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Ernesto Che Guevara

Aufzeichnungen
aus dem
kubanischen Befreiungskrieg
1956-1959

Mit einem einleitenden Text


von Fidel Castro

Deutsch von Reinhold Neumann-Hoditz

Rowohlt

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Die vorliegende Ausgabe folgt der bei Monthly Review Press, Inc., New York,
unter dem Titel «Reminiscences of the Cuban Revolutionary War»
Zum ehrenvollen Gedenken an Che1
erschienenen amerikanischen Ausgabe
Revolutionäre Genossen!
Einbandgestaltung: Werner Rebhuhn (Fotos: UPI) Zum erstenmal begegnete ich Che an einem Tag im Juli oder August 1955.
Foto Ernesto Che Guevara: dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH
Und eines Nachts - wie Che sich in seinen Schriften erinnert -wurde er einer
der späteren Expeditionsteilnehmer der Granma, obgleich jene Expedition zu
diesem Zeitpunkt weder ein Schiff noch Waffen oder Soldaten zur Verfügung
hatte.
So also wurde Che, zusammen mit Raúl, als einer der ersten auf die Liste
der Granma gesetzt. Zwölf Jahre sind seither vergangen. Es waren Jahre des
Kampfes, Jahre von historischer Bedeutung. In dieser Zeit hat der Tod viele
tapfere Männer von unschätzbarem Wert gefällt; gleichzeitig sind jedoch in
allen diesen Jahren unserer Revolution außergewöhnliche Persönlichkeiten
nach vorn gerückt, sie drängten aus den Reihen der Revolutionäre an die
Spitze, und zwischen jenen Männern und dem Volk haben sich Bande der
Zuneigung und der Freundschaft entwickelt, wie man sie kaum schildern
kann.
Heute sind wir hier zusammengekommen, um irgendwie zu versuchen, den
Gefühlen Ausdruck zu geben, die uns ihm gegenüber bewegen, der einer von
denen war, die uns am nächsten standen, der der geliebteste und ohne Zweifel
der außergewöhnlichste unserer revolutionären Kameraden war - wir sind
zusammengekommen, um unseren Gefühlen für ihn und für die Helden Aus-
druck zu geben, die mit ihm gekämpft haben und mit ihm gefallen sind, für
seine internationalistische Armee, die ein ruhmreiches historisches Helden-
epos geschrieben hat, das niemals ausgelöscht werden kann.
Che gehörte zu den Menschen, die man sofort gern haben muß. Seine Ein-
fachheit, sein Charakter, seine Natürlichkeit, seine kameradschaftliche Hal-
tung, seine Persönlichkeit, seine Originalität zogen die Menschen an, auch
wenn sie von seinen anderen charakteristischen und einzigartigen Vorzügen
noch nichts wußten.
In jenen ersten Tagen war er der Arzt unserer Truppen. Und schon aus die-
sem Grunde wurden die Bande der Freundschaft und der herzlichen Gefühle,
die wir für ihn hegten, immer stärker.
Er haßte den Imperialismus zutiefst und war erfüllt mit Ekel vor ihm - und
Veröffentlicht im Januar 1969 dies nicht nur, weil sein politisches Bewußtsein schon damals beträchtlich
Für die deutsche Übersetzung
© Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg, 1969
entwickelt war, sondern auch, weil er kurz vorher die Gelegenheit gehabt
Alle deutschen Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks hatte, Zeuge der verbrecherischen imperialistischen Intervention in Guatemala
und der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten
Gesamtherstellung Clausen & Bosse, Leck/Schleswig
Werkdruckpapier von der Peter Temming AG, Glückstadt/Elbe 1
Text der Rede, die Fidel Castro am 18. Oktober 1967 zum Gedenken an Ernesto Che Guevara auf dem
Printed in Germany Platz der Revolution in Havanna hielt.
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zu sein, die mit Hilfe von Söldnern vollzogen wurde, die die Revolution in kümmerte.
diesem Land zunichte machten. Schließlich hatten wir die Waffen erbeutet, und es wurde notwendig, jene
Ein Mann wie Che brauchte keine ausgeklügelten Argumente; ihm genügte Stellung aufzugeben; unter dem Störfeuer aller möglichen feindlichen Kräfte
es zu wissen, daß es Männer gab, die entschlossen waren, mit der Waffe in der machten wir uns auf einen langen Rückzugsmarsch; es mußte aber jemand bei
Hand gegen diese Situation anzukämpfen; ihm genügte es zu wissen, daß den Verwundeten zurückbleiben, und es war Che, der bei den Verwundeten
diese Männer von echten revolutionären und patriotischen Idealen beseelt blieb. Mit Unterstützung einer kleinen Gruppe unserer Soldaten widmete er
waren. Das war mehr als genug. sich den Verwundeten, rettete ihr Leben und schloß sich später zusammen mit
Eines Tages, Ende November 1956, machte er sich mit uns auf die Ex- ihnen wieder unserer Kampfgruppe an.
pedition nach Kuba. Ich erinnere mich, daß ihm diese Fahrt sehr schwer- Von diesem Zeitpunkt an tat er sich als fähiger und tapferer Truppenführer
gefallen ist, denn er konnte sich, wegen der Umstände, unter denen die Abrei- hervor, er gehörte zu den Männern, die - wenn eine schwierige Aufgabe
se vonstatten gehen mußte, nicht einmal mit den notwendigsten Medikamen- bevorsteht - nicht erst darauf warten, bis man sie auffordert, diese Mission
ten versorgen; auf der ganzen Fahrt litt er an einem schweren Asthma-Anfall, auszuführen.
und er hatte nichts, ihn zu lindern, aber er klagte nie. So war es in der Schlacht von El Uvero gewesen; aber bei einer noch nicht
Wir gingen in Kuba an Land, unternahmen unseren ersten Vormarsch, erwähnten Gelegenheit hatte sich Che ähnlich verhalten, und zwar in den
mußten den ersten Rückschlag hinnehmen, und dann, nach einigen Wochen, ersten Tagen, als nach einem Verrat unsere kleine Truppe von mehreren
konnten sich, wie ihr alle wißt, einige der Überlebenden von der Granma- Flugzeugen überrascht wurde und wir gezwungen waren, uns vor den Bomben
Expedition wieder zusammenschließen. Che blieb der Arzt unserer Gruppe. zurückzuziehen. Wir waren schon ein Stück gegangen, als uns einige Gewehre
Wir überstanden das erste Gefecht als Sieger, und Che war schon einer un- einfielen, die ein paar Bauernsoldaten gehört hatten, die bei den ersten Aktio-
serer Soldaten und gleichzeitig weiterhin unser Arzt. Wir siegten zum zwei- nen bei uns gewesen waren, dann aber um die Erlaubnis ersucht hatten, ihre
tenmal, und Che war nun nicht nur einer unserer Soldaten, sondern der hervor- Familien zu besuchen; das geschah zu einem Zeitpunkt, als in unserer Mini-
ragendste Soldat dieses Gefechts, in dem er zum erstenmal eine jener unge- Armee die Disziplin noch nicht sehr groß war. Und so nahmen wir an, daß die
wöhnlichen Heldentaten vollbrachte, die für ihn in allen militärischen Aktio- Gewehre möglicherweise verlorengegangen waren.
nen charakteristisch waren. Unsere Streitkräfte machten weiter Fortschritte, Ich erinnere mich, daß das Problem dann nicht wieder angeschnitten wurde,
und wir standen gerade vor einem neuen Kampf von außerordentlicher Bedeu- daß sich aber Che während der Bombenangriffe freiwillig meldete und dann
tung. eilig aufbrach, die Gewehre zu beschaffen.
Die Lage war schwierig. Die Informationen, die wir erhalten hatten, waren Eine Eigenschaft zeichnete ihn vor allem aus: seine Bereitschaft, sich für
in vieler Hinsicht falsch. Wir waren im Begriff, bei hellem Tageslicht - bei die gefährlichste Mission sofort freiwillig zu melden. Und das löste naturge-
Tagesanbruch - eine feindliche Stellung anzugreifen, die direkt am Meer lag, mäß Bewunderung aus - doppelt soviel Bewunderung wie gewöhnlich, denn
die gut verteidigt und gut bestückt war. Feindliche Truppen standen, nicht es handelte sich um einen Mitkämpfer, der, obwohl er nicht in unserem Land
sehr weit entfernt, in unserem Rücken, und in dieser verwirrten Lage war es geboren worden war, an unserer Seite stritt, um einen Mann mit scharfsinni-
notwendig, unseren Männern höchste Anstrengungen abzuverlangen. gen und tiefgründigen Ideen, in dessen Geist ständig der Traum vom Kampf
Genosse Juan Almeida hatte eine der schwierigsten Aufgaben übernom- in anderen Teilen des Kontinents umging und der dennoch so altruistisch, so
men, aber eine Flanke blieb völlig ungedeckt, dort standen keinerlei Angriffs- selbstlos und so voller Bereitschaft war, stets die schwierigsten Dinge zu tun,
kräfte bereit, wodurch die ganze Operation gefährdet war. In diesem Augen- ständig sein Leben aufs Spiel zu setzen.
blick bat Che, der immer noch als unser Arzt fungierte, um zwei oder drei So wurde er Major, dann Chef der Zweiten Kampfgruppe, die in der Sierra
Mann, einen mit Maschinengewehr, und er brach in Sekundenschnelle auf, um Maestra aufgestellt wurde. Sein Prestige wuchs, ihm ging der Ruf voraus, ein
die Aufgabe zu übernehmen, von dieser Richtung her anzugreifen. glänzender Kämpfer zu sein, der im Laufe des Krieges die höchsten Positio-
In solchen Situationen war er nicht nur ein hervorragender aktiver Kämp- nen erreichen würde.
fer, sondern auch ein ausgezeichneter Arzt, der die verwundeten Genossen Che war ein unvergleichlicher Soldat. Er war eine unvergleichliche Führer-
versorgte und sich gleichzeitig auch um die verwundeten feindlichen Soldaten persönlichkeit. Vom militärischen Gesichtspunkt aus war Che ein außerge-
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wöhnlich fähiger Mann, er war außergewöhnlich mutig und außergewöhnlich denn wir sind der Ansicht, daß sein Leben, seine Erfahrung, seine Fähigkeiten
angriffslustig. Wenn er als Guerillero überhaupt eine Achillesferse besaß, so als eine erprobte Führerpersönlichkeit, sein Prestige und alles, was sein Leben
war es diese übermäßige Angriffslust, die ihm eigen war, und seine völlige bedeutete, wertvoller, unvergleichlich wertvoller waren, als er selbst es viel-
Verachtung jeder Gefahr. leicht annahm.
Der Feind glaubt, er könne aus dem Tod Ches gewisse Schlußfolgerungen Vielleicht war sein Verhalten nachhaltig von der Vorstellung beeinflußt
ziehen. Che war ein Meister der Kriegführung. Er war ein Virtuose in der worden, daß Menschen in der Geschichte nur einen relativen Wert besitzen,
Kunst des Guerillakampfes. Er hat diese Eigenschaft unendlich viele Male von der Vorstellung, daß eine Sache nicht verloren ist, wenn Menschen fallen,
unter Beweis gestellt, insbesondere aber mit zwei außerordentlichen Taten. und daß der gewaltige Gang der Geschichte nicht angehalten werden kann und
Einmal bei der Schlußoffensive, in der er eine Kampfgruppe führte, die von nicht angehalten werden wird, wenn die Führer fallen.
Tausenden feindlichen Soldaten über flaches und völlig unbekanntes Gelände Und das trifft zu, daran besteht kein Zweifel. Hier zeigt sich sein Glaube an
verfolgt wurde, und wobei er mit Camilo ein hervorragendes militärisches die Menschen, an Ideen, an das Beispiel. Wir hätten ihn jedoch aus vollem
Unternehmen durchführte. Zum zweiten zeigten sich diese seine Fähigkeiten Herzen gern als Schmied der Siege erlebt, wir hätten es gern erlebt, daß sich
in seinem Blitzfeldzug in der Provinz Las Villas und vor allem bei dem küh- unter seiner Führung die Siege Bahn brechen, denn Männer mit seiner Erfah-
nen Angriff auf Santa Clara, als er mit nur dreihundert Mann in eine von rung, von seinem Format und mit seinen wahrhaft einzigartigen Fähigkeiten
Panzern, Artillerie und mehreren tausend Infanteristen verteidigte Stadt ein- sind nicht alltäglich.
drang. Wir erkennen den Wert seines Beispiels sehr gut. Wir sind völlig davon
Diese beiden heldenhaften Taten prägten ihn als außergewöhnlich fähige überzeugt, daß viele Menschen danach streben werden, seinem Beispiel zu
Führerpersönlichkeit, als Meister, als Virtuosen in der Kunst des revolutionä- folgen, und daß die Völker Männer wie ihn hervorbringen werden.
ren Krieges. Es ist nicht leicht, einen Menschen zu finden, der alle die Vorzüge besitzt,
Jetzt jedoch, nach seinem heldenhaften und glorreichen Tod, versuchen ei- die in ihm vereinigt waren. Es ist nicht einfach für einen Menschen, sich
nige, die Wahrheit oder den Wert seiner Auffassungen und seiner Guerilla- spontan zu einer Persönlichkeit, wie er es war, zu entwickeln. Ich möchte
theorien abzustreiten. sagen, er ist einer der Menschen, denen ebenbürtig zu sein schwierig und die
Der Meister mag sterben - vor allem dann, wenn er ein Virtuose in einer so zu übertreffen praktisch unmöglich ist. Aber ich kann auch sagen, daß das
gefährlichen Kunst wie der des revolutionären Kampfes ist -, aber was gewiß Beispiel von Menschen seiner Art dazu beiträgt, daß Menschen des gleichen
niemals sterben wird, das ist die Kunst, der er sein Leben, der er seine Intelli- Formats hervortreten.
genz gewidmet hat. In Che bewundern wir nicht nur den Kämpfer, den Mann, der fähig ist, gro-
Was ist an der Tatsache so seltsam, daß dieser Meister im Kampf gefallen ße Taten zu begehen. Was er tat, was er in Angriff nahm - allein schon die
ist? Seltsamer ist, daß er nicht schon früher - bei einer der zahllosen Gelegen- Tatsache, daß er sich mit nur einer Handvoll Männer gegen die Armee der
heiten, als er in unserem revolutionären Kampf sein Leben riskierte - kämp- herrschenden Klasse erhob, die von Yankee-Beratern ausgebildet worden war,
fend den Tod gefunden hatte. Und wie oft hatte man einschreiten müssen, um die wiederum vom Yankee-Imperialismus geschickt worden waren, gegen
zu verhindern, daß er in Aktionen von minderer Bedeutung sein Leben riskier- eine Armee, die von den Oligarchien aller benachbarten Länder unterstützt
te. wurde - das allein schon ist eine außerordentliche Heldentat.
Und so also hat er in einem Gefecht - in einem der vielen Gefechte, in de- Wenn wir die Seiten der Geschichte durchblättern, werden wir wahr-
nen er gekämpft hat - sein Leben verloren. scheinlich kaum noch einmal finden, daß eine Führerpersönlichkeit mit einer
Wir wissen nicht genug davon, um Schlüsse ziehen zu können, welche Um- derart kleinen Zahl von Männern eine Aufgabe von derartiger Bedeutung in
stände jenem Gefecht vorausgegangen sind, und Vermutungen anzustellen, Angriff genommen hat, daß jemand mit so wenigen Männern den Kampf
inwieweit er sich etwa übermäßig angriffslustig vorgewagt haben könnte; aber gegen eine so große Streitmacht aufgenommen hat. Man kann in den Seiten
- wir wiederholen es - wenn er als Guerillero eine Achillesferse besaß, dann der Geschichte nach einem solchen Beweis für Selbstvertrauen suchen, für
war es sein übermäßiger Wagemut, seine völlige Verachtung der Gefahr. Vertrauen zum Volk und für den Glauben an die Fähigkeit des Menschen, zu
Und das ist der Punkt, an dem wir mit ihm kaum übereinstimmen können, kämpfen - aber ähnliches wird man niemals finden.
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Und Che fiel. hen, so wie Führer in allen Revolutionen hervorgetreten sind.
Der Feind glaubt, er habe seine Ideen, sein Guerilla-Konzept, seine Auffas- Es wird nicht sofort ein Mann mit der außergewöhnlichen Erfahrung und
sung vom revolutionären bewaffneten Kampf vernichtet. Aber er hat, durch den großen Fähigkeiten, wie Che sie besaß, zur Verfügung stehen. Solche
einen für ihn glücklichen Zufall lediglich erreicht, Che physisch zu vernich- führenden Persönlichkeiten werden im Prozeß des Kampfes gebildet, sie
ten; es ist ihm lediglich gelungen, einen zufälligen Vorteil zu gewinnen, wie werden aus den Reihen der Millionen Menschen heraustreten, die früher oder
ihn ein Feind im Krieg gewinnen kann. später ihre Hände ausstrecken werden, um die Waffen zu ergreifen.
Und wir wissen nicht, in welchem Maße Ches charakteristische Eigen- Wir sind gar nicht der Meinung, daß sein Tod notwendigerweise sofortige
schaft, eben jene, von der wir schon gesprochen haben - die übermäßige Auswirkungen auf die praktische Seite des revolutionären Kampfes haben
Angriffslust und die absolute Verachtung der Gefahr -, in einem Gefecht wie wird, auf die praktische Seite der Entwicklung dieses Kampfes. Tatsache ist,
viele andere diesem Glück des Feindes nachgeholfen hat. daß Che nicht an einen sofortigen Sieg, an einen schnellen Sieg über die
So geschah es auch in unserem Unabhängigkeitskrieg. In einem Gefecht bei Kräfte der Oligarchien und des Imperialismus dachte, als er die Waffen wie-
Dos Ríos wurde der Apostel unserer Unabhängigkeit getötet. Und in einem deraufnahm. Als erfahrener Kämpfer war er auf einen langen Kampf von fünf,
Gefecht bei Punta Brava wurde Antonio Maceo, ein Veteran aus vielen hun- zehn, fünfzehn oder - wenn notwendig - zwanzig Jahren vorbereitet. Er war
dert Schlachten, getötet.2 Unzählige führende Persönlichkeiten, unzählige bereit, fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre oder, wenn es notwendig werden
Patrioten unseres Unabhängigkeitskrieges wurden in ähnlichen Gefechten sollte, auch sein ganzes Leben zu kämpfen.
getötet. Und dennoch bedeutete dies für die Sache Kubas keine Niederlage. Und im Rahmen dieser zeitlichen Perspektive wird sein Tod - oder, besser
Ches Tod ist für die revolutionäre Bewegung ein harter Schlag, denn er be- gesagt, sein Beispiel - gewaltige Auswirkungen haben. Die Kraft dieses
raubt sie ohne Zweifel eines ihrer erfahrensten und fähigsten Führer. Beispiels wird unbesiegbar sein.
Aber jene, die sich des Sieges rühmen, täuschen sich. Sie täuschen sich, Die Glücksritter versuchen vergeblich, seine Erfahrung und seine Fähigkeit
wenn sie annehmen, daß sein Tod das Ende seiner Ideen, seiner Taktik, das als Führerpersönlichkeit zu leugnen. Che war ein außergewöhnlich fähiger
Ende seines Guerilla-Konzepts und seiner Thesen bedeutet. Denn der Mann, militärischer Führer. Aber wenn wir uns an Che erinnern, wenn wir an Che
der als ein Sterblicher gefallen ist, als ein Mann, der den Kugeln immer und denken, dann denken wir nicht grundsätzlich an seine militärischen Tugenden.
immer wieder ausgesetzt war, der als Soldat und als Führer gefallen ist - Nein! Die Kriegführung ist Mittel und nicht Selbstzweck - Kriegführung ist
dieser Mann war tausendmal fähiger als diejenigen, die ihn durch einen ein Werkzeug der Revolutionäre. Das Wichtige ist die Revolution - ist die
Streich hinstreckten. revolutionäre Sache, sind die revolutionären Ideen, die revolutionären Ziele,
Wie jedoch müssen sich Revolutionäre angesichts dieses ernsten Rück- die revolutionären Gefühle und die revolutionären Werte!
schlags verhalten? Wie müssen sie diesem Verlust gegenübertreten? Wenn Und gerade hier, hinsichtlich der Ideen, der Gefühle, der revolutionären
sich Che zu diesem Punkt äußern müßte, was würde er sagen? Er hat seine Werte, der Intelligenz spüren wir - abgesehen von seinen militärischen Quali-
Meinung dazu schon ganz klar geäußert, als er in seiner Botschaft an die täten - den gewaltigen Verlust, den sein Tod für die revolutionäre Bewegung
Lateinamerikanische Solidaritätskonferenz schrieb, wenn der Tod ihn irgend- bedeutet.
wo überraschte, so wäre er willkommen, so lange sein Schlachtruf ein offenes Denn Che, diese außergewöhnliche Persönlichkeit, besaß Eigenschaften,
Ohr fände und eine andere Hand sich ausstrecke, sein Gewehr zu ergreifen. die selten beieinander gefunden werden. Er hob sich heraus als ein unübertrof-
Sein Schlachtruf wird jedoch nicht nur ein offenes Ohr, sondern Millionen fener Tatmensch, aber Che war nicht nur dies, er war auch ein Mensch von
offener Ohren finden. Und nicht nur eine Hand, sondern Millionen Hände visionärer Intelligenz und umfassender Bildung und ein tiefschürfender Den-
werden sich ausstrecken, um die Waffen zu ergreifen. ker.
Neue Führer werden hervortreten. Und die Männer - mit offenem Ohr und Das heißt, in seiner Person waren der Theoretiker und der Praktiker vereint.
ausgestreckter Hand - werden Führer brauchen, die aus dem Volk hervorge- Nicht nur, daß Che zweifach definiert ist durch Ideenreichtum - und zwar
durch profunden Ideenreichtum - und durch Tatkraft, sondern auch, daß er als
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Mit dem «Apostel unserer Unabhängigkeit» ist José Martí gemeint (1853 bis 1895); Martí fiel in einem Revolutionär die Vorzüge in sich vereinigte, die als der vollkommenste Aus-
der ersten Gefechte des zweiten kubanischen Unabhängigkeitskrieges. Zu Maceo siehe Fußnote Seite
113 im Kapitel ‹Lydia und Clodomira›. druck der Werte eines Revolutionärs gelten: er war ein Mensch von unbeding-
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ter Integrität, mit höchstem Ehrgefühl und von absoluter Aufrichtigkeit - ein mit deren Leitung er beauftragt war. Für ihn gab es keine Ruhetage und keine
Mann mit stoischen und spartanischen Lebensgewohnheiten, ein Leben ohne Ruhestunden!
Makel. Dank dieser Werte war er das, was man das wirkliche Muster eines Wenn wir in die Fenster seines Büros schauten, so brannte dort bis spät in
Revolutionärs nennen kann. die Nacht hinein das Licht; er studierte oder, besser gesagt, er arbeitete und
Wenn Menschen sterben, so hält man gewöhnlich Reden, um ihre Vorzüge studierte. Denn er beschäftigte sich intensiv mit allen Problemen, und er las
zu unterstreichen, aber selten kann man von einem Menschen mit größerem unermüdlich. Sein Wissensdurst war praktisch unstillbar, und die Stunden, die
Recht und größerer Sicherheit behaupten, was wir bei dieser Gelegenheit von er sich vom Schlaf stahl, widmete er seinen Studien.
Che sagen: daß er ein reines Beispiel revolutionärer Werte gewesen ist. An den ihm zustehenden freien Tagen arbeitete er freiwillig. Er war die In-
Aber er besaß noch eine andere Eigenschaft, nicht eine Eigenschaft des In- spiration, und er lieferte den größten Anreiz zu jener Arbeit, die heute von
tellekts oder des Willens, nicht eine Eigenschaft, die aus Erfahrung oder aus Hunderttausenden von Menschen im ganzen Land ausgeführt wird. Er gab den
dem Kampf stammte, sondern eine Eigenschaft des Herzens: er war ein au- Ansporn zu jener Aktivität, mit der unser Volk immer größere Leistungen
ßergewöhnlich humaner Mensch und von außergewöhnlicher Empfindsam- erzielt.
keit. Als Revolutionär, als kommunistischer Revolutionär, als wahrer Kommu-
Deshalb sagen wir, wenn wir an sein Leben denken, daß er ein einzigarti- nist, vertraute er den moralischen Werten und dem menschlichen Gewissen
ger, ein höchst außergewöhnlicher Mensch gewesen ist, ein Mann von beson- grenzenlos.
derer menschlicher Sensibilität und mit makellosen revolutionären Werten, Und wir sollten sagen, daß er mit völliger Klarheit die moralischen Werte
die sich mit einem eisernen Charakter, einem stählernen Willen und einer als den grundlegenden Hebelarm für den Aufbau des Kommunismus in der
unbezähmbaren Zähigkeit verbanden. menschlichen Gesellschaft sah.
Und deshalb hat er künftigen Generationen nicht nur seine Erfahrung, seine Über viele Dinge hat er nachgedacht, viele Dinge hat er ausgearbeitet und
Kenntnisse als hervorragender Soldat, sondern gleichzeitig auch die Früchte über sie geschrieben. An einem Tag wie diesem ist es angebracht, auszuspre-
seiner Intelligenz hinterlassen. Er schrieb mit der Virtuosität eines Meisters chen, daß die Schriften Ches, daß sein politisches und revolutionäres Denken
der Sprache. Seine Schilderungen des Krieges sind unvergleichlich. Die Tiefe im kubanischen revolutionären Prozeß und im revolutionären Prozeß Latein-
seiner Gedanken ist eindrucksvoll. Alles, was er schrieb, verfaßte er mit amerikas von dauerhaftem Wert sein werden. Wir zweifeln nicht daran, daß
außerordentlichem Ernst, und er schrieb nur mit außergewöhnlicher Kenntnis; seine Ideen, die Ideen eines Praktikers und eines Theoretikers, eines Mannes
zweifellos werden einige seiner Schriften von der Nachwelt als klassische mit unbefleckten moralischen Werten, von unübertroffener menschlicher
Dokumente des revolutionären Denkens angesehen werden. Empfindungskraft und mit makellosem Verhalten, jetzt und in Zukunft uni-
Und so hat er uns dank seiner starken und scharfsinnigen Intelligenz eine versalen Wert behalten werden.
Unzahl von Erinnerungen, von Geschichten und Berichten hinterlassen, die Die Imperialisten rühmen sich ihres Triumphs, diesen Guerillakämpfer in
ohne seine Arbeit, ohne seine Mühe möglicherweise für immer verloren Aktion getötet zu haben; sie rühmen sich eines triumphalen Glücksfalls, der es
gewesen wären. ermöglicht hat, einen derart hervorragenden Mann der Tat zu vernichten. Aber
Er war ein unermüdlicher Arbeiter, und er kannte in den Jahren, in denen er vielleicht wissen die Imperialisten es nicht, oder sie geben vor, es nicht zu
unserem Land diente, keinen einzigen Ruhetag. Große Verantwortung war wissen, daß die Eigenschaften des Tatmenschen nur eine der vielen Seiten
ihm übertragen worden: er war Präsident der Nationalbank, Direktor des dieser kämpferischen Persönlichkeit ausmachten. Und wenn wir von Schmerz
Nationalen Planungsamtes, Industrieminister, Befehlshaber von Militärbezir- sprechen, so trauern wir nicht nur deshalb, weil wir einen Mann der Tat verlo-
ken und Leiter von politischen, wirtschaftlichen oder Solidaritätsdelegationen. ren haben, sondern auch, weil eine moralisch überlegene Persönlichkeit, ein
Infolge seiner beweglichen Intelligenz war er in der Lage, jede Aufgabe, Mann von höchster menschlicher Empfindungskraft und ein solcher Geist von
wie auch immer sie beschaffen war, mit einem Höchstmaß an Sicherheit in uns gegangen ist. Wir trauern, wenn wir daran denken, daß er zum Zeitpunkt
Angriff zu nehmen. So vertrat er unser Land auf zahlreichen internationalen seines Todes erst neununddreißig Jahre alt gewesen ist.
Konferenzen genauso glänzend, wie er die Soldaten im Gefecht geführt hatte, Wir trauern, weil wir die zusätzlichen Früchte vermissen werden, die wir
und genauso musterhaft wie er in jeder einzelnen der Institutionen arbeitete, von dieser Intelligenz und dieser immer reicheren Erfahrung hätten ernten
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können. Wie müssen wir Ches Beispiel vom revolutionären Standpunkt unseres
Wir haben eine Vorstellung vom Ausmaß dieses Verlusts für die revolutio- Volkes aus sehen? Haben wir das Gefühl, daß wir ihn verloren haben? Es ist
näre Bewegung. Dennoch hat hier der imperialistische Feind seine schwache wahr, daß wir keine neuen Schriften von ihm lesen und daß wir niemals
Seite: er glaubt, daß man mit der physischen Auslöschung eines Menschen wieder seine Stimme hören werden. Aber Che hat der Welt eine Erbschaft
auch sein Denken, seine Ideen, seine Tugenden und sein Beispiel ausgelöscht hinterlassen, ein großes Erbe, und wir, die wir ihn so gut kannten, können in
hat. großem Maße seine Nutznießer werden.
Und dabei sind sie so schamlos, so als wäre es die natürlichste Sache der Er hinterließ uns sein revolutionäres Denken, seine revolutionären Werte -
Welt, nicht davor zurückzuschrecken, die Umstände zu veröffentlichen, die er hinterließ uns seinen Charakter, seinen Willen, seine Zähigkeit und seinen
heute fast allgemein hingenommen werden, unter denen sie ihn ermordeten, Arbeitsgeist. Mit einem Wort, er hinterließ uns sein Beispiel! Und sein Bei-
nachdem er im Gefecht schwer verwundet worden war. Ihnen scheint nicht spiel wird unserem Volk Vorbild sein - Ches Bei- spiel wird das ideale Vor-
einmal die Widerwärtigkeit eines solchen Vorgehens, die Schamlosigkeit bild für unser Volk sein!
eines solchen Eingeständnisses klar zu sein. Sie haben darüber geschrieben, so Wenn wir dem Ausdruck geben wollen, was wir von unseren revolutionä-
als ob Räuber und Banditen, Oligarchen und Söldner das Recht hätten, einen ren Kämpfern, von den militanten Angehörigen unserer Bewegung, von
schwer verwundeten revolutionären Kämpfer niederzuschießen. unseren Männern erwarten, so müssen wir, ohne zu zögern, sagen: «Mögen
Schlimmer noch: sie erläuterten, warum sie es taten. Sie machen geltend, sie so sein wie Che!» Wenn wir dem Ausdruck geben wollen, wie die Männer
ein Prozeß Ches hätte die Erde ganz schön erschüttert, und es wäre unmöglich künftiger Generationen nach unserer Ansicht beschaffen sein sollen, so müs-
gewesen, diesen Revolutionär vor Gericht zu stellen. sen wir sagen: «Mögen sie so sein wie Che!» Wenn wir ausdrücken wollen,
Und nicht nur das. Sie haben auch nicht gezögert, seine Überreste ver- wie wir unsere Kinder erzogen haben möchten, so müssen wir, ohne zu zö-
schwinden zu lassen. Mag es wahr sein oder nicht, sie haben jedenfalls be- gern, sagen: «Wir wollen, daß sie in Ches Geist erzogen werden!» Wenn wir
kanntgegeben, daß sie seine Leiche verbrannt haben, und sie haben damit einen Mann als Vorbild suchen, der nicht unserer Zeit, sondern der Zukunft
schon begonnen, ihre Furcht zu zeigen, zu zeigen, daß sie nicht so sicher sind, gehört, so sage ich aus der Tiefe meines Herzens, daß Che ein solches Vorbild
daß sie durch die physische Vernichtung dieses Kämpfers auch seine Ideen ist - ein Vorbild ohne einen einzigen Schatten auf seinem Verhalten und ohne
und sein Beispiel liquidieren können. einen einzigen Flecken auf seinen Handlungen. Wenn wir dem Ausdruck
Che fiel im Kampf für die Interessen, die Sache der ausgebeuteten und un- geben wollen, wie unsere Kinder einst werden sollen, so müssen wir als
terdrückten Völker dieses Kontinents. Er fiel für die Sache der Armen und der glühende Revolutionäre aus tiefstem Herzen sagen: «Wir wollen, daß sie so
Entrechteten dieser Erde. Selbst seine erbittertsten Feinde können die bei- wie Che werden!»
spielhafte Art und die Selbstlosigkeit, mit der er diese Sache verteidigte, nicht Che ist zum Vorbild dessen geworden, wie Menschen beschaffen sein sol-
abstreiten. len, zum Vorbild nicht nur für unser Volk, sondern auch für die Völker überall
Und vor der Geschichte nimmt die Größe der Männer zu, die so handeln, in Lateinamerika.
wie er es tat, die alles für die Sache der Unterdrückten tun und geben, mit Che hat dem revolutionären Stoizismus, dem revolutionären Opfergeist, der
jedem Tag, der vergeht. Mit jedem Tag finden sie einen tieferen Platz im revolutionären Kampfbereitschaft, dem revolutionären Arbeitsgeist höchsten
Herzen der Völker. Die imperialistischen Feinde erkennen dies allmählich, Ausdruck verliehen.
und der Beweis wird nicht lange auf sich warten lassen, daß sein Tod auf Che brachte die Ideen des Marxismus-Leninismus in ihrer frischsten, rein-
lange Sicht gesehen wie eine Saat sein wird, die viele Menschen hervorbrin- sten und revolutionärsten Form zum Ausdruck. Kein anderer Mensch unserer
gen wird, die entschlossen sind, ihn nachzuahmen und seinem Beispiel zu Zeit hat so wie Che den Geist des Internationalismus auf seinen höchstmögli-
folgen. chen Stand gebracht.
Wir sind vollkommen davon überzeugt, daß sich die revolutionäre Sache Und wenn in Zukunft ein Beispiel für einen proletarischen Internationalis-
auf diesem Kontinent von diesem Schlag erholen und daß die revolutionäre mus gesucht wird, so wird Che dieses Beispiel sein, das hoch über allen
Bewegung auf diesem Kontinent durch diesen Schlag nicht niedergeworfen anderen steht! Nationale Fahnen, Vorurteile, Chauvinismus und Egoismus
wird. waren aus seinem Geist und Herzen verschwunden. Er war bereit, im Namen
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eines jeden Volkes, für die Sache eines jeden Volkes, spontan und auf der Von Rosario nach Kuba3
Stelle sein edles Blut zu vergießen.
So rann sein Blut auf unsere Erde, als er in mehreren Gefechten verwundet Ernesto Che Guevara wurde am Abend des 14. Juni 1928 in Rosario, einer der
wurde; und für die Erlösung der Ausgebeuteten und der Unterdrückten vergoß bedeutendsten Städte Argentiniens, geboren. Schon im Alter von zwei Jahren
er sein Blut in Bolivien. Dieses Blut wurde um aller Ausgebeuteten und aller erlitt er den ersten Asthma-Anfall. Diese Krankheit konnte nie geheilt werden;
Unterdrückten willen vergossen - für alle Völker Amerikas und für das Volk niemals verließ ihn ein schweres ermüdendes Würgegefühl, ein Keuchen,
von Vietnam, denn, während er dort in Bolivien kämpfte, während er gegen weder in den Räumen der Medizinischen Fakultät noch im Herzen der Sierra
die Oligarchien und den Imperialismus kämpfte, wußte er, daß er Vietnam den Maestra oder in den Dschungeln Lateinamerikas.
höchstmöglichen Ausdruck seiner Solidarität bot! Seine Eltern, Ernesto Guevara Lynch, von Beruf Bauingenieur, und Celia
Aus diesem Grunde, Kameraden der Revolution, müssen wir mit Op- de la Serna - der Vater Abkömmling einer irischen, die Mutter einer spani-
timismus in die Zukunft blicken. Ches Beispiel wird uns stets inspirieren, zum schen Familie -, beschlossen, ihren Wohnsitz nach Buenos Aires zu verlegen.
Kampf, zur Zähigkeit, zur Unversöhnlichkeit gegenüber dem Feind; es wird Celia berichtete, daß «Ernesto im Alter von vier Jahren das Klima der
unser internationalistisches Bewußtsein lebendig erhalten. Hauptstadt nicht mehr vertragen konnte. Da Ernesto die Asthma-Attacken
Deshalb laßt uns nach der eindrucksvollen Feierstunde dieses Abends, nach besser überstehen konnte, wenn er mit dem Kopf an der Brust des Vaters
dieser unglaublichen Demonstration der vielfachen Anerkennung - unglaub- ruhte, verbrachte sein Vater viele Nächte an seinem Bett.» Ernestos Zustand
lich wegen ihrer Größe, ihrer Disziplin und des Geistes der Hingabe, die zeigt, verschlimmerte sich: die Ärzte sagten, es sei ein schwieriger Fall, und später
daß unser Volk ein aufmerksames und dankbares Volk ist, das weiß, wie das verordneten sie einen Klimawechsel.
Andenken der Tapferen geehrt werden muß, die im Kampf fallen, und die So zog die Familie Guevara wieder um. Sie ging nach Córdoba, wo sich der
zeigt, das unser Volk jene anerkennt, die ihm dienen, die die Solidarität des Zustand des Kindes besserte. Die Asthma-Attacken ließen nach. Schließlich
Volkes mit dem revolutionären Kampf unter Beweis stellen und die zeigt, wie ließen sich die Guevaras in Alta Gracia nieder, nachdem sie in der ganzen
dieses Volk sich emporschwingen und das revolutionäre Banner und die Provinz umhergezogen waren.
revolutionären Grundsätze sogar noch höher emporheben wird - in diesen Ihr ältester Sohn war noch nicht acht Jahre alt, da erhielt Frau Guevara ein
Augenblicken der Erinnerung laßt uns mit Optimismus in die Zukunft blicken,
Schreiben des Erziehungsministeriums, in dem es hieß, daß der siebenjährige
mit uneingeschränktem Vertrauen in den endgültigen Sieg der Völker und laßt
Ernesto Guevara de la Serna noch nicht an einer Grundschule registriert sei.
uns zu Che und zu den Helden sagen, die mit ihm zusammen gekämpft haben
«Ich beantwortete den Brief sofort», erzählte Celia. «Ich war stolz darauf,
und mit ihm gefallen sind: immer weiter vorwärts zum Sieg!
daß sie sich darum kümmerten, daß die Kinder lesen und schreiben lernten.
Patria o Muerte! Venceremos!
Ich lehrte ihn das ABC, aber er konnte wegen seines Asthmas nicht die Schule
besuchen. Nur in der zweiten und dritten Klasse nahm er regelmäßig am
FIDEL CASTRO
Unterricht teil; in der fünften und sechsten nur von Zeit zu Zeit. Seine Ge-
schwister schrieben den Unterrichtsstoff ab, und er lernte zu Hause.»
Dann kam er in die höhere Schule. In einem winzigen Auto, vollgepackt
mit Mitschülern, fuhr er jeden Tag nach Córdoba. Am Steuer saß Celia de la
Serna.
Er wohnte in Villa Nidia, im «besseren» Teil der Stadt. Dies waren für die
Familie Tage der Freude und des Wohlstandes. Später änderte sich die Situa-
tion; man mußte das große Gut verkaufen, das die Mutter am Stadtrand besaß,
und in die Stadt ziehen. Ernesto hatte Unterkunft und Verpflegung, aber das
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Diese biographischen Angaben erschienen am 24. Oktober 1967 in der kubanischen Wochenzeitschrift
Granma, dem offiziellen Organ der kubanischen Kommunistischen Partei und Regierung.
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Einkommen der Familie erlaubte keine überflüssigen Ausgaben. So suchte er umgeleitet wurde.
sich seine erste Arbeit. Unerwartete Probleme tauchten auf. Es gab Schwierigkeiten mit den Papie-
Er war schon ein junger Mann, unabhängig, gründlich, interessiert an Bü- ren oder mit Geld; absurde Belanglosigkeiten behinderten die Reise. «In
chern, bestimmt in seinem Auftreten. Mit unglaublicher Anstrengung hatte er Iquitos», schreibt Granados weiter, «waren wir Fußballtrainer und verdienten
seine Krankheit überwunden und trieb mit seinem Bruder Roberto und einigen genug Geld, daß wir unsere Flugtickets bezahlen konnten. In Bogota wurden
anderen Kameraden Sport. Ernesto hatte noch drei Geschwister: Celia, Ana wir ausgewiesen.»
Maria und Juan Martin. Infolge einer von Studenten veranstalteten Geldsammlung konnten sie eine
Einige Sportler erinnern sich noch heute an den jungen Guevara, der im Reise nach Venezuela unternehmen. Alberto blieb dort. Ernesto flog an Bord
Atalaya Athletik-Klub gut bekannt war. Manchmal verließ er den Sportplatz, eines Frachtflugzeuges nach Miami. Die Ladung bestand aus Vollblutpferden.
um seinen Inhalator zu benutzen. Das Interesse an Baudelaire sowie die Ursprünglich wollte er zwei Tage in Miami bleiben, aber dann blieb er einen
sportliche Betätigung festigten ihn sowohl geistig wie auch körperlich. Monat. Er ging mit seinem Geld so sparsam um, weil er sich nur in der Stadt-
1941, in der höheren Schule, freundete er sich mit dem heutigen Bio- Che- bibliothek aufhielt und fast nur von Kaffee mit Milch, einmal am Tag, lebte.
miker Alberto Granados an, der die Schule drei Jahre später beendete. Schließlich kehrte er nach Buenos Aires zurück und wurde zum Mili-
Che und Granados unternahmen eine lange Fahrt mit dem Motorrad. Sie tärdienst einberufen. Doch schon bei der ersten Musterung wurde er für
hatten beschlossen, die pazifische Küste entlangzufahren. Guevara wollte den dienstuntauglich erklärt. Er erhielt den Bescheid, daß man ihn nach seinem
Kontinent bereisen, ihn kennenlernen, die alten Zivilisationen erkunden, die Examen einer neuerlichen Untersuchung unterziehen werde.
vor der Ankunft der Conquistadores bestanden hatten; er wollte Menschen Bei seinen ausgefallenen Methoden des Studierens, seinen außergewöhnli-
kennenlernen und reisen, selbst wenn er es zu Fuß tun müßte. chen Fähigkeiten und seiner Intelligenz schaffte er elf oder zwölf Examens-
Ende 1944 war die Familie Guevara nach Buenos Aires übergesiedelt. Er- themen in weniger als einem Jahr. Im März 1953 promovierte er zum Dr.
nesto setzte seine Studien fort. Seine Mitschüler meinten, er solle wegen med. Er war 25 Jahre alt und schon ein aktiver Kämpfer gegen jede Form der
seiner Eignung für die Mathematik Ingenieur werden, und sie waren über- Tyrannei. Er litt schmerzlich unter der grausigen Erkenntnis der wahren
rascht, als er ihnen sagte, er habe sich für Medizin einschreiben lassen.. Bedingungen, unter denen die lateinamerikanischen Indianer lebten, und er
Vor seiner Fahrt mit Granados war er nach dem Norden und Westen des beschloß, sich für die Indianerbevölkerung einzusetzen. Er kehrte nach Cara-
Landes gereist, getrieben von seinem Interesse an der Lepra und anderen cas zurück, wo ihn Granados erwartete. Dort wollte er in der Leprakolonie
tropischen Krankheiten. Einmal fuhr er mit dem Fahrrad von einem Ende des von Cabo Blanco arbeiten.
Landes zum anderen. Er wanderte durch die Täler der Calchaquiés und der Ernesto verließ Buenos Aires. Da er niemanden um Geld bitten wollte, be-
Anden, kam durch Tucumán und Mendoza, Salta, Jujuy und La Rioja. schloß er, die Eisenbahn zu benutzen. Schließlich überzeugte ihn in Ekuador
Granados und Ernesto besuchten Santiago de Chile; später überquerten sie der Rechtsanwalt Ricardo Rojo, daß Guatemala der rechte Platz für ihn sei.
zu Fuß das Hochland. Granados erinnert sich: «So hatten wir eine Möglich- Dort traf er im Dezember 1953 ein. Später ging er nach Mexiko und danach
keit, das Volk kennenzulernen. Wir nahmen Gelegenheitsarbeiten an, um ein an Bord der Granma nach Kuba.
paar Peso zu verdienen. Dann setzten wir unseren Weg fort. Wir verdingten
uns als Stauerleute, als Gepäckträger, Matrosen Ärzte und Tellerwäscher. Der
eine von uns hatte ein Abschlußzeugnis einer Universität, der andere war
beinahe ein promovierter Arzt, aber es machte uns nichts aus, Kartoffeln zu
schälen oder andere Hausarbeiten zu verrichten.»
Sie kamen nach Peru und verwirklichten den alten Wunsch, eine Aus-
sätzigenkolonie zu besichtigen. Guevara besuchte auch Machu Picchu und
später das Herz des peruanischen Dschungels, wo die Patienten einer Lepra-
Kolonie einen Damm gebaut hatten, durch den ein Fluß nach Kolumbien
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Aufzeichnungen aus Einleitung
dem kubanischen Befreiungskrieg Schon lange hatten wir eine Geschichte unserer Revolution schreiben wollen,
die ihre zahlreichen Details und Aspekte umfassen sollte. Viele Revolutions-
führer haben oft im privaten Gespräch oder öffentlich den Wunsch zum Aus-
druck gebracht, eine solche Geschichte zu verfassen; aber viele Aufgaben sind
zu bewältigen, die Jahre vergehen, und die Erinnerung an die Rebellion ver-
sinkt in der Vergangenheit. Wir haben jene Ereignisse, die schon jetzt zur
Geschichte Amerikas gehören, noch nicht endgültig niedergelegt.
Deshalb beginne ich, persönliche Erinnerungen niederzuschreiben, Erinne-
rungen an die Angriffe, Schlachten und Gefechte, an denen wir alle teilge-
nommen haben. Es ist nicht meine Absicht, daß diese fragmentarische Ge-
schichte, die sich auf das Gedächtnis und ein paar eilig hingeworfene Notizen
stützt, als ein vollständiger Bericht angesehen wird. Im Gegenteil hoffe ich,
daß jeder einzelne Teil des Berichts von jenen weiterentwickelt werden wird,
die ihn gelebt haben.
Da ich mich während des ganzen Kampfes nur in einem bestimmten Gebiet
Kubas aufhielt, konnte ich nicht an Schlachten und Ereignissen an anderen
Orten teilhaben. Um unsere revolutionären Aktionen methodisch wiederzu-
beleben, ist es wohl am besten, wenn ich mit der ersten Schlacht beginne, der
einzigen, in die unsere Streitkräfte vom Gegner verwickelt wurden und an der
Fidel teilnahm:
Mit dem Überraschungsangriff bei Alegría de Pío.4
Es gibt viele Überlebende dieser Schlacht, und jeder von ihnen wird ermu-
tigt, seine Erinnerungen beizusteuern, so daß dieser Bericht vervollständigt
werden kann. Ich ersuche nur darum, daß sich der Berichterstatter streng an
die Wahrheit hält. Er sollte nicht, um seine eigenen Taten hervorzuheben,
behaupten, irgendwo gewesen zu sein, wo er in Wirklichkeit gar nicht war,
und er sollte keine Ungenauigkeiten zulassen. Wenn er, so gut er es nach
Bildungsstand und Fähigkeiten vermochte, einige Seiten niedergeschrieben
hat, sollte er das Geschriebene dann so scharf wie möglich kritisieren, um
jedes Wort wieder zu streichen, das sich nicht auf eine genau feststehende
Tatsache bezieht, oder auf jene Angaben zu verzichten, bei denen die Tatsa-
chen nicht genau festgestellt werden können. Das ist es, was ich bei der Nie-
derschrift meiner Erinnerungen versuchen will.
ERNESTO CHE GUEVARA

4
Dem Bericht über die Schlacht bei Alegría de Pío gehen in diesem Buch zwei Kapitel voraus, die sich
mit dem Beginn der Expedition und der Fahrt der Granma beschäftigen.
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«El Patojo» kaner, der eine kleine Dunkelkammer hatte, wo wir die Filme entwickelten.
Wir lernten Mexico City kennen, indem wir von einem Ende der Stadt zum
Vor wenigen Tagen kam die telegrafische Nachricht vom Tode einiger guate- anderen wanderten und die scheußlichen Fotos ablieferten, die wir aufgenom-
maltekischer Patrioten, unter ihnen ist auch Julio Roberto Cáceres Valle. men hatten. Wir stritten uns mit allen möglichen Kunden herum und versuch-
Der schweren Arbeit eines Revolutionärs inmitten von Klassenkämpfen, ten sie zu überzeugen, daß der kleine Junge auf dem Bild wirklich ganz ent-
die den gesamten Kontinent erschüttern, wird durch den Tod häufig ein Ende zückend sei und daß man wirklich ein großes Geschäft mache, wenn man für
gesetzt. Aber der Tod eines Freundes, eines Kameraden in schweren Stunden, solch eine Köstlichkeit einen mexikanischen Dollar entrichte. So hatten wir
der die Träume von besseren Zeiten mit einem geteilt hat, ist stets besonders einige Monate lang zu essen. Ganz allmählich wurden wir durch die Umstän-
schmerzlich für den, der die Mitteilung erhält, und Julio Roberto war ein de des revolutionären Lebens voneinander getrennt. Ich sagte schon, daß Fidel
großer Freund. Er war klein und zierlich; aus diesem Grunde nannten wir ihn El Patojo nicht mit nach Kuba nehmen wollte, nicht, weil er ihn für un-
«El Patojo». Das ist ein guatemaltekisches Slangwort und bedeutet «der zulänglich hielt, sondern damit unsere Armee nicht in eine internationale
Kurze» oder kleiner Junge. Streitmacht verwandelt werde.
El Patojo war während seines Aufenthalts in Mexiko Zeuge der Geburt un- El Patojo war Journalist gewesen, er hatte an der Universität Mexico Physik
serer Revolution gewesen, und er hatte sich uns als Freiwilliger angeschlos- studiert, hatte sein Studium abgebrochen und dann wiederaufgenommen, ohne
sen. Fidel wollte jedoch nicht, daß noch mehr Ausländer an dem Kampf um je sehr weit damit gekommen zu sein. Er verdiente seinen Lebensunterhalt an
die nationale Befreiung teilnähmen, an dem mitzuwirken ich die Ehre hatte. verschiedenen Orten, mit verschiedenen Arbeiten, und er bat nie um irgend
Einige Tage nach dem Triumph der Revolution verkaufte El Patojo seine etwas. Ich weiß noch heute nicht, ob dieser empfindsame und ernsthafte Junge
geringe Habe und erschien, nur mit einem kleinen Koffer, auf Kuba. Er arbei- ungeheuer schüchtern war oder zu stolz, sich seine Schwächen und persönli-
tete in verschiedenen Behörden der öffentlichen Verwaltung, und er war der chen Probleme einzugestehen und sich an einen Freund um Hilfe zu wenden.
erste Personalchef der Abteilung für die Industrialisierung beim INRA (dem El Patojo war in sich gekehrt, hoch intelligent, äußerst kultiviert und sensibel.
Nationalen Institut für die Agrarreform). Aber er fühlte sich bei seiner Arbeit Seine Reife nahm stetig zu, und in seinen letzten Tagen stellte er seine große
nie wohl. El Patojo strebte etwas anderes an; ihm ging es um die Befreiung Empfindungsfähigkeit in den Dienst seines Volkes. Er war Mitglied der
seines eigenen Landes. Die Revolution hatte ihn zutiefst verändert, wie uns Partido Guatemalteco de Trabajo (der Guatemaltekischen Partei der Arbeit),
alle. Der bestürzte Junge, der Guatemala verlassen hatte, ohne die Niederlage und hatte sich der Disziplin des Parteilebens unterworfen; er entwickelte sich
völlig zu begreifen, hatte sich nun in einen zutiefst bewußten Revolutionär zu einem guten Revolutionär. Zu jenem Zeitpunkt war von seiner früheren
verwandelt. Überempfindlichkeit wenig zurückgeblieben.
Zum erstenmal trafen wir uns in einem Zug, als wir ein paar Monate nach Die Revolution reinigt die Menschen, sie verbessert sie und entwickelt sie
dem Sturz von Arbenz aus Guatemala flohen. Wir fuhren nach Tapachula, von weiter, so wie der erfahrene Landwirt die Mängel seiner Feldfrüchte korrigiert
wo aus wir Mexico City erreichen konnten. El Patojo war mehrere Jahre und die guten Qualitäten stärkt.
jünger als ich, aber wir schlossen sofort eine dauerhafte Freundschaft. Wir Nachdem El Patojo nach Kuba gekommen war, wohnten wir fast immer
machten die Fahrt von Chiapas nach Mexico City gemeinsam; gemeinsam unter einem Dach, so wie es sich für zwei alte Freunde gehörte. Aber in
standen wir vor den gleichen Problemen - wir standen beide völlig mittellos diesem neuen Leben bestand zwischen uns beiden nicht mehr die alte Ver-
da, wir waren besiegt und gezwungen, uns in einer indifferenten, wenn nicht trautheit früherer Zeiten, und ich konnte nur vermuten, was in ihm vorging,
feindseligen Umgebung den Lebensunterhalt zu verdienen. wenn ich manchmal sah, wie er ernsthaft eine der Indianersprachen seines
El Patojo hatte kein Geld, und ich besaß nur ein paar Peso; ich kaufte eine Landes studierte. Eines Tages teilte er mir mit, daß er uns verlasse, daß die
Kamera, und gemeinsam gingen wir der illegalen Beschäftigung5 nach, in den Zeit für ihn gekommen sei, seine Pflicht zu tun.
Parks der Stadt Spaziergänger zu fotografieren. Unser Partner war ein Mexi- El Patojo besaß keine militärische Ausbildung; er war einfach der Meinung,
daß die Pflicht ihn rufe. Er ging in sein Land, um zu kämpfen, mit der Waffe
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in der Hand, um auf irgendeine Weise unseren Guerillakampf dort zu wieder-
Als Ausländer besaßen sie keine Arbeitserlaubnis.
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holen. Damals hatten wir eines unserer wenigen langen Gespräche. Ich be- cheten schärfen, müssen wir uns die Zeit nehmen, unsere gefallenen Kamera-
schränkte mich darauf, die folgenden drei Punkte aufs stärkste zu empfehlen: den zu beweinen. Aus der wertvollen und tragischen Erfahrung der teuren
Ständig in Bewegung bleiben, unbedingtes Mißtrauen und ewige Wachsam- Toten müssen wir die feste Entschlossenheit gewinnen, ihre Fehler nicht zu
keit. Bewegung: Das heißt - niemals eine Rast einlegen, niemals zwei Nächte wiederholen, durch viele Siege den Tod eines jeden von ihnen zu rächen und
am selben Ort verbringen, niemals aufhören, von einem Platz zum anderen zu die totale Befreiung zu erkämpfen.
ziehen. Mißtrauen: Das heißt zu Beginn sogar seinem eigenen Schatten zu Als El Patojo Kuba verließ, ließ er nichts zurück; er hinterließ auch keine
mißtrauen, den freundlichen Bauern, den Informanten, Wegführern und Kon- Botschaft; er hatte nur wenig Kleidung oder persönlichen Besitz, um den er
taktleuten; das heißt allem und jedem mißtrauen, bis man eine befreite Zone sich hätte kümmern müssen. Alte beiderseitige Freunde in Mexiko brachten
geschaffen hat. Wachsamkeit: Das heißt ständiges Postenstehen, ständige mir jedoch einige Gedichte von ihm, die man dort in einem Notizbuch aufge-
Aufklärung, Errichtung eines Lagers an einem sicheren Ort und, vor allem, funden hatte. Es sind die letzten Verse eines Revolutionärs; sie sind außerdem
niemals Schlaf unter einem Dach, niemals Schlaf in einem Haus, in dem man ein Liebeslied an die Revolution, an die Heimat und an eine Frau. An jene
umstellt werden kann. Das war die Zusammenfassung unserer Guerillaerfah- Frau, die El Patojo auf Kuba kannte und liebte, sind diese Schlußverse, ist
rung, das einzige - außer einem herzlichen Händedruck -, das ich meinem diese Aufforderung gerichtet:
Freund mit auf den Weg geben konnte. Konnte ich ihm den Rat geben, seinen
Plan nicht zu verwirklichen? Mit welchem Recht? Wir selbst hatten etwas zu Nimm es, es ist nur mein Herz
einem Zeitpunkt unternommen, da man unser Vorhaben für undurchführbar Halte es in deiner Hand
hielt, und nun sah er, daß es von Erfolg gekrönt war. Und wenn der Tag anbricht
El Patojo verließ uns, und nun kam die Nachricht von seinem Tode. Zuerst Öffne deine Hand
hatten wir gehofft, daß eine Namensverwechslung vorliege, daß es sich um und laß die Sonne es wärmen ...
einen Irrtum handele; aber unglücklicherweise war seine Leiche von seiner
Mutter identifiziert worden; es besteht kein Zweifel daran, daß er tot ist. Und El Patojos Herz ist unter uns geblieben, in den Händen derjenigen, die er
nicht nur er, sondern mit ihm auch eine Gruppe von Kameraden, jeder von liebte, und in den liebenden Händen eines ganzen Volkes; es wartet darauf,
ihnen so tapfer, so selbstlos, vielleicht so intelligent wie er, aber uns persön- daß es unter der Sonne eines neuen Tages gewärmt wird, die mit Gewißheit
lich nicht bekannt. für Guatemala und für ganz Amerika scheinen wird. Heute gibt es beim Indu-
Wieder einmal schmecken wir die Bitterkeit der Niederlage, und wir stellen strieministerium, wo er viele Freunde zurückgelassen hat, eine kleine Schule
die unbeantwortete Frage: Warum zog er aus der Erfahrung anderer keine für Statistik, die ihm zum Gedächtnis «Julio Roberto Cáceres Valle» genannt
Lehre? Warum haben jene Männer den einfachen Rat, den man ihnen gegeben wurde. Später einmal, wenn Guatemala frei sein wird, werden sicherlich eine
hatte, nicht sorgfältiger beachtet? Wir wissen noch immer nicht genau, was Schule, eine Fabrik, ein Krankenhaus oder irgendein Ort, an dem Menschen
geschehen ist, aber es ist uns doch bekannt, daß das Operationsgebiet schlecht für den Aufbau einer neuen Gesellschaft kämpfen und arbeiten, seinen gelieb-
ausgewählt war, daß die Männer physisch nicht trainiert waren, daß sie nicht ten Namen tragen.
mißtrauisch genug und, natürlich, daß sie nicht wachsam genug waren. Die
Repressionsarmee überraschte sie, tötete einige von ihnen und zerstreute den
Rest; dann kehrte sie zurück, um sie zu verfolgen, und sie hat sie faktisch
vernichtet. Sie haben einige gefangengenommen; andere, wie El Patojo, fielen
in der Schlacht. Nachdem sie ihren Zusammenhalt verloren hatten, wurden die
Guerilleros wahrscheinlich zu Tode gehetzt, so wie es uns nach Alegría de Pío
erging.
Wieder hat junges Blut die Felder Amerikas gedüngt, damit die Freiheit
möglich werde. Wieder ist eine Schlacht verloren. Während wir unsere Ma-
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Eine Revolution beginnt letzte revolutionäre amerikanische Demokratie, die sich in diesem Gebiet
noch hielt - nämlich die Regierung von Jacobo Arbenz Guzmán in Guatemala
Die Geschichte der militärischen Machtübernahme vom 10. März 1952 - des —, angesichts der kalten, vorsätzlichen Aggression der USA zusammenbrach,
unblutigen, von Fulgencio Batista geleiteten Putsches - beginnt natürlich nicht einer Aggression, die sich hinter einem Rauchvorhang der Propaganda auf
erst am Tage des Putsches. Die Ereignisse, die zu ihm führten, müssen weiter dem Kontinent verbarg. Ihr offenkundiger Initiator war der Außenminister
zurück in der Geschichte Kubas gesucht werden: viel weiter zurück als die John Foster Dulles, der durch einen seltsamen Zufall auch der Rechtsanwalt
Intervention des US-Botschafters Sumner Wells im Jahre 1933; sogar weiter der United Fruit Company und Aktionär dieses größten imperialistischen
zurück als das Platt Amendment von 19016 und noch weiter zurück als die Konzerns in Guatemala war.
Landung des «Helden» Narciso López, der direkt von den nordamerikani- Ich kam gerade von dort, besiegt, allen Guatemalteken in meinem Schmerz
schen Annexionisten geschickt worden war. Die Wurzeln der Ereignisse sind verbunden, ich hoffte und suchte einen Weg, damit es für dieses blutende
in der Zeit von John Quincy Adams zu suchen, der zu Beginn des 19. Jahr- Land wieder eine Zukunft geben sollte. Und Fidel kam nach Mexiko auf der
hunderts die Haltung darlegte, die sein Land in bezug auf Kuba einnehmen Suche nach einem neutralen Territorium, wo er seine Männer auf den großen
werde. Man sah die Insel als einen Apfel an, der, von Spaniens Baum ge- Schlag vorbereiten konnte. Der Angriff auf die Moncada-Kasernen in Santia-
pflückt, unweigerlich dazu bestimmt war, in Uncle Sams Hände zu fallen. go de Cuba hatte schon alle jene ausgesondert, die nur schwachen Willens
Dies alles sind Glieder einer langen Kette der Aggression auf dem amerikani- waren und die sich aus diesem oder jenem Grunde politischen Parteien oder
schen Kontinent, die sich gegen andere Länder, wie auch gegen Kuba richtete. revolutionären Gruppen angeschlossen hatten, die weniger Opfer fordern. Die
Dieses Ansteigen und Fallen, diese imperiale Ebbe und Flut, ist dadurch Rekruten schlossen sich den völlig neuen Reihen der ‹Bewegung des 26. Juli›
gekennzeichnet, daß unter dem unkontrollierbaren Druck der Massen neue an (genannt nach dem Datum des Angriffs auf die Moncada-Kasernen im
Regierungen an die Macht gelangen oder stürzen. Die Geschichte Latein- Jahre 1953). Eine sehr schwere Aufgabe begann für diejenigen, die in Mexiko
amerikas läßt folgendes Charakteristikum erkennen: Diktatorische Regierun- die Ausbildung dieser Personen unter der erforderlichen Geheimhaltung zu
gen, die eine kleine Minderheit repräsentieren, kommen durch Staatsstreiche leiten hatten. Sie kämpften gegen die mexikanische Regierung, gegen ameri-
an die Macht; demokratische Regierungen, die eine breite Basis im Volk kanische FBI-Agenten und auch gegen die Spione Batistas. Sie kämpften
besitzen, kommen mühselig zustande und sind oft, sogar noch ehe sie die gegen diese drei Kräfte, die sich auf diese oder jene Weise zusammentaten,
Macht übernehmen, durch eine Anzahl von vorher vereinbarten Konzessionen wobei Geld und persönlicher Verrat eine große Rolle spielten. Außerdem
kompromittiert, die eingegangen werden mußten, wenn die betreffende Regie- mußten sie gegen Trujillos Spione kämpfen und hatten sich mit dem armseli-
rung überleben wollte. gen Angebot an Menschen herumzuschlagen (vor allem in Miami). Und,
Die kubanische Revolution war in dieser Hinsicht eine Ausnahme, und an nachdem wir alle diese Schwierigkeiten überwunden hatten, mußten wir auch
dieser Stelle wird es notwendig, ein wenig Hintergrund aufzuzeigen, denn der die äußerst wichtige Abreise und dann die Ankunft in die Wege leiten und
Verfasser dieser Zeilen hatte - von den Wellen dieser sozialen Bewegungen, alles, was damit zusammenhing. Damals schien es uns eine leichte Aufgabe.
die Amerika erschütterten, hin und her geschleudert - somit die Gelegenheit, Heute können wir die Kosten an Anstrengung, Opfern und Menschenleben
einen anderen Amerikaner im Exil zu treffen: Fidel Castro. ermessen.
Ich traf ihn in einer jener kalten Nächte in Mexiko, und ich erinnere mich, Fidel Castro widmete sich, mit Hilfe einer kleinen Gruppe von Vertrauten,
daß es bei unserer ersten Diskussion um internationale Politik ging. Ein paar mit all seiner Kraft und seinem außerordentlichen Arbeitsgeist, der Aufgabe,
Stunden später in jener Nacht, es dämmerte schon, war ich einer der künftigen die bewaffnete Expedition nach Kuba zu organisieren. Er erteilte fast niemals
Teilnehmer an der Expedition nach Kuba. Aber ich möchte noch darlegen, Unterricht in militärischer Taktik, denn es war nicht viel Zeit vorhanden. Wir
wie und warum ich den jetzigen Chef der kubanischen Regierung in Mexiko übrigen konnten eine ganze Menge von General Alberto Bayo71 lernen. Mein
traf. Es war 1954, während der Ebbe der demokratischen Regierungen, als die fast unmittelbarer Eindruck, den ich bei den ersten Lektionen hatte, war die
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Es legalisierte die Einmischung der Vereinigten Staaten in die Angelegenheiten Kubas für einige Jahr-
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zehnte. (Anm. d. Übers.) Ein Veteran des spanischen Bürgerkrieges.
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Möglichkeit des Sieges, die mir, als ich mich dem Rebellenkommandeur Die Tage vergingen, wir arbeiteten insgeheim, verbargen uns, wo wir konn-
anschloß, als sehr zweifelhaft vorgekommen war. Von Beginn an war ich ten, vermieden, wenn irgend möglich, in der Öffentlichkeit zu erscheinen und
Fidel durch das Gefühl einer romantischen Sympathie, des Abenteuers und gingen tatsächlich fast nie auf die Straße hinaus.
durch die Überzeugung verbunden, daß es wert sein werde, für ein solch Nach ein paar Monaten stellten wir fest, daß es in unseren Reihen einen
reines Ideal am Strand eines fremden Landes zu sterben. Verräter gab. Wir wußten nicht, wer es war, aber er hatte eine unserer Waffen-
So vergingen mehrere Monate. Unsere Treffsicherheit wurde größer, und es lieferungen verkauft. Wir wußten auch, daß er die Jacht und ein Sendegerät
bildeten sich Scharfschützen heraus. Wir fanden eine Ranch in Mexiko, wo verkauft hatte, obgleich der «gesetzliche Kontrakt» des Verkaufs noch nicht
unter der Leitung von General Bayo - ich war Personalchef - die letzten Vor- abgeschlossen war. Dieser erste Verrat bewies den kubanischen Behörden,
bereitungen für die Abfahrt im März 1956 getroffen wurden. Zu jenem Zeit- daß ihr Agent gut arbeitete und unsere Geheimnisse kannte. Dasselbe Wissen
punkt wurde Fidel Castro jedoch von zwei mexikanischen Polizeigruppen rettete uns, denn wir wußten nun ebenfalls Bescheid. Von diesem Augenblick
gejagt, die beide von Batista bezahlt wurden, und eine von ihnen hatte - finan- an war wahnsinnige Eile geboten : die Granma wurde mit außergewöhnli-
ziell gesprochen - das große Glück, ihn gefangenzunehmen. Aber sie begingen chem Tempo auf die Fahrt vorbereitet; wir luden so viel Nahrungsmittel, wie
- ebenfalls finanziell gesprochen - den Fehler, daß sie ihn nach der Gefangen- wir bekommen konnten (es war natürlich nicht sehr viel); dazu Uniformen,
nahme nicht töteten.8 Viele der Anhänger Fidels wurden einige Tage später Gewehre, Ausrüstung aller Art, und zwei panzerbrechende Karabiner mit fast
gefangengenommen. Unsere Ranch in den Außenbezirken von Mexico City keiner Munition.
wurde ebenfalls von der Polizei besetzt, und wir kamen alle ins Gefängnis. Schließlich, am 25. November 1956, um zwei Uhr morgens, wurden Fidels
Dadurch wurde der letzte Teil des ersten Stadiums hinausgezögert. Einige Worte, «1956 werden wir frei sein oder zu Märtyrern werden», die von der
von uns verbrachten 57 Tage im Gefängnis, und ständig wurde uns mit Aus- amtlichen Presse verspottet worden waren, in die Wirklichkeit umgesetzt.
lieferung gedroht (Major Calixto García und ich können dies bezeugen). Aber Ohne Licht verließen wir, inmitten eines höllischen Durcheinanders von
zu keinem Zeitpunkt verloren wir unser Vertrauen zu Fidel Castro. Denn Fidel Menschen und aller Art Material den Hafen Tuxpan. Das Wetter war sehr
tat einiges, das, so konnten wir fast sagen, seine revolutionäre Haltung um der schlecht, Navigationshilfen waren verboten, aber das Mündungsgebiet des
Freundschaft willen kompromittierte. Ich erinnere mich, wenn ich an meinen Flusses war ruhig. Im Zickzackkurs liefen wir in den Golf ein, und setzten
eigenen Fall denke. Ich war Ausländer und hielt mich in Mexiko illegal auf; wenig später die Positionslichter. Eine wahnwitzige Suche nach den Tabletten
zahlreiche Beschuldigungen wurden gegen mich erhoben. Ich sagte Fidel, die gegen die Seekrankheit begann, aber wir fanden sie nicht. Wir sangen viel-
Revolution dürfte meinetwegen unter keinen Umständen verzögert werden: er leicht fünf Minuten lang die kubanische Nationalhymne und die ‹Hymne des
könne mich zurücklassen; ich begriffe die Lage und würde versuchen, mich 26. Juli›, und dann bot das Schiff einen sowohl lächerlichen wie auch tragi-
ihrem Kampf von dem Ort aus anzuschließen, wohin auch immer ich ge- schen Anblick: Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht hielten ihre Mägen,
schickt werden mochte; ich sagte ihm, die einzige Mühe, deren sie sich um einige steckten ihre Köpfe in Eimer, andere lagen in den seltsamsten Stellun-
meinetwillen unterziehen sollten, sei die, zu erreichen, daß ich in ein nahege- gen herum, unbeweglich, ihre Kleidung mit Auswurf geschmutzt.
legenes Land und nicht nach Argentinien ausgewiesen werde. Ich erinnere Von den 83 Mann an Bord waren außer zwei oder drei Seeleuten und vier
mich an Fidels brüske Antwort: «Ich werde dich nicht im Stich lassen.» Und oder fünf anderen alle seekrank. Aber am vierten oder fünften Tag hatte sich
so geschah es; sie mußten wertvolle Zeit und Geldmittel aufwenden, um uns das allgemeine Bild ein wenig gebessert. Wir entdeckten, daß das, was wir für
aus dem mexikanischen Gefängnis herauszubekommen. Die persönliche ein Leck im Schiff gehalten hatten, in Wirklichkeit ein offener Installations-
Haltung Fidels zu den Menschen, die er schätzt, ist der Schlüssel zu der völli- hahn war. Wir hatten schon alles Überflüssige von Bord geworfen, um die
gen Ergebenheit, die in seiner Umgebung anzutreffen ist. Die Loyalität gegen- Ladung zu erleichtern.
über dem einzelnen, zusammen mit der Prinzipientreue, macht diese Rebel- Die von uns gewählte Route beschrieb südlich von Kuba und windwärts
lenarmee zu einer unteilbaren Einheit. von Jamaica und der Großen Cayman Insel einen weiten Bogen, so daß wir
den Landungspunkt irgendwo in der Nähe der Stadt Niquero in der Provinz
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Oriente erreichten. Der Plan wurde ganz langsam ausgeführt. Am 30. Novem-
Um die Belohnung zu erhalten
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ber hörten wir über den Rundfunk die Nachricht von Unruhen in Santiago de Alegría de Pío
Cuba, die unser großer Frank País in der Hoffnung organisiert hatte, daß sie
mit dem Eintreffen unserer Expedition zusammenfielen. In der folgenden Alegría de Pío liegt in der Provinz Oriente, im Gebiet von Niquero, nahe Cabo
Nacht, am 1. Dezember, gingen wir - ohne Wasser, Brennstoff und Nah- Cruz. Dort wurden wir am 5. Dezember 1956 von Batistas Truppen gestellt
rungsmittel - von unserem Bogen auf geraden Kurs in Richtung Kuba und und angegriffen.
suchten verzweifelt das Leuchtfeuer von Cabo Cruz. Um zwei Uhr morgens, Nach einem Marsch, der mehr beschwerlich als lang war, befanden wir uns
in einer dunklen und stürmischen Nacht, war die Situation besorgniserregend. in einem sehr geschwächten Zustand. Am 2. Dezember waren wir an der
Die Wachen liefen unruhig hin und her und hielten Ausschau nach dem Licht- Playa de las Coloradas an Land gegangen, wir hatten fast unsere gesamte
strahl, der nicht am Horizont erscheinen wollte. Roque, ein ehemaliger Mari- Ausrüstung eingebüßt und waren endlose Stunden lang durch Salzwasser-
neleutnant, kletterte noch einmal auf die kleine obere Brücke hinaus, um das Sümpfe marschiert. Wir trugen alle neue Stiefel; dadurch waren unsere Füße
Feuer des Leuchtturms von Cabo zu entdecken. Er verlor den Halt und fiel ins mit Blasen bedeckt. Aber unsere Fußbekleidung und die davon herrührenden
Wasser. Eine Weile später, als wir uns noch einmal vergewisserten, sahen wir Pilzinfektionen waren nicht unsere einzigen Feinde. Wir hatten den mexikani-
das Licht, aber wegen der nur langsamen ächzenden Fahrt unserer Jacht schen Hafen Tuxpan am 25. November verlassen, ein Tag, an dem der Nord-
dauerten die letzten Stunden der Reise unendlich lange. Es war schon Tag, als wind die Navigation zu einem lebensgefährlichen Glücksspiel machte. Wir
wir auf Kuba landeten, an einem Ort, der als Belic bekannt ist und am Strand landeten auf Kuba, nachdem wir den Golf von Mexiko und das Karibische
von Las Coloradas liegt. Meer sieben Tage lang durchkreuzt hatten. Wir fuhren ohne Nahrungsmittel,
Ein Kutter der Küstenwacht sichtete uns und gab einen Funkspruch an die unser Schiff war in schlechtem Zustand, und die meisten von uns waren, an
Armee Batistas durch. Kaum waren wir an Land gegangen und hatten in Seereisen nicht gewöhnt, seekrank. All dies hatte bei diesem Haufen von
großer Hast und nur das Notwendigste mit uns schleppend das Sumpfgebiet Anfängern, die noch niemals ein Gefecht mitgemacht hatten, seine Spuren
betreten, wurden wir von feindlichen Flugzeugen angegriffen. Da wir durch hinterlassen.
Mangrovensümpfe landeinwärts gingen, waren wir aus der Luft nicht auszu- Nichts war von unserer Ausrüstung gerettet worden, außer ein paar Geweh-
machen; wir wurden auch von den Flugzeugen nicht getroffen, aber die Ar- re, Patronengürtel und einige nasse Patronen. Unsere medizinische Ausrü-
mee der Diktatur war nun auf unserer Spur. stung war verschwunden, unsere verpackten Ballen waren zum größten Teil in
Wir brauchten mehrere Stunden, das Sumpfgebiet zu durchqueren. Unser den Sümpfen zurückgeblieben. Am Tage vorher waren wir in einem Nacht-
Vormarsch verzögerte sich durch Mangel an Erfahrung und durch die Verant- marsch an der Grenze der Zuckerplantagen der Zuckerraffinerie von Niquero
wortungslosigkeit eines Kameraden, der behauptet hatte, er kenne den Weg. entlanggezogen, die damals Julio Lobo gehörte. Wir stillten unseren Hunger
Wir befanden uns auf festem Grund, hatten die Orientierung verloren und und Durst im Gehen mit Zuckerrohr und, unerfahren wie wir waren, ließen
gingen im Kreis, wir waren eine Armee von Schatten, von Phantomen, die wir die Strünke zurück. Jahre später erfuhren wir, daß der Feind diese sorglos
sich fortbewegte, als würde sie von irgendeinem obskuren psychischen Me- hinterlassenen Spuren, die auf unsere Anwesenheit hindeuteten, in Wirklich-
chanismus angetrieben. Sieben Tage ständigen Hungers und Krankheit auf keit gar nicht brauchte, denn unser Wegführer, einer der Hauptverräter wäh-
See lagen hinter uns, es folgten drei Tage an Land, die noch schrecklicher rend der Revolution, führte ihn zu uns. Wir hatten dem Führer die Nacht frei-
waren. Genau zehn Tage, nachdem wir Mexiko verlassen hatten, in der Mor- gegeben, ein Fehler, den wir während des Krieges mehrere Male wieder-
gendämmerung des 5. Dezember, erreichten wir nach einem Nachtmarsch der holten, bis wir lernten, daß Zivilisten, die wir nicht näher kannten, stets scharf
durch Schwächeanfälle Erschöpfung und Ruhepausen unterbrochen wurde, im Auge behalten werden mußten, wenn wir uns in Gefahrenzonen befanden.
einen Ort, der - welch ein Paradoxon! - Alegría (Fröhlichkeit) de Pío genannt Wir hätten unserem verräterischen Führer niemals gestatten dürfen, sich von
wurde. uns zu entfernen.
Als der 5. Dezember heraufdämmerte, waren nur noch ein paar von uns in
der Lage, einen Schritt zu gehen. Unsere erschöpften Männer konnten sich nur
noch kurze Entfernungen vorwärts bewegen, dann brauchten sie lange Ruhe-
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pausen. Am Rande einer Zuckerplantage wurde eine Rast angeordnet. Die Füßen lagen ein Packen voll mit Medikamenten und ein Patronenkasten; beide
meisten von uns schliefen den Vormittag hindurch in einem Dickicht nahe zusammen konnte ich nicht tragen, sie waren zu schwer. Ich wählte den Pa-
dem dichten Wald. tronenkasten, ließ den Packen mit Medikamenten zurück und überquerte die
Gegen Mittag bemerkten wir eine ungewöhnliche Aktivität. Piper Cub- Schneise, die mich von dem Zuckerrohrfeld trennte. Ich erinnere mich deut-
Flugzeuge und andere militärische und private Maschinen kreisten in der lich, daß Faustino Pérez am Rande des Feldes kniete und aus seiner Maschi-
Umgebung. Einige unserer Männer schnitten ruhig das Zuckerrohr und aßen, nenpistole feuerte. In meiner Nähe lief ein Kamerad namens Arbentosa auf die
wenn die Flugzeuge über unseren Köpfen kreisten, und bedachten nicht, wie Plantage zu. Ein Feuerstoß, wie er schon gar nicht mehr ungewöhnlich war,
gut sie von den niedrig fliegenden Maschinen aus gesehen werden konnten. traf uns beide. Ich fühlte einen schrecklichen Schlag an der Brust und einen
Als Arzt unserer Truppe war es meine Aufgabe, die Blasen der Männer zu anderen am Hals und war sicher, daß ich sterben würde. Arbentosa schoß Blut
behandeln. Ich glaube, ich erinnere mich, daß Humberto Lamotte mein letzter aus Nase, Mund und aus einer gewaltigen Wunde von einem 45iger Geschoß;
Patient an jenem Tag war, und, wie sich herausstellte, es war sein letzter Tag er schrie etwas Ähnliches wie «sie haben mich umgebracht» und begann, wild
auf dieser Erde. Ich habe noch sein müdes und ängstliches Gesicht vor mir, als zu feuern, obgleich in diesem Augenblick niemand zu sehen war. Vom Boden
er von unserem primitiven Sanitätsposten in seine Stellung ging, die Schuhe, aus sagte ich zu Faustino: «Sie haben mich erwischt» (aber ich benutzte einen
die er nicht anziehen konnte, in der Hand. stärkeren Ausdruck). Faustino, der weiter feuerte, schaute meine Wunde an
Kamerad Montane und ich lehnten uns gegen einen Baum und sprachen und sagte, es sei nichts, aber in seinen Augen las ich das Todesurteil.
von unseren Kindern; wir aßen unsere mageren Rationen - ein halbes Würst- Ich blieb am Boden liegen; ich folgte dem gleichen dunklen Impuls wie
chen und zwei Crackers -, als wir einen Schuß hörten. In Sekundenschnelle Faustino und feuerte einmal in Richtung auf den Wald. Sofort fragte ich mich,
ging - so wenigstens schien es meinen ängstlichen Sinnen während dieser welches wohl die beste Art zu sterben sein würde, da nun alles verloren
Feuerprobe - ein Orkan von Kugeln auf diese Truppe von 82 Mann nieder. schien. Ich dachte an eine alte Geschichte von Jack London, in der der Held,
Mein Gewehr war keines der besten - ich hatte absichtlich darum gebeten, der wußte, daß er in den eisigen Weiten Alaskas zum Tode durch Erfrieren
denn eine langanhaltende Asthma-Attacke hatte mich während der Überfahrt verdammt war, sich gegen einen Baum lehnte und beschloß, sein Leben in
in einen bedauernswerten Zustand versetzt, und ich wollte keine gute Waffe Würde zu beschließen. Dies ist das einzige Bild, an das ich mich erinnere.
verschwenden. Ich weiß nicht genau, wann oder wie es geschah; die Erinne- Jemand, der neben mir am Boden entlangkroch, schrie, es sei besser, wenn wir
rung läßt schon etwas nach. Aber daran erinnere ich mich, daß Almeida, er uns ergäben, und hinter mir hörte ich eine schreiende Stimme - es war, wie ich
war damals Hauptmann, während des Kreuzfeuers kam und um Befehle später erfuhr, Camilo Cienfuegos -: «Hier ergibt sich niemand...»; darauf
ersuchte; aber es gab niemanden mehr, der Befehle erteilen konnte. Wie ich folgte ein Schwur. Erregt und atemlos kam Ponce in meine Nähe. Er war
später herausfand, versuchte Fidel vergebens, seine Männer in dem nahe verwundet; offenbar war es ein Lungenschuß. Er sagte mir, daß er verwundet
gelegenen Zuckerrohrfeld umzugruppieren, das man einfach dadurch er- sei, und gleichgültig zeigte ich ihm, daß ich ebenfalls etwas abbekommen
reichen konnte, indem man eine kleine Schneise überquerte. Der Über- hatte. Ponce schleppte sich zusammen mit denen, die unverletzt geblieben wa-
raschungsangriff war zu massiv gewesen, zu viele Geschosse waren auf uns ren, weiter in Richtung auf das Zuckerrohrfeld. Einen Augenblick lang war
niedergegangen. Almeida ging zurück, um seine Gruppe zu übernehmen. In ich allein, ich streckte mich aus und wartete auf meinen Tod.
diesem Augenblick ließ ein Kamerad einen Patronenkasten zu meinen Füßen Almeida kam herüber zu mir und überredete mich, ich solle doch ver-
fallen. Ich deutete fragend auf den Behälter, und der Mann antwortete mit suchen, mich vorwärts zu bewegen. Trotz meiner Schmerzen tat ich es, und so
einem Gesichtsausdruck, an den ich mich sehr gut erinnere, denn die Qual, die gelangten wir schließlich in das Feld. Dort sah ich unseren Kameraden Raúl
sein Gesicht widerspiegelte, schien zu sagen: «Es ist zu spät zum Schießen», Suárez in der Nähe eines Baumes; sein Daumen war von einem Geschoß
und er ging sofort weg, den Pfad durch das Zuckerrohrfeld entlang (später zerschmettert, und Faustino Pérez verband ihn. Danach geriet alles in Verwir-
wurde er von Batistas Mördern umgebracht). Da stand ich vielleicht zum rung. Die leichten Flugzeuge flogen in niedriger Höhe über uns hinweg, und
erstenmal dem Dilemma gegenüber, zwischen meiner Hingabe an die Medizin die Bordschützen feuerten ein paar Schüsse aus ihren Maschinengewehren auf
und meiner Pflicht als revolutionärer Soldat wählen zu müssen. Zu meinen uns ab. Dadurch wurden die Danteschen, grotesken Szenen um uns herum nur
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noch akzentuiert: ein beleibter Guerillero versuchte, sich hinter einem einzi- Hin und her getrieben
gen Stengel Zuckerrohr zu verbergen; ein anderer schrie, ohne wirklich zu
wissen, warum, inmitten des gewaltigen Lärms nach Ruhe. Am Tag nach dem Überraschungsangriff von Alegría de Pío marschierten wir
Eine Gruppe wurde gebildet, deren Führung Almeida übernahm; zu ihr ge- durch ein Waldgebiet in einer Zone, in der rote Erde mit Felsformationen
hörten Leutnant Ramiro Valdés (heute Major), die Kameraden Chao und abwechselte, die aussahen wie ein Gebiß. Wir hörten den Knall einzelner
Benítez und ich. Mit Almeida an der Spitze durchquerten wir die letzte Reihe Schüsse, und es gelang uns nie, eine richtige Straße zu finden. Chao, ein
des Zuckerrohrfeldes, um einen kleinen schützenden Wald zu erreichen. In Veteran des Spanienkrieges, meinte, wenn wir so weiter auf der Suche nach
diesem Augenblick hörten wir die ersten Schreie «Feuer!» aus dem Feld, und dem richtigen Weg herumtappten wie bisher, würden wir am Ende bestimmt
Säulen von Rauch und Flammen schossen daraus hervor; sehr genau erinnere in einen Hinterhalt des Feindes geraten. Er schlug vor, einen Ort zu finden, wo
ich mich nicht mehr, denn ich dachte mehr an die Bitterkeit unserer Nieder- wir die Nacht abwarten konnten, so daß wir unseren Marsch dann im Schutz
lage und an meinen nahen Tod als an die Details der Schlacht. Wir gingen, bis der Dunkelheit fortsetzen konnten.
die Nacht den weiteren Marsch verhinderte; dann beschlossen wir, eng anein- Wir hatten praktisch kein Wasser, und mit dem einzigen Behälter mit
andergeschmiegt, zu schlafen. Wir wurden von Moskitos attackiert, von Durst Milch, den wir besaßen, war ein Unglück geschehen. Benítez, dem wir ihn
und Hunger gequält. Das war unsere Feuertaufe; sie fand am 5. Dezember anvertraut hatten, hatte ihn verkehrt herum in seine Tasche gesteckt. Die
1956 im Bezirk Niquero statt, der Beginn dessen, woraus die Rebellenarmee kleinen Löcher, die wir zum Trinken in den Behälter gebohrt hatten, waren
entstehen sollte. also nach unten geraten, und als wir unsere Ration - ein Vitaminröhrchen voll
Kondensmilch mit einem Schlückchen Wasser - verteilen wollten, sahen wir
mit Schrecken, daß die ganze Milch in der Tasche und über die Uniform von
Benítez ausgelaufen war.
Es gelang uns, eine Art Höhle zu finden, in der wir uns einrichten konnten;
auf der einen Seite hatten wir eine sehr gute Aussicht, von der anderen her
war es jedoch unglücklicherweise unmöglich, den Vormarsch des Feindes
aufzuhalten. Da es uns jedoch mehr darum zu tun war, nicht gesehen zu
werden, als uns zu verteidigen, beschlossen wir, den ganzen
Tag in dieser Höhle zu bleiben. Wir fünf gingen eine feierliche Verpflich-
tung ein, bis zum Tode zu kämpfen. Folgende Personen legten diesen Schwur
ab: Ramiro Valdés, Juan Almeida, Chao, Benítez und der Verfasser dieses
Berichts. Wir fünf überlebten die schreckliche Erfahrung der Niederlage und
die folgenden Schlachten.
Die Nacht brach herein, und wir machten uns wieder auf den Weg. Ich
suchte meine astronomischen Kenntnisse zusammen und machte den Nord-
stern aus, und zwei Tage lang ließen wir uns durch ihn führen, indem wir nach
Osten in Richtung auf die Sierra Maestra marschierten. Erst Monate später
sollte mir klarwerden, daß der Stern, den wir als unseren Wegweiser benutz-
ten, nicht der Nordstern war. Wir hatten einfach Glück, daß wir die richtige
Richtung einschlugen und bei Morgendämmerung vor einigen Kliffs bei der
Küste ankamen.
Zwischen uns und dem Meer war ein etwa fünfzig Meter hohes Kliff. Jen-
seits des Felsens nahmen wir das verführerische Bild eines Wasserspiegels
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wahr, ein Teich mit Süßwasser, wie es uns schien. In der voraufgegangenen tauschen; wir berichteten das Wenige, das jeder von uns über die anderen
Nacht waren wir plötzlich in einen Schwarm von Landkrabben geraten, und Kameraden und den Verlauf der Schlacht wußte. Camilos Gruppe bot uns
von Hunger getrieben, hatten wir sie zerlegt. Da wir unter keinen Umständen Zuckerrohrstengel an, die sie vor der Flucht herausgerissen hatten. Diese süße
ein Feuer anmachen konnten, aßen wir den Gelatineteil der Krabben roh, und und saftige Masse stillte gut den Hunger. Mittlerweile kauten sie begierig die
danach bekamen wir furchtbaren Durst. Krabben. Sie hatten eine Methode entwickelt, ihren Durst zu stillen, indem sie
Wir brauchten geraume Zeit, bis wir einen Durchgang entdeckt hatten, aus den kleinen Vertiefungen in den Felsen das Wasser direkt mit einem
durch den wir zu dem Wasser hinuntersteigen konnten. Aber in dem Hin und Röhrchen oder einem ausgehöhlten Stock heraussogen.
Her unseres An- und Abmarsches konnten wir den Teich, den wir von oben Zusammen marschierten wir weiter. Wir waren nun acht überlebende
entdeckt hatten, nicht wiederfinden. Wir mußten uns mit einigen spärlichen Kämpfer der Granma-Armee, und wir hatten keinerlei Informationen, ob es
Resten Regenwasser begnügen, das wir in den Vertiefungen der «Gebiß»- noch andere Überlebende gab. Wir nahmen an, daß nach allen Gesetzen der
Felsen fanden. Logik noch andere Gruppen wie die unsere existieren mußten. Aber wir hatten
Wir benutzten die winzige Pumpe eines Zerstäubers, der gegen Asthma- nicht die geringste Vorstellung, wo wir sie finden konnten. Wir wußten nur,
Anfälle helfen sollte, um das Wasser aus den Felsrinnen herauszuziehen, aber daß wir, wenn wir an der Küste entlang mit dem Meer zu unserer Rechten
es kamen für jeden von uns kaum ein paar Tropfen zusammen. weitermarschierten, nach Osten zogen, das heißt in Richtung auf die Sierra
Wir marschierten weiter, ohne bestimmte Richtung; wir waren demo- Maestra, wo wir Zuflucht suchen sollten. Wir versuchten nicht, uns vor der
ralisiert. Von Zeit zu Zeit sahen wir ein Flugzeug über dem Meer. Der Marsch Tatsache zu verschließen, daß unsere Fluchtchancen gleich Null waren, wenn
zwischen den Felsen hindurch war außerordentlich anstrengend; einer von uns wir, gefangen zwischen den schroffen Kliffs und dem Meer, mit dem Feind
schlug vor, wir sollten unten an der Küste, an den Kliffs entlangmarschieren. zusammenstießen. Ich weiß nicht mehr, ob wir einen oder zwei Tage an der
Aber das hatte einen schweren Nachteil: der Feind konnte uns sehen. So Küste entlangmarschierten. Ich erinnere mich nur noch daran, daß wir kleine
blieben wir im Schatten einer Anzahl Büsche und warteten auf den Sonnen- indische Feigen aßen, die am Strand wuchsen. Es gab nur ein oder zwei Stück
untergang. Bei Einbruch der Nacht fanden wir einen kleinen Strand, und wir pro Kopf; sie mußten ausreichen, den Hunger zu besänftigen. Und wir wurden
konnten im Meer schwimmen. von Durst gequält, denn wir mußten unsere paar Tropfen Wasser äußerst
Ich versuchte, etwas auszuprobieren, worüber ich einmal in einer po- streng rationieren.
pulärwissenschaftlichen Zeitschrift oder in einem Roman gelesen hatte. Es Eines Morgens erreichten wir bei Dämmerung hundemüde die Küste. Wir
hieß dort, man solle Süßwasser mit einem Drittel Seewasser anreichern und hielten an dieser Stelle, um ein wenig einzunicken, bis es hell genug war, so
erhalte dadurch eine größere Menge sehr gut trinkbaren Wassers. Ich machte daß wir einen Durchgang finden konnten, ehe wir die steilen Klippen in
das Experiment und benutzte dazu eine Feldflasche; aber das Ergebnis war Angriff nahmen.
jämmerlich: ein brackiges Getränk, das meine Kameraden nur mit düsterem Als es hell war, schauten wir uns um. Überrascht gewahrten wir ein großes
Blick betrachteten. Erfrischt durch das Bad setzten wir unseren Marsch fort. Haus aus Palmholz, das anscheinend einem ziemlich wohlhabenden Bauern
Es war Nacht, und wenn ich mich recht erinnere, schien der Mond ziemlich gehörte. Ich war instinktiv der Meinung, wir sollten uns einem solchen Haus
hell. Almeida und ich marschierten an der Spitze. Plötzlich bemerkten wir in nicht nähern, denn seine Bewohner würden uns wahrscheinlich feindlich
einem der kleinen Verschläge, die die Fischer an einer scharfen Biegung der gesonnen sein; tatsächlich könnte das Haus auch sogar von der Armee besetzt
Küste errichten, um sich vor schlechtem Wetter zu schützen, die Konturen sein. Benítez teilte meine Ansicht nicht, und schließlich gingen wir zusammen
von schlafenden Männern. Wir waren sicher, daß es Soldaten waren, aber wir auf das Haus zu.
waren schon zu nahe herangekommen, als daß wir die Richtung ändern konn- Ich blieb draußen, während er über einen Stacheldrahtzaun kletterte. Es war
ten. So schlichen wir vorwärts. Almeida wollte sie schon auffordern, sich zu noch jemand mit uns, ich weiß nicht mehr, wer. Plötzlich bemerkte ich in dem
ergeben, da erlebten wir eine freudige Überraschung. Es waren drei Kame- trüben Licht die klar geschnittene Silhouette eines uniformierten Mannes mit
raden von der Granma: Camilo Cienfuegos, Pancho González und Pablo einem M-1 Gewehr. Mir schien, dies war ein Signal für uns, zumindest für
Hurtado. Sofort begannen wir, Eindrücke, Neuigkeiten und Meinungen auszu- Benítez, daß wir uns zurückziehen sollten, aber da er näher an den Mann
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herangekommen war, konnte ich ihn nicht warnen. Nur zwei Schritte von dem einen einzigen Tropfen aufzunehmen. Wir füllten unsere Feldflaschen und
Soldaten entfernt, machte Benítez plötzlich kehrt, kam zu mir zurück und gingen weiter. Bei Dämmerung erreichten wir die Spitze eines kleinen Hügels
sagte mit vollkommener Naivität, er sei zurückgekommen, weil er «einen mit ein paar Bäumen. Unsere Gruppe schwärmte aus, so daß wir Widerstand
Mann mit einem Gewehr» gesehen habe und weil es seiner Ansicht nach leisten und uns so gut wie möglich tarnen konnten. Wir verbrachten den
klüger gewesen sei, dem Mann keine Fragen zu stellen. ganzen Tag damit, die kleinen mit Lautsprechern ausgerüsteten Flugzeuge zu
Tatsächlich aber fühlten wir uns, und besonders Benítez, als seien wir von beobachten, die unverständliche Geräusche von sich gaben, wenn die Maschi-
den Toten auferstanden. Aber unsere Odyssee endete hier noch nicht. Nach- nen dicht über uns hinwegbrausten. Almeida und Benítez, die Veteranen von
dem wir das Gelände vorsichtig geprüft hatten, sahen wir, daß es notwendig Moncada, erkannten, daß sie uns zur Übergabe aufforderten. Von Zeit zu Zeit
wäre, die Klippen hinaufzuklettern, die an dieser Stelle nicht so steil waren. kamen nicht identifizierbare Geräusche aus dem Wald zu uns herüber.
Tatsächlich kamen wir nun näher an das Gebiet Ojo de Buey (Ochsenauge) In jener Nacht führte uns unsere Wanderschaft in die Nähe eines Hauses,
heran, so genannt, weil ein Wasserlauf, der zum Meer hinunterführt, dort das aus dem Musik klang. Wieder gingen unsere Meinungen auseinander. Ramiro,
Kliff geradewegs durchschneidet. Almeida und ich waren unbedingt der Ansicht, daß wir es unter allen Umstän-
Die Nacht brach herein, noch ehe wir unsere Klettertour beendet hatten. den vermeiden mußten, uns bei einer Tanzerei oder einer derartigen Festlich-
Wir hatten gerade noch Zeit, eine Höhle zu finden, einen glänzenden Beob- keit sehen zu lassen, denn die Bauern würden unsere Anwesenheit weit und
achtungsposten, von dem aus wir das ganze Panorama überschauen konnten. breit bekanntmachen, nicht notwendigerweise aus bösem Willen, sondern aus
Ringsum herrschte völlige Stille. Wir sahen ein paar Männer aus einem klei- dem Vergnügen, eine Neuigkeit verbreiten zu können. Benítez und Camilo
nen Marineboot an Land gehen, wir zählten etwa dreißig Personen, andere waren jedoch der Ansicht, wir sollten um jeden Preis das Haus betreten, damit
stiegen ein; anscheinend handelte es sich um eine Rettungsoperation. Später wir etwas zu essen bekämen. Schließlich wurden Ramiro und ich bestimmt, in
erfuhren wir, daß diese Männer zum Kommando von Laurent gehörten, des das Haus zu gehen und in Erfahrung zu bringen, was es Neues gibt, und
gefürchteten Mörders von der Marine. Nachdem dieser seine Aufgabe, näm- Nahrungsmittel zu beschaffen. Wir waren gerade dorthin auf dem Weg, als
lich die Hinrichtung einer Gruppe unserer Kameraden, erfüllt hatte, war er plötzlich die Musik stoppte und wir deutlich die Stimme eines Mannes hörten,
nun damit beschäftigt, seine Leute in Sicherheit zu bringen. der so etwas Ähnliches sagte wie: «Und jetzt wollen wir auf unsere Waffenge-
Vor den verblüfften Augen von Benítez entpuppten sich nun die «Männer fährten trinken, die so glänzende Taten vollbracht haben» usw. Das genügte
mit Gewehren» in all ihrer schrecklichen Realität. Die Situation war nicht gut. uns, wir machten kehrt, verstohlen, aber im Laufschritt und meldeten unseren
Wenn wir entdeckt wurden, gab es nicht die geringste Chance für eine Flucht; Kameraden, wo diese Männer zu Hause waren.
wir würden dann keine andere Wahl haben, als an Ort und Stelle bis zum Wir nahmen unseren Marsch wieder auf, aber die Männer hielten an jeder
Ende zu kämpfen. Biegung an. In jener Nacht, oder vielleicht war es auch in der folgenden,
Wir hatten den ganzen Tag noch nichts gegessen; wir rationierten unser beschlossen alle Kameraden mit wenigen Ausnahmen, daß sie nicht weiterge-
Wasser - und mit welcher Präzision! Wir verteilten es in der Linse eines Feld- hen wollten. So waren wir also - neun Tage nach dem Überraschungsangriff
stechers; eine gerechtere Verteilung war nicht möglich. von Alegría de Pío - nun gezwungen, an die Tür eines Bauern zu klopfen, der
Nachts setzten wir unseren Weg fort, wir strebten fort aus dieser Um- in der Nähe der Straße bei Puercas Gordas wohnte.
gebung, wo wir einige der qualvollsten Tage des Krieges verbracht hatten, Wir wurden herzlich aufgenommen. Diese Bauernhütte wurde der Schau-
ausgeliefert dem Hunger und Durst, unserem Gefühl der Niederlage und einer platz eines endlosen Festmahles. Stunden vergingen, und wir aßen immer
realen und ungeheueren Gefahr, die jederzeit über uns hereinbrechen konnte; noch, so viel und so gut, daß wir bei Morgendämmerung immer noch schmau-
so kamen wir uns wie Ratten in einer Falle vor. Nachdem wir viel herumgeirrt sten. Es war unmöglich, aufzubrechen. Den ganzen Vormittag hindurch
waren, kamen wir an einen Gebirgsfluß, der ins Meer mündet, oder an einen kamen ständig Bauern zur Hütte, die, aus Neugier oder Sorge, unsere Be-
seiner Nebenflüsse. Wir warfen uns an das Ufer des Flusses und tranken und kanntschaft machen wollten, die uns Nahrungsmittel anboten oder uns ein
tranken mit der Gier von Pferden; wir hätten noch weitergemacht, aber unsere Geschenk brachten.
Mägen, die keine Nahrung bekommen hatten, weigerten sich, auch nur noch Dann verwandelte sich das kleine Haus, das uns Schutz bot, in ein Inferno.
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Almeida war der erste, der von der Diarrhöe überwältigt wurde; und dann, auf ohne jeden Führer marschiert waren, den Hof von Mongo Pérez, des Bruders
einen Schlag, legten acht Eingeweide, die das, was man ihnen antat, nicht zu von Crescencio. Dort fanden wir alle Kameraden unserer Landungstruppe, die
würdigen wußten, Zeugnis von der schwärzesten Undankbarkeit ab. Einige am Leben geblieben und noch in Freiheit waren: Fidel Castro, Universo
der Kameraden begannen, sich zu erbrechen. Pablo Hurtado, erschöpft durch Sánchez, Faustino Pérez, Raúl Castro, Ciro Redondo, Efigenio Ameijeiras,
die Seekrankheit, durch tagelanges Marschieren, durch Hunger und Durst, René Rodríguez und Armando Rodríguez. Wenige Tage später stießen Morán,
hielt nicht länger durch. Crespo, Julito Díaz, Calixto García, Calixto Morales und Bermúdez zu uns.
Wir beschlossen, in der folgenden Nacht aufzubrechen. Die Bauern sagten Unsere kleine Truppe hatte keine Uniformen und keine Waffen. Tatsächlich
uns, daß nach den Informationen, die sie erhalten hatten, Fidel am Leben sei. hatten wir außer den beiden Maschinenpistolen nichts aus der Katastrophe
Sie schlugen vor, uns zu einem Ort zu bringen, wo wir ihn und Crescencio gerettet. Fidel machte uns deshalb bittere Vorwürfe.
Pérez aller Wahrscheinlichkeit nach finden konnten. Aber sie stellten eine Den ganzen Feldzug hindurch blieben mir seine Worte im Gedächtnis, und
Bedingung: wir mußten unsere Waffen und unsere Uniformen zurücklassen. sogar bis heute habe ich sie nicht vergessen: «Ihr mußtet für den Fehler, den
Almeida und ich behielten unsere beiden Maschinenpistolen. Die acht Geweh- ihr begangen habt, nicht zahlen, denn der Preis dafür, daß ihr unter solchen
re und die ganze Munition blieben als Sicherheit in der Hütte des Bauern. Wir Umständen eure Waffen im Stich laßt, ist euer Leben. Eure Gewehre wären
wollten in einzelnen Abschnitten nach der Maestra gelangen und dazwischen die einzige, die allereinzige Hoffnung auf ein Überleben gewesen, falls ihr mit
Ruhepausen bei Bauern einlegen. Deshalb teilten wir uns in zwei Gruppen, der Armee Mann gegen Mann zusammengestoßen wäret. Sie im Stich zu
eine bestand aus drei, die andere aus vier Männern. lassen, war verbrecherisch und töricht.»
Zu unserer Gruppe gehörten, wenn ich mich recht erinnere, Pancho Gonza-
lez, Ramiro Valdés, Almeida und ich. Zur anderen Camilo, Benítez und Chao.
Pablo Hurtado war zu krank, als daß er die Hütte verlassen konnte.
Wir hatten uns kaum auf den Weg gemacht, als der Besitzer der Hütte der
Versuchung erlag, unter dem Vorwand, Rat darüber einzuholen, wie man
unsere Waffen am besten verstecken konnte, seine Neuigkeit einem Freund
mitzuteilen. Dieser überredete ihn, sie zu verkaufen. Sie feilschten mit einem
dritten Dieb herum, und dieser wiederum denunzierte uns bei der Polizei. Die
Folge war ein Überfall des Feindes, nur wenige Stunden nachdem wir den
ersten gastfreundlichen kubanischen Herd verlassen hatten; sie nahmen Pablo
Hurtado gefangen und beschlagnahmten unsere Waffen.
Wir blieben bei einem Adventisten namens Argelio Rosabal, der als ‹Pa-
stor› bekannt war. Dieser Kamerad nahm sofort, als er die schlimme Nach-
richt erhielt, mit einem anderen Bauern Verbindung auf, der das Gebiet wie
seine Westentasche kannte und mit den Rebellen sympathisierte. Noch in
derselben Nacht suchten wir einen anderen Zufluchtsort auf, der größere
Sicherheit versprach. Der Bauer, den wir bei jener Gelegenheit trafen, war
Guillermo García. Heute ist er Befehlshaber der Oriente-Armee und Mitglied
der nationalen Führung unserer Partei.
In der Folge wurden wir von verschiedenen Bauern willkommen geheißen:
von Carlos Mas, der sich uns später anschloß; von Perucho und anderen
Kameraden, deren Namen ich vergessen habe. Eines Morgens bei Tagesan-
bruch erreichten wir, nachdem wir die Straße nach Pilón überquert hatten und
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Das Gefecht von La Plata Wir sahen, daß um sechs Uhr abends, gerade vor Sonnenuntergang, eine
Barkasse mit Wachsoldaten anlegte. Einige stiegen aus, andere betraten das
Der Angriff auf die kleinen Kasernen an der Mündung des La Plata-Flusses in Boot. Da wir den Sinn dieses Vorgangs nicht klar genug verstanden, beschlos-
der Sierra Maestra brachte uns unseren ersten Sieg und hatte Auswirkungen, sen wir, den Angriff bis zum folgenden Tage aufzuschieben.
die weit über die zerklüftete felsige Gegend hinausgingen, in der das Gefecht Von der Morgendämmerung des 16. Januar an waren die Kasernen unter
stattgefunden hatte. Dieser Sieg wurde im ganzen Land bekannt und bewies, ständiger Überwachung. Die Küstenwachen hatten sich bis zur Nacht zurück-
daß die Rebellenarmee existierte und zum Kampf bereit war. Für uns war es gezogen. Wir schickten ein paar Kundschafter aus, die nirgendwo Soldaten
die neuerliche Bestätigung, daß unser endgültiger Triumph möglich war. entdecken konnten. Um drei Uhr nachmittags beschlossen wir, den Pfad
Am 14. Januar 1957, wenig mehr als vier Wochen nach dem Überra- hinaufzusteigen, der zu den Kasernen führte und in der Nähe des Flusses lag,
schungsangriff von Alegría de Pío, hielten wir am Magdalena-Fluß, der vom damit wir einen besseren Überblick gewinnen konnten. Bei Einbruch der
La Plata durch einen ins Meer führenden Gebirgszug der Sierra getrennt wird Nacht überquerten wir den seichten La Plata-Fluß und postierten uns auf dem
und auf diese Weise die beiden kleinen Flußtäler voneinander absondert. Hier Pfad. Nach fünf Minuten kamen zwei guajiros vorbei, die wir gefangennah-
bildeten wir auf Befehl Fidels die Männer im Schießen aus; einige von ihnen men. Einer von ihnen war ein bekannter Spitzel. Wenn sie einmal wußten, wer
hielten zum erstenmal in ihrem Leben ein Gewehr in der Hand; hier wuschen wir waren und unseren Drohungen glaubten, lieferten sie uns wichtige Infor-
wir uns auch, nachdem wir viele Tage lang die Gebote der Hygiene ignoriert mationen. Wir fanden heraus, daß in dem Militärlager etwa fünfzehn Soldaten
hatten, und diejenigen, die es konnten, wechselten ihre Kleidung. Zu jenem waren; weiter erfuhren wir, daß nach einer Weile einer der drei berüchtigsten
Zeitpunkt besaßen wir 23 einsatzbereite Waffen: neun Gewehre mit Zielfern- Aufseher des Bezirks, Chicho Osorio, den Weg entlangkommen werde. Diese
rohr, fünf halbautomatische und vier Bolzengewehre, zwei Thompson- Aufseher arbeiteten in der Laviti-Plantage, einem gewaltigen Lehngut, das mit
Maschinenpistolen, zwei andere MPs und eine Schrotflinte, Kaliber sechzehn. Hilfe solcher Leute wie Chicho Osorio durch Terror verwaltet wurde. Nach
An jenem Nachmittag erklommen wir den letzten Hügel, um die Umgebung einiger Zeit erschien Chicho, er war betrunken und ritt zusammen mit einem
des La Plata zu erreichen. Wir folgten einem schmalen verlassenen Waldpfad, kleinen Negerjungen auf einem Maultier.. Universo Sánchez forderte ihn im
den ein Bauer dieser Gegend namens Melquiades Elías speziell für uns mit der Namen der Guardia Rural auf, stehenzubleiben, und er antwortete sofort mit
Machete freigehauen hatte. Unser Wegführer Eutimio hatte uns seinen Namen «mosquito», dem Kennwort.
angegeben; Eutimio war damals unentbehrlich für uns, er war das Muster von Trotz unseres abgerissenen Aussehens gelang es uns, Chicho Osorio zu täu-
einem Bauernrebellen. Einige Zeit später wurde Eutimio von Casillas gefan- schen, vielleicht, weil er so betrunken war. Fidel erklärte ihm in entrüstetem
gengenommen, der, anstatt Eutimio zu töten, versuchte, ihn mit 10 000 Peso Ton, er sei Oberst der Armee und gekommen, herauszufinden, warum die
und einem Dienstgrad in der Armee zu bestechen, damit er Fidel ermordete. Rebellen noch nicht vernichtet worden seien; nun sei er auf dem Weg in die
Er war schon fast entschlossen, seinen Plan zu verwirklichen, aber schließlich Berge, um sie zu finden (deshalb trage er auch einen Bart), und was die Ar-
fehlte ihm doch der Mut dazu. Dennoch erwies er sich, indem er unsere La- mee in dieser Sache unternehme, sei alles «Dreck». Insgesamt sprach er recht
gerplätze verriet, dem Feind als wichtiger Helfer. geringschätzig von der Wirksamkeit des Feindes. Mit großer Unterwürfigkeit
Zunächst jedoch diente uns Eutimio loyal; er war einer der vielen Bauern, erwiderte Chicho Osorio, das treffe zu, die Wachen verbrächten ihre Zeit
die gegen die Gutsbesitzer um ihr Land gekämpft hatten, und die damit auch innerhalb des Kasernengebäudes, sie äßen ständig und täten nichts, als un-
gegen die Landgendarmerie kämpften. wichtige Übungen zu veranstalten; alle Rebellen, so meinte er mit Nachdruck,
An jenem Tag nahmen wir auf dem Marsch zwei guajiros (Bauern) gefan- müßten vernichtet werden. Wir begannen, Chicho vorsichtig nach freundlich
gen. Es zeigte sich, daß sie mit unserem Führer verwandt waren; wir ließen und unfreundlich gesonnenen Personen in dem Bezirk auszuhorchen, natürlich
einen von ihnen frei, als Vorsichtsmaßnahme behielten wir aber den anderen. waren dabei die Rollen vertauscht: wenn Chicho sagte, jemand sei schlecht, so
Am folgenden Tag, dem 15. Januar, lagen die halb fertiggestellten, mit Zink- hatten wir Grund zu der Annahme, daß diese Person für unsere Sache gut war.
blech bedeckten Kasernen von La Plata vor uns. Wir sahen eine Gruppe von Auf diese Weise bekamen wir etwa zwanzig Namen zusammen, und der
Männern, die, obgleich nur halbbekleidet, die Uniform des Feindes trugen. Schurke plapperte immer weiter. Er erzählte uns, er habe zwei Männer getötet,
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«aber mi general Batista hat mich sofort frei weggehen lassen»; er berichtete, Macío auf brutale Weise ermordet.
wie er einige Bauern, die «ein bißchen unverschämt geworden waren» nur so Wir bereiteten uns mit den zweiundzwanzig vorhandenen Waffen auf den
zusammengeschlagen habe und meinte, daß die Guardia Rural in Wirklich- Angriff vor. Dies war ein wichtiger Augenblick, denn wir hatten nur wenig
keit unfähig sei, in dieser Weise vorzugehen; sie erlaube den Bauern, daß sie Munition; wir mußten die Kaserne um jeden Preis nehmen, denn sonst würden
straffrei Widerrede gäben. Fidel fragte ihn, was er mit Fidel Castro tun würde, wir alle unsere Munition verschossen haben und praktisch verteidigungsun-
wenn er ihn zu fassen bekäme, und Chicho antwortete mit einer unmißver- fähig sein. Kamerad Leutnant Julito Díaz (der bei El Uvero heldenhaft fiel)
ständlichen Geste, daß er seine... abschneiden würde, das gleiche würde er mit und Camilo Cienfuegos, Benítez sowie Calixto Morales - alle mit halbauto-
Crescendo tun. «Schaut her», sagte er und deutete auf seine mexikanischen matischen Gewehren bewaffnet - sollten das mit Palmstroh gedeckte Haus des
Stiefel, die er trug (und die wir ebenfalls anhatten), «ich habe sie einem dieser Aufsehers vom äußersten rechten Flügel her umzingeln. Fidel, Universo
... söhne ausgezogen, die wir getötet haben.» Damit hatte Chicho Osorio, ohne Sánchez, Luis Crespo, Calixto García, Fajardo (jetzt Major) und ich würden
es zu wissen, sein eigenes Todesurteil unterzeichnet. Schließlich fand er sich von der Mitte her angreifen. Raúl mit seiner Gruppe und Almeida mit seinen
auf den Vorschlag Fidels hin bereit, uns zu dem Militärlager zu führen, damit Leuten standen zum Angriff von links bereit.
wir die Soldaten überraschen und ihnen beweisen konnten, daß sie schlecht Derart näherten wir uns langsam den Stellungen des Feindes, bis wir auf
vorbereitet waren und ihre Pflicht vernachlässigten. vierzig Meter herangekommen waren. Es war Vollmond. Mit zwei Feuerstö-
Wir näherten uns den Kasernen; Chicho Osorio führte uns. Ich persönlich ßen aus dem Maschinengewehr begann Fidel das Gefecht; dann schossen wir
war nicht so sicher, daß dieser Mann unser Spiel nicht schon durchschaut mit allen verfügbaren Waffen. Sofort danach forderten wir die Soldaten zur
hatte. Aber er machte in aller Unschuld weiter; er war so betrunken, daß seine Übergabe auf; aber wir hatten keinen Erfolg. In dem Augenblick, als die
Urteilsfähigkeit beeinträchtigt war. Als wir den Fluß noch einmal überquerten, Schießerei begann, wurde Chicho Osorio, der Denunziant, der gemordet hatte,
um näher an die Kasernen heranzukommen, sagte Fidel zu ihm, daß Gefange- hingerichtet.
ne nach den militärischen Vorschriften gefesselt werden müßten; Chicho Der Angriff begann um 2.40 Uhr morgens, und die Soldaten leisteten stär-
weigerte sich nicht, und ohne es zu wissen, ging er nun als richtiger Gefange- keren Widerstand, als wir erwartet hatten. In dem Gebäude befand sich ein
ner mit uns weiter. Er erläuterte uns, daß sich der einzige Wachtposten zwi- Sergeant mit einer M-1, und jedesmal, wenn wir sie aufforderten, sich zu
schen den teilweise fertiggestellten Kasernen und dem Haus eines der anderen ergeben, antwortete er mit einem Geschoßhagel. Wir erhielten den Befehl,
Aufseher, Honorio, befand, und er führte uns zu einer Stelle in der Nähe der unsere alten Handgranaten (des brasilianischen Typs) zu werfen; Luis Crespo
Kasernen, an der die Straße nach El Macío vorbeiführte. Kamerad Luis warf seine und ich meine, aber keine von ihnen explodierte. Raúl Castro
Crespo, heute Major, wurde ausgeschickt, die Gegend zu erkunden, und er schleuderte Dynamit, aber auch dies hatte keine Wirkung. So mußten wir uns
kehrte mit der Nachricht zurück, daß Chichos Angaben richtig gewesen wa- also noch näher heranarbeiten und die Häuser in Brand setzen, obgleich wir
ren, denn Luis hatte die beiden Gebäude gesehen und dazwischen den roten damit unser Leben riskierten. Universo Sánchez versuchte es zuerst, aber es
Punkt einer brennenden Zigarette des Postens. mißlang ihm, auch Camilo Cienfuegos hatte kein Glück. Schließlich näherten
Wir waren drauf und dran, loszuschlagen, als drei Wachtsoldaten vorbeirit- sich Luis Crespo und ich dem Gebäude und steckten es in Brand. Im Licht der
ten, und wir uns verstecken mußten. Vor ihnen her ging ein Gefangener, den Flammen konnten wir erkennen, daß es nur ein Lagerhaus für Kokosnüsse
sie wie ein Maultier antrieben. Der Gefangene kam dicht an mir vorbei, und war, das zu einer nahe gelegenen Kokospalmen-Plantage gehörte. Aber wir
ich erinnere mich an die Worte dieses armen Bauern: «Ich bin ein Mensch, so hatten die Soldaten schon so eingeschüchtert, daß sie den Kampf aufgaben.
wie ihr auch», und an die Antwort eines der Soldaten (den wir später als Einer von ihnen stieß auf der Flucht beinahe mit Luis Crespos Gewehr zu-
Korporal Basól identifizierten): «Halt's Maul und lauf, oder wir werden dir sammen und erhielt einen Brustschuß. Luis nahm die Waffe des Soldaten an
mit der Peitsche Beine machen.» Zu diesem Zeitpunkt glaubten wir, der Bauer sich, und wir feuerten weiter auf das Haus. Camilo Cienfuegos schoß, hinter
werde außer Gefahr sein, wenn er sich nicht in der Kaserne aufhielte, und er einem Baum in Deckung, auf den fliehenden Sergeanten, und verschoß seine
werde im Augenblick des Angriffs den Kugeln entgehen; er wurde jedoch am paar Patronen.
folgenden Tag, als sie von dem Gefecht und seinem Ausgang hörten, in El Die fast wehrlosen Soldaten wurden von unserem gnadenlosen Feuer in
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Stücke gerissen. Camilo Cienfuegos war der erste, der das Haus betrat, und mehr Waffen als Männer zur Verfügung standen. Die Bauern waren noch
wir hörten Rufe, daß man sich ergeben wolle. Wir zählten schnell die Waffen, nicht bereit, sich dem Kampf anzuschließen, und eine Verbindung zu den
die uns in die Hände gefallen waren: acht Springfields, eine Thompson- Stützpunkten in den Städten gab es praktisch nicht.
Maschinenpistole und einige Tausend Schuß Munition; wir selbst hatten etwa
fünfhundert Schuß abgefeuert. Außerdem erbeuteten wir Patronengürtel,
Treibstoff, Messer, Kleidungsstücke und einige Nahrungsmittel. Es gab fol-
gende Verluste: der Gegner verlor zwei Tote, fünf Verwundete und drei
Gefangene. Einige, unter ihnen der erbärmliche Honorio, waren entkommen.
Auf unserer Seite gab es nicht einmal eine Schramme. Wir steckten die Häu-
ser der Soldaten in Brand und zogen uns zurück, nachdem wir die Verwunde-
ten, so gut wir konnten, versorgt hatten. Es waren drei Schwerverletzte darun-
ter, die später starben, wie wir nach dem endgültigen Sieg erfuhren. Wir
ließen sie in der Obhut der gefangengenommenen Soldaten zurück. Einer der
Soldaten schloß sich später den Truppen Major Raúl Castros an und wurde
schließlich zum Leutnant befördert; er kam nach Kriegsende bei einem Flug-
zeugabsturz ums Leben.
Unsere Haltung gegenüber den Verwundeten stand in krassem Gegensatz
zu der, die die Armee zeigte. Die Armeeangehörigen ermordeten nicht nur
unsere Verwundeten, sondern ließen auch die eigenen im Stich. Mit der Zeit
hatte diese unterschiedliche Behandlung ihre Wirkung und war einer der
Faktoren, die zu unserem Sieg beitrugen. Zu meinem Mißvergnügen befahl
Fidel, alle unsere Medikamente bei den Gefangenen zu lassen, die die Ver-
wundeten pflegen sollten; ich wollte eine Reserve für unsere kämpfende
Truppe zurückbehalten. Wir befreiten auch die Zivilisten, und am 17. Januar
um 4.30 Uhr morgens brachen wir nach Palma Mocha auf, wo wir bei Tages-
anbruch ankamen und uns sofort nach den zerklüftetsten und unzugäng-
lichsten Teilen der Sierra Maestra auf den Weg machten.
Ein trauriger Anblick bot sich uns: am Tag zuvor hatten ein Unteroffizier
und ein Aufseher allen Bauernfamilien der Gegend mitgeteilt, daß die Luft-
waffe das ganze Gebiet bombardieren werde, und diese Bekanntmachung
hatte einen Exodus an die Küste ausgelöst. Da zu diesem Zeitpunkt niemand
von unserer Anwesenheit Kenntnis hatte, handelte es sich ganz offensichtlich
um einen Schachzug der Aufseher und der Landgendarmerie, den guajiros ihr
Land und ihren Besitz wegzunehmen.
Aber ihre Lüge war mit unserem Angriff zusammengefallen, und nun eine
Realität geworden, so daß sich jetzt wirklich Furcht und Schrecken verbreite-
ten und es unmöglich war, den Auszug der Bauern abzustoppen.
Dies war das erste siegreiche Gefecht der Rebellenarmee. Nur hier und bei
dem folgenden bewaffneten Zusammenstoß ergab es sich, daß unserer Truppe
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Das Gefecht von El Arroyo del Infierno Henne weiterlegen konnte. An jenem Tag entschied Crespo wegen der Schüs-
se, die wir in der Nacht gehört hatten, daß wir das letzte Ei verzehren sollten;
El Arroyo del Infierno (Höllenflüßchen) ist ein schmaler seichter Fluß, der in und so geschah es. Mittags sahen wir in einer der bohíos eine menschliche
den Palma Mocha mündet. Als wir, vom Palma Mocha entfernt, den Höllen- Gestalt. Zuerst nahmen wir an, einer unserer Kameraden habe den Befehl
fluß entlangmarschierten und die Abhänge der benachbarten Hügel hinaufklet- mißachtet, nicht in die Nähe der Häuser zu gehen. Dann jedoch stellte sich
terten, erreichten wir ein kleines Tal, wo wir auf zwei bohíos (Bauernhütten) heraus, daß es ein feindlicher Soldat war. Danach erschienen etwa sechs
stießen. Hier schlugen wir ein Lager auf, obgleich wir die Hütten natürlich andere; einige verschwanden wieder, drei blieben sichtbar. Wir sahen, daß der
nicht benutzten. Soldat, der die Wache hatte, um sich schaute, ein paar Pflanzen ausriß und sie
Fidel war überzeugt, daß die Armee uns verfolgen und uns wahrscheinlich sich als Versuch der Tarnung hinter die Ohren steckte. Dann saß er ruhig im
auch finden werde. Bei dieser Überlegung plante er einen Hinterhalt, und wir Schatten, sein Gesicht, das durch den Feldstecher klar erkennbar war, zeigte
hofften, daß wir dabei einige feindliche Soldaten gefangennehmen könnten. keine Furcht. Der Schuß, den Fidel zur Eröffnung des Gefechts abfeuerte, er-
Zu diesem Zweck stellte er unsere Leute auf. schütterte ihn; er konnte nur noch einen Ruf ausstoßen, so etwas wie «Ay, mi
Fidel kontrollierte unsere Postenkette gründlich und überprüfte unsere Ver- madre!», dann fiel er tot zu Boden. Der Schußwechsel verstärkte sich, und die
teidigungsstellungen immer und immer wieder. Am Morgen des 19. Januar beiden Gefährten des Soldaten fielen ebenfalls. Plötzlich bemerkte ich, daß
musterten wir die Truppen, als es zu einem Zwischenfall kam, der ernste sich in der näher gelegenen bohío noch ein anderer Soldat aufhielt, der ver-
Folgen hätte haben können. Als Trophäe des Gefechts von La Plata hatte ich suchte, vor unserem Feuer in Deckung zu gehen. Von meinem höher gelege-
die Mütze eines Unteroffiziers an mich genommen und trug sie mit großem nen Standort aus waren nur seine Beine zu sehen, da das Dach der Hütte
Stolz; aber als ich die Soldaten inspizierte und dabei mitten durch den Wald seinen Körper verdeckte. Ich feuerte auf ihn und verfehlte mein Ziel; der
ging, hörten uns die Vorposten von weitem kommen und sahen die Gruppe, zweite Schuß traf den Mann direkt in die Brust, er sank um, und sein Gewehr
die von jemandem mit einer Armeemütze geführt wurde. Glücklicherweise blieb mit dem Bajonett im Boden stecken. Crespo gab mir Deckung, und ich
waren sie in diesem Augenblick gerade beim Waffenreinigen, und nur das erreichte das Haus, wo ich die Leiche liegen sah; ich nahm die Patronen des
Gewehr von Camilo Cienfuegos war schußbereit. Er eröffnete das Feuer auf Toten, sein Gewehr und ein paar andere Dinge. Die Kugel hatte ihn mitten in
uns und erkannte sofort seinen Irrtum. Sein erster Schuß ging fehl, und dann die Brust getroffen, wahrscheinlich war sie in sein Herz gedrungen, und der
hatte sein automatisches Gewehr Ladehemmung, so daß er nicht weiterschie- Tod war auf der Stelle eingetreten; er zeigte schon die ersten Zeichen des
ßen konnte. Dieser Zwischenfall war symptomatisch dafür, in welcher Span- rigor mortis, vielleicht als Folge der Erschöpfung von dem Marsch, den er an
nung wir uns befanden, aus der uns der Beginn des Gefechts erlösen würde. In seinem letzten Tage unternommen hatte.
solchen Zeiten spüren selbst diejenigen, die Nerven aus Stahl besitzen, ein ge- Das Gefecht war außerordentlich heftig, und bald liefen wir alle in Dek-
wisses leichtes Zittern in den Knien, und jeder sehnt sich danach, daß jener kung, nachdem unser Plan erfolgreich verwirklicht worden war.
strahlende Augenblick anbricht und die Schlacht beginnt. Allerdings wollte Als wir Inventur machten, stellten wir fest, daß wir etwa neunhundert Pa-
niemand von uns den Kampf; wir kämpften, weil es notwendig war. tronen verschossen und siebzig aus einem erbeuteten Patronenkasten dazube-
In der Morgendämmerung des 22. Januar hörten wir aus der Richtung des kommen hatten. Wir hatten auch ein Gewehr, Modell Garand, erbeutet, das
Palma Mocha-Flusses einige vereinzelte Schüsse, und dies zwang uns, noch Major Efigenio Ameijeiras erhielt, der es lange Zeit benutzte. Wir zählten auf
strengere Disziplin in unseren Reihen zu wahren, noch vorsichtiger zu sein der Seite des Feindes vier Tote, aber Monate später erfuhren wir, als wir einen
und auf das jetzt unmittelbar bevorstehende Erscheinen des Feindes zu war- Denunzianten gefangennahmen, daß tatsächlich fünf Soldaten gefallen waren.
ten. Es war kein totaler Sieg, aber auch kein Pyrrhussieg. Wir hatten unsere Kräfte
Da wir annahmen, daß die Soldaten des Gegners schon ganz in der Nähe in einer neuen Situation gegen den Feind erprobt, und wir hatten die Probe
waren, machten wir kein Feuer, weder um das Frühstück noch um das Mittag- bestanden.
essen zu bereiten. Einige Zeit zuvor hatten Crespo und ich ein paar Hühnerei- Dies hob unsere Stimmung beträchtlich und befähigte uns, den ganzen Tag
er gefunden; wir rationierten sie und ließen eines davon zurück, so daß die hindurch mühsam zu den unzugänglichsten Stellen hinaufzuklettern, um der
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Verfolgung durch stärkere feindliche Kräfte zu entgehen. Auf diese Weise Luftangriff
erreichten wir die andere Seite des Berges. Wir gingen parallel zu den Trup-
pen Batistas, die sich ebenfalls zurückzogen, wobei beide Gruppen dieselben Nach dem Sieg über die Streitkräfte Sánchez Mosqueras' waren wir an den
Berggipfel überquerten, um die andere Seite zu erreichen. Zwei Tage lang Ufern des La Plata-Flusses entlanggezogen. Später, als wir den Magdalena-
marschierten unsere Soldaten und die des Feindes, ohne es zu bemerken, Fluß überquerten, waren wir in den uns schon bekannten Bezirk von Caracas
beinahe Seite an Seite. Einmal schliefen wir in einer bohío, die vom Feind nur zurückgekehrt. Aber diesmal war die Atmosphäre dort eine andere: als wir uns
durch einen kleinen Fluß und ein paar Straßenkrümmungen getrennt war. Der das erste Mal dort verborgen hielten, hatten uns alle Leute unterstützt. Jetzt
Leutnant, der die feindliche Patrouille kommandierte, war Sanchez Mosquera, waren Casillas' Truppen durchgezogen und hatten im ganzen Gebiet Terror
dessen Name wegen seines Plünderns und Mordens in der ganzen Sierra verbreitet. Die Bauern waren verschwunden, sie hatten nur ihre leeren Hütten
Maestra verrufen war. Es ist wert, erwähnt zu werden, daß die Schüsse, die und ein paar Tiere zurückgelassen, die wir töteten und aßen. Die Erfahrung
wir mehrere Stunden vor dem Gefecht gehört hatten, einen Bauern haitiani- hatte uns gelehrt, daß es nicht sicher war, sich länger in den Häusern aufzu-
scher Abstammung getötet hatten, der sich geweigert hatte, die Soldaten zu halten, so kehrten wir, nachdem wir die Nacht in einer der abgelegenen Hütten
unserem Versteck zu fuhren. Wenn sie diesen Mord nicht begangen hätten, verbracht hatten, in die Wälder zurück und schlugen unser Lager neben einem
würden sie uns nicht alarmiert und ihres Kommens gewärtig angetroffen kleinen Wasserfall fast auf der Spitze des Caracas-Hügels auf.
haben. Manuel Fajardo kam zu mir und fragte mich, ob es möglich sei, daß wir den
Wieder hatten wir viel zuviel zu schleppen; viele von uns trugen zwei Ge- Krieg verlieren. Meine Antwort war, ganz unabhängig von der Euphorie
wehre. Unter diesen Umständen fiel der Marsch nicht leicht, aber es gab ganz unseres letzten Sieges, stets die gleiche: der Krieg werde unbestreitbar ge-
offensichtlich andere Antriebskräfte als solche persönlicher Art, die uns wonnen werden. Er erklärte auch, warum er mich gefragt hatte: «Gallego»
vorwärtszwangen, Kräfte, die verschieden von jenen waren, die nach der Morán habe behauptet, es sei nicht mehr möglich, den Krieg zu gewinnen, wir
Katastrophe von Alegría de Pío auf uns einwirkten. Vor wenigen Tagen hatten seien verloren, und er habe dann Fajardo aufgefordert, die Truppe zu verlas-
wir eine kleinere Gruppe besiegt, die sich in Gebäuden verschanzt hatte; jetzt sen. Ich unterrichtete Fidel von dem Vorfall, aber er sagte mir, daß Morán,
hatten wir einer Kolonne auf dem Marsch eine Niederlage bereitet, die unse- sehr vernünftig, ihm bereits erzählt habe, daß er insgeheim die Moral der
ren Kräften zahlenmäßig überlegen war, und wir alle begriffen die Bedeutung Truppe überprüfe. Wir stimmten überein, daß dies nicht die wirkungsvollste
dieser Art von Gefecht, wodurch die Vorhut ausgeschaltet wird, denn ohne Art sei, und Fidel hielt eine kurze Ansprache, in der er größere Disziplin
Vorhut ist eine Armee gelähmt. forderte und die Gefahren erläuterte, die entstehen könnten, wenn die Diszi-
plin vernachlässigt würde. Er gab auch bekannt, daß drei Verbrechen mit dem
Tode bestraft würden: Ungehorsam, Desertion und Defätismus.
Unsere Situation war in jenen Tagen nicht rosig. Unserer Truppe fehlte es
an Zusammenhalt. Sie hatte weder den Geist, der aus der Erfahrung des Krie-
ges kommt, noch ein klares ideologisches Bewußtsein. Einmal verließ uns
dieser Kamerad, einmal jener. Viele ersuchten darum, in der Stadt eingesetzt
zu werden, wo es manchmal noch viel gefährlicher war, aber solche Missio-
nen bedeuteten eine Flucht aus den rauhen Bedingungen auf dem Lande.
Dennoch wurde unsere Kampagne fortgesetzt; Morán legte eine unermüdliche
Aktivität an den Tag, indem er nach Nahrungsmitteln Ausschau hielt und
Kontakte zu den Bauern des Gebiets herstellte.
So waren wir also am Morgen des 30. Januar beschaffen. Eutimio Guerra,
der Verräter, hatte um die Erlaubnis ersucht, seine kranke Mutter zu besuchen,
und Fidel hatte sie gewährt und ihm auch für die Fahrt etwas Geld gegeben.
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Nach den Angaben Eutimios sollte die Reise mehrere Wochen dauern. Wir Guillermo Garcia und ich zum Lager zurück, um festzustellen, was dort
hatten noch nicht die Bedeutung einiger Zwischenfälle erkannt, deren Bedeu- geschah, denn wir hörten nichts mehr: die Flugzeuge waren verschwunden.
tung uns später durch das folgende Benehmen dieses Mannes klar wurde. Als Ein trostloser Anblick bot sich uns: mit einer seltsamen Präzision, die sich
er wieder zu unserer Truppe stieß, sagte Eutimio, er habe schon beinahe während des Krieges glücklicherweise nicht wiederholte, war unsere Koch-
Palma Mocha erreicht gehabt, als er erfahren habe, daß die Regie- stelle angegriffen worden. Der Herd war durch Maschinengewehrfeuer in
rungsstreitkräfte auf unserer Spur waren. Er habe versucht, uns zu warnen, Stücke geschlagen, und eine Bombe war genau in der Mitte des Lagers unse-
aber er habe nur die Leichen der Soldaten in der bohío gefunden, die Delfín res vorgeschobenen Postens explodiert, aber naturgemäß sahen wir dort
gehörte, einem der guajiros, auf dessen Grund und Boden das Gefecht von El niemanden. Morán und ein Kamerad waren auf Spähtrupp gegangen; Morán
Arroyo del Infierno stattgefunden hatte. Eutimio war unserem Weg über die kehrte allein zurück und berichtete, er habe die Flugzeuge von weitem gese-
Siestra gefolgt, bis er uns schließlich gefunden hatte. Aber in Wirklichkeit war hen, insgesamt fünf Maschinen, und es gäbe keine Bodentruppen in der Nähe.
er gefangengenommen worden und arbeitete jetzt als Agent des Feindes; er Schwer beladen setzten wir fünf unseren Marsch fort, vorbei an dem traurigen
war mit Geld und einem militärischen Dienstgrad für den Fall bestochen Anblick ausgebrannter bohíos, die unseren Freunden gehörten. Die einzigen
worden, daß er Fidel ermorde. zurückgebliebenen Lebewesen waren eine Katze, die uns anblickte und kläg-
Als Teil dieses Planes hatte Eutimio das Lager am Tage zuvor verlassen, lich miaute, und ein Schwein, das grunzend herauskam, als es uns vorbei-
und am Morgen des 30. Januar, nach einer kalten Nacht, hörten wir, als wir kommen hörte. Wir hatten von La Cueva del Humo gehört, wußten aber nicht
gerade aufstanden, das Dröhnen von Flugzeugen, die wir nicht genau ausma- genau, wo es lag. So verbrachten wir die Nacht in Ungewißheit, warteten
chen konnten, da wir uns im dichten Unterholz befanden. Unsere Kochstelle darauf, unsere Kameraden zu treffen, fürchteten jedoch, statt dessen dem
befand sich etwa zweihundert Meter unter uns in der Nähe einer kleinen Feind zu begegnen.
Quelle, an derselben Stelle wie die vorgeschobenen Posten. Plötzlich hörten Am 31. Januar bezogen wir auf einem Hügel unsere Stellungen, von dem
wir, wie ein Bomber zu uns herunterstieß, das Geratter von Maschinenge- aus einige bebaute Felder zu überblicken waren. Wir glaubten, wir seien
wehrfeuer und dann die Detonation der Bomben. Damals hatten wir noch sehr schon in der Nähe von La Cueva del Humo und stellten einige Erkundungen
wenig Erfahrung, und es schien uns, als hörten wir von allen Seiten Schüsse. an, ohne etwas zu finden. Sergio, einer von uns fünf, glaubte, er erkenne zwei
Geschosse vom Kaliber fünfzig explodierten beim Aufschlag, und obgleich Männer in Baseballmützen, aber er sagte es uns nicht sofort, und so konnten
das, was wir hörten, Maschinengewehrfeuer aus der Luft war, schien es uns, wir sie nicht einholen. Dann gingen wir mit Guillermo, um das Tal in der
daß die Geschosse, die in unserer Nähe einschlugen, aus dem Wald kämen. Nähe des Flusses Ají zu erkunden, wo ein Freund von Guillermo uns etwas zu
Durch diesen falschen Eindruck nahmen wir an, daß wir vom Boden aus essen gab, aber alle Leute, die wir trafen, waren sehr verschreckt und ängst-
angegriffen würden. lich. Der Freund berichtete uns, daß alle Waren, die Ciro Frías in seinem
Ich erhielt die Anweisung, auf den Vorposten zu warten und einige der Laden hatte, von der Gendarmerie weggenommen und verbrannt worden
Ausrüstungsgegenstände einzusammeln, die wir während des Luftangriffs im waren; die Maultiere waren beschlagnahmt und der Maultiertreiber getötet
Stich gelassen hatten. Ich sollte den Rest der Truppe bei La Cueva del Humo worden. Ciro Frías' Laden wurde dann niedergebrannt und seine Frau als
treffen. Gefangene mitgeschleppt. Die Soldaten, die am Morgen hier durchgekommen
Chao begleitete mich, der Veteran aus dem spanischen Bürgerkrieg. Eine waren, standen unter dem Befehl von Major Casillas, der irgendwo in der
Weile warteten wir auf einige der vermißten Männer, aber niemand kam. Es Nähe des Hauses übernachtet hatte.
war schwierig, unserer Marschkolonne zu folgen, denn ihre Spuren waren Am 1. Februar blieben wir in unserem kleinen Lager - praktisch unter frei-
nicht allzu klar erkennbar, und wir beide hatten schwer zu schleppen. Wir em Himmel - und ruhten uns von dem anstrengenden Marsch des Vortages
kamen zu einer Lichtung und beschlossen, eine Rast einzulegen. Nach einiger aus. Um elf Uhr vormittags hörten wir Gewehrfeuer auf der anderen Seite des
Zeit hörten wir Geräusche und sahen, daß sich etwas bewegte. Auch Guiller- Hügels, und bald danach, schon viel näher bei uns, vernahmen wir die herz-
mo García (heute Major) und Sergio Acuña, beide gehörten dem vorgescho- zerreißenden Schreie irgendeines Mannes, der um Hilfe rief. In diesem Au-
benen Posten an, folgten der Kolonne. Nach einigem Hin und Her kehrten genblick verlor Sergio Acuña die Nerven. Ruhig ließ er seinen Patronengürtel
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und sein Gewehr zurück und verließ den Wachtposten, den er kommandierte. Überraschungsangriff in den Altos de Espinosa
Ich notierte in mein Feldtagebuch, daß er einen Strohhut, eine Büchse Kon-
densmilch und drei Würstchen mitgenommen hatte. Damals tat es uns um die Nach dem überraschenden Luftangriff verließen wir den Hügel von Caracas
Büchse Milch und die Würstchen sehr leid. Ein paar Stunden später hörten wir und versuchten, in bekanntere Gegenden zurückzukehren, von wo wir einen
ein Geräusch und waren auf einen Angriff vorbereitet, da wir nicht wußten, ob direkten Kontakt mit Manzanillo herstellen, mehr Hilfe von außerhalb erhal-
uns der Deserteur verraten hatte oder nicht. Aber es erschienen Crescendo mit ten und einen besseren Überblick über die Lage im übrigen Land gewinnen
einer langen Kolonne fast aller unserer Männer und auch einige Neue von konnten.
Manzanillo unter der Führung von Roberto Pesant. Von unseren Leuten Aus diesem Grunde überquerten wir den Ají und kehrten durch ein Gebiet
fehlten: Sergio Acuña, der Deserteur, und die Kameraden Calixto Morales, zurück, das uns allen bekannt war, bis wir das Haus des alten Mendoza er-
Calixto Garcia und Manuel Acuña; auch ein neuer Rekrut wurde vermißt. reichten. Auf dem Kamm der Hügel mußten wir uns unseren Weg mit Mache-
Wieder stiegen wir zum Tal des Ají herab, und auf dem Weg wurden einige ten freischlagen, wir benutzten Pfade, auf denen seit vielen Jahren kein
der Nachschubgüter von Manzanillo verteilt, darunter ein Kasten mit chirurgi- Mensch mehr gegangen war, und wir kamen nur sehr langsam vorwärts. Wir
schen Instrumenten für mich und Kleidungsstücke für alle. Besonders gerührt verbrachten die Nacht auf einem dieser Hügel, praktisch ohne etwas gegessen
waren wir, daß wir Kleidungsstücke mit Initialen anziehen konnten, die von zu haben. Ich erinnere mich noch heute daran, als ob es eines der großen
den Mädchen von Manzanillo hineingestickt worden waren. Am nächsten Bankette meines Lebens gewesen sei, als Crespo mit einer Büchse ankam, in
Tag, dem 2. Februar, waren wir - zwei Monate nach der Landung der Granma der vier Würstchen aus Schweinefleisch waren. Das war ein Ergebnis seiner
— eine wiedervereinigte, in sich geschlossene Kampfgruppe; zehn weitere früheren Sparsamkeit, und er meinte, sie seien für seine Freunde bestimmt.
Männer aus Manzanillo hatten sich uns angeschlossen, und wir fühlten uns Crespo, Fidel und ich delektierten uns zusammen mit einem vierten an dieser
stärker und in besserer Stimmung als je zuvor. Wir hatten viele Diskussionen mageren Ration wie an einem prächtigen Festmahl. Wir marschierten weiter,
darüber, wie der Überraschungsangriff und der Luftangriff zustande gekom- bis wir rechts vom Caracas-Hügel das Haus erreichten, wo uns der alte Men-
men sein konnten, und wir stimmten alle darin überein, daß die Flugzeuge doza etwas zu essen bereiten sollte. Trotz seiner Furcht ließ ihn seine Bau-
durch unser Abkochen am Tage, durch den Rauch des Feuers, zu unserem La- ernloyalität uns jedesmal begrüßen, wenn wir an diesem Ort vorbeikamen.
ger geleitet worden waren. Viele Monate lang und vielleicht für die Dauer des Seine Haltung entsprang einer Freundschaft, die ihn mit Crescendo Pérez und
ganzen Krieges wirkte die Erinnerung an jenen Überraschungsangriff bei den anderen Bauern in unserer Truppe verband.
unseren Soldaten nach, und bis zuletzt wurde tagsüber kein offenes Feuer Für mich war der Marsch besonders schmerzvoll, denn ich litt an einem
angezündet, weil wir stets irgendwelche unangenehmen Folgen fürchteten. Malariaanfall. Es war Crespo und jener unvergeßliche Kamerad Julio Zenón
Wir hätten es für undenkbar gehalten, und ich glaube, es ist niemand auf Acosta, die mir dabei halfen, diesen qualvollen Marsch durchzustehen. Wenn
die Idee gekommen, daß Eutimio Guerra, der Verräter und Denunziant, in wir eine kleine Ansiedlung erreichten, schliefen wir niemals in den bohíos;
dem Aufklärungsflugzeug gewesen war und Casillas den Platz gezeigt hatte, aber mein schlechter Gesundheitszustand und der von Morán, der immer eine
wo wir uns aufhielten. Die Krankheit seiner Mutter war ein Vorwand gewe- Entschuldigung fand, wenn es galt, krank zu werden, machten es notwendig,
sen, uns zu verlassen und nach Casillas, dem Mörder, Ausschau zu halten. daß wir unter einem Dach schliefen, während die übrigen in der Umgebung
Noch einige Zeit nach diesem Vorfall spielte Eutimio eine wichtige Rolle, Wache hielten und nur in die Hütte kamen, um etwas zu essen.
die die Entwicklung unseres Befreiungskrieges nachteilig beeinflußte. Wir waren gezwungen, unsere Truppe zu verringern; denn es gab eine
Gruppe Männer, deren Kampfgeist sehr zu wünschen übrigließ, und ein oder
zwei Schwerverwundete; zu den letzteren zählten der gegenwärtige Innenmi-
nister Ramiro Valdés und Ignacio Pérez, ein Sohn von Crescencio, der später,
als Hauptmann, heldenhaft ums Leben kam. Ramirito hatte eine schlimme
Wunde am Knie, das schon bei den Moncada-Kasernen getroffen worden war;
so mußten wir ihn zurücklassen. Ein paar andere verließen uns, was indessen
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für die Truppe nur von Vorteil war. Ich erinnere mich, wie einer von ihnen angenommen hätten, Sergio Acuña könnte auf diese Weise enden, und daß es
dort in der Einsamkeit der Berge und der Guerilla einen Nervenzu- Roselló war, der zu jenem Zeitpunkt das betreffende Gebiet heimsuchte.
sammenbruch erlitt. Er begann laut zu schreien, daß man ihm ein Lager mit Darüber hinaus gab Universo Sánchez einen Anhaltspunkt, indem er feststell-
reichlichem Essen und Flugabwehreinrichtungen versprochen habe und daß te, daß Eutimio ein «Geschichtenerzähler» sei, und daß ihm irgend jemand am
ihn nun die Flugzeuge behelligten und er weder ein ständiges Quartier noch Vortag davon erzählt haben mußte, als er sich außerhalb des Lagers aufhielt,
etwas zu essen und nicht einmal Wasser zum Trinken besäße. Dies war mehr um ein paar Dinge zu beschaffen.
oder weniger die Ansicht der neuen Guerilleros. Später gewöhnten sich dieje- Einer der Männer, die äußerst heftig auf der Theorie der Eingebung beharr-
nigen, die die ersten Proben überstanden und blieben, an den Schmutz, den ten, war ein analphabetischer guajiro von 45 Jahren, dessen Namen ich schon
Mangel an Wasser und Nahrung, an das fehlende Dach über dem Kopf und erwähnt habe: Julio Zenón Acosta. Er war mein erster Schüler in der Sierra;
die mangelnde Sicherheit, und sie verließen sich allmählich allein auf das ich lehrte ihn lesen und schreiben, und jedesmal, wenn wir eine Marschpause
Gewehr, auf den Zusammenhalt und den Widerstand dieses kleinen Kerns der hatten, brachte ich ihm ein paar Buchstaben bei. Damals nahmen wir gerade
Guerillatruppe. die Vokale durch. Mit großer Entschlossenheit, indem er vorwärts und nicht
Ciro Frías kam mit einigen neuen Rekruten; er brachte Neuigkeiten, die uns rückwärts schaute, hatte sich Julio Zenón die Aufgabe gestellt, lesen und
heute lächeln machen, die uns aber damals in Verwirrung stürzten: die Nach- schreiben zu lernen. Vielleicht könnte sein Beispiel heute vielen Bauern von
richt, daß Díaz Tamayo dabei war, das Lager zu wechseln und sich mit den Nutzen sein, seinen Kameraden der Kriegszeit oder jenen, die seine Geschich-
revolutionären Kräften «einzulassen»; die Nachricht, daß Faustino viele te kennen. Denn Julio Zenón Acosta war einer von denen, die unsere Sache
Tausende von Peso zusammenbekommen hatte -kurz gesagt, daß Sabotage im damals mit großer Intensität unterstützten; er war unermüdlich tätig, mit der
Land um sich griff und daß für die Regierung der Tag des Chaos näherrückte. Gegend gut vertraut und stets bereit, einem Kameraden, der sich in Schwie-
Außerdem vernahmen wir eine traurige, aber lehrreiche Neuigkeit: Sergio rigkeiten befand, zu helfen, oder einem Kameraden aus der Stadt beizustehen,
Acuña, der Deserteur, war zu irgendwelchen Verwandten gegangen. Dort der noch nicht genügend Kraft oder Ausdauer besaß, sich aus einer heiklen
begann er sich bei seinen Vettern mit seinen Taten als Guerillero zu brüsten; Lage zu befreien. Er war es, der Wasser aus weit entfernten Wasserstellen
ein gewisser Pedro Herrera hörte zu und denunzierte ihn bei der Guardia herbeiholte, der schnell ein Feuer anmachen konnte und der selbst an einem
Rural. Dann erschien der berüchtigte Korporal Roselló (er wurde später vom Regentag trockenes Anmachholz auftrieb. Er war in der Tat unser Hans
Volk der Gerechtigkeit übergeben), folterte ihn, erschoß ihn und hängte ihn Dampf in allen Gassen.
scheinbar auf. Damit war unseren Männern klar bewiesen, wie wichtig die Eines Nachts, kurz ehe sein Treuebruch bekannt wurde, beklagte sich Eu-
Geschlossenheit und wie nutzlos der Versuch war, als einzelner dem kollekti- timio, daß er keine Decke habe, und er bat Fidel, ihm eine zu leihen. Es war
ven Schicksal zu entfliehen. Für uns wurde es aber auch notwendig, den im Februar sehr kalt in den Bergen. Fidel antwortete, daß sie beide frieren
Lagerplatz zu wechseln, denn wahrscheinlich hatte Sergio etwas gestanden, würden, wenn er Eutimio seine Decke gäbe. Er schlug vor, daß sie unter
ehe man ihn ermordete, und er wußte, daß wir uns in Florentinos Haus auf- derselben Decke und unter den beiden Mänteln Fidels schlafen sollten. So
hielten. verbrachte Eutimio Guerra die ganze Nacht ganz nahe bei Fidel; er hatte eine
Damals trug sich noch ein seltsamer Vorfall zu, und erst später, als wir alle 45er Pistole bei sich, mit der er Fidel töten sollte, und ein paar Handgranaten,
Einzelheiten wußten, wurden uns die Zusammenhänge klar: Eutimio Guerra die dazu bestimmt waren, seinen Rückzug vom Kamm des Hügels zu decken.
erzählte uns, er habe von Sergio Acuñas Tod geträumt, und nicht nur das, er Er fragte Universo Sánchez und mich (damals hielten wir uns stets in Fidels
habe auch geträumt, daß Korporal Roselló ihn getötet habe. Dies löste eine Nähe auf) nach unseren Wachen. Er sagte: «Ich bin an den Wachen sehr
lange philosophische Diskussion darüber aus, ob eine Voraussage kommender interessiert. Wir müssen wirklich vorsichtig sein.» Wir sagten ihm, daß drei
Dinge durch Träume möglich sei oder nicht. Es gehörte zu meinen alltägli- Männer in der Nähe postiert seien; wir selbst, Veteranen der Granma und
chen Aufgaben, den Männern Dinge von kultureller oder politischer Bedeu- rechte Hand Fidels, lösten uns die ganze Nacht hindurch ab, um ihn persön-
tung zu erklären, und ich setzte ihnen mit Bestimmtheit auseinander, daß dies lich zu schützen. So verbrachte Eutimio die Nacht neben dem Führer der Re-
nicht möglich sei, daß es irgendein besonderer Zufall sein könnte, daß wir alle volution; mit einer Pistole hielt er Fidels Leben in der Hand und wartete auf
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die Gelegenheit, ihn zu ermorden. Aber er konnte sich nicht dazu durchringen. warteten. Bald trafen Ciro Frías und Luis Crespo ein; sie hatten nichts Unge-
In jener Nacht hing ein großer Teil der kubanischen Revolution von den wöhnliches bemerkt. Wir sprachen gerade darüber, als Ciro Redondo meinte,
undurchschaubaren und verwickelten Gedankengängen eines Mannes ab, einen Schatten zu sehen, der sich bewegte. Er befahl Ruhe und hob sein
davon, ob sich Mut und Furcht, Schrecken und, vielleicht, Skrupel das Gewehr in Anschlag. In diesem Augenblick hörten wir einen Schuß und dann
Gleichgewicht hielten, von der Gier eines Verräters nach Macht und Reich- noch einen. Sofort war die Luft voll von Schüssen und Explosionen, die durch
tum. Zum Glück für uns waren Eutimios Hemmungen stärker, und der Tag den Angriff ausgelöst wurden, der sich auf unser früheres Lager konzentrierte.
brach an, ohne daß er seinen Vorsatz ausgeführt hatte. Das neue Lager leerte sich schnell. Später stellte ich fest, daß Julio Zenón
Wir hatten Florentinos Haus verlassen und unser Lager in einer Schlucht in Acosta oben auf dem Hügel gefallen war. Dieser ungebildete und analphabeti-
einem trockenen Flußbett aufgeschlagen. Ciro Frías war nach Hause gegan- sche guajiro, der die gewaltigen Aufgaben erkannt hatte, denen sich die
gen; er wohnte relativ nahe und brachte einige Hennen und andere Nahrungs- Revolution nach ihrem Siege gegenübersehen würde, und der das Alphabet
mittel mit, so daß die lange, ohne Schutz verbrachte Nacht am Morgen mit lernte, um sich darauf vorzubereiten, würde diese Aufgaben niemals vollen-
heißer Hühnerbrühe kompensiert werden konnte. Jemand brachte die Nach- den. Wir übrigen rannten fort. Ich mußte meinen Tornister zurücklassen,
richt, daß auch Eutimio in der Nähe gewesen sei; Eutimio kam und ging, denn meinen Stolz und meine Freude, der voll war mit Medikamenten, mit Büchern
jeder vertraute ihm. Er hatte uns in Florentinos Haus gefunden und erläuterte, und Decken, aber ich raffte eilends eine Decke an mich, die ich beim La Plata
daß er, nachdem er gegangen war, um nach seiner kranken Mutter zu sehen, als Trophäe von der Batista-Armee erbeutet hatte, und lief, so schnell ich
festgestellt habe, was bei Caracas geschehen war. Dann sei er uns gefolgt, um konnte.
zu sehen, was sonst noch passiert sei. Er berichtete auch, daß es seiner Mutter Bald traf ich eine Gruppe unserer Männer: Almeida, Julito Díaz, Universo
nun wieder gut gehe. Manchmal wagte er sich besonders weit vor; wir befan- Sánchez, Camilo Cienfuegos, Guillermo García, Ciro Frías, Motolá, Pesant,
den uns an einem Ort namens Altos de Espinosa, ganz in der Nähe einer Kette Emilio Labrada und Yayo. Wir folgten einem gewundenen Pfad, versuchten,
von Hügeln — El Lomón, Loma del Burro und Caracas -, die von den Flug- den Schüssen zu entgehen, und wußten nicht, was mit unseren anderen Kame-
zeugen ständig beschossen wurden. Mit der Gewichtigkeit eines Orakels raden geschehen war. Wir hörten hinter uns vereinzelte Detonationen; es war
erklärte Eutimio: «Heute werden sie den Loma del Burro beschießen.» Die leicht, uns zu folgen, da wir so schnell die Flucht ergriffen, daß es unmöglich
Flugzeuge beschossen tatsächlich den Loma del Burro, und Eutimio sprang war, unsere Spuren zu beseitigen. Um 5.15 Uhr nachmittags, nach meiner
hoch vor Freude und frohlockte über seine kühne Prophezeiung. Uhr, erreichten wir eine schroffe felsige Stelle, wo der Wald zu Ende war;
Am 9. Februar 1957 machten sich Ciro Frías und Luis Crespo wie üblich nach einigem Hinundher-überlegen beschlossen wir, es sei besser, an dieser
auf den Weg, um nach Nahrungsmitteln Ausschau zu halten, und alles war Stelle den Einbruch der Dunkelheit abzuwarten, denn wenn wir die Lichtung
ruhig. Um zehn Uhr vormittags machte Labrada, ein junger Bauer, der vor bei Tageslicht überquerten, würde man uns entdecken. Wenn der Feind uns
kurzem als Rekrut eingestellt worden war, in der Nähe einen Gefangenen. Es aber folgte, so hatten wir hier eine gute Verteidigungsstellung. Aber der Feind
stellte sich heraus, daß es ein Verwalter von Crescendo war, der im Laden von tauchte nicht auf, und wir konnten unseren Weg fortsetzen, unsicher geführt
Celestino arbeitete, wo Casillas' Soldaten stationiert waren. Er berichtete uns, von Ciro Frías, der die Gegend nur vage kannte. Jemand hatte den Vorschlag
daß sich 140 Soldaten in dem Haus befänden. Tatsächlich konnten wir sie von gemacht, unsere Gruppe sollte sich in zwei Abteilungen aufteilen, damit wir
unserer Position aus in der Ferne auf einer Lichtung sehen. Weiter hieß es in leichter vorwärts kämen und weniger Spuren hinterließen. Aber Almeida und
den Aussagen des Gefangenen, er habe mit Eutimio gesprochen und dieser ich waren dagegen, denn wir wollten unsere Gruppe zusammenhalten. Wir
habe ihm gesagt, daß das Gebiet am folgenden Tag bombardiert werde. Casil- stellten unseren Standort fest; es war ein Platz namens Limones, und nach
las' Truppen seien abgezogen, aber er konnte nicht sagen, in welche Richtung. einigem Zögern - denn einige von uns wollten weiter - befahl Almeida, der als
Fidel wurde mißtrauisch; schließlich war uns Eutimios seltsames Benehmen Hauptmann die Gruppe führte, den Marsch nach El Lomón fortzusetzen.
aufgefallen, und wir begannen, Vermutungen anzustellen. Diesen Ort hatte Fidel zu unserem Treffpunkt bestimmt. Einige der Männer
Um 1.30 Uhr nachmittags beschloß Fidel, das Lager abzubrechen, und wir meinten, daß El Lomón Eutimio bekannt sein könnte, und daß uns die Armee
kletterten auf den höchsten Punkt des Hügels, wo wir auf unsere Kundschafter deshalb dort vielleicht schon erwartete. Natürlich zweifelten wir nun nicht
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länger daran, daß Eutimio ein Verräter war, aber Almeida hatte den Entschluß Tod eines Verräters
gefaßt, sich an den Befehl Fidels zu halten.
Nach drei Tagen der Trennung trafen wir am 12. Februar in der Nähe von Nachdem diese kleine Armee wiedervereinigt war, beschlossen wir, die Ge-
El Lomón an einem Ort namens Derecha de la Caridad wieder mit Fidel gend von El Lomón zu verlassen und in ein neues Gebiet zu ziehen. Auf
zusammen. Dort erhielten wir die Bestätigung, daß Eutimio Guerra ein Verrä- unserem Weg stellten wir weiter Kontakte mit den Bauern der betreffenden
ter war, und nun erfuhren wir die vollständige Geschichte. Sie begann nach Gegend her und errichteten die Stützpunkte, die für unsere Existenz notwen-
dem Gefecht von La Plata, als er von Casillas gefangengenommen wurde, und dig waren. Gleichzeitig verließen wir die Sierra Maestra und zogen in Rich-
als man ihm, anstatt ihn zu töten, einen bestimmten Geldbetrag anbot, falls er tung auf die Ebene, wo wir die Personen treffen sollten, die den Kampf in den
Fidel ermordete; wir erfuhren, daß er es gewesen war, der unsere Stellung in Städten organisierten.
Caracas preisgegeben hatte, und daß er auch den Befehl gegeben hatte, den Wir kamen durch ein Dorf namens La Montería und kampierten später in
Loma del Burro anzugreifen, da diese Hügelkette auf unserer ursprünglich einem kleinen Dickicht in der Nähe eines Flüßchens, auf dem Grund und
festgesetzten Route lag. (Wir hatten unseren Plan erst in letzter Minute geän- Boden eines Mannes namens Epifanio Díaz, dessen Söhne in der Revolution
dert.) Er hatte auch den Angriff auf die enge Schlucht organisiert, in der wir kämpften.
im Canon del Arroyo Zuflucht gefunden hatten und von der aus wir uns mit Wir zogen näher heran, um einen engeren Kontakt mit der ‹Bewegung des
nur einem Mann Ausfall retten konnten, weil Fidel rechtzeitig den Befehl zum 26. Juli› herzustellen, denn unser nomadisches und heimliches Leben machte
Rückzug gegeben hatte. Auch der Tod von Julio Acosta wurde uns bestätigt; jede Verbindung zwischen den beiden Teilen der ‹Bewegung des 26. Juli›9
zumindest ein Gendarm war getötet worden, und einige waren verwundet. Ich unmöglich. (In der Praxis waren dies zwei voneinander getrennte Gruppen mit
muß gestehen, daß es nicht mein Gewehr war, durch das dieser Gegner getötet unterschiedlicher Taktik und unterschiedlicher Strategie. Die tiefe Spaltung,
oder ein anderer verwundet wurde, denn ich tat nichts weiter, als mich so die die Einheit der Bewegung in späteren Monaten gefährdete, gab es zu
schnell wie möglich auf den «strategischen Rückzug» zu machen. Nun waren jenem Zeitpunkt noch nicht, aber wir konnten schon erkennen, daß wir unter-
wir zwölf (außer Labrada, der verschwunden war) wieder einmal mit dem schiedliche Vorstellungen hatten.
Rest der Gruppe vereinigt - mit Raúl, Ameijeiras, Ciro Redondo, Manuel Auf diesem Gehöft trafen wir mit den wichtigsten Persönlichkeiten der
Fajardo, Echeverría, «Gallego» Morán und Fidel, insgesamt achtzehn Mann. städtischen Bewegung zusammen; unter ihnen waren drei Frauen, die heute
So sah die wiedervereinigte Revolutionsarmee vom 12. Februar 1957 aus. dem ganzen kubanischen Volk bekannt sind: Vilma Espín, jetzt Präsidentin
Einige unserer Kameraden waren versprengt, einige neue Rekruten hatten uns des Kubanischen Frauenverbandes und Ehefrau Raúls; Haydée Santamaría,
verlassen und einer der Veteranen von der Granma war desertiert. Er hieß Vorsitzende der Casa de las Américas, und Armando Harts Frau und Celia
Armando Rodríguez; als er bei uns war, hatte er eine Thompson-Ma- Sánchez, unsere geliebte Kameradin während des ganzen Kampfes, die sich
schinenpistole, und zum Schluß machte er, wenn er nur in der Ferne Schüsse uns einige Zeit später definitiv und auf Dauer anschloß. Auch Faustino Pérez
hörte, ein so verschrecktes und gequältes Gesicht, daß wir diesen Ge- kam in unser Lager, ein alter Bekannter von der Grantna, der mit einigen
sichtsausdruck cara de cerco (deutsch etwa: das Gesicht eines Eingekreisten) Aufträgen in die Stadt gegangen war und nun zurückkam, um uns Bericht zu
nannten. Jedesmal, wenn einer unserer Männer das von Furcht gezeichnete erstatten; danach kehrte er sofort in die Stadt zurück. (Wenig später wurde er
Gesicht eines verschreckten Tieres zeigte, so wie wir es bei unserem ehemali- gefangengenommen.)
gen Kameraden in den Tagen vor Altos de Espinosa gesehen hatten, prophe- Wir trafen auch mit Armando Hart zusammen, und ich hatte die einzige
zeiten wir sofort einen unglücklichen Ausgang, denn ein solcher Gesichtsaus- Gelegenheit, den großen Revolutionsführer aus Santiago, Frank País, kennen-
druck war mit dem Guerilla-Leben unvereinbar. Cara de cerco ging «über den zulernen.
Hügel», wie wir in unserem neuen Guerillaslang sagten, und seine Maschi-
nenpistole fand sich später in einer weit entfernten bohío; seine Füße hatten
ihn gut getragen.
9
Es handelt sich um den Kampf im Gebirge - «Sierra» - und in der Ebene - «Llano» -; um die Guerilla
und den Kampf in besiedelten Gebieten. Siehe auch Kapitel ‹Ein Jahr Kampf›, S. 150 ff.
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Frank País war einer der Männer, die vom ersten Zusammentreffen an Re- meida beauftragt, ihn ausfindig zu machen und gefangenzunehmen. Zu der
spekt einflößen; er sah mehr oder weniger so aus wie auf den Bildern, die wir Patrouille, die wir zusammenstellten, gehörten Julito Díaz, Ciro Frías, Camilo
heute von ihm kennen, aber seine Augen waren von außerordentlicher Tiefe. Cienfuegos und Efigenio Ameijeiras. Es war Ciro Frías, der Eutimio mit
Es ist schwer, von einem toten Kameraden zu sprechen, mit dem ich nur ein Leichtigkeit überwältigte, und dann wurde er zu uns gebracht. Wir fanden
einziges Mal zusammengetroffen bin und dessen Geschichte dem Volk gehört. eine 45er Pistole bei ihm, ferner drei Handgranaten und einen von Casillas
Ich kann von ihm nur sagen, daß seine Augen sofort einen Menschen erken- ausgestellten Passierschein. Nachdem er nun in unsere Hände gefallen war
nen ließen, der von einer Sache besessen war, und daß er ganz offensichtlich und da diese inkriminierenden Beweisstücke bei ihm entdeckt wurden, konnte
eine überlegene Persönlichkeit war. Heute wird er der «unvergeßliche Frank er über sein Schicksal nicht im Zweifel sein. Er fiel vor Fidel auf die Knie und
País» genannt, und für mich, der ich ihn nur einmal gesehen habe, ist er un- bat ganz einfach, daß wir ihn töteten. Er sagte, er wisse, daß er den Tod ver-
vergeßlich. Frank ist einer der vielen Kameraden, die sich heute, wäre ihr diene. In diesem Moment schien er gealtert zu sein; seine Schläfen waren
Leben nicht vorzeitig beendet worden, der gemeinsamen Aufgabe der soziali- ergraut, was wir vorher nie bemerkt hatten.
stischen Revolution weihen würden. Dieser Verlust ist Teil des hohen Preises, Es war ein außerordentlich spannender Augenblick. Fidel machte ihm we-
den das Volk entrichten mußte, damit es seine Befreiung gewinnen konnte. gen seines Verrats die härtesten Vorwürfe, und Eutimio wollte nur erschossen
Frank erteilte uns ruhig eine Lektion in Ordnung und Disziplin, er reinigte werden, denn er bekenne sich schuldig. Wir können niemals den Augenblick
unsere verschmutzten Gewehre, zählte die Patronen und packte sie so zusam- vergessen, als Ciro Frías, ein ehemals enger Freund Eutimios, zu ihm zu
men, daß sie nicht verlorengehen konnten. Von diesem Tage an beschloß ich, sprechen begann. Er erinnerte Eutimio an alles, was er für ihn getan habe, an
mein Gewehr besser zu pflegen (ich hielt mich auch an diesen Vorsatz, ob- die kleinen Gefälligkeiten, die er und sein Bruder der Familie Eutimios gelei-
gleich ich nicht von mir sagen kann, daß ich je ein Muster an peinlicher Ge- stet hätten und wie Eutimio sie verraten habe, zuerst, indem er den Tod von
nauigkeit gewesen bin). Ciros Bruder verschuldete - den Eutimio der Armee ausgeliefert hatte -, und
Jenes Dickicht war auch Schauplatz anderer Ereignisse. Zum erstenmal dann, indem er versuchte, die ganze Gruppe zu vernichten. Es war eine lange
wurden wir von einem Journalisten aufgesucht, und noch dazu von einem und bewegende Ansprache, der Eutimio schweigend mit gebeugtem Kopf
ausländischen Korrespondenten. Es war der berühmte (Herbert L.) Mat- zuhörte. Wir fragten ihn, ob er noch einen Wunsch habe, und er antwortete ja,
thews,10 der nur eine kleine Boxkamera bei sich hatte, mit der er jene Auf- er wünsche, daß die Revolution, oder besser gesagt wir, für seine Kinder
nahmen machte, die später eine so weite Verbreitung fanden und deren Echt- sorgen sollten.
heit in den dummen Ansprachen eines Batista-Ministers so heftig in Zweifel Die Revolution hat dieses Versprechen gehalten. Eutimio Guerras Name
gezogen wurden. Damals dolmetschte Javier Pazos, der sich später für einige erscheint heute noch einmal in diesem Buch, aber er war bereits vergessen,
Zeit den Guerilleros anschloß. vielleicht sogar von seinen Kindern. Sie haben jetzt neue Namen und besu-
Nach den Angaben Fidels (ich war bei jenem Interview nicht zugegen) chen eine von unseren vielen neuen Schulen; sie werden genauso behandelt,
stellte Matthews konkrete Fragen; keine von ihnen war hinterhältig, und er wie alle Söhne des Volkes, und sie bereiten sich auf ein besseres Leben vor.
sympathisierte offensichtlich mit der Revolution. Ich erinnere mich, daß Fidel Aber eines Tages werden sie erfahren müssen, daß ihr Vater wegen seines
berichtete, Matthews habe gesagt, ja, er sei antiimperialistisch eingestellt, und Treubruchs von der revolutionären Macht hingerichtet wurde. Es ist auch nur
er habe sich öffentlich gegen die Lieferung von Waffen an Batista ausgespro- gerecht, daß man ihnen sagt, wie ihr Vater - ein Bauer, der sich durch Korrup-
chen, weil diese Waffen nicht für die interkontinentale Verteidigung, sondern tion in Versuchung führen ließ und der, getrieben von dem Verlangen nach
zur Unterdrückung des Volkes eingesetzt würden. Ruhm und Reichtum, versucht hatte, ein schweres Verbrechen zu begehen -
Matthews Besuch war naturgemäß sehr kurz. Sobald er uns verlassen hatte, dennoch seinen Fehler eingesehen und nicht einmal andeutungsweise den
waren wir bereit, weiterzuziehen. Indessen riet man uns, doppelt auf der Hut Wunsch nach Gnade zum Ausdruck gebracht hatte, denn er hatte gewußt, daß
zu sein, da sich Eutimio in der Gegend befinde. Daraufhin wurde sofort Al- er keine Gnade verdiente. Schließlich sollten sie auch wissen, daß er in seinen
letzten Augenblicken an seine Kinder dachte und darum bat, daß sie gut
10
behandelt werden mögen.
1 Korrespondent der New York Times. (Anm. d. Übers.)
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Gerade in diesem Augenblick brach ein schwerer Sturm los, und der Him- Bittere Tage
mel verdunkelte sich. Inmitten einer Sintflut, die hereinbrach, als Blitze über
den Himmel zuckten und Donner hallte, wurde Eutimio Guerras Leben gerade Die Tage, die unserem Abmarsch vom Hause Epifanio Díaz' folgten, waren
in dem Augenblick ein Ende gesetzt, als einer dieser Blitzstrahlen aufleuchtete für mich persönlich die schmerzvollsten des ganzen Krieges. In den bisheri-
und ihm sofort ein Donnerschlag folgte - und nicht einmal die Kameraden, die gen Aufzeichnungen habe ich versucht, eine Vorstellung davon zu geben, wie
in seiner Nähe standen, hörten den Schuß. der erste Teil unseres revolutionären Kampfes für alle beteiligten Männer
Am folgenden Tag, als wir den Toten begruben, gab es einen kleinen Zwi- beschaffen war; wenn ich mich in diesem Teil des Berichts häufiger als sonst
schenfall, an den ich mich erinnere. Manuel Fajardo wollte ein Kreuz auf sein auf meine persönliche Beteiligung an den Geschehnissen beziehen muß, so
Grab setzen, und ich verwehrte es ihm, weil ein solcher Beweis der Exekution geschieht dies deshalb, weil er mit den späteren Ereignissen in Zusammen-
für die Eigentümer des Grund und Bodens, auf dem wir unser Lager aufge- hang steht, und es nicht möglich war, beide voneinander zu trennen, ohne daß
schlagen hatten, sehr gefährlich gewesen wäre. So schnitt er ein kleines Kreuz die Kontinuität des Erzählten verlorengegangen wäre.
in den Stamm eines nahen Baumes. Und dies ist das Merkmal, das das Grab Nachdem wir Epifanios Haus verlassen hatten, bestand unsere revolutio-
des Verräters kennzeichnet. näre Gruppe aus siebzehn Mann der ursprünglichen Truppe und aus drei
Morán verließ uns zu jenem Zeitpunkt; er wußte, wie wenig wir ihn inzwi- neuen Kameraden: Gil, Sotolongo und Raúl Díaz. Diese drei Kameraden
schen schätzengelernt hatten, und wir alle sahen in ihm einen potentiellen waren mit der Granma gekommen; sie hatten sich einige Zeit in der Nähe von
Deserteur: einmal war er drei Tage lang unter dem Vorwand verschwunden, Manzanillo verborgen gehalten und hatten dann, nachdem sie von unserer
daß er nach Eutimio Ausschau gehalten und sich im Wald verirrt habe. Anwesenheit gehört hatten, beschlossen, zu uns zu stoßen. Sie hatten alle die
Als wir uns zum Aufbruch fertig machten, ertönte plötzlich ein Schuß, und gleiche Geschichte erlebt wie wir; es war ihnen gelungen, der Guardia Rural
wir fanden Morán mit einer Kugel im Bein. Die Männer, die das gesehen zu entgehen, indem sie bei einem Bauern und dann der nächsten Zuflucht
hatten, führten viele erregte Diskussionen darüber; die einen meinten, der suchten; schließlich hatten sie Manzanillo erreicht und sich dort versteckt.
Schuß sei zufällig losgegangen, die anderen, er habe sich selbst verstümmelt, Nun verbanden sie ihr Schicksal mit dem der ganzen Gruppe. In jener Periode
um nicht weiter mitmarschieren zu müssen. war es sehr schwierig, unsere Streitmacht aufzufüllen; ein paar neue Männer
Moráns weitere Geschichte, seine Treulosigkeit und sein Tod durch die kamen, aber andere verließen uns; die physischen Bedingungen des Kampfes
Hände der Revolutionäre in Guantánamo schienen die Version zu bestätigen, waren sehr hart, aber die psychischen Anspannungen waren noch stärker, und
daß er sich absichtlich eine Wunde beigebracht hatte. wir lebten mit dem Gefühl, ständig in einer Art Belagerungszustand zu sein.
Dann brachen wir auf. Frank País hatte versprochen, in den ersten Tagen In jenen Tagen bewegten wir uns langsam voran, wir schlugen keine be-
des folgenden Monats März eine Gruppe von Männern zu schicken; sie sollten stimmte Richtung ein; wir verbargen uns in kleinen Dickichten in einem
sich uns im Haus von Epifanio Díaz, in der Nähe des Jíbaro, anschließen. Gebiet, wo das Laubwerk vom Vieh abgegrast worden war, so daß nur noch
Reste von Vegetation zurückblieben. Eines Nachts hörten wir in Fidels klei-
nem Radio, daß ein Kamerad von der Granma, der mit Crescencio Pérez
zusammen gewesen war, gefangengenommen worden sei. Wir hatten schon
von Eutimio davon gehört, aber die Nachricht war noch nicht offiziell; jetzt
wußten wir zumindest, daß er noch am Leben war. Die Gefangenen überstan-
den ein Verhör durch die Armee Batistas nicht immer lebend. Dann und wann
hörten wir aus verschiedenen Richtungen immer wieder Maschinengewehr-
feuer; die Gendarmen schossen häufig in die bewaldeten Gebiete, auch wenn
sie sie niemals selbst betraten.
Am 22. Februar vermerkte ich in meinem Feldtagebuch, daß ich an mir die
ersten Symptome eines wahrscheinlich schweren Asthmaanfalls verspürte,
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denn ich war ohne meine antiasthmatischen Medikamente. Erst am 5. März schnell die andere Seite des Hügels erreichen, ehe die Soldaten uns den Weg
sollte unser nächstes Zusammentreffen sein, so waren wir gezwungen, ein abschneiden konnten; dies war nicht schwierig, da wir sie rechtzeitig erkannt
paar Tage zu warten. hatten. In der Nähe begann Geschütz- und Maschinengewehrfeuer; damit war
In jener Zeit zogen wir, wie gesagt, sehr langsam voran, ohne Ziel, wir be- klar, daß die Batista-Armee über unsere Anwesenheit Bescheid wußte. Jeder
wegten uns einfach auf der Stelle bis zum 5. März, dem Tag, an dem eine von konnte die Spitze des Hügels mit Leichtigkeit erreichen und auf die andere
Frank País geschickte Gruppe bewaffneter Männer zu uns stoßen sollte. Wir Seite gelangen; aber für mich war es eine ungeheure Anstrengung. Ich schaff-
hatten bereits beschlossen, zuerst die Feuerkraft unserer kleinen Truppe zu te es bis zur Höhe, hatte aber einen solchen Asthma-Anfall, daß es praktisch
stärken, ehe wir sie zahlenmäßig vergrößerten, und deshalb sollten alle Waf- unmöglich war, auch nur noch einen einzigen Schritt zu tun. Ich erinnere
fen, die in Santiago aufgetrieben werden konnten, hinauf in die Sierra Maestra mich, wie sehr Crespo mir half, als ich nicht mehr weiter konnte und darum
geschickt werden. bat, zurückgelassen zu werden. So wie er üblicherweise zu unseren Soldaten
Eines Morgens bei Dämmerung befanden wir uns an einem kleinen Fluß, in sprach, sagte er zu mir: «Du... Argentinier. Du gehst jetzt, oder du kriegst eins
einer fast vegetationslosen Gegend, wir verbrachten dort einen unsicheren mit dem Gewehrkolben!» Tatsächlich schleppte er sowohl mich wie auch
Tag, in einem Tal in der Nähe von Las Mercedes, ich glaube, es heißt La meine Ausrüstung, als wir uns in einem schweren Regensturm abplagten, über
Majagua (an Namen kann ich mich heute nicht mehr ganz genau erinnern), den Hügel zu kommen.
und wir trafen gegen Abend beim Haus des alten Emiliano ein. Emiliano war So erreichten wir eine kleine bohío und erfuhren, daß wir uns an einem Ort
auch einer der vielen Bauern, die in jenen Tagen jedesmal erschrocken waren, namens Purgatorio befanden. Dort gab sich Fidel als Major Gonzalez von der
wenn sie uns sahen, die aber dennoch mutig ihr Leben für uns aufs Spiel Bundesarmee aus, der sich angeblich auf der Suche nach den Rebellen befand.
setzten und damit einen Beitrag zum Erfolg der Revolution leisteten. In der Der Bauer, kalt-höflich, bot uns sein Haus an und bediente uns. Es war auch
Sierra war Regenzeit, und jede Nacht waren wir völlig durchnäßt; deshalb ein Freund von einer benachbarten bohío zugegen, der ein außergewöhnlicher
betraten wir die bohíos, auch wenn dies äußerst gefährlich war, denn die Speichellecker war. Da ich krank war, konnte ich den köstlichen Dialog
Gegend wimmelte von Soldaten. zwischen Fidel in der Rolle des Majors Gonzalez und dem guarijo nicht voll
Mein Asthma war so schlimm, daß ich mich nicht schnell bewegen konnte, genießen, der Fidel Ratschläge erteilte und sich fragte, warum dieser Junge,
und wir mußten in einer kleinen Kaffeeplantage in der Nähe einer bohío über- Fidel Castro, hier in den Bergen kämpfte.
nachten, wo wir unsere Streitkräfte umgruppierten. An dem Tag, von dem ich Wir mußten zu einem Entschluß kommen, denn ich konnte den Weg un-
spreche, es war der 27. oder 28. Februar, war die Zensur im Lande aufgeho- möglich fortsetzen. Als der indiskrete Nachbar gegangen war, sagte Fidel dem
ben worden, und im Rundfunk wurde über alles berichtet, was sich in den Gastgeber, wer er wirklich war. Der Mann umarmte ihn auf der Stelle und
vergangenen Monaten zugetragen hatte. Man sprach von Terrorakten und erklärte, er sei ein Mitglied der Orthodoxen Partei, ein Anhänger von Chibás,
berichtete von Matthews' Interview mit Fidel; dies war der Zeitpunkt, als der und er stehe uns zu Diensten. Als wir das erfuhren, mußten wir den Mann
Verteidigungsminister seine berühmte Erklärung abgab, wonach Matthews' nach Manzanillo schicken, damit er Kontakt herstellte oder zumindest von
Interview eine Fälschung sei und er dazu aufforderte, die Fotos zu veröffentli- dort Medikamente beschaffte, und ich mußte in der Nähe des Hauses zurück-
chen. bleiben, und nicht einmal die Frau unseres Gastgebers durfte davon wissen.
Hermes, ein Sohn des alten Emiliano, half uns, etwas zu essen zu be- Der letzte, der sich unserer Gruppe angeschlossen hatte, ein Mann von
kommen und zeigte uns die Route, die wir einschlagen sollten. Aber am zweifelhafter Reputation, aber mit großen körperlichen Kräften, wurde be-
Morgen des 28. Februar erschien er nicht, und Fidel befahl uns, unseren Platz stimmt, bei mir zu bleiben. Fidel gab mir mit einer generösen Geste ein John-
unverzüglich zu räumen und uns an einer anderen Stelle zu postieren, von der son-Repetiergewehr, einen der Schätze, die wir besaßen. Wir alle taten so, als
aus wir die Straßen überblicken konnten, denn wir wußten nicht, was gesche- gingen wir in dieselbe Richtung, und nach ein paar Schritten verschwanden
hen würde. Etwa um vier Uhr nachmittags beobachteten Luis Crespo und mein Begleiter (den wir El Maestro nannten) und ich im Wald, um unser
Universo Sánchez die Straßen, und letzterer sah eine starke Einheit Soldaten, Versteck aufzusuchen. An jenem Tag berichtete der Rundfunk, daß Matthews
die gerade dabei waren, die Straße von Las Vegas zu besetzen. Wir mußten telefonisch interviewt worden sei und mitgeteilt habe, daß die berühmten
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Fotos veröffentlicht würden. Díaz Tamayo hatte gesagt, daß das unmöglich Verstärkungen
sei, da Matthews den Sperrgürtel der Armee, der die Guerilleros umgab, nicht
habe durchqueren können. Armando Hart war im Gefängnis, er war angeklagt, Am 13. März, als wir die neuen revolutionären Truppen erwarteten, hörten wir
zweithöchster Befehlshaber der Bewegung zu sein. Es war der 28. Februar. im Rundfunk, daß ein Anschlag auf das Leben Batistas verübt worden war.
Der Bauer führte seinen Auftrag aus und brachte mir eine ganze Menge Ad- Dann nannte man die Namen der Personen, die im Zusammenhang mit dem
renalin. Dann kamen zehn der bittersten Tage des Kampfes in der Sierra: ich Attentat ums Leben gekommen waren. Zunächst war der Studentenführer Jose
schleppte mich dahin, hielt mich an Bäumen fest und stützte mich auf meinen Antonio Echeverría unter ihnen, außer ihm andere, wie Menelo Mora. Perso-
Gewehrlauf, ich war begleitet von einem furchterfüllten Soldaten, der jedes- nen, die nicht in den Anschlag verwickelt waren, büßten ebenfalls ihr Leben
mal zitterte, wenn wir Schüsse hörten, und der jedesmal nervös wurde, wenn ein. Am folgenden Tag erfuhren wir, daß Pelayo Cuervo Navarro, ein Kämp-
ich an irgendeiner gefährlichen Stelle hustete. Wir brauchten zehn lange Tage, fer von der Orthodoxen Partei, der stets eine feste Haltung gegen Batista
um wieder Epifanios Haus zu erreichen, für eine Strecke, die man normaler- eingenommen hatte, ermordet worden war und daß man seine Leiche in dem
weise in wenig mehr als einem Tag zurücklegen konnte. Das Zusammentref- vornehmen Wohnbezirk des Country Club, bekannt als El Laguito, aufgefun-
fen war für den 5. März angesetzt worden, aber es war unmöglich, daß wir bis den hatte. Es ist interessant, daß sich paradoxerweise die Mörder Pelayo
dahin dort eintreffen konnten. Wegen der Soldaten, die das Gebiet unsicher Cuervo Navarros und die Söhne des Ermordeten bei der erfolglosen Invasion
machten, und unserem langsamen Vorwärtskommen, erreichten wir den Platz in der Schweinebucht zusammengefunden haben, die inszeniert wurde, um
erst am 11. März. Kuba von der «kommunistischen Schande» zu «befreien».
Die Bewohner des Hauses unterrichteten uns davon, was geschehen war. Trotz der scharfen Zensur erfuhr man einige Einzelheiten dieses denkwür-
Fidels Gruppe von achtzehn Mann hatte sich zufällig zu einem Zeitpunkt digen, wenn auch erfolglosen Anschlags auf das Leben Batistas. Persönlich
aufgeteilt, als sie - an einem Ort namens Altos de Meriño - einen Angriff der kannte ich den Studentenführer nicht, aber ich hatte seine Freunde in Mexiko
Armee erwarteten; zwölf Mann waren mit Fidel und sechs mit Ciro Frías getroffen, als die ‹Bewegung des 26. Juli› und das Directorio Estudiantil
gegangen. Später war die Gruppe von Ciro Frías in einen Hinterhalt geraten, (Studentendirektorat) eine konzentrierte Aktion vereinbarten. Diese Freunde
aber sie waren alle unverletzt geblieben und trafen später in der Nähe wieder waren: Major Faure Chomón, später Botschafter in der UdSSR, Frucruoso
zusammen. Einer von ihnen, Yayo, der ohne sein Gewehr zurückkam, war auf Rodríguez und Joe Westbrook; alle drei nahmen an dem Anschlag gegen
dem Weg in Richtung Manzanillo an Epifanio Díaz' Haus vorbeigekommen; Batista teil.
von ihm erfuhren wir alles. Die Truppe, die Frank auf den Weg schicken Die Attentäter waren schon beinahe bis zum dritten Stock des Präsidenten-
sollte, war abmarschbereit, obgleich sich Frank selbst in Santiago im Gefäng- palastes vorgedrungen, wo sich der Diktator aufhielt, aber dann verwandelte
nis befand. Wir trafen den Führer dieser Gruppe - Hauptmann Jorge Sotús. Es sich das, was ein erfolgreicher Schlag hätte werden können, in ein Massaker
war ihm unmöglich gewesen, am 5. März einzutreffen, denn die Nachricht all jener, die nicht mehr aus der Falle herauskamen, zu der der Präsidentenpa-
von der neuen Gruppe hatte sich herumgesprochen, und die Straßen waren last für sie geworden war.
schwer bewacht. Wir trafen alle notwendigen Vorkehrungen für das schnelle Die Ankunft unserer Verstärkungen war für den 15. März vorgesehen;
Eintreffen der fünfzig neuen Rekruten. stundenlang warteten wir an dem vereinbarten Platz, einem Canon, wo der
Fluß eine Krümmung macht; es war leicht, dort im verborgenen zu warten,
aber niemand kam. Später erläuterten sie uns, es habe einige unglückliche
Zufälle gegeben, die die Ankunft verzögerten. Folglich erreichten sie erst in
der Dämmerung des 16. März unseren Treffpunkt. Die Männer waren so
müde, daß sie kaum noch die paar Schritte bis in das Waldgebiet gehen konn-
ten, wo sie sich bis zum Tagesanbruch ausruhen sollten. Sie kamen in Lastwa-
gen, die einem Reisbauern aus der Gegend gehörten, der dann, durch die
Folgen seiner Handlungsweise erschreckt, nach Costa Rica ins Exil ging.
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Später kehrte er, weil er auf dem Luftwege Waffen aus Costa Rica nach Kuba In jenen Tagen war der gewaltige Unterschied zwischen den beiden Grup-
brachte, als ein Held in seine Heimat zurück. Sein Name war Hubert Matos. pen leicht festzustellen: unsere war diszipliniert, in sich geschlossen und an
Es waren etwa fünfzig Neuankömmlinge, aber nur dreißig von ihnen waren die Kriegführung gewöhnt; die der Neuen hatte immer noch mit den Krank-
bewaffnet. Sie brachten zwei automatische Gewehre mit, ein Madzen- und ein heiten der ersten Tage zu kämpfen: sie waren nicht gewöhnt, nur einmal am
Johnson-Gewehr. Nach ein paar Monaten in der Sierra waren wir Veteranen Tag etwas zu essen, und wenn das, was sie bekamen, nicht schmeckte, dann
geworden, und wir sahen bei den neuen Truppen alle die Mängel, die jene, die aßen sie es nicht. Ihr Marschgepäck war voll von nutzlosen Dingen, und wenn
mit der Granma gelandet waren, auch gehabt hatten: Mangel an Disziplin; es zu schwer war, trennten sie sich, um ein Beispiel zu nennen, lieber von
Unfähigkeit, sich größeren Schwierigkeiten anzupassen; Mangel an Ent- einer Büchse Kondensmilch als von einem Handtuch. Wir nutzten dies für
schlußfreudigkeit und die Unfähigkeit, sich an dieses Leben zu gewöhnen. Die uns, indem wir alle zurückgelassenen Büchsen und Nahrungsmittel einsam-
Gruppe von fünfzig Mann stand unter der Führung von Hauptmann Jorge melten. Nachdem wir in La Derecha untergebracht worden waren, entstand
Sotús und war in fünf Abteilungen zu je zehn Mann unterteilt; jede Abteilung wegen der ständigen Reibereien zwischen Jorge Sotús, einem Mann von
wurde von Leutnanten geführt (man hatte ihnen diesen Dienstgrad verliehen, autoritärem Zuschnitt, der mit den Männern nicht umgehen konnte, und der
der jedoch noch von der Bewegung in der Ebene bestätigt werden mußte). Die Truppe im allgemeinen eine gespannte Situation. Wir mußten besondere
Abteilungsführer waren: Kamerad Domínguez, soweit ich mich erinnere, der Vorsichtsregeln treffen, und René Ramos, dessen Nom de guerre Daniel war,
wenig später in Pino del Agua gefallen ist; Kamerad René Ramon Latour, ein wurde der Befehl über die MG-Abteilung übertragen, die den Eingang zu
Guerilla-Organisator in der Ebene, der in den letzten Tagen der Schlußoffen- unserem Zufluchtsort deckte, so daß wir eine Garantie hatten, daß nichts
sive der Regierungstruppen den Heldentod in der Schlacht fand; «Pedrín» geschehen werde.
Soto, unser alter Freund von der Granma, dem es schließlich gelang, wieder Einige Zeit später wurde Jorge Sotús auf Sondermission nach Miami ge-
zu uns zu stoßen, Soto wurde ebenfalls im Gefecht getötet, und Raúl Castro schickt. Dort verriet er die Revolution, indem er mit Felipe Pazos zusam-
beförderte ihn an der zweiten östlichen Front, die den Namen Frank País' trug, mentraf, dessen unermeßlicher Machthunger dazu führte, daß er seine Ver-
posthum zum Major; ferner Kamerad Pena, ein Student aus Santiago, der den pflichtungen vergaß und sich selbst als provisorischer Staatspräsident Kubas
Rang eines Majors erreichte und nach der Revolution Selbstmord beging; und installierte. Das war ein erbärmliches Manöver, bei dem das State Department
schließlich Leutnant Hermo, der einzige von ihnen, der die beiden Kriegsjahre eine wichtige Rolle spielte.
überlebte. Mit der Zeit ließ Hauptmann Sotús erkennen, daß er seine Schuld wieder
Von allen Problemen, vor denen die neue Formation stand, waren die wettmachen wollte, und Raúl Castro gab ihm die Gelegenheit dazu, die die
Schwierigkeiten beim Marsch eines der wichtigsten. Ihr Führer Jorge Sotús Revolution noch niemandem verweigert hat. Sotús begann jedoch, gegen die
war ein sehr schlechter Marschierer; er blieb ständig zurück und gab damit Revolutionäre Regierung zu konspirieren, und er wurde zu zwanzig Jahren
seinen Männern ein schlechtes Beispiel. Ich hatte Anweisung erhalten, das Gefängnis verurteilt. Dank der Mitschuld einer seiner Wachen gelang ihm die
Kommando über die Gruppe zu übernehmen, aber als ich Sotús dies mitteilte, Flucht, und beide flohen miteinander nach dem üblichen Asyl der gusanos11:
erklärte er mir, er habe den Befehl, die Männer Fidel Castro zu übergeben, nach den Vereinigten Staaten.
und deshalb könne er sie nicht irgend jemandem anderen abgeben, solange er Zur Zeit unseres Berichts versuchten wir jedoch, ihm soviel wie möglich zu
das Kommando habe usw. usw. Damals hatte ich noch Komplexe, weil ich helfen, seine Meinungsverschiedenheiten mit den neuen Kameraden beizule-
Ausländer war, und ich wollte nicht bis zum Äußersten gehen, obgleich ich gen, und ihm zu erklären, wie notwendig die Disziplin sei. Guillermo García
eine große Unruhe in der Truppe feststellte. Nach einigen kurzen Marsch- ging, um Fidel aus dem Bezirk Caracas abzuholen, während ich mich kurz auf
strecken, die wegen der schlechten Ausbildung der Männer sehr lange Zeit den Weg machte, um Ramiro Valdés zurückzuholen, dessen Beinwunde mehr
beanspruchten, erreichten wir die Stelle, wo wir auf Fidel Castro warten oder weniger geheilt war. In der Nacht des 24. März traf Fidel ein; seine
sollten. Dort trafen wir die kleine Gruppe, die früher von Fidel getrennt wor- Ankunft, zusammen mit den zwölf Kameraden, die sich zu jener Zeit fest an
den war: Manuel Fajardo, Guillermo García, Juventino, Pesant, die drei Brü-
11
der Sotomayor und Ciro Frías. Deutsch: «Würmer»; so bezeichnete Fidel Castro «bourgeoise» Elemente, die mit der Konterrevolution
sympathisierten. (Anm. d. Übers.)
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seiner Seite hielten, war eindrucksvoll. Es war ein bemerkenswerter Unter- Abhärtung
schied zwischen den bärtigen Männern mit ihrem Marschgepäck aus irgend-
welchem gerade vorhandenen Material, zusammengeschnürt mit dem, was Die Monate März und April 1957 waren für die Rebellenstreitkräfte eine Zeit
man gerade auftreiben konnte, und den neuangekommenen Soldaten mit der Umgruppierung und Ausbildung. Nach den Verstärkungen von La Dere-
sauber rasierten Gesichtern, sauberen Uniformen und schönen neuen Torni- cha bestand unsere Armee aus etwa achtzig Mann und gliederte sich wie folgt:
stern. Ich erläuterte Fidel die Probleme, die sich ergeben hatten, und dann Die Vorhut bestand, unter der Führung von Camilo, aus vier Mann. Der
wurde ein kleines Beratungsgremium zusammengestellt, das über die entstan- folgende Zug stand unter dem Befehl von Raúl Castro; ihm waren drei Leut-
denen Fragen beschließen sollte. Dem Rat gehörten an: Fidel selbst, Raúl, nants unterstellt - Julite Díaz, Ramiro Valdés und Nano Díaz -, die je eine
Almeida, Jorge Sotús, Ciro Frías, Guillermo García, Camilo Cienfuegos, Abteilung führten. (Die beiden Kameraden mit dem Namen Díaz, die beide
Manuel Fajardo und ich. Fidel kritisierte mich, weil ich die Autorität, die mir bei El Uvero den Heldentod fanden, waren nicht miteinander verwandt. Der
übertragen worden war, nicht ausgeübt, sondern die Befehlsgewalt in den eine von ihnen stammte aus Santiago; die Raffinerie ‹Hermanos Díaz› in
Händen von Sotús gelassen hatte, der gerade erst eingetroffen war, gegen den Santiago trägt ihren Namen zu Ehren und zum Gedächtnis an Nano und seinen
keine persönliche Animosität bestand, dessen Haltung aber nach Fidels An- Bruder, der in Santiago de Cuba gefallen ist. Der andere, ein Kamerad aus
sicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht hätte geduldet werden dürfen. Dann Artemisa, war ein Veteran von Moncada und von der Granrna.) Hauptmann
wurden auch die neuen Züge zusammengestellt; es waren im ganzen drei, die Jorge Sotús waren die folgenden Leutnants unterstellt: Ciro Frías, der später
unter dem Kommando der Hauptleute Raúl Castro, Juan Almeida und Jorge an der Frank País-Front gefallen ist, Guillermo García, heute Oberbefehlsha-
Sotús standen; Camilo Cienfuegos sollte die Vorhut führen und Efigenio ber der Armee im westlichen Abschnitt, und René Ramos Latour, der ums
Ameijeiras die Nachhut; ich war der Arzt im Generalstab, und Universo Leben kam, nachdem ihm in der Sierra Maestra der Rang eines Majors verlie-
Sánchez fungierte als Abteilungsführer im Generalstab. hen worden war. Dann kam der Generalstab oder Comandancia mit Fidel als
Mit diesen Verstärkungen und zwei weiteren automatischen Gewehren er- Oberbefehlshaber, Ciro Redondo, Manuel Fajardo (heute Major), Crespo
reichte die Schlagkraft unserer Truppe einen neuen Höchststand. Diese Waf- (Major), Universo Sánchez (Major) und mir als Arzt.
fen waren zwar von zweifelhafter Wirksamkeit, denn sie waren alt und schon Dann folgte üblicherweise Almeidas Zug; seine Leutnants waren: Hermo,
sehr verbraucht, aber dennoch trugen sie dazu bei, unsere Streitmacht zu Guillermo Domínguez, der in Pino del Agua fiel, und Pena. Die Nachhut
stärken. Wir erörterten, was wir nun zuerst beginnen könnten; ich vertrat die bestand aus Efigenio Ameijeiras, einem Leutnant, und drei Mann.
Ansicht, wir sollten den erstbesten feindlichen Posten angreifen, damit wir die Wegen der Größe unserer Kampfgruppe mußte von nun an jede Abteilung
neuen Männer durch Gefechtserfahrung stählen konnten. Aber Fidel und alle für sich abkochen. Verpflegung, Medikamente und Munition wurden abtei-
anderen Mitglieder des Rates meinten, es sei besser, einige Zeit zu mar- lungsweise ausgegeben. In fast allen Abteilungen und natürlich in allen Zügen
schieren, so daß sie sich an das rauhe Leben in den Wäldern und Bergen und waren altgediente Soldaten, die den neuen Männern zeigten, wie abgekocht
an die langen Märsche über die Gebirgszüge gewöhnen konnten. Also be- wurde und wie die Verpflegung am besten zu verwerten war; sie brachten
schlossen wir, nach Osten zu ziehen, und soviel wie möglich zu marschieren; ihnen auch bei, wie man Tornister packte und wie man am besten durch die
wenn somit einige grundlegende praktische Erfahrungen in der Guerilla- Sierra marschierte.
Kriegführung gesammelt waren, wollten wir dann die Gelegenheit suchen und Die Entfernung zwischen La Derecha, El Lomón und El Uvero kann auf
irgendeine Einheit von Soldaten angreifen. der Straße mit dem Wagen in wenigen Stunden zurückgelegt werden. Für uns
Die Truppe unterzog sich den Vorbereitungen mit Begeisterung und brach aber bedeutete sie Monate vorsichtigen Vorwärtsbewegens, und die ganze Zeit
auf, um ihre Aufgaben zu verwirklichen. In der Schlacht von El Uvero erlebte widmeten wir uns unserer Hauptaufgabe, die Männer auf die Feindberührung
sie später ihre Feuertaufe. und auf die Zeit nach einem Gefecht vorzubereiten. So kamen wir wieder
durch Altos de Espinosa, wo wir Veteranen eine Ehrenwache um das Grab
von Julio Zenón bildeten, der dort vor einiger Zeit gefallen war. Dort fand ich
ein Stück meiner Decke, das im dornigen Gestrüpp als Erinnerung an meinen
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eiligen «strategischen Rückzug» hängengeblieben war. Ich steckte es zu ihnen gaben uns Probleme auf; sie haben nie einen Schuß in der Sierra gehört,
meinen Sachen, fest entschlossen, meine Ausrüstung nie wieder auf solche und sie verließen uns erschöpft vom Klima und den vielen Entbehrungen. Der
Weise einzubüßen. Journalist Bob Taber nahm sie mit zurück. Der dritte nahm an der Schlacht
Ein neuer Rekrut, Paulino, wurde mir als Gehilfe zugeteilt; er sollte die von El Uvero teil, und später verließ auch er unsere Truppe; er war krank,
medizinische Ausrüstung tragen. Dadurch wurde meine Aufgabe ein wenig aber er hatte an unserer Seite gekämpft. Ideologisch waren die Jungen nicht
erleichtert, so daß ich mich ein paar Minuten täglich nach unseren langen auf die Revolution vorbereitet; sie stillten in unserer Gesellschaft einfach
Märschen den medizinischen Problemen der Männer widmen konnte. Wie- ihren Abenteuerdurst. Es tat uns leid, aber wir waren auch froh, als sie wieder
derum zogen wir am Loma de Caracas vorbei, auf dem wir durch Guerras gingen. Ich persönlich war über den Abschied besonders erfreut, denn sie
Verrat eine so unangenehme Begegnung mit den feindlichen Flugzeugen erbaten häufig meinen ärztlichen Rat, da sie unserem rauhen Leben nicht
gehabt hatten. Dort fanden wir eines der Reservegewehre, das einer unserer gewachsen waren.
Männer zurückgelassen hatte, damit er sich leichter zurückziehen konnte. Bis In jener Zeit lud die Regierung auch einige Journalisten ein, in Militärflug-
jetzt hatten wir keine Reservewaffen; im Gegenteil, es fehlten welche. Wir zeugen mehrere tausend Meter hoch über die Berge zu fliegen; damit sollte
waren nun in eine neue Phase eingetreten. Die Qualität unserer Truppe hatte ihnen bewiesen werden, daß sich niemand in der Sierra Maestra aufhalte. Das
sich verbessert; es gab nun ein geschlossenes Gebiet, das der Feind mied, weil war eine seltsame Unternehmung, die niemanden überzeugte; sie demon-
er fürchtete, mit uns zusammenzustoßen, obgleich auch wir wenig Interesse strierte aber auch, wie die Regierung Batista mit Hilfe von Conte Agüero und
zeigten, seine Bekanntschaft zu machen. Männern wie ihm die öffentliche Meinung täuschte, mit Hilfe von Leuten, die,
Die politische Situation zeigte in jenen Tagen verschiedene Abstufungen als Revolutionäre getarnt, täglich das Volk belogen.
des Opportunismus. Die gut bekannten Stimmen von Pardo Llada, Conte In diesen Tagen der Abhärtung erhielt ich endlich eine Hängematte aus Se-
Agüero und anderen Geiern von derselben Sorte, spezialisierten sich auf geltuch. Diese Hängematte ist ein kostbarer Besitz. Ich hatte sie bisher nicht
demagogische Ausbrüche, indem sie zu Eintracht und Frieden aufriefen und bekommen, denn es gab eine strenge Guerillaregel, wonach
ängstlich die Regierung kritisierten. Die Regierung sprach von Frieden; der Hängematten aus Segeltuch nur an die Männer ausgegeben werden durften,
neue Ministerpräsident Rivero Agüero hatte angedeutet, daß er, wenn not- die sich schon eine Hängematte aus Sackleinwand angefertigt hatten. Mit
wendig, in die Sierra Maestra gehen würde, um die ländlichen Gebiete zu dieser Regel wollte man gegen die Faulheit ankämpfen. Jeder konnte sich
befrieden. Ungeachtet dessen erklärte Batista wenige Tage später, es sei nicht selbst eine Hängematte aus Sackleinwand anfertigen, und wenn man sie
länger notwendig, mit Fidel oder den Rebellen zu sprechen, Fidel Castro halte besaß, hatte man Anspruch auf die nächste verfügbare Hängematte aus Segel-
sich nicht in der Sierra auf, und deshalb gebe es keinen Grund, mit einem tuch. Wegen meiner Allergien konnte ich jedoch die aus Sackleinwand nicht
«Haufen Banditen» zu verhandeln. benutzen; die rohe Faser verursachte mir große Beschwerden, und so mußte
Auf diese Weise zeigten Batista und seine Anhänger die Bereitschaft, den ich auf dem Boden schlafen. Da ich aber keine Hängematte aus Sackleinwand
Kampf fortzusetzen; das war das einzige, in dem beide Seiten übereinstimm- besaß, hatte ich auch keinen Anspruch auf eine aus Segeltuch. Solche banalen
ten, denn es war auch unsere Absicht, um jeden Preis weiter zu kämpfen. In Einzelheiten gehörten zu den tagtäglichen Ärgernissen, mit denen wir alle uns
jenen Tagen wurde ein neuer Operationschef bestimmt: Oberst Barrera; er war herumschlagen mußten. Aber Fidel bemerkte das, machte eine Ausnahme und
gut bekannt dafür, daß er Geldmittel für die Verpflegungssätze der Armee gab mir eine vernünftige Hängematte. Ich werde dieses Ereignis nie verges-
unterschlug. Später beobachtete er den Zusammenbruch des Batista-Regimes sen, es war an den Ufern des La Plata, in den letzten Vorbergen, ehe man
in aller Ruhe von der venezolanischen Hauptstadt Caracas aus, wo er Mili- Palma Mocha erreicht, und es war an einem Tag, nachdem wir unser erstes
tärattache war. Pferdefleisch gegessen hatten.
Damals hielten sich einige einnehmende Leute bei uns auf, die dabei hal- Dieses Pferd war mehr als ein luxuriöses Mahl; es war gleichzeitig eine Art
fen, für unsere Bewegung in den USA Propaganda zu machen. Es waren drei Feuerprobe, in der die Anpassungsfähigkeit der Männer getestet wurde. Die
junge Nordamerikaner, die ihre Eltern im Marinestützpunkt Guantánamo Bauern in unserer Gruppe waren entrüstet und weigerten sich, ihre Ration
verlassen und sich unserem Kampf angeschlossen hatten. Besonders zwei von Pferdefleisch zu essen; einige von ihnen betrachteten Manuel Fajardo tatsäch-
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lich als einen Mörder, denn er war es, den man bestimmt hatte, das Tier zu Ein berühmtes Interview
schlachten, da er in Friedenszeiten Metzger gewesen war. Dieses unser erstes
Pferd gehörte einem Bauern namens Popa, der vom anderen Ufer des La Plata Mitte April 1957 kehrten wir mit unserer Rekrutenarmee in die Gegend von
stammte. Popa muß eigentlich heute lesen können, und wenn er die Zeitschrift Palma Mocha, in die Nähe des El Turquino, zurück. In jener Zeit waren die
Verde Olivo12 in die Hand bekommt, wird er sich an jene Nacht erinnern, als Guerilleros bäuerlicher Abstammung unsere tapfersten Gebirgskämpfer.
drei finster blickende Rebellen an die Tür seiner bohío schlugen, als sie ihn Guillermo García und Ciro Frías kamen und gingen mit ihren Bauernpa-
irrtümlich für einen Spitzel hielten, und ihm dieses müde alte Pferd wegnah- trouillen; sie zogen von Ort zu Ort in der Sierra, brachten Nachrichten, gingen
men. Stunden später gehörte dieses Tier zu unserer Verpflegung, und für auf Kundschaft aus, beschafften Verpflegung; sie waren faktisch die wirklich
einige war sein Fleisch ein höchst genußreiches Festmahl, und bei anderen bewegliche Vorhut unserer Kampfgruppe. In jenen Tagen befanden wir uns
stellte es die voreingenommenen Mägen der Bauern auf die Probe, die glaub- wieder einmal in El Arroyo del Infierno, am Schauplatz eines unserer Gefech-
ten, daß sie einen Akt des Kannibalismus begingen, wenn sie den alten Freund te. Die Bauern, die kamen, um uns zu begrüßen, teilten uns zusätzliche Ein-
des Menschen verzehrten. zelheiten jenes Angriffs mit: wer die Soldaten direkt zu unserem Lager ge-
führt hatte, oder wer dort gefallen war. Von den Bauern, die äußerst geschickt
in der Kunst der Flüsterpropaganda waren, erfuhren wir tatsächlich alles, was
in der Gegend los war.
Fidel, der damals kein Rundfunkgerät besaß, ließ eines von einem Bauern
der Gegend ausleihen; der tat es, und so konnten wir mit Hilfe dieses großen
Radioapparats, den ein Soldat in seinem Tornister mit sich trug, die Nach-
richten direkt aus Havanna hören. Wegen der Wiederherstellung sogenannter
Garantien sprach man dort wieder einmal offener als sonst.
Guillermo García trug die Uniform eines Armeeunteroffiziers, begleitet von
zwei Kameraden, die als Soldaten der Armee Batistas verkleidet waren, um
nach dem Spitzel zu suchen, der die Soldaten zu uns geführt hatte. «Auf
Befehl des Obersten» brachten sie ihn am folgenden Tag zu uns. Der Mann
war ahnungslos mitgegangen, aber als er die zerlumpte Armee sah, wußte er,
was ihm bevorstand. Mit großem Zynismus erzählte er uns alles über seine
Beziehungen zu der Armee Batistas und wie er «diesem Bastard Casillas»
gesagt habe, er sei durchaus bereit, die Soldaten zu uns zu führen, denn er
habe uns gesehen, und so könnten sie uns also gefangennehmen; sie hatten
jedoch nicht auf ihn gehört.
Einige Tage später wurde der Denunziant auf einem der nahe gelegenen
Hügel hingerichtet und begraben. Wir erhielten eine Botschaft von Celia, daß
sie mit zwei nordamerikanischen Journalisten eintreffen werde, die - unter
dem Vorwand, sie wollten die drei nordamerikanischen Jungen aufsuchen -
Fidel interviewen wollten. Sie schickte auch etwas Geld, das bei Leuten, die
mit der Bewegung sympathisierten, gesammelt worden war.
Wir beschlossen, daß Lalo Sardiñas die Nordamerikaner durch das Gebiet
von Estrada Palma führen sollte, das er, als ehemaliger Kaufmann in dieser
12
Dieser Teil des Berichts wurde ursprünglich in Verde Olivo, der Zeitschrift der Revolutionsarmee, Gegend, gut kannte. Wir waren dabei, Kontakte mit Bauern herzustellen, die
veröffentlicht.
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als Bindeglieder fungieren und ständige Lager unterhalten konnten, so daß wir der Anpassung an dieses primitive Leben in unserer Mitte und an uns selbst in
Kontaktzentren für das gesamte Gebiet besaßen, das an Ausdehnung immer unserer Gesellschaft angeeignet hatten.
mehr zunahm. So machten wir Häuser aus, die wir als Nachschubzentren für Bald schloß sich uns einer der sympathischsten und beliebtesten Mitkämp-
unsere Truppen benutzten, und legten dort Warenlager an, aus denen wir uns fer unseres Revolutionskrieges an. Das war Vaquerito, der uns zusammen mit
je nach unserem Bedarf versorgten. Diese Plätze dienten auch als Halte- und einem anderen Kameraden eines Tages gefunden hatte und erklärte, er habe
Ausruhepunkte für die menschlichen Expreßkutschen, die überall am Rande schon seit mehr als einem Monat nach uns gesucht. Er war aus Morón in der
der Sierra Maestra von Ort zu Ort zogen und Botschaften und Neuigkeiten Provinz Camagüey. Wie immer in solchen Fällen vernahmen wir ihn einge-
übermittelten. hend und gaben ihm eine erste politische Orientierung, eine Aufgabe, die
Diese Melder hatten eine außergewöhnliche Fähigkeit entwickelt, sehr gro- häufig mir zufiel. Vaquerito hatte keine politische Vorstellung in seinem
ße Entfernungen in kurzer Zeit zurückzulegen. Ständig wurden wir irritiert, Kopf; er schien auch nicht mehr als ein glücklicher, gesunder Junge zu sein,
wenn sie von einem «Halbstundenweg» sprachen oder meinten, ein bestimm- der das Ganze als ein wundervolles Abenteuer betrachtete. Er kam barfuß an,
ter Ort läge «gerade da drüben». Für die Bauern erwies sich das fast immer als und Celia schenkte ihm ein Paar verzierte mexikanische Lederschuhe. Sie
eine genaue Angabe, wenn sich auch ihre Vorstellung von Zeit und Entfer- hatte ein Extrapaar, und da seine Füße so klein waren, waren dies die einzigen
nung von der eines Städters gehörig unterschied. Schuhe, die ihm paßten. Mit den neuen Schuhen und einem großen Strohhut
Drei Tage nachdem uns Lalo Sardiñas verlassen hatte, erfuhren wir, das schaute Vaquerito wie ein mexikanischer Cowboy oder vaquero aus, und des-
sechs Personen durch das Gebiet von Santo Domingo zu uns heraufkamen; es halb gaben wir ihm den Spitznamen Vaquerito.
waren zwei Frauen, zwei gringos (die Journalisten) und zwei andere, die Wie bekannt, erlebte Vaquerito das Ende des revolutionären Kampfes
niemand kannte. Allerdings erhielten wir auch eine Nachricht, die das Gegen- nicht; einen Tag ehe Santa Clara genommen wurde, fiel er als Kommandeur
teil besagte, wonach nämlich die Gendarmerie, die durch einen Spitzel von der Selbstmordabteilung der achten Marschgruppe. Wir alle erinnern uns an
der Anwesenheit der Gruppe unterrichtet worden sei, das Haus, in dem sich seine außergewöhnliche Fröhlichkeit, seine ständige gute Stimmung, an die
die Ankömmlinge aufhielten, umstellt habe. In der Sierra machen Nachrichten seltsame und romantische Art, wie er einer Gefahr begegnete. Vaquerito war
mit bemerkenswerter Geschwindigkeit die Runde, aber oft sind sie entstellt. ein erstaunlicher Lügner; ich möchte wissen, ob er je eine Unterhaltung führ-
Camilo rückte mit einem Zug aus, um Celia Sánchez und die Nordamerikaner te, in der er nicht die Wahrheit so ausschmückte, daß sie nicht wiederzu-
unter allen Umständen zu befreien. Sie trafen jedoch gesund und munter ein; erkennen war. Aber bei seiner Tätigkeit als Melder in den ersten Tagen des
der falsche Alarm war durch Truppenbewegungen ausgelöst worden, und Krieges und später als Soldat oder als Befehlshaber der Selbstmordabteilung
diese wiederum waren die Folge einer Denunziation, die bei rückständigen demonstrierte Vaquerito, daß für ihn Wirklichkeit und Phantasie keine festum-
Bauern in jenen Tagen leicht zu erlangen war. rissenen Grenzen hatten, und er war in der Lage, die gleichen Heldentaten, die
Am 23. April trafen der Journalist Bob Taber und ein Fotograf in unserem sich sein behender Geist ausdachte, auch auf dem Schlachtfeld zu vollziehen.
Lager ein. Mit ihnen kamen die Kameraden Celia Sánchez und Haydée San- Am Ende unseres heldenhaften Krieges war seine außerordentliche Tapferkeit
tamaría sowie die Männer, die von der Bewegung in der Ebene zu uns herauf- zur Legende geworden.
geschickt worden waren: «Marcos» oder «Nicaragua», Major Iglesias, heute Einige Zeit nachdem sich Vaquerito uns angeschlossen hatte, beschloß ich,
Gouverneur von Las Villas und damals Chef der Aktionen in Santiago, und ihn über sein Leben auszufragen. Nach einer der nächtlichen Lese- Veran-
Marcelo Fernández, Koordinator der Bewegung und später Vizepräsident der staltungen saß eine Gruppe noch beieinander. Vaquerito begann, : uns von
Nationalbank. Er fungierte als Dolmetscher. sich zu erzählen, und wir alle waren insgeheim dabei, sein Alter zu schätzen.
Die Tage vergingen ganz nach Plan; wir versuchten, den Nordamerikanern Als er, nach vielen funkelnden Anekdoten, seinen Bericht beendet hatte,
unsere Stärke zu zeigen, und ihren mehr indiskreten Fragen auszuweichen. fragten wir ihn, wie alt er sei. Vaquerito war zu jener Zeit etwas über zwanzig,
Wir wußten überhaupt nichts von diesen Journalisten; sie interviewten jedoch aber nach all seinen Taten und nach allen Posten, die er gehabt hatte, zu
die drei amerikanischen Jungen, die alle Fragen gut beantworteten und dabei urteilen, mußte er fünf Jahre vor seiner Geburt zu arbeiten begonnen haben.
den neuen Geist an den Tag legten, den sie sich trotz der Schwierigkeiten bei
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Kamerad «Nicaragua» brachte die Nachricht, daß sich in Santiago noch revolutionäre Flamme und die Legende unserer Truppe von barbudos13 über
weitere Waffen befänden, Überreste des Angriffs auf den Palast. Es standen die ganze Sierra. Der neue Geist wurde weit in alle Richtungen getragen. Die
nach diesen Angaben zehn Maschinengewehre, elf Johnson-Gewehre und Bauern kamen nun weniger furchtsam, um uns zu begrüßen, und wir hatten
sechs Kurzkarabiner zur Verfügung. Dazu kamen noch ein paar andere, aber andererseits jetzt mehr Vertrauen zu ihnen. Unsere relative Stärke hatte be-
sie waren nicht für uns bestimmt, denn in der Gegend der Zuckerraffinerie trächtlich zugenommen, und wir fühlten uns sicherer vor irgendeinem Überra-
von Miranda sollte eine neue Front eröffnet werden. Fidel war gegen diesen schungsangriff der Batista-Armee. Allgemein gesagt, waren wir nun den
Plan, er genehmigte nur ein paar Waffen für die zweite Front und befahl, daß guajiros ein großes Stück näher gekommen.
alle verfügbaren Waffen zu unserer Verstärkung heraufgeschafft würden. Wir
setzten den Marsch fort und zogen uns von der unangenehmen Gesellschaft
einiger Gendarmen zurück, die in der Nähe plünderten. Aber zunächst, so
beschlossen wir, sollte der El Turquino bestiegen werden. Die Besteigung
dieses höchsten Berges unseres Landes hatte für uns eine fast mystische
Bedeutung, und auf jeden Fall waren wir dem Gipfel schon ganz nahe.
Die ganze Marschkolonne bestieg den El Turquino, und oben auf dem Gip-
fel beendeten wir das Interview mit Bob Taber. Er bereitete einen Film vor,
der später - als man uns noch nicht so fürchtete - in den USA über das Fernse-
hen ausgestrahlt wurde. Eine bezeichnende Anmerkung: ein guajiro, der sich
uns angeschlossen hatte, berichtete, Casillas habe ihm dreihundert Pesos und
eine trächtige Kuh angeboten, falls er Fidel tötete. Die Nordamerikaner waren
nicht die einzigen, die sich über den Preis unseres Oberbefehlshabers täusch-
ten.
Nach den Angaben eines Höhenmessers, den wir bei uns hatten, lag der
Gipfel des El Turquino 1850 Meter über dem Meeresspiegel. Ich notiere dies
beiläufig, denn wir hatten das Instrument nie ausprobiert; aber auf der Höhe
des Meeresspiegels arbeitete der Apparat gut; jedenfalls weicht diese Zahlen-
angabe ganz erheblich von den amtlichen Dokumenten ab.
Da uns eine Kompanie Soldaten auf den Fersen war, wurde Guillermo mit
ein paar Kameraden ausgeschickt, sie aus der Entfernung gezielt unter Einzel-
feuer zu nehmen. Wegen meines asthmatischen Zustandes, der mich zwang,
am Ende der Kolonne zu gehen, und der mir keine besonderen Anstrengungen
erlaubte, nahm man mir meine Thompson-Maschinenpistole, die ich trug, ab.
Erst nach etwa drei Tagen bekam ich sie zurück. Das waren für mich einige
der angespanntesten Tage in der Sierra, denn ich war unbewaffnet, während
wir tagtäglich mit dem Feind zusammenstoßen konnten.
Im Mai 1957 verließen zwei der jungen Nordamerikaner unsere Kampf-
gruppe; sie gingen zusammen mit Bob Taber, der seine Story beendet hatte,
und sie erreichten gesund und munter Guantánamo. Auf dem Kamm der
Maestra und entlang ihren Abhängen setzten wir langsam unseren Marsch
fort. Wir stellten Kontakte her, erforschten neue Gebiete und verbreiteten die 13
Deutsch: die «Bärtigen». (Anm. d. Übers.)
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Auf dem Marsch noch vorhanden, wenn auch in viel geringerem Ausmaß. Die Söhne jener
Mütter von der Sierra lernen und studieren heute in der Schulstadt, die den
Die ersten fünfzehn Tage im Mai waren wir ununterbrochen auf dem Marsch. Namen Camilo Cienfuegos trägt; sie sind herangewachsen und gesund, es sind
Zu Beginn des Monats befanden wir uns auf einem Berg in der Nahe des El ganz andere Jungen als die ersten unterernährten Bewohner zu der Zeit, als die
Turquino; wir durchquerten Gebiete, die später Schauplatz vieler revolutionä- Schulstadt gegründet wurde.
rer Siege waren. Wir passierten Santa Ana und El Hombrito; später, bei Pico Ich erinnere mich, daß ein kleines Mädchen die Konsultationen, die ich für
Verde, fanden wir das Haus von Escudero und wir zogen weiter, bis wir den die Frauen der Gegend abhielt, aufmerksam verfolgte. Sie kamen mit einer
Loma del Burro erreichten. Wir gingen ostwärts und hielten Ausschau nach fast religiösen Inbrunst zu mir herein, um die Gründe für ihre Leiden heraus-
den Waffen, die uns aus Santiago geschickt und im Gebiet des Loma del zufinden. Als seine Mutter an der Reihe war, plapperte das kleine Mädchen,
Burro, in der Nähe von Oro de Guisa, versteckt werden sollten. Auf diesem nachdem es mehrere vorangegangene Untersuchungen in der bohío, die mir
zwei Wochen dauernden Marsch verwechselte ich eines Nachts, als ich austre- als Klinik diente, aufmerksam beobachtet hatte, lustig darauf los: «Mama,
ten ging, die Wege und ging drei Tage lang in die Irre, bis ich an einem Platz dieser Doktor sagt zu allen das gleiche.»
namens El Hombrito wieder zu unserer Truppe stieß. Damals erkannte ich, Und das war völlig richtig; mein Wissen reichte für wenig mehr aus; aber
wie gut es war, daß jeder von uns auf dem Rücken alles mit sich trug, was für außerdem hatten sie alle die gleiche Krankheitsgeschichte. Ohne es zu wissen,
das Überleben des einzelnen unerläßlich war: Salz, Öl, Verpflegung in Dosen, erzählte jede von ihnen die gleiche herzergreifende Geschichte. Was wäre
Büchsenmilch und alles, was zum Schlafen, Feuermachen und Abkochen geschehen, wenn der Arzt die Diagnose gestellt hätte, daß die seltsame Mü-
notwendig war, und ebenso einen Kompaß, auf den ich mich bis dahin sehr digkeit, die die junge Mutter mehrerer Kinder befiel, wenn sie eine Kanne
verlassen hatte. Wasser vom Fluß hinauf zum Haus trug, einfach die Folge von zuviel Arbeit
Als ich erkannte, daß ich mich verirrt hatte, nahm ich am nächsten Morgen bei solch magerer Kost sei? Ihre Erschöpfung ist für sie etwas Unerklärliches,
den Kompaß, ließ mich durch ihn führen und setzte meinen Weg auf diese denn diese Frau hatte ihr ganzes Leben lang dieselben Kannen Wasser zum
Weise eineinhalb Tage lang fort, bis mir klar wurde, daß ich mich nur noch selben Platz getragen, und erst jetzt fühlt sie sich müde. Die Menschen in der
mehr verlaufen hatte. Ich näherte mich einer Bauernhütte, und die Leute Sierra wachsen heran wie wilde Blumen, unbeaufsichtigt und ohne Betreuung,
zeigten mir den Weg zu dem Lagerplatz der Rebellen. Später fanden wir und sie nutzen sich schnell ab, da sie ohne Lohn arbeiten. Bei diesen Konsul-
heraus, daß ein Kompaß in einem derart zerklüfteten Gelände nur eine allge- tationen wurde uns die Notwendigkeit immer mehr bewußt, daß die Le-
meine Richtung und nie einen ganz bestimmten Kurs anzeigen kann; später bensbedingungen für das Volk definitiv geändert werden mußten. Die Idee der
wußten wir, als ich mich wieder in derselben Gegend aufhielt, daß man ent- Bodenreform reifte aus und verband sich mit dem Volk; sie war nun nicht
weder einen Führer haben oder die Gegend selbst kennen mußte. länger Theorie, sondern wurde zu einem grundlegenden Teil unseres Daseins.
Ich war sehr bewegt durch den herzlichen Empfang, mit dem ich begrüßt Die Guerilleros und die Bauern verschmolzen allmählich zu einer einzigen
wurde, als ich wieder auf unsere Truppe stieß. Als ich eintraf, hatten sie Masse, ohne daß wir angeben können, zu welchem Zeitpunkt auf dem langen
gerade einen Volksprozeß geführt, in dem über drei Spitzel Gericht gehalten revolutionären Weg dies geschah, oder wann die Worte zu einer tiefen Reali-
wurde; einer von ihnen, Nápoles, wurde zum Tode verurteilt. Camilo war tät und wir zu einem Teil der Bauern wurden. Was mich betrifft, so verwan-
Vorsitzender des Tribunals. delten diese Konsultationen mit den guajiros der Sierra meine spontane und
In jener Zeit hatte ich meine Pflichten als Arzt auch bei der Bevölkerung zu irgendwie lyrische Entschlossenheit in eine stärkere Kraft und mehr Gelassen-
erfüllen, und in jedem kleinen Dorf richtete ich meine Beratungsstation ein. heit. Diese leidenden und loyalen Bewohner der Sierra Maestra sind sich der
Es war eine eintönige Angelegenheit, denn es standen mir nur wenige Medi- Rolle, die sie als Schmiede unserer revolutionären Ideologie spielten, nie
kamente zur Verfügung, und die klinischen Fälle waren in der Sierra alle mehr bewußt geworden.
oder weniger die gleichen: vorzeitig gealterte und zahnlose Frauen, Kinder Damals wurde Guillermo García zum Hauptmann befördert und übernahm
mit aufgetriebenen Bäuchen, Haut-Parasiten, Rachitis, allgemeine Avitami- den Befehl über alle Bauern, die sich uns anschlossen. Vielleicht hat Kamerad
nose - das waren die Kennzeichen der Sierra Maestra. Sogar heute sind sie
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Guillermo das Datum vergessen: in meinem Tagebuch ist der 6. Mai 1957 von ihnen aufhalte. Wir näherten uns vorsichtig der Stelle und fanden die
vermerkt. Leiche.
Am folgenden Tag verließ uns Haydée Santamaría, nachdem sie von Fidel Ich erkannte den Toten; es war Guillermo Domínguez. Sein Oberkörper
genaue Instruktionen erhalten hatte, um die notwendigen Kontakte herzustel- war nackt; in seinem linken Ellenbogen war das Loch einer Schußwunde und
len. Aber einen Tag später erhielten wir die Nachricht von der Verhaftung in der oberen Brusthälfte, über dem Herzen, ein Bajonettstich; sein Kopf war
«Nicaraguas». Er war dafür verantwortlich, daß wir die Waffen erhielten. durch einen Schuß - offensichtlich aus seiner eigenen Schrotflinte - buchstäb-
Dadurch entstand bei uns große Verwirrung, denn wir hatten keine Ahnung, lich zerschmettert. Einige Schrotkugeln steckten als Beweis in seinem zer-
was wir jetzt tun sollten, um an die Waffen heranzukommen. Dennoch be- fleischten Körper.
schlossen wir, unseren Marsch in derselben Richtung fortzusetzen. Wir rekonstruierten den Hergang: die Gendarmen hatten wahrscheinlich
Wir erreichten einen Ort in der Nähe von Pino del Agua, eine kleine nach ihrem Freund gesucht, den Unteroffizier, den wir gefangengenommen
Schlucht direkt am Rande der Sierra mit einem verlassenen Holzfällerlager; hatten. Sie hatten Domínguez gehört, wie er vor uns her ging; er muß sich
dort gab es auch zwei unbewohnte bohíos. In der Nähe einer Straße nahm eine sehr sicher gefühlt haben, denn er benutzte denselben Weg wie am Vortage.
unserer Patrouillen einen Unteroffizier gefangen. Dieser Unteroffizier war seit Sie hatten ihn gerade gefangengenommen, als einige von Crescencios Leuten
den Zeiten von Machado wegen seiner Verbrechen gut bekannt. Aus diesem dazukamen, die mit uns von der anderen Richtung her zusammentreffen
Grunde schlugen einige von uns vor, ihn hinzurichten, aber Fidel lehnte dies wollten. Sie überraschten die Gendarmen und eröffneten in ihrem Rücken das
ab; wir ließen ihn einfach unter Bewachung der neuen Rekruten zurück, die Feuer auf sie; die Gendarmen zogen sich zurück und ermordeten vor der
noch keine Gewehre, sondern nur Pistolen hatten. Er wurde gewarnt, daß ihn Flucht unseren Kameraden Domínguez.
jeder Fluchtversuch das Leben kosten würde. Pino del Agua ist ein Lager- und Stapelplatz, der zu einem Sägewerk ge-
Die meisten von uns setzten unseren Weg fort, um zu sehen, ob die Waffen hört; er liegt inmitten der Sierra, und der Pfad, den die Gendarmen einschlu-
an der vereinbarten Stelle eingetroffen waren, und wenn ja, sie fortzuschaffen. gen, dient seit jeher zum Transport des geschlagenen Holzes. Wir mußten
Es war ein langer Weg, wenn er auch leichter als sonst war, da wir unser diesem Weg ein paar hundert Meter weit folgen, um auf unseren schmalen
vollbeladenes Gepäck in dem Lager gelassen hatten, wo der Gefangene war. Pfad zu stoßen. Unser Kamerad hatte in diesem Fall die elementarsten Vor-
Unser Weg war jedoch umsonst; die Ausrüstung war nicht eingetroffen, und sichtsmaßnahmen nicht beachtet, und es war sein Pech, daß er den Gendarmen
wir führten dies naturgemäß auf die Verhaftung von «Nicaragua» zurück. Wir geradewegs in die Arme lief. Sein bitteres. Los diente uns für die Zukunft als
konnten Verpflegung in einem Laden kaufen, und kehrten mit einer anderen, Warnung.
wenn auch willkommenen Fracht ins Lager zurück.
Für den Rückweg benutzten wir dieselbe Straße, langsam und müde zogen
wir auf dem Kamm der Sierra Maestra entlang und überquerten die Stellen,
die einzusehen waren, sehr vorsichtig. Plötzlich hörten wir vor uns Schüsse.
Wir waren beunruhigt, denn einer unserer Männer war uns vorausgegangen,
um das Lager so schnell wie möglich zu erreichen. Es war Leutnant Guillermo
Domínguez, einer derjenigen, die mit den Verstärkungen von Santiago he-
raufgekommen waren. Wir bereiteten uns auf jede Möglichkeit vor und
schickten einen Spähtrupp los. Nach einiger Zeit kehrte er zurück und brachte
den Kameraden Fiallo mit, der zu Crescencios Gruppe gehörte und sich den
Guerilleros während unserer Abwesenheit angeschlossen hatte. Er kam von
unserem Lager und erläuterte, daß auf der Straße eine Leiche läge und daß es
einen Zusammenstoß mit einigen Gendarmen gegeben habe, die sich in Rich-
tung auf Pino del Agua zurückgezogen hätten, wo sich eine größere Abteilung
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Die Waffen treffen ein erwiesen, um später von der neuen Regierung belohnt zu werden. Die Brüder
Babún zum Beispiel hofften, daß man ihnen später bei der kommerziellen
In der Nähe des Holzlagers von Pino del Agua töteten wir das prächtige Pferd, Ausbeutung der Wälder freie Hand geben werde, daß sie dabei die Bauern
das der gefangengenommene Unteroffizier als Reittier benutzt hatte. In einem erbarmungslos vertreiben und somit ihre Latifundien noch vergrößern könn-
derart zerklüfteten Terrain war das Tier für uns nutzlos, und außerdem waren ten. Es war etwa um diese Zeit, daß sich uns ein nordamerikanischer Journa-
wir knapp an Nahrungsmitteln. Auf jeden Fall war unsere übliche Verpfle- list anschloß. Er war von derselben Art wie die Familie Babún, von Geburt
gung so beschaffen, daß wir es uns nicht leisten konnten, frisches Fleisch, Ungar und hieß Andrew Saint George.
auch wenn es Pferdefleisch war, zu verschmähen. Für etwas Spaß sorgte unser Zunächst zeigte er nur eines seiner Gesichter, das bessere; es war einfach
Gefangener: als er ahnungslos seine Pferdefleischsuppe und seine Portion das eines Yankee-Journalisten. Aber außerdem war er auch ein FBI-Agent. Da
Pferdefleisch verzehrte, erläuterte er uns, daß er das Tier von einem Freund ich der einzige in unserer Kampfgruppe war, der französisch sprach (damals
geliehen habe; er gab uns dessen Namen und Adresse und ermahnte uns, es sprach bei uns noch niemand englisch), wurde ich dazu bestimmt, mich um
ihm so schnell wie möglich zurückzugeben. ihn zu kümmern. Ganz offen gesagt, erschien er mir zunächst als nicht so
An diesem Tag hörten wir im Rundfunk von der Verurteilung unserer Ka- gefährlich, wie er sich dann in unserem zweiten Interview herausstellte, als er
meraden von der Granma. Außerdem erfuhren wir, daß sich ein ehrenamt- sich schon ganz offen als ein Agent benahm. Wir gingen am Rande des Pino
licher Richter in einer persönlichen Stellungnahme gegen das Urteil gewandt del Agua entlang in Richtung auf die Quelle des Peladero-Flusses, ein zerklüf-
hatte. Es war Richter Urrutia, dessen ehrenhafte Geste ihm später die Nomi- tetes Gebiet, und wir alle hatten schwer zu schleppen. Der Peladero hat einen
nierung zum provisorischen Präsidenten der Republik einbrachte. Das persön- Nebenfluß, den Arroyo del Indio. Hier verbrachten wir ein paar Tage, faßten
liche Votum eines solchen Richters war - ganz bestimmt zu jener Zeit - nicht Verpflegung und leiteten die Waffen, die wir erhalten hatten, weiter. Wir pas-
mehr als eine achtbare Geste, aber seine späteren Folgen waren ernster Natur: sierten ein paar Bauernsiedlungen und errichteten eine Art außergesetzlichen
es führte zu der Ernennung eines schlechten Präsidenten, eines Mannes, der revolutionären Staat, indem wir Leute, die mit uns sympathisierten, zurücklie-
unfähig war, den revolutionären Prozeß zu begreifen und die Tiefe einer ßen, die uns über alles, was sich zutrug, und über die Bewegungen der Armee
Revolution zu verkraften, mit der seine reaktionäre Mentalität nichts anzufan- unterrichten sollten. Wir aber hielten uns stets in den bewaldeten Bergen auf;
gen wußte. Durch seinen Charakter und sein Widerstreben, einen definitiven nur gelegentlich stießen wir nachts, ohne es erwartet zu haben, auf eine Grup-
Standpunkt einzunehmen, sind viele Konflikte entstanden. Höhepunkt dieser pe von Häusern, und dann übernachteten einige von uns dort. Aber die Mehr-
Entwicklung war dann schließlich sein Rücktritt als Präsident, den er in jenen heit schlief stets im Schutz der Berge, und tagsüber waren wir alle, geschützt
Tagen einreichte, als wir den ersten 26. Juli nach der Revolution feierten, und von einem Dach von Bäumen, auf Posten.
als er sah, daß sich das Volk einmütig gegen ihn wandte. Unser schlimmster Feind war zu jener Jahreszeit die macagüera, eine Art
An einem jener Tage traf ein Kontaktmann aus Santiago ein. Er hieß An- Pferdestechmücke, die ihre Eier im Macagua (oder Macaw-Baum) legt und
dres und brachte genaue Informationen über die Waffen: sie waren in Sicher- ausbrütet. In einer bestimmten Jahreszeit vermehrt sie sich in den Bergen in
heit und sollten bald auf den Weg geschickt werden. Als Übergabestelle war Massen. Die macagüera sticht die ungeschützten Körperteile; wenn wir uns
die Umgebung eines Holzlagers an der Küste vorgesehen, das von den Brü- mit all dem Dreck auf unserem Körper kratzten, entstanden durch die Stiche
dern Babún verwaltet wurde. Die Waffen sollten mit voller Kenntnis der leicht Infektionen und Abszesse. An den unbedeckten Teilen unserer Beine,
Brüder an uns abgehen, denn sie waren der Ansicht, daß sie ein lohnendes an den Handgelenken und am Hals waren stets Beweise für die Anwesenheit
Geschäft machen konnten, wenn sie die Revolution unterstützten. (Die fol- der macagüeras zu sehen.
gende Entwicklung spaltete die Familie in zwei Lager, und drei der Babún- Schließlich erhielten wir am 18. Mai eine Nachricht über die Waffen und
Söhne hatten den zweifelhaften Vorzug, unter jenen zu sein, die in der eine vorläufige Bestandsaufnahme. Diese Nachricht löste im Lager große
Schweinebucht gefangengenommen wurden.) Aufregung aus, denn alle Männer wollten bessere Waffen haben. Wir erfuhren
Es ist seltsam, festzustellen, daß viele Menschen in jener Zeit versuchten, auch, daß der Film, den Bob Taber bei uns gedreht hatte, mit großem Erfolg in
die Revolution für sich auszunutzen, indem sie uns kleine Gefälligkeiten den USA gezeigt worden war. Diese Nachricht stimmte jeden von uns hocher-
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freut - mit Ausnahme von Andrew Saint George, der, außer daß er ein FBI- Ich werde nie den Augenblick vergessen, als ich das automatische Gewehr
Agent war, auch noch seinen kleinlichen Journalistenstolz hatte und sich erhielt. Es war alt und von schlechter Qualität, aber für mich war es eine
irgendwie um den Ruhm betrogen fühlte. Am nächsten Tag verließ er uns in wichtige Neuerwerbung. Vier Männer sollten mir beim Gebrauch dieser
einer Jacht und fuhr nach Santiago de Cuba. Waffe helfen. Diese vier Guerillakämpfer sind in der Folge sehr verschiedene
An jenem Tag stellten wir auch fest, daß einer unserer Männer desertiert Wege gegangen. Zwei von ihnen, die Brüder Pupo und Manolo Beatón,
war. Da jeder im Lager über das Eintreffen der Waffen Bescheid wußte, war wurden von der Revolution hingerichtet, nachdem sie Major Cristino Naraño
das besonders gefährlich. Wir schickten Leute aus, die nach ihm Ausschau ermordet hatten und in die Sierra de Oriente geflohen waren, wo sie ein Bauer
halten sollten. Sie kehrten mit der Meldung zurück, daß es ihm gelungen war, gefangennahm. Dann gehörte ein Junge von fünfzehn Jahren zu ihnen, der fast
an Bord eines Schiffes nach Santiago zu gehen. Wir nahmen an, daß er die immer das sehr schwere Zubehör der automatischen Waffe tragen mußte. Sein
Behörden informieren wollte, obgleich sich später herausstellte, daß der Mann Name war Joel Iglesias; heute ist er Vorsitzender der Jóvenes Rebeldes und
einfach deshalb desertiert war, weil er physisch und moralisch nicht in der Major in der Rebellenarmee. Der vierte hieß eigentlich Oñate - heute ist er
Lage war, die Härten unseres Lebens durchzuhalten. Auf jeden Fall mußten Leutnant -, aber wir nannten ihn liebevoll Catinflas14
wir unsere Vorsichtsmaßnahmen verdoppeln. Tagtäglich mußten wir gegen Mit dem Eintreffen der Waffen waren unsere Versuche nicht beendet, den
die unzureichende physische, ideologische und moralische Vorbereitung Guerilleros eine größere ideologische Stärke einzuimpfen und allgemein ihre
unserer Männer ankämpfen; die Ergebnisse waren jedoch nicht immer ermuti- Kampfkraft und Moral zu stärken. Ein paar Tage später, am 23. Mai, ordnete
gend. Die Schwächeren unter ihnen baten oft aus den kleinlichsten Anlässen Fidel neue Entlassungen an; unter ihnen war eine vollständige Abteilung, und
um die Erlaubnis, uns verlassen zu dürfen, und wenn wir sie ihnen verwei- unsere Kampfgruppe wurde auf 127 Mann verringert; die meisten von ihnen
gerten, dann desertierten sie gewöhnlich. Wir mußten daran erinnern, daß auf waren bewaffnet, etwa achtzig sogar sehr gut.
Desertation sofort nach der Gefangennahme die Todesstrafe stand. Von der Abteilung, die zusammen mit ihrem Führer entlassen wurde, blieb
In jener Nacht trafen die Waffen ein. Für uns war dies das glänzendste ein Mann namens Crucito zurück, der später einer unserer beliebtesten Kämp-
Schauspiel der Erde: die Instrumente des Todes wurden vor den begierigen fer wurde. Crucito war ein Dichter von Natur aus, und er trug lange Reim-
Augen aller unserer Männer zur Schau gestellt. Wir erhielten drei Maschinen- Wettbewerbe mit Calixto Morales, dem Dichter aus der Stadt, aus. Morales
gewehre mit Dreifuß, drei automatische Gewehre vom Typ Madzon, neun M- war mit der Granma gekommen und hatte sich selbst den Spitznamen «Nach-
1-Karabiner, zehn automatische Gewehre vom Typ Johnson und insgesamt tigall der Ebene» gegeben, worauf Crucito in seinen guajiro-Balladen stets mit
sechstausend Schuß Munition. Obgleich für die M-1-Karabiner nur je fünf- einem Refrain antwortete, der spöttisch Calixto parodieren sollte: Soy guacai-
undvierzig Schuß zur Verfügung standen, waren es hochgeschätzte Waffen, co de la Sierra - «Ich bin ein alter Mäusebussard der Sierra».
und sie wurden entsprechend den Verdiensten der einzelnen Männer und der Dieser vortreffliche Kamerad hat die ganze Geschichte der Revolution in
Länge ihres Aufenthalts in der Sierra verteilt. Einen der Karabiner erhielt zum Balladen geschrieben, die er, aus seiner Pfeife paffend, in jeder Ruhepause
Beispiel der heutige Major Ramiro Valdés, zwei fielen an die Vorhut, die verfaßte. Da Papier in der Sierra äußerst knapp war, konnte er aber die Balla-
unter dem Befehl von Camilo stand, und vier sollten zur Deckung für die den nicht niederschreiben, so daß keine der Nachwelt überliefert war, als im
schweren Maschinengewehre eingesetzt werden. Eines der automatischen Gefecht von Pino del Agua eine Kugel seinem Leben ein Ende bereitete.
Madzon-Gewehre wurde an den Zug von Hauptmann Jorge Sotús ausgegeben, In der Holzzone hatten wir die unschätzbare Hilfe von Enrique Lopez, ei-
ein anderes an den von Almeida und das dritte erhielt der Generalstab (wobei nem alten Freund von Fidel und Raúl aus ihrer Kindheit, der damals bei den
ich für seine Bedienung verantwortlich war). Die MGs mit Dreifuß wurden Babúns als Kontaktmann für das Versorgungswesen beschäftigt war. Er
wie folgt verteilt: eines für Raúl, das zweite für Guillermo García und das ermöglichte es uns auch, daß wir gefahrlos das ganze Gebiet durchqueren
dritte für Crescencio Pérez. Auf diese Weise machte ich mein Debüt als konnten. Die zahlreichen Straßen wurden von Lastwagen der Armee benutzt.
kämpfender Guerillero, denn bis dahin war ich lediglich Truppenarzt gewe- Mehrere Male bereiteten wir erfolglos Hinterhalte vor, durch die wir einige
sen, der nur gelegentlich an einem Gefecht teilnahm. Damit war für mich ein
neuer Lebensabschnitt gekommen. 14
Mexikanischer Filmkomiker. (Anm. d. Übers.)
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Lastwagen in unseren Besitz bringen wollten. Vielleicht trugen diese Fehl- übereilte Maßnahmen treffen wollten. Vielleicht konnten wir noch nicht die
schläge zu dem Erfolg der Operation bei, die nun näherrückte. Die psycho- weiter gesteckten Ziele er- kennen. Auf jeden Fall begannen wir mit den
logische Auswirkung dieser siegreichen Schlacht sollte größer sein, als die letzten Vorbereitungen für die Schlacht von El Uvero.
aller anderen in der Geschichte des Krieges. Ich meine die Schlacht von El
Uvero.
Am 25. Mai hörten wir, daß eine Expeditionstruppe unter der Führung von
Calixto Sánchez an Bord der El Corintia eingetroffen und bei Mayarí an Land
gegangen sei; wenige Tage später sollten wir von dem verheerenden Ergebnis
dieser Expedition erfahren: Prío (Socarrás) hatte seine Männer in den Tod
geschickt, ohne auch nur einmal daran zu denken, sie zu begleiten. Die Nach-
richt von dieser Landung zeigte uns, wie unbedingt notwendig es war, die
Kräfte des Feindes abzulenken, damit diese Männer einen Platz erreichten, wo
sie sich reorganisieren und ihre Aktionen beginnen konnten. Wir taten dies
alles aus Solidarität mit der anderen Gruppe, obgleich wir nicht einmal ihre
gesellschaftliche Zusammensetzung noch ihre wahren Absichten kannten.
Bei diesem Stand der Dinge hatten wir eine interessante Diskussion, die
hauptsächlich zwischen Fidel und mir ausgetragen wurde. Ich vertrat die
Ansicht, daß wir uns die Gelegenheit, einen Lastwagen zu erbeuten, nicht
entgehen lassen sollten und daß wir uns darauf konzentrieren sollten, sie von
den Straßen, die sie sorglos passierten, in einen Hinterhalt zu locken. Aber
Fidel hatte bereits die Aktion von El Uvero geplant, und seiner Ansicht nach
würde es viel wichtiger sein und uns einen nachhaltigeren Erfolg einbringen,
wenn wir den Armeeposten von El Uvero einnähmen. Der Erfolg dieses
Unternehmens hätte eine gewaltige moralische Auswirkung zur Folge, und
man würde im ganzen Land darüber sprechen; das aber wäre nicht der Fall,
wenn wir einen Lastwagen erbeuteten, eine solche Aktion könnte als ein
Unglücksfall auf der Straße dargestellt werden, wobei ein paar Menschen ums
Leben gekommen seien, und obgleich die Leute die Wahrheit ahnen würden,
käme unser wirkungsvoller kämpferischer Einsatz in der Sierra dennoch
niemals ans Licht der Öffentlichkeit. Dies bedeute nicht, daß wir - wenn die
Umstände besonders günstig wären - die Idee, einen Lastwagen zu erbeuten,
völlig von der Hand weisen sollten, aber wir sollten ein solches Unternehmen
nicht zum wichtigsten Punkt unserer ganzen Aktivität machen.
Heute, mehrere Jahre nach jener Diskussion (bei der mich damals Fidels
Argumente nicht überzeugten), muß ich zugeben, daß seine Einschätzung der
Lage richtig war. Für uns wäre weit weniger dabei herausgekommen, wenn
wir eine isolierte Aktion gegen eine der Patrouillen unternommen hätten, die
mit den Lastwagen unterwegs waren. Damals verleitete uns unsere Begierde,
mit dem Gegner zu kämpfen, immer dazu, daß wir ungeduldig drastische, aber
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Die Schlacht von El Uvero Vorposten; jeder von ihnen war mit drei oder vier Soldaten besetzt und an
einer strategisch wichtigen Stelle im Halbkreis um die Gebäude herum ange-
Nachdem wir den Angriffspunkt bestimmt hatten, mußten wir unseren Über- legt. Von einem Berg aus, von dem man die Kasernen überblicken konnte,
fall genau planen. Es waren einige wichtige Fragen zu klären; so zum Beispiel sollte unser Generalstab die Schlacht leiten. Wir sollten uns den Gebäuden
mußte die genaue Anzahl der im Stützpunkt anwesenden Soldaten festgestellt durch das Dickicht nähern und uns in einer Entfernung von nur wenigen
werden; wir mußten die Anzahl der vorgeschobenen Wachen in Erfahrung Metern bereithalten. Wir erhielten die strikte Anweisung, nicht auf die abseits
bringen, die Nachrichtenmittel, die im Stützpunkt verwendet wurden, die gelegenen Gebäude zu feuern, da sie Frauen und Kinder beherbergten; unter
Zugangsstraßen, die Haltung und Stärke der Zivilbevölkerung usw. Bei all ihnen war die Frau des Verwalters, die von dem bevorstehenden Angriff
dem wurden wir auf bewundernswerte Weise von Kamerad Caldero (er ist Kenntnis hatte, es aber vorzog, in dem Stützpunkt zu bleiben, damit sie später
heute Major) unterstützt, der - wenn ich mich recht erinnere - der Schwie- keinen Verdacht erregte. Als wir unsere Angriffspositionen einnahmen, waren
gersohn des Verwalters des Holzlagers war. wir vor allem um die Zivilisten besorgt.
Wir gingen davon aus, daß die Armee mehr oder weniger genaue Angaben Die Kasernen von El Uvero lagen nahe an der Küste, so daß wir sie nur von
über unsere Anwesenheit in diesem Gebiet besaß, denn es waren zwei Spitzel drei Seiten anzugreifen brauchten, wenn wir sie vollständig umzingeln woll-
gefaßt worden, die mit Identifizierungspapieren der Armee ausgestattet waren ten.
und gestanden, sie seien von Casillas geschickt worden, unsere Stellungen Die Küstenstraße von Peladero wurde von einem Vorposten im Ka-
und unsere üblichen Treffpunkte auszumachen. Das Schauspiel, das diese sernenbereich beherrscht; die Züge unter dem Befehl von Jorge Sotús und
beiden um Gnade bettelnden Männer boten, war wirklich widerlich, aber Guillermo García sollten diesen Posten angreifen. Almeida sollte die Aus-
gleichzeitig war es ein bemitleidenswerter Anblick. Jedoch durften die Geset- schaltung eines Postens übernehmen, der sich, mehr oder weniger nördlich
ze des Krieges in jenen schwierigen Zeiten nicht mißachtet werden, und beide von El Uvero, vor dem Gebirge befand. Fidel hielt sich auf dem Berg auf, von
Spione wurden am folgenden Tag hingerichtet. dem aus man das Kasernengelände überschauen konnte, und Raúl sollte mit
Am selben Tag, dem 27. Mai, trat der Generalstab mit allen Offizieren zu- seinem Zug frontal angreifen. Mir wurde, mit meinem automatischen Gewehr
sammen, und Fidel gab bekannt, daß der Kampf im Laufe der nächsten acht- und meinen Adjutanten, ein Posten etwa dazwischen zugewiesen. Camilo und
undvierzig Stunden beginnen werde. Er befahl uns, unsere Männer und ihre Ameijeiras sollten ebenfalls, zwischen meiner Position und der Raúls, von
Waffen für den Abmarsch bereitzuhalten. Einzelheiten erfuhren wir zu diesem vorn vorrücken. Aber wegen der Dunkelheit verrechneten sie sich und began-
Zeitpunkt noch nicht. nen links von mir, anstatt zu meiner Rechten, zu schießen. Crescendo Pérez'
Caldero sollte uns führen, denn er kannte den Stützpunkt El Uvero gut: Zug sollte an der Straße nach Chivirico vorrücken und jede Verstärkung
Seine Ein- und Ausgänge und seine Zufahrtsstraßen. In derselben, Nacht aufhalten, die von der Armee auf den Weg geschickt wurde.
brachen wir auf; es war ein langer Marsch von etwa sechzehn Kilometern, Wir erwarteten, daß das Gefecht wegen des Überraschungsmoments ziem-
aber es ging immer bergab - auf den Wegen, die von der Babún-Gesellschaft lich kurz sein würde. Dann allerdings vergingen die Minuten, und wir konnten
extra als Verbindungsstücke zu ihren Sägewerken angelegt worden waren. unsere Männer nicht in den erhofften idealen Ausgangsstellungen placieren.
Wir brauchten für diese Entfernung jedoch etwa acht Stunden, denn unser Unsere Führer Caldero und ein anderer aus der Gegend namens Eligio Men-
Marsch wurde durch die besonderen Vorsichtsmaßregeln verlangsamt, die doza brachten uns die Neuigkeiten, die sie in Erfahrung bringen konnten. Die
wir, vor allem als wir uns der Gefahrenzone näherten, treffen mußten. Nacht war schon bald vorüber, und die Dämmerung würde langsam anbre-
Schließlich wurden die Befehle an uns ausgegeben; sie waren sehr einfach: chen, ehe wir die Soldaten auf die geplante Weise überraschen konnten. Jorge
wir hatten die Vorposten zu überwältigen und die Holzbaracken mit einem Sotús benachrichtigte uns, daß er noch nicht seine zugeteilte Ausgangs-
Geschoßhagel zu zerfetzen. stellung eingenommen habe, daß es aber jetzt zu spät sei, sich noch im Gelän-
Wir wußten, daß es außer einigen in der unmittelbaren Umgebung verstreu- de zu bewegen. Als Fidel mit seinem Zielfernrohrgewehr das Feuer eröffnete,
ten Baumsperren bei den Unterkünften der Soldaten keine Ver- konnten wir die Gebäude an den Antwortschüssen ausmachen, die aus den
teidigungsanlagen von Bedeutung gab. Die befestigten Punkte waren die Unterkünften abgegeben wurden. Ich befand mich auf einer kleinen Erhöhung
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und hatte einen sehr guten Ausblick auf die Kasernen; ich war jedoch sehr der Männer von der Vorhut, ich glaube, es waren Victor Mora und drei ande-
weit von ihnen entfernt, und so arbeiteten sich meine Männer und ich vor- re, die letzten, die noch Widerstand leisteten, gefangen. Aus dem Graben
wärts, um bessere Stellungen zu finden. tauchte ein Soldat auf, der sein Gewehr hoch über seinen Kopf hielt. Von
Wir alle gingen vor. Almeida bewegte sich in Richtung auf den Posten, der allen Seiten kamen Rufe, daß man sich ergeben wolle. Wir stürmten gegen die
den Eingang zu den kleinen Baracken verteidigte. Links von mir konnte ich Gebäude vor und hörten den letzten Feuerstoß eines Maschinengewehrs; dabei
Camilo sehen, der sein Barett wie die Kopfbedeckung der französischen wurde, wie ich später erfuhr, Leutnant Nano Diáz getötet.
Fremdenlegion mit einem Taschentuch im Genick trug; aber darauf waren Wir erreichten das Lagerhaus, wo wir die beiden Soldaten, die meinen
natürlich die Insignien der Bewegung. Vorsichtig arbeiteten wir uns unter dem Schüssen entkommen waren, den Arzt des Stützpunktes und seinen Adjutan-
allgemeinen Schußwechsel an den Gegner heran. ten gefangennahmen. Der Arzt war ein ruhiger, grauhaariger Mann. Ich weiß
Unserer kleinen Abteilung schlossen sich einige Männer an, die von ihren nicht, ob er sich heute der Sache der Revolution verschrieben hat. Mit diesem
Einheiten versprengt worden waren; ein Kamerad aus Pilón namens Bomba, Mann geschah etwas Seltsames: meine Kenntnisse der Medizin waren nie sehr
Kamerad Mario Leal und Acuña stießen zu unserer Gruppe, die nun schon umfangreich gewesen, und es gab viele Verwundete, um die ich mich in
eine richtige kleine Kampfeinheit war. Der Gegner leistete beträchtlichen diesem Augenblick nicht kümmern konnte. Als ich die Verwundeten zu dem
Widerstand; wir waren an einem ebenen, offenen Geländestreifen angekom- Militärarzt brachte, fragte er mich, wie alt ich sei und wann ich meine Ausbil-
men und waren gezwungen, unendlich vorsichtig vorzurücken, denn wir lagen dung beendet habe. Ich antwortete, das sei vor einigen Jahren gewesen, und
unter ständigem Beschuß, und der Feind zielte genau. Von meiner Position daraufhin sagte er ganz offen: «Schauen Sie, junger Mann, Sie übernehmen
aus sah ich, kaum fünfzig oder sechzig Meter von dem Vorposten des Gegners besser die ganze Sache hier, denn ich habe gerade mein Examen gemacht, und
entfernt, zwei Soldaten, die aus dem vordersten Graben herausliefen. Ich ich konnte bisher nur wenig Erfahrung sammeln.» Mit seinem Mangel an
feuerte auf beide, aber sie gingen in den nächstgelegenen Gebäuden in Dek- Erfahrung und bei dem Schrecken, plötzlich Gefangener zu sein, hatte er seine
kung, und diese waren uns natürlich heilig. Wir arbeiteten uns weiter vor, ganze medizinische, Ausbildung vergessen. So mußte ich wieder einmal vom
obgleich zwischen uns und dem Gegner, dessen Kugeln gefährlich nah an uns Soldaten zum Arzt überwechseln, was aber praktisch beinahe mit einem
vorbeipfiffen, jetzt nur noch ein schmales, kaum bewachsenes Stück Land lag. Händewaschen getan war.
In diesem Augenblick hörte ich ein Stöhnen neben mir und dann einige Nach der Schlacht, die eine der blutigsten des revolutionären Krieges war,
Schreie. Ich dachte, dies müsse ein verwundeter feindlicher Soldat sein, werteten wir unsere Erfahrungen aus, und ich kann nun ein allgemeineres Bild
robbte mich vorwärts und schrie ihm zu, er solle sich ergeben. Aber es war dieser Aktion geben. Die Schlacht ging so vonstatten: nachdem Fidels Schuß
Kamerad Leal, der einen Kopfschuß hatte. Ich untersuchte ihn hastig und das Signal zur Eröffnung des Feuers gegeben hatte, begannen alle, sich in
stellte fest, daß sowohl Einschuß wie Ausschuß in der Gegend des Scheitel- Richtung auf die Kasernen vorzuarbeiten. Die Armee erwiderte das Feuer mit
beins lagen. Leal verlor schon das Bewußtsein, und an einer Körperseite voller Wucht, vielfach nahmen die Soldaten den Berg unter Beschuß, von dem
stellten sich Lähmungserscheinungen ein. Der einzige Verband, den ich zur aus unser Befehlshaber die Schlacht lenkte. Ein paar Minuten später starb
Hand hatte, war ein Stück Papier, das ich auf die Wunden legte. Später sah Julito Díaz an der Seite Fidels; er hatte einen Kopfschuß erhalten. Die Minu-
Joel Iglesias nach ihm, während wir den Angriff fortsetzten. Dann wurde auch ten vergingen, und der Widerstand hielt an; es gelang uns nicht, die Soldaten
Acuña verwundet. Wir hielten nun an und nahmen weiterhin den Graben vor so einzuschüchtern, daß sie sich ergaben. Almeida hatte die wichtigste Aufga-
uns unter Feuer. Dabei lagen wir unter wirksamem Gegenbeschuß. Wir nah- be im Mittelabschnitt zu erfüllen: er war dafür verantwortlich, daß der feindli-
men gerade unseren Mut wieder zusammen und hatten schon beschlossen, das che Vorposten unter allen Umständen vernichtet wurde, damit seine und
Lagerhaus zu nehmen und den Widerstand zu brechen, da ergaben sich die Raúls Männer in Richtung auf die Baracken vorrücken konnten.
Soldaten in den Baracken. Die Männer berichteten später, wie Eligio Mendoza, unser Wegführer, sein
Die Beschreibung hier nimmt nur ein paar Minuten in Anspruch, aber vom Gewehr nahm und sich in die Schlacht stürzte; er war ein abergläubischer
ersten Schuß bis zur Übergabe der Garnison hatte die Schlacht etwa zwei Mann und hatte einen Santo (Heiligen), der ihn beschützte; als man ihm sagte,
Stunden und fünfundvierzig Minuten gedauert. Links von mir nahmen einige er solle vorsichtig sein, hatte er geringschätzig gemeint, sein Santo werde ihn
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vor allem schützen; ein paar Minuten später fiel er; ein Geschoß riß seinen Schüsse, die abgefeuert worden waren, hatte es unter den Zivilisten keinen
Körper buchstäblich in Stücke. einzigen Verwundeten gegeben.
Die gut eingegrabenen feindlichen Soldaten trieben uns zurück, und wir Als wir eine Bestandsaufnahme machten, ergab sich die folgende Situation:
hatten einige Verluste. Es war sehr schwierig, von der Mitte her vorzurücken; auf unserer Seite waren sechs Mann gefallen - Moll, Nano Díaz, Vega, El
zusammen mit einem Adjutanten, der den Spitznamen El Policía trug, ver- Policía, Julito Díaz und Eligio Mendoza. Leal und Cilleros waren schwer
suchte Jorge Sotús, von der Straße nach Peladero her die Stellung in der verwundet. Mehr oder weniger ernste Verletzungen trugen davon: Maceo an
Flanke anzugreifen. Aber El Policía wurde sofort getötet, und Sotús mußte der Schulter, Hermes Leyva äußerlich an der Brust, Almeida am linken Arm
sich ins Meer werfen, wenn er dem gleichen Schicksal entgehen wollte. Von und linken Bein, Quike Escalona am rechten Arm und an der Hand; Manals
diesem Augenblick an war er für das Gefecht praktisch ausgeschaltet. Andere hatte einen Lungenschuß, Pena war am Knie und Manuel Acuña am rechten
von seinem Zug versuchten vorzurücken, aber auch sie wurden zum Rückzug Arm verwundet. Insgesamt wurden fünfzehn Kameraden außer Gefecht ge-
gezwungen. Ein Bauer, ich glaube, er hieß Vega, kam ums Leben; Manals setzt. Der Feind hatte neunzehn Verwundete und vierzehn Tote; vierzehn
hatte einen Lungenschuß; Quike Escalona wurde am Arm, am Gesäß und an weitere Soldaten waren gefangengenommen worden, und sechs waren geflo-
der Hand verwundet. Der Vorposten war durch eine hölzerne Palisadenwand hen. Das sind zusammen 53 Mann, die unter dem Befehl eines Zweiten Leut-
gut gesichert; seine Besatzung feuerte mit automatischen und halbautomati- nants standen, der die weiße Flagge gezeigt hatte, als er verwundet worden
schen Gewehren und fügte unserer kleinen Truppe schwere Verluste zu. war.
Almeida befahl einen letzten Angriff, durch den er versuchen wollte, den Wenn man bedenkt, daß wir etwa achtzig Mann und sie dreiundfünfzig wa-
Feind vor sich unter allen Umständen außer Gefecht zu setzen; Cilleros, ren, insgesamt also hundertdreiunddreißig, von denen achtunddreißig, also
Maceo,, Hermes Leyva, Pena und Almeida selbst wurden dabei verwundet mehr als ein Viertel, in wenig mehr als zweieinhalb Kampfstunden außer
(Almeida an der Schulter und am linken Bein); Kamerad Moll wurde getötet. Gefecht gesetzt wurden, so wird man begreifen, was für eine Schlacht dies
Dennoch konnte der Posten bei diesem Vorstoß eingenommen werden, und es gewesen ist. Es war ein Sturmangriff von Männern, die mit freier Brust gegen
war ein Weg zu den Kasernen freigekämpft. Von der anderen Seite her waren einen Feind vorgingen, der nur durch sehr schwache Verteidigungsstellungen
drei der Verteidiger durch die gut gezielten Schüsse aus Guillermo Garcías geschützt war. Man muß anerkennen, daß auf beiden Seiten mit großem Mut
Maschinengewehr ausgeschaltet worden; der vierte lief heraus und wurde auf gekämpft wurde. Für uns war dies der Sieg, der uns mündig machte. Seit
der Flucht getötet. Raúl ging mit seinem in zwei Einheiten aufgeteilten Zug dieser Schlacht war unsere Moral gewaltig gehoben und unsere Entschlußkraft
schnell gegen die Kasernen vor. Es waren die Hauptleute García und Almeida, und unsere Hoffnung auf den Triumph unserer Sache waren ebenso gewach-
die die Schlacht entschieden. Jeder vernichtete den feindlichen Vorposten, auf sen. Obgleich die folgenden Monate schwer waren, kannten wir bereits das
den er angesetzt war, und ermöglichte so den Schlußangriff. Ein anderer Geheimnis des Sieges. Die Aktion von El Uvero besiegelte das Schicksal aller
Einzelkämpfer, der besondere Erwähnung verdient, ist Luis Crespo, der vom kleinen Garnisonen des Gegners, die von den größeren Truppenkonzentratio-
Standort des Generalstabs herunterkam, um an der Schlacht teilzunehmen. nen des Feindes weit entfernt lagen, und tatsächlich wurden sie alle bald nach
Der Widerstand des Feindes zerbröckelte langsam; jemand hatte ein weißes dem Gefecht von El Uvero aufgelöst.
Taschentuch gezeigt, und wir drangen in die Kasernen ein. In diesem Augen- Einer der ersten Schüsse traf die Telefonvermittlung der Kaserne, und so
blick feuerte wieder jemand, wahrscheinlich war es einer von unseren Leuten, wurde die Verbindung mit Santiago unterbrochen. Nur ein paar kleine Flug-
und aus den Baracken kam ein Feuerstoß; in den Kopf getroffen sank Nano zeuge waren über dem Schlachtfeld zu sehen, aber erst Stunden später, als wir
Díaz zusammen. Bis zum Schluß hatte Nanos Maschinengewehr dem Feind schon wieder hoch oben in den Bergen waren, schickte die Luftwaffe Aufklä-
viele Verluste zugefügt. Crescencios Zug nahm kaum an dem Gefecht teil, rer. Man erzählte uns später, daß außer den vierzehn Soldaten auch drei der
denn sein Maschinengewehr hatte Ladehemmung; so sicherte er die Straße fünf Papageien getötet wurden, die sich die Wachen in der Kaserne hielten.
von Chivirico. Dort hielt er einige fliehende Soldaten an. Die Schlacht hatte Man muß sich nur einmal vergegenwärtigen, wie klein diese Vögel sind, und
zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten gedauert, und trotz der vielen dann kann man sich ein Bild davon machen, wie der Angriff auf das Gebäude
aussah.
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Mit meiner Rückkehr zum Beruf des Mediziners waren einige bewegende geeignetes Versteck, einige Adjutanten und alle die notwendigen Kontakte
Szenen verbunden. Mein erster Patient war Kamerad Cilleros. Ein Geschoß sorgen, mit deren Hilfe wir Medikamente erhalten und unsere Leute richtig
hatte seinen rechten Arm abgetrennt, und war, nachdem es einen Lungenflügel behandeln konnten.
durchbohrt hatte, offensichtlich in seiner Wirbelsäule steckengeblieben, so In jener Nacht fand fast niemand Schlaf; jeder einzelne berichtete, was er in
daß beide Beine gelähmt waren. Sein Zustand war kritisch; ich konnte ihm nur der Schlacht erlebt und gesehen hatte. Aus Spaß notierte ich, wie viele feindli-
ein Beruhigungsmittel geben und ihm seine Brust fest zusammenbinden, so che Soldaten nach den Aussagen unserer Leute angeblich ums Leben gekom-
daß er leichter atmen konnte. Wir versuchten, ihn auf die damals einzig mög- men waren. Ich zählte mehr Leichen, als es überhaupt Soldaten gegeben hatte.
liche Weise zu retten: wir führten die vierzehn unverletzten Gefangenen mit Diese Erfahrung lehrte uns, daß alle Tatsachen von mehreren Personen bestä-
uns fort und ließen die beiden schwerverwundeten Guerilleros, Leal und tigt werden müssen; übertrieben vorsichtig verlangten wir sogar handgreifli-
Cilleros, mit den verwundeten Feinden zurück, nachdem uns der Arzt sein che Beweisstücke, also etwa Gegenstände, die einem gefallenen Soldaten
Ehrenwort gegeben hatte, daß man sich um sie kümmern werde. Als ich abgenommen worden waren, ehe wir einen getöteten Gegner bestätigten. Die
Cilleros dies mit den üblichen Trostworten sagte, antwortete er mit einem wahrheitsgemäße Berichterstattung war stets ein zentrales Thema in den
traurigen Lächeln, das mehr aussagte, als es alle Worte vermocht hätten, und Berichten der Rebellenarmee, und wir versuchten, unseren Männern eine tiefe
das seiner Überzeugung Ausdruck gab, daß für ihn alles vorbei sei. Auch uns Achtung vor der Wahrheit und das Gefühl einzuimpfen, wie notwendig es ist,
war dies klar, und in diesem Augenblick war ich versucht, auf seine Stirn die Wahrheit höher einzustufen, als jeden vorübergehenden eigenen Vorteil.
einen Abschiedskuß zu drücken; aber mit einer solchen Geste hätte ich unse- Morgens sahen wir zu, wie die siegreichen Truppen uns verließen, und wir
rem Kameraden sein Todesurteil angezeigt, und mein Pflichtgefühl sagte mir, sagten ihnen traurig Lebewohl. Meine Adjutanten Joel Iglesias und Oñate
ich dürfe seine letzten Minuten nicht noch erschweren, indem ich etwas blieben bei mir, ebenso ein Wegführer namens Sinecio Torres und Vilo Acuña
bestätigte, was er selbst schon wußte. So sagte ich den beiden Männern, die in (er ist heute Major), der bei seinem verwundeten Onkel bleiben wollte.
den Händen des Feindes zurückblieben, so herzlich wie möglich und mit
großem Schmerz Lebewohl. Sie schrieen laut auf, sie wollten lieber im Kreise
ihrer Kameraden sterben; aber auch wir hatten die Pflicht, bis zuletzt um ihr
Leben zu kämpfen. So blieben sie also mit den neunzehn verwundeten Bati-
sta-Soldaten zurück, die wir ebenfalls so gut versorgt hatten, wie es die Be-
dingungen erlaubten. Unsere beiden Kameraden wurden von der Armee des
Feindes anständig behandelt, aber Cilleros erreichte Santiago nicht. Leal
überlebte seine Verwundung; er wurde für den Rest des Krieges auf der
Pinieninsel inhaftiert, und trägt noch heute die unauslöschlichen Zeichen jenes
wichtigen Ereignisses unseres revolutionären Krieges.
In einem von Babúns Lastwagen verluden wir von den erbeuteten Ausrü-
stungsgegenständen soviel wie möglich und so verschiedene Dinge wie mög-
lich, vor allem auch medizinische Ausrüstung. Als letzte verließen wir den
Platz in Richtung auf unser Versteck in den Bergen, das wir noch rechtzeitig
erreichten, so daß wir uns um die Verwundeten kümmern und von den Toten
Abschied nehmen konnten, die an einer Straßenkrümmung begraben wurden.
Es war uns klar, daß wir nun starker Verfolgung ausgesetzt sein würden, und
wir beschlossen, daß jene, die laufen konnten, schnell weitermarschieren, und
daß die Verwundeten unter meiner Obhut zurückbleiben sollten. Enrique
Lopez sollte mir Transportmittel für die Verwundeten beschaffen und für ein
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Pflege der Verwundeten ernehepaar stellte uns sogar sein Doppelbett zur Verfügung, damit die Ver-
wundeten darin schlafen konnten.
Am Tage nach der Schlacht von El Uvero kreisten von der Dämmerung an Wir hatten einige unserer älteren Waffen und zahlreiche Ausrüstungsgegen-
Flugzeuge über dem Gelände. Wir hatten Abschied von der abziehenden stände zurückgelassen, die zu unserer weniger wichtigen Kriegsbeute gehör-
Kolonne genommen, und nun gingen wir daran, die Spuren unseres Eintritts in ten, denn die Verwundeten wurden uns mit jedem Schritt schwerer. Beweise
den Wald zu verwischen. Wir waren nur hundert Meter von einer Lastwagen- für unser Erscheinen blieben immer in irgendeiner bohío zurück. Deshalb, und
straße entfernt und warteten auf Enrique Lopez und die Lastautos, die uns zu weil wir die Zeit dazu hatten, beschlossen wir, an jeden einzelnen Lagerplatz
unserem Versteck bringen sollten. zurückzukehren und alle Spuren zu beseitigen, denn davon hing unsere Si-
Almeida, Pena und Quike Escalona konnten nicht gehen; ich mußte Manals cherheit ab. Zur selben Zeit verließ uns Sinecio, um einige seiner Freunde in
drängen, wegen seiner Lungenverletzung ebenfalls nicht zu gehen; Manuel der Gegend von Peladero aufzusuchen.
Acuña, Hermes Leyva und Maceo konnten ohne Hilfe gehen. Vilo Acuña, Kurz danach meldeten mir Acuña und Joel Iglesias, sie hätten am jen-
Sinecio Torres, Joel Iglesias, Alejandro Oñate und ich standen zum Schutz, seitigen Berghang Stimmen gehört. Wir nahmen wirklich an, wir würden nun
für die Pflege und den Transport der Verwundeten zur Verfügung. Es war gezwungen sein, unter den schwierigsten Umständen zu kämpfen, denn unsere
schon spät am Morgen, als ein Melder kam und uns mitteilte, daß Enrique Pflicht war es, die kostbare Last der verwundeten Männer, die uns anvertraut
Lopez uns nicht helfen konnte, weil seine Tochter krank sei und er nach war, bis zum Tode zu verteidigen. Wir gingen ein Stück vorwärts, damit der
Santiago habe gehen müssen; er ließ uns aber mitteilen, er werde uns einige Zusammenstoß so weit wie möglich von der bohío entfernt stattfinden sollte;
Freiwillige zu unserer Unterstützung schicken, diese aber trafen nie bei uns einige Abdrücke bloßer Füße auf dem Pfad zeigten an, daß die Eindringlinge
ein. demselben Weg gefolgt waren. Als wir uns behutsam näherten, hörten wir,
Die Situation war schwierig, denn bei Quike Escalonas Wunden hatte sich daß sich mehrere Personen unbekümmert unterhielten; ich lud meine Maschi-
eine Infektion eingestellt, und ich konnte auch nicht genau feststellen, wie nenpistole durch,, verließ mich auf die Unterstützung von Vilo und Joel, ging
ernst Manals' Verletzungen waren. Wir erkundeten die nahe gelegenen Stra- weiter vor und überraschte die Gruppe. Es stellte sich heraus, daß es die
ßen und stellten keine feindlichen Soldaten fest; so beschlossen wir, die Gefangenen von El Uvero waren, die Fidel freigelassen hatte, und die nun ein-
Verwundeten in eine drei oder vier Kilometer entfernte bohío zu transportie- fach einen Weg aus dem Wald suchten. Einige von ihnen waren barfuß; ein
ren. Die bohío war leer, aber der Besitzer hatte ein paar Hühnchen zurückge- alter Unteroffizier gab mit heiserer Stimme seiner Bewunderung für uns
lassen. Ausdruck, und rühmte, daß wir mit den Wäldern so gut vertraut seien. Sie
Am ersten Tag halfen uns zwei Arbeiter aus dem Holzlager bei der ermü- waren ohne Wegführer und hatten lediglich einen von Fidel unterschriebenen
denden Aufgabe, die Verwundeten in Hängematten an den neuen Platz zu Passierschein. Wir machten uns den Eindruck zunutze, den unser überra-
bringen. Am nächsten Tag brachen wir, nachdem wir gut gefrühstückt hatten, schendes Erscheinen auf sie gemacht hatte und warnten sie, den Wald unter
bei Dämmerung schnell auf, denn wir hatten uns dort unmittelbar nach dem gar keinen Umständen wieder zu betreten.
Angriff einen vollen Tag aufgehalten, und der Platz lag in der Nähe von Sie stammten alle aus der Stadt; sie waren an die Entbehrungen im Gebirge
Straßen, auf denen Soldaten herangeführt werden konnten. Wir befanden uns nicht gewöhnt und wußten auch nicht, wie man mit ihnen fertig werden konn-
am Ende eines der Wege, die von der Firma Babún angelegt worden waren, te. Wir kamen zu der Lichtung, auf der sich unsere bohío befand, und zeigten
damit die Holzarbeiter tiefer in den Wald gelangen konnten. Mit den wenigen ihnen den Weg zur Küste. Vorher allerdings erinnerten wir sie daran, daß von
Leuten, die uns zur Verfügung standen, machten wir uns auf einen kurzen, hier aus das Waldesinnere unser Gebiet sei, und daß unsere Patrouille - man
aber schwierigen Weg hinunter in die kleine Schlucht, die Del Indio genannt konnte uns für eine einfache Patrouille halten - die Streitkräfte dieses Ab-
wurde. Dann kletterten wir wieder einen schmalen Pfad hinauf, der zu einer schnitts unverzüglich unterrichten werde, wenn sich irgendein Fremder in
Hütte führte, wo ein Bauer namens Israel mit seiner Frau und seinem Schwa- diesem Territorium aufhalte. Trotz dieser Warnungen, die sie im übrigen
ger lebte. Es war äußerst schwierig, unsere verwundeten Kameraden über ein sorgfältig beachteten, hielten wir es für klug, uns so schnell wie möglich
derart zerklüftetes Terrain zu transportieren, aber wir schafften es. Das Bau- wieder auf den Weg zu machen.
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Wir verbrachten diese Nacht in der schützenden bohío, aber bei Däm- auf jede Weise. Er war es, der zwei Tage später dafür sorgte, daß Manals zur
merung zogen wir uns in den Wald zurück und baten vorher die Besitzer der Heilung nach Santiago gebracht werden konnte; außerdem trafen wir Vorbe-
Hütte, uns einige Hühnchen für die Verwundeten zu bringen. Wir warteten reitungen, auch Quike Escalona in die Stadt zu bringen, dessen Wunden sich
den ganzen Tag auf sie, aber sie kamen nicht. Einige Zeit später hörten wir, infiziert hatten. In jenen Tagen trafen einander widersprechende Nachrichten
daß sie in dem kleinen Haus gefangengenommen worden waren, daß die ein; einmal hieß es, daß Celia Sánchez im Gefängnis, und dann wieder, daß
feindlichen Soldaten sie am nächsten Tag als Wegführer eingesetzt hatten und sie getötet worden sei.
daß sie an unserem Lager am Vortag vorbeigekommen waren. Dann gingen auch Gerüchte um, wonach eine Armeepatrouille Hermes
Wir hielten sorgfältig Ausschau, und niemand hätte uns überraschen kön- Caldero gefangengenommen habe. Wir wußten nicht, ob wir diese zuweilen
nen, aber der Ausgang eines Zusammenstoßes war unter diesen Umständen haarsträubenden Berichte glauben sollten oder nicht. Celia zum Beispiel war
nicht schwer vorauszusehen. Als es schon fast Nacht war, traf Sinecio mit drei unsere einzige bekannte und sichere Kontaktperson. Ihre Verhaftung würde
Freiwilligen ein, einem alten Mann namens Feliciano und zwei Männern, die für uns eine völlige Isolierung bedeuten. Glücklicherweise stimmte es nicht,
später in die Rebellenarmee eintraten: Banderas, ein Leutnant, der in der daß Celia verhaftet worden war, aber Hermes Caldero war tatsächlich im
Schlacht von El Jigüe gefallen ist, und Israel Pardo, der Älteste aus einer Gefängnis, doch während er durch die Verliese der Tyrannei geschleppt
Familie von Revolutionären, der heute den Rang eines Hauptmanns hat. Diese wurde, blieb er wie durch ein Wunder am Leben.
Kameraden halfen uns, die Verwundeten eilig in eine bohío auf der anderen Am Ufer des Peladero-Flusses wohnte David, der Aufseher in einem lati-
Seite der Gefahrenzone zu bringen, während Sinecio und ich bis Anbruch der fundium war. Er arbeitete bestens mit uns zusammen. Einmal tötete David für
Nacht auf das Bauernehepaar warteten. Beide konnten nicht kommen, da sie uns eine Kuh, und wir mußten unser Versteck verlassen und sie uns holen.
zu jenem Zeitpunkt schon Gefangene waren. Da wir mit einem Verrat rechne- Das Tier war am Flußufer geschlachtet und in Stücke zerlegt worden; wir
ten, beschlossen wir, die neue Unterkunft am nächsten Tag in aller Frühe zu mußten das Fleisch bei Nacht fortschaffen. Ich schickte die erste Gruppe unter
verlassen. Unser frugales Mahl bestand aus einigen Früchten und Gemüse, das Führung von Israel Pardo, und dann die zweite unter Banderas. Letzterer war
wir in der Nähe der bohío gefunden hatten. Am folgenden Tag - es waren nun sehr undiszipliniert; er ließ die anderen den ganzen Kadaver allein schleppen,
sechs Monate seit der Landung der Granma vergangen - brachen wir frühzei- so daß sie die ganze Nacht dazu brauchten. Nun wurde eine kleine Truppe
tig auf. Diese Märsche waren ermüdend, wenn auch unglaublich kurz für jene, unter meinem Befehl zusammengestellt, da Almeida verwundet war; einge-
die an lange Wegstrecken im Gebirge gewöhnt waren. Wir konnten nur einen denk meiner Verantwortung erklärte ich Banderas, wenn er seine Einstellung
verwundeten Kameraden gleichzeitig befördern, denn wir mußten sie in nicht ändere, sei er nicht länger als aktiver Kämpfer zu betrachten, sondern
Hängematten tragen; diese waren an starken Ästen befestigt, die buchstäblich nur noch als jemand, der mit uns sympathisiere. Tatsächlich änderte er sich
in die Schultern der Träger einschnitten. Sie mußten einander alle zehn oder daraufhin; wenn es auf die Disziplin ankam, war er niemals ein musterhafter
fünfzehn Minuten ablösen, so daß wir unter diesen Umständen für jeden Kämpfer, aber er war einer jener wagemutigen und toleranten, einfachen und
Verwundeten sechs oder acht Mann benötigten. Ich begleitete Almeida, der offenherzigen Männer, deren Augen durch die Erschütterung der Revolution
sich halb dahinschleppte. Wir gingen sehr langsam, bewegten uns beinahe von für die Realität geöffnet wurden. Er hatte sein kleines und abgelegenes Stück-
Baum zu Baum fort, bis Israel eine Abkürzung durch den Wald entdeckte und chen Land in den Bergen bebaut, und er war wirklich von großem Interesse
die Träger zurückkamen, um Almeida zu holen. für Bäume und für die Landwirtschaft besessen. Er lebte zusammen mit zwei
Später hinderte uns ein gewaltiger Regensturm daran, Pardos Haus sofort kleinen Schweinen, jedes hatte einen Namen, und einem Hund in seiner
zu erreichen, aber schließlich trafen wir beinahe bei Anbruch der Dunkelheit kleinen Hütte. Eines Tages zeigte er mir ein Bild von seinen beiden Söhnen,
dort ein. Wir hatten die kurze Entfernung von vier Kilometern in zwölf Stun- die bei seiner von ihm getrennt ‹ lebenden Frau in Santiago wohnten. Er
den zurückgelegt, mit anderen Worten hatten wir für jeden Kilometer drei meinte, daß er eines Tages, wenn die Revolution gesiegt haben werde, ir-
Stunden gebraucht. gendwohin gehen könnte, wo wirklich etwas anzubauen wäre, und wo es nicht
Damals war Sinecio Torres der wichtigste Mann in unserer kleinen Gruppe, so sein würde, wie auf diesem ungastlichen Stück Land, das beinahe von der
denn er kannte die Wege und die Menschen dieses Gebiets, und er half uns Spitze des Berges herabhänge.
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Ich erzählte ihm von den Kooperativen, aber er begriff dies nicht recht; er Unsere Rückkehr
wollte das Land selbst, mit seiner eigenen Hände Arbeit, bebauen. Dennoch
überzeugte ich ihn ganz allmählich, daß es besser sei, den Boden kollektiv zu Wir verbrachten den ganzen Juni 1957 damit, unsere verwundeten Kameraden
bearbeiten, und daß mit Hilfe von Maschinen auch seine Produktivität erhöht zu pflegen und die kleine Truppe zusammenzustellen und auszubilden, die mit
werden könnte. Banderas würde heute ein avantgardistischer Kämpfer auf uns zu der Kampfgruppe Fidels zurückkehren sollte.
dem Gebiet der Landwirtschaftsproduktion sein; dort in der Sierra brachte er Die Kontakte mit der Außenwelt wurden durch den Aufseher David auf-
sich selbst das Lesen und Schreiben bei und bereitete sich auf die Zukunft vor. rechterhalten, dessen Rat und Informationen, die immer gerade im rechten
Er war ein fleißiger Bauer, der erkannt hatte, wie wichtig es war, mit eigener Augenblick eintrafen, sowie die Verpflegung, die er für uns beschaffte, unsere
Anstrengung dazu beizutragen, daß ein neues Kapitel der Geschichte ge- Lage außerordentlich erleichterten. In jenen ersten Tagen hatten wir die un-
schrieben werden konnte. schätzbare Hilfe von Pancho Tamayo noch nicht, der nach dem Krieg von den
Ich hatte ein langes Gespräch mit dem Aufseher David, der mir sagte, ich Brüdern Beatón ermordet wurde. Pancho Tamayo, ein alter Bauer aus diesem
solle eine Liste aller wichtigen Dinge zusammenstellen, die wir benötigten, Gebiet, kam später mit uns in Berührung und diente uns ebenfalls als Kontakt-
denn er gehe nach Santiago und wolle sie von dort mitbringen. Er war ein mann.
typischer Aufseher; loyal gegenüber seinem Chef verachtete er die Bauern Bei Sinecio waren Anzeichen zu bemerken, daß seine revolutionäre Moral
und war ein Rassist. Als die Armee ihn jedoch gefangennahm und ihn, als sie nachließ; er betrank sich von Geldern der Bewegung, und ließ sich Indiskre-
von seinen Beziehungen zu uns hörte, barbarisch folterte, war er bei seiner tionen zuschulden kommen. Auch Befehle führte er nachlässig aus; nach einer
Rückkehr bemüht, uns davon zu überzeugen, daß er nichts ausgeplaudert seiner Trinktouren brachte er uns elf neue Rekruten, die alle ohne Waffen
habe. Ich weiß nicht, ob sich David heute in Kuba aufhält oder ob er seinen waren. Im allgemeinen versuchten wir, die Einstellung unbewaffneter Männer
alten Chefs gefolgt ist, deren Ländereien von der Revolution beschlagnahmt zu verhindern, aber dennoch schlossen sich neue Leute auf jede Weise und
wurden. Aber er war ein Mann, der in jenen Tagen fühlte, daß eine Verände- unter allen möglichen Bedingungen der jungen Guerilla-Streitmacht an, und
rung notwendig war. Aber er konnte sich nie vorstellen, daß diese Verände- die Bauern, die unseren Aufenthaltsort kannten, führten uns oft neue Kamera-
rung auch ihn und seine Welt erreichen würde. Die Geschichte der Revolution den zu. Nicht weniger als vierzig Personen kamen auf diese Weise zu uns,
setzt sich aus vielen aufrichtigen Bemühungen einfacher Menschen zusam- aber einige verließen uns wieder - manchmal mit unserer Zustimmung,
men. Unsere Aufgabe ist es, die Güte und den Edelmut in jedem Menschen zu manchmal ohne dieselbe -, so daß die Truppe faktisch nie mehr als fünfund-
entwickeln, jeden Menschen in einen Revolutionär zu verwandeln, von den zwanzig oder dreißig aktive Mitglieder zählte.
Davids, die das alles nicht richtig verstanden, bis zu den Banderas, die star- Mein Asthma hatte sich etwas verschlimmert, und da wir knapp an Medika-
ben, ohne die Morgendämmerung zu erleben. Auch blinde Opfer ohne Lohn menten waren, konnte ich mich fast ebensowenig wie die Verwundeten bewe-
haben ihren Beitrag zu der Revolution geleistet. Diejenigen unter uns, die gen. Bis Medikamente aus Santiago eintrafen, konnte ich meine Krankheit ein
heute den Erfolg der Revolution erleben, haben die Verantwortung, jener zu wenig lindern, indem ich getrocknete Clarín-Blätter, ein örtliches Heilmittel,
gedenken, die am Wege geblieben sind, und für eine Zukunft zu arbeiten, in rauchte. Dies trug dazu bei, meine Gesundheit wiederherzustellen, und diente
der es weniger Abseitsstehende geben wird. mithin ebenfalls der Vorbereitung unseres Aufbruchs. Aber der Abmarsch
verzögerte sich um mehrere Tage, Schließlich stellten wir eine Patrouille
zusammen, die alle die Waffen zusammensuchen sollte, die wir nach dem
Angriff von El Uvero als un-brauchbar zurückgelassen hatten. Wir benötigten
sie nun trotz ihres schlechten Zustandes.
In unserer Lage waren diese alten Waffen, zu denen auch ein Maschinenge-
wehr vom Kaliber 30 gehörte, potentielle Schätze, und wir verbrachten eine
ganze Nacht damit, sie zu suchen. Schließlich setzten wir das Datum unseres
Abmarsches auf den 24. Juni fest. Unsere Truppe bestand aus sechsundzwan-
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zig Mann: fünf genesende Verwundete, fünf Helfer, zehn Rekruten aus Baya- Fidels Kampfgruppe gebracht hatte. Außerdem schloß sich uns Evelio Saborit
mo, vier Rekruten aus der Umgebung und zwei weitere. Zuerst sollte Vilo an, der heute Major der Rebellenarmee ist.
Acuña mit der Vorhut kommen, dann, was man als Generalstab bezeichnen Mit der Ankunft von Felix Mendoza und seinen Leuten, zählten wir nun
konnte; dieser stand unter meiner Führung, da Almeida genug damit zu tun sechsunddreißig Mann, aber am folgenden Tag verließen uns drei, dann
hatte, sich nur von der Stelle zu bewegen, und schließlich folgten zwei weitere kamen zwei andere dazu, so daß wir insgesamt fünfunddreißig waren. Natur-
kleine Abteilungen unter Befehl von Maceo und Pena. gemäß verringerte sich unsere Zahl wieder, als der Marsch begann. Wir
Pena war damals Leutnant. Maceo und Vilo waren einfache Soldaten, und klommen die Abhänge von Peladero empor, machten aber jeden Tag nur
Almeida hatte als Hauptmann den höchsten Dienstgrad inne. Wegen einiger wenig Fortschritte.
Zwischenfälle konnten wir doch nicht am 24. Juni aufbrechen. Zunächst hieß Über den Rundfunk erfuhren wir von der allgemeinen Gewalttätigkeit auf
es, daß einer unserer Wegführer mit einem neuen Rekruten eintreffen sollte, der ganzen Insel. Am 1. Juli hörten wir die Nachricht, daß Franks Bruder,
und wir mußten auf sie warten; dann wurde uns gemeldet, daß der Führer mit Josué País, und andere Kameraden bei den anhaltenden Kämpfen in Santiago
neuem Nachschub an Medikamenten und Verpflegung kommen werde. Der ums Leben gekommen waren. Trotz der nur kurzen Marschstrecken fühlten
alte Tamayo kam und ging ständig; er brachte Neuigkeiten und etwas Nach- sich unsere Männer deprimiert, und einige der neuen Rekruten ersuchten
schub. Einmal mußten wir eine Höhle ausfindig machen, in der wir einen Teil darum, uns verlassen zu dürfen, damit sie «nützlichere Missionen in der Stadt
unserer Versorgungsgüter zurücklassen konnten, denn unser Kontaktmann in ausführen» könnten. Auf dem Wege den La Botella-Berg hinunter kamen wir
Santiago war schließlich durchgekommen, und David brachte uns eine wich- an der Hütte von Benito Mora vorbei, der uns in seinem bescheidenen Heim
tige Lieferung, die wir unmöglich transportieren konnten, wenn man be- bewirtete, das sich an die steilen Felsen dieses Teils der Sierra schmiegte.
rücksichtigt, daß sich unsere Truppe zum größten Teil aus Rekonvaleszenten Kurz vorher rief ich die kleine Truppe zusammen und sagte den Männern, daß
und neuen Rekruten zusammensetzte. Augenblicke großer Gefahr vor uns lägen, daß der Feind ganz in der Nähe sei
Am 26. Juni machte ich mein Debüt als Zahnheilkundiger, obgleich mir in und daß wir wahrscheinlich viele Tage ohne Verpflegung und fast ständig auf
der Sierra der etwas bescheidenere Titel eines «Zahnziehers» verliehen wurde. dem Marsch zubringen müßten. Ich forderte alle diejenigen, die sich dem
Mein erstes Opfer war Israel Pardo (heute ist er Hauptmann), der dabei ziem- nicht gewachsen fühlten, dringend auf, dies jetzt zu sagen; einige der Männer
lich gut davonkam. Das zweite war Joel Iglesias; alles, was er benötigt hätte, waren so offen, zuzugeben, daß sie Angst hatten, und sie verließen uns; ein
den Störenfried zu entfernen, war ein bißchen Dynamit im Eckzahn, aber anderer, er hieß Chicho, sprach für eine kleine Gruppe und schwur, daß sie
tatsächlich erlebte er das Ende des Krieges, und der Zahn war immer noch an uns alle bis zum Tod folgen würden. Er sprach so überzeugend und entschie-
seinem Platz, denn meine Bemühungen, ihn herauszuziehen, waren erfolglos den, daß wir wirklich überrascht waren, als dieselbe Gruppe, nachdem wir
geblieben. Außer der Tatsache, daß meine Fertigkeiten nur sehr gering waren, Benito Moras Haus wieder verlassen hatten und in einem kleinen Tal unser
hatten wir keine Betäubungsmittel, und so wandte ich häufig eine «psycholo- Lager für die Nacht aufschlugen, uns ihre Absicht mitteilte, die Guerilleros zu
gische Betäubung» an, ein paar harte Beiworte, wenn meine Patienten zu sehr verlassen. Wir stimmten dem zu und tauften den Ort scherzhaft «Fluß des
klagten. Todes», denn Chichos und seiner Freunde gewaltige Entschlossenheit hatte
Die Abneigung gegen das ständige Marschieren war der Grund dafür, daß gerade bis zu diesem Punkt angehalten. Dieser Name blieb, bis wir die Sierra
einige Männer uns verließen, aber andere traten an ihre Stelle. Tamayo führte verließen.
uns eine Gruppe von vier Männern zu. Unter ihnen war Felix Mendoza, der Wir waren jetzt achtundzwanzig Mann, aber als wir am folgenden Tag auf-
ein Gewehr mitbrachte. Er berichtete, daß eine Einheit der Armee ihn und brachen, schlossen sich uns zwei neue Rekruten an; es waren ehemalige
seinen Begleiter überrascht habe und daß er sich, während der andere gefan- Soldaten, die gekommen waren, um in der Sierra für die Freiheit zu kämpfen.
gengenommen wurde, ein steiles Kliff hinuntergestürzt habe und, ohne Scha- Ihre Namen waren Gilberto Capote und Nicolas. Arístides Guerra brachte sie
den zu nehmen, davongekommen sei. Später erfuhren wir, daß die «Armee» mit. Er war auch einer der örtlichen Kontaktleute, die später eine so unschätz-
eine Patrouille gewesen war, die von unserem Kameraden Lalo Sardiñas bare Stütze unserer Kampfgruppe wurden; wir nannten ihn El Key del Con-
befehligt wurde, der den Begleiter nicht gefangengenommen, sondern zu dumio oder Futter-König. Während des ganzen Krieges leistete uns der «Fut-
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ter-König» zahllose Dienste, die oft sogar gefährlicher als der eigentliche der Nacht in der Hütte eines allein lebenden Bauern, der wegen seiner spani-
Kampfeinsatz gegen den Feind waren; dazu gehörte etwa der Transport von schen Abstammung El Vizcaino15 genannt wurde. Er hauste ganz allein in
Maultierkolonnen von Bayamo in unser Operationsgebiet. einer kleinen bohío in den Vorbergen des El Turquino, und seine einzigen
Auf dem Marsch versuchten wir, die Rekruten mit ihren Waffen vertraut zu Freunde waren einige marxistische Schriften, die er weit von seiner Hütte
machen. Die beiden ehemaligen Soldaten Batistas mußten ihnen beibringen, entfernt, in einem kleinen mit einem Stein bedeckten Loch sorgfältig verbor-
wie man mit einem Gewehr umging; sie übten mit ihnen Laden, Entladen, gen hielt. Er bekannte sich stolz zu seiner militanten marxistischen Einstel-
Leerlauf-Schießen usw. Kaum hatte der Unterricht begonnen, als einer der lung, von der nur wenige Leute in der Gegend eine Ahnung hatten. El Vizcaí-
Instruktoren einen Schuß abfeuerte; wir mußten ihn von dieser Aufgabe no zeigte uns, welchen Weg wir einschlagen mußten, und so setzten wir unse-
ablösen, und wir betrachteten ihn mit Mißtrauen, obgleich die Bestürzung auf ren langsamen Marsch fort. Sinecio entfernte sich nun immer mehr von sei-
seinem Gesicht so echt schien, daß schon großes Schauspieltalent dazu gehört nem Heimatbezirk, und einem Bauern wie ihm, der nun praktisch ein Geäch-
hätte, sie zu simulieren. Die beiden ehemaligen Soldaten hielten den Marsch teter war, bereitete eine solche Situation nur Qualen. Eines schönen Tages
nicht durch, und zusammen mit Arístides verließen sie uns wieder, aber Gil- schloß sich Sinecio Torres während einer Rast einem Rekruten namens Cuer-
berto Capote kehrte später zu uns zurück, und er fand in Pino del Agua den vo an, der zur Wache eingeteilt war; der Rekrut hatte ein Remington-Gewehr,
Heldentod. und auch Sinecio Torres war mit einem Gewehr bewaffnet. Als ich etwa
Wir verließen unser Lager, das Haus Polo Torres' bei La Mesa, das später dreißig Minuten später davon hörte, machte ich mich auf, um sie zu suchen,
eines unserer Operationszentren wurde. Unser Führer war nun ein Bauer denn ich traute Sinecio nicht, und Gewehre waren damals ziemlich kostbar.
namens Tuto Almeida. Wir wollten La Nevada erreichen und danach zu Fidel Aber beide waren bereits desertiert. Banderas und Israel Pardo gingen ihnen
stoßen, indem wir die nördlichen Abhänge des El Turquino überquerten. Wir nach, es war ihnen klar, daß die Flüchtigen mit weitreichenden Waffen ausge-
marschierten in jene Richtung, als wir aus der Entfernung zwei Bauern be- rüstet waren, während sie nur Revolver hatten. Aber sie holten die Deserteure
merkten, die bei unserem Anblick zu fliehen versuchten. Wir liefen ihnen nicht mehr ein.
nach, und es stellte sich heraus, daß es zwei Negermädchen mit dem Nachna- Es war sehr schwierig, die Moral der Truppe aufrechtzuerhalten. Wir hatten
men Moya waren. Es waren Adventisten, die, obgleich sie wegen ihres Glau- zuwenig Waffen und keinen direkten Kontakt mit dem Befehlshaber der
bens gegen jede Gewaltanwendung waren, uns dennoch voll und ganz unter- Revolution. Unerfahren und von Feinden umgeben, die in unserer Vorstellung
stützten und uns danach auch für die Dauer des ganzen Krieges halfen. und in den Erzählungen der guajiros als Giganten drohend umhergeisterten,
Wir aßen tüchtig und machten dort eine Rast, aber als wir durch Malverde tasteten wir uns praktisch nur vorwärts. Der Widerwillen der Rekruten aus den
kamen (wir mußten diesen Weg nehmen, um La Nevada zu erreichen), stellten Städten, und die Tatsache, daß sie mit tausendundein Schwierigkeiten der
wir fest, daß sich Armeeinheiten in diesem Gebiet aufhielten. Nach einer Sierra nicht vertraut waren, hatten bei unserer kleinen Gruppe eine ständige
kurzen Beratung beschlossen unser kleiner Generalstab und die Wegführer, moralische Krise zur Folge. Es gab einen Desertionsversuch, der von einem
wir sollten uns zurückziehen und direkt über den El Turquino gehen; diese Mann namens El Mexicano angestiftet wurde, der später den Dienstgrad eines
Route war zwar schwieriger, aber unter den gegebenen Umständen weniger Hauptmanns erlangte und sich heute als Verräter an der Revolution in Miami
gefährlich. aufhält.
Unser kleines Transistorradio brachte beunruhigende Nachrichten; es hieß, Kamerad Hermes Leyva unterrichtete mich von den Desertionsabsichten.
daß in Estrada Palma schwere Gefechte stattfänden und daß Raúl schwer Hermes ist ein Vetter von Joel Iglesias. Ich berief eine allgemeine Beratung
verwundet sei. (Heute, da soviel Zeit vergangen ist, kann ich nicht mehr ein, um das Problem zu erörtern und aus der Welt zu schaffen. El Mexicano
sagen, ob wir das durch die Flüsterpropaganda oder über den Rundfunk hör- schwur bei allen seinen Vorfahren, daß er selbst dann, wenn er daran gedacht
ten.) Wir wußten nicht, ob wir diesen Meldungen glauben sollten oder nicht, habe, uns zu verlassen, nicht die Absicht gehabt habe, aus unserem Kampf zu
denn wir hatten gelernt, allen derartigen Berichten zu mißtrauen. Aber wir desertieren. Er habe eine kleine Guerillagruppe bilden wollen, die Spitzel
trieben unsere Männer zur Eile an, damit wir so schnell wie möglich Fidel
erreichten. Wir marschierten in der Dunkelheit, verbrachten aber einen Teil 15
Deutsch: «Der von der Biskaya.» (Anm. d. Übers.)
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überfallen und töten sollte, denn bei uns habe er konkrete Aktionen vermißt. völlig neue Grundlage gestellt wurden. Wir waren jetzt stark genug, daß wir
Aber in Wahrheit wollte er Denunzianten wegen ihres Geldes umbringen; er den Feind umzingeln und ihn mit der Drohung, ihn zu vernichten, zum Rück-
plante eine typische Banditenaktivität. In einem der folgenden Gefechte, bei zug zwingen konnten.
El Hombrito, war Hermes unser einziger Gefallener, und wir wurden den Der Feind begriff diese Lektion gut und drang nur noch in Einzelfällen in
Verdacht nie los, daß El Mexicano ihn getötet haben könnte, weil Hermes ihn die Sierra ein. Aber Sánchez Mosquera war einer der zähesten, aggressivsten
früher bei uns angezeigt hatte. Niemand konnte dies jedoch beweisen. und blutrünstigsten Offiziere des Feindes; er stieg vom einfachen Leutnant im
El Mexicano blieb bei uns, er gab uns sein Wort als Mann, als Revolutionär Jahre 1957 zum Obersten auf, einem Dienstgrad, der ihm im Juni des folgen-
usw. usw., daß er uns nicht verlassen werde, daß er dies auch nicht versuchen den Jahres nach der endgültigen Niederlage in der allgemeinen Offensive der
wollte und ebenso niemanden dazu anstacheln werde. Nach kurzen, aber Armee verliehen worden war. Er durchlief eine Blitzkarriere; seine Laufbahn
schwierigen Märschen erreichten wir das Gebiet von Palma Mocha, am west- war aber auch für ihn persönlich außerordentlich ertragreich, denn jedesmal,
lichen Abhang des El Turquino, in der Nähe von Las Cuevas. Die guajiros wenn er und seine Truppen in den Irrgarten der Sierra Maestra eindrangen,
bereiteten uns einen sehr freundlichen Empfang, und mit Hilfe meines neuen plünderte er die Bauern erbarmungslos aus.
Berufs als «Zahnzieher», den ich jetzt mit großer Begeisterung ausübte,
konnten wir einen direkten Kontakt herstellen.
Wir aßen etwas und erholten uns, so daß wir unseren Marsch schnell in die
uns bekannten Gebiete von Palma Mocha und El Infierno fortsetzen konnten.
Am 15. Juni trafen wir ein. Dort unterrichtete uns Emilio Carrera, ein Bauer
aus der Gegend, davon, daß Lalo Sardiñas in der Nähe einen Hinterhalt gelegt
hatte. Er war beunruhigt, denn im Fall eines Angriffs auf eine feindliche
Patrouille wäre sein Haus gefährdet.
Am 16. Juni stieß unsere kleine neue Gruppe auf den Zug von der Kampf-
gruppe Fidels, der unter dem Befehl Lalo Sardiñas stand. Lalo berichtete uns,
warum er es für notwendig gehalten habe, sich der Revolution anzuschließen,
obgleich er nicht mehr als ein Kaufmann gewesen war, der für uns Nachschub
aus der Stadt heranzuschaffen pflegte: einmal war er überrascht worden, und
er mußte einen Mann töten, wodurch er faktisch dazu gezwungen wurde, ein
Guerillero zu werden. Lalo hatte Instruktionen erhalten, dort auf das Eintref-
fen der Vorhut von der Kampfgruppe des Feindes zu warten, die unter dem
Befehl von Sánchez Mosquera stand. Wir erfuhren, daß der hartnäckige
Sánchez Mosquera wieder einmal in das Gebiet am Palma Mocha-Fluß einge-
drungen war und beinahe von Fidels Truppen eingeschlossen worden wäre,
daß es ihm aber gelungen sei, ihnen auszuweichen, indem er auf Eilmärschen
den El Turquino überschritt und die andere Seite des Berges erreichte.
Wir wußten bereits, daß die feindlichen Truppen in der Nähe waren; ein
paar Tage vorher hatten wir, als wir eine bohío erreichten, die Gräben gese-
hen, die die Soldaten noch bis zum Vortage besetzt gehalten hatten. Wir
ahnten nicht, daß dieser offenkundige Beweis für eine anhaltende Offensive
gegen uns in Wirklichkeit ein Anzeichen für den Rückzug der repressiven
Kräfte war, wodurch unsere Operationen in der Sierra auf eine qualitativ
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Vorbereitung eines Verrats leicht geschah dies auch erst später; in jedem Fall war seine Haltung niemals
völlig klar und offen gewesen.
Wir freuten uns sehr, unsere gesamte Kampfgruppe wiederzusehen. Wir Gestützt durch die gemeinsame Deklaration, auf die ich noch eingehen
zählten nun nahezu zweihundert Mann und hatten einige neue Waffen; unsere werde, nominierte er sich selbst zum Delegierten der ‹Bewegung des 26. Juli›
Disziplin war besser geworden und die Moral höher. Es war offensichtlich, in Miami und wurde später zum provisorischen Präsidenten der Republik
daß die qualitative Veränderung, die ich bereits erwähnte, nun in der Sierra vorgeschlagen. Auf diese Weise wäre sichergestellt gewesen, daß Prío eine
Maestra deutlich wurde. Es existierte bereits eine wirklich befreite Zone; die rechte Hand in der Führung der provisorischen Regierung erhielt.
Vorsichtsmaßnahmen waren nicht mehr so unbedingt notwendig; man konnte Wir hatten in jenen Tagen wenig Zeit, diese Dinge eingehend durch-
sich schon nachts etwas unterhalten oder in seiner Hängematte bewegen; es zusprechen, aber Fidel berichtete mir von seinen Bemühungen, diese De-
wurde die Erlaubnis erteilt, die Dörfer der Sierra aufzusuchen und ein engeres klaration zu einem wirklich militanten Dokument zu machen, ihr die Form
Verhältnis zu der Bevölkerung anzuknüpfen. Rührend war es, den Empfang einer Grundsatzerklärung zu geben. Mit diesen beiden nur auf sich selbst
mitzuerleben, der uns von unseren alten Kameraden zuteil wurde. bezogenen und unempfänglichen Charakteren war es jedoch schwierig, zu
Felipe Pazos und Raúl Chibás waren damals die großen Namen im Lande. einer allgemeinen Volkserhebung aufzurufen.
Es waren zwei völlig verschiedene Persönlichkeiten, Raúl Chibás lebte unter Grundsätzlich bestand das Manifest darauf, «eine breite zivile revolutionäre
dem Namen seines Bruders. Sein Bruder Eduardo Chibás war wirklich Sym- Front zu schaffen, der alle oppositionellen politischen Parteien, alle zivilen
bol einer Ära auf Kuba, aber Raúl besaß keine seiner hervorragenden Eigen- Institutionen und alle revolutionären Kräfte angehören sollten».
schaften; er konnte sich weder gut ausdrücken, noch war er klug oder intelli- Es enthielt auch eine Reihe von Vorschlägen, wie zum Beispiel die «Bil-
gent. Es war gerade seine völlige Mittelmäßigkeit, die ihn zu einer einzigarti- dung einer zivilen revolutionären Front für einen gemeinsamen Kampf», oder
gen und symbolischen Erscheinung in der Orthodoxen Partei werden ließ. Er die Nominierung «einer Persönlichkeit, die den Vorsitz in der provisorischen
sprach wenig und wollte die Sierra so schnell wie möglich wieder verlassen. Regierung übernehmen sollte». Die Deklaration stellte klar, daß die Front die
Felipe Pazos dagegen war eine selbständige Persönlichkeit und als guter Vermittlung einer anderen Nation im Hinblick auf die inneren Angelegenhei-
Wirtschaftler bekannt. Außerdem galt er als ein ehrenhafter Mann, denn als ten Kubas weder herbeiführen noch ihr zustimmen werde und daß «als provi-
Präsident der Nationalbank hat er nie nach öffentlichen Geldern gegriffen - sorische Regierung der Republik keine wie auch immer beschaffene Militär-
und das in einem Land mit einer Regierung, die sich (damals, unter Prío junta akzeptiert wird». Sie verkündete ferner den Beschluß, die Armee von
Socarrás) auf Betrug und ständigen, systematischen Raub und auf Ausbeutung der Politik streng und ohne Einschränkung zu trennen, und sie garantierte den
stützte. Wie großartig, wenn jemand in dieser Zeit eine integre Persönlichkeit Streitkräften ihre Integrität. Darüber hinaus wurde festgestellt, daß nach einem
blieb. Bei einem reinen Funktionär, der auf strikte Einhaltung seiner Verwal- Jahr Wahlen stattfinden sollten.
tungslaufbahn bedacht ist und der den schweren Problemen seines Landes Das Programm, nach dem die provisorische Regierung die Geschäfte aus-
gleichgültig gegenübersteht, mag dies vielleicht ein großes Verdienst sein. üben sollte, sah die Freilassung aller politischen Gefangenen, der Zivilisten,
Wie aber können wir uns einen Revolutionär vorstellen, der die unvorstellba- der Militärpersonen vor; es verlangte für Rundfunk und Presse eine unabän-
ren Willkürakte jener Zeit nicht täglich aufs neue bloßstellt und anprangert? derliche hundertprozentige Garantie der Informationsfreiheit und forderte alle
Felipe Pazos schaffte es geschickt, solche Kritik zu umgehen, und nach dem individuellen und politischen Rechte, so wie sie in der Verfassung garantiert
Putsch Batistas legte er den Vorsitz der Kubanischen Nationalbank als Mann sind. Zu den Programmpunkten gehörten ferner: Ernennung von provisori-
mit größtem Prestige nieder - eine Persönlichkeit von Ehre, hoher Intelligenz schen Bürgermeistern in allen Stadtbezirken nach Konsultationen mit den
und großen Gaben als Wirtschaftler. Er war arrogant genug, daß er sich in die Vertretungen der Bürgerschaft des betreffenden Ortes; Unterdrückung der
Sierra begeben wollte, damit er dort die Führung der Rebellion übernähme; in Spekulation in allen ihren Erscheinungsformen und Maßnahmen zur Stärkung
seinem kleinen machiavellistischen Geist war er der Mann, der ganz klar dazu der Leistungsfähigkeit aller staatlichen Stellen; Ausbildungsstätten für Ver-
bestimmt war, die Geschicke des Landes zu lenken. Vielleicht hatte die Idee, waltungsfachleuchte; Demokratisierung der Gewerkschaftspolitik durch freie
die Bewegung zu verraten, schon damals bei ihm Wurzeln geschlagen, viel- Wahlen in allen Gewerkschaften und Industrieverbänden; sofortiger Beginn
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eines intensiven Feldzuges gegen das Analphabetentum und für eine staats- die «vorausgehende Entschädigung des früheren Besitzers».
bürgerliche Erziehung, wobei insbesondere Wert auf die Pflichten und Rechte Einige der hier niedergelegten Punkte wurden von der Revolution nicht,
des Bürgers gegenüber der Gesellschaft und seinem Land gelegt werden solle; wie ursprünglich geplant, verwirklicht. Es muß unterstrichen werden, daß der
«Festlegung von Bestimmungen für eine Bodenreform mit dem Ziel der Feind das stillschweigende Übereinkommen, das in dem Manifest zum Aus-
Verteilung des im öffentlichen Besitz befindlichen Landes und der Umwand- druck kam, verletzte, indem er die Autorität der Sierra nicht anerkannte und
lung aller Naturalienpächter, aller Gutspächter und Ansiedler ohne Rechtstitel versuchte, die künftige Revolutionsregierung durch a priori festgelegte Ver-
mit kleinem Landbesitz in Eigentümer des Grund und Bodens, und zwar pflichtungen zu binden.
unabhängig davon, ob sich das Land in staatlichem oder privatem Besitz Wir waren mit dem Kompromiß nicht zufrieden, aber er war notwendig; er
befindet. Dabei hat eine Entschädigung des früheren Besitzers voraus- war zu jenem Zeitpunkt sogar fortschrittlich. Er konnte nicht über seine Zeit
zugehen»; eine gesunde Fiskalpolitik, wodurch die Stabilität unserer Währung hinaus Bestand haben, als er zu einem Hemmschuh der revolutionären Ent-
gewährleistet und das Vermögen der Nation für produktive Arbeiten genutzt wicklung wurde, aber wir waren gewillt, uns an ihn zu halten. Durch seinen
werden sollte; Beschleunigung des Industrialisierungsprozesses und Beschaf- Treubruch half uns der Feind, die unbequemen Bande zu zertrennen und dem
fung Volk seine wahren Absichten zu zeigen.
neuer Arbeitsplätze. Wir wußten, daß es ein Minimalprogramm war, ein Programm, das unsere
Dazu kamen noch zwei besonders wichtige Punkte: «Erstens muß sofort die Anstrengungen begrenzte, aber wir wußten auch, daß es nicht möglich war,
Persönlichkeit bestimmt werden, die aufgerufen ist, den Vorsitz der provisori- unseren Willen von der Sierra Maestra aus zur Geltung zu bringen, und daß
schen Regierung der Republik zu übernehmen, damit vor aller Welt demon- wir uns - für eine lange Zeit - auf «Freunde» verlassen mußten, die versuch-
striert wird, daß das kubanische Volk fähig ist, sich hinter dem Ruf nach ten, unsere militärische Stärke und das Vertrauen, das die Bevölkerung Fidel
Freiheit zusammenzuschließen und diese Persönlichkeit zu unterstützen, die entgegenbrachte, für ihre eigenen makabren Pläne zu nutzen. Vor allem
ihrerseits die Qualitäten der Unparteilichkeit, Integrität, Leistungsfähigkeit wollten sie mit Hilfe der imperialistischen Handelsbourgeoisie, die mit den
und Anständigkeit in sich vereinigt und die diesem Ruf eine konkrete Form Herren im Norden eng verbunden war, die Herrschaft des Imperialismus auf
gibt. Es gibt auf Kuba genügend Männer, die in der Lage sind, die Republik Kuba aufrechterhalten.
zu führen.» (Naturgemäß wußte zumindest Felipe Pazos, als einer der Unter- Das Manifest hatte einige positive Seiten. Es sprach von der Sierra Maestra
zeichner der Deklaration, im innersten Herzen, daß es eben nicht genug Män- und stellte ausdrücklich fest: «Niemand sollte sich im Hinblick auf die Situa-
ner, sondern'; nur einen einzigen gab, und das war er.) tion in der Sierra von der Regierungspropaganda täuschen lassen. Die Sierra
«Zweitens muß diese Persönlichkeit von allen Institutionen der Bürger- Maestra ist bereits ein unzerstörbares Bollwerk der Freiheit, das die Herzen
schaft des Landes, also von unpolitischen Gremien bestimmt werden, deren unserer Landsleute für sich gewonnen hat, und hier werden wir wissen, wie
Unterstützung den provisorischen Präsidenten von allen parteipolitischen der Glauben und das Vertrauen unseres Volkes vergolten werden können.»
Verstrickungen freimachen und völlig saubere und unparteiische Wahlen Das «hier werden wir wissen, wie...» bedeutete in Wirklichkeit, daß Fidel
erlauben würde.» Castro es wußte; die beiden anderen waren unfähig, der Entwicklung des
Weiter hieß es: «Es ist nicht notwendig, in die Sierra zu kommen, damit Kampfes in der Sierra Maestra, und sei es auch nur als Zuschauer, zu folgen.
diese Angelegenheit erörtert werden kann; wir können unsere Vertreter nach Sie verließen die Berge fast unmittelbar nach ihrem Eintreffen. Chibás wurde
Havanna, nach Mexiko oder an jeden anderen Ort entsenden.» dabei von der Polizei Batistas überrascht und ein wenig mißhandelt; beide
Fidel hatte versucht, sie dahingehend zu beeinflussen, daß sie einige? Er- gingen später in die Vereinigten Staaten.
klärungen zur Bodenreform deutlicher faßten. Es war jedoch schwierig, die Es war ein gut durchdachter Coup: einige der distinguiertesten Ange-
monolithische Front dieser beiden Einzelgänger zu durchbrechen; die «Festle- hörigen der kubanischen Oligarchie trafen «zur Verteidigung der Freiheit» in
gung von Bestimmungen für eine Bodenreform mit dem Ziel der Verteilung der Sierra Maestra ein, unterzeichneten zusammen mit dem Guerilla-Chef eine
des im öffentlichen Besitz befindlichen Landes» war eine Politik, der sogar gemeinsame Deklaration und gingen dann nach Miami, um ganz nach Belie-
das Diario de la Marina zustimmen konnte, und die Krönung des Ganzen war ben ihre Trumpfkarte auszuspielen. Sie hatten jedoch nicht daran gedacht, daß
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politische Manöver nur so weit gehen können, wie es die Stärke des Gegners Es war in einem Bauernhaus, ich weiß nicht mehr, in welchem, als die Gue-
erlaubt; in diesem Fall war das bewaffnete Volk der Gegner. Die schnelle rillakämpfer diese herzliche Botschaft an ihren Bruder in der Stadt entwarfen,
Aktion unseres Befehlshabers, der das völlige Vertrauen der Guerilla-Armee der in Santiago so heldenhaft kämpfte, damit er uns mit Nachschub versorgen
besaß, verhinderte, daß sich der Anschlag weiter entwickelte. Monate später, konnte, und durch dessen Aktivität der Druck auf uns gemildert wurde.
als das Ergebnis des Paktes in Miami bekannt wurde, lähmte Fidels leiden- Die Eitelkeit, die wir alle in uns tragen, machte mich an jenem Tag zum
schaftliche Antwort den Feind. Man beschuldigte uns, wir wollten die Opposi- stolzesten Menschen auf der Erde. Celia überreichte mir das Symbol meines
tion gegen Batista spalten und ihr von der Sierra aus unseren Willen aufzwin- neuen Dienstgrades, einen kleinen Stern, und dazu eine der Armbanduhren,
gen; aber sie mußten nun ihre Taktik ändern und eine neue Falle, den Pakt von die sie aus Manzanillo bestellt hatten. Meine erste Aufgabe als Major war es,
Caracas, vorbereiten. mit meiner Kampfgruppe Sánchez Mosquera einzuschließen. Aber er, der
Unser Manifest trug das Datum des 12. Juli 1957 und wurde in den Zeitun- bestialischste dieser Räuber und Mörder, hatte das Gebiet bereits verlassen.
gen veröffentlicht. Für uns war diese Deklaration nicht mehr als ein kurzer Wir mußten irgend etwas unternehmen, um das halbunabhängige Leben zu
Halt auf unserem Wege; wir Guerilleros standen auch weiterhin vor der rechtfertigen, das wir in dem neuen Gebiet von El Hombrito, wohin wir nun
grundlegenden Aufgabe, die Armee der Unterdrückung auf dem Schlachtfeld marschierten, führen sollten, und wir begannen, neue Aktionen auszubrüten.
zu besiegen. In jenen Tagen wurde eine neue Kampfgruppe gebildet, zu deren Wir bereiteten auch die Feierlichkeiten für den glorreichen 26. Juli vor, der
Führer ich bestimmt wurde. Ich war damals Hauptmann. Es gab auch einige nun näherrückte, und Fidel hatte mir freie Hand gegeben, zu tun, was ich
andere Beförderungen: Ramiro Valdés wurde zum Hauptmann ernannt und konnte, vorausgesetzt, daß ich vorsichtig vorginge. Beim letzten Zusammen-
mit seinem Zug meiner Kampfgruppe zugeteilt; Ciro Redondo wurde eben- treffen lernten wir den neuen Truppenarzt Sergio del Valle kennen - er ist
falls zum Hauptmann befördert; er führte einen anderen Zug. Die neue heute Generalstabschef unserer Revolutionsarmee -, der in jenen Tagen seinen
Kampfgruppe setzte sich aus drei Zügen zusammen; der erste stand unter dem Beruf ausübte, wie es die Bedingungen der Sierra gestatteten.
Befehl von Lalo Sardiñas, der die Vorhut führte und gleichzeitig zweiter Be- Es war unbedingt notwendig, der Außenwelt zu zeigen, daß wir noch am
fehlshaber der Gruppe war. Zu dieser Kampfgruppe, die als «die enteigneten Leben waren, denn unsere Kameraden in der Ebene hatten einen ernsten
Bauern» bekannt war, gehörten etwa fünfundsiebzig Mann; ihre Kleidung und Rückschlag erlitten. Die Waffen, die dazu bestimmt waren, von der Miranda-
Bewaffnung war ganz unterschiedlich. Dennoch war ich auf sie sehr stolz. Ein Zuckermühle aus eine andere Front zu eröffnen, waren in die Hände der
paar Nächte später war mein Stolz noch viel größer, fühlte ich mich der Revo- Polizei gefallen; dabei wurden viele tapfere Führer der Bewegung, unter ihnen
lution noch viel näher, wenn das überhaupt möglich war, und ich war noch Faustino Pérez, verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Fidel war gegen eine
mehr bemüht, zu beweisen, daß die Beförderungen äußerst verdient waren. Aufspaltung unserer Streitkräfte gewesen, aber er hatte nachgegeben, weil die
Das kam so: Bewegung in der Stadt darauf beharrte. Durch die Beschlagnahme der Waffen
Wir schickten ein Glückwunsch- und Dankschreiben an «Carlos» (Frank war klar bewiesen, daß er recht gehabt hatte, und wir machten uns nun zu-
País' Nom de guerre), der wenige Tage später fallen sollte. Es wurde von allen nächst daran, unsere Stellung in der Sierra Maestra zu konsolidieren, denn von
Offizieren der Guerilla-Armee unterzeichnet, die schreiben konnten (die hier aus wollten wir unsere Guerilla-Armee weiter ausbauen.
Bauern der Sierra waren in der Kunst des Schreibens nicht sehr bewandert,
aber sie waren bereits ein wichtiger Bestandteil der Guerillatruppe). Der Brief
wurde in zwei Rubriken unterzeichnet, die zweite war für den Dienstgrad
bestimmt. Als ich an der Reihe war, befahl Fidel kurz: «Schreib ‹Major› hin.»
So formlos und fast beiläufig wurde ich Major161 der Zweiten Kampfgruppe
der Guerilla-Armee, die später zur Vierten Kampfgruppe wurde.

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Major war in der Guerilla-Armee der höchste Dienstgrad; auch Castro ist Major; er hat - aus ver-
ständlicher Abneigung gegen diese durch Batista und seinesgleichen kompromittierten militärischen
Titel - die Ränge Oberst und General auch in der heutigen kubanischen Armee abgeschafft. (Anm. d. Ü.)
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Der Angriff auf Bueycito gabe, die damals herauskam, einen Bericht über den Schaden, den unsere
Truppen in Estrada Palma angerichtet hatten, wo die alten Kasernen niederge-
Unsere neue Unabhängigkeit brachte neue Probleme mit sich. Wir mußten brannt wurden; die Zeitschrift erwähnte auch Fidel Castro, Celia Sánchez und
nun für straffe Disziplin sorgen, Kommandoposten und irgendeine Form von eine ganze Liste von Revolutionären, die von den Bergen heruntergekommen
Generalstab einrichten, damit in jedem kommenden Gefecht ein Erfolg ge- seien. Wie in solchen Fällen üblich, waren Wahrheit und Erfindung miteinan-
währleistet werden konnte. Dies war allerdings eine Aufgabe, die angesichts der vermischt, und die Journalisten waren nicht in der Lage, beides voneinan-
der mangelhaften Disziplin bei den Männern nicht allzuleicht zu lösen war. der zu trennen. Tatsächlich hatten nicht zweihundert Mann, sondern viel
Kaum war die Kampfgruppe zusammengestellt worden, als uns ein sehr weniger den Stützpunkt angegriffen, und sie standen unter der Führung von
beliebter Kamerad verließ. Es war Leutnant Maceo, der mit einem Sonderauf- Major Guillermo Garcia (der damals Hauptmann war), und es hatte auch gar
trag nach Santiago ging und den wir nicht wiedersehen sollten, denn er fiel kein richtiges Gefecht stattgefunden, denn Barreras hatte sich kurz vorher
dort vor dem Feind. zurückgezogen, weil er logischerweise befürchtete, daß es am 26. Juli zu
Auch beförderten wir einige Männer: die Kameraden William Rodríguez schweren Angriffen kommen werde, und vielleicht auch, weil er seiner eige-
und Raúl Castro Marcader wurden Leutnants. Dadurch versuchten wir, unse- nen Position mißtraute. Somit war der Vorstoß nach Estrada Palma eine ver-
rer kleinen Guerillastreitmacht die nötige Form zu geben. Eines Morgens gebliche Anstrengung. Am folgenden Tag jagten Einheiten der Armee unsere
erfuhren wir, daß ein Mann mit seinem Gewehr, einer Waffe vom Kaliber 22, Guerilleros, und da unsere Organisation noch nicht so gut klappte, wurde
die unter den kläglichen Bedingungen jener Zeit eine Kostbarkeit war, die einer unserer Männer gefangengenommen, der irgendwo in der Nähe von San
Truppe verlassen hatte. Der Deserteur war als El Chino Wong bekannt, er Lorenzo eingeschlafen war. Nachdem wir diese Nachrichten gehört hatten,
gehörte der Vorhut an und hatte sich wahrscheinlich in seinen Heimatbezirk in beschlossen wir, in den Tagen unmittelbar nach dem 26. Juli so schnell wie
den Vorbergen der Sierra Maestra abgesetzt. Zwei Männer wurden ihm nach- möglich irgendeine andere Garnison anzugreifen, um damit eine für eine
geschickt; aber wir verloren die Hoffnung, als Israel Pardo und Banderas von Erhebung günstige Atmosphäre zu erhalten.
einer erfolglosen Suche nach anderen Deserteuren zurückkehrten. Wegen Als wir in die Richtung der Maestra zogen, holte uns bei einem Ort namens
seiner Vertrautheit mit dem Terrain und seiner großen physischen Spannkraft La Jeringa einer der beiden Männer ein, die nach dem Deserteur Ausschau
wurde Israel dazu befördert, an meiner Seite für Sonderaufgaben zur Verfü- gehalten hatten. Er berichtete uns, der andere habe ihm anvertraut, er sei ein
gung zu stehen. enger Freund von El Chino Wong und könne ihn nicht verraten; er habe ihn
Wir arbeiteten einen sehr ehrgeizigen Plan aus; er sah zunächst einen nächt- selbst zur Desertion aufgefordert und habe zu verstehen gegeben, daß er nicht
lichen Angriff auf Estrada Palma vor; dann wollten wir in die nahe gelegenen zu den Guerilleros zurückkehren werde. Der Kamerad befahl ihm daraufhin,
Dörfer Yara und Veguitas vorstoßen, um die kleinen, dort stationierten Garni- stehenzubleiben. Aber der neue Deserteur setzte seinen Weg fort, und der
sonen gefangenzunehmen, und auf demselben Weg in die Berge zurückkeh- Kamerad fühlte sich verpflichtet, ihn zu töten.
ren. Auf diese Weise konnten wir drei Garnisonen in einem einzigen Angriff Ich ließ meine ganze Truppe auf dem Hügel zusammentreten, der dem
nehmen, wobei wir stets das Überraschungsmoment einkalkulierten. Wir Schauplatz dieses Ereignisses gegenüberlag und erläuterte unseren Männern,
hatten einige Praxis darin, mit unserer Munition sparsam umzugehen, und wir was das, was sie nun bald sehen würden, zu bedeuten habe; setzte ihnen noch
stellten fest, daß alle unsere Waffen - mit Ausnahme des automatischen Mad- einmal auseinander, warum auf Desertion die Todesstrafe stehe und warum
zon-Gewehres, das sehr alt und verschmutzt war - in Ordnung waren. In einer jeder, der die Revolution verrate, dazu verurteilt werden müsse. Schweigend
kurzen Meldung legten wir Fidel unseren Plan dar und ersuchten um Nach- zogen wir in Einerreihe an der Leiche des Mannes vorbei, der versucht hatte,
richt, ob er ihm zustimme oder ihn ablehne. Wir erhielten keine Antwort, aber seinen Posten zu verlassen. Viele der Männer hatten nie zuvor den Tod vor
aus einer Rundfunksendung vom 27. Juli erfuhren wir, daß - nach der amtli- Augen gehabt, und vielleicht waren sie mehr durch persönliche Gefühle für
chen Mitteilung - Estrada Palma von zweihundert Mann unter Führung Raúl den Toten bewegt und von einer für jene Zeit natürlichen politischen Schwä-
Castros angegriffen worden war. che befallen, als von Anwandlungen mangelnder Loyalität gegenüber der
Die Zeitschrift Bohemia veröffentlichte in ihrer einzigen unzensierten Aus- Revolution. Es waren damals schwierige Zeiten, und wir benutzten das
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Schicksal dieses Mannes als warnendes Beispiel. Es ist nicht notwendig, hier unter dem Befehl von Leutnant Vilo Acuña (er ist heute Major unserer Rebel-
seinen Namen zu nennen; es soll hier nur so viel gesagt werden, daß der Tote lenarmee) in Minas zurück und stießen mit den übrigen Leuten in die Außen-
ein junger armer Bauer aus der Umgebung war. bezirke von Bueycito vor.
Wir zogen nun durch vertrautes Gelände. Am 30. Juli nahm Lalo Sardiñas Vor dem Dorfeingang stoppten wir ein Kohlenlastauto und schickten es mit
zu einem alten Freund Kontakt auf; er hieß Armando Oliver und war Kauf- einem unserer Männer voraus, um festzustellen, ob Soldaten Wache stehen,
mann im Bergbaugebiet. Wir verabredeten uns in einem Haus in der Nähe der denn manchmal kontrollierte ein Armeeposten am Eingang von Bueycito
Kalifornien-Zone, und dort trafen wir mit ihm und Jorge Abich zusammen. alles, was aus der Sierra kam. Aber niemand war zu sehen; alle Wachen
Wir sprachen von unserer Absicht, Minas und Bueycito anzugreifen. Es war schliefen glücklich und zufrieden.
riskant, dieses Geheimnis anderen Personen anzuvertrauen, aber Lalo Sardiñas Unser Plan war einfach, wenn auch ein wenig anspruchsvoll: Lalo Sardiñas
kannte diese Kameraden und vertraute ihnen. sollte die Kasernen vom Westen her angreifen; Ramiro und sein Zug sollten
Armando unterrichtete uns davon, daß Casillas üblicherweise sonntags in sie umstellen, Ciro stand mit dem Maschinengewehr des Stabes bereit, frontal
diese Gegend kam, denn nach der alten Tradition der Soldateska hatte er dort anzugreifen, und Armando Oliver würde wie zufällig in einem Auto ankom-
eine Geliebte. Naturgemäß ging es uns darum, lieber schnell anzugreifen, ehe men und mit den Scheinwerfern die Wachen blenden. In diesem Augenblick
unsere Anwesenheit bekannt wurde, und Casillas gefangenzunehmen, als würden Ramiros Leute gegen die Kasernen vorstürmen und alle Insassen
unserem guten Glück zu vertrauen. Wir stimmten überein, daß der Angriff in gefangennehmen. Gleichzeitig mußten als Vorsichtsmaßregel alle die Solda-
der folgenden Nacht, am 31. Juli, beginnen sollte. Armando Oliver sollte die ten gefangengenommen werden, die in ihren Häusern schliefen. Aufgabe der
Aufgabe übernehmen, uns Lastwagen, Wegführer und einen Bergmann zu Abteilung von Leutnant Noda (der später beim Angriff auf Pino del Agua fiel)
besorgen, der die Brücken zwischen der Fernverkehrsstraße von Bueycito und war es, bis zum Beginn des Feuerüberfalls alle Fahrzeuge auf der Fernver-
der von Manzanillo-Bayamo in die Luft sprengen sollte. Am nächsten Tag um kehrsstraße anzuhalten, und William erhielt den Befehl, die Brücke in die Luft
zwei Uhr nachmittags brachen wir auf. Wir brauchten ein paar Stunden, bis zu sprengen, die Bueycito mit der zentralen Fernverkehrsstraße verbindet,
wir den Kamm der Maestra erreichten, wo wir unser gesamtes Marschgepäck damit die Streitkräfte des Feindes zurückgehalten würden.
versteckten; danach setzten wir unseren Weg nur mit der Feldausrüstung fort. Dieser Plan wurde nie ausgeführt. Er war für unerfahrene Leute, die mit
Wir mußten lange marschieren und passierten eine Anzahl Häuser. In einem dem Gelände nicht vertraut waren, zu schwierig. Ramiro verlor im Laufe der
war gerade eine Festlichkeit im Gange; wir riefen alle Teilnehmer zusammen Nacht einen Teil seines Zuges und traf etwas verspätet ein. Das Auto kam
und sprachen mit ihnen; wir machten ihnen klar, daß wir sie zur Rechenschaft überhaupt nicht, und an einer Stelle schlugen, während wir unsere Truppen in
ziehen würden, wenn unsere Anwesenheit entdeckt würde. Dann machten wir ihre Ausgangsstellungen manövrierten, laut einige Hunde an.
uns eilends wieder auf den Weg. Naturgemäß war die Gefahr, die mit solchen Als ich auf der Hauptstraße des Dorfes entlangging, kam ein Mann aus ei-
Begegnungen verbunden war, nicht sehr groß, denn in jenen Tagen gab es in nem Haus heraus. Ich rief: «Halt, wer da?» Der Mann, in der Annahme, ich
der Sierra Maestra kein Telefon und auch keine anderen Nachrichtenmittel, sei ein Soldat, gab sich zu erkennen: «Die Guardia Rural!» Als ich mein
und ein Denunziant hätte sich im Laufschritt auf den Weg machen müssen, Gewehr gegen ihn in Anschlag brachte, lief er ins Haus zurück, schlug die Tür
um vor uns einzutreffen. hinter sich zu, und von innen hörte ich, wie Tische und Stühle umfielen und
Wir erreichten das Haus von Kamerad Santiestéban, der uns einen leichten Glas zerbrach, als er durch das Haus stürzte. Es gab, nehme ich an, zwischen
Lastkraftwagen zur Verfügung stellte. Wir besaßen noch zwei weitere Lastwa- uns beiden ein stillschweigendes Übereinkommen: ich konnte nicht schießen,
gen, die uns Armando Oliver geschickt hatte. Nachdem wir so die gesamte da es uns ja vor allem darum ging, die Kasernen zu nehmen, und er rief seinen
Kampfgruppe in Lastwagen verladen hatten - Lalo Sardiñas war im ersten, Gefährten keine Warnung zu. Wir gingen vorsichtig weiter und brachten
Ramirito und ich im zweiten und Ciro mit seinem Zug im dritten -, erreichten gerade die letzten Männer in Stellung, als die Kasernenwache, durch die
wir in weniger als drei Stunden das Dorf Minas. In Minas hatte die Wachsam- bellenden Hunde und wahrscheinlich durch die Geräusche meines Zusam-
keit der Armee schon nachgelassen, und so hatten wir vor allem sicherzustel- mentreffens mit dem Gendarmen aufmerksam gemacht, einige Schritte vor-
len, daß von dort niemand Bueycito erreichte. Wir ließen also unsere Nachhut wärts ging, um die Ursache der Unruhe zu ermitteln. Plötzlich standen wir
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uns, nur wenige Meter voneinander entfernt, Auge in Auge gegenüber. Ich ten, daß wir sie nur als Gefangene festhielten, um eine Garantie dafür zu
hatte meine MP in Anschlag, und der Soldat sein Garand. Israel Pardo war an haben, daß es im Dorf keine Repressalien geben; würde. Abich war so beharr-
meiner Seite. Ich rief: «Halt!» und der Mann machte eine Bewegung. Das ge- lich, daß wir uns schließlich bereit fanden, sie freizugeben. So wurden die
nügte mir. Ich riß am Abzug, um ihn über den Haufen zu schießen, aber nichts beiden Gefangenen freigelassen und damit die Sicherheit der Bevölkerung
geschah, und ich war wehrlos. Israel Pardo wollte schießen, aber sein schad- gewährleistet. Ehe wir nach der:, Sierra aufbrachen, begruben wir unseren
haftes 22er Gewehr ging ebenfalls nicht los. Ich weiß wirklich nicht, wie es toten Kameraden auf dem Friedhof des Ortes. Lediglich ein paar Aufklärungs-
kam, daß Israel dabei am Leben blieb; ich weiß nur noch, was ich selbst tat, flugzeuge flogen', hoch über uns hinweg. Nur um ganz sicher zu sein, daß sie
als ein Geschoßhagel aus dem Garand-Gewehr des Soldaten in meine Rich- uns nicht entdeckten, gingen wir in einen kleinen Laden und versorgten dort
tung flog: ich rannte so schnell wie niemals wieder und lief um die Ecke, um die; drei Verwundeten. Einer hatte eine äußere Verletzung an der Schulter;
die nächste Straße zu erreichen. Dort machte ich meine Maschinenpistole aber das Geschoß hatte das Fleisch zerrissen, so daß die Behandlung etwas
wieder schußbereit. Unbewußt hatte der Soldat jedoch das Signal zum Angriff schwierig war; der zweite war durch ein kleinkalibriges Geschoß an der Hand
gegeben, denn unsere Männer hörten seinen Schuß zuerst. Als nun von allen leicht verletzt worden, und der dritte hatte eine starke Beulet am Kopf. Sie
Seiten Gefechtslärm ertönte, versteckte sich der Soldat erschreckt hinter einer war entstanden, als die Maultiere in der Baracke, durch die Schüsse er-
Säule, wo wir ihn am Ende des kurzen Gefechts entdeckten. Während Israel schreckt, wild ausschlugen und, wie der Mann berichtete, einen Brocken
ging, um Verbindung aufzunehmen, verstummte der Schußwechsel, und man Mörtel von der Wand lösten, der ihm auf den Kopf fiel.
bot uns die Übergabe an. Ramiritos Männer waren, als sie die ersten Schüsse In Alto de California verließen wir die Lastwagen und verteilten die erbeu-
hörten, vorgegangen und hatten die Kaserne von hinten angegriffen, indem sie teten Waffen. Obgleich meine Teilnahme an dem Gefecht minimal und nicht
durch ein Holztor feuerten. im mindesten heroisch gewesen war (da ich den wenigen Schüssen, denen ich
In der Kaserne waren zwölf Mann; sechs von ihnen waren verwundet. Wir ausgesetzt war, den Rücken gekehrt hatte), nahm ich ein automatisches Brow-
hatten einen Verlust: Kamerad Pedro Rivera, einer der neuen Rekruten, war ning-Gewehr, das Juwel des Stützpunktes, an mich und trennte mich von der
durch Brustschuß gefallen; drei unserer Männer waren leicht verwundet. Wir alten Thompson-MP, die niemals im rechten Augenblick losging. Die ganze
brannten die Baracken nieder, nachdem wir alles entfernt hatten, was uns Beute wurde verteilt, die besten Kämpfer erhielten die besten Waffen, und wir
irgendwie von Nutzen sein konnte; dann fuhren wir in den Lastwagen davon entließen jene Männer, die sich feige gezeigt hatten; unter ihnen waren auch
und nahmen den Stützpunktsergeanten und einen Spitzel namens Orán als die mojados (die Nassen), einige unserer Leute, die bei den ersten Schüssen
Gefangene mit. geflohen und dabei in den Fluß gefallen waren. Unter denen, die sich gut
Die Dorfbewohner an unserem Weg boten uns kaltes Bier und andere Erfri- bewährt hatten, war der Hauptmann Ramino Valdés, der den Angriff leitete,
schungen an, denn es war mittlerweile heller Tag geworden. Die kleine Holz- sowie Leutnant Raúl Castro Mercader, der zusammen mit seinen Leuten in
brücke in der Nähe der Zentralen Fernverkehrsstraße war gesprengt. Als wir dem kleinen Gefecht eine entscheidende Rolle gespielt hatte.
im letzten Lastwagen vorbeifuhren, wurde eine andere kleine hölzerne Brük- Als wir wieder in die Berge kamen, erfuhren wir, daß mittlerweile der Be-
ke, die über einen Fluß führte, ebenfalls in die Luft gejagt. Der Bergmann, der lagerungszustand erklärt und eine Zensur verhängt worden war. Wir hörten
die Sprengung vornahm, war uns von Oliver als neues Mitglied unserer ferner, daß Frank País in den Straßen von Santiago ermordet worden war. Das
Kampfgruppe zugeführt worden, und er erwies sich als eine wertvolle Neuer- war ein großer Verlust für die Revolution! Sein Tod beendete das Leben einer
werbung; er hieß Cristino Naranjo. Später wurde er zum Major befördert; in der reinsten und glorreichsten Gestalten der kubanischen Revolution; in dem
den Tagen nach dem Triumph der Revolution fiel er einem Mordanschlag spontanen August-Streik ging die Bevölkerung von Santiago, von Havanna,
zum Opfer. von ganz Kuba auf die Straße. Aus der teilweisen Zensur der Regierung
Wir fuhren weiter und erreichten Las Minas. Dort hielten wir an, um eine wurde eine totale, und es begann eine neue Epoche, die durch das Schweigen
kleine Versammlung abzuhalten. In einer ziemlich theatralischen Szene bat der Pseudo-Opposition gekennzeichnet war, die ohnehin nicht mehr als ein
uns ein Geschäftsinhaber der Gegend, ein Mitglied der Familie Abich, im Schwarm schwatzhafter Elstern gewesen war. Die Kunde von den grausamen
Namen des Volkes, den Sergeanten und den Spitzel freizulassen. Wir erläuter-
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Morden, die Batistas Banditen begingen, verbreitete sich über das ganze Land, Lydia und Clodomira
und das Volk Kubas bereitete sich auf den Krieg vor.
Mit Frank País verloren wir einen unserer tapfersten Kämpfer; aber die Re- Ich begegnete Lydia als frischgebackener Befehlshaber der Vierten Kampf-
aktion auf diesen Mord bewies, daß sich neue Kräfte unserem Kampf an- gruppe ein paar Monate nachdem unsere revolutionäre Aktivität begonnen
schlossen, und daß der Kampfgeist des Volkes an Stärke zunahm. hatte. Wir stiegen die Berge hinunter, um den Flecken San Pablo de Yao, in
der Nähe von Bayamo im Vorgebirge der Sierra Maestra, zu besetzen, weil
wir hofften, dort Proviant zu finden. Eines der ersten Häuser, das wir in dem
Dorf betraten, gehörte einer Bäckerfamilie. Lydia, die zu den Eigentümern der
Bäckerei gehörte, war eine Frau von fünfundvierzig Jahren, und ihr Sohn hatte
zu unserer Gruppe gehört. Von Beginn an stürzte sie sich mit Begeisterung
und beispielhafter Hingabe in die revolutionäre Arbeit.
Wenn ich an Lydia denke, fühle ich etwas mehr als nur herzliche Anerken-
nung für diese makellose Revolutionärin, denn sie zeigte sich besonders zu
mir hingezogen und arbeitete - ungeachtet des Frontabschnitts, dem ich zuge-
teilt werden könnte - am liebsten unter meinem Befehl. Bei zahllosen Gele-
genheiten betätigte sich Lydia für mich und für die Bewegung als Sonderku-
rier. Nach Santiago und Havanna beförderte sie die kompromittierendsten
Dokumente, alle Kommuniques unserer Kampfgruppe und die Nummern
unserer Zeitung El Cubano Libre; und herauf zu uns in die Sierra brachte sie
Papier und Medikamente, alles, was wir benötigten und wann immer wir es
brauchten.
Ihr Mut war so unendlich groß, daß die männlichen Kuriere sie mieden. Ich
erinnere mich sehr gut, wie einer von ihnen - in einer Mischung aus Bewunde-
rung und Ressentiment - zu mir sagte: «Diese Frau hat mehr auf dem Kasten
als Maceo17, aber sie wird uns noch alle umbringen. Was sie macht, ist einfach
verrückt. Aber jetzt ist keine Zeit für Späße!» Doch Lydia ließ sich nicht beir-
ren, immer und immer wieder ging sie durch die feindlichen Linien.
Als ich in die Zone von Mina del Frío, in Las Vegas de Jibacoa, versetzt
wurde, folgte sie mir. Dies bedeutete für sie, daß sie das Nebenlager, das ihr
eine Zeitlang unterstellt gewesen war, sowie die Männer verlassen mußte, die
sie lebhaft und ein wenig anmaßend befehligt hatte; dadurch war bei den
Leuten eine gewisse Verstimmung entstanden, denn die Kubaner waren es
nicht gewohnt, von einer Frau Befehle entgegenzunehmen. Ihr Lager befand
sich bei Cueva, zwischen Yao und Bayamo, und es war exponierter als alle
unsere anderen Stützpunkte; wir wollten sie von diesem Kommando ablösen,
denn es war ein zu gefährlicher Platz. Nachdem der Feind es ausgemacht
hatte, mußten es unsere Jungen oftmals unter Beschuß verlassen. Ich versuch-
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1Antonio Maceo, ein gefeierter General aus der Provinz Oriente, der im Zehnjährigen Krieg (1868-
1878) und 1895 für die Unabhängigkeit Kubas kämpfte.
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te zu erreichen, das Lydia ein für allemal von dort abgelöst wurde; aber es sie einen jungen Hund für mich habe und daß sie ihn auf der nächsten Reise
gelang mir erst, als sie mir an den neuen Kampfabschnitt folgte. Ich erinnere mitbringen werde.
mich an einen der Vorfälle, die Lydias Charakter zeigten: es war an dem Tag, Diese Fahrt haben Lydia und Clodomira niemals angetreten. Bald danach
als Geilín, einer unserer besten Kämpfer - und noch ein Junge -, getötet wur- wurde die Gruppe entdeckt, und ich erfuhr, daß die Schwäche eines Mannes
de. Er war damals Vorposten von Lydias Lager. Als Lydia auf der Rückkehr daran schuld gewesen war, eines Mannes, der diesen beiden Frauen als Kämp-
von einer Sondermission den Vorposten aufsuchen wollte, beobachtete sie fer, als Revolutionär und als Mensch hundertmal unterlegen war. In dieser
mehrere Männer, die sich, zweifellos von einem Spitzel aufmerksam gemacht, Gruppe befanden sich Lydia und Clodomira. Unsere Kameraden verteidigten
heimlich dem Posten näherten. Lydia reagierte, ohne zu zögern. Sie zog ihren sich bis zum Tode. Lydia wurde bei der Gefangennahme verwundet. Die
kleinen 32er Revolver und wollte ein paar Warnschüsse in die Luft abgeben; Leichen von Lydia und Clodomira sind verschwunden; auch in ihrem letzten
aber ein freundschaftlich gesonnener Kamerad hielt sie rechtzeitig zurück, Schlaf ruhen sie ohne Zweifel Seite an Seite, genauso, wie sie in den letzten
denn dies hätte allen das Leben gekostet. In der Zwischenzeit waren die Tagen ihres Kampfes um die Freiheit immer beisammen gewesen waren.
Männer weiter vorgerückt und hatten Geilín, den Wachtposten des Lagers, Vielleicht werden ihre sterblichen Überreste eines Tages gefunden werden.
überrascht. Guillermo Geilín verteidigte sich tapfer, bis er, zweimal verwun- Vielleicht wird man ihr Grab auf einem einsamen Feld jenes gewaltigen
det und wohl wissend, was mit ihm geschehen würde, wenn er in die Hände Friedhofes entdecken, zu dem die Insel geworden ist. Aber in der Rebellenar-
dieser Mörder fiele, sich das Leben nahm. Die feindlichen Soldaten drangen mee, bei denen, die kämpften und sich in jenen qualvollen Tagen opferten,
in das Lager ein, brannten alles nieder, was brennbar war, und zogen sich wird die Erinnerung an diese beiden Frauen auf ewig fortleben, die in ständi-
dann zurück. ger Lebensgefahr die Verbindung zwischen uns und der übrigen Insel ermög-
Am folgenden Tag traf ich Lydia. An ihrem Gesicht konnte man ablesen, lichten. Bei uns allen - an der Ersten Front und bei mir persönlich - nimmt
daß sie wegen des Todes des jungen Kameraden in höchster Verzweiflung Lydia einen bevorzugten Platz ein. Deshalb schreibe ich heute ihr zu Ehren
war und voll Verbitterung über denjenigen, der sie daran gehindert hatte, die diese Erinnerungen nieder; es ist dies nur eine bescheidene Blume auf dem
Warnschüsse abzugeben. «Mich, mich hätten sie getötet», sagte sie, «aber der Massengrab, in das sich diese einst glückliche Insel verwandelt hat.
Junge wäre gerettet worden. Ich, ich bin schon alt, aber er war noch nicht
einmal zwanzig.» Und immer wieder kam sie auf das Thema zurück. Manch-
mal schien in ihrer ständigen Todesverachtung eine Art Prahlerei zu liegen,
doch die ihr anvertrauten Aufgaben führte sie in hoher Vollendung aus.
Lydia wußte, wie gern ich junge Hunde hatte, und sie versprach immer, ei-
nen von Havanna mitzubringen, ein Versprechen, das nicht leicht zu halten
war. Während der großen Offensive der Armee führte Lydia ihre Aufträge
buchstabengetreu aus; kreuz und quer zog sie durch die Sierra, übermittelte
die wichtigsten Dokumente und war unsere Verbindung zur Außenwelt. Sie
wurde von einer anderen Kämpferin vom selben Format begleitet, deren
Namen der gesamten Rebellenarmee ein Begriff ist; alle kannten und verehr-
ten Clodomira. Lydia und Clodomira waren unzertrennliche Gefährtinnen in
der Gefahr geworden; ständig kamen und gingen sie und waren immer beiein-
ander.
Ich hatte Lydia gebeten, mit mir Kontakt aufzunehmen, sobald ich - nach
der Invasion - von Las Villas eingetroffen sei, denn sie sollte unsere wichtig-
ste Verbindung mit Havanna und mit dem Stabshauptquartier in der Sierra
Maestra sein. Ich kam an und fand ihren Brief vor, in dem sie ankündigte, daß
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Das Gefecht von El Hombrito der übrigen Kolonne getrennt würden. Dann sollten unsere Leute schnell den
anderen Teil der Kolonne vernichten, Raúl Mercaders Abteilung würde
Die Kampfgruppe war erst einen Monat alt, und wir waren in unserem seither vorrücken, wir wollten die Waffen der Toten an uns nehmen und uns dann
etwas seßhaften Leben in der Sierra Maestra schon unruhig geworden. Wir sofort, gedeckt durch das Feuer der Nachhut unter Leutnant Vilo Acuña,
befanden uns im El Hombrito-Tal, das diesen Namen trug, weil man von der zurückziehen.
Ebene aus ein paar gigantische Felsformationen sehen konnte, die, aufeinan- Bei Morgendämmerung hielt ich mich in einer Kaffeeplantage auf, in der
dergestülpt, an der Spitze einem kleinen Mann ähnelten. Stellung, die Ramiro Valdés zugeteilt war. Wir lagen dem Haus von Julio
Unsere Männer waren immer noch rechte Anfänger, und wir mußten sie auf Zapatero gegenüber, das unter uns am Abhang des Berges lag. Als die Sonne
den Einsatz vorbereiten, ehe sie in wirklich schwierige Situationen gerieten. aufging, sahen wir Männer in dem Haus ein und aus gehen; sie verrichteten
Denn die Erfordernisse unseres revolutionären Krieges verpflichteten uns, die üblichen Arbeiten nach dem Aufstehen am frühen Morgen. Nach einer
jederzeit gefechtsbereit zu sein. Unsere Aufgabe war es, jede feindliche Ko- Weile setzten einige von ihnen ihre Armeemützen auf, womit wir einen greif-
lonne anzugreifen, die in jenen Teil der Sierra Maestra eindrang, den man baren Beweis dafür hatten, daß unser Geisel die Wahrheit berichtet hatte. Alle
damals als das freie Territorium Kubas betrachtete. unsere Männer waren gefechtsbereit.
In der Nacht des 29. August teilte uns ein Bauer mit, daß sich ein starker Ich ging auf meinen Posten, und wir beobachteten, wie die erste der feindli-
feindlicher Verband anschickte, entlang der Straße nach El Hombrito zur chen Gruppe mühsam den Abhang hinaufkletterte. Das Warten schien uns
Maestra emporzusteigen. Wir waren der vielen falschen Informationen lang- unendlich lange, und bereit, meine neue Waffe, das automatische Browning-
sam müde geworden; so nahm ich den Mann als Geisel fest und befahl ihm - Gewehr, zum erstenmal im Gefecht abzufeuern, spielten meine Finger am
unter Androhung schrecklicher Strafen, wenn er uns belüge - die Wahrheit zu Abzug. Schließlich hieß es, daß sie schon ganz nahe seien, und wir konnten
sagen. Er schwur viele Eide, daß das, was er gesagt habe, wirklich wahr sei, ihre unbekümmerten Stimmen und ihre lauten Rufe hören. Der erste ging
und daß sich die Soldaten bereits auf der Farm von Julio Zapatero, nur ein vorbei, dann der zweite und der dritte. Ich rechnete mir mittlerweile aus, daß
paar Kilometer von der Maestra entfernt, befänden. wir nicht genug Zeit haben würden wie geplant ein Dutzend passieren zu
In jener Nacht gingen wir in Stellung. Lalo Sardiñas' Zug sollte in einem lassen. Als ich gerade den sechsten Soldaten zählte, hörte ich von vorn einen
kleinen, mit Trockenfarn bewachsenen Geländestück die östliche Flanke Ruf, und einer der Soldaten hob in einer Bewegung der Überraschung seinen
besetzen und das Feuer eröffnen, wenn die Kolonne anhielt. Ramiro Valdés Kopf. Ich eröffnete sofort das Feuer, und der sechste Mann brach zusammen.
befehligte die Männer, die Gewehre mit einer geringeren Feuerkraft besaßen. Dann begann ein allgemeiner Schußwechsel, und beim zweiten Feuerstoß aus
Er sollte sich an der westlichen Flanke postieren und ein «akustisches Schar- meiner automatischen Waffe waren die sechs Mann vom Weg verschwunden.
mützel» vollführen, um auf diese Weise Alarmstimmung auszulösen. Ob- Ich befahl der Abteilung von Raúl Mercader, anzugreifen, während sich
gleich seine Gruppe nur leicht bewaffnet war, war ihre Position weniger einige Freiwillige ebenfalls am Gefecht beteiligten. Der Feind wurde von
gefährlich, denn die Soldaten hätten eine tiefe Schlucht überqueren müssen, beiden Flanken aus unter Feuer genommen. Leutnant Orestes von der Vorhut,
wenn sie sie hätten erreichen wollen. Raúl Mercader selbst, Alfonso Zayas, Alcibiades Bermúdez, Rodolfo Váz-
Der Fußpfad, auf dem sich der Gegner nähern würde, zog sich an der Seite quez und andere gingen vor. Aus der Deckung hinter einem großen Felsblock
des Berges entlang, wo sich Lalo verborgen hielt. Ciro würde sie von der Seite feuerten sie auf die feindliche Kolonne, die Kompaniestärke hatte und unter
her angreifen; ich sollte mit einer kleinen Gruppe der am besten bewaffneten dem Befehl von Major Merob Sosa stand. Rodolfo Vázquez nahm die Waffe
Männer die Feindseligkeiten eröffnen. Die beste Abteilung wurde von Leut- des Soldaten an sich, den ich verwundet hatte. Zu unserem Bedauern stellte es
nant Raúl Mercader geführt; sie war als Stoßeinheit gedacht, die die Früchte sich heraus, daß es ein Sanitäter war, der nur einen 45er Revolver mit zehn
des Sieges pflücken sollte. Der Plan war sehr einfach: wenn der Feind eine oder zwölf Patronen bei sich hatte. Die anderen fünf waren entkommen; sie
kleine Straßenkrümmung erreicht hat, die in einer Biegung von fast neunzig waren rechts vom Pfad weggerobbt und hatten sich entlang einem nahen
Grad einen großen Felsblock umging, sollte ich zehn oder zwölf Soldaten Flußbett zurückgezogen. Nach einer Weile hörten wir die ersten Bazooka-
passieren lassen und dann den letzten erschießen, so daß diese Soldaten von Abschüsse - offensichtlich hatte sich der Feind nun vom ersten Schock unse-
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res Überraschungsangriffs etwas erholt. Panzerfäuste und vielleicht sogar Geschütze gegen unsere Stellungen einge-
Außer meinem automatischen Gewehr war das Maxim-MG die einzige setzt hatten, obgleich ihre Schüsse so planlos und aufs Geratewohl wie auch
Waffe von Bedeutung, die wir besaßen, aber wir hatten es noch nicht einset- unsere abgegeben worden waren.
zen können, denn Julio Pérez, der MG-Schütze, konnte es nicht schußbereit Nach diesem Gefecht wurden einige von uns wegen Tapferkeit befördert:
machen. Alfonso Zayas erhielt den Rang eines Leutnants, und es wurden auch noch
An Ramiro Valdés Flanke waren Israel Pardo und Joel Iglesias mit ihren einige andere Beförderungen ausgesprochen, an die ich mich aber nicht mehr
fast primitiven Waffen gegen den Feind vorgegangen; Schrotflinten, von erinnere. In der folgenden Nacht oder am Tag darauf hatten wir, nachdem sich
beiden Seiten abgefeuert, vollführten einen höllischen Lärm und verstärkten die Soldaten zurückgezogen hatten, ein Gespräch mit Fidel, in dem er uns
die Verwirrung des Feindes. Da wir eine zweite Widerstandslinie erwarteten, freudig erzählte, wie sie die Streitkräfte Batistas im Gebiet von Las Cuevas
befahl ich den beiden seitlichen Zügen, sich zurückzuziehen, und als sie damit angegriffen hatten; bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch, daß in jenem
begannen, gingen auch wir zurück und überließen es der Nachhut, das Feuer Gefecht einige tapfere Kameraden gefallen waren: Juventino Alarcón aus
aufrechtzuerhalten, bis Lalo Sardiñas' gesamter Zug vorbei war. Manzanillo, einer der ersten, der sich den Guerilleros angeschlossen hatte;
Während wir uns zurückzogen, kehrte Vilo Acuña, der seine Mission aus- Pastor; Yayo; Castillo und Oliva, der Sohn eines Leutnants bei den Regie-
geführt hatte, zurück und meldete uns den Tod von Hermes Leyva, des Vetters rungstruppen. Er war,; wie sie alle, ein tapferer Kämpfer und ein Junge, den
von Joel Iglesias. Im Verlauf unserer Absetzbewegung stießen wir auf einen wir sehr mochten.
von Fidel geschickten Zug, den ich von unserem unmittelbar bevorstehenden Das von Fidel gewonnene Gefecht war sehr viel wichtiger als unser eige-
Zusammenstoß mit überlegenen feindlichen Kräften in Kenntnis gesetzt hatte. nes, denn dort handelte es sich nicht um einen Hinterhalt, sondern um einen
Diese Gruppe stand unter dem Befehl von Hauptmann Ignacio Pérez. Wir Angriff auf eine verteidigte Garnison. Obgleich sie die feindlichen Streitkräfte
zogen uns etwa tausend Meter vom Ort des Gefechts zurück und planten einen nicht vernichteten, hatten sie dem Gegner doch viele Verluste zugefügt, und
neuen Hinterhalt. Die Soldaten waren nun auf dem kleinen Plateau, auf dem die Soldaten zogen sich am Tag darauf aus jener Stellung zurück. Einer der
das Gefecht stattgefunden hatte, eingetroffen, und sie verbrannten vor unseren Helden des Tages war El Negro Pilón. Es heißt, daß er auf eine bohío stieß,
Augen Hermes Leyvas Leiche, um auf diese Weise Rache zu nehmen. In wo er «einen Haufen seltsamer Röhren mit Kästen dabei» entdeckte; es waren,
unserem ohnmächtigen Zorn mußten wir uns auf einen Beschuß aus der wie sich herausstellte, Bazookas, die der Gegner dort zurückgelassen hatte.
Entfernung beschränken, den sie mit Panzerfäusten beantworteten. Niemand von uns war indessen mit diesen Waffen vertraut, die wir nur dem
Zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich, daß der Soldat, der mit seinem Ruf meinen Namen nach kannten, und Pilón, dem eine Beinwunde zu schaffen machte,
vorzeitigen Schuß auslöste, laut geschrien hatte: «Was für ein Picknick!» Er verließ wieder die Hütte. So entging uns die Gelegenheit, uns die Panzerfäuste
muß damit gemeint haben, daß er schon beinahe auf der Kuppe des Hügels anzueignen, die gerade bei Angriffen gegen kleinere Befestigungen eine so
angekommen war. Dieses Gefecht bewies uns, wie schlecht ausgebildet unse- wirkungsvolle Waffe sind.
re Truppe war, denn sie war nicht einmal in der Lage, eine sich bewegende Unser Gefecht hatte noch andere Auswirkungen; einen oder zwei Tage spä-
Schützenlinie des Feindes aus der Nähe unter gezielten Beschuß zu nehmen. ter hörten wir, daß in einem Kommunique der Armee von fünf oder sechs
(Zwischen der Vorausabteilung des Gegners und unseren Stellungen konnte Toten gesprochen worden war; später erfuhren wir, daß wir neben unserem
der Abstand nicht mehr als zehn oder zwanzig Meter betragen haben.) Den- Kameraden, dessen Leiche sie geschändet hatten, noch vier oder fünf ermor-
noch war es für uns ein großer Triumph, denn wir hatten den Vormarsch von dete Bauern zu betrauern hatten. Der üble Merob Sosa hatte sie verdächtigt,
Merob Sosas Kampfgruppe gestoppt, die sich daraufhin zurückzog, und wir daß sie für den Hinterhalt verantwortlich waren, weil sie der Armee die An-
hatten einen kleinen Sieg über sie errungen. Wir hatten einen tapferen Kämp- wesenheit unserer Truppen in dieser Gegend nicht gemeldet hatten. Ihre
fer verloren, wurden dafür aber minimal entschädigt, indem wir eine kleine Namen sind mir noch in Erinnerung: Abigaíl, Calixto, Pablito Lebón - haitia-
Waffe erbeuteten. All dies hatten wir mit einer Handvoll Waffen im Kampf nischer Abstammung -und Gonzalo González. Sie alle hatten entweder über-
gegen eine vollständige feindliche Kompanie erreicht, gegen mindestens 140 haupt nichts mit uns zu tun, oder sie steckten nur zum Teil mit uns unter einer
Mann, die alle für die moderne Kriegführung gut ausgerüstet waren und die Decke. Sie wußten von unserer Anwesenheit und sympathisierten wie alle
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Bauern mit unserer Sache, aber von dem konkreten Unternehmen, das wir Das erste Gefecht von Pino del Agua
vorbereiteten, hatten sie keinerlei Ahnung. Da wir die Methoden kannten, die
die Kommandeure der Armee Batistas anwandten, verbargen wir unsere Nachdem wir am 29. August wieder mit Fidel zusammengetroffen waren,
Absichten vor den Bauern; wenn einer von ihnen zufällig in ein Gebiet geriet, marschierten wir, manchmal gemeinsam, manchmal getrennt, mehrere Tage;
in dem ein Überfall vorbereitet wurde, hielten wir ihn fest, bis es vorbei war. wir hatten die Absicht, gemeinsam das Sägewerk von Pino del Agua zu errei-
Die unglücklichen Bauern wurden von Sosas Leuten in ihren bohíos ermordet, chen. Wir hatten erfahren, daß sich dort augenblicklich entweder gar keine
die dann in Brand gesteckt wurden. feindlichen Soldaten aufhielten oder daß dort höchstens eine kleine Garnison
Dieses Gefecht zeigte uns, wie leicht es unter gewissen Umständen war, stationiert war.
Einheiten auf dem Marsch anzugreifen. Ferner hatten wir neuerlich gesehen, Fidel hatte folgenden Plan: wenn es dort eine kleine Garnison gab, dann
daß es taktisch richtig war, stets die Spitze der marschierenden Truppe an- sollte sie genommen werden; wenn nicht, sollten wir uns dort lediglich sehen
zugreifen und zu versuchen, den ersten oder die ersten Soldaten der Kolonne lassen, und Fidel wollte mit seiner Kampfgruppe den Weg in Richtung auf
zu töten und dadurch die Streitmacht des Feindes bewegungsunfähig zu den Abschnitt Chivirico fortsetzen; wir sollten unterdessen der Armee Batistas
machen. Ganz allmählich kristallisierte sich diese Taktik heraus, und schließ- einen Hinterhalt legen. In solchen Fällen folgte sie uns stets auf dem Fuße, um
lich wandten wir sie so systematisch an, daß der Feind die Sierra Maestra den Bauern ihre Stärke zu zeigen und den revolutionären Effekt, den wir
nicht mehr betrat und sich die Soldaten sogar weigerten, in der Vorhut zu durch unsere Anwesenheit erzielt hatten, im Keim zu ersticken.
marschieren. Allerdings hatten wir noch nicht genügend Gefechte geführt, als An diesen langen Marschtagen, die dem Gefecht von Pino del Agua vo-
daß diese Taktik in allen Feinheiten hätte entwickelt werden können. rausgingen und uns von Dos Brazos del Guayabo bis zum Schauplatz des
Mit Fidels Kampfgruppe wieder vereint, konnten wir nun über unsere Taten Gefechts führten, kam es zu verschiedenen Zwischenfällen, deren Hauptak-
sprechen. Sie waren bescheiden und dennoch eindrucksvoll, wenn man be- teure in der weiteren Geschichte der Revolution eine Rolle spielten.
denkt, welch ein Mißverhältnis der Kräfte zwischen unseren armselig bewaff- Es war für uns ein Schlag, daß zwei Bauern aus der Gegend, Manolo und
neten Soldaten und den sehr gut ausgerüsteten Kräften der Repression be- Popo Beatón, die sich kurz vor der Schlacht von El Uvero den Guerilleros
stand. angeschlossen hatten, desertierten. Damals, vor dem Feind, waren sie Waf-
Das Gefecht von El Hombrito kennzeichnete mehr oder weniger den Zeit- fenbrüder gewesen, jetzt verließen sie unser Lager. Später kehrten beide zu
punkt, zu dem sich die Regierungstruppen endgültig aus der Sierra zurückzo- uns zurück. Fidel vergab ihnen ihren Treuebruch; aber sie wuchsen niemals
gen. Danach war es nur noch Sánchez Mosquera, der mutigste und mörde- über das hinaus, was sie vorher gewesen waren - nämlich halbnomadische
rischste der militärischen Häuptlinge Bastistas, zudem einer der räuberisch- Banditen. Nachdem die Revolution gesiegt hatte, wurde Cristino Naraño aus
sten, der in wagemutigem Alleingang in die Sierra eindrang. irgendwelchen persönlichen Gründen von Manolo getötet. Ihm gelang die
Flucht aus der Festung Cabaña, in die man ihn gebracht hatte, und er organi-
sierte in derselben Gegend der Sierra Maestra, wo er zusammen mit uns
gekämpft hatte, eine kleine Guerillatruppe. Dort ermordete er Pancho Ta-
mayo, einen tapferen Kameraden, der sich uns schon in den ersten Revoluti-
onstagen angeschlossen hatte. Schließlich nahmen einige Bauern Manolo und
seinen Bruder Popo gefangen; beide wurden in Santiago erschossen.
Ein anderer schmerzlicher Zwischenfall: ein Kamerad namens Roberto Ro-
dríguez wurde wegen Befehlsverweigerung entwaffnet. Er war sehr undiszi-
pliniert, und der Leutnant seiner Abteilung übte ein ihm zustehendes diszipli-
narisches Recht aus, als er ihm seine Waffe abnahm. Roberto gelang es, sich
den Revolver eines Kameraden zu beschaffen, und er verübte Selbstmord. Wir
hatten in dieser Frage eine kleine Meinungsverschiedenheit; ich war dagegen,
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ihm die militärischen Ehren zu erweisen, während meine Leute der Ansicht erfahren, ob Baró seine Hände bei diesem Verbrechen im Spiel gehabt hatte.
waren, er solle auf die Liste ihrer Gefallenen gesetzt werden. Ich vertrat die Er etablierte sich jedenfalls sofort bei Las Minas de Bueycito, stellte sich
Ansicht, daß Selbstmord unter solchen Umständen ein verbrecherischer Akt unter den Befehl des Mörders Sánchez Mosquera und begann, unter den
sei - unabhängig davon, welche guten Eigenschaften der Mann auch besessen Marktbesuchern jene Bauern zu identifizieren, die mit unserer Guerillagruppe
haben möge. Schließlich beruhigten sich die Männer und waren damit zufrie- in Berührung gekommen waren.
den, daß sie ohne militärische Ehren für ihn eine Totenwache hielten. Mein Irrtum kostete das kubanische Volk zahllose Opfer.
Ein oder zwei Tage vorher hatte er mir einen Teil seiner Geschichte erzählt. Mehrere Tage nach dem Sieg der Revolution wurde Baró gefangenge-
Er war ganz offensichtlich ein übermäßig empfindsamer Junge und gab sich nommen und hingerichtet.
große Mühe, sich dem Leben und der Disziplin eines Guerillero anzupassen, Bald nach der Affäre mit Baró gingen wir hinunter nach San Pablo de Yao.
all dem also, das seiner körperlichen Schwäche und seinem instinktiven Die Bevölkerung nahm uns mit offenen Armen auf. Kampflos besetzten wir
Auflehnungstrieb zuwiderlief. das Dörfchen mehrere Stunden lang. Feindliche Truppen waren nicht in der
Zwei Tage später schickten wir eine kleine Abteilung nach Las Minas de Nähe. Wir stellten Kontakte her und trafen mit vielen Leuten aus der Gegend
Bueycito, um unsere Stärke dort zur Schau zu stellen, denn es war der 4. zusammen. Wir stopften die Lastwagen voll, die uns die Kaufleute zur Verfü-
September. Diese Gruppe stand unter dem Befehl von Hauptmann Ciro Re- gung gestellt hatten, die uns auch verkauften, was wir brauchten. Wir kauften
dondo, der uns einen Gefangenen, Leonardo Baró, zurückbrachte. Baró spielte auf Kredit ein, denn in jener Zeit bezahlten wir mit Schuldverschreibungen.
in der Gegenrevolution eine wichtige Rolle. Er blieb eine Zeitlang unser Bei dieser Gelegenheit traf ich Lydia Doce, deren Andenken ich auf diesen
Gefangener, und eines Tages erzählte er mir eine traurige Geschichte von der Seiten wieder in Erinnerung gerufen habe.18
Krankheit seiner Mutter. Ich verließ mich auf sein Wort. Allerdings versuchte Wir mußten nun sehen, wie wir die erhaltenen Waren ans Ziel bringen
ich, ihn dazu zu bringen, daß er seiner Freilassung einen politischen Akzent konnten. Das war nicht einfach, denn die Straße, die von San Pablo de Yao an
gab. Ich schlug ihm vor, daß er einen Bus nehmen und in Havanna nach seiner der Cristina-Mine vorbei hinauf nach Pico Verde führt, ist sehr steil und kann
Mutter sehen solle, daß er dann in irgendeiner Botschaft um Asyl bitten, das nur von Lastwagen mit einem Spezialgetriebe, die zudem nicht zu schwer
Batista-Regime verurteilen und erklären solle, er wolle nicht länger gegen uns beladen sein dürfen, befahren werden. Unser Wagen blieb auf der Strecke
kämpfen. Er erklärte sich dazu nicht bereit und behauptete, er könne nicht das stecken; wir mußten ihn entladen und die Fracht mit Hilfe von Maultieren
Regime verurteilen, für das seine Brüder kämpften. Wir kamen schließlich oder auf dem Rücken weiter befördern.
überein, er solle bei der Asylsuche lediglich angeben, daß er, nicht länger In jenen Tagen verließen uns auch einige Leute. Ein Kamerad, ein guter
kämpfen wolle. Kämpfer, wurde auf dem Marsch nach Yao wegen Trunkenheit aus unseren
Wir ließen ihn frei und gaben ihm vier Kameraden mit. Sie hatten ganz Reihen ausgestoßen, denn er hatte durch sein Verhalten seine Kameraden in
spezielle Instruktionen. So sollten sie nicht zulassen, daß Baró auf dem Weg Gefahr gebracht. Ein anderer, Jorge Sotús, verließ seinen Posten als Abtei-
mit irgend jemandem zusammentraf, denn ihm waren die Namen einer ganzen lungsführer und ging mit einem Empfehlungsschreiben von Fidel nach Miami.
Reihe von Bauern gut bekannt, die uns in unserem Lager aufgesucht hatten. In Wirklichkeit hatte sich Sotús niemals der Sierra angepaßt, und seine Män-
Darüber hinaus erhielten unsere Kameraden die Anweisung, den Weg bis zu ner konnten ihn wegen seiner tyrannischen Art nicht leiden. In Miami legte er,
den Außenbezirken von Bayamo zu Fuß zurückzulegen; dort sollten sie Baró gelinde ausgedrückt, eine schwankende Haltung an den Tag. Er schloß sich
sich selbst überlassen und auf einer anderen Route zurückkehren. dann wieder unserer Armee an, man erließ ihm die Strafe und vergab ihm die
Aber die Männer hielten sich nicht an ihre Befehle. Sie ließen es zu, daß sie Fehler der Vergangenheit. In Hubert Matos' Zeiten verriet er uns und wurde
von vielen Menschen gesehen wurden; sie hielten sogar eine Versammlung zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Mit Hilfe eines Gefängnisaufsehers
ab, auf der Baró als freigelassener Gefangener, der nun angeblich mit unserer floh er nach Miami. Er starb, nachdem er die letzten Vorbereitungen für einen
Bewegung sympathisierte, vorgestellt wurde. Dann fuhren sie mit dem Jeep Piratenüberfall auf kubanisches Territorium getroffen hatte. Es heißt, daß er
nach Bayamo. Auf dem Weg fiel die Gruppe Soldaten Batistas in die Hände,
und unsere vier Kameraden wurden ermordet. Wir haben nie mit Sicherheit 18
Siehe Kapitel 'Lydia und Clodomira›, S. 63 ff.
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bei einem Unglücksfall durch einen Starkstromschlag ums Leben gekommen sollte das Feuer auch auf alle anderen eröffnet werden, damit sie zum Stehen
sei. kämen. Der Zug mit den besten Waffen war für den eigentlichen Einsatz
Unter den Kameraden, die uns zu jener Zeit verließen, war auch Marcelo vorgesehen, und einige der Leute von Hauptmann Raúl Castro Mercader
Fernández, der Koordinator der Bewegung für die städtischen Gebiete. Nach sollten ihn verstärken.
einem Aufenthalt bei uns kehrte er in die Ebene zurück. Etwa sieben Tage verbrachten wir in dem Hinterhalt und warteten geduldig,
Wir erreichten Pino del Agua am 10. September. Pino del Agua ist ein daß jemand auftauchte. Am siebenten Tag meldete mir jemand, daß sich der
Flecken, der mitten in einem Waldgebiet der Maestra um ein Sägewerk herum Feind nähere. Da die Straße in sehr steilem Winkel anstieg, hörten wir, noch
angelegt wurde. Damals wurde das Sägewerk von einem Spanier verwaltet. Es ehe wir die Lastwagen sahen, das Brummen der Motoren, als sie sich mühsam
gab dort ein paar Arbeiter, aber keinen einzigen Soldaten. Wir besetzten Pino den scheußlichen Berghang hinaufschleppten. Wir bereiteten uns auf den
del Agua, und Fidel teilte seine geplante Marschroute den Bewohnern mit; er Kampf vor. An die wichtigste Stelle postierten wir die Männer, die von
rechnete damit, daß irgendeiner von ihnen diese Information der Armee Hauptmann Ignacio Peréz befehligt wurden. Sie sollten den ersten Lastwagen
weitergeben werde. zum Stehen bringen. Zwanzig Minuten vor dem ersten Schuß ging ein wol-
Wir vollführten ein kleines Ablenkungsmanöver, und während die Marsch- kenbruchartiger Regen nieder, der uns bis auf die Haut durchweichte. Unter-
gruppe Fidels ihren Weg nach Santiago so fortsetzte, daß alle es sehen konn- dessen rückten die feindlichen Soldaten weiter vor, mehr mit dem Regen als
ten, machten wir in der Nacht einen Umweg und legten dem Feind einen mit der Möglichkeit eines Angriffs beschäftigt. Der Kamerad, der den Kampf
Hinterhalt. Wir verteilten unsere Männer so, daß alle Armeelastwagen unter eröffnen sollte, feuerte aus seiner Maschinenpistole, aber er schoß daneben.
Beobachtung sein würden. Wir dehnten unsere Überwachung in einiger Ent- Von überall ertönte nun Gewehrfeuer, und die Soldaten des ersten Lastwagens
fernung vor Pino del Agua auf die Straße von Yao nach Pico Verde aus, aber sprangen eher erschreckt und überrascht, als durch unsere Schüsse verletzt,
wir vernachlässigten auch nicht den direkteren Weg hinauf zur Maestra, der auf die Straße und verschwanden hinter dem Kliff. Vorher allerdings hatten
von Lastwagen nicht befahren werden konnte. Die Pico Verde-Gruppe war sie Jose de la Cruz (Crucito), einen unserer großen Kämpfer und den Dichter
nur sehr klein und mit Jagdgewehren bewaffnet. Sie sollte im Notfall Alarm unserer Kampfgruppe, getötet.
schlagen. Da diese Straße gut für einen Rückzug war, rechneten wir tatsäch- Ein feindlicher Soldat ging unter dem Lastwagen, der an der Straßenkrüm-
lich damit, daß wir sie nach der Unternehmung benutzen würden. Efigenio mung stehengeblieben war, in Deckung und feuerte auf jeden, der seinen Kopf
Ameijeiras sollte mit seinen Männern einen der Zugangswege für die Nachhut hob. Eine Minute oder zwei vergingen, ehe ich mich bis an den Kampfplatz
beobachten, der ebenfalls in den Abschnitt Pico Verde führte. Lalo Sardiñas vorgearbeitet hatte. Ich sah, daß viele unserer Männer einem falschen Befehl
und seine Abteilung blieben in der Zapato-Zone und bewachten mehrere gehorchten und sich zurückzogen. Das geschah mitten im Gefecht häufig.
Holzfällerwege, die am Ufer des Peladero endeten. Da aber der Feind einen Arquímedes Fonseca wurde an der Hand verwundet, als er eine Maschinenpi-
sehr langen Marsch hinauf ins Gebirge hätte unternehmen müssen, um diese stole aufhob, die einer zurückgelassen hatte. Wir mußten den Befehl geben,
Straßen zu erreichen, erwies sich dies als eine überflüssige Vorsichts- daß jedermann an seinen Gefechtsposten zurückkehren sollte, und wir mußten
maßnahme. Außerdem war es bei ihm nicht üblich, in Kolonnen durch den mit Lalo Sardiñas' und Efigenio Ameijeiras' Truppen zusammengehen.
Wald zu ziehen. Ciro Redondo und sein Zug sollten den Zugang von Siberia Einer unserer Leute - er hieß Tatin - befand sich auf der Straße. Als ich die
her verteidigen. Straße herunterkam, rief er mir mit herausfordernder Stimme zu: «Dort ist er!
An der Straße, die von Guisa heraufführt, erwarteten wir die Armee in ei- Unter dem Lastwagen! Los, mach los!» Durch diese feigen Rufe zutiefst
nem Waldstück auf dem Kliff. Aus dieser Stellung wollten wir die Lastwagen angewidert, nahm ich meinen Mut zusammen. Aber als wir versuchten, uns
überraschen und unsere Feuerkraft auf engem Raum konzentrieren. Von dem gegnerischen Soldaten zu nähern, der unter dem Lastwagen hervor auf
diesem von uns gewählten Platz konnten wir die Ankunft der Lastwagen uns feuerte, mußten wir erkennen, daß wir für unsere Mutprobe teuer bezahlen
schon aus großer Entfernung beobachten. Der Plan war einfach: wir wollten würden.
sie von beiden Seiten unter Feuer nehmen; an einer Straßenkrümmung sollte Es waren insgesamt fünf Armeelastwagen mit einer Kompanie Soldaten.
zunächst der erste Lastwagen bewegungsunfähig geschossen werden, dann Die Abteilung unter Befehl von Antonio Lopez führte ihre Befehle genaue-
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stens aus, die besagten, nach Eröffnung des Kampfes niemanden durchzulas- So verteilte ich trotz aller ihrer Proteste die Beutestücke unter den Männern
sen. Dennoch wurde unser weiteres Vorrücken durch eine Gruppe von Solda- meiner Kampfgruppe, außer dem Garand, das sich die anderen schon angeeig-
ten behindert, die heftigen Widerstand leisteten. Lalo und Efigenio trafen zur net hatten.
Verstärkung ein. Sie griffen die Lastwagen an und vernichteten das Zentrum Antonio Lopez erhielt wegen seines ausgezeichneten Verhaltens das Brow-
des Widerstandes. Einige Soldaten stürzten verwirrt davon; andere flohen in ning-Gewehr. Die Garands gingen an Leutnant Joel Iglesias, Virelles (ein
zwei Lastwagen, die sie gerettet hatten, und ließen die gesamte Munition Mitglied der ‹Corintia›-Expedition, der sich uns angeschlossen hatte), Onate
zurück. und zwei andere, deren Namen ich vergessen habe. Wir gingen dann daran,
Dank Gilberto Caldero erfuhren wir einiges über gewisse Pläne des Fein- die drei erbeuteten Lastwagen anzuzünden, denn sie waren nicht mehr ge-
des. Dieser Kamerad war in einem anderen Abschnitt auf einer Er- brauchsfähig.
kundungsmission gefangengenommen worden. Er war eine Zeitlang in Ge- Während wir unsere Truppen sammelten, flogen einige Flugzeuge über un-
fangenschaft gewesen, und die Soldaten hatten ihn mitgenommen, weil er seren Köpfen hinweg. Aber ein paar Feuerstöße genügten, sie zu vertreiben.
Fidel vergiften sollte. Er sollte nichts weiter tun, als den Inhalt eines Fläsch- Mingolo, einer der Brüder Pardo, war ausgeschickt worden, Fidel vor den
chens in Fidels Essen entleeren. Als er die Schüsse hörte, kletterte Caldero mit näherrückenden Soldaten zu warnen. Aber wir beschlossen, noch einen Mel-
den Soldaten vom Lastwagen, aber anstatt die Flucht zu ergreifen, meldete er der zu schicken; Caldero sollte ihn begleiten, damit er von dem Abenteuer
sich sofort bei uns und schloß sich uns wieder an. berichten könnte und Fidel von dem Ergebnis unseres Gefechts Kenntnis
Auf dem ersten Lastwagen fanden wir zwei Tote und einen verwundeten erhielt. Wir ließen Ciro durch Mongo Martínez mitteilen, er solle sich aus
Soldaten. Sterbend machte der Verwundete in seiner Phantasie noch immer seiner Stellung zurückziehen.
alle erregenden Momente des Gefechts durch; aber schließlich setzte einer Nach einigen Minuten hörten wir Gewehrfeuer. Einige unserer Leute, die
unserer Männer, ohne dabei innere Bewegung zu zeigen, seinem Todeskampf mit Jagdgewehren bewaffnet waren, hatten einen Soldaten entdeckt, der
ein Ende. Derjenige, der für diesen Akt der Barbarei verantwortlich war, hatte durchs Gelände schlich. Sie befahlen ihm laut, stehenzubleiben, und da er den
mitansehen müssen, wie seine Familie von der Armee Batistas dezimiert Befehl ignorierte, feuerten sie auf ihn. Der Mann floh und ließ dabei sein
wurde. Ich machte ihm heftige Vorwürfe, ohne zu bemerken, daß ein anderer Gewehr im Stich. Als Beweis ihrer Heldentat brachten sie uns ein Springfield-
verwundeter Soldat, der bewegungslos unter einer Plane auf dem Lastwagen Gewehr. Uns schien es seltsam, daß sich in diesem Abschnitt noch immer
verborgen lag, dies mit anhörte. Durch meine Worte ermutigt und auch da- versprengte Soldaten befinden sollten. Dennoch setzten wir das Gewehr auf
durch, wie der betreffende Kamerad um Entschuldigung gebeten hatte, gab unsere Liste. Zwei Tage später kehrte Mongo Martínez zurück. Er berichtete
sich der feindliche Soldat zu erkennen und bat uns, ihn nicht zu töten. Er hatte uns, daß ihn irgendwelche feindlichen Soldaten überrascht und mit Jagdge-
ein gebrochenes Bein. Jedesmal, wenn einer unserer Leute in seiner Nähe wehren auf ihn geschossen hätten; er habe fliehen müssen, weil er verwundet
vorbeikam, rief er laut: «Nicht töten! Nicht töten! Che sagt, Gefangene wer- gewesen sei. Sein Gesicht war mit Pulverspuren bedeckt. Er also war der
den nicht getötet!» Als das Gefecht beendet war, brachten wir ihn in das Besitzer der Springfield, die unsere Kameraden vom «Feind» erbeutet hatten!
Sägewerk und leisteten ihm Erste Hilfe. Der verwundete Kamerad hatte in der Annahme, die Soldaten seien auf seinen
Die anderen Lastwagen hatten wir nur geringfügig beschädigt; aber wir hat- Fersen, einen Querweg eingeschlagen und sich in den Wäldern verirrt. Er
ten eine große Anzahl von Waffen erbeutet. Dazu gehörten: ein automatisches hatte also Ciro Redondo über unser Gefecht keine Meldung erstattet und ihm
Gewehr; fünf Garands; ein Dreifuß-MG mit Munition und noch ein Garand, auch den Rückzugsbefehl nicht übermittelt. Am nächsten Tag schickte uns
das die Truppe von Efigenio Ameijeiras, die zu Fidels Kampfgruppe gehörte, Ciro einen Kurier und erhielt dann auf diese Weise den Befehl.
mit Beschlag belegte. Efigenio war der Ansicht, daß die Teilnahme seines Während die B-26 auf der Suche nach Opfern des Gefechts über dem Sä-
Zuges an dem Gefecht von ausschlaggebender Bedeutung gewesen war; gewerk hinwegbrummten, frühstückten wir in aller Ruhe. Wir hatten uns in
folglich hatte er nach seiner Meinung ein Recht auf bestimmte erbeutete einem Gebäude häuslich eingerichtet und tranken heiße Schokolade, die uns
Waffen. Aber Fidel hatte diese Einheit einfach deshalb unter meinen Befehl die Hausherrin servierte. Diese war allerdings über den Anblick der B-26
gestellt, damit sie uns unterstützen sollte. nicht gerade erfreut, die heran- und wieder wegflogen und dann zurückkehrten
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und jedesmal beinahe das Dach streiften. Sie verschwanden schließlich end- unserer Trappen zu stärken. Das waren die Aufgaben, denen wir uns in der
gültig, und wir waren, völlig entspannt, gerade dabei aufzubrechen, als wir auf kommenden Zeit widmen mußten.
der Straße von Siberia (derselben, die Ciro ein paar Stunden vorher beobachtet
hatte) vier Lastwagen voll mit Soldaten bemerkten. Aber es war schon zu spät.
Viele unserer Leute hatten sich schon in Stellungen zurückgezogen, die ihnen
größere Sicherheit boten. Wir feuerten zweimal in die Luft, gaben damit das
Rückzugssignal und zogen in aller Ruhe ab.
Dieses Gefecht war wegen seiner Wirkung wichtig, denn die Nachricht von
unserem Erfolg verbreitete sich über das ganze Land. Der Feind verlor bei
diesem Zusammenstoß drei Tote und einen Verwundeten. Außerdem machte
Efigenios Zug einen Gefangenen, als wir zum letztenmal durch dieses um-
kämpfte Gebiet zogen. Es war Unteroffizier Alejandro, der als unser Koch bis
zum Ende des Krieges bei uns blieb. Crucito wurde auf dem Schauplatz des
Gefechts beigesetzt; unsere gesamte Mannschaft war von Trauer tief bewegt,
denn sie hatte in ihm einen edlen Kameraden und ihren bäuerlichen Dichter-
Sänger verloren.
Folgende Kameraden haben sich im Gefecht von Pino del Agua besonders
ausgezeichnet: Efigenio Ameijeiras, Lalo Sardiñas, Hauptmann Victor Mora,
Leutnant Antonio Lopez mit seiner Abteilung, Dermidio Escalona und Arquí-
medes Fonsecas. Letzterem wurde danach das erbeutete Dreifuß-MG anver-
traut. Er sollte es bedienen, wenn seine Hand geheilt war. Wir hatten einen
Toten zu beklagen, einen Leichtverwundeten, einige Quetschungen und ein
paar Schrammen, ohne die Schrotkugeln zu erwähnen, die den armen Mongo
vom Weg abbrachten.
Wir verließen Pino del Agua auf verschiedenen Wegen und beabsichtigten,
uns im Abschnitt Pico Verde neu zu gruppieren. Dort konnten wir uns reorga-
nisieren, während wir die Ankunft Fidels abwarteten.
Eine Analyse des Gefechts offenbarte trotz des politischen und militä-
rischen Sieges auf unserer Seite gewaltige Mängel. Das Überraschungs-
moment hätte voll und ganz ausgenutzt werden müssen, so daß die ersten drei
Lastwagen hätten außer Gefecht gesetzt werden können. Außerdem zirkulierte
nach Eröffnung des Kampfes ein falscher Rückzugsbefehl, der dazu führte,
daß unsere Männer den Überblick über die Situation verloren und sich ihr
Kampfeseifer abkühlte. Ein Mangel an Stoßkraft war bei der Eroberung der
Lastwagen festzustellen, die nur von wenigen Soldaten verteidigt wurden.
Dazu kam auch noch, daß wir uns auf törichte Weise exponierten, indem wir
die Nacht in dem Sägewerk verbrachten. Schließlich wurde der endgültige
Rückzug in großer Unordnung vollzogen. All dies zeigte, daß es unbedingt
notwendig war, die Gefechtsvorbereitung zu verbessern und die Disziplin
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Ein bedauerliches Ereignis einfach im feindlichen Gebiet zurücklassen oder sollten wir es mitnehmen,
solange es eben mitkommen konnte? Wir entschlossen uns für die letzte
Nach dem Gefecht von Pino del Agua gingen wir daran, die Organisation Möglichkeit. Außerdem hätte es Probleme gegeben, wenn wir das Fleisch
unserer Guerillastreitmacht zu verbessern, die zu jenem Zeitpunkt durch genommen hätten.
mehrere Einheiten von der Kampfgruppe Fidels verstärkt worden war. Unser Das Maultier stieg hinunter, ohne zu zögern und sicheren Fußes, wo wir
Ziel war es, unsere Kampfkraft im Gefecht zu verstärken. kriechen, uns an Lianen festhalten oder an Felsvorsprüngen entlanghangeln
Leutnant Lopez, der sich bei Pino del Agua ausgezeichnet hatte, wurde zu- mußten. Es ging sogar an Stellen weiter, wo unser Maskottchen, ein junger
sammen mit den Angehörigen seiner Abteilung (die alle sehr ver- Hund, stehenblieb und darauf wartete, hochgenommen und getragen zu wer-
antwortungsbewußte Jungen waren) zum Mitglied der Disziplinarkommission den. Das Maultier gab eine außergewöhnliche Vorstellung eines akrobatischen
bestimmt. Diese Kommission sollte eine Überwachungsfunktion ausüben; ihre Talents.
Aufgabe war es, den Regeln der Wachsamkeit, der allgemeinen Disziplin, der Es setzte dann seine Taten fort, indem es den Peladero an einer Stelle über-
Sauberkeit und der revolutionären Moral Geltung zu verschaffen. Aber sie querte, wo der Fluß voll von großen Felsblöcken war, und es mit unglaubli-
führte nur ein ganz kurzlebiges Dasein; schon wenige Tage nach ihrer Grün- chen Sprüngen von Stein zu Stein setzen mußte. Damit hatte es sich sein
dung wurde sie wieder aufgelöst. Recht auf Leben gesichert. Später konnte ich auf ihm reiten; es blieb mein
Etwa um diese Zeit wurde in der Gegend der Botella, in einem kleinen La- erstes reguläres Reittier, bis es bei einem unserer zahlreichen Zusammenstöße
ger, das wir gewöhnlich als Durchgangsstation benutzten, ein früherer Deser- in der Sierra in die Hände von Sánchez Mosquera fiel.
teur namens Cuervo hingerichtet, der zwei Monate vorher mit seinem Gewehr In der Nähe des Peladero kam es zu jenem bedauerlichen Zwischenfall, der
geflohen war. Was mit seinem Gewehr geschah, werden wir nie erfahren; aber zur Auflösung der Disziplinarkommission führte. Einige Kameraden waren
seine Aktivität war uns gut bekannt: unter dem Vorwand, er kämpfe für die dagegen, daß Disziplinarregeln aufgestellt würden; sie entzogen der Kommis-
revolutionäre Sache und mache Spione unschädlich, indem er sie hinrichte, sion ständig die Grundlage und verhinderten die Aufnahme ihrer Arbeit. Eine
quälte und vernichtete er ganz einfach - vielleicht im Einvernehmen mit der derartige Situation war untragbar. Wir mußten drakonische Maßnahmen
Armee - eine ganze Gruppe der Gebirgsbevölkerung. treffen. Eine der Abteilungen, die zur Nachhut gehörten, trieb mit den Mit-
Angesichts seiner Desertion war das Verfahren schnell beendet. gliedern der Kommission, die alle anderen Dinge liegengelassen hatte und in
Dann mußten wir das Urteil vollstrecken und ihn unschädlich machen. Hin- aller Dringlichkeit ein sehr wichtiges Problem erörterte, einen geschmacklo-
richtungen von gesellschaftsfeindlichen Individuen, die ihre Position der sen groben Unfug. Sie hatten albernerweise einigen Unrat angehäuft, um die
Stärke in dem betreffenden Gebiet ausnutzten, um Verbrechen zu begehen, für Disziplin verantwortlichen Leute zu reizen. Nach diesem Zwischenfall
waren in der Sierra Maestra unglücklicherweise nicht selten. wurden verschiedene der ‹Spaßmacher› verhaftet; unter ihnen war Humberto
Wir erfuhren, daß Fidel nach dem Angriff auf Chivirico seinen Marsch Rodríguez, der einen traurigen Ruf genoß, weil er eine Vorliebe dafür hatte,
durch die Sonador-Zone beendet hatte und sich neuerlich in unserem Ab- immer dann die Rolle des Scharfrichters zu übernehmen, wenn wir uns vor die
schnitt aufhielt. Folglich beschlossen wir, in Richtung auf den Peladero zu schmerzliche Pflicht gestellt sahen, einen Übeltäter hinrichten zu müssen.
marschieren, um uns so schnell wie möglich mit ihm zu vereinigen. Damals Nach dem Sieg der Revolution ermordete Rodríguez, zusammen mit einem
lebte im Küstengebiet ein Kaufmann namens Juan Balansa, dessen Verbin- anderen Rebellsoldaten als Komplicen, einen Gefangenen. Später flohen sie
dungen zur Diktatur und zu den latifundistas bekannt waren, der aber uns aus dem La Cabaña-Gefäng-nis.
gegenüber niemals aktive Feindseligkeiten an den Tag gelegt hatte. Er besaß Zusammen mit Humberto wurden zwei oder drei Kameraden «eingesperrt».
ein Maultier, das wegen seiner Ausdauer in der ganzen Gegend berühmt war. Unter den Bedingungen des Guerillakrieges bedeutete jedoch eine Haftstrafe
Wir nahmen es als eine Art Kriegssteuer in Besitz. Mit dem Maultier trafen nicht allzuviel. Wenn aber das Verbrechen schwer genug, wenn einer der
wir in Pinalito, in der Nähe des Peladero, ein. Männer eines Disziplinarvergehens schuldig war, dann wurde dem Häftling
Am Ufer des Flusses mußten wir das steile Kliff hinuntersteigen. Sollten für einen oder zwei Tage seine Ration entzogen. Das war dann tatsächlich
wir das Tier opfern, es zerlegen und das Fleisch mitnehmen? Sollten wir es eine Strafe, die saß.
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Zwei Tage nach dem Zwischenfall, als die Hauptbeteiligten noch immer steckten einige Kerzen an, um die Diskussion fortsetzen zu können. Dann
unter Arrest standen, hieß es, daß sich Fidel in der Nähe aufhalte, in einem sprach Fidel; seine Rede dauerte eine volle Stunde. Er führte die Gründe für
Gebiet, das als ‹El Zapato» bekannt war. Ich ging, um ihn zu begrüßen und einen Freispruch des Angeklagten an. Er zählte im einzelnen unsere Fehler
mit ihm zu sprechen. Wir waren kaum mehr als zehn Minuten zusammen, als auf, sprach von unserem Mangel an Disziplin und den anderen Mißgriffen, die
Ramiro Valdés kam und uns Neuigkeiten brachte: Lalo Sardiñas hatte, etwas wir uns tagtäglich zuschulden kommen ließen, und von der daraus resultieren-
übereifrig, versucht, einen undisziplinierten Kameraden einzuschüchtern und den Schwächung unserer Kampfbereitschaft; und er erklärte, daß Sardiñas
zu bestrafen und ihm seine Pistole an den Kopf gehalten, so, als ob er ihn seine unentschuldbare Handlung schließlich nur zum Schutz der allgemeinen
erschießen wolle. Unbeabsichtigt war die Pistole losgegangen, und der Kame- Disziplin begangen habe und daß wir diese Tatsache berücksichtigen sollten.
rad wurde auf der Stelle getötet. Ich verlor keine Zeit, ging ins Lager zurück Wie er so zu uns sprach, beleuchtet vom Schein der Fackeln, groß vor dem
und stellte Lalo unter Arrest. Überall herrschte eine feindselige Stimmung Hintergrund des niedrigen Buschwerks, schwang in seiner Stimme etwas
gegen den Häftling. Die Männer forderten ein Schnellverfahren und die Hin- Emotionales mit, und viele unserer Männer ließen sich ganz offensichtlich
richtung des Arrestanten. von der Meinung unseres Befehlshabers überzeugen. Seine gewaltige Über-
Wir begannen mit den Vernehmungen und der Beweisaufnahme. Die Mei- zeugungskraft wurde in jener Nacht auf die Probe gestellt. Durch seine Be-
nungen waren geteilt: einige gaben ausdrücklich ihrer Überzeugung Aus- redsamkeit konnte jedoch die Opposition nicht völlig zum Schweigen ge-
druck, daß es sich um vorsätzlichen Mord handele. Andere waren eher dafür, bracht werden. Wir beendeten die Erörterungen damit, daß zwei mögliche
daß es ein Unglücksfall gewesen sei. Abgesehen von diesen Meinungen muß Strafen zur Abstimmung gestellt werden sollten: Tod durch Erschießen oder
hervorgehoben werden, daß es das Guerillagesetz ausdrücklich verbot, an Ausstoß aus unseren Reihen. Die Gemüter waren ziemlich erhitzt und das
einem Kameraden eine körperliche Züchtigung vorzunehmen und daß Lalo beeinflußte diese Abstimmung, bei der das Leben eines Menschen auf dem
Sardiñas nicht zum erstenmal gegen dieses Gesetz verstieß. Spiel stand. Durch das erregte Hin und Her der Meinungen wurden die Bedin-
Die Situation war äußerst schwierig. Kamerad Lalo Sardiñas war immer ein gungen für die Lösung des Falles schnell wieder entstellt. Einige gaben zwei-
erstklassiger Kämpfer gewesen, ein Mann, der stets für strikte Disziplin eintrat mal ihre Stimme ab, und wir mußten das Prozeßverfahren unterbrechen. Aufs
und der von hohem Opfermut beseelt war. Diejenigen, die sich hier so leiden- neue wurden die Möglichkeiten, die die Stimmberechtigten hatten, erläutert,
schaftlich für die Todesstrafe einsetzten, waren andererseits bei weitem nicht und jeder wurde aufgefordert, seine Entscheidung sofort bekanntzugeben. Ich
die besten Männer unserer Gruppe. wurde damit beauftragt, die abgegebenen Stimmen in einem kleinen Notiz-
Bis Anbruch der Dunkelheit hörten wir uns die Aussagen der Zeugen an. buch zu registrieren. Viele von uns hatten Lalo sehr gern; wir schätzten sein
Fidel nahm an dem Prozeß teil. Er war gegen ein Todesurteil, aber er hielt es Vergehen nicht gering ein, aber wir wollten, daß sein Leben verschont bliebe,
nicht für klug, eine entsprechende Entscheidung zu treffen, ohne die Meinung denn er gehörte zu den wertvollen Kadern der Revolution. Ich erinnere mich,
aller Kämpfer zu hören. Dann war vorgesehen, daß Fidel oder ich den Ange- wie Oniria, ein junges Mädchen, das sich uns angeschlossen hatte, mit gequäl-
klagten verteidigen sollten, der den Erörterungen teilnahmslos folgte, ohne die ter Stimme fragte, ob auch sie in ihrer Eigenschaft als Mitglied der Kampf-
geringste Spur von Furcht zu zeigen. Nach leidenschaftlichen Erklärungen, in gruppe ihre Stimme abgeben könne. Wir erlaubten es ihr, und nachdem alle
denen die Todesstrafe gefordert wurde, war die Reihe an mir, das Wort zu abgestimmt hatten, begannen wir mit der Auszählung. Ich notierte die Ergeb-
ergreifen, und ich ersuchte die Kameraden dringend, das Problem nicht auf nisse dieser seltsamen Abstimmung auf kleinen quadratischen Papierstück-
die leichte Schulter zu nehmen. Ich versuchte, ihnen auseinanderzusetzen, daß chen, ähnlich denen, die in medizinischen Labors benutzt werden. Sie ging
der Tod unseres Kameraden den speziellen Bedingungen unseres Kampfes äußerst knapp aus. Nach dem letzten Hinundherschwanken teilten sich die
zugeschrieben werden müßte, der Tatsache, daß wir uns im Krieg befanden Meinungen wie folgt: von 146 Guerilleros sprachen sich 70 für die Todesstra-
und daß es schließlich der Diktator Batista sei, der an allem die Schuld trage. fe aus; 76 plädierten für eine andere Art der Bestrafung. Lalo war gerettet.
Meine Worte konnten dieses feindselige Auditorium jedoch leider nicht Aber dies war nicht das Ende der Affäre. Am folgenden Tag gab eine
überzeugen. Gruppe von Männern, die gegen das Mehrheitsvotum waren, ihren Beschluß
Es war schon spät. Wir entzündeten mehrere Fackeln aus Pinienholz und bekannt, die Guerillabewegung zu verlassen. Unter ihnen waren viele nicht
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sehr vertrauenswürdig, aber auch einige wirklich gute Kämpfer. Paradoxer- Moral und Disziplin der revolutionären Kämpfer
weise waren Antonio Lopez, der Erste Leutnant der Disziplinarkommission,
und mehrere Angehörige seiner Abteilung unter den Unzufriedenen und Wir alle kennen die Beschaffenheit unserer Rebellenarmee, und gerade weil
verließen die Rebellenarmee. Einige Namen sind mir noch im Gedächtnis: ein wir mit ihr so vertraut sind, neigen wir dazu, die Errungenschaften unserer
gewisser Curro und Pardo Jiménez (ein Neffe eines Batista-Ministers, was ihn Emanzipation unterzubewerten, die mit dem Blut von zwanzigtausend Märty-
nicht gehindert hatte, sich unserem Kampf anzuschließen). Ich weiß nicht, rern und mit der gewaltigen Bewegung des Volkes errungen wurde. Tiefgrei-
was aus ihnen wurde. Zur selben Zeit verließen uns die drei Brüder Cañizares. fende Gründe haben diesen Triumph Wirklichkeit werden lassen. Mit ihrer
Ihr Schicksal war kaum ruhmreich zu nennen: einer von ihnen kam in der Politik, die auf die Unterdrückung der Volksmassen abzielte und die Privile-
Schweinebucht ums Leben, ein anderer wurde dort nach der mißglückten gien etablierte, Privilegien für die Lakaien des Regimes, für die parasitären
Invasion der Söldner gefangengenommen. Diese Männer, die den Mehr- latifundistas und die Geschäftsleute, für die ausländischen Monopole - hatte
heitsbeschluß nicht respektiert und sich von unserem Kampf losgesagt hatten, die Diktatur den notwendigen Gärungsstoff geliefert. Als dann der Konflikt
stellten sich in der Folge in den Dienst des Feindes, und als Verräter kehrten ausgebrochen war, wurde der Widerstand des Volkes durch die repressiven
sie zurück, um auf dem Boden unseres Landes zu kämpfen. Maßnahmen des Regimes und seine Brutalität keineswegs vermindert, son-
Das politische Bewußtsein unserer Führer und Kämpfer vertiefte sich. Die dern im Gegenteil noch verstärkt. Durch die Demoralisierung und die Scham-
besten unter uns waren zutiefst von der Notwendigkeit einer Bodenreform und losigkeit der Militärkaste wurde die Aufgabe erleichtert. Auch das zerklüftete
einer Veränderung des gesellschaftlichen Systems überzeugt, denn ohne diese Terrain und die Unzugänglichkeit des Gebirges in der Provinz Oriente und die
Maßnahmen konnte das Land niemals gesunden. Aber sie mußten stets jene taktische Unfähigkeit unseres Feindes trugen ihren Teil bei. Aber dieser Krieg
hinter sich herziehen, die sich unserem Kampf allein aus Abenteuerlust oder wurde vom Volk gewonnen, und zwar durch die Aktion seiner bewaffneten,
in der Hoffnung anschlossen, nicht nur Ruhm zu ernten, sondern auch wirt- kämpfenden Vorhut, der Rebellenarmee, deren grundlegende Waffen ihre
schaftliche Vorteile einzustecken. Moral und ihre Disziplin waren.
Andere Unzufriedene lösten sich ebenfalls von uns. Ihre Namen habe ich Disziplin und Moral sind die Grundlagen, auf denen die Stärke einer Ar-
vergessen, nur Roberto, der sich später eine mit Lügen vollgepfropfte langat- mee, wie immer sie sich auch zusammensetzen mag, beruht. Wir wollen
mige Geschichte ausdachte, ist mir in Erinnerung geblieben. Conte Agüero einmal beide Begriffe untersuchen. Die Moral einer jeden Armee hat zwei
verlor an Gesicht, indem er sie in der Zeitschrift Bohemia veröffentlichte. Aspekte, die einander ergänzen: einmal im ethischen Sinn des Wortes und
Lalo Sardiñas wurde aus unseren Reihen ausgestoßen und dazu verurteilt, sich zum anderen im heroischen Sinn. Jede bewaffnete Einheit muß beide Arten
zu rehabilitieren, indem er als einfacher Soldat gegen den Feind kämpfte. von Moral besitzen, wenn sie es zu höchster Leistung bringen will.
Joaquín de la Rosa, einer unserer Leutnants und Laos Onkel, beschloß, ihn zu Die ethische Moral hat sich im Laufe der Zeit im Einklang mit den vorherr-
begleiten. Als Ersatz für Hauptmann Sardiñas gab mir Fidel einen seiner schenden Ideen einer gegebenen Gesellschaftsform verändert. In der feudalen
besten Kämpfer, Camilo Cienfuegos, der zum Hauptmann befördert und in Gesellschaft war es eine korrekte Handlung, wenn man Häuser plünderte und
unserer Vorhut eingesetzt wurde. alle Gegenstände von Wert mit sich nahm; aber moralische Bindungen wären
Wir mußten, ohne einen Augenblick zu verlieren, aufbrechen, denn es galt, verletzt worden, hätte man zum Beispiel Frauen als Zeichen des Sieges mit
eine Gruppe von Banditen auszuschalten, die unsere Revolution als Tarnung sich fortgeschleppt. Jede Armee, die sich in der Regel so verhielt, hätte die
benutzten und Verbrechen dort verübten, wo wir unseren Kampf begonnen Wertmaßstäbe dieser Epoche nicht eingehalten. Vor jener Epoche wurden die
hatten, und ebenso im Abschnitt Caracas und in Lomón. Camilos erste Aufga- Frauen der Eroberten jedoch Leibeigene der Eroberer.
be in unserer Kampfgruppe war es, in Eilmärschen vorzurücken und alle diese Alle Armeen müssen ihre ethische Moral hochhalten, denn sie ist ein we-
unerwünschten Elemente gefangenzunehmen, denen dann der Prozeß gemacht sentliches Element der Struktur einer Truppe, ein Faktor des Kampfes und
werden sollte. trägt dazu bei, einen Soldaten härter zu machen.
Moral im heroischen Sinne des Wortes ist gleichbedeutend mit jenem
kämpferischen Elan, jenem Glauben an den endgültigen Sieg und an die
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Gerechtigkeit der eigenen Sache, die den Soldaten dazu befähigen, die außer- kämpfen? Soll man kämpfen, damit dem Soldaten ein gewisser einträglicher
gewöhnlichsten Heldentaten zu begehen. privater Posten erhalten bleibt? Soll man für das Recht auf Ausplünderung,
Die französischen maquisards nahmen ihren - scheinbar hoffnungslosen - auf Diebstahl in Uniform kämpfen? Für solche Rechte werden Menschen nur
Kampf unter den schwierigsten Bedingungen auf, und sie befanden sich in bis zu einem gewissen Punkt kämpfen: bis man nämlich ihr Leben von ihnen
einer äußerst unglücklichen Lage. Aber die Überzeugung, mit der sie für eine fordert.
gerechte Sache kämpften, und die Entrüstung, die die Bestialitäten und Ihnen steht eine Armee mit einer ungeheuren ethischen Moral gegenüber,
Verbrechen der Nazis in ihnen auslösten, ließen sie bis zum Sieg durchhalten. mit einer nicht existenten äußeren, aber einer unerschütterlichen inneren
Sie besaßen Kampfmoral. Disziplin, die aus Überzeugung entstanden ist. Der Rebellensoldat rührte
Die jugoslawischen Partisanen, deren Land von einer fünfzigfach überlege- keinen Alkohol an; er tat dies nicht, weil sein vorgesetzter Offizier ihn im
nen Macht besetzt gehalten wurde, warfen sich in den Kampf und hielten, gegenteiligen Fall bestrafen würde, sondern weil er wußte, daß er nicht trin-
ohne jemals zu schwanken, durch, bis sie gesiegt hatten. Auch sie besaßen ken sollte, weil seine Moral ihm Abstinenz auferlegte, und diese Moral wurde
Kampfmoral. von seiner, von der Armee eingeimpften inneren Disziplin gefestigt. Er hatte
Die Verteidiger von Stalingrad, deren Kräfte dem Feind um ein Vielfaches sich dieser Armee einfach deshalb angeschlossen, um zu kämpfen, weil er
unterlegen waren, widerstanden - mit dem Fluß im Rücken - der langen, begriffen hatte, daß es seine Pflicht sei, sein Leben für eine Sache hinzugeben.
überwältigenden Offensive. Sie verteidigten jeden Hügel und jedes Graben- Die Moral hob sich, und die Disziplin wurde straffer; unsere Armee wurde
stück, jedes Haus und jedes Zimmer, jede Straße und jeden Bürgersteig der unbesiegbar. Aber der Friede, das Produkt des Sieges, brach an, und damit
Stadt, bis die Sowjetarmee in der Lage war, eine Gegenoffensive zu starten kam es zu dem großen Zusammenstoß zwischen zwei Konzeptionen und zwei
und einen gewaltigen Kessel zu schließen, bis sie den Angreifer überwältigen, Organisationen: der alten Organisationsform, die sich auf äußere, mechani-
ihn vernichten oder gefangennehmen konnte. Sie besaßen Kampfmoral. sche Disziplin gründete, die in ein starres Muster gepreßt war, und der neuen,
Und wenn wir ein weiter zurückliegendes Beispiel nehmen wollen, so der eine innere Disziplin ohne vorher festgelegtes Muster zugrunde lag. Aus
schlugen die Verteidiger von Verdun eine Offensive nach der anderen zurück diesem Zusammenstoß erwuchsen die Schwierigkeiten hinsichtlich der letzt-
und geboten einer Armee Einhalt, die ihnen an Zahl und Bewaffnung um ein lich gültigen Struktur unserer Armee, die uns allen vertraut sind. Heute,
Vielfaches überlegen war. Sie besaßen Kampfmoral. nachdem wir das Problem analysiert und begriffen haben, ist diese Frage
Auch die Rebellenarmee auf den Schlachtfeldern der Sierras und der Llanos gelöst. Wir versuchen, unseren Rebellenstreitkräften jenes Minimum notwen-
besaß Kampfmoral. Und gerade sie fehlte der Söldnerarmee bei ihrer Kon- diger mechanischer Disziplin beizubringen, das für ein harmonisches Funk-
frontation mit der Flut der Guerilleros. Wir spürten wirklich den Sinn der tionieren großer Einheiten erforderlich ist, und ein Maximum an innerer
eindringlichen Worte unserer Nationalhymne: «Für das Vaterland zu sterben, Disziplin, die sich aus dem Studium und der Erkenntnis unserer revolutionä-
heißt, zu leben!» Auch die Söldner kannten diese Worte, aber sie empfanden ren Pflichten ergibt. Obgleich Verstöße bestraft werden, kann sich Disziplin
sie nicht stark genug. Das Gefühl, einerseits für eine gerechte Sache einzuste- heute wie gestern nicht allein nur aus einem äußerlichen Mechanismus erge-
hen und andererseits nicht zu wissen, wofür man eigentlich kämpft - das schuf ben, sondern sie muß aus einem inneren Verlangen entstehen, alle bisherigen
den großen Unterschied zwischen den Soldaten beider Lager. Fehler zu überwinden. Wie ist dies zu erreichen? Diese Aufgabe erfordert
Es gibt eine Verbindung, die diese beiden Arten von Moral, die ethische Geduld von den revolutionären Instruktoren, wenn sie der großen Masse
und die kämpferische, zu einer harmonischen Einheit verknüpft, und das ist unserer Armee die hohen nationalen Ziele darlegen und erläutern.
die Disziplin. Es gibt verschiedene Formen der Disziplin, aber grundsätzlich Wie in allen anderen Armeen müssen auch die Angehörigen unserer Streit-
eine äußere und eine innere. Militaristische Regimes streben ständig nur die kräfte ihre vorgesetzten Offiziere achten, Befehle auf der Stelle ausführen und
erstere an. Auch in dieser Hinsicht war der Unterschied zwischen den beiden unermüdlich ihren Dienst verrichten, auf welchen Posten sie auch gestellt
Armeen festzustellen: die Armee der Diktatur übte ihre Moral, ihre Kasernen- werden mögen. Aber sie müssen sich auch als Sozialforscher und als Richter
hof-Disziplin, äußerlich, mechanisch und ohne innere Disziplin, wodurch aber betätigen. Als Sozialforscher befähigt sie ihr Kontakt mit dem Volk, die
die Kampfmoral des Soldaten automatisch verringert wird. Wofür und für wen vorherrschende Stimmung in der Bevölkerung zu erkunden, die sie dann zu
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konstruktiven Zwecken nach oben weitermelden können. Als Richter haben Kampf gegen das Banditentum
sie die Pflicht, jeden Mißbrauch innerhalb und außerhalb der Armee an den
Pranger zu stellen und somit dabei zu helfen, sie abzustellen. Diese vielfältige Die Bedingungen in der Sierra erlaubten es uns, in einem ziemlich ausge-
Aufgabe der Rebellenarmee stellt den Wert der inneren Disziplin unter Be- dehnten Gebiet ungehindert zu leben. Die Regierungsstreitkräfte hatten kaum
weis, deren Ziel es ist, den einzelnen Menschen zu vervollkommnen. Genauso je ein Stück der Sierra ständig besetzt gehalten; viele Teile hatten sie über-
wie damals in der Sierra muß der Rebellensoldat auch heute den Alkohol haupt nie betreten. Aber unser Regierungssystem war nicht straff genug
meiden, nicht etwa, weil er von den Disziplinarstellen eine Bestrafung zu organisiert und wurde auch nicht streng genug gehandhabt, als daß wir jenen
erwarten haben könnte, sondern einfach deshalb, weil die Sache, für die wir marodierenden Banden hätten Einhalt gebieten können, die - unter dem Vor-
eintreten - die Sache der Armen und überhaupt aller Menschen -, dies von uns wand revolutionärer Betätigung - plünderten und Banditenüberfälle wie eine
erfordert. Dann bleibt der Geist eines jeden Soldaten wach, sein Körper be- Unzahl anderer Verbrechen verübten.
weglich, und er wird eine hohe Moral besitzen. Stets muß der Rebellensoldat Außerdem waren die politischen Bedingungen in der Sierra immer noch
eingedenk dessen sein, daß sich heute wie in der Vergangenheit alle Augen ziemlich ungeklärt. Die Politisierung der Bevölkerung war nach wie vor ober-
auf ihn richten und daß sich das Volk an ihm ein Beispiel nimmt. flächlich, und die Tatsache, daß sich eine drohende feindliche Armee in
Es gibt keine starke Armee und es kann keine geben, wenn die Mehrheit unmittelbarer Nachbarschaft aufhielt, machte alle unsere Anstrengungen,
der Bevölkerung nicht von der gewaltigen moralischen Stärke überzeugt ist, diesen schwachen Punkt zu beseitigen, nutzlos.
die wir heute besitzen. Unsere bewaffnete Stärke beschränkt sich indessen Wieder einmal zog der Feind die Schrauben fester an. Verschiedene Anzei-
nicht nur auf die, die eine Uniform tragen; das ganze Volk ist mit uns, und so chen deuteten darauf hin, daß er beabsichtigte, in die Sierra einzumarschieren.
muß es auch sein. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß es das Volk - die Arbei- Das genügte, die Bewohner des betreffenden Bezirks in Panik zu versetzen.
ter, Bauern, Studenten und Geistesarbeiter - als eine Ehre ansieht, die Waffe Die Zaghaftesten unter ihnen ruhten nicht, bis sie eine Möglichkeit gefunden
in die Hand zu nehmen, mit der es im gegebenen Fall an der Seite jener kämp- hatten, der gefürchteten Invasion zu entgehen, zu der sich die Mordbanden der
fen kann, die die Uniform der Streitkräfte tragen. Diktatur anschickten. Sánchez Mosquera hatte sein Hauptquartier in dem
Wir müssen also für die zivile Bevölkerung eine Art Steuermann sein. Viel Flecken Las Minas de Bueycito aufgeschlagen, und es wurde offensichtlich,
schwieriger als der Kampf selber, viel schwieriger als die Arbeit für den daß ein neuer Einfall bevorstand.
friedlichen nationalen Aufbau ist es, zu jeder Zeit die notwendige Richtung Trotz dieser Bedrohung machten wir uns im El Hombrito-Tal an die Arbeit,
beizubehalten, ohne auch nur einen Zentimeter von ihr abzuweichen. Wenn wo wir die Grundlagen für ein freies Territorium legten. Wir errichteten ein
unsere Streitkräfte genügend Zusammenhalt besitzen, wenn zu unserer Backhaus und schufen so in jenem trostlosen Teil der Sierra sogar die ersten
Kampfmoral eine hohe ethische Moral tritt und innere wie äußere Disziplin Anfänge einer Industrialisierung. In diesem Abschnitt von El Hombrito gab es
als eine unerläßliche Ergänzung vorhanden sind, dann werden wir die feste ein Lager, das als eine Art Durchgangsstation zu den Guerillastreitkräften
und dauerhafte Grundlage für die große Armee der Zukunft, für das kubani- diente. Junge Männer, die sich uns anschließen wollten, trafen dort in Grup-
sche Volk, geschaffen haben. pen ein; sie wurden einigen Bauern unterstellt, die zu uns gehörten und zu
denen wir volles Vertrauen hatten. Ihr Führer Aristidio gehörte unserer
Kampfgruppe noch nicht lange an; er hatte sich ihr erst ein paar Tage vor der
Schlacht von El Uvero angeschlossen. Aber das Gefecht fand damals ohne ihn
statt, denn er hatte sich bei einem Sturz eine Rippe gebrochen. Zudem zeigte
er nach dem Unglücksfall auch keinerlei Neigung, den Kampf fortzusetzen.
Aristidio war das typische Beispiel eines Bauern, der sich der Revolution
angeschlossen hatte, ohne irgendeine klare Vorstellung von ihrer Bedeutung
zu haben. Er verkaufte seinen Revolver für ein paar Peso, denn seine Privat-
einschätzung der Situation hatte ihn zu der Überzeugung gebracht, daß es
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vorteilhafter wäre, abzuwarten, nach welcher Richtung sich der Wind dreht. worden waren, das Chang ihnen vorgegaukelt hatte.
Dann sagte er jedem, der es hören wollte, immer wieder, daß er nicht so Die meisten von ihnen wurden freigesprochen. Bei dreien beschlossen wir
verrückt sei, sich in aller Ruhe in seinem Dorf gefangennehmen zu lassen, jedoch, ein symbolisches Exempel zu statuieren, das sie bestimmt zum Nach-
wenn die Guerilleros das Gebiet verlassen hätten, und daß er mit den Regie- denken bringen würde.
rungsstreitkräften Kontakt aufnehmen wolle. Solche Äußerungen wurden mir Chang und der Bauer, der sich die Vergewaltigung zuschulden kommen
von verschiedener Seite zugetragen. Die Revolution erlebte damals schwere ließ, wurden im Wald an einen Baum gebunden und hingerichtet. Sie waren
Zeiten; kraft der Rechte, die mir als Befehlshaber des Abschnitts verliehen äußerst gefaßt. Der erste der Delinquenten blickte, seine großen Augen weit
worden waren, ordnete ich eine Untersuchung an, die sehr summarisch durch- aufgerissen, in die Gewehrmündung und rief laut aus: «Viva la revolución!»
geführt wurde, und Aristidio wurde hingerichtet. Chang sah dem Tod völlig gelassen entgegen, bat jedoch darum, daß ihm
Heute könnten wir uns fragen: war dieser Mann wirklich so schuldig, daß Pater Sardiñas die Letzte Ölung mit auf den Weg geben möge. Wir konnten
er den Tod verdiente, oder wäre es möglich gewesen, ein Menschenleben zu ihm seinen Wunsch jedoch nicht erfüllen, da sich der Pater zu diesem Zeit-
retten, das dann von der Revolution in ihrer Aufbauphase hätte eingesetzt punkt nicht in der Nähe unseres Lagers aufhielt. Chang bat uns dann, ewige
werden können? Der Krieg ist eine harte Angelegenheit, und zu einer Zeit, da Zeugen seines letzten Gebets zu sein, so, als ob eine derartige öffentliche
die Aggressivität des Feindes zunimmt, muß man sogar dann einschreiten, Zeugenaussage ihm im Jenseits als mildernde Umstände angerechnet werden
wenn man einen Verrat nur vermutet. Vielleicht hätte Aristidio seine Haut könnte.
retten können, wenn sich der Vorfall einige Monate früher zugetragen hätte, Dann nahmen wir die symbolische Hinrichtung der drei jugendlichen Mit-
als die Guerillabewegung noch nicht auf festen Füßen stand, oder einige glieder der Bande vor. Sie waren tief in die zweifelhaften Taten Changs
Monate später, als wir weit sicherer im Sattel saßen. Aber er hatte das Pech, verstrickt, aber Fidel war der Ansicht, daß man ihnen eine Chance geben
daß er gerade dann auf die andere Seite überging, als wir stark genug waren, sollte. Wir verbanden ihnen die Augen und ließen sie die Qual einer vorge-
einen solchen Verstoß unbarmherzig zu bestrafen, aber dennoch nicht stark täuschten Exekution durchleben. Drei Schüsse wurden in die Luft abgegeben,
genug, irgendeine andere Strafe zu verhängen, denn wir hatten kein Gefängnis und dann erkannten die Jungen, daß sie noch lebten. Einer von ihnen warf sich
oder sonstige Einrichtungen, die zur Abbüßung irgendeiner anderen Strafe ge- auf mich und gab mir in einer spontanen Geste von Glück und Dankbarkeit
eignet waren. einen schallenden Kuß, als ob ich sein Vater sei.
Unsere Kampfgruppe verließ dieses Gebiet nun für eine Zeit und wandte Bei diesen Ereignissen hatten wir einen Augenzeugen, den CIA-Agenten
sich nach Los Cocos am Magdalena-Fluß, wo wir wieder mit Fidel zusam- Andrew St. George. Seine in der Zeitschrift Look veröffentlichte Reportage
mentreffen und eine Bande gefangennehmen sollten, die unter der Führung galt in den USA als die sensationellste des Jahres und brachte dem Verfasser
von El Chino Chang das Gebiet von Caracas verwüstete. Camilo, der mit der einen Preis ein.
Vorhut vorausgegangen war, hatte bereits einige Gefangene gemacht, ehe wir Rückblickend könnten diese in der Sierra angewandten Methoden barba-
an Ort und Stelle eintrafen. Die Säuberungsaktion dauerte etwa zehn Tage. risch erscheinen. Tatsache aber ist, daß in jener Periode für diese Männer
Dort geschah es, daß der berüchtigte Chang, der Anführer der Bande, in einer keine andere Form der Strafe möglich war; es trifft zu, daß sie zwar nicht
Bauernhütte vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt wurde. Auf seinen gleich den Tod verdienten, aber sie hatten eine Reihe schwerer Straftaten auf
Befehl waren Bauern gefoltert, andere ermordet worden. Er hatte in dem dem Gewissen. Die drei schlossen sich der Rebellenarmee an. Einer blieb
Bezirk Angst und Schrecken gesät, während er den Namen der Revolution lange Zeit in meiner Kampfgruppe. (Von den beiden anderen hörte ich später,
usurpierte und sich ihr Eigentum widerrechtlich aneignete. Zur selben Zeit daß sie sich in der aufrührerischen Periode glänzend geschlagen hatten.)
wurde ein Bauer zum Tode verurteilt, der, während er auf seine Autorität als Wann auch immer im Gespräch mit anderen Soldaten das Thema auf die
«Kurier» der Rebellenarmee pochte, ein junges Mädchen vergewaltigt hatte. verschiedenen Episoden des Krieges kam und ein Kamerad irgendeine seiner
In der Folge stellten wir eine ganze Reihe von Mitgliedern der Bande vor Geschichten in Zweifel zog, sagte er stets mit Nachdruck: «Aber es stimmt.
Gericht, die aus Halbwüchsigen aus den Städten und aus Bauern bestand, die Ich habe nie Angst vor dem Tod gehabt. Che ist mein Zeuge.»
von den Aussichten auf ein sorgloses verschwenderisches Leben verführt Zwei oder drei Tage später nahmen wir eine andere Gruppe gefangen. Die
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Hinrichtung ihrer Mitglieder war für uns besonders schmerzlich. Unter ihnen sönlichkeit; ich hatte ihn in schweren Stunden gut gekannt, als ich krank und
war ein guajiro namens Dionisio und sein Schwager Juan Lebrigio; sie gehör- nur von ihm begleitet ziellos durch die Berge wanderte. Er hatte uns schon
ten zu den allerersten, die unserer Guerillatruppe geholfen hatten. Dionisio bald verlassen, indem er irgendeine Krankheit als Vorwand benutzte, und er
hatte bei der Entlarvung des Verräters Eutimio Guerra eine wesentliche Rolle kam danach in einem ausschweifenden Leben zu Fall. Eine seiner größten
gespielt und uns in einem der schwierigsten Augenblicke der Revolution auf Heldentaten war es gewesen, sich als «Dr. Guevara» auszugeben und zu
großzügige Weise unterstützt. Später hatte er, wie sein Schwager auch, unser versuchen, ein kleines Bauernmädchen zu vergewaltigen, das bei ihm ärztli-
Vertrauen jedoch aufs schwerste mißbraucht. Er hatte sich für seine persönli- che Hilfe gesucht hatte. Sie alle, außer den beiden Spionen Masferrers, unter-
chen Zwecke alle Vorräte angeeignet, die uns von den städtischen Organi- strichen im Augenblick des Todes ihre Bindung an die Revolution. Ich war
sationen geschickt worden waren; er hatte mehrere Lager angelegt, wo er bei der Hinrichtung nicht dabei, aber Augenzeugen haben mir erzählt, wie
insgeheim Vieh schlachtete. Einmal auf diesen abschüssigen Pfad gekommen, Pater Sardiñas, der diesmal anwesend war, sich einem der Verurteilten näher-
hatte er sogar einen Mord begangen. te, ihm die letzten Segnungen der Kirche anbot und die Antwort erhielt:
Zu jener Zeit wurde in der Sierra der Reichtum eines Mannes vor allem an «Sehen Sie zu, Vater, ob jemand anderes für sie Verwendung hat; offen
der Zahl der Frauen gemessen, mit denen er zusammenlebte. Getreu dieser gesagt, das Zeug interessiert mich überhaupt nicht.»
Sitte hatte Dionisio, der sich für einen Pascha hielt, kraft der Machtbefu- Mit Männern wie diesen wurde die Revolution gemacht. Von Anfang an
gnisse, die ihm von der Revolution übertragen worden waren, drei Häuser mit hatten sie sich keiner Disziplin unterworfen; sie waren Einzelgänger, die
je einer Frau und genügend Nahrungsmitteln in Besitz genommen. Als Fidel damit endeten, daß sie sich angewöhnten, sich mit ihren kleinlichen persönli-
ihm wegen des Mißbrauchs unseres Vertrauens, seines Verrats und seines chen Angelegenheiten zu befassen, und die keinerlei Interesse daran hatten,
unmoralischen Verhaltens - hatte er nicht mit dem Geld des Volkes drei die gesellschaftliche Ordnung umzustürzen. Auch wenn die Revolution nur
Frauen unterhalten? - heftige Vorwürfe machte, verteidigte er sich während für ganz kurze Zeit oder nur geringfügig ihre Kontrolle lockerte, begingen sie
des Prozesses mit einem gut Teil bäuerlicher Naivität damit, es seien nicht Fehler, die sie erstaunlich leicht auf die Bahn des Verbrechens führten.
drei, sondern nur zwei Frauen gewesen, denn eine von den dreien wäre seine Dionisio und Juanito Lebrigio waren nicht schlechter als andere Zufallsde-
legitime Ehefrau (was ja auch stimmte!). linquenten, die die Revolution jedoch verschonte und die man heute in den
Bei diesem Verfahren wurden auch zwei der Spione Masferrers hingerich- Reihen unserer Armee antreffen kann. Aber jener Zeitpunkt erforderte eine
tet, die auf frischer Tat ertappt worden waren, sowie ein Junge namens Eche- eiserne Faust. Wir waren gezwungen, exemplarische Strafen zu verhängen,
verría, dem Sondermissionen in der Bewegung zugeteilt worden waren. Die damit den Verletzungen der Disziplin Einhalt geboten und die Nester der
Familie Echeverría hatte der Rebellenarmee mehrere Kämpfer gestellt (einer Anarchie ausgerottet wurden, die in jenen Gebieten entstanden, denen eine
der Brüder hatte an der Granma-Expedition teilgenommen). Dieser Junge stabile Regierung fehlte.
hatte, während er unsere Ankunft erwartete, eine kleine bewaffnete Gruppe Echeverría hätte ein Held der Revolution, ein Aktivist und wie seine beiden
gebildet; dann aber erlag er wer weiß welcher Versuchung und begann damit, Brüder, die Offiziere der Rebellenarmee sind, ein Führer werden können, aber
im Guerillaterritorium bewaffnete Angriffe zu organisieren. Die letzten Minu- er hatte das Pech, sich in jener speziellen Epoche strafbar zu machen, und er
ten vor seinem Tod waren ergreifend. Er gab seine Fehler zu, aber er konnte mußte mit seinem Leben dafür zahlen. Ich habe gezögert, seinen Namen auf
sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß ihm der Tod durch Hin- diesen Seiten zu nennen, aber im Angesicht des Todes war seine Haltung so
richtung bevorstehe. Er flehte uns an, ihn im nächsten Gefecht sterben zu aufrecht und fest, verhielt er sich so sehr als Revolutionär, hat er so klar
lassen; er schwur, er werde dort den Tod suchen, er wolle nur seiner Familie anerkannt, daß die Strafe gerecht war, daß er durch sein Ende - wie es uns
die Entehrung ersparen. Als Echeverría (er trug den Spitznamen «der Schie- schien - erhöht wurde. Dieser Vorfall diente als Beispiel, und er hatte, so
lende») vom Tribunal zum Tode verurteilt war, schrieb er einen langen bewe- tragisch er auch war, doch insofern sein Gutes, als er anderen die Notwendig-
genden Brief an seine Mutter, in dem er erläuterte, daß seine Strafe gerecht keit klar vor Augen führte, unsere Revolution zu einer gesunden Sache zu
sei, und sie aufforderte, der Revolution treu zu bleiben. machen, die frei war von allen jenen Akten des Banditentums, die das Erbe
Der letzte der Delinquenten, genannt El Maestro, war eine schillernde Per- der Batista-Diktatur waren.
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In diesen Prozessen hatte sich zum erstenmal ein Mann in einen Fall einge- «Alten Dame Chana», wie wir sie nannten, zuteil wurden. Wir richteten dann
schaltet, der nach verschiedenen Streitigkeiten mit den Führern der ‹Bewe- in einer alten verlassenen bohío ein Backhaus ein, denn wir wollten den
gung des 26. Juli› in der Ebene bei uns in der Sierra Zuflucht gesucht hatte. feindlichen Flugzeugen kein Ziel bieten, indem wir ein neues Gebäude errich-
Nach der Revolution wurde er Landwirtschaftsminister; er behielt dieses Amt teten. Wir ließen eine gewaltige Fahne des 26. Juli anfertigen, die die Inschrift
bis zu dem Zeitpunkt, als das Gesetz über die Bodenreform unterzeichnet trug: «Ein glückliches 1958.» Wir pflanzten sie auf dem höchsten Plateau des
wurde. Dieser Mann war Sorí Marín. Er wollte sich mit diesem Gesetz nicht El Hombrito-Tales auf, in der Hoffnung, daß man sie aus großer Entfernung,
identifizieren, und deshalb setzten andere ihre Unterschrift darunter. sogar in Las Minas de Bueycito erkennen konnte. In der Zwischenzeit zogen
Als wir unsere schmerzliche Pflicht erfüllt und überall dort Ruhe und mora- wir kreuz und quer durch unser Gebiet, verstärkten unsere Autorität, ließen
lische Ordnung hergestellt hatten, wo sich die Rebellenarmee anschickte, die uns überall sehen und trafen konkrete Anordnungen. Gleichzeitig legten wir
Verwaltung auszuüben, schlugen wir den Weg zurück nach El Hombrito ein. Verteidigungsstellungen an den Zugangsstraßen an, die der Feind wahrschein-
Unsere Kampfgruppe wurde in drei Züge aufgeteilt: Camilo Cienfuegos führte lich benutzen würde, und bereiteten uns damit darauf vor, daß wir einem
zusammen mit den vier Leutnants Orestes, Boldo, Leyva und Noda die Vor- Einfall von Sánchez Mosquera und seinen Truppen zu jeder Stunde begegnen
hut. Der zweite Zug stand unter dem Befehl von Hauptmann Raúl Castro konnten.
Mercader und den Leutnants Alfonso Zayas, Orlando Pupo und Pablo Vabre-
ra. Ramiro Valdés stand zusammen mit Leutnant Joel Iglesias an der Spitze
unseres kleinen Generalstabs. Joel war noch nicht einmal siebzehn, aber er
befehligte Männer, die älter als dreißig Jahre waren; er sprach sie respektvoll
mit «usted»191 an, wenn er ihnen Befehle erteilte, und sie nannten ihn «tu»20-,
befolgten aber diszipliniert seine Anweisungen. Der Zug, der die Nachhut
bildete, wurde von Ciro Rodríguez geführt; ihm zur Seite standen Vilo Acuña,
Felix Reyes, William Rodríguez und Carlos Mas.
Gegen Ende Oktober 1957 richteten wir uns wieder in El Hombrito ein.
Wir mußten damals die Grundlage für die Verteidigung des von uns kontrol-
lierten Territoriums legen. Mit Hilfe zweier Studenten, die vor kurzem aus
Havanna eingetroffen waren - einem künftigen Ingenieur und einem künftigen
Veterinär -, arbeiteten wir Pläne für ein Miniatur-Wasserkraftwerk aus, das
wir am kleinen El Hombrito-Fluß errichten wollten. Wir begannen auch mit
der Herausgabe unserer mambi21 Zeitung, El Cubano Libre. Aus der Llano
hatten wir einen alten, aber dennoch kostbaren Vervielfältigungsapparat
erhalten. Mit seiner Hilfe veröffentlichten wir die ersten Ausgaben der Zei-
tung; für Redaktion und Druck waren die beiden Studenten Leonel Rodríguez
und Ricardito Medina verantwortlich.
So begannen war, unser Leben in diesem seßhaften Stadium einzurichten.
Es gelang uns dank der Mithilfe und des reichlichen Schutzes, die uns von den
Bewohnern des Tales und insbesondere von unserer prächtigen Freundin, der

19
Deutsch: «Sie» als Anrede.
20
Deutsch: «du».
21
So wurden die Unabhängigkeitskämpfer genannt, die im 19. Jahrhundert (1868-1878,1895) gegen die
spanische Herrschaft kämpften. Sie gaben eine Zeitung mit dem Titel El Cubano Libre heraus.
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Altos de Conrado Opfer war nach dem detaillierten Bericht, den wir erhielten, ein großer fetter
Sergeant, der mit einem 45er Revolver bewaffnet war und eine berittene
Die Tage, die dem Gefecht von Mar Verde folgten, waren mit intensiver Kolonne anführte. Leutnant Enrique Noda und ein anderer Kämpfer, der El
Geschäftigkeit erfüllt. Wir wußten sehr gut, daß wir noch nicht genügend Mexicano genannt wurde, hatten mit ihren Garands aus kurzer Entfernung auf
Kampfkraft besaßen, um es ständig auf ein Gefecht ankommen lassen, um den ihn gefeuert, und ihre Beschreibungen des Mannes deckten sich. Aber
Feind mit Aussicht auf Erfolg einschließen oder Frontalangriffen Widerstand Sánchez Mosqueras Truppen hatten unseren Rückzug erzwungen.
leisten zu können. Deshalb blieben wir in der Defensive, während wir im Tal Zwei Wochen später kam ein Bauer namens Brito zu mir, um mir für unse-
von El Hombrito unsere Vorsichtsmaßnahmen verdoppelten. Dieses Tal liegt re Großmut zu danken; er war vom Feind gezwungen worden, an der Spitze
wenige Kilometer von Mar Verde entfernt; will man es erreichen, muß man der Kolonne zu gehen, und er hatte ganz eindeutig gesehen, wie unsere Jungen
der Straße folgen, die hinauf nach Santa Ana führt und den Guayabo, einen so taten, als zielten sie auf ihn. Von ihm erfuhr ich auch, daß es an jener Stelle
kleinen Gebirgsfluß, überquert. Man kann aber auch nach El Hombrito gelan- keine Opfer gegeben hatte, dafür allerdings einige bei Altos de Conrado.
gen, indem man am Guayabo entlang nach Süden marschiert, den Botella- Der Platz, den wir besetzt hielten, war mit unseren kärglichen Hilfsmitteln
Berg hinter sich läßt und dann die Straße einschlägt, die aus Richtung Mina so schwer zu verteidigen, daß wir gar nicht erst darangegangen waren, Gräben
del Frío kommt. auszuheben, die diesen Namen auch verdienten. Es waren nur noch die alten
Wir stellten sicher, daß alle diese Zugangspunkte in gutem Verteidi- Stellungen vorhanden, die seinerzeit angelegt worden waren, den Zugang von
gungszustand waren. Wir mußten auch für eine ständige Wache sorgen, um zu Minas de Bueycito her zu sperren. Außerdem gefährdete der Feind beim
verhindern, daß der Feind direkt durch die Wälder kam und uns dann in einem Vormarsch auf der Straße unsere Hinterhalte so sehr, daß wir den Rückzug
Überraschungsangriff von der Höhe aus überfiel. befahlen. So blieben nur in diesem Gebiet gelegentlich Bauern zurück, die
Wir hatten unsere unhandlichsten Ausrüstungsgegenstände in den Ab- entschlossen waren, sich der Ausplünderung durch die Guardia Rural zu
schnitt La Mesa, in das Haus von Polo Torres, gebracht. Auch unsere Ver- widersetzen, oder die vielleicht insgeheim mit dem Feind in Verbindung
wundeten hielten sich dort auf; unter ihnen war Joel Iglesias, der als einziger standen.
wegen einer Beinwunde nicht laufen konnte. Langsam zogen wir uns auf den Weg zurück, der nach Altos de Conrado
Sánchez Mosqueras Truppen waren bei Santa Ana stationiert; andere geg- führt, was nichts weiter ist, als ein kleiner Berg in der Sierra Maestra, auf dem
nerische Einheiten hatten mit unbekanntem Bestimmungsort die California- ein guarijo namens Conrado lebte. Dieser Kamerad war Mitglied der PSP22; er
Straße eingeschlagen. hatte von Anfang an mit uns im Kontakt gestanden und hatte uns viele Dienste
Vier oder fünf Tage nach dem Zusammenstoß von Mar Verde wurde Ge- geleistet. Er hatte seine Familie fortgeschickt, und sein Haus lag ganz einsam.
fechtsalarm gegeben. Sánchez Mosqueras Truppen rückten auf dem üblichen Als Versteck oder Ausgangspunkt für Hinterhalte also ein idealer Platz! Nur
Wege vor, auf der Straße, die direkt von Santa Ana nach El Hombrito führt. drei schmale Pfade führten hinauf; sie wanden sich, durch das tropische Blatt-
Unverzüglich warnten wir unsere Leute, die einen Hinterhalt vorbereitet werk perfekt getarnt, durch die hügeligen Wälder. Die Höhe des Berges war
hatten, und sie überprüften ihre Minen. Diese ersten von uns selbst hergestell- durch Felsen und schwindelerregende Klippen geschützt, die emporzusteigen
ten Minen hatten einen primitiven Auslösemechanismus. Er bestand aus einer äußerst gefährlich war.
Sprungfeder und aus einem Bolzen, der bei der Auslösung von der Feder An einer kleinen Lichtung mit gefällten Bäumen erweiterte sich der Weg.
vorwärtsgeschnellt wurde und auf den Zünder aufschlug. Ich muß hier erwäh- Dies war der richtige Platz, an dem man den Angriffen Sánchez Mosqueras
nen, daß diese Minen im Gefecht von Mar Verde nicht funktioniert und daß Widerstand leisten konnte! Am ersten Tag legten wir im Herd einer kleinen
wir auch diesmal mit ihnen nicht mehr Glück hatten. Hütte zwei Bomben, die wir zusammen mit den Zündschnüren versteckten.
Ein paar Augenblicke später waren auf unserem Kommandostand Schüsse Das war die einfachste Falle, die man sich vorstellen konnte. Wenn wir uns
zu hören; jemand meldete uns, daß die Minen nicht hochgegangen seien und zurückzogen, würde der Feind wahrscheinlich die Hütte besetzen und im Herd
daß der Feind in voller Stärke anrücke; deshalb hätten sich unsere Leute
zurückgezogen, den Feinden vorher aber einige Verluste zugefügt. Ihr erstes 22
Partido Socialista Popular, damals die Bezeichnung der Kommunistischen Partei.
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Feuer anmachen. Die beiden Sprengkörper waren vollständig von der Asche beiging und angestrengt nach vorn blickte, würde er aus weniger als einem
bedeckt. Wir gingen davon aus, daß die Zündschnüre durch die Hitze eines Meter Entfernung seine Maschinenpistole auf ihn abfeuern.
Feuers oder von Holzkohle in Brand gesetzt würden und eine Explosion Dann sollten die Scharfschützen in Aktion treten, die wir zu beiden Seiten
auslösten, die sicherlich zahlreiche Opfer fordern würde. Aber natürlich wäre im Buschwerk verborgen hatten. Vom Wegesrand her, etwa zehn Meter von
ein solcher Anschlag erst später von Nutzen. Zuerst müßten wir auf den Con- Camilo entfernt, sollten Leutnant Ibrahim und ein anderer ihm Deckung
radshöhen kämpfen. geben, indem sie direkt von vorn das Feuer eröffneten, so daß sich ihm nie-
Drei Tage warteten wir dort oben geduldig. Wir stellten Tag und Nacht mand nähern konnte, nachdem er den ersten der Soldaten niedergestreckt
Wachen aus. In solcher Höhe und in jener Jahreszeit waren die Nächte sehr hatte.
kalt und dunstig. Außerdem, das muß man zugeben, waren wir noch nicht Ich befand mich etwa zwanzig Meter entfernt, seitwärts hinter einem
abgehärtet genug, eine ganze Nacht in Gefechtsbereitschaft unter freiem Baumstamm, der mich zur Hälfte verdeckte. Ich zielte auf den Zugang zu dem
Himmel zu verbringen. Weg, auf dem die Soldaten herankamen. Mehrere von uns konnten sie nicht
Auf dem Vervielfältigungsapparat, auf dem wir unsere Zeitung El Cubano von Anfang an beobachten, denn wir befanden uns in einer exponierten Stel-
Libre herstellten (die erste Ausgabe war gerade ein paar Tage zuvor erschie- lung, in der wir leicht entdeckt werden konnten. Wir sollten Camilos Schüsse
nen), hatten wir Flugblätter für die Batista-Soldaten abgezogen. Wir wollten abwarten. Ich riskierte einen schnellen Blick und verletzte damit meinen
sie entlang dem Weg, den sie einschlagen würden, an den Bäumen anbringen. eigenen Befehl. Ich konnte in diesem Augenblick die Spannung, die einem
Am Morgen des 8. Dezember hörten wir von der Höhe unseres Felsens aus, Gefecht vorausgeht, fast körperlich spüren. Ich sah, wie der erste Soldat
wie die Soldaten mit dem Aufstieg begannen. Ihr Weg zog sich an der Straße auftauchte. Er schaute sich mißtrauisch um und ging langsam weiter. Tatsäch-
entlang in Windungen durch das Gelände und mündete etwa zweihundert oder lich roch dieser Platz - eine kleine Lichtung mit einer Quelle inmitten der
dreihundert Meter unter uns. üppigen Vegetation des tropischen Waldes - förmlich nach einem Hinterhalt.
Wir schickten Kamerad Luis Olazábal hinunter, damit er die Flugblätter Die Bäume, einige von ihnen gefällt, andere stehengeblieben und vom Feuer
anbringe; er hatte sich dafür freiwillig gemeldet. Wir hörten die erregten verkohlt, vermittelten einen Eindruck trostloser Verlassenheit. Ich ging wieder
Stimmen einer heftigen Auseinandersetzung; da ich mich auf vorgeschobenem in Deckung und wartete auf den Beginn des Gefechtes. Zunächst ertönten ein-
Posten befand, konnte ich ganz deutlich das Gebrüll verstehen, offensichtlich zelne Schüsse und dann erhob sich allgemeiner Gefechtslärm. Mir wurde klar,
war es ein Offizier, der mit einem vulgären Ausdruck jemand den Befehl daß nicht Camilo, sondern Ibrahim zuerst geschossen hatte, der infolge des
erteilte, weiterzugehen. Der andere, ein Soldat oder wer auch immer, weigerte Wartens die Nerven verloren hatte. Er hatte das Feuer vorzeitig eröffnet;
sich voller Wut. Plötzlich wurde es ruhig, und die Truppe setzte sich wieder in sofort darauf schoß es von allen Seiten, obgleich wir in Wirklichkeit von
Bewegung. keinem Übersichtspunkt aus irgend etwas entdecken konnten. Wir schossen
Wir konnten die Kolonne heranrücken sehen; sie kam in kleinen Gruppen, Einzelfeuer, und jeder Schuß hätte eigentlich gezielt und tödlich sein sollen;
von den Bäumen fast verdeckt. Nachdem ich sie einen Augenblick lang beo- die Soldateska feuerte wahllos und ging mit der Munition verschwenderisch
bachtet hatte, begann ich zu bezweifeln, ob es wirklich ratsam sei, wenn wir um. Vom Geräusch her konnten wir klar feststellen, auf welcher Seite gerade
ihnen durch unsere Flugblätter unseren Hinterhalt schon vorher bekanntgäben. geschossen wurde, denn der Gefechtslärm verschmolz nicht ineinander.
Ich rief Luis zu mir und sagte ihm, er solle sie wieder entfernen. Es blieben Höchstens fünf oder sechs Minuten später hörten wir über unseren Köpfen das
ihm dazu nur noch ein paar Sekunden Zeit, denn die ersten Soldaten kamen erste Pfeifen der Granatwerfergeschosse oder der Bazookas; aber es war zu
schon ziemlich zügig näher. weit gezielt, und die Einschläge lagen weit hinter uns.
Die Gefechtsvorbereitungen waren übermäßig einfach: wenn der Feind aus Plötzlich verspürte ich ein unangenehmes Gefühl, ähnlich einem Brennen
dem Wald heraustrat, würde wahrscheinlich ein einzelner Soldat zuerst ins oder dem Prickeln einer Betäubung. Ich war nur in den linken Fuß getroffen,
Blickfeld geraten, der von seinen Gefährten ziemlich abgeschnitten wäre. der durch den Baumstamm nicht geschützt gewesen war. Sofort schoß ich
Zumindest dieser Mann müßte fallen. Verborgen hinter einem großen Mastix- zurück (ich hatte mich wegen der größeren Treffsicherheit für ein Zielfern-
Baum, wartete Camilo auf diesen Augenblick; wenn der Soldat an ihm vor- rohr-Gewehr entschieden); in dem Augenblick, als ich getroffen wurde, hörte
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ich, wie Zweige auseinandergestoßen wurden. Einige Männer bewegten sich betreffenden Gebiet. Ich schrieb Fidel einen langen Brief, in dem ich ihm die
schnell in meine Richtung. Mein Gewehr hätte ich erst wieder laden müssen, Situation erläuterte.
und meine Pistole war mir, als ich mich auf den Boden warf, aus der Hand Ich schickte die von Ramiro Valdés befehligte Kolonne fort, damit sie sich
gefallen. Sie lag unter meinem Körper, aber ich konnte mich nicht aufrichten, mit den Truppen Fidels vereinigte. Tatsächlich breitete sich in unserer Truppe
denn sonst hätte ich mich direkt dem feindlichen Feuer ausgesetzt. Mit der eine Stimmung der Niederlage und der Furcht aus, und ich wollte mich hier
Schnelligkeit der Verzweiflung warf ich mich zurück, und es gelang mir, die mit möglichst wenig Männern festsetzen, um mir für unsere Verteidigung so
Pistole zu fassen. In diesem Moment sah ich, wie einer unserer Leute, der, den viel Beweglichkeit wie möglich zu bewahren. Camilo blieb an der Spitze der
wir Catinflas nannten, auf mich zukam. In diesen Sekunden der Gefahr und kleinen Verteidigungsgruppe.
der Schmerzen kam der arme Catinflas, um mir zu sagen, er ginge zurück, Am Morgen nach dem Gefecht war es in der Umgebung anscheinend so
weil mit seinem Gewehr irgend etwas nicht stimme. Ich riß es ihm aus der ruhig, daß wir Lien, einen unserer besten Kundschafter, ausschickten, damit er
Hand und sah nach, während er an meine Seite robbte. Das Gewehr hatte nur feststellte, was der Feind ausbrüte. So erfuhren wir, daß sich der Gegner mit
deshalb Ladehemmung, weil mit dem Abzug etwas nicht in Ordnung war. Ich Sack und Pack aus dem Abschnitt zurückgezogen hatte. Lien ging bis zu
gab es ihm mit der messerscharfen Diagnose: «Was mit dir los ist? Ein blöder Conrados Hütte, aber er entdeckte von den Soldaten keine Spur. Als Beweis
Ochse bist du», schußbereit zurück. Catinflas, der in Wirklichkeit Oñate hieß, für seine Suche brachte er uns sogar einen der Sprengkörper mit, die wir in
nahm sein Gewehr und warf sich in den Kampf. Er verließ die Deckung des der bohío verborgen hatten.
Baumstammes und eilte, sein Garand zu verschießen. Er wollte nun seinen Als die Zeit für eine Inspektion der Truppe gekommen war, stellten wir
Mut beweisen. Aber es gelang ihm nicht, denn er wurde von einer Kugel fest, daß Kamerad Guile Pardos Gewehr fehlte. Er hatte seine Waffe mit einer
getroffen, die in seinen linken Arm eindrang und am Schulterblatt heraustrat, anderen vertauscht und beim Rückzug hatte er nur die zweite mitgenommen
also eine, gelinde ausgedrückt, bizarre Bahn zurücklegte. Jetzt waren wir und die erste am Ort des Gefechts zurückgelassen. Das aber war eines der
beide verwundet und hatten keine Chance, uns unter dem Kugelregen zurück- schwersten Vergehen, das er begehen konnte. In solchen Fällen gab es eine
zuziehen. Da blieb nichts anderes übrig, als zu den Holzstämmen in der Nähe klare Regel: der Betreffende mußte sich, nur mit Handfeuerwaffen ausgerü-
der gefällten Bäume zu kriechen, und dann um sie herumzurobben, während stet, auf den Weg machen, um sein Gewehr aus den Händen des Feindes
wir keine Ahnung hatten, wo sich der Rest unserer Gruppe befand. Wir zurückzuholen oder ein anderes beschaffen. Niedergeschlagen zog Guile ab,
schafften es, aber Cantinflas wurde ohnmächtig. Trotz der Schmerzen konnte um dieser Verpflichtung nachzukommen. Aber er kehrte mehrere Stunden
ich mich nun freier bewegen, und ich erreichte die anderen und konnte sie um später mit einem Lächeln auf den Lippen und seinem eigenen Gewehr in der
Hilfe bitten. Hand zu uns zurück. Das Geheimnis klärte sich schließlich auf: die Armee
Wir wußten, daß es beim Gegner Tote gegeben hatte, aber wir wußten nicht hatte sich von dem Platz, an dem sie sich eingegraben hatte, um unseren
genau, wie viele. Wir, die einzigen Verwundeten bei uns, waren in Sicherheit, Angriff abzuwehren, überhaupt nicht fortbewegt. Jeder hatte sich auf seine
und so setzten wir uns in Richtung auf Polo Torres' Haus ab. Nachdem die Seite zurückgezogen. Das Gewehr war lediglich in einen Platzregen geraten,
ersten Augenblicke der Euphorie und der Erregung des Gefechts vorüber nichts weiter.
waren, spürte ich den Schmerz stärker, und das Gehen wurde unerträglich. Dies war für eine ganze Zeit der weiteste Punkt, bis zu dem die Armee in
Schließlich, auf halbem Weg, stieg ich auf ein Pferd und traf so in unserem die Sierra eindrang. Auf jeden Fall wagten sie sich in dieser speziellen Zone
Behelfslazarett ein. Cantinflas wurde mittlerweile auf unserer Feldtragbahre, nie über diesen Ort hinaus. Niedergebrannte Hütten - ein typisches Zeichen
in einer Hängematte, fortgeschafft. dafür, daß Sánchez Mosquera dagewesen war - das war alles, was von El
Die Schießerei hatte aufgehört. Es schien uns wahrscheinlich, daß der Feind Hombrito und anderen Dörfern übrigblieb. Unser Backhaus war gewissenhaft
die Conradshöhen eingenommen hatte. An einem Platz, den wir Pata de la zerstört worden. Inmitten der rauchenden Ruinen fanden wir nichts weiter als
Mesa (Tischbein) getauft hatten, stellten wir entlang einem kleinen Fluß einige Katzen und ein Schwein; sie waren der zerstörerischen Wut der Ein-
Wachen aus, um den Vormarsch des Feindes im Auge zu behalten. Gleichzei- dringlinge nur entgangen, um in unseren Mägen zu landen. Ein oder zwei
tig organisierten wir die Evakuierung der Bauern und ihrer Familien aus dem Tage nach dem Gefecht operierte mich Machadito, der heutige Gesundheits-
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minister, mit einem Rasiermesser und entfernte das Geschoß eines M-1 Ge- Der Krieg und die Bauernbevölkerung
wehres. Von da an erholte ich mich schnell.
Sánchez Mosquera hatte alles mit sich fortgeschleppt, was er konnte - von Eine Bevölkerungsgruppe, die in ständigem Kriegszustand leben muß und
Säcken mit Kaffee bis zu Möbelstücken, die seine Soldaten tragen mußten. sich dieser neuen Situation anzupassen versucht, entwickelt eine besondere
Wir hatten den Eindruck, es würde nun eine lange Zeit vergehen, bis er seine Geisteshaltung. Jeder einzelne muß sich einer solchen Anpassung unterziehen,
Nase wieder in die Sierra steckte. damit er die mit diesem Zustand verbundenen bitteren Erfahrungen, die seine
Es wurde dann notwendig, die politische Organisation dieses Abschnitts in Ruhe und Gelassenheit bedrohen, durchstehen kann. Solchen bitteren Erfah-
Angriff zu nehmen und aufs neue unsere zentrale Operationsbasis einzurich- rungen waren die Sierra Maestra und andere gerade befreite Zonen ausgesetzt.
ten. Dieses sollte sich nun aber nicht länger in El Hombrito befinden, sondern Die Situation in den zerklüfteten Gebirgszonen war verzweifelt. Der Bauer
an einem entlegeneren Platz, in derselben Zone wie die Mesa. war von weit her gekommen und hatte, nach Freiheit dürstend, hart gearbeitet,
um seinen Lebensunterhalt von dem neu umgegrabenen Land zu bestreiten,
mit seiner mühseligen Plackerei hatte er die Kaffeepflanze schließlich dahin
gebracht, daß sie auf den felsigen Abhängen gedieh, wo etwas Neues zu
schaffen Opfer erfordert. All dies hatte er mit viel Schweiß vollbracht, seine
Mühe war die Antwort auf die jahrhundertealte Sehnsucht des Menschen
gewesen, ein eigenes Stück Land zu besitzen; und er hatte diese feindselige
schroffe Erde, die so etwas war wie eine Verlängerung seines eigenen Ichs,
mit unendlicher Liebe bearbeitet.
Aber schon bald darauf, als die Kaffeesträucher zu blühen begannen und
Früchte trugen, die Sinnbild für die Hoffnung dieser Menschen waren, wurde
dieses Land von einem neuen Besitzer beansprucht. Vielleicht war es eine
ausländische Gesellschaft, ein Landgieriger aus derselben Gegend oder ir-
gendein anderer Spekulant, der die Verschuldung des Bauern ausnutzte. Die
politischen caciques, die örtlichen Armeehäuptlinge, arbeiteten für diese
Gesellschaft oder für die Landgierigen, sie warfen jeden Bauern ins Gefängnis
oder ermordeten ihn, der sich gegen diese Willkürakte auflehnte. Mir schlug
eine Atmosphäre der Niedergeschlagenheit und der Trostlosigkeit entgegen.
Sie ging einher mit dem Gefühl unserer Niederlage bei Alegría de Pío, die das
Ergebnis unserer Unerfahrenheit (und im übrigen unser einziges Mißgeschick
in diesem langen Feldzug, in unserer blutigen Feuertaufe) gewesen war.
Für die Bauern waren diese abgemagerten Männer, deren heute legendäre
Bärte gerade zu sprießen begannen, Gefährten im Unglück und frische Opfer
der respressiven Kräfte, und sie unterstützten uns spontan und selbstlos, ohne
von diesen Geschlagenen irgend etwas zu erwarten.
Die Tage vergingen, und unsere kleine Truppe von nun kampferprobten
Männern errang die Siege von La Plata und Palma Mocha. Das Regime ant-
wortete mit seiner ganzen Brutalität, und die Bauern wurden in Massen hin-
gemordet. Terror wurde in den bäuerlichen Tälern der Sierra Maestra entfes-
selt, und die Bauern entzogen uns ihre Hilfe; eine Mauer gegenseitigen Miß-
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trauens türmte sich zwischen ihnen und den Guerilleros auf; die Bauern fürch- schen Siege zusammen, und wir erkannten schon bald, daß dies alles zusam-
teten Repressalien, und die Guerillakämpfer argwöhnten, daß sie von denen, mengenommen unter den Bedingungen der Sierra eine unschlagbare Kraft
die Frucht hatten, verraten würden. Dennoch war unsere Politik gerecht und darstellte.
von Verständnis getragen, und die guajiro-Bevölkerung nahm allmählich ihre Vor die Wahl gestellt, entschlossen sich alle Bauern für den Weg der Revo-
früheren Beziehungen zu unserer Sache wieder auf. lution. Die Veränderung in der geistigen Einstellung, von der wir schon ge-
Rasend vor Wut und verbrecherisch wie sie war, befahl die Diktatur die sprochen haben, kam nun zu voller Blüte. Der Krieg war ein Faktum - eine
Umsiedlung von Tausenden von guajiro-Familien aus der Sierra Maestra in schmerzliche Tatsache, ja, aber doch eine Übergangserscheinung und ein
die Städte. Stadium, an dem nichts mehr zu ändern war und dem sich jeder einzelne
Aber die stärksten und die entschlossensten Männer, unter ihnen fast die anzupassen hatte, wenn er weiter existieren wollte. Als die Bauern dies einmal
gesamte Bauernjugend, zogen Freiheit und Krieg der Sklaverei und der Stadt begriffen hatten, stellten sie sich entsprechend um, damit sie für die Konfron-
vor. Lange Karawanen von Frauen, Kindern und Greisen bevölkerten die tation mit den bevorstehenden widrigen Umständen gerüstet waren.
Straßen; die Menschen verließen den Ort ihrer Geburt und zogen hinab in die Die Bauern kehrten auf ihr verlassenes Stück Land zurück; sie hörten auf,
Ebene, wo sie sich am Rande der Städte zusammendrängten. Zum zweitenmal ihr Vieh abzuschlachten, und bewahrten es für schlimmere Tage auf; sie
machte Kuba das verbrecherischste Kapitel seiner Geschichte durch: die gewöhnten sich an den grausamen Beschuß mit Maschinengewehren, und jede
Zwangsumsiedlung. Zum erstenmal war sie von Weyler, dem blutigen Gene- Familie baute sich ihren eigenen Unterstand. Sie gewöhnten sich auch daran,
ral des kolonialen Spanien, angeordnet worden, und nun von Fulgencio Bati- daß sie mit ihren Familien, ihrem Vieh und dem ganzen Hausrat von Zeit zu
sta, dem schlimmsten Verräter und Mörder, den Amerika kennt. Zeit immer wieder aus den Kampfzonen fliehen mußten, und sie ließen dem
Hunger, Elend, Krankheiten, Epidemien und Tod dezimierten die von der Feind nur ihre leeren bohíos zurück, der seine Wut dann an ihnen ausließ und
Tyrannei ausgesiedelten Bauern. Kinder starben, weil es für sie keine ärztliche sie bis auf den Erdboden niederbrannte. Und es wurde ihnen zur Gewohnheit,
Hilfe und keine Nahrung gab, während nur wenige Schritte entfernt alle Hilfs- auf den rauchenden Ruinen ihrer Wohnungen mit dem Wiederaufbau zu
mittel vorhanden waren, die ihnen hätten das Leben retten können. Der entrü- beginnen; sie taten es, ohne zu klagen, aber mit konzentriertem Haß und dem
stete Protest des kubanischen Volkes, der internationale Skandal und die Willen zum Sieg.
Unfähigkeit der Diktatur, mit den Rebellen fertig zu werden, zwangen den Als im Kampf gegen die Lebensmittelblockade der Diktatur mit der Vertei-
Tyrannen schließlich, die Umsiedlung der Bauernfamilien aus der Sierra lung des Viehs begonnen wurde, kümmerten sie sich mit liebevoller Sorge um
Maestra einzustellen. Und wieder kehrten sie - elend, krank und dezimiert - in ihre Tiere; als sie darangingen, ihr Vieh an einen sicheren Ort zu schaffen,
das Land ihrer Väter zurück. Zuerst waren sie von den Kräften der Diktatur arbeiteten sie in Gruppen zusammen und gründeten faktisch Kooperativen,
mit Bomben belegt worden, hatten sie erleben müssen, wie man ihre bohíos indem sie ihr gesamtes Weideland und ihre Maultiere den gemeinsamen
niederbrannte, hatte man an ihnen Massenmorde begangen; dann erfuhren sie Anstrengungen zur Verfügung stellten.
die Unmenschlichkeit und die Barbarei eines Regimes, von dem sie schlim- Es ist ein neues Wunder, das die Revolution hervorgebracht hat, daß sich -
mer behandelt wurden als die Kubaner während des Unabhängigkeitskrieges als Folge des Krieges - auch der hartnäckigste Individualist, der eifrig die
vom kolonialistischen Spanien. Batista hatte Weyler übertroffen. Mit einer Grenzen seines Eigentums bewachte, den großen gemeinsamen Anstrengun-
unzerstörbaren Entschlossenheit, bis zum Tod oder Sieg zu kämpfen, kehrten gen des Kampfes anschloß. Aber es gibt ein noch größeres Wunder: die Tat-
die Bauern als Rebellen zurück. Jetzt gab es für sie nur noch Tod oder Frei- sache, daß der kubanische Bauer auf dem Territorium der befreiten Zonen sein
heit. persönliches Glück wieder entdeckte. Wer jemals Zeuge der verängstigten
Unsere kleine Gruppe von Guerillakämpfern, die in der Stadt aufgewachsen Laute geworden ist, mit der unsere Streitkräfte in jeder Bauernhütte empfan-
waren, begann, Hüte aus Palmstroh zu tragen; die Bevölkerung verlor ihre gen worden waren, konstatiert mit Stolz den sorglosen Lärm und das glückli-
Furcht und beschloß, sich dem Kampf anzuschließen und entschlossen auf che herzliche Lachen der neuen Bewohner der Sierra. Das ist der Ausdruck
dem Weg zu ihrer Befreiung voranzuschreiten. Mit diesem Stimmungsum- der Selbstsicherheit, die der Bewohner des befreiten Gebiets durch das Be-
schwung fielen auch unsere Politik gegenüber den Bauern und unsere militäri- wußtsein seiner eigenen Stärke gewonnen hat. Und dies ist unsere Aufgabe für
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die Zukunft: wir müssen erreichen, daß das kubanische Volk das Gefühl der Ein Jahr Kampf
eigenen Stärke zurückgewinnt und daß die Kubaner ihre von der Verfassung
garantierten individuellen Rechte unter allen Umständen als ihren teuersten Zu Beginn des Jahres 1958 standen wir mehr als ein Jahr im Kampf. Deshalb
Schatz betrachten. Mehr als brausendes Glockengeläut wird die Rückkehr des ist ein kurzer Rückblick auf unsere militärische, organisatorische und politi-
alten glücklichen Lachens und der sorgenfreien Sicherheit, die das kubanische sche Situation sowie unsere Fortschritte am Platze.
Volk verloren hatte, die Befreiung kundtun. Was die militärische Lage betrifft, so soll daran erinnert werden, daß unsere
Truppen am 2. Dezember 1956 am Strand von Las Coloradas an Land gegan-
gen waren. Drei Tage später wurden wir bei Alegría de Pío überrascht und
vernichtend geschlagen. Ende Dezember nahmen wir eine Umgruppierung vor
und begannen bei La Plata, einer kleinen Garnison am Ufer des La Plata-
Flusses an der südlichen Küste der Provinz Oriente, mit kleineren, unserer
gegebenen Stärke angemessenen Aktionen.
In der Zeitspanne zwischen der Landung mit der sofort darauf folgenden
Niederlage bei Alegrío de Pío und der Schlacht von El Uvero bestand unsere
Streitmacht hauptsächlich aus einer einzigen Guerillagruppe, die unter dem
Befehl von Fidel Castro stand, und deren Charakteristikum darin lag, daß sie
sich ständig in Bewegung befand. (Deshalb können wir diese Zeitspanne die
nomadische Phase nennen.)
Zwischen dem 2. Dezember und dem 28. Mai, dem Datum der Schlacht
von El Uvero, stellten wir langsam Verbindungen zur Stadt her. In dieser
Periode waren die Beziehungen zwischen uns und der Führung der Bewegung
in der Stadt dadurch gekennzeichnet, daß man dort unsere Bedeutung als
Avantgarde der Revolution und die Persönlichkeit Fidels als ihren Führer
nicht klar genug erkannte.
Dann begannen sich hinsichtlich der Taktik, die eingeschlagen werden soll-
te, zwei verschiedene Richtungen herauszukristallisieren. Sie entsprachen
zwei voneinander abweichenden strategischen Konzeptionen, die in der Folge
als Sierra und als Llano bekannt wurden. Unsere Erörterungen und internen
Konflikte waren ziemlich scharf. Dennoch ging es in dieser Phase grundsätz-
lich darum, daß wir überhaupt überlebten und eine Guerillabasis aufbauten.
Die Haltung der Bauern ist bereits wiederholt analysiert worden. Unmittel-
bar nach der Katastrophe von Alegría de Pío begegnete unsere geschlagene
Truppe herzlichen Gefühlen der Kameradschaft und einer spontanen Unter-
stützung. Mit unserer Umgruppierung und den ersten bewaffneten Zusam-
menstößen setzten die repressiven Aktionen der Batista-Armee ein; danach
verbreitete sich unter den Bauern Furcht und Schrecken, und sie nahmen
unseren Streitkräften gegenüber eine ablehnende Haltung ein. Das grundle-
gende Problem war dies: wenn sie uns sahen, mußten sie uns denunzieren.
Wenn die Armee aus anderen Quellen von unserer Anwesenheit Kenntnis
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erhielt, waren sie verloren. Meldeten sie uns aber dem Feind, dann taten sie chen der Sierra Maestra vertrieben wurde.
ihrem eigenen Gewissen Gewalt an und auf jeden Fall brachten sie sich in Nach El Uvero wurde ich zum Befehlshaber der Zweiten Kampfgruppe -
Gefahr, denn die revolutionäre Justiz reagierte schnell. später hieß sie die Vierte - ernannt, die östlich des El Turquino operieren
Trotz einer eingeschüchterten oder zumindest neutralisierten und un- sollte. Es sollte erwähnt werden, daß die von Fidel persönlich geführte
sicheren Bauernbevölkerung, die diesem schweren Dilemma dadurch zu Kampfgruppe vor allem westlich des Pico Turquino eingesetzt war, und
entgehen suchte, daß sie die Sierra verließ, gewann unsere Streitmacht immer unsere also auf der anderen Seite des Berges, so weit wir vorstoßen konnten.
festeren Boden unter den Füßen, sie beherrschte das Terrain und brachte ein Es gab mithin eine gewisse taktische Unabhängigkeit im Kommando, aber wir
Gebiet der Sierra Maestra, das sich im Osten über den Pico Turquino hinaus standen unter Fidels Befehl und hielten mit ihm alle ein bis zwei Wochen
und im Westen bis zum Caracas-Berg erstreckte, vollständig unter ihre Kon- durch Kuriere die Verbindung aufrecht.
trolle. Ganz allmählich, in dem Maße, wie sie erkannten, daß die Guerilleros Diese Aufteilung der Streitkräfte fiel mit dem Jahrestag des 26. Juli zusam-
unbesiegbar waren und daß der Kampf lange dauern werde, begannen die men, und während die Truppen der Ersten Kampfgruppe, der «Kolonne José
Bauern logischer zu reagieren und sich unserer Gruppe als aktive Kämpfer Martí», Estrada Palma angriffen, marschierten wir in Eilmärschen auf Bueyci-
anzuschließen. Von diesem Augenblick an traten sie nicht nur in unsere to. Im ersten Gefecht, das unsere Kolonne zu bestehen hatte, griffen wir diese
Reihen ein, sondern sie sorgten auch für unseren Unterhalt. Nach diesem Zeit- Siedlung an und nahmen sie in Besitz. In die Zeitspanne zwischen Bueycito
punkt hatte die Guerilla-Armee in den ländlichen Gebieten wirklich festen und dem Januar 1958 fiel die Konsolidierung des von den Rebellen gehalte-
Fuß gefaßt, vor allem auch, weil die Bauern üblicherweise überall verstreut nen Territoriums. Um in dieses Gebiet einzudringen, mußte die Armee Trup-
Verwandte haben. Diesen Vorgang nennen wir: «den Guerilleros Kleidung pen konzentrieren und in starken Marschsäulen vorrücken. Der Gegner traf
aus Palmblättern anlegen». umfangreiche Vorbereitungen, aber die Ergebnisse waren begrenzt, denn seine
Unsere Kampfgruppe wurde aber nicht nur durch die Hilfe der Bauern und Truppen waren nicht beweglich genug. Verschiedene feindliche Kolonnen
durch die einzelnen Freiwilligen, die zu uns stießen, gestärkt, sondern auch wurden eingeschlossen, andere aufgerieben oder zumindest gestoppt. Unsere
durch die Kräfte, die uns das Nationalkomitee und das Provinzialkomitee von Kenntnis des Operationsgebietes erweiterte sich, und unsere Manövrierfähig-
Oriente zuführten, wobei das letztere eine beträchtliche Autonomie besaß. In keit wurde größer; schließlich traten wir in das seßhafte Stadium ein, in die
der Zeit zwischen der Landung und El Uvero traf eine Einheit bei uns ein, die Periode der genau festgelegten Lagerplätze. Beim ersten Angriff auf Pino del
aus etwa fünfzig Mann bestand und in fünf Kampfabteilungen unterteilt war; Agua wandten wir subtilere Methoden an, und führten den Feind völlig in die
jeder Mann war bewaffnet; allerdings war die Bewaffnung nicht einheitlich, Irre, da wir mit seinen Gewohnheiten nun schon vertraut waren. Es kam
und nur etwa dreißig Waffen waren in gutem Zustand. Zu den Gefechten von genauso, wie Fidel es vorausgesehen hatte: wenige Tage nachdem er sich in
La Plata und El Arroyo del Infierno kam es, ehe diese Gruppe zu uns stieß. In der Gegend hatte sehen lassen, traf die Strafexpedition ein, und meine Männer
den Altos de Espinosa waren wir überrascht worden und hatten einen unserer legten ihr einen Hinterhalt; in der Zwischenzeit tauchte Fidel unversehens
Männer verloren; das gleiche geschah beinah im Gebiet von Gaviro, nachdem irgendwo anders auf.
ein Spion, der den Auftrag hatte, Fidel zu töten, die Armee dreimal auf unsere Ende des Jahres zogen sich die feindlichen Truppen neuerlich aus der Sier-
Spur geführt hatte. ra zurück, und das Gebiet zwischen dem Caracas-Berg im Westen und Pino
Die bitteren Erfahrungen, die solche Überraschungen für uns zur Folge hat- del Agua im Osten blieb unter unserer Kontrolle; im Süden war das Meer, und
ten, und unser schwieriges Leben in den Bergen stählten uns als Veteranen die Armee hielt die kleinen Dörfer in den nördlichen Ausläufern der Maestra
des Guerillakampfes. In der Schlacht von El Uvero empfing die neue Truppe besetzt.
ihre Feuertaufe. Diese militärische Aktion war von großer Bedeutung, denn Als Pino del Agua dann von unserer gesamten Streitmacht unter dem per-
hier griffen wir zum erstenmal einen gut verteidigten Stützpunkt frontal und sönlichen Kommando Fidels zum zweitenmal angegriffen wurde, konnten wir
dazu am hellen Tage an. Was die Dauer der Schlacht und die Zahl der Betei- unser Operationsgebiet stark erweitern. Zwei neue Kampfgruppen wurden
ligten betrifft, so war dies einer der blutigsten Zusammenstöße des ganzen gebildet - die «Kolonne Frank País», die unter dem Befehl von Raúl stand,
Krieges. Ein Ergebnis von El Uvero war, daß der Feind aus den Küstenberei- und eine unter Almeidas Kommando. Beide waren aus der von Fidel befehlig-
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ten Ersten Kampfgruppe hervorgegangen, die ein regelmäßiger Lieferant Dabei fiel eine Reihe hervorragender Männer, an ihrer Spitze Manzanita
solcher Ableger war. Mit der Aufstellung solcher neuen Verbände bezweckten Echeverría, der Vorsitzende der FEU (Federación Estudiantil Universitaria),
wir, die Präsenz unserer Truppen auch in weit entfernten Gebieten sicherzu- ein großer Kämpfer und ein wahres Symbol für unsere jungen Menschen.
stellen. Einige Monate später, im Mai, wurde ein Landungsversuch unternommen.
Diese Periode der Konsolidierung dauerte für unsere Streitkräfte bis zum Wahrscheinlich war er schon verraten worden, ehe man sich von Miami aus
zweiten Gefecht von Pino del Agua am 16. Februar 1958. Es war gleichzeitig aufmachte, denn er wurde von dem Verräter Prío finanziert. Er endete buch-
eine Phase des Stillstands der militärischen Operationen, das heißt, wir waren stäblich mit einem Massaker aller seiner Teilnehmer. Dieses Unternehmen ist
nicht in der Lage, die befestigten und relativ leicht zu verteidigenden Stütz- als die El Corintia-Expedition bekanntgeworden. Sie stand unter der Leitung
punkte des Gegners anzugreifen, während die feindlichen Kräfte nicht gegen von Calixto Sánchez, der zusammen mit seinen Kameraden von Cowley
uns vorrückten. umgebracht wurde, dem Mörder aus dem Nordteil der Provinz Oriente, der
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir den Tod der Märtyrer von der Granma später von Mitgliedern unserer Bewegung der Gerechtigkeit übergeben wurde.
zu beklagen; wir betrauerten sie alle zutiefst, vor allem aber Nico Márquez. In Kampfgruppen wurden auch in El Escambray aufgestellt. Einige von ihnen
diesem ersten Jahr haben auch andere Kämpfer ihr Leben eingebüßt, die sich waren der ‹Bewegung des 26. Juli› unterstellt, andere dem Studentendirekto-
wegen ihrer Unerschrockenheit und ihrer moralischen Qualitäten bei unseren rat. Die letzteren wurden ursprünglich von Gutiérrez Menoyo geführt, einem
Männern großes Prestige erworben hatten. Unter ihnen waren Nano und Julio Mitglied des Direktorats, der zuerst diese Einheiten und dann die Revolution
Díaz, nicht miteinander verwandt, die beide in der Schlacht von El Uvero selbst verriet, und der sich heute im Exil befindet. Die Kämpfer, die sich dem
fielen; Ciro Redondo, der bei Mar Verde getötet wurde, und Hauptmann Soto, Direktorat gegenüber loyal verhielten, bildeten eine getrennt operierende
der im Gefecht von San Lorenzo den Tod fand. Unter den vielen Märtyrern Kolonne, die später von Major Chomón befehligt wurde. Die übrigen errichte-
unseres Kampfes in den Städten war bis dahin Frank País, der in Santiago de ten die Zweite Nationale Front von Escambray.
Cuba ums Leben kam, für die Revolution der größte Verlust. Kleine Kernzellen entstanden in den Cristal- und Baracoa-Bergen; sie wa-
Der Aufzählung der militärischen Taten in der Sierra Maestra muß die Ar- ren manchmal halb Guerilla, halb Soldateska, und Raúl brachte den Haufen in
beit hinzugefügt werden, die die Llano-Kräfte in den Städten geleistet haben. Ordnung, als er mit der Sechsten Kampfgruppe anrückte. Ein anderes Ereignis
In allen größeren Städten des Landes gab es Gruppen, die gegen das Batista- im bewaffneten Kampf jener Periode war die Rebellion im Marinestützpunkt
Regime kämpften, aber die beiden Brennpunkte des Kampfes waren Havanna Cienfuegos vom 5. September 1957, an deren Spitze Leutnant San Roman
und Santiago. stand, der beim Scheitern des Putsches ermordet wurde. Der bewaffnete
Eine vollständige Verbindung zwischen Llano und Sierra hat es nie gege- Aufstand in dem Stützpunkt sollte nicht als Einzelaktion vonstatten gehen;
ben. Schuld daran waren zwei grundlegende Faktoren: die geographische auch war es keine spontane Aktion. Sie war Teil einer ausgedehnten Unter-
Isoliertheit der Sierra und die taktischen und strategischen Meinungsverschie- grundbewegung in den Streitkräften, die, angeführt von einer Gruppe soge-
denheiten zwischen den beiden Gruppen. Letztere entstanden aus den ver- nannter reiner Militärs, von den Verbrechen der Diktatur unbefleckt geblieben
schiedenartigen gesellschaftspolitischen und politischen Konzeptionen. Iso- waren, die aber - das ist heute offenkundig - vom Yankee-Imperialismus
liert war die Sierra wegen der natürlichen Terrainbedingungen und auch infiltriert war. Aus irgendwelchen unbekannten Gründen wurde die Erhebung
deshalb, weil der Kordon der Armee zuzeiten nur mit größten Schwierigkeiten auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, aber der Marinestützpunkt Cienfue-
durchbrochen werden konnte. gos erhielt den Befehl nicht rechtzeitig, und die Militärs, die die Aktion nicht
In diesem kurzen Abriß des Kampfes, den unser Land in diesem einen Jahr mehr rückgängig machen konnten, beschlossen, sie dennoch durchzuführen.
führte, muß auch die Tätigkeit anderer Kampfgruppen erwähnt werden, die Zunächst gelang der Coup, aber dann begingen sie den tragischen Fehler, daß
jedoch im allgemeinen erfolglos war und in unglücklichen Ergebnissen kulmi- sie sich nicht nach dem Escambray-Gebirge absetzten, in dessen unmittelbarer
nierte. Nähe der Stützpunkt lag. Sie hätten dies tun sollen, als sie die ganze Stadt in
Am 13. März 1957 griff das Studentendirektorat den Präsidentenpalast an der Hand hatten und die Möglichkeit besaßen, eine zuverlässige Front im
und versuchte durch diese Aktion, Batista der Gerechtigkeit zuzuführen. Gebirge zu errichten.
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Die nationalen und örtlichen Führer der ‹Bewegung des 26. Juli› nahmen an zelner hin unternommen wurden und einen tragischen Tribut unschuldiger
der Aktion teil. Auch die Bevölkerung beteiligte sich; zumindest teilte sie den Toter und Opfer unter den besten Kämpfern forderten, ohne daß sie für die
Enthusiasmus, der zu der Revolte führte, und einige griffen auch zu den Sache des Volkes von irgendwelcher realer Bedeutung waren.
Waffen. Vielleicht fühlten sich die Führer des Aufstandes dadurch moralisch Unsere militärische Situation wurde konsolidiert, und wir hielten nun ein
verpflichtet und noch enger an die eroberte Stadt gebunden; aber der Verlauf ausgedehntes Gebiet besetzt. Wir befanden uns in einem bewaffneten Waffen-
der Ereignisse entsprach völlig dieser Art von Putsch, den die Geschichte stillstand mit Batista; seine Leute gingen nicht hinauf in die Sierra, und unsere
kannte und immer wieder erleben wird. kamen kaum je von den Bergen herunter. Die Einschließung durch Batistas
Eine wichtige Rolle spielte dabei offensichtlich die Tatsache, daß die an die Truppen war so wirkungsvoll, wie nur irgend möglich, aber unseren Männern
Militärakademie fixierten Offiziere die Bedeutung des Guerilla-Kampfes gelang es immer noch, ihr zu entgehen.
unterschätzten und daß sie zur Guerillabewegung als Ausdruck des Volks- Was unsere Organisation betrifft, so hatte die Guerilla-Armee genügend
kampfes nicht genügend Vertrauen hatten. Wahrscheinlich glaubten die Ver- Fortschritte gemacht, so daß wir am Ende dieses Jahres über eine Grundorga-
schwörer, daß sie ohne Hilfe ihrer Waffengefährten verloren seien, und be- nisation für das Vorratswesen, über gewisse minimale industrielle Einrichtun-
schlossen also, innerhalb der engen Grenzen einer Stadt und mit dem Rücken gen, über Krankenhäuser und Nachrichtendienste verfügten.
zum Meer einen Kampf bis zum Tode zu führen. Sie kämpften, bis sie durch Die Probleme des Guerillero waren sehr einfach: um als Einzelperson exi-
die überlegenen Kräfte des Feindes, der nach Belieben Truppen mobilisiert stieren zu können, benötigte er geringe Mengen von Nahrungsmitteln und
und bei Cienfuegos zusammengezogen hatte, praktisch vernichtet waren. Die gewisse unerläßliche Kleidungsstücke und Medikamente; um als Guerilla-
‹Bewegung des 26. Juli› die als unbewaffneter Verbündeter an der Aktion Streitmacht zu existieren, das heißt, als eine zum Kampf fähige bewaffnete
teilnahm, hätte selbst dann das Blatt nicht wenden können, wenn ihre Führer Truppe, brauchte der Guerillero Waffen und Munition; für seine politische
den Ausgang des Unternehmens klar vorausgesehen hätten, was nicht der Fall Schulung waren Informationsmöglichkeiten notwendig. Um diese Minimaler-
gewesen war. Die Lehre für die Zukunft ist die: derjenige, der über die stärke- fordernisse zu gewährleisten, wurde ein Nachrichten- und Informationsapparat
ren Kräfte verfügt, diktiert die Strategie. benötigt.
Die massenhafte Tötung von Zivilisten, die wiederholten Mißerfolge und Zu Beginn waren die kleinen Guerilla-Einheiten, sie zählten etwa zwanzig
die Morde, die die Diktatur begangen hat, wurden in diesem Bericht über die Mann, auf magere Pflanzenrationen angewiesen, die in der Sierra wuchsen; an
verschiedenen Aspekte des Kampfes bereits analysiert. All dies läßt erkennen, Feiertagen gab es Hühnerbrühe. Manchmal stellten uns die Bauern ein
daß ein Kampf des Volkes gegen eine despotische und immer noch starke Schwein zur Verfügung, für das wir peinlich genau bezahlten. In dem Maße,
Regierung am besten durch einen Guerillakrieg auf günstigem Terrain ausge- wie die Guerilla-Streitmacht anwuchs und Gruppen von pre-guerrilleros
tragen wird und daß diese Kampftechnik für die Söhne des Volkes mit den ausgebildet wurden, benötigten wir größere Vorräte. Die Bauern der Sierra
vergleichsweise geringsten Verlusten verbunden ist. Nachdem die Guerilla- besaßen kein Vieh, und im allgemeinen hatten sie gerade so viel zu essen, daß
Streitmacht aufgestellt worden war, konnten wir unsere Ausfälle an den es zum Leben reichte. Sie waren vom Verkauf ihres Kaffees abhängig, damit
Fingern abzählen. Es waren ganz gewiß Kameraden von hervorragendem Mut sie die unerläßlichen Gebrauchsgüter, wie zum Beispiel Salz, kaufen konnten.
und Ausdauer im Gefecht. Aber in den Städten waren es nicht nur die Ent- Als eine Anfangsmaßnahme vereinbarten wir mit bestimmten Bauern, daß sie
schlossenen, die ihr Leben einbüßten, sondern auch viele unter ihren Anhän- spezielle Feldfrüchte, wie Bohnen, Mais, Reis usw. anbauten, deren Abnahme
gern, die nicht mit Herz und Seele Revolutionäre waren, und viele gänzlich wir ihnen garantierten. Gleichzeitig trafen wir mit gewissen Kaufleuten in den
Unbeteiligte. Das war die Folge der größeren Verwundbarkeit angesichts der nahe gelegenen Städten Verabredungen, wonach sie uns Nahrungsmittel und
repressiven Aktion. Ausrüstungsgegenstände lieferten. Es wurden Maultierkolonnen für den
Am Ende dieses ersten Kampfjahres zeichnete sich am Horizont eine all- Transport zusammengestellt, die der Guerilla-Truppe gehörten.
gemeine Erhebung im ganzen Land ab. Es gab Sabotagehandlungen, die von Was die Medikamente betrifft, so beschafften wir sie uns in den Städten,
gut geplanten und mit großem technischen Können durchgeführten Aktionen wenn auch nicht immer in der benötigten Menge oder Qualität; aber zumin-
bis zu unbedeutenden Terroristenanschlägen reichten, die auf Initiative ein- dest konnten wir eine Art funktionierenden Apparat für ihre Beschaffung
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aufrechterhalten. einzige, vor dessen Augen ich Gnade fand, war ein Stadtrat aus Manzanillo,
Eine andere Sache war das Waffenproblem. Es war schwierig, Waffen von der unser Lager aufgesucht hatte, um Vorkehrungen für seinen Beitritt zu
der Llano heraufzubringen. Zu den natürlichen Schwierigkeiten der geogra- unserer Truppe zu treffen, und der die Mütze als Souvenir an sich nahm.
phischen Isolierung kam hinzu, daß die Streitkräfte in den Städten für sich Unsere wichtigste industrielle Anlage war eine Schmiede mit einer Waf-
selbst Waffen benötigten und daß sie sie ungern den Guerilleros übergaben. fenwerkstatt, wo schadhafte Waffen repariert und Sprengkörper, Minen und
Fidel hatte ständig scharfe Diskussionen zu führen, um zu erreichen, daß die berühmten M-26 (Molotow-Cocktails) hergestellt wurden. Zuerst wurden
Waffen und Ausrüstung zu uns gelangten. Die einzige Lieferung von Bedeu- die Minen aus Blechbüchsen gefertigt, die wir mit dem Sprengstoff von
tung, die wir in diesem ersten Jahr des Kampfes erhielten, waren - außer dem, Bombenblindgängern füllten, die von den häufiger feindlichen Luftangriffen
was die Kämpfer selbst mitbrachten - die restlichen Waffen, die beim Angriff herrührten. Diese Minen waren voller Mängel Sie hatten unter anderem einen
auf den Palast benutzt worden waren. Durch die Zusammenarbeit mit einem Abzugsbolzen, der den Zünder häufig verfehlte. Später kam ein Kamerad auf
Großgrundbesitzer und Holzkaufmann der Gegend namens Babún, den ich die Idee, die ganze Fliegerbombe für größere Anschläge zu benutzen, indem
schon erwähnt habe, gelang es, sie zu uns zu schaffen. man den Zünder ausbaute und eine geladene Schrotflinte an seine Stelle
Munition war nur in begrenzter Menge vorhanden, und wir hatten auch plazierte; mit Hilfe einer Schnur sollte dann der Abzug des Gewehrs aus der
nicht die notwendige Auswahl. Wir konnten in dieser ersten Phase auch nicht Entfernung betätigt werden, wodurch eine Explosion ausgelöst wurde. Später
selber Munition herstellen; wir konnten nicht einmal die Patronenhülsen neu perfektionierten wir das System, indem wir Spezialzünder aus Metallegierun-
füllen. Das war lediglich bei den Patronen für den 38er Revolver möglich, die gen und elektrische Zündvorrichtungen herstellten. Mit ihnen erzielten wir
unser Büchsenmacher mit etwas Schießpulver auflud, und bei einigen Ge- bessere Resultate. Obgleich wir die ersten waren, die solche Vorrichtungen
schossen vom Typ 30-06, die aber nur für die Gewehre benutzt wurden, aus entwickelten, gab Fidel der Sache den richtigen Auftrieb. Später schuf Raúl in
denen man jeweils nur einen Schuß abgegeben konnte, da sie bei den halbau- seinem neuen Operationszentrum leistungskräftigere industrielle Einrichtun-
tomatischen Waffen Ladehemmung verursachten und einen einwandfreien gen als die, die wir im ersten Kriegsjahr besaßen.
Gebrauch verhinderten. Um die Raucher unter uns zufriedenzustellen, errichteten wir eine Zigarren-
In jener Zeit wurden gewisse sanitäre Regeln aufgestellt, und wir richteten fabrik; die dort hergestellten Zigarren waren grausig, aber da wir keine besse-
die ersten Lazarette ein. Eines von ihnen entstand in der Zone, in der ich die ren hatten, fanden wir sie himmlisch.
Befehlsgewalt ausübte; es lag an einem entlegenen unzugänglichen Platz und Die Schlachterei unserer Armee wurde mit Vieh beliefert, das wir bei De-
bot den Verwundeten relative Sicherheit, da es aus der Luft nicht einzusehen nunzianten und latifundistas beschlagnahmten. Wir verteilten das Fleisch
war. Aber da es inmitten eines dichten Waldgebietes lag, war die starke gerecht, einen Teil für die Bauernbevölkerung, den anderen für unsere Trup-
Feuchtigkeit für die Verwundeten und Kranken nicht zuträglich. Dieses Hos- pe.
pital wurde von Kamerad Sergio del Valle eingerichtet. Die Doktores Martí- Um für die Verbreitung unserer Ideen zu sorgen, gründeten wir zunächst
nez Páez, Vallejo und Piti Fajardo stellten ähnliche Lazarette für Fidels eine kleine Zeitung, die wir in Erinnerung an jene Helden des Dschungels El
Kampfgruppe zusammen, die im Laufe des zweiten Kampfjahres verbessert Cubano Libre nannten. Unter unserer Überwachung erschienen drei oder vier
wurden. Ausgaben. Später wurde sie von Luis Orlando Rodríguez herausgegeben und
Was die Ausrüstungsgegenstände betrifft, so wurde der Bedarf der Truppe redigiert. Nach ihm gab Carlos Franqui dem Blatt neuen Auftrieb. Wir besa-
an Dingen wie Patronentaschen und Patronengürteln, Tornistern und Schuh- ßen einen Vervielfältigungsapparat, der von der Llano zu uns heraufgebracht
werk durch eine kleine Lederwerkstatt gedeckt, die in unserer Zone eingerich- worden war. Mit seiner Hilfe stellten wir die Zeitung her.
tet wurde. Als wir die erste Armeemütze produzierten, brachte ich sie voller Gegen Ende des ersten Jahres und zu Beginn des zweiten hatten wir einen
Stolz zu Fidel. Sie löste eine ziemliche Sensation aus; jeder behauptete, es sei kleinen Rundfunksender eingerichtet. Wir sendeten die ersten regulären
die Mütze eines guagüero23, ein Ausdruck, den ich bis dahin nicht kannte. Der Übertragungen im Februar 1958. Unsere einzigen Zuhörer waren Palencho,
ein Bauer, der gegenüber der Station auf einem Berg lebte, und Fidel, der bei
23
Auf Kuba und im karibischen Gebiet gebräuchlicher Slangausdruck für «Busfahrer». (Anm. d. der Vorbereitung des Angriffs auf Pino del Agua unser Lager aufsuchte. Er
Übers.)
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hörte sich die Sendung mit unserem Empfänger an. Ganz allmählich wurde gewohnheiten und Aktionen zu stecken.
die technische Qualität der Übertragungen verbessert. Dann wurde die Anlage Wir begannen auch, ein Rechtssystem einzurichten, aber ein Gesetz der
von der Ersten Kampfgruppe übernommen, und bis zum Dezember 1958 war Sierra war noch nicht verkündet worden. Dies war unsere organisatorische
sie zu einer der besten Rundfunkstationen auf Kuba geworden. Situation zu Beginn des letzten Kriegsjahres.
Alle diese kleinen Fortschritte - auch was unsere Ausrüstung betraf, so be- Was den politischen Kampf betrifft, so war er sehr kompliziert und wider-
schafften wir uns zum Beispiel eine Winde und einige Generatoren, die wir sprüchlich. Die Batista-Diktatur wurde von einem Kongreß unterstützt, der
mühselig die Berge der Sierra hinaufschleppten, damit wir für elektrisches mit so vielen Schwindelmanövern gewählt worden war, daß er nicht auf eine
Licht sorgen konnten - waren unseren eigenen Verbindungen zu verdanken. ausreichende Bevölkerungsmehrheit zählen konnte, die seine Anordnungen
Um mit unseren Schwierigkeiten fertig zu werden, mußten wir ein ganzes ausführte.
Netz von Verbindungen und Informationsquellen anlegen. In dieser Hinsicht Gewisse abweichende Meinungen durften - wenn es keine Zensur gab -
spielte Lydia Doce in meiner Kampfgruppe und Clodomira in Fidels eine zum Ausdruck kommen. Aber die offiziellen Sprecher des Regimes und seine
wichtige Rolle. Beamten, die zur nationalen Einheit aufriefen, sprachen mit mächtigen Stim-
Hilfe kam in jenen Tagen nicht nur von den Menschen in den benachbarten men, und die Rundfunksender übertrugen ihre Botschaften über die ganze
Dörfern. Sogar die Bourgeoisie der Städte ließ uns Ausrüstungsgegenstände Insel. Die hysterische Stimme Otto Meruelos wechselte ab mit den schwülsti-
zukommen. Unsere Verbindungen reichten bis in die Städte Contramaestre, gen Possen eines Pardo Llada und Conte Agüero. Letzterer wiederholte
Palma, Bueycito, Las Minas de Bueycito, Estrada Palma, Yara, Bayamo, schriftlich, was er über den Rundfunk gesagt hatte, und forderte den «Bruder
Manzanillo und Guisa. Diese Orte dienten uns als Relaisstationen. Auf heim- Fidel» auf, einer Koexistenz mit dem Batista-Regime zuzustimmen.
lichen Pfaden wurden die erhaltenen Versorgungsgüter mit Hilfe von Maultie- Die Oppositionsgruppen waren verschiedenartig und einander wenig ähn-
ren in die Sierra hinauf in unsere Stellungen geschafft. Manchmal gingen lich, selbst wenn die meisten über einen gemeinsamen Nenner verfügten -
diejenigen von uns, die in der Ausbildung waren, aber noch keine Waffen nämlich den Wunsch, selbst an die Macht (das heißt: an die öffentlichen
erhalten hatten, mit einigen Bewaffneten hinunter in die am nächsten gelege- Mittel) heranzukommen. Dies hatte einen schmutzigen internen Kampf um
nen Städte, wie Yao oder Las Minas, oder sie suchten die mit Waren reichlich den Sieg bei diesem Vorhaben zur Folge. Alle diese Gruppen waren von
versehenen Geschäfte des Bezirks auf. Dann trugen sie die Waren auf dem Batista-Agenten durchsetzt, die in den entscheidenden Augenblicken über ihre
Rücken hinauf in unser Versteck. Das einzige, woran es uns in der Sierra Aktivitäten berichteten. Obgleich diese Gruppen oft durch Gangstertum und
Maestra niemals - oder fast nie - mangelte, war Kaffee. Manchmal hatten wir Opportunismus gekennzeichnet waren, so hatten sie doch auch ihre Märtyrer.
kein Salz, das zu den für ein Überleben wichtigsten Lebensmitteln gehört, Tatsächlich befand sich die kubanische Gesellschaft in einem derartigen
dessen Wert wir aber erst dann richtig erkannten, wenn es knapp war. Zustand totaler Verwirrung, daß mutige und ehrenhafte Männer ihr Leben
Als wir damit begannen, Rundfunkberichte über unseren eigenen Sender opferten, um die bequeme Existenz solcher Figuren wie Prío Socarrás zu
auszustrahlen, wurde die Existenz unserer Truppen und ihre Entschlossenheit bewahren.
zum Kampf in der ganzen Republik bekannt. Unsere Verbindungen wurden Das Studentendirektorat schlug den Weg des aufrührerischen Kampfes ein,
immer ausgedehnter und verwickelter; sie reichten sogar bis nach Havanna aber diese Bewegung war von der unsrigen unabhängig, und sie verfolgte
und Camagüey im Westen, wo wir wichtige Nachschubzentren unterhielten, ihren eigenen Kurs. Die PSP schloß sich uns im Hinblick auf gewisse konkre-
und nach Santiago im Osten. te Unternehmungen an, aber gegenseitiges Mißtrauen behinderte gemeinsame
Unser Nachrichtendienst entwickelte sich derart, daß uns die Bauern der Aktionen, und grundsätzlich verstand die Partei der Arbeiter nicht klar genug
Zone nicht nur sofort unterrichteten, wenn die Armee auftauchte, sondern die Rolle unserer Guerilla-Streitmacht und auch nicht die persönliche Rolle
auch, wenn sich nur ein Fremder in der Gegend sehen ließ. So konnten wir Fidels in unserem revolutionären Kampf.
mit Leichtigkeit jede derartige Person festhalten und überprüfen, was sie hier In einer brüderlichen Diskussion gab ich einmal einem PSP-Funktionär ei-
wollte. Auf diese Weise wurden viele Agenten der Armee und Spione ausge- ne Beobachtung weiter, die dieser später gegenüber anderen als eine wahre
schaltet, die in die Zone eingedrungen waren, um die Nase in unsere Lebens- Charakterisierung jener Periode wiederholte: «Ihr seid in der Lage, Kader
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aufzustellen, die im Gefängnis die schlimmsten Torturen stumm ertragen Mexiko aufhielten, schlossen sich folgende Personen dem Ausschuß an: Maro
können, aber ihr könnt keine Kader zustande bringen, die in der Lage sind, ein Hidalgo, Aldo Santamaría, Carlos Franqui, Gustavo Arcos und Frank País.
Maschinengewehrnest zu nehmen.» Von meinem Gesichtspunkt als Guerillero Von allen diesen Kameraden gingen nur Fidel und Raúl in dem ersten
aus gesehen, war dies die Folge einer bestimmten strategischen Konzeption: Kampfjahr in die Sierra und blieben dort. Faustino Pérez, einem Teilnehmer
der Entschlossenheit, gegen den Imperialismus und die Exzesse der ausbeu- der Granma-Expedition, wurde die Leitung unserer Arbeit in der Stadt über-
tenden Klassen zu kämpfen, die aber gepaart ist mit der Unfähigkeit, die tragen, und Pedro Miret wurde wenige Stunden, ehe wir Mexiko verlassen
Möglichkeit ins Auge zu fassen, daß man selbst die Macht übernimmt. Später sollten, ins Gefängnis geworfen. Er blieb noch in Mexiko bis zum darauffol-
schlossen sich uns einige ihrer Leute, die Guerillerogeist besaßen, an, aber zu genden Jahr, als er mit einer Waffenlieferung auf Kuba eintraf. Nico Lopez
diesem Zeitpunkt war das Ende des bewaffneten Kampfes schon nahe; des- starb nur ein paar Tage nach der Landung; Armando Hart wurde am Ende
halb war der Einfluß, den er auf sie ausübte, nur gering. jenes Jahres (oder Anfang des folgenden) eingekerkert; Jesus Montané' und
Innerhalb unserer eigenen Bewegung gab es zwei ganz klar herausge- Mario Hidalgo kamen nach der Landung ins Gefängnis; Melba Hernández und
arbeitete Strömungen, von denen wir schon als die der Sierra und die der Haydée Santamaría arbeiteten für uns in den Städten; Aldo Santamaría und
Llano gesprochen haben. Meinungsverschiedenheiten über strategische Kon- Carlos Franqui schlossen sich dem Kampf in der Sierra im folgenden Jahr an;
zeptionen trennten uns. Die Bewegung in der Sierra war bereits zuversichtlich, Gustavo Arcos blieb in Mexiko, er war politischer Verbindungsmann und für
daß sie den Guerillakampf durchführen, ihn auf andere Gebiete ausdehnen den Nachschub verantwortlich; Frank País, dem die politische Arbeit in San-
und somit die von der Diktatur gehaltenen Städte von den ländlichen Gebieten tiago oblag, wurde im Juli 1957 getötet.
her einkreisen konnte. Sie hoffte, durch Abschnürung und Zermürbung den Später stießen folgende Kameraden zu uns in die Sierra: Celia Sánchez, die
Zusammenbruch des Regimes zu erzwingen. Die Bewegung in der Ebene das ganze Jahr 1958 bei uns war; Vilma Espín, die zunächst in Santiago und
nahm eine vorgeblich stärker revolutionäre Position ein. Sie war für den danach, bis zum Ende des Krieges, in der Kampfgruppe Raúl Castros gearbei-
bewaffneten Kampf in allen Städten, der in einen Generalstreik einmünden tet hatte; Marcelo Fernández, der Koordinator der Bewegung, der nach dem
sollte, durch den der Sturz Batistas herbeigeführt und eine schnelle Macht- Streik vom 9. April an die Stelle von Faustino trat, blieb nur ein paar Wochen
übernahme ermöglicht werden sollte. bei uns, da sein Platz in den Städten war; René Ramos Latour, der die Miliz in
Diese Position war jedoch nur scheinbar revolutionärer, denn in jener Peri- der Ebene zu organisieren hatte, kam nach dem Fiasko vom 9. April hinauf in
ode war die politische Entwicklung der Kameraden von der Ebene un- die Sierra und starb im zweiten Kampfjahr als Major den Heldentod; David
vollständig, und sie hatten von einem Generalstreik eine zu eng begrenzte Salvador leitete die Arbeiterbewegung, der er den Stempel seiner opportuni-
Vorstellung. Am 9. April des folgenden Jahres wurde dann ein Generalstreik stischen und spalterischen Aktionen aufdrückte. Später verriet er die Revolu-
ausgerufen. Es war eine geheime Aktion, ohne vorherige Benachrichtigung tion und ist heute im Gefängnis. Einige der Kämpfer in der Sierra, wie zum
oder politische Vorbereitung und ohne eine Beteiligung der Massen. Sie Beispiel Almeida, kamen einige Zeit später zu uns.
endete mit einer Niederlage. Wie ersichtlich, bildeten die Kameraden der Llano in diesem Stadium die
Diese beiden Strömungen waren im Nationalkomitee der Bewegung vertre- Mehrheit, und ihr politischer Hintergrund, der durch den revolutionären Reife-
ten, dessen Zusammensetzung sich mit der Entwicklung des Kampfes änderte. prozeß nicht allzuviel beeinflußt worden war, ließ sie eine gewisse «zivile»
Im Vorbereitungsstadium, in der Zeit, bis Fidel nach Mexiko ging, setzte sich Aktion befürworten sowie eine Art Widerstand gegen den caudillo, den sie in
das Nationalkomitee, wenn meine Informationen richtig sind, aus folgenden Fidel sahen, und gegen die «militaristische» Fraktion, die durch uns in der
Personen zusammen: Fidel, Raúl, Faustino Pérez, Pedro Miret, Ñico López, Sierra repräsentiert wurde. Die Meinungsverschiedenheiten waren schon
Armando Hart, Pepe Suárez, Pedro Aguilera, Luis Bonito, Jesús Montané, offenkundig, aber sie waren noch nicht stark genug, die heftige Diskussion
Melba, Hernández und Haydée Santamaría. Meine persönliche Beteiligung auszulösen, durch die das zweite Kriegsjahr gekennzeichnet war.
war damals sehr begrenzt; und es gibt nur wenige schriftliche Unterlagen. Es muß hervorgehoben werden, daß die Kämpfer gegen die Diktatur so-
Später traten Pepe Suárez, Pedro Aguilera und Luis Bonito wegen der Wider- wohl in der Sierra als auch in der Ebene durchaus in der Lage waren, Meinun-
sprüche unter den Mitgliedern aus dem Komitee aus. Während wir uns in gen zu taktischen Fragen zu vertreten, die einander zuzeiten diametral entge-
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gengesetzt waren, ohne dabei zuzulassen, daß dies ein Nachlassen der Rebel- haben, machten die Abfassung dieser Stellungnahme unerläßlich. Am Mitt-
lion zur Folge hatte. Ihr revolutionärer Geist blieb wach und nahm an Schärfe woch, dem 20. November, einem Tag, an dem unsere Streitkräfte im Laufe
weiter zu, bis zu dem Augenblick, da wir alle - nachdem der Sieg errungen von sechs aufeinanderfolgenden Stunden drei Gefechte bestanden haben,
war und die ersten Erfahrungen im Kampf gegen den Imperialismus folgten - einem Tag, der die Opfer und die Anstrengungen deutlich macht, denen sich
zu einem einzigen unbestreitbar von Fidel geführten Organismus eng vereint unsere Männer ohne die geringste Hilfe anderer Organisationen unterzogen
waren. Diese Gruppe schloß sich dann mit dem Direktorat und der PSP zur haben, an diesem selben Tag erhielten wir in unserem Operationsgebiet die
PURSC (Partido Unido de la Revolución Socialista Cubana) zusammen, aus überraschende Nachricht und das Dokument mit den veröffentlichten und
der im Oktober 1965 die Kommunistische Partei Kubas wurde. Immer dann, geheimen Bestimmungen eines sogenannten Einheitspaktes, der anscheinend
wenn wir einem Druck von außerhalb unserer Bewegung ausgesetzt waren, von der ‹Bewegung des 26. Juli› und den Organisationen, an die ich mich
Versuchen, sie zu spalten oder zu infiltrieren, stellten wir stets eine gemein- hiermit wende, in Miami unterzeichnet wurde. Das Eintreffen dieser Papiere -
same Front dar. Selbst jene Kameraden waren dann vor den Opportunisten auf und darin muß wohl die Ironie des Schicksals gesehen werden, denn, was wir
der Hut, die zu jenem Zeitpunkt der kubanischen Revolution nur unvollkom- benötigten, waren nicht Dokumente, sondern Waffen - fällt mit der stärksten
mene Chancen gaben. Offensive zusammen, die die Diktatur je gegen uns unternommen hat.
Als Felipe Pazos den Namen der ‹Bewegung des 26. Juli› benutzte und für Unter Kampfbedingungen wie den unsrigen ist es schwierig, Verbindungen
sich selbst und für die korruptesten Interessen der kubanischen Oligarchie jene aufrechtzuerhalten. Trotz allem war es notwendig, hier, direkt auf dem
Positionen, einschließlich des Amtes eines Provisorischen Präsidenten, über- Schlachtfeld, die Führer unserer Organisation zusammenzurufen, damit diese
nahm, die im Pakt von Miami angeboten worden waren, zeigte es sich, daß Angelegenheit erörtert werden konnte, bei der nicht nur das Prestige, sondern
die gesamte Bewegung einheitlich und bestimmt gegen eine solche Haltung auch die historische Rechtfertigung der ‹Bewegung des 26. Juli› auf dem
Stellung bezog. Sie unterstützte das Schreiben, das Fidel an die im Kampf Spiel steht.
gegen Batista beteiligten Organisationen sandte. Wir veröffentlichen dieses Für jene, die gegen einen Feind kämpfen, der ihnen an Zahl und Bewaff-
Dokument hier im vollen Wortlaut. Es ist ein historisches Dokument. Es ist nung unvergleichbar überlegen ist, und die ein volles Jahr lang keinerlei
vom 14. Dezember 1957 datiert; Celia Sánchez hatte Abschriften angefertigt, Unterstützung erfahren haben und sich allein durch die Würde, mit der man
da wir zu jener Zeit keine Möglichkeit hatten, es drucken zu lassen. für eine wahrhaft geliebte Sache kämpfen muß, und durch die Überzeugung
hochgehalten haben, daß diese Sache es wert ist, sein Leben für sie hinzuge-
Kuba ben; für jene Männer, die durch die Geringschätzung ihrer Kameraden, die,
14. Dezember 1957 selbst wenn sie es konnten, systematisch, um nicht zu sagen verbrecherisch,
alle Hilfe abgelehnt haben, auf bittere Weise isoliert wurden; für jene Kame-
AN DIE FÜHRUNG raden also, die das Opfer in seiner reinsten und selbstlosesten Form tagtäglich
DER REVOLUTIONÄREN PARTEI am eigenen Leibe erfahren haben, und die so häufig den Schmerz erdulden
DER PARTEI DES KUBANISCHEN VOLKES mußten, die besten von ihnen fallen zu sehen - kommt diese Nachricht zudem
DER ORGANISATION Auténticos in einem Augenblick, da man sich gequält fragt, wer wohl das nächste Opfer
DER FÖDERATION VON UNIVERSITÄTSSTUDENTEN des nächsten und unausbleiblichen Massenmordes sein wird.
DES REVOLUTIONÄREN DIREKTORATS In dieser dunklen Stunde, da man den Tag des Triumphes nicht einmal se-
DES REVOLUTIONÄREN ARBEITERDIREKTORATS hen kann, des Sieges, für den wir so unerschütterlich kämpfen, und wobei wir
keine andere Hoffnung und keinen anderen Trost haben, als daß wir uns nicht
Es ist meine moralische, patriotische und sogar historische Pflicht, diesen umsonst opfern - wie kann man da nicht begreifen, daß die Nachricht von
Brief an Sie zu richten; die Ereignisse und die Umstände, die uns in dieser einem Pakt, mit Bedacht über den Rundfunk verbreitet, der die Bewegung auf
Zeit zutiefst beunruhigt haben, und die darüber hinaus seit unserer Ankunft einen künftigen Kurs festlegt, ohne daß sich die Unterzeichner mit den Füh-
auf Kuba am meisten Verwirrung und Komplikationen mit sich gebracht rern und Kämpfern beraten haben, was sich gehört hätte, um nicht zu sagen,
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daß es einfach die Höflichkeit erfordert hätte... nun, diese Nachricht kann uns am meisten benötigte; sie selbst aber haben nie aufgehört, die notwendigen
nur bis ins tiefste Herz verwunden und unsere Entrüstung auslösen. Hilfsmittel für sich aufzustapeln, und sie sind mit ihnen überschwemmt.»
Wenn man sich derart falsch verhält, so hat das stets die schlimmsten Kon- Dieser Bericht bedarf keines Kommentars, und er bekräftigt unser Mißtrau-
sequenzen. Und diejenigen, die sich für fähig halten, eine Tyrannei zu stürzen en. Irgendwelche Hilfe von außerhalb konnten wir nicht erwarten.
und sogar die noch schwerere Aufgabe in Angriff zu nehmen, ein Land nach Wir erkennen an, daß es die Organisationen, die Sie repräsentieren, für rat-
dem revolutionären Umsturz zu reorganisieren - sie täten gut daran, dies nicht sam erachtet haben, mit gewissen Mitgliedern unserer Bewegung die Bedin-
zu vergessen. gungen der Aktionseinheit zu erörtern. Es war jedoch unvorstellbar, daß Sie
Die ‹Bewegung des 26. Juli› hat niemals eine Delegation ernannt und auch diese Bedingungen als bereits ausgehandeltes Abkommen veröffentlichten,
niemanden ermächtigt, an den betreffenden Verhandlungen teilzunehmen. Die ohne die nationalen Führer der Bewegung davon zu unterrichten und ohne
Bewegung hätte sich jedoch einem solchen Schritt nicht widersetzt, wenn man ihre Zustimmung einzuholen. Wir konnten uns dies um so weniger vorstellen,
sie darüber konsultiert hätte, und sie hätte es sich angelegen sein lassen, ihren daß diese Abkommen sogar die institutionellen Grundlagen veränderten,
Repräsentanten in einer für die gegenwärtige und künftige Aktivität unserer denen wir uns im Manifest der Sierra verschrieben hatten. Sich so zu verhal-
Organisation so wichtigen Angelegenheit konkrete Instruktionen zu erteilen. ten, bedeutet, einen Pakt nur aus Gründen der Publicity einzugehen und den
Statt dessen beschränkten sich unsere Informationen über die Beziehungen zu Namen unserer Organisation zu usurpieren.
diesen verschiedenen Gruppen auf einen Bericht von St. Lester Rodríguez - Die Situation ist, gelinde gesagt, paradox: in demselben Augenblick, da
den wir lediglich ermächtigt hatten, mit ihnen gewisse Probleme rein militäri- sich die nationale Führung, die ihr Untergrundhauptquartier irgendwo auf der
scher Natur zu klären -, der uns folgendes mitteilte: «Im Hinblick auf Prio und Insel hat, anschickt, gleich von Anfang an den Bedingungen Widerstand
das Direktorat kann ich Ihnen mitteilen, daß ich mit ihnen eine Reihe von entgegenzusetzen, die öffentlich und nicht öffentlich als Grundlage für ein
Konferenzen ausschließlich zu dem Zweck geführt habe, die militärischen Abkommen vorgeschlagen werden, erfährt diese Führung durch Rundschrei-
Pläne bis zu dem Zeitpunkt zu koordinieren, an dem eine von den drei Grup- ben, die im Untergrund zirkulieren, und durch die ausländische Presse, daß es
pen garantierte und respektierte Provisorische Regierung gebildet wird. Natür- schon die Spatzen vom Dach gepfiffen haben, gerade diese Bedingungen
lich hob ich hervor, daß es in erster Linie notwendig sei, die Grundsätze des seien die Grundlage für eine Übereinkunft. Sie fand sich somit in aller Öffent-
Sierra-Briefes zu akzeptieren, der darlegt, daß diese Regierung im Einklang lichkeit vor eine vollendete Tatsache gestellt und gezwungen, das Abkommen
mit dem Willen der politischen Kräfte des Landes gebildet werden sollte. Das entweder zu dementieren und alle damit verbundene Verwirrung und das
war der erste Haken. moralische Unrecht in Kauf zu nehmen, oder ihm zuzustimmen, ohne auch
Während des Generalstreiks hatten wir eine dringende Konferenz. Ich nur die eigene Meinung dazu geäußert zu haben. Ferner, wie zu erwarten ge-
schlug dann vor, daß wir in Anbetracht der Umstände alle zur Verfügung wesen war, erreichte uns in der Sierra eine Kopie des Dokuments erst mehrere
stehenden Kräfte einsetzen sollten, um die Probleme Kubas ein für allemal zu Tage, nachdem es veröffentlicht worden war.
lösen. Prío antwortete, er habe nicht genügend Kräfte, um mit der Gewißheit, Angesichts dieses Dilemmas hat die nationale Führung, ehe sie die in Frage
den Sieg zu erringen, in dieses Unternehmen einzusteigen, und es wäre Wahn- stehenden Abkommen öffentlich dementierte, Ihnen gegenüber die Notwen-
sinn, meinen Vorschlag zu verwirklichen. Dem entgegnete ich, er möge mich digkeit geltend gemacht, zu den Grundsätzen des Manifests der Sierra zurück-
bitte wissen lassen, wenn alles bereit sei, Anker zu lichten; dann könnten wir zukehren; in der Zwischenzeit wurde auf dem von den Rebellen gehaltenen
über die Möglichkeit von Pakten sprechen. Ich sagte ihm ferner, er solle so Territorium eine Konferenz einberufen, auf der jedes einzelne Mitglied der
freundlich sein und mich - und folglich auch diejenigen, die ich als Teil der Führung seine Meinung äußerte, die wir dann analysierten; als Ergebnis
‹Bewegung des 26. Juli› repräsentiere - in der Zwischenzeit völlig unabhängig unserer Beratungen wurde einstimmig eine Resolution angenommen, die die
arbeiten zu lassen. Meiner festen Überzeugung nach gibt es keine Möglich- Grundlage dieses Schreibens bildet.
keit, mit diesen Herren zu einem Einvernehmen zu gelangen, und ich meine, Es ist selbstverständlich, daß die nationale und internationale öffentliche
es ist sogar besser, dies in Zukunft auch gar nicht mehr zu versuchen. Denn Meinung jede Art Abkommen über einen Zusammenschluß gut aufnimmt.
sie verweigerten uns die materielle Hilfe in einem Augenblick, da Kuba sie Denn neben anderen Gründen ist die wirkliche Situation der politischen und
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revolutionären Anti-Batista-Kräfte nicht bekannt; auf Kuba selbst hatte das Es ist der Akt eines höchst lauwarmen Patriotismus und offenkundiger
Wort Einheit in den Tagen, da sich das Kräfteverhältnis in der Tat von dem Feigheit, wenn man, in einer Deklaration über die Einheit, den Grundsatz des
heute vorhandenen sehr unterschied, einen guten Ruf: und schließlich muß die Widerstandes gegen eine ausländische Einmischung in die inneren Angele-
Reaktion deshalb so sein, weil es stets das Beste ist, alle Anstrengungen genheiten Kubas über Bord wirft.
zusammenzufassen, von den enthusiastischsten bis zu den lauesten. Festzustellen, daß wir uns einer solchen Intervention widersetzen, heißt
Wichtig für die Revolution ist aber nicht die Einheit an sich, sondern die nicht nur, ihr im Namen der Revolution Widerstand zu leisten - denn sie wäre
Grundlage dieser Einheit, die Form, die sie annimmt, und die patriotischen ein Anschlag gegen unsere Souveränität und, sagen wir es offen, gegen ein
Absichten, die sie beseelen. Prinzip, das allen Völkern Lateinamerikas teuer ist. Dieser Widerstand bedeu-
Es ist ein schmutziger Trick der schlimmsten Sorte, wenn man sich für die- tet gleichermaßen, einer Intervention zur Unterstützung der Diktatur entge-
se Einheit zu Bedingungen entscheidet, die wir nicht einmal diskutiert haben, genzutreten, die sich in der Form der Lieferung von Flugzeugen, Bomben,
wenn man sie durch Leute gutheißen läßt, die dazu nicht qualifiziert sind, und modernen Panzern und Waffen äußert, mit deren Hilfe sich die Diktatur an der
wenn man vom bequemen Refugium einer im Ausland gelegenen Stadt aus, Macht hält, und unter der - außer der Bauernbevölkerung der Sierra - niemand
ohne weiteres Aufhebens, die Einheit proklamiert und somit die Bewegung in mehr gelitten hat als wir. Schließlich: wenn man dem Grundsatz der Nicht-
die Zwangslage bringt, daß die sich einer öffentlichen Meinung gegenüberge- einmischung Achtung verschafft, so würde dies allein schon den Sturz der
stellt sieht, die durch einen betrügerischen Pakt irregeführt wurde. Mit diesem Diktatur bedeuten. Werden wir uns in dieser Frage so feige verhalten und es
Trick wird eine wahrhaft revolutionäre Organisation jedoch nicht zerstört nicht wagen, die Einstellung der ausländischen Intervention zugunsten Bati-
werden können Es handelt sich um einen Betrug an unserem Land, einen stas zu fordern? Oder sind wir so unaufrichtig, daß wir irgend jemanden hinter
Betrug gegenüber der Weltöffentlichkeit. den Kulissen ersuchen, unsere Kastanien aus dem Feuer zu holen? Oder sind
Und wodurch wurde ein solches Vorgehen ermöglicht? Während die Führer wir vielleicht so schwach, daß wir es nicht wagen, uns auch nur mit einem
der verschiedenen Organisationen, die sich diesem Pakt anschlossen, im einzigen Wort zu dieser Frage zu äußern? Wie können wir unter diesen Um-
Ausland zusammentrafen und dort eine imaginäre Revolution in die Wege ständen die Verwegenheit besitzen, uns Revolutionäre zu nennen und gleich-
leiteten, befanden sich die Führer der ‹Bewegung des 26. Juli» auf Kuba und zeitig der Behauptung beizupflichten, daß diese Deklaration von der Einheit
waren in einer sehr realen Revolution begriffen. historische Bedeutung besitze?
Ist es überflüssig, dies niederzuschreiben? Mag es so sein. Ich hätte diese Ebenso hat diese Deklaration die formale Verpflichtung beseitigt, sich jeder
Zeilen nicht geschrieben, wären wir nicht so erbittert und fühlten wir uns nicht Form einer Militärjunta als Provisorische Regierung der Republik zu wider-
so gekränkt durch die Art und Weise, in der Sie versucht haben, die Bewe- setzen.
gung mit diesem Pakt zu assoziieren. Dies geschieht unabhängig von der Die Ersetzung Batistas durch eine Militärjunta wäre das Schlimmste, was
Tatsache, daß Meinungsverschiedenheiten über Verfahrensfragen niemals vor der Nation in diesem Augenblick widerfahren könnte - wie sehr sie sich auch
dem Wesentlichen rangieren sollten. Wegen des positiven Werts, den ein durch die falsche Illusion irreführen lassen mag, daß die Probleme Kubas
einheitliches Vorgehen stets darstellt, wegen gewisser wertvoller Projekte der durch die Eliminierung des Diktators gelöst werden. Auch gewisse Zivilisten
Befreiungsjunta und wegen der uns angebotenen Unterstützung, die wir der schlimmsten Sorte, die in Wirklichkeit Komplicen des 10. März24 gewesen
wirklich benötigen, hätten wir dem Abkommen trotz allem zugestimmt, wenn sind, und die sich in der Folge lossagten, vielleicht wegen ihres brennenden
wir nicht einige seiner wesentlichen Grundsätze klar und einfach ablehnten. Ehrgeizes, oder ihrer unmäßigen Neigung zum blackjack25, diese Leute also
Selbst wenn unsere Situation verzweifelt werden sollte und wenn die Diktatur, fassen eine derartige Lösung ins Auge, die nur die Gegner des Fortschritts
um uns zu vernichten, so viele Tausende von Soldaten mobilisiert, wie sie unseres Landes befürworten können.
will, werden wir niemals zulassen, daß gewisse fundamentale Grundsätze und Die Erfahrung auf dem amerikanischen Kontinent hat bewiesen, daß alle
unsere Auffassung von der kubanischen Revolution geopfert werden. Militärjuntas in ein autokratisches Regime abgleiten. Das schlimmste aller
Diese Grundsätze aber sind in dem Manifest der Sierra klar und deutlich
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niedergelegt. Am 10. März 1952 kam es zu einem Staatsstreich Batistas. (Anm. d. Übers.)
25
Ein Glücksspiel. (Anm. d. Übers.)
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Übel, die diesen Kontinent gequält haben, ist die Verankerung militärischer ben Männer für mehr als das! Laßt diese Winkelpolitiker Revolutionäre
Kasten in Ländern, die weniger Kriege als die Schweiz geführt haben, aber werden, wenn sie es wollen! Aber laßt sie nicht die Revolution in degenerierte
mehr Generale als Preußen besitzen. In dieser entscheidenden Stunde, da die Politik verwandeln, denn heute vergießt unser Volk zuviel Blut, und es bringt
demokratische und republikanische Entwicklung unseres Volkes für viele zu viele gewaltige Opfer, als daß es morgen einen derart wertlosen Betrug
Jahre entweder gerettet oder zerstört wird, ist es eines seiner legitimsten verdient.
Anliegen, als kostbarstes Erbteil seiner Befreier die zivile Tradition zu bewah- Außer diesen beiden grundlegenden Prinzipien, die in dem Dokument über
ren, die in den Kämpfen um die Emanzipation entstanden ist und die genau in die Einheit nicht enthalten sind, stimmen wir ebenso in anderen Punkten nicht
dem Augenblick mit Füßen getreten würde, da eine uniformierte Junta sich an überein:
die Spitze der Republik stellte. (Im übrigen war weder in Kriegszeiten noch Wenn wir der Unterabteilung B der Geheimklausel II über die Befugnisse
im Frieden keiner unserer Generale des Unabhängigkeitskampfes, und nicht der Befreiungsjunta zustimmen sollen, die die Ernennung «des Präsidenten
einmal die Großspurigsten unter ihnen, in die Versuchung gekommen, einen der Republik, der dieses Amt in der Provisorischen Regierung ausübt» vor-
solchen Schritt zu unternehmen.) Wenn dies also so ist, wie lang soll denn sieht, dann können wir uns nicht mit der Unterabteilung C derselben Klausel
dann dieser Weg der Selbstverleugnung noch sein, wenn wir aus einer Furcht einverstanden erklären, die unter diesen Machtbefugnissen aufzählt: «Billi-
heraus, Empfindlichkeiten zu verletzen (mehr eingebildete als reale Empfind- gung oder Ablehnung des Kabinetts in seiner Gesamtheit, das vom Präsiden-
lichkeiten übrigens bei jenen ehrenhaften Militärs, die uns möglicherweise ten der Republik ernannt wird, sowie der Veränderungen, die im Fall einer
unterstützen), ständig die ausdrückliche Feststellung eines so wichtigen totalen oder teilweisen Krise gegeben sein könnten.»
Grundsatzes unterdrücken? Oder ist es etwa so, daß man nicht begreift, daß Wie kann man sich vorstellen, daß das Recht des Präsidenten, seine Mitar-
eine rechtzeitig abgegebene Erklärung die Gefahr einer Militärjunta abwenden beiter zu ernennen und zu entlassen, von der Billigung einer Körperschaft
würde, deren Errichtung andererseits mit Gewißheit den Bürgerkrieg verlän- abhängig gemacht wird, die mit der Staatsmacht nichts zu tun hat? Da sich die
gern würde? Nun: wir zögern nicht, zu erklären, daß die ‹Bewegung des 26. Junta aus Vertretern verschiedener Parteien und Bevölkerungsschichten
Juli› mit aller Entschlossenheit ihren Befreiungsfeldzug fortsetzen wird, wenn zusammensetzt, die folglich verschiedenartige Interessen vertreten, wird es
an die Stelle Batistas eine Militärjunta tritt. Wir ziehen es vor, lieber heute dann nicht klar, daß die Ernennung der Kabinettsmitglieder nichts weiter
noch härter zu kämpfen, als morgen in neue bodenlose Abgründe zu stürzen. wäre, als eine Suche nach dem geringstmöglichen Generalnenner, als einzi-
Kein Spielzeug den Militärs in die Hand! weder eine Militärjunta noch eine gem Mittel, eine Übereinkunft über mannigfaltige Fragen zu erreichen? Kann
Marionettenregierung! man wirklich eine Bestimmung akzeptieren, die davon ausgeht, daß im Staate
Warten wir vielleicht auf die Generale des 10. März, denen Batista mit zwei Exekutiven geschaffen werden? Die einzige Garantie, die alle Schichten
Freuden Platz machen würde, wenn er sich einmal stark bedroht des Landes von der Provisorischen Regierung fordern müssen, ist die, daß sie
fühlte, und wobei er darin noch das beste Mittel sähe, mit einem Minimum ihrer Aufgabe ein festumrissenes Minimalprogramm zugrunde legt und daß
an Schaden für seine eigenen Interessen und denen seines Klüngels die not- sie ihre Rolle als Moderator während des Übergangsstadiums, das zur voll-
wendige Übergabe der Macht zu bewerkstelligen? Zu welcher Verblendung ständigen Verfassungsnormalität führt, völlig unparteiisch spielt.
führt dieser Mangel an Voraussicht, das Fehlen eines Ideals und der mangel- Wenn versucht wird, sich in die Ernennung jedes einzelnen Ministers ein-
hafte Kampf willen die kubanischen Politiker! zumischen, ist dies gleichbedeutend damit, daß man die Kontrolle der öffent-
Wenn Sie zum Volk kein Vertrauen haben, wenn Sie nicht auf seine großen lichen Verwaltung anstrebt, um sie politischen Interessen zu unterwerfen. Ein
Reserven an Energie und Kampfbereitschaft setzen, dann haben Sie auch nicht solches Verfahren hat nur für jene Parteien und Organisationen eine Bedeu-
das Recht, Hand auf sein Schicksal zu legen, um es in dem heroischsten und tung, die - aus Mangel an Unterstützung durch die Massen - nur dann hoffen
hoffnungsvollsten Augenblick seiner republikanischen Existenz zu blockieren können, daß sie überleben, wenn sie sich an die Gebote der traditionellen
und zu frustrieren. Laßt die politicos mit ihren Arrangements, mit ihrem Politik halten; es ist aber unvereinbar mit den hohen politischen und revolu-
kindischen Ehrgeiz, ihrer verzweifelten Gier, die die Beute im voraus vertei- tionären Zielen, die von der Bewegung des 26. Juli› für die Republik verfolgt
len, sich nicht in den revolutionären Prozeß einmischen, denn auf Kuba ster- werden.
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Allein schon die bloße Existenz von Geheimabkommen, die sich weder auf Die ‹Bewegung des 26. Juli› nimmt für sich die Pflicht in Anspruch, die
organisatorische Fragen des Widerstandes noch auf Aktionspläne beziehen, öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die bewaffneten Einrichtungen
sondern auf Probleme - wie zum Beispiel die Struktur der künftigen Regie- der Republik zu reorganisieren. Sie erhebt diesen Anspruch
rung —, bei denen die Nation das Wort haben und die deshalb öffentlich erstens, weil sie die einzige Organisation ist, die im ganzen Land über eine
bekanntgegeben werden sollten, ist für uns unannehmbar. Martí hat gesagt: disziplinierte Miliz und im Felde über eine Armee verfügt, die mehr als zwan-
«In der Revolution sind die Methoden geheim aber die Ziele müssen stets zig Siege über den Feind errungen hat;
bekanntgemacht werden.» zweitens, weil unsere Kämpfer tausendfach ihren Edelmut unter Beweis
Ein anderer Punkt, der für die ‹Bewegung des 26. Juli› gleichermaßen un- gestellt und gezeigt haben, daß sie keinen Haß gegen die Soldaten hegen,
annehmbar ist, ist die Geheimklausel VIII, in der es heißt: «Die revolutionären indem sie stets deren Leben schonten, für den im Gefecht verwundeten Geg-
Kräfte werden, mit ihren Waffen, Teil der regulären bewaffneten Einrichtun- ner sorgten und niemals einen Widersacher folterten, selbst wenn genau
gen der Republik werden.» bekannt war, daß er wichtige Informationen besaß. Und sie haben dieses
Zunächst einmal - was ist mit revolutionären Kräften gemeint? Bedeutet Verhalten im Kriege stets mit einer Großmut beibehalten, die Bewunderung
dies, daß man als Polizisten, als Matrosen oder Soldaten jene zulassen will, verdient;
deren Waffen heute sorgfältig verborgen sind, die aber nicht zögern werden, drittens, weil es notwendig ist, die bewaffneten Einrichtungen mit jenem
sie am Tag des Sieges zu schwingen, und die ihre Arme verschränken, wäh- Geist der Gerechtigkeit und edler Gesinnung zu versehen, die die ‹Bewegung
rend eine Handvoll ihrer Landsleute gegen die organisierten Kräfte der Tyran- des 26. Juli› unter ihren Soldaten verbreitet hat;
nei kämpft? Stellen wir uns damit, in einem revolutionären Dokument, schüt- viertens, weil der Gleichmut, den wir in diesem Krieg zur Schau gestellt
zend gerade vor jenes Gift des Gangstertums und der Anarchie, das die Geißel haben, die beste Garantie dafür ist, daß ehrenhafte Angehörige der Armee von
der Republik in einer noch frischlebendigen Vergangenheit gewesen ist? der Revolution nichts zu fürchten haben, und daß sie nicht für die Missetaten
Die Erfahrung auf dem von uns gehaltenen Territorium hat uns gelehrt, daß jener zu zahlen haben werden, die durch ihre Verbrechen und ihre Schande
die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung für das Land ein wichtiges der militärischen Uniform Unehre gebracht haben.
Problem ist. Die Tatsachen haben uns bewiesen, daß von dem Zeitpunkt an, Gewisse andere Aspekte der Deklaration über die Einheit bleiben schwer
da die bestehende Ordnung abgeschafft ist, existierende Bindungen gelöst verständlich. Wie ist es möglich, Übereinkunft zu erzielen, ohne eine Strategie
werden und daß das Verbrechertum, wenn es nicht rechtzeitig eingedämmt des Kampfes festgelegt zu haben? Denken die Auténticos immer noch an
wird, überall aufblüht. Weil wir rechtzeitig, mit voller und hundertprozentiger einem Putsch in der Hauptstadt? Werden sie weiterhin Waffen und immer
Zustimmung der Bevölkerung, scharfe Maßnahmen getroffen haben, konnten mehr Waffen, die früher oder später mit Gewißheit der Polizei in die Hände
wir den ersten Anzeichen des Banditentums ein Ende setzen. Die Bauern, die fallen, lieber aufstapeln, als daß sie sie denen, die kämpfen, übergeben? Und
gewohnt waren, einen Beauftragten der Obrigkeit als einen Feind des Volkes schließlich: haben sie den Vorschlag eines Generalstreiks angenommen, wie
anzusehen, haben früher einem Flüchtling, der es mit den Behörden zu tun er von der ‹Bewegung des 26. Juli› befürwortet worden war?
hatte, gewöhnlich Schutz vor Verfolgung angeboten. Heute sehen sie in unse- Außerdem haben wir den Eindruck, daß die militärische Bedeutung des
ren Soldaten die Verteidiger ihrer Interessen, und die Ordnung ist fest eta- Kampfes in der Provinz Oriente beklagenswerterweise unterschätzt worden
bliert, wobei die Bürgerschaft selbst ihre beste Beschützerin ist. ist. Heute führen wir in der Sierra Maestra nicht länger einen Guerillakrieg,
Anarchie ist der schlimmste Feind des revolutionären Prozesses. Sie zu be- sondern einen Konfrontationskrieg. Unsere Streitkräfte, die dem Gegner an
kämpfen ist deshalb eine fundamentale Notwendigkeit. Derjenige, der dies Zahl und Bewaffnung unterlegen sind, nutzen das Terrain und ihre größere
nicht begreift, sollte sich nicht mit dem Schicksal der Revolution befassen. Es Beweglichkeit soviel wie möglich aus und halten den Feind ständig unter
ist natürlich, daß jene, die sich nicht für die Revolution aufgeopfert haben, Überwachung. Es ist überflüssig, die einzigartige Bedeutung des moralischen
sich auch um ihr Weiterleben nicht bekümmern sollten. Faktors in diesem Kampf zu unterstreichen. Die Ergebnisse sind erstaunlich
Die Nation muß wissen, daß der Gerechtigkeit Genüge getan und daß das gewesen, und eines Tages werden sie in allen Einzelheiten bekanntwerden.
Verbrechen bestraft werden wird, wo immer es auftritt. Die gesamte Bevölkerung ist im Aufruhr. Wäre sie bewaffnet, so brauchten
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sich unsere Einheiten auch um die winzigste Ecke des Landes keine Sorgen zu die grobe Fehler begangen haben, nicht wir.
machen; die Bauern würden auch nicht einen einzigen Feind passieren lassen. Eines können wir laut und klar aussprechen: wenn wir andere Kubaner, ver-
Die Niederlagen der Diktatur, die nach wie vor Verstärkungen in großem folgt und der Vernichtung nahe, im Kampf um die Freiheit gesehen hätten,
Umfang einsetzt, könnten dann in Katastrophen für die Regierungstruppen wenn wir gesehen hätten, daß sie Tag für Tag, ohne sich zu ergeben und ohne
verwandelt werden. Was immer ich Ihnen auch darüber berichten mag, wie in ihrer Entschlossenheit nachzulassen, Widerstand leisteten, dann hätten wir
der Mut des Volkes entfacht worden ist, es würde mit der Realität nicht nicht einen Augenblick lang gezögert, zu ihrer Unterstützung herbeizueilen
Schritt halten können. Die Diktatur verhängt barbarische Repressalien. Der und, wenn notwendig, mit ihnen zusammen zu sterben. Denn wir sind Kuba-
Massenmord an den Bauern konkurriert mit der Schlächterei, die die Nazis in ner, und Kubaner können dem Kampf um die Freiheit, auch in jedem anderen
Europa verübt haben. Sie lassen die wehrlose Bevölkerung für jede einzelne Land Lateinamerikas, gegenüber nicht gleichgültig bleiben. Sammelten die
ihrer Niederlagen büßen. Den Kommuniques des Generalstabs über die Verlu- Dominikaner ihre Kräfte, um ihr Volk zu befreien, so traten zehn Kubaner an
ste der Rebellen geht stets ein Massaker voraus. Solche Praktiken haben einen die Seite eines jeden Dominikaners. Drangen die Anhänger Somozas in Costa
Geist der grimmigen Revolte im Volk entfacht. Das Herz blutet, und dieser Rica ein, so eilten die Kubaner dorthin, um am Kampf teilzunehmen. Man
Geist leidet bei dem Gedanken, daß niemand diesem Volk auch nur ein einzi- muß sich vorstellen, daß es heute, da ihr eigenes Land in einem mühseligen
ges Gewehr zukommen ließ, daß - während hier die Bauern machtlos darauf und zähen Kampf um die Freiheit begriffen ist, einige Kubaner im Exil gibt,
warten, daß man ihre Wohnungen niederbrennt und ihre Familien ermordet, die, von der Diktatur aus ihrem Vaterland vertrieben, ihren kämpfenden
und sie mit aller Kraft der Verzweiflung nach Gewehren rufen - es auf Kuba Brüdern ihre Hilfe verweigern!
geheime Waffenlager gibt, die nicht dazu benutzt werden, auch nur einen Oder - wenn sie uns helfen sollen, dann wollen sie uns unfaire Bedingun-
einzigen elenden Lakaien zu vernichten, und die nur darauf warten, daß sie gen stellen. Vielleicht sollten wir ihnen zum Lohn für ihre Hilfe ein Plateau
von der Polizei ausgehoben werden, daß die Tyrannei zusammenbricht oder der kubanischen Berge als Beute anbieten? Oder aber, sollten wir unseren
daß die Rebellen ausgerottet werden. Idealen abschwören und diesen Krieg zu einer neuen Kunst des Tötens der
Das Verhalten vieler unserer Mitbürger könnte nicht schmachvoller gewe- Mitmenschen machen und das Land in ein sinnloses Blutbad stürzen, wodurch
sen sein. Es ist immer noch Zeit, sich zu ändern und jenen zu helfen, die den das Versprechen nicht eingelöst wird und das Land die Belohnung nicht
Kampf führen. Von unserem persönlichen Standpunkt aus hat dies jedoch erhält, die es von seinen großen Opfern erwartet?
keine Bedeutung. Sie sollten nicht annehmen, daß diese Worte von Eigennutz Die Führung des Kampfes gegen die Tyrannei befindet sich auf Kuba selbst
oder Stolz diktiert werden: unser Schicksal ist besiegelt, und wir werden nicht und wird dort, in den Händen der revolutionären Kämpfer, auch bleiben.
von Zweifehl gequält. Entweder werden wir hier bis zum letzten Rebellen Diejenigen, die jetzt oder später als Führer der Revolution betrachtet werden
sterben, und in den Städten wird eine ganze junge Generation zugrunde gehen, wollen, müssen sich im Lande selbst aufhalten und müssen die Verantwor-
oder aber wir werden über die unglaublichsten Hindernisse triumphieren. Für tung, die Risiken und Opfer direkt übernehmen, die die Situation auf Kuba
uns gibt es keine Niederlage! Niemand und nichts wird das Jahr der Opfer und heute erfordert.
der heroischen Taten, das unsere Männer hinter sich haben, auslöschen kön- Diejenigen im Exil haben in diesem Kampf eine Rolle zu spielen; aber es
nen. Unsere Siege sind ebenfalls eine Realität und können nicht leicht ausge- wäre absurd, wenn sie etwa versuchten, uns von außerhalb der Grenzen her
löscht werden. Unsere Männer sind entschlossener als je zuvor und werden vorzuschreiben, welchen Berg wir erstürmen sollen, welche Zuckerplantage
bis zum letzten Blutstropfen kämpfen. wir niederbrennen dürfen, welche Sabotageakte durchführen, und wann, unter
Es sind jene, die uns ihre Hilfe verweigert haben, die eine Niederlage er- welchen Umständen und in welcher Form wir einen Generalstreik ausrufen
leiden werden - jene, die zu Beginn mit uns zusammen waren und die uns können. Das ist mehr als absurd, das ist lächerlich. Helft uns im Ausland,
dann im Stich gelassen haben, jene, die Würde und Idealen nicht genug ver- indem ihr unter den im Exil lebenden Kubanern und bei den Emigranten Geld
trauten, die ihre Zeit und ihr Prestige schmachvollen Abmachungen mit dem sammelt, indem ihr für die kubanische Sache in der Öffentlichkeit eintretet,
Trujillo-Despotismus vergeudeten; jene, die Waffen besaßen, sie aber dank und stellt von dort aus die Verbrechen an den Pranger, deren Opfer wir hier
ihrer eigenen Feigheit im Augenblick des Kampfes versteckten. Sie sind es, sind; aber versucht nicht, von Miami aus eine Revolution zu führen, die in
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allen Städten und auf den Feldern der Insel Gestalt annimmt, die mit Kampf, Minimum-Programm des Manifests der Sierra in Kraft zu setzen.
Aufruhr, Sabotage, Streiks und tausend anderen Formen revolutionärer Tätig- Der gegenwärtige Oberste Gerichtshof soll für aufgelöst erklärt werden,
keit einhergeht, die durch die Kampfstrategie der ‹Bewegung des 26. Juli» weil er sich als unfähig erwiesen hat, mit der durch den Staatsstreich geschaf-
ausgelöst worden sind. fenen illegalen Situation fertig zu werden. Dies schließt jedoch nicht aus, daß
Um spezielle Pläne zu koordinieren und konkrete Unternehmungen durch- einige seiner gegenwärtigen Mitglieder, die die Verfassungsgrundsätze stets
zuführen, die für den Sturz der Diktatur als nützlich angesehen werden, ist die verteidigt oder unbeirrt eine feste Haltung gegenüber den Verbrechen, dem
nationale Führung - wie sie wiederholt bekanntgegeben hat - bereit, auf kuba- Absolutismus und den Mißbräuchen dieser Jahre der Tyrannei eingenommen
nischem Gebiet mit den Führern einer jeden Oppositionsgruppe in Verhand- haben, in der Folge diesem Gremium wieder angehören.
lungen einzutreten. Der Präsident der Republik soll bestimmen, auf welche Weise der neue
Zu einem Generalstreik wird es kommen, wenn die Anstrengungen der Oberste Gerichtshof eingesetzt wird, und dieser soll seinerseits damit beauf-
Movimiento de Resistencia Cívica (Widerstandsbewegung der Bürgerschaft), tragt werden, alle Gerichtshöfe und autonomen Rechtsinstitutionen zu reorga-
der Frente Nacional Obrero (Nationalen Arbeiterfront) und aller anderen nisieren, und alle diejenigen zu entlassen, die überführt sind, in die anrüchigen
Gruppen wirkungsvoll koordiniert werden, die sich vom Geist des Sektierer- Handlungen der Diktatur verwickelt zu sein. Die Ernennung neuer Funktionä-
tums losgesagt und mit der ‹Bewegung des 26. Juli› Kontakt aufgenommen re soll im Einklang mit dem Gesetz vorgenommen werden. Die politischen
haben, die heute die einzige Oppositionsorganisation ist, die innerhalb des Parteien sollen unter der Provisorischen Regierung das folgende alleinige
Landes aktiv kämpft. Recht besitzen: die Freiheit nämlich, ihr Programm vor dem Volk zu verteidi-
Zusammen mit den oppositionellen Elementen, die sich zu einer Arbeits- gen, die Bürger im Rahmen unserer Verfassung zu mobilisieren und zu orga-
niederlegung bereit finden, und die wahrscheinlich nicht im entscheidenden nisieren und an den allgemeinen Wahlen teilzunehmen.
Augenblick von der Bildfläche verschwinden werden, organisiert die Arbei- Zu der Notwendigkeit, die Persönlichkeit zu ernennen, die die Präsident-
tersektion der ‹Bewegung des 26. Juli› gegenwärtig in jedem Arbeits- und schaft der Republik übernehmen soll, wurde bereits im Manifest der Sierra
Industriezentrum des Landes Streikkomitees. Diese Streikkomitees werden Maestra Stellung genommen, und unsere Bewegung hat erklärt, besagte
die Frente Nacional Obrero bilden; sie wird wiederum die einzige Vertretung Persönlichkeit solle ihrer Meinung nach von allen Institutionen der Bürger
des Proletariats sein, die die «Bewegung des 26. Juli› als legitim anerkennt. ausgewählt werden. Wie dem auch sei; obgleich fünf Monate vergangen sind,
Der Sturz des Diktators impliziert notwendigerweise die Entfernung eines ist dieses Problem noch nicht geklärt worden, und es wird immer dringlicher,
unrühmlichen Kongresses, der Führung der Confederación de Trabajadores der Nation eine Antwort auf die Frage zu geben: wer wird die Nachfolge des
Cubanos (der Kubanischen Arbeiterföderation) und all jener Bürgermeister, Diktators antreten? Angesichts dieses großen Fragezeichens ist es nicht mög-
Gouverneure und anderer Funktionäre, die ihre Posten, direkt oder auf andere lich, auch nur noch einen einzigen Tag mit der Antwort zu warten. Die «Be-
Weise, im Zusammenhang mit den «Wahlen» vom 1. November 1954 oder wegung des 26. Juli› beantwortet die Frage.
dem Militärputsch vom 10. März 1952 erhalten haben. Er bedeutet gleicher- Als einzig mögliches Rezept, die Legalität zu garantieren und die Vor-
maßen die sofortige Freilassung aller politischen Gefangenen, der Zivilisten bedingungen für die Einheit und die Provisorische Regierung zu schaffen,
oder Militärpersonen; außerdem muß allen Komplicen der Verbrechen, des unterbreitet sie dem Volk ihren Vorschlag. Dr. Manuel Urrutia Lleo, jener
Despotismus der Diktatur, der Prozeß gemacht werden. aufrechte Richter am Gerichtshof von Oriente, das muß der Mann sein. Nicht
Die neue Regierung soll sich auf die Verfassung von 1940 stützen; sie wird wir, sondern sein Verhalten hat ihn für diesen Posten prädestiniert, und wir
alle durch diese Verfassung anerkannten Rechte garantieren und sich von erwarten, daß er der Republik diesen Dienst nicht verweigern wird.
jedem politischen Sektierertum fernhalten. Für seine Ernennung sprechen folgende Gründe:
Die Exekutive soll die legislativen Funktionen übernehmen, die die Verfas- 1. Er war der Angehörige des Richterstandes, der die Verfassung am stärk-
sung dem Kongreß der Republik zuweist, und sie soll es als ihre grundlegende sten respektiert hat, indem er nach dem Prozeß der Mitglieder der Granma-
Aufgabe ansehen, im Einklang mit dem Wahlgesetz von 1943 und der Verfas- Expedition vor Gericht erklärte, es sei kein Verbrechen und im Einklang mit
sung von 1940 allgemeine Wahlen auszuschreiben, und das Zehn-Punkte- dem Geist und dem Buchstaben der Verfassung und dem Gesetz völlig zuläs-
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sig, eine bewaffnete Streitmacht gegen das Regime aufzustellen. Das war eine Wir werden - allein - siegen oder sterben. Niemals wird der Kampf härter
für einen Richter in der Geschichte unseres Freiheitskampfes beispiellose sein als damals, als wir nur zwölf Mann waren, als wir nicht die Unterstützung
Feststellung. eines Volkes besaßen, das nun an den Krieg gewöhnt und in der ganzen Sierra
2. Sein Leben, das der wahren Rechtspflege gewidmet ist, gibt uns die Ge- organisiert ist, als wir nicht, wie heute, eine mächtige und disziplinierte Orga-
wißheit, daß er vom beruflichen und menschlichen Standpunkt aus genügend nisation besaßen, die sich über das ganze Land erstreckt, und als wir nicht mit
qualifiziert ist, in dem Augenblick, wenn die Tyrannei vom Volk gestürzt ist, der ungeheueren Unterstützung der Massen rechnen konnten, wie mit jener,
das Gleichgewicht aller legitimen Interessen im Lande aufrechtzuerhalten. die an dem Tag zur Schau gestellt wurde, an dem unser unvergessener Frank
3. Niemand ist vom Parteiengeist so frei wie Dr. Manuel Urrutia. Tatsäch- País starb.
lich gehört er kraft seines Richteramtes keiner politischen Gruppe an. Und es Um mit Würde zu sterben, braucht man keine Gesellschaft.
gibt keinen anderen Bürger von gleichem Prestige, der, ohne aktiv beteiligt zu FIDEL CASTRO RUZ
sein, sich doch so sehr mit der revolutionären Sache identifiziert. Sierra Maestra
Wenn unsere Bedingungen — die uneigennützigen Bedingungen einer Or- 14. Dezember 1957
ganisation, die sich zu den größten Opfern bereit gefunden hat, und die nicht
einmal konsultiert wurde, ehe man ihren Namen in einem Manifest über die
Einheit benutzte, das sie nicht gutgeheißen hat - zurückgewiesen werden, dann
werden wir den Kampf allein fortsetzen, wie wir es stets getan haben; mit
keinen anderen Waffen als denen, die wir dem Feind in jedem einzelnen
Gefecht entreißen, mit keiner anderen Hilfe als der des so schwer geprüften
Volkes und von niemand anderem als unserem Ideal unterstützt.
Denn schließlich ist es die ‹Bewegung des 26. Juli›, und sie allein, die im
ganzen Land einen aktiven Kampf geführt hat und diesen Kampf fortsetzt. Es
sind die militanten Mitglieder der Bewegung, und niemand anderes, die die
Revolte von den zerklüfteten Bergen Orientes den weiten Weg bis zu den
westlichen Provinzen getragen haben. Sie allein sind es, die Sabotageakte
verübt, Zuckerrohrfelder niedergebrannt und die politischen Räuber und
Mörder hingerichtet haben; allein die ‹Bewegung des 26. Juli› ist in der Lage
gewesen, die Arbeiter der Nation auf revolutionäre Weise zu organisieren; sie
allein hat geholfen, die Bewegung des zivilen Widerstandes zu organisieren,
in der alle Bürgerschaftsgruppen aus praktisch jedem Bezirk Kubas vereinigt
sind.
Sie sollen wissen, daß wir uns aus bürokratischen Verstrickungen gelöst
und von einer Beteiligung an der Regierung zurückgezogen haben; aber Sie
müssen ein für allemal begreifen, daß es die militanten Anhänger der Bewe-
gung nicht aufgegeben haben und niemals aufgeben werden, das Volk - aus
dem Untergrund, von der Sierra Maestra, oder aus den Gräbern, wohin der
Feind unsere Toten schleudern mag — zu leiten und zu führen. Wir werden
diesen unseren Vorsatz nicht aufgeben, denn es sind nicht wir allein, es ist
eine ganze Generation, die dem kubanischen Volk versprochen hat, konkrete
Lösungen für seine bedeutenden Probleme zu finden.
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Das zweite Gefecht von Pino del Agua Wir trafen unsere Vorbereitungen äußerst sorgfältig, und am 16. Februar
fand der Angriff statt.
Nach Ansicht Fidels war es wichtig, die Tatsache auszunutzen, daß nun die Wieder war der strategische Plan sehr einfach: Fidel wußte, daß in dem
Zensur aufgehoben worden war; dem Gegner sollte ein Schlag versetzt wer- Holzlager eine ganze feindliche Kompanie stationiert war und bezweifelte
den, der Widerhall auslöste, und wir bereiteten uns darauf vor. deshalb, daß unsere Truppen das Lager einnehmen könnten. Wir wollten das
Wieder wurde Pino del Agua als der Platz ausgewählt, an dem wir unseren Lager angreifen, die vorgeschobenen Stellungen zerstören, das Lager ein-
Plan ausführen wollten. Wir hatten Pino del Agua einmal erfolgreich angegrif- schließen und dann auf die Verstärkungen warten, denn wir wußten sehr gut,
fen, und seither war der Ort von feindlichen Truppen besetzt. Auch dann, daß Truppen auf dem Marsch sehr viel wachsamer als Einheiten im Quartier
wenn die Soldaten nicht sehr viel in der Gegend umherschwärmten, machte sind. Wir legten verschiedene Hinterhalte, von denen wir gute Resultate
ihre Position auf dem Kamm der Sierra Maestra weite Umwege notwendig; erwarteten. Jeden von ihnen besetzten wir mit so vielen Männern, wie nach
und es war stets gefährlich, in der Nähe des von ihm gehaltenen Gebiets unserer Ansicht notwendig waren, so daß wir mit dem Feind in der erwarteten
vorbeizukommen. Wenn wir Pino del Agua als vorgeschobene Position der Stärke fertig werden konnten.
Armee ausschalteten, könnte dies von großer strategischer Bedeutung sein; Fidel persönlich leitete den Angriff. Auf einem Berg im Norden, von dem
angesichts der neuen Bedingungen, unter denen die Presse im Lande arbeitete, aus man das Holzlager klar überblicken konnte, hatte er sein Stabsquartier
könnten sich Auswirkungen auf gesamtnationaler Ebene ergeben. aufgeschlagen. Wir hatten folgenden Schlachtplan: Camilo sollte entlang der
In den ersten Februartagen begannen fieberhafte Vorbereitungen und Straße von Uvero vorrücken, die durch die Bayamesa führt; seine Truppen,
Feinderkundungen; sie wurden vor allem von Roberto Ruiz und Félix Tamayo der Vorhutzug der Vierten Kampfgruppe, sollten dann die vorgeschobenen
vorgenommen (beide sind Offiziere in unserer heutigen Armee), denn sie Posten nehmen, so weit vorgehen, wie es das Terrain erlaubte, und dann die
stammten aus der Gegend. Außerdem beschleunigten wir die Erprobung Stellung halten. Hauptmann Raúl Castro Mercaders Zug, der am Rand der
unserer neuesten Waffe, des M-26, auch «Sputnik» oder «Molotow-Cocktail» Straße nach Bayamo eingesetzt war, sollte den Rückzug der Soldaten stören;
genannt, der wir außerordentliche Bedeutung beimaßen. Es war ein kleiner falls der Feind versuchen sollte, den Río Peladero zu erreichen, würde
Sprengkörper aus Zinnblech, den wir zuerst mit Hilfe eines komplizierten Hauptmann Guillermo García mit etwa fünfundzwanzig Mann auf ihn warten.
Apparats abschossen, einer Art Katapult, den wir aus den Leinen eines Un- Sobald der Schußwechsel begann, sollte unser Granatwerfer, für den wir
terwasser-Abschußgeräts für Fische anfertigten. Später vervollkommneten wir genau sechs Granaten hatten, und der von Quiala bedient wurde, in Aktion
die Vorrichtung so, daß wir den Sprengkörper mittels eines Gewehres und treten. Dann sollte die Belagerung beginnen. Durch einen von Leutnant Vilo
einer Patrone abfeuern konnten, womit eine viel weitere Schußentfernung Acuña geführten Hinterhalt auf dem Lorna de la Virgen sollte den Soldaten,
erzielt werden konnte. die von Uvero heranrückten, der Weg abgeschnitten werden. Und weiter im
Diese kleinen Bomben verursachten ein großes Getöse und waren wirklich Norden wartete Lalo Sardiñas mit einigen Leuten auf die feindlichen Solda-
furchterregend, aber da der Bombenkörper nur aus einem Zinnblechgehäuse ten, die über Vega de los Jobos aus Richtung Yao kommen würden.
bestand, war ihre todbringende Wirkung gering, und wenn sie in der Nähe In diesem Hinterhalt testeten wir zum erstenmal jene besondere Art von
eines feindlichen Soldaten explodierten, fugten sie nur kleinere Wunden zu. Minen. Das Ergebnis war jedoch bei weitem nicht ermutigend. Kamerad
Außerdem war es sehr schwierig, den Zeitpunkt zu bestimmen, wenn die Antonio Estévez (der später bei einem Angriff auf Bayamo getötet wurde)
Zündschnur angesteckt werden mußte, so daß die Bombe genau am Ende ihrer hatte, wie schon berichtet, ein System erdacht, wie man Bombenblindgänger
Flugbahn explodierte. Durch die Erschütterung des Abschusses ging die mit Hilfe einer Schrotflinte als Zündvorrichtung zur Explosion bringen konn-
Zündschnur leicht wieder aus, der kleine Sprengkörper explodierte nicht und te. Wir brachten die Vorrichtung an, weil wir voraussahen, daß die Soldaten
fiel unversehrt in die Hände des Feindes. Als der Gegner einmal herausbe- durch das betreffende Gebiet, wo wir nur ganz schwach vertreten waren,
kommen hatte, wie der «Sputnik» arbeitete, fürchtete er die Waffe nicht vorrücken würden. Aber es unterlief uns ein beklagenswerter Fehler: der
länger. Bei diesem ersten Einsatz hatte sie jedoch ihre psychologische Wir- Kamerad, der die Ankunft des Gegners melden sollte, war sehr unerfahren
kung. und nervös und gab das Signal in dem Augenblick, als sich ein Zivillastwagen
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näherte. Die Mine ging hoch, und der Fahrer wurde das unschuldige Opfer verließ das Geschoß, das in seinen Unterleib eingedrungen war, den Körper
dieser neuen Waffe, die später, nachdem sie richtig entwickelt worden war, wieder, ohne irgendwelche lebenswichtige Organe zu verletzen. Camilo
sich als so wirkungsvoll erweisen sollte. wurde in Sicherheit gebracht, aber das Maschinengewehr war verloren, und
Am 16. Februar 1958 ging Camilo bei Morgendämmerung vor, um die bei alledem schleppte sich ein anderer verwundeter Kamerad namens Luis
Vorposten einzunehmen; aber unsere Wegführer hatten nicht vorausgesehen, Macías durch das Gestrüpp in die der Rückzugslinie seiner Kameraden entge-
daß sich die Wachen in der Nacht bis ganz nahe an das Lager zurückziehen gengesetzte Richtung, und fand dabei den Tod. Einige abgeschnittene Kämp-
würden, so daß es eine ziemliche Verzögerung gab, ehe der Angriff begann. fer hatten sich nahe an die Baracken herangearbeitet und bombardierten sie
Die Männer glaubten, sie seien an der falschen Stelle, und bewegten sich sehr mit den «Sputniks», den M-26-Geschossen, und brachten damit die Soldaten
vorsichtig weiter, ohne daß ihnen klar war, was der Feind unternommen hatte. in Verwirrung. Guillermo García konnte sich an dem Gefecht überhaupt nicht
Um die fünfhundert Meter zwischen den beiden Stellungen zurückzulegen, beteiligen, da die Soldaten keinen Versuch machten, ihren Stützpunkt zu
brauchten Camilo und seine zwanzig Leute, die im Gänsemarsch vorgingen, verlassen; wie wir vorausgesehen hatten, funkten sie sofort um Hilfe.
nicht weniger als eine volle Stunde. Am späten Vormittag war es überall ruhig, aber auf unserem Kommando-
Schließlich erreichten sie die Siedlung. Die Wachen hatten ein einfaches posten hörten wir einige Rufe, die uns Schmerz bereiteten: «Ab mit Camilos
Alarmsystem angelegt, das aus an Schnüren aufgehängten Blechbüchsen MG» - und dann eine Salve. Bei dem aufgegebenen schweren MG hatte
bestand, die ganz knapp über dem Erdboden angebracht waren. Wenn jemand Camilo auch seine Mütze zurückgelassen, die auf der Rückseite seinen Namen
auf sie trat oder die Schnüre berührte, würden die Büchsen ein klapperndes trug, und die Wachen rissen nun Witze über uns. Wir hatten so eine Ahnung,
Geräusch von sich geben. Aber sie hatten auch ein paar Pferde draußen auf daß irgend etwas geschehen war, aber wir konnten mit den Truppen auf der
der Weide gelassen, so daß, als unsere Vorhut gegen die Schnüre stieß, das anderen Seite keine Verbindung herstellen. Camilo, um den sich Sergio del
entstandene Geräusch mit dem der Pferde verwechselt wurde. So gelang es Valle kümmerte, weigerte sich, zurückzugehen, und so blieben sie dort und
Camilo, nahe an die Soldaten heranzukommen. warteten die weitere Entwicklung ab.
Andererseits entstand bei uns Beunruhigung, weil Stunden vergingen, ehe Fidels Voraussagen bewahrheiteten sich: die von Hauptmann Sierra ge-
der lang erwartete Angriff begann. Schließlich hörten wir den ersten Schuß, führte Kompanie schickte Einheiten ihrer Vorhut aus Oro de Guisa, die er-
der den Beginn des Gefechts anzeigte, und wir begannen mit einem Feuer- kunden sollten, was in Pino del Agua vor sich ging; Paco Carreras gesamter
überfall - mit den sechs Granatwerfergeschossen -, der jedoch schmerzlos und Zug erwartete sie - etwa dreißig bis fünfunddreißig Mann, die an der Land-
ohne Ruhm sehr schnell vorüber war. straße auf dem El Cable-Berg stationiert waren. (Der Berg hieß so wegen des
Die Wachen hatten die ersten Angreifer gesehen oder gehört, und bei dem Drahtseils, das angebracht war, um den Fahrzeugen die schwierige Auffahrt
Schnellfeuer ihrer Gewehre, mit dem sie das Gefecht eröffneten, wurde Ka- zu erleichtern.)
merad Guevara verwundet; er starb später in unserem Lazarett. In wenigen Unsere Abteilungen gingen unter dem Befehl der Leutnants Suñol, Alamo,
Minuten hatten Camilos Streitkräfte den Widerstand gebrochen, sie erbeuteten Reyes und William Rodríguez in Stellung; als Zugführer hielt sich auch Paco
elf Stück Waffen (darunter zwei automatische Gewehre), machten drei Gefan- Cabrera dort auf; verantwortlich dafür, die Einheiten der feindlichen Vorhut
gene und töteten sieben oder acht Mann; aber sofort wurde in den Baracken abzufangen, waren jedoch Paz und Duque, die sich direkt an der Straße befan-
der Widerstand organisiert, und unsere Angriffe wurden abgewehrt. den. Die kleine feindliche Truppe rückte vor und wurde völlig vernichtet: sie
Beim Versuch, weiter vorzugehen, fielen die Leutnants Noda und Capote verlor elf Tote und fünf verwundete Gefangene, die in einem nahe gelegenen
und Kamerad Raimundo Lien einer nach dem anderen; Camilo wurde am Haus behandelt und dort zurückgelassen wurden; der Zweite Leutnant Laferté,
Oberschenkel verwundet, und Virelles mußte zurückgehen und das Maschi- der heute einer der unsrigen ist, wurde ebenfalls gefangengenommen; wir
nengewehr im Stich lassen, das er bedient hatte. Trotz seiner Verwundung erbeuteten zwölf Gewehre, darunter zwei M-1 und ein automatisches Gewehr
kehrte Camilo bei Dämmerung zurück, um zu versuchen, die Waffe wieder in sowie eines vom Typ Johnson.
die Hand zu bekommen. Im ersten Licht des Tages, von einem Geschoßhagel Einem oder zwei Soldaten gelang die Flucht; sie erreichten Oro de Guisa
überschüttet, wurde er zum zweitenmal verwundet, aber glücklicherweise mit der Nachricht von unserem Überfall. Als die Meldung eintraf, muß man in
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Oro da Guisa um Hilfe ersucht haben, aber gerade in dem Gebiet zwischen aber schließlich stimmte er einem Versuch zu und schickte eine Einheit unter
Guisa und Oro de Guisa war Raúl Castro mit allen seinen Streitkräften po- dem Befehl Escalonas, die sich aus den Zügen Ignacio Pérez' und Raúl Castro
stiert worden, denn genau dort rechneten wir mit der Ankunft der Soldaten, Mercaders zusammensetzte. Die Kameraden gingen vor und taten alles, um
die die Belagerten in Pino del Agua entsetzen sollten. die Baracken zu erreichen, aber sie wurden durch schweres Feuer zurückge-
Raúl teilte seine Männer so ein, daß Felix Pena und die Vorhut die Straße schlagen, und sie zogen sich zurück, ohne einen neuen Angriffsversuch zu
für die feindlichen Verstärkungen sperrten; darauf sollten die von Felix Pena unternehmen. Ich bat darum, daß mir der Befehl über die Truppe übertragen
und Ciro Friás geführten Abteilungen sowie die Einheit Raúls den Feind werde, und Fidel stimmte nicht ohne Murren zu.
sofort angreifen, während Efigenio den Ring vom Rücken des Gegners her Mir schwebte vor, so nahe wie möglich heranzukommen und dann die
schloß. Holzhäuser mit Hilfe von Molotow-Cocktails, bestehend aus Benzin, das wir
Ein Detail blieb in diesem Augenblick unbemerkt: zwei scheinbar harmlose im Holzlager selbst vorgefunden hatten, in Brand zu setzen und die Soldaten
und völlig bestürzte Bauern, die mit Hähnen unter dem Arm alle unsere Stel- zur Übergabe zu zwingen oder zumindest zu erreichen, daß sie herauskamen
lungen passierten, waren Soldaten aus Oro de Guisa, die ausgeschickt worden und sich unserem Feuer stellten. Als wir uns dem Schauplatz des Gefechts
waren, die Straße zu erkunden. Sie konnten die Positionen unserer Truppen näherten und dabei waren, in Stellung zu gehen, erhielt ich von Fidel die
ausfindig machen und erstatteten ihren Kameraden in Guisa Meldung. Die folgende kurze Notiz:
Folge war, daß Raúl der vollen Wucht des feindlichen Gegenschlags ausge- «16. Februar 1958. Che: Wenn, ohne Unterstützung durch Camilo und
setzt war, da seine Position bekannt war. Sie griffen ihn von einer Höhe aus Guillermo, alles von dem Angriff von dieser Seite her abhängt, sollte meiner
an, die sie eingenommen hatten, und Raúl mußte einen langen Rückzug Meinung nach nichts Selbstmörderisches unternommen werden, denn es
antreten, auf dem ein Mann verwundet und einer, Florencio Quesada, getötet besteht die Gefahr, daß zu große Verluste eintreten, und daß das Ziel nicht
wurde. erreicht wird. Ich ersuche Dich ganz dringend, vorsichtig zu sein. Du selbst
Bei ihrem Versuch, vorzurücken, hatte die Armee lediglich die Route ein- darfst am Kampf nicht teilnehmen. Das ist ein strenger Befehl. Entscheidend
geschlagen, die auf der Straße von Bayamo durch Oro de Guisa führt, ob- notwendig ist im Augenblick, daß Du die Männer gut führst. Fidel.»
gleich Raúl durch seine unvorteilhafte Position zum Rückzug gezwungen Außerdem teilte Almeida, der die Botschaft überbrachte, mir mit, ich könn-
war, rückten die feindlichen Truppen nur sehr langsam auf der Straße nach te, entsprechend den Bedingungen, die Fidel genannt hatte, auf eigene Ver-
und tauchten den ganzen Tag über nicht auf. antwortung angreifen, aber er, Fidel, sei nicht einverstanden. Das alles lag
An diesem Tag waren wir ständigen Angriffen der Armeeflugzeuge vom schwer auf mir: der strenge Befehl, mich selbst am Kampf nicht zu beteiligen;
Typ B-26 ausgesetzt, die die Berge mit Maschinengewehren beschossen, aber die Wahrscheinlichkeit, wenn nicht Gewißheit, daß mehrere Männer getötet
keine anderen Ergebnisse erzielten, als uns ungelegen zu sein und uns zu würden; die geringe Chance, die Baracken zu nehmen, und die Tatsache, daß
zwingen, gewisse Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. wir nicht genau wußten, wo sich Guillermos und Camilos Truppen befanden,
Fidel war vom Verlauf des Gefechts sehr angetan; gleichzeitig war er je- die von der Hauptgruppe getrennt waren. Dies zusammengenommen und dazu
doch wegen des Schicksals unserer Kameraden besorgt und ging ver- der Umstand, daß ich persönlich die gesamte Verantwortung übernehmen
schiedentlich größere Risiken ein, als er sollte. Deshalb schickten eine Gruppe sollte, war zuviel für mich. Niedergeschlagen verfuhr ich wie mein Vorgänger
von Offizieren und ich ihm Tage später einen Brief, in dem wir ihn im Namen Escalona.
der Revolution baten, sein Leben nicht unnötig aufs Spiel zu setzen. Es war Am folgenden Morgen wurde, unter anhaltenden Luftangriffen, der Befehl
ein ziemlich infantiler und von den altruistischsten Motiven inspirierter Brief; zum allgemeinen Rückzug gegeben. Nach ein paar Schüssen mit dem Ziel-
ich glaube, es war nicht einmal gerechtfertigt, daß Fidel ihn überhaupt las, und fernrohrgewehr auf die Soldaten, die langsam aus ihrer Deckung herauska-
unnötig zu sagen, daß er ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkte. men, begannen wir, uns auf der Maestra-Straße abzusetzen.
In dieser Nacht bestand ich darauf, daß ein Angriff von der Art, wie ihn Wie aus dem offiziellen Bericht hervorgeht, den wir damals herausgaben,
Camilo unternommen hatte, möglich sei, und daß wir die in Pino del Agua verlor der Feind etwa achtzehn bis fünfundzwanzig Tote; wir erbeuteten
stationierten Soldaten überwältigen könnten. Fidel fand die Idee nicht gut, dreiunddreißig Gewehre, fünf Maschinengewehre und eine Menge Munition.
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Unserer Gefallenenliste muß Luis Macías hinzugefügt werden, über dessen Camilo
Schicksal uns damals nichts bekannt war; andere Kameraden, wie Luis Olazá-
bal und Quiroga wurden in verschiedenen Aktionen des langwierigen Ge- Die Erinnerung ist eine Möglichkeit, die Vergangenheit, die Toten, wie-
fechts verwundet. In der Zeitung El Mundo vom 19. Februar erschien der derzubeleben. Sich an Camilo zu erinnern, heißt, Dinge ins Gedächtnis zu-
folgende Bericht: rückzurufen, die vergangen oder tot sind, und dennoch ist Camilo lebendiger
Mittwoch, 19. Februar 1958 Teil der kubanischen Revolution, ist er gerade durch seinen Charakter un-
TOD VON 16 AUFSTÄNDISCHEN UND 5 SOLDATEN GEMELDET sterblich. Ich möchte ganz einfach unseren Kameraden von der Rebellenarmee
VERWUNDUNG GUEVARAS NICHT BESTÄTIGT eine Vorstellung davon geben, was für ein Mensch dieser unbesiegbare Gue-
In einem Kommunique, das gestern nachmittag um fünf Uhr herausgegeben rilla-Kämpfer gewesen ist. Ich bin in der Lage, dies zu tun, denn, von den
wurde, hat der Generalstab der Armee dementiert, daß bei Pino del Agua, traurigen Stunden des ersten Rückschlags bei Alegría de Pío an waren wir
südlich von Bayamo, ein bedeutendes Gefecht mit den Rebellen stattgefunden stets beisammen, und es ist auch meine Pflicht, dies niederzuschreiben, denn,
hat. In dem offiziellen Bericht wurde eingeräumt, daß ‹es zwischen Aufklä- weit mehr als ein Waffengefährte, als ein Kamerad in der Freude und im Sieg
rungspatrouillen der Armee und Gruppen von Rebellen ein paar Zusammen- war Camilo mir ein wirklicher Bruder. In Mexiko hatte ich ihn nie kennen-
stöße gegeben hat›. Ferner hieß es, zur Zeit des Berichts ‹stiegen die Verluste gelernt, denn er stieß in letzter Minute zu uns. Er war ohne jede vorherige
der Rebellen auf sechzehn an, während die Armee bei diesen Geplänkeln fünf Empfehlung aus den Vereinigten Staaten gekommen, und in jenen risikorei-
Tote verlor›. Ob der gutbekannte argentinische Kommunist Che Guevara chen Tagen hatten wir zu ihm keinerlei Vertrauen, wie wir überhaupt tatsäch-
dabei verwundet wurde, fügte das Kommunique hinzu, habe noch nicht bestä- lich niemandem vertrauten. Er ging mit auf die Granma, nur einer der zwei-
tigt werden können. Berichte, daß der Aufständischenführer bei diesen Zu- undachtzig, die, der Gnade der Elemente ausgeliefert, die See überquerten, um
sammenstößen zugegen war, konnten ebenfalls nicht verifiziert werden; eine Heldentat auszuführen, die den gesamten Kontinent erschüttern sollte.
zuverlässig bekannt ist jedoch, daß er sich nach wie vor im Höhlenlabyrinth Wie er war, wurde mir schon klar, ehe ich ihn wirklich kennenlernte, als ich
der Sierra Maestra verborgen hält. nämlich in dem katastrophalen Gefecht von Alegría de Pío einen für ihn
charakteristischen Ausruf hörte. Ich war verwundet, lag ausgestreckt auf einer
Ein wenig später oder vielleicht sogar in eben jenem Augenblick kam es zu Lichtung, neben mir ein Kamerad, der mit Blut bedeckt war und der, bereit,
dem Massaker von Oro de Guisa, das von Sosa Blanco durchgeführt wurde, kämpfend zu sterben, seine letzte Munition verschoß. Ich hörte, wie jemand
jenem Meuchelmörder, der in den ersten Januartagen 1959 vor den Gewehren aus Schwäche rief: «Wir sind verloren. Los, ergeben wir uns.» Und von ir-
eines Hinrichtungskommandos sterben sollte. Während die Diktatur lediglich gendwoher zwischen den Männern war eine klare Stimme zu hören, die
bestätigen konnte, daß Fidel «sich nach wie vor im Höhlenlabyrinth der Sierra zurückschrie: «Hier ergibt sich niemand!» Dann ein Wort aus vier Buchstaben
Maestra verborgen hält», baten ihn die unter seinem persönlichen Befehl und ein Schwur.
stehenden Soldaten, er möge sein Leben nicht unnötig aufs Spiel setzen, und Das Gefecht ging zu Ende und wir überlebten. Dank der Hilfe des Kamera-
die feindliche Armee vermied es, mit unseren Stützpunkten in Berührung zu den Almeida hatte ich nicht den letzten Atemzug getan. Fünf von uns wander-
kommen. Einige Zeit später wurde Pino del Agua gesäubert, und damit been- ten an den steilen Kliffs in der Nähe von Cabo Cruz entlang. In einer klaren,
deten wir die Befreiung des westlichen Teils der Maestra. von Mondlicht übergossenen Nacht, stießen wir auf drei andere Kameraden,
Wenige Tage nach diesem Gefecht kam es zu einer der wichtigsten Aktio- die friedlich, ohne jede Furcht vor den Soldaten, schliefen. Wir sprangen sie
nen unseres Kampfes. Die Dritte Kampfgruppe, unter dem Befehl von Major an, glaubten, es seien Feinde. Nichts geschah, aber der Zwischenfall lieferte
Almeida, wandte sich in Richtung auf das Gebiet von Santiago; und die Sech- uns später Stoff für einen Scherz untereinander: wir bezogen uns auf die
ste Kampfgruppe, die den Namen «Frank País» trägt, überquerte unter dem Tatsache, daß ich zu denen gehörte, die sie überrascht hatten, und daß ich es
Kommando von Major Raúl Castro Ruz die östlichen Ebenen, drang in die ebenfalls war, der die weiße Flagge zeigen mußte, damit sie uns, in der An-
Mangos de Baraguá ein, ging im Westen weiter auf Pinares de Mayarí vor und nahme, wir seien Batista-Soldaten, nicht erschössen.
errichtete dann die zweite (östliche) «Frank País»-Front. Camilo war einer der drei. Und so waren wir also acht. Camilo war hungrig
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und wollte essen; es war ihm gleichgültig, was und wo, er wollte nur einfach Pino del Agua war, als Fidel mir befahl, bei ihm zu bleiben und Camilo damit
essen. Dadurch kamen wir mit ihm ernsthaft aneinander, denn er wollte stän- betraute, eine der Flanken des Feindes anzugreifen. Der Plan war einfach.
dig bohíos aufsuchen und um etwas Eßbares bitten. Zweimal fielen wir beina- Camilo sollte ein Ende des feindlichen Lagers angreifen und nehmen und
he in die Hände der feindlichen Soldaten, die Dutzende unserer Kameraden dann das ganze Lager einschließen. Das Feuer begann; er und seine Männer
getötet hatten, weil wir dem Rat der «Hungrigen» gefolgt waren. Am neunten schalteten den Wachtposten aus und gingen weiter vor; sie drangen in die
Tag setzten sich «die Hungrigen» durch, wir gingen in eine bohío, aßen und Siedlung ein und töteten jeden Soldaten, der sich ihnen in den Weg stellte,
wurden allesamt krank. Und zu den Kränksten gehörte natürlich Camilo, der, oder nahmen ihn gefangen. Die Ortschaft wurde Haus für Haus genommen,
wie ein hungriger Löwe, ein ganzes Zicklein verschlungen hatte. bis der Feind schließlich seinen Widerstand organisierte und ein Sperrfeuer
In dieser Phase des Kampfes war ich mehr Mediziner als Soldat. Ich setzte seine Opfer bei uns zu fordern begann. Wertvolle Kameraden, unter ihnen
Camilo auf Sonderdiät und ordnete an, daß er in der bohío zurückblieb, wo er Noda und Capote, verloren in diesem Gefecht ihr Leben.
die richtige Pflege erhalten werde. Dies Mißgeschick ging vorüber, und wir Ein feindlicher MG-Schütze ging, umringt von seinen Leuten, nach vorn,
waren wieder beieinander; die Tage verwandelten sich in Wochen und Mona- aber plötzlich fand er sich einem wahren Feuersturm ausgesetzt. Die Begleiter
te, in deren Verlauf viele Kameraden getötet wurden. Camilo stellte sein des MG-Schützen fielen, und der Soldat, der das MG bediente, ließ es fallen
feuriges Temperament unter Beweis; er verdiente sich den Rang eines Leut- und floh. Es dämmerte. Der Angriff hatte nachts begonnen. Camilo warf sich
nants der Vorhut unserer einzigen Kampfgruppe, die auch das einzige war, auf das Maschinengewehr, um es zu packen und zu verteidigen, und wurde
das wir liebten, und die später die «Erste Kolonne Jose Martí» genannt wurde zweimal getroffen. Eine Kugel drang durch seinen linken Oberschenkel, eine
und unter Fidels persönlichem Kommando stand. Almeida und Raúl waren andere traf ihn in den Unterleib. Er konnte sich absetzen, und seine Kamera-
Hauptleute; Camilo war Leutnant der Vorhut; Efigenio Ameijeiras führte die den trugen ihn. Wir befanden uns zwei Kilometer entfernt, und zwischen uns
Nachhut; Ramiro Valdés war Leutnant in einem von Raúls Zügen, und Calix- war der Feind. Wir konnten Feuerstöße aus Maschinengewehren hören und
to war Soldat in einem anderen Zug. Mit anderen Worten waren alle unsere Rufe wie: «Ab mit Camilos MG», oder «das ist Camilo, der schießt», und
Streitkräfte in eben dieser Kampfgruppe entstanden, wo ich Sanitätsleutnant Hochrufe auf Batista. Wir alle glaubten, Camilo sei getötet worden. Später
gewesen war. Später, nach der Schlacht von Uvero, wurde ich zum Haupt- sprachen wir von seinem Glück, daß das Geschoß in seinen Unterleib einge-
mann befördert und einige Tage danach erhielt ich den Rang eines Majors und drungen und wieder ausgetreten war, ohne seine Eingeweide oder irgendein
den Befehl über eine Kampfgruppe. Eines Tages wurde Camilo Hauptmann in lebenswichtiges Organ zu verletzen. Dann kam der tragische 9. April26, und
dieser unter meinem Kommando stehenden Vierten Kampfgruppe. Wir hatten Camilo, bahnbrechend wie immer, ging in die Ebenen von Oriente und wurde
diese Nummer erhalten, damit der Feind getäuscht werden sollte, denn in eine Legende. Er säte Angst und Schrecken in die Herzen der feindlichen
Wirklichkeit gab es nur zwei Kolonnen. Hier nun begann Camilo seine hel- Kräfte, die im Gebiet von Bayamo mobilisiert waren. Einmal war er von
denhafte Laufbahn; unermüdlich und mit außergewöhnlichem Eifer jagte er sechshundert Mann eingeschlossen, und seine Rebellenstreitmacht zählte nur
immer wieder hinter feindlichen Soldaten her. Einmal schoß er einen feind- zwanzig Mann. Sie leisteten einen vollen Tag einer Vorausabteilung des
lichen Kundschafter aus so kurzer Entfernung nieder, daß er sogar das Gewehr Feindes Widerstand, zu der zwei Panzer gehörten, und nachts unternahmen sie
des Mannes zu fassen bekam, noch ehe es zu Boden gefallen war. Ein anderes einen spektakulären Ausfall.
Mal hatte er vor, den ersten der feindlichen Soldaten vorbeigehen zu lassen, Später kam die Offensive, und angesichts der bevorstehenden Gefahr und
bis er sich mit unserer Truppe auf gleicher Höhe befand, und dann aus der der Konzentration der Kräfte, erging der Ruf an Camilo, denn er war der
Flanke das Feuer zu eröffnen. Dieser Hinterhalt gelang allerdings nicht, denn Mann, auf den sich Fidel verließ und der Fidels Platz einnehmen sollte, wenn
einer aus unserer Gruppe verlor die Nerven und eröffnete das Feuer, ehe der sich dieser zu einem speziellen Frontabschnitt aufmachte. Und dann kam die
Feind nahe genug herangekommen war. Zu diesem Zeitpunkt war Camilo glänzende Geschichte der Invasion mit ihrer Kette von Siegen auf den Ebenen
bereits der «Herr der Vorhut», ein wahrer Guerillakämpfer, der sich durch von Las Villas - schwierige Heldentaten, denn das Terrain bot wenig natürli-
seine ihm eigene erfindungsreiche Kampfmethode durchzusetzen verstand.
Ich erinnere mich noch, wie besorgt ich während des zweiten Angriffs auf 26
Das Datum des erfolglosen Generalstreiks.
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chen Schutz. Es waren hervorragende Aktionen, denn sie waren mit besonde- können, weil Camilo mit Arbeit überlastet war und weil er so schnell wie
rer Kühnheit durchgeführt; gleichzeitig aber konnte man schon die politische möglich in Havanna sein mußte. Er wurde von seiner Energie, die ihn trieb,
Haltung Camilos erkennen, seine Entschlüsse bezüglich politischer Probleme, getötet. Camilo hatte für die Gefahr keinen Maßstab. Sie war für ihn ein Spiel,
seine Stärke und sein Vertrauen auf das Volk. Camilo war gewandt, erd- er benutzte sie als Spielzeug; mit seiner Guerillero-Mentalität huldigte er ihr,
verwachsen und machte gern einen Scherz. Ich erinnere mich, wie Camilo in er zog sie an und machte sie sich gefügig. Eine bloße Wolke konnte ihn von
der Sierra einem Bauern, einem unserer großen, glänzenden, anonymen Hel- dem Kurs, den er eingeschlagen hatte, nicht zurückhalten oder ablenken. Er
den, einen Spitznamen gab und dies mit einer kritischen Geste begleitete. starb zu einem Zeitpunkt, da ihn jeder kannte, bewunderte und liebte. Es hätte
Eines Tages kam der Bauer zu mir als dem Befehlshaber der Kampfgruppe vorher geschehen können, und dann wäre seine Geschichte nur lediglich als
und beklagte sich, daß man ihn nicht beleidigen dürfe und daß er kein ventrí- die eines Guerilla-Hauptmanns bekanntgeworden. Es wird viele Camilos ge-
locua sei. Da ich nicht begriff, ging ich zu Camilo, damit er mir das seltsame ben, wie Fidel gesagt hat; und ich kann hinzufügen: es hat Camilos gegeben,
Verhalten des Mannes erklären sollte. Folgendes war geschehen: Camilo hatte Camilos, die gefallen sind, ehe sie die glänzende Arbeit vollenden durften, die
den Bauern ein wenig geringschätzig angesehen und ihn einen Bauchredner er abschließen konnte, so daß er in die Seiten der Geschichte eingegangen ist.
genannt; da der Bauer nicht wußte, was ein Bauchredner war, war er schreck- Camilo und die anderen Camilos - diejenigen, die zu früh gefallen sind, und
lich beleidigt. die, die noch kommen werden -, sie sind das Zeichen für die Stärke des Vol-
Camilo hatte einen kleinen Alkoholbrenner, auf dem er von Zeit zu Zeit kes. Sie sind vollständigster Ausdruck jener Höhen, die eine Nation erreichen
Katzenfleisch abkochte und es den neuen Rekruten als besondere Delikatesse kann, die kämpft, um ihre reinsten Ideale zu verteidigen, und die völlig darauf
anbot. Dies war eine der vielen Proben der Sierra und mehr als einer bestand vertraut, daß sie ihre edelsten Ziele erreichen kann.
diese Vor-«Prüfung» nicht, als er sich weigerte, die dargebotene Katze zu Es hieße zuviel, wollte man mir erlauben, sein innerstes Wesen in eine leb-
verzehren. Camilo war ein Mann der Anekdoten, einer Million Anekdoten. lose Form zu gießen. Dies wäre gleichbedeutend, ihn zu töten. Es ist besser, es
Sie waren Teil seines Wesens. Seine Wertschätzung und sein Verständnis fürs dabei zu belassen, bei einer ganz allgemeinen Beschreibung, ohne seine
Volk und seine Fähigkeit, mit den Leuten umzugehen, waren Teil seiner gesellschaftlich-ökonomische Ideologie schwarz auf weiß zu umreißen, die im
Persönlichkeit. Diese guten Eigenschaften, die wir heute manchmal vergessen übrigen nicht genau definiert war. Aber wir müssen stets daran denken, daß es
oder nicht anwenden, waren in allen seinen Handlungen gegenwärtig; dies ist niemals — auch nicht vor der Revolution — einen Menschen gegeben hat, der
etwas Wertvolles, das nur wenige Menschen erreichen. Es stimmt, wie Fidel mit Camilo zu vergleichen wäre: einen vollständigen Revolutionär, einen
es ausgedrückt hat, daß er keine große «Bücherweisheit» besaß, aber er hatte Mann des Volkes, einen Künstler der Revolution, der dem Herzen der kubani-
jene natürliche Intelligenz des Volkes, durch die er aus der Menge von Tau- schen Nation entstammt. Sein Geist war auch nicht des geringsten Nachlas-
senden ausgewählt und auf jenen privilegierten Platz gestellt wurde, den er sens oder der geringsten Enttäuschung fähig. An ihn muß man tagtäglich
durch seine Kühnheit, seine Zähigkeit, seine Intelligenz und Hingabe verdien- denken: dies oder das hat er getan; das stammt von Camilo. Er hat der kubani-
te. Zwei Dingen stand Camilo mit kompromißloser Loyalität gegenüber, und schen Revolution seinen unübersehbaren und unauslöschlichen Stempel
beides hatte das gleiche Ergebnis. Seine Loyalität und Hingabe für Fidel und aufgedrückt. Er ist unter jenen gegenwärtig, die in ihrer revolutionären Lauf-
für das Volk waren unbegrenzt. Fidel und das Volk marschieren zusammen, bahn früh gefallen sind, und unter jenen Helden, die noch kommen werden. In
und Camilos Hingabe betraf also beide in einem. dieser seiner ständigen und ewigen Wiedergeburt ist Camilo die Verkörperung
Wer war es, der Camilo tötete? Wer tötete den Mann, der im Leben ande- des Volkes.
rer, die ihm gleichen, der im Volke weiterlebt? Solche Männer sterben so
lange nicht, wie das Volk ihrem Sterben nicht irgendwie zustimmt. Ein Feind
tötete ihn, weil er wollte, daß er stürbe, weil es keine völlig sicheren Flugzeu-
ge gibt27, weil sich die Piloten nicht alle notwendige Erfahrung aneignen
27
Camilo Cienfuegos kam nach dem Sieg der Revolution bei einem Flugzeugunglück ums Leben.
(Anm. d. Übers.)
105
Der Generalstreik, die Schlußoffensive und die Schlacht von Santa Clara hatte auch eine Kehrseite: die Halbherzigkeit, die die Batista-Armee im Ge-
fecht an den Tag gelegt hatte. Unsere Jungen kämpften wie die Löwen, einer
Die gesamte Llano-Bewegung bereitete fieberhaft einen revolutionären Gene- von uns gegen zehn oder fünfzehn Gegner. Der Feind mußte alles, was er
ralstreik vor. Eine Organisation wurde gegründet, die Frente Nacional Obrero besaß - Panzer, Geschütze, Flugzeuge -, in die Schlacht werfen, um sie zu
(Nationale Arbeiterfront), die mit Hilfe einer schwachen Kontrolle von der zwingen, das Dorf aufzugeben. Unsere kleine Gruppe wurde von Hauptmann
‹Bewegung des 26. Juli› geführt wurde. Von ihrer Gründung an litt diese Angel Verdecia geführt, der einen Monat später vor dem Feind fallen sollte.
Organisation an der Krankheit des Sektierertums. Die Arbeiter zeigten gegen- Zu dieser Zeit hatte Fidel schon einen Brief des Verräters Eulogio Cantil-
über dieser aufkeimenden Vereinigung eine gewisse Gleichgültigkeit, die lo28 erhalten, der wie ein typischer launenhafter Politiker hin und her manö-
offensichtlich auf die ‹Bewegung des 26. Juli› zurückging, weil deren Ziele vrierte: In seinem Schreiben teilte er dem Rebellenführer als dem Chef der
für die gegebenen Bedingungen zu radikal waren. Mehrere Tage vor dem feindlichen Operationen mit, während man den endgültigen Ausgang der
Zeitpunkt des Ausstandes am 9. April 1958 erließ Fidel Castro ein Manifest, militärischen Aktion abwarte, werde die Offensive ohne Pardon fortgesetzt -
in dem er harte Worte für jene fand, die nicht den Weg der Revolution einge- allerdings wolle man das Leben «dieses Mannes» (Fidels) schonen. Tatsäch-
schlagen hatten. Bald darauf gab er ein neues Manifest an die Arbeiter heraus, lich nahm die Offensive ihren Lauf. Nach zweieinhalb Monaten ständiger
in dem er sie zur Einheit innerhalb oder außerhalb der Frente Nacional aufrief, kleinerer Zusammenstöße hatte der Feind tausend Mann an Toten, Verwunde-
denn er erkannte klar, daß die Front allein machtlos sein würde, einen Streik ten, Gefangenen und Deserteuren verloren. Er hatte uns sechshundert Stück
durchzusetzen. leichte und schwere Waffen zurückgelassen, darunter einen Panzer, zwölf
Unsere Truppen stürzten sich in den Kampf; Camilo Cienfuegos, damals Geschütze, zwölf schwere Maschinengewehre und eine eindrucksvolle Anzahl
Hauptmann der Vierten Kampfgruppe, ging hinunter in das Tiefland der automatischer Waffen (ohne eine unglaubliche Menge von Ausrüstungsgegen-
Provinz Oriente, in die Gegend von Bayamo, wo er Tod und Verwirrung in ständen und Munition aller Art zu rechnen); dazu kamen vierhundertfünfzig
die Reihen des Feindes brachte. Der 9. April kam, unsere Anstrengungen Gefangene, die wir nach Beendigung des Feldzugs dem Roten Kreuz überga-
waren jedoch zunichte geworden: das Nationalkomitee der Bewegung hatte ben.
hinsichtlich der Grundlagen des Massenkampfes völlig versagt und einen Diese berühmte Schlußoffensive in der Sierra Maestra brach der Batista-
groben Fehler begangen, indem es versuchte, den Streik durch Überraschung, Armee das Rückgrat; aber dennoch war ihr letztes Wort noch nicht gespro-
ohne Vorankündigung, und mit Schüssen zu beginnen. Wie zu erwarten war, chen. Der Kampf wurde wiederaufgenommen. Wir legten nun unsere Schluß-
verweigerten die Arbeiter ihre Teilnahme, und vergeblich fanden viele bei- strategie fest und beschlossen, daß an drei Punkten angegriffen werden sollte:
spielhafte Kameraden überall im ganzen Land den Tod. Der 9. April war ein in Richtung auf Santiago de Cuba, das lose eingeschlossen werden sollte; auf
schmerzlicher Mißerfolg, und es gelang nicht einen Augenblick, durch diesen Las Villas, was meine Aufgabe war, und mit Stoßrichtung auf Pinar del Río
Streik die Stabilität des Regimes zu bedrohen. Weit davon entfernt: nach am anderen Ende der Insel; diese Provinz und Stadt sollte Camilo Cienfuegos
diesem tragischen Datum konnte die Regierung ihre Streitkräfte aus dieser mit seiner Zweiten Kampfgruppe, der «Kolonne Antonio Maceo», nehmen.
Gegend abziehen und sie statt dessen allmählich in die Provinz Oriente verle- Camilo konnte diesen letzten Teil unseres Programms nicht verwirklichen,
gen, wo sie bis an den Rand der Sierra Tod und Verderben aussäten. Wir denn die Erfordernisse des Krieges nötigten ihn, in Las Villas zu bleiben.
mußten unsere Verteidigung andererseits ständig verstärken und uns tiefer in Als wir die Regimenter vernichtet hatten, die in die Sierra Maestra ein-
die Wälder zurückziehen, während die Regierung die Anzahl der Regimenter gedrungen waren, und nachdem wir die Front in ihrem ursprünglichen Verlauf
erhöhte, die sie gegen uns einsetzte, bis sie schließlich zehntausend Mann im wiederhergestellt hatten, beschlossen wir, mit dem Marsch auf Las Villas, in
Felde stehen hatte. Zu diesem Zeitpunkt begann am 25. Mai in unserem die Zentralprovinz, zu beginnen. Strategisch gesehen war es meine Hauptauf-
Außenposten, dem Dorf Las Mercedes, die Offensive. gabe, alle Straßen, die die beiden Enden der Insel miteinander verbanden,
Die Armseligkeit der uns zur Verfügung stehenden Mittel war ganz offen- systematisch abzuschneiden. Ich hatte außerdem den Befehl erhalten, mit
kundig; zweihundert in guter Verfassung befindliche Gewehre gegen zehntau-
28
send Stück Waffen aller Art - was für ein gewaltiges Handicap! Aber das Bild Ein General der Streitkräfte Batistas, der in den letzten Tagen des Regimes versuchte, ein doppeltes
Spiel zu treiben.
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allen bestehenden politischen Gruppen, die wir in den Gebirgsdistrikten Mühselig marschierten wir durch überflutetes Terrain; Schwärme von Moski-
finden konnten, Kontakt aufzunehmen. Und schließlich hatte ich weitgehende tos überfielen uns, so daß es ganz unmöglich war, Marschpausen einzulegen.
Vollmachten, in dem Abschnitt, für den ich verantwortlich war, eine Militär- Wir aßen wenig und schlecht; wir tranken Wasser aus Flüssen, die sich durch
regierung einzusetzen. den Morast dahinwanden, oder sogar Sumpfwasser. Entsetzliche Tage hin-
Wir glaubten, wir könnten die Strecke nach Las Villas in vier Tagen schaf- durch schleppten wir uns in einem erbärmlichen Zustand dahin. Eine Woche
fen und wollten am 30. August 1958 in Lastwagen aufbrechen; aber ganz nach unserem Abmarsch überquerten wir den Jobado, der die Provinz Cama-
unerwartet wurden unsere Pläne über den Haufen geworfen. An jenem Abend güey von Oriente trennt. Wir waren ziemlich entkräftet und zudem noch
traf ein Kurier ein; er brachte Uniformen und das Benzin, das wir für die knapp an Schuhwerk; viele Kameraden marschierten barfuß durch den
Lastwagen benötigten, die alle abfahrbereit waren. Zur selben Zeit landete Schlamm des südlichen Teils der Provinz Camagüey.
jedoch auf einem Flugplatz in der Nähe der Straße eine Maschine mit einer In der Nacht des 9. September geriet unsere Vorhut am Eingang von La
Ladung Waffen. Trotz der Dunkelheit war das Flugzeug gerade im Augen- Federal in einen feindlichen Hinterhalt. Zwei mutige Kameraden fanden dort
blick der Landung entdeckt worden. Daraufhin lag der Flugplatz unter star- den Tod. Aber das schlimmste war, daß die feindlichen Streitkräfte uns nun
kem Beschuß; die Beschießung dauerte von zehn Uhr abends bis fünf Uhr ausgemacht hatten, und uns von da an ohne Unterlaß behelligten. Bei diesem
morgens; zu diesem Zeitpunkt setzten wir das Flugzeug in Brand, um zu Zusammenstoß reduzierten wir ihre kleine Garnison, verloren aber dabei vier
verhindern, daß es in die Hände des Feindes fiel, und um zu erreichen, daß wir Leute, die gefangengenommen wurden. Wir mußten unsere Vorsichtsmaßre-
nicht auch noch bei Tageslicht bombardiert oder beschossen würden, was für geln verdoppeln, und dies um so mehr, da die Luftwaffe des Gegners jetzt
uns sogar noch schlimmere Folgen hätte haben können. Die feindlichen Trup- unsere allgemeine Richtung kannte.
pen drangen in das Flugplatzgebäude ein und fingen den Kurier und seine Einen oder zwei Tage später erreichten wir Laguna Grande; zur selben Zeit
Benzinladung ab. Wieder einmal sahen wir uns allein auf unsere Füße ange- trafen auch Camilo und seine Kampfgruppe dort ein. Sie waren in besserer
wiesen. Verfassung als wir. Ich erinnere mich an diesen Ort sehr gut. Er war durch
Und dann begann am 31. August der Marsch — ohne Lastwagen und ohne Moskitos völlig verseucht. Das ging so weit, daß es ohne Moskitonetz - und
Pferde. Wir wollten wieder auf die Lastwagen stoßen, nachdem wir die Man- nicht alle von uns hatten eines - unmöglich war, auch nur einen Augenblick
zanillo-Bayamo Straße überschritten hatten, und so geschah es auch. Aber am lang Ruhe zu haben.
1. September suchte ein schrecklicher Wirbelsturm das Gebiet heim, und Es kamen Tage, an denen wir uns durch heiße öde Landstriche mühsam
machte alle Straßen unpassierbar, mit Ausnahme der Zentralen-Carretera- dahinschleppten, in denen wir auf nichts anderes als Schlammwasser stießen.
Fernverkehrsstraße, der einzigen Straße in diesem Teil Kubas, die einen Wir litten Hunger und Durst und waren kaum noch fähig, uns vorwärts zu
Teerbelag hatte. Nun ja, so mußten wir den Gedanken aufgeben, mit den bewegen. Unsere Beine waren wie Blei, und unsere Waffen drückten uns
Lastwagen weiterkommen zu können. Von da an mußten wir den Marsch zu grausam zu Boden. Wir setzten den Marsch mit ein paar besseren Pferden fort,
Pferd oder zu Fuß fortsetzen. Wir waren schwer beladen - mit Munition, mit die Camilo für uns zurückgelassen hatte, als er ging, um die Lastwagen in
einem Vierziger-Raketenwerfer zur Panzerbekämpfung, und aller für einen Empfang zu nehmen; aber wir mußten sie in der Nähe der Zuckermühle von
lang Marsch und die schnelle Errichtung eines Lagers notwendigen Ausrü- Macareño aufgeben. Da die Wegführer, die zu uns stoßen sollten, nicht er-
stung. schienen waren, ließen wir uns einfach vorwärts treiben, und versuchten,
Es kamen schwere Tage für uns in der uns nach wie vor freundlich ge- unseren Weg blind zu ertasten.
sonnenen Provinz Oriente. Wir mußten Ströme überqueren, die Hochwasser Unsere Vorhut traf bei Cuatro Compañeros auf einen feindlichen Posten,
führten, und Flüsse und Bäche, die sich in Ströme verwandelt hatten; wir und dies war der Beginn eines heißen Gefechts. Die Dämmerung brach an. Es
mußten darum kämpfen, daß wir unsere Munition, die Gewehre und Raketen- gelang uns - nicht ohne Schwierigkeiten -, den größten Teil unserer Truppen
geschosse trocken hielten. Wir mußten neue Pferde finden, damit wir die in einem dichtbewaldeten Geländestück zu versammeln, aber der Feind um-
müden auswechseln konnten. In dem Maße, wie wir uns jenseits der Provinz ging uns von der Seite, und so mußten wir ein langwieriges Gefecht führen,
Oriente bewegten, mußten wir die bevölkerten Gebiete immer mehr meiden. damit diejenigen von uns, die zurückgeblieben waren, eine Eisenbahnlinie
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überschreiten und die Richtung auf das Waldstück einschlagen konnten. Dabei Streitmacht in eine Armee von Schatten verwandelt. Mit jedem Tag ver-
wurden wir von den Flugzeugen entdeckt. Maschinen vom Typ B-26 und C- schlechterte sich unser physischer Zustand, und unsere Mahlzeiten - einmal
47, große Aufklärungsflugzeuge des Typs C-3 und kleine Maschinen - alle gab es etwas, am anderen Tag nichts, am dritten Tag war vielleicht etwas
spieen Feuer innerhalb eines Umkreises von zweihundert Metern oder weni- vorhanden - waren nicht dazu angetan, unseren Zustand zu verbessern. Unsere
ger. Nachdem sie sich so entladen hatten, flogen sie davon. Durch die Bom- härtesten Tage waren die, die wir in der Einschließung verbrachten. Das war
ben hatten wir einen Toten zu beklagen; mehrere waren verwundet, unter in der Nähe der Zuckermühle von Baraguá, in giftigen Sümpfen, ohne einen
ihnen Major Silva, der den Rest des Feldzugs mit einer gebrochenen Schulter Tropfen Trinkwasser, ständig von Flugzeugen belästigt, ohne ein einziges
mitmachte. Pferd, das den Schwächeren unter uns hätte helfen können, diesen unfreundli-
Am nächsten Tag sahen die Dinge aber nicht ganz so schlimm aus, da eini- chen Sumpf zu überqueren; unser Schuhwerk war durch dieses Brackwasser
ge unserer Versprengten auftauchten und wir die ganze Mannschaft zusam- vollständig verrottet; in dem mit Pflanzen aller Art durchsetzten schlammigen
menbringen konnten; es fehlten lediglich zehn Mann, die sich Camilos Wasser hatten wir uns die bloßen Füße aufgerissen. Als wir den Ring von
Kampfgruppe angeschlossen hatten und mit ihm nach Yaguajay im nördlichen Baraguá durchbrachen, um die berühmte Straße von Júcaro nach Morón zu
Teil von Las Villas zogen. erreichen - eine historische Stätte - im Unabhängigkeitskrieg Schauplatz
Bei all unseren Schwierigkeiten mangelte es uns nie an Unterstützung blutiger Kämpfe zwischen Patrioten und den Spaniern, befanden wir uns
durch die Bauern. Immer war einer da, der uns den Weg zeigte oder der uns wahrhaftig in einer katastrophalen Situation. Wir hatten keine Zeit, eine Pause
vor dem Hungern bewahrte. Richtig ist, daß wir nicht einmütige Unterstüt- zu machen und uns zu erholen, denn die wolkenbruchartigen Regengüsse und
zung vorfanden, so wie sie uns von der Bevölkerung der Provinz Oriente die allgemeinen Unbilden des Wetters, zusammen mit den Angriffen des
zuteil wurde, aber dennoch gab es immer Leute, die uns halfen. Manchmal Feindes, zwangen uns, unseren Marsch fortzusetzen. Die Mannschaft wurde
wurden wir auch verraten, wenn wir durch eines der großen Güter zogen; aber immer erschöpfter und entmutigter. Im kritischsten Augenblick jedoch, als
dies bedeutete keineswegs eine gemeinsame Aktion der Bauern gegen uns. Beleidigungen, Bitten und Flehen oder Spott noch die einzige Möglichkeit
Man muß verstehen, daß diese Menschen durch ihre Existenzbedingungen in waren, die übermüdeten Männer dazu zu bekommen, daß sie weitergingen,
Sklaven verwandelt worden waren. In Angst und Schrecken bei dem Gedan- genügte eine ganz entfernt auftauchende Vision, ihnen wieder Mut zu geben
ken, daß sie ihr tägliches Stück trocken Brot verlieren könnten, informierten und ihnen allen neuen Kampfgeist einzuflößen: das war ein blauer Punkt am
sie den Besitzer, daß wir durch das Gutsgelände zogen, und dieser hatte nichts Horizont, gegen Westen, das Blau der cordillera von Las Villas, das zum
Besseres zu tun, als die Militärbehörden zu warnen. erstenmal vor den Blicken unserer Männer auftauchte. Von diesem Moment
Eines Nachmittags hörten wir in unserem kleinen Feldradio einen Bericht an waren die Entbehrungen leichter zu ertragen, schien alles einfacher zu sein.
von General Francisco Tabernilla Dolz. Mit seinem üblichen feuerfressenden Wir konnten dem zweiten Ring der Einkreisung entgehen, indem wir den
Wortschwall gab er die Vernichtung der von Che Guevara geführten Horden Júcaro durchschwammen, der die Grenze zwischen den Provinzen Camagüey
bekannt und legte eine Liste vor, die in Tote, Verwundete und Unversehrte und Las Villas bildet. Es war uns, als seien wir aus der Dunkelheit ans Licht
aufgeteilt war. Alle seine Angaben stammten aus Papieren, die dem Gegner gelangt.
mit unserem Marschgepäck einige Tage vorher nach unserem verheerenden Zwei Tage später befanden wir uns im Herzen der Trinidad-Sancti Spiritus-
Zusammenstoß mit dem Feind in die Hände gefallen waren. Was man dort Gebirgskette in Sicherheit und waren bereit, in die neue Phase des Krieges
gefunden hatte, wurde mit falschen Informationen gespickt, die vom General- einzutreten. Nun konnten wir uns etwas ausruhen. Aber wir waren in großer
stab der Armee zusammengestellt worden waren. Eile und durften keine Verzögerung eintreten lassen, denn unser Plan war es,
Die Nachrichten von unserem Ableben lösten in unserer kleinen Truppe die für den 3. November ausgeschriebenen Wahlen zu verhindern. Am 16.
Vergnügen aus. Allmählich wurde sie jedoch von Pessimismus befallen: Oktober hatten wir die Berge von Las Villas erreicht; zur Erfüllung einer
Hunger, Durst, Ermattung, ein Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Ein- gewaltigen Aufgabe blieb uns nur noch sehr wenig Zeit.
kreisung durch die Kräfte des Feindes und insbesondere eine schreckliche Vom Zeitpunkt unseres Eintreffens in die Sierra Escambray an sollten wir
Fußkrankheit, die jeden Schritt zu einer Folter machte, - all dies hatte unsere darangehen, den Militärapparat der Diktatur und insbesondere ihr Nachrich-
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ten- und Verbindungsnetz zu zerschlagen. Unser vordringliches Ziel war es, Gebiet, erhielt auf dem Luft- und Seeweg Unterstützung durch die Regierung.
die Wahlen aufzuhalten. Das war eine harte Arbeit, wenn man bedenkt, daß Aber diese Hilfe wurde in wachsendem Maße ungewiß. Überall vervielfachten
wir so wenig Zeit zur Verfügung hatten und daß es in der revolutionären sich beim Feind die Auflösungserscheinungen.
Bewegung interne Unstimmigkeiten gab, für die wir einen hohen Preis, ein- Nach dem 16. Dezember brachten wir den Feind in eine heikle Lage, indem
schließlich dem von Menschenleben, zahlen sollten. wir systematisch alle Straßen und Brücken sperrten. Wie konnte er unter
Der Plan sah vor, daß wir die benachbarten Flecken angriffen, so daß keine diesen Umständen seine vorgeschobenen Positionen, und selbst die auf der
Wahlversammlungen abgehalten werden konnten. Wir planten einen gleich- zentralen Fernverkehrsstraße, verteidigen? In der Dämmerung des 16. De-
zeitigen Angriff auf Cabaiguán, Fomento und Sancti Spíritus, gegen Orte, die zember sprengten wir die Brücke über den Falcón in die Luft, und damit war
auf der reichen zentralen Ebene hegen. In der Zwischenzeit ergab sich die die Verbindung zwischen Havanna und den Städten östlich von Santa Clara
kleine Gebirgsgarnison Güinía de Miranda, und danach griffen wir ohne faktisch durchschnitten. Ebenso schlossen wir eine Reihe von kleineren Orten
besonderes Ergebnis den Stützpunkt Banao an. In den Tagen vor dem 3. - unter ihnen Fomento als südlichste -ein und griffen sie an. Der Kommandeur
November waren wir mit einer Fülle von Unternehmungen beschäftigt; unsere verteidigte diesen Stützpunkt ziemlich wirkungsvoll. Aber ungeachtet der
Kampfgruppen waren überall; sie verhinderten eine Teilnahme an dem Wahl- Tatsache, daß die feindliche Luftwaffe unsere Streitkräfte ständig attackierte,
gang fast völlig. Im nördlichen Teil der Provinz wurde die Wahlfarce durch unternahmen die demoralisierten Truppen der Diktatur wenig, um die Lage
die Truppen Camilo Cienfuegos' gelähmt. Jeder Verkehr war unterbunden: ihrer Kameraden zu erleichtern. Sie erkannten die Nutzlosigkeit des Wider-
sowohl der Transport der batistiano-Truppen wie auch der Waren- und Gü- standes und ergaben sich, und mehr als hundert Gewehre wechselten auf die
terumschlag. Seite der Freiheit über.
In der Provinz Oriente konnte man von keiner Stimmenabgabe sprechen; in Wir gönnten den feindlichen Truppen keine Atempause und beschlossen,
Camagüey war der Prozentsatz etwas höher; in der westlichen Zone gab es die zentrale Fernverkehrsstraße unverzüglich in unsere Hand zu bringen. Am
trotz allem Druck massenhaft Stimmenthaltungen. In Las Villas war der 21. Dezember griffen wir gleichzeitig Cabaiguán und Guayos an. Nach meh-
Verzicht auf die Teilnahme an den Wahlen eine spontane Aktion, denn wir reren Stunden bot Guayos die Übergabe an; zwei Tage später folgte Cabaigu-
hatten keine Zeit gehabt, passiven Widerstand und Guerilla-Aktivität zu án mit seinen neunzig Soldaten. Bei Cabaiguán war die Unfähigkeit der
organisieren. Diktatur klar festzustellen; sie schickte keinerlei Infanterieverstärkungen zum
Durch die verstärkten Angriffe auf das Verbindungswesen entstand in Las Entsatz der belagerten Männer.
Villas eine sehr kritische Situation. Als wir in der Provinz eintrafen, schufen Während er die Einschließung von Yaguajay, der letzten Bastion der Trup-
wir ein völlig neues System des Kampfes in den städtischen Gebieten: bei pen des Diktators, in die Wege leitete, griff Camilo Cienfuegos mehrere
jeder Unternehmung nahmen wir einige der besten städtischen milicianos mit Dörfer nördlich von Las Villas an. Ihr kommandierender Offizier war Abón
uns und brachten sie in ein Ausbildungslager, wo sie in der Sabotagetaktik Lee, ein Hauptmann chinesischer Abstammung, der elf Tage lang Widerstand
unterwiesen wurden. Diese Maßnahme trug in den vorstädtischen Bezirken leistete; dadurch waren die revolutionären Truppen in diesem Abschnitt
ihre Früchte. gebunden. Mittlerweile steuerte unsere Gruppe auf die zentrale Fernverkehrs-
Im Laufe des November und Dezember 1958 sperrten wir allmählich alle straße zu; sie marschierte in Richtung auf die Provinzhauptstadt Santa Clara.
Straßen; Hauptmann Silva blockierte die Straße von Trinidad nach Sancti Nach dem Fall von Cabaiguán griffen wir Placetas an, das sich am Ende
Spíritus vollständig, und die zentrale Fernverkehrsstraße wurde schwer be- des ersten Angriffstages ergab. Das Revolutionäre Direktorat leistete uns
schädigt, als wir die Brücke über den Tuinicú unbenutzbar machten, ohne daß dabei wertvolle Unterstützung. Bald nach der Einnahme von Placetas befrei-
wir sie jedoch völlig zerstören konnten. Die zentrale Eisenbahnlinie wurde an ten wir Remedios und Caibarién, eine wichtige Hafenstadt an der Nordküste.
mehreren Punkten unterbrochen; im südlichen Abschnitt wurde der Eisen- Für die Diktatur war die Lage düster: in der Provinz Oriente erzielten wir
bahnbetrieb durch die Truppen der Zweiten Front unterbrochen, im nördlichen immer neue Siege; die Kampfgruppe an der Escambray-Front schlug alle
wurde er durch die Streitkräfte Camilo Cienfuegos' lahmgelegt. So war die kleinen Garnisonen in ihrem Gebiet in die Flucht, und Camilo Cienfuegos
Insel in zwei Hälften gespalten. Nur die Provinz Oriente, das unruhigste kontrollierte den Norden.
109
Als sich der Feind aus Camajuaní absetzte, ohne den geringsten Widerstand schaffen.
geleistet zu haben, waren wir zum endgültigen Schlag gegen die Hauptstadt Auf den Hügeln von Cápiro wurde noch immer Widerstand geleistet, und
von Las Villas bereit. (Santa Clara ist der Mittelpunkt der zentralen kubani- die Schlacht hielt am 30. Dezember den ganzen Tag über an. In der Zwi-
schen Ebene. Es ist eine Stadt mit 150 000 Einwohnern, ein Eisenbahnknoten- schenzeit eroberten wir mehrere andere Teile der Stadt. Die Verbindung
punkt und Zentrum eines Netzes von wichtigen Verbindungswegen. Sie ist zwischen dem Zentrum von Santa Clara und dem Panzerzug war bereits
von niedrigen, kahlen Hügeln umgeben, auf denen die feindlichen Truppen unterbrochen. Die Besatzung des Zuges fand sich in den Hügeln von Cápiro
bereits in Stellung gegangen waren.) eingekreist; sie versuchte auf dem Schienenweg zu fliehen, und traf mit ihrem
Zum Zeitpunkt des Angriffs hatten wir unseren Bestand an Gewehren be- Gefährt und seiner prächtigen Ladung am Knotenpunkt ein; wir allerdings
trächtlich vergrößert; wir hatten sogar einige schwere Waffen wieder erobert, hatten die Vorsichtsmaßregel getroffen, die Bahnanlagen dort in die Luft zu
allerdings ohne Munition. Wie hatten eine Bazooka, aber keine Geschosse. sprengen. Die Lokomotive und mehrere Wagen entgleisten. Es ergab sich ein
Uns standen aber zehn oder mehr Panzer gegenüber. Wir hatten erkannt, daß sehr interessanter Gefechtsablauf: die Besatzung des Panzerzuges wurde
man sie am besten bekämpfen konnte, wenn man tief in die dicht besiedelten durch unsere Molotow-Cocktails außer Gefecht gesetzt; trotz des vorzüglichen
Bezirke eindrang, wo Panzer weit weniger wirksam eingesetzt werden kön- Schutzes, aus dem heraus sie kämpften, waren sie lediglich darauf vorbereitet,
nen. auf eine lange Entfernung, aus einer bequemen Position und gegen einen
Während die Truppen des Direktorats darangingen, die Kasernen Nr. 31 der praktisch wehrlosen Gegner zu kämpfen; das war genau der Stil, wie die
Guardia Rural zu stürmen, waren wir damit beschäftigt, den Ring um faktisch Kolonisatoren gegen die Indianer im nordamerikanischen Westen vorgingen.
alle Stützpunkte in Santa Clara zu schließen. Vor allem richteten wir unsere Ständig von unseren Männern attackiert, die von nahe gelegenen Waggonsund
Aufmerksamkeit auf die Verteidiger des Panzerzuges, der beim Knotenpunkt aus anderen Stellungen aus kurzer Entfernung mit Benzin gefüllte Flaschen
Camajuaní auf den Gleisen stand - eine Position, die von der Armee erbittert gegen die Verteidiger schleuderten, verwandelte sich der Zug, an dem die
verteidigt wurde. Flammen hochleckten - dank seiner Stahlpanzerung - für die Soldaten in einen
Am 29. Dezember begann die Schlacht. Zu Beginn diente uns das Uni- wahren Brennofen. Nach mehreren Stunden ergab sich die gesamte Besetzung
versitätsgebäude als Operationsbasis. Später richteten wir unser Hauptquartier mit ihren zweiundzwanzig gepanzerten Waggons, ihren Fla-Geschützen, den
näher beim Stadtzentrum ein. Unsere Leute kämpften gegen Truppen, die von Maschinengewehren der geheimen Sonderabteilungen und ihren märchenhaf-
Panzereinheiten unterstützt wurden; sie verjagten sie, aber viele mußten ihren ten (das heißt märchenhaft für uns) Munitionsvorräten.
tapferen Einsatz mit dem Leben bezahlen. Unsere improvisierten Friedhöfe Es war uns gelungen, das Kraftwerk und die gesamten nordwestlichen Be-
und Krankenhäuser füllten sich mit Toten und Verwundeten. zirke der Stadt zu besetzen. Wir gaben über den Rundfunk bekannt, daß sich
Ich erinnere mich an eine Episode, die für den Geist unserer Truppen wäh- faktisch die gesamte Stadt Santa Clara in den Händen der Revolution befinde.
rend dieses letzten Angriffs in hohem Maße charakteristisch ist. Ich hatte In dieser Sendung, in der ich in meiner Eigenschaft als Oberbefehlshaber der
einem unserer Soldaten, den ich mitten im Gefecht schlafend angetroffen Streitkräfte in Las Villas selbst sprach, hatte ich die traurige Pflicht, dem
hatte, einen scharfen Verweis erteilt. Er hatte mir berichtet, er sei waffenlos kubanischen Volk den Tod von Hauptmann Roberto Rodríguez bekanntzuge-
gewesen, weil er zufällig sein Gewehr verloren hatte. Ich hatte ihm, wie bei ben; «EI Vaquerito», klein an Körpergröße und gering an Jahren, war der
mir üblich, trocken geantwortet: «Los, geh an die Front mit bloßen Händen Führer der Selbstmordabteilung gewesen und hatte im Kampf um die Freiheit
und komm mit einem anderen Gewehr zurück, wenn du Manns genug bist.» sein Leben tausendfach aufs Spiel gesetzt. Diese Selbstmordabteilung, die
Später besuchte ich unsere Verwundeten in einem Militärhospital. Ein ster- sich ausschließlich aus bewährten Freiwilligen zusammensetzte, war ein
bender Soldat berührte meine Hand und sagte: «Erinnern Sie sich, Major? Sie Muster an revolutionärer Einsatzbereitschaft. Jedesmal, wenn eines ihrer
haben mich geschickt... bei Remedios... mir ein Gewehr zu holen... Ich habe Mitglieder fiel, - und dies geschah in jedem Gefecht - und ein neuer Kandidat
es mitgebracht.» Es war der Soldat, der in die Luft geschossen hatte, und der angenommen wurde, konnten die, die man abgelehnt hatte, ihre Enttäuschung
ein paar Minuten später sterben mußte. Mir schien, er war zufrieden, daß er nicht verbergen und gelegentlich sogar ihre Tränen nicht zurückhalten. Wie
seinen Mut unter Beweis gestellt hatte. So war unsere Rebellenarmee be- seltsam war es, wenn man dann sah, wie jung diese prächtigen, kampfge-
110
stählten Krieger waren, sie vergossen Tränen der Verzweiflung, weil sie nicht nur einfache Instrumente einer einzigen Nation sind; wir sind in diesem Au-
die Ehre hatten, für einen Einsatz in den vordersten Reihen von Kampf und genblick die Hoffnung des unerlösten Amerika. Heute sind alle Augen auf uns
Tod auserwählt zu werden. gerichtet: die Augen der machtvollen Unterdrücker und die der Hoff-
Als nächstes fiel das Polizeihauptquartier in unsere Hände, zusammen mit nungsvollen. Von unserer künftigen Haltung, von unserer Fähigkeit, die
den Panzern, die es verteidigt hatten. Die Kasernen Nr. 31 hatten vor Major vielfältigen Probleme zu lösen, hängt in großem Maße das Anwachsen der
Cubela schnell kapituliert; wir besetzten ferner das Gefängnis, das Gerichts- Volksbewegung in Amerika ab. Und ebenso wie die optimistischen Augen
gebäude und den Sitz der Provinzialregierung; ebenso nahmen wir das Grand unserer amerikanischen Brüder beobachten die immer wachsamen Augen des
Hotel, wo die Eingeschlossenen noch fast bis zur Einstellung der Feindselig- mächtigen Unterdrückers jeden einzelnen Schritt, den wir tun.
keiten aus dem zehnten Stockwerk auf uns feuerten. Wir alle wissen, daß es nicht leicht sein wird; wie alle sind uns der ge-
Zu diesem Zeitpunkt blieben nur die Leoncio Vidal-Kasernen, die größte waltigen historischen Verantwortung bewußt, die die ‹Bewegung des 26. Juli›,
Festung Zentralkubas, in den Händen der Diktatur. Aber am 1. Januar 1959 die kubanische Revolution und die Nation als Ganzes tragen - der Verantwor-
waren dann unter ihren Verteidigern die Anzeichen des Zusammenbruchs tung, ein Beispiel für alle Völker Amerikas zu sein, für jene, die wir nicht
offenkundig. Am Vormittag des 1. Januar schickten wir Hauptmann Núñez enttäuschen dürfen.
Jiménez und Rodríguez de la Vega, damit sie die. Übergabe der Kasernen Unsere Freunde auf dem unbezähmbaren Kontinent können gewiß sein, daß
aushandelten. wir, wenn notwendig, bis zur letzten wirtschaftlichen Konsequenz unseres
Es gab erstaunliche und einander widersprechende Nachrichten: Batista war Handelns kämpfen werden. Und wenn der Kampf sogar noch schärfere For-
gerade geflohen und hatte durch seine Flucht den Zusammenbruch des Ober- men annimmt, dann werden wir bis zum allerletzten Tropfen unseres Rebel-
kommandos der Streitkräfte herbeigeführt. Unsere beiden Abgesandten nah- lenblutes kämpfen, um dieses Land zu einer souveränen Republik zu machen,
men über Funk mit Cantillo Kontakt auf und unterrichteten ihn von unserem die die wahren Attribute einer glücklichen und demokratischen Nation besitzt
Übergabeangebot. Aber er weigerte sich, darauf einzugehen, da es sich um ein und die den anderen Völkern Amerikas ein wirklicher Bruder ist.
Ultimatum handelte und da er den Befehl über die Armee in striktem Einklang
mit den Instruktionen Fidel Castros übernommen hatte. Wir unterrichteten
Fidel sofort über das, was geschehen war, und teilten ihm unsere Meinung
über die zweifelhafte Haltung Cantillos mit. Fidel hatte sich seine Meinung
bereits gebildet: auch er war sicher, daß Cantillo ein Verräter war. (Cantillo
hatte in jenen entscheidenden Stunden zugelassen, daß alle hohen Offiziere
der Batista-Regierung die Flucht ergriffen. Seine Haltung war um so klägli-
cher, wenn wir die Tatsache berücksichtigen, daß er als Offizier den Kontakt
zu uns hergestellt hatte. Wir hatten ihm vertraut und naiverweise angenom-
men, daß das Wort eines Militärs diesem heilig sein müsse.)
Das übrige ist bekannt: Fidel Castros Weigerung, Cantillos Rat zu be-
folgen; Fidels Befehl, auf Havanna zu marschieren; die Übernahme des Ar-
meeoberbefehls durch General Barquín, nachdem dieser aus dem Gefängnis
auf der Pinieninsel freigelassen worden war; die Einnahme von Camp Colum-
bia durch Camilo Cienfuegos und der Cabaña-Festung durch unsere Achte
Kampfgruppe; und schließlich mehrere Tage später die Einsetzung Fidel
Castros als Ministerpräsident der Provisorischen Regierung. All dies ist Teil
der zeitgenössischen politischen Geschichte der Nation.
Wir befinden uns gegenwärtig in einer Situation, in der wir viel mehr als
111
Zwei Briefe Che Guevaras auch stolz darauf, daß ich Dir ohne Zögern gefolgt bin, daß ich mich mit
Deiner Denkweise identifiziert habe, mit Deiner Art, die Gefahren und Grund-
sätze zu sehen und sie einzuschätzen.
Brief an Fidel Castro vom April 1965 29 Andere Nationen der Erde verlangen nun nach meinen bescheidenen An-
strengungen. Ich kann das tun, was Dir wegen Deiner Verantwortung als
Fidel, Oberhaupt Kubas verwehrt ist, und die Zeit ist für uns gekommen, auseinan-
in diesem Augenblick erinnere ich mich an so vieles - daran, als ich Dich in derzugehen.
Maria Antonias Haus traf, als Du vorschlugst, daß ich kommen sollte, und an Ich möchte, daß man es weiß, daß ich dies mit gemischten Gefühlen der
all die Spannungen, die mit den Vorbereitungen verbunden waren. Freude und des Schmerzes tue: ich lasse hier meine reinsten Hoffnungen als
Eines Tages fragte man uns, wer im Falle des Todes benachrichtigt werden einer, der aufbaut, zurück; und ich verlasse diejenigen, die mir von allen, die
sollte, und die reale Möglichkeit, daß diese Tatsache eintreten kann, hat uns ich liebe, am teuersten sind. Und ich verlasse ein Volk, das mich wie einen
alle bewegt. Später wußten wir, daß es wahr war: daß man in einer Revolution Sohn aufgenommen hat. Das schmerzt mich zutiefst. Ich nehme zu den neuen
entweder siegt oder stirbt (wenn es eine wirkliche Revolution ist). Viele Schlachtfronten den Glauben mit, den Du mich gelehrt hast, den revolutionä-
Kameraden sind auf dem Weg zum Sieg gefallen. ren Geist meines Volkes und das Gefühl, daß ich die heiligste aller Pflichten
Heute ist alles weniger dramatisch, weil wir abgeklärter geworden sind. erfülle: gegen den Imperialismus zu kämpfen, wo immer es sein mag. Dies ist
Aber die Tatsache wiederholt sich. Ich habe das Gefühl, daß ich den Teil ein Trost, und er heilt die tiefsten Wunden.
meiner Pflicht erfüllt habe, der mich an die kubanische Revolution auf dem Ich erkläre noch einmal, daß ich Kuba von jeder Verantwortung befreie,
Territorium Kubas band, und ich sage jetzt Dir, den Kameraden und Deinem außer von der, die von seinem Beispiel herrührt. Wenn mich meine letzte
Volk, die alle ein Stück meiner selbst geworden sind, Lebewohl. Stunde unter einem anderen Himmel findet, dann wird mein letzter Gedanke
Ich verzichte hiermit in aller Form auf meine Ämter in der nationalen Füh- der an dieses Volk und insbesondere an Dich sein. Ich bin dankbar für Deine
rung der Partei, auf meinen Ministerposten, meinen Rang als Major und auf Belehrung und für Dein Beispiel und ich will versuchen, treu zu sein, bis zu
meine kubanische Staatsangehörigkeit. Nichts Formaljuristisches bindet mich den letzten Konsequenzen meiner Handlungen.
mehr an Kuba. Die einzigen Bande sind anderer Natur; es sind solche, die Ich habe mich stets mit der Außenpolitik unserer Revolution identifiziert
man nicht einfach durchschneiden kann, so wie man etwa eine Verabredung und werde dies auch weiterhin tun. Wo immer ich mich aufhalte, werde ich
nicht einhält. die Verantwortung fühlen, ein kubanischer Revolutionär zu sein, und als
Wenn ich an mein vergangenes Leben zurückdenke, so glaube ich, habe ich solcher werde ich mich verhalten. Es tut mir leid, daß ich meinen Kindern und
mit genug Ehre und Hingabe dabei mitgewirkt, den Triumph der Revolution meiner Frau nichts Materielles zurücklasse. Ich bin glücklich, daß es so ist.
zu konsolidieren. Mein einziger ernster Mangel war, daß ich von den ersten Ich bitte für sie um nichts, denn ich weiß, daß der Staat genügend Vorsorge
Augenblicken in der Sierra Maestra an nicht mehr Vertrauen in Dich gesetzt für das, was sie brauchen, und für die Erziehung der Kinder treffen wird.
hatte, und daß ich nicht schnell genug Deine Qualitäten als Führer und Revo- Ich möchte Dir und unserem Volk noch so viel sagen, aber ich fühle, daß
lutionär erkannt habe. dies nicht notwendig ist. Worte können dem, was ich sagen möchte, keinen
Ich habe wunderbare Tage durchlebt, und ich habe an Deiner Seite den Ausdruck verleihen, und ich glaube nicht, daß es sich lohnt, Phrasen heraus-
Stolz gefühlt, in den glänzenden und doch traurigen Tagen der karibischen zufordern.
Krise 30zu unserem Volk zu gehören. Für immer vorwärts zum Sieg! Patria o muerte!
Selten ist ein Staatsmann brillanter als Du in diesen Tagen gewesen. Ich bin Ich umarme Dich mit aller meiner revolutionären Glut.
CHE
29
Nach halbjährigem Schweigen über Che Guevara, der aus Kuba verschwunden war, hatte Fidel Castro
die Existenz dieses Briefes am 3. Oktober 1965 auf einer öffentlichen Kundgebung in Havanna erstmals
bekanntgegeben und ihn verlesen. (Anm. d. Übers.)
30
Gemeint ist die kubanische Raketenkrise vom Oktober 1962. (Anm. d. Übers.)
112
Brief an die Eltern; geschrieben Mitte 1965

Meine Lieben,
abermals fühle ich zwischen meinen Fersen die Rippen Rosinantes; wieder
mache ich mich, meinen Schild am Arm, auf den Weg.
Heute sind es fast auf den Tag genau zehn Jahre, daß ich Euch einen ande-
ren Abschiedsbrief schrieb. Wenn ich mich recht erinnere, klagte ich damals
darüber, daß ich kein besserer Soldat und kein besserer Arzt sei. Letzteres
interessiert mich nicht länger; ich bin kein so schlechter Soldat.
Nichts hat sich im wesentlichen geändert, außer daß ich sehr viel bewußter
geworden bin; ich erkenne, daß mein Marxismus Wurzeln geschlagen hat und
geläutert wird. Ich glaube an den bewaffneten Kampf als an die einzige Lö-
sung für jene Völker, die kämpfen, um sich zu befreien, und ich verhalte mich
entsprechend meiner Überzeugung. Viele werden mich einen Abenteurer
nennen -und das bin ich auch, nur bin ich einer von einer anderen Sorte; ich
bin einer von denjenigen, die ihre Haut riskieren, um ihre Gemeinplätze unter
Beweis zu stellen.
Es ist möglich, daß dies das Ende ist. Ich suche es nicht, aber es liegt im
logischen Bereich der Wahrscheinlichkeiten. Wenn es so sein sollte, schicke
ich Euch hiermit eine letzte Umarmung.
Ich habe Euch sehr geliebt, nur habe ich nicht gewußt, wie ich meiner Zärt-
lichkeit Ausdruck geben sollte. Ich bin in meinen Handlungen außerordentlich
starr, und ich glaube, Ihr habt mich manchmal nicht verstanden. Es war nicht
leicht, mich zu verstehen. Dennoch - bitte, nehmt mich heute nur gerade bei
meinem Wort.
Nun wird ein Wille, den ich mit Vergnügen aufpoliert habe, ein paar wack-
lige Beine und ein paar müde Lungen in Gang halten. Ich werde es tun.
Denkt gelegentlich einmal an diesen kleinen Glücksritter des zwanzigsten
Jahrhunderts. Einen Kuß für Celia, für Roberto, Juan Martín und Pototín, für
Beatriz und für alle.
Eine Umarmung für Euch von Eurem eigensinnigen und Verlorenen Sohn
ERNESTO

113
AKTIONEN DER GUERILLEROS
IN DER SIERRA MAESTRA
Dezember 1956 - Dezember 1957

1. Strand von Las Coloradas: Landepunkt der Granma


2. Alegría de Pío: das Expeditionskorps wird zerschlagen
3. Ojo de Buey-Bucht
4. Puercas Gordas, wo Almeidas Männer ihre Waffen Im Stich ließen
5. Mongo Pérez' Bauerngehöft, wo sich die versprengten Truppen unter
dem Befehl Fidel Castros umgruppierten
6. Caracas-Berg
7. La Plata: der erste Sieg
8. Arroyo del Infierno
9. Caracas-Berg
10. Überraschungsangriff der Batista-Truppen in den Altos de Espinosa
11. El Lomón: Ort, an dem die von Frank País geschickten Verstärkungen
eintreffen
12. Pico Turquino
13. Pino del Agua
14. El Uvero

114
Zeittafel Stichworte zum kubanischen Befreiungskrieg Mitte Februar 1958Unter dem Befehl von Raúl Castro und Juan
Almeida werden zwei weitere Kampfgruppen
25. November 1956 Fidel Castro verläßt zusammen mit 82 Mann an
gebildet.
Bord der Jacht Granma den mexikanischen Hafen
9. April 1958 Erfolgloser Aufruf zum Generalstreik in der
Tuxpan; Invasionsziel ist die kubanische Ostküste.
Ebene, dadurch vorübergehende Stärkung der
2. Dezember 1956 Landung am Strand von Las Coloradas in der
Position Batistas; neuerlicher Druck der Regie-
Provinz Oriente.
rungstruppen auf die Rebellen in der Sierra Mae-
5. Dezember 1956 Zerschlagung des Expeditionskorps bei Alegría de
stra.
Pío; Marsch der Versprengten zur Sierra Maestra;
25. Mai 1958 Beginn der zweieinhalbmonatigen Schlußoffen-
nur zwölf Mann erreichen das Ziel; mit ihnen
sive der Rebellen in der Sierra; Vorbereitung des
bildet Castro die erste Partisanengruppe.
Vorstoßes in die Ebene
16. Januar 1957 Erstes siegreiches Gefecht der Rebellen bei La
Ende August 1958 Vormarsch durch die Provinzen Oriente und
Plata.
Camagüey beginnt.
Februar 1957 Interview Castros mit dem Sonderkorrespon-
16. Oktober 1958 Eintreffen in der Sierra Escambray in der Provinz
denten der New York Times Herbert Matthews.
Las Villas. Ausgangspunkt der Schlußoffensive.
12. Februar 1957 Angriff der Truppen Batistas in den Altos de Espi-
November/Dezember Batistas Truppen werden immer mehr zurückge-
nosa; die Rebellen werden in die Flucht geschla-
1958 drängt; ganz Mittel- und Ostkuba sind praktisch
gen; das Ejercito Rebelde zählt jetzt achtzehn
von der Diktatur abgefallen.
Mann.
29. Dezember 1958 Angriff auf Santa Clara, die Hauptstadt der Pro-
März/Mai 1957 Verstärkungen und Waffen treffen aus der Ebene
vinz Las Villas.
ein; Mitte Mai ist die Streitmacht Castros 127
31. Dezember 1958 Batista flieht in die Dominikanische Republik;
Mann stark.
wenig später zieht Castro in einem Triumphzug in
28. Mai 1957 Sieg der Rebellen bei EI Uvero; erster Frontalan-
die Hauptstadt Havanna ein.
griff gegen einen befestigten Stützpunkt; Wider-
hall im ganzen Land; Rückzug der Truppen Bati-
stas aus dem Küstengebiet der Sierra Maestra.
12. Juli 1957 «Manifest der Sierra Maestra»: Fidel Castro
versucht, mit anderen Batista-Gegnern eine ge-
meinsame Plattform zu finden.
26. Juli 1957 Eine zweite Kampfgruppe wird unter dem Befehl
des neuernannten Majors Che Guevara aufgestellt.
Ende August 1957 Nach neuen Überfällen der beiden Kampfgruppen
weitgehender Rückzug der Truppen Batistas aus
der Sierra. Von da an nur noch Einzeloperationen
der Regierungsstreitkräfte im befreiten Gebiet.
14. Dezember 1957 Scharfe Verurteilung des sogenannten Paktes von
Miami durch Fidel Castro.
115
Inhaltsverzeichnis

Zum ehrenvollen Gedenken an Che. Von Fidel Castro 3


Von Rosario nach Kuba. Eine biographische Notiz 9

Einleitung 11
«El Patojo» 12
Eine Revolution beginnt 14
Alegría de Pío 16
Hin und her getrieben 18
Das Gefecht von La Plata 22
Das Gefecht von El Arroyo del Infierno 25
Luftangriff 26
Überraschungsangriff in den Altos de Espinosa 28
Tod eines Verräters 31
Bittere Tage 33
Verstärkungen 35
Abhärtung 37
Ein berühmtes Interview 39
Auf dem Marsch 42
Die Waffen treffen ein 44
Die Schlacht von El Uvero 47
Pflege der Verwundeten 51
Unsere Rückkehr 53
Vorbereitung eines Verrats 57
Der Angriff auf Bueycito 60
Lydia und Clodomira 63
Das Gefecht von El Hombrito 65
Das erste Gefecht von Pino del Agua 67
Ein bedauerliches Ereignis 72
Moral und Disziplin der revolutionären Kämpfer 74
Kampf gegen das Banditentum 76
Altos de Conrado 80
Der Krieg und die Bauernbevölkerung 83
Ein Jahr Kampf 85
Das zweite Gefecht von Pino del Agua 100
Camilo 103
Der Generalstreik, die Schlußoffensive und die Schlacht von Santa Clara 106
Anhang
Zwei Briefe Che Guevaras 112
Aktionen der Guerilleros in der Sierra Maestra,
Dezember 1956 - Dezember 1957 114
Zeittafel - Stichworte zum kubanischen Befreiungskrieg 115

116

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