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Asse E i n blicke

Nr. 12 MÄRZ 2011 Informationen über ein endlager

Startklar für die Probephase: zwei Arbeiter in voller Montur bei der Kalterprobung auf der 800-Meter-Sohle

GASTBEITRAG

Das Schweizer Modell

Radioaktive Abfälle lösen immer wieder Ängste


Auf Gutem Grund
und Befürchtungen in der Bevölkerung aus, auch Bei der Probephase für die Bergung des radioaktiven Abfalls muss streng
Abwehrreaktionen, wenn es um die Suche nach
einem Lagerstandort geht. Auf der anderen Seite nach Atomrecht vorgegangen werden – das stellt alle auf eine Geduldsprobe,
produziert die Schweiz wie auch andere Länder
seit Jahrzehnten jeden Tag solche Abfälle. Sie weil die Genehmigungsverfahren aufwendiger und langwieriger sind.
stammen aus der kommerziellen Nutzung der
Kernenergie sowie aus Industrie, Medizin und Die Anwendung des Atomrechts wurde von der Öffentlichkeit gefordert 
Forschung. Wir sind es uns und unseren nach­
folgenden Generationen schuldig, eine sichere
Lösung für die Entsorgung zu finden.
Die Schweiz hat bei dieser Suche ein neues Kapitel aufgeschlagen.

E
Es verbindet zwei entscheidende Punkte: Die radioaktiven Ab­fälle s gibt wohl kaum jemanden in der recht auch bei der Asse angewendet wer­ Klar ist aber, dass das BfS sämtliche zur
sollen in geologischen Tiefenlagern verwahrt werden, welche höchste Umgebung der Asse, der den radio­ den soll, wurde lange Jahre von der Verfügung stehenden Unterlagen vorlegt,
technische Anforderungen erfüllen. Und die Suche nach diesen Lager­ aktiven Abfall nicht lieber heute Öffentlichkeit gefordert. Dass dies nicht um die Genehmigung schnell zu bekom­
standorten muss transparent und nachvollziehbar erfolgen. Diese als morgen rausgeholt sähe und der Fall war, hat viel Vertrauen in der men. Inzwischen ist für Ende März grünes
Grundsätze hat die Schweizer Regierung im „Sachplan geologische die ordnungsgemäße Schließung des ­Bevölkerung gekostet. Nicht zuletzt des­ Licht angekündigt, allerdings mit zahl­
Tiefenlager“ festgelegt und am 2. April 2008 verabschiedet. Der Sach­ Endlagers­ herbeiwünscht. Der im ver­ wegen achtet das BfS als Betreiber darauf, reichen Auflagen, die vor Beginn der
plan ist ein Planungsinstrument und schreibt die Regeln und das gangenen Jahr unter reger Anteilnahme dass alle Arbeiten auch im Einklang mit Arbeiten umgesetzt werden müssen. Die
Verfahren für die Standortsuche vor. Der breit akzeptierte Prozess ist der Bevölkerung abgeschlossene Op­ dem Atomgesetz umgesetzt werden, ­damit Zeit bis dahin verstreicht jedoch nicht
in drei Etappen aufgeteilt und dauert rund zehn Jahre. Das gibt die tionenvergleich und die Entscheidung für die größtmögliche Schadensvorsorge für ungenutzt. Jeden Tag wird auf der Asse
nötige Zeit und den Raum, den ein solches Großprojekt braucht. die Rück­holung des ­radioaktiven Abfalls das Betriebspersonal und die Bevölkerung an der Verbesserung der Notfallvorsorge
Der erste Schritt von Etappe 1 erfolgte am 6. November 2008. aus dem Salzstock ­haben in der Umge­ gewährleistet ist. und der Stabilisierung des Bergwerks
Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle bung – und auch ­bundesweit – viele Hoff­ gearbeitet (siehe Reportage auf Seite 4),
(Nagra) schlug sechs Standortgebiete vor, die sich aus geologischer nungen und Erwartungen geschürt; nicht Spezialisten nutzten die vergangenen um in Zukunft genügend Sicherheit zu
Sicht für die Entsorgung von radioaktiven Abfällen eignen. Sicher­ zuletzt die, dass es nun bald losgeht mit ­Monate, um das technische Gerät zum An­ haben, die radioaktiven Abfälle rück­holen
heitsbehörden, Kommissionen und Fachleute aus dem In- und Ausland der Um­setzung der Pläne. bohren der Ein­lagerungskammern unter zu können.
nahmen diese Vorschläge anschließend unter die Lupe. In enger Zu­ Doch bevor es so weit ist, müssen beste­ Tage zu erproben: darunter Bohrer, die Weder das Bundesamt für Strahlen­
sammenarbeit mit den betroffenen Kantonen und den benachbarten hende Unsicherheiten beseitigt, ­P lan sich durch das Salz wühlen, ohne dass schutz noch das Landesumweltminis­
Landkreisen wurden zudem sogenannte Planungsperimeter erarbeitet. ungen abgeschlossen, die Nachweise zur möglicherweise gefährliche Gase aus terium wollen sich in diesem Verfahren
Dabei wird provisorisch festgelegt, wo die oberirdischen Anlagen der Schadensvorsorge geführt und die not­ Hohlräumen dringen kön­ Fehler leisten. Da es sich
Lager errichtet werden könnten. Auch wurde die Frage der Betroffen­ wendigen Techniken vor Ort installiert nen. Kameras, die im Dun­ aber bei der Rückholung
heit schweizerischer und deutscher Gemeinden geklärt. Nach einer sein. Die meisten Arbeiten davon laufen keln der Kammern für
Inzwischen radio­aktiver Abfälle aus
dreimonatigen öffentlichen Konsultation wird der Bundesrat voraus­ zunächst in den Büros. Klarheit sorgen können, ist für Ende März einem Endlager um eine
sichtlich Mitte 2011 über den Abschluss von Etappe 1 befinden.
In Etappe 2 können sich betroffene Bürgerinnen und Bürger dann
Ohne sorgfältige Planungen und die
systematische Aufklärung noch bestehen­
in welchem Zustand sich
die eingelagerten rund
Grünes Licht bergmännische Pionier­
arbeit handelt, können
verstärkt in die weitere Standortsuche einbringen. Der Sachplan ge­ der Unsicherheiten kann die Rück­holung 126.000 Fässer befinden. Angekündigt, die ­derzeitigen Verzöge­
währleistet ihnen ein Mitwirkungsrecht und garantiert ein schrittweises
und für alle nachvollziehbares Vorgehen. Dabei ist die Zusammenarbeit
der radioaktiven Abfälle nicht erfolgreich
und schnellstmöglich ohne Gefährdung
„Die Sicherheit der Beschäf-
tigten und Bewohner hat
allerdings rungen eigentlich nieman-
den überraschen. Denn
mit den Gemeinden und Standortkantonen sowie mit unserem Nachbar­ der ­Beschäftigten sowie der Umgebung oberste Priorität“, sagt BfS- mit Auflagen ent­schei­dend ist, dass man
land Deutschland von größter Bedeutung. Bei Gesprächen mit den um­gesetzt werden. Das, was heute Zeit Präsident Wolfram König. auf der Asse endlich trag­
­Regierungsräten der Kantone haben diese mir immer wieder bestätigt, ­kostet, soll langfristig für eine reibungs­ „Alle Risiken müssen schlüssig in der fähige Lösungen für die Zukunft findet,
dass das ganze Verfahren zwar schwierig, aber transparent sei. Man lose ­Abwicklung der Rück­holung sorgen. Genehmigung bewertet und beantwortet die Gesetz und Wissenschaft standhalten
kenne die nächsten Schritte, habe Gelegenheit immer wieder Stellung werden.“ – und nicht ob man morgen oder über­
zu nehmen und die Arbeit im Rahmen der anderen Geschäfte zu pla­ Um die bestehenden Unsicherheiten auf­ morgen mit dem Bohren beginnt.
nen und zu kommunizieren. Auch unsere deutschen Kolleginnen und zuklären, hat das Bundesamt für Strahlen­ Seit November letzten Jahres liegt beim
Kollegen loben unser Vorgehen. Das zeigt uns, dass wir auf dem rich­ schutz (BfS) eine auf drei Jahre ver­ zuständigen Landesumweltminister­i um In den letzten Wochen gab es immer
tigen Weg sind. Es ist für uns klar: Geologische Tiefenlager sind um­ anschlagte dreistufige Probephase in Hannover ein 700 Seiten starker wieder Presseartikel über Verzögerungen
stritten und können nur in einem transparenten und akzeptierten (Faktenerhebung) an den Kammern 7 und Antrag des BfS auf Genehmigung der und Auseinandersetzungen zwischen
Auswahlverfahren festgelegt werden, das auf Dialog und Zusammen­ 12 auf der 750-m-Sohle vorgesehen, in ­A rbeiten für den ersten Schritt der den beteiligten Institutionen. Dabei geht
arbeit baut. Denn nur gemeinsam können wir eine Lösung finden. ­d enen radioaktiver Müll eingelagert Probephase. Das Umweltministerium es doch allen darum, Fehler zu vermei­
­wurde. Schon die Probephase muss nach beauftragte­ als Gutachter den TÜV Nord den — und das ist an­gesichts des weltweit
Dr. Walter Steinmann ist Direktor des Schweizer Bundesamts dem strengen Atomrecht erfolgen, das EnSys mit der Prüfung der Unterlagen. einzigartigen ­Vorhabens der Rückholung
für Energie (BFE), das sich federführend mit dem Auswahlverfahren aufwendige und langwierige Genehmi­ Die Genehmigungsbehörde hat seither auch ohne ­b ürokratische Konflikte
für geologische Tiefenlager in der Schweiz beschäftigt. gungsverfahren vorsieht. Dass das Atom­ Ergänzungen eingefordert. schwer genug. 
asse einblicke nr. 12 März 2011

12. Wie Die Asse und Die Region


überwacht WERDEN
Um zu wissen, welcher zusätzlichen Strah­ technischen Anlage in die Umgebung ermitteln darüber hinaus die Radioakti­
lenbelastung die Bevölkerung z. B. durch ­entweichenden radio­aktiven Stoffe. Als vität in der Umgebung der Anlage.
Kernkraftwerke ausgesetzt ist, und um die ­Immissionen bezeichnet man die radio­ Dafür werden Proben von Luft, Wasser,
Einhaltung der gesetzlichen Grenzwerte aktiven Stoffe, die sich in der Umgebung Boden, Pflanzen und Futtermitteln rund
nachzuweisen, werden in Deutschland ablagern und auf Mensch und Umwelt um die Schachtanlage untersucht. Die
kerntechnische Anlagen überwacht. einwirken. Mess­e rgebnisse werden ­z u­s ammenge-­
Diese Überwachung ist gesetzlich vor­ Das Endlager Asse wird nach Atomrecht fasst und in Quartals- und Jahresberich­-
geschrieben. Wie dabei vorzugehen ist, betrieben. Die Abluft, die aus dem End­ ten sowie auf der Internetseite des BfS
legt die Richtlinie zur Emissions- und lager entweicht, wird überwacht. Sowohl www.endlager-asse.de veröffentlicht. Zusätz-
Immissions­überwachung kerntechnischer das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) lich erfolgt eine Kontrolle landwirtschaft­
Anlagen (REI) fest. Unterschieden wird als Betreiber der Anlage als auch eine licher ­Produkte aus der Region durch die
zwischen Emissionen und Immissionen. ­unabhängige Messstelle, das Landesamt Landwirtschaftliche Untersuchungs- und
Emissionen sind die von einer kern­ für Umweltschutz Sachsen-Anhalt (LAU), Forschungsanstalt (LUFA-Nordwest).

unter tage
E

Um Arbeiten unter Tage zu ermöglichen, müssen gewaltige Mengen


Frischluft in das Bergwerk eingeleitet werden – pro Jahr sind es
etwa zwei Milliarden Kubikmeter Luft. Ist diese Luft verbraucht, C
gelangt sie über eine Art Schornstein – Diffusor genannt – zurück D
an die Oberfläche. Durch Messeinrichtungen im Diffusor ist es
möglich, die Abluft auf radioaktive Stoffe hin zu überprüfen, die
in geringen Mengen das Bergwerk verlassen. Zu den radioaktiven
Stoffen, die in der Abluft des Endlagers Asse regelmäßig
­überwacht werden, gehören radioaktive Gase (Tritium und Kohlen- Diffusor
stoff-14, Radon-222 und seine Folgeprodukte) und an Schwebstoffe
gebundene Radionuklide (Cäsium-137). Schacht 2 Schacht 4 Am Fuß des Diffusors ist eine Probenahme­
einrichtung (C) installiert. Hier wird ein Teil
der Abluft in einen Messcontainer (D) um­
geleitet und deren Radioaktivität lückenlos
zuluft überwacht. Gemessen werden die Gesamt-
Beta-, die Gesamt-Alpha- und die nuklidspezi­
fische Aktivität der Schwebstoffe sowie
Hauptgrubenlüfter die Aktivität der Gase Tritium, Radon-222 und
Kohlenstoff-14.
Der Hauptgrubenlüfter (A) steht auf der Die Abluft (E) wird über den Diffusor frei­
490-Meter-Sohle. Er saugt pro Minute rund gesetzt und mit dem Wind fortgetragen. Aus
abluft
4.000 Kubikmeter verbrauchte Luft an den gemessenen Mengen an radioaktiven
und bläst diese über den Schacht 2 und den Stoffen, den meteorologischen Daten und
Diffusor nach außen. weiteren Parametern wird die maximal mög­
liche Strahlenbelastung des Menschen abge­
schätzt. Die tatsächliche Strahlenbelastung
der Bevölkerung ist um ein Vielfaches geringer.

490 m

Wendelstrecke

B
595 m
A

Blind- Blind­-
schacht 3 schacht 1

700 m

750 m

800 m

Radonmessung

Luft, die über den Schacht 2 eingeleitet wird,


strömt im Bergwerk über die soge­nannte
Wendelstrecke — die Fahrstrecke, die die ein­
zelnen Sohlen des Bergwerks mitein­ander 975 m
verbindet — und Blindschächte wieder nach
oben. Dabei strömt sie auch an den Einlager­
ungskammern vorbei und nimmt dort radio­
aktive Stoffe wie das Edelgas Radon-222 auf.
Regelmäßige Radonmessungen finden unter
Tage an verschiedenen festgelegten Punkten
statt (B).
über tage
braunschweig Die Umgebung der Asse wird durch ein eng­
maschiges Kontrollnetz überwacht. Luft, Wasser,
Boden, Pflanzen und Futtermittel werden
helmstedt ­untersucht, um eine mögliche Gefährdung von
Mensch und Umwelt frühzeitig zu erkennen.
Dabei kommen unterschiedliche Messmethoden
zum Einsatz. In der Grafik sind die Messstellen
wolfenbüttel des Betreibers und der unabhängigen Mess­
salzgitter stelle verzeichnet.

asse ii
hildesheim
ODL–Messsonde
Luft/Ortsdosisleistung (ODL)
Die Gamma-Ortsdosisleistung beschreibt
F die Höhe der von außen auf den Menschen ein­
G wirkenden Strahlung in einem bestimmten
Zeitraum. Durch das vom BfS betriebene „Inte­
grierte Mess- und Informationssystem zur
H Überwachung der Umweltradioaktivität (IMIS)“
wird sie bundesweit und ständig an etwa 1.800
Messstationen mithilfe von Sonden gemessen.
Eine ODL-Sonde enthält jeweils zwei Geiger-
Müller-Zählrohre. Diese bestehen aus einem
halberstadt Metallrohr als Kathode (F) und einem Draht als
Anode (G) und sind mit Edelgas gefüllt. Tritt nun
ionisierte Strahlung ein, schließt sich der
Stromkreis (H). Mittels eines Widerstandes wird
Weferlingen der Stromfluss in ein Spannungssignal um­
gewandelt, das akustisch oder optisch sichtbar
gemacht wird.

Wasser
Mönchevahlberg Nach den Vorgaben der REI muss das Grundwas­
a ser im nächstgelegenen Brunnen untersucht
gross werden. Bei einer Einleitung von Abwasser in ein
denkte ss
Oberflächen­gewässer ist auch das Wasser ober­
halb und unterhalb der Einleitstelle auf Radio-
e
aktivität zu untersuchen. Beim Endlager Asse
wird kein Abwasser in Oberflächengewässer ein­-
geleitet. Dennoch wird auch das Wasser in der
GroSS Umgebung des Endlagers regelmäßig untersucht.
Vahlberg
Aus Quellen, Gewässern und Gräben werden Pro­
ben entnommen und ausgewertet. Seit Anfang
2009 überprüft das BfS zusätzlich das­Trinkwas­
ser der Ge­meinde Kissenbrück monatlich auf
asse ii Radionuklide aus der Schachtanlage Asse II. Die
wiTTmar Proben werden auf künstliche Radionuklide wie
Cäsium-137 und Tritium untersucht. Das Trink­
wasser der Gemeinde Kissenbrück ­enthält nach
den bisherigen Ergebnissen keine Radio­nuklide
Sottmar aus dem Endlager Asse.
Klein
Vahlberg
luft/gammastrahlung (tld)
Die ionisierende Strahlung (Gammastrahlung) im
Umfeld des Endlagers Asse wird mit Thermo­
lumineszenz-Dosimetern (TLD) gemessen. Im
remlingen
Dosimeter befinden sich vier Kristalle (I), deren
Struktur sich unter dem Einfluss von Gammabe­
strahlung so verändert, dass sie bei Erwärmung
Thermolumineszenz-Dosimeter leuchten. Die Kristalle werden jeweils nach
einem halben Jahr eingesammelt und im Labor
1 km ausgewertet.
I

LUFt/Aerosolaktivität Pflanzen und Futtermittel


Unter Aerosolen versteht man Gase mit festen Das BfS und die unabhängige Messstelle nehmen
oder flüssigen Schwebeteilchen. Der über­ halbjährlich Proben von Pflanzen und Futter­
wiegende Teil der natürlichen und künstlichen mitteln in der Umgebung des Endlagers Asse, die
Radionuklide der Luft ist an Schwebeteilchen anschließend auf gammaspektrometrisch nach­
gebunden. Das Messprogramm zur Unter­ weisbare Radionuklide wie Cäsium-137 sowie
suchung von Aerosolen richtet sich nach den Tritium untersucht werden. Dabei handelt es sich
Vorgaben der REI. Der Betreiber filtert an zwei vor allem um Grasproben.
Messpunkten mit einem Aerosolsammler
­Schwebeteilchen aus der Luft und wertet deren
Boden
Gamma-, Beta-und Alpha-Aktivität aus.
An vier Stellen in der Umgebung der Schacht­
anlage Asse entnimmt das BfS regelmäßig
r ­Bodenproben aus einer Tiefe von bis zu zehn
e Zentimetern. ­Zusätzlich entnimmt die unab­
m hängige Mess­stelle zwei weitere Stichproben
l
i pro Jahr, um die Betreibermesswerte zu kon­
h n trollieren. Dies geschieht an Stellen, an denen
e g
r e die radioaktive Belastung des Bodens nach
s r asse ii
den Ausbreitungsmodellen am höchsten und
e
impressum eine mögliche ­Belastung von Mensch und Tier ­
bei der Auf­nahme von Radionukliden mit der
asse Einblicke Informationsschrift zum
Endlager Asse II
Nahrung am wahrscheinlichsten ist. Im Mittel­
Herausgeber: Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) punkt dieser Untersuchungen stehen Radio­
V.i.s.d.P.: Katharina Varga, Willy-Brandt-Str. 5, nuklide wie Cobalt-60, Blei-210 und Cäsium-137.
38226 Salzgitter www.endlager-asse.de
Verlag: dUMMy Verlag GmbH Gestaltung: scrollan
Bildmaterial Infografik: Macina Digitalfilm Luft/Ortsdosisleistung
Druck: Moeker Merkur Druck GmbH & Co. KG
Die Asse Einblicke sind auf 100 % Altpapier gedruckt Luft/Gammastrahlung/Betreiber
und klimaneutral. Die durch die Herstellung verursachten
Luft/Gammastrahlung/Unabhängige Messstelle
Treibhausgasemissionen wurden durch Investitionen in Info Asse
ein WWF Gold Standard Klimaschutzprojekt kompensiert. Luft/Aerosolaktivität
Wasser
Ident-Nr. 119158 100 m
Pflanzen, Futtermittel, Bodenproben
asse einblicke nr. 12 März 2011

Die Säulen unter der Erde


Die Jahreszahl 2020, die in allen Diskussionen
eine Rolle spielt, ist lediglich eine Rechengröße
zur ­Verformung und steht in keinem Zusam­
menhang mit einem Einsturz des Bergwerks.
Kann sein, dass das Bergwerk noch in Jahr­
zehnten ­solide steht, kann auch sein, dass früher
Die Arbeit der Bergleute im Atommülllager Asse ist ein Wettlauf gegen die Zeit und gegen ein ­g rößerer Wassereinbruch droht und sich
die Lage verschärft. Dr. Michael Siemann, Fach­
das Wasser. Doch ohne diesen Kampf wird es keine Rückholung geben. Mit den fort­- bereichsleiter Sicherheit nuklearer Entsorgung
im BfS, erklärt die Situation. „Derzeit ist die
schreitenden Arbeiten im Schacht wächst auch das Vertrauen der Beteiligten Von Stefan Krücken ­Grube sicher, und eines ist klar: Wir werden kei­
nerlei Gefährdung für die Bevölkerung und die
Beschäftigten zulassen.“ Seit einigen Monaten
ist ein Notfallplan in Kraft, den es nicht gab,
­bevor das Bundesamt für Strahlenschutz die Asse
übernahm.
Beim Begriff „Absaufen“ denkt der Laie an
Fluten, an Wasserschwälle, an Bergleute, die im
Schein ihres Geleuchts zum Förderkorb hasten,
doch für Fachleute wie Hegemann ist ein Szena­
rio wahrscheinlicher, bei dem das Wasser lang­
sam einläuft, Kubikmeter für Kubikmeter, was
Monate, vielleicht sogar Jahre dauern kann.
„Wir müssen nicht auf den roten Knopf drücken
und raus­rennen“, erklärt er. Derzeit wird eine
Strecke in der Nähe der Hauptauffangstelle
­erweitert, um Platz zu schaffen für weitere
­Behälter, in denen im Bedarfsfall größere Men­
gen gesammelt ­werden können. Das Wasser,
welches aus der Asse herausgepumpt wird, weist
eine Tritiumaktivität von weniger als 10 Becquerel
pro Liter auf. Zum Vergleich: Der Grenzwert für
Trinkwasser liegt bei 100 Becquerel pro Liter.
Eine Bürgerinitiative in der Nähe der Schachtan­
lage Mariaglück, in die das Wasser der Asse ge­
bracht wird, nahm nach der Wiederaufnahme
der Lieferungen Proben. Wenn es um die Asse
geht, bei der jahrelang jedes Vertrauen zerstört
wurde, kann manchem keine Kontrolle weit genug
gehen. In spätestens drei Jahren aber ist das Berg­
werk Mariaglück randvoll, weshalb man im BfS
derzeit mit Druck nach einer Alternative sucht.
Noch so ein nasses Problem, das es zu lösen gilt.
Auf der 700-Meter-Ebene zeigen Köhler und
Sie ackern für die Zukunft: Die Bergleute in der Asse sorgen für Stabilität und damit für die notwendige Zeit FotOS: Arne Weychardt
Hegemann eine gewaltige Betonmischanlage,
eine kleine Fabrik, die beinahe wie ein Wunder­
werk anmutet, wenn man bedenkt, dass jedes

A
n einem Tag wie jedem anderen, an dem drohenden Vertragsstrafe lieber Nieder­sachsens einer sechsspurigen Autobahn hindurch. Einzelteil durch den schmalen Schacht nach
die heiße Luft tief unten im Berg steht Straßenmeistereien anstelle der Asse zu ­beliefern Er murmelt nur ein Wort zur Antwort: „Selten.“ unten transportiert werden musste. Die Betriebs­
und flimmert vom Salzstaub, – was den Nachschub und damit die Arbeiten Ihm mache die Aufgabe Spaß, sagt er dann, er leiter zeigen sie mit dem Stolz großer Jungs, die
sehen Männer in weißer Bergmannsklei­ unter Tage ins Stocken brachte. Ein Journalist nennt die Asse eine „Herausforderung“. Köhler ihre neue Spielzeugeisenbahn präsentieren.
dung zu, ob der Beton ordnungsgemäß fließt. eines Nachrichtenmagazins, der vor Kurzem Gast lebt, man kann das ohne Übertreibung so Sämtliche Arbeiten laufen parallel zu weiteren
Nicht zu viele Luftporen dürfen in dieser Probe auf der Asse war, schrieb hinterher sinngemäß sagen, für den Bergbau: Vor Kurzem kam ihm Arbeiten wie Firstspaltverfüllung, Vorsorge­
sein, die gerade untersucht wird, die Mischung „Kein Salz im Salzbergwerk“ in seinem Bericht, die Idee, wie die Maurerarbeiten an den First­ maßnahmen, den Überwachungsaufgaben, der
muss exakt stimmen, die Körnung des Salzes, es mit süffisantem Tonfall getippt, und der Leser spalten vereinfacht werden können. Statt die 75 „Probe­phase“, mit der geprüft wird, ob und wie
ist alles kompliziert. Mit diesem Beton, Sorelbe­ dachte: Oje, jetzt kriegen die in der Asse kein Zentimeter dicken Wände zu mauern, eine harte­ die Atommüllfässer ohne Risiko für Umwelt und
ton, einer Mischung aus Magnesiumoxid, Mag­ Salz ran. Von der Komplexität der Anlagen, von Arbeit, die den Rücken extrem belastet, ver­ ­A rbeiter aus den Kammern geholt werden
nesiumchloridlösung und Steinsalz, werden wendet man demnächst ein System aus einer können. Es können allerhöchstens 120 Bergleute
derzeit Firstspalte in der Südflanke des Atom­ Aluminiumschalung, das sich Köhler ausdachte. gleichzeitig in der Grube tätig sein. Wenn der
mülllagers Asse II verfüllt, oder, um es einfacher Das Salz, „Die Gesundheit der Leute hat absolute Pri­ Technische Geschäftsführer Köhler die
auszudrücken: Resthohlräume in den Kammern
zubetoniert. Damit der Berg nicht mehr so
das in der Asse orität“, lautet seine Devise. Sorgen machte er Aufgaben in der Asse „komplex“ nennt, klingt
sich zudem, ob er dem Vermieter in einem das nach Untertreibung.
schnell nachgibt, damit es weniger Ver­for­ benötigt wird, Dorf ­unweit des Bergwerks erzählen sollte,
mungen gibt, damit nicht noch mehr Wasser
eindringen kann. Kurz: Damit die Betriebs­
landete auf den ­womit er sein Geld verdient. Köhler tat es und
bekam die Wohnung schließlich.
sicherheit verbessert wird und irgendwann die eisigen StraSSen Dass Harald Hegemann, 50, technischer ­Leiter
Fässer mit dem radioaktiven Abfall herausgeholt des Betriebs, für seine Familie sogar ein Haus im
werden können. den Sonderkonstruktionen, mit denen man das Dorf kaufte, nahmen die neuen Nachbarn mit
Denn bis es so weit ist, wird nichts mehr benö­ Material Hunderte Meter in den Berg pumpt, Begeisterung zur Kenntnis. „Wenn die sogar
tigt als Zeit: Zeit für die Probephase der Rück­ von den permanenten Tests, von all dem erfuhr hierherziehen, kann das ja alles nicht so schlimm
holung unter Tage, Zeit für die etlichen Geneh­ man nichts. „Kein Salz im Salzbergwerk“, diese sein“, kommentierte einer der Anwohner. Seit
migungen, die es für jeden Schritt bedarf (siehe ­Botschaft blieb hängen, mal wieder keine gute vier Jahren arbeitet Hegemann, ein bärtiger
Seite 1), und schließlich Zeit, um die ausgewählte Presse für die Asse. „Wir müssen ­unsere Fremd­ Bergmann aus dem Ruhrgebiet, in der
Option umzusetzen, ohne dass Menschen und salzlieferung flexibler gestalten und dem Wett­ idyllischen Region zwischen Harz und Lüne­
Umwelt gefährdet werden. Jede „Betonspritze“, bewerb unterstellen, das ist klar“, sagt Köhler. Er burger Heide, in deren sanften Hügeln immer
die heute in den Berg gesetzt wird, bedeutet, dass will nicht genervt klingen, aber der Spaßfaktor noch viele gelbe „A“ aus Holz stehen, als
sich die Möglichkeit der Rückholung verbessert. seines Jobs hält sich in Grenzen. ­Mahnung der regionalen Bürgerinitiative. Er
„Unsere Aufgaben sind komplex“, sagt der Wer für die Asse arbeitet, ist es gewohnt, ­beobachtet, dass die Diskussion sachlicher wird,
größte Mann der Gruppe, an dessen Helm der Rückzugsgefechte zu führen, in der Öffentlich­ auch eine Folge der umfassenden Informations­
Name „Köhler“ klebt. Jens Köhler, 44, seit März keit, vor allem aber im Alltag unter Tage. Es geht politik des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS).
vergangenen Jahres Technischer Geschäftsfüh­ darum, Zeit zu gewinnen: Denn in das Bergwerk „Man wird als Bergmann nicht mehr als Teil des
rer der Asse-GmbH, holt aus zu einem Kurz­ dringt Wasser ein, mindestens seit 1988 schon. Problems gesehen, sondern immer mehr als
referat über Temperatur, Menge, Messverfahren, Tag für Tag sind es rund 12 Kubikmeter. ­Lösung des Problems betrachtet“, berichtet er.
die zu beachten sind. Man versteht nicht so viel, 10,5 Kubikmeter Salz­lösung werden in Becken Um die Moral der Bergleute zu stärken, hat die
aber immerhin, dass es sehr komplex sein muss, unter Tage gesammelt, aus dem Berginneren Geschäftsleitung fürs neue Jahr einen Kalender
80 teils großflächige Hohlräume in ehemaligen herausgepumpt und schließlich in Tankwagen herstellen lassen: mit Porträts der Malocher.
Tunnelerfahren: Asse-Gmbh-Geschäftsführer Jens Köhler
Abbaukammern (Firstspalte) zu verfüllen. Wie zur Grube Mariaglück abgefahren. „Wir müssen Ihre Aufgabe nennt Hegemann „einen Wett­
lange die Arbeiten dauern werden? Das vermag bei der Firstspaltverfüllung vorsichtig vorge­ lauf gegen die Zeit“. Wie lange der Zufluss des
niemand zu sagen; bislang zeigt die Erfahrung, hen“, erklärt Köhler. Ist der Beton zu flüssig und Wassers noch kontrollierbar bleibt? Jede kon­ Auf dem Weg zurück ans Tageslicht müssen die
dass für die Befüllung eines Firstspaltes zwei bis tritt aus dem Hohlraum aus, kann das ernste krete Vorhersage ist so seriös wie ein Wetterbe­ Bergleute in Abhängigkeit ihres Einsatzortes in
drei ­Wochen benötigt werden, reine Arbeitszeit. Folgen haben, wenn er eine Fließbahn, die das richt für den Juli 2024. Fakt ist, dass schon in den den „Hand-Fuß-Kleidermonitor“ steigen, eine
Und für jeden einzelnen Hohlraum stehen in Wasser bislang nimmt, verstopft oder verändert. 1930er-Jahren, wenige Jahre nach Inbetriebnah­ Art Box, in der man 18 Sekunden lang ausharrt,
Köhlers Büro, 490 Meter und drei Stockwerke Auf der 658-Meter-Ebene, wenige Hundert me, erstmals Wasser in den Schacht Asse II ein­ um mögliche Strahlung zu registrieren. Reine
weiter oben, fünf Aktenordner. Genehmigungen, Meter entfernt von der Stelle, an der man derzeit drang, dass die Nachbarschächte schon nach Vorsichtsmaßnahme. Sie passieren eine illu­
Qualitätskontrollen, immer wieder Mess­e r­ Beton durch ein Bohrloch in der Wand kurzer Zeit „absoffen“, wie die Bergleute es nen­ minierte Statue der Heiligen Barbara, Schutz­
gebnisse: Gebirgsspannung, Bewegung im pumpt, be­findet sich die „Hauptauffangstelle“, nen, und dass hier niemals Atommüll hätte ein­ patronin der Bergleute. In der Schachthalle
Berg. Es sind Zahlenkolonnen und farbige Dia­ wo der Großteil des eindringenden Wassers gelagert werden dürfen. Wasser greift das Salz­ kommen sie an einem Fressnapf vorbei. Einem
gramme, die aussehen wie Blaupausen für eine gesammelt wird. gestein an, macht es instabil, bis zum Fressnapf? „Der gehört unserem Schachtkater“,
Mondrakete. Das Salz der Asse reicht nicht aus, Bereitet ihm das Wasserproblem schlaflose Albtraumszenario: Der strahlende Müll, rund erklärt Köhler. Er lächelt, als er erzählt, dass­­
den Beton anzurühren, weshalb man es in Eisen­ Nächte? Köhler, Dortmunder, der mit 17 zum 126.000 Fässer, die über­einander gestapelt einen man sich nicht traute, während des Besuchs des
bahnwaggons von einem Fremdanbieter ­bezieht. ersten Mal in einer Zeche arbeitete, wie sein Atomabfallhaufen mit dem Volumen von 60 Ein­ Nachrichtenmagazins laut nach dem tierischen
Damit wird die Aufgabe nicht nur komplexer, ­Vater, wie sein Großvater schon, baute am eben familienhäusern ergeben würden, könnte vom ­Maskottchen zu rufen. Um Missverständnisse zu
sondern auch problematischer. durchgestoßenen Gotthardt-Basis-Tunnel in der Berg zermahlen und in alle Richtungen gedrückt vermeiden. Der Kater heißt: Plutonium.
Im Frühjahr 2010 war es, als Deutschland im Schweiz mit und an der U-Bahn von Singapur. Er werden. Ins Salz, ins Gestein. Und auch ins Grund­
Schnee versank und die Autobahnen ­vereisten. trieb in China Straßenröhren durch Berge und wasser. „Wir haben hier schon’ne große Aufgabe“, Stefan Krücken arbeitet als Reporter u. a. für den „Stern“,­
Der Lieferant des Salzes zog es vor, trotz einer bei Frankfurt einen ICE-Tunnel fünf Meter unter findet Hegemann. Die „Frankfurter Rundschau“ und den „Tagesspiegel“.