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Die Bestimmung der Wortarten: Grundlagen

3.4 | Bestimmung der Wortarten:


Die Wortarten-›Murmelbahn‹
Nachdem die Grundlagen der Flexion und der Distribution geklärt sind, ist
es nun endlich möglich, eine Systematik der Wortartenbestimmung zu
erarbeiten. Diese Systematik sieht so aus, dass man für jedes Wort, das
man einer Wortart zuordnen will, eine Kette von Fragen jeweils mit ja oder
nein beantworten muss. Am Ende dieser Fragekette steht die Zuordnung
zu einer von insgesamt acht Wortarten. Man kann sich den im Folgenden
erläuterten Wortartenentscheidungsbaum wie eine Murmelbahn vorstel-
len: Oben lässt man die ›Murmel‹, d. h. das Wort, das man bestimmen
möchte, hineinfallen. Bei jeder Abzweigung wird eine weitere Eigenschaft
des Wortes erfragt und je nachdem, wie die Antwort ausfällt, ›rollt‹ die
›Wort-Murmel‹ nach links oder nach rechts, bis sie schließlich in einem
der Fächer mit einem ›Wortarten-Etikett‹ liegen bleibt. Wichtig ist, dass
man die Fragen immer in dieser Reihenfolge beantwortet und nicht mit ei-
ner ›niedrigeren‹ Frage beginnt!

Fragetests zur 1. Kann das Wort überhaupt lektiert werden (egal ob dekliniert oder kon-
Wortarten- jugiert)?
bestimmung 2.1 Wenn das Wort lektiert werden kann, kann es dann konjugiert wer-
den (d. h. kann die Zeit verändert werden) oder kann es dekliniert wer-
den (kann man es in den Genitiv setzen)?
3.1.1 Wenn das Wort konjugiert werden kann, ist es ein Verb.
3.1.2 Wenn das Wort dekliniert werden kann: Kann es kompariert werden
und zwischen Artikel und Nomen stehen? (Komparierbarkeit gilt aller-
dings nicht für alle Adjektive, die Stellung zwischen Artikel und Nomen
dagegen schon!)
3.1.2.1 Wenn es kompariert werden kann und zwischen Artikel und No-
men stehen kann, ist es ein Adjektiv.
3.1.2.2 Wenn es nicht kompariert werden kann und nicht zwischen Arti-
kel und Nomen stehen kann: Ist es artikelfähig?
3.1.2.2.1 Wenn es artikelfähig ist, ist es ein Nomen.
3.1.2.2.2 Wenn es nicht artikelfähig ist, ist es entweder ein Artikel oder
ein Pronomen.
2.2 Wenn das Wort nicht lektiert werden kann: Kann es alleine (!) im
Vorfeld stehen?
3.2.1 Wenn das Wort alleine im Vorfeld stehen kann, ist es ein Adverb.
3.2.2 Wenn es nicht alleine im Vorfeld stehen kann: Hat es eine Kasusfor-
derung?
3.2.2.1 Wenn es eine Kasusforderung hat, ist es eine Präposition.
3.2.2.2 Wenn es keine Kasusforderung hat: Verknüpft es Wörter, Phrasen
oder Sätze?
3.2.2.2.1 Wenn es Wörter, Phrasen oder Sätze verknüpft, ist es eine Kon­
junktion.
3.2.2.2.2 Wenn es keine Wörter, Phrasen oder Sätze verknüpft, ist es eine
Partikel.
Weitaus übersichtlicher kann man dieses Verfahren in der eben erwähnten
»Wortartenbestimmungsmurmelbahn« darstellen: Ganz oben lässt man

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3.4
Bestimmung der Wortarten: Die Wortarten-›Murmelbahn‹

das Wort X ›hineinfallen‹, das man näher bestimmen möchte. Dieses ›rollt‹ Schnelltest zur
nun in Stufen nach unten, bis es in einer der ›Auffangschalen‹ der Wort- Wortarten-
arten landet: bestimmung

Wort X

f l e k ti e r ba r ni c h t f l ek t i e r ba r

konjugierbar deklinierbar vorfeldfähig nicht vorfeldfähig

komparierbar & nicht komparierbar Kasusforderung keine Kasusforderung


kann zwischen
Artikel und
Nomen stehen

artikelfähig nicht artikelfähig Verknüpfung keine Verknüpfung

Verb Adjektiv Nomen Artikel/Pronomen Adverb Präposition Konjunktion Partikel

Probieren wir nun aus, was passieren wird, wenn wir die ›Murmeln‹ in
den Entscheidungsbaum geben, d. h. alle Wörter in folgendem Satz einer
Wortart zuordnen wollen:

Heute fahren wir in den Zoo, weil das Wetter sehr schön ist. Beispielsatz-
analyse
Die Wortartenzuordnung ergibt Folgendes:
■ heute: nicht lektierbar, vorfeldfähig: Adverb
■ fahren: lektierbar, konjugierbar: Verb
■ wir: lektierbar, deklinierbar, nicht komparierbar, nicht artikelfähig:
Pronomen (Achtung: Das Wort wir kann tatsächlich dekliniert werden,
nur sehen die Formen jeweils sehr unterschiedlich aus. Die Tests erge-
ben aber, dass man wir in den Dativ (Wem gefällt es? Uns gefällt es.),
Akkusativ (Wen sehen wir? Uns sehen wir.) und Genitiv (Wessen geden-
ken wir? Unser gedenken wir.) setzen kann!) (zur weiteren Differenzie-
rung von Artikeln und Pronomen s. Kap. 6.3)
■ in: nicht lektierbar, nicht vorfeldfähig, Kasusforderung: Präposition
■ den: lektierbar, deklinierbar, nicht komparierbar, nicht artikelfähig:
Artikel (zur weiteren Differenzierung von Artikeln und Pronomen
s. Kap. 6.3)

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Die Bestimmung der Wortarten: Grundlagen

■ Zoo: lektierbar, deklinierbar, nicht komparierbar, artikelfähig: Nomen


■ weil: nicht lektierbar, nicht vorfeldfähig, keine Kasusforderung, Ver-
knüpfung: Konjunktion (genauer: eine subordinierende Konjunktion
(Subjunktion), da das Verb an das Satzende ›verdrängt‹ wird)
■ das: lektierbar, deklinierbar, nicht komparierbar, nicht artikelfähig: Ar-
tikel (zur weiteren Differenzierung von Artikeln und Pronomen s. Kap.
6.3)
■ Wetter: lektierbar, deklinierbar, nicht komparierbar, artikelfähig: No-
men
■ sehr: nicht lektierbar, nicht vorfeldfähig, keine Kasusforderung, keine
Verknüpfung: Partikel
■ schön: lektierbar, deklinierbar, komparierbar und kann zwischen Arti-
kel und Nomen stehen: Adjektiv
■ ist: lektierbar, konjugierbar: Verb

Der Wortartenentscheidungsbaum lässt sich im Übrigen auch ›rückwärts‹


zur Bildung von Deinitionen benutzen: Ein Adverb ist eine nicht lektier-
bare, vorfeldfähige Wortart. Eine Präposition ist eine nicht lektierbare,
nicht vorfeldfähige, kasusfordernde Wortart. Ein Nomen ist eine lektier-
bare, deklinierbare, nicht komparierbare, artikelfähige Wortart etc.

Arbeitsaufgabe

Aufgabe 1: Bestimmen Sie alle Wortarten in den folgenden Beispielsätzen:


(1) Wegen des schlechten Wetters müssen wir zu Hause bleiben, obwohl
wir eigentlich spazieren gehen wollten.
(2) Das Kind, das gerade ein Eis gekauft hat, geht dort über die Straße.
(3) Woher wusste er denn von der heutigen Geburtstagsfeier?

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4 Die Bestimmung der Wortarten:


Detailfragen und Probleme
4.1 Details der Wortartenbestimmung
4.2 Die richtige Reihenfolge bei der Wortartenbestimmung
4.3 Einige Probleme beim Erkennen von Flektierbarkeit
4.4 Probleme mit der Semantik, oder: Warum die Semantik
außen vor bleibt

4.1 | Details der Wortartenbestimmung


Der Beispielsatz, der am Ende des vorigen Kapitels verwendet wurde, war
absichtlich einfach gehalten, um das Verfahren der Wortartenbestimmung
zu illustrieren. Versuchen wir nun die Wortartenbestimmung bei einigen
etwas komplizierteren Wörtern, den Adjektiven:
Ist eine Mumie eigentlich toter als ein Zombie oder umgekehrt?
Die drei Kinder, die heute ihren fünften Geburtstag haben, bekommen
zwanzig Lollies.
Soll ich das lilane Hemd oder den orangen Pullover anziehen?
Ein singender Vogel sitzt in dem gestern gekauften Vogelhaus.

Adjektive bereiten ein großes Problem bei der Wortartenbestimmung. Es


gibt in dieser Wortart eine Reihe von Wörtern, die man gerne den Adjekti-
ven zuordnen will (und die auch in keine andere Wortart passen), die aber
als Adjektive ›aus der Reihe tanzen‹. Darunter fallen:
1. Adjektive, die aus semantischen Gründen nicht (oder zumindest aus
Sicht mancher Sprachpleger nicht) lektiert werden können. Es handelt
sich dabei um Adjektive, bei denen die Bedeutung sowohl eine Vergleichs-
form als auch einen Superlativ zweifelhaft erscheinen lässt. Eine Gruppe,
bei der oft gesagt wird, dass sie aus diesem Grund nicht kompariert wer-
den kann, ist die der Farbadjektive. Zuweilen wird behauptet, dass grün, Farbadjektive
blau, schwarz etc. Eigenschaften seien, die entweder vorhanden sind oder
eben nicht. Es mache daher keinen Sinn, von grüner / am grünsten, blauer
/ am blausten oder schwärzer / am schwärzesten zu sprechen. Dieses Ar-
gument kann allerdings schnell widerlegt werden. Es trifft nur zu, wenn
man diese Adjektive auf die simple Angabe der Anwesenheit einer be-
stimmten Farbe reduziert. Im Sprachgebrauch kodieren Farbadjektive aber
nicht nur das Farbmerkmal, sondern auch die Intensität der Farbe. So ist
es problemlos möglich, davon zu sprechen, dass das Gras in diesem Som-
mer grüner ist als letzten Sommer (im Englischen gibt es sogar das Sprich-
wort The grass is always greener on the other side., d. h. man hat immer
das Gefühl, dass das Gras des Nachbarn schöner aussieht, also ein ›volle-
res‹ Grün hat als das eigene), man kann sagen, dass Bayern den blausten
Himmel in Deutschland hat (nämlich das tiefste Blau), und man kann bei

W. Imo, Grammatik, DOI 10.1007/978-3-476-05431-9_4,


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