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A rc h äo lo g i e . Ku n s t .

G e s c h i c h t e 2/2021
WUB
Nr. 100, 26. Jg., 2. Quartal 2021 / Die Samaritaner/ EUR 11,30 / Österreich, Luxemburg: EUR 11,80 / SFR 19,- / E 14597 / ISSN 1431-2379 / ISBN 978-3-948219-47-5

Die Samaritaner
Der unbekannte Teil Israels
EURO 11,30

archäologie Forschung bibel in


Bibelfunde Keilschriften der kunst
in der aus Babylon Letztes Abend-
Wüste Juda neu untersucht mahl von Dalí
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Die Samaritaner

Inhalt
24

Titel- 32 54
Thema

Benedikt Hensel Kirsten M. Schäfers


Wer ist das wahre Israel? Verwickelte Textgeschichte
Wie sich die Wege von Juden und Samaritanern Neue Erkenntnisse zum Verhältnis von Qumran
trennen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 und Samaritanus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

Wie das Garizimgebot zum 10. Gebot Matthias Hoffmann


der Samaritaner wird Simon Magus – ein samaritanischer Magier?
Die charakteristischen Veränderungen. . . . . . . . . . . . . . . . 15 Samaritanische Zeugnisse zur Magie . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

Christian Frevel Reinhard Pummer


Zerstritten von Anfang an? Von Mekka bis Nablus
Wie die neuere Forschung die Samaritaner sieht. . . . . . . 16 Die Samaritaner in der Geschichte des Islam . . . . . . . . . . 42

Der heilige Berg Garizim Steven Fine


Seine Bauten, seine Archäologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Abgrenzung - und Annäherung
Die Geschichte von Juden und Samaritanern. . . . . . . . . . . 48
Jürgen K. Zangenberg
Was glaubten die Samaritaner zur Zeit Jesu? Gespräch mit Osher Sassoni
Die Religion der „nahen Anderen“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 „Ein Leben ohne all das erscheint mir
ziemlich leer!“
Martina Böhm Samaritanisches Leben heute. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
„... und betretet keine Stadt der Samariter”
Die Samaritaner in den Evangelien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28

Interview mit Stefan Schorch


Lektion über die Vielfalt der Bibel
Die Bedeutung des Samaritanischen Pentateuchs. . . . . . 34

Titel: Schavuotfest auf dem Berg Garizim im Juni 2020.


Najah Cohen, Kantor der Gemeinde auf dem Garizim, hebt
unter der Begleitung von Gebeten und Gesängen die
Torarolle in die Höhe. © Ori Orhof

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Editorial

Jubiläum! Die 100. Ausgabe!

1OO.
Wir freuen uns so sehr, dass
wir dank Ihrer Treue schon seit
1996 und in 100 Ausgaben fas-
AUSGABE
zinierende Themen aus der Welt
der Bibel unter die Lupe nehmen
konnten. Welch ein Geschenk!
4 73
Die Nr. 100 widmet sich einer ganz besonderen
religiösen Gruppierung: den Samaritanern. Sie
selbst nennen sich Kinder Israels und schomerim,
„Bewahrende“. Sie sind nicht jüdisch und gehören
doch zum Volk Israel. Aus dem Neuen Testament
ist der barmherzige Samariter berühmt oder auch
die Samariterin, die Jesus am Jakobsbrunnen trifft.
Die Samaritanerforschung hat enorme Fortschritte
gemacht und offengelegt, was diese Gemeinschaft
Aus
62 zur Zeit Jesu überhaupt glaubte und wie sie lebte.
der Welt
Erstaunliche Details der Geschichte werden sichtbar!
der Bibel
Die Samaritaner haben ihre heiligen Schriften – nur
die fünf Bücher der Tora – seit Jahrtausenden in einer
eigenen Schrift überliefert. Dadurch haben sie auch
Das Neueste aus der Welt der Bibel wertvolle Einblicke in die Geburtsstunde des Alten
• Zeitzeugen aus Terrakotta. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
Testaments bewahrt. So sind wir mit diesem Thema
• Purpur: Die Farbe der Elite. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
• Römische Münze mit syrischem Mondgott. . . . . . . . . . . 3 ganz nah an unserer Leitidee, die Bibel aus ihrer
• Sensation am Toten Meer: Bibeltexte aus dem 2. Jh. . . . 4 Umwelt heraus besser zu verstehen.
• Mumienfund: Mit goldener Zunge . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4 Heute zählen etwa 850 Menschen zur samaritani-
• Augsburg: Gemaltes Leben des Täufers . . . . . . . . . . . . . . 5 schen Gemeinschaft. Mit dieser Ausgabe möchten
wir auch daran mitwirken, ihr Erbe zu dokumentie-
Büchertipps . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
ren. Trotz Corona-Pandemie wird auch in diesem
Panorama Frühling das Pessach-Schlachtopfer auf dem heiligen
• Herodion: Gemälde nur für den Gast aus Rom . . . . . . . 60 Berg Garizim stattfinden – mit Masken und Abstand,
• Papst im Irak: Gebet der Religionen in Ur . . . . . . . . . . . 62 wie uns der Samaritaner Osher Sassoni (Gespräch
• Mosaik: Eine Flusslandschaft voller Tiere . . . . . . . . . . . 64 mit ihm ab S. 55) berichtete. Ein besonderer Dank
• Neuer Podcast: Tells und Tales. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
geht an Ori Orhof, der uns so freundlich ermöglicht
• Petra: Bunte geometrische Formen. . . . . . . . . . . . . . . . . 65
hat, sein fantastisches Fotoarchiv zu nutzen.
• Forschungsprojekt zu Keilschriften aus Babylon. . . . . . 66
Wir wünschen Ihnen, wie schon in den 99 Aus­
Die großen Städte der Bibel gaben zuvor, eine – und jetzt folgt eine Reihe von
Alexandria – Stadt des Wissens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Adjektiven, die wir alle schon an dieser Stelle
verwendet haben – erhebende, horizonterweiternde,
Die Bibel in berühmten Gemälden unterhaltsame, nachdenklich stimmende, anregen-
Dalí – Das Sakrament des Letzten Abendmahls . . . . . . . . 72
de, informative, lebensfrohe, ertragreiche, intensive,
Ausstellungen und Veranstaltungen. . . . . . . . . . . . 76 bereichernde und spannende Lektüre voller Ent­
deckungen und Freude!
Vorschau und Impressum. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78

Ihre Helga Kaiser


Redaktion Welt und Umwelt der Bibel

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Das Neueste aus der Welt der Bibel

Zwei der Terrakottaköpfe, die


getrennt vom Körper der Figurinen
gefunden wurden.

hellenistische figuren

Zeitzeugen aus Terrakotta

beide Bilder © AA bzw. Photo courtesy Myra Andriake Excavations Archive/Nevzat Çevik
myra Türkische Archäologen haben in sche Figuren wie Leto, Artemis, Apollo und
den Ruinen der antiken Stadt Myra (Süd- Herakles. Rote, blaue und rosa Pigmente
türkei) im letzten Sommer mehr als 50 geben Hinweise auf die ursprüngliche Be-
Terrakottafiguren gefunden, die jetzt der malung. Ausgrabungsleiter Nevzat Çevik
breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden. erläuterte: „Die Tatsache, dass die Farb­
Die sehr lebendig wirkenden Figuren stel- stoffe auf ihnen teilweise erhalten sind, zeigt
len Menschen, Götter und Tiere dar. uns die Farbe der Kleidung, die sie zu ihrer
Das Team, das im Auftrag der Akdeniz Zeit trugen.“ Er fügte hinzu: „Es ist, als ob
Universität und des türkischen Ministeri- die Menschen aus dem antiken Myra wieder
ums für Kultur und Tourismus arbeitet, hat auferstanden, gemeinsam durch den Zeit­
das 12.000 Sitzplätze fassende römische tunnel gelaufen und in unsere Zeit gekom­
Götter, Menschen, Tiere: Die Fi-
Theater der Stadt und ein darunterliegen- men wären.“
gurinen aus dem alten Theater von
des älteres, kleineres Theater ausgegra- Zusätzlich zu den vielen vollständigen
Myra zeigen ganz unterschiedliche
Darstellungen. ben. In dessen Fundamenten entdeckte es Figurinen fand das Team mehr als 50 Köp-
die Figurinen aus hellenistischer Zeit. fe ohne Korpus. Dies deutet darauf hin,
Die Statuetten sind jeweils nur wenige dass noch mehr Artefakte auf ihre Ent­
Zentimeter groß. Es gibt pagane Figuren deckung warten. Sie sollen im Museum in
wie Reiter, Frauen mit Kindern, ein Jungen Demre ausgestellt werden. W (Hurriyet Daily
mit Früchten und ein Widder sowie mythi- News/ wub)

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Dieses Wollfragment ist mit Wollfasern aus Timna in violetter Färbung. Ausgrabung der antiken Kupfer-
rosavioletten Schussfäden verziert. minen in Timna.

Pururfarbene Textilien identifiziert

Die Farben der Elite


timna Textilien sind seltene archäologi- auf Extrakten der Murex-Meeresschnecke sends vC betrieb, auf die „Mode“
Ausgrabung © E. Ben-Yosef and the Central Timna Valley Project; beide Wollfragmente © Foto Dafna Gazit, courtesy of the Israel Antiquities Authority;

sche Funde, da sie nur unter besonderen basiert. Echter Purpur – auch „königlicher der Elite dieser Region sowie auf
Bedingungen, die eine Zersetzung durch Mi- Purpur“ genannt – galt in vielen antiken Ge- die Handelsverbindungen und
kroorganismen verhindern, erhalten bleiben. sellschaften als der prestigeträchtigste Farb- technologischen Fähigkeiten. Die
Diese Voraussetzungen sind in der antiken stoff für Textilien. Da seine Gewinnung ext- Funde aus Timna stellen derzeit
Kupfer­erzregion in Timna (Südisrael) gege- rem mühsam war, war die Farbe den Eliten die frühesten physischen Beweise
ben. Seit 2013 wurden dort bei Ausgrabun- der Gesellschaft vorbehalten. für gefärbte Fasern aus echtem
gen in mehreren Kupferproduktionsstätten Erstaunt hat die Forscher auch der Fund Purpur in der südlichen Levante
durch das Central Timna Valley Project Dut- dieser Textilien weit in der Wüste – was da- dar.
zende von gefärbten Textilfragmenten ent- rauf schließen lässt, dass der Farbstoff oder Neben den purpurfarbenen
deckt, die derzeit die größte eisenzeitliche die Textilien über eine große Strecke trans- Textilfragmenten hat der trocke-
Sammlung in der südlichen Levante bilden. portiert wurden. Die Purpur-Textilien werfen ne Wüstenboden weitere seltene
Jetzt wurden drei Textilfasern identifiziert, damit ein neues Licht auf die Gesellschaft, Funde bewahrt, wie Seile, Körbe
die mit echtem Purpur gefärbt waren, der die die Minen an der Wende des 1. Jahrtau- und Lederreste. W (Plos one/wub)

geprägt in der polis

Römische Münze mit


syrischem Mondgott
Münzen © Nir Distelfeld, Israel Antiquities Authority

karmel Bei Truppenübungen in Nordisrael ist eine 1.800 Jahre alte,


gut erhaltene Münze mit dem Abbild des römischen Kaisers Antoninus
Pius gefunden worden, wie die Israel Antiquities Authority (IAA) melde-
te. Auf der Rückseite zeigt die Münze den syrischen Mondgott Men mit
der Aufschrift „des Volkes von Geva Philippi“, einer antiken Stadt an den
Hängen des Karmel. Die Münze stammt aus den Jahren 158–159 nC und
wurde wohl in Geva (Gaba) Philippi geprägt, das wie andere Städte auch
das Recht hatte, in römischer Zeit eigene Münzen zu prägen. Die IAA hält
es für wahrscheinlich, dass der Besitzer die Münze auf einer der antiken Der syrische Mondgott auf der Rückseite, auf
Straßen im Fundgebiet verloren hat. Bisher gebe es erst elf Münzen dieser der Vorderseite Kaiser Antoninus Pius.
Prägung, deren genauer Fundort bekannt sei. W (IAA/wub)

3
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welt und umwelt der bibel 2/2021
Sensationsfund am toten meer 80  m unter der Felskante und kann nur erreicht werden, indem
man sich an der steilen Felswand abseilt.
Bibeltexte aus dem 2. Jh. Einzigartig ist, dass die Bibeltexte der griechischen Schriftrol-
le von zwei verschiedenen Schreibern geschrieben wurden. Auf-
grund der klimatischen Bedingungen in der Höhle war eine Re-
konstruktion von 11 Textzeilen möglich. Aus dem Buch Sacharja
ist zu lesen: „Das sind die Dinge, die ihr tun sollt: Sagt untereinan­
der die Wahrheit! Fällt an euren Stadttoren Urteile, die der Wahrheit
entsprechen und dem Frieden dienen. Plant in eurem Herzen nichts
Böses gegen euren Nächsten und liebt keine verlogenen Schwüre!
Denn das alles hasse ich – Spruch des Herrn.“ (Sach 8,16-17). Auf
einem anderen Fragment wurden Verse aus Nahum 1,5-6 iden-
tifiziert: „Die Berge beben vor ihm, und die Hügel schmelzen. Die
Erde hebt sich vor ihm, der Erdkreis und alles, was darauf wohnt.
Wer kann bestehen vor seinem Zorn? Wer kann seinem Zorn wider­
stehen? Sein Zorn ergießt sich wie Feuer, und Felsen werden vor Ihm
zerschmettert.“ Vergleicht man den Text in den neu entdeckten
Fragmenten mit dem Text, der aus anderen – auch hebräischen
– Versionen des Textes bekannt ist, so fallen teils überraschen-
Auf diesen Schnipseln fanden sich Prophetenworte. de Unterschiede auf. Sie dokumentieren Veränderungen in der
Überlieferung des biblischen Textes bis zur Zeit des Bar-Kochba-
judäische wüste Zum ersten Mal seit etwa 60 Jahren wur- Aufstands. Der Text ist auf griechisch verfasst, der Gottesname
den bei archäologischen Ausgrabungen Dutzende Bibelfrag- wurde jedoch in paläohebräischen Buchstaben geschrieben, die
mente, die fast 2000 Jahre alt sind, entdeckt. Sie enthalten Teile in der Zeit vor dem (Babylonischen) Exil sowie von Anhängern
aus den Büchern der zwölf kleinen Propheten. Die Fragmente des Bar-Kochba-Aufstandes auch auf Münzen verwendet wurde.
könnten zur selben Schriftrolle gehören, von der schon 1952 Neben den Schriftfragmenten wurden in anderen Höhlen wei-
Textfragmente gefunden wurden. Sie lagerten in der „Cave of tere Funde geborgen: ein Hort mit Münzen aus der Zeit von Bar

Inschrift © Tzachi Lang, Israel Antiquities Authority; Goldene Zunge © Egyptian Ministry of Antiquities vgl. bible places 8.2.21
horror“ im Nahal Hever. Hier hatten sich jüdische Aufständische Kochba, ein 6.000 Jahre altes Kinderskelett und ein großer kom-
während des Bar-Kochba-Aufstandes (132–135 nC) versteckt. pletter Korb, der 10.500 Jahre alt ist – wahrscheinlich der älteste
Die Bergung war schwierig, denn die Höhle befindet sich ca. der Welt. W (IAA/wub)

Mumienfund in ägypten Alexandria Archäologen haben im Norden Ägyptens 2.000 Jahre


alte Mumien ausgegraben, die goldene Amulette in Form von Zun-
Mit goldener Zunge gen im Mund trugen, gab das Ägyptische Antikenministerium bekannt.
Ein ägyptisch-dominikanisches Team, das im Tempel von Taposi-
ris Magna im Westen von Alexandria arbeitete, entdeckte 16 Be-
stattungen mit sehr schlecht erhaltenen Mumien in Felsengrä-
bern, die in der griechischen und römischen Epoche beliebt waren.
Auffallend waren Zungen aus Goldfolie, die den Toten vermutlich in den
Mund gelegt wurden, damit sie im Jenseits mit Osiris, dem Herrn der Un-
terwelt und Richter über die Toten, sprechen konnten. Die eigene orga-
nische Zunge war wohl bei der Einbalsamierung entnommen worden.
Goldene Abbildungen des Gottes Osiris fanden sich auch auf der Kar-
tonnage aus Schichten von Gips, Leinen und Leim –, die teilweise eine
der Mumien umhüllte.
Khaled Abo El Hamd, Generaldirektor der Altertumsbehörde in Ale-
xandria, sagte, dass neben den Mumien die Totenmaske einer Frau,
acht goldene Plättchen eines goldenen Kranzes und acht Marmor-
masken aus der griechischen und römischen Epoche entdeckt wur-
den. W (BBC/wub)

Die goldene Zunge sollte den Toten die Kommunikation im


Jenseits ermöglichen.

4 welt und umwelt der bibel 2/2021


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Das neuste aus der Welt der Bibel

zur Lage
der archäo-
ZITAT logischen
stätten im irak

„The antiquities are beauti-


ful. They comfort my soul.”
– „Die Altertümer sind wun-
derschön. Sie trösten meine
Seele.”
Restaurierungs- und Kartierungsarbeiten im Dom zu Augsburg.
Das sagt der 23-jährige irakische
Kunststudent Ahmed Juwad einem
wandmalerei aus ottonischer zeit Reporter der New York Times, der
im Januar 2021 die archäologische
Gemaltes Leben des Täufers Stätte Babylon im Irak besucht hat.

Die Ruinen sind in schlechtem


Augsburg Im Augsburger Dom Propheten. An der Südwand waren Zustand und gefährdet. Dennoch
wurden Wandmalereien zum Leben ursprünglich vermutlich die Geburt verdeutlicht Juwads Aussage, dass
und Sterben Johannes’ des Täufers und Namensgebung Johannes’ des in einem schwer von Krieg, Armut
entdeckt. Sie reichen in das erste Täufers zu sehen, aber sie wurden und gesellschaftlichen Verwerfungen
Jahrzehnt des 11. Jh. zurück – und wohl bereits Mitte des 14. Jh. beim gebeutelten Land der Bezug zur Ge-
damit in die Erbauungszeit des ot- Bau des gotischen Südfensters zer- schichte Bedeutung haben kann. Die
tonischen Doms. Der Bilderzyklus im stört. Kunsthistorisch weist das Deko- archäologischen Funde sind für die
südlichen Querhaus ist nach Aus- rationssystem große Ähnlichkeiten zu Bewohner nicht einfach „antike Ge-
schichte“, sondern Teil ihrer eigenen
kunft des Bayerischen Landesamtes der auf der UNESCO-Welterbe-Liste
Vergangenheit.
für Denkmalschutz (BLfD) das älteste stehenden Georgskirche in Oberzell
(The New York Times, 6. 2. 2021).
bekannte Zeugnis für die Ausmalung auf der Insel Reichenau auf. W (Bayer.
einer frühmittelalterlichen Bischofs­ Landesamt für Denkmalpflege/wub)
oben © Nicolas Schnall/pba; unten © Zeichnung Angelika Porst/Maria Knackmuß

kirche nördlich der Alpen. Da die


Wandbilder in späterer Zeit über-
Grablegung
tüncht wurden, waren sie lange un-
Johannes’ des
sichtbar und vergessen. Sie wurden Täufers im Augs-
erstmals in den 1930er-Jahren und burger Dom. Im
dann in den 1980er-Jahren freigelegt, Vordergrund der
ohne jedoch ihr Alter und ihre Bedeu- offene Sarkophag
tung zu erkennen. mit dem nimbier-
Ein Restaurierungs- und Baufor- ten Kopf, darüber
schungsteam konnte die Malereien zwei klagende
jetzt untersuchen, dokumentieren, Jünger und zwei,
reinigen und sichern. Obwohl sie die das Grab zu-
decken. Umzeich-
stark beschädigt sind, konnten zwei
nung zur Malerei
Szenen sowie Reste einer dritten
an der Westwand
identifiziert werden: an der Ostwand des Südquerhau-
die Szene der Enthauptung des Täu- ses.
fers mit einem thronenden Herodes
und weinenden Täuferjüngern sowie
an der Westwand die Grablegung des

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welt und umwelt der bibel 2/2021 5
Die Samaritaner
Der unbekannte Teil Israels
iSock

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Die Samaritaner sind eine außergewöhnlich alte und faszinierende religiöse Gemein-
schaft im Nahen Osten. Sie führen ihren Ursprung auf das bibische Israel zurück. Bis
heute bewahren sie mit Stolz ihre jahrtausendealten Traditionen und ihre Lebensweise.
Die Geschichte der Samaritaner ist auch eine Geschichte der Bedrohung durch christli-
che und muslimische Herrschaft, des über Jahrhunderte angespannten Verhältnisses zu
den jüdischen Gemeinden und meistens eine Geschichte des Überlebens.
Im Westen herrschten bis ins 20. Jh. hinein Vorurteile über sie als Abtrünnige des
Judentums und „Synkretisten vom Berg Garizim“. Die Forschung hat ihre Geschichte
jedoch neu entdeckt – und die große Bedeutung der Samaritaner für die Welt der Bibel
leuchtend herausgearbeitet.

Beim Schavuot-Fest pilgern Samaritaner auf ihren


heiligen Berg Garizim. Nach einer durchwachten
Nacht in der Synagoge ziehen sie gegen 4 Uhr
morgens auf den Gipfel. Beim Aufstieg wird Moses
und Mirjams Siegeslied (Ex 15) gesungen. An sechs
Stationen hebt der Hohepriester die Torarolle in die
Höhe, begleitet von Gebeten und Gesängen, die an
die Gabe der Tora auf dem Sinai erinnern.
Priester (cohanim) tragen einen Turban, nicht-levi-
tische Samaritaner den türkischen Tarbusch (Fes),
um den die Ältesten der Gemeinde ein goldenes
Band winden.
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Wie sich die Wege von Juden und Samaritanern trennen

Wer ist das wahre Israel?


Eine Sekte! Ein Mischvolk! Synkretistisch! Illegitim! Diese Urteile über die Samaritaner
standen im 1. Jh. nC fest. In den Jahrhunderten zuvor lebten die JHWH-Gläubigen in Sa-
maria und in Judäa aber einfach zwei Variationen des JHWH-Glaubens – auf Augenhöhe.
Wie kam es dazu, dass man getrennte Wege ging?
Von Benedikt Hensel

S
kandalös waren die Ursprünge der Sama- Dieses Bild der Samaritaner, welches schon
ritaner – jedenfalls wenn man der Dar- vor Josephus in der Antike aufgekommen war,
stellung des jüdischen Historiografen aber von ihm in entscheidender Weise aufge-
Flavius Josephus aus dem 1. Jh. nC folgt: Um nommen und verstärkt wurde, beeinflusste die
334 vC sei es zu handfesten Konflikten inner- Wahrnehmung der Samaritaner in jüdischen
halb der Priesterschaft in Jerusalem gekommen. wie christlichen Traditionen. Zuletzt erfasst
Die Tochter des persischen Statthalters, sie hieß es auch die moderne Geschichtswissenschaft
Nikaso, und Manasse, der Sohn des Jerusalemer bis weit in das 20. Jh. hinein. Es bestimmte die
Hohepriesters Jojada, hatten geheiratet. Ein Ver- Sicht auf die Ursprünge der Samaritaner, die im
stoß gegen das strenge Mischehenverbot dieser gängigen Paradigma stark mit ihrer Abtrennung
Zeit! Als Manasse verstoßen wird, schließen vom damaligen Judentum verflochten waren.
sich ihm Priester und Jerusalemer Bürgerinnen Aber: Die historischen Ursprünge der Sama-
und Bürger an. Diese „Apostaten“, wie Josephus ritaner und ihr Verhältnis zum Judentum der
sie nennt, finden eine neue Heimat in der per- damaligen Zeit sind aus heutiger Sicht entschie-
sischen Provinz Samaria. Sie gründen mithilfe den anders zu bewerten. PD Dr. Benedikt Hensel
vertritt derzeit den Lehr-
des samarischen Gouverneurs am Berg Garizim
stuhl für Alttestament-
oberhalb Sichems ihr eigenes Heiligtum. Dort, so Zuerst war es ganz anders liche Wissenschaft und
Josephus, verbinden sich die Dissidenten mit der Seit gut 30 Jahren haben die Funde der materiel- Frühjüdische Religionsge-
Einwohnerschaft der samarischen Provinz; und len Hinterlassenschaften der Menschen, die die schichte an der Universi-
diese war – nach einer polemischen Passage in Provinz und Region Samaria bewohnten, die tät Zürich. Schwerpunkt
2 Kön 17 – angeblich entstanden aus Neuan- Quellenbasis massiv verbreitert. In deren Licht seiner Forschung ist die
siedlern aus Babel, Kuta, Awa, Hamat und Se- ist klar geworden, dass die Trennung zwischen Literatur- und Religions-
farwajim, also: aus „Heiden“ (vgl. Josephus, Samaritanern und Juden erst am Ende einer lan- geschichte der Zweiten
Jüdische Altertümer, 11,297-347). gen Phase steht, die auch von Rivalitäten und Tempelperiode (6. Jh.
Kurzum, die Samaritaner schienen von An- streitbaren theologischen Ansprüchen geprägt vC bis 1. Jh. nC). Derzeit
fang an suspekt zu sein. ist, wer das „wahre Israel“ ist. Inmitten dieser forscht er zur Entwicklung
der Kulturen und Religi-
Im Kern geht es hier um folgende Urteile: Trennungsphase schreibt Josephus seine Sicht
onen in Transjordanien:
(1) Die Samaritaner sind eine jüdische Sekte der Dinge auf – und er projiziert seine zeitge-
Moab, Ammon und Edom
(2) einer letztlich illegitimen, weil verstoße- nössischen Erfahrungen mit den Samaritanern der Eisenzeit I/II und per-
nen Abspaltung der Jerusalemer Priesterschaft, in die Vergangenheit zurück! Über weite Phasen sischen Zeit und zu den
(3) die sich im 4. Jh. vC formierte (4) und den davor aber existierten beide Gruppen einfach Sam/Kön-Büchern sowie
Garizim-Tempel als Sinnbild ihres konflikthaf- nebeneinander und führten einen regen Aus- ihren Beziehungen zu
ten Gründungsmomentums um 334 vC bei Si- tausch auf Augenhöhe miteinander. Mesopotamien und Juda.
chem errichtete. (5) Der Garizim gilt damit als Die Trennung von Juden und Samaritanern
Ort synkretistischer Praktiken eines heidnisch ist darum auch kein punktuelles Ereignis. Sie ist
inspirierten Mischvolks. nur über die geschichtliche Betrachtung eines

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8 welt und umwelt der bibel 2/2021
Ein Steckbrief:
Die Samaritaner –
ein biblisches Volk

Wer: Eine eigenständige Religionsgemeinschaft, die dem


Judentum eng verwandt ist, eine der ältesten religiösen
Gruppen im Nahen Osten. Sie bezeichnen sich selbst als
Israeliten, als „Kinder Israels“ und „Bewahrende“ oder „Hü-
ter“ des ursprünglichen israelitischen Glaubens und der
Gebote des Mose: b‘ne jisrael ha-schomerim.
Glaube: An den einen Gott Israels, den Gott der Erzeltern,
den Gott der Tora.
Zeit: Erst ab dem 2./1. Jh. vC kann man von „Juden“ und
„Samaritanern“ als getrennte Gemeinschaften sprechen.
Samaritaner oder Samariter?
Die griechische Bezeichnung samaritai findet sich zuerst in
der griechischen Bibelübersetzung Septuaginta, dann bei
Flavius Josephus im 1. Jh. nC wie auch im Neuen Testa-
ment. Das besonders durch Luthers Bibelübersetzung
traditionell übliche „Samariter“ ist wissenschaftlich nicht
mehr gebräuchlich, stattdessen das eindeutige „Samari-
taner,“ wann immer es um die religiöse Gruppierung vom
Garizim geht.
Religiöses Zentrum: Seit den Anfängen bis heute der Berg
Garizim bei Nablus. Hier soll der Ort sein, an dem Abra-
ham Isaak opfern wollte und wo die Israeliten nach dem
Exodus den ersten Altar aufgestellt haben.
Heilige Schriften: Ausschließlich die Tora, die ersten fünf
Bücher Mose (Samaritanischer Pentateuch):
Genesis/Exodus/Levitikus/Numeri/Deuteronomium.
Eigene Sprach-, Schrift- und Vokalisierungstradition.

Feste: Die in der Tora genannten: Pessach, Schavuot,


Sukkot (die drei Pilgerfeste zum Garizim), Der erste Tag
des Siebten Monats, Jom Kippur, Mazzot und Shemini
Atseret.
Heute: Die samaritanische Gemeinde zählt etwa 850 Per-
sonen: etwa 435 gehören zum Gemeindeteil in Holon am
© picture alliance/dpa | Ayman Nobani

südlichen Rand des Ballungsraums Tel Aviv (davon eine


Familie in Aschdod und eine in Binjamina). Alle weiteren
leben auf dem Berg Garizim in der Siedlung Kirjat Luza.
Angehörige der Samaritaner in der Westbank erhalten
Ein samaritanische junge Frau und ein junger Mann stei-
einen israelischen Pass. Der Austausch zwischen beiden
gen im Morgengrauen auf den Berg Garizim, um an einem
Gemeindeteilen ist eng.
Gebet der Pessachfeiertage 2019 teilzunehmen. Im Hin-
tergrund die Häuser der palästinensischen Stadt Nablus.

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welt und umwelt der bibel 2/2021
längeren Prozesses richtig zu erfassen. Es sind die leren, da aus der Provinzbezeichnung abgeleiteten Rekonstruktion
historischen, kultur- und religionsgeschichtlichen Begriffe „Samarier“ und „Judäer“ Verwendung des ersten Gari-
Entwicklungen in den Provinzen Samaria und finden. zim-Heiligtums

© Leen Ritmeyer, Ritmeyer Archaeological Design www.ritmeyer.com / Avi Ohayon, Government Press Office
Juda der persischen Zeit (6.–4. Jh. vC) und der da- in persischer
Zeit nach den
rauffolgenden ptolemäischen und seleukidischen Zwei „Israel-Denominationen“
Strukturen, die
Vorherrschaft (4.–2. Jh. vC), die die entscheiden- existieren nebeneinander der Archäologe
den Weichen für das Verhältnis zwischen Juden Die Anfänge der Samarier sind weit weniger spek- Jitzhak Magen
und Samaritanern stellen. Immerhin begann sich takulär, als Josephus und antike Traditionen dies ausgegraben hat.
in dieser Zeit auch das frühe Judentum zu formie- zu beschreiben wussten. Aus den vielfältigen Ob hier nur ein
ren, es bildete seine prägenden Identitätsmarker materiellen Hinterlassenschaften, die uns heu- offener Opfer-
langsam aus. So fallen in diese Zeit die Entstehung te aus der Zeit der assyrischen, dann neubabylo- platz war oder ein
und Anwendung der Tora, der Speise- und Rein- nischen und schließlich persischen Herrschaft Tempel­gebäude,
heitsgebote oder die Ausformulierung des bibli- über die südliche Levante zur Verfügung stehen ist archäologisch
schen Monotheismus und der Kultzentralisation. (insbesondere Münzen und Münzbilder, Siegel, ungewiss.
Zu diesem Prozess der Identitätsbildung des frü- Bullen, aramäisch-sprachige Verwaltungstexte
hen Judentums gehört dann eben auch – und das und Besitzurkunden sowie Oberflächensurveys
ist die noch recht junge Erkenntnis der vergange- zu den Siedlungsstrukturen der Provinz Sama-
nen Forschungsjahre –, dass man seine Position in ria), kann man ableiten, dass die Samarier letztlich
Annäherung und Abgrenzung zur Geschwister- die Nachfolgekultur und Religionsgemeinschaft
gemeinde in Samaria austariert. der Nordreichsbewohner sind, deren Königreich
So kann man heute sagen, dass sich die Wege 722 vC von den Assyrern eingenommen und de-
zwischen Samaritanern und Juden erst recht spät ren Kernregion im Anschluss in die Provinz Sa-
trennen, nämlich ab dem späten 2. und 1. Jh. vC. merina umgewandelt worden war, die bis in die
Man sollte auch erst ab dieser Zeit von „Juden“ hellenistische Zeit hinein Bestand hatte. Die Um-
und „Samaritanern“ sprechen, ab dann beginnen brüche, aber auch die kulturellen Kontinuitäten
beide Religionsgemeinschaften nämlich ihre eige- sind in etwa so ähnlich, wie man sich nach 586 vC
nen gruppenspezifischen Marker auszubilden. Für die kulturelle, ethnische und religiöse Kontinui-
die Zeiten davor werden im Folgenden die neutra- tät der Judäer in Juda vorzustellen hat. Tatsächlich

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Wie sich die Wege trennen

Auf dem Gipfel des Garizim steht man heute auf dem Boden der byzantinischen Marien-
kirche und sieht ein Scheichgrab aus dem 12. Jh. Doch was liegt darunter? Der Archäologe
Jitzhak Magen hat aus der ersten Bauphase im 5. Jh. vC nur wenige Mauern, Höfe und Tore
gefunden. Die Fachwelt diskutiert, ob es hier überhaupt ein Tempelgebäude gegeben hat.
Aus dem Pentateuch ergibt sich keine Notwendigkeit: Für das gültige Opfer brauchte man
nur einen Platz für Priester und einen Opferaltar. Von einem Dach über dem Kopf ist erst
später in den Königs­büchern die Rede, wo der Tempel Salomos genau beschrieben wird.
In hellenistischer Zeit, ab dem 3. Jh. vC, wird die Kultanlage deutlich ausgebaut.

lassen sich auch für den regelmäßig unterstellten aufgefasst wurde. In persischer Zeit wurde hier
Synkretismus der Samarier und für damit zusam- schlicht ein Heiligtum für die provinz-ansässigen
menhängende, auf die Assyrer zurückgehende JHWH-Gläubigen errichtet – vergleichbar da-
„Überfremdungsprozesse“ keinerlei Evidenzen in mit, wie in Jerusalem bis 515 vC der sogenannte
Samaria aufzeigen. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Zweite Tempel am Ort des Ersten, Salomonischen
Die Materialkultur von Juda und Samaria entspre- Tempels errichtet wurde. Es war eine Variante des
chen sich in der nachexilischen Zeit ganz deutlich. JHWH-Glaubens dieser Zeit. Die judäische Form

Es war eine Variante des JHWH-Glaubens dieser Zeit


Wie wir aus den diversen Inschriften der persi- des Glaubens stellt eine Option daneben da. Die
schen und hellenistischen Zeit ableiten können, eine maßgebliche Tradition – etwa die judäisch-
verehrte ein erheblicher Teil der Bewohner Sama- jüdische Jerusalemer Prägung – gab es in dieser
rias den Gott Israels, also JHWH, wahrscheinlich von Restauration und Identitätsfindung gepräg-
(wie in Jerusalem) als einzigen Gott und in einem ten persischen Zeit noch nicht.
bildlosen Kult. Diese samarischen JHWH-Vereh- Man kann die beiden Gruppen in einer gewis-
rer bezeichneten sich selbst als „Israel“, bezogen sen Analogie zu kirchenhistorischen Entwicklun-
also den Ehrentitel alter Zeiten positiv auf sich gen als zwei unterschiedliche Denominationen
selbst. Ihr maßgeblicher Kultort war aber nicht Je- „Israels“ beschreiben, die sich in den persischen
rusalem, sondern der Garizim, dessen Kultanlage Provinzen Samaria und Juda (Jehud) langsam zu
dem archäologischen Befund zufolge ab der ersten formieren beginnen, mit zwei unterschiedlichen
Hälfte des 5. Jh. vC in Betrieb war. Ihre Gründung religiösen Zentren: am Zion und am Garizim.
hatte nichts mit der von Josephus unterstellten
Abtrennung von Jerusalem zu tun. Keine der vor Man tauscht sich aus
Ort gefunden Hinterlassenschaften (insbesonde- Es ist kaum zu belegen, dass es in dieser Zeit zu
re nicht die Inschriften) weisen darauf hin, dass größeren Auseinandersetzungen zwischen Judä-
der Garizim als „Gegenheiligtum“ zu Jerusalem ern und Samariern gekommen ist, denn jede Ge-

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welt und umwelt der bibel 2/2021
meinschaft existierte im Rahmen ihrer von der
persischen Obrigkeit definierten Provinzgren- 2 Könige 17:
zen und hatte ihre eigenen Angelegenheiten am Ein polemischer Text aus
eigenen JHWH-Heiligtum zu regeln. QUELLEN dem 4. Jh. vC über die
Die Samarier waren entgegen des weitver- TEXT
breiteten Bilds keine randständige Minderheit, Menschen in Samarien
sondern durchaus einflussreich. Samaria war in
persischer Zeit politisch ungemein bedeutsam.
Die Provinzhauptstadt Samaria entwickelte
sich in der persischen Epoche zur größten und
einflussreichsten Stadt in Palästina. Schon un-
ter den Babyloniern und dann unter den Per-
sern ab 538 vC war Samaria das Verwaltungs-
zentrum der südlichen Levante. Dort saß der
persische Statthalter, der die Großregion re-
gierte. Das politische Machtzentrum zog neue
Einwohner an. In keiner anderen Periode der
gesamten Geschichte gab es so viele Siedlun-
gen im Großraum Samarias wie in der Perser-
zeit. Juda war weitestgehend unbedeutend und
sein Einfluss auf die Provinzebene beschränkt.
Dieser Unterschied in der Bedeutung beider
Provinzen lässt sich auch in der Materialkultur
gut erkennen: Zwischen dem reichen und in-
ternationalen Bildprogramm der samarischen
Provinzmünzen und den provinziellen, wenig „Der König von Assur brachte Leute aus Babel, Kuta, Awa, Hamat und Sefar-
variierenden Bildmotiven der Münzen aus Juda wajim in das Land und siedelte sie anstelle der Israeliten in den Städten Sa-
liegen Welten. Neid mancher Individuen oder mariens an. … Da befahl der König von Assur: Bringt einen von den Priestern
Untergruppen in Jerusalem wird es immer ge- zurück, die ihr von dort weggeführt habt! Er soll zu ihnen gehen, bei ihnen
geben haben, vielleicht ist Neh 1–6 vor diesem wohnen und sie belehren, wie man den Landesgott verehren soll. So kam
Hintergrund zu verstehen. Vorherrschend wa- einer von den Priestern zurück, die man aus Samarien weggeführt hatte! Er
ren solche Meinungen und Rivalitäten für diese ließ sich in Bet-El nieder und belehrte sie, wie man den Herrn verehren müs-
Zeit allerdings nicht. Es muss einen regelmäßi- se. Jedes Volk aber schuf sich seine eigenen Götter. Es stellte sie im Tempel
gen Austausch gegeben haben. Wahrscheinlich der Kulthöhen auf, der von den Bewohnern Samariens erbaut worden war.
tauschten sich auch die jüdäischen und sama- … So verehrten sie den Herrn und dienten daneben ihren Göttern nach den
rischen Schriftkundigen auf vielerlei Ebenen Bräuchen der Völker, aus denen man sie weggeführt hatte.
aus, auch in religiösen Fragen. Als Beleg dafür Bis zum heutigen Tag handeln sie nach ihren früheren Bräuchen. Sie fürchten
können die berühmten aramäischen Papyri aus den Herrn nicht und halten sich nicht an die Satzungen und Rechtsentschei-
Elephantine (5. Jh. vC) dienen: Hier antworten de, an die Weisung und das Gebot, auf die der Herr die Nachkommen Jakobs,
judäische und samarische Verantwortliche auf dem er den Namen Israel gegeben hatte, verpflichtet hat. …“
kultisch-religiöse Fragen, die die judäo-aramä-
(1 Kön 17,24-41)
ische Gemeinde auf der Nilinsel Elephantine in
einem Brief gestellt hatte. (TAD A4.7-4.9).

Ein gemeinsames heiliges Buch: Geschwistergemeinden auf einen offiziellen


die Tora „ökumenischen“ Text einigten, der beide De-
Das zentrale religiöse und autoritative Doku- nominationen miteinschloss. Wie bei einem
ment des Judentums, die Tora (der Pentateuch), modernen ökumenischen Text werden hierbei
ist wahrscheinlich spätestens bis zum 4. Jh. vC Gemeinsamkeiten ausformuliert (Regelungen
abgeschlossen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass zu Gesetzen, Feiertagen, Beschneidung etc.),
© Kobby Dagan/123RF.COM

an der Finalisierung dieses wichtigen Textes sozusagen der kleinste gemeinsame Nenner.
auch Vertreter der samarischen Gemeinde be- Spezifika, wie etwa die Kultort-Frage, werden
teiligt waren, dient doch die Tora den späteren ausgeklammert. Diese konzessive Strategie, die
Samaritanern bis heute noch als autoritativer in der Tora wahrnehmbar ist, erklärt gut, warum
Text. Es ist vor dem hier skizzierten histori- die Kultzentralisationsgesetzgebung des Deu-
schen Szenario plausibel, dass sich Vertreter der teronomium (5. Buch Mose) die exakte Orts-

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Wie sich die Wege trennen

bestimmung des einen legitimen Kultortes für (Esr 4,1-5.6-24). Auch werden die Samarier
die Opferdarbringung an den Gott Israels nicht hier bereits als „Fremde“ und „Nicht-Israeliten“ Die Priesterschrift
benennt: Hier wird offen formuliert, dass nur an apostrophiert. 2 Kön 17,24-41, ein ebenso spä- … ist eine Quelle oder
dem „einen Ort“ (maqom) geopfert werden soll, ter Zusatz, wohl aus dem 4. Jh. vC, beschreitet Redaktionsschicht der
„den JHWH erwählen wird“ (Dtn 12,14 und denselben Weg. Die Chronikbücher, die aus Bibel. Nach Ansicht
der neueren Penta-
weitere 20-mal im Deuteronomium). Auch die dem 4. oder eher 3. Jh. vC stammen, verschärfen
teuchforschung bindet
ebenfalls per­serzeitliche Priesterschrift, die für den anti-samarischen Kurs, indem sie gezielt
sie in exilischer, eher
die maßgebliche Zusammenschau diverser Pen- die oben genannte konzessive Haltung in Bezug
frühpersischer Zeit die
tateuchtraditionen zuständig ist, spricht zwar auf den Kultort aufgeben und exklusiv auf Jeru- verschiedenen Einzel-
von einem Kultzentrum Israels. Dieses ist aber salem hin formulieren: überlieferungen und
nicht statisch fixiert, sondern ein „Zelt der Be- „Der Herr erschien Salomo in der Nacht und -kompositionen zu-
gegnung“, sozusagen ein „mobiles Heiligtum“. sprach zu ihm: Ich habe dein Gebet gehört und sammen, die heute den
Kurzum, die in persischer Zeit entstandene diesen Ort als Opferstätte für mich erwählt.“ Pentateuch bilden. Sie
Tora dürfte ein Kompromissdokument der sa- (2 Chr 7,12) entwirft eine gesamte
marischen und judäischen JHWH-Verehrerin- Dem Garizim und seiner Priesterschaft wird historische Perspektive
nen und -Verehrer sein. Nur durch diese Offen- in den Chronikbüchern jegliche Legitimität ab- und rhythmisiert die
Geschichte genealo-
heit war es möglich, dass beide Gruppierungen gesprochen. Es ist nicht auszuschließen, dass
gisch durch. Sie ist für
den Toratext an ihrem jeweiligen Heiligtum auch die samarischen JHWH-Verehrer entspre-
den Aufriss des Penta-
lesen und die Texte positiv auf die eigenen Tra- chend polemisch agierten, doch sind uns aus die-
teuchs in der Abfolge
ditionen beziehen konnten. Außerhalb der Tora ser Zeit keine literarischen Quellen überliefert. Schöpfung–Urgeschich-
konnte freilich „konfessionsspezifisch“ formu- Die Gründe für diese Entfremdungsprozesse te–Erzelterngeschichte
liert werden. In den judäischen Samuel- und Kö- dürften wohl darin zu suchen sein, dass sich in und Exoduserzählung
nigsbüchern bleibt dann auch kein Zweifel, dass der hellenistischen Epoche identitätsstiften- verantwortlich.
Jerusalem der entscheidende Kultort ist. de Prozesse beschleunigten und theologische
Debatten verfestigten – schon allein wegen des
Das Verhältnis verschlechtert sich „hellenistischen Kulturdrucks“ einer griechisch
Doch ändern sich diese Beziehungen ab der hel- geprägten Einheitskultur. Entscheidend dabei:
lenistischen Zeit (ab 332 vC). Langsam kommt Was sich ändert, ist lediglich die Einschätzung
eine deutliche Polemik gegenüber den Samari- der Samarier aus judäischer Sicht – in der Ma-
ern auf, greifbar etwa in der griechischen Fas-
sung des Buchs Jesus Sirach (nach 129 vC). Sie
stuft die Samarier nicht nur als Nicht-Israeliten Dem Garizim wird jegliche Legitimität
ein, sondern enthält ihnen auch eine nationale abgesprochen
Identität vor:
„Zwei Völker verabscheue ich, und das dritte ist
kein Volk: diejenigen, die im Bergland Samarias terialkultur bleiben sich beide Gruppierungen
wohnen und die Philister und das törichte Volk, weiterhin gleich. Gerade weil die Samarier zur
das in Sichem wohnt“ (Sir 50,25f ). Geschwistergemeinde gehörten und weil man
Othering
Der Text wurde gegenüber der älteren hebrä- so viel gemeinsam hatte, musste man sich mit
Begriff aus der
ischen Vorlage (um 180 vC) verändert: Denn so deutlicher Polemik von „den Anderen“ ab- Sozial­anthropologie,
die ursprüngliche Fassung sprach noch von den grenzen. beschreibt die
„Bewohnern von Seir“, also den Edomitern, Ein anderer und vielleicht sogar der primäre Distan­zierung oder
„Urfeinden“ Israels in den biblischen Texten. Grund für dieses Othering hat mit den politi- Differenzierung von
Deren Rollen nehmen jetzt die samarischen schen Rahmenbedingungen zu tun, die sich ab anderen Gruppen, um
JHWH-Gläubigen ein – nun stehen dort die der Regentschaft Ptolemäus’ I. (305–283 vC) in die eigene „Normalität“
Bewohner des „Berglands Samarias“. Der Text der Südlevante änderten. Ab ptolemäischer Zeit zu bestätigen oder die
darf als ältester Beleg für eine harsche Polemik gehörten erstmals Juda wie Samaria demselben eigene Gruppenidentität
gegenüber den Samariern gelten. Verwaltungsbezirk an, nämlich der Großpro- zu definieren. Ursprüng-
lich 1985 geprägt von
Subtilere Aspekte tragen Redaktoren der bib- vinz „Syria und Phoinike“ bzw. „Zölesyrien“.
Gayatri Chakravorty
lischen Bücher jedoch bereits im 4. und 3. Jh. vC Zwar ließen die Ptolemäer diesen Unterverwal-
Spivak, um den Prozess
in das Esra-Nehemia-Buch ein. Zwar werden die tungsbezirken wohl eine gewisse Autonomie zu beschreiben, durch
„Samarier“ nicht explizit genannt, doch werden in religiösen Belangen, doch wurde durch die den ein imperialer
„Notable aus Samaria“ (Esr 4,6-10) dort als Fein- Einführung eines ausgeklügelten Pacht- und Diskurs die Anderen
de des neu erblühenden Jerusalems beschrieben. Steuersystems und die Förderung verschiede- bzw. „das im Machtdis-
Diese sollen mit allen Mitteln die Jerusalemer ner Wirtschaftszweige Palästina in die ptole- kurs ausgeschlossene
am Wiederaufbau zu hindern versucht haben mäische Staatswirtschaft sehr direkt eingeglie- Andere“ kreierte.

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welt und umwelt der bibel 2/2021 13
dert. Die Einführung eines rein Sprach-, Schrift-, Vokalisierungs- und Lesetra-
münzbasierten Steuersystems, dition ausbilden. Tatsächlich ist es möglich, die
was durch die enorme Zu- Herausbildung der jeweils gruppenspezifischen
nahme an Silbermünzen Textversionen des Pentateuchs mit den has-
ab dem 3. Jh. vC in Palästi- monäischen Übergriffen in Zusammenhang zu
na greifbar wird, und eines bringen. Während sich die Samarier und Judäer
auf Gewinnmaximierung in persischer und hellenistischer Zeit auf einen
ausgerichteten Handels er- gemeinsamen Pentateuch geeinigt hatten, ent-
höhte auch die Konkurrenz wickeln beide Gruppen ab dieser Zeit den Penta-
der Verwaltungseinhei- teuchtext eigenständig weiter: in Schrift, Ortho-
ten unter­ einander. Ab der grafie sowie inhaltlichen Details. Das mündet
ptolemäischen Zeit finden schließlich in die Texttradition des Samaritanus
sich also innerhalb der Pro- auf samaritanischer Seite und in die des Maso-
vinzgrenzen plötzlich zwei retischen Textes auf jüdischer Seite. Man spricht
JHWH-Heiligtümer, die um jetzt der jeweils anderen Gruppe ihre Legitimität
die Privilegien und Zuwen- ab und beansprucht exklusiv, sich als Heilsge-
dungen der hellenistischen meinschaft „Israel“ zu bezeichnen. So erweitern
Regierung ringen und daher die Samaritaner den Dekalog zu einem neuen
in Rivalität zueinander stehen. 10. Gebot, das explizit die Errichtung eines Al-
Da die „israelitischen“ Heilig- tars auf dem Garizim festschreibt. Jerusalem
tümer, wie jedes andere antike wird damit zum „falschen“ Tempelort.
Heiligtum auch, nicht nur der Umgekehrt greift auch die judäische Seite in
religiösen Kultpraxis dienten, ihren heiligen Text ein (vermutlich aber schon
sondern sich an den Tempelbe- ab dem 4./3. Jh. vC) und verlegt das Gebot der
trieb auch Privilegien wie Steuerbe- Errichtung eines Altars auf dem Garizim in Dtn
Eine der samaritani- freiung und sonstige finanzielle Un- 27,4 auf den gegenüberliegenden Berg Ebal.
schen Torarollen, terstützungen banden, ist es sehr gut Diese Ortverlagerung ist sachlich freilich falsch.
die bei den Pilgerfes- möglich, hier die Ursache politisch und öko- Auch die ältesten Textzeugen wie die Vetus Lati-
ten auf dem Garizim nomisch motivierter Streitigkeiten zwischen na gehen hier mit dem Samaritanus und belegen
in die Höhe gehalten Judäern und Samariern zu verstehen, die später
werden. Die Rollen in auch religiös gedeutet wurden.
ihrer schmückenden Unter Alexander Jannäus
Metallhülle wiegen Im 2. und 1. Jh. vC beginnen sich die
8–15 Kilo, man braucht Wege zu trennen
wurden die Samarier am
also Kraft, um sie he-
ben und schwenken zu
Ab dem ausgehenden 2. und dem 1. Jh. vC Betreten ihres heiligen
kommt es dann allerdings endgültig zu Tren-
können. Sie sind immer
nungsprozessen. Ein Katalysator des schwelen-
Bergs gehindert
an der Stelle Lev 9,22
geöffnet: den Konflikts ist sicher der Umstand, dass der
„Dann erhob Aaron Hasmonäer Johannes Hyrkanos I. (134–104 vC) dessen Ursprünglichkeit. Denn der Ebal ist der
seine Hände über das mit dem Vorhaben, seinen Herrschaftsbereich Berg des Fluchs (Dtn 11,29), aber ideologisch
Volk und segnete es“. auch nach Samaria auszuweiten, um 111 vC natürlich angezeigt: Denn so verschwindet die
den Garizim zerstörte (Josephus, Jüdische Al- prominente Hervorhebung des Garizim aus der
tertümer 13,254–256; Jüdischer Krieg I,62–64). gesamten judäischen Pentateuchüberlieferung.
Unter Alexander Jannäus (103–76 vC) wurden Diese gegenseitigen Abtrennungsprozesse
sogar hasmonäische Soldaten auf dem Garizim dauern allerdings eine Weile an. Erst mit der © Ovedc CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.org

stationiert und die Samarier am Betreten ihres Kanonisierung der als „heilig“ kategorisierten
heiligen Bergs gehindert. und verbindlichen Schriften des Judentums am
Die hasmonäische Gewalt und Eroberungs- Ende des 1. Jh. nC fallen die Samaritaner durch
Lesetipp politik beeinträchtigten die samarisch-judäi- ihre Ablehnung der Prophetenbücher (Nebi‘im)
• Benedikt Hensel, Juda schen Beziehungen nachhaltig und führte letzt- und Schriften (Ketubim) tatsächlich aus der neu
und Samaria. Zum lich dazu, dass sich samarische und judäische definierten Größe „Judentum“ heraus, werden
Verhältnis zweier nach- JHWH-Verehrer in einem vielschichtigen Pro- aber noch als Teil der – um diesen anachronis-
exilischer Jahwismen, zess gegenseitiger Polemiken und ideologischer tischen Begriff hier zu verwenden – ekklesio-
Mohr Siebeck 2016. Demarkationslinien voneinander separierten. logischen Größe „Israel“ verstanden, wie viele
Ein Indikator für diese Trennungsprozesse ist, Debatten im Neuen Testament und der frühen
dass die Samarier eine eigene samaritanische rabbinischen Literatur des 3./4. Jh. nC zeigen. W

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Wie sich die Wege trennen

• Wie das Garizimgebot zum 10. Gebot der Samaritaner wird


Bis zum Ende des Ende des 2. Jh. vC scheinen alle JHWH-Gläubigen sowohl in Samarien als auch in Judäa eine gemeinsame
Fassung des Dekalogs verwendet zu haben. Dann aber verändern sowohl die Samaritaner als auch die Judäer die gemeinsame
Textbasis nach ihren eigenen theologischen Vorstellungen. Der Dekalog wird so zum Zeugnis der jeweiligen, sich konsolidie-
renden jüdischen oder samaritanischen Identität. Die Samaritaner fassen die zwei Begehrensverbote zu einem zusammen und
fügen eine Kombination von Ex 13,11, Dtn 11,29-30, 27,2-7 als 10. „Garizimgebot“ in den Dekalog ein. Eine solche schriftgelehr-
te Textbearbeitung war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich. Gott hatte demnach die klare Anweisung gegeben, den Altar auf dem
Garizim zu errichten, ein Heiligtum in Jerusalem entspricht also nicht dem Willen Gottes:

Jüdischer Dekalog (Hebräische Bibel, christliches AT) Samaritanischer Dekalog (Samaritanischer Pentateuch)
1. Prolog, Fremdgötterverbot 1. Prolog, Fremdgötterverbot
2. Bilderverbot 2. Bilderverbot
3. Verbot des Missbrauchs des Gottesnamens 3. Verbot des Missbrauchs des Gottesnamens
4. Sabbatgebot (in Ex und Dtn unterschiedlich begründet) 4. Sabbatgebot
5. Elterngebot 5. Elterngebot
6. Tötungsverbot 6. Tötungsverbot
7. Ehebruchverbot 7. Ehebruchverbot
8. Begehrensverbot I (nicht stehlen) 8. Begehrensverbot
9. Falschaussagenverbot 9. Falschaussagenverbot
10. Begehrensverbot II (Besitz des Nächsten) 10. Gebot, das Heiligtum auf dem Garizim zu bauen
(Ex 20,17; Dtn 5,18 im Samaritanischen Pentateuch)

• Garizim oder Ebal?


Die jüdische Seite greift ebenso ein: In Dtn 27,4 steht, dass das Volk Israel – wenn es nach dem Exodus ins verheißene Land
einzieht – den ersten Altar auf dem Garizim bauen soll. Zuvor kein Problem, störte das im 2. Jh. vC aber gewaltig – also wandert
der Altarort kurzerhand einen Gipfel weiter, auf den Ebal: „Wenn ihr [Israeliten] über den Jordan zieht, sollt ihr diese Steine,
die zu errichten ich euch heute befehle, auf dem Berg Ebal aufrichten.“ Der ehrwürdige Altar auf dem uralten mythischen Berg
Garizim wird jetzt abgewertet.
Allerdings ist der Ebal nach Dtn 11,29 ein Berg des Fluches: „Und wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das
du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, dann sollst du auf dem Berg Garizim den Segen und auf dem Berg Ebal den
Fluch verkünden.“ In der jüdischen Leseweise ist der Altar nun, etwas unlogisch, eher ein Mahnmahl als ein Segenszeichen.
Man muss geradezu noch woanders einen Tempel bauen – in Jerusalem. Interessantes Detail: Die Einheitsübersetzung 1980
hat Dtn 27,4 in der ursprünglichen Lesart „Garizim“ übersetzt; Luther 1984 hat hier „Ebal“. 2016 und 2017 bieten beide, EÜ und
Luther, in ihren Revisionen „Ebal“ und folgen damit dem Masoretischen Text der Hebräischen Bibel.
© Rekonstruktion Ritmeyer Archaeological Design, www.ritmeyer.com / Foto ##

Ebal
Garizim
Nablus

Josefsgrab •
Jakobsbrunnen •
Lesetipp
• Benedikt Hensel, Juda
und Samaria. Zum
© alefbet / 123rf.com

Verhältnis zweier nach-


exilischer Jahwismen,
Mohr Siebeck 2016.

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welt und umwelt der bibel 2/2021 15
Wie die neuere Forschung die Samaritaner sieht

Zerstritten von Anfang an?


In der Samaritaner-Forschung hat sich eine Revolution vollzogen. Die
Forschungslage hat sich in den vergangenen 25 Jahren radikal verändert.
Welche Funde und Erkenntnisse führten dazu?
Von Christian Frevel

D
ie Wahrheit, so sagt man, ist in jeder ner abgespalten hatten. Kategorien wie „Sekte“
Auseinandersetzung das erste Opfer. oder „Schisma“ dominierten, wobei immer nur
Heftiger Streit bringt Unterstellungen die Samaritaner die wenig(er) originalen Spalter
hervor, er betont das Trennende und nicht das waren. Ihre Religion galt als die entlehnte, ihre
Verbindende. Die Streitenden entfremden sich Tora als die übernommene und ihr Tempel als
Prof. Dr. Christian Frevel
und vergessen, dass es einmal anders war. So der nachgebaute. Das an Jerusalem gebundene
lehrt Altes Testament an
auch Juda und Israel, die zwei antiken bibli- Judentum hingegen war das „Original“ bzw.
der Universität Bochum
schen König­tümer von Jerusalem und Samaria. das Leitbild, nach dem Rituale, Traditionen, und ist gleichzeitig außer-
Wenn Jesus Sirach im 2. Jh. vC dem „törichten Tempel, Sprache, Schrift etc. konstruiert wur- ordentlicher Professor an
Volk auf dem Garizim“ in aller Verachtung das den. Gegenüber einer solchen Sicht hat ein Para- der Universität in Pretoria
Volk-Sein abspricht (Sir 50,25-26) und der jü- digmenwechsel stattgefunden. Heute wird die (Südafrika). Schwerpunk-
dische Schriftsteller Josephus sie Ende des 1. Jh. samaritanische Religion als eine Schwesterreli- te liegen u. a. auf der
nC polemisch „Kutäer“ nennt (2 Kön 17,24.30) gion des Judentums gesehen, d. h. nicht als eine historischen Verankerung
und ihnen unterstellt, sie würden jede ver- Sekte des Judentums. Es ist eine eigenständige biblischer Texte mit Blick
wandtschaftliche Verbindung leugnen und die Religion, die dem Judentum in Geschichte und auf Archäologie und Re-
Juden hassen (Jos. Ant. XI.19-20; XII.257-261; Gegenwart eng verwandt ist. Vieles, was vor- ligionsgeschichte Syriens
und Palästinas sowie auf
XX.118), ist offenbar der Stab zerbrochen. her eindeutig schien, ist in die Schwebe geraten
der Auslegung des Buches
Danach türmen sich wie im Rosenkrieg die oder in dem noch andauernden Umbruch der
Numeri und der bibli-
Anschuldigungen auf. Jede Nähe wird geleug- Forschung bereits umgewertet worden. schen Klagelieder.
net und der andere zum Feind, dem alles zuge- Drei Felder sind besonders wichtig:
traut wird. Das Ziel der abwertenden jüdischen 1. Eine veränderte Rekonstruktion der
Rhetorik ist zwar die totale Abgrenzung von Geschichte der Samaritaner,
den Samaritanern, jedoch: Entspricht die Rhe- 2. neue Erkenntnisse der Archäologie und
torik den historischen Tatsachen? Nein. 3. ein gewandeltes Verständnis ihrer schrift-
lichen Traditionen.
Schwestern statt abtrünnige Kinder
Denn das Bild der „abtrünnigen Samaritaner“ 1. Weder Schisma noch Sekte –
stimmt nicht mehr: In der jüngeren Forschung eine neue Geschichte der Samaritaner
hat sich eine Bewertungsverschiebung vollzo- Wann es zur endgültigen Trennung zwischen
gen, die man ohne Übertreibung als dramatisch Juden und Samaritanern kam, ist historisch ge-
bezeichnen kann. Zu sehr hatte die ältere For- sehen keinesfalls klar. Ende des 2. Jh. vC – etwa
schung die Polemiken zum selbstverständli- 110 vC – lässt Johannes Hyrkanos I. das samari-
chen Ausgangspunkt gemacht. Das Judentum tanische Heiligtum auf dem Berg Garizim zer-
in Jerusalem wurde als rechtgläubige Ortho- stören. Meist gilt dies als entscheidender Wen-
doxie konstruiert, von der sich die Samarita- depunkt. Warum der Hasmonäer überhaupt zu

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welt und umwelt der bibel 2/2021
so drastischen Mitteln wie der militärischen Die Frühzeit der samaritanischen Geschichte
Zerstörung greift, bleibt letztlich unklar. Aus
Hass, wie Josephus meint, um die Samari- Israel, Königtum von Samaria („Nordreich“)
taner aus dem Judentum auszuschließen? Erobert 722 vC durch Assur; ca. ein Fünftel
Oder einfach um den Einfluss der Seleukiden der Bevölkerung wird deportiert, ein Teil
zu begrenzen? Vielleicht war sein Ziel sogar, flieht nach Jerusalem. Die assyrische
durch die gewaltsame Zerstörung der Tem- Provinz Samerina wird errichtet.
pelstadt auf dem Garizim eine Einheit der
Bevölkerung: Samarier; angesiedelt werden
beiden parallelen Jahwismen durch Zentrali-
auch Menschen aus anderen Reichsteilen
sierung in Jerusalem zu erzielen. Zumindest mit anderen religiösen Vorstellungen
auf lange Sicht gesehen erreichte er eher das -> im 7./6. Jh. vC lebt hier keine homogene
Gegenteil. Neuere Forschungen zeigen, dass Gruppe, vermutlich gibt es verschiedene
die Trennung mit der Zerstörung der Tem- religiöse Praktiken
pelstadt noch lange nicht vollzogen war, son- -> im 5. Jh. vC wird die Region persische
dern bis ins 1. Jh. nC von Nähe und Distanz Provinz, ein Heiligtum auf dem Garizim
bestimmt war. Die formative Phase sowohl errichtet, mit einer zugehörigen JHWH-
des Jerusalemer Frühjudentums als auch der Religionsgemeinschaft; man kann sie
Samaritaner auf dem Garizim war vom 7. bis Proto-Samaritaner nennen.
mindestens zum 2. Jh. vC trotz vorhandener Religion: Nördlicher Jahwismus
und schon vorher eingeübter Rivalität einem
Grundverständnis verpflichtet, das stärker Samaria
von Kooperationen als von Differenzen ge- Ebal
Sichem
prägt war. Erst die doppelte Diaspora nach Garizim
der Zerstörung auch des zweiten Tempels
in Jerusalem 70 nC führt zu einer Entwick-
I S RA E L
lung, die Samaritaner und Juden als geschie- Schilo
dene Gemeinschaften formiert.
Das Bild über die Geschichte dieses Kon- Bet-El
flikts hat sich im vergangenen Vierteljahr-
hundert extrem gewandelt, was viele Gründe
hat. Manche davon liegen in kulturwissen-
schaftlichen Debatten, die die zu ein­fache Jerusalem
Konstruktion von Gruppenidentitäten hin-
terfragen. Meinte man zuvor, die Samarita-
ner quasi von einer Stunde null an klar von J U DA
den Juden unterscheiden zu können, wurde
jetzt deutlich, dass Judäer und Juden eben-
so wenig das Gleiche sind wie Samarier und Hebron
Samaritaner. Es lassen sich nicht einfach
homogene Gruppen definieren und in Pha-
Juda, Königtum von Jerusalem („Südreich“)
sen voneinander trennen, sodass auf die Sa-
Erobert 586 vC durch Babylon;
marier schlicht die Samaritaner folgen und die persische Provinz Jehûd wird errichtet.
auf die Judäer die Juden. Aber die religiösen
Selbst- und Fremdbezeichnungen haben Bevölkerung: Jehudim (Jehudim werden
ihren Ursprung jeweils in den geografisch- aber auch JHWH-Gläubige in der Diaspora
politischen Bezeichnungen. Judäer (heb- genannt, z. B. in Babylon; Jehudim waren
mit Jerusalem verbunden)
räisch Jehûdim) sind Bewohner Judas oder
der persischen Provinz Jehûd, aber auch die Religion: Südlicher Jahwismus
in der Diaspora Lebenden, die sich Jerusa-
lem auf die eine oder andere Art verbunden
wissen. Samarier sind die Bewohner der Pro-
vinz, die nach 722 vC von den Assyrern als -> Es kommt im Norden nicht zu einer
Samerina errichtet wurde und danach bis Unterbrechung des JHWH-Glaubens.
zur Neuordnung der Provinzen bestand. In
beiden leben Menschen, die denselben Gott -> Es besteht keine Konkurrenz zwischen den
JHWH auf mehr oder minder dieselbe Wei- Heiligtümern auf dem Zion und dem Garizim.

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welt und umwelt der bibel 2/2021 17
Einige der Weihinschriften, Ein Josef brachte für das Wohl
die seit den 1980er-Jahren die seiner Lieben ein Opfer dar: „[Das,
Forschung veränderten. Sie ka- was] Josef [Sohn von ...] [für] seine
men bei Ausgrabungen auf dem [Fr]au und für seine Söhne [vor dem
Garizim zum Vorschein und spie- He]rrn im Tempel opferte“ (Inschrift
geln, wie die JHWH-gläubigen Nr. 150).
Menschen Gott auf dem Garizim
anriefen und ihm opferten.

Die Inschrift Nr. 382 enthält das


Wort „Priester“. Das sogenannte JHWH-Fragment,
Nr. 383: Von rechts nach links ist der
Gottesname in althebräischen Schrift-
zeichen zu lesen.

Eine weitere Inschrift (Nr. 17, ohne


Abbildung) lautet: „Das, was Mirjam
für sich selbst und für ihre Kinder
dargebracht hat.“

Nr. 199 erwähnt ein byt dbḥ’, ein


„Opferhaus“ oder einen „Tempel
der Opfer“.

se und auf derselben Grundlage verehren. Beide rium des untergegangenen Königtums Samaria
sind biblisch und nachbiblisch „Israeliten“, was nicht zu einem völligen Traditionsabbruch der
wiederum daran liegt, dass sie sich beide auf die vormaligen JHWH-Religion gekommen ist,
gleichen Erzeltern der Genesis, Jakob und seine sondern die Situation wesentlich von Konti-
zwei Frauen Rahel und Lea, zurückführen. nuität mitbestimmt war. Die genaue Rolle der
Allerdings ist die einfache Gleichung – aus Heiligtümer in Bet-El, Schilo und auf dem Ga-
Samariern werden Samaritaner – wohl zu ein- rizim gilt es noch aufzudecken. Die Samaritaner
fach, denn die Bewohner der Provinz Samaria lassen sich jedenfalls nicht einfach von dieser
waren nach der Eroberung der Stadt 722 vC Kontinuität lösen, sind aber auch nicht mit ihr
keine völlig homogene Gruppe. Die assyrische identisch, weshalb man von Proto-Samarita-
Eroberungspolitik bestand darin, die Eliten zu nern spricht. So wenig wie die Zeit nach 722 vC
deportieren und andere ethnische und religiöse bis zur Entstehung der Proto-Samaritaner auf
Gruppen in den eroberten Gebieten anzusie- dem Garizim ein religiöses Vakuum war, so we-
deln, wodurch ein leichter beherrschbares he- nig wird man die tatsächliche Vielfalt religiöser
terogenes Völkergemisch entstand. Das wird in Praktiken in der Provinz ab dem 7. Jh. vC leug-
geringerem Maße geschehen sein, als es die Bi- nen können. Bei allen Unsicherheiten in Bezug
bel in 2 Kön 17 schildert. Vor allem ist die (wohl auf die Entstehung der proto-samaritanischen www.BibleLandPictures.com / Alamy Stock Photo

antisamaritanisch motivierte) Polemik, man Religionsgemeinschaft ist doch deutlich, dass


habe nicht einmal mehr gewusst, wie man den der Ursprung spätestens im 5. Jh. vC liegt und
Landesgott verehren solle, weil die Neusiedler der Hauptgrund nicht eine Abtrennung von Je-
stattdessen alle möglichen Gottheiten verehrt rusalem war. Ein frühes Schisma gab es nicht.
hätten (2 Kön 17,26-34), ebenso unzutref-
fend wie die Verzeichnung, nach 722 vC habe 2. Kein Sektentempel auf dem Garizim,
es nur noch einen Synkretismus, also eine Ver- sondern eher ein Heiligtum, wie es im
mischung von Religionsformen, gegeben. Hier Buche steht
beginnt die Forschung erst langsam ein neues Die von Jitzhak Magen zwischen 1983 und
Bild zu zeichnen, das neue Akzente setzt: Zum 2003 durchgeführten Ausgrabungen auf dem
einen ist klar, dass es 722 vC auf dem Territo- 938 m hohen Garizim haben deutlich gezeigt,

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Wie die neuere Forschung die Samaritaner sieht

dass Josephus falsch lag, als er behauptete, hier Hebräisch die Textfassung der frühen Septu-
sei unter Alexander im ausgehenden 4. Jh. vC aginta bezeugen, und solche, in denen einige
ein Konkurrenzheiligtum errichtet worden. der charakteristischen Änderungen der sama-
Die Anfänge des Heiligtums auf dem Ǧebel eṭ- ritanischen Textform zu finden waren (4Qpa-
Ṭōr liegen spätestens am Ende des 5. Jh. vC, was leoExm, 4QNumb, 4Q364 u. a.). Dazu gehören
durch den Fund einer 480 vC datierenden zyp- z. B. Harmonisierungen, andere Schreibweisen,
rischen Münze und Münzen aus dem späteren Ergänzungen von Textpassagen aus anderen
5. Jh. vC bestätigt wird. Ob schon das früheste Büchern der Tora und die markanten Verände-
nachweisbare Heiligtum in einer kultischen rungen im Deuteronomium, die den Garizim
Kontinuität mit der Königszeit stand, bleibt eine als den erwählten Ort für den Kult auffassen.
– wenn auch nicht unbegründete – Spekulation. Bis 1947 waren keine Vorformen des Samari-
Umstritten ist, ob es sich von Beginn an um ei- tanischen Pentateuchs bekannt, nur mittelalter-
nen Tempel gehandelt hat oder zunächst um ei-
nen ummauerten Altarbezirk – mehr als 10.000
Knochen weisen auf eine intensive Opferpraxis Als Textzeuge wurde der Samaritanische
–, der erst Anfang des 2. Jh. vC zu einem großen Pentateuch wenig wertgeschätzt
Tempel und einer hellenistischen Tempelstadt
erweitert wurde (s. S. 20–21). Jitzhak Magen hat
sich für die Rekonstruktion stark an den bibli- liche Handschriften. Als Textzeuge wurde der
schen Vorgaben orientiert, was vielleicht nicht Samaritanus als sekundär angesehen und wenig
immer richtig ist, aber in der Tendenz doch zu- wertgeschätzt. Im Hintergrund stand die An-
trifft. Der Befund zeigt klar, dass es sich nicht nahme eines Urtextes, der seinen Niederschlag
um eine synkretistische Sekte handelt. Eine in der masoretischen Textform gefunden haben
Fülle von Weihinschriften (s. links), vor allem sollte und von dem sowohl die Septuaginta als
aus der späteren, hellenistischen Bauphase zeigt auch der Samaritanus abstammten. Die Sensa-
die zentrale Bedeutung des Heiligtums für die tion der Funde in Qumran besteht darin, dass prä-samaritanisch
JHWH-Religion der Samaritaner. Eine Konkur- der Kontext, in dem diese prä-samaritanischen Der Samaritanische
renz der Kultpraxis zum Schwesterheiligtum in Manuskripte gefunden wurden, keinesfalls sa- Pentateuch ist uns heute
Jerusalem lässt sich dem Befund nicht entneh- maritanisch ist, d. h. nicht aus der Gemeinde aus mittelalterlichen
men. Vielmehr weisen auch die Briefabschriften auf dem Garizim stammt. Das bedeutet, dass Handschriften bekannt.
der Diaspora-Juden auf der Nilinsel Elephanti- die Textform, die sich später im Samaritanus In Qumran findet man
ne darauf hin, dass es eine Kooperation zwi- wiederfindet, schon vorher im Umlauf war und aber bereits Texte,
die viele der aus dem
schen Samaria und Jerusalem in religiösen Fra- neben anderen Textformen bestand und akzep-
Samaritanus bekannten
gen gegeben hat. Das ist nur wirklich mit Sinn tiert oder zumindest noch um die Zeitenwende
Abweichungen enthalten
zu füllen, wenn sich die beiden Gemeinden im als Fassung wertgeschätzt wurde. Zudem konn- haben. Sie müssen in
ausgehenden 5. Jh. vC nicht in einer Konkur- te durch einen genauen Vergleich der Manu- jüdischen Gruppierungen
renz zueinander verstanden haben. skripttraditionen in vielen Fällen gezeigt wer- dieser Zeit allgemein in
den, dass die samaritanische Lesart die ältere ist. Umlauf und damals noch
3. Der samaritanische Pentateuch ist Vielleicht gilt das sogar für Stellen wie Dtn 27,4 nicht als „samaritanisch“
Zeuge früher Textvielfalt (MT: Ebal, Sam: Garizim) oder die sogenannte gekennzeichnet gewesen
Beide verstehen sich als „Israel“, wie es Weih­ Zentralisationsformel („das ist der Ort, den der sein.
inschriften von der Insel Delos für die Sama- Herr erwählt hat“ [= Garizim, statt in MT „er-
ritaner eindeutig bezeugen (s. S. 31). Im Hin- wählen wird“ = Jerusalem]), in denen der Gari-
tergrund steht die gemeinsame Tradition der zim als Kultort aufgewertet wird. Das alles er-
Tora, die beide Gruppen etwa gleichzeitig als klärt sich viel besser, wenn es eine gemeinsame
normative Grundlage anerkennen. Darin ist der Tora in mehreren Varianten gegeben hat und für
gemeinsame Glaube an den einen Gott ebenso die Finalisierung der Tora in der ersten Hälfte des
begründet wie die gemeinsamen Vorfahren, die 4. Jh. vC eine Verständigung zwischen Jerusale- Lesetipp
Genealogie, die das Selbstverständnis als „Isra- mern und Proto-Samaritanern auf dem Garizim • Gary N. Knoppers,
el“ begründet. stattgefunden hat. Dabei wurden auf dem Gari- Jews and Samaritans.
Für dieses erstaunliche Faktum der gemeinsa- zim eine oder mehrere der Textfassungen wei- The Origins and Histo-
men Tradition haben die Qumrantexte ein völ- ter tradiert, von denen die Qumran-Fragmente ry of their Early Rela-
lig neues Verständnis ermöglicht. Unter den ca. Zeugnis geben. tions, Oxford University
900 Handschriften aus den 11 Höhlen befanden Erneut scheint es damit so, als wären die bei- Press 2013.
sich neben Textzeugen für die heute gebräuchli- den Schwestern sich ihrer Gemeinsamkeit einst
che masoretische Textform auch solche, die in sehr bewusst gewesen. W

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welt und umwelt der bibel 2/2021 19
Der heilige Berg Garizim
seine Bauten, seine Archäologie
Im Westjordanland hoch über Nablus, dem alten Sichem, thront der heilige
Berg der Samaritaner, der über 900 m hohe Garizim. Er ist Heimat eines alten
JHWH-Heiligtums, eines Zeustempels und einer Marienkirche. Den Berg, der
den Samaritanern seit 2500 Jahren heilig ist und auf dem sie an Pessach das
Areal der „Zwölf Steine“,
Schlachtopfer feiern, soll Gott schon bei der Schöpfung als seinen Ort erwählt
die nach samaritani-
haben. Hier soll Abraham seinen Sohn Isaak beinahe geopfert haben, am Fuß scher Tradition Josua
des Berges soll Josef begraben sein, Abraham und Jakob haben hier Altäre aufgestellt hat.
gebaut und hier verteilte Josua das Land auf die zwölf Stämme Israels,
nachdem das Volk das verheißene Land nach den langen Jahren des Exodus
betreten hatte.
Erhaltene Westmauer
des perserzeitlichen
Heiligtums.

„Ewiger Hügel“, wo die


Israeliten nach dem
Exodus das Offenba-
rungszelt errichtet haben
„Opferplatz des Isaak“, wo sollen. Versammlungs-
die Samaritaner in einem platz der Samaritaner.
kleinen Areal den Moria-
Felsen lokalisieren.

Erweiterungen der Anlage in späthellenistischer


Zeit, um 200 vC. Man kann nun eher von einer
„Tempelstadt“ sprechen – mit Nebengebäuden,
Höfen und einer prächtigen Treppenanlage als
Zugang. Samaritanische Pilger aus der Diaspora
kamen jährlich hierher, der Kultbetrieb wurde
von zahlreichen Priestern bewerkstelligt.
Um 114/111 vC zerstörte Johannes Hyrka-
nos diese große Anlage. Einerseits war der
Berg strategisch wichtig im Kampf gegen die
Seleukiden, andererseits wollte er den Kult der
Samaritaner unmöglich machen. Hoffte er, dass
sie nach Jerusalem „zurückkehrten“?
© Bill Schlegel/BiblePlaces.com

Blick auf den Berg Garizim von Osten


Richtung Mittelmeer. Von 1982 bis
2006 fanden Ausgrabungen unter der
Leitung des israelischen Archäologen
Jitzhak Magen statt.

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Kirjat Luza, samaritanisches Dorf mit Synagoge,
einem Museum, Einkaufsmöglicheiten und einer
Begegnungsstätte. Die meisten Samaritaner aus
Holon haben hier eine Zweitwohnung. Anwesen aus dem 20. Jh. im italieni-
schen Stil von Munib al-Masri, einem
wohlhabenden Industriellen aus Nablus.
Die Opferstätte, an der an Pessach die Lämmer
geschlachtet und über offenem Feuer zubereitet
werden.

Nablus

An der Stelle des alten samaritanischen Opferplatzes ste-


hen heute die Ruinen der byzantinischen Marienkirche, die
der theotokos, „Gottesgebärerin“, geweiht war. Das doppelte
Oktogon mit dadurch entstehenden Kapellen wurde 484 unter
Kaiser Zenon erbaut und 529 unter Justinian erweitert und mit
einem Kloster verbunden – ein Pilgerzentrum entstand.

Eine der wenigen Spuren aus persischer Zeit, die erste sakrale
Anlage um 450 vC: ein Kammertor, nördlicher Zugang zum
heiligen Bezirk, in dem der Gott JHWH verehrt wurde. Der
Bezirk hatte eine Seitenlänge von ca. 100 m. Ob hier in der
persischen Bauphase ein Tempelgebäude stand oder nur ein
Altar unter offenem Himmel, wird kontrovers diskutiert.

Zeusheiligtum, um 100 nC.

Grabkapelle eines Scheichs, 12 Jh.

Persisch
Hellenistisch
Byzantinisch (5. Jh.)
Byzantinisch (6. Jh.)

Die Bauphasen
auf dem Garizim

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Die Religion der „nahen Anderen“

Was glaubten die


Samaritaner zur Zeit Jesu?
Sehr ähnlich und doch anders: Weil sie nur die ersten fünf Bücher Mose als heilige
Schrift annehmen, ergaben sich für die Samaritaner andere Jenseitshoffnungen,
andere Verhaltensweisen und andere Kultbestimmungen als für Juden der Zeit Jesu.
Das machte das Zusammenleben nicht einfacher!
Von Jürgen K. Zangenberg

W
er die Frage des Titels beantworten des Bundes, Landes und Kultes samt Festkalen-
will, muss sich zuerst Rechenschaft der gehören ebenso dazu wie die Befolgung der Prof. Dr. Jürgen K.
über die Quellen ablegen, die uns dazu Gebote. In der Nachfolge der Heilsfiguren dieser Zangenberg ist Professor
die nötigen Informationen vermitteln können. „kurzen“ Bibel sehen sich die samaritanischen für Geschichte und Kultur
Da diese sehr divers, oft fragmentarisch und sel- Anführer, und an der gelehrten Auslegung ihrer des Antiken Judentums
ten neutral sind, wurde „der Glaube der Sama- Gesetze orientiert sich die samaritanische Ge- und Frühen Christentums
ritaner“ oft verzerrt wiedergegeben. Intensive meinschaft. Sehen wir hier genauer hin. an der Universität Leiden
(Niederlande). Er unter-
Forschungen und neue Entdeckungen haben in
sucht, wie das Urchristen-
den vergangenen Jahrzehnten jedoch die Grund- Die Form der samaritanischen Bibel tum aus seiner jüdischen
lagen für ein völlig neues Bild samaritanischer Historisch betrachtet ist der Samaritanische und griechisch-römischen
Religion geschaffen: Samaritaner waren keine Pentateuch eine Frucht der Sammlung, Bearbei- Matrix hervorging und
Abtrünnigen oder Fremdstämmige, wie dies so- tung und Zusammenführung von mündlichen langsam einen eigenen
wohl jüdische wie auch frühchristliche Autoren und schriftlichen Erzählungen und Regeln. Die- Lebensstil und eine eige-
behaupten (vgl. Beitrag B. Hensel). Vielmehr wa- se Sammelbewegungen haben im Laufe des 6. Jh. ne Gedankenwelt entwi-
ren Samaritaner wie ihre jüdischen Schwestern bis zum 4. Jh. vC zur Entstehung der fünf Bücher ckelte. Seine Dissertation
und Brüder Kinder des biblischen Israel. Mose als ältestem Teil der hebräischen Bibel ge- beschäftigte sich mit den
Ausgangspunkt unserer Rekonstruktion führt („Kanonformung“). Dabei waren – wie Samaritanern im Neuen
müssen – trotz aller Lückenhaftigkeit – zualler- Fragmente biblischer Manuskripte aus Qumran Testament – das Interesse
ist geblieben.
erst samaritanische Selbstzeugnisse sein, sowohl zeigen – mehrere, oft nur im Detail unterscheid-
materielle als auch textliche. In dieses Grundge- bare Textformen im Umlauf. Eine davon verfes-
rüst hinein können Aussagen aus der zeitgenös- tigte sich dann in der samaritanischen Textform
sischen jüdischen oder christlichen Literatur
eingebaut werden. Unsere wichtigste Quelle
zur Religion der Samaritaner zur Zeit Jesu ist In dieser Hinsicht glichen die
zweifellos ihre Bibel! Sie besteht lediglich aus Samaritaner zur Zeit Jesu durchaus
den fünf Büchern Mose, Genesis bis Deutero-
nomium (Tora/Pentateuch). Die Erzählungen den Jerusalemer Sadduzäern
und Vorschriften dieser „kurzen“ Bibel bestim-
men die samaritanische Lebenspraxis bis zum des Pentateuch („SP“) und wurde innerhalb
heutigen Tag. Wie im Judentum steht dabei dieser Gruppe weitergegeben (vgl. Interview
der Glaube an den einen Gott, der Himmel und S. 34). Zwei entscheidende Merkmale machen
Erde geschaffen hat, im Mittelpunkt. Die Er- den SP zum Grunddokument samaritanischen
wählung des Volkes Israel und die Heilsgaben Glaubens: Zum einen blieb der SP für sich und

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welt und umwelt der bibel 2/2021
wurde nicht wie in Jerusalem durch weitere guren und Vorstellungen aus dem Pentateuch
Textzyklen (Geschichtswerke, Prophetenbü- geknüpft. Neben den Patriarchen als Urzeu-
Der amtierende Hohepries- cher oder poetische Texte) ergänzt. Alle Tex- gen Israels standen Figuren wie Aaron, Zadok
ter der Samaritaner ist der te, die im jüdischen Kanon auf das Buch Deu- und Pinchas als männlich-priesterliche Rol-
87-jährige Aabed-El ben teronomium folgen, lehnten die Samaritaner lenmodelle im Fokus samaritanischer theo-
Asher ben Matzliach (2. v. r., als häretische Neuerungen ab – eine relative logischer Selbstdefinition und soziologischer
bei der Pessachzeremonie; Ausnahme ist nur die Josuatradition, die an- Formung. Die unbestrittene Hauptrolle aber
kleines Bild: bei der Vorbe- ders als das Josua­buch hoch geschätzt wurde. nahm Mose ein, der in vielfältiger Form als
reitung). 132 Namen von
Die Beschränkung der maßgeblichen zentraler Mittler zwischen Gott und seinem
Hohe­priestern überliefern
Schriften allein auf den Pentateuch hatte na- Volk fungiert (s. u.).
die Samaritaner seit Aaron.
Der Hohepriester leitet alle türlich tiefgehende Folgen für die Theologie Was nicht im SP steht – oder dort gefun-
religiösen Zeremonien und und Soziologie der Samaritaner. Wer nur die den werden konnte –, hatte es schwer, als
ist auch Autorität in privaten fünf Bücher Mose anerkennt, wird sehr an- Glaubensgut akzeptiert zu werden, wie z. B.
Angelegenheiten. Er steht ders über den Bund Gottes mit seinem Volk die Auferstehungshoffnung, die bei Phari-
in der Tradition des Pinchas, denken als jemand, dessen Bibel in Prophe- säern und frühen Christen so verbreitet war,
Sohn des Eleasar, des Soh- tenbüchern, Psalmen und anderen Schriften oder auch Spekulationen über Engel (bSanh
nes Aarons: „Ihm und seinen zusätzlich etwa über Jerusalem, David und 90b; QohR 5,10; Origenes, Kommentar zu
Nachkommen wird der Salomo sowie den Messias zu berichten weiß. Mt 22,23-33). In dieser Hinsicht glichen die
Bund des ewigen Priester- Was für Jerusalemer Juden als Erfüllung gött- Samaritaner zur Zeit Jesu durchaus den Je-
tums zuteil, weil er sich für
licher Zusagen und Beweise göttlicher Gna- rusalemer Sadduzäern, die ebenfalls stark
seinen Gott ereifert und für
de und Führung gilt – wie die Stiftung des konservativ-aristokratisch und priesterlich
die Israeliten Sühne erwirkt
hat“ (Num 25,13). Im 17. Jh. Tempels in Jerusalem oder das Königtum –, geprägt waren.
endet die Linie der Pinchas- gilt bei den Samaritanern als häretische Ab-
Familie und geht 1624 auf weichung. Der SP ist stark auf Normen und Das Gebot, Gott nur auf dem
Garizim anzubeten
© Ori Orhof

die ebenfalls als aaronitisch priesterlich orientiert – das prägt den Um-
verstandene Linie des Itamar gang der Samaritaner mit ihrer Schrift: Ihre Neben dem SP ruht samaritanischer Glaube
ben Aaron über. Heilsvorstellungen sind ausschließlich an Fi- auf einem zweiten Fundament: der Ergän-

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welt und umwelt der bibel 2/2021 23
Ein Opferlamm wird
gebracht. Beim
samaritanischen
Pessachfest werden
heute wie schon in den
Jahrhunderten vor der
Zeitenwende Opfer-
lämmer geschlachtet.
Während das Judentum
den Gottesdienst in die
Synagoge verlagert
und keine Opferstätte
mehr hat, behalten die
Samaritaner das Op-
ferfest auf dem Garizim
bei. Mit dem frischen
Blut der Lämmer
zeichnen sich die An-
wesenden ein Zeichen
auf die Stirn – Erinne-
rung an den Exodus.

zung des Dekalogs durch das Gebot, Gott nur derspruch heraus. Vielleicht fühlte sich dadurch
Mischna auf dem Garizim anzubeten. Johannes Hyrkanos, der Hasmonäerkönig aus
Früheste, zu Beginn Diese Ergänzung gibt eine klare Antwort auf Jerusalem, der sich in der Nachfolge des Er-
des 3. Jh. nC in Galiläa die Frage, wo der Ort konkret liegt, den sich oberers David sah, besonders herausgefordert,
redigierte Sammlung Gott gemäß Dtn 12,14.18.26 u. ö. nach dem den Garizim während seines Nordfeldzugs ca.
ursprünglich mündlicher Einzug der Israeliten ins Gelobte Land als Hei- 110 vC zu erobern und zu verwüsten: Wollen
religionsgesetzlicher ligtum erwählen wird: auf dem Berg Garizim! wir doch einmal sehen, auf welcher Seite Gott
Überlieferungen zu Torah Die samaritanischen Schriftgelehrten haben wirklich steht (Josephus, Bellum 1,62f; Anti-
und Tradition.
diese Antwort nicht einfach erfunden, sondern quitates 13,254-257)! Trotz – oder vielleicht
den Textbestand des Dekalogs durch eine kunst- gerade wegen? – der großen Verwandtschaft in
Halachah
volle Kombination weiterer Pentateuchpassa- anderen fundamentalen Punkten des Glaubens
Rechtliche Überliefe-
rungen und Gebote, die gen erweitert (s. S. 15). Das Garizimgebot birgt blieb der Garizim der grundlegende Streitpunkt
Verhaltensregeln für das Sprengkraft: Da Jerusalem als Tempel-Ort im zwischen Samaritanern und Juden (Joh 4,20-
Leben darstellen. Pentateuch nicht namentlich vorkommt – der 24; Josephus, Antiquitates 12,10; 13,74-79:
Garizim aber sehr wohl – und da Samaritaner Bereits seit dem 2. Jh. vC gab es Streit um den
keine der nicht-pentateuchischen Schriften und Garizim zwischen Samaritanern und Juden in
Traditionen anerkannten, aus denen man den Je- Alexandria). Dabei waren Samaritaner nicht
rusalemer Kult alternativ hätte ableiten können, nur Opfer, sondern teilten auch aus. Vielleicht
wird dem dortigen Heiligtum jegliche Legitimi- brach sich ihre Verachtung in einer rätselhaften
Nacht-und-Nebel-Aktion besonders drastisch
Bahn: Zur Zeit der Statthalterschaft des Coponi-
Der Garizim blieb der grund- us (6–8/9 nC) verschafften sich Samaritaner in
legende Streitpunkt zwischen der Nacht vor dem Pessachfest heimlich Zugang
zum Jerusalemer Heiligtum und verstreuten
Samaritanern und Juden dort menschliche Knochen, um es zu verunrei-
nigen und das anstehende Fest zu entweihen
© The-Samaritans.net

tät entzogen. Allein der Garizim ist als Kultort (so zumindest erzählt Josephus, Antiquitates
biblisch fundiert! Bibelauslegung ist freilich nie 18,29f, s. rechts, und trotz möglicher Polemik
nur intellektuelle Spielerei oder Selbstzweck, ist das Ereignis im Kern vermutlich historisch).
sondern erfolgt oft im Widerspruch zu alterna- Die samaritanische Ergänzung des Dekalogs
tiven Auslegungen und fordert selbst zum Wi- ist jedoch nicht nur als theologische Kontro-

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Die Religion der „nahen Anderen“

verse bedeutsam, sondern auch methodisch: Kön 17,25-28). Die Entscheidung war in der
Schrift wird hier durch Schrift ausgelegt – um Tat nicht einfach. Natürlich hielten Samaritaner
es „reformatorisch“ zu sagen. Diese Methode den Sabbat (mNed 3,10), beschnitten ihre Kna-
der konkretisierenden Normenfindung durch ben und folgten zahlreichen anderen pentateu-
Kombination von Passagen aus dem Basisdoku- chischen Vorschriften, doch warnten jüdische
Abkürzungen von
ment kennen wir vor allem aus dem damaligen Gelehrte ihre Glaubensgenossen davor, dass Sa- Mischna- und
Judentum. Aber wir sehen anhand des Garizim- maritaner in ihren Dankgebeten vor dem Essen Talmud-Traktaten
gebots, dass auch die vermeintlich so konserva- den Garizim erwähnen. Die Mahlgemeinschaft bHul = Hullin
tiven Samaritaner trotz ihres „biblizistischen“ mit Samaritanern wird für Juden dadurch zum tTer = Terumot
Festhaltens am SP durchaus sehr kreativ mit Bekenntnisfall: Denn welcher Jude will sein ei- mNed = Nedarim
ihrem Basistext umgehen konnten. Im Falle des gentlich koscheres Essen in Erinnerung an den mBer = Berakhot
Garizimgebotes wurde Schriftauslegung sogar häretischen Berg Garizim verzehren (mBer 7,1; tAZ = Abodah Zarah
selbst Teil der „Schrift“. 8,8)? Ist ein Knabe, bei dessen Beschneidung mNid = Niddah
mDem = Demai
der Garizim gepriesen wird, nach Gottes Wil-
bSanh = Sanhedrin
Halachah – wie man samaritanisch len korrekt beschnitten (tAZ 3,12f)? Sollte man
Rabbinisches Werk:
leben soll mit einem Samaritaner Umgang haben, dessen
QohR = Qohelet Rabba
Zur Formung samaritanischer Religiosität tru- Auffassung von Reinheit möglicherweise zu der
gen auch zahlreiche konkrete Antworten auf eines Juden differiert, ganz zu schweigen vom
Fragen, wie der Alltag im Licht der Tora konkret Kontakt mit einer samaritanischen Frau, die we-
ausgestaltet werden soll (halachah), bei: Wie gen unterschiedlicher Auffassungen über den
muss der Vater Gott preisen, wenn er einen neu- Umgang mit Menstruation potenziell ständig
geborenen Jungen beschneiden lässt? Wie genau unrein ist (mNid 4,1; 7,3-5)? Und inwieweit
wird eine menstruierende Frau wieder „rein“? sind wirtschaftliche Kontakte mit einem Sama-
Oft genug ist der pure Bibeltext zur Beantwor- ritaner wünschenswert, wenn man Zweifel ha-
tung derartiger Fragen nicht konkret genug oder ben muss, dass er seine Ernte korrekt verzehntet
lässt Lücken, sodass Auslegung durch Schrift- hat (mDem 1,11; 7,4)? Ist er dann überhaupt als
experten erforderlich ist. Derartige halachische Geschäftspartner vertrauenswürdig (tAZ 2,4)?
Fragen haben im Jerusalemer Judentum zur Zeit Wenn die Mischna auch an vielen Stellen ein
Jesu zum Teil heftige Debatten ausgelöst und die
Entstehung besonderer sozialreligiöser Gruppen
wie der Pharisäer, Essener oder Sadduzäer geför-
dert, wie Qumrantexte, Josephus, das Neue Tes-
tament oder die Mischna verdeutlichen.
Josephus berichtet
Obwohl wir aus der Zeit Jesu kaum samari- Skandalöses
QUELLEN
tanische Quellen haben, ist anzunehmen, dass
halachische Differenzen über bestimmte Aus- TEXT
legungen konkrete Sozialkontakte zwischen Während eines Pessachfests in der Präfektur des
Juden und Samaritanern eingeschränkt und zur Coponius (6–9 nC) habe sich dieses zugetragen – ein
Verfestigung der Barrieren zwischen den beiden Ereignis wie ein Spiegel des jüdisch-samaritanischen Verhältnisses
Gruppen beigetragen haben: „Die Juden verkeh- dieser Zeit: „Einige Samaritaner, die heimlich nach Jerusalem einge-
ren nicht mit den Samaritanern“ (Joh 4,9)! drungen waren, begannen, menschliche Knochen in den Säulengängen
Wie schwierig alltägliche Kontakte zwischen und im ganzen Tempel zu verstreuen. Daraufhin schlossen die Priester
Samaritanern und Juden im Licht konkurrie- alle aus dem Tempel aus, obwohl sie derartiges noch nie getan hatten,
render Toraauslegung war, zeigt die Mischna. zusätzlich zu anderen Maßnahmen zum größeren Schutz des Tempels.“
Hier finden sich zahlreiche Spuren halachischer (Jüdische Altertümer 18,29-30).
Debatten über und mit Samaritanern aus jüdi-
scher Sicht. Freilich waren sich die Gelehrten
selbst hier nicht einig, wie stark der alltägliche
Umgang mit Samaritanern von den funda- etwas späteres Stadium des Verhältnisses zwi-
mentalen Konfliktpunkten abhängig gemacht schen Juden und Samaritanern widerspiegeln
werden soll. Manche Gelehrte waren durchaus mag, zeigt sie dennoch, wie viele konkrete, le-
pragmatisch und erkannten an, dass „die Sama- benspraktische Hürden neben allgemein ideo-
ritaner jedes Gebot, das sie halten, beobachten logischen Gründen oder negativen historischen
genauer als die Israeliten“ (bHul 4a), für andere Erfahrungen (MegTa’an 18; 22) einem gedeihli-
waren Samaritaner schlicht Heiden (tTer 4,12) chen Zusammenleben von Juden und Samarita-
oder „Löwenproselyten“ (in bHul 3b nach 2 nern im Alltag entgegenstanden.

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welt und umwelt der bibel 2/2021 25
Die Glaubensinhalte der samaritani- atmete die gesamte Region um den heiligen
schen Religion zur Zeit Jesu – bis heute Berg die Aura der Erzväter. Schon Jakob hatte
am Fuß des Berges auf einem Grundstück, das er
1. Gottes Bund seinem Sohn Josef vermacht hatte, einen Brun-
(Verbindung zu den Patriarchen) nen gegraben und daraus getrunken – wie später
Die Samaritaner verstehen sich als das von Gott auch Jesus, der als Stifter einer neuen Gottesver-
erwählte Volk Israel, Hüter des Bundes und Er- ehrung für seine Nachfolgenden an die Stelle der
ben des Landes, das ihnen Gott verheißen und Patriarchen tritt (Joh 4,5f.12).
gegeben hat. Gewährsleute dafür sind die Patri-
archen Abraham, Isaak und Jakob/Israel, in de- 2. Das göttliche Gesetz
ren Nachfolge sich die Samaritaner wissen. Zahl- (Verbindung zu Mose)
reiche Erzelterntraditionen werden mit dem Neben den Erzvätern war vor allem Mose von
Garizim verbunden und damit den Jerusalemer fundamentaler Bedeutung für die samaritani-
Juden abgesprochen. Die Samaritanerin, die nach sche Religiosität. Da Gott durch Mose seinem
dem Johannesevangelium Jesus am Brunnen von Bundesvolk die Tora und damit alle erforderli-
Sychar trifft, spricht dies klar aus: Schon „unse- chen Regeln des sozialen und religiösen Lebens
re Väter (haben) auf diesem Ort Gott angebetet“ gegeben hat, war und blieb Mose der Gesetzge-
(Joh 4,20). Hier, nicht auf dem Zion in Jerusa- ber und Lehrer schlechthin. Nach der samari-
lem, liegt Moria, wo Abraham seinen Sohn Isaak tanischen Version von Dtn 27,4 hatte bereits
opfern wollte, und der von den Wassern der Mose auf dem Garizim einen Altar errichtet.
Sintflut bewahrt wurde (GenmR 32). Insofern Diese und andere Passagen (vgl. Dtn 11,29)

Die Samariterin am Jakobsbrunnen:


QUELLEN
Eine Frau fühlt sich ihrer Tradition verbunden
TEXT
„Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass
du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf
diesem Berg Gott angebetet; ihr aber sagt,
in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten
Noch heute wird muss. Jesus sprach zu ihr: Glaube mir, Frau,
in der Krypta unter die Stunde kommt, zu der ihr weder auf die-
der orthodoxen sem Berg noch in Jerusalem den Vater anbe-
St.-Photina-Kirche
ten werdet. Ihr betet an, was ihr nicht kennt,
in Nablus der
wir beten an, was wir kennen; denn das Heil
Jakobsbrunnen
gezeigt. Hier soll kommt von den Juden. Aber die Stunde kommt
Jesus die Samari- und sie ist schon da, zu der die wahren Beter

© Almonroth CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia.com / WUB Archiv


tanerin getroffen den Vater anbeten werden im Geist und in
haben. Die Gegend der Wahrheit; denn so will der Vater ange-
war und ist mit den betet werden. Gott ist Geist und alle, die ihn
Erzeltern verbun- anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit
den. Die Erzel- anbeten“ (Joh 4,19-24).
terngeschichten
nehmen bei den
Samaritanern einen
großen Stellen-
wert ein – und die
Gegend um den
Garizim ist mit die-
sen Erzählungen
aufgeladen.

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Die Religion der „nahen Anderen“

wurden in den Dekalog des Samaritanischen Pilgern aus römischer Zeit). Die großen Wall-
Pentateuch aufgenommen. Gesetz und Kult fahrtsfeste Pessach, Wochen- und Laubhütten-
blieben damit durch Mose mit diesem Berg und fest wurden einfach ohne gebautes Heiligtum
den dort Opfernden gebunden. Doch nicht gefeiert, denn der Berg selbst war ja heilig – wie
nur das: In Ermangelung der reichen prophe- heute.
tischen, apokalyptischen und messianischen Die enge Verbindung zwischen Mose als
Traditionen, wie sie das Jerusalemer Judentum Kultstifter und dem Berg Garizim als einzig le-
aufgrund seiner breiteren Kanongrenzen besaß, gitimem Heiligtum wird in vielen Texten un-
entwickelten die Samaritaner ihre ganz eigenen terstrichen. Während der Regierung des Pilatus
Heilserwartungen auf der Basis der pentateu- (26–36 nC) rief ein Mann die Samaritaner mit
chischen Mosetradition. So ist Mose nicht nur
wie im Jerusalemer Judentum Gesetzgeber und
Lehrer, sondern begegnet in späteren Texten als Wie das Jerusalemer Judentum bis 70 nC,
eschatologischer Heilsbringer nach Dtn 18,18
(Taheb: „der Wiederkommende“). Inwiefern
waren die Samaritaner eine Opferreligion,
Samaritaner bereits zur Zeit Jesu derartigen darin vergleichbar mit Griechen und Römern
Vorstellungen anhingen, muss mangels zeitge-
nössischer samaritanischer Quellen undeutlich
bleiben, undenkbar ist es freilich nicht – obwohl der Botschaft zusammen, er wisse, wo die von
Joh 4,25 recht johanneisch klingt! Moses verborgenen heiligen Geräte zu finden
seien, und wolle sie der samaritanischen Menge
3. Der Kult in der Tempelanlage auf zeigen (Josephus, Antiquitates 18,85-89). Diese
dem Garizim verstand die Botschaft offenbar als Aufruf zum
(Verbindung zu Aaron und Pinchas) bewaffneten Aufstand, vielleicht erhoffte man
Wie das Jerusalemer Judentum bis 70 nC, wa- sich durch dieses „Zeigen“ die Befreiung vom
ren die Samaritaner eine Opferreligion, darin (römischen und jüdischen?) Fremdjoch und die Lesetipps
durchaus vergleichbar mit Griechen und Rö- Wiedererrichtung des zerstörten Heiligtums. • Jürgen K. Zangenberg,
mern. Opfergaben, ein hierarchisch geordnetes Pilatus sah jedenfalls die Gefahr, schickte Ka- The Sanctuary on
Priestertum als geistige Elite und regelmäßige vallerie und Infanterie und metzelte die Menge, Mount Gerizim. Obser-
Wallfahrtsfeste waren auch bei den Samarita- die gerade den Garizim erklomm, ohne Zögern vations on the Results
nern zentral. Fragmente von hebräischen In- nieder. Wer dieser „Mann“ war, verrät Josephus of 20 Years of Excava-
schriften, die vor der Zerstörung durch Hyrka- nicht; deutlich sind aber die „messianischen“ tion, in: J. Kamlah /
nos im Bereich des monumentalen Aufgangs Erwartungen von Befreiung und Kultrestau- H. Michelau (ed.),
zum Heiligtum angebracht waren, bestätigen ration, die wir auch aus dem zeitgenössischen Temple Building and
dies. Sie nennen den Garizim in biblischer Ter- Judentum kennen, die dort aber anders biblisch Temple Cult: Architec-
minologie „heiligen Ort“ (maqom qadosch), verankert sind. Man muss also nicht über Da- ture and Cultic Para-
erwähnen „Hohepriester“ (kohen gadol) und vid, Königtum oder Menschensohn spekulie- phernalia of Temples in
„Priester“ (kohen), die zudem oft den program- ren, um als Samaritaner konkrete Hoffnung auf the Levant (2.-1. Mill.
matischen biblischen Namen Pinchas trugen Gottes befreiendes Eingreifen in der Zukunft B.C.E.). Wiesbaden
(„der Priester Pinchas, der Sohn Eleasars, des ausdrücken zu können. 2012, 399–418.
Sohnes Aarons“, Num 25,7). Die Opfer fanden • Jürgen K. Zangenberg,
auf einem freistehenden Opferaltar inmitten Ausblick High Noon at Jacob’s
des zentralen Platzes des Heiligtums statt. Das Was also glaubten die Samaritaner? Fest ge- Well. Jesus Taking a
Heiligtum war massiv befestigt, umfasste Hal- gründet auf ihrer Version der Bibel und einig Rest at Sychar in Sa-
len zur Beherbergung des Kultpersonals und in der Verehrung des Garizim teilten sie viele maria (John 4:4-6), im
von Pilgern und war mit starken Mauern umge- Auffassungen ihrer Jerusalemer Brüder und Druck für: P.N. Ander-
ben (vgl. S. 10). In späthellenistischer Zeit dien- Schwestern. Gott, Land und Kult standen im son (ed.), Archaeology,
te es zugleich als Akropolis des samaritanischen Zentrum. Die Unterschiede in der Auslegung John and Jesus. What
Hauptorts Luza, so der Name der erweiterten dieser speziellen biblischen Basis konstituier- Recent Discoveries
Tempelstadt. Das Heiligtum macht einen sehr ten die Samaritaner Schritt für Schritt als eige- Show Us About the
archaischen Eindruck und scheint bewusst auf ne, erkennbare Gemeinschaft. Zur Zeit Jesu wa- Jesus of History from
ein Tempelgebäude, wie es in Jerusalem stand, ren Samaritaner für Juden die „nahen Anderen“. the Fourth Gospel,
verzichtet zu haben. Wegen des umfassenden Weder waren sie Abtrünnige, noch verkappte Grand Rapids/Cam-
Garizimgebots blieb der Berg auch nach der Zer- Heiden, sondern Abkömmlinge des gemeinsa- bridge 2021.
störung des Heiligtums Kultzentrum (s. neben men biblischen Urgrunds von Juden, Christen
Joh 4,20 auch Inschriften von samaritanischen und Samaritanern. W

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welt und umwelt der bibel 2/2021 27
Die Samaritaner in den Evangelien

„... und betretet keine


Stadt der Samariter“
Ein schroffes Verbot aus dem Mund Jesu im Matthäusevangelium. Aber ist es
charakteristisch für Jesu Haltung zu den Samaritanern seiner Zeit? Und: Konnten
die Samaritaner für das Christentum gewonnen werden? Schwer zu sagen. Ein
davidischer Messias konnte sie jedenfalls nicht begeistern.
Von Martina Böhm

D
as Verbot für die Jünger ist schroff und einfach, vorerst in Galiläa zu bleiben, um sich
fällt aus dem Rahmen der Samaritaner- hier im Auftrag des wahren Hirten um die ver- Prof.in Dr. Martina Böhm
stellen des Neuen Testaments. Es steht lorenen Schafe zu kümmern. Das Verbot, in ist Professorin für Biblische
bei Matthäus am Anfang der sogenannten Aus- Städte der Samaritaner zu gehen, ist keine zeit- Exegese und Frühjüdische
Religionsgeschichte an
sendungsrede. Die zwölf Jünger erhalten von Je- los gültige Anweisung.
der Universität Ham-
sus den Auftrag, These 2: Die Samaritaner werden im Rah-
burg und gehört zu den
„nicht den Weg zu den Heidenvölkern zu gehen, men zeitgenössischer jüdischer Samarita- internationalen Fachleuten
keine Stadt der Samariter zu betreten, nerpolemik verstanden. Es geht um die Kluft für die samaritanische
sondern vielmehr zu den verlorenen Schafen zwischen den Heidenvölkern/Samaritanern Religionsgeschichte in
des Hauses Israel zu gehen.“ (Mt 10,5f ) und dem Haus Israel. Matthäus deutet an, dass den Jahrhunderten um die
Nur an dieser Stelle werden bei Matthäus die die Samaritaner für ihn nicht zum Haus Israel Zeitenwende.
Samaritaner überhaupt erwähnt. Die Angabe gehören, sondern allenfalls eine Größe zwi-
fällt so knapp aus, dass nicht eindeutig zu klären schen den Völkern und Israel sind. Vermutlich
ist, welches Verständnis der Verfasser von den
Samaritanern besessen hat. Man kann sich nur
auf Indiziensuche begeben und Hypothesen in Die Samaritaner haben die frühchristliche
Betracht ziehen:
These 1: Die Samaritaner werden als geo- Mission vor die Herausforderung gestellt,
grafische Nachbarn der galiläischen Bevölke- den Christusglauben weiterzudenken
rung wahrgenommen. Es geht um die Ortsan-
gaben. Auf der Erzählebene hält Jesus die Rede
in Galiläa, wo er bisher verheißungsgemäß nimmt er hier die zeitgenössische jüdische Sa-
seinen messianischen Auftrag erfüllt hat (vgl. maritanerpolemik auf, wie sie in 2 Kön 17,24-
Mt 4,12-16). Nun bezieht er die Jünger in den 41 angelegt ist und bei Josephus und später
Auftrag ein. Galiläa grenzte ringsum an Gebie- auch bei den Rabbinen zu finden war; er teilt
te, die mehrheitlich von Menschen „aus den ein Geschichtsbild, das sie als „Halbheiden“
Völkern“ besiedelt waren und im Süden lag die und Synkretisten verstand und in die Nähe der
Grenze zu Samarien nicht weit entfernt. Wenn „Völker“ rückte.
Jesus an dieser Stelle der Handlung Wege und These 3: Matthäus und seine Gemeinde
Orte verbot, die aus Galiläa herausführten, be- kannten das reale religiöse Profil der Sama-
deutet das auf der Erzählebene für die Jünger ritaner (mit These 1 kombinierbar). Sie wuss-

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Der gute Samariter, ten, dass das von Matthäus seit Kapitel 1 auf der auch öffneten, gab es eine Basis, nun auch zu al-
Rembrandt van Rijn, Grundlage prophetischer Schriften geformte len zu gehen.
1630. Der Samariter davidische Messiasbild bei den Samaritanern Aus dem Gesamtkontext des Evangeliums
bringt den verletzten keine Resonanz gefunden hätte und auch histo- heraus scheint plausibel, dass die Samaritaner
Reisenden zur Herberge risch wohl zu keiner Zeit gefunden hat. Die Sa- von Anfang an die frühchristliche Mission vor
und bezahlt den Wirt maritaner hatten zur jüdischen Schriftprophe- die Herausforderung gestellt haben, juden-
für dessen Versorgung.
tie und zu den Davidtraditionen keinen Bezug; christlich profilierte Christusbilder zu öffnen
Rembrandt verleiht der
die von ihnen erwartete Heilsgestalt orientierte und den Christusglauben so weiterzudenken,
© Peter Barritt / Alamy Stock Photo

Situation den Anschein


von Alltäglichkeit. Das sich an verheißenen Propheten wie Mose (Dtn dass sich auch die Hoffnungen der Samaritaner
Gleichnis im Lukas­ 18,15.18). So ließ Matthäus den irdisch wir- in Christus als erfüllt erwiesen. Lukas und Jo-
evangelium setzt die kenden Jesus und die Jünger bewusst in Galiläa hannes sind Beispiele für solche Bemühungen.
zeitgenössischen Vor- bleiben und nicht durch Samarien ziehen. Pro-
urteile gegen Samarita­ phetische Bezüge wie Jes 8,23-9,1 kamen ihm „... und sie kamen in ein samaritani-
ner ganz gezielt ein. hier entgegen. Erst auf der Grundlage von Passi- sches Dorf“ (Lukas 9,52)
Wallace Collection, on und Ostern, die das zeitgenössische jüdische Auch für den Judenchristen Lukas ist Jesus
London. Messiaskonzept nicht nur sprengten, sondern der davidische Messias Israels, in dem sich die

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welt und umwelt der bibel 2/2021 29
Verheißungen der Propheten erfüllen. Eine fallen zu lassen – Gott einschalten wollen, um
der Verheißungen ist Jes 49,6. Sie ist von drei durch seine Kraft ein Strafwunder zu inszenie-
endzeitlichen Hoffnungen getragen: Die zwölf ren (Lk 9,54, „Herr, sollen wir sagen, dass Feu-
Stämme Israels sollen neu aufgerichtet, die in er vom Himmel fällt und sie verzehrt?“). Dabei
die Diaspora Zerstreuten zurückgebracht und planen sie physischen Schaden für die Sama-
die Heidenvölker in das Heil Israels einbezogen ritaner von vornherein mit ein: Feuer soll sie
werden. Das lukanische Doppelwerk aus Evan- und ihr Dorf verzehren. Auch Jesus hat zu die-
gelium und Apostelgeschichte ist so konzipiert, ser Zeit keine Lösung im Sinne eines weiteren
dass der irdische Jesus und der erhöhte Christus Gesprächs mit den samaritanischen Dorfbe-
diese drei ineinandergreifenden Verheißungen wohnern anzubieten: „Da wandte er sich um,“
zur Erfüllung bringt. so heißt es, „und wies sie zurecht“ (Lk 9,55).
Während seiner irdischen Wirksamkeit be- Durch diesen Satz sind die Jünger gezwun-
ginnt Jesus mit der Wiederherstellung Israels gen, über den Gotteswillen und möglicher-
– und für ihn gehören die Samaritaner zu Is- weise auch über die speziellen Bedingungen
rael dazu. Auf dem Weg nach Jerusalem plant in einem samaritanischen Dorf noch einmal
Jesus, in einem samaritanischen Dorf Station nachzudenken. Die Eskalation des Konflikts ist
zu machen. Lukas hat die Bitte um eine Unter- verhindert worden. Am Ende der kleinen Ge-
kunft in seiner Erzählung vorbereitet: In der schichte heißt es: „Jesus und die Jünger gingen
Verklärungsgeschichte wird Jesus kurz zuvor in ein anderes Dorf“ (Lk 9,56). Hier wiederholt
von der Gottesstimme durch Anspielung auf sich nur, was sich schon in Galiläa ereignete
Dtn 18,15 mit dem „Propheten wie Mose“ und was auch in Jerusalem geschehen wird:
identifiziert (Lk 9,35). Durch diese Anspie- Der Retter Israels, der alle Verheißungen er-
lung integriert Lukas vermutlich die samarita- füllt, erfährt im Gottesvolk auch Abweisung.
Bezeichnenderweise erzählt Lukas in Apg
8,4-25, dass die Samarienmission nach Jesu
Jesus beginnt mit der Wieder- Tod und Auferstehung großen Erfolg hat. Im
chronologischen Aufriss der Apostelgeschich-
herstellung Israels – und für ihn te liegt der Erfolg aber in einer Zeit, in der der
gehören die Samaritaner dazu Jerusalemer Tempel für einen Teil der Christus­
gläubigen bereits unwichtig geworden war. Zu
ihnen gehörte auch der Samarienmissionar Phi-
nischen Heilshoffnungen in das Christusbild. lippus (Apg 8,1-5). Lukas gibt hier wieder, was
Die Samaritaner lehnen die Bitte um Aufnahme auch historisch plausibel sein könnte: Der Ent-
jedoch ab (Lk 9,53 „Aber man nahm ihn nicht stehung eines samaritanischen Christentums
auf, weil er auf dem Weg nach Jerusalem war“). könnte neben einer entsprechenden Ausrich-
Der Knackpunkt ist Jerusalem: Jesu endzeitli- tung des Christusbildes entgegengekommen
che Wiederaufrichtung Israels ist an die Stadt sein, dass in Teilen der frühchristlichen Mission
gebunden und Jerusalem war für die Samarita- der Jerusalemer Tempel als Ort der Gottesver-
ner gerade nicht der Ort ihrer eschatologischen ehrung relativiert werden konnte. In der Apo-
Hoffnungen. Auf der Erzählebene wissen die stelgeschichte hat die weitere endzeitliche Auf-
ungastlichen, auf den „Propheten wie Mose“ richtung und Sammlung des Gottesvolkes in
hoffenden Samaritaner nicht, was Mose (!) und Samarien aber auch Erfolg, weil die Zielrichtung
Elija gerade zuvor auf dem Berg der Verklärung der Missionare im Auftrag des Auferstandenen
zu Jesus geredet hatten, sondern nur die Leser von Jerusalem weg und u. a. zu den Samarita-
des Evangeliums: dass sein Ende sich in Jerusa- nern hin verläuft (Apg 1,8). Jetzt zeigen sie eine
lem erfüllen sollte (Lk 9,31; nur das Lukasevan- offene Haltung und nehmen die Botschaft auf
gelium hat diese Bemerkung) und er deshalb (Apg 8,14).
dorthin ziehen musste. Auch die fiktionale Geschichte vom barm-
Was danach im Erzählablauf geschieht, herzigen Samariter (Lk 10,30-35), mit der Jesus
ist bezeichnend für den unter der Oberfläche auf die Frage eines Schriftgelehrten nach dem
schwelenden religiösen Konflikt, der seit has- ewigen Leben und dem rechten Verständnis des
monäischer Zeit zwischen beiden Gruppen ge- Doppelgebots der Liebe reagiert (Lk 10,25-29),
wachsen war: Die Jünger sind über die Abwei- zeigt eine relativierende Haltung gegenüber
sung Jesu so erbost, dass sie in Anlehnung an dem Jerusalemer Tempel. Der Samaritaner ist
Elijas Worte in 2 Kön 1,10-14 – wo Elija Gott Gegenfigur zu Priester und Levit, die aus Jerusa-
bittet, Feuer auf die Soldaten des Königs Ahasja lem – vorausgesetzt wird: vom Tempeldienst –

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Fundort der Inschriften

Ruinen an der Küste der Insel Delos


Auf Delos befand sich einige Hundert Meter
außerhalb des hellenistischen Stadtzentrums
ein deutlich separiertes Viertel. Hier kann man
Ruinen aus der Zeit um 100 vC sehen, die eine
jüdische, vielleicht auch samaritanische Syna­
goge gewesen sein könnten. Ca. 100 m nördlich
von diesem Gebäude wurden die samaritani­
schen Inschriften gefunden.

Die samaritanische Diaspora: Als es


Gemeinden im Mittelmeerraum gab
Eine der zwei sogenannten Delos- Bis in das späte 1. Jh. nC sind die „Samaritaner“ außerhalb Palästinas kaum als
inschriften, die belegen, dass Samarita­
eigene, vom Judentum abzugrenzende Größe wahrgenommen worden, weil sie sich
ner im Mittelmeerraum lebten. Sie nennt
von jüdischen Gruppen nur in der Frage des Kultorts in Palästina unterschieden.
„Israeliten zu Delos, die ihre Opfer(gaben)
zum heiligen Garizim bringen.“ Nur wo der Kultort erwähnt wird oder Inschriften (aus einer Synagoge) in samarita-
nisch-hebräischer Schrift abgefasst sind (Sizilien, 2. Jh.; Thessaloniki, 4.–6. Jh.), lassen
sich sichere Aussagen zur Verbreitung der samaritanischen Diaspora treffen. Grab­
inschriften, die Menschen aus Samarien erwähnen (Kleinasien, Rhodos, Athen, 1.–2.
Jh. nC), bleiben im Hinblick auf ihre religiöse Herkunft unsicher. Sie zeigen aber, dass
es eine breitere Migration aus Samarien in die Mittelmeerwelt hinein gegeben hat.
Belege für eine samaritanische Diaspora in Ägypten liegen für das 3. und 2. Jh. vC
in Form von Notizen bei Josephus vor (Jos Ant 12,7-10; 13,74). Quellenangaben aus
dem späten 4. Jh. nC und der byzantinischen Zeit kommen hinzu. Die mit Abstand
wichtigsten Belege wurden 1979 auf der Kykladeninsel Delos gefunden. Es handelt
sich um zwei epigrafische Selbstzeugnisse aus der Zeit zwischen dem 3.–1. Jh. vC,
in denen „Israeliten auf Delos, die ihre Opfer(gaben) zum heiligen Garizim darbringen“
erwähnt werden. Mit den Inschriften werden Wohltäter aus Knossos und Herakleion
geehrt. Einer der beiden hatte finanzielle Mittel für die samaritanische Synagoge
oben © Holylandphotos.org; Delosinschriften © D. R.

auf Delos zur Verfügung gestellt. Wenn die Wohltäter Samaritaner waren, würden
die Inschriften auf eine stärkere Präsenz von Diasporasamaritanern in der Ägäis
Die zweite Inschrift lautet: hinweisen.
„[Die] Israeliten [auf Delos], die ihre Die Bevölkerung Samariens ist seit hellenistischer Zeit von den gleichen politischen
Erstlingsopfer an das heilige Heiligtum und wirtschaftlichen Veränderungen wie auch militärischen Maßnahmen erfasst
auf dem Berg Garizim darbringen, ehren worden wie die Bevölkerung der Nachbarregionen Judäa und Galiläa. So ist auch
Menippos, den Sohn des Artemidoros von
mit einer von Samarien ausgehenden Diaspora zu rechnen, die sich gemeinsam mit
Heraklion, ihn und seine Nachkommen für
der jüdischen Diaspora entwickelt und sich im gesamten Mittelmeerraum verbreitet
die Bereitstellung und Widmung seines
eigenen Vermögens für die Synagoge des hat. Auch die Größe und architektonisch auf zahlreiche Pilger hin konzipierte An-
Gottes ... und der Wände ..., und krönen lage des Heiligtums auf dem Garizim ist kaum zu erklären ohne die Existenz einer
ihn mit einer Goldkrone ...“ größeren Diaspora. (Martina Böhm)

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mit der Erzählung ad absurdum geführt. Auch
diese Erzählung relativiert indirekt die Bedeu-
tung der beiden unterschiedlichen Kultorte von
Juden und Samaritanern und verweist auf den
für beide Teile des Gottesvolkes gemeinsamen
endzeitlichen Ort der Gottesverehrung: Jesus
Christus. Ein Samaritaner hat das hier aufgrund
seiner Christusbegegnung als Erster und auch
noch vor Ostern erkannt. Was ihn auf der Er-
zählebene von seinen abweisenden Glaubens-
genossen in Lk 9,51-56 unterscheidet, ist seine
Offenheit: er hat Vertrauen gewagt, obwohl Je-
sus in Richtung Jerusalem unterwegs war.

„... er musste aber den Weg durch


Samarien nehmen“ (Joh 4,4)
Auffällig ist die große Nähe in der Bewertung
und theologischen Wahrnehmung der Sama-
ritaner durch Lukas und Johannes. Ein Kon-
zept der Gottesverehrung, das sich in Christus
begründet und alle Gruppen innerhalb Israels
(und darüber hinaus) integriert, findet sich auch
Jesus begegnet der zurückkehren und nach dem Gottesdienst nun im Johannesevangelium – genauer in der theo-
samaritanischen Frau bei der Nächstenliebe im Alltag auf der Straße logisch stark gestalteten, vielschichtigen Erzäh-
am Brunnen. Beide re­ gegenüber einem Hilfsbedürftigen skandalös lung von der Begegnung Jesu mit einer samari-
den über ihre Religion, versagen und damit wohl auch an ihrem ewigen tanischen Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4,4-42).
über die Geschichte Leben vorbeilaufen. Der Samaritaner hingegen In Joh 1,41.45 wurde Jesus als der Messias
von Juden und Sama­ demonstriert, wie der Zusammenhang zwi- vorgestellt, von dem Mose im Gesetz und von
ritanern und über die
schen Gottes- und Nächstenliebe gemeint ist. dem die Propheten geschrieben haben. Beim
Bedeutung der Heilig­
Er erweist sich als wahrer Israelit und wohl auch Schriftzeugnis des Mose dürfte es sich um die
tümer – in Jerusalem
und auf dem Garizim. als einer, der sich um die Ausgangsfrage des Ge- für die Samaritaner wichtige Hoffnung auf den
Quintessenz ist, dass setzeslehrers („was muss ich tun, um das ewige „Propheten wie Mose“ (Dtn 18,15.18) han-
die heiligen Orte nicht Leben zu erben?“) keine Sorgen machen muss. deln. Johannes bringt diese Hoffnung und die
mehr wichtig sind. Ort Wer auch immer diese Erzählung erdacht hat jüdische Hoffnung auf den prophetisch verhei-
der Anbetung ist der (Jesus? Lukas?), hat die jüdischen Vorurteile ge- ßenen königlichen Messias zusammen. Für ihn
Glaube an Jesus. genüber Samaritanern geschickt zur kritischen sind sie in Jesus, dem „König von Israel“ (1,49),
Mosaik in Sant‘ Selbstreflexion bei seinen Adressaten genutzt. vereint. Er ist der endzeitliche Gesandte Got-
Apollinare Nuovo, Die Erzählung von den zehn Aussätzigen in tes, auch wenn er nicht alle der traditionellen
Ravenna. Lk 17,11-19 geht noch einen Schritt weiter. Erwartungen erfüllt. Dieser Anstoß kann in
Aus der Gruppe der Geheilten erkennt nur ein der Sicht des Johannes nur in der unmittelba-
Samaritaner den angemessenen Ort des Dan- ren Begegnung mit Jesus überwunden werden.
kes gegenüber Gott: Jesus. Das bedeutet für Auch davon erzählt Joh 4,4-42. Am Fuße des
Berges Garizim kommt es zu einem Gespräch
zwischen Jesus und einer samaritanischen Frau.
Wer immer diese Erzählung erdacht hat, Es gibt Irritationen und bisherige Vorstellungen
werden durchkreuzt, im Kern der Erzählung
hat die jüdischen Vorurteile gegenüber geht es jedoch um den richtigen Ort für die
Samaritanern geschickt genutzt Anbetung Gottes (Joh 4,20). Jesus repräsen-
tiert für einen Moment das exklusive jüdische
Selbstverständnis (Joh 4,22: „das Heil kommt
ihn Rettung (Lk 17,19). Dass er kurz zuvor als von den Juden“) und nimmt auch die traditi-
„Fremder“ (Lk 17,18) bezeichnet wurde, kann onell-jüdische Samaritanerpolemik auf („ihr
© public domain

eine ironische Anspielung auf die seit hasmo- betet an, was ihr nicht kennt“), verweist dann
näischer Zeit aufgekommene Tendenz sein, jedoch auf ein neues, der Heilszeit entsprechen-
Samaritaner in polemischer Weise als „Aus- des Konzept für die Gottesverehrung, das beide
länder“ zu kennzeichnen. Diese Tendenz wird Kultorte relativiert: Gott will im Geist und in

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Die Samaritaner in den Evangelien

der Wahrheit angebetet werden (Joh 4,23f ). Im Könnten sich Christusgläubige und Samarita-
Fortgang des Gesprächs wird deutlich, dass das ner/innen in der Diaspora begegnet sein? Davon
im Glauben an Jesus geschehen soll. In diesem ist auszugehen, auch wenn es im Neuen Testa-
Glauben wird die Gemeinschaft aller seiner Ver- ment keine ausdrücklichen Belege dafür gibt. Die
ehrer zusammengeschlossen und von jedwe- Bezeichnung „Samaritaner“ für JHWH-treue,
dem Kultort gelöst. Am Ende der Erzählung hat kultisch auf den Garizim orientierte Menschen
Jesus viele Samaritaner für das mit ihm verbun- begegnet erst am Ende des 1. Jh. nC in den Evan-
dene Heilsangebot gewonnen. Sie bekennen ihn gelien und bei Josephus. Sie ist also eine späte
als „Retter der Welt“ (Joh 4,42) und nehmen
damit sogar eine universale Perspektive ein.
Ob Johannes hier ein Konzept anbietet, das Johannes wollte dann zeigen, dass
noch auf seine Realisierung wartet oder ein
bereits bestehendes Christentum in Samarien Jesus selbst die theologischen Strei-
nachträglich theologisch einordnet, ist schwer tigkeiten zwischen den beiden Teilen
zu entscheiden. Wegen der zeitgleichen Erwäh-
nung eines frühen Christentums in Samarien des Gottesvolkes überwunden hat
in der Apostelgeschichte spricht mehr für die
zweite Möglichkeit. Johannes wollte dann das
existierende samaritanische Christentum als Fremdbezeichnung, die sich vielleicht erst in die-
durch Jesus selbst begründet erweisen und zei- ser Zeit zu etablieren begonnen hat. Nach ihren
gen, dass Jesus selbst die theologischen Streitig- Selbstzeugnissen haben sich die „Samaritaner“
keiten zwischen den beiden Teilen des Gottes- als Angehörige Israels verstanden, nachweislich
volkes überwunden hat, weil sich im Glauben in der östlichen Mittelmeerdiaspora, d. h. in ei-
an ihn die eschatologischen Hoffnungen beider nem geographischen Raum, in dem auch Paulus
Parteien erfüllten. missionarisch aktiv war. Sollte Paulus „Samari-
tanern“ in der Diaspora begegnet sein, hätte er
Das Lukas- und Johannesevangelium sie als „Israeliten“ ansprechen müssen. Mit die-
gewähren überraschende Einblicke sen Überlegungen lassen sich einige paulinische
Das Lukasevangelium wie auch das Johannes- Text mit anderen Augen lesen: Wenn Paulus von
evangelium zeigen, dass man am Ende des 1. „Israel“, „Israeliten“ (Röm 9,4.6; 2Kor 11,22)
Jh. nC im judenchristlichen Bereich Folgendes und „Beschneidung“ redet (1Kor 7,18; Gal
wissen konnte: In Samarien haben jerusalem- 2,7-9), könnte er bewusst – vorsichtshalber oder
kritische, aber JHWH-treue und toraobservan- aus realer Kenntnis heraus – inklusiv wirkende
te Bevölkerungsteile gelebt, die sich zum Got- Terminologie verwendet haben, die die „Sama-
tesvolk Israel zählten. Beide Evangelien zeigen ritaner“ in der Diaspora prinzipiell einschloss,
sich erstaunlich wenig ideologisch ausgerichtet selbst wenn es sie vor Ort faktisch nicht gegeben
und gewähren auf überraschende Weise Ein- hat. Auch die berühmte Jerusalemer Abmachung
blick in eine sonst weitgehend verschwiegene von Gal 2,9 („wir zu den Heiden, sie aber zu Be-
oder tendenziös dargestellte Realität. schneidung“) bekommt dann eine erweiterte
Bei allen Samaritanertexten in den Evangeli- Dimension, bei dieser Formulierung wären die
en handelt es sich um Sondergut. Da das Ver- „Samaritaner“ mitgedacht. W
gleichsmaterial fehlt, ist kaum zu sagen, ob und
in welchem Umfang die Texte auf ältere Traditi-
onen zurückgehen und Anhalt am historischen
Jesus haben. Die kleine Erzählung in Lk 9,51-56
spiegelt eine zumindest für den historischen Lesetipps
Jesus gegebene Möglichkeit und könnte Reflex • Martina Böhm, Jesu Verhältnis zu den Samaritanern, in: J. Schröter/
einer Erinnerung daran sein, dass er mit seiner Christine Jacobi (Hg.), Jesus Handbuch, Tübingen 2017, 356–361.
Botschaft und dem Verständnis des eigenen • Martina Böhm, Samaritanische Diaspora im Imperium Romanum bis
Auftrags bei den Samaritanern kaum oder nur ca. 200 n. Chr., in: Stefan Alkier/Hartmut Leppin (Hg.), Juden – Heiden
bei Einzelnen (Lk 17,11-19) Fuß fassen konnte. – Christen? Religiöse Inklusion und Exklusion in Kleinasien bis Decius,
Kontakte könnte es gegeben haben, die auf Je- Tübingen 2018, 171–196.
rusalem ausgerichtete Vollendung seiner Mis- • Martina Böhm, - Samaritans in the New Testament,
sion für das ganze Gottesvolk Israel ließe einen in: Reinhard Pummer (ed.): Exploring Samaritanism, Religions 2020,
weitreichenden Misserfolg Jesu in Samarien 11 (3) 147; doi.org/10.3390/rel11030147, 1-16.
historisch allerdings auch plausibel erscheinen.

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Die Bedeutung des Samaritanischen Pentateuchs

Lektion über die Vielfalt


der Bibel
Stefan Schorch ist einer der international kenntnisreichsten Experten für die
heilige Schrift der Samaritaner, den Samaritanischen Pentateuch. Der Samarita-
nus hat eine besondere Geschichte, die auch Licht auf die Geburtsstunde
unseres Alten Testaments wirft.

WUB: Angenommen, jemand käme im Zug mit Ihnen ins Ge- genstand des Interesses. In den 1860er-Jahren kamen die ers-
spräch und Sie würden erzählen, dass Sie die Arbeitsstelle ten Orientalisten nach Nablus, darunter der Sachse Julius Pe-
Samaritanerforschung leiten. Der Mitfahrende muss gleich termann. Er hat dort Manuskripte erworben. Zudem nahmen
aussteigen, möchte aber vorher noch wissen: „Und was ma- organisierte Pilgerreisen Nablus und die Samaritaner in ihr
chen Sie da?“ Was würden Sie antworten? Programm auf, vor allem das Pessachopfer erlangte Berühmt-
Stefan Schorch: Wir versuchen, der Vielfalt in der biblischen heit. In Deutschland, England und den Vereinigten Staaten er-
Überlieferung Rechnung zu tragen. Wenn man eine deutsche schienen dann bald jährlich um Ostern herum Pilgerberichte
Bibelübersetzung zur Hand nimmt, erweckt sie den Eindruck, vom Garizim. Die Samaritaner haben schnell festgestellt, dass
das sei ein Buch. Aber in der originalsprachlichen Überliefe- das westliche Interesse eine beträchtliche Einnahmequelle
rung ist das gar nicht so. Speziell für die ersten fünf Bücher, war, aber auch Protektion bedeutete. Zu den beliebten Souve-
den Pentateuch, ist die Überlieferung der Samaritaner diesbe- nirs gehörten auch Handschriften. Ab den 1880er-Jahren lief
züglich von großer Bedeutung – und die erforschen wir. der Verkauf häufig über professionelle Handschriftenhändler,
Wie sind Manuskripte des Samaritanischen Pentateuchs etwa in Kairo und Jerusalem. Zudem gab es auch Samaritaner,
eigentlich nach Europa gelangt – und wieso ist man auf die die seit den 1870ern auf eigene Faust nach London gereist
samaritanische Überlieferung aufmerksam geworden? sind und dort Manuskripte angeboten haben. Einer hat dabei
In den Westen gelangt ist das erste Exemplar des Samaritanus wohl auch Schriften mitgenommen, die nicht ihm persönlich,
Anfang des 17. Jh. Historisches Wissen über die Samaritaner sondern der Gemeinde gehörten, was ihm Ärger einbrachte.
war in Europa allerdings schon vorher vorhanden – und zwar
sowohl bei Juden als auch bei Christen, etwa durch die Erzäh-
lung vom barmherzigen Samariter. Aber auch bei den Kirchen- Prof. Dr. Stefan Schorch
vätern und in der antiken und mittelalterlichen jüdischen Lite- ist Professor für Bibel­
ratur finden sich zahlreiche Beschreibungen von Begegnungen wissenschaften an der Uni­
mit Samaritanern. Als dann in osmanischer Zeit eine verstärk- verstität Halle-Wittenberg.
te Reisetätigkeit einsetzte, es gab sogar europäische Konsule in Er leitet die „Arbeitsstelle
Istanbul und in Damaskus, da hat ein italienischer Reisender Samarita­nerforschung“, die
1616 ein Manuskript des Samaritanus in Damaskus gekauft. nicht nur eine kritische
Dieses Exemplar hat das Bild des Samaritanus in der europäi- Edition des Samaritanischen
Pentateuchs erstellt, sondern
schen Bibelwissenschaft bis ins 20. Jh. hinein bestimmt.
die gesamte samaritanisch-
Stimmt es, dass Samaritaner ihre Manuskripte aus wirt-
arabische Literatur ab dem
schaftlicher Not verkaufen mussten? 11. Jh. in den Blick nimmt.
Wir wissen über die wirtschaftlichen Hintergründe dieser Ziel ist, die samaritanische
frühen Käufe nichts. Was Sie ansprechen, bezieht sich auf die Überlieferung in einer
zweite Hälfte des 19. Jh. Da war die samaritanische Gemein- multireligiösen Umwelt zu
© privat

de, die seinerzeit ausschließlich in Nablus lebte, extrem arm, verstehen.


gleichzeitig aber für Forschende und Pilger zunehmend Ge-

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Doch erzielte er durch die Verkäufe, sogar an das
British Museum, sowie auch durch Vortragsabende
in London beträchtliche Einkünfte und zudem eine
weitere Bekanntheit der Samaritaner.
Wo befinden sich heute die wertvollsten Sama-
ritanus-Handschriften?
Wir haben eine wichtige und sehr schöne in Leip-
zig. Wichtige Sammlungen befinden sich in Dub-
lin in der Chester Beatty Library, in London in der
British Library, in der Universitätsbibliothek von
Cambridge, in der Pariser Nationalbibliothek, zu-
dem in Manchester, New York, Princeton, Istan-
bul, Jerusalem und natürlich in Nablus selbst. In
St. Petersburg befinden sich sehr alte Manuskript-
fragmente, weil ein karäischer Reisender – Abra-
ham Firkowich – den Samaritanern ganze Bücher-
schränke abgekauft hat, die jetzt in der Russischen
Nationalbibliothek sind. Die ältesten erhaltenen
Handschriften stammen aus der zweiten Hälfte
des 12. Jh., die älteste vollständig erhaltene – vom
ersten Wort der Genesis bis zum letzten im Deu-
teronomium – wurde 1326 abgeschrieben. Es han-
delt sich dabei übrigens um Codices, also Bücher!
Die Torarolle hat bei den Samaritanern eine andere
Funktion als im Judentum; sie dient nur dazu, die
Präsenz der Tora im Gottesdienst oder bei den Pil-
gerwegen auf den Garizim zu symbolisieren. Aber
sie wird nicht zum Lesen verwendet. Für die Text-
forschung sind also Codices wichtig, auch wenn
die Torarollen prächtig präsentiert werden.
Was sind das für merkwürde Schriftzeichen im Text zusammenzusetzen – vermeintlich die Ur- Eine Seite aus
Samaritanus? form. Dagegen spricht zweierlei: Einerseits bieten einer Samarita-
Die Zeichen erscheinen uns nur so seltsam, weil die überlieferten Texte kaum überzeugende Krite- nus-Handschrift
wir auf einem anderen Ast der Schriftgeschichte rien, welche Variante älter und welche jünger ist. mit dem Text von
Numeri 34. Es ist
sitzen. Die Samaritaner verwenden bis heute die Und zweitens verweisen schon die ältesten Text-
eine geografische
althebräische Schrift, Juden aber die ursprünglich zeugen darauf, dass der überlieferte Text über-
Beschreibung des
aramäische Schrift. Noch um die Zeitenwende, haupt nicht einheitlich war. Ein Beispiel: In Gene- Gelobten Landes:
etwa in Qumran, sind im Judentum beide Schrif- sis 2,2 steht, Gott habe seine Schöpfungsarbeit am Die grafische Ge-
ten parallel verwendet worden, ebenso auch bei siebten Tag beendet und am siebten Tag geruht. staltung entspricht
den Samaritanern. Vielleicht unter dem Eindruck Hat er nun die Arbeit beendet oder geruht? In der dem Text, indem sie
der sich formenden Gruppenidentitäten und einer Septuaginta, der griechischen Übersetzung, wie die Gebiete der vier
Frontstellung zwischen Juden und Samaritanern auch in allen bekannten hebräischen Samarita- Himmelsrichtungen
wurde die aramäische zur Schrift des Judentums, nushandschriften steht, er habe am sechsten Tag voneinander trennt;
wohingegen die Samaritaner die althebräische die Arbeit beendet und am siebten Tag geruht. Im beim ruhenden Pol
Schrift fortgeführt haben. Und diese hat ihre Form samaritanischen Targum, der in das 1./2. Jh. nC in der Mitte der
Seite ist der Berg
seither tatsächlich weitestgehend bewahrt. zurückgehenden Übersetzung des Samaritanus
Garizim stilisiert,
Sie geben eine kritische Edition des Samaritanus ins Aramäische, steht aber wie im Masoretischen
als Zentrum des
heraus und sichten Tausende von Text­varianten. Text, Gott habe am siebten Tag die Arbeit been- Heiligen Landes.
Was genau wollen Sie herausfinden und besser det. Daher zeigt sich, dass auch die Samaritaner, Kopiert im Jahr
verstehen? Geht es um den ältesten Text? ebenso wie das antike Judentum, beide Textvari- 1211, John Rylands
© University of Manchester

Der Versuch, die älteste Form des Samaritanus zu anten gekannt und überliefert haben. Beide sind Library, University
rekonstruieren – das war 1914–1918 das Projekt also Bestandteile der samaritanischen Überliefe- of Manchester.
meines Vorgängers August Freiherr von Gall. Er rung, obwohl sie sich zu widersprechen scheinen,
hat versucht, aus verschiedenen Handschriften ebenso wie man nicht sagen könnte, welche der
die jeweils vermeintlich älteste Textvariante zu beiden Varianten besser zur jüdischen Überliefe-
entnehmen und diese Varianten zu einem neuen rung passt, weil sich dort beide finden – die Sep-

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tuaginta ist ja ursprünglich eine jüdische Überset- ferung reduziert worden, bei den Samaritanern
zung. Die alten Handschriften zeigen folglich die blieb sie demgegenüber deutlich sichtbar erhalten.
Variantenvielfalt des biblischen Textes, die sich im Übersetzungen unseres christlichen Alten Tes-
Laufe der Überlieferung verändert und dabei bis- taments basieren heute meist auf dem Masore­
weilen auch vermehrt hat, die aber andererseits die tischen Text. Hat der Samaritanus für unser
Texte der Hebräischen Bibel immer schon geprägt Textverständnis eine Bedeutung?
zu haben scheint. Im Unterschied zu den Samari- Nach dem Samaritanischen Pentateuch Dtn 27,4
tanern gibt es im Judentum die Vorstellung eines soll der Altar, den die Israeliten nach der Über-
querung des Jordan als ersten Altar überhaupt im
Gelobten Land bauen, auf dem Berg Garizim ste-
„In den Textfunden von Qumran sehen wir hen: Der Berg Garizim ist das Heiligtum der Sa-
maritaner. Im Masoretischen Text steht aber nicht
noch die Vielfalt: Eine einzige jüdische Garizim, sondern Ebal, ebenso in der Septuaginta.
Gruppe hat alle drei Texttypen gekannt “ Was ist „richtig“? Weil sich diese „samaritani-
sche“ Lesung auch in einer altlateinischen Hand-
schrift aus Lyon, aus dem Griechischen übersetzt,
Mustertextes der Hebräischen Bibel, und die wich- findet, kann man zu Recht argumentieren, dass
tigen mittelalterlichen Handschriften, v. a. Codex die Variante Garizim nicht auf eine Korrektur des
Die Entste-
Petropolitanus und Codex Aleppo, gehen auf das Bibeltextes zurückgeht, sondern den älteren Text
hung des
Samaritanus Bestreben zurück, solche Musterhandschriften zu des Deuteronomium bewahrt. Die samaritani-
produzieren. Aber deren Text ist das Ergebnis von sche Behauptung, dass sich das Zentralheiligtum
Reduktion der älteren textlichen Vielfalt, und eben Israels auf dem Garizim befindet, konnte sich
4. Jh. vC
nicht der ursprüngliche Zustand. darauf stützen, der jüdische Fokus auf Jerusalem
Die Tora wird im
Wesentlichen In welchem Verhältnis stehen Masoretischer aber wurde dadurch infrage gestellt. Aus diesem
festgelegt Text, Samaritanus und Septuaginta zueinander? Grund änderten jüdische Schreiber im 2. Jh. vC
Heute handelt es sich dabei um die heiligen Tex- den Text zu Ebal – damit steht der erste Altar nach
3.–1. Jh. vC te dreier Gruppen: Die Septuaginta ist eine antike Dtn 27,13 auf dem Berg der Fluchsprüche und es
Variationen jüdische Übersetzung ins Griechische, die dann wird plausibel, warum Israel später ein neues Hei-
entwickeln sich zum griechischen Alten Testament der Kirche ligtum in Jerusalem errichtete. Der Samaritanus
geworden ist. Der Samaritanus ist der Pentateuch bewahrt hier also den älteren Text. Der stellt aber
1./2. Jh. nC der Samaritaner, der Masoretische Text der jüdi- auch aus christlicher Perspektive eine Herausfor-
Masoretischer sche Bibeltext. Im 3.–1. Jh. vC. wurden diese und derung dar: Das Christentum hängt geistesge-
Text (MT)
weitere Textversionen nebeneinander überliefert, schichtlich eben nicht von den Garizim-Traditio-
Judentum
ohne dass es eine Zuordnung zu verschiedenen nen ab, sondern vom jüdischen Zion. Dieses sehr
Septuaginta religiösen Gruppen gab – erst später haben be- spannende Detail ist also bestens geeignet, uns die
(LXX)
stimmte Gruppen jeweils eine bestimmte Versi- sehr komplexen Wurzeln unser Identität vor Au-
Christentum
on als „ihren“ Text in Anspruch genommen und gen zu führen und zur intensiven Auseinanderset-
Samaritanus überliefert. Ob es Gründe für diese Auswahl gab zung mit ihnen anzuregen!
(Sam)
oder schlicht der Zufall waltete, wissen wir nicht. Der Samaritanische Pentateuch zeigt also, dass
Samaritaner
In den Textfunden von Qumran sehen wir noch die Textgrundlage unserer alttestamentlichen
die Vielfalt: Eine einzige jüdische Gruppe hat alle Schriften immer variabel war …
drei Texttypen gekannt, und dazu noch weitere! Genau. Zwar handelt es sich auch oft um Quis-
Die etwas jüngeren Handschriftenfunde von an- quilien, deren Bedeutung wir nicht übertreiben
deren Orten in der Judäischen Wüste entsprechen sollten – das Alte Testament zeichnet sich im
demgegenüber auschließlich dem Masoretischen Vergleich zu anderen antiken Texten durch seine
Text. Es ist also zu einer Reduktion der Textviel- extrem stabile Textüberlieferung aus. Nicht selten
falt gekommen – diese Gruppe hat einen einzigen aber haben kleine Variationen große theologische
Text favorisiert. Warum und wieso, das wissen Tragweite, wie etwa die genannten in Bezug auf
wir nicht. Diese Vereinheitlichungstendenzen den Sabbattag oder die Frage, ob Jerusalem wirk-
haben sich im Judentum in der Folge weiter aus- lich ein heiliger Ort sei. Und manchmal finden
geprägt, bis hin zu der Vorstellung, der vereinheit- sich auch Abweichungen in ganzen Textzusam-
lichte Text stelle die ursprüngliche Textform dar. menhängen, so etwa in Exodus 4,24-26, wo Zip-
Dabei findet sich noch in spätantiken und mittel- pora und Mose mit ihrem kleinen Sohn Gott be-
alterlichen jüdischen Quellen durchaus auch das gegnen und dieser Mose töten will. Zippora hebt
Bewusstsein textlicher Vielfalt. Dennoch ist im einen scharfen Stein auf, beschneidet ihren Sohn
Judentum die Textvielfalt im Laufe der Überlie- und berührt mit der blutigen Vorhaut ihren Mann,

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der dadurch offensichtlich geschützt ist. Der Neue Erkenntnisse zum Verhältnis von Qumran und Samaritanus
Samaritanus überliefert diese Passage völlig
anders: Gott wollte Mose nicht töten, sondern
zur Pflichterfüllung antreiben, und Zippora
Verwickelte Textgeschichte
versteht in diesem Moment, dass ihr Mann als Eine aktuelle Studie u. a. zur Numeri-Rolle 4QNumb zeigt, wie
Prophet in direkter Berührung mit Gott stehe
knifflig es ist, um die Zeitenwende „echt-samaritanische“ Text-
und deswegen keine sexuellen Beziehungen zu
ihr haben dürfe. Auch in Num 12,1 geht es um varianten auszumachen. Von Kirsten M. Schäfers
Mose: Nach dem Masoretischen Text war er
mit einer ischah kuschit verheiratet, einer Frau
mit schwarzer Hautfarbe. Da Zippora aus Ara-
bien kam, hatte sie vermutlich keine schwarze Die wichtigen Textfunde aus den
Haut – wer also ist diese namenlose Frau und Höhlen am Toten Meer haben auch
wann hat Mose sie geheiratet? Die Samaritaner die textgeschichtliche Bewertung Teile der
lesen an dieser Stelle nicht kuschit, sondern ka- der samaritanischen Texttradition Numeri-Rolle
schit: eine „schöne“ Frau. Und damit sei Zip- (Sam) verändert. Sie sind ca. 900– 4QNumb –
pora gemeint, mit anderen Worten: Mose und 1500 Jahre älter als die bekannten äl­ sie helfen zu
Zippora schliefen zwar nicht mehr miteinan- testen samaritanischen Handschrif­ verstehen, wie
der, blieben aber weiterhin ein Ehepaar. ten und auch 1000–1300 Jahre älter die samaritani-
Sie bringen auch ein Samaritanisch-Hebrä- als die vorliegenden mittelalterli­ sche Text-
isches Lexikon heraus, in Zusammenarbeit chen hebräischen Komplett­ kodizes tradtion
mit Forschenden aus Israel und Norwegen: des Masoretischen Textes (MT). Ca. entstan-
den ist.
Wieso all diese Arbeit dafür, dass die sama- 91–96 Rollen aus der judäischen
ritanische Tradition erhalten bleibt? Was be- Wüste haben Bücher des Pentateuch
wegt sie? enthalten. Für das 3. Jh. vC bis ins
Wir können komplexe Zusammenhänge nicht 1. Jh. nC bezeugen sie die parallele
verstehen, wenn wir sie auf das reduzieren, Existenz varianter Textgestalten. 5–13 Handschriften weisen eine auffällige
was wir als das Wichtigste zu sehen gewohnt Dichte von Übereinstimmungen mit Sam gegen MT auf. In 2–5 dieser Hand­
sind. Vielmehr müssen wir, bildlich gespro- schriften sind die Übereinstimmungen derart signifikant, dass auf eine gene­
chen, auch von den Rändern unser eigenen tische Verbindung mit der samaritanischen Texttradition geschlossen wurde.
Wahrnehmung her denken. Das gilt für unsere Das wichtigste Indiz sind die großen Textüberschüsse, die für Sam charakteris­
Identität als Christinnen und Christen genau- tisch sind: Von ihnen finden sich sehr viele in diesen Qumran-Handschriften.
so wie für den biblischen Text: Es mag bequem Sie belegen, dass Sam „präsamaritanische“ Vorläufer hat und auf eine Textform
und aus theologischer Perspektive vielleicht zurückgeht, die auch in Qumran überliefert wurde – und die deshalb nicht als
sogar hilfreich erscheinen, an eine einzige wei- spezifisch samaritanisch gelten kann. In der jüngsten Forschung wird aber
testgehend unveränderliche Hauptüberliefe- auch klar, dass eine präsamaritanische Vorstufe der Texte eben nicht unmittel­
rung zu glauben, aber das trifft die Wirklich- bar in eine darauffolgende samaritanische Phase übergeht, vielmehr sind viele
keit des biblischen Textes eben gerade nicht Details der verwickelten Textgeschichte immer noch ungeklärt.
und führt daher nicht zu einem angemessenen So sind zwei Fragen, die die Forschungsgeschichte zu Sam von Anfang an
Verständnis. Die Bezeugung dieses Textes in begleitet haben, immer noch nicht abschließend gelöst: 1. Welche in Sam be-
antiken und mittelalterlichen Handschriften, legten Abweichungen und Textüberschüsse sind als genuin „samaritanisch“ zu
Übersetzungen und Zitaten stellt uns viel- bewerten und warum? 2. Wie ist das textgeschichtliche Verhältnis zwischen
mehr vor die Aufgabe, die Vielfalt der Über- Sam und den präsamaritanischen Texten, den übrigen bekannten Qumran-
lieferung zu erfassen und auch in unserem Handschriften sowie MT und Septuaginta (LXX) genau zu bestimmen?
eigenen Textverständnis zu berücksichtigen. Hier ist auch die Numeri-Rolle 4QNumb[4Q27] ist von Interesse. Sie wird
Und in dieser Vielfalt sind es oft gerade die uns paläografisch auf 30 vC–20 nC datiert. Wo Text erhalten oder rekonstruierbar
ungewohnten Positionen, von denen wir das ist, bezeugt 4QNumb die aus Sam bekannten großen Textüberschüsse. Diese
meiste lernen – weil sie uns unsere sprachli- gleichen den Numeri-Text fast immer durch Einfügungen von Text aus Dtn 1–3
chen, historischen, theologischen oder auch an und nivellieren damit Unterschiede zwischen den beiden Büchern und In­
philosophischen Voraussetzungen und Vorur- konsistenzen in den Texten selbst. So werden etwa einige der in den Texten
teile durch den Perspektivwechsel vor Augen berichteten Befehle und Ankündigungen systematisch mit Ausführungsberich­
© deadseascrolls.org.il

führen. Meine Motivation, die weitestgehend ten versehen. Die Rolle des Mose wird so gestärkt und erscheint konsistenter.
unbekannten samaritanischen Traditionen zu Daneben finden sich in der Rolle aber auch Lesarten, die es nur in 4QNumb gibt,
dokumentieren und zu erschließen, beruht auf sodass die Rolle keineswegs als direkter Vorläufer von Sam gelten kann.
dieser Grundlage. Zu Frage 1: Unter dem Eindruck der Qumran-Funde ging man für längere
Die Fragen stellte Helga Kaiser. Zeit davon aus, dass nur noch diejenigen Abweichungen und Textüberschüsse

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in Sam als genuin samaritanisch einzuschätzen sind, aus den großen präsamaritanischen Textüberschüs­
die nicht in den präsamaritanischen Rollen aus Qum­ sen bekannt ist. Zudem scheint eine Angleichung an
ran bezeugt sind. Doch der Forschungsstand verän­ Dtn 4,3–4 vorzuliegen, die an die Verbindung mit
dert sich derzeit stark. So werden etwa die mit dem Dtn 1–3 in den präsamaritanischen Texten erinnert.
Garizim verbundenen Varianten des Sam mittlerweile Notwendig „samaritanisch“ inspiriert erscheinen die
als ältere gegenüber MT eingeschätzt. Hier wäre dann Änderungen daher nicht. Damit bleibt nur die fehlen-
nicht mehr von samaritanischen Textänderungen in de Bezeugung außerhalb von Sam als Kriterium einer
Sam zu sprechen, sondern umgekehrt von dezidiert samaritanischen Zuschreibung, während sich die Edi-
anti-samaritanischen sekundären Textänderungen in tionstechnik ansonsten bruchlos in die Phänomene
MT! Bei anderen Besonderheiten in Sam hat man be­ einfügt, die auch anderweitig in den Schriften aus der
merkt, dass die Techniken der Textbearbeitung denen Zeit des zweiten Tempels belegt sind.
in den präsamaritanischen Texten gleichen. Zudem Zu Frage 2: In der textgeschichtlichen Rekonstruk­
sind viele weitere kleinere Phänomene in Sam mit tion haben auch kleinere Übereinstimmungen mit
denen in anderen Schriften aus der Zeit des zweiten Sam und LXX eine Rolle gespielt. Sie sind der Grund,
Tempels vergleichbar. warum zumeist angenommen wurde, dass LXX, Sam
Kirsten M. Schäfers
Dass die Gleichung „nicht in Qumran belegt“ = „ge­ und 4QNumb einen gemeinsamen Vorläufer gehabt
ist wissenschaftli­
nuin samaritanisch“ also keineswegs sicher und vor haben. Aus diesem seien dann die Textlinie der LXX che Mitarbeiterin
allem nicht besonders aussagekräftig ist, lässt sich einerseits und eine präsamaritanisch-samaritanische am Alttestamentli­
auch an einem Beispiel aus 4QNumb zeigen. In Num Linie andererseits hervorgegangen, von der 4QNumb chen Seminar der
25,4 weicht Sam von MT und 4QNumb ab und wird und Sam abstammen. Doch zeigt eine Gruppe von Universität Bonn
auch durch LXX nicht bestätigt. Der göttliche Straf­ 18 kleinen Textüberschüssen, bei denen 4QNumb und Lehrbeauftragte
befehl in V. 4 reagiert auf den Abfall der Israeliten zu mit LXX gegen Sam und MT übereinstimmt, dass es für die Einleitung in
einem fremden Gott. In MT fordert JHWH von Mose einen exklusiven Berührungspunkt zwischen den das Alte Testament
die (stellvertretende?) Bestrafung einer Gruppe von Vorläufern von LXX und den Vorläufern von 4QNumb an der Universität
Anführern. Die Ausführung dieses Befehls durch Mose gegeben haben muss. Der Befund lässt sich nicht mit Wuppertal. Im Feb­
ruar 2021 hat sie ihr
in V. 5 entspricht dieser Forderung nicht. Vielmehr der Annahme eines gemeinsamen Vorläufers von LXX,
Dissertationsprojekt
fordert Mose seinerseits die „Richter Israels“ auf, alle Sam und 4QNumb übereinbringen. Und wegen der ex­
abgeschlossen: „Non-
Apostaten zu töten. Moses Reaktion in MT kann po­ klusiven Übereinstimmungen zwischen 4QNumb und Linearität, Varianz
tenziell als Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Sam ist der Befund auch nicht ohne Weiteres in eine und Verdichtung als
Befehl gelesen werden. lineare textgeschichtliche Ableitung der Verwandt­ Kennzeichen von
Ganz anders stellt sich der Text in Sam dar: Hier schaftsbeziehungen zwischen den Versionen über­ Textentstehung und
passt der Befehl des Mose in V. 5 genau zum göttli­ führbar. Vielmehr ist mit komplexen und ggf. nicht -tradition. Paradigma­
chen Befehl in V. 4. Außerdem macht sich durch ei­ mehr rekonstruierbaren Entwicklungen zu rechnen, tische Erkundungen
nen kleinen Zusatz in V. 3 nur noch ein Teil Israels des bei denen auch mit Kreuzkontaminationen zwischen im Grenzland von
Abfalls von JHWH schuldig. Das wiederum passt zu verschiedenen Versionen zu rechnen ist. Num 25“, betreut von
dem Strafbefehl, der ja andernfalls zur Tötung aller So bestätigen beide Beispiele, dass die Unterschei­ Prof. Dr. Christian
Frevel. Die hier vor­
Israeliten führen müsste. Dieser abweichende Text dung von präsamaritanischen und samaritanischen
gestellten Beispiele
ist nur in Sam belegt. 4QNumb zeigt eindeutig, dass Elementen in der Textgeschichte des Pentateuch zur
und Daten sind dieser
die Rolle nicht wie Sam gelesen hat. Vielmehr ist es Erklärung des Befundes zu kurz greift. Das Beispiel Arbeit entnommen.
aufgrund der erhaltenen Wortreste wahrscheinlich, von 4QNumb zeigt, dass die „präsamaritanischen“
dass der Text gleich oder ähnlich wie in MT lautete. Rollen wie auch die Textgestalt von Sam im Rahmen
Deshalb wird häufig angenommen, dass der abwei­ der varianten Textverhältnisse im 2. Jh. vC bis ins frü­
chende Text erst in der samaritanischen Textüberlie­ he 1. Jh. nC zu verorten sind: Die textgeschichtliche
ferung entstanden ist. Auffällig ist jedoch, dass auch Entwicklung, die sich in späterer Zeit u. a. in den Ver­
hier die Rolle des Mose gestärkt wird und eine An­ sionen von MT, LXX und Sam verfestigt, verläuft viel
gleichung von Befehl und Ausführung vorliegt, wie es weniger einlinig als angenommen! W

Num 25 Masoretischer Text Num 25 Samaritanischer Pentateuch


V. 3: Und Israel spannte sich ein für (den) Baʿal-Peʿor. Und der Zorn V. 3: Und (ein Teil) von den Söhnen Israels spannte sich ein für
JHWHs entbrannte über Israel. V. 4: Und JHWH sprach zu Mose: (den) Baʿal Peʿor. Und der Zorn JHWHs entbrannte über Israel.
„Nimm alle Häupter des Volkes und setze sie mit verrenkten Glie- V. 4: Und JHWH sprach zu Mose: „Sprich und sie sollen töten alle,
dern aus für JHWH gegenüber der Sonne und es soll sich wenden die sich für den Baʿal Peʿor eingespannt haben, und es soll sich
die Glut des Zornes JHWHs von Israel.“ V. 5: Und Mosesprach zu den wenden die Glut des Zornes JHWHs von Israel.“ V. 5: Und Mose
Richtern Israels: „Tötet, ein jeder seine Männer, die sich für (den) sprach zu den Richtern Israels: „Tötet, ein jeder seine Männer, die
Baʿal Peʿor eingespannt haben.“ sich für (den) Baʿal Peʿor eingespannt haben.“ Übersetzung: KMS

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Samaritanische Zeugnisse zur Magie

Simon Magus –
ein samaritanischer Magier?
In Samarien geraten die Apostel mit Simon, einem Magier, aneinander. Für die Kirchen-
väter wird er später eindeutig zum samaritanischen Irrlehrer und negativ dargestellt.
Aber hatte die samaritanische Gemeinschaft überhaupt etwas für Magie übrig?
Von Matthias Hoffmann

I
n der Apostelgeschichte (Apg 8,4-25) berich- gen Geist austeilen kann. Für dieses Fehlverhal-
tet Lukas, wie einige Apostel erstmals außer- ten (das später für den Kauf kirchlicher Ämter Dr. Matthias Hoffmann
halb Jerusalems erfolgreich missionieren. Als sprichwörtlich als Simonie bezeichnet wurde) habilitiert sich an der
Philippus (und die später hinzukommenden wird der Magier von Petrus so gescholten, dass er Evangelisch-Theologischen
Petrus und Johannes) in der Hauptstadt Samari- kleinlaut darum bittet, die angedrohten Strafen Fakultät der Universität
as tätig werden, ergibt sich ein bemerkenswerter mögen ihn nicht treffen (Apg 8,18-24). Damit München. Seine For-
Konflikt: Denn dort lässt sich auch ein gewisser endet der Bericht des Lukas über Simon Magus schungsschwerpunkte
Simon taufen, der zuvor das Volk durch Magie in und es bleibt offen, ob Simon noch eine Strafe sind früh­jüdische Literatur,
Magie im frühen Judentum
seinen Bann gezogen hatte, wobei er „sich als et- ereilt. Doch Lukas lässt weitere Fragen unbeant-
und Neuen Testament und
was Großes“ ausgab (Apg 8,9) und sich als „Kraft wortet: Wir erfahren ebenfalls nichts Konkretes
die Johannesoffenbarung.
Gottes, die man die Große nennt“ (Apg 8,10) zur Herkunft Simons (dessen Historizität nicht Wissenschaftlicher Mitar-
titulieren ließ. Doch nach seiner Taufe bleibt einmal verbürgt ist) und zu seinen magischen beiter an der Universität
das Verhalten Simons problematisch: Er bietet Künsten, sondern lediglich, dass er Magie ausüb- Oldenburg.
den Aposteln Geld dafür an, damit er, genau wie te, sich dabei in Samarien aufhielt und von Petrus
sie, durch das Auflegen der Hände den Heili- für sein Fehlverhalten scharf gerügt wird. Somit
lässt sich nicht einmal genau erschließen, ob Si-
mon überhaupt Samaritaner war (also ein Ver-
treter samaritanischen Glaubens, der JHWH auf
dem Garizim verehrte) oder schlicht ein (dann
wohl eher heidnischer) Bewohner Samariens.
Jedoch gibt es zu Simon zahlreiche spätere
Erzählungen und Berichte, in denen diverse Lü-
cken der lukanischen Erzählung narrativ weiter
ausgestaltet werden. So beschreibt schon im
2. Jh. Justin der Märtyrer in seinen Schriften
Apologia und Dialogus cum Tryphone Judaeo
in Ausgestaltung der lukanischen Darstellung,
dass der Samaritaner Simon aus der Stadt Gitta
Ein Amulett mit samaritanischer Schrift, mithilfe von Dämonen Magie ausübte und sich
das 1952 nördlich von Tel Aviv gefunden als Gott verehren ließ. Die Begleiterin des Si-
wurde. Solche Artefakte finden ab dem 5. Jh. mon, eine Prostituierte namens Helena, sei von
Simon selbst als „erster Gedanke“ geschaffen
© D. R.

Verbreitung. Das Amulett mit Bibeltext sollte


Schutz und Stärke verleihen. worden. Simon zu Ehren sei sogar in Rom eine

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welt und umwelt der bibel 2/2021 39
Statue errichtet worden. (Der Hinweis auf diese Statue allein zeigt
bereits, wie bereitwillig verschiedene Schandtaten auf Simon über-
tragen wurden, denn eine in Rom tatsächlich gefundene Statue stellt
nicht Simon, sondern eine römische Gottheit namens Semo dar.)
Auch Irenäus von Lyon beschreibt im 2. Jh. in seinen Büchern
„gegen die Häresien“ (Adversus haereses) den Samaritaner Simon,
der als Magier die Menschen in die Irre führte und sich selbst als
Gott verehren ließ. Nach Irenäus ist Simon sogar der Begründer der
Gnosis und überhaupt der Anfang aller Häresie. Die Vorwürfe, dass
Simon Gnostiker sei, manifestieren sich deutlich durch die Aus-
führungen von Irenäus über Simons Gefährtin Helena: Denn diese
habe nach Aussagen Simons die Engelsmächte erschaffen, die wie-
derum die Welt erschufen, aber die Engel hätten Helena danach in
wechselnde menschliche Körper eingesperrt. Somit sei sie in viel-
fachen Reinkarnationen erschienen (u. a. als Helena von Troja), bis
Simon sie in einem Bordell in Tyrus erkannt habe und sie nun aus
ihrem körperhaften Gefängnis befreien wolle.
Ähnlich gilt im späten 2. Jh. auch für Tertullian ein gewisser Si-
mon aus Samaria als Irrlehrer. Ein recht ähnliches Bild von Simon
zeichnet im 3. Jh. Hippolyt von Rom in seiner Schrift Refutatio
omnium haeresium. Seine Anhänger, die Simonianer, würden
magische Riten ausführen und Simon und Helena als Jupiter und
Minerva verehren. Ebenfalls kennt Hippolyt den Vorwurf, Simon
habe sich als Vater, Sohn und Geist ausgegeben. Die von Simon
angeblich aufgestellte Behauptung, der Christus zu sein und aufer-
stehen zu können, wird von Hippolyt polemisch damit widerlegt,
dass Simon drei Tage nach seinem Tod immer noch im Grab gele-
gen habe.

Weitere Legenden
Neben den berühmten Pseudo-Klementinen thematisieren auch die
Acta Petri den Konflikt zwischen Simon und Petrus: In den Petrus­
akten begibt sich Simon (den Darstellungen von Apg 8,4-25 fol-
gend) nach seiner Demütigung durch die Apostel nach Rom, wo
es ihm in kurzer Zeit gelingt, durch Ausübung seiner Magie viele
Bürger Roms in seinen Bann zu ziehen. Durch die christliche Ge-
meinde Roms wird Petrus zu Hilfe gerufen, um dem Treiben Si-
mons ein Ende zu setzen. Simon geht einem Konflikt zunächst aus
dem Weg, während Petrus in Rom diverse Wunder vollbringt, die
den Zaubern des Simon weit überlegen sind. Zu einer Konfronta-
tion in „Wildwest-Manier“ kommt es schließlich auf dem Forum:
Simon fliegt mithilfe seiner Magie über der Stadt, bis ihn Petrus
durch ein Gebet abstürzen lässt. Dass sich Simon bei dem Sturz die
Beine bricht, dürfte dabei eine polemische Anspielung auf den an-
geblich von ihm geführten Titel des „Stehenden“ darstellen. Eine
latent ähnliche Darstellung dieser Ereignisse findet sich auch in
den späteren Acta Petri et Pauli: Hier überwinden Paulus und Pet-
rus gemeinsam den Zauberer Simon, der auch hier per Gebet zum
Absturz gebracht wird. In einer freien Adaption findet sich der Er-
zählstoff um Simon Magus auch in der berühmten Legenda Aurea
des Jacobus de Voragine (ca. 13. Jh.). Auch hier wird vom Sturz des
Simon auf dem Forum berichtet, der dann auch in der Kunstge-
© Public Domain

schichte reichhaltig aufgenommen wurde.

Der Fall des Simon Magus, Altarflügel von Jan Rombouts


(Ausschnitt), um 1522–1530, Museum M, Leuven.

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Samaritanische Zeugnisse zur Magie

Es ist quasi unmöglich, aus dem Geflecht an auch durch archäologische Funde ableiten, und
Legenden und Sagen über Simon Magus histori- zwar durch diverse samaritanische Artefakte
sche Wahrheiten ableiten zu wollen, zumal eine – zumeist Amulette und Ringe ab dem 5. Jh. –,
Vielzahl der hier nur exemplarisch angegebenen die sich durch die auf ihnen angebrachten paläo­
Texte eindeutig christliche Propaganda gegen Si- hebräischen samaritanischen Schriftzeichen
mon und die ihm zur Last gelegten Irrlehren dar- und vor allem durch Zitate aus dem Pentateuch
stellt. Und auch sonst ist der lukanische Bericht in einer samaritanischen Lesart (d. h. dem Sama-
über Simon nur schwerlich mit samaritanischen ritanus folgend) tatsächlich als samaritanischen
Samaritanischer
Vorstellungen oder gar samaritanischen Ansich- Ursprungs erweisen. Auf diesen Artefakten, Bronzering,
ten zu Magie in Verbindung zu bringen: Ein be- die wegen einer erhofften apotropäischen Wir- ca. 6. Jh., mit der
sonderes Problem ergibt sich in diesem Zusam- kung getragen wurden, finden sich regelmä- Inschrift: „Keiner
menhang dadurch, dass es zur Zeit des zweiten ßig fast immer die gleichen samaritanischen ist wie der Gott
Tempels kaum Quellentexte samaritanischen Pentateuchzitate, und zwar besonders häufig Jeschuruns“.
Ursprungs gibt. Erst ab dem 4. Jh. geben uns we- Ex 15,3 („der Herr ist ein Krieger/Kriegsmann“), Jeschurun ist ein
nige samaritanische Texte und archäologische Ex 15,26 („ich bin der Herr, dein Arzt“), Num Ehrenname Israels.
Funde darüber Auskunft. In der samaritanischen 10,35 („steh auf, Herr“), Dtn 6,4 („Gott, der
Schrift Memar Marqa (4. Jh.) wird die Stärke des Herr ist einzig“) oder Dtn 33,26 („keiner ist wie
Mose dadurch erklärt, dass er seinen Stab hält und der Gott Jeschuruns“). Somit handelt es sich bei
der Name Gottes mit ihm ist (vgl. Ex 3,14-15).
Ob man beim Stab des Gottesmannes aber an ei-
nen Zauberstab denken kann, ist sehr fragwürdig, In samaritanischen Zeugnissen sind keine
denn der Name Gottes spielt nicht nur in magi-
schen Zusammenhängen eine Rolle, sondern ist
positiven Aussagen zur Magie zu finden
allgemein in jüdischer Mystik sehr verbreitet.
Überhaupt sind in samaritanischen Textzeug- diesen „magischen“ Artefakten eher um Phylak-
nissen sonst erwartungsgemäß keine positiven terientexte (vergleichbar mit Mezuzot und Tefil-
Aussagen zu Magie zu finden. Da bei den Sama- lin), die stets eine Exklusivität Gottes betonen.
ritanern lediglich die Bücher des Pentateuch eine Mit Blick auf die samaritanischen Texte und
„kanonische“ Bedeutung haben und Magie dort Artefakte ist also festzuhalten, dass die Ableh-
bekanntermaßen verworfen wird, so wird die- nung von Magie und vor allem auch die Beto-
se Einstellung auch in späten samaritanischen nung der Einzigartigkeit Gottes nicht recht zu
Schriften konsequent reflektiert. Im samaritani- den lukanischen (und auch späteren) Aussagen
schen Asatir, einer chronikhaft gestalteten mit- zu Simon passen, da dieser eben nicht nur Ma-
telalterlichen Nacherzählung des Pentateuch, gie ausübt, sondern sich vor allem als „Kraft
die innerhalb der samaritanischen Gemeinde in Gottes“ ausgibt. Für sich genommen ließe sich
Palästina entstanden ist, werden beispielsweise die Formulierung als Hinweis auf einen sama-
nicht nur die im Pentateuch erwähnten Magier ritanischen Ausdruck verstehen, jedoch lassen Lesetipps
des Pharao (vgl. Ex 7,1–9,12) und ein besonders sich ähnliche Ausdrücke auch im hellenisti- • Jarl Fossum, The Name
verdorbener Bileam (vgl. Num 22–24) als bösar- schen Umfeld und auch in magischen Texten of God and the Angel
tige Magier beschrieben, sondern auch der böse auffinden. Speziell bei Lukas dient der Ausdruck of the Lord. Samaritan
götzenverehrende Magier Ṭurṭs, der nach einem „Kraft“ (dynamis) sonst für die Vollmacht Jesu. and Jewish Concepts
Konflikt mit Abraham (in Anspielung auf Gen Zusammenfassend bleibt also fraglich, ob bei of Intermediation and
12,10-20) Ägypten verlässt. den verschiedenen Beschreibungen Simons the Origin of Gnosti-
Ein weiteres Beispiel für die Bösartigkeit von wirklich Hinweise auf einen samaritanischen cism. WUNT 36. Tübin-
Magiern in samaritanischen Texten findet sich Hintergrund zu finden sind. gen 1985.
auch im sogenannten Pitron, einer späteren Erst in einer mittelalterlichen samaritanischen • Stephen Haar, Simon
Variante des Asatir. Hier macht der Magier Plti Chronik (Kitāb al-Tarīkh des Abu ‘l-Fath), in der Magus: The First
den Pharao auf die Gefahr aufmerksam, die vom der Verfasser sich auch mit christlichen Ideen Gnostic? BZNW 119.
neugeborenen Mose ausgeht. Doch wie in der beschäftigt, kommt es noch zu einer kuriosen Berlin, New York 2003.
literarischen Vorlage aus Ex 2,1-10 geschildert, Erwähnung Simons: Für seine Auseinander- • Alberto Ferreiro, Simon
wird Mose durch die Tochter des Pharao geret- setzung mit den Aposteln soll Simon Philo von Magus in Patristic,
tet, wodurch diese Nacherzählung den Eindruck Alexandrien um Rat fragen, der ihm davon ab- Medieval and Early
erweckt, dass Mose bereits als Säugling einem rät, diesem Konflikt weiter nachzugehen. Simon Modern Traditions,
Magier widerstanden hat. kehrt danach in seine Heimat zurück und wird Leiden 2005.
Weitere Hinweise auf eine samaritanische nach seinem Tod ausgerechnet im Tal gegenüber
© D. R.

Einstellung gegenüber der Magie lassen sich dem Haus von Stephanus begraben. W

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welt und umwelt der bibel 2/2021 41
Die Samaritaner in der Geschichte des Islam

Von Mekka bis Nablus


Ungefähr 1300 Jahre lang lebten die Samaritaner unter islamischer Herrschaft –
von der Eroberung Palästinas durch die Muslime im 7. Jh. bis ins 20. Jh. Die
Herrschaft der Kreuzfahrer war dabei ein Zwischenspiel. Die Samaritaner
erhielten zwar den Dhimmi-Status der „Schutzbefohlenen“, doch ihr Schicksal
variierte stark. Eine Spurensuche in den Quellen der Jahrhunderte.
Von Reinhard Pummer

F
ür die Samaritaner bedeutete die muslimi- fest: „Muḥammad (selbst) misshandelte nie die
sche Eroberung zunächst eine Befreiung Anhänger des Gesetzes [d. h. die Samaritaner].“ Prof. Dr. Reinhard Pummer,
vom byzantinischen Joch. Später sollten In der Fortsetzung dieser Chronik, der soge- Emeritus Professor für Re-
sie als nicht-muslimische Religionsgemeinschaft nannten Continuatio, wird gesagt: „Sein ganzes ligious Studies der Univer-
allerdings weniger gute Erfahrungen mit ihrem Leben hat Muḥammad niemandem Leid zuge- sity of Ottawa (Kanada),
Oberherren machen. Im Nablus des 21. Jh. sind fügt. Er tat seinen Glauben den Menschen kund ist seit Jahrzehnten ein
maßgeblicher Experte der
sie heute eine ganz kleine Minorität, die auf ein und nahm jeden an, der zu ihm kam, zwang aber
Samaritanerforschung mit
friedliches Zusammenleben mit ihren muslimi- niemanden, der nicht kam.“
unzähligen Publikationen,
schen Nachbarn besonders bedacht ist. Ohne Zweifel handelt es sich dabei auch um
etwa zu den Hintergrün-
Schmeichelei vonseiten der Samaritaner – eine den von Flavius Josephus’
Der Prophet Muhammad
. als Freund der Sicherheit für die religiöse Minderheit. Darstellungen der Sama-
Samaritaner ritaner. Mit seinem Werk
„Muḥammad war ein guter und starker Mensch, „Der Samaritaner“ im Koran? „The Samaritans. A Profile“
denn er schloss einen Freundschaftspakt mit dem Im Zusammenhang mit der Geschichte von hat er 2016 ein Standard-
hebräischen Volk [d. h. den Samaritanern].“ Moses und dem Kalb wird im Koran einige werk verfasst.
Mit diesem Zitat aus einer alten Überliefe- Male al-Sāmirī („der Sāmirī“) erwähnt – in Sure
rung endet der erste Teil der ältesten vollständi- 20:85, 87 und 95. Danach hat Gott, nach dem
gen samaritanischen Chronik, Kitāb al-Tarīkh, Aufbruch des Mose (auf den Berg Sinai), sein
zusammengestellt – unter Verwendung älterer Volk einer Prüfung unterzogen – und der Sāmirī
Quellen – von dem samaritanischen Chronisten
Abū l-Fatḥ im Jahre 1355. Die Chronik zitiert
sogar den Wortlaut des Vertrages:
„Ich, Muḥammad b. Muṭṭalib [der Prophet
Für viele Samaritaner war das Kommen
Muḥammad], habe angeordnet, dass ein Frie- der Muslime im 7. Jh. eine Erlösung von
dens- und Sicherheitsvertrag aufgesetzt wird für
die Samaritaner, für sie selbst, ihre Familien, ihr
den Grausamkeiten der byzantinischen
Eigentum, ihre Kultstätten and ihre religiösen Herrschaft
Stiftungen in meinem ganzen Reich und in all ih-
ren Gebieten. Und dass dies in Kraft tritt für sie
als Friedensvertrag für die Menschen in Palästi- hat es irregeführt. Als die Angehörigen des
na; und als ein Schutzbrief.“ Volkes sich der Bürde des Schmuckes, den sie
Nach der Erwähnung der Flucht der Byzan- tragen mussten, entledigen wollten, riet ihnen
tiner und Samaritaner, die in Küstenstädten der Sāmirī, alles ins Feuer zu werfen, worauf er
wohnten, hält Abū l-Fatḥ auch ausdrücklich ein muhendes Kalb hervorbrachte, welches das

42 welt und umwelt der bibel 2/2021


210410185503PV-01 am 23.04.2021 über http://www.united-kiosk.de
domain LIbrary of Congress // Handschrift aus: The Kitāb al-Tarīkh of Abū l-Fatḥ, Paul Stenhouse, Sidney 1980

Links: Anfangsseite Volk als seinen Gott anerkannte. Als Mose zu- Antworten gegeben und rätseln noch immer
des Kitāb al-Tarīkh rückkam und dem Volk vorwarf, sein Verspre- darüber. Viele nicht-muslimische Gelehrte
aus dem Jahr 1562 chen gebrochen zu haben, schob es die Schuld stimmen mit Ignaz Goldzihers Lösung über-
(Ms Huntington 350, auf den Sāmirī – er habe es dazu verführt. Moses ein, die er in seinem Artikel „Lā Misāsa“ in der
folio 30 v, Bodleian fragt daraufhin den Sāmirī: „Was ist nun mit dir, Revue Africaine aus dem Jahre 1908 vorgetra-
Library, Oxford), eine
Sāmirī?“ Der antwortet, dass er etwas gesehen gen hat. Goldziher sieht in der Bestrafung des
Geschichte der Samari-
habe, das die anderen nicht bemerkten. Darauf- Sāmirī, dass er fortwährend sagen muss „man
taner, zusam­mengestellt
vom samaritanischen hin habe er eine Handvoll Erde von den Fuß- darf (mich) nicht berühren“ (arabisch lā misāsa),
Chronis­­ten Abū l-Fatḥ spuren des Gesandten genommen und sie hin- eine Anspielung auf die alten Reinheitsgebote
ibn Abi al-Hasan al- geworfen. Mose bestraft ihn damit, dass er von der Samaritaner, nach denen die Berührung von
Samiri al-Danafi im Jahr nun an immer wieder sagen muss: „Man darf Nicht-Samaritanern Unreinheit verursache.
1355. Die Chronik, vom (mich) nicht berühren“; sein angeblicher Gott Diese Interpretation findet sich schon bei den
damaligen Hohepries- wird verbrannt und der Staub ins Meer gewor- muslimischen Autoren al-Ṭabarī (839–923), al-
ter in Auftrag gege- fen. Eine ähnliche Erzählung, aber ohne Erwäh- Zamaḥsharī (1075–1144), und al-Ṭaʿlabī (gest.
ben, beginnt bei Adam nung des Sāmirī, findet sich in Sure 7:148-156. 1035/1036). Die Koranstelle wurde in vielen
und führt bis zur Zeit Kürzere Hinweise darauf finden sich in Sure muslimischen Legenden ausführlich dargestellt.
Muhammads, den Abū
2:51-52 und 4:153. Moderne Gelehrte berufen sich allerdings nicht
l-Fatḥ als Freund der
Obwohl die Einzelheiten dieser Geschichte darauf. So finden zum Beispiel die Samaritaner
Samaritaner darstellt.
zum Teil unklar sind, ist die Verwandtschaft keine Erwähnung im Kommentar der unter
Rechts: Pessachfest dieser Erzählung mit der Geschichte vom Gol- Muslimen weitverbreiteten Ausgabe und engli-
© public domain,

um 1900. Die sama- denen Kalb in Exodus 32 nicht zu übersehen. schen Übersetzung des Koran (Brentwood, MD
ritanischen Pilgerzelte Die Frage ist: Wer ist mit dem Sāmirī gemeint? 1989) von ʿAbdullah Yūsuf ʿAlī. Wie andere
stehen unterhalb des Muslimische und nicht-muslimische Gelehrte moderne Übersetzer schreibt er „the Sāmirī“ –
Garizimgipfels. haben im Laufe der Jahrhunderte verschiedene und nicht etwa „the Samaritan“. Auch die deut-

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welt und umwelt der bibel 2/2021 43
sche wissenschaftliche Standardübersetzung
mit ausführlichem Kommentar von Rudi Paret, Die byzantinische Feindseligkeit
Der Koran (Stuttgart 1966 und 1971), lässt das
Wort unübersetzt und der Kommentar ver-
In der christlich-byzantinischen Zeit wuchs eine Abneigung bis hin zum Hass
weist nur auf verschiedene Erklärungsversuche,
gegen alles Nichtchristliche. Das drückte sich vor allem in Gesetzgebun-
ohne eine Lösung vorzuschlagen.
gen aus. Die Samaritaner – und mit ihnen anderen Minderheiten – wurden
geradezu rechtlos gemacht. Unter Kaiser Konstantin im 4. Jh. konnten sie noch
Die Samaritaner erleben die islamische
den Garizim als heiligen Bezirk wieder in Betrieb nehmen und Synagogen im
Eroberung Palästinas
Umfeld des Bergs bauen. Dann kippt die Situation. Die Haltung der Byzantiner
Für viele Samaritaner war das Kommen der
drückt sich im Wortlaut eines frühen Gesetzes aus, nach dem Eltern ihre Kin-
Muslime im 7. Jh. eine Erlösung von den Grau-
der nicht enterben dürfen, „wenn sie von der Dunkelheit ihres Aberglaubens zum
samkeiten, die die christlich-byzantinische
Licht der christlichen Religion“ gekommen sind. Unter Theodosius II. werden
Herrschaft für ihr Leben und ihr Eigentum mit
Juden wie Samaritaner von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen und Syna-
sich brachte, und die im 5. und 6. Jh. zu mehre-
gogenneubau verboten. Im 6 Jh. unter Justinian I. dürfen Samaritaner nicht
ren samaritanischen Aufständen gegen die by-
mehr als Rechtsvertreter agieren. 528 verfügt der Kaiser ein fatales Gesetz:
zantinischen Oberherren führten. Als Folge der
Samaritanische Synagogen sollen zerstört werden, Reparatur wird bestraft.
Niederwerfung dieser Revolten war die samari-
Samaritaner dürfen nichts mehr vererben; Juden, Samaritaner und „andere
tanische Bevölkerung stark dezimiert und hatte
Häretiker“ nicht als Zeugen gegen Christen aussagen; Samaritaner, Montanis-
weder die Kraft noch den Mut, weiteren Wi-
ten, Manichäer und weitere zudem nicht mehr in Strafsachen untereinander.
derstand zu leisten. Das Kommen der Muslime
Justinian bescheinigt den Samaritanern 551 einen wilden und grausamen
ließ sie daher aufatmen. Allerdings bedeutete
Charakter – sie seien Feinde der Christen. Die Diskriminierung führte zu
die muslimische Eroberung Palästinas gelegent-
samaritanischen Aufständen in Palästina, so etwa 484 unter Kaiser Zeno, was
lich ein Dilemma für Samaritaner: Sie mussten
mit dem Bau der Marienkirche mitten auf dem Garizim-Opferplatz endete.
zwischen alten und neuen Machthabern wäh-
Weitere Revolten in Skythopolis, Neapolis und Cäsarea, bei denen Samarita-
len, wie das bei der muslimischen Eroberung
ner Quellen zufolge Christen und ihre Gebäude attackierten, enden in einer
Cäsareas, der Hauptstadt der byzantinischen
Tötungswelle. Zigtausende samaritanische Mädchen und Jungen sollen in die
Provinz Palaestina Prima, der Fall war. Hier
Sklaverei verkauft worden sein. Zuletzt kam es zu Zwangskonversionen.
fungierten Samaritaner für Muslime als Spione
Am Vorabend der muslimischen Eroberung befand sich die samaritanische
und wurden zunächst mit der Befreiung von
Gemeinschaft in einem äußerst geschwächten Zustand.
der Steuer auf ihr Ackerland und seine Produk-
te belohnt. Ein Bericht davon findet sich unter
anderem – in Anlehnung an ältere Geschichts-
werke – bei dem wichtigen muslimischen weniger bedroht fühlten und daher in ihren Be-
Historiografen ʾAḥmad ibn Yaḥyā al-Balādhurī sitztümern blieben. Die Forschung hat zuneh-
(9. Jh.) in seinem Werk Die Eroberung der Län- mend erkannt, dass die muslimische Eroberung
der. Er schreibt: Palästinas im Grunde unblutig war und dass
„Abū ʿUbaidah ibn-al-Jarrāḥ [einer der Ge- sich viele Städte ergaben – und im Gegenzug die
fährten Muḥammads, gest. 639] einigte sich Garantie erhielten, dass ihr Leben und ihr Gut
mit den Samaritanern in den Provinzen Jordani- sicher waren und sie ihre Religion frei ausüben
en und Palästina, die als Spione und Führer für konnten. Die Lage änderte sich allerdings radi-
die Muslime agierten, wobei er festlegte, dass sie kal, als die Abbasiden im Jahr 750 dem umaija-
Kopfsteuer zahlen müssen, aber nichts für ihre dischen Kalifat ein Ende bereiteten und selbst an
Ländereien.“ die Macht kamen.
Allerdings weicht der samaritanische Bericht
über dasselbe Ereignis von dem muslimischen
ab. Die Samaritaner erzählen, dass die Byzan- Im 11. Jh. wurde Arabisch die Umgangs-
tiner ein kleines verstecktes Tor in der nord-
westlichen Ecke der Stadtbefestigung entdeck- sprache der Samaritaner und ihr
ten und benutzten. Als es die Byzantiner eines Pentateuch ins Arabische übersetzt
Tages versehentlich offen ließen, sahen es die
Muslime, drangen durch das Tor in die Stadt ein
und eroberten sie – wer konnte, floh, wer Wi- Eine schwierige Zeit im arabisch-
derstand leistete, wurde getötet, und wer sich islamischen Reich
bekehrte, blieb unverletzt. Im Allgemeinen flo- Unter den Abbasiden wurden Nicht-Araber als
hen die Bewohner von Küstenstädten vor den Bürger zweiter Klasse behandelt. Die Steuern
Muslimen, während sich die Inlandbewohner wurden drastisch erhöht und die Ländereien

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Von mekka bis nablus

t Das traditionelle Grab des Josef, dessen Lokali-


sierung bei Nablus vermutlich über die Jahrhunderte
etwas variierte. Die Traditionen zum Josefsgrab
reichen bis ins 4. Jh. nC zurück. Neben Erzvater
Josef sollen seine Söhne Ephraim und Manasse hier
begraben sein. Während eine andere, muslimische
Tradition das Grab des biblischen Josef in Hebron
sieht, hatte das Grab in Nablus für die Samaritaner
schon früh eine besondere Bedeutung, da es neben
dem Jakobsbrunnen und der Abraham-Isaak-
Tradition auf dem Garizim eine Verbindung zur
Gründungszeit des Volkes Israel herstellt. Eigentlich
zählt das Grab zu den heiligen Stätten von Juden,
Samaritanern, Christen und Muslimen. Seit dem
Sechstagekrieg 1967 ist der Ort aber beständiger
Zankapfel zwischen ultraorthodoxen Siedlern und
den palästinensischen Bewohnern von Nablus.

1. Der Epitaph im Innern.


2. Das Josefsgrab um 1900.
1 3. Die Stätte im heutigen Nablus.

der Samaritaner enteignet und zu Staatsgut erklärt.


Dazu kamen Naturkatastrophen wie Erdbeben,
Dürre und Heuschrecken. Aber auch Kriege zwi-
schen verschiedenen arabischen Stämmen führten
in Palästina zu Plünderungen, Brandschatzungen
und Vergewaltigungen von nicht-muslimischen
Frauen. Viele flohen in die Berge. Im 9. Jh. began-
nen erzwungene Massenkonversionen. Obwohl die
abbasidische Zentralregierung den nicht-muslimi-
schen Schriftbesitzern, genannt dhimmīs, „Schutz-
befohlene“, unter ihrer Herrschaft erlaubte, ihre Re-
ligion und ihre Riten beizubehalten, und verfügte,
dass sie nicht gezwungen werden dürfen, ihre Re-
© ‫ לרידע‬CC BY-SA 4.0, commons.wikimedia / public domain / RobertHoetink iStockphoto.com

ligion zu verlassen, wandten einige Machthaber vor


Ort Zwang an. Sie hielten samaritanische Männer,
2 Frauen und Kinder gefangen, ließen sie hungern und
dursten und zwangen sie zu zahlen, wenn sie ihre
Söhne beschneiden wollten. Ein Teil der Samaritaner
harrte aus, aber viele konvertierten auch zum Islam.
Auch der Mangel an Lebensmitteln, der die Preise
hinauftrieb, zwang viele, aus Hunger zu konvertie-
ren. Die Konvertiten wurden sofort von der Kopf-
steuer (jizya) befreit, die Nichtmuslime bezahlen
mussten, wenn sie ständig in einem von islamischen
Gesetzen regierten Land wohnten.
Im 11. Jh. wurde Arabisch die Umgangssprache
der Samaritaner und ihr Pentateuch ins Arabische
übersetzt. In der Liturgie jedoch behielten sie Ara-
mäisch bei.

Die Samaritaner während der


Kreuzzüge
Im Großen und Ganzen waren die 200 Jahre (1099–
3 1291), die auf die Herrschaft oft willkürlicher mus-
limischer Herrscher folgten, für die Samaritaner eine

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welt und umwelt der bibel 2/2021 45
relativ friedliche Zeit. Angriffe gegen sie kamen sen. Ebenso fertigten sie handgeschriebene Ko- Das osmanische
nicht von den Kreuzfahrern, sondern von den pien ihrer Pentateuchrollen an. Samaritanern in Nablus im 19. Jh.
Muslimen. Numerisch waren sie eine kleine den verschiedenen Ansiedlungen, einschließlich durch die Foto-
Volksgruppe. Der jüdische Reisende Benjamin Ägypten, war es erlaubt, am Pessachfest auf dem linse von westlichen
Reisenden. In dieser
von Tudela (1130–1173) hielt in seinem Rei- Berg Garizim teilzunehmen. Es scheint sogar,
Zeit war die Zahl der
sebericht fest, dass um 1170 ungefähr 1000 dass es ihnen gestattet war, Synagogen zu restau-
Samaritaner auf rund
Samaritaner in Nablus lebten, in Cäsarea 200, in rieren und eine neue zu erbauen. Laut Quellen 100 zurückgegangen
Aschkelon 300 und in Damaskus 400. Der ara- waren einige von ihnen als Marktaufseher und – die Gemeinschaft
bische Geograf al-Dimashqi (1256–1327) be- Beamte tätig. war fast ausgelöscht.
richtet, dass am Ende der Kreuzzüge die meisten
Samaritaner in Nablus lebten, nämlich 1000, so Unter der Herrschaft der Mamelucken
viele wie in allen anderen Orten Palästinas zu- Mit dem Sieg über die Kreuzfahrer im Jahre
sammengenommen. Ihre unbedeutende Anzahl 1291 war Palästina wieder unter muslimischer
und die positive Darstellung eines ihrer Volks- Herrschaft. Ähnlich wie für die Zeit der Kreuz-
genossen in der neutestamentlichen Perikope züge haben wir auch für die Mameluckenzeit
vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,29-37) nur spärliche Primärquellen. Die späte samari-

© OSU Special Collections & Archives No restrictions, commons.wikimedia.org


könnten dazu beigetragen haben, dass sie von tanische Chronik Adler berichtet von einer Bela-
den Kreuzfahrern meist unbehelligt blieben. gerung der Stadt Nablus im 13. Jh., bei der viele
Gelegentlich wurden sie allerdings auch ange- Einwohner getötet und andere als Gefangene
griffen. So hat zum Beispiel im Jahr 1113 der nach Damaskus weggeführt wurden. Erst als die
türkische Heerführer Mawdud von Mosul Na- Samaritaner in Damaskus ein hohes Lösegeld
blus im Zuge des Versuchs zerstört, Ländereien bezahlten, konnten sie nach Nablus zurückkeh-
von den Kreuzfahrern zurückzuerobern. Im Jahr ren. Aber auch die Christen wurden aus Nablus
1137 griffen die Muslime die Stadt wieder an, und anderen Orten vertrieben und Kirchen so
nahmen einige Hundert Samaritaner gefangen wie samaritanische Synagogen zerstört. Die
und deportierten sie nach Damaskus. Im Jahr Aufzeichnungen von muslimischen, christli-
1184 eroberte Saladin (1137–1193) die Stadt, chen und jüdischen Geografen und Reisenden
plünderte sie aus und führte Kreuzfahrer und enthalten interessante Details über Nablus und
Samaritaner als Gefangene mit sich. Die Kreuz- die Samaritaner – ihren Ursprung, ihre Religi-
fahrer überrannten Nablus zum letzten Mal im on und ihre Bräuche – aber kaum etwas über ihr
Jahre 1242. Geschick unter der Mameluckenherrschaft.
Trotz dieser gewalttätigen Erfahrungen konn- Ein Problem, das die islamischen Gelehrten
ten die Samaritaner während dieser Zeit litera- besonders lange beschäftigte, ist die Frage, ob
rische Werke schaffen. So wurde im Jahre 1149 die Samaritaner tatsächlich dhimmīs, „Schutz-
der älteste Teil der Chronik Tūlīda abgeschlos- befohlene“, sind und die oben erwähnte Kopf-

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Die Samaritaner in der Geschichte des Islam

steuer (jizya) zu bezahlen haben. Die meisten schieden sein. Sie durften nicht auf Pferden
islamischen Juristen waren der Meinung, sie reiten, sondern nur auf Eseln, und das nur bei
seien in der Tat dhimmīs, aber einige waren dringenden Angelegenheiten. Andererseits be-
der gegenteiligen Auffassung. Der angesehe- richtigten muslimische Gelehrte bestimmte in
ne Rechtswissenschaftler und Theologe Ibn der Bevölkerung kursierende Ansichten über
Qayyim al-Jawziyya (1292–1350) legte dar, die samaritanische Religion. So wurde zum Bei-
dass die Samaritaner eindeutig ahl al-kitāb, spiel die Erzählung von der Anbetung eines Kal-
d. h. „Schriftbesitzer“, sind und in vieler Hin- bes als Folklore erklärt.
sicht mit den Juden übereinstimmten. Sie sei- Manche Sultane und einflussreiche Famili-
en daher dhimmīs und müssten die Kopfsteuer en haben den Samaritanern schwer zugesetzt.
bezahlen, genauso wie die Juden; schon die Häuser, Weingärten, Felder, Olivenhaine und
Gefährten des Propheten hätten entschieden, andere Besitztümer wurden konfisziert und es
dass die Samaritaner Kopfsteuer zahlen müssen. kam zu Zwangsbekehrungen. Im frühen 19. Jh.
Trotz ihrer geringen Zahl und den gelegent- waren die Samaritaner auf wenig mehr als hun-
lichen Anfeindungen durch die Mamelucken dert Personen geschrumpft. Dazu kam noch,
konnten die Samaritaner weiterhin Abschriften dass das Verhältnis von Männern zu Frauen
der Tora erstellen und Abū l-Fatḥ konnte seine 2:1 war. Da die Samaritaner zu dieser Zeit kei-
Chronik verfassen. ne Nicht-Samaritanerinnen heirateten, war die
Situation äußerst schwierig. Erst in der zweiten
Hälfte des 19. Jh. sollte sich ihre Lage ändern.
Ein Problem, das die islamischen Ge- Statt eines Angehörigen der mächtigen Araber-
familien wurde ein Türke Gouverneur von Nab-
lehrten besonders lange beschäftigte, ist lus. Das brachte den Samaritanern zwar Frieden,
die Frage, ob die Samaritaner tatsächlich allerdings verloren sie ihre lukrativen Stellun-
gen als Schatzmeister dieser Familien. Daher
dhimmis, „Schutzbefohlene“, sind verschlechterte sich ihre wirtschaftliche Lage
enorm und besserte sich erst im 20. Jh.
Am 24. August 1516 besiegte der osmanische
Sultan Selim I. (regierte 1512–1520) die Mame- Die Samaritaner und ihre muslimischen
lucken in der Schlacht von Marj Dābiq, 44 km Nachbarn im Palästina von heute
nördlich von Aleppo, und bald darauf waren Seit der Mitte des 20. Jh. leben die Samaritaner
die Osmanen die Herrscher über Syrien-Paläs- in zwei verschiedenen Orten – eine Hälfte (ca.
tina, Ägypten und den Hedschas, das Gebiet im 430 Personen) lebt im arabisch-muslimischen
westlichen Saudi Arabien, in dem Mekka und Nablus im Westjordanland und die andere im
Medina liegen. jüdisch-israelischen Holon, einer südlichen
Vorstadt von Tel Aviv. Seit der ersten Intifada
Die Samaritaner im Osmanischen (1987–1993) zogen sich die Samaritaner mehr
Reich und mehr aus ihrem Viertel in Nablus zurück und
Die Osmanen regierten Palästina von 1516– ließen sich auf dem Berg Garizim nieder. Zwi-
1918. Als sie Palästina eroberten, war die Sama- schen ihnen und den muslimisch-arabischen
ritanische Gemeinschaft auf ca. 500 Mitglieder Bewohnern von Nablus herrscht – zumindest
Lesetipps geschrumpft. Die meisten lebten in Nablus, nach außen hin – religiöser und sozialer Friede.
• Reinhard Pummer, The aber auch in Gaza und in Damaskus gab es Sa- Die Samaritaner erklären von sich selbst, dass sie
Samaritans: A Profile. maritaner. Für die osmanischen Steuerbeamten ein Vorbild von friedlichem Zusammenleben
William B. Eerdmans, galten sie als Juden. Viele Samaritaner waren als mit ihren Nachbarn sind. Sie versuchen, Kon-
2016, s. Büchertipps. Regierungsbeamte zuständig für Finanzen, aber flikte zu vermeiden, und bemühen sich, ihre
• Reinhard Pummer zahlreiche Beschwerden von Steuerzahlern we- Kultur den anderen Religionsangehörigen na-
(Hg.), Exploring Sa- gen Misshandlung durch samaritanische Beam- hezubringen mithilfe gezielter Veranstaltungen
maritanism, Religions te führten dazu, dass sie nicht mehr als Beamte wie Vorträge, Ausstellungen und interreligiöse
2020, s. Büchertipps. eingesetzt werden durften. Tatsächlich wurde Sommerlager für Jugendliche, aber auch durch
• Reinhard Pummer, dieses Verbot aber öfter ausgesprochen, d. h., private interreligiöse Gastfreundschaft. Verbin-
The Samaritans in man hat sich nicht darangehalten. dend ist auch die prekäre politische Situation
Flavius Josephus, Zur Abgrenzung von Muslimen wurden den ihres gemeinsamen Heimatlandes Palästina,
Mohr Siebeck 2009. Samaritanern gewisse Einschränkungen auf- die für die Angehörigen aller drei Religionen —
erlegt. So durften sie sich nicht wie Muslime Muslime, Samaritaner und Christen — erhebli-
kleiden; besonders die Turbane mussten ver- che Probleme mit sich bringt. W

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welt und umwelt der bibel 2/2021 47
Die Geschichte von Juden und Samaritanern

Abgrenzung –
und Annäherung
Die samaritanische Gemeinschaft musste meistens um ihr Überleben
kämpfen. Das Verhältnis zur jüdischen Gemeinde war dabei angespannt.
Bis sich im 19. Jh. alles änderte. Von Steven Fine

Prof. Dr. Steven Fine


lehrt Jüdische Geschichte
an der Yeshiva Univer-
sity New York und ist
Direktor des YU Center for
Israel Studies. Er leitet ein
besonderes Projekt, das
Samaritan Israelites Project
(www.yu.edu/cis/samari-
tans-project), in dessen
Rahmen ein Dokumentar-
film über die Samaritaner
entstanden ist, zudem
eine Ausstellung, vertiefte
Studien – und sogar ein
Kochbuch (s. Büchertipps).
Steven Fine war 2019 für
ein Forschungsprojekt am
Max-Weber-Kolleg der
Universität Erfurt.

© Ori Orhof / Autorenbild: Steven Fine

Am Festtag Jom
Kippur, dem „Ver­
söhnungstag“, in der
Synagoge auf dem
Berg Garizim.
Jom Kippur ist ein
strenger Fastentag,
an dem das Volk Gott
um Vergebung bittet.

48
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welt und umwelt der bibel 2/2021
I
m Jahr 1842 gab der erste Oberrabbiner im
osmanischen Palästina, Chaim Abraham
Gagin, eine Erklärung ab, die in der langen
Geschichte der jüdisch-samaritanischen Bezie-
hungen außergewöhnlich war. Die Samaritaner
in Nablus waren in Schwierigkeiten. Musli-
mische Extremisten hatten gefordert, dass die
letzten verbliebenen Samaritaner alle zum Is-
lam konvertieren sollten. Die Samaritaner, die
sich selbst die Schomrim, die „Hüter der Tora“
nennen, waren gezwungen, ihre israelitische
Abstammung erneut zu beweisen – und damit
ihr Recht, als „Schriftbesitzer“ unter islami-
schem Recht geschützt zu werden (dhimmīs).
Sollten sie diesen Erweis nicht innerhalb eines
Ultimatums bringen können, müssten sie zum
Islam konvertieren – oder sie würden als Un-
gläubige getötet werden. Dies war keine leere
Drohung. Die Samaritaner und ihre westlichen
Unterstützer waren verzweifelt, und in ihrer
Verzweiflung wandten sie sich an Rabbi Gagin
in Jerusalem um Hilfe. Und Gagin hatte Erfolg, te winzige Minderheit – von Juden, Römern, Der Autor, Steven
Fine, inspiziert eine
indem er eine „schriftliche Deklaration“ veröf- Christen und Muslimen abwechselnd abgelehnt
alte samaritanische
fentlichte, in der er feststellte, „dass das samari- – musste immer wieder um ihr Überleben und
Handschrift in der
tanische Volk ein Zweig der Kinder Israels ist, die ihre Entfaltung kämpfen. Bibliothek des
die Wahrheit der Tora anerkennen …“. Die Beziehungen zwischen Juden und Sama- Hebrew Union College
Die Bedrohung war abgewehrt. Diese Geste ritanern sind komplex. Josua Ben Sira (Jesus Si- in Cincinnati.
markierte den Beginn eines langen Prozesses rach), der ca. 170 vC schrieb, nannte die Sama-
der Annäherung zwischen Juden und Samari- ritaner „das törichte Volk, das in Sichem wohnt“
tanern, die heute eine respektierte Minderhei- (50,25-26), und ein Text der Schriftrollen vom
tengemeinschaft im Staat Israel ist, der Wende­ Toten Meer nennt sie „Narren“, die „sich einen
punkt in der Geschichte einer Beziehung, die hohen Platz auf einem hohen Berg machen, um
seit drei Jahrtausenden belastet war. Israel zur Eifersucht zu reizen … das Zelt Zions
schmähen und das Wort der Falschheit reden …“
Die griechisch-römische Antike (4Q372 1 11-14). Die Spannungen wuchsen,
Die Kraft und Überraschung des Gleichnisses, nachdem der Hasmonäerkönig Johannes Hyr-
das Jesus vom barmherzigen Samariter erzählt kanos 114 vC die prächtige Opfer- und Tem-
(Lukas 10,25-37), besteht darin, dass sich ein pelanlage auf dem Berg Garizim zerstört hatte,
Jude vorstellen konnte, dass ein Samaritaner die seit der persischen Zeit über Generationen
„gut“ sein könnte. Jüdische Autoren des 1. Jh.
hätten diese Vorstellung absurd gefunden, Fla-
vius Josephus zum Beispiel hielt die Samarita- Samariter wurden Kutäer genannt,
ner für doppelzüngig: kutim im Hebräischen – eine Fest-
„Übrigens nennen sie sich, sobald sie sehen,
dass es den Juden gut geht, deren Verwandte, da schreibung ihrer Andersartigkeit
sie von Josef abstammten und also gleichen Ur- und sicherlich kein Kompliment
sprung mit ihnen hätten. Bemerken sie indes,
dass es den Juden schlecht geht, so behaupten sie,
sie hätten zu ihnen keinerlei Beziehungen, we- hinweg errichtet worden war. Hyrkanos hoff-
der freundschaftliche noch verwandtschaftliche, te, die samaritanische Verehrung dieses Berges
sondern sie seien Ausländer und stammten von zu beenden und die judäische Vorherrschaft im
einem fremden Geschlechte ab.“ (Jüd. Altertü- Heiligen Land zu klären. Die Juden der Anti-
mer 9.291) ke feierten die Zerstörung in der „Schriftrolle
© Steven Fine

Dieser samaritanische Überlebensmechanis- des Fastens“, Megillat Ta‘anit, als den „Tag des
mus, über den Josephus die Nase rümpft, ist Berges Garizim“. An diesem Datum – dem 21.
von der Antike bis heute spürbar, denn die heu- Kislew, im Dezember, kurz vor Chanukka – war

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welt und umwelt der bibel 2/2021 49
es „verboten zu fasten“; vielmehr sollte man die
Tat des Hyrkanos feiern.
Die Liebe zwischen Samaritanern und Juden
erlosch also. Die jüdische Haltung orientier-
te sich an der Hebräischen Bibel (2 Kön 17,
s. S. 12) und behandelte die Samaritaner als ein
Mischvolk mit zweifelhaften theologischen
Positionen, als Nachkommen von Ausländern,
die von den Assyrern aus Kuta in Mesopotami-
en hierher gebracht worden waren, die unter
Zwang zum Judentum konvertierten und dann
dem Synkretismus verfielen. Samaritaner wur-
den Kutäer genannt, kutim im jüdischen Hebrä-
isch – eine Festschreibung ihrer Andersartigkeit
und sicherlich kein Kompliment.
In der gesamten jüdischen Literatur dieser
Zeit werden die Samaritaner als Unruhestifter
dargestellt. Auch die frühen Rabbiner erinnern
sich an ein verachtenswertes Verhalten der Sa-
maritaner: Die kutim störten die lebenswichtige
Kommunikation mit der syrischen und baby-
lonischen Diaspora bei der Übermittlung von
kalendarischen Informationen, die für die ord-
nungsgemäße Feier der jüdischen Feste wichtig
Jakob ben Aaron, ein geradezu legendärer samaritanischer Hohe­
waren (Mischna Rosch Haschana, 2,2-4).
priester, der die Öffnung zum Westen und zur jüdischen Gemeinde vor
Ort vorantrieb. Hier sitzt er neben der sogenannten „Abisha-Rolle“,
einer samaritanischen Torarolle mit Teilen aus dem 16. Jh., die die Rabbinische Zeit: Man ist sich nah –
Gemeinde bis heute bewahrt. und doch voller Spannungen
Jakob ben Aaron ging in den 1870er-Jahren in die Öffentlichkeit und Gerade die Nähe der samaritanischen und jüdi-
ließ sich bis zu seinem Tod 1916 vielfach ablichten. Er wusste, dass schen Gemeinden war Anlass für Spannungen.
die christliche und jüdische Aufmerksamkeit eine Chance für einen Während Sadduzäer, Essener, jüdische Anhän-
Neuanfang sein konnte, auch wenn sie zugleich eine Gefahr für die ger Jesu und Pharisäer zwar tief gespalten waren,
traditionelle samaritanische Lebensweise barg. Das Interesse der teilten sie dennoch ein gemeinsames Judentum
westlichen Welt trug zum Überleben der Gemeinde bei. Bis heute. und eine familiäre Beziehung als Nachkommen
der Stämme Juda und Levi. Gemeinsam hatten
sie die Ehrfurcht vor der gesamten Hebräischen
Bibel, vor dem Land Israel und vor Jerusalem und
seinem Tempel. Die Samaritaner dagegen waren
einen – aber einen entscheidenden – Schritt wei-
ter weg. Sie waren entferntere Verwandte, Nach-
kommen der nördlichen Stämme Ephraim und
Manasse sowie Levi. Auch die Samaritaner ver-
ehrten das Land, aber unter den biblischen Bü-

oben © Public Domain; unten © Yad ben Zvi Photo Archive


chern nur den Pentateuch, in einer „abartigen“
Version, die die Zentralität des Berges Garizim
behauptete, geschrieben in einer alten Schrift,
die die Juden bald aufgaben. Die Samaritaner ver-
achteten Jerusalem und seinen Tempel, spätere
Generationen nannten Jerusalem mit dem spöt-
tischen Wort arur shalem, „verhasstes Schalem“.
Weder Nichtjuden noch Juden, vielmehr bei-
des und keines von beiden – diese gleichzeitige
Jitzhak Ben-Zvi, der spätere Präsident Israels, besucht zusammen Distanz und heikle Nähe war ein perfektes Re-
mit seinem Sohn Amram die Samaritaner in Nablus. Ben-Zvi war ein zept für Missgunst.
Wohltäter der Samaritaner, eine seiner letzten öffentlichen Handlun­ Eine Verbesserung der Beziehungen zeigt
gen war es, 1963 die samaritanische Synagoge in Holon einzuweihen. sich in der unruhigen Zeit nach der Zerstörung

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Die Geschichte von Juden und Samaritanern

des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 nC. Die Rab- Er sagte zu ihr: Hast du eine Zwiebel? Gib sie mir.
biner dieser Übergangszeit stellten die Weichen Als sie sie ihm brachte, sagte er zu ihr: Was ist
für ein kompliziertes – sogar positives – Verhält- schon eine Zwiebel ohne Brot?
nis. Ein Beispiel: Als sie es ihm brachte, sagte er zu ihr: Was ist eine
„Das ungesäuerte Brot (mazzah) der kutim ist Mahlzeit [ma‘achil] ohne Getränk?
erlaubt, und eine Person darf damit an Pessach ihre Von diesem aß und trank er.“ (Leviticus Rabba
Pflicht – ungesäuertes Brot zu essen – erfüllen. 5:8, ed. M. Margoliot 1:123-4).
R. Eleazar (ca. 150 u. Z.) verbietet es, denn sie Überraschenderweise schließt dieser Text die
sind nicht sachkundig in den spezifischen Vorschrif- kutim innerhalb Israels ein, und nicht als Fremde.
ten bezüglich ungesäuerten Brotes. Aber auch theologische Polemiken zwischen den
Rabban Schimon ben Gamaliel (ca. 150 u. Z.) Gemeinden sind erhalten. In einer begegnen Rab-
sagt: Jedes Gebot, das die kutim ergriffen haben, biner, die in der Nähe des Berges Garizim vorbei-
befolgen sie viel sorgfältiger als Israel (d. h. die Ju- kommen, Samaritanern und unterhalten sich. Die
den).“ (Mischna Pesaḥim 2:3) Samaritaner beginnen das Gespräch:
Einige Rabbiner erlaubten also samaritanische
Matze an Pessach, während andere Vorbehalte äu-
ßerten. Selbst die „liberalsten“ Gelehrten bezie- Es gab wahrscheinlich mehr Samari-
hen sich jedoch auf Juden als das wahre „Israel“,
während Samaritaner immer kutim sind.
taner in Cäsarea als Christen, Juden
Das 3. und 4. Jh. erlebte eine samaritanische Re- und Heiden zusammen
naissance, als die Samaritaner sich über Samaria
hinaus ausbreiteten. Es gab wahrscheinlich mehr
Samaritaner in Cäsarea Maritima als Juden, Chris- „Rabbi Jonatan ging hinauf, um in Jerusalem zu
ten und Heiden zusammen! Die Beziehungen auf beten, und er kam am Palatinus [d. h. am Berg Ga-
lokaler Ebene waren ziemlich herzlich, mit Juden, rizim] vorbei. Ein Samaritaner [Schamrai] sah ihn
die samaritanischen Wein tranken und ihre Spei- und fragte: Wohin gehst du?
sen aßen. Diese kolonisierten Gemeinden hatten [Rabbi Jonatan] sagte zu ihm: Zum Beten nach
untereinander eindeutig mehr gemeinsam als mit Jerusalem.
götzendienerischen, schweineverzehrenden und [Der Samaritaner] sagte: Ist es nicht besser für Megillat Ta‘anit
unbeschnittenen Nichtjuden – ob heidnisch oder dich, an diesem gesegneten Berg zu beten als an je- „Schriftrolle des
christlich. Diese Verbundenheit drückt sich in ner Abfallhalde? Fastens“, eine Art
dieser Zeit zum Beispiel architektonisch aus. Bei- [Rabbi Jonatan] sagte zu ihm: Warum ist [der Chronik, die 35
de Gemeinden bauten Synagogen – die jüdische Berg Garizim] gesegnet? Festtage aufzählt,
ausgerichtet auf Jerusalem, die samaritanische [Der Samaritaner] sagte zu ihm: Weil er nicht von zumeist Gedenken
auf den Berg Garizim. Alle waren mit Menorot den Wassern der Sintflut überschwemmt wurde! an Siege und Trium-
geschmückt, und in jeder konnte man schöne li- Rabbi Jonatan war einen Moment lang ratlos, was phe der Hasmonäer.
turgische Gebete hören und eifriges Studium der er antworten sollte, also sagte sein Eseltreiber: Rabbi, Verfasst wurde
sie vermutlich im
Schrift beobachten. Während die Juden Bilder erlaube mir, und ich werde ihm antworten …“ (Ge-
1. Jh. nC als Motiva-
des Tierkreises, biblische Szenen und Fauna ver- nesis Rabba 32:10, Hrsg. Theodor-Albeck, 296).
tion gegen die Be-
wendeten, wählten die Samaritaner – viel strenger In einem zweiten Fall wendet sich ein Rabbi an satzungsherrschaft
als die Juden in Bezug auf biblische Bilderverbo- Samaritaner: der Römer.
te – nur florale Darstellungen und Bilder, die vom „Rabbi Ismael, der Sohn von Rabbi Jose, ging
der biblischen Offenbarungszelt abgeleitet waren. nach Neapolis [Nablus/Sichem]. Kutim kamen zu
Beide Gruppen benutzten rituelle Bäder, miqvaot, ihm. Er sagte zu ihnen: Ich sehe, dass ihr euch nicht
und viele weitere Ähnlichkeiten könnten aufge- vor diesem Berg niederwerft. Vielmehr [verneigt ihr
zählt werden. Juden, so legen es die Quellen nahe, euch] vor den Götzen, die unser Vater Jakob unter
hielten aber eine gewisse soziale Distanz zu den ihm vergraben hat, denn es steht geschrieben: Und
kutim. Wir sehen dies in einer seltenen und etwas Jakob verbarg sie unter der Eiche, die bei Sichem
humorvollen rabbinischen Geschichte über einen war“ (Genesis 35,3, Jerusalemer Talmud, Avodah
samaritanischen Hausierer: Zarah 5,3, 44d).
„Rabbi Schimon, Sohn des Joḥai, lehrte: Wir können uns nur vorstellen, wie die Sama-
Die Israeliten ragen heraus, weil sie wissen, wie ritaner, die in der heidnischen Stadt „Neapolis“
sie ihrem Schöpfer gefallen können. (Nablus) lebten, auf diese Polemik reagierten, aber
Rabbi Judan sagte: Wie die Kutaei (kutim). es kann nicht freundlich gewesen sein! Marqe, ein
Die Kutaei sind geschickt im Handel: herausragender samaritanischer Verfasser seiner
Einer von ihnen ging zu einer Frau. Zeit, von dem der Traktat „Die Lehren des Marqe“

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welt und umwelt der bibel 2/2021 51
(Tebat Marqe) erhalten ist, polemisierte ein Jahr- Positionen gegen sie verhärtet hatten. Tatsäch-
hundert später gegen die Juden: lich distanzierten sich dieselben Rabbis auch
„[Der Berg Garizim] ist der Ort der göttlichen von Juden, die sich nicht ihrem elitären Ansatz
Gegenwart des Wahren, und das Lager der gro- des Judentums verpflichtet fühlten. Die Band-
ßen Herrlichkeit. Wehe denen, die die Wahrheit breite der frühen rabbinischen Meinungen, von
gegen eine Lüge eingetauscht haben, wenn sie für denen, die den Samaritanern vertrauten, bis hin
sich einen anderen Ort wählen“ (Tebat Marqe, zu denen, die sie als Götzendiener ausschlos-
ed. Ben Hayyim, II:48). sen, ist seither bestimmend für die jüdischen
Dieser „andere Ort“ ist Jerusalem. In der Mit- Beziehungen innerhalb dieser Gemeinschaft.
te des 3. Jh. drängten einige Rabbiner auf Tren- Dieser Vorwurf des Götzendienstes ist noch
nung: heute in den meisten orthodoxen Gemeinden
„… Sie [die Samaritaner auf dem Berg Gari- latent wirksam. Die Samaritaner ihrerseits ver-
zim] haben eine Art Taube und sie schütten ihr achteten die Juden und schrieben eine Gegen-
Trankopfer aus. erzählung zu den jüdischen Schriften, in der sie
Die Samaritaner von Cäsarea fragten Rabbi und ihre Priester immer die Helden und die Ju-
Abbahu: Eure Väter tranken unseren [Wein]. den immer die Ruchlosen sind.
Warum trinkt ihr nicht unseren [Wein]?
Er sagte zu ihnen: Eure Väter haben ihre Taten In der Welt des Mittelalters mischen
nicht verdorben; ihr habt eure Taten verdorben“ sich die Karten neu
(Jerusalemer Talmud, Avodah Zarah 5:3, 44d). Juden und Samaritaner lebten in den großen
Rabbi Abbahu von Cäsarea wirft den Sama- Städten des östlichen Mittelmeers in enger
ritanern hier vor, dass sie die Gebote der Tora Nachbarschaft. Der jüdische Forschungsreisen-
weniger beachtet hätten als ihre Vorfahren de Benjamin von Tudela (gest. 1173) berichtet,
und sogar Götzendienst betrieben hätten. Es dass in Cäsarea Maritima die Zahl der Juden und
gab wirtschaftliche und soziale Konsequenzen Samaritaner gleich groß war – jeweils 200. In
für diesen „Wandel“ des samaritanischen Ver- Aschkelon „wohnen 200 rabbinische Juden …
haltens – einige Rabbiner erlaubten ihren An- auch etwa vierzig Karaiten und etwa 300 Ku-
hängern nicht mehr, samaritanischen Wein zu tim.“ In Damaskus „wohnen 3000 Juden in die-
trinken. ser Stadt, und unter ihnen sind gelehrte und rei-
Der Text geht noch weiter und beschuldigt che Männer … 100 Karaiten wohnen hier, auch
die Samaritaner, der Statue einer „Taube“ zu 400 Kutim, und es herrscht Frieden zwischen ih-
Holon und Kirjat Luza, dienen, die auf dem Gipfel des Berges Garizim nen, aber sie mischen sich nicht.“ In Sichem gab
die zwei Orte, an de­ throne. Obwohl diese Anschuldigung abwegig es 1000 Samaritaner, wie Benjamin berichtet.
nen heute Samaritaner war, können wir nicht wissen, ob sich die Sa- Seine Beschreibungen des Samaritanertums
leben – in der West­ maritaner tatsächlich „verändert“ hatten. Was sind gleichzeitig verächtlich wie auch voller
bank und in Israel. klar ist, ist, dass wichtige jüdische Rabbis ihre Faszination und Neugierde.
Das wichtigste Zeugnis kommt aber aus dem
alten Kairo. Ein arabischer Brief, der in der Kai-
roer Geniza gefunden wurde und auf das Jahr
1038 datiert ist, spiegelt die Verflechtung von
Samaritanern und Juden im mittelalterlichen
Fustat wider. Dieser Text erwähnt einen Scheich
Abū al-‘Imran Musa ibn Ya‘qub ibn Ishaq, der
Har Gerizim/ „der israelitische Hofarzt und das Oberhaupt der
Kirjat Luza jüdischen Gemeinde [in Fustat], Rabbanit, Karait
und Samaritaner war“. Juden und Samaritaner
teilten sich einen gemeinsamen Friedhof in Kai-
Holon ro. Die Verbindung der Samaritaner mit den Ju-
den war lebenswichtig und stärkte ihren immer
unsicheren Status als dhimmi, als ein geschütz-
tes „Volk des Buches“. Einerseits entliehen Sa-
maritaner jüdische Texte und machten sie zu ih-
ren eigenen, am prominentesten Sa‘adja Gaons
einflussreiche arabische Übersetzung der Tora.
Andererseits entlehnten Juden samaritanische
Texte, wie bei einem sephardischen Autor des

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16. Jh. beschrieben, der eine Legendengeschich-
te in einer samaritanischen Chronik las, sie für
jüdisch erklärte und diese Geschichte in den
Korpus der jüdischen Legenden einführte.

Neue Annäherungen in der


modernen Welt
Nach dem Eingreifen von Rabbi Gagin 1842 be-
gannen sich die Beziehungen zwischen Sama-
ritanern und Juden langsam zu erwärmen. Als
Reaktion auf die christliche Missionierung gab
es sogar Versuche der beiden sich gegenüber-
stehenden Nablus-Gemeinden, der samarita-
nischen und der jüdischen, eine gemeinsame
Schule zu gründen. Säkularisierende jüdische
Gelehrte interessierten sich für die Samarita-
ner, Kulturzionisten sahen in ihnen einen „ver-
lorenen“ Stamm Israels, der nie aus dem Land
vertrieben worden war. Die Wiederbelebung
seiner Gemeinschaft war das Lebenswerk des

Die israelischen
Samaritaner erklärten die
2500-jährige Fehde für
beendet
legendären Hohepriesters Jakob, Sohn des Aa-
ron (1874–1916). Er freundete sich mit pro-
minenten Zionisten an und unternahm sogar
eine Fundraising-Reise nach England. Jakobs
Memoiren wurden auf Englisch veröffentlicht,
und er wurde für die Menschen aus dem Westen
zum Gesicht der Samaritaner.
Von entscheidender Bedeutung für das lang- Am Laubhüttenfest
(Sukkot) ist es samari-
fristige Überleben der Gemeinde war ein jun-
tanische Tradition,
ger Samaritaner, Jefet Tzedaka, der sich in Jaffa
ein Dach aus Granat­
niedergelassen hatte. Jefet nahm im Jahr 1909 äpfeln, Zitrus- und
einen jungen zionistischen Einwanderer na- wird. Eine hebräisch sprechende samaritanische weiteren farb­intensiven
mens Jitzhak Ben-Zvi auf. Ben-Zvi wurde zum Gemeinde entwickelte sich in Jaffa und bildet Feldfrüchten zu flech­
Freund, Heiratsvermittler, Gelehrten und zum später ein eigenständiges Stadtviertel im nahe ten. Die Sukka ist eine
wichtigsten Wohltäter der Samaritaner. Er gelegenen Holon. In den 1920er-Jahren wur- symbolische Hütte, die
machte Jefet mit einer jungen, mittellosen jü- den zionistische Lehrer nach Nablus geschickt, an die Flucht aus Ägyp­
dischen Witwe namens Mirjam bekannt, die um Kinder zu unterrichten, und nachdem die ten erinnert.
er heiratete, auch angesichts der Tatsache, dass Gemeinschaft durch den Krieg von 1948 geteilt Während die jüdische
die samaritanische Gemeinschaft weit weniger worden war, schickte die israelische Regierung, Sukka unter freiem
Himmel stehen muss,
Mädchen als Jungen hervorbrachte, nicht aus- beginnend unter Ben-Zvi, durch das Joint Dis-
wird die samaritanische
reichend, um ausschließlich endogame Ehen, tribution Committee benötigte Unterstützung
Sukka indoor errichtet.
also innerhalb der Gemeinschaft, aufrechtzuer- und Hilfen an die mittellose Gemeinde von Na- Eine Sicherheitsmaß­
halten. In Ben-Zvi einen aufstrebenden Führer blus. Ben-Zvis letzte öffentliche Handlung als nahme aus Zeiten von
© Ori Orhof

der zionistischen Bewegung als Schirmherrn Präsident war die Einweihung der Synagoge in Verfolgungen.
zu haben, hatte große Vorteile – umso mehr, als Holon im Jahr 1963. Die israelischen Samarita-
er später der zweite Präsident des neuen Staates ner erklärten die 2500-jährige Fehde für been-

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Najah Cohen und sein
Sohn Brito Cohen
betrachten die Schutz­
hülle der Abisha-Rolle,
die in samaritanischer
Überlieferung am
Eingang des Offen­
barungszelts auf dem
Garizim geschrieben
wurde, also aus bib­
lischer Zeit stammen
soll.Tatsächlich datiert
sie in ihren ältesten
Teilen ins 16. Jh. Najah
ist Kantor der Gemein­
de auf dem Garizim und
leitet das Gebet in der
Synagoge an.
Filmszene aus dem
Dokumentarfilm The
Samaritans, Saving
a biblical people.

det, und als seine letzte öffentliche Handlung Stadt Nablus von ihrem Sitz auf dem Berg Ga-
tat dies auch Präsident Ben-Zvi. Soweit es sie rizim, wo sich die Gemeinde niederließ, nach-
betraf, waren die israelischen Samaritaner und dem während der ersten Intifada das Leben in
die Juden wieder eine Nation. Nablus gefährlich wurde. Die Verpackung trägt
Der Sechstagekrieg von 1967 war ein Wen- das Symbol einer jüdischen rabbinischen Or-
depunkt, weil sich die Gemeinden von Nablus ganisation, die bestätigt, dass diese Tehina auch
und Holon freudig wiedervereinigten. Beide von den frommsten Juden gegessen werden darf. Samaritanische Tehina
der Marke Har B‘racha,
haben von der Schirmherrschaft des Staates Die Samaritaner sind sich immer bewusst,
„Berg des Segens“,
Israel und der Integration in die israelische Ge- dass sie in einer fragilen Position innerhalb der
eine Sesampaste, die in
sellschaft profitiert. Zur Bestürzung vieler Sa- jüdischen und arabischen Gesellschaften und Kirjat Luza produziert
maritaner und Juden haben jedoch zahlreiche in einer sehr unbeständigen geopolitischen wird und nach dem Berg
Samaritaner aus Holon jüdische Frauen gehei- „Nachbarschaft“ leben. Denn Samaritaner sind Garizim benannt ist.
ratet, und mindestens eine prominente Samari- schließlich weder arabisch noch jüdisch – son- Geeignet auch für
tanerin ist zum Judentum konvertiert. Andere dern beides, und keines von beiden. W fromme Juden.
haben die Gemeinschaft einfach still verlassen.
Die Gemeinde, die heute relativ wohlhabend
ist und etwa 850 Mitglieder zählt, steht aber Ausstellung
vor anderen Herausforderungen: Assimilation, Das Yeshiva University Center for Israel Studies hat eine Ausstellung
das Aussterben der älteren Generation und die über die Samaritaner konzipiert, die im Herbst 2022 im Museum of
zunehmende Unkenntnis der samaritanischen the Bible in Washington eröffnet wird. Andere Orte weltweit sollen
Tradition bei den jungen Leuten. folgen. Flankierend entsteht der Dokumentarfilm The Samaritans,
Vielleicht symbolisch für die zeitgenössische Saving a Biblical People (Regie: Moshe Alafi), der im März 2022 an
Symbiose zwischen Samaritanern und israeli- der Yeshiva University in New York Premiere haben wird.
schen Juden, gründeten die Söhne des derzei-
tigen Hohepriesters die hochmoderne Tehina-
Fabrik Har B‘racha Tehini, „Berg des Segens“, Lesetipps
benannt nach dem Berg Garizim. Ihre Tehina • Steven Fine (Hg.), The Samaritans: A Biblical People,
© Moshe Alafi

(eine in der orientalischen Küche beliebte Se- Yeshiva University Museum, 2022.
sampaste) gilt als die beste in Israel und die Pro- • Reinhard Pummer, The Samaritans: A Profile, s. Büchertipps.
duktionsstätte überblickt die palästinensische

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Samaritanisches Leben heute

„Ein Leben ohne all das


erscheint mir ziemlich leer!“
Osher Sassoni lebt mit seiner Familie in Holon bei Tel Aviv und hilft, das
kulturelle Erbe seiner Gemeinschaft mit einer samaritanischen Website zu
bewahren. Wir haben ihn gefragt, wie sein Alltag als Samaritaner aussieht –
und was ihm an seinem Glauben wichtig ist.

WUB: Ihre Gemeinschaft lebt in zwei ver- Die andere Hälfte der Gemeinde, die Be­
schiedenen Umgebungen, im israelischen wohner des Berges Garizim, hat ebenfalls Osher Sassoni, 42, ist Samarita-
Holon bei Tel Aviv und im palästinensi- gute Beziehungen zu den örtlichen Nach­ ner aus Holon, einem der bei-
schen Kirjat Luza auf dem Garizim bei Na- barn, wenn auch auf eine etwas andere Art den samaritanischen Zentren in
blus. Als Samaritaner leben Sie zwischen und Weise. Aufgrund des israelisch-palästi­ Israel. Er arbeitet als Teamleiter
Juden, Muslimen und Christen. Wie wür- nensischen Konflikts und der Tatsache, dass in der IT-Branche und pflegt
den Sie die Beziehungen zu Ihren Nach- die Samaritaner israelische Ausweise haben die Internetseite
barn beschreiben? und eigentlich Teil des größeren Glaubens Is­ The-Samaritans.net.
Osher Sassoni: Nun, in einem Satz kann raels sind, bewahren sie bewusst Neutralität Zusammen mit einem amerika-
man es so beschreiben: „Wir bewegen uns und stellen ihre nationale Zugehörigkeit in nischen Freund, Larry Rynear-
son, hat er zudem die Seite
zwischen den Regentropfen.“ Wir, der Teil den Hintergrund. Trotzdem gab es in der ers­
thesamaritanupdate.com
der Gemeinschaft, der in Holon lebt, haben ten Intifada 1988 mehrere Fälle von Brand­
gegründet, die einen digitalen
gute Beziehungen zu Israelis aller anderen anschlägen auf samaritanische Häuser, die von Newsletter über Belange der
ethnischen Gemeinschaften. So besuchen Jasser Arafat scharf verurteilt wurden. Später Gemeinden veröffentlicht und
wir staatliche Schulen, arbeiten unter Juden, wies er der Gemeinschaft sogar einen eigenen ein umfassendes bibliografi-
und die meiste Zeit über gibt es keinen Un­ Sitz im palästinensischen Parlament zu. sches Archiv bietet.
terschied zwischen uns und „den anderen“,
die sich als jüdisch oder etwas anderes identi­ Nach Jahrhunderten kam es im 20. Jh. zu Eine weitere informative Web-
fizieren. In der Firma, in der ich arbeite, haben einer Versöhnung zwischen Samaritanern site pflegt der samaritanische
wir zum Beispiel Mitarbeiter aus verschiede­ und Juden. Was bedeutet das für Sie? Historiker Benjamin Tsedaka
nen Religionen: Juden, Muslime, sogar eine Es bedeutet, dass der jüdische Staat – nicht vom Gemeindeteil auf dem
Garizim unter dem Titel Israelite
Christin. Als Bürger Israels erfüllen wir auch die ultraorthodoxe Strömung, die uns immer
Samaritan Information Institute:
unsere Pflichten, indem wir in der Armee die­ noch als Fremde sieht – die Entität ist, an die
Israelite-Samaritans.com
nen und natürlich bei den Parlamentswah­ unser Schicksal derzeit gebunden ist. Unter
len wählen. Auf der einen Seite gibt es also dem jüdischen Staat, einer liberalen Demo­
kein Gefühl, anders zu sein als die anderen. kratie, wird den Samaritanern Religionsfrei­
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Fälle heit gewährt, Zugang zu unseren heiligen
von Belästigungen durch Nachbarn. In den Stätten, und die Regierung unterstützt unse­
letzten Jahren haben die Bewohner unseres re traditionelle Observanz sogar wirtschaft­
Viertels in Holon unter Übergriffen gelitten. lich. Zum Beispiel leistet die Regierung nicht
Dazu gehört das Werfen von Sprengstoff­ nur allgemeine finanzielle Unterstützung für
attrappen, das Einschlagen von Fenstern und die beiden Gemeindekomitees, die die Orte
das Werfen von Steinen während der Purim- Holon und Har Garizim repräsentieren, sie
© privat

Feierlichkeiten. Alle diese Fälle wurden von subventioniert auch die Unterhaltung unse­
der örtlichen Polizei verfolgt. rer Synagogen. In einigen Fällen fühlten wir

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welt und umwelt der bibel 2/2021
uns gegenüber anderen Sektoren etwas diskri­
miniert, sodass wir den Staat vor dem Obersten
Gerichtshof verklagten. In einem solchen Fall
vor etwa 15 Jahren haben wir Gehälter für unse­
re Kohanim, unsere Priester, die in unseren Syn­
agogen dienen, gefordert, die den Gehältern der
örtlichen Rabbiner entsprechen, und gewon­
nen. Da wir keine wirkliche politische Macht
haben, gegenüber der realen politischen Macht,
die von religiösen Parteien ausgeübt wird, ver­
suchen Letztere manchmal, den Samaritanern
als „Nicht-Juden“ die Rechte zu verweigern –
Samaritaner haben im rabbinischen Gesetz den
Status von Nichtjuden. Zum Beispiel versuchte
1996 der Innenminister einer religiösen Par­
tei, Samaritanern, die von Nablus nach Israel
kommen, ihre Rechte zu verweigern, aber das
Gericht hat uns Recht gegeben und diese Ein­
schränkung entfernt.
Wir haben keine Illusionen, dass die Ortho­
doxen in Israel jemals unsere Tradition und un­
seren Glauben an den Berg Garizim wirklich an­
erkennen werden; wir wünschen uns nur, dass
sie uns auf unsere eigene Art und Weise leben
lassen und uns erlauben, nach unserer Religi­
on zu leben. Die Quintessenz ist also, dass der
theologische Konflikt immer noch existiert und
manchmal unser Leben beeinflusst, aber in den
meisten Fällen funktioniert das israelische Jus­
tizsystem und macht seine Arbeit.

Was ist mit den jungen Leuten in Ihrer Ge-


meinde: Bleiben sie mit der Gemeinde ver-
bunden?
Unsere Jugend bleibt definitiv mit der Gemein­
de verbunden, ein Zeichen dafür, dass es ihr gut
geht. Jedes Kind, etwa ab dem Alter von 6 Jahren
(meine kleine Tochter auch), fängt an, mit einem
Lehrer das Lesen der Samaritanischen Tora zu
lernen. Wenn das Kind die Tora einmal vollstän­
dig durchgelesen hat, beginnt es langsam, die
Gebete in der Synagoge zu besuchen und an den
Gebeten teilzunehmen. Auf diese Weise tritt es
in die rituelle Welt der Gemeinde ein. Außer­
dem beginnt ein Kind schon sehr früh, ein volles
samaritanisches Leben zu Hause zu leben: Ab
dem Zeitpunkt, an dem es weiß, dass am Schab­
bat kein Strom benutzt werden darf, dass an Jom
© The-Samaritans.net / Ori Orhof

Kippur alle fasten müssen und wenn seine Mut­


ter in ihrer Niddah-Zeit ist, ihrer monatlichen
Zeit der Menstruationstrennung. Also lebt sogar
ein Kleinkind ziemlich viel Samaritanerleben.
Es stimmt, dass heute alle mit Smartphone und
zerrissenen Jeans laufen und nach Thailand rei­
sen, aber sie sind alle noch mit der Gemeinschaft
und ihren Lebensweisen verbunden.

56 welt und umwelt der bibel 2/2021


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Samaritanisches Leben heute

Die samaritanische Gemeinde spricht offen einzigartig, dass er der Einzige war, durch den
über die Probleme, innerhalb der Gemein- die Tora des Lebens in die Welt gebracht werden
schaft Frauen zum Heiraten zu finden, weil konnte. Er war der „Schlüsselpartner“ Gottes
es einen Überschuss an Männern gibt. Es ist bei der Bildung dessen, was wir als Volk Israel
den samaritanischen Männern erlaubt, jüdi- kennen. Nach unserer Überlieferung war er der
sche Frauen zu heiraten, die das samaritani- einzige Mensch, dem eine Vision des erwarte­
sche Leben, die Bräuche und Rituale akzep- ten Endes der Schöpfung zuteil wurde. Dem­
tieren. Was ist die größte Herausforderung
für Frauen von außerhalb?
Für eine Person, die aus dem kompletten Säku­ Das Pessachopfer – „jeder Samaritaner
larismus kommt, ist es nicht einfach, in die Welt
der samaritanischen Religion einzutreten. Es be­
freut sich daran, als ob er oder sie per-
ginnt damit, dass sie den Schabbat und die Feier­ sönlich gerade aus Ägypten gekommen
tage einhalten muss, und zwar nicht unbedingt
an Daten, die mit jüdischen Daten überein­
und aus der Sklaverei erlöst worden wäre“
stimmen. Das bedeutet, dass sie tatsächlich die
Routine ihres bisherigen Lebens ändern muss, entsprechend ist einer seiner vielen Titel „der
zu der wahrscheinlich das Fernsehen am Schab­ Prophet der Welt und ihres Endes“, was eben­
bat gehörte, nicht unbedingt das Fasten am Jom so „der Prophet der Ewigkeit“ bedeutet. Er hat
Kippur und generell ein Leben, das nicht in einer weitere Titel wie „der große Prophet“, „der Er­
kleinen Gemeinschaft von 850 Menschen statt­ zieher der Welt“ und „der Prophet, der in Licht
findet, die fast alles voneinander wissen. gekleidet war“. Moses erreichte die höchstmög­
Meiner Meinung nach ist die Hauptschwie­ liche spirituelle Ebene, den Grad, der der Gött­ t Das samaritanische
rigkeit für sie, sich der Gemeinde anzuschlie­ lichkeit am nächsten kommt, den ein Mensch Pessachfest ist der
ßen, in der Anfangsphase die Einhaltung der erreichen kann und den kein anderer jemals er­ Höhepunkt des Festjah-
Regeln der Unreinheit und das Fasten der Kin­ reichen wird. res. Die Opferlämmer
der an Jom Kippur. Mit der Zeit gewöhnen sie werden geschlachtet
sich daran und wissen sogar, wie sie diese Tradi­ Und wie stellen Sie sich den Tag des Gerichts und an Holzpfählen im
tion nach außen hin schützen können. vor? Welche Aufgabe hat der Taheb? offenen Feuer gegart.
Für Frauen, die aus den religiösen jüdischen Nach unserer Tradition wird der Taheb – der Pro­ Gemeinsam verzehren
Gemeinden in Israel kommen, ist es fast unmög­ phet, der am Ende der Tage erscheinen wird, das die Familien das zube-
reitete Fleisch in einem
lich, sich unserer Gemeinde anzuschließen, we­ Volk Israel erlösen, der Welt die Heiligkeit der
Saal der Opferanlage in
gen der Art, wie sie uns sehen, und wegen der Tora und den Platz des Offenbarungszelts auf
Kirjat Luza.
Art, wie sie innerhalb ihrer Gemeinden durch dem Berg Garizim beweisen. Nach dieser Über­ Mit dem Blut der Schafe
Heiratsvermittlung heiraten. Deshalb sind die lieferung befinden wir, das Volk Israel, uns in zeichnen sich die An-
meisten Fälle von gemischten Paaren Samari­ den Tagen der Fanuta (Gottes „Abwendung“); wesenden ein Zeichen
taner mit nicht-religiösen jüdischen Frauen. In der Zeit, in der die Schechinah (göttliche Gegen­ auf die Stirn: wie in der
den letzten 15 Jahren gab es einige Fälle von wart) verborgen ist. Dies begann an dem Tag, als Nacht des Aufbruchs
Eheschließungen zwischen Samaritanern und das Offenbarungszelt und die heiligen Gefäße aus Ägypten. Es ist ein
jüdischen Frauen aus der Ukraine – und der da­ vom Herrn verborgen wurden, aufgrund des Zeichen des Segens
malige Hohepriester genehmigte dies. verdorbenen Verhaltens seines Volkes. Dies ist und Schutzes für das
wie in der Tora gesagt: „Und ich werde an jenem kommende Jahr.
Könnten Sie erklären, was Mose für Sie be- Tag mein Angesicht verbergen wegen all des
deutet?
In der samaritanischen Tradition nimmt Mose
einen besonderen Platz ein. Er ist ja der Prophet, Der Eingang zur
von dem die Tora bezeugt, dass nie wieder ein samaritanischen
Prophet wie er auftreten würde. In der samari­ Synagoge von Holon,
tanischen Liturgie wird er als Haupt aller ande­ die 1960 erbaut
worden ist.
ren Propheten beschrieben, als Mann Gottes,
sogar als derjenige, aufgrund dessen Verdienst
© The-Samaritans.net

die Welt erschaffen wurde. Der Prophet Mose


wurde nach der samaritanischen Tradition im
siebten Monat am siebten Tag und in der siebten
Stunde des Tages geboren. Sein Licht erleuch­
tete die Welt, und seine Persönlichkeit war so

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welt und umwelt der bibel 2/2021 57
Zeremonie selbst erfüllt uns mit Stolz, Genug­
tuung und Freude darüber, dass wir hier sind –
fast viertausend Jahre nach dem ursprünglichen
Exodus, eine winzige Gemeinschaft, die den
Druck der Moderne überlebt hat, allein auf der
Welt, die immer noch das Pessach-Opfer erfüllt
und es schafft, es von einer Generation an die
nächste weiterzugeben.

Sie sind in der samaritanischen Gemeinschaft


aufgewachsen, was lieben Sie am meisten am
samaritanischen Leben?
Das Leben in einer ziemlich geschlossenen Ge­
meinschaft, in der man fast alles über seinen
Nachbarn weiß, ist nicht unbedingt einfach.
Und doch ist der soziale Zusammenhalt und das
Gefühl innerhalb der Gemeinschaft, der gegen­
seitigen Verpflichtung füreinander einmalig für
uns. Die Tatsache, dass wir, vielleicht die einzi­
ge Gemeinschaft auf der Welt, im Gegensatz zu
den geschlossenen religiösen Gemeinschaften
ringsum, es schaffen, täglich mit vollkommen
Ein samaritanisches Bösen, das sie getan haben, weil sie sich anderen säkularen Israelis zu agieren, aktiv an dem Land,
Mädchen lernt die alte Göttern zugewandt haben“ (Dtn 31,18). Wenn in dem wir leben, teilzunehmen und gleich­
althebräische Schrift, der Taheb zurückkehrt – ein Prophet wie Mose, zeitig ein Leben voller ehrenvoller Familien,
um die samaritanische aber aus dem Geschlecht Josefs –, wird er die erstaunlicher Bräuche und wunderbarer Tradi­
Tora lesen zu können, Tage der Rehutta, der göttlichen Gunst, erneu­ tionen zu bewahren, ist außergewöhnlich. Ein
mit ihrem Lehrer Ragheb ern, und die Stiftshütte wird aufgefunden und Leben ohne all das erscheint mir ziemlich leer. W
Mfarrej. Die Kinder be-
an ihren richtigen Platz zurückgebracht werden.
ginnen mit sechs Jahren.
Aufnahme von 2018 aus
An diesem Tag werden alle Völker ihre Irrtümer Die Fragen stellte Helga Kaiser.
Kirjat Luza. zugeben und sich dem wahren Glauben der Sa­
maritaner anschließen, die an die Tora des Mose
und den Berg Garizim glauben.

Das samaritanische Pessachfest ist bekannt Die samaritanischen


in der ganzen Welt. Was bedeutet das Fest
für Sie theologisch – und persönlich? Familien
Das Pessachopfer ist einer der Höhepunkte des
samaritanischen Gottesdienstes und einer der
Die samaritanische Gemeinde zählt heute
Höhepunkte des Jahres für jedes Gemeindemit­
etwa 850 Personen.
glied. Das Pessachopfer selbst verbindet jedes
Mitglied der Gemeinde mit der alten Geschich­ Alle Gemeindemitglieder gehören vier
te des Exodus, und jeder Samaritaner freut sich Hauptclans an:
daran, als ob er oder sie persönlich gerade aus 1. Aus dem Stamm Levi, dem Sohn Jakobs,
Ägypten gekommen und aus der Sklaverei er­ Cohen, die Familie der Leviten
löst worden wäre. Die Emotionen verstärken
sich in uns, je näher der Feiertag rückt und wir Aus dem Stamm Ephraim, dem Sohn
© picture alliance / Ayman Nobani/dpa

an den Vorbereitungen für das Pessach-Opfer Josefs:


beteiligt sind. Während der vierzehn Tage des 2. Dinfy, ein Clan aus zwei Familien: Altif
Mischmeret – der Tage vor dem Opfer – halten und Sassoni
wir besondere Gebete, um das bevorstehen­ 3. Marḥiv, ein Clan mit zwei Familien:
de Pessach zu markieren. Dies, zusammen mit Marḥiv und Jehoschua
den logistischen Vorbereitungen des Einzugs in
4. Aus dem Stamm Menasche, Sohn des
unsere Häuser auf dem Berg Garizim und dem
Josef: Tsedaka
Wechsel der Jahreszeit, erfüllt uns mit Auf­
regung für die kommenden Tage. Der Akt der

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Büchertipps

The Samaritans: A Profile


Es ist DAS umfassende Standard- Zum Weiterlesen
werk über die Geschichte der
Im deutschsprachigen Raum gibt es neben wissenschaftlichen Studien
Samaritaner: R. Pummer beleuchtet
(und jetzt dieser Ausgabe von Welt und Umwelt der Bibel) kaum Einzel-
ihre Geschichte von den Anfängen
publikationen über die Samaritaner. Daher stellen wir Ihnen zwei Web-
bis heute, die Darstellung in der
site-Projekte vor (beide in Englisch): Denn die authentischsten Informa-
antiken jüdischen und rabbinischen
tionen kann man von den samaritanischen Gemeinden selbst erfahren.
Literatur, die archäologischen
Forschungen, Gebräuche und www.The-Samaritans.net
Riten, Musik und samaritanische Literatur ... Ein Wurf Hier findet man jede Menge Grundinformationen zu Festen, Gebeten,
über Jahrtausende, Ereignisse, Menschen. Und dabei Gebräuchen, Geschichte und Schriften. Osher Sassoni, der die Seite be-
beleuchtet die Geschichte der Samaritaner immer auch treut, postet hier auch neue Studien und Veröffentlichungen (kleine Teile
die der eng verknüpften anderen monotheistischen davon in Hebräisch). Eine Fundgrube.
Religionsgemeinschaften. Leider ist noch keine deutsche
Übersetzung erschienen. www.Israelite-Samaritans.com
Reinhard Pummer, The Samaritans: A Profile, W. B. Eerd- Auch dieses Web-Projekt bietet breite Informationen zu Leben und
mans Pub. Co. 2016, 312 S., ISBN 9780802867681, Glauben der Gemeinschaft, u. a. zur Musik! Die Seite pflegt der samarita-
ca. EUR 29,95, eBook EUR 3,20. nische Historiker Benjamim Tsedaka. Geboren 1944 in Nablus, gehört er
zu den Ältesten der Gemeinde und hat das Israelite Samaritan Information
Center gegründet. Er widmet sich intensiv der Bewahrung des kulturellen
Samaritanisches Kochbuch Erbes der Samaritaner: in zahlreichen Büchern, Fachartikeln, Gruppen-
Zum kulturellen Erbe einer Ge- führungen, Begegnungen und Vortragsreisen in der ganzen Welt.
meinschaft gehört auch die Wahl
der Speisen und ihre Zubereitung. Ohne Worte erfährt man viel über die Samaritaner
Mit dem Projekt „Samaritan Cook- • in den digitalen Fotoalben von Ori Orhof: orhof.smugmug.com
book“ ist daher mehr als ein Koch- • im Israel National Photo Archive: gpophoto.gov.il
buch zur traditionellen samaritani-
schen Küche entstanden: Es bietet
auch viele Informationen zur Geschichte der Samarita- • Frei zugänglich (open access) sind die Beiträge der Sondernummer
ner, zu ihren Festen und Gebräuchen sowie ihr Leben in „Exploring Samaritanism“ (Hg. Reinhard Pummer) des Journals
Bildern. Zusätzliche Informationen und Videomaterial Religion: mdpi.com/journal/religions/special_issues/
findet man auf der Website samaritancookbook.com. Exploring_Samaritanism
Benyamim Tsedaka, Ben Piven/Avishay Zelmanovich
(Hg.), Samaritan Cookbook. A Culinary Odyssey from • Benedikt Hensel, Juda und Samaria. Zum Verhältnis zweier nach-exili-
the Ancient Israelites to the Modern Mediterranean. scher Jahwismen, Mohr Siebeck 2016. Besonders die religionssoziologi-
Rezepte von Batia bat Yefet Tsedaka und Zippora schen Aspekte werden auf spannende Weise beleuchtet.
Sassoni Tsedaka, Wipf and Stock 2020, 118 S.,
• Jörg Frey/Ursula Schattner-Rieser/ Konrad Schmid, Die Samaritaner
ISBN 9781725285897, ca. EUR 30,–, eBook EUR 17,–.
und die Bibel, Historische und literarische Wechselwirkungen zwischen
biblischen und samaritanischen Traditionen, De Gruyter 2012.
Die Samariterin am Brunnen • Kristin Weingart, What Makes an Israelite an Israelite? Judean
Eine sorgfältige und intensive Perspectives on the Samarians in the Persian Period in: Journal for
Auslegung der Begegnungsge- the study of the Old Testament 42 (2) 2017, 155–175.
schichte im Johannesevangelium.
Eine Frau lebt mit dem fünften • Stefan Schorch (Hg.), Samaritan languages, texts, and traditions,
Mann zusammen, der sie aber nie De Gruyter 2018.
geheiratet hat. Am Brunnen des
Urvaters Jakob trifft sie den Juden
Jesus. Zwischen beiden verlaufen harte Grenzen. Doch
beide überschreiten sie. Frau und Mann, Samariterin
und Jude wagen das Gespräch. Hinweis
Ulrike Bechmann/Joachim Kügler, Die Samariterin Alle lieferbaren Bücher sowie Publikationen aus dem Katholischen
­­
am Brunnen, Katholisches Bibelwerk 2013, 56 S., Bibelwerk e. V. können Sie ­­­­bestellen bei bibelwerk impuls:
ISBN 9783944766706, EUR 5,90. Tel. 0711-6 19 20 37 // Fax 0711-6 19 20 30
impuls@bibelwerk.de // www.bibelwerk.shop

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welt und umwelt der bibel 2/2021 59
Aus der Welt der Bibel: Panorama • Die großen Städte der Bibel •

herodion

Gemälde nur für den


Gast aus Rom
Seit 13 Jahren wird das Herodion, die von König
Herodes errichtete Festung zwischen Jerusalem und
Betlehem, restauriert. Seit diesem Winter sind weite-
re Teile für Besucher zugänglich. Dazu zählen die ge-
wölbte Treppe als Zugang zur königlichen Residenz,
das Foyer und ein privates Theater, das Herodes auf
halber Höhe des Hangs mit 300 Sitzplätzen und
einer königlichen Loge erbauen ließ. Hier empfing er
im Jahr 15 vC den römischen General Marcus Agrip-
pa, die rechte Hand Cäsars. Anlässlich dieses Besuchs
war der Raum prachtvoll dekoriert worden. In einer
Architektur aus falschem Marmor und angereichert
mit Stuck, gaben sechs eindrucksvolle Gemälde
die Illusion einer ägyptischen Landschaft wieder,
die man durch ein ebenfalls aufgemaltes Fenster
sieht. Die Landschaft spielte auf die Eroberungen
des römischen Gastes an. Zur großen Überraschung
der Kunsthistoriker fanden sich menschliche und
tierische Silhouetten in der Ausmalung. Der König
von Judäa hatte sich sonst an das jüdische Verbot
der Darstellung von Lebewesen gehalten, hier jedoch
übertrat er die religiösen Gebote, um den hohen Gast
zu beeindrucken. (Estelle Villeneuve, MdB/wub)
© MENAHEM KAHANA/AFP

60 welt und umwelt der bibel 2/2021


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Die Bibel in berühmten Gemälden • Ausstellungen und Veranstaltungen

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welt und umwelt der bibel 2/2021 61
Papst franziskus im Irak

Gebet der Religionen in Ur


Anfang März 2021 reiste Papst Franziskus in den Irak. Das Oberhaupt der römisch-katholischen
Kirche betonte in der Heimat Abrahams die friedensstiftende Kraft aller Religionen.
Von Matthias Kopp

V
iel sagt die Bibel nicht über die ziskus in Gegenwart von geistlichen Füh- theologischen Autorität des Irak, Groß-
Herkunft Abrahams – aber immer- rern der Schiiten, Sunniten, Jesiden, Man- ajatollah Sayyid Ali al-Sistani, unternahm
hin, dass er aus Ur in Chaldäa, dem däer, Kakai und Zoroastrier. der Papst einen Brückenschlag zum schi-
heutigen Süd-Irak, stammt. Die Forschung Auch wenn die Juden fehlten, sprach itischen Islam. Dabei würdigte Franzis-
vermutet, dass die Vorfahren Abrahams er im Gebet bewusst alle Religionen an: kus die Rolle al-Sistanis angesichts von
eine Sippe semitischen Ursprungs waren, „Wir, die Söhne und Töchter Abrahams, die Gewalt und Schwierigkeiten, wo er „seine
die von den nördlichen Ufern des Euph- dem Judentum, dem Christentum und dem Stimme zur Verteidigung der Schwächsten
rat und Tigris hierhergewandert waren. Islam angehören, danken dir zusammen mit und Verfolgten erhoben hat“. Das Wort des
Später wird der Verfasser des Buches
Deuteronomium schreiben: „Mein Vater
war ein heimatloser Aramäer!“ (Dtn 26,5). Iraks Christen sind durch den Besuch ge-
Damit wird wohl Abraham gemeint sein,
der Ur verlässt und zunächst nach Haran
stärkt worden. Ob sie dennoch im Land
übersiedelt, dann nach Kanaan. bleiben, ist offen
Vom Ur des Abraham ist kaum noch
etwas übrig, Reste der über 4000 Jahre anderen Gläubigen und allen Menschen Großajatollahs hat Gewicht in allen Be-
alten Zikkurat sind nachrestauriert wor- guten Willens, dass du uns Abraham … als völkerungsschichten des Irak und weit in
den. Der gestufte Tempelturm bildete die gemeinsamen Vater im Glauben geschenkt den Iran hinein. Die irakische Regierung
Kulisse für eine Sternstunde der Welt- hast.“ erklärte den 6. März in Gedenken an die-
religionen, als Papst Franziskus am 6. Die historische Reise von Franziskus se historische Begegnung zum jährlichen
März 2021 Ur besuchte: „Wir sehen zum (5.–8. März 2021) führte ihn neben Ur Feiertag der Toleranz und Koexistenz.
Himmel hinaus. Wenn wir nach Tausenden auch nach Bagdad, Najaf, Erbil, Mossul Vor allem ging es Franziskus um eine
Jahren den gleichen Himmel betrachten, und Qarakosh. Mit dem Besuch in Na- Stärkung und Ermutigung der christli-
erscheinen dieselben Sterne wie zur Zeit jaf bei der wichtigsten moralischen und chen Minderheit, deren Situation nach
Abrahams. Wenn wir die Geschwisterlich-
keit bewahren wollen, dürfen wir den Him- Auf den Ruinen von Ur: eine vatikanische
mel nicht aus den Augen verlieren“, sagte Delegation während der Papstreise.
Franziskus.
In eindringlichen Worten verurteilte
er an diesem „Quellort des Glaubens“ die
Beleidigung des Namens Gottes: „Feind-
seligkeit, Extremismus und Gewalt sind
Verrat an der Religion. Wir dürfen nicht
schweigen, wenn der Terrorismus die Re-
ligion missbraucht.“ Unmissverständlich
rief der Papst zur Achtung der Gewissens-
und Religionsfreiheit für alle Menschen
© KNA Gmbh, ww.kna.de

des Irak auf. „Frieden erfordert weder


Sieger noch Besiegte, sondern Brüder und
Schwestern, die trotz der Missverständnisse
und Wunden der Vergangenheit den Weg
vom Konflikt zur Einheit gehen“, so Fran-

62 welt und umwelt der bibel 2/2021


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wie vor prekär ist. Als im April 2003 die militä-
rische Koalition unter Führung der USA Saddam
Hussein stürzte, begann eine Zeit, die bis heute
nicht beendet ist: Der Irak befindet sich in einer
Phase des territorialstaatlichen Übergangs. Eine
einheitliche Staatenbildung hat ebenso wenig
stattgefunden wie eine Stabilisierung des politi-
schen Systems.
Die Destabilisierung wurde durch einen Zerfall
des Vielvölkerstaates, den Terror von al-Qaida,
bürgerkriegsähnliche Zustände und den Abzug
der US-Truppen 2009 beschleunigt. Angriffe ge-
gen Christen waren an der Tagesordnung. Durch
den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) wurden
Papst Franziskus begegnet Vertretern unterschiedlicher Religionen in Ur,
ab 2014 Teile des westlichen und zentralen Irak
der Heimat Abrahams.
bis vor die Tore Bagdads besetzt: 3,2  Mio Men-
schen mussten flüchten und kehren erst langsam
zurück. Seit Dezember 2017 gilt der IS im Irak als
besiegt.
In diesen nüchternen Zahlen, hinter denen je-
weils ein individuelles Schicksal steht, spielen die
Christen eine besondere Rolle. Ihr Bevölkerungs-
anteil wurde um das Jahr 2000 noch auf 6,6 Pro-
zent geschätzt (damals knapp 1,45 Mio Menschen),
heute sind es maximal 1,5 Prozent (585.000 Men-
schen) in einem Irak, der zu 97 Prozent aus Mus-
limen besteht, die sich wiederum mit 60 Prozent
auf Schiiten, 37 Prozent auf Sunniten und den Rest
auf kleinere Denominationen aufteilen, bei einer
Einwohnerzahl von 39,3 Mio Menschen.

Ein Nein zur Instrumentalisierung


von Religion
In Mossul hatte der IS sein Terror-Kalifat ausgeru-
fen und angekündigt, bis nach Rom zu marschie-
ren, um den Papst zu töten. Franziskus erwies
den Opfern von Terror und Verfolgung genau in
diesem Mossul die Ehre. Auf dem Platz Hosh al-
Bieaa betete er inmitten der Trümmer von vier
durch den IS zerstörten und bis heute nicht wie- „Wir sagen ein klares ‚Nein‘ zum Terrorismus und zur Nur noch Ruinen: die
der aufgebauten Kirchen: „Wie grausam ist es, dass Instrumentalisierung der Religion.“ syrisch-katholische
dieses Land als Wiege der Zivilisation von einem so Iraks Christen sind durch den Besuch gestärkt al-Tahira-Kathedrale in
unmenschlichen Sturm heimgesucht worden ist, der worden. Ob sie dennoch im Land bleiben, ist offen, Mossul, im März 2021.
Abertausende von Menschen – Moslems, Christen, Rückkehrer aus Europa gibt es kaum. Religion und
Jesiden und andere – gewaltsam vertrieben oder Politik bekräftigten von beiden Seiten, was der
getötet hat“, sagte Franziskus. Seine Botschaft war Papst forderte: dass die Christen integraler Be-
eine gegen die Angst und für ein Verbleiben – von standteil der Zivilgesellschaft seien. Das beschei-
beide Bilder: © KNA Gmbh, ww.kna.de

ehemals 500 christlichen Familien sind bisher nur dene, fast demütige Auftreten des Papstes, das
70 zurückgekehrt. Franziskus ermutigte: Die Ge- Handreichen zu allen Religionen, Ethnien und ge-
schwisterlichkeit sei stärker als der Brudermord, sellschaftlichen Gruppen verfehlte seine Wirkung
die Hoffnung stärker als der Tod, der Friede stärker im Irak nicht. „Ich komme als Pilger des Friedens“,
als der Krieg. Diese Vision sprach er auch im we- sagte Franziskus in Bagdad. So war es versöhnlich, Matthias Kopp ist Presse-
nige Kilometer entfernten und überwiegend von dass Präsident Barham Salih das betonte, was für sprecher der Deutschen
Christen bewohnten Qarakosh aus. Terrorismus alle Länder der Bibel gilt: „Ohne Christen ist der Bischofskonferenz und
und Tod dürften niemals das letzte Wort haben, es Orient nicht vorstellbar. Diese Reise des Papstes Nahostexperte. Er ist seit
brauche Vergebung, um Heilung zu ermöglichen: trägt zur Heilung des Landes bei.“ W 1999 im Irak unterwegs.

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welt und umwelt der bibel 2/2021 63
Fische, Vögel und
Pflanzen: Der Mo-
saikboden der Apsis
der Basilika bildet
detailreich eine
Flusslandschaft ab.

Frühchristliche Basilika im Gebiet von Doliche

Eine Flusslandschaft voller Tiere


Die frühchristliche Basilika auf dem Stadtgebiet der antiken Stadt Doliche wurde mehrfach umgebaut.
Im 5./6. Jh. erhält die Apsis ein wunderschönes Bodenmosaik mit Fischen und Vögeln.

Mosaik © WWU - Forschungsstelle Asia Minor; Studio © Lehrstuhl f. Geschichte u. Religionsgeschichte Israels u. s. Umwelt
B
ei der Ausgrabung einer früh- Antikenverwaltung fand unter besonde- Nordsyrien. Nach verschiedenen Umbau-
christlichen Basilika im Südosten ren Sicherheitsmaßnahmen aufgrund der ten der Kirche lag die Apsis im 5./6. Jh.
der Türkei legten Archäologen der Corona-Pandemie statt. Dennoch konn- ca, 0,7 m über dem Mittelschiff und war
Universität Münster Mosaike mit Fisch- ten Forscherinnen und Forscher den öst- über eine Treppe erreichbar. Bemerkens-
Darstellungen, Ornamentbändern und lichen Abschluss der Basilika mit einer wert ist vor allem der Mosaikboden der
bemalten Marmorreliefs frei. „Die Funde gut erhaltenen Apsis vollständig ausgra- Apsis aus dieser Zeit. Er zeigt eine Fluss-
werfen ein neues Licht auf die Entwicklung ben. landschaft, bevölkert von detailreich
des Kirchenbaus im Nahen Osten zwischen Bereits in den vergangenen Jahren wa- wiedergegebenen Fischen, Vögeln und
dem 4. und 7. Jh. nC“, erläutert Engelbert ren Teile der Basilika freigelegt worden. Pflanzen – und einer Garnele. Gerahmt
Winter von der Forschungsstelle Asia Mi- Die Basilika auf dem antiken Stadtgebiet war die Apsis von aufwendig gestalteten
nor im Seminar für Alte Geschichte. Die von Doliche zählt zu den größten inner- Ornamentbändern. W (Universität Münster/
Arbeit in Kooperation mit der türkischen städtischen Kirchen aus dem spätantiken wub)

An der Universität Leipzig will eine Pod­ mit Professoren und Professorinnen wie
Tells und Tales
cast-Reihe „Tells und Tales“ das Fach Bib- Dieter Vieweger, Jens Kamlah, Angelika
Biblisch-archäologischer Podcast
lische Archäologie einem breiteren Pub- Berlejung und Wolfgang Zwickel. Im ers-
der Universität Leipzig.
likum vorstellen und in seiner aktuellen ten Podcast erzählt Dieter Vieweger von
Vielschichtigkeit hörbar machen. Dazu Grabungen, Entdeckungen und Schwie-
werden Forscherinnen und Forscher rigkeiten der Archäologie in Jerusalem.
mit unterschiedlichen Schwerpunkten Andere Themen sollen die Siedlungs-
zu ihren Ausgrabungen auf Siedlungs- geschichte Jordaniens, das Volk der Ara-
hügeln („Tells“) und zu Geschichten aus mäer oder die Religionsgeschichte Me-
dem Grabungsalltag sowie Methoden sopotamiens sein. So wird im Gespräch
und Bedeutungen einzelner Funde („Ta- jahrtausende alte Geschichte in 6 x 20
les“) interviewt. Geplant sind Gespräche Minuten hörbar.

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welt und umwelt der bibel 2/2021
untersuchungen der Wandmalereien in petra links: Rekonstrukti-
on der Wand- und

Bunte geometrische Formen


Deckenmalerei in
der Wohnhöhle von
Wadi as-​Siyyagh.
Jede Wand war mit
Es sind fast modern wirkende Wandmalereien, die eine Untersuchung eigenen geome-
der Gebäude in Petra ans Licht brachte. trischen Mustern
gestaltet.

W
ie haben die Nabatäer ab dem 3. Jh. vC die wurden verschiedene Pigmente: Kreide, roter Ocker, rechts: Fotografi-
Wandmalereien in der Felsenstadt Petra Eisenoxid, Zinnober, das mineralische „Ägyptisch sche Dokumenta­tion
von Wandmalerei
geschaffen? Welche Technik haben sie da- Blau“, grüne Erde oder Kohle.
links: © Doris Botwen / Rebecca Tehrani / TH Köln; rechts © Qais Tweissi / Petra New Museum / TH Köln

und Putzresten im
bei angewandt und welche Materialien wurden ver- In derselben Villa zeigten sich auffällige Pigment-
Mausoleum Al-
wendet? Das haben das Institut für Restaurierungs- veränderungen. Der Vergleich von Aufnahmen, die Khazne, auch be-
und Konservierungswissenschaft der TH Köln, das kurz nach der Ausgrabung entstanden, mit aktuel- kannt als „Schatz-
Institut für Optik und Atomare Physik der TU Berlin len Fotos zeigt, dass eine früher hellrote Malschicht haus des Pharao“.
und das Institut für Archäologie der Humboldt-Uni- heute grau-grünlich erscheint. Vermutlich sind die
versität zu Berlin nun untersucht. organischen Bestandteile in der Farbe durch den
„An den bisher ausgegrabenen nabatäischen Mo- Einfluss der UV-Strahlung verblasst und bleihaltige
numenten finden sich Spuren von Wandmalereien, Pigmente haben durch veränderte klimatische Um-
die besonders durch ihre geometrischen Formen auf- gebungsbedingungen nach der Ausgrabung che-
fallen und für die eine präzise Planung nötig sind. misch reagiert.
Römische oder ägyptische Wandmalereien aus dieser Die in die roten Felswände von Petra geschlage-
Epoche weisen keine vergleichbare geometrische Ge- nen Gräber und Wohnhöhlen, aber auch die freiste-
staltung auf; auch die vergoldeten Verzierungen der henden Gebäude wie Villen und Tempel sind auch
Wände und die filigran gearbeiteten Stuckaturen sind durch weitere Faktoren bedroht. An mehreren Stel-
einzigartig“, sagt Prof. Adrian Heritage vom Institut len zeigen sich sogenannte Salz-Ausblühungen –
für Restaurierungs- und Konservierungswissen- Salzeinlagerungen, die aus den Wänden nach außen
schaft. dringen und die Farbschichten absprengen kön-
Untersucht wurden unter anderem die Maltech- nen –, begünstigt durch starke Temperaturschwan-
niken in der Villa von ez-Zantur aus dem 1. Jh. nC. kungen. Außerdem machen Tiere den Malereien zu
Die nabatäischen Künstler trugen erst mehrere schaffen: „In Wadi as-Siyyagh bewohnen Bienen den
Schichten Kalkputz auf und schufen ihre Gemälde Putz und unterhöhlen diesen; in ez-Zantur findet sich
dann auf dem getrockneten Putz (Seccotechnik). Un- Vogelkot auf den Malereioberflächen. Zuverlässige
terzeichnungen, Zirkel und Ritzungen halfen bei der Gitter an Fenstern und Türen könnten diese Probleme
Konstruktion der geometrischen Figuren. Verwendet verringern“, sagt Heritage. W (TU Köln)

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welt und umwelt der bibel 2/2021 65
Keilschrifttafeln aus
Babylon werden digitalisiert

In alle Welt
verteilt
Ein Forschungsprojekt untersucht Keilschrifttafeln aus
dem antiken Babylon. Nicht nur Wasserschäden beim Ab-
transport der Funde machen dies zu einer Herausforderung.
Professor Schwemer erläutert die Arbeit im Interview.

D
ie Babylon-Sammlung in den Archäologi- das Museum wohl erst 1918 und erlitten unterwegs Fragment einer
schen Museen Istanbuls umfasst über 200 Wasserschäden. Nicht zuletzt deshalb sind für die Bauinschrift
Keilschriftdokumente aus alt-, mittel-, neu- Erschließung der Keilschriftdokumente nicht nur die Nebukadnezars II.
und spätbabylonischer Zeit sowie etwa 90 gestem- Originale wichtig, sondern auch die Grabungsfotos, auf einem Ton-
pelte Ziegel. die zumindest für einen Teil der Funde von Koldewey fässchen, dem
typischen Format
„Die Texte stammen aus einer Zeitspanne, die sich und seinem Team angefertigt wurden und sich heute
neubabylonischer
vom frühen 2. Jahrtausend vor Christi Geburt bis zur Zei- im Vorderasiatischen Museum, Berlin, befinden.
Königsinschrif-
tenwende erstreckt“, erklärt Daniel Schwemer, Profes- Die Istanbuler Texte stellen nur einen kleinen Teil ten. Die Inschrift
sor für Altorientalistik an der Universität Würzburg. der Keilschriftfunde aus Babylon dar. Weitere Texte berichtet über den
Ziel des Projekts „The Cuneiform Texts in the befinden sich im Vorderasiatischen Museum, Berlin, Bau der Befesti-
Babylon Collection of the Istanbul Archaeological sowie im Irakischen Nationalmuseum, Bagdad, und gungsanlagen von
Museums” ist es, diese Keilschriftdokumente als ge- im British Museum, London. Babylon.
druckte und digitale Edition (open access) vorzule- Die Möglichkeit, nach über 100 Jahren die Istan-
gen, denn bisher sind die meisten dieser Keilschrift- buler Sammlung von Babylon-Texten systematisch
texte nie publiziert worden. aufzuarbeiten, ergab sich aus der langjährigen
2018 konnten Prof. Nils P. Heeßel (Universität Zusammenarbeit zwischen der Würzburger Altori-
Marburg) und Prof. Daniel Schwemer die Keilschrift- entalistik, der Istanbuler Abteilung des Deutschen
dokumente im Istanbuler Museum fotografisch do- Archäologischen Instituts und den türkischen Be-
kumentieren. Diese Fotos werden jetzt akribisch hörden, nicht zuletzt mit der Leitung der Istanbuler
untersucht und stark vergrößert abgezeichnet. Nach Archäologischen Museen. Die Aufarbeitung umfasst
einem „detektivischen Vergleich“ dieser Abzeichun- alle Istanbuler Babylon-Funde, wobei die archäolo-
gen mit den Originaltafeln in den Archäologischen gischen Funde von Prof. Dr. Andreas Schachner (DAI,
Museen von Istanbul folgt die Übertragung der Tex- Istanbul) und die Textfunde von mir selbst in Zusam-
te, die auf Babylonisch (Akkadisch) oder Sumerisch menarbeit mit Dr. Greta Van Buylaere (Würzburg) und
verfasst sind, in eine lateinische Umschrift, dann Prof. Dr. Nils Heeßel (Marburg) bearbeitet werden.
geht es an die Übersetzung. Ohne die langfristige wissenschaftliche und kultur-
Wie kam es zu diesem Projekt? politische Präsenz von deutschen Institutionen wie
Die Keilschriftdokumente aus Babylon in den Ar- dem DAI in der Türkei wären wissenschaftliche Vor-
chäologischen Museen Istanbuls stammen aus den haben wie das Babylon-Projekt nicht denkbar.
Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft Lässt sich sagen, woher die Keilschrifttafeln stam-
unter Leitung von Robert Koldewey in Babylon men? Wurden sie im gesamten Stadtgebiet Baby-
(1899–1917). Sie wurden im Zuge der Fundteilung lons gefunden oder kamen sie aus einem (königli-
zwischen dem Osmanischen Reich und der deut- chen) Archiv?
schen Grabung 1915 zusammen mit anderen Funden Aufgrund der etwas willkürlichen Fundteilung, die
© D. Schwemer

nach Istanbul verbracht. Aufgrund des I. Weltkriegs vor der eigentlichen Entzifferung der Keilschrifttex-
dauerte der Transport per Schiff auf dem Euphrat te stattfand, ist die Istanbuler Babylon-Sammlung
und dann per Bahn recht lang. Die Kisten erreichten bunt gemischt. Sie enthält Keilschriftdokumente aus

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Tonscherben abfotogra-
fieren, manuell mit Tinte
auf Papier abzeichnen und
dann transkribieren:
Sind das nicht angesichts
moderner Technik veraltete
Methoden? Nein, sagt Daniel
Schwemer. Gerade wenn
diese Tafeln so schlecht
erhalten sind, scheitere ein
automatischer Scan- und
Leseprozess. „Dafür benötigt
man Menschen mit Erfahrung
im Lesen von Keilschrifttexten
– und mit der entsprechenden Die genaue Abzeichnung der Keilschrifttafeln ist Voraussetzung für ihre Entzifferung.
Fantasie.“ Auch wenn er nicht Prof. Daniel Schwemer und seine Mitarbeiterin Dr. Greta Van Buylaere.
ausschließt, dass künstliche
Intelligenz diesen Prozess in
Zukunft übernehmen könnte. allen Epochen der Geschichte Babylons vom bekannt war. Nabû tritt als grausamer Kriegsherr
frühen 2. Jt. bis ins späte 1. Jt. vC. Ähnlich wie bei auf, erobert die Stadt der Feinde, macht sie un-
der chronologischen Verteilung ergibt sich auch bewohnbar, tötet die Bewohner und lässt reiche
für die Fundorte ein gemischtes Bild. Wichtige Beute aufladen.
Fundgruppen in der Istanbuler Sammlung sind Eine weitere wichtige Textgruppe sind um-
ein königliches Verwaltungsarchiv aus dem Pa- fangreiche Verwaltungsurkunden aus dem Pa-
last Nebukadnezzars II. (Kasr bzw. Südburg) und lastarchiv Nebukadnezzars II. Sie verzeichnen
die Bibliothek im Privathaus eines Gelehrten die täglichen Getreidelieferungen, die per Boot
der Seleukidenzeit (2. Jh. vC; Šuanna-Viertel bzw. zu den Getreidespeichern Babylons gebracht
Amran). Aus dem Bereich der Südburg stammen wurden. Die Urkunden geben Auskunft über die
auch viele der Königsinschriften auf Tonfäss- Lieferanten und ihre Herkunft, über die Famili-
chen in den Istanbuler Sammlungen; diese en, denen sie angehörten bzw. für die sie tätig
Sumerisches Klagelied an Inschriften lassen sich dem assyrischen König waren, über die Mengen einzelner Bootsladun-
den Gott Nabû. Vorderseite Assurbanipal sowie den babylonischen Königen gen, die Lage der Getreidesilos im Stadtgebiet
einer Keilschrifttafel aus der Nabopolassar, Neriglissar, Nebukadnezzar II. und von Babylon, die Mess- und Abrechnungsbeam-
Bibliothek eines seleuki-
Nabonid zuordnen. Aus einer Tontafelsammlung ten, die die Einlieferung registrierten, sowie die
denzeitlichen Gelehrten aus
der mittelbabylonischen Zeit (2. Hälfte 2. Jt. vC) hohen königlichen Beamten, aus deren Verant-
Babylon.
stammen umfangreiche, aber zum Teil schwer wortungsbereich die Lieferungen stammten. So
entzifferbare Omenkompendien, die für unser wissen wir etwa, dass am 3. Tašrītu (VII. Monat
Verständnis der Entwicklungsgeschichte der des babylonischen Jahres) im 10. Regierungsjahr
babylonischen Divination, insbesondere der Op- Nebukadnezzars II. (= 19. 10. 595 vC) insgesamt
ferschau, von erheblicher Bedeutung sind. ca. 785 Tonnen Getreide angeliefert wurden.
Noch sind nicht alle Tafeln übersetzt, gibt es Und welche Auswirkungen auf die Forschung
dennoch schon Erkenntnisse? zum antiken Babylon erhoffen Sie?
Aus der oben genannten Bibliothek eines se- Die Arbeit an den Istanbuler Babylon-Texten
leukidenzeitlichen Gelehrten konnten mehrere ist altorientalistische Grundlagenforschung
oben © Gunnar Bartsch / Universität Würzburg; links © D. Schwemer

Fragmente sumerischer hymnischer Texte iden- und Erhalt kulturellen Erbes zugleich. Die er-
tifiziert werden, die bis in die Spätzeit im Kult schlossenen Texte können in Forschungen zur
der Tempel von Babylon verwendet wurden. Von politischen, wirtschaftlichen und kulturellen
besonderer Bedeutung ist eine Keilschriftta- Geschichte Babyloniens erstmals berücksichtigt
fel mit einem Hymnus bzw. einer Klage an den werden. Ebenso stehen die Texte dann jenen zur
Weisheitsgott Nabû, der als Sohn des Stadtgottes Verfügung, die an anderen Sammlungen von
und Götterkönigs Marduk eine besondere Rolle Babylon-Texten arbeiten. Viele der Berliner und
im Kult von Babylon spielte. Die aufgrund von Londoner Texte sind noch unveröffentlicht, die
Transportschäden nur teilweise erhaltene Tafel Arbeit an der Bagdader Babylon-Sammlung hat
kann mithilfe des Grabungsfotos ganz rekonstru- noch gar nicht begonnen. Da die Keilschrifttex-
iert werden und enthält einen bis jetzt zu großen te aus Babylon, die sich heute in Istanbul, Berlin
Teilen unbekannten literarischen sumerischen und Bagdad befinden, von einer deutschen Aus-
Text mit akkadischer Übersetzung. Theologisch grabung freigelegt wurden, trägt die deutsche
ist der Text interessant, weil er den Gott Nabû als Altorientalistik auch eine besondere Verantwor-
Rächer seiner zerstörten Stadt in einer Weise be- tung für deren wissenschaftliche Erschließung.
schreibt, wie sie aus anderen Texten bisher nicht W Die Fragen stellte Barbara Leicht.

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welt und umwelt der bibel 2/2021 67
Große Städte der Bibel • ALEXANDRIA

Stadt des Wissens


Alexandria zählt zu den großen Metropolen der Antike. Die Stadt war ein Hort
des hellenistischen Wissens, ein Zentrum des Judentums und gilt als Wiege der
griechischen Übersetzung der Bibel. Gegründet wurde sie im 4. Jh. vC von kei-
nem Geringeren als Alexander dem Großen. Von Estelle Villeneuve Porträt von Alexander
dem Großen
(336–323 vC) auf
einer Silberdrachme.

Alexandria

Kairo

A
lexandria wird in der Die Vorzeigestadt
Bibel kaum erwähnt. Ihre maximale Ausdehnung
Das Alte Testament ig- hatte die Stadt nach dem Tod
noriert die Stadt und das Neue Ägypten Alexanders als Hauptstadt der
Testament erwähnt nur einen Ptolemäer. Sie liegt westlich
ihrer Bürger, den Juden Apollos, des Nildeltas, gegenüber der Insel
„einen beredten Mann, der sich gut in Pharos, und erstreckt sich entlang ei-
der Heiligen Schrift auskennt“ (Apg 18,24). ner schmalen Küstenlinie zwischen dem
Diese Nennungen werden der bedeutenden Rolle Meer und dem Binnensee Mareotis. Ihr orthogo-
der Stadt in der jüdisch-christlichen Geschichte nal verlaufendes Straßensystem wurde von dem
nicht gerecht. Zugegeben, die Schriften, aus de- Architekten Dinokrates von Rhodos entworfen.
nen sich die jüdische Bibel zusammensetzt, be- Ein 1.300 m langer Pier, bekannt als Heptastadi-
saßen bereits lange bevor Alexander der Große on (so genannt, weil er sieben Stadien lang ist),
die Stadt im Jahr 331 vC gründete hohe Autorität. verbindet die Stadt mit der Insel Pharos, wodurch
Aber immerhin wurden hier die fünf Schriftrollen zwei Buchten entstanden. Wegen der Riffe, die
der Tora – auf Hebräisch „Lehre“ – ins Griechische die Küste prägen, ließ Ptolemäus I. an der Ost-
übersetzt. Dieser „Pentateuch“ (auf Griechisch spitze der Insel einen mehr als 200 m hohen
„fünf Bücher“) wurde DAS BUCH schlechthin, aus Turm errichten, auf dessen Spitze jede Nacht ein
dem Plural ta Biblia entstand ... die Bibel! Feuer brannte, um die Seeleute zu leiten. Dieser
Über dieses Ereignis wird in einem Text aus „Leuchtturm“ beeindruckte die Menschen in der
dem 1. Jh. vC berichtet, der als Brief des Aristeas Antike so sehr, dass er unter die sieben Weltwun-
bekannt ist: König Ptolemäus II. Philadelphus der der Antike gekürt wurde. Über die Jahrhun-
(283–246 vC), der eine Universalbibliothek er- derte von mehreren Erdbeben zerstört, wurde er
richten wollte, soll bei der jüdischen Diaspora­ im 15. Jh. nC durch eine starke osmanische Fes-
gemeinde ein Exemplar ihrer Gesetze bestellt tung ersetzt, die noch immer steht.
haben. Der Hohepriester von Jerusalem habe
ihm dann sechs Gelehrte aus jedem der Stämme
geschickt, und diese zweiundsiebzig Übersetzer Wichtige Daten
hätten ihre Übersetzung in zweiundsiebzig Tagen
abgeschlossen. Dies erklärt den Namen „Septu- 331 vC Gründung von Alexandria
aginta“ für die griechische Übersetzung der Bi- 283–246 vC Herrschaft Ptolemäus II. Die Septuaginta entsteht?
bel. Auch wenn der Brief des Aristeas eher eine 15/10 vC – ca. 40 nC Philo von Alexandria
Münze © D. R.

Legende wiedergibt, weist er dennoch auf Alex- 117 nC Niederschlagung des jüdischen Aufstands
andria als erstes „Sprungbrett“ für die jüdischen 325 nC Arius wird auf dem Konzil von Nicäa verurteilt
Schriften in die hellenistische Kultur hin.

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Dieses kleine Theater Ausgrabungen unter Wasser kleine Stadt aus mehrstöckigen Leichenhäusern
wurde im 4. Jh. nC Bei Unterwassergrabungen, die in den 1990er- mit von Säulen umgebenen Innenhöfen. Die
in der Nähe der Jahren von dem französischen Archäologen Jean- meisten Ausgrabungen geben jedoch Einblick in
kaiser­lichen Thermen Yves Empereur durchgeführt wurden, konnten die jüngere römische und byzantinische Periode.
errichtet. jedoch Überreste des berühmten Leuchtturms In den Bezirken Bruccheion und Kom el-Dikka
identifiziert werden. Andere haben – angeführt zeigen hellenistische und römische Häuser den
von Franck Goddio – im östlichen Hafen den Be- Wohlstand jener alexandrinischen Familien, die
reich der Königspaläste lokalisiert und Spuren die größten Weizenlieferanten Roms waren. Aber
von Besiedlung freigelegt, die auf das 5. Jh. vC, von dem berühmten Museion von Alexandria
also die Zeit vor der Gründung der griechischen und seiner Bibliothek, in der die Ptolemäer das
Stadt, zurückgehen. Im heute weitläufigen Stadt- gesamte Wissen ihrer Zeit sammeln wollten, ist
zentrum werden gelegentlich Reste der antiken nichts übrig geblieben. Teilweise zerstört im Jahre
Stadt durch die moderne Bebauung an die Ober- 48 vC, wurde diese ruhmreiche Institution 261–
fläche gebracht. So wurden zum Beispiel die stark 262 nC während einem der vielen Bürgerkriege,
eingeebneten Überreste des Tempels entdeckt, die die Stadt unter der römischen Herrschaft er-
litt, endgültig zerstört. Ihre geistige Anziehungs-
Bei Unterwassergrabungen konnten kraft war jedoch nicht erloschen. Eine polnische
Grabungskampagne, die seit 1960 in Kom el-Dik-
Überreste des berühmten Leuchtturms ka arbeitet, brachte ein „Universitätszentrum“ ans
identifiziert werden Licht, das im 4. Jh. nC neben einem Thermalbad-
komplex errichtet wurde. Das Zentrum umfasste
ein Theater und eine Reihe von kleinen, gestuften
den die Könige der Stadt dem Gott Serapis ge- Auditorien, die um einen großen, mit Säulengän-
© Codex/wikicommons

weiht hatten und der auf einer Anhöhe im Bezirk gen versehenen Innenhof herum angeordnet wa-
Rhakotis südwestlich der Stadt stand. ren. Es handelte sich zweifellos um eine mit der
Viel spektakulärer jedoch war die Entdeckung neoplatonischen Strömung verbundenen Schule,
ausgedehnter griechisch-römischer Nekropolen die damals sehr in Mode war und in der christli-
westlich und östlich der Stadtmauern – wie eine che Eliten ausgebildet wurden. So zum Beispiel

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welt und umwelt der bibel 2/2021 69
Im 4. Jh. nC wich ein altes Wohngebiet im Zentrum von Alexandria
einer neuen Bebauung, die um einen großen Thermalkomplex (das
rote Ziegelmassiv auf dem Foto) herum entworfen wurde.

Büste von Ptolemäus I. (305–283 vC), Gründer


der Ptolemäer-Dynastie, General von Alexander
dem Großen und großer Bauherr in Alexandria.
Paris, Louvre.

der Theologe Johannes Philoponos (490–570 nC)


oder Zacharias von Mytilene mit dem Beinamen
Scholastikos, der zu Beginn des 6. Jh. nC in Alex-
RETTUNG DES LEUCHTTURMS
andria Grammatik und Rhetorik studierte.

Eingangshalle der christlichen Vielfalt Der Gräzist und Spezialist für Unterwasserarchäologie Jean-Yves Empe-
Die christliche Botschaft kam in den 50er-Jahren reur hatte gerade erst das Centre d‘études Alexandrines gegründet, als
über die große jüdische Diaspora nach Alexand- 1993 ein Eklat ausbrach: Die Überreste des berühmten Leuchtturms von
ria. Diese jüdische Gemeinde, die seit der Grün- Alexandria, der seit dem 17. Jh. nC mit der osmanischen Festung Qaitbay
dung der Stadt dort fest verwurzelt war, wurde identifiziert wurde, wurden unter Betonblöcken begraben, bedroht
nach dem Vorbild ethnischer Vereinigungen durch den Bau eines Wellenbrechers, der die Festung vor Winterstür-
Büste © C. R., Bild © Stéphane Gallay/wikicommons
(politeumata) organisiert und verfügte über Ver- men schützen sollte. Die ägyptische Antikenbehörde bat daraufhin
sammlungsstätten (synagogoi), in denen die Tora Jean-Yves Empereur, eine Notgrabung durchzuführen. Die Stätte war
gelehrt wurde. Sie bewahrte ihre eigenen Exodus- bereits 1968 erforscht worden, aber dies war das erste Mal, dass sie
Traditionen, die von dem Historiker Artapanos im systematisch ausgegraben wurde. Seit 1994 haben Taucher in jährlich
2. Jh. vC überliefert wurden. Er machte Mose und zwei Kampagnen etwa 5.000 Dekorations- und Architekturgüter sowie
die biblischen Patriarchen zu den Begründern Statuen ans Licht gebracht. Ihre Untersuchungen ergaben, dass der
der ägyptischen Kultur! Die alexandrinische Di- Leuchtturm ein monumentales Eingangsportal hatte, vor dem sich eine
aspora brachte hochrangige Intellektuelle hervor, mit Königsstatuen geschmückte Terrasse befand, die wahrscheinlich
darunter Philo von Alexandria (20 vC–45 nC), der dem dynastischen Kult der Ptolemäer gewidmet war. Ein Gebäudekom-
eine Synthese aus jüdischem Denken und Pla- plex, der in den Köpfen der Menschen seine Spuren hinterlassen und
tons griechischer Philosophie schaffen wollte die Legende um den Leuchtturm befeuert haben muss!
und die Bibel allegorisch interpretierte. Dieser

70 welt und umwelt der bibel 2/2021


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Alexandria

Gedanke der Synthese von jüdischem Denken rung bleiben. Haben die Konzilsväter als kanoni- Der Hafen von Alex-
und griechischer Philosophie hat in der Folgezeit sche Autoritäten des Neuen Testaments nicht nur andria, Illustration von
viele Kirchenväter wie Klemens von Alexandria Arius sondern auch dem stolzen Alexandria ein Balage Balogh, zeitge-
nössischer Künstler.
(150–215  nC), Origenes (185–253 nC) oder den wenig misstraut? W
Patriarchen Athanasius (296–373 nC), welche
alle den Didaskalaios – eine der großen Theolo-
gieschulen der ersten Jahrhunderte – durchliefen,
zutiefst geprägt.
BUCH XVII
© Balage Balogh, Dist. RMNGrand Palais/Droits réservés États-Unis, coll. Balogh

In dieser Stadt, die von Kultur und Philosophie


durchdrungen war, ging das Christentum manch-
QUELLEN VON STRABOS
mal mit Intoleranz einher. So wurde der große
Tempel des Gottes Serapis abgetragen, um Platz TEXT GEOGRAFIE
für eine Kirche des heiligen Johannes‘ des Täufers
zu schaffen. Das Christentum verband sich auch
mit Gnostizismus und Esoterik. Von Antiochien Der Geograf Strabo (ca. 60 vC–20 nC) ist Autor einer allgemeinen
und Konstantinopel, den Zentren der christlichen Beschreibung der bekannten Welt von Indien bis Iberien zu Beginn
Orthodoxie, aus gesehen, schien Alexandria ein der christlichen Ära und reiste 25–24 vC den Nil hinauf. Er beschreibt
Nest von Ketzern zu sein! Dies umso mehr, als sorgfältig die Siedlung Alexandria zwischen dem Meer und dem
der Priester Arius (ca. 250–336 nC) begann, die Mareotis-See und die Hafenanlagen – einschließlich des berühm-
reine Menschlichkeit Christi zu predigen, den er ten Leuchtturms – sowie die Paläste und Tempel, die an den Hafen
als „Adoptivsohn“ Gottes sah. Das Christentum grenzen. Die Gebäude der Stadt selbst lokalisiert er mehr, als dass er
stand damit am Rand eines Bürgerkriegs, sodass sie beschreibt: das Gymnasion und seine Säulengänge, den Hof und
Kaiser Konstantin eingriff und 325 nC das Konzil seine Gärten, das Paneum (Heiligtum des Pan) und seinen Panorama­
von Nicäa einberief. Arius wurde durch das Konzil blick, die Hauptstraße, die Nekropolen und die Pferderennbahn
angeklagt und ins Exil verbannt. Später wird er außerhalb der Mauern.
als Sinnbild christlicher Abweichungen in Erinne-

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welt und umwelt der bibel 2/2021 71
Die Bibel in berühmten Gemälden • Salvador Dalí

Das Sakrament des


Letzten Abendmahls
Von Ines Baumgarth-Dohmen

D
as Sujet wirkt auf den ersten Blick vertraut. Der und das, was man damals von dem in den USA gefeier-
lange Tisch mit dem Weinglas und dem in zwei ten Star des Surrealismus am wenigsten erwartete, wa-
Stücke gebrochenen Brot, die Gestalt Jesu in ren religiöse Bilder. Dessen ungeachtet bezeugen die-
der Mitte und die zwölf um den Tisch angeordneten se jedoch vor allem die intensive Auseinandersetzung
Männer lassen an eine traditionelle Darstellung des Dalís, der stets betonte, dass ihm „die immer vollständig
Letzten Abendmahls denken. Bei genauerer Betrach- irrationale Gnade“ des Glaubens nicht zuteil geworden
tung fallen jedoch Elemente auf, die irritieren und dar- sei, mit religiös-metaphysischen Fragen.
auf deuten, dass etwas anderes gemeint ist: der eigen-  
tümliche polygonale Raum, durch den hindurch eine Die Geschichte des Bildes
Meeresbucht erkennbar ist, die Mönchskleider der im Dalí malte Das Sakrament des Letzten Abendmahls 1955
Gebet versunkenen „Apostel“ und der Torso am oberen auf Anregung des amerikanischen Bankiers und Kunst-
Bildrand, dessen ausgebreitete Arme alles überfangen. sammlers Chester Dale (1883–1962), der es nach Fer-
Das Gemälde gehört zu einer Reihe von großforma- tigstellung erwarb und der National Gallery of Art in
tigen Bildern religiöser Thematik, die Salvador Dalí Washington zur Verfügung stellte. Nach Dales Tod ging
in den 1950er-Jahren schuf, als er, nach achtjährigem es in den Besitz des Museums über. Dalí nannte es 1965
Aufenthalt in den USA, in seine katalanische Heimat stolz „den Bestseller unter allen modernen Bildern“, da
zurückgekehrt war. Die Bilder scheinen nicht recht zu es häufiger auf Postkarten reproduziert worden sei als
dem übrigen Œuvre Dalís zu passen, assoziiert man mit alle Bilder Leonardos oder Raffaels zusammen. Seit den
seinem Namen doch so beunruhigende Motive wie de-
formierte Körper mit von Krücken gestützten seltsamen
Auswüchsen oder Schubladen in Brust und Schenkeln, Das, was man von dem Star des
weiche Uhren und brennende Giraffen. Dalí hatte sich Surrealismus am wenigsten erwartete,
1929 der Gruppe der französischen Surrealisten ange-
schlossen und deren Ansicht geteilt, dass das überkom- waren religiöse Bilder
mene Verständnis von Realität, da oberflächlich und
unzureichend, vertieft werden müsse, ausgeweitet auf 1930er-Jahren stellte Dalí seiner Signatur den Namen
die vom Bewusstsein ungefilterten Bilder des Inneren, seiner Ehefrau Gala (1894–1982) voran, so auch hier:
auf das Imaginäre und Wunderbare, auf die Sur-Realität. Gala Salvador Dalí/1955. Er hatte Gala, eine gebürtige
Eine in diesem Sinn gestaltete surrealistische Kunst Russin, 1929 kennengelernt, seitdem, so beschrieb er
sollte das Denken der Menschen verändern, eine geis- ihre Beziehung, hätten sie die Welt „zu viert“ erforscht,
tige Revolution bewirken, die, indem sie die bürgerli- als „Mann-Weib Dalí und Weib-Mann Gala“.
chen Konventionen überwand, zu einer Erneuerung der
Gesellschaft führen würde. Mit der Gesellschaftskritik Der Maler
der Surrealisten übernahm Dalí auch deren antiklerika- Salvador Dalí (1904–1989) wuchs in Figueres, unweit
le Haltung. Umso erstaunlicher ist seine Hinwendung von Girona (Katalonien), auf. Seit 1921 studierte er an
zu religiösen Bildthemen in den 1950er-Jahren, in der der Madrider Kunstakademie, wo er sich u. a. mit der
oft Opportunismus gesehen wird, ein geschickter Ver- neuen Kunstströmung des Kubismus befasste. 1926
such Dalís, sich die Gunst des franquistischen Regimes verließ er die Akademie – mit der Erklärung, dass kei-
in Spanien zu sichern. Zudem war Dalí ein Meister der ner der Professoren kompetent sei, ihn zu prüfen. 1928
Selbstinszenierung, der gern überraschte und verwirrte, nahm er Kontakt zu dem Kreis der Pariser Surrealisten

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Das Gemälde
Das Sakrament
des Letzten
Abendmahls,
1955, Öl auf
Leinwand, 167 x
267 cm, Washing-
ton, National
Gallery of Art.

um den Schriftsteller André Breton auf. Bretons Theo- der. 1945 gestaltete er die Traumszene für den Hitch-
rien über den künstlerischen Schaffensprozess, die auf cock-Film Spellbound. Bis in die späten 1970er-Jahre
der Entdeckung des Unterbewussten durch die Psycho- stand er in regem Dialog mit der aktuellen Kunstszene,
analyse fußten, begeisterten ihn. Auf ihnen basiert auch befasste sich mit Pop Art, Body Print und Stereoskopie.
der Film Un chien andalou (Ein andalusischer Hund), zu
dem Dalí, zusammen mit Luis Buñuel, das Drehbuch Das Thema in der Kunst
schrieb (1929); mit seinen zusammenhanglos wirken- Das Bild Das Sakrament des Letzten Abendmahls von Sal-
den Szenen, die aus dem Unterbewussten aufgestie- vador Dalí ist nicht eindeutig den Abendmahlsdarstel-
gene Traumbilder wiedergeben sollen, gilt der Film als lungen zuzuordnen. Diese sind im Abendland erst seit
Meisterwerk des Surrealismus. Angeregt durch Breton, dem Frühmittelalter häufiger überliefert, insbesondere
entwickelte Dalí in den 1930er-Jahren die „paranoisch- als Buchillustrationen zu Ps 41,10. Im Hochmittelalter
kritische Methode“, ein ästhetisches Konzept, das vom finden sie sich vielfach an Kirchenportalen sowie in
Künstler eine „paranoische Aktivität“ forderte, eine Art Klosterrefektorien. Berühmt ist das Wandbild im Refek-
kontrollierte Wahnbildung, um visuelle Vorstellungen, torium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Gra-
innere Bilder zu erzeugen, die es dann auf die Leinwand zie in Mailand, das Leonardo da Vinci 1494–98 schuf.
zu bringen galt. Mit solchen Bildern sollten die gesell- An den von Leonardo verwendeten Darstellungstypus
schaftlichen Konventionen darüber, was für wirklich zu mit dem die Breite des Bildes einnehmenden rechtecki-
halten sei, hinterfragt werden. Dalís wohl berühmtestes gen Tisch lehnt Salvador Dalí die Komposition seines
Gemälde ist La persistance de la mémoire (Die Hartnäckig­ Bildes an. Doch fehlen bei Dalí wesentliche Elemente,
keit der Erinnerung) von 1931, in dem sich erstmals das die ein Abendmahlsbild kennzeichnen, so der Dialog
Motiv der weichen Uhren findet, das zu seinem Mar- zwischen den Aposteln und die Hervorhebung einzel-
kenzeichen werden sollte. 1939 kam es zum Bruch mit ner Figuren, insbesondere des Johannes und des Judas.
den Surrealisten um Breton, die Dalís Bejahung fa- Auch die seit dem 15. Jh. geläufige Darstellung der
schistischer Ideologien ablehnten. 1940 siedelte er in Einsetzung der Eucharistie, in der Christus eine Hostie
die USA über, wo er bereits mehrfach ausgestellt und hochhält (Juan Ribalta, 1620) oder den Aposteln Kelch
sich mit dem Pavillon Dream of Venus an der New Yor- und Hostien reicht (Fra Angelico, San Marco, Florenz,
ker Weltausstellung (1939/40) beteiligt hatte. Während 1337–1445), übernimmt Dalí nicht. Denn ihm geht es
der acht Jahre in den USA begann er mehr denn je, sich vor allem darum, das Geschehen der Wandlung, die
selbst durch medienwirksame Auftritte als exzentrische Transsubstantiation, zu veranschaulichen. Diese Absicht
Kunstfigur zu inszenieren, 1968 drehte er sogar einen liegt weniger den traditionellen Abendmahlsbildern
© Peter Barritt / Alamy Stock Foto

Werbespot für Schokolade. zugrunde als Darstellungen wie den im Spätmittelalter


Dalí war ungeheuer produktiv. Er hinterließ rund weitverbreiteten Bildern der „Gregorsmesse“, die zeigen,
3000 Bilder, ein Viertel davon Illustrationen. Doch sah wie Papst Gregor I. während der Eucharistiefeier Chris-
er in der Malerei nur eine von vielen Ausdrucksmöglich- tus als Schmerzensmann auf dem Altar erscheint, oder
keiten. Er schrieb kunsttheoretische Essays, autobiogra- auch dem Hauptbild des Genter Altars der Gebrüder van
fische Schriften, Gedichte und Romane, entwarf Mode Eyck (1432), deren Mittelpunkt das auf einem Altar ste-
(u. a. Schuh-Hut für Elsa Schiaparelli), Schmuck, Möbel hende „mystische Lamm“ ist, aus dessen Brust Blut in
(Mae-West-Lippensofa, 1937), Kostüme und Bühnenbil- den Messkelch fließt. W

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welt und umwelt der bibel 2/2021 73
1. Innere Bilder – Dalí und die Mystik selbst berufen, diese neue Epoche einzuleiten. Mit
seiner Art von Mystik, die er als „nicht nur religiös,
Betrachtet man das Bild genauer, fällt auf, dass Dalí sondern auch nuklear und halluzinogen“ bezeichne-
zwei verschiedene Darstellungsmodi angewandt te, versuchte er, den vermeintlichen Gegensatz zwi-
hat: Während der Tisch, die Gegenstände auf ihm, schen naturwissenschaftlicher Forschung und den
die Mönchsfiguren und die Küstenlandschaft im Glaubenswahrheiten aufzuheben.
Hintergrund aus fester, opaker Materie zu bestehen Auch in Das Sakrament des Letzen Abendmahls ver-
scheinen, sind die polygonale Raumarchitektur, die sucht Dalí, das Nichtsichtbare, nämlich die Transsub-
Gestalt Christi und der Torso über ihm transparent, stantiation, die Wandlung der Substanz von Brot und
wirken unstofflich. Wein in Leib und Blut Christi während des Messop-
Dalí interessierte sich zeitlebens für die moder- fers, darzustellen. Um zu verdeutlichen, dass Christus
nen Naturwissenschaften, insbesondere für die gegenwärtig, aber nicht physisch präsent ist, malt er
Relativitätstheorie, die Quanten- und Atomphysik. seinen Körper so durchscheinend, dass durch ihn hin-
Nach seiner Rückkehr nach Spanien 1948 wandte durch die Boote in der Bucht zu sehen sind, und lässt
er sich der spanischen Mystik zu, befasste sich mit ihn keinerlei Schatten werfen, wohingegen kräftige
Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz. Dabei Schlagschatten die unveränderte stoffliche Beschaf-
diente seine Beschäftigung mit der Mystik demsel- fenheit von Brot und Wein bekunden. Christus deu-
ben Ziel wie seine Auseinandersetzung mit den Na- tet mit der rechten Hand nach oben, auf die große,
turwissenschaften, nämlich dazu, „die verborgenen schwebende, un-gesichtige Gestalt, während er mit
Kräfte und Gesetze der Dinge zu begreifen, um sie der linken auf sich selbst verweist, denn: „Er ist das
zu beherrschen“, denn Mystik bedeute „tiefe intui- Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15). Die Apostel-
tive Erkenntnis“ und erlaube, „in einem Augenblick Mönche sind nicht nur symmetrisch, sondern in spie-
die Geheimnisse der Wirklichkeit zu durchdringen“. gelbildlicher Wiederholung zu beiden Seiten Christi
In seinem 1951 veröffentlichten Mystischen Ma­ angeordnet. Nicht ihre Individualität ist wichtig, son-
nifest erklärt er sich selbst zum „Erfinder der neuen dern ihre Haltung, die tiefe Andacht und Ehrfurcht
paranoisch-kritischen Mystik“ und sah eine „mäch- ausdrückt. Keiner richtet seine Augen auf Christus
tige Renaissance der mystischen Malerei“ kommen, und doch „sehen“ sie ihn. Diese „überwirkliche“ Wahr-
die deshalb noch nicht begonnen habe, weil die nehmung, ihr während der Messfeier in mystischer
Künstler „hinter dem wissenschaftlichen Fortschritt Versenkung geschautes inneres Bild will der Surrea-
unserer Zeit hinterherhinken“. Und so sah er sich list Dalí zur Anschauung bringen.

Dalí. Durch Ghyka wurde er auf den Traktat Divina


Proportione (1509) des Franziskaners Luca Pacioli
aufmerksam, einer Abhandlung über den Goldenen
Schnitt. Darin erläutert er, dass von den fünf regel-
mäßigen Polyedern (Tetraeder, Kubus, Oktaeder,
Dodekaeder und Ikosaeder), den sogenannten pla-
tonischen Körpern, allein dem Dodekaeder, der aus
zwölf gleichseitigen und gleichwinkligen Pentago-
nen gebildet wird, alle übrigen vier eingeschrieben
2. Die Fünf und die Zwölf – werden können. „Als Unterkunft von allen“ sei die-
Dalí und die Renaissance ser dem Universum zuzuschreiben. Dalí empfiehlt
in seiner Schrift 50 magische Geheimnisse (1948),
Die Szene überwölbt ein Polygon, dessen vier sicht- einer mit der Attitüde eines Künstlers und Univer-
bare Flächen, gerahmt von breiten goldenen Leis- salgelehrten der Renaissance verfassten amüsanten
ten, sich zu einem Pentagondodekaeder ergänzen Handreichung für angehende Maler, die Abhand-
lassen, einem aus zwölf fünfeckigen Flächen beste- lung Paciolis als „Lieblingslektüre“ stets griffbereit
henden Körper. zu haben. Und er rät, sich die Bedeutung der Zahl
Dalí hatte 1946 den Mathematiker und Philoso- fünf, die das „organische Reich“ und somit auch die
phen Matila Ghyka kennengelernt, der in seinem menschliche Natur beherrsche, und der fünf regel-
Buch The Geometry of Art and Life aufgezeigt hatte, mäßigen Polyeder für die Komposition eines Bildes
dass die geometrischen Figuren, die der Kompositi- zu vergegenwärtigen, denn schließlich sei Malerei
on vieler Kunstwerke zugrunde liegen, sich auch in keine dekorative, sondern eine kognitive Kunst.
der Natur finden, beispielsweise in den Formen von Die Abhandlung Paciolis wurde von Leonardo
Muscheln und Hörnern. Seine Ideen faszinierten da Vinci mit Illustrationen versehen, wobei er die

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Die Bilder in Berühmten Gemälden

geometrischen Figuren in dreidimensionale Modelle


mit breiten, profilierten Leisten umgesetzt hat. Dalí 2
zitiert in seinem Eucharistiebild Leonardos Dodeka-
eder-Zeichnung, doch zeigt er, anders als Leonardo,
das Dodekaeder nicht von außen, sondern von innen. 1
Auf diese Weise wird der Betrachter in den Bildraum
einbezogen, dessen Form Dalí als „Symbol des Univer-
sums und Schlussstein der euklidischen Geometrie“
bezeichnete. Und so erklärt er das Bild folgenderma-
ßen: „Arithmetisch-philosophische Kosmogonie, die
auf der paranoischen Sublimität der Zahl 12 gründet. 3
12 Monate des Jahres, 12 Zeichen des Zodiakus um
die Sonne, 12 Apostel um Christus, 12 Pentagone im
himmlischen Dodekaeder, Pentagon, das den mikro-
kosmischen Menschen enthält, den Christus.“

3. Zurbarán und Dalís „Klassik”


Das Gemälde ist in der illusionistischen Technik (1598–1664), einem der großen Meister der spanischen
ausgeführt, die das Werk Dalís seit den 1930er-Jahren Malerei des 17. Jh. Das gilt auch für Das Sakrament des
kennzeichnet. Das Tischtuch mit den sorgfältig wieder- Letzten Abendmahls, in dem er auf Zurbaráns Mönchs-
gegebenen Stoffbrüchen, die faltenreichen Mönchsge- figuren anspielt, die, mitunter tief im Gebet versunken,
wänder, die beiden Brotstücke und das Glas Wein, das sich mit ihren weißen, effektvoll beleuchteten Gewän-
einen brillant gemalten Schatten auf den Tisch wirft, dern nahezu plastisch von einem dunklen Grund ab-
sind von einem Naturalismus, der Dalís Definition der heben. Auch die in Art eines Stilllebens arrangierten
Malerei als „handgemachter Farbfotografie“ entspricht. Brotstücke und das Glas könnten von Zurbarán inspi-
Er hielt nur die detailtreue, naturalistische Malwei- riert sein (Der hl. Hugo im Refektorium der Kartäuser,
se, mochte sie auch anachronistisch erscheinen, für 1655). Dalí schrieb dazu, dass er auf den „mystischen
geeignet, die „Realität“ der Welt der Imagination zu Realismus Zurbaráns“ zurückgegriffen habe, damit das
veranschaulichen. „Mein ganzer Ehrgeiz auf dem Ge- Bild „klassisch“ werde. Doch mag noch ein anderer As-
biet der Malerei besteht darin, die Vorstellungsbilder pekt eine Rolle gespielt haben: Mit Zurbarán zitierte
der konkreten Irrationalität mit der herrschsüchtigs- er einen Maler, der nahezu ausschließlich für kirchli-
ten Genauigkeit sinnfällig zu machen“, formulierte er che Auftraggeber gearbeitet hat. In einer Zeit, in der er
1935. Seit den frühen 1940er-Jahren bezeichnete er darum bemüht war, im Spanien Francos Anerkennung
seinen Malstil als „klassisch“ und grenzte sich damit zu finden, konnte er mit der Rezeption Zurbaráns de-
offensiv von der zeitgenössischen abstrakten Kunst ab. monstrieren, wie gut er sich in die Tradition des katho-
Er knüpfte vielmehr bewusst an die Malerei der Alten lischen Spanien einfügte und wie weit er sich von dem
Meister an, die er wiederholt in seinen Werken zitierte. blasphemischen Umgang mit der Kirche und ihren
Doch bediente Dalí sich ihrer „alten“ Formensprache Symbolen früherer Jahre entfernt hatte.
nur, um etwas Neues zu erzählen oder, wie er es aus- Wie so oft, hat Dalí auch in das Eucharistiebild die
drückte, „die unlogischsten und chaotischsten Experi- heimatliche Küstenlandschaft von Cap Creus integ-
mente“ zu veranstalten. „Es lebe die moderne Kunst, riert, in deren Felsen, die sich für ihn „in unaufhörlicher
vorausgesetzt, sie wird nach dem Vorbild Raffaels ge- Metamorphose“ befanden, er ein Bild seines eigenen
malt“, schrieb er 1951. Geistes sah, „mit so vielen schillernden Facetten ver-
In seine religiösen Bilder der 1950er-Jahre über- sehen, dass die Wirklichkeit, die ihn umgibt, verwirrt,
nahm er wiederholt Motive Francisco de Zurbaráns getäuscht, in die Falle gelockt, geködert wird“.

Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das
Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu mei-
nem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser
QUELLE Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem
Gedächtnis. (1 Kor 11, 23-25)

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welt und umwelt der bibel 2/2021 75
Ausstellungen und Veranstaltungen
Aufgrund der Pandemiebestimmungen können sich Ausstellungen Berlin
verschieben. Bitte informieren Sie sich über die Homepages der je-
weiligen Museen, wenn Sie an einer Ausstellung interessiert sind. Achmîm. Ägyptens vergessene Stadt
21. Mai bis 12. September 2021
2021 -
Jüdisches Leben Die heute fast unbekannte Stadt war im Altertum eines der wich-
tigsten religiösen Zentren. Schon seit der Frühzeit war sie der
in Deutschland Hauptkultort des Fruchtbarkeitsgottes Min, der später mit dem
Festjahr 2021 griechischen Gott Pan gleichgesetzt wird. Sein in ptolemäischer
Zeit errichteter Tempel war einer der größten in Ägypten und
Im Jahr 2021 leben Jüdinnen und Juden nachweislich seit 1700 wurde bis zu seiner Zerstörung im
Jahren auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Aus diesem 14.   Jh. nC von arabischen Histori-
Anlass haben sich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und kern als eine Art Weltwunder be-
wichtige Institutionen zusammengeschlossen, um dieses Ereig- schrieben. Nicht weniger gerühmt
nis zu begehen. wurde die Stadt für ihre Steinmetz-
Unter dem Namen #2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland kunst und textilen Erzeugnisse.
werden bundesweit rund tausend Veranstaltungen ausgerichtet.
Darunter Konzerte, Ausstellungen, Musik, ein Podcast, Video- James-Simon-Galerie,
Projekte, Theater, Filme … Ziel des Festjahres ist es, jüdisches Bodestraße, 10178 Berlin
Leben sichtbar und erlebbar zu machen und dem erstarkenden Tel. +49 (0)30 266 42 42 42
Antisemitismus etwas entgegenzusetzen. Di–So 10–18 Uhr,

Sneakersammlung © Haus der Geschichte Baden-Württemberg/Daniel Stauch; Dürer © Staatliche Kunsthalle Karlsruhe / Annette Fischer / Heike Kohler
Alle Veranstaltungen, Nachrichten, Podcast finden Sie unter Do 10–20 Uhr
Kanopenkasten für
Eintritt 14/7 EUR, Eingeweidekrüge, Holz,
https://2021jlid.de/ www.smb.museum 600–400 vC.

Berlin stuttgart
Spätgotik. Aufbruch in die Neuzeit Gier. Was uns bewegt
1. Mai bis 5. September 2021 Bis 19. September 2021

Angeregt durch niederländi- Die Schlüssel-Emotionen Gier,

Kanopenkasten © Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung / Sandra Steiß
sche Entwicklungen veränder- Hass und Liebe treiben Men-
ten sich ab den 1430er-Jahren schen an. Sie bringen zusam-
die künstlerischen Ausdrucks- men und trennen, entwickeln
mittel: Licht und Schatten, Gesellschaften weiter und
Körper und Raum wurden ruinieren sie – früher und
zunehmend wirklichkeitsnah heute. Die Ausstellung zeigt
dargestellt. Trotz ihrer religiö- ein „Dickicht der Gefühle“ mit
sen Zweckbestimmung wurden eindrucksvollen Originalobjek-
Bilder immer stärker als Kunst ten und spektakulären Fallge-
wahrgenommen; Künstler er- schichten – dazu gehört eines
langten überregionale Be- der berühmten Hitler-Tagebü-
rühmtheit. In der Ausstellung cher „Der Fall Heß“ ebenso wie
zeigt sich dies an Hauptwerken ein goldenes Brustimplantat
von Stefan Lochner aus Köln, und viele weitere Geschichten
dem Meister der Darmstädter über die Gier nach Erfolg, Aner-
Passion vom Mittelrhein oder kennung oder schnellem Geld.
dem reichen Bestand an Gold- Christus in der Rast, Alb- Teil 1 einer Ausstellungs-Trilo-
schmiedearbeiten aus Lüne- recht Dürer, Nürnberg, um gie zu Gier, Hass und Liebe. Sneakersammlung.
burg. 1492/93.
Haus der Geschichte Baden-Württemberg,
Gemäldegalerie, Urbansplatz 2, 70182 Stuttgart
Matthäikirchplatz, 10785 Berlin Tel. +49 (0)711 212 39 89
Di–Sa 10–18 Uhr, Do 10–20, So 11–18 Uhr Di–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr,
Eintritt 10/5 EUR, www.smb.museum Eintritt 5/2,50 EUR, www.gierhassliebe.de

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welt und umwelt der bibel 2/2021
Studienveranstaltungen Welt und Umwelt der Bibel

Ein Digitaler
Besuch in
Fribourg
Archäologische
Schätze aus der
Welt der Bibel

Jubiläumsveranstaltung
Zur 100. Ausgabe von
„Welt und Umwelt der Bibel“

Termin: 20. Mai 2021, 19–20.30 Uhr

Exklusiv für Leserinnen und Leser von Welt und Umwelt


der Bibel zeigt der Theologe, Altertumswissenschaftler
und Kurator Florian Lippke besondere Schätze aus dem
BIBEL+ORIENT Museum in Fribourg in der Schweiz: seine
Top 10. Wir freuen uns darauf!

Weitere Informationen:
siehe Jubiläums-Beilage in diesem Heft
www.bible-orient-museum.ch

Digital: Gespräch mit dem Experten Traunstein


Die Samaritaner. Der unbekannte Teil Israels Helden und Versager. Die Könige Israels und
Donnerstag, 10. Juni 2021, 19 bis 20.30 Uhr der Ruf nach Gottes Herrschaft
Nach einem Impulsreferat des Referenten ist Zeit für Aus- Samstag, 17. Juli 2021, 9 bis 17.30 Uhr
tausch. Der Abend ist eine Gelegenheit, von einem kennt- Bildungshaus St. Rupert
nisreichen Lotsen mehr zur Situation der Samaritanischen
Wir werfen einen Blick auf Geschichte, Archäologie und Schriftkultur
Gemeinde in biblischer Zeit und heute zu erfahren.
der Königszeit Israels. Workshops greifen das Thema mit unter-
Referent: PD Dr. Benedikt Hensel, Lehrstuhl schiedlichen Methoden auf und spannen den Bogen von Texten aus
für Alttestamentliche Wissenschaft und den Büchern der Könige und der Chronik über das Deuteronomium
Frühjüdische Religionsgeschichte an der bis zur erwarteten Königsherrschaft Gottes. Das Thema regt an, über
Universität Zürich, Experte für die Sama- Führungsstile, Hirten in Kirche und Gesellschaft sowie über Macht
ritaner und Autor in dieser Ausgabe. und Machtmissbrauch nachzudenken.
Moderation: Dr. Reinhold Then, Bibelpastorale Referierende: Helga Kaiser, Edith Heindl, Erika Birner-Hintermaier,
Arbeitsstelle Regensburg, und Helga Kaiser, Redakteurin Nikolaus Hintermaier, Dr. Dr. Christoph Hentschel, Dr. Christine Abart
„Welt und Umwelt der Bibel“
Teilnahmegebühr: € 30,–
Anmeldung und Information:
Bitte bis zum 8. Juni 2021 per E-Mail anmelden: Anmeldung und Information: Erzdiözese München und Freising,
Dr.Then@bpa-regensburg.de Haus St. Rupert, Rupprechtstr. 6, 83278 Traunstein,
Am Tag des Gesprächs erhalten Sie den Link zu einer Tel. +49 (0)861 9890-0, E-Mail: anmeldung@sankt-rupert.de
ZOOM-Konferenz. www.sankt-rupert.de
© 123rf.com

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welt und umwelt der bibel 2/2021 77
Vorschau

IMPRESSUM
Heft 2/2021

Die nächste Ausgabe „Welt und Umwelt der Bibel“ ist die deutsche
Ausgabe der französischen Zeitschrift
im Juli 2021: „Le Monde de la Bible“, Bayard Presse, Paris.
„Welt und Umwelt der Bibel“ ist interdisziplinär
und ökumenisch ausgerichtet und entsteht in
enger Zusammenarbeit mit international
anerkannten Wissenschaftler/innen.

Johannes Verlag und herausgeber:


Katholisches Bibelwerk e.V.,
edition „Welt und Umwelt der Bibel“,
Postfach 15 03 65, 70076 Stuttgart,

der Täufer Tel. 0711/61920-50, Fax 0711/61920-77


bibelinfo@bibelwerk.de
www.weltundumweltderbibel.de
Konto: Liga Stuttgart, BIC: GENODEF1M05
RADIKALER PROPHET IBAN DE94 7509 0300 0006 4515 51
Redaktion: Dipl.-Theol. Helga Kaiser,
AM JORDAN Dipl.-Theol. Barbara Leicht
Redaktionskreis: Dr. Heinz Blatz;
Prof.in Dr. Heike Grieser; Dr. Matthias Hoffmann;
Prof.in Dr. Sandra Huebenthal; Dr. Andrea Link;
Prof. Dr. Andreas Müller; Dr. Georg Röwekamp;
Prof. Dr. Dr. h.c. em. Stefan Schreiner
Korrektorat: Michaela Franke M.A.,
W Was wissen wir über Johannes den Täufer? m._franke@web.de

W Wie ging es mit seinen Jüngern nach seinem Tod weiter? Anzeigenverwaltung: Ralf Heermeyer,
heermeyer@bibelwerk.de
W Gab es andere Propheten, die tauften? Erscheinungsort: Stuttgart
W Warum wagte Johannes die Kritik am Herrscher Herodes? © S. 68–71 Ba­yard Presse Int.,
„Le Monde de la Bible“ 2020, all rights reserved;  
© sonst edition „Welt und Umwelt der Bibel“
Gestaltung: Olschewski Medien GmbH,
Stuttgart, Sabrina Kirchner, Grafikdesignerin
und so geht es weiter: Druck: C. Maurer GmbH & Co. KG, Geislingen/
• Die Zehn Gebote: göttliche Gerechtigkeit und menschliches Recht Steige
• Heilige Räume – Tempel, Kirchen, Synagogen PREISE: „Welt und Umwelt der Bibel“
erscheint vierteljährlich.
• Einzelheft: € 11,30 zzgl. Versandkosten
• Jahresabonnement: € 40,– inkl. Versandkosten
• ermäßigtes Abonnement für
bestimmen sie mit, was sie lesen! Schüler/Studierende € 32,– inkl. Versandkosten
• Abonnement mit Lieferung ins Ausland:
€ 46,– /ermäßigt € 38,– inkl. Versandkosten
Liebe Leserinnen und Leser, MITHERAUSGEBER:
Schweiz:
Wir laden Sie ein, an der Heftplanung teilzunehmen. Bibelpastorale Arbeitsstelle des SKB,
Wir beginnen nun, die Ausgabe 2/2022 zu konzipieren: Pfingstweidstrasse 28, CH-8005 Zürich
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vierwöchigen Kündigungsfrist zum Jahresende
Ihre Redaktion: Helga Kaiser, Wolfgang Baur und Barbara Leicht möglich.

78 welt und umwelt der bibel 2/2021


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■  VerständlicheBeiträge
■  Nah am Leben
■  Eine Oase zum Schmökern

Die Themen 2021


■ 1/21, Das Alte Testament Jetzt
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■ 2/21, Humor Jesu
■ 3/21, Jakobusbrief
■ 4/21, Friede auf Erden

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Forschung und Praxis
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Die Themen 2021 über weiterführende
■ 1/21, Schöpfung in der Krise Literatur zum Heftthema
■ 2/21, Heiliger Geist
Jetzt
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auch als
■ 4/21, Bibelhermeneutik im Zeichen e-journal!
von Pluralisierungen

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illustriert
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Geschichte der
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Die Themen 2021 und Ausstellungs-
■ 1/21, Der See Gennesaret. hinweise
Neue Forschungen in der
Heimat Jesu
■ 2/21, Die Samaritaner.
Der unbekannte Teil Israels
■ 3/21, Johannes der Täufer –
radikaler Prophet am Jordan
■ 4/21, Die Zehn Gebote

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■ Petrus, Paulus und die Päpste, Sonderheft 2006 ■ Unter der Herrschaft der Perser, 3/11
■ Athen. Von Sokrates zu Paulus, 1/06 ■ Bedeutende Orte der Bibel, 4/11
■ Ostern und Pessach, 2/06 ■ Der Koran. Mehr als ein Buch, 1/12
■ Mose, 3/06 ■ Teufel und Dämonen, 2/12
■ Auf den Spuren Jesu 1: Von Galiläa nach Judäa, 4/06 ■ Nordafrika. Die Epoche des Christentums, 3/12
■ Heiliger Krieg in der Bibel? Die Makkabäer, 1/07 ■ Salomo, 4/12
■ Auf den Spuren Jesu 2: Jerusalem, 2/07 ■ Jesusreliquien, 1/13
■ Verborgene Evangelien: Jesus in den Apokryphen, 3/07 ■ Streit um Jesus: Gott und Mensch?, 2/13
■ ■

€ [A] 11,50 / sFr 19,–


Weihnachten, 4/07 Propheten, 3/13

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■ Gott und das Geld, 1/08 ■ Herodes. Grausam und Genial, 4/13
■ Maria Magdalena, 2/08 ■ Was nicht im Alten Testament steht, 1/14
■ Die Anfänge Israels, 3/08 ■ Die Evangelisten, 2/14
■ Engel, 4/08 ■ Aufbruch zu den Göttern, 3/14
■ Paulus von Tarsus, 1/09 ■ Die Ordnung der Sterne, 4/14
■ Apokalypse, 2/09
■ Konstantinopel, 3/09
■ Maria und die Familie Jesu, 4/09
■ Das römische Ägypten, 1/10
■ Pilatus und der Prozess Jesu, 2/10
■ Türkei. Land der frühen Christen, 3/10
■ Kindgötter und Gotteskind, 4/10
■ Die Apostel Jesu, 1/11
■ Der Weg in die Wüste, 2/11

■ 150 Jahre Biblische Archäologie, 1/15 ■ Traum – Fenster zum Göttlichen, 3/19
■ Jesus der Heiler, 2/15 ■ Maria. Jüdisch, christlich, muslimisch, 4/19
■ Christen in Äthiopien – Hüter der Bundeslade, 3/15 ■ Rom, 1/20
■ Wer waren die ersten Christinnen?, 4/15 ■ Die Könige von Israel und Juda, 2/20
■ Die Christen des Orients, 1/16 ■ Diakone, Witwen und Presbyter, 3/20
■ Die Schöpfung: Bibel kontra Naturwissenschaft, 2/16 ■ Leben nach dem Tod. Von Osiris bis Jesus, 4/20

Einzelheft € 11,30
€ [A] 11,80 / sFr 19,–
■ Mystik in Christentum, Judentum und Islam, 3/16 ■ Der See Gennesaret, 1/21
■ Psalmen – Gebete der Menschheit, 4/16 ■ Die Samaritaner, 2/21
■ Heiliges Mahl – Zu Tisch mit den Göttern, 1/17
■ Messias – Der Traum vom Retter, 2/17
■ Götter und Tiere, 3/17
■ Juden, Christen, Muslime: Kunst des Zusammenlebens, 4/17
■ 70 Jahre Qumran: Neue Forschungen, 1/18
■ Nächstenliebe – ein christlicher Wert?, 2/18
■ Irland – Christentum zwischen Druiden u. Mönchen, 3/18
■ Die abenteuerliche Geschichte der Bibel, 4/18
■ Das Grab Jesu, 1/19
■ Exodus – Transit in ein neues Leben, 2/19

■ Judäa und Jerusalem, 256 S., € 12,80, € [A] 13,20, sFr 16,–
■ 1001 Amulett, 224 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–
■ Musik in biblischer Zeit, 104 S., € 11,90, € [A] 12,30, sFr 15,–
Bücher

■ Kleider in biblischer Zeit,112 S., € 14,80, € [A] 15,30, sFr 19,–


■ Das Land der Bibel. Ein biblischer Reiseführer, 144 S.,
€ 16,80, € [A] 17,30, sFr 21,–
■ Engelwelten, 196 S., € 35,–, € [A] 36,–, sFr 45,–

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