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Otfried Preußler

Hotzenplotz 3

K. Thienemanns Verlag Stuttgart


Dies ist die
endgültig letzte Kasperlgeschichte
von Otfried Preußler

Gesamtausstattung F.J.TRIPP in Tiefenbach


170. Tausend
4. Auflage 1974
Satz Druckhaus Schwaben in Heilbronn/Stuttgart
Druck Offsetdruckerei Gutmann + Co., in Heilbronn/N.
Offsetreproduktionen Gustav Reisacher in Stuttgart
Einband Großbuchbinderei Sigloch in Künzelsau
© 1973 by K. Thienemanns Verlag in Stuttgart
Printed in Germany
ISBN 3 522 11980 0 – Verlagsnummer 1198
Scan, Korrektur und Layout
2004 by madraxx

Dieses E-Book ist


nicht
für den Verkauf bestimmt!
Dieses Buch widme ich

ALLEN
MÄDCHEN
UND
BUBEN,

die bei mir angefragt haben,


wie es mit
Kasperl, Seppel, Wasti und Hotzenplotz
weitergeht
Der Mann
in den
Gartenbüschen

Einmal ging Kasperls Großmutter mit dem Wäschekorb in


den Garten, um hinter dem Haus ein paar Hemden und
Handtücher auf die Leine zu hängen.
Es war ein schöner goldener Herbsttag. Die Astern blühten,
die Sonnenblumen grüßten vom Zaun herüber, auf dem
Komposthaufen in der Gartenecke reiften die Kürbisse: fünf
große, neun mittlere und sechs kleine. Großmutter hatte sie
eigens gezüchtet, nach einem Geheimrezept ihrer
Schwiegertante. Die kleinen sollten nach Aprikosen
schmecken, die großen nach Schokolade, die mittleren außen
nach Schlagsahne, innen nach Himbeereis.
Kasperl und Seppel machten sich nichts aus Kürbissen.
Desto größer, so hoffte Großmutter, würde die Überraschung
sein. »Wenn nur das Wetter noch ein paar Tage schön warm
bliebe«, dachte sie. »Das ist augenblicklich die Hauptsache.«
Sie setzte den Korb mit den Hemden und Handtüchern auf
dem Trockenplatz ab und wollte gerade beginnen, die
Wäscheschnur nachzuspannen, da machte es in den Büschen
»pscht!« – und als Großmutter hinschaute, sah sie zwischen der
Goldrute und dem Haselstrauch das Gesicht eines Mannes
auftauchen, den sie leider nur zu gut kannte: schon zweimal
war sie von diesem Strolch mit dem schwarzen Hut und der
langen Feder beraubt und einmal sogar entführt worden.
»Diesmal«, beschloß sie, »soll ihm das nicht gelingen!«
Dann faßte sie sich ein Herz, und fragte mit fester Stimme, die
nur ganz wenig zitterte, aber das merkte vermutlich nur sie
allein:
»Sind Sie schon wieder einmal in meinem Garten, Herr
Hotzenplotz?«
»Wie Sie sehen.«
Der Räuber nickte und wollte aus seinem Versteck
hervorkommen. Großmutter griff nach dem Sack mit den
Wäscheklammern.
»Keine Bewegung!« rief sie. »Sonst haue ich Ihnen den
Klammersack um die Ohren, daß Sie in keinen Hut mehr
hineinpassen – Hände hoch!«
Hotzenplotz konnte nicht ahnen, daß Großmutter neuerdings
vor dem Einschlafen immer Räubergeschichten las.
Vorsichtshalber nahm er die Hände hoch und versicherte, daß
er nicht etwa in böser Absicht gekommen sei.
Großmutter schnitt ihm das Wort ab.
»Sparen Sie sich die dummen Ausreden!« fuhr sie ihn an.
»Ich möchte bloß wissen, wie Sie es diesmal wieder geschafft
haben – wo es doch heißt, das Kreisgefängnis sei absolut
ausbruchsicher.«
»Das ist es auch«, sagte Hotzenplotz.
»Und wie kommen Sie dann hierher?«
»Ich bin heute früh wegen guter Führung entlassen worden
– vorzeitig.«
Großmutter meinte nicht recht zu hören.
»Sie können mir viel erzählen, Herr Hotzenplotz!«
Hotzenplotz legte drei Finger aufs Herz.
»Ich will auf der Stelle tot umfallen und die Masern kriegen,
wenn ich Sie anlüge! Außerdem steht es auf meinem
Entlassungsschein.« Er zog aus der Westentasche ein Blatt
Papier hervor. »Da – wenn Sie mir nicht glauben!«
Großmutter trat einen Schritt zurück, ihr war ein Gedanke
gekommen. Hoffentlich schöpfte der Räuber keinen Verdacht.
»Ich kann das nicht lesen«, sagte sie. »Dazu brauche ich
meinen Zwicker.«
»Was denn!« rief Hotzenplotz überrascht. »Sie tragen den
Zwicker ja auf der Nase, hö-hö-hö!«
»Diesen da?« Großmutter war nicht verlegen um eine
Antwort; sie staunte, wie gut das ging. »Dies ist mein
Fernzwicker«, sagte sie. »Damit kann ich nicht lesen. Zum
Lesen brauche ich meinen Nahzwicker.«
Sie tat einen Griff in die linke Schürzentasche, dann stutzte
sie, griff in die rechte Tasche und stutzte wieder. Obzwar sie
im Schwindeln nicht übermäßig geübt war, machte sie ihre
Sache großartig.
»Es ist wirklich zu dumm mit den beiden Zwickern! Ständig
lasse ich irgendwo einen liegen. Der Nahzwicker, glaube ich,
liegt im Waschhaus – links hinten, neben dem Waschkessel auf
dem Wandbord . . . Sie könnten nicht ausnahmsweise so nett
sein, Herr Hotzenplotz, und ihn mir holen?«
»Aber natürlich, Großmutter!«
Hotzenplotz faltete das Papier zusammen und steckte es ein.
Dann ging er zum Waschhaus – und Großmutter schlich ihm
nach.
Außer zwei winzigen Gitterfenstern aus Milchglas hatte das
Waschhaus nur eine einzige Tür. Hotzenplotz wußte das nicht,
doch Großmutter wußte es um so besser. Sobald er das
Waschhaus betreten hatte, schlug sie die Tür zu und legte den
Riegel vor. Dann drehte sie zweimal den Schlüssel im Schloß
herum, zog ihn ab und verstaute ihn in der Schürzentasche.
»Den Rest mag die Polizei besorgen!«
Bisher hatte Kasperls Großmutter keine Zeit gehabt, sich zu
fürchten. Jetzt erst, wo Hotzenplotz in der Falle saß, bekam sie
das große Zittern: es wurde ihr abwechselnd heiß und kalt vor
Angst, der Garten begann sich zu drehen. Sie spürte, wie ihr
die Füße den Dienst versagten. Mit letzter Kraft schrie sie:
»Hilfe! Zu Hiiilfeee!«
Dann schloß sie die Augen und fiel in Ohnmacht.
Frau Schlotterbeck
hat einen
schlechten Tag

Kasperl und sein Freund Seppel waren in letzter Zeit oft bei
der Witwe Schlotterbeck zu Besuch. Sie hatten ihr ja
versprochen, daß sie sich etwas einfallen lassen wollten, um
Wasti, dem Krokodilhund, wieder zu seinem früheren
Aussehen zu verhelfen. Seither bewirtete sie Frau
Schlotterbeck jedesmal, wenn sie kamen, mit Tee und
Wurstbrot.
Auch heute ließen sich Kasperl und Seppel den Tee und die
Brote schmecken. Frau Schlotterbeck, die im Lehnstuhl neben
dem Fenster saß, zog traurig an einer dicken schwarzen
Zigarre. Wasti lag ihr zu Füßen, er ließ ein zufriedenes Knurren
hören und wackelte mit dem Schwanz.
Ihn störte es wenig, daß er in jungen Jahren ein
Langhaardackel gewesen war, bis ihn Frau Schlotterbeck eines
Tages versehentlich in ein Krokodil verhext hatte. Um so mehr
litt Frau Schlotterbeck unter diesem Mißgeschick. Kasperl und
Seppel kannten zwar die Geschichte längst auswendig; aber sie
hörten auch diesmal wieder geduldig zu, als ihnen Frau
Schlotterbeck alles noch einmal von vorn erzählte: wie es zu
Wastis Verhexung gekommen war; wie sie auf jede
erdenkliche Weise versucht hatte, ihn zurückzuhexen – und
wie ihr das nicht gelungen war.
»Zuletzt bin ich so verzweifelt gewesen, daß ich das
Hexenbuch kurzerhand in den Ofen gesteckt und verbrannt
habe«, schloß sie. »Ich bin eine staatlich geprüfte Hellseherin,
aber keine gelernte Hexe. Man soll im Berufsleben möglichst
die Finger von Dingen lassen, von denen man nichts versteht.«
»Trotzdem!« erwiderte Kasperl. »Hätten Sie doch das Buch
nicht ins Feuer geworfen, sondern es Seppel und mir
geschenkt!«
Frau Schlotterbeck schneuzte sich in den Saum ihres
Morgenrockes, den sie auch tagsüber stets zu tragen pflegte,
und fragte mit ihrer tiefen, verräucherten Stimme: »Euch
beiden?«
»Dann hätten wir Wasti bestimmt schon helfen können!
Aber verbrannt ist verbrannt – und nun müssen Sie eben leider
Geduld haben.«
Auf Großmutters Dachboden hingen zahlreiche Säckchen
und Beutel herum: die einen waren mit Kräutern und Wurzeln
gefüllt, die anderen mit getrockneten Blättern und
Rindenstücken – alles erprobte Mittel, die Großmutter
anwandte, um die verschiedenartigsten Krankheiten zu
kurieren.
»Vielleicht«, hatten Kasperl und Seppel sich überlegt, »sind
welche darunter, die zufällig gegen Verhexung helfen, wie
andere gegen Bauchweh und Schüttelfrost . . .«
Ihrer Ansicht nach konnte es Wasti nicht schaden, wenn sie
ihn einer Kräuter- und Wurzelkur unterzogen. Seit einigen
Wochen probierten sie Großmutters Vorräte an ihm aus: auf
gut Glück zwar, doch streng nach dem ABC.
Mit Anispulver hatten sie angefangen. Dann hatten sie
Wasti getrocknete Arnikawurzeln verabreicht, dann
Baldriantee, dann Basilienkraut, dann mit Honig gesüßten
Bitterklee, dann gemahlene Chinarinde, dann Eibischblätter,
dann Enzian – und so fort bis zum heutigen Tage, an dem sie
ihm einen Absud von Huflattich eingeflößt hatten.
Leider war die Behandlung vorläufig ohne Erfolg geblieben.
Das einzige, was sie damit erreicht hatten, war, daß sich
Wasti seit vorletztem Donnerstag standhaft weigerte, Fleisch
zu fressen. Statt dessen legte er eine erstaunliche Vorliebe für
Salat an den Tag; auch Grünkohl, Tomaten, Radieschen und
Zwiebeln verschmähte er keineswegs – und auf Salzgurken war
er besonders erpicht: die verschlang er wie Knackwürste.
»Armer Wasti!« seufzte Frau Schlotterbeck. »Nun bist du zu
allem Unglück auch noch ein vegetarisches Krokodil
geworden! – Ich weiß nicht, ob die Behandlung richtig ist.
Wenn er nun eines Tages plötzlich zu krähen anfängt? Oder zu
meckern? Oder i-ah zu schreien? Nicht auszudenken, was alles
mit ihm geschehen könnte, wenn ihr so weitermacht!«
»Ebensogut«, sagte Kasperl, »könnte er eines Tages wieder
zu einem Dackel werden.«
Und Seppel meinte: »Das sollten Sie nicht vergessen, Frau
Schlotterbeck!«
Aber Frau Schlotterbeck hatte heut ihren schlechten Tag.
Statt den Freunden zu antworten, fing sie zu weinen an.
Jammernd rang sie die Hände, und während ihr dicke Tränen
auf die Zigarre tropften, schluchzte sie:
»Ich bin schuld an dem ganzen Elend, mit Wasti – ja, ich
bin schuld daran!«
Kasperl und Seppel versuchten sie zu beschwichtigen, doch
umsonst. Einmal ins Heulen gekommen, heulte Frau
Schlotterbeck weiter: und wie es den Anschein hatte, gedachte
sie nicht so bald wieder aufzuhören.
Da aßen die beiden Freunde rasch ihre Brote auf. Sie
tätschelten Wasti zum Abschied den Rücken, dann sagten sie
Lebewohl, überließen Frau Schlotterbeck ihrem Kummer und
gingen nach Hause.
War da
nicht noch etwas?

Kasperl und Seppel waren gerade vor Großmutters


Gartentür angekommen, da hörten sie eine Fahrradklingel –
und als sie sich umdrehten, sahen sie den Herrn
Polizeihauptwachtmeister Alois Dimpfelmoser in voller Fahrt
um die nächste Ecke biegen. Während er mit der linken Hand
gleichzeitig lenkte und klingelte, strich er sich mit der Rechten
den Schnurrbart. Die Silberknöpfe an seinem Rock blinkten in
der Sonne, Stiefel und Leibriemen waren auf Hochglanz
gewichst, der ganze Herr Dimpfelmoser machte den Eindruck,
als habe ihn jemand frisch eingefettet und aufpoliert.
Kasperl und Seppel waren sofort im Bilde. Großmutter hatte
ihnen beim Frühstück laut aus der Zeitung vorgelesen, daß man
Herrn Dimpfelmoser mit Wirkung vom letzten Ersten außer der
Reihe zum Hauptwachtmeister befördert habe – und es gab
sicherlich niemand im ganzen Städtchen, der ihm das nicht
gegönnt hätte.
»Hallo, Herr Dimpfelmoser!«
Die Freunde winkten, der eine mit seiner Zipfelmütze, der
andere mit dem Seppelhut.
»Herzlichen Glückwunsch, Herr Dimpfelmoser! Wir
gratulieren!«
»Danke sehr, danke vielmals!« Herr Dimpfelmoser hielt an,
daß die Reifen quietschten, und schwang sich vom Rad.
»Demnach wißt ihr es also schon?«
»Ja«, sagte Kasperl.
»Und wie gefällt er euch?«
»Wer?« fragte Seppel.
Herr Dimpfelmoser deutete stolz mit dem Zeigefinger auf
seinen Kragen.
»Der dritte Stern da. Frau Pfundsmichel, meine
Zimmerwirtin, hat ihn mir vorhin angenäht.«
»Nett von ihr«, sagte Kasperl; und Seppel beteuerte, daß
sich Herr Dimpfelmoser gewiß keinen schöneren Stern hätte
annähen lassen können. »Auch Großmutter wird sich freuen,
wenn sie ihn sieht«, meinte Kasperl.
Herr Dimpfelmoser lehnte das Fahrrad gegen den
Gartenzaun, strich sich den blauen Rock glatt und rückte den
Helm gerade. Dann folgte er Kasperl und Seppel zu
Großmutters Häuschen. Die Tür war nicht abgeschlossen, das
Küchenfenster stand offen – von Großmutter keine Spur.
»Möglich, daß sie im Garten ist«, sagte Kasperl. »Oder
vielleicht im Waschhaus.«
Die Freunde erschraken nicht schlecht, als sie Großmutter
fanden. Stocksteif lag die alte Dame im Gras: mit
geschlossenen Augen und spitzer Nase, die Arme von sich
gestreckt.
»Großmutter! Großmutter!« Kasperl und Seppel beugten
sich über sie. »Sag doch was, Großmutter! Kannst du nicht
antworten?«
»Nein«, sagte Großmutter matt. »Ich bin ohnmächtig.«
Seppel rannte um eine Gießkanne, Kasperl holte den
Gartenschlauch. Großmutter kam ihren
Wiederbelebungsversuchen um Haaresbreite zuvor: als Kasperl
das Wasser andrehen wollte, schlug sie die Augen auf.
»Kasperl!« rief sie. »Und Seppel! Wie gut, daß ihr da seid!«
Dann erst bemerkte sie auch Herrn Dimpfelmoser. »Sie müssen
entschuldigen, daß ich Sie fast übersehen hatte«, bat sie mit
schwacher Stimme. »Man fällt ja nicht alle Tage in Ohnmacht,
nicht wahr?«
Sie zupfte an ihrer Schürze und legte die Stirn in Falten, als
dächte sie angestrengt über etwas nach.
»Da war doch was«, meinte sie, »was ich mit Ihnen
besprechen wollte, Herr Dimpfelmoser – etwas ganz Wichtiges
. . . Aber was war das bloß?«
Kasperl und Seppel machten ihr heimlich Zeichen. Der eine
faßte sich an den Kragen, der andere spreizte drei Finger und
deutete auf Herrn Dimpfelmoser.
»Was habt ihr denn?« fragte Großmutter, »Immerzu müßt
ihr Faxen machen!«
Weil Großmutter nicht begriff, mußte Kasperl deutlich
werden. »Wolltest du nicht Herrn Dimpfelmoser zu seiner
Beförderung gratulieren?« fragte er rundheraus.
»Das auch, das natürlich auch.«
Großmutter holte den Glückwunsch nach, dann versank sie
aufs neue in tiefes Grübeln.
»Da war noch was anderes«, murmelte sie. »Da war noch
etwas . . .«
Weiter kam sie nicht, denn mit einemmal polterte jemand
von innen gegen die Tür des Waschhauses.
»Aufmachen!« ließ eine rauhe Männerstimme sich laut und
mit Nachdruck vernehmen. »Man hat mich hier
unberechtigterweise eingesperrt! Schließen Sie endlich die Tür
auf, zum Donnerwetter!«
Mit Stempel
und Unterschrift

Kasperl und Seppel, Herr Dimpfelmoser und Großmutter


waren so verdattert, als hätten sie eins mit der Feuerpatsche
aufs Dach bekommen. Es verging eine ganze Weile, bis sie
imstande waren, etwas zu unternehmen.
Herr Dimpfelmoser machte den Anfang, indem er tief Luft
holte und den Säbel zog.
»Hotzenplotz!« rief er mit Donnerstimme, »Sie sind
umzingelt! Kommen Sie augenblicklich heraus da – und leisten
Sie keinen Widerstand! Haben Sie mich verstanden?«
»Das schon«, sagte Hotzenplotz hinter der Tür. »Bloß –
hinauskommen kann ich nicht: Kasperls Großmutter hat mich
hier eingesperrt.«
»Kasperls Großmutter?«
Großmutter faßte sich an den Kopf.
»Richtig, Herr Dimpfelmoser – jetzt ist es mir wieder
eingefallen!« Sie blickte voll Stolz in die Runde. »Das hätten
Sie mir vermutlich nicht zugetraut, wie?«
»Es ist jedenfalls eine tolle Sache.«
Herr Dimpfelmoser steckte den Säbel weg, zückte den
Bleistift und schlug das Notizbuch auf.
»Lassen Sie uns den Vorfall zu Protokoll nehmen!«
Großmutter wollte berichten, wie sie den Räuber kaltblütig
überlistet und eingesperrt hatte – doch Hotzenplotz unterbrach
sie.
»Aufmachen!« rief er. »Ich habe es satt hier, zum Kuckuck!
Ich bin aus dem Kreisgefängnis entlassen worden, das kann ich
sogar beweisen!«
Herr Dimpfelmoser zwinkerte Kasperl und Seppel zu, als
wollte er sagen: Der scheint uns für ganz schön dumm zu
halten.
»Daß ich nicht lache, Hotzenplotz! Sie – und entlassen?
Was Blöderes ist Ihnen wohl nicht eingefallen!«
»Aber es ist die Wahrheit, Herr Oberwachtmeister! Glauben
Sie mir doch endlich!«
Herr Dimpfelmoser verschränkte die Arme.
»Zweierlei müssen Sie wissen, Hotzenplotz: erstens bin ich
mit Wirkung vom letzten Ersten zum Hauptwachtmeister
befördert worden – und zweitens habe ich nicht die geringste
Lust, mich mit Ihnen zu unterhalten. Erzählen Sie Ihre
Lügengeschichten doch, wem Sie wollen, aber nicht mir!«
»Das sind keine Lügengeschichten!« beteuerte Hotzenplotz.
»Wollen Sie meine Papiere sehen? Sie brauchen bloß
aufzusperren, damit ich sie Ihnen zeigen kann!«
Herr Dimpfelmoser ließ sich so schnell nicht hereinlegen.
Zu Großmutters, Kasperls und Seppels Erleichterung sagte er
kurz und bündig: »Die Tür bleibt natürlich zu.«
»Und der Schein?« fragte Hotzenplotz. »Mein
Entlassungsschein?«
»Notfalls gibt es ja unter der Tür einen Spalt – da können
Sie ihn mir durchschieben.«
»Aber natürlich!« rief Hotzenplotz, und man hörte es seiner
Stimme an, wie erleichtert er war. »Das ist die Idee!«
Dann raschelte etwas – und siehe da: durch den Spalt
zwischen Tür und Schwelle wurde ein doppelt
zusammengefaltetes Stück Papier geschoben. Kasperl und
Seppel wollten sich danach bücken, aber Herr Dimpfelmoser
hielt sie zurück.
»Das ist Sache der Polizei!«
Er bückte sich höchstpersönlich nach dem Papier, hob es auf
und entfaltete es. Dann begann er zu lesen: nicht laut, nur sein
Schnurrbart bewegte sich, während er las – und allmählich
nahm sein Gesicht einen immer verdutzteren Ausdruck an.
»Was steht drin?« wollte Kasperl wissen.
Herr Dimpfelmoser öffnete sich den obersten Kragenknopf,
er schien Luft zu brauchen.
»Das Schriftstück ist echt, wir müssen ihn leider
'rauslassen«, sagte er.
»Hotzenplotz?« fragte Großmutter fassungslos.
»Er ist ordnungsgemäß entlassen: mit Stempel und
Unterschrift, wie sich das gehört. Also schließen Sie bitte auf,
meine Teuerste.«
Großmutter holte den Schlüssel hervor und steckte ihn,
wenn auch zögernd, ins Schlüsselloch. »Auf Ihre
Verantwortung!«
Zweimal knackte das Schloß, dann schob sie den Riegel
zurück – und fertig.
Kasperl und Seppel hielten den Atem an.
Hotzenplotz klinkte die Tür auf. Er trat ins Freie, den
Räuberhut ins Genick geschoben, und blinzelte in die Sonne.
»Wie sind Sie in diesen Garten gekommen?« herrschte Herr
Dimpfelmoser ihn an.
»Durch das Gartentor«, sagte Hotzenplotz.
»Und was haben Sie hier zu suchen?«
»Ich wollte der Großmutter guten Tag sagen – und mich bei
ihr entschuldigen. Wegen damals – Sie werden es wohl noch
wissen . . .«
»Und ob ich das weiß!« rief Herr Dimpfelmoser. »Und
wissen Sie, was ich noch weiß? Sobald ich Sie beim geringsten
Verstoß gegen Recht und Gesetz ertappe, landen Sie wieder
dort, wo Sie hingehören – nämlich im Loch: daß das klar ist!«
Hotzenplotz legte den Kopf schief.
»Sie werden es mir nicht glauben – aber ich habe mich fest
entschlossen, ein ehrlicher Mensch zu werden. Auf
Räuberwort!«
»Sonst noch was?« schnauzte Herr Dimpfelmoser. »Machen
Sie daß Sie mir aus den Augen kommen!«
Hotzenplotz streckte die Hand aus. »Erst den
Entlassungsschein!«
»Da!« rief Herr Dimpfelmoser. »Scheren Sie sich damit
zum Teufel! Und denken Sie immer daran, daß es Mittel und
Wege gibt, Sie auf Schritt und Tritt polizeilich zu überwachen:
beispielsweise mit Hilfe einer gewissen Dame und ihrer
Kristallkugel.«
»Haben Sie nicht gehört, daß ich Schluß mache mit der
Räuberei?« fragte Hotzenplotz. »Wie oft muß ich Ihnen das
sagen, bis Sie begreifen, daß es mir damit ernst ist? Leben Sie
wohl, alle miteinander!«
Er schob den Entlassungsschein in die Westentasche, dann
tippte er an den Hut und verließ den Garten.
Kasperl und Seppel, Herr Dimpfelmoser und Großmutter
blickten ihm nach, und sie kamen sich einigermaßen
belämmert vor, alle vier – da schreckte sie plötzlich ein
schrilles Klingeln aus ihren Gedanken auf.
Herr Dimpfelmoser erbleichte bis in die Schnurrbartspitzen.
»Mein Fahrrad!« rief er. »Hotzenplotz hat mir das Fahrrad
gestohlen – und dies nun bereits zum zweitenmal!«
Schnauzball

Die Aufregung war, wie sich zeigen sollte, völlig umsonst


gewesen. Kasperl und Seppel wollten gerade lossausen, um die
Verfolgung des Räubers aufzunehmen, als Hotzenplotz
freiwillig in den Garten zurückkam. Er brachte das Fahrrad
geschoben und lehnte es gegen die Hausbank.
»Sie hatten vergessen, es abzuschließen, Herr
Hauptwachtmeister. Da habe ich mir gedacht, daß es besser ist,
wenn ich es Ihnen hereinstelle.«
Damit lüftete er den Räuberhut und empfahl sich endgültig.
Herr Dimpfelmoser stand da wie vom Schlag gerührt. Es
dauerte eine halbe Minute und siebenunddreißig Sekunden, bis
er die Sprache wiederfand; und obzwar er im Dienst und ein
pflichtbewußter Beamter war, sagte er: »Darauf Großmutter,
brauche ich, bitteschön – einen Schnaps.«
Großmutter fand, daß sie auch einen Schluck vertragen
könnte, »weil das die Nerven so schön beruhigt.« Während sie
schon ins Haus eilte, wandte Herr Dimpfelmoser sich Kasperl
und Seppel zu.
»Lauft zu Frau Schlotterbeck«, trug er den beiden auf, »und
bestellt ihr, ich würde euch auf dem Fuße folgen. Sie soll in der
Zwischenzeit alles vorbereiten, damit ich sofort mit der
Überwachung des Räubers beginnen kann.«
Er wollte das Fahrrad abschließen, konnte jedoch in seinen
vielen Taschen den Schlüssel nicht finden. Da band er es kurz
entschlossen mit einem Stück Bindfaden an der Hausbank fest.
»Vier dreifache Doppelknoten müßten genügen, schätze
ich.«
Nachdem er die Knoten geknüpft hatte, ging er auch ins
Haus.
»Prost!« riefen Kasperl und Seppel ihm nach.
Dann flitzten sie los zu Frau Schlotterbeck, und zwar auf
dem kürzesten Weg: durch das hintere Gartentürchen, dicht am
Kompost vorbei.
»Ob Wasti wohl so was frißt?« fragte Kasperl mit einem
Seitenblick auf die Kürbisse.
»Warum nicht?« meinte Seppel. »Probieren geht über
Studieren.«
Zwei von den kleineren Kürbissen nahmen sie mit. Daß
Großmutter sie gezählt hatte, konnten sie ja nicht ahnen; und
daß es sich noch dazu um besondere Kürbisse handelte, daran
hätten sie nicht im Traum gedacht: so gut hatte Großmutter das
vor ihnen geheimgehalten.
Frau Schlotterbeck ließ sich wie immer Zeit. Sechs- oder
siebenmal mußten Kasperl und Seppel am Gartentor läuten, bis
sie sich endlich bequemte, herbeizuschlurfen. Sie war noch ein
bißchen verheult im Gesicht, doch im großen und ganzen
schien sie sich wieder gefaßt zu haben. »Kommt ihr schon
wieder mit neuen Kräutern für Wasti?«
Sie sprach durch die Nase, als hätte sie Heuschnupfen.
»Nein«, sagte Kasperl. »Wir kommen im Auftrag der
Polizei. Herr Dimpfelmoser braucht Ihre Unterstützung – hören
Sie nur, was er Ihnen bestellen laßt . . .«
Frau Schlotterbeck schlug die Hände über dem Kopf
zusammen, als ihr die Freunde berichteten, was sich ereignet
hatte. Obgleich sie ja eine staatlich geprüfte Hellseherin war,
mußte sie zugeben, daß sie von alledem keine Ahnung gehabt
hatte.
»Zeiten sind das – da kann einem angst und bange werden
bei meinem Beruf!«
Sie erklärte sich unverzüglich bereit, Herrn Dimpfelmoser
zu helfen: mit der Kristallkugel sei das ein Kinderspiel. Dann
schlurfte sie durch den Garten ins Haus, und die Freunde
folgten ihr.
Im Hausflur kam Wasti ihnen entgegen. Freudig bellend
fuhr er auf Kasperl und Seppel los und schnappte nach ihren
Händen.
»Wirst du wohl artig sein!« schimpfte Frau Schlotterbeck.
»Das gehört sich nicht für ein braves Hundchen!«
Während sie in die Wohnstube eilte, um die Kristallkugel
aus dem Schrank zu holen, blieben die Freunde bei Wasti im
Flur zurück.
»Wir haben dir etwas mitgebracht.« Kasperl hielt ihm den
einen Kürbis hin. »Da – probier mal!«
Wasti war eigentlich furchtbar satt. Erst vorhin hatte er
anderthalb Dutzend Kartoffelklöße verzehrt, mit gedünsteten
grünen Bohnen und Gurkensalat als Beilage. Anstandshalber
beschnupperte er den Kürbis von allen Seiten – und nur, weil er
Kasperl und Seppel nicht kränken wollte, biß er ihn schließlich
an.
»Na, wie schmeckt uns das?«
Wasti ließ ein erstauntes »Waff-waff« hören, etwa zu
übersetzen mit: »Hoppla, das ist ja ein Leckerbissen!« Dann
fraß er den Kürbis auf, daß es nur so schnurpste.
»Und jetzt«, meinte Seppel, »den zweiten auch noch!«
Wasti beschnupperte auch den zweiten Kürbis. Er biß aber
nicht hinein, dazu war er viel zu vollgefressen, sondern er
stupste ihn bloß mit der Schnauze an – und dann rollte er ihn
geschickt vor sich her: durch den Hausflur, zur Tür hinaus und
ein Stück durch den Garten, schnurstracks auf seine Hütte zu.
»Sieh mal!« rief Seppel. »Er spielt mit dem Kürbis
Schnauzball, gleich schießt er ein Eigentor!«
Vor der Hundehütte verlangsamte Wasti den Lauf. Er senkte
die Schnauze, er zielte – und schwuppdich! beförderte er den
Kürbis mit kräftigem Stoß hinein.
»Gut gemacht!«
Kasperl und Seppel klatschten ihm Beifall, doch Wasti tat
ihnen nicht den Gefallen, das Kunststück zu wiederholen. Ohne
sich weiter um sie zu kümmern, verkroch er sich in die Hütte.
»Laßt mich gefälligst zufrieden!« knurrte er in der
Hundesprache. »Jetzt möchte ich meine Ruhe haben, waff-
waff, und ein bißchen schlafen.«
Die Freunde konnten sich denken, was er gemeint hatte.
»Komm«, sagte Kasperl zu Seppel. »Gehen wir zu Frau
Schlotterbeck!«
Die Vorhänge in der Wohnstube waren wie immer
zugezogen. Der Schein einer einzigen Kerze erhellte den
Raum. Sie stand in der Mitte des runden, mit allerlei seltsamen
Zeichen bedeckten Tisches. Neben der Kerze ruhte auf einem
Kissen von schwarzem Samt die berühmte Kugel aus
Bergkristall. Mit ihrer Hilfe konnte man alles beobachten, was
sich im Umkreis von dreizehn Meilen ereignete: vorausgesetzt,
daß es unter freiem Himmel geschah.
Bisher hatten Kasperl und Seppel Frau Schlotterbecks Kugel
nie zu Gesicht bekommen.
»Eigentlich«, dachte Kasperl bei ihrem Anblick, »sieht sie
wie einer von Großmutters kleineren Kürbissen aus – nur daß
sie nicht grün, sondern bläulich ist . . .«
In der Tat: bis auf diesen geringen Unterschied waren sich
Großmutters Kürbisse und die magische Kugel der Witwe
Portiunkula Schlotterbeck zum Verwechseln ähnlich.
Ein Ameisenhaufen,
der es in sich hat

Der Herr Polizeihauptwachtmeister Alois Dimpfelmoser


ließ auf sich warten. Die Freunde konnten sich nicht erklären,
warum er so lange ausblieb. Ob ihn der Räuber Hotzenplotz
unterwegs überfallen hatte?
»Wollen mal nachsehen«, sagte Frau Schlotterbeck.
Sie setzte sich an den Tisch und begann an dem Kissen aus
schwarzem Samt zu drehen, auf dem die Kristallkugel lag. Da
schellte es an der Gartentür – und als Kasperl und Seppel
hinausrannten, um zu öffnen, stand draußen Herr
Dimpfelmoser mit seinem Fahrrad: krebsrot im Gesicht, und
gewaltig schnaufend wie eine alte Dampfmaschine.
»Ich konnte den vierten dreifachen Doppelknoten ewig nicht
aufkriegen!« keuchte er. »In Zukunft, glaube ich, ist es mit
dreien auch getan.«
Er kramte die Schnur aus der Tasche und blickte sich um.
»Wo kann ich das Rad hier anbinden?«
»Stellen Sie es doch einfach zu Wastis Hütte!« schlug
Kasperl vor.
»Recht hast du«, sagte Herr Dimpfelmoser. »Dort ist es
sogar vor Hotzenplotz sicher – auch ohne Schnur.«
An der Wohnstubentür empfing ihn die Witwe
Schlotterbeck mit dem Ruf: »Da sind Sie ja endlich!« Dann bot
sie ihm eine Tasse Tee an.
»Danke«, erklärte Herr Dimpfelmoser. »Statt Tee zu
trinken, sollten wir lieber die polizeiliche Überwachung des
Räubers aufnehmen. Jede Minute ist kostbar.«
Er setzte sich vor die Kugel aus Bergkristall. Frau
Schlotterbeck nahm auf der anderen Seite des Tisches Platz,
Kasperl und Seppel stellten sich hinter Herrn Dimpfelmoser
und guckten ihm über die Schulter.
»Beginnen wir also!«
Frau Schlotterbeck drehte das Kissen mit spitzen Fingern
ein wenig nach links und ein wenig nach rechts, langsam und
vorsichtig: da begann sich die magische Kugel aufzuhellen und
nahm einen milchigen Schimmer an – als sei sie mit weißem
Rauch oder Nebel gefüllt. »Wo wünschen Sie mit der Suche
anzufangen?«
Herr Dimpfelmoser kratzte sich im Genick.
»Beginnen wir mit dem Weg durch den Räuberwald, der zu
seiner Höhle führt!«
Frau Schlotterbeck drehte das Kissen ein weiteres Stück
nach rechts. Der Nebel löste sich auf, das Bild eines Waldes
erschien in der Kugel: zunächst noch verschwommen, doch
rasch nahm es klare Gestalt an.
»Der Räuberwald!« staunte Seppel. »Hier ist die Straße –
und dort, an der Biegung . . .«
»Wahrhaftig!« rief Kasperl. »Dort an der Biegung beginnt
der Pfad, der zum Alten Steinkreuz führt – und vom Steinkreuz
zur Räuberhöhle!«
Frau Schlotterbeck handhabte ihre magische Kugel mit viel
Geschick. Kasperl und Seppel hatten den Eindruck, als ob sie
in Windeseile dem Waldpfad folgten: an Himbeersträuchern
und Brombeerhecken vorbei, über Wurzelwerk, Steine und
Dornenranken, durch dick und dünn. Da war schon die Brücke
über den Moosbach – und dort, ein paar Schritte weiter,
entdeckten sie Hotzenplotz, wie er durchs Heidekraut stapfte:
sie hatten ihn eingeholt.
»Pscht!« machte Kasperl. »Ich glaube, er singt sich eins.«
Die Stimme des Räubers klang weit entfernt, doch die Worte
des Liedes waren genau zu verstehen. Es hatte bloß eine
einzige Strophe, die Hotzenplotz unentwegt wiederholte:
»Lustig war das Räuberleben
In dem grünen Wald, juchhei!
Trotzdem hab' ich's aufgegeben,
Das ist nun vorbei-zwei-drei!
Trotzdem hab' ich's aufgegeben,
Das ist nun vorbei.«
Herr Dimpfelmoser hörte ihm eine Weile mit grimmiger
Miene zu, dann brummte er:
»Alles Schwindel! So laut kann der gar nicht singen, daß
ihm die Polizei das glaubt!«
Mit langen Schritten strebte der Räuber seiner Behausung
zu. Die Bretter, mit denen Herr Dimpfelmoser den Eingang
vernagelt hatte, riß er herunter. Dann öffnete er die Tür und
verschwand.
Was ließ sich dagegen sagen? Es stand ja in seinen Papieren
ausdrücklich, daß er »an seinen ständigen Wohnsitz« entlassen
war.
»Warten wir ab, was er tun wird«, knurrte Herr
Dimpfelmoser.
Leider reichten die Kräfte der magischen Kugel nicht aus,
um Hotzenplotz in das Innere seiner Höhle zu folgen. Es blieb
eine Weile still drin – dann hörten sie ein Geräusch, das wie
lautes Schnarchen klang. Daraus schlossen sie, daß der Räuber
sich schlafengelegt hatte.
Mehrere Stunden verbrachten sie in gespannter Erwartung.
Frau Schlotterbeck kochte Tee und bewirtete sie mit
Käseplätzchen und Zwiebelkuchen. Es dunkelte schon im
Walde, als Hotzenplotz endlich wieder zum Vorschein kam.
Gähnend verließ er die Räuberhöhle. Er nahm eine Prise
Schnupftabak, rieb sich die Nase und nieste ein paarmal. Dann
holte er einen Spaten aus dem Gestrüpp, den schulterte er – und
sie ließen ihn nicht aus den Augen, bis er vor einem großen
Ameisenhaufen stehenblieb.
Ein Glück, daß der Mond schien!
So konnten sie trotz der Dunkelheit deutlich erkennen, daß
es ein künstlicher Ameisenhaufen war, an dem sich der Räuber
nun mit dem Spaten zu schaffen machte.
Er legte zwei Pulverfässer und eine mit Blech beschlagene
Kiste frei.
Der Kiste entnahm er ein Dutzend Pistolen und mindestens
sieben Messer, die steckte er alle in einen großen Sack.
Dann schob eine schwarze Wolke sich vor den Mond, das
Bild in der Kugel verfinsterte sich – und mehr war an diesem
Abend beim besten Willen nicht zu beobachten.
Die Räuberfalle

Kasperl und Seppel, Frau Schlotterbeck und Herr


Dimpfelmoser hatten genug gesehen: nun waren sie felsenfest
überzeugt davon, daß Hotzenplotz nicht im Traum daran
dachte, sein Leben zu ändern.
»Friedliche Bürger brauchen kein Schießpulver«, sagte Herr
Dimpfelmoser. »Und was er mit seinen Messern und den
Pistolen im Sinn hat, kann man sich an zwei Fingern
ausrechnen. Es ist höchste Gefahr im Verzug! Morgen
vormittag werde ich alles schriftlich zu Protokoll nehmen –
und am Nachmittag lege ich fest, welche weiteren Maßnahmen
gegen ihn zu ergreifen sind. Der Kerl soll sein blaues Wunder
erleben!«
Er setzte den Helm auf, dann richtete er das Wort an die
Witwe Schlotterbeck:
»Könnten Sie wohl die Güte haben und morgen früh, wenn
es draußen hell wird, die Überwachung des Räubers fortsetzen?
Das ist wichtig, damit er uns nicht durch die Lappen geht.«
»Ihnen zuliebe«, versprach ihm Frau Schlotterbeck, »werde
ich mir den Wecker auf vier Uhr früh stellen.«
Kasperl und Seppel waren nicht übermäßig begeistert
davon, daß Herr Dimpfelmoser den nächsten Schritt gegen
Hotzenplotz frühestens morgen nachmittag unternehmen
wollte. Der Räuber war schwer bewaffnet – was konnte er in
der Zwischenzeit alles anstellen!
Während sie miteinander heimgingen, legten die beiden sich
einen Plan zurecht, wie sie Hotzenplotz fangen wollten.
»Zweimal haben wir ihn auf eigene Faust geschnappt«,
sagte Kasperl. »Da schaffen wir's auch ein drittes Mal!«
Sie schlichen am anderen Morgen vor Tau und Tag von zu
Hause weg: Kasperl mit einem Sack voll Sand auf dem
Rücken, Seppel mit Großmutters Wäscheleine unter dem Arm.
Im Morgengrauen eilten sie durch den Wald, überquerten
den Moosbach und huschten am Alten Steinkreuz vorbei. Kurz
vor der Räuberhöhle machten sie halt. Dort standen zwei
mächtige alte Buchen neben dem Pfad, eine links, eine rechts
davon: dies war die Stelle, die sich für eine Räuberfalle am
besten eignete.
»Fangen wir an!« sagte Kasperl.
Mit Seppels Hilfe erkletterte er die linke Buche und
schwang sich auf einen Ast, der über den Pfad hinausragte.
Vorsichtig rutschte er auf dem Ast entlang, bis der Fußweg
genau unter ihm lag. Nun mußte ihm Seppel das eine Ende von
Großmutters Wäscheschnur zuwerfen.
»Hast du sie?«
»Dankeschön«, sagte Kasperl. »Ich lasse sie auf der anderen
Seite wieder hinunter, damit du den Sack voll Sand daran
festbinden kannst. Ist das klar?«
»Klar wie Zwetschgenmus.«
Kasperl rutschte zurück und ließ sich am Stamm der Buche
hinabgleiten.
»Fertig?«
»Moment«, sagte Seppel. »Ich mache zur Sicherheit einen
Extraknoten . . . Wenn der nicht hält, will ich Mops heißen.«
Sie zogen den Sack mit vereinten Kräften bis zu dem Ast
empor. Das freie Ende der Wäscheleine schlangen sie um den
Stamm der Buche, die auf der rechten Seite des Pfades stand.
Den Rest spannte Kasperl als Stolperschnur über den Weg.
»Und du meinst, daß es klappen wird?« fragte Seppel. »Wer
sagt uns denn überhaupt, daß Hotzenplotz hier
entlangkommt?«
Kasperl war zuversichtlich.
»Es gibt keinen anderen Weg, der zu seiner Höhle führt.«
»Und der Sack mit dem Sand? Ob er wirklich
herunterfällt?«
»Das ließe sich ausprobieren.«
»Ist gut«, sagte Seppel. »Nehmen wir also an, daß
Hotzenplotz hier vorbeikommt, und daß er den Stolperstrick
nicht entdeckt. Er stößt mit dem Fuß dagegen: ganz leicht nur,
wie ich jetzt dagegenstoße – und dann?«
Seppels Befürchtungen waren grundlos gewesen.
Er hatte den Stolperstrick kaum mit dem großen Zeh berührt
– da plumpste der Sandsack herunter. Er plumpste ihm auf den
Hut, und Seppel verdrehte die Augen.
»Uff!«
Damit sank er in sich zusammen und sagte für eine Weile
gar nichts mehr.
Seppel lag da wie vom Blitz getroffen, er gab keinen Laut
von sich.
»Seppel!« beschwor ihn Kasperl. »Aufwachen, Seppel!«
Er zupfte ihn an den Haaren, er rieb ihm die Ohren, er
zwickte
ihn in die Nase – vergebens. Da ließ eine rauhe
Männerstimme sich hören:
»Den scheint's ja ganz schön erwischt zu haben, hö-höh!«
Und als Kasperl erschrocken aufblickte, sah er – dem
Räuber Hotzenplotz ins Gesicht.
Feuerwerk

»Seppel!« rief Kasperl. »Was hast du, um Himmels willen?


Steh auf, Seppel!«
Kasperl brachte vor Schreck keinen Ton heraus. Durfte er
Seppel jetzt einfach im Stich lassen? – nie und nimmermehr!
Mochte der Räuber mit ihnen tun, was er wollte!
»Na, ihr zwei Oberkünstler?«
Hotzenplotz hockte sich neben Kasperl nieder und fühlte
Seppel den Puls.
»Wollen versuchen, ihn wieder wachzukriegen.« Er holte
aus seiner Hosentasche die Schnupftabaksdose hervor. »Das
Zeug, mußt du wissen, wirkt manchmal Wunder.«
»Meinen Sie?«
Hotzenplotz stopfte Seppel die Nase mit Schnupftabak voll.
»Paß mal auf, wie das hilft!«
Es dauerte keine zwei Sekunden, und Seppel brach in ein
fürchterliches Geniese aus. Er nieste und nieste, als wollte es
ihn von innen heraus in Stücke reißen.
Kasperl packte ihn an den Schultern und rüttelte ihn.
»Haptschi!« machte Seppel und japste nach Luft. »Ich muß
einen gräßlichen Schnupfen erwischt haben, Kasperl –
haptschi, haptschiii!«
Kasperl lieh ihm sein Taschentuch. Seppel schneuzte sich
aus und rieb sich die Augen. Dann erst bemerkte er
Hotzenplotz.
»Sie sind das?«
»Ich, wenn du nichts dagegen hast. Und nun sagt mir
gefälligst, was da passiert ist!«
»Ach«, druckste Kasperl herum, »das wissen wir eigentlich
selbst nicht. Ein Zufall, verstehen Sie – nichts wie ein dummer
Zufall, Herr Hotzenplotz . . .«
»Und der Sack voll Sand? Und der Stolperstrick?« Der
Räuber tat Kasperls Antwort mit einem verächtlichen Grunzen
ab. »Ich habe euch nämlich beobachtet, eine ganze Weile schon
– und ich finde, das solltet ihr lieber bleiben lassen.«
»Was?« fragte Kasperl so unschuldig, wie er nur konnte.
»Daß ihr mir Fallen stellt! Erstens kann das ins Auge gehen
. . .«
»Ins Auge ist gut«, meinte Seppel. »Es ist auf den Hut
gegangen. – Und zweitens?«
»Zweitens, beim Teufel und seiner Großmutter, wiederhole
ich hiermit, daß ich seit gestern ein friedlicher Bürger bin!
Wozu dann der Sandsack, den ihr mir auf den Kopf fallen
lassen wolltet – auf meinen guten, alten, ehemaligen
Räuberkopf?«
Das fehlte gerade noch, daß sich Hotzenplotz über sie lustig
machte!
»Werden Sie bloß nicht albern!« rief Kasperl. »Seppel und
ich wissen haargenau, was mit Ihnen los ist, Herr Plotzenhotz!«
»Und zum Glück«, sagte Seppel, »weiß auch die Polizei
Bescheid!«
Hotzenplotz tat, als könnte er nicht bis drei zählen.
»Ich weiß wirklich nicht, was ihr meint.«
»Dann denken Sie doch an gestern abend!« half Kasperl ihm
nach. »Ich sage bloß: Ameisenhaufen!«
Der Räuber maß ihn mit einem erstaunten Blick.
»Meint ihr das halbe Dutzend Pistolen?«
»Es waren auch mindestens sieben Messer dabei – und
außerdem zwei Faß Schießpulver. Sollten Sie das vergessen
haben, Herr Klotzenmotz?«
Hotzenplotz patschte sich auf die Schenkel.
»Wenn das alles ist, könnt ihr beruhigt sein, hö-ho-hö-
höööh!«
»Sie!« brauste Kasperl auf. »Wir finden das gar nicht
lustig!«
Hotzenplotz lachte, daß ihm die Tränen über die Wangen
kullerten: echte, wirkliche, dicke Räubertränen.
»Ich hab' ja den ganzen Plunder bloß ausgegraben, weil ich
ihn loswerden wollte, verdammtnochmal!«
»Loswerden?« fragte Seppel.
»Weil man als ehrlicher Mensch für Pistolen und Messer
und Schießpulver keine Verwendung hat – klar?«
Durften die Freunde den Worten des Räubers trauen?
»Was haben Sie mit dem Zeug denn getan?« wollte Kasperl
wissen.
»Vorläufig nichts«, meinte Hotzenplotz. »Weil es mir
gestern abend zu finster war.«
»Und jetzt?« fragte Kasperl.
»Jetzt werden wir reinen Tisch machen«, antwortete ihm der
Räuber. »Steht auf – und kommt mit!« Er knuffte sie in den
Rücken. »Vorwärts!«
Sie brauchten nicht weit zu laufen. Nach wenigen Schritten
erreichten sie eine kleine Lichtung im Wald, dort lagen in einer
Mulde die beiden Pulverfässer.
»Da wären wir«, sagte Hotzenplotz. »Alles ist vorbereitet –
gleich haben wir's hinter uns gebracht!«
Kasperl und Seppel ließen die Köpfe hängen und
wünschten, sie wären im Hottentottenland. Was auch der
Räuber mit ihnen vorhaben mochte: es konnte nichts Gutes
sein.
»Seht ihr den grauen Faden da, auf dem Waldboden?«
»Ja«, sagte Kasperl nach einigem Suchen.
»Es ist eine Zündschnur, sie führt zu den Pulverfässern. Ich
wollte die Dinger gerade hochgehen lassen: da sind mir zwei
große Räuberjäger dazwischengekommen – Glück, muß man
haben!«
Kasperl bekam eine weiße Nase.
»Sie werden uns – in die Luft sprengen?«
»Unsinn!« rief Hotzenplotz. »Zusehen sollt ihr mir bei dem
Feuerwerk, weiter gar nichts.«
Die Freunde mußten sich neben ihn auf den Boden legen.
»Schön flach machen!« schärfte er ihnen ein, bevor er das
Ende der Lunte mit einem Streichholz in Brand setzte.
Zischend und knisternd fraß sich ein blaues Flämmchen mit
Windeseile durch Gras und Heidekraut auf die Fässer zu.
»'runter jetzt!«
Hotzenplotz packte Kasperl und Seppel am Kragen, er
drückte sie mit den Nasen ins Moos.
Dann hörten sie einen Knall wie zwölf Böllerschüsse auf
einmal. Erde und Holzsplitter wirbelten durch die Luft, daß es
nur so prasselte.
Als sich die Freunde getrauten, den Kopf zu heben, waren
die Pulverfässer verschwunden. Ein schwarzer Fleck im Gras,
nackt und kahl: das war alles, was davon übriggeblieben war.
Dreimal
weg damit!

»War das Ihr ganzes Schießpulver?« fragte Kasperl.


»Bis auf den letzten Krümel«, versicherte Hotzenplotz.
»Glaubt ihr mir nun, daß ich ehrlich beschlossen habe, die
Räuberei an den Nagel zu hängen?«
»Jetzt schon«, meinte Seppel.
»Und du, Kasperl?«
»Meine Hand drauf, Herr Hotzenplotz!«
Somit war alles klar – bis auf eines. Und dies war ein Punkt,
der dem ehemaligen Räuber zu schaffen machte.
»Ob auch Herr Dimpfelmoser mir endlich glauben wird?«
»Unbedingt«, sagte Kasperl. »Frau Schlotterbeck wird ihm
genau berichten, was mit dem Pulver geschehen ist – falls er es
nicht mit eigenen Augen beobachtet hat.«
»Wie das?« fragte Hotzenplotz.
Kasperl und Seppel verrieten ihm, welche Bewandtnis es
mit Frau Schlotterbecks magischer Kugel hatte.
»Ein tolles Patent, muß ich sagen!«
Hotzenplotz kratzte sich hinter dem linken Ohr und
räusperte sich; dann rief er mit lauter Stimme, um
sicherzugehen, daß man es in Frau Schlotterbecks Wohnstube
nicht überhören konnte:
»Wie Sie bemerkt haben dürften, geschätzte Zuschauer,
habe ich meinen restlichen Vorrat an Schießpulver ratzeputz in
die Luft gejagt – und nun geben Sie bitte acht, was Kasperl,
Seppel und ich mit den Messern und den Pistolen tun werden!
Wenn Sie mich dann noch immer für einen Halunken halten,
ist Ihnen nicht zu helfen. Schließlich, verdammtnochmal, hat
man ja eine Ehre im Leib, nicht wahr? Das sollten Sie nicht
vergessen, Herr Dimpfelmoser – auch wenn Sie tausendmal
von der Polizei sind!«
Er winkte den Freunden und sagte:
»Los jetzt – wir wollen es ihnen zeigen!«
Sie gingen gemeinsam zur Räuberhöhle, der Sack mit den
Waffen lag griffbereit hinter der Eichentür. Hotzenplotz lud ihn
sich auf die Schulter, dann führte er Kasperl und Seppel durch
Wald und Gestrüpp an den Rand des Moores.
»Dicht hinter mir geblieben!« wies er sie an. »Die Wege
und Stege hier draußen sind schmal, schon mancher hat einen
falschen Tritt getan – und dann ist er im Moor versunken, als
ob es ihn nie gegeben hätte. Aber wenn einer sich hier
zurechtfindet, ist es der alte Hotzenplotz.«
»Hoffen wir's!« dachte Kasperl, und Seppel spuckte zur
Sicherheit dreimal aus.
Auf schwankenden Pfaden folgten sie Hotzenplotz in das
Moor hinaus. Es gab Stellen, da quatschte der Boden, als
müßten sie jeden Augenblick steckenbleiben. Das Wasser
drang ihnen in die Schuhe – doch allemal fanden sie wieder auf
festen Grund zurück.
An einem besonders schwarzen und einsamen Tümpel
blieben sie stehen.
»Wollen wir anfangen?«
Hotzenplotz kramte eines der sieben Messer aus seinem
Sack und reichte es Kasperl.
»Weg damit!«
»Dreimal weg damit!«
Kasperl streckte den Arm aus, dann ließ er das Messer
fallen. Glucksend und blubbernd versank es auf
Nimmerwiedersehen im Wasser.
»Wer will, mag es sich herausholen – weiter jetzt!« Kreuz
und quer durchwanderten sie das Moor, von Tümpel zu
Tümpel. Kasperl und Seppel durften sich abwechseln. Sie
versenkten die Waffen einzeln, jede an einer anderen,
unzugänglichen Stelle.
»Weg damit!« riefen sie, wenn die schwarze Tunke darüber
zusammenschwappte. »Weg damit – dreimal weg damit!«
Und wie
geht es weiter?

Es dauerte seine Zeit, bis der Sack geleert war. Dann


kehrten sie zu der Räuberhöhle im Wald zurück.
»Wißt ihr was?« meinte Hotzenplotz. »Laßt uns ein Feuer
machen, da können wir unsere Strümpfe und Schuhe trocknen.
Außerdem hab' ich einen Bärenhunger.«
»Wir auch«, sagte Kasperl.
»Großartig!« Hotzenplotz klopfte sich auf den Magen. »Ich
glaube, dem läßt sich abhelfen . . .«
Unweit der Höhle stand eine knorrige alte Eiche, eine von
mehreren.
»Soll ich euch mal was zeigen?«
Hotzenplotz drückte auf eine bestimmte Stelle an ihrem
Stamm, da öffnete sich die Eichenrinde wie eine Schranktür.
Dahinter befand sich ein Vorratslager an Lebensmitteln:
Schmalztöpfe, Speckseiten, einige Büchsen Pökelfleisch,
mehrere Säcke Zwieback, sechs Ringe Salamiwurst, sieben
Käselaibe und acht oder neun geräucherte Heringe.
»Und was ist in den Flaschen?«
»Sliwowitz«, sagte Hotzenplotz. »Zwiebeln und Knoblauch
sind auch zur Hand – und Pfeffer und Paprika könnt ihr haben,
soviel ihr wollt.«
Damit holte er eine Bratpfanne unter dem nächsten Strauch
hervor, sie entfachten ein Feuer und hängten die Schuhe und
Strümpfe zum Trocknen auf.
»Jetzt brate ich uns einen echten Räuberschmaus!«
Hotzenplotz griff an den Gürtel und stutzte.
»Was fehlt Ihnen?« fragte Kasperl.
»Ich habe kein einziges Messer mehr . . .«
»Nehmen Sie meines – ich leihe es Ihnen gern.«
Mit Kasperls Taschenmesser schnippelte Hotzenplotz
allerlei Zutaten klein: die rührte er in die Pfanne – und alsbald
verbreitete sich ein leckerer Duft im Wald. Das Wasser lief
Kasperl und Seppel im Mund zusammen. Sie konnten es kaum
erwarten, bis Hotzenplotz endlich die Pfanne vom Feuer
rückte. Er hatte sich vorsorglich eine Flasche Sliwowitz neben
den Platz gestellt.
»Mahlzeit!«
Sie aßen den Räuberschmaus mit den bloßen Fingern, was
ihn besonders schmackhaft machte. Großmutter war eine gute
Köchin, das stand außer jedem Zweifel; doch selbst an den
höchsten Feiertagen hatte sie Kasperl und Seppel etwas so
Köstliches niemals zubereitet – mit soviel Zwiebeln und soviel
Speck daran, und vor allem: mit soviel Knoblauch.
»Es wundert mich eigentlich«, sagte Kasperl zwischen zwei
Happen, »daß Sie die Räuberei aufgeben wollen, Herr
Hotzenplotz.«
»Das ist rasch erklärt.«
Hotzenplotz nahm einen Schluck aus der Sliwowitzflasche.
»Natürlich hat der Beruf eines Räubers auch seine schönen
Seiten. Die Waldluft hält einen jung und gesund; für
Abwechslung ist gesorgt; und solange man nicht im Loch sitzt,
führt man ein wildes und freies Leben – aber . . .«
An dieser Stelle legte er eine Pause ein und genehmigte sich
einen weiteren Sliwowitz.
»Kurz und gut: auf die Dauer wird mir die Sache zu
anstrengend. Nichts ist lästiger auf der Welt, als ständig den
bösen Mann zu spielen! Immerzu Missetaten verüben müssen,
auch wenn einem gar nicht danach zumute ist; immerzu
Großmütter überfallen und Fahrräder klauen; und immerzu auf
der Hut vor der Polizei sein: das zehrt an den Kräften und sägt
an den Nerven, glaubt mir das! Und im übrigen . . .«
Hotzenplotz setzte zu einem dritten Schluck an.
»Im übrigen hängt mir das ganze Räuberwesen zum Hals
heraus. Ich bin froh, daß es damit aus ist, verfluchtnochmal –
ja, ich bin wirklich froh darüber!«
»Und?« fragte Kasperl. »Wie soll es nun weitergehen Herr
Hotzenplotz? Haben Sie schon bestimmte Pläne für Ihre
Zukunft?«
»Nööö«, sagte Hotzenplotz. »Aber da wird sich schon etwas
finden lassen.«
Sie aßen die Pfanne leer; dann berieten sie miteinander,
welche Berufe für Hotzenplotz in Betracht kämen. Das war
schwierig, denn erstens hatte er außer der Räuberei nichts
gelernt – »und zweitens«, meinte er, »wäre mir eine Arbeit im
Wald am liebsten; wenn sie nur nicht zu schwer ist – und Spaß
machen sollte sie obendrein.«
Holzfällen kam also nicht in Frage für ihn, Torfstechen auch
nicht, und Steineklopfen am allerwenigsten.
»Groß ist die Auswahl nicht«, meinte Kasperl. »Am besten
wäre vielleicht ein Beruf für Sie, der noch gar nicht erfunden
ist – sagen wir: Zeichenlehrer an einer Baumschule . . .«
»Züchten Sie eßbare Fliegenpilze!« schlug Seppel vor.
»Oder Pfifferlinge in Dosen!«
»Nicht schlecht«, meinte Hotzenplotz grinsend. »Ich könnte
auch Tollkirschenmarmelade herstellen.«
»Dann schon lieber gerösteten Schnepfendreck!«
»Kieselsteinmargarine . . .«
»Stinkmorchelbrause in Pulverform . . .«
»Ob man mit Ameiseneierlikör ins Geschäft käme?«
»Wenn Sie mich fragen«, sagte Kasperl, »dann werden Sie
Weichensteller auf einem Wildwechsel – mit der Aussicht,
nach spätestens anderthalb Jahren zum
Oberwildwechselweichensteller ernannt zu werden!«
Sie blödelten um die Wette weiter, bis ihnen nichts mehr
einfiel. Dann sangen sie Räuberlieder, und zwischendurch
mußte Hotzenplotz ihnen von seinen Taten und Abenteuern
erzählen – und wie es ihm immer wieder geglückt war, die
Polizei an der Nase herumzuführen, jahraus, jahrein.
Das war spannend und lustig.
Vor lauter Geschichtenerzählen und Zuhören merkten sie
gar nicht, wie rasch die Zeit verging.
Mit einemmal war es Abend, die Dämmerung brach herein,
und Hotzenplotz sagte:
»Ich glaube, nun müßt ihr nach Hause, sonst gibt es Ärger.
Laßt uns die Strümpfe und Schuhe anziehen und das Feuer
löschen – dann will ich euch bis zum Städtchen begleiten,
damit ihr mir nicht auf dem Heimweg versehentlich unter die
Räuber fallt, hö-hö-hö-höööh!«
Der Steckbrief

Als sie den Wald verließen, war es schon richtig dunkel.


Hotzenplotz wollte sich bei der ersten Straßenlaterne von
Kasperl und Seppel verabschieden: da entdeckte er in der Nähe
ein großes Plakat, das an einem Bauzaun hing.
»Nanu!« rief er aus. »Entweder ist mir der Sliwowitz nicht
bekommen – oder es stimmt was mit meinen Augen nicht. Ist
das mein Bild dort?« Er deutete auf das Plakat. »Oder ist das
nicht mein Bild?«
»Doch«, sagte Kasperl. »Das sieht ja ein Blinder von hinten,
daß Sie es sind.«
»Und?« fragte Hotzenplotz. »Was, zum Geier, bedeutet
das?«
»Nichts«, meinte Seppel. »Es muß sich um einen Steckbrief
von früher handeln.«
»Um einen Dreckbrief!« Hotzenplotz war mit Recht empört.
»Warum hat die Polizei ihn nicht abgenommen? Das ist eine
Schlamperei, die zum Himmel stinkt!«
Sie beguckten sich das Plakat aus der Nähe – und Kasperl
verschluckte sich fast vor Schreck.
»Herr P-plotzenhotz!« stieß er hervor. »D-das Ding ist v-
von heute!«
»Von wann, sagst du?«
Kasperl wies auf das Datum, das in der rechten oberen Ecke
stand.
»Nun verstehe ich überhaupt nichts mehr! Gestern entlassen
– und heute schon wieder öffentlich ausgehängt? Das kann nur
ein blöder Spaß sein!«
Gemeinsam entzifferten sie den Text des Plakates. Er war
von Herrn Dimpfelmoser geschrieben, mit schwarzem Filzstift
auf weißem Packpapier:
Gesucht wird, zwecks schleunigster Inhaftierung desselben,
zum ehestmöglichen Zeitpunkt,

der Räuber Hotzenplotz.

Gesuchter ist schwer bewaffnet und mehrfach vorbestraft.


Besondere Kennzeichen:
Schwarzer Räuberhut, lange, im oberen Drittel deutlich
gekrümmte Feder, Stoppelbart.

Der als gemeingefährlich bekannte Verbrecher steht im


Verdacht, sich nachstehender Straftaten schuldig gemacht zu
haben:
1. Einbruch im Wohnhaus der Witwe Portiunkula
Schlotterbeck, verübt in der Nacht von gestern auf
heute.
2. Entwendung eines der o. e. Witwe gehörenden
Gegenstandes von unersetzlichem Wert.
(Kokosnußgroße Kugel aus Bergkristall).

Die Bevölkerung des gesamten Landkreises wird hierdurch


zur Mithilfe bei der Fahndung aufgerufen. Sachdienliche
Mitteilungen werden auf Wunsch vertraulich behandelt.
Die Ortspolizeibehörde
gezeichnet: Dimpfelmoser, Alois Polizeihauptwachtmeister

Hotzenplotz faßte sich an den Kopf. Dreimal mußten ihm


Kasperl und Seppel vorlesen, was da in schwarzer Schrift unter
seinem Bild stand, bevor er es ihnen glaubte – dann lief ihm
die Galle über.
»Wie kommt dieser Dimpfelmoser dazu, einen solchen
Quatsch zu schreiben? Der Schlag soll mich treffen, wenn ich
das Haus von Frau Schlotterbeck je betreten habe! Aber die
Polizei weiß ja alles besser, verdammtnochmal – dafür ist sie
die Polizei!«
Kasperl versuchte ihm Mut zu machen.
»Wenn Sie es nicht waren, Herr Hotzenplotz, der die Kugel
gestohlen hat, muß ein anderer es gewesen sein. Seppel und ich
werden alles tun, um die Wahrheit ans Licht zu bringen!«
»Wirklich?«
»Und wenn wir die halbe Welt auf den Kopf stellen
müßten!«
Hotzenplotz drückte den Freunden gerührt die Hand, im
voraus dankte er ihnen für alle Mühe.
In diesem Augenblick hörten sie eine Fahrradklingel: der
Herr Polizeihauptwachtmeister Alois Dimpfelmoser kam um
die Ecke geradelt.
»Rasch!« sagte Kasperl zu Hotzenplotz. »Er darf Sie auf
keinen Fall sehen, bevor wir mit ihm gesprochen haben – sonst
nimmt er Sie auf der Stelle fest!«
Herrn Dimpfelmoser
ist alles klar

Hotzenplotz kniete nieder, er stützte sich mit den Ellbogen


auf den Boden und duckte sich. Kasperl und Seppel nahmen
auf seinem Rücken Platz wie auf einer Bank, sie lehnten sich
gegen den Bauzaun. Herr Dimpfelmoser erspähte sie, stieg
vom Fahrrad und richtete seine Taschenlampe auf sie.
»Bist du das, Kasperl?«
»Ich denke: ja.«
»Und Seppel ist auch dabei?«
»Warum fragen Sie?« meinte Seppel. »Wo Kasperl ist, bin
ich auch.«
»Dann ist es ja gut!« Herr Dimpfelmoser knipste die Lampe
aus. »Großmutter ist in tausend Ängsten um euch.«
»Wieso?« fragte Kasperl.
»Weil sie seit heute morgen nichts von euch weiß.«
»Von Kasperl und mir?« fragte Seppel.
Herr Dimpfelmoser war drauf und dran, die Geduld zu
verlieren.
»Habt ihr die Steckbriefe nicht gelesen? Sonst müßtet ihr
wissen, daß Hotzenplotz bei Frau Schlotterbeck einen Einbruch
verübt hat. Nicht auszudenken, wenn euch der Bursche
gefangen hätte – das wäre euch schlecht bekommen!«
»Sie sehen ja selbst, daß wir heil und ganz sind«, erwiderte
Kasperl. »Wie kommen Sie übrigens ausgerechnet auf
Hotzenplotz? Ist er beobachtet worden, wie er Frau
Schlotterbecks Kugel gestohlen hat?«
»Das tut nichts zur Sache, der Fall ist ja sonnenklar. Für
mich kommt als Täter nur er in Frage. Die Kugel ist weg – also
kann ihm die Polizei nicht mehr auf die Finger schauen. Wenn
überhaupt jemand einen Grund hatte, bei Frau Schlotterbeck
einzubrechen – dann er!«
Kasperl und Seppel versuchten, Herrn Dimpfelmoser zu
widersprechen.
»Das wissen wir zufällig besser! Wir schwören Ihnen, daß
Hotzenplotz mit dem Raub der Kristallkugel nichts zu schaffen
hat. Er ist unschuldig!«
»Papperlapapp!«
Herr Dimpfelmoser fuhr ihnen über den Mund, er ließ sie
nicht ausreden.
»Marsch nach Hause mit euch – zu Großmutter! Es wird
Zeit, daß ich mich aufs Ohr lege. Morgen früh ziehen Wasti
und ich miteinander los: und wo Hotzenplotz dann auch steckt
– wir werden ihn finden und seiner gerechten Strafe zuführen.
Das verspreche ich euch, so wahr man mich außer der Reihe
zum Hauptwachtmeister befördert hat.«
Er rasselte mit dem Säbel.
»Versprecht ihr mir hoch und heilig, daß ihr sofort nach
Hause lauft?«
»Hoch und heilig, Herr Wachthauptmeister.«
Herr Dimpfelmoser bestieg das Fahrrad. Kräftig trat er in
die Pedale und fuhr davon. Die Freunde warteten, bis das
Rücklicht verschwunden war, dann erhoben sie sich.
»Die Luft ist jetzt wieder rein, Herr Hotzenplotz.«
Ächzend und stöhnend richtete sich der ehemalige Räuber
auf und rieb sich das Kreuz.
»Ihr beiden seid ganz schön schwer, muß ich sagen. Und
Dimpfelmoser hätte euch wenigstens anhören können! Wenn er
mit Wasti Schlotterbeck auf mich Jagd macht, sitze ich bald
wieder hinter Schloß und Riegel: darauf könnt ihr Gift
nehmen.«
»Abwarten!« meinte Kasperl. »Sie dürfen natürlich auf
keinen Fall in den Wald zurück . . .«
»Wohin sonst?« fragte Hotzenplotz.
»Kommen Sie doch mit uns!« schlug ihm Kasperl vor. »In
Großmutters Haus wird Sie niemand suchen: dort sind Sie
einstweilen sicher – und Seppel und ich haben Zeit, um
herauszukriegen, was mit Frau Schlotterbecks Kugel wirklich
geschehen ist.«
Knoblauch
und Schnupftabak

Großmutter saß in der Fensternische und strickte. Sie


machte sich große Sorgen um Kasperl und Seppel. Hoffentlich
hatte es mit den beiden kein Unglück gegeben!
Von Zeit zu Zeit blickte Großmutter auf die Pendeluhr an
der Wand. »Schon halb neun – und noch immer kein
Lebenszeichen von ihnen! Langsam kommt mir die Sache
spanisch vor.«
Großmutter strickte weiter: zwei glatt, zwei verkehrt – zwei
glatt, zwei verkehrt. Da klopfte es an das Fenster. Sie griff sich
ans Herz und legte das Strickzeug weg.
»Ist da wer?«
»Ja«, sagte Kasperl draußen. »Wir haben uns leider ein
bißchen verspätet. Nicht böse sein!«
Großmutter öffnete ihnen die Haustür.
»Daß ihr nur endlich da seid! Ihr könnt einem aber auch
richtig Angst machen!«
Kasperl fiel Großmutter um den Hals und küßte sie ab, daß
sie kaum noch Luft bekam. Unterdessen schlich Seppel mit
Hotzenplotz heimlich die Treppe hinauf.
»Aufhören, Kasperl, aufhören!«
Großmutter rümpfte die Nase und wand sich los von ihm.
»Nicht genug, daß man halbe Nächte lang auf euch warten
muß – jetzt stinkst du auch noch nach Knoblauch! Wo habt ihr
euch bloß herumgetrieben?«
»Das ist eine lange Geschichte, Großmutter: morgen ist
auch ein Tag.«
Kasperl gähnte so herzzerreißend, daß Großmutter meinte,
er werde den Mund überhaupt nicht mehr zukriegen.
»Wollt ihr nicht wenigstens einen Happen zu Abend essen?
Ihr müßt doch hungrig sein.«
»Hungrig? Wir sind bloß müde und wollen ins Bett – das ist
alles.«
»Dann also gute Nacht«, sagte Großmutter. »Und vergiß
nicht, die Zähne zu putzen! Ich werde noch ein paar Nadeln
herunterstricken, dann mache ich auch Schluß.«
Seppel erwartete Kasperl mit Hotzenplotz in der
Schlafstube.
»Hat sie Verdacht geschöpft?«
»Großmutter?« Kasperl legte von innen den Riegel vor.
»Großmutter hat gemerkt, daß ich Knoblauch gegessen habe,
sonst nichts.«
Hotzenplotz hängte den Räuberhut an den Kleiderhaken
neben der Tür. Er löste den Gürtel, er knöpfte die Weste auf.
»Wenn ich nur wüßte, wie ich euch danken soll!«
Ehe die Freunde ihn daran hindern konnten, zog er die
Schnupftabaksdose hervor und bediente sich nicht zu knapp
daraus.
Es geschah, was geschehen mußte.
Hotzenplotz nieste aus Leibeskräften. Die Fenster klirrten,
die Lampe schepperte, Großmutter kam die Treppe
heraufgekeucht.
»Kasperl!« rief sie. »Bist du es, der da so schrecklich
niest?«
Kasperl hielt sich mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu.
»Entschuldige bitte!« Es hörte sich an, als hätte er starken
Schnupfen. »Ich muß mich erkältet haben.«
Hotzenplotz nieste weiter.
»Soll ich dir etwas zum Schwitzen eingeben?« fragte
Großmutter draußen. »Wie wäre es mit Kamillentee?«
»Nein, nein«, wehrte Kasperl ab. »Ich fühle mich schon
bedeutend besser . . .«
Hotzenplotz nieste zum drittenmal, Seppel hatte ihm
rechtzeitig Kasperls Bettdecke über den Kopf geworfen.
»Du hörst ja, es läßt schon nach.«
»Wie du meinst, Kasperl.«
Großmutter wünschte ihm gute Besserung. Die Freunde
warteten, bis sie die Treppe hinuntergestiegen war und die
Wohnstubentür hinter sich geschlossen hatte; dann befreiten sie
ihren Gast von der Decke.
»Das Schnupfen sollten Sie sich von jetzt an verkneifen,
Herr Hotzenplotz!« sagte Kasperl. »Kein Mensch darf
erfahren, daß Sie in diesem Haus sind – nicht einmal
Großmutter!«
Hotzenplotz war zerknirscht.
»Von jetzt an«, versprach er den Freunden, »sollt ihr mal
hören, wie furchtbar leise ich sein kann, zum Donnerwetter!«
Er ballte die Faust – und wäre Seppel ihm nicht in den Arm
gefallen, so hätte er zur Bekräftigung auf den Tisch gehaut.
»Gehen wir lieber schlafen!« schlug Kasperl vor.
Seppel und er krochen in die Betten, für Hotzenplotz war
auf dem Sofa Platz.
»Es wird Ihnen hoffentlich nicht zu kurz sein?«
»Im Gegenteil! Nur meine Beine sind etwas zu lang dafür,
aber das tut nichts. Bis morgen also!«
»Bis morgen, Herr Hotzenplotz!«
Eine
unruhige Nacht

Kasperl machte das Licht aus. Er legte sich auf den Rücken,
verschränkte die Arme im Nacken und dachte nach. Wenn sie
versuchen wollten, Herrn Dimpfelmoser von Hotzenplotz'
Unschuld zu überzeugen, mußten sie schleunigst
herausbekommen, was mit der magischen Kugel geschehen
war.
»Gleich nach dem Frühstück gehen wir zu Frau
Schlotterbeck«, nahm er sich vor. »Wenn wir Glück haben,
finden wir etwas in ihrem Haus, das uns weiterhilft . . .«
Über solchen Gedanken schlief Kasperl ein und begann zu
träumen. Er sah sich im Traum durch Frau Schlotterbecks
Garten gehen. Von Wasti begleitet, kam ihm die Witwe
entgegengeschlurft: im Morgenrock und in Filzpantoffeln, mit
Lockenwicklern im Haar und, wie konnte es anders sein, eine
dicke Zigarre im Mund.
Sie paffte so wild drauflos, daß der Qualm immer dichter
wurde, bis sie mit Wasti darin verschwand. Dann fegte ein
Windstoß den Rauch davon – und o Wunder: Frau
Schlotterbeck hatte sich in die Fee Amaryllis verwandelt! In all
ihrer goldenen Pracht und Herrlichkeit stand sie vor Kasperl
und winkte ihm mit der Hand.
Von Wasti war weit und breit nichts zu sehen.
Ein kleiner feuerspeiender Drache ringelte sich zu Füßen der
Fee im Gras. Er blähte die Nüstern und rollte die Augen. Dann
und wann brach er in ohrenbetäubendes Fauchen und Pfeifen
aus.
Kasperl verschwendete keine Zeit darauf, sich zu wundern.
»Das trifft sich ja ausgezeichnet!« rief er. »Sie wissen nicht
zufällig, wer Frau Schlotterbecks Kugel gestohlen hat?«
Leider konnte die Fee ihm das auch nicht sagen.
»Ich weiß aber etwas anderes«, meinte sie.
»Was denn?«
»Ich weiß, was ihr tun müßt, um Wasti von seiner
Mißgestalt zu erlösen.«
»Im Ernst?« staunte Kasperl.
Die Fee Amaryllis nickte ihm freundlich zu.
»Gebt ihm von einem bestimmten Kraut – und alles wird gut
sein.«
»Von welchem Kraut?« wollte Kasperl wissen.
»Du kennst es, mein Lieber. Ich brauche dir bloß ein
einziges Wort zu sagen – gib acht . . .«
Bevor sie den Satz vollenden konnte, schnaubte der
feuerspeiende Drache so gräßlich auf, daß Kasperl davon
erwachte: Hotzenplotz schnarchte auf seinem Sofa, als wollte
er einen ganzen Eichenwald kurz und klein sägen.
Großmutter, die einen leichten Schlaf hatte, kam an die Tür
gelaufen und klopfte.
»Aufwachen, Kasperl! Willst du mich um den Verstand
schnarchen?«
»Ich?« fragte Kasperl.
»Dann muß es der Seppel sein! Hast du ihn etwa mit deinem
Schnupfen angesteckt?«
»Schon möglich, Großmutter. Wundert dich das vielleicht?«
»In diesem Hause wundert mich bald überhaupt nichts
mehr«, sagte Großmutter. »Kannst du mir bitte verraten, wie
man bei dem Geschnarche schlafen soll?«
»Du könntest dir ja die Ohren mit Watte vollstopfen«,
meinte Kasperl. »Oder du nimmst ein Schlafmittel. Hast du
nicht Baldriantropfen im Küchenschrank?«
»Baldriantropfen? – Gut, ich versuche es mal damit. Wenn
es Seppel bis morgen nicht besser geht, muß der Doktor her.«
Kasperl war froh, als er hörte, wie Großmutter sich
entfernte. Auch er hätte Baldriantropfen nötig gehabt, denn
Hotzenplotz schnarchte lustig weiter.
Worauf hatten Seppel und er sich da eingelassen!
Kasperl hielt sich die Ohren zu. Es glückte ihm mit der Zeit,
wieder einzuschlafen – doch leider erschien ihm die Fee
Amaryllis kein zweites Mal: und er hätte doch gar zu gern noch
von ihr gehört, welches Kraut sie gemeint hatte.
Gut versteckt

Es mußte wohl an den Baldriantropfen liegen, weil


Großmutter sich am anderen Morgen weder vom Rasseln des
Weckers stören ließ, noch vom Klingeln der Zeitungsfrau. Den
Freunden war es nur recht, daß sie heute länger ausschlief als
sonst. Zum Frühstück setzten sie Hotzenplotz zwölf gebratene
Eier vor. Hernach packte Kasperl ein Brot für ihn ein, ein
Stück Speck, ein Stück Käse und eine geräucherte
Kümmelwurst.
»Damit Sie uns nicht verhungern, Herr Hotzenplotz – und
jetzt kommen Sie bitte, wir müssen Sie umquartieren. Wenn
Seppel und ich aus dem Haus gehen, könnte es sein, daß
Großmutter Sie hier oben entdeckt.«
»Wieso?«
»Weil sie jeden Morgen heraufkommt, die Betten lüftet und
alles aufräumt.«
»Dann werde ich eben so lange im Schrank verschwinden«,
schlug Hotzenplotz vor.
»Da kennen Sie Großmutter aber schlecht! Einen Blick in
den Schrank tut sie allemal.«
»Und wenn ich mich unterm Sofa verkrieche?«
»Dort stöbert Sie Großmutter mit dem Besen auf, wenn sie
ausfegt.«
Hotzenplotz stieß einen Fluch aus.
»Großmutter wird mir langsam unheimlich! Habt ihr denn
keinen Winkel im ganzen Haus, wo man vor ihr sicher ist?«
Kasperl und Seppel führten ihn in den Kartoffelkeller.
»Heute ist Freitag«, erklärte Kasperl. »Da gibt es zu Mittag
bei Großmutter Apfelstrudel mit Zimt und Zucker.
»Was hat das mit mir zu tun?«
»Mehr als Sie glauben, Herr Hotzenplotz!«
Kasperl hatte sich alles genau überlegt.
»Weil man zum Apfelstrudel keine Kartoffeln braucht, wird
es Großmutter heute bestimmt nicht einfallen, in den
Kartoffelkeller zu gehen. Ist das nicht klar wie Schuhwichse?«
Hotzenplotz war nicht gerade erbaut von dem neuen
Versteck. Es war finster hier unten und kühl – und wie muffig
roch es in diesem Kellerloch! »Wenn ich wenigstens ab und zu
eine Prise Schnupftabak nehmen könnte . . .«
»Bloß nicht, Herr Hotzenplotz!«
Kasperl wehrte mit beiden Händen erschrocken ab.
»Essen Sie lieber von Zeit zu Zeit ein Stück Brot und ein
bißchen Speck – oder schnuppern Sie an der Kümmelwurst! Es
dauert ja höchstens bis heute abend!«
»Wenn Großmutter aber trotzdem kommt?«
»Dann kriechen Sie unter die leeren Kartoffelsäcke und tun
keinen Mucks – dort wird niemand nach Ihnen suchen.«
»Ist gut«, brummte Hotzenplotz. »Haltet ihr mir den
Daumen?«
»Das sowieso!«
Kasperl und Seppel schlossen den Keller von außen ab. Sie
holten den Gartenschlauch aus dem Schuppen und setzten die
Wege um Großmutters Haus unter Wasser: selbst Wasti mit
seiner Spürnase sollte nicht merken daß Hotzenplotz in der
Nähe war.
Dann legten sie einen Zettel aufs Küchenfenster:

Sind bei Frau Schlotterbeck


freuen uns auf den Apfelstrudel
Auf Wiedersehen bis heute mittag
P.S. Falls es später wird –
keine Sorge Großmutter !
Nur ein
paar Fragen . . .

Eigentlich hatte Kasperl sich vorgenommen, Seppel davon


zu berichten, daß ihm die Fee Amaryllis im Traum erschienen
war; aber nun hatten sie andere Dinge im Kopf, und die waren
entschieden wichtiger.
An Frau Schlotterbecks Gartentor trafen sie mit Herrn
Dimpfelmoser und Wasti zusammen, die beide in höchster Eile
waren.
»Jetzt geht es dem Räuber Hotzenplotz an den Kragen! Der
Bursche kann sich auf was gefaßt machen, wenn wir zwei ihn
erwischen – und wir erwischen ihn!«
»Dann viel Glück!« meinte Kasperl. »Wo wollen Sie mit der
Jagd denn beginnen?«
»Im Wald bei der Räuberhöhle. Dort nehmen wir seine Spur
auf – und spätestens heute abend sitzt er im Loch.«
»Waff-waff!« machte Wasti, wobei er voll Ungestüm an der
Leine zerrte.
»Für mich und die Polizei ist das eine Kleinigkeit«
Frau Schlotterbeck saß im Lehnstuhl neben dem Fenster,
umwölkt von Zigarrenrauch; kaum daß sie Kasperls und
Seppels Gruß erwiderte.
»Bitte, Frau Schlotterbeck – Seppel und ich hätten ein paar
Fragen an Sie . . .«
»Ein paar Fragen?«
»Wir müssen herauskriegen, wer Ihre Kugel tatsächlich
gestohlen hat.«
Frau Schlotterbeck schob die Zigarre aus einem
Mundwinkel in den anderen.
»Hotzenplotz ist es gewesen – und niemand sonst!«
»Wer sagt das?«
»Die Polizei sagt es – und ich auch. Räuber bleibt Räuber!«
»Seppel und ich sind da anderer Ansicht«, entgegnete
Kasperl. »Herr Dimpfelmoser ist nicht der Doktor Allwissend.
Sie sollten mal Ihre Karten um Rat fragen.«
»Meine Karten?« Frau Schlotterbeck winkte traurig ab.
»Man kann zwar für andere Leute wahrsagen, aber nicht für
sich selber. Ob Karten, ob Kaffeesatz: wo es um meine eigenen
Dinge geht, ist da nichts zu machen.«
»Schade!« rief Kasperl. »Dann müssen wir eben zusehen, ob
Sie uns nicht auf andere Weise helfen können! Was haben Sie
denn Herrn Dimpfelmoser schon alles zu Protokoll gegeben?«
Frau Schlotterbeck schnippte die Asche von der Zigarre.
»Muß ich euch wirklich die ganze Geschichte noch einmal
erzählen?«
»Auf jeden Fall!« sagte Seppel.
»Na schön – dann hört zu!«
Frau Schlotterbeck schloß die Augen und sammelte ihre
Gedanken.
»Vorgestern abend«, begann sie, »habe ich die Kristallkugel
auf dem Tisch in der Wohnstube liegen lassen – der
Einfachheit halber. Ihr wißt ja, daß ich Herrn Dimpfelmoser
versprochen hatte, die Überwachung des Räubers am Morgen
fortzusetzen.«
»Wollten Sie nicht den Wecker eigens auf vier Uhr früh
stellen?« fragte Kasperl.
»Das war ja der große Fehler!«
»Wie sollen wir das verstehen, Frau Schlotterbeck?«
»Weil es um diese Stunde im Herbst noch dunkel ist – und
das hatte ich nicht bedacht.«
Sie tat ein paar Züge an der Zigarre, bevor sie mit einem
Seufzer fortfuhr:
»Da ich schon einmal wach war, habe ich Wasti das
Frühstück zurechtgemacht: gelbe Rüben mit Zwiebelringen
und Petersilie, eine ganze Schüssel voll. Dann habe ich ihm die
Haustür geöffnet, wie jeden Morgen, und habe mich in den
Lehnstuhl gesetzt, um das Tageslicht abzuwarten.«
»Und dann?« fragte Kasperl.
Frau Schlotterbeck senkte den Blick.
»Nun ja – ich bin eingeschlafen«, gestand sie den Freunden.
»Und als ich erwachte, es mag gegen neun gewesen sein, war
die Kugel vom Tisch verschwunden. Hotzenplotz muß sie mir
unterdessen gestohlen haben.«
»Und Wasti? Wieso hat er nicht gebellt?« hakte Kasperl ein.
»Er hätte den Räuber doch fassen müssen!«
Frau Schlotterbeck griff nach dem Aschenbecher und
drückte den Rest der Zigarre aus.
»Wenn ich schlafe, dann schlafe ich. Kann es nicht sein, daß
auch Wasti sich nach dem Frühstück noch einmal zur Ruhe
gelegt hat? Wer will ihm das übelnehmen, dem braven
Hündchen!«
Polizei! Polizei!

Kasperl und Seppel machten Frau Schlotterbeck klar, daß


sie das Haus von Grund auf durchsuchen mußten. Es konnte ja
sein, daß Herrn Dimpfelmoser ein wichtiger Hinweis
entgangen war.
Der Witwe war alles recht. »Hauptsache, daß die Kugel
gefunden wird! Ohne sie bin ich eine Würstelfrau ohne Würstel
– falls ihr versteht, was ich damit sagen will.«
Kasperl und Seppel durchsuchten das Haus vom Dachboden
bis zum Keller. Sie guckten in jeden Schrank und in jeden
Ofenwinkel. Unter Frau Schlotterbecks Lehnstuhl schauten sie
nach, in der Wäschetruhe, im Nähkörbchen, in der
Zigarrenkiste und auf dem Wandbord, wo das Geschirr stand.
Es ging schon auf elf, und noch immer hatten sie nichts
entdeckt – da kam Großmutter angerannt.
»Polizei!« rief sie. »Polizei! Ist Herr Dimpfelmoser nicht
hier? Ich muß eine Anzeige machen, man hat mich bestohlen,
ich bin beraubt worden! Polizei! Polizei!!«
Sie war vollkommen aus dem Häuschen, Kasperl und
Seppel rückten ihr einen Stuhl zurecht.
»Erst mal hinsetzen, Großmutter – und dann schön mit der
Ruhe!«
Großmutter pustete sich das Haar aus der Stirn.
»Dieser Hotzenplotz! Ist der Kerl doch in meinem Garten
gewesen und hat mir . . .«
Sie schnappte nach Luft.
»Zwei Kürbisse hat er mir vom Kompost gestohlen!«
»Zwei – Kürbisse?«
»Vorgestern waren noch alle zwanzig da – und jetzt fehlen
zwei! Zwei von den kleineren.«
»Hast du sie etwa gezählt?« fragte Kasperl.
»Ich zahle sie jeden zweiten Tag«, sagte Großmutter. »Ist es
nicht eine Schande, daß Hotzenplotz frei herumläuft und
Kürbisse stiehlt? Herr Dimpfelmoser muß ihn sofort
verhaften!«
»Sie sprechen mir aus der Seele!« ereiferte sich Frau
Schlotterbeck. »Zustände sind das – da kann man sich bloß
noch schütteln!«
Kasperl und Seppel schüttelten sich vor Lachen.
»Wollt ihr mir bitte verraten«, rief Großmutter, »wie ich mir
euer dummes Gelächter erklären soll?«
»Gern!« sagte Kasperl. »Herr Hotzenplotz hat mit den
Kürbissen nichts zu tun – das sind Seppel und ich gewesen!«
Großmutter fiel aus allen Wolken. »Ihr beiden, sagst du?«
»Wir haben sie Wasti gegeben. Wer konnte denn ahnen, daß
du die Dinger gezählt hast!«
»Das wird seine Gründe haben«, erwiderte Großmutter.
»Jedenfalls züchte ich meine Kürbisse nicht für Wasti, merkt
euch das!«
»Aber ihm schmecken sie wenigstens!« hielt ihr Seppel
entgegen. »Den einen hat er im Handumdrehen verschnurpst –
und den zweiten, das hättest du sehen müssen: mit dem hat er
Schnauzball gespielt! Ich sage dir, Großmutter . . .«
»Schnauzball?« rief Kasperl wie von der Wespe gestochen.
»Schnauzball!«
Bei Seppels Bericht war ihm ein Gedanke gekommen.
»Wollen Sie wissen, Frau Schlotterbeck, wer die Kugel vom
Tisch geholt hat? Sie werden staunen!«
Alles in
schönster Ordnung?

Kasperl flitzte zur Tür hinaus, in den Garten. Frau


Schlotterbeck, Seppel und Großmutter rannten ihm hinterdrein.
»Was hat er bloß? Warum kriecht er in Wastis Hütte,
Seppel?«
»Das wird sich gleich zeigen, Frau Schlotterbeck.«
Kasperl war in der Hundehütte verschwunden. Sie hörten,
wie er das Stroh durcheinanderwühlte – dann rief er:
»Ich hab' sie! Ich habe sie!«
Rücklings kam er herausgekrochen. Er hielt in den Händen
– Frau Schlotterbecks Wunderkugel. »Ist sie das?«
»Ja, das ist sie!«
Frau Schlotterbeck brach in Tränen aus.
»Darauf wäre ich nie im Leben gekommen, hu-huuu, daß
Wasti, mein liebes Wastihundchen . . .«
»Er muß sie für einen Kürbis gehalten haben«, erklärte
Kasperl. »Das dürfen Sie ihm nicht übelnehmen.«
»Wie könnte ich!« schluchzte Frau Schlotterbeck. »Was für
ein Glück, daß er nicht versucht hat, sie aufzufressen! Er hätte
sich sämtliche Zähne ausbeißen können, mein armer
Schnuckiputz!«
Prüfend hielt sie die Kugel gegen das Sonnenlicht.
»Kein Sprung, wie ich sehe, und keine Schramme . . . Bloß
eingetrübt hat sie sich durch und durch, seit Wasti sie aus der
Stube gerollt hat. Es wird ein paar Tage dauern, bis man sie
wieder verwenden kann – aber das nehme ich gern in Kauf.«
Frau Schlotterbeck trocknete sich mit dem Saum des
Morgenrockes die Lider.
»Es steht also fest«, sagte Kasperl, »daß Hotzenplotz weder
Frau Schlotterbecks Kugel gestohlen hat – noch Großmutters
Kürbisse. Das wird selbst die Polizei nicht bezweifeln
können!«
»Und deshalb«, rief Seppel, »sollten wir Hotzenplotz
schleunigst aus seinem Versteck herausholen! Lang genug hat
er im Kartoffelkeller gesessen.«
»Wo?« fragte Großmutter.
Kasperl und Seppel berichteten, was sie mit Hotzenplotz
gestern und heute erlebt hatten: wie er sie überzeugt hatte, daß
es ihm mit den guten Vorsätzen ernst war – und wie sie
versucht hatten, ihn vor Herrn Dimpfelmoser zu schützen.
»Dann aber nichts wie los!« rief Großmutter. »Wenn ich mir
vorstelle, daß er seit heute morgen im Keller hockt – das ist
fast so schlimm wie im Spritzenhaus!«
Kasperl und Seppel rannten den alten Damen voraus. Das
hintere Gartentürchen stand offen, es fiel ihnen in der Eile
nicht weiter auf. Sie stürmten ins Haus und riefen:
»Herr Hotzenplotz! Alles in schönster Ordnung, Sie können
'rauskommen!«
Vor der Tür zum Kartoffelkeller machten sie halt. Das
Schloß war herausgebrochen, von innen mußte sich jemand
dagegengeworfen haben.
»Verflixt!« meinte Kasperl. »Das sieht nicht gut aus . . .«
Sie stolperten Hals über Kopf in den Keller, sie blickten sich
um.
»Hören Sie uns, Herr Hotzenplotz?«
Keine Antwort.
»Sie brauchen sich nicht zu fürchten – wir sind das!«
Kasperl und Seppel warfen die leeren Kartoffelsäcke
beiseite. Sie schauten in alle Ecken, in jeden Winkel: der Keller
war leer.
Da entdeckten sie an der Wand eine Inschrift.
Mit einem Stück Kohle hingekritzelt, stand da in großen,
unbeholfenen Buchstaben:
HAABEMIRS ÜBERLEGDT.
WERDE GOLDTSUCHERIN AMERIGA.
SEIDT NICH BÖSE, ES PLEIBT MIER
NIX ANDERES ÜHPRIK

HODSENBLODZ
Hierher, Wasti!

Kasperl und Seppel lasen die Inschrift einmal, sie lasen sie
zweimal und dreimal – es blieb dabei. Was da geschrieben
stand: Hotzenplotz hatte es tatsächlich hingekritzelt, mit
eigener Hand.
Eine schöne Bescherung!
»Was mag er sich bloß gedacht haben?« fragte Seppel. »Wo
wir ihm doch versprochen haben, daß wir ihm helfen wollten!«
»Weit kann er noch nicht sein«, meinte Kasperl. »Wir
müssen ihm nach, um ihn zur Vernunft zu bringen! Jetzt
kommt es auf jede Minute an!«
Sie sausten die Kellertreppe hinauf. Fast hätten sie
Großmutter und Frau Schlotterbeck, die gerade das Haus
betraten, über den Haufen gerannt.
»Was ist denn in euch gefahren? Könnt ihr nicht
aufpassen!«
Kasperl hielt sich nicht lange mit einer Erklärung auf.
»Hotzenplotz!« rief er. »Er will nach Amerika!«
Großmutter und Frau Schlotterbeck blickten den Freunden
kopfschüttelnd nach.
»Ob sie jemals gescheit werden, diese beiden? Es ist schon
ein Kreuz mit ihnen – das lassen Sie sich von mir gesagt sein,
Frau Schlotterbeck!«
Wohin sollten Kasperl und Seppel sich wenden? Drei
Landstraßen gab es, die aus dem Städtchen ins Weite führten,
nach Süden, Norden und Osten – und mehr als ein Dutzend
Feldwege.
»Zählen wir's an den Knöpfen ab«, meinte Seppel. »Man
kann ja nicht riechen, wohin er gegangen ist.«
»Riechen ist gut!« sagte Kasperl. »Wir müssen sofort in den
Wald zu Herrn Dimpfelmoser und Wasti holen – dann sollst du
mal sehen, wie rasch er uns auf die Spur führt!«
Um in den Wald zu kommen, mußten sie durch das halbe
Städtchen laufen. Neben dem Eingang zur Polizeiwache hatte
Herr Dimpfelmoser sein Fahrrad abgestellt.
»Mensch!« sagte Kasperl. »Das Ding kommt uns wie
gerufen – damit gewinnen wir eine Menge Zeit!«
Das Rad war am Ständer festgebunden.
Wenn schon! Wozu hatte Kasperl ein Taschenmesser?
Ritsch-ratsch, war der Bindfaden durchgeschnitten.
Nun brausten sie los wie die Wilde Jagd: Kasperl im Sattel,
Seppel auf dem Gepäckträger.
»Achtgeben, daß du nicht 'runterfällst!«
Sie fuhren ein paarmal die Waldstraße auf und ab. Kasperl
betätigte mit der Linken die Fahrradklingel, bis ihm der
Daumen weh tat – und beide schrien aus voller Kehle:
»Herr Dimpfelmoser! Herr Dimpfelmoser! Kommen Sie!
Kommen Sie!« – Ob Herr Dimpfelmoser sie hörte?
Sie wurden vom vielen Schreien allmählich heiser, da ließ
sich von ferne ein Hund vernehmen: »Waff-waff!« scholl es
durch den Wald.
»Das muß Wasti sein!«
Kasperl pfiff auf zwei Fingern, Seppel rief:
»Hierher, Wasti! Zu uns her!«
Rasch kam das Bellen näher. Schon hörten sie Zweige
knacken, schon rauschte es in den Büschen am Straßenrand:
Wasti kam aus dem Dickicht hervorgeprescht.
Hechelnd sprang er an Kasperl und Seppel hoch – dann ließ
er von ihnen ab und brach in ein jämmerliches Gewinsel aus.
»Was hast du denn?« fragte Kasperl.
»Wa-huuu!« jaulte Wasti. »Wa-huuu, wa-huuuh!«
Er klemmte den Schwanz ein, er lief ein paar Schritte von
ihnen weg – in die Richtung, aus der er gekommen war. Dann
machte er kehrt, kam zurückgelaufen und jaulte aufs neue los.
Das Spiel wiederholte sich etliche Male.
Kasperl und Seppel konnten sich nicht erklären, was es
bedeuten sollte – bis ihnen etwas auffiel, was sie bisher
übersehen hatten:
Die Hundeleine!
Wasti schleifte sie auf dem Waldboden hinter sich her.
Da ging Kasperl ein Licht auf.
»Wo hast du Herrn Dimpfelmoser gelassen? Ist ihm was
zugestoßen?«
»Waff-waff!« bellte Wasti, als habe er nur auf Kasperls
Frage gewartet. »Waff-waffwaffwaff!«
Rettung
aus höchster Not

Die Freunde schoben das Fahrrad hinter den nächsten


Haselstrauch. Kasperl ergriff die Hundeleine, und Wasti zerrte
ihn durch den Wald: an der Räuberhöhle vorbei, über Stock
und Stein, an den Rand des Moores.
Draußen im Moor stand Herr Dimpfelmoser und schrie um
Hilfe.
Er fuchtelte mit den Armen, der Helm war ihm über die
Ohren gerutscht, sein Gesicht war von Angst gerötet.
»Heda!« rief Kasperl. »Was ist denn mit Ihnen los?«
»Seht ihr nicht, daß ich im Dreck stehe? Helft mir 'raus da,
sonst ist es um mich geschehen!«
Auf der Suche nach Hotzenplotz mußte Wasti die Spur von
gestern erwischt haben.
Das war Kasperl und Seppel klar.
Und Herr Dimpfelmoser?
Er hatte vermutlich im Eifer den Weg verfehlt; da genügte
ein halber Schritt, und man saß in der Patsche.
»Warten Sie bitte – wir kommen, so rasch es geht!«
Vorsichtig tasteten sich die Freunde ins Moor hinaus. Nur
keine blinde Hast jetzt! Bei jedem Tritt hieß es höllisch
aufpassen.
»Schnell!« rief Herr Dimpfelmoser. »Wenn ihr nicht schnell
macht, versacke ich hier mit Haut und Haar! Wer soll dann den
Räuber fangen – und wie soll Frau Schlotterbeck ihre Kugel
zurückbekommen?«
»Da können Sie ganz beruhigt sein«, meinte Kasperl. »Frau
Schlotterbecks Kugel haben wir längst gefunden. Nicht
Hotzenplotz hat sie ihr weggemopst, sondern Wasti. Was sagen
Sie nun?«
Herr Dimpfelmoser hatte im Augenblick andere Sorgen. Er
steckte bis über die Waden im Schlamm – und mit jeder
Sekunde, das spürte er, sank er tiefer ein.
»Wollt ihr zusehen, wie ich vom Moor verschluckt werde?
Helft mir 'raus da, ihr beiden – helft mir doch!«
Kasperl verzog keine Miene.
»Eins nach dem anderen. Reden wir erst mal von
Hotzenplotz.«
»Als ob das nicht Zeit hätte!« rief Herr Dimpfelmoser. »Ich
bitte dich!«
»Eben nicht!« widersprach ihm Kasperl. »Hotzenplotz hat
die Kristallkugel nicht geraubt, das ist klar erwiesen. Geben Sie
uns Ihr Wort, daß Sie ihn von jetzt an in Frieden lassen?«
»Mein großes, amtliches, ortspolizeibehördliches Ehrenwort
– wenn ihr mich nur herauszieht!«
»Topp!« sagte Kasperl.
Er packte Herrn Dimpfelmoser an beiden Handgelenken,
Seppel hakte die Finger in Kasperls Gürtel, und Wasti, nicht
faul, schnappte Seppel beim Hosenträger.
»Hau – ruck! Hau – ruck!«
Ein schweres Stück Arbeit war es, Herrn Dimpfelmoser aus
dem Morast zu zerren – aber sie schafften es schließlich doch.
Freilich: die Stiefel und seine Strumpfsocken blieben im Moor
zurück, das war nicht zu ändern.
»Barfuß am Leben ist auch was wert«, stellte Kasperl fest.
Herr Dimpfelmoser wischte sich mit dem Ärmel den
Schweiß von der Stirn.
»Ich danke euch – das war Rettung aus höchster Not! Und
was nun?«
Sie führten ihn an den Rand des Moores zurück.
»Nun gehen Sie bitte nach Hause, Herr Dimpfelmoser, und
nehmen ein heißes Fußbad – damit Sie uns keinen Schnupfen
kriegen.«
»Und ihr?«
»Wir beiden und Wasti erledigen alles übrige. Wenn wir
Glück haben, kann da nichts mehr schiefgehen.«
»Waff!« machte Wasti. »Waff! Waff!«
Das bedeutete in der Hundesprache:
»Verlassen Sie sich darauf, Herr Hauptwachtmeister!«
Bergauf
und bergab

Sie ließen Herrn Dimpfelmoser im Walde stehen und


rannten zur Straße, wo sie das Fahrrad bestiegen. Seppel nahm
Wasti auf dem Gepäckträger mit – und ab ging es, was die
Pedale hergaben.
Am hinteren Türchen zu Großmutters Garten setzten sie
Wasti auf alle viere, und Kasperl schlang sich das Ende der
Hundeleine fest um das linke Handgelenk.
»Such Hotzenplotz, Wasti! Such Hotzenplotz!«
Der Krokodilhund ließ sich nicht lange bitten. Er
schnupperte dahin, er schnupperte dorthin; dann stieß er ein
kurzes, scharfes Gebell aus: »Wäff-wäff!« – und schon wetzte
er los, daß Kasperl sich ganz schön abstrampeln mußte, um mit
ihm Schritt zu halten.
Sie folgten fürs erste der Landstraße, die nach Norden
führte, obgleich ja Amerika, wie sie wußten, in westlicher
Richtung lag – dann bog Wasti auf einen Feldweg ein.
Kasperl war nahe daran, erschöpft aus dem Sattel zu kippen.
»Laß mich mal!« bat Seppel.
Von jetzt an wechselten sie die Plätze in immer kürzeren
Abständen.
Wasti hingegen blieb munter und frisch, er rannte auf seinen
kurzen Beinen dahin wie mit Siebenmeilenstiefeln.
Sie fuhren durch Wald und Feld: eine Weile bergauf, eine
Weile bergab, eine Weile durch flaches Land – und plötzlich
bemerkten die Freunde, daß sie in eine Gegend geraten waren,
die sie von früher kannten.
»Guck mal!« rief Kasperl.
Er zeigte auf eine Dornenhecke, die sich um einen Haufen
geborstener Mauersteine und Ziegel rankte. Schaudernd warfen
sie einen Blick auf die traurigen Überreste von Petrosilius
Zwackelmanns einstigem Zauberschloß.
»Weißt du noch, wie wir für ihn Kartoffeln geschält
haben?« fragte Seppel. »Gut, daß er hin ist, der große und böse
Zauberer Wackelzahn!«
Nun schlug Wasti den Weg nach der Hohen Heide ein.
Welch eine Überraschung für Kasperl!
Ob es die alte Wetterfichte noch gab, die einsam neben dem
schwarzen Teich stand? Dort hatte er damals gesessen und auf
den Mond gewartet.
»Du kannst dir nicht vorstellen, Seppel, wie froh ich war, als
mir das Feenkraut unter der Fichte entgegenschimmerte: lauter
silbrige, zarte Stengel mit silbrigen, zarten Blättchen . . .«
Kasperl geriet ins Schwärmen.
»Ein winziger Büschel davon hat genügt, um die Fee
Amaryllis aus ihrer Verzauberung zu erlösen – nach sieben
Jahren im Unkenpfuhl! – Übrigens ist sie mir gestern im Traum
erschienen. Und weißt du, was sie gesagt hat?«
»Vorsicht!« rief Seppel. »Gleich rumpeln wir an den
nächsten Baum!«
Kasperl konnte gerade noch ausweichen.
»Reichlich knapp!« meinte Seppel. »Statt an die Träume
von gestern nacht zu denken, solltest du lieber ein bißchen
mehr auf den Weg achten!«
Auf der
Hohen Heide

Die Sonne war eben untergegangen, als Kasperl und Seppel


verschwitzt und müde zur Hohen Heide kamen. An einen
Steinblock gelehnt, saß ein Mann im Heidekraut. Gegen den
hellen Abendhimmel hob er sich deutlich ab: er trug einen
Räuberhut auf dem Kopf – und am Hut eine lange Feder.
»Herr Hotzenplotz!«
Kasperl und Seppel sprangen vom Rad, und dann nichts wie
hin zu ihm!
»Warum sind Sie weggelaufen, Herr Hotzenplotz – wo doch
nun alles in Butter ist! Wollen Sie nicht zurückkommen?«
Hotzenplotz rieb sich das Kinn, daß die Bartstoppeln
knisterten.
»Habt ihr gelesen, was ich euch an die Wand des
Kartoffelkellers geschrieben habe?«
»Ach was!« meinte Kasperl. »Die Sache mit der
Kristallkugel hat sich längst geklärt. Jetzt brauchen Sie keine
Angst mehr zu haben – selbst vor der Polizei nicht!«
»Waff!« machte Wasti, als wollte er Kasperls Worte
bekräftigen.
Hotzenplotz schob sich den Hut ins Genick.
»Ich weiß ja, ihr zwei meint es gut mit mir – aber alle
anderen? Jede Gaunerei, die von jetzt an in dieser Gegend
geschieht: die Leute werden sie mir in die Schuhe schieben!
Und damit noch nicht genug – oder könnt ihr mir raten, was ich
in Zukunft tun soll? Ich meine das ganz im Ernst. Man muß
schließlich von etwas leben, nicht wahr?«
Kasperl und Seppel beteuerten, daß sie darüber nachdenken
wollten.
»Wir werden uns schon was einfallen lassen, Herr
Hotzenplotz!«
Hotzenplotz lachte bitter auf.
»Das habt ihr Frau Schlotterbeck auch versprochen – und
trotzdem ist Wasti noch immer ein Krokodil.«
Was sollten die Freunde ihm darauf antworten?
»Alles braucht eben seine Zeit«, meinte Kasperl. »Kann
sein, daß wir mit der Kräuterkur noch Erfolg haben.«
»Daran glaubst du doch selber nicht!«
Es war dunkel geworden ringsum – und bald ging der Mond
auf: ein großer, gelber, fetter Septembermond, rund und voll.
Kasperl erinnerte sich an den Traum von der Fee Amaryllis,
er fing zu erzählen an. Hotzenplotz, Seppel und Wasti hörten
ihm schweigend zu; doch als Kasperl mit seiner Geschichte zu
Ende gekommen war, packte ihn Seppel am Arm.
»Ich kann mir nicht helfen!« rief er. »Was sollte die Fee
wohl gemeint haben, wenn nicht das Feenkraut?«
»Mensch!« sagte Kasperl. »Wie konnte ich bloß so dumm
sein, daß ich das nicht gemerkt habe! Wollen wir unser Glück
mal versuchen, Wasti?«
Der Krokodilhund riß sich mit einem Ruck von der Leine
los. Laut bellend rannte er zu der Wetterfichte am schwarzen
Teich hinüber.
Zu Füßen des Baumes schimmerte ihm das Feenkraut silbrig
entgegen. Er wühlte sich mit der Schnauze hinein – und mit
einemmal war die alte Fichte von unten bis oben in strahlendes
Licht getaucht.
»Seht nur, seht nur!«
Es dauerte kaum einen halben Augenblick, dann hatte das
Feenkraut seine Wirkung getan, und der Schein erlosch.
Wasti Schlotterbeck war am längsten ein Krokodil gewesen.
Als lustiger kleiner Langhaardackel kam er zurückgelaufen:
mit wehendem Schwanz und schlackernden Ohren.
»Waff-waff-waffwaff!«
Seine Schnauze, sie sahen es voll Erstaunen, leuchtete durch
die Nacht – wie mit Silberfarbe bestrichen. Er hatte, so schien
es, vom Feenkraut etwas zuviel erwischt.
»Was sagen Sie nun, Herr Hotzenplotz?« fragte Kasperl.
»Nun sage ich überhaupt nichts mehr.«
Hotzenplotz streichelte Wasti das Fell. Dann erhob er sich
von der Heide und zog den Gürtel fest.
»Wißt ihr was?«
Damit legte er Kasperl den einen Arm um die Schulter und
Seppel den anderen.
»Wenn ihr meint, daß ich lieber nicht nach Amerika gehen
sollte, dann gehe ich eben nicht nach Amerika! Aber laßt euch
gefälligst einen Beruf für mich einfallen, hört ihr – damit ich
nicht eines Tages gezwungen bin, wieder ein Räuber zu
werden!«
Wasti nahm Kasperl und Seppel die Antwort ab. Er strich
Hotzenplotz um die Waden und machte:
»Waff-waff!«
Das bedeutete in der Dackelsprache, daß er bereit war, für
Kasperl und Seppel den Schwanz ins Feuer zu legen.
Freudentränen

Gegen Mitternacht kamen Kasperl und Seppel mit Wasti zu


Hause an. Hotzenplotz hatte es vorgezogen, zum Schlafen in
seine Höhle zu gehen. Dort konnte er schnarchen, so laut er
wollte, ohne daß Großmutter Baldriantropfen zu nehmen
brauchte.
Das Fahrrad hatte er mitgenommen, er wollte es im
Vorbeigehen an der Wache abstellen.
Großmutter saß in der Fensternische, sie war über ihrem
Strickstrumpf eingenickt. Als Kasperl und Seppel ans Fenster
klopften, schreckte sie auf.
»Was denkt ihr euch eigentlich!« rief sie. »Seit mittag warte
ich mit dem Apfelstrudel auf euch, und ihr kommt nicht
herzu!«
Sie tupfte sich mit dem Taschentuch Stirn und Schläfen.
»Und der da? – Wo habt ihr den fremden Dackel
aufgegabelt?«
»Ach, Großmutter!« sagte Kasperl. »Begreifst du nicht – das
ist Wasti Schlotterbeck!«
»Wer?« fragte Großmutter.
»Ja – da staunst du wohl!«
Kasperl und Seppel berichteten, was auf der Hohen Heide
geschehen war. Das stimmte die alte Dame zusehends milder,
sie holte den Apfelstrudel herbei.
»Er ist ja nun leider kalt geworden – aber ich könnte mir
denken, daß er euch trotzdem schmeckt.«
Während die beiden sich über den Strudel hermachten,
kraulte Großmutter Wasti den Kopf und die Ohren.
Die Wanduhr holte zum Schlag aus.
»O Gott!« sagte Großmutter. »Mitternacht! Jetzt aber rasch
ins Bett mit euch!«
Wasti verbrachte die Nacht auf dem Sofa in Kasperls und
Seppeis Schlafstube, weich gebettet auf einer vierfach
zusammengelegten Daunendecke. Er schlief wie ein
Murmeltier. Seine silbrige Schnauze erfüllte das Zimmer mit
freundlichem Licht. Wenn Kasperl und Seppel zwischendurch
einmal aufwachten, glaubten sie, daß es der Schein des Mondes
sei, der den Raum erhellte.
Sie schliefen bis in den halben Vormittag.
Nach dem Frühstück begaben die Freunde sich zu Frau
Schlotterbeck.
»Bringt es ihr, bitte, so schonend wie möglich bei!« hatte
Großmutter sie beschworen. Deshalb hatten sie Wasti in
Großmutters Reisetasche gesteckt.
Frau Schlotterbeck öffnete ihnen das Gartentor.
»Ihr seid es?« fragte sie. »Eigentlich hatte ich ja Herrn
Dimpfelmoser erwartet. Ich habe ihm Wasti geliehen, er wollte
ihn spätestens heute vormittag wieder zurückbringen. Na,
kommt 'rein in die gute Stube!«
Die Freunde redeten mit Frau Schlotterbeck über das
Wetter, sie sprachen von dem und jenem – bis Kasperl die
Witwe beiläufig fragte, was sie wohl tun würde, wenn es sich
eines Tages herausstellen sollte, daß Wasti wieder zu einem
Dackel geworden sei.
»Da würde ich auf der Stelle ein großes Fest geben!« sagte
Frau Schlotterbeck.
»Schön«, meinte Seppel »das soll ein Wort sein. Dann
gucken Sie mal einen Augenblick weg!«
»Wieso?«
»Weil wir Ihnen was beibringen müssen. So schonend wie
möglich, wissen Sie.«
Frau Schlotterbeck drehte sich mit dem Gesicht zur Wand,
Kasperl und Seppel öffneten Großmutters Reisetasche.
»Waff!« machte Wasti und strampelte sich heraus.
»Jetzt dürfen Sie wieder hergucken«, sagte Kasperl.
Frau Schlotterbeck mußte sich auf den Lehnstuhl stützen,
ihr wankten die Knie. Vor Freude und Überraschung fing sie
zu weinen an.
»Wasti!« schluchzte sie. »Wastilein! Komm zu Frauchen,
mein Dacki-Dackelchen, laß dich ansehen!«
Lachend und weinend schloß sie ihn in die Arme, sie tanzte
mit ihm durch die Stube, durch Küche und Flur, durch das
ganze Haus. Kasperl und Seppel ließen sie eine Weile tanzen,
dann fragten sie:
»Und das Fest?«
»Heute nachmittag!« rief Frau Schlotterbeck. »Alle sind
dazu eingeladen – Großmutter, ihr und Herr Dimpfelmoser!«
»Herr Hotzenplotz auch?« fragte Kasperl.
Frau Schlotterbeck wiegte Wasti im Arm wie ein
Wickelkind.
»Wenn ihr meint – auch Herr Hotzenplotz!«
Ein Blick
in die Zukunft

Es wurde für alle ein großes und unvergeßliches Fest. Frau


Schlotterbeck hatte zur Feier des Tages den Morgenrock gegen
ein langes seidenes Kleid vertauscht. Herr Dimpfelmoser
verehrte ihr einen Blumenstrauß, Hotzenplotz eine Flasche
Sliwowitz – und Großmutter legte drei von den mittleren
Kürbissen auf den Tisch.
»Für später.«
Frau Schlotterbeck hatte türkischen Mokka gekocht, es gab
Berge von Streuselkuchen und Mohrenkrapfen.
Wasti saß auf dem Ehrenplatz an der Tafel, er trug eine
blaue Schleife hinter dem linken Ohr. Frau Schlotterbeck hatte
ihm eine Schüssel voll Salzgurken vorgesetzt, weil er trotz
allem ein vegetarischer Dackel geblieben war.
Man aß und man trank, man beglückwünschte Wasti zu
seiner Erlösung. Er dankte den Gratulanten mit einem
vergnügten »Waff-waff!«
Schließlich schnitt Großmutter einen der Kürbisse an.
»Ich könnte mir denken, daß es ein guter Nachtisch ist. Wer
mag kosten?«
Kasperl und Seppel taten ihr den Gefallen und griffen zu.
»Es sind Kürbisse«, sagte Großmutter, »die ich eigens
gezüchtet habe – nach einem Geheimrezept meiner
Schwiegertante.«
Die Freunde bissen hinein und stutzten.
»Na?« fragte Großmutter. »Merkt ihr, wonach das
schmeckt?«
»Ja,« sagte Kasperl, »außen nach Schweizerkäse – und
innen nach Rollmops.«
Großmutter war entsetzt. »Nicht nach Schlagsahne?« rief
sie. »Und nicht nach Himbeereis?«
»Nein«, sagte Seppel.
»Dann muß ich den falschen Dünger verwendet haben!«
»Und?« meinte Kasperl. »Rollmops und Käse sind auch was
Gutes – nach soviel Süßigkeiten!«
Frau Schlotterbeck stellte Teetassen auf den Tisch und füllte
sie bis zum Rand mit Punsch.
»Trinken Sie, meine Lieben, trinken Sie – es soll Ihnen wohl
bekommen !«
Ihr Blick fiel auf Hotzenplotz.
»Sie machen ja ein Gesicht wie ein saurer Hering. Haben
Sie etwa Kummer?«
Der ehemalige Räuber kippte den Punsch hinunter.
»Wundert Sie das, Frau Schlotterbeck? Wenn ich an morgen
denke, habe ich allen Grund dazu – wo ich doch nichts gelernt
habe, um mir auf ehrliche Weise mein Brot zu verdienen,
verdammtnocheins!«
»Halb so schlimm!« rief Frau Schlotterbeck. »Wollen wir
einen Blick in die Zukunft tun?«
»Wenn Sie das können . . .«
Sie holte ein Kartenspiel aus der Truhe, dann schob sie die
Tassen beiseite und legte die Karten auf.
»Dies hier«, erklärte sie, »ist die grüne Sieben – und das ist
der Eichel-Ober. Schräg gegenüber davon liegt der Schellen-
König – und jetzt . . . Ja wahrhaftig, wer sagt's denn – jetzt
kommt noch die rote Sau dazu! Wissen Sie, was das heißt?«
»Keine Ahnung.«
»Das heißt«, rief Frau Schlotterbeck, »daß Sie ein Wirtshaus
aufmachen werden!«
»Ein – Wirtshaus?«
»Das Wirthaus ›Zur Räuberhöhle im Wald‹ – oder wüßten
Sie einen besseren Namen dafür?«
Hotzenplotz rutschte mit seinem Stuhl zurück. Es fehlte
nicht viel, und er wäre nach hinten umgekippt. Dann schlug er
sich vor den Kopf und begann zu lachen.
»Hö-höööh, das ist wirklich kein schlechter Gedanke, Frau
Schlotterbeck! Ihre Karten sind unbezahlbar! Ein Wirtshaus im
Walde, hö-höööh! Und Sie, meine Herrschaften, wie Sie da
sitzen, sind zur Eröffnung eingeladen – auf Räuberschmaus,
Schwammerltunke mit Knoblauch und Sliwowitz . . . Falls die
Polizei nichts dagegen hat.«
Herr Dimpfelmoser strich sich den Schnurrbart und hob die
Punschtasse.
»Wenn Sie mich fragen, kann ich darauf nur antworten:
Prosit, Herr Räuberwirt!«
»Prosit!« rief Kasperl – und »Prosit!« rief Seppel.
Dann aßen sie von den Käse- und Rollmops-Kürbissen, bis
sie Bauchweh bekamen, und waren so glücklich, daß sie mit
keinem Menschen getauscht hätten: nicht einmal mit sich
selber.