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Eine Sisyphos Aufgabe – Warum eine starke Linke die Cancel Culture nicht unterstützen sollte - Un…

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29. Juli 2020


Das Neueste: Polen will Frauenrechte wieder abscha!en
Eine Sisyphos Aufgabe – Warum eine starke Linke die Cancel Culture nicht unterstützen sollte
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Der Kampf um die Seife in Thessaloniki
Humorvolle Revoluzzerin für Feminismus und Müßiggang
Das Gleichheitsproblem der rechtswidrigen Corona-Verordnung

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Aktuell Demokratie Frieden International Kultur Medien Philosophie Standpunkte

Eine Sisyphos Aufgabe – Warum eine starke


Unsere Zeitung unterstützen!
Linke die Cancel Culture nicht unterstützen
sollte UNTERSTÜTZEN

% 28. Juli 2020 & Florian Maiwald ' 0 Kommentare ( cancel culture, Linke, Shitstorm, Sisyphos
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zu verbessern. die das ist
Wir ho!en,
Probleme, diewenn
ok für dich, sie zunicht,
bekämpfen versucht,
kannst du dadurch
das hier gern lediglich
abstellen. größer.Reject
Accept Warum eine
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wahre links-progressive Politik nicht auf cancel culture setzen sollte, diskutiert Florian
Maiwald in seinem neuen Beitrag.

Als Sisyphos, der König von Korinth, den Zorn der Götter auf sich zog, haben diese sich
eine ganz besondere Strafe für ihn ausgedacht. Die Strafe bestand darin, dass Sisyphos
immer wieder auf Neue einen riesigen Felsblock den Berg hochschieben musste, um
dann an der Spitze des Berges zu der Erkenntnis zu gelangen, dass der Felsblock wieder
runterrollte und die ganze Prozedur von vorne losging. Ein Leben, geprägt durch die
Determination des Repetitiven und der Entfremdung jeglicher Zwecksetzungen, hat
Sisyphos von nun an begleitet. Lässt sich nicht ein ähnlicher Gedankengang auf das
Phänomen der ,,cancel culture“ applizieren? Handelt es sich hierbei nicht ebenfalls um
jenes determinierende Element des Repititiven? Indem am laufenden Band gecancelt wird
(der Felsblock den Berg hinauf gerollt wird) wird der eigentliche Zweck (ein produktiver
Wandel zu einem gerechteren System) e!ektiv blockiert. Der Felsblock rollt wieder
hinunter und der Kampf um mehr Gerechtigkeit beginnt von vorne – ohne jegliches
Ergebnis zu erzielen. Denn der derzeitige Kampf um Gerechtigkeit ist ebenfalls – wie die
Strafe des Sisyphos – immanenter Bestandteil des Systems.

Ende der Debatte


Vor einigen Wochen haben einige namhafte Intellektuelle – darunter Salman Rushdie,
Noam Chomsky und J.K. Rowling – einen Brief verö!entlicht, in welchem sie für eine
liberalere Debattenkultur eintreten. In dem Brief heißt es unter anderem:

, Die Kräfte des Illiberalismus nehmen weltweit Fahrt auf und haben in Donald
Trump einen mächtigen Verbündeten, der die Demokratie ernsthaft bedroht.
Aber Widerstand darf nicht – wie unter rechten Demagogen – zum Dogma
werden. Die demokratische Inklusion, die wir wollen, kann nur erreicht
werden, wenn wir uns gegen das intolerante Klima wenden, das überall
entstanden ist (2020).

Paradoxerweise haben einige Reaktionen auf den Brief genau das bestätigt, was
ebendieser zu kritisieren intendierte. Die Annahme der Unterzeichner, dass unsere
gesamtgesellschaftlichen Debatten durch ein zunehmendes Klima der Intoleranz geprägt
sind, hat sich durch die Kritiken, die gegen den Brief hervorgebracht wurden, also
unmittelbar bestätigt.
Es gibt jedoch auch weitere Fälle anhand derer sich klar verdeutlichen lässt, dass eine
derartige Form der Intoleranz Teil unseres gesellschaftlichen Diskurses geworden ist.
Zunächst ließe sich an dieser Stelle der Rücktritt von James Bennett, dem Ressortleiter der
Kommentarseite der New York Times, erwähnen. Der Rücktritt erfolgte aufgrund
massiven Drucks von Bennets Kolleginnen und Kollegen, aufgrund der Tatsache, dass
Bennett damit einverstanden war, dass der republikanische Senator Tom Cotton einen
Beitrag verö!entlicht, in welchem dieser den Einsatz des Militärs im Hinblick auf die
gegenwärtigen Proteste in den USA fordert. Ungeachtet der Tatsache, dass Bennett den
Artikel vor der eigentlichen Verö!entlichung nicht einmal gelesen hat, wurde der Druck
auf ihn letztendlich so groß, dass er sich zu seinem eigenen Rücktritt gezwungen sah.
Ein weiteres interessantes Beispiel bietet in diesem Zusammenhang der Datenanalyst
David Shor, welcher via Twitter auf eine Studie des Princeton Professors Omar Wasow
hingewiesen hatte. Wasows Studie hatte die Auswirkungen von friedlichen und
unfriedlichen Demonstrationen auf die ö!entliche Meinung nach der Ermordung an
Martin Luther King Jr. untersucht, um letztendlich herauszu"nden, dass unfriedliche
Demonstrationen mehr Kritik in der Ö!entlichkeit hervorgerufen haben. Laut Wasow
haben diese Umstände und die durch sie erzeugten Spaltungen in der Gesellschaft, Nixon
letztendlich zum Sieg verholfen. Trotz ö!entlicher Entschuldigung wurde Shor, ein 28
jähriger Demokrat, aufgrund seines Verweises auf Wasows Studie entlassen.
Nicht zuletzt sei an dieser Stelle die Harry Potter Autorin J.K. Rowling zu nennen, welche
aufgrund ihrer Bemerkung, dass es ein biologisches Geschlecht gäbe, mit shitstorms
übersäht wurde.
Die drei zuvor erwähnten Fälle sind exemplarisch für das, was der französische Historiker
und Publizist Alexis de Tocqueville in seinem 1835 erschienenen Buch Über die
Demokratie in Amerika (1) als die „Tyrannei der Mehrheit“ bezeichnete.
In diesem Kontext hebt Tocqueville – während seiner Amerika Reise – äußerst tre!end
hervor:

, In Amerika zieht die Mehrheit einen drohenden Kreis um das Denken.


Innerhalb dieser Grenzen ist der Schriftsteller frei; aber wehe, wenn er sie zu
überschreiten wagt! Er hat zwar keine Autodafé zu fürchten, aber er ist allen
erdenklichen Unannehmlichkeiten und täglichen Nachstellungen ausgesetzt.
Die politische Laufbahn ist ihm verschlossen; er hat die einzige Gewalt, die sie
ihm erö!nen könnte, beleidigt. Man versagt ihm alles, selbst den Ruhm. Ehe
er Ansichten verö!entlichte, glaubte er, Anhänger zu haben; nun er sich allen
entdeckt hat, besitzt er, so scheint es ihm, keinen mehr; denn wer ihn
ablehnt, bringt das ö!entlich zum Ausdruck, und wer denkt wie er, ohne so
mutig zu sein, schweigt und entfernt sich. Er gibt nach, erliegt schließlich dem
täglichen Ansturm und zieht sich ins Schweigen zurück, als hätte er ein
schlechtes Gewissen, die Wahrheit gesagt zu haben (ebd. 1985, 151).
Lassen sich Tocquevilles Gedanken nicht wunderbar auf die zuvor erwähnten Fälle
anwenden? Es sind diese unsichtbaren diskursiven Grenzen, welche zwar nicht juristisch
klar einzugrenzen sind, aber dennoch wirkmächtig im Hinblick auf die praktischen
Konsequenzen, durch welche das jeweilige Individuum letztendlich zu leiden hat.
Persönlichkeiten wie J.K. Rowling mögen diese Konsequenzen nicht in einer derartigen
Drastik verspüren. Aber was ist mit den eher unbekannten Menschen, welche bisher
einen guten Job erledigt haben? Ein falsches Wort, eine falsche Meinung… und die
Karriere liegt in Trümmern.
Phänomene wie die sogenannte „cancel culture“ beschreiben eben jenen Prozess, bei
dem Andersdenkende ausgegrenzt werden und in vielen Fällen sogar ihren Job verlieren
und mit gesellschaftlicher Achtung gestraft werden. Oftmals wird das Phänomen dem
linken politischen Spektrum zugeordnet. Jemand, der sich jedoch wirklich zu dem linken
politischen Spektrum zählt, sollte dieses Phänomen nicht nur als problematisch, sondern
auch als gefährlich erachten. Nicht zuletzt, da Phänomene wie die „cancel culture“ keine
sinnbringenden Mittel für die Ziele eines produktiven linkspolitischen Programms
darstellen.

Ehrenwerte Absichten, verwer!iche


Mittel
Zunächst ist jedoch klarzustellen – und das macht die ganze Dramatik der Situation aus -,
dass die Motivationen und Absichten derjenigen, welche für mehr politische Korrektheit
und moralische Sanktionen bei kritischen Meinungsäußerungen sorgen wollen, durchaus
ehrenwerter Natur sind und damit auf einer empathischen Ebene völlig nachvollziehbar.
Dennoch sei an dieser Stelle zu konstatieren, dass die Mittel zur Realisierung eben jener
Absichten höchst problematisch sind. Zudem tritt an dieser Stelle ein Paradox zutage, da
die Mittel mit welchen Minderheiten geholfen werden soll, traditionell und auch
gegenwärtig zur Unterdrückung von eben jenen Minderheiten genutzt wurden. Man
denke nur an Baruch de Spinoza, welcher aufgrund seiner kritischen Bibel Auslegung
jahrelang ins Exil verbannt wurde! – aus historischer Perspektive ließe sich diese Liste
selbstverständlich noch beliebig lang fortsetzen. Aber auch gegenwärtig lässt sich
beobachten, was Zensur – ob nun im Kopf oder legal durchgesetzt – verursachen kann.
Dies wird nicht zuletzt deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, was derzeit in Hongkong
passiert. Drei Wochen nach Einführung des neuen Sicherheitsgesetzes durch die Peking-
Regierung müssen die Bewohner Hongkongs unter massiven Freiheitseinschränkungen
leiden. Dies wird unter anderem dadurch deutlich, dass unliebsame Bücher – meist von
Aktivisten oder kritisch gegenüber der Peking Regierung – nun aus den Schulbibliotheken
verschwinden. Darüber hinaus ist der Protestslogan der Demonstrationsbewegung
>>Befreit Hongkong, Revolution unserer Zeit << ebenfalls verboten worden. Aufgrund des
neuen Sicherheitsgesetzes trauen sich viele Leute gar nicht mehr auf die Straße.
Man mag an dieser Stelle natürlich berechtigterweise die Frage stellen, was dieses
Beispiel überhaupt mit Phänomenen wie der „cancel culture“ zu tun hat. Handelt es sich
nicht um völlig unterschiedliche Phänomene? In den zu Beginn erwähnten Beispielen hat
der Staat doch gar nicht aktiv eingegri!en – also warum lamentieren über ein
Verschwinden der Meinungsfreiheit?
An dieser Stelle gilt es jedoch vorsichtig zu sein, da die Durchsetzungsmechanismen sich
zwar auf unterschiedliche Kausalfaktoren – staatliche Einschränkung und diskursive
Ausgrenzung/Schmähung – zurückführen lassen, die Konsequenzen jedoch in vielerlei
Hinsicht ähnlich sind. Ob die Zensur nun vom Staat ausgeht oder im Kopf statt"ndet –
Zensur bleibt Zensur.
Gerade einer linken Politik sollte an einer o!enen und konstruktiven Debatte gelegen
sein, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Shitstorms auf Twitter tragen nur zur weiteren
gesellschaftlichen Spaltung bei. Dies ist umso tragischer vor dem Hintergrund der
Tatsache, dass die Probleme, welche Linke zu bekämpfen versuchen, durch derartige
Spaltungen unweigerlich weiter perpetuiert werden.

Ein problematisches Statement: Der Fall


Grant Napear
Ein tre!endes Beispiel in diesem Zusammenhang bietet der Fall um den US-
amerikanischen Sport-Kommentator Grant Napear. Nachdem Napear gefragt wurde, wie
er zu den “Black Lives Matter“ – Protesten stehe, hat dieser mit “ALL LIVES MATTER. …
EVERY SINGLE ONE!!!” geantwortet, woraufhin Napear aufgrund des zunehmenden
ö!entlichen Drucks freiwillig von seinem Job als Kommentator zurück getreten ist. Die
Tragik der gesamten Situation wird umso mehr dadurch verdeutlicht, dass Napear später
selbst zugegeben hat, dass es nicht seine Intention war, irgendjemanden auszugrenzen
und dass er der Meinung ist, dass die BLM-Proteste einen gesellschaftlichen Fortschritt
darstellen. Zudem hat Napear hinzugefügt, dass er sich nicht genug mit BLM
auseinandergesetzt habe und dass er mit seinem Statement eigentlich die Proteste
unterstützen wollte.
Im Hinblick auf den Fall Napear sei zunächst in aller Deutlichkeit hervorzuheben, dass
sein Statement im Hinblick auf die kontextuellen politischen Rahmenbedingungen
selbstverständlich kontrovers war, da die BLM Proteste zum Ziel haben, auf die Probleme
der schwarzen US-amerikanischen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Aber selbst,
wenn man die Prämisse akzeptiert, dass Napears Statement problematisch war, war eine
derartige Form des „cancelns“ der richtige Weg? Und war es vor allem ein Mittel, das
kohärent mit den Werten einer wahrhaft links-progressiven Gesinnung ist? Wäre es nicht
viel sinnvoller gewesen mittels eines o!enen argumentativen Diskurses Napear darauf
hinzuweisen, dass sein Statement vom Inhalt zwar wahr, aber unter den gegenwärtigen
Umständen höchst problematisch ist?
Zudem sei zu erwähnen, dass Napears Statement aus höchstwahrscheinlich einer
gewissen Unwissenheit und nicht aus rassistischen Motiven resultierte. Und – um es der
Provokation halber etwas zuzuspitzen – selbst wenn Napears Statement auf rassistische
Motive zurückzuführen sein sollte, blieb an dieser Stelle folgende Frage zu stellen: Wäre
Napear dadurch sein Rassismus wirklich ausgetrieben worden, indem seine Existenz
zerstört wurde? Oder hätten sich seine rassistischen Denkschemata dadurch wohlmöglich
eher verstärkt?
Alles, was der Fall Napear verdeutlicht hat, ist, dass Menschen fehlbar sind – was nicht
zuletzt durch Napears anschließende ö!entliche Entschuldigung deutlich wurde. Man
könnte an dieser Stelle schnell zu der Annahme verleitet werden, dass diese Fallibilität
sich auf eine Inkongruenz des semantischen Gehalts von Napears Aussage und der dieser
zugrunde liegenden Intention zurückführen lässt. Das scheint jedoch ein Fehlschluss zu
sein. Vielleicht war Napears Absicht in völliger Übereinstimmung mit seiner Aussage –
seine ö!entliche Entschuldigung scheint diese Vermutung nahe zu legen. Möglicherweise
schien Napear wirklich darauf hinweisen zu wollen, dass alle Leben zählen. Und
möglicherweise konnte die wahre Bedeutung von Napears Aussage einfach nicht von
denen, die ihn gecancelt haben, entschlüsselt werden, da ihnen hierzu schlichtweg die
moralischen Codierungsschemata fehlten? Unabhängig von den kontextuellen
Rahmenbedingungen: Ist es vielleicht möglich, dass Napears Aussage schlichtweg auf
Basis eines Glaubens an eine universalistisch fundierte Form der Solidarität formuliert
wurde? Und ist nicht eigentlich eine derartige Solidarität das, was eine wahrhaft links-
progressive Politik verteidigen sollte?
Ohne einen Absolutheitsanspruch auf eine derartige Annahme zu legen, wäre dies nur
über einen o!enen Diskurs gelungen. John Stuart Mill hat in diesem Zusammenhang
bereits tre!end erkannt, dass wir Menschen fehlbare Wesen sind. Aber gerade aufgrund
unserer Fehlbarkeit bedarf es laut Mill umso mehr des freien gedanklichen Austauschs.
Um sich dem Prinzip der Wahrheit graduell immer weiter anzunähern – und damit
einhergehend gesellschaftlichen und moralischen Fortschritt zu ermöglichen – müssen
sämtliche Gedanken in ihrer ganzen Tragweite von verschiedenen Seiten beleuchtet
werden. Egal, welcher politischen Gesinnung man angehört, Mills Gedanke scheint in
jeglicher Hinsicht sinnvoll zu sein. Dies gilt auch für Leute wie den deutschen
Bundesinnenminister Horst Seehofer, wenn dieser sich weigert, über sein Ministerium
eine Studie zum „racial pro"ling“ in Auftrag zu geben. Auch hier wird ein gesellschaftlicher
Erkenntnisfortschritt auf eklatante Art und Weise verhindert und somit auch die Chance,
den Rassismus in unseren Gesellschaften und e!ektive Art und Weise zu bekämpfen.
Zudem lässt sich nicht abstreiten, dass Mills Ansatz im Hinblick auf den Fall Napear
weitaus sinnvoller gewesen wäre. Und nun zurück zur vorherigen Überlegung: Ist es nicht
tatsächlich möglich, dass der semantische Gehalt von Napears Aussage deckungsgleich
mit der ihr zugrunde liegenden Intention ist? Ist es nicht gut möglich, dass Napear einfach
nur für eine allgemeine Solidarität aller Menschen eintreten wollte – ein Urprinzip
jeglicher linksprogressiven Politik? Hier scheint sinnvoll sich noch einmal zu
vergegenwärtigen, was eine traditionell linke Politik im Hinblick auf ihre ideelle Essenz
eigentlich ausmacht.

Was will die Linke?


In seinem Buch Linke, hört die Signale! (2) stellt der australische Philosoph Peter Singer
mittels einer Negativformulierung sehr tre!end dar, durch was sich eine traditionelle
linke Gesinnung (nicht) auszeichnet:

, Wenn wir mit den Schultern zucken beim Anblick des vermeidbaren Leids der
Schwachen und Armen, derjenigen, die ausgebeutet und abgezockt werden,
oder die einfach nicht genügend haben, um ein Leben auf bescheidenem
Niveau zu erhalten, dann gehören wir nicht zur Linken. Wenn wir sagen, dass
die Welt nun einmal so ist und immer so sein wird und dass wir nichts daran
ändern können, sind wir nicht Teil der Linken. Die Linke möchte etwas an
dieser Situation verändern (ebd. 1999, 12).

Wenn man Singers Formulierung genau liest, wird zunächst deutlich, dass die
teleologische Ausrichtung einer linken Gesinnung primär darin besteht, sich mit den
Armen und Schwachen zu solidarisieren und ihr Leid zu vermindern. Zudem macht Singer
darauf aufmerksam, auch das wird relativ klar ersichtlich, dass eine linke Mentalität den
Zustand der Stagnation – und damit eine konservative Politik des Bewahrens – ablehnt,
was sich in einem Willen zur Veränderung äußert. Neben diesen zwei relativ
o!ensichtlichen Aspekten enthält Singers Aussage, wenn man zwischen den Zeilen liest,
noch eine dritte Information. Singer sagt, dass es den Linken um eine Reduzierung „[…]
des vermeidbaren Leids der Schwachen und Armen […]“ geht. Es geht also nicht darum,
für partikulare Interessen zu kämpfen, sondern um eine umfassende Solidarität, welche
alle gesellschaftlich Benachteiligten berücksichtigt. Um die Systemfrage sinnbringend zu
stellen, bedarf es folglich der Solidarität und nicht der Abschottung. Die normative
Forderung danach, die eigenen Partikularinteressen zu einem universalistischen
Zusammenschluss zu transzendieren, sollte der Kerngedanke eines links -progressiven
Programms sein. Erst durch die Transzendierung auf das universell Gültige und
Unabänderliche wird wahrhafte Solidarität möglich. Ist jene Transzendierung vom
Partikularen hin zum universell Gültigen und Unabänderlichen nicht in Napears
Formulierung enthalten? Enthält sie nicht das Element des Zusammenschlusses aller
gesellschaftlich Benachteiligten? Es geht an dieser Stelle keineswegs darum – das sei in
aller Deutlichkeit hervorzuheben – Napear zu verteidigen. Es scheint unstrittig, dass seine
Aussage im Hinblick auf die Proteste durchaus problematisch war. Um zu ihrem
semantischen Gehalt vorzudringen, bedarf es wie bereits erwähnt einer
Dekontextualisierung. Wenn man es jedoch gedanklich wagt, eine derartige
Dekontextualisierung vorzunehmen, so tritt das solidarische Element in Napears Aussage
unverkennbar zutage. Ist es nicht gerade im Hinblick auf die durch die Corona –
Pandemie verursachten sozioökonomischen Folgen mehr denn je notwendig, die
Pluralität aller Schwachen und Armen in den Blick zu nehmen?

Solidarität statt Abschottung!


Josef Jo!e hebt im Feuilleton der Zeit tre!end hervor:

, Kulturkampf ist Symbolpolitik, die den Klassenkampf ignoriert. Kratzt man die
Farbe ab, ist der so real wie die Kluft zwischen Ghetto und umgrünten Vorort.
Afroamerikaner sind statistisch eher arm und häu"ger krank; ihre Kinder sind
gefangen in kaputten Schulen, welche die >>progressiven Aktivisten<< für
ihre Kinder meiden wie den Beelzebub. Folglich fehlt die Ausbildung, die in
der postindustriellen Wirtschaft Aufstieg verheißt.

Jo!e macht auf den wichtigen Punkt aufmerksam, dass Regulierungen durch „cancel
culture“ und durch die politische Korrektheit die wahren Probleme verschleiern, mit
welchen es sich zu befassen gilt. Jo!e weist jedoch auf ein weiteres sehr wichtiges
Phänomen hin. Aber um dieses Phänomen zu erkennen, muss auch hier wieder zwischen
den Zeilen gelesen werden. Jo!e weist darauf hin, dass Afromamerikaner „[…] statistisch
eher arm und häu"ger krank […]“ sind, und dass ihre Kinder gefangen sind in Maroden
Schulen, „[…] welche die >>progressiven Aktivisten<< für ihre Kinder meiden wie den
Beelzebub.“ An dieser Stelle wird bereits mehr als deutlich, wo die eigentliche Problematik
liegt. Symbolpolitik scheint vielmehr nur ein unbewusstes Ablenkungsmanöver zu sein,
welches es ermöglicht, die wirklich wichtigen Fragen zu ignorieren. Ein primäres Problem
vieler progressiver Aktivisten scheint heutzutage darin zu liegen, dass sie viele der wirklich
wichtigen Fragen aus den Augen verloren haben. Solange man andere verurteilt aufgrund
politisch unkorrekter Sprache und problematischer Meinungsäußerungen, hat man
seinen Job erfüllt, während die eigenen Kinder selbstverständlich weiter auf die elitäre
Privatschule gehen. Und die, für dessen Rechte man sich einzusetzen vorgibt, werden
ohnehin weiterhin auf einer sozioökonomischen Distanz gehalten. Hier wird bereits
deutlich, dass der einzige Weg, allen Schwachen und Benachteiligten zu helfen, darin
besteht, die Systemfrage mit all den ihr inhärenten Komplexitäten zu stellen. Alles andere
dient nur als Verschleierung, um den wirklichen Problemen auszuweichen.
In diesem Zusammenhang weist der österreichische Philosoph Robert Pfaller (3) ebenfalls
tre!end auf folgendes hin:

, Pseudopolitik hat in den letzten Jahrzehnten regelmäßig darin bestanden, [….]


anstelle der politischen Probleme vorzugsweise jene zu behandeln, welche
erwachsene Menschen durchaus selbst handhaben können. Durch
Ermunterung zu Emp"ndlichkeit hat sie Menschen infantilisiert. Dadurch hat
sie sie auch entsolidarisiert. Anstatt wie erwachsene Menschen das
Allgemeine im Auge zu behalten und sich zusammenzuschließen, wollten die
emp"ndlich Gemachten nur noch ihre eigenen Besorgnisse bevorzugt
behandelt oder wertgeschätzt sehen. Vieles, was in der Sache richtig scheint –
viele berechtigte Engagements wie Antirassismus oder Antisexismus, Einsatz
für minoritäre Positionen aller Art -, ist durch die per"de Funktion, die diese
Engagements innerhalb der neoliberalen Politik innehatten, mit guten
Gründen in Verruf geraten (ebd. 2017, 10).

Symbol- oder Pseudopolitik dienen als Verschleierungstaktik für die wirklich wichtigen
Probleme, mit welchen sich eine links-progressive Politik befassen sollte. Durch eine neue
Form der Viktimisierungs-Kultur und die Rückberufung auf die eigenen partikularen
Identitäten ist das Gegenteil von dem passiert, was notwendig ist, um einen nachhaltigen
systemischen Wandel herbeizuführen: eine Solidarisierung aller gesellschaftlich
Benachteiligten auf der Basis einer universellen Anerkennung der Menschenwürde. Eine
derartige Solidarisierung wird jedoch nur möglich sein, wenn erkannt wird, dass eine
Rückberufung auf die eigenen Interessen das Gegenteil von dem ist, was wahrhafte
Solidarität bedeutet. An dieser Stelle sei nochmals hervorzuheben, dass jegliches
Engagement gegen Rassismus, Sexismus oder Diskriminierung nicht nur ehrenwert,
sondern sogar notwendig ist, um für eine bessere Welt zu kämpfen. Es bleibt jedoch
lediglich die Frage zu stellen, wie diese Engagements im Einzelnen aussehen sollen. Dann
würde unter Umständen die Erkenntnis zutage treten, dass die eigentlichen Probleme im
System liegen und dass Phänomene wie Sexismus und Rassismus oftmals Symptome für
systemimmanente Ungleichheiten sind.

Keine elitären Stellvertreter – Debatten!


Wenn man noch einmal den Fall Napear und andere Fälle, welche paradigmatisch für das
Phänomen der „cancel culture“ sind, betrachtet, so müsste man spätestens jetzt
erkennen, dass die Mittel, welche für diese durchaus ehrenwerten und wichtigen Ziele –
das Eintreten für die gesellschaftlich Benachteiligten – die ursprünglichen Probleme
ungemein weiter verstärkt haben. Ist es wirklich sinnvoll Leute zu canceln, sodass diese
ihren Job verlieren? Wird dadurch wirklich Fremdenfeindlichkeit und Sexismus besiegt?
Trump bietet oft ein besonders geeignetes Bespiel dafür, wie mittels Symbolpolitik die
eigentliche Systemfrage ausgeblendet wird. Auch hier sei zunächst klar zu stellen: Ja,
Trump ist vulgär und rassistisch und moralischer in vielerlei Hinsicht zu verurteilen. Aber
ist es wirklich sinnvoll – so amüsant das auch sein mag – sich über Trump und seine “
dummen, alten, weißen, männlichen“ Wähler lustig zu machen? Hier schiene es ebenfalls
angebrachter, sich die ganz einfache Frage zu stellen, wie jemand wie Trump an die Macht
kommen konnte. Das Problem an der „cancel culture“ und derartig elitärer
Di!amierungskampagnen besteht vor allem darin, dass die Systemfrage nicht nur außer
Acht gelassen wird, sondern dass diese Debatten vor der impliziten Hintergrundannahme
statt"nden, dass das System eigentlich nicht verändert werden soll. In der Konsequenz
werden die Spaltungen und die damit einhergehende Rückberufung auf die eigenen
partikularen Interessen zunehmen, während das System, welches diese Probleme
aufgrund sozialer und ökonomischer Ungerechtigkeiten erst verursacht hat, in seiner
ursprünglichen Form unweigerlich weiter reproduziert wird.
Hier scheint es noch einmal besonders angebracht einen Ausschnitt aus Herbert
Marcuses Aufsatz Repressive Toleranz zu zitieren:

, Die Gleichheit der Toleranz wird abstrakt, unecht. Mit dem faktischen
Niedergang abweichender Kräfte in der Gesellschaft wird die Opposition in
kleine und häu"g einander widerstreitende Gruppen isoliert, die selbst dort,
wo sie innerhalb der engen Grenzen toleriert werden, wie die hierarchische
Struktur der Gesellschaft sie setzt, ohnmächtig sind, weil sie innerhalb dieser
Grenzen verbleiben. Aber die ihnen erwiesene Toleranz ist trügerisch und
fördert Gleichschaltung. Und auf den festen Grundlagen einer
gleichgeschalteten Gesellschaft, die sich gegen qualitative Änderung nahezu
abgeriegelt hat, dient selbst die Toleranz eher dazu, eine solche Änderung zu
unterbinden, als dazu, sie zu befördern.

Auch wenn Marcuses Aufsatz selbstverständlich vor dem Hintergrund der damaligen 68er
Bewegung gelesen werden muss, scheint er sich dennoch problemlos auf die
gegenwärtige Thematik applizieren zu lassen. Das, was Marcuse hier als „[…] kleine und
häu"g einander widerstreitende Gruppen […]“ bezeichnet, ist das, was man im heutigen
Jargon als eine auf Partikularinteressen beruhende Identitätspolitik bezeichnen würde.
Besonders beeindruckend an Marcuses Feststellung ist, dass sie genau jene zuvor
festgestellte Problematik der systemischen Reproduzierbarkeit beschreibt. Die
verschiedenen Partikularinteressen werden innerhalb der durch das System festgesetzten
Grenzen toleriert, was zur Folge hat, dass jene Interessen jedoch in den jeweiligen
partikularen Räumen verbleiben. Durch die systemimmanente Duldung dieser
Einzelinteressen wird ein nachhaltiger systemischer Wandel blockiert und eine
systemübergreifende Solidarisierung der einzelnen gesellschaftlich benachteiligten
Gruppen unmöglich gemacht. Die Annahme, dass Phänomen wie die „cancel culture“ eine
Rebellion gegen das System darstellen ist falsch, da sie selbst ein integraler Bestandteil
des Systems sind, welcher einen wirklich nachhaltigen Wandel blockiert.

Was tun, Sisyphos?


Wäre es nicht an der Zeit, die von den Göttern auferlegte Strafe zu hinterfragen? Die
Determinierung zur Wiederholbarkeit verliert ihr determinierendes Element, wenn wir die
systemischen Rahmenbedingungen, die diese Strafe erst möglich machen, gezielt in Frage
stellen. Oder man lässt den Felsblock einfach am Fuße des Berges liegen und schaut sich
nach neuen Wegen um.
Buchquellen:
(1) Tocqueville, A. ¬. (1985). Über die Demokratie in Amerika. Stuttgart: Reclam.
(2) Singer, P. (1999) Linke, hört die Signale! –Vorschläge zu einem notwendigen
Umdenken. Reclam, Universal-Bibliothek
(3) Pfaller, R. (2017). Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur.
Frankfurt am Main: Fischer.
Titelbild: Dimitris Vetsikas auf Pixabay

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