Sie sind auf Seite 1von 2

Freud und Fliess

Ich repetiere zu Beginn ein paar Banalitäten, die wohl allen bekannt sind, einfach zur
Erinnerung und als Rahmen.
Freuds Briefe an Fliess entstanden zwischen 1887-1904.
Publiziert sind nur die Briefe Freuds, nicht jene von Fliess. (Freud hat die Fliessbriefe
zerstört, erhalten sind bloss 3 Briefe von 1904, in denen Fliess Freud des Plagiats bezichtigt, 2
davon wurden 1906 publiziert).
Nach dem Tod von Fliess wurden Freuds Briefe von seinem Sohn Karl an Marie Bonaparte
verkauft, 1937 nach Wien gebracht, 1941 wurden sie in Paris in der dänischen Botschaft
zwischengelagert, danach nach England gebracht, wo sie schliesslich bei Anna Freud
landeten.
Bei der deutschen Publikation „Aus den Anfängen der PA“ (1950) von Anna Freud, Marie
Bonaparte und Ernst Kris handelt es sich um eine Selektion.
1956 erscheinen die Briefe erstmals auf Französisch.
1985 erscheint eine neue, nicht zensurierte französische Version von Masson.

Wie wir alle wissen, wird die Selbstanalyse Freuds (mittels der Briefe an Fliess, mittels der
Übertragung) als „Geburt der PA“ verstanden. Dazu passt die Aussage Anna Freuds, ihr Vater
hätte nie mit jemand anderem eine vergleichbare Freundschaft gehabt.

Freud macht Fliess zum „sujet supposé savoir“, d.h. Fliess stellt für Freud die Inkarnation des
Wissens dar, und Fliess lässt es zu, dass sich Freud seiner Codes bedient. Z.B. 23 für den
Mann, 28 für die Frau. Freud beginnt, sich ganz über dieses Code-System zu interpretieren: er
interpretiert den Rhythmus seiner Migränen nach Fliess’ Codesystem, seine Bronchitis, die
Frequenz seiner sexuellen Beziehungen, die Geburt seiner Kinder. Er glaubt, in Fliess’
Zahlencodes die Wahrheit über den Menschen gefunden zu haben.
Es ist also eine positive Uebertragung entstanden! Er wird zum Gefolgsmann von Fliess,
organisiert Konferenzen und publiziert Artikel für ihn.
Indem Freud nun seine Uebertragung auf Fliess analysiert, entsteht die PA. Mit der Analyse
löst Freud allerdings gleichzeitig seine Uebertragung auf Fliess auf.

Ich stütze mich im Folgenden auf:


Sophie Aouillés, „A propos de la parution des Lettres à Fliess de Sigmund Freud“ und auf
einen Text zu den Fliess-Briefen von Frédéric Rivoyre, LES DEUX SAVOIRS DU
PSYCHANALYSTE. En hommage à Octave Mannoni:

Aouillé stellt zu Beginn ihre Exposés in Anlehnung an Lacan fest, dass der Anfang der PA
von jedem, der sich mit PA beschäftigt, neu gelesen werden muss – so als gäbe es keinen
vorangegangenen theoretischen Diskurs darüber. Oder wie Frédéric de Rivoyre es ausdrückt:
„Là se situera l’outil du psychanalyste, son savoir doit être oublié pour être réinventé à
chaque fois.“
An diesen Impetus des Vergessens vorangegangener Theoriebildung mit dem Ziel, die PA
neu zu denken, knüpft sich eine kritische Sichtweise auf den Status wissenschaftlicher
Theorie im Allgemeinen. So betont Mannoni in „L’analyse originelle“, in einem Vortrag, den
er 1967 in Sainte-Anne gehalten hat, den fiktiven Status von Theorie und die Gefahr, die damit
verbunden ist: statt dass wir die Theorie re-formulieren, wieder erfinden, neu erfinden,
interpretieren wir uns durch sie! („une théorie en position de me penser et de m’interpréter au
prix de la disqualification de ma position subjective d’interprète“ sagt er.
Und in Anlehnung an Hölderlin sagt er:
« Nous sommes un signe en quête de signification, en attente d’être interprété „ Ein
Zeichen sind wir, deutungslos...“

In den „Propositions“ geht es also darum, dass jeder Analytiker die PA selbst für sich neu
erfinden muss, und zwar aufgrund seiner eigenen Erfahrung. Genau aus diesem Grund
distanziert sich Lacan von der IPA, die eine Ausbildung zum Analytiker anbietet.
Der Briefwechsel mit Fliess nimmt hier einen zentralen Stellenwert ein, macht er doch
ersichtlich, wie dünn die Linie zwischen Delirium und Freuds Entwicklung der PA ist.

Es geht also gerade nicht darum, Freud als Begründer der PA auf einen Sockel zu stellen,
sondern in der eigenen Analyse nachzuvollziehen, was in der Uebertragung auf den
Analytiker als „sujet supposé savoir“ passiert.
Im Zentrum steht der Wunsch nach Ganzheit, die eigene Uebersetzung und Modifikation
dieses Wunsches, die jeder in der Analyse performt. In und durch diese Performance stellt
sich der Wunsch nach Ganzheit – nach der Ganzheit des psychoanalytischen Wissens -
schliesslich als Fiktion heraus. Dies im Unterschied zum universitären Wissen, wie Rivoyre
sagt.
Die Uebersetzung, die jeder Analysant in der Analyse performt, bleibt unauflöslich ans
Subjekt gebunden und ist nie in Form eines objektivierbaren Wissens davon ablösbar. Die
Frage nach der Ausbildung zum Psychoanalytiker, der transmission’, stellt sich also vor
diesem Hintergrund eines vom Subjekt unablösbaren Wissens.

Aouillé geht davon aus, dass die gesäuberte erste Version des Fliess-Briefwechsels, in der
Freud auf ein Podest gestellt wird, die Entwicklung der französischen PA lange Zeit behindert
hatte.
Und genau hier setzt Lacan an: statt Freud als Begründer der PA zu kultivieren, ging es ihm
darum aufzuzeigen, wie Freud zwischen Delirium und Wissen die Theorie der Uebertragung,
das Wissen um Uebertragung durch die Reflexion seiner eigenen Erfahrung entwickelte.
Dabei stellt sich die Aufforderung, man müsse in der Analyse mit dem ‚gesunden Anteil’
einer Person arbeiten als irreleitend heraus. Vielmehr gehe es darum, sich ins Delirium
der Uebertragung zu begeben. Das Wissen kann nur in der Analyse der Uebertragung
entstehen. Und genau das Singuläre dieses Wissens ist seine Qualität wie seine Crux. Rivoyre
stellt deshalb fest, die Weitergabe der Psychoanalyse gleiche einem surrealistischen
Happening.

Zeitschrift Psychanalyse, 2007


https://www.cairn.info/revue-psychanalyse-2007-2-page-19.htm

________________________
C’est probablement la seule façon d’échapper tout autant à la fuite en avant dans l’activisme
institutionnel et politique qu’au refuge dans le fidélisme d’une théorie accomplie sous la forme d’un
fondamentalisme.