufzählungen nach Glowka (1981), S. 26 f
189 Gorsleben (1930), S. 2.

68
te Überlieferungen.190 In Anlehnung an Guido von List, wären in germa­
nischer Zeit die Armanen für die Weitergabe der Überlieferung zuständig
gewesen, nun aber, seien nur noch wenige Menschen Weistumsträger, näm­
lich die „Goten", jene Menschen, die nicht „arisch entseelt, allzuvermenschlicht
und mit Affenblut zersetzt sind". Und diese bereiteten sich - so Gorsleben - vor,
„wiederum zum deutschen Volk zu sprechen, um ihm die Geistesschätze seiner Vor­
fahren zu übermitteln".191
Die direkte Beeinflußung Himmlers durch Gorslebens Thesen wird sehr
schön anhand eines in seiner Diktion von Gorsleben beeinflußten Schrei­
bens des Reichsführers an Prof. Wetzel vom 23.3.1939 deutlich, in dem die­
ser in Bezug auf Ausgrabungen im Lonetal von dortigen Sagen berichtet:
„Die Kahllende und Gerichtslinde muß auch in späteren Zeiten noch ein verbotener
Sammelplatz für heidnisches und frühes Wissen gewesen sein, denn es könnte hier­
auf der Begriff des „Verkahlens" - Verheimlichens -, das in der Gilde im Mittelalter
gepflegt wurde, um trotz des Sieges des Christentums altes Wissen in verkühlter
Form zu überliefern, zurückzuführen sein."192
Einer dieser angesprochenen Propheten war der bereits erwähnte Karl Ma­
ria Wiligut. Dieser verkehrte bereits nach dem ersten Weltkrieg in esoterischen
Zirkeln Wiens,193 seine Bekanntschaft mit Gorsleben und Mitgliedern der Edda-
Gesellschaft könnte diese hinsichtlich der Erberinnerungsgabe inspiriert haben.
Bereits zu seiner Wiener Zeit soll Wiligut nämlich als „Geheimer König" („ Weis-
kunig") verehrt worden sein - freilich nur von den eingeweihten Esoterikern.
Daher versuchte nach Mund 1920 Lanz von Liebenfels über den Ordensbruder
Theodor Czepl Kontakt zum alten Oberst aufzunehmen. Dieser habe Wiligut
dreimal in dessen Heimatort Morzg besucht und über allerlei Vergangenes aus­
gefragt, was dann Eingang in das ONT-Archiv gefunden habe.194
Nach dem Tod Gorslebens 1930 und beginnender finanzieller Schwierig­
keiten Anfang der 30er Jahre versuchte der neue Vorsitzende von Bülow
aus den guten Verbindungen zur SS Kapital zu schlagen: Er bat Weisthor/
Wiligut um Hilfe, den Absatz der Zeitschrift Hagal und die Mitgliederlisten
zu vergrößern, indem dieser beim Reichsführer-SS und Walter Darre Wer­
bung für Hagal machte. In der Folge traten mehrere SS-Abschnitte in die
Edda Gesellschaft ein. Um 1937/38, als es der Zeitschrift abermals schlecht

190 ebenda, S. lf.


191 Gorsleben (1930), S. 2 ff.; dabei kämen nach Gorsleben nur solche in Frage, die
Deutsch verstehen könnten, denn in dieser „ältesten Tochter der arischen Urspra­
che" liege der Schlüssel zum Verständnis des alten Weistums.
192 Himmler, zit. nach Heiber (1970), S. 77.
193 Über eine angeheiratete Cousine Wiliguts, Frau Baronin Thaler, bestanden gute
Verbindungen in die esoterische Szene Wiens; vgl. Mund: (2002), S. 8.
194 So Mund (2002), S. 8.

69
ging, gab es Verhandlungen die Hagal durch
das SS-Ahnenerbe übernehmen zu lassen, was
jedoch aus finanziellen Gründen scheiterte.
Das Ahnenerbe entschied sich stattdessen für
die Zeitschrift „Germanien". Weisthor empfahl
von Bülow dem Chef des RuSHA als Leiter des
dortigen Abteilung VII. Später reichte Bülow
seine Abhandlung über die „Irminsul" beim
Ahnenerbe-Forschungswerk „Wald und Baum
in der arisch-germanischen Geistes- und Kultur­
geschichte" ein - allerdings erfolglos. Das vom
Ahnenerbe initiierte Forschungswerk sollte die
Rolle des Baumes (u.a. als Weltenbaum Yggdra­
sil, als Weltachse, als Irminsul, Questenbaum, Rudolf John Gorsleben
usw.) bei indogermanischen Völkern religions­
wissenschaftlich untersuchen. Sogar noch in Kriegszeiten, 1942, versuchte v.
Bülow das SS-Ahnenerbe für ein Manuskript zur Kalenderscheibe von Fos-
sum zu interessieren, worin er einen Beweis für das Alter und die indogerma­
nische Verbreitung einer prä-runischen Sinnbildschrift sah.
Eine weitere nachhaltige Beeinflußung der späteren SS-Forschung war
Gorslebens Betonung der Namenpatronin seiner Zeitschrift, der Hagal-Ru-
ne. Diese spielet sowohl in Herman Wirths Lehre als auch in Wiliguts Ru­
nendeutung eine wichtige Rolle.195

2.3. Wiligut/Weisthor - Himmlers „Rasputin"

Der am 10.12.1866 in Wien als Sohn eines ehemaligen Offiziers der KuK-
Armee geborene Karl-Maria Wiligut zählte zu den umstrittensten Persön­
lichkeiten im 3. Reich. Als Leiter der Abteilung Archive (Amt VII) im RuSHA
(München)und ab 1935 der Abteilung Vor- und Frühgeschichte im Persönli­
chen Stab des RF-SS (Berlin) spaltete er die Meinungen seiner Zeitgenossen
über seine Person in totale Ablehnung und offene Bewunderung.
Der im ersten Weltkrieg als Frontoffizier ausgezeichnete Oberst der KuK-
Armee betätigte sich schon früh schritstellerisch unter den Pseudonymen
„Jarl Widar" und „Lobesam".196 Das Interesse Wiliguts lag dabei auf der
Mythologie und Geschichte. 1903 erschien seine Abhandlung über die alte
Rabenstein-Sage unter dem Namen „Seyfrieds Runen".197 Wie bereits be­

195 Wirth (1928); Lange (2010); S. 240 zitiert Wiliguts Deutung der Hag-All:
„ Umhege das All in dir und du wirst das All beherrschen".
196 Zur Weltkriegszeit und frühen Biographie siehe Mund (2011), S. 18 ff.
197 Neu aufgelegt von Winfried Katholing, 2004.

70
schrieben, verkehrte Wiligut bereits 1919 in den esoterischen Zirkeln Wiens
und machte 1920 Bekanntschaft mit dem ONT des Lanz von Liebenfels.198
Aufgrund einer Bürgschaft für einen ehemaligen Regimentskameraden
beim Erwerb eines Sägewerkes geriet Wiligut Anfang der 20er Jahre jedoch
in finanzielle Schwierigkeiten, was in Zusammenhang mit einer schwierigen
Situation in seiner Ehe dazu führte, daß er im November 1924 entmündigt,
verhaftet und in die Salzburger Heilanstalt für Gemütskranke eingeliefert
wurde.199 Nach seiner Entlassung 1926 wurde Wiligut unter die Vormund­
schaft seiner Frau gesetzt, reiste jedoch auf Einladung des ONT-Mitglieds
Friedrich Schiller und dessen Gattin Emma Schiller-Delbrück nach Deutsch­
land, wo er bei Mitgliedern des ONT Unterkunft fand. Hier machte er Be­
kanntschaft mit Frieda Dorenberg, einer sehr früheren NSDAP-Anhängerin,
dem Vorsitzenden der Edda-Gesellschaft Gorsleben und dessen Gefährten
Richard Anders, Friedrich Schiller sowie Werner von Bülow (Nachfolger
Gorslebens als Leiter der Edda-Gesellschaft). Ferner stand er noch in Kon­
takt mit den Österreichischen Freunden Ing. Friedrich Teltscher und Emil
Rüdiger, der später als Wiligut-Schüler dessen Werk fortsetzen sollte.200
Hintergrund der Einladung aus dem Kreis des ONT war das Ziel, Wili-
guts „Erberinnern für das junge Werden in Deutschland nutzbar zu machen", wie
es Friedrich Schiller ausdrückte. So bereicherte Wiligut die Forschergemein­
schaft „Freie Söhne der Nord- und Ostsee" (FSNO) und gründete mit seinen
Anhängern eine sogenannte „Pflanzstätte Jarl Widar", die zeitweise bei dem
Mitglied der Edda-Gesellschaft, Frau Käthe Schäfer-Gerdau, im thüringi­
schen Mühlhausen angesiedelt war.201
Kontaktaufnahmen zu Forschern, deren Forschungsgebiete weniger ok­
kulter denn frühgeschichtlicher Natur waren, Herman Wirth und Wilhelm
Teudt, blieben 1930 dagegen - noch - unbeantwortet.202
Im Sommer 1933 gehörte Wiligut auch zu dem Kreis von sieben Vertre­
tern der Edda-Gesellschaft, die der Einladung Jakob Wilhelm Hauers gefolgt
waren, der zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Deutsche Glaubensbe­
wegung" aufgerufen hatte, in der sich die dem Christentum kritisch gegen-

198 Mund (2011), S. 25 f, nennt den Kreis um die Baronin Thaler, in dem nicht nur
ONT-Mitglieder, sondern vielleicht auch Hitler selbst verkehrt hätten.
199 Vgl. dazu Mund (2011), S. 35 ff.
200 Vgl. Mund (2002), S. 10; ebenso Mund (2011), S. 54 ff.
201 So Mund (2011), S.55f.
202 Vgl. Lange (2010), S. 20; allerdings zitiert Mund (2011), S. 54, einen Brief Wi-
liguts vom Februar 1929, in dem dieser von einer gemeinsamen Reise Emil Rüdigers
mit Wilhelm Teudt schreibt, die auf seine Veranlassung das „Studium des großen
Goslaer Geheimnisses" zum Ziel gehabt hätte.

71
Karl-Maria Wiligut - links in Zivil ca. 1933 - rechts mit Himmler am Kriemhilden-
stuhl (mit dem Rücken zur Kamera), ca. 1935
überstehenden Glaubensgemeinschaften zusammenschließen sollten.203
Irgendwann 1933, spätestens aber im Sommer, lernte Wiligut über die Edda-
Kreise Heinrich Himmler kennen, der ihm, offensichtlich beeindruckt von des­
sen „hellseherischer Erberinnerung", einen Rang innerhalb der SS anbot.204 Im
November 1933 trat Willigut unter dem Pseudonym „Weisthor" in die SS ein,
wo er Mitte 1934 als SS-Standartenführer (Oberst) eine Unterabteilung im Ru­
SHA leitete, die später in den Persönlichen Stab RF-SS übernommen wurde.
Wenige Wochen nachdem Weisthor Himmler bei der Findung der Wewels­
burg beeinflußt haben dürfte, bereisten der Reichsführer und sein Berater auch
die nahe der Burg gelegenen Externsteine. Wo immer der Fachwissenschaft
Antworten auf seine Fragen fehlten, zog Himmler seinen Begleiter zu Rate. So
erinnert sich Freerk Haye Hamkens, damaliger Mitarbeiter Wilhelm Teudts
und Grabungsteilnehmer der Extemsteingrabung von 1934, wie Prof. Julius
Andree auf die Frage Himmlers nach dem Alter eines Trockenmauerwerkes
vor den Externsteinen die Antwort schuldig blieb. Nicht so Weisthor, der dem
Bauwerk aus dem Stegreif ein Alter von 4000 Jahren bescheinigte.205
Der Lebenslauf Wiliguts, der nach SS-Vorschrift für jedes Mitglied zu den
persönlichen Akten genommen wurde, dürfte der ungewöhnlichste der ge­
samten Schutzstaffel gewesen sein.
Er ist durchzogen von Legenden und Mythen, mit denen Wiligut die
wenigen Fakten seiner Biographie anreicherte. Am 10. Dezember 1866 als
Sohn eines königlich ungarisch-deutschen Hof-Accesisten geboren, begann
Willigut demnach als Sohn eines Landwehrhauptmannes schon früh eine

203 So Lange (2010), S. 24.


204 Goodrick-Clarke (2004), S. 160; Mund (2002) spricht etwas abweichend nicht nur
von Anders, sondern „insbesondere über Frl. Dorenberg und Friedrich Schiller und
dessen Gattin" wäre Wiligut mit Himmler bekannt gemacht worden; S. 10.
205 Bericht von Hamkens, nach Lange (2010), S. 30.

72
Wiligut-Weist-
hor bei einer
Wanderung im
Deister 1930
(links)
In Standarten­
führer-Uniform
ca. 1934 (rechts)

Man statt Tyr


Rune als Grab­
kreuz auf Empfeh­
lung Weisthors

militärische Karriere in der K.u.K. Armee Österreichs, in welcher er als be­


währter Offizier bis zum Oberst befördert wurde. Nach der Auflösung des
Österreichischen Kaiserreichs diente er nach 1923 im Freikorps „Oberland"
bis er aufgrund einer Bürgschaft in Konflikt mit dem Gesetz geriet. Als Folge
wurde er 1924 nach Diagnose einer paraphenen Psychose entmündigt und in
eine Heilanstalt eingeliefert. Bereits zu dieser Zeit pflegte Willigut enge Kon­
takte zu völkisch-esoterischen Kreisen, denen Willigut aufgrund einer an­
geblichen Gabe der „Erberinnerung", über die er als „Ueiskuining" („Weis-
könig"/„Wissenskundiger") verfügte,206 wertvolle Impulse zur Deutung der
Vergangenheit vermittelte. Nach Willigut ist dieses Erberinnern Bestandteil
einer Jahrtausende alten mündlichen Überlieferung der Familie Uiligotis,
die dem gotischen Fürstengeschlecht der Asa-Uana-Sippe entstammt. Nach
dieser Überlieferung soll die Geschichte der Arier viele Jahrtausende zu­
rückreichen, bis zu einer Zeit, da die Irminen als Herrschergeschlecht einen
einzigen Gott (Got) verehrten, der von den asiatischen Wotanisten bei Gos­
lar als Baldur-Chrestos gekreuzigt worden wäre. Der Weisthor Schüler Emil
Rüdiger führte dazu aus: „Demnach soll zur Zeit des Untergangs von Atlantis
um ca. 9600 v.Chr. im Zuge der dauernden Kämpfe... zwischen den sich der Lenkung
widersetzenden Wotanisten und Angehörigen des kristlichen Irminenglaubens, ...
Baldur Krestos als Urgotheit und Voranschreiter der Irminen-Menschheit von den
Wotanisten und den von ihnen gezüchteten Jötenbastarden auf dem Georgienberge
206 Vgl. Mund (2011), S. 28: Diese Bezeichnung erscheint auf dem Wiligutschen
Familiensiegel, während das Wappen mit „Der Deutsche König" untertitelt ge­
wesen wäre. Den Runenkundler Wolfgang Krause zitierend schreibt Mund, daß
„Ueiskuining“ auch als „Heiliges Geschlecht/Sippe" übersetzt werden kann (go­
tisch weihs = Dorf/Heilig; kuni - Geschlecht/Stamm).

73
(Goslar) ans Kreuz geschlagen worden sein, mit Hilfe der Runen habe er sich in
der neunten Nacht seines Kreuzgangs vom Kreuz gelöst."207 Anschließend sei er
über Rügen in die Wüste Gobi geflohen, wo er eine irminische Meisterschu­
le gründete, die nahe eines älteren wotanistischen „Kristallisationspunktes"
lag. In dieser irminischen Tradition, gleichsam als Erbe der auf Balder-Kris-
tus zurückzuführenden Königswürde, wähnte sich jedenfalls Wiligut, als er
einmal bemerkte: „Meine Krone liegt in der Kaiserpfalz zu Goslar, mein Schwert
in einem Steingrab bei Steinamanger."208
Der Kreuzigungsmythos hatte also Wiliguts Überlieferung zufolge seinen
Ursprung in Germanien, und wurde erst später zur christlichen Heilslehre
umfunktioniert.209

Wiliguts Erberinnerung & sein Einfluß auf Himmler


Genau diese Legende des vorgermanischen Ur-Kristentums dürfte in
Himmlers Einstellung gegenüber dem alten K.u.k. Obersten eine große Rol­
le gespielt haben, wie sich in einem späteren Kapitel zeigen wird. In den
nächsten Jahren kommt es immer wieder zu Anfragen oder Aufträgen an
den Berater, vor allem wenn die Fachwissenschaftler keine oder nur un­
befriedigende Antworten auf Himmlers Fragestellungen anbieten können.
1939 allerdings kommt es plötzlich zum Entlassungsgesuch Weisthors - of­
fiziell aus gesundheitlichen Gründen. Inoffiziell wird gemutmaßt, die nach
dem Anschluß Österreichs zugänglich gewordenen Krankenakten Wiliguts
hätten zu dieser Entscheidung geführt. Der Oberst hatte zwar seine Zwangs­
entmündigung und Einlieferung in eine Nervenheilanstalt angegeben, dies
jedoch auf eine Verfolgung durch Kirchenkreise zurückgeführt.210 Obgleich
sich durch die gesamten Akten nichts grundsätzlich an den sich gegenüber­
stehenden Darstellungen geändert hat, soll Weisthor dadurch „untragbar"
geworden sein, insbesondere weil andere SS-Angehörige diese Tatsache ge­
gen Himmler hätten verwenden können.
Trotz seines großen Einflußes auf Himmler wurde Weisthors Fähigkeit der
Erberinnerung von den meisten Zeitzeugen keine allzu große Seriosität beschie-
den; die Urteile über Weisthor reichen von „senilem Erotiker" und „Hochstap­
ler" (Herman Wirth) über „grotesk" (J.O. Plassmann) bis hin zu „Idiot" (Walter

207 Nach Mund: „Der Rasputin Himmlers", zit. nach Katholing (2001), S. 157
208 Nach Mund (2011), S. 28 f.
209 Lebenslauf BArch; zum Balder-Irmin-Kreuzigungsmythos siehe auch Betha
(1913), S. 245 ff., wo dieser seinen Ursprung haben dürfte; vgl. auch von Ricklin­
gen (2008).
210 Zur Verdeutlichung dieser vorgeblichen Verfolgung durch die katholische Kirche er­
wähnte Wiligut bereits in seinem Lebenslauf, von einem Jesuiten als Angehöriger der „ Fa-
miglia Malatetta" (verfluchte Familie) bezeichnet worden zu sein; Lange (2010), S. 202.

74
Die „ Ur-Kreuzigungsstätte" in Goslar nach Ernst Betha. Re.: Weisthor 1945

Wüst) - auch Weisthors Adjutant, Hans von Lachner, soll die Fähigkeiten seines
Dienstherren bezweifelt haben.211 Dennoch scheinen gewisse magische Fähig­
keiten Weisthors in der Tat bestanden zu haben; so berichtet Else Baltrusch,
wie Wiligut am Tag des Attentates auf den Botschaftsrat Rath in Paris auf ei­
ner Wanderung plötzlich stehenblieb und sagte: „jetzt ist irgenwo ein Botschafter
erschossen worden."212 Vor allem aber wies Weisthor auf verschiedenen Dienst­
reisen nach „Eingebungen" auf verschiedene Orte hin, bei deren Ergrabung
tatsächlich frühgeschichtliche Funde gemacht werden konnten. So beschreibt
Rudolf Mund wie Weisthor auf einem Spaziergang durch Baden-Baden einen
Eckstein eines Hauses als mit vordem unsichtbaren Ornamenten versehen er­
kannte und ebenso in der Burg von Krakau einen verborgenen Raum aufspür­
te, in dem sich nicht näher zu eruierende Gegenstände befunden haben sollen.
Bereits einige Jahre zuvor hatte er bei einem Besuch der Wewelsburg Himmler
aufgefordert, an einer bestimmten Stelle am Rande des Gemäuers nach einer
Schatzkammer graben zu lassen. Zwar ist nicht überliefert, was sich in dem
tatsächlich vorgefundenen Raum befunden hat, immerhin schien der Vorgang
aber Weisthors Ansehen bei Himmler nicht zu schmälern.213 Auch dem späteren
Leiter der Ahnenerbe-Abteilung Innerasien und Expeditionen, Ernst Schäfer,
blieb Weisthor mit seinen tranceartigen Zuständen, die Schäfer von früheren
Expeditionen von tibetischen Botenläufern kannte, in besonderer Erinnerung
- erzählte er doch während dieser Zustände dem verwunderten Schäfer von

211 Nach Kater (2006), S. 364; zu v. Lachner, Lange (2010), S. 51; siehe auch der bei
Mund (2011), S. 113, angeführte Brief Herman Wirths über Weisthor.
210 Nach Mund (2011), S. 115.
213 Vgl. Mund (2011), S. 110/116 f; siehe auch Katholing (2001), S. 149 f, der von
„Findungen" Weisthors auf Fahrten berichtet.

75
Begebenheiten früherer Expeditionen, die
nur dieser selber kennen konnte.214
Auch der später zum Islam konvertier­
te Johannes von Leers bestätigte in einem
nach dem Krieg verfaßten Brief an den
Autoren Rudolf Mund, daß Wiligut, „ein
in jeder Hinsicht alter Wissender", „profun­
des Wissen über armanische Überlieferung"
aufwies und „wenn man durch die Land­
schaft fuhr, sagen konnte, wo einst ein altes
Heiligtum gelegen hatte."215
Während des Krieges kam es trotz
Weisthors Dienstaustritt zu weiteren An­
fragen Himmlers; so etwa bezüglich der
Frage der angemessenen Totenrunen Familienwappen Wiliguts
für die Grabkreuze deutscher Gefalle­
ner, für die Weisthor die Man- statt der Tyr-Rune empfahl.216
Gegen Kriegsende wurde es still um den alten Oberst - nach einem
Schlaganfall 1945 starb er schließlich am 3. Januar 1946 in Arolsen, wo er
auch beigesetzt wurde. Zurück bleibt ein Vermächtnis, zu dessen Schau nur
wenige Leute befähigt erscheinen. Else Baltrusch, Angehörige der Edda-
Gesellschaft, die Weisthor seit 1936 betreute, wähnte sich nach dem Krieg
als die Einzige, die seit 1936 „direkt in Geheimnisse hineinschauen und horchen
durfte, welche nicht für die Nachwelt bestimmt sind."217
Unzweifelhaft jedenfalls waren die vorgeblichen Kontakte des alten
Oberst nicht völlig aus der Luft gegriffen, wie sich bei seiner Beerdigung
1946 zeigte, wo allerlei seltsame Menschen, darunter Inder und Tibeter, Wi­
ligut das letzte Geleit gaben.218
Trotz aller Negativurteile über ihn, scheint von seinen „Hirngespinsten"
zumindest so viel Bedeutung ausgegangen sein, als daß er auf verschiedene
Entscheidungen Himmlers einen nicht unbedeutenden Einfluß ausübte und
sich noch nach Kriegsende der britische Geheimdienst für den Wanderstock
Wiliguts interessierte.

214 Unveröffentlichte Memoiren Ernst Schäfers, zit bei Siinner (1999), S. 50; siehe
dazu Kapitel 10.
215 Vgl. Mund (2011), S. 114/122.
216 Siehe Lange (2010), S. 54.
217 Ebenda, S. 58.
218 Vgl. Mund (2011), S. 145, der spekuliert, daß die im Lebenslauf Wiliguts nicht
nachweisbaren Besuche Asien möglicherweise „Astralreisen" gewesen seien.

76
3. Ahnenerbe & Urreligion: Das Vermächtnis des Herman Wirth

„Möge die Wiedererstehung unserer geistigen


Vergangenheit... unserem Volke die Selbster­
kenntnis und Selbstbestimmung wiedergeben
und jene gottgewollten und gottgegebenen Kräfte
wieder in uns wachsen lassen zur Erfüllung un­
serer Aufgabe in Gegenwart und Zukunft. Dazu
helfe uns der Geist des Ahnenerbes, daß wir ein
freies, einiges und großes Volk der Deutschen
werden aus dieser Zeit der heiligen Wende"219

3.1. Himmlers Privatforscher? Das SS-Ahnenerbe

hnenerbe-Forscher trafen den Panchen-Lama in Tibet, reisten in ge­

A heimer Mission durch den Vorderen Orient, erkundeten Strandlini-


en in afrikanischen Wüsten, führten archäologische Grabungen in
ganz Europa durch und arbeiteten an geheimen Waffenprojekten - bis heute
zählt die Organisation „Ahnenerbe" zu jenen wenig bekannten Institutionen
des Dritten Reiches, denen eine Schlüsselrolle in der okkulten Geschichte
des 3. Reiches zugemessen wird.
Doch was steckt wirklich hinter den abenteuerlichen Geschichten über das
Ahnenerbe, die es in fiktionalem Gewand („Indiana Jones", „Hellboy" u.a.)
sogar bis in die US-Filmindustrie Hollywoods geschafft haben?
Bis zur Fertigstellung der ersten wissenschaftlichen Abhandlung über das
Forschungsamt im Jahre 1974,220 aber auch - ungeachtet der „wissenschaftli­
chen" Erkenntnisse - darüber hinaus, haftete dem Ahnenerbe stets der Schlei­
er eines „Geheimbundes" an. Gemeinsam mit der Thule-Gesellschaft soll das
Ahnenerbe den „exoterischen Teil" eines geheimen Bundes dargestellt haben,
der hinter dem Dritten Reich stand: „Die Arbeiten des Forschungsamtes Ahnen­
erbe... bilden gewissermaßen die theologische Seite, während der Schwarze Orden den
mystischen Aspekt der Religion der Herren von Thule verkörpert" geben Pauwels/
Bergier, die Schöpfer einer ganzen Reihe von Legenden um das Ahnenerbe,
ihren Lesern kund.221 Die „sektiererischen Ursprünge" der NSDAP sollen im
219 Herman Wirth: Der Heilsbringer.
220 Kater (2006).
221 Pauwels/Bergier (1969); hier behaupten die Autoren auch, die Gründung des
Ahnenerbes sei der Initiative Friedrich Hielschers zu verdanken, dem vermeintli­
chen geistigen Meister SieversHielscher sei über Sven Hedin mit der Geheimlehre
Haushofers „infiziert“ worden, der wiederum - fälschlich - als Mitglied der Thule-
Gesellschaft bezeichnet wird. Hierdurch entstand die Legende der Verbundenheit

77
Links: Runenkunde für SS-Fahnenjunker. Rechts: Ahnenerbe-Haus in Berlin-Dah­
lem, ca. 1938 - das Haus wurde nach 1945 abgerissen.
Ahnenerbe „Unterschlupf“ gefunden haben, weiß auch eine jüngere Veröf­
fentlichung zu berichten, die mit ihrer politisch motivierten Verquickung von
Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten ein gutes Beispiel für die Bewertung
des Ahnenerbes in populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen darstellt.222
Wie weit sich diese Gedankengänge spinnen, ist an einem weiteren „Stan­
dardwerk" der Verschwörungstheorien zum dritten Reich „Die heilige Lan­
ze" von Trevor Ravenscroft zu beobachten, das allerdings eifrig aus dem
Fundus von Pauwels und Bergier schöpfte, welches wiederum stark von
Rauschnings angeblichen Gesprächen mit Hitler beeinflußt wurde. Diese
„Gespräche" geistern dabei - obgleich 1984 als wissenschaftlich unbrauch­
bar erwiesen - munter durch die gesamte Literatur der NS-Forschung.223
Andere Autoren bezeichnen das Ahnenerbe dagegen wahlweise als
„pseudowissenschaftliches Forschungsinstitut" oder als „williges Werkzeug
der verbrecherischen Hitlerdiktatur", wobei die Mehrzahl die Begründung
für diese Werturteile schuldig bleibt.224
Ein besonderes Detail bezüglich der Rolle des Ahnenerbe schließlich, ist
die Behauptung der Beteiligung an der Errichtung deutscher Geheimbasen
im Ausland, insbesondere in „Neuschwabenland", sowie am Bau deutscher
Flugscheiben, auf die in Kapitel 10 näher eingegangen wird.225
Bemerkenswert in Hinblick auf die Arbeiten des Ahnenerbes insgesamt
gesehen, ist zweifellos der Versuch, verschiedene Wissenschaften und Teil­
wissenschaften ganzheitlich, aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten,
was aufgrund der Vielzahl der voneinander abgeschiedenen Wissenschafts­
bereiche zuvor versagt bleiben mußte.226 Zwar stand hier sicherlich ein

zwischen Thule- Gesellschaft und Ahnenerbe als esoterischem Zirkel der SS; S. 388 f.
222 Heller/ Maegerle (1998).
223 Ravenscroft (1976); zur Entlarvung Rauschnings siehe Hänel (1984).
224 Siehe etwa http://www.bundesarchiv.de/oejfentlichkeitsarbeit/bilderdokumente/
01831/index-16.1itml.de und Mandl (1999)
225 So etwa Feistle (2010), S. 14 oder Farrell (2010), S. 176.
226 Vgl. dazu Himmler zit. nach Heiber (1970), S. 100 f.

78
Die Embleme des Almenerbe Links: Ahnenerbe-Stiftungsverlag - Mitte: Irminsul-
Emblem - Rechts Emblem zumeist in Büchern des Ahnenerbe bis 1939
politischer Anspruch hinter diesem neuen Weg der Wissenschaft, formell
betrachtet stieß dieser Ansatz jedoch nicht nur bei damaligen Nationalsozia­
listen auf Zustimmung, sondern wurde auch von anderen Persönlichkeiten
im Hinblick auf eine Neuausrichtung der Wissenschaft gefordert.

Tätigkeitsbereiche des Ahnenerbe


Offiziell sollte das Ahnenerbe als kulturpolitisches Referat der SS ver­
schiedene Wissenschaften „aus dem Blickwinkel der germanisch-deutschen
Geschichte bündeln“ und als „Vorhut des NS-Regimes zur Aufwertung der
deutschen Seele" nutzen. Es bestand aus verschiedenen wissenschaftlichen
Abteilungen, die sich vornehmlich mit Germanenkunde, indogermanischer
Sprachwissenschaft, indogermanischer Volkskunde, Kulturgeschichte und
Archäologie beschäftigten, war aber bestrebt, die verschiedenen Fachgebiete
in Hinblick auf eine indogermanisch-germanische Weltanschauung zu ei­
nem Gesamtergebnis zusammenzufassen, welches „den Forschungsstand als
Ganzes erfaßt und begreifbar macht," wie der RF-SS formulierte.
In zahlreichen Weisungen Himmlers an das Ahnenerbe wird deutlich, wie
er sich diese Zusammenarbeit vorstellte: Nämlich als ein gemeinsames Wir­
ken von Fachleuten der verschiedensten Fachgebiete, wo angebracht, unter
Hinzuziehung von Privat- und Laienforschern, die gemeinsam die oft von
Himmler selbst gestellten Anforderungen erfüllen sollten.227 Heftige Kritik
äußerte Himmler vor allem, wenn von ihm gestellte Forschungsaufträge seine
Erwartungen sowohl vom Ergebnis als auch von der Art der Durchführung
nicht erfüllten.228 So äußerte er anläßlich einer Höhlenergrabung in Busau:

227 Vgl. etwa Anweisung Himmlers an Sievers bezüglich des Helgoland-For­


schungsauftrags, bei Heiber (1970), S. 74 f.
228 Kater (2006), S. 19, meint grundsätzlich, daß Himmler nur dann zufrieden ge­
wesen wäre, wenn die Ergebnisse seine Erwartungen erfüllten und nimmt dies als

79
Links: Wolfram Sievers - Reichsgeschäftsführer des
Ahnenerbe
„Der Reichsführer erwartet, daß die Zusammenarbeit
im Ahnenerbe umgehend so wird, wie er sich das vor­
stellt. Er wünscht zunächst einmal den Bericht über
die Tropfsteinhöhle und weiterhin die Einschaltung
der anderen beiden Abteilungen und dann möglichst
bald einen Bericht über das, was sie dort gefunden
haben. Den augenblicklichen Zustand vergleicht der
RF-SS mit der eifersüchtigen Abkapselung eines je­
den wissenschaftlichen Gebietes, wie es ja auf den
Universitäten und in der gesamten deutschen Wis­
senschaft bisher der Fall ist, daß jeder Kollege eifrig
darüber wacht, sein Gebiet vor seinen Kollegen abzuschließen."229
Ein weiterer Zweck der Arbeit des Ahnenerbe lag in der Rekonstruktion
des Ahnen- und Sippenkultes sowie der Glaubenswelt der frühen Germa­
nen. Letztere sollte auf längere Sicht wiederbelebt werden und langfristig
auch eine Rolle als „Ersatzreligion" für das Christentum spielen. Dabei
wurde allerdings nicht auf den Wotanismus, bzw. die Götterwelt der Edda-
Überlieferung abgezielt, die einigen als „Religion der Verfallszeit" galt, son­
dern auf den Lichtbringerkult der frühgermanischen Zeit.230
Gegründet wurde das Ahnenerbe offiziell am 1. Juli 1935 als eingetrage­
ner Verein unter der Firmierung: „Deutsches Ahnenerbe. Studiengesellschaft
für Geistesurgeschichte".
Zu Beginn bestand eine enge Anlehnung an das von Darre geführte
RuSHA, die Himmler im Februar 1936 per Weisung als verbindliche Zusam­
menarbeit fixierte.231
Von sechs während der Gründungsphase bis zur Satzungs- und Namens­
änderung (seitdem nur: Deutsches Ahnenerbe) im März 1937 eingerichteten,
sogenannten Pflegestätten („Schrift- und Sinnbildkunde" [Wirth - Juli 1935],
„Germanenkunde" [Teudt - Oktober 1936], „(Indoarische) Wortkunde"
[Wüst, Oktober 1936], „Märchen- und Sagenkunde" [Plassmann - Februar
1937], „Indogermanisch-Finnische Kulturbeziehungen" [von Grönhagen -
Februar 1937], „Wetterkunde" [„Welteislehre - Scultetus - Februar 1937]),
erhöhte sich deren Zahl bis zum Jahr 1939 auf 34 verschiedene Forschungs­

Beispielfür das Wissenschaftsverständnis Himmlers schlechthin. Die Fakten sprechen


jedoch dafür, daß es Himmler vor allem auf den Einsatz aller zur Verfügung stehenden
Mittel und einer Zusammenarbeit aller Experten ankam; vgl. Heiber (1970), S. 100 f.
229 Brief Dr. Brandt an Ahnenerbe vom 9.10.1940, bei Heiber (1970), ebendort.
230 Siehe dazu Kummer (1972), S. 15 ff.
231 Vgl. Kater (2006), S. 455.

80
abteilungen; 21 davon im Inland, sowie weitere außereuropäische Stätten.
1945 existierten schließlich 45 offizielle Forschungsstätten.
Zu diesen zählten Themengebiete wie etwa Wetterkunde und Astrono­
mie, welche im Hinblick auf die Erforschung der Welteislehre Hörbigers tä­
tig wurden und rasch an Bedeutung zunahmen.
Michael Kater weist darauf hin, daß einige der aufgeführten Abteilun­
gen (Osteologie, Volksmedizin, Tiergeographie, indogermanisch-deutsche
Musikwissenschaft, Urgeschichte, Wurtenforschung, Geheimwissenschaf­
ten) lediglich auf dem Papier existierten, da sie nicht „nachgewiesen werden
konnten".232 Gerade diese offensichtliche Lücke in der Dokumentation der
letztgenannten Forschungsrichtungen, insbesondere in Bezug auf die Ge­
heimwissenschaften, dürften den Anstoß für zahlreiche Spekulationen in
dieser Richtung geliefert haben.
Im Rahmen der Ahnenerbe-Schriftenreihe wurden in den der SS naheste­
henden Verlagen Widukind-Verlag und Hase & Koehler, ab 1938 dann im
eigenen Ahnenerbe-Stiftung-Verlag zahlreiche Schriften publiziert, die das
Wirken der Vereinigung publizistisch unterfütterten.233
Zu Beginn lag der Schwerpunkt der Ahnenerbe-Arbeiten auf den per­
sönlichen Steckenpferden Wirths - der Sinnbildkunde - sowie der Germa­
nenkunde von Wilhelm Teudt, dem Wiederbegründer der modernen Ex­
ternsteinforschung.

3.2. Wilhelm Teudt & die Zeitschrift „Germanien"

Die Ausgangslage vor Gründung spiegelte im Bereich der Frühgeschichte


die heterogenen Verhältnisse in der gesamten Organisationsstruktur des 3.
Reiches wider. In Bezug auf die Frühgeschichte hieß das, den Machtkampf
zwischen dem Reichsbund für deutsche Vorgeschichte Hans Reinerth, als
dem Vertreter Alfred Rosenbergs auf der einen, und Himmlers SS auf der
anderen Seite.
Dieser Reichsbund, der sich in der Tradition des eigentlichen Begründers
der deutsch-germanischen Frühgeschichtsforschung Gustaf Kossinna sah,
suchte unter Leitung des Kossinna-Schülers Dr. Hans Reinerth sämtliche
deutsche Prähistoriker in einem „Reichsinstitut für Vor- und Frühgeschich­
te" unter dessen Ägide zusammen zu fassen und zugleich den Einfluß der
als „Römlinge" bekämpften Anhänger der Forschungsrichtung Ca'rl Schu-
chhardts einzudämmen. Hintergrund der Differenzen war die - aus Sicht
Kossinnas - zu einseitige Betonung der antiken Hochkulturen unter völliger
Ignoranz der bronzezeitlichen Nordeuropäischen Kultur. Hier war es insbe-

232 Kater (2006), S. 113.


233 Vgl. Kater (2006), S. 457; siehe Liste im Anhang.

81
„Sazellum" der Externsteine Das „Felsengrab"
sondere der Präsident der Römisch-Germanischen Kommission Frankfurt,
Staatsrat Theodor Wiegand, der als Anhänger der „klassischen" Deutschen
Vorgeschichte - die in Abgrenzung zu Kossinnas „ostdeutscher Richtung" als
„westdeutsche Richtung" bezeichnet wurde - den Plänen zur Gleichschaltung
entgegentrat und durch seinen Einfluß auf den zuständigen preußischen Kul­
tusminister Rust zu verhindern wußte. Zugleich trat Wiegand Himmlers SS
bei, wodurch er einen natürlichen Schutz vor dem Einfluß Rosenbergs suchte
und auch fand - stand dieser doch in einem ständigen Konkurrenzkampf mit
Rosenberg und dessen Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte.234
Eine der bekanntesten Gruppierungen an deren Übernahme Reinerth seit
1933 arbeitete, waren die „Freunde germanischer Vorgeschichte" unter ih­
rem Leiter Wilhelm Teudt (1860-1942).

Wilhelm Teudt
Der am 7. Dezember 1860 in Detmold geborene, ehemalige Pfarrer Teudt
wurde als einer von vielen ebenfalls von Gustav Kossinna beeinflußt. Nach
seinem Kirchenaustritt 1908 trat Teudt dem Keplerbund zur Förderung
der Naturerkenntnis bei. Nach dem 1. Weltkrieg, den Teudt als Soldat an
der Westfront erlebte, gründete der Detmolder 1921 den Cheruskerbund,
eine 1923 etwa 1000 Mann zählende Zweigorganisation der „Organisation
Escherich". Seit dem Frühjahr 1922 verfügte dieser Bund, dessen Gruß übri­
gens „Sieg und Heil" lautete, über eine paramilitärische Formation namens
„Nothung".235
Ab Mitte der 1920er Jahre widmete sich Teudt der „völkischen Germa­
nenkunde", deren primärer Zweck für ihn in der Bekämpfung des Vorur­
teiles der primitiven germanischen Vorgeschichte lag:
„Die Annahme, daß das Germanentum in Germanien erst durch die Berührung

234 Vgl. Bollmus (2002), S. 167ff.


235 Vgl. Loennecker (2004), S. 4 ff.

82
„Kreuzabnahme-Relief' - Der „Hängende" - Dr. Wilhelm Teudt
mit den Römern und Westfranken in die Reihe der Kulturvölker eingetreten sei, ist
als ein grober Geschichtsirrtum anzusehen", bekannte er in seinem 1929 erst­
mals erschienenem Hauptwerk „Germanische Heiligtümer".236
In diesem führte er den Nachweis der kultisch-astronomischen Funkti­
on einer Reihe von Stätten in Westfalen deren Mittelpunkt die Externsteine
bildeten, die im Grenzgebiet von verschiedenen Stämmen zu einem gemein­
samen Heiligtum erkoren worden wären.
1928 hatte Wilhelm Teudt zur Verbreitung seiner Thesen und zur Samm­
lung anderer Interessierter die „Vereinigung der Freunde germanischer Vor­
geschichte" gegründet, die bis 1935 etwa 1100 Mitglieder umfaßte. Grundla­
ge der Arbeit dieser Vereinigung war die Verteidigung der Germanen-Ehre
gegen „Gegner, die alles Deutsche ausmerzen" wollten, wobei das Zentrum
dieser Ehre in Gestalt der Externsteine erblickt wurde.
Seine im „nationalen Pathos"237 vorgetragene These der Externsteine als
Heiligtum der germanischen Stämme prägte den Blick auf die Germanen
der damaligen Zeit und wirkt bis in die heutige Zeit nach.
Obgleich Hans Reinerth noch 1933 Teudt in einem Atemzug mit Herman
Wirth als „nationalen Phantasten" bezeichnet hatte, kam es im Oktober 1934
zu Gesprächen über den Beitritt der Vereinigung zum Reichsbund. Unter Zusi­
cherung der Selbständigkeit der Zeitschrift Germanien, dem Publikationsorgan
des Vereins, und des Schutzes vor Angriffen der Fachwissenschaft - was sich
vor allem auf die These Teudts der Externsteine eines germanischen Heiligtums
bezog - erfolgte Anfang Mai 1935 der offizielle Beitritt zum Reichsbund.238
236 Vgl. Teudt (1929), S.llf.
237 So Loennecker (2004), S. 8.
238 Vgl. Bollmus (2002), S. 177.

83
Doch bereits 1936 kam es aufgrund anhaltender, entgegen der Abma­
chung erfolgter, Kritik an dessen Arbeit insbesondere aus Reihen des Reichs­
bundes, zu einer Annäherung Teudts an Himmler, der seit März 1934 als
Vorstand in der von der lippischen Landesregierung einberufenen Extern-
steine-Stiftung fungierte. Himmler sah in dem altgermanischen Kultplatz
der Externsteine das Potential einer zukünftigen nationalsozialistischen
Wallfahrtsstätte.239 Seit 1935 wurden auf einem provisorischen Kultplatz vor
der Anlage Sonnenwendfeiern durchgeführt und noch im selben Jahr er­
klärte Himmler die Externsteine samt Umgebung zur „Weltanschaulichen
Interessensphäre der SS".240
Aufgrund der dadurch entstehenden ideologischen Nähe zu Teudt, wur­
de dieser mitsamt seiner Vereinigung im Herbst 1936 offiziell als Leiter der
Pflegestätte für Germanenkunde in das Ahnenerbe aufgenommen. Ein Jahr
später übernahm das Ahnenerbe auch die Betreuung der Externsteine.241
Wenige Monate zuvor war die 1934 mit großen Hoffnungen auf die Auf­
findung germanischer Spuren eröffnete Grabungskampagne durch den
Münsteraner Archäologen Prof. Julius Andree ausgelaufen, die zwar Zerstö­
rungsspuren an der Anlage eruiert, aber nicht die erhofften Funde erbracht
hatte.242 Obwohl Teudt in der Folgezeit zahlreiche Ehrungen zuteil wurden
(Professorentitel, Ehrenbürgerschaft der Stadt Detmold - beides 1935),243
wurde das Verhältnis zwischen Teudt und dem Ahnenerbe zusehends pro­
blematischer. Loennecker führt dies auf dessen mangelnde SS-Konformität
und Wissenschaftlichkeit zurück.244 Teudt trat nach erheblichen Meinungs­
verschiedenheiten 1938 zurück. Himmler machte dafür Teudts angebliche
„Unsachlichkeit und krankhafte Art, Streit zu suchen", verantwortlich.245
Dennoch standen Teudts Forschungen auch weiterhin in hohem Ansehen,
noch 1940 wurde ihm anläßlich seines 80. Geburtstages von Hitler persön­
lich die „Goethe-Medaille" für seinen „kämpferischen Einsatz für die breitere

239 Loennecker (2004), S. 12; ebenso Bollmus (2002), S. 179.


240 Vgl. Loennecker (2004), S. 12.
241 Vgl. ebenda.
242 Uta Halle schreibt hierzu „die Suche nach dem angeblichen »germanischen«
Heiligtum aus der Zeit vor der Christianisierung liefert in unbeabsichtigter Weise
Befunde und Funde für die Mittelalterarchäologie" ohne auf die ausdrücklich doku­
mentierten, für eine Zerstörung eines tatsächlich germanischen Heiligtums durch
christliche Franken sprechenden, Zerstörungsbefunde einzugehen. Insgesamt liegt
der Hauptzweck ihrer stark tendenziösen Schrift in der Widerlegung des im 3. Reich
unterstützten germanischen Charakters der Externsteine; Halle (2002), S. 502.
243 Nach Wikipedia: Wilhelm Teudt.
244 Loennecker (2004), S. 12; vgl. auch Halle (2002), S. 485 .
245 Wikipedia: Wilhelm Teudt.

84
Wertschätzung der deutschen Vorgeschichte"
verliehen.246 Ein Jahr zuvor hatte mit seinen
Anhängern die Osningmark-Gesellschaft mit
Sitz in Detmold gegründet, die dem Reichs­
bund unter Leitung von Hans Reinerth ange­
schlossen war. Auch die parteiamtliche Grabre­
de nach Teudts Tod im Jahr 1942 würdigt noch
die Verdienste Teudts:
„Wesentlich ist, daß Teudt in den Herzen un­
zähliger Deutscher [...] durch seinen begeisterten
Aufruf germanische Heiligtümer schuf. Darin
liegt das unvergängliche Verdienst Teudts für die
deutsche Erneuerung [...] Es fehlt bei uns gewiß
nicht an klugen Köpfen, aber die tapferen Herzen
dürften in der Wissenschaft häufiger sein."
Titelblatt „Germanien" Obgleich von der etablierten Wissenschaft
bereits damals angefeindet, haben sich wesentliche Thesen Teudts - entge­
gen der oftmals geäußerten Einschätzung der heutigen Geschichtswissen­
schaft247 - als stimmig erwiesen:
- Mit der Sachsen-Christianisierung um das Jahr 800, sei es zu einem Kul­
turbruch und einer einher gehenden Kulturvernichtung durch das Chri­
stentum gekommen, die aus heutiger Sicht den Blick auf die davor liegen­
de Zeit erschwere.
- Die germanische Kultur sei eine Holzkultur gewesen, weshalb kaum
Kunstdenkmäler aus der germanischen Vorgeschichte erhalten sind.
- Die Externsteine seien eine germanische Kultstätte gewesen, die dortige
Höhenkammer eine so genannte Sonnenwarte.
- Der Hof Gierke in Oesterholz, die Hünnenkirche in Kohlstädt und die
Erdwälle bei Langelau seien germanischen Ursprungs und Bestandteil
eines größeren heiligen Bezirkes um die Externsteine herum. Auf dem
Grund des heutigen Hof Gierke hätte sich eine „Kultburg" befunden, bei
der Hünnenkirche möglicherweise um den „Turm der Veleda" (Tacitus)
und bei den Erdwällen von Langelau um eine Rennbahn gehandelt.
Während letztere Thesen heute aufgrund fehlender weiterer Forschungen
nicht erhärtet werden können, erwiesen sich die drei Grundthesen als richtig:
Die Forschung beweist, daß es ein primäres Anliegen der Kirche gab, heid­
nische Relikte und Kultorte zu zerstören oder zu übernehmen. Als Beispiel sei­
ne hier sowohl die Festtage als auch die ersten Kirchenbauten auf heidnischen
Vorgängern (Stichwort „Kultstättenkontinuität") genannt. Wenn sich nicht
246 Vgl. Loennecker (2004), S. 12.
247 Auch Kater (2006) bezeichnete Teudt als „völkischen Dilettanten", S. 55.

85
eine Abschrift der Germania des Tacitus im Mittelalter gefunden hätte, wäre
die Geschichtsforschung heute allein auf die tendenziösen Überlieferungen
Caesars angewiesen - andere nachgewiesene Schriften über Germanien gelten
heute als verschollen, so etwa der Bericht Pytheas von Massilia.
Die Unterwasserarchäologie in der Ostsee beweist, daß bereits die Ertebolle-
Ellerbeck-Kultur (5800-4300 v.Zw.) Werkzeuge aus Holz und Geweih fertigte.
Auch die sogenannte Bandkeramische Kultur verwendete zum Häuser- und
Gerätebau Holz. Daß es dennoch eine hochentwickelte Zivilisation im Norden
Europas , dem späteren Germanien, gegeben haben muß, beweisen die Stun­
de um Stunde anwachsenden Zufallsfunde der Spatenforschung.
Spätestens die Untersuchungen Wolfhard Schlossers und Ulrich Nied-
horns haben die These der germanischen Kultstätte an den Externsteinen
erwiesen: Sowohl die Ausrichtung des Peilloches im Sazellum der Extern­
steine, als auch verschiedene Brandspuren innerhalb der „Kulthöhle" an
den Externsteinen beweisen eine Nutzung in vorchristlicher, mithin germa­
nischer Zeit.248 Dazu gesellen sich zahlreiche Indizien, die auf einstige Be­
arbeitungen an den Steinen hinweisen, die offensichtlich nicht christlichen
Ursprungs waren (diverse abbrechende Treppenstufen) sowie Zerstörungs­
spuren, die vermutlich vordem Gewesenes unkenntlich machen sollten.
Dennoch gelten Teudts Thesen heute zumeist als Irrlehren und selbst
konservative Kreise äußern sich distanziert zum Wirken Teudts, die hier
häufiger zitierte Veröffentlichung aus burschenschaftlichen Kreisen fügt
sich dementsprechend nahtlos in die Beurteilung ein, wonach Teudt ledig­
lich als Ideengeber für die „Esoterik-Szene" oder „neuheidnische Gruppen"
tauge.249 Dagegen zeichnet sich in der etablierten Geschichtsschreibung be­
reits eine überfällige Rehabilitation Teudts ab - so schrieb der renommierte
Wissenschaftsautor Martin Kuckenburg, der bereits in seiner Veröffentli­
chung „Lag Eden im Neandertal" eine überaus objektive Darstellung des
frühesten menschlichen Geschichtsverlaufes präsentierte, in seiner jüngsten
Veröffentlichung sogar: „Auch den Gedanken an einen der Sonnenbeobachtung
dienenden Kultraum wird man heute vor dem Hintergrund der Entdeckungen von
Goseck und Nebra kaum mehr so vehement und von vornherein ablehnen, wie dies
in den vergangenen Jahrzehnten von archäologischer Seite mitunter geschah."250

Die Zeitschrift Germanien und ihr Schriftleiter Joseph Plassmann


Eine Mitgift der Vereinigung Teudts beim Wechsel in Himmlers For­
schungsverein war das Publikationsorgan Germanien. Diese 1928 gegründete
Zeitschrift enthielt Beiträge über die Germanenkunde, Kultstätten, Sinnbilder-

248 So Schlosser (1996), S. 124 f; Niedhorn (1995), S. 110 f.


249 Loennecker (2004), S. 21; siehe dazu Wikipedia: Wilhelm Teudt.
250 Kuckenburg (2007), S. 94.

86
und Runen, die zumeist von Laienforschern stammten. Zu den frühen Auto­
ren zählen insbesondere Wilhelm Teudt, Herman Wirth und Otto Suffert, der
als Schriftleiter der ersten Jahre fungierte. Trotz seiner Nähe zu Teudt, mit
dem er die „Vereinigung der Freunde germanischer Vorgeschichte" mitbe­
gründet hatte und seiner fachlichen Qualifikation,251 wurde er 1936 als Schrift­
leiter durch den ebenfalls zum Mitbegründerkreis zählenden, aber als streng
völkisch geltenden Joseph Otto Plassmann (1895-1965) ersetzt.252
Der verwundete Weltkriegsveteran und Volkskundler Plassmann gilt als ei­
ner der wichtigsten Forscher innerhalb der Organisation Ahnenerbe und war
der führende Volkskundler innerhalb der SS. Als Schriftleiter der Ahnenerbe-
Zeitung „Germanien" stellte er die Weichen für die praktische Vermittlung der
innerhalb des Ahnenerbe erarbeiteten Forschungsergebnisse. 1895 in Arnsberg
als Sohn eines Oberlehrers geboren, absolvierte der streng katholisch erzogene
Plassmann 1913 sein Abitur - rechtzeitig um bereits ein Jahr später als Freiwil­
liger am ersten Weltkrieg teilzunehmen. Hier wurde er im Rußlandfeldzug
1914/15 schwer verwundet. Nach teilweiser Genesung ging er 1917 - erneut
freiwillig - als Hilfsreferent der deutschen Zivilverwaltung nach Brüssel, wo er
mit dem späteren Ahnenerbe-Begründer Herman Wirth Bekanntschaft machte.
Diese Begegnung übte großen Einfluß auf Plassmann aus und veranlaßte ihn,
neben dem angestrebten Studium der Germanischen Sprache und Kulturge­
schichte auch die Religionswissenschaften mit einzubeziehen.
Noch während seiner Studienzeit engagierte sich Plassmann 1919/20 in
der Münsteraner Bürgerwehr gegen die Rote Ruhrarmee. Nach Beendigung
seines Studiums mit dem Staatsexamen für das höhere Lehramt und an­
schließender Promotion 1921, verfaßte er zahlreiche Aufsätze zu germanen-
und volkskundlichen Themen bevor er 1923 zur Pressestelle Rhein Ruhr, des
„Abwehrkampfes an der Ruhr" gegen die französische Ruhrgebietsbeset­
zung gelangte. Eine weiterführende Tätigkeit innerhalb des Staatsdienstes
nach dieser Zeit blieb ihm als „Kriegsversehrter" nach seiner Verwundung
im ersten Weltkrieg verwehrt.253 So hielt er sich in den nächsten drei Jahren
mit diversen Aufsätzen für verschiedene Zeitschriften über Wasser, bevor er
1927 auf Wilhelm Teudt traf, den er bereits aus seiner Münsteraner Studien­
zeit kannte.254 Mit diesem zusammen gründete er 1928 die „Vereinigung der
Freunde germanischer Vorgeschichte".255

251 Welche sogar die kritische Uta Halle einräumt, Halle (2002), S. 150; Suffert ge­
hörte daher auch zu den wenigen Wissenschaftlern, die nach 1945 ihren Posten - in
diesem Fall die Leitung des Lippischen Landesmuseums - weiterführten.
252 Vgl. Loennecker (2004), S. 13.
253 Vgl. hierzu und zur ausführlichen Biographie Lixfeld (1994), S. 228 ff.
254 Loennecker (2004), S. 15.
255 Vgl. Bollmus (2002), S. 179.

87
Aus diesem Verein heraus wurde kurz danach die Zeitschrift Germanien
ins Leben gerufen, die vor allem Beiträge Wilhelm Teudts und J.O. Plass-
manns, aber auch Artikel Herman Wirths abdruckte, dessen Forschungen
einen hohen Stellenwert in Plassmanns Auffassung der Frühgeschichte inne­
hatten. Etwa zeitgleich erfolgte Plassmanns Annäherung an die NSDAP, der
er 1929 beitrat und für die er ab 1934 hauptamtlich als Referent in der Reichs­
führung des Reichsbundes „Volkstum und Heimat", in der Amtsleitung der
NS-Kulturgemeinde Alfred Rosenbergs und ab Oktober 1935 als Abteilungs­
leiter des Stabsamtes des Reichsbauernführers wirkte. Mit der Überführung
der Zeitschrift „Germanien" in das 1935 neubegründete Amt Ahnenerbe,
wurde er 1936 zum ehrenamtlichen Mitarbeiter des Amtes. Aufgrund seiner
Unentbehrlichkeit, wurde auf Initiative Wolfram Sievers, dem Generalsekre­
tär und organisatorischem Leiter des Ahnenerbes, Plassmann zum 1. Januar
1937 vom Reichsnährstand in das RuSHA der SS überstellt, wo er offiziell
als Abteilungsleiter des Rasseamtes II fungierte, tatsächlich jedoch ausschließ­
lich für das Ahnenerbe tätig war - im Gegenzug wechselte dafür Hans Strobel
zum Reichsnährstand.256 Die mit der hauptberuflichen Ahnenerbe-Anstellung
verbündenden Aufgaben Plassmanns bestanden primär, im Ausbau der Zeit­
schrift „Germanien" „zu einem stoßkräftigen Kampfblatt für die weltanschau­
liche Schulung nach den Grundsätzen der SS", die fortan in nichts dem von
Hans Reinerth herausgegebendem Konkurrenzblatt „Germanen Erbe" des
Rosenbergschen Volksbundes nachstehen sollte.257
Nach Übernahme der Zeitschrift Germanien durch das Ahnenerbe im
März 1936 behielt Plassmann die Hauptschriftleitung und verfaßt eine Reihe
von programmatischen Artikeln zur propagandistischen Ausrichtung des
Ahnenerbes auf die Linie der NS-Führung. In den folgenden Jahren gelang
es, zunehmend akademische Forscher für Beiträge zu gewinnen, auch wenn
der Hauptanteil noch immer auf den Beiträgen von Laienforschern lag. Es
wäre jedoch falsch, der Zeitschrift ein begrenztes Niveau zu bescheinigen,
wie es etwa Kater tut.258

256 Nach Lixfeld, die einen Befehl Karl Wolffs zur Kommandierung Plassmanns
zur Dienstleistung im Ahnenerbe von 1936 zitiert - allerdings stellt sich die Frage,
warum dieser als Führer des Hauptamtes RFSS statt Darre als Amtschef des Ru­
SHA diesen Befehl erteilte?
257 Lixfeld (1994), S. 229.
258 Kater (2006), S. 118, schreibt dazu polemisch: „Die Zeitschrift Germanien war
in jeder Hinsicht ein Blatt für Laien und solche, die sich politisch für dumm verkau­
fen ließen" und urteilt, in ihr „hätten vornehmlich die unteren wissenschaftlichen
Ränge im Ahnenerbe publiziert... Spitzenkräfte wie ... Till ...überhaupt nicht" (S.
106); Lund (1995), S. 31, weist dagegen einen Beitrag Tills für die „Germanien"-
Ausgabe 15/1943 und damit Katers erneuten Irrtum nach.

88
Im Gegenteil, für eine Zeitschrift, die sich nicht an ein Fach- sondern an ein
Laienpublikum richtet, war das Niveau sogar so hoch, daß Himmler noch
1940 - als also kriegsbedingt weniger Forscher für Beiträge zur Verfügung
standen - die ursprünglich geplante Verteilung von 5000 Exemplaren inner­
halb der Waffen-SS auf 2000 senkte. Der Grund: Die Lektüre sei teilweise „zu
hoch" und zu „wissenschaftlich" für den einfachen SS-Mann.259
Aufgrund des großen Zuspruchs insbesondere durch den neuen Ahnen­
erbe-Präsidenten Walther Wüst, der Plassmann bescheinigte, „aufgrund sei­
ner Gesamtleistung unbedingt der alten Schule von Germanisten" zugerechnet
werden zu müssen, „die von den Gebrüdern Grimm begründet worden ist",260
übernahm Plassmann nicht nur im Februar 1937 die Führung der neuge­
gründeten Ahnenerbe-Pflegestätte für Märchen- und Sagenkunde", sondern
darüber hinaus noch die Schriftleitung von drei anderen Ahnenerbe-Publi­
kationen: „Nordland", „FM-Zeitschrift" und „Das Thema von Morgen".
Weiterhin auffällig ist Plassmanns Schreib- und Arbeitsfleiß, der umso
erstaunlicher scheint, als daß er für seine Tätigkeit lediglich mit einem gerin­
gen Einkommen entlohnt wurde. Zwischen 1925 und 1942 verfaßte er über
70 wissenschaftliche Artikel, davon 60 innerhalb der Zeitschrift „Germa­
nien", sowie zahlreiche Buchrezensionen.261
Jedoch scheint die hohe Arbeitsbelastung zwischenzeitlich ihren Tribut zu
fordern: so bemängelte Wüst 1939 ein Abfallen des Niveaus der Zeitschrift.
Insbesondere sei es wiederholt zum Abdruck nicht redigierter Texte gekom­
men, die bei einigen Lesern und auch Ämtern für Kritik sorgten.262 Innerhalb
kurzer Zeit, scheint Plassmann dementsprechend reagiert zu haben, denn
wenige Monate später wird er wieder ausdrücklich für seine Arbeit gelobt.
Gekrönt werden sollte seine schriftstellerische Tätigkeit durch seine
- schon vor Fertigstellung von Wüst überschwenglich gepriesene - Habi­
litationsschrift über die sächsischen Kaiser, die im Dezember 1938 an der
Universität München eingereicht wurde. Wüst schreibt hierzu an Himmler:
„Sie wird mit Hilfe einer geradezu verblüffenden und ergebnisreichen Methode das
Geschichtsbild der Sachsenkaiser auf altgermanischer Grundlage aufbauen, dieses
Geschichtsbild so der römischen Geschichtsklitterung endgültig entreißen und da­
mit die Absichten des Reichsführers SS in einer Weise und Stärke mit verwirklichen
helfen, wie sie eindrucksvoller nicht gedacht werden kann."263
Hintergrund dieser Lobpreisung war dabei allerdings die drohende
Entlassung Plassmanns aus dem Ahnenerbe durch ein im April 1937 ein­

259 Schreiben Himmler-Wüst v. 23.6.1940,. Archiv Verfasser Nr. 11.


260 Zit. nach Lixfeld (1994), S. 230.
261 Vgl. Lixfeld (1994), S. 232.
262 So Schreiben Wüst an Plassmann v. 23.3.1938; Archiv Verfasser Nr. 10.
263 Lixfeld (1994), S. 234; siehe auch Plassmann: „Ehre ist Zwang genug"(1941).

89
geleitetes SS-Disziplinarverfahren nach einem Streit des Germanien-Schrift­
leiters mit Angehörigen der Hitlerjugend. Trotz der breiten Front an Unter­
stützung für Plassmann, wurde er aufgrund des Verfahrens tatsächlich im
November 1937 für einen kurzen Zeitraum aus der SS entlassen. Während
er seine Tätigkeit innerhalb des Ahnenerbe auf Himmlers persönliche Wei­
sung davon unbeeindruckt beibehielt, sprach ihn schließlich auch das SS-
Ehrengerichtsverfahren noch Ende des Jahres von allen Vorwürfen frei und
Plassmann wurde wieder in die SS aufgenommen. Zugleich erhielt er eine
Festanstellung im Ahnenerbe, was sein bislang eher kärgliches Einkommen
bedeutend verbesserte. Insgesamt ging der „Germanien"-Schriftleiter aus
dieser Angelegenheit gestärkt hervor, sein Konkurrent Bernhard Kummer,
Schriftleiter der Zeitschrift „Nordische Stimmen", der ihn des „Katholizis­
mus nahestehend" beschuldigt hatte, mußte sich in „Germanien" öffentlich
entschuldigen und wurde seiner Tätigkeit - auch aufgrund eines damit in
Zusammenhang stehenden Konfliktes mit Otto Höfler - enthoben.264
Weniger Glück hatte Plassmann indes mit seiner Habilitation - dort
bahnte sich ein Streit zwischen dem Hauptgutachter Höfler und dem Zweit­
gutachter Erich Gierach an: weniger über die Arbeit des Doktoranden, denn
über deren persönliches Verhältnis. Jedenfalls legte Wolfram Sievers Plass­
mann nahe, die Arbeit vorerst zurückzuziehen, was dieser mit dem Verweis
auf eine von ihm gewünschte Erweiterung dann im März 1940 auch tat.
Für Michael Kater, den Verfasser der Ahnenerbe-Monographie, war dieses
vermeintliche „Scheitern" Anlaß, Plassmanns Fähigkeiten generell in Frage
zu stellen.265
Daß dies fernab jeglicher Realität ist, räumt selbst die dem Ahnenerbe-
Mitarbeiter nicht allzufreundlich gesinnte Gisela Lixfeld ein: „Dieses Urteil
- wohl auch in der von Kater immer wieder vorgenommenen strikten Scheidung in
Koryphäen und Dilettanten begründet - läßt sich mit Hilfe der überlieferten Akten
nicht erhärten."266

264 Vgl. dazu Kapitel 7.3.


265 Kater (2006), S. 135.
266 Lixfeld (1994), S. 234; ebenda, S. 252, werden drei Kategorien genannt, auf denen
nach Kater gearbeitet wurde: „Die erste berücksichtigte Himmlers absurdeste Fragestel­
lungen', die .dilettantischsten Anfragen' des Reichsführers-SS; auf der zweiten wurde
ideologische Zweckwissenschaft' betrieben, unter Anerkennung des ,Primats der nati­
onalsozialistischen Weltanschauung über die Wissenschaft'; auf der dritten wirkten .se­
riöse Wissenschaftler, die .zwischen der herkömmlichen Auffassung von Wissenschaft­
lichkeit und den ideologischen Erfordernissen einen Kompromiß zu schließen' bereit
waren. Diese Scheidung der Ahnenerbe-Wissenschaftler in „seriöse" Forscher einerseits
und Dilettanten andererseits erscheint problematisch und stimmt in dieser Form wohl
kaum mit der Wirklichkeit überein: Denn die als Dilettanten eingestuft waren nicht

90
Bevor Plassmann seine Habilitation weiter ver­
folgte, hielt er im Auftrag des Ahnenerbes landes­
weit Vorträge, organisierte und besuchte diverse
Tagungen und arbeitete an verschiedenen Buch­
projekten. Diese Tätigkeit schien dem Ahnenerbe,
obgleich aus seinen Reihen in Person des Präsi­
denten Wüst Plassmann zur Habilitationsanmel­
dung förmlich gedrängt wurde, von größerer
Bedeutung, als die Aufwertung eines ihrer Prota­
gonisten durch einen akademischen Titel.267
Im Juni wurde Plassmann zur „Sicherung von
Kulturgütern" in das besetzte Paris entsandt, wo
er unter anderem französische Dokumente zum
J. O. Plassmann
Westfälischen Frieden entdeckte, die für eine ge­
meinsame Publikation mit Dr. Schulte/Münster
Verwendung fanden.
Seit August 1940 wirkte Plassmann ferner innerhalb des „Germanischen
Wissenschaftseinsatzes" zur Gewinnung von europäischen Freiwilligen für
den Nationalsozialismus in den besetzten Ländern Belgien und den Niederlan­
den und wurde aufgrund seiner Erfolge 1941 zum Ahnenerbe-Verbindungs­
mann zum SS-Hauptamt „Germanische Freiwilligen Leitstelle" ernannt.
Durch den erzwungenen Rücktritt des seinerzeitigen Dekans des Volks­
kunde-Lehrstuhles in Bonn, Heinrich Harmjanz und den Tod dessen vorgese­
henen Nachfolgers Erich Röhr, wurde Plassmann als neuer Volkskunde Lehr­
stuhlinhaber vorgeschlagen und reicht seine Habilitationsschrift zum Thema
„Untersuchungen zur germanischen Sagen- und Religionsgeschichte bei Wi­
dukind von Corvey" an der Universität Tübingen ein. Mit einigen Vorbehal­
ten wurde diese im Oktober 1943 angenommen. Nach Überwindung weiterer
Widerstände im Bonner Universitätsbetrieb wurde Plassmann schließlich im
Wintersemester 1944 zum ordentlichen Professor bestellt, nachdem er am 1.
Mai aus dem hauptamtlichen Dienst des Ahnenerbe ausgeschieden war um
bereits als Vertreter für den vakanten Volkskunde-Lehrstuhl zu fungieren.

so dilettantisch und die als seriös eingeschätzten waren nicht so seriös, wie es auf den er­
sten Blick erscheinen mag. Die Übergänge zwischen beiden Extremen sindfließend, und
die generell ebenso dilettierenden wie wissenschaftlich vorgehenden Ahnenerbe-Forscher
lassen sich eher nach dem Grad und den Gründen ihres Engagements für die nationalso­
zialistische oder,SS-Weltanschauung' unterscheiden."
267 So Lixfeld (1994), S. 235.

91
3.3. Herman Wirth & die Urreligion

Eigentlicher Initiator des Ahnenerbes war indes der Privatgelehrte Her­


man Wirth. Dieser zählt zu jenen Persönlichkeiten, deren Lebenswerk zu­
meist unter ausschließlichem Blick auf ihre Tätigkeit innerhalb des Dritten
Reiches bewertet wird. Im Falle des Marburger Gelehrten, der noch bis ins
hohe Alter hinein forschend tätig gewesen ist, und innerhalb seiner Herman-
Wirth-Gesellschaft- später „Ur-Europa e.V." - früh- und geistesgeschichtlich
Interessierte jeder politischen Couleur zu begeistern vermochte, gesellt sich
der politischen Ächtung noch der Vorwurf einer „schwärmerischen Unwis­
senschaftlichkeit" bei, der bemerkenswerter Weise bereits während der 30er
verschiedentlich geäußert wurde.268
Bei vielen negativen Urteilen über Wirth kann man sich dabei des Ein­
druckes nicht erwehren, daß jene „Inquisitoren" weder Wirth selbst noch
dessen Werke zu kennen scheinen. Auffällig ist dies nicht nur in der anglo­
amerikanischen Forschungsrichtung der „okkulten Wurzeln des 3. Reiches"
- innerhalb derer Herman Wirth rangiert -, sondern auch in der deutschen
Literatur, obgleich hier verschiedene herausstechende objektivere Betrach­
tungen existieren. So begnügt sich der schottische Betrachter der okkulten
Strömungen des 20. Jahrhunderts, James Webb, mit dem spärlichen Hinweis
auf Wirths Zuständigkeit, „für die abstruseren Aspekte der Ur- und Frühge­
schichte", denen er versucht habe, innerhalb des Ahnenerbe-Institutes „einen
offiziellen Rahmen zu geben."269 Grundlage dieser Einschätzung Webbs, war
neben Wirths Eintreten für die als Fälschung geltende Ura-Linda-Chronik
(ULH) - auf die noch einzugehen sein wird -, sein Glaube an ein nordisches
Atlantis sowie seine Affinität zu immateriellen menschlichen Gaben, die bei
Webb in der Bemerkung gipfeln, er hätte dem Gast Friedrich Hielscher Ge­
danken seiner Frau mitgeteilt, die er auf telepathischem Weg von ihr erfah­
ren habe.270
Der Beantwortung der Frage des Gehaltes dieser Vorwürfe, sei ein kurzer
Blick auf Wirths Lebenslauf vorangestellt:
Am 06.05. 1885 als Sohn des aus der deutschen Rheinpfalz stammenden
Gymnasiallehrers Ludwig Wirth und seiner holländischen Ehefrau Sophie
Gijsberta, geborene Roeper Bosch, in Utrecht geboren, absolvierte Wirth er­
folgreich seine Schullaufbahn und begann in seinem Heimatort ein Studium
niederländischer Philologie, Germanistik, Geschichte und Musikwissen­
schaft.271 Nach einigen Semestern setzte er sein Studium in Leipzig fort, wo

268 Vgl. Bäumler (1932), S. 24 f.


269 Webb (2008), S. 375.
270 Webb (2008), S. 376, unter Berufung auf Hielscher, 50 Jahre unter Deutschen, S. 288.
271 So Alexander (Wirth).

92
seine bereits durch den Vater geförderte Vorliebe für die deutsche Kultur
weiter zunahm.272
Nach Utrecht zurückgekehrt, bestand Wirth 1908 sein Staatsexamen und
promovierte 1910 mit der Arbeit „Der Untergang des niederländischen Volks­
hedes" an der Universität Basel beim dortigen Volkskundler John Meier zum
„Dr.phil/'Darauf kehrte er als Dozent für niederländische Philologie an die
Berliner Universität zurück, wo er sich neben volkskundlichen Studien273 auch
für die niederländische Volksmusik begeisterte. Zusammen mit einer Gruppe
begeisterter Anhänger gab er Veranstaltungen in denen früh-niederländische
Musikdarbietungen mit Vorträgen kombiniert wurden. 1913 heiratete er eine
beteiligte Musikerin, Margarethe Schmitt, Tochter eines damaligen bekannten
Landschaftsmalers.274
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Wirth freiwillig zum deut­
schen Militär. Aufgrund seiner niederländischen Staatsangehörigkeit setzte ihn
das Militär in der Zivilverwaltung im deutsch besetzten Belgien in Gent ein, wo
er als Verbindungsmann zu den - deutschfreundlichen - flämischen Separatisten
fungierte. Hier engagierte er sich stark für die flämischen Belange. Nicht zuletzt
wegen seines Engagements als gebürtiger Niederländer für Deutschland wurde
er 1916 von Kaiser Wilhelm II. zum Titularprofessor ernannt. Allerdings ging
einigen deutschen Offizieren sein Einsatz für Flandern zu weit, so daß er noch
1916 von seiner Position abberufen wurde.275 Nach dem Zusammenbruch 1918
gründete Wirth in den Niederlanden die hündische Organisation „Landsbond
der dietsche Trekvogels", eine niederländische Variante des Wandervogels. In
diesem Zusammenhang erkannte er, daß der deutschen Jugend bei allem völ­
kischen Enthusiasmus die eigentliche geistige Urgrundlage fehlte:
„Denn daß die Edda keine „germanische Bibel" war - wie von gordischen Glau­
bensbewegungen' damals (und sogar noch heute) mit tragischer Ehrfurcht ange­
nommen wurde - das war mir soweit klar geworden. Aber was lag dahinter?"276 Mit
dieser Fragestellung verband sich der Beginn des „Suchens und Tastens"
Wirths zurück zur europäischen Geistesurgeschichte - lange vor dem Wal­
halla- und Götterglaube der Germanen.277
Zu dieser Zeit - 1924 - ließ sich Wirth in Marburg nieder und errichtete
das Haus Eresburg als Studienort. 1925 trat er der NSDAP bei, doch be-

272 Pringle (2006), S. 57.


273 Dort entstanden seine ersten Bestandsaufiiahmen jener „Uleborden", Giebel­
zeichenfriesischer Bauernhäuser z.T. mit Jahrtausende alten Sinnbildern; vgl. Ale­
xander (Wirth).
274 Pringle (2006), S.57.
275 Wiwjorra (1995), S. 93.
276 Wirth (1960), S. 16.
277 Wirth, ebenda; vgl. Krüger (2011).

93
Herman Wirth in seinem Arbeitsraum im Haus Eresburg, Marburg, ca. 1930

reits 1926 folgte sein Parteiaustritt, dessen Begründung umstritten ist. Wir­
th selbst führte an, durch diesen Schritt der Bewegung von größerem Nut­
zen gewesen zu sein, da er dem Nationalsozialismus entgegenkommende
Thesen ohne Vorwurf der Parteilichkeit propagieren hätte können. Andere
Stimmen behaupteten demgegenüber, Wirth hätte zu dieser Zeit jüdische
Gelder angenommen und werten dies als Beweis für seinen vorgeblichen
Opportunismus.278 Wie sich der Austritt auch immer erklären läßt, sticht
hier bereits Wirths eigenwilliger Charakter hervor, bei aller unumstrittenen
geistigen Nähe zur NS-Bewegung auch unpopuläre Maßnahmen zu ergrei­
fen, wenn er von deren Richtigkeit überzeugt war.
Bereits seit 1921 mündete Wirths Interesse an den Grundlagen der germa­
nischen Kultur in volkskundlichen und frühgeschichtlichen Forschungen, in
deren Mittelpunkt die Sinnbild- und Kultsymbolik stand.
Mit seinem 1928 bei Eugen Diederichs in Jena veröffentlichten Werk „Der
Aufgang der Menschheit" begeisterte er weite Kreise der völkischen Anhän­
ger und inspirierte auch führende NS-Protagonisten. Durch die Deutung des
Hakenkreuzes als „arteigenem Heilszeichen" bereitete er auch - gemeinsam

278 Kater (2006), S. 13 - Ursprung der Vorwürfe war die Behauptung Bolko v.
Richthofens gegenüber NSDAP-Parteigremien, die der Denunziation Wirths die­
nen sollten. Tatsächlich hatte Wirth eine beachtliche Spende des jüdischen „Ölmag­
naten" Ludwig Schindler angenommen; vgl. Alexander (Wirth).

94
mit anderen Forschern - dem spä­
teren Symbol des Dritten Reiches
ein theoretisches Fundament.
Im gleichen Jahr erfolgte die
Gründung der Herman-Wirth-
Gesellschaft" welche den grund­
legenden Thesen Wirths eine
weitere Verbreitung verschaffen
sollte - die Abstammung noch
heute weltweit anzutreffender
Sinnbildsymbolik von einer jung-
paläolithischen Kultur, die bereits Umstrittene Schriften: „ Ura-Linda-Chronik"
einen auf dem Sonnen-Jahreslauf (1934) und „Aufgang der Menschheit" (1928)
basierenden (Ur-)Monotheismus
und Lichtbringerglauben besessen hätte und identisch mit der atlantisch­
nordischen Rasse wäre, die ihren Ausgangspunkt aus einem arktischen „At­
lantis / Thule" genommen hätte. Die weltweit verbreiteten Zeichen deutete
Wirth als „vergeistigte Urbilder", die zugleich Urschrift, Urkultur und Ur­
symbolik verkörperten. In Wirths Worten in einem Satz zusammengefaßt,
„daß die Religion der nordatlantischen Tuatha-Völker, „jener „Leute" oder
„Deutschen" der fernen Vorzeit eine monotheistische war, ein Glaube an
den Welten- und Himmelsgott."279
1929 hielt Wirth einen Vortrag in München, bei dem auch Hitler mit eini­
gen Parteifreunden, darunter Alfred Rosenberg, sowie das Verlegerehepaar
Bruckmann anwesend waren. Im Anschluß an den Vortrag übergab Hitler
Frau Bruckmann Wirths Buch „Der Aufgang der Menschheit" mit folgender
Widmung: „Wirth ist für mich der lebendigste Wissenschaftler. Ich warte nur da­
rauf daß dieser Mann zum Volke spricht. Nach der Machtübernahme werde ich sein
und Klages' Werk durch Lehrstuhl und Institut sicher stellen."280
1932 führte Wirths Nähe zur NSDAP, die sich auch in einem Wahlaufruf
Wirths zugunsten der Partei 1932 im Völkischen Beobachter widerspiegelte,281
zur Gründung des Forschungsinstitutes für Geistesurgeschichte in Bad Do­
beran auf Betreiben der nationalsozialistischen Landesregierung von Meck­
lenburg-Schwerin. Im März 1933 eröffnete Wirth in der Potsdamer Straße in
Berlin die auf einen Monat angesetzte Ausstellung „Der Heilbringer - Von
Thule bis Galiläa und von Galiläa bis Thule", in der er auf die Vorwegnahme
des Christentums im Norden Europas anspielte. Die Ausstellung umfaßte
von Wirth als „Denkmäler des nordischen Kulturkreises und Geisteserbes"

279 Wirth (1931), S. 12; siehe dazu auch Strohmeyer (1993), S. 32 ff.
280 Neumann (Begegnung), S. 7.
281 Vgl. Wiwjorra (1995), S.99.

95
erkannte Exponate und verdeutlichte, daß die „Edda zwar eine schöne Skal­
dendichtung war, aber nicht die germanische Religion darstellte."282
Aufgrund des großen Zuspruchs folgte im Mai 1933 mit Unterstützung des
nationalsozialistischen mecklenburgischen Ministerpräsidenten eine Fortset­
zung der Ausstellung in Schwerin.
Die Reaktionen auf die Präsentation von Wirths Forschungsergebnissen war
jedoch auch unter Anhängern des Nationalsozialismus umstritten. Insbesonde­
re Wirths Ansicht, daß die Zukunft Deutschlands, Europas und im Grunde der
ganzen Menschheit davon abhängt, ob der Mann der Frau ihre Stellung zurück
gibt, die sie einst hatte, und die er ihr genommen hatte. Denn, so Wirth, „sie
stand einst nicht nur neben ihm, sondern sie war auch seine Rätin“.283
Damit mußte er zwangsläufig auch den Widerspruch Rosenbergs herauf­
beschwören, der der Frau lediglich eine passive Rolle zugestehen wollte.284
Mit Wirths Eintritt für einen „wahren Quellenkern" der Ura-Linda-
Handschrift (ULH), die er 1933 mit einem Kommentar veröffentlichte,
steigerte sich die Polarisierung um den umstrittenen Forscher weiter. Die
Mehrzahl der akademischen Frühgeschichtsforscher wandte sich gegen
Wirth, nur wenige anerkannte Fachleute nahmen ihn in Schutz - etwa der
Prähistoriker Gustav Schwantes, der von einem „Funken echten Geniums"
Wirths sprach. Hauptkritikpunkt der Kritiker Wirths waren dabei vor
allem Passagen innerhalb der Chronik, die sich nicht mit dem herrschen­
den Frühgeschichtsbild nationalsozialistischer Frühgeschichtsforscher
deckten sowie die vielen neuheidnischen ausgerichteten Forschern aufsto­
ßende Nähe zum Christentum,285 zugleich aber auch Wirths aus der ULH
abgeleitete Überzeugung von der großen Bedeutung des Weiblichen in der

282 Neumann (Begegnung), S. 4; vgl dazu auch Kummer (1935), der darauf hin­
wies, daß in allen isländischen Sagen weder Wodan, Oin noch das Walhall erschei­
nen, sondern immer nur von Thor als einziger Gottheit gesprochen wird.
283 Herman Wirth während einer Führung durch die Ausstellung, zit. nach Neu­
mann (Begegnung), S. 4.
284 Vgl. dazu Rosenberg (1943), S. 321: „.. daß der Mann auf allen Gebieten der
Forschung, Erfindung und Gestaltung dem Weibe überlegen ist, dessen Wert aber
auf dem ebenso wichtigen, alles andere voraussetzenden der Blutserhaltung und
Rassenvermehrung beruht, aber eben doch nur mittels ihres Leibes“; Neumann, S.
7, berichtet von einem Einspruch nach dem Münchener Vortrag 1929 durch Rosen­
berg: „Na, Herr Professor, das sind doch wohl alles nur Ihre persönlichen Meinun­
gen.“ Worauf der Herr Professor antwortete: „Herr Rosenberg, davon verstehen
Sie nichts:“ Neumann ergänzt: Ob Herman Wirth wohl damals geahnt hatte, daß
Rosenberg damit sein Todfeind geworden war? Im Juni 1934 erließ Rosenberg je­
denfalls ein Verbot, über Wirth zu berichten; Simon (ULChr,), S. 9.
285 Vgl. Wiwjorra (1995), S. 102 f.

96
nordischen Frühzeit, die sich in einer matriarchal geprägten Gesetzgebung
und Rechtsprechung manifestiert hätte.
Trotz dieser den Plänen Himmers zur Errichtung eines SS-Männerordens
auf den ersten Blick entgegenstehenden Ansätzen Wirths,286 war der SS-
Reichsführer nach Bekanntschaft des Marburger Forschers durch Vermitt­
lung Johannes von Leers den Forschungen Wirths gegenüber empfänglich.287
Obgleich aufgrund der innerhalb der NSDAP ausgebrochenen Kontrover­
sen um Wirth das Forschungsinstitut für Geistesurgeschichte in Bad Dobe­
ran nach Streichung der Gelder 1934 wieder geschlossen werden mußte, un­
terstützte Himmler gemeinsam mit Richard Walther Darre die Einrichtung
einer neuen Ausstellung „Der Lebensbaum im Germanischen Brauchtum"
im Gebäude des Reichsnährstandes.288
Kurz danach mündete die neue Allianz am 1. Juli 1935 in der Gründung
des Projektes Ahnenerbe, „Verein zur Erforschung der Geistesurgeschiche".
Hier ging Wirth seinen Forschungen zu symbolkundlichen Überlieferungen
nach und errang mit der Aufstellung einer Sammlung von Gipsabgüssen
prähistorischer Felsbilder aus Bohuslän, die während einer offiziellen Ah­
nenerbe-Expedition angefertigt wurden, auch internationale Anerkennung.
1945 wurde Wirth nach Denunziation durch einen Nachbarn von den
US-amerikanischen Truppen für zwei
Jahre interniert. Nach seiner Freilassung
als „Mitläufer" zog es ihn für einige Jah­
re nach Schweden. Bereits 1954 kehrte er
jedoch in seine alte Heimat Marburg zu­
rück, wo er als Privatgelehrter lebte. Trotz
seiner negativen Erfahrungen mit dem
NSDAP-Parteiapparat trat er anläßlich sei­
ner Wiedergutmachungsklage wegen des
Verlustes seiner Professur im 3. Reich aus
Überzeugung auch öffentlich für seiner
Ansicht nach richtige Aspekte des Dritten
Reiches ein, weshalb er die Klage verlor
und von verschiedener Seite als unver- Herman Wirth in Skandinavien
286 Entgegen der weit verbreiteten Ansicht stand Himmler - anders als Alfred Ro­
senberg - der Betonung der bedeutenden Rolle des Weiblichen in der germanischen
Urgeschichte positiv gegenüber, exemplarisch findet sich dies in der Schrift des
Himmler beratenden Weisthors, „Die Maidenschaft'' (Hagal Nr. 8/1935).
287 Im Frühsommer 1934fand auf Vermittlung der frühgeschichtlich interessierten
von Leers in deren Haus das erste Treffen zwischen Wirth, Darre, Himmler und
Wiligut/Weisthor statt; vgl. Pringle (2006), S. 55.
288 Nach Wiwjorra (1995), S. 105.

97
besserlicher „Nazi-Anhänger" eingestuft wurde.289 Dennoch erhielten seine
Lehren über „mütterlich geprägte Urkulturen" in den 1970er Jahren Reso­
nanz in der sich entwickelnden Alternativszene und in Unterstützergruppen
für die nordamerikanischen Ureinwohner.290 1974 errichtete die Ur-Europa-
Gesellschaft in Fromhausen/Horn, in der Nähe der Extemsteine, eine kleine­
re Ausstellung mit über 700 Ausstellungsobjekten. Da die Ausstellungsfläche
jedoch nicht genügend Raum für alle Exponate Wirths bot, kam es zu Plänen
für eine größere Ausstellung in Thallichtenberg. Auf Vermittlung des Wirth-
Schülers und SPD-Mitgliedes Roland Häke besuchte Willy Brandt 1979 Wir­
th in Marburg und die Rheinland-Pfälzische Landesregierung unterstützte
zeitweise ein Projekt, in Kusel ein Museum mit der ethnographischen Samm­
lung Wirths einzurichten. Aufgrund einer gezielten Denunziationskampagne
gegen Wirth, bei der auch die Zeitschrift „Der Spiegel" eifrig mitwirkte,291
zog sich die Landesregierung trotz vorhergehender Zusagen über 1,5 Mio
Mark zurück.292 Alternativ kam es 1979 stattdessen zu einer kleinen „Oster-
Maien" Ausstellung in Thallichtenberg, wohin Wirth nach dem Tod seiner
Gattin 1979 übergesiedelt war.
Die Behauptung, derzufolge Wirths historische und ethnographische
Thesen „von der wissenschaftlichen Fachwelt einhellig abgelehnt" wurden und
werden und „.. durch keinerlei Quellen belegbar (sind)",293 ist allerdings falsch:
So erlebte die von Wirth in Übereinstimmung mit Forschern wie Bal-
gangadhar Tilak und anderen vertretene Auffassung, Grönland bzw. der
arktische Raum sei ein wichtiges Ursprungsgebiet des nordischen Menschen
gewesen, in den letzten Jahren einen neuen Aufschwung.294
Ebenso wurde unlängst die Existenz der von Wirth postulierten „Ur-
Schrift" erhärtet: Die Forscherinnen April Nowel und Genevieve von Pet-
zinger haben in einer im April 2009 auf dem Treffen der Paläanthropolo-
gischen Gesellschaft in Chikago präsentierten Studie festgestellt, daß an
verschiedenen altsteinzeitlichen Fundstätten auftauchende Symbolzeichen
eine frühe Form rudimentärer Schrift sein könnten. Wie die Mitarbeiter der
Universität von Victoria in British-Columbia (Kanada) mitteilten, weisen die
teilweise komplex gestalteten Zeichen sowie ihre an verschiedenen Orten
nachweisbare Existenz auf eine frühe Kommunikationsform hin, die sich
weltweit ausbreitete. Angefertigt wurden die insgesamt 26 verschiedenen

289 Vgl. Wirth (1960), S. 50;


290 Vgl. Löw (Karriere).
291 Der Spiegel 40/1980.
292 Bischoff (1981), S. 15; zur ganzen Affäre, siehe Häke: (1981), S. 55 ff.
293 So Wikipedia: Herman Wirth.
294 Unter http://www.zillmer.com/index2.htmfindet sich beispielsweise eine Auf­
listung von Indizien für eine teilweise eisfreie Arktis im Jungpaläolithikum.

98
Zeichen - darunter Hände, Linien, Spiralen, Rauten usw. - in der Zeitspan­
ne zwischen 35 000 und 10 000 v. Zw. zumeist innerhalb bekannter Höhlen
oder an Felswänden, wie etwa im südfranzösischen Chauvet oder in der
Les-Trois-Freres Höhle in den Pyrenäen. Hier in Südfrankreich lokalisierten
die Forscherinnen auch das früheste Auftreten der Zeichen, obgleich sie eine
frühere Entstehung und zeitgleiche Ausbreitung mit dem modernen Men­
schen von Afrika ausgehend, nicht ausschließen wollen.
Mit den Forschungsergebnissen werden auch die Erkenntnisse Wirths
unterstützt, der bereits in seinem 1928 erschienenden Werk „Der Auf gang
der Menschheit" von einer weltweiten Verbreitung einer altsteinzeitlichen
Schriftform ausging, welche teilweise die gleichen Symbolzeichen enthält,
wie die nunmehr im Rahmen der Studie vorgestellten.295
So mag man in der Bilanz durchaus Günter Bischoffs anläßlich der To­
tenfeier für Wirth geäußerten Worten beipflichten, daß nämlich Wirth „wil­
lens (war),einer fest gefahrenen Kathederwissenschaft in ihrer Unkenntnis und im
Nichtwissen um das nicht beachtete Denkmälermaterial, wieder neues, ehedem altes
Leben einzuhauchen. Ruht doch darin allein urgeschichtliche-geistige Überlegung,
um nun auf diesem Wege den Vorstellungen um einen unpersönlichen, einst ge­
dachten Weltengott, Weltengeist,der als Ur-Vorstellung einer Urgemeinschaft ge­
schaut , gedacht und als solcher verehrt worden ist, wieder nahe zu kommen."296

Weltweite Verbreitung von Zeichen, die bereits Herman Wirth erkannt hatte; New Scientist

295 Siehe Trojaburg 2/2010, S. 5; Quelle: Newscientist, 20.02.2010.


296 Bischoff (1981), S. 3.

99
4. Indogermanisches Weistum statt „Germanentümelei"?
Walther Wüst & der kommende SS-Glaube

„Das müßte ein Hundsfott sein, der als echter


Nationalsozialist eine wissenschaftliche Fund­
grube, wie wir sie im Schrifttum der alten Arier
zur Verfügung haben, nicht dem Nationalsozi­
alismus zur Verfügung stellte. Das ist lebens­
wichtig für uns und deswegen müssen wir uns
zwangsläufig damit beschäftigen."297

4.1. Männerorden statt Urmuter

chon zwei Jahre nach Gründung des Ahnenerbe sah sich Himmler zu

S einem radikalen Kurswechsel seines Institutes genötigt. Bereits 1936


war Herman Wirth wegen mangelhafter Verwaltung des knapp gefaß­
ten Finanzbudgets des Vereins in die Kritik geraten. Sein Forscherdrang
überwog das kaufmännische Geschick um Längen. Gleichzeitig mehrte sich
die Kritik an Wirths Auffassung über die grundsätzliche Ausrichtung des
Ahnenerbe. Doch Herman Wirth war kein Forscher, der bereit war, seine
Erkenntnisse bedingungslos einer politischen Doktrin zu unterstellen, was
zwangsläufig zu Kontroversen führen
mußte. Die Differenzen mit Vertre­
tern eines neuen Kurses des Ahnener­
be, der sich stärker an den politischen
Erfordernissen der NSDAP orientie­
ren sollte, wurden schließlich unüber­
brückbar; Wirth wurde als Präsident
des Ahnenerbe durch den Orienta­
listen und späteren Dekan der Mün­
chener Universität Walther Wüst er­
setzt und fungierte lediglich noch als
„ Ehrenpräsident".
Während die Forschung als Be­
gründung für diesen Schritt für ge­
wöhnlich dem Ahnenerbe-Experten
Michael Kater folgte, erweisen sich
die Gründe als weitaus vielschich­
tiger. Kater hatte argumentiert, „daß
Wirth in den Augen der Fachwelt doch viel „Haus Atlantis" in der Böttcherstraße
297 Wüst (1936).

100
Lächerliches anhaftete, war Himmler im Grunde peinlich,
und je eher er den Geistesurgeschichtsforscher, dessen brü­
chiges Renomee beizeiten auch auf das Ahnenerbe abfärben
mußte, durch einen allerseits akzeptierten Mann ersetzen
konnte, desto besser."298
Dementsprechend dominiert innerhalb der Li­
teratur als Motiv der Ablösung Wirths, der Ver­
such, die Reputation des Ahnenerbe zu verbessern
- zumeist mit dem irrigen Verweis auf das Eintreten
Wirths für die Echtheit der Ura-Linda-Chronik, als
vermeintlichem Auslöser für Himmlers Entschei­ Ludwig Roselius
dung gegen Wirth.299
Ausschlaggebend für diese Entscheidung Himmlers waren tatsächlich
jedoch verschiedene Faktoren. Zum einen war Wirth als Forscher „mit Leib
und Seele" wenig den organisatorischen Angelegenheiten zugeneigt, die
sich ebenfalls mit der Position als Präsident eines offiziellen Forschungs­
institutes verbanden. Schon immer hatte Wirth Probleme, sein finanzielles
Budget angemessen zu verwalten, was nach dessen kostspieliger, im offi­
ziellen Rahmen des Ahnenerbe erfolgten Skandinavien-Fahrt zur Erstel­
lung von Gipsabgüssen von Felsbildern 1936 den Zorn Himmlers herauf­
beschwor, der seinem Präsidenten vorwarf, damit das Ahnenerbe „an den
finanziellen Ruin" zu treiben.300 Daneben spielte auch Himmlers generelles
Bemühen eine Rolle, „sein" Ahnenerbe-Institut wissenschaftlicher auszu­
richten, wozu als Präsident unbedingt eine wissenschaftlich integre Person
gefunden werden mußte. Letztendlicher Auslöser der „Kaltstellung" Wirths
war jedoch - worauf insbesondere Gert Simon hinwies301 - die Kritik von
höchster Stelle. Diese erfolgte in Form einer Rede Adolf Hitlers gegen die
Begleiterscheinungen der allerorten hervorbrechenden Germanenbegeiste­
rung. Im September 1936 ging Hitler mit den sogenannten Romantisierern
hart ins Gericht: „Wir haben nichts zu tun mit jenen Elementen, die den Natio­
nalsozialismus nur vom Hörensagen kennen und ihn daher nur zu leicht verwech­
seln mit undefinierbaren nordischen Phrasen und die nun in einem sagenhaften
Atlantischen Kulturkreis ihre Motivforschung beginnen. Der Nationalsozialismus

298 Kater (2006), S. 41.


299 So etwa Trimondi (2002), S. 39 und http://www.bundesarchiv.de/oeffentlich-
keitsarbeit/bilder_dokumente/01831/index-5.html.de; Katholing (1999), S. 13, ver­
weist dagegen zurecht darauf, daß gerade dieses Eintreten erst den Ausschlag für
Himmler gab, Wirth als Präsidenten zu nominieren.
300 Vgl. Pringle (2006), die beschreibt, wie bereits das Budget der Skandinavien-
Expedition Wirths knapp kalkuliert wurde und Wiwjorra (1995), S. 106.
301 Simon (Himmlerbibel), S. 10.

101
lehnt diese Art von Böttcherstraßen-Knltur schärfstens ab." Damit richtete sich
der Reichskanzler sowohl gegen den Bremer Kaufmann Ludwig Roselius als
auch gegen dessen Protegee Herman Wirth. Roselius hatte 1931 in der Bre­
mer Böttcherstraße sein künstlerisch umstrittenes Haus Atlantis vom Archi­
tekten Bernhard Hoetger errichten lassen. 1933 und 1934 rief Roselius eine
Reihe bedeutender Forscher und Historiker zu „Thing-Veranstaltungen"
nach Bremen, darunter auch den italienischen Autoren Julius Evola sowie
Walther Wüst, die beide 1934 sprachen. Doch bereits das Thing 1933 sorg­
te durch die Rede Herman Wirths, der zugleich die in Bremen gastierende
Ausstellung „Der Heilbringer" eröffnete, für Kontroversen, die darin gipfel­
ten, daß zwei Forscher die Veranstaltung vorzeitlich verließen.302
Besonderen Anstoß nahmen „NS-treue" Gefolgsleute auch an architektoni­
schen Umsetzungen, wie etwa der „schauerlichen" Odin-Jesus-Skulptur am
Portal des Hauses Atlantis, die auf Wirths Lebensring-Jahresrad Bezug nahm.303
Die Polemik Hitlers versetzte jedenfalls den „treuen Heinrich", wie
Himmler in Anspielung auf seine Verbundenheit mit Hitler ironisch ge­
nannt wurde, in höchste Alarmstimmung. Damit waren bereits im Herbst
1936 die Weichen für den Wechsel gestellt, denn ein Wort Hitlers hatte in
Himmlers Empfinden immer auch den Ton eines Befehls. Bislang hatte Hit­
ler Himmlers Privatforschungsattitüden stets toleriert, obgleich seine privat
geäußerte Ablehnung der Ausgrabung „germanischer Lehmhütten" von
Zeit zu Zeit offenkundig wurde: „Nicht genug, daß die Römer schon große Bau­
ten errichteten, als unsere Vorfahren noch in Lehmhütten hausten, fängt Himmler
nun an, diese Lehmdörfer auszugraben.''304
Nunmehr sah sich Himmler im Zugzwang gegenüber seinem Dienst­
herren, mit dem Ahnenerbe für die Partei verwertbare Ergebnisse zu prä­
sentieren. Dies sollte zum einen mit der Steigerung der internationalen Re­
putation des Vereins, zum anderen mit der Änderung der Ausrichtung, hin
zur Erforschung des Indogermanentums erfolgen.
Neben Himmlers Zweifeln an der Eignung Wirths zur Verbesserung der Re­
putation des Ahnenerbe, spielte auch dessen fragliche Verwendung zur Kon­
struktion eines religiös-mythischen Unterbaus der SS eine Rolle. Zwar verstand
Himmler die SS nicht als reinen Männerorden, sondern als Familienorden, den-

302 So Lutzhöft: Der nordische Gedanke, zit. nach Strohmeyer (1993), S. 62.
303 Artikel in der SS-Zeitung Schwarzes Korps vom 24. Oktober 1935, zit. nach
Strohmeyer (1993), S. 72; auch Wirth empfand übrigens die Skulptur als wenig
gelungen, was seine „Mithaftung" indes nicht verhinderte.
304 Nach Speer (1976), S. 108; allerdings muß dieses Zitat hinterfragt werden,
denn der Autor nimmt es auch an anderen Stellen nicht so genau mit der Wahrheit;
daß Hitler in der Öffentlichkeit durchaus den Wert des „Germanentums" anerkann­
te, beweist seine Rede vom 5.12.1934; siehe Lund (1995), S. 103.

102
noch war die Ausrichtung auf das männerbün-
dische Prinzip nicht zu leugnen. Exemplarisch
dafür stehen Himmlers Überlegungen zur Er­
laubnis einer Mehrehe für den SS-Mann. Nach
seinen Überlegungen sollte der SS-Mann neben
seiner Frau auch weitere Frauen nehmen dür­
fen, sofern sich damit auch die Zeugung weite­
rer Kinder verband. Auch wenn der Vorwurf
absurd ist, Himmler selbst hätte getreu dieser
Überlegung eine weitere Frau genommen - tat­
sächlich trennte er sich von seiner ersten Frau
Magda aufgrund persönlicher Differenzen be­
vor er eine neue Frau heiratete - so wäre den­
noch eine tatsächliche Umsetzung durchaus Prof. Walther Wüst
denkbar gewesen. Folgerichtig stand Wirth,
dessen stark mutterrechtlich beeinflußte Vorstellung einer Ur-Religion, die der
Reichsführer SS zu Beginn als möglichen langfristigen Ersatz des Christentums
betrachtet haben mag, dem Ordensgedanken der SS im Weg.
Verschiedene Autoren haben die religionspolitischen Pläne Himmlers als
„Renaissance eines heidnischen Glaubens"305 verkannt, was jedoch nicht den
Tatsachen entspricht.
„Heinrich Himmler hatte erkennen müssen, daß eine Restaurierung des ger-
manisch-religiösen Lebens aus den vielen Sekten und Bünden, die meist auf den
Lehren des Wieners Guido von List und der Edda fußten, keine für die SS und das
deutsche Volk verbindliche Religion zu schaffen war", wie bereits Rudolf Mund
bemerkte.306
Mangels schriftlicher germanischer Quellen und eingedenk der Unbrauch­
barkeit der gut überlieferten Verhältnisse der spätgermanischen Zeit aufgrund
ihrer diffusen Vielgötterwelt, wendete sich Himmlers Bück schließlich auf die
indogermanischen Vettern der Frühgermanen: Die Indoarier. Damit richtete
sich Himmlers Fokus zugleich auf einen Mann, der trotz seines jungen Alters als
Koriphäe auf diesem Gebiet galt und überdies bereits als SS-Mann dem Ahnen­
erbe Schützenhilfe geleistet hatte: Walther Wüst (1901-1993). Neben seiner
Verteidigung der Ura-Linda-Chronik als „im Kern echt" anläßlich der be­
reits erwähnten Podiumsdiskussion, erregte er insbesondere mit seiner viel­
beachteten Rede „Des Führers Buch Mein Kampf als Spiegel arischer Welt-

305 So vor allem die wenig differenzierenden US-Autoren; vgl. etwa Levenda:
„Himmlers dream was to create, out ofthe SS, a new religion based on the pagan
elements ofwhat he percieved to be the original, Ur-aryan religion ofancient India
and Europe"; S. 215.
306 Mund (2011), S. 148

103
anschauung" nicht nur das Interesse Himmlers.307 308 Wüst war in Vielem fast
das Gegenteil von Wirth - pedantisch, organisatorisch perfektionistisch und
vor allem wissenschaftlich ausgerichtet und als solcher auch im Ausland an­
erkannt. Mit Anfang 30 verfügte er bereits über einen eigenen Lehrstuhl an
der Universität München. Die Berufung von Wüst versprach nicht nur eine
bessere Reputation des Ahnenerbe, sondern auch neue Ansätze zur Kreie­
rung eines tatsächlichen „SS-Glaubens", der aus den Ur-Quellen schöpfte.
Auch im Kreise der NS-Führerschaft genoß der Wissenschaftler Wüst ho­
hes Ansehen. Anläßlich der Ernennung Wüsts zum Rektor der Münchener
Universität führte Gauleiter Wagner aus, daß dieser „zu den wenigen Gelehr­
ten gehöre, die das Wissen über Leben, Geist, Kultur der ältesten Arier bewußt aus
den lebendigen nationalsozialistischen Voraussetzungen heraus erforschen und für
die geistige Formung unseres Volkes nutzbar machen."303
Diese neue Ausrichtung stellte die Weiche für die geistige Unterfütterung
des Anspruchs des neuen Deutschlands, das gemeineuropäische Erbe des
Indogermanentums anzutreten. Der zunehmenden Kritik Wüsts an Wirths
fortgesetzten Forschungen und Vortragsveranstaltungen, schlossen sich auch
Wirths einstige Schüler und Anhänger Wolfram Sievers und Joseph Otto
Plassmann an. 1939 wurde Wirth, der nicht daran dachte, seine öffentlichen
Äußerungen den politischen Erwartungen unterzuordnen, mit einem Vor-

Walther Wüst während der Rede: „Des Führers Buch Mein Kampf', 1936.

307 Vortrag 1936; Wüst, ed. nach Simon, S. 1; die Parteinahme Wüsts für Wirth
im Ura-Linda-Streit verdeutlicht erneut die Unhaltbarkeit der Behauptung, dieser
Streit hätte Wirths Ende im Ahnenerbe besiegelt.
308 Zitiert nach Trimondi (2002), S. 40.

104
trags- und Lehrverbot belegt Doch hielt dieser mit der Kritik an der neuen
Ausrichtung „seines" einstigen Vereins nicht hinter dem Berg. Insbesondere
kritisierte Wirth die Abkehr vom alteuropäischen Mütterglauben und warnte
eindringlich vor der „männerbündlerischen Richtung", die Wüst vorschweb­
te und den „Schwarzen Orden" Himmlers fortan kennzeichnen sollte.309 Die
Spannungen zwischen Wirth und Wüst führten schließlich im Dezember 1938
zum offiziellen Austritt Wirths, nicht ohne daß Himmler mit dem Gelehrten
in Kontakt blieb und für finanzielle Forschungsbeihilfen sorgte. Unrühmlich
war in diesem Streit vor allem die Rolle Wolfram Sievers, dem als früheren
Sekretär Wirths die gesamte administrative Leitung des Ahnenerbes oblag.
Er stellte sich gegen seinen einstigen Förderer und blieb auf seinem Posten.
Daß Sievers trotz seiner persönlichen Kritik an seinem einstigen Vorgesetz­
ten zumindest dessen Arbeit fachlich würdigte, beweist jedoch ein Schreiben
des Geschäftsführers an Plassmann, mit der Vorgabe den Forscher Wolfgang
Krause wegen der Unterschlagung der Forschungen Wirths innerhalb eines
Aufsatzes Krauses zu tadeln.310
Das im März 1937 neu organisierte Kuratorium des im November 1936
dem Persönlichen Stab RF-SS angegliederten Ahnenerbe umfaßte seitdem fol­
gende Mitglieder: 1. Reichsstatthalter Gauleiter Dr. Alfred Meyer, Münster/
2. SS-Standartenführer Erwin Metzner, Berlin, Siegelbewahrer des Reichsbau­
ernrates / zum Präsidenten: SS-Hauptsturmführer o. Univ.-Prof. Dr. Walther
Wüst, Dekan der philosophischen Fakultät der Universität München / zum
stellv. Präsidenten: SS-Standartenführer Dr. Wilhelm Kinkelin, Berlin, Haup-
abteilungsleiter im Stabsamt des Reichsbauernführers / zum Reichsgeschäfts­
führer: SS-Untersturmführer Wolfram Sievers, Berlin. Der stellvertretende
Kurator war wie bisher SS-Brigadeführer Dr. Hermann Reischle, Berlin, Stab­
samtsführer im Reichsnährstand. Außerdem hat der Reichsführer-SS den SS-
Obersturmbannführer Prof. Dr. Herman Wirth, Marburg, als Mitbegründer
des „Deutschen Ahnenerbes" zum Ehrenpräsidenten ernannt.311

4.2. Walther Wüst und die Reform des Ahnenerbe

Der 1901 in Kaiserlautern geborene Wüst war ein sprachliches Multita­


lent: Während seines 1920 am Arischen Seminar der Universität München
begonnenen Studiums erlernte er Gotisch, Mittelhochdeutsch, Sanskrit und
Pali (altpersisch). Weitere Studienschwerpunkte bildeten die indogerma­
nische Sprachwissenschaft, die vergleichende Religionswissenschaft sowie
deutsche und englische Geschichte. Seine Promotion schloß der gebürtige

309 Siehe dazu Neumann (Begegnung).


310 Schreiben Sievers-Plassmann v. 6.7.1938; Archiv Verfasser Nr. 12.
311 Vgl. Wüst (1937); siehe auch Kater (2006), S. 456.

105
Wüst und Himmler in Quedlinburg - in der Kritik: Yro v. Grönhagen, Theodor Weigel

Pfälzer in Indischer Philologie und den Nebenfächern deutsche und engli­


sche Philologie mit einer Dissertation über den „Schaltsatz im Rigveda" im
Jahre 1923 mit der Bewertung „Summa cum laude" ab.312 Drei Jahre später
hatte er bereits seine Habilitation absolviert und wurde als „Privatdozent" -
noch ohne eigene Universitätsprofessur - zugelassen.
Während seines Studium besuchte Wüst auch Vorträge des als Honorar­
professor an der Münchener Uni tätigen Geopolitikers Karl Haushofer, für
dessen Zeitschrift der junge Indologe auch Artikel verfaßte. Haushofer war
es auch, der dem zum 1. Mai 1933 mehr aus Überzeugung denn aus Op­
portunismus der NSDAP beigetretenem Forscher 1935 Schützenhilfe bei der
Ernennung zum Ordinarius des Lehrstuhls für arische Philologie und bei
dessen späterem Eintritt in die Deutsche Akademie gab.
1934 wurde Wüst auch Vertrauensmann des SD der SS worauf eine Beru­
fung als Vermittler zwischen Schwarzen Korps und der Universität folgte.
1935 stieg der Indogermanist nicht zuletzt durch die tatkräftige Unterstüt­
zung verschiedener nationalsozialistischer Fürsprecher vom Privatdozenten
zum ordentlichen Professor des Lehrstuhl für Arische Philologie (seit Wüsts
Amtsübernahme firmierte dieser als „Arische Kultur- und Sprachwissen­
schaft") an der Uni München auf. Wenige Monate zuvor war er bereits zum
kommissarischen Dekan der Philosphischen Fakultät ernannt worden.313 Im
März 1941 wurde Wüst schließlich Rektor der Universität München.
Seinen ersten Kontakt mit Himmler hatte Wüst derweil 1936 über Wolf­
ram Sievers, noch im gleichen Jahr konnte er sich erstmals dem Ahnenerbe
empfehlen. Richard Walther Daree hatte sich bezüglich des Wortes „Odal"
an den Sprachforscher gewandt, der diesem ein erstmaliges Auftauchen in

312 Vgl. Schreiber (2008), S. 29 f


313 Schreiber (2008), S. 66 f.

106
der Bedeutung von „Erbhof" für 2000 v.Zw.
bescheinigte.314
Bereits 1929 hatte sich Wüst kritisch gegen­
über Wirths Aufgang der Menschheit geäu­
ßert und vor allem dessen gewagte Sprach­
vergleiche bemängelt. Dennoch bescheinigte
er dem Werk, in überarbeiteter und gekürz­
ter Fassung, insbesondere nach Rückname
des „religiös-kämpferischen" Tons, eine der
„Wissenschaft dienliche Funktion.315 Nach
dem Machtwechsel fiel Wüsts Bewertung der
Wirthschen Arbeit deutlich positiver aus. So
zählte Wüst zu den Verteidigern des echten
Quellenkerns der Ura-Linda-Chronik auf der
bereits erwähnten Podiumsdiskussion. In sei­
nem dortigen Vortrag forderte Wüst eine „kri­
Festschrift anläßlich der „Salz­ tische Herausgabe" des Werkes um den „alten
burger Wissenschaftswochen" Kern herauszupräparieren. Daß er in diesem
Zusammenhang die Arbeit Wirths, den er we­
nige Jahre zuvor noch kritisiert hatte, als untadelig bezeichnet, weckt beim
Wüst-Biographen Maximilian Schreiber den Verdacht des Opportunismus.316
Allerdings hielt Wüst seinen Kampf für die Echtheit des Quellenkerns der
ULH auch noch nach seinem Eintritt in das Ahnenerbe 1936 aufrecht und be­
faßte sich gemeinsam mit seinem ehemaligen Lehrer Otto Mausser tatsächlich
mit einer kritischen Neuausgabe der Chronik. Der Tod Maussers kurz danach
verhinderte jedoch eine Umsetzung dieser Pläne.317
Im Juni 1936 hielt Wüst im Audimax der Münchener Uni seine Rede „Des
Führers Buch mein Kampf als Spiegel indogermanischer Weltanschauung", in
welcher er Hitler mit Buddha verglich und die gemeinsamen Rassegrundlagen
beider betonte, die über Jahrtausende ähnliche Verhaltensweisen begründen
würden.318 Der anwesende Ahnenerbe-Generalsekretär Sievers berichtete von

314 Vgl. Kater (2006), S. 43 f; sowie Schreiber (2008), S. 49; eine Publikation mit
dem Namen Odal veröffentlichte 1936 Johannes von Leers, der Wirth mit Himmler
bekannt gemacht hatte.
315 Siehe Wüst (1929); vgl. dazu Schreiber (2008), S. 45 f.
316 Schreiber (2008), S. 47f.
317 Vgl. Schreiber (2008), S. 49; vgl. auch Brief Himmler an Eckhardt vom 25.2.1937,
in dem der RF von seinem Auftrag an Prof. Mausser berichtet, bei Heiber (1970), S. 56.
318 Vgl. Schreiber (2008), der eine von Wüst gezogene Koninuitätslinie von den
Ariern über die Römer und Germanen bis zum Nationalsozialismus als „unwissen­
schaftlich und unhaltbar" bezeichnet; S. 153.

107
anschließenden minutenlangen Ovationen. Grund genug, Wüst von Seiten des
Ahnenerbe um eine Wiederholung dieses Vortrages vor SS-Männern zu bitten.
Wüst kam diesem Ansinnen im Winter 1936/37 in insgesamt 13 Städten nach.
Zwei Jahre bevor Himmler Wüst nicht zuletzt als Dank für seine Schützenhil­
fe für das Ahnenerbe im Oktober 1936 zum Leiter der Ahnenerbe-Forschungs­
abteilung für Wortkunde ernannte, war Wüst noch auf dem ersten nordischen
Thing des Wirth-Freundes Ludwig Roselius als Redner aufgetreten.319 Zwei Jah­
re später war der Frühgeschichts-Kreis um den Bremer Kaufmann ebenso wie
Herman Wirth von höchster Stelle ins Visier geraten und Wüst verbat sich ange­
sichts seiner Ahnenerbe-Tätigkeit eine Unterstellung unter Herman Wirth.320 Im
Februar 1937 erfolgte dann die offizielle Ablösung Wirths als Präsident durch
Wüst, der erst in diesem Jahr offiziell der SS beitrat.
Fortan galt Wüsts Streben, die Indologie „fruchtbar zu machen, für den nati­
onalsozialistischen Staat".321 Diesbezüglich führte er im März 1937 aus:
„Wir lassen nicht mehr jene lebensfremde und unserem Sein feindliche Irrlehre
gelten, daß wir „Menschen" oder „Kulturmenschen" erst durch den Einbruch einer
fremden Weltanschauung und Staatsauffassung geworden seien; daß die eigenen
Ahnen, von denen uns kaum dreißig bis vierzig Geschlechterfolgen trennen, gewis­
sermaßen nur die eine Hälfte unseres Wesens hergegeben haben, während die ande­
re, und zwar die bessere, uns von irgendwelchen fremden Sendlingen aufgepfropft
und zum untrennbaren Bestandteil unseres Wesens gemacht worden sei.
Weil wir das ablehnen und weil wir dagegen mit aller Entschiedenheit die Bluts­
und Geisteseinheit aller Geschlechterreihen bejahen, darum verwerfen wir auch jene
ausgeklügelte Lehrmeinung, daß wir „Deutschen" etwas ganz anderes sein sollen
als die „Germanen“ von denen wir Deutschen abstammen, und daß den Deutschen
vom Germanen grundlegende und wichtige, angeblich neu hinzugekommene We­
sensbestandteile scheiden. Mit solchen befangenen und böswilligen Behauptungen
soll ja nur erreicht werden, daß der Deutsche die Einheit des Blutes vergißt und
seine geistige und seelische Heimat überall anderswo suchen soll, nur nicht bei sei­
nen eigenen Ahnen. Und damit soll das Wort „deutsch" seines eigentlichen rein
germanischen Inhaltes beraubt und im eigentlichen Sinne bastardisiert und das
deutsche Volk auf eine Stufe mit solchen Völkern gestellt werden, von denen man
sagen kann, daß sie weder Römer, noch Gallier, noch Germanen, sondern ein neues
Erzeugnis aus der Retorte der Weltgeschichte seien. Für uns ist das Ahnenerbe eine
blutsmäßige, geistige und seelische Tatsache, die alle Geschlechterreihen umfaßt, die
,deutschen', die germanischen' und darüber hinaus jenes Urvolk, daß wir als,Indo­
germanen' bezeichnen. Unser Ahnenerbe reicht also weit hinaus über jene Zeit, die
man in willkürlicher Verengung des Begriffes als die „deutsche" bezeichnet; es um­

319 Wüst (1934), S. 155 ff.


320 Kater (2006), S. 61.
321 Schreiber (2008), S. 71.

108
faßt alle geistigen und seelischen Werte, die als Erbteil des Blutes von jenem Urvolk
und seinen Abzweigungen im Laufe der Jahrtausende geschaffen worden sind. Als
Bewohner und Bewahrer des indogermanischen Kernlandes erheben wir Anspruch
auf die gesamte Erbmasse, die je aus diesem Kernlande in die Welt hinausgetragen
worden und im Spiegel der indogermanischen Sprache und Kultur und der davon
beeinflußten Sprachen und Kulturen wiederzuerkennen ist. “322
Trotz seiner unbestrittenen wissenschaftlichen Reputation wird Wüst al­
lerdings auch kritisch gesehen: Fachlich warf man Wüst vor, sein groß ange­
kündigtes „Wörterbuch des Altpersischen", das in der ersten und einzigen
Lieferung lediglich drei Begriffe enthielt, als wissenschaftliches Feigenblatt
verwendet zu haben. Tatsächlich jedoch bestätigen Zeitzeugen den großen
Aufwand, den Wüst hierfür betrieb. Sein seit 1924 kontinuierlich anwach­
sender Zettelkasten, auf dem Einträge und Querverweise gesammelt wur­
den, soll auf über 200.000 Zetteln 2 Millionen Einträge aufgewiesen haben.323 324

Daß die erste Lieferung dennoch mager ausfiel, lag vor allem an der um­
fangreichen Bibliographie und Einleitung - durch den Verlust der Arbeiten
während des Krieges konnte das arbeits- und kriegsbedingt nicht fortgesetz­
te Wörterbuch dann auch nach dem Krieg nicht erscheinen. Von einigen Au­
toren wird Wüst zudem als der klassische Fall des Schreibtischtäters charak­
terisiert, der der nationalsozialistischen Weltanschauung zu universitären
Weihen verholten habe. Diesbezüglich stellte Maximilian Schreiber in seiner
Wüst-Biographie richtig, daß dieser zwar „seine eigene Fachwissenschaft für
politische Zwecke instrumentalisierte", jedoch bemüht war, „den wissenschaftli­
chen Qualitätsanspruch der Universität weiterhin zu bewahren",32i
Dazu zählte auch, daß er sich für die Autonomie der Hochschule gegen
zu große Einflüsse der politischen NS-Stellen ebenso einsetzte, wie für Mit­
glieder des Lehrkörpers, die wegen „defätistischer Äußerungen" oder ihrer
Abstammung von Parteinstitutionen verfolgt wurden.325
Unter Wüsts Dekanat konnten begabte junge Wissenschaftler der SS wie
Rudolf Till, Franz Dirlmeier, Otto Höfler oder Fritz von Rintelen vorzeitig
Karriere machen, Wissenschaftler, die er allerdings für ungeeignet hielt, ver­
hinderte er dagegen, selbst wenn es sich um SS-Angehörige handelte.
Seine akademischen Prinzipien übernahm Wüst auch für das Ahnenerbe,
in dem er im Februar 1937 offiziell den Präsidenten Herman Wirth ablöste.
Seine ersten Amtshandlungen zielten darauf, die Arbeit des Ahnenerbe zum
einen auf eine breitere Basis zu stellen, zum anderen strenger wissenschaft­
lich auszurichten. Fortan galt als Ziel der Organisation, „Raum, Geist und Tat

322 Wüst (1937).


323 So Schreiber (2008), S. 34.
324 Schreiber (2008), S. 352.
325 Ebenda, S. 352 f.

109
des nordischen Indogermanentums zu erforschen, und die Ergebnisse in klarer, einfa­
cher Form dem deutschen Volk zu vermitteln". Die Durchführung dieser Aufgabe
sollte unter Anwendung „exakt-wissenschaftlicher Methoden zu erfolgen" ha­
ben.326 Tatsächlich gelang es, weitere renommierte Forscher für das Ahnenerbe
zu gewinnen, darunter den bekannten Archäologen Herbert Jankuhn und die
von ihm schon an der Universität München protegierten Altertumswissen­
schaftler Franz Dirlmeier sowie Rudolf Till. Auch Victor Christian, ein aner­
kannte Wiener Frühgeschichtler, stieß später zum Kreis der Vorzeige-Wissen-
schaftler des Ahnenerbe. Ein Sponsorenkreis wurde ebenfalls eingerichtet: Der
„Freundeskreis Heinrich Himmler", dem Wüst gemeinsam mit Ernst Schäfer
und Wolfram Sievers seit Juni 1942 bis Mitte 1944 als Repräsentant des Ah­
nenerbe angehörte,327 sorgte fortan für eine bessere Finanzierung der hochge­
steckten Ziele des Vereins, auch wenn dadurch noch nicht alle Pläne Himmlers
finanziert werden konnten. Nach fortgesetzten Meinungsverschiedenheiten
zwischen Wüst und dem Ehrenpräsidenten Herman Wirth, der nicht daran
dachte, sich an den Maulkorberlaß der SS zu halten, ersuchte er Himmler um
die Kaltstellung des Marburger Forschers. Himmler hielt jedoch an seiner
sprichwörtlichen Treue gegenüber alten Gefährten fest, denn ein Rücktrittsge­
such Wirths erübrigte eine Entscheidung des Reichsführers.
Neben Wirth fielen den strengen Anforderungen des neuen Präsidenten
auch andere altgediente Forscher zum Opfer: Wilhelm Teudt lehnte ähnlich wie
Wirth eine Unterordnung unter die SS-Interessen ab und mußte gehen. Auf ei­
ner Ahnenerbe-Konferenz 1937 anläßlich der neuen Ausrichtung ließ sich Wüst
von den Leitern der Forschungsstätten einen Bericht über die bisherige Tätig­
keit erstatten. Der Deutsch-Finne Yrjö von Grönhagen wurde für seinen Vor­
trag getadelt. Wüst empfahl ihm, seinen wissenschaftlichen Mängeln durch den
Abschluß eines Studiums abzuhelfen. Die nicht über eine Promotion in ihren
Fachgebieten verfügenden Karl Theodor Weigel (Landschaftssinnbilder) und
Karl Konrad Ruppel (Hausmarken) wurden fortan primär als „Materialsamm­
ler" eingesetzt, während die wissenschaftliche Aufbereitung den Fachgelehrten
überlassen wurde.328 Durch die Maßnahmen Wüsts, der ab 1939 unter Beibe­
haltung seiner Kompetenzen als Kurator firmieren sollte, schien es eingangs
des Schicksalsjahres 1939, in dem das Ahnenerbe offiziell als Dienststelle der SS
geführt wurde,329 als sei es tatsächlich auf dem Weg zur wissenschaftlichen Re­
spektabilität330 - wenn es nicht weiterhin Forschungsgebiete gegeben hätte, die

326 Wüst: Das Ahnenerbe, in: Germanien 1/1939, S. 91f.


327 Schreiber (2008), S. 211.
328 So Kater (2006), S. 76; so wurde Ruppel von Prof. Dr. Eckhardt als Leiter der
Forschungsstätte für Hausmarken abgelöst und zum Referenten „degradiert".
329 Vgl. Krall (2006), S. 30.
330 So Kater (2006), S. 75; Schreiber meint dagegen, daß es Wüst nicht gelungen wäre,

110
trotz Wüsts wissenschaftlicher Ausrichtung auf ausdrücklichen Wunsch des
neuen offiziellen Präsidenten Heinrich Himmler beibehalten wurden: Die Er­
forschung der Welteislehre und die Erforschung der sogenannten Geheimwis­
senschaften, auf die noch einzugehen sein wird. Wüst akzeptierte offensichtlich
den Kompromiß, einerseits streng wissenschaftlich zu arbeiten, andererseits
Rücksicht auf die Wünsche Himmlers zu nehmen.331
1939 wurden in einer Denkschrift des Ahnenerbes die folgenden, „Pflege­
stätten" genannten Abteilungen aufgeführt:

Lehr- und Forschungsstätte für332


- Indogermaniscli-arischeSprach- und Kulturwissenschaften (Wüst)
- Germanenkunde (erst Teudt, dann Plassmann, danach Schweizer)
- Germanische Kulturwissenschaft und Landschaftskunde
- Ortung und Landschaftssinnbilder (Schzveizer, danach W. Müller)
- Indogermanische Glaubensgeschichte (Huth)
- Indogermanisch-deutsche Rechtsgeschichte (Ebel)
- Schrift- und Sinnbildkunde (erst Wirth, dann Weigel)
- Hausmarken und Sippenzeichen (Ruppel)
- Volkserzählung, Märchen- und Sagenkunde (Plassmann)
- Germanisch-deutsche Volkskunde (Wolfram)
-Ausgrabungen (Schleif)
- Germanisches Bauwesen (Rudolph)
- Wtirtenforschung (Haarnagel)
- Urgeschichte (Böhmers)
- Mittlere und neuere Geschichte (Löffler)
- Alte Geschichte (Altheim)
- Klassische Philologie und Altertumskunde (Till/Dirlmeier)
- Den Vorderen Orient (Christian)
- Indogermanisch-finnische Kulturbeziehungen (von Grönhagen)
- Indogermanisch- deutsche Musikwissenschaft (Quellmalz)

Daneben gab es den Bereich der Naturwissenschaften, zu denen Themengebie­


te wie etwa Wetterkunde und Astronomie zählten, welche im Hinblick auf die
Erforschung der Welteislehre Hörbigers tätig wurden und rasch an Bedeutung
zunahmen. Im Einzelnen waren folgende Abteilungen geplant:
- Forschungsstätte für die gesamte Naturwissenschaft (nur theoretisch)
- Forschungsstätte für naturwissenschaftliche Vorgeschichte (Schiitrumpf)

das Ahnenerbe„in eine emstzunehmende gelehrte Gesellschaft umzuwandeln; S. 207.


331 Vgl. dazu Pringle (2006), S. 121; ebenso Kater (2006), S. 73.
332 Abteilungsleiter in Klammern nach Kater (2006); Ergänzungen nach Koop
(2012), S. 233 f.

111
- Forschungsstätte für Karst- und Höhlenkunde (erst Steinhäuser, dann Brand)
- Forschungsstätte für Biologie (Greite)
- Forschungsstätte für Botanik (Frh. von Liltzelburg)
- Forschungsstätte für Volksmedizin (vorgesehen: Berg)
- Forschungsstätte für Geophysik (Scultetus)
- Forschungsstätte für Astronomie in der Sternwarte Grünwald (Fauth)
- Lehr- und Forschungsstätte für darstellende und angewandte Naturkunde
„Haus der Natur" (Tratz)
- Forschungsstätte für Osteologie
- Forschungsstätte für Tiergeographie und Tiergeschichte (Anbindung an Tibet-
Institut, Schäfer)
- Forschungsstätte zur Überprüfung der sogenannten Geheimwissenschaften

Folgende Abteilungen kamen nach 1939 hinzu:


- Lehr- und Forschungsstäte Nordafrikanische Kulturwissenschaft (Rössler)
- Lehr- und Forschungsstätte für Mittellatein (Lehmann)
- Lehr- und Forschungsstätte für keltische Volksforschung (Mühlhausen)
- Lehr- und Forschungsstättefiir Pferdezucht
- Lehr- und Forschungsstättefiir Pflanzengenetik
- Lehr und Forschungsstättefiir Entomologie (Eduard May)
- Lehr- undForscluingsstätte für Innerasien und Expeditionen (Sven-Hedin-
Institut, Schäfer)
- Institut für wehrwissenschaftliche Zweckforschung (Plötner/Hirt)
- Abteilung Rasseforschung (Heberer)
- Abteilung Rassenforschung (H.F.K. Günther)

Nicht nur die Zweckforschung, sondern auch die vier davor genannten Ab­
teilungen zeigen dabei einen unverkennbaren Einfluß der anstehenden Kriegs­
erfordernisse. Kater weist jedoch darauf hin, daß einige der aufgeführten
Abteilungen (Osteologie, Volksmedizin, Tiergeographie, indogermanisch­
deutsche Musikwissenschaft, Urgeschichte, Wurtenforschung, Geheimwis­
senschaften) lediglich auf dem Papier existierten, da sie nicht „nachgewiesen
werden konnten".333 Gerade diese offensichtliche Lücke in der Dokumentati­
on der letztgenannten Forschungsrichtungen, insbesondere in Bezug auf die
Geheimwissenschaften, die in der 1939 erschienenden Ahnenerbe-Denkschrift
als existent aufgeführt wird und in der Stellenausschreibung 1938/39 eben­
falls erscheint, dürften den Anstoß für zahlreiche Spekulationen innerhalb der
„romantisierenden" Sekundärliteratur in dieser Richtung geliefert haben.

333 Kater (2006), S. 113.

112
4.3. Das indoarische Erbe:
Hauer, Hielscher, Evola & der „SS-Glaube"

1937 ließ Himmler innerhalb seines Persönlichen Stabes eine Denkschrift


zur Entwicklung einer artgemäßen Religion und Sittenlehre erstellen, in der
es hieß: „Wir leben im Zeitalter der endgültigen Auseinandersetzung mit dem
Christentum. Es liegt in der Sendung der Schutzstaffel, dem deutschen Volk im
nächsten Jahrhundert, die außerchristlichen arteigenen weltanschaulichen Grund­
lagen für Lebensführung und Lebensgestaltung zu geben."334
Dieser „Ersatz-Glaube" ist trotz mangelnder Selbstdefinition durch ver­
schiedene Überlieferungen Himmlers in Teilen rekonstruierbar. Während
- wie bereits erwähnt - viele Autoren von einer „Renaissance heidnischer
Rituale" sprechen - gründete sich das Gerüst des, wenn man so will, „SS-
Glaubens", tatsächlich zu Beginn auf anderen Wurzeln: Nämlich aus der
Prämisse eines europäischen oder früh-germanischen „Ur-Glaubens", der
mehr mit dem Christentum als der Vielgötterwelt der germanischen Hoch­
zeit zu tun hatte.335
Als wichtige Protagonisten zur Wiederherstellung dieses Urglaubens be­
trachtete Himmler Anfang der 30er Jahre zwei Männer: Herman Wirth mit
seiner These eines monotheistischen „Lichtbringerglaubens" der Frühzeit
sowie Karl-Maria Wiligut alias Weisthor, der kraft seiner „Erberinnerung"
verschüttetes Wissen beitragen sollte. Während letzterer also für die Esote­
rik des Glaubens zuständig war, sollte Wirth das Fundament wissenschaft­
lich absichern. Himmler hatte nämlich erkannt, und war sich darin mit Hit­
ler einig, daß eine Rückkehr zu irgendwelchen, ohnehin schlecht bewahrten
heidnischen Glaubensvorstellungen mit dem deutschen Volk, das einem
spezifisch deutschen Christentum anhing, nicht machbar sei.
Ihm ging es darum, wie auch Rudolf Mund schreibt, „eine durch wissen­
schaftliche Forschung belegbare und durch einen anerkanntenüberlieferungsträger
authentisierte Religion - die im Laufe von Jahrtausenden durch die Zeitläufe und
eigensüchtige Priesterschaften in Vergessenheit geraten war - wieder ans Licht zu
heben. Allein seine Bemühungen um ein gegenseitiges Verständnis zwischen Prof.
Herman Wirth und Oberst Wiligut zeigen mit aller Deutlichkeit, daß es ihm nicht
darum ging, eine Parteireligion zu schaffen,... sondern zu tatsächlichen, geschicht­
lich fundierten metaphysischen Erkenntnissen zu gelangen."336

334 So erstmals zit. bei Ackermann (1970), siehe Lange (2010), S. 43.
335 Vgl. dazu Hagal, Juli 1934, zit. nach Lange (2010), S. 32: „Im Sinne des irmi-
nischen Urglaubens bedeutet die Spätzeit des Germanentums, wie sie uns in der
nordischen Überlieferung entgegentritt, den Verfall."
336 Mund (2011), S. 150; S. 99 ergänzt Mund: „Himmler jedoch, der Weisthor über
alles verehrte und in ihm den Gründer und Verkünder der uralten, längst verges­

113
„SS-Tauf-
weihe" und
„Eheweihe"
auf der
Wewelsburg,
ca. 1936

Dabei war es zugleich notwendig behutsam vorzugehen, denn Hitlers


Einstellung gegenüber der Religion war ambivalent. Einerseits „Gott-" und
„Schicksalsgläubig" sowie die Leistungen der katholischen Kirche bewun­
dernd, spielte er selbst mit dem Gedanken, mittelfristig eine Staatskirche auf
evangelischer Grundlage zu fördern.337 Andererseits erwartete Hitler lang­
fristig ein natürliches Absterben der Kirche: "Es ist also nicht zweckmäßig, uns
in einen Kampf mit den Kirchen zu verwickeln. Das Beste ist es, das Christentum
eines natürlichen Todes sterben zu lassen. Ein langsamer Tode hat etwas Tröstendes
an sich. Das Dogma des Christentums wird mit den Fortschritten der Wissenschaft
erledigt werden. Die Religion wird immer mehr Zugeständnisse machen müssen.
Allmählich werden die Mythen zusammenbrechen. Alles, was noch verbleibt, ist zu
beweisen, daß es in der Natur keine Grenzen zwischen dem Organischen und dem
Nicht-Organischen gibt. Sobald die Erkenntnisse von dem Universum weit verbrei­
tet sind, sobald die Mehrheit der Menschheit weiß, daß die Sterne keine Lichtquel­
len, sondern Welten sind, vielleicht sogar bewohnte Welten wie die unsrige, wird die
christliche Doktrin zur Absurdität verurteilt werden."338
Dabei lehnte Hitler aber strikt eine Rückkehr zum Heidentum ab und war
der Ansicht, „daß nichts dümmer wäre, als die Anbetung von Wotan wieder ein­
zuführen. Unsere alte Mythologie hatte ihren Wert verloren, als es vom Christen­
tum verdrängt wurde. Nichts stirbt, wenn es nicht dem Untergang geweiht ist".339

senen germanischen Religion gefunden zu haben glaubte, fühlte die Verpflichtung


in sich, diese sich ihm bietende einmalige Gelegenheit, einen Urweistumsträger zu
seinen Mitarbeitern zählen zu können, vollkommen auszuschöpfen."
337 Zur Gottgläubigkeit des bis zu seinem Tod in der katholischen Kirche verblei­
benden Hitler siehe u.a. Speer (1976), S. 108 f; hier findet sich auch der im Gespräch
geäußerte Satz Hitlers, „die evangelische Kirche könnte durch mich Staatskirche sein,
wie in England" (ebenda, S. 109); an anderer Stelle bedauerte er, daß die Germanen
nicht islamisiert worden seien, denn dann würden die Germanen heute an der Spitze
eines islamischen Weltreiches stehen (ebenda, S. 110). Zur Bewunderung der kath.
Kirche vgl. Lange (2010), S. 43: „Die katholische Kirche ist schon etwas großes.“
338 Hitler zit. nach Picker (1997), S. 241.
339 Ebenda, S. 278.

114
Zugleich kritisierte Hitler auch den im „Mythus des 20. Jahrhunderts" pro­
pagierten Vorstoß Rosenbergs zum Aufbau einer mystischen Ersatzreligion
auf Blutsgrundlage, als „Rückfall ins Mittelalter“.340
„Das Einschleichen mystisch veranlagter, okkulter Jenseitsforscher", sollte
nach Hitler in der Bewegung nicht geduldet werden, denn „an der Spitze un­
seres Programms steht nicht das geheimnisvolle Ahnen, sondern das klare Erkennen
und damit das offene Bekenntnis."341
Erfolgsversprechender schien für Himmler daher von Beginn an, eine dem
Christentum verwandte, aber mehr der eigenen Art entsprechende Religions­
form ausarbeiten zu lassen, die man zum richtigen Zeitpunkt Hitler unterbrei­
ten konnte. Genau diese fand Himmler nun in Wiliguts Ur-Kristentum, der
Sage von der Kreuzigung des Irminen-Gots in Goslar. Mit dieser, vorgeblich ur­
sprünglicheren und arteigenen Version des Christentums, konnte in Himmlers
Gedankenwelt das vorderasiatische Christentum mittelfristig ersetzt werden.
Wiligut hatte parallel dazu bereits „Regeln zur Herstellung des Ur-Glaubens"
erstellt, die seitens des Staates in kluger Aufeinanderfolge nötig" seien:
1. Vollster Denkmalschutz für alle Museen (auch sogenannte private), Kunster-
zeugnisse aller Art (insbesondere solche aus vorgeschichtlicher Zeit bis ins 17.
Jahrhundert), Bauten, Höhlen, Denksteine, Felsgebilde, Kirchen, Kapellen und
Wallanlagen, sowie für alle Funde aus dem Boden. Die Denkmalvorschriften sind
wiederholt und regelmäßig im Jahre überall zu verlautbaren.
2. Erfassung aller Kirchenbesitze ....
3. Allmähliche Aufhebung der Klosterschulen ...
4. Allen Berufsausbildungen zu Priestern hat stets die staatliche voranzugehen und
darf vor dem 24. Eebensjahr überhaupt nicht angetreten werden!
5. Sodann hat die Auflösung aller männlichen und weiblichen Klöster platzzugrei­
fen...
6. Sodann sind auch die humanitären Zwecken dienenden Anstalten in staatlichen
Besitz überzuführen, wobei man anfangs die dortselbst tätigen Personen bis zum
Tod beläßt
7. Energische Maßregelung von Geistlichen, die „Proselyten" zu machen suchen,
sich evtl. Kirchenaustritten entgegenstellen oder gegen Andersdenkende öffent­
lich oder von den Kanzeln auftreten.
8. Beschlagnahme aller Kirchenvermögen ohne Unterschied....
9. Unschädlichmachung von Geistlichen aller Grade mittels der dem Staate Verfü­
gung stehenden Mittel...

340 Speer (1976), S. 110.


341 Zit. nach Mund (2011), S. 81; aufschlußreich, wenn nicht aus unglaubwürdi­
ger Quelle wäre auch das von Rauschning überlieferte Zitat: „Was wir tun sollen ?
Was die katholische Kirche getan hat, als sie den Heiden ihren Glauben aufgepfropft
hat: erhalten, was zu erhalten geht und umdeuten...“; Lincoln (2005), S. 171.

115
10.Alle Glaubensvereinigungen haben ihre Funktionäre aus diesen jährlich neu zu
bemessenden Mitteln selbst zu erhalten!342

Ungeachtet dieser rein auf Maßnahmen gegen die Kirchen gegründeten


„Regeln", stellte natürlich die „Erberinnerung" Wiliguts alleine keine solide
Basis einer solchen neuen Religion dar. Als sich abzeichnete, daß Wirth die
wissenschaftlichen Grundlagen der urgermanischen Religion nicht in einer
der SS-entsprechenden Weise würde liefern können, kam die Indologie ins
Spiel. Hier sollten nunmehr Überlieferungen Wiliguts bestätigt oder ergänzt
werden. Und in der Tat finden sich innerhalb des Rigveda Belege für ein mo­
notheistisches Grundgerüst der ältesten arischen Religion - also eine zumin­
dest partielle Bestätigung des Eingottglaubens irminischer Prägung. Dieses
Zusammenspiel - Erberinnerung durch Weisthor und wissenschaftliche
Indizien aus der Indoarischen Religionswissenschaft, wie sie von Walther
Wüst oder auch Jakob Wilhelm Hauer betrieben wurde - sollten nunmehr
als Synthese das neue „Kristentum" der deutschen Nachkriegsgeneration
gebieren. Bereits Trimondi hatte diesen Aspekt Wüsts betont: „Mit Wüst kam
ein Mann in das SS-Ahnenerbe, der konsequent und bewußt eine ,NS-Religiotis-
gründung' auf wissenschaftlicher Basis vorwärts trieb."343 Gemäß Trimondi wur­
de das Ahnenerbe somit zum „Vortrupp deutscher Religionsforschung mit dem
Ziel der Religionsgründung, die als nordisch - arisch - völkisch beschrieben wird
und diverse Elemente umfassen sollte: Götter- und Schicksalsglaube, der heilige
Bund zwischen Führer und Gefolgschaft, Helden- und Ahnenverehrung, archaische
Kultfeiern, kriegerische Männerbünde, ein indo-arischer Symbolkodex, Resakralisie-
rung heiliger Plätze, Initiationsriten und die Schaffung von Wallfahrtsstätten."344
In der Tat haben die auf gezählten Elemente eine große Bedeutung inner­
halb der SS gespielt, allerdings sollte das Christentum eben nicht durch ei­
nen kruden Mix aus heidnischem Vielgötterglauben und archaischen Riten
ersetzt werden, sondern durch einen „religiösen Realismus", der zwar Platz
für einen Schöpfer, nicht aber für priesterliche Zeremonien hatte. Es wurde
daher auch nicht der Göttertypus Indras, der in seiner berserkerhaften, unge­
zügelten Art dem germanischen Thor gleicht und exemplarisch für den män-
nerbündischen Gedanken steht, sondern der dahinter stehende Lichtgedanke
an der indoarischen Tradition besonders betont. Dies war der Stoff für die
kommende Religion, die grundsätzliche Aspekte mit dem Christentum geteilt
hätte. Diese Überlegung ist jedoch vor dem Hintergrund der Machbarkeit zu
sehen - während der Übergangszeit ebenso wie der Kriegszeit war an eine An­
tastung des Christentums nicht zu denken. Himmler sprach daher davon, daß

342 BArch NS 19/3670fol. 1, zit. nach Lange (2010), S. 207f.


343 Trimondi (2002), S. 40.
344 Trimondi (2002), S. 40 f.

116
bezüglich religiöser Formen „alles noch im Fluß" sei,
war aber zugleich besessen davon, diese Alternative
zu entwickeln.
Zu Beginn begnügte er sich daher damit, christliche
Kulthandlungen innerhalb seiner Schutzstaffel durch
SS-Kulte zu ersetzen. Dazu zählten SS-Hochzeiten,
Jugendweihen, Taufen und Beerdigungen. Daneben
wurden schrittweise christliche Lieder und Gedichte
durch SS-gerechte Kompositionen ersetzt.345
Ein anschauliches Beispiel bietet die im März 1938
erarbeitete Anweisung des RuSHA zur Gestaltung der
Sommersonnenwend-Festspiele. Detailliert wird hier
aufgeführt, wie ein erstmals 1937 von Himmler selbst Prof. K. A. Eckhardt
eingeführter „Sonnentanz" ausgeführt wird, bei dem
52 Fackelträger Hakenkreuz und Sonnenrad formten.346
Eine wichtige Grundlage für die neuen Feste bildeten aber auch Ratschläge
des Himmler-Beraters Weisthor, sowie Anregungen des Indogermanisten Ja­
kob Wilhelm Hauer, die dieser etwa in seiner Veröffentlichung „Fest und Feier
aus deutscher Art" zusammenfaßte. Demnach sollten nicht Priester die Zere­
monien leiten, sondern Familienangehörige oder Gefährten. Hintergrund war
auch die ausdrückliche Vorgabe Hitlers an eine neue Religion, nicht die alten
christlichen Priester durch neue „SS-Priester" zu ersetzen.347 Statt einer neuen
Priesterkaste sollten die gleichen Kämpfer, die Schulter an Schulter mit den nun
Verstorbenen gerungen haben, auch die Zeremonie leiten, also die Umsetzung
der Vorstellung des Kriegers und Priesters in einer Person. Exemplarisch wird
diese Einstellung in einem Schreiben Himmlers an einen Sturmbannführer
deutlich, in dem er diesen scharf kritisiert: „Ich habe Sie damals aus dem RuSHA
versetzt, da sie sich selbst und damit auch andere zu dem Typ von Pfaffe entwickelten,
den wir ja gerade dem deutschen Volk ersparen wollen. Pfaffe ist, wer berufsmäßig bei
Geburt, Hochzeit und Tod sowie bei Feierstunden als Redner auftritt, ...(und) in spätes­
tens 10,20 oder 30 Jahren daraus einen neuen Beruf entwickelt und dem deutschen Volk,
wenn wir vielleicht glücklich die christlichen Pfaffen los sein werden, neue, nämlich

345 Vgl. dazu u.a. Weisung Himmlers zur Verfassung von deutschen Liedern durch
junge Dichter, bei Heiber (1970), S. 76; ebenso Forschungsauftrag an Dr. Otto Paul
zu „Jahresfeiern im Indogermanentum"; Simon (ChrPaulO).
346 Siehe dazu Koop (2012), S. 96 ff.; insgesamt sollte die Sonne im neuen Glau-
bensskult eine bevorzugte Stellung nicht nur als Richtweiser des Jahreslaufs ein­
nehmen; siehe dazu die Frage nach der Ausschmückung der Kirchtürme mit einem
Hahn, der als „Sonnenverkünder" angesprochen wird; ebenda, S. 127.
347 So erwähnte Hitler einmal, „der Gedanke, daß ich einmal zum ,SS-Heiligen'
gemacht werde - ich würde mich im Grabe umdrehen" (Speer 1976), S. 108.

117
SS- oder Parteipfaffen auf diese Art begründet und entwickelt. Ich habe deswegen schon
seit Jahren festgesetzt: Berechtigt zur Abhaltung einer Feier bzw. einer Ansprache bei
Geburt, Hochzeit oder Tod ist jeweils nur der in Frage kommende Kommandeur für die
ihm unterstellten SS-Männer und niemand anders."348
Die Jenseits-Komponente der religiösen Vorstellung ist in diesem Kontext
anhand der Veröffentlichung des Direktors des Deutschrechtlichen Instituts des
Reichsführers SS, Prof. Karl August Eckhardt (1901-1979) abzuleiten. Das Werk
des späteren Ahnenerbe-Abteilungsleiters für Hausmarken und Sippenzeichen,
„Irdische Unsterblichkeit", ging von einem alten Glauben einer Seelenwande­
rung innerhalb der eigenen Sippe aus. Himmler war begeistert von dem Buch,
bemängelte jedoch den Begriff „Seelenwanderung", den er mit „Wiedergeburt
in der Sippe, im eigenen Blut" besser wiedergegeben wähnte.349
Dabei ist unklar, ob Himmler selbst auch den Glauben an diese Seelen­
wanderung hegte. In einer Rede führte er 1937 dazu folgendes aus: „Ich muß
sagen, dieser Glaube hat soviel für sich wie viele andere Glauben. Dieser Glaube ist
ebenso wenig exakt zu beweisen wie das Christentum, wie die Lehre Zarathustras,
des Konfuzius usw. Aber er hat ein großes Plus: Ein Volk, das diesen Glauben der
Wiedergeburt hat und das seine Ahnen und damit sich selbst verehrt, hat immer
Kinder, und dieses Volk hat das ewige Leben. "35°
Entgegen verschiedentlich geäußerten Gerüchten, äußerte sich Himmler
auch nie öffentlich, sich für eine Reinkarnation Heinrichs I. zu halten, obgleich
er grundsätzlich an die Möglichkeit einer Seelenwanderung glaubte.351
Trotz der von Eckhardt vorgenommenen Abgrenzung des „lebensbejahen­
den", wahren Wiedergeburtsglaubens der Germanen gegenüber dem lebens­
verneinenden Gedanken des Buddhismus und der damit implizierten Kritik an
den indoarischen Glaubensvorstellungen, fiel auch Walther Wüsts Stellungnah­
me zur Veröffentlichung Eckhardts positiv aus: „Alles in allem eine ausgezeich­
nete Darstellung einer wesentlichen, man darfauch sagen, der wesentlichsten Seite
germanischen Glaubens". Allerdings bemängelte Wüst das Bestreben Eckhardts,
„Scheidewände zwischen rassengleichen Völkern aufzurichten", womit die ne­
gative Sicht auf den Wiedergeburtsgedanken bei den Indoariem gemeint war.352

348 Schreiben Himmler vom 16.04.1940, zit. nach Heiber (1970), S. 94.
349 Vgl. Schreiben Himmler an Eckhardt vom 12.2. 1937; Heiber (1970), S. 54.
350 Himmler zit. nach Helzel (2008), S. 34; ähnliches hatte bereits 1930 Darre
ausgeführt: „Man glaubte, daß das,Blut' Träger der Eigenschaften eines Menschen
sei, daß mit dem Blute die körperlichen und seelischen Eigenschaften des Menschen
sich von den Vorfahren auf die Nachkommen vererben, daß edles Blut auch edle
Eigenschaften übertrage; dementsprechend glaubte man auch an das , Wiedergebo­
renwerden' eines Vorfahren im Nachkommen." Ebenda, S. 34.
351 Vgl. Helzel (2008), S. 33; siehe auch Kapitel 1.2.
352 Vgl. hierzu Trimondi (2002), S. 48.

118
Daß es sich bei diesem Gedanken um einen Völker- und zeitübergreifen­
den arischen Grundgedanken handelte, demonstrierte Wüst anhand seiner
Veröffentlichung „Tod und Unsterblichkeit", in der diesbezügliche Sinn­
sprüche, Gedichte und Verse, angefangen bei den Veden über antike Texte
bis hin zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Verfassern enthalten waren.353
Den „krönenden" Abschluß bildeten dann Auszüge aus Reden Adolf Hit­
lers, der ja gemäß Wüst bereits in seinem „Mein Kampf" den arischen Ge­
danken in hervorragender Weise verkörperte.354

Jakob Wilhelm Hauer


Der Mann, der neben Wüst Impulse für eine neue Religion vermittelte, war
der Theologe und Indologe Hauer. Der studierte Philologe und Sanskrit- so­
wie Religionswissenschaftler, der 1918 an der Universität Tübingen promo­
viert und 1921 habilitiert (Religionswissenschaften und Indologie) hatte, be­
saß ebenfalls ein großes Interesse an der indischen Philosophie und Religion.
Ab 1925 war Hauer kurzzeitig außerordentlicher Professor in Marburg, ehe
er 1927 nach Tübingen zurückkam, wo er bis 1945 als Ordinarius für Reli­
gionswissenschaften und Indologie lehrte. Nachdem er sich in seinen ersten
Wirkungsjahren für eine Reformation der evangelischen Kirche einsetzte, ent­
fernte er sich mit zunehmender Befassung mit der indoarischen Überlieferung
von der christlichen Kirche und avancierte zum Verkünder einer neuen, der
„kommenden Religion". „Die kommende Gemeinde" war auch der Titel ei­
ner von ihm herausgegebenen Zeitschrift (1928-33), mit der der bereits 1920
von Hauer gegründete evangelisch-reformatorische Köngerner Bund355 zur
Kommenden Gemeinde ausgebaut wurde. Parallel leitete Hauer seit 1927 den
Religiösen Menschheitsbund, der eine Rückkehr
zu den eigenen religiösen Wurzeln propagierte, die
in der indischen Religion zum Teil noch vorfind­
bar seien. Hauptgegner war für Hauer dabei die
jüdisch-christliche Religion, die dem germanischen
Volk „übergestülpt" worden sei.356
Im Juli 1933 erfolgte auf Hauers Initiative in Ei­
senach der Zusammenschluß einer Reihe freireli­
giöser und „völkisch-deutschgläubiger" Gruppen
zur „Deutschen Glaubensbewegung". Als Leiter
dieser Gruppe fungierten Hauer und Emst Graf T , , , ,,
° Jakob Wilhelm Hauer
353 Wüst/Schrötter (1942).
354 Wüst (1936).
355 Zu den Anhängern dieses an der Wandervogelbewegung orientierten Glauebens-
gemeinschaft zählten u.a. Hermann Hesse und Kark Poetel; vgl. Nanko (1993), S. 57ff.
356 Siehe hierzu und zur ausführlichen Biographie Hauers, Dierks (1986), S. 213 ff.

119
zu Reventlow. Trotz seiner Mitwirkung in Alfred Rosenbergs „Kampfbund für
deutsche Kultur" seit Mai 1933 zerschlugen sich in den nächsten Jahren Hau­
ers Hoffnungen, daß die Deutsche Glaubensbewegung neben den „Deutschen
Christen" ebenfalls durch den Staat als offizielle Glaubensgemeinschaft Aner­
kennung finden würde.357
Hauer richtete sein Augenmerk daher auf Himmlers SS, der er im Au­
gust 1934 beitrat um innerhalb des Sicherheitsdienstes tätig zu werden.358 Im
Rahmen dieser Tätigkeit trug er 1935 mit einem Gutachten, in dem er den
Anthroposphen Walter Johannes Stein als „Juden" und die Anthroposphie
selbst als „jüdisch indoktriniert" darstellte, entscheidend zum Verbot der
Anthroposophischen Gesellschaft bei.359 Fast alle Publikationen Hauers
nach 1933 bemühten sich, die deutschgläubige Religion in die geistesge­
schichtliche Tradition des Indogermanentums einzuordnen, um ihr eine
wissenschaftliche Grundlage zu geben. Belohnt wurde dieses Engagement
durch Ausweitung seines ursprünglichen Lehrauftrages Indologie und All­
gemeine Religionsgeschichte an der Universität Tübingen auf die „Arische
Weltanschauung". Parallel wurde Hauer zum Direktor des Arischen Semi­
nars ernannt. Dieses erhielt den Auftrag, Unterrichtsmaterialien für den in
Württemberg geplanten Weltanschauungsunterricht zu erarbeiten. Hierzu
gehörte die Erstellung von Schul- und Textbüchern sowie die Ausbildung
der dafür benötigten Lehrer. 1938 kam es in einem ähnlichen Zusammen­
hang erstmals zu einer Zusammenarbeit mit dem Ahnenerbe. Bereits 1936
hatte Hauer als Leiter der Deutschen Glaubensbewegung bei Walther Wüst
angefragt, ob dieser als Mitherausgeber der Zeitschrift „Deutscher Glaube"
fungieren würde. Wüst hatte dies unter Verweis auf seine angehende Tä­
tigkeit im Ahnenerbe abgelehnt.360 Hauer erhielt aber im Gegenzug einen
Forschungsauftrag, eine „Stoffsammlung aus der germanisch-deutschen
Glaubensgeschichte für den weltanschaulichen Unterricht in Schulen" zu
erstellen, was allerdings kriegsbedingt nicht abgeschlossen werden konnte.
Ebenfalls über das Planungsstadium nicht hinaus kam der sogenannte In-
dogermanisteneinsatz, der Teil der Aktion Ritterbusch war.361

357 Vgl. Bartsch (1938), S. 53 f.


358 Vgl. Nanko (1993), S. 130, der über die Rolle der Glaubensbewegung als Expe-
rimentierfeld für den SS-Kult spekuliert.
359 Nach dem England-Flug von Rudolf Heß erneuerte er in drei Briefen an Heinrich
Himmler seine Vorwürfe gegen die Anthroposphie und sprach von einem verhäng­
nisvollen Einfluß von Anthroposophen auf Heß. Bei der Anthroposophie handle es
sich um eine „Gefährdung des deutschen Volkes im allerschlimmsten Sinne“ und eine
„besonders gefährliche Form des Weltjudentums“; vgl. Junginger (1999), S. 197ff.
360 vgl. Schreiber (2008), S. 65 (FN: 182).
361 In der „Arbeitsgemeinschaft für den Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften" des

120
Entworfen wurde der Einsatzplan von Walther Wüst in Zusammenarbeit
mit Hauer, der innerhalb des Projekts Leiter der Gruppe „Lebensmächte
und Wesen des Indogermanentums" war. Diese Beteiligung Hauers weist
auf den hohen Stellenwert hin, dem man der indogermanischen Religion für
die Zukunft des Reiches einräumte. Zur tatsächlichen Beteiligung Hauers
kam es allerdings an dem Ahnenerbe-Projekt „Wald und Baum" für das eine
ganz Reihe von Forschern Beiträge beisteuerten.

Friedrich Hielscher
Ein weiterer Protagonist, der über eine eigene Glaubensbewegung verfügte,
war Friedrich Hielscher mit seiner unabhängigen Freikirche, der auch Wolfram
Sievers angehörte. Im Rahmen seiner Dissertation hatte Hielscher sich intensiv
mit den Werken Oswald Spenglers und Friedrich Nietzsches befaßt. Die daraus
gezogenen Erkenntnisse Heß er in seine Arbeit als Publizist in der von Ernst
Jünger herausgegebenen nationalrevolutionären Zeitschrift „Arminius" ein­
fließen. Seitdem zählte Hielscher zum Kreis der „Konservativen Revolution"
und stand in regem Austausch mit Persönlichkeiten wie Emst Jünger, dessen
Bruder Friedrich Georg Jünger, August Winnig, Franz Schauwecker, Friedrich
Wilhelm Heinz und Ernst von Salomon. Ab Juni 1928 war er Herausgeber der
Zeitschrift „Vormarsch", seit 1930 auch der Zeitschrift „Reich", die zu den wich­
tigsten Publikationen dieser Geistesströmung zählten. 1931 erschien Hielschers
politisch-philosophisch intendiertes Buch „Das Reich", das lebhafte Debatten
weit über das konservativ-revolutionäre Spektrum hinaus auslöste.362 Das dem
Buch zugrundeliegende politische Konzept Hielschers sah eine Auflösung der
Nationalstaaten zugunsten traditioneller Kulturregionen und -landschaften vor,
wobei die Trennung zwischen Politik und Religion zugunsten eines „Reichskö­
nigs" entfallen sollte, der zugleich König und Priester wäre.363
1933 trat der evangelisch getaufte Hielscher aus der Kirche aus und begrün­
dete die weitgehend konspirativ wirkende - also nicht missionierende - Glau­
bensgemeinschaft, die „Unabhängige Freikirche (UFK)", in der sich panenthe-

Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und der „Reichs­


arbeitsgemeinschaft für Raumforschung", beteiligten sich freiwillig über 500 Wissen­
schaftler um fach- und universitätenübergreifend eine „neue geistige Ordnung Europas"
entsprechend den deutschen Kriegszielen wissenschaftlich zu unterlegen. Wissenschaft
wurde - in Abgrenzung zum internationalen Wissenschaftsverständnis - als „Wesens­
äußerung" des deutschen Volkes definiert. Altertumswissenschaft, Anglistik, Geographie,
Germanistik, Geschichtswissenschaft, Kunstgeschichte, Orientalistik, Philosophie, Roma­
nistik, Staatsrecht, Völkerrecht und Zivilrecht sollten für die Durchsetzung eines völkisch
hierarchisierten Europamodells nutzbar gemacht werden; nach Hausmann (1998).
362 Siehe hierzu und Hielschers ausführlicher Biographie, Bahn (2004), S. 50 ff.
363 Vgl. Trimondi (2002), S. 66.

121
istische mit heidnischen Elementen verbanden: Kem
von Hielschers Religionsbegriff war der Gedanke
„alles ist eins", d.h. alles entspringt einem göttlichen
Funken.364 Diesem übergeordneten Gottesbegriff,
der „die Vielfalt alles Lebendigen umspannt", un­
terstellte er zwölf göttliche „Boten", die heidnischen
Göttern entsprachen: Wode, Frigga, Fro, Sigyn, Loki,
Freya, Ziu, Erke, Heimdall, Berchta, Thor, Sif.365
Die UFK verfügte in der Vorkriegszeit über etwa
40, in ihrer Blütezeit in den Fünfziger Jahren etwa
50 - 60 Mitglieder, darunter viele Akademiker und
Amts träger.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialis­ Friedrich Hielscher
ten 1933 wurde Hielscher als „regimefeindlich" ein­
gestuft, sein Buch „Das Reich" sowie die gleichnamige Zeitschrift verboten.366 In
den folgenden Jahre initiierte Hielscher eigenen Angaben zufolge eine geheime
Widerstandsgruppe, die plante, das Dritte Reich von innen zu unterwandern.
Widerstandsgruppe und Freikirche überschnitten sich, von übereinstimmen­
den ethischen Motiven geprägt, personell in starkem Maße, ohne jedoch völlig
identisch zu sein. Mitglieder des Hielscher-Kreises waren u.a. in Funktionen bei
der Abwehr platziert und unterstützen in verschiedenen Fällen politisch Ver­
folgte. Durch den Reichsgeschäftsführer des SS-Ahnenerbe Wolfram Sievers
wurde Hielscher bereits Ende der 30er Jahre mit dem Ahnenerbe-Präsidenten
Walther Wüst bekannt gemacht, der sich für die Arbeiten Hielschers interessier­
te und ihm am 1. Februar 1940 einen offiziellen Forschungsauftrag im Bereich
des Brauchtums verschaffte. Bestandteil seiner Arbeiten für das Ahnenerbe war
die Suche nach einem Metrezept, welches im Judentum noch überliefert sei.
Hierfür reiste er 1942 ins Getto Litzmannstadt, wo er zugleich im Rahmen sei­
ner Widerstandsbewegung ein jüdisches Ehepaar zu treffen hoffte.367
Friedrich Hielschers Arbeiten wurden innerhalb der SS dermaßen geschätzt,
daß er eine eigene Forschungsstätte für Indogermanische Jahreslauffeiem er­
hielt und seine Gebete der Feste auch Eingang in die Planungen für die zukünf­
tigen Sonnenwendfeiern innerhalb des Persönlichen Stabes RF-SS fanden.368
Die konspirative Tätigkeit Hielschers unter dem Deckmantel des Ahnener­
be fand allerdings ein Ende, als sein Name nach dem Hitler-Attentat am 20.
Juli 1944 bei verhafteten Mitverschwörern gefunden wurde. Tatsächlich be­

364 Bahn (2004), S. 205 ff.


365 Nach Bahn (2004), S. 217.
366 Vgl. Kater (2006), S. 317.
367 Vgl. Bahn (2004), S. 87 f.
368 Vgl. Schreiben Wüst an Hielscher; Stellenplan Ahnenerbe, Archiv d. Verfassers.

122
standen enge Verbindung zwischen dem Hielscher-Kreis und dem Kreisauer
Kreis um Graf Helmut von Moltke. Hielschers Freund Wolfram Sievers ge­
lang es jedoch die Vorwürfe gegen seinen Ziehvater zu entkräften, so daß die­
ser gegen Ableistung eines Militärdienstes wieder frei kam.369
Auch wenn umstritten ist, ob Sievers tatsächlich im Sinne Hielschers ge­
gen das NS-Regime wirkte,370 so ist doch ein Hintertreiben von SS-Plänen
durch den Ahnenerbe-Geschäftsführer in einigen Bereichen, etwa in der
Verschleppung der Umsiedlung der Südtiroler, mit der Sievers seit 1940 be­
traut war, erkennbar.371
Bemerkenswert ist jedenfalls, daß Hielscher trotz seiner feindlichen Ge­
sinnung gegenüber Himmler, die auch dessen Ermordung in Erwägung
zog, nicht nur Forschungsaufträge des Ahnenerbe, das er als „unterirdische
Burg" der Widerstandsarbeit bezeichnete,372 erlangte, sondern sogar zum
Abteilungsleiter avancierte - offiziell wurde die Zusammenarbeit sogar erst
am 8.11.1944 beendet.373

Julius Evola
Eine Gemeinsamkeit mit dem Begründer der Freikirche läßt sich auch
bei dem italienischen Philosophen Julius Evola ausmachen, der ebenso
wie Hielscher den bereits im christlichen Glau­
ben angelegten herrschenden Nihilismus durch
Rückbezug auf einen transzendenten Ursprung
zu überwinden trachtete.374 Und ebenso wie
Hielscher, unterhielt auch Evola Kontakte zu
den Männern des Kreisauer Kreises. Am 19. Mai
1898 in Rom als Giulio Cesare Andrea geboren,
geriet Evola, geprägt von seinen Erfahrungen
als Artillerieoffizier im ersten Weltkrieg, bereits
früh in Kontakt mit der kulturellen Restitution.
Als Protagonist der avantgardistischen Kultur­
bewegungen des Dadaismus und Futurismus Julius Evola

369 Vgl. Kater (2006), S. 322f; zu Verbindungen Hiel­


schers zum Kreisauer Kreis siehe Graddon (2008), S. 191 f
370 Diesbezügliche Zweifel artikuliert insbesondere Kater, S. 316 f.
371 Vgl. Bahn (2004), S. 91 f.
372 Vgl. Bahn (2004), S. 87; siehe auch Fn. 203, die hanebüchene Behauptung Pau­
wels / Bergiers, derzufolge die Gründung des Ahnenerbe auf Hielscher zurückginge;
ähnlich auch Nigel Pennick, der Hielscher als Okkultisten mit Verbindungen zu Sven
Hedin und Karl Haushofer bezeichnet; dazu Graddon (2008), S. 192.
373 Schreiben Ahnenerbe an Hielscher; Archiv des Verfassers Nr. 31.
374 Vgl. Bahn (2004), S. 294ff.

123
fertigte er eine Reihe von Bildern an, von denen eines sogar noch heute in
der Nationalgalerie für moderne Kunst in Rom zu besichtigen ist.375
Unter Evolas Leitung formierte sich Ende 1926 in Rom die „Gruppe von
Ur", die sich mit magischen Übungen sowie Initiationsriten befaßte und mit
der Zeitschrift UR eine Publikation herausbrachte. Nach Zerfall der Gruppe
im Jahre 1929 beschäftigte sich Evola mit den Grundlagen der Tradition und
faßte seine Erkenntnisse in den Werken „Die hermetische Tradition" (1931),
„Das Mysterium des Grals" (1937) und „Lo yoga della potenza" (1949) spä­
ter zusammen. Die Schriften der Gruppe von Ur wurden in der dreibändi­
gen „Magie als Wissenschaft vom Ich" herausgegeben.
Nach einer streng katholischen Erziehung stieß Evola als Suchender be­
reits in früher Jugend inspiriert durch Meister Eckhart auf die Faszination
der heidnischen Antike und wandte sich zunehmend vom Katholizismus
ab. Eine andere Einflußquelle war der Taoismus, dessen Hauptwerk, das Tao
Te King, Evola zweimal ins Italienische übersetzte. Als Essenz dieser Lehre
schloß Evola auf die grundsätzliche Überlegenheit geistiger über materielle
Kräfte, was auch Einfluß auf seine Haltung zum Faschismus ausübte.
Obgleich kritisch gegenüber verschiedenen Elementen, hielt er den Fa­
schisums als solchen für eine der Zeit angemessene Gegenkraft zum Materi­
alismus, unter dem er Amerikanismus und Bolschewismus subsumierte, die
dabei wären, sich die Welt aufzuteilen.376
Seine vor allem in seinem 1934 erschienen Hauptwerk „Revolte gegen die
moderne Welt" manifestierten Gedanken sind zum einen geprägt durch den
Traditionalismus, der von einer - römisch inspirierten - ruhmreichen und
zugleich sakralen europäischen Antike und einem steten Niedergang dieser
europäischen Schöpfungskraft ausgeht, zum anderen durch das aristokra­
tische Prinzip, welches für Evola als „Königtum" aus dem Geist und der
Rasse des Herrschers erwächst. Mit dieser rassisch und antidemokratisch
geprägten Geisteshaltung, die in der französischen Revolution und der aus
ihr entspringenden Moderne die Wurzel späteren Übels erblickte, fand Evo­
la auch Zustimmung im nationalsozialistischen Deutschland. Jedoch stieß
Evola mit seinem von der NS-Sicht abweichenden Rassebegriff, der nicht
biologisch begründet wurde, sondern allein auf die sichtbaren Elemente der
Kultur, Elite und Aristokratie abzielte, seiner Ablehnung des klassischen
Volksbegriffs und seiner Geringschätzung des Weiblichen auf Ablehnung
in nationalsozialistischen Führungskreisen; insbesondere Alfred Rosenberg,
den er persönlich traf und der in seinen Schriften explizit kritisiert worden
war,377 entwickelte eine Antipathie gegen den italienischen Denker.

375 Vgl. auch zur ausführlichen Biographie, Goodrick-Clarke (2009), S. 117jf.


376 Vgl. Evola (2010), S. 5 ff.
377In „Der Mythos des neuen deutschen Nationalismus" (1930) und „Ein Parado­

124
Ebenso war Himmlers damaliger Intimus Walther Darre 1935 in einer
Schrift Evolas angegangen worden,378 so daß Himmler seinerzeit das Ah­
nenerbe mit einem Gutachten über Evola beauftragt hatte, welches den ita­
lienischen Philosophen insgesamt in kein allzu gutes Licht rückte, obgleich
ihm vom Leiter der Ausgrabungsstätte im Persönlichen Stab, Alexander
Langsdorff, aufgrund Abstammung seiner Familie von Normannen „ein
erstaunliches Wissen über arische Zusammenhänge" beschieden wurde379:
Die Gesamterscheimmg (Evolas) ist geprägt von der aristokratischen Feudali-
tät alten Stils. So erhält auch sein Gelehrtentum einen Zug ins dilettantisch-lite-
ratenhafte. Daraus ergibt sich, daß für den NS keine Veranlassung besteht, sich
dem Baron Evola zur Verfügung zu stellen. Seine politischen Pläne eines römisch­
germanischen Imperiums sind utopischen Charakters und darüber hinaus geeignet,
ideologische Verwirrung anzustiften. ...Es wird daher vorgeschlagen:
1. Den augenblicklichen Bestrebungen Evolas, die auf die Stiftung eines geheimen,
überstaatlichen Ordens und auf die Gründung der dazu bestimmten Zeitschrift
hinauslaufen, keine konkrete Unterstützung zu gewähren.
2. Seine öffentliche Wirksamkeit in Deutschland nach dieser Vortragsreihe ohne be­
sondere Maßnahmen stillzulegen.
3. Sein weiteres Vordringen zu führenden Dienststellen der Partei und des Staates
zu verhindern
4. Seine propagandistische Tätigkeit in den Nachbarländern beobachten zu
lassen."380

Neben dem Rassebegriff waren es vor allem Evolas Ablehnung der Kon­
stanten von Volk und Nation sowie seine Negation daraus entspringender
sozialer Verpflichtung, welche dazu führten, daß Evola kritisch gesehen
wurde.
Nicht nur in Deutschland, auch in Italien wurde Evola zu dieser Zeit am­
bivalent betrachtet: Aufgrund seiner Kritik an Mussolinis Konkordat mit
der Katholischen Kirche von einem Schreibverbot bedroht, näherte sich der
„Duce" selbst den Gedanken des Philosophen zunehmend an und erwog
nach 1935 sogar, Evolas Rassebegriff zur Staatsdoktrin zu erheben.381
Eine gewisse geistige Nähe entwickelte Evola, der deutsch sprach und eine
Vorliebe für die deutsche Kultur hegte, zu Vertretern der „Konservativen

xon der heutigen Zeit (1935); vgl. Hansen (1991), S. 77.


378 Vgl. Hansen (1991), S. 77.
379 Schreiben Langsdorff an Himmler vom 2.1.1938; bei Mund (2011), S. 278
380 Das Schreiben findet sich als Kopie bei einem Aktenbestand über Weisthor un­
ter BArch NS 19/1848 - zitiert bei Lange (2010), S. 53; könnte eventuell aber von
Plassmann stammen ?
381 So Hansen (1991), S. 61.

125
Revolution", in deren aristokratisch-konservati­
vem Umfeld sich Evola bei seiner ersten Vortrags­
reise 1934 in Deutschland bewegte. Die kritische
Betrachtung dieses Personenkreises durch offizi­
elle Stellen des 3. Reiches dürfte dabei die Nega­
tivsicht auf Evola erhärtet haben. Zu dem Nega­
tivbild Evolas in gewissen Kreisen könnte auch
sein Auftritt auf dem zweiten Nordischen Thing
des Bremer Kaffeefabrikanten Ludwig Roselius in
Bremen am 17. Mai 1934 beigetragen haben. Dort
führte er seine Gedanken zum Vorrang der Tradi­
tion vor der Rasse in aller Deutlichkeit aus: „ Tra­
dition ist für uns die erste, Rasse die zweite Gegeben­
heit. Wie der Geist von innen heraus den Leib gestaltet, so formt die Tradition oder
Kultur jene Elemente, die in einem höheren Sinne, mit Bezug auf den Menschen
als solchen und nicht in seiner naturverhafteten Erscheinung, als Rasse bezeichnet
werden können."332 Daß Himmler trotz dieser Negativbewertung durchaus
Gemeinsamkeiten mit dem Weltbild Evolas ausmachen konnte, spiegelt
sich in einer weiteren Stellungnahme, die weitaus wohlgesonnener ausfiel
und interessanterweise von Himmlers Berater Wiligut-Weisthor stammt:
„ Um sich ein endgültiges und abschließendes Urteil über Evola zu bilden, müßte
man mit diesem Mann selbst einmal zusammenkommen. Es ist durchaus denkbar,
daß mit vielgebrauchten Begriffen Imperialismus, König und Adel die Gedanken
dieses Mannes falsch verstanden iverden und ich möchte dies nochmals besonders
betonen. Meiner Auffassung nach kann es sein, daß Evola durchaus richtig orien­
tiert ist und daß nur der Übersetzer Friedrich Bauer diese falsche Gedankenrichtung
hervorruft. Dies scheint mir insofern nahezuliegen, weil im übrigen Evola in seiner
ganzen Auffassung mit wenigen Ausnahmen (Kastenwesen) germanisch-arisch ori­
entiert ist.......Ich würde gerne noch eingehend über das Buch (gemeint ist Heidni­
scher Imperialismus) mit dem Reichsführer sprechen."
Dementsprechend erging eine Weisung Himmlers, die sich in einem
Schreiben des Reichssicherheitshauptamtes (II. 2113) findet: „Der Reivchsfüh-
rer SS hat angeordnet, das Buch des Baron Evola,Heidnischer Imperialismus' nach
den von Brigadeführer Weisthor aufgefiihrten Gesichtspunkten zu überprüfen und
noch einmal durchzuarbeiten. "382 383

Die auch in diesem Buch evidenten Übereinstimmungen zwischen Evola


und dem neuen nationalsozialistischen Deutschland, das dieser zwar par­
tiell als zu „modernistisch" und zu wenig elitär kritisierte, aber dennoch

382 Evola (1934), S. 94; hier lernte Evola übrigens auch Walther Wüst kennen, der
ebenfalls als Referent in Bremen auftrat.
383 Zit. nach Mund (2011), S. 275.

126
als Bündnispartner Italiens empfahl,384 entsprangen den Plänen der SS zur
Errichtung eines männerbündisch ausgerichteten Ordensstaates, die der Ita­
liener ausdrücklich begrüßte:
„Wir sind davon überzeugt, den Kern eines Ordens im höheren Sinne der Tra­
dition im „Schwarzen Korps" zu finden", schrieb er im August 1938 in „Vita
Italiana". 1941 fügte er in Bezug auf ein künftiges Europa unter deutscher
Führung hinzu: „Jenseits der Grenzen der Partei und jeder politisch-administra­
tiven Struktur, muß eine Elite in Form eines neuen Ordens - einer Art asketisch­
militärischer Organisation, verbunden durch die Prinzipien Ehre und Treue - die
Basis dieses Staates bilden."385
Diese partiellen Übereinstimmungen sowie die esoterischen Züge inner­
halb Evolas Werk veranlaßten Himmler entgegen der offiziellen Linie der
Parteiführung, seiner engeren Umgebung das Studium Evolas zu empfeh­
len. Dazu kam, daß sich Himmler nunmehr selbst von seinem von Evola
einst kritisiertem Freund Darre gelöst hatte und auch sein Verhältnis zum
ebenfalls gescholtenen Rosenberg von tiefer Konkurrenz geprägt war.
Im Gegenzug verfaßte Evola auch einen positiven Artikel über die SS
- „Wächter und Orden der Hakenkreuz-Revolution"- für den er 1938 um
Material bei der SS selbst ersuchte.386 Im Juni 1938 hielt Evola einen schon
länger geplanten Vortragszyklus in den Räumen der Deutsch-Italienischen
Gesellschaft in Berlin, in deren Verlauf er drei verschiedene Vorträge refe­
rierte: „Die arische Lehre des heiligen Krieges", „Der Gral als nordisches
Mysterium" sowie „die Waffen des geheimen Krieges".387
In seinem letzten Vortrag betonte Evola die Bedeutung des geheimen Ge­
genordens gegen die aktiven freimaurerischen Geheimbünde:
„Besonders in Zeiten, die, wie die heutigen, Vorspiel zur letzten Entscheidung
einer ganzen Kulturwelt sind, müssen wir die Forderung in uns spüren, in dieser
Elite oder in diesem Orden, wovon in unseren Vorträgen schon so oft die Rede gewe­
sen ist, die Fähigkeit zu erwecken, den materiellen Kampf durch einen unsichtbaren,
subtilen Kampf zu ergänzen, durch ein geheimes, unerbittliches Wissen, das jetzt
jedoch nicht im Dienst dunkler Mächte, sondern des lichten, sonnenhaften Prinzips
der arischen Geistigkeit steht."388

384 Bei Evola euphemistisch als „Zusammenschluß der beiden Adler" bezeichnet;
vgl. dazu Hansen (1991), S. 81 ff.
385 Evola in: Vita Italiana, 15. August 1938 / August 1941; Graddon (2008), S.
201, bezieht auch ein früheres Gedicht Evolas auf die SS, in denen er von „Schwar­
zen Mönchen" schrieb, „welche die Stadt niederbrennen" und „wenn die Zeit ge­
kommen ist..., die Kräfte der Wiederauferstehung leiten werden".
386 Schreiben Evola; Archiv d. Verfassers Nr. 32.
387 Bei Godwin (2007), S. 73, heißt es, Evola „sei auf die Ordensburgen der SS gereist."
388 Evola: Die Waffen des geheimen Krieges, S. 16.

127
Den Nährboden für einen solchen arisch-geistigen „Gegenorden" hatte
Evola bereits 1934 mit der Zeitschriftenreihe „Diorama Filosofico" (Philoso­
phisches Schauspiel) erschaffen: Einer philosophisch-literarischen Plattform
einer „europäischen Geisteselite". Innerhalb dieser bis 1943 erscheinenden
Zeitschrift fanden sich so illustre Autoren wie Franz Altheim, Rene Guenon,
Othmar Spann, Gottfried Benn und Karl Wolfskehl ebenso wie Vertreter
des monarchischen Gedankens.389 Dementsprechend schwebte Evola noch
nach 1945 als Endziel die Wiedererrichtung einer Habsburg-Monarchie als
„Damm" gegen den Kommunismus und Materialismus vor.390
Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes in Italien floh
Evola 1943 ins Deutsche Reich und arbeitete in Wien erneut für die SS in
Verbindung mit dem SD und dem Ahnenerbe. Hier schrieb er für das noch
näher zu betrachtende Amt VII des RSHA an einer „Geheimen Geschich­
te der geheimen Gesellschaften" - ein erstaunliches Thema angesichts des
nahenden Kriegsendes.391 Bestandteil dieser Arbeiten war die Übersetzung
diverser esoterisch-okkulter Texte.
Gleichzeitig war Evola jedoch auch propagandistisch für die SS tätig, in­
dem er die Verteidigung des alten Europa gegen Sowjetbolschewismus und
US-Imperialismus beschwor.392
Nach Installation der faschistischen Sozial­
republik war Evola für einen Ministerposten
vorgesehen - der Kriegsverlauf machte diese
Pläne jedoch zunichte.
1945 wurde Evola durch einen sowjetischen
Bombengriff auf Wien schwer verletzt und war
seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt. Nach
dem Krieg avancierte der 1974 verstorbene ita­
lienische Philosoph zur Ikone der Neurechten,
wurde aber auch von linken Kreisen adaptiert.

Evola in jungen Jahren.


389 Hansen (1991), S. 57.
390 Ebenda, S. 87.
391 Hansen (1991), S. 65.
392 Vgl. Graddon (2008), S. 193 f., der darauf hinweist, daß diese Arbeiten ebenso
wie die über die geheimen Gesellschaften vor Fertigstellung bei Kriegsende durch die
Russen beschlagnahmt wurden.

128
5. Okkultismus, Ausgrabungen & Expeditionen -
Forschungsschwerpunkte & Kuriositäten im Ahnenerbe
„Wir sind den Römern oder Griechen, den Galli­
ern oder Briten und ihren heutigen Nachfahren kei­
nen größeren Dank für irgendwelche Kulturgüter
schuldig, als sie uns. .. Wir können vielmehr dar­
aufhinweisen, daß die Germanen schon 1000 Jah­
re bevor Rom gegründet wurde, einen kulturellen
Hochstand erlebt haben. Wir können und müssen
mit noch viel mehr Recht darauf hinweisen, daß fast
alle europäischen Völker indogermanisch sind, wie
nicht nur die deutsche, sondern wie auch die euro­
päische Vorgeschichtsforschung bewiesen hat.''393

Ausgrabungen
5.1. & Germanenkunde

iese Worte des Reichskanzlers verdeutlichen den Stellenwert der

D Vorgeschichtsforschung im damaligen Deutschland.


genug für Himmler, entsprechende Belege zu Tage zu fördern -
Ansporn

mitunter auch zum Leidwesen seines Vorgesetzten.394 Zu den wichtigs­


ten Betätigungsfeldern auf diesem Gebiet zählten dementsprechend zu
Beginn die Germanenkunde und damit verbunden archäologische Aus­
grabungen.
Eine der wichtigsten Quellen zu den alten Germanen stellt dabei die
„Germania" des römischen Autoren Tacitus dar. Himmler selbst las dieses
Buch Anfang der 20er Jahre und notierte als Kommentar: „Eine wunderba­
re Darstellung, wie hochstehend, rein und umfangreich die Kultur unserer Ahnen
war. So werden wir dereinst, zumindest ein Teil von uns, wieder werden"395 Auch
dessen Überlieferung, derzufolge homosexuelle Männer als Volksschädlin­
ge im Moor versenkt worden wären, soll Himmlers Interesse auf sich gezo­
gen haben, obgleich - wie Graddon zutreffend beobachtete - sein nach außen
getragenes rigoroses Vorgehen gegen Homosexuelle im Privaten harmloser
ausfiel.396
393Adolf Hitler, Rede in Karlsruhe am 5.12.1934.
394 So äußerte Hitler andererseits: „Nicht genug, daß die Römer schon große Bauten
errichteten als die Germanen noch in Lehmhütten hausten, fängt Himmler nun an,
diese Lehmdörfer auszugraben und gerät in Begeisterung über jeden Tonscherben und
jede Steinaxt, die erfindet..."; Speer (1976), S. 108; siehe dazu auch Fn. 280.
395 Nach Pringle (2006), S. 16.
396 Vgl. ebenda; so Graddon (2008), S. 117.

129
Der 1940 der SS beigetrete­
ne Rudolf Till gab 1943 in der
Ahnenerbe-Schriftenreihe die
„Germania" des Tacitus neu
heraus, versehen mit einer Wid­
mung an Heinrich Himmler.397
Die willkommene Aufnahme
der Taciteischen Beschreibung
der Germanen als „groß, blond
und blauäugig", offensichtlich
autochton und unvermischt,
sorgte in der Nachkriegszeit Der „ Codex Aesinas", die älteste erhaltene Abschrift
nicht nur für Kritik an den der „Germania" des Tacitus (15. Jahrhundert)
Forschern, die sich mit Tacitus
befaßten und so vermeintlich Grundlagen der rassischen Kategorisierung
schufen, sondern auch an der Überlieferung selbst. So wurde nun behauptet,
Tacitus hätte sein Wissen lediglich aus zweiter Hand und hätte es primär „auf
literarischen Wandermotiven" aufgebaut - sprich er hätte irgendwelche Kli­
schees, die damals kursierten, niedergeschrieben.398
So wie die Tacitus-Rezeption im Dritten Reich, stößt auch die gesamte Ger­
manenforschung innerhalb des Ahnenerbe heute auf Kritik der akademischen
Forschung, die sie in erster Linie als Tendenzwissenschaft bezeichnet.399

397 Vgl. Lund (1995), S. 31; Das Ahnenerbe hatte Till ermöglicht, in Rom den so­
genannten Codex Aesinas einzusehen, eine der wichtigsten handschriftlichen Über­
tragungen der Germania. Nach dem Sturz Mussolinis hatte sich das Ahnenerbe
vergeblich um Sicherstellung des Codex bemüht, den der Duce 1936 als Geschenk
versprochen hatte. Siehe Wikipedia(USA): Ahnenerbe.
398 So etwa Lund (1995) in Bezug auf Eduard Norden (bereits 1920), S. 35
399 Vgl. Lund (1995), weitere typische Beispiele finden sich bei Halle (2003) und
jüngst bei Koop (2012), S. 10 ff., der sogar die germanische Herkunft der Goten in
Abrede stellen möchte und sich gegen die Bezeichnung des Grabmals Gotenkönigs
Theoderich in Ravenna als „germanisch" verwahrt; exemplarisch auch http://www.
bundesarchiv.de: „Das Ahnenerbe sollte den „wissenschaftlichen" Beweis für die
Überlegenheit des deutschen „Ariers" durch Forschungen - insbesondere zur ger­
manischen Vorgeschichte - erbringen. Zeit seines Bestehens war das „Ahnenerbe"
wissenschaftliches Zentrum der NS-Ideologie und nicht - trotz wiederholter Beteue­
rungen seiner Führer und Abteilungsleiter sowie Himmlers - an den Grundsätzen
bewährter sachlicher Wissenschaftlichkeit orientiert." 2013 erschien mit dem Be­
gleitband zur Ausstellung „Graben für Germanien" der bisherige Höhepunkt der
politisch-korrekten Darstellung der SS-Ausgrabungen.

130
Der hauptsächliche Vorbe­
halt gegenüber dieser Kritik
betrifft vor allem die mangel­
hafte Kenntnis der tatsäch­
lichen frühgeschichtlichen
Verhältnisse durch die Riege
der Kritiker. Denn der heu­
tige Kenntnisstand, der sich
gerade im Bereich der Früh­
geschichtsforschung auch
außerhalb der akademischen
Germanenforschung etab­
liert, beweist die Richtigkeit
vieler damals vorgetragener
Thesen, auch wenn sie heute
anders formuliert werden. So bescheinigte jüngst der politisch unverdächti­
ge Carl-Heinz Böttcher, dem nordeuropäischen Kulturraum eine dominie­
rende Funktion in der Ausbreitung kultureller Elemente: Demnach seien die
die südeuropäischen Bandkeramiker überlagernden nordischen Trichterbe­
cherleute Begründer eines losen „Reiches" gewesen, welches Keimzelle der
europäischen Zivilisation wurde und aus der heraus verschiedene Kulturen,
darunter die Schnurkeramische, entstanden, die wiederum als Verbreiterin
des„Indogermanischen" bis nach Asien gilt.400 Daneben wären eine ganze
Reihe von Forschern zu nennen, die von Nord- und Mitteleuropa ausgehen­
de Auswanderungswellen und damit verbundenen Kulturtransfer von hier
in den Süden, Westen und Osten bestätigen und selbst die akademische For­
schung hat seit dem Fund der Bronzescheibe von Nebra zumindest den euro­
päischen bronzezeitlichen Kulturen einen hohen kulturellen Stand und enge
Handelsbeziehungen nach Südeuropa und in den Nahen Osten eingeräumt.401

Die Ausgrabungen der SS


Der Beginn der archäologischen Forschung innerhalb der SS ist in der Ab­
kommandierung freiwilliger Verbände zu archäologischen Ausgrabungen
zu erblicken, wobei die SS-Kommandos unter der Leitung der jeweiligen
Grabungsleiter zum Einsatz kamen. Erst 1935 wurde innerhalb des Persön­
lichen Stabes RF-SS eine eigene Abteilung „Ausgrabungen" eröffnet. Mit

400 Vgl. Böttcher (2006), S. 20, 62 ff.


401 Vgl. Jürgen Spamith („Atlantis bei Helgoland"), Berry Fell (Nordische Felsin­
schriften in Amerika), Kai-Helge Wirth („Erfindung der Sternbilder durch nordme­
galithische Seefahrer"), Gert Meier/Herman Zschweigert („Hochkultur der Mega­
lithzeit"). Zur akademischen Forschung siehe insbesondere Meller (2004)

131
SS-Grabung am Glauberg SS-Grabung Camburg

Professor Dr. Alexander Langsdorff und Dr. Hans Schleif konnte Himmler
dabei auf zwei anerkannte Fachleute als persönliche Referenten zurückgrei­
fen. Langsdorff hatte 1927 in klassischer Archäologie promoviert und war
danach Kustos am Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin, bevor er
zu Himmlers SS stieß und Artikel für die SS-Zeitung „Das Schwarze Korps"
verfaßte. Schleif dagegen war zwar ursprünglich Ingenieur, beschäftigte
sich aber, über das interesse an der Bauforschung der Antike angeregt, be­
reits seit einigen Jahren mit der europäischen Frühgeschichte.402
Beide verband die Sorge vor dem Druck, den Rosenberg seit seiner Ernen­
nung zum „Beauftragten für die Überwachung der gesamten geistigen und
weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP", aus der er auch
den „Auftrag zur Reglementierung der deutschen Vorgeschichtsdisziplin
ableitete", über seinen neu geschaffenen „Reichsbund für Deutsche Vorge­
schichte" auf die deutsche Frühgeschichts- und Archäologenzunft ausübte.403
Wiegand, der wie oben dargestellt, bedeutendste Gegenspieler von Hans Rei-
nerths „Reichsbund für deutsche Vorgeschichte", hatte den Weg für die bei­
den Archäologen vorgezeichnet: Durch Eintritt in die SS konnte man sich dem
Zugriff Reinerths entziehen - dadurch wurde Himmlers „Schwarzer Orden"
zum Schutzreservat der objektiven archäologischen Forschung und verhin­
derte „paradoxerweise" - wie Bollmus es formuliert - „das Absinken der deutschen
Vorgeschichtsforschung in die Niederungen der Germanophilie. "404

402 Vgl. Kater (2006), S. 20 f.


403 Vgl. Kater (2006); danach ging der Reichsbund auf die bereits 1932 geschaffene
„Reichsfachgruppe für deutsche Vorgeschichte" zurück, S. 23.
404 Bollmus (2002), S. 168; Allerdings trifft diese Einschätzung von Bollmus heute
auf Kritik, denn dieser Lesart zufolge kommt die Organisation Ahnenerbe „zu gut
weg", was politisch inkorrekt wäre; vgl. dazu Krall (2006), S. 9.

132
Links: Skizze des geplanten Schutzgebietes Externsteine - rechts:
SS-Bauhelfer während der Externsteingrabung durch Julius Andree, 1935

Ausgrabungsstätten
Erste Ausgrabungsorte der SS-Gruppe befanden sich an der Erdenburg
bei Bensberg/ Köln, wo ein Ringwall aus der Zeit der Römerkriege freige­
legt wurde, an einem germanischen Dorf auf dem Bärhorst bei Nauen, an
der spätgermanischen Burg bei Alt-Christburg sowie im Lontal bei Urspring,
wo Hinterlassenschaften der Altsteinzeit ergraben wurden.
1936 folgten als Ausgrabungsorte Lichtenburg / Sachsen sowie 1937
die Ausgrabungen in Mauern bei Ingolstadt. Hier hatte der Begründer
des Urgeschichtlichen Forschungsinstitutes in Tübingen, Robert Rudolf
Schmidt,steinzeitliche Werkzeuge innerhalb eines Höhlensystems gefun­
den. Im August 1937 übernahm die SS unter Rolf Höhne die Ausgrabungen.
Höhne beauftragte den niederländischen Forscher Assien Böhmers mit der
Fortsetzung der Ausgrabung, die neue Erkenntnisse über den Cro-Magnon
Menschen erbringen sollte. 1938 wurde Böhmers der Aufgabenstellung ge­
recht, indem er einen Ursprung dieser Rasse, die als früheste Vertreterin
des modernen Menschen in Europa gilt, im eiszeitlichen Europa um 70 000
v.Zw. postulierte.405
Eine Reihe weiterer archäologischer Forschungen, die nicht offiziell von
der SS geleitet wurden, standen personell ebenfalls in Verbindung mit dem

405 Vgl. Pringle (2006), S. 124 f; ebenso auf deutsch: Pringle (2007); Böhmers glaubte
aber auch an eine Entwicklung des Cro-Magnon aus dem europäischen Neandertaler-
Menschen, ohne dies explizit in seinem Forschungsbericht darzulegen; vgl. ebenda, S. 82

133
Ahnenerbe: Ausgrabung der Burg Altjoch am Kochelsee, Ausgrabungen in
Fridolfing, Untersuchung der Roßtrappe bei Thale im Harz, Grabung beim
Stoppelberg in Höxter sowie Grabungen an der Kyffhäuserburg406
Die bedeutendste archäologische Stätte der SS waren jedoch die Externstei­
ne bei Hom, die bereits nach Abschluß der Ausgrabungen Andrees 1935 zum
„Interessengebiet der SS" erklärt wurden. An den Extemsteinen sollte ein zen­
trales Nationalheiligtum des germanischen Ahnenkultes geschaffen werden,
das eine zentrale Umwallung beinhaltete. Im Jahre 1936 begann der Reichsar­
beitsdienst Abt. 64 Iburg/ Horn, im Auftrage der Externsteine-Stiftung diese
Pläne in die Wirklichkeit umzusetzen.407 In den folgenden Jahren verschwan­
den die Externsteine allerdings fast gänzlich aus der öffentlichen Betrachtung,
so daß verschiedentlich die These geäußert wurde, es habe einen „Schweige­
befehl" über die wahre Bedeutung der Externsteine gegeben. Grund hierfür
sei die nicht haltbare Deutung als germanische Kultstätte gewesen, wie Ger­
not Geise spekuliert408 Auch Freerk Haye Hamkens, damaliger Mitausgräber
Andrees bei der Externsteine-Grabung, gibt an, daß 1939 der Plan der Ein­
richtung eines Nationalheiligtums auf gegeben wurde. Daß dem nicht so war,
beweist indes ein Befehl Himmlers an Oswald Pohl vom 20.2.1940. In diesem
führt Himmler eine ganze Reihe von Dingen auf, die im Rahmen der Einrich­
tung dieser Nationalstätte noch erledigt werden sollen, darunter die Anferti­
gung hölzerner Treppenaufgänge, die Erstellung von Karten und Infomaterial
für Besucher u.a.. Allerdings weist Himmler im Schlußsatz auf den Zeitpunkt
der Umsetzung seiner Anregungen hin, ohne dies ausdrücklich anzuspre­
chen: „Ich bitte für den Frieden um Vorschläge, in welcher Form diese Aufgaben zwi­
schen dem Chef des V. und W. Hauptamtes und dem Ahnenerbe geteilt werden."409

406 Siehe dazu Online-Findbuch BArch NS 21/687.


407 Vgl. Moll (2007).
408 Geise bezieht sich bei seiner Spekulation, die seine eigene These der Externsteine
als Bestandteil eines „keltischen Nachrichtensystems" stützen soll, auf einen Arti­
kel Otto Sufferts in Germanien, in dem dieser angab, daß weitere Untersuchungen
durch die SS bei Strafe verboten worden seien (Germanien Nr. 8/1934, S. 231). Geise
spekuliert: War man sich damals schon darüber im klaren, daß es sich bei den Extern­
steinen keinesfalls um ein „Heiligtum" handelte? Erkannte man in den Fundrelikten
bereits die Nichthaltbarkeit der „germanischen" Theorie? Geise (2007), S. 23; Elke
Moll meint dagegen in der selben Ausgabe der Zeitschrift, Teudt sei die Erwähnung
der nahe den Externsteinen gelegenen Immenburg „von den nationalsozialistischen
Machthabern untersagt worden", da diese nicht in die Pläne der Einrichtung des
neuen Heiligtums durch die SS paßte. Dies könnte ihrer Meinung nach auch dazu
beigetragen haben, die Externsteine gar nicht mehr zu erwähnen, obgleich diese Er­
klärung reichlich abwegig anmutet, siehe Moll, S. 22.
409 Brief Himmler an Pohl, zit, nach Heiber (1970), S. 97 f.

134
Für Ende April 1940
ist ferner ein Schrei­
ben Plassmanns an den
Münsteraner Archäolo­
gen August Stieren über­
liefert, in dem ebenfalls
die Externsteine themati­
siert werden: „Wir haben
hier an einem Felsen der
Externsteingruppe zahl­
reiche Spuren künstlicher
Herrichtung festgestellt,
die bis in die vorgeschicht­ Herbert Jankuhn (Bildmitte) im Kreis seiner Kollegen
liche oder frühgeschichtli­
che Zeit zurückzugehen scheinen. Flachwände, die mit dem Spitzmeißel behauen
sind, sind ganz unverkennbar. Außerdem scheinen einige damit zusammenhängen­
de Erdbewegungen vorgenommen zu sein. Auffallend ist dabei, daß ein berühmter
Felsbeschmierer des 18. Jahrhunderts namens Kieselack sich gerade an dieser Stelle
verewigt hat. Wenn es Ihre Zeit einmal erlaubt, so wäre ich Ihnen sehr dankbar,
wenn Sie gelegentlich einmal hierin kommen und sich die Sache ansehen wollten.
Der Reichsführer SS wird sich für positive Ergebnisse an den Externsteinen, die ja
bisher nicht allzu reichlich waren, sehr stark interessieren.''410
Während der bereits angesprochenen, 1934 durch Dr. Julius Andree er­
folgten Ergrabung, waren seinerzeit bereits SS-Grabungshelfer und -Archäo­
logen zum Einsatz gekommen. Zu dieser Zeit -1935/36 - bestand noch eine
Zusammenarbeit zwischen SS-Ausgräbern und dem Reichsarbeitsdienst
Rosenbergs, deren Mitglieder ebenfalls oftmals als Grabungshelfer zum
Einsatz kamen. Mit der Erschließung weiterer archäologischer Betätigungs­
felder am Glauberg und am Brunholdisstuhl vermochte Heinrich Himmler
jedoch weiteren Boden gegenüber Rosenberg gut zu machen und gliederte
schließlich im Februar 1938, dank eines „wohlwollend passiven" Hitlers,
dem die Einbindung der westdeutschen Richtung mit ihrer Betonung der
Kulturgröße des klassischen Roms und Griechenlands entgegen kam,411 die
SS-Grabungen, die seit 1935 formell dem Persönlichen Stab unterstanden,
offiziell dem 1935 begründeten Amt Ahnenerbe ein.
Zugleich eignete sich das Ahnenerbe im Februar 1938 die RuSHA-Ab-
teilung „Vor- und Frühgeschichte" (RA III b) an, das gemeinsam mit der
Abteilung Ausgrabungen in die neu formierte Abteilung „Germanische

410 Zit. nach Halle (2002), S. 216.


411 So Bollmus (2002), S. 168.

135
Ausschnitt aus der Karte Interessengebiete des Ahnenerbe, Denkschrift 1939

Archäologie" des Ahnenerbes fusionierte.412 Damit stellte das Ahnenerbe


die führende Organisation zur Erforschung der Vor- und Frühgeschichte
innerhalb des 3. Reiches dar - zum Ärger Alfred Rosenbergs, der diese als
eigene Ägide betrachtete. Hintergrund der Einbindung dieser erfolgreichen
SS-Grabungstätigkeit war das Bemühen Himmlers um eine effizientere
Nutzbarmachung archäologischer Erkenntnisse für die nationalsozialisti­
sche Weltanschauung und zugleich die stetige Erhöhung der wissenschaft­
lichen Reputation des Amtes Ahnenerbe, das fortan als Aushängeschild der
wissenschaftlichen Forschung innerhalb der SS fungieren sollte.
Mit der Zeitschrift „Germanien", die bereits seit 1935 offizielles Publikati­
onsorgan des Ahnenerbes war, verfügte man zudem über ein auflagenstar­
kes Blatt, das trotz weiterer Themenfelder des Ahnenerbes seine Ausrich­
tung auf archäologische und frühgeschichtliche Themen beibehielt.
Seit 1938 - dem Jahr der Anweisung, sämtliche Grabungen der SS fortan im
Ahnenerbe weiterzuentwickeln und zugleich dem Zeitpunkt der Ablösung
des bisherigen Leiters der SS-Ausgrabungen Dr. Rolf Höhne durch Dr. Hans
Schleif - zählte mit der Gründung der Forschungsstätte für germanische Ar­
chäologie die Ausgrabung von bedeutenden historischen Stätten deutscher

412 Vgl. Kater (2006), S. 67.

136
Geschichte neben der Erforschung der Welteislehre unter Dr. Scultetus zu
den wichtigsten Forschungsfeldern des Ahnenerbes. Diese Ausgrabungen
von Hinterlassenschaften aus der Früh- und Vorgeschichte Europas sollten
dabei vor allem die Rolle der „Nordischen Rasse" für die Frühzeit Europas
beleuchten und hervorheben, zugleich aber auch vergessenes Brauchtum
und Wissen der vorchristlichen Zeit betonen, was zugleich als Kritik an der
Kirche dienen sollte, die nach Himmlerscher Lesart die Hauptverantwor­
tung für die Auslöschung dieses alten Wissens trug.
Insbesondere die Haithabu-Forschung des renommierten Prähistorikers
Herbert Jahnkuhn, der 1937 in das SS-Ahnenerbe eintrat, sowie die gewis­
senhafte, wenn auch heute oft angefochtene Arbeit Schleifs am Kriemhil-
denstuhl, vermochten tatsächlich den Ahnenerbe-Anspruch auf „exakt wis­
senschaftliches" Arbeiten zu untermauern. Dagegen stießen die noch heute
umstrittenen Arbeiten an der heidnisch-germanischen Gedenkstätte in Ver­
den an der Aller bereits damals auf vorsichtige Kritik. Der in Erinnerung an
4500 durch christliche Franken getötete Sachsen errichtete Sachsenhain ließ
zum einen - entgegen den Plänen Hitlers auf einen vorläufigen Burgfrieden
mit den christlichen Stellen - die antichristliche Position der SS offenbar wer­
den, und vermochte überdies nicht die selbst gestellten Ansprüche auf eine
möglichst objektive Forschung aufrecht erhalten; vielmehr wird die Sach­
senhain-Tätigkeit des Ahnenerbes die einherging mit der Schaffung einer
weltanschaulichen Kultstätte, noch heute als das Paradebeispiel der Verqui­
ckung weltanschaulicher und wissenschaftlicher Tätigkeit im NS-Staat ver­
wendet - obgleich die Forschungs- und Grabungsergebnisse für sich allein
betrachtet durchaus einer wissenschaftlichen Überprüfung standhalten.413
Mit Ausweitung des nationalsozialistischen Herrschaftsbereiches seit
1938 gesellten sich zunehmend auswärtige Grabungsstätten hinzu, die den
bereits seit 1937 eingeläuteten Prozeß der Dezentralisierung des Ahnenerbes
forcierten. Um das Ansehen des Ahnenerbe über die Landesgrenzen hinaus
und damit dessen Anerkennung als ernsthaftes Forschungsinstitut weiteren
Auftrieb zu verschaffen, war ein Ausgriff auf Forschungsziele im Ausland
unvermeidlich. Dazu bediente Himmler sich der Hilfe bereits anerkannter
Forscher, denen er eine unbeeinträchtigte Forschung innerhalb der SS anbot.
Daneben hegte der Reichsführer mit einer weltweiten Forschung auch
den Wunsch auf Verbreiterung der Basis der innerhalb des Ahnenerbe er­
arbeiteten Thesen, insbesondere bezüglich des Nachweises der Welteislehre
als auch der weltweiten Kulturbefruchtung durch germanische Stämme. Zu
diesem Zweck wurden eine ganze Reihe von Forschungsreisen und Expedi­
tionen geplant und zum Teil auch durchgeführt.

413 Vgl. dazu Kater (2006), S. 238f.

137
5.2. Forschungsreisen & Expeditionen

Michael Kater behauptete seinerzeit, daß keine der bis dato erwogenen For­
schungsreisen „in Regionen außerhalb des Reiches bis Kriegsende in Gang
gesetzt werden konnte", auf Planungen zu Forschungsreisen während der
Kriegszeit geht er gar nicht ein, sondern weist lediglich auf die Unmöglichkeit
der Durchführung derlei Expeditionen zu Beginn des Krieges hin.414
Dieser Sichtweise folgte die Mehrzahl der Autoren, die sich mit diesem The­
mengebiet auseinandersetzten.415 Daß dies so nicht zutreffend ist, bemerkte
jüngst Heather Pringle, die sich schwerpunktmäßig gerade mit diesen Expedi­
tionen des Ahnenerbe auseinandersetzt. Während Kater durchblicken ließ, daß
die eine oder andere Forschungsreise im Auftrag des Ahnenerbes doch durch­
geführt wurde416, eruiert Pringle insgesamt acht vor Kriegsbeginn durchgeführte
Ahnenerbe-Expeditionen ins Ausland sowie vier weitere geplante, die nicht mehr
durchgeführt wurden:417 Skandinavien-Expedition(en) (Herman Wirth 1935 &
1936), Finnland (von Grönhagen 1936), Abessinien (Edmund Kiss 1939), Balkan
/ Kroatien (Altheim 1936), Vorderer Orient / Irak (Altheim 1938), Südfrankreich
(Assien Böhmers, 1939), Griechenland (Hans Schleif, 1940), Tibet (Emst Schäfer
1938/39). Zu den geplanten Expeditionen zählen Island (Bruno Schweizer), Ka­
narische Inseln (Otto Huth 1939), Persien (Walther Wüst 1940) und Bolivien (Ed­
mund Kiß 1940), wobei innerhalb der Ahnenerbe-Korrespondenz von 1939 auch
noch Mandschuko (Japan),418 Südnigerien und sogar Hawai genannt werden.419

414 Kater (2006), S.97.


415 Etwa Ludmilla Tüting (Tibet-Mythos), die mit allerlei historischen Unzuläng­
lichkeiten und tendenziösen Bewertungen aufwatet (Gobineau und Chamberlain wer­
den zu „Wegbereitern von Auschwitz", indogermanische Stämme werden zu Noma­
den, „die zur Zeit der großen hamitischen, semitischen und sumerischen Kulturen
illaterate Barbaren waren, die kein Nutztier domestiziert und keine Pflanze kultiviert
hatten" wohlwollend zit. von Ruth Römer). Hier wandeln sich Katers „keine" stattge­
fundenen Forschungsreisen in „nur wenige, die verwirklicht werden konnten".
416 So schrieb Kater (2006), S. 97: „Es ist jedoch bezeichnend, daß von all diesen For­
schungsreisen, ob geplant oder tatsächlich durchgeführt, keine einzige in der von C. Troll
nach dem Kriege aufgestellten Liste wissenschaftlicher Expeditionen während des dritten
Reiches enthalten ist." Befremdlich ist dabei, daß Kater die sich ausschließlich auf geogra­
phische Expeditionen beschränkende Veröffentlichung C. Trolls zur Richtschnur erhebt.
417 Pringle (2006), S. 11.
418 Mandschuko dürfte in Zusammenhang mit einer Himmler-Äußerung zu in­
dogermanischen Einflüssen hinweisen, die dort anhand von bis in die heutige Zeit
überdauernden Modeeinflüssen zutage träten, beispielsweise von Arbeitshosen, die
solchen aus Bayern ähneln.
419 Vgl. Kater, S. 96; siehe auch Karte Forschungsziele des Ahnenerbe, Denkschrift

138
Herman Wirth in Skandinavien 1936 - Vorbereitung zum Felsbildabguß
Weitere Interessengebiete ergaben sich aus bereits abgeschlossenen For­
schungen zumeist von Privatforschern, auf die das Ahnenerbe aufmerksam
wurde und für die zukünftige Unterstützung zugesagt wurde, so im Falle
Ludwig Kohl-Larsens, der 1936 Afrika bereiste. Daneben gab es archäolo­
gische Forschungen, die teils bereits vor dem Kriegsende anliefen und mit
Anschluß (Österreich) oder Kriegseinbruch (Polen) in die Abhängigkeit des
Ahnenerbe gerieten.
Im Ausland standen die Expeditionen des Forschungsvereins oft im Ver­
dacht, als Deckmantel für deutsche Spionagetätigkeit zu dienen - das nicht
ohne Grund: Tatsächlich wurden die der SS nahestehenden Forscher vom
SD dazu angehalten, Beobachtungen politischer Natur sowie Einstellungen
der Bevölkerung besuchter Gebiete gegenüber Deutschland und auswärti­
gen Mächten schriftlich festzuhalten.

Skandinavien: Archäologische Forschungsreisen Herman Wirths


Ende 1935, zu einer Zeit als das Ahnenerbe gerade im Aufbau begriffen
war, unternahm Herman Wirth eine Forschungsreise zu den Felsbildern im
schwedischen Bohuslän. Die heute als bronzezeitlich bezeichneten Felsbil­
der weisen eine Reihe von Petroglyphen und Symbolen auf, die Wirth mit
seiner atlanto-arktischen Ursprache in Verbindung brachte, die sich welt­
weit von einem in Grönland vermuteten Ursprungsgebiet ausbreiteten.420
1939, die insgesamt 122 in- und ausländische Orte als Wirkungsstätten vermerkt.
420 Vgl. Wirth (1928).

139
Nach seiner Rückkehr wenige Wochen später vermochte Wirth anhand
eines Diavortrages Himmler von der Finanzierung einer größeren Expedi­
tion nach Skandinavien zu überzeugen. Diese sollte nicht nur die Felsbilder
Bohusläns erfassen, sondern noch andere Stätten in Schweden und Nor­
wegen erforschen. Am 4. August 1936 startete die Expedition, welche die
Gruppe um Wirth erst nach Rügen und dann weiter nach Backa / Schweden
führte. Von hier ging es weiter nach Bohuslän. Mit einer besonderen Tech­
nik fertigten Wirth und sein Team Gipsabgüsse zur Archivierung der Bilder
an, die anschließend nach Deutschland geschickt wurden.421 Eines der Fels­
bilder, eine Figur mit erhobenen Armen, bezeichnete Wirth als Symbol des
Gottessohnes, eines arischen Vorläufers des urarischen monetheistischen
Gottesbegriffs, von dem das Christentum die Vorstellung des Gottesvaters
und -sohnes übernommen hätte. Nach Besichtigung des letzten Ziels der Ex­
pedition, der norwegischen Insel Lauvoylandet, kehrte die Forschergruppe
drei Monate nach ihrem Aufbruch in die Heimat zurück.422
Nach Kaltstellung Wirths wurde 1938 der Schwede Hakon Fernholm als
Mitarbeiter der Ahnenerbe-Abteilung Schrift- und Sinnbildkunde mit einem
weiteren Forschungsauftrag in Schweden betraut. Im Rahmen des Auftrags
sollten schwedische Runen- und Stabkalender gesichert und weitere Felsbil­
der untersucht werden.423

Finnland
1935 war Himmler durch die Lektüre eines Zeitungsartikels über die fin­
nische Sagensammlung
Kalevala auf einen jun­
gen Autoren aufmerksam
geworden: den Deutsch-
Finnen Yrjö von Grönha-
gen. Nach einem ersten
Zusammentreffen hatte
Himmler von Grönhagen
als Abteilungsleiter der
Forschungsstätte für In­
dogermanisch-Finnische
Kulturbeziehungen für
das Ahnenerbe verpflich­
tet und mit der Durchfüh­
rung einer Forschungsreise
Yrjö von Grönhagen (re.) in Finnland, 1936
421 Vgl. Kater (2006), S.78.
422 Zu Details siehe Pringle (2006), S. 65 ff.
423 Vgl. ebenda.

140
Heinrich Himmler in Norwegen, ca. 1940 - Rechts: Hirsch-Gott-Darstellung

beauftragt. Im Juni 1936 machten sichvon Grönhagen und der Musikwis­


senschaftler Fritz Bose auf den Weg nach Karelien. Dort stieß der finnische
Zeichner Ola Forsell zu der Gruppe. Aufgabe der Expedition war es, finnische
„Zauberkundige“ und Schamanen aufzusuchen, finnisches Sagengut und Ge­
dichte sowie Lieder zu sammeln bzw. aufzuzeichnen. Bei einem Treffen mit
dem Volkssänger Timo Lipitsä trug dieser ein ebenfalls im Kalevala enthalte­
nes Lied vor, obgleich das Buch dem Sänger nicht bekannt war. Es folgten Zu­
sammenkünfte mit dem finnischen Sänger Hannes Vornanen und dem Scha­
manen Miron-Aku, der in der dortigen Bevölkerung einen guten Ruf als Seher
genoß. Im Verlauf dieses Treffens wurden Film- und Tonaufnahmen einer
okkulten Sitzung angefertigt bei der Miron-Aku vergangene und kommende
Geschehnisse wiedergab, die er seherisch „empfing".424 Weitere Forschungs­
berichte bezogen sich auf die finnischen Saunas.

Frankreich
Nach Abschluß der Mauerner Grabung im Juli 1938, in der Assien Böhmers
den „Beweis" für eine Indigenität des Cro-Magnon-Menschen in Europa er­
bracht zu haben glaubte, versuchte der niederländische Forscher seine im
Ausland mit Skepsis aufgenommenen Forschungsergebnisse abzusichern.
Dazu plante er die Aussprache mit den führenden europäischen Steinzeit­
forschern und die Begutachtung deren Skelettmaterials. Die erste Station
führte Böhmers nach Brüssel, wo er die Sammlung steinzeitlicher Perlen
und Werkzeuge des wallonischen Forschers Aime Rutot begutachtete. Von
hier reiste Böhmers weiter nach Paris, um am „Institut de Paläontologie Hu-
maine" Werkzeuge aus Feuerstein zu untersuchen, die der führende Fran­
zösische Steinzeit-Experte Abbe Henri Breuil (1877-1961) zusammengestellt
hatte. Breuil hatte 1901 die Felsmalereien in der südfranzösischen Dordogne
entdeckt und deren Entstehung in der Altsteinzeit nachgewiesen. Nun er­
424 Vgl. Pringle (2007), S. 77ff.

141
möglichte der Franzose seinem niederländischen Kollegen die Besichtigung
der Höhlenmalereien von „Les Trois-Freres", der bekanntesten der Höhlen.
Hier prangt auch das Bild des Schamanen, eines Mensch-Hirsch-Zwitterwe­
sens, das als eine der ältesten religiösen Darstellungen Europas gilt. Nach
seiner Rückkehr referierte Böhmers im Winter 1938 auf einer SS-Gruppen­
führer-Tagung über die „Ur-Gottheit" der Cro-Magnon-Menschen.
Himmler belohnte den emsigen Forscher mit der Ernennung zum Leiter
der Forschungsstätte für Urgeschichte. Im August 1939 übernahm Böhmers
in dieser Funktion die Grabungsstätte Dolni Vöstonice in Tschechien, wo
der nun emeritierte tschechische Forscher Karel Absolon seit den 20er Jah­
ren bedeutende Funde zutage gefördert hatte. In drei Grabungskampagnen
zwischen 1939 und 1942 konnten allerdings nur wenige Artefakte geborgen
werden, die an Absolons Funde nicht heranreichten.425

Abessinien
Im Februar 1939 führte Edmund Kiß im unter italienischer Verwaltung
stehenden Abessinien (Äthiopien) („Welteis"-)Forschungen über Strandli­
nien durch. Innerhalb von zwei Wochen trug Kiß mit seinen Begleitern eine
Reihe von Indizien für die einstmalige Existenz von gewaltigen Wassermas­
sen in der lybischen Sahara zusammen, die für ihn nur mit der Hörbiger­
sehen Theorie erklärt werden konnten (siehe folgendes Kapitel 6).

Italien, Balkan & Vorderer Orient: Archäologische


Forschungsreisen Franz Altheims und Erika Trautmanns
Der damalige anerkannte Archäologe Franz Altheim wurde 1937 vom
Ahnenerbe kontaktiert. Zu dieser Zeit bereitete er eine Reise ins italienische
Val Camonica vor, um dort Felsinschriften und Runenzeichen zu studieren
- als Beweis für die bronzezeitlichen Wanderwege nordischer Völker auf ih­
rem Weg nach Rom.
Im Jahre 1938 unternahm Altheim dann mit Unterstützung des Ahnenerbe
eine Forschungsreise, die ihn gemeinsam mit seiner als Fotografin assistie­
renden Begleitung Erika Trautmann auf den Balkan führte. Nach einem Tref­
fen mit dem Direktor des rumänischen Staatsmuseums Grigore Floresci und
einem freundschaftlichen Austausch über die dortige faschistische „Eiserne
Garde", folgte die Erfassung von Inschriften an Palastwänden in Kroatien.426
Nach weiteren Zielen in Serbien, der Türkei und Griechenland begab sich das
Forscherpaar nach Damaskus, der Hauptstadt Syriens. Hier an der einstigen
römischen Ostgrenze hoffte Altheim neue Erkenntnisse zu den Kämpfen der

425 Vgl. dazu Pringle (2007), S. 81 ff.; zur ausführlichen Biografie Böhmers, siehe
Pringle (2006).
426 Vgl. Pringle (2006), S. 11.

142
Altheim und Trautmann im Orient Assien Böhmers Bruno Schweizer
indogermanischen Völker mit semitischen Stämmen gewinnen zu können. Im
Irak trafen sich die beiden auf Vermittlung des Botschafters Fritz Grobba mit
einheimischen Forschern und besuchten Parfhische und Persische Ruinen in
der Nähe Bagdads. Das Ahnenerbe unterstützte diese Forschungsreise mit
6800 RM, die aus der Kasse des persönlichen Stabes des RF-SS stammten.427
Gleichzeitig erfüllten Altheim und Trautmann aber auch Dienste für den
SD, indem sie Berichte über die politische Situation und Einschätzungen von
ihnen getroffener Personen vornahmen.428
Am 13.01.1941 vermerkt Ahnenerbe-Geschäftsführer Sievers einen An­
trag Altheims auf eine Forschungsreise in das damalige Jugoslawien, die
eine Besprechung zwischen Sievers und Altheim am 2.3.1941 nach sich zog,
auf der weitere Einsatzfelder Altheims besprochen wurden.

Island-Studienfahrt & geplante Expedition


Unabhängig von einer geplanten Ahnenerbe-Expedition nach Island kam
es 1936 zu einer Studienreise von SS-Führern nach Island. Die Island-Fahrt
von Juni bis Juli 1936 ist entgegen den Äußerungen Wagners und Goodrick-
Clarkes, die sie als „Forschungsreise" bezeichnen, weniger eine Expedition
mit konkretem Auftrag, als vielmehr der Versuch, einer Studienkommision
von SS-Führern „durch gemeinsames Erleben die Wurzeln der germani­
schen Edda-Saga" zu vermitteln.429
Zu den Teilnehmern zählen neben Otto Rahn, Wewelsburg-Bibliothekar
Hans Peter de Coudres sowie Island-Kenner Paul Burkert.430
427 Kater (2006), S. 79.
428 Pringle (2006), S. 102; hier auch Details zu Altheims Reisen.
429 Lange (1999), S. 62; Während Lange diese Reise für Anfang Juli ansetzt (S.62)
geht aus einem Schreiben des Sekretärs Rahns, v. Kalckstein hervor, daß sich Rahn
bereits Anfang Juni auf dieser Reise befindet, ebenda S. 178; Goodrick-Clarkes
(2004) Äußerung dazu S. 165.
430 Lange (1999), ebenda.
143
Der Plan einer Island-Expedition des Ahnenerbe stand demgegenüber in
Zusammenhang mit Bruno Schweizer (1897-1958). Dieser war am 1. Dezem­
ber 1937 auf Grund seiner Bewerbung um die öffentlich ausgeschriebene
Stelle zum Abteilungsleiter im Ahnenerbe der SS berufen worden. „ Obwohl
Schweizer zunächst eingestellt war, um an Stelle von Erich Gierach unter der Lei­
tung von Walther Wüst das „Sachwörterbuch der Germanenkunde" zu betreuen,
und das Ahnenerbe bis dahin bestenfalls Interesse an seiner Zimbernforschung
gezeigt hatte," wie Simon es formuliert,431 kommt es nach einem Gespräch
Schweizers mit der Ahnenerbe-Führungsspitze Sievers und Wüst am 10.
März 1937 zur Vorlage des „Plan einer Island-Forschungsfahrt". Die drei
Hauptaufgaben dieser für den Sommer 1938 vorgesehenen und auf 6 Wo­
chen veranschlagten Island-Forschungsfahrt sollten sein:
1. Landschaftsforschung: Aufsuchen von Thingstätten, Kampfbahnen Opferstätten,
Kulturstätten (Tempel). Beschreibung der Lage und Ortung, Planaufnahme der
Erdmarken und Lichtbild davon. Aufzeichnen der mündlichen Überlieferung da­
rüber. Sonnenmarken.
2. Hausforschung: Herstellung maßstäblicher Planskizzen von Rasenhäusem und ähn­
lichen alten Gebäuden; Wohnhöhlen, Häuser, Viehhäuser, innen und außen photo­
graphieren. Desgleichen Aufnahme der wenigen vorhandenen alten Hausgeräte.
3. Volkskundliches: Filmaufnahme von typisch isländischen Vorgängen. Familien
echt bäuerlicher Lebensart bei den täglichen Arbeiten, bei besonderen Feierlich­
keiten. Begräbnis, Vergnügungen, Kinderspiele mit bemalten Kieferknochen,
Hausbau, Schafsammeln, Pferde. Aufzeichnung von noch unbekannten Erzäh­
lungen, Sagen, Mythen, Bräuchen und Versen. Beobachtung sprachlicher Alter­
tümlichkeiten. Haus- und Familienmarken.432

Nach Zustimmung von Wüst und Himmler kommt es Anfang 1939 zu


Schwierigkeiten: Trotz der strikten Anweisung, jeden direkten Kontakt
nach Island zu vermeiden, um die Expedition nicht zu gefährden, verschickt
Schweizer Dossiers an den deutschen Generalkonsul in Reykjavik, den er
von seinen drei Reisen nach Island in den letzten Jahren persönlich kann­
te.433 Dazu kommt ein Artikel einer isländischen Zeitung, in dem bevorste­
hende Expeditionspläne der SS sarkastisch kommentiert werden. Als zudem
noch die Planung einer Island-Fahrt durch Rosenbergs Reichsbund bekannt
wird und das Ahnenerbe-Budget von Kürzungen betroffen ist, legt Himmler
die Expeditionspläne ad acta.434
431 Simon (ChrSchweizer).
432 Plan Schweizer 10.3.38„ebenda.
433 Sievers reagierte mit einem empörten Schreiben: „Der Umfang Ihrer Welt­
fremdheit übertrifft alles normale Maß, das man schließlich einem Wissenschaftler
zubilligen kann."; Brief Sievers an Schweizer vom 8.5.1939.
434 Vgl. Simon (Island).
144
Heinrich Himmler trifft Franco, 1940 Erika Trautmann (links) bei einer
Grabungin Spanien, ca. 1935
Kanaren & Spanien
Mitte der Dreißiger Jahre führte das Frobenius-Institut Ausgrabungen in
prähistorischen Höhlen Nordspaniens durch - mit dabei waren der Althis­
toriker Franz Altheim und Erika Trautmann..
Das Interesse des Ahnenerbe richtete sich derweil auf die Kanarischen In­
seln, wo die Ureinwohner, die Guanchen, als mutmaßlich letzte Vertreter der
steinzeitlichen Europäer bis in die Neuzeit überlebt hatten. Durch die hellhäu­
tigen und oft blonden Guanchen wurde die Inselgruppe oft in Verbindung zu
den „Ur-Ariern" gebracht, denen von diversen Autoren eine Urheimat auf
der irgendwo im Atlantik versunkenen Atlantis unterlegt wurde.
Als bester Kenner der Kanaren galt seinerzeit Dr. Dominik Wölfel, der
über eine umfangreiche Materialsammlung verfügte. Wölfel hatte im Ver­
lauf seiner Forschungen die These vertreten, die Guanchen seien Nachfah­
ren des blonden Cro-Magnon-Menschen, der sich ursprünglich in Nordaf­
rika entwickelt habe.435 Zu dieser von der NS-Linie abweichenden Ansicht
über die Urheimat der Europäer - die SS-Forscher favorisierten bekanntlich
das arktisch-nordische Gebiet - kam Wölfels Heirat mit einer „halbjüdi­
schen" Frau, was die Einschätzung seiner Person als politisch unzuverlässig
manifestierte. Um das reichhaltige Material Wölfels dennoch für die eigenen
Zwecke nutzen zu können, bemühte sich das Ahnenerbe seit 1939, das Ar­
chiv des Kanaren-Experten in die eigene Obhut zu übernehmen.436
Zu diesem Zeitpunkt liefen auch die Vorbereitungen einer Ahnenerbe-Ex­
pedition auf die Kanaren die von Otto Huth geplant, und dessen Schwager,
dem österreichischen Orientalisten Otto Rössler (1907-1991), durchgeführt
werden sollte.437 Otto Huth, Leiter der Ahnenerbe Abteilung für Indoger­

435 Vgl. Rohrbacher (2010), S. 3f.


436 Vgl. dazu Sievers an Victor Christian; Simon (ChrChristian).
437 Rössler war über den „Atlantis-Forscher" Albert Herrmann mit Himmler bekannt
gemacht worden und trat 1939 der Ahnenerbe-Forschungsstättefiir Indogermanische

145
manische Glaubensgeschichte, hatte sich bereits in seinem Manuskript
„Die Gesittung der Kanarier als Schlüssel zum Indogermanentum" mit den
Ureinwohnern der Kanaren befaßt und bemühte sich daher auch aus eige­
nem Interesse, Rössler den Weg für die Forschungsreise zu ebnen, jedoch
ergebnislos. Nachdem die Expedition angesichts des drohenden Kriegsaus­
bruchs abgesagt werden mußte,438 gelang es Rössler, Wölfel, der sich weiter­
hin einer Übergabe seines Archivs an das Ahnenerbe widersetzte, von der
Notwendigkeit eines Nachdruckes der bedeutendsten Guanchen-Quelle zu
überzeugen. Diese dann 1940 erschienende, aus dem Privatarchiv Wölfels
stammende „Torriani-Handschrift" nutzte Rössler schließlich für seine Ha­
bilitationsschrift über die „Sprache der Kanarier"1941. Nach erfolgreicher
Habilitation wurde Rössler Leiter einer Kanaren-Abteilung innerhalb der
Ahnenerbe-Forschungsstätte für den Vorderen Orient Victor Christians.439
Weitere Interessengebiete des Ahnenerbes in Spanien ergaben sich aus ei­
ner Zusammenarbeit mit dem spanischen Archäologen Julio Martinez Santa
Olalla. Dieser war im Vorfeld des Hitler-Franco-Treffens 1940 abgestellt, den
die Reise vorbereitenden Himmler in Madrid zu begleiten. Gemeinsam be­
sichtigten sie das archäologische Nationalmuseum. „Begeistert von der fach­
kundigen und germanophilen Betreuung", wie Nowak es formuliert, lud
Himmler den von der Idee der „Arisierung" der spanischen Frühgeschich­
te beseelten Spanier nach Berlin ein.440 Ende 1940 hielt Santa Olalla einen
Vortragszyklus über die Goten in Spanien in mehreren deutschen Städten.
Himmler revanchierte sich mit der Bereitstellung von Aufklärungsflugzeu­
gen für archäologische Geländeerkundungen und der Unterstützung der
Ausgrabung der westgotischen Nekropole Castiltierra, 100 Kilometer nörd­
lich von Madrid. Auf Einladung der spanischen Behörden stattete Herbert
Jankuhn der Grabung einen Besuch ab und auch Ernst Schäfer soll sich vor
Ort über die Grabungsergebnisse informiert haben.
Aufgrund fehlender Möglichkeiten der Restaurierung geborgener Ar­
tefakte in Spanien, wurden einige bronzene Grabbeigaben nach Berlin ge­

Glaubensgeschichte von Otto Huth bei, mit dem er durch Heirat der Schwester Huths
auch verwandtschaftliche Bande knüpft; siehe Simon (ChrRoessler), S.lf
438 Vgl. Simon (ChrRoessler); dennoch wird immer wieder von einer erfolgten Ex­
pedition berichtet, u.a. Nowak (2008): „Mythologie-Experte Otto Huth unternahm
1939 eine Expedition auf den Archipel, hoch motiviert durch Berichte über die religiö­
sen Riten der Ureinwohner und Funde von Guanchen-Mumien mit blonden Zöpfen".
439 Vgl. Rohrbacher (2010), S. 4; ebenso Simon (ChrRoessler), S. 18 f; nach Auf­
nahme einer besser bezahlten Tätigkeit für das „Institut zum Studium der Judenfra­
ge" 1939 wurde Rössler im Januar 1940 Assistent Jakob Hauers in Tübingen, wobei
er als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Ahnenerbe geführt wurde; ebenda, S. 12 ff.
440 Nowak (2008).

146
schickt. Noch im Jahr 1943 berichtete die spanische Zeitung „El Pais" von
einem Versand von Knochenfunden nach Berlin, die ebenfalls in Zusam­
menhang mit der Grabung Santa Olallas stehen soll.441

Griechenland
Ein Land, das traditionell im Fokus der deutschen Archäologie stand,
war Griechenland - oft als „Mutterland" europäischer Zivilisation bezeich­
net. Spätestens seitdem Hitler sich mehrfach schwärmerisch über die grie­
chische Antike geäußert, zugleich aber auch ein älteres, von Norden kom­
mendes Erbe dieser griechischen Kultur impliziert hatte, war das Land auch
für Himmler interessant geworden. Es galt, die anhand von Sagenüberlie­
ferungen naheliegende Verwandtschaft zwischen den alten Hellenen und
den Germanen wissenschaftlich nachzuweisen - anhand anthropologischer
und archäologischer Überlieferungen. Dies war die Ursache für eine Reihe
von Maßnahmen, die heute verwunderlich erscheinen, insbesondere wenn
sie während des Krieges initiiert wurden, als es sicherlich wichtigere Dinge
gegeben haben dürfte, als etwa die Feststellung, wie viele der SS-Männer
ein griechisches Profil aufwiesen.442 In diesem Fall war Himmler von dem
Gedanken bewegt, der Zuneigung seines Führers zu den antiken Hochkul­
turen mit der Aufstellung eines SS-Verbandes zu huldigen, der - mangels ge­
eigneter griechischer Freiwilliger - aus griechischen „Rassetypen" bestehen
sollte. Gleichzeitig war Himmler in Bezug auf Griechenland bestrebt, die
sprachliche und kultu­
relle Verwandtschaft
zwischen Hellenen und
Norwegern mittels ei­
nes Forschungsauftra­
ges zu prüfen - dieser
Auftrag wurde jedoch
auf die Zeit nach dem
Kriegsende verscho­
ben.443 Ebensowenig
zur Umsetzung kam
die geplante Einrich- Modell des Burgbergs von Pergamon nach H. Schleif

441 Siehe ebenda.


442 Vgl. Brief Meine an RuSHA, Heiber (1970) S. 150; vgl. auch Kater (2006), S. 205f.
443 So Himmler in einem Brief an Brandt, in dem er unter Verweis auf die Überrein­
stimmung alter norwegischer Ortsnamen mit griechischen einen solchen Forschungs-
aufirag anregt. Bei Heiber, S. 109; allerdings ging das Interesse am Hellenismus noch
weiter: So wurde dem Lebensborn auferlegt, eine Kartothek aufzustellen, über Kinder
und Mütter, die eine „griechische Nase" aufweisen; Heiber (1970), S. 149.

147
tung einer Ahnenerbe-Forschungsstätte über die „Arisch-indogermanischen
Zusammenhänge in Griechenland und Italien".444
Auf archäologischem Gebiet war bereits seit 1936 Emil Kunze auf An­
trag des Reichssportführers v. Tschammer und Osten mit einer sogenannten
„Führergrabung" im griechischen Olympia befaßt. Im Herbst 1940 stieß Hans
Schleif, der damalige Leiter der Ahnenerbe-Stätte Ausgrabungen hinzu und
wurde für die Zeit der Grabung vom Ahnenerbe beurlaubt und als Leiter
der Forschungsstätte durch Herbert Jankuhn abgelöst.445 Zuvor hatte Schleif
bereits bei der Ausgrabung der antiken griechischen Stadt Pergamon (heute
türkisch „Bergama") mitgewirkt, in deren Verlauf er auch ein Rekonstrukti­
onsmodell erstellte (Bild S. 143). Auf beide Grabungsbefunde, die 1944 ver­
öffentlicht wurden, wird noch heute in Fachpublikationen zurück gegriffen.
Weitere Ahnenerbe-Forschungen erstreckten sich auf das griechische Ora­
kel-Heiligtum Delphi, das 279 v.Zw. von Kelten geplündert wurde, die aller­
dings einen Großteil des „Schatzes" (von Orakelbefragern gespendete Mün­
zen u.dgl.) auf dem überstürzten Rückzug zurückließen. Gerüchten zufolge,
soll das Interesse des Ahnenerbes genau diesem Schatz gegolten haben.446
Eine weitere Untersuchung erstreckte sich auf das „Tor des Hades", eine
Bezeichnung für ein bei Tainaro gelegenes Höhlensystem auf dem südlichen
Peloponnes. Legenden besagten, durch dieses Tor seien germanische Völker
auf der Flucht vor einer Naturkatastrophe direkt aus Nordeuropa nach Grie­
chenland gelangt.447 Hier soll Hans Reinerth zwischen April und Dezember
1941 für Rosenbergs Reichsbund geforscht haben, mit dem Ergebnis, daß
tatsächlich neue Beweise für die nordische Einwanderung nach Griechen­
land erbracht worden seien.448

Südnigerien
Neben offiziellen und halboffiziellen Expeditionen gab es allerdings noch
eine Reihe weiterer Interessengebiete und Forschungsprojekte, für welche
sich das Ahnenerbe interessierte.
Zu diesen zählten eine Südnigerien-Reise des Forschers Dr. Ludwig Kohl-
Larsen, an deren Finanzierung sich das Ahnenerbe 1938 beteiligen wollte.
Dr. Kohl-Larsen, SS-Mitglied als Obersturmbannführer, hatte zwischen
1934 und 1936 die ehemalige Kolonie Deutsch-Ostafrika bereist und For­
schungen über vorgeschichtliche Felsmalereien im Nyarasa-Graben und die
Tindiga, ein Jäger- und Sammlervolk in Afrika, angestellt. Berichte seiner

444 Vgl. ebenda.


445 Vgl. Kater (2006), S. 292; Bollmus (2002), S. 308 (Anm. 65).
446 „Ahnenerbe in Greece", ethniko.net (PDF).
447 So zumindest „Ahnenerbe in Greece", ebenda.
448 So Reinerth gemäß ebenda.

148
Forschungstätigkeit wurden auch an das
Ahnenerbe geleitet, welche daraufhin eine
Unterstützung der weiteren Forschungs­
tätigkeit Kohl-Larsens beschloß. Sievers
verfügte im August 1937 die Zahlung ei­
ner Summe von 500 RM und stellte die
Vermittlung eines Geldbetrages von 30 000
RM durch andere Stellen in Aussicht.449
Einen Monat später bedankte sich Kohl-
Larsen bei seinem Förderer Himmler mit
einem von ihm verfaßten Buch über die
afrikanischen Issansu-Märchen.450 Hieraus
entstanden Pläne für eine sogenannte Süd-
nigerien-Expedition, die aber über theore­ Ludwig Kohl-Larsen (re.) 1936
tische Erwägungen nicht hinaus kam.

Grönland
Auch die Grönland-Forschungen von Prof. Paul Burkert, der als Unter­
sturmführer seit Mitte der 30er Jahre SS-Mitglied war, erregten das Interesse
des Ahnenerbe. Zwischen 1931 und 1933 führte der Meteorologe eine Expe­
dition im arktischen Raum durch, von der er mehrere Exponate, darunter
einen Inuit-Kajak mitbrachte. 1935 veröffentlichte Burkert seine Erlebnisse
in dem Büchlein „Erlebtes Grönland". Für 1937 plante Burkert, der 1936
auch zu den Teilnehmern der Island-Reise der SS-Führer zählte, eine wei­
tere Forschungsfahrt nach Grönland, die unter anderem Beobachtungen des
Verhaltens des Polarlichtes hinsichtlich der Welteislehre, Stern- und Wet-
terkundliche Untersuchungen sowie die
Erforschung von Wikingersiedlungen
vorsah. Das Ahnenerbe unterstützte diese
Forschungen in der Vorbereitung mit 580
RM sowie der Bereitstellung von Waffen
und Material. Wenige Wochen später dis­
tanzierte sich Sievers jedoch offiziell „aus
besonderen Gründen" von der geplanten
Expedition, da Burkert angeblich „un­
richtige Angaben über Forschungsauf­
träge Himmlers anläßlich der zurückhe­
genden Island-Fahrt verbreitet hätte.451 So
führte Burkert die Expedition schließlich Paul Burkert (re.) 1937
449 Sievers an Ahnenerbe 20. 8. 1937; ArchivVerfasser Nr. 32.
450 Archiv Verfasser Nr. 33.
451 Vgl. Schreiben Galke an Dresdener Bank, Archiv Verfasser Nr. 34.
149
zwischen August 1937 und Mai
1938 ohne offizielle Mitwirkung
des Ahnenerbe durch. Ein Bericht
über diese Forschungsfahrt fin­
det sich in Burkerts 1938 erschie-
nendem Buch „Weißer Kampf.
Eigene Erlebnisse in Grönland".
Hier berichtete er über geolo­
gische Entwicklung Grönlands:
„Es muß hier einmal wie in den ge­
samten polaren Gebieten üppigstes
Leben gewesen sein, es muß hier
einmal der Wald aus Schachtel­
halmen gewaltiger Größe gestan­
den haben, die heute im arktischen
Gebiete zur Steinkohle Grönlands
und Spitzbergens geworden sind....
. Und wie lange ist es her, daß sie
hier ihr Blattwerk grünen ließen? ...
Tannen und Kiefern, Ahorn und so­
gar Linde, Buche, Walnuß, Zypresse
und andere Arten schatteten in der
Tertiärzeit - also vor rund 10 000 Reiseskizze Burkerts
Jahren. Wodurch wurde der Wechsel
des Klimas bedingt? .. Die wahrscheinlichste Ursache ist eine Veränderung in der
Wärmemenge, die uns die Sonne zusendet. “ Die Frage ist, ob diese Antwort bei
einer expliziten Untersuchung der Wirkung der Welteislehre im Auftrag des
Ahnenerbe ebenso ausgefallen wäre? Allerdings, so Burkert weiter, sei „auch
gar nicht ausgeschlossen, daß der Nordpol selbst seine Lage auf der Erdoberfläche
geändert hat..."
Auch die schon im Rahmen der anvisierten Ahnenerbe-Forschungsreise
geplante Untersuchung der Wikingersiedlungen auf Grönland erwähnt Bur­
kert: „Was ist denn ausgegraben worden? Und wo sind denn die Normannen ge­
blieben? ... Man fand zum Beispiel kleine Messer mit Holzgrijfen; aber die Klinge
war so abgenutzt, daß sie kaum mehr als 2 bis 3 cm lang war. Es hat also starker
Eisenmangel bei den Siedlern geherrscht. Andererseits wissen wir aus den Sagas,
daß die Verbindung mit der Heimat zu Anfang des 15. Jahrhunderts außiörte.........
Der Viehbestand an Schafen, Rindern und Schweinen ging allmählich aus Mangel
an Nahrung zugrunde. Das Verhältnis mit den eingeborenen Eskimos war nicht
immer friedlich, es kam zu schweren Kämpfen. So trat eine Ursache zur anderen,
den Untergang der normannischen Besiedlung herbeizuführen."452
452 Burkert (1938), S. 28 f, S. 58 f.
150
Tibet: Zur Ernst-Schäfer Tibet-Expedition 1938/39 siehe folgendes Kapitel 10

5.3. Astrologie, Alchemie & Rutengänger

Eine Vielzahl der archäologischen und zweckwissenschaftlichen For­


schungen innerhalb des Ahnenerbe kam aufgrund der Initiative Himmlers
zustande, der sich immer wieder mit Fragen und Forschungsweisungen be­
züglich der verschiedensten Themen an das Amt wendete.
Dabei kam es auch immer wieder zu Aufträgen, die heute verwundern
mögen, allerdings bei genauerer Betrachtung keine Erzeugnisse bloßer
Langeweile des Reichsführers waren, sondern auch immer einem Zweck
dienten, worauf im Zusammenhang mit der Kriegstätigkeit des Ahnenerbe
noch einzugehen sein wird. Dennoch hielten sich bis heute eine Reihe von
vorgeblichen Befehlen oder Anweisungen Himmlers, die gewisse Andeu­
tungen des Reichsführers phantasievoll ausschmückten: So berichtet das
Autorentrio Lincoln / Baigent/ Leigh von einer Anweisung Himmlers an
die SS, „Nachkommen auf den Grabsteinen edler Arier zu zeugen", da diese
vom Geist der Toten inspiriert würden.453
Wegweisend was die heute zunehmend an Boden gewinnende „expe­
rimentelle Archäologie" betrifft, erwies sich Himmler hingegen mit der
Anordnung von Nachbauten diverser alter Kulturerzeugnisse, wie den
bronzezeitlichen Luren, die, trotzdem die vorgesehene Herstellung im Guß­
verfahren scheiterte und lediglich zusammengelötete Exemplare hergestellt
wurden, noch als Belegstücke der hochstehenden bronzezeitlichen Kultur
Norddeutschlands gelten können.
Gleiches gilt für bronzezeitliche Rennwagen, bei denen der Wagenlenker
auf der Deichsel stand. Die angefertigten Nachbauten wurden durch eine
Einheit der SS-Hauptreitschule, die Pferde und Fahrer stellte, auf ihre Pra­
xistauglichkeit erprobt.454
Noch deutlicher als in den geisteswissenschaftlichen Bereichen, offenbar­
te sich die Diskrepanz zwischen akademischer und SS-Forschung im Bereich
der Naturwissenschaften. Die naturwissenschaftliche Richtung innerhalb
des Ahnenerbe war dabei von Beginn an auf alternative Forschungen ausge­
legt, die auch einige Forschungsfelder mit sich brachten, die heute als kurios
gelten würden, aber in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen sind.

Radiästhesie (Wünschelrute & Pendel)


Eines der absonderlich anmutenden Steckenpferde Himmlers war dabei
die Radiästhesie, d.h. Strahlenwirkungen auf Organismen. Während eines

453 Lincoln (2005), S. 174; siehe hierzu auch Kap. 11.


454 Siehe dazu Koop (2012), S. 105.

151
Experimentelle Archäologie im SS-Ahnenerbe: Luren und Rennwagen.

Prozesses gegen den Generaloberst von Fritsch 1938 ließ der RF-SS zwölf
seiner vertrautesten SS-Führer in einem dem Verhörzimmer nahegelegenen
Raum versammeln und beauftragte diese, durch Willenskonzentration ei­
nen suggestiven Einfluß auf v. Fritsch auszuüben. Himmler erwartete, daß
der Angeschuldigte unter dieser Einwirkung die Wahrheit sagen müsse und
bekennen werde, ob er die Tat begangen habe. Im Laufe der Verhandlung
stellte sich jedoch heraus, daß der General Opfer einer Namensverwechs-
lung geworden war, wie er stets behauptet hatte.455
Tatsächliche Ergebnisse erbrachte das Interesse Himmlers dagegen für
das Wünschelrutengehen. Im August 1942 verfügte er, aus geeigneten SS-
Pionieren SS-Wassersucher-Brigaden aufzustellen, die später eventuell auch
zur „Erzsuche", speziell zum Aufspüren von Gold, eingesetzt werden soll­
ten.456 Zu diesem Zweck rekrutierte das „Ahnenerbe" Dr. Josef Wimmer,
einen Lehrer für Flugphysik an der Wittelsbacher Oberschule in München.
Wimmer übernahm im „Ahnenerbe" die Abteilung für angewandte Geolo­
gie, richtete im Heilkräutergarten des KZ Dachau seine Ausbildungsstätte
ein und schloß den ersten Wassersucherlehrgang am 13. Oktober 1942 ab.
Nach einem weiteren Vertiefungskurs im November 1942, erging die An­
weisung, daß jedem SS-Wehrgeologietrupp ein Wünschelrutengänger zuzu­
ordnen sei. Zu diesem Zeitpunkt waren einer in Belgrad stationierten SS-Di-
vision bereits die ersten drei Wassersucher zugeteilt worden. Für den März
1943 wurden Doppelkurse vorgesehen, für die zusätzlich ein Hilfsausbilder
eingestellt werden sollte.457

455 Nach Schellenberg (1981), S. 49.


456 Vgl. Kater (2006), S. 222; siehe auch Koop (2012), S. 133 f.
457 Kater (2006), S. 222.

152
Wie Wimmer später angab,
wurden bis zum Kriegsende eine
Reihe weiterer Kurse im Wün­
schelrutengehen durchgeführt, de­
ren Absolventen offizielle Urkun­
den vom Ahnenerbe erhielten.458
Angeblich beschränkte sich die
Tätigkeit der ausgebildeten Ru­
tengänger nicht nur auf die Was­
sersuche. Sie sollen auch für das
Aufspüren unterirdisch angeleg­
ter Gänge, Bunker und Depots, ja Illustration aus Willy Ley: „Pseudoscience"
sogar für die Suche nach Minen
eingesetzt worden sein. Selbst für „Schatzsuchen" verfügte Himmler offenbar
noch Ende 1943 über Kapazitäten. So wurde Wimmer mit der Untersuchung
des Hohenhöwen, eines Basaltberges im Hegau, auf dem sich eine Burgruine
befindet, beauftragt. Hintergrund des Einsatzes war eine Legende, derzufol-
ge sich in diesem Berg ein „sagenhafter Schatz" befände.458459 Über den Erfolg
dieser Mission ist allerdings nichts bekannt. Neben der Wünschelrute wurde
auch das Pendel zur Erlangung von Informationen eingesetzt.
Bereits 1942 hatte das Oberkommando der Marine eine Gruppe von Pen­
delexperten in Berlin zusammengezogen, die zuvor als vermeintliche Mit­
schuldige am Scheitern der Heß-Mission 1941 in Konzentrationslagern inter­
niert waren. Diese sollten den Aufenthaltsort alliierter Schiffe mithilfe eines
über einer Seekarte schwingenden Pendels bestimmen. Die Gründung dieser
geheimen „SP"-Gruppe soll in Reaktion auf die alliierten Erfolge bei der Ver­
senkung von U-Booten seit Ende 1941 erfolgt sein. Während der Erfolg tat­
sächlich durch die Entschlüsselung des deutschen Enigma-Codes zustande
kam, glaubten einige Offiziere auf deutscher Seite an übernatürliche Fähigkei­
ten, was möglicherweise durch die Allierten selbst suggeriert wurde.460
Nach katastrophalen Ergebissen wurde die Gruppe Ende 1942 aufgelöst.
Diese Mißerfolge brachten Himmler nicht davon ab, an der grundsätzlichen
Möglichkeit des erfolgreichen Pendeleinsatzes zu zweifeln.

458 So http://alpenfestung.com/ahnenerbe_rutengehen.htm.
459 So Brand wörtlich in seinem Schreiben an Sievers unter Bezug auf Himmler,
bei Heiber (1970), S. 289f.
460 Vgl. Wulff (1968), der die Initiative britischen, vom Geheimdienst gestreuten Ge­
rüchten zuschreibt, denen zufolge die Briten selbst durch das Pendel große Erfolge bei
der Aufspürung deutscher U-Boote erzielen würden. Allerdings haben die Briten tat­
sächlich auch Okkultisten mit ähnlichen Forschungen beauftragt; vgl auch http://www.
astrologix.de/artikel/geschichte/hartmann05.html; siehe dazu auch Howe (1995), S. 317

153
So ließ er im Herbst 1943 mehrere Hellseher, Astrologen und Pendler in
einer Villa am Warmsee unterbringen, von wo aus sie den Aufenthaltsort des
wenige Tage zuvor von der neuen sozialistischen Regierung festgesetzten
Duce feststellen sollten. Ebenfalls beteiligt an dieser „Unternehmen Mars"
genannten Aktion war der Astrologe Wilhelm Th. Wulff, der in seiner Bio­
graphie „Tierkreis und Hakenkreuz" von seiner Begegnung mit Himmlers
Leibarzt Felix Kersten berichtet, über den er Kontakt zum RF-SS bekam. Im
Rahmen des Mussolini-Ortungseinsatzes ermittelte er dessen Aufenthalts­
ort „höchstens 75 km südöstlich Roms''.461 Zu diesem Zeitpunkt befand sich
Mussolini tatsächlich auf der Insel Ponza, etwa 120 Km südlich von Rom,
bevor er in ein Hotel auf dem Gran Sasso / Abruzzen verbracht wurde. Dort
wurde er schließlich durch ein Kommandounternehmen unter Führung von
Otto Skorzeny befreit. Tatsächlich scheinen also in einigen Fällen der An­
wendung des Pendels oder der Wünschelrute durchaus positive Ergebnisse
erzielt worden zu sein - nicht nur in diesem Fall.462

Alchemie
Wie bereits erwähnt, bestand ein Ziel der Radiästhesie in der Auffindung
von Goldadern. Die Suche nach Gold wurde jedoch auch durch einen ande­
ren, den okkulten Künsten zugerechneten Weg angestrebt, nämlich der Al­
chemie. Der alte alchimistische Traum der Verwandlung wertloser Substan­
zen in Gold war für Himmler anders als für die meisten seiner Zeitgenossen
kein bloßer Wunschtraum, sondern potentielle Realität. Dabei dürfte er von
verschiedenen Quellen beeinflußt worden sein, die von der tatsächlichen Fä­
higkeit einiger Alchemisten berichten, Blei in Gold zu verwandeln.463
So gelang es Himmler, den Alchemisten Franz Tausend für seine Zwecke
einzuspannen. Tausend hatte zum Zeitpunkt des Interesses Himmlers be­
reits eine typische Hochstapler-Karriere hinter sich: Der 1884 in Krombach
geborene Franz Seraph wurde bereits durch die Wunderheiler-Karriere sei­
nes Vaters, eines gelernten Klempner, inspiriert. Nach einer gescheiterten
Volksschullehrer-Ausbildung und ebensolcher Militärlaufbahn wurde er
ebenfalls Klempner, begann aber anschließend eine Drogisten-Lehre. Nach
dem Weltkrieg gründete er einen „Bund der Familienfreunde" der gegen
Geldeinlagen Lebensmittel beschaffen sollte. Tatsächlich wanderte das

461 Wulff (1968) S. 129; vgl. auch die online-Ausgabe (englisch) unter http://www.
skyscript.co.uk/wuljf6.html; siehe auch ausführlich: Berndt (2011), S. 240ff.
462 Vgl. dazu Howe (1995), S. 314 ff.; ferner http://alpenfestung.com/ahnenerbe_
rutengehen.htm; vgl. auch Schellenberg (1981), S. 49.
463 Vgl. Wegener (2006), S. 27f, der hier drei, freilich sich heutiger Nachprüfung
entziehende Fälle nennt: Helvetius (Johann Friedrich Schweitzer, + 1709), Berigado
von Pisa (17. Jhrh.) und Johannes Baptista von Helmont (+ 1644).

154
Geld in Tausends Tasche. Nach Ankauf eines Schloßgutes in Regensburg
versuchte sich Tausend mit einer wissenschaftlichen Geigen-Prüfstelle und
entwarf einen Geigenlack zur Klangverbesserung.464 Von der Möglichkeit
fasziniert, mit derlei Schabernack Geld zu verdienen, wendete er sich der
Goldmacherei zu. Zu diesem Zweck gewann er Förderer vor allem aus Krei­
sen der völkischen Bewegung, darunter Erich Ludendorff, denen er sich mit
der Vorstellung andiente, durch die Goldmacherei „Deutschland aus den Fes­
seln des Leihkapitals zu befreien",465
Tausend hatte drei verschiedene Verfahren zur Umsetzung seiner Pläne
vorgesehen, darunter das Quecksilberverfahren sowie das KOH-Verfahren.
Und tatsächlich fand sich am Ende des jeweiligen Verfahrens ein Körnchen
Gold in der Schlacke des verwendeten Ofens. Der Zeitzeuge Heinrich Schleff
mutmaßt allerdings, das Gold habe sich schon vor den Versuchen in Tau­
sends Hand verborgen befunden. Die aufgrund seiner vermeintlichen Er­
folge in der „Tausend-Gesellschaft-GmbH" versammelten Industriellen und
Förderer spendeten von 1925 bis 1929 mehrere Hundertausend Reichsmark,
die vertraglich zu 75 % Ludendorff zuflossen, der wiederum die völkische
Bewegung, u.a. die NSDAP, finanziell unterstützte.466
Nachdem der Erfolg ausblieb, kam es 1929 zu einem von Tausends Anle­
gern angestrengten Betrugsprozeß, bei dem Tausend nach zwei Jahren Er­
mittlung 1931 schuldig gesprochen wurde. Als Schwindel entlarvt worden
war eines seiner Verfahren bereits 1928 vom italienischen Chemiker und
Erfinder Quirino Sestini.467 Nach Verbüßung seiner Haftzeit wendete sich
Tausend seit 1933 wiederum der Alchemie zu, wurde aber 1938 erneut we­
gen Betruges zu drei Jahren Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung
verurteilt.468
Zwischen 1934 und 1938 war er von Heinrich Himmler verpflichtet wor­
den, in einem in einem Nebengebäude des Prinz-Albrecht-Palais einge­
richteten Labor, Gold zu erzeugen - so zumindest Adolf Eichmann. Dieser
erinnerte sich in seinen 1961 verfaßten Memoiren an einen von Himmler be­
schäftigten Goldmacher, der „merkwürdigerweise Tausend" hieß.469 Auch Wil-

464 Zur ausführlichen Biographie Tausends siehe Wegener (2006), S. 35 ff.


465 Zit. nach Wegener (2006), S. 40.
466 So Wegener (2006), S. 84 ff.
467 Siehe Tausend entlarvt? In: Sozialdemokratischer Pressedienst v. 31. Januar
1931, S. 9f.
468 So Wikipedia: Franz Tausend.
469 Vgl. Wegener (2006), S. 116 f; Wikipedia: Franz Tausend, hält die Aussage Eich­
manns allerdings für eine Verwechslung mit dem 1935 nachweislich in der Gestapozen­
trale, Prinz-Albrecht-Straße 8, in Berlin inhaftierten Goldmacher Heinz Kurschildgen.
Die genaue Erinnerung an Tausends Namen spricht jedoch gegen eine Verwechslung.

155
heim Wulff erwähnt eine 1943 ihm gegenüber erfolgte
Aussage des Himmler-Adjutanten Suchanek: „Der
Reichsführer läßt ihnen sagen, daß sie schneller arbeiten
und sich mehr Mühe machen sollen, sonst könnte es ihnen
so ergehen wie dem Goldmacher Tausend, der im KZ sitzt
und solange sitzen wird, bis er Gold machen kann."00
So sehr die „Goldmacherei" den heutigen Leser
auch befremden mag, befand sich Tausend damit
in bester Gesellschaft: Dazu faßt Wikipedia zusam­
men: „Der Nobelpreisträger Fritz Haber versuchte in
diesen Jahren Gold aus Meerwasser zu gewinnen und der
Professor an der TH Charlottenburg Adolf Miethe erregte
zwischen 1924 und 1926 Aufsehen mit seinen Versuchen,
Gold aus Quecksilber zu synthetisieren. Dasselbe Ziel Franz Tausend
verfolgte ab 1924 der japanische Physikprofessor Na-
gaoka mit starken elektrischen Feldern. In den USA schließlich war seit 1897 die
Aktiengesellschaft,Argentaurum Company' des Metallurgen Stephen H. Emmens
aktiv, die angeblich eine künstliche Goldsilbermischung produziert und an die Uni-
ted States Mint verkauft hatte."01

Gerüchte zur praktischen Anwendung der Hohlwelt-Theorie


Immer wieder erscheint die Behauptung, das 3. Reich habe sich auch für
die sogenannte Hohlwelttheorie begeistert. So sieht Ludmilla Tüting die
Hohlwelttheorie als Element des „aberwitzigen Okkult-Cocktails" des 3. Rei­
ches, derzufolge „wir in einer nach innen gewölbten Erde lebten".02
Abgesehen vom US-amerikanischen Ursprung dieser Theorie470 473
472
471 stammt
die Behauptung, „die Nazis" hätten sich damit befaßt, ebenfalls aus den
USA. Neben Willy Ley, einem Raketenforscher, der im Zusammenhang mit
der Vril-Gesellschaft noch eine Rolle spielen wird, war es unter anderem der
Autor Gerard P. Kuiper, der eine solch waghalsige These aufstellte:

470 So Wulff (1968), S. 126 f; einen ähnlichen Fall schildert Koop (2012), S. 139,
unter Berufung auf Sievers. Demnach hätte ein Mann in Düsseldorf behauptet, aus
minderwertigen Stoffen Gold, und aus Wasser Benzin machen zu können. Trotzdem
er den Beweis immer schuldig blieb, wandte er sich nach und nach an immer neue
Partei-Stellen bis Hitler schließlich befahl, den Mann solange einzusperren, bis er
tatsächlich aus Dreck Gold und aus Wasser Benzin gemacht hätte.
471 Wikipedia: Franz Tausend.
472 http://www.tourism-watch.de/node/63.
473 „In neuerer Zeit wurde diese Idee von einem Hauptmann der US-Armee na­
mens John Cleves Symmes jun. (1780-1829) vertreten". Wikipedia: Theorie der
hohlen Erde.

156
„Bestimmte Kreise der Deutschen Marine
glaubten an die Hohlwelttheorie. Sie erachteten sie
als hilfreich, um die Britische Flotte zu lokalisieren,
denn die Wölbung der Erde würde die Beobachtung
nicht behindern. Wegen der Lichtbrechung seien
optische Strahlen nicht geeignet; doch Infrarot­
strahlen hätten eine geringere Brechung. Folglich
wurde eine Gruppe von etwa zehn Mann unter der
wissenschaftlichen Leitung von Dr. Heinz Fischer,
einem Experten für Infrarotlicht, von Berlin zur In­
sel Rügen gesandt, um mit Infrarotlichtausrüstung
die Britische Flotte unter einem nach oben gerichte­
ten Winkel von etwa 45° zu fotografieren."474
Aufgegriffen wurden die Gerüchte von ver­
schiedenen Autoren - selbstverständlich auch
von Pauwels/Bergier - allerdings ohne daß
Titelbild des Lang-Werkes
auch nur eine Primärquelle irgendwo genannt
wurde. Eine tatsächlich befürwortende Aussa­
ge eines höheren NS-Protagonisten zu der Hohlwelttheorie - ob aus Marine
oder Luftwaffe - ist jedenfalls nicht bekannt. Im Gegenteil, sprach sich Ah­
nenerbe-Präsident Wüst 1937 sogar für ein Verbot der Schrift „Vorgeschich­
te wird Geschichte. 10.000 Jahre Schrift und Kultur" von Johannes Lang aus.
Dieser Astrologe, der auch zu den Bekannten Weisthors gehört haben soll,475
propagierte darin zusammen mit Karl Neupert eine Weitsicht, derzufolge
der Mensch auf der Innenseite einer Hohlkugel lebt. Himmler lehnte jedoch
ein Verbot ab, da man damit „erst das Buch bekannt machen würde."476 Auch
Rosenberg verurteilte auf Anfrage die Hohlweltlehre als „völlig unwissen­
schaftliche Erklärung des Weltraums".477

474 Bericht Kuiper, nach Pauwels/Bergier (1967), S. 356 ff.; ebenso Moon (1999).
475 Lange (2010), S. 37, unter Verweis auf Gabriele Winckler-Dechend, zählte
Lang zu den Gästen Weisthors in Berlin.
476 Siehe Kater (2006), S. 125.
477 So Webb (2008), S. 380.

157
6. Das Welteis, Edmund Kiss & Atlantis

„Die Unterzeichneten sind überzeugt, daß


Hanns Hörbigers Welteislehre (WEL) in ihrer
grundsätzlichen Gestaltung das geistige Ge­
schenk eines Genies ist, das von hohem Wert für
die gesamte Menschheit in praktischer und welt­
anschaulicher Hinsicht ist, für uns Deutsche als
ein echt arisches Gedankengut aber von ganz
besonderer Bedeutung ist."478

6.1. Die Welteislehre

m Jahre 1912 erschien in Kaiserslautern ein Werk, das die gesamte bis

I dato bekannte astronomische Weitsicht auf den Kopf stellte: „Hörbigers


Glacial-Kosmogonie". Hanns Hörbiger, der Verfasser, war Ingenieur
und Spezialist im Bereich der Wärme- und Kältetechnik, als der er zu einiger
Bekanntheit gelangte. Als Laien-Astronom traf er mit Philipp Fauth zusam­
men, der sich als Lehrer ebenfalls für die Astronomie interessierte und dank
jahrelanger beobachtender Himmelskunde bereits einige Erfolge - so die Be­
nennung eines Mondkraters nach ihm - aufweisen konnte. In Fauth fand
Hörbiger einen begeisterten Anhänger seiner Theorien, und die Zusammen­
arbeit führte schließlich zur Herausgabe des erweiterten Manuskriptes Hör­
bigers durch Fauth 1925.479
Der wesentliche Kern der Glacial-Kosmogonie,die kurz darauf als Welteis­
lehre (WEL) Bekanntheit erlangen sollte, war ein „Widerstreit eines kosmi­
schen Neptunismus mit einem ebenso universellen Plutonismus", die zu einer
neuen Entwicklungsgeschichte des Weltalls und Sonnensystems führe.
Dieser aus dem Untertitel abgeleitete Wesenskern beinhaltete die Frage, ob
Gesteinsschichten durch Sedimentationsvorgänge im Wasser eines Urmeeres
entstanden seien (Neptunismus) oder ob sich die Erdformationen mittels vul­
kanischer Kräfte aus glühender Lava gebildet hätten - eine Frage, die sich ver­
kürzt mit dem Dualismus zwischen Glut und Eis auseinandersetzt.
Die Geburt der neuen Lehre setzte Hörbiger in der Rückschau mit einem
Ereignis 1894 gleich, als er erkannte, daß die Mondoberfläche mit einem Eis­
panzer von mehreren Kilometern Dicke überkrustet sei, woraus er die Exis­
tenz vieler weiterer derartiger Gebilde im Weltall ableitete. Diese Eisgebilde
sollen nun nach Hörbiger regelmäßig zum Opfer von Heißgestirnen wer­
den, die sich erstere einverleiben. So sei unser Sonnensystem entstanden, als
478 Aus dem Pyrmonter Protokoll 1936, bei Nagel (2000), S. 117 ff.
479 Siehe dazu: Nagel (2000), S. 29 f.

158
sich vor vielen Millionen Jahren eine
Riesensonne von millionenfacher
Sonnengröße bildete, die ein ver­
eistes Gestirn von der 40 000-fachen
Größe unserer Sonne verschlang. Ein
Teil des Einfänglings drang so weit
in das Innere des Glutriesen ein, bis
er dort auf Schichten seiner Dichte
stieß. Dadurch konnte das Eis bzw.
Wasser nicht sogleich verdampfen,
sondern bildete um den Einfängling
eine bimssteinartige Schlacke, die im
Verlauf 10 000 er Jahre durch die Glut
unter steter Bildung von Dampf zer­
stört wurde. Durch den entstehenden
Siedeverzug aktivierte eine Druck­
veränderung den überhitzten Was­ Hanns Hörbiger
serstoff zur Explosion, wodurch der
Einpfängling zusammen mit Materie des Glutsternes ausgestoßen wurde.
Während drei Viertel der Materie durch die Anziehungskraft wieder einge­
fangen wurden, entzogen sich 1/4 der Materie durch die hohe Geschwin­
digkeit von 3200 km/ sec. dieser Kraft, ordneten sich zu einem Glutkreisel
und bildeten die heutige Sonne und ihre Planeten.
Die den Glutkreisel umgebende Wasserdampfhülle dehnte sich nach Ver­
bindung mit Wasserstoff aus dem Äther aus, kühlte ab und führte zur Aus­
bildung einer immer dichter werdenden Eishülle: Danach seien alle Planeten
ursprünglich mit Eis bedeckt, übriger Eisdunst habe die Milchstraße gebildet.
Nach und nach würden nun diese Körper Opfer größerer Anziehungskräfte
der Sonne oder benachbarter Planeten bis auch diese von der Sonne eingefa-
nen würden - so sollen bereits 10 Planeten hinter Merkur Opfer unserer Sonne
geworden sein und zugleich die Erde bereits mehrere Monde besessen haben,
die ebenfalls nach und nach auf die Erde stürzten - danach wäre auch der
Mars ein möglicher kommender Mond. Zyklisch würden diese Mondeinstür­
ze kosmische Katastrophen hervorrufen, die jeweils das Leben - insbesondere
das menschliche - in seiner Entwicklung weit zurück würfen.480
Für die akademische Forscherwelt stellte dies ein Sakrileg dar, war die WEL
doch eine Weltlehre, die in absolutem Widerspruch zu den offiziell anerkann­
ten Grundsätzen der Astronomie und Mathematik stand. So mißtrauten auch
viele Forscher auf Seiten der Nationalsozialisten dieser Lehre, ungeachtet
der Mythen verschiedener Völker, die mit Teilen der Lehre korrespondieren.

480 Vgl. Kiss (1933), S. 15 ff.; Nagel (2000), S.llff.

159
Genau diese Mythen aber
waren es, die vielen Anhän­
gern die Hörbigersche Leh­
re als letzten Mosaikstein
der Erkenntnis der Welt
dünken ließ. Rudolf Elmay-
er-Vestenbrugg (1888-1970)
etwa, deutscher Schrift­
steller und Verteidiger der
WEL über das Kriegsende
hinaus, schrieb: „Hörbigers
unvergängliches Verdienst ist
es, die urferne Weisheit unse­
rer Vorväter vom ewigen Wi­ Broschüre von Hanns Fischer - Sintflut-Motiv
derstreit des Feuers und Eises,
wie ihn die Edda besingt, wieder aufgedeckt und wissenschaftlich in dem großarti­
gen Weltbilde der Welteislehre neu begründet zu haben."481
Auch Hitler war begeistert vom „deutschen Genie" Hörbiger und woll­
te, so Strohmeier, „das ist mehrfach bezeugt - auf dem Donauufer in Linz ein
Gebäude errichten lassen, ,das insbesondere der katholischen Pseudowissenschaft
zum Trotz die drei Weltbilder des Ptolemäus, des Kopernikus und der Welteislehre
(Hörbigers) enthalten solle'. Auch eine Marmorbüste des Welteispropheten sollte
aufgestellt werden, des Mannes, den Hitler für den , Kopernikus des 20. Jahrhun­
derts' hielt."482
Die Ablehnung selbst großer Teile des eigenen Lagers führte jedoch dazu,
daß die WEL mit Kriegsende als widerlegte Irrlehre angesehen wurde.
Nichtsdestotrotz treten mit wachsendem Wissen über das Zusammenspiel
der Planeten immer wieder Details zutage, welche die WEL in bestimmten
Punkten stützen - zu nennen wäre hier vor allem der folgende Kernsatz Hör­
bigers: „Der Weltraum kann nicht leer sein, in ihm muß eine fein verteilte, ver­
mutlich aus Wasserstoff bestehende Materie sein" der heute als unbestreitbare
Tatsache angesehen wird und vielleicht nicht die letzte erkannte Wahrheit
der WEL bleiben wird.483
Auch die Existenz von Riesensternen bzw. -sonnen wird mittlerweile eben­
so anerkannt, wie ein „jenseits des Neptuns befindlicher Planetoidengürtel.''484

481 Unter Pseudonym Elmar Brugg erschienen, Brugg (1952).


482 Strohmeyer (1997), S. 117f.
483 Noch kürzlich wurde die These Hörbigers bestätigt, derzufolge Eiskometen
unaufhörlich in die Sonne stürzen würden - siehe http://science.nasa.gov/science-
news/science-at-nasa/2OOO/astO7jul_l/
484 http://cgi.wfg-gk.de/glacialkosmos44.html; hier auch weitere Beispiele.

160
6.2. Edmund Kiss & das Pyrmonter Protokoll

Die Befassung des Ahnenerbes mit der Welteislehre lag im Interesse Himm­
lers an der sogenannten „germanischen Naturwissenschaft" begründet, die
seinem Verständnis nach gegen die vorherrschende „jüdisch versippte Wissen­
schaft" antrete. Hintergrund war die dominierende Stellung jüdischer Wissen­
schaftler in einigen Wissenschaftsbereichen, für die exemplarisch der als „Rela­
tivitäts-Jude" verspottete Albert Einstein stand. Die 1905 erstmals präsentierte
Lehre über die Struktur von Raum und Zeit war ein theoretisches Konstrukt,
das mit dem „sogenannten gesunden Menschenverstand" nicht nachvollzieh­
bar war und als Reaktion die Suche nach einer verständlicheren „Gesamtschau"
wachrief, welche nunmehr die WEL zu präsentieren beanspruchte.485 Die von
Hörbiger abgeleitete „göttliche Abstammung der Germanen", die, nach Himm­
lers Überzeugung, vor der Erdengeburt im „ewigen Eise des Weltraumes kon­
serviert gewesen seien", hob die WEL zugleich in den Status einer Art Ahnen­
überlieferung, die an Stelle vermeintlich nüchterner Betrachtung gewichtiger
sei und damit in den Rang zu erhaltender Forschungszweige kommen mußte.486
Im „Pyrmonter Protokoll" vom 18. Juli 1936 unterzeichneten Alfred Hörbiger,
der Verleger Dr. Herman von Hase, Dr. Hans Robert Scultetus, Dr. Voigt und
Philipp Fauth - der erste Wegbegleiter Hanns Hörbigers - die Verpflichtung,
die Welteislehre im Rahmen des Ahnenerbes zu verbreiten. Offiziell übernahm
Himmler damit die Schirmherrschaft über die Welteislehre und installierte im
Februar 1937 die Pflegestätte für Wetterkunde innerhalb des Ahnenerbe, die
„durch eine neuartige Beobachtung der Wetterkunde die Richtigkeit der Welt­
eislehre beweisen sollte".487 Zum Vorsitzenden der Pflegestätte wurde entgegen
ursprünglicher Pläne, die Hörbigers ältesten Sohn Hans Robert vorsahen, Ro­
bert Scultetus; einer der wichtigsten Mitarbeiter war der Schriftsteller und For­
scher Edmund Kiss. Im März 1938 wurde parallel zur Pflegestätte für Wetter­
kunde die Sternwarte Philip Fauths in München-Grünwald als Astronomische
Pflegestätte mit Fauth als Leiter ins Ahnenerbe übernommen - damit existierten
gleich zwei Abteilungen zur Unterstützung der Welteislehre.

485 Vgl. Nagel (2000), S. 57f.; allerdings muß berücksichtigt werden, daß die Ver­
urteilung der Relativitätstheorie als „jüdische Wissenschaft" ungenau ist, denn
wesentliche Elemente plagiierte Einstein, der seinerzeit am Patentamt in Genf be­
schäftigt war, vom Franzosen Jules Henri Poincare (1854-1912), der 1904 bereits
eine vorläufige Version der Theorie der speziellen Relativität skizziert hatte; vgl.
http://www.iep.utm.edu/poincare/; ähnlich Wikipedia: Henri Poincare, wobei der
Franzose hier lediglich zum „Mitbegründer“ wird, ohne daß er im dortigen Artikel
zur Relativitätstheorie auch nur genannt würde.
486 Vgl. Nagel (2000), S. 73.
487 Vgl. Kater (2006), S. 86.

161
Aufgrund anhaltender
Gegenstimmen auch er­
wiesen pro-nationalsozia­
listischer Wissenschaftler
suchte Himmler anerkannte
Forscher für eine mittelfristi­
ge Zusammenarbeit zu bewe­
gen. So wies Himmler Wüst
an, mit Heisenberg, einem
scharfen Kritiker der WEL,
Fühlung aufzunehmen, um
Edmund Kiss Philipp Fauth ihn zu einer Zusammenar­
beit mit „unseren Leuten von
der Welteislehre" zu bringen.488 Dazu kam es allerdings nicht - im Gegenteil,
auch das Ahnenerbe rückte auch aufgrund ausbleibender Beweise für die
Lehre seit 1939 nach und nach von einer öffentlichen Propagierung der WEL
ab: Die WEL sei „ganz unter Windschutz zu halten ... und von ganz bestimmten
und begrenzten Arbeitsgebieten aus einer kritischen Nachprüfung zu unterziehen"
befahl Himmler 1938.4891942 erfolgte schließlich die Umbenennung der Pfle­
gestätte in „Abteilung für Geophysik" - die Erforschung der Welteislehre
wurde aber - sofern es angesichts der Kriegslage überhaupt möglich war
- im Verborgenen weiter geführt: Noch 1942 sind Eingaben Himmlers an
das Ahnenerbe belegt, bestimmte Sachverhalte in Zusammenhang mit der
WEL zu prüfen - allerdings sollten diese erst nach Kriegsende bearbeitet
werden.490

Edmund Kiss
„Nehmt Euch zusammen, meine jungen Freundei Heute spricht ein Verführer der
Jugend zu Euch. Glaubt ihm nichts, kein Wort, was er in diesem Büchlein schreibt,
sondern prüft und forscht selbst. .. Auch die Welteislehre ist deutsche Revolution,
Revolution des Geistes. Ob sie Bestand hat, wird die Zukunft lehren."491 Der Ver­
fasser dieser Worte war der 1886 geborene Kasseler Baurat (zeitweise Leiter

488 Zit. nach Nagel (2000), S. 74.


489 Schreiben Sievers an Brandt, zit. nach Longerich (2010), S. 290.
490 Siehe Nagel (2000), S. 83 ff.; Longerich (2010), S. 291, der auch von Plänen be­
richtet, an jedem Standort der SS eine (Volks-)Sternwarte einzurichten, um dadurch
„zum Teil einen Ersatz für das von uns zu überwindende Christentum zu finden".
Dazu zählt auch die Einrichtung einer Sternwarte auf der besetzten italienischen Insel
Lussinpiccolo, die ebenfalls auf die Zeit nach dem Kriegsende verschoben wurde; vgl.
Koop (2012), S. 82.
491 Kiss (1933), S. 3.

162
Steinskulptur in Tihuanaku: „Sternenweiser Godda Apacheta“ - Ruinenstadt
des Preußischen Hochbauamtes) und Autor Edmund Kiss. Als einer der Un­
terzeichner des Pyrmonter Protokolls ist er eine der schillerndsten Figuren
des Ahnenerbe.
Mit einer Körpergröße von knapp 2,10 m bei einem Gewicht von 110 Kg,
war er die Art von Mann, „deren Gegenwart Himmler suchte", wie die US-
Autorin Heather Pringle bemerkte.492 Im ersten Weltkrieg wurde er als Sol­
dat mehrfach verwundet und mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter
Klasse ausgezeichnet. Nach dem Krieg wurde er Architekt und ließ sich im
westfälischen Münster nieder, wo er sich für die Welteislehre Hörbigers zu
interessieren begann.493
Bereits zu Beginn der 30er Jahre war sein Name durch einen auflagenstarken
Weltentstehungsroman bekannt geworden („Das gläserne Meer", 1930), dem
ersten Teil einer Tetralogie über Atlantis („Die letzte Königin von Atlantis"
1931, „Frühling in Atlantis", 1933, „Die Singschzväne von Thule", 1937). Zu
diesem Zeitpunkt war Kiss bereits überzeugter Anhänger der Welteislehre,
die er in seinen Romanen durch die Beschreibung der durch Mondeinstürze
ausgelösten Naturkatastrophen plastisch verbildlichte, obgleich er in meh­
reren Artikeln der Zeitschrift Germanien durchaus nüchterne wissenschaft­
liche Abhandlungen über Themenkreise des germanischen Brauchtums ver­
faßte - etwa einen Artikel über „Altgermanische Bodenvorratswirtschaft"494
- die keinerlei Bezug zur WEL aufweisen. Anders präsentierte sich Kiss in
seinen Büchern, in denen er die Mondeinsturzszenarien Hörbigers mit der
Atlantis-Überlieferung Platos und der Vorgeschichte der Germanen ver­
band. Schon 1933 erschien seine Kampfschrift für die Welteislehre, in der er

492 Pringle (2006), S. 179.


493 Pringle (2006), S. 178 f
494 In „Germanien" 1937.

163
die neue Lehre leiden­
schaftlich verteidigte.
Im Jahre 1936, kurz
nach Unterzeichnung
des Pyrmonter Proto­
kolls, erging eine An­
weisung Himmlers, Kiss
inoffiziell durch das Ah­
nenerbe in seinen For­
schungen zu unterstüt­
zen.495
Als dem damaligen
Reichsführer während
Deutscher Forscher (Posnansku?) in Tihuanaku, ca. 1930
eines Fluges über das ly-
bische Hochland Strandlinien auffielen, die für ihn ein möglicher Beweis der
Welteislehre waren, ersuchte er Kiss eine Forschungsreise nach Libyen zu un­
ternehmen. Obgleich etwa Hans Behm bereits 1930 von zurückliegenden For­
schungen von Kiss in Abessinien schreibt,496 fand die Reise erst Anfang 1939
statt. Im Februar 1939 erreichte der Forscher zusammen mit einem Assistenten
und einem Kameramann die unter italienischer Verwaltung stehende Haupt­
stadt Libyens, Tripolis. Dort wurden ihm vom italienischen Gouverneur ein
LKW sowie ein Flugzeug zur Verfügung gestellt. Innerhalb von zwei Wochen
trug Kiss mit seinen Begleitern eine Reihe von Indizien für die einstmalige
Existenz von gewaltigen Wassermassen in der libyschen Sahara zusammen,
die für ihn nur mit der Hörbigerschen Theorie erklärt werden konnten.497
Kurz vor Antritt der Reise war der Abenteurer auf Anweisung Himmlers
und begleitet von einem positiven Gutachten des SD-Professors Franz Alf­
red Six im Jahr 1938 offiziell in das Amt Ahnenerbe übernommen worden,498
obwohl seine publizierten Forschungsergebnisse umstritten waren und er
somit auch nicht zur angestrebten Steigerung des wissenschaftlichen An­
spruchs des Ahnenerbes beitragen konnte. Vor seiner Übernahme in das
Ahnenerbe wurde Kiss jedoch ebenso wie Willigut bereits als Mitglied des
persönlichen Stabes Himmlers geführt.499
Neben der bedingungslosen Unterstützung der WEL trat Kiss ebenfalls
für die Echtheit der Ura-Linda-Chronik ein - überdies vertrat er in einem

495 Kater (2006), S. 52 zit. nach Denkschrift Kiss, T-580, 207/733 (alte Signatur!)
496 Behm, Nachwort in: Kiss (1930).
497 Siehe dazu Pringle (2006), S. 374; demgegenüber erweckte Kater (2006) den Ein­
druck, daß es zu keiner Expedition kam, S. 69.
498 Kater (2006) ,S. 69.
499 Sünner (1999), S. 46.

164
kurz zuvor erschienendem Buch über das „Sonnentor von Tihuanaku"
(1937) die Ansicht einer Millionen Jahre alten Kultur in Südamerika was
auch nicht gerade auf Zustimmung der herrschenden Wissenschaft stoßen
konnte.
Der Versuch Himmlers, Kiss an der „Tibet-Forschungsreise Ernst Schä­
fers 1938/39" zu beteiligen, um insbesondere Forschungen zur Welteislehre
durchführen zu können, scheiterte jedoch. Mit Verweis auf die schwindende
wissenschaftliche Reputation der Expedition lehnte Schäfer die Teilnahme
des Welteisforschers ab. In seinen unveröffentlichten Memoiren hielt Schä­
fer über Kiss fest, daß dieser behauptet habe, am Titicaca-See „Welthäfen
von Außerirdischen" gefunden zu haben.500
Kiss Forschungserkenntnisse gingen auf einen längeren Aufenthalt in Bolivi­
en im Jahr 1928 zurück. Dank des Gewinns eines Preisgeldes von 20.000 Reichs­
mark in einem Autoren-Wettbewerb, verfügte er über die nötigen Mittel, um
einen längeren Aufenthalt in Südamerika zu finanzieren. Hier erforschte er auf
den Spuren Arthur Posnanskys die Ruinenstädte auf der Insel Marajo und am
Titicacasee, das Mausoleum Puma Punku sowie die Sternwarte Kalasaya.501
Während dieser Zeit, in der er nach unbestätigten Angaben auch als Leiter
eines Museums in La Paz tätig war,502 festigte sich seine Überzeugung einer
uralten arisch-atlantischen Kultur, die sich bis nach Südamerika erstreckte.
Veröffentlicht wurden die Erkenntnisse des Forschers, denen zufolge die
Südamerikanischen Frühkulturen von nordischen Menschen beeinflußt wa­
ren, in einem Aufsatz, „Nordische Baukunst in Bolivien" in der Zeitschrift
„Germanien" sowie in seinem bereits erwähntem Buch „Das Sonnentor von
Tihuanaku und Hörbigers Welteislehre".
Für das Jahr 1940 war eine Expedition nach Südamerika geplant, die unter
Leitung von Kiss Grabungen in Bolivien, Peru und Kolumbien durchführen
und dabei Erkenntnisse aus Knochen- und Kalksegmenten, Fauna und Flora
sowie aus Strandlinien und kinematographischen Aufnahmen gewinnen soll­
te. Für diese Expedition, die sich aus Archäologen, Zoologen, Botanikern, Ast­
ronomen, Karthographen, Geologen sowie einem Filmteam zusammensetzen
sollte, waren bereits modernste Geräte bereitgestellt worden: Zur Durchfor­
schung des Titicaca-Sees nach alten Ruinen stand ein Tiefsee- Photographie-
Gerät zur Verfügung und die Firma Zeiss stellte ein Luftbild-Aufnahmegerät
bei, mit dem prähistorische Strukturen aufgespürt werden sollten. Offiziell
abgesagt wurde sie nach Kater mit Hinweis auf die Kriegslage Anfang 1940.503

500 Mierau (2006), S. 342.


501 Bestätigung finden diese Angaben sowohl bei Behm (1930) sowie bei Sünner
(1999), der Kiss Aufenthalt in Südamerika für das Jahr 1928 ansetzt.
502 Landig (1980), der als vage Zeitangabe „vor dem Krieg" nennt (S. 121).
503 Kater (2006), S. 69.

165
Entgegen der verbreiteten Annahme mangelnder Seriosität der geplanten
Expedition, belegt Mierau anhand einiger Teilnehmer und der zugesagten
Unterstützung durch das Münchener Volkskundemuseums den wissen­
schaftlichen Charakter der Unternehmung. So sollte auch ein Karthograph
der Technischen Hochschule Hannover sowie der SS-Mann Schulz-Kampf­
henkel teilnehmen, der zwischen 1935 und 1937 bereits die deutsche Ama­
zonas/Jary Expedition als Geograph begleitet hatte.504
Trotz der Überlegung, die Expedition nach einem schnellen Sieg Deutsch­
lands kurzfristig nachholen zu können, war die endgültige Absage Ende
1941 besiegelt. Kiß selbst war bereits im Oktober 1939 im Range eines Haupt­
manns in den aktiven Wehrdienst berufen worden.505
Nach vierjährigem Kriegseinsatz und anschließendem Dienst im Wach­
bataillon am Führerhauptquartier Wolfsschanze geriet Kiss 1945 in alliierte
Kriegsgefangenschaft und wurde ins Gefangenenlager Dachau bei München
überstellt. Von hier gelangte er in ein Internierungslager bei Darmstadt, aus
dem er aufgrund seines sich durch eine frühere Malariaerkrankung rapide
verschlechternden Gesundheitszustandes 1947 entlassen wurde.1948 wurde
er in einem Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer" eingestuft und gegen
die Zahlung einer Geldstraße von 501 DM frei gesprochen. Im Dezember
1960 starb Edmund Kiss.506

6.3. Atlantis & die vorgeschichtlichen Zivilisationen

Ein wichtiges Element innerhalb der Welteis-Katastrophentheorie Hörbi­


gers spielte auch der sagenhafte Kontinent Atlantis. Gemäß Hörbiger ist der
Kosmos einem konstanten Werden und Vergehen ausgesetzt; große Him­
melskörper fangen kleinere Planeten ein, die dann als Monde das größere
Gestirn umkreisen bis sie auf den Planeten stürzen und dadurch gewaltige
Katastrophen auslösen. Hörbigers Lehre zufolge, hat sich dieses Szenario
bereits mehrfach in der Erdgeschichte ereignet und in Form kollektiver Erin­
nerungen innerhalb der Sagenwelt der Völker erhalten.507 Die nachhaltigste
literarische Umsetzung dieser kosmischen Katastrophen findet sich inner­
halb der populären Roman-Tetrologie von Edmund Kiss.
Bereits bei Helena Blavatsky war Atlantis die Heimat der menschlichen
Wurzelrassen, deren bedeutendste die Arier gewesen seien.508 Auch die Ari-

504 Vgl. Mierau (2006), S. 344; zu Schulz-Kampfhenkel siehe Kapitel 10 dieses Buches
505 Mierau (2006), S. 345.
506 Vgl. Pringle (2006), S. 310; vgl. auch Mund (2002), der von einer persönlichen
Begegnung mit Kiss im Gefangenenlager in Dachau berichtet.
507 Vgl. Körber (2003)
508 Blavatsky lokalisiert Atlantis dabei im Atlantik, schreibt aber bereits von einem

166
osophen übernah­
men diesen Gedan­
ken. Einer der frühen
Apologeten eines
arischen Atlantis ist
der völkische, dem
ariosophischen Ge­
danken nahestehen­
de Autor Karl Georg
Zschaetzsch, der 1920
im entsprechenden
„Arier-Verlag" seine
„Herkunft und Ge­
schichte des arischen
Stammes" veröffent­ Hypothetische Lage von Atlantis bei Edmund Kiss
lichte.*509
510

Demnach wären die Arier durch Rassenmischung und anschließende


Naturkatastrophen - als göttlicher Strafe - zur Auswanderung aus Atlantis
gezwungen gewesen. Über die Ariosophen List und Lanz von Liebenfels
fand der Atlantis-Mythos auch Eingang in die Gedankenwelt führender NS-
Protagonisten. Franz Wegener bezeichnet Atlantis gar als „Sprungbrett für
eine rassisch fundierte germanische WeltkultuR'
Während die Theosophen ebenso wie Anthroposophen noch von einer
Atlantis im Atlantik ausgehen, kommt es innerhalb der ariosophischen Strö­
mungen zu einer Vermengung mit dem Nordmythos, der sich bei Lanz in
Form eines untergegangenen Nordkontinentes Arktogäa manifestiert. Die­
se Identifikation von Atlantis mit dem verlorenen Nordland läßt sich über
Herman Wieland, Rudolf John Gorsleben und den späteren SS-Ahnenerbe
Mann Frenzolf Schmid („Urtexte der ersten göttlichen Offenbarung", 1931)
nachvollziehen, die verschiedene Sagenmotive zum Atlantis-Thule-Mythos
zusammensetzen.511

Festland jenseits des Polarmeeres, „das immer grün" und „die Heimat der im fernen
Norden geborenen Arier" sei; vgl. Wegener (2003), S. 68.
509 Zschaetzsch (1920); die seit 1922 in mehreren Auflagen erschienende Zusam­
menfassung „Atlantis- die Urheiamt der Arier" wurde sowohl von der Schrifttums­
kammer 1935 als auch innerhalb einer Rezension des Ahnenerbe-Organs „Germani­
en" verrissen; Germanien 2/1937; vgl. auch Wegener (2003), S. 63 f.
510 Wegener, S. 106, der an anderer Stelle (S. 114) hinzufügt, daß der „Atlantismy­
thos die Geschichte des Rechtsradikalismus durchzieht wie ein roter Faden".
511 Wieland (1925), Gorsleben (1930), Schmid (1931).

167
Atlantis-Darstellung bei Albert Hermann
Doch wie kamen sowohl Politiker wie Alfred Rosenberg, der in seinem
Mythus des 20. Jahrhundert Atlantis als die Ausgangsstätte des Ariertums
darstellte, ebenso wie Forscher auf den Gedanken, Atlantis, das doch für
gewöhnlich irgendwo im Atlantischen Ozean lokalisiert wird, nach Nord­
europa zu verlegen?
Ihren Anfang nahm die Suche nach einem nordischen Atlantis bereits im 17.
Jahrhundert. 1675 wähnte Olof Rudbeck Atlantis in Skandinavien, 1799 folgte
Jean Bailly Rudbecks Spuren und verlegte Atlantis nach Norwegen. Wieder­
um fast 100 Jahre später behauptet der Geologe Eduard Süß, Spuren von At­
lantis auf Grönland gefunden zu haben.512 1936 schließlich brachte erstmals
Heinrich Pudor den Gedanken auf, Helgoland wäre ein Rest der einstigen
Atlantis, die sich zwischen Schottland und Südnorwegen erstreckt hätte.513
Für frühgeschichtlich interessierte Politiker wie Rosenberg und Himmler
war Atlantis dabei auch stets Projektionsfläche einer urgermanischen Hoch­
kultur, deren Spuren sich in Nordeuropa nur rudimentär nachweisen ließen.
Mit der Idee, daß sich Spuren einer frühgeschichtlichen ariogermanischen
Hochkultur auf dem Meeresboden, gar vor den deutschen Küsten finden
ließen, rannten Heimatforscher bei dem „ariophoben" Himmler offene Tü­
ren ein. Auch er war geprägt von der Gleichsetzung der arischen Urheimat
mit Atlantis und besessen von der Idee, ebenso Belege für die Urheimat als
auch Spuren der weltweiten Verbreitung des Ariers ausfindig zu machen.514
1935 korrespondierte er mit Albert Hermann, Autor der auf die Ura-Lin-
512 Olof Rudbeck: Atland eller Mannheim. Uppsala 1675; Jean Bailly: Eettres sur
l Antide. 1799; Eduard Süß: Das Antlitz der Erde; vgl. dazu Wegener (2003), S. 17.
513 Pudor (1936); vgl. dazu Wegener (2003), S. 39 f.
514 Vgl. dazu Sünner (1999), S. 48 ff.; ebenso Mierau (2006), S. 337ff.

168
da-Chronik gestütz­
ten Veröffentlichung
„Unsere Ahnen und
Atlantis", die das
atlantische Zent­
rum in Nordafrika
lokalisierte, dem
allerdings eine Aus­
wanderung aus
Nordeuropa voran-
gegangen wäre.515
1937 schrieb Himm­ Kivik-Grab Schweden,ca. 1400 v.Zw.
ler an Walther Wüst:
Er glaube, daß Chinesen und Japaner „einmal Kolonialvölker eines zentralen
Staates und Volkes - wie ich annehme - Atlantis gewesen sind, also aus Völkern be­
standen haben, die Jahrhunderte oder Jahrtausende eine, nennen wir es einmal eine
atalantische Herrenschicht gehabt haben. Diese atalantische Herrenschicht hat wohl
der Kultur und Sprache dieser Völker ihren Stempel aufgedrückt.''516
Von Pudors Thesen angeregt, richtet Himmler seit 1938 sein Augenmerk
auf Helgoland.517 Schon vor dem Ersten Weltkrieg war der Helgoländer
„Steingrund" als untermeerische Erhebung bekannt. Damals hatten Taucher
in dieser Gegend zahlreiche behauene Steine vorgefunden, nachdem dort
ein deutsches Kriegsschiff auf Grund gelaufen war.518 Ebenso existierten
auch ältere Berichte von Helgoländer Fischern, die bei günstigen Sichtver­
hältnissen von ihren Booten aus die Ethischen Strukturen am „Steingrund"
ausgemacht und dem Areal daher diesen Namen gegeben hatten.519
Es folgen mehrere Forschungsaufträge an das Ahnenerbe:520 In einem Sch­
reiben vom September 1938 bemerkte der RF-SS: „Lieber Wüst! Bei meinem
letzten Besuch auf Helgoland stellte ich fest, daß über die Geschichte Helgolands fast
nichts bekannt ist. Die meisten Dinge über die Geschichte Helgolands befinden sich
wohl in dänischen Archiven. Ich bitte Sie, einmal alles, was in den Sagen über Helgo­
land zu finden ist, zusammenzu tragen. Veranlassen Sie doch ferner, daß die Berech-

515 Vgl. Kater (2006), S. 51; Hermann (1934), S. 10 ff.


516 Himmler an Wüst, zit. nach Kater (2006), S. 51.
517 Pudor selbst schrieb noch 1937, daß Hitler persönlich ihm Unterstützung zur
Fortsezung seiner heimatkundlichen Helgoland-Forschung bewilligt hätte.; vgl.
Strohmeyer (1997), S. 134.
518 Gadow (1973), S. 47/S. 143.
519 Vgl. http://wiki.atlantisforschung.de/index.php/J._Spanuth,_das_SS-Ahnener-
be_und_die_Atlantisforschung_vor_Helgoland#cite_ref-17.
520 Vgl. Strohmeyer (1997), S. 118; ebenso Kater (2006), S. 71.

169
nungen des Ortungsnetzes, das dieser eine Mann in
Hamburg aufgestellt hat, auch auf Helgoland ausge­
dehnt wird. Man kann vielleicht auf diese Art fest­
stellen, wie groß die Insel war, wo sich der wirkliche
Mittelpunkt befand und wo die heilkräftigen Quellen
gewesen sind. Wasser gibt es heute auf Helgoland
nicht mehr. Ich nehme jedoch bestimmt an, daß auf
der Insel, die sicher einmal 5 bis 6 x so groß war wie
sie heute ist, ein Brunnen vorhanden war..."521
Im November 1938 wird der Fehmarner Hei­
matforscher Peter Wiepert mit der Vorberei­
tung von Tauchgängen beauftragt und erhält
zu diesem Zweck drei Seekarten der Kriegs­
Jürgen Spanuth mit Elfen­
marine, aus denen sowohl die Lotungen über
beinfund vom Steingrund
den unter Wasser liegenden Inselfuß, als auch
die Tiefenverhältnisse in der weiteren Umgebung hervorgehen.522 Im April
1939 folgt ein weiteres Schreiben Himmlers an den Reichsgeschäftsführer
des Ahnenerbe, Wolfram Sievers: „Es müßte dann unseren Ortungsleuten mög­
lich sein, durch die Feststellung eines Ortungsnetzes, in das Haithabu Schleswig,
Hamburg, vielleicht englische Heiligtümer und noch viel weiter entferntere, wie
Thorshafen auf den Färöern einbezogen werden, mathematisch genau den früheren
Mittelpunkt und damit auch den vermutlichen Platz der früheren Quellen finden zu
können..... Hierzu wären letzten Endes auch noch geologische Fachleute, soweit sie
überhaupt etwas wissen, heranzuziehen."523
Zwischen 1938 und 1943 kommt es dann zu mehreren Tauchgängen, an
denen der Heimatforscher Peter Wiepert beteiligt ist.
Dieser berichtete später über die Forschungen, „daß man damals etwas von ei­
nem sagenhaften, vor vielen Jahren in der Nordsee untergegangenen Land, auch einer
vorgeschichtlichen Burg, die zwischen Eiderstedt und Helgoland gelegen haben sollte,
erfahren hatte.“524 Im Frühjahr 1943 fand in Anwesenheit Wieperts am Stein­
grund vor der Ostküste Helgolands ein letzter Tauchgang im Auftrag der SS
statt: „Die Taucher ... machten sich fertig. Zuerst wurde der jüngere herabgelassen,
doch er gab schon nach kurzer Zeit das Signal zum Hochfieren. Er behauptete, die
Strömung sei viel zu stark, er könne sich nicht halten. Dann ging der ältere Taucher,
der längere Zeit unten war. Als er - ziemlich mitgenommen - wieder an Deck war,
erzählte er uns, daß er eine Anzahl Steine und Steinplatten, die von Menschenhand

521 Vgl. Wegener (2003), S. 40.


522Gadow (1973), S. 142 f; innerhalb der Ahnenerbe-Akten findet sich auch das Manu­
skript Wieperts, „Lebenserinnerungen eines Fehmarner Seefahrers" BArch NS 21/367.
523 Zit. nach Wegener (2003), S. 40.
524 Gadow (1973), S. 143.

170
aufgesetzt sein müßten, gesehen habe und zuletzt in eine Art von Steingewölbe oder
Höhle hineingeraten sei, am Ende der Steinsetzung. Einen Stein an diesem Gewöl­
beeingang könne er fast mit einer behauenen Steinsäule vergleichen. Die Strömung
hätte ihn aber immer wieder abgetrieben, auch hätte er den Sand aufgekratzt und das
Wasser getrübt und es zuletzt unten nicht mehr aushalten können."525
Von diesen Forschungen inspiriert wurde der studierte Althistoriker und
Heimatforscher Jürgen Spanuth, der 1953 die Gleichsetzung Atlantis mit
Helgoland erstmals einem größeren Publikum bekannt machte. Seitdem
tobte ein erbitterter Streit zwischen Spanuth und seiner stetig wachsenden
Anhängerschar und der akademischen Frühgeschichtsforschung, die starr
an den alten Lehrsätzen der nordischen Rückständigkeit festhielten und di­
verse Indizien konsequent ignorierten.526
Dennoch scheinen wissenschaftliche Befunde heute zu bestätigen, daß am
Ende der Bronzezeit, etwa um 1220 v.Zw., ein großer Teil der Westküste
von Schleswig-Holstein und Dänemark sowie viele vorgelagerte Inseln in
einer verheerenden Sturmflut versanken. Diese Sturmflut könnte durch den
Einschlag eines Kometen, des Phaeton der griechischen Sage, verursacht
worden sein. Apollonios von Rhodos berichtet, daß der Phaeton in die Mün­
dung des Eridanos stürzte. Der Eridanos wiederum, soll laut Jürgen Spanuth
identisch mit der holsteinischen Eider sein. Dadurch wurde die vermutliche
Königsinsel Basilea, nahe der Hauptbernsteininsel Althelgoland, verwüstet
und versank teilweise unter dem Meer. Vieles von Plato beschriebene deckt
sich mit der tatsächlich anzunehmenden Lage Helgolands:
- Die im Atlantisbericht erwähnte große Ebene mit einer Ausdehnung von 2000
mal 3000 Stadien (etwa 370 mal 560 km) läßt sich in das einstige Land-Gebiet
zwischen Helgoland (Steingrund), Sylt und Britannien einfügen
- Sie lag an der Mündung großer Ströme
- Auf der Insel gab es rotes, weißes und schwarzes Gestein
- An der Spitze der Insel befand sich ein aufragender Felsen (Helgoländer Kliff/
„Wittenklyppe" - die Reste des weißen Felsens versanken 1771)
- Vor der Insel befand sich nach dem Untergang unpassierbarer Schlamm (Wattenmeer)
- Die Insel bot alles was zum Leben benötigt wurde, auch Kupfererze - Der Geo­
loge W. Witter und andere stellten zweifelsfrei eine bereits zu Beginn der Jung­
steinzeit anzusetzende Kupfergewinnung fest,
- Die Insel trug noch in frühmittelalterlicher Zeit verschiedene Tempel, unter anderem
einen des Apollon und des Forseti, die ursprünglich ein - und dieselben Himmels -
und Schutzgott von Helgoland/Atlantis verkörperten ( Phol/Fosite/Poside)
- Die Insel (Silende - Sylt) trug in frühester Zeit eine Himmelssäule, welche als Ur-
Himmelssäule im äußersten Norden das Firmament trug (Atlas als Himmelsträger)

525 Ebenda, S. 143.


526 Spanuth (1953), (1956), (1976).

171
- Auf Helgoland wurde Bernstein gewonnen
(das Oreichalkos Platos?)
- Mit dem Bernsteinhandel gelangte die Kun­
de von Atlantis nach Ägypten, dort finden
sich auch eindeutige nordische Schwerter
- Der Sonnenkult hat im Norden Europa eine
lange Tradition und scheint aus der Zeit eines
kalten Klimas zu stammen - in der Bronzezeit
entwickelte sich in Nordeuropa ein nie wieder
erreichtes Klimaoptimum, welches zur Entfal­
tung der Kulturblüte im Norden beitrug.
- Pferdewagen und Rennbahnen haben eben­
falls im megalithischen Europa eine lange
Tradition (Stonehenge/ Externsteine ?)
- Der Name Basilea läßt sich als germanische Freigelegte Steinsetzung
Stammform nachweisen: am Steingrund.
Ba = leuchten, erhaben - Sil = Säule - eyja = Insel; was Basilea als „strahlende/ obers­
te Säuleninsel ausweist, woraus die Königsinsel wurde. Bis heute hat sich eine Reihe
von Forschem der Nordsee-Atlantis-Hypothese in vorsichtiger Form angeschlossen.527
Angesichts der Fülle der hier von den verschiedenen Autoren vorgetra­
genen Argumente für ein Nordsee-Atlantis, ist es absurd, von bloßen Spin­
nereien hinsichtlich der Lokalisierung der Atlantis in Nordeuropa oder gar
von einer „Widerlegung des Atlantismythos" überhaupt zu sprechen.528
Tauchfahrten zum Steingrund vor Helgoland 1911, 1943 und zwischen
1950 und 1953 (Spanuth) erbrachten dabei neben bearbeiteten Wegesteinen,
und mehreren Kupfer- und Bronzeobjekten auch Reste von Steinbauten, was
allerdings bis heute unbestätigt blieb. Zusätzlich erhärten aber Philister-und
Mykenische Funde im Wattenmeer die enge Kulturverbindung zwischen
Norddeutschland und Mittelmeerraum zur Bronzezeit.529

527 Vgl. hierzu Trojaburg Sonderausgabe Atlantis, S. 10; für Spanuths Thesen
bzw.für eine Nordsee-Lokalisierung: Erlingsson, Ulf: Atlantis from a Geographer's
Perspective: Mapping the Fairy Land, Miami/USA 2004; Kehnscherper, Günther:
Auf der Suche nach Atlantis, Leipzig 1978; Steuerwald, Hans: Der Untergang von
Atlantis, Berlin 1983; Strohmeyer (1997); Rathjen, Hans-Wilhelm: Atlantis war
Westeuropa - Die Einheit Westeuropas zur Bronzezeit, Diepenau 2004; Meier, G.
/Zschweigert, H: Die Hochkultur der Megalithzeit. Verschwiegene Zeugnisse aus
Europas großer Vergangenheit. Tübingen 1997; Helmut Tributsch: Die gläsernen
Türme von Atlantis - Erinnerungen an Megalith-Europa, Frankfiirt/Berlin 1986;
Harald Braem: Das Geheimnis der Pyramiden. Berg.-Gladbach 1989.
528 So etwa Kater (2006), S. 51.
529 Vgl. Duerr, in: Trojaburg Sonderausgabe Atlantis, S. 39 f.

172
7. Gegnerforschung, Hexen-Kartothek & Männerbünde

„Wenn wir bereits zwischen der kirchlichen und


jüdischen Überlagerung des deutschen Volks­
tums Berührungspunkte, ja zum Teil gemeinsa­
me Wurzeln feststellen mußten, so findet diese
Erscheinung ihren kennzeichnenden Ausdruck
in der dritten großen Gegenbewegung völki­
scher Lebensordnung, der Freimaurerei."530

7.1. Die Freimaurerei im Visier Himmlers

iese Sätze entstammen der Feder eines der wesentlichen Akteure der

D SS im Bereich der „Gegnerforschung" - Franz Six. Diese stellte eines


der wichtigsten Betätigungsfelder der SS dar, um der Bekämpfung der
weltanschaulichen Gegner ein Arsenal weltanschaulicher Argumente bereitzu­
stellen, aus dessen Fundus dann eine Legitimation für das jeweilige Vorgehen
gegen die Gegnergruppen geschöpft werden sollte. Ein wichtiger Aspekt der
Gegnerforschung betraf die Freimaurerei. Diese war bereits seit Beginn des 19.
Jahrhunderts ins Visier verschiedenster Autoren gerückt, die hinter dieser nach
außen oft folkloristisch auftretenden „Altherrenbünde" wichtige Faktoren ei­
ner internationalen Verschwörung von hinter den Kulissen agierenden Perso­
nen sahen, die zumeist als „jüdisch" klassifiziert wurden. Hintergrund dieser
Anklagen waren in vielen Fällen die klassischen Erklärungsmuster, allerdings
trugen freimaurerische Bünde selbst nicht gerade dazu bei, das vorherrschende
Bild zu entkräften. So war beispielsweise der serbische Attentäter, der mit sei­
nen Todesschüssen auf den Österreichischen Erzherzog Franz Josef 1914 den 1.
Weltkrieg mit einläutete, Mitglied der logenähnlichen Verbindung „Schwarze
Hand". Weitere vorgebliche Morde durch Freimaurer finden sich bei Friedrich
Wichtl, darunter ein Mordanschlag auf den Österreichischen Justizminister Dr.
Ritter von Hochenburger durch den Serben Njegus 1911 oder der Mord am Ös­
terreichischen Ministerpräsidenten Graf Stürgkh durch Fritz Adler, Sohn des
Freimaurers und Führers der Sozialdemokraten, Dr. Victor Adler.531
Im August 1935 wurde die Freimaurerei in Deutschland offiziell verbo­
ten, weil sie „eine politische, überstaatliche Organisation unter dem Einfluß eines
übernationalen Judentums" sei, wie Six zur Begründung ausführte.532
530 Six (1937).
531 Vgl. Wichtl (1939), S. 3; bemerkenswert in diesem Zusammenhang auch die
von Wichtl erwähnte freimaurerische Praxis, den Tod von unliebsamen Personen
im voraus anzukündigen.
532 Six, zit. nach Wikipedia: Geschichte der Freimaurerei.

173
Himmler, zu dessen Lek­
türe viele der einschlägigen
Anti-Freimaurer Werke der
20er Jahre zählten, bemerk­
te gegenüber seinem Leib­
arzt Kersten diesbezüglich:
„Alles, was eine Loge ist, hat
geheime Obere, von denen die,
die nach außen hin sichtbar in
Erscheinung treten, gesteuert
werden."533 Um die Bekämp­
fung der Freimaurerei zu
G. Schwartz-Bostunitsch Erich Ludendorff forcieren, scharte er inner­
halb der SS einen Kreis von Autoren um sich, welche die agitatorische Un­
termauerung der polizeilichen Maßnahmen gegen die Logen zum Auftrag
hatten.
Einer der bekannteren dieser Autoren war der Landwirt Friedrich Hassel-
bacher, der bereits eine Reihe von antifreimaurerischen Traktaten verfaßt hat­
te. Hasseibacher bezog dabei auch die katholische Kirche in seine Kritik ein,
der er vorwarf, von Freimaurern unterwandert zu sein. Dies sorgte angesichts
des brüchigen Burgfriedens Hitlers mit dem Vatikan für einiges Aufsehen
und führte 1936 zu einem Verbot, weiterhin öffentliche Vorträge zu halten.
Doch gerade das aggressive Auftreten machte Hasseibacher für Himmler in­
teressant. 1935 erhielt der Autor den Auftrag, eine Publikation über die Ar­
beit der Feldlogen im Weltkrieg zu verfassen, für die er Material vom SD der
SS auswerten durfte, das seit 1933 in Logenhäusern beschlagnahmt worden
war.534 Nachdem der erste Entwurf der Schrift auf Kritik gestoßen war, ge­
lobte Hasseibacher, der die schlechte Umsetzung dem Einfluß des Lektors
Wulf Sörensen zuschrieb, Besserung: In der neuen Fassung des Buches habe
er nunmehr „grundsätzliche Feststellungen und Untersuchungen über die Freimau­
rerei getroffen, die bislang niemand fand und die daher auch noch niemals gezeigt
werden konnten. Sie sind für den Kampf gegen die Freimaurerei von geschichtlicher
Bedeutung und stellen", so Hasseibacher weiter, „den Beginn einer ganz neuen
Epoche dieses Kampfes dar."535
Bereits Erich Ludendorff hatte mehrere Schriften über freimaurerische
Aktivitäten vor und während des Weltkrieges verfaßt, an die Hasseibacher
nun hauptamtlich anknüpfen konnte.536

533 Zit. nach Wegener (2004), S. 54; zur Leseliste ebenda, S. 75.
534 Siehe dazu Heiber (1970), S. 53
535 Schreiben Hasseibacher an Gahlke v. 9.2.1937, Archiv Verfasser Nr. 34.
536Vgl. u.a. Ludendorff: „Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Ge-

174
Feldloge „Stern von Brabant" aus Hasseibacher „Hochverrat der Feldlogen"
Für Kritik aus den „eigenen Reihen" sorgte dagegen Hasseibachers „Ver­
ächtlichmachung von Sinnbild-Gut" das im Rahmen der Publikation „Ha-
gal" der Edda-Gesellschaft vorgestellt worden war. Der Vorstand der Edda-
Gesellschaft wandte sich diesbezüglich an seinen alten Mentor Weisthor,
um dagegen aktiv zu werden.537 Neben Hasseibacher sparte auch Walther
Lienau trotz seiner guten Kontakte zu Weisthor,538 die völkischen Bünde bei
seiner Freimaurer-Kritik nicht aus: „So entstanden bereits vor dem Krieg Germa-

heimnisse" und „Wie der Weltkrieg 1914 gemacht wurde"; Ludendorff hatte sich als
einstiger NSDAPler bereits 1928 von Hitler entfernt und betätigte sich hauptsächlich als
Freimaurer-Kritiker, wobei er ebenfalls sämtliche Kirchen in die Kritik miteinbezog. Seine
zunehmend anti-Hitleristische Einstellung wurde auch auf den Einfluß der Frauenrecht­
lerin Mathilde von Kemnitz, geb. Spieß zurückgeführt, eine einstige Verehrerin Hitlers.
Himmler veranlaßte eigenhändig die Feststellung, ob sich bei ihr ein jüdischer Blutein­
schlag feststellen lasse, was jedoch negativ beschieden wurde: „Dagegen ist es auffällig,
daß... unter den Vorfahren nicht weniger als 16 Theologen erscheinen. Eine entsprechende
Schlußfolgerung ist damit ohne weiteres gegeben."Brief Sippenamt der SS an Darre, Hei­
ber (1970), S. 55.
537 Siehe Lange (2010), S, 39.
538 Gabriele Winkler-Dechend nennt Lienau „aus dem Stabsamt Darre" als einen
der häufigen Besucher Weisthors in Berlin 1934; Lange (2010), S. 37.

175
Von Six zum Hauptquartier des SD umfunktioniertes Logen-Haus in Berlin,
nenlogen die sich übrigens genau so undurchsichtig nach Ziel und Aufbau tar­
nen wie die Freimaurer selbst. Wälsungenorden, Eddagesellschaft, der Ordo Novi
Templi (Neuer Templerorden), später auch der Skaldenorden sind die bekanntesten
dieser germanischen Logen"539, schrieb Lienau 1934.
Besonderer Kritikpunkt an der Edda-Gesellschaft war dabei das „Festhal­
ten an der Ellerbekschen Biorhythmik", wie Lienau in einem Brief an den
Edda-Vorsitzenden Werner von Bülow schreibt.540
Schließlich schließt aber Lienau - vermutlich ebenfalls auf Einfluß von
Weisthor, den von Bülow um Vermittlung gebeten hatte - in der 2. Auflage
die Edda-Gesellschaft ausdrücklich aus der Kritik aus:
„In der Behandlung der Germanenlogen erwies sich eine erhebliche Umarbei­
tung als notwendig, da es nicht im Sinne der Schrift liegt, deren Mitglieder ohne
weiteres als Logenbrüder zu stempeln.... Die Edda-Gesellschaft paßt in diesen Zu­
sammenhang nicht hinein. Sie ist ein offener Verein und arbeitet in rein völkischem
Sinne."541
Ein weiterer Autor von Rang war Gregor Schwartz-Bostunitsch (1883-
?).542 Der gebürtige Deutsch-Ukrainer studierte ursprünglich Jura und

539 Zit. nach Lange (2010), S. 45.


540 So Lange (2010), S. 44 f.
541 Lienau (2009), S. 5.
542 Siehe dazu Goodrick-Clarke (2004), S. 149 f.

176
wurde 1914 Professor für Thea­
ter- und Literaturwissenschaften.
1917 war er als antikommunisti­
scher Agitator tätig und schloß
sich den Weißgardisten an. Im
selben Jahr wurde er von den
Kommunisten in Abwesenheit
zum Tode verurteilt und floh zu­
nächst nach Bulgarien und von
hier 1922 nach Deutschland. Hier
gelangte er in Kontakt mit völki­ Buchtitel Hasselbachers - Franz Alfred Six
schen Kreisen, unter anderem dem „Coburger Kreis" um den Baltendeut­
schen Max Erwin von Scheubner-Richter und zeigte sich sowohl der Ario-
sophie als auch der Anthroposophie gegenüber aufgeschlossen. 1929 brach
er allerdings mit der Lehre Rudolf Steiners und bezeichnete seitdem die
Anthroposophie als „jüdisch indoktriniert".543 In München knüpfte er Kon­
takt zu Alfred Rosenberg, der wie er deutsch-baltische Wurzeln hatte, und
lernte durch diesen auch Hitler kennen. Mit Vorträgen und Büchern über
okkultistische und freimaurerische Themen, in denen er insbesondere „die
jüdische Weltverschwörung" anprangerte, wurde er zu einem bekannten
Akteuer der völkischen Szene. Innerhalb Rosenbergs Monatsschrift „Welt­
kampf" veröffentlichte Schwartz-Bostunitsch regelmäßig Artikel. Mitte der
30er Jahre näherte er sich Himmlers SS an, der er im April 1935 im Rang
eines SS-Hauptsturmführers beitrat. Hier wurde der Emigrant ehrenamtli­
cher Mitarbeiter im Amt VII des SD, wo er die Gründung eines Institutes
für Verschwörungsfragen plante, für das er auch seine private Bibliothek zur
Verfügung stellen wollte. Daneben arbeitet er auch am Aufbau einer Frei­
maurerkartei sowie im 1935 im SD-Hauptamt eingerichteten Museum für be­
schlagnahmtes Freimaurer-Inventar mit, das unter Leitung von Hans Richter
(1901-?) stand.544 Trotz diagnostizierter Persönlichkeitsstörungen wurde er

543 Vgl. Werner (1999), S. 41; vgl. auch Carmin (2005), S. 623.
544 Vgl. Werner (1999), S. 45; oft wird fälschlich behauptet, Schwartz-Bostunitsch
sei Leiter des Museums gewesen, unter Wikipedia findet sich dagegen unter dem
Eintrag „Hans Richter" folgendes: „Im SD-Hauptamt leitete Richter zeitweise das
1935 eingerichtete Freimaurer-Museum, in dem unter anderem auch Adolf Eich­
mann im Rahmen seiner SD-Ausbildung eine Zeitlang als Untergebener Richters
Dienst tun mußte. Eichmann erinnerte sich später: ,Ich wurde abgestellt an einen
Oberscharführer Richter, ein Berlin, der einige Semester Hochschule hinter sich hat­
te, durch die politischen Ereignisse nicht weitermachte und dort gewissermaßen als
Museumsdirektor figurierte. Seine Aufgabe war es, das in verschiedenen Freimau­
rerlogen in Deutschland sichergestellte Material [...] museumsartig aufzubauen.'"

177
1942 zum „SS-Ehrenprofessor" und 1944 zum SS-Standartenführer befördert.
1945 wurde die ca. 40 000 Bände fassende Bibliothek Schwartz-Bostunitschs
zum Schutz vor Fliegerangriffen in das Schloß Gneisenau in Erdmanndorf/
Schlesien ausgelagert.545
Im November 1944 traf sich der russische SS-Mann in Prag im Rahmen
der kurz zuvor gegründeten „Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der bol­
schewistischen Weltgefahr" mit Rosenberg. Man plante, ein großes „Hand­
buch des Bolschewismus" zu erstellen. Ob auch Schwartz-Bostunitsch daran
beteiligt war, ist zwar nicht bekannt, kann aber vermutet werden. Die letzten
Briefe Schwartz-Bostunitschs stammen von 1945, danach verliert sich seine
Spur. Vermutlich floh er vor dem russischen Einmarsch in den Westen und
wurde dort von US-Truppen interniert, die ihn möglichweise an die Sowjets
auslieferten; jedenfalls taucht sein Name auf einer US-Gefangenenliste auf,
die in Moskau gefunden wurde.546
Was Schwartz-Bostunitsch für die Verfechter einer okkulten Fremdbe­
stimmung gewisser Kreise des 3. Reiches und insbesondere der SS inte­
ressant macht, sind seine okkulten Weltbilder und Kontakte. James Webb
zufolge, soll „dieser erleuchtete SS-Mann" 1918 in Bulgarien Schüler des be­
rüchtigten Okkultisten Gurdjieff gewesen sein.547
Darüber hinaus interessierte sich das Amt aber auch für eine Reihe von
Astrologen und Okkultisten, die an der Auswertung der Freimaurer-Archive
beteiligt waren.548 Zu den eingesetzten Astrologen zählte der Sanskrit-kun­
dige Lehrer Dr. Heinrich Fesel (1890-1958), der 1934 von Walther Schellen­
berg, Leiter des Amtes VI (Auslandsgeheimdienst) rekrutiert worden war.
Über Fesel wurde 1939 auch der Astrologe Karl Ernst Krafft, ein Schweizer
Staatsbürger mit deutschen Wurzeln, für das Amt angeworben. Sein Auf­
trag lag in der Erstellung frei zu wählender Berichte und Kommentare, die
mit Spekulationen und Bezügen zu planetarischen Konstellationen und an­
deren astralen Phänomenen angereichert werden sollten.549 Angesichts der
wenig ergiebigen Arbeit Kraffts für einen Geheimdienst, könnte der wahre
Grund seiner Beschäftigung darin gelegen haben, den Schweizer Astrologen
für spätere Einsätze „warm zu halten", wie Ellic Howe spekuliert.550
Mit Six, einem intelligenten linientreuen SS-Mann, machte Himmler 1937

545 So Goodrick-Clarke (2004), S. 150.


546 Vgl. Hagemeister (1995), Seite 209 ff.
547 Webb (2008), S. 316f; zu Gurdjieff, S. 220ff; vgl. auch Carmin (2005), 623f.
548 Vgl. Howe (1995), der den britischen Autoren Charles Wighton mit der Aussa­
ge zitiert: „Das Amt VII war der Mülleimer des RSHA. Dort fanden die Verrückten
der SS Unterschlupf, die selbst Himmler zuviel waren."; S. 226.
549 So Howe (1995), S. 227.
550 Ebenda, S. 227.

178
einen Fachmann für Freimaurerfragen zum defacto Leiter des SD-Inlands-
geheimdienstes. 1939 erfolgte dann die Einrichtung eines eigenen Amtes zur
Gegnerforschung - Amt II - zu dessen Leiter Six berufen wurde.551
Der 1935 als Chef des Presseamtes zum SD-Hauptquartier in Berlin ge­
wechselte Six publizierte seit 1936 regelmäßige antifreimaurerische Artikel
in Ernst Kriecks Zeitschrift „Volk im Werden" und verfaßte 1938 sowie 1940
zwei Monographien zu dem Thema.552
Auch Six war durchdrungen von der jüdischen Unterwanderung der Lo­
gen: „Wenn wir bereits zwischen der kirchlichen und jüdischen Überlagerung des
deutschen Volkstums Berührungspunkte, ja zum Teil gemeinsame Wurzeln fest­
stellen mußten, so findet diese Erscheinung ihren kennzeichnenden Ausdruck in der
dritten großen Gegenbewegung völkischer Lebensordnung, der Freimaurerei", in
der sich „schon bei äußerlicher Betrachtung ihre vorderasiatisch-orientalischen, vor
allem aber ihre jüdischen Wurzeln" erwiesen. „In dem Widerspruch verschiedener
Entwicklungssysteme treten diese Quellen, ihre geistige und weltanschauliche Aus­
richtung, ihre Symbole und ihre Rituale, vor allem die Grundzüge ihrer Lehre aus
dem judentum und den orientalischen Mysterien hervor“, bemerkte Six 1937.553
Mit Kriegsbeginn wurde der Kampf gegen die Freimaurerei fast vollstän­
dig in das Vorgehen gegen Juden integriert. So wurde die mittlerweile als
Amt VII geführte Gegnerforschungsabteilung mit der Einstufung von zwei
Tartarenvölkern auf der Krim beauftragt. Auf Grundlage dieses Gutachtens
wurden die aus Persien stammenden Karaimen, trotzdem sie den jüdischen
Glauben angenommen hatten, von Verfolgung verschont, während die ta­
tarischen Krimtschaken als „Nachfahren sephardischer Juden" wie Juden
behandelt wurden.554
1942 griff auch Six aktiv in die Gegnerverfolgung ein, nämlich als Leiter ei­
ner Einsatzgruppe, die neben Partisanen auch Juden als vorgebliche Anstifter
des Widerstandes, im Visier hatte.555 Zugleich war Six auch mit der Beschlag-
nahung freimaurerischer Archive und Bibliotheken in Rußland befaßt.556

551 Vgl. Wildt (2009), S. 56; ab März 1941 firmierte dieses als Amt VII unter Franz
Six (Weltanschauliche Forschung und Auswertung - SD-Ausland), während Hein­
rich Müller im Amt IV die Gegner-Erforschung und -Bekämpfung oblag.
552 Vgl. Rudolph (2000), S. 82; Franz Six: „Freimaurerei und Judenemanzipation"
(1938), „Freimaurerei und Christentum" (1940).
553 Six (1937).
554 Vgl. Wildt (2009), S. 56 f.
555 Dazu heißt es bei Wikipedia: Franz Alfred Six: Am 22. Juni 1941 übertrug ihm
Heydrich die Leitung des Vorkommandos Moskau (VK Moskau /SK 7c) in der von
Nebe geführten Einsatzgruppe B. Deren Aufgabe war es, „Partisanen, Saboteure,
kommunistische Funktionäre im rückwärtigen Heeresgebiet" zu erfassen.
556 Vgl. Behringer (2000), S. 116 f.

179
7.2. Der H-Sonderauftrag

Im Jahre 1935 wurde auf Himmlers Veranlassung innerhalb des Sicher­


heitsdienstes (SD) der SS eine Sonderabteilung, der „H-Sonderauftrag", ein­
gerichtet, der ab 1939 im Reichssicherheitshauptamt, Amt II und ab 1941
im Amt VII („Weltanschauliche Forschung und Auswertung"), eine eigene
Dienststelle bildete. Das Amt II des 1939 aus dem SD hervorgegangenen
Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) befaßte sich unter dem Kommando
von Franz Six mit der „Überwachung der Erkenntnisse des Gegners und
seines politischen Verhaltens",557 worunter auch das Sonderkommando in
seiner Aufklärung der kirchlichen Hexenverfolgung gezählt wurde. Aufga­
be dieser von Six geleiteten Abteilung war die Sammlung und Bereitstellung
wissenschaftlichen Materials für das RSHA und die Dokumentation dieser
Ergebnisse in eigenen Schriftenreihen.
Der H-Sonderauftrag, der auch als sogenanntes Sonderkommando-H (für
Hexen) in der Literatur bekannt ist, befaßte sich zu Beginn in erster Linie
mit der Erforschung der Hexenverfolgung und legte im Rahmen der For­
schung eine Hexenkartothek an. Unter Leitung der SS-Führer Six, Spengler
und Levin (der seit 1941 als Leiter des H- Sonderauftrages in der Abteilung
VII C3- Wissenschaftliche Sonderaufträge fungierte) wurden zumeist Lai-
en-"Hexen-Forscher" mit regionalen Recherchen beauftragt, daneben waren
jedoch auch eine Reihe renommierter hauptamtlicher und ehrenamtlicher
Mitarbeiter involviert, die ihre Forschungen sogar bis nach Mexiko oder In­
dien ausweiteten. Auch mehrere Forscher aus den Reihen der SS, die ihre
Recherchen überwiegend verdeckt durchführten, waren an dem Projekt be­
teiligt. Bis 1944 suchten sie in über 260 Archiven und Bibliotheken nach den
Spuren der Hexenprozesse und werteten dabei sowohl Akten als auch For­
schungsliteratur aus. Es handelte sich also um ein vergleichsweise großes
Unternehmen mit wissenschaftlichen Ansprüchen, wie schon der quantifi­
zierende Versuch zeigt, die Hexenprozesse zumindest innerhalb des Alten
Reiches möglichst vollständig zu erfassen.558
Die über 30 000 erstellten Karteikarten enthalten soweit wie möglich Na­
men und Herkunft der im Zuge von Hexenprozessen Hingerichteten sowie
den Grund für die Verurteilung.
Der „Projektleiter" der SS-Hexenforschung, Rudolf Levin, gab als Zweck
des „H-Sonderauftrag" an: „Erforschung der rassen- und bevölkerungsge­
schichtlichen Wirkung der Hexenprozesse sowie der wirtschaftsgeschichtlichen
Folgewirkungen der Hexenprozesse; Bewertung der Frau in den Hexenprozessen

557 Zit. nach Werner Best, Der Aufbau der Sipo und des SD ..., 29.01.1940. Bun­
desarchiv Dahlwitz-Hoppegarten, ZR 592/10, Bl.38-50.
558 Vgl. zur ausführlichen Geschichte des H-Sonderauftrags: Rudolph (2000), S. 47 ff.

180
und schließlich ein Überblick über das bisherige
Schrifttum zu den Hexenprozessen sowie das Ver­
fertigen einer thematischen Bibliographie". Hin­
tergrund der Errichtung des Sonderauftrages
war indes Himmlers Bemühung, den Einfluß
der christlichen Kirchen, die er als „Stoßtrupp
des Weltjudentums" charakterisierte, auf die
deutsche Bevölkerung zurückzudrängen und
zugleich die politische Tätigkeit des RSHA
auf die geistige Durchdringung der Bevölke­
rung mittels Aufsätzen und Publikationen zu
erweitern. Auf die Hexenproblematik gesto­
ßen wurde Himmler dabei weniger - wie oft
behauptet - durch seine persönliche Betrof­
fenheit aufgrund der Existenz eines Opfers in
seiner Ahnenreihe,559 sondern durch eine 1935 im Zuge der Kontroverse um
Rosenbergs im Mythus verkündete „9-Mio-Opfer" der Hexenverfolgung
aufkommende Auseinandersetzung mit der Kirche, bei der sich das Fehlen
handfester Beweise für die NS-These offenbarte. Daher sollten nun die Ver­
brechen der Kirche anhand der Hexenverfolgung aufbereitet und akribisch
dokumentiert werden.560 Der H- Sonderauftrag sollte daher einerseits ver­
wertbares Material gegen die katholische Kirche sammeln, andererseits je­
doch auch vorchristliche Überlieferungen der sogenannten Hexen eruieren
und sichern; einerseits als Bestandteil der Aufarbeitung eigener Geschichte,
andererseits auch um dieses Wissen wo möglich für die auf lange Sicht das
Christentum zu ersetzende „Ersatzreligion" nutzbar zu machen.
Trotz der persönlichen Interessen Himmlers, wurde die offizielle Arbeit
der Sonderabteilung-H ihren Ansprüchen nicht in vollem Maße gerecht, die
Grundlage der wissenschaftlichen Erforschung der Hexenverfolgung zu lie­
fern - vielmehr scheiterte sowohl die Erstellung eines Grundlagenwerkes, als
auch der persönliche Versuch Levins, sich mit diesem Thema zu habilitieren.561
Der Grund für dieses „Scheitern" lag jedoch auch in der sinkenden Bedeutung
der Hexenforschung seit Beginn des Krieges 1939. Neben der Hexenforschung
gewann die Aufklärung der „Freimaurer-Umtriebe" eine weiter wachsende
Bedeutung, da hier eine jüdische Einflußnahme leichter nachgewiesen werden
konnte als in Bezug auf die Hexenverfolgung. Seit 1942 trat jedoch auch die Frei­
maurerforschung hinter die Aufklärung über das Judentum an sich zurück.

559 Margareth Himbler, die 1629 als Hexe ermordet wurde - die entsprechende Akte
der Kartothek wurde erst am 12.11.1938 erstellt; vgl. Rudolph (2000), S. 53.
560 Vgl. hierzu Behringer (Hexen), S. 12; ebenso Rudolph (2000), S. 53 ff.
561 Vgl. Matthäus (2000), S. 107.

181
Der „H-Sonderauftrag" war bis zum April 1936 gemeinsam mit der „SS-
Schrifttumsstelle Leipzig" in der bekannten Deutschen Bücherei unterge­
bracht. Danach zog die Kartothek gemeinsam mit weiteren Abteilungen
des Amtes VII des RSHA in das von den Nationalsozialisten konfiszierte
Freimaurer-Logenhaus nach Berlin-Wilmersdorf, bis sie kriegsbedingt
1943 nach Niederschlesien, in das Schloß des Grafen Haugwitz, ausgela­
gert wurde. Gegen Kriegsende bezog ein Teil des Amtes VII Quartier bei
Rudolstadt/ Thüringen. Der größte Teil der zuerst nach Posen verbrachten
Akten des Amtes VII befindet sich heute in den Beständen der Universitäts­
bibliothek Posen; Teile wurden 1989/90 aber auch im „NS-Sonderarchiv"
der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen entdeckt. Die neben
der Hexenkartothek in Posen aufgefundenen Logenbibliotheken und weite­
re Freimaurerliteratur schienen aufgrund der zahlreichen mit okkulten oder
geheimen Riten und Praktiken gefüllten Bände einen Zusammenhang zur
Erforschung geheimer Wissenschaften offenbar zu machen, offiziell jedoch
beschränkte sich das Interesse der Abteilung auf die Verwertung der Schrif­
ten gegen die Umtriebe der Freimaurerlogen, also der Auseinandersetzung
mit dem weltanschaulichen Gegner. Seit 1942 wurde entsprechend des
militärisch geführten Vernichtungskampfes gegen den jüdischen Bolsche­
wismus als Hauptfeind der Jude angesehen, weshalb sich der Schwerpunkt
der Gegneraufklärung des Amts VII, welches ja erst aus dem Sonderauftrag
hervorgegangen war, nun von der Freimaurerei auf den Juden verlagerte,
obgleich Überschneidungen zwischen beiden Gruppierungen seit Beginn
hervorgehoben werden sollten. Damit trat die Erforschung der Hexenver­
folgung weiter in den Hintergrund, wurde jedoch als untergeordnete Ab­
teilung weitergeführt, obgleich sich mit Schriften zur Hexenfrage befaßte
Mitarbeiter nun „judenbezogenen" Projekten widmeten.
Folgende Schriften waren im Rahmen des H-Sonderauftrags vorgesehen,
kamen aber zumeist nicht zur Umsetzung:562
1. Murawski: Die geistesgeschichtlichen Grundlagen des H-Komplexes
2. Rudolf Levin: H-Prozesse in volksgeschichtlicher Sicht (Voraussichtliche
Beendigung Ende 1942)
3. Schmidt: Die zvirtschaftlichen Folgen der H-Prozesse (Voraussichtliche
Beendigung Ende 1942)
4. Merkel: Die volkskundlichen Grundlagen des H-Wahns (im Wesentlichen
fertig - Änderungen n. Rückkehr des Bearbeiters aus dem Wehrmachts­
dienst)
5. v. Schrenck: Die Folter in den H-Prozessen
6. Jantra: Die vorgeschichtlichen Grundlagen des H-Wahns (nurgeplant auf­
grund Wehrmachtsdienst Jantras)

562 Nach Matthäus (2000), S. 101.

182
7. Gemeinschaftsarbeit: Neubearbeitung Soldan/Heppe: Die Geschichte der
Hexenprozesse
8. Levin: Quellenwerk über den H-Komplex (geplant)
9. Richter: Kritische Neuausgabe des Malleus (Hexenhammer) (gepl.)
10. Patin: Die kirchengeschichtlichen Quellen für die H-Forschung (fertig -
Überarbeitung notwendig)
11. Prof. Eckardt: Die rechtsgeschichtlichen Grundlagen der H-Forschung (gepl.)
12. Reißmann: Grundbuch der H-Forschung (vorauss. Ende 1943)
13. Richter: Bibliographie des H-Schrifttums (als Kartothek fertig)

Verbindungen zwischen Sonderauftrag und Ahnenerbe


Die zumeist verdeckte Tätigkeit der Mitarbeiter des Sonderkommando-
H, welches vereinzelt von Mitarbeitern selbst aufgrund der über 30.000 Ein­
träge umfassenden Karteikarten Kartothek genannt wurde, sorgte in der
späteren Literatur für ausschweifende Spekulationen. So besteht im ame­
rikanischen Raum die Legende, es sei „unter Zuführung weiterer Mitarbeiter
eine Abteilung namens Karothechia gegründet worden sein, welche später sogar
als offizielle Abteilung des Ahnenerbes fungiert hätte". Während das Sonder-
kommando-H sich lediglich mit der Hexenverfolgung beschäftigt habe, soll
sich die „Karothechia" vor allem mit der Untersuchung vielfältiger okkulter
Praktiken befaßt haben, wobei sie ihre Forschungen weltweit und zumeist
im Geheimen durchführte.563
Indes offenbaren die Quellen die Haltlosigkeit derartiger Behauptungen.
Diese Aussagen dürften in der geistigen Vermischung der Tätigkeit der „Kar­
tothek" und der Ahnenerbe-Abteilung zur Überprüfung der sogenannten
Geheimwissenschaften begründet liegen, für die es keine ernstzunehmende
Quelle gibt, vielmehr besagen diese, daß die Hexenverfolgung auf besondere
Anweisung Himmlers nicht in den Bereich des Ahnenerbes fallen sollte:
„Er (Himmler) bittet, davon Kenntnis zu nehmen, daß sich das Ahnenerbe mit
Hexenprozeß-Angelegenheiten nicht beschäftigen soll, da diese Aufgabe ausschließ­
lich dem SD zukäme."564
Bestrebungen des Ahnenerbes, das sich bislang ausschließlich auf Aspekte
der Vor- und Frühgeschichte beschränkte, die in den Bereich der Neuzeitlichen
Geschichte fallende Hexenverfolgung thematisch aufzugreifen, stießen 1938 auf
die Ablehnung Himmlers, obgleich innerhalb des Ahnenerbes eine Forschungs­
stätte für mittlere und neuere Geschichte existierte. Dem voran gingen zwar im
Juli 1938 geheime Gespräche zwischen Sievers und Six über einen Anschluß

563 Die von verschiedenen Autoren weitergesponnene Legende entstammt eigent­


lich dem Online-Rollenspiel „Delta Green", in dem Fakten mit Fiktion vermischt
werden - die Zitate finden sich unter dem Stichpunkt „History ofthe Karotechia".
564 Vgl. Kater (2006), S. 69; ebenso Rudolph (2000), S. 65.

183
einer Abteilung „Politische Geistesgeschichte" an das Ahnenerbe, die eine ver­
besserte Zusammenarbeit insbesondere in der politischen „Begutachtung" neu­
er Ahnenerbe-Kandidaten durch Six zeitigten, jedoch entschied sich Himmler
schließlich gegen eine solche engere Zusammenarbeit.565
Stattdessen sollte die Hexenverfolgung als Aufklärung über weltanschau­
liche Gegner Bestandteil des RSHA, bzw. des diesem untergeordneten H-
Sonderkommandos bleiben.

7.3. Höfler, Kummer & die Männerbünde

Entsprechend dieses Kompetenzkonfliktes zwischen Ahnenerbe und


RSHA existierte auch eine wissenschaftliche Kontroverse, die sich um die
Bewertung der Hexenverfolgung rankte. Innerhalb der dem Ahnenerbe na­
hestehenden Autorenschaft gab es Stimmen, die dem vor allem von Rosen­
berg und seinem Umfeld gepredigten Ursprung der Hexenverfolgung aus
orientalischem Ungeist nicht vorbehaltlos folgen wollten: So faßte der mit
dem Ahnenerbe verbundene Otto Höfler die Hexenverfolgung als Einfluß
der Tradition der altgermanischen Männerbünde auf, war sich jedoch inso­
weit mit Himmler und dem Sonderkommando einig, als daß die Verfolgung
eine „Ausrottung wertvollen deutschen Blutes bedeutete."566 1935 bezeich­
nete Rosenberg den auch von einer katholischen Gegenschrift gegen seinen
Mythus des 2O.Jahrhunderts geäußerten Verdacht der Entstehung des He­
xenwahns aus dem „germanischen Charakter" als „Höhe der Anmaßungen"
und lag damit bemerkenswerter Weise auf der gleichen Linie wie Himmler.
Bernhard Kummer, Schriftleiter der Zeitschrift „Nordische Stimmen",
verfaßte mehrere Zeitschriftenartikel die ebenfalls auf die Wissenschafts­
kontroverse zwischen ihm als Anhänger der Rosenbergschen Richtung und
dem Germanisten Otto Höfler hinweisen.567
Der in Wien geborene Höfler war ein früher Anhänger der Österreichi­
schen NSDAP und engagierte sich Anfang der 20er Jahre bei der dortigen
Ordnertruppe, einem Pendant zur deutschen SA.568

565 Rudolph (2000), S. 66.


566 Vgl. dazu Rösler (2008) S. 9: „Ein weitverbreitetes Motiv der Kampfraserei des
Totenheeres sah Höfler in der Jagd und dem Nachstellen weiblicher Wesen oder genau­
er: weiblicher Dämonen. Diese magischen Männerbünde, die Hexen und Dämonen
feind sind, hätten sich rudimentär in den Bräuchen der alemannischen Fastnacht oder
anderer Fastnachtsbräuche im süddeutschen Raum, in denen Männergruppen eine
große Rolle spielen, erhalten, so in der Schweiz. Somit stehe die Hexenverfolgung in
Deutschland zumindest teilweise in einem nordisch-germanischen Zusammenhang."
567 Vgl. hier Behringer (1998), S. 285 ff.
568 Zur ausführlichen Biographie siehe Simon (NordistikChr).

184
Nach Promotion im Fach Germanistik in Wien
1925 arbeitete Höfler kurzzeitig in Marburg und
folgte 1928 einem Lehrauftrag für Germanistik in
Schweden. Nach seiner Rückkehr nach Deutsch­
land verfaßte er seine Habilitationsschrift „Die
kultischen Geheimbünde der Germanen" Dieses
Werk sorgte bald für erhebliche Diskussionen, in
deren Mittelpunkt er als Protege des Ahnenerbe
und der dem Reichsbund Rosenbergs naheste­
hende Bernhard Kummer die Hauptrollen spiel­
ten und der auch in die Betrachtung der Hexen­
verfolgung hineinspielte. Höfler hatte nämlich
die Hexenverfolgung als mögliche Folge der seit
frühester Zeit existenten kultischen Männerbün­
de charakterisiert. Der mit einer Vermittlung zwi­ Otto Höfler
schen den Kontrahenten beauftragte Eberhard von
Löw zu Steinfurth, Mitglied des Reichssicherheitshauptamt III B (Volkstum)
unter Hans Ehlich, faßte die Gegensätze folgendermaßen zusammen: „Die
Kummer-Reinerth-Günthersche Richtung sieht den nordischen Menschen als einen
bäuerlichen Menschen, dessen Lebenshaltung erschöpfend bestimmt wird durch die
Aufgaben der Erhaltung der Sippe und der Schaffung der Nahrung und eines beque­
men Lebensstandards. Die Götter sind dazu da, die Erhaltung der Sippe zu überwa­
chen und eine fruchtbare Ernte zu garantieren. ... Dagegen lehne diese Richtung das
Vorhandensein aller Kräfte im Germanentum ab, die nicht unmittelbar rationalistisch
als dem obenbezeichneten Trieb dienend erklärt werden könnten. So lehne sie insbe-
sonderejede Beschäftigung mit dem Tode, jeden Totenkult und jede Anerkennung des
Furchtbaren in der Natur als ungermanisch ab. Sie gehe sogar so weit, zu behaupten,
daß der Drang zur Staatsbildung, als einer Bildung von über den engeren Sippen­
verbänden hinausgehenden Gemeinschaften, die das ganze Volk umfaßten, nicht ur­
sprünglich germanisch, sondern erst von den Römern anerzogen sei. Deshalb werde
auch der diesen Staatsbildungen und der Verteidigung des Volkes dienende Hang zur
Bildung von kriegerischen Verbänden der jungen Mannschaft eines Volkes als nicht
ursprünglich germanisch abgetan.
Demgegenüber behaupten Höfler und die ihm nahestehende Gruppe, daß sich aus
der germanischen vorchristlichen Geschichte und der germanischen Sagenlitera­
tur nachweisen lasse, daß die Germanen von Ursprung her staatsbildend gewesen
seien und damit aus ihrer rassischen nordischen Veranlagung heraus den Drang
gehabt hätten, sich über die engsten Sippengemeinschaften hinaus zu größeren Ge­
meinschaften des Volkes zusammenzuschließen. Träger dieses Dranges seien die
germanischen Kriegermannschaften gewesen. Sie hätten im Totenkult, in dem die
unmittelbare Verbundenheit mit den Ahnen als Kraftquelle des völkischen Lebens
wirksam gemacht worden sei, und in der Bejahung des Kampfes und des Furcht­

185
baren in der Natur (die letzten Endes nur der Stärkung für den Kampf um die
Erhaltung der Art und den Sieg über fremde Wesensart diente) einen Ausdruck
unnordischen Wesensdargestellt:
Höfler wirft der Gegenseite vor:
1. Sie mache aus dem Germanentum ein Schäferidyll im Stile des 18. Jahrhunderts,..
2. Sie erweise damit Deutschland gegenüber dem angelsächsischen Westen und dem
skandinavischen Norden einen sehr schlechten Dienst..., indem gerade auf Grund
dieses Germanenbildes der angelsächsische individualistische Händlergeist und der
skandinavische Pazifismus gegenüber dem in der Organisationen der Bewegung
und des Staates straff zusammengefaßten deutschen Volke sich als die Vertreter
echten nordischen Germanentums fühlen können.
3. Erweise diese Richtung auch im Kampfe gegen das Christentum und politisches
Kirchentum einen schlechten Dienst, indem sie einfach in jedem Falle nur sich auf
die absolute Negation der kirchlichen Thesen und Behauptungen beschränken und
sich damit die Frontziehung von der Kirche insbesondere vom Katholizismus her
vorschreiben lasse. ...In ihrer Ablehnung des Staatlichen und Kämpferischen als
nordische Eigenschaft sehe sie sich genötigt, den germanischen Gott, der Vertreter
dieser Eigenschaft sei, Wodan, den Königsgott der Germanen, ebenfalls bereits als
eine Entartungserscheinung des ursprünglichen Germanentums zu bezeichnen zu
dem kirchlicher und christlicher Propaganda durchaus entgegenarbeitenden Schluß,
daß die germanische Religiosität zu dem Zeitpunkt, als sie mit dem Christentum
zusammenstieß, bereits seit 1000 Jahren entartet gewesen sei.."569

Interessanterweise konnte sich in diesem Streit Otto Höfler durchsetzen,


obgleich die Stellung des Rosenberg-Reinerthschen Kampfbundes, der ja
Kummer im weiteren Sinne zuzurechnen war, zu dieser Zeit vergleichs­
weise stärker war, als die des noch im Aufbau befindlichen Ahnenerbes.
Grund hierfür war die auch innerhalb des Ahnenerbe eingeschlagene neue
Richtung, in der die Bedeutung der Männerbünde (wie exemplarisch von
Wüst vorgetragen) gegenüber dem friedlichen, auch mütterrechtlich organi­
siertem Ur-Germanentum (für das stellvertretend der kaltgestellte Herman
Wirth stand) an Bedeutung gewann (siehe hierzu Kapitel 4).
Gerd Simon urteilt über den Ausgang des Konfliktes:
„Obwohl sich früh auch das Amt Rosenberg zugunsten Kummers einmischte,
und sich nach einiger Zeit auch Höflers Verhältnis zu Wüst abkühlte, profitierte über
lange Zeit allein Höfler von diesem Streit. Er verstand es, sich im Sicherheitsdienst
der SS - spätestens im 2. Weltkrieg ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor im
Hintergrund - eine neue Operationsbasis zu schaffen, den Umstand ausnutzend,
daß seine Deutung der altnordischen Geschichte, - und damit verbunden - seine

569 Aktennotiz Eberhard von Löw zu Steinfurth 25.11.37, BA ZM 1582 A 4 Bl.


42-46; bei Simon (nordloew).

186
„Modernisierung“ des nordischen Gedankens, als Ideologen! für die Militarisierung
und Aufrüstung Deutschlands nach 1935 zunehmend an Bedeutung gewann und
bis Ende des 2. Weltkrieges eine zentrale Stellung in der nationalsozialistischen
Weltanschauung behielt.“570

Trotz der unterschiedlichen Auffassungen zwischen Ahnenerbe und Au­


toren aus dem Umfeld des Sonderkommandos gab es eine ganze Reihe per­
soneller Verflechtungen zwischen dem Forschungsverein und dem H-Son­
derauftrag. Zu nennen ist hier insbesondere Günther Franz, der als Mitglied
des Ahnenerbes die verschiedenen Erträge zur Hexenforschung koordinie­
ren sollte. Franz, der seit 1937 Ordinarius für Geschichte an der Universität
Jena war, profilierte sich vor allem durch Schriften zu den Bauernkriegen
und gelangte über seine Einbindung innerhalb des RSHA zur Thematik der
Hexenverfolgung.
Hier sollte Franz als erfahrener Akademiker und zugleich langjähriger
SS- Veteran zur „Evaluierung" der bis dato wenig effektiven Arbeit der
Sonderkommandos H beitragen, gleichzeitig wurde er auf Empfehlung des
RSHA- Chefs Six im Mai 1939 in das Ahnenerbe übernommen. Seit 1941
fungierte er offiziell als wissenschaftlicher Beauftragter des SD im RSHA
und war im Rahmen dieser Position maßgeblich an der Beschlagnahme
jüdischer und freimaurerischer Bibliotheken in der Sowjetunion beteiligt.
Inwieweit nun diese Sicherstellung und die Arbeit von Franz auch in den
Bereich des Ahnenerbes fällt, kann aufgrund mangelnder Quellen nicht
nachvollzogen werden. Festzuhalten bleibt allerdings, daß das vornehmli­
che Anliegen der Arbeiten von Franz in der Aufklärungsarbeit im Rahmen
der Gegnerforschung durch den SD des RSHA lag, dennoch bleibt die Frage
bestehen, warum Franz 1939 offiziell auch in das Ahnenerbe übernommen
wurde, wo doch Himmler selbst eindeutig dem Ahnenerbe die Zuständig­
keit im Bereich der Hexenforschung als auch der Gegnerforschung an sich
- in der Franz nunmehr tätig wurde - absprach. Mit Franz als Koordinator
der Arbeit des Sonderauftrages wurde jedenfalls seit 1941 der Schwerpunkt
der Gegnerforschung auf „den Juden" gelegt.571 Allerdings traten, wie Lon­
gerich bemerkte, seit Ende 1942 wiederum „die Juden als Hauptgegner immer
mehr zurück".572

570 So Simon (NordistikChr).


571 Vgl dazu Behringer (2000), S. 116.
572 Vgl. Fn. 125.

187
8. Auf der Suche nach dem heiligen Gral -
Otto Rahn & die Gralsmission der SS

„Was die Germanen in heidnischer Zeit als Götter­


heim Asgard und als Reich der Totengöttin Hel ver­
ehrt haben, wurde im Mittelalter von Ketzern und
Minnedichtern als Gralsberg, Rosengarten, Artus-
runde, Venusberg und als jener feurige Berg Bel be­
sungen. .. Ihr aller Ursprung war der „Berg der Ver­
sammlung in der fernsten Mitternacht", wie Jesaja
ihn nennt."573

8.1. Der heilige Gral - das indoarische Erbe

an hat sich nur zu sehr daran gewöhnt, die Sage vom heiligen Gral als

M eine christliche Legende zu betrachten, welche von Chrestien de Troyes,


Wolfram von Eschenbach und anderen bis auf Richard Wagner herauf
vielfach bearbeitet wurde, so daß man darüber beinahe vergaß, den altmythischen
Ursprung der Sage aufzusuchen, da die Evangelien und Schriften der Kirchenväter
von der Gralssage so gut wie nichts wissen" - mit diesen Worten begann Guido
von List seine Darstellung der Sage vom Heiligen Gral.574
Tatsächlich verbindet man heute den Gral mit der christlichen Deutung
als Schüssel oder Kelch des letzten Abendmahls, in dem Joseph von Ari-
mathea auch das Blut Jesu nach dem Stich mit der Longinus-Lanze aufge­
fangen habe.575 Nach Wolfram von Eschenbach war der Gral ein Edelstein,
der magische Kräfte barg - analog der Mythe des Juwels, welcher aus Lu­
zifers Krone auf die Erde fiel. Eschenbachs Grals-Umschreibung „Lapsit
Exillis"3 könnte demnach „lapis ex coellis" (Stein vom Himmel) gemeint
haben, denn die ältesten verehrten Steine entstammten oft Meteoriten, also
„ Himmelsboten" .576
573 Rahn (2004), S. 123.
574 In Krüger (2007), S. 26 ff.
575 So Robert de Boron (Geschichte des Grals), der als Begründer dieser Gralsdeu­
tung gilt. Der Legionär Longinus stach Jesus mit dem Speer in die Seite, um seinen
Todfestzustellen - nach anderer Deutung, um ihn von seinem Leid zu erlösen...
576 Vgl. Häuf (2004); Das Wort Gral/graal selbst wird vom lateinischen „gradale"
= Schale / Becher oder „garalis" abgeleitet, einem Aufbewahrungsgefäß für Fisch­
sauce; teils auch vom arabischen gar = Höhle al = der/die. Anderen Quellen zufolge
sei der Gral weniger eine Schüssel, denn ein transzendentes Heiligtum gewesen,
welches nur dem erscheint, der würdig ist, es zu schauen.

188
Von der Kirche - inoffiziell - als Gral-
Reliquie anerkannt, ist ein zusammenge­
setzter Kelch aus smaragdgrünem Achat,
der mit einer edelsteinbesetzten Halterung
auf einem Onyx-Fuß befestigt ist. Der heute
in der Kathedrale von Valencia befindliche
Kelch wurde im Mittelalter im berühmten
Höhlenkloster San Juan de la Pena aufbe­
wahrt - das aus Achat bestehende Oberteil
stammt aus der Zeit der Zeitenwende und
soll der römischen Kirche zufolge tatsäch­
lich die Schale des letzten Abendmahles
darstellen, während der wohl im 10. Jahr­
hundert hinzugefügte Fuß erst kurz zuvor
hergestellt wurde. Daß der obere Teil tat­
sächlich von Jesus verwendet wurde oder
sogar sein Blut auffing, ist jedoch mehr als
Gral-Bühnenbild Richard Wagners zweifelhaft - dennoch kann dieses Arte­
fakt gegenüber weiteren als Gral bezeich­
neten Gegenständen noch die größte Authentizität beanspruchen.
In der von fast allen Autoren berichteten magischen Sättigung durch den
Gral finden wir dagegen einen der deutlichsten Hinweise auf den vorchrist­
lichen Charakter des Grals. Bereits in keltischen Mythen erscheint der Kessel
des Dagda vom Stamm der Tuatha de Danaan, der ebenfalls auf wundersa­
me Weise nie leer wird und die Hüter des Kessels sättigt. Dieses Element
findet sich - noch weiter zurückliegend - sogar bei den indogermanischen
Völkern wie etwa im indoarischen Rigveda in Gestalt des kupfernen Kes­
sels des Sonnengottes Vivasvant. Von dieser ältesten Zeit fand es Eingang in
die deutsche Märchenwelt, wo es als unerschöpfliches Breitöpfchen oder als
„Tischlein-Deck-dich" überlebt.577
Im Sanskrit heißt die Entsprechung dieses Tisches Mani, ein Speis und
Trank spendender Steintisch. Zugleich stehe Mani aber auch für die deutsche
Minne, dem „Gedenken in Liebe", dem sich sowohl deutsche Ritter („Minne­
dienst") als auch die französischen Katharer („Manisola") verschrieben hatten
und das sich letztlich aus dem altgermanischen Maibrauch ableiten soll.578
Letztlich stehen diese Mythen in Zusammenhang mit der Sonnen- und
Mondverehrung der alten indogermanischen Kulturen, welche die Gestirne
als segen- und nahrungsspendende Gefäße ansahen.579

577 Vgl. Schröder (2005), S.109 f.


578 Vgl. Rahn (2004), S. 33.
579 Sielte dazu Schröder (2005), S. 17ff.

189
Eine weitere, und zuletzt wohl am meisten diskutierte These stammt von
den Autoren Baigent, Lincoln und Leigh: Nach diesen ist der Gral weniger
materieller Natur, denn die Umschreibung eines Geheimnisses, welches das
Potential birgt, die Grundfesten der kirchlichen Mauern einzureißen - zu­
mindest wenn man Dan Brown glauben möchte, der mit seiner romanhaften
Umsetzung und Ausschmückung der Gralserben-Theorie des Autorentrios
zum erfolgreichsten Romanautoren jüngerer Zeiten wurde: Jesus war nicht
nur verheiratet mit Maria Magdalena sondern hatte auch einen Sohn mit
ihr: Also einen blutmäßig legitimierten Erbfolger, der durch seine möglichen
Nachkommen die Stellung der Päpste innerhalb der christliche Kirche nach­
haltig in Frage stellen würde. Und tatsächlich soll sich die Blutlinie zum -
angeblich jüdisch dominierten - germanischen Geschlecht der Merowinger
und dem König Dagobert II. zurückverfolgen lassen, deren Ansprüche in
neuerer Zeit die mysteriöse Organisation „Prieure de Sion" weiterverfolgt
und nichts weniger als die Absetzung der Päpste zugunsten der noch exis­
tenten Blutlinie verfolgt. Der Gral wäre dabei die direkte Umschreibung Ma­
ria Magdalenas, deren Schoß den göttlichen Samen empfing, wie der Kelch
das göttliche Blut. Die Bezeichnung würde also nicht „san graal" (Heiliger
Gral) sondern „sang real" (Heiliges Blut) lauten.580
Pikanterweise betreiben die Autoren damit eine Einverleibung und diame­
trale Entgegensetzung des bereits im letzten Jahrhundert im Zusammenhang
mit dem Gral geprägten Begriffes des heiligen Blutes. Jörg Lanz von Lieben­
fels und den deutschen Ariosophen galt dieser Begriff in
Anlehnung an Eschenbach, der der „Gralsgemeinschaft"
eine gemeinsame Blutlinie zugrunde legt, als Bezeich­
nung des „heiligen arischen Blutes", welches es galt ge­
genüber den „minderwertigen Rassen" reinzuhalten.581
Auch die Symbolisierung des Grals als seit dem
Mittelalter bestehender Wunsch nach gesellschaftli­
cher Neuorganisation, wie sie die Prieure verfolgen
würde, findet sich ebenfalls bereits in diesem Kon­
text: Julius Evola zufolge zielte diese Symbolik auf
eine bestimmte Führungsschicht im Mittelalter,
die das Abendland auf spiritueller Grundlage neu
organisieren wollte.582
Mit der These Baigents und Browns wäre also
nicht mehr das „arische Blut" das heilige, sondern
das „jüdische". Der Dämon Asmoaeus als
Wächter in Saunieres Kirche
580 Lincoln (1984); Brown (2004).
581 Siehe Lanz v. Liebenfels (1930), S. 74 f.
582 Vgl. Lange, Vorwort zu Rahn (2000); S. XIV.

190
Doch welchen Wahrheitsgehalt birgt diese fan­
tastische Geschichte?
Sicher ist, daß sich die Autoren hauptsächlich
auf Spekulationen stützen und bei dem Versuch,
ihre Thesen zu untermauern, verschiedentlich
andere Autoren falsch zitieren, um ihre Thesen
zu bestätigen. Was die „Prieure de Sion" anbe­
langt, so scheint es sich hierbei lediglich um ein
Produkt der Neuzeit zu handeln, das durch den
französischen Adligen Pierre Plantard (seit 1975
„Plantard de Saint-Claire") in den 50er Jahren ins
Abbe (Pater) Sauniere
Leben gerufen wurde. Allerdings gibt es Hinwei­
se auf eine mittelalterliche Verbindung die auf eine Augustiner-Abtei mit
dem Namen Notre Dame du Mont de Sion zurückgeht. Der Name dieser
Gesellschaft soll „Chevalier de l'ordre de Notre Dame de Sion", kurz „Ordre
de Mont Sion" gelautet haben.583
Eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang spielt auch der mysteriöse
Pater Berenger Sauniere, der Mitglied oder Beauftragter der Prieure de Sion
gewesen sein soll.584 Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gelangte der Pfarrer in
dem kleinen Örtchen Rennes-le-Chäteau zu sagenhaftem Reichtum, dessen
Quelle bis heute ungeklärt ist. Einiges spricht dafür, daß er bei Umbauarbei­
ten der kleinen Dorfkirche auf mysteriöse Schriften stieß, die offiziell eine
Abschrift eines Teils des Neuen Testamentes waren - ob sich hier jedoch ein
geheimnisvoller Hinweis auf einen versteckten Schatz verbarg, der Sauniere
zu Wohlstand, Ansehen und Verbindungen zu diversen Gesellschaften ver­
half, ist bis heute Stoff für zahlreiche Veröffentlichungen.585
Zu den regelmäßigen Besuchern des Landpfarrers gehörten Johann
Salvator von Habsburg, Cousin des Österreichischen Kaisers, der Fran­
zösische Kulturminister, die Okkultisten Joseph Peladan (Gründer der
Martinisten) und Papus sowie der Schriftsteller Jules Verne. Aus diesem
Personenkreis setzte sich auch der Kreis der Trauergemeinde nach Sau­
nieres plötzlichem Tod am 22. Januar 1917 zusammen - scheinbar spielte
der Krieg für die Angehörigen der verschiedensten europäischen Nationen
dabei keine Rolle.586

583 So Ritter (2002), S. 92, der - ebenso wie die Schöpfer der Mythen um die Prieure
de Sion, Lincoln / Baigent/Leigh - auch ein kontinuierliches Bestehen dieses Ordens
für möglich hält und in den Fürstenhäusern Lothringen und Habsburg filhrende
Vertreter dieser Gesellschaft sieht; vgl. Wikipedia: Pierre Plantard.
584 So Lincoln (1984), S. 161.
585 Vgl. Lincoln (1984), S. 161 ff.; ebenso Ritter (2002), S. 65 ff.
586 Ritter (2002), S. 96/106; vgl. auch Carmin (2005), S. 366 f.

191
Otto Rahn - vor Katharer-Inschriften in den Höhlen des Sabarthez, 1931

Ohne auf die Verstrickungen der Logen und bedeutender Familienge­


schlechter näher eingehen zu wollen, erscheint zumindest ein Zusammen­
hang der Tempelritter, auf die sich das neuzeitliche Freimaurertum ver­
schiedentlich bezieht, zum Gral nicht völlig von der Hand zu weisen zu sein.
Während ein derartiger Zusammenhang in der seriösen Forschung vollstän­
dig ausgeblendet wird, scheinen die Templer in sämtlichen populistischen
Veröffentlichungen geradezu die Schlüsselrolle als Gralshüter einzuneh­
men, als die sie bereits von Wolfram von Eschenbach bezeichnet wurden
(in der Formulierung „Templeisen"). Das Wirken der 9-köpfigen (auch die
9-Zahl weist auf heidnische Verbindungen !) Anfangsformation zwischen
der Gründung 1119 (bzw. 1120) auf Veranlassung des (heidnisch inspirier­
ten?) Bernhard von Clairvaux und dem plötzlichen Ende 1307 und vor allem
die Anklagepunkte, die zum Verbot des Ordens führten, bergen viel Raum
für Spekulationen: Wer war der von ihnen angebetete Götze Baphomet, wa­
rum bespuckten Neuanwärter rituell das Kreuz Jesu und spiegelten Darstel­
lungen wirklich homosexuelle Praktiken des Ritterordens?
Auch hier scheint vieles in den Anklagepunkten frei erfunden oder bewußt
falsch dargestellt worden zu sein. Die besagten Bilder wiesen lediglich auf
die Bruder- und Kameradschaft der Ordensmitglieder hin, Baphomet dürfte
eine Verkörperung vorchristlicher Elemente sein, die auch mit der Urmutter
in Verbindung stehen - vergleichbare Bilddarstellungen finden sich auch bei
Germanen, Kelten und Slawen, deren Himmelsgottheiten oft mehrköpfig dar­
gestellt wurden. In der jüdischen Schreibweise ergibt das Wort Baphomet zu­
dem Sophia, dieses wiederum war eine Bezeichnung der Urmutter, als deren
Variation auch Maria Magdalena angesehen wurde.587
587 Siehe hierzu Terhart (2001), S. 70 f.

192
Ebenso scheint die Ablehnung der Kreuzesverehrung als Todes- und
Martersymbol auf ein differenziertes Bild der christlichen Lehre bei den
Templern hinzuweisen, die sie mit den Katharern teilten.
Ungeklärt ist jedoch nach wie vor, was die Tempelritter in ihrer zugewie­
senen Heimstätte am Tempelberg bei unterirdischen Grabungen fanden und
ob diese Funde die Grundlage für die Macht, das Ansehen und den Reich­
tum des Ordens bildeten, der zu Beginn kaum seiner eigentlichen Aufgabe,
dem Schutz der Pilger, nachkam - oder angesichts seiner Stärke von sieben
Rittern und einer Handvoll Knechte, überhaupt nachkommen konnte.
Auch die besagten Katharer werden mit dem heiligen Gral in Verbindung
gebracht. Der gnostischen Sicht zufolge, waren die Katharer die Erben des
Geheimnisses des Grals, welches von eingeweihten Christen zu den Katha­
rern und von diesen zu den Tempelrittern gelangte - als Indiz lassen sich
zumindest personelle Verflechtungen zwischen Katharern und Templern
vor allem in Südfrankreich anführen.588
Unweit der Festung Montsegur, in einer Kirche im nordspanischen Taüll,
findet sich auch die wohl älteste bildliche Darstellung des Grals in Gestalt ei­
ner Marienabbildung mit einer Strahlen aussendenden Schale. Diese aus dem
12. Jahrhundert stammende Darstellung verweist erneut auf den engen Zu­
sammenhang zwischen Gral und Marienverehrung, wobei hier Maria gleich­
bedeutend mit Maria Magdalena als Synonym der Urmutter erscheint.589
Unzweifelhaft aber steht der Grals in Verbindung mit dem vorchristlichen
Bezug auf eine übernatürliche Quelle des Lebens, ein transzendentales Hei­
ligtum, das die wundersame Entstehung des Lebens an sich symbolisiert.
So wurde auch seine Rolle bei der Mehrzahl der mittelalterlichen Autoren
interpretiert. Erst mit der christlichen Besetzung dieses Mythos wurde der
Gral materialisiert - wie alles, was das Christentum für seine Zwecke um­
formt, seinen geistigen Verhalt verliert - es entstehen die Assoziationen mit
einer tatsächlich existierenden Schale oder eines Gefäßes.590

588 Vgl. Rahn (2000), S. 206, der auch ein Gründungsmitglied der Templer als
Katharer bezeichnet.
589 Vgl. Terhärt (2001), S. 51 f.
590 Vgl. Rahn (2004), S. 64, „die Kirche hat, ihrer Taktik entsprechend, den Mythus
vom Gral in jüdischem und christlichem Sinne umgedeutet.", S. 35 ebenso: „Die Kir­
che, sich sehr wohl bewußt, mit dem Kreuzzug gegen die Albigenser einen Krieg des
Kreuzes gegen den Gral geführt zu haben, ließ die Gelegenheit nicht vorübergehen,
wieder einmal ein unkirchliches Glaubenssymbol sich aneignen und ihren Zwecken
dienstbar machen zu können. Aber nicht genug damit, daß sie den Gral für den Kelch
erklärte, darin Jesus seinen Jüngern das Abendmahl gereicht habe, und darin sein Blut
aufGolgotha aufgefangen worden sei. Sie ließ sogar das Benediktinerkloster Montser­
rat, im Süden der Pyrenäen gelegen, den Tempel des Grals sein".

193
Doch unter dieser heute Oberhand haltenden „Lehrmeinung" hegt noch
immer das Geheimnis der heidnisch-arischen Wurzeln des Gralsmythus ver­
borgen und harrt seiner Wiederentdeckung. Anfang der 30er Jahre machte
sich ein deutscher Forscher auf, diese Wurzeln frei zu legen.

8.2. Der Gralssucher Otto Rahn im Land der Katharer

Otto Rahn, in Anlehnung an eine be­


kannte Hollywood-Filmreihe im US-
amerikanischen Raum oft als der „wahre
Indiana Jones" bezeichnet,591 wurde am
18.02.1904 in Michelstadt geboren. Nach
Ablegung des Abiturs 1922 begann Rahn
ein Jurastudium in Gießen, wechselte je­
doch schnell zum ihm näher liegenden
Studiengang der Philologie, in dessen
Verlauf er sich mehr und mehr für die
Geschichte der Ketzer und Mystiker zu
interessieren begann. Nach Abbruch des
Studiums und Umzug nach Paris 1929,
verkehrte Rahn in Akademiker-Kreisen
Otto Rahn mit seiner Mutter (?)591a
und lernt die Künstler Albert Rausch,
in Ussat-le-Bains, 1931
Paul Ladame und Maurice Magre kennen.
Von diesen inspiriert, vertiefte der junge Deutsche sein Studium der euro­
päischen Ketzerbewegungen und reiste im August 1930 zur Erforschung
der Katharer in das südfranzösische Languedoc.592 Hier schloß er Freund­
schaft mit dem französischen Forscher Antonin Gadal und der Gräfin de
Pujol-Murat,593 einer Nachfahrin der Gräfin Esclarmonde, der „Herrin des
Grals"594, die in Kontakt mit einer französischen Okkultgesellschaft stand,
die bis heute Rätsel aufgibt: Den „Polaires".
Auch diese befaßten sich mit Forschungen zu den Katharern und zum
Gral. Die örtliche Zeitung „La Depeche" berichtete in ihrer Ausgabe vom 6.
März 1932 über deren „Goldsuche":
„In der Nähe von Massat leitet ein Deutscher die Ausgrabungsarbeiten einer Gruppe

591 Untertitel bei Graddon (2008).


591a Die Angabe stammt von H. J. Lange - bemerkenswert ist jedoch Rahns Erwäh­
nung der Angewohnheit der Gräfin Pujol, „zu stricken", Rahn (2004), S. 34.
592 Vgl. Lange (1999), S. 33; Graddon (2008), S. 45, sieht dagegen die Begeisterung
Rahns für die Katharer erst nach Ankunft in Südfrankreich im November 1931 reifen.
593 Vgl. Rahn (2000), S. 220f; Rahn (2004), S. 34 f.
594 Rahn (2004), S. 35.

194
von Polaires. Unsere Leser werden sich vielleicht an unseren Bericht im vergangenen
Sommer erinnern, in dem wir über den Aufenthalt einer Schar ausländischer Vertreter
einer theosophischen Gesellschaft mit Sitz in Paris in der oberen Ariege berichteten: die
Polaires. Es würde zu weit führen, wenn man den Ursprung und das Ziel dieser Gesell­
schaft erklären würde, die im Ausland, vor allem in England, große Popularität genießt.
Was haben die Polaires nun im letzten Sommer in der Ariege gemacht?
Wie wir bereits damals genau beschrieben hatten, handelt es sich um Ausgra­
bungen in der Burg Montsegur, deren Ziel ist es, die Schätze der Albigenser zu
Tage zu fördern, die im 13. Jahrhundert vermutlich in der Festung und den Höhlen
zurückgelassen wurden. Es ist ein Anliegen der Polaires, dort Hinweise auf eine ka-
tharische Reliquie zu finden, zu der auch das Evangelium des heiligen Bartholomäus
gehört, von dem angeblich Abschriften im Britischen Museum existieren. Insgesamt
gesehen verfolgen die Polaires mit ihren Nachforschungen dasselbe Ziel wie zur Zeit
der Ingenieur Arnaud, der gegenüber einem unserer Mitarbeiter vor einigen Wo­
chen alles über zukünftige und sensationelle Entdeckungen ausposaunt hat. Wie es
scheint, hat er erklärt, daß er die von den Polaires im letzten Sommer in der Gegend
von Lordat unternommenen Recherchen ignoriere, und daß er in keiner Weise für
die Belange dieser Gesellschaft tätig sei, sondern vielmehr aus eigenem Interesse.
Nun sind die Polaires, die lange Zeit verschwunden waren, ganz überraschend in
die Ariege zurückgekehrt.... Zur Zeit halten sie sich in Ussat-le-Bains auf, um von
dort aus alle Höhlen der Gegend zu untersuchen. Der Leiter des Unternehmens ist
ein gewisser Rams, ein Ausländer, der nach eigenen Angaben Deutscher ist.... Au­
ßerdem ist von Interesse zu erfahren, welcher der beiden Konkurrenten, Herr Arn­
aud, der französische Ingenieur in Montsegur, oder der deutsche Polaire Herr Rams
in Ornolac, als erster die katharischen Schätze und Manuskripte finden wird...“595
In Reaktion auf diesen Artikel schreibt der als „Rams" im Artikel genannte
Rahn einen Leserbrief, in dem er sich über die Bezeichnung als deutschen Po­
laire und seine angebliche Goldsuche beschwert, ohne die Zugehörigkeit aber
zu dementieren: „...um verstecktes Gold zu finden, braucht man Schaufeln, Pickel
und andere derartige Werkzeuge: Man muß „Forscher“ oder noch besser „ Theosoph“
sein... Ich bin ein simpler Schriftsteller., der seinen Lebensunterhalt mit Schreiben ver­
dient! Aus diesem Grund bitte ich Sie... sich noch vierzehn Tage zu gedulden, bis sie
erfahren, was ich von dem „katharischen Schatz“und dem „Goldrausch“ denke, den
sie ankündigen und dem sie mir fälschlicherweise die Patenschaft anhängen."596
In „Luzifers Hofgesind" kommt Rahn auf diese Episode zurück: Der ge­
nannte Ingenieur, der ein Haus im Weiler Montsegur neben der Dorfkirche
bewohnte, wäre mehr am Gold und Silber interessiert gewesen als am „un­
verfälschten Evangelium Johannis", das ebenfalls Bestandteil des Katharer­
schatzes gewesen sei.597
595 La Depeche, 6. März 1932, zit. nach Lange (1999), S. 36 f.
596 Rahn zit. nach Lange (1999), S. 38
597 Rahn (2004), S. 24; hier erwähnt Rahn auch die Aussage des Ingenieurs, wo­
195
Rahn selbst steht dem nach eigener Aussage skeptisch gegenüber. Sei­
ne Suche sei weniger materieller Natur als geistiger. Der Gral symbolisie­
re das „Reich der paradiesischen Freuden", zugleich das reine, katharische
Christentum, das identisch mit der mittelalterlichen Minnekirche war. Seine
Vorstellung vom Heiligen Gral als transzendentem Geheimnis der Katharer
wurde von dem Ingenieur dagegen verspottet. Dennoch erfährt Rahn von
Einheimischen von einem zumindest der Sage nach tatsächlich existieren­
den Schatz: Er befände sich in einer Höhle des Taborwaldes, „von einer über­
aus schweren Steinplatte gegen Eindringlinge geschützt, und im inneren der Höhle
hielten Vipern Wacht". Er könne nur am Palmsonntag geborgen werden, doch
wenn ein Eindringling die Höhle nicht bis zum Ende der traditionellen Mes­
se verlassen hätte, wäre sie wieder verschlossen und er würde Opfer der
wiedererwachten Vipern werden.598
1932 verläßt Rahn aufgrund des Verdachtes einer Spionagetätigkeit für die
Deutschen und persönlicher Schulden überstürzt das Languedoc - offiziell für
immer.599 Vor seiner Abreise hatte er jedoch das Manuskript zu seinem späte­
ren Bestseller „Kreuzzug gegen den Gral" fertiggestellt, welcher 1933 erschei­
nen sollte. In dieser Hommage an die Katharer, stellte Rahn die Theorie der
Identität der letzten Katharerfestung Montsegur mit der von Wolfram von
Eschenbach als Gralsburg bezeichneten Munsalvatsche (Moun = Berg, sauva-
ge= wild - Richard Wagner machte daraus den Mont Salvat = heiligen Berg
- beide können synonym für einen Berg der Ruhe, Sicherheit = Mont Segur
stehen) auf. Hier sollen wenige Tage vor der Erstürmung der Festung durch
die päpstlichen Kreuzzügler vier Männer das Geheimnis der Katharer - „den
Schatz der Kirche" - in Sicherheit gebracht und dem verbündeten Ritter Poins
Arnold, Graf vom Kastell Verdun im Sabarthes übergeben haben. Rahn zufol­
ge, den Gral, das Mani, als „Wunsch nach dem Paradies".600
Doch war Rahns Vorstellung vom Gral wirklich nur rein geistiger Natur?
Der Deutsche orientierte sich an Wolfram von Eschenbachs Überlieferung:
Dieser beschreibt den Gral als Stein, der aus Luzifers Krone auf die Erde ge­
fallen wäre, wo er von den Katharern gehütet worden sei - dies könnte für
Meteorgestein sprechen wie etwa das Kaaba-Heiligtum in Mekka. Doch da­
rüber hinaus glaubt er auch an eine materielle Komponente des Grals, eben
jenen Katharerschatz, der aus Montsegur gerettet worden war. In diesem
Zusammenhang mutmaßt Rahn auch über die Möglichkeit, daß es sich bei

nach dieser einem Geheimbund angehöre, der Stillschweigen von seinen Mitgliedern
verlange; vgl. auch den Kommentar von Graddon (2008), S. 45.
598 So Rahn (2004) Zitat, S. 47.
599 So u.a. Lange (1999) - allerdings verbringt Rahn Pfingsten 1934 in Paris; Brief
Rahn an Gadal, in ebenda, S. 153.
600 Rahn (2000), S. 125 / 202 f.

196
diesem Schatz um einen Stein mit Inschriften gehandelt haben könnte, wo­
möglich alten Runenschriften, die altes arisches Weistum vom nordischen
Ursprung enthalten? Bei seinen Erkundungen erforschte Rahn die Höhlen
des Sabarthes und fand zwei Grotten, die bereits bei Wolfram Erwähnung
finden: Eine birgt die Keule des Herkules, die andere den Altar: „Ein 107 m
hoher Saal war die eigentliche Ketzerkathedrale. Dort liegt ein riesiger Felsblock, auf
den das tropfende Wasser einen Stalagmiten in Form einer Keule gezaubert hat, und
den die Bauern von Ornolac das,Grabdenkmal des Herakles' nennen."601
So wurde gemäß Rahn, das „Hofgesind Luzifers", die Hüter des Grals,
durch einen blutigen Kreuzzug der Papisten vernichtet - doch ihr Geheim­
nis überdauerte die Zeiten. Und einiges spricht dafür, daß dieses Geheimnis
mit jener von Lincoln, Baigent und Leigh behaupteten Blutlinie Jesu zusam­
menhing - wenn auch nicht in deren genauem Sinn der Legitimation einer
jüdischen Erbfolge der römischen Kirche, sondern vielmehr einer heidni­
schen Wurzel des Grals.
Neben einigen Katharer-Überresten die er an Antonin Gadals Privatmu­
seum in Ornolac übergibt, liegen dem deutschen Gralsforscher insbesondere
Inschriften und Zeichnungen am Herzen, die er für sich auf Papier bringt.
Doch weitere Funde, gar ein Schatz, tauchen in seinen Aufzeichnungen
nicht auf - im Gegenteil: In „Luzifers Hofgesind" bekennt Rahn wehmütig
über den Schatz: „Ich hätte ihn gerne gefunden."602

8.3. Die SS und der Gral

„Herr Reichsführer, dieses Buch sollten sie sich näher anschauen" - mit die­
sen Worten stellte der inoffizielle Berater des SS-Chefs Heinrich Himmler
die Weichen für eine bis heute von Mythen umrankte Zusammenarbeit.
Von seiner Sekretärin, Frau Winkler-Dechend, auf das Buch aufmerksam
geworden,603 sah der alte Oberst im Autoren des Werkes ein großes Poten­
tial. Mit der von Rahn aufgestellten Traditionslinie die von den Katharern
über die Westgoten bis zu Kelten und Hyperboräern zurückreichte, griff er
genau auf die historischen Ansätze zurück, denen auch Weisthor als ver­
meintlicher Nachfahre eines gotischen Königsgeschlechtes folgte. Himmler
lernte den Autoren Otto Rahn kurz darauf im Hause Gabriele Winkler-De-
chands kennen und war fasziniert von der Rekonstruktion der germanisch­
inspirierten Religion eines alternativen Christentums.604 Er rekrutierte Rahn

601 Rahn (2000), S. 70 f.


602 Rahn (2004), S. 49.
603 Lange (2010), S. 35.
604 Vgl. die Aussage Rahns gegenüber Hans Grebe: „Ich bin bei Rosenberg und soll
an der deutschen Religion mitarbeiten" Lange (1999), S. 69, wobei Lange die Nen­

197
Der „Keltische Kessel" als Gral-Ersatz vor der Krypta der Wewelsburg

1935 für die SS, wo er zu Beginn als Referent in der Abteilung Weisthor im Ru-
SHA tätig wurde bevor er im März 1936 in den Persönlichen Stab Himmlers
wechselte.605 Ohne feste Funktion stand er für verschiedene Sonderaufträge
Himmlers zur Verfügung , bekam aber in dieser Stellung auch jeden Spiel-
nung Rosenbergs als einen Irrtum Grebes annimmt; Graddon (2008), S. 64, spricht
dagegen davon, daß Rahn zu Rosenberg beordert worden sei, um über ein Geniein­
schaftsprojekt zur Deutschen Religion zu sprechen. Unglaubwürdigen Spekulationen
zufolge, die auf Paul Ladame als Gewährsmann verweisen, habe Rahn bereits 1933
während eines Aufenthaltes in Paris 1000,- Mark monatlich für die Verfassung einer
Fortsetzung des Gralsbuches von Himmler versprochen bekommen, ebenda, S. 70 f.
605 Vgl. Lange (1999), S. 57.

198
raum, sich auf seine Forschungen zu
konzentrieren. Nach Recherchen
für die Erstellung des Stammbaums
Himmlers - mit dem er über viele
Ecken sogar verwandt war606 arbei­
tete Rahn an verschiedenen Buchma­
nuskripten und unternahm - oft mit
seinem Mentor Weisthor gemeinsam
- verschiedene Exkursionen zu deut­
schen Gralsburgen.607
Eine besondere Bedeutung maß Die Burg Wildenberg / Amorbach
Rahn dabei der Burg Wildenberg
bei Amorbach im Odenwald zu, die er als deutsche Gralsburg bezeichnete.
Übersetzt hat ihr Name dieselbe Bedeutung wie Munsalvasche - Wilder Berg.
Nach Rahn soll Wolfram von Eschenbach die Grals- bzw. Parzifalsage aus
der Provence - wo sie ihm vom Dichter Guiot von Provence vermittelt wor­
den wäre (Wolframs Kyot) - nach Deutschland gebracht haben. Auf der Burg
Wildenberg verfaßte Wolfram dann später einen Teil seines Parcival-Epos.608
Auch für das 3. Reich generell und Himmler im speziellen, spielte der My­
thos des heiligen Grals eine große Rolle. Überliefert ist etwa Hitlers Begeiste­
rung für die Gralsinszenierungen Richard Wagners, die ihn zum Ausspruch
animiert haben sollen, „aus dem Parsifal baue ich mir meine Religion".609
Auch die Ariosophen Guido von List und Lanz von Liebenfels lieferten in
ihren Werken Versatzstücke für die Gralsbegeisterung der Nationalsozialis­
ten. Beide wiesen auf den ursprünglichen Zusammenhang des Grals mit der
indogermanisch-heidnischen Vorstellung vom magischen Gefäß aus dem
sich das Leben stets erneuert - ursprünglich in Zusammenhang mit der Son­
ne gesehen, später symbolisiert als magischer Kessel bei den Kelten. Auch
der italienische Kulturphilosoph Evola griff den Gralsgedanken auf: Für
diesen ist der Gral symbolischer Ausdruck der Hoffnung und des Willens
einer adligen mittelalterlichen Führungsschicht, das Abendland in einem
auf heiligen spirituellen Grundsätzen basierenden Reich neu zu errichten.
Erste diesbezügliche Überlegungen werden dem deutschen Kaiser Friedrich
II. zugesprochen. Dieser soll die Schaffung eines von Rom unabhängigen
Staates mit Hilfe des Tempelordens und unter Einbeziehung westlicher und
östlicher Geistesströmungen angestrebt haben.610

606 Vgl. Graddon (2008), S.110.


607 Lange (1999), S.57/61.
608 Vgl. zur Burg Wildenberg, Katholing (1999), S. 177 ff.; Rahn (2000), S. 219.
609 Zitat von Hans Frank nach Lange (2000), S. XL
610 Evola (1978), S. 9.

199
Die Burg Montsegur - rechts: SS-Kommandoführer Otto Skorzeny
Praktisch umgesetzt wurden die Gralsvorstellungen Himmlers, der im
November 1935 das Ahnenerbe mit einer Darstellung der Entwicklung des
christlichen aus dem heidnischen Gralskelch beauftragte,611 innerhalb der
Wewelsburg: Ein Gral-Studierzimmer, eine ganze Reihe hier vorhandener
Bilder unter anderem Gustav Dores zur Gralssuche Parzifals, 12 Sockel in
der Gruft des Wewelsburg-Nordturms in Anlehnung an die Gralsritterschaft
des Königs Arthus, um nur die auffälligsten Adaptionen zu nennen. Dazu
kommt das Symbol der Longinus-Lanze, wie es architektonisch umgesetzt
werden sollte, nämlich als transzendentes Symbol des „arischen Blutes", das
sich von hier in die Welt ergießt.612
Noch im August 1938 kam Himmler auf die Gralssage zurück und for­
derte seine Forscher auf, der Frage nach der Entwicklung des christlichen
Gralskelches in Zusammenhang mit den Herkunftssagen deutscher Herr­
scher nachzugehen. In der entsprechenden Ausarbeitung heißt es, daß der
christliche Gral „zweifellos auf den Kelch des Melchisedek im Alten Testament
zurück" gehe. Doch zweifellos bestehe eine Verbindung zu vorchristlichen
Auffassungen. So dürften bei den Germanen Kelche „in späterer Zeit viel­
fach an die Stelle des Lebenswasser-Gefäßes getreten sein, das man häufig, auch
unter dem Namen Tränenkrüglein, in germanischen Gräbern findet. Auch im
Grals-Mythos, der in seiner Urform vielleicht auf den germanischen Mythos des
Sippen- und Königsgrabes zurückgeht, hat der Kelch mindestens Züge davon an­
genommen. Denkbar wäre es, daß der Kelch seiner Form wegen an die Stelle eines
früheren Sinnbildes getreten wäre; wie es zum Beispiel die Sanduhr des Todes zu
sein scheint, die wohl einfach eine Konkretisierung der Dag-Rune ist, deren Zu­
611Vgl. Kater (2006), S. 71 - das Ergebnis ist nicht in den Akten enthalten.
612 Wobei zugleich die Richtung der Lanze nach Westfalen, zum Ort des Westfälischen
Friedens 1648, symbolisch als heilender Stich -für das die Longinus-Lanze synonym ist
- in die „schwärende Wunde, die es zu heilen galt", nach Helzel (2008) bestand, S. 32.

200
sammenhang mit dem Bilweiss-Reiter und dem damit nahe verwandten ,Gevatter
Tod' feststeht.“613
Auch an anderer Stelle erkannte Himmler eine Aneignung älteren Sa­
genstoffes durch die christliche Kirche. So beauftragte er im Februar 1940
das Ahnenerbe festzustellen, woher die christliche Deutung der Herkunft
des Stammes Jesajas (bzw. Davids) herrührt, wie sie im Lied „Es ist ein Reis
(Ros) entsprungen" erscheint. Insbesondere wunderte sich der Reichsführer,
„daß die Überlieferung erzählt, daß Könige von Atlantis aus dem Stamm Jesse wä­
ren, und daß der letzte dieser Könige Jesse Bokkika geheißen haben soll.“614
Seiner SS-Tätigkeit angemessen, wechselte auch Rahn in seinem zweiten
Werk „Luzifers Hofgesind" seinen Standpunkt: Während er noch im „Kreuz­
zug" von der irdischen Welt als Werk Luzifers und von Luzifers Heerscha­
ren schreibt, die den Montsegur belagern, erkennt er nunmehr die christlich
inspirierte Verdrehung der Geschichte. Luzifer, der Luzibel der Katharer,
war die Verkörperung des Göttlichen auf Erden - Gottes ursprünglicher
Sohn, der Lichtbringer, identisch mit dem katharischen Christus (zusam­
mengesetzt aus Loki und Bel(enus) / Abellio / Apoll, der hier bereits von
den Kelten verehrt wurde). Die römischen Christen waren für ihn nunmehr
Anhänger Satans, El Schaddais, des jüdischen Gottes. Einige Autoren ge­
hen von einer antijüdischen Inspiration durch das Umfeld der SS aus, der
Rahn damit gehuldigt habe. Erkennbar ist jedoch, wie Rahn aus eigener For­
schung zu dieser Schlußfolgerung gelangt: „Ich habe die Bibel vorgenommen
und wieder einmal jene Verse im Buch vom Propheten Jesaja durchgelesen, die die
Verfluchung Luzifers und seiner Kinder durch Jahwe, den Gott der Juden verkün­
den. Da habe ich mich entschlossen, diesem Buch, für das ich reise und schreibe, den
Titel „Luzifers Hofgesind“ zu geben. Darunter möchte ich jetzt schon diejenigen
verstanden wissen, ...welche eigenmächtig und stolz nicht vom Berg Sinai Hilfe
erwarten, sondern zu einem ,Berg der Versammlung in der fernsten Mitternacht',
wenn auch unbewußt, gegangen sind, um Hilfe zu holen und den Menschen ihres
Blutes zu bringen;... diejenigen, welche erkannt haben, daß Jahwe nie und nimmer
ihre Gottheit sein kann, Jesus von Nazareth nie und nimmer ihr Heiland."615
Doch inwieweit die SS direkt in eine wie auch immer geartete Gralssuche
verstrickt war, ist bis heute Gegenstand von Spekulationen.
Überliefert ist ein Besuch Himmlers im Benediktiner-Kloster Montserrat
1940, wo sich der inoffiziell anerkannte katholische Gral befand. Über den
Glauben des SS-Führers heißt es in einem Zeitungsartikel, der SS-Führer

613 Schreiben Wüst an Himmler BArch NS 21/224, zit. nach Koop (2012), S. 92.
614 Zit. bei Heiber (1970), S. 88; vgl. dazu Koop (2012), S. 90 f; das Lied wurde
übrigens 1943 „nationalsozialistisch" umgedichtet.
615 Rahn (2004), S. 44; Graddon (2008), S. 46, spekuliert dagegen über eine SS-
Beeinflußung.

201
„soll von der arischen Abstammung von Jesus Christus überzeugt gewesen sein
und in dem Kelch - wie treffend in „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug" be­
schrieben - tatsächlich Kräfte vermutet haben, die zum Sieg des Weltkrieges führen
würden".616 Auch wenn Himmler wie dargelegt, zweifellos ein Interesse an
der Grals-Überlieferung hatte und auch das spanische Kloster in Montserrat,
in dem der christlichen Legende zufolge der Gral gehütet werde, besucht ha­
ben dürfte, sind die weiteren Mutmaßungen weniger tatsächlichen Fakten
als einer allzu lebhaften Phantasie des Autoren geschuldet.
Was Otto Rahn betrifft, so ist dieser, seitdem er in Diensten der SS stand,
offiziell nicht mehr nach Südfrankreich gereist.
In französischen Veröffentlichungen ist dennoch die Rede von einem
weiteren Aufenthalt Rahns im Languedoc im Jahr 1937.617 618 Der deutsche
Autor Thomas Ritter spekuliert von einer gescheiterten Suchaktion der SS
1943 und 1944 und erwähnt sogar Pläne innerhalb des Persönlichen Stabes
Himmlers noch im April 1945, „eine erneute Expedition nach Südfrankreich zu
entsenden "6iS Allerdings ist diese Version angesichts der zu diesem Zeitpunkt
bereits laufenden Friedensverhandlungen mit den Westalliierten mehr als
unwahrscheinlich. Größere Glaubwürdigkeit können dagegen Ritters Schil­
derungen der 1931 unternommenen Besuche Rahns bei Marie Dernaud, der
Haushälterin und Erbin des 1917 verstorbenen Saunieres beanspruchen, die
ihm durch Dorfbewohner bestätigt worden sein sollen. Doch auch 1943/44
sollen sich SS-Angehörige auf ihrem Anwesen aufgehalten haben.619
Carmin, der hier dem bereits erwähnten Autorentrio folgt, spricht eben­
falls davon, daß „Anfang 1944 von Berlin aus eine Sondereinheit nach Gisors
mit dem Auftrag entsandt worden war, dort Ausgrabungen vorzunehmen."620 Zu
dieser Zeit wäre aufgrund Rahns Scheitern SS-Kommandoführer Otto Skor-
zeny von Himmler mit dem Auftrag betraut worden, den Katharerschatz bei
Montsegur aufzuspüren. Fünf Jahre nach Rahns offiziellem Ableben habe
dieser im Juni 1944 eine Operation geführt, die auf den Tag des 700-Jah-
re Gedenkens der ermordeten Katharer fiel. Auf den Spuren der vier vor
dem Tag der Erstürmung Montsegurs geflohenen Katharer hätte er diesen
Berichten zufolge eine Festung auf einer Bergspitze erreicht, die als tatsäch-

616 Nowak (2009); bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine Aussage eines frü­
heren Freundes von Otto Rahn, Joachim Kohlhaas, der berichtet, Rahn habe im April
1935 die „vage Hoffnung" gehegt, „mit Hilfe eines katalanischen Adeligen weitere Nach­
forschungen zum Gral in den Pyrenäen unternehmen zu können"; Lange (1999), S. 56.
617 Angebert (1974):, S. 46; ebenso Buchner (1991), S. 171 f; ebenso Graddon.
(2008), S. 119 ff.
618 Ritter (2002), S. 121.
619 Ritter (2002), S. 115.
620 Carmin (2005), S. 301; in Gisors soll sich ein Templer-Schatz befunden haben.
202
liche letzte Rückzugsort gedient hätte (vermutlich sind hier die Spulgas im
Sabarthes gemeint). Unweit dieser Festung soll Skorzeny den „Schatz" tat­
sächlich geborgen und nach Deutschland verbracht haben.621
Weitere Mutmaßungen besagen, er wäre daraufhin eine gewisse Zeit auf
der Wewelsburg versteckt worden, von wo er bei Kriegsende nach Bayern,
in die „Alpenfestung" gelangt wäre. In Skorzenys Kriegserinnerungen sucht
man diese Episode allerdings vergeblich. Grundlage der Verbindung des
Katharer-Grals mit Bayern könnte allerdings der Fund eines keltisch anmu­
tenden Gefäßes sein, das 2001 aus dem Chiemsee geborgen wurde. Hier hat­
ten es vermutlich die Nationalsozialisten 1945 versenkt.622
US-Autoren ließen angesichts des Fundes ihrer Phantasie freien Lauf und
sprachen vom wahrhaftigen Gral, der gefunden worden sein soll.
Neue Nahrung erhalten die Spekulationen um den Gral aus dem Chiem-
seee durch einen Artikel, der kürzlich in einer populärwissenschaftlichen
Zeitung erschien. Demnach soll das 1945 versenkte und in den 80er Jahren
geborgene Gefäß, das an den keltischen Gundestrup-Kessel erinnert, von
NS-Kreisen als Ersatz für das nicht auffindbare tatsächliche Gralsgefäß an­
gefertigt worden sein, um den Mittelpunkt der Krypta der Wewelsburg zu
schmücken.623
In dieser unterhalb des Obergruppenführersaals Hegenden Grotte findet
sich in der Tat eine gemauerte Rotunde, die in ihrem Zentrum eine Vertiefung
birgt. Doch Historiker gehen davon aus, daß hier eine Art „ewiger Flamme"
instaHiert werden sollte. Ein nachgemachter Keltenkessel dürfte jedenfalls
auch bei UntersteHung eines kitschigen Kunstverständnisses der NSDAP-
Führungsriege als Ersatz für einen echten Gral an diesem heüigen Ort regel­
recht blasphemisch anmuten. Dagegen spricht auch die besondere Akustik,
die genau an dieser Eintiefung erzeugt wird und Geräusche - wie das Rau­
schen einer Flamme - verstärkt und nach oben kanalisiert. Für einen goldenen
Kessel wäre ein solcher Effekt dagegen nutzlos. Wahrscheinlicher wäre die
Verwendung des Gefäßes als Schmuckstück für das Gral-Studierzimmer, al­
lerdings wäre ein Goldkessel für diesen Zweck wohl überproportioniert, zu­
mal für das Zimmer bereits ein anderer Gegenstand vorgesehen war.
Zu denken gibt allerdings ein von Hans-Jürgen Lange überlieferter Aus­
spruch Weisthors: So äußerte dieser kurz vor seinem Tode, „Der Chiemsee
trägt und birgt den Gral".624 Hat Weisthor also von der Versenkung des Kes-

621 Angebert (1974), S. 47f; ebenso Buchner (1991), S. 184 ff.


622 So soll Skorzeny Bernadac gegenüber in einem Interview geäußert haben,, Ende
des Krieges hätten „seine Männer den ganzen Trödel von Himmler in Bayern ver­
senkt"; P.M. History Special 2/2009, S. 105 f.
623 Ebenda, S. 100 ff.
624 Lange (2010), S. 55; in diesem Zusammenhang von Interesse ist ferner, daß

203
Kristallschädel und Auszug aus der Depositarliste aus „Mysteries"2/2011

sels an diesem Ort gewußt, oder handelt es sich hier um ein weiteres uner­
klärliches Zusammentreffen von Weissagung und Realität? Auch hier bleibt
die Wissenschaft eine Antwort schuldig - sicher scheint nur, daß weder in
Südfrankreich noch anderswo ein tatsächlich als „Gral" bezeichnetes Gefäß
geborgen und nach Deutschland verbracht wurde.

Otto Rahn und der Kristallschädel


Wenige Tage vor Drucklegung dieser Schrift gewann die Frage nach
der Herkunft des Gralkessels neue Aktualität. In ihrer März/April-Aus­
gabe 2011 präsentierte die Zeitschrift „Mysteries" eine vorgebliche Origi­
nal-,, Depositarliste" vom 11. April 1945. Auf dieser durch die Gauleitung
Schwaben vorgenommenen Abschrift einer vierseitigen Liste aus dem SS-
RSHA sind 35 Kunstgegenstände aufgeführt, die von SS-Jagdverbänden
von Bayern ins südböhmische Strakonitz verbracht werden sollten. Unter
den aufgeführten Gegenständen befanden sich neben „drei Metallkisten der
Forschungsabteilung Ing. Kammler", mehrere Aluminumkisten des RF-SS
mit „Katharer-Schriften" und einem „Originalbehälter Hugo de Payens"
(Letzter Großmeister des Templer-Ordens) auch ein Kristallschädel, der laut
Liste zur „Sammlung Rahn" gehörte und ursprünglich aus den „Kolonien
Südamerika" stammte. Ein solcher, ebenfalls dem Magazin Mysteries prä­
sentierter Totenkopf aus Quarz, wird hier erstmals mit Otto Rahn in Verbin­
dung gebracht, wurde aber seltsamerweise von diesem nie erwähnt. Weiter­
hin wird auch ein „Goldkessel, keltisch" aufgeführt, der mit dem Vermerk

Rudolf Mund Rahns Verleger Otto Vogelsang mit der Frage konfrontierte, ob Rahn
jemals irgendwelche Andeutungen zum Gral in Verbindung mit dem Chiemsee ge­
macht habe; Graddon (2008), S. 69; Graddon vermutet daher eine gemeinsame dies­
bezügliche Forschung zwischen Rahn und Weisthor.

204
„Wewelsburg, Otto Gahr" erscheint. Dieser dürfte - die Echtheit des Schrei­
bens vorausgesetzt - mit dem Chiemsee-Kessel identisch sein und würde
demnach aus der Werkstätte Otto Gahrs stammen. Die vom im Januar 1932
verstorbenen Münchner Goldschmied - einem frühen Hitler-Vertrauten -
gegründete Werkstätte wurde von dessen Frau Karoline weitergeführt und
fertigte unter anderem den Totenkopfring der SS. Allerdings spricht einiges
gegen die Authentizität des Schreibens: So die in der Abschrift übernomme­
ne Unterschrift, „gez. von dem Bach-Zelesky". Der Name des SS-Offiziers
lautete jedoch richtig „von dem Bach-Zelewsky". Dieser nannte sich aller­
dings seit 1940 „von dem Bach", und wird in anderen Dokumenten stets
nur so angesprochen.625 Ferner ist die Bezeichnung „Depositarliste" ebenso
unüblich wie die Verwendung von „Pergamentpapier".
Desweiteren, wie Thomas Ritter zurecht bemerkte, sei die Verschickung
von Unterlagen Rammlers nach Böhmen Unsinn, da ja dort Rammlers Denk­
fabrik ursprünglich angesiedelt war.626
Dem Artikel zufolge stammen sowohl Liste als auch Kristalltotenkopf aus
dem Nachlaß einer alten Dame, die beides von einem Rittmeister Ernst von
Alten, einem ehemaligen SS-Mann erhalten haben soll. Die Existenz dieses
Rittmeisters wird durch ein Interview, das die Zeitschrift „Quick" Anfang
der 50er Jahre mit diesem führte, verifiziert; jedenfalls existiert die Familie,
in deren Besitz sich das Gut Groß Golfern befindet. Über diese Merkwürdig­
keiten hinaus, kursiert eine andere Herkunftsgeschichte über die vorgebli­
che Depositarliste. Demnach soll sie sich im Besitz eines ehemaligen unga­
rischen Waffen-SS Mannes befinden. Ingesamt scheint diese Befundlage in
Verbindung mit dem scheinbar guten Erhaltungszustand der Liste gegen
deren Echtheit zu sprechen - zumindest bis eine Untersuchung des Schrift­
stückes das Gegenteil beweisen würde.

625 Zwischen 26. Januar und 11. Februar 1945 war von dem Bach-Zelewski (1899-
1972) Kommandant des X. SS-Armeekorps (Oderkorps), das wenige Wochen nach
Aufstellung nicht mehr existent war. Allerdings wurde der SS-General am 1. Au­
gust 1945 beim Versuch der Absetzung ins Ausland durch US-Truppen festgenom­
men; siehe Wikipedia.com: von dem Bach-Zelewsky; Was ihn verdächtig macht, mit
den Amerikanern zusammen zu arbeiten, war die Tatsache, daß er als Kronzeuge
gegen ehemalige Kameraden diente und zwar 1951 zu 10 Jahren Haft verurteilt
ivurde, diese aber nicht antreten mußte, da die Hälfte als bereits verbüßt betrachtet
und der Rest nie vollstreckt wurde. Von dem Bach war es auch, der nach eigenen
Angaben Göring die Zyankali-Kapsel zuspielte, mit der dieser sich vor der Voll­
streckung des verhängten Todesurteils selbst richtete; siehe: http://www.spiegel.de/
spiegel/print/d-42624229.html.
626 So Ritter in einem Schreiben an den Verfasser; zu Kammler siehe Kap. 10.

205
„Indiana Jones" und die Spekulationen über
Rahns Weiterleben nach 1939
In der anglo-amerikanischen Verschwörungsliteratur wird die vorgebli­
che Gralssuche der Nazis immer wieder mit der Bundeslade in Verbindung
gebracht, die sich bei dem Jerusalemer Tempelschatz befunden hätte, der
68 von den Römern erbeutet und in ihre Stadt verbracht worden sein soll.627
Von hier hätten ihn Alarichs Westgoten bei der Eroberung Roms 410 in ihre
neue Heimat, das Languedoc, mitgeführt. Legenden zufolge sei er hier ir­
gendwo versteckt worden, bis ihn die Katharer, die Erben der Westgoten,
übernommen hätten. Spanischen Überlieferungen zufolge lag das Versteck
in der bereits erwähnten Grotte des Herkules. In dieser gigantischen Höhle
habe Rahn dann den „Schatz" geborgen. Ritter äußert dagegen die Vermu­
tung, daß der Gotenkönig Roderich diesen bereits lange Zeit zuvor an sich
genommen und in der Nähe des Ortes Rhedae verborgen habe. Hier wäre er
schließlich Ende des 19. Jahrhunderts vom Abt Berenger Sauniere gefunden
worden, der dadurch nicht nur zu ungeheurem Reichtum sondern auch zu
einer gewissen Machtstellung gelangte.628
Eine besondere Popularität gewannen diese Mythen im Zuge der Indi-
ana-Jones-Filmreihe des Regisseurs Steven Spielberg. Hier verkörpert ein
gewisser Major Ernst Thot den skrupellosen deutschen Naziarchäologen,
der nicht nur äußerlich wenig mit der Person Otto Rahns gemein hat. Eine
besondere Anekdote hierbei ist, daß nach Aussage eines bekannten Gralsau­
toren der damalige Indiana-Jones-Regisseur Steven Spielberg ein Haus im
Languedoc besitze. Auch Baron Edmonde de Rothschild interessiere sich im
übrigen für die Gegend und hätte gar eine aufwendige, jedoch ergebnislose
Suche nach dem vermeintlichen Schatz der Katharer finanziert.629 Das Pro­
blem dieser durchaus spannenden Gerüchte: Es gibt keinerlei Dokumente,
die ihren Wahrheitsgehalt bestätigen könnten.
Ganz anders die französischen Autoren, denen sich in den letzten Jahren
immer mehr US-Forscher anschlossen, die ja Sensationsbüchern nie abge­
neigt waren. Hier sind es vor allem Christian Bernadac und das Autorenduo
unter dem Pseudonym Jean-Michel Angebert, sowie der US-Amerikaner
Col. Howard Buchner welche die Gralssuche Rahns und der Nazis mit phan­
tasiereichen Details anreicherten. Jüngste Veröffentlichung aus diesem Kreis
ist Nigel Graddons Otto Rahn-Biographie in dem vor allem Ungereimthei­
ten zum Selbstmord Rahns aufgegriffen werden.
Neben der Ablehnung der These des durch die SS erzwungenen Selbst-

627 Siehe u.a. Buchner (1991), S. 26 ff.


628 Ritter (2002), S. 92; eine andere These zum Verbleib lautet, daß die Mauren den
Jerusalemer Tempelschatz eingeschmolzen hätten, um daraus Münzen zu prägen.
629 Persönliche Aussage eines Forschers gegenüber dem Verfasser.

206
mordes Rahns nach Bekannt­
werden seiner Homosexu­
alität, unterstellt Bernardac
auch weitere Forschungsrei­
sen Rahns ins Languedoc.
Dabei soll dieser in geheimer
Mission nach vorgetäusch­
tem Selbstmord die bereits
oben erwähnte vorgebliche Der Rechauerhof in Söll/Stockach, Eiberg -
Gralsmission des SS-Kom- offizieller Todesort Rahns
mandoführers Otto Skorzeny
nach Frankreich begleitet haben.630
Doch was auf den ersten Blick als leicht durchschaubare Legende anmu­
tet, wird durch verschiedene Merkwürdigkeiten geschürt. Auffällig beim
Tod Rahns sind die Umstände der Auffindung und Identifikation seiner
Leiche. Demnach soll die „stark verweste Leiche" am 11. Mai 1939 durch
die Kinder des ortsansässigen Bauern Josef Mayer aufgefunden und vom
örtlichen Gendarmen - fast zwei Monate nach seinem Tod - identifiziert
worden sein631 - und zwar anhand des Mantels und des darin befindlichen
Reisepasses, der auf Otto Rahn ausgestellt war. Dem Gendarmen war Rahn
weder persönlich bekannt noch stand ihm ein Foto des als vermißt gemelde­
ten Rahn zur Verfügung.
Ferner ist die Vorgehensweise hinsichtlich der Todesmeldung und die
fehlende Mitteilung des Todes an Rahns Geburtsort durch den Vater un­
gewöhnlich. Hinzu kommt, daß die angeblich nach Wörgl zur Beerdigung
überführte Leiche dort nicht unter dem Namen Rahn beerdigt worden sein
kann, wie Nachprüfungen bei der zuständigen Friedhofsverwaltung in
Wörgl ergaben. Dort war keine Beerdigung unter diesem Namen im frag­
lichen Zeitrahmen erfaßt worden, so daß vermutet wird, der Leichnam sei
in Kirchbichl begraben worden.632 Schließlich ist das von Rahn selbst zitierte
Gebot der Katharer, denen nachzueifern er ja allen Anlaß hatte, demzufolge
Selbstmord nicht aus Angst oder Schmerz gestattet sei, für Graddon gewich­

630 Daß ein vorgetäuschter Tod zur Durchführung geheimer Kommandounternehmen


durchaus Himmlers Gedankengängen entsprach, beweisen dabei diesbezügliche Überle­
gungen zu einem Unternehmen Schäfers während des Krieges; vgl. Haie (2008), S. 312.
631 Lange (1999), S. 79 f.
632 Vgl. Wikipedia: Otto Rahn; ein verschiedentlich geäußerter Zusammenhang
des Todesortes Rahns mit der am etwa 50 Km entfernt liegenden Tiroler Vomper-
berg angesiedelten „Gralssiedlung" kann ausgeschlossen werden. Die von Oskar
Ernst Bernhardt („Abd-ru-shin") begründete Gralsbewegung wurde bereits 1938
verboten und die Gebäude beschlagnahmt; vgl. Wikipedia:Gralsbewegung.

207
tiges Argument gegen Rahns Freitod-These.633 Mutmaßungen, Gerüchte, Le­
genden - doch was ist die Wahrheit?
Für Hans-Jürgen Lange, den führenden deutschen Biographen Rahns,
ist die amtliche Version unzweifelhaft: „Er (Rahns Verleger Albert von Hal­
ler) sei bei Eggers (SS-Dichter Kurt Eggers) gewesen, mit einem Male sei Rahn
heringetaumelt, in einem fürchterlichen Zustand, abgemagert, wahnsinnig nervös.
Rahn sagte: „Ich bin am Ende. Ich werde verfolgt von der SS. Ich bin angeklagt
wegen Homosexualität. .. Man hat mir die Wahl gelassen: entweder komme ich ins
KZ oder eben ich wähle den Freitod, Heldentod in den Bergen. Anderes ist nicht
möglich."634 Ebenso eindeutig sieht Lange den Todesort Rahns an einem Aus­
siedlerhof am Eiberg. Anders die Autoren Kadmon und Katholing, die von
einer „hochalpinen Todestätte" am Totenkirchle beim „Wilden Kaiser" aus­
gehen.635 Ersterer zitiert einen Einheimischen, der als Mitglied einer dama­
ligen Suchmannschaft Rahns Leichnam ebendort mit geborgen haben will
- entgegen der amtlichen Version, in der es gar keine Suchmannschaft gab.
Ein Höhepunkt der Spekulation des weiteren Werdegangs des Totgesagten
ist dabei die Behauptung einer neuen Identität Otto Rahns als deutscher Bot­
schafter in Italien, Rudolf Rahn.636 Abgesehen vom Namen (der angesichts
einer beabsichtigten neuen Identität Rahns nicht allzu intelligent ausgewählt
worden wäre!), einigen gemeinsamen biographischen Details und einer äu­
ßerst geringen Ähnlichkeit, wird damit die Gutgläubigkeit der Leser doch
arg strapaziert.637
Dennoch verbleiben Zweifel. Was meinte etwa Rahns Verleger Albert
von Haller mit der Nutzung Rahns durch Himmler „bei irgendwelchen ver­
deckten Geschäften" sowie der Eindruck seines ersten Verlegers Vogelsang,
demzufolge dieser kurz vor seinem Tod „zukunftsfreudig und heiter wirk­
te". Dadurch beeinflußt, reiste der frühere Bekannte Rahns, Pehmöller, nach
Südfrankreich ohne jedoch auf Spuren späterer Besuche seines ehemaligen
Freundes zu stoßen.
Was eine während des Krieges durchgeführte Forschungsreise des Ah­
nenerbes nach Südfrankreich betrifft, so kann diese jedenfalls mit hoher
Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Anläßlich eines Beitrages über
die Katharer und den Montsegur in der Zeitschrift „Koralle" vom 19. Okto­
ber 1941 (Nr. 42), wird von der Ahnenerbe-Forschungsstätte für Karst- und

633 Graddon (2008), S. 145.


634 So Albert von Haller gegenüber Lange (1999), S. 82.
635 Katholing (1999), S. 171 f; hier auch der Verweis auf Kadmon: „Katharsis“.
636 So Christian Bemadac, zit. nach http://www.rose-croix-veritas.com/otto_rahn.htm
637 Bereits 1979 hatte Armin Mohler (1979) in einem Zeitungsartikel die These Ber-
nadacs widerlegt: Sowohl physiognomische (Form der Nase und des Schädels, Körper­
größe) als auch biographische Gründe führen die behauptete Identität ad Absurdum.

208
Höhlenkunde eine Richtigstellung verfaßt, in der auf die umfangreichen
Forschungsarbeiten Otto Rahns hingewiesen wird, der im Artikel nicht ge­
nannt worden war. Am Ende heißt es, „für das Ahnenerbe wäre es eine dankbare
Aufgabe, wenn es nach dem Krieg die Arbeiten des 1939 in den Bergen verunglück­
ten SS-Kameraden wieder aufnehmen und zu einem wertvollen Abschluflergebnis
bringen könnte“.638 Zwar wird damit nicht ausgeschlossen, daß sich Himmler
zwei Jahre später anders entschieden haben könnte, allerdings trägt dieses
Dokument nicht zur Erhärtung der Legenden bei.
Trotz aller scheinbar gesicherter Erkenntnisse über Rahn scheint doch
die Forschung über ihn und die Gralssuche der Nationalsozialisten noch
immer nicht endgültig abgeschlossen zu sein. Solange jedoch Akten unter
Verschluß gehalten werden, bleiben die alternativen Erklärungen Spekula­
tion. Ein Schlüssel zur Lösung des Rätsels ohne weitere Aktenfunde dürfte
allerdings in den Erinnerungen der Einheimischen und dem Archiv der bis
heute mysteriös gebliebenen Geheimgesellschaft der Polaires zu finden sein
- dieses soll jedoch 1940 im Auftrag Alfred Rosenbergs oder - was ebenso
möglich wäre - durch die SS unter Franz Six konfisziert worden sein und ist
seitdem nicht wieder aufgetaucht.

Bild aus dem Nachlaß Rahns: Zeigt es ein


Mitglied der Polaires im „Pentagramm"
der Grotte von Bethlehem (Sabarthes)?
638 Schreiben 14.1.1942, Archiv Verfasser Nr. 41; Buchner (1991), S. 181 f, er­
wähnt ebenfalls diesen Artikel und wirft die Frage auf, ob nicht Rinderknecht, der
Verfasser des Artikels, mit Rahn gemeinsam das Languedoc besuchte; vgl. dazu
auch Graddon (2008), S. 156.

209
9. Die verschwundene Akte -
SS-Okkultforschung & das Geheimnis Gaston de Mengeis

„Heute Nacht habe ich mit Freunden telefo­


niert... in Abessinien und Amerika, in Japan
und Tibet, ... mit allen die aus der anderen
Welt kommen , um das neue Reich zu errich­
ten...... Eine neue Ära wird kommen, ... einer
der Schlüssel liegt beim Dalai Lama und in den
tibetischen Klöstern."

iese Worte von Karl-Maria Wiligut anläßlich einer Besprechung zur

D Tibet-Expedition Ernst Schäfers wurden von letzterem überliefert.


Zumeist als Beleg für die Phantastereien des alten KuK Obersten an­
geführt, werfen sie dennoch Fragen auf.
Abgesehen von der Tatsache, daß alle genannten Länder Ziel von For­
schungsreisen bzw. geplanten Expeditionen des Ahnenerbe waren, stellt
sich primär die Frage, wer denn diese Freunde in Abessinien, Amerika, Ja­
pan und Tibet waren? Hirngespinste Wiliguts oder steckt doch mehr dahin­
ter? Es gibt einige Gründe die letzte Frage mit Ja zu beantworten und diese
Antwort führt uns zu einer der bislang am wenigsten literarisch gewürdig­
ten Geheimgesellschaften - den Polaires.

9.1. Die Polaires

Die Bruderschaft der Polaires entstammt dem franko-okkulten Milieu des


19. Jahrhunderts. Hier fand sich der Nährboden für die Gründung diverser
spirtistisch-okkulter Orden und Gesellschaften, von denen die Martinisten
des Okkultisten und Kabbalisten Papus und die neubegründete Rosenkreu­
zer-Bewegung Joseph Peladans wohl die bekanntesten waren.
Nach Auskunft des Österreichischen Ingenieurs Lambert Binder (1905-
1981) waren die Polaires ein okkulter Rosenkreuzer-Orden mit Stammsitz
in Frankreich, dem vor dem Zweiten Weltkrieg 63 Mitglieder angehörten.
„In der obersten Leitung saßen noch 9 besonders ausgewählte und befähigte
Mitglieder, Martinisten, Kabbalisten, Gnostiker usw." Besonderes Augen­
merk legt Binder dabei auf die Zahl 63, die er mit 9x7 erklärt, also zwei
Ziffern, die in der freimaurerischen Kabbalistik eine Rolle spielen.639 Einer
der wenigen Hinweise auf die geheime Bruderschaft der Polaires findet sich
beim französischen Autor Pierre Geyraud. Dieser berichtet in seiner Darstel­
639 Binder (1951); Wegener (2004), S. 103, sieht die Polaires hingegen als „Neu­
auflage der katharischen Sapientes", der Weisen der Katharer.

210
lung geheimer Orden und Sekten in Paris von einer Begegnung mit einem
Mitglied der Polaires, das ihm anvertraute, daß alle Polarier sich zu gewis­
sen Zeiten des Tages, und zwar um 8,12 und 21 Uhr bestimmten Gedanken­
konzentrationen zu widmen hatten, und daß diese Vereinigung der Gedan­
kenströme aller Polarier eine bedeutende Rolle spielte. Die Erkennungskarte
der Ordensmitglieder trug den Schriftzug:
„HIC ADSUM FRATER TUUS SUB POLISIGNO. LUTETIAE MILLESIMO
NONGENTESIMO ET TRICESIMO ANNO POST J. CH." (Der dies vorweist,
ist dein Bruder unter dem Zeichen des Pols. Paris im Jahre 1930 n. J. Ch.).640
Zu den Mitgliedern der Polaires, deren Veröffentlichungen im Impressum
die Adresse der Theosophischen Gesellschaft in Paris aufwiesen und deren
Gründung um 1929 erfolgt sein dürfte, zählten einige bekannte Forscher
und Schriftsteller; darunter die Franzosen Jeanne Canudo, Victor Blanchard,
Maurice Magre, Jean Marques-Riviere sowie für eine gewisse Zeit auch Rene
Guenon.641 Während dieser sich bereits in den 30er Jahren ebenso wie Magre
gegen den Nationalsozialismus äußerte, sorgte die Tätigkeit von Marques-
Riviere und Jeanne Canudos für die SS im Vichy-Frankreich für den Vorwurf,
die Polaires verträten einen „germano-okzitanischen Synkretismus" für den
exemplarisch der Germanen-Orden und die Thule-Gesellschaft ständen.642
Im August 1940 hatte die Vichy-Regierung ein Verbot aller Geheimgesell­
schaften in Frankreich erlassen und unter Aufsicht von Prof. Bernhard Fay
den Service des Societes Secretes - SSS - unter direkter Leitung Admiral Pla­
tons gegründet, um dieses Verbot zu überwachen. Dem SSS unterstanden drei
weitere Abteilungen: Der „Service Speciale des Associations Dissoutes" (Spe­
zialabteilung aufgelöster Gesellschaften - Inspector Moerschell), das „Cen­
tre d'Action et de Documentation" (Aktions- und Dokumentationszentrum
- Henry Coston) und die „Service de Police" SPSS (Polizei-Abteilung - Jean
Marques-Rivieres). Die bekanntesten Aktivitäten Marques-Rivieres waren
in diesem Zusammenhang die Organisation der Ausstellung „Der Jude und
Frankreich" im September 1941 sowie der Dokumentarfilm „Okkulte Mäch­
te". Pläne zum Aufbau eines „Museums der Geheimgesellschaften", aus dem
er womöglich auch eigenen Nutzen für seine okkulten Studien ziehen wollte,
wurden nicht umgesetzt.643 Bezüglich seiner Motivation schrieb Marques-Ri-
vieres: „Wenn wir eine Generation weiter sind, wird die Freimaurerei ohne Frei-

640 So Binder (1951).


641 Vgl. www.rose-croix-veritas; zur Gründung siehe www.naderlibrary.com/cult.
martinist.htm; Wegener (2004), S. 140 nennt das Gründungsjahr 1926; Schwarz (Re­
zension Wegener), dagegen 1928/29 und weist daraufhin, daß Guenon nie Polaires-
Mitglied war, sondern lediglich in Verbindung zu diesen stand.
642 Christian Bernadac: La Mystere de Otto Rahn, zit. nach www.rose-croix-veritas.
643 Trimondi (2002), S. 282 ff.

211
Polaires-Gefährten ? Otto Rahn - Maurice Magre - Rene Guenon
maurer zu einer Witwe ohne Kinder und ... es bleibt ihr Ideen- und Arbeitgeber, der
Jude... ohne die Freimaurerei verliert er viele seiner Mittel."644
Oberhaupt des Ordens der Polarier war der Italiener Cesar Accomani,
der das Pseudonym Zam Bhotiva führte. Bhotiva wohnte seit 1931 Seancen
bei, bei denen mit Hilfe des Londoner Mediums „Grace Cook" der kurz zu­
vor verstorbene berühmte englische Kriminalautor Sir Arthur Conan Doyle
angerufen wurde, der ihm übermittelte, die Polaires seien dazu bestimmt,
„die Zukunft der Welt zu formen" Eine weitere Seance brachte Bhotiva in
angeblichen Kontakt mit einem Tibeter, der den verheißungsvollen Namen
„Weißer Adler" trug und verkündete, er selbst - Bhotiva - sei aus Tibet in
den Westen gesandt worden, um dort geistig tätig zu sein.645
Der Name der Polaires („Die Polaren") weist indes auf einen alten esoteri­
schen Glauben über die Herkunft der Weisheit hin: Nämlich vom äußersten
Norden, der Arktis, die Schauplatz des ersten, des „goldenen" Zeitalters ge­
wesen sein soll, wie später ausführlich erläutert.
In einem Bulletin vom 9.6.1930 haben die Polaren ihren Namen selbst so
erklärt: „Die Polaren führen ihren Namen darauf zurück, daß zu allen Zeiten der
Heilige Berg, das heißt der symbolische Platz der Initiatischen Zentren, von den ver­
schiedenen Traditionen immer als,polar' qualifiziert worden ist. Und es kann wohl
sein, daß dieser Berg wirklich ,polar' im geographischen Sinn des Wortes gewesen
ist - wie dies von der borealen Tradition - oder Primordialen Tradition, Quelle aller
Traditionen - immer behauptet wurde, die zuallererst ihren Sitz in den hyperborä-
eischen Regionen hatte." Diese Erklärung klingt Martin Schwarz zufolge, wie
von Guenon geschrieben, allerdings sei sie uns „nur in einer Zitierung des
nicht immer glaubwürdigen Jean Parvulesco überliefert, der den ,polaren' Topos

644 Marques-Rivieres, zit. nach Wegener (2004), S. 105.


645 Trimondi, (2002), S. 270; siehe dazu Cooke (1997), S. 17ff.

212
auch in seinen phantastisch-esoterischen Romanen immer
wieder entfaltet hat."646
Der Führer der Polaires, Cesar Accomani alias Bho-
tiva, trat anläßlich einer weiteren Begebenheit in das
Licht der Geschichte: Im Juli 1931 war er im Langue­
doc - gemeinsam mit weiteren Polaires - an der Suche
nach dem „Schatz der Katharer" beteiligt. Der deut­
sche „Gralsforscher" Otto Rahn erwähnt zwar einen
„Ingenieur, dessen Bekanntschaft er gemacht habe",
jedoch trug dieser den Namen Arnaud. Wie der Inge­
nieur suchte allerdings auch Accomani für seine Zwe­ Antonin Gadal
cke den Kontakt mit einer außergewöhnlichen Dame,
die Mitglied der Gnostischen Kirche und dem Blute nach ein Abkömmling
der berühmten albigensischen Ketzer-Päpstin Esclarmonde de Foix war. Die­
se geheimnisvolle Dame, deren Namen streng geheim gehalten wurde, dürfte
gleichwohl identisch sein mit jener Gräfin Pujol-Murat, von der Otto Rahn
berichtet, daß „ihre Vorfahren bei der Verteidigung der Albigenser-Burg Montsegur
ihr Leben für die vom Feind überflutete Heimat ließen und welche Hugues de Payens,
den Gründer des Templer-Ordens und vor allem die große Esclarmonde de Foix zu
ihren Vorfahren zählen darf". Zam Bhotiva versuchte nun mit Hilfe dieser Dame
und seiner „Wünschelrute" im Ruinengebiet der Burg Montsegur den Schatz
der Katharer zu heben, den er mit dem Jerusalemer Tempelschatz identifi­
zierte, den die Westgoten einst ins Languedoc gebracht haben sollen. „Nicht
um persönliche Vorteile daraus zu ziehen, sondern weil dieser Schatz zu den okkulten
Heilstümern der Menschheit zählte. Aber die Wünschelrute schlug nicht aus und so
dürfte die alte Tradition richtig sein, daß der Schatz noch vor Erstürmung der Burg
von waghalsigen Cathari in abenteuerlicher Kletterei nach den kilometerlangen gefah­
renvollen Höhlen von Ornolac in den Pyrenäen geschafft und dort verborgen worden
sei", resümiert Binder diese Episode.647
In Reaktion auf seine erfolglose Suche im Languedoc soll jedenfalls Po­
laires-Vorsitzender Accomani den Orden verlassen haben,648 der sich fort­
an mehr esoterischen Fragen widmete - ausgenommen eines Zweiges, der
schon damals mit deutschen Institutionen zusammenarbeitete:
Wie zuvor geschildert, nannte die südfranzösische Zeitung „La Depeche"
Otto Rahn einen „deutschen Polaire der eine Gralssuche im Languedoc leiten
würde". Otto Rahn hatte sich über seine Nennung in diesem Zusammenhang
in einem Leserbrief verwahrt.

646 Schwarz, Martin A.: Rezension Wegener; aufeisernekrone.blogspot.com.


647 Binder (1951); vgl. dazu Cooke (1997), S. 27f.
648 Vgl. Godwin (2007), S. 110, der als Zeitraum der Suche Accomanis ebenfalls
1929/1930 ansetzt und die zeitgleiche Suche Rahns nicht für einen „Zufall" hält.

213
Doch war Rahn tatsächlich nicht bereits Mitglied der Polaires wie ver­
schiedene Autoren mutmaßen? Ein im Juni 1934 verfaßter Brief Rahns an
einen alten Freund - den französischen Katharer-Forscher Antonin Gadal
- regt die Wiederaufnahme der gemeinsamen Arbeit an und ergänzt: „Sehr
ranghohe Mitarbeiter werden uns unterstützen. In erster Linie der Baron Evola....
In Deutschland, in der Schweiz und in Holland ebenso wie in Frankreich haben
wir Verbündete."649 Wen meinte Rahn mit „wir" bzw. „uns"? Bezieht sich der
deutsche Forscher damit bloß auf einen losen Verbund von Grals- bzw.
Katharerforschern oder hat er eine spezielle Gruppierung im Auge, der er
womöglich bereits angehört?650 Es scheint jedenfalls nicht ausgeschlossen,
daß Rahn doch engere Kontakte zu den Polaires unterhielt als nach außen
bekannt war und sich vielleicht als Bestandteil dieser Vereinigung begriff.651
Graddon mutmaßt ferner über eine Verbindung zwischen Rahn und dem
OKW-Abwehrchef Admiral Canaris (1887-1945), der im Widerstand gegen
Hitler eine undurchsichtige Rolle einnahm. Demnach soll Rahn in seiner
Funktion als „Agent" innerhalb des Persönlichen Stabes RF-SS einer unbe­
stimmten Widerstandsgruppe, 15 jungen Juden zur Flucht verhülfen haben
und sei daher zum Selbstmord gezwungen worden, wie Graddon unter Ver­
weis auf einen Brief des Rahn-Bekannten Albert Rausch spekuliert.652
Was die Vermutung eines Geheimbundes erhärtet, in dem sowohl Gadal als
auch Rahn tätig waren, ist die belegte Mitgliedschaft Antonine Gadals in ei­
nem solchen. Der französische Forscher, der Rahn bei dessen Suche nach dem

649 Zit. nach Lange (1999), S. 154.


650 Graddon (2008), S. 42, vermerkt zwar, daß Rahn sich den „Herren von Belis-
se", einer Gruppe von Poeten in den Pyrenäen, angeschlossen habe, die hier gemeint
sein könnten, geht aber, S. 224ff„ selbst auch von einer anderen, weitaus bedeuten­
deren Organisation aus, die Rahn rekrutiert habe. Dabei soll es sich um den dem
Rosenkreuzer-Gedanken verbundenen „Orden vom Goldenen Vlies", auch „Argo-
nauten-Orden", handeln, dessen souveräner Großmeister seit 1930 der sich um eine
Wiedererrichtung der Habsburg-Monarchie bemühende Otto von Habsburg war.
651 Bereits Christian Bernadac hatte über Rahn gemutmaßt, innerhalb der SS ei­
nen „esoterischen Zirkel" initiiert zu haben, Bernadac, zit. nach Freund (1995), S.
87; allerdings verknüpft Bernadac dies mit der angeblichen Gralssuche im Auftrag
der SS; trotz der Kritik an der Rudolf-Otto Rahn Behauptung Bernadacs (Fn 606),
hatte Mohler (1979) Rahn ebenfalls als „Stifter einer Art von Geheimorden (mit
Verzweigungen von Holland über Frankreich und Deutschland bis in die Schweiz)"
bezeichnet und das Buch Bernadacs als bedeutendes Werk hinsichtlich der „gehei­
men Geistesgeschichte" empfohlen. Siehe dazu Hayward (2012), S. 21/31 f.
652 Graddon (2008), S. 154, hier auch der Irrtum Graddons, der aus dem Welt-
Artikel Mohlers (1979) auf einen Aliasnamen Rahns = „Wonnegut" spekuliert, ob­
gleich Mohler damit lediglich den Namen Wiliguts fälschlich wieder gab.

214
Gral im Languedoc regelrecht instrumentalisiert haben soll, stand in enger Ver­
bindung zum „Lectorium Rosicrucianum", einem 1924 in den Niederlanden
begründeten Zweig der „Rosicrucian Fellowship" des in die USA emigrierten
Max Heindls. 1935 trennte sich die Gruppe von ihrer US-Mutterloge und wurde
von Frau Henriette Stok-Huizer (alias Catharos de Petri -1902-1990) und den
Brüdern Leene geleitet.653 Zwei Jahre später -1937 - traf sich Gadal mit Walter
Birks, einem Angehörigen einer ungenannt bleibenden „Geheimgesellschaft",
wie dieser anläßlich eines Interviews für einen Dokumentarfilm über den Gral
verriet.654 Bei diesem Treffen habe Gadal 1937 als „das Jahr des Grals" bezeich­
net und dem Gesandten der Geheimgesellschaft verraten, ein Katharergefäß
geborgen zu haben, das er als „Katharer-Gral" bezeichnete.
Dazu paßt auch die Unterstützung Evolas, der zwar nicht dem Bund di­
rekt angehörte, sich geistig allerdings auf der Polaires-Linie befand, obgleich
er im dritten Band der „Einführung in die Magie" der römischen Gruppe
von UR unter dem Pseudonym „Arvo" das Orakelsystem der Polaires kri­
tisierte: „Die absolute Mechanizität und Impersonalität der Methode, bei der die
Person des die Frage stellenden keinerlei Rolle spielt, führt nur zu einer unter- und
nicht überpersönlichen Ebene, insgesamt also ein Beispiel für die materialistische
Fehlauffassung des höheren Bewußtseins und der traditionellen Symbolik."
Evola bestätigte in einem kleinen Aufsatz nach dem Krieg die Kontakte
zu Rahn: „Nun nimmt man an, daß Rahn, mit dem wir seinerzeit in Briefwechsel
standen und dem wir die Unhaltbarkeit seiner Thesen beweisen wollten..." heißt es
in „Hitler und die Geheimgesellschaften" - erneut bleibt aber die Identität
der Gruppe, die hier „wir" genannt wird, offen.655
Just im Zeitraum der Verfassung des Briefes durch Otto Rahn - 1936 - be­
ginnt sich auch die NS-Regierung näher für den italienischen Kulturphiloso­
phen zu interessieren. Wenige Jahre später führt Evola mehrere Vortragsreisen
in Deutschland durch - unter Beobachtung der SS Heinrich Himmlers. Zwar
wird offiziell eine Unterstützung Evolas abgelehnt, dennoch sah Himmler ge­
nügend Gemeinsamkeiten um den Kontakt aufrecht zu erhalten.656
War der von Rahn in seinem Brief suggerierte Bund vielleicht identisch
mit jenem „geheimen, überstaatlichen Orden", den Evola laut des ableh­
nenden Gutachtens zu stiften plante und für den „keine konkrete Unter­
stützung" empfohlen worden war? Eine solche Verbindung zwischen dem
Evola-Bund und Rahn scheint jedenfalls nicht ausgeschlossen.

653 Vgl. http://www.rosenkreuz.de/artikel/geschichte-und-heutige-organisation-


des-lectorium-rosicrucianum. Jener Heindl wurde bereits als Thule-Gründer be­
zeichnet; siehe oben S. 29.
654 Vgl. DVD Mythen & Mysterien: Der heilige Gral, Min. 32 ff.
655 Evola (2009), S. 12; vgl. dazu Hayword (2012), S 23 f.
656 Vgl. Kapitel 4.3.

215
Eine weitere Spur in diesem Zusammenhang stammt aus einer Quelle,
die mehr als zweifelhaft ist, aber dennoch Erwähnung verdient: Demnach
soll es 1943 Pläne zur Wiedererrichtung des venezianischen Ordens „Ordo
Imperio Nuovo", auch als „Ordo Bucintoro" bezeichnet, gegeben haben, die
vom italienischen Fürsten Junio Valerio Borghese 657 und von Otto Skorzeny
ausgegangen wären; also erneut eine Verbindung zwischen Italien und der
SS in Bezug auf eine Ordensgründung.658
Bereits 1919 hatte sich in Frankreich eine theosophisch inspirierte Grup­
pe unter Leitung des Apothekers Rene Schwaller de Lubicz (1887-1961)
formiert, die eine Zeitschrift namens „L'Affranchi" herausgab. Neben ei­
ner theosophisch ausgerichteten Strömung existierte innerhalb der Gruppe
auch eine „Mystische Gruppe Tala" („Die Verbindung"), die sich auch mit
dem Hakenkreuz befaßte und verschiedene Parallelen zu deutschen Bün­
den aufwies: Einen stark ausgeprägten Antijudaismus, eine vorherrschen­
de Kriegermentalität sowie dunkle Militäruniformen. Eine erstaunliche
Anekdote ist ferner, daß sich der Leiter der sich später in „Les Veilleurs"
(Die Wächter) umbenannten Gruppe, den Decknamen „Pytheas" (Pytheas
von Massilia war der Begründer des Thule-Mythos) zulegte.659 Einem an­
deren Autoren zufolge - Werner Gerson, der einen „bisweilen sorglosen Um­
gang mit Quellen" an den Tag legte, wie Godwin meint - soll der spätere
stellv. NSDAP-Vorsitzende Rudolf Hess ebenfalls der Gruppe angehört
haben.660
Schwaller ging jedoch bereits Anfang der 20er Jahre mit seiner Frau in die
Schweiz, wo er ein „Zentrum für wissenschaftliche und alchimistische Stu­
dien" gründete. Mitte der 30er Jahre unternahm er eine Reise nach Ägypten,
die seine Vorliebe für Pyramiden-Mysterien bestärkte und seinen nachhalti­
gen Ruf als Mystiker begründete.661

657 Römisches Adelsgeschlecht, das 1605 in das Patriziat Venedigs aufgenommen


wurde, vgl. Wikipedia: Borghese.
658 So Sajaha, S. 170; der genannte Orden begegnet uns noch im 12. Kapitel in
Verbindung mit der angeblichen Überlieferung von prophetischen Keilschriften aus
Babylon - zur Glaubwürdigkeit siehe ebendort; allerdings bestanden in der Tat enge
Verbindungen zwischen Skorzeny und Borghese, wie Georg (2009), S. 304, bemerkt
- ebenso wie zwischen letzterem und Evola, für den Borghese 1953 das Vorwort zu
„Menschen inmitten von Ruinen" verfaßte.
659 Vgl. Godwin (2007), S. 64 f.
660 Godwin (2007), S. 65; vgl. ebenfalls http://www.unitedearth.com.au/lubicz.html;
allerdings gibt es in der Biographie von Hess, der nach 1918 in München studierte,
keine Hinweise auf regelmäßige Aufenthalte in Frankreich.
661 Vgl. http://www.unitedearth.com.au/lubicz.html; viele der Werke Schwallers
sind erst posthum veröffentlicht worden.

216
Ein Bezug zu den Polaires läßt sich auch über die Zeitschrift „Vancaires"
herstellen, die im Vichy Frankeich zwischen 1941 und 1943 erschien. Die
Inhalte der von Pierre Plantard nach dem Krieg euphemistisch als „Resis­
tance-Blatt" verklärten Zeitschrift entsprachen den Themen, mit denen sich
die Polaires befaßten: Esoterik, Mythen und „Eingeweihte aus Tibet" sowie
verborgene Städte im Himalaya.662 Plantard, der spätere „Prieure de Sion"-
Gründer, hatte bereits seit 1937 Treffen mystisch orientierter Kreise von
Nationalisten veranstaltet, die sich antifreimaurerisch und antisemitisch
betätigten und als „Französische Union" firmierten. Nach der Etablierung
des Vichy-Regimes unter Marschall Petain empfahl er sich diesem als Mitar­
beiter der Logenbekämpfungsbehörden, gründete aber selbst die „Franzö­
sische Nationale Erneuerung" und den Bund Alpha Galates (1942), der ca.
40 Sympathisanten aufgewiesen haben soll.663 Aufgrund dieser nicht geneh­
migten Betätigungen erhielt Plantard eine 4-monatige Haftstrafe, die er für
die Konstruktion einer Resistance-Karriere nach dem Krieg nutzte. Zuvor
allerdings habe er, eigenen Aussagen zufolge, das Angebot Heinrich Himm­
lers ausgeschlagen, im Gegenzug für eine Treueerklärung zum 3. Reich bzw.
zur SS den Titel eines Herzogs der Bretagne anzunehmen.664
Die Ziele der Alpha Galates jedenfalls waren nach Selbstauskunft in
„Vaincre":
1. Die Einheit Frankreichs - 2. Die Mobilisierung aller französischen Ener­
gien und Mittel für die Verteidigung der Nation - 3. Die Schaffung einer
neuen westlichen Ordnung eines jungen europäischen Rittertums, dessen
Hauptgedanke „Solidarität" sein solle. Diese Organisation - Solidarität -
müßte das erste Stadium der Vereinigten Staaten des Westens darstellen.665
Zu weiteren Autoren der Zeitschrift Vaincre zählten Robert Amadou, An­
gehöriger der Martinisten und der Großloge Alpina sowie Autor diverser
Freimaurer-Literatur, Professor Louis le Für, Publizist und Kulturkommen­
tator innerhalb des Vichy-Regimes, und Gabriel Trarieux d'Egmont, Verfas­
ser esoterischer Schriften.
Eine weitere Verbindung zwischen Polaires, Martinisten und Alpha Ga­
lates ergibt sich über einen sogenannten „Pakt der Synarchisten" bei dem
Polaires-Mitglied Jeanne Canudo eine wesentliche Rolle spielte. Aufgrund
dieser Verbindung hatten bereits andere Autoren gemutmaßt, die Polaires
seien ein „Deckmantel" der Prieure de Sion gewesen.666

662 So Lincoln (2004), S. 320f


663 Nach Wikipdeia.org: Pierre Plantard.
664 Lincoln (2004), S. 250; vgl. auch Carmin (2005), S. 280, der dieses Angebot in
Zusammenhang mit der Errichtung eines eigenen SS-Staates Burgund sieht.
665 Zit. nach Lincoln (2004), S. 325.
666 vgl. http://univercia22.blogspot.com/2010/02/gladio-octopus-le-cercle-and-safari.html

217
Der Begründer des Synarchismus,667 Saint-Yves d'Alveydre (1842-1909),
gilt als wichtiger Wegbereiter diverser rosenkreuzlerischer Bünde in Frank­
reich und beeinflußte vor allem Papus (Begründer des „Kabbalistischen
Ordens der Rosenkreuzer")668 und Josphin Peladan (Wiederbegründer der
Rosenkreuzer), soll anderen Quellen zufolge aber auch die Bruderschaft der
Polaires mitbegründet haben.669 An anderer Stelle wird dagegen Victor Blan-
chard als Begründer des „Ordre Martiniste et Synarchique" (OMS - 1921)
genannt, der auch bei der Entstehung der Polaires 1929 mitwirkte.670 Gemäß
Guy Patton, sei der Synarchismus als Herrschaftssystem einer intellektuel­
len und spirituell erleuchteten Elite, ein vielen rechtsausgerichteten Bünden
vertrautes Element,671 jedoch gibt es auch Verbindungen zu freimaurerisch­
internationalistischen Verbindungen, wie dem Pan-Europa-Bund bei dem
Otto von Habsburg eine wichtige Rolle spielte. Bemerkenswerterweise be­
zieht Evola noch 1928 die Pan-Europa-Idee Richard Coudenhove-Calergis
in seine Überlegungen hinsichtlich eines neuen Europas ein, ohne auf den
freimaurerischen Hintergrund des Österreichischen Adeligen einzugehen.672

667 Wikipedia schreibt zum Synarchismus: Synarchie (vom griechischen cmvapyia)


ist eine Herrschaftsform, bei der viele Personen gemeinsam die Herrschaft ausüben.
Der Begriff wurde von Saint-Yves d'Alveydre geprägt und hat seinen Ursprung in
der Mystik. In den 1920er Jahren fand sie in den Hochschulen Frankreichs durch die
Esoterik des Theosophen Claude de Saint-Martin (1743-1803) große Resonanz. Das
Ziel der Synarchisten war es, eine gerechte Politik für alle Klassen „weder rechts
noch links“ zu schaffen. In einem verschwörungstheoretischen Geschichtsbild ver­
steht man unter Synarchie eine geheime Weltregierung, die je nachdem mit der Bil-
derberg-Konferenz, der Trilateralen Kommission, Skull & Bones, der Freimaurerei,
dem Illuminatenorden usw. in Verbindung gesetzt wird.
668 Papus und die Martinisten gelten dabei trotz ihrer antijudaistischen Einstel­
lung einigen als „jüdischster“ aller okkulter Orden; vgl. Webb (2008), S. 302.
669 So Autor Guy Patton („Web of Gold“) in: http://quintessentialpublications.
com/twyman/?page_id=51.
670 www.naderlibrary.com/cult.martinist.htm; hier auch der Hinweis, daß der als
Hauptquartier der Polaires genutzte „Tempel“ auf der Junot Avenue 36 in Mont­
martre, Paris, später vom OMS genutzt wurde.
671 Guy Patton, ebenda.
672 Vgl. Evola (2009), S. 88 ff; Coudenhove gilt heute in völkisch-nationalen Krie-
sen als klassischer Wegbereiter einer freimaurerisch beeinflußten, US-hörigen EU
der Bürokratie, siehe etwa „Richard Graf Coudenhove-Kalergi als Freimaurer";
Otto v. Habsburg, Vorsitzender des Pan-Europa-Bundes zwischen 1973 und 2004,
war 1944 aus den USA nach Frankreich gekommen und spielte hier eine bislang
kaum beleuchtete Rolle, siehe Wikipedia: Otto von Habsburg; vgl. auch Kapitel 4.3.
bezüglich Evolas Verbindungen zu monarchischen Kreisen.

218
Ebenso bestanden direkte Verbindungen der Synarchisten zu Jean Monnet,
dem maßgeblichen Wegbereiter der Europäischen Gemeinschaft, und der
Alpha Galates zu vom Pan-Europa-Gedanken beeinflußten Protagonisten,
wie Robert Schuman, dem Vater des EU-Vorläufers „Europäische Gemein­
schaft für Kohle und Stahl" (EGKS). Schuman war nämlich Mitglied des von
Vaincre-Autor Louis de Für gegründeten „Energie"-Bundes, der sich für
eine europäische Vereinigung einsetzte.673
Daß Alpha Galates mehr als nur ein loser Zusammenschluß gleichden­
kender Europa-Freunde war, wird durch einen Kommentar Louis le Fürs
in Vaincre (Nr. 5) bestätigt, in dem dieser „einen deutschen Meister unseres
Ordens" mit der Würdigung des neuen Großmeisters des Bundes zitiert.674
Gerade im Vichy-Frankreich der damaligen Zeit offenbart sich somit ein
kaum zu durchschauendes Geflecht von Okkultisten und Politakteuren, die
verschiedensten Zielen entgegenarbeiteten - sicher scheint indes nur, daß
auch die Polaires Bestandteil dieses weitverzweigten okkulten Untergrun­
des waren;675 ebenso sicher scheint aber auch, daß die rechtsgerichteten
Europa-Bünde systematisch von freimaurerisch beherrschten Gruppen in­
filtriert wurden und dadurch ihr Wirken ins Gegenteil verkehrt wurde, wie
die Geschehnisse nach 1945 beweisen.
Bereits 1929 hatte das Ordenshaupt Bhotiva das Buch „Asia Mysterio-
sa" veröffentlicht, versehen mit einem Vorwort von Rene Guenon, Maurice
Magre und Marques-Riviere. Dieses enthielt die Ziele des Ordens, die Ge­
schichte seiner Gründung und eine Sammlung von Orakelsprüchen. Der
bedeutendste dieser Sprüche war das „Orakel der Astralen Kraft" (auch
„Orakel Astraler Energie").
Dieses stammte von einem weiteren Italiener namens Mario Fille, der 1908
während eines Urlaubs in Bagnaia bei Rom einen Einsiedler mit dem Namen
„Vater Julian" kennenlernte, der ihm einige vergilbte Blätter schenkte, die
aus dem Buche der „Wissenschaft vom Leben und Tode" stammen sollten
und „eine sichere Methode der Zukunftserforschung auf arithmetischer
Grundlage" enthalten hätten. Nachdem Fille, anfangs ungläubig, einige
Jahre später das Orakel erfolgreich testete versuchte er den alten Einsiedler
aufzusuchen, dieser war jedoch verschwunden. Als der Italiener das Orakel

673 Siehe http://univercia22.blogspot.com/2010/02/gladio-octopus-le-cercle-and-


safari.html; vgl. hierzu Lincoln (2004), S. 315 ff.
674 Carmin (2005), S. 329, der diesen Meister als Hans Adolf von Moltke identifi­
ziert, der hier seine Treue gegenüber Alpha Galates schwor.
675 So findet sich unter http://www.gailallen.com/theo/PrioryOfSionTheFactsThe-
TheoriesTheMystery.html diew Behautpung, die Polaires hätten dem Martinisten-
Mitglied und Freimaurer-Großmeister Constant Chevillion eine „synarchistische
Falle" gestellt, die dieser 1944 als Geisel der Gestapo mit dem Leben bezahlte.

219
Alexandre Saint-Yves
dAlveydre (1842-1909)
Links: Der berühmte französische
Okkultist Gerard Encausse alias
Papus (1865-1916) in einer Mar-
tinisten-Loge
erneut befragte, diesmal nach dem Aufenthaltsort des „Vater Juhan", erfuhr
er, daß jener wieder in sein Kloster im Himalaya zurückgekehrt sei. „Dieser
einfache und bescheidene Einsiedler, der von den Menschen verlacht in einer pri­
mitiven Holzhütte in der Umgebung von Rom gehaust hatte, schien also einer der
Großen Eingeweihten gewesen zu sein, die in der Verborgenheit das Geschick der
Menschheit lenken", faßt Binder die Geschehnisse zusammen.676

9.2. Agarthi, Shambhala & der polare Mythos

Die hier von Binder angesprochenen „Eingeweihten" begegnen dem Le­


ser auch im Untertitel des Werkes: „Asia Mysteriosa. L'Oracle de Force As­
trale comme moyen de communication avec ,Les Petits Lumieres' d'Orient,
Paris 1929". Im Vorwort der Schrift heißt es: „Wir haben diese Notizen mit dem
Titel „Asia Mysteriosa versehen, denn dies war der Wille der „kleinen Lichter", mit
denen wir uns in Kommunikation befinden, dank des Orakels der Astralen Macht...
. Die kleinen Lichter sind die Weisen und Führer der esoterischen Gruppen und
Klöster, die sich in Agarthi befinden, und welche von der Tradition und von den
Legenden genau in die geheimnisvolle Region Asiens verlegt werden: den Himalaya,
dort lebten die Rosenkreuzer, die Weisheitsritter, die Initiierten des großen Rades,
die Europa dereinst verlassen mußten und nach Tibet flüchteten."677
Während Rene Guenon 1929 noch ein Vorwort verfaßt hatte und den Polaires
nahestand, äußert er sich in einer Besprechung der ersten Nummer des „Bulletin
des Polaires" vom Mai 1930, die in „Voile d'Isis" im Februar 1931 erschienen ist,
überaus kritisch zum Polaires-Orakel: „Wenn dies das Ergebnis der Kommunikation
676 Binder (1951). Hayword (2012), S. 19, zufolge spekuliert Ivan Cooke Vater
julian sei eine Inkarnation des Grafen von St. Germain (1712-1784).
677 Zit. nach Trimondi (2002), S. 272.

220
mit den ,Großen Initiierten' im Himalaya oder anderswo, ist, ist das äußerst kümmer­
lich.“ „(...) die Regeln, diktiert von der ,Methode' beinhalten unglaubliche Kindereien.
(...) wir werden nicht überrascht sein, wenn all dies im Abstieg zu dem vulgärsten Spi­
ritismus enden wird. Wir bedauern daß einige der traditionellen Ideen, die wir in ,Der
König der Welt' dargelegt haben, in diese Affaire gemengt worden sind (,..)"678
Neben Agarthi wird indes auch Shambhala im Buch genannt: „Shambhala
ist nach zentralasiatischer Tradition eine heilige Stadt, die in sehr alten Zeiten ver­
schwand und dann unterirdisch weiterexistierte; einige nehmen an, daß es sich um
eine Stadt handelt, die unter der Wüste Gobi eingegraben wurde, während andere
wissen wollen, daß sie in Sibirien liegt. In Wirklichkeit soll Shambhala im Hohen
Norden zu suchen sein, und die Verbindung, die man unter diesem Aspekt mit ande­
ren Traditionen machen kann, erlaubt es, Shambhala mit dem hyperboräischen Tula
(Thule) gleichzustellen, dem Ausgangspunkt der ursprünglichen Traditon unseres
Manvantara (Zeitalters).“679 Unter den „Drei kleinen Lichtern" (Les Petits Lu-
mieres) verstehen die Polarier jene verborgenen drei Meister, die von Asien
aus die Wiedererrichtung der Brüderschaft der Polarier angeordnet haben.
So unglaublich es westlichen Ohren auch klingen mag, genießt der Glau­
be an höhere Eingeweihte in Indien, China, Tibet und weiten Teilen Asiens
große Beliebtheit. Und auch für die Polarier waren die Eingeweihten real:
„Die Meister existieren, sind aber keine Götter. Sie sind lediglich Men­
schen, erfüllt mit Weisheit." In ihnen manifestieren sich drei Aspekte des
Königs der Welt, die hier als drei tibetisch-weiße Götter beschrieben wer­
den, - Gouban, Zourghan und Bourkhan - die auf Erden die Funktion des
Panchen Lama, Dalai Lama und Bogdo Khans erfüllen, also die weltliche,
geistige und kriegerische Macht. Der Sitz dieser eingeweihten Meister oder
Magi wird als Agarthi oder Shambalah angegeben. Beide Orte sind, wie be­
reits angesprochen, Synonyme für das ursprünglich polare Urzentrum.
Über den drei Meistern steht des Orakels zufolge jedoch ein Messias der
als „der, der da wartet" bezeichnet wird. Er ist der Gesandte der Asia Mys-
teriosa und gemäß Binders Angaben, „ein Europäer, der zugleich der oberste
Chef der Polarier ist.... Heute ist er unbekannt und weit fort, aber morgen wird er
ein großer sein nach dem Willen der Allerhöchsten. ... Es werden noch viele, viele
Monde vergehen, bis ihr den, der da wartet, treffen werdet. Dieser höchste spirituelle
Kommandant ist ein Avatar und der zukünftige Manu (Gesetzgeber), eine Inkarna­
tion des Sonnen- und Lichtgottes und reitet auf einem weißen Pferd“680 - eine ge­
naue Entsprechung des Kalki-Avatars der indischen Mythen, der auch von
Miguel Serrano in Bezug auf Adolf Hitler aufgegriffen wurde!681

678 Zitiert nach Feydel, bei Martin Schwarz (Rezension Wegener).


679 Zit. nach Trimondi (2002), S.272.
680 Zit. nach Binder (1951).
681 Vgl. Serrano (2010), S. 5 / 98; vgl. Hayword (2012), S. 33 f.

221
Der Sitz dieser eingeweihten Meister oder Magi wird als Agarthi oder
Shamballah angegeben. Beides sind - je nach Autor - verborgene Städte
oder Reiche, die für gewöhnlich in Asien, zumeist im Himalaya oder in der
Wüste Gobi angesiedelt werden.
Bei Wilhelm Landig, dem Verfasser der den Neuschwabenland-Mythos
prägenden Thule-Trilogie, sind es die Wächter Agarthas, die den menschen­
freundlichen Weg gegen den Widerstand der Shambalah-Menschenfeinde
beschreiten.682
Der Begriff Shambalah weist dabei eine größere Authentizität und ein
weitaus höheres Alter als der Begriff Agartha auf. Verschiedentlich wird er
auch mit dem Shangi-La gleichgesetzt. Gemäß des tibetisch-buddhistischen
Kalchakra-Tantra, einem Einweihungsritual zur Erlangung von Reinheit für
Geist und Körper, existiert in Asien ein Königreich Shambalah mit 96 Regi­
onen und ebenso vielen Unterkönigen. Einer Erklärung des Dalai Lamas zu­
folge, handelt es sich um „ein reines Land, das man nicht unmittelbar sehen oder
aufsuchen kann - es sei denn, Karma und Verdienst eines Menschen sind dement­
sprechend gereift. ... Obgleich Shambalah ein wirkliches Land - ein wirklich reines
Land - ist, haben gewöhnliche Menschen keinen unmittelbaren Zugang zu Shamb-
hala....... " Hierzu ergänzt Godwin: „Dafür den Buddhisten jegliche Existenz,
sogar die der Götter in ihren Himmeln, Illusion ist, läßt sich eine wirkliche Stadt,
auf die man auf der Landkarte oder am Ende der Straße stößt, von einer „unwirk­
lichen" wie Shambalha nicht so deutlich unterscheiden, wie es dem Materialisten
scheinen mag." Aber zugleich betont Godwin auch, daß dies nicht bedeutet,
daß dies schon immer so gewesen sei - mit anderen Worten, hält er ein einst­
mals existentes Land unter der Bezeichnung durchaus für möglich.683
Eine frühe Apologetin des Agartha-Mythos war die Russin Helena Pet-
rovna Blavatsky. Zwischen 1848 und 1858 bereiste sie die Welt und besuchte
Südamerika, Ägypten, Syrien und auch Tibet. In Ägypten wurde sie durch
den alten koptischen Weisen Metamon in die Magie eingeführt und machte
Bekanntschaft mit der Hermetischen Bruderschaft von Luxor. In London traf
sie einen Meister Morya, der sie über die „Meister der Weisheit" aufklärte, die
auf dem spirituellen Pfad sehr weit fortgeschritten sind und die geistige Welt
zu beherrschen, zu meistern gelernt haben. Nach weiteren Begegnungen mit
Mystikern und Okkultisten an verschiedenen Orten der Welt gründet Blavats­
ky angeregt von einem spirituellen Meister 1875 in New York gemeinsam mit
John Steel Elcott und weiteren Freunden die Theosophische Gesellschaft. 1888
erscheint ihr bedeutendstes Werk, Die Geheimlehre, in der die Grundlagen
der Theosophie festgehalten werden. Hier erwähnt Blavatsky auch die „Wei­
ße Bruderschaft" als Orden der Eingeweihten von Shambalah:

682 Landig (1980).


683 Godwin (2007), S. 116 f.

222
„Die letzten Überlebenden des schönen Kindes der weißen Insel ( des ursprüng­
lichen Sherva-dvipa) waren Zeitalter vorher zu Grunde gegangen. Ihre (Lemuriens)
Auserwählte hatten Zuflucht außer Heiligen Insel (jetzt dem fabelhaften Shambha-
lah in der Wüste Gobi gefunden, während einige von ihren verfluchten Rassen, die
sich von dem Hauptstamm trennten, jetzt in den Dickichten unter der Erde (,Höh­
lenmenschen') lebten, als die goldig-gelbe Rasse (die vierte) ihrerseits „schwarz vor
Sünde" wurde..." Diese heilige Insel, soll Blavatsky zufolge „bis zur gegen­
wärtigen Stunde als eine Oase, umgeben von der schrecklichen Wildnis der großen
Wüste Gobi" existieren.684
Innerhalb der Theosophischen Gesellschaft wurde der Shambalah-My-
thos weiter ausgeprägt. Im Buch „Man: Whence, How and Whither" (Der
Mensch: Woher, Wie und Wohin, 1913) heißt es, Shambalah sei um 70.000
v. Zw. durch den Manu (Priester-König-Gründer) der arischen Rasse an den
Ufern der Gobi-See gegenüber der Weißen Insel gegründet worden.
Ebenfalls inspiriert von der Theosphischen Gesellschaft bereiste Nicolas Ro-
erich mit seiner Familie zwischen 1925 und 1928 China und die Mongolei bis
zur Grenze Tibets und hielt seine Eindrücke in mehreren Büchern fest, deren
bekanntestes den Titel „Shambhala" trug. Hier schrieb er: „Shambhala ist der
Heilige Ort, an dem die irdische Welt sich mit den höchsten Zuständen des Bewußt­
seins verbindet. Im Osten ist man sich bewußt, daß es zwei Shambhalas gibt - ein ir­
disches und ein unsichtbares. Über die Lage des irdischen Shambhala ist viel spekuliert
worden. Nach gewissen Andeutungen liegt dieser Ort im äußersten Norden; demnach
sind die Strahlen des Nordlichts die Strahlen des unsichtbaren Shambhala."685
Mit dieser Aussage verweist Roerich auf die wahrscheinliche Herkunft
des Mythos aus dem äußersten Norden. Anders als Shambalah, ist der Be­
griff Agarthi dabei überaus jungen Ursprungs und reicht lediglich bis ins 19.
Jahrhundert zurück.
Die mutmaßlich erste Erwähnung Agarthas findet sich bei Louis Jacol-
liot (1837-1890). In „Le Fils de Dieu" (Der Sohn Gottes, 1873) berichtet der
Franzose von indischen Brahmanen die ihn mit der Legende von Asgartha
vertraut gemacht hätten. Diese prähistorische Sonnenstadt war Sitz des
„Brahmatma", des obersten Priesters der Brahmanen, welche Indien seit
13.300 v.Zw. regiert hätten.686
Unterstützung fand die allzu phantastische Beschreibung Jacolliots in ei­
nem Buch mit dem Titel „Mission de linde", dessen Manuskript sich unter
den Papieren des verstorbenen Schriftstellers von Saint-Yves d'Alveydre
befunden hatte. Ursprünglich hatte Saint-Yves das Buch bereits drucken
lassen, vernichtete vor der Erscheinung jedoch aus bislang ungeklärten

684 Blavatsky (1969/2), S. 333.


685 Nicholas Roerich 1930, zit. nach Godwin (2007), S. 123.
686 Vgl. dazu Guenon (1987), S. 13 ff.

223
Bild des russischen Abenteurers Nicholas Roerich - Tibetischer König Gautsa
Gründen die gesamte Auflage bis auf zwei Exemplare, deren eines bei ihm
verblieb und das andere widerrechtlich vom Drucker selbst einbehalten
wurde. Spekulationen zufolge, soll Saint-Yves nach Bekanntwerden der
Veröffentlichungspläne mit dem Tod bedroht worden sein. Die posthum
veröffentlichte Auflage enthielt jedenfalls die Schilderung einer mystischen
Geheimgesellschaft, deren Namen „Agarta" [Agarttha] war. Neben allerlei
merkwürdigen Beschreibungen dieser angeblichen Reise durch Zentralasi­
en mutet am unwahrscheinlichsten die tatsächliche Existenz einer unterir­
dischen Welt an, deren Verzweigungen sich überallhin erstrecken, unter
Erdteile und Meere, und durch deren Kraft sich unsichtbare Fäden durch
alle Gegenden der Erde ziehen. Sein Wissen soll der Franzose von dem indi­
schen Lehrer Haji Sharif bezogen haben, der sich selbst als „Guru Pandit der
großen Argathischen Schule" bezeichnete und dessen Sanskrit-Manuskripte
noch in der Bibliothek der Pariser Sorbonne liegen sollen.687
Der russische Abenteurer Ferdinand Ossendowski scheint verschiedene
Elemente aus „Mission de Finde" in seinem 1924 erschienendem Buch „Tie­
re, Menschen und Götter" aufgegriffen zu haben. So berichtet er von mongo­
lischen Erzählungen über ein geheimnisvolles unterirdisches Reich namens
Agarthi, die ihm während eines Aufenthaltes in Zentralasien erzählt wur­
den. Dieses Reich soll der Legende zufolge unterhalb des Himalayas liegen
und von einem „König der Welt" regiert werden. Dieser König wiederum
stünde mit allen bedeutsamen Menschen (Könige, Priester usw.) in Verbin­
dung und lenkt deren Geschicke abhängig davon, ob sie sich gottgefällig
verhalten oder nicht.688
687 Vgl. dazu Godwin (2007), S. 99 ff.
688 Ossendowski (1923), S. 345 f. weitere interessante Details, die Ossendowski
berichtet, beziehen sich auf den Ursprung der Zigeuner, die einst in „Agarta" gelebt
224
Rene Guenon, der bekannte französische Traditionalist und Mystiker
faßt die Mythen über Agartha in einer grundlegenden Veröffentlichung zu­
sammen: „Agarta war, wie man sagt, nicht immer unterirdisch und wird es nicht
immer bleiben. Es wird eine Zeit kommen, in welcher nach den von Ossendowski
wiedergegebenen Worten „die Völker von Agarti ihre Höhlen verlassen und auf der
Oberfläche der Erde erscheinen werden". Ehe Agarta von der sichtbaren Erde ver­
schwand, hatte dieses Zentrum einen anderen Namen, denn „Agarta", was „unzu­
gänglich" bedeutet, wäre nicht passend gewesen. Ossendowski gibt an, daß Agarta
vor mehr als sechstausend Jahren unterirdisch geworden ist, und diese Zeitangabe
stimmt ziemlich genau mit dem Beginn des Kali-Yuga oder des „Schwarzen Zeital­
ters“ der alten Völker des Abendlandes überein; ihr Wiedererscheinen muß mit dem
Ende derselben Periode zusammenfallen. Saint-Yves hätte zweifellos diese Symbolik
erklären können, aber er hat es nicht getan, und hierdurch erhalten gewisse Teile
seines Buches den Anschein von Trugbildern. Ossendowski war sicher unfähig, sich
vom Buchstaben zu lösen und in dem, was man ihm erzählte, etwas anderes zu se­
hen als den einfachen Inhalt im unmittelbarsten Sinne."689
Obgleich Ossendowski in seinem Bericht panslawistische Tendenzen an­
klingen ließ, fand sich das Buch auch in der Bibliothek Heinrich Himmlers
und dürfte diesen wie viele andere Leser der 300 000 Exemplare des Buches
in der Sicht auf das geheimnisvolle Tibet beeinflußt haben.690
Innerhalb der Polaires wird der Mythos vom König der Welt und den
eingeweihten Meistern ebenfalls reichlich rezipiert. In Maurice Magres „The
Return of the Magi" befaßt sich der Autor mit verschiedenen Eingeweihten
des Mittelalters, darunter Apollonios von Tyana und Christian Rosenkreutz,
dem Begründer der gleichnamigen Geheimgesellschaft. In einem Kapitel mit
der Überschrift „Der unbekannte Meister der Albigenser" geht Magre der
Frage nach, inwieweit die französischen Ketzer (Katharer, in Eigenbezeich­
nung Albigenser) durch die bulgarischen Bogumilen-Bewegung beeinflußt
wurden. Dabei kommt er auch auf die Rolle der südfranzösischen Gräfin
Esklarmonde zu sprechen, von der die Gräfin Pujol abstammen soll - ein
vor der engen Verbindung der Gräfin mit den Polaires überaus interessanter
Aspekt, der nahelegt, daß die Polaires den direkten Kontakt mit der Gräfin
gesucht haben.691

haben sollen sowie „unterirdischen Feierlichkeiten“ der „Misteri cosmici" [kosmi­


sche Mysterien] Augenblicke, in denen die in der Wüste Reisenden stehen bleiben,
in denen sogar die Tiere verstummen; Ossendowski versichert, daß er selber einem
derartigen Augenblick allgemeiner Sammlung beigewohnt habe. Ferner berichtet er
von einer verschwundenen Insel, auf der merkwürdige Menschen und Tiere lebten.
689 Guenon (1987), S. 67f.
690 Vgl. Wegener (2004).
691 Magre (1975), S. 43 / 65 ff.

225
Rene Guenon, der Marquäs-Riviöre zufolge in seinen Werken stets an die
westlichen Eliten appellierte, nach dem eigentlichen Sinn der wahren Tradition
zu suchen, der im Westen in Vergessenheit geraten ist, geht noch einen Schritt
weiter: „Nimmt man den Titel,König der Welt' in seiner höchsten, umfassendsten
und gleichzeitig strengsten Bedeutung, so bezeichnet man damit eigentlich ,Manu', den
Urgesetzgeber des Universums, dessen Name sich in verschiedener Form bei vielen alten
Völkern findet. Dieser Name ist übrigens der Ausdruck für ein Weltprinzip und nicht
für eine geschichtliche Persönlichkeit, aber dieses Prinzip kann sich durch ein geistiges
Zentrum auf Erden manifestieren, durch eine Organisation, deren Aufgabe darin be­
steht, die heilige Tradition rein zu bewahren; und das Haupt einer solchen Organisati­
on, welches in gewisser Weise Manu selbst verkörpert, wird zu Recht seinen Titel und
seine Kennzeichen tragen dürfen. Das ist wohl der Fall in „Agarta", falls jener Kreis,
wie Saint-Yves behauptet, die Erbschaft der alten Sonnen-Dynastie (Suryavanscha) an­
getreten hat, die einst in Ayodha ihren Sitz hatte und in ihrem Ursprung wieder auf
Vaivaswata, den Manu des heutigen Kreises zurückgeht...... Im Mittelalter gab es eine
Erscheinung, in welcher diese beiden verschiedenen Machtsphären in einer Weise ver­
einigt waren, die wohl der Erwähnung wert ist: man sprach zu jener Zeit oft von einer
geheimnisvollen Gegend, dem,Reich des Priesters Johannes'."692
Der auch Priesterkönig Johannes benannte mythische Herrscher soll ein
christliches Königreich in Asien regiert haben, das sich nie lokalisieren ließ.
Anläßlich eines Kreuzzuges des römischen Papstes war ein angeblicher
Brief publik geworden, in dem Johannes seine Hilfe bei dem bevorstehen­
den Kreuzzug anbot. Seine Selbstbeschreibung als „König der Könige" rückt
ihn unzweifelhaft in die Nähe des Königs der Welt Agarthis.
Wenn man sich jedoch die wahrscheinliche etymologische Entstehung des
Begriffs Agartha aus Asgartha betrachtet, kommt man nicht umhin, die Lo­
kalisierung in Asien in Frage zu stellen. Tatsächlich handelt es sich dabei um
Übernahme eines uralten Paradies-Mythos, der als Asgard, Hyperboräa, Thu­
le, Atlantis usw. in den äußersten Norden weist: „Aber die schwarzen Zyklen der
Zeit haben den Meister des Westens verjagt und er ist in den Orient gewandert... das
Hakenkreuz ist alleine geblieben, Symbol der Zentralmacht des ,Himmelsjuwels'",
beschreibt Jean Marquäs-Rivieres die Legende.693
„Meister des Westens" oder „Nordischer Chakravartin (Himmelsdreher)"
- wo liegen nun die tatsächlichen Wurzeln des „Königs der Welt"?

Das arktische Paradies und der Polarstern


Wie bereits angedeutet, weisen sowohl der Shambhala-Mythos mit sei­
ner „weißen Insel" und der „weißen Bruderschaft" als auch der Agharta/

692 Guenon (1987), S. 19 ff.


693 Zit. nach Trimondi (2002), S. 279; über einen Botschafter „nordischen Typs"
gibt er seine Befehle an die Völker Asiens, wie Wegener (2004), S. 144 ergänzt.

226
Asgartha-Mythos auf eine Herkunft weit im Norden, genauer gesagt auf ein
Gebiet eingehüllt von Eis - die Arktis.
„Die Arktis soll", so Binder, „der Schauplatz des ersten, des „goldenen" Zeital­
ters gewesen sein, so wie nach einem, möglicherweise durch kosmische Katastrophen
verursachten Klimawechsel dann das „silberne" zweite Zeitalter auf der Rieseninsel
Atlantis begonnen haben soll: dem Geheimnis des Nordens wäre also das Geheimnis
des Westens gefolgt. Die Sprache bewahrt solche Erinnerungen noch sehr lange.
Noch im lateinischen Kulturkreis hieß das äußerste nordische Meer, in welchem das
Land Thule lag, das „Mare Cronium", nach Kronos, dem Gott des goldenen Zeit­
alters. Wer erinnert sich hiebei nicht auch des Landes der mythischen Hyperboräer
im äußersten Norden, des Landes, aus dem die archaischen Urstämme den delphi­
schen Apollon mitbrachten? Viele Jahrhunderte später finden sich bei Jakob Böhme
verschiedene Hinweise auf das gleiche Thema und auch sein Schüler Postel sagt
ausdrücklich, und zwar in seinem „Compendium Cosmographicum", daß sich das
Paradies unter dem arktischen Pol befinde. Hierher gehört auch die alte theosophi­
sche Behauptung, daß im Gegensatz dazu „unter der Fläche des südlichen Polarkon-
tinents (der Antarktis) sich die Schwarzmagier ein unerhörtes Reich gebaut hätten";
wie denn überhaupt die Lehre von der Welt als Hohlkugel, die aber nicht mit der
Hohlwelttheorie zu verwechseln ist, höchst überraschende Ausblicke gestattet."694
Guenon unterscheidet das „Tula der Atlantis-Zeit" - gleichbedeutend mit
dem Reich des Westens - vom ursprünglichen „Tula der Hyperboräer". Die­
ses Tula, „das die Griechen in Thule umwandelten" war für Guenon gleichbe­
deutend mit der heiligen oder weißen „Insel der vier Meister", jenem „ersten
und höchsten Zentrum des gesamten jetzigen Manvantara" (Weltentages bzw.
Zeitalter eines Manu). Die Bezeichnung „Tula" leitet Guenon dabei aus dem
Sanskrit („Waage") ab, was sich auf das Tierkreiszeichen bezöge, das einst
als „Großer Bär" bekannt war. Dieser - identisch mit dem großen Wagen - ist
das klassische Sternbild des Nordpols. In der Mitte der heiligen Insel erhebt
sich den Mythen zufolge der „weiße Berg", auch „Sonnenberg" genannt,
der dem Berg Meru der Indoarier, dem Berg Aztlan der Südamerikanischen
Indios sowie dem nordischen Mitternachtsberg entspricht und das Zentrum
bzw. den Nabel der Welt verkörpert.695
Auch das Hakenkreuz, als Heilszeichen der Hyperboräer, habe hier sei­
nen Ursprung: Als Verkörperung der Drehung des kleinen Wagens um den
Großen über die Achse der Polarsterns entsteht sinnbildlich das Haken­
kreuz. Von hier ging seine Verbreitung über die Welt aus.696
Wie der indische Forscher Balghangadar Tilak ausführte, existieren inner­
halb ältester vedischer und avestischer, also alter indoarischer Überlieferun­

694 Binder (1951).


695 Guenon (1987), S. 79 ff.
696 Vgl. dazu Godwin (2007), S. 181 f.

227
gen, Berichte über das einstige Paradies „Airyana Vaejo", in dem ein König
Yima über ein sorgenfreies Land regierte. Durch den Einbruch eines harten
Winters mit seinen naturfeindlichen Elementen wäre das Land für den Men­
schen unbewohnbar geworden und hätte so den Auszug der alten Arier aus
dem arktischen Paradies ausgelöst. Für Tilak war dies unzweifelhaft ein Phä­
nomen, das in Zusammenhang mit dem Einbruch einer Eiszeit bzw. einer
Zwischeneiszeit oder eines Kältemaximums stehen mußte - ein Vorgang, der
uns bereits in der Lehre Herman Wirths begegnete, der ebenfalls von Tilak
inspiriert wurde.697
Gemäß Julius Evola wurde trotz der lange zurückliegenden Auswan­
derung der polare Mythos und die Sehnsucht nach dem Polarstern in den
Nordmenschen bewahrt: „Die Lokalisierung des Urzentrums oder des Ursitzes
der olympischen' Kultur des goldenen Zyklus in einem borealen bzw. nordisch-bo­
realen, heute verschwundenen Land ist ein Motiv, das in den alten Überlieferungen
immer wiederkehrt.... Unter seinen zahlreichen Namen ... hatte der hyperboräische
Mittelpunkt die Bezeichnungen Thule, weiße Insel bzw. Insel des Glanzes,, Ursamen
der arischen Rasse' (airyanem-vaejo), Sonnenland und Land Apollos, Avallon."698
Die Polarier scheinen sich der Herkunft des Mythos und der Verlegung
nach Asien gewahr gewesen zu sein und schufen eine geistige Brücke zwi­
schen den magischen Landschaften Tibet und dem Pol. Innerhalb ihrer ok­
kulten Praxis stand der Polarstern im Mittelpunkt. „Es ist eine uralte Lehre der
Brahmanen Indiens", wie Binder bemerkte, „daß jeder der großen Rishis, oder Wei­
sen der Vorzeit, einen Stern des ,Großen Bären' bewohnt und daß der Polarstern
Sitz ihres Oberhauptes ist (Sedir)."699
Mit diesem Wissen ausgestattet, suchten die Polarier offenbar die geis­
tige Wiederherstellung der Verbindung zwischen polarer Urheimat und
asiatischem Refugium. Noch 1951 berichtet die Zeitschrift „Neues Europa"
(Neujahrsnummer 1951) über eine merkwürdige Botschaft aus dem Reiche
der Polarier. „Wir werden uns", so heißt es in dieser durch ein Medium ver­
mittelten Botschaft, „bald mit den Menschen des Westens in Verbindung setzen,
wenn sie die ihnen auferlegte letzte Prüfung bestanden haben. Dann hebt das neue
Zeitalter an, das erste des Wiederaufstiegs der gefallenen Menschheit."
Und über all der geheimnisvollen Aura der Gesellschaft steht der Grund­
satz: „Wenn jemand aus bloßer Neugierde mit uns Zusammentreffen will, so wird
ihm dies niemals gelingen. Aber wenn ihn in der Tat der ehrliche Wille beseelt, sich
einzufügen in die Reihen unserer Brüderschaft, so werden wir, die wir seine Gedan­
ken lesen, ihm die Wahrheit all unserer Versprechungen sehen lassen; und zwar,
ohne daß wir ihm den Sitz unseres Ordens weisen müßten, da schon allein seine

697 Tilak (2010), S. 129 f; Wirth (2010).


698 Evola (1978), S. 33 f.
699 Binder (1951); vgl. dazu Godwin (2007), S. 108.

228
Gedanken, zusammen mit seinem ernsthaften Willen, genügen werden, ihn zu uns
zu führen und uns zu ihm."700
Einer der zu den Polaires geführt wurde, war zweifellos Gaston de Men­
gel, der in unserem Kontext eine besondere Bedeutung einnimmt.

9.3. Gaston de Mengel und die


Geheimwissenschaften im Ahnenerbe

Auch wenn diverse Behauptungen, wonach im Ahnenerbe „alle Mitglieder


von Crowleys ominösem Tempelorden sowie der Vril- und Thulegesellschaft" ein­
bezogen worden wären,701 als Unfug bezeichnet werden können, beweist die
Gründung einer Ahnenerbe-Abteilung zur „Erforschung der sogenannten
Geheimwissenschaften", die in einer Denkschrift des Ahnenerbe von 1939
bereits als existent bezeichnet wird, daß die Befassung mit okkulten Dingen
innerhalb der SS durchaus offiziellen Status besaß.702
Die Untersuchung der Geheimwissenschaften im Rahmen des Ahnen­
erbes nehmen insofern eine besondere Stellung ein, als daß sie oftmals als
hinter den wissenschaftlichen Expeditionen stehende Antriebskräfte gelten.
Dabei sollen die Arbeiten der Abteilung zur Untersuchung der Gesellschaf­
ten nicht nur selbige wissenschaftlich erforscht haben, sondern auch eine
Nutzbarkeitsmachung derselben angestrebt haben.703
Wie bereits angesprochen, geht der führende Experte, Kater, hier von einer
bloßen Papier-Existenz aus, da kein einziges Dokument innerhalb der Akten
angelegt ist, jedoch erscheint gerade das Fehlen jeglicher Dokumente gera­
dezu auffällig angesichts der Konfiszierung zahlreicher Bestände freimaure­
rischer Archive, in die auch das Ahnenerbe involviert war. Zumindest hätte
man Dokumente zur Eröffnung der Abteilung oder zu vorgesehenen Mitglie­
dern erwartet, doch auch diese fehlen zur Gänze. Antworten hierauf könnten
Akten liefern, die sich auch mehr als 60 Jahre nach Kriegsende in den Beute­
archiven der Siegermächte befinden. Daß dies tatsächlich so ist, legt die Lektü­
re englisch-sprachiger Veröffentlichungen nahe, die trotz oftmals ausschwei­
fender Spekulationen dennoch immer wieder Akten aus dem Nationalarchiv
in Washington erwähnen, die interessante Aspekte enthalten, zumeist aber
zufällig in anderen Zusammenhängen gefunden werden. Erhärtet wird die

700 Zit. nach Binder (1951).


701 So Ravenscroft (1976).
702 Vgl. dazu auch Trimondi (2002), S. 112 f.
703 So etwa Ravenscroft (1976); wobei trotz der Unzuverlässigkeit dieser Quellen
eine Verwendung von Literatur etwa zu alchemistischen oder esoterischen Themen
durchaus glaubhaft wäre.

229
Annahme eines einstmals existenten Aktenbestandes durch die wenigen vor­
handenen Dokumente, die mit der Okkultforschung in Verbindung stehen.

Die „Okkult"-Forschung Gaston de Mengeis


Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang ein weiterer Pro­
tagonist aus dem Umfeld der Polaires, der enge Kontakte mit der SS un­
terhielt. Die Rede ist von Gaston de Mengel, einem mysteriösen britischen
Forscher, der sich mit verschiedenen esoterischen Forschungen befaßte und
1937 auf den SS-Führer Himmler traf.
Nach Angaben des Autoren Gerard De Sede war De Mengel von 1928 bis
1931 Mitarbeiter der Zeitschrift „Voile d'Isis"und veröffentlichte ein Buch
im Verlag Paul Chacornac. Gemeinsam mit Israel (Georges) Monti gründete
er 1924 eine Studiengesellschaft für westliche Esoterik.704
De Mengeis Partner Monti war eine überaus schillernde Persönlichkeit:
Schon vor dem ersten Weltkrieg als deutscher Geheimagent geführt und als
solcher von den Nationalsozialisten übernommen, verkehrte er auch mit
Papus und war zeitweise Sekretär des berühmten Neo-Rosenkreuzers Pe-
ladan bevor er zum Judentum konvertierte und hochgradiges B'nai B'rith-
Mitglied wurde. Wenige Monate bevor De Mengel nach Deutschland auf­
bricht, wurde Monti am 21. Oktober 1936 durch Gift ermordet und „in aller
Stille beerdigt".705
Zu den publizierten Themen De Mengeis zählen die Alchemie bzw. „Trans­
mutation" (1913), „Traditionelle Elemente des Gnostizismus" (1930) sowie At­
lantis (1931).706 Ein besonderes Interesse bei Himmler dürfte ein 1935 in „Mer-
cure de France" erschienender Artikel de Mengeis hervorgerufen haben, der
sich mit der Freimaurerei befaßt. In diesem kam der Brite zu dem Schluß, daß
sich die ursprünglich hehre Freimaurerei vom rechten Pfad entfernt habe und
daher zu 70-80 % zu eliminieren sei (nicht physisch sondern organisatorisch)
- mit dem Rest, sei eine neue hermetische (Gegen-)Organisation zu gründen.
Denn, so führte De Mengel aus, „in jeder Hinsicht wäre ein Geraderichten der
Freimaurerei im Sinne der Tradition besser", als eine Vernichtung.707
Aufgrund der sich mit den Forschungsgebieten des Ahnenerbe über­
schneidenden Themen de Mengels, reiste dieser auf Einladung Yrjö von
Grönhagen im Februar 1937 nach Berlin. Hier kommt es zu zwei längeren
Gesprächen zwischen De Mengel, von Grönhagen und Karl-Maria Wiligut,
der seinem Dienstherren folgende Zusammenfassung zuleitet:
704 So Schwarz (Rezension Wegener); vgl. ebenso Wegener (2004), S. 81.
705 So Wegener (2004), S. 83, der sich auf Gerard De Sede (Rennes-le-Chateau.
Paris 1988) beruft.
706 So Wegener (2004), S. 68.
707 Dazu, einschließlich der übernommenen Zitate: Wegener (2004), S. 77.

230
„Wie dem Reichsführer durch Herrn von Grönhagen bekannt geworden ist, hält
sich zur Zeit Herr de Menget in Berlin auf. Er kam auf Vorschlag und Veranlassung
des Herrn v. Grönhagen zu zwei Besprechungen, wobei dieser einen kurzen Über­
blick über seine Forschungen, Studien und weiteren Absichten gab. Nach seiner
und den Angaben des Herrn v. Grönhagen verfügt er über eine ungewöhnlich reich
ausgesuchte Literatur, die in ihrer Art Seltenheit besitzen dürfte. ... Seine Studien
erstrecken sich auf vorchristliches, indisches, persisches und teilweise chinesisches
Schrifttum, behandeln die Entwicklung verschiedener Geistes- und Religionsfragen;
unter anderen interessiert er sich eingehend für die Edda, die Veden, die Kabala usw.
Sonderstudien befassen sich mit Berechnungen über den Pyramidenbau, über alte
Baugeheinmisse mittelalterlicher Bauhütten usw.... an einer dieser Besprechungen
nahm auf meine Veranlassung hin SS-Oberscharführer Otto Rahn teil, weil dieser
ein großes Interesse für die verschiedenen angegebenen Gebiete besitzt und fließend
französisch spricht. Soweit SS-Oberscharführer Rahn auf einer seiner früheren
Reisen über die von Herrn de Mengel berichteten Forschungen eigene Beobachten
machen konnte, bestätigte er deren Richtigkeit."708 Darauf reagiert Himmler mit
einem Schreiben seines Stabes, in dem Weisthor beauftragt wird, für die
Fotokopie und Übersetzung der Werke de Mengeis zu sorgen. Ferner wird
Weisthor das Einverständnis für weitere Besprechungen mit dem britischen
Autoren gegeben, denen sich Himmler gelegentlich anschließen würde.709
Dem Wunsch Weisthors entsprechend, werden Rahn und von Grönhagen
als Übersetzer der Werke De Mengeis nominiert, Dr. Fritz Bose, Abteilungs­
leiter der Ahnenerbe-Stätte für Indogermanische Musik soll die musikwis­
senschaftlichen Arbeiten, Frenzolf Schmid die mathematisch-astronomi­
schen Ausführungen begutachten.710
In Schmids Stellungnahme vom 21. März 1937 werden die „magischen
Rechnungen" De Mengeis als „auf alten Erkenntnissen aufgebaut und richtig"
bewertet, wobei Schmid sicher ist, daß „die Feststellungen de Mengeis bewußt oder
unbewußt durch die bezogene Vorliteratur, sowie auch auf die Gedanklichkeit der
Attalantiner, .... damit auf den arischen Weltkreis zurückreichen, der nicht nur von
den Germanen, sondern auch von anderen arischen Völkern übernommen wurde."711
Zur gleichen Zeit erhält de Mengel den Auftrag einen Bericht über Ge­
heimbünde für die SS zu erstellen - dieser Bericht fehlt jedoch in den sonst
erhaltenen Akten.712 Mit seinen bereits im Artikel von 1935 erfolgten Spe­
kulationen über Geheimgesellschaften und selbst politische Bewegungen,
die nichts anderes seien als „Instrumente, manipuliert von Gruppen ausgestattet

708 BArch NS 19 3974 Bl. 2 ff.


709 BArch NS 19 3974 Bl. 5.
710 vgl. Wegener (2004), S. 78 f.
711 BArch NS 19 3974 Bl. 9.
712 So Wegener (2004), S. 77.

231
mit einer ungeahnten Kraft,
die auf ein einzigartiges und
schreckliches Ziel abzielen“713
dürfte er jedoch bei dem
okkultgläubigen Himmler
offene Türen eingerannt
haben. Der SS-Chef jeden­
falls verpflichtet den Bri­
ten für die SS im Rahmen
nachrichtendienstlicher
Tätigkeiten.714 Am 22. Mai
1937 reist dieser, finanziert
von der SS, nach Finnland, Nicholas Roerich: „The Command ofRigden
wo sich bereits Yrjö von Djapo der „Herrscher Shambalahs
Grönhagen aufhält. Von
Helsinki aus sendet De Mengel am 23. Juni einen Bericht an Weisthor in Ber­
lin, der überaus obskur anmutet: Demnach habe er ein „Schwarzzentrum"
in Sin-Kiang (Mongolei) lokalisiert, welches durch eine „Kraftachse" mit
Murm (Finnland) in Verbindung stehe.715 Überraschenderweise ist der Brief
mit der Unterschrift De Mengeis in deutsch verfaßt, obgleich ja Rahn offiziell
in Deutschland noch als Übersetzer fungierte. Den „Kraftlinien und -Zent­
ren", die den Hintergrund dieser Forschung darstellten, liegen Annahmen
zugrunde, denen zufolge es auf unsichtbaren sogenannten Kraftlinien ver­
bundene Orte gibt, die eine physikalisch nicht meßbare Kraft bergen. Diese
Kraft würde an einem Ort gebündelt und für bestimmte Zwecke nutzbar ge­
macht. Dabei unterschieden sich die zwischen Weißen und Schwarzen Zen­
tren, wobei erstere in Zusammenhang mit arischen, letztere mit judäischen
bzw inzwischen freimaurerischen Zirkeln stehen würden. Sowohl bei den
Alliierten als auch den Deutschen existierten jedoch Hellsichtige, welche
diese uralten Orte ausfindig machen könnten, die auch für Kriegszwecke
einsetzbar wären.
Spekulationen zufolge, soll sich auch Otto Rahn 1937 in Finnland aufgehal­
ten haben. So erwähnte Arfst Wagner für dieses Jahr eine „Finnland-Expediti­
on Rahns" für die allerdings keine Quellen vorliegen. Unbestritten war Rahn
jedoch im Jahr 1937- vor dem 1.9.1937, als er einen 4-monatigen Strafdienst im
KZ Dachau antrat716 - im Auftrag des Reichsführers Himmler mit einer For­

713 De Mengel in „Mercure de France", Ausg. VII/1935, zit. nach Wegener (2004), S. 77.
714 So Wegener (2004), S. 81.
715 BArch NS 19 3974 Bl. 45.
716 Vgl. Lange (1999), S. 185; Lange hält nach wie vor eine von Wagner nahegelegte
Finnland-Reise Rahns für ausgeschlossen, so eine pers. Mitteilung an den Verfasser.

232
schung im Ausland betraut, was aus einer Mitteilung des Adjutanten Himm­
lers an das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS, welches für die Überprü­
fung des Ariernachweises von SS- Angehörigen zuständig war, deutlich wird.
Hier wird mit Hinweis auf die Forschungsreise Rahns dessen die bis dato aus­
gebliebene Aushändigung seines Abstammungsnachweises entschuldigt.717
Aufgrund der vorherigen Beteiligung Rahns - gemeinsam mit dem sich nach­
weislich in Finnland aufhaltenden von Grönhagen - an den Forschungen De
Mengeis scheint die Möglichkeit jedenfalls nicht ausgeschlossen und würde
auch dem Zitat Sinn verleihen, Rahn habe für Himmler irgendwelche gehei­
men Aufträge ausgeführt718 - die naheliegenderweise nicht in irgendwelchen
Akten dokumentiert sind.
Weisthor berichtet Himmler über De Mengeis Mitteilungen und fügt hin­
zu: „Ich bringe dieses Schreiben deshalb zur Kenntnis, weil Gaston de Mengel mich
fragt, was ich davon halte. - Ich halte diese Information für immerhin beachtenswert
und bitte ihr entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken. Meiner Vermutung nach
werden dort von den Russen nach Übereinkunft mit Frankreich und England Flug­
stützpunkte errichtet. Ob diese Vermutung zutrifft, könnte der SD zu ergründen
versuchen."719
Wenige Wochen nach seinem ersten Schreiben legt De Mengel nochmals
nach und schreibt: „Vor einigen Jahren erhielt mein russischer Freund (er half uns
1933 im Kampfe gegen Oung Mong und war so verwegen, uns unter falschen Vor­
wänden zu schreiben) aus Cuba ein Paket mit von Oung Mong herrührenden Doku­
menten, welche dazu dienen sollten, sogenannte,Buddhistische Zentren' in verschie­
denen Ländern zu gründen. In der Anlage seines Briefes, der mich vor einigen Tagen
erreichte, schickte er mir eine Zusammenfassung eines dieser Dokumente.
Auszug einer von Oung Mong 1934 veröffentlichten Erklärung: Das geheime
Hauptzentrum der ganzen buddhistischen Welt, das unter dem Namen ,Einsied­
lerreich der Welt' und buddhistisches Zentrum Ch'An Cheng Cob' bekannt ist,
ist, wie man behauptet, zerschlagen worden. Nicht ist falscher als dies. Es ist nur
an einen sichereren Ort verlegt worden, weil da, wo es früher lag, in Urumchi in
Sin-Kiang die politischen Konflikte und andere Unruhen das Führen unseres hei­
ligen Sitzes ,Päpstlicher Stuhl' an diesem Ort unmöglich machten. Vor kurzem
ist das , Einsiedlerreich der Welt',Nomade' geworden und hat sich augenblicklich
am Thibet niedergelassen .... Man hat in der Welt sich widersprechende und irrige
Kommentare verbreitet, die von einer schlecht unterrichteten Presse sowie von Ge­
sellschaften, die der Gegenwart des erwarteten Messias in dieser Welt, des neuen
Beiehrers der Welt, dem Herrn Maitreya, von dem man annimmt, er sei die letzte

717 Siehe Lange (1999), S. 183; dies erhärtet die Annahmen, daß er sich 1937 ent­
weder in Südfrankreich oder aber in Finnland aufhielt.
718 Siehe Kap. 9.3.
719 Barch NS 19 3974 Bl. 48.

233
Reinkarnation des Buddha nicht freundlich gegenüberstehen, herrühren; man ver­
sichert schließlich, daß er (Maitreya?) der Prior des buddhistischen Zentrums von
Ch'an Cheng Cob, das in Asien mehr unter dem Namen von Hutulktu Krang Hsi
und in der ganzen Welt bis vor kurzem unter ,Ehrwürdiger (Meister vom Stuhl)
Anagarik Chasshekankraknja alias Oung Mong, Cherenski usw., bekannt ist, sei.
Dieses Dokument bestätigt das Ergebnis meiner Erfahrungen und ebenso unsere
Ansicht, daß Oung Mong wenn nicht der oberste Chef des „Zentrum der Schwar­
zen" so doch wenigstens einer seiner Hauptbeauftragten ist. Der Autor dieses Do­
kuments hat das Geschick, den Eindruck zu erwecken, das dieses Zentrum das „Gro­
ße Zentrum der Weißen", das „Aghartta" (mongolisch Agharti) sei, er gibt ihm
zu diesem Zweck den gleichen Namen und macht die, die evtl, die Angelegenheit
bezweifeln könnten, glauben, daß es sich nicht mehr an diesem Platz befinde (wäh­
renddem es noch immer dort ist). Er kann jedoch die, die wissen, daß das Aghart­
ta geheim ist, daß seine genaue Lage (im Umkreis von 1500 km vom schwarzen
Zentrum entfernt) und sein Eingang für alle, ausgenommen die, die das Recht des
Eintritts besitzen, unauffindbar ist, daß, wenn jemand durch Zufall hereingeriete, er
nie wiederkäme, nicht täuschen. Vor einigen Jahren haben die Engländer zu diesem
Versuch eine irrsinnige Summe ohne Erfolg ausgegeben.“
Die Existenz eines solchen Berichtes, offiziell verfaßt für den SD der SS bzw.
Himmler persönlich, ist natürlich Wasser auf die Mühlen jedes Okkultautoren.
Der Bericht vom 2. Juli 1937 wurde erst am 19.8. von Frau Schlarb, der
Sekretärin von Grönhagens, an Kurt Ruppmann, Sekretär im Persönlichen
Stab RF-SS, übermittelt - ein Hinweis darauf, daß die Übersetzung erst in
Berlin vorgenommen wurde und zugegebenermaßen gegen eine Anwesen­
heit von Rahn in Finnland spricht. Frau Schlarb stellt darin keineswegs - wie
vielleicht zu erwarten gewesen wäre - den ganzen Inhalt in Frage, sondern
meint, „daß eine ganz große Portion Wichtigtuerei dies schreiben ließ, denn die Ge­
genseite wird Reichsführer doch nicht ganz als Idioten werten und sich solcher un­
geschickten Dummheiten bedienen, um ihn auf falsche Fährte zu locken.... Glauben
Sie, daß eine Organisation, die im Geheimen wirken will, sich einen so einsamen Ort
wie hier beschrieben, aussuchen wird, um bei jedem Kongreß von so und so vielen
Detektiven beobachtet zu werden? Ist dieses in einer Weltstadt nicht viel günstiger?
Außerdem sind die Berichte so, daß man nichts daraus entnehmen kann, was für den
SD von Bedeutung wäre."720
Mit anderen Worten glaubt auch Frau Schlarb und mit ihr von Grönhagen
und Himmler durchaus an eine okkulte schwarze Macht, bezweifelt lediglich
die dortige Lokalisierung.
Auch Günther Kirchhoff, ein auf Vermittlung Wiliguts mit dem Ahnenerbe
in Verbindung stehender Autor, befaßte sich mit den hier angesprochenen
„Kraftzentren". In einer nach dem Krieg veröffentlichten Schrift über „Das

720 Barch NS 19 3974 Bl. 47.

234
politische Rätsel Asien aus
Ortung erschlossen" nann­
te er „Lhassa mit dem Potala"
und „Urga, heute Ulan-Bator,
die Mongolen-Kirche", als
„wichtige Lama-Zentren“ und
„Hauptanhaltspunkte für das
Zusammenwirken von Europa
und Asien.“721
Von hier sei in der Ge­
schichte immer wieder der
Vorstoß der Horden Asiens
nach Europa, vor allem mit Alexander Kerensky Karl-Maria Wiligut
Stoßrichtung Wien, inspiriert
worden.722
Sicher ist, daß derlei Okkultphantasien zur damaligen Zeit weit verbreitet
waren, denn just zur Zeit der Forschungen De Mengeis schreibt auch Her­
mann Rehwaldt über okkulte Zentren in Ulan Bator:
„Ein unter dem Decknamen Iwan Narodny sich verbergender russische Emi­
grant enthüllt in längeren Ausführungen in der Dezembernummer 1936 dieser
Zeitschrift [„Asia", New York] die geheimen Bewegungen, die sich in den Bergen,
Hochebenen und Wüsten des geheimnisvollen mittelasiatischen Landes regen. ...
Der heute berühmteste Wahrsager (Sung-Ma) in Mittelasien ist der in Urga, jetzt
Ulan Bator, lebende Priester Gaimar. ... Die Erinnerung an die ehemalige Größe in
den Tagen des Tschingis Chans .. lebt noch im Mongolenvolk.. . Daran knüpft ge­
schickt der weissagende Agent des „Herrn der Welt" an und predigt die neue kom­
mende Weltreligion als Erbe der verflossenen mongolischen Weltherrschaft:, Unsere
neuen galoppierenden Legionen werden das Banner der Brüderlichkeit und Liebe
tragen..... Lhassa wird nicht länger das heilige Heim unseres zukünftigen Prophe­
ten und ein Dalai Lama wird nicht länger der hohe Magier unseres Lebens sein. Es
wird ein neuer Theos der Wüste erstehen, ein hoher Führer unserer sich erhebenden
goldenen Horde. Von jetzt an wird Gobi das heilige Land aller Pilger der Welt sein,
das Hauptquartier der künftigen lichtverbreitenden Legionen. ... Unsere Wüsten­
zelte und die New Yorker Wolkenkratzer werden die letzten Endes entscheidenden
Tempel in den kommenden Wirren einer verrückten Welt sein'"723

721 Kirchhoff, zit. nach Mund (2011), S. 264.


717 Ebenda, S. 265ff.
723 Rehwaldt (1938), S. 12 f. / S. 15.; vgl. dazu Charroux (1967), S. 65 ff., der
dem Herrscher der Gobi, „Bogdo Khan oder Hutuktu", der jetzt unter dem Namen
„Djebtsung" als „Herr der Welt" fungiert, ebenfalls eine große Macht bescheinigt
und nicht nur die Erfolge Dschingis und Kublai Kans auf ihn zurückführt.

235
Rehwaldt folgert daraus, daß der Zeitpunkt zu nahen scheint, „da der Herr
der Welt hinter dem ihn umgebendem Schleier des Geheimnisses hervortritt und
sich der staunenden Welt als neuer Führer und Gott vorstellt."
Ebenso berichtet der Autor von einem weiteren Propheten, „Tseiben-He-
gen", Abt eines Gobi-Klosters, der ähnliches wie Gaimar verkündet und eine
neue „Tibetische Bibel" niederschreiben wollte.724
Wie es scheint, gab es von verschiedenen Seiten Bestrebungen, die alten
Mythen und westlichen Adaptionen durch Theosophen und Neo-Rosenkreu­
zer in eine bestimmte Richtung zu kanalisieren, die einen völligen Umsturz
der tibetisch-asiatischen Verhältnisse anstreben und so viele Asiaten ebenfalls
für eine „neue Weltordnung der Brüderlichkeit und Liebe", freilich unter Vor­
spiegelung des Wiedererstehens der „Goldenen Horde", zu mobilisieren. Dies
war zumindest die Deutung De Mengeis, dem Himmler hier durchaus ge­
folgt sein dürfte. Überliefert ist jedenfalls sein zustimmender Kommentar zu
den Thesen des Freimaurer-Autoren Karl Heise bezüglich des Zusammenspiels
zwischen russisch-bolschewistischen und anglo-amerikanischen Kreisen.725
Wegener identifiziert den von De Mengel Cherenski genannten Meister vom
Stuhl als den jüdisch-russischen Revolutionsminister Alexander Kerenski,726
der gemäß Heise, Mitglied des B'nai Brith Ordens war und als „Beschützer des
Bolschewismus" galt.727 Kerenski war im Oktober 1917 als Ministerpräsident
der Übergangsregierung von den Bolschewiki gestürzt worden und nach Paris
emigriert, von wo aus er nach der deutschen Besetzung 1940 in die USA floh.728
In die USA weist auch ein weiterer Akteur, ein US-Architekt, der als Ein­
siedler unter dem Namen „Donaldo Lama" mit seinen Anhängern an der
Errichtung eines Tempels 300 Meilen südlich von Ulan Bator für den kom­
menden Propheten arbeitete.729
Ungeachtet dieser Spekulationen und Mythen sind spätestens mit Kriegs­
beginn, dem die Entlassung Weisthors kurz zuvor ging, keinerlei Aktivitäten
Himmlers in dieser Richtung mehr nachweisbar. Scheinbar stellte das Ahnen­
erbe bezüglich der Eingaben de Mengeis keinerlei eigene Forschungen an. Aus
einem Schreiben Ruppmanns an Wolff geht hervor, daß das Ahnenerbe für
die (fotokopierten und übersetzten) Arbeiten de Mengels keine Verwendung
hatte, so daß diese schließlich sogar im Archiv der Wewelsburg gelandet sein
sollen, wo sie jedoch bei Kriegsende „verloren" gingen.730 Denkbar wäre aber,

724 Rehwaldt (1938), S. 13.


725 Wegener (2004), S. 109.
726 Wegener (2004), S. 108.
727 So Heise (1921), S. 64 f; siehe auch Carmin (2005), S. 56/664.
728 Vgl. Wikipedia: Alexander Fjodorowitsch Kerenski.
729 Rehwaldt (1938), S. 15 f.
730 Vgl. Schreiben Ruppmann an Wolff vom 21.6.1939, in dem der Vorschlag zur

236
daß in Reaktion auf das Desinteresse der beteiligten Ahnenerbe-Mitarbeiter
die Gründung jener Ahnenerbe-Forschungsstätte vorangetrieben wurde, die
1939 als existent bezeichnet wird, von der aber jede Spur in den Akten fehlt:
Die Abteilung zur „Überprüfung der sogenannten Geheim Wissenschaften"
Wie ist aber die Arbeit de Mengeis heute einzuschätzen?
Noch im Jahr 1947 bezeichnet Guenon den Briten als „den armen de Mengel,
der seinerseits beauftragt war, das Reich Karl des Großen wiederzuerrichten!"731
Damit spielt er auf den Zusammenhang de Mengels mit Monti und den
entsprechenden okkulten Kreisen an. Aufgrund dieser Bemerkung besteht
die Möglichkeit, daß De Mengel vielleicht noch andere Ziele außer der Auf­
klärungsarbeit für die SS verfolgte. Bereits 1922 hatte der umtriebige Monti
versucht, Okkultisten für die „Erneuerung des Templerordens" zu gewin­
nen, hinter dem sich tatsächlich der „Ordo Templis Orientis" (OTO) ver­
barg, der von Theodor Reuß gegründet und vom berüchtigten Okkultisten
Aleister Crowley geleitet wurde, der wiederum ebenfalls im Verdacht der
Spionage für Deutschland stand.732 Die Gründung der esoterischen Studi­
engruppe gemeinsam mit De Mengel 1924 dürfte in dieselbe Richtung ge­
zielt haben. Auch wenn zwischen dieser Zusammenarbeit mit Monti und De
Mengeis Tätigkeit für die SS 13 Jahre vergangen waren und Monti ein Jahr
zuvor verstarb, wäre es nicht verwunderlich, wenn De Mengel im Auftrag
der Polaires oder einer anderen Gruppe Kontakte mit Deutschland und hier
speziell mit Himmler gesucht hätte.733 In Frage käme, da De Mengel trotz
seiner französischen Kontakte Brite war, die 1936 aus der 1934 in England
begründeten britischen Polaires-Gruppe hervorgegangene „White Eagle
Lodge"734, oder aber die hinter den Polaires wirkende Martinisten-Synar-
chisten-Gruppe (OMS) Blanchards, der seit 1933 Präsident der Polaires war
und 1934 in Belgien einen Zusammenschluß „initiatorischer Logen" (FUDO-
SI) gegründet hatte und sich selbst als „Universellen Großmeister der Rosen­
kreuzer" bezeichnete.735 Die FUDOSI (Föderation Universelle des Ordres et
Societes Initiatiques) umfaßte diverse Rosenkreuzer- und Martinisten-Grup-
pen sowie die Bruderschaft der Polaires.736

Leitung der Akten an die Wewelsburg gemacht wird - ob sie tatsächlich dort eingin­
gen ist allerdings ungewiß.
731 Brief an Rene Allar vom 31.12.1947, zitiert nach Schwarz (Rezension Wegener)
732 Pasi (2006), S. 124 Webb (2008), siehe S. 564ff. zur hier als abwegig erkannten
These, Crowley habe Hitler getroffen bzw. sogar beeinflußt.
733 Vgl. dazu Wegener (2004), 84 f.
734 Vgl. ebenda, S. 140.
735 Vgl. www.naderlibrary.com/cult.martinist.htm; ergänzend: http://www.her-
manubis.com.br/artigos/EN/ARENVictorBlanchard.htm.
736 Vgl. auch Wikipedia: FUDOSI.

237
Angesichts dieser Gemengelage verschiedenster „okkulter" Verbindun­
gen und Gruppen bleibt festzuhalten, daß der Sachverhalt keineswegs so
klar ist, wie man nach Lektüre der Gralsbücher Baigents / Leighs oder der
Romane Dan Browns meinen könnte: Auf der einen Seite die katholische
Kirche, auf der anderen die in der Tradition des alten heidnischen Wissens
stehenden Geheimgruppen der Illuminaten oder der Prieure de Sion - viel­
mehr verfolgen die vielen Gruppen allesamt individuelle Ziele, überschnei­
den sich oft jedoch personell und gehen Bündnisse miteinander ein, um sich
im nächsten Moment wieder zu bekämpfen. Im Zenit dieser Machtkämpfe
standen in den 30er und 40er Jahren viele Protagonisten, die eng mit dem
Nationalsozialismus verwoben waren: Otto Rahn, Karl-Maria Wiligut und
Julius Evola, wobei der wichtigste Handlungsraum zu dieser Zeit unzwei­
felhaft in Frankreich lag. Symbolisch für dieses Ringen steht das von der
französischen Exilregierung Charles de Gaulles zum Erkennungszeichen ge­
wählte „Kreuz von Lothringen". Dieses auf das Fürstenhaus von Anjou zu­
rückgehende Zeichen wurde von Plantard und der Prieure de Sion als Wap­
pen Jesu angesehen, findet sich jedoch auch auf dem Titelumschlag zweier
Bücher, die im 3. Reich eine hohe Auflage hatten und auch bei Himmler in
hohem Ansehen standen: Den Büchern des Otto Rahn.737
Im Zentrum dieses Wirkens jedoch steht stets die auch mit dem Wirken
Jesu - ob als mythologische oder reale Person - verbundene Suche sowohl
nach Ursprung als auch nach dem „Urgrund" menschlichen Wirkens, das in
dieser Zeit mit dem Mythos des Ariers als erstem „Kulturbringer" verknüpft
war. Und auch wenn dieser Ursprung wie dargelegt im arktischen Norden zu
suchen ist, so weisen doch Indizien auf eine Erhaltung der in Europa nahezu
ausgetilgten Überlieferung in Asien und speziell in Tibet hin. Und eben dieses
Land lag auch im Fokus von Himmlers Ahnenerbe.

Das Lothringer Kreuz, links auf


einem Wappen der Exilregierung
Frankreichs, rechts Buchcover
von Rahns „Kreuzzug"

737 Gemäß Carmin (2005), S. 370ff., könnte die Prieure de Sion in ihrem Bestreben
der Wiedererrichtung eines merowingischen Königshauses vom „Stamm David“
gar Urheber der in den Protokollen der Weisen von Zion enthaltenenen Pläne zur
Erringung der „Weltherrschaft" sein.

238
10. Geheimnis Tibet - Rätsel Paraguay
Ernst Schäfer & die SS-Expeditionen

„Ob ich in Tibet Menschen mit blonden Haaren und


blauen Augen begegnet sei, wollte er wissen.Als ich
dieses verneinte, fragte er mich, wie denn nach mei­
ner Meinung der Mensch entstanden sei. Ich gab die
exakten Ergebnisse anthropologischer Forschung
wider.... Himmler hörte ruhig zu. Dann schüttelte
er den Kopf: Akademische Lehrmeinungen, Schul­
weisheit, Arroganz der Universitätsprofessoren, die
wie Päpste auf ihren Lehrstühlen sitzen... aber von
den wirklichen Kräften, die die Welt bewegen, haben
sie nicht die leiseste Ahnung. Nun ja, für die min­
deren Rassen mag das allenfalls zutreffen, aber der
nordische Mensch ist beim letzten tertiären Mond­
einbruch direkt vom Himmel gekommen."738

as Interesse des Ahnenerbe am Vorabend des Krieges richtete sich zu­

D nehmend auf exotischere Länder - neben Tibet stand auch Südameri­


ka auf der Agenda der Forscher Himmlers.
Die Neugier des Reichsführers bezüglich Tibets soll bereits 1924 durch
die Erzählungen Ossendowskis über Agarthi geweckt worden sein. Dane­
ben spielte Tibet auch in den okkult-phan­
tastischen Veröffentlichungen der Okkult-
Pioniere Blavatsky und Bulwer-Lytton
(1803-1873), auf die sich auch Ossendowski
bezog, eine große Rolle. Ausgehend vom
Interesse Himmlers und anderer Persön­
lichkeiten des 3. Reiches an Tibet behauptet
die spekulative Theorie, daß eine Verbin­
dung des Nationalsozialismus zu Tibet be­
reits seit 1928 bestanden haben soll. Draht­
zieher dieser Kontakte seien vor allem die
Thule-Gesellschaft und das Ahnenerbe ge­
wesen, wobei letzteres als „okkultes Büro"
des Nationalsozialismus für die Knüpfung
geheimer Verbindungen zuständig gewe- Ernst Schäfer in Tibet 1932

738 Emst Schäfer: Unveröffentlichte Memoiren, zit. nach Sünner (1999), S. 48 Sün-
ner gibt zwar den Namen des Verfassers der unveröffentlichten Memoiren nicht preis,
jedoch zitiert Hans-Jürgen Lange aus der gleichen Quelle mit Schäfers Namensangabe.

239
sen sei739 - eine Behauptung, die angesichts der zuvor genannten Fakten einer
Überprüfung überflüssig scheint. Tatsächlich stand das Interesse des 3. Rei­
ches an Tibet primär in Zusammenhang mit dem Forscher Emst Schäfer.

10.1. Ernst Schäfer & das Treffen des


westlichen und östlichen Hakenkreuzes

Ernst Schäfer wuchs in Waltershausen (Thüringen) auf und studierte von


1928 bis 1934 in Göttingen und Hannover Zoologie und Botanik, aber auch
Geologie, Mineralogie, Chemie, Physik und Völkerkunde. Sein Spezialge­
biet lag jedoch auf der Ornithologie, der Vogelkunde.
Augenscheinlich läßt sich eine frühe Verbindung des Ahnenerbes mit Ti­
bet insoweit rekonstruieren, als daß Schäfer, der 1933 in die SS eintrat, bereits
1930/31 als Student der Zoologie an einer amerikanisch-deutschen Tibet-
Expedition teilgenommen hatte. Damals wurden biologische Forschungen
bezüglich der tibetischen Fauna, speziell des Panda Bären, durchgeführt.
Die Leitung oblag dem erst 21-jährigen US-Amerikaner Brooke Dolan, den
Schäfer auf Vermittlung seines Lehres Hugo Weigold kennengelernt hatte.740
Der Titel des Berichtes Schäfers über diese Expedition trägt dementspre­
chend den Titel: „Berge, Buddhas und Bären" (Berlin 1933) Nach seinem
Eintritt in die SS nahm er 1934 bis 36 an einer zweiten deutsch-amerikani­
schen Tibet-Expedition teil, die ebenfalls unter der Leitung des Amerikaners
Brooke Dolan stand. Obwohl der Auftraggeber die „Academy of Natural
Sciences" in Philadelphia war, wurde sie zum Teil von Himmler, dem Leiter
des SS-Hauptamtes in Berlin SS-Obergruppenführer Heißmaier sowie der
I.G. Farben finanziert.741 Im Vorwort des Berichtes über diese zweite Expedi­
tion- „Unbekanntes Tibet"- dankt Schäfer daher ausdrücklich den genann­
ten.742 Das Ziel dieser Expedition lag ebenfalls auf zoologischem Gebiet, vor
allem sollte die Erforschung der Lebensweise und Verbreitung verschiede­
ner Großtiere in Innerasien, speziell in Tibet, durchgeführt werden. Dabei
wurden 3600 präparierte Tiere (Vögel und Säugetiere) zu Untersuchungs­
zwecken aus Tibet mitgebracht. Daneben diente die Forschungsreise jedoch
auch der „Erfassung des (innerasiatischen) Lebensraumes als Ganzes" und dem
Zweck, „den Weg für eine großzügige Forschung auf anderen Wissensgebieten im

739 Ravenscroft (1976), S. 23.


740 So Mierau (2006), S. 314; vgl. auch Greve (1995), S. 170 f, der auch auf an­
thropologische Untersuchungen der Bevölkerung durch den US-Amerikaner G.T.
Bowies hinweist, die man ja gewöhnlich als deutsche „Pseudowissenschaft" abtut.
741 Greve (1995), S. 171; ebenso und zur ausführlichen Beschreibung der Fahrt,
siehe Mierau (2006), S. 318 ff.
742 Schäfer (1938), S. V.

240
Ernst Schäfer - Bruno Beger - Karl Krause - Edmund Geer
tibetischen Lebensraum zu bahnen“, wie es Schäfer selbst formulierte.743 Ob­
gleich die Leitung dem Amerikaner Dolan oblag, fungierte Schäfer als wis­
senschaftlicher Leiter. Schäfer war es auch, der zu Beginn der Reise Kontakte
zum Panchen-Lama, dem damaligen höchsten geistlichen Würdenträger Ti­
bets knüpfte, und die Expedition nach der vorzeitigen Abreise der anderen
Teilnehmer alleine fortsetzte.744
Schäfers Expeditionspartner Brooke Dolan hingegen, sollte ebenfalls noch
eine Rolle spielen. 1943/44 soll er - einer unbestätigten Quelle zufolge - eine
gemeinsame Forschungsreise mit Ilja Tolstoi, Enkel von Leo Tolstoi, unter
dem Befehl des OSS - dem US-Geheimdienst und Vorläufer der CIA - nach
Tibet geführt haben, die Kontakt zum Dalai Lama aufnahm und vermutlich
die Tätigkeit der Ernst-Schäfer-Expedition 1939 eruieren sollte.745

Das Treffen des westlichen und östlichen Hakenkreuzes


Nach seinen Erfahrungen der letzten Expedition plante Schäfer für 1938/39
eine weitere Forschungsreise, die unter seiner eigenen Leitung stehen sollte.
Dabei wollte er vor allem die Fehler und Unzulänglichkeiten der vorherge­
henden Expeditionen vermeiden, die seiner Ansicht nach in der mangelnden
Gesamtbewertung der wissenschaftlichen Tibet- Forschung lagen.
Um ein möglichst umfassendes Bild zu erhalten, plante Schäfer eine
größere Anzahl von Expeditionsteilnehmern einzubinden, die sich mit den
Bereichen Erde, Pflanze, Tier und Mensch auseinandersetzen sollten. Aller­
dings räumt Schäfer in seinem Expeditionsbericht auch die Verfolgung poli­
tischer Ziele insofern ein, als daß er auch den Zweck verfolgte, „dem Ausland
zu zeigen, daß es fruchtbar ist, unserer Weltanschauung gemäß zu forschen; daß es
möglich ist, Wissenschaftler der verschiedenen Geistesrichtungen in unberührten

743 Schäfer (1938), S. IV/1.


744 Vgl. Mierau (2006), S. 316.
745 Vgl. die allerdings wenig zuverlässige Quelle Moon (1999), S. 174 ff.

241
Das „Treffen des westlichen und östlichen Hakenkreuzes" -Tibet 1939
Gebieten zu einer großen Idee, einer einheitlichen Blickrichtung und einer festen
Kampfeskameradschaft zusammenzuschweißen. "746
Himmler, der Schäfer nach dessen Rückkehr aus Tibet 1936 zum SS-
Obersturmführer ernannt hatte, suchte hingegen die Expedition offiziell
unter die Leitung des Ahnenerbes zu stellen, um so einerseits Einfluß auf
die Forschungen ausüben zu können und andererseits die Reputation des
Ahnenerbes zu verbessern. Zu diesem Zweck vermittelte Himmler Gesprä­
che zwischen Schäfer und den Ahnenerbe-Leitern Wüst und Sievers, die je­
doch scheinbar nicht den gewünschten Erfolg erbrachten: Schäfer beharrte
auf der Unabhängigkeit seiner Expedition und lehnte die von Himmler be­
absichtigten Forschungsprojekte zumindest zum Großteil ab. Von der vom
Ahnenerbe für die Expedition vorgeschlagene Mannschaft, zu der neben je
einem Runenforscher, Urgeschichtlicher und Religionswissenschaftler auch
der renommierte Atlantis- und Welteisforscher Kiss zählen sollte - obgleich
dieser zur betreffenden Zeit noch nicht dem Ahnenerbe angehörte,747 nahm
schließlich kein Vertreter teil; ausdrücklich lehnte Schäfer die Mitnahme
von Kiss ab, da er den wissenschaftlichen Ruf der Expedition durch dessen
Welteis-Forschungen bedroht sah.748
746 Schäfer (1938), S. 3.
747 So Sünner (1999), S. 49; vor seinem Eintritt ins Ahnenerbe war Kiss allerdings
schon SS-Mitglied.
748 So Greve (1995), S.171.

242
Regent Reting Rimpoche - König von Gautsa - der englische Agent Yatung
Der Zoologe beharrte auf seinen ursprünglichen wissenschaftlichen For­
schungszielen und nominierte den Geophysiker und Erdmagnetiker Karl
Wienert, den Anthropologen und Ethnologen Bruno Beger, den Entomolo­
gen und Kameramann Ernst Krause sowie als technischen Leiter und Kara­
wanenführer Edmund Geer als Teilnehmer der Expedition. Damit verzich­
tete er zugleich auf eine Finanzierung der Forschungsreise durch Himmler
bzw. das Ahnenerbe, was allerdings auch dem Leiter Sievers entgegenkam,
der die Expedition für „zu teuer" befand.749 Himmler blieb lediglich die of­
fizielle Schirmherrschaft und die Übernahme der Rückflugkosten der Ex­
pedition, die dennoch offiziell als „Tibet Expedition Ernst Schäfer. Unter
der Schirmherrschaft des Reichsführers SS Himmler und in Verbindung mit
dem Ahnenerbe e.V. Berlin" firmierte.750 Obgleich der Reichsführer SS sich
genau wie Sievers durch Schäfer brüskiert hätte fühlen können, blieb er in
fast freundschaftlichem Kontakt zu Schäfer, während Sievers sich offiziell
von der Expedition distanzierte. Himmler dürfte dadurch zufrieden gestellt
worden sein, daß zumindest der Teilnehmer Bruno Beger, wie Schäfer ein
späteres Mitglied des Ahnenerbe, mit seinen rassekundlichen Untersuchun­
gen von Tibetanern, die etwaige nordische Einwanderungen beweisen soll­
ten, seinen Forschungsansprüchen entsprach.751 Andererseits bleibt die Fra­
ge offen, warum Schäfer, der doch erst kürzlich von seinem Dienstherren

749 Greve (1995), S. 171.


750 Diese dürften aus dem Sonderkonto des Freundeskreises gezahlt worden sein;
siehe Vogelsang (1972), S. 120; daneben unterstützte das Ahnenerbe jedoch auch die
Gewinnung von privaten Geldern sowie die Bereitstellung von Ausrüstungsgegen-
ständenfür die Expedition, vgl. Mierau (2006), S. 346 f.
751 Sünner (1999), S. 51.

243
befördert wurde, eine Verärgerung Himmlers in Kauf nahm. Ging es ihm,
wie von Greve angenommen, allein um seine wissenschaftliche Reputati­
on, die doch durch Forschungen anderer Teilnehmer in anderen Fachgebie­
ten nur indirekt betroffen gewesen wäre? Anzunehmen ist vielmehr, daß
Schäfer zwar die Beistellung bestimmter Teilnehmer ablehnte, Beger jedoch
auf Anraten Himmlers mitnahm, da dieser Mitarbeiter des Rasse- und Sied­
lungshauptamtes der SS war und erst durch Schäfers Gespräche mit dem
Ahnenerbe die Bekanntschaft mit Schäfer machte.752 Dazu kommt, daß das
Ahnenerbe zu dieser Zeit nach Angaben Katers durchaus finanzielle Prob­
leme hatte und sich wohl deshalb offiziell von der Expedition distanzier­
te.753 Doch war die Mitnahme Begers der einzige Grund für Himmler Schäfer
„jede Hilfe zu versprechen, die dieser benötigen" würde754 und außerdem
Schäfer nach dessen Rückkehr noch zum Leiter der Innerasien-Abteilung
des Ahnenerbes zu machen? In jedem Fall regen diese Vorgänge zu Speku­
lationen an - wäre es möglich, daß Schäfer neben seinen offiziellen, rein wis­
senschaftlichen, Forschungszielen, die durch die Ablehnung der Ahnenerbe
Mitarbeiter nach außen dokumentiert wird, geheime Aufträge Himmlers
durchführte, die diesen zur Vorzugsbehandlung Schäfers veranlaßten? Fest
steht, daß sowohl Schäfer als auch Beger vor ihrer Tibetreise Unterredungen
mit Himmler und Weisthor, dem seherische Veranlagung in Bezug auf die
Vorgeschichte zugesprochen werden, hatten. Himmler unterwies Schäfer
bezüglich einer weltumspannenden Atlantiskultur deren Reste u.a. in Tibet
zu finden seien.755 Auslöser für die Hoffnung Himmlers dort „arische Spu­
ren" zu finden könnte auch eine wenige Jahre zuvor durchgeführte Expedi­
tion Prof. Römers und des Naturwissenschaftlers Scheibe gewesen sein. Auf
dieser „Deutschen Hindukusch-Expedition 1935" hatte Scheibe von blau­
äugigen Menschen berichtet, die er oft bei den entlegensten Bergstämmen
Zentralasiens angetroffen hatte, und die er als Reste von Ur-Ariern ansah.756
Während seines Besuches bei Weisthor hat Schäfer miterlebt, wie sein Gast­
geber während der Unterredung in einen „tranceartigen Zustand" fiel, den
er schon bei seinen ersten Forschungsreisen bei „Botenläufern im tibetischen
Hochland" erlebt hatte. Während dieses Zustandes erwähnte Weisthor Na­
men von tibetischen Klöstern und deren Äbten, die eigentlich nur ihm be­
kannt gewesen sein konnten. Darüber hinaus sprach er von einem „Schlüs­
sel eines Schöpfungsgesetzes, der beim Dalai Lama zu finden sei.757

752 Diese Annahme findet sich auch, allerdings versteckt, bei Greve (1995), S. 172 f.
753 Kater (2006), S. 80.
754 Zit. nach Greve (1995), S. 172.
755 Nach Sünner (1999), S. 48.
756 So Mierau (2006), S. 15.
757 Lange (2010), S. 68; ebenso Sünner (1999), S. 50.

244
Bereits einige Monate zuvor kam es zu den zuvor erörterten Gesprächen
zwischen Weisthor und dem französischen Okkultautor Gaston de Men­
gel, in deren Verlauf auch Tibet thematisiert wurde. Unbestritten dürften
die Ansichten des britischen Okkultisten, denen zufolge Tibet als Teil der
„arisch-attalantischen Kraftachse" von Bedeutung sei, auf diesem Weg Ein­
gang in Weisthors bzw. Himmlers Vorstellungen bezüglich der Forschung
in Tibet gefunden haben.758 Gegenüber Beger soll Weisthor dagegen konkre­
te Forschungshinweise gegeben haben, die der Anthropologe jedoch nach
dem Krieg als „lachhaft und abstrus" bezeichnete.759 Zumindest untersuchte
Beger tatsächlich Bevölkerungsgruppen des Himalayas auf Hinweise nor­
discher Rasse sowie die Einflüsse der nordischen Art auf die seinerzeitige
tibetische Bevölkerung, was auf eine Übereinstimmung mit den Thesen
Himmlers hinweist. Ebenso könnte der Erforschung der Tierwelt Tibets die
Frage nach der Widerlegung der Abstammungstheorie Darwins zugrunde
gelegen haben, die ja mit der Vorstellung eines uralten „arisch-atlantischen
Kulturkreises" insofern kollidiert, als daß Himmler das Hervorgehen dieser
aus einem in Afrika beheimateten „Affenmenschen" ablehnte.
Neben den anthropologischen Forschungen Begers, die klar im Anliegen
des Ahnenerbe bzw. Himmlers lagen, sind auf einem 1994 der Öffentlichkeit
wieder zugänglich gemachtem Dokumentarfilm („Geheimnis Tibet") über
diese Expedition auch tibetische Zeremonien und Rituale dargestellt, welche
die Vermutung eines okkulten Hintergrundes der Expedition gestützt haben
könnten, für die es im Ahnenerbe ja ebenfalls eine Abteilung gab.760 Die erste
öffentliche Aufführung des Filmes, der die drei höchsten Auszeichnungen er­
hielt, die der NS-Staat für Filme zu vergeben hatte: „staatspolitisch wertvoll,
künstlerisch wertvoll und kultu­
rell wertvoll", erfolgte, begleitet
von „Richtlinien für die Propa­
ganda" erst am 16. Januar 1943 in
der Münchner Ludwig Maximili­
an Universität zur Eröffnung des
Sven-Hedin-Institutes. Vormittags
wurde vom Institutsrektor Wal­
ther Wüst die Ehrendoktorwürde
der Naturwissenschaftlichen Fa­
kultät an den schwedischen Asi- Schäfer, Himmler und Beger nach
Rückkehr der Expedition aus Tibet
758 Siehe vorangehendes Kapitel 9.
759 Lange (2010), S. 68.
760 Auch das Autorenduo Röttgen („Victor & Victoria Trimondi'') verwies auf
den Tibet-Film zur Untermauerung seines Versuchs, okkulte Hintergründe der Be­
ziehungen zwischen dem 3. Reich und Tibet aufzudecken.

245
enforscher Sven Hedin verliehen. Sven Hedin war völlig hingerissen. „Groß­
artig, wunderbar, was wir hier gesehen haben!" - rief er aus und schüttelte dem
jungen SS-Untersturmführer Ernst Schäfer immer wieder die Hand: „Sie sind
der Mann, der meine Forschungen fortsetzen sollte und muß!" soll der schwedische
Forscher gemäß Trimondi gegenüber Schäfer geäußert haben.761
Spekulationen ranken sich auch um geheime tibetische Bücher, die Schä­
fer eingesehen und womöglich mit nach Deutschland gebracht habe. Tat­
sächlich jedoch ist aus Schäfers Reisebericht keinerlei Anhaltspunkt dafür
auffindbar. Allerdings lassen sich bei Schäfer Hinweise auf ein „108 seifiges
heiliges Dokument der Tibeter, den „Kangschur"" finden, der von der Expe­
dition mitgebracht wurde.762
Belegt sind ferner direkte Kontakte der Schäfer-Expedition zur tibetischen
Regierung: In Lhasa kam es zu einem sogenanten „Treffen des westlichen
und östlichen Hakenkreuzes“, welches auf den Argwohn des dortigen briti­
schen Gesandten, H.E. Richardson, stieß. Insbesondere sah Großbritannien
seine Vormachtstellung in Tibet gefährdet. Schäfer bemerkte dazu in sei­
nen Aufzeichnungen, daß das Hakenkreuz ihnen in Tibet die Tore geöffnet
habe: „Wie mir ein einflußreicher Tibeter trefflich sagte, war es das erste mal in der
Geschichte Tibets, daß sich das westliche und östliche Hakenkreuz ... auf der Basis
kulturellen Austausches und wissenschaftlicher Erkenntnis treffen."763764

Auch ein offizielles Schreiben Reting Rinpoches an Hitler wurde den For­
schungsteilnehmern mitgegeben. In diesem Schreiben erwidert der tibetische
Regent das Angebot der freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutsch­
land und Tibet mit folgenden Worten: „....... Deshalb erstrebt jetzt der Leiter der deut­
schen Tibetexpedition, der Sahib Schäfer, zumal keine Schwierigkeiten im Weg stehen,
bis zu einem unmittelbaren Verkehr mit Tibet nicht nur das Ziel der Festigung der
(persönlichen) freundschaftlichen Beziehungen, sondern hegt darüber hinaus auch den
Wunsch einer künftigen Ausdehnung des vorgenannten gegenseitigen freundschaft­
lichen Verkehrs auf (unsere beiderseitigen) Regierungen. Nehmen Sie nun, Euer Ex­
zellenz, Führer (wörtlich König) Herr Hitler, zu diesem Verlangen auch gegenseitiger
Freundschaft, wie sie von Ihrer Seite ausgesprochen wurde, unsere Zustimmung."76*
Dieses Schreiben beweist, daß auch Hitler mit der Expedition durchaus
politische Zwecke verknüpfte, die in der Anknüpfung freundschaftlicher
Kontakte zwischen Tibet und Deutschland lagen und auch den Aspekt „ge­
heimdienstlicher Aktivitäten" insofern umfaßte, als daß Lageberichte über

761 So Trimondi (2002), S. 125.


762 Hakl, in Goodrick- Clarke (2004), S. 204; vgl. auch Charroux (1967), S. 67, der
meint, Hitler habe sich durch den Kan(d)gschur die „Magie der Mongolen" zunutze
machen wollen, „um seine Welteroberungspläne durchzusetzen".
763 Trimondi (2002), S. 565, Fn 74.
764 Reting Rinpoche an Hitler nach Greve (1995), S. 175; Trimondi (2002), S. 130.

246
Bruno Beger und der junge Reting Rimpoche -1939
Land und Leute auch an den SD weitergereicht wurden.
Daneben erwähnt Schäfer Geschenke des Regenten an Hitler, darunter
eine silberne Teekanne, einen weißen Kathag-Seidenschal sowie einen Lha­
sa- Apso-Hund. Weitere Geschenke und ein Brief unbekannten Inhaltes wur­
den Schäfer für Himmler übergeben.765

10.2. Weitere Asien-Planungen


Nachdem Schäfer 1939 aus Tibet zurück gekehrt war, plante Himmler
einen Sonderauftrag unter der Leitung des jungen Wissenschaftlers. Dieser
sah das Vordringen eines Spezialtrupps durch das - damals noch verbündete
Rußland - bis in den fernen Osten vor, wo dieser den Sturz der englandtreuen
afghanischen Regierung Mohamed Haschid Khans betreiben sollte. Das sollte
dann die nordindischen Grenzstämme zu Aufständen bewegen, um die Herr­
schaft der Briten in Indien zu destabilisieren und schließlich - gleichsam dem
Vorbild des Lawrence von Arabien- zu einem Volksaufstand führen. Daneben
sollte die tibetische Armee mit Waffen versorgt werden, um sich ebenfalls am
Aufstand gegen die Briten zu beteiligen. Insgesamt war für diesen Auftrag
eine Gruppe von 30 SS-Männern unter Führung Schäfers vorgesehen.766
765 Vgl. Trimondi (2002), S. 130.
766 Kater (2006), S. 212; Greve (1995), S. 177.

247
Nach Indiskretionen Schäfers in Bezug auf die geplante waffentechnische
Ausbildung seiner Gruppe gegenüber dem noch nicht genau in Kenntnis
gesetzten Abwehrchef Gehlen, bekam Rosenberg Wind von der Sache und
habe Hitler zur Absetzung des Plans bewogen, da er selber eine ähnliche
Operation mit Hilfe afghanischer Söldner vorbereitete.767
Nach eigener Aussage soll Schäfer bereits 1941 aufgrund vorgeworfener
„mangelnder Treue zur NS-Weltanschauung" ein Strafkommando an der
finnischen Front erhalten haben. Zu dieser Zeit plante sein Ahnenerbe-Kol­
lege Beger für die Zeit nach dem Sieg gegen England, eine Expedition zur
Erforschung der nordischen Rasse in Zentralasien.768
Den Aussagen Schäfers bezüglich seiner schwindenden Anerkennung in­
nerhalb der SS stehen jedoch Erörterungen bezüglich der Aussendung neuer
Expeditionen nach Tibet und die Frage der Tätigkeit der Innerasien-Abteilung
während der AbwesenheitSchäfers entgegen. Während Bruno Beger, dem auch
die wissenschaftliche Auswertung der „Erfahrungen während der SS-Tibetex­
peditionen" angetragen wurde, offensichtlich größeren Einfluß innerhalb der
Abteilung erlangen sollte, ist eine Herabsetzung Schäfers - die auch aus wis­
senschaftlicher Perspektive ungeraten schien - nicht zu bestätigen. Vielmehr
war ein Fronteinsatz auch verdienter und hohe Ränge bekleidender Forscher
innerhalb der SS gang und gäbe, nur in seltensten Fällen wurde eine Unab­
kömmlichkeit für Angehörige der SS ausgesprochen, da gerade diese mit gutem
Beispiel vorangehen sollten. Dementsprechend ist auch Schäfers Einplanung in
das sogenannte „K-Projekt" zu verstehen, welches eine neue Expedition un­
ter seiner und Begers Führung nach Zentralasien vorsah, bei der die Bereiche
„Erde, Pflanze, Tier und Mensch" wissenschaftlich und ganzheitlich erfaßt wer­
den sollten. Wichtigstes Teilgebiet des Projektes, welches sich im August 1942
erst einmal auf den Kaukasus beschränken sollte, war die rassekundliche Erfas­
sung der Kaukasus-Völker, um eine Entscheidung hinsichtlich der Behandlung
dieser Völker nach ihrer militärischen Unterwerfung zu erleichtern. Abgesagt
wurde das Projekt nach Greve aufgrund der Niederlage der deutschen Heere
im Osten, vor allem bei Stalingrad, obgleich sich dies erst einige Monate nach
dem ursprünglichen Termin im August ereignete.769
Ungeachtet dieser Fakten erscheinen in der Okkultliteratur Spekulatio­
nen über weitere Tibet-Expedition, auch während der Kriegszeit. So läßt der
unter dem Pseudonym schreibende Autor Rüssel Mc Cloud in einem fiktiv­
esoterischem Roman „Die Schwarze Sonne von Tashi Lhunpo", einen Karl
Steiner auftreten, der im Jahre 1942 mit 12 weiteren SS-Männern eine Reise
nach Tibet im Auftrag Himmlers und unter Mitwirkung Karl Haushofers an-

767Greve (1995), S.177.


768 Greve (1995), S. 179.
769 Zum K-Projekt siehe Greve (1995), S. 181 f.; ebenso Mierau(2006), S. 458 ff.

248
getreten habe. Die am 7. Juli 1942 begonnene Expedition
- die Steiner als „letzte mehrerer Expeditionen" bezeich­
net, die „vor allem auf Veranlassung des Ahnenerbes"
durchgeführt wurden - hätte die Verbindungsaufnah­
me zu einer buddhistischen Sekte namens „Gelbmüt­
zen" zum Ziel gehabt.770
Die einzige tatsächliche Verbindung zwischen Karl
Haushofer und dem Ahnenerbe bestand dagegen in
der Übernahme der Präsidentschaft der von Hausho­
fer mitgegründeten „Akademie zur wissenschaftlichen
Erforschung und Pflege des Deutschtums - Deutsche
Heinrich Harrer
Akademie" durch den Ahnenerbe-Vorsitzenden Prof.
Wüst.771 Eine Mitgliedschaft Haushofers im Ahnener­
be oder auch in der Thule-Gesellschaft, die ebenfalls als geheime okkulte
Zentrale des dritten Reiches bezeichnet wird, läßt sich, wie bereits zuvor
dargestellt, trotz hartnäckiger Gerüchte nicht feststellen.772
Zwar hatte Himmler noch im Frühjahr 1942 angekündigt, daß „die Ti­
bet- und die gesamte Asienforschung stärkstens ausgebaut werden soll",
jedoch sprechen die Akten gegen eine weitere Tibet-Expedition während
der Kriegszeit: Ein Aktenvermerk Sievers verlegt ausdrücklich weitere dies­
bezügliche Forschungen auf die Zeit nach dem Krieg.773
Unabhängig von der Expedition Ernst Schäfers waren im Sommer 1939 vier
Deutsche Bergsteiger, darunter Heinrich Harrer, in den Himalaya aufgebro­
chen, um den „Deutschen Schicksalsberg", den Nanga Parbat zu besteigen.774
Himmler hatte Harrer anläßlich einer Ehrenfeier zur Erstbesteigung der
Eiger-Nordwand durch den Österreichischen Bergsteiger, der seit 1938 SS-
Mitglied war, bereits eine Teilnahme an Schäfers Tibet-Expedition angeboten.
Allerdings plante Harrer seine eigene Bergtour, die dann schließlich aufgrund
des ausgebrochenen Krieges in britischer Gefangenschaft endete. 1944 gelang
Harrer die Flucht, die ihn nach Tibet führte, wo er 1946 zum Lehrer des inzwi­
schen inthronisierten Dalai Lamas wurde.775

770 McCloud (1997), S. 150 ff.; der Name Karl Steiner erinnert sowohl an Rudolf
Steiner, den Begründer der anthroposophischen Lehre, mit dem gewisse esoterische
Spekulationen verbunden sind, die beispielsweise in dem Machwerk „Die heilige
Lanze- Der Speer von Golgotha" von Trevor Ravenscroft auftauchen.
771 Vgl. Kater,(2006) S. 281.
772 Siehe Pauwels/Bergier (1967), zur Richtigstellung Rose (2003), S. 173ff. (vgl.
Kapitel 1).
773 Sievers, S. 126.
774 Zu Harrer vgl. Mierau (2006), S. 179 ff.
775 Vgl. Trimondi (2002), S. 169; der Aufenthalt Harrers wurde 1997 unter dem

249
Obgleich Harrer, der in Tibet auch die Armee ausbildete, während seiner
Gefangenschaft kaum von weiterreichenden Plänen für SS-Unternehmun­
gen im Himalaya wissen konnte, wird er desöfteren in einen solchen Zu­
sammenhang gebracht. Auch Harrers Erlebnisberichte über „Geister und
Dämonen", mit denen er u.a. in Tibet Bekanntschaft machte, sorgten für
Spekulationen, die sich in das Themenfeld SS-Tibet-Okkultismus einfügen
ließen.776 Auch wenn Harrers spätere Beteuerungen, sich vom nationalsozi­
alistischen Gedanken bereits während des Krieges entfernt zu haben, eine
Schutzbehauptung darstellen dürften, ist eine Tätigkeit Harrers in Tibet im
Sinne Himmlers oder gar im Auftrag der SS auszuschließen.

10.3. Das Ahnenerbe & die Südamerika-Planungen

Neben Asien war Südamerika ein weiterer Kontinent, der auch nach 1939
eine nicht unbedeutende Rolle in den Planungen der SS-Forscher spielte.
Das Interesse deutscher Wissenschaftler an Südamerika reicht bis ins 19.
Jahrhundert zurück. Zwischen 1896 und 1924 unternahm der Völkerkund­
ler Theodor Koch-Grünberg mehrere Reisen nach Brasilien, auf deren letzter
er auf der Suche nach der Quelle des Orinoco-Flußes an Malaria erkrankte
und verstarb.777
1935 folgte Otto Schulz-Kampfhenkel den Spuren Koch-Grünbergs: Das
Ziel der Expedition, an der auch der Pilot Gerd Kahle sowie der Flugzeug­
mechaniker Gerhard Krause mitsamt eines von Heinkel zur Verfügung ge­
stellten Wasserflugzeuges teilnahmen, war die Durchquerung des nördli-
chen Amazonasbeckens. Bei
ihrer Rückkehr im Mai 1937
führten die Forscher tau­
sende Tierschädel, Indianer-
schmuck- und Werkzeuge
sowie umfangreiches Film­
material mit sich. Die Er­
lebnisse publizierte Schulz-
Kampfhenkel in dem Buch
„Rätsel der Urwaldhölle"
das 1938 fast zeitgleich mit
einem Ufa-Dokumentarfilm
Schulz-Kampfhenkel und sein Team in Paraguay „Großfilm deutscher For-
Titel „Sieben Jahre in Tibet" mit dem Hauptdarsteller Brad Pitt verfilmt.
776 Vgl. zu Harrers Erlebnissen dessen gleichnamige Veröffentlichung, Harrer
(1993), S. 156ff./183 ff.; vgl. auch Trimondi (2002), S. 170 ff.
777 Siehe Sternhoff (2010), S. 165.

250
Karte des von Schulz-Kampfhenkel untersuchten Gebietes
schung" erschien.778 Heinrich Himmler war dadurch auf den Forscher auf­
merksam geworden und hatte ihn - vermutlich 1939 - in die SS übernom­
men.779
Neben dem wissenschaftlichen Interesse Deutschlands an Südamerika
gab es seit dem sich abzeichnenden Kriegseintritt der USA in den Weltkrieg
auch ein militärisches. Bereits kurz vor Ausbruch des Krieges in Europa, be­
suchte der Oberkommandierende der US-Streitkräfte George C. Marschall
im Juni 1939 Brasilien, um Gespräche über die „lebenswichtige Rolle Brasili­
ens für die Verteidigung der USA" bei einem Kriegseintritt gegen Deutsch­
land zu führen.780 In Übereinstimmung mit der brasilianischen Regierung
wurde auf der Konferenz von Panama 1939 die Errichtung amerikanischer
Stützpunkte in Brasilien beschlossen, die bis 1940 angelegt wurden.
Diese proamerikanische Haltung Brasiliens, die schließlich zur Kriegs­
erklärung Brasiliens an Deutschland 1942 führte, gefährdete die deutschen
U-Boot Operationen vor dem amerikanischen Kontinent erheblich, so daß
sich das OKW mit Maßnahmen Brasilien betreffend auseinandersetzte. Ein

778 Vgl. Sternhoff (2010), S. 166; zur ausführlichen Expedition vgl. Glüsing
(2008), S. 158 ff.
779 So Glüsing (2008), dem gemäß der genaue Eintrittszeitpunkt unbekannt sei, S. 194.
780 So Brügger (2002), S. 230f.

251
Grabkreuz des verstorbenen Expeditionsmitglieds
Joseph Greiner. Oben: Expeditionsboote

von Keitel und Rosenberg befürworteter Plan soll sogar eine Landung in
Brasilien vorgesehen haben. Legenden zufolge, soll dies schließlich in Form
der Absetzung kleinerer Truppenkontingente tatsächlich umgesetzt wor­
den sein.781 Aufgabe dieser wäre es demnach gewesen, in Zusammenar­
beit mit Südamerikanischen Exildeutschen die Möglichkeiten einer größe­
ren Landung zu sondieren. Auch die amerikanischen und brasilianischen
Dienststellen hielten ein solches Unternehmen für möglich und errichte­
ten vorsorglich Verteidigungsstellungen, die von einem Heer von bis zu
65 000 Mann überwacht wurden. Dennoch soll es den Deutschen möglich
gewesen sein, bis Kriegsende 2000 Soldaten ins brasilianische Hinterland
einzuschleusen, wo sie in Verbindung mit einem indianischen Stamm die
Errichtung einer zweiten, inländischen Front im Fall einer deutschen Inva­
sion vorbereitet hätten.782 Indes räumt der Verfasser dieser Spekulation den
Mangel an Fakten ein, die diese Version bestätigen könnten. Lediglich vage
Hinweise auf Augenzeugen, welche die Landung deutscher U-Boote vor der
Küste von Rio de Janeiro beobachtet haben wollen sowie ein nicht näher
bezeichneter Artikel über eine deutsche Waffen-SS Kolonie im Matto Grasso
in der brasilianischen Zeitschrift „Realidade" erhärten vorgeblich diese An­
gaben. Allerdings büßt Brügger durch die als typisch für die Verfasser un­
beweisbarer Angaben zu bezeichnende Zitierung nachweislich spekulativer
Autoren ebenso erheblich an Glaubwürdigkeit ein, wie durch die Präsenta­
781 Brügger (2002), S. 231.
782 Ebenda, S. 168 ff.

252
tion eines mittlerweile entlarvten Betrügers als Nachfahr eines weißen In­
dianerstammes. Neben dem „Dauerbrenner" der esoterischen NS-Literatur,
der Geschichte der toten Tibetaner in Berlin, die 1945 von der roten Armee
vorgefunden wurden, zitiert er Rauschnings Gespräche mit Hitler, die mitt­
lerweile zum größten Teil als pure Fiktion entlarvt wurden.783
Daß es tatsächlich deutsche Pläne für eine Südamerika-Expedition gab -
über die bereits erwähnte Kiß-Expedition nach Bolivien hinaus -, beweisen
Akten im Zusammenhang mit eben jenem Schulz-Kampfhenkel, der mittler­
weile SS-Mitglied war. Im Schlußteil seines Expeditionsberichtes schrieb der
deutsche Forscher: „Damit wird ein Grundstock zu einem weitgespannten Ar­
beitsplan gelegt sein". Tatsächlich war Schulze-Kampfhenkel, der 1938 an der
Amerika-Abteilung des geographischen Institutes der Universität Würzburg
auch seine Dissertation abgeschossen hatte, ein unverzichtbarer Experte für
künftige SS-Unternehmungen in Südamerika.784 1939 schlug Sievers ihn da­
her auf persönliche Empfehlung Himmlers, als Mitglied der Kiss-Expedition
vor.785 Kurz nach dem Scheitern der Paraguay-Expedition, traf im April 1940
im SS-Hauptamt ein Schreiben eines gewissen Heinrich Peskoller ein. Dieser
Österreichische Abenteurer empfahl dem Deutschen Reich die Eroberung
von Französisch- und Britisch-Guyana, da allein „der Gold- und Diamanten­
reichtum dieser Länder genügen würde, um in wenigen Jahren Deutschlands Fi­
nanzreserven zu sanieren". Als Empfehlung gab Peskoller an, „fünf Jahre lang
als Offizier in der mexikanischen Kavallerie und als persönlicher Adjutant eines
mexikanischen Kriegsministers mit geheimen Aufträgen betraut gewesen zu sein"
und dabei auch einen 21.000 Kilometerritt von Mexico nach Rio de Janeiro
durchgeführt zu haben.786
Himmler beauftragte den SS-Südamerika-Experten Schulz-Kampfhenkel
mit der Begutachtung dieses Plans. Dieser hielt zwar die Angaben über die
wirtschaftlichen Tatsachen für glaubwürdig, bezweifelte aber die Eignung
Peskollers als Führer einer solchen Expedition und legte nun seinerseits
Himmler einen Expeditionsentwurf unter dem Namen „Guyana-Projekt"

783 Brügger (2002), S. 235 f; vgl. zur Entlarvung des vermeintlichen „weißen
Häuptling der Ugha Mogulala Tatunca Nara", http://www.mysteria3000.de/
wp/2005/die-chronik-von-akakor/, wo dieser als der 1968 nach Südamerika ausge­
wanderte Günther Hauck identifiziert wird.
784 So Glüsing (2008), S. 192 f.
785 Glüsing (2008), S. 194; Schulz-Kampfhenkel hatte seine Linientreue in einem
geheimen Positionspapier für die SS unter Beweis gestellt, in dem er in Bezug auf
China „vor der Gefahr der gelben Weltherrschaft eines 600 Mio Volkes" warnte,
die, „in ihren Anfängen zu bannen, Sendung des Führers der künftig in Europa
geeinten weißen Rasse sein" würde.
786 Zit. nach Glüsing (2008), S. 200.

253
vor, in dem er die Leitung einer solchen Expedition anbot.787 In diesem skiz­
zierte er die Errichtung eines deutschen „Brückenkopfes" in Südamerika,
der sowohl politisch-strategische als auch kolonialwirtschaftliche Gründe
beinhaltete: „Hier kann nach Praxis unserer geheimen Hilfskreuzer in mehrfachen
nächtlichen Landungen ein unsichtbarer Stützpunkt geschaffen werden, von dem
aus eine mit leichten Schnellfeuerwaffen ausgerüstete Kolonialtruppe von 150-300
Mann im entscheidenden Augenblick über Land auf Cayenne vorstößt.... die Tatsa­
che der Neutralitätsverletzung kann in diesem völlig unerschlossenen Urwaldregi­
onen auch für die Zukunft geheim gehalten werden. ... Alle Einzelheiten eines der­
artigen Planes wären im Einvernehmen mit taktischen Fachleuten auszuarbeiten."
Himmler reagierte jedoch reserviert auf die Vorschläge und empfahl, diese
Gedanken „zu gegebener Zeit" wieder vorzulegen.788
In den folgenden Jahren stieg der Südamerika-Experte zum Leiter der mit
Aufklärung beauftragten „Kampfgruppe Schulz-Kampfhenkel" innerhalb
der Luftwaffe auf und wurde 1943 dem Forschungsrat der SS unterstellt.789
Bis 1945 hatte er Aufklärungsmissionen in mehr als einem Dutzend Ländern
durchgeführt, vor allem im Baltikum, Rußland, Griechenland und Jugosla­
wien.
Während er also für die weitere Südamerika-Planungen keine Rolle mehr
spielte, gibt es weitere Querverbindungen des Ahnenerbe nach Südameri­
ka. Diese führen zu Philipp von Luetzelburg, einem angeheirateten Vetter
Himmlers. Der in Brasilien lebende deutsche Forscher hatte zwischen 1927
und 1930 ebenfalls mehrere Expedition durch das brasilianische Amazonien
durchgeführt und dabei auch indianische Heilkräuter gesammelt.790
Die letzte der Expeditionen „ging vom Kriegsministerium aus und hatte
in erster Linie militärische und strategische Ziele im Auge wie Grenzbesich­
tigungen und französische Übergriffe".791 1938 war Luetzelburg auf Drän­
gen Himmlers nach Deutschland zurückgekehrt, wo er 1939 zum Leiter der
Ahnenerbe-Forschungsstätte für Botanik ernannt wurde.792
Hier war der Botaniker mit der Züchtung von ölhaltigen Pflanzen, „die für
spätere deutsche Kolonien sehr wichtig sein können", und mit der Nutzbar­
machung indianischer Kräuter und Naturheilmittel befaßt. In diesem Zu­
sammenhang arbeitete er an einer Darstellung der botanischen Erforschung
Brasiliens und bemühte sich in diesem Zusammenhang um die Übersetzung

787 Glüsing (2008), S. 200.


788 Glüsing (2008), S. 206.
789 Vgl. Sternhoff, (2010) S. 167f.
790 Simon (ChrLuetzelburg), S. 7 f.
791 Schreiben Luetzelburg an v. Moers, nach Simon (ChrLuetzelburg)
792 Simon (Himmlersplaene), S. 1; in die SS wurde von Lützelburg dagegen erst im
März 1940 als Hauptsturmführer auf genommen.

254
und Kommentierung des aus dem 17. Jahrhun­
derts stammenden portugiesischen Atlas von Joao
Teixeira.793 Zu diesem Zweck führte der Forscher
zwischen Juni und Juli 1941 eine Dienstreise nach
Paris „zur Klärung der Atlantenfrage des portu­
giesischen Kosmographen des 17. Jahrhunderts in
der Nationalbibliothek zu Paris" durch.794
1938 wurde sein Name erstmals in Zusammen­
hang mit einer Südamerika-Expedition genannt,
der später abgesagten Kiss-Expedition. Ab 1940
war Luetzelburg an der Planung einer Paraguay-
Expedition beteiligt.
Philipp von Luetzelburg
1939 kam es zu gemeinsamen Erörterungen
zwischen von Lützelburg und Ahnenerbe-Vertretern der Welteislehre Scul-
tetus, Fauth sowie Josef Wimmer bezüglich der Frage des Einflusses des
Mondes und geomagnetischer Einwirkungen auf das Pflanzenwachstum.
Diesen Zusammenhang hatte Himmler persönlich ins Spiel gebracht; ent­
sprechende Versuche verliefen jedoch ohne Erfolg.
Im Dezember 1941 traf sich von Lützelburg zu einem Gespräch über in­
dianische Heilpflanzen mit Hauptmann Emmerich von Moers. Letzterer
hielt sich zwischen 1924 und 1932 in Bolivien und Paraguay und beteiligte
sich als Kavallerie-Kommandant für die paraguayanische Armee an einem
Konflikt mit Bolivien. Als Dank für seinen Einsatz erhielt von Moers damals
ein großes Stück Land. In den folgenden Jahren führte er mehrere Reisen
in unbekanntes Indianerland durch und konnte das Vertrauen der Stämme
gewinnen, bei denen er sich mehrere Jahre als Zauberer bzw. Medizinmann
aufhielt. Im Rahmen dieses Aufenthaltes lernte er von den Indianern Heil-
und Nutzpflanzen kennen, welche durch von Lützelburg später als wirt­
schaftlich wichtig erkannt wurden: darunter Blättchen mit Süßkraft, die um
ein Vielfaches größer als Zucker war (Stevia?), malariaheilende Pflanzen,
Aphrodisiaka mit temporärer Verhütungswirkung, Heilmittel gegen Syphi­
lis und mehrere Hautkrankheiten. Kurz darauf wurde von Moers ebenfalls
in die Expeditionspläne für Paraguay einbezogen, um die genannten Pflan­
zen für das Ahnenerbe sicherzustellen.
Am 27. September teilte von Lützelburg von Moers jedoch mit, daß der
RFSS „großes Interesse an der Sache bekundete und den Befehl gab, ihn kurze Zeit
nach Kriegsbeendigung an die baldigste Expedition nach Paraguay zu erinnern."
Von Moers solle sich daher ebenso wie wie er selbst darauf vorbereiten.
Am 9.10.1942 informierte Himmler auch das Ahnenerbe offiziell über den

793 Simon (ChrLuetzelburg), S. 16 f.


794 Ebenda.

255
Stand der Paraguay-Expeditionspläne: „Die Expedition zu den Indianern Süd­
amerikas ist eine der ersten Friedensexpeditionen des Ahnenerbes. Insbesondere hat
diese Expedition den Zweck, das Malaria-, das Syphilismittel, die Süß- und Öl­
pflanzen zu studieren und mitzubringen.''795
796

Doch ist dies tatsächlich der letzte Stand - oder gab es nach 1942 weitere
Pläne, die womöglich auch umgesetzt wurden?
So spekuliert etwa Sternhoff mit Verweis auf ein Schreiben Luetzelburgs an
Sievers, in dem er „größere gemeinschaftliche Pläne" des Ahnenerbe erwähnt,
für die er seine volle Unterstützung ankündigt: „Wenn heute ein unanfechtbarer
Beweis auch noch nicht erbracht werden kann, so spricht nach meiner Meinung alles
dafür, daß Mitte 1942, auf dem Höhepunkt der deutschen militärischen Erfolge, von
Luetzelburg in die Planung und Durchführung eines Unternehmens einbezogen wer­
den sollte, das nach den Vorarbeiten Schulz-Kampfhenkels die Errichtung eines mili­
tärischen Stützpunktes in Brasilien zum Ziel hatte." Und tatsächlich seien Stern­
hoff zufolge, „in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 durch U-Boote erste Vortrupps
an der Küste Brasiliens abgesetzt worden.“795 Der Haken an diesen Spekulationen
ist jedoch, daß von Luetzelburg nach seinem Paris-Aufenthalt nicht an Expe­
ditionsplanungen nach Südamerika, sondern an medizinischen Forschungen
beteiligt war, wie das folgende Kapitel zeigen wird.
Auch die Memoiren Walther Schellenbergs, des Chefs des deutschen
Geheimdienstes, lassen eine größere deutsche Militäroperation in Südame­
rika unrealistisch erscheinen: Zwar stand in Südamerika, so Schellenberg,
„eine große Anzahl geschulter Mitarbeiter zur Verfügung“, die insbesondere im
deutsch-freundlichen Argentinien, aber auch anderen südamerikanischen
Ländern bis auf Brasilien, eine „reibungslose Arbeit bis Mitte 1944“ ermöglich­
te, allerdings bezieht sich das lediglich auf geheimdienstliche Tätigkeiten.797
Sollte tatsächlich ein Kommandounternehmen in Südamerika durchgeführt
worden sein, so dürfte Schellenberg, der nach dem Krieg keine sonderlich
enge Bindung an ehemaligen Kameraden und damit kein Schweigemotiv
hatte, dies erwähnt haben.798

795 Himmler an das Ahnenerbe, zit. nach Heiber (1970), s. 195 f; hier verweist
Himmler auch auf die mangelnde Zuverlässigkeit v. Moers, gegen den ein Ermitt­
lungsverfahren der Wehrmacht lief. Zwar sei er sehr versiert und als Kenner Süd­
amerikas wertvoll, allerdings muß die Führung der Expedition, an der v. Moers
beteiligt werden sollte, ein Mann der SS haben.
796 Sternhoff (2010), S. 172.
797 Schellenberg (1981), S. 324.
798 Nach dem Krieg entging der 1952 verstorbene Schellenberg trotz seiner hohen
SS-Position einer längeren Haftstrafe durch Kooperation mit den Alliierten.

256
11. Kriegswichtige „Zweck"- und Waffenforschung -
Bruno Beger, Hans Rammler & das SS-Ahnenerbe
„Die Vorsehung stehe uns bei, daß diese Kriegs­
treiber erfolglos bleiben, denn wir würden in der
Lage sein, uns dank neuen Waffenentwicklungen
so zu wehren, wie es in der bisherigen Geschich­
te noch nie möglich war. In meiner Schreibtisch­
schublade verfüge ich über Unterlagen zur Her­
stellung neuester, modernster Waffen, wozu mich
nur ein Wunsch beseelt, sie nie zur Anwendung
bringen zu müssen, weil sie alles übersteigen, was
bisher als Kriegswaffe zur Verfügung stand."799

iese Sätze Hitlers noch vor dem Krieg wurden seinerzeit als reine

D Propaganda belächelt - solange bis die alliierten Sondereinheiten


zur Sicherstellung deutscher Technologie Ende des Krieges nach
und nach das Ausmaß der deutschen Hochtechnologie erfaßten und einen
Mantel des Schweigens über ihre Funde breiteten, der sich erst in den letzten
Jahren langsam hebt. Auch auf diesem Bereich war es die SS, die in von der
Außenwelt abgeschotteten Einrichtungen an Waffen- und Maschinen arbei­
tete, die noch heute als revolutionär gelten müssen. Federführend war hier
eine unter dem Kommando des SS-Generals Hans Kammler stehende Ent­
wicklungsgruppe, die im Reichsprotektorat Böhmen und Mähren arbeitete.
Während bis Anfang 1943 Ahnenerbe-Forscher in vielen Fällen noch mit
der Bearbeitung von rassekundlichen und archäologischen Sonderaufträgen
ihres Dienstherren befaßt waren, hatte Himmler seit Kriegsbeginn Vorberei­
tungen für die Erschaffung einer unabhängigen SS-Truppe ergriffen. Dazu
standen seit Anfang 1942 die Produktionsstätten der vordem tschechischen
Skoda-Werke zur Verfügung. Im August 1943 beauftragte Himmler den für
seine organisatorische Effizienz bekannten Kammler mit der Verlagerung
der kriegswichtigen Produktion in unterirdische Werke und ordnete auch
sämtliche Ahnenerbe-Aktivitäten der Waffenforschung unter.800

799 Adolf Hitler in einem Interview am 20.4.1939, zit. nach Georg (2009), S. 19.
800 Exemplarisch hierfür sei eine Antwort Himmlers an das Ahnenerbe vom 25.1.1943
zitiert, mit der er auf eine Anfrage Jankuhns nach Weiterführung archäologischer Ar­
beiten in Rußland antwortet: „... denn in den kommenden Monaten haben weder wir
noch ... Rosenberg..die Zeit, Ausgrabungen zu machen. Jetzt sind alle Kräfte nur da­
rauf zu konzentrieren, den Krieg zu gewinnen." Zit. nach Hufen (1998), S. 89.; hier
wurde der Text der früheren Auflage neueren Erkenntnissen angepaßt [d. Verf.J.

257
11.1. Das Ahnenerbe im Krieg
Mit Kriegsbeginn hatte sich das Ahnenerbe fortan ebenfalls mit kriegs­
wichtigen Aufgaben zu befassen, wobei die Kriegswichtigkeit von Himm­
ler relativ großzügig ausgelegt wurde.801 Unverkennbar war jedoch der
Ausbau des naturwissenschaftlichen Zweiges, dessen Grundlagen bereits
1937 gelegt wurden. Dieser stand faktisch unter dem Oberbefehl des Tibet-
Forschers Ernst Schäfer, während die eingeschränkte Tätigkeit des geistes­
wissenschaftlichen Zweiges ebenso wie die gesamte offizielle Leitung der
Obhut von Walther Wüst unterlagen.
Nachdem das Unternehmen-K kriegsbedingt abgesagt werden mußte,
sah sich Schäfer vor allem mit drei Aufgabenschwerpunkten konfrontiert:
1. der Auswertung der Tibet-Artefakte, 2. dem Aufbau der Forschungsab­
teilung Innerasien und Expeditionen, die fortan als Zentrale für sämtliche
Expeditionen nach Asien dienen sollte, 3. Überwachung des gesamten na­
turwissenschaftlichen Bereiches um Walther Wüst zu entlasten.802
Ernst Schäfers Forschungsstätte für Innerasien und Expeditionen wurde
aufgrund einer sich zunehmend verschlechternden Kriegslage im August
1943 nach Schloß Mittersill verlegt. Himmler Primärziel der naturwissen­
schaftlichen Arbeiten des Ahnenerbes lag seitdem auf der Erschließung neu­
er Lebensmittel-, Bekleidungs- und Energiequellen, die allesamt zur Neige
gingen. Dabei verfiel Himmler immer wieder auf unorthodoxe Methoden:
Noch 1943 kam Himmler auf die aberwitzig anmutende Idee, einen Ahnen­
erbe-Mitarbeiter nach Jütland zu schicken, um eine „kimbrische Stricktech­
nik" zu erlernen und nutzbar zu machen.803 Daneben unterhielt Himmler an
den KL-Stätten 31 SS-eigene Zuchtstationen von Angora-Kaninchen, die zur
Herstellung von Angora-Wolle dienen sollten.804
Ernst Schäfer forschte derweil in Mittersill an wetterfesten Pferdearten,
die er auf seinen Expeditionen kennengelernt hatte und die im eroberten
Ostgebiet zum Einsatz kommen sollten.805
In enger Abstimmung mit Schäfer führte
Dr. Heinz Brücher in Graz Versuche mit
kälteresistenten Weizensorten und einer
Speiseölpflanze durch, die trotz der ihr
zugemessenen Bedeutung nicht vor 1945
Ergebnisse zeitigten.
Ernst Schäfer und das „winter­
801 Vgl. Kater (2006), S. 191.
feste" Steppenpferd in Tibet, 1939
802 So Kater (2006), S. 215.
803 Heiber (1970), S. 243 f.
804 Vgl. Kater (2006), S. 216.
805 Kater (2006), S. 217.

258
Auch wenn viele Forschungsansätze keine Resultate erbrachten und viele
aberwitzig anmutende Forschungsaufträge im Sande verliefen so kann man
Himmler zumindest den Versuch nicht absprechen, durch unorthodoxe Mittel
Schwierigkeiten bekämpfen zu wollen. Dabei zeugen viele der damaligen An­
sätze trotzdem sie heute oft als Spinnereien verlacht werden, von weit voraus­
blickenden Einsichten, die gerade erst nach und nach wiederentdeckt werden.
So erließ Himmler aufgrund der im Kriege knapper werdenden Ressour­
cen den Befehl, Konservendosen wiederzuverwenden, was ihn zu einem Pi­
onier der seit einigen Jahren vornagetriebenen Recycling-Wirtschaft macht.
In einem Schreiben des seit 1939 den Persönlichen Stab des RF-SS leitenden
Dr. Rudolf Brandt vom 12.12.1944 heißt es:
„Der Reichsführer-SS schlägt zu der Anregung des SS-Kraftfahrers Matzka vor,
die unzähligen Konvervendosen in den Gefangenlagern so öffnen zu lassen, daß sie
später wieder verwertet werden können."™6
Auch der bereits beschriebene Einsatz der Wünschelrutengänger ist als
Antwort auf die Ressourcenknappheit zu begreifen. So schreibt wiederum
Dr. Brandt am 25.11.1944 in Reaktion auf einen Artikel über „Meteorspu­
ren in Europa" an Ahnenerbe-Geschäftsführer Sievers: „Der Reichsführer-SS
wünscht, daß von Seiten des Ahnenerbe einmal in dieser Richtung nachgeforscht
wird, besonders sollen Meteorspuren in den Ötztaler Alpen sein. Es müßten dort
dann Wünschelrutengänger zur Untersuchung darüber eingesetzt werden, ob in
den Tiefen dieser Krater nicht Magneteisen zu finden ist."™7
In die gleiche Richtung zielen Nachfragen Himmlers bezüglich der mo­
dernen Bronzegießtechnik eines ukrainischen Volksstammes sowie der in
Michael Prawdins Buch „Tschngis Chan" überlieferten Konservierungs­
technik von Lebensmitteln.806
808
807 Letztere sollte den Truppen in Stalingrad er­
möglichen, Fleisch von verstorbenen Pferden ebenso haltbar zu machen, wie
Milchprodukte. Auf die Nahrungsmittelversorgung zielte auch ein Vorstoß
ab, mittels eines neu entwickelten Bazillus aus der bei der zellulose-Herstel-
lung anfallenden Sulfitlauge das Eiweiß zu gewinnen und zu einer „unerhört
nahrhaften und wohlschmeckenden wurstartigen Paste" zu verarbeiten.809
Und selbst die Erforschung des Ahnenbrauchs zur Kinderzeugung, die
insbesondere der Frage nachgehen sollte, wie mehr männliche Nachkom­
men gezeugt werden könnten, war trotz der Empörung heutiger Forscher
durchaus nachvollziehbar - nicht als „Kanonenfutter", sondern um den in
Kriegszeiten üblichen Frauenüberschuß auszugleichen.810

806 Zit. bei Heiber (1970), S. 375.


807 Zit. nach Heiber (1970), S. 372; vgl. Koop (2012), S. 135.
808 Vgl. Heiber (1970), S. 322/232.
809 Heiber (1970), S. 254.
810 Vgl. Koop (2012), S. 83 ff.; dazu Himmler bei Heiber (1970), S. 355 ff.

259
Archäologische Tätigkeit
Mit Kriegsbeginn 1939 und der zügigen Eroberung von Gebieten im Süd­
osten Europas ergaben sich auch für die Archäologen des Dritten Reiches
zahlreiche neue Betätigungsfelder. Da im Vorfeld keine Pläne zur entspre­
chenden Zuständigkeit der konkurrierenden archäologischen Ämter vorbe­
reitet waren, ging es darum, möglichst frühzeitig Grabungskonzessionen
auszuhandeln und zu beantragen. Himmler erwies sich dabei als sehr er­
folgreich, insbesondere in der Erringung von Grabungsbefugnissen in Län­
dern befreundeter Regierungen.
Seit 1939 hatte Himmler mit der neugeschaffenen Slowakei ein exklusives
Grabungsrecht für die SS ausgehandelt, das den Prähistoriker Prof. Dr. Lo­
thar Zotz in seiner Funktion als Dozent an der Deutschen Karls-Universität
in Prag im Auftrag des Ahnenerbes in die Lage versetzte, archäologische
Ausgrabungen im Bezirk Pystian durchzuführen, die der Erforschung ger­
manischer Fürstengräber galten. Daneben befaßte er sich auch mit der Er­
grabung von Aurignacien-Siedlungsplätzen von Mammutjägern in Straze.
Auch Kurt Wilvonseder beteiligte sich an den Ausgrabungen in der Slowa­
kei, wie aus einem gemeinsamen Arbeitsbericht vom 12.3.1941 hervorgeht.
Auch in der seit 1939 (wieder) dem Reich zugehörigen Provinz Posen
wurden Grabungen durchgeführt: Hier war es Hans Schleif, der eine 1934
von polnischen Archäologen begonnene Grabung fortführte, die das früh­
geschichtliche Verhältnis zwischen Germanen und Slawen aufdecken sollte,
woraus auch Rückschlüsse auf für Kriegszwecke wichtige historische An­
sprüche gezogen werden konnten.
Ab 1940 wirkte Schleif dann auch an Spatenforschungen im norditalie­
nischen Ravenna am Grab Theoderichs mit, bevor er im November 1941 zu
Ausgrabungen im griechischen Olympia aufbrach. 1941 wurde Schleif in
seiner F unktion als Leiter der Abteilung Grabungen innerhalb des Ahnen­
erbes durch Herbert Jankuhn abgelöst, offiziell weil dieser für seine Arbeit
beurlaubt wurde, zugleich konnte aber dadurch der renommierte Jankuhn
in eine repräsentativere Funktion im Ahnenerbe eingebunden werden..811
Am 10. Juni 1941 erging eine Anfrage des Auswärtigen Amtes an Franz Alt-

811Hufen (1998), S. 76, sieht darin einen Erfolg Jankuhn gegenüber Schleif (hier fälsc

lich als „Heinrich" statt „Hans" firmierend), der „die pseudowissenschaftlichen Ambiti­
onen Himmlers und ein Interesse Hitlers für Wikingerforschung in Frage gestellt hatte".

260
heim bezüglich der Durchführung einer Forschungsreise nach Afghanistan, die
aufgrund des bevorstehenden Rußland-Feldzuges nicht stattfinden konnte.
Am 8.9.1941 stellte Prof. Schmidt an das Ahnenerbe den Antrag auf die
Bewilligung von Grabungen im damaligen Jugoslawien, dem stattgegeben
wurde - am 7.10. erfolgte eine Besprechung zwischen Sievers und Schmidt
bezüglich der bisherigen und über künftige Grabungen.
Am 25.10. wurde dem Ahnenerbe eine alleinige Grabungskonzession für
Serbien zugesprochen. Weitere vorgeschichtliche Forschungen waren für
das befreundete Kroatien sowie weitere Gebiete des Donauraumes vorge­
sehen. Neben Schmidt wurden 1941 auch Kurt Willvonseder und Wilhelm
Unverzagt für das Ahnenerbe in Kroatien und Serbien archäologisch tätig.
Weitere Grabungsziele lagen in der Bretagne und im Elsaß.
Mit der sich verschlechternden Kriegslage wurden die Ausgrabungstätig­
keiten der SS vollständig eingestellt, Einsatzfelder ergaben sich fortan nur
noch vereinzelt in der denkmalpflegerischen Sicherung von durch Errich­
tung von Verteidigungsstellungen bedrohten frühgeschichtlichen Stätten,
die Himmler, wie es Michael Kater nannte, in der „paradoxen Rolle als Feld­
herr und Denkmalschützer zugleich" sahen.812

Herbert Jankuhn & der Wandteppich von Bayeux


Der 1905 geborene Herbert Jankuhn hatte bei den Archäologie-Koriphäen
Wilhelm Unverzagt und Carl Schuchhardt studiert und 1931 promoviert.
Im gleichen Jahr erhielt er vom Kieler Museum die Leitung der Grabung
am Wikingerdorf Haithabu in Schleswig übertragen.
Bereits in diesem Jahr war Jankuhn der von Hans Reinerth geleiteten Ge­
sellschaft für Deutsche Vorgeschichte - dem späteren Reichsbund - beigetre­
ten. Aufgrund seiner Zugehörigkeit zum sogenannten „Westkreis" kam es in
den folgenden Jahren zu Konflikten mit Reinerth und Peter Paulsen (Leiter
der Kieler Sektion des Reichsbundes), die Jankuhns nationalsozialistische
Gesinnung in Frage stellten.813 Der durch die gemeinsame Herausgabe der
Zeitschrift Offa mit Gustav Schwantes und durch seine Habilitation („Die
Wehranlagen der Wikingerzeit zwischen Schlei und Treene") nunmehr auch
international anerkannte Jankuhn stellte darauf 1936 Antrag auf Aufnahme in

812 Kater (2006), S. 218.


813 Pape (2001). S. 55 ff.

261
die SS. Da seine Haithabu-Grabung bereits seit 1934 unter Schirmherrschaft
der SS und Heinrich Himmlers stand, bevor sie 1938 offiziell vom Ahnener­
be übernommen wurde,814 und ein Aufnahmegutachten positiv ausfiel, wur­
de er im März 1937 in die SS aufgenommen und wenige Monate später zum
stellvertretenden Leiter der Forschungsstätte Ausgrabungen im Ahnenerbe
ernannt. 1938 wurde der Kieler Archäologe unter Mithilfe Himmlers zum
Direktor des Kieler Museums vorgeschichtlicher Altertümer erkoren und
organisierte die Kieler Pfingsttagung des Ahnenerbe 1939. Diese mit hochka­
rätigen Vortragsrednern durchgeführte Veranstaltung gilt als Markstein des
Ahnenerbes auf dem Weg zu nationalem und internationalem Ansehen.815
Jankuhn, der bereits an diversem Grabungen des Archäologischen Ins­
titutes des Deutschen Reiches auf dem Balkan, im Orient und in Ägypten
teilgenommen hatte, wurde somit zum Vorzeigearchäologen des Ahnener­
be. Nachdem er 1940 Schleif als Abteilungsleiter der Forschungsstätte Aus­
grabungen im Ahnenerbe abgelöst und zum ordentlichen Professor in Kiel
ernannt worden war, führte ihn sein nächster Auftrag nach Frankreich, wo
er die Untersuchung des Teppichs von Bayeux leitete.
Der in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandene, ca. 52 cm
hohe und fast 69 m lange Stickteppich zeigt in 58 Einzelszenen die Erobe­
rung Englands durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer.
Die Bildfolge beginnt mit einem Zusammentreffen von Harald Godwin-
son, Earl of Wessex, mit dem englischen König Edward und endet mit der
Schlacht von Hastings am 14. Oktober 1066. Wegen seiner Fülle an detail­
lierten Einzeldarstellungen, der durchdachten Ikonographie und der hand­
werklichen Qualität gilt der Teppich von Bayeux als eines der bemerkens­
wertesten Bilddenkmäler des frühen Mittelalters.816
Jankuhn ließ den Teppich zunächst in die Abtei von Juyae-Mondaye brin­
gen, 1941 wurde der Teppich dann in ein Kunstdepot nahe Le Mans verlegt.
Dort blieb der Teppich bis 1944, dann wurde er vermutlich auf Befehl von
Heinrich Himmler nach Paris gebracht und in einem Keller des Louvre de­
poniert, um ihn vor Kriegsschäden zu bewahren.
Jankuhn erhob den Teppich zum Gegenstand von zwei Vorträgen: Im
April 1941 vor dem Freundeskreis Himmler und im August 1943 vor der
Deutschen Akademie in Stettin.817
Am 21. August 1944 versuchten SS-Offiziere ebenfalls auf Befehls Himm­
lers den Teppich noch aus dem Louvre zu holen und nach Berlin zu ver­
bringen. Die Straßen rund um den Louvre waren jedoch zu dem Zeitpunkt

814 So Jankuhn (1943), S. 3.


815 Vgl. dazu Kater (2006), S. 115.
816 Vgl. Wikipedia: Der Teppich von Bayeux.
817 Wikipedia: Herbert Jankuhn.

262
Veit-Stoß-Altar von Krakau Bild aus dem Nachlaß Jankuhns
schon in der Hand französischer Widerstandskämpfer, so daß die Evakuie­
rung des Teppichs scheiterte.818
Im Januar 1943 hatte von Mühlhausen, Leiter der noch jungen Ahnener­
be-Abteilung für Keltische Studien, eine Forschungsreise in die Bretagne ge­
leitet, für die ursprünglich Herbert Jankuhn vorgesehen war.819 Dieser war
jedoch auf einem anderen Schauplatz voll und ganz eingespannt.

„Regermanisierung" & „Sicherstellung" von Kulturgütern


1941 bildete das Ahnenerbe auf Initiative Jankuhns das sogenannte „Son­
derkommando Jankuhn", in dessen Rahmen in sowjetischen Museen befind­
liche Objekte erfaßt und geborgen werden sollten. Einige der interessantesten
Objekte wurden bereits Mitte des Krieges nach Deutschland ausgeführt.
Im Juli 1942 beauftragte Himmler seinen Vorzeige-Archäologen, auf die
kurz zuvor besetzte Halbinsel Krim zu reisen, um dort Spuren der Ostgoten
aufzuspüren, die sich hier im 3. Jahrhundert niedergelassen hatten.
Doch gerade auf der Krim trat die SS in Konkurrenz mit dem von Rosen­
berg zur Sicherung und Erforschung der vorgeschichtlichen Fundbestände
des Ostraums entsandten Hans Reinerth.820 Aufgrund eines Führererlasses
vom 1. März 1942 hatte Rosenberg grünes Licht für die Beschlagnahme von
Kulturgütern im Ostraum erhalten - allerdings lediglich sofern sie der „Be­
kämpfung von Juden und Freimaurern" dienten, was jedoch weit ausgelegt
werden konnte. Himmler war im Zuge einer Annäherung an Rosenberg
im Winter 1942 geneigt, seinen Forschern Zurückhaltung aufzuerlegen.821
Dennoch konnte Jankuhn dort aktiv werden, wo Reinerth sein Interessen-

818 Bridgeford (2004).


819 Vgl. Lerchenmüller (1997), S. 404 f.
820 Vgl. Freitag/Grenzner (1998), S. 48.
821 Ebenda, S. 37/49.

263
gebiet nicht absteckte. So gelangte
Jankuhn mit den Assistenten Dr.
Karl Kersten und Wolf von Seefeld
im Gefolge der 5. SS-PzDivison Wi­
king nach Maikop, wo sie Bestände
aus dem örtlichen Museum, die in
einem Schuppen gelagert wurden,
sicherstellten. Dr. Kersten besuch­
te die Bergstädte Eski-Kermen,
Tepe-Kermen und Katschi-Kalion,
um ostgotische Siedlungen archäo­
Sonderkommando Jankuhn auf der Krim logisch zu erkunden. Ebenso wie
diese Forschungen blieb zwar auch
die weitere Suche nach ostgotischen Artefakten - so etwa im Juni 1943 im
Dnjeprbogen bei Kursk - weitgehend erfolglos, dennoch gelang die Bergung
zahlreicher Funde ostgermanischer und skythischer Provenienz - trotzdem
viele Artefakte zuvor von den Sowjets teils evakuiert und versteckt, teils von
marodierenden Rotarmisten geplündert worden waren.822
Trotz der dem Ahnenerbe im Allgemeinen und Jankuhn im Besonderen
vorgeworfenen Tatbestandes des „systematisch betriebenen Raubes von
Kunst- und Kulturgütern", kommen die so urteilenden Autoren nicht umhin
einzuräumen, daß insbesondere die musealen Sammlungen von Plünderun­
gen und Zerstörungen bedroht waren, so daß Jankuhn und andere hier reinen
Gewissens eine Sicherstellung zum Schutz in Anspruch nehmen konnten.823
Bemerkenswert ist jedenfalls Jankuhns persönliche Einschätzung der Ost­
völker, mit der er innerhalb des Ahnenerbes und der SS ingesamt eine Vor­
reiterrolle einnahm:
„Wenn wir in Zukunft in stärkerem Maße die geistige Führung in Europa aus­
üben wollen, so können wir nicht ausschließlich das germanische Element betonen
und dadurch von vornherein eine Scheidewand zwischen uns und den anderen Völ­
kern errichten, sondern wir müssen in viel stärkerem Maße als das bisher geschah
die indogermanischen Wurzeln betonen, die uns mit den meisten europäischen Völ­
kern gemeinsam sind. Wir müssen weiterhin nach meinem Dafürhalten betonen,
daß das deutsche Volk, bei dem das germanische Element überwiegt, doch auch an­
dere Völker in sich aufgenommen hat, und daß wir dabei keineswegs die anderen
Völker als von vornherein zweitrangig betrachten."824
Neben dem Einsatzstab Jankuhn waren auch weitere SS-Männer an der
Sicherstellung von Kulturgut beteilt, etwa der Wewelsburg-Archäologe

822 Vgl. dazu Knaack (2010), S. 105 f.


823 Vgl. insbesondere Hufen (1998), S. 84f./87.
824 Schreiben von Jankuhn an Sievers vom 5.12.1941, zit. nach Hufen (1998), S. 81.

264
Wilhelm Jordan. Dieser ver­
mochte zwischen Dezember
1942 und Oktober 1943 im Ge­
biet von Kiew, Dnjeprpetrowsk
und Poltawa überwiegend im
Tausch gegen Lebensmittel eine
ganze Reihe mehr oder wenige
eindrucksvolle Funde zu erste­
hen, deren Wert bei der einhei­
mischen Bevölkerung nicht allzu
hoch veranschlagt wurde.825 Eski Kermen - Skythenhelm von Maikop
Doch nicht nur das Ahnenerbe,
sondern auch das RSHA von Franz Six beteiligte sich für die SS an der Suche
nach Kulturwerten. Bereits 1939 sandte der Leiter den SS-Untersturmführer
Peter Paulsen auf eine Spezialmission. Paulsen sollte den berühmten, vom
deutschen Künstler Veit Stoß gebauten Altar sicherstellen, der sich in Kra­
kau befunden hatte. Obgleich die Polen den Altar vorsorglich in 32 Teilen an
verschiedenen Orten versteckt hatten, war Paulsen erfolgreich und es gelang
ihm, den kompletten Altar nach Deutschland zu überführen, wo er in Nürn­
berg eine vorübergehende Bleibe erhielt.826

Südtirol-Umsiedlung
1941 rückte aufgrund der Vereinbarung zwischen Deutschland und Itali­
en auf Aussiedlung der Deutschen aus Südtirol das Gebiet in das Blickfeld
des Ahnenerbe.
Unter Führung von Wolfram Sievers sollte zwischen 1940 und 1943 das
„gesamte dingliche und geistige Kulturgut aller umzusiedelnden Volks­
deutschen" registriert und ins Reich überführt werden.827 Dabei sollte zum
einen der durch die Aussiedlung entstehenden Gefahr des Vergessens alter
Volksbräuche vorgebeugt werden, was bereits seit 1937 zu den Aufgaben­
bereichen des Ahnenerbe zählte. Zum anderen mußte neben der Erfassung
und Verschickung des deutschen Kulturgutes in Südtirol auch eine Einstu­
fung der Bevölkerung auf deutsche Abstammung erfolgen, woran das Ah­
nenerbe ebenfalls beteiligt war.
Am 3.1.1941 erfolgte ein die Arbeit vorbereitender Besuch des Geschäfts­
führers Sievers in Bozen. Am 17.3. 1941 folgte eine gemeinsame Reise Sie­
vers mit Dr. Posse, dem Sonderbeauftragten des Führers für alle ins Reich
verbrachten deutschen Kulturgüter nach Südtirol.

825 Vgl. Freitag/Grenzner (1998), S. 49; ebenso Huismann (2009), S. 210 f.


826 Vgl. Pringle (2006), S. 199 f.
827 So Probst-Effah (1994), S. 165.

265
Im März 1941 vereinbarten Sievers und Franz Altheim, eine schon länger
geplante Forschungsreise nach Südtirol anzusetzen (siehe Kap. 5). Am 8.9.1941
brach Altheim gemeinsam mit seiner Begleiterin Erika Trautmann nach Kärn­
ten mit nicht genau zu verifizierendem Auftrag auf. Bereits am 6.11.1941 war
die Forschungsreise abgeschlossen und es erfolgte ein Bericht an Sievers.828
Auch Bruno Schweitzer wurde in Südtirol aktiv. Ende 1940 fertigte er im Rah­
men der dem Ahnenerbe unterstellten Kulturkommission Aufnahmen Südti­
roler Dialekte an.829
Die für „Volksmusik" zuständige Arbeitsgruppe stand unter Leitung von
Alfred Quellmalz. Zwischen 1940 und 1942 engagierte sich ein Forscherteam
in den Bereichen Volkslied und Instrumentalmusik, Volkstanz, Kinderlied,
Kinderspiel und Musikgeschichte. Wie es der Zeitgeist heute innerhalb der
akademischen Forschung verlangt, wird auch auf diesem unpolitischen Feld
den Forschern heute vorgeworfen, „Ergebnisse von Befragungen öfter im Sin­
ne der Ahnenerbe-Ideologie manipuliert" und „die Bevölkerung ideologisch
beeinflußt zu haben", um „die nationalsozialistische These von der rassischen
Kontinuität untermauern und propagandistisch verwerten" zu können.830
Doch auch in anderen Teilen Europas war das Ahnenerbe mit der Erfas­
sung von Volksliedgut beschäftigt. So übernahm Richard Wolfram als Leiter
der Lehr- und Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde in Salz­
burg auch die Aufgabe, deutsche Sprachinseln in Südeuropa, u.a. den Karpa­
ten, volkskundlich zu erforschen.831

Karstforschung
Ein weiterer mit Kriegsausbruch aufrecht erhaltener Forschungszweig war
die Höhlen- und Karstforschung, die im Oktober 1938 in Salzburg unter Lei­
tung Robert Steinhäusers gegründet worden war. Hier ging es neben der ar­
chäologischen Erschließung von steinzeitlichen Fundstätten auch um die Fra­
ge der künftigen Nutzung von Höhlen als Lager- und Produktionstätten.832
Zu den untersuchten Karststrecken zählt die Höhle von Busau bei Olmütz /
Tschechei833
1942 ging aus der inzwischen unter Kommando Hans Brands stehenden
Karstforschung im Ahnenerbe ein SS-Karstwehrbataillon hervor, das vor al-

828 Vgl. Schreiben Altheim an Sievers v. 6.11.1941, Archiv Verfasser.


829 Simon (ChrSchweizer), S. 17f.
830 Schwinn (1989), S. 95 f.
831 Probst-Effah (1994), S. 164 f; hier der Verweis auf Wolfram: Volkstänze aus
Deutsch-Mokra, in: Das deutsche Volkslied, Jg. 41, 1939, S. 30-33, S. 30.
832 Vgl. etwa Schreiben Dr. Brandt an Sievers vom 8.8.1943, über Aufstellung einer
Liste von Höhlen zur Aufbewahrung von Lebensmitteln. Heiber (1970), S. 287.
833 siehe dazu Heiber (1970),S. 100 f.

266
lern für die Partisanenbekämpfung in Stollensystemen Istriens Verwendung
finden sollte.834

11.2. Von Tibet nach Dachau

Die Hauptanklagepunkte, die das Ahnenerbe in die Reihe der verbreche­


rischen Organisationen rückte, bezieht sich zum einen auf die Durchfüh­
rung von Menschenversuchen für medizinische Zwecke, zum anderen auf
die Aufstellung einer Skelettsammlung, für die gezielt Menschen getötet
worden sein sollen.

Rassenkunde
Im Gegensatz zu anderen Forschungsfeldern gewann die Rassenkunde
innerhalb des Ahnenerbe mit Kriegsbeginn nicht weniger, sondern mehr Be­
deutung. Nachdem der seit 1937 im Persönlichen Stab RF-SS tätige Anthro­
pologe Bruno Beger bereits auf der Tibet-Expedition rassekundliche Unter­
suchungen für das Ahnenerbe anstellte, avancierte er mit Kriegsbeginn zum
führenden Ahnenerbe-Anthropologen. 1941 erging ein Forschungsauftrag
Himmlers an das Ahnenerbe, mit dem Beger sich weitere Sporen verdienen
konnte: Es ging um den sogenannten Fettsteiß, der bereits Lanz von Lieben­
fels bewegt hatte.835
836 Diese beim afrikanischen Volk der Hottentotten auftre­
tende Fettlage am Gesäß der Frauen erinnerte Himmler an die Venusstatu­
etten der Altsteinzeit, die in Österreich und Deutschland gefunden worden
waren. Himmler ordnete daher eine gemeinschaftliche Untersuchung zwi­
schen Ahnenerbe und RuSHA an, um folgende Fragen zu eruieren:
1. Wo wurden, kartenmäßig aufgezeichnet, solche Venusfiguren überall gefunden?
2. Wie war das Klima an diesen Stellen zur Zeit, als das betreffende Volk lebte?
3. Gibt es Hinweise, daß entweder Völker ähnlich wie die Hottentotten damals in
den Fundgegenden lebten oder ist anzunehmen, daß eine gemeinsame Ahnenschicht
in den Fundgegenden und in den heutigen Hottentotten-Gegenden lebte, und daß
diese Art Menschen bei uns durch irgendwelche Umstände - sagen wir durch Kli­
mawechsel - oder durch die Cromagnon und die späteren nordischen Menschen ver­
trieben und vernichtet wurde?
4. Genauestens wäre in diesem Zusammenhang nachzuprüfen, wie lange man von
den Hottentotten und anderen Völkern, die solche Fettsteiße haben, diese Art des
Körperbaues bereits weiß, und weiterhin, woher die Hottentotten und diese anderen
Völker in jedem einzelnen Fall stammen. Insgesamt also, wie weit man sie zurück­
verfolgen kann...."S36

834 Vgl. Koop (2012), S. 139 f.


835 Lanz von Liebenfels (1906), S. 7.
836 Himmler an Ahnenerbe, 2.9.1941, zit. nach Heiber (1970), S. 118.

267
Eine Motivation dieses Auftrages sieht Kater in dem rassekundlichen
Nachweis, der Überlagerung der ehemaligen Negerrasse in Europa durch
die Cro-Magnon-Rasse was die Überlegenheit der weißen gegenüber der
schwarzen Rasse erwiesen hätte.837
838

Während Otto Huth auf die Verwendung der altsteinzeitlichen Figuren


als „Idole ohne reales Vorbild" hinwies, lehnte Assien Böhmers eine gene­
relle Verbindung zwischen den europäischen und russischen Fettsteißfigu-
ren ab. Lediglich Beger entsprach mit seinen Ausführungen der Intention
Himmlers und räumte die Möglichkeit lebendiger Vorbilder ebenso ein, wie
eine Verwandtschaft zwischen diesen potentiellen Hottentotten-Vorfahren
und den Juden: „Unter Jüdinnen sind mitunter auffallend starke Gesäßentwick­
lungen zu beobachten, die womöglich auf die gleiche fettsteißbildende Erbanlage wie
bei Hottentotten und Buschmännern zurückzuführen sind. Im Judentum sind ja
außer den Grundrassen (orientalisch und vorderasiatisch) auch Bestandteile der af­
rikanischen Rassen aufgegangen."333
1943 wurde Beger auf Wunsch von Prof. August Hirt mit der anatomi­
schen Aufnahme von jüdischen Skeletten für eine Skelettsammlung der
Universität Straßburg betraut. Während seines Einsatzes nutzte er die Gele­
genheit, auch an Mongolen anatomische Untersuchungen anzustellen.839 Die
Verwicklung Begers in die Einrichtung der Skelettsammlung führte 1969
zu einer Verurteilung zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe, die vor allem
auf Aussagen Katers beruhte, in denen dieser Details aus seinen Interviews
mit Beger preisgab und entsprechende Interpretationen mit detektivischem
Spürsinn gleich mitlieferte.840
841

Noch vor dem Kriegsende regte Beger einen weiteren rassekundlichen


Vorstoß an: Eine Studie über die „Rassen im Kampf". Konkret ging es um
die Fragestellung, „welcher Art die Unterschiede in den Verhaltensweisen der
Rassen im Kampf sind, und welche praktischen Folgerungen und Anwendungs­
möglichkeiten zur wirksameren Bekämpfung eines fremdrassigen Gegners sich aus
derartigen Unterschieden ergeben können."341 Als Mitarbeiter sah Beger seinen
837 So Kater (2006), S. 206.
838 Beger, zit. nach Kater (2006), S. 208.
839 Vgl. Kater (2006), S. 209.
840 Damit entpuppte sich Kater nicht nur als Hobbyagent, sondern erwies zugleich
der wissenschaftlichen Forschung einen „Bärendienst" - die fragwürdige Vermi­
schung wissenschaftlicher Befassung mit persönlichen Rachemotiven führt nämlich
zwangsläufig zu einer Verweigerung von Zeitzeugen-Aussagen gegenüber nach­
folgenden Forschern - Beger beispielsweise gab erst dem US-Autoren Christopher
Haie - 35 Jahre nach seinen Negativerfahrungen mit Kater, wieder Einblick in seine
Tätigkeiten; vgl. dazu Haie (2008), S. 3 ff.
841 Himmler an Bormann, zit. nach Kater (2006), S. 209.

268
früheren Ordinarius Prof. Ludwig Clauss vor, der obzwar durch mehrere
Veröffentlichungen bekannt, in Parteikreisen in Ungnade gefallen war.842
Aufgrund der Negativentwicklung des Krieges seit Ende 1943 kam es indes
nicht mehr zur Umsetzung dieses Forschungsvorhabens.
Anders als gegenüber den Juden, erwies sich Himmler gegenüber einer
anderen verfolgten Gruppe wesentlich milder: So ordnete der Reichsfüher
nach Aussage Sievers im September 1942 die Aufnahme einer näheren und
sehr positiven Verbindung des Ahnenerbe zu den noch in Deutschland leben­
den Zigeunern an.843 Hintergrund war die Zugehörigkeit der Zigeuner zur
indogermanischen Sprach- und nach Meinung verschiedener Forscher auch
Völkerfamilie. Bereits Weisthor hatte eine relativ wohlwollende Meinung ge­
genüber den Zigeunern geäußert, als deren geheimer König er sich als letz­
ter Sproß seines irministischen Familienzweiges wähnte.844 Weisthor zufolge
seien die Zigeuner aufgrund der Kreuzigung des Kristos verfluchte Wodans­
anhänger, die einmal in ihrem Leben zur Klus nach Goslar - der vermeintli­
chen Kreuzigungsstätte Baldur-Krestos - pilgern müßten. Walther Wüst be­
scheinigte den Zigeunern hingegen weitaus wissenschaftlicher den Status als
„Nachfahren der indogermanischen Urvölker in direkter Linie."845 Allerdings
bezog sich Himmlers Milde lediglich auf die wenigen reinrassigen Zigeuner,
die seßhaft gemacht werden sollten, während die Mischlinge, also der Groß­
teil der Zigeuner, nicht vor den Konzentrationslagern bewahrt blieb.846

Medizinische Forschung
In Bezug auf die durch Ahnenerbe-Mitarbeiter durchgeführten Men­
schenversuche in den KL war es vor allem Sigmund Rascher, der in Koope­
ration mit dem Ahnenerbe für die Luftwaffe Höhenexperimente mit Häftlin­
gen durchführte, denen mehrere Probanden zum Opfer fielen.

842 Zu seinen Veröffentlichungen zählen: „Die nordische Seele, eine Einführung in


die Rassenseelenkunde" sowie „Rasse und Seele"; Kritikpunkt war die Übertragung
des Begriffs der nordischen Rasse auf das Geistige, auf Grund derer Dr. Walther
Groß meinte, mit Clauss „würde unsere ganze Rassenlehre in sich Zusammenfäl­
len"; demgegenüber nahm Himmler den Gelehrten in Schutz: „Es sei bedenklich,
einen Mann wie Prof. Dr. Clauss, der doch immerhin einiges wissenschaftlich ge­
leistet hat, nun durch restlose Ablehnung zur Verzweiflung und damit irgendwie in
das Lager unserer Gegner zu treiben." Vgl. Kater (2006), S. 210.
843 So Kater (2006), S. 206.
844 Vgl. Winkler-Dechend bei Flowers (2001), S.143: „Der Oberst war der „Ge­
heime König“ der Zigeuner, so wie es andere ungarische Fürsten vor ihm waren".
845 Wüst (1937), S. 33 ff.
846 Vgl. Kater (2006), S. 206 f.

269
Auch Himmlers Interesse an der Naturheilkunde
forderte ihren Tribut: So wurden Häftlinge unter
Aufsicht von SS-Arzt Prof. Robert Grawitz mit ver­
schiedenen Krankheiten, darunter Sepsis infiziert,
um die Wirksamkeit diverser homöopathischer
Mittel zu testen. Zum Leidwesen der Opfer erfüll­
ten die Arzneimittel nur in wenigen Fällen ihren
Zweck - mehrere Probanden verstarben während
der Tests.847
Entgegen der landläufigen Meinung finden sich je­
doch innerhalb der Ahnenerbe-Akten zahlreiche Be­
lege für Ziele Himmlers, die bislang kaum Eingang in
SS-Arzt Robert Grawitz
die akademische Literatur zum Ahnenerbe-Komplex
fanden. Dabei handelt es sich um wissenschaftliche
Einrichtungen, die mit der Schädlingsbekämpfung betraut waren. Auf den
ersten Blick handelt es sich dabei um ein typisches SS-Ansinnen, Juden und
andere Gruppen „auszumerzen". In diese Richtung zielt auch Franz Wege­
ner, wenn er sich mit der Seuchenhexe Nasav befaßt, die in der Ahnenerbe-
Korrespondenz Erwähnung findet und als Verbreiter(in) von Seuchen galt.
Wegeners Fazit: „Eine Seuche, gegen die die eigene Bevölkerung rechtzeitig geimpft
würde, wäre in der Lage, große Gebiete im Osten vergleichsweise unauffällig zu ent­
völkern, um so für die Kolonisatoren ,Raum im Osten' zu schaffen."848
Indes scheint die Sachlage bei genauerem Hinsehen diametral den Interpre­
tationen Wegeners entgegenzustehen. So dominiert innerhalb der gesamten
Korrespondenz Himmlers mit den Seuchenbekämpfungsstellen der Wunsch,
die Häftlingssterblichkeit innerhalb der KL zu senken. Hintergrund war eine
große Sterblichkeit, die auch durch Seuchen ausgelöst wurde und insbesonde­
re das Lager Auschwitz betraf, welches aufgrund eines hohen Grundwasser­
spiegels von verschiedensten Mücken- und Fliegenarten heimgesucht wurde,
die tödliche Krankheiten verbreiteten, insbesondere Typhus. Dieses mit der
Seuchenhexe verbundene Anliegen Himmlers - nämlich die Bekämpfung der
Ausbreitung von Seuchen - wird auch deutlich anhand eines weiteren Schrei­
bens des SS-Arztes Dr. Brand an Wolfram Sievers. In diesem wird Himmlers
Frage bezüglich der biologischen Bekämpfung der Stubenfliege (die Himmler
als Verbreiter von Seuchen identifiziert zu haben glaubte) erwähnt, ob „nicht
an eine Züchtung von Schlupfwespen oder ähnlichen Insekten herangegangen werden
könnte, die Mücken oder Fliegen vertilge".849 Es ging also nicht um eine Nutzung
oder gar Züchtung dieser „Seuchenfliege", sondern um deren Bekämpfung!

847 Vgl. Wegener (2006), S. 124 ff.; siehe hierzu auch Koop (2012), S. 207ff.
848 So Wegener (2004), S. 37.
849 Vgl. Heiber (1970), S.371.

270
Der Wunsch Himmlers spiegelt dabei keine Menschenfreundlichkeit wider,
sondern ist vielmehr dessen Ansinnen geschuldet, mehr Häftlinge für Arbei­
ten zur Verfügung zu haben, die an verschiedenen SS-Großprojekten einge­
setzt werden sollten: Ende 1944 waren etwa 400.000 KL-Häftlinge in rüstungs­
wichtigen Betrieben beschäftigt.850 Die Auswertung der Akten läßt den Schluß
zu, daß das Ziel der Bemühungen Himmlers tatsächlich auf die Senkung der
Sterblichkeit ausgelegt war.851
Einen wichtigen Grund dafür dürfte der bei Auschwitz angesiedelte IG-Far-
ben-Industriekomplex spielen. Dieser produzierte nämlich keineswegs Buna,
wie offiziell angegeben, sondern könnte - wie der einer pro-nationalsozialisti­
schen Tendenz unverdächtige US-Autor Joseph Farrell nahelegt - der deutschen
Atomwaffenforschung als Urananreicherungsstätte gedient haben. Auch wenn
tatsächliche Beweise fehlen, sprechen einige Indizien für diese Theorie: Die gro­
ße Zahl von Arbeitskräften (Häftlingen), die strikte Geheimhaltung sowie die
infrastrukturell gute Lage nahe den Uranerzvorkommen des Sudetenlandes -
abgesehen von der Tatsache, daß während der gesamten Betriebszeit der ver­
meintlichen Buna-Produktionsstätte kein einziges Gramm Buna erzeugt wurde.
Wobei letzteres Argument bislang jenen zupaß kam, die Auschwitz als reines
Vernichtungslager betrachteten. Allerdings wurden tatsächlich Häftlinge zu
Arbeiten herangezogen, was diese These zum Einsturz bringt.852 Überdies pro­
duzierte die IG-Farben in den Leunawerken Merseburg auch das zur Isolation
des Uranoxids notwendige feste Kohlendioxid.
Im Jahre 1944 übernahm Kurt Plötner die Leitung des Instituts für wehr­
wissenschaftliche Zweckforschung in Dachau. In seiner Abteilung „P"
(=Plötner) setzte er die Forschungsarbeiten des im März 1944 verhafteten
Sigmund Rascher fort.853 In dieser Funktion führte Plötner im KZ Sachsen­
hausen eine Reihe von Menschenexperimenten durch, um die blutstillende
Wirkung des Medikaments Polygal zu untersuchen.

850 So Höß, zit. nach Kater (2006), S. 219.


851 Dies räumt auch Kater (2006), S. 227 f, ein, der die Aussagen des ehemaligen
Kommandanten Höß, demzufolge die Häftlingssterblichkeit durch Seuchen Teil des
Himmlerschen Judenausrottungsplans gewesen wäre, anzweifelt. Kater zufolge hätte
Himmler durchaus ein Interesse an der Gesunderhaltung eines Teils der Häftlinge als
Arbeitssklaven gehabt, außerdem widerspräche das unkontrollierte Sterben dem Plan
der organisierten Tötung.
852 Vgl. Farrell (2010), S. 41 f; man beachte auch die durch Zeugenaussagen belegte
Behautpung, bei Auschwitz habe ein Atomwaffentest stattgefunden, bei dem 20.000
Juden in einer künstlich errichteten Stadt umkamen; Mayer/Mehner (2004), S. 224
853 Rascher wurde im März 1944 aufgrund einer Kindesentführung seiner Frau und
damit verbundener „Charakterschwächen" aus der SS entlassen und später hingerich­
tet; vgl. Kater (2006), S. 103; ebenso zuletzt Koop (2012), S. 175 ff.

271
Zur Fortführung der Versuche und Produktion des Blutstillmittels auf der
Grundlage von Pektin ließ er sich ein Außenlager des Konzentrationslagers
Dachau einrichten und zu Forschungszwecken Dachauer KZ-Häftlinge zu­
teilen, die ansonsten in der Produktion mitwirkten. Nach einem Jahr wurde
das Lager am 7. April 1945 aufgrund heranrückender französischen Trup­
pen aufgelöst und von Plötner im benachbarten Vorarlberg als Außenlager
Lochau für knapp einen Monat wieder eröffnet.
Weitere Schwerpunkte lagen auf der Entwicklung medizinischer Arznei­
en, vor allem von Blutgerinnungsmitteln wie Styptorol.
Auch der bereits erwähnte von Lützelburg war in die medizinische For­
schung involviert, für die er auf seine in Südamerika gewonnenen Erkennt­
nisse zurückgriff. Er stand in enger Verbindung mit Dr. Rascher bezüglich
der Erprobung eines von ihm entwickelten Krebsheilextraktes aus einer al­
pinen Pflanze anhand von Menschenversuchen. Im September 1943 dank­
te Himmler seinem Schwager in einem Brief: „Ich bin sehr froh, daß du jetzt
in Dachau bist, da u dort mit Rascher sowie mit unseren Heilkräuter-Instituten
in engster Fühlung lebst. Der Krebsforschung messe ich allergrößten Wert bei."85i
1944 wurde die Krebserforschung auf den Wirkstoff Colchizin ausgewei­
tet und in Zusammenarbeit mit Eduard May, dem Leiter des entologischen
Ahnenerbe-Institut in Dachau, durchgeführt. Im Januar 1945 erstattete von
Luetzelburg der Reichsgeschäftsführung einen positiven Bericht, dessen De­
tails jedoch nicht - zumindest offiziell - erhalten geblieben sind.
Während die medizinische Forschung bereits umfangreich wissenschaft­
lich behandelt wurde, ist in einem anderen Bereich der Sonderforschung, in
die das Ahnenerbe involviert war, ein überraschender Mangel feststellbar:
Der Sonderwaffenforschung.

11.3. Kammler, die deutsche Atombombe &


die Geheimwaffenforschung

Wenn heute von deutschen Wunderwaffen die Rede ist, so denken die
Meisten an die VI und V2, die seit 1943 bzw. 1944 als „Vergeltungswaffen"
gegen England eingesetzt wurden. Während die unbemannte VI als erster
Marschflugkörper der Geschichte bei einer Maximalgeschwindigkeit von
650 Km/h noch relativ leicht abgefangen werden konnte, gab es gegen die
V2, die erste Rakete mit Sprengkopf, keine Abwehrmöglichkeit. Daß jedoch
die V2 nur den Anfang einer viel weiter fortgeschrittenen Geheimwaffen-
Forschung des Dritten Reiches darstellte, wurde zumeist übersehen. Unter
dem Projekttitel V3/ A9 firmierte eine Weiterentwicklung der V2, die in der
Lage sein sollte, selbst Amerika erreichen zu können. Daneben gab es eine *
854 Simon (ChrLuetzelburg), S. 23.

272
Real existierende Wunderwaffen: Focke Wulf Triebflügel - Strahlbomber Junkers 287
ganze Reihe von ferngesteuerten Raketen, Nurflügel- und Deltaflugzeugen
sowie andere Waffensysteme, die in den verschiedensten Entwicklungssta­
dien standen - unter anderem mehrere Strahlflugzeuge, die als „Amerika-
Bomber" vorgesehen waren. In jüngster Zeit sickern dabei mehr und mehr
Informationen über bereits existente Flugzeugtypen an die Öffentlichkeit,
die bislang als lediglich geplant oder auf dem Reißbrett existent bezeich­
net worden waren.855 Während die Ankündigung neuer Vergeltungswaffen
durch Propagandaminister Goebbels und auch Heinrich Himmler lange Zeit
als Bluff angesehen wurden, scheint nun sicher, daß zahlreiche Projekte kurz
vor dem Einsatz standen.856 Eines der erstaunlichsten ist dabei ein Deltaflug­
zeug mit der Bezeichnung „P 13 A" des Konstrukteurs Alexander Lippisch,
das eine Geschwindigkeit von Mach 1,2 erreicht haben soll und ausweislich
einer US-Dokumentationsliste aus den sogenannten „Lusty-Akten" erbeutet
wurde.857

855 Bereits 1956 hatte der ehemalige Patentamtsmitarbeiter Rudolf Lusar ein Buch
veröffentlicht, das zahlreiche geheime Waffenprojekte vorstellte. Der Inhalt wurde
jedoch nicht sonderlich beachtet, bis sich 30 Jahre später herausstellte, daß die alliier­
ten selbst das Buch so ernst nahmen, daß sie eine Expertenkommission einrichteten,
um die Angaben zu überprüfen; vgl. Georg (2009), S. 126.
856 Vgl. dazu insbesondere Georg (2009) sowie Witkowski (2008); exemplarisch
für den Optimismus selbst in engsten Parteikreisen ist der Brief Bormanns an seine
Frau vom 2. April 1945, in dem er seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, „daß die
Produktion der Jäger, wie von Kammler noch geplant, groß genug sein werde und
daß die erhofften Erfolge nicht zu spät kämen", zit. nach Kater (2006), S. 220 ;
ebenso berichtet Kersten von einer Aussage Himmlers im Dezember 1944. in der er
davon spricht, daß man „bald die letzte Waffe zum Einsatz bringen werde, welche
die Kriegssituation dramatisch ändern wird; zit. nach Pringle (2006), S. 283 f.
857 Vgl. Farrell (2009), S. 21 - die „Lusty-Dokumente" umfassen Berichte zu deut­
schen Geheimtechnologien und -Waffen, die anhand von Geheimdienst- und diver­

273
Hintergrund dieser geheimen Waffenentwicklungen war die zunehmen­
de Verlagerung deren Produktion im Verlauf des Krieges in die Hände der
SS. Im August 1943 beschloß Hitler auf Vorschlag Himmlers, Arbeiter für
die Rüstungsproduktion aus den Kl zu rekrutieren. Bereits im März 1942
hatte Himmler die Zusammenarbeit der Skoda-Werke bei Prag sowie der
Waffenwerke Brünn bei der Entwicklung neuer Waffensysteme mit der SS
angeordnet.858 1943 erfolgte die Einrichtung einer eigenen SS-Fliegertruppe.
Seit dieser Zeit war die SS dadurch faktisch unabhängig, nicht nur in der
Entwicklung, sondern auch im Einsatz neuer Waffen. Zugleich verfügte die
SS auch über die Mittel, ihre Forschungen und ihre Produktion unter stren­
ger Geheimhaltung und abgeschottet von der Außenwelt durchzuführen.
Im Juli 1944 wurde Himmler zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt
und im September erhielt SS-General Kammler das Kommando über die bis­
her dem Heer unterstehenden VI und V2 Raketeneinheiten.859 Der promovier­
te Ingenieur Hans Kammler hatte sich beim Aufbau der Wehrmacht Anfang
der 30er Jahre erste Sporen verdient und war Ende der 30er Jahre im Auftrag
der Luftwaffe als Militärberater bei den Sowjets tätig.860
861 1942 trat er als Baube­
vollmächtigter in die SS ein und leitete den Aufbau des KL Auschwitz. In den
darauffolgenden Jahren erhielt er den Oberbefehl über die SS-Baudivision und
stieg bald zum Verwalter des SS-Wirtschaftsimperiums auf, das über mehrere
Millionen Zwangsarbeiter aus den Konzentrationslagern verfügte. 1944 unter­
stand ihm der Einsatz der VI und V2 Waffen gleichzeitig der Ausbau der unter­
irdischen Produktionsstätten in Nordhausen (Dora-Mittelbau) und im Jonastal
(Sonderbauvorhaben S-III) sowie die Entwicklung aller neuen Waffensysteme.
Am 27. März 1945 schließlich übertrug Hitler dem als äußerst akribisch und
durchsetzungsfähig geltenden SS-Bürokraten unbeschränkte Vollmachten für
das Strahljäger-Notprogramm. Hans Kammler wurde damit zu einem der ein­
flußreichsten Männer des 3. Reiches, gar zum „mächtigsten Mann Deutschlands
außerhalb des Kabinetts", der sogar befugt war, „jedermann ohne Rücksicht auf Rang
und Stellung zu verhaften, der der Durchführung seiner Befehle im Wege stand."961
Albert Speer, der zugunsten von Kammlers Aufstieg an Macht einbüßte,
schrieb über seinen Rivalen:
„Gerüchteweise sollte Kammler als Himmlers Nachfolger aufgebaut werden. Ich
lernte Kammler als hervorragenden, jedoch eiskalt berechnenden und rücksichtslos
intrigierenden Fachmann kennen, der von seiner Aufgabe besessen und fanatisch in

sen weiteren Berichten zentral gesammelt wurden.


858 Schreiben Voss an Himmler vom 30. März 1942, in dem dieser den Befehl
Himmlers bestätigt. Agoston (1993), S. 24.
859 Vgl. Kater (2006), S. 219.
860 So Agoston (1993), S.17.
861 Agoston (1993), S. 17.

274
der Durchführung seiner Ziele war.... Als Partner
in mancherlei Aufgabenbereichen, in seiner Vor­
stellung vielleicht sogar mein Rivale, war er in sei­
nem Werdegang wie auch in seiner Arbeitsweise
und manchem anderen Wesenszug mein Spiegel­
bild. Auch er kam aus einer soliden Mittelklasse­
familie, hatte die Universität besucht, wurde dann
durch seine Konstruktionen bekannt und fand sich
schnell und sicher auch auf Gebieten zurecht, für
die er überhaupt keine Ausbildung hatte."862
Der bürokratische Offizier schuf innerhalb
SS-Brigadeführer Hans der SS eine Organisation, die heute als Denkfab­
Rammler (links außen) rik bezeichnet werden würde und sich aus einer
Vielzahl von Spezialisten und Forschem zusammensetzte, deren gemeinsames
Ziel in der Entwicklung neuartiger Waffensysteme bestand. Dazu zählten so­
wohl raketen- und strahlgetriebene Flugzeuge als auch alternative und atomare
Antriebstechnologien und schließlich auch Laser- und optische Projekte.863
Bis heute konnten zahlreiche deutsche Forschungen eruiert werden, die
sich mit geheimen Waffenentwicklungen befaßten und vor allem innerhalb
der SS-Einrichtung „Forschung, Entwicklung, Patente“ (FEP) vorangetrieben
wurden. Aufgrund der Entwicklung innerhalb der SS und der damit verbun­
denen hohen Geheimhaltungsstufe waren diese weder in Patentdokumenten
noch in irgendwelchen Aktenbeständen aufgeführt, so daß viele Details erst
im Laufe vieler Jahre durch Augenzeugenberichte und andere Indizien zu­
sammen getragen werden konnten.864
Darüber hinaus wurden insgesamt über 750.000 Patente, mehr als 20.000 Wa­
renzeichen, 50.000 Farbformeln und 146.000 Patentvorschläge von den Allüer-
ten geraubt, die als Grundlage vieler US-amerikanischer Nachkriegserfindun­
gen dienten. Unter den sichergestellten Dokumenten befanden sich auch 204
Kubikmeter Akten des Reichsluftfahrtministeriums, die zahlreiche waffentech­
nische Entwicklungen enthielten, die in vielen Fällen bis heute geheim gehalten
werden.865 Trotzdem auch die Engländer Sonderkommandos („T-Forces") ein­
setzten, um deutsche Hochtechnologie sicherzustellen,866 hatten die US-Ameri­
kaner, die bereits im Vorfeld über eine Vielzahl von Informationen verfügten,
stets die Nase vom, wenn es um die Sicherstellung dieser Güter ging.

862 Speer (1976), S. 376 f.


863 Vgl. Agoston (1993), S. 7; ebenso Georg (2010), S. 74 f.
864 Vgl. Georg (2010), S. 75 ff.; die FEP konnte erst kürzlich eruiert werden.
865 Ebenda, S. 69 ff.; vgl. auch Mayer / Mehner (2007), S. 190 ff.
866 U.a. „30 Assault unit RN" bzw. „30 Advanced Unit" unter Kommando des
späteren James Bond Schöpfers Ian Fleming; vgl. Cook (2006), S. 83.
275
Neben Hans Kammlers „Forschungsimperium" hatte Himmler allerdings
auch sein Forschungsinstitut Ahnenerbe mit Waffenforschungen beauftragt,
um seine schwindende Bedeutung gegenüber dem aufstrebenden SS-Gene­
ral wettzumachen.

Die Strahlenkanone des Oberst Schröder-Stranz


Das einzige exklusive Ahnenerbe-Waffenprojekt war dabei das sogenann­
te „Strahlengerät" des Obersten Schröder-Stranz, obgleich auch hier Ramm­
ler bemüht werden mußte, um Bohrgerät samt Mannschaften zur Verfügung
zu stellen.867 Dieses Gerät sollte den Aussagen seines Erfinders zufolge, in der
Lage sein, sowohl als Mutungsgerät Erdölvorkommen aufzuspüren, als auch in
Form einer Strahlenkanone Lebewesen zu töten oder wahlweise zu „heilen".868
Nachdem die Luftwaffe eine Entwicklung des Gerätes 1943 abgelehnt hatte, bat
Himmler im Juli 1944 um Abkommandierung des Erfinders zur SS, um dessen
Arbeiten durch das Ahnenerbe begutachten zu lassen. So schrieb Sievers an eden
Leiter der Fachsparte für Bodenforschung: „Um keine Möglichkeit, dringend
benötigte Bodenschätze, insbesondere Ölvorkommen zu erschließen, außer
Acht zu lassen, hat der Reichsführer-SS auf Antrag von Oberst Schröder-Stranz
angeordnet, die Zuverlässigkeit eines neuentwickelten geophysikalischen Un­
tersuchungsgerätes nach Johannes Brandt auf Grund systematisch-planmäßig
durchgeführter Versuche und Untersuchungen nachzuprüfen und für die dazu
notwendigen Bohrungen die erforderlichen Hilfsmittel gestellt."869 In Stapel­
burg wurden die Geräte einer näheren Prüfung unterzogen, zu der nach und
nach weitere Fachgutachter hinzu­
gezogen wurden.870 Trotzdem mit
dem Gerät nach Mitteilung von Sie­
vers bereits ein Kupfervorkommen
festgestellt worden sein soll,871 kam
im Oktober 1944 einer der eingesetz­
ten Fachleute, Prof Blome, zu dem
Entschluß, daß die Maschine nicht
einsatzfähig sei.872 Dennoch wurde
bis Februar 1945 weiter geforscht.873

867 Vgl. Koop (2012), S. 136.


868 Siehe Kater (2006), S. 220; die der Maschine zugeschriebenen Eigenschaften
werden in einem nachfolgenden Kapitel noch von größerer Bedeutung sein.
869 Sievers zit. bei Koop (2012), S. 137f.
870 Vgl. Kater (2006), S. 220.
871 So Sievers nach Koop (2012), S. 137.
872 Vermerk Sievers vom 20.10.1944, nach Kater (2006), S. 220.
873 Die Zahlungen für den Stranz-Mitarbeiter Johannes Brandt liefen sogar bis

276
Karl Schappeller
In diesem Zusammenhang ist die Erprobung der Theorien Karl Schappel-
lers (1875-1947) überliefert. Der in einem Armenhaus geborene Schappeller
war eigentlich Postmeister, ließ sich aber bereits mit 44 Jahren frühpensi-
onieren.874 Seitdem forschte Schappeller an einer freien Energieform, die er
„Raumkraft" nannte. In relativ kurzer Zeit gelang es ihm, einen Kreis von
Förderern in Wien und Umgebung zu mobilisieren, der sich aus Personen
verschiedenster Herkunft zusammensetzte. Dazu zählten etwa „der Führer
der Arbeitslosen in Wien", Schloßnagel, Fabrikanten wie Eduard Solderer,
aber auch Angehörige des Klerus, die vor allem durch den Neffen des Linzer
Bischofs, Ingenieur Louis Gföllner rekrutiert wurden, der Mitverfasser eines
„Gutachtens" über Schappellers Arbeit war.875 Aber auch in völkischen Krei­
sen wurde der Erfinder bald bekannt und umgarnt. 1925 erwarb Schappeller
das Schloß Aurolzmünster nahe von Linz, welches zuvor im Besitz der ihn
unterstützenden Familie des Grafen zu Arco Valley war.876 Hier soll er auch
nach dem „Hunnen-Schatz König Attilas" gesucht haben, wobei der nähe­
re Hintergrund dieser Suche offen bleiben muß.877 Zum Kreis der Anhänger
Schappellers zählten auch der ariosophische Verleger Herbert Reichstein und
dessen guter Bekannte Jörg Lanz von Liebenfels, der viel von Schappeller ge­
halten zu haben schien, bezeichnete er diesen in der Zeitschrift „Ariosophie"
1930 doch als ,,Ein[en] Titanejn] auf technischen-physikalischem Gebiet".878
„Ein mehr als 30Jähriges Studium der Natur, unbeeinflußt von aller Schulwis­
senschaft, und eine ganz ungewöhnliche Erkenntniskraft ließen ihntiefer als wohl
je einen Menschen vor ihm in das Wesen der Materie und der Energie eindringen.
Was die modernste Atomphysik und Elektrochemie allmählich in Teilergebnissen
gefaßt hat, war Schappeller schon vor mehr als zehn jähren geläufig. In Hunderten
von Experimenten erprobte er seine durch Studium gewonnenen Erkenntnisse auf

31.3.1945; Interessant in diesem Zusammenhang ist auch ein Eintrag Speers (1976),
S. 468, der von einem ähnlichen Waffenprojekt spricht, das Robert Ley vorantreiben
wollte - auch hier blieb ein Erfolg aus.
874 Gerüchten zufolge handelte es sich dabei um eine Zwangspensionierung auf­
grund amtlich festgestellter Geisteskrankheit so etwa http://www.berlinonline.de/
berliner-kurier/politik/betrueger_teil4/; Bahn (1997) weist allerdings auf die geringe
Glaubwürdigkeit der Gerüchte hin, S. 120 f
875 Siehe Bahn (1997), S. 122 f.
876 Einer anderen Sichtweise zufolge, sei ihm das Schloß „überlassen" worden,
http://www.berlinonline.de/berliner-kurier/politik/betrueger_teil4/; Zur Familie
von Arco Valley gehörte auch der Eisner-Attentäter Anton Graf von Arco auf Val­
ley, der selbst bis 1927 als Folge der Tat in Haft saß; vgl. Bahn (1997), S. 123 f.
877 So Bahn (1997), S. 129.
878 So Wikipedia: Karl Schappeller; zu Reichstein, Goodrick-Clarke: (2004), S. 153.

277
Karl Schap-
peller (re.)

Funktions­
prinzip des
Meta-Mag-
neton (li.)

ihre praktische Verwendbarkeit und so fand er


in der Tat die Grundlage einer völlig neuen
Technik, deren Wesensmerkmal die Erkennt­
nis der dynamischen Einheit der Welt ist. Es
ist damit die Technik aus der Mechanik in die
Dynamik übergeführt worden.....Denn was
Schappeller uns bringt, ist nicht mehr und
nicht weniger als die Urkraft, welche die Mutterkraft aller Materie und Energie zugleich
ist"879, schwärmt das Gutachten, das Schappeller über seine Arbeit in Auftrag
gegeben hatte. Mitverfasser neben Gföllner, war der damals bekannte Dr. Ing.
Franz Wetzel, einer der „führenden Radiästhesisten" der damaligen Zeit.880
Die hier angesprochene „Urkraft" wird auch als magnetostatische Kraft be­
zeichnet, die als „Kohäsionskraft (konzentrische Wirkung des Atmosphären­
drucks), als Magnetismus, als Spannung (irrtümlich Luftdruck genannt), im
Kraftfeld der Erde und schließlich in jedem Vakuum sichtbar werde.881
Schappeller verwendete zur Nutzung dieser Energie einen kugelförmigen
Apparat mit zwei Polen. Als Einsatzzweck der neuartigen Energie wurden
genannt: „Neue Motoren für alle Zwecke und Leistungsgrade, neue Automobile
und Lokomotiven, neue Flugzeuge und sämtliche Starkstrommaschinen sind mit
der neuen Kraft ebenso leicht, billig und zuverlässig zu bedienen als die gesamten
Apparate der Schwachstromtechnik wie neuartige, individuell abgestimmte Fern­
sprecher, Fernmelder, Kinematographen, die Ton und Bild gleichzeitig und plas­
tisch übertragen, neue Beleuchtungskörper und vieles andere mehr. Von besonderer
Bedeutung für die Landwirtschaft sind die Maschinen zur Förderung des Pflanzen­
wachstums, die in der Tat zwei Ernten im Jahr ermöglichen."
Doch auch für militärische Zwecke sollte die Kraft Anwendung finden:
„Dieses Meta-Magneton war so konstruiert, daß die beiden Pole innerhalb einer

879 Gföllner/Wetzel (1928), S. 8.


880 So Bahn (1997), S. 124.
881 Vgl. Gföllner/Wetzel (1928), S. 9.

278
metall-isolierenden Kugelschale gegeneinander gerichtet waren wie die Kohlenstifte
einer elektrischen Bogenlampe. Zwischen diesen beiden introvertierten, metamagne­
tischen Polen, entstand ein Kraftzentrum, von dem aus, wie von einem Leuchtturm,
Todesstrahlen ins Weite gesteuert werden konnten. Diese Todesstrahlen waren
nicht nur imstande, ganze feindliche Bataillons und Tankgeschwader von der Tafel
des Lebens hinwegzuschieben (...), sie konnten auch an allen deutschen Grenzen
eine unsichtbare, alle elektrischen Motorzündungen paralysierende und alle Ge-
schoßladungen zur Explosion bringende Wand bilden... ,"882
Obgleich bereits 1930 ein Gutachten des Wiener Profossors Hans Thiring
die Ansichten Schappellers als „grotesken Unsinn" bezeichneten,883 scheint
das Versprechen Schappellers, mit seinen „Urkraft-Stoffgewinnungsaggre­
gaten" Silber oder Platin aus dem Erdinneren in reinster Form nach oben zu
fördern und durch „Stoffveredelungsmaschinen" „biomagnetisch" Blei oder
Eisen in Gold zu verwandeln, bei Himmler auf offene Ohren gestoßen zu
sein. Bereits 1933 soll sich der Reichsführer in München mit Schappeller ge­
troffen haben.884 Nachdem ein 1935 bei Hitler vorgesehener Termin platzte,
setzte Himmler schließlich sein Ahnenerbe auf den Fall an.885
Allerdings vermochten auch die eingesetzten Ahnenerbe-Fachleute die For­
schungen nicht nachzuvollziehen und gaben eine Negativbewertung ab.886
Wenige Jahre zuvor - 1932 - hatte sich auch die englische Marine für
Schappellers Arbeiten interessiert und soll einen auf Raumkraft basierenden
Schiffsmotor in Auftrag gegeben haben, der jedoch nie fertiggestellt wurde.
Etwa zur gleichen Zeit der Ahnenerbe-Prüfungen gründeten ebenfalls Bri­
ten, ein gewisser Cyril Davson sowie ein Mr. Cooper, sogar ein „Syndikat
zur weiteren Finanzierung" der Arbeiten Schappellers. Dies konnte aller­
dings den Niedergang des Raumkraft-Werkes nicht aufhalten - Schappeller
versank schon vor Kriegsbeginn in Bedeutungslosigkeit und verstarb 1947
auf Schloß Aurolzmünster.887
In jüngerer Zeit wurden Schappellers Forschungen allerdings wieder auf­
gegriffen und zumindest ein Teil seiner theoretischen Erwägungen rehabili­
tiert: So sei die Geschichte von Schappellers Raumkraft-Aggregaten die „Ge­
schichte des ersten echten europäischen Energie-Konverters, der seinen Nachfolgern
von heute um mehr als ein halbes Jahrhundert voraus war."888

882 Adrian Turel: Bilanz eines erfolglosen Lebens, zit. nach Bahn (1997), S. 127.
883 So http://www.berlinonline.de/berliner-kurier/politik/betrueger_teil4/
884 Bahn (1997), S. 130.
885 Zu diesem Termin siehe Heiber/Longerich (1983), S. 121.
886 Vgl. BArch NS21/819.
887 Vgl. Bahn (1997), S. 131.
888 So der Euergieforscher Rolf Schafftanke, zit. nach Balm (1997), S. 119.
Viktor Schauberger
Bis heute spurlos verschwunden
sind dagegen offizielle Akten über den
Wissenschaftler Viktor Schauberger
(1885-1958), obgleich eine Zusammen­
arbeit der SS mit dem Österreichischen
Ingenieur als gesichert gilt. Schauber­
ger wurde als Erfinder einer Holz­
schwemmanlage bekannt und forschte
an allerlei „an der Natur orientierten"
Dingen, darunter zentripetalen Wirbel­
Viktor Schauberger
strömungen des Wassers. Die Beobach­
tung der Natur und Ableitung von Erkenntnissen aus diesen Beobachtungen
führten ihn zur sogenannten „Implosionstechnik", die im Gegensatz zu den
herkömmlichen Explosions- bzw. Verbrennungsmotoren im Einklang mit der
Natur stände. Anfang der 30er Jahre wurde Hitler auf den Forscher aufmerk­
sam und lud ihn 1933 zu einem Gespräch ein, an dem auch der Physiker Max
Planck teilnahm.889 Nach dem Anschluß Österreichs geriet Schauberger erneut
ins Blickfeld der Politik: Einige seiner Geräte wurden durch die Wehrmacht
beschlagnahmt, er selbst seit 1941 für die Flugzeugproduktionsfirma Messer-
schmidt verpflichtet, wo er an Kühlsystemen für Flugzeuge arbeitete. 1943 ar­
beitete er im KL Mauthausen an einem U-Boot Antrieb. Unbestätigten Quellen
zufolge war Schauberger jedoch auch an der Forschung über fliegende Scheiben
beteiligt, auf die noch zurück zu kommen sein wird.

N-Stoff
Als N-Stoff („Normal-Stoff") wird ein chemisches Brand- und Zündmittel
auf Basis einer Chlortrifluorid-Verbindung genannt.890 Die 1929 an der Techni­
schen Hochschule in Breslau zufällig entdeckte Verbindung hatte die Fähigkeit,
ebenso organische Stoffe wie auch Wasser und sogar Metalle explosionsartig
beim ersten Kontakt zu entzünden. Als Einsatzmöglichkeiten des von der IG-
Farben weiterentwickelten N-Stoffs wurde daher unter anderem vorgesehen:
- Inbrandsetzung der schwer entzündlichen Dieselbarrieren vor der Küste
Großbritanniens angesichts einer deutschen Invasion der Insel.
- Steigerung der Brandwirkung von V2-Raketen
- Entfachung von Bränden innerhalb von Panzern durch Koppelung des
N-Stoffes mit Projektilen
889 Cook (2006), S. 259.
890 Die Alliierten fürchteten, daß es sich beim N-Stoff, von dem sie über Spione erfahren
hatten, um eine Anthrax-Bakterienladung handelte, da im englischen „N" für Anthrax
steht, Georg (2009), S. 427f; zum N-Stoffsiehe insbesondere Schmaltz (2005), S. 143 ff.

280
Nachdem die Wehrmachtsstellen nach ausführlichen Prüfungen und
Gutachten die Verwendbarkeit des Stoffes nicht eruieren konnten, übertrug
Hitler im Juli 1944 die Entwicklungsarbeiten auf die SS.891 Hier erhielt der
bereits erwähnte Kurt Plötner im September 1944 über den Reichsarzt-SS
Ernst-Robert Grawitz den Auftrag, als einer von zwei Sachverständigen die
toxischen Wirkungen der Wunderwaffe zu untersuchen. Nach einem ersten
Versuch, über den keine Ergebnisse bekannt sind, wurden im KZ Sachsen­
hausen fünf angeblich zum Tode verurteilte Häftlinge angefordert, um „zur
abschließenden Klärung der physiologischen Wirkung des N-Stoffes auf und durch
die menschliche Haut nunmehr einige Versuche am Menschen durchzuführen".892
Auch das Ahnenerbe war in die Forschungen eingebunden. So ersuchte
Sievers Oswald Pohl für ein N-Stoff Werk, das auf Befehl Albert Speers in
Falkenhagen eingerichtet wurde, Wachmannschaften zu stellen. In seinem
Schreiben an Pohl bezeichnete Sievers den N-Stoff als „kriegsentscheidend" ,893
Bevor im Oktober 1944 die Produktion beginnen konnte, bescheinigte ein
Prüfungsbericht der Waffen-SS trotz eines angeblich erfolgreichen Tests die
Untauglichkeit des N-Stoffes als Brandmittel - lediglich als Zündmittel sei
ein Einsatz in Erwägung zu ziehen.894
Neben dem N-Stoff wurden in Falkenhagen auch die Nervengase Ta-
bun und Sarin durch die IG Farben produziert, deren Einsatz aufgrund
fehlender Gegenmittel allerdings nicht in Erwägung gezogen wurde.
Auch hier war die SS vermutlich aus eigenem Antrieb mit dem Ziel tätig
geworden, chemische Waffen als Gefechtsköpfe der V-Raketen zu ver­
wenden.895

Mathematische Abteilung
Um das geistige Potential innerhalb der Konzentrationslager für Deutsch­
land zu nutzen, wurde im Mai 1944 Oswald Pohl beauftragt, in den Lagern
wissenschaftliche Häftlingsgruppen zusammenzustellen. Diese wurden im
KL Sachsenhausen unter Oberbefehl des SS-Untersturmführers K.H. Boseck
im Rahmen des Ahnenerbe als mathematische Abteilung eingesetzt, in die
auch jüdische Häftlinge aufgenommen wurden. Der Einsatzschwerpunkt
der ab 1944 als „Sonderabteilung M" firmierenden Einheit, lag auf der Be­
rechnung komplexer mathematischer Formeln sowie der Ausarbeitung von
Einzelkonstruktionen, wie des EO2-Gerätes.896

891 Vgl. Stevens (2009), S. 132; ebenso Schmaltz (2005), S. 171.


892 Zit. nach Wikipedia: Kurt Plötner.
893 Schmaltz (2005), S. 167f.
894 So Schmaltz (2005), S. 173; zum Test siehe Stevens (2009), S. 132.
895 Georg (2009), S. 427ff.; vgl. auch Schmaltz (2005), S. 159.
896 Vermutlich ein Kampfstoffdetektor, vgl. Schmaltz (2005), S. 181 u. 186.

281
Akten belegen, daß die Angehörigen der mathematischen Abteilung so­
gar Geldbeträge erhielten, um die Arbeitsmoral zu steigern.897
Darüber wurden aus Häftlingsgruppen auch eine chemische, eine physika­
lische, eine eklektrotechnische sowie eine Kunstruktionsabteilung eingerichtet,
die im Kl Plaszow (Krakau) und im Kl Flossenbürg untergebracht waren.898

Elektrostopp-Forschungen
Eine weitere der von Himmler erträumten Wunderwaffen basierte auf der
Idee, mittels starker elektrischer Strahlung Motorzündungen außer Kraft zu set­
zen. Anfang 1944 wurden im Rahmen des Heeres Versuche mit Flüssigkeiten
durchgeführt, welche Motoren von Fahrzeugen außer Kraft setzen sollten:
„Bei den Versuchen zur Entwicklung eines Motorstoppmittels sind jetzt Stoffe
gefunden worden, die, durch thermische Schwelverfahren ausgebracht, in der Lage
sind, Motoren bis zu 2,5 l innerhalb weniger Minuten zum Stillstand zu bringen.
Die Störungen sind derartig tiefgreifend, daß die gestoppten Motoren zum Teil völ­
lig überholt werden mußten. Bei der Übertragung der Ergebnisse auf Großmotoren
(12 l) waren die Ergebnisse noch nicht befriedigend. Es traten zwar erhebliche Leis­
tungsminderungen ein, die jedoch noch nicht zum Motor stopp führten. Die Versu­
che werden fortgesetzt."899
Da sich die Versuche nicht erfolgversprechend entwickelten, kam es im
Juni 1944 zu Tests mit chemischen Mitteln:
„Bei der Besprechung am 15. 6. 1944 in der Forschungsführung wurde festge­
stellt, daß sich aus Konzentrationsgründen lediglich diejenigen chemischen Stoffe
zum Einsatz gegen feindliche Flugzeuge befinden, die ein Klopfen im Motor durch
Herabsetzung der Oktanzahl der Brennstoffe zur Folge haben. Vorversuche, die die
Lebensdauer eines Motors beim Zuführen von Brennstoffen mit niedriger Oktan­
zahl feststellen, sollen vom Erprobungskommando 25 in Verbindung mit der K.d.E.
durchgeführt werden.“900
Im November 1944 wandte sich diesbezüglich die Firma Elemag mit einem
Plan eines elektronischen Motorstoppmittels an die Wehrmacht. Himmler,
„beeinflußt von den alten nordischen Sagen über den magischen Hammer
des Thor",901 wies noch im gleichen Monat seine Fachleute an, eine solche
Waffe zu entwickeln.

897 Vgl. Schreiben aus dem Pers. Stab RF-SS an Boseck vom 6.12.1944, Archiv Verfas­
ser Nr. 42; vgl. auch Kater (2006), S. 255f, der dieses Detail bezeichnenderweise ebenso
unerwähnt läßt wie Koop (2012), S. 58 ff.
898 Vgl. Koop (2012), S. 59.
899 „Arbeitsnachrichten“ Wfl Prüf (B. u. M.) Nr. 50/45 g.Kdos. vorri 31.12.1944;
zit. nach Waffenrevue Nr. 48.
900 Ebenda.
901 So spekuliert Pringle (2006) über Himmlers Motivation, S. 282.

282
Himmler selbst glaubte aus den Überlieferungen über germanische Götter,
insbesondere aus Darstellungen des Thorshammer, aus dem Blitze zucken, die
damalige Kenntnis der Elektrizität ableiten zu können. So glaubte Himmler,
daß es sich bei dem Dargestellten „nicht um natürlichen Donner und Blitz han­
delt, sondern daß es sich um ein früheres, hoch entwickeltes Kriegswerkzeug unserer
Vorfahren, das selbstverständlich nur im Besitz weniger, nämlich der Asen, der Göt­
ter, war und das eine unerhörte Kenntnis der Elektrizität voraussetzte, handelte."902
Die Versuche an der eigenen elektrischen Wunderwaffe indes sollen den
Angaben Speers zufolge im Sande verlaufen sein: Dr. Werner Osenberg, Lei­
ter der Rüstungsforschung, habe demnach geäußert, daß die von der Ele-
mag vorgeschlagene Wirkungsweise derzeit technisch nicht durchführbar
sei und Verständnismängel seitens der Firma selbst erkennen lasse.903 Offizi­
ell bedeutete dies das Ende der elektromagnetischen Forschung. Es sei denn,
Speer hätte gelogen. Dafür sprechen Berichte, die der britische Wissenschafts­
autor Nick Cook in einem Feldbericht über deutsche Lenkwaffentechnologi­
en ausfindig machte: So wird unter der Bezeichnung „Windhund" über eine
Aufspürvorrichtung feindlicher Flugzeuge berichtet, die einen unbemann­
ten Flugkörper in Richtung dieser Flugzeuge lenken konnte. Weiterhin wird
eine Drohne erwähnt, die mittels eines Infrarot-Systems Flugzeugabgase
ortete und anpeilte. Über den Standort Wien heißt es: „ Versuche mit Strahlen­
waffen zur Flugabwehr", und über Daimler-Benz, Untertürkheim: „Aktivität:
Geheimwaffe. .. Setzt angeblich das Zündsystem eines Otto-Motors außer Kraft...
(nicht aber eines mit Batteriezündung)." Schließlich in Bezug auf das Hermann-
Göring-Institut für Elektrophysik in Landsberg: „Aktivitäten: Forschungen in
den Bereichen Treibstoff, Flugzeuge, unbemannte Flugzeuge, Fernsteuerung."
Alle diese Einträge weisen auf den Einsatz elektrischer Motorstoppwaffen
hin, die auch von der Firma Elemag angeregt worden waren, aber offiziell
nie weiter verfolgt wurden.904
Daß Speer es mit der Wahrheit nach dem Kriegsende nicht allzu genau
nahm, bemerkte bereits Matthias Schmidt.905 Daß er jedoch gute Gründe für
seine partielle Amnesie haben könnte, wird verständlich, wenn man sich eine
kürzlich präsentierte Version der letzten Kriegswochen näher betrachtet, die
mit der deutschen Atombombe in Zusammenhang steht.

Die deutsche Atombombe


Anfang der 1990er Jahre begab sich ein deutscher Forscher auf die Spur
von Legenden über eine deutsche Atombombe. Was Harald Fäth - so der

902 Brief Himmler an Wüst, Mai 1940, zit. nach Koop (2012), S. 110.
903 Vgl. Speer (1967), S. 146; vgl auch Pringle (2006), S. 282.
904 Zitate nach Cook (2006), S. 95 ff.
905 Schmidt (1982).

283
Name des Forschers - herausfand, stellte die bisherige Ansicht, derzufolge
Deutschland die Entwicklung einer Atombombe nicht vorangetrieben habe,
in Frage: Seinen Erkenntnissen zufolge wurde an einer V-2 Nachfolgerrakete
gearbeitet, die einen nuklearen Gefechtskopf nach Amerika transportieren
sollte.906 Jahrzehntelang hieß es, daß die Entwicklung einer deutschen Atom­
bombe während des Krieges eingestellt wurde, da die Ausgangsstoffe , u.a.
Schweres Wasser durch die Sprengung einer norwegischen Produktionsfab­
rik am 28. Februar 1943, nicht mehr zugänglich waren.907 Überdies gab Wer­
ner Heisenberg an, daß das deutsche Atomprogramm bereits 1941 offiziell
eingestellt wurde. Daß jedoch neben der offiziell bekannten Forschergruppe
um Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker und Otto Hahn am
Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin noch weitere Wissenschaftlergruppen exis­
tierten, die sich mit der Kernforschung befaßten, war zwar bekannt, wurde
aber aufgrund offenkundiger Bedeutungslosigkeit vernachlässigt: Neben
einer von Kurt Diebner geleiteten Einrichtung des Heereswaffenamtes in
Kummersdorf, später Stadtilm, arbeitete auch Paul Harteck an der Universi­
tät Hamburg am Bau eines Uran-Versuchsreaktors.908 Thomas Mehner und
Edgar Meyer fanden angeregt von Fäth in jahrelangen Recherchen nunmehr
heraus, daß daneben noch eine Forschergruppe unter Befehl der SS existiert
haben muß, die in ihrer Arbeit weiter fortgeschritten war, als die offiziell
präsentierte Expertengruppe. Bereits seit 1939 hatte die SS demzufolge im
Köln-Bonner Raum eine „Denkfabrik" zur Entwicklung atomarer Waffen
eingerichtet, die während des Krieges mit anderen geheimen Einrichtungen
in Ohrdruf / Thüringen und Böhmen - vielleicht auch bei Auschwitz - zu­
sammenarbeitete, um bereits 1943/44 erste „einsatzbereite Waffensysteme
liefern zu können."909
Auch das Ahnenerbe war an der Kernforschung beteiligt. In Anbindung
an das Amt sollte an der Reichsuniversität Straßburg 1942 ein Lehrstuhl für
Kernphysik eingerichtet werden, dem auch ein Cyclotron zur Verfügung ge­
stellt werden sollte. Ergänzend sollte die Karstwehr-Abteilung des Almenerbe
das in Höhlen entstehende Neueis auf die Anreicherung mit schwerem Was­
ser untersuchen, was allerdings verneint wurde.910
Bestätigt wurden die Forschungen durch den Berliner Historiker Rainer
Karlsch: In den beiden letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs sollen bei „nu­
klearen Versuchsexplosionen" in Thüringen und auf Rügen mehrere hundert

906 Fäth (1994); vgl. dazu Fäth (1999), S. 9.


907 So etwa Kater (2006), S. 219; vgl. ebenso Hahn (1987), S. 131.
908 Vgl. Wikipedia: Uranprojekt.
909 Mayer/Mehner (2007), S. 80f; zur Entwicklung siehe insbesondere S. 37f./55;
vgl. ebenso Georg (2009), S. 39, der als SS-Verantwortlichen Dr. Seiffert nennt.
910 Vgl. Koop (2012), S. 55 f.

284
Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben gekommen sein, wie er seinem Buch
„Hitlers Bombe" unter Berufung auf bisher unbekannte Quellen in russischen
Archiven und auf Ergebnisse von DDR-Amateurforschem angibt.911 Laut Zeit-
Online sollen insgesamt fünf Physikprofessoren durch Messungen bestätigt ha­
ben, daß „in Ohrdruf Spuren eines nuklearen Ereignisses vorhanden" seien.912
Trotz aller Zweifel an einem erfolgreichen deutschen Atomwaffen-Pro-
gramm - erfolgreich zumindest was die Herstellung von Atombomben be­
trifft - ist die dafür sprechende Beweislast zu erdrückend: Neben Augenzeu­
genberichten über deutsche Atomwaffen-Tests und Kleinstatomwaffen, die in
Stadtilm sichergestellt worden sein sollen, sind es vor allem alliierte Militärbe­
richte, die für den erfolgreichen Abschluß des Atombombenbaus sprechen.913
Allerdings verbleibt die Frage, warum diese Waffe nicht eingesetzt wurde?

„Operation Avalon" - Verschwörung gegen Hitler


Eine mögliche Erklärung weist zugleich auf das bislang weitgehend kontu­
renlos gebliebene Atomprogramm der SS hin. Wie Thomas Mehner und Edgar
Mayer nahelegen,914 gibt es gute Gründe für die Annahme einer Verschwörung
gegen Hitler und auch Himmler durch Partei- und SS-Kreise, in der die deut­
sche Atombombe eine wesentliche Rolle spielte. Beteiligt waren neben Karl
Wolff insbesondere Martin Bormann, Albert Speer und Hans Kammler - drei
der wenigen vorgeblich Überlebenden des Krieges aus Hitlers engstem Um­
kreis.915

911 Karlsch (2005); allerdings fanden sich die Hinweise darauf bereits bei Mayer/
Mehner, die allerdings nur in Fußnoten erwähnt werden; ein weiterer Test soll bei
Auschwitz stattgefunden haben, siehe Fn.778.
912 Kettenreaktion der Geschichte? http://www.zeit.de/2005/12/A-Bombe_Pro; allerdings
hat sich auch hier Widerstand formiert: So hätt