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Die Stimme der Vernunft: Chomsky in Oldenburg

Geschrieben von: Martin Groß

Freitag, den 04. Juni 2004 um 22:03 Uhr

Noam Chomsky zeigte sich bei einer Podiumsdiskussion in Oldenburg erneut als scharfsinniger Kritiker der politischen Weltlage. Zuvor war dem Linguistik-Professor der Carl-von-Ossietzky-Preis verliehen worden.

Am 23. Mai 2004 erhielt Prof. Noam Chomsky vom Massachusetts Institute of Technology den Carl-von-Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg für sein Lebenswerk als politischer Analytiker und Medienkritiker . [1] Am Tag nach der Preisverleihung fand in der Oldenburger Uni eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Chomsky, Michael Schiffmann (Übersetzer mehrerer Chomsky-Bücher), Ernst Hinrichs (Historiker), Michael Sukale (Philosoph) und dem FAZ-Feuilletonchef Michael Jeismann statt. Einmal mehr wurde das altbekannte New York Times-Zitat ( most important intellectual alive ) bemüht, um den zurückhaltenden, bescheidenen alten Mann anzukündigen, der einst in der Linguistik eine kopernikanische Wende einläutete und gleichzeitig seit nunmehr über 40 Jahren als bekanntester amerikanischer Dissident die Außenpolitik seines Heimatlandes scharf kritisiert.

Chomsky begann mit einem einleitenden Kurzvortrag, in dem er ausführlich seine Ansichten zum Thema Globalisierung darlegte. [2] Dabei stellte er deutlich heraus, dass man sich nicht von der propagandistischen Codierung des Begriffs irreführen lassen darf: Globalisierung im eigentlichen Sinne ist etwas, das jeder befürwortet; am neoliberalen Verständnis dieses Konzepts jedoch gilt es radikal Kritik zu üben. Von der Presse als Globalisierungsgegner gebrandmarkte Gruppen wie Attac sind also keineswegs gegen Globalisierung tatsächlich benutzen sie z.B. mit dem Internet primär ein Medium, das direkt aus dem Streben nach globaler Kommunikation entstanden ist , sondern gegen jene neoliberale Vorstellungen vom globalen Wettbewerb, die sich in Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IMF) und der Weltbank sowie wenige Jahre später der Welthandelsorganisation (WTO) manifestiert haben.

Den Einstieg in diese Problematik der propagandistischen Begriffsverzerrung vollzog Chomsky über einen Parallelfall: So sehr sich die Definition von Terrorismus als Waffe der Schwachen eingebürgert hat, so falsch ist sie. Tatsächlich verschleiert dieser Gebrauch des Begriffs nur, dass der weitaus schlimmere Terrorismus von den Mächtigen der Welt ausgeht für Chomsky ist das momentan beispielsweise die direkte Unterstützung der terroristischen Aktivitäten Israels, der Türkei (gegen die Kurden) und Kolumbiens durch die USA. Es geht ihm dabei nicht um den falschen Gebrauch von Vokabeln, sondern um die verlogene Mentalität, die darin ihren Ausdruck findet: Terroristen das sind immer nur die anderen. Als Beispiel führt Chomsky an, dass in den USA und dem Großteil der westlichen Welt amerikanische Gräueltaten in Lateinamerika zur Zeit Ronald Reagans quasi unbekannt sind. Die illegale Unterstützung der Contras in Nicaragua, von den US-Medien als Krieg gegen den Terror gefeiert, wurde 1986 vom Internationalen Gerichtshof als Aggression verurteilt. Und die Täter von gestern sind die Täter von heute: Erneut wird ein Krieg gegen den Terror ausgerufen, um die Hegemonie der Supermacht langfristig zu sichern, indem systematisch Menschenrechte untergraben und präventiv (d.h. willkürlich) Kriege gegen unterlegene Länder geführt werden. [3]

Zur Verdeutlichung seines Anliegens, die beim Thema Terrorismus vorherrschende

Die Stimme der Vernunft: Chomsky in Oldenburg

Geschrieben von: Martin Groß

Freitag, den 04. Juni 2004 um 22:03 Uhr

Doppelzüngigkeit offenzulegen, griff Chomsky auf eine Anektode zurück, die zur Zeit Alexanders des Großen spielt (und den Titel für sein Buch Pirates and Emperors. International Terrorism in the Real World lieferte): Dem mächtigen Kaiser wird eines Tages ein berüchtigter Pirat vorgeführt, der seit langem die Küsten des Reiches unsicher gemacht hat. Als er Alexander gegenübertritt, beklagt der Pirat die Unverhältnismäßigkeit der Anklage: ‘Ich bin ein Pirat und habe ein Schiff du bist Kaiser und hast eine ganze Flotte.‘ Seit jeher hat es sich Chomsky zur Aufgabe gemacht, die Verbrechen des Kaisers offenzulegen und dabei die Maßstäbe anzulegen, die auch für den Piraten gelten. Er bezweifelt nicht, dass der Pirat ein Verbrecher ist; wohl aber beklagt er mit ungebrochener Schärfe, dass der Kaiser weitaus schlimmere Verbrechen begehen und gleichzeitig im Schutze eines gigantischen Propagandasystems einen Krieg gegen den Terror ausrufen kann [4]: Jeder fragt sich, wie man den Terrorismus stoppen kann. Es gibt einen wirklich einfachen Weg: Hören wir auf, daran teilzunehmen.

Nach Chomskys ausführlicher (und für viele, mit seinen Schriften weniger vertraute Gäste sichtlich erhellender) Einleitung war bereits eine Menge gesagt. Ebenso zeichnete sich ab, dass man sich an diesem Abend nicht allzu streng an das im Pressetext mit Markt und Medien Demokratie und soziale Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung betitelte Thema halten würde. Gesprächsleiter Hinrichs erkannte die Zeichen der Zeit und brach die verkrampfte Podiumsdiskussion schnell wieder ab, um zu den Publikumsfragen überzugehen. Es war zweifellos ein Fehler der Organisatoren, Chomsky einen Feuilletonisten und einen Philosophen entgegenzustellen, die gegen dessen enzyklopädisches Wissen und entmachtende Argumente wenig auszurichten vermochten; ein konservativer Historiker und ein reaktionärer Politologe wären die bessere Wahl gewesen. So blieb es bei einem blassen Auftritt Sukales ( Was ist eigentlich ihr Menschenbild, Herr Chomsky? ) und dem theatralischen Am-Kopf-Kratzen Jeismanns, der immerhin versuchte, dem Gast zu widersprechen, aber unfähig war, seine Kritik adäquat zu artikulieren.

Das schlug sich dann auch wenige Tage später in seinem Artikel in der FAZ nieder, in dem er den feuilletonistischen Stil perfektionierte und es schaffte, mit vielen Worten rein gar nichts zu sagen. Jeismann wiederholt seine Einwände, Chomsky kenne nur noch Antworten und keine Fragen mehr und sei selber eine Konsensmaschine und beweist eindrucksvoll, dass er immer noch nichts verstanden hat. Unterboten wird seine hohle Phrasendrescherei nur noch von Jens Fischer, der sich in der eigentlich Chomsky-affinen TAZ in ähnlich arroganten Parataxen über die Attac-Jünger , die mit Schlafsäcken vom Bahnhof zum Guru wandern, auslässt. Fischers oberflächliche Konzentration auf Chomskys äußeres Erscheinungsbild, Preise für Bustickets in Oldenburg und die Dekoration des Podiums legen nahe, dass er mit dem eigentlichen Gehalt der Veranstaltung überfordert war. Vorbildlich dagegen einmal mehr die Junge Welt, die Chomskys Rede bei der Preisverleihung am Vortag komplett veröffentlichte sowie die Frankfurter Rundschau, die über einen Vortrag an der Universität Oxford wenige Tage zuvor berichtete und ein interessantes Gespräch zwischen Chomsky und dem Künstler Klaus Theweleit druckte. [5]

Zurück ins Oldenburger Audimax: Auf die (teilweise elendig lang und umständlich formulierten) Zuschauerfragen ging Chomsky mit bewundernswerter Geduld ein; nur selten fiel seine Antwort so knapp aus wie die auf die Frage, was er denn von Michael Moore halte: Entscheidend ist,

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was die Menschen über den Humor hinaus mitnehmen. Eine Formulierung der business press übernehmend erläuterte er, wie die Herrschaft des Geldes in kapitalistischen Demokratien quasi-Parlamente ( virtual parliaments ) schafft, indem durch Maßnahmen wie Privatisierung immer mehr Entscheidungsgewalt in die Hände von grundsätzlich undemokratisch strukturierten Konzernen gegeben wird. So führt neoliberale Globalisierung dazu, dass wichtige Entscheidungen völlig aus dem öffentlichen Raum verschwinden und von den masters of the universe (Wall Street Journal) in Foren wie der WTO ausgetragen werden. Demokratie ist für die Architekten dieser profitorientierten Weltordnung ein Hindernis, das es zu unterminieren gilt. Jeismann konnte sich angesichts dieser Ausführungen nicht zurückhalten und leitete durch verstärktes Kopfkratzen einen Konterversuch ein: Dann erklären Sie mir doch mal, Herr Chomsky, wieso so viele Länder in die WTO eintreten? Kein Land tritt in die WTO ein, kein einziges. In die WTO treten Wirtschafts- und Finanzminister ein.

Dank der Publikumsfragen ergab sich eine erfreuliche thematische Vielfalt. Chomsky erläuterte überzeugend, warum die Präsidentschaftswahlen in den USA eine reine Farce sind: Die Kandidaten sind genau darauf trainiert, in allen entscheidenden Punkten möglichst schwammig zu bleiben und niemals klar Stellung zu beziehen, so dass im Grunde niemand versteht, um was es überhaupt geht. Die Folge ist, dass die amerikanische Bevölkerung die Wahlen als groteskes Spiel unter Superreichen versteht, und es den Menschen im Endeffekt schlichtweg gleichgültig ist, für wen sie stimmen. Für Chomsky sind die USA entgegen der geläufigen Meinung ein Ein-Parteien-Staat: Demokraten und Republikaner sind nur geringfügig unterschiedliche Fraktionen der business party . Das Misstrauen gegenüber den Mächtigen ist Chomskys Grundprinzip, und die Geschichte gibt ihm immer wieder Recht.

Viele weitere Punkte wurden angesprochen: der Nahost-Konflikt [6], die EU-Erweiterung, Errungenschaften von Widerstandsbewegungen etc.; doch besonders erfreulich waren jene Fragen des Publikums, die Chomsky einige Antworten zu Themen entlockten, zu denen er sich weniger häufig äußert. Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen von 11. September erteilte er eine Absage: Es wäre unmöglich, so etwas geheim zu halten, wenn die Anschläge tatsächlich im Weißen Haus geplant worden wären. Seine Utopiekritik erinnerte an Popper:

Wir wissen viel zu wenig über die menschliche Natur, um Visionen von heute auf morgen umsetzen zu können. In kleinen Schritten muss es für Chomsky vorangehen, doch Vorschläge für die fernere Zukunft hat er, wie z.B. die Abschaffung der Nationalstaaten, die in beinahe jedem Fall das Ergebnis von Kriegen und Gewalt und nicht selten Auslöser für Konflikte sind. Ebenfalls sollten wir uns seiner Meinung nach daran machen, durch großflächigen Protest und zivilen Ungehorsam die großen Konzerne zu demontieren, deren Macht den meisten Menschen nachhaltig schadet. Chomsky erinnerte daran, wie krank ein Wirtschaftssystem ist, das es es erfordern würde, reiche Konzerne zu bestechen um die Leben tausender afrikanischer Kinder zu retten, die täglich an leicht behandelbaren Krankheiten sterben profit over people eben, und keinen stört‘s. Angesichts solcher Ausführungen war es nicht verwunderlich, dass Chomsky für sein Bekenntnis zum Anarchismus ( Ich bin Anarchist, weil ich denke, dass das jeder Mensch von Natur aus ist. ) tosenden Beifall erhielt.

Noam Chomsky zeigte sich in Oldenburg, bei seinem ersten und vermutlich auch einzigen Deutschlandbesuch, einmal mehr als Stimme der Vernunft in einer Zeit, in der solche Meinungen durch den fabrizierten Konsens der Medienkonzerne aus dem Spektrum des

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Debatierbaren gedrängt werden. Nach Ende der mit seinem Einverständnis beträchtlich verlängerten Veranstaltung signierte Chomsky bereitwillig Bücher und beantwortete persönlich Fragen in gewohnter Ausführlichkeit. Der alte Mann mit den radikalen Ansichten, die an diesem Abend so manchen Jugendlichen ins Grübeln brachten, nahm sich Zeit für jeden, und das nach vielen Vorträgen und Interviews in sechs europäischen Städten innerhalb weniger Tage.

Nach seinen Ansichten zur Situation im Sudan und einer möglichen militärischen Intervention gefragt antwortete Chomsky: Die Situation im Sudan ist sehr komplex; es gibt viele Faktoren, die eine Rolle spielen, von denen wir viel zu wenig wissen. Man kann das Leiden dort nicht auf Knopfdruck beenden das wissen die westlichen Medien, und deswegen berichten sie über den Sudan. Sie wissen auch, dass es andere Missstände gibt, die wir sehr wohl auf Knopfdruck beenden könnten wie z.B., dass jeden Tag tausende Kinder in den südafrikanischen Ländern sterben. Deswegen berichtet darüber niemand. Die Antwort verdeutlicht, was Chomsky auszeichnet: Er bringt Ordnung ins Chaos, indem er über den Einzelfall hinaus stets den breiten Kontext im Blick behält. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren für ihn kein singuläres Ereignis der Weltgeschichte: Nicaragua, Ost-Timor, Afghanistan und viele andere hatten bereits ihren eigenen 11. September. Dass man dennoch von der neuen Dimension des Terrors spricht, ist für ihn der ultimative Beweis für die pervertierte Moral des intellektuellen Klimas der westlichen Welt. Wie wichtig es ist, dass uns radikale Querdenker wie Chomsky immer wieder daran erinnern, kann gar nicht überschätzt werden.

Nach dem Abend im voll besetzten Audimax der Oldenburger Uni (Zeitungsberichten zufolge verfolgten weitere 1300 Menschen vor dem Saal das Geschehen auf einer Videowand) fiel es schwer, die abgedroschene Phrase zu vermeiden: Chomsky hat einfach Recht.

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[1] Pressemitteilung der Stadt Oldenburg vom 16.4.2004. [2] Siehe dazu z.B. Chomskys Profit Over People. Neoliberalism and Global Order. New York:

Seven Stories Press 1999. Eine komprimierte (und deutschsprachige) Darstellung Chomskys Gedanken zum Thema Globalisierung findet sich z.B. in Böhnel/Lehmann (Hrsg.): American Empire No Thank You. Andere Stimmen aus Amerika. Berlin: Kai Homilius Verlag 2003, S. 57-74 sowie in Buchholz et al. (Hrsg.): Unsere Welt ist keine Ware. Handbuch für Globalisierungskritiker. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2002, S. 332-350. [3] Als uncontroversial case amerikanischen Terrors dient Nicaragua Chomsky immer wieder als Beispiel für die Schandtaten der Supermacht, so dass sich eine Beschreibung der Vorgänge in mehr oder weniger ausführlicher Form in fast jedem seiner Bücher findet; exemplarisch sei hier auf sein Necessary Illusions. Thought Control in Democratic Societies. Cambridge (MA): South End Press 1989. S. 75-84, verwiesen. Zu den hegemonialen Bestrebungen der USA siehe Chomskys Hegemony or Survival. America‘s Quest for Global Dominance. New York: Metropolitan Books 2003. [4] Zur Rolle der Medien in kapitalistischen Demokratien siehe Chomskys bekanntestes Werk Manufacturing Consent. The Political Economy of the Mass Media. New York: Pantheon Books 2002 (überarbeitete Neuauflage). (Gemeinsam mit Edward S. Herman.) [5] Michael Jeismann: Aus der hohlen Hand , Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.5.2004. Jens Fischer: Links ist da, wo Köhler rechts ist , Die Tageszeitung, 26.5.2004. Den Kampf weiterführen , Junge Welt, 28.5.2004. David Deißner: Neue alte Doktrin , Frankfurter

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Geschrieben von: Martin Groß

Freitag, den 04. Juni 2004 um 22:03 Uhr

Rundschau, 27.5.2004 (ebenso das Gespräch mit Klaus Theweleit). [6] Siehe dazu Chomskys Klassiker Fateful Triangle. The United States, Israel, and the Palestinians. Cambridge (MA): South End Press 1999. (Auf deutsch gekürzt im Europa-Verlag unter dem Titel Offene Wunde Nahost erschienen.)

31.5.2004