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Kann sich Europa emanzipieren?

Günter Gaus im Gespräch mit Egon Bahr

Gesprächsabend in der Friedrich-Ebert-Stiftung


Forum Berlin
am 20. März 2002
in Berlin

Friedrich-Ebert-Stiftung
Forum Berlin
Herausgegeben von der Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin

Redaktionelle Bearbeitung: Daniel Küchenmeister

Copyright 2002 by Friedrich-Ebert-Stiftung, Forum Berlin


Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin
Fotos im Text: Joachim Liebe
Umschlaggestaltung: Pellens Kommunikationsdesign, Bonn
Druck: Wagemann GmbH Berlin

ISBN 3-89892-094-1
Inhaltsverzeichnis

Begrüßung 5
Holger Börner

Kann sich Europa emanzipieren? 7


Günter Gaus
Egon Bahr

Grußwort 23
Dr. Peter Bender

Gratulanten 30

Biografische Hinweise 32

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content
Begrüßung

Holger Börner
Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung

bist du 80 Jahre alt geworden; 80 Jahre eines


erfüllten und erfolgreichen politischen
Lebens. Dazu möchte ich dir meine ganz
persönlichen Glückwünsche aussprechen;
auch die besten Wünsche der ganzen
Friedrich-Ebert-Stiftung; denn unsere Stif-
tung hat dir viel zu verdanken.

Lieber Egon, nur ganz wenigen Politikern ist


es vergönnt, im nationalen und internationalen
Bewusstsein lebendig zu sein. Du bist eine
von diesen Ausnahmeerscheinungen. Wenn
jemand irgendwo auf der Welt einen politisch
interessierten Menschen nach Egon Bahr
fragt, wird die spontane Antwort sein: Egon
Bahr, das ist doch der Architekt der neuen
Ostpolitik zusammen mit Willy Brandt. Und
das von dir geprägte Prinzip „Wandel durch
Annäherung“ ist zum Markenzeichen einer
friedlichen Politik des Ausgleichs geworden.

Meine sehr geehrten Damen und Herren In der Tat, Willy hatte in dir einen Mann gefun-
Abgeordnete, Exzellenzen, lieber Günter den, der mit kühlem Verstand und glasklarer
Gaus, liebe Weggefährten von Egon Bahr, Analyse wagte, alte eingefahrene Wege zu ver-
ganz besonders herzlich: lieber Egon Bahr lassen, das Neue, das Unerhörte zu denken,
und liebe Frau Leonhardt, meine Damen und eine zukunftsweisende Politik nicht nur zu ent-
Herren, im Namen des Vorstandes der werfen, sondern sie auch in beharrlicher, zäher
Friedrich-Ebert-Stiftung danke ich Ihnen für Kleinarbeit Wirklichkeit werden zu lassen.
Ihr Kommen, um das Gespräch „Günter
Gaus mit Egon Bahr“ zu erleben. Du hast – zusammen mit Willy Brandt – dazu
beigetragen, das Gesicht Deutschlands,
Das Thema dieses Gesprächs ist nicht etwa Europas und der Welt zu verändern. Die neue
ein Blick zurück – sondern von hoher Ostpolitik hat die Versöhnung Deutschlands
Aktualität: Wie soll es mit Europa weiterge- mit den Völkern des Ostens in Gang gesetzt.
hen? Kann sich Europa auf seine eigenen Sie hat der deutschen Politik neue Be-
Interessen besinnen und sich emanzipieren? wegungsspielräume eröffnet. Letztlich hat sie
die Voraussetzungen für die Erlangung der
Besonders danke ich natürlich dir, lieber deutschen Einheit und damit auch der Einheit
Egon, dass du heute bei uns bist. Vorgestern dieser Stadt Berlin geschaffen.

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Als Minister für wirtschaftliche Zusammenar- danken. Du hast schon seit langen Jahren in
beit in der Regierung Helmut Schmidt hast verschiedenen politischen Funktionen Ein-
du deine friedenspolitischen Erkenntnisse auf fluss ausgeübt auf die Arbeit unserer Stiftung,
die Dritte Welt ausgeweitet. Du hast konse- im Bereich der Ost-West-Politik, in der
quent den Stellenwert der Entwicklungspoli- Deutschlandpolitik und in der Entwicklungs-
tik als Faktor weltweiter Friedenspolitik erar- politik, wie man es damals nannte.
beitet und herausgestellt.
Als Vorstandsmitglied hast du die Stiftungs-
Auch in der Sozialdemokratischen Partei aktivitäten in ganz besonderer Weise ge-
Deutschlands hast du dich jederzeit in die prägt. Ich erinnere nur an die Errichtung
Pflicht nehmen lassen: als Kommissionsvor- unseres ersten osteuropäischen Büros in
sitzender, als Bundesgeschäftsführer, Vor- Moskau, an unsere politische Bildungsarbeit
stands- und Präsidiumsmitglied. Als dein in den ostdeutschen Bundesländern und in
Vorgänger als Bundesgeschäftsführer weiß deinem nun nicht mehr geteilten Berlin.
ich, wie schwierig die Herausforderungen
dieses Amtes sind. Du hast mit der Behar- Ich habe oft selbst erlebt und von vielen
rungskraft einer Großorganisation wie der Gesprächspartnern bestätigt erhalten: Nur
SPD gerungen, um eine Reform der Partei- wenige Politiker können die Menschen in
organisation in Gang zu setzen. Immer wie- Ostdeutschland so ansprechen wie du, weil
der hast du versucht zusammenzuhalten, sie in dir Charakterzüge vereint sehen, die in
was nicht auseinander driften darf. der Politik leider nicht selbstverständlich sind.
Auch vor der Wende, also aus der Ferne,
In den heftigen Auseinandersetzungen über haben die Menschen dein Wirken und die
den Nato-Doppelbeschluss und über die dahinter stehende Persönlichkeit akzeptiert,
Neutronenwaffen hast du mit der dir eigenen ja, sich damit identifizieren können.
Nüchternheit und Sachlichkeit immer wieder
neue, unkonventionelle Ideen vorgetragen: Deine allzeit sachbezogene, zurückhaltende,
zur Abrüstung und zur Sicherheitspartner- uneitle Art des Überzeugens durch Sach-
schaft sowie zur Deutschlandpolitik. argumente hat viele Menschen beeindruckt.
Viele bekannte Politiker, Theologen, Wissen-
Lieber Egon, ich glaube, auch für dich ist – schaftler, Publizisten und Künstler haben
wie für Willy Brandt – mit der deutschen deshalb ganz spontan zugesagt, als sie aus
Einigung ein politischer Traum Wirklichkeit Anlass deines Geburtstages um die Mitwir-
geworden, der kaum mehr realisierbar kung an einem Buch gebeten wurden. Das
schien. Unvergessen ist für uns die große Buch hat den Titel „Architekt und Brücken-
Stiftungsveranstaltung an deinem Geburtsort bauer. Gedanken Ostdeutscher zum 80.
Treffurt in Thüringen im Januar 1990. Geburtstag von Egon Bahr“.

In deiner besonderen Art hast du dich intensiv Dieses Buch möchte ich dir, auch im Namen
in den Vereinigungsprozess eingeschaltet und der Herausgeber und der Verfasser, nun als
dein ganzes politisches Ansehen in die Waag- Geburtstagsgeschenk der Friedrich-Ebert-
schale geworfen; zwar nicht mehr als Mitglied Stiftung überreichen.
des Deutschen Bundestages, dafür aber um-
so nachdrücklicher als Politikberater und auch Lieber Egon, wir wünschen dir noch viele
im Rahmen unserer Friedrich-Ebert-Stiftung. Jahre in guter Gesundheit. Alles Gute für
dich!
Lieber Egon, für dein Engagement im Vor-
stand unserer Stiftung haben wir dir sehr zu

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Kann sich Europa emanzipieren?

Günter Gaus, Staatssekretär a.D.


im Gespräch mit
Professor Egon Bahr, Bundesminister a.D.

Günter Gaus: Es ist heute kein Interview in Eins will ich noch sagen: Wir beide hier
meiner Fernsehreihe „Zur Person“; an einem sprechen auf eigene Rechnung. Niemand,
Porträt Egon Bahrs habe ich mich vor keine Partei, keine Organisation kann für
geraumer Zeit schon versuchen dürfen. das, was hier vielleicht – hoffentlich! –
Über die Lebensleistung des Jubilars hat Abweichendes von der Mehrheitsmeinung
soeben Holger Börner gesprochen. Vor- gesagt wird, in Haft genommen werden,
gestern hat die Stadt Berlin ihn zu ihrem außer Egon Bahr und Günter Gaus.
Ehrenbürger ernannt. Übermorgen – man
kann sagen, das ist ein richtiges Bahr- Erste These: Der Westen, der sich im Kalten
Festival – wird ihm ein Orden verliehen. Und Krieg in der Nato zusammengeschlossen
abends ist er Gast des Bundespräsidenten. hatte, hat nach dem Zusammenbruch des
Das ist nun genug rückwärts geblickt. Warschauer Pakts kein strategisches
Sicherheitskonzept entwickelt, das den
Nun, lieber Egon, lass uns versuchen, nach heutigen politischen Gegebenheiten ange-
vorne zu blicken. Kann sich Europa emanzi- messen wäre. Stattdessen hat er sich kon-
pieren? zeptionell begnügt zu verwirklichen, wovon
er im Kalten Krieg nur träumen konnte: die
Ich habe vier Thesen aufgestellt, um dann Nato auf die eine oder andere Weise bis an
die Eingangsfrage zu stellen. die Grenze Russlands auszuweiten. Darin

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zeigt sich, dass ein halbes Jahrhundert erschweren. Sowohl der Mächtige als auch
Prägung des politischen Bewusstseins die Entmündigten neigen zu gefährlichen
durch den Ost-West-Konflikt noch über ein Proben aufs Exempel. Es liegt im Interesse
Jahrzehnt nach der vom Westen in Europa Europas, dass Russland und China auch im
bewirkten Wende konkret nachwirkt. Das ist Bewusstsein der USA beachtliche Faktoren
verständlich, aber rückwärts gewandt. Erst sind, die akzeptiert werden müssen.
der 11. September hat zutage gebracht,
dass mindestens Europa kein sicherheits- Dritte These: Die herrschende Vorstellung,
politisches Konzept für die Gegenwart und Europa müsse zu seiner internationalen

für eine überschaubare Zukunft hat. Alle Handlungsfähigkeit für ein globales Sicher-
Ansätze blieben selbst gedanklich fragmen- heitskonzept gerüstet sein, schafft eine
tarisch. Ob die USA schon ein Konzept weltfremde Ideologie, in deren Namen sich
besitzen oder nach ihrer tiefen Verletzung womöglich sogar die USA totrüsten – von
nur ratlos ihre Stärke ausleben, ist eine Europa zu schweigen. Tatsächlich wird ein
Frage wert. regionales Sicherheitskonzept benötigt. Ein
schier grenzenloses Handeln out of area
Zweite These: Jede Emanzipation beginnt bewirkt im Grunde nichts anderes als eine
mit der Bereitschaft, zunächst gedankliche moderne Kanonenboot-Politik. In einem
Schlussfolgerungen aus einem möglichen schiefen, aber nicht unrealistischen Bild
Tabu-Bruch zu ziehen. Die Emanzipation ausgedrückt: Die Macht dampft den Fluss
Europas im sicherheitspolitischen Denken hinauf, schießt ins Ufergebüsch, ankert eine
beginnt mit der Einsicht, dass die globale Zeit lang in einem Hafen namens Kabul und
Alleinherrschaft einer Macht, und sei es die entschwindet schließlich wieder flussab-
Alleinherrschaft einer verbündeten Macht, wärts übers Meer.
Entmündigungen zur Folge hat, die die
Berechenbarkeit der internationalen Politik

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Vierte These: Die USA haben einen trieren und es hat eine Verantwortung vor
Anspruch darauf, von ihren europäischen allem in Europa. Beides stimmt nicht zu-
Verbündeten unmissverständlich zu wissen, sammen. Wir können feststellen, dass
wo die Bündnissolidarität endet. In diesem Amerika sich von der traditionellen transat-
Sinne war Charles de Gaulle ein verläss- lantischen Verbundenheit im Sinne eines
licherer Partner Washingtons, als es europä- Schulterschlusses schon verabschiedet hat
ische Regierungschefs sind, die in den – indem es seine Interessen formuliert hat
ohnehin instabiler gewordenen internationa- und sagt: Asien, Zentralasien insbesondere,
len Verhältnissen und Beziehungen undeut- ist wichtiger als Westeuropa. Natürlich ist
liche Positionen einnehmen. Ein zeitgemä- geostrategisch die Türkei wichtiger als
ßes europäisches Sicherheitskonzept, zu Deutschland. Und es handelt bereits da-
dem eine präzise Definition der Partner- nach. Also lasst uns darüber nachdenken:
schaft mit den USA gehört, muss Antworten
geben auf die Fragen nach einem etwaigen a) Wie sind die Interessen Amerikas?
Präventivkrieg, einem atomaren Erstschlag, b) Wie sind die europäischen Interessen?
einer abgestuften atomaren Abschreckung Führt dies nicht zu einer Emanzipation?
und nach etwaigen Atomwaffen in europäi- c) Sind wir in der Lage, das zu schaffen für
scher Verfügungsgewalt. Das europäische den Fall, dass wir es wollen? Und weiter:
Sicherheitskonzept muss der Einsicht ge- d) Wie ist eigentlich die Rolle Deutschlands
recht werden, dass nicht alle US-amerikani- darin?
schen Interessen und nicht jedes US-ameri-
kanische Verhalten zum abendländischen Das wären gewissermaßen meine Vorgaben
Wertekanon gehören, dem sich Europa ver- an den Planungsstab.
pflichtet weiß.
Günter Gaus: Bevor du ausführst, was du
Soweit meine Thesen. dann an ersten vorläufigen Antworten nach
diesem Auftrag erwartest, noch folgende
Egon, angenommen, du wärst wie schon Situation: Wenn einer aus deinem Planungs-
einmal Leiter des Planungsstabs des Aus- stab des Auswärtigen Amtes – jetzt sage ich
wärtigen Amtes. Wie würdest du unter die- mal in dieser Woche der Erinnerungen Carl-
ser Voraussetzung den Auftrag an einen Werner Sanne – sagen würde, dass sich
Mitarbeiter für den Entwurf einer neuen Europa, so wie die USA derzeit für notwen-
Sicherheitspolitik für Deutschland inmitten dig ansehen zu handeln, in einer Situation
Europas formulieren? befindet, in der über den Unterschied zwi-
schen amerikanischen und europäischen
Professor Egon Bahr: Ich möchte Holger Interessen nachzudenken nicht mehr mög-
Börner anfangs sehr herzlich danken für lich ist, weil derzeit die USA nur bis zu einem
das, was er gesagt hat. Danken möchte ich gewissen Grade rationalen Einwänden
auch für die freudige Überraschung, für ein gerecht werden können. Was wäre deine
Buch, von dem ich gar nichts wusste. Antwort?

Ich würde dem Planungsstab als Vorgabe Professor Egon Bahr: Da würde ich
sagen: Wir müssen erkennen, dass Amerika sagen: Lieber Carl-Werner, erinnere dich
globale Interessen hat, auch eine globale bitte an eine frühere Situation im Planungs-
Verantwortung und dementsprechend han- stab, wo es solche Einwände auch gegeben
deln wird. Und wir müssen erkennen, dass hat und ich gesagt habe: Lasst uns doch
Europa unterschiedliche Interessen hat, einen Moment die augenblicklichen Thesen
nämlich, es muss sich auf Europa konzen- und die augenblicklichen Selbstverständ-

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lichkeiten vergessen. Lasst uns doch pla- Beispiel eine neue atomare Doktrin entwi-
nen, als ob wir auf der grünen Wiese wären ckelt worden ist. Und jetzt sehe ich, in den
und planen dürften. Und das ist in der Tat Zeitungen wird darüber geredet. Darüber
jetzt auch erforderlich. Das heißt, was du hätte man vor fast einem Jahr reden kön-
gesagt hast: Es gibt kein Konzept. Aber es nen. Es ist in Europa oder in Deutschland
ist richtig für Europa. Und es ist nicht richtig überhaupt nicht zur Kenntnis genommen
für die USA. worden.

Es gehört zu meinen großen Überraschun- Günter Gaus: Gibt es dafür eine Erklärung?
gen, dass die Öffentlichkeit – jedenfalls in
diesem Lande – überhaupt nicht zur Professor Egon Bahr: Das ist zum Teil das
Kenntnis genommen hat, dass der stellver- alte Denken bei uns. Wir sind insofern
tretende amerikanische Außenminister im immer noch die Gefangenen des Ost-West-
letzten Sommer vor dem Streitkräfteaus- Konfliktes und sagen: In den großen Fragen
schuss des Senats das Konzept der großen bestimmen sowieso die anderen. Die
Abschreckung entwickelt hat. Große Ab- machen das über unsere Köpfe hinweg, hier
schreckung ist ein gigantisches Rüstungs- können wir nichts tun. Es ist Quatsch, aber
programm, das nun konventionell, atomar, immer noch der Fall. Außerdem sind das
im Weltraum mit Raketenabwehr und neuer Dimensionen, in denen wir sowieso nichts
Technologie einen Zustand erreichen will, in zu sagen haben.
dem kein Staat oder keine Staatengruppe
mehr in der Lage ist, nur gleichziehen zu Günter Gaus: Ich erinnere an meine vier
können, sondern entmutigt wird, es über- Thesen. Du hast deinen Auftrag erteilt. Wie
haupt zu versuchen. Das war für mich ein definiert sich der grundlegende Unterschied
atemberaubendes Programm, weil zum zwischen dem Nato-Konzept, das ein auf

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beiden Seiten des Atlantiks geltendes dann wird er verantwortlich für sein
Konzept war, als die Nato gegründet wurde, Schicksal, auch vor dem Gesetz. Das heißt,
und dem europäischen regionalen Sicher- er emanzipiert sich von seinen Eltern. Muss
heitskonzept, das Europa heute braucht? er auch. Das bedeutet doch aber nicht,
dass er zum Feind seiner Eltern wird. Wenn
Professor Egon Bahr: Das amerikanische Europa sich von Amerika emanzipiert, weil
Konzept ist, eine Situation herbeizurüsten, es selbstverantwortlich für sein Schicksal
in der die Uneinholbarkeit militär-technolo- sein will, dann bedeutet das nicht, zum
gisch garantiert ist, und zwar für eine unab- Feind Amerikas zu werden, sondern eben
sehbare Zeit. Und, wie gesagt, alle entmu- nur selbstverantwortlich, eben ein bisschen
tigt werden, überhaupt ein Rennen aufzu- anders als die Eltern.
nehmen. Jener 11. September war dann
schockierend, denn auch wenn dieses Der entscheidende Punkt ist doch, dass die
Konzept vollendet worden wäre, hätte man Europäer nicht verhindern können, was die
das Geschehen so auch nicht verhindern Amerikaner wollen. Jede Kritik – auch in dei-
können. Das heißt: Die wirkliche Herausfor- nen Fragen war natürlich die Kritik an den
derung ist militärisch und technologisch Amerikanern zu spüren – geht doch insofern
allein nicht zu beherrschen. Jetzt kann man völlig ins Leere, weil es die Kritik der
sagen, dass sei eine Entmündigung. – Schwachen an dem Starken ist. Es wird die
Jawohl, aber die ist nicht neu. Brzezinski hat Amerikaner nicht aufhalten zu machen, was
schon in seinem fabelhaften Buch „Die ein- sie in ihrem Interesse, in ihrer Verantwortung
zige Weltmacht“ darauf hingewiesen, dass für richtig halten.
Amerika Europa-West als Protektorat
betrachtet. Jetzt komme ich auf deine Frage: Was kön-
nen die Europäer tun?
Günter Gaus: Ja, nur es wird jetzt, etwa
fünf Jahre nach dem Erscheinen des Die Nato hat ihre Pflicht und ihre Aufgabe
Buches von Brzezinski, konkret und wird an erfüllt. Jetzt sagt Amerika, dass der politi-
immer mehr Schauplätzen schauerlich kon- sche Faktor Moskau für die globale Allianz
kret. Und insofern lasse ich mal völlig beisei- des Kampfes gegen den Terror wichtiger ist
te, ob wir oder die Mehrheit in Europa nichts als der militärische Faktor Nato. Das stimmt.
gemerkt haben – wahrscheinlich nicht ein- Wenn man das heute hier sagt, ist das viel-
mal die Mehrheit in Amerika hat es mitbe- leicht schon gefährlich, aber die Amerikaner
kommen –, dass hier ein radikal neues machen es praktisch. Und es stimmt ja
Konzept entstanden ist. Aber jetzt wird es auch.
praktiziert, obwohl du eben gesagt hast: Für
die Gefahr, die am 11. September einen Der zweite Punkt: Wo steht geschrieben,
dramatischen Höhepunkt, aber nicht einen dass wir alles machen müssen, was die
Schlusspunkt gehabt hat, ist dieses Kon- Amerikaner wollen? Wo steht geschrieben,
zept gar nicht geeignet. Unter den Umstän- dass nicht Europa in der Lage ist, seine
den bleibt die Frage, in welchem Maße und Interessen selbst zu definieren? Und das
wie muss Europa darauf reagieren, dass bedeutet de facto: Wir können auch nein
sich die USA weit von Europas Sicherheits- sagen – und wir haben das übrigens immer
bedürfnissen entfernt haben? gekonnt. Ich erinnere nur daran, dass wir
selbst während des Ost-West-Konfliktes in
Professor Egon Bahr: Also, ich fange mal einer bestimmten Situation gesagt haben,
mit der Emanzipation an. Wenn ein junger die Neutronenbombe ist eine Perversion des
Mensch erwachsen wird, volljährig wird, Denkens und Deutschland muss dazu nein

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sagen. Das hat dem Helmut Schmidt natür- ihre Truppen nach und nach mit zum Teil
lich nicht besonders gut gefallen; das kann exotischen Waffen ausrüsten – fast klingt
ich auch verstehen; an meinem persönlich das futurologisch, was sie machen. Aber
guten Verhältnis zu ihm hat es auch nichts warum? Diese Waffen sind ausgelegt und
geändert. Aber unter dem Strich hat es die werden entwickelt auf die globalen Verant-
Neutronenbombe verhindert. Schon damals. wortlichkeiten der Amerikaner. Wenn sie in
der amerikanischen Armee eingeführt wer-
Und warum kann man sich so nicht jetzt erst den, werden die europäischen Streitkräfte
recht verhalten, nachdem Deutschland nicht einfach kompatibel neben den
selbstverantwortlich geworden ist für sein Amerikanern eingesetzt werden können. Für
Schicksal?! die europäischen Aufgaben und die europä-
ische Verteidigung brauchen wir diese
Günter Gaus: Für diese Frage und Antwort Waffen nicht. Europa sollte sich überlegen,
sind wir hier unter anderem zusammenge- seine Streitkräfte – übrigens die schnellen
kommen. Und mit deiner Erlaubnis wieder- Eingreifstreitkräfte ebenso wie eines Tages
hole ich aus der vierten These den Anfang: die europäische Armee – auszurüsten als
Die USA haben einen Anspruch darauf, von Schild Europas und nicht als Schwert
ihren europäischen Verbündeten unmissver- Amerikas.
ständlich zu wissen, wo die Bündnissolida-
rität endet. Wo endet sie? Günter Gaus: Wofür brauchen wir dann
den Großraummilitärtransporter für weite
Professor Egon Bahr: Darf ich die einzel- Entfernungen?
nen Punkte jetzt auseinander nehmen?
Professor Egon Bahr: Den brauchen wir
Es beginnt mit der konventionellen Bewaff- zum Beispiel schon für Jugoslawien. Lasst
nung. Die Amerikaner wollen konventionell uns, wenn du willst, wenn wir die einzelnen

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Waffenkomplexe durchgenommen haben, Jetzt komme ich zu den Atomwaffen. Was
die einzelnen Konfliktpositionen durchge- die Amerikaner in Bezug auf neue Atom-
hen. waffen überlegen und entschieden haben,
ist zunächst einmal eine Abkehr von allem,
Die europäische Armee oder die europä- was das Bündnis – übrigens mit großem
ischen Streitkräfte sollten konventionell Stolz – beschlossen hat: die Beseitigung der
modernisiert werden in dem Maße, in dem Atomwaffen mit Ausnahme der Waffen, die
jede Armee der Welt sich modernisiert, aber die Amerikaner, die Franzosen, die Englän-
ausgelegt für die konkret für Europa beste- der hier haben. Die Russen haben in Europa

hende Bedrohung. Und ich sehe nicht, dass keine mehr. Mit Ausnahme der großen
es irgendjemanden im Umkreis von Europa Atomwaffen, also der interkontinentalen.
gibt, dessen konventionelle Bewaffnung Das interessiert mich nicht, weil es die
heute eine Bedrohung für die konventionelle Amerikaner und die Russen wie bisher ganz
Bewaffnung der europäischen Armeen der allein lösen werden. Mich interessieren die
Gegenwart wäre – oder sein könnte. Das kleineren Waffen. Erstens unter dem
heißt, dass es eine Fehlentwicklung wäre, Gesichtspunkt, ob sie auch wieder nach
immer ähnlicher der amerikanischen Europa verlegt werden. Wenn das der Fall
Bewaffnung und Entwicklung – militärtech- ist, ist die nächste Frage: Werden sie auch
nologisch – werden zu wollen, weil es nur nach Deutschland verlegt? Soll die Bundes-
dazu dienen kann, eingesetzt zu werden im wehr – in Klammern Luftwaffe – weiter wie
amerikanischen globalen Interesse. Und im Kalten Krieg atomar einsetzbar sein? Die
deshalb möchte ich, was die Bewaffnung Flugzeugsysteme, die dafür noch vorhan-
angeht, die Sache reduzieren auf das, was den sind, veralten und werden in den näch-
Europa – nach seiner Definition – wirklich sten zwei, drei Jahren ausfallen. Mit anderen
konventionell braucht. Worten: Wir werden in überschaubarer Zeit
vor der Frage stehen, ob wir neue deutsche

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Flugzeugsysteme atomar machen. Meine Professor Egon Bahr: Nein! Die de
Auffassung dazu ist ein klares Nein, unter Gaulle’sche Definition gilt immer noch: Bei
allen Umständen, denn wir sind kein atoma- einer Waffe wie der Atomwaffe, die über
rer Büttel mehr. Existenz oder Nichtexistenz des eigenen
Staates entscheidet, wenn man sie einsetzt,
Ich kann nicht verhindern, dass die Ame- wird die Verantwortung dafür mit keinem
rikaner Atomwaffen haben. Ich kann nicht anderen geteilt. Es wird nie eine europäi-
verhindern, dass die Franzosen welche sche Atommacht geben. Der Einsatz über
haben, die Engländer ebenso. Wir sind die Atomwaffe wird immer in den Händen
überhaupt nicht atomar. Wir wollen auch derer bleiben, die über sie verfügen und sie
nicht atomar gebraucht werden. besitzen: Amerika, England, Frankreich.
Auch in besseren Zeiten haben die Russen
Günter Gaus: Bevor du den Waffenkatalog nie ihr Wissen über die Atomwaffen mit den
erweiterst, eine Zwischenfrage. Wenn es Chinesen geteilt. Es war einer der Gründe,
darauf hinausläuft, dass unter der Hand – es weshalb sich das Verhältnis verschlechterte.
muss nicht beschlossen werden – die Nato Es wird also die europäische Identität, die
ihre Gründungsidee längst aufgegeben hat, europäische Verteidigungsideologie, immer
ist es dann nicht eine Augenwischerei, wenn eine rein konventionelle sein. Sie wird keinen
man sagt: Na gut, die Engländer und die atomaren Arm haben. Atomar bleibt Europa
Franzosen haben Atomwaffen – nun gut, in immer unter dem Schirm der Amerikaner
Gottes Namen, aber wir nicht. Wenn wir ein und der Russen mit dem Zusatz dessen,
europäisches Sicherheitskonzept aus euro- was die Franzosen und Engländer haben.
päischen Kräften für europäische Bedürf- Sie alle werden das nicht mit irgendeinem
nisse entwickeln und dabei die Engländer anderen teilen – mit den Deutschen schon
und Franzosen Atomwaffen haben, haben gar nicht. Das heißt, wenn wir über ein euro-
wir sie auch. päisches Sicherheitskonzept reden, reden

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wir über ein rein konventionelles. Mehr kön- einer These formuliert habe, dass ein euro-
nen wir nicht. päisches Sicherheitskonzept die Frage nach
europäischen Atomwaffen, einem atomaren
Günter Gaus: Mir sind die Problemstellun- Erstschlag und nach taktischen Atomwaffen
gen dann immer ungemein vertraut. Was beantworten muss.
mir seit einiger Zeit im Kopf herumgeht und
was durch das, was du eben gesagt hast, Professor Egon Bahr: Zu keiner Zeit hatte
ganz deutlich wieder in mein Bewusstsein Deutschland eine Entscheidungsbefugnis
tritt, ist dieses: Wir haben seinerzeit, als die über Atomwaffen. Und selbstverständlich

Amerikaner aus dem großen atomaren haben wir gewusst, eine Erstschlagsposi-
Knüppel einen kleinen schnitzen wollten, tion für den Fall zu haben, dass der große
über Monate Diskussionen geführt. Leute Angriff kommt. Adenauer hat fast bis zur
wie du haben damals gesagt – so erinnere Komik Recht behalten, als er gesagt hat:
ich mich – nicht hochrüsten; wir könnten nur Die Atomwaffen sind die Weiterentwicklung
daran interessiert sein, dass der große der Artillerie. Das war der Anfang vom
Knüppel der große Knüppel bleibt, denn das Aufstand der Atomphysiker in Göttingen.
ist unser Schutz. Aber die Amerikaner haben es dennoch
gemacht – aus ihrem Interesse, weil sie in
Und immer stand die Frage, wer denn über- dem Augenblick, als die Sowjetunion Inter-
haupt mitreden darf, wenn auch der kleine kontinentalraketen hatte, wussten, sie sind
Knüppel eingesetzt wird. Wenn wir ein euro- nicht mehr unverwundbar. Also haben sie
päisches Regionalkonzept haben, taucht ihre Strategie der massiven Vergeltung
wieder das Problem auf: An welcher Stelle abgelöst durch eine Strategie der flexiblen
sagt Frankreich für sich, europäisch waren Antwort. Das heißt: Sie wollten nicht New
wir, jetzt sind wir aber atomar-französisch. York für Berlin riskieren.
Dieses Problem ist der Grund, warum ich in

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Günter Gaus: Nur, wir müssen uns auch in sagen, dass es heute viel leichter als damals
der jetzigen Situation darüber klar sein, wo wäre, weil es diese Waffen bei der Bundes-
die Grenze der Bündnissolidarität ist. wehr nicht gibt. Sie müssten neu eingeführt
werden. Und wir brauchten nur zu sagen,
Professor Egon Bahr: Ja! Und damals ist wir führen sie nicht ein. – Insofern ist die
die Frage, die du jetzt stellst, nie öffentlich Situation viel leichter – makaber genug . . .
diskutiert oder gar beantwortet worden. Die
beiden Bundeskanzler, unter denen ich Der nächste Punkt sind die Raketen, genau-
gearbeitet habe, haben sie sich trotzdem er gesagt die Raketenabwehr. Mich interes-
gestellt. siert hierbei die kleine Raketenabwehr, weil
es einen strategischen und einen politischen
Der eine wie der andere – ich erinnere ins- Zweig der Frage gibt. Ich fange mit dem
besondere an Helmut Schmidt – hat im stil- politischen an:
len Kämmerlein gesagt, dass er den Eid auf
die Bundesrepublik Deutschland geleistet Die Amerikaner entwickeln die Raketen-
hat. Und es würde auch zu überlegen sein, abwehr seit Jahrzehnten ununterbrochen.
der Bundeswehr den Befehl zu geben, die Keine Administration hat aufgehört. Der
Befehle der Amerikaner zum Einsatz der Traum der Unverwundbarkeit Amerikas soll
atomaren taktischen Waffen nicht zu befol- Wirklichkeit werden. Wenn die Amerikaner
gen. technisch fähig sind, sie einzuführen, wer-
den sie sie einführen. Niemand wird sie
Günter Gaus: Wenn man nach vorne blickt, daran hindern. Das Angebot der Amerikaner
trifft man auf alte Probleme der Vergangen- lautet dann womöglich an die Europäer:
heit. Jetzt kommt aber der Unterschied. Überlegt euch, ob ihr mitmacht. Aber was
Seinerzeit, als Helmut Schmidt gesagt hat: heißt mitmachen? Mitmachen heißt dann,
ich weiß, wo die Grenze der Bündnissolida- die Waffen stationieren zu lassen; also
rität ist, will es jedoch den Amerikanern nicht Grund und Boden zur Verfügung zu stellen.
sagen, weil es nicht kleidsam ist, werde Mitmachen heißt aber nicht, über die
aber nicht mitmachen, gab es ein Gleich- Systeme zu entscheiden. Denn selbstver-
gewicht des Schreckens. Seinerzeit gab es ständlich gibt Amerika den Einsatz über
zwei Weltmächte. Eine meiner Thesen sagt, diese neueste Technologie nie aus der
dass es nicht gut tut, wenn nur eine Macht Hand. Es ist eine reine Illusion zu glauben,
Weltmacht ist. Unter diesen Umständen man könnte durch Mitmachen Kenntnisse
wird die Frage, wo die Bündnissolidarität kaufen. Die Amerikaner denken keine Se-
endet, lebensgefährlich konkreter, selbst kunde daran, die Technologie zu verkaufen,
wenn diese Weltmacht eine verbündete ist. durch die sie uneinholbar geworden sind.
Die sind doch nicht verrückt! Als es um SDI
Professor Egon Bahr: Ich sehe es deshalb ging, haben sie ebenso gehandelt.
anders, weil wir jetzt auf zwei verschiedenen
Ebenen reden. Du hast angefangen und Günter Gaus: Was soll dein Planungsstab
mich nach meiner Besprechung mit dem auf die Frage der Stationierung antworten?
Planungsstab gefragt. Und das versuche ich
zu erläutern. Professor Egon Bahr: Selbstverständlich
nein sagen.
Und du sagst, jetzt müssen wir aktuell
sehen, ob wir gegenwärtig öffentlich deut- Die politische Situation ist die, dass die
licher antworten sollten, als es vielleicht im Amerikaner den Europäern angeboten
Augenblick geschieht? Lass mich dazu nur haben, mitzumachen. Die Bundesregierung

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hat völlig korrekt geantwortet: Die Sache ist Günter Gaus: Das heißt: Die Solidarität mit
nicht entscheidungsreif. Wenn es zur Ent- Frankreich muss in dem Papier deines
scheidung käme, so ist meine Sorge, droht Planungsstabes Vorrang haben vor der
Europa auseinander zu fallen. Ich könnte mir Solidarität der Bundesrepublik mit Amerika?
vorstellen, dass die Engländer ja sagen. Ich
könnte mir vorstellen, dass eine italienische Professor Egon Bahr: Das ist eine falsche
Regierung, wie sie jetzt zusammengesetzt Alternative. Ich bin fest davon überzeugt –
ist, ja sagt. Ich könnte mir vorstellen, dass auch aus Erfahrung –, dass die Amerikaner

die Türken ja sagen. Ich könnte mir vorstel- diese Haltung respektieren, wenn klar
len, dass sogar die Polen ja sagen. Ich kann gesagt wird, was wir wollen.
mir hingegen nicht vorstellen, dass die
Franzosen ja sagen. Günter Gaus: Auch nach dem 11.
September?
Günter Gaus: Und was kannst du dir von
uns Deutschen vorstellen? Professor Egon Bahr: Aber selbstver-
ständlich! Für mich ist diese Raketen-
Professor Egon Bahr: Von uns Deutschen geschichte viel wichtiger als die atomare.
möchte ich hoffen, dass die Bundesregie- Die nehme ich im Augenblick noch nicht
rung genau weiß, eine von der französi- ernst. Die Raketengeschichte ist deshalb
schen Haltung abweichende Position hätte wichtiger, weil sie neben dem politischen
strategisch sehr langfristig wirkende Folgen. Element natürlich ein strategisches hat. Das
Man kann dann aufhören, über die deutsch- strategische Element heißt: Eine Raketen-
französische Achse und die Gemeinsamkeit abwehr postiert man am besten weit vorn,
zu reden. dort, wo Raketen abgefangen werden sol-
len. Die Frage ist also: Werden sie auch in
Polen stationiert?

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Günter Gaus: Wenn die Polen ja sagen. Günter Gaus: Wir müssen ein paar Punkte
abhaken. Wir wollen abgehakt haben – das
Professor Egon Bahr: Wenn sie aber in ist mein Vorschlag –, dass wir wissen, was
Polen – wo es bisher keine amerikanischen sich die Amerikaner von Europa noch sagen
Stützpunkte gibt –, in Italien und vielleicht in lassen. Sie lassen sich gar nichts von uns
anderen Ländern stationiert werden, dann sagen. Dies ist erledigt.
brauchen wir sie in Deutschland nicht zu
stationieren. Das ist aber keine strategische Welches sicherheitspolitische Konzept soll
Frage mehr, meine strategische Frage ist sich Europa unter diesen Umständen
jetzt eine politische. geben?

Wozu brauchen wir sie dann wirklich? Die Professor Egon Bahr: Solange Europa an
Franzosen werden auch sagen: Wenn sie in seinem Beschluss festhält, dass es selbst-
Polen stationiert sind, wozu brauchen wir bestimmt sein will, muss das Ergebnis sein,
sie? dass der amerikanische Vorschlag, Ra-
ketenabwehr in Europa zu stationieren,
Günter Gaus: Wie werden die Russen rea- einen direkten Angriff gegen die europäische
gieren, wenn – und das ist nicht so aus der Identität darstellt. Und zwar nicht aus
Welt gegriffen – die Polen sagen, die bösem Willen, sondern in der Selbstver-
Amerikaner können diese Waffen bei ihnen ständlichkeit, in der Amerika seine globalen
aufstellen? Dann wird doch die Nato- Interessen verfolgt und seine Technologie
Ausweitung der Anfang vom Ende einer weiter ausbaut. Das heißt: Die Raketen-
Osterweiterung Europas. Dann gibt es zwei abwehr, hier stationiert, wirft für Europa die
Blöcke in Europa. Grundfrage auf, ob es an seinem Ziel der
Eigenständigkeit, der eigenen Identität, der
Professor Egon Bahr: Darauf komme ich eigenen Handlungsfähigkeit überhaupt noch
auch noch. Lass mich meine strategische festhalten will! Weil, danach könnte es das
Überlegung noch ausführen, sie geht näm- nicht mehr. Das ist aus der Strategie der
lich viel weiter. Wenn du diese Raketen- Systeme heraus die Grundfrage, vor der
systeme – Abwehrsysteme – stationierst, Europa stehen wird.
dann bilden sie eine militärische Abwehr-
glocke mit neuester Technologie in den Meine Arbeitshypothese für den Planungs-
Händen der Amerikaner. Das Ergebnis ist, stab wäre also: Ist es richtig, dass die
dass die Beherrschung, die Dominanz Einführung dieser Raketenabwehr Europa
Amerikas über Europa so stark wird, dass vor die Grundfrage stellt, ob es an seinem
es im amerikanischen Interesse völlig gleich bisherigen Ziel einer Eigenständigkeit und
ist, was die Deutschen und die Europäer Identität noch festhalten will oder kann?
machen – ob sie die EU nach Osten erwei- Meine Antwort heißt: Nein. Die Konsequenz:
tern oder nicht, ob sie Eingreiftruppen bilden Europa müsste die Raketenabwehr und die
oder nicht, ob sie eine europäische Armee Stationierung hier ablehnen.
schaffen oder nicht . . . Die militär-technolo-
gische Dominanz Amerikas über Europa Günter Gaus: Wann muss Europa dieses
hängt und steht dann mit der Raketen- den Amerikanern als Grenze der Bündnis-
abwehr, das heißt der neuesten Technolo- solidarität erklären? Nicht öffentlich, aber
gie, hinter der alles, was die Europäer könn- wann?
ten oder wollten, fast zur Lächerlichkeit
schrumpft. Professor Egon Bahr: Ich denke, in den
nächsten zwei Jahren wird die Frage aktuell.

18
Sobald Amerika die Technologie so weit Die Nato-Russland-Akte ist nicht mehr so
entwickelt hat, dass es anfangen kann zu wichtig unter dieser strategischen Macht-
stationieren oder stationieren zu wollen. Wir ausweitung der Amerikaner. Wir haben
werden in den nächsten zwei Jahren die einen – und das wäre meine Position für den
Parallelität dieser Entwicklung sowohl auf Planungsstab – russischen Vorschlag für
atomarem wie auf Raketenabwehrgebiet eine Raketenabwehr. Der ist genauso wenig
haben. Ganz abgesehen davon, dass verhandlungsreif wie der amerikanische. Der
Europa – das ist aber fast eine Kleinigkeit, besagt, dass das europäische Wissen unter
an dieser Dimension gemessen – natürlich Beteiligung der Amerikaner zu bündeln ist.

realisieren müsste, dass wir damit wirklich Da es eine Bedrohung von Raketen der so
eine neue sicherheitspolitische Teilung genannten Schurkenstaaten in den näch-
Europas haben; nämlich zwischen dem, sten zehn bis 15 Jahren gibt, soll eine
was unter dieser Glocke ist, und dem, was gesamteuropäische Raketenabwehr instal-
jenseits dieser Glocke ist. liert werden. Dieses würde ich ernsthaft prü-
fen und sondieren. Und zwar würde ich es
Günter Gaus: Was aber auch Europa sein fast zu einem Lackmus-Test machen, ob
soll. Amerika eigentlich seine Dominanz über
Europa verewigen will oder ob es eine
Professor Egon Bahr: Was auch Europa Raketenabwehr für Europa haben will. Und
sein soll! Aber alle anderen Fragen, die du ebenso würde ich in ganz Europa verfahren.
mit aufgeworfen hast, zum Beispiel Aus- Schon die Beteiligung der Russen ist eine
weitung der Nato, kannst du vergessen. Sie hochinteressante Sache, wenn man sie
sind nicht mehr so wichtig in dieser verän- ernsthaft und seriös verfolgt.
derten Lage.
Wir sehen heute, wie Amerika ist. Und wenn
du heute fordern würdest, dass Amerika

19
einen Gewaltverzichtsvertrag abschließen wegen ihrer Stärke nicht so leicht fällt, näm-
soll, dann würden sie heftig protestieren. Sie lich Prävention, Diplomatie, Verhandlungen,
würden sagen: wir und Gewaltverzicht? Verträge, Bindungen, Vereinbarungen zu
Kommt doch gar nicht in Frage. Ich würde machen. Den Amerikanern bleibt ihre
dann daran erinnern, dass Amerika einen Stärke!
Gewaltverzichtsvertrag geschlossen hat, es
hat nämlich die Charta von Helsinki unter- Günter Gaus: Mit wem sollte Amerika den
stützt. Es hat sogar eine Bundesregierung Gewaltverzichtsvertrag abschließen?
unterstützt, die einen Gewaltverzichtsver-
trag mit den Russen geschlossen hat.
Warum haben die Amerikaner damals so Professor Egon Bahr: Nein, überhaupt
gehandelt? Sie vertraten die Position: Lass nicht. Sondern Europa soll versuchen, seine
doch diese verrückten Spinner; es kann ja Stärke, die ich eben versucht habe zu cha-
nichts passieren, denn wir sind mit unserer rakterisieren, anzuwenden und mit Verhand-
Macht da! Kann es denn nicht sein, dass lungen zu versuchen, dass die schurkischen
dieser Gewaltverzicht, der dann in der Staaten nicht schurkenhaft handeln, son-
Charta von Paris zu einem europäischen dern unter Umständen sich an Verein-
Grundgesetz geworden ist, die typische barungen halten. Amerika wird vielleicht ein
europäische Methodik ist, ein europäischer Krieg damit erspart. Falls nicht, kann ja
Weg? Es ist der Weg des Schwachen, der Amerika frei machen, was es will. Ich weiß
das Recht des Stärkeren durch die Stärke aber nicht, ob es den Versuchungen der
des Rechts ersetzen will. Können wir denn ungeheuren Macht immer widersteht, so
nicht sagen, ähnlich wie damals: Lasst uns wie wir das für klug halten. Die Amerikaner
doch eine Arbeitsteilung vornehmen. Die lachen aber nur drüber, weil sie sagen: Wir
Europäer sind wegen ihrer Schwäche zu sind ja mit unseren Werten, mit unseren
etwas imstande, was den Amerikanern Methoden so weit gekommen. Die Europäer

20
sind so weit gekommen, wie sie gekommen als wir in den 60er Jahren anfingen. Er sagte
sind – nämlich sie sind schwach. Lasst uns nämlich, dass wir es nicht können, weil wir
weitermachen. Wir werden sie nicht daran gar nicht souverän sind und die Vier Mächte
hindern können. die letzte Gewalt haben. Jetzt sind wir sou-
verän.
Wir sollten uns das Reservat erhalten, auf
unserem europäischen Wege, vielleicht in Natürlich muss man es versuchen. Und
Arbeitsteilung mit den Amerikanern, durch natürlich kannst du dagegen argumentieren.
Verhandlungen, durch Prävention zu versu- Es wird schwierig. Aber es muss versucht
chen, eine Situation zu schaffen, in der der werden. Es muss klar werden, dass man ein
eine oder andere Krieg nicht nötig wird. Konzept hat, das aus dieser Situation her-
ausführt. Nur nach der Zustimmung der
Jetzt erst kannst du sagen: Schlusswort. Führungsmacht zu gieren ist falsch, das ist
vasallenhaft!
Günter Gaus: Es klingt so fabelhaft ein-
leuchtend, was du sagst. Und es tut auch in Wir müssen doch zu dem Punkt kommen,
Wahrheit niemandem wirklich weh; keiner an dem wir sagen: Unsere Freundschaft mit
Regierung und niemandem. Du hast auf Amerika ist in vielen Jahrzehnten gewach-
dem Weg zu Gewaltverzichtsverträgen als sen und nicht dadurch gefährdet, dass sich
der Praktiker einen längeren Weg zurückge- Amerika anders orientiert als Europa. Sie
legt und mehr erreicht, als ich es von irgend- kann auch nicht erschüttert werden, wenn
jemandem sonst weiß. Dies war in einer Europa endlich - nach vierzig Jahren - sagt:
Zeit, bevor Amerika aus vielerlei Gründen Wir wollen selbstbestimmt sein.
sagte, es muss erst mal das Böse aus der
Welt geschafft werden. Wir beide müssen Günter Gaus: Dies ist die letzte Frage, und
uns nicht darüber verständigen, was das für dann hast du wirklich ein Schlusswort.
ein Ansatz ist, der einen fürchten lassen
muss, wegen des totalen Missverständnis- Ich könnte mit dir nicht mehr übereinstim-
ses über das, was die Welt und die men als in all dem, was du über Vasallentum
Menschen mit sich bringen. Aber in dieser gesagt hast. Dieses ist etwas, da gibt es
Zeit zu sagen, wir machen den Versuch, mit nicht den geringsten Dissens zwischen uns
Gewaltverzichtspolitik die Amerikaner zu beiden. Gar keinen. Der Punkt ist: Muss
entwaffnen und zu beschwichtigen – darin man da nicht Schritt für Schritt anfangen,
sehen die doch den ersten Schritt in den die amerikanische Seite und die Bundes-
Verrat, so wie sie derzeit geartet sind. Und republik? Und ist es nicht unter den jetzigen
du hast völlig zu Recht mehrmals gesagt, Umständen notwendig, dass dann die euro-
dass sich die Amerikaner darüber, was wir päischen Regierungen Schritt für Schritt und
denken und machen, einen feuchten nicht von heute auf morgen der Öffentlich-
Kehricht scheren. Du fängst jetzt an, mit keit auf beiden Seiten des Atlantik sagen,
Saddam Hussein einen Vertrag wegen wo die Grenze ist, dass wir es anders
Gewaltverzicht zu wollen. Doch wenn es machen werden? Müssen diese Fragen
konkret wird, werden sich die Amerikaner nicht raus aus den Planungsthemen, muss
nicht darum kümmern, sondern sagen, es nicht Teil des öffentlichen Bewusstseins
dass der Verrat beginnt. werden?

Professor Egon Bahr: Das ist ein bisschen Professor Egon Bahr: Ich habe leider
anders, als der von dir eingangs erwähnte keine Ahnung, was in den Planungsstäben
Carl-Werner Sanne am Anfang gesagt hat, geplant wird. Bevor man etwas machen

21
kann, was du eben in die Frageform geklei-
det hast, muss man doch erst mal wissen,
was man will! Und das ist ja im Augenblick
noch nicht der Fall. Und wenn man das
selbst weiß, dann muss man mal in Paris
fragen können: Denkt ihr vielleicht so ähnlich
oder denkt ihr auch anderes oder können
wir uns auf einen gemeinsamen Punkt ver-
ständigen? Und wenn das der Fall ist, dann
kann man ja vielleicht sogar in die EU gehen
– ich meine vorsichtig – und sehen, was der
Tony Blair oder der Herr Berlusconi darüber
denken. Aber man muss doch erst mal wis-
sen, was man will. Wohin man will! Das sehe
ich noch nicht.

22
Grußwort
Dr. Peter Bender
Publizist

er werde einmal zu den besten Politikern


gehören – er selbst auch nicht. Musik wollte
er studieren und Musiklehrer werden. Aber
da kam der Krieg, an dessen Ende hatte er
schon eine Familie. Nicht Bach und Beet-
hoven gaben in Berlin damals den Ton an,
sondern Reuter und Kaiser, Pieck und
Ulbricht. Bahr ließ das Klavier stehen und
wurde Journalist.

Im Allgemeinen bleiben Journalisten, wenn


sie ihr Geschäft verstehen, Journalisten –
nicht so Egon Bahr. 1960 folgte er Willy
Brandts Aufforderung und wurde Leiter des
Senatspresseamts und Berater des Regie-
renden Bürgermeisters. Es war, scheint mir,
die wichtigste Entscheidung seines Lebens,
jedenfalls die folgenreichste. Es war ein
Berufs- und ein Perspektivenwechsel. Er
wollte Politik nicht mehr kommentieren, son-
dern machen. Und er fand in Willy Brandt
Das war die große Politik mit Gegenwart einen Mentor, ein Vorbild und schließlich
und Zukunft, ich muss jetzt in die Vergan- einen Freund fürs Leben, und zwar ganz
genheit zurück, denn ich soll über Egon buchstäblich: Ohne Brandt hätte Bahr nicht
Bahr reden. Er legt, wenn es um politische werden können, was er wurde. Aber ohne
Vergangenheit geht, großen Wert auf den Bahr hätte Brandt nur schwer, oder gar
Unterschied zwischen Politiker und Histori- nicht, seine historische Leistung vollbracht,
ker: Der Historiker blickt immer zurück und die Ostpolitik.
weiß, was geworden ist; der Politiker sieht
nach vorn, meist ohne viel sehen zu können, Nichts von alledem war selbstverständlich,
aber er muss entscheiden. Also fangen wir schon gar nicht die politische Symbiose von
von vorn an bei Egon Bahrs Leben, und da Brandt und Bahr. Wenn man die beiden
zeigt sich: Fast nichts darin war selbstver- nebeneinander sah, außerordentlich ver-
ständlich, was jetzt selbstverständlich er- schieden, aber vielleicht deshalb ergänzten
scheint. sie sich. Hier der bohrende analytische
Verstand, dort der sichere politische Instinkt
In der Sekunda und Prima des Friedenauer – gemeinsam aber beiden die Leidenschaft
Gymnasiums war er der beste Musiker, nie- zu vollbringen, was ihnen – hier kann man
mand wäre auf den Gedanken gekommen, es sagen – am Herzen lag. „Wie die

23
Verrückten“, sagte Egon Bahrs Frau Nach fester Überzeugung aller Parteien
damals, hockten sie in Berlin bis tief in die wäre Anerkennung der DDR Verzicht auf
Nächte und über die Wochenenden zusam- Wiedervereinigung. Wären Gespräche mit
men, redeten über die Taktik für morgen und der DDR zwecklos, weil Moskau alles
über die Zukunft Deutschlands. bestimmt. Wären Verhandlungen mit Kom-
munisten gefährlich, weil sie Verträge ent-
Nicht zu erwarten, jedenfalls nicht voraus- weder brechen oder zur Unterminierung der
sehbar, war auch ein Wechsel der politi- freiheitlich-demokratischen Grundordnung
schen Auffassung. Etwa ein Jahrzehnt lang ausnutzen. Die politische Auseinanderset-

arbeitete Bahr für den RIAS, er war, was fast zung mit Kommunisten wurde in der
jeder bald nach dem Krieg in Berlin wurde, Bundesrepublik daher Polizei und Staats-
wenn er an der Politik teilnahm: ein Kalter anwaltschaft übertragen. Bahrs Formel
Krieger. Aber er blieb es nicht. Der Chefre- „Wandel durch Annäherung“ erschien vielen
dakteur des Kampfsenders gegen den Osten selbstmörderisch. Denn bei einer Annähe-
entwickelte sich zum Architekten einer rung würden die Kommunisten die west-
Verständigungspolitik mit dem Osten. Und deutsche Demokratie in eine östliche
das nicht erst nach dem Mauerbau. Die Diktatur verwandeln.
Suche nach Auswegen aus dem Gefängnis
sinnlos gewordener Konfrontation begann Was sich heute, nach dem kläglichen Ende
schon früher, der Mauerbau machte sie der DDR, keiner mehr vorstellen kann: In der
dann zur Notwendigkeit. Bundesrepublik herrschte damals eine
Heidenangst vor dem „Osten“. Ostpolitik
Kaum mehr glaublich ist heute, was es konnte erst beginnen, als sich westdeut-
Anfang der 60er Jahre bedeutete, die sche Demokraten ihrer Überlegenheit be-
Grundsätze der Nichtanerkennungspolitik wusst wurden, das war Brandts und Bahrs
auch nur vorsichtig in Zweifel zu ziehen. erster Schritt: Wir weichen die auf, nicht die

24
uns. Jenseits des Brandenburger Tors Moskau machte, um zu probieren, ob das
wurde das am schnellsten begriffen, dort Konzept für die Wirklichkeit taugte. Es
übersetzte man die Formel „Wandel durch bewährte sich, zunächst bei dem misstraui-
Annäherung“ mit „Aggression auf Filzlat- schen Gromyko, mit dem er 55 Verhand-
schen“. Am Rhein, auch in West-Berlin, der lungsstunden zusammensaß, dann auch
„Insel im roten Meer“, dauerte es viel länger. beim kompliziertesten Problem Europas –
Egon Bahr, der meist etwas weiter ging – Berlin –, schließlich bei den heikelsten
und gehen konnte – als Brandt, hatte es Verhandlungen, die es 1971 für einen
schwer, eine Politik verständlich zu machen, Westdeutschen gab, nämlich bei der Suche
die nicht nur gegen Meinungen verstieß, nach Arrangements mit dem feindlichen
sondern gegen tiefe Überzeugungen. Der Bruder DDR.
Kalte Krieg war ein Glaubenskampf, wer da
vom Glauben abwich, galt schnell als Keineswegs selbstverständlich war, dass
Ketzer. aus dem Diplomaten ein Stratege wurde. Er
musste das moderne Militärwesen richtig
Dennoch, oder gerade deshalb, machte lernen, die Lehren aus der Kriegsschule der
Bahr Karriere. Er hatte die Vernunft auf sei- 40er Jahre reichten nicht mehr. Er hat die-
ner Seite, die praktische Vernunft: Immer ses neue Feld aus Einsicht betreten, über
klarer wurde, der scheinbar revolutionäre die Sicherheit Europas wollte er zu Lösun-
Weg, einen Interessenausgleich mit dem gen in Deutschland kommen, aber ein
Osten zu suchen, war der einzig gangbare wenig Neigung war wohl auch dabei. Er hat
Weg. Als Planungschef des Außenministers sich mit Generalen zuweilen besser verstan-
Brandt entwarf er ein Konzept für eine neue den als mit zivilen Schreibtischstrategen, die
Ostpolitik. Und dann kam ein Schritt, den Soldaten wussten, wovon sie sprachen und
Planer selten tun: Aus dem Denker wurde wie brisant es ist.
ein Täter, der sich selbst auf den Weg nach

25
Auch die Karriere des Strategen nahm eine Kalter Krieg – erklären viel. Aber unter die-
Wendung, die keiner erwartete. Eine Uni- sen Umständen haben wir alle gelebt, und
versität hat er, jedenfalls als Student, nie von nur einer wurde Egon Bahr. Wer nach sei-
innen gesehen, aber er wurde Professor. nem Erfolgsgeheimnis sucht, stößt auf eine
Nicht nur als Leihgabe eines Ministerpräsi- Reihe von Eigenschaften, die jedenfalls
denten, sondern als Leiter eines akademi- manches verständlich machen.
schen Instituts, in dem er nun alles betrieb,
was er politisch und strategisch für nötig Da zeigt sich als erstes ein ungewöhnlich
hielt. scharfer Verstand. Sein Lieblingswort

Auch die letzte Änderung scheint gar nicht „logisch“ verrät die Form seines Denkens.
selbstverständlich. Lange war er der best- Wenn heute jemand drei zusammenhän-
gehasste Mann der sozialdemokratischen gende Sätze über ein und denselben
Außenpolitik – entweder Nationalist oder Gegenstand schreibt, dann ist das schon
getarnter Kommunist, in jedem Falle ein eine Analyse. Wenn Egon Bahr sich einen
Verräter an Freiheit und Einheit. Man könnte Sachverhalt vornimmt, kommt wirklich eine
Stunden füllen mit den Verdächtigungen Analyse heraus. Und wenn er Folgerungen
und Verleumdungen. Spurlos sind sie nicht zieht, dann folgen sie aus der Analyse.
an ihm vorübergegangen, deshalb ist es
wichtig und tröstlich für ihn, dass seine Da zeigt sich als Zweites ein großer politi-
Leistung weit über die Parteigrenzen heute scher Einfallsreichtum. Die Vier-Mächte-
anerkannt ist – die Kleinkariertheit der Verhandlungen über Berlin hatten sich an
Berliner CDU widerlegt das nicht, sondern Rechtsfragen festgefahren, das waren
bekräftigt es. damals Grundsatz- oder sogar Glaubens-
fragen. Bahr empfahl, die Prinzipien einfach
Das meiste an diesem Lebenslauf war nicht beiseite zu lassen und das Praktisch-
vorherzusehen, die Umstände – Krieg und Mögliche zu versuchen. Die Verhandlungen

26
kamen wieder in Gang und Henry Kissinger noch staunen, wenn er die Buntheit eines
lobte den „genialen Vorschlag“. orientalischen Landes sieht. Er gerät ins
Schwärmen, wenn er einen neuen Autor
Da zeigt sich als Drittes ein Unterschied zu entdeckt. Er ist fasziniert, wenn er einer ori-
den meisten, die Politik als Beruf betreiben. ginellen Idee begegnet. Im Kanzleramt las er
Sie wissen gut, wie man es macht, aber Zeitungen nicht mehr der Nachrichten
immer weniger wozu. Egon Bahr wusste wegen, sondern in der Suche nach Gedan-
immer wozu, er hat immer politisch etwas ken, die ihn in seinen eigenen Überlegungen
gewollt. Als 1954 die Vier Mächte in Berlin weiterbringen könnten. Der kalte Verstand
über die deutsche Einheit verhandelten, lief kam zur Wirkung, weil die Begeisterung für
der Journalist Bahr von Delegation zu ein Ziel ihn beflügelte. Manchmal schoss er
Delegation nicht nur, um zu erfahren, was über das Ziel hinaus, aber das war es wahr-
die dachten, sondern um ihnen zu sagen, scheinlich, das ihn das Ziel meistens errei-
wie er sich eine Lösung vorstellte. Groß- chen ließ.
mächte hören nicht auf Journalisten, doch
der Journalist ließ nicht nach und wurde Ehrgeiz? Natürlich war immer auch Ehrgeiz
Politiker. Und so geht es mit ihm bis heute. dabei. „Natürlich“ sage ich, weil ich keinen
erfolgreichen Politiker ohne Ehrgeiz kenne.
Achtzig wurde er vorgestern und hat immer Die Frage ist nur, wie sich der Erfolg für die
noch zwei große Fragen: Wie emanzipiert Person und der Erfolg für die Sache zuein-
sich Europa von Amerika? Das haben wir ander verhalten. Und da ist zu sagen: Egon
eben gehört. Und: Wie schafft man eine Bahr hat sich um der Sache willen meist im
Annäherung zwischen West- und Ostdeut- Hintergrund gehalten. Neulich erklärte er
schen, die sie zu Deutschen werden lässt? mir: Torgau, wo er aufgewachsen ist, gehö-
re zu Preußen.
Als Viertes zeigt sich eine erstaunliche
Begeisterungsfähigkeit. Er kann auch jetzt

27
Aber immer hat er auch gewusst, wie man noch durchgesetzt. Sie erweist sich als so
es macht. Ein Korrespondent erinnert sich alternativlos vernünftig, dass ihre früheren
an Egon Bahr, den Pressechef des Berliner Gegner sie übernehmen, fortsetzen und die
Senats. Die Journalisten hatten nur ein größten Früchte ernten. Im Rückblick er-
Thema: Was hat Brandt mit einem Sowjet- scheint das alles selbstverständlich, so
gesandten besprochen? Bahr sprach über selbstverständlich, dass gar nicht mehr
alles andere. Er erzählte so ausdauernd und bewusst ist, dass es sich um einen Erfolg
erzählte so spannend, dass die Journalisten handelt. So ist es mit Brandts und Bahrs
das Fragen vergaßen. Als es ihnen wieder Ostpolitik, kritisiert wird allein manches aus
einfiel, war er bereits entschwunden. „Tricky der Spätphase der 80er Jahre. Die Wende
Egon“ nannten sie ihn. von 1969/70 stellt niemand, der politisch
denkt, noch in Frage.
Mit Henry Kissinger und den Sowjetführern
verkehrte er zweigleisig, auf einer offiziellen Es gibt noch einen dritten Maßstab. Der
Schiene und über Kanäle, die an Außen- Zweck der neuen Ost- und DDR-Politik war,
ministerien und an Botschaften vorbei direkt den Menschen im Osten das Leben zu
ins Kanzleramt, ins Weiße Haus und in den erleichtern, soweit das vom Westen aus
Kreml führten. Außenpolitische Neuerungen, möglich war. Egon Bahrs Verträge mit der
da herrschte Einigkeit, muss man im DDR gingen alle darum, Anerkennung der
Geheimen einleiten und so weit führen, dass Teilung des Landes gegen Milderung der
nichts mehr zu ändern ist, sonst wird alles Trennung der Deutschen zu tauschen.
zerredet. Die Opposition empörte sich, aber Maßstab für diese Politik ist daher auch, ob
als Helmut Kohl Kanzler wurde, nahm er sie überzeugt oder ob sie abgelehnt wurde.
dankbar an, als Bahr ihm den Kanal nach Entscheiden können das nur die, denen
Moskau anbot. Staatsräson ging ihm über diese Politik galt: die Ostdeutschen. Zwei
Parteiräson. von ihnen, es sind zwei Historiker, haben
Wie misst man außenpolitischen Erfolg? Stoff für eine Antwort herbeigeschafft. Ihr
Zunächst an der Außenpolitik, die man auf Antrieb und ihr Wunsch war, Egon Bahr zum
seine Formel „Wandel durch Annäherung“ Achtzigsten zu ehren. Sie baten Ostdeut-
bringen kann. Das Ostsystem war zu sche mit ganz unterschiedlichen Biografien
schwach, um die Annäherung des Westens – Parteifunktionäre, Staatsangestellte,
auszuhalten, es wandelte sich, öffnete sich Schriftsteller, Wissenschaftler und Kirchen-
und löste sich schließlich auf. Und die leute –, sie mögen aufschreiben, was sie
Sowjetunion stimmte 1990 der Vereinigung von Bahr wissen, wie sie ihn kannten, was
Deutschlands zu, weil sie in 20 Jahren sie mit ihm zu tun hatten, was sie von ihm
wechselseitiger Annäherung erfahren hatte, hielten. Daraus ist eine Festschrift gewor-
dass die Bundesrepublik nicht der faschisti- den, wie es sie noch nicht gibt. Nicht
sche Staat war, den ihre Propaganda Kollegen loben Kollegen, hier sagen die
gemalt hatte, sondern ein fairer Partner, mit Adressaten einer Politik, wie diese Politik bei
dem ein gutes Verhältnis zu haben lohnt. Die ihnen ankam.
Neue Ostpolitik hat die Zeitenwende von
1989 nicht bewirkt. Der Osten ging an sich Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat das große
selbst zugrunde, aber sie hat die Wende Verdienst, diese Festschrift besonderer Art
ermöglicht, begünstigt und beschleunigt. ermöglicht zu haben, finanziell, technisch
und organisatorisch. Dafür ist ihr sehr zu
Innenpolitisch zeigt sich Erfolg, wenn fol- danken. Detlef Nakath und Daniel Küchen-
gendes geschieht: Eine Politik ist erbittert, meister haben das große Verdienst, die
sogar hasserfüllt umkämpft und wird den- Initiative ergriffen zu haben. Dafür ist ihnen –

28
und allen Autoren – sehr zu danken. Und
dafür dankt ihnen auch die Stiftung, die auf
diese Weise ein schönes Geschenk bekam,
das Holger Börner an Egon Bahr überreicht
hat.

29
Gratulanten

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31
Biografische Hinweise
content
Professor Egon Bahr

Geboren 1922 in Treffurt/Werra. Nach 1945 Journalist bei verschiedenen Tageszeitungen


und beim RIAS. 1960 – 66 Leiter des Presse- und Informationsamtes des Berliner Senats
unter Willy Brandt. 1966 – 69 Leiter des Planungsstabes des Auswärtigen Amtes und
Botschafter z.b.V. 1969 – 74 Staatssekretär und Staatsminister im Kanzleramt. 1974 – 76
Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, 1976 – 81 Bundesgeschäftsführer der
SPD, Mitglied des Präsidiums des Parteivorstandes. 1972 – 90 Mitglied des Deutschen
Bundestages. 1982 – 90 Vorsitzender des Unterausschusses Abrüstung und
Rüstungskontrolle, 1984 – 94 Direktor des Hamburger Instituts für Friedensforschung und
Sicherheitspolitik.

Peter Bender

Geboren 1923 in Berlin. Althistoriker. 1954/55 Mitarbeiter und 1955/61 politischer


Redakteur beim SFB, danach Redakteur beim WDR in Köln, seit 1970 Korrespondent des
WDR in Berlin, von 1973 – 74 Hörfunk-Korrespondent der ARD in Warschau. Mit der
Spaltung Deutschlands besonders vertraut, galt er als einer der engagiertesten und profi-
liertesten publizistischen Vorkämpfer der Entspannungspolitik. Autor zahlreicher Bücher zum
Ost-West-Verhältnis in Deutschland und Europa. Lebt als Publizist in Berlin.

Günter Gaus

Geboren 1929 in Braunschweig. Journalist, Publizist, Autor und Politiker. 1953 – 65 politi-
scher Redakteur bei verschiedenen Tages- u. Wochenzeitungen (Spiegel, Süddeutsche
Zeitung u.a.), 1963 – 66 Interviews mit Prominenten „Zur Person - Porträts in Frage und
Antwort“ beim ZDF, 1965 Programmdirektor u. stellv. Intendant des Südwestfunks,
1969 – 73 Chefredakteur des „Spiegel“. 1973 Ernennung zum Staatssekretär und Ständigen
Vertreter der Bundesrepublik in der DDR. Als „Chefunterhändler“ der Bundesrepublik han-
delte er 17 Abkommen mit der DDR aus. 1981 für fünf Monate Wissenschaftssenator im
Berliner Senat. G. widmet sich wieder seinen journalistischen und publizistischen Aufgaben.

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