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Intensivkurs Fall 2 – Teil 2

Nach all den Ereignissen überdenkt Joana ihre Sicht der Dinge. Sie meint, dass die Öffentlichkeit
endlich erfahren solle wie grausam und menschenverachtend die nigerianische Terrororganisation
Boko Haram tatsächlich ist. Sie schickt daher am 8.9.2020 folgende Anzeige an die
Landespolizeidirektion Salzburg:
Ich melde für den 11.9.2020, zwischen 9 und 14 Uhr eine Demonstration am Domplatz in
der Stadt Salzburg an. Es geht darum, der Bevölkerung klar zu machen, dass die
nigerianische Organisation Boko Haram als Terrororganisation weltweit junge Menschen
anspricht und als Kämpfer rekrutiert. Das muss verhindert werden. Es werden etwa 60
Personen an der Kundgebung teilnehmen, darunter auch mehrere Vertreter des Staates
Nigeria, die kurze Reden halten und ein authentisches Bild der Lage liefern können. Diese
Aktion wird an Ort und Stelle stattfinden und sich nicht durch das Salzburger Stadtgebiet
bewegen, wir werden uns friedlich verhalten und ausschließlich selbst gebastelte und
kunstvoll verzierte Transparente und Trillerpfeifen verwenden um auf uns aufmerksam zu
machen. Passanten sind jederzeit eingeladen, sich unserer Veranstaltung anzuschließen und
mitzumachen.
Der zuständige Sachbearbeiter verfasst umgehend einen Untersagungsbescheid, der an Joana
zugestellt wird. Die Untersagung begründet er wie folgt: 1. Die Anzeige wurde bei der falschen
Behörde und dies auch noch zu spät eingebracht. 2. Die Veranstalterin ist nigerianische
Staatsangehörige, schon deswegen darf eine derartige Kundgebung nicht stattfinden. 3. Für den
11.9.2020 hat bereits am 2.9.2020 der Veranstalter Mario rechtswirksam eine Kundgebung
angezeigt, welche am selben Ort stattfindet und den Zweck hat, der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass
die Organisation Boko Haram und deren Mitglieder keineswegs terroristische Ziele verfolgt,
sondern die miserablen politischen und wirtschaftlichen Zustände in Nigeria bekämpfen will und
daher für „die gute Sache“ kämpft. Dies könnte zu gravierenden Auseinandersetzungen zwischen
den Teilnehmern beider Kundgebungen führen, die die öffentliche Sicherheit bedrohen könnten. 4.
Unabhängig von der Gefahr für die öffentliche Sicherheit wurde für Mario Kundgebung ein
Schutzbereich von 150 Metern festgelegt, was aufgrund der beengten baulichen Situation in
Salzburg dazu führt, dass gar keine zweite Demonstration Platz finden könnte. Weil Mario also
seine Anzeige zuerst eingebracht hat, ist es undenkbar, am selben Tag eine zweite Kundgebung am
selben Ort zu gestatten.
4) Wird Joanas dagegen erhobene Beschwerde erfolgreich sein? (25%)
Intensivkurs Fall 1 – Teil 2

Hermine erlangt schließlich eine Baubewilligung, Gewerbeberechtigung und eine


Betriebsanlagengenehmigung und erweitert ihren Buschenschank damit bald zu einem „normalen
Gasthaus“, weil bei der Bevölkerung Sushi und Schweinsbraten besonders gut ankommen: Sie plant
dazu einerseits die Erweiterung um einen Gastgarten für 50 Personen im Innenhof des Gebäudes,
dieser soll von 11 bis 22 Uhr betrieben werden und ausschließlich dem Verabreichen von Speisen
und Getränken dienen. Hermine möchte auch ein Schild an allen Eingängen des Gastgartens mit
der Aufschrift „Pssst“ anbringen, um lautes Sprechen, Singen und Musizieren im Gastgartenbereich
zu vermeiden. Auch ein ausschließlich für die Restaurantkunden gewidmeter Parkplatz soll
entstehen. Der Amtssachverständige bescheinigt Hermine in einem einwandfreien Gutachten, dass
weder durch den Betrieb des Gastgartens noch durch den Betrieb des Parkplatzes die Interessen
von Nachbarn in irgendeiner Weise beeinflusst werden können, jedoch müsse die Einfahrt zum
Parkplatz in einer bestimmten Position platziert werden, damit der öffentliche Verkehr nicht durch
die Abbiegevorgänge behindert werde, weil es sonst zu erheblicher Staubildung käme. Hermine
befürchtet, umfassende gewerberechtliche Vorgaben erfüllen zu müssen.
4a) Trifft dies zu? (15%)

Angenommen es unterbleibt zu beiden Vorhaben eine Verständigung der Nachbarn: Gegen den
neuen Parkplatz wendet sich die 2 Wochen nach Rechtskraft der Entscheidung der
Gewerbebehörde als Mieterin des Nachbarhauses zugezogene Franziska Urban und bringt vor,
dass die zufahrenden Autos der Kundschaft sehr wohl unzumutbaren Lärm verursachen würden.
Dies kann sie auch durch ein lärmtechnisches und medizinisches Gutachten belegen. Auch ein
andere Nachbar, Sebastian Glasner, ist erzürnt, denn es hat sich gezeigt, dass es tatsächlich so ist,
dass vom gesetzmäßig betriebenen Gastgarten derartig laute Geräusche an sein Ohr dringen, dass
er sich deswegen in ärztliche Behandlung begeben muss. Vor allem Franziskas Intervention lässt
Hermine aufschrecken. Wie kann es sein, dass irgendwelche nachträglich zugezogene Nachbarn
negativ Einfluss auf ihren Betrieb nehmen können? Einige Zeit später erwirbt Gunther Bauer in
unmittelbarer Nachbarschaft zu Hermines Lokal ein Grundstück, um darauf ein Einfamilienhaus zu
errichten. Hermine befürchtet, dass sich auch Gunther über die Emissionen des Lokals so ausgiebig
beschweren könnte, dass sich die Behörde veranlasst sehen könnte, nachträglich weitere Auflagen
vorzuschreiben.
4b) Wie ist die Rechtslage? (25%)
Stmk Baugesetz
§ 26
Nachbarrechte
(1) Der Nachbar kann gegen die Erteilung der Baubewilligung Einwendungen erheben, wenn diese sich
auf Bauvorschriften beziehen, die nicht nur dem öffentlichen Interesse, sondern auch dem Interesse der
Nachbarn dienen (subjektiv-öffentlichrechtliche Einwendungen). Das sind Bestimmungen über
1. die Übereinstimmung des Vorhabens mit dem Flächenwidmungsplan und einem Bebauungsplan,
soweit damit ein Immissionsschutz verbunden ist
2. die Abstände (§ 13);
3. den Schallschutz (§ 77 Abs. 1)
4. die brandschutztechnische Ausführung der Außenwände von Bauwerken an der Nachbargrenze (§ 52
Abs. 2)
5. die Vermeidung einer sonstigen Gefährdung oder unzumutbaren Belästigung bzw. unzumutbaren
Beeinträchtigung (§ 57 Abs. 2, § 58, § 60 Abs. 1, § 66 zweiter Satz und § 88)
6. die Baueinstellung und die Beseitigung (§ 41 Abs. 6).
(2) (Anm: derogiert durch § 82 Abs. 7 AVG)
(3) Wird von einem Nachbarn die Verletzung eines Rechtes behauptet, das im Privatrecht begründet ist
(privatrechtliche Einwendung), so hat die Behörde zunächst eine Einigung zu versuchen. Kommt keine
Einigung zustande, so ist der Beteiligte mit seinen privatrechtlichen Einwendungen auf den ordentlichen
Rechtsweg zu verweisen.
(4) Bei Neu- oder Zubauten sowie Nutzungsänderungen, die dem Wohnen dienen, sind auch
Einwendungen im Sinn des § 26 Abs. 1 Z 1 zu berücksichtigen, mit denen Immissionen geltend gemacht
werden, die von einer/einem genehmigten benachbarten:
1. gewerblichen Betriebsanlage oder
2. Seveso-Betrieb, der dem Steiermärkischen Seveso-Betriebe Gesetz 2017 unterliegt, oder
3. land- oder forstwirtschaftlichen Betriebsanlage
ausgehen und auf das geplante Bauvorhaben einwirken. Dies gilt jedoch nur in Bezug auf rechtmäßige
Emissionen, deren Zulässigkeit vom Nachbarn zu belegen ist.