Sie sind auf Seite 1von 45

Einlesebuch

spräch
Leseprobe, Ge
r,
mit dem Auto
Georgien
Stimmen aus
hr
und vieles me
»Es ist die Liebe, die die Erde
Guram Dotschanaschwili
Das erste Gewand
Roman
zum Drehen bringt.«
Aus dem Georgischen von
Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse Aus dem Roman Das erste Gewand
672 Seiten. Gebunden
Besondere Ausstattung:
Bedruckter Überzug und Schutzumschlag
Lesebändchen. Farbiges Vorsatzpapier
Erscheint am 24. September 2018

Bestellen Sie Ihr persönliches Leseexemplar:


leseexemplar@hanser.de
Solange der Vorrat reicht.
GU R A M D O T SC H A NASC H W I L I
DAS ERSTE GEWAND
EINLESEBUCH

HANSER
Inhaltsverzeichnis

9 Woher rührt unsere Liebe zu diesem Buch?


Die Übersetzer über Das erste Gewand
Alle haben es gelesen, alle haben sich in das Buch verliebt
Ana Kordsaia-Samadaschwili über Das erste Gewand 39
13 Ein großes Epos über das menschliche Dasein
in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Tyrannei
Canudos, die weiße Stadt
Guram Dotschanaschwilis Umgang mit einem historischen Stoff 43
Über den Roman Das erste Gewand
Aus der Ermittlungsakte des Komitees
50
19 Ein Mann der Gegensätze
Alexander Kartosia über Das erste Gewand und seinen Autor
für Staatssicherheit

25 »Das Schreiben wird mit der Zeit immer schwieriger,


Leseprobe aus dem Roman Das erste Gewand
von Guram Dotschanaschwili 55
weil die Verantwortung ununterbrochen wächst.«
Interview mit Guram Dotschanaschwili

35 Das wichtigste Buch, das über die Freiheit geschrieben wurde


Dato Turaschwili über Das erste Gewand
»Das erste Gewand von Guram
Dotschanaschwili ist ein moderner
Klassiker der georgischen Literatur
und eine wunderschöne Fabel über
die Liebe und die Freundschaft,
über das Leben und die Identität, 
und allem voran ist es eine Einladung
zu einem Fest der Phantasie.«
Nino Haratischwili
Woher rührt unsere Liebe zu diesem Buch?
Die Übersetzer über Das erste Gewand

Als wir anfingen, Das erste Gewand zu übersetzen, gab es keinerlei Aussicht, jemals
einen deutschen Verleger dafür interessieren zu können. Das Buch sei zu dick, der
Autor nicht mehr jung, der Roman habe neben seinen realistischen und phantasti-
schen Elementen auch eine Moral, was nicht mehr zeitgemäß sei – Dinge, von denen
wir nicht geglaubt hätten, sie würden für ein Buch ein Hindernis darstellen. Trotzdem,
entgegen allen Unkenrufen, haben wir weitergemacht, und hatten schon mehr als die
Hälfte übersetzt, als die unerwartete und beglückende Zusage von Hanser kam.
Im Jahre 2014 wurde – nach dem Vorbild von BBC Big Read – im Rahmen der
Sendung Tschemi zigni (Mein Buch) nach dem Lieblingsbuch der Georgier gefragt.
Das erste Gewand kam dabei mit großem Abstand auf den ersten Platz. Warum
haben wir so an diesem Roman festgehalten, woher rührt unsere Liebe zu diesem
Buch, das das Lieblingsbuch vieler Georgier ist?
Die Orte im Roman, einschließlich des der Weltgeschichte entnommenen
Canudos, sind fiktiv und die Zeit, in der der Roman spielt, ist nicht festgelegt, aber

Guram Dotschanaschwili mit der Zeitung des staatlichen georgischen


Filmstudios Kartuli Filmi, dessen Chefredakteur er ab 1985 war

9
die angesprochenen Aspekte sind heutige, es ist ein kosmopolitischer Roman, der zum Drehen bringt«, ist einer der vielen Sätze, die im Ohr nachhallen, nachdem
von einem sehr heutigen Bewusstsein ausgeht und dabei eine tiefe Erdung in der wir das Buch längst zugeklappt haben. Und die Antwort, in Georgien viel zitiert:
georgischen Gesellschaft hat. Dotschanaschwili ist ein Autor, der sich mit politi- » « (es ist die Liebe, die die Erde zum Dre-
schen Gegebenheiten seiner Zeit auseinandersetzt, ohne zeitgebunden zu sein. hen bringt) ist so einfach, dass man sich wundern kann, wie oft wir diese Wahrheit
Die Realität im Roman ist geheimnisvoll, hat eine zweite Ebene, doch trotz der vergessen.
magischen Elemente wird die Realität nicht als magisch erlebt, sondern als real. Das
Wundersame ist im Alltäglichen eingeflochten. Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse
Es sind Dinge möglich, die wir so aus unserer Sicht nicht kennen, die uns mär-
chenhaft anmuten, die aber durch geschickte Montage und die Art und Weise ihrer
Eingliederung ins Geschehen auch die Frage nach den Grenzen unserer sehr ratio- Susanne Kihm, 1977 in Saarbrücken geboren, studierte Hispanistik,
nalen Welt aufwerfen und dem, was sich jenseits davon befindet. Das Phantastische Anglistik und Romanistik in Bonn, Saarbrücken und Bilbao und arbei-
erhält bei diesem Autor eine Glaubwürdigkeit, welche die der Realität zum Teil tete von 2007 bis 2013 als Deutschlehrerin in Tbilissi. Sie nahm am
übertrifft. Hieronymus-Programm der Robert-Bosch-Stiftung und mehreren
In Dotschanaschwilis Schreiben zeigt sich auch die Liebe zur Sprache selbst, die Übersetzerwerkstätten teil und arbeitet momentan als Förderlehrerin
Freude am Klang und an der Musikalität der Sprache. Hier zeigt sich der Musiker für Deutsch als Zweitsprache.
Dotschanaschwili. Sein Stil ist ein kraftvoller, eindringlicher und zugleich feinner-
viger, den wir in der Übersetzung nur versuchen konnten nachzuahmen. Seine Nikolos Lomtadse, 1975 in Kutaissi geboren, studierte Betriebs-
Schilderungen sind ungeheuer anschaulich, wir möchten wegschauen, wenn Gweg- wirtschaft in Tbilissi, Kutaissi und Saarbrücken. Er arbeitete als
we sein Stück Wassermelone isst, der Gestank des Moloch beißt uns in die Nase, Dolmetscher, war Doktorand in Übersetzungswissenschaft an der
wir können Teresa im Schnee tanzen sehen, und obgleich Dotschanaschwili in der Iwane-Djawachischwili-Universität Tbilissi, nahm am Hieronymus-
Art und Weise, wie er seine Charaktere baut, gänzlich auf psychologische Analysen Programm der Robert-Bosch-Stiftung und mehreren Übersetzer-
verzichtet, haben wir das Gefühl, in seinen Personen Menschen aus unserer Umge- werkstätten teil und ist momentan als Dozent für Deutsch als
bung wiederzuerkennen. Zweitsprache in Saarbrücken tätig.
Das erste Gewand ist ein ungewöhnliches Buch, das man unterschiedlich lesen
kann, so reich, dass manch einer wohl dies, ein anderer das darin finden wird, ein
Buch, das einen mitnimmt. Die Ermahnung des Vaters an Domenico, der nach
allem, was ihm widerfahren ist, nun bereit ist, das Geschehene zu erzählen: »Und
obwohl du auch fähig sein musst, zu hassen, darfst du nie vergessen, was die Erde

10 11
Ein großes Epos über das menschliche
Dasein in Zeiten gesellschaftlicher und
politischer Tyrannei
Über den Roman Das erste Gewand

Im Mittelpunkt von Guram Dotschanaschwilis großem Roman steht der junge,


noch unerfahrene und unwissende Domenico, der sein kleines bäuerliches Heimat-
dorf verlässt, um in die weite Welt hinauszuziehen. Domenicos Vater, der Dorf-
älteste, ist ein angesehener Mann, die Bauern vertrauen ihm; und er ist der Hüter
des ersten Gewands – das überaus kostbar ist, mit Edelsteinen und Diamanten
bestickt und mit Goldfäden durchwirkt. Domenico, den die Erzählungen eines ins
Dorf gekommenen Flüchtlings neugierig gemacht haben, bittet den Vater um den Teil
des Erbes, der im zusteht. Der Vater willigt widerstrebend ein. Mit sechstausend
Drahkan, einem Vermögen, macht Domenico sich auf den Weg, um zu sehen, was
er bisher nur aus Erzählungen kennt: große Städte mit hohen zwei- und drei-
stöckigen Häusern, Stadtmenschen, herausgeputzte Frauen in feinen Kleidern.
Insgesamt drei Städte lernt Domenico auf seiner Reise kennen: Feinstadt, Kamora
und Canudos. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein.
Zuerst erreicht Domenico Feinstadt. Hier sind die Häuser himmelblau und
rosafarben gestrichen und die Bewohner gehen überaus höflich miteinander um,

Guram Dotschanaschwili auf Reisen

13
auf gute Umgangsformen wird viel Wert gelegt. Nachts zieht durch die Straßen ein
Nachtwächter, zu jeder vollen Stunde ruft er, es sei »alles in Oo-ordnung«. Doch
ist wirklich alles in Ordnung? Domenicos Gastgeber Arturo ist zwar stets betont
freundlich, doch gleichzeitig versucht er immer wieder, seinem Gast möglichst
viel Geld abzuknöpfen. Das Benehmen eines anderen, Vincente, ist wiederum ab-
hängig davon, ob er seinen Hemdkragen auf- oder zugeknöpft hat. Und der für
seine hervorragenden Reden bekannte Duilio gibt in Wahrheit nicht mehr als leere
Phrasen von sich, die aber ganz Feinstadt in Entzücken versetzen. Denn über
Ernsthaftes denken die Feinstädter lieber nicht nach, sie sind auf Spiel und Spaß
aus: auf gutes, reichhaltiges Essen, Weingelage und ausschweifende Feste. Nur
Machtmissbrauch, Verrohung
eine junge Frau fällt aus der Reihe: Ana Maria, die für die Musik lebt und ihrem
Instrument Töne entlockt, die Domenico verzaubern. Er verliebt sich in sie, heiratet
und Menschenverachtung
sie – und ist am Boden zerstört, als er sie auf tragische Weise wieder verliert.
Die Todessehnsucht treibt ihn nach Kamora. Dort, so hat er gehört, seien die Über-
verdichten sich zur Darstellung
lebenschancen gering.
In Kamora regieren Willkür, Mord und Verrat. Marschall Bittencourt führt ein eines totalitären Systems,
strenges Regiment über die Bürger der Stadt, die sich untereinander mit »Haler«
ansprechen; mit Abweichlern macht er, der »Grandisssimohalller«, kurzen Prozess. dessen Schrecken in absurden
Sich nachts auf die Straße zu wagen ist lebensgefährlich, auch tagsüber ist die Ruhe
trügerisch: Jeder Kamoraner trägt stets mehrere Messer bei sich, eigens angefertigte Bildern zur Geltung kommt.
Holzumhänge sollen vor unvermuteten Attacken schützen. Jeder zittert aus Angst
vor der alles bestimmenden Unterwerfungs-, Folter- und Tötungsmaschinerie und
deren Vollstreckern: darunter der »Grandhaler« und Frauenheld Federico Cesar, der
knochenlose und schlangengleiche Kadima, die Katze Arufa mit den scharfen Krallen
und Michinio mit den grässlichen Augen, der das Sagen über die Jagunços hat –
menschliche Bestien hinter Gittern, die regelmäßig gefüttert werden müssen. Macht-
missbrauch, Verrohung und Menschenverachtung verdichten sich zur Darstellung
eines totalitären Systems, dessen Schrecken in absurden Bildern zur Geltung kommt:

14
die edelsteinzermalmende Ehefrau des Marschalls, der nackte Geldzähler Aniseto, meln sich um ein großes Feuer herum und geben ein Stück ihrer Kleidung den
nach Blut schmeckende Milch, Leichenverstümmelungen – und immer wieder der Flammen preis. Sie glauben, so werden ihre Geschichten zu ihren Vorfahren in den
Ruf des kamoranischen Nachtwächters, alles sei »graaaandiooooos«. Doch Oberst Himmel getragen. Der heimgekehrte Domenico, der vom Vater zum Träger des ers-
Federico Cesar findet Gefallen an Domenico; statt ihn sofort töten zu lassen, behält ten Gewands bestimmt worden ist, wirft das kostbare Kleidungsstück ins Feuer –
er ihn als »Spielzeug« bei sich. und die nach oben züngelnden Flammen tragen Domenicos Geschichte, die ihn
Weit draußen, vor den Stadtmauern Kamoras, ist die kamoranische Herrschaft nach Feinstadt, Kamora und Canudos geführt hat, in die Welt hinaus. Damit wird
weniger präsent. Hier, fernab der Stadt, erstreckt sich der Sertão; ein merkwürdiger auch der außergewöhnliche Wert des ersten Gewands offenbar: Es ist das Wort,
Ort, teils steinig, dann wieder von undurchdringlichem Dickicht, von Schlangen, Domenicos Geschichte wird erzählt. Eine Geschichte, die uns alle angeht: Guram
Hyänen, Mäusen bevölkert. Im Sertão sind die Vaqueiros mit ihren Frauen und Kin- Dotschanaschwili hat mit Das erste Gewand einen großen allegorischen Roman
dern zu Hause, einfache Hirten, die im Auftrag Kamoras die Rinderherden hüten. Da über das menschliche Dasein in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Tyrannei
ist Se mit den langen Beinen, der mit Vorliebe tollkühne Kunststücke auf dem Rücken geschrieben. Ein aufrüttelndes Buch, dessen große Themen heute noch genauso
seines Pferdes vollführt; sein Freund Manuelo Costa, dessen Begeisterungsfähigkeit aktuell sind wie damals: der Umgang mit Macht und Machtmissbrauch, die
und Liebe zur Natur ansteckend sind; und der herzensgute Griesgram João Abade. Abgründe des Menschen und der bedingungslose Drang nach Freiheit und Selbst-
Fernab der Stadt können sie ihre großen Ideale ausleben, nur eines vermissen sie bestimmung.
schmerzlich: die Freiheit. Der Boden, auf dem sie stehen, ist kamoranischer Boden;
die Tiere, die sie hüten, gehören den Kamoranern. Als der große Visionär Mendes Stella Schossow
Maciel Anhänger um sich schart, die mit ihm die gefährliche Caatinga, ein unweg-
sames Dornendickicht, durchqueren, um am anderen Ende eine neue Stadt der Freiheit
zu errichten, schließen sie und viele andere sich ihm an. Ihrer aller Traum von einem
selbstbestimmten Leben in Eintracht geht in Canudos in Erfüllung. Auch Domenico
befreit sich aus den Fängen der Kamoraner und schließt sich den Canudenern an. Er
ist wie verzaubert von deren Großherzigkeit, Tapferkeit und Solidarität und von der
Stadt, die sie mit ihren eigenen Händen aus Lehm am Ufer eines Flusses erbaut haben.
Doch der Friede ist trügerisch, denn alle wissen nur zu gut: Kamora akzeptiert keine
Abtrünnigen. Ein Kampf gegen Kamora um die Freiheit steht ihnen bevor.
Domenico kommt gerade noch mit dem Leben davon – dank eines unvermuteten
Beschützers. Lange Jahre der Buße gehen aber noch ins Land, bevor er in sein Heimat-
dorf zurückkehrt. Es ist der Tag des traditionellen alljährlichen Festes: Alle versam-

16 17
Ein Mann der Gegensätze
Alexander Kartosia über Das erste Gewand und seinen Autor

Dass die georgische Hauptstadt Tbilissi ein Ort der Gegensätze sei, ist mittlerweile
oft genug betont worden. Derselbe Gedanke lässt sich auch anders ausdrücken:
Menschen, die in Tbilissi leben, haben einen Sinn für Gegensätze. Und das wieder-
um bedeutet nichts anderes als einen Sinn für Humor besitzen.
Kaum jemand repräsentiert den Tbilisser Typus besser als der Autor Guram
Dotschanaschwili. Zu den oft erzählten Lieblingsanekdoten der Tbilisser seiner
Generation gehört folgende Schilderung: Wie der Student Guram Dotschanaschwili
bei einem der Universitätsturniere inmitten eines laufenden Kampfes zusammen
mit einem seiner Kumpels in den Boxring gesprungen ist, um einen Kommilitonen
zu beschützen, der gerade im Zweikampf mit einem erfahrenen Gegner schwere
Treffer einzustecken hatte. Zwar war bisher alles nach den Regeln gelaufen (das
heißt, es waren keine Schläge unter die Gürtellinie oder Ähnliches zu verzeichnen),
aber die Freunde konnten es nicht länger ertragen, dass der Überlegene seinen
Widerpart regelrecht verprügelte: Statt mit einem Knockout den schnellen Sieg
davonzutragen, peinigte er den Schwächeren mit »leichten« Hieben und machte

Guram Dotschanaschwili in den 80er-Jahren

19
ihn förmlich zum Gespött des Publikums. Die beiden Störenfriede, die den Kampf
unterbrochen und nicht nur den »bösen« Boxer, sondern obendrein auch den Ring-
richter zur Rede gestellt hatten (um es fein auszudrücken), wurden wegen Belästi-
gung der Allgemeinheit festgenommen. Ihnen drohte eine fünfzehntätige Haft
wegen Klein-Hooliganismus, wie das damalige sowjetische Kriminalgesetzbuch
das Delikt qualifizierte. Wenn nicht ein unerwarteter Rettungsring aufgetaucht
wäre! Dotschanaschwili musste an dem Abend als Konzertmeister der zweiten
Violinen im Universitätsorchester auftreten sowie mit zwei anderen studentischen
Musikfreunden eine Triosonate von Händel zum Besten geben. Bis zum Abend

Dotschanaschwili trägt einen Ersatz zu finden wäre unmöglich gewesen; zum Konzert waren wichtige
Gäste geladen; der Universität drohte Blamage. So kam es, dass die Polizeibeamten

Gegensätze in sich, registriert sich auf Bitten des Rektors sowie des Boxers und des Ringrichters mit einer münd-
lichen Rüge an die beiden Knastanwärter begnügten (ohne seinen Kumpel hätte
sich Dotschanaschwili nicht auf freien Fuß setzen lassen) und die beiden sich am
sie um sich herum, erzeugt sie Abend im Konzertsaal befinden durften – der eine auf der Bühne, leidenschaftlich
musizierend, der andere im Zuschauerraum, heftig applaudierend und lauthals
von sich aus – ein echter »Vivat Händel« rufend.
Hooligan und begabter Geiger – ein Gegensatz? Dieser Mann besteht fast aus-
Experte der Kontraste. schließlich aus Gegensätzen. Nach seinem Archäologiestudium an der Universität
Tbilissi beschäftigte er sich zwölf Jahre lang mit Ausgrabungen zur Erforschung der
Steinzeit, um anschließend Prosatexte in einer Sprache zu verfassen, die immer inno-
vativer wurde und schließlich eine Form annahm, die man, wäre der Begriff nicht
bereits besetzt, als futuristisch bezeichnen könnte – eine Sprache für Leser in einer
weit entfernten Zukunft.
Dotschanaschwili trägt Gegensätze in sich, registriert sie um sich herum, er-
zeugt sie von sich aus – ein echter Experte der Kontraste. So stellt er sich auch dem
Leser im Roman Das erste Gewand vor. Die Städte, die Domenico durchwandert,
sind entgegengesetzte Welten. Jede dieser Welten erleben, sich überall zu Hause

21
und zugleich in der Fremde fühlen, die sich widersprechenden Gegebenheiten auf schender übersetzen könnte. Der Zubeglückwünschende ist der, dem man dazu gra-
sich einwirken lassen, ohne sich auch nur an eine festzuklammern, immer weiterge- tuliert, dass er das eine oder andere Buch noch nicht gelesen hat – nicht weil das
hen, nicht vor den Menschen fliehen, sondern allein sich selbst durch den Orts- besagte Buch schlecht sei, sondern weil es im Gegenteil ein ausgesprochen gutes
wechsel verlassen, um eben dieses Sich-selbst einmal zu sich selbst zu führen – dar- Buch ist und dem Zubeglückwünschenden der Genuss der Lektüre des Buches erst
über berichtet dieser große Roman, mit einer spielerischen Leichtigkeit und einem bevorsteht.
mitreißenden Sprachwitz. In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch allen Lesern, die die Lektüre von
Dass der Roman, als er Ende der 70er-Jahre erschienen war, zum Kultroman meiner Das erste Gewand noch vor sich haben.
Generation wurde, ist kein Wunder – es ist ein Buch über den Kampf um die Freiheit. Und viel Vergnügen!
Ein Wunder ist vielmehr, dass er überhaupt erscheinen durfte – damals, in der Sowjet-
union. Der georgische Parteichef Eduard Schewardnadse, der später als sowjetischer Alexander Kartosia
Außenminister bekanntlich keine unbedeutende Rolle für die deutsche Wiedervereini-
gung gespielt hat, soll sich für die Veröffentlichung des Romans in Georgien eingesetzt
haben. Gegen die altgedienten Zensoren im eigenen Land konnte er sich durchsetzen, Alexander Kartosia ist Professor für Deutsche Philologie an der
aber gegenüber der zentralen (sprich: Moskauer) Zensur war selbst er ohnmächtig. Das Iwane-Dschawachischwili-Universität Tbilissi und war Direktor der
Erscheinen der Übersetzung aus dem Georgischen ins Russische, in die Lingua franca georgischen Nationalbibliothek und Bildungsminister in Georgien.
der Sowjetunion, sah also wie eine Sache der Unmöglichkeit aus. Dass es trotzdem
gelang, die Übersetzung zu veröffentlichen, ist ein Beispiel dafür, welche Paradoxien
sich im sowjetischen Reich abgespielt haben. Die Übersetzerin Elisso Dschaliaschwili
strich alle »gefährlichen« Stellen aus dem Text weg und legte ihn so dem Moskauer
Verlag vor. Die zur Begutachtung des Romans einberufene Kommission ordnete das
Werk in die Rubrik der Kriminal- und Abenteuerliteratur ein und beschloss eine Aufla-
ge, die fünfmal größer war als die beantragte. Endgültig grotesk wurde die Geschichte
aber, als ein Jahr darauf Guram Dotschanaschwili zur Allunionsversammlung der Kri-
miautoren nach Moskau eingeladen wurde. Nach der Perestroika erschien in Moskau
dann die »unfrisierte« Version des Romans auf Russisch.
Unter vielen Neologismen und umgedeuteten Wörtern, die von Dotschana-
schwili geprägt worden sind und seitdem zum festen Bestandteil der georgischen
Alltagssprache gehören, gibt es ein Wort, das man ungefähr mit Zubeglückwün-

22 23
»Das Schreiben wird mit der Zeit
immer schwieriger, weil die Verantwortung
ununterbrochen wächst.«
Interview mit Guram Dotschanaschwili

Herr Dotschanaschwili, wie sind Sie Schriftsteller geworden?


Ich bin am 26. März 1939 geboren, während heftiger Schneefälle, in Tbilissi. Aufge-
wachsen bin ich in der Elbakidsestraße, wo meine Eltern und ich zusammen mit
meinen Großeltern lebten. Als Kind war ich oft krank und durfte nicht auf dem Hof
spielen. Und ich saß dann am Fenster und stellte mir vor, doch rauszugehen und in
den Pfützen herumzuspringen. Vielleicht könnte man sagen, dass das meine ersten
Geschichten waren. Damals war ich vier Jahre alt. Es war mein erstes und daher
besonders geliebtes Zuhause.
Später bin ich mit den Großeltern auf die Rustaveli-Allee gezogen, meine Eltern
hatten sich scheiden lassen. Unser Hof dort war kein gewöhnlicher Hof, er grenzte
an ein Theater, und auch der Voroshilov-Club, in dem berühmte Sänger auftra-
ten, befand sich ganz in der Nähe. Unser Hof hatte einen eigenen Dichter, Ioseb
Grischaschwili. Auch der Pionierspalast war nicht weit entfernt, und manchmal
kletterten wir heimlich in dessen Hof, um Flieder zu klauen. Wir wohnten also im
Mittelpunkt des Geschehens, und alle Anwohner waren wie eine große Familie. In

Der Autor heute

25
dieser Zeit begann ich, Gedichte zu schreiben, und zeigte sie Grischaschwili. Ich Was meine Manuskripte angeht, die kann kein Mensch entziffern, so dünn und
versuchte mich auch im Malen, aber die Ergebnisse waren so erbärmlich, dass ich klein ist meine Schrift. Früher war das nicht ganz so, aber heutzutage werden aus
mich lieber wieder dem Dichten zuwandte. einer Manuskriptseite drei Normseiten.
An den Computer kann ich mich nicht gewöhnen. Zur Gewohnheit ist mir der
Wussten Sie, als Sie mit dem Entwurf zu Das erste Gewand begannen, dass Füller mit schwarzer Tinte geworden. Der ist mir so vertraut, dass er fast zur Verlän-
daraus ein Roman würde? gerung meiner Finger geworden ist. Von mir aufs Papier gebrachte Buchstaben sind
Dass es ein Roman würde, wusste ich. Ich habe dreizehn Jahre lang daran geschrieben, mir irgendwie näher.
von 1966 bis 1978. Zuerst habe ich zwei Passagen geschrieben, die Geschichte vom
Anführer und Alexandros Vortrag, danach erst habe ich den Anfang geschrieben. Hat sich für Das erste Gewand vieles während des Schreibvorgangs erge-
Ich weiß gar nicht, wie ich die Willensstärke aufgebracht habe, mit siebenund- ben oder hatten Sie genaue Entwürfe?
zwanzig. Um einen Roman zu schreiben, ist das jung. Die Rahmenhandlung gehört ja nicht mir. Das ist das Gleichnis vom verlorenen
Sohn aus dem Evangelium, Lukas 15, 11-32. Und das Evangelium zu verändern, das
Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie den letzten Satz geschrieben haben? würde ich nicht wagen.
Das war im Winter. Ich war mit meiner Familie in Surami. Es war der Abend vor Flauberts Ausspruch ist auch zu bedenken: »Stil ist alles.« Vielleicht hätte er
Weihnachten. Und ich habe mich plötzlich an einen alten swanischen Brauch erinnert: sagen sollen, »fast alles«. Es gibt wohl kein Thema auf der Welt, das nicht schon
Wenn die Männer ein großes Tier erjagt haben, machen sie einen Handstandüber- irgendwo in der Bibel behandelt worden wäre. Deshalb ist das Einzige, was dem
schlag vor der Gottheit. Und da hab ich einen Handstandüberschlag gemacht, in der Autor bleibt, Stil. Und zum Glück birgt der Stil unbegrenzte Möglichkeiten.
Mitte des Zimmers. An einer Seite stand ein Schrank mit Geschirr, das hat ganz Ich hatte schon drei Jahre an dem Roman gearbeitet (1966–69), als ich in der
schön gescheppert. Die Vermieterin stürzte nach draußen und begann zu schreien: russischen Zeitschrift Vokrug sveta einen dreiseitigen Artikel des Journalisten
Erdbeben, Erdbeben! Und sie hat das halbe Surami geweckt, am Weihnachtsmorgen. Sobolew über Canudos fand. Von diesen drei Seiten waren fast die Hälfte Fotos.
Und ich hab da gestanden, beschämt, mit hängendem Kopf. Die aufrechten, von innen leuchtenden Gesichter jener Menschen, der Blick über
Canudos, und dieser, wenn auch kurze Bericht haben so stark auf mich gewirkt, dass
Haben Sie bestimmte Gewohnheiten beim Schreiben? Wie sehen Ihre ich Das erste Gewand für eine Weile zur Seite legte und versuchte, die Größe und
Manuskripte aus? Bedeutung von Canudos zu erfassen. Für mich und meinesgleichen, Bewohner der
Ich weiß nicht, ob man es als Gewohnheit bezeichnen kann, dass es mir immer östlichen Hemisphäre, war Brasilien damals unerreichbar fern, und ich habe erst
schwerfällt, mich an den Schreibtisch zu setzen, ich zögere das hinaus. Nicht aus nach Abschluss des Romans erfahren, dass dieser Aufstand einer der wichtigsten in
Faulheit. Aus Angst. Angst. Das Schreiben ist eine Art von Tätigkeit, die mit der der Geschichte Südamerikas gewesen ist. Ich habe den Stoff in meinem Roman ver-
Zeit immer schwieriger wird, weil die Verantwortung ununterbrochen wächst. arbeitet, in einer Zeit, die in Georgien geprägt war von der Sehnsucht nach Freiheit

26 27
und der Unterdrückung der Religion. Inwieweit es mir gelungen ist, weiß ich nicht.
Aber ich weiß, dass ich den Leser dazu gebracht habe, über diese Dinge nachzuden-
ken. Also hat mir Sobolews Artikel einen guten Dienst erwiesen, ohne Canudos
wäre der Roman nicht das geworden, was er ist.

Hatten Sie beim Schreiben von Das erste Gewand die Zensur im Hinter-
kopf? Und haben Sie versucht, diese zu umgehen?
Bei den damaligen Zensoren will ich mich,
Dieser Roman ist wahrscheinlich mein einziges Werk, bei dem ich an die damalige
gnadenlose und unerträgliche Zensur nicht gedacht habe. ungeachtet ihrer Unbarmherzigkeit und
Bevor Sie sich jetzt wundern, will ich den Grund für diesen erstaunlichen
Umstand erläutern: Im damaligen Georgien ein solches Werk zu veröffentlichen
war unvorstellbar. Dafür gab es vor allem zwei Gründe: erstens die, wenn auch mit
Kaltherzigkeit, herzlichst bedanken für
großen Abständen auftauchenden Zitate aus dem Lukasevangelium, und zweitens
ein absolutes Tabu – Freiheit. Wie dann auch in der Kritik angemerkt wurde:
»Warum sollte einen sowjetischen Schriftsteller (damit war ich gemeint!) das
ihre Gemeinheit, die uns dazu zwang,
Thema der Freiheit beschäftigen, wir leben ja schon auf dem Gipfel der Freiheit.«
Von den fünf Teilen des Romans hatte ich zwei – »Im Dorf« und »Feinstadt« – nach geschicktere Ausdrucksformen zu finden.
sieben Jahren fertiggestellt. Um ein Werk dieses Umfangs zu drucken, kamen
zwei Zeitschriften infrage (die Veröffentlichung in Literaturzeitschriften war damals
eine übliche Vorgehensweise, Anm. d. Übers.). Ich habe es zu einer dieser beiden
Dank ihnen haben wir emsig an unserem
Stil gewoben.
gebracht und war fast sicher, dass es nicht einmal auf dem Tisch des Chefredakteurs
landen würde.
Aber was dann passiert ist, kam für mich einem Wunder gleich. Der verun-
sichert wirkende Chefredakteur ebendieser Zeitschrift bestellte mich zu sich und
sagte etwas völlig Unvorstellbares: »Ab der nächsten Ausgabe fangen wir an, deinen
Roman zu drucken. Du wirst doch bald fertig, oder? Die weiteren Teile sollen bald
darauf folgen.« Alles in mir spannte sich an. Ich dachte, er hätte vor, jetzt unfaire
Bedingungen zu stellen. Aber nichts dergleichen, er meinte lediglich: »Ich habe alle

28
Mitarbeiter informiert. Du musst sagen, du hättest den Roman schon vor vier Jah- (bei Staatsanwälten und Rechtsanwälten wohl nicht), Schiedsrichtern, Steuerbe-
ren bei uns eingereicht. Ansonsten – ich habe Schriftsteller auf der Warteliste, die ratern, Vermessungstechnikern, und in gewissem Maße bei Geschäftsleuten und
würden mich zerfleischen.« Leuten auf Diät. Aber wenn Bach, Cervantes, Mozart nicht äußerst subjektiv gewe-
Später habe ich erfahren, dass ein paar Tage zuvor der Vorsitzende der Kommu- sen wären, wäre das – gelinde gesagt – nicht gut gewesen. Und objektiv betrachtet,
nistischen Partei Georgiens, Eduard Schewardnadse, vor einer Besprechung mit wäre es damit um uns geschehen gewesen.
den Literaturbeauftragten zunächst nach meinem Alter gefragt und dann auf der
Besprechung den Wunsch geäußert hatte, dass den jungen Schriftstellern größere Sie sind gestern 78 geworden. Welche Bilanz ziehen Sie, wenn Sie auf Ihr
Beachtung geschenkt werde. Und diese kleine Andeutung hat genügt. Leben zurückblicken?
Bei den damaligen Zensoren will ich mich, ungeachtet ihrer Unbarmherzigkeit Ich bin offener geworden für die Werke mir unbekannter Autoren, und insgesamt
und Kaltherzigkeit, herzlichst bedanken für ihre Gemeinheit, die uns dazu zwang, bin ich heute viel positiver eingestellt zu jeder Art von nützlicher Tätigkeit. Den
geschicktere Ausdrucksformen zu finden. Dank ihnen haben wir emsig an unserem Wert eines Werkes nicht richtig einzuschätzen ist teilweise der Überheblichkeit der
Stil gewoben. Sehr gebildet waren sie nicht, und was sie nicht verstanden haben, Jugend geschuldet.
konnten sie nicht aufhalten. Somit waren sie »Teil von jener Kraft, die stets das Böse In meiner Jugend gab es zum Glück wenige Möglichkeiten sinnlosen Zeitver-
will und stets das Gute schafft«. treibs, und zum Glück haben wir viel gelesen. Anscheinend richtet kein geringer
Teil der heutigen Leser seine gesammelte Aufmerksamkeit auf Personagen porno-
Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach Literatur in Bezug auf gesellschaft- grafischer und kriminalistischer Romane oder die Helden der Kriege zwischen den
liche Veränderungen? Sternen. Als ob für sie das Geschehen auf der Erde so klar und durchschaubar sei,
»Bei der Berührung mit einem Kunstwerk, egal welcher Art, soll der Mensch besser dass sie sich mehr für die tragikomischen Folgen der Kämpfe mit ausgedachten
werden, als er bis dahin gewesen ist.« Heute muss ich lächeln, dass ich einmal den Waffen zwischen nichtexistierenden Wesen interessieren. Andere wählen heute
Urheber jenes Ausspruchs so eifrig gesucht habe. Denn eigentlich ist es gar nicht hauptsächlich dünne Bücher. Beim Lesen eines guten Buches zog sich einem damals
von Bedeutung, wer das als Erster gesagt hat, für mich kommt es einzig darauf an, beim Umblättern das Herz zusammen, weil dadurch weniger zum Lesen blieb.
wer sich daran hält. Kunst war immer, zu jeder Zeit, das beste Mittel für gesell-
schaftliche Veränderung. Sie sind ein Schriftsteller, der dem Leser sehr zugewandt ist. Was wün-
schen Sie sich von Ihrem Leser?
Die großen Sympathieträger im Roman sind die Figuren, die sich aufleh- Der Leser muss für den Schriftsteller immer ein Wesen sein, das er mit größter
nen. Gibt es heutzutage zu wenig Auflehnung? Achtsamkeit behandelt. Es ist schon vorgekommen, dass ein recht frecher Debütant
Wenn Sie die wahren Künstler meinen, die müssen nicht nur rebellisch sein, die öffentlich verkündet hat, er denke beim Schreiben nicht an den Leser. Ihm wurde
dürfen auch auf keinen Fall objektiv sein. Objektivität ist unverzichtbar bei Richtern entgegnet, vielleicht denke er nicht nur nicht an den Leser, sondern denke auch

30 31
sonst nicht viel beim Schreiben. Wenn der Schriftsteller nicht an den Leser denkt, Guram Dotschanaschwili wurde am 26. März 1939 in Tbilissi als Sohn eines
wozu gibt er sich dann Mühe? Er könnte sich doch dann in die Hängematte legen, Arztes geboren. Als Gymnasiast, kurz vor dem Abitur, wurden Dotschanaschwili
sich sanft anschaukeln und an gar nichts denken, bis er einschläft. Das ist doch viel und acht weitere Jugendliche, aus denen später führende Köpfe der georgischen
einfacher und bereitet weniger Kopfschmerzen. Intelligentsia werden sollten, wegen des Verteilens von Flugblättern gegen das
Ich glaube, es gibt niemanden, der in der Lage wäre, dem Leser alles zu bieten. kommunistische Regime festgenommen und kurz darauf wieder freigelassen.
Und den Leser, den wahren Leser betrachte ich als Co-Autor, der diese Unvollkom- Guram Dotschanaschwili studierte Geschichte und Archäologie an der Staatlichen
menheit vervollkommnet. Diese Art von wohlgesonnener Unterstützung ist mein Iwane-Dschawachischwili-Universität Tbilissi
größter Wunsch. und war gleichzeitig Geiger im Orchester der
Universität. Die ersten seiner zahlreichen Er-
zählungen erschienen 1961, nach ihnen sind
Das Interview führten und übersetzten Susanne Kihm Kurzfilme, Radiohörspiele und Theaterstücke
und Nikolos Lomtadse am 27. März 2017. entstanden, die in Georgien sehr beliebt sind.
1966 begann er mit der Arbeit an seinem
ersten Roman, Das erste Gewand, den er 1978
beendete. Der Roman wurde ins Russische
übersetzt. Die jüngste georgische Ausgabe
des Romans stammt aus dem Jahre 2011.
1975 erhielt Guram Dotschanaschwili die höchste Auszeichnung der Staatlichen
Universität Tbilissi für die Erzählung Water(po)loo oder die wiederherzustellenden
Arbeiten, 1985 den Staatspreis für sein literarisches Gesamtwerk, 2010 den renom-
miertesten georgischen Literaturpreis, den SABA-Preis, wegen seiner Verdienste
um die georgische Literatur. Mit Das erste Gewand liegt nun erstmals ein Roman
von Guram Dotschanaschwili auf Deutsch vor. Der Autor, der heute in Tbilissi lebt,
ist zum Buchmesseschwerpunkt Georgien eingeladen.

Guram Dotschanaschwili mit zehn Jahren

32 33
Das wichtigste Buch, das über
die Freiheit geschrieben wurde
Dato Turaschwili über Das erste Gewand

Ich habe mich immer gefragt, warum Guram Dotschanaschwili


in seinem Roman nicht Georgien, sondern eine fiktive Welt
als Schauplatz gewählt hat. Welten und Namen, spanische
und italienische, vermischen sich, aber für mich ist vor allem
Georgien gemeint. Wahrscheinlich hat Dotschanaschwili das
gemacht, um die Anspielungen auf die Sowjetunion zu ver-
schlüsseln. Aber als ich das Buch nochmals gelesen habe, kam
ich zu dem Schluss, dass dies sicher nicht der einzige Grund
war. Ich, der Leser, soll mich als Teil dieser fiktiven Welt
wahrnehmen, nicht eingesperrt bleiben in meinem Raum,
mit meiner engen Weltanschauung. Die ganze Welt soll für
mich offen sein. Das ist nicht nur eine Geschichte über mich
als Georgier, es ist auch eine Geschichte der Menschheit.
Die Wortwahl und die stilistischen Besonderheiten des
Buches, wie beispielsweise die Ästhetik des Schnitts, waren für

35
mich verblüffend und faszinierend. Es war ganz anders als alles, was ich davor gelesen
hatte. Bis dahin hatte es in unserer Sprache kein vergleichbares Werk gegeben.

Ich, der Leser, soll mich als Teil


Ich war ziemlich jung, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen habe, genau in
dem Alter, wo sich der eigene Geschmack bildet, die eigenen Werte, und in dieser
Periode war es ebendieses Buch, das in mir das Verlangen nach Freiheit geweckt hat.
Und ich bin auch heute noch davon überzeugt, dass es das wichtigste Buch über-
haupt ist, das über die Freiheit geschrieben wurde. Sie müssen bedenken, dass ich dieser fiktiven Welt wahrnehmen,
dieses Buch in einem Alter gelesen habe, wo ich am sensibelsten war, und eine
Romanfigur, Ana Maria, war so beeindruckend für mich, dass ich meinem ersten
Kind ihren Namen gegeben habe.
nicht eingesperrt bleiben in
Normalerweise mögen es die Georgier nicht, sich selbst im Spiegel zu sehen, mit
kritischem Blick. Sie mögen nicht, die eigenen Schwächen zu entdecken, und wenn meinem Raum, mit meiner engen
jemand ihnen so etwas auf den Kopf zusagt, ärgern sie sich. Guram Dotschanaschwili
jedoch hat uns damals mit diesem Buch die Wahrheit gesagt, und dass der Autor eben-
dieses Buches dennoch so beliebt ist, ist kein Zufall. Ich glaube, unter allen Umstän-
Weltanschauung. Die ganze Welt
den ist das Wichtigste – wie der Autor im Roman schreibt – doch die Liebe. Sie ist es,
die die Welt, die Erde in Bewegung setzt, dagegen ist alles andere bedeutungslos. soll für mich offen sein. Das ist
Dato Turaschwili
(Aus dem Georgischen von Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse) nicht nur eine Geschichte über
Dato Turaschwili, 1966 in Tbilissi geboren, arbeitet
mich als Georgier, es ist auch eine
Geschichte der Menschheit.
dort als Dozent für moderne Literatur an der Universität.
Er veröffentlichte Erzählungen, Reiseberichte, Drehbücher
und Theaterstücke sowie den Roman Westflug, der 2014
auf Deutsch bei Wagenbach erschienen ist.

36 37
Alle haben es gelesen, alle haben
sich in das Buch verliebt
Ana Kordsaia-Samadaschwili über Das erste Gewand

Als Das erste Gewand veröffentlicht wurde, war ich noch zu klein, um es zu lesen. Man
erzählte sich großartige Dinge über dieses Buch, da wollte ich auch gern mitreden,
und ich sagte: »Guram Dotschanaschwili hat den gleichen Schreibtisch wie ich!« Die
Erwachsenen lächelten mir zu und sprachen weiter, und ich war ein bisschen beleidigt,
weil ich mir das nicht ausgedacht hatte: Guram Dotschanaschwili hatte wirklich den
gleichen Schreibtisch wie ich, ich hatte ihn selbst gesehen. Seine Tochter, Keti, hatte ihn
mir gezeigt. Wir waren im gleichen Kindergarten, und als ich einmal bei ihnen zu
Besuch war, bestimmt auf ihrem Geburtstag, ich weiß es nicht mehr genau, da sagte sie
zu mir: »Das ist der Schreibtisch von meinem Papa.« Wir hatten zu Hause den gleichen
Tisch, und ich war im siebten Himmel und wollte allen davon erzählen.
Das erste Gewand wurde veröffentlicht, und ganz Tbilissi sprach über dieses
Buch, und ich dachte: Guram Dotschanaschwili hat das Buch an dem Tisch geschrie-
ben – an dem Tisch, den wir auch haben. Ich war irgendwie sehr stolz darauf. Und
weil die anderen das nicht verstanden haben, hab ich aufgehört, es zu erzählen, und
erst jetzt, nach vierzig Jahren, erzähle ich es zum ersten Mal wieder.

39
Seit ich denken kann, begegnet mir immer wieder Das erste Gewand. Sosehr ich große Reise, große Freundschaft, einen großen Kampf, eine große Liebe, und das
mich anstrenge, fällt mir, glaube ich, niemand ein, der der georgischen Sprache mäch- alles finden sie in diesem Buch.
tig wäre und dieses Buch nicht gelesen hätte. Dabei war es in meiner Jugendzeit Und ich glaube, das ist gut so.
weder Teil des Lehrplans, noch haben die Mütter ihre Kinder, um der Bildung willen,
gezwungen es zu lesen. Es ist einfach so gekommen: Das erste Gewand haben alle Ana Kordsaia-Samadaschwili
gelesen, und alle haben sich in das Buch verliebt. Einmal und für immer. (Aus dem Georgischen von Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse)

Sosehr ich mich anstrenge, fällt mir, glaube ich, Ana Kordsaia-Samadaschwili, 1968 in Tbilissi geboren,
arbeitet als Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin und

niemand ein, der der georgischen Sprache mächtig unterrichtet Kreatives Schreiben an der Staatlichen Ilia-Univer-
sität in Tbilissi. Auf Deutsch erschienen von ihr Ich, Margarita
(2013) und der Roman Wer hat die Tschaika getötet? (2016), beide
wäre und dieses Buch nicht gelesen hätte. im Verlag Hans Schiler; außerdem der Prosatext Das historische
Gedächtnis, für den sie 2003 mit dem renommiertesten Literatur-
preis Georgiens, dem SABA-Preis, ausgezeichnet wurde (erschienen
Heute unterrichte ich an der Universität moderne georgische Literatur. In der ers- in: Techno der Jaguare: Neue Erzählerinnen aus Georgien, Frank-
ten Vorlesung stelle ich immer mal wieder eine bestimmte Frage, und nach all den furter Verlagsanstalt, 2013).
Jahren weiß ich nun schon im Voraus, welche Antwort kommt:
»Nun, was meint ihr, welches georgische Werk des 20. Jahrhunderts könnte in
die Weltliteratur eingehen?«
Und alle antworten, ohne Ausnahme:
»Guram Dotschanaschwilis Das erste Gewand.«
Meine Erstsemestler haben weder eine Ahnung von magischem Realismus
noch von allegorischen Romanen, und sehr belesen sind sie auch nicht, sie haben
einfach ein gutes Gespür. Und zum Glück haben sie auch keine Vorstellung davon,
was es bedeutet hat, in der Sowjetunion zu leben, unter der Zensur. Diese wunder-
baren junge Leute, in Georgien genau wie auf der ganzen Welt, wünschen sich eine

40 41
Canudos, die weiße Stadt
Guram Dotschanaschwilis Umgang mit einem historischen Stoff

In den Jahren 1896 und 1897 kam es in Canudos, im Nordosten Brasiliens, zu militä-
rischen Auseinandersetzungen zwischen den Einwohnern der wenig zuvor gegrün-
deten Stadt und Truppen der brasilianischen Regierung. Canudos wurde vollständig
zerstört. Auf den Stoff dieser historischen Ereignisse stieß Dotschanaschwili durch
einen Artikel in der russischen Zeitschrift Vokrug Sveta von 1969. Er kannte weder
Da Cunhas Werk, das bis heute nur auszugsweise ins Russische und nicht ins Geor-
gische übersetzt ist, noch Vargas Llosas Verarbeitung des Stoffes in Der Krieg am
Ende der Welt, die in etwa zeitgleich mit Das erste Gewand auf Spanisch erschien.
Euclides da Cunha veröffentlichte 1902, fünf Jahre nach dem Fall von Canudos,
den geographisch-historisch-poetischen Essay Os Sertões. Die Literaturkritiker
erhoben das Buch bald schon zum Nationalepos. Wie Berthold Zilly schreibt, geht
es dem Autor »nicht nur um Chronik und Analyse des Bürgerkriegs von Canudos im
Sertão von Bahia, sondern um Grundsätzlicheres. Er lädt den Leser zu einer Reise
ins ›Herz der Finsternis‹ ein, zur Erkundung des unbekannten, barbarischen Hin-
terlandes, und lässt ihn den Zusammenprall zwischen einer traditionellen, religiös

Guram Dotschanaschwili im Tbilissi der 80er-Jahre

43
geprägten ländlichen Unterschichtskultur und einer städtisch-laizistischen Eliten-
kultur, die sich als Speerspitze der Weltzivilisation versteht, miterleben. Damit aber
stellt sich auch die Frage nach dem Charakter, dem Glücksversprechen und der bar-
barischen Gefährlichkeit der Zivilisation.«
Der Hintergrund Dotschanaschwilis im sowjetischen Georgien ist ein anderer.
Sein Umgang mit dem Stoff ist ein sehr freier. Ihm geht es weniger um die Dicho-
tomie Zivilisation – Barbarei, doch ist er genau wie Da Cunha ein entschiedener
Gegner von Peinigern jedweden Kalibers. Auch er wollte sich nie im Elfenbeinturm

Indem Dotschanaschwili der Avantgarde einschließen, sondern hat sich mit seinem Roman ins dörfliche
Milieu begeben und sich bis in die irdische Hölle der Folterkammer gewagt. In der

die Sprache der Mächtigen Schilderung der ebenso skurrilen wie grausamen Machenschaften in der Stadt
Kamora deckt er das ganze Spektrum von Herrschaftstechniken auf, von der in

parodiert, entlarvt er sie kranken Köpfen ausgebrüteten Folter bis zu schurkischen Intrigen, vom Schwelgen
in käuflichen Annehmlichkeiten bis hin zu einer perfiden Rechtfertigungsrhetorik,
mit welcher die Herrschenden den einfachen Mann seit jeher getäuscht und um ein
und macht deutlich, was menschenwürdiges Dasein gebracht haben.
Dotschanaschwili hadert niemals mit der menschlichen Existenz als solcher, er
sich hinter dieser Sprache protestiert gegen die Gesellschaftsordnung, stellt Brutalität, Heuchelei, Verrohung
und Menschenverachtung bloß, den Usus der Mächtigen, die Rituale der Macht.
verbirgt. Indem er die Sprache der Mächtigen parodiert, entlarvt er sie und macht deutlich,
was sich hinter dieser Sprache verbirgt.
Sieht der Leser in Kamora das damals herrschende, totalitäre Regime der Sowjet-
union, das vorgab, die Gleichheit aller Menschen an oberste Stelle zu setzen, so sind
es gerade die Verfolgten dieses Regimes, die Einwohner von Canudos, die Freiheit
und Brüderlichkeit leben. Dotschanaschwilis Parabel aber bleibt auch über den kon-
kreten politischen Bezug hinaus aktuell.
Glaubt Dotschanaschwili an die Erziehbarkeit der Menschen? Den Canudenern
lässt er durch die Figur Mendes Maciels sagen, dass es für sie einen Sieg nicht geben

45
wird, nicht geben kann. Und auch, dass es nicht möglich sein wird, die Kamoraner
umzuerziehen. Der Kampf der Canudener ist von Anbeginn zum Scheitern verurteilt,
sie werden ihn verlieren, doch heißt dies keinesfalls, dass sie ihn nicht führen sollen,
im Gegenteil. Denn eines haben sie bereits gewonnen, und das ist die Freiheit – auf-
zuwachen »mit einem Lächeln im Gesicht« und dem Wissen, »dass jeder deiner
Schritte richtig sein würde«. Und ist es nicht eben die Freiheit, um derentwillen sie
den Kampf führen? Aus dieser Sicht betrachtet beantwortet sich die Frage nach Sieg
oder Niederlage anders, erweist sich der vermeintliche Sieg der Kamoraner als
wertlos. Die Furcht vor dem Tod ist kein Grund, nicht zu kämpfen, denn »wir sind
ohnehin nur für kurze Zeit hier«. Entscheidend ist die Art, wie man lebt, und, einmal
wenigstens, wirklich frei zu sein. Ganz im Sinne des Sartreschen Existenzialismus ist
Freiheit für Dotschanaschwili eine Verantwortung, vor der der Mensch entweder
fliehen oder der er sich stellen kann.

Susanne Kihm und Nikolos Lomtadse

46
Aus der Ermittlungsakte des missbilligte gesellschaftliche Bestände vorzugehen, doch kam es damals nicht dazu.
Somit liegt kein Strafbestand vor.
Komitees für Staatssicherheit Nach den Ereignissen vom 5. bis 9. März 19562 aber brachte Swiad Gamsachurdia
erneut die Idee ins Spiel, sich zu einer antisowjetischen Organisation zusammen-
zuschließen, deren Hauptziel es sein sollte, Georgien zu befreien. Eine illegale Orga-
nisation wurde gegründet, und man entschloss sich, diese um einige neue Mitglieder
zu erweitern: M. Kostawa3, T. Zerzwadse, G. Dotschanaschwili, T. Metreweli und
G. Sicharulidse.
Die illegale Gruppe, die sich auf Initiative von Swiad Gamsachurdia geformt hatte,
hielt ihr erstes Treffen im Juli 1956 in Gamsachurdias Haus ab.
Kurz vor dem Abitur, wurden Dotschanaschwili und acht weitere Jugend- Die Gruppe machte sich verschiedener illegaler Aktivitäten schuldig. So besorgte
liche, aus denen später führende Köpfe der georgischen Intelligentsia wer- sie sich eine Schreibmaschine, finanziert durch Geldsammelaktionen der Gruppe.
den sollten, wegen des Verteilens von Flugblättern gegen das sowjetische Bei ihrem letzten Treffen im November 1956 beschlossen sie, in G. Schirtladses
Regime festgenommen. Bei den folgenden Textauszügen handelt es sich Wohnung antisowjetische Flugblätter zu drucken, die sie in der Rustaweli- und
um Passagen aus der offiziellen Ermittlungsakte. Plechanowi-Allee in Tbilissi in Umlauf bringen wollten.
Nach dem Druck der Flugblätter trafen sich die Angeklagten – Gamsachurdia,
Am 14. Dezember 1956 hat das Komitee für Staatssicherheit ein Verfahren ge- Mikadse, Gundschua, Sicharulidse, Kostawa, Zerzwadse, Metreweli und Dotschana-
gen eine Reihe von Einzelpersonen eingeleitet. Sie wurden angeklagt, Mitglieder schwili – in der Nacht vom 1. Dezember 1956 vor dem Opernhaus in Tbilissi, um
einer illegalen, antisowjetischen Jugendorganisation zu sein, die antisowjetisches dort sieben antisowjetische Flugblätter anzubringen.
Material hergestellt und am 1. Dezember 1956 in ganz Tbilissi in Umlauf ge- Die Angeklagten bekannten sich im Zuge des Ermittlungsverfahrens und wäh-
bracht hat. rend des Prozesses schuldig.
S. Gamsachurdia1, A. Mikadse, T. Gundschua und W. Sicharulidse zufolge hat- Das Gericht berücksichtigte, dass alle Angeklagten minderjährig waren und sich
ten sie sich 1953 zusammengetan und mögliche Aktionen diskutiert. Sie überlegten zu ihren Verbrechen und Fehlern bekannten. Des Weiteren waren die Angeklagten
zwar, eine Gruppe zu bilden, deren Hauptanliegen es sein sollte, gegen von ihnen vorher noch nicht straffällig geworden.
Trotz allem waren die Angeklagten nach Paragraf  58/10 und Paragraf  58/11
des Strafgesetzbuchs der GSSR4 schuldig zu sprechen.
Bild vorherige Doppelseite: Der Autor (untere Reihe, 2. v. r.) Ende der 50er-Jahre zusammen mit Das Gericht fällte auf Grundlage von Paragraf  319 und Paragraf  320 des Straf-
Freunden, darunter S. Gamsachurdia (untere Reihe, 2. v. l.) und M. Kostawa (obere Reihe, Mitte) gesetzbuchs der GSSR folgendes Urteil:

50 51
Swiad Gamsachurdia wurde nach Paragraf  58/10 Absatz 1 des Strafgesetzbuchs
der GSSR zu drei Jahren Haft, nach Paragraf  58/11 und 58/2 zu fünf Jahren Haft
und nach Paragraf  46 zu weiteren fünf Jahren Haft verurteilt.
Anatoli Abesalomowitsch Mikawa, Wladimir Wasilewitsch Sicharulidse und
Merab Iwanowitsch Kostawa wurden nach Paragraf  58/11 des Strafgesetzbuchs der
GSSR zu drei Jahren Haft, nach Paragraf  58/2 zu vier Jahren Haft und nach Para-
graf  46 zu weiteren vier Jahren Haft verurteilt.
Tamas Tarasowitsch Gundschua, Teimuras Giorgewitsch Zerzwadse, Temur Dimi-
trewitsch Metreweli, Guram Giorgewitsch Schirtladse und Guram Petrowitsch
Dotschanaschwili wurden nach Paragraf  58/11 des Strafgesetzbuchs der GSSR zu
zwei Jahren Haft, nach Paragraf  58/2 zu drei Jahren Haft und nach Paragraf  46 zu
weiteren drei Jahren Haft verurteilt.
Das Gericht berücksichtigte die genannten mildernden Umstände und Para-
graf  50 des Strafgesetzbuches der GSSR und setzte die Strafen zur Bewährung aus.

Das Urteil kann nicht angefochten werden.


Vorsitzender: D. Giorgadze
Beisitzer: T. Tschchaidse, I. Tamasaschwili

(Aus dem Englischen von Stella Schossow)

1
Der spätere Präsident
2
Antisowjetische Demonstrationen, die am 9. März 1956
blutig niedergeschlagen wurden (Massaker von Tbilissi)
3
Der spätere Führer der Freiheitsbewegung
4
Georgische Sozialistische Sowjetrepublik

52
Leseprobe aus dem Roman
Das erste Gewand von
Guram Dotschanaschwili

Das winzige Backsteinhaus

In Feinstadt waren die Häuser rosa und hellblau gestrichen, dieses aber, dieses eine
von Ana Maria, war ein ganz einfaches Haus, aus schlichtem Backstein. Ein König-
reich, umgeben von wehmutdurchzogenem Nebel. Der Wächter der Nacht, Leopol-
dino, wäre auf keinen Fall mehr an diesem Backsteinhaus vorbeigelaufen, denn jetzt
stand da des Nachts, bis der Hahn zum ersten Mal krähte, eine Person in schwarzem
Umhang, den Hut tief in der Stirn – unser Vagabund, Domenico. Zu dritt wohnten
sie in dem kleinen Haus, der zahnlose Mann, seine Tochter, die schutzlose Frau, und
noch einer: der Gebieter der Klänge. Domenico lehnte an der kühlen Wand und
lauschte still den sonderbaren Tönen, was war das bloß? Was für eine Seele wohnte
dem Gebieter der Klänge inne? Eine nicht fassbare – am wichtigsten war der Vogel,
dann das Meer, das in der Dunkelheit schäumte, außerdem der Duft der Erde und
der Geheimnisträger, der jeden mit fremdartigen Farben liebkoste. Erhabene, leid-
bringende Klänge. Ein fremdes Land, lang ersehnt, mit Mörtel aus Klängen erbaut,

Auszug aus dem Originalmanuskript

55
leicht und weich. Eine ins Schwanken geratende Treppe, wie eine Welle, mit unebenen, Er zählte zehn Drahkan ab, gab sie Tulio, und ein ungutes Gefühl überkam ihn:
niedrigen Stufen. Mal hoch, mal runter, hoch, wieder runter und doch nach oben, »Hast du sie selbst gefragt?«
ganz, ganz nach oben, zum Gebieter. Zwei spielten da, Vater und Tochter, abwech- »Nein, ich hab Silvia aufgetragen, sie mitzunehmen.«
selnd, niemals zusammen. Und einer von beiden spielte besser. Was vermittelten »Sind sie befreundet?«
ihm nur diese Klänge, farbenreich, fremd, vollendet – auf Wolken zu liegen? Einen »Nein, sie sind Nachbarinnen.«
Morgenrottraum, dem Vergessen geweiht? Im fremden Kamin verbrannte etwas, »Hat sie sofort zugestimmt?«
mit nassem Zischen. Und in dieser fremden Wärme stand, an der Backsteinwand, »Das habe ich nicht gefragt, aber eigentlich … Soweit ich zurückdenken kann,
Domenico, der Vagabund. Und das mit Traurigkeit vermischte Glück dieser Flamme ist sie nie zu einem Spaziergang mitgekommen. Und sie ist auch mit niemandem
wärmte gar die Seele. befreundet.«
»Auch früher nicht?«
(...) »Nie, nein. Liebst du sie sehr?«
Hier wandte sich Ana Maria nach Domenico um. Eine Sekunde lang sah sie ihn
Er war wie von Sinnen. Als Tulio ihn um Brausewein schickte, stieß er an der Ecke an, drehte sich wieder nach vorn und wandte sich sofort noch mal um, aber diesmal
so heftig mit einer Frau zusammen, dass er sie zu Fall brachte. Es tat ihm leid, und war ihr Blick erstaunt. Fast freute er sich, aber dann packte ihn doch ein mit Traurig-
er kniete sich zu ihr nieder. Vorsichtig half er ihr auf die Beine, entschuldigte sich keit vermischter träger Schmerz – die Frau sah ihn seltsam an. Und Domenico, ohne
und küsste ihr die Hand. Die Frau sagte: »Das macht nichts, ist nichts passiert, den Blick von ihr abzuwenden, sagte zu Tulio:
mein Sohn.« An einem kleinen Stand in der Nähe wurden die ersten Frühjahrs- »Ich liebe sie sehr. Noch mehr als sehr.«
rosen verkauft, er kaufte, so viele er mitnehmen konnte, und drückte sie der Frau Er sagte das leise, unhörbar.
in die Hand. Dann ließ er Arturo eilends Brausewein, kalabarisches Hähnchen Die Frau blickte wieder nach vorn, aber wie sie dahinschritt … Nicht nur ihrem
und Fleisch in einen Korb packen. Domenico holte die Spaziergänger am Stadt- Gang, auch ihrem kastanienfarbenen, fein glänzenden Haar war anzusehen, wie
rand ein. Im Gänsemarsch folgten sie dem schmalen Pfad, die Sechste in der Reihe nachdenklich Domenicos Anblick sie gemacht hatte.
war Ana Maria! »Ich könnte dir ein paar Sachen beibringen, soll ich? Wenn du mich dafür mor-
»Lass mal sehen.« Tulio steckte die Nase in den Korb. »Alle Achtung, gute gen einlädst …«
Wahl.« »Was denn?«
Sie trug ein graues Leinenkleid, ganz schlicht. »Lädst du mich ein?« Tulio versuchte, es ins Witzige zu ziehen.
»Ja, nicht wahr.« »Ja, ja.«
»Gib her, ich trag das, nicht dass dir die Flasche zerbricht. Und dein Verspre- »Sie mögen Komplimente. Die Frauen sind alle gleich. Wir werden das Pfänder-
chen? Du hast doch versprochen, wenn …« spiel spielen. Ich werde es so einrichten, dass ihr allein bleibt und …«

56 57
Domenico überlief es vor Angst. nen, in Gedanken versunkenen Señor Giulio am Schienbein und bellte wie ein
»Und du musst irgendeinen Körperteil von ihr hervorheben, aber mit Finger- Hund. Señor Giulio machte vor Überraschung einen Satz.
spitzengefühl, nicht übertreiben, sag so was wie … zum Beispiel: Was für wunder- »Fahr zur Hölle, du Esel! Ach, verzeih mir, Conchetina, mein Kind.«
schöne Augen du hast, Ana Maria, solche Augen sind mir noch nie begegnet. Ihre »Macht nichts, Onkel Giulio«, beruhigte ihn Conchetina. »Wir Carrascos wis-
Augen sind wirklich schön, aber, kann man das über Augen sagen – sind mir nie sen schon seit jeher solche unbekümmerten Scherze zu schätzen.«
begegnet?! Keine Ahnung. Oder, was für eine glockenklare Stimme du hast, obwohl, Ana Maria blickte Kumeo verblüfft an. Sie schaute, als wäre sie nicht sicher, ob
sie sagt eigentlich nie was, jaaa, sag: Was für wunderschöne Finger du hast, diese das eben wirklich passiert war, dermaßen fremd war jegliche Albernheit der schutz-
Finger vermögen es sicher, alles zu spielen. Das ist doch gut, oder? Das Dritte ist am losen, scheuen Frau; still stand sie zwischen den lächelnden Spaziergängern. Heiii,
besten, ach, da hatte ich einen guten Einfall. Du lädst mich doch ein?« wie sie schrien!
Die Schulter der Frau, die zarte Schulter, den gespannten Hals, das alles betrach- »Kumeo, du alter Fuchs.« Vincente klopfte ihm auf die Schulter. »Du bist mir einer!«
tete Domenico jetzt von rechts – der Pfad machte eine Biegung. Vorsichtig ging die »Nun, bald wird auch der Frühling vorüber sein«, flüsterte Cilio Rosina von der
Frau, Ana Maria, nachdenklich, sie sah auf den schmalen Weg. Domenico konnte Aue zu. »Die Zeit des Übermuts. Komm, ich helf dir«, und er half ihr über den Bach.
den Blick nicht mehr abwenden, er schaute sie an, und es tat ihm in der Seele weh – »Na los, Mann.« Tulio versetzte Domenico einen Stoß. »Los, hilf ihr!«
wie fremd war diese schutzlose, in Gedanken versunkene Frau, unerreichbar, rätsel- »Ich kann nicht.«
haft, allen fremd. »Los, hilf ihr, du Niete.« Er stieß ihn noch mal an. »Phhh, du Nichtsnutz!«
»Oder, Domenico, wenn wir den Bach überqueren, dann nimm sie am Arm und Alexandro aber brachte von irgendwoher ein Brett, legte es über den Bach und
hilf ihr. Aber nicht so, dass sie dich ohrfeigt, nein, nimm sie behutsam bei der Hand. sagte zu Ana Maria: »Geh rüber, mein Kind.«
Dabei soll sie den Mann spüren, irgendjemand hat das mal gesagt, ich glaube, Duilio. Ana Maria sah auf, lächelte ihm zu und überquerte auf Zehenspitzen die kleine
Alles in allem kommt dir eine gediegene Gesprächsführung und maßvolle Gestik Brücke.
zugute, einem Mann steht es nicht, herumzuhampeln und um den heißen Brei zu Sie war zwanzig Jahre alt, und eine Frau in diesem Alter galt in Feinstadt als alte
reden, wenn du mir nicht glaubst, da ist Duilio, frag den, einen Besseren findest … Jungfer. Sie wollte niemanden, brauchte niemanden, sie dachte nicht einmal daran.
Morgen lädst du mich doch ein?« Keine Rede von einem Verlobten, nicht einmal Freundinnen hatte sie. Und jetzt, wo
»Ja, ja.« sie zum ersten Mal auf einen Spaziergang mitgekommen war, ihr Zimmer verlas-
»Hilf mir, mein Häschen«, wandte sich Conchetina an ihren Ehemann und sen hatte, ihr Zimmer, das ihrem Gebieter gehörte, stand sie verwirrt zwischen die-
schlang ihm den Arm um den Hals, »nicht, dass meine Füße nass werden.« sen forschen Leuten, allen fremd und fern. Und nur jenem Jungen, der nicht lächel-
»Gut, komm!« Kumeo half ihr über den Bach. te, warf sie von Zeit zu Zeit einen Blick zu.
»Ging das nicht ein bisschen zarter? Hm, mein Häschen?« Conchetina schmoll- »Lassen wir uns hier nieder«, sagte Duilio, so wie er war. »Den Bach haben wir
te ein wenig und hielt sich mit der Hand den Bauch. Da packte Kumeo den gediege- überquert und sind nun am Fluss, hier haben wir den reichhaltigen Schatten der

58 59
Waldung und frische Luft. Sich ins Reich der Natur zu begeben hat positive Auswir- »Ein wunderbares Spiel, schicksalsträchtig.«
kungen auf den menschlichen Körper und auf das Allgemeinbefinden. Kommt, setzen »Kommt, gebt mir eure Pfänder.« Tulio zwinkerte Domenico zu. Aber der schau-
wir uns hierher, so wie es sich nach den Regeln der Natur gehört, und sprechen wir te noch immer die Frau an. Beim Atmen zeichneten sich die Konturen ihrer festen
von erhabenen Vorkommnissen.« Nasenflügel leicht ab, kaum merklich hob und senkte sich ihre Brust. Still, ebenso
»Duilio!«, rief Alexandro. vertrauensvoll wie scheu, saß sie da, eine Fremde unter Fremden. Und ihre schmalen
»Was möchtest du?« Finger ließen jetzt das Gras erklingen, nachdenklich durchkämmte sie es, und plötz-
»Hopps!« lich schrak sie auf – irgendwo in der Aue zwitscherte ein Vogel. Sie hob den Kopf,
Aber Duilio schenkte ihm keine Aufmerksamkeit: »Freundschaft ist die wich- ihre Augen weiteten sich, und eine innere Unruhe ergriff sie. Freudig lauschte sie
tigste Voraussetzung für gesunde Beziehungen zwischen den Bürgern einer Stadt, dem einfachen Ruf ihres großen Gebieters: »Wie er zwitschert, hört ihr das?« Sie
auch wenn du deinen Freund vielleicht gar nicht kennst. Der bleibt womöglich lächelte, mit diesem unmerklichen Lächeln, bei dem man die Zähne nicht sah, und
müde, halb verdurstet, mit einer schweren Last namens Freundschaft und Beistand zuckte wieder zusammen – Silvia stieß ein hohes Gegaggel aus: »Auf so was kannst
auf den Schultern an der Quelle stehen, aber auf alle Fälle nimmt er das Glas – nicht auch nur du kommen.« Und als Conchetina Tulio scherzhaft eine Kopfnuss verpasste,
von der Quelle! Oder nehmen wir zum Beispiel den folgenden Spruch …« zog Ana Maria sich wieder in sich zurück, befremdet wandte sie den Blick ab. Sie
Ana Maria saß auf einem Baumstumpf. Ihre zarten, feingliedrigen, alles vermö- verlangten ein Pfand von ihr, und sie traute sich nicht, nein zu sagen, errötend blick-
genden Finger lagen auf ihren Knien und den Kopf leicht zur Seite geneigt, blickte sie te sie um sich, ein innerer Schmerz fraß an Domenico, dem Vagabunden, wie sehr
ins Gras. Dann wurde ihr Blick ein ganz klein wenig scheel, sie versank in Gedanken. liebte er sie! Ihr ein einziges Mal die Hand auf den Kopf zu legen, sie nicht auf die
An was mochte sie denken, wer hätte das erahnen können, Ana Maria war eine Frau, Lippen, nur auf die Stirn zu küssen. Oder ihr lange in die Augen zu schauen, ihre
aber sie war wie ein Reh. Das Haar hatte sie schön geschnitten, es reichte ihr bis zur gesprenkelte Iris zu betrachten – sie war selbst der großen Teresa meilenweit über-
unendlich zarten, verlängerten Linie des Kinns. Es war schon heiß, und in der Aue legen. Hätte er ihr nur in die Augen schauen können!
wehte von Zeit zu Zeit ein laues Lüftchen. Auf Ana Marias blassen Wangen zitterten Huuuuh, heiß war es, und als er an ihrem Handgelenk die pulsierende Ader
zart die Haarsträhnen, ganz für sich saß sie da und dachte nach, sie war weit weg, wer bemerkte, stand er auf, und wer weiß, was ihn trieb, woher er den Mut dazu her-
hätte sie schon begreifen können. Und plötzlich zuckte sie zusammen, sie sah sich um, nahm, er zog sich die Schuhe aus, krempelte sich die Hose bis zu den Knien hoch,
strich sich das Haar zurück – es war eine wunderschöne Bewegung. Und ihr ganzes und da ihm die Kühle der Erde nicht reichte, stieg er bis zu den Knöcheln in den
Haar, seine unzähligen Saiten, erklang lautlos unter den Zauberfingern. Fluss. Trüb war der vom Regen irgendwo in den Bergen. Kühle Liebkosung, sein
»Hier, greifen Sie zu, Señor Duilio, es ist schon gedeckt. Wollen wir nicht das Körper, sein ganzes Sein verlangte danach. Die Luft war stickig, die Hitze wurde
Pfänderspiel spielen?« immer unerträglicher, das Atmen fiel schon schwer, und da zog er sich, ohne zu den
»Sehr wohl, das ist in der Tat ein gutes Spiel«, bekräftigte jetzt mit aristokrati- verwunderten Spaziergängern zu gucken, das Hemd über den Kopf, warf es hinter
scher Ruhe Duilio, so wie er war. sich, machte unvermittelt einen Satz und landete platschend im Wasser. »Huch, ich

60 61
bin nass geworden«, rief Conchetina, und die anderen starrten ihn überrascht an. Wasserflecken durch, er strich sich über die Hose, streifte das Wasser ab. Als er sich
Domenico lag bäuchlings im Fluss und schlug mit Armen und Beinen stürmisch aufrichtete, durchzuckte es ihn – dankbar sah die Frau ihn an.
aufs Wasser, es spritzte nach allen Richtungen, um ihn herum schien das Wasser »Uuuund der Besitzer dieses Pfandes, was soll er tun?«, fragte Silvia herausfor-
zu kochen, manchmal bildete sich in einem aufstiebenden Tropfen ein kleiner dernd und stieß Tulio, der seinen Kopf in ihren Schoß gelegt hatte, leicht mit dem
Regenbogen, und die Spaziergänger betrachteten, immer noch mit offenem Knie an. Das Pfand gehörte Ana Maria, ein dunkler Kieselstein.
Mund, wie er unverdrossen auf den Fluss eindrosch. Der aber wies keinerlei »Dessen Besitzer, ähmm, jaaa – muss mit Domenico zusammen Holz sammeln
Anzeichen eines Verdroschenen auf, ruhig ließ er seine trüben Wellen rollen. gehen«, und er rechtfertigte sich: »Wir wollen doch das Fleisch braten, wem gehört
Zornig trank Domenico aus ihm, und nach ein paar Schluck besänftigte sich sein das Pfand, dir, Kumeo?« »Nein, Mann, meins war Kandiszucker, ich kann doch kei-
Gemüt. Er tauchte auch noch unter, mit offenen Augen, sah gelb-graue Zickzack- nen Kieselstein essen.«
linien schimmern, tauchte auf, schwamm aufs Ufer zu, und als er seinen Fuß auf »Um Himmels willen, Häschen, der würde dir ja die Zähne kaputtmachen.«
den rauen Schlamm stellte, ließen die Tropfen in seinen Wimpern die Welt um »Wem gehört er denn?« Schlau war der Partylöwe.
ihn verschwimmen. Er fuhr sich übers Gesicht und stieg langsam, schwerfällig
aus dem Fluss, Tropfen rannen an ihm herab. Es war heiß, und er, erfrischt, verwe- Sie sammelten also Holz. »Du nicht, bitte«, sagte Domenico. Aus der Ferne erreichte
gen, durchnässt, blickte dermaßen verlegen die Vorübergehenden an, dass er sie sie manchmal Gelächter, Kumeo wieherte ununterbrochen. Wieso sind das meine
damit noch mehr in Staunen versetzte. Und dann nahm er auf Ana Marias Gesicht ersten Worte zu ihr?, ging es Domenico durch den Kopf: »Du nicht, bitte.« Behut-
eine sanfte Ruhe und die Ahnung eines Lächelns wahr, und er lachte von ganzem sam klaubte Ana Maria trockene Äste auf und schichtete sie zu einem Haufen.
Herzen. Es war eine Freude, diesen vom Scheitel bis zur Sohle nassen Kerl anzu- Selbst eine so leichte Arbeit wie diese war sie nicht gewöhnt, und ihre Wangen röte-
sehen. Er trug nur eine Hose, und auf seinem weißen, glatten Oberkörper glänz- ten sich. Auch Domenico, noch immer nass, überliefen Schauder. Was sollte er
ten die Tropfen, das Kinn hatte er der Sonne zugewandt, und an seinem langen sagen? Er suchte nach Worten. Soll ich nicht sagen …, soll ich sagen …? Er wusste
Hals pochte unbeirrbar eine blaue Ader. Freudig sog er die Luft ein, und sogar die es nicht, auf sich gestellt würde er nichts zustande bringen, er brauchte dringend
ebenmäßig geformte Silvia blickte neidisch auf seine Schienbeine und die langen Hilfe, hätte er doch nur in der Aue um Rat fragen können.
Zehen. »Ist dir heiß?«
»Werfen Sie sich das Hemd über die Schulter, junger Mann! Wie sagt man: Vor- »Ein bisschen.«
sorge ist die Voraussetzung für Gesundheit.« »Wart einen Moment.«
»Ein Dorfjunge erkältet sich doch nicht.« Er rannte zu seinem Fluss, tauchte die Hände ein, formte eine Mulde und schöpf-
Das kam von Tulio. Seine Stirn war mit Schweißtropfen bedeckt, und um die ab- te vorsichtig Wasser. Ebenso vorsichtig ging er zu der Frau zurück. Vom eroberten
fällige Bemerkung abzumildern, lächelte er scheinbar liebenswürdig zu Domenico Fluss einen winzigen Anteil, zwei Handvoll Wasser, brachte er ihr und sagte: »Wenn
hinüber. Der erwiderte das Lächeln. Er zog sich sein Hemd über, am Rücken kamen ich dir das anbieten dürfte. Erfrisch dich doch ein bisschen.« Ana Maria sah ihn an.

62 63
So konnten nur die vollkommen Naiven schauen. Domenicos Herz zog sich zusam- und er, der Vagabund, er flehte, hilf mir Vater, Vater, hilf mir, und es geschah ein
men, er hatte einen Kloß im Hals, wie sehr er sie liebte. Die Frau formte ihrerseits Wunder. »Tulio, Tulio«, fing Domenico an zu schreien, »schnell, hierher, du auch,
eine Mulde, Domenico goss bis auf den letzten Tropfen das Wasser hinein, und Ana Duilio, Señor Giulio, Kumeo, Conchetina, Alexandro, Silviaaa, Vincente, kommt
Maria kühlte sich das Gesicht – die Stirn, die Wangen, sie fuhr sich über den Hals. alle, schnell, kommt her!« Als Erster, außer Atem, war Tulio bei ihm, dann Cilio,
Die Augen geschlossen, stellte sie sich mitten in die Sonne, wandte der Sonne ihr Alexandro … Alle versammelten sie sich. »Hat ihn etwa eine Schlange gebissen?«,
Gesicht zu, und wieder mit diesem unmerklichen, leichten Lächeln, den Kopf nach entsetzte sich Conchetina. Domenico aber kniete vor Ana Maria nieder, umarmte
hinten gelegt, die Augen geschlossen, lauschte sie der Sonne, oder etwas Ähnlichem. ihre Beine, legte seine Wange an ihre Knie und schrie: »Ich liebe diese Frau!« Ana
Jetzt sollte er es sagen, auf der Stelle sollte er es sagen, aber wie, wie denn? Einen Maria legte ihm die Hand auf die Schulter, zog ihn hoch, sah ihm lange in die Augen
Retter wünschte sich der verlegene Vagabund, wen sollte er in Gedanken um Rat und gab plötzlich dem stillen Vagabunden, Domenico, auf die Wange einen Kuss.
fragen, Tulio? Ach, nein, nein, der war zu verschlagen. Duilio? Nein, er wollte nicht So geschah es – einfach.
mit honigsüßen, geschminkten Wörtern um sich werfen. Alexandro? Wer hörte
dem schon zu? Cilio? Pffh, der war so falsch. Kume… ach nein, nein.
Die Frau stand da, die Sonne trocknete ihr das Gesicht. Domenico gewahrte
kaum merkliche Sommersprossen, die vereinzelt auf ihrer oberen Wange verstreut
waren, und obgleich er nicht die Frau liebte in diesem zerbrechlichen Mädchen, son-
dern etwas ganz anderes, Unerklärliches und Rätselhaftes, Erhabenes, schoss es
ihm beim Anblick der Sommersprossen durch den Kopf: Bestimmt haben deine
Brustwarzen genau diese Farbe, Ana Maria. Das dachte er nur kurz, aber die aufge-
schreckte Frau machte sofort die Augen auf, sah ihn ängstlich an; ein bisschen, noch
ein bisschen, und alles wäre verloren, so sah sie ihn an; was sollte er sagen, wer
konnte ihn retten – vielleicht der hinkende Knecht, in der Kindheit hatte der ihn
immer gebadet, und einmal hatte er ihn auch auf den Kopf geküsst, nein; es gab
noch jemanden, jemand anderen, jemand liebte ihn! Gwegwe? Ach, nein, nein. Gar
nichts zu sagen ging jetzt, angesichts dieses fremden Gefühls, nicht mehr, aber hier
etwas zu sagen, in der Aue, wo er durch einen Trick mit ihr allein geblieben war,
wäre auch nicht richtig gewesen, und da fiel es ihm ein: Vater, ja Vater! Hilf mir,
Vater, hilf mir. Und die Frau spürte, dass Domenico etwas zu sagen hatte, und sie
spürte auch, dass sie, wenn er es ihr alleine gesagt hätte, beleidigt gewesen wäre,

64 65
»Es geht nicht ums Geld. Das Geld hatte ihr Vater auch, aber sie haben es nie
gestrichen.«
»Ach, ihren Geschmack müsste man haben«, witzelte Tulio.
Kapitel IV »Domenico wünsche ich jedenfalls 'ne Menge Geduld«, lachte Antonio. »Bei
Sommerspiele dem ständigen Gefiedel!«
»Jetzt wird nicht viel gefiedelt werden, ihr wisst schon, frisch verheiratet …«
»Für wann sollen wir die Ankündigung machen?«, fragte Duilio und schaute in die »Ich stech es dir direkt in den Hals, Duilio, mitten in den Hals, da hinein, wo es
Runde. »Vielleicht für morgen? Das gute Wetter scheint zu halten, wir können die sich beim Schlucken hoch und runter bewegt«, sagte Ugo, und in seinen Augen
Sommerspiele durchführen. Das reicht jetzt, Ugo.« Der jugendliche Irre umkreis- schwappten wieder die alten Bewohner, die grauen Fische. »Und dann sprich weiter,
te den in seine Rhetorik vertieften Duilio, sein Holzmesser hielt er in der Hand. mit aufgeschlitztem Hals, das Hemd rot von deinem Blut.«
»Rotes Blut auf grünem Gras.« Doch Duilio ließ sich nicht davon abhalten, die Ge- »Das reicht Ugo, das reicht, beruhige dich«, empfahl ihm Duilio. »Hast du es
sellschaft für die Sommerspiele zu begeistern. »Ich glaube, übermorgen wäre am nicht allmählich satt?«
besten. Auf dass die Luft erfüllt sei von dem Kichern der Fräuleins und dem Lachen »Aber welchen Sinn haben eigentlich die Sommerspiele?« Cilios Laune trübte
der Jungs!« sich ein wenig. »Giuseppe wird uns sowieso alle ausstechen.«
»Dann soll es übermorgen sein«, sagte Vincente, sein Kragen war zugeknöpft. »Nein, nein, Cilio, falls das Gehirn fruchtbare Arbeit leistet, kann man jederzeit
»Abhärtung und Leibesübungen versorgen unser Gehirn mit Lebenskräften«, eine scharfsinnige Lösung finden – hier ist sie schon, bitte schön: Lasst uns die Sie-
bemerkte Duilio, so wie er war. »Und das ist sehr gut. Ach, war das eine Hochzeit!« ge von Giuseppe einfach nicht gelten lassen.«
»Aber wirklich!« »Dann schlägt er uns grün und blau!«
»Allerdings!« »Nein, für uns, verdeckt, insgeheim.«
»Was für Wein! Und das Spanferkel!« »Gepriesen seien deine Nachkommen, Duilio!«
»Und der Fisch war klasse.« »Er ist die Klugheit in Person!«
»Wo ist der Alte hin?« »In deinen klugen Kopf werd ich mein Messer stecken«, flüsterte Ugo flam-
»Wer, der Zahnlose? Der ist fortgegangen.« mend. »Mit beiden Händen werde ich das Messer halten, und in dem unerträglichen
»Wohin? In eine andere Stadt?« Schmerz wird dir alles leuchten.«
»Was weiß ich, irgendwohin.« »Das reicht jetzt! Bringt das Kind zum Schweigen! Das ist ja nicht mehr zum
»Und hat die beiden ganz allein in dem Backsteinhaus gelassen, nicht wahr? Aushalten!«
Warum streichen sie es denn nicht? Jetzt werden sie es ganz sicher rosa tünchen. »Käme doch wenigstens Domenico vorbei!«
Domenico hat ja Geld.« »Wozu denn?«

66 67
»Er zieht sofort Leine, wenn er ihn sieht.« »Bist du neidisch, Alexandro? Du bist neidisch, nicht wahr, dass ich mich so prä-
»Stimmt, er hat Angst vor ihm. Warum eigentlich?« zise ausdrücke. Und deshalb unterbrichst du mich, diese meine verbalen Errungen-
»Keine Ahnung, warum, jedenfalls geht er ihm aus dem Weg.« schaften sind zum einen dadurch bedingt, dass …«
Ana Maria schlief zusammengekauert auf dem großen, breiten Bett. Es war Som- »Hoppla!«
mer in Feinstadt. Die Wärme drang durch die Fenster, Ana Maria hatte sich mit einem »Ich bringe ihn um, lasst mich los, jetzt ist er auf ›Hoppla‹ umgestiegen, was
dünnen Laken zugedeckt, und zwei weiße Wellen liefen über ihren Körper, die Hüfte erlaubt er sich, lasst mich sofort los, ich werde ihn mit einem milanesischen Dolch
und die Schulter. Sie war so anders, wenn sie schlief – weit, weit ins Verlorene gereist, zerstückeln! In lauter kleine Stücke!«
erschöpft vom Spiel, unbekümmert. Bis dahin ein hilfloses Wesen, eine sanftmütige »Bist du verrückt geworden, Duilio?« Tante Ariadna legte sich die Hand auf die
Sklavin ferner Klänge, schien sie, sobald sie einschlief, befreit, sie erblühte, ein sorg- Brust. »Du sprichst ja wie Ugo?!«
loses, glückliches Lächeln schimmerte gar auf ihrem Gesicht, und Eifersucht fraß an Sie konnte einem leidtun, wie sie das Essen kochte; wie sie Zwiebeln schnitt, wie
Domenico – jemand anderen, ganz anderen lächelte seine Frau an. Zu zweit wohnten ihre Augen tränten; umsonst suchte sie im Kräuterbund nach Basilikum. Die hilf-
sie in dem einfachen kleinen Backsteinhaus, und trotzdem, allenthalben war da jemand lose, scheue Frau starrte Domenico schuldbewusst an, und im selben Moment rannte
anderes, ganz Fremdes anwesend. Wenn sie spielte, war sie bei diesem anderen, und er auch schon mit einem Korb in der Hand zu Arturos Laden. Und als er zurückkam,
wenn sie nicht spielte, wollte sie zu diesem anderen. Jetzt schlief sie und lächelte stutzte er – die Frau spielte, eine Zauberin, mit Haut und Haar die eines anderen,
unmerklich beim Durchwandern der veilchenfarbenen Keller des Traums. und dieser andere hatte sie als Königin an seiner Seite. Was er ihr nicht alles zuteil-
Schön war sie. Sie hatte die Augen eines Rehs, vom Reh auch den Blick. Nach der werden ließ: das Meer, im Dunkeln bösartig schäumend, die Luft des taufrischen
Hochzeit, am nächsten Morgen, als er bei der beschämten Frau die ihm zustehende Morgens, rein, die furchtlose Seele eines jeden Vogels. Und was das Wichtigste war,
Nähe gesucht und ihr mit ermunterndem Lächeln in die Augen geschaut hatte, war er reichte ihr die ewigen Geheimnisse dar; und die fremde, ferne, von einem Dunst-
er erschrocken, sie, die die erste Nacht mit ihm verbracht hatte, gehörte doch einem schleier umgebene Frau, die Frau, die Herrscherin, die Herrscherin über die gehor-
anderen, einem ganz anderen. Er war ganz durcheinander gewesen, verärgert hatte samen, gezähmten, besänftigten, zügellosen Klänge, die Frau spielte. Was für eine
er sie auf die Stirn geküsst, und sie hatte ihn angesehen, für einen Augenblick war Frau! Wie sicher schritt sie umher in ihrem fremden Land, sie konnte fliegen, sie
sie zurückgekehrt und wieder weggegangen, sie war ihm entflohen, zu dem ande- konnte zweifellos fliegen, sie, die Allmächtige und Unerreichbare, und trauern
ren, sie ging fort, zu dem anderen! Jetzt schlief sie, die Wange auf der Handfläche, konnte sie auch und auf dem Boden kriechen, um dann plötzlich in die Höhe zu
sie lächelte. schießen, ganz hoch, noch höher, von oben betrachtete sie diese lausige Welt; einzig
»Oder direkt zwischen die Schultern, Duilio, vom Rücken aus ist das Herz näher.« die Wolken hätten dabei stören können oder ein Berg mit schneebedecktem Gipfel;
»Wo hast du das bloß aufgeschnappt?«, wunderte sich Duilio und korrigierte und die Freude, gleich einem hohen Berg, stürzte mitten ins Meer. Und da wuchs
sich hastig. »Woher weiß dieser junge Mann solche Dinge?« ein Wasserberg empor, herrlich grausam, mit Wucht drückte er sich nach oben, eine
»Hoppla!« gigantische Blume stieg zum Himmel, das war die Frau. Wie stark waren ihre zarten

68 69
Finger, ihre Krallen gruben sich in die glänzenden Saiten. Wie ein Geier, die Flügel angestrengtes und zielgerichtetes Training seine Muskeln aufs Neue belebt hat. Ja,
ausgebreitet, hackte sie in die Saiten, mit dem Bogen peitschte sie sie, war sie das ja und nochmals ja, so ist es seit jeher gewesen. So, meine Guten, zuerst messt ihr
noch, die schutzlose Frau? Und wundersamerweise wurde sie plötzlich sanft, ein euch im Laufen, ihr fangt hier an und lauft bis zu diesem Baum, berührt ihn, lauft
Kind schnaufte jetzt im Raum, ein unschuldiges und reines. Das Kind rannte durchs einmal drum herum und dann wieder zurück, klar? Gibt es Fragen?«
hohe Gras, und da, der blasseste aller Klänge, als richtete sich das Gras wieder auf. »Ich hätte eine Frage.«
Jetzt war dem Kind kalt, es lag in der Sonne, es rekelte sich, Wärme, die liebende »Bitte schön.«
Sonne, Wasser und Luft und Glück. Die schrille keusche Seele des Grases, ein Brun- »Sollen wir den Baum von links oder von rechts umkreisen?«
nen, randvoll, und darin der Mond, der alte Bekannte, der alte Mond. Eine ungastli- »Das spielt keine Rolle. Obwohl, nein, macht es von links. Noch Fragen?«
che Höhle. Das am glatten Gestein abprallende Geräusch der Schritte, und während »Mit welcher Hand sollen wir den Baum berühren?«
draußen die Sonne scheint – ein Kriechen auf dem Bauch durch die schmale Finster- »Was? Mit der rechten. Noch Fragen?«
nis, die einäugige Angst noch vor der Geburt, und kraftlos weint jemand, angelehnt »Ja. Wenn du ein guter Mensch bist, was treibt sich dein Sohn in Kamora herum,
an unsere gleichgültige Schulter. Er aber, beharrlich, unerschütterlich, ist irgendwo was hat er da verloren?« Das fragte Alexandro.
in der Ferne und wartet treu. Wer ist er, woher kommt er, wie viele Mütter gibt es »Die Frage ist hier unpassend! Ganz unpassend!«, schrie Duilio. »Zunächst mal hat
auf der Welt, er weint wieder, und die Sonne, das Licht, das Glück und die Luft, das er dort seine Kindheitsfreunde, und das ist ein sehr empfindliches und nobles Gefühl,
Wasser, die Tannen im Wald, es ist herrlich, nicht wahr? Ah, es ist wirklich herrlich, welches die Herzensgüte der Menschen erheblich fördert. Und zum Zweiten …«
und wieder Schlaf, Erwachen – bitte, lassen Sie mich noch kurz, es ist eine Gnade, »Duilio!«, unterbrach ihn Alexandro. »Hoppla!«
weich und sacht, wie die Fußsohlen eines Säuglings, alles ist Klang, auch das Lächeln Wie sehr er sie liebte. Wenn er sie in der Ferne sah, so konnte er ihr schon von
ist Klang, die Frau spielte, die schöne Frau, die Frau des Fremden mit Haut und Haar, Weitem über den Kopf streicheln und die Straße unter ihren Füßen mit bloßen Hän-
sie gehörte ganz ihm, und zum Glück konnte der verwirrte Vagabund nur ihren den sauber fegen – die Liebe hatte lange Arme und sachte Hände.
Rücken sehen, aber wir, Sie und ich, wir zwei in Feinstadt als Wüstlinge bezeichnete »Ana Maria, hast du vielleicht eine Schwester?«
Herumtreiber, wir wissen doch, wen sie ansah, die Augen geschlossen, wen sie »Nein.«
anlächelte, die Frau mit den Zauberfingern; und Domenico ließ wütend den Korb »Hattest du auch nie eine?«
fallen, der dumpfe Aufprall schreckte Ana Maria auf, sie drehte sich um, sah ihn »Nein. Ich bin die Einzige.«
erstaunt an, und unten auf dem Boden schaffte es ein roter, saftiger, gewöhnlicher »Ja, wirklich …« Er lächelte sie an. »Es ist merkwürdig, irgendwo, irgendwie …«
Apfel gerade noch bis in die entfernteste Ecke. »Was?«
»Jetzt, wo die Sommerspiele beginnen, möchte ich Sie daran erinnern, warum »Als hätte ich dich schon mal getroffen.«
sie so bedeutsam sind. Was, wenn nicht die Sommerspiele, versorgt denn unser Sie lachte nachdenklich. Reine Schönheit, erhabene Schlichtheit. Irgendwo hatte
Gehirn immer wieder mit frischen Lebenskräften? Derjenige wird siegen, der durch er sie schon mal gesehen.

70 71
»Vielleicht warst du als Kind mal irgendwo.« Er ging raus, und auf der Straße erreichten ihn die traurigen Klänge des Siegers,
»Wo denn?« des Gebieters.
»Auf dem Lande.« »Auch in dieser Disziplin hat unser allseits bekannter Giuseppe gesiegt! Großes
»Nie in deiner Richtung. Aber vielleicht hat dein Vater dich mal in die Stadt mit- Lob! Aber was ist mit dir, Dino, warum hast du nicht geworfen?«
genommen?« »Ich habe Magenschmerzen.«
»Nein, wir wohnen sehr weit weg.« Und selber verwundert fügte er hinzu: »Ich »Was tut dir weh?« Giuseppe horchte auf.
liebe dich so sehr.« »Der Magen.«
Sie lachte, sie mochte das. Domenico setzte sich neben sie, und das ihm unbe- Da fiel Giuseppe ein, dass er von Dino schon viermal eins auf die Nase gekriegt
kannte Gefühl, die Liebe, ließ Ameisen in seiner Hand los, während er ihr Haar hatte. Für alle Fälle fragte er nach:
streichelte. Er richtete eine Welle, die ihr über die Schläfe fiel, berührte ihre Schulter »Hast du wirklich Schmerzen?«
und küsste sie auf die Wange. Das brachte sie in Verlegenheit, sie wurde still. »Nicht mal Wasser kann ich so ohne Weiteres trinken.« Zusammengekauert,
»Oh, Giuseppe hat gewonnen, Giuseppe!«, kündigte Duilio an und zwinkerte die Hände gegen den Bauch gepresst, schaute Dino zu ihm auf.
Vincente zu. »Der erste Preis für unseren Giuseppino, bravissimo, bravo! Auch im »Und was wolltest du damals von mir? Na? Sag schon!«
Weitsprung hat er ein beneidenswertes Ergebnis erzielt, genau einundzwanzig »Hör auf, Giuseppe«, wimmerte Dino. »Als ich gesund war, da hättest du es mir
Fuß.« heimzahlen sollen. Mich jetzt zu verprügeln ist ja wohl keine Heldentat.«
Aber wenn sie spielte … Schon am frühen Morgen vernahm er die Klänge, die »Hör zu, ich war der Beste im Laufen, im Springen, im Gewichtheben, ähm …«
Sprache des Gebieters, und im Wachschlaf erfüllten sie ihn mit Glück, dann plötz- »Warte mal …«
lich wachte er auf, und Wut und Eifersucht nagten an ihm – wer war dieser verfluch- »Warte selbst, du Früchtchen!«
te schweigsame Gebieter über Ana Maria, den sie mehr als ihren Ehemann liebte, Giuseppe holte ordentlich aus, aber ein Poltern war erst zu hören, als Dino, der
mehr als alles auf der Welt? Und sobald er das Zimmer betrat, hörte Ana Maria auf geschickt ausgewichen war, einen kurzen Schlag ausführte. Er schaute auf den rück-
zu spielen und blickte schuldbewusst nach unten, als wäre sie bei einer Missetat lings daliegenden Giuseppe: »Hm, der hat das wirklich geglaubt. Bauchweh … so
ertappt worden. Und Domenico tat es leid, es zerriss ihn in der Seele, er berührte ein Quatsch.« Dino stellte sich vor den belämmerten Riesen: »Eine Prügelei ist
vorsichtig ihre Wange, hob ihren Kopf und schaute ihr in die Augen. Die Frau wich eben kein Gewichtheben, kein Weitsprung und kein Werfen, und stell dir mal vor,
seinem Blick aus, und Domenico zog sie an sich, umarmte sie fest, küsste ihre Giuseppe, auch kein Boxen. Eine Prügelei ist was ganz anderes!«
Augen, ein Kloß drückte ihn im Hals, die Seele schmerzte. Die Augen geschlossen, »Was ist los mit euch, ausgerechnet jetzt, vor diesen fremden Leuten! Was sol-
küsste er ihren Hals und spürte, wie die Frau schmolz in Erwartung. Er wollte ihre len die von uns denken!«
nassen Augen sehen, und als er sie sah, ach! Sie gehörte ihm nicht, einem ganz ande- »Welche fremden Leute?«
ren gehörte sie! »Zwei Reisende sind da, zwei Georgier, glaube ich.«

72 73
»Was? Zwei Reisende? Woher?« ferner Stern auf, so entdeckte Domenico die hellblauen, blassen Adern auf dem Kör-
»Na ja, es gibt doch ein Volk, das so heißt. Ich spreche leider nicht ihre Sprache. per der Frau, sie waren nicht mal hellblau, sie hatten eher die Farbe eines Gespenstes,
Entschuldigung, liebe Georgier, wie gefällt Ihnen unsere Stadt?« nur am Hals konnte er eine klarer erkennen. Das Blut kreiste in dem starken, voll-
Nur mit einem dünnen Laken war sie zugedeckt. Das Haar war Ana Maria ins kommenen Körper, es war nur ein schmales Rinnsal, das ihn versorgte, so treu, so
Gesicht gefallen, sie lag zur Wand gedreht und schlief. Domenico stand neben ihr gleichmäßig, und am Handgelenk pochte es wie ein Bächlein beim Springen über
und betrachtete still die sanften Wellen des Körpers, die mit den Wellen ihres Haa- die Steine. Und Domenico, der unerfahrene Vagabund, war dieser ganz gewöhnli-
res zusammenflossen, durch das offene Fenster wehte eine kühle Morgenbrise, die chen und doch so seltsamen Kraft, die da Leben heißt, die das Blut kreisen lässt, die
Frau hatte sich das Laken bis zum Kinn gezogen. Das Haar verbarg bestimmt ein den ruhig atmenden Körper mit Luft versorgt, die den Wechsel von Tag und Nacht
fernes Lächeln. Der verwirrte Vagabund wollte ihr Gesicht sehen, aber wenn er die- verursacht, dankbar. Aber das hier war doch etwas ganz anderes – dieser Körper
ses zarte, federschwere Haar nach hinten schöbe, würde sie sofort aufwachen – sie und dieses Gesicht, Arme, Beine und zwei Hügel –, und Domenico trank aus der
hatte einen sehr leichten Schlaf, und wenn sie wach war, war sie die eines anderen. hellblauen Ader am Hals der Frau, sie erkannte ihn im Schlaf und umarmte ihn, sie
Domenico schaute sich um, erhob sich sacht, schlich auf Zehenspitzen zum Fenster schlug die Augen auf, und jetzt küsste Domenico sie mit geschlossenen Augen und
und machte es zu. Dann – er wagte kaum zu atmen – ging er zur Tür, öffnete sie, legte sein Ohr auf ihre Brust, lauschte ihrem Herzschlag, und als er ihre Lippen
ging raus in den Garten. In einem kleinen Schuppen fand er trockenes Holz, er küsste, strich ihr Atem über seine Wange; sie lebte, sie war lebendig, auf seiner
nahm es wie einen Säugling auf den Arm und brachte es ins Zimmer. Er kniete sich Hand lag ihre Taille, hochgewölbt, fein; die Augen noch immer geschlossen, küsste
vor den Kamin, baute das Holz ordentlich auf und machte Feuer, vorsichtig blies er er sie, liebkoste die glatte Schulter, dann schaute er kurz noch mal auf ihren Körper
hinein. Bei jedem Knistern hielt er die Luft an, besorgt schaute er zu der Frau, sie und küsste ihr Knie, der kleine Scherz gab ihm weiteren Mut, er schaute ihr lächelnd
schlief, und als die Wärme den Raum erfüllte, die Hitze allmählich unerträglich in die Augen, und sein Herz schnürte sich zusammen – sie gehörte ihm nicht.
wurde, stellte Domenico sich wieder neben sie. Ana Maria wand sich, sie zog einen Der erste Georgier verstand nicht und wandte sich an den anderen:
Arm aus dem Laken und strich sich das Haar aus dem Gesicht, ihre Oberlippe war »Mi sembra che ci stiano offrendo degli appartamenti.«1
mit Schweißtropfen bedeckt; sie lag auf dem Rücken und mitten im Sommer loderte Und der andere fügte hinzu:
im einzigen Kamin in Feinstadt ein Feuer, es war zu warm, und Ana Maria stieß das »Sembrano delle persone passionali.«2
Laken zu Boden, Domenico vor die Füße. Sie war nackt, und von der Hitze gestört, »Wer sind diese Leute?« Arturo wurde neugierig.
stöhnte sie einmal tief im Schlaf. Sie hatte den Kopf zur Seite gedreht, zu Domenico, »Zwei Reisende, sie fertigen unterwegs irgendwelche Skizzen an.«
und er betrachtete verzaubert den starken Körper der schutzlosen Frau, Ana Maria,
frei und sorglos, sie schien zu lächeln. Domenico kniete neben der Schlafenden nie-
der und betrachtete den wohlgestalteten Körper. Und so, wie es beim beharrlichen 1
(Ital.) Ich glaube, sie wollen uns eine Unterkunft anbieten.
Betrachten des Himmels in der Abenddämmerung scheint, als ginge funkelnd ein 2
(Ital.) Sie scheinen ein leidenschaftliches Volk zu sein.

74 75
»Sie sehen eigentlich aus wie wir.« Domenico berührte die Instrumente und wurde unruhig, etwas kratzte an seiner
»Na ja, wir sind schließlich alle Adams Kinder.« Seele, er meinte, etwas gehört zu haben aus der Ferne. Sacht nahm er ein langhalsi-
»Ob ihre Sprache wohl genauso reich ist wie unsere?« Jetzt wurde Alexandro ges Saiteninstrument aus einem Koffer und hielt es sich ans Ohr. Etwas war zu
neugierig. »Nehmen wir zum Beispiel das Wort ›küssen‹.« Er wandte sich an die hören, jedoch nur Auserwählten verständlich. Wiewohl er sich bemühte, er begriff
Reisenden: »Wie viele Ausdrucksmöglichkeiten gibt es dafür in Ihrer Sprache? es nicht. Und er traute sich, er zupfte vorsichtig an einer dünnen Saite, und kurz
›Küssen‹, wie sagt man das bei Ihnen?«, und er küsste die Luft. erklang sie, aber selbst dieser kümmerliche Klang gehörte dem Gebieter, war jedoch
»Che cosa vogliono?3«, wunderte sich der erste Georgier. »Mi chiamo Heinrich, nur Staub an seinen Füßen; die Klänge dagegen, die er mit Ana Maria teilte, waren
il mio amico, Dragomiro.«4 seine tiefsten Atemzüge, Ana Maria war seine Auserwählte, die Königin. Und
»Offenbar haben sie zwei Ausdrücke dafür«, erklärte Alexandro, »und wir, hm, Domenico, jetzt ermutigt dadurch, ihr Mann zu sein, und für kurze Zeit glücklich,
wir haben jede Menge!« selbst über Fußstaub, probierte ungeschickt jeden Schatz im wichtigsten Zimmer
»Wie viele denn?«, fragte Duilio nach. des kleinen Backsteinhauses aus.
»Küssen, liebkosen, herzen, knutschen …« »Wir können einiges von den alten Römern lernen«, erklärte Duilio, so wie er
»Abschmatzen«, half ihm Kumeo. war. »Unser klarer Verstand, kombiniert mit Zielstrebigkeit, das ist der Speicher,
»Was geht nur in den Frauen vor, das wüsste ich gern.« Alexandro runzelte die aus dem die großen Kamor… ähm, Feinstädter versorgt werden.«
Stirn. Alexandro hustete in die Faust.
Im wichtigsten Zimmer des einfachen Backsteinhauses schlich er auf Zehen- Der jugendliche Irre, Ugo, hatte in der Aue ein langes, dünnes Messer gefun-
spitzen umher. Das war das Zimmer, voller Musikinstrumente. So viele, so ver- den. Er hatte sein Holzmesser nach einem Spatzen geworfen, ihn verfehlt, und als
schiedene. Ana Maria war kurz weggegangen, sie wollte ein paar kleine Besorgun- er sich bückte, um es aufzuheben, fuhr er zurück, da, direkt daneben, lag ein echtes
gen machen und fühlte sich schon überfordert, das bevorstehende Feilschen machte scharfes Messer. Verblüfft starrte er auf den ersehnten Gegenstand, den bislang
sie nervös. Also nutzte Domenico die Gunst der Stunde und suchte zwischen diesen alle vor ihm versteckt hatten. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er hatte
Musikinstrumenten nach der verstummten Seele ihres Gebieters, seines überlege- große, schräg geschnittene, graue, zum Staunen schöne Augen, nur manchmal
nen Feindes. An jenem hellen, sonnigen Tag, bei verschlossenen Fensterläden, tas- stockte sein Blick, und nebliger Frost setzte sich in seinen Augen fest, und dann
tete er den dunklen Raum ab und konnte nichts finden. Aber er spürte ihn doch, er schwappten die grauen, bösartig glitzernden Fische mit der Schwanzflosse; und
war allgegenwärtig, der König, die Musik, erhaben und geheimnisvoll schweigend. wenn sie es aus der Pupille nicht herausschafften, fingen sie an, ungeduldig zu
zappeln. Ugo schaute auf das Messer. Ugo war nicht dick, eher schwammig, und
hatte das Gesicht einer schönen fünfzigjährigen Frau, an einem jungen Mann war
(Ital.) Was wollen sie?
3
diese Schönheit grässlich. Der jugendliche Irre, Ugo, schaute verzaubert auf das
(Ital.) Ich heiße Heinrich, mein Freund – Dragomiro.
4
scharfe Messer.

76 77
Ana Maria spielte, die Auserwählte, sie hatte den Kopf nach hinten geworfen »Ich?«, fragte Laura fröhlich, lächelte ihm zu und wurde sofort wieder gleichgültig.
und die Augen geschlossen. Domenico zog sich von der Straße aus zum Fenster Domenico saß schüchtern da. Tulio dagegen war wie ein Fisch im Wasser. »Gute
hoch und betrachtete das Ganze verbittert. Zum ersten Mal sah er Ana Marias Wahl, Domenico«, lobte er und fing unvermittelt an zu singen:
Gesicht beim Spielen, zornig schaute der Vagabund auf die Betrügerin, ihr Gebieter
streichelte sie, seine unsichtbaren Finger berührten ihr Haar, er küsste ihre Lippen, Die wunderbare Laura,
sie spielte. Vor Wonne hielt sie die Augen geschlossen, vor Wonne stöhnte sie laut- La-la, la-la, Laura.
los, Ana Maria, die Vermittlerin zwischen dem Gebieter und den Instrumenten, Die allerschönste leichte Frau,
bekam ihre Belohnung für die Schwerarbeit, die es heißt zu spielen – der Gebieter La-la, la-la, Laura.
selbst streichelte sie, und sie stöhnte vor Wonne; am Hals wurde sie geküsst, und Hoppla!
auch ihre Lippen erwarteten Liebkosung. Was sah er da, was war das! Er sprang Wo bleibt der Applaus!
wieder herab, kopflos, und das Erste, was er dachte, war: Teresa … Ich gehe zu
Teresa. Aber sie hätte ihn bestimmt nicht mehr hereingelassen, und eigentlich wollte Später, als der Vagabund mit Laura allein war und nicht wusste, was er tun sollte, wie
er das auch nicht, und da fiel ihm etwas ein: Ja, ich zeig dir, was betrügen heißt! Das er anfangen sollte, wurde die Frau sauer:
Fenster ging mit lautem Knall auf, und sie rief: »Domenico, Domenico …« Er drehte »Mann, glaubst du etwa, ich hab sonst nix zu tun?« Sie trug nur ein hauchdün-
sich nicht einmal um. Dir werd ich's zeigen. Er war außer Atem, als er Tulio fand. nes Hemdchen.
»Ich habe eine Bitte.« »Sag nur.« »Bring mich zu den leichten Frauen!« »Mann, da Der jugendliche Irre, Ugo, hatte die Hand unters Kissen gelegt und schlief. Unter
wollte ich selbst gerade hin. Hast du genug Geld dabei?« »Ja, hab ich.« Er lief durch dem Kissen wartete auf ihn ein langes, dünnes, echtes Messer.
eine unbekannte Straße. Ich zahle es dir heim, dachte er. Du hast mich gegen deinen Und als der Wächter der Nacht, Leopoldino, verhalten rief: »Es ist drei Uhr
Gebieter eingetauscht, ich tausche dich gegen die leichten Frauen. Sie betraten ein Nachts und alles ist in O-ordnung«, kehrte Domenico, die Schultern hochgezogen,
kleines Haus. »Los, Brausewein!«, rief Tulio markig. »Wir sind zu zweit.« Zwei beschämt nach Hause zurück. Ana Maria saß auf dem Sofa und war eingeschlafen,
Frauen kamen herein. »Darf ich vorstellen, Domenico, die beiden Perlen unter den und wenngleich Domenico die Tür ganz vorsichtig öffnete, schlug sie sofort die
leichten Frauen, Laura und Tango.« Laura klimperte mit den Wimpern, lächelte dem Augen auf, erhob sich und ging direkt zu ihm. Sie war so unfassbar schön, wie sehr
Gast herzlich zu und war sofort wieder gelangweilt, versank in Gedanken und ähnelte sie einem Reh – und sie umarmte Domenico und küsste ihn auf die Wange.
lächelte dann erneut; Tango nippte hochmütig an ihrem Getränk. Sie küsste sonst nie als Erste, und ausgerechnet jetzt küsste sie seine Stirn, seine
»Welche gefällt dir besser, hm?« Tulio schlug ihm aufs Knie. Wangen, ihn, den Schmutzigen, den von Kopf bis Fuß in Laura getränkten, küsste
Tango schien irgendwie eingebildet, Laura war ihm lieber, die leichtere der bei- ihn wie ein Kind …
den leichten Frauen. »Ihr Dummköpfe, hört mir zu!« Alexandro tobte seit dem frühen Morgen. »Ihr
»Wie du meinst!«, sagte Tulio. habt keinen blassen Schimmer, was es bedeutet, um etwas zu ringen, mit allen

78 79
Erfolgen und Niederlagen. Wo seid ihr denn schon gewesen? Wisst ihr, dass die den Hals umdrehen. Und Antonio, mit seinen Kuhaugen? Nein, Vincente war bei
Menschen, die nicht mit der Erde ringen müssen, die ohne große Mühe alles bekom- ihm, sie waren zu zweit. Jetzt, wo es ernst wurde, hieß es genau abzuwägen. Fest
men, sorglos, leichtsinnig und faul sind? Habt ihr jemals die Länder gesehen, wo hielt er das Messer umklammert. Er zuckte zusammen, was, wenn er auch da wäre,
fast nichts wächst? Wo die Leute für ihr tägliches Brot Tag und Nacht hart arbeiten der unbekannte Vagabund, dem er immer aus dem Weg ging – aber nein, er war
müssen? Wortkarg sind sie, in sich verschlossen, aber das ist besser so, stellt euch nirgendwo zu sehen. Und Duilio? Direkt in den Bauch! Auch nicht, alle Leute wür-
vor. Und wisst ihr, in Kalabarien haben sie genug Fleisch und genug Geld und könn- den über ihn herfallen, er war doch ein Idol. Und Señor Giulio? Nein, der war mit
ten sich jederzeit jedes Obst, auf das sie Lust haben, kaufen, aber sie arbeiten, weil Duilio befreundet. Und Dino? Auch nicht, der war zu geschickt, zu schnell. Und
sie ihr eigenes Obst ernten wollen. Dort wächst ein Bäumchen. Es trägt eine kleine Arturo? Vielleicht …
duftende Frucht. Man kann sie erst im Dezember ernten, sie braucht lange, um zu Nein, der hatte eine große Verwandtschaft. Und die Alte da? Ach, nein, sie hatte
reifen, und die Kalabarier nennen sie Opasfrucht. Bevor sie aber diesen Baum pflan- Söhne. Und der Sprössling Giangiacomo? Nein, der hatte auch Angehörige. Tante
zen, schlagen sie mit einem Brecheisen fest auf den felsigen Boden, fest schlagen sie Ariadna, in ihre verwelkte Brust? Nein, keiner würde ihm je vergeben, die Nach-
drauf, bis Risse entstehen, sie zerstückeln die Felsbrocken, bringen die Steine weg fahrin der großen Carrascos … Und Kumeo? Auch nicht, die treue Ehefrau würde
und scharren mit den Händen das bisschen Erde ringsumher zusammen, um die ihn rächen. Vielleicht Tulio …
Wurzeln des Baums zu bedecken. Dann holen sie von weit her Wasser und gießen Domenico ging im wichtigsten Zimmer auf und ab. Beunruhigt betrachtete er
ihn, ganz vorsichtig, damit das Wasser die Erde nicht wegspült. So reift dann die die Musikinstrumente.
duftende Papasfrucht heran. Wer sie gehegt und gepflegt hat, bringt es nicht fertig, Nein, Tulio war zu beliebt. Und irgendeine von den leichten Frauen? Nein, nein,
diese kleine Frucht, die Frucht dermaßen langer und schwerer Arbeit, zu verkaufen. die hatten immer ihre Aufpasser. Ugo lief weiter, die Straße hinunter, die Kälte des
Leute, geht einmal nach Kalabarien, schaut sie euch an, probiert die dort oben in der Messers hielt ihn warm. Auf Zehenspitzen ging er, sog tief die Luft ein durch die
spärlichen Sonne gereifte kleine Frucht, und vielleicht lernt ihr sogar, sie selbst geweiteten Nasenlöcher. Vielleicht Cilio? Nein, seine Freunde würden ihm das
anzubauen. Ganz egal, wie schwer es wird, ihr müsst immer an die Opasfrucht den- nicht durchgehen lassen. Und Edmondo, der Kameradschaftssucher? Ach, der war
ken, diesen Baum müsst ihr in der eigenen Seele aufziehen, Leute, in euren felsigen doch schon tot. Und Patricia, die komische Frau? Nein, sie hatte ebenfalls eine große
Seelen.« Und dann drohte er den erstaunten Feinstädtern: »Auch von euch werde Verwandtschaft. Vielleicht Arturos Helfer, der Mann mit den tränenden Augen? Nein,
ich noch Opasfrüchte ernten!« der hielt stets einen Spieß in der Hand. Und der Wächter der Nacht, Leopoldino? Dem
Ugo lief durch die Straßen, die Hand unterm Hemd versteckt, und drückte fest könnte er nachts auflauern, aber erstens war der sehr vorsichtig, und zweitens wür-
das Messer an die Brust. Es fühlte sich kalt an, ihn überlief ein Schauder, und der de er im Dunkeln nichts sehen können, seine Krämpfe nicht und nicht sein Blut.
Schauder wärmte ihn. Er beobachtete die Passanten. Den da vielleicht? Nein. Er Und Teresa? Das wäre doch toll, wie sie schreien und um Hilfe rufen würde, sie war
schaute sich den aufgeregten Alexandro an, aber nein, der war viel zu aufgebracht. doch so schön, das würde es noch viel spannender machen; aber vielleicht würde sie
Giuseppe, den Muskelprotz? Direkt in den Hals – nein, der würde ihm stattdessen gar nicht schreien, und so, wie sie war, würde sie es vielleicht auch noch fertigbrin-

80 81
gen, ihm das Messer aus der Hand zu reißen. Und Servilio? Nein, der war richtig
gefährlich, der trieb sich in Kamora rum, der würde eher ihm ein Messer in den Hals
stechen. Vielleicht irgendeine Alte, sagen wir …
Und in die Flöte an der Quelle kroch eine klitzekleine dünne Schlange, eine Iirkola
Chii. Im Mundstück verharrte sie reglos. Ohnehin war sie ja winzig, und jetzt rollte
sie sich auch noch ein, schob den Schwanz unter den Kopf und ließ ihren Schlangen-
blick in dem Loch umhergleiten; doch Resa hatte sich schuldig gemacht …
Ugo mied jetzt die belebten Straßen, da waren zu viele Menschen, er entschied
sich für eine ruhige, gewundene Gasse, stellte sich an eine Ecke und verhielt sich
ganz still. In Erwartung atmete er unhörbar, nur sein Herz pochte.
Nicht weit, nur drei Straßen entfernt, trug Ana Maria den Korb mit dem Früh-
stück. Verwundert, froh, ängstlich lauschte sie einem ganz neuen Klang – unter ihrem
Herzen klopfte ein neues Leben …

82
Impressum

Alle Rechte vorbehalten


© 2018 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München
Gestaltung: Carl Hanser Verlag
Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München
Motiv: © Khuroshvili Ilya / Shutterstock.com
Druck und Bindung: Memminger MedienCentrum
Druckerei und Verlags-AG
Printed in Germany

Bildnachweise:
Fotos Seite 8, 12, 18, 33, 42, 48-49, 54:
© Guram Dotschanaschwili
Foto Seite 24: © Nata Sopromadse
Ein Fremder kommt in Domenicos Dorf und weckt in dem jungen
Mann den Wunsch, die Welt kennenzulernen. Zuerst kommt er
nach Feinstadt, ein Ort der guten Sitten; doch ist wirklich »alles in
Oo-ordnung«, wie der Nachtwächter ruft? Als Domenico seine große
Liebe auf tragische Weise verliert, will er fort, nach Kamora.
Dort regieren Willkür und Verbrechen – bis eine Gruppe Hirten
aufbegehrt. Sie errichten Canudos, eine Stadt der Freiheit.
Doch der Kampf gegen Kamora steht ihnen bevor.

Das meistgelesene Buch in Georgien und – zur Zeit sowjetischer


Herrschaft geschrieben – eine aufrüttelnde Parabel über das menschliche
Dasein in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Unterdrückung.