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Geschichtsblätter für Lüdenscheid Stadt und Land

Herausgegeben vom Lüdenscheider Geschichtsverein e. V.


Nr. 98 15. April 198S

Günter Rosenbohm angesehen wird, und die im Jahre 1858 gestifte-


te, nach der damaligen jungen preußischen
Kronprinzessin und Tochter der englischen Kö-
Geschichte der Lüdenscheider nigin benannte, Loge „Victoria zur Morgen-
röthe" in Hagen.
Nur wenige andere Gründungsmitglieder der

Loge von 1888 bis 1934 Loge „Zum Märkischen Hammer" gehörten
1888 entfernteren auswärtigen Logen an.
Von den Gründern kamen aus der Johannis-
Nur wenige alte Dokumente Einiges blieb dennoch erhalten und tauchte loge
Die Geschichte der Johannisloge „Zum Mär- nach 1945 wieder auf. Es waren dies vor allem - „Zum Westfälischen Löwen" in Schwelm
kischen Hammer" beginnt am 6. Mai 1888. Die- gedruckte und vervielfältigte Schriften, aber 7 Mitglieder,
ses Gründungsdatum ist enthalten in den beiden auch handgeschriebene Texte, die sich zum Zeit- - „Victoria zur Morgenröthe" in Hagen 8 Mit-
ältesten Dokumenten, die die Loge noch heute punkt der Beschlagnahme des Logengebäudes glieder,
besitzt: außerhalb dieses Hauses im Besitz von Logen- - „Carl August zu den drei Rosen" in Jena
- in der Stiftungsurkunde, ausgestellt von der mitgliedem befanden. Erwähnenswert ist in 1 Mitglied,
Großen Landesloge der Freimaurer von diesem Zusammenhang die Odyssee der Logen- - „Hermann zum Lande der Berge" in Elberfeld
Deutschland in Berlin, bibel: seit dem Tage der Beschlagnahme ver- 1 Mitglied,
- und in der Matrikel der Loge mit den Namen schwunden, wurde sie nach dem Kriege von ei- - „Zu den drei Verbündeten" in Düsseldorf
und wichtigsten Lebensdaten und -funktio- nem Berliner Freimaurer in einem Berliner An- 1 Mitglied,
nen aller ihrer Mitglieder. tiquariat entdeckt, gekauft und der Loge „Zum - „Zum goldenen Schiff" in Berlin 1 Mitglied.
Beide Urkundenbücher konnten dem Zugriff Märkischen Hammer" zurückgegeben.
der Nationalsozialisten entzogen und während All dies zeigt, daß eine lückenlose Darstellung Diese neunzehn Logengründer werden in der
ihrer Diktatur unter erheblichem Risiko sicher der Geschichte der Loge für das erste halbe Matrikel als Mitstifter der Johannisloge „Zum
Jahrhundert ihrer Existenz nicht möglich ist. Märkischen Hammer" bezeichnet."
Neunzehn Gründungsmitglieder Wilhelm Boecker sen. war vermutlich die trei-
bende Kraft bei der Gründung der Loge, zumal
Freimaurerische Ideen sind schon vor der er der erste aus dem Vertrauen der Mitglieder
Gründung der Loge „Zum Märkischen Ham- hervorgegangene Logenmeister der neuen Loge
mer" am 6. Mai 1888 in einigen Lüdenscheider wurde und diese dann 42 Jahre lang - von 1888
Bürgern lebendig gewesen; denn bereits für das bis 1930 - leitete.
Jahr 1883 erwähnt die Lemmingsche Enzyklo-
pädie einen freimaurerischen Kreis, der sich in Leider ist heute nicht mehr bekannt, wo die
Lüdenscheid gebildet hatte." Gründungsfeierlichkeiten stattgefunden haben
Damals bestanden in der näheren Umgebung und wer auf den Gedanken kam, der Loge den
von Lüdenscheid zwei Logen, die Lüdenscheider Namen „Zum Märkischen Hammer" zu geben,
als Mitglieder hatten. Es waren dies die schon im der sich bezieht auf
Jahre 1792 gegründete Johannisloge „Zum
Westfälischen Löwen" in Schwelm, die als Mut- - die Lage des Logenortes in der ehemaligen
terloge der Loge „Zum Märkischen Hammer" Grafschaft Mark,

Das Siegel der Loge »Zum Märkischen Ham-


mer«. Im Blickfeld des Dreifach Großen Bau- HAGEN
meisters der ganzen Welt liegen über Akazien- BERLIN
zweigen, Sinnbildern der Unsterblichkeit, SCHWELMIM ^
Q-
wichtige maurerische Werkzeuge, zuoberst der
große märkische Hammer ELBERFELD Qj
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O
verwahrt werden. Sie sind heute wertvolle Quel- O- o-
len für die Darstellung der Geschichte der Loge, DÜSSELDORF JENA
1
insbesondere für den Zeitabschnitt zwischen ih-
rer Gründung im Jahre 1888 und ihrer Vernich- LÜDENSCHEID 0
tung durch die Nationalsozialisten im Jahre
1934.
Mit der Beschlagnahme des Logengebäudes
und seines gesamten Inventars, einschließlich
des Archivs und der umfangreichen Bibliothek Zekhn.H-J Naber Entw; G Roienbohm
am 4. Juli 1934 durch ein Kommando unter Füh-
rung eines bayrischen SS-Obersturmbannfüh- Zentralltätsgewinn der Stadt Lüdenscheid am 6. Mai 1888 durch Gründung der Loge »Zum
rers ging sehr viel Wertvolles verloren. Märkischen Hammer«, Herkunfts-Logenorte der neunzehn Logengründer

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- „Großen Landesloge der Freimaurer von Balduin n., in der Nähe der Reste des Salomoni-
Deutschland"; 1770 gegründet in Berlin, schen Tempels in Jerusalem sein Quartier erhielt
- „Großen Loge von Preußen", genannt „Zur (Bokor, S. 38).
Freundschaft"; früher: „Royal York zur In der Umgebung dieses Rittersitzes wurde
Freundschaft;" 1798 gegründet in Berlin. hebräisch gesprochen, zum Teil auch von den
Friedrich hat sich als Kronprinz sehr um die Rittern selbst. Hebräische Wörter gibt es daher
Einheit allen Freimaurertums bemüht und am noch heute in den freimaurerischen Ritualen.
hm «fl IK'ri|riIi{tffifn ÄmfHr^riif«pn<1S nii 12. September 1886 bei einem Logenbesuch in Als dann in Europa im 17. Jh. die Zeit der gro-
Straßburg die Worte gesprochen: „Zwei Grund- ßen Dombauten zu Ende ging und es nach und
mifnhtamfMlaUl sätze bezeichnen vor allem unser Streben: Ge- nach immer weniger Steinmetzen gab, nahmen
wissensfreiheit und Duldung. An ihnen lassen die Logen, auch wohl um ihren karitativen und
Sie uns festhalten mit unserer ganzen Kraft! sozialen Verpflichtungen nachkommen zu kön-
Daß dieselben bei uns immer vollkommener nen, zunehmend Nichtmaurer in ihre Bauhütten
werden, dazu lassen Sie uns allezeit mithelfen. auf. Diese wurden „angenommene Maurer" ge-
Nicht nur loben wollen wir diese Tugenden, son- nannt. Die Logen wandelten sich so aus den rei-
»Kifhr.^ittJijKOriiu^iifConie^-ÖJroliBnKi^r^it. dern sie auch fleißig üben. Wenn wir also wir- nen Steinmetzbruderschaften zu nur noch gei-
ken, dann wird es wohl mit uns, wohl um die stig, symbolisch bauenden Gemeinschaften. Auf
Freimaurerei stehen. Dazu helfe uns der große diesen soziologischen Strukturwandel gegen
Baumeister aller Welten."21 Ende des 17. und am Anfang des 18. Jahrhun-
3Vtt(fc<)i<nj(f xit ^»rftn, nn nJXe «wf i*r (lW«r(la- derts ist der Name vieler heutigen Logen zu-
cfi« <J«i'(!?ri* »«rtittigl* «^(rx<r|trtn{(,frrfr Rückblick in die Geschichte rückzuführen, z. B. der der Großloge der „Alten
Die Anfänge der Freimaurerei sind unbe- Freien und Angenommenen Maurer von
int«) «115*1» omjiwjt« 3^rt,,r*r■S?'¢,»■ ut,& V^ri*- Deutschland".
kannt. „Sie trat nicht von heute auf morgen in
6<r unftvtu (BntfiS F Erscheinung. Als man sich mit ihr zu beschäfti- Am 24. Juni 1717 schlossen sich in London vier
gen begann, war sie bereits organisiert, hatte ihr solcher neu strukturierten Freimaurerlogen zur
Ritual, ihr Statut und sogar ihre Tradition."3' ersten modernen Großloge der Welt zusammen.
Vieles in der heutigen Freimaurerei geht zu- Dieses Datum wird heute als der Beginn der gei-
rück auf die Steinmetzbruderschaften und stigen, der sogenannten spekulativen Maurerei
Dombauhütten des Mittelalters in Europa und bezeichnet, die der aktiven oder operativen
auf ältere ähnliche Institutionen im Vorderen Maurerei folgte.
.A.//... e~K~*. 4£^>i~. Orient, bis hin zum Salomonischen Tempel in In diesem Zusammenhang ist es sicherlich in-
Jerusalem. teressant zu erfahren, daß die älteste schottische
Wc/X^/m^ Loge, „Mary's Chapel, Nr. 1", ihre Protokollbü-
In Deutschland gab es im Mittelalter bedeu-
■M~.. .-/;.. #*-•: &.:.■*.
tende Dombauhütten in Straßburg, Regensburg cher seit ihrem Gründungsjahr 1599 in ununter-
brochener Reihenfolge besitzt und damit den di-
J V. .£.//... 0*J...d>. SC.. und Wien. Die Straflburger Dombauhütte wurde
rekten Nachweis ihres Entstehens aus einer ope-
wegen ihrer beherrschenden Stellung „Haupt-
hütte" oder „Großloge" genannt. In der Straß- rativen Loge führen kann.
'fiat/' <Sfaa/f#tfjfwn,
burger Hüttenordnung von 1275 findet sich die
Bezeichnung „Frei-Maurer" - heute würde man
sagen: Architekt -, die wahrscheinlich älteste Die „Alten Pflichten" von 1723s>
urkundliche Erwähnung dieses Begriffs im Nach 1717 setzte, von England ausgehend, in
deutschen Sprachraum. Europa und dann überall in der Welt eine weite
Am 25. April 1459 verfaßten die in Regensburg Verbreitung der Freimaurerei ein.
versammelten Meister der deutschen Logen eine Die gesetzmäßige Grundlage der neuzeitli-
Bauhüttenordnung, die den Meister der Haupt- chen rejgulären Freimaurerei wurde im Jahre
hütte am Straßburger Münster und seine Nach- 1723 mit der Veröffentlichung der „Alten Pflich-
folger als alleinige und immerwährende Groß- ten" geschaffen.
meister der Freimaurer-Bruderschaft in Daraus einige Auszüge:
Deutschland bestimmte.
- „Der Maurer ist verpflichtet, dem Sittenge-
Kaiser Maximilian bestätigte diese Ordnung setz zu gehorchen; und wenn er die Kunst
1498 in Straflburg; Kaiser Karl V., Kaiser Ferdi- recht versteht, wird er weder ein engstirniger
~*.:.~ £/?.a%pAaw>zeti. o^—^^.--^,.^,^ nand und deren Nachfolger haben diese Bestäti- Gottesleugner, noch ein bindungsloser Frei-
gung während ihrer Regierungszeiten erneuert geist sein.
(Bokor, S. 27). - In alten Zeiten waren die Maurer in jedem
In England, dem Mutterland der modernen Land zwar verpflichtet, der Religion anzuge-
Freimaurerei, wurde am 9. August 1378 in einer hören, die in ihrem Lande oder Volke galt;
Londoner Urkunde die englische Bezeichnung heute jedoch hält man es für ratsamer, sie nur
„freemason" für „Freimaurer" erstmals er- zu der Religion zu verpflichten, in der alle
Erste und zweite Seite der Stiftungsurkunde wähnt. Hier unterschied man damals den „free- Menschen übereinstimmen und jedem seine
stone-mason" vom „roughstone-mason". Der besonderen Überzeugungen selbst zu belas-
- die vielen, hier 1888 noch bestehenden, Ham- „freestone-mason" - „Freisteinmaurer" wört- sen.
merwerke und lich übersetzt - bearbeitete als Steinmetz oder - Sie sollen also gute und redliche Männer sein,
- den Hammer des Logenmeisters, dem Symbol Steinbildhauer den freistehenden Stein. Er war von Ehre und Anstand, ohne Rücksicht auf ihr
der Befugnis oder „regierenden Gewalt". im Gegensatz zum „roughstone-mason" - zum Bekenntnis oder darauf, welche Überzeugun-
„Rauhen-Stein-Meister" - der die „rauhen" gen sie sonst vertreten mögen.
Steine aufeinanderzusetzen hatte, in der Stein- - So wird die Freimaurerei zu einer Stätte der
Friedrich HI. - Ordensgroßmeister und Protek- bearbeitung künstlerisch tätig.4' Einigung und zu einem Mittel, wahre Freund-
tor der Altpreußischen Großlogen Der rauhe und der behauene Stein sind noch schaft unter Menschen zu stiften, die einander
Bemerkenswert ist, daß die Lüdenscheider heute in der Freimaurerei als Symbole der Un- sonst ständig fremd geblieben wären.
Loge als einzige im Deutschen Reich während vollkommenheit und der Vollkommenheit von - Jedes Vorrecht unter Maurern - Meistern, Ge-
der kurzen, 99tägigen Regierungszeit Friedrichs fundamentaler Bedeutung. sellen und Lehrüngen - gründet sich allein auf
des Dritten, des letzten Deutschen Kaisers und Den „freestone-mason" nannte man abkür- wahren Wert und persönliches Verdienst, da-
Königs von Preußen, der Freimaurer war, ge- zend „freemason" - „Freimaurer". Dieser muß- mit die Bauherren gut bedient werden, die
gründet worden ist, te, wenn er seine künstlerische Tätigkeit aus- Brüder sich nicht schämen müssen und auf die
üben wollte, ein unabhängiger, in jeder Hinsicht Königliche Kunst kein Schatten falle ...
Friedrich III. war 1888 bereits seit 35 Jahren - Die Maurer sollen Schimpfreden vermeiden...
Freimaurer. Er wurde 1853 von seinem Vater freier Mann sein.
und einander Bruder nennen.... Sie sollen sich
Wilhelm, Prinz von Preußen, dem späteren er- Der Begriff „Lodge" - „Loge" taucht in Eng- innerhalb wie außerhalb der Loge höflich be-
sten Deutschen Kaiser, in die „Große Landeslo- land 1278 erstmals urkundlich auf und bezeich- nehmen ...
ge der Freimaurer von Deutschland", der auch nete die „Bauhütte", die den Maurern als Werk- - Streitgespräche über Religion, Nation oder
die Lüdenscheider Loge seit 1888 angehört, auf- statt, Aufenthalts- und Versammlungsraum Politik ... und persönliche Auseinanderset-
genommen. Seit 1860 war Friedrich, an den in diente. Solche Logen - später wurden ebenfalls zungen dürfen nicht in die Loge getragen wer-
Lüdenscheid noch die Friedrichstraße und die die Organisationseinheiten der Bauhandwerker den. Als Maurer gehören wir nur der allgemei-
Gaststätte „Friedrichshof" mit der Büste Fried- und auch die Menge der in diesen Einheiten täti- nen Religion an, von der schon die Rede war.
richs III. erinnern, Ordensgroßmeister der „Gro- gen Personen selbst so bezeichnet - gab es in Unter uns findet man alle Völker, Stämme
ßen Landesloge der Freimaurer von Deutsch- England im 14. und 15. Jh. z. B. am Yorker Mün- und Sprachen; wir wenden uns (in der Loge)
land" und ab 1861 auch Protektor aller drei ster und an der Kathedrale von Canterbury.4' entschieden gegen alle politischen Auseinan-
christlichen Altpreußischen Großlogen, der Manche Inhalte der Freimaurerei gehen zudem dersetzungen, die noch niemals zum Wohle
- Großloge „Zu den drei Weltkugeln"; 1744 ge- auf den „Templerorden" zurück, der 1118 vom der Loge beigetragen haben und es auch nie-
gründet in Berlin, König des fränkischen Königreichs Jerusalem, mals tun werden.
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- Alle diese Pflichten sollt ihr euch zu eigen ma- von den 56 Unterzeichnern der Unabhängig-
chen ... so pflegt ihr die brüderliche Liebe, die keitserklärung. Diese freimaurerisch-freiheitli-
der Grundstein und der Schlußstein, das uns che Verfassung wurde dann später zur Grundla-
alle verbindende Band unserer alten Bruder- ge der Verfassung in allen freiheitlichen Län-
schaft ist. dern.
In die Reihe der amerikanischen Freimaurer
sind u. a. einzuordnen: Simon Bolivar, Befreier
Hohe Ziele - bekannte Mitglieder Südamerikas und Freund Alexander von Hum-
Seit der Verkündung der „Alten Pflichten" boldts; Henry Ford, Gründer der gleichnamigen
hat die Freimaurerei weltweit einen großartigen Automobilwerke; Clark Gable, Schauspieler;
Entwicklungsprozeß durchlaufen und viel für John Glenn umkreiste 1962 als erster Mensch im
die Menschheit und für die Vermenschlichung in Raumschiff dreimal die Erde und Edwin Aldrin
der Welt getan. landete 1969 als erster Mensch auf dem Mond.
Der Aufruf, dem Sittengesetz zu gehorchen, Er soll dort u. a. eine Freimaurerflagge zurück-
verlangt, „alles zu tun, was Leben erhält, fördert gelassen haben.
und schützt, und alles zu vermeiden, in Wort, In die Weltliste der Freimaurer gehören zu-
Tat, Handlung und Gebärde, was Leben ver- dem:
nichtet, einschränkt oder verunstaltet. Damit Kemal Atatürk, Begründer der modernen Tür-
bekam die großartige Idee des Bauens, die Ge- kei;
genidee von Zerstören, ihre die gesamte Mensch- Winston Churchill, britischer Staatsmann;
heit umfassende Ausprägung" (Holtorf, S. 15). Henri Dunant, Gründer des Roten Kreuzes, er-
Gegenstand dieses Bauens ist seit der Veröf- hielt 1901 den Friedensnobelpreis;
fentlichung der „Alten Pflichten" vor allem der Giuseppe Garibaldi, italienischer Freiheits-
einzelne Mensch und über ihn hinaus die gesamte kämpfer;
Menschheit. Lovis Corinth, Maler vieler Bilder mit Szenen
aus dem Logenleben;
Die Ziele der Freimaurerei kann man kurzge- August Wilhelm Iffland, Schauspieler;
faßt so formulieren: Wilhelm Leuschner, Politiker und Gewerk-
Daheim ist sie Güte, schaftsführer, Mitverschwörer des 20. Juli 1944, r.rundrlß der Logenräume Im »Jägerhof«, Lui-
Im Geschäft ist sie Ehrenhaftigkeit, ermordet von den Nationalsozialisten am 29. senstraße 35, genutzt zwischen 1888 und 1901
In Gesellschaft ist sie Höflichkeit,f September 1944;
In der Arbeit ist sie Anständigkeit, Carl von Ossietzky, bekannter Publizist, Chef-
Für die Unglücklichen ist sie Mitleid, redakteur der „Weltbühne", Friedensnobelpreis- ße. Hier entwickelte sich bald ein intensives Lo-
Gegen das Unrecht ist sie Widerstand, träger von 1935, umgekommen im Konzentrations- genleben. Regelmäßige Zusammenkünfte fan-
Für das Schwache ist sie Hilfe, lager 1938; den am Mittwoch, Samstag und Sonntag statt.
Dem Gesetz gegenüber ist sie Treue, Gustav Stresemann, bedeutender Staatsmann Neben ernster Arbeit gab es auch gesellige Feste,
Gegen den Unrechttuenden ist sie Vergessen, der Weimarer Republik, erhielt 1926 den Frie- Wiener Abende und bunte Kinderfeste, die sich
Gegenüber Andersdenkenden ist sie Toleranz. densnobelpreis. Weltweites Aufsehen erregte allgemeiner Beliebtheit erfreuten. Trotz dieser
seine freimaurerisch geprägte Antrittsrede vor „Öffentlichkeitsarbeit", wenn man sie einmal so
Viele wurden zur Zeit der Aufklärung Frei- nennen will, berichten ältere Mitglieder noch
maurer und haben dieses Zeltalter zum Teil ent- dem Völkerbund: „Der göttliche Baumeister hat
die Menschheit nicht als ein gleichförmiges von der strengen Geheimhaltung aller freimau-
scheidend mit beeinflußt. rerischen Dinge. So bestand damals die Ver-
Ganzes geschaffen... Es kann nicht der Sinn ei-
Am 6. Dezember 1737 wurde die erste moder- ner göttlichen Weltordnung sein, daß die Men- pflichtung, maurerische Schriften unter Ver-
ne Loge auf deutschem Boden in Hamburg ge- schen ihre nationalen Höchstleistungen gegen- schluß zu halten, und die meisten Mitglieder be-
gründet, die „Loge de Hambourg". Bereits im einander kehren und damit die allgemeine Kul- saßen in ihrer Wohnung einen besonderen Platz,
August 1738 wurde der damalige preußische turentwicklung immer wieder zurückwerfen..." an dem diese aufbewahrt wurden. Nicht einmal
Kronprinz Friedrich Mitglied dieser Loge. Kurt Tucholsky, politischer Journalist und die engsten Familienangehörigen hatten Zugang
Schon bald darauf konnte, nach seiner Regie- Schriftsteller. dazu. Die maurerische Bekleidung wurde in den
rungsübemahme als König, in Preußen jeder Räumen der Loge untergebracht, und kein Au-
nach seiner FaQon selig werden. Schnell breitete Unsterblich geworden durch ihre Musik sind ßenstehender durfte den Tempel betreten. All
sich jetzt die Freimaurerei in Preußen und sei- die Freimaurer Joseph Haydn, Komponist der diese Vorschriften haben sich im Laufe der Jahr-
nen Nachbarländern aus. Kaiserhymne (- Deutschlandlied); Franz Liszt; zehnte in starkem Maße gewandelt."
Albert Lortzing; Wolfgang Amadeus Mozart,
Die Liste bekannter Freimaurer ist lang. Eine Komponist zahlreicher Werke mit freimaureri-
Auswahl von Namen möge die Reichweite der Ermöglicht wurde dieser Wandlungsprozeß
schem Inhalt; allgemein bekannt ist seine Frei- durch die freiheitliche demokratische Grund-
Freimaurerei und die Vielfalt an Charakteren maurer-Oper „Die Zauberflöte"; Jan Sibelius,
und individuellen Zielstrebigkeiten verdeutli- ordnimg in der Bundesrepublik Deutschland,
Mitbegründer der Loge „Suomi Nr. 1" und Kom- dargelegt im Grundgesetz vom 23. Mai 1949.
chen. ponist einer besonderen Ritualmusik für die Seitdem kann jeder Freimaurer seine Zugehö-
Lessing, Herder, Wieland, Goethe, Fichte, Großloge von Finnland (Holtorf, S. 169) rigkeit zu einer Loge - und damit sein Streben
vom Stein, Hardenberg, Claudius, Voltaire u. a. nach freimaurerischen Zielen: Menschlichkeit,
wurden Freimaurer und wirkten als solche für War Theodor von Neuhoff Freimaurer? Toleranz, Völkerverständigung,... - frei beken-
eine menschlichere Welt. nen, ohne Nachteile für seine Person befürchten
Lessing formulierte: „Die Freimaurerei ist Für einen Teil der Bewohner Lüdenscheids, zu müssen. Er weiß dabei allerdings, daß gele-
nichts Willkürliches, nichts Entbehrliches, son- Werdohls (Pungelscheids) oder des Märkischen gentlich Vorurteile aus früherer Zeit in einigen
dern etwas Notwendiges, das in dem Wesen der Kreises ist der folgende Auszug aus dem Inter- Menschen, die trotzdem seine zu liebenden
Menschen und der bürgerlichen Gesellschaft ge- nationalen Freimaurer-Lexikon sicherlich in- Nächsten sind, oft nur ganz allmählich beseitigt
gründet ist.... Die wahren Taten der Freimaurer teressant: werden können.
sind so groß, so weit aussehend, daß ganze Jahr- „Neuhoff, Theodor, Baron v., König von Kor- Im oben angeführten Auszug aus der Fest-
hunderte vergehen können, ehe man sagen kann: sika, geb. 1686, gest. 1756, westfälischer Aben- schrift zum 75. Stiftungsfest bedürfen die Be-
„Das haben sie getan". Gleichwohl haben sie al- teurer, der sich 1736 zum König von Korsika griffe Tempel, Arbeit, maurerische Bekleidung
les Gute getan, was in der Welt ist - merke wohl: ausrufen ließ, war höchstwahrscheinhch Frei- und maurerische Schriften der näheren Erläute-
in der Welt - und fahren fort, an all dem Guten maurer, darauf deuten die Symbole des Ritteror- rung.
zu arbeiten, was noch in der Welt werden wird dens hin, den er in Korsika einsetzte."
- merke wohl: in der Welt." (Intern. Freimaurer- Für einen Lüdenscheider Freimaurer wäre es Der Versammlungsraum der Freimaurer wird
lexikon, S. 919) sicherlich eine reizvolle Aufgabe, dieser Vermu- Tempel genannt. Seine Form (Länge doppelt so
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, tung nachzugehen und sie zu klären zu versu- groß wie Breite oder Höhe) soll der des Salomo-
daß amerikanische Freimaurer Wesentliches zur chen. nischen Tempels, der den Steinmetzen in frühe-
Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von ren Zeiten viel bedeutete, ähneln. Symbolisch ist
Amerika geleistet haben und ihre freimaureri- der Tempel gemeint, der in seiner Vollendung
1888-1901 im Jägerhof die in sich befriedete Menschheit aufnehmen
schen Ideale zur Grundlage der Unabhängig-
keitserklärung der USA machen konnten. „Vom Als am 6. Mai 1888 die Loge „Zum Märkischen soll.
Grundsatz der Gleichheit aller Menschen vor Hammer" in Lüdenscheid gegründet wurde, Arbeiten sind nach traditionellem Logen-
dem Gesetz bis zum Prinzip der Absetzbarkeit stand noch kein eigenes Logenhaus zur Verfü- brauch durchgeführte Bildungs-, Besinnungs-
der Regierung ist sie durchdrungen vom Geist gung. Der Wunsch der Mitglieder nach eigenen und Feierstunden, in denen den Mitgliedern in
der Freimaurerei. Der Verfasser der Unabhän- Räumen konnte zunächst nur so erfüllt werden, unregelmäßigen Zeitabständen die Ziele der
gigkeitserklärung, Thomas Jefferson, gehörte daß man im „Gasthaus zum Jägerhof", Luisen- Freimaurerei aufgezeigt werden.
ebenso einer Loge an wie die ersten prominenten straße 35, eine Wohnung im ersten Obergeschoß
Staatsmänner des jungen amerikanischen Staa- mietete und diese für Logenzwecke herrichtete. Bei diesen Arbeiten spielen Vorträge, z. B.
tes: George Washington, Benjamin Franklin und über freimaurerische, philosophische und histo-
In der Festschrift zum 75. Stiftungsfest der rische Themen, und Musikdarbietungen eine
James Monroe." Loge im Jahre 1963 ist darüber zu lesen: wichtige Rolle. Dabei lernen die Mitglieder zu-
Aktive Freimaurer waren zu der Zeit sämtli- „Der Tempel lag neben dem Treppenhaus in gleich die freimaurerischen Symbole mit ihrem
che Gouverneure der 13 Gründerstaaten und 53 einem Anbau nach der heutigen Comeliusstra- ethischen und moralischen Sinngehalt kennen.

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werk entlehnt. Dazu einige Beispiele: Muutr»
HAMBURG
Der Hammer ist das Symbol der Kraft, des
Willens und der Ordnung. C-H/*^%:"S*
Das Senkblei, mit dem das Gewissen ausgelo-
tet werden kann, lehrt die Wahrheit zu suchen
und ihr zum Recht zu verhelfen. BERLIN
Mit der Kelle verkittet der Maurer die Fugen
und Risse seines Herzens gegen die Angriffe des
Lasters.
Als Sinnbild der Menschen- und Bruderliebe CMARLOTTtNBa
weist der vom Allmächtigen Baumeister geführ- Jf RIXDORr
te Zirkel mit der einen Spitze auf das eigene r..i
Herz und umkreist mit der anderen die ganze ,^^^ M ©^ ¢5, o ® " er-?-■flflt/L
Menschheit. lülli* O"1 ^DRtS ZfJtbjnJf ^1 '—
Die Wasserwaage deutet auf die ursprüngli- P%B "■■-'■':'0
che Gleichheit und das gleiche Recht aller Men-
schen hin. In einer horizontalen Ebene darf sich äO ..©. f'n/,6vij>Jf.
tf/'P^n

nichts über das andere erheben. Darum gehört


alles, was sich auf Unterschiede wie Titel und QeufKen (

Würden bezieht, nicht in die Loge. .'""V


Lehrlinge und Gesellen - es gibt eine stufen-
weise Bildung oder Erkenntniserweiterung - ar- •J«!'*'» ' ^/•■uh^/tuU

beiten mit Hammer und Meißel, dem Symbol der ^


Beharrlichkeit am rohen Stein, dem Sinnbild
der menschlichen Unvollkommenheit.
Die Meister bauen dem Allmächtigen Baumei-
ster aller Welten den Tempel der Duldsamkeit. ßnmuüi
&
Der kubische Stein ist das Symbol der Voll-
kommenheit, die kein Sterblicher jemals errei-
chen kann. Der geschickte Baumeister kehrt da-
Bajiwtrg
Karle
her die beste Seite seiner unvollkommenen Bau- •iMatfi,
da«
steine nach außen und findet so für jeden eine fl©
praktische, gute Verwendimg.
Die Bibel symbolisiert die ewigen unvergäng-
lichen Gesetze, die das Weltall beherrschen. Sie
DEUTSCHEN GROSS-LOGENBUNDES
liegt aufgeschlagen beim Johannesevangelium; Js^ytirg
daher die Bezeichnung „Johannisloge". Herausgegeben im SelbsNerlaj vom Karfographisclien Institut LampsongrMartin.Berlin-Schöneberj.Warlburjstr.lS.
Während der Arbeiten wird jedem Mitglied
bewußt, daß der symbolische Bau der Freimau- smssaumA Saat*
!-..' •».•
CnUi/Lif
:\
I
(inh. Georj Martin, Mit^ i lo{e .Zum Pejasus'Grl L)
j ^fiMiad
rerei auf drei Säulen ruht. Es sind dies die Säu- smroART - 1907-
len der Weisheit, der Stärke und der Schönheit. •:v> 2t0 180 350 Km
Weisheit ist die intellektuelle Tugend, die den filSii l
Bau fördert, A^url Zeichentrklirunj:
Stärke die willenhafte und
Schönheit die gestaltende Tugend.
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Crsii« l<«4<sl.|i dir rnlmiurtr
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tf»Mt l«|« ■tu mnkun CroiM«uli,Mo{, d,, [n.ki,«!,,.
rrt,m».rir>uiidi»
Crom fr..mjur,flo|« iC-lml,)
Die maurerische Bekleidung besteht im we-
sentlichen aus einem schwarzen Anzug oder
Smoking, einem weißen Oberhemd, einer weißen
Krawatte, weißen Handschuhen, dem Schurz
JMÜHCKtM
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MiüfanAall/ Creiu Uli <on rruiMK.ti'i.: ._. , Crotl« Iwdijtof« wi SidiMii (rdltl«»! lur Sann« ff.;<v.reli>.|uM i ly..bK.nft'»
Dazu muß man wissen, daß die schwarze Far- Ä

be das Dunkle, Schlechte, Böse, die weiße das


Helle, Gute und Wahre symbolisiert und der Ä^'^ o SS88®1 ü"-'*' Q*~si*. c
Freimaurer sich stets bewußt sein sollte, daß er
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- wie natürlich auch jeder andere - im Span- Ittdiiwn/ t Bictiarj Htnn»
nungsfeld dieser Kategorien steht und sich be-
mühen sollte, das Schlechte in sich zu unter- Schwarzweißzeichnung: Hans-Joachim Naber Nachdruck mit Genehmigung des Deutschen Freimaurer-Museums in Bayreuth, Hofgarten 1, vom 6. 2. 1986

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drücken und dem Guten entgegenzustreben, aus ein Versammlungszimmer, weitere Gesell- le Lage verschlechterte sich erheblich. Nach der
der Dunkelheit zum Lichte zu gelangen. schaftszimmer, die Bibliothek, das Meisterzim- sog. Machtergreifung zeichnete sich das Ende
Der Zylinder ist das Zeichen des freien Man- mer und ein Konferenzzimmer. Im 2. Oberge- des Logenwesens deutlich ab. Die Arbeiten wur-
nes, der über seine Gedanken und Handlungen schoß befanden sich neben der Wohnung des Ka- den zwar noch, wenn auch mit geringerer Betei-
frei entscheiden kann. stellans mehrere Schlafzimmer für die Über- ligung, weitergeführt. Aber Mitglieder, die Be-
Der Schurz aus Lammfell, der früher von den amte des öffentlichen Dienstes waren, mußten
Steinmetzen bei der Arbeit getragen wurde, ist auf parteiamtlichen Druck hin aus Gründen des
heute das Sinnbild der Arbeit. Berufes und ihrer Existenz die Loge verlassen.
Maurerische Schriften gibt es in großer Zahl, Die Ordensleitung zu Berlin, vor allem der Lan-
zum Teil auch in öffentlichen Bibliotheken. Zur desgroßmeister von Heeringen, versuchte mit al-
weiteren Information wird auf die Titel in der len Mitteln, die Loge zu erhalten. Bei der-grund-
anhängenden Literaturliste verwiesen. sätzlichen Absicht der NSDAP zur Vernichtung
1901 endete die Nutzung der Räume im „Jä- der Freimaurerei und der damit verbundenen
gerhof". Diese wurden anschließend von der jü- Beschlagnahme des nicht unbeträchtlichen Lo-
dischen Gemeinde Lüdenscheids übernommen genbesitzes war jedoch ein Weiterbestehen nicht
und in eine Synagoge verwandelt". möglich.

Seit 1901 an der Frciherr-vom-Stein-Strafle Das Ende


Die Mitgliederzahl der jungen Loge betrug um Wie Hitler selbst über die Freimaurerei dach-
die Jahrhundertwende etwa 60, hatte sich seit te, geht aus einem Gespräch hervor, das Her-
der Gründung also mehr als verdreifacht. Diese mann Rauschning, der Danziger Senatspräsi-
schnelle Aufwärtsentwicklung ist wahrschein- dent, mit ihm geführt und später veröffentlicht
lich der entscheidende Grund dafür gewesen, hat. Hitler sah in der Freimaurerei eine an sich
daß man die Räume im Jägerhof aufgeben und harmlose Veremigung, deren einzige Gefähr-
sich nach größeren umsehen mußte. lichkeit für das NS-Regime im hierarchischen
Aufbau stufenweise höherer Einsicht liege.
In der Festschrift zum 75. Stiftungsfest heißt
es dazu, nach dem Hinweis, daß die heutige Frei- Konsequenterweise sagte Hitler dann: „Ent-
herr-vom-Stein-Straße damals noch Concordia- weder wir oder die Freimaurerei oder die Kir-
straße hieß: Vermutlich durch Vermittlung des Durchschnittsaller der Mitglieder che. Aber niemals zwei nebeneinander." (Nach
Schwiegersohnes des Fabrikanten W. Deumer, einem Vortrag von Hans-Joachim Schulze in der
der auch unserer Loge angehörte, gelang es end- nachtungen der auswärtigen Mitglieder. Diese Loge über das Thema: „Geschichte als Aufklä-
lich um 1900, ein gut gelegenes Grundstück in Um- und Anbauten wurden bis zum Ersten rung".)
bester Lage am Rande der Innenstadt für Weltkrieg durchgeführt, 1912 konnte endlich Wie die Stimmung unter Freimaurern war,
60000,- Goldmark käuflich zu erwerben. Auf das alte Fachwerkhaus vorne an der Concordia- geht aus folgendem Brieftelegramm an Hitler
diesem rd. 1300 qm großen Grundstück befand straße abgebrochen werden. Es entstand ein hervor:
sich eine erst 15 Jahre früher erbaute „Villa" schöner Vorgarten mit Einfriedungsmauer, Tor Brieftelegramm aus Varel, den 25. Oktober 1933
und vorne an der Straße ein kleines verschiefer- und Rosengang im Stile der damaligen Zeit. Die-
tes Fachwerkhaus. Die zentrale Lage und das ei- ser schöne Bau, ausschließlich für Logenzwecke,
gene Heim waren damals ebenso wie heute be- bildete den Raum für das blühende Logenleben Herrn Reichskanzler Adolf Hitler
deutungsvoll für das Gedeihen einer Loge. Ka- in jener Zeit. Berlin
An anderer Stelle der Festschrift ist zu lesen:
Man muß immer wieder Opfersinn und Opfer- Herr Reichskanzler!
freudigkeit für Logenzwecke bewundern und je- Ein Erlaß des Oldenburger Staatsministe-

1 /\
A
ner Mitglieder dankbar gedenken. Eine umfang- riums, wonach die Zugehörigkeit von Beamten
reiche Bücherei wurde geschaffen, sowie eine zu Freimaurerlogen ... disziplinarisch geahndet

6 VvTH/ \ Witwen- und Waisen-Stiftung mit einem Kapi-


tal von 4500 Goldmark und eine Freibettstiftung
im städtischen Krankenhaus in Höhe von 10 000
werden soll ..., - dagegen Ihr Wunsch, daß das
große Werk der Versöhnung in unserem Volk
nunmehr seine Krönung finde und Ihr Aus-
Goldmark, die bis zur Auflösung der Loge im spruch, daß Ehre ebenso wenig ein leerer Wahn
Jahre 1934 bestanden. wie es die Treue sei -, lassen mich anfragen, ob
♦o Die Bewirtschaftung des Logenheims, mit al- der Diskriminierung deutscher Männer im eige-
lem, was dazu gehörte, lag mm ganz und gar in nen Vaterland nicht endlich ein Ende gemacht
/ den Händen der Loge. Unter den so geregelten werden kann.
äußeren Verhältnissen arbeitete sie ungestört Deutsche Frontsoldaten ... werden täglich in
i: und erfolgreich in den Jahren bis zum Ausbruch Ihrem Namen, Herr Reichskanzler, des Volks-
des Ersten Weltkrieges im August 1914. Der Zu- verrats beschuldigt, weil sie den von Friedrich
gang an Mitgliedern war recht zufriedenstel- dem Großen gegründeten drei altpreußischen
lend. Gleich zu Anfang des Krieges wurden die Orden treu bleiben, ohne daß ein Gericht Ankla-
unteren Räume des Hauses für die Einrichtimg ge erhebt.
- rS66 l&K 190a -tfo tyzo 19*0 eines Reservelazarettes freiwillig zur Verfügimg Dieser Zustand ist nicht mehr tragbar. Deut-
gestellt und bis zum Ende des Krieges auch als sche Männer bitten Sie, Herr Reichskanzler, um
Mitgliederzahlen der Loge »Zum Märkischen solche benutzt. Bettwäsche und Decken stellte Schutz vor Diskriminierung im eigenen Volk
Hammer« von 1888 bis 1934; die Loge. Nach Aufhebung des Lazarettes wurde und um Wiederherstellung ihrer Ehre. Ernennen
obere Kurve: Anzahl der Mitglieder, das Haus nach Herstellung des früheren Zustan- Sie für die Freimaurerlogen einen Kommissar,
untere Kurve: Anzahl der auswärtigen, weller des seiner eigentlichen Bestimmung wieder zu- lassen Sie prüfen, anklagen uftd vernichten -
als 10 km von Lüdenscheid entfernt wohnen- geführt. Die Tempelarbeiten fanden durch- oder die Ehre wieder herstellen.
den, Mitglieder schnittlich einmal im Monat statt. Auch die fest-
lichen und geselligen Zusammenkünfte wurden Heinrich Fischer
men doch viele auswärtige Mitglieder mit ihren in der früher übUchen Art durchgeführt. Die
Kutschen von weither und waren viele Stunden Webereibesitzer Major d. R. a. D.
zwanglosen Bruderabende fanden am Samstag
unterwegs. Im geräumigen Hof wurden die und am Montag in der Dämmerstunde statt. Die
Fahrzeuge abgestellt, die Pferde untergebracht, Schwestern hielten wöchentlich ein Kränzchen Ich stehe jederzeit und an jedem Ort zur Auf-
und die Kutscher konnten sich in einem beson- im Logenhaus. klärung und Aussprache zur Verfügung.
deren Raum aufhalten, denn die Zeit spielte da-
mals noch keine Rolle. Die Brüder lebten über- Der Tempel wurde ausschließlich zu den Ar- Ähnliche Schreiben haben die nationalsozia-
wiegend in guten Verhältnissen, und ausrei- beiten benutzt, da für alle anderen Veranstal- listische Führung dann wahrscheinlich veran-
chende Mittel standen jederzeit zur Verfügung, tungen wie Logenfeste, Tafellogen, Brudermahl, laßt, zunächst etwas zurückhaltender gegenüber
weil viele sehr spendenfreudig waren. So konnte Schwestemfest, musikalische Abende usw. aus- den altpreußischen Logen zu werden. Das ergibt
in den nächsten Jahren das ehemalige Wohn- reichend andere Räume zur Verfügung standen. sich aus folgendem Schreiben:
haus zu einem Logenheim umgebaut werden, Die Jahre nach dem Ersten Weltkriege verliefen
das alle Wünsche erfüllte. Zunächst erfolgte be- trotz der unruhigen politischen Verhältnisse in
reits 1901 der notwendige Saalanbau mit einer unserem Vaterland für die Loge ruhig und unge- Abschrift.
Fläche von fast 100 qm, im Erdgeschoß Bankett- stört. Nicht zur Veröffentlichung!
saal, darüber im 1. Obergeschoß der Tempel. Um das Jahr 1930 machte sich die propagan-
Durch weitere kleinere Um- und Anbauten ent- distische Wühlarbeit der NSDAP bemerkbar, Der Reichsminister des Innern hat unter dem
standen im Erdgeschoß ein Sitzungszimmer, ein die sich sehr stark gegen die Freimaurerei wand- 3.4.34 mit No.Ia 1356/28.12.111. Folgendes ver-
großes Gesellschaftszimmer, ein Klubzimmer te. Lüge und Verleumdung waren zunächst die fügt:
mit rundem Tisch, Büfett und Garderobe mit Kampfmittel. Der Zuwachs an Mitgliedern nä- „Gegen die sogenannten altpreussischen Lo-
Nebenräumen und im 1. Obergeschoß vor dem herte sich - verständlicherweise - dem Null- gen, zu denen die Grosse Nationale Mutterloge
Tempel ein Vorbereitungszimmer mit eingebau- punkt. Hin und wieder erfolgten Austritte, an- „Zu den drei Weltkugeln", die Grossloge „Zur
ten Schränken für die maurerische Bekleidung, dere Brüder blieben fem, und auch die finanziel- Freundschaft" und die „Grosse Landesloge der

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Freimaurer von Deutschland" gehören, sollen sollte, und dass evtl. getroffene Massnahmen den Abtransport verschaffen. Im Verlaufe des
zunächst keine weiteren Schritte unternommen wieder rückgängig gemacht werden sollen. — Nachmittags wurden dann durch herbeige-
werden. Dementsprechend ersuche ich, von Dieser Hinweis hatte absolut keine Wirkung. holte Leute des Arbeitsdienstes das ganze be-
Massnahmen gegen diese Logen und die diesen Man richtete an mich die Frage: Hat die Lo- wegliche Eigentum der Loge in Kisten oder
unterstehenden örtlichen Logen abzusehen, so- ge Liegenschaften?, ein Haus?, wo tagen Sie?, frei in den Möbelwagen geschafft. Die ganze
weit nicht besondere Gründe im Einzelfalle ein haben Sie im Gasthof Räume gemietet?, ist das Einrichtung des Tempels, die Bücherei, das
Vorgehen nach der Verordnung vom 28.2.33 Inventar Ihr Eigentum?, haben Sie Bankkon- Archiv, sämtliche Bilder, Kerzen, Brauchtü-
rechtfertigen. Das Gleiche gilt für die Zweiglo- to?, wo?.... Das Bankkonto ist im Auftrage der mer usw. sind weggeholt. Die Behandlung der
gen der „Grossen Landesloge der Freimaurer Geheimen Staatspolizei sofort zu sperren und Gegenstände war nach Berichten von Augen-
von Deutschland", die nach meiner Kenntnis in ist beschlagnahmt, widrigenfalls sofortige zeugen alles andere als schonend, sodass mit
Sachsen und Oldenburg bestehen, sowie für et- Verhaftung des betreffenden Beamten! — schweren Beschädigungen gerechnet werden
wa noch vorhandene Logen, die in ihrem Cha- muss. Schliesslich wurden die Räume versie-
rakter den alpreussischen Logen entsprechen. In Unter Bedeckung eines Kriminalwachtmei- gelt, sodass ich mir von dem Umfang der Be-
Zweifelfällen stelle ich Rückfrage bei mir an- sters in Zivil wurde ich nach den Logenräu- schlagnahme und der Schäden kein Bild ma-
heim". men geleitet, woselbst kurz darauf die beiden chen kann.
Vertreter der Geheimen Staatspolizei erschie-
Der Stellvertreter des Führers hat in der bei- nen; mehrere Male wurde ich unter Andro- Die Sparkassenkonten einschl. der Witwen-
liegenden Anweisung an die Gauleiter vom hung schärfster Massnahmen darauf auf- und Waisenkasse, auch die Armensammel-
21.2.34 untersagt, dass Partei-Dienststellen merksam gemacht, keinen Widerstand zu lei- büchse wurden beschlagnahmt.
Massnahmen gegen die bestehenden Logen er- sten, die Wahrheit zu sagen, nichts zu ver-
greifen. Mein Verlangen, mir eine Bescheinigung
heimlichen... Es wurde zur Hilfeleistung ein über die beschlagnahmten Vermögenswerte
In dieser Verfügung ist Folgendes gesagt:- Teil der hiesigen S.S. herbeigerufen, die einige zu geben, wurde abgelehnt. Der Ton der Her-
„ Einer Weisung des Führers gemäss wird hier- Mann zur Verfügung stellte. Ein Schreiner mit ren war kurz angebunden, der meine eben-
mit untersagt, dass Parteidienststellen Mass- mehreren Gesellen, ein Elektriker ... wurden falls, auf irgendwelche Erörterungen liess ich
nahmen gegen die bestehenden Logen ergrei- ebenfalls zur Hilfeleistung herbeigerufen. Al- mich nicht ein.
fen". les was Logeneigentum war, wurde beschlag-
nahmt: Bilder von den Wänden genommen, Wohin der Möbelwagen, der übrigens nicht
Bänke, Stühle, Tische, Schränke, die Einrich- abgeschlossen sondern nur mit einer vorge-
Doch dieses Verhalten war nur von kurzer tung des Tempels, Säulen, Altar, Teppiche, hängten Kette versehen wurde, kam, ist mir
Dauer. Am 4. Juli 1934 kam das Ende. Raffiniert Bücher, die gesamte Bibliothek, die Beleuch- nicht bekannt.
geplant, schlagartig, ohne daß dies einer größe- tungskörper von den Wänden entfernt—kurz Soweit ich feststellen konnte, hat sich die
ren Öffentlichkeit bewußt wurde, ist dann der alles, alles herausgeschleppt, sodass nur noch Aktion auf Gummersbach (3 W.K.), Hagen, Alte-
Logenbesitz beschlagnahmt und das bewegliche die kahlen Wände in arg ramponiertem Zu- na und Lüdenscheid erstreckt.
Inventar zum Teil abtransportiert worden. stand blieben. Das Klavier und das Harmo-
nium wurden in den Tempel geschoben und Der Kastellan meldete mir abends, dass der
Der Ablauf der Beschlagnahmeaktion wird Buffetraum aufgebrochen wurde, obwohl der
recht detailliert in einem Brief des Großmeisters die Tür des Tempels verschlossen und plom-
biert. Eine Weile standen all' die Sachen auf Schlüssel zur Hand gewesen sei; er vermisse
von Heeringen an das Geheime Staatspolizeiamt mindestens SO Zigarren; auf meinen Rat hat er
in Berlin dargestellt. Von Heeringens Schreiben der Strasse, von hunderten Menschen mit
neugierigen Augen begafft. Dann wurden sie den Tatbestand zur Anzeige gebracht.
basiert auf den Meldungen der Logenmeister aus
Altena, Lüdenscheid und Hagen über die Ge- mittels eines grossen Lastautos zum Bahnhof Auffallend ist, dass in der Presse nichts von
schehnisse am 4. Juli 1934. Es wirft ein Schlag- gefahren und dort, - so viel ich weiss -, nach den Vorgängen erwähnt worden ist.
licht auf die Methoden des NS-Regimes und soll Berlin verfrachtet; um 8 Uhr abends war die Abends erfuhr ich, dass die S.S. auch in
seines über Lüdenscheid hinausreichenden hi- Aktion beendet. Altena gewesen sei. Am 5. 7. setzte ich mich
storischen Wertes wegen hier veröffentlicht Zwischendurch wurde ich befragt nach dem mit Obr. Junius in Hagen in Verbindung, von
werden. Schriftwechsel der Loge, dem Ritual, und wo dem ich das gleiche erfuhr. Obr. J., der wie ich
ich sonst noch irgendetwas, was Beziehungen der Ansicht war, dass es sich um eine Aktion
zur Loge habe, zu Haus aufbewahre. Als ich in ganz Deutschland handele, übernahm es,
Abschrift! dieses bejahen musste, wurde ich unter Be- für Hagen, Altena und Lüdenscheid eine Mit-
gleitung eines S.S. Mannes und eines Krimi- teilung in Berlin zu machen, wenn dies über-
10. Juli 1934 nalschutzmannes zu meiner Wohnung ge- haupt noch möglich sei.
bracht. Dort musste ich sämtliche Akten, so- Nach Empfang Ihres Schreibens vom 5. ha-
An wie einen Stoss von mir gehaltener Vorträge, be ich mich, da hier keine Dienststelle der
Bücher - kurz: alles ausliefern, was mit der Staatspolizei besteht, mit der hiesigen Krimi-
das Geheime Staatspolizeiamt Loge in Beziehung steht, ob Logeneigentum nalpolizei in Verbindung gesetzt und ange-
oder Privatbesitz. Den Bücherschrank und den fragt, von welcher Stelle und mit welcher Be-
in Berlin. Schreibtisch musste ich öffnen, und trotzdem gründung die Beschlagnahme ausgegangen sei.
ich darauf aufmerksam machte, dass es sich z. Man teilte mir mit, die Männer der S.S.
T. um Privateigentum handele, wurde ein gan- hätten eine schriftliche Verordnung der Poli-
Von unseren Tochterlogen werden mir folgen- zer Koffer voll Akten und Bücher mitgenom- tischen Abteilung der Staatspolizei aus Berlin
de neue Fälle der Beschlagnahme usw. gemeldet: vorgelegt. Eine Begründung habe man ihnen
nicht bekannt gegeben; die Kriminal-Polizei
1. 2. habe gestern vormittags Meldung über den
Unsere Tochterloge in Altena i. Westf., gen. „Zur Unsere Tochterloge in Lüdenscheid, gen. „Zum Vorgang an die zuständige Staatspolizei in
Burg am rauhen Stein" meldet unter dem 6. Juli Märkischen Hammer" meldet unter dem 6. Juli Dortmund sowie nach Berlin gemacht."
ds. Js. durch ihren Logenmeister Herrn Apothe- durch ihren Logenmeister Herrn Dr. med. Wil-
kenbesitzer Dr. phil. Rudolf Prcin: helm Boecker: 3.
„Am Mittwoch, dem 4. d. M., nachmittags „Am 4. ds. Mts. nachmittags gegen 2 Uhr, Die Johannisloge in Hagen i. Westf. gen. „Viktoria
gegen 3 1/4 Uhr wurde ich unerwartet telefo- erschien bei mir ein mir bekannter Beamter zur Morgenröte" meldet durch ihren Logenmeister
nisch zum Büro der hiesigen Ortspolizeibe- der hiesigen Kriminalpolizei mit der Mittei- Herrn Seminar-Studienrat i. R. Ernst Ackermann
hörde gebeten. Dort waren anwesend der hie- lung, er käme wegen der Loge. Es sei eine Ver- am 5. Juli folgendes:
sige Polizeikommissar, ein Obersturmbann- fügung gekommen, dass alle Logen verboten
führer der S.S. Brand und Oberscharführer wären und ihr Vermögen beschlagnahmt wür- „Am 4. Juli 1934 abends um 10 Vs Uhr wurde
Harms, die beiden letzteren laut Ausweis im de. Er forderte mich auf, mit zur Loge zu ge- dem zum hiesigen Ordenshause gerufenen Or-
Auftrage der Geheimen Staatspolizei. hen, da dort die Herren der Staatspolizei wä- densbruder Junius von dort anwesenden Her-
ren, um die Beschlagnahme durchzuführen.
Es wurde mir eröffnet, dass die bevorste- Vor und in der Loge fand ich 4 Mitglieder der
hende Aktion eine Sicherstellung des Eigen- S.S.; ihr Anführer, ein Herr mit 4 Sternen, der S.S. Obersturmbannführer Brans (vermut-
tums der Loge darstelle, und dass sie auch zu Aussprache nach ein Bayer, teilte mir mit, lich aus München) und drei weiteren (Herren)
meinem respektive meiner Ordensbrüder dass alle Logen in Deutschland verboten seien S.S. Uniformierten, sowie Kommissar Küthe,
Schutz eingeleitet würde, da die Stimmung im und ihr Vermögen beschlagnahmt würde. Die letzterer von der hiesigen Kriminalpolizei,
Lande gegen die Logen überall immer bedroh- Herren nahmen eine Durchsuchung des Hau- folgendes mitgeteilt:
licher würde. Mit Entschiedenheit habe ich ses vor und beschlagnahmten alle Gegenstän- Auf Befehl der Geheimen Staatspolizei ha-
dieses für unsere Verhältnisse hier in Altena de, die irgendwelche Beziehungen zum Or- ben wir das Logenhaus zu beschlagnahmen.
zurückgewiesen mit dem Bemerken: wir brau- densleben haben. Die Bilder meiner Amtsvor- Zeigen Sie uns bitte alle Räume, damit wir sie
chen einen solchen Schutz nicht, wir seien all- gänger, die Familieneigentum sind, wurden in Augenschein nehmen und dann versiegeln
gemein geachtete Bürger, uns tue kein Mensch freigegeben. Mir wurde gesagt, dass das ge- können.
etwas. Richte sich aber ihr Vorhaben gegen die samte Material nach Berlin abtransportiert
Loge, so mache ich sie ausdrücklich darauf werden würde, um dort geprüft zu werden. Herr Kriminalkommissar Kühte legitimier-
aufmerksam, dass dann gegen den Willen un- Dann wurden mir die Schlüssel abverlangt te sich noch durch ein Schreiben, dessen In-
seres Führers Aflolf Hitler gehandelt würde und mir bedeutet, dass ich jetzt nicht mehr nö- halt nicht bekannt gegeben wurde, das mit der
der bestimmt habe, dass nichts gegen die drei tig sei und nach Hause gehen könne. Die Poli- Unterschrift „Heyderich" und mit dem Kopf
altpreussischen Logen unternommen werden zei musste einen Möbelwagen und Kisten für des Geh. Staatspolizeiamtes Berlin n. I. B. 2

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versehen war und das Datum vom 1. Juni 1934 Dieses Schreiben des letzten Großmeisters Wenn bis heute die Großmeister sich zu die-
trug. der »Großen Landesloge von Deutschland« an sem Schritt noch nicht entschließen konnten, so
Sämtliche Räume wurden gezeigt, die Zu- das »Geheime Staatspolizeiamt« in Berlin ent- beruht dies darauf, daß sie angesichts der
gänge versiegelt. Herr Junius erhob formell hält den Namen »Heyderich« unter der Legiti- schwerwiegenden Angriffe gegen die Ehre der
Einspruch, gab die gewünschten Auskünfte mitation des Kriminalkommissars Kühte vom 1. Altpreußischen Großlogen, der in ihnen zusam-
und erklärte, dass der Vorfall der Ordenslei- Juni 1934. »Heyderich« ist höchstwahrschein- mengeschlossenen Logen und deren Mitglieder
tung in Berlin gemeldet werden würde. Man lich der damals dreißigjährige Leiter des »Ge- nicht glaubten, um der Ehre willen die Verant-
hätte hier nichts zu verbergen, alles könne of- heimen Staatspolizeiamtes« in Berlin Reinhard wortung vor ihren Mitgliedern übernehmen zu
fengelegt werden. Ob Beschwerde erhoben Heydrich, der 1931 nach einem Ehrenverfahren können, solange auf ihnen der Vorwurf der
würde, hinge von dem weiteren Verlauf ab. als Oberleutnant aus der Marine ausscheiden feindlichen Einstellung zum Staate haftete.
mußte, sich dann der SS anschloß und von Dieser Vorwurf mußte von den in den Logen
Der Vorgang wickelte sich im übrigen rei- Himmler im März 1933 mit der Leitung der zusammengeschlossenen Mitgliedern um so fe-
bungslos und korrekt ab. »Bayerischen Politischen Polizei« beauftragt ster empfunden werden, als sie stets eingeden-
Am 5. Juli vormittags 9 V2 Uhr wurde Herr wurde. Nachdem Himmler am 20. 4. 1934 ke waren ihrer großen geschichtlichen Tradi-
Junius wieder zum Ordenshause gerufen, wo »Stellvertretender Chef der Geheimen Staats- tion, die von Friedrich dem Großen, dem größ-
Herr Obersturmbannführer Brand in Anwe- polizei« in Preußen geworden war, wurde sein ten Preußischen König, über die Helden der
senheit von 2 Herren in Zivil und etwa 6 S.S. engster Mitarbeiter - Heydrich - »Leiter des Freiheitskriege, wie den Fürsten Blücher,
Uniformierten erklärte: „Die Kassenbücher, Geheimen Staatspolizeiamtes« in Berlin. Schamhorst und den Freiherrn vom Stein, über
sämtliche Akten, Vermögen der Loge und das Kaiser Wilhelm I., den Gründer des Deutschen
Haus sind beschlagnahmt". Es wurden dann Der in den Berichten der Logenmeister er-
wähnte bayerische SS-Obersturmbannführer Reiches, zu den Helden des Weltkrieges führte.
die Kassenwarte, Sekretär und Inventarver- Die große Zahl der aus den Logen hervorgegan-
walter der Ordensabteilungen zum Ordens- Brand, der damals wohl nichts anderes zu tun
hatte, als von Ort zu Ort zu reisen und mit Hilfe genen, um Volk und Staat hochverdienten
haus gerufen, um sämtliche Schlüssel abzulie- Männer zeigt, daß der oberste Grundsatz der
fern, Bankkonten, Postscheck usw. anzuge- der örtlichen Polizei und SS Logengebäude zu
beschlagnahmen, ist demnach vermutlich ein Logen auch stets von den Mitgliedern befolgt
ben. Ueber die Aushändigung der Bücher und worden ist. Sie wissen sich frei von aller Schuld
Schlüssel wurde eine Quittung von S.S. Ober- Mitarbeiter Heydrichs aus dessen Münchener
Zeit. gegenüber den Angriffen, die gegen ihre Ehre
sturmbannführer Brand ausgestellt. erhoben worden sind.
Die Ordensmitglieder einschl. dem inzwi- Die angegebenen Daten aus den Monaten
schen eingetroffenen Konventmeister Acker- Juni und Juli 1934 weisen auf den Zeitabschnitt Nachdem der Reichs- und Preußische Mini-
mann wurden dann wieder entlassen. Herr Ju- hin, in dem es das Ziel der nationalsozialisti- ster des Innern nunmehr an diesen unseren
nius blieb noch im Ordenshause. schen Führung war, tatsächliche und potentiel- Grundsatz erinnert und von uns das schwerste
le Gegner des Nationalsozialismus auszuschal- Opfer der freiwilligen Auflösung erwartet, brin-
Es erschienen dann weitere ca. 25 S.S. Uni- ten. So wurde auch der wohl stärkste Rivale
formierte, draussen fuhren Lastwagen vor. gen wir es dar und fordern die Großlogen und
Das Inventar der Andachtsräume des Johan- Hitlers, der »Stabschef der SA« Röhm in dieser ihre Tochterlogen auf, ihre Auflösung zu be-
niskonvents, Andreaskonvents und des Kapi- Zeit, wenige Tage vor der Vernichtung der schließen. Wir geben den Mitgliedern gemäß
tels wurde abtransportiert, ebenso der Inhalt Logen in Lüdenscheid, Hagen, Altena und an- der Erklärung der Regierung als letzte Anord-
von Schränken und Behältnissen, sowie auch derswo, am 30. 6.1934 ermordet. In Verbindung nung mit, daß sie getreu der bei uns immerdar
mit ihm und seinem angebüchen Putsch wur- gepflegten Gesinnung durch rastlose Arbeit an
geschlossene Schränke und Behälter, femer den Insgesamt 85 Personen von der SS er-
Altäre, Stühle, Vorhänge, Decken, Leuchter dem Neuaufbau des Staates und des deutschen
usw. Vorher wurden die Andachtsräume pho- schossen.6) Vaterlandes mitschaffen."
tographiert. Interessant ist weiterhin aus dem Bericht des Diese unter staatlichem Druck entstandene
Hagener Logenmeisters Ackermann der folgen- Erklärung der drei Altpreußischen Großlogen,
Herr Obersturmbannführer Brand erklärte, den Tochterlogen die Auflösung zu empfehlen,
die Sachen würden nach Berlin abtranspor- de Abschnitt:
konnte von den zu diesem Zeitpunkt nicht mehr
tiert. »Es ging alles unter Kontrolle des Obersturm- arbeitsfähigen Tochterlogen nicht mehr vollzo-
Herr Junius verliess nach 12 Uhr das Or- bannführers Brand vor sich, der noch mitteüte, gen werden.
denshaus, während der Abtransport noch an- daß Zusammenkünfte im Ordenshaus nicht Daher wurden, wie ältere Mitglieder früher
dauerte. stattfinden könnten, daß aber die Loge nicht erzählten, von der »Großen Landesloge der
Es ging alles unter Kontrolle des Ober- aufgelöst sei, man möchte jedoch der Polizei Freimaurer von Deutschland« edle erreichbaren
sturmbannführers Brand vor sich, der noch Mitteilung machen, falls man anderswo zu ei- Logenmeister nach Berlin eingeladen, um dort
mitteilte, das Zusammenkünfte im Ordens- ner Versammlung zusammenkäme«. an der staatlich befohlenen, von teilnehmenden
hause bis auf weiteres nicht stattfinden könn- Scheinbar konnten so die tatsächlich bereits Gestapoleuten beaufsichtigten, »Auflösungs-
ten, dass aber die Loge nicht aufgelöst sei, vernichteten Logen noch weiterhin existieren. Versammlung« teilzunehmen.
man möchte jedoch der Polizei Mitteilung ma- Man gewann mit diesem Widerspruch die Mög- Diese soll 1935 stattgefunden haben und die
chen, falls man anderswo zu einer Versamm- lichkeit, von dem eigenen Anteil an der Ver- letzte - auch die anwesenden Geheimen Staats-
lung zusammenkäme. nichtungsaktion, die im übrigen in der Presse polizisten beeindruckende - traditionell-wür-
Die Gesellschaftsräume, sowie der Wein- nicht erwähnt werden durfte, abzulenken und devolle freimaurerische Demonstration wäh-
keller wurden nicht ausgeräumt, aber versie- den Logen später durch staatliche Verfügung rend der Zeit des Nationalsozialismus gewesen
gelt. Es verlautet, dass die Kreisleitung der die »freiwillige Auflösung« zu befehlen. Da die sein.
S.S. in dem Hause untergebracht würde. Die Logen selbst zu diesem späteren Zeitpunkt Die letzten Sätze im Schlußgebet dieser Ver-
Sendungen wurden an die Geheime Staatspo- nicht mehr erreichbar waren, wandte die natio- sammlung sollen nach Hörensagen gelautet
lizei Berlin, Prinz Albrechtstr. adressiert." nalsozialistische Führung sich an die Adressen haben:
der Großlogen. Wie dies geschah, das ist nicht ... Herr, steh' uns auch weiterhin bei! Es will
Die in Liquidation befindliche Loge in Hu- mehr bekannt; wohl aber die Reaktion der Abend werden in unserem deutschen Vater-
sum, gen. „Zur Bruderliebe an der Nordsee" hat- Großlogen auf diesen staatlichen Druck. Sie ist landel
te uns durch ihren Liquidator Herrn Ausbom enthalten in der folgenden »Erklärung«, die - Damit begann für die Freimaurer in Deutsch-
über die bisherigen Massnahmen gegen das Lo- mit der handschriftlichen Jahreszahl 1935 ver- land endgültig die DUNKLE ZEIT.
genhaus einen Bericht gesandt. Wir haben davon sehen - sich als eines der wenigen Dokumente
dem Herrn Regierungspräsidenten in Schleswig aus dieser Zeit im Logenarchiv befindet. Die Logenmeister von 1888 bis 1935
unter dem 7. Juni Nachricht gegeben, (siehe An- 1. Dr. med. Wilhelm Boecker (sen.) von 1888 bis
lage 1). Erklärung 1930,
Unter dem 4. Juli erhalten wir noch folgenden „Die drei altpreußischen Großlogen geben 2. Dr. phil. Emil Rentrop von 1930 bis 1931,
Bericht über weitere Vorgänge, die sich in der hiermit dem Herrn Reichs- und Preußischen 3. Dr. med. Wilhelm Boecker (jun) von 1931 bis
Nacht vom 19. auf den 20. Juni ereignet haben Minister des Innern, nachdem er ihnen unter 1935.
(siehe Anlage 2). Hinweis auf die Einheit des deutschen Volkes
Wir haben keine Ahnung, welche Gründe für und die Ausschließlichkeit des in der NSDAP
das in den obigen Berichten geschilderte Ein- verkörperten Staatsgedankens die Auflösung
nahe gelegt hat, folgende Erklärung ab: Quellen
greifen der Polizei massgebend gewesen sein 1. Festsrhrift 7um 7a. Stiftungsfest der .lohannisloge »Zum
mögen. Ich bitte ergebenst, die getroffenen Es ist stets der oberste Grundsatz der altpreu- Märkischen Himmer«. 1888 - 196.1, S. 13 - 15.
Massnahmen wieder aufzuheben und uns, falls ßischen Großlogen und ihrer Tochterlogen ge- 2. Lennhnff, E. u. Pnsner, O.: Intemdtiondles Freimrturerlexi-
wesen, daß Vaterland, Staat und Volk bei sämt- kon. Wien 1932 S 711
irgendwelche Zweifelsfragen bestehen sollten, .1. Bokor, Ch. v,; Winkelmaß und Zirkel Die CJesrhirhte der
zum schriftlichen oder persönlichen Bericht lichen Handlungen voran zu stehen haben. Freimonrer Wien 19H0 S. 9
aufzufordern. Demgemäß sind die drei Großmeister bereit, 4 Mollorf, .1-: Die verschwiegene Bmderschdft. Freinidurer-
der ihnen erteilten Anregung Folge zu geben Logen: Legende und Wirklichkeit. München 198.1. S, 13.
5. Die Allen Pflichten Mrtmhurg 1972
gez: von Heeringen und den Großlogen sowie ihren Tochterlogen 6. Rrockhdiis Enzyklopädie, Wiesbaden 197.1.
Oberstleutnant a.D. die Auflösung zu empfehlen. 7. Archiv der Loge »Zum Märkischen Hammer»,

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung


Herausgeber: Lüdenscheider Geschichtsverein. Schriftleitung: Dr. Walter Hostert.
Druck: Lüdenscheider Verlags-Gesellschaft.
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