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Kommunikation

SW 06 Argumentation II
Einsatz der Argumentationsstrategien und Argumenttypen
In der Theorie können die Argumentationsstrategien klar unterschieden werden. In der
Praxis jedoch wählt man einen Strategie-Mix, der im Wesentlichen von folgenden Faktoren
abhängt:

1. Zusammensetzung der Adressatengruppe


2. Thema im Kontext
In SW 4 haben Sie bereits gesehen, dass jegliche Argumentation auf das Zielpublikum
ausgerichtet werden muss (Adressatenorientierung). Dazu gehören folgende Überlegungen:

• Überzeugungen, Meinungen und Erfahrungen der Zielgruppe


• Soziokultureller Hintergrund der Zielgruppe
• Bildungs- und Wissensstand der Zielgruppe
• Interessen, Sorgen, Nöte, Ängste und Hoffnungen der Zielgruppe
• Charakter- und Persönlichkeitseigenschaften in der Zielgruppe
1. Meistens ist es nicht so, dass das Publikum homogen zusammengesetzt ist. Demzufolge
ist es notwendig, die unterschiedlichen Facetten des Publikums zu berücksichtigen und eine
Strategiemischung einzusetzen.

2. Auch Themen können unterschiedlich angegangen werden. Je nach Auslegung des


Themas ist eine Strategie überzeugender als die andere. Es hängt davon ab, in welchem
Kontext und mit welchem Ziel ein Thema eingebracht wird. Eine Kombination verschiedener
Strategien ist aber durchaus denkbar.

Zu jeder der vier behandelten Argumentationsstrategien gibt es eine Vielzahl von


Argumenttypen. Nachfolgend werden jedoch lediglich drei Argumenttypen erläutert, die im
Alltag häufig eingesetzt werden.

Zu jeder der vier behandelten Argumentationsstrategien gibt es eine Vielzahl von


Argumenttypen. Nachfolgend werden jedoch lediglich drei Argumenttypen erläutert, die im
Alltag häufig eingesetzt werden.

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Übersicht zu den Argumenttypen

Rationalität Plausibilität Emotionalität Moralität


Strategie
(Kopf) (Bauch) (Herz) (Seele)

Faktenargument
«einfaches» Analogie- Freak-Case- Autoritäts-
Faktenargument, Argument Argument argument
Division/
Multiplikation
Argument-
typen Argument der
Definitions- Ad-hominem- Normatives
gemeinsamen
argument Argument Argument
Erfahrung

Argument der Argument der Argument der Traditions-


Verkettung goldenen Mitte schiefen Ebene argument

Rationalität (Kopf)
Faktenargument
Die These wird mittels einer Tatsachenaussage, also einer Verknüpfung mit Fakten, Daten
oder Zahlen (z. B. in Statistiken), gestützt. Das Faktenargument zielt primär auf die Vernunft
und das logische Denken.
Beispiel: Diese Position setzt eine wissenschaftliche Ausbildung im Bereich Wirtschaft
voraus. Ich habe im Jahr 2011 einen Master in Betriebsökonomie mit Schwerpunkt
Produktmanagement absolviert.
Das Faktenargument kennt viele rhetorische Ausprägungen und ist eines der häufigsten
eingesetzten Argumente. Daher sollen an dieser Stelle zwei Spezialfälle vertiefend behandelt
werden: die sogenannte Divisionstechnik und die Multiplikationstechnik.

• Mit «Division» ist gemeint, dass ein als hoch einzustufender Gesamtbetrag durch X
(z. B. Anzahl Monate) geteilt wird. Dadurch erscheint der Betrag plötzlich als
verhältnismässig gering. Handytarife, Krankenkassen- und Versicherungsprämien
etc. werden in der Regel pro Monat angegeben. Würde man alle Beträge auf ein Jahr
rechnen, dann hätte man das Gefühl, viel Geld zu investieren. Was sind schon 50
Franken pro Monat im Vergleich zu 600 Franken, die man im Jahr für das Handyabo
ausgibt? Fakten sind also nicht einfach Fakten, Zahlen nicht einfach Zahlen: Es geht
vielmehr um die gekonnte rhetorische Inszenierung.
• Das Gleiche gilt auch für den umgekehrten Weg. In diesem Fall spricht man von der
Multiplikationstechnik. So kann beim oben erwähnten Beispiel die monatliche Gebühr
von 50 Franken für ein Handyabo «beliebig» erweitert werden: 50 Franken pro Monat
sind 600 Franken pro Jahr. Auf die nächsten 10 Jahre gerechnet sind das 6000
Franken, bis ans Lebensende sogar mehr als 30’000 Franken; davon könnte man
sich ein Auto kaufen. Je grösser die Anschaffung, desto wirkungsvoller wird die
Argumentation. Geht es in einer Abstimmung beispielsweise um den Kauf neuer
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Kampfflugzeuge, kann man nicht nur die reine Anschaffung mit einkalkulieren,
sondern auch die Unterhaltskosten, gerechnet auf die Lebensdauer der Flugzeuge.
So kommt man schnell von einem Kaufpreis von 3 Milliarden Schweizer Franken auf
mehr als 10 Milliarden Franken.

Definitionsargument
Man argumentiert mithilfe von Definitionen. Definitionsargumente helfen bzw. sollen helfen,
Klarheit zu schaffen. Definitionen wirken wissenschaftlich und damit überzeugend, haben in
der Rhetorik zusätzlich den Zweck, die eigenen Ansichten besser begründen zu können.
These: Jeder sollte die Ladenöffnungszeiten selber bestimmen dürfen.
Beispiel: Die Schweiz ist ein freiheitsliebendes und liberales Land. Jeder darf – solange er
die anderen nicht übermässig einschränkt – tun und lassen, was er will. Das ist eine grosse
Stärke der Schweiz. Entsprechend sollte man das Schweizer Erfolgsmodell nicht zerstören,
indem man Ladenöffnungszeiten begrenzt. Jeder sollte doch selber entscheiden dürfen,
wann er sein Geschäft geöffnet hat und wann er es schliessen will.
Im vorliegenden Fall wird zuerst definiert, was die Schweiz ausmacht (Liberalität), um daraus
vermeintlich logische Schlüsse ziehen zu können (Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten).

Argument der Verkettung


Beim Argument der Verkettung reiht man nach dem Prinzip «wenn a, dann b – wenn b, dann
c» oder «weil x, ist y – weil y, ist z» mehrere voneinander abhängige Aussagen aneinander.
Die Kausalität («weil… weil») bzw. Konditionalität («wenn – dann… wenn – dann») wirkt
logisch, durch ihre Wiederholung eindringlich und damit überzeugend. Prinzip:
Wenn X, dann Y. Wenn Y, dann Z. Deshalb …
Weil X, ist Y. Weil Y, ist Z. Deshalb …
Die Kette endet in der Regel mit einer Schlussfolgerung.
These: Wir benötigen eine neue Restrukturierungsmassnahme.
Beispiel: Wenn wir die Restrukturierungsmassnahme vor drei Jahren nicht getroffen hätten,
dann könnten wir heute am Markt nicht mehr bestehen. Wenn dies der Fall wäre, dann
würden wir heute alle auf der Strasse stehen. Daher müssen wir auch jetzt den Mut haben,
diese bei den Mitarbeitenden unbeliebte Massnahme zu ergreifen.
Das gleiche Beispiel liesse sich auch kausal darstellen:
Weil wir vor drei Jahren diese Restrukturierungsmassnahme getroffen haben, können wir
heute am Markt bestehen. Und weil dem so ist, sollten wir auch jetzt entsprechend handeln.
Die Verkettung lässt sich (fast) beliebig erweitern und ergänzen:
Weil wir vor drei Jahren diese Restrukturierungsmassnahme getroffen haben, können wir
heute am Markt bestehen. Weil wir immer noch am Ball sind und unsere Konkurrenzfirmen
es verschlafen haben, ähnliche Massnahmen zu treffen, müssen sie heute viele
Mitarbeitende entlassen. Weil sie viele Mitarbeitende entlassen, steigt die Frustration beim
Personal. Weil die Frustration steigt, lässt die Arbeitsleistung nach. Und weil dem so ist …
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Plausibilität (Bauch)
Analogie-Argument
Bei einem Analogie-Argument wird der gesunde Menschenverstand angesprochen. Dazu
werden Ähnlichkeiten mit einem Beispiel aus einem anderen Lebensbereich aufgezeigt oder
es wird ein Bezug zu einem Sachverhalt im gleichen Kontext hergestellt.
Beispiele: Ich denke, dass ich für diese Position geeignet bin, da ich bei meiner früheren
Tätigkeit bereits umfangreiche Erfahrungen in dem für Sie relevanten Bereich sammeln
konnte. (gleicher Kontext)
In meiner Freizeit trainiere ich regelmässig Marathon. Das Durchhaltevermögen ist hierbei
ein wesentlicher Aspekt, den ich auch im Beruf unter Beweis stellen kann. (anderer Kontext)

Argument der gemeinsamen Erfahrung


Wenn man ein Gemeinschaftsgefühl mit dem Publikum herstellt, dann wirken die eigenen
Argumente für die Personen, die man überzeugen will, automatisch einleuchtender. Dieses
Gemeinschaftsgefühl kann hergestellt werden, indem man gemeinsame Erfahrungen
anspricht.
These: Wir benötigen eine neue Restrukturierungsmassnahme.
Beispiel: Wir alle kennen doch das unangenehme Gefühl, eine Prüfung zu absolvieren. Und
trotzdem überwinden wir uns. Unangenehmen Situationen sollte man nicht ausweichen. In
diesem Punkt sind wir doch alle gleicher Meinung!? Warum also sträuben sich so viele
gegen diese zugegebenermassen unangenehme Restrukturierungsmassnahme?
Argument der goldenen Mitte
Die Mitte wirkt immer dann vernünftig, wenn man sie zwei Extrempolen gegenüberstellt. Die
Extreme sind unvernünftig, die Mitte vernünftig – und insofern spricht man vom Argument der
goldenen Mitte.
These: Wir benötigen eine Restrukturierungsmassnahme.
Beispiel: Da wären auf der einen Seite die, welche die gesamte Produktion nach China
auslagern wollen. Auf der anderen Seite stehen jene, die nie etwas ändern wollen und die
Augen vor der Realität verschiessen. Meine Damen und Herren: Wir wollen die Produktion in
der Schweiz lassen, müssen aber, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben, die
Restrukturierungsmassnahme X ergreifen.
Es werden zwei Pole skizziert: Auf der einen Seite stehen jene, die den Standort Schweiz
aufgeben wollen und auf der anderen die, welche gar nicht handeln wollen. Beide Positionen
scheinen unvernünftig zu sein. Die vernünftige und damit goldene Mitte ist der Kompromiss
(Restrukturierungsmassnahme).

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Emotionalität (Herz)
Freak-Case-Argument
Ein Freak Case ist ein besonders drastisches Beispiel, das entweder wirklich stattgefunden
hat oder aber potenziell zutreffen könnte. Es handelt sich um ein Extrembeispiel, das eine
Chance, ein Risiko, eine Absurdität oder Ähnliches mustergültig darlegen soll.
These: Atomkraftwerke sollten stillgelegt werden.
Beispiel: In Fukushima haben wir gesehen, dass bei einem Unfall die Gegend unbewohnbar
wird. Der Boden wurde verseucht, die Fische starben und noch immer ist das Problem nicht
gelöst.
Im vorliegenden Fall wird auf ein einziges historisches Beispiel verwiesen, um generell
gegen AKWs zu argumentieren. Es wird also von einem Einzelfall (Fukushima) auf das
Allgemeine (Stilllegung aller AKWs) geschlossen.
Es müssen zwei Elemente zutreffen: 1. Es braucht ein realistisches, sehr drastisches
Ereignis; 2. Das Ereignis wird verallgemeinert. Der Unterschied zum Analogie-Argument ist,
dass man nicht vergleicht. Man könnte aus dem vorliegenden Beispiel auch eine Analogie
ableiten. Konkret: «Wie in Fukushima ist es auch beim AKW Mühleberg möglich, dass es zu
einer Überflutung kommt. Beim AKW Mühleberg ist es der Stausee, in Fukushima war es der
Tsunami.» Das Freak-Case-Argument konzentriert sich allein auf das Fallbeispiel,
wohingegen beim Analogie-Argument der Vergleich (hier AKW Mühleberg und AKW in
Fukushima) im Vordergrund steht.

Ad-hominem-Argument
Das Ad-hominem-Argument (frei übersetzt: «auf den Menschen abzielendes Argument»)
stellt nicht die Sache, sondern bestimmte Personen und Gruppen in den Vordergrund, meist
die Kontrahenten. Mit dem Ad-hominem-Argument zielt man auf den Gegner. Da das
Argument dadurch nicht mehr sachbezogen ist, kann es ein hohes Konfliktpotenzial
aufweisen oder manipulativ wirken. Man beschuldigt den Kontrahenten zum Beispiel, dass er
in einer bestimmten Sache befangen sei, dass er keine Erfahrung habe, dass er ein
Hinterwäldler sei etc. Die Palette reicht von moderaten bis hin zu beleidigenden Aussagen.
Das Ad-hominem-Argument zählt zur Strategie der «Emotionalität».
Beispiele:
• Sie sind doch nur deshalb gegen eine Verschärfung des Gesetzes, weil Sie von den
Banken regelmässig Parteispenden erhalten.
• Sie als Ökonom sind ja ohnehin nicht befähigt, die juristische Sachlage angemessen
zu beurteilen.

Vorwürfe, Anschuldigungen, Unterstellungen und das Bestreiten von Kompetenzen sind in


hitzigen Debatten keine Seltenheit. Etwas subtiler ist es, wenn man versucht, den
Kontrahenten in Widersprüche zu verwickeln, um ihm so Wankelmut, Charakterlosigkeit etc.
vorwerfen zu können.

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Argument der schiefen Ebene
Das Argument der schiefen Ebene besteht aus zwei Elementen: 1. Man skizziert eine
zukünftige negative Entwicklung. 2. Man warnt vor einem Endzustand, der von niemandem
ernsthaft gewollt werden kann. Um von einer «schiefen Ebene» zu sprechen, müssen beide
Elemente vorhanden sein (Entwicklung plus Endzustand). Der Ausdruck «schiefe Ebene»
(engl. slippery slope) rührt daher, dass man dem Publikum aufzeigt, dass uns ein
bestimmtes Verhalten quasi auf eine schiefe (im Englischen «rutschige») Ebene führen wird,
sodass wir stolpern und umfallen.
Beispiel:
Ausgangslage: Es gibt den Vorschlag, dass jeder Bürger ein bedingungsloses
Grundeinkommen vom Staat erhalten soll. «Bedingungslos» meint, dass jede und jeder,
unabhängig von ihrem bzw. seinem gegenwärtigen Job, ein Einkommen erhält, das zum
Überleben reicht. Finanziert werden soll das Einkommen für alle u. a. mit einer Erhöhung der
Mehrwertsteuer. Dafür aber bräuchte es, so die Befürworter, keine Sozialhilfeinstitutionen
mehr. Entsprechend sei ihr Vorschlag keine Utopie, sondern realistisch und vor allem auch
realisierbar.
Beispiel eines Gegenarguments nach dem Prinzip der schiefen Ebene: Wenn wir dem
bedingungslosen Grundeinkommen zustimmen, werden Probleme auf uns zukommen, die
irreversibel sind und unser Land zerstören. Die Jugendlichen werden faul, die Einwanderung
in ein Land, das jedem einen Grundbetrag zusichert, wird übermässig zunehmen, die
Menschen, die ein tiefes oder mittleres Einkommen haben, werden nicht mehr arbeiten
wollen usw. Das kann doch keiner wollen!
Erläuterung des Beispiels: Der erste Satz beschreibt den Endzustand: «Unser Land wird
zerstört.» Niemand kann ernsthaft wollen, dass dies eintrifft. Wie kommt es nun zu diesem
Endzustand? Im zweiten Satz wird die Entwicklung, die zum Endzustand führt, dargestellt:
«Die Jugendlichen werden faul, die Einwanderung wird zunehmen und beinahe niemand
wird mehr arbeiten wollen.»
Der Unterschied zwischen dem Freak-Case-Argument und dem Argument der schiefen
Ebene ist der folgende: Beim Argument der schiefen Ebene wird die allgemeine Entwicklung
plus Endzustand beschrieben, während beim Freak-Case-Argument ein besonders
ausgefallenes Beispiel dargelegt wird.

Moralität (Seele)
Autoritätsargument
Zur Stützung der These beruft man sich auf eine anerkannte Autorität, die die gleiche
Meinung geäussert hat oder bekanntermassen vertritt. Man kann sich auch selbst als
Autorität inszenieren, indem man zum Beispiel auf eigene einschlägige Erfahrungen im
entsprechenden Feld hinweist. Zu den Autoritäten zählen ferner wissenschaftliche Studien,
weil man sich hierbei indirekt auf die Verfasser, d.h. Persönlichkeiten aus der Wissenschaft,
beruft.
Beispiele: Eine Studie der ETH zeigt, dass Akademiker nach fünf Jahren Berufserfahrung im
Schnitt X Franken pro Jahr verdienen. (Autorität: ETH bzw. Studie der ETH)

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Sämtliche renommierte Professoren der Wirtschaftswissenschaften sind gegen die
Einführung eines Minimallohns. Deshalb sind solche Forderungen abzulehnen.

Normatives Argument
Die These wird mit vom Zielpublikum anerkannten Wertmassstäben, also Norm- und
Wertvorstellungen, verknüpft. Es geht dabei um Themen wie (soziale/moralische)
Verantwortung oder moralische Verpflichtungen.
Beispiel: Wir sind es zukünftigen Generationen schuldig, mehr Geld in erneuerbare Energien
zu investieren. Unser Unternehmen kann hier ebenfalls einen Beitrag leisten, wenn ein Teil
der Energie über Sonnenkollektoren gewonnen wird.

Traditionsargument
Alles, was sich über längere Zeit hinweg etabliert hat, muss auch gut und richtig sein. Dies
ist die Devise, wenn man mithilfe der Tradition argumentiert.
These: Das Bankgeheimnis muss beibehalten werden.
Beispiel: Das Bankgeheimnis gehört zur Schweiz, weil es in der Schweiz Tradition ist, dass
der Bürger nicht überwacht wird. Das Verhältnis von Bürger und Staat ist durch
gegenseitiges Vertrauen geprägt. Es wäre daher höchst unschweizerisch, wenn man das
Bankgeheimnis abschaffen würde.
Diese Argumentation ist eng verbunden mit dem normativen Argument. Der Unterschied ist
sprachlicher Natur: Während man beim normativen Argument auf Werte verweist, wird beim
Traditionsargument das historisch Etablierte betont. Dabei gibt es drei Möglichkeiten:
1. Man nennt explizit den Begriff Tradition (Bei uns ist es Tradition, dass …)
2. Man verweist auf ein historisches Datum (Seit 1880 sind wir im Bereich X tätig …)
3. Man verweist auf eine Zeitspanne (Seit genau 150 Jahren sind wir …)

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Übung 1: Einsatz der Strategien

Case A

Angenommen, Sie schreiben eine wissenschaftliche Arbeit über Nachhaltigkeit bei grossen
Schweizer Unternehmen (Thema). Ihre These lautet: Die grossen Schweizer Unternehmen
investieren zunehmend in nachhaltige Produktion. Welche Strategie wenden Sie
schwerpunktmässig an? Welche Strategie kann unterstützend hinzukommen? Welche
Strategie würden Sie nicht einsetzen?

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Case B

Sie möchten in Ihrem Unternehmen eine Nachhaltigkeitsmassnahme umsetzen, weil über Ihr
Unternehmen in diesem Zusammenhang negativ berichtet wurde. Für die neue Massnahme
argumentieren Sie vor der Geschäftsleitung. Sie möchten auf allen Strategieebenen
argumentieren. Bringen Sie ein Beispiel für jede Strategie.

Beispiel: Moralität: Ich argumentiere mit der Firmentradition.

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Übung 2: Argumenttypen und -strategien bestimmen

Ordnen Sie die Argumente einem Argumenttyp und der dazugehörigen


Argumentationsstrategie zu.

These: Unsere Schweizer Banken sollten mehr in ihre Online-Dienstleistungen investieren.

1. Der Umsatz pro physische Filiale sinkt zunehmend.

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2. Bill Gates hat schon 1994 gesagt: „Banking is necessary, banks are not“.

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3. Es ist Aufgabe der Geschäftsleitung, für eine strategisch nachhaltige Entwicklung des
Unternehmens zu sorgen.

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4. Investieren Banken nicht viel mehr in ihr Online-Angebot, so werden ihre Umsätze
bereits in naher Zukunft stark sinken. Sie verlieren dadurch Kunden und werden
international geschwächt. Am Schluss wird der Bankenplatz Schweiz marginalisiert, was
die Metropolen Zürich und Genf bedroht.

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5. Nehmen wir als Beispiel den Hauptsitz der ältesten Bank der Schweiz. Es handelt sich
hierbei um die Bank Leu an der Bahnhofstrasse in Zürich. Dieser hatte eine völlig
überdimensionierte Kundenzone, die ab 2005 faktisch leer war. Wegen der horrenden
Fixkosten schrieb die Filiale tiefrote Zahlen. Deshalb konnte die Bank Leu nicht ins
Online-Geschäft investieren. Das war einer der Gründe, warum die Credit Suisse als
Muttergesellschaft die Bank Leu 2012 liquidierte.

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6. Wir sollten uns an Singapur und anderen asiatischen Märkten orientieren, bei denen
Online-Bankgeschäfte schon viele Jahre Standard sind und sehr erfolgreich eingesetzt
werden.

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7. Was ist in der heutigen Zeit eine gute Bank? Eine Bank, die ihren Kunden ein
umfassendes, topmodernes Online-Angebot zur Verfügung stellt.

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8. Wir alle haben schon erlebt, wie ärgerlich es ist, wenn man ein Produkt oder eine
Dienstleitung nicht erwerben kann, weil man vor geschlossenen Türen steht. Online-
Geschäfte sind jederzeit und überall verfügbar.

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9. Wenn wir vermehrt ins Online-Business investieren, dann können wir die Zielgruppe der
unter 30-Jährigen besser ansprechen. Wenn wir diese Zielgruppe auf unserer Seite
haben, dann gibt uns das das Image eines modernen und attraktiven Finanzplatzes.
Wenn wir dieses Image haben, dann können wir uns langfristig von anderen
Finanzplätzen positiv differenzieren.

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10. Es gibt Banken, die setzen nur auf Online-Banking und haben gar keine physischen
Filialen. Umgekehrt gibt es auch wenige Banken, die fast ausschliesslich auf ein
physisches Filialnetz setzen. Beide Strategien haben Stärken und Schwächen. Um
langfristig erfolgreich zu sein, braucht es einen Mix, damit alle Zielgruppen
angesprochen werden können.

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11. Der bekannte Filialleiter Fritz Meier von der ZKB ist gegen die stärkere Online-
Ausrichtung seiner Bank, weil er selber keine Ahnung von E-Dienstleistungen hat.

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12. Seit 1848 die moderne Schweiz gegründet wurde, gehört Innovation zur DNA unseres
Landes. Nehmen wir als Beispiel Nescafé, Milchschokolade, Reisverschluss oder
aktueller Doodle und Nespresso. Wir sollten an diese Erfolge anknüpfen und
entsprechend das Online-Banking forcieren.

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Übung 3: Argumenttypen bestimmen
Im Alltag kommen das Faktenargument, das normative Argument, das Autoritätsargument
und das Analogie-Argument besonders häufig vor. Spezielle, aber gleichwohl effektive
Argumenttypen wie die Schiefe Ebene sind seltener. Bestimmen Sie in der nachfolgenden
Übung, ob es sich um ein Faktenargument, Autoritätsargument, normatives Argument oder
um ein Analogie-Argument handelt.

Wirtschaftssanktionen
Bei näherer Betrachtung entspringen
Wirtschaftssanktionen entweder einer emotionalen
Reaktion auf geschehendes Unrecht oder sind Ausdruck
von Hilflosigkeit, wenn politischer Druck nicht zum Ziel
führt. Argumenttyp 1:
(1) Studien vergangener Sanktionen zeigen nämlich, dass
diese nur unter bestimmten Bedingungen wirksam sein
können. Sie müssen auf internationaler Kooperation
beruhen und dürfen nicht durch einzelne Länder
unterlaufen werden. Die Sanktionen müssen zudem ein
kleines Land treffen, das wirtschaftlich und politisch
schwach ist. Sie müssen sowohl die Handels- als auch die
Finanzströme einbeziehen, und das Ziel muss in einer
moderaten Politikänderung des sanktionierten Landes
bestehen.
Weil all diese Voraussetzungen selten gegeben sind, ist es
kaum verwunderlich, dass wirtschaftliche Sanktionen in
der Vergangenheit durchwegs unwirksam waren.
Leidtragend ist einzig das Volk. Auf ihm lasten die Folgen
ungenügender Versorgung mit Nahrung, Medikamenten
und Energie. Technologisch bleibt das Land zurück und oft
resultiert ein jahrelanger Leidensweg der ganzen Argumenttyp 2:
Bevölkerung. (2) Wahrhaft unethisch ist die wirtschaftliche
Not, welche einem unterdrückten Volk durch
Wirtschaftssanktionen zusätzlich aufgebürdet wird.
Nicht Sanktionen, sondern nur eine langfristig
ausgerichtete Integration der Länder in die
Weltgemeinschaft kann einen allmählichen Politikwechsel
herbeiführen. (3) Im Zuge der wirtschaftlichen Öffnung Argumenttyp 3:
steigt der Demokratiegrad mit einer Verzögerung von 10
bis 15 Jahren stetig. (4) Ebenso wie ein hoher
Argumenttyp 4:
Bildungsgrad der Gesamtbevölkerung führen Handel und
steigender wirtschaftlicher Wohlstand zu einer
allmählichen ideologischen Öffnung.

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Die wirtschaftliche Isolation eines Landes bringt
niemandem Vorteile und trifft stets die Schwächsten. Wer
Argumenttyp 5:
miteinander Handel treibt, schiesst nicht aufeinander – (5)
das wussten schon die Gründerväter der heutigen EU.
(Text stark verändert nach Tilman Slembeck: „Wirtschaftssanktionen”, in:
„NZZ am Sonntag” vom 14. 10. 2007)

Übung 4: Videoanalyse
In der konkreten Argumentation (z. B. in politischen Debatten) kommen die Argumenttypen,
die Sie im Unterricht kennengelernt haben, häufig auch gemischt und nicht in Reinform vor.
Sie sehen in der Folge einen Videoausschnitt zum Thema «Zuwanderung». Welche
Argumenttypen erkennen Sie bei der Rednerin und den Rednern?

Redner 1: Lukas Reimann (SVP)

Redner 2: Patrick Müller (Journalist)

Rednerin 3: Jacqueline Badran (SP)

a) Lukas Reimann (SVP):

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b) Patrick Müller (Journalist):

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c) Jacqueline Badran (SP):

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d) Herr Reimann spricht von der «Zuwanderung ins Sozialsystem», Frau Badran sagt
über das SECO, dass es sich um eine Religionsgemeinschaft handle. Welche
Bedeutung hat die Wortwahl im Rahmen der Argumentation?

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Übung 5: Bessere Argumente formulieren

Argumente sind nur dann wirksam, wenn Sie auch Ihr Gegenüber überzeugen.
Nachfolgende Argumente sind wenig aussagekräftig. Warum? Was müsste geändert
werden?

a) Wir sollten nicht noch zusätzlich Geld in die Abteilung Z stecken, weil wir bereits jetzt
schon zu viel investiert haben. (Adressat: Geschäftsleitung)

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b) Umweltschutz geht uns alle an, weil wir es unseren Kindern schuldig sind. (Adressat:
Kollege in der Kaffeepause)

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c) Wir sollten das Kostenangebot noch einmal nachrechnen, weil der Chef vorhin so
überrascht geschaut hat, als der die Zahlen gesehen hat. (Adressat: Projektmitglied)

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Übung 6: Umsetzung der Argumenttypen

1. Wählen Sie ein Thema.


2. Verfassen Sie für die vorgegebene Zielgruppe drei konkrete und adressatengerechte
Argumente. Hinweis: Nicht alle Argumente dürfen aus derselben Strategie sein.
3. Überlegen Sie sich abschliessend, in welcher Reihenfolge Sie die drei Argumente
vortragen würden. Notieren Sie die ausformulierten Argumente, sodass Sie sie dem
Plenum mittels geteiltem Bildschirm zeigen können.

4.
 Pro Ampelsystem für Lebensmittel (rot für ungesund, orange für bedingt gesund, grün
für sehr gesund). Zielgruppe: Geschäftsleitung Migros
 Pro Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen. Zielgruppe: Porschefahrerinnen
und -fahrer
 Pro Dresscode in der Bankenbranche. Zielgruppe: Mitarbeitende

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Übung 7: Argumenttypen und -stützen (Hausaufgabe)
Thema: Sie sind Mitglied der GL in einem Finanzunternehmen mit 250 Mitarbeitenden.
Überzeugen Sie die GL davon, die firmeneigene IT sowie den entsprechenden Support nicht
in ein asiatisches Billiglohnland auszulagern.

Aufgabe: Formulieren Sie nach der jeweiligen Vorgabe vier konkrete und
adressatengerechte Argumente. Stützen Sie jedes Argument, um Ihren Standpunkt zu
verdeutlichen. Zur Stützung stehen Ihnen die folgenden Elemente wahlweise zur Verfügung:
Unterargument, Illustration, Zitat, Gegenargument inkl. Entkräftung.

Markieren Sie die Stützung farblich. Ihre Sätze müssen vollständig, sachlich logisch und
sprachlich nachvollziehbar sein.

Sehr geehrte Damen und Herren

Wir dürfen unsere firmeneigene IT nicht in ein asiatisches Billiglohnland auslagern. Für
meinen Standpunkt sprechen mehrere Argumente.

Argument der Verkettung

Analogie-Argument

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Argument der gemeinsamen Erfahrung

Argument der schiefen Ebene

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Quellen
Göldi, S. (2003). Kommunikation. Handbuch für Studierende. Bern: h.e.p.
Herrmann, M., Hoppmann, M., Stölzgen, K., und Taraman, J. (2012). Schlüsselkompetenz
Argumentation. 2. Auflage. Paderborn: Ferdinand Schönigh.
Thiele, A. (2003). Die Kunst zu überzeugen. Faire und unfaire Dialektik. Heidelberg:
Springer.

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