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Grundlagen der Textlinguistik * WS 2003/04 1

Grundlagen der Textlinguistik

Teil 02: Textualität II

Text: linguistische Bestimmung

Die sieben Kriterien der Textualität (nach de Beaugrande/Dressler) heißen:

1. Kohäsion
2. Kohärenz
3. Intentionalität
4. Akzeptabilität
5. Informativität
6. Situationalität
7. Intertextualität

1. Kohäsion (Fortsetzung)

Die Stabilität eines Textes ist abhängig von der "Kontinuität der Vorkommensfälle".
D.h. die Vorkommensfälle eines inhaltlicher Gegenstand im Text stehen in irgend
einer Weise zueinander in Bezug. Die Syntax hat innerhalb der Kommunikation die
Funktion diese Vorkommensfälle auf der Oberfläche 'aneinander zu kleben' (von lat.
cohaerere: zusammenkleben, -stecken, -haften).

Kohäsive Mittel sind syntaktische Mittel, die genutzt werden, um die


Wiederverwendung, Veränderung oder Zusammenfassung inhaltlicher Gegenstände
anzuzeigen. Sie dienen daher auch der Ökonomie von Material und
Verarbeitungsaufwand.

Kohäsive Mittel:
• Rekurrenz
• Partielle Rekurrenz
• Parallelismus
• Paraphrase
• Substitution
• Ellipse
• Tempus

Guido Nottbusch * Universität Bielefeld


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• Aspekt
• Junktion
• Intonation

(partielle) Rekurrenz

Die direkte Wiederholung von Elementen


• tritt gehäuft bei spontanem/emotionalem Sprachgebrauch auf,
• dient der Betonung und Verstärkung,
• kann zur energischen Zurückweisung genutzt werden,
• unterstützt die Wiederaufnahme,
• als Kunstmittel in poetischen Texten.

Parallelismus

Gleiche Formen rekurrieren mit leicht verändertem Inhalt, bzw. gleicher Inhalt in
veränderter Form. Es handelt sich um die Wiederholung syntaktischer
Oberflächenstrukturen.

Paraphrase

"Eine Paraphrase ist die Rekurrenz von Inhalt mit einer Änderung des Ausdrucks" (de
Beaugrande/Dressler). Die Paraphrase dient z.B. in juristischen Kontexten dazu,
möglichst alle Aspekte des beabsichtigten Inhalts zu erfassen,

Formen der Paraphrase:


• Äquivalenz
• stukturelle Paraphrase
• lexikalische Paraphrase
• pragmatische Paraphrase

Die bisherigen kohäsiven Mittel ((partielle) Rekurrenz, Parallelismus und Paraphrase)


dienen vor allem der Präzisierung des Inhaltes. Sie werden verwendet, um eine
Verwandtschaft zwischen Elementen oder Zusammenhängen des Textes zu
unterstreichen. Meist ist dies Äquivalenz, dies können jedoch auch Gegensätze sein.

Dieser erhöhte Grad an Genauigkeit wird im alltagssprachlichen Gebrauch eher


selten verwendet. Hier bedarf es eher einer ökonomischeren Anwendung kohäsiver
Mittel, die den Oberflächentext verkürzen oder vereinfachen.

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Pro-Formen

Der häufiger anzutreffende Fall ist die anaphorische Verwendung von Pro-Formen
(z.B. Pronomina), d.h. die Pro-Form wird nach dem koreferenten Ausdruck
eingesetzt.

Seltener ist die kataphorische Form. Hier wird die Pro-Form vor dem koreferenten
Ausdruck genutzt. Dabei kann sich die Pro-Form auf einen koreferenten Ausdruck,
aber auch auf eine Handlung oder ein Ereignis beziehen.

Auch Verben oder Adverbien können Pro-Formen bilden. Hier besteht meist
Koreferenz zu einer größeren Einheit.

Der Gebrauch der Pro-Formen variiert auch im Hinblick ihrer Spezifizität. Eine Folge
beginnt gewöhnlich mit dem spezifischsten, determiniertesten Inhalt und endet beim
anderen Extrem.

Ellipse

Wie der Gebrauch der Pro-Formen, zeigt die Ellipse eine Gewinn-Verlust-Relation
zwischen Gedrängtheit und Klarheit. Der Gebrauch von Texten ohne Ellipse erfordert
mehr knappe Zeit und mehr knappe Energie. Am anderen Extrem machen sehr
große Ellipsen jeden Zeit-, Effizienz-, Wert- und Energiegewinn unnütz, -praktisch
und -ästhetisch.

Tempus und Aspekt

Tempus und Aspekt dienen als Mittel der Unterscheidung zwischen :


• Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
• einzelnen Zeitpunkten und kontinuierlichem Verlauf
• vorhergehenden und nachfolgenden Ereignissen
• abgeschlossenen und nicht abgeschlossenen Ereignissen

Hierbei sind verschiedene Perspektiven zu unterscheiden:


• Perspektive des Sprechers bzw. des Hörers im Augenblick der Kommunikation
• Perspektive der Situation innerhalb der Textwelt

Tempora sind jedoch im Gegensatz zu den bisher genannten kohäsiven


obligatorische Mittel (← kataphorische Ellipse), demnach also kein rein kohäsives (←
anaphorische Ellipse).

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Junktionen

Die vier Haupttypen junktiver Ausdrücke


Konjunktion → verbindet Dinge desselben Status (Standardfall: „und“)
Disjunktion → verbindet Dinge mit alternativem Status (nur eins kann wahr sein,
Standardfall: „oder“)
Kontrajunktion → verbindet inkongruente Dinge desselben Status (Standardfall:
„aber“)
Subordination → verbindet Dinge mit einer Abhängigkeitsstruktur (Standardfall:
„weil“)

Auch für die Junktionen sei darauf verwiesen, dass ihre Verwendung nicht in allen
Fällen obligatorisch ist. „Jedoch können die Textproduzenten durch den Gebrauch
von Junktionen die Kontrolle darüber ausüben, auf welche Weise Relationen von den
Textrezipienten rekonstruiert und aufgestellt werden.“ (de Beaugrande / Dressler)
Junktionen dienen somit häufig der Steigerung der Effizienz eines Textes.

Intonation

Im Deutschen steigt die Intonation am Ende eines Nebensatzes, wenn ein weiterer
Teilsatz darauf folgt, während sie am Ende eines ganzen Satzes sinkt. Dieses
System stützt in gesprochenen Texten die Kohäsion.

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Guido.Nottbusch@uni.bielefeld.de

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