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Leser eine Vielzahl von Perspektiven vorführt.

Ähnlich läßt Els Erik Oger (Antwerpen)


Weijers in NietzschesautobiographischenSchriften im Gegensatzzu
gewissen "dekonstruktivistischen"Nietzsche-Interpretationen nicht NIETZSCHESINSZENIERUNGENDER
ein zerrissenes Ich zu Wort kommen. sondern ein Subjekt, dem es
nach überstandenen Krisen und Krankheiten gelungen ist, eine PHILOSOPHIE1
Identität aufzubauenund zur Schau zu stellen. Henk Oosterling deu-
tet den Widerspruch,die Aporie als die Nietzschesche Grundstruk- Für Oswald
tur, die den unversöhnlichen Grundkonflikt zwischen Mensch und
Welt widerspiegeln soll.Anband des von Nietzsche bewunderten
Gemäldes "Transfiguration" (Raffael) erörtert Paul van Tongeren, t. Der "Oelßeck"und das "Gemllde"
daß es der Kunst nicht um dasSchaffen desScheins, sondern um das "alleundjede philologischeTlti~ [so~] ~os-
"Depotenzierendes Scheines zum Schein" geht. Ähnlich aber werde sen unde~sein [...] von emerphilosophischen
in den "Vorreden"aus dem Jahre 1886 der Kern desPhilosophierens Weltanschammg".
gesichtet. Gerard Visser wirft die Frage aut: welche Beziehung, die
zwischen Schaffen und Kunstwerk oder die zwischen Leben und zu Recht wird Nietzsche als einer der wichtigsten Autoren deut-
Macht, die grundsätzlicheresei und kontrastiert Nietzsches nihilisti- scher Sprache, selbst der europäischen Literatur ang~hen. Entge-
sche Antwort auf diese Frage mit Benjamin und Heidegger. Benja- gen dem, was er in Ecce Homo voraussagte, wurden ~is heute ver-
min Biebuyck unterscheidetzwischen dem von Nietsche kritisierten mutlich noch nicht "eigene Lehrstühle zur Interpretation des Zara-
normalen. "passiven" und dem christlichen Wahrheitsglauben ver- thustra errichtet".3 Dennoch werden seine Texte - insbesondereAlso
sprach Zarathustra - schon ~t vielen J~en in de~Welt ~ Li_t~r~=
hafteten Sprachgebraucheinerseits und dem "aktiven", interpretie-
renden Verstehenohne Kommunikationszweckandererseits. Letzte-
res allein sei die Domäne der Kunst. Unter dem "orphischen" Prin-
turwissenschaft intensiv studiert. Oft gmg.es dabei um rem
sehe Analysen. wobei als selbstverstän~ch vorausgesetzt _wure,
stil•:
zip der Nietzscheschen Ästhetik versteht Roland Duhamel deren daß man vom philosophischen Inhalt semes Werk~ gänzlich_ab-
Einbindungin die Metaphysikdes Willens zur Macht, d.h. den Weg- strahieren könnte. (Manchmal ging man sogar soweit zu ~eiten.
fall der Unterscheidung zwischen Kunstobjekt und Kunst- bzw. daß Nietzsche überhaupt noch zur Philosophiezu rechnen sei). Allzu
Machterlebnis.Grundlagedazu bilde Nietzsches semiologischerAn- oft ging man davon aus, daß eine völlige Trennun~ von ~orm und
satz, der im KunstwerkdasZeichengebilde,im Zeichengebildeaber Inhalt, von Stil und Einsicht, von Literatur und Philosophie durch-
die Machtmanifestation erkenne. Georges Goedert geht es um geführtwerden könnte.
Nietzsche als Schopenhauer-Kritikeraber auch Kritiker der alten
Griechen. wo es um das Verständnis des Tragischen geht. Bereits
beim jungen Nietzsche seien dasTragische sowie dastragische Mit- 1 FOr raktische Hilfe und wertvolle Ratschläge danke ich Frau Petra GOilner
leid (im Sinne von Teilhabe am Tragischen) Voraussetzung für Le- p Leili.h
und meinem Kollegen Joachim c .
bensbejahung.Jaap Goedegebuure schließlich zeichnet die Nietz-
2 F. NIETZSCHE Homer und die klassische Philologie, in: Werke (Hrs~-. K.
sche-Rezeptioninnerhalb der niederländischen Literatur nach. Sie
Schlechta) Ullstein. Frankfurt- Berlin- Wien, 1976, Band Ill. S. ~82. Ich zt~erc
gipfelt einerseits in der sgn. "Tachtiger"-BewegungEnde des 19. hier aus (krSchlechta-Ausgabe, da die rein philologi~he~ Texte Nietzsches ruch~
Jahrhundertsund in der Gruppe um die Zeitschrift "Forum" anderer- in die kritische Ausgabe von G. Colli und M. ~ontman aufgenommen wurden.
seits in unseremJahrhundert. Sllmlliche Werke. Kritische Studienausgabe,~ & ~ew York. W. de Gru~,
Abschließendsei hier Mag. Petra Göllner für die sprachliche 1980 (Im folgenden mit KSA abgek:Orzt.).Auch un Bnef_ll;'1Carl vo~ Gersd rfI
Durchsichtder Texte von Herzen gedankt. vom 6. April 1867 in: F. NIETZSCHE Slbntltche Briefe. ~tische Studienausgabe,
Berlin& New York. W. de Gruyter, 1986, (Im folgenden nnt KSB abgek:Orzt).
Roland Duhamel 3 KSA, Band 6, S. 298.
ErikOger
9
8
Mit gleichem Recht wird Nietzsche als einer der wichtigsten eine Arbeitsteilung zwischen philologischer und philosophischer
Denker unserer l.eit, ja selbst der abendländischen Philosphietout Forschungvorgenommen.
court angesehen. Seit vielen Jahren wird sein Denken darumauchin Diese Arbeitsteilung hatte zunächst einmal zur Folge, daß die
der westlichen Philosophieintensiv studiert und diskutiert. Oft ging philologischeund die philosophischeNietzscheforschungmehr ~r
es hierbei um globale theoretische Analysen(und Bewertungen)sei- weniger friedlich nebeneinander bestehen konnten. Man glaubte m
ner Gedanken, wobei wie selbstverständlich vorausgesetzt wurde der Regel, den Resultaten der anderen Sparte ledi~ch eine zufiU-
daß vom literarischen Gehalt der Texte - etwa den Stilformen,di; lige, flüchtige und vorübergehende Aufme~e1t sch~nk~n zu
Nietzsche wählte, um seine Auffassungen darzustellen - gänzlich müssen - um danach die Arbeit ungestört m der ursprünglichen
abstrahiert werden könnte. Auch hier glaubte man dies auf der Richtungfortzusetzen. .
Grundlageder oben erwähnten Unterscheidung tun zu können,näm- Eine zweite, vielleicht noch wichtigere Folge war,daß diese auf
lich der zwischen der Art und Weise, auf die Nietzsche etwas sagt, den ersten Blick so selbstverständlicheArbeitsteilungauf Seiten der
und demjenigen,was er so sagt. Man tat so, als ob das eine nichts Literaturtheorie- insoweit ich dies zumindest als Außenseiterbeur-
anders als eine mehr oder weniger zufllllige 'Einkleidung' (eineüber- teilen kann- oft zu einem Sich-Verirren in zwar genauen, aber zu-
flüssige Ausschmückung)des anderen wäre. Diese Philosophen- ob gleich auch aussichts- und uferlosen ~untersuchungen führte.
sie nun der kontinentalen4 oder der analytischen5 Tradition zuge- Es versteht sich von selbst, daß man Zweifel an der Relevanz und
rechnet werden - betrachteten es als ihre wichtigste Aufgabe,in Fruchtbarkeitder Forschung haben kann, wenn ein globaler und um-
ihren Interpretationen dieses verbergende und verhüllende Kleid fassender Blick fehlt Nietzsche selbst hat eine solche Forschungs-
wegzureißenund es als nebensächliches, überflüssiges,ja selbststö- praxis in der (klassischen)Philologie resolut zurückgewiesen:"Denn
rendes Element beseite zu lassen. Nur wenn man den theoretischen wir wollen es nicht leugnen, jene erhebende Gesammtanschauung
und begrifflichenInhalt in seiner ganzen Nacktheit vor sich habe - des Alterthums fehlt den meisten Philologen, weil sie sich zu nahe
so meinten zumindest diese Interpreten der Philosophie Nietzsches- vor das Bild stellen und einen Oelfleck untersuchen anstatt die
sei man in der Lage, alle Konturen und Rundungen genau zu erfas- grossenund kühnen Züge des ganzen Gemäldeszu bewundernund -
sen und zu beurteilen. wasmehr ist - zu geniessen".6
Natürlich habe ich diese beiden Richtungen der gegenwärtigen Umgekehrtführte diese Arbeitsteilungauf Seiten der Philosophie
Nietzscheforschung- nämlich die der Literaturwissenschaftunddie zwar manchmal zu großen und umfassendenResultaten. Oft ging es
der Philosophie - viel zu kun und zu wenig nuanciert skizziert darum, in dem Wirrwarr der vielen Nietzschetextedas eine, zugrun-
Wollte man ein wahrheitsgetreuesBild geben, müßte man wichtige deliegendephilosophischeSystemaufzuspüren.7 Diese Untersuc~un-
Korrekturen und zahllose Ergänzungen anbringen (was in diesem gen hatten jedoch meist den Nachteil, die Spezifitätder Texte Nietz-
Rahmen nicht möglich ist). Aber vielleicht hat eine flüchtige und sches zu verfehlen. Durch den Wunsch, hinter dem verbergenden
grobe Sm.ze den Vorteil, daß sie besser zeigt, wie stark komplemen- Schleiervon Nietzsches Stil seine 'tieferen' philosophischenEinsich-
tär beide Richtungen sind. Sie sind beinahe Spiegelbilder.Wie be- ten zu entdecken, entstanden auf paradoxe Weise grobe Fehlein-
reits gesagt, greifen sie jeweils auf denselben traditionellen Unter- schätzungengerade im Hinblick auf solche Einsichten. Auch in die-
schied zwischen Form und Inhalt, Ausdruck und Bedeutung,Meta-
pher und Begriff, Stil und Gedanke zurück. Auf der Grundlagedie-
6 KSB, Band 2, S. 209-210.
ses äußerst problematischenund willkürlichen Unterschiedshat man
7 Hierbeiwurde oft die Periode, aus der die Texte stammen, oderder ~~d,
ob die Texte von Nietzsche selbst publiziert wurden oder posthum sind, ruc~t
berOcksichtigt. Manchmal ging man sogar soweit zu behaupten, ~ die
4
BeispielsweiseE. Fink Nietzsches Philosophie, Stuttgart, Kohlhammcr,1960, 'eigentlichePhilosophie' Nietzsches in Der Wille zur Macht zu finden ist. So
S. 13-14und 64. behauptet Heidcgger(Nietzsche, Pfullingen,N~e, 1961: ~d l, S. 17): "Was
5 Nietzsche zeit seines Schaffens selbst veröffentlichthat, ist unmer Vordergrund.
Zum BeispielA. Danto Nietzsche as Phtlosopher, N.Y., ColumbiaUnivcrsity
Press,1965,s.13 [...] Die eigentlichePhilosophiebleibt als 'Nachlaß'zur1lck".

11
10
sem Zusammenhangist die Auffi+ssuug Niewches eine de
"Den Stil verbessern- das heisstden Gedanken an re: 2. "Die vielfachste Kunst des Stils iiberhaupt"
Nichts weiter. "8 Nach seiner Ansicht ist es eine ~ ;!: 11
"Es sind Aphorismen!Sind es Apborismenr
durch das
dankli Außerachtlassen
he lnhal . . stilistischer
. Fn- · h der ge-
..._.... 7.eigeSlC
. .~ t m semerremen Gestalt vor dem deutenden Geist In der Absicht, Nietzsches Schreiben global zu charakterisieren,
Eliminiert man die formalen Aspekte so eliminiert man ·
auch (in großem Umfang) den Inhalt
Kurzum,Kant9 ~eich
wird meist gesagt, daß es im Grunde genommen immer aphoristisch
sei. 12 Eine solche Auffassung ist jedoch falsch. Seine Texte sind
k~nnte man vielleicht sagen: Literatortbeorie ohne Phil=~ nicht immer aphoristisch, er gebraucht eine Vielzahl von Stilformen
blind, und - umgdrehrt - Philosophie ohne Literaturtheorie istleer und literarischen Genres. 13 Dies sagt er sehr treffend in Ecce Homo:
Zum Glück ist es jedoch in den letzten Jahren zu einerdeutli b. "Ich sage zugleich noch ein allgemeines Wort über meine Kunst des
W~nde bezüglich di~ sehr ~ Zustandes c: Stils. Einen Zustand, eine innere Spannung von Pathos durch Zei-
'Nietzsche-Studien'gekommen.Immeröfter kann man eine feucht~ chen, eingerechnet das Tempo dieser Zeichen, mitzuthei/en - das
bare Wechselwirkung zwischen Philologie und Philosophie feststel• ist der Sinn jedes Stils; und in Anbetracht, dass die Vielheit innerer
len.10
Zustände bei mir ausserordentlich ist, giebt es bei mir viele Mög-
Hierzu will ich auf den folgenden Seiten einen bescheidenen und lichkeiten des Stils - die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über
kurzenBeitrag liefern. die ein Mensch verfügt hat". 14 Diese Vielfalt an Stilen (selbst Wu-
Die Abhandlung besteht aus drei Teilen. Der erste handelt vom cherung von Stilen) bei Nietzsche ist für die Problematik, die ich
&hreiben Nietzsches. In ihm werde ich im allgemeinen die große hier darstellen will, äußerst bedeutungsvoll. Die Wahl eines Stils
Bedeutung von Untersuchungenzu Fragen des Stils und des Genres kann vielleicht mit der Wahl einer bestimmten Perspektive vergli-
~ das Verständnis seines Werlres herausheben.Die vielen von chen werden. Der Übergang zu einem anderen Stil könnte dann als
NietzschepraktiziertenStilformenkönnen als verschiedene Beleuch• ein Perspektivenwechsel betrachtet werden. Nietzsches Behauptung,
tungen oder Perspektiven einer bestirorotCJlProblematik angesehen im Besitz "der vielfachsten Kunst des Stils überhaupt, über die je ein
werden. Im zweiten Teil geht es um Nietzsches Perspektivismus. Mensch verfügt hat" zu sein, wäre folglich auch der Anspruch, über
~rt so~ summarisch und allgemein seine perspektivischeErkennt- mehr Augen. mehr verschiedene Augen. über eine größere Diversität
mstheone angedeutet werden. Der dritte Teil schließlich widmetsich an Perspektiven zu verfügen. als die anderen Menschen. So wie das
Nietzs~hes perspektivischem Schreiben. In ihm möchte ich z.eigen, Wort 'Perspektive' aus ethymologischer Sicht bereits sagt, verscha:ffl:
daß Nietzsche den Perspektivismus nicht nur abstrakt und rein theo- die Perspektive uns Durchsicht auf und Einsicht in die Dinge. Eine
retisch verteidigt, sondern daß er ihn zugleich und vor allem auf eine Perspektive gibt uns Zu- und Durchgang zu der Welt, die wir wahr-
konkrete Weise - in actu exercitu - in seinem Schreiben praktiziert. nehmen. Auf dieselbe Weise führt Nietzsches Stilwahl uns in die
!eh m!khte dies nur an einem einzigen. jedoch wichtigen Vorbild Welt seines Denkens. Sein Stil ist folglich kein Kleid, das den nack-
illustrieren, und zwar an der Art und Weise, wie Nietzsche in Also ten Körper seiner Philosophie verbirgt und verhüllt, sondern ihm
sprach Zarathustradas Thema der "ewigen Wiederkunft des Glei- vielmehr zeigt und enthüllt.
chen" zur Sprache bringt

8
KSA, Band 2. S. 610. 11 KSA, Band 9, S. 356.
9
Kritikder reinen Ve,,,,,,,p. B 1s. 12 Dies behauptet u.a. Karl Jaspers Nietzsche. ElnfiJhrung tn das Versttindnis
10Di F 1 · seines Phllosophlerens, Berlin, de Gruyter, 1950.
. e o se1st dann auch, daß die pbi1osop1uscbc Relevanzvon Nietzsches
Stdwahl aehr stark in den Vorderanmd 1ritt.Beispiele fllr diese Tendenzsind die 13
Dazu A NchamasNietzsche: Ltfe as Llterature, Cambridge(Mass.) & Lon-
VerOffontlichunaen von JacquesDerrida und seinen Schlllem (11.Ls. Kofinanund don, HarvardUniversityPress, 1985, S. 13-41.
B. Pautrat) aber auch von eher durch die analytische PbiJosopbie inspirierten
14
Autoren,
wieA NehamuundB. Magnus. KSA, Band 6, S. 304.

12 13
a. Der Stil des Aphorismus.
geht 11 (In unserer Zeit wird diese Stilform u.a. von L. Wittgenstein
und dem französisch-rumänischenAutor E. M Cioran angewandt).
Ein Aphorismus ist eine "Sentenz", mit der Nietzsche "in zehn
"MeinSmn
ftlr Stil, ftlr dasEpigrammals Stil"[•••]IS
Sätzen sagen [...will], wasjeder Andre in einem Buche sagt,-was
jeder Andre in einem Buche nicht sagt. .. ".18 In Also SP_rach
Zar~thu-
...]"Bücher wie Menschliches Allzumenschliches, Morgenrathe
stra vergleicht er solche Sprüche mit den Gipfeln emes Gebtrges.
und Die fröhliche Wissenschaft werden von Niet7.sche selbst
Um von Gipfel zu Gipfel schreiten zu können, muß der Leser lange
manchmal als aphoristische Werke aufgefaßt Analog kann dasselbe Beine haben.19 Jeder Aphorismus ist wie ein Diamant: eine zur
vielleicht auch von manchen Werken gesagt werden, die er nachAl- größtmöglichenIntensität und Dichte zusammengepreßteWelt, mit
so sprach Zarathustra publizierte, wie Jenseits von Gut und Böse einer überraschenden Klarheit und brilliantem Glanz, mit vielen
und der Götzendilmmerung.Zumindest hinsichtlich dieses Aspekts Kanten, Facetten und Reflexen. Die vielen Aphorismen Nietzsches
stimmen sie sehr stark mit den ersten drei Werken überein. Man sind eine Vielzahl von bis zu einem gewissen Grad unvergleichbaren
kann wohl kaum bezweifeln, daß in all diesen Texten eine Reihe Welten. Manche von ihnen sind verschiedene Versionen desselben
Aphorismen vorkommen, die Nietzsche in Menschliches Allzumen- Themas,wie etwa der Tod Gottes, der Wille zur Macht, der Nihilis-
schliches "VermischteMeinungen und Sprüche", in Jenseits von Gut mus die Frau, die ewige Wiederkunft des Gleichen, der 'Über-
und Böse "Sprüche und Zwischenspiele" und in Götzenddmmerung me~h', usw. Diese verschiedenen Aphorismen zu ein und
"Sprücheund Pfeile" oder auch "Epigramme" nennt Daß der apho- derselbenProblematik können als verschiedene, mehr oder weniger
ristische Charakter in Nietzsches Schreiben das erste ist, was auf- inkongruente Perspektiven angesehen werden. Gerade auch durch
fiillt, ist bedeutungsvollund für ein gutes Verständnis seiner Philoso- ihren aphoristischen Charakter kann darüberhinausjede dieser Ver-
phie von größter Wichtigkeit Manche seiner Werke können (auch sionen noch auf mehrere Weisen gelesen und entziffert werden. Will
als Ganzes) aphoristisch genannt werden oder 7.Cigenjedenfalls in man alle diese Niveaus zusammenbringen, so hat man bereits mit
wesentlichen Punkten auffiillige Übereinstimmungen mit Aphoris- einer Wucherungvon Elementen zu tun, mit einer Vielfalt, die nicht
men. Für dasVerständnis von Nietz.schesPhilosophie ist es wichtig auf eine zugrundeliegendeEinheit reduziert werden kann: eine Viel-
zu begreifen,warum seine Texte beispielsweiseso gut wie nie Dialo- heit an Themen, eine Vielheit von Versionen dieser Themen und
ge sind, wie etwa die Platons. (Zu den Ausnahmen zahlt "Der Wan- auch noch eine Vielheit möglicher Interpretationen der verschiede-
derer und sein Schatten"aus dem letzten Teil von MenschlichesAll- nen Versionen.
zumenschliches,daszwei kune Dialoge enthält. Aber diese Gesprä- Der Aphorismus liest sich weniger demonstrativ-argumentativ
che sind eher Selbstgespräche- nämlich des Wanderers mit seinem sondern eher evokativ-suggestiv.Meist wird nicht argumentiert. Die
Schatten - als Dialoge im strikten Wortsinne.) Nietzsches Texte einzelnen Aphorismen sind auch keine Zwischenschrittein ausführ-
können auch nicht ohne weiteres als Meditationen, wie die Descar- licheren Argumentationen oder Ableitungen. Sie sind eher mit der
tes'.oder als systematischeAbhandlungen, wie etwa manche Texte flüchtigen Evokation einer Aussicht ~ vergl~ichen, die s~ch_de~
Spmozas oder Hegels umschrieben werden. Kurzum: In seinen Wandererbei einer kurzen Ruhepausebietet. Nietzsche schrieb übn-
Sc~n stößt man regelmäßig auf Aphorismen und dadurch reiht gens die meisten seiner Aphorismenwährend der zehn Wanderjahre.
er sich bewußt in eine Tradition ein, die vielleicht bis auf Heraklit16,
aber auf jeden Fall auf eine Reihe französischer Moralisten (wie La
Rochefoucauld),aber natürlich auch auf Pascals Pensees zurück-
17
KSA, Band 11, S. 522: "Die tiefsten und unerschöpftcstcnBücher werden
wohl immeretwas von dem aphoristischenund plötzlichenCharakter von Pascals
"KSA, Band 6, S. 154. Penseeshaben."
18
16 KSA,Band 6, S. 153.
• Ob HeraklitsTextewirldichaphoristischwaren, wissen wir nicht mit Sicher-
heit.Jedenfallswurdensie als Fragmcntcnsammlungüberliefert. 19
KSA,Band 4, S. 48.

14 15
Er sah sich in dieser Zeit als einen "fugitivus errans". 20 Ein Notiz-
sich gegenseitig tragen". 23 Obwohl zwischen den Aphorismen eines
buch stets zur Hand, notierte er täglich während seiner langen Wan-
Buches keine systematischen oder logisch-deduktiven Beziehungen
derungen viele bündige Bemerkungen, Gedankenblitze und plötzli-
21 bestehen, geht es in einem aphoristischen Buch dennoch darum,
che Einflille. Später traf er aus ihnen eine Auswahl, feilte an ihnen,
"den Zusammenhang [... ] ahnen zu lassen". 24 Diese Beziehungen
faßte sie unter einem Aufmerksamkeit erheischenden Titel zusam-
können vielleicht mit den verschi~enen Resonanzen eines bestimm-
men und reihte diese bunte Vielfalt auf eine lockere, assoziative ten Tons verglichen werden, oder - mit den Metaphern, die den
Weise in einem Kapitel zu einem allgemeinen Thema aneinander.
Ausgangspunkt dieses Textes bilden - mit den plötzlichen Perspe~-
Kennzeichnend für ein aphoristisches Buch ist also, daß die
venwechseln, . die man von ein und derselben Landschaft beun
Aphorismen auf eine mehr oder weniger zufiUlige Weise aneinan- Durchblättern eines Photoalbums haben kann, oder auch - ein von
dergereiht werden. Es wird nicht systematisch aufgebaut, nicht
Nietzsche selbst gewähltes Bild - mit dem Schauen "bald aus
Schritt für Schritt, sich auf das jeweils bereits Gesagte stützend, ge- diesem, bald aus jenem Fenster", ohne sich auf eine Aussicht
schrieben, bis das Werk vollendet ist. Die Gedankenführung ist eher "festzusetzen". 25
bruchstückhaft, diskontinuierlich und unabgeschlossen. Im allge-
meinen schaut Nietzsche sehr abweisend auf die großen Systembauer b. "Hundert Versuche und Versuchungen" 26
der Philosophie, da sie ihre philosophischen Gebäude auf der Grund-
lage von Behauptungen entwickeln, die sie in Frage zu stellen nicht "Nichts liegt mir ferner,als der Glaube an
bereit sind und als 'evident' voraussetzen. In der Götzen-DtJmmerung einen'allein seligmachenden Stil'".27
verurteilt er sie darum mit der moralischen Kategorie der 'Recht-
schaffenheit': "Ich misstraue allen Systematikern und gehe ihnen aus Aber selbst Nietzsches sogenannte Aphorismenbücher enthalten
dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an viele Texte, die man wohl kaum noch Aphorismen nennen kann.
Rechtschaffenheit". 22 Schon ihre Länge - manchmal mehrere Seiten - macht dies unmög-
Dies soll jedoch nicht heißen, daß in Nietzsches 'aphoristischen lich. Wir haben dann eher mit kurzen Geschichten - etwa
Büchern' überhaupt kein Konzept oder keine Ordnung zu entdecken Allegorien oder Parabeln - zu tun, oder mit extrem
wäre,oder daß die Reihenfolge der Texte völlig willkürlich wäre, ein zusammengedrängten AufstJtzen, Gedichten, kurzen Dialogen oder
Durcheinander ohne jede Komposition. Schon die Kontiguität be- Vorreden,wie zum Beispiel die fünf neuen Vorworte, die er 1886 zu
stimmter Texte sorgt dafür, daß sie sich gegenseitig beleuchten und bereits publizierten Büchern schrieb, etc.28 • •
dadurch vielleicht auch gegenseitig verdeutlichen. (Man lese in die- Daneben hat Nietzsche eine Reihe von Büchern geschrieben, die
ser Hinsicht etwa aufmerksam Jenseits von Gut und Böse.) Die Aus- man auf keinen Fall noch als Aphorismenbündel auffassen kann. Die
sagen und Urteile, die in dem "hübschen Bändchen Aphorismen"
stehen, müssen nach Nietzsches Ansicht "beieinander stehen und
23
Brief an Heinrich Koselitz vom 22 Juni 1887: KSB, Band 8, S. 96.
2-4Brief an Heinrich Koselitz von Ende August 1881: KSB, Band 6, S. 122.
20 25 KSA, Band
_ Brief an Paul R6c von Ende Juli 1879 in: KSB, Band 5, S. 431. Auch der 12, S. 143.
Bnef an Carl Fuchs von Mitte April 1886 in: KSB, Band 7, S. 179: "Ich selbst bin 26
'unstatund flnchtig'auf Erden". KSA, Band 5, S. 133. Auch S. 59.
21 27
~ der Brief an Otto Eiser von AnfangJanuar 1880: KSB, Band 6, S. 4: In einem Brief vom 4. Februar 1888 an Josef Vtktor Widmann, in: KSB,
Band 8, S. 244.
"Ic~ will m den D4chstcn Wochen sOdwArts,um die Spazicrgehe-Existcnzzu
beginnen. 28
Daß Nietzsche auch ein meisterlicher Briefautor war, lasse ich hier außer
~ein Trost sind meine Gedanken und Perspektiven. Ich kritzele auf meinen Wegen Betracht.
hier und da etwasauf ein Blatt, ich schreibe nichts am Schreibtisch".
22
KSA,Band6, S. 63. Auch KSA, Band 12. S. 450.

16 17
m~iste~davon _gehöreneher ~ lite_rarischenGenre des &says29, net werden, wie Zur Genealogie der Moral, das aus drei mehr oder
Im:t.semen typtSChenKennzeichen emer persönlich geflirbten.oft weniger zusammenhängenden Essays besteht, die Nietzsche
kritischen. manchmal sogar äußerst polemischen und undogmati- "Abbandlungen"33 nennt. Der Fall Wagner und der Antichrist sind
schen,~orläufigenGedankenführung.Indem er die Essayformwählt, wiederum Polemiken, selbst Pamphlete. Ecce Homo ist eine Auto-
suggenert der Autor vor allem, nur in seinem eigenen Namen zu biographie, wahrscheinlich eine der bemerkenswertesten in ihrer
sprec~en.Er will nur seine Meinung über eine bestimmte Angele-
genheit äußern, ohne zu behaupten, daß sein Standpunkt notwendi- ArtSchließlichgibt es auch noch Also sprach Zarathustra, in Nietz-
gerweisefür jede andere Person gelten muß. Es geht ihm nicht um sches Oeuvre ein Sonderfall: "Innerhalb meiner Schriften steht für
das Verkündigen"der" Wahrheit, sondern um "seine" Wahrheiten.JO sich mein Zarathustra".34 Wie der Titel bereits andeutet, besteht das
Buch hauptsächlich aus einer Reihe von Reden. Zarathustra er-
"Sind es neue Freunde der 'Wahrheit', diese kommen- scheint als jemand der redet, oder genauer, als jemand der lehrt. _Es
den Philosophen?Wahrscheinlich genug: denn alle Philo- geht um die Verkündigung einer neuen "fro~enBotschaft", al~ eme
sophen liebten bisher ihre Wahrheiten. Sicherlich aber Art fünftes Evangelium." Die Lehre 1st zunächst die des
werden es keine Dogmatiker sein. Es muß ihnen wider "Übermenschen",aber vor allem die der "ewigen Wiederkunft des
den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre Gleichen".Diese Lehre des Lehrers Zarathustra ist (meistens) weder
Wahrheitgar noch eine Wahrheit für Jedermann sein soll: trocken noch schulmeisterlich.Sie besteht nicht im Erwerb einer be-
was bisher der geheime Wunsch und Hintersinn aller grifflichen oder theoretischen ErkeI11:1tni~,so?dern_aus einer _p~-
dogmatischenBestrebungenwar."31 schen und 'existenziellen'Einsicht. Sie will mcht em allgememgülti-
ges und unpersönlichesWissen erreichen, sondern eine Einsicht, die
Wie das Wort 'Essay' selbst schon sagt, deutet der Autor zugleich individuellund reflexiv ist.
auch an.daß das, was er dem Leser vorlegt nur "ein Versuch"32, ein Das Buch kann als Dichtkunst36, genauer als ein Lehrgedicht an-
(Gedanken-)Experiment ist, also etwas, was hypothetischbleibt.Ein gesehen werden. Das Lernen erfolgt auf zweifache Weise: indem
~lcher "yersuch" ist zugleich eine "Versuchung", die den Leser an- Zarathustra Ansprachen hält und indem seinen Handlungen.nachge-
stiften will, das Risiko auf sich zu nehmen, seinen Aussichtsposten folgt wird Wie Zarathustra müssen auch seine Schüler eme_Ent-
zu verlassen.Zu diesem Genre gehören nicht nur Nietzsches erste wicklung durchmachen. (Nietzsche selbst zählte das Buch wieder-
Schriften.wie Die Geburt der Tragödie oder die vier Teile der Un- holt zur Musik, genauer zur symphonischenMusik: "Unter ~elche
z~itge'!'aßenBetrachtungen, deren beide ersten eher Polemiken.und Rubrik gehört eigentlich dieser 'Zarathustra'? Ich glaube bein.a!1e,
di7 beiden anderen Lobreden (auf Wagner und Schopenhauer)sind. unter die 'Symphonien'".37)Auf Also sprach Zarathustra komme ich
Hierzukönnen auch manche Bücher aus der letzten Periode gerech- im letzten Teil noch zurück.

29 N'
1etzscheverwendet z.B. den Terminus 'Essai' zur Beuichnung seines
BuchesNietzschecontraWagner:KSA, Band 6, S. 415. 33 KSA, Band 6, S. 352 .
30
• • So ~m Beispiel:KSA, Band 5, S. 170: "Auf diese reichliche Artigkeithin, 34 KSA, Band 6, S. 259.
wi: ich Sie eben gegen mich selbst begangen habe wird es mir vielleicht eher
3.5 Brief an Ernst Schmeitzner vom 13. Februar 1883: KSB, Band 6, S. 327.
sc on gestattet sein, Ober das 'Weib an sich' einig; Wahrheiten herauszusagen:
~ man es von vornhereinnunmehr weiß, wie sehr es eben nur - meine
gcsetzt,ahrh Auch der Brief an Malwida von Mcysenbugvom 20. April 1883: KSB, Band 6, S.
W eiten sind.-" 363.
31 KSA,Band 36 Im bereitserwahnten Brief an E. Schmeitzner:KSB, Band 6, S. 327,
S, S. 60. (Hervorhebungvon mir)
37 Brief an HeinrichKoselitz vom 2. April 1883: KSB., Band 6, S. 353. Auch S.
Pht; KS~ Band 3, S. 317-318. Über diesen Ausdruck: W. Kaufmann Nietzsche.
sch~f~::;'~oge
82, 9
- Antichrist, Darmstadt,Wissenschaftliche Buchgesell-
466, 475, 491 und Band 7, S. 74. (Vielleichtist das Werk eher ein symphonisches
Gedicht Bekanntlichschrieb Richard Strauss ein solches Oberden Text)

18 19
3. NietzschesPerspektivismus
Zugleich ist es auch ein Hinzufügen, Konstituieren, Strukturieren
"F.sist AllesOptik.,.
•38 und Konstruieren. So führt jede visuelle Wahrnehmung beispiels-
weise zu einem Gegensatz zwischen Vordergrund und Hintergrund
Nie~h~ Perspektivismus ist ein wichtiger Teil seiner Er- oder zum Erscheinen qualitativ verschiedener Farben, obwohl WlS
kenn~stheone und auch dessen, was man seine "Lebe hil die Naturwissenschaftenlehren, daß es sich dabei nur um quantita-
~phie" ge~t hat Es ist unmöglich, die komplexe Prob~~ tive Unterschiede,verschiedeneSchwingungsfrequenzen,handelt.
hier a~h nur m großen Linien zu skizzieren, geschweigedenn sie Auf die Erkenntnis im allgemeinen übertragen, behauptet der
e~ustiv zu behandeln. Wir beschränken uns auf die Punkte, die für PerspektivismusNietzsches,daß die menschlicheErkenntnis sowohl
die Fortsetzungunserer Betrachtungen relevant sind. beschränkend als auch verfiilschend ist. Unsere Erkenntnis ist an
Grenzen gebunden, an "beschränkteHorizonte".43 (M. Heideggerbe-
a. Kennen als Sehen hauptet in seinem umfangreichen Buch, daß es bei Nietzsche einen
Um d~n Erkenntnis- und Lebensprozeß eines lebenden Organis- wesentlichen Zusammenhang zwischen Perspektive und Horizont
mus und insbesonderedes Menschen zu verdeutlichen, wählt Nietz- gibt.'") Andererseits ist die Erkenntnis auch ein Projizieren, ein
~he das Sehen als_'\usgangspunkt. Das visuelle Erkennen wird bei "Hineinstecken".Nietzsche schreibt in diesem Zusammenhang:"Der
ihm _zumModell für ~edeFo~ der Erkenntnis, ja selbst für das Le- Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder als was er selbst
~n ~ ~n. In dieser Beziehung steht er in einer langen Tradi- in sie hineingesteckt hat". 45 Auch was diesen Punkt betrifft, steht
tion,.<f!-e
IlllDdestensauf Plato zurückgeht.39 Das Auge wird in dieser Nietzsche in einer langen, ehrfurchterweckendenTradition, die auf
Tradition als das hervorragendstetheoretische Sinnesorgan angese- jeden Fall auf Kant, vielleicht sogar aufG. B. Vico zurückgeht.
hen.
c. Der 'standpunkt/oseStandpunkt'
b._Di~Einseitigkeitder Perspektive. Es ist nach Nietzsche unmöglich, einen Standpunkt einzuneh-
Die VISUe~e W~ehmung eines Gegenstandesgeschieht immer men, der die Möglichkeit bietet, alle Seiten eines Dinges zugleich
und notwendigerwe15e von einem bestimmten Standpunkt aus, so wahrzunehmen. Ein Standpunkt, von dem aus man ein Ding von
:aohmman v~n ~m Gege~ nur e~e ~ite sehen kann. Die Wahr- allen Seiten wahrnehmen könnte, wäre "a view from nowhere".46
e ~g 1st lDllDer- wörtlich und bildlich - einseitig. Die Gegen- Dies hieße "a God's Eye view"47 zu haben, die Wirklichkeit von
stän~e mdessen ~n viele Seiten: "alle Dinge lsind] nicht nur einem 'standpunktlosen Standpunkt' aus zu sehen, von dem die
zwei-, sonderndrei- und vierseitig".«>Nehmen wir einen bestimmten Wirklichkeit in keinerlei Hinsicht verzeichnet wird. Er würde uns
Staodpunkt ~ so bleiben uns andere Seiten unvermeidlich ver- Zugang verschaffenzur Welt, wie sie an sich ist, zur Welt des 'Dings
;hlossen. Die Wahl einer bestimmten Perspektive ist also eine an sich', d.h. zu einem Ding, bezüglich von dem man glaubt, daß
. erengerung" ~n,. was man hätte wahrnehmen können. Wie ihm eine Reihe von Eigenschaften ganz unabhängig von irgendwel-
Nietz.schesagt, bnngt ste einen gewissen "Unben.-lfJ1141 • • cher Erkenntnis, die wir von dem Ding und seinen Eigenschaften
Maß an "Dummh ·t"42 • • &'..... , em gewisses
Weat.......
.._ . et mit steh. Aber das Sehen ist nicht nur ein
_.._.., Vereinfachen,Abstrahieren, Selektieren und Begrenzen.
43
KSA, Band 5, S. 109.
38
Briefan H · · h K 44
~c Oscletzvom 10. Marz1887: KSB, Band 8, S. 43. M. Heidegger,op. cit„ Band 1, S. 573-575.
39
DerplatoruscheBegriff'cidos, oder "d
1 ea
, bcdeutet das 'Aussehen' von Dingen 45
KSA, Band 12, S. 154. Auch KSA, Band 11, S. 138.
«>KSA,Band 2, S. 275. . 46 T. Nagel, The view from nowhere, Oxford, UniversityPress, 1986.
41
KSA,Band5,S.364. 47 H. Putnam, Reason, Truth and Hutory, Cambridge, UniversityPress, 1981,
42
KSA,Band 2, S. 20. S. 49 und vom selben Autor Rea/ism wtth a Human Face, Cambridge, Harvard
UniversityPress, 1990, u.a. S. 5.
20
21
~ können, zukommt.48 Niewc~e bestreitet jedoch das Bestehen auch noch auf eine andere Weise betrachten kann. Jeder neue Zu-
emes solchen allsehenden Auges, emes Auges, dem nichts entgeht,
gang lehrt uns auch etwas Neu~s übe~ de~ Gegenstand. ~ erwei-
die Existenz eines 'panopticon' (J. Bentham).49 Und im Zusammen-
tert und vertieft seine Erkenntms. Wie Nietz.sche schon m den Un-
hang damit bestreitet er auch die Existenz jegliches 'Ding an sich'
zeitgemttßen Betrachtungen sagt, geht es darum, daß der ~~nsch
J~ Sehen ~d allgemeiner, jedes Kennen erfolgt notwendigerwei: "aus vielen Augen in die Welt blicken lemt". 53 Der PerspektiVIsmus
se unmer von rrgendwo aus. Der Perspektivismus bestreitet, daß die
ist folglich auch ein Pluralismus.
'_Veit~te E~genschaften unabhängig von den vielen Perspek-
tiven, die wrr von ihr haben, hat. Die Welt ist nicht etwas das noch e. "Perspektiven umstellen' 154
hinter den Perspektiven, die wir von ihr haben, besteht ~d weiter Durch einen Perspektivenwechsel können darüber hinaus manch-
reicht als diese. Sie ist ausschließlich das Resultat der Zusammenfü- mal bestimmte Beschränkungen und Illusionen beseitigt werden. In-
gung der Perspektiven, ihre gegenseitige Konfrontation und ihr dem man lernt, die Welt mit anderen Augen zu betrachten, kann
Streit.. Den ~unsch, Z~gang zu einem 'Ding an sich' zu erhalten, man nicht nur andere Seiten und Aspekte sehen, sondern können
vergleicht_N1etz.sche~t dem _Wunsch dessen, der seinen Kopf ab- manchmal auch Formen falschen Scheins, die der ursprüngliche
hacken will, um zu WISsen,wie die Welt ohne ihn aussieht. 50 Näh- Standpunkt mit sich brachte, als solche erkannt und also auch de-
m~n wir a_IIePerspektiven weg, die wir von der Welt haben, löschten maskiert werden. "Das Liebste ist mir einen neuen Gesichtspunkt zu
~ zugleich auch die Welt selbst aus. Nietzsche schreibt: "Als ob finden und mehrere ... ".55
eme W~lt übrigbliebewenn man das Perspektivische abrechnet!"5t Nietzsche formuliert diesen Gedanken sehr schön in einem Text
mi!
Ode~ den Worten eines wichtigen amerikanischen Philosophen: aus Zur Genealogie der Moral. Die Bedeutung dieses Textes für
es gibt mcht so etwaswie eine "ready-madeworld".52 seinen Perspektivismus kann schwerlich überschätzt werden.
d. Die Vielheit an Perspektiven
"Seien wir zuletzt, gerade als Erkennende, nicht un-
. ~genüber einem wahrgenommenen Gegenstand kann man im dankbar gegen solche resolute Umkehrungen der gewohn-
Prinzip (wenn auch nicht immer faktisch) immer wieder einen ande- ten Perspektiven und Werthungen [...]: dergestalt einmal
re~ S~dpunkt einnehmen. Jede Änderung des Abstands oder anders sehn, anders-sehn-wollen ist keine kleine Zucht
Blic~els_ führt dazu, daß der Gegenstand immer etwas anders und Vorbereitung des Intellekts zu seiner einstmaligen
ersche~t. Wie der Stil mitbestimmt, was gedacht wird, so bestirnt 'Objektivität', - letztere nicht als 'interesselose Anschau-
a~h die ~ahl der Perspektive mit, wasgesehen wird. Ein Ding auf ung' verstanden (als welche ein Unbegriff und Widersinn
eme bestimmte Weise anzusehen, impliziert, daß man es prinzipiell ist), sondern als das Vermögen, sein Für und Wider in der
Gewalt zu haben und aus- und einzuhängen: so dass man
cn ~ Man_c~ dachteman, daß ein Standpunkt, der sich jeder Bestimmung sich gerade die Verschiedenheit der Perspektiven und der
:; ::c
1zich~cm Blick aus der Hohe, aus dem Himmei vom Standpunkt Gottes aus,
Art _Yoge!pcrspc~ also, od«:"
. bnnat1l~ch.cme IDUS1on.
moderner, eine Satellitenperspektive.
Auch cme solche Perspektive selektiert und
Affekt-Interpretationen für die Erkenntnis nutzbar zu
machen weiss. [...] Es giebt nur ein perspektivisches Se-
VCtzctc ~- Wie die anderenPerspektivenauch, konstituiert sie das Wahrgenom- hen, nur ein perspektivisches 'Erkennen'; und je mehr Af-
meneauf emc sehr spezifischeWeise. fekte wir über eine Sache zu Worte kommen lassen, je
49 Hi mehr Augen, verschiedne Augen wir uns für dieselbe Sa-
r-n:--~ M. Foucault, Survel/ler et punlr. Naissance de Ja prison, Paris,
u, 1975,s.201 ff:
~............
50
KSA,Band2, S. 29.
51 53
KSA,Band 13, S. 371. Richard WagnerIn Bayreuth, §7: KSA, Band l, S. 466.
52H Putnam, . 54
KSA, Band 6, S. 266.
S. l41-i67. 'Whytbcn:ISD'ta ready-madeworld', in: Synthese, Nr. 2, 1982,
55
Brief an Paul Dcussenvom 4. April 1867: KSB, Band 2, S. 206.

22
23
ehe einzusetzen ~ um so vollstandiger wird unser
'Begriff' dieser Sache, unsre 'Objektivität' sein".36 4. NietzschesperspektivischesSchreiben

Die Verteidigung eines Perspektivismus impliziert nicht - zu- Wiederholt haben Philosophen versucht anzugeben, worin denn
mindestnicht notwendigerweise- einen Relativismus. Zwar ist es nun genau die Theorie Nietzsches hinsichtlich desTodes Gottes, des
korrekt zu behaupten, daß jede Perspektive mehr oder weniger unser Machtwillens der Frau. des "Übermenschen",der ewigen Wieder-
Bild der Welt bestimmtund sogar verflllscht Eine Perspektivehin- kunft des Gleichen, usf. bestehe. Man kann jedoch bezweifeln, ob in
seinen Schriften überhaupt eine solche allgemeine Theorie zu diesen
dert uns nicht nur manchmal am Zugang zur Welt, sondern zugleich
ermöglicht sie zu allererst einen solchen Zugang. Sie läßt uns Themen angetroffen werden kann. Auf eine solche Frage muß man
(manchmaldoch) die Welt sehen, wenn auch nur von einer einzigen m.E. sehr nuanciert antworten, und darüberhinaus wird die Antwort
Seite. Sie 7.eigtuns eineErscheinungsweiseder Welt Darüberhinaus von Thema zu Thema höchstwahrscheinlich sehr unterschiedlich
ist nicht jede willkürliche Perspektive mit jeder anderen gleichwer-
ausfallen.
In dieser Abhandlung werde ich mich auf ein einziges Thema be-
tig. So sind etwa manche Perspektiven nicht zweckgemäßum zu se-
schränken, das der "ewigen Wiederkunft des Gleichen". ~i~
hen, was man zu sehen wünscht Eine Perspektive kann eng oder
Thema hat wiederholt viele Nietzsche-Interpretenvor unüberwmdli-
weit sein, und sie kann, wie Niet7.sche sagt, sogar eine gewisse
che Schwierigkeitenund unauflösbare Rätsel gestellt. In der Sekun-
"Größe"haben.:r, Auch ermöglicht der Austausch einer Perspektive
därliteratur findet man dann auch sehr widersprüchliche Interpreta-
gegen eine andere - eventuellkomplementäre- einen gewissenFort-
tionen, die manchmal völlig aus der Luft gegriffen sind.59 Andere
schritt in der Erkenntnis, eineAnnäherung an die "Objektivität"(die Kommentatorenumgehen dieses Thema vorsichtshalber wegen der
Nietzsche vielsagend in Anführungszeichen setzt). Unser Begriff
voraussehbarenSchwierigkeiten.Wählt man jedoch Nietzsches pe!-
einer Sache kann "vollständiger" werden. Dies bedeutet natürlich spektivisches Schreiben als Ausgangspunkt, kann man m.E. em
nicht, daß wir je eineendgültige Sichtweise,eine allumfassendeSyn- neues Licht auf diese Problematikwerfen.
theseerreichen. (Ein anderer interessanter Aspekt des oben zitierten Weiterhin werde ich das Thema der ewigen Wiederkunft nur an-
Textes ist die Parallele, die Nietz.schezwischen Perspektive und Af- hand eines Nietzsche-Textesbehandeln, nämlich desZarathustra. In
fekt zieht Nicht nur unsere Gedanken, auch unsere Affekte sind als seiner bereits erwähnten AutobiographieEcce Homo sagt Nietzsche
pe~he Weltauft'asmmgenzu verstehen.~ Diese Affektgela- in aller Deutlichkeit, daß der Gedanke der ewigen Wiederkunft der
denheitder Perspektivenmuß hier jedoch außer Betracht bleiben.) Grundgedanke in Also sprach Zarathustra ist.60 Das B1;1Ch wurde
also geschrieben, um genau diesen Gedanken auszuarbeiten. Doch
muß der Leser auf den dritten Teil warten, bis dieser Gedanke mehr
oder weniger deutlich zur Sprache kommt. Er muß also auf den Teil
warten, den Nietzsche anfiinglich - in der von ihm selbst gebrauc~-
ten musikalischen Ausdrucksweise - als Finale einer Symphonie

59
Ein bekanntes Beispiel hierfllr ist M. Heidegger, der Nietzsches Gedanken
der ewigen Wiederkunft in Beziehung zur heutigen Technik, insbesondei:ezur
rotierendenWiederholungder Maschine setzt: Vortrage und Aufsatze, Pfullingen,
56
m,§ 12:KSA.Band5, S. 364-365. Neske, 1967, Teil I. S. 118 und Was hewt Denken?, Tübingen,Niemeyer, 1961,
S.47.
:r, KSA,Band2, S.20.
60
KSA, Band 6, S. 335: "Ich eIZ4hlenunmehr die Geschichtedes Zarathustra.
~
undsa Affekt_ bestimmt mit, was wahrgenommenwird. Der Psychoanalytiker Die Grundconceptiondes Werks. der Ewtge-Wtederkunfts-Gedanke [...]".
de 1,Phil~ ~-Kaufinan hat dies in seinem Buch L'experience emotionelle
espace,rans, Vnn, 1969, treffenddargelegt

24
25
61
aufgefaBfwissen wol1fe. (Erst spater änderte er seinen UI'Sprüngli- Das Streitgespräch zwischen Zarathustra und dem Geist der
cben Plan und schrieb - unter gro&enSchwierigkeiten - noch einen Schwerebeschäftigtsich mit Zarathustras "abgründigemGedanken",
mten Tdl.) dem Gedankender ewigen Wiederkunftdes Gleichen. Wie in Nietz-
Auch weide ich mich auf eine einzige Rede aus .Al.,o sprach sches Leben64 entsteht auch hier dieser Gedanke in Zarathustraan-
Zaradnlstrabeschrtnken. nämlich die, welcheden Titel "Vom Ge- hand einer konkretenErfahrung, eines Sehens, eingeführt.
sicht und Räthsel• tdgt. Darüberhinaus werde ich nur ein kurz.es
Fragmentaus ihr bespn:cheo. Dieser Text ist die zweite Rede des "'Siehe diesen Thorwegl Zwerg! sprach ich weiter: der
dritten Tals. Erst in ihr kommt zum ersten Mal im Buch die The- bat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen:
matik der ewigen Wiederkunft zm Sprache.Schon darum ist dieser die gieng noch Niemand zu Ende.
Text für den Aufbau des ganz.eo.Buches außerordentlich wichtig. Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit.
(Der andere wichtigeText zm ewigen Wiederkunft kommt erst ge- Und jene lange Gasse hinaus - das ist eine andre Ewig-
gen Ende desdritten Buches vor und tragt den Titel "Der Gene- keit.
seode•.G Ohne hier die Verpflichtung mr Begründung auf mich Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich
nehmen7.11können, meine ich, daß die perspdctivischeInterpreta- gerade vor den Kopf: - und hier, an diesem Thorwege,
tion, die ich~ möchte, auch für diesen Text unverkürzt ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des Thor-
gültig bleibt) wegs steht oben geschrieben:'Augenblick'."
Nebenanderen Motiven enthält "Vom Gesicht und Räthsel"die
FrDhhmg .2.arathustrasüber seinen Kampf mit dem .Geist der Mit Hilfe einer Reihe (räumlicher) Metaphern will Zarathustra
Schwere•und seinen Sieg über ihn. Zarathustra und der "Geist der die spontane Zeiterfahrung des Menschen beschreiben.Diese Meta-
Schwere•sind im ganzen Buch radikale Opponenten, oder wie der phern sind im allgemeinenziemlich durchsichtigund bieten dem In-
Text selbst sagt. "Enfeinde• . .2arathustra spricht über ihn als seine terpretenwenig Schwierigkeiten.
-YeufeJund Erzfeinde•.Er ist sogar der wichti~ Opponent Zara- - Das Bild des "Thorwegs"steht für den "Augenblick",jedoch
thustras: "Und mmaI.dass ich dem Geistder Schwere feind bin, das nicht für irgendeinen Augenblick, sondern nur für 'diesen Augen-
ist VOF-Att und wahrlich, todfeind, erzfeiod, urfeind! 1163Zwischen blick', den gegenwärtigenZeitpunkt, dasJetzt-Moment. . .
dem Geist der Schwereund z.arathustra muß man wählen. Sie reprä- - Die "lange Gasse zurück" steht für die Vergangenheitund die
semieren zwei radikal grundverschiedene Haltungen dem Leben ge- "lange Gasse hinaus" für die Zukunft._Be~de Wege. "gien~.noch
geuil)er. Der Leserwird mit einer äußerst wichtigen Lebensaltema- Niemand zu Ende", sie dauern eine Ewigkeit. Weder im Zuruckge-
tiYekomrontiert, derer sich nicht entziehen darf. In aller Deutlich- hen in die Vergangenheit,noch im Vorauslaufenin die Z~ er-
keit - sogarzweimal - sagt .2arathustradem Geist der Schwere, der reicht man je einen letzten Punkt. Im Gegensa~ zur christliche~
in der Gestalt eines Zwerges erscheint, daß es um eine Entscheidung Weltauffassunggibt es weder einen Anfang noch em Ende aller Zei-
gebt •zwagtDu! Oder ich!• und einige .zeilen weiter: •Zwerg! [...] ten. In einem posthumen Text von Anfang 1888 wird derselbe~-
Ich! Oderdu!".(Diese Umkehrung in der Reihenfolge der persönli- danke wiederholt:Die Welt "hat nie angefangen zu werden und me
cbcn Fiiiwörterdeutet an, daß z.arathustra in diesem Streit plötzlich aufgehörtzu vergehen - sie erhalt sich in Beidem... ~ie lebt von s~ch
die Oberhandgewinnt) selber: ihre Excremente sind ihre Nahrung... [...] Nichts kann nuch
hindern, von diesem Augenblick an rückwärts rechnend zu sagen

" -~ an FnmzOYcrbcck 'YOlll 6. Februar 1884: .KSB,Band 6, S. 474; Brief


80 Hcimich
K69elitz
'YOlll 30. Min 1884: KSB, Band 6, S. 491.
64 KSA,Band 6, S. 335: "Ich gieng an jenem Tage am See von Silvapl~a duro~
G JCSA.
ßand4, S. 1:10-'Zn.
die Wlldcr; bei einem mAchtigenpyramidalaufgethOrmtenBlock unwctt Surltt
63
KSA.Band4, S. 241. machteich Halt Da kammir dieser Gedanke.•

26 27
'ich werde nie dabei an ein Ende kommen': wie ich vom gleichen falls negativ: "Alles Gerade lügt [...]. Alle Wahrheit ist krumm, die
Augenblickvorwärts rechnen kann, ins Unendliche hinaus".65 Zeit selber ist ein Kreis".
- Das Jetzt wird als ein Thorweg angesehen. Auf eine solche Jede dieser drei Aussagen des Zwerges sollte etwas genauer be-
Durchgangspfortetriffi: man manchmal beim Überschreiten einer trachtet werden.
Landesgrenze.Auch das Jetzt ist eine Art Grenzübergang; es ist der
Punkt des Weges, wo die Zukunft aufhört, Zukunft zu sein, und die a) "Alles Gerade lügt".
Vergangenheitbeginnt An diesem Punkt geht der Weg der Zukunft Der Zwerg (der hier vielleicht eine Schopenhauerparodieist) be-
in den der Vergangenheitüber. Hier ist es, "wo sie [die Wege] zu- streitet die lineare Zeitkonzeption. Er will die Behauptung, daß die
~en kom,men".(E~ ist, um ein gleichartiges Bild zu gebrauchen, Zeit eine Gerade mit einer feststehenden unumkehrbaren Richtung
die Schleuse, durch die der Strom der Zukunft in den der Vergan- in die Zukunft ist, als eine Lüge aufdecken. Wie konnte diese Lüge
genheit übergeht, oder, wie Zarathustra anderswo sagt, die "Brücke entstehen?Es ist die 'sinnliche Welt' mit ihrem spontanen Glauben
[...] zum Dereinst das Jetzt [geht]".&!) an Finalität, die unwillkürlich einen solchen (transzendentalen?)
- Das Tor hat "zwei Gesichter", da man vom Jetzt aus hinsicht- Schein hervorbringt Die 'sinnliche Welt' schafft ununterbrochen
lich der Zeit zwei Gesichtspunkte oder Perspektiven einnehmen einen falschen Schein, der uns am Zugang zur 'wahren' Welt hin-
kann, nämlich retrospektiv in Richtung Vergangenheit oder pro- dert. Der Zwerg beruft sich hier also noch auf den platonischen Un-
spektivin RichtungZukunft.61 terschied, der die Grundlage der gesamten abendländischen Meta-
- Beide Wege "widersprechensich", oder "stossen sich gerade physikbildet, den Unterschied zwischen einer 'scheinbaren Welt', in
vor den Kop:f".Ein vergangener Augenblick kann nicht zugleich ein der man den Eindruck hat, daß Vergangenheitund Zukunft einander
zukünftigersein und umgekehrt. Darüberhinaus verlaufen die Wege entgegengesetztsind, und einer 'wahren Welt', in der dies nicht der
v~n Vergangenhe~tund Zukunft in die entgegengesetzte Richtung; Fall ist.68
sie laufenstets weiter auseinander.
Zarathustra deutet hier eine lineare Zeitauffassung an, d.h. eine b) "Alle Wahrheit ist krumm"
Auffassung,in der die Zeit eine Gerade und das Jetzt ein Punkt auf Dieser Satz kann (zumindest) auf zweierlei Weise gedeutet wer-
ihr ist Dieser Standpunkt,den wir schon in der Antike bei Aristote- den. Beide Interpretationenergänzen einander.
les finden, ist wahrscheinlichder selbstverständlichsteund natürli- - In der einen Deutung hat das Wort "krumm" die Bedeutung
che. Er wird jedoch von Zarathustra weder bestritten noch aner- von 'falsch' oder 'unwahr'. Was die lineare Zeitauffassung als
~t. Jedenfalls nimmt er nicht explizite eine bestimmte Haltung 'Wahrheit' behauptet, ist nach Ansicht des Geistes der Schwere
~ gegenüberein. Er formuliert lediglich eine Reihe von Fragen, unwahr, d.h. krumm. Der Gegensatz von 'gerade' und 'krumm' fällt
mit denen er den Geist der Schwereauf die Probe stellen will. Seine bei dieser Deutung zusammen mit dem von 'wahr' und 'unwahr'.
~rste Frag~ lautet: "Aber wer Einen von ihnen weiter gienge - und - In der anderen Deutung hat das Wort "krumm" die Bedeutung
~er ~e•t~r und immer ferner: glaubst du, Zwerg, dass diese Wege von kreisfürmig.Die Wahrheit hinsichtlich der Zeit ist, daß sie nicht
sich ewtg widersprechen?"Auf diese Frage kann man offensichtlich als gerade, sondern als krumm, nicht als eine gerade Linie, sondern
nur mit 'Ja' oder 'Nein' reagieren. Die Antwort des Zwerges ist jeden- als Kreis angesehen werden muß. Der Gegensatz von 'gerade' und
'krumm' fällt in dieser zweiten Deutung mit dem Gegensatz von
zwei verschiedenen Zeitauffassungen zusammen: der linearen und
65
der zyklischen. In der dritten und letzten Behauptung des Zwerges
KSA,Band13,S.374-37S. wird dies noch deutlicher:
66
KSA,Band4, S. 236.
67
"R Di
. ese zwei'Gesh 1c ter hat Husserl in seinen berühmten Zeitanalysen 68
ctention" und "Protcntion" genannt: E. Husserl, Zur Phllnomenologie des Dazuder berühmte Text "Wie die 'wahre Welt' endlich zur Fabel wurde" in:
innerenZeltbewusstseins, DenHaag, M. Nijhof( 1966, u.a. S. 24 und S. S2-53. KSA, Band 6, S. 80-81.

28 29
c) "die Zeit selber ist ein Kreis" Zentral in diesem Satz ist das unauffiUligeWort "leicht". In der
Hier verteidigt der Zwerg eine zyklische Zeitauffassung, eine Problematikder ewigen Wiederkunft spielt der Gegensatzvon leicht
Lehre vom ewigen Kreislauf aller Dinge. In der Metaphysik stoßen und schwer ständig eine wichtige Rolle. Warum macht es sich der
wir auf eine solche Lehre vielleicht schon bei Plato (im Phaidros69), Zwerg nach Meinung Zarathustras zu leicht? Eine mögliche Antwort
aber auch und vor allem bei Schopenhauer (in Die Welt als Wille auf diese Frage kann man m.E. am besten geben, wenn man - in ei-
und Vorstellung):"So liegt das Subjekt des Wollens beständig auf ner Art einfacher textueller Analyse - den SprachgebrauchZarathu-
dem drehendenRade des Ixion, schöpft immer im Siebe der Danai- stras und des Zwerges untersucht und Punkt für Punkt miteinander
den, ist der ewig schmachtende Tantalus".70 Oder anderswo: "Wir konfrontiert.
können die Zeit einem endlos drehenden Kreise vergleichen".71 In Hierbei 00.lt sofort auf, daß ihre Aussagen vom Charakter her
einer zyklischen Zeitauffassung widersprechen Vergangenheit und weitgehend entgegengesetzt sind. In einer These zusammengefaßt
Zukunfteinander nicht. Die Vergangenheit ist zugleich auch die Zu- könnte man sagen, daß der Zwerg gegenüber der ewigen Wieder-
kunft und die Zukunft die Vergangenheit. Der Weg, der sich hinter kunft eine allgemein-theoretische und kategorisch-ontologische
uns entfernt, und der Weg der auf uns zukommt, diese beiden Wege Haltung einnimmt, während Zarathustra sich ihr gegenüber in der
laufen nicht stets weiter auseinander, sondern sie laufen letzten En- Regelindividuell-praktisch.interrogativ-'deontologisch'und partiku-
des aufeinander zu und treffen in dem Punkt aufeinander, wo ein lar-perspektivischverhält. Dies soll kurz an einigen Beispielen illu-
neuerZyklusbeginnt. striert werden.
Man sollte erwarten, daß Zarathustra die Antwort des Zwerges - 1. Sowohl die Aussage "Die Zeit ist geradlinig" wie die
begeistert begrüßt; er reagiert jedoch abweisend: "'Du Geist der Aussage "Die Zeit ist ein Kreis" sind kategorisch und ontologisch,
Schwere!sprach ich zürnend, mache dir es nicht zu leicht! Oder ich wobei jeweils ein Wahrheits- und Objektivit.ätsansprucherhoben
lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuss, - und ich trug dich wird, der sich anmaßt, die beschränkte Perspektive,aus der man die
hoch! [...]'". Zeit erlährt, übersteigen zu können. Wegen seiner großen Angst vor
Auf den ersten Blick muß diese Reaktion Erstaunen wecken.Sie der ewigen Wiederkunftflüchtet sich der Geist der Schwere in eine
brachte viele Interpreten darum auch in Verlegenheit. Manche unpersönliche. unverbindliche, theoretische Betrachtungsweise.Er
glaubtenaus ihr schließen zu müssen, daß :für Zarathustra die Zeit ist ein ängstlicher Außenstehender. der jede emotional-existentielle
kein Kreis, sondern eine Gerade ist. Dann tritt natürlich die Schwie- Beziehungzu der Problematikverweigert.
rigkeit auf, wie eine lineare Zeitauffassung mit dem Standpunktder Zarathustra hingegen intensiviert den Gedanken der ewigen
ewigenWiederkunftversöhnt werden kann. Andere haben behaup- Wiederkunft,indem er ihn gnadenlos auch auf sich selbst anwendet.
tet, daß Zarathustrazwar die Zeit kreisförmig auffaßt, aber daß die- Er ist kein neutraler Zuschauer, der den Gedanken von außen be-
ser Kreis anders gedeutet werden muß. In diesem Fall liegt die trachtet, sondern ein Teilnehmer, der in der Sache völlig aufgeht
Schwierigkeitdarin, daß nirgendwo von Zarathustra deutlich gesagt und von ihr getroffen wird. Er findet den Gedanken, wie er selbst
wird, wie denn eine solche andere Deutung auszusehen habe. Zara· sagt. "abgründlich".Im Gegensatz zum Geist der Schwereverwendet
thustra jedoch bestreitet weder diese Auffassung der Zeit als Kreis Zarathustrain der Regel keine kategorisch-ontologischenAussagen.
nochbestätigter sie. Er sagt weder das eine noch das andere. Er sagt Stattdessenhat er den Mut, sich einer eskalierendenReihe von Fra-
lediglich:"machedir es nicht zu leicht!" gen auszusetzen. Diese Fragen betreffen vorerst seine Vergangen-
heit, dh. diese "lange Gasse rtlckwarts",diese schwierige, steile
Gasse,die er mit dem bleischweren Geist der Schwere auf seinen
69
Schulternbesteigen müßte; sie betreffen weiter diesen Augenblick,
247d. db. "diesenThorweg" den er ansieht; sie betreffen zuletzt seine Zu-
70
A. Schopenhauer,Dte Welt als Wille und Vorstellung, Köln, Atlas, o.J., S. kunft, d.h. "diese lange Gasse hinaus (...], diese lange schaurige
228. Gasse":
71
lbld., S. 316.

30 31
"Muß nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon verweisen (wie 'dies', 'das', 'dieser', 'ich', 'du', 'wir', 'sich' etc.). Er
einmal diese Gasse gelaufen sein? Muß nicht, was ge- spricht nicht über die Zeit, sondern ausschließlich über 'diesen Au-
schehn kann von allen Dingen, schon einmal geschehn, genblick'(zweimal): "was hältst du Zwerg von diesem Augenblick?"
gethan, vorübergelaufensein? Er fordert den Geist der Schwere auf, 'diesen Thorweg' zu betrach-
Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hälst du ten. Er spricht von 'diesem Thorwege Augenblick'. Die Reihe dieser
Zwerg von diesem Augenblick?Muß auch dieser Thorweg Beispielekönnte man beinahe endlos fortsetzen.
nicht schon - dagewesen sein? Nietzsche praktiziert mit seinem Schreiben sehr genau seinen
Und sind nicht solchermaßen fest alle Dinge verknotet, Perspektivismus. Von Anfang an nimmt er beim Thematisieren des
daß dieser Augenblick alle kommenden Dinge nach sich Zeitproblems einen sehr konkreten Standpunkt ein, nämlich von
zieht? Also-- sich selber noch? 'diesem' Augenblick schaut er in seine Vergangenheit: "Siehe,
Denn, was laufen kann von allen Dingen: auch in die- sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Thorwege Au-
ser langen Gassehinaus - muß es einmal noch laufen! - genblick läuft eine lange ewige Gasserückwtirts [Hervorhebungvon
Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine Nietzsche]: hinter uns liegt eine Ewigkeit." Nach einer ganzen
kriecht, und dieser Mondschein selber, und ich und du im Reihe - bereits zitierter - Fragen, wechselt Zarathustra plötzlich
Thorwege, zusammen flüsternd, von ewigen Dingen flü- auch noch seinen Standpunkt. Von "diesem" Augenblick aus richtet
sternd- müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? er sich jetzt auf seine Zukunft: "Und sind nicht solchermassen fest
- und wiederkommen und in jener anderen Gasse alle Dinge verknotet, dass dieser Augenblick alle kommenden
laufen, hinaus, vor uns, in dieser langen schaurigen Gasse Dinge nach sich zieht? Also -- sich selber noch?"
- müssen wir nicht ewig wiederkommen?-" Ein aufmerksamer Leser könnte entgegnen, daß in dieser langen
Fragenliste Zarathustras, die oben angeführt wurde, eine Aussage
Vor diesen Fragen flüchtet der Zwerg: "Wohin war jetzt Zwerg? vorkommt,die deutlich nicht in Frageform gekleidet ist: "Denn, was
[...] Zwischen wilden Klippen stand ich mit Einem Male, allein". laufen kann von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse hinaus
Zarathustra versucht nicht, die Unruhe dieser Fragen durch die Si- -muß es einmal noch laufen!-".
cherheit einer Antwort zum Stillstand zu bringen. Die Fragen blei- Die Frage ist jedoch, ob es sich hier um eine kategorische und
ben. Sie behalten unvermindert ihre 'Fragwürdigkeit'. In einem an- folglich ontologische Aussage handle. Vielleicht kan der Satz als
deren Zusammenhang schreibt Nietzsche: "Der Gedanke also wird Befehl, als Imperativ (jedoch nicht als 'kategorischer') aufgefaßt
nicht als unmittelbargewiß genommen, sondern nur als ein Zeichen, werden,als eine nonnative Aussage, die nicht ontologischbehauptet,
ein Fragezeichen".72 was ist, sondern de-ontologisch vorschreibt, was sein muß.73 Ein
- 2. Zweitensverwendet der Zwerg regelmäßig universelle Aus- Hinweis darauf ist nicht nur das Ausrufezeichen am Satzende, son-
sagen, wie "Alles Gerade lügt" oder "Alle Wahrheit ist krumm". Sol- dern vor allem auch die Ausrichtung auf die Zukunft ("diese lange
c~e A~?en ~ruchen eine Gültigkeit, die im Prinzip von der Gassehinaus") und die Nebenordnung der von Nietzsche selbst kur-
Si~tion, ~ der sie geäußert werden, unabhängig ist. Sie tun so, als sivierten Verben "können" und "müssen". Da jedes Massen notwen-
ob Slevon jeder möglichenPerspektivefrei sind. Sie meinen "a view digerweiseein Können impliziert, bezieht sich der Befehl, den Berg
from nowhere"einnehmen zu können. nochmals zu besteigen, nur auf die "Dinge", die ihn besteigen kön-
. F~ Zarathustras Sprechen ist stattdessen kennzeichnend, daß es nen. Aber dieses Müssen wird nun nicht mehr von einer externen,
sich smgularer Aussagen bedient, für die weiterhin charakteristisch fremden Instanz (etwa von Gott oder einer anderen Autorität) aufer-
ist, daß in ihnen viele indexikalische Ausdrücke vorkommen, also legt. Im Gegensatz zu Sisyphos (auf den der Geist der Schwere be-
Ausdrücke,die nach konkreten Dingen, Situationen oder Personen
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KSA, Band S, S. 145: "Die eigentlichenPhilosophen [..•] sind Befehlende
KSA, Band 11, S. 174. Auch KSA, Band 3, S. 627. undGesetzgeber:sio sagen'so soll os sein!'".

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reits am Anfang von "Vom Gesicht und Räthsel" hinwies74)tritt dies
Müssen auch nicht mehr als Strafe auf.75 5. "Der personenbildende,pel'sonendichtendeTrieb"
zweitens meine ich, daß selbst wenn diese AussageZarathustras "Die Gestalten,welche ein KOnstler schaffi, sind
nicht als Imperativ, sondern als kategorische Aussage gelesenwer- nicht er selbst, aber die Reihenfolgeder Gestalten,an
den müßte, noch immer die Frage offen bliebe, ob dieser sogenannte denen er ersichtlich mit innigster Liebe hingt, sagt
allerdings Etwas Oberden KOnstlerselber aus".78
(bedeutungsvolle)Lapsus Zarathustras auch als eine ontologische
RestproblematikNietzsches aufgefaßt werden muß. Selbstwennes
um einen Rückfall Zarathustras in eine Ontologie ginge, selbstdann
müßte dies nicht notwendigerweisebedeuten, daß Nietzscheselbstin Schon bei einer ersten Lektüre von "Vom Gesicht und Räthsel"
eine Ontologiezurückfällt. In einem Brief vom 7. Mai 1885an seine fllllt auf daß dieser Text nicht den Eindruck eines philosophischen
SchwesterElisabeth schreibt Nietzsche: "Glaubeja nicht, dassmein Textes hinterläßt. Wir haben es nicht mit einem Text zu tun, wie wir
Sohn Zarathustra meine Meinungen ausspricht. Es ist eine meiner sie aus einer bestimmten philosophischenTradition kennen: d.h. ein
Vorbereitungen und Zwischen-Akte. -Verzeihung!"76 Einige Tage Text mit Fachausdrücken, Definitionen, Argumenten, Schlüssen,
später kommt er darauf mit der Behauptung zurück, daß Zarathustra usf. Er macht eher den Eindruck eines literarischen Textes: eine Ge-
nicht nur seinen Gedanken keinen Ausdruck verleiht, sondernsie schichte mit handelnden Figuren, Ereignissen und unerwarteten
Wendungen.Bei Nietzsche ist jedoch bemerkenswert(und viellei_cht
auch verbirgt: "Alles, was ich bisher geschrieben habe, ist Vorder-
grund~für mich selber geht es erst immer mit den Gedankenstrichen einzigartig),daß manche seiner Texte zugleich lit~rarisch_ und ~hilo-
sophisch sind. Der literarische Gehalt der Texte ist bereits philoso-
los. Es sind Dinge gefährlichster Art, mit denen ich zu thunhabe;
dass ich dazwischen in populärer Manier bald den Deutschen phisch relevant, und umgekehrt ~t ~er philosop!rlscheInhalt
auch ihren literarischen Gehalt. Diese zwei Aspekte smd unauflös-
Schopenhauem oder Wagnern anempfehle, bald Zarathustra'saus-
lich miteinanderverbundenund ineinander-geflochten.
denke, das sind Erholungen für mich, aber vor Allem auch Ver-
Von Beginn an setzt Nietzsche seine Philosophie in Szene.79 Er
stecke, hinter denen ich eine Zeit lang wieder sitzen kann".77 inszeniert seine Gedanken, oderbesser,erst in einer Reihe von In-
szenierungenwerden sie erst wirklich Gedanken, Gedanken mit ei-
nem wirklichen Inhalt, eine lebendige Philosophie. Nietzsches Phi-
losophie ist eine Philosophie mit Kulissen, Requisiten, ~hauspi~-
lern, Kostümen und natürlich auch allerhand Masken. Erst die
Künstler, und namentlich die des Theaters, haben den Menschen
Augenund Ohren eingesetzt,um Das mit einigem Vergnügen_zu hö-
ren und zu sehen, was Jeder selber ist, selber erlebt, selber will; erst
sie haben uns die Schätzung des Helden, der in jedem von allen die-
74
KSA,Band 4, S. 198: "Oh Zarathustra, raunte er höhnisch ~ilb' um Silbe,d~ sen Alltagsmenschenverborgen ist, und die Kunst gelehrt, wie man
Steinder Weisheit!Du warfst dich hoch, aber jeder geworfeneStem muss- fallen; sich selber als Held, aus der Feme und gleichsam vereinfacht und
Oh Zarathustra,du Stein der Weisheit,du Schleuderstein,du Stem-Zertr0mmerer. verklärt ansehen könne, - die Kunst, sich vor sich selber 'in Scene
Dich selber warfst du so hoch, - aber jeder geworfene Stein - ~uss fallen! setzen'. So allein kommen wir über einige niedrige Details an uns
Vcrurtheiltzu dir selber und zur eignen Steinigung:oh Zarathustra,wettwarfstdu
ja den Stein,- aber auf dich wird er zurückfallen!"
hinweg! Ohne jene Kunst würden wir Nichts als Vordergrund sein
75
Eine Gegenanzeigeist jedoch, daß Nietzsche hier nicht das Modalverbe
"sollen",sondern"mOssen"benotzt. 78
KSA, Band 1, S. 437-438.
76
KSB,Band 7, S. 48. 79
HierObcr S. Kofman Nietzsche et la .scenephtlosophtque, Paris, Union
77 Generaled'Editions, 1979 und P. SloterdijkDer Denker auf der Bühne: Nietz-
Brief an Elisabeth Nietzsche vom 20. Mai 1885: KSB, Band 7, S. 53·
(Hervorhebungvon mir). sches Materlaltsmus, Frankfurtam Main, Suhrkamp,1986.

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und ganz und gar im Banne jener Optik leben, welche das Nächste
und Gemeinsteals ungeheuer gross und als die Wirklichkeit an sieb Els Weijers (Amsterdam)
erscheinenläßt".80 Diese Kunst des Inszenierens, des sich selbst und
seine philosophischenGedanken in Sze~e Se~ns,. läß_t~ einsc:-
hen, daßdie "Optik"der wir verhaftet smd, mcht die elllZlg mögli- WIE MAN WIRD, WAS MAN ERZÄHLT.
che ist. Sie lehrt wis zugleich, daß wir die Dinge auch anders sehen ERZÄHLEN UND DISKURS VOM SELBST
und hören können, daß eine "Wirklichkeit an sich" nur eine
(hartnäckige) Illusion ist. Diese Kunst entspringt einem "perso- IN NIETZSCHES TEXTEN'
nenbildenden,personendichtendenTrieb", der darauf aus ist, einen
"Gedanken" als Individuum, als Person, als Persona, als Prot-
agonisten aufzufassen.In einem Text aus Menschliches, Allzumen-
schliches, der von "der innersten Erfahrung des Denkers" (so der Ti- "Hinter deinen Gedanken und Geftlhlen.mein
Bruder,steht ein mlcbtiger Gebieter, ein unbe-
tel des Aphorismus)handelt, sagt Nietzsche: "Nichts wird dem Men- kannter Weiser - der beisst Selbst. In deinem
schen schwerer,als eine Sache unpersönlich zu fassen: ich meine, in Leibe wohnt er, deinLeib iat er"
ihr eben eine Sache und keine Person zu sehen; ja man kann fragen, (Z. Von den Vert'Jchtern
du Leibes)
ob es ihm überhaupt möglich ist, das Uhrwerk seines personenbil-
denden, personendichtenden Triebes auch nur einen Augenblick
auszuhängen.Verkehrt er doch selbst mit Gedanken, und seien es "Aber lassen wir Herrn Nietzsche: was geht es wis an, dass Herr
die abstractesten,so, als wären es Individuen, mit denen man kämp- Nietzsche wieder gesund wurde?..." (FW, Vorrede 2). Im Licht der
fen, an die man sich anschliessen, welche man behüten, pflegen, aktuellen Literatur-Kritik wird hier eine interessante Frage geäußert.
aufnährenmüsse".81 Denn wo der Autor für tot erklärt wird und sein Text über das Feld
Aus dieser Dramatisierungder Philosophie und aus der Pluralität der unendlichen Bedeutungen ausgestreut wird, erscheinen Er-
dieserDramatisierungenfolgt zugleich, daß die Protagonisten, die in z.ählungen über den persönlichen Z~d we~g ~t~ressant. De
Man, interessiert am (erzählenden) SubJekt als linguistischem oder
diesen Texten auftreten, nicht ohne weiteres Sprachrohre von Nietz-
sche selbst sind. Sie entfalten verschiedene Perspektiven, von denen besser rhetorischem Phänomen, geht in seiner Nietzsche-Lektüre
keine einzige umstandslos mit der Nietzsches identifiziert werden denn auch nicht auf sie ein. Er betont die Unterminierung des Sub-
kann. Sie handeln, haben Erwartungen und Zweifel und machen jekts und zitiert u.a "Der Thäter ist zum Thun bloss hinzugedich-
Aussagen,die nicht, oder jedenfalls nicht notwendig, die des Autors, tet .." (1979: 126). Daß Nietzsches Texte die Bedeutung des 'Hinzu-
Nietzschesselbst sind. dichtens' gleichzeitig unterstreichen und verwirklichen, bleibt bei De
Man außer Betracht. Shapiro in Nietzschean Na"atives (1989)
meint, daß Nietzsche die Auflösung des Subjektsfeiere. "Nietzsche's
conception of text and interpretation [...] is deconstructive and
dispersive rather than totalizing and integrating", so meint er als
Reaktion aufNehamas (1985), der aufmerksam macht auf die Rolle,
die Selbsterschaffung in Nietzsches Werk spielt (1989:86). Laut
Shapiro impliziert die ewige Wiederkehr "the radically dissolution of
selfhood" (ib). "Any attempt to use the thought in order to make my
life history into a rneaningful development rwis into the danger of
1
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KSA, Band3, S.433-434. Ich bedanke mich bei John Neubauer und Gerrit van Vegchel fllr ihren kriti-
schen und hilfreichen Kommentar. Paul van der Heijde, Oscar van Weerdenburg
81
KSA, Band2, S. 389. und vor allem Ursula Brink.manndanke ich fl1r ihren Beitrag an der Übersetzung.
Helga Geyer-Ryanfllr die letzte korrigierendeLesung.
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