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Heile Welt Nationalpark?


Tagung 2018 in Drübeck
Heile Welt Nationalpark?

Tagung 2018 in Drübeck

Herausgegeben von der


Nationalparkverwaltung Harz

Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz

Band 17
Zitiervorschlag:
NATIONALPARKVERWALTUNG HARZ (2019) (Hrsg.): Heile Welt Nationalpark? Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz, Band 17.
84 Seiten.

Impressum

Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz


ISSN 2199-0182

Herausgeber:
Nationalparkverwaltung Harz
Lindenallee 35
38855 Wernigerode
www.nationalpark-harz.de

Für den Inhalt der Artikel sind ausschließlich die jeweiligen Autoren verantwortlich.

Redaktion:
Nationalpark Harz
Dr. Kathrin Baumann

Titelfoto: Dr. Kathrin Baumann

1. Auflage 2019
I N H A LT | 3

Inhalt

Vorwort 4

Nationalparke als Käseglocken? Ergebnisse aus der naturwissenschaftlichen Forschung

KATHLEEN PREISSLER, VANESSA SCHULZ, SEBASTIAN STEINFARTZ, Leipzig


Das Bedrohungspotential von Amphibien-Chytridpilzen für die Charakterart Feuersalamander –
Fokus Nationalpark Harz 5

OLE ANDERS, St. Andreasberg


Nationalparks – Eine Chance für den Luchs? 14

HERWIG ZANG, Goslar


Langzeitstudien an Kleinhöhlenbrütern im Harz 19

KATHRIN BAUMANN, Wernigerode


Neuartige Veränderungen der Vegetation und der Libellenfauna in den Mooren des Harzes ‒
Grenzen der Schutzmöglichkeiten eines Nationalparks 25

PETER MEYER, Göttingen


Natürliche Dynamik mitteleuropäischer Fichtenwälder unter dem Einfluss des Klimawandels
am Beispiel der Waldforschungsfläche Bruchberg im Nationalpark Harz 34

Rechtliche Rahmenbedingungen für Nationalparke – Hilfe oder (zu) enges Korsett?

MANFRED GROSSMANN, Bad Langensalza


Nationalpark und Natura 2000 – ein Widerspruch?
Umsetzung der Natura 2000-Erhaltungsziele im Nationalpark Hainich (Thüringen) 44

KATHRIN BAUMANN, Wernigerode & CAREN PERTL, St. Andreasberg


Auswirkungen der Naturdynamik auf den Erhaltungszustand von Fichtenwäldern (FFH-LRT 9410)
und dort vorkommender wertgebender Arten der Vogelschutzrichtlinie im Nationalpark Harz 53

GUNTER KARSTE, Wernigerode


Zonierung in Nationalparken – zeitweise notwendig oder ein Dauerzustand zur Legitimation ständigen Tuns? 60

Mensch und Nationalpark – ein Widerspruch in sich?

JOSEF WANNINGER, Grafenau


Borkenkäfer am Lusen: eine Geschichte von Wald und Mensch 68

GERHARD TROMMER, Lehre


Über Klanglandschaft und Naturstille im Nationalpark Harz 75
4 | VORWORT

Vorwort

Nationalparke mit ihrer Prämisse „Natur Natur sein lassen“ Die Tagung „Heile Welt Nationalpark?“ widmete sich diesen
sind besonders wirkungsvolle Instrumente des Naturschutzes. drei Themenfeldern. So analysiert die naturwissenschaftliche
Dennoch stellen diese Gebiete keine „Käseglocken“ dar – auch Forschung die Auswirkungen äußerer Einflüsse auf ausgewählte
sie sind von äußeren Einflüssen betroffen, wie z. B. Klimaver- Biotope und Arten und zeigt die Grenzen der Schutzmög-
änderungen, atmosphärischen Stoffeinträgen, Einwandern von lichkeiten von Nationalparken auf. Ein zweiter Vortragsblock
teilweise invasiven Arten inklusive pathogener Organismen. behandelte die rechtlichen Rahmenbedingungen und stellte an
praktischen Beispielen die Frage, ob diese immer nur hilfreich
Besonders der Klimawandel ist inzwischen auch im Harz mit sind oder auch problematisch sein können. Die etwas provokan-
aller Deutlichkeit angekommen und äußert sich in einer gera- te Frage „Mensch und Nationalpark – ein Widerspruch in sich?“
dezu dramatischen Waldentwicklung, die sich zunächst in den stand hinter den Vorträgen des dritten Blocks.
Wäldern des Nationalparks, seit dem Dürrejahr 2018 aber auch
in allen Wirtschaftswäldern im gesamten Mittelgebirge zeigt.
Im Nationalpark gelten dabei eigene gesetzliche Regelungen, Andreas Pusch
aber das Schutzgebiet ist darüber hinaus in übergeordnete Leiter des Nationalparks Harz
rechtliche Rahmenbedingungen eingebunden. Dies kann u. a. zu
Zielkonflikten zwischen dem Zulassen der natürlichen Dyna-
mik und dem Schutz nutzungsabhängiger Biotope oder Arten
führen.

Der Mensch stellt die unterschiedlichsten Anforderungen an


den Wald und damit auch an einen Waldnationalpark: Wäh-
rend lange Zeit ruhige Erholung in schöner Natur im Vorder-
grund stand, verstärkt sich der Wunsch nach Events und Spaß,
zunehmender Individualverkehr verlärmt die Natur. Gleichzeitig
besteht Dissens in der Frage, wie die Natur rechts und links
der Wege aussehen sollte – wild wie ein Nationalpark oder
aufgeräumt wie die Kulturlandschaft, an die sich die Menschen
gewöhnt haben?
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KATHLEEN PREISSLER, VANESSA SCHULZ, SEBASTIAN STEINFARTZ, Leipzig

Das Bedrohungspotenzial von Amphibien-


Chytridpilzen für die Charakterart
Feuersalamander – Fokus Nationalpark Harz

1. Der Feuersalamander (Salamandra salamandra) für Adulti bieten. Vereinzelt wurden jedoch auch Populatio-
1.1 Verbreitung nen in feuchten Nadelwäldern nachgewiesen (MEYER 2004,
Deutschland beherbergt 20 einheimische Amphibienarten. Un- THIESMEIER 2004, THIESMEIER & GÜNTHER 2009). Wie bei
ter den 14 Froschlurchen und sechs Schwanzlurchen ist keine allen Amphibien hängt die Aktivität u. a. stark von den Wetter-
Art so beliebt wie der Feuersalamander. Durch seine schwarz- bedingungen ab. In kalten Wintermonaten verweilen Feuersa-
gelbe Färbung zählt er zu den auffälligsten und populärsten lamander in ihren Winterquartieren (Höhlen, Stollen, etc.) und
Lurchen Deutschlands. Die Art Salamandra salamandra wird werden erst mit steigenden Temperaturen und Niederschlags-
durch 14 Unterarten in weiten Teilen Europas repräsentiert. mengen aktiv. Gut beobachten lassen sich Feuersalamander vor
Davon finden sich in Deutschland zwei Unterarten, die nomino- allem in feuchten Nächten im Frühjahr und Herbst.
typische (gefleckte) Form (Salamandra salamandra salamandra)
und die gestreifte Form (Salamandra salamandra terrestris; siehe
Abb. 1). Deutschland beherbergt einen bedeutenden Teil der
Weltpopulation des Feuersalamanders, wodurch eine besondere
Verantwortung für dessen Erhaltung besteht [1]. Der Feuersa-
lamander ist hier überwiegend in den Mittelgebirgen besonders
im Westen und Südwesten des Landes zu finden. Vom Huns-
rück über das Rothaargebirge bis hin zum Solling, im Schwarz-
wald und in der Schwäbischen Alb ist diese Charakterart in
hohen Dichten anzutreffen (THIESMEIER 2004, SCHULTE et al.
2013, WESTERMANN 2015).

1.2 Lebensweise Abb. 1: Die beiden Unterarten des Feuersalamanders (unten: S. salamandra
salamandra; oben: S. s. terrestris). Foto: S. Steinfartz.
Feuersalamander weisen einen biphasischen Lebenszyklus auf.
Zu Beginn ihres Lebens, in der sogenannten Larvalphase, sind
sie strikt ans Wasser gebunden, bevor sie an Land gehen und
fortan rein terrestrisch leben. Lediglich zur Larvenablage kehren
sie kurzzeitig wieder zum Gewässer zurück. Eine reproduktive
Besonderheit des Feuersalamanders ist die Larviparie, d.h. das
Absetzen lebender Larven durch das Weibchen. Die Ablage der
entwickelten Larven erfolgt vornehmlich in strukturierten, fisch-
freien Bächen (FREYTAG 1955, THIESMEIER 2004) (Abb. 2) und
in einigen Populationen auch in Tümpeln (WEITERE et al. 2004,
STEINFARTZ et al. 2007, REINHARDT et al. 2013, KRAUSE et al.
2015). Das typische Habitat besteht aus feuchten, quellbach-
durchzogenen Laubmischwäldern der kollinen bis submontanen Abb. 2: Typisches Larvalgewässer des Feuersalamanders in einem Buchen-
Stufe, welche genügend Versteckmöglichkeiten (Totholz, Steine) Mischwald bei Stecklenberg, Harz. Foto: K. Preißler.
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1.3 Färbung und Giftigkeit 2.1 Verbreitung


Neben der auffälligen, individuellen Körperfärbung produ- Soweit bekannt, spielte Bd, welcher Arten aller Amphibien-
zieren die Tiere ein Giftsekret, welches ihnen als Schutz vor Ordnungen befallen kann, bislang keine Rolle für die Be-
Hautinfektionen dient und gleichzeitig Fressfeinde abschreckt. standsentwicklung der einheimischen Amphibien, obwohl
Das Sekret, hauptsächlich bestehend aus Alkaloiden, Peptiden Nachweise von Bd von vielen deutschen Arten und unterschied-
und Sterolen, kann bei Gefahr durch Muskelkontraktionen aus lichen Regionen vorliegen (RASMUSSEN et al. 2012, OHST et al.
Giftdrüsen, welche sich beidseitig am Kopf sowie entlang der 2013). Im Jahr 2013 wurde Bsal erstmals an Feuersalamandern
Wirbelsäule befinden, abgesondert werden und tödlich auf klei- in den Niederlanden isoliert und beschrieben (MARTEL et al.
nere Säugetiere wie etwa Hunde wirken (ERJAVEC et al. 2017, 2013), nachdem es bereits seit Beginn der 2000er-Jahre in einer
LÜDDECKE et al. 2018). Feuersalamander verfügen dementspre- niederländischen Population zu drastischen Einbrüchen durch
chend über wenige natürliche Feinde. Beobachtungen über Prä- Bsal gekommen war (SPITZEN-VAN DER SLUIJS et al. 2013). Es
dation z. B. durch Fuchs, Marder und Wildschwein sind eher die wird vermutet, dass Bsal aus Asien stammt und in Europa über
Seltenheit (THIESMEIER & GROSSENBACHER 2014). Obwohl den Tierhandel mit exotischen Amphibien, welche selbst bereits
die wissenschaftliche Evidenz bisher aussteht, wird davon aus- Resistenzen ausgebildet haben und somit keine klinischen An-
gegangen, dass die Kombination aus auffälliger Körperfärbung zeichen zeigen, unbemerkt eingeschleppt wurde (MARTEL et al.
und Giftigkeit ein Hinweis auf eine aposematische Überlebens- 2014, LAKING et al. 2017). Nach den Niederlanden wurde Bsal
strategie (Warnfärbung) ist (WELLS 2010). 2013 dann auch an Feuersalamandern in Belgien (MARTEL et al.
2013) und 2015 in Deutschland nachgewiesen, sowohl in einer
Gefangenschaftshaltung als auch im Freiland (SABINO-PINTO
1.4 Schutz und Gefährdung et al. 2015). Nachdem lange angenommen wurde, dass sich das
Der Feuersalamander ist eine nach BNatSchG und BArtSchV Bsal-Verbreitungsgebiet in Deutschland nur auf die Eifelregion
besonders geschützte Art, für deren Erhaltung Deutschland beschränkt (DALBECK et al. 2018), wurden seit 2017 immer
international eine besondere Verantwortung trägt. Wenngleich mehr tote Feuersalamander im Ruhrgebiet (Essen, Bochum,
er bundesweit als noch ungefährdet eingestuft wird, steht er Mühlheim a. d. Ruhr, Heiligenhaus) gemeldet (SCHULZ et al.
in mehreren Bundesländern auf der Roten Liste als gefährdet 2018) (Abb. 3). Hinsichtlich der versteckten Lebensweise der
(Baden-Württemberg, Bayern, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Feuersalamander sind bisher unentdeckte Sterbeereignisse in
Thüringen), stark gefährdet (Hessen, Sachsen) oder ausgestor- weiteren, insbesondere abgelegenen Regionen nicht auszu-
ben (Hamburg) (KÜHNEL et al. 2009, SCHULTE et al. 2013). schließen.
Ähnlich anderer Amphibien wurde die Art bisher vorrangig
von Lebensraumzerstörungen bzw. -veränderungen wie Entfer-
nung von Totholz, Bachbegradigung etc. (CUSHMAN 2006) und 2.2 Krankheitsverlauf
Umweltverschmutzung (WAKE & VREDENBURG 2008, RÖDDER Sowohl Bd als auch Bsal führen in den meisten Fällen zur
& SCHULTE 2010) bedroht. In den letzten Jahren haben sich Ausbildung der Krankheit Chytridiomykose. Im Gegensatz zu
jedoch schnell ausbreitende invasive Krankheitserreger zu einer Bd befällt Bsal ausschließlich westpaläarktische Salamander
dramatischen und zum Teil unkontrollierbaren Gefahr für Am- und Molche (Ordnung: Urodela), darunter alle in Deutschland
phibien allgemein und auch den Feuersalamander im Speziellen heimischen Molche und Salamander (MARTEL et al. 2014). Die
entwickelt (MARTEL et al. 2014, PRICE et al. 2014, O‘HANLON Krankheit äußert sich in Läsionen und Geschwüren der Haut,
et al. 2018). weshalb sie auch als Salamanderpest bezeichnet wird (MARTEL
et al. 2013) (Abb. 4, 5). Es treten häufig exzessive Häutungen,
Trägheit und Appetitlosigkeit auf, bevor infizierte Tiere schließ-
2. Der Erreger der Salamanderpest lich verenden (GRAY et al. 2015) . Im Fall des Feuersalamanders
Die Chytridpilze Batrachochytrium dendrobatidis (Bd) und der finden wir eine außerordentlich hohe Anfällig- und Sterblich-
erst kürzlich entdeckte B. salamandrivorans (Bsal) haben das ge- keit, die durch einen besonders schnellen Krankheitsverlauf
fährliche Potenzial, im globalen Maßstab Amphibienarten und gekennzeichnet ist. Die Individuen sterben oftmals binnen 1-2
ihre Populationen zum Aussterben zu bringen; teilweise ist dies Wochen nach Infektion mit dem Erreger (MARTEL et al. 2014).
bereits geschehen (KOLBY & DASZAK 2016). Beide Pilze gehö-
ren zu den Chytridiomycota der Ordnung Rhizophydiales und
bilden zwei Lebensstadien aus: bewegliche oder unbewegliche,
verkapselte Zoosporen und das reproduktive Zoosporangium
(STEGEN et al. 2017).
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Abb. 3: Verbreitungskarte der aktuell Bsal-infizierten Standorte (rot gekennzeichnet) im Freiland der Niederlande, Belgiens und Deutschlands (Stand: Juni 2019).

Abb. 4: Bsal-infizierter Feuersalamander im Stadtgebiet Essen. Hautläsi- Abb. 5: Toter Feuersalamander im Stadtgebiet Essen. Foto: M. Vences.
onen, gekennzeichnet durch braunumrandete Kreise, sind typische
Anzeichen eines Befalls Foto: K. Preißler.

2.3 Übertragungswege von Feuersalamander zu Feuersalamander z. B. während der


Die Übertragungswege von Bsal-Sporen sind bislang nicht Paarung oder Überwinterung erfolgt. Darüber hinaus gelten
eindeutig geklärt, da die Gegebenheiten in der Natur weder im resistente Amphibien, wie Froschlurche (Frösche, Kröten) und
Labor nachempfunden, noch vollends erfasst werden können. Molche, als Reservoirs, die Bsal-Sporen auf unbestimmte Zeit
Jedoch ist bekannt, dass eine direkte Übertragung der Sporen im Habitat halten und in neue Gebiete tragen können (STEGEN
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et al. 2017, FISHER 2017). Die unbeweglichen, verkapselten


Sporen, welche in aquatischen (Wasseroberfläche) und terrestri-
schen (Waldboden) Lebensräumen überdauern können, stellen
zudem weitere, kaum zu kontrollierende Übertragungswege
dar (STEGEN et al. 2017). Laborversuche haben gezeigt, dass
diese Dauersporen bis zu 31 Tage in Wasser und zwei Tage
im Waldboden überleben und dabei infektiös bleiben können
(STEGEN et al. 2017), so dass eine Verschleppung in weitere
Gebiete durch Huftiere oder Wasservögel durchaus denkbar ist.
Doch eine Übertragung von Bsal-Sporen ist bei weitem nicht
auf Wildtiere limitiert. Auch wir Menschen stellen potenzielle
Ausbreitungsvektoren durch diverse Aktivitäten (z. B. Wandern,
Jagen, Kartierungsarbeiten durch Biologen, Förster etc.) inner-
halb dieser Lebensräume dar, da die Sporen über Bodenmaterial Abb. 6: Das „swabbing“ sollte von zwei Personen durchgeführt werden: Die
Person, die das Tier hält, sollte Handschuhe tragen und diese nach
an den Schuhen unbewusst weitergetragen werden können. jedem Individuum wechseln. Die zweite Person fährt parallel mit
zwei Wattestächen über die Körperunterseite. Foto: S. Anslan.
Nicht zuletzt birgt die private Haltung von Amphibien weitere
sehr wahrscheinliche Übertragungs- und Verbreitungswege. 2.5 Behandlungsmöglichkeiten
Aufgrund der Annahme, dass Bsal durch den Tierhandel in Mit- Zurzeit wird fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, den Feuersa-
teleuropa eingeschleppt wurde (MARTEL et al. 2014, LAKING lamandern zu helfen. Allerdings existiert aktuell keine praktisch
et al. 2017) wird vermutet, dass der Erreger über infizierte, in anwendbare Strategie/Methode, um infizierte Populationen
Gefangenschaft gehaltene Tiere (z. B. bei Haltern populäre zu behandeln und die Ausbreitung des Pilzes so zu verringern
ostasiatische Wassermolche) in die Natur gelangt ist. Dies ist bzw. zu stoppen (CANESSA et al. 2018). Aufgrund des geringen
durch das Aussetzen kranker Tiere oder die unsachgemäße Temperaturoptimums des Bsal-Erregers, welches bei ca. 15 °C
Entsorgung toter Tiere und Material aus infizierten Terrarien liegt, können Tiere mittels Wärmebehandlung (Haltung bei 25 °C
denkbar. Seit Kurzem ist bewiesen, dass es bei infizierten Tieren für 10 Tage) komplett von einer Infektion geheilt werden (BLOOI
in Gefangenschaft nicht zwangsläufig zur Ausprägung klini- et al. 2015). Dies ist eine praktikable Lösung für die Haltung von
scher Symptome kommen muss und diese eine Infektion besser Tieren in Gefangenschaft, jedoch nicht für natürliche Populatio-
tolerieren (SABINO-PINTO et al. 2018). Diese extrem gefährliche nen des Feuersalamanders. Auf Basis von Infektionsversuchen im
und besorgniserregende Tatsache birgt nicht nur das Poten- Labor konnte gezeigt werden, dass behandelte bzw. geheilte Tiere
zial einer unbewussten Verschleppung von Bsal in die Natur, bei erneutem Kontakt mit einem infizierten Tier direkt wieder er-
sondern auch das der Verbreitung des Pathogens innerhalb der kranken (RASMUSSEN et al. 2012). Selbst wenn es möglich wäre,
Tierhaltungen/Tierzuchten. alle Tiere einer Population zu finden und kurzzeitig einzufangen,
um diese einer Wärmebehandlung zu unterziehen, stoßen wir
aufgrund der weiterhin im Lebensraum bestehenden Infektions-
2.4 Bsal-Nachweismethoden herde (infizierte Tiere, Dauersporen etc.) letztlich an unsere
Die Feststellung einer Infektion mit Bsal erfolgt über molekulare Grenzen. Andere Ansätze beschäftigen sich darüber hinaus mit
Methoden. Zunächst wird mit zwei Wattestäbchen (A- und dem Hautmikrobiom der Feuersalamander, d.h. Bakterien und
B-Probe) standardisiert über den Bauch des Individuums Pilze auf der Haut, die natürlicherweise Krankheitserreger be-
gestrichen (auch „swabbing“ genannt, Abb. 6), da hier die größte kämpfen können (BATES et al. 2018, BLETZ et al. 2018).
Anzahl an Zoosporen zu erwarten ist. Die Beprobung erfolgt
mit Nitrilhandschuhen, welche nach jedem Tier gewechselt wer- Da bisher keine praktikablen Lösungen auf Populationsniveau
den. Durch die Doppelbeprobung kann im Falle eines vermeint- absehbar sind, wurde bereits parallel mit der Konzipierung von
lich positiven Befundes das Ergebnis durch ein weiteres, unab- so genannten ex situ Zuchten begonnen. (SPITZEN-VAN DER
hängiges Labor verifiziert bzw. widerlegt werden. Die Analyse SLUIJS et al. 2018a). Hierbei sollen Individuen aus deutschland-
erfolgt mittels quantitativer Polymerasekettenreaktion (qPCR), weiten Vorkommen entnommen und gezüchtet werden, um so
wodurch nicht nur festgestellt werden kann, ob sich Bsal-DNS den potenziellen Verlust der genetischen Diversität zu verhin-
bzw. Sporen auf der Haut der Tiere befand, sondern auch wie dern bzw. zu minimieren. Zurzeit werden, basierend auf der
hoch die Befallsrate ist. Analyse von so genannten Mikrosatelliten-Loci, mögliche Popu-
lationen identifiziert, welche im deutschen und europäischen
Kontext besonders stark zur genetischen Vielfalt des Feuersala-
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manders beitragen. Mittel- bis langfristig sollen die Tiere bzw. Im Rahmen eines Forschungs- und Entwicklungsvorhabens
deren Nachkommen aus diesen Haltungen in der freien Natur (F+E-Vorhaben) des Bundesamtes für Naturschutz (BfN)
an ihren ursprünglichen Fundorten wieder angesiedelt werden, führen die Universitäten Braunschweig, Leipzig und Trier zu-
wenn ein besserer Umgang mit Bsal möglich oder der Erreger sammen mit den Biostationen Düren und StädteRegion Aachen
nicht mehr nachweisbar ist. derzeit ein intensives Monitoring in den Bsal-betroffenen
Gebieten durch. Darüber hinaus wird bundesweiten Verdachts-
fällen von Bsal nachgegangen und an der Entwicklung von
2.6 Ausblick Vorsorgemaßnahmen im Kontext von Bsal gearbeitet. Es wird
Die bisher dokumentierte rasante Ausbreitung der Salaman- analysiert, wo Bsal im näheren Untersuchungsgebiet vorkommt,
derpest in den Niederlanden, Belgien und Deutschland und die ob sich das Pathogen ausbreitet und welchen Einfluss der Pilz
damit verbundenen Aussterbeereignisse lassen eine Katastrophe auf betroffene Populationen hat. Diese Daten sollen letztlich
für alle europäischen Populationen des Feuersalamanders ver- zu einer Gefährdungsbeurteilung führen, auf deren Grundlage
muten (SCHMIDT et al. 2017). Jedoch gibt es auch Beobachtun- zudem Handlungsempfehlungen aufgestellt werden sollen, um
gen, die Grund zur Hoffnung geben. So wurden in Bsal-Gebie- eine weitere Ausbreitung des Erregers in wildlebende Amphibi-
ten in der Eifel über einen Monitoring-Zeitraum von vier Jahren enpopulationen zu minimieren. Die Bürgerbeteiligung in Form
weiterhin Feuersalamander beobachtet, wobei nicht klar ist, ob von Meldungen an das Projektteam (Dr. Norman Wagner: wag-
es sich um die ursprüngliche Population oder um Zuwanderer nern@uni-trier.de, Vanessa Schulz: vanschul@tu-bs.de) ist bei
handelt. Darüber hinaus legt ein Fall in den Niederlanden nahe, diesem Vorhaben von immenser Bedeutung, da sich so ein erstes
dass isolierte Populationen, trotz unmittelbar benachbarter großflächigeres, wenn auch lückenhaftes Bild zur Verbreitung
infizierter Vorkommen, frei von Bsal bleiben können (SPITZEN- des Erregers aufzeigen lässt.
VAN DER SLUIJS et al. 2018b).

Abb. 7: Übersichtskarte der Feuersalamander-Meldungen (Rasterdaten, rot) in Deutschland zwischen 1900-2018 [3] und der Verteilung der deutschen Natio-
nalparks (grün, Bundesamt für Naturschutz). Die Detailkarte zeigt die dichte Verbreitung des Feuersalamanders im Nationalpark Harz (rot: Vergröße-
rung der Rasterdaten). Fotos: K. Preißler.
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3. Fokus Nationalpark – der Feuersalamander im Harz Doch das beste Mittel gegen Bsal ist die Prävention, d.h. die
Deutschland verfügt zurzeit über 16 ausgewiesene Nationalpar- Risikominimierung, dass der Erreger in den Lebensraum
ke, welche durch das BNatSchG geschützt sind und neben dem gelangt. Bei der Feldarbeit ist die gründliche Reinigung und an-
primären Naturschutz auch der Wissenschaft, Umweltbildung schließende Desinfektion des Schuhwerks und im Feld verwen-
und dem Naturerlebnis dienen sollen [4]. Obwohl National- deter Geräte mit Ethanol (70%) oder dem Fungizid Virkon S
parke nur 0,6 % der Gesamtfläche Deutschlands ausmachen, vor einem Gebietswechsel von immenser Bedeutung und sollte
stellen sie wichtige Refugien für Tier- und Pflanzenarten dar. für alle erteilten Forschungs- und Begehungsgenehmigungen
Der Feuersalamander als Charakterart für lichtdurchflutete verbindlich sein (DALBECK et al. 2018, VAN ROOIJ et al. 2017).
Laubwälder der kollinen bis montanen Höhenstufe und gut Doch in einem von Touristen stark frequentierten Gebiet wie
strukturierte, naturnahe Bachsysteme ist hierbei ein wichtiges dem Harz ist die Mithilfe aller gefragt. Jeder Tourist, der sich im
Faunenelement. Der Nationalpark Harz (24.732 ha) stellt einen Wald bewegt, ob zu Fuß, zu Rad oder mit dem Auto, sollte alle
idealen Lebensraum für den Feuersalamander dar. Dies spiegelt Materialien, die mit dem Waldboden oder Bächen in Berührung
sich im großflächigen Vorkommen der Art wider, welches sich gekommen sind (Schuhe, Reifen, etc.), gründlich säubern, bevor
über den gesamten Harz erstreckt (Abb. 7). Dementsprechend er weitere Gebiete aufsucht. Der Zweig der Umweltbildung
wäre ein Nachweis von Bsal im Nationalpark katastrophal und bildet einen bedeutenden Pfeiler des Nationalparkkonzepts,
würde die gesamten Vorkommen im Harz bedrohen. Die bisher welcher zur Aufklärung genutzt werden könnte. Der National-
beprobten Populationen im Ilsetal und an der Eckertalsperre park Harz ist in der besonderen Lage, die breite Bevölkerung
wurden glücklicherweise negativ auf Bsal getestet, jedoch kön- (Wanderer, Mountainbiker, Jäger etc.) zu erreichen, welche aus
nen Bestandseinbrüche leicht unbemerkt bleiben. ganz Deutschland, aber auch aus den angrenzenden Ländern
anreisen. Dies könnte genutzt werden, um die Menschen für
„Natur Natur sein lassen“ ist die Idee und das Ziel eines Natio- das Thema zu sensibilisieren. Infotafeln, Flyer oder Informatio-
nalparks, was die Förderung und den Erhalt des für dieses nen auf der eigenen Homepage oder Social Media Plattformen
Gebiet typischen Ökosystems und dessen natürlicher Vielfalt können darüber informieren, wie wichtig es ist, die Schuhe oder
beinhaltet. Dieses Motto gilt insbesondere im Entwicklungs- Fahrradreifen gründlich zu putzen, damit keine Sporen zwi-
nationalpark Harz bislang schon für die Naturdynamikzonen schen Gebieten verschleppt werden. Darüber hinaus kann die
(Kernzonen), welche sich selbst überlassen sind, d.h. wo na- Aufmerksamkeit der Besucher auf kranke oder tote Feuersala-
türliche Prozesse Veränderungen in der Landschaft vorneh- mander gelenkt werden, mit der Bitte zur Meldung. Bürger sind
men dürfen, ohne dass wir Menschen diese bewerten oder gar unverzichtbare Helfer im Kampf gegen den Chytridpilz und
Einfluss darauf nehmen. Diese Wildnisgebiete bieten Arten sollten ermutigt werden, achtsam durch die Natur zu gehen. Der
einen Rückzugsort von der Kulturlandschaft, wovon auch der Mensch schützt nur das, was er liebt (Zitat Konrad Lorenz).
Feuersalamander als Leitart im Harz profitiert [2]. Besonders der Feuersalamander als charismatische Tierart, die
viele Menschen mit ihrer Kindheit und den Lurchi-Comics in
Was bedeutet dies jedoch im Kontext des neu auftretenden Verbindung bringen, eignet sich gut für ein solches Vorhaben.
Chytridpilzes? Zum derzeitigen Wissensstand ist zu erwarten,
dass die Vorkommen des Feuersalamanders im gesamten Harz In Vorbereitung auf den Ernstfall, sprich einer deutschland-
aufgrund der Verbreitungsdichte gut vernetzt sind und sich weiten flächendeckenden Ausbreitung von Bsal, wurde bereits
eine Bsal-Infektion rasant ausbreiten würde. In Anbetracht der wie eingangs erwähnt mit der Planung einer ex situ Haltung
kritischen Lage und scheinbar rasanten Ausbreitung von Bsal ist begonnen. Hierfür wurden auch einige Populationen des Harzes
besondere Aufmerksamkeit geboten. Die Forschung ist eine der ob ihrer genetischen Diversität untersucht. Die finalen Analysen
Kernaufgaben des Nationalparks. Hierbei werden u. a. natur- hinsichtlich des Erhaltungswerts dieser Populationen, d.h. ihres
dynamische Prozesse erforscht und auch Bestandsentwicklun- relativen Beitrags zur Gesamtdiversität, wird derzeit analysiert.
gen heimischer Arten erfasst. In diesem Zusammenhang wäre es Sollten die Harzpopulationen seltene genetische Merkmale und
durchaus wichtig, ein Monitoring ausgewählter Feuersalaman- Lebensraumanpassungen aufweisen, würde man auch Individu-
derpopulationen im Nationalpark zu etablieren. Dies ermöglicht en aus dem Harz in die Haltung nehmen.
es, mögliche schleichende Populationsrückgänge oder auch
rasante Massensterbeereignisse innerhalb des Nationalparks zu
dokumentieren und so eine Gefährdungsbeurteilung für den
Feuersalamander in der Region und darüber hinaus zu erhalten.
Der Nationalpark lässt bereits tote Feuersalamander auf einen
Bsal-Befall testen und nimmt darüberhinaus stichprobenhaft
Hautabstriche vor, die in unserem Labor getestet werden.
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Aufgrund der erst kürzlich erfolgten Entdeckung des Chytrid- ERJAVEC, V., LUKANC, B. & Žel, J. (2017): Intoxication of a dog
pilzes Bsal in Europa gibt es noch viele offene Fragen bezüglich with alkaloids of the fire salamander. Medycyna Wetery-
seiner Biologie und Verbreitungsdynamik, die es in den nächs- naryjn 73: 186-188.
ten Jahren zu beantworten gilt. Wir bitten um die Mithilfe der
Nationalparks, der Unteren Naturschutzbehörden, der Be- FISHER, M. C. (2017): Ecology: In peril from a perfect patho-
schäftigten im Freiland (Wissenschaftler, Jäger) und der breiten gen. Nature 544: 300-301.
Bevölkerung, um das Verbreitungsgebiet des Pilzes einschätzen zu
können und vor allem, um dessen weitere Ausbreitung zu stop- FREYTAG, G. E. (1955): Feuersalamander und Alpensalamander.
pen. Nur gemeinsam können wir den Feuersalamander retten! Ziemsen.

GRAY, M. J., LEWIS, J.P., NANJAPPA, P., KLOCKE, B., PASMANS,


4. Literatur F., MARTEL, A., STEPHEN, C., PARRA OLEA, G., SMITH,
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Aula Verlag. Talstraße 33
04103 Leipzig
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38106 Braunschweig
vanschul@tu-bs.de
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OLE ANDERS, St. Andreasberg

Nationalparks – Eine Chance für den Luchs?

1. Das Luchsprojekt im Nationalpark Harz Die im Harz seit dem Jahr 2008 telemetrisch ermittelten
Als gemeinsames Projekt des Landes Niedersachsen und der Streifgebiete territorialer Luchsmännchen haben eine mittlere
Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. startete im Jahr 2000 die Flächenausdehnung von 250 km2. Die Streifgebiete territorialer
Wiederansiedlung des Luchses im Nationalpark Harz. Im Ge- Weibchen messen im Durchschnitt 122 km2.
gensatz zu den meisten bis dahin durchgeführten Luchs-Wie-
deransiedlungsprojekten verwendete man im Harz ausschließ- Zur Akzeptanz des Luchses und zu dessen wirtschaftli-
lich Gehegenachzuchten aus europäischen Wildparks. Die Tiere cher Bedeutung im Harz liegen mehrere Studien vor. VON
wurden aus den Herkunftsgehegen in den Nationalpark Harz RUSCHKOWSKI (2010) erhob fünf Jahre nach dem Beginn der
transportiert und dort in ein rund vier Hektar großes sog. Aus- Wiederansiedlung innerhalb der Harzgemeinden Daten zur
wilderungsgehege eingesetzt (ANDERS & SACHER 2005). Zwi- Akzeptanz verschiedener Naturschutzthemen. Damals äußer-
schen den Jahren 2000 und 2006 gelangten insgesamt 24 (9 m, ten sich 83,4 % der Befragten zum Luchs positiv (54,2 %), eher
15 w) Luchse aus dem Auswilderungsgehege in die Freiheit. positiv (14,6 %) oder zumindest neutral (14,6 %). Der Wert ist
verglichen mit den Aussagen zu den anderen Naturschutzthe-
Das Luchsprojekt Harz wird heute in Kooperation mit den men auffallend hoch. Im Jahr 2014 führte RUSCHKOWSKI im
Bundesländern Sachsen-Anhalt und Thüringen durchgeführt. Auftrag der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V. eine Online-
Die Nationalparkverwaltung ist für das Monitoring der Tierart Befragung durch, die sich an Nicht-Jäger und Jäger im Verbrei-
in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt zuständig. Sie führt tungsgebiet der Harzer Luchspopulation richtete (n=1791).
Öffentlichkeitsarbeit für den Luchs durch, wickelt Kompen- Während 93 % der Nicht-Jäger angaben, positive (73,2 %), eher
sationsfälle bei Nutztierrissen ab und betreibt Forschungspro- positive (13,5 %) oder neutrale (6,3 %) Emotionen und Gefühle
jekte. Luchsbeauftrage der lokalen Jägerschaften unterstützen mit dem Luchs zu verbinden, waren dies bei den Jägern 80,3 %
ehrenamtlich das Monitoring. (positiv 36,7 %, eher positiv 23,1 %, neutral 20,5 %) (VON
RUSCHKOWSKI & ANDERS 2018). Die Studie machte trotz der
Die Nationalparkverwaltung Harz führt das Monitoring des insgesamt sehr positiven Grundhaltung aber auch deutlich, dass
Luchses entsprechend der national einheitlichen Monitoring- manche Aspekte der Luchspräsenz (z. B. Einfluss der Tierart auf
standards (KACZENSKY et al. 2009, REINHARDT et al. 2015) Reh- und vor allem Mufflonbestände) besonders unter Jägern
durch. Seit dem Monitoringjahr 2010/11 und damit rund zehn sehr kontrovers diskutiert werden.
Jahre nach der Auswilderung der ersten Luchsindividuen nahm
die Anzahl der Luchsnachweise außerhalb des durchgehend WHITE et al. (2016) untersuchten den ökonomischen Effekt
bewaldeten Harzgebietes stetig zu. Das Vorkommensgebiet der des Luchses im Harz. Mehr als die Hälfte (53,5 %) der be-
Harzpopulation umfasste damals 25 der jeweils 100 km2 großen fragten Harzbesucher gaben an, dass der Luchs die Wahl ihres
Rasterzellen des EU-Reference-Grids. Sieben Jahre danach, in Ausflugs- bzw. Urlaubszieles wesentlich mitbeeinflusst hatte.
der Saison 2017/18, hatte sich das Areal der Population auf 80 Die Autoren schätzten auf der Grundlage ihrer Daten, dass
Rasterzellen mehr als verdreifacht. der Luchs im Harz jährlich einen Umsatz von mindestens
7.000.000 € generiert. Mehrere Harzer Unternehmen nutzen
Mittels systematischer Fotofallenstudien gelang es, die aktuelle heute den Luchs, um für ihre Produkte zu werben.
Abundanz und die Dichte des Luchses innerhalb des 2.200 km2
großen Harzgebietes zu schätzen. Demnach leben hier rund
55 selbständige (von der Mutter unabhängige) Luchse und
35 Jungtiere, insgesamt also 90 Luchse. Dies entspricht einer
Dichte von 2,5 selbständigen Luchsen/100 km2 bzw. 4,1 Indivi-
duen/100 km bei Einbeziehung der Jungtiere (MIDDELHOFF
& ANDERS 2018).
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Abb.1: Vorkommensgebiet der Harzer Luchspopulation im Monitoringjahr 2017/18.

2. Großschutzgebiete und Beutegreifer im globalen Kontext


Einige prominente internationale Studien unterstützen die
These, dass Großschutzgebiete positive Auswirkungen auf die
Populationen großer Beutereifer haben. SMITH et al. (2010)
wiesen nach, dass Wölfe, die außerhalb des Greater Yellowstone
Ökosystems leben, ein höheres Mortalitätsrisiko haben als
solche, die innerhalb des Schutzgebietes leben. Grizzlybären
werden weit häufiger außerhalb des Yellowstone Nationalparks
zum Opfer des Straßenverkehrs als innerhalb der Parkgren-
zen ( JOHNSON et al. 2004). Die Verbreitung des Löwen ist im
südlichen Afrika in weiten Teilen deckungsgleich mit der Lage
großer Schutzgebiete [1].

In Amerika wurden seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Na-


Abb. 2: Ein Luchs durchläuft einen Fotofallenstandort. Mittels zahlreicher
Wildkameras werden im Harz Daten zur Abundanz und Dichte der tionalparks und andere Schutzgebiete von erheblicher Flächen-
Tierart erhoben. Foto: Nationalparkverwaltung Harz. ausdehnung etabliert. Innerhalb dieser Refugien gelten strenge
Naturschutzregeln. Die Parks beherbergen daher heute die
meisten Großraubtiere, während diese im Rest des Landes eher
selten sind. Dieses „Land-Spare-Model“ ist in vielen afrikani-
schen, asiatischen und neotropischen Ländern übernommen
worden. Es verschafft großen und konfliktträchtigen Arten einen
Lebensraum, führt aber gleichzeitig bei verschiedenen Arten
16 | A N D E R S , O. : N AT I O N A L PA R K S – E I N E C H A N C E F Ü R D E N L U C H S ?

auch zu einer Verinselung von Populationen und in der Folge Quellgebiete für Luchspopulationen in Europa. Die Wahr-
zu erheblichen genetischen Problemen (CHAPRON et al. 2014, scheinlichkeit eines Luchsvorkommens wächst demzufolge nicht
PACKER et al. 2013, WOODROFFE et al. 1998). nur mit der Größe des Waldvorkommens und der Rehwild-
dichte, sie nimmt dort auch mit dem Vorhandensein staatlichen
Verglichen mit den Dimensionen amerikanischer Schutzge- Waldbesitzes zu. Die Wahrscheinlichkeit eines Luchsvorkom-
biete, wie dem Yellowstone Nationalpark (8.891 km2), dem mens sinkt hingegen deutlich mit steigender Distanz zum
Wrangell-St.-Elias-Nationalpark (53.320 km²) oder Afrikani- Zentrum des Nationalparks Bayerischer Wald. Die Autoren
schen Reservaten wie dem Kruger Nationalpark (19.485 km²), vermuten hinter diesen Ergebnissen einen erheblichen Ein-
haben mittel- und westeuropäische Nationalparks eher beschei- fluss illegaler Tötungen außerhalb des Schutzgebietes auf die
dene Flächenausdehnungen: Das größte dieser Schutzgebiete, Luchspopulation in der Region.
der französische Mercantour Nationalpark, misst immerhin
2.150 km2, gefolgt vom Nationalpark Hohe Tauern in Öster- Um die Erhaltung des Luchses in Mittel- und Westeuropa lang-
reich mit 1.856 km2. Der Nationalpark Bayerischer Wald bringt fristig zu sichern, bedarf es unbedingt einer genetischen Vernet-
es zusammen mit dem benachbarten Sumava Nationalpark in zung der hier derzeit allesamt sehr kleinen Populationen. Der
Tschechien auf 920 km2, die deutschen Nationalparks Müritz Luchs ist eine stark an den Wald gebundene Tierart (ANDERS
und Harz umfassen 320 bzw. 250 km2. Insgesamt beträgt et al. 2012). Ein Blick auf die Deutschlandkarte macht allerdings
die Flächengröße aller deutschen Nationalparks zwar rund deutlich, dass der Zusammenschluss von Luchsvorkommen
10.500 km2, doch lässt man die Wattenmeer-Parks und die nicht nur durch Waldlandschaften hindurch erfolgen kann - nur
offenen Ostseeflächen des Nationalparks Vorpommersche Bod- rund ein Drittel Deutschlands ist mit Wald bewachsen. Es muss
denlandschaft beiseite, bleiben nur noch rund 2.100 km2. Legt den Luchsen also gelingen, durch die mäßig bewaldete und von
man die zuvor dargestellten Luchs-Dichtewerte aus dem Harz Verkehrswegen durchzogene Agrarlandschaft zu wandern.
zugrunde, könnten auf der Fläche aller deutschen Parks gerade
einmal 53 selbständige Luchse leben bzw. es könnten darauf Wie bereits beschrieben, breitet sich die Harzer Luchspopula-
nicht einmal zehn territoriale Luchsmännchen ihre Streifgebiete tion seit dem Jahr 2010 aus dem Mittelgebirge heraus aus.
etablieren. Diese Ausbreitung erfolgt vor allem Richtung Westen und
Südwesten. Eine Reihe viel befahrener Straßen wie z. B. die
Diese Werte verdeutlichen die geringe Relevanz europäischer westlich des Harzes entlang führende Autobahn 7 behindert
Schutzgebiete für die Flächenausdehnung von Populationen jedoch die Migration der Tierart. Funde verkehrstoter Luchse
großer Raubsäuger. Dennoch werden zwei Drittel Europas min- sind ein Indiz dafür. Dem gegenüber stehen Belege dafür, dass
destens von einem großen Beutegreifer (Wolf, Luchs, Bär oder einige Individuen sowohl mehrspurige Bundesstraßen als auch
Vielfraß) bewohnt. Die Anzahl der Wölfe ist in Europa deutlich Autobahnen erfolgreich überwunden haben. Im Rahmen einer
höher als in den USA. Deren Vorkommensgebiet hat innerhalb entsprechenden Studie (ANDERS et al. 2016) konnten vier der
der Europäischen Union in den vergangenen 20 Jahren deut- dabei von den Tieren genutzten Querungsbauwerke mit ausrei-
lich zugenommen. Der Grund für diese Entwicklung sind hohe chender Sicherheit identifiziert werden: Es handelt sich um drei
Naturschutzstandards, die auf der gesamten EU-Fläche gelten. Unterführungen und eine Landschaftsbrücke. Die Querungen
Dieses „Land-Share-Konzept“ steht dem amerikanischen „Land- fanden an Streckenabschnitten statt, die beiderseits der Straße
Spare-Model“ gegenüber und begünstigt offensichtlich die Aus- direkt oder über Hecken, Gehölzstreifen oder vergleichbare Ve-
breitung der großen Raubsäuger (vergl. CHAPRON et al. 2014). getation an Wald angebunden sind. Bei der kleinsten Unterfüh-
rung, die nachweislich von einem Luchs genutzt wurde, handelt
es sich um einen Wildkatzentunnel. Mittels einer Kartierung
3. Die Rolle der deutschen Nationalparks für den Luchs sämtlicher Querungsbauwerke entlang von Streckenabschnitten
Trotz ihrer insgesamt geringen Ausdehnung können Natio- der Autobahnen 7 und 38 sowie der mehrspurigen Bundes-
nalparks auch in Deutschland offensichtlich wichtige Impulse straßen 243 und 242 gelang es, Bereiche zu identifizieren, an
für den Schutz und die Erhaltung eines Beutegreifers wie dem denen die Straßen für Luchse querbar sind. Die Dimension der
Luchs setzen. Die bundesweit erste Wiederansiedlung dieser vorhandenen Unterführungen und deren Waldanbindung wur-
Tierart fand im Nationalpark Harz statt. Ein Garant für den den bewertet. Von insgesamt 230 Unterführungen weisen 30 an
Erfolg des Luchsprojekts Harz sind bis heute die personellen, den untersuchten Streckenabschnitten eine Dimension auf, die
fachlichen und auch finanziellen Ressourcen des Nationalparks. mindestens dem oben erwähnten Wildkatzentunnel entspricht
und sind gleichzeitig in ausreichendem Maße an Vegetation
MÜLLER et al. (2014) betrachten nach einer Modellierung im angebunden. Außerdem existiert an der A 38 eine geeignete
Umfeld des Bayerischen Waldes Schutzgebiete als wichtige Landschaftsbrücke. Die A 7 als bedeutende Nord-Süd-Verbin-
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dung weist demnach einige wenige geeignete Unterführungen 4. Literatur


nordwestlich des Harzes auf. Danach ist die Autobahn erst ANDERS, O. & SACHER, P. (2005): Das Luchsprojekt Harz – ein
wieder rund einhundert Kilometer südlich, bei Hedemünden, Zwischenbericht. Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt
gefahrlos für Luchse querbar. Man kann daher davon ausgehen, 42 (2): 3-12.
dass der Verlauf von Schnellstraßen die Ausbreitung der Harzer
Luchspopulation zwar nicht verhindert, wohl aber verzögert ANDERS, O., KAPHEGYI, T. DEES, M. & KUBIK, F. (2012): Un-
und auch deren Richtung mitbestimmt. tersuchungen zum Dispersionsverhalten eines männlichen
Luchses (Lynx lynx) im Dreiländereck zwischen Thü-
Auch wenn deutsche Nationalparks unter bestimmten Um- ringen, Niedersachsen und Hessen. Säugetierkundliche
ständen wichtige Impulse für die Erhaltung von Populationen Informationen Jena 45 (8): 455-462.
großer Beutegreifer setzen können, so sind die Schutzgebiete in
Deutschland und in der Europäischen Union deutlich zu klein, ANDERS, O., MIDDELHOFF, T.L., DOBRESCU, B. & KAJANUS,
um die Erhaltung des Luchses zu sichern. Selbst die waldreichen M. (2016): Wie kommt der Luchs (Lynx lynx) aus dem
deutschen Mittelgebirge werden dafür nicht ausreichen. Die Harz heraus? Untersuchungen zur Durchlässigkeit von
langfristige Erhaltung der größten Europäischen Katzenart ist Bundesstraßen- und Autobahnunterführungen, Säugetier-
nur möglich, wenn es den Tieren gelingt, die Agrarlandschaften kundliche Informationen Jena 50 (9): 225-236.
zwischen den Mittelgebirgen zu durchwandern, um Verbindun-
gen zwischen den einzelnen Vorkommen zu schaffen. Die jünge- CHAPRON G., KACZENSKY P., LINNELL J.D.C., VON ARX M.,
ren Entwicklungen der Harzer Luchspopulation lassen hoffen, HUBER D. et al. (2014): Recovery of large carnivores in
dass dies gelingen kann. Eine unter den Bundesländern abge- Europe’s modern human-dominated landscapes. Science
stimmte Strategie zum Schutz des Luchses mit dem erklärten 346: 1517-1519.
Ziel, Ausbreitungshindernisse zu beseitigen oder zu mildern,
könnte diesen Prozess allerdings entscheidend fördern.

Abb. 3: Ein Luchs im Schaugehege des Nationalparks Harz. Foto: Ole Anders
18 | A N D E R S , O. : N AT I O N A L PA R K S – E I N E C H A N C E F Ü R D E N L U C H S ?

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ZANG, H.: LANGZEITSTUDIEN AN KLEINHÖHLENBRÜTERN IM HARZ | 19

HERWIG ZANG, Goslar

Langzeitstudien an Kleinhöhlenbrütern
im Harz

1. Einführung
Seit dem Jahr 1970 läuft im Harz eine Lang-
zeitstudie an Kleinhöhlenbrütern unter der
Regie von Herwig Zang. Seit mehreren Jahren
beteiligt sich die Nationalparkverwaltung an
der Datenerfassung und führt die Untersu-
chungen auch künftig fort. Ausgangspunkt
der ursprünglich rein ehrenamtlichen Unter-
suchungen war das Höhlenbrüterprogramm
1970-1975 des Instituts für Vogelforschung der
Vogelwarte Helgoland unter der Leitung von
Dr. Rudolf Berndt und Dr. Wolfgang Winkel.
Die Untersuchungen im Harz fußen auf dem
Einsatz von insgesamt 540 Nistkästen, die
sich überwiegend im heutigen Nationalpark
Harz befinden (Abb. 1). Es erscheint sicher
widersprüchlich, Untersuchungen mit und
in künstlichen Nisthilfen in einem National-
park durchzuführen. Begründet ist dies in der
Entwicklung des Projekts: Mit dem Beginn der
Studie im Jahr 1970 war die Etablierung eines
Nationalparks im niedersächsischen Harz nicht
zu erwarten. Als nach 25 Jahren klar wurde,
dass ein Großteil der Untersuchungsgebiete im
Nationalpark liegen wird, wurde vom Nieder-
sächsischen Landesamt für Ökologie eine Aus-
lagerung der Flächen vorgeschlagen. Das hätte
bedeutet, die Untersuchungen neu beginnen
zu müssen. Dieser Vorschlag wurde aufgrund Abb. 1: Lage der Untersuchungsflächen (rot). Grafik: Nationalparkverwaltung Harz.
des hohen Wertes von Langzeitdaten als nicht
akzeptabel verworfen. So liegt jetzt eine über
45 Jahre entstandene, europaweit einzigartige Datenbank Aus der großen Datenfülle soll hier in erster Linie die
mit fast 7.000 Datensätzen vor. Perspektivisch wird es auch Bestandsentwicklung eines Langstreckenziehers, des Trauer-
möglich sein, mit der Weiterführung der Untersuchung den schnäppers (Ficedula hypoleuca), und eines Teilziehers, der
Übergang aus den forstwirtschaftlich genutzten Wäldern in Kohlmeise (Parus major), im Zeitraum von 1970-2014
ein naturnahes Wald-Ökosystem zu dokumentieren, doch vorgestellt werden. Hinsichtlich der festgestellten Verände-
bislang ist die Phase der naturdynamischen Entwicklung für rungen werden Zusammenhänge mit dem Klimawandel und
Erkenntnisse noch zu kurz. Immissionen („Saurer Regen“) diskutiert.
20 | ZANG, H.: LANGZEITSTUDIEN AN KLEINHÖHLENBRÜTERN IM HARZ

Abb. 2: Teilfläche „Wanlefsrode“ im Laubwald. Foto: C. Pertl. Abb. 3: Teilfläche „Königsbruch“ im Nadelwald. Foto: C. Pertl.

2. Untersuchungsgebiet 4. Ergebnisse und Diskussion


Untersucht wurden zwei Teilflächen (Abb. 1): Die Probeflä- 4.1 Bestandsentwicklungen und Veränderungen brut-
chen im Laubwald repräsentieren Rotbuchenbestände am biologischer Parameter
nördlichen Steilabfall des Harzes. Hierbei handelt es sich
um 14 Teilflächen mit einer Gesamtfläche von ca. 39 ha in 4.1.1 Bestandsentwicklung und Siedlungsdichten
einer Höhenlage von 300-600 m ü. NHN (Abb. 2). Bei den Der Trauerschnäpper als Langstreckenzieher zeigt eine
Nadelwaldflächen handelt es sich um Fichtenforsten und insgesamt sehr negative Entwicklung. Aus dem Nadelwald, in
Fichtenwälder im Zentrum des Oberharzes (Abb. 3). Sie dem er auch zu Beginn der Untersuchungen nur in geringer
untergliedern sich in sechs Teilflächen mit einer Ausdeh- Zahl vorkam, ist er seit 1986 als Brutvogel verschwunden.
nung von insgesamt ca. 50 ha in einer Höhe von 600-950 Im Laubwald hat sich der Bestand bis 2014 stark verringert.
m ü. NHN. Die Abnahme lässt sich durch eine exponentielle Kurvenan-
passung gut beschreiben: Diese zeigt eine Halbwertszeit von
17 Jahren, d.h. alle 17 Jahre hat sich der Bestand des Trauer-
3. Methodik schnäppers halbiert (Abb. 4). Außerdem gibt es vier auffallen-
Die Mitarbeit am Höhlenbrüterprogramm war an klare de Bestandseinbrüche in den Jahren 1971-1972, 1977-1982,
methodische Vorgaben gebunden. Vor allem ging es dabei um 1990-1991 sowie 2012-2013. Diese Phasen fallen mit Jahren
Angaben zu den Bewohnern der Nistkästen, d.h. um Fest- erhöhter Trockenheit im afrikanischen Winterquartier, der
stellung der Arten und Erhebung von brutbiologischen Daten Sahelzone (Savanne), zusammen (Abb. 6). Es ist also davon
(jeweils für Erst-, Ersatz- und Zweitbruten) wie Nestbau, auszugehen, dass die negative Bestandsentwicklung im Brut-
Gelegegröße, Legebeginn, Schlüpftermin und letztlich den gebiet vor allem auf die erhöhte Trockenheit im Winterquar-
Reproduktionserfolg. Jung- und Brutvögel und auch nächt- tier zurückgeht.
liche Schläfer in den Nistkästen wurden beringt; insgesamt
summierte sich deren Zahl auf mehr als 60.000 Individuen. Im Fall der Kohlmeise sind die Bestandsentwicklungen in
Das Projekt ist z. B. in ZANG (1980, 1984) detaillierter den beiden Teilflächen entgegensetzt verlaufen, d.h. von 1970
beschrieben. Diverse Ergebnisse aus dem übergeordneten bis 2014 erfolgte im Laubwald eine Zunahme um ca. 53 %
Höhlenbrüterprogramm sind bereits veröffentlicht (BERNDT und im Nadelwald eine Abnahme um ca. 42 %. Die im Ver-
et al. 1981, 1983, WINKEL & HUDDE 1988). gleich zum Nadelwald etwa 5-10mal höhere Siedlungsdichte
im Laubwald weist auf die hier geeigneteren Bedingungen für
die Kohlmeise hin (Abb. 5).
ZANG, H.: LANGZEITSTUDIEN AN KLEINHÖHLENBRÜTERN IM HARZ | 21

45 40

40 35
35 30
30

Paare/10 ha
Paare/10 ha

25
25
20
20
15
15
10
10
5 5

0 0
1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

Abb. 4: Bestandsentwicklung des Trauerschnäppers in den Probeflächen des Abb. 5: Bestandsentwicklung der Kohlmeise in den Probeflächen von
Kleinhöhlenbrüterprogramms von 1970-2014 (grün = Laubwald, 1970-2014 (grün = Laubwald, blau = Nadelwald, rot =lineare
blau = Nadelwald, rot = exponentielle Kurvenanpassung der Daten Regression).
aus dem Laubwald).

50 50

40 40

Vorjahresniederschläge Sahel/Savanne
(Abweichung vom Mittel in %)
30 30

20 20
Paare/10 ha

10 10

0 0
1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010
-10 -10

-20 -20

-30 -30

-40 -40

Abb. 6: Bestandsentwicklung des Trauerschnäppers im Harz von 1970-2014 (grün), korreliert mit der Nieder-
schlagssituation im Vorjahr (Abweichung vom langjährigen Mittel) im Winterquartier in der Sahel-/
Savannenzone Afrikas (blau) (aus ZWARTS et al. 2009). Die farbigen Kästen markieren die Phasen der
massiven Bestandseinbrüche.
22 | ZANG, H.: LANGZEITSTUDIEN AN KLEINHÖHLENBRÜTERN IM HARZ

4.1.2 Brutzeitveränderungen der Kohlmeise um ca. 23 Tage verfrüht (Abb. 9). Der Zeitpunkt
Im Laubwald hat die Kohlmeise ihren Schlüpftermin (Median) der letzten Brut hingegen hat sich beim Trauerschnäpper um ca.
von 1970-2014 um ca. 19 Tage vorverlegt und der Trauer- zwei Tage verspätet (Abb. 8) bzw. bei der Kohlmeise im Laub-
schnäpper um ca. 9 Tage (Abb. 7). Diese Vorverlegung bedeu- wald um ca. 17 Tage verfrüht (Abb. 9).
tet jedoch nicht, dass sich das gesamte Brutgeschehen zeitlich
früher abspielt. Vielmehr hat sich eine Brutzeitverlängerung ein- Gleichzeitig wurde im Fall der Kohlmeise im Laubwald bei
gestellt: Der Zeitraum, in dem erste Bruten begonnen wurden, einem früheren Schlüpftermin generell ein höherer Bruterfolg
hat sich beim Trauerschnäpper um ca. 16 Tage (Abb. 8) und bei festgestellt (Abb. 10); ähnliches gilt für den Trauerschnäpper.

09. Jun 04. Jul

04. Jun 24. Jun


Schlüpftermin (Median)

30. Mai
14. Jun
Schlüpftermin
25. Mai
04. Jun
20. Mai
25. Mai
15. Mai
15. Mai
10. Mai

05. Mai 05. Mai

30. Apr 25. Apr


1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010

Abb. 7: Vergleich der Veränderungen des jährlichen Schlüpftermins (Median) Abb. 8: Vergleich der Schlüpftermine von frühester und spätester Brut eines
von Kohlmeise und Trauerschnäpper im Laubwald von 1970-2014 jeden Jahres von 1970-2014 beim Trauerschnäpper im Laub-
(grün= Kohlmeise, Trauerschnäpper = schwarz, rot = lineare wald. grau = früheste Brut, schwarz = späteste Brut, rot = lineare
Regression). Regression.

03. Aug 300


ha
10ha
Jungen //10

14. Jul 250


flüggen Jungen
Schlüpftermin

24. Jun 200

04. Jun 150


der flüggen

15. Mai 100


Anzahl der

25. Apr 50
Anzahl

05. Apr 0
1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 30. Apr 10. Mai 20. Mai 30. Mai 09. Jun
Schlüpftermin (Median)

Abb. 9: Vergleich der Schlüpftermine von frühester und spätester Brut eines Abb. 10: Bruterfolg der Kohlmeise im Laubwald in Abhängigkeit vom Zeit-
jeden Jahres von 1970-2014 bei der Kohlmeise im Laubwald. punkt des Schlüpftermins (Median) der Erstbruten.
grau = früheste Brut, schwarz = späteste Brut, rot = lineare
Regression.
ZANG, H.: LANGZEITSTUDIEN AN KLEINHÖHLENBRÜTERN IM HARZ | 23

Im Nadelwald kann nur die Entwicklung der Kohlmeise 4.2 Bestandsdichte und Reproduktion im Zusammenhang
betrachtet werden, weil der Trauerschnäpper hier nur in den mit der globalen Erwärmung
ersten Jahren der Studie gebrütet hat (vgl. Abb. 4). Der Schlüpf- Die Vorverlegung der Brutzeit der Kohlmeise ist offensichtlich
termin der Kohlmeise hat sich hier um ca. 3-4 Tage vorverlegt. eine Folge der globalen Erderwärmung (Klimawandel). Dass die
Verbunden ist dies mit einer deutlichen Brutzeitverkürzung: der zeitliche Verschiebung der Brutzeit der Kohlmeise im Laub-
Zeitraum, in dem Bruten begonnen wurden, hat sich um ca. vier wald deutlich stärker ausfällt als im Nadelwald, liegt vermutlich
Wochen verkürzt (Abb. 11). daran, dass die untersuchten Nadelwaldflächen höher liegen und
hier weiterhin längere Winter und Wintereinbrüche bis in das
23. Aug
späte Frühjahr hinein limitierende Faktoren sind.

03. Aug
FLADE & SCHWARZ (2004) und ZANG (2003) haben die
14. Jul Zusammenhänge zwischen Schwankungen einer Vogelpopula-
Schlüpftermin

24. Jun tion und dem Zeitpunkt von Buchenmasten dargestellt. Im


Harz haben sich während des Untersuchungszeitraums die
04. Jun
Rhythmen von Buchenmasten geändert. Von 1981-1991 waren
15. Mai diese vergleichsweise ausgeglichen, es gab nur eine Vollmast.
25. Apr Seit 1992 sind die jahrweisen Unterschiede in der Stärke der
1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 Buchenmasten deutlicher, Vollmasten treten in deutlich kürze-
ren Zeitabständen auf. Auffällig ist auch der häufige Wechsel
Abb. 11: Vergleich der Schlüpftermine von frühester und spätester Brut eines
jeden Jahres 1970-2014 bei der Kohlmeise im Nadelwald. grau = zwischen Voll- und Fehlmasten. Korreliert man Buchenmasten
früheste Brut, schwarz = späteste Brut, rot = lineare Regression. und Brutpaardichte der Kohlmeise, so zeigt sich, dass höhere
Brutpaardichten auf stärkere Buchenmasten im Vorjahr folgen
(Abb. 13). Auch die Zahl der flüggen Jungvögel war in Jahren
nach Voll- und Halbmasten höher (Abb. 14). Der Zusammen-
4.1.3 Gelegegröße hang zwischen Buchenfruktifikation und Brutpaardichte wurde
Die Entwicklung der Gelegegrößen zeigt sowohl bei den Arten auch schon beim Kleiber festgestellt (ZANG 2003).
als auch in beiden Waldtypen Parallelen. Exemplarisch betrach-
4 40
tet werden die Kohlmeise im Nadelwald und der Trauerschnäp-
35
per im Laubwald: Es bestand jeweils eine negative Tendenz im
3 30

Brutpaare / 10 ha
Zeitraum 1970-1984, und von 1985-2014 nahmen die Gelege-
Buchenmaststärke

25
größen grundsätzlich wieder zu (Abb. 12). 2 20
15
1 10
5
mittlere Gelegegröße (Anzahl Eier)

12
0 0
mittlere Gelegegrößel Eier)

11 1981 1986 1991 1996 2001 2006 2011


10
Abb. 13: Brutpaardichte der Kohlmeise im Laubwald (grün), korreliert mit
9
den Buchenmasten (grau, 0 = Fehlmast, 1 = Sprengmast,
8 2 = Halbmast, 3 = Vollmast) im Zeitraum von 1981-2014.
7
6
4 300
Zahl der flüggen Jungen / 10 ha

5
250
4 3
1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010
Buchenmaststärke

200

2 150
Abb. 12: Entwicklung der mittleren Gelegegröße von Kohlmeisen im Nadel-
100
wald (blau) und Trauerschnäpper im Laubwald (grün) 1970-2014. 1
50

0 0
1981 1986 1991 1996 2001 2006 2011

Abb. 14: Bruterfolg (Zahl der flüggen Jungen) der Kohlmeise im Laubwald
(grün), korreliert mit den Buchenmasten (grau, 0 = Fehlmast,
1 = Sprengmast, 2 = Halbmast, 3 = Vollmast) im Zeitraum von
1981-2014.
24 | ZANG, H.: LANGZEITSTUDIEN AN KLEINHÖHLENBRÜTERN IM HARZ

4.3 Bestandsdichte und Reproduktion im Zusammenhang Literatur


mit Immissionen und Waldschäden („Saurer Regen“) BERNDT, R., WINKEL, W. & ZANG, H. (1981): Über Legebe-
Die Kleinhöhlenbrüter-Untersuchungen ab 1970 fielen zu- ginn und Gelegestärke des Trauerschnäppers (Ficedula
nächst in die Zeit des sogenannten „Sauren Regens“. Höchste hypoleuca) in Beziehung zur geographischen Lage des
Säureeinträge wurden bis 19185 dokumentiert und waren u. a. Brutortes. Vogelwarte 31: 101-110.
mit zunehmendem Calciummangel in der Umwelt verbun-
BERNDT, R., WINKEL, W. & ZANG, H. (1983): Über Legebe-
den (vgl. V. DETTEN 2013, SCHELER & MEESENBURG 2013),
ginn und Gelegestärke von Kohl- und Blaumeise (Parus
was bei Vögeln zu Fehlbruten (z. B. Eier ohne Schale) oder
major, P. caeruleus) in Beziehung zur geographischen Lage
Jungvögeln mit rachitisch weichen Knochen führen kann.
des Geburtsortes. Vogelwarte 32: 46-56.
Auch ein „Brüten ohne Gelege“ wurde mehrfach beobachtet
(ZANG 1998). Die ermittelten niedrigen und abnehmenden FLADE, M. & SCHWARZ, J. (2004): Ergebnisse des DDA-Monito-
Gelegegrößen fielen in die Zeit des höchsten Säureeintrags ringprogramms, Teil II: Bestandsentwicklung von Waldvö-
(1970-1985). Mit der Reduktion des Säureeintrags und mit geln in Deutschland 1989-2003. Vogelwelt 125: 177-213.
dem Beginn der Waldkalkungen ab 1985, die die Säure neu-
SCHELER, B. & MEESENBURG, H. (2013): Stoffeinträge. In:
tralisieren und damit auch den Calciumhaushalt des Wald-
DAMMANN, I., PAAR, U., WEYMAR, J., SPIELMANN, M. &
bodens verbessern sollten, haben sich auch die Gelegegrößen
EICHHORN, J. (2013): Waldzustandsbericht 2013: 24-25.
tendenziell positiv entwickelt.
V. DETTEN, R. (2013): Das Waldsterben. Rückblick auf einen
Ausnahmezustand. München, 160 S.
5. Fazit
WINKEL, W. & HUDDE, H. (1988): Über das Nächtigen von
Dieser kurzgefasste Einblick in 45 Jahre Populationsstudi-
Vögeln in künstlichen Nisthöhlen während des Winters.
en an Kleinhöhlenbrütern in Zeiten von Klimawandel und
Vogelwarte 34: 174-188.
„Saurem Regen“ zeigt uns, wie spannend langfristige Unter-
suchungen sind. Jedes weitere Jahr macht sie interessanter ZANG, H. (1980): Der Einfluss der Höhenlage auf Siedlungs-
und wertvoller. In der gebotenen Kürze lassen sich nur weni- dichte und Brutbiologie höhlenbrütender Singvögel im
ge Aspekte vorstellen, es bleiben viele Fragen. Langzeitunter- Harz. Journal für Ornithologie 121: 371-386.
suchungen zeigen, dass kurz- und mittelfristige Datenreihen
ZANG, H. (1984): Erstbesiedlung neu eingerichteter Nisthöh-
von zehn oder weniger Jahren - insbesondere im Wald mit
lengebiete im Harz unter besonderer Berücksichtigung der
seinen über lange Zeitspannen andauernden Prozessen - nur
Höhenlage. Vogelwelt 105: 25-32.
Einblicke in Teilaspekte ermöglichen. Diese können langfris-
tigen Aussagen diametral entgegenstehen. ZANG, H. (1998): Auswirkungen des „Sauren Regens“ (Wald-
sterben) auf eine Kohlmeisen (Parus major-) Population in
den Hochlagen des Harzes. Journal für Ornithologie 139:
Dank 263-268.
Für die jahrelange Unterstützung danke ich P. Kunze (Gos-
ZANG, H. (): Wie beeinflussen Fruktifikationen der Rot-
lar); D. Gronowski und C. Pertl (Nationalparkverwaltung
buche Fagus sylvatica Bestandsdichte und Brutbiologie des
Harz) für die Fortführung des Projektes; Dr. Mei-Ling Bai
Kleibers im Harz? Vogelwelt 124: 193-200.
(Taipeh), E. Günther (Hannover), M. Müller (Goslar), B.
Nicolai (Halberstadt), T. Reichwaldt (Landessaatgutbetrieb ZWARTS, L, BIJLSMA, R.G., v. d. KAMP, J. & WYMENGA, E.
Niedersachsen), J. Seitz (Bremen), T. Späth (Wolfenbüttel), (2009): Living on the edge. Wetlands and birds in a chan-
dem Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ ging Sahel. Zeist, 564 S.
(Wilhelmshaven), dem Niedersächsischen Forstamt Wolfen-
büttel und der Forstsaatgut-Beratungsstelle Sachsen-Anhalt
(Annaburg) für ihre Beiträge zu diesen Untersuchungen
und der Zurverfügungstellung von Daten zu abiotischen
Faktoren; Dr. K. Baumann und C. Pertl (Nationalparkver- Anschrift des Autors:
waltung Harz) für wertvolle Hinweise zu diesem Manu- Herwig Zang
skript; der Nationalparkverwaltung Harz sowie den ehe- Oberer Triftweg 31A
maligen und aktuellen Forstämtern und insbesondere ihren 38640 Goslar
Revierförstern für ihre stete Hilfe. herwig.zang@onlinehome.de
B A U M A N N , K . : N E U A R T I G E V E R Ä N D E R U N G E N D E R V E G E TAT I O N U N D D E R L I B E L L E N FA U N A I N D E N M O O R E N D E S H A R Z E S | 25

KATHRIN BAUMANN, Wernigerode

Neuartige Veränderungen der Vegetation und der


Libellenfauna in den Mooren des Harzes ‒ Grenzen
der Schutzmöglichkeiten eines Nationalparks

1. Einleitung Im Zuge vergleichender flächendeckender Vegetationskartierun-


Im Nationalpark Harz befinden sich die einzigen Hochmoore gen entstand bereits in der Vergangenheit der Eindruck, dass
Sachsen-Anhalts und die am besten erhaltenen Hochmoore sich die Vegetation einiger Hochmoore im Verlauf der letzten
Niedersachsens. Diese haben eine Ausdehnung von insge- Jahrzehnte tendenziell negativ – im Sinne einer regressiven
samt 230 ha, wovon 220 ha zum FFH-Lebensraumtyp 7110* Moorentwicklung – verändert hat (BAUMANN 2009: 239-
„Lebende Hochmoore“ gehören. Auf 65 % seiner Fläche hat 240). Außerdem zeigten sich zuletzt Veränderungen bei der
dieser einen hervorragenden und auf 35 % einen guten Erhal- Höhenverbreitung und Abundanz der beiden Moorlibellenarten
tungszustand; damit sind die Hochmoore auch im europäischen Somatochlora alpestris (Alpen-Smaragdlibelle) und Somatochlora
Kontext von großer Bedeutung. arctica (Arktische Smaragdlibelle), bei denen ein Zusammen-
hang mit dem Klimawandel bestehen dürfte (BAUMANN 2016).
Ihren guten Zustand verdanken diese Gebirgsmoore den
ungünstigen klimatischen Bedingungen und der schwierigen Hier soll der bisherige Kenntnisstand hinsichtlich der neu-
Zugänglichkeit. So war der Abbau von Torf kaum profitabel artigen Veränderungen von Vegetation und Libellenfauna in
möglich und ist deshalb nur in wenigen Mooren vergleichsweise den Hochmooren des Harzes vorgestellt werden. Im Sinne des
kleinflächig erfolgt. Auch von flächig wirksamen Entwässerungs- Tagungsmottos „Heile Welt Nationalpark?“ stellt sich die Frage,
maßnahmen sind nur wenige Hochmoore betroffen; überwie- inwieweit Nationalparke als besonders wirkungsvolle Instru-
gend finden sich allenfalls Randgräben unterhalb der Randge- mente des Naturschutzes an die Grenzen ihrer Möglichkeiten
hänge und nur in wenigen Mooren auch Gräben im zentralen stoßen, wenn globale Einflüsse wirksam werden.
Moor. Seit den 1970er Jahren sind keine nennenswerten aktiven
Beeinträchtigungen der Hochmoore mehr erfolgt. Spätestens 2. Untersuchungsgebiet
seit Einrichtung der Nationalparke Hochharz (1990) und Harz Der Nationalpark Harz befindet sich im Zentrum des Harzes,
(1994), die 2006 zum länderübergreifenden Nationalpark Harz dem nördlichsten zentraleuropäischen Mittelgebirge, das mit
fusioniert sind, ist die Unterhaltung sämtlicher Moorgräben dem Brocken bis auf 1.141 m ü. NHN ansteigt. Aufgrund
eingestellt, zudem sind Gräben aktiv verschlossen worden. So des sehr rauen Klimas wird bereits in einer Höhe von ca.
wäre seitdem eine weitere Zustandsverbesserung der Moore zu 1.100 m ü. NHN die natürliche Waldgrenze erreicht (HERTEL
erwarten, zumal weder großflächige Grundwasserabsenkungen & SCHÖLING 2011). Das langjährige Mittel der Lufttemperatur
noch Nährstoffeinträge aus umgebenden Flächen erfolgen. auf dem Brocken lag im Zeitraum von 1961-1990 bei 2,9 °C
und von 1981-2010 bei 3,5 °C; in den vergangenen zehn Jahren
Allerdings sind Hochmoore nicht nur durch unmittelbar (2008-2017) wurden Jahresmitteltemperaturen von 3,9 °C
wirksame Eingriffe gefährdet, sondern auch durch globale gemessen (Quelle: Deutscher Wetterdienst). Entscheidend für
anthropogene Einflüsse (Klimawandel, atmosphärische Stick- die Existenz der Moore sind die hohen Niederschlagsmengen
stoffdepositionen). Die intakten Hochmoore des Nationalparks des Harzes, die sich am Westabfall des Hochharzes auf durch-
sind deshalb hervorragende Untersuchungsobjekte für die schnittlich rund 1.400-1.900 mm/Jahr summieren. Die Som-
Ermittlung der Auswirkungen derartiger globaler Einflüsse, da merniederschläge im Harz haben zuletzt abgenommen
hier mögliche Veränderungen nicht auf lokale Störungen oder (vgl. BAUMANN 2016); in den Bächen wurden bereits verringerte
Vorschädigungen zurückzuführen sind. Abflussmengen festgestellt (LANGE 2013).
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Abb. 1: Typisch für die Hochmoore des Harzes ist eine starke Wasserdynamik, die zu einer räumlichen und zeitlichen Abfolge verschiedener Vegetationstypen
führt. Foto: K. Baumann.

In einer Höhenlage von 705-1.110 m ü. NHN liegt das Hoch- Die wichtigste Pflanzengesellschaft der ombrotrophen Moor-
harzer Moorgebiet, in dem sich rund 30 völlig oder weitgehend zentren ist das Sphagnetum magellanici, das in Wachstums- und
intakte, überwiegend in Fichten-Moorwald eingebettete Hoch- Stillstandskomplexen und dementsprechend in diversen un-
moore befinden. Bei diesen handelt es sich um typische Gebirgs- terschiedlichen Subassoziationen und Varianten auftritt. In
moore, die fast durchweg als soli-ombrogen einzustufen sind, den minerotrophen Randbereichen wachsen in erster Linie die
da sie lokal von zuströmendem Mineralbodenwasser beeinflusst Eriophorum angustifolium-Gesellschaft und Molinia caerulea-
werden. Die hieraus resultierenden unterschiedlichen trophi- Dominanzbestände. Während erstere nur in gut wüchsigen
schen und hydrologischen Bedingungen sowie die natürlichen Partien zu finden ist, können letztere auch in stagnierenden
Reliefunterschiede des Untergrunds bedingen die Ausbildung Bereichen entwickelt sein und bei abnehmender Vernässung aus
eines vielfältigen Vegetationsmosaiks. Aus der Hanglage und der Eriophorum angustifolium-Gesellschaft hervorgehen. Eine
den hohen Niederschlagsmengen resultiert eine starke Wasser- ausführliche Beschreibung der Vegetation der Moore im Natio-
dynamik, die durch natürliche Erosions- und Regenerations- nalpark Harz findet sich bei BAUMANN (2009).
prozesse immer wieder zu Vegetationsveränderungen führt. So
sind die meisten Hochmoore durch eine räumliche und zeitliche
Abfolge von wachsenden und stagnierenden Partien mit einer
entsprechenden Vegetationsvielfalt gekennzeichnet (Abb. 1, 2).
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Abb. 2: In einigen Mooren finden sich großflächige Hochmoor-Wachstumskomplexe, wie in diesem Teilbereich des Großen Roten Bruchs. Foto: K. Baumann.

3. Methodik jede einzelne Gefäßpflanzenart sowie für die Gesamtheit der


3.1 Vegetation Torfmoose je Plot ermittelt, ob der Deckungsgrad in diesem
Im Sommer 2009 sind in vier Hochmooren im niedersäch- Zeitraum eine kontinuierliche Zu- oder Abnahme erfahren
sischen Teil des Nationalparks insgesamt 80 Dauerquadrate hat. „Kontinuierlich“ bedeutet hier, dass der Deckungsgrad in
(Plots) mit einer Größe von jeweils 2 x 2 m angelegt worden. allen Untersuchungsjahren entweder ausschließlich zu- oder
Sie befinden sich ausschließlich in intakten, wenigstens schwach ausschließlich abgenommen und sich höchstens einmal in zwei
wachsenden Bereichen der Moore und repräsentieren sowohl aufeinanderfolgenden Aufnahmejahren nicht verändert hat. Für
ombrotrophe als auch minerotrophe Verhältnisse und damit Arten, die in eine Dauerfläche erst im Laufe der Untersuchun-
ein breites Spektrum der vorhandenen Vegetationstypen. Die gen eingewandert sind, gilt sinngemäß dasselbe, damit sie als
Aufnahme der Vegetation erfolgt seit 2009 in zweijährigem „kontinuierlich zunehmend“ gewertet werden.
Turnus und jahreszeitlich jeweils so, dass jahrweise unterschied-
liche Artmächtigkeiten durch die phänologische Entwicklung 3.2 Libellen
vermieden werden. Der Deckungsgrad aller Arten wird nach In den Jahren 2000 bis 2015 erfolgte eine unsystematische
einer modifizierten Londo-Skala in Prozentwerten geschätzt. Exuviensuche in 17 Hochmooren auf 730-1.000 m ü. NHN.
Auf Basis der mittlerweile neun Kalenderjahre (2009-2017) An insgesamt 137 Tagen wurden in diesem Zeitraum 1.918
und fünf Aufnahmejahre umfassenden Zeitreihe wurde für Exuvien von Somatochlora alpestris und 2.627 von Somatochlora
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arctica aufgesammelt. Um mögliche Veränderungen der Abun- gesamt


danzen der boreo-alpin verbreiteten, „kälteliebenden“ S. alpestris 100
und der weniger kältetoleranten S. arctica zu ermitteln, wurden 80

Klassen der Jahre 2000-2010 und 2011-2015 gebildet. Die 60

Häufigkeiten beider Arten wurden den Höhenstufen in 50 m- 40


20
Intervallen zugeordnet und als Anteil (in Prozent) angegeben.
0
Ein Vergleich der absoluten Exuvienzahlen in den beiden Zeit-
-20
räumen ist aufgrund der seit 2011 intensivierten Kartiertätigkeit
-40
nicht möglich. In BAUMANN (2016) ist die Methodik ausführli- Sphagnum Calluna Trichophorum Andromeda Molinia
spec. vulgaris cespitosum polifolia caerulea
cher beschrieben. n=79 n=34 n=42 n=39 n=34
Zunahme Abnahme
Sphagnetum magellanici
100
4. Ergebnisse
80
4.1 Vegetation
60
Vier der in den Plots insgesamt 20 vorhandenen Gefäßpflanzen-
40
arten zeigten kontinuierliche Veränderungen ihres Deckungs- 20
grads auf mindestens 25 % der Plots mit Vorkommen der 0
jeweiligen Art. Bei all diesen Arten war die Anzahl der Plots -20
mit einer Zunahme des Deckungsgrads deutlich höher als die -40
Sphagnum Calluna Trichophorum Andromeda Molinia
Anzahl der Plots mit einer Abnahme (Abb. 3). spec. vulgaris cespitosum polifolia caerulea
n=41 n=26 n=25 n=30 n=2
Zunahme Abnahme
Die mit Abstand stärksten Veränderungen zeigte Calluna Eriophorum angustifolium-Gesellschaft
vulgaris (Besenheide). Sie kam im Jahr 2009 in 33 % und 2017 100
bereits in 43 % aller Plots vor. In 88 % der von ihr 2017 besie- 80
delten Plots hat ihr Deckungsgrad kontinuierlich zu- und nur 60
in 6 % abgenommen; war diese Art in einer Dauerfläche erst 40
einmal vorhanden, zeigte sie also sehr häufig eine kontinuier- 20

liche Zunahme. Betrachtet man die einzelnen Vegetationstypen, 0

war die Zunahme in der Eriophorum angustifolium-Gesellschaft -20


-40
(100 %) und im Sphagnetum magellanici (88 %) sehr deutlich. Sphagnum Calluna Trichophorum Andromeda Molinia
In den Molinia caerulea-Dominanzbeständen spielt diese Art spec. vulgaris cespitosum polifolia caerulea
n=21 n=5 n=9 n=6 n=14
grundsätzlich kaum eine Rolle. Zunahme Abnahme
Molinia caerulea-Dominanzbestände
Trichophorum cespitosum (Rasige Haarsimse) trat 2017 in 53 % 100
der Plots auf und war damit die relativ häufigste der vier betrach- 80

teten Gefäßpflanzen. In eine Fläche ist sie seit 2009 neu einge- 60
40
wandert. Ihr Deckungsgrad nahm in 33 % der besiedelten Plots
20
kontinuierlich zu und nur in 5 % ab, d.h. diese Art zeigte tenden-
0
ziell eine Zunahme, neigte aber weniger stark zur Ausbreitung als
-20
Calluna vulgaris. Die deutlichsten Ausbreitungstendenzen hatte -40
sie in der Eriophorum angustifolium-Gesellschaft (44 %) und im Sphagnum Calluna Trichophorum Andromeda Molinia
spec. vulgaris cespitosum polifolia caerulea
Sphagnetum magellanici (36 %), aber auch in den Molinia caerulea- n=17 n=3 n=8 n=3 n=18
Dominanzbeständen nahm sie häufiger zu als ab. Zunahme Abnahme

Abb. 3: Anteil der Dauerflächen, in denen der Deckungsgrad der jeweiligen


In 49 % der Plots wurde in allen Jahren Andromeda polifolia Art bzw. Artengruppe eine kontinuierliche Zunahme oder Abnah-
me zeigte, differenziert nach den drei wichtigsten Vegetationstypen.
(Rosmarinheide) festgestellt. Sie ist die einzige der vier Arten,
Bezugsgröße ist jeweils die Anzahl der Plots mit Vorkommen der
deren Mächtigkeit in keinem Fall rückläufig war. Dagegen hat jeweiligen Art/Artengruppe. Die blauen Balken zeigen den Anteil
ihr Deckungsgrad in 46 % der besiedelten Plots kontinuierlich der Plots mit zunehmenden Deckungsgraden (positive Werte), die
roten Balken den Anteil der Plots mit abnehmenden Deckungsgraden
zugenommen, wobei diese Tendenz im Sphagnetum magellanici,
(negative Werte). Die Differenzen zu 100 % ergeben sich jeweils
wo die Art ohnehin ihren Schwerpunkt hat, am deutlichsten aus dem Anteil der Plots ohne kontinuierliche Veränderung des
ausfiel (50 %). Deckungsgrads.
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Molinia caerulea (Pfeifengras) kommt nur in den soligen häufig. Im Zeitraum von 2011-2015 wurden in den Hochmoo-
beeinflussten Randbereichen der Hochmoore vor und fehlt ren von 700-749 m ü. NHN keine alpestris-Exuvien gefunden,
dementsprechend im Sphagnetum magellanici vollständig, tritt von 750-849 m ü. NHN hatte S. alpestris nur geringe Anteile
aber in der Eriophorum angustifolium-Gesellschaft hochstet und von 12-15 % und erst ab 900 m ü. NHN waren ihre Anteile
in den Molinia caerulea-Dominanzbeständen zudem faziesbil- höher als die von S. arctica. Letztere spielte von 2000-2010
dend auf. In der Eriophorum angustifolium-Gesellschaft hat ihr in diesen beiden obersten Höhenstufen mit jeweils 7 % kaum
Deckungsgrad in keinem Fall ab- aber in 29 % kontinuierlich eine Rolle, hatte aber von 2011-2015 mit Anteilen von 29 %
zugenommen. Dagegen gab es innerhalb der Molinia caerulea- (900-949 m ü. NHN) bzw. 14 % (ab 950 m ü. NHN) deutlich
Dominanzbestände Entwicklungen in beide Richtungen, wobei zugenommen. Insgesamt zeigte sich also eine relative Abnahme
eine Zunahme etwas häufiger war (28 %) als eine Abnahme von S. alpestris, die allerdings mit ansteigender Höhenlage konti-
(17 %). nuierlich geringer ausfällt.

Der Gesamtdeckungsgrad der in 99 % der Plots vorkommen-


den Torfmoose zeigte in 14 % aller Plots eine Zunahme und 5. Diskussion
in 18 % eine Abnahme. Im Sphagnetum magellanici gingen die 5.1 Vegetation
Torfmoose tendenziell zurück, denn hier war in 22 % der Plots Die in den vergangenen neun Jahren beobachtete tendenzielle
eine Abnahme und nur in 5 % eine Zunahme zu beobachten. Zunahme der Gefäßpflanzen Calluna vulgaris, Trichophorum
Etwas abgeschwächt zeigte sich diese Tendenz in der Eriopho- cespitosum, Andromeda polifolia und Molinia caerulea sowie
rum angustifolium-Gesellschaft (14 % Abnahme, 5 % Zunahme). die tendenzielle Abnahme der Gesamtdeckung der Torfmoo-
In den Molinia caerulea-Dominanzbeständen nahm der De- se scheinen in ihrer Kombination für eine Austrocknung der
ckungsgrad der Torfmoose dagegen deutlich häufiger zu (44 %) Hochmoore zu sprechen.
als ab (11 %).

4.2 Libellen
Im Zeitraum von 2000-2010 wurden an
2000 - 2010
56 Untersuchungstagen 459 Exuvien von
100
Somatochlora alpestris und 363 Exuvien 90
von Somatochlora arctica gefunden; dies 80
70
Anteil [%]

entspricht einem Verhältnis 56:44. Die 60


insgesamt deutlich zeitaufwändigeren Auf- 50
40
sammlungen an 81 Tagen im Zeitraum von 30
2011-2015 erbrachten 1.459 Exuvien von 20
10
S. alpestris und 2.264 von S. arctica; daraus 0
ergibt sich ein Verhältnis von 39:61. Über- 700-749 750-799 800-849 850-899 900-949 950-1.000
wogen im Zeitraum von 2000-2010 also
noch die Exuvien von S. alpestris, hatte sich 2011 - 2015
das Verhältnis von 2011 bis 2015 deutlich 100
90
zu Gunsten von S. arctica verschoben. 80
70
Anteil [%]

60
Betrachtet man die Exuvienfunde in den 50
verschiedenen Höhenlagen, ergibt sich 40
30
folgendes Bild (Abb. 4): In beiden Zeit- 20
räumen nahm der Anteil der Exuvien von 10
0
S. alpestris mit ansteigender Höhenlage 700-749 750-799 800-849 850-899 900-949 950-1.000
zu. Von 2000-2010 kamen beide Arten Höhenstufe [m ü. NHN]
in Hochmooren aller Höhenlagen vor,
allerdings überwog S. arctica von 700- Somatochlora alpestris Somatochlora arctica
749 m ü. NHN und S. alpestris oberhalb
Abb. 4: Vergleich des Anteils der Exuvien von Somatochlora alpestris und Somatochlora arctica in
von 849 m ü. NHN; dazwischen, von 750- Hochmooren der unterschiedlichen Höhenlagen in den Zeiträumen von 2000-2010 und
849 m ü. NHN, waren beide Arten ähnlich 2011-2015.
30 | B A U M A N N , K . : N E U A R T I G E V E R Ä N D E R U N G E N D E R V E G E TAT I O N U N D D E R L I B E L L E N FA U N A I N D E N M O O R E N D E S H A R Z E S

Calluna vulgaris ist eine in gewissen Grenzen moortolerante Andromeda polifolia ist eine an Moore gebundene, normalerwei-
Art, die ihren deutlichen Schwerpunkt allerdings auf frischen se nicht zur Dominanzbildung neigende Art mit einem klaren
bis trockenen, nährstoffarmen Mineralböden hat, wo sie großflä- Schwerpunkt in Hochmooren und selteneren Vorkommen
chige Dominanzbestände ausbilden kann. In den Hochmooren in Übergangsmooren. In den deutlich soligen beeinflussten
des Harzes ist sie ein typischer Vertreter in den von der Dau- Randbereichen der Hochmoore des Harzes fehlt sie weitest-
erflächenuntersuchung nicht abgedeckten Hochmoor-Still- gehend. Die kontinuierliche Deckungsgradzunahme in 46 %
standskomplexen, in denen sie hochstet und typischerweise mit der besiedelten Plots (beim gleichzeitigen Fehlen von Plots mit
Deckungsgraden >25 % auftritt. In den Hochmoor-Wachstums- einer Abnahme) ist ebenso überraschend wie das Ausmaß der
komplexen kann sie zwar vorkommen, erreicht aber keine so Artmächtigkeit: In 44 % der besiedelten Plots bedeckt Andro-
hohen Deckungsgrade; in stark wüchsigen Partien mit geschlos- meda mittlerweile 20-45 % und ist dann die dominierende Art
senen Torfmoosdecken fehlt sie hier ebenso wie in den entspre- der Krautschicht. Möglicherweise wird auch diese Entwicklung
chenden Bereichen von Übergangs- und Niedermoorkomplexen. durch die Abnahme der Vernässung begünstigt.
Die jetzt festgestellte Entwicklung – Zunahme des Deckungs-
grads in 88 % und Abnahme in nur 6 % der von Calluna besie- In gestörten Mooren des norddeutschen Tieflands ist Molinia
delten 34 Plots ‒ fällt so deutlich aus, dass zufällige oder lokale caerulea eine typische und sich ausbreitende Art, die von
Veränderungen z. B. infolge natürlicher wasserdynamischer Austrocknung und/oder Nährstoffeinträgen profitiert. Inso-
Prozesse nicht hauptverantwortlich sein können. Vielmehr ist es fern erscheint es erstaunlich, dass Molinia in den untersuchten
äußerst wahrscheinlich, dass die Art von großflächig wirksamen Hochmooren des Harzes keine klare Entwicklungstendenz
Veränderungen (Austrocknung, verbesserte Nährstoffversor- zeigt. Das nach wie vor vollständige Fehlen im Sphagnetum
gung) profitiert, die auf globale Einflüsse zurückgehen. magellanici der ombrotrophen Hochmoorzentren könnte als
gutes Zeichen in Bezug auf die aktuellen Auswirkungen von
Wie Calluna vulgaris ist auch Trichophorum cespitosum eine zur atmosphärischen Nährstoffeinträgen interpretiert werden. Ihre
Dominanzbildung neigende Art, die jedoch recht eng an Moore in den minerotrophen Randbereichen der Hochmoore von Plot
gebunden ist und im Übrigen nur in Feuchtheiden auftreten zu Plot unterschiedlichen Entwicklungstendenzen sind vermut-
kann; auf nicht vernässten Böden fehlt sie. Auch ihr Deckungs- lich auf natürliche wasserdynamische Prozesse zurückzuführen,
grad hat in den Hochmooren häufiger zu- als abgenommen, die je nach Örtlichkeit zu einer verstärkten Vernässung (Abnah-
wenn auch längst nicht so häufig wie der von Calluna vulgaris. In me) oder einer reduzierten Wasserzufuhr (Zunahme) führen.
Hochmoor-Stillstandskomplexen tritt Trichophorum cespitosum
hochstet und in einigen Mooren auch mit hohen Deckungsgra- Die Entwicklung der Deckungsgrade der Torfmoose kann
den auf. Wenn die Art aktuell in eigentlich wachsenden Moor- unmittelbar mit dem Wasserregime zusammenhängen, aber auch
bereichen zunimmt, spricht dies für eine verstärkte Austrock- von der Entwicklung der Krautschicht beeinflusst werden. Dies-
nung. bezüglich den stärksten Einfluss hat Molinia caerulea, weil sich die

Abb. 5: Vergleich der Dauerfläche S25 in den Jahren 2009, 2013 und 2017 (von links nach rechts): Auf den ersten Blick sind keine Unterschiede erkennbar,
doch im Detail zeigt sich u.a., dass Calluna vulgaris in die Fläche eingewandert ist. Foto: K. Baumann.
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abgestorbenen langen Triebe großflächig auf die Torfmoose legen Die im Vergleich der beiden Zeiträume 2000-2010 und 2011-
und deren Wachstum deutlich hemmen. Umgekehrt können 2015 zuletzt festgestellten höheren Exuvienzahlen beider Arten
sich Torfmoose ausbreiten, wenn Vitalität und Deckungsgrad dürften primär methodisch bedingt sein (s.o.) und sagen nichts
von Molinia abnehmen. Erstaunlicherweise ist die Zunahme von über tatsächliche Veränderungen aus. Maßgeblich sind die relati-
Torfmoosen in neun von insgesamt 14 Fällen in Molinia caerulea- ven Abundanzverschiebungen zwischen beiden Arten, die in den
Dominanzbeständen erfolgt, obwohl nur auf drei dieser Plots eine tieferen Lagen deutlicher ausfallen als in den Hochlagen und
kontinuierliche Abnahme des Pfeifengrases erfolgt ist. Allerdings deshalb höchstwahrscheinlich auf den Klimawandel zurückzu-
ist auf weiteren Plots eine (im Sinne der o.g. Definition nicht kon- führen sind. Dieser wirkt sich in verschiedener Hinsicht auf die
tinuierliche) Rückgangstendenz von Molinia festgestellt worden, beiden Arten aus: Die weniger kältetolerante S. arctica profitiert
die sich bereits auf die Torfmoose ausgewirkt haben könnte. Am vermutlich in erster Linie von der ansteigenden Lufttemperatur,
häufigsten wurde ein Rückgang der Torfmoose im Sphagnetum die die Aktivität der Imagines fördert und eine zunehmende
magellanici festgestellt (22 % der Plots); da hier Calluna vulgaris Besiedlung der Moore der Hochlagen ermöglicht. Tatsächlich
und Trichophorum cespitosum am stärksten zugenommen haben, hat oberhalb von 900 m ü. NHN nicht nur der relative Anteil
könnte dies sowohl auf direkte Konkurrenz (Überwachsen) als der arctica-Exuvien zugenommen, sondern einige Moore dieser
auch auf die unmittelbaren Auswirkungen einer zunehmenden Höhenlage sind überhaupt erst im Verlauf der vergangenen zehn
Austrocknung zurückzuführen sein. Jahre besiedelt worden (vgl. BAUMANN 2016). Der Klimawandel
wirkt sich jedoch auch auf die Larvalgewässer aus, die häufiger
Im Vergleich der unterschiedlichen Vegetationstypen ist das und länger austrocknen und sich stärker erwärmen. Da die
Sphagnetum magellanici am stärksten von allen Veränderungen Larven beider Arten eine gewisse Toleranz gegenüber vorüber-
betroffen. Da dieser im ombrotrophen Moorzentrum entwickel- gehender Austrocknung zeigen, ist diese vermutlich nicht aus-
te Vegetationstyp nur von Regenwasser gespeist wird, erscheint schlaggebend für die Abundanzverschiebungen. Interessant ist
es logisch, dass sich hier veränderte Niederschlagsmengen und in dem Zusammenhang eine weitere Beobachtung in der jünge-
atmosphärische Nährstoffdepositionen stärker auswirken als in ren Zeit (vgl. BAUMANN 2016): Exuvien von S. alpestris wurden
den durch einströmendes Mineralbodenwasser ohnehin besser in den unteren und mittleren Höhenlagen immer seltener in den
versorgten Randbereichen. einst regelmäßig von der Art besiedelten typischen Schlenken
(Abb. 7) gefunden, sondern sie konzentrierten sich zuletzt in
Im Freilandniederschlag eines soligenen Hangmoores im dauerhaft oder wenigstens langanhaltend durchflossenen schlen-
Nationalpark Harz wurden Stickstoffeinträge von ca. 30 kg kenartigen Gewässern innerhalb natürlicher Abflussrinnen oder
ha-1 a-1 ermittelt (BÖHLMANN 2004); in ähnlichen Dimensionen seit langem verfallener Gräben. Da junge alpestris-Larven weder
dürften die N-Einträge auch in den untersuchten Hochmoo- anhaltend hohe Temperaturen noch starke Temperaturschwan-
ren liegen. Bereits 5-10 kg ha-1 a-1 gelten als kritische Schwelle kungen vertragen und die Mortalität bei konstant niedrigen bis
für Auswirkungen auf die Moorvegetation (TOMASSEN et al.
2004), ab ca. 18 kg ha-1 a-1 sind Torfmoose N-gesättigt und der
Stickstoff wird auch für Phanerogamen verfügbar (LAMERS et
al. 2000). Es ist deshalb anzunehmen, dass die aktuellen N-Ein-
träge zu Vegetationsveränderungen in den Hochmooren des
Harzes führen. Gleichzeitig könnten sich auch die im Zuge des
Klimawandels abnehmenden Sommerniederschläge auswirken.
Welcher Einfluss welche Veränderung bedingt, muss zunächst
offen bleiben.

5.2 Libellen
Die boreo-alpin verbreitete Somatochlora alpestris ist innerhalb
Deutschlands ausschließlich eine Gebirgsart (BAUMANN &
BROCKHAUS 2015), wogegen Somatochlora arctica auch im Tief-
land verbreitet ist und innerhalb der Gebirge eine Höhenlimitie-
rung zeigt (BAUMANN et al. 2015). Im Hochharzer Moorgebiet
überlappen sich die Vorkommen beider Arten, die sehr ähnliche
Habitatansprüche haben und sich häufig syntop in Schlenken
reproduzieren. Abb. 6: Alpen-Smaragdlibelle (Somatochlora alpestris). Foto: K. Baumann.
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Abb. 7: In den typischen Schlenken der Hochmoore mittlerer Lagen reproduzierte sich Somatochlora alpestris in jüngster Zeit immer seltener, wogegen die Situation
von S. arctica hier unverändert erschien. Foto: K. Baumann.
B A U M A N N , K . : N E U A R T I G E V E R Ä N D E R U N G E N D E R V E G E TAT I O N U N D D E R L I B E L L E N FA U N A I N D E N M O O R E N D E S H A R Z E S | 33

mittleren Temperaturen am geringsten ist (STERNBERG 1990), BAUMANN, K. & BROCKHAUS, T. (2015): Somatochlora alpestris
ist anzunehmen, dass die Larven in den typischen Schlenken (Selys, 1840). Libellula Supplement 14: 234-237.
mit fortschreitendem Klimawandel zunehmend Probleme
haben. So erscheint es logisch, dass der Reproduktionserfolg BAUMANN, K., BROCKHAUS, T., CLAUSNITZER, H.-J. & OTT, J.
in den durchflossenen Gewässern mit ihren niedrigeren und (2015): Somatochlora arctica (Zetterstedt, 1840). Libellula
weniger stark schwankenden Temperaturen am größten ist. Da Supplement 14: 238-241.
dieser Gewässertyp im Vergleich zu den typischen Schlenken
relativ selten ist und in manchen Hochmooren sogar vollständig BÖHLMANN, N. (2004): Wasser- und Stickstoffhaushalt eines
fehlt, lässt sich die relative Abnahme von S. alpestris gut erklären. soligenen Hangmoores im Hochharz am Beispiel des
Hierzu passt auch, dass in den soligenen Hangmooren mit ihren Ilsemoores. UFZ-Bericht 21.
durchweg durchflossenen, kühleren Gewässern bislang kein
Rückgang dieser Art zu verzeichnen war (BAUMANN 2016). HERTEL, D. & SCHÖLING, D. (2011): Below-ground response
of Norway spruce to climate conditions at Mt. Brocken
(Germany) – A re-assessment of Central Europe’s
5.3 Zusammenfassende Bewertung northernmost treeline. Flora 206: 127-135.
Die höhenabhängigen Abundanzverschiebungen zwischen
S. alpestris und S. arctica sind mit größter Wahrscheinlichkeit auf LAMERS, L.P.M., BOBBINK, R. & ROELOFS, J.G.M. (2000):
den Klimawandel zurückzuführen. Bei den festgestellten Ver- Natural nitrogen filter fails in raised bogs. Global Change
änderungen der Vegetation ist ebenfalls von globalen Einflüssen Biology 6: 583-586.
auszugehen, doch lässt sich nicht differenzieren, inwiefern die
Temperaturerhöhung und/oder die verringerten Sommernie- LANGE, A. (2013): Hydrologische Untersuchungen im West-
derschläge bzw. die hohen atmosphärischen Stickstoffdeposi- harz mit Blick auf ein sich änderndes Klima. Schriftenrei-
tionen verantwortlich sind. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass he aus dem Nationalpark Harz 10: 5-9.
die Summe dieser Faktoren die Ausbreitung insbesondere von
Calluna vulgaris, aber auch von Trichophorum cespitosum und STERNBERG, K. (1990): Autökologie von sechs Libellenarten
Andromeda polifolia fördert und direkt oder indirekt auch für der Moore und Hochmoore des Schwarzwaldes und
den Rückgang der Torfmoose verantwortlich ist. Fest steht, dass Ursachen ihrer Moorbindung. Dissertation, Fakultät für
bei derartigen globalen Einflüssen die Grenzen der Schutz- Biologie, Universität Freiburg.
möglichkeiten eines Nationalparks erreicht bzw. überschritten
sind. Die intakten Hochmoore sind – ebenso wie die gestörten TOMASSEN, H.B.M., SMOLDERS, A.J.P., LIMPENS, J., LAMERS,
Moore nach dem Verschluss alter Gräben – durch großflächi- L.P.M. & ROELOFS, J.G.M. (2004): Expansion of invasive
ges Zulassen der natürlichen Dynamik bestmöglich geschützt. species on ombrotrophic bogs: desiccation or high N
Das Wasserregime intakter Gebirgsmoore wäre aufgrund der deposition? Journal of Applied Ecology 41: 139-150.
Hanglage ohnehin nicht sinnvoll steuerbar, so dass durch aktive
Maßnahmen kein Einfluss auf den Wassermangel oder auf die
Wassertemperaturen genommen werden könnte.

6. Literatur
BAUMANN, K. (2009): Entwicklung der Moorvegetation im
Nationalpark Harz. Schriftenreihe aus dem Nationalpark
Harz 4, 243 S.

BAUMANN, K. (2014): Verbreitung und Einnischung der Li-


bellen in den intakten Mooren des Nationalparks Harz.
Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz 11: 136-159. Anschrift der Autorin:
Dr. Kathrin Baumann
BAUMANN, K. (2016): Veränderungen von Höhenverbreitung Nationalparkverwaltung Harz
und Abundanz von Somatochlora alpestris und Somatochlo- Lindenallee 35
ra arctica im Harz unter dem Einfluss des Klimawandels 38855 Wernigerode
(Odonata: Corduliidae). Libellula 35 (1/2): 43-64. baumann@nationalpark-harz.de
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PETER MEYER, Göttingen

Natürliche Dynamik mitteleuropäischer Fichten-


wälder unter dem Einfluss des Klimawandels am
Beispiel der Waldforschungsfläche Bruchberg im
Nationalpark Harz

1. Einleitung Hintergrund des Klimawandels ist ein verbessertes Verständnis


In der natürlichen Waldvegetation Deutschlands würden von Störungen in Fichtenwäldern und deren Potenzial zur Rege-
Fichtenwälder lediglich einen Anteil von 0,2 % der derzeitigen neration von zentraler Bedeutung.
Waldfläche in den Hochlagen einiger Mittelgebirge und den
Alpen einnehmen (eigene Auswertung der Karte von SUCK et Am Beispiel der mehrfach durch Stürme und Borkenkäferbe-
al. 2013). Als natürliche Mischbaumart ist die Fichte zudem in fall betroffenen Waldforschungsfläche (WFF) Bruchberg im
Bergmisch- und Moorwäldern vertreten. Sie wurde allerdings Nationalpark Harz wurden daher die folgenden Fragestellungen
weit über ihr natürliches Verbreitungsgebiet hinaus forstlich untersucht:
angebaut und gefördert, so dass ihr heutiger Anteil an der Wald- • Haben Stürme und Borkenkäferbefall zu einem flächenhaf-
fläche nach den Daten der jüngsten Bundeswaldinventur 25 % ten Absterben der Waldbestände geführt?
beträgt. • Hat nach diesen Störungen eine Erneuerung des Baum-
bestandes durch Etablierung und Aufwachsen von Jungpflan-
Fichtenwälder gelten als besonders störungsanfällige Ökosys- zen stattgefunden?
teme (SPELLMANN et al. 2007, KÖLLING et al. 2009, STAUPEN- • Wenn ja, gleicht die Regeneration das störungsbedingte
DAHL 2011), einerseits wegen ihrer Sturm- und Schneebruch- Absterben weitgehend aus? Wie nah befindet sich der
gefährdung, anderseits wegen des Befalls durch Borkenkäfer Waldbestand an einem Fließgleichgewicht zwischen Abster-
und hier insbesondere des Buchdruckers. Der Borkenkäferbefall ben und Regeneration?
wird durch das Angebot an bruttauglichem Fichtenholz und die • Nehmen Pionierbaumarten nach den Störungen zu?
Temperatur gesteuert (WERMELINGER 2004). Eine trocken- • Nimmt die Heterogenität des lebenden Baumbestandes nach
-warme Vegetationszeit begünstigt die Populationsentwicklung der Störung ab?
und kann insbesondere in Verbindung mit einem hohen An-
gebot an Windwurfholz zu einer Massenvermehrung führen, in 2. Die Waldforschungsfläche Bruchberg
deren Folge Fichtenwälder flächenhaft absterben. Diese Pro- Die WFF Bruchberg liegt in einer Höhe zwischen 820 und
zesse dürften durch den prognostizierten Klimawandel deutlich 918 m ü. NHN und repräsentiert die natürlichen Fichtenwälder
verstärkt werden (RAHMSTORF & COUMOU 2011, THOM & des Hochharzes. Hier kommen sowohl der Wollreitgras-Fich-
SEIDL 2016). Sowohl aus Sicht des Naturschutzes als auch der tenwald auf mineralischen Standorten als auch der Torfmoos-
Forstwirtschaft ist es von Interesse, die Störungsdynamik von und Moor-Fichtenwald vor, zudem finden sich auf kleiner
Fichtenwäldern sowie die nachfolgenden Regenerationsprozesse Fläche natürlicherweise waldfreie Nieder- und Hochmoore
besser zu verstehen. Die langfristige Untersuchung von Wäldern (WECKESSER et al. 2006). Die WFF Bruchberg entspricht dem
mit natürlicher Entwicklung kann hierzu entscheidend bei- 1972 ausgewiesenen Naturwald Bruchberg und ist Teil des Na-
tragen. So können die Folgen einer Unterschutzstellung besser turwaldsystems der NW-FVA (MEYER et al. 2015). Naturwäl-
abgeschätzt und Rückschlüsse auf die Behandlung bewirt- der sind Waldgebiete, die nicht mehr bewirtschaftet werden und
schafteter Fichtenwälder gezogen werden. Insbesondere vor dem deren natürliche Entwicklung wissenschaftlich untersucht wird.
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Die Entwicklung der Waldbestände im Naturwald Bruchberg möglich, die natürliche Entwicklung dieses Fichtenwaldes über
wurde in den vergangenen Jahrzehnten durch Windwürfe und einen Zeitraum von 21 Jahren zu verfolgen und einer genaueren
Borkenkäferbefall geprägt. Windwürfe sind in den Jahren 1972 Analyse zu unterziehen.
(Novemberorkan), 1976, 1990, 2003 und 2009 dokumentiert.
Ein stärkerer Borkenkäferbefall fand in den Jahren 1996 und 3. Klimaentwicklung im Harz
1997 statt und führte zu einem größerflächigen Absterben der Um die klimatischen Rahmenbedingungen der Naturwald-
Altbestände. Entsprechend der Naturwald- und Nationalpark- entwicklung einzuordnen, wurden die Klimadaten der Wetter-
idee wurden keine Bekämpfungsmaßnahmen durchgeführt. stationen Wernigerode, Braunlage und Brocken ab dem Jahr
1950 ausgewertet. Als wichtige Kennwerte wurden die Tages-
Die Waldbestände wurden in den Jahren 1997, 2008 und 2018 mitteltemperatur und die Niederschlagssumme in der Vege-
auf jeweils 71 Probekreisen von 0,1 ha Größe nach dem nie- tationszeit in ihrer zeitlichen Entwicklung von 1950 bis 2018
dersächsischen Verfahren für die Naturwaldforschung erfasst näher betrachtet (Abb. 1).
(MEYER & FRICKE 2018). Anhand dieser Inventurdaten ist es

Abb. 1: Entwicklung der Tagesmitteltemperatur (oben) und der Niederschlagssumme (unten) in der Vege-
tationszeit (01.05.-30.09.) für verschiedene Klimastationen im Harz von 1950 bis 2018.
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Während die Tagesmitteltemperatur deutlich in allen Höhen- Baumartenwechsel oder eine Zunahme der schon 1997 unbe-
lagen mit etwa gleicher Rate angestiegen ist, lässt die Höhe des deutenden Mischbaumarten hat im Untersuchungszeitraum
Niederschlages keinen Trend erkennen (vgl. aber LANGE 2013 nicht stattgefunden. Weder die Eberesche noch die Birken neh-
und BAUMANN 2019 in diesem Band). Bei gleichbleibenden men einen nennenswerten Anteil ein. Zwar ist ein flächenhafter
Niederschlägen und steigender Temperatur verringert sich die Zusammenbruch des Baumbestandes nicht zu erkennen, jedoch
klimatische Wasserbilanz und das Risiko von Trockenstress schreitet das Absterben im Untersuchungszeitraum weiter
nimmt zu. Durch den Temperaturanstieg verlängert sich zudem voran, wird jedoch durch Einwuchs (Bäume überschreiten die
die Vegetationszeit, was zu einer erhöhten Verdunstung und Durchmesserschwelle von 7 cm) und Zuwachs des verbleiben-
einer Verschlechterung der Wasserversorgung führen dürf- den Baumbestandes teilweise ausgeglichen.
te. Höhere Temperaturen begünstigen die Entwicklung der
Borkenkäferpopulation zum einen direkt, da ihre Entwicklung Der jährliche Holzzuwachs lag im Durchschnitt bei 2,4 m3
durch die Temperatur gesteuert wird und zum anderen indirekt je Hektar. Überschlägig dürfte demnach von 1997 bis 2018
durch ein erhöhtes Angebot an bruttauglichen Fichten, da der ein Holzvolumen von 76,4 m3 je Hektar (Zuwachs 2,4 m3 je
Harzfluss der Bäume vermindert und damit die Abwehrmecha- Hektar x 21 Zuwachsperioden + 26 m3 je Hektar Differenz
nismen geschwächt werden. zwischen 1997 und 2018) abgestorben sein, was einer jährlichen
Totholznachlieferung von 3,6 m3 je ha entspricht. Die mittlere
4. Ergebnisse Totholzmenge hat jedoch lediglich um 21 m3 je Hektar zuge-
4.1 Status und Entwicklung der Bestandesdichte im Derb- nommen, da ein erheblicher Teil im Lauf des Untersuchungszei-
holzbestand traums zersetzt worden ist. Die Menge des liegenden Totholzes
Bereits 1997 war die Dichte des lebenden Derbholzbestandes ist von 14 m3 je Hektar im Jahr 1997 auf mehr als das Dreifache
(Bäume mit einem Durchmesser in Brusthöhe ≥ 7 cm) mit ei- bis 2018 angestiegen. Diese Zunahme geht sowohl auf Wind-
ner durchschnittlichen Grundfläche von 17,8 m2 je Hektar und würfe und Schneebruch als auch das Umbrechen von bereits
einem mittleren Holzvorrat von 115 m3 je Hektar vergleichswei- toten stehenden Bäumen und Stümpfen zurück. Die Zunahme
se gering (Tab. 1). Im Verlauf des Untersuchungszeitraums hat der Anzahl stehender toter Bäume zeigt, dass auch nach 1997
sie weiter abgenommen. Das gilt ebenfalls für die Baumzahl. Ein Borkenkäferbefall eine Rolle in der WFF gespielt hat.

Aufnahmejahr Lebender Bestand Totholz


Baumart und
Differenz Stammzahl Grundfläche Volumen stehend liegend gesamt
[m2] [m3] Stammzahl [m3] [m3]
2018 425 15,2 88 276 57 101
Fichte
Diff. -16 -2,4 -26 16 44 22
2018 7 0,2 1 2 0 0
Birke
Diff. -2 0,0 0 -1 0 0
2018 <0,5 <0,5 <0,5 0 0 0
Eberesche
Diff. <0,5 <0,5 <0,5 0 0 0
2018 431 15,4 89 278 57 101
Summe
Diff. -18 -2,4 -26 15 44 22

Tab. 1: Mittelwerte der Probekreiserhebungen für den Derbholzbestand je Hektar im Jahr 2018 und Differenz zur ersten Inventur im Jahr 1997 (liegendes
Totholz wurde erst ab einem Mindestdurchmesser von 20 cm erfasst)
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4.2 Status und Entwicklung der Gehölzverjüngung Die mittleren Mortalitäts- und Einwuchsraten liegen in beiden
Mit durchschnittlich mehr als 3.800 Jungpflanzen je Hektar im Untersuchungsperioden auf einem ähnlichen und insgesamt
Jahr 2018 kann die Verjüngung des Baumbestandes der WFF sehr hohen Niveau (Tab. 3). Während von 1997 bis 2008 die
Bruchberg als gesichert angesehen werden (Tab. 2). Insgesamt Mortalität etwas höher war als der Einwuchs, gleichen sich
hat die Anzahl an Jungpflanzen in allen drei Höhenklassen von Einwuchs und Mortalität in der zweiten Perioden zwischen
1997 bis 2018 zugenommen. Zudem wird anhand des starken 2008 und 2018 aus.
Anstiegs in den Höhenklassen 0,5-2 m sowie >2 m erkennbar,
dass die Jungpflanzen aufwachsen. Daneben kommt es aber Untersuchungsperiode
Parameter
offensichtlich auch zur Etablierung neuer Individuen, da trotz 1997-2008 2008-2018
des Aufwachsens in die höheren Klassen auch die Anzahl der
unter 0,5 m hohen Pflanzen angestiegen ist. Der Anteil der Mortalität ha-1 a-1 12,1 ± 10,5 9,9 ± 11,8

Mischbaumarten in der Verjüngungsschicht ist sehr gering und Einwuchs ha-1 a-1 10,3 ± 10,5 9,9 ± 12,7
hat im Untersuchungszeitraum vor allem bei den Birken stark Veränderung der
-1,8 ± 16,3 0,03 ± 20,0
abgenommen. Einigen Ebereschen ist es gelungen, über eine Stammzahl ha-1 a-1
Höhe von 0,5 m aufzuwachsen, ohne jedoch die Grenze von 2 m Tab. 3: Mittelwerte und Standardabweichungen der Mortalitäts- und
Höhe überschreiten zu können. Einwuchsraten sowie der Veränderung der Stammzahl in den beiden
Untersuchungsperioden 1997-2008 und 2008-2018.

Anzahl Bäume je Hektar


Aufnahme- und Höhenklasse
Baumart
jahr Insgesamt findet im Baumbestand der WFF Bruchberg eine
<0,5 m 0,5-2,0 m >2,0 m Summe
sehr starke Veränderung statt. Durch Abgang und Zugang
1997 1.132 378 172 1.683 wird ein großer Teil des lebenden Baumbestandes ausgetauscht
Fichte
2018 1.566 1.513 699 3.778 (Abb. 2). Trotz dieses hohen Turnovers bleibt die Baumzahl
1997 349 14 0 363 nahezu konstant, da sich beide Prozesse weitgehend ausgleichen.
Birke
2018 68 1 0 69 Gegenüber dem Ausgangswert im Jahr 1997 (siehe Tab. 1) er-
1997 28 2 0 30 gibt sich nur eine geringe Änderung. Auch im Bestand der toten
Eberesche
2018 6 23 0 28 Bäume halten sich Abgang und Zugang in etwa die Waage.
1997 1.510 394 172 2.076
Summe
2018 1.639 1.537 699 3.875

Tab. 2: Mittlere Anzahl Bäume je Hektar in der Verjüngungsschicht (Bäume


< 7 cm Durchmesser in Brusthöhe, außer Keimlingen) in den Jahren
1997 und 2018.

4.3 Mortalität, Einwuchs und Nettoentwicklung


Die Dichte eines Baumbestandes verändert sich durch ver-
schiedene Prozesse. Hier sind insbesondere die Etablierung
und das Aufwachsen von Jungpflanzen, der Einwuchs in den
Derbholzbestand ≥ 7 cm Brusthöhendurchmesser (BHD)
sowie Mortalität und Zuwachs der Bäume des Derbholzbestan-
des zu nennen. Erst die Betrachtung der einzelnen Prozesse,
ihrer Abhängigkeit voneinander sowie von den ökologischen
Rahmenbedingungen führt zu einem Verständnis der Entwick-
lungsdynamik. Nachfolgend wird ausschließlich die Anzahl an Abb. 2: Veränderungsprozesse im lebenden und toten Baumbestand. Je
lebenden und toten Bäumen im stehenden Derbholzbestand je Untersuchungsperiode wird zwischen verbleibenden, hinzugekomme-
nen (Zugang) und absterbenden bzw. im Fall stehender toter Bäume
Hektar betrachtet. Die Auswertungen konzentrieren sich auf umfallenden und umbrechenden Bäumen (Abgang) unterschieden.
Einwuchs und Mortalität des Derbholzbestandes. Zugang und Verbleib ergeben zusammengenommen die Baumzahl
am Ende der Periode.
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Die Dynamik des lebenden Baumbestandes weist zudem eine 4.3.1 Einfluss der Flächengröße auf die Gleichgewichtsnähe
hohe kleinräumige Heterogenität in der WFF Bruchberg auf. Bei großen Unterschieden zwischen den einzelnen Probekreisen
Das zeigen die Raten von Einwuchs, Mortalität und Netto- gleichen sich Einwuchs und Mortalität auf der Gesamtfläche der
entwicklung für die einzelnen Probekreise (Abb. 3). Während WFF Bruchberg weitgehend aus. Über diese Feststellung hinaus
sich in der ersten Untersuchungsperiode noch viele Gruppen ist es für die Beurteilung der Störungs- und Regenerations-
von Probekreisen erkennen lassen, in denen einer der beiden dynamik interessant zu untersuchen, ab welcher Flächengröße
Prozesse vorherrscht, treten hohe Einwuchs- und Mortalitäts- ein solcher Gleichgewichtszustand eintritt. Um dieser Frage
raten in der Folgeperiode häufiger gleichzeitig auf einer Probe- nachzugehen, wurden benachbarte Probekreise zu Gruppen
fläche auf. unterschiedlicher Größe zusammengefasst. Es wurden nur dieje-
nigen Gruppen in die Auswertung einbezo-
gen, die sich nicht räumlich überlappten,
d.h. die keine gemeinsamen Probekreise
aufwiesen. Da das Ergebnis der Gruppen-
bildung davon abhängig war, mit welchem
Probekreis die erste Gruppe gebildet wurde,
sind 10 Varianten errechnet worden, um
eine zufällige Variation zu erreichen. Je
Variante ergaben sich 27-30 räumlich
getrennte Einzelflächen mit 2 Probekreisen
(Bezugsfläche 2 Hektar), 16-18 Einzelflä-
chen mit 3 Probekreisen (Bezugsfläche
3 Hektar), 10-13 Einzelflächen mit
4 Probekreisen usw. Ab einer Anzahl von
30 Probekreisen ließ sich in jeder Variante
nur noch eine zusammenhängende Einzel-
fläche bilden.

In einem dynamischen System ist ein


Gleichgewichtszustand dadurch gekenn-
zeichnet, dass sich auf- und abbauende
Prozesse die Waage halten. Bezogen auf die
Baumzahl im lebenden Derbholzbestand
kann die Nähe zu einem solchen Fließ-
gleichgewicht durch den Gleichgewichts-
quotienten GQ quantifiziert werden:

|EIN — MORT|
GQ = 1 —
EIN + MORT
wobei:

GQ = Gleichgewichtsquotient
EIN = Einwuchs ha-1 in der
Untersuchungsperiode
MORT = Mortalität ha-1 in der
Untersuchungsperiode
Abb. 3: Einwuchs, Mortalität und Nettoentwicklung der Stammzahl (weißer Kreis) je Hektar und Jahr
der einzelnen Probekreise in der ersten (oben) und zweiten (unten) Untersuchungsperiode.
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Die aus den 10 Varianten gemittelten GQ-Werte steigen mit


1997-2008 2008-2018
zunehmender Flächengröße zunächst bis zu einem Wert von
ca. 20 Hektar steil an (Abb. 4). In der ersten Untersuchungspe-
Parameter
riode von 1997 bis 2008 verändert sich GQ ab dieser Flächen-

Moran’s I

Moran’s I
Geary’s c

Geary’s c
größe nicht mehr. Mit einer Höhe von rund 0,9 wird jedoch
ein insgesamt hoher Wert erreicht: 90 % der Mortaliät werden
durch Einwuchs ausgeglichen. In der zweiten Untersuchungspe- Mortalität ha-1 a-1 -0,6 0,2 -1,2 2,1*
riode steigt GQ mit zunehmender Flächengröße weiter an. Bei
Einwuchs ha-1 a-1 -0,6 1,9 -3,4*** 4,1***
einem Wert von 70 Hektar wird ein Gleichgewichtszustand
erreicht. Veränderung der
-0,5 1,2 -2,6* 3,3*
Stammzahl ha-1 a-1
Tab. 4: Z-Werte der Kenngrößen Geary’s c und Moran’s I für die jährlichen
Mortalitäts-, Einwuchs- und Veränderungsraten der Stammzahl
je Hektar. Statistisch signifikante Ergebnisse werden anhand der
Anzahl an * angezeigt (Irrtumswahrscheinlichkeit p: * < 0,05,
** < 0,01, *** < 0,001).

4.3.3 Zeitliche Korrelation der Prozesse


Um zu klären, ob es eine Beziehung zwischen den Untersu-
chungsperioden im Sinne einer Selbstverstärkung (positive Kor-
relation) oder Dämpfung (negative Korrelation) gibt, wurden
Mortalität und Einwuchs der beiden Perioden gegeneinander
aufgetragen (Abb. 5). Für die Gesamtzahl der Probekreise lässt
sich weder eine positive noch ein negative Korrelation erkennen.
Abb. 4: Entwicklung des Gleichgewichtsquotienten in Abhängigkeit von der
Flächengröße in der ersten und zweiten Untersuchungsperiode. Der
Ausgleich erfolgte mit einer Spline-Funktion.
4.3.4 Bestimmungsgrößen von Mortalität und Einwuchs
Die Einwuchsraten sind ein Maß für die Geschwindigkeit der
4.3.2 Räumliche Korrelation der Prozesse Regeneration des Baumbestandes, während die Mortalitäts-
Mit einer Variogramm-Analyse (proc variogram unter SAS 9.4) raten die Stärke der Störung durch Windwurf und Borken-
wurde untersucht, ob Einwuchs, Mortalität und Nettoverände- käfer zum Ausdruck bringen. Mit einem allgemeinen linearen
rung der Stammzahl in den beiden Untersuchungsperioden eine Modell wurde der Einfluss verschiedener Umweltfaktoren auf
statistisch signifikante räumliche Korrelation aufweisen (Tab. 4). diese beiden Prozesse untersucht. Als potenziell bedeutsame
Eine fehlende räumliche Korrelation deutet darauf hin, dass die Umweltfaktoren gingen die Waldgesellschaft (WECKESSER et al.
untersuchten Prozesse kleinräumig unterschiedlich ablaufen. 2006), die Nährstoff- und Wasserversorgung nach der nieder-
Als Kenngrößen wurden Geary’s c und Moran’s I herangezogen. sächsischen forstlichen Standortkartierung, die Stammzahl und
Negative Z-Werte von Geary’s c und positive Z-Werte von Grundfläche je Hektar am Anfang der Periode, die Dichte an
Moran’s I zeigen eine positive räumliche Korrelation an. Ins- Jungpflanzen der Voraufnahme (nur für die Einwuchsraten), die
gesamt ergaben sich ausschließlich positive räumliche Korrela- Mortalitätsrate in der vorherigen und in der aktuellen Untersu-
tionen, die aber lediglich in der zweiten Untersuchungsperiode chungsperiode (nur für die Einwuchsraten) sowie die Werte von
und auch hier nur teilweise statistisch signifikant waren. Eine Einwuchs bzw. Mortalität der vorherigen Untersuchungsperiode
sehr deutliche positive räumliche Beziehung bestand zwischen (s.o. zeitliche Autokorrelation; nur für die Periode von 2008-
den Einwuchsraten der einzelnen Probekreise in der zweiten 2018 möglich) in die Modellbildung ein. Die Optimierung der
Untersuchungsperiode. Modelle erfolgte mit der Prozedur proc glmselect unter SAS
9.4.
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Abb. 5: Mortalität und Einwuchs in den beiden Untersuchungsperioden je Probekreis (N = Baumzahl).

Die Bestimtheitsmaße der vier Modelle lagen mit Werten In der ersten Untersuchungsperiode sinkt die Mortalität vom
zwischen 0,38 und 0,51 in einem mittleren Bereich (Tab. 5a-d). Reitgras-Fichtenwald auf Mineralbodenstandorten über den
Hinsichtlich der Einflussfaktoren unterscheiden sich die vier Torfmoos- zum Moor-Fichtenwald deutlich ab (Tab. 5a). Das
Modelle deutlich. Mit einer Erhöhung der Stammzahldichte dürfte auf die verbesserte Wasserversorgung bzw. den geringeren
geht in beiden Perioden eine starke Erhöhung der Mortalitätsra- Trockenstress entlang dieser Abfolge zurückzuführen sein.
ten einher (Tab. 5a und 5b). Dieser Befund kann als Ausdruck
eines vorwiegend störungsbedingten Absterbens interpretiert In der zweiten Untersuchungsperiode ist hingegen die Wald-
werden, das einen in etwa gleichen Anteil der Ausgangspopu- gesellschaft kein signifikanter Einflussfaktor. Stattdessen
lation betrifft. Hingegen wäre bei vorwiegend konkurrenzbe- verringert sich die Mortalitätsrate mit zunehmendem Einwuchs
dingtem Absterben eine Erhöhung der relativen Mortalität mit der Vorperiode (Tab. 5b). Vermutlich führt die höhere Zahl
zunehmender Stammzahldichte zu erwarten. jüngerer Bäume zu einer geringeren Anfälligkeit des Baum-
bestandes gegenüber Windwurf und Borkenkäferbfall, was als
Stabilisierungsprozess interpretiert werden kann.

Einwuchsrate ha-1 a-1


Stammzahl ha-1

Stammzahl ha-1

1997-2008
Fichtenwald

Fichtenwald

Fichtenwald
Torfmoos-
Reitgras-

Moor-
1997

2008

p25 = 3,6 p50 = 7,3 p75 = 12,7

p25 = 290 14 8 3 p25 = 220 7 5 2

p50 = 450 18 13 8 p50 = 400 12 10 7

p75 = 600 22 17 12 p75 = 610 19 17 14

Tab. 5a: Allgemeines lineares Modell für die Mortalitätsrate je Jahr und Hek- Tab. 5b: Allgemeines lineares Modell für die Mortalitätsrate je Jahr und Hek-
tar in der ersten Untersuchungsperiode (r2 = 0.4271). Dargestellt tar in der zweiten Untersuchungsperiode (r2 = 0.3867). Dargestellt
werden die Modellergebnisse für das 25 %-Perzentil (p25), den Me- werden die Modellergebnisse für das 25 %-Perzentil (p25), den
dian (p50) und das 75 %-Perzentil (p75) des Prädiktors Stammzahl Median (p50) und das 75 %-Perzentil (p75) der folgenden Prädik-
je Hektar im Jahr 1997 sowie der Waldgesellschaft. toren: Stammzahl je Hektar im Jahr 2008 und Einwuchsrate in der
Vorperiode 1997-2008.
M E Y E R , P. : N A T Ü R L I C H E D Y N A M I K M I T T E L E U R O P Ä I S C H E R F I C H T E N W Ä L D E R U N T E R D E M E I N F L U S S D E S K L I M A W A N D E L S | 41

Die Höhe der Einwuchsraten in der ersten Periode wird durch

Reitgras-Fichten-
> 2 m Höhe ha-1
drei Einflussfaktoren bestimmt (Tab. 5c). Mit verbesserter

Stammzahl ha-1

Moor-Fichten-
Tormoos- und
Jungpflanzen
Nährstoffversorgung steigt die Einwuchsrate deutlich an. So ist
eine sprunghafte Erhöhung zur Stufe „gering mesotroph“ fest-

2008

2008

wald

wald
zustellen. Zudem wird die Einwuchsrate durch die bereits vor-
handene Verjüngung positiv beeinflusst. Unklar bleibt, warum 220 20 6
die Mortalitätsrate einen negativen Einfluss auf den Einwuchs p25 = 0 400 18 3
hat. Möglicherweise ist auch der nachwachsende Bestand von
610 15 1
den Störungen betroffen.
220 22 7

p50 = 80 400 19 5

610 17 3

220 24 10
gering mesotroph
mäßig oligotroph
Mortalität ha-1 a-1
> 2 m Höhe ha-1

stark oligotroph
Jungpflanzen

p75 = 200 400 22 8


1997-2008

oligotroph

610 19 5
1997

Tab. 5d: Allgemeines lineares Modell für die Einwuchsrate je Jahr und Hektar
in der zweiten Untersuchungsperiode (r2 = 0.4667). Dargestellt
5 4 8 8 23
werden die Modellergebnisse für das 25 %-Perzentil (p25), den
p25 = 0 8 4 7 7 23 Median (p50) und das 75 %-Perzentil (p75) der folgenden Prädik-
toren: Anzahl an Jungpflanzen > 2 m Höhe je Hektar im Jahr 2008,
17 2 5 5 21 Stammzahl 2008 und der Waldgesellschaften Reitgras-Fichtenwald
und Torfmoos- und Moor-Fichtenwald.
5 6 9 9 25

p50 = 80 8 5 9 9 24

17 3 7 7 22 4.4 Heterogenität der Bestandesdichte


Anhand der Variationskoeffizienten der Dichte des lebenden
5 9 13 12 28
Baumbestandes kann beurteilt werden, wie sich die Heteroge-
p75 = 240 8 8 12 12 27 nität zwischen den 71 Probekreisen in der WFF Bruchberg von
1997 bis 2018 verändert hat (Tab. 6). Bei drei der vier Kenn-
17 6 9 8 23
größen ist es zu einer Erhöhung der Variabilität bis 2018 ge-
Tab. 5c: Allgemeines lineares Modell für die Einwuchsrate je Jahr und Hektar kommen. Nur bei der Stammzahldichte sinkt die Heterogenität
in der ersten Untersuchungsperiode (r2 = 0,5138). Dargestellt wer-
geringfügig. Dies kann als Ausdruck des Ausgleichs störungsbe-
den die Modellergebnisse für das 25 %-Perzentil (p25), den Median
(p50) und das 75 %-Perzentil (p75) der folgenden Prädiktoren: dingter Unterschiede durch Einwuchs interpretiert werden.
Anzahl an Jungpflanzen > 2 m Höhe je Hektar im Jahr 1997,
Mortalitätsrate und der Nährstoffversorgung.
Variationskoeffizient [%]
je Aufnahmejahr
Dichtekenngröße
Auch in der zweiten Periode wirken sich wiederum drei Ein-
flussfaktoren signifikant auf die Einwuchsraten aus (Tab. 5d). 1997 2008 2018
Auf den Mineralbodenstandorten des Reitgras-Fichtenwaldes
Stammzahl ≥ 7 cm BHD lebend ha-1 58 58 53
sind die Einwuchsraten sehr viel höher als im Torfmoos- und
Moor-Fichtenwald. Ein hohe Stammzahldichte zu Beginn der Grundfläche ≥ 7 cm BHD lebend ha-1 52 71 68
Periode dämpft den Einwuchs. Das deutet auf Konkurrenz Anzahl Jungpflanzen > 2 m ha-1 150 125 170
zwischen dem vorhandenen Derbholzbestand und dem Nach-
wuchs hin. Wie schon in der ersten Periode wirkt sich auch in Anzahl Jungpflanzen 0,5 – 2 m ha-1 105 149 139

der zweiten Periode die Höhe der Jungpflanzenzahl am Beginn Tab. 6: Variationskoeffizienten verschiedener Kenngrößen des lebenden
der Periode positiv auf die Einwuchsrate aus. Baumbestandes zu den drei Aufnahmezeitpunkten.
42 | M E Y E R , P. : N A T Ü R L I C H E D Y N A M I K M I T T E L E U R O P Ä I S C H E R F I C H T E N W Ä L D E R U N T E R D E M E I N F L U S S D E S K L I M A W A N D E L S

5. Diskussion und Schlussfolgerungen ist. Die Anfälligkeit des zukünftig stärker ungleichaltrigen
In der WFF Bruchberg greifen Störungen durch Stürme und Waldes gegenüber Störungen dürfte gering sein. Durch die
Borkenkäferbefall auf der einen Seite sowie die Regeneration erhebliche Totholzmenge steigt zudem die Wahrscheinlichkeit
des Baumbestandes in Form von Etablierung und Aufwachsen von Moderholzverjüngung (EICHRODT 1969, SVOBODA et al.
neuer Bäume auf der anderen Seite unmittelbar ineinander. Ent- 2010), was wiederum den Aufbau eines ungleichaltrigen, stark
gegen häufig geäußerter Befürchtungen ist der Bestand des Wal- strukturierten Folgebestandes fördert. Daher ist zu erwarten,
des trotz der dramatisch erscheinenden Störungen keineswegs dass der Wald der WFF Bruchberg eine erhöhte Resistenz und
gefährdet. Im Gegenteil: Heterogenität und Strukturvielfalt Resilienz bei zukünftigen Störungen besitzt. Selbst bei erhöh-
erhöhen sich (Abb. 6). Die zu beobachtenden Reaktionsmus- ter Störungsfrequenz und -intensität im Zuge des absehbaren
ter des Baumbestandes hängen sowohl vom Standort (Wald- Klimawandels dürfte sein Bestand nicht gefährdet sein.
gesellschaft, Nährstoffversorgung), den Ausgangsbedingungen
(Stammzahldichte, Vorverjüngung) als auch den Prozessen in Trotz der intensiven Störungen sind keine relevanten Anzeichen
der vorangegangenen Periode ab. Sie zeigen eine hohe Kom- einer Sukzession zu erkennen. Pionierbaumarten, wie insbe-
plexität und zeitliche Variabilität. sondere die Eberesche, spielen bei der Regeneration des Baum-
bestandes kaum eine Rolle. Die große potenzielle Bedeutung
Trotz intensiver Störungen befindet sich der Baumbestand der Eberesche in den Hochlagen-Fichtenwäldern des Harzes
weitgehend in einem Fließgleichgewicht zwischen Mortalität wird erst erkennbar, wenn ihre Verjüngung unter Ausschluss des
und Einwuchs. Dabei liegt die Mindestfläche, ab der ein solcher Schalenwildeinflusses betrachtet wird (MANN 2009, MEYER
Gleichgewichtszustand erreicht wird, bei nicht mehr als ca. 2014). Ebereschen werden zwar sehr effektiv durch Vögel aus-
20 Hektar. Dieser Wert entspricht den auch für Buchenwälder gebreitet, jedoch durch Rot- und Rehwild bevorzugt verbissen,
ermittelten Flächengrößen (KOOP 1982, KORPEL 1982, 1995). gefegt bzw. zerschlagen. Die Inventurdaten der Gehölzverjün-
Die bisherigen Störungen haben nicht nur die strukturelle Viel- gung in der WFF Bruchberg zeigen, dass diese Baumart bei den
falt, sondern auch die Resilienz erhöht, indem es zu einer räum- gegenwärtigen Schalenwildbeständen kaum Entwicklungsmög-
lich heterogenen Verjüngung des Baumbestandes gekommen lichkeiten hat. Der Einfluss des Störfaktors Schalenwild ist

Abb. 6: Die Wollreitgras-Fichtenwälder am Bruchberg sind durch Borkenkäferbefall auf größerer Fläche zusammengebrochen. Liegendes und stehendes Totholz
sowie die beginnende Verjüngung schaffen einen strukturreichen und gleichzeitig halboffenen Wald. Foto: Peter Meyer.
M E Y E R , P. : N A T Ü R L I C H E D Y N A M I K M I T T E L E U R O P Ä I S C H E R F I C H T E N W Ä L D E R U N T E R D E M E I N F L U S S D E S K L I M A W A N D E L S | 43

offenbar wesentlich bedeutsamer als der von Stürmen und MEYER, P., LORENZ, K., MÖLDER, A., STEFFENS, R., SCHMIDT,
Borkenkäferbefall, da das Baumartenspektrum hierdurch stark W, KOMPA, T. & WEVELL VON KRÜGER, A. (2015):
reduziert wird. Das dürfte neben der Eberesche auch für andere Naturwälder in Niedersachsen – Schutz und Forschung,
vom Wild bevorzugte Laubbaumarten gelten. Band 2. Leinebergland Druck, Alfeld (Leine), 396 S.

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Es zeigt sich, dass die Naturwaldentwicklung den Bestand des
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Academy of Sciences 108: 17905–17909.
und heterogen verteilte Naturverjüngung gewährleistet und
offenbar ein hohes Maß an struktureller Heterogenität mit sich SPELLMANN, H., SUTMÖLLER, J. & MEESENBURG, H. (2007):
bringt. Diese Entwicklung hat insgesamt positive Auswirkungen Risikovorsorge im Zeichen des Klimawandels. AFZ-Der
auf die Diversität der Lebensgemeinschaften. Wald 62: 1246-1249.

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Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt
dern. Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz 12: 27-36.
Sachgebiet Waldnaturschutz/Naturwaldforschung
MEYER, P. & FRICKE, C. (2018): Probekreisinventuren in nie- Grätzelstr. 2
dersächsischen Naturwäldern. Download unter: https:// D-37079 Göttingen
www.nw-fva.de/index.php?id=229 Peter.Meyer@nw-fva.de
44 | G R O S S M A N N , M . : N AT I O N A L PA R K U N D N AT U R A 2 0 0 0 – E I N W I D E R S P R U C H ?

MANFRED GROSSMANN, Bad Langensalza

Nationalpark und Natura 2000 – ein Widerspruch?


Umsetzung der Natura 2000-Erhaltungsziele im
Nationalpark Hainich (Thüringen)

1. Kurzvorstellung des Nationalparks Hainich ßeren und kleineren Gebüschen und Gehölzgruppen, angren-
Der Hainich, ein rund 16.000 ha umfassender Höhenzug im zend großflächige Verbuschungsflächen, die in die flächenmäßig
Westen Thüringens, liegt zentral in Deutschland im Dreieck dominierenden arten- und strukturreichen Laubholzbestände
der Städte Mühlhausen, Eisenach und Bad Langensalza in einer mit hohem Totholzanteil übergehen.
Höhenlage von 225-490 m ü. NHN. Er ist fast vollständig von
Laubwäldern bedeckt und gilt damit als das größte zusammen- Die Standortverhältnisse im Hainich mit dem Ausgangsgestein
hängende Laubwaldgebiet in Deutschland. Am 01.10.1996 Muschelkalk begünstigen die Buche, die rund 60 % des Waldbe-
beschloss die Thüringer Landesregierung ein „Integriertes standes einnimmt. Die Niederschläge liegen bei 550 bis 800 mm
Schutzkonzept für den Hainich“. Ein Ziel darin war die Aus- pro Jahr. Zumindest im Frühjahr sind die nährstoffreichen
weisung eines Nationalparks. Das Nationalparkgesetz trat am Böden gut durchfeuchtet und ermöglichen eine üppige Blüten-
31.12.1997 in Kraft. Der Nationalpark Hainich nimmt mit pracht am Waldboden.
einer Größe von 7.500 ha den Südteil des Höhenzuges ein. Schon bei der Gründung des Nationalparks lagen durch den
Vorrangiges Ziel ist die großflächig ungestörte Entwicklung der hohen Anteil naturnaher Waldbestände und das Fehlen groß-
dortigen buchendominierten Laubwälder. Der Nationalpark flächiger künstlicher Nadelholzbestände gute Voraussetzungen
ist in seiner Gesamtheit seit 2002 bzw. 2007 als FFH- und für eine natürliche Entwicklung vor. Der letzte Laubholz-
Vogelschutzgebiet nach der europäischen Fauna-Flora-Habitat- einschlag fand Anfang 1998 statt. Bis 2007 wurden noch die
Richtlinie und der EG-Vogelschutzrichtlinie gemeldet. Er ist wenigen Nadelholzbestände genutzt (Flächenanteil 1998 ca.
eingebettet in den rund 80.000 ha großen Naturpark Eichsfeld- 4,7 %, 2010 ca. 2,8 %). Heute beträgt der Anteil ungenutzter
Hainich-Werratal. Aufgrund seiner Lage – der geografische Flächen im Nationalpark 94 %, allerdings findet noch auf knapp
Mittelpunkt Deutschlands liegt in unmittelbarer Nachbarschaft 50 % eine Wildbestandsregulierung statt. Mit Schafen beweidet
zum Nationalpark – und seiner sehr naturnahen Waldbereiche werden derzeit 6 % der Nationalparkfläche (ca. 450 ha). Mit
wirbt der Nationalpark Hainich mit dem Slogan „Urwald mitten über 5.000 ha weist der Hainich die größte nutzungsfreie Laub-
in Deutschland“. waldfläche in Deutschland auf. 2011 wurde der Hainich Teil der
Der Südhainich, die Fläche des jetzigen Nationalparks, diente UNESCO-Welterbestätte „Buchenurwälder der Karpaten und
über Jahrzehnte als militärischer Übungsplatz. Da Teilbereiche Alte Buchenwälder Deutschlands“ (Abb. 2).
forstlich kaum genutzt wurden, konnten sich hier in den letzten
50 Jahren Waldbestände entwickeln, die natürlichen Wäldern –
bei uns längst verschwunden – vermutlich sehr nahe kommen.
Durch Kahlschläge entstanden aber auch große Freiflächen, auf
denen sich jetzt ein beeindruckender Wiederbewaldungsprozess
abspielt. Die Schießbahnen wurden seinerzeit durch Schafbe-
weidung offengehalten; diese Beweidung findet – flächenmäßig
deutlich reduziert – weiterhin statt. Die aktuelle Biotopkartie-
rung weist 71 % Wald und 29 % Offenland aus (Abb. 1). Der
Nationalpark Hainich präsentiert sich heute als ein Lebens-
raummosaik, bestehend aus Magerrasen in den Randbereichen,
die durchsetzt sind mit zahlreichen Kleingewässern sowie grö-
G R O S S M A N N , M . : N AT I O N A L PA R K U N D N AT U R A 2 0 0 0 – E I N W I D E R S P R U C H ? | 45

Abb. 1: Karte der Waldbiotoptypen im Nationalpark Hainich (Erfassung 2008).

Abb. 2: Urwaldartige Waldbestände im Nationalpark Hainich, Teil einer UNESCO-Welterbestätte. Foto: R. Biehl.
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2. Rechtliche Rahmenbedingungen die vielfältigen Laubwald- und Offenlandökosysteme der natürlichen


Für das Handeln der Nationalparkverwaltung ist der im Dynamik. Das Erlebnis der ungestörten Natur für alle Menschen
Thüringer Gesetz über den Nationalpark Hainich in § 3, Abs. 1 und die Vermittlung von Wissen über die Natur sind besonderes
formulierte Schutzzweck maßgeblich: Anliegen. Die Entwicklung der Lebensgemeinschaften wird wissen-
„Schutzzweck des Nationalparks ist es, den Südteil des Hainich schaftlich beobachtet…“.
von menschlichen Einflüssen weitgehend freizuhalten, um die
Vielfalt, besondere Eigenart und hervorragende Schönheit der in Im Hinblick auf die Umsetzung von Natura 2000 erfolgte im
Mitteleuropa einzigartigen großflächigen zusammenhängenden und Zuge der Erstellung des Nationalparkplans eine Verträglich-
naturnahen Laubmischwälder des Hainich, die Lebensstätten seines keitsprüfung mit folgendem Ergebnis:
artenreichen Tier- und Pflanzenbestands und der aus diesen Arten „Auf Grund der langen Entwicklungszeiträume von Wald-Lebens-
bestehenden Lebensgemeinschaften in ihrer Dynamik zu erhalten, raumtypen besteht in den nächsten 10 Jahren kein Handlungserfor-
einer natürlichen Entwicklung zuzuführen und Beeinträchtigungen dernis. Dies gilt auch für daran gebundene Waldarten (Anhang II
fernzuhalten. Die Errichtung des Nationalparks dient insbesondere FFH-RL sowie Vogelarten). Erhaltungsziele des Offenlandes (LRT
der Sicherung und Herstellung eines weitgehend ungestörten Ablaufs und Arten) sind vorerst in der Schutzzone 2 abzusichern. Weitere
der Naturprozesse sowie der Erhaltung und Regeneration naturna- Festlegungen bleiben der FFH-Managementplanung vorbehalten.“
her Waldbestände. Der Nationalpark dient auch einer umweltscho-
nenden naturnahen Erholung, der Entwicklung des Fremdenver- Zum damaligen Zeitpunkt (2010) war davon auszugehen, dass
kehrs, soweit dies mit dem Schutzzweck im Übrigen vereinbar ist, es in Kürze die FFH-Managementplanung gibt. Tatsächlich
der Umweltbildung sowie der Forschung.“ steht sie aber noch heute (2019) aus. In Abstimmung mit dem
Thüringer Umweltministerium wurde daher vereinbart, dass bei
Aufgrund der Meldung des Nationalparks an die EU als Teil der anstehenden Aktualisierung des Nationalparkplanes gleich-
des FFH- und Vogelschutzgebietes 4828-301 „Hainich“, das mit zeitig der FFH-Managementplan für den Südteil des Hainich
seiner Fläche von ca. 15.000 ha nahezu den gesamten Hainich (= Nationalpark und näheres Umfeld) erstellt und integraler
umfasst, wurde der o.g. Absatz des Nationalparkgesetzes 2003 Bestandteil des Nationalparkplans wird. Damit sollen Zielkon-
ergänzt: flikte einer Klärung zugeführt werden.
„(1a) Wesentliche Bestandteile des Nationalparks sind natürliche
Lebensräume und Arten von gemeinschaftlichem Interesse nach den
Anhängen I und II der Richtlinie 92/43/EWG des Rates vom 3. Arten und Lebensräume der FFH-Richtlinie und Vogel-
21. Mai 1992 zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der schutzrichtlinie im Nationalpark Hainich
wild lebenden Tiere und Pflanzen (ABl. EG Nr. L 206 S. 7) in der Zur Umsetzung von Natura 2000 wurde 2008 die Thüringer
jeweils geltenden Fassung. Der Nationalpark hat im Hinblick auf die Natura 2000-Erhaltungsziele-Verordnung erlassen, die für
Umsetzung der Richtlinie 92/43/EWG besondere Bedeutung für das Gesamtgebiet „Hainich“ folgende Lebensräume und Arten
1. folgende Lebensräume: nennt:
Schlucht- und Hangmischwälder, Auenwälder mit Alnus glutino- „Lebensräume: temporär wasserführende Karstseen und -tümpel,
sa und Fraxinus excelsior (prioritäre Lebensräume), Hainsimsen- Trespen-Schwingel-Kalk-Trockenrasen (besondere Bestände mit
Buchenwald, Waldmeister-Buchenwald, Labkraut-Eichen- bemerkenswerten Orchideen), Kalktuffquellen, Schlucht- und Hang-
Hainbuchenwald, naturnahe Kalk-Trockenrasen und deren mischwälder, Moorwälder, Auenwälder mit Erle, Esche und Weide
Verbuschungsstadien sowie (prioritäre Lebensräume), nährstoffarme bis mäßig nährstoffreiche,
2. folgende Arten: kalkhaltige Stillgewässer mit Armleuchteralgen, Wacholderheiden,
Gelbbauchunke, Kammmolch, Skabiosen-Scheckenfalter, Bech- Trespen-Schwingel-Kalk-Trockenrasen, feuchte Hochstaudenfluren,
steinfledermaus, Großes Mausohr. kalkreiche Niedermoore, Waldmeister-Buchenwälder, Orchideen-
Die Festsetzung als Nationalpark dient auch dazu, für die in Kalk-Buchenwälder, Sternmieren-Stieleichen-Hainbuchenwälder,
Satz 2 genannten Lebensraumtypen und Arten einen günstigen Labkraut-Traubeneichen-Hainbuchenwälder
Erhaltungszustand zu sichern.“ Arten: Gelbbauchunke, Kammmolch, Skabiosen-Scheckenfalter,
Mopsfledermaus, Bechsteinfledermaus, Großes Mausohr, Kleine
Auf der Basis des gesetzlichen Auftrages wurde im National- Hufeisennase
parkplan 2010 (erste Überarbeitung des bereits 2001 vom Vogelarten nach Anhang I der Richtlinie 79/409/EWG: Birk-
Ministerium gebilligten Planes) folgendes Leitbild für den huhn, Grauspecht, Halsbandschnäpper, Heidelerche, Mittelspecht,
„Urwald mitten in Deutschland“ formuliert: Neuntöter, Rohrweihe, Rotmilan, Schwarzmilan, Schwarzspecht,
„Im Nationalpark Hainich bleibt die Natur sich selbst überlassen. Schwarzstorch, Sperbergrasmücke, Wachtelkönig, Wespenbussard,
Im Sinne des Mottos „Urwald mitten in Deutschland“ unterliegen Wiesenweihe, Zwergschnäpper“.
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In den letzten Jahren gelangen im Nationalpark außerdem noch – Fledermauskundliche Inventarisierung im Nationalpark
Nachweise folgender Arten von Anhang II der FFH-Richtlinie: 1999-2006 und spezielle Untersuchungen zur Bechstein-
Schmale Windelschnecke (Vertigo angustior), Große Moosjunger fledermaus 2004-2006
(Leucorrhinia pectoralis), Grünes Besenmoos (Dicranum viride) – Amphibien- und Libellen-Monitoring seit 2004
und Rogers Kapuzenmoos (Orthotrichum rogeri). – Erhebungen im Rahmen des Natura 2000-Monitoring seit
2011
Durch gezielte Erfassungen und Kartierungen sowie auch durch – Untersuchung zum Bestand, der Populationsstruktur, dem
die Forschungstätigkeit im Nationalpark konnte der Kenntnis- Wanderverhalten und der Habitatnutzung der Gelbbauch-
stand zu den Erhaltungszielen im Natura 2000-Gebiet erheblich unke 2014 sowie Fortführung des Monitorings seit 2017
verbessert werden. Besonders bedeutsam in diesem Zusammen- – Untersuchungen zum Vorkommen und zum Bestand des
hang sind: Skabiosen-Scheckenfalters seit 2015
– Offenlandbiotopkartierung 2004 (mit Hinweisen zu den – Erfassung der Vorkommen der Schmalen Windelschnecke
vorkommenden Lebensraumtypen) 2015
– Waldbiotopkartierung (1. Fortschreibung und Aktualisie- – Offenland-Lebensraumtypen-Kartierung (inkl. 1. Fort-
rung) 2008-2010 schreibung und Aktualisierung der OBK von 2004, 2015
– Ornithologische Erfassungen und Monitoring-Projekte (ins- und 2016).
besondere das Integrierte Monitoring Singvögel, Monitoring
Greifvögel & Eulen und Specht-Monitoring)

Ergebnisse der aktuellen Kartierungen (in ha)


davon
LRT-Code LRT-Bezeichnung FFH 36 davon
außerhalb innerhalb
gesamt
NLP NLP Zone 1 Zone 2a* Zone 2b*
Natürliche eutrophe Seen mit einer Vegetation des Magnopotamions
3150 4,12 0,26 3,86 2,70 1,10 0,06
oder Hydrocharitions
Flüsse der planaren bis montanen Stufe mit Vegetation des
3260 9,58 9,58 ---
Ranunculion fluitantis und des Callitricho-Batrachion
5130 Formationen von Juniperus communis auf Kalkheiden und -rasen 58,37 22,90 35,47 22,14 6,04 7,29
6110* Lückige basophile oder Kalk-Pionierrasen (Alysso-Sedion albi) 0,07 0,02 0,05 0,05
Naturnahe Kalk-Trockenrasen und deren Verbuschungsstadien (Festu-
6210* 0,65 0,28 0,37 0,37
co-Brometalia) - besondere Bestände mit bemerkenswerten Orchideen
Naturnahe Kalk-Trockenrasen und deren Verbuschungsstadien
6210 589,06 68,96 520,10 321,07 50,02 149,01
(Festuco-Brometalia)
Pfeifengraswiesen auf kalkreichem Boden, torfigen und
6410 1,29 --- 1,29 1,09 0,20
tonig-schluffigen Böden (Molinion caeruleae)
Feuchte Hochstaudenfluren der planaren und montanen
6430 1,32 --- 1,32 0,53 0,79
bis alpinen Stufe
Magere Flachland-Mähwiesen
6510 543,28 116,51 426,77 12,65 140,81 273,31
(Alopecurus pratensis, Sanguisorba officinalis)
6520 Berg-Mähwiesen 0,39 0,39 ---
7220* Kalktuffquellen (Cratoneurion) 0,02 0,02 ---
7230 Kalkreiche Niedermoore 0,01 --- 0,01 0,01
8160* Kalkhaltige Schutthalden der collinen bis montanen Stufe Mitteleuropas 1,34 0,04 1,30 1,30
8210 Kalkfelsen mit Felsspaltenvegetation 0,47 0,40 0,07 0,07
9130 Waldmeister-Buchenwald (Asperulo-Fagetum) 8.155,0 5.033,8 3.121,2 2.815,1 306,1
Mitteleuropäischer Orchideen-Kalk-Buchenwald
9150 10,0 5,2 4,8 4,8
(Cephalanthero-Fagion)
Subatlantischer oder mitteleuropäischer Stieleichenwald oder
9160 17,1 --- 17,1 17,1
Eichen-Hainbuchenwald (Carpinion betuli)
9170 Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum) 280,3 70,0 210,3 166,1 44,2
9180* Schlucht- und Hangmischwälder (Tilio-Acerion) 4,5 2,3 2,2 1,4 0,8
Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior
91E0* 28,0 12,4 15,6 12,3 3,3
(Alno-Padion, Alnion incanae, Salicion albae)
Tab. 1: FFH-LRT nach Anhang 1 der FFH-Richtlinie im Natura 2000-Gebiet Hainich insgesamt und im Nationalpark (differenziert nach den Zonen).
Zone 1: Kernzone; Zone 2: Nutzungszone, untergliedert in die Flächen, die aktuell genutzt werden (Zone 2b) und die Flächen, auf denen zurzeit keine
Nutzung stattfindet (Zone 2a).
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Abb. 3: Karte der Verbreitung des FFH-LRT 6210 „Naturnahe Kalk-Trockenrasen und deren Verbuschungsstadien“. Die prioritäre Ausbildung des LRT
(rote Punkte) beschränkt sich auf drei sehr kleine, in den Wald eingebettete Vorkommen.

Als ein Ergebnis dieser Erfassungen können heute sehr genaue


Angaben zu den relevanten Lebensraumtypen (LRT) im Natio-
nalpark gemacht werden (Tab. 1). Die Tabelle zeigt auch den
großen Flächenanteil von Kalk-Trockenrasen, mit Schwerpunkt
im Südteil des Nationalparks (Abb. 3, 4). Insgesamt wurden im
Nationalpark 16 FFH-LRT festgestellt.

4. Zielkonflikte bei Arten und Lebensräumen


Der Nationalpark Hainich wäre von Natur aus vollständig mit
Laubwald bestockt. Abb. 5 zeigt die potenziell natürliche Vege-
tation des Nationalparks, Tab. 2 die Flächenanteile der einzel-
nen Waldgesellschaften.
Durch die vollständige Einbeziehung des Nationalparks in
das Schutzgebietsnetzwerk Natura 2000 – ohne differenzier-
te Betrachtung und Abstimmung der Schutzinhalte – ist der
nachfolgend beschriebene Zielkonflikt entstanden, der bis dato
besteht. Mit der Meldung des Hainich als FFH-Gebiet und
Vogelschutzgebiet besteht die Verpflichtung, dass die maßgeb-
lichen, hier vorkommenden LRT und Arten in einem günstigen
Abb. 4: Großflächige Kalk-Trockenrasen im Südteil des Nationalparks Erhaltungszustand zu sichern sind. Für die Realisierung dieses
Hainich. Foto: M. Großmann. Zieles ist teilweise die Beibehaltung oder Wiederaufnahme der
G R O S S M A N N , M . : N AT I O N A L PA R K U N D N AT U R A 2 0 0 0 – E I N W I D E R S P R U C H ? | 49

Abb. 5: Karte der potenziell natürlichen Vegetation des Nationalparks Hainich.

entsprechenden Nutzung bestimmter Flächen notwendig. Nur


Waldgesellschaften der potenziell Fläche Anteil an der so können die LRT und Arten gesichert werden, deren Existenz
natürlichen Vegetation (ha) NLP-Fläche (%) an anthropogene Nutzungen bzw. durch solche Nutzungen
geprägte Standorte bzw. Habitate gebunden ist. Die Erhaltung
Waldgersten-Buchenwald 4.857,3 64,5
nutzungsabhängiger LRT und Arten war im Bereich des Natio-
Waldgersten-Buchenwald mit Übergang nalparks aber zunächst kein Ziel. Laut Nationalparkgesetz von
626,9 8,3
zum Orchideen-Buchenwald 1997 sollte ausschließlich „der weitgehend ungestörte Ablauf der
Orchideen-Buchenwald 4,7 0,1 Naturprozesse sowie die Erhaltung und Regeneration natur-
naher Waldbestände“ gewährleistet werden; dies schließt ein
Waldmeister-Buchenwald 1.746,2 23,3
Vorkommen dieser Lebensräume und Arten langfristig aus.
Winterlinden-Buchenmischwald 86,4 1,1

Flattergras-Buchenwald / Waldmeister- Der Zielkonflikt wird auf den Nationalpark fokussiert, da die
42,6 0,6
Buchenwald nutzungsabhängigen LRT und die Habitate der Arten im dop-
Hainmieren-Erlenwald 97,5 1,3 pelt so großen Natura 2000-Gebiet Hainich nicht gleichmäßig
verteilt sind, sondern zum weit überwiegenden Anteil in den
Walzenseggen-Erlenbruchwald 42,7 0,6
meist infolge der militärischen Nutzung entstandenen Offen-
Eschen-Erlen(sumpf )wald 4,7 0,1 landbereichen des Nationalparks vorkommen. Ein weiteres gra-
vierendes Problem ist hierbei, dass diese Offenlandflächen nicht
Eschen-Bergahorn-Hang- und Schluchtwald 4,0 0,1
durch traditionelle Bewirtschaftung entstanden sind, sondern
Gesamt 7.513,0 100,0 durch die militärische Nutzung (z. B. Befahrung mit schweren
Tab. 2: Waldgesellschaften (Grundeinheiten) der potenziell natürlichen Fahrzeugen, Beschuss, Brände etc.). Ein Wiedereinführen oder
Vegetation und deren Flächenanteile im Nationalpark Hainich. Imitieren der militärischen Nutzung ist faktisch unmöglich und
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naturschutzfachlich bedenklich (z. B. künstliches Herbeiführen


von Bodenverwundungen und Verdichtungen, was im Allgemei-
nen als „Schäden in der Landschaft“ einzustufen wäre).

Für Waldlebensräume und die hier vorkommenden Arten ist


folgende Entwicklung zu erwarten:
– Die Erhaltung der Buchenwald-LRT (9130, 9150) in Um-
fang und Qualität ist gewährleistet bzw. die LRT werden im
Laufe der Zeit sowohl flächenmäßig noch deutlich zuneh-
men als sich auch qualitativ (bezüglich Totholz und Sonder-
strukturen) verbessern.
– Wälder auf Sonderstandorten, d.h. Schlucht- und Hang-
mischwälder (9180) sowie Auenwälder mit Esche und Erle
(91E0), werden sich ebenfalls leicht bzw. deutlich entspre-
chend den natürlichen Möglichkeiten flächenmäßig und
qualitativ positiv entwickeln.
– Langfristig verschwinden werden die Eichen-Hainbuchen-
wälder (kartiert LRT 9160 mit 17 ha und LRT 9170 mit Abb. 6: Zielkonflikt im Nationalpark Hainich sowie drei Lösungsvorschläge
(Szenarien).
210 ha), da sich hier Buchenwälder durchsetzen werden
(vgl. Abb. 5).

Für die Anhang II-Arten Großes Mausohr, Bechsteinfledermaus Datenlage die Prüfung erleichtert, welchen Status Vorkommen
und Mopsfledermaus sowie die Waldarten der Vogelschutz- im Nationalpark haben und ob es sich aus übergeordneter Sicht
richtlinie (z. B. Spechte) werden sich tendenziell die Verhältnisse um signifikante Vorkommen handelt.
verbessern.
Gemeinsam mit der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und
Die Offenlebensräume würden über einen mehr oder weniger Geologie wurden drei Lösungsvorschläge (Szenarien) für die
langen Zeitraum vollständig verschwinden, da es sich hier um weitere Entwicklung der Nationalparkfläche entwickelt. Die
FFH-LRT und Habitate solcher Arten handelt, die vollständig drei Szenarien unterscheiden sich anhand der unterschiedlichen
oder teilweise nutzungsabhängig sind. Konkret betrifft dies im Gewichtung der beiden divergierenden Ziele
Hainich insbesondere folgende LRT bzw. Arten: a. Bewahrung der vorhandenen Offenland-Lebensräume und
– Natürliche eutrophe Seen (3150) -Arten und
– Naturnahe Kalk-Trockenrasen und deren Verbuschungs- b. Wildnis-Entwicklung auf möglichst großer Fläche.
stadien (6210) Je höher das eine Ziel gewichtet wird, desto weniger kann das
– Magere Flachland-Mähwiesen (6510) andere Ziel realisiert werden (siehe Abb. 6), d. h. es muss eine
– Wacholder-Heiden (5130) räumliche Priorisierung der Ziele erfolgen.
– Gelbbauchunke
– Skabiosen-Scheckenfalter
– Sperbergrasmücke 5.1 Szenario 1
– Neuntöter. Die Zielsetzung des Nationalparks, langfristig auf möglichst gan-
zer Fläche eine Wildnis-Entwicklung zuzulassen bzw. zu gewähr-
leisten („Urwald mitten in Deutschland“), bleibt bestehen und
5. Lösungsszenarien hat oberste Priorität. Die nutzungsfreie Fläche von derzeit 94 %
Auf der Basis des zwischenzeitlich deutlich verbesserten Kennt- ist mittelfristig zu sichern, eine langfristige Erhöhung auf 100 %
nisstandes über Vorkommen und Verbreitung der relevanten ist zu gegebener Zeit zu prüfen. Die innerhalb des National-
Arten und Lebensräume hat die Nationalparkverwaltung parks derzeit vorhandenen Vorkommen von ganz oder teilweise
versucht, Prioritäten zu setzen und machbare Lösungen zu ent- nutzungsabhängigen LRT und Arten gemäß Anhang I und II
wickeln. Dabei wurden die Listen der Arten und Lebensräume der FFH-RL bzw. Anhang I sowie Art. 4 (2) der Vogelschutz-
kritisch geprüft, um herauszuarbeiten, für welche von ihnen der richtlinie werden infolge der Nutzungsaufgabe langfristig zu
Nationalpark tatsächlich landesweit (oder darüber hinaus) Ver- großen Teilen wegfallen. Zur Gewährleistung der Kohärenz der
antwortung für deren Erhalt trägt. Auch hier hat die verbesserte Natura 2000-Schutzgebietskulisse muss dieser Verlust durch
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die zielgerichtete Entwicklung geeigneter Flächen außerhalb des dern umgesetzt werden oder sogar völlig außerhalb des Natura
Nationalparks kompensiert werden. 2000-Gebietes „Hainich“.

5.2 Szenario 2 Zur Umsetzung dieses Szenarios wird auf den zurzeit landwirt-
Im Nationalpark soll künftig auf 90 % der Fläche eine natürliche schaftlich genutzten Flächen in der Zone 2 (ca. 450 ha) eine an
Entwicklung zugelassen bzw. gewährleistet werden. Auf 10 % den Erhaltungszielen ausgerichtete Bewirtschaftung fortgeführt;
der Nationalparkfläche sollen langfristig durch zielgerichtete teilweise ist eine Anpassung der Art und Weise der Bewirtschaf-
Maßnahmen zur Offenhaltung hier vorhandene Vorkommen von tung an bestimmte naturschutzfachliche Erfordernisse zu prüfen
ganz oder teilweise nutzungsabhängigen LRT und Arten gemäß und ggf. umzusetzen, z. B. Einsatz anderer Tierarten (bisher nur
Anhang I und II der FFH-RL bzw. Anhang I und Art. 4 (2) der Schafe, zukünftig auch Rinder und Pferde denkbar). Zielarten
Vogelschutzrichtlinie gesichert werden. Dadurch ist bei diesem bei den Offenlandflächen sind hier vor allem Gelbbauchunke,
Szenario zwar die Erhaltung der hier vorkommenden nutzungs- Skabiosen-Scheckenfalter, Neuntöter und Sperbergrasmücke.
abhängigen Offenland-LRT in Teilen möglich, immer aber mit Zusätzlich ist auf 300 ha zur Zeit nicht genutzter Offenland-
erheblichen Flächenverlusten verbunden (u.a. ca. 62 % bei LRT flächen der Zone 2 eine an den naturschutzfachlichen Erforder-
5130 und ca. 58 % bei LRT 6210). Wichtige – wenn auch nicht nissen ausgerichtete Bewirtschaftung wieder aufzunehmen; im
alle – Habitate von Gelbbauchunke, Skabiosen-Scheckenfalter, Vorfeld sind hierbei auf Teilflächen Entbuschungsmaßnahmen
Neuntöter und Sperbergrasmücke bleiben erhalten, so dass notwendig. Durch dieses Szenario können aber nicht alle derzeit
langfristig Populationen dieser Arten im Nationalpark vor- vorhandenen Vorkommen von ganz oder teilweise nutzungsab-
kommen und somit als Ausgangspunkt für die Besiedlung von hängigen LRT und Arten gemäß Anhang I und II der FFH-RL
geeigneten Flächen im Umfeld dienen können. bzw. Anhang I der Vogelschutzrichtlinie erhalten werden. Die
durch die Nutzungsauflassung auf 90 % der Nationalparkfläche
entstehenden Verluste sollen durch die zielgerichtete Entwick-
5.3 Szenario 3 lung geeigneter, langfristig gesicherter Flächen außerhalb des
Im Nationalpark soll künftig auf ca. 85 % der Fläche eine natür- Nationalparks kompensiert werden. Inwiefern Kompensations-
liche Entwicklung zugelassen bzw. gewährleistet werden. Auf maßnahmen dabei hinreichend erfolgversprechend sein können,
15 % der Nationalparkfläche sollen langfristig durch zielgerichtete muss flächenscharf und abhängig von dem betroffenen Schutz-
Maßnahmen zur Offenhaltung die hier vorhandenen Vorkom- gut diskutiert werden. Im Rahmen des FFH-Monitorings
men von ganz oder teilweise nutzungsabhängigen LRT und Arten unterliegen die wertbestimmenden Arten und Lebensräume
gemäß Anhang I und II der FFH-RL bzw. Anhang I und Art. 4 einer Beobachtung; ggf. sind hieraus auch Änderungen für das
(2) der Vogelschutzrichtlinie gesichert werden. Dadurch ist die zukünftige Management abzuleiten.
Erhaltung eines Großteils der Flächen der hier vorkommenden
Offenland-LRT möglich (u.a. 100 % von LRT 5130, ca. 85 % von Zusammenfassend ist für den Nationalpark Hainich festzuhal-
LRT 6210 und ca. 99 % von LRT 6510). Ebenso bleiben alle be- ten:
deutsamen Habitate von Gelbbauchunke, Skabiosen-Schecken- – Der Nationalpark kann nicht alle Arten, die bei seiner
falter, Neuntöter und Sperbergrasmücke erhalten, so dass Gründung vorkamen, im damaligen Umfang erhalten; dies
langfristig Populationen dieser Arten im Nationalpark vorkom- ist auch nicht Zielsetzung.
men werden und somit als Ausgangspunkt für die Besiedlung von – Selbst Einzelvorkommen hochgradig gefährdeter Arten bzw.
geeigneten Flächen in Umfeld dienen können. Zur Realisierung Arten mit besonderer Verantwortung (jenseits von Natura
dieses Szenarios ist es erforderlich, die derzeitige Zonierung des 2000) können nicht in allen Fällen als gesichert betrach-
Nationalparks zu ändern. ten werden (Beispiel: Nachweis einer Art aus der Gruppe
Sumpf-Löwenzahn in der Kernzone, einziges Vorkommen
in Thüringen).
6. Fazit und Ausblick – Bei Arten und Lebensräumen der FFH-Richtlinie bzw.
Die Abstimmung innerhalb der Naturschutzverwaltung ergab Vogelarten der Vogelschutzrichtlinie, die mit „Natur Natur
als favorisierte Lösung des Zielkonfliktes das Szenario 2, d. h. sein lassen“ verschwinden würden, aber von erheblicher Be-
90 % Wildnis und 10 % Erhaltung von Offenlandflächen. Die deutung sind, gilt es, langfristig tragfähige und umsetzbare
grundsätzliche Ausrichtung des Nationalparks hin zur Wildnis Konzepte zu entwickeln (z. B. extensive Weidenutzung);
(„Urwald mitten in Deutschland“) bleibt bestehen. Ein Eingriff auch dabei wird es nicht möglich sein, ehemals festgestellte
in Waldbestände erfolgt nicht; Maßnahmen für die Erhaltung Zustände (hier z.T. durch Militär entstanden) 1:1 zu über-
von Eichen-Hainbuchenbeständen müssen daher außerhalb des tragen.
Nationalparks im Natura 2000-Gebiet in den Wirtschaftswäl-
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Abb. 7: Nationalparkumfeld auf der Ostseite: großflächige Ackernutzung bis an die Nationalparkgrenze. Foto: D. Mey.

– Zielsetzung ist es, langfristig das Umfeld zu verbessern: Imitieren der Auswirkungen früherer militärischer Nutzung,
Pflege und Entwicklung bereits bestehender wertvoller z. B. Befahren von Nassstellen mit schweren Fahrzeugen,
Lebensräume, Entwicklung neuer wertvoller Lebensräume, kritisch zu hinterfragen (massive Bodenzerstörung, dauer-
Extensivierung der Nutzung, Schaffung von Pufferflächen. hafte Eingriffe erforderlich).
Dies ist allerdings angesichts der derzeitigen Rahmenbedin- – Die Probleme der Erhaltung von Offenland liegen nicht
gungen und der großflächigen Ackernutzung vor allem auf in der Konkurrenz zu Wildnisgebieten, sondern in der
der Ostseite bis an die Nationalparkgrenze (Abb. 7) ein sehr Gesamtsituation der Landwirtschaft, wo weiterhin wertvolle
anspruchsvolles Unterfangen. Offenlandflächen verschwinden. Hier ist die EU-Agrar-
politik gefordert, bessere Rahmenbedingungen zu schaffen.
Abschließend einige grundsätzliche Gedanken und Anmerkun- Ohne rentable landwirtschaftliche Betriebe wird eine Um-
gen zur dargestellten Problematik: setzung von Managementzielen im Offenland nicht gelingen.
– Fehlende bzw. fehlerhafte Kartierungen führen zu falschen
Zielen, was die Wichtigkeit genauer und aktueller Kartie- Natura 2000 ist, trotz aller Schwächen, ein grundsätzlich
rungen unterstreicht. hervorragender Ansatz und zu begrüßen. Natura 2000 darf
– Fehlende Prioritätensetzung und die Nicht-Beachtung der aber nicht rein statisch betrachtet werden, sondern muss als ein
langfristigen Konsequenzen von Festlegungen kann zu Pro- dynamisches Konzept weiterentwickelt werden.
blemen bei der Umsetzung führen (im Falle des National-
parks z. B. durch Aufnahme von Eichen-Hainbuchenwäldern
oder des Birkhuhns in die Liste der Schutzziele). Anschrift des Autors:
– Bei der Festlegung von Naturschutzmaßnahmen ist deren Manfred Großmann
Sinnhaftigkeit auf Dauer zu prüfen. Dabei ist die Fortfüh- Nationalparkverwaltung Hainich
rung bzw. Wiederaufnahme einer traditionellen Landnut- Bei der Marktkirche 9
zung zu bejahen, wo Naturschutzmaßnahmen in tragfähige 99947 Bad Langensalza
Nutzungskonzepte eingebunden sind. Dagegen ist das Manfred.Grossmann@NNL.thueringen.de
B A U M A N N , K . & P E R T L , C . : A U S W I R K U N G E N D E R N AT U R D Y N A M I K A U F D E N E R H A LT U N G S Z U S TA N D V O N F I C H T E N W Ä L D E R N | 53

KATHRIN BAUMANN, Wernigerode & CAREN PERTL, St. Andreasberg

Auswirkungen der Naturdynamik auf den


Erhaltungszustand von Fichtenwäldern
(FFH-LRT 9410) und dort vorkommender
wertgebender Arten der Vogelschutzrichtlinie
im Nationalpark Harz

1. Einleitung der natürlichen Dynamik erfolgen, nachdem insbesondere in


Der Nationalpark Harz umfasst vier FFH- und zwei EU-Vogel- Höhenlagen von 700-750 m ü. NHN teilflächig vorher fehlende
schutzgebiete, deren wertgebende Lebensraumtypen (LRT) Begleitbaumarten (v.a. Rotbuche, seltener Eberesche) einge-
und Arten als Erhaltungsziele in den beiden Nationalparkgeset- bracht worden sind.
zen festgeschrieben sind. Der LRT 9410 (Montane bis alpine
bodensaure Fichtenwälder [Vaccinio-Piceetea]) ist innerhalb Das Zulassen der natürlichen Dynamik in Fichtenwald-Öko-
des Nationalparks der Lebensraumtyp mit der größten Ausdeh- systemen ist generell mit dem verstärkten Auftreten von Borken-
nung und kommt in den FFH-Gebieten „Nationalpark Harz käfern (v.a. Buchdrucker Ips typographus) verbunden. In Zeiten
(Niedersachsen)“ (4129-302) und „Hochharz“ (4229-301) vor. des Klimawandels werden Borkenkäfer durch die erhöhten
Zu diesem LRT gehören alle nicht vermoorten Fichtenbestände Temperaturen, aber auch die Folgen von Sturm- oder Dürre-
oberhalb von ca. 700 m ü. NHN, die sich derzeit zu rund 80 % ereignissen begünstigt. Im Nationalpark Harz hat all dies dazu
in der Naturdynamikzone befinden. Hier soll dargelegt werden, geführt, dass bis Ende 2017 rund 25 % der Fichtenbestände in
wie sich die Naturdynamik auf den Erhaltungszustand des LRT der Naturdynamikzone oberhalb 700 m ü. NHN abgestorben
und der wertgebenden Vogelarten auswirkt. waren. Vom flächigen Buchdruckerbefall sind Bestände ab ca.
60-70 Jahren betroffen, in besonderem Maße aber Altbestände
(> 100 Jahre): Von diesen waren Ende 2017 rund 38 % abge-
2. Erhaltungszustand des LRT 9410 (Montane bis alpine storben.
bodensaure Fichtenwälder)
Zum LRT 9410 gehören zum größeren Teil noch stark forstlich Die Bewertungsmatrix der Wald-Lebensraumtypen und auch
geprägte Fichtenbestände, die in der Zeit vor der National- des LRT 9410 ist so ausgelegt, dass das Idealbild einem Urwald
parkausweisung begründet und bewirtschaftet worden sind. entspricht. So werden bei den Habitatstrukturen vielfältig
Deutlich kleinflächiger finden sich naturnahe Wälder und im vertikal und horizontal geschichtete Wälder mit einem hohem
Brockengebiet auch urwaldartige Wälder. Offenbar aufgrund Altholzanteil und einer großen Zahl von Habitatbäumen und
der überwiegend forstlichen Prägung und der als ungünstig starkem Totholz als „hervorragend“ (A) bewertet, wogegen
eingeschätzten Altersverteilung wurde der Erhaltungszustand strukturarme, „aufgeräumte“ und dementsprechend artenarme
des LRT bei der Meldung beider FFH-Gebiete als „mittel bis Forsten als ungünstig (C) eingestuft werden. Im diesbezüglich
schlecht“ (C) eingestuft. Der Nationalparkverwaltung obliegt „strengen“ niedersächsischen Schema (DRACHENFELS 2012,
nun die Aufgabe, den LRT in einen günstigen Zustand (A oder vgl. Tab. 1) bedingt eine C-Bewertung aller drei Teilkriterien der
B) zu überführen. Dies soll im Wesentlichen durch Zulassen Habitatstrukturen auch eine entsprechende Bewertung der
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Beeinträchtigungen und damit auch insgesamt eine C-Einstu- Bereich ehemaliger Altersklassenbestände mit Erhaltung des
fung. Daraus folgt, dass nahezu alle forstlich geprägten und nicht Totholzes“ handelt. Sind noch „ausreichende Anteile von vitalen
von Borkenkäfern befallenen Bestände mit einem Alter < 100 Baumholzbeständen (nicht ganzflächig abgestorben)“ vorhan-
Jahren in einem ungünstigen Zustand sind. Einen A-Zustand den, liegt keine bewertungsrelevante Beeinträchtigung vor (A).
haben dagegen altholzreiche Bestände mit Lücken durch umge-
stürzte oder abgestorbene Bäume, mit entsprechenden Totholz- Die Betrachtung der von Borkenkäfern befallenen Wälder auf
mengen, lebenden Habitatbäumen (z. B. Bäume mit Höhlen, Bestandesebene ergibt in Anwendung des niedersächsischen
morschen Astabbrüchen, abplatzender Rinde oder stärkerem Schemas je nach Alter und Ausgangszustand ein differenzier-
Bewuchs mit epiphytischen Kryptogamen) und nachwachsen- tes Bild: Bei ursprünglich mit A bewerteten strukturreichen
den Bäumen unterschiedlichen Alters. Die am besten erhaltenen Altbeständen führt ein flächiges Absterben zwangsläufig zu
Fichtenwälder befinden sich dementsprechend im Brockenge- einer Abwertung nach B, weil sich die Altholzanteile und die
biet oberhalb von rund 950-1.000 m ü. NHN im sogenannten Zahl der Habitatbäume erheblich reduzieren oder sogar gar
„Brockenurwald“, weil hier örtlich schon lange vor Ausweisung nicht mehr vorhanden sind. Dies bedingt eine Abwertung der
des Nationalparks keine forstlichen Maßnahmen mehr erfolgt Habitatstrukturen nach C und der Beeinträchtigungen nach
sind und zudem durch häufigen Schneebruch sowie Windschur B. Bei ursprünglichen B-Beständen dürfte sich in den meis-
die Entstehung von Habitatbäumen und Totholz begünstigt ten Fällen keine Zustandsveränderung ergeben; zwar geraten
wird. die Habitatstrukturen insgesamt in einen C-Zustand, doch
aufgrund der hohen borkenkäferbedingten Totholzanteile (A)
Insofern ist offensichtlich, dass sich das Zulassen der natür- resultiert auch hier zunächst keine C-Einstufung der Beein-
lichen Dynamik grundsätzlich positiv auf den Zustand des LRT trächtigungen. Ursprünglich mit C bewertete strukturarme
9410 auswirkt. Welche Folgen jedoch das flächige Absterben Altersklassenforsten < 100 Jahren können dagegen durch
von Fichtenwäldern infolge des Borkenkäferbefalls hat, wird teils Borkenkäferbefall eine Zustandsverbesserung erfahren. Dies ist
kontrovers diskutiert. Im niedersächsischen Bewertungsschema der Fall, wenn das massenhaft anfallende Totholz eine bewer-
(DRACHENFELS 2012, vgl. Tab. 1) sind – anders als im sachsen- tungsrelevante Dimension hat und infolge dessen nicht mehr
anhaltischen Schema (LANDESAMT FÜR UMWELTSCHUTZ alle drei Teilkriterien der Habitatstrukturen mit C zu bewerten
SACHSEN-ANHALT 2014) – „Beeinträchtigungen der Struktur sind; damit entfällt der Automatismus der o.g. C-Bewertung der
durch Holzeinschläge und Kalamitäten“ als ein Teilkriterium Beeinträchtigungen und damit auch des Gesamtzustands.
der Beeinträchtigungen aufgeführt. Danach sind „größere
Waldschadensflächen im Bereich ehemaliger Altersklassenbe- Die Auswirkung der aktuellen Borkenkäferentwicklungen auf
stände mit weitgehender Beseitigung des Totholzes“ mit C zu den Zustand des LRT auf Gebietsebene wird folgendermaßen
bewerten; derartige Maßnahmen finden im Nationalpark auf eingeschätzt: Grundsätzlich ist Borkenkäferbefall als Element
Borkenkäferflächen in der Naturdynamikzone nicht statt. Hier der natürlichen Fichtenwalddynamik eher positiv als negativ zu
ist schlimmstenfalls eine geringe bis mäßige Beeinträchtigung bewerten, weil im Nationalpark strukturarme Altersklassen-
(B) gegeben, da es sich um „größere Waldschadensflächen im forsten mittleren Alters (typische C-Bestände) dominieren und

Habitatstrukturen A B C
Mindestens 3 Mindestens 2
Waldentwicklungsphasen Waldentwicklungsphasen, Waldentwicklungsphasen, Altholz < 20 %
Altholz > 35 % Altholz 20-35 %
Lebende Habitatbäume > 6 Stück/ha 3 - < 6 Stück/ha < 3 Stück/ha

Starkes Totholz > 3 Stämme/ha >1-3 Stämme/ha < 1 Stamm/ha

Beeinträchtigungen A B C
starke Auflichtungen
keine oder nur kleinflächige mäßige
oder Kahlschläge
Auflichtungen Auflichtungen
starke Defizite bei Alt- u. Totholz
kaum Defizite bei Alt- u. Totholz mäßige Defizite bei Alt- u. Totholz
Beeinträchtigung der Struktur durch u. Habitatbäumen
u. Habitatbäumen u. Habitatbäumen
Holzeinschläge und Kalamitäten
größere Waldschadensflächen im
ausreichende Anteile von vitalen größere Waldschadensflächen im
Bereich ehemaliger Altersklassen-
Baumholzbeständen Bereich ehemaliger Altersklassen-
bestände mit Beseitigung des
(nicht ganzflächig abgestorben) bestände mit Erhaltung des Totholzes
Totholzes

Tab. 1: Relevante Passagen des niedersächsischen Bewertungsschemas für den FFH-LRT 9410, nach DRACHENFELS (2012), gekürzt und vereinfacht.
B A U M A N N , K . & P E R T L , C . : A U S W I R K U N G E N D E R N AT U R D Y N A M I K A U F D E N E R H A LT U N G S Z U S TA N D V O N F I C H T E N W Ä L D E R N | 55

Abb. 1: Die dem FFH-LRT 9410 zuzuordnenden strukturarmen Altersklassenforsten mittleren Alters haben grundsätzlich einen ungünstigen Erhaltungszu-
stand (C). Foto: K. Baumann.

Abb. 2: Der reich strukturierte urwaldartige Wald am Brocken mit seinem hohen Alt- und Totholzanteil stellt den Idealtyp des FFH-LRT 9410 dar. Foto: K.
Baumann.
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deshalb auf größerer Fläche eine Verbesserung von C nach B werden. Es ist überwiegend deckungsgleich mit dem nieder-
erfolgt als eine Verschlechterung von A nach B. Solange auf sächsischen Teil des Nationalparks sowie dem o.g. FFH-Gebiet
Gebietsebene noch hinreichend Altholz und/oder bewertungs- „Nationalpark Harz (Niedersachsen)“ und umfasst daher nicht
relevantes Totholz vorhanden ist, ist generell von einer Zu- nur Fichtenwälder der LRT 9410 und 91D0, sondern u. a. auch
standsverbesserung von C nach B auszugehen. Die langfristige Buchenwälder der LRT 9110 und 9130. Die entscheidenden
Perspektive muss allerdings offen bleiben (s.u.). Lebensräume von Wanderfalke und Schwarzstorch sind im Na-
tionalpark Harz bislang keine Fichtenwälder und das Auerhuhn
Fest steht, dass ein Verzicht auf die naturdynamische Entwick- kommt mittlerweile im Harz nicht mehr vor (SIANO & PERTL
lung den Zustand des LRT 9410 nicht verbessern würde. Die 2018). Aus diesem Grund werden hier nur die Bestandsent-
Bekämpfung flächigen Borkenkäferbefalls ist immer mit dem wicklungen der beiden Eulenarten sowie des Schwarzspechts
Einschlag und dem Räumen der Befallsflächen verbunden. dargestellt und mit dem Zulassen der Naturdynamik in den
Ständige forstliche Eingriffe wären erforderlich und würden eine Fichtenwäldern des LRT 9410 in Zusammenhang gesetzt.
permanente Störung des Fichtenwald-Ökosystems bedeuten.
Resultat der Borkenkäferbekämpfung wäre mindestens eine Der Sperlingskauz ist ein typischer Nadel- und Mischwaldbe-
starke Beeinträchtigung der betroffenen Bestände, bei größeren wohner und siedelt in höheren Dichten innerhalb Niedersachsens
Einschlagsflächen nicht verjüngter Bestände sogar (wenigstens und Sachsen-Anhalts u. a. im Harz (KOLBE , KRÜGER et al.
vorübergehend) der Verlust der LRT-Eigenschaft. ). Als Nachnutzer von Buntspechthöhlen ist er für Bruten
unter natürlichen Bedingungen, also ohne die Nutzung künst-
Unabhängig von allen formalen Zustandsermittlungen steht licher Bruthilfen, auf ein ausreichendes Höhlenangebot ange-
außer Frage, dass sich aus den zusammengebrochenen ehema- wiesen, welches sich hauptsächlich in Altbeständen befindet. Für
ligen Altersklassenforsten struktur- und artenreichere Wälder die Jagd auf seine Beutetiere, vor allem Mäuse und Kleinvögel,
entwickeln werden. Die natürliche Verjüngung wird ungleich- benötigt er lichtere Bereiche. Deckungsreiche Tageseinstände sind
altrig erfolgen und es werden insgesamt weniger dichte Wälder für den vor allem dämmerungsaktiven Vogel genauso wichtig.
entstehen. Am Bruchberg, wo bereits in den späten 1990er
Jahren größere Bereiche durch Borkenkäferfraß abgestorben Im Harz gelang ein Brutnachweis erstmals 1992 (WIESNER et
sind, kann man diese Entwicklung schon heute gut erkennen. al. 1992). Der Standarddatenbogen (SDB) mit Stand 1996 gibt
Wie die Zukunft der Fichtenwälder des Harzes im weiter fort- für das VSG eine Populationsgröße von 10 Revierpaaren (RP)
schreitenden Klimawandel aussehen wird, lässt sich allerdings an. ZANG (2002) nennt für das Gebiet Bestandsschwankun-
schwer prognostizieren. Die nach den aktuellen Borkenkäfer- gen von 3-17 Revieren. Im Jahr 2008 wurden in Teilbereichen
entwicklungen aufwachsenden, stärker strukturierten Bestände (ca. 80 %) des VSG Kleineulen untersucht und 23 Reviere
mit unterschiedlichen Stammdicken werden vermutlich an- des Sperlingskauzes erfasst (MITSCHKE 2008). Bei der ersten
ders als heute nicht flächig vom Buchdrucker befallen werden. flächendeckenden Kartierung des gesamten VSG im Jahr 2015
Vielmehr ist anzunehmen, dass sich der Befall auf die jeweils wurden 60 Reviere des Sperlingskauzes ermittelt (PERTL &
älteren Baumkohorten beschränkt und die jüngeren erhalten SANDKÜHLER 2017), wobei diese deutlich höhere Revierzahl
bleiben. Im schlechtesten Fall könnten die Fichten perspekti- nicht durch Reviervorkommen in den 2008 nicht untersuchten
visch überwiegend gar nicht mehr die Altersphase erreichen, Gebieten zustande kam. Höhere Siedlungsdichten wurden vor
wenn der durch weiter ansteigende Temperaturen begünstigte allem in den Bereichen Bruchberg, Ackerhöhenzug, Achtermann
Buchdrucker ständig in hohen Abundanzen präsent ist. Die und südwestlich Richtung Odertal erfasst, die größtenteils von
Verschiebung der natürlichen Fichtenwaldgrenze nach oben Fichtenwäldern der hier eng verzahnten LRT 9410 und LRT
und ein Nachrücken von Buchenwäldern sind im Zuge des 91D0 geprägt werden. Betrachtet man ausschließlich die in der
Klimawandels ohnehin zu erwarten. Dies würde letztlich eine Naturdynamikzone (Stand 01.01.2016) gelegenen Fichten-
Reduktion der Fläche des LRT 9410 zugunsten des LRT 9110 wälder, so waren 2008 insgesamt neun und im Jahr 2015 23
(Hainsimsen-Buchenwald) bedeuten. Sperlingskauzreviere bekannt (Abb. 3). Obwohl ohne eine
jährlich durchgeführte Kartierung Populationsschwankungen
nur schwer einzuschätzen sind, scheint sich die Siedlungsdichte
3. Erhaltungszustand der wertgebenden Vogelarten der Sperlingskäuze in einem Zeitraum erhöht zu haben, der
Die in beiden Vogelschutzgebieten des Nationalparks Harz von zunehmendem Borkenkäferbefall infolge des Zulassens
wertbestimmenden Vogelarten sind Raufuß- und Sperlings- der Naturdynamik gekennzeichnet ist. Die Hypothese, dass
kauz, Schwarzspecht, Wanderfalke, Schwarzstorch und Auer- die Naturdynamik in den Fichtenwäldern der Nationalpark-
huhn. Im Folgenden soll das EU-Vogelschutzgebiet (VSG) hochlagen förderlich für den von Strukturreichtum abhängigen
V53 „Nationalpark Harz“ (4229-402) beispielhaft betrachtet Sperlingskauz ist, wird mit den vorliegenden Zahlen gestützt.
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Abb. 3: In den Fichtenwald-LRT der Naturdynamikzone (Stand 01.01.2016) erfasste Sperlingskauzreviere in den Jahren 2008 (MITSCHKE 2008) und 2015
(PERTL & SANDKÜHLER 2017).

Raufußkäuze siedeln hauptsächlich in überwiegend alten, 2015 deutlich mehr Raufußkäuze am Ackerhöhenzug und
reich strukturierten Wäldern mit ausreichendem Angebot an in dessen östlichen Anschlussbereichen sowie am Bruchberg
Schwarzspechthöhlen zur Brutanlage. Auch diese Art benötigt und bei Torfhaus vor. Auch in diesen Gebieten haben sich die
deckungsreiche Tageseinstände und lichtere Jagdflächen. Fichtenbestände in der jüngeren Vergangenheit durch Zulassen
MANNES (1986) geht davon aus, dass diese Eulenart schon der Naturdynamik und den damit verbundenen Borkenkäfer-
immer zu den typischen Brutvögeln in den mittleren und befall zu struktur- und insbesondere totholzreicheren Wäldern
höheren Lagen des Harzes gehörte. Nach dem ersten Brutnach- entwickeln können. Betrachtet man wiederum ausschließlich die
weis 1959 in Braunlage (BERNDT & SCHULZ 1964) wurde im in der Naturdynamikzone befindlichen Fichtenwald-LRT 9410
SDB mit Stand 1996 eine Populationsgröße von 25 RP ange- und 91D0, wurden 2008 sechs Reviere erfasst, 2015 mit 21
geben. Im Jahr 2008 wurden auf ca. 80 % der VSG-Fläche 25 Revieren mehr als das Dreifache (Abb. 4). Es ist davon auszuge-
Reviere erfasst (MITSCHKE 2008), bei der flächendeckenden hen, dass die positive Entwicklung der Raufußkauzpopulation
Kartierung des VSG im Jahr 2015 waren es bereits 82 Reviere im Nationalpark Harz mit diesen für die Art so wichtigen
(PERTL & SANDKÜHLER 2017). Im Vergleich zu 2008 kamen Habitatveränderungen zusammenhängt.
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Abb. 4: In den Fichtenwald-LRT der Naturdynamikzone (Stand 01.01.2016) erfasste Raufußkauzreviere in den Jahren 2008 (MITSCHKE 2008) und 2015
(PERTL & SANDKÜHLER 2017).

Die Kartierungen beider Eulenarten haben auch gezeigt, dass wohingegen ZANG (1986) noch angibt, der Schwarzspecht
sich die Vögel, mindestens die revieranzeigenden Männchen, brüte im Harz in der Regel selten über 700 m ü. NHN. Of-
häufig in von Borkenkäfern befallenen Fichtenbeständen auf- fensichtlich sind durch die naturdynamischen Entwicklungen
halten. Die Eulen fanden sich sowohl in bereits vor mehreren in den generell oberhalb von 700 m ü. NHN gelegenen Fich-
Jahren als auch in frisch abgestorbenen Beständen. tenwäldern des LRT 9410 für den Schwarzspecht geeignete
Habitatstrukturen mit Alt- und Totholzanteilen und verbesser-
Schwarzspechte besiedeln in der Regel großflächige, überwie- tem Nahrungsangebot entstanden.
gend geschlossene Wälder mit hohem Alt- und Totholzanteil.
Als Brut- und Schlafbäume werden solche mit freiem Anflug Wie sich die Situation der Käuze und des Schwarzspechts im
genutzt (Abb. 5). Bei der Kartierung des gesamten VSG wurden fortschreitenden Klimawandel mittel- bis langfristig entwickeln
im Jahr 2015 58 Schwarzspechtreviere abgegrenzt (PERTL & wird, ist ebenso schwer zu prognostizieren wie die Zukunft der
SANDKÜHLER 2017). Die Art war flächendeckend vorhanden, Fichtenwälder insgesamt (s.o.).
B A U M A N N , K . & P E R T L , C . : A U S W I R K U N G E N D E R N AT U R D Y N A M I K A U F D E N E R H A LT U N G S Z U S TA N D V O N F I C H T E N W Ä L D E R N | 59

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60 | K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N

GUNTER KARSTE, Wernigerode

Zonierung in Nationalparken - zeitweise


notwendig oder ein Dauerzustand zur
Legitimation ständigen Tuns?

1. Einleitung Woran wird der Naturwert gemessen? Ist die wertgebende


Bereits die Überschrift dieses Beitrags verdeutlicht, dass es uns Art für ein Ökosystem tatsächlich die bedrohte Spezies oder
Menschen schwer fällt, einfach nur Betrachter der biologischen ist es eher die, die den Charakter des Lebensraumes beein-
Prozesse zu sein, die in den unterschiedlichsten Lebensräumen flusst? Ist die Ringdrossel im Harz wirklich wertbringender als
unserer Nationalparke ablaufen. der Borkenkäfer oder die Alpenspitzmaus wertvoller als der
Es fällt schwer, den Zustand der Biotope und der hier statt- Rothirsch? Diese Diskussion ist zugegebenermaßen sehr alt,
findenden Prozesse nicht zu bewerten, keine „Zensuren“ zu sie wird auf den unterschiedlichsten Ebenen inhaltlich sehr
vergeben oder eben die Flächen nicht in Zonen einzuteilen differenziert geführt und wahrscheinlich nie beendet werden.
(BÄSSELER et al. 2011). Daher gibt es in Europa nur wenige In Nationalparken sollten aber keine Wertigkeiten vergeben
Nationalparke, die nicht gegliedert sind und in denen die direk- werden, da es hier um die biologischen Prozesse an sich und
ten anthropogenen Einflüsse auf das Gebiet so wenig sichtbar nicht um die Arten im Speziellen geht. So fordert die IUCN für
werden wie in Abb. 1 zu erkennen. Aber selbst Hochgebirgsnati- Nationalparke, ungestörte biologische Prozesse auf möglichst
onalparke mit einem hohen Grad an Naturnähe werden in fünf großer Fläche. Auf mindestens 75 % der Gesamtfläche, dürfen
Zonen eingeteilt. So wurde das Nationalparkgebiet der Bellu- z. B. keine z. B. Biotoppflege- oder Artenschutzmaßnahmen
neser Dolomiten in Flächen mit „äußerst hohem“, „sehr hohem“, durchgeführt werden. Spätestens 30 Jahre nach Ausweisung
„hohem“, „durchschnittlichem“ und „mäßigem“ Naturwert des Nationalparks muss dieses Ziel erreicht sein (EUROPARC
unterteilt. Für verwaltungstechnische Abläufe können entspre- DEUTSCHLAND 2008, 2013).
chende Gliederungen sicher hilfreich sein. Andererseits bereiten
derartige Unterteilungen jedem Ökologen Bauchschmerzen.
2. Zonierungswirrwarr in Nationalparken Mitte der
1990er Jahre
Nach dem Mauerfall in der damaligen DDR und der Wie-
dervereinigung Deutschlands 1990 existierten mit einem
Schlag zehn Nationalparke im Land: 1970 und 1978 machten
die Bayern mit den Nationalparken Bayerischer Wald und
Berchtesgaden den Anfang, 1985/86 folgten das Schleswig-
Holsteinische und Niedersächsische Wattenmeer und 1990
das Hamburgische Wattenmeer. Die Ausweisung der National-
parke Müritz, Vorpommersche Boddenlandschaft, Jasmund,
Sächsische Schweiz und Hochharz waren 1990 Bestandteil des
Wiedervereinigungsvertrages.

Da man in den neuen Bundesländern nur wenig Erfahrung


mit der Schutzgebietskategorie Nationalpark hatte, waren die
Aufbaustäbe der einzelnen Gebiete für die Beratung durch die
Abb. 1: Nur wenige Nationalparke in Europa sind, wie der norwegische Kollegen vom ersten deutschen Nationalpark Bayerischer Wald
Jotunheimen, nicht in Zonen unterteilt. Foto: G. Karste. dankbar. Diese hatten allerdings Sorge, dass mit der Integration
K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N | 61

anthropogen überprägter Flächen eine Inflation bei der Auswei-


sung von Nationalparken eintreten könnte. Wäre andererseits
die Brockenkuppe, die 1990 einer militärischen Festung glich,
nicht Bestandteil des Nationalparks Hochharz geworden, wäre
die flächige Renaturierung des höchsten Harzberges kaum mög-
lich gewesen (Abb. 3, KARSTE 2014).

Unstrittig ist, dass die Ausgangssituationen in den einzelnen


Gebieten sehr unterschiedlich waren. Vergleicht man zum Bei-
spiel die Naturausstattung des Nationalparks Berchtesgaden mit
der des Nationalparks Hochharz, stellt man fest, dass in erste-
rem die Forderung der IUCN nach einem hohen Grad an Na-
turnähe weitestgehend erfüllt war. Im Nationalpark Hochharz
waren dagegen die Spuren menschlichen Wirkens überall sicht-
Abb. 2: Die Ausweisung von fünf Nationalparken als Bestandteil des Wie- bar, womit nicht nur die Grenzbefestigungsanlagen, sondern
dervereinigungsvertrags ist u. a. (von links nach rechts) den Herren
auch die gepflanzten Fichtenforste gemeint sind (Abb. 4). Um
Dr. Stein, Müller Helmbrecht, Prof. Knapp, Prof. Succow, Meßner,
Dr. Wegener, Dr. Reichhoff und Dr. Böhnert zu verdanken. hier wenigstens eine Fläche von 6.000 ha zum Nationalpark-
Foto: G. Karste. gebiet erklären zu können, war die Einbeziehung der naturfer-

Abb. 3: Die im Jahr 1990 noch einer militärischen Festung gleichende Abb. 4: Die anthropogenen Einflüsse im Nationalpark Hochharz waren nicht
Brockenkuppe (oben) wurde nach Ausweisung des Nationalparks nur entlang des Grenzstreifens erkennbar. Foto: Archiv National-
Hochharz renaturiert (unten). Fotos: Archiv Nationalparkverwal- parkverwaltung Harz.
tung Harz.
62 | K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N

nen Fichtenforste nötig. Der Kompromiss, der die Integration


Kern- Pflege- Entwick- Erho- Enkla-
der anthropogen überprägten Flächen möglich machte, hieß Nationalpark
zone zone lungszone lungszone ven
Zonierung. Diese ist aber nur dann vertretbar, wenn das Ziel
Prozessschutz auf 75 % der Fläche nach mindestens 30 Jahren Hochharz I IIb IIa nein
angestrebt und umgesetzt wird (WEGENER & KARSTE 1991). Jasmund I IIb IIa III ja

Müritz Ia, Ib II II ja
Wünschenswert ist allerdings eine in allen Nationalparken ein-
heitliche Nomenklatur mit einheitlichen Inhalten. Da dies 1993 Sächsische Schweiz I II II III nein
noch nicht so war, schrieb Strunz (1993) aus dem Bayerischen
Vorpommersche
Wald den Artikel „ Über Sinn und Unsinn von Zonierungen in I II II ja
Boddenlandschaft
Nationalparken“. In diesem Beitrag nahm er besonders die Zo-
Tab. 1: Zonierung der 1990 im Zuge des ostdeutschen Großschutzgebietspro-
nierungskonzepte der fünf Nationalparke in den neuen Bundes- grammes ausgewiesen fünf Nationalparke (jeweils laut Nationalpark-
ländern unter die Lupe (Tab. 1). Hierbei kam er zu der Erkennt- verordnung).
nis: „Zugegebenermaßen erscheinen die unterschiedlich verwen-
deten Zonierungsbegriffe dem Außenstehenden - und nicht nur diesem Grund wurde hier der Begriff „Entwicklungsnational-
diesem - chaotisch“. In der Tat kann man feststellen, dass sich park“ eingeführt. Erst 2002, acht Jahre nach Ausweisung des
die Heterogenität der Initiatoren (Abb. 2) auf die Vielfalt der Nationalparks Harz in Niedersachsen, wurde im Rahmen der
Nationalparkzonen übertrug. Auch der Nationalpark Hoch- Novellierung des BNatschG der Status Entwicklungsnational-
harz war sehr kreativ bei der Namensvergabe (Tab. 1): Knapp park rechtlich abgesichert (SCHERFOSE 2014).
6.000 ha wurden in drei Zonen mit je zwei unterschiedlichen
Namen eingeteilt. Auch im entstehenden Nationalpark Harz Geht man davon aus, dass in den unterschiedlichen Zonen
auf niedersächsischer Seite schuf man neue Bezeichnungen: So unterschiedliche Managementmaßnahmen stattfinden sollten,
unterteilte man die Naturdynamikzone in den Naturbereich Ia um den Prozess hin zu höherer Naturnähe zu beschleunigen,
und Ib, der Naturbereich Ib wurde in Ib1 und Ib2 unterglie- ist die Zonierung indirekt Ausdruck für die zum Teil fehlende
dert und die Entwicklungszone wurde als Waldumbaubereich Naturnähe bei Nationalparkausweisung (WEGENER & ROM-
bezeichnet. Letzterer war wichtig, um die in Niedersachsen MERSKIRCHEN 2004). In der Übersicht von STRUNZ (1993, vgl.
großflächig geplanten Maßnahmen zur Förderung von Laubbau- Tab. 2) wurden die Zonierungsbegriffe aufgeführt, die bis 1993
marten, vor allem der Rotbuche (Fagus sylvatica), fortzuführen im deutschsprachigen Raum existierten. Insgesamt waren es
und durch die Nationalparkausweisung nicht zu gefährden; aus knapp 60 Begrifflichkeiten für drei unterschiedliche Inhalte.

Anthropologische Zone Nationalpark-Vorfeld Spezialnutzungszone


Archäologische Zone Naturbereich Ia, Ib Strenge Naturschutzzone
Auffangzone Naturschutzgebiet Strenge Naturzone
Außenzone Naturwaldreservat Totalreservat
Besuchereinrichtungszone Naturzone mit Managementmaßnahmen Traditionelle Nutzzone
Bewahrungszone Naturlenkungszone Trägerzone
Bewirtschaftungszone Nutzungszone Übergangszone
Durchgangszone Pflegezone Umbau- und Entwicklungszone
Enklave Pufferzone Verwaltungszone
Entwicklungszone Randzone Vollnaturschutzgebiet
Erholungszone Reservat Waldpflegezone
Erschließungszone Reservatsflächen Waldschutzzone
Fremdenverkehrszone Reservatszone Waldschutzzone mit Lenkungsmaßnahmen
Historische Zone Ruhezone Waldumbaubereich
Kernbereich Ruhe- und Wanderzone Wildnis(zone)
Kerngebiet Schutzzonen Wiederherstellungszone
Kernzone Schwerpunkterholungszone Zugangs- und Erschließungszone
Kulturlandschaftliche Schutzzone Sicherheitsstreifen (500 m) Zwischenzone
Managementzone Sonderschutzgebiet Entwicklungsnationalpark
Nationalpark-Gebiet
Nationalpark-Region

Tab. 2: Zusammenfassung der im deutschsprachigen Raum existierenden Zonierungsbegrifflichkeiten nach STRUNZ (1993). Die Begriffe in roter Schrift kamen
bzw. kommen im Harz zur Anwendung.
K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N | 63

3. Die Zonierung im Nationalpark Harz Nutzungszone schließlich, eine eher unglückliche Bezeich-
Die IUCN fordert für Nationalparke den Schutz ungestörter nung für einen Nationalpark, nimmt nur 1 % der Fläche (rund
biologischer Prozesse auf möglichst großer Fläche. Danach müs- 240 ha) ein. Hierzu gehören Bergwiesen, Schwermetallrasen
sen mindestens 75 % der Gesamtfläche spätestens 30 Jahre nach und die Brockenkuppe, aber auch von Zwergstrauchheiden und
Ausweisung des Nationalparks zur Naturdynamikzone gehören. Borstgrasrasen bewachsene Skihänge. Hier erfolgt eine gezielte
Das ist auch das Ziel des 24.732 ha großen Nationalparks Biotoppflege, und auf der Brockenkuppe wird zusätzlich aktiv
Harz (PUSCH 2008). Der ist in drei Zonen eingeteilt (Abb. 5): Artenschutz betrieben: Aufgrund der hohen Gästezahlen ist
Die Naturdynamikzone nimmt mittlerweile knapp 61 % der hier eine Besucherlenkung zwingend notwendig, will man die
Gesamtfläche, also rund 15.000 ha ein. Die rund 9.700 ha große Existenz zum Beispiel der Brockenanemone (Pulsatilla alpina
Naturentwicklungszone bedeckt knapp 39 % der Gesamtfläche. ssp. alpina) nicht gefährden. Der Autor dieses Beitrages schlägt
Ziel ist es, mittel- bis langfristig die Naturentwicklungszone vor, die Bezeichnung Nutzungszone in Managementzone um-
in die Naturdynamikzone zu überführen. Bis zum Jahr 2022 zubenennen. Im Begriff Managementzone würden sowohl das
sollen zunächst 75 % der Gesamtfläche zur Naturdynamik- Naturschutzmanagement als auch die touristischen und andere
zone gehören, um die Forderung der IUCN zu erfüllen. Die nationalparkkonformen Nutzungen Berücksichtigung finden.

Abb. 5: Zonierung im Nationalpark Harz, Stand 2016.


64 | K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N

Schaut man sich Abb. 5 genauer an, so fällt eine rot schraffier- Ähnliche Bilder wie in Abb. 7 und 8 sieht man mittlerweile
ter Streifen parallel zur Nationalparkgrenze auf. Dies ist der vielerorts im Nationalpark. Angesichts derartig großflächiger
sogenannte Borkenkäfer Sicherungsstreifen. Im Abstand von Ereignisse kann man durchaus von einem „Quantensprung im
500 m zu den Forstwirtschaft betreibenden Nachbarn wird eine Naturschutz“ sprechen. Konservierender Naturschutz ergänzt
konsequente Borkenkäferbekämpfung durchgeführt, wie es auch durch großflächigen Prozessschutz stellt eine neue Qualität im
in anderen Nationalparken der Fall ist (z. B. SONNEMANN et Umgang mit unserer Natur dar. Nicht „entweder oder“, sondern
al. 2017). Im Ergebnis entstehen abgeräumte baumfreie Flächen beides nebeneinander konsequent umgesetzt ist zielführend.
(Abb. 6), die im absoluten Wiederspruch zum Prozessschutz Aber alles hat seinen Preis: Dass im Ergebnis von konsequen-
stehen. Borkenkäferbekämpfung ist immer mit dem Fällen und tem Prozessschutz zum Teil Landschaftsbilder entstehen, die
dem schnellen Abtransport der Bäume aus dem Gebiet ver- vielen missfallen, ist offensichtlich. Zudem haben Artenschützer
bunden. Hier ändert sich die Ökologie des Areals in kürzester oftmals ein Problem damit, keinen gezielten Artenschutz in der
Zeit zu 100 Prozent. Mit dem Grundsatz von Nationalpar- Naturdynamikzone durchführen zu können. Prozessschützer
ken, „Natur Natur sein lassen“, hat das nichts zu tun (IUCN haben wiederum ein Problem mit einem Borkenkäferbekämp-
1994a, b). Weshalb die Borkenkäferbekämpfung in diesem klar fungsstreifen.
definierten Raum dennoch so konsequent durchgeführt wird,
wird beim Blick auf den Brocken deutlich (Abb. 7): Wäre es
nicht zu der Einigung mit den angrenzenden Nutzungsforst-
ämtern gekommen, hätte man diese sich in kürzester Zeit
vollzogene Entwicklung kaum mitgetragen. Schaut man sich die
Flächen allerdings aus der Nähe an, so ist - anders als es aus der
Ferne scheint - längst nicht alles abgestorben (Abb. 8).

Abb. 6: In einem 500 m breiten Streifen zu den Forstwirtschaft betreibenden Nachbarn wird der Borkenkäfer im Nationalpark Harz konsequent bekämpft.
Foto: G. Karste.
K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N | 65

Abb. 7: Durch Zulassen der natürlichen Dynamik sind infolge von Borkenkäfer-Massenvermehrungen (Buchdrucker Ips typographus) großflächig Fichtenbestän-
de abgestorben, wie hier der Blick von der Landmannklippe auf den Brocken zeigt. Foto: G. Karste.

Abb. 8: Aus der Nähe betrachtet, sind die Fichtenwälder auch nach dem Buchdruckerbefall lebendig und vielfältig. Foto: G. Karste.
66 | K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N

Abb. 9: Der Einsatz von Harvestern ist ein Widerspruch zur Nationalpark- Abb. 10: Im Zuge der Maßnahmen zur Förderung der Rotbuche in der
philosophie. Foto: G. Karste. Entwicklungszone des Nationalparks Harz fällt Holz an, das auch
verkauft wird. Foto: G. Karste.

Problematisch aus der Sicht der Nationalpark-Grundidee 4. Vorschlag für eine nationalparkübergreifend einheitliche
„Natur Natur sein lassen“ sind allerdings auch der Einsatz von Nomenklatur
Harvestern (Abb. 9) und geerntetes Holz (Abb. 10). Beides ist Nach STRUNZ (1993) wurden allein für die Pflegezone im
außer im Borkenkäfersicherungsstreifen nur in der Entwick- weiteren Sinn 24 verschiedene Begriffe verwendet (Tab. 3). Da
lungszone des Nationalparks zu sehen. Alle Maßnahmen in der diese oft auch Flächen für Erholung und Bildung umfassen,
Entwicklungszone haben das Ziel, diese so bald wie möglich, erscheint der Begriff „Managementzone“ geeigneter. Hier
spätestens aber 30 Jahre nach Nationalparkausweisung, in die würden dann sowohl klassische Biotopflegeflächen als auch die
Naturdynamikzone zu entlassen. In den Fichtenforsten, die Flächen für Erholung, Bildung und andere nationalparkkon-
sich im natürlichen Verbreitungsgebiet
der Rotbuche befinden, sind daher
Naturdynamikzone Entwicklungszone Managementzone
alle waldbaulichen Aktivitäten auf die
Kernbereich Entwicklungszone Außenzone
Förderung der Buche ausgerichtet.
Kerngebiet Umbau- und Entwicklungszone Anthropologische Zone
Damit diese Eingriffe so schnell wie Kernzone Übergangszone Archäologische Zone
möglich beendet sind, ist der beschriebe- Naturwaldreservat Wiederherstellungszone Auffangzone
ne Technikeinsatz notwendig. Es sollte Naturzone Waldpflegezone Besuchereinrichtungszone
allerdings selbstverständlich sein, dass Reservat Waldumbaubereich Bewahrungszone
nasse und blocküberlagerte Standorte Reservatsflächen Zwischenzone Bewirtschaftungszone
nicht mit schwerer Technik befahren Reservatszone Erholungszone
Ruhezone Erschließungszone
werden. Im Nationalpark Harz gibt es für
Strenge Naturschutzzone Fremdenverkehrszone
die Entwicklungszone eine ein Drittel/
Strenge Naturzone Historische Zone
zwei Drittel-Regelung. Diese bedeutet, Totalreservat Kulturlandschaftliche Schutzzone
dass auf einem Drittel der Fläche in Vollnaturschutzgebiet Managementzone
der Entwicklungszone keine forstlichen Waldschutzzone Naturlenkungszone
Initialmaßnahmen stattfinden, hier also Wildnis(zone) Naturzone mit Managementmaßnahmen
eine ungestörte weitestgehend natürliche Nutzungszone
Pflegezone
Dynamik ablaufen kann.
Randzone
Ruhezone
Ruhe- und Wanderzone
Schwerpunkterholungszone
Spezialnutzungszone
Traditionelle Nutzungszone

Tab. 3: Zusammenstellung der Begrifflichkeiten (STRUNZ 1993) für die drei üblichen Zonen in deut-
schen Nationalparken. In der Überschrift findet sich jeweils der hier favorisierte Begriff.
K A R S T E , G . : Z O N I E R U N G I N N AT I O N A L PA R K E N | 67

forme Nutzungen Berücksichtigung finden. Für die der Natur- IUCN (The World Conservation Union) (1994b): Parke für
dynamik überlassenen Flächen listet STRUNZ 15 verschiedene das Leben – Aktionsplan für Schutzgebiete in Europa.
Begriffe auf, die mit dem Begriff „Naturdynamikzone“ äquiva-
lent beschrieben werden. Für die Zone, die zunächst in Rich- KARSTE, G. (2014): Die Entwicklung der Vegetation auf dem
tung Naturdynamik entwickelt werden soll, fanden nach Strunz Brocken innerhalb der ehemaligen Brockenmauer von
sieben Bezeichnungen Verwendung, von denen hier „Entwick- 1993 bis 2013. Mitteilungen zur floristischen Kartierung
lungszone“ favorisiert wird. Sachsen-Anhalt 19: 11-17.

PUSCH, A. (2008): Waldentwicklung im Nationalpark Harz.


5. Zusammenfassung Schriftenreihe aus dem Nationalpark Harz 2: 19-28.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass vieles möglich
bzw. nicht schädlich ist, wenn das Ziel Naturdynamik auf SCHERFOSE, V. (Hrsg.) (2014): Nationalparkmanagement in
möglichst großer Fläche nicht aus den Augen verloren wird. Die Deutschland. Schriftenreihe Naturschutz und Biologische
Gefahr der Verwässerung der Nationalparkgrundidee besteht Vielfalt 136, 261 S.
allerdings permanent.
SONNEMANN S., JOHN, R., DELB, H., SCHMITT, M. & ZIEGLER,
Die Ausgangsfrage (Zonierung in Nationalparken - zeitweise J. (2017): Borkenkäfer-Management und -Monitoring im
notwendig oder ein Dauerzustand zur Legitimation ständigen Pufferstreifen des Nationalparks Schwarzwald. AFZ-Der
Tuns?) muss mit einem zweifachen „Ja“ beantwortet werden: „Ja“ Wald 3/2017: 34-38.
(nötig) bei entsprechender Ausgangssituation und „Ja“ (Dauer-
zustand) in der Managementzone. Die Zonierung sollte aller- STRUNZ, H. (1993): Über Sinn und Unsinn von Zonierungen
dings eine Einbahnstraße in Richtung Naturdynamik sein, denn in Nationalparken. Nationalpark 79: 20-25.
Umzonierungen würden eine kontinuierliche naturdynamische
Entwicklung unterbinden. Optimal aus Sicht des Nationalpark- WEGENER, U. & KARSTE, G. (1991): Bergfichten und Moore
gedankens wäre natürlich ein Nationalpark ohne Zonen und so unterm Brocken. Nationalpark 71: 56-59.
mit Naturdynamik auf ganzer Fläche.
WEGENER, U. & ROMMERSKIRCHEN, A. (2004): Nationalpark
Hochharz: Das Zonierungskonzept für die Waldentwick-
6. Literatur lung. Der Harz 3/2004: 12-13.
BÄSSELER, C., HOLZER, H. & HAHN, C. (2011): Zwischenbi-
lanz der Philosophie „Natur Natur sein lassen“. AFZ-Der
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deutschland.de/wp-content/uploads/2012/08/2008_
Qualitaetskriterien_und_-standards_fuer_deutsche_
Nationalparks.pdf

EUROPARC DEUTSCHLAND (2013): Managementqualität


deutscher Nationalparke. www.europarc-deutschland.
de/wp-content/uploads/2012/08/2008_Qualitaetskri-
terien_und_-standards_fuer_deutsche_Nationalparks.
pdf Anschrift des Autors:
Dr. Gunter Karste
IUCN (The World Conservation Union) (1994a): Richtlinien Nationalparkverwaltung Harz
für Management-Kategorien von Schutzgebieten. Nati- Lindenallee 35
onalparkkommission mit Unterstützung des WCMC, 38855 Wernigerode
IUCN, FÖNAD. karste@nationalpark-harz.de
68 | WA N N I N G E R, J.: B O R K E N K Ä F E R A M LU S E N: E I N E G E S C H I C H T E V O N WA L D U N D M E N S C H

JOSEF WANNINGER, Grafenau

Borkenkäfer am Lusen: eine Geschichte von


Wald und Mensch

1. Der Nationalpark Bayerischer Wald Seit seiner Gründung wird für den Nationalpark die Ziel-
Der Nationalpark Bayerischer Wald ist der älteste deutsche setzung „Natur Natur sein lassen“ verfolgt. Mit Inkrafttreten
Nationalpark (Eröffnung 1970). Er ist von drei weiteren der Nationalparkverordnung 1992 wurde das Zonierungskon-
Schutzgebieten (Naturpark Bayerischer Wald sowie National- zept festgelegt, wonach die Naturzone mindestens 75 % der
park und Landschaftsschutzgebiet Sumava auf tschechischer Nationalparkfläche betragen soll und in dieser die natürliche
Seite) umgeben (Abb. 1). Allein die beiden Nationalparke Entwicklung absoluten Vorrang hat, d.h. auch keine Borken-
umfassen zusammen eine Fläche von rund 93.000 ha und sind käferbekämpfung stattfindet. Lediglich in einem 500 m breiten
damit das größte zusammenhängende Waldschutzgebiet Mittel- Randbereich wird zum Schutz der angrenzenden (Privat-)
europas. Wälder der Borkenkäfer dauerhaft bekämpft (Abb. 2).

Der Nationalpark Bayerischer Wald ist nahezu vollkommen


im Eigentum des Freistaates Bayern und zu 99 % bewaldet.
Die dominierenden Waldgesellschaften sind der Bergfichten-
wald (über 1.150 m ü. NHN), der Bergmischwald (zwischen
800 und 1.150 m ü. NHN) und der Aufichtenwald (unter
800 m ü. NHN). Die Fichte hatte 1992 vor der Borkenkäfer-
gradation im Bergfichtenwald einen Anteil von rund 98 %, im
Bergmischwald von knapp 65 %.

Abb. 1: Die Schutzgebiete an der bayerisch-tschechischen Grenze.


WA N N I N G E R, J.: B O R K E N K Ä F E R A M LU S E N: E I N E G E S C H I C H T E V O N WA L D U N D M E N S C H | 69

1 2 B E R I C H T E A U S D E M N AT I O N A L PA R K

3.2 Rachel-Lusen-Gebiet
Abb. 2: Zonierung im Rachel-Lusen-Gebiet („Altpark“) mit einem Naturzo-
Seit 2005 hat nenanteil (grün)
sich der jährliche von rund 75wie%.folgt Parks mit einer Fläche von 673 Hektar. Da sich der Buchdruk-
Borkenkäferbefall
entwickelt (Abb. 3): kerbefall in den letzten Jahren verstärkt in den Tal- und Hang-
lagen abspielte, nahm auch der Anteil der in Folge von Bekämp-
Im Jahr 2006 wurden insgesamt 406 Hektar vom Buch- fungsmaßnahmen ausgeräumten Flächen zu. Im Jahre 2007
2. Borkenkäfermassenvermehrung
drucker befallen, im Jahr 2007 erhöhte sich der Neubefall undim Bergfichtenwald
erreichte die ausgeräumte Fläche einen Rekordwert von 218
erreichte mit 603 Hektar einen sehr hohen Wert (2006 und Hektar, davon geht etwa ein Drittel auf Windwurf in Folge des
2007Ab dem
durch Jahr 1994
Schneebruch entwickelte
und Windwurf entstandenesich im Bergfichtenwald
Flächen Sturms Kyrill zurück. Die eine
gesamte Befallsfläche im Rachel-
wurden in der Kartierung nicht unterschieden und sind in den Lusengebeit beträgt mittlerweile 6.029 Hektar und teilt sich auf
Borkenkäfermassenvermehrung, die
Flächenangaben enthalten). In den folgenden Jahren ging der
innerhalb weniger Jahre
5.356 Hektar mit belassenem Borkenkäferbefall und 673
zum
Befall großflächigen
kontinuierlich Absterben
zurück und erreichte 2011 eineder alten
Fläche von Bergfichtenwälder
Hektar mit ausgeräumtem Befall auf. Die Befallsschwerpunkte
nur noch 30 Hektar. Ein so geringer Wert wurde zuletzt 1992 in den Jahren 2006 bis 2010 können Abbildung 2 entnommen
führte (Abb. 4). Allein im Jahr 1996
festgestellt. Mit Stichtag 22. 8. 2011 beträgt die vom Borken- kam es zu einem Absterben
werden.
käferder Bergfichtenwälder auf einer Fläche von 827 ha (Abb. 3).
befallene Fläche im Rachel-Lusen-Gebiet des National-
parks Bayerischer Wald 6029 Hektar. Das entspricht knapp der
Bis zum Jahr 2000 betrug
Hälfte des Rachel-Lusen-Gebietes die Wert
(47 %). Dieser Gesamtfläche
umfasst an abgestorbenen
neben den Totholzflächen, die eine Flächenausdehnung von
Fichten im Nationalpark in etwa 3.500 ha.
5356 Hektar aufweisen, in der Naturzone auch die in Folge der
Abb. 4: Innerhalb von vier Jahren waren am Lusen die alten Bergfichtenwäl-
Käferbekämpfung ausgeräumten Flächen im Randbereich des der nahezu komplett abgestorben. Foto: J. Wanninger.

900
In der Region waren die Menschen von der Entwicklung sehr
800
belassen geräumt betroffen und die Ablehnung gegenüber dem Nationalpark
nahm zu. Es gründeten sich mehrere nationalparkkritische
700
bzw. -ablehnende Bürgerbewegungen, die mittels der Pro-
600
teste, Petitionen an die Politik und Normenkontrollklagen eine
500 Abkehr vom Prinzip „Natur Natur sein lassen“ erreichen und
400 eine flächige Borkenkäferbekämpfung im Nationalpark durch-
300
setzen wollten (Abb. 5). Auch die Kommunalpolitik forderte
Abbildung 3:
ein massives
Jährlicher Zugang Vorgehen gegen den Borkenkäfer und fürchtete
200 an belassenen und
um den Schutz des angrenzenden Privatwaldes, den Tourismus
ausgeräumten
100 Borkenkäferflächen
inimder Nationalparkregion, die Verjüngung des Hochlagenwal-
Rachel-Lusen-
Gebiet (ohne
0
1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011
des und die Qualität des aus dem Nationalpark kommenden
Erweiterungsflä-
chen Klingen-
Trinkwassers.
brunner Wald). Gleichzeitig gab es aber auch von Naturschutz-
Abb. 3: Jährlicher Zugang der abgestorbenen Borkenkäferflächen im Rachel-
Lusen-Gebiet. seite und touristischen Organisationen Kritik an der intensiven
Borkenkäferbekämpfung im Randbereich des Nationalparks
zum angrenzenden Privatwald, wo in den Jahren 1996 bis 2000
etwa 150 ha Kahlflächen und massive Schäden am Boden durch
Besonders „prägnant“ waren die die Borkenkäferentwicklung das Rücken des Holzes entstanden.
und das Absterben der Bergfichtenwälder am zweithöchsten
Berg des Nationalparks, dem Lusen (1.376 m). Hier starben die Welche Folgen würde diese massive Borkenkäferentwicklung
alten Fichten innerhalb von vier Jahren nahezu komplett ab. zum einen auf den Hochlagenwald (Entwicklung der Wald-
verjüngung) und zum anderen auf die dort lebende Tier- und
Pflanzenwelt haben? Dies waren die zwei Hauptfragen aus Sicht
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Baumart

Durchschnittliche Pflanzenzahl pro Hektar


Andere
4000
Buche
Fichte
3000 Vogelbeere

2000

1000

1991 1996 1998 2000 2002 2005 2011


Abb. 5: Die Borkenkäfermassenvermehrung bzw. das Nichteingreifen dage- Jahr
gen im Nationalpark führte zur Gründung von den Nationalpark
ablehnenden Bürgerbewegungen. Foto: Nationalpark Bayerischer Abb. 6: Entwicklung der Waldverjüngung (Pflanzen größer 20 cm) im Berg-
Wald. fichtenwald nach der Borkenkäfermassenvermehrung.

des Natur- und Artenschutzes, die die Nationalparkverwaltung Noch mehr als Zahlen sprechen Fotodokumentationen im
Bayerischer Wald Ende der 1990er Jahre intensiv beschäftigte Hochlagenwald über den 20jährigen Zeitraum von 1996 bis
und auf die man u. a. im Rahmen der Tagung eines internationa- 2015 für sich (Abb. 7). Waren 1996 in der Waldabteilung
len Expertengremiums 1998 nach Antworten suchte. Heute „Hochwinkel“ (auf ca. 1.170 m ü. NHN) nur wenige und kleine
nach gut zwei Jahrzehnten gibt es dazu nicht nur Prognosen Fichten und Vogelbeeren zu sehen, so hat sich der junge Wald
sondern eindeutige Antworten. 2015 mit inzwischen 3-7 m hohen Fichten geschlossen. Als
Fazit auf die eingangs gestellte Frage, ob sich der Bergfichten-
wald ohne menschliches Zutun ausreichend verjüngt, kann man
2.1 Auswirkungen auf die Waldverjüngung heute mit einem eindeutigen „Ja“ beantworten.
Die Waldverjüngung entwickelte sich wesentlich stammzahl-
reicher und auch im Höhenwachstum schneller als dies selbst
optimistische Fachleute 1998 prognostizierten. So nahmen die 2.2 Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt
jungen Bäume (größer 20 cm) nach dem Absterben des alten Am Höhepunkt der Borkenkäfermassenvermehrung Ende der
Hochlagenwaldes 1996 (erste Hochlageninventur) bis 2005, 1990er Jahre waren die Befürchtungen groß, dass das Absterben
also innerhalb von 10 Jahren, von 1.084 auf 4.502 pro ha zu des alten Bergfichtenwaldes sehr negative Folgen auf die dortige
(Abb. 6). Seit 2005 ist eine Stagnation bzw. eine Abnahme Tier- und Pflanzenwelt haben könnte. Gerade das Auerhuhn,
bei der Waldverjüngung festzustellen, die sich in den nächsten die seltene Symboltierart für den Bergfichtenwald, die im
Jahren weiter fortsetzen wird. Dies ist im Wesentlichen der Winter Fichtennadeln zum Überleben benötigt, rückte in den
Konkurrenz der jungen Bäume untereinander um Licht und Mittelpunkt der artenschutzfachlichen Diskussion. Heute kann
Nährstoffe geschuldet. Man kann davon ausgehen, dass auch man im Rückblick sagen, dass sich die durch den Borkenkäfer
der neu nachwachsende Bergfichtenwald im hohen Alter wieder bedingte Walderneuerung im Hochlagenwald sehr positiv auf
eine Stammzahl von rd. 300 bis 500 Bäumen pro ha erreichen die Artenvielfalt und die Bestandszahlen von vielen gefährdeten
wird, wie sie auch bisher der alte Bergfichtenwald hatte, doch Tierarten ausgewirkt hat. Insbesondere vom oder im Totholz
er wird wahrscheinlich wesentlich differenzierter und struktu- lebende Arten (u.a. Pilze, Käfer) haben davon profitiert. Da-
rierter sein. Die meisten Verjüngungspflanzen waren bei der durch, dass die Wälder lichter geworden sind, haben sich dort
letzten Hochlageninventur 2011 bereits in die Höhenklasse viele Blütenpflanzen (z. B. Siebenstern, Waldweidenröschen)
100-150 cm eingewachsen. Der Bergfichtenwald verjüngt sich und Beerensträucher (z. B. Himbeere, Heidelbeere) ausgebreitet.
jedoch nicht einheitlich über die ganze Fläche. Dicht verjüngte Mit den Blütenpflanzen nahm auch wiederum eine Vielzahl
Flächen wechseln sich mit Flächen ab, die nur locker verjüngt von Insektenarten zu. Mehr Insekten und mehr Beeren haben
sind oder kleinflächig gar keine Verjüngung aufweisen. Aller- wiederum die Ernährungssituation z. B. der jungen Auerhühner
dings waren 2011 nur noch wenige Flächen vorhanden, die verbessert, was dazu geführt hat, dass derzeit der Auerhuhn-
weniger als 400 junge Bäume pro ha aufweisen. bestand im Nationalpark gegenüber den 1990er Jahren auch
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ohne Stützungsmaßnahmen zugenommen hat. So lässt sich Menschen bzw. seine Bedürfnisse bedeutet. So waren dazu die
auch die Frage, wie sich die Borkenkäfermassenvermehrung auf wesentlichen Fragen:
die übrigen Tier- und Pflanzenarten ausgewirkt hat, ganz klar 1. Kann ein Übergreifen des Borkenkäfers vom Nationalpark
mit sehr positiven Auswirkungen auf die Biodiversität beant- auf die umliegenden Privatwälder verhindert werden?
worten. 2. Führt das Absterben des Hochlagenwaldes zur Ver-
schlechterung des Trinkwassers (v.a. Überschreiten des
Nitratgrenzwertes)?
2.3 Auswirkungen auf den Menschen und seine Bedürfnisse 3. Schrecken die abgestorbenen Wälder Touristen ab (Ab-
Es hat sich in der gesamten Diskussion aber nicht nur darum nahme der Übernachtungszahlen)?
gehandelt, wie sich die Borkenkäfermassenvermehrung auf 4. Kommen die Einheimischen mit den neuen „Bildern“ in
die Natur auswirkt, sondern noch viel mehr, was sie für den ihrer Heimat zurecht?

Abb. 7: Entwicklung des Bergfichtenwaldes nach der Borkenkäfermassenvermehrung über einen Zeitraum von 20 Jahren (1996-2015). Die Fotos sind jeweils
am gleichen Standort (auf 1.170 m ü. NHN) entstanden. Fotos: Nationalpark Bayerischer Wald.
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für den ungewohnten Waldumbruch im Nationalpark und ein


neues Heimatbild zu erhalten. So setzte die Nationalparkver-
waltung ab 1998 unter dem neuen Leiter Karl-Friedrich Sinner
alles daran, um mit den Menschen in der Region ins Gespräch
zu kommen. Dazu gehörten u.a.:
– Informations- und Diskussionsabende mit den Pro
Nationalpark-Gruppen,
– Informationsveranstaltungen und Waldbegänge mit den
Gastgebern und Beherbergungsunternehmen (später wurden
daraus die Nationalpark-Partnerbetriebe),
– Informations- und Diskussionsabende im Rahmen von
Gemeinderatssitzungen und Bürgerversammlungen,
– Waldbegänge mit kritischen Gruppen („Gegner“), verschie-
densten Vereinen und regionalen Politikern,
Abb. 8: Karl-Friedrich Sinner bei einer seiner zahlreichen Bürgerwanderun- – Bürgerwanderungen, v. a. für die Anliegergemeinden (Abb. 8),
gen (1999). Foto: J. Wanninger. – Waldbegänge mit Landespolitikern (Abgeordnete, Minister,
Ministerpräsident).

Für die ersten drei genannten Aspekte gibt es heute viele Stu- Bei all den Veranstaltungen und Waldbegängen wurde versucht
dien und Daten, die bestätigen, dass die Borkenkäfermassenver- den Teilnehmern zu vermitteln, dass mit der Borkenkäfermas-
mehrung keine entscheidend negativen Auswirkungen auf die senvermehrung im Nationalpark „nichts aus dem Ruder gelaufen
angrenzenden Privatwaldflächen, die Trinkwassermenge und ist“ und auch „keine Experimente mit unvorhersehbaren Folgen
-qualität oder den Tourismus gehabt hat. Es hat sich aber in der ablaufen“, sondern die Natur hier bei der Walderneuerung einen
Diskussion v.a. mit den Menschen in der Region damals schnell Weg geht, den sie in der Vergangenheit bereits zig Male bestrit-
herausgestellt, dass „Daten und Fakten“ allein nicht reichen, um ten hat. Das Besondere oder Neue daran ist, dass wir Menschen
Überzeugungsarbeit zu leisten. Ein umfassender Dialogprozess des 20. und 21. Jahrhunderts diese natürlichen Abläufe nur
wurde notwendig, um die fachlichen Aspekte der drei erstge- nicht mehr kennen. Ein Schlüssel- und Aha-Erlebnis bei all den
nannten Fragen zu diskutieren, aber noch viel mehr auf die emo- Waldbegängen war für die allermeisten Teilnehmer das sehr
tionalen Sorgen und Nöte der Menschen um „ihren“ Wald (Fra- abrupte und gehäufte Auftreten der Himbeere, die zuvor im alten
ge 4) einzugehen. Fakten alleine reichten nicht (auch wenn sie Bergfichtenwald praktisch gar nicht zu sehen war. Wie waren all
heute kaum noch umstritten sind), um zu jener Zeit Akzeptanz die nur durch Vögel verbreiteten Samen so schnell und so flächig
in den Hochlagenwald gekommen? Wie Karl-
Friedrich Sinner immer eindrucksvoll erläutern
konnte, lagen die Himbeersamen seit der letzten
Walderneuerung weit über 100 Jahre im Boden
und warteten nur auf den „Tag X“, um nach Abster-
ben des alten Waldes bei mehr Licht und Wärme
zu keimen. Wenn sich der neue Wald schließt, be-
ginnt der Prozess wieder von vorne und die neuen
Himbeersamen werden wiederum viele Jahrzehnte
auf ihre Chance warten (müssen). Somit wurde
für viele Teilnehmer das natürliche Werden und
Vergehen begreifbarer und die Zuversicht an die
natürliche Wiederbewaldung größer.

Dass die Akzeptanz für den Nationalpark und das


Prinzip des Nichteingreifens zunehmend akzep-
tiert wurden, hat sich bei den vielen Waldbegängen
und Gesprächen mit den Menschen vor Ort bereits
Abb. 9: Auch in der Region spricht sich die weit überwiegende Mehrheit inzwischen für den
Nationalpark aus, wie eine Befragung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg nach wenigen Jahren angedeutet. Wissenschaftlich
ergeben hat. Grafik: H. Job. bestätigt wurde dies durch die Akzeptanzstudien
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von Prof. Suda (2007) und Prof. Job (2018). Während bei einer 1990er Jahren durch die Borkenkäfermassenvermehrung und
Umfrage im Jahr 1988 die Mehrheit der Menschen in der Region durch das Absterben von Fichtenbeständen auf großer Fläche
dem Nationalpark noch sehr skeptisch gegenüberstand, sprachen entstanden ist, war aber letztlich für den Nationalpark Baye-
sich 2007 immerhin schon mehr als 75 % der Einheimischen für rischer Wald „die Chance“ und damit aus heutiger Sicht sogar
den Nationalpark aus. Im Jahr 2018 lag der Anteil der Befür- ein Glücksfall. Für die Natur ein Glücksfall, dass sich durch die
worter in der Region schon bei fast 86 % (Abb. 9) und damit gar Walderneuerung ehemals vom Menschen geprägte Baumbestän-
nicht mehr so weit unter dem Ergebnis aus ganz Bayern (97 %). de zu strukturreicheren und natürlicheren Wälder entwickeln
können und der Waldumbruch erheblich zur Erhöhung der
Entscheidend für die Akzeptanz in der Region waren neben dem Biodiversität beigetragen hat. Für die Nationalparkverwaltung
intensiven Dialogprozess auch die Entwicklung eines Touris- die Chance, um mit den Menschen in der Region intensiver
muskonzeptes mit dem Alleinstellungsmerkmal „Grenzenlose ins Gespräch zu kommen und die Planungen für die National-
Waldwildnis“ im Rahmen von „Tierisch wild“, die Kooperation parkregion gemeinsam zu entwickeln. Und letztlich auch eine
Nationalparkpartner, das Verkehrskonzept „Guti“ und die vielen Chance für die Menschen vor Ort, mit der neu entstehenden
touristischen Naturerlebnisangebote im und am Nationalpark Waldwildnis ein touristisches Alleinstellungsmerkmal zu haben
(z. B. Baumwipfelpfad). Dies hat zur Förderung der regional- und daraus ein innovatives Tourismuskonzept und vielfältige
ökonomischen Wertschöpfung und vieler infrastruktureller Naturerlebnisangebote entwickeln zu können (Abb. 11). Heute,
Einrichtungen und Angebote beigetragen (Abb. 10). 20 Jahre nach dem Höhepunkt der Borkenkäfermassenvermeh-
rung, hat der Nationalpark Bayerischer Wald mit ca. 1,3 Mio.
Besuchern pro Jahr eine hohe regionalökonomische Wertschöp-
3. Fazit fung (ca. 21 Mio. Euro). Und letztlich ein Glücksfall für alle
Eine „Heile Welt Nationalpark“ gibt es grundsätzlich und auch Nationalparkbesucher, solche sich natürlich entwickelnde Wäl-
im Nationalpark Bayerischer Wald nicht. Die „Krise“, die in den der mitten in Europa sehen und entdecken zu können.

Abb. 10: „Waldwildnis“ wurde touristisch in Szene gesetzt und vermarktet. Fotos und Kollage: Nationalpark Bayerischer Wald.
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Abb. 11: Die Wälder am Lusen - vor 20 Jahren noch Zentrum der Borkenkäfermassenvermehrung und der kritischen Diskussionen vor Ort - ziehen heute jähr-
lich Tausende von Menschen an und faszinieren diese durch ihre wilde Schönheit. Foto: Rainer Simonis.

Anschrift des Autors:


Josef Wanninger
Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald
Freyunger Str. 2
94481 Grafenau
Josef.Wanninger@npv-bw.bayern.de
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GERHARD TROMMER, Lehre

Über Klanglandschaft und Naturstille


im Nationalpark Harz

1. Einleitung: Heile Welt Nationalpark? Unverlärmte natürliche Klanglandschaften gehören welt-


Die Vision deutscher Nationalparks gilt vor allem frei lau- weit zu den rasant schwindenden Naturressourcen. Immer
fender Naturdynamik (Nationalparkmotto nach H. Bibelrie- mehr Menschen leben und arbeiten in urban-industriellen
ther: „Natur Natur sein lassen“). Sie wurde angestoßen durch Ballungsräumen, Metropolen, Großstädten. Menschen aber
internationale Debatten, vor allem in den USA. Ungestörte auch Tiere sind dort einer oft überbordenden Lärmkulisse
Naturdynamik verändert dramatisch die einst gepflanzte technophoner Geräusche ausgesetzt. Flughäfen und Ver-
und gepflegte Natur, mit welcher der wirtschaftende Mensch kehrsachsen breiten sich aus. Über das Verkehrsnetz wird
verbunden war. Im Nationalpark Harz sind davon vor allem Lärm in abgelegene ländliche Räume übertragen, so dass
die Fichtenforste betroffen. Neuartige und ungewohnte davon Elemente der natürlichen Klanglandschaft übertönt
Waldbilder überraschen dort die Besucher. Unvorhergese- werden. Laut Braunschweiger Zeitung vom 06.12.2018
hene Ereignisse kommen immer wieder dazu. Sie entstehen fahren auf der Autobahn A 2 durchschnittlich 25.000 Lkws/
eigendynamisch durch Windwürfe, Borkenkäferfraß, durch Tag, und eine noch höhere Zahl Kleinlaster und Pkws. Je
liegende und stehende Totholzmassen, belebt durch Pilze, nach Windrichtung beschallt der Lärm kilometerweit die
Flechten, Tiere und jung nachwachsenden Wald mit verschie- Landschaft. Leise zirpende Gesänge, wie jener der Feldgrille
denen Baumarten. Es ist zu wünschen, dass die National- (Grillus campestris) verschwinden dann unter dem Geräusch
parkbesucher den wilden Natureindrücken positiv begegnen, singender Reifen, heulender Motoren und vorbei rauschender
vielleicht mit einem leise zum Ausdruck gebrachten „Wow!“ Fahrzeugaufbauten. Einige Vogelarten, z. B. Rotkehlchen
- in Übereinstimmung mit der Vision des Nationalparks. (Erithacus rubecula) singen an verlärmten Straßen lauter, um
sich für Rivalen bemerkbar zu machen, und das kostet die
Die in Abb. 1 fotografierte Szene lässt an brausende Stür- Vögel mehr Energie.
me denken, welche Bäume (hier eine Fichte) krachend zum
Umsturz brachten. Der umstürzende Baum hat mit seinem Großschutzgebiete wie Nationalparks tragen eine besondere
Wurzelteller Felsblöcke angehoben, die irgendwann pol- Verantwortung für den Schutz natürlicher Klangwelten. Der
ternd zur Erde fallen werden. Bodenmaterial rieselt aus dem Spiegel berichtete in seiner Ausgabe vom 05.05.2017, dass
Wurzelteller herab oder wurde von Schmelzwasser und der von Menschen verursachte Lärm in zwei Dritteln der
Regen ausgewaschen. Möglicherweise sind leise raspelnde US-amerikanischen Nationalparks die natürliche Geräusch-
Töne von Käfern und Holzwespen im Totholz zu hören. Eine kulisse überlagert (TROMMER 2018). In deutschen National-
akustische Erfassung könnte einen Teil des Tierartenspekt- parks, in der Informationsarbeit, in der Bildungs- und
rums in dieser Phase der Waldentwicklung aufzeichnen, z. B. Öffentlichkeitsarbeit, vor allem aber in der wissenschaftlichen
den Gesang diverser Vogelarten, das Hämmern von Kleibern Begleitung ist die Erfassung und der Schutz der natürlichen
und Spechten, verschiedene Summ- und Brummtöne vorbei Klangumgebung bislang noch kein Forschungs- und Ent-
fliegender Insekten. Zur frei laufenden Naturdynamik gehört wicklungsziel. Im Bildungsbereich wird gelegentlich dem
die ungestörte Entfaltung der natürlichen Klanglandschaft Lauschen in der Natur nachgegangen. Es gibt aber kaum
über alle Jahreszeiten hinweg. Ein vom Wind durchströmtes stringent erarbeitete Konzepte für ein lärmdämpfendes akus-
stehendes Fichten-Totholz mit aufkommendem Laubholz im tisches Verkehrs- und Besuchermanagement.
Unterwuchs lässt andere Geräusche entstehen als das Fau-
chen, das aus den Kronen eines dichten dunklen Fichtenfors-
tes zu vernehmen ist.
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Abb. 1: Szene zur Dramaturgie abgelaufener Naturgeräusche in natürlicher Waldentwicklung im oberen Odertal. Foto: G. Trommer.
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2. Naturstille, „Unzerschnittene verkehrsarme Räume“ Naturräume zu sichern oder zu entwickeln sind:


(UZVR), „Soundscapes“, „Quiet Areas“ – mangelnde Unterstützung durch die laufende Gesetz-
„Natural Sound“, „Natural Soundscapes“, „Quiet Areas“ sind gebung,
international eingeführte Begriffe. Sie umreißen Bereiche der – fehlende Kompetenz in den Fachbehörden,
Soundscape Ecology. Die gehört zur Landschaftsökologie im – dass sich Lärmschutzinitiativen oft nur siedlungsnah
engeren und zu den Umweltwissenschaften im weiteren Sinn. öffentlichen Interesses und der Unterstützung von Behör-
In Soundscapes werden akustische Merkmale eines Gebietes den erfreuen,
erfasst, in denen sich sowohl natürliche Prozesse bis hin zu – das Fehlen von Kriterien für die Ausweisung von Quiet
akustischen Signalen widerspiegeln als auch die, welche die Areas in der offenen Landschaft.
natürlichen Prozesse durch Verlärmung beeinträchtigen.
Quiet Areas haben nicht nur für die Erfassung der natürli-
„Unzerschnittene verkehrsarme Räume“ (UVZR) bezeich- chen Klanglandschaft eines Nationalparks Bedeutung. Sie
nen Gebiete, die nach Größe, Struktur und Nutzungsinten- sind auch Voraussetzung für ungestörte Naturbeobachtung
sität von der Randwirkung und Eindringtiefe her eine und Erholung. Wildtiere benötigen sie, um Signale für ihre
erheblich geringere Störung aufweisen als Siedlungs- und Kommunikation erfolgreich abzusetzen und störungsfrei zu
Verdichtungsräume mit einem hohen Zerschneidungsgrad empfangen für Nahrungserwerb, Revierverteidigung, Wande-
durch Straßen, Bahntrassen und Kanäle sowie durch Bar- rungsbewegungen und Fortpflanzung.
rieren wie etwa Zäune, Mauern, Lärmschutzwälle, Strom-
leitungen. Die UVZR sind auf Lebensräume, Ökosysteme,
Biozönosen, Populationen und auf Individuen bezogen. Es 3. Stille Natur und tönende Spaßerwartung in der Harzregion
liegt nahe, für UVZR die natürliche Klangumgebung mit zu In der Vergangenheit wurden Freizeit und Erholung vorwie-
berücksichtigen. Nach dem Bundesamt für Naturschutz gab gend als Beeinträchtigung der Naturschutzgebiete betrachtet
es im gesamten Bundesgebiet 2010 noch 471 UVZR mit und daher als Begrenzungs- und Lenkungsaufgabe verstanden
einer Größe von über 100 Quadratkilometern. Als UVZR- (DEUTSCHER RAT FÜR LANDESPFLEGE 1990). Stille suchende
Indikator gelten Straßen, die eine Verkehrsdichte von 1.000 Menschen stellten und stellen aber ein bisher kaum erfasstes
Motorfahrzeugen/Tag nicht überschreiten [1]. Das bedeu- Potenzial dar, mit dem die Erhaltung oder Wiederherstellung
tet, dass etwa 42 Fahrzeuge pro Stunde für UZVR noch natürlicher Klanglandschaften beeinflusst werden könnte.
als tolerabel angesehen werden. Im Hinblick auf die von Denn das Gehör lässt sich nicht ausschalten, und Erholung
der Europäischen Umweltagentur (European Environment suchende Menschen reagieren auf Lärmdauerstress mit der
Agency EEA) definierten „Quiet Areas“ ist zu diskutieren, ob Resonanz einer „innerlich verlärmten Körperwelt“. Im Organis-
dieser Wert nicht schon zu hoch angesetzt ist. mus zeigen sich dabei physiologische Wirkungen, die sich auf
den Blutdruck, Herzrhythmus, Atemrhythmus, die Verdauung
Die EEA hat einen umfassenden Report zu „Quiet Are- und auf den Hörsinn beziehen. Das geht psychisch einher
as“ in Europa herausgegeben (EUROPEAN ENVIRONMENT mit Irritationen, Ablenkungen, Stimmungsschwankungen,
AGENCY 2016). Grundlage dafür ist ein definierter „Qietness Konfusion, Konzentrationsstörungen, Unruhe und auch mit
Suitability Index“ (QSI), der auf einer Skala von 0 (artifiziell Aggression (LEVINE 2017). In der breiten Öffentlichkeit ist
verlärmt) bis 1 (naturstill/ahemerob) die Umgebung skaliert. bisher noch viel zu wenig Verständnis für die gesundheitliche
Umgebungslärmkartierungen nach QSI Standard werden Bedeutung natürlicher Klanglandschaften entwickelt worden,
von Bundesländern durchgeführt, z. B. vom Land Branden- obgleich der ungestörten Naturwahrnehmung Stress abbauen-
burg (MLUL 2017). Nach EEA Angaben ist die Bundes- de und das Immunsystem stimulierende „Wohlfahrtswirkung“
republik Deutschland zu mehr als 55 % lärmbelastet. Nur nachweislich zugeordnet werden, für die sich in Japan bereits
etwa 1 % der Bundesfläche erreicht noch den QSI-Wert 1. Krankenkassen interessieren („Waldbaden“ [2]).
Dazwischen liegen mehr oder weniger lärmbelastete Berei-
che. Umgebungen außerhalb von Siedlungsbereichen sollen In Rheinland Pfalz ist „Erholung in der Stille“ für Großschutz-
am Tage eine Lärmbelastung von 40 Dezibel (dBA) nicht gebiete bereits eine gesetzlich festgeschriebene Vorgabe. Im
überschreiten und am Abend/in der Nacht nicht den Wert Nationalpark Schwarzwald gehört „Stille“ zum Modul „Gesund-
von 35 dBA. Auf der QSI-Karte für Deutschland wird sehr heit und Erholung“. Im Flyer „Sagenumwobene Bergwildnis
grob der gesamte Harzraum mit einem QSI-Wert zwischen Nationalpark Harz“ (NATIONALPARKVERWALTUNG HARZ
0,75-0,99 indiziert, wobei die dem QSI-Wert 1 nahe kom- 2018) wird allenfalls nur das Erlauschen von Stille in den
menden Gebiete im Nationalpark Harz von der Flächengrö- Mooren und das Hören von Rufen des Schwarzspechts und
ße her eher klein sind. Haupthindernisse, noch unverlärmte Zaunkönigs einleitend erwähnt.
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Zum „Schutzzweck“ des Nationalparks Harz (§ 3 Abs. 5) gehört Zwar finden die erwähnten Spaßaktivitäten außerhalb des
nach den jeweiligen Nationalparkgesetzen der Länder Nieder- Nationalparks statt und die Nationalparkverwaltung ist be-
sachsen und Sachsen-Anhalt, die „Ruhe und Ungestörtheit des strebt, Lärm aus dem Nationalpark herauszuhalten (z. B. Ver-
Gebiets zu erhalten oder wiederherzustellen“ und als „weiterer bote für Silvesterknallerei und Silvesterraketen, Nichtzulassung
Zweck“ (§ 4) soll der Nationalpark „dem Naturerlebnis und diverser angefragter Veranstaltungen; nur Rundflüge über den
der Erholung dienen“. Vom Gesetz her sind aber keine Ziele Nationalpark sind bislang nicht zu vermeiden). Jedoch fehlt es
und Aufgaben zur Erforschung, zur Erfassung, zur Erhaltung, für den Massentourismus auf dem Brocken und auf den wich-
zur Entwicklung und zur Wirkung von „Natural Soundscapes“ tigsten Wegen zum Brocken bislang an Vereinbarungen, die auf
angedacht worden. eine Minimalisierung der Lärmbelastung oder auf die Restau-
ration einer der Natur entsprechenden ökologischen Akustik
Wie wenig bislang ruhige Naturumgebungen und Naturstille ausgerichtet sind. Ranger, die mit lärmenden Touristen im
die Tourismusplanung im Harz bewegten, geht aus einer 2003- Nationalpark Harz konfrontiert werden, können in der Regel
2005 vom Bundesamt für Naturschutz in Auftrag gegebenen nur ermahnend auftreten. Und es gibt noch kein verkehrspoli-
Studie „Tourismusleitbild der Nationalparkregion Harz“ hervor tisches Konzept, das die Lärmbelastung durch Motorfahrzeuge
(WILKEN und NEUHAUS 2005). Zwar wird darin die Nach- (vor allem durch Motorräder) auf den durch den Nationalpark
frage nach Naturerleben, Entspannung in der Natur, Abstand Harz führenden Straßen spürbar eindämmt.
vom Alltagsstress für das Tourismusmarketing hervorgehoben.
Jedoch ist von der natürlichen, ökologisch erzeugten Klangland-
schaft des Harzes und deren Störung durch technische Lärm- 4. Natural Sound Conservation
quellen ebenso wenig die Rede, wie die durch Trendsport- und In den USA wird dem Schutz natürlicher Klanghüllen in
Eventtourismus beeinträchtigte Naturstille. Die Studie ist ganz National Parks schon länger nachgegangen. Natürliche Klang-
darauf abgestellt, die Nationalparkregion in die „Tourismus- landschaften sind dort wertgeschätzt und in die „Nature Inter-
offensive“ des Harzer Verkehrsverbandes wirtschaftlich einzu- pretation“ (Naturbildung) des Parks und als „Guidelines“ für das
binden. Den Tourismusoffensiven stehen im Harz außerhalb Verhalten im Park durch Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit
des Nationalparks Angebote gegenüber, welche die gegebene einbezogen. Lärmvermeidung gehört zu den „Minimal Impact“-
natürliche Klanghülle des Mittelgebirges durch Lärmkulissen und „Leave No Trace“- Regeln der sog. „Wilderness Ethics“ des
überfrachten. Dazu gehören „Rocken am Brocken“, Bikertreffs National Park Service. Im Jahr 1998 wurden in einer repräsen-
und Trends wie Sommerrodelbahnen, Monsterroller fahren, tativen Befragung die Naturruhe und die natürliche Geräusch-
Motorradtouren, private Rundflüge über den Harz oder mit kulisse in National Parks von 76 % der Befragten als wichtige
„Harzdrenalin“ bezeichnete sensationell hochstilisierte Mutpro- Schutzaufgabe angegeben (NATIONAL ACADEMY OF ENGINEE-
ben wie das Gleiten über Abgründe („Gigaswing, Megazipline“) RING 2013). Schutzgut sind alle natürlichen Geräusche in den
oder Wasserskianlagen wie die auf dem Wiesenbecker Teich National Parks. Darin sind aber auch alle Medien (Luft, Boden,
bei Bad Lauterberg. Für solche und ähnliche kostenpflichtige Wasser) einbezogen, welche Geräusche transportieren.
Spaßattraktionen [3] wird Natur als Kulisse gebraucht, nicht
aber als eigener Wert. Harztouristen werden mit gewinnbrin- Der „National Park Service“ hat eine Abteilung „Natural Sounds
genden „Spaß-Aktiv“-Angeboten gelockt. Es steht zu befürchten, and Night Skies Division“ eingerichtet. Diese Abteilung hat
dass die vom Marketing angefachte Harzspaßerwartung auf den sich zur Registrierung, zur Abwehr und zur Vermeidung von
Nationalpark übertragen wird. Es mangelt den Akteuren im Lichtverschmutzung und Verlärmung in den National Parks
Tourismusmarketing noch an Einsicht und am Engagement, sich positioniert. Für die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit
für die Erhaltung und für die Restauration natürlicher Klang- wurde eine informative und interaktiv zu bedienende Plattform
landschaften des Harzes nachhaltig einzusetzen. Naturstille „Natural Sounds“ aufgelegt (vgl. Tab. 1, [4]). Sie ist mit Natur-
kostet kein Geld, obgleich sie zu finanzieller Wertschöpfung der klang-Archiven in Bibliotheken der University of Colorado, dem
Region beiträgt. Es wird zwar oft behauptet, in der stillen Natur Yellowstone National Park und dem Rocky Mountain National
sei „nichts los“. Aber gerade in dem scheinbaren Nichts-Los-Sein Park verlinkt. Außerdem werden Unterrichtsmaterialien, ein
in der Natur liegen Chancen, die Aufmerksamkeit und die akus- „Soundscape Curriculum“ und ein „Power of Sound Interpretive
tische Wahrnehmung neu zu justieren: Geräuschumgebungen Handbook“ angeboten. Darin wird populärwissenschaftlich
der Alltagswelt steht dann ein naturakustischer Kontrast zum in Messmethoden eingeführt und die Bedeutung von Natur-
Vergleich zur Verfügung, der zur Wertschätzung des National- geräuschen interpretiert. Ergänzt wird dies durch akustische
parks beiträgt. Übungen zum Lauschen und Leisesein, wobei abrufbare Klang-
beispiele einbezogen werden können, z. B. vom Schwarzkinn-
kolibri (Archilochus alexandri) am Columbia River, von Kojoten
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Sound die Größe vieler amerikanischer „Wilderness Areas“ und durch


Level Sound Source den limitierten Zugang ist ein weitreichender Schutz natürlicher
(dBA)
Klanglandschaften gewährleistet. Nach dem US-amerikani-
Threshold of human hearing [Schwelle des menschlichen
0
Gehörs]
schen Wildnisgesetz sollen Wildnisgebiete Besuchern „outstan-
ding opportunity for solitude“ anbieten und damit individuellen
10 Volcano crater [Vulkankrater], Haleakala National Park stillen Naturgenuss durch Rückzug in die Natureinsamkeit
ermöglichen (TROMMER 2019).
20 Leaves rustling [Blätterrauschen], Canyonlands National Park

Crickets at 5 m distance [Laute von Grillen in 5 m Entfernung],


40
Zion National Park 5. Erfassung der Klanglandschaften (Soundscapes)
Conversational speech at 5 m [Unterhaltung in 5 m Entfernung], Die Soundscape-Erfassung basiert in den USA auf einer etwa
60
Whitman Mission National Historic Site
40jährigen Erfahrung. Darin spielte zunächst die Archivierung
Cruiser motorcycle at 15 m distance [Motorräder in 15 m
80
Entfernung], Blue Ridge Parkway)
von Soundscapes für die Unterhaltungsindustrie eine wichtige
Rolle (KRAUSE 2016).
100 Thunder [Donner], Arches National Park

Military jet at 100 m AGL [Militärjet in 100 m Entfernung], Das Forschungsfeld lässt sich in sechs Punkten zusammenfas-
120
Yukon-Charley Rivers National Park sen:
126
Cannon fire at 150 m [Kanonenfeuer in 150 m Entfernung], – Messmethoden, Standards der Datenerhebung und -auswer-
Vicksburg National Military Park tung
Tab. 1: Beispiele aus der Broschüre „Natural Sounds“ (NATIONAL ACADE- – Umgang mit räumlich-zeitlicher Dynamik
MY OF ENGINEERING 2013).
– Korrelation mit Umweltvariablen
– Menschliche Auswirkungen auf natürliche Soundscapes
(Canis latrans) in der Sagebrush Steppe, von Flussgeräuschen – Auswirkungen natürlicher Soundscapes auf Menschen
des Fremont Rivers im Capitol Reef National Park, von einer – Auswirkungen von Soundscapes auf Ökosysteme.
Sturzflut im Whitmore Wash auf dem Colorado Plateau, von
Pinyon-Hähern (z. B. Clarks Nutcracker Nucifraga columbiana) Hierzu werden Klanglandschaften an ausgewählten Orten
oder vom Knurren eines Berglöwen (Puma concolor). Jedes digital nach Frequenz und Intensität (Dezibel-Amplitude)
Klangbeispiel ist einem konkreten Fall, einer konkreten Situa- erfasst und nach ihren Herkünften bzw. Quellen pro Saison,
tion an einem konkreten Ort zugeordnet. Tages- und Nachtzeit ausgewertet. Dabei werden geophone
Quellen (Geräusche von Wasser, Witterung, abgehende Geröl-
Die US-amerikanischen Aktivitäten zur „Soundscape Conser- le), von biophonen (vor allem Tiere, Pflanzen) und von anth-
vation“ begannen etwa 1987 mit dem „National Park Overflight rophonen Quellen (technische Geräusche, menschliche Geräu-
Act“ [5]. Seit 2000 ist ergänzend dazu der „National Park sche) unterschieden und deren wechselseitiger Überlagerung
Air Tour Management Act“ in Kraft getreten. Kommerzielles nachgegangen. Neben der Datenerfassung werden Klangdo-
Überfliegen der National Parks und die Einhaltung von Flug- kumente für Soundscape-Archive erstellt, die zum Vergleich
höhen muss mit dem „National Park Service“ abgestimmt wer- oder auch zur Demonstration herangezogen werden können
den. Dieser ist verpflichtet, über die Auswirkungen des Überflie- (PIJANOWSKI et al. 2011). Generell lässt sich als Hypothese
gens von National Parks an den Kongress Bericht zu erstatten. formulieren, dass für die stille Erholung im Nationalpark die
Wahrnehmung von geophonen und biophonen Quellen sich
Eine wesentliche Voraussetzung für den wirkungsvollen Schutz eher attraktiv und positiv stimulierend auswirkt und die von
von Soundscapes ist bereits im US-amerikanischen Wildnis- anthrophonen, besonders die von technischen Quellen herrüh-
schutzgesetz aus dem Jahr 1964 (Wilderness Preservation renden (Motorgeräusche, Handy-Telefonie, Musikrekorder)
System Act, [6]) angelegt worden. Danach wurden und werden eher distraktiv, störend.
auf Land, das sich im Besitz der US Bundesverwaltungen be-
findet, nur solche unerschlossen gebliebenen Gebiete registriert, Die Soundscape-Erfassung in US-amerikanischen National
evaluiert und ggf. als geschützte „Wilderness Areas“ ausgewiesen Parks konzentriert sich auf konkrete Ereignisse und Fallstudien
(u.a. auch in National Parks), die keinerlei Fahrwege enthalten. mit automatischer Messung und Aufzeichnung des Klangspek-
Jede Form motorisierter aber auch mechanischer Fortbewegung trums über 24 Stunden an ausgewählten Standorten je nach
ist hier untersagt (eine Ausnahme bilden die für Motorboote Saison, um herauszufinden, welches Ausmaß menschlich verur-
zugelassenen Gewässer des Everglades National Parks in sachter Geräusche ökologisch noch tolerabel ist und was dabei
Florida; für die gelten Geschwindigkeitsbegrenzungen). Durch an Daten für die Erfassung der Biodiversität genutzt werden
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Abb. 2: Naturstille ist nicht immer still, sondern enthält natürliche Klangbilder wie das Rauschen stürzenden Wassers in der wilden Ilse (hier bei Hochwasser)
im Nationalpark Harz. Foto: G. Trommer.

kann. Für Lärmpegelerfassungen werden kalibrierte Messungen 6. Impulse für den Nationalpark Harz
zugrunde gelegt, bei denen die Mikrofone erst dann eingeschal- Durch den Nationalpark Harz führen die Bundesstraßen
tet werden, wenn ein bestimmter Schallpegel überschritten wird. B 241 und B 4, sowie die Landesstraßen L 579 (Sonnenberg-
Die Fallstudien tragen dazu bei, das Bewusstsein der Ranger für St. Andreasberg), L 504 (Altenau-Torfhaus), L 519 (St. An-
den Betriebslärm im National Park zu schärfen, der durch den dreasberg-B27), die für den öffentlichen Verkehr gesperrte
Einsatz von Fahrzeugen und Maschinen entsteht. Die Studien sog. Brockenstraße K 1356 von Schierke auf den Brocken
sollen außerdem Erkenntnisse dafür liefern, wie durch Lärmver- und die Brockenbahn. Den Nationalpark tangieren die B 27,
meidung und Vorbildwirkung die ökoakustische Management- L 85 (Stapelburg-Ilsenburg), L 100 (Wernigerode-Schierke),
praxis im National Park verbessert werden kann. Außerdem L 501 (Bad Harzburg-Stapelburg) und L 521 (Herzberg-St.
liefern Fallstudien viele konkrete akustische Beispiele, mit denen Andreasberg). Das bedeutet: Für die Bundesstraßen und für
Ranger bei ihrer mit Besuchergruppen durchgeführten Naturin- die meisten Landesstraßen (mindestens in der Urlaubs- und
terpretation aufwarten können. Wintersportsaison und an Wochenenden) dürfte die für
UZVR indizierte Verkehrsdichte von 1.000 Motorfahrzeugen/
In Deutschland vertritt Prof. Dr. Michael Scherer-Lorenzen Tag je nach Saison erheblich überschritten werden, so dass der
in der Fakultät für Biologie/Geobotanik an der Universität Nationalpark Harz als Ganzes nicht mehr als „unzerschnittener
Freiburg das Fachgebiet „Ökologie der Klanglandschaften“ [7]. verkehrsarmer Raum“ betrachtet werden kann. Fraglich ist, ob
Seine Mitarbeiter erforschen mit Mikrofonkästen Klangwelten aus Teilen des Nationalparks eine zusammenhängende Gebiets-
in der Schwäbischen Alb, im Biosphärenreservat Schorfheide- größe von 100 Quadratkilometern nach der UVZR-Definition
Chorin und im Nationalpark Hainich vor allem unter dem überhaupt noch indiziert werden könnte.
Gesichtspunkt des Beitrags zur Erforschung der Artenvielfalt.
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Abb. 3: Ungestörter Blick vom Ilsetein ins Ilsetal, Nationalpark Harz. Foto: G. Trommer.

Der Schutz von Soundscapes im Nationalpark Harz kann sich Soundscape-Forschung und Soundscape-Management in
derzeit nur auf relativ kleine Flächen beziehen, die noch vom deutschen Nationalparks ist bislang Pionierarbeit und bedarf
Verkehrslärm durch Straßen und Schienen weitgehend abge- erst noch der Implementation. Unabhängig davon könnten
schirmt liegen und die auch vom Überfliegen durch niedrig schon jetzt Zonen der Naturstille im Nationalpark eingerichtet
fliegende Flugzeuge kaum betroffen sind. Eine Erfassung und und mit Handy-Ruhezonen verknüpft werden. Auch Ge-
Kartierung solcher Gebiete liegt bislang nicht vor. Auch für die schwindigkeitsbeschränkungen auf den durch den Nationalpark
Belastung natürlicher Klanglandschaften von Randbereichen führenden Bundes- und Landesstraßen könnten schon jetzt
her wie etwa vom Skibetrieb am Wurmberg fehlen akusti- verkehrspolitisch angeregt, diskutiert und mit den zuständigen
sche Daten, die mit Daten aus natürlichen Klanglandschaften Verkehrsbehörden abgestimmt werden.
abgeglichen und ggf. für Managementmaßnahmen und für
Abstimmungen mit dem Harztourismus herangezogen werden Wenn während der Betrachtung der Natur wie etwa am
könnten. Eine vom Lärm beruhigte Umgebung als „Quiet Area“ Ilsestein (Abb. 3) im Hintergrund ein Handy klingeln würde
kann nach EUROPEAN ENVIRONMENT AGENCY (2016) erst und für den Betrachter/die Betrachterin dann beispielsweise
bei einem Mindestabstand von ca. 1,0-1,2 km zu beiden Sei- mitzuhören wäre, wie an dieser Stelle über einen irgendwo zu
ten einer Straße identifiziert werden. Es fehlen dazu geeignete Hause verlegten Garagenschlüssel laut vernehmlich telefoniert
Lärmpegelmessungen. und gestritten wird, stört das den Naturgenuss. Es macht Sinn,
an exponierten Stellen im Nationalpark über Ruhezonen mit
freundlichem Appell zur Rücksichtnahme nachzudenken.
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Anschrift des Autors:
TROMMER, G. (2006): Die Stille wilder Klänge. Nationalpark Prof. i.R. Dr. Gerhard Trommer
132 (2): 38-39. ( J.W. Goethe Universität, FB Biowissenschaften – Didaktik)
In der Masch 7
TROMMER, G. (2018): „Die müssen was machen!“ Naturstille im 38165 Lehre
Nationalpark. Nationalpark 145 (2): 30-33. g-trommer@t-online.de
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