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Arbeitshilfe

2.9
Tragwerksplanung im Stahlbau –
Gelenkige Anschlüsse

Allgemeines Abhängigkeit der jeweiligen Bauteil- und Anschlussgeometrie


Gelenkige Anschlüsse dienen dazu, die auftretenden Schnitt- tabelliert. Somit lassen sich mit Hilfe von Tabellen die Anschlüsse
größen von einem stabförmigen Bauteil in ein anderes zu über- mit der erforderlichen Tragfähigkeit konstruieren.
tragen, ohne dass größere Momente erzeugt werden, die unzu-
lässige Auswirkungen auf die angeschlossenen Bauteile oder Nachfolgend wird auf einige Besonderheiten beim Nachweis
das gesamte Tragwerk haben [DIN EN 1993-1-8]. Gelenkige An- gelenkiger Anschlüsse im Grenzzustand der Tragfähigkeit ein-
schlüsse lassen sich als geschraubte Verbindungen, geschraubte gegangen.
und geschweißte Verbindungen oder als reine geschweißte Ver-
bindungen ausführen, siehe auch Stahlbau Arbeitshilfen 2.3, Exzentrizitäten
2.4 und 2.6. Eine Übersicht über die gängigsten gelenkigen An- Gemäß DIN EN 1993-1-8 sind Anschlüsse sowie die angeschlos-
schlüsse sowie eine Auflistung der Vor- und Nachteile der einzel- sene Bauteile so zu bemessen, dass die aus Exzentrizitäten ent-
nen Anschlüsse ist in Tabelle 1 dargestellt. stehenden Schnittgrößen aufgenommen werden können. Exzen-
trizitäten in Anschlüssen sind immer zu berücksichtigen sofern
Nachweise im Grenzzustand der Tragfähigkeit nicht nachgewiesen wurde, dass dies nicht erforderlich ist. Exzen-
Gelenkige Anschlüsse sind nach der Komponentenmethode nach- trizitäten in der Anschlussebene entstehen beispielsweise in
zuweisen, siehe DIN EN 1993-1-8. Eine Übersicht über die nach- einem Versatz zwischen der Schwerachse von Winkelprofilen und
zuweisenden Grundkomponenten ist in Tabelle 2 dargestellt. Schweißnähten oder Schwerpunkten von Schraubengruppen,
zwischen der Schwerachse von angeschlossenen Bauteilen und
Für die häufigsten gelenkigen Verbindungen können Geometrie- der Schwerachse der Schweißnaht von Knotenblechen oder zwi-
werte und/oder Tragfähigkeiten den „Typisierten Anschlüssen im schen der Schwerachse von Schraubengruppen im anzuschließen-
Stahlbau – Band 1“ entnommen werden. In den typisierten Ver- den Träger und der Schwerachse des tragenden Bauteils, siehe
bindungen sind die Grenztragfähigkeiten eines Anschlusses in Bild 1.

Anschluss Vorteile Nachteile


Trägeranschluss – Fertigungstoleranzen – Schwierig beim
mit Doppelwinkel können bei der Einheben auf der
Montage ausgeglichen Baustelle
werden – Übertragbare
Querkräfte durch
Versatzmoment
begrenzt

Gelenkiger – Kein Exzentrizitäts- – Die Verbindung


Stirnplattenanschluss moment erfordert sehr
– Hohe übertragbare geringe Fertigungs-
a
a Querkraft toleranzen
– Passgenaue Montage
erforderlich
– Schwierig beim
Einheben auf der
Baustelle

Fahnenblechanschluss – Montagefreundlich – Schwierig beim


– Fertigungstoleranzen Einheben auf der
a können beim Einbau Baustelle
a
ausgeglichen werden – Übertragbare
– Kann gut vertikal Querkräfte durch
eingehoben werden Versatzmoment
begrenzt

Tabelle 1: Vor- und Nachteile ausgewählter gelenkiger Verbindungen

bauforumstahl 1
Grundkomponente Anschluss
Doppelwinkel Stirnplatte Fahnenblech

2.9
Nachweis erforderlich
Auf Abscheren
beanspruchte • • •
Schrauben
Fv,Ed

Auf Lochleibung
beanspruchter • •
Trägersteg Fb,Ed

Auf Lochleibung
beanspruchtes • • •
Anschlussblech
(Fahnenblech,
Stirnplatte, Winkel) Fb,Ed
Auf Lochleibung
beanspruchtes • •
tragendes Bauteil
Stirnblech mit
Biegebeanspruchung Ft,Ed • •
(Beinhaltet die
Komponente
Schrauben mit
Zugbeanspruchung)

Blech mit Zug- oder


Ft,Ed Ft,Ed
Druckbeanspruchung • •

Fc,Ed Fc,Ed

Schweiß-
• •
nähte
Zusätzlich zu den hier gemäß DIN EN 1993-1-8 benannten Grundkomponenten sind bei allen Anschlüssen die lochgeschwächten
Querschnitte auf Zug und/oder Schub sowie die Grundkomponenten, die durch die Schrauben auf Lochleibung beansprucht sind
gegen Blockversagen nachzuweisen. Evtl. zusätzlich, in Abhängigkeit der Schraubenverbindung erforderliche Nachweise, sind in
DIN EN 1993-1-8, Abschnitt 3 angegeben.

Tabelle 2: Übersicht über die nachzuweisenden Grundkomponenten

Bilder 1 (links):
Exzentrizitäten in Me
a
s a s
der Anschlussebene

Me Me

Bild 2 (rechts):
Exzentrizitäten aus
e e e
der Anschlussebene
a) Doppelwinkel b) Fahnenblech heraus
V V V

Exzentrizitäten aus der Anschlussebene heraus entstehen an Beanspruchung von Schraubengruppen


den Trägersteg geschraubten Verbindungen wie beispielsweise Entsteht in einer geschraubten Verbindung ein Exzentrizitäts-
Fahnenblechanschlüssen oder einseitigen geschraubten An- moment in der Anschlussebene, siehe Bild 1, so ist für den Nach-
schlüssen von Winkelprofilen, siehe Bild 2. weis der Schrauben gegen Abscheren und Lochleibung die maxi-

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Schraubenkräfte Schraubenkräfte Schraubenkräfte
infolge Querkraft infolge Normalkraft infolge Exzentrizitätsmoment
2.9

Resultierende
Schraubenkräfte Vb,i,r

Polares Trägheitsmoment Ip:

Abscherkraft einer Schraube bei einer Scherfuge


infolge Exzentrizitätsmoment:

Bild 3: Ermittlung der maximal beanspruchten Schraube mit Hilfe des Ip-Verfahrens

mal beanspruchte Schraube zu ermitteln. Die maximale Abscher- Die größte Schraubenkraft aus dem Exzentrizitätsmoment Ma
beanspruchung kann mit Hilfe des Ip-Verfahrens erfolgen, siehe ergibt sich für die Schraube mit dem größten Hebelarm bezogen
Bild 3. Da die Lochleibungstragfähigkeit von der Geometrie des auf den Schwerpunkt der Schraubengruppe. Die größte resultie-
Anschlusses abhängig ist, muss die Schraube mit der maximalen rende Schraubenkraft ergibt sich für diejenige Schraube, an der
Abscherbeanspruchung nicht zwingend auch diejenige Schraube sich die Schraubenkraft aus Exzentrizitätsmoment und einwir-
mit der geringsten Lochleibungstragfähigkeit sein. Auf der siche- kende Querkraft und Normalkraft ungünstigst überlagern (hier
ren Seite liegend kann der Nachweis gegen Lochleibung mit der Schraube 3 mit der zugehörigen Schraubenkraft Vb,3,r). Die maxi-
maximal ermittelten Abscherbeanspruchung (jeweils in horizon- male Schraubenkraft bestimmt sich wie folgt:
taler und vertikaler Richtung) geführt werden.

Aus Gleichgewichtsbedingungen folgt, dass das einwirkende


Exzentrizitätsmoment der Summe der einzelnen Schraubenkräfte .
multipliziert mit den jeweiligen Hebelarmen zum Schwerpunkt
der Schraubengruppe entspricht. Die Summe der Quadrate aller Hierbei sind yi und zi die zum größten Hebelarm ri gehörigen
Hebelarme wird auch als polares Trägheitsmoment Ip bezeichnet. y- bzw. z-Koordinaten.

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Normen: Literatur
• DIN EN 1993-1-8:2010-12, Eurocode 3: Bemessung und Kon- • Sedlacek, G., Weynand, K., Oerder, S., Hüller, V.: Typisierte
struktion von Stahlbauten – Teil 1-8: Bemessung von Anschlüs- Anschlüsse im Stahlhochbau – Band 1, Stahlbau-Verlags-

2.9
sen; Deutsche Fassung EN 1993-1-8:2005 + AC:2009 gesellschaft mbH, Düsseldorf, 2000.
• DIN EN 1993-1-8/NA:2010-12, Nationaler Anhang – National • Stranghöner, N.: Stahlbau im Blick. Das Handbuch für den
festgelegte Parameter – Eurocode 3: Bemessung und Konstruk- Stahlbau. Hrsg.: Deutscher Stahlbau-Verband DSTV, 1. Auflage,
tion von Stahlbauten – Teil 1-8: Bemessung von Anschlüssen Stahlbau Verlags- und Service GmbH, Düsseldorf, 2010.
• Wagenknecht, G.: Stahlbau-Praxis nach Eurocode 3 – Band 2:
Verbindungen und Konstruktionen, 3. vollst. überarbeitete Aufl.,
Berlin: Beuth Verlag Berlin, Wien, Zürich 2011.

Überarbeitete Auflage 3/13

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