Sie sind auf Seite 1von 378

/DFKPDQQ5HQDWH

'LH=HUVW|UXQJGHUVFK|QHQ5HGHUKHWRULVFKH7UDGLWLRQXQG.RQ]HSWHGHV
3RHWLVFKHQ

0QFKHQ

XUQQEQGHEYEEVE

'LH3')'DWHLNDQQHOHNWURQLVFKGXUFKVXFKWZHUGHQ
THEORIE UND GESCHICHTE
DER LITERATUR
UND DER SCHÖNEN KÜNSTE

Texte und Abhandlungen

Herausgegeben von
ALEIDA ASSMANN • HERMANN DANUSER
MANFRED FUHRMANN WOLFGANG KEMP
RENATE LACHMANN HELMUT PFEIFFER
WOLFGANG PREISEND ANZ • JURIJ STRIEDTER

Band 93- 1994


NEUE FOLGE • REIHE A
HERMENEUTIK • SEMIOTIK • RHETORIK
BAND 8
Renate Lachmann

Die Zerstörung
der schönen Rede
Rhetorische Tradition und
Konzepte des Poetischen

Wilhelm Fink Verlag


Umschlagabbildung: Collage aus
Erstes Gebäude der Moskauer Universität (1755). In: Erich Donnert,
„Russia in the Age of Enlightment", Leipzig 1986, S 88, Abb. 113.
Schriftfaksimile. In: Foofan Prokopovic „De arte rhetorica",
libriX, Kijoviael706

Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

I.achmann, Renate:
Die Zerstörung der schönen Rede: rhetorische Tradition und
Konzepte des Poetischen / Renate Lachmann - München: Fink, 1994
ISBN 3-7705-2999-5

erb
ISBN 3-7705-2999-5
© 1994 Wilhelm Fink Verlag, München
Herstellung: Ferdinand Schöningh GmbH, Paderborn
Inhaltsverzeichnis

I Einleitung: Die Rhetorik und ihre Konzeptualisierung 1

II Die Problematisierung der Rhetorik: Kanon und Gegen-


kanon in der russischen Kultur des 17. Jahrhunderts 21

III Vorbarocke Rhetorik in Rußland: Das 'Makarij-Hand-


buch' 51

IV Polnische Barockrhetorik: Die problematische Ähnlich-


keit und Maciej Sarbiewskis Traktat De acuto et argiito
(1619/1623) im Kontext concettistischer Theorien 101

V Acumen-Tradition und Stilistik des Oxymorons bei


Daniel Naborowski (Exkurs) 135

VI Barockrhetorik in Rußland und ihre Kritiker: Simeon


Polockij, Lomonosov und Sumarokov 148

VII Lomonosovs inventio-Lehre und die Argumenten-


Topik (Exkurs) 173

VIII Kulturelle Funktionen nachbarocker Rhetorik im Petri-


nischen Rußland: Feofan Prokopovics De arte rhetorica
libriX von 1706 181

IX "Pokin', Kupido, Strely". Liebestopik und -Stilistik: Von


Trediakovskij bis Karamzin 251
X Die Zerstörung der 'schönen Rede'. Rhetorismus-Kritik
im Kontext realistischer Konzepte. PuSkin, Gogol',
Dostoevskij 284

XI Konzepte der poetischen Sprache: Neorhetorik und Dia-


logizität 306

Bibliographie 337

Personen- und Sachwortregister 359


Vorbemerkung
Die für den vorliegenden Band zum Teil stark revidierten und aufein-
ander bezogenen Arbeiten, die als Einzelbeiträge in Sammelbänden
oder als Einleitungen zu Textausgaben erschienen sind1, verfolgen
zwei Fragestellungen. Erstens: die Rolle der Rhetorik als kultureller
Metatext im 17. und 18. Jahrhundert, deren Verdrängung und Ablö-
sung durch Ästhetik und Poetologie im ausgehenden 18. und begin-
nenden 19. Jahrhundert sowie die Etablierung von Disziplinen wie Sti-
listik und linguistische Poetik im 20. Jahrhundert, in denen rhetorische
Fragestellungen wieder relevant werden. Und zweitens: die Entwick-
lung von stilistischen und poetischen Konventionen im Spannungsfeld
zwischen Rhetorik und Rhetorikkritik. Besonderes Augenmerk gilt
dabei der allmählichen Herausbildung einer Konzeption, die die Ei-
genständigkeit des Poetischen zu privilcgicrcn beginnt.
Für die Präzisierung der Fragestellung und die konzeptuelle Straf-
fung war eine Reihe von Publikationen von großem Nutzen, die für
die Erstfassungen nicht konsultiert wurden oder noch nicht zur Verfü-
gung standen. Die Monographie von Svötla Mathauserovä2 erwies sich
dabei thematisch und von der Gesamtanlage her als eine Darstellung,
die genau bis zu dem Punkt reichte, wo meine eigene Arbeit einsetzt.
Für die Bearbeitung der Barockperiode konnten die Forschungsergeb-
nisse von Lidija Sazonova herangezogen werden, die in ihrem Buch3
neue Aspekte der Barockstilistik herausgestellt hat. Bernd Uhlen-
bruch hat mit seiner Analyse der poetischen Lehrbuchtradition - des
Pendants zur rhetorischen Entwicklung - im ersten Drittel des 18.
Jahrhunderts4 die Vermutungen zur metatextuellen Rolle von Poetik
und Rhetorik bestätigt und durch weitergehende Einsichten präzisiert.
Für das Verständnis der Vorgänge im Dichtungssystem der zweiten
Hälfte des 18. im Übergang zum 19. Jahrhundert war die gattungshi-
storische und -analytische Untersuchung von Reinhard Lauer5, die
auch Fragen der Stilistik, Poetik und Rhetorik berührt, ungemein auf-
schlußreich. Die unlängst erschienene Dissertation von Jurij Muraäov6

1
Vgl. bibliographische Notiz am Ende des Bandes.
2
Drevnerusskie teorii iskusstva slova (Altrussische Theorien zur Wortkunst). Praha
1976.
3
Poezija russkogo barokko (Die Dichtung des russischen Barock). Moskva 1991.
4
Simeon Polockijspoetische Verfahren - "Rifmologion" und "Vertograd mnogocvetnyj".
Versuch einer strukturellen Beschreibung. Bochum 1979.
5
Gedichtform zwischen Schema und Verfall. Sonett, Rondeau, Madrigal, Stanze und
Triolett in der russischen Literatur des 18. Jahrhunderts. München 1975.
° Jenseits der Mimesis. Russische Literaturtheorie im 18. und 19. Jahrhundert von M.V.
Lomonosov bis V.G. Belinskij. München 1993.

i
hat eine Lücke zu schließen vermocht, die zwischen Rhetorik und
Literaturkritik - als Beginn einer Literaturtheorie - bestanden hat.
Eine die deutsche Entwicklung betreffende ältere Arbeit von Marie-
Luise Linn7, die sich mit dem Fortbestehen der rhetorischen Tradition
in der Aesthetica von Baumgarten beschäftigt, hat für das 18. Jahrhun-
dert deutlich gemacht, daß die Rede vom Verschwinden der Rhetorik
revidiert werden muß. Da es mir um die Darstellung der Kontinuität
des Rhetorischen, sei es in bezug auf Fragestellung oder Begrifflich-
keit, auch nach dem Ausscheiden der Rhetorik als Disziplin und als
dominante metatextuelle Instanz zu tun ist, war mir gerade diese
Arbeit von ihrem Ansatz her von größtem Nutzen.

Als Druckvorlage zu diesem Band diente eine Computerversion,


für deren Herstellung ich meinen Konstanzer Mitarbeiterinnen zu
großem Dank verpflichtet bin. Die Abschrift der umgearbeiteten Tex-
te, das Korrekturlesen, die Überprüfung und Übersetzung der Zitate,
die Zusammenstellung der Bibliographie und des Personen- und Sach-
registers sowie die komplizierte Arbeit des Layout lagen in ihren Hän-
den. Ohne die tatkräftige Unterstützung der im folgenden alphabe-
tisch Genannten wäre der Band nicht zustande gekommen: Elena und
Arne Ackermann, Myriam Beck, Christine Bohnet, Dr. Erika Greber,
Miranda Kempter, Juliane Klotz, Evelina Knoll, Susi Kotzinger, Iris
Koviö, Helga Leiprecht, Karen Roberts, Sylvia Sasse, Dr. Schamma
Schahadat, Sabine Scheuer, Caroline Schramm.
Soweit Übersetzungen vorlagen, wurden die entsprechenden Aus-
gaben wie angegeben benutzt. Alle weiteren slavischsprachigen Zitate
wurden für den vorliegenden Band neu übersetzt.

"A.G. Baumgartens 'Aesthetica' und die antike Rhetorik", Deutsche Vierteljahres-


schriftfür Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 41/14 (1967), S. 424-443.

Ü
Einleitung:
Die Rhetorik und ihre Konzeptualisierung

Die Rhetorik erscheint als eine alte und als eine neue Disziplin, als
eine Disziplin, die aufgegeben und 'wiederentdeckt' wurde. Dies hängt
mit ihrer Rolle im ursprünglichen Kommunikationsraum zusammen,
in welchem sie Geltung gewann, vor allem aber mit den verschiedenen
Funktionen1, die sie in Antike, Mittelalter, Renaissance, Barock und
Klassizismus übernommen hat. Ende des 18. Jahrhunderts hat sie
diese Funktionen an andere Instanzen und Disziplinen abgeben
müssen, doch scheint sie sie im 20. Jahrhundert Schritt für Schritt
wiederzugewinnen.
Um die Rehabilitierung der Rhetorik, die aufgrund einer völlig
neuen Konstellation in der Wertehierarchie des 18. Jahrhunderts mit
dem Konzept der schöpferischen Rede und der schöpferischen Litera-
tur nicht mehr vereinbart und daher in Mißkredit gefallen war, be-
greiflich zu machen, möchte ich im folgenden eine Funktionsbestim-
mung der Rhetorik vorschlagen und danach versuchen, den isolierten
Funktionen und ihren Veränderungen an markanten Stellen in der
Rhetorikgeschichte zu folgen. Ich gehe dabei von der Annahme aus,
daß die Polyfunktionalität der Rhetorik, die sie bereits in ihrem
primären Geltungsbereich entfalten konnte, zu ihrer Verdrängung
ebenso beitrug wie zu ihrer Wiederentdeckung.
Im Zuge der Rhetorik-Renaissance der 60er Jahre hat Roland
Barthes entscheidende Akzente gesetzt. In seiner Interpretation der
historischen und sozialen Rolle der Rhetorik schlägt er eine die ge-
läufigen Bestimmungen der Rhetorik differenzierende funktionale
Definition vor, die zu Anschlußüberlegungen provoziert.2 Barthes de-
finiert die Rhetorik als eine Technik (technique), das heißt als eine
'Kunst' im klassischen Sinne, nämlich die der Überredung, die in
einem "ensemble de regles, de recettes" formuliert ist. Des weiteren
erscheint die Rhetorik als Unterweisung (enseignement), die den le-
bendigen Bezug zwischen Rhetor und Schüler einschließt, der freilich
auf einer späteren Stufe der Rhetorikentwicklung durch ihre Institu-
tionalisierung verdrängt wurde. Zur Kunst- und Unterweisungsfunk-

1
Eine glänzende Einführung in den Forschungsstand zur Rhetorik sowie in ihre Syste-
matik, Geschichte und Rezeption gibt die Arbeit von K.H. Göttert, Einführung in die
Rhetorik. München 1991.
2
R. Barthes, "L'ancienne rhetorique. Aide-memoire". Communications. 16. 1970. S.
172-229; hier S. 173 f.

1
tion tritt die der Wissenschaft oder besser Proto-Wissenschaft (proto-
science). Hier unterscheidet Barthes drei Leistungen: die der autono-
men Beobachtung bestimmter homogener Phänomene der Sprache
(nämlich ihre Wirkkraft), dann die der Klassifikation dieser Phänome-
ne (deren bekannteste Spur die Liste der Figuren ist) und letztlich die
einer Operation im Verständnis Louis Hjelmslevs, d.h. einer Metaspra-
che (als Ensemble von rhetorischen Abhandlungen), deren Signifikat
eine Objekt-Sprache ist, und zwar die Sprache der Argumentation
(langage argumentatif) und die figurative Sprache (langage 'figurf').
Barthes begreift die Rhetorik aber auch als Moral (morale). Hier er-
weist sie sich, soweit sie Regelsystem ist, als doppeldeutig. Zum einen
ist sie Rezeptbuch, das ein praktischer Zweck steuert, zum anderen
ein Korpus moralischer Vorschriften, wie die 'Abweichungen' der
Sprache zu beurteilen seien. Da sie als Privileg der herrschenden Klas-
se erscheint, kann die Rhetorik auch als soziale Praxis (pratique so-
ciale) verstanden werden. Da die Rhetorik als institutionalisiertes
System, das als repressiv erfahren werden kann, immer auch das
Gegensystem hervortreibt, ergibt sich als letzte, alle vorangegangenen
infragestellende Funktion, die einer Gegenrhetorik. Diese manifestiert
sich als ludistische Praxis (pratique ludique), in der alle die seriöse
Rhetorik konstituierenden Elemente verkehrt werden und eine Art
schwarze Rhetorik (rhetorique noire) sich entwickelt, die den Alogis-
mus in der Argumentation, das Obszöne als Thema und die groteske
und burleske Einfärbung der Tropen und Figuren zuläßt. Michail
Bachtins Analyse des Sprachduktus von Rabelais' Gargantua und
Pantagruel trifft den von Barthes gemeinten Sachverhalt.
Der differenzierende Ansatz von Barthes ist insofern von Bedeu-
tung, als er die funktionale Ausfächerung der Rhetorik in ihrer ge-
schichtlichen Entwicklung und ihren sich wandelnden Stellenwert in
einzelnen kulturellen Kontexten erschließt. Er ließe sich durch weitere
Überlegungen sowohl präzisieren als auch modifizieren. Im folgenden
schlage ich vor, die R h e t o r i k als Disziplin von dem
R h e t o r i s c h e n als Redeleistung zu unterscheiden und für die
Bestimmung ihres Status als Disziplin lediglich vier Aspekte zu isolie-
ren:
Rhetorik als Kunst der persuasiven Rede;
Rhetorik als Lehre im Sinne einer Institution;
Rhetorik als deskriptive Instanz;
Rhetorik als normative Instanz.
Die Akzentuierung des deskriptiven und normativen Aspekts der Rhe-
torik erlaubt zum einen, letztere als eine Art sekundäre Grammatik zu
begreifen, und zum anderen, ihre kulturelle Funktion zu bestimmen.

2
Dafür bietet sich der Begriff des Metatextes an, den die semiotisch
orientierte Kulturtypologie3 eingeführt hat, um Teil- oder Unter-
systeme zu identifizieren, die eine Kultur auf einer bestimmten Ent-
wicklungsstufe hervorbringt, um ihre unterschiedlichen Artikulations-
formen zu beschreiben. Der Metatext als Beschreibungs- oder
genauer als Selbstbeschreibungssystem einer Kultur übernimmt in der
Beschreibung auch eine normierende und damit organisierende Funk-
tion, die sowohl deren Konsolidierung vorantreibt als auch ihr Selbst-
verständnis formuliert, und das trifft in besonderem Maß für die Rhe-
torik als sekundäre Grammatik zu.

II
Betrachtet man die Leistung der Rhetorik für einen Teil- oder
Subkode des kommunikativen (Gesamt)Kodes, nämlich denjenigen,
der für den Aufbau ästhetisch dominierter Kommunikationssituatio-
nen verantwortlich ist (poetischer Kode), so läßt sich ihr Status, da sie
nicht den Primärkode der Sprache, sondern den poetischen als einen
auf den primärsprachlichen und andere Primärkodes aufbauenden re-
präsentiert, als der einer Sekundärgrammatik bestätigen. Als Sekun-
därgrammatik4 umfaßt sie entsprechend den drei Regelinventaren, die
sie für die Konstitution je einer Textebene innerhalb eines triadischen
Modells aufstellt, drei Sekundärgrammatiken, wovon diejenige, die die
elocutio abdeckt, die Sekundarität am deutlichsten zutage treten läßt.
Indem die e/ocuf/o-Grammatik als Repräsentanz des verbalen
Teilkodes des poetischen Kodes - auf der Kenntnis der Grammatik
der Primärsprache gründend - Regeln formuliert, übernimmt sie die
Rolle einer funktionalen Pragmatik. Diese macht Angaben über den
Gebrauch bereits definierter sprachlicher Formen im Hinblick auf ein
bestimmtes Ziel (die Produktion einer Rede/eines Textes) und gibt
Anweisungen für die Findung neuer sprachlicher Formen, die durch
die bereits definierten motiviert sind.
Bei der Differenzierung der einzelnen Regeln verfährt die Rheto-
rik in der e/ocuf/o-Grammatik nach einem Kriterium, das im Grad
und in der Art der Veränderung (mutatio) liegt, die die durch sie er-
klärten Formen hinsichtlich der Grammatik des Primärkodes reprä-
sentieren. Die durch diese Regeln beschriebene Sekundarität des

J
Vgl. Ju. Lotman, Dinamiieskaja model' semiotiieskoj sistemy (Ein dynamisches
Modell des semiotischen Systems). Moskva 1974.
4
Vgl. auch J. Kopperschmidts anders motivierte Gegenüberstellung von Primär- und
"rhetorischer Sekundärgrammatik" sowie seinen Vorschlag, von "einer allgemeinen
ästhetischen Sekundärgrammatik" auszugehen (Allgemeine Rhetorik: Einführung in die
Theorie derpersuasiven Kommunikation. Stuttgart 1973. S. 164).

3
verbalen poetischen Teilkodes ist annähernd bestimmbar durch die
jeweilige Distanz zwischen dem verbalen Primär- und Sekundärkode
(und zwar sowohl hinsichtlich der Lexik, Semantik, Syntax, Morpho-
logie als auch der Phonetik, Intonation etc.). Daraus entstehen unter-
schiedliche Arten und Grade der Sekundarität oder 'Tropizität'. In
den von Quüitilian definierten Kategorien der adiectio, detractio, trans-
mutatio, immutatio ist ein Versuch zu sehen, ein Ensemble von Tropi-
zitätsprozeduren zu systematisieren.5
In denjenigen kulturellen Kontexten, in denen die Rhetorik als Be-
schreibungssystem entwickelt oder aus einer anderen Kultur über-
nommen wurde, hat sie die Aufgabe erhalten, sprachliche Verfahren
für den Aufbau verschiedener Kommunikationssituationen zu definie-
ren. Der Verfahrensdefinition mußte ein Prozeß vorausgegangen sein,
in dem eine wie immer zu bestimmende 'ursprüngliche' einheitliche
Kommunikationssituation, die ästhetische und praktische Redeziele
verband, aufgelöst wurde und in eine Vielzahl von unterschiedlichen
Kommunikationsarten zerfiel. Die Herausbildung einzelner Funk-
tionssprachen zeigt deutlich an, wie stark die kommunikativen Bedürf-
nisse sich ausdifferenzierten. Eine Folge dieses Prozesses war auch,
daß sich eine strikte Trennung zwischen rein ästhetischen und rein
praktischen Redezielen durchsetzte.
Es läßt sich feststellen, daß dieser Vielzahl funktionalisierter Spra-
chen mit unterschiedlichen Redezielen die Entwicklung des rhetori-
schen Beschreibungsapparats entspricht, der auf der Grundlage eines
Sender-Empfänger-Modells verbale und extraverbale (z.B. gestische)
Strategien in bezug auf konkrete Redesituationen definiert. Es ist die
Rhetorik, die die Polyfunktionalität der Sprache durch die explizite
Isolierung einzelner Sprachfunktionen formuliert. Als Funktionen in
diesem Sinn lassen sich die sogenannten officio oder Wirkkomponen-
ten der Rede interpretieren, die mit der Einstellung des einzelnen
Kommunikationsaktes auf ein Redeziel korrelieren und die Realisie-
rung bestimmter Rede- oder Textarten garantieren. Die Registrie-
rung der Dominanz einer der drei definierten Wirkkomponenten
probare, movere, delectare erscheint als Versuch einer systematischen
Einteilung von Sprachhandlungen mit je unterschiedlichen, aber genau
umrissenen kommunikativen Aufgaben innerhalb eines geschlossenen
Kulturraums. Das Modell, das die Kultur von sich selbst entwirft, wird
vom rhetorischen Beschreibungsapparat mitreflektiert.
Diese spezifizierende, pragmatisch orientierte Einteilung der
Sprachfunktionen und deren Zuordnung zu klar bestimmten Rede-
arten (nämlich der Parteirede, der Gerichtsrede und der Fest- oder

D
Die linguistisch orientierte, rhetorische Deskriptionsansätze sowohl generalisierende
als auch in moderne Terminologie übersetzende Forschung hat gerade hier angesetzt
(J. Dubois, J.M. Klinkenberg, T. Todorov, J. Pelc, J. Vendryes, Durand).

4
Prunkrede) sind eingebunden in den kulturellen Kontext, dem die
Rhetorik primär galt. Dieser Kontext, der antik-griechische, hat die
Herausbildung eines Komplexes von Kommunikationssituationen und
die Entstehung einer Vielzahl sich voneinander abgrenzender und
miteinander konkurrierender funktionaler Sprachen zugelassen. Dabei
hat die Auffächerung der Redesituationen zur Durchsetzung bestimm-
ter Redegattungen und zur Verfestigung korrespondierender Funk-
tionssprachen geführt. Die rhetorische Beschreibung der Text(Rede)-
herstellung umfaßt die Projektion dreier Regelinventare und damit
implicite den Entwurf eines triadischen Textmodells: Es werden 'the-
matische' Verfahren (in der inventio), sequenzbildende Verfahren (in
der dispositio) und sekundärsprachliche bzw. stilistische Verfahren (in
der elocutio) benannt, die jeweils eine Textebene konstituieren. Be-
züglich des Einsatzes dieser Verfahren im Sinne der Funktionalisie-
rung der Sprache auf ein bestimmtes Kommunikationsziel hin gibt die
Rhetorik genaue Selektions- und Kombinationsregeln an, wobei sie
unter redefunktionalen Gesichtspunkten bestimmte Verfahren mit be-
stimmten Ergebnissen korreliert und diese pragmatische Korrelation
wertend fixiert.
Die wertende Fixierung der Auswahl- und Verknüpfungsprozedu-
ren korrespondiert der Konzeption von Kommunikationssituationen,
die für einen kulturellen Kontext Geltung gewonnen hat. Hiermit tritt
die normative Implikation der rhetorischen Beschreibungsoperationen
deutlich hervor: Ein System sekundärsprachlicher, auf der Primärspra-
che basierender Zeichen wird entwickelt, das zweifellos als Korrelat
kulturimmanenter sozialer und ästhetischer Werte zu betrachten ist.
Und dieses deskriptiv-normative System von Zeichen und Zeichenre-
lationen höherer Ordnung gewinnt durch Habitualisierung innerhalb
einer Kultur und durch die Tatsache, daß es in fremde kulturelle
Räume ohne kodifizierte Rhetorik integriert werden kann, eine quasi-
universale Relevanz. Damit wächst ihr eine Autorität zu, die ihr den
Eintritt in alle europäischen Kulturen ermöglicht. Das zeigt die römi-
sche Kultur, das zeigen alle Anschlußkulturen, die die Rhetorik in der
Folge adaptiert haben.

III

Zusammen mit dem Beschreibungsinstrumentarium der Rhetorik


werden ihre Wertordnung sowie die Hierarchie der Redeziele und
Kommunikationsformen übernommen, vor allem aber - und zwar fol-
genreich für jede Kultur mit einer eigenen Kommunikationsstruktur -
die dichotomische Sprachkonzeption der Rhetorik.

5
In der Phase ihrer Stabilisierung hat die Rhetorik (wie die Poetik)
eine dichotomische Sprachvorstellung durchgesetzt, die auf einer Op-
positionsbildung im Bereich der Kommunikationssituationen basiert,
und zwar auf einer Trennung in habituell-triviale (merkmallose) und
funktionale (merkmalhaltige) Kommunikationssituationen, und bezüg-
lich der Sprache eine entsprechende Binäropposition ('eigentlich' vs.
'uneigentlich'; Alltagssprache/co/rsMefudo vs. Nichtalltagssprache;
Primär- vs. Sekundärsprache) begründet. Die durch die Rhetorik voll-
zogene Habitualisierung dieser Opposition, die sich aus den kommu-
nikativen Gegebenheiten und sozialen Bedürfnissen eines konkreten
Kultursystems entwickelt hat (wobei das Wirken bestimmter die Spra-
che betreffender Ideologeme des jeweiligen Kultursystems bzw. der es
dominierenden Gruppe in die Kategorienbildung der Rhetorik hinein
berücksichtigt werden muß), führte zur Erstellung eines relativ fixen
Inventars von Verfahren. In allen kulturellen Kontexten, in denen die
genannte Opposition im Zuge der Übernahme des rhetorischen Be-
schreibungssystems Geltung gewann, haben diese - trotz der Unter-
schiedlichkeit der jeweiligen sprachlichen Primärsysteme, auf die sie
appliziert wurden - 'invarianten' Verfahren die beliebige Produzier-
barkeit der 'Nichtalltagssprache' garantieren können, auch wenn in
diesen Kontexten andere kommunikative Konventionen beachtet wur-
den.
Diese Verfahren, die die e/ocuf/o-Grammatik als sekundäre, auf
ein Primärsystem bezogene aufzählt, erscheinen auf zweierlei Weise
als Realisierung der Tropizität. Einmal, indem sie als Verletzung von
Regeln des Primärsystems (Lizenzen), zum andern, indem sie als zu-
sätzliche Regeln (Restriktionen) fungieren.6 Gegenüber der jeweiligen
Primärnorm (der Norm der consuetudo) haben daher die durch diese
Verfahren erzeugten Formen (auf allen linguistischen Ebenen) den
Charakter von Abweichungen, oder genauer, das Beschreibungssy-
stem der Rhetorik, das sich zweifellos auf der Grundlage der genann-
ten Binäropposition etabliert hat, begründet eine solche Abweichungs-
konzeption. Diese muß nun ebenso wie die sie motivierende dichoto-
mische Sprachauffassung in ihrer ursprünglichen Konventionalität er-
kannt werden, und zwar auch in den Theorien solcher modernen Dis-
ziplinen, die sich mit der Sprache unter funktionalem Aspekt beschäf-
tigen und der genannten Dichotomie sowie dem Abweichungstheorem
einen zentralen Platz einräumen. Diese Theorien sind ja weder kon-
textunabhängig noch neutral und spiegeln neben der ererbten rhetori-

0
Vgl. die Systematik bei H.F. Plett, Textwissenschaft und Textanalyse., Semiotik,
Linguistik, Rhetorik. Heidelberg 1975. S. 147. - Dehnt man das Prinzip der Äquivalenz
als das Abweichung begründende auch auf die semantischen Verfahren aus (explizite
und implizite Sem-Wiederholung), so ließe sich damit eine allgemeine Qualifizierung
der Tropizität vornehmen, allerdings ohne ihre Grade zu spezifizieren.

6
sehen Konventionalität auch die des eigenen kulturellen Kontextes
wider, in dem letztere Geltung gewinnen konnte.
Die dichotomische Konzeption ist im übrigen innerhalb des rheto-
rischen Beschreibungssystems nicht auf die von der elocutio definierte
Ebene beschränkt: Die Abweichung erscheint vielmehr als Phänomen
auch der inventio, dispositio, pronuntiatio und actio, also aller von der
Rhetorik beschriebenen verbalen und transverbalen Elemente der Re-
de. Den Redezwecken ist die Abweichung mit unterschiedlichen Auf-
gaben zugeordnet7: als kognitives, praktisch-persuasives, rein ästheti-
sches Mittel, - als Mittel zum Zweck der Handlungsmotivierung und
Meinungsbildung oder mit autotelischer Absicht. Dazu kommt, daß
die genannte Dichotomie alle funktionalen Rede-(Text-)Arten erfaßt,
indem sie diese einem nullfunktionalen Pol konfrontiert und damit
über eine eindimensionale Gegenüberstellung von 'umgangssprach-
lich' und 'ästhetisch' (bzw. 'poetisch') hinausgeht. Demgegenüber
erscheint die Dichotomie 'praktische Sprache' vs. 'poetische Sprache'
des russischen Formalismus ebenso wie diejenige der linguistischen
Poetik 'grammatische Norm' vs. 'Normverletzung'8, die als eine zen-
trale Bestimmung der 'Poetizität' eingeführt wurde, als vergleichswei-
se reduktionistisch. Die durch unterschiedliche Tropizität differenzier-
baren Verfahren fungieren in doppelter Hinsicht als Abweichung: Es
sind Abweichungen ersten Grades, im Sinne des erweiternden und re-
stringierenden Umgangs mit einer als Norm akzeptierten Sprache
(consuetudo als Primärsprache), und es sind Abweichungen zweiten
Grades, im Sinne der Verletzung der Norm des innerhalb eines kultu-
rellen Kontextes etablierten Systems (mit hierarchischer Struktur)
funktionalisierter Sprachen, d.h. solcher Sprachen, die bereits be-
stimmten Redezielen zugeordnet und in dieser Zugeordnetheit habi-
tualisiert sind (vgl. das Reglement der Dreistillehre). Zu den Abwei-
chungen zweiten Grades gehören auch Verstöße gegen die Norm des
etablierten Systems sämtlicher als 'poetisch' akzeptierter Lizenzen und
Restriktionen.9 Je stärker die Rhetorik in ihren Beschreibungskatego-
rien von ästhetischen Normvorstellungen des jeweiligen kulturellen

Bezüglich der kognitiven und ästhetischen Wirkung 'gesteigerter' verbaler und


transverbaler Abweichungsstrategien vgl. bestimmte Definitionen der barocken
acu/MCTi-Lehre sowie das formalistische Verfremdungskonzept.
8
Zur Diskussion des Abweichungstheorems vgl. die Darstellung bei Plett, Textwissen-
schaft und Textanalyse, aaO., S. 124-136.
9
Diese Bestimmung versteht sich als Weiterführung der von den Formalisten unter-
schiedenen synchronen und diachronen Abweichungstypen (Dissoziation von Laut und
Bedeutung, Desautomatisierung bzw. Verfremdung); vgl. hierzu R. Lachmann, "Die
'Verfremdung' und das 'Neue Sehen' bei Viktor Sklovskij". Poetica. 3. 1970. S. 226-249;
dies., "Das Problem der poetischen Sprache bei V.V. Vinogradov*. Poetics. 11. 1974. S.
103-124; SJ. Schmidt, "Alltagssprache und Gedichtsprache\ Poetica. 2/3. 1968. S. 285-
303; Kopperschmidt, aaO., S. 214.

7
Kontextes10 bestimmt ist, desto deutlicher tritt die präskriptive Funk-
tion hervor. Tropizität und Häufigkeit der improprie-Formen werden
kontrolliert, ihre Wirkungen und Funktionen, seien es ästhetische,
persuasive oder emotive, bewertet.
Das Ensemble von Abweichungsoperationen und deren jeweilige
Einschätzung als selbstzweckliche ästhetische (und kognitive) einer-
seits oder zweckgerichtete andererseits sind Ergebnisse einer Kultur,
die auf der Grundlage der genannten Binäropposition11 ein Inventar
hierarchisierter Kommunikationssituationen entwickelt hat, in dem die
schwach strukturierte, relativ ungeordnete oder zufällige Rede den
Stempel des Alltäglich-Trivialen, während die strukturierte Rede als
hochorganisierte und geplante Rede das auf der Werteskala hoch
rangierende Prädikat des 'Ungewöhnlichen' erhalten hat.12 Die dieser
Wertung zugrundeliegende Opposition hat die Rhetorik durch die Ge-
genüberstellung von plane (merkmalloses Glied) und ornate (merk-
malhaltiges Glied) zusätzlich qualifiziert, womit sie gewissermaßen
eine neue Dimension gewinnt: Das merkmallose p/ö/ie-Glied impli-
ziert die Primärnorm des rede, die Gegenstand grammatischer Be-
schreibung ist, das merkmalhaltige ornate-Glied dagegen die darauf
aufbauende Sekundärnorm des bene, die Sache der Rhetorik ist. Im
Grunde sind plane und rede bzw. ornate und bene zwei Aspekte der-
selben Opposition, an denen deutlich wird, daß es eines merkmallosen
Gliedes als Normfolie bedarf, von der sich die Abweichungsoperation
als Differenzqualitäten erzeugende abhebt, und daß letztere einer Be-
wertung unterzogen werden. (Formalismus und linguistische Poetik
greifen im übrigen auf denselben Deskriptionsmechanismus zurück).13
Der Aspekt des plane vs. ornate dieser Opposition wiederholt sich
innerhalb der einzelnen Formen der nichttrivialen Rede. Es ist die
Stillehre, die die daraus resultierenden Differenzierungen und Misch-
formen fixiert. Es ergeben sich weitere Oppositionen, etwa die zwi-
schen Prosa und Poesie, zwischen ästhetischer und nichttrivialer prak-

lu
Insbesondere die ästhetische Einschätzung der Tropizität ist Korrelat einer Konven-
tion 'ästhetischer' endoxa.
11
Ein marxistischer Kritiker des russischen Formalismus, B. Arvatov, hat dieser
etablierten Opposition, die Kernpunkt formalistischer Theorie ist, den Aspekt der sich
stets wandelnden Wechselbeziehung und Funktionalität entgegengehalten ("Poetische
und praktische Sprache". In: Marxismus und Formalismus. Dokumente einer literatu
theoretischen Kontroverse. Hrsg. und übers. H. Günther, K Hielscher. München 1973. S
99-130).
12
Die acumen-Lehre ist die extremste Formulierung dieser Opposition; vgl. Kap. IV in
diesem Band.
13
Pierre Kuentz spricht in seiner Zurückweisung der kritiklosen Übernahme dieser
Opposition durch die Lütticher Gruppe von "le mythe du propre" ("RheTorique gene-
rale ou rhetorique thforique?". Litterature. 4. 1971. S. 113) und weist auf die Fragwür-
digkeit des für die Abweichungsidee notwendigen "degrt zero" hin (ebd. S. 115).

8
tischer Rede, die mit ästhetischen Mitteln arbeitet und so fort. Für
beide Glieder der jeweiligen Opposition trifft bezüglich der 'nicht-
funktionalen Rede' der Status der Sekundarität zu, sie dienen einan-
der wechselseitig als Normfolien. Die Rhetorik begründet diese Oppo-
sition durch die Zuweisung der Wirkkomponente des delectare auf der
einen und der des probare und movere auf der anderen Seite. Die Eta-
blierung von Stilhierarchien, wie sie die Stillehren in zwei- oder drei-
gliedrigen Schemata fixieren, gehört in ein System ästhetischer und
sozialer Normen und Ideologeme und ist nicht Ergebnis rhetorischer
Deskription, sondern deren Motivation. Die klassische (durch Kodifi-
zierung und spezielle Überlieferungsriten mit Autorität belegte) Rhe-
torik hat im Kultursystem, in dem sie Geltung erlangte, bei der Zu-
ordnung von Kommunikationssituation und Stil offensichtlich ein
Sprachbewertungssystem14 zugrundegelegt, das außersprachlich und
außerrhetorisch war, es schloß bestimmte Schichten des sprachlichen
Systems von vornherein als nicht 'poetabel' aus.

IV

Die bedingte Geltung der Rhetorik wird dann besonders deutlich,


wenn man sie im Sinne einer umfassenden 'kommunikativen Gram-
matik' für die Formulierung der Regeln aller Kommunikationssitua-
tionen verantwortlich sehen will, denn dann muß die Tatsache, daß die
nicht-markierte triviale, alltagssprachliche Kommunikationssituation
in der tradierten Rhetorik keine Berücksichtigung erfahren hat, als
Defizit registriert werden. Für Systeme, in denen die Rhetorik die
Rolle der zentralen Kommunikationsregulierung übernommen hat
und in Übereinstimmung mit der von der inneren Struktur des Sy-
stems bedingten Wertung von Sprache und Kommunikation eine spe-
zifische Hierarchie in diesem Bereich unterstützt, können Tendenzen
relevant werden, die gegen diese systemstützende Rhetorik gerichtet
sind oder sich unabhängig von ihr herausgebildet haben. Der letztere
Fall ist der der Volkspoesie, die sich nicht an einer kodifizierten expli-
ziten Rhetorik orientiert, während der zuvor genannte Fall derjenige
einer kommunikativen (poetischen) Praxis ist, die bewußt gegen ein
herrschendes rhetorisches Reglement gerichtet ist und diesem gegen-

14
Kulturelle Kontexte, denen ein elaboriertes System von Stilen zugrundeliegt, das ein
bestimmtes soziales Kräfteverhältnis zum Ausdruck bringt, regulieren die Relation von
Kommunikationssituation und Stil und bilden Hierarchien. Für den Fall des poeti-
schen Kodes bedeutet das, daß das Verhältnis zum Primärkode und zu bestimmten
Subkodes festgelegt wird (z.B. eine Opposition zur Volkssprache oder zur Umgangs-
sprache, Sakralsprache, Gelehrtensprache, Literatursprache). Möglich ist auch die Ab-
lehnung des gesamten eigensprachlichen Systems zugunsten einer Fremdsprache als
Dichtungssprache (z.B. Latein oder Kirchenslavisch bei einigen slavischen Völkern).

9
über eine Anti- oder Subrhetorik entwickelt, die Sprachebenen einbe-
zieht, die die offizielle Rhetorik gerade nicht zuläßt is (vgl. Barthes'
rhitorique noire).
Diejenigen Produktionsregeln, die die Rhetorik für Abweichungs-
verfahren im Bereich der verbalen Realisierung der funktionalen Re-
de angibt, sind aufgrund des Verhaltens dieser Verfahren gegenüber
dem Primärkode als 'Lizenzen' und 'Restriktionen' charakterisiert
worden. Dieser Versuch, rhetorische Beschreibungskategorien zu
'übersetzen', kann weitergeführt werden16. Die Restriktionen lassen
sich im Gegensatz zu den Lizenzen nicht von vornherein als Formulie-
rung von Verstößen gegen die Primärgrammatik interpretieren. Viel-
mehr kann man sie als Beschreibung spezifischer Anwendungen von
Regeln fassen, die in der Normalgrammatik enthalten sind (z.B. ver-
mehrter Gebrauch eines syntaktischen Musters, einer Lautkombina-
tion, eines Lexems etc.). Es sind dies zusätzliche, sekundäre Regeln,
die die Normalregeln spezifizieren und 'valorisieren'. Die Restriktion
als Bloßlegung und Quasi-Zurschaustellung vorgegebener sprachli-
cher Strukturen erscheint insofern als Abweichungsprozedur, als die
primärsprachliche Regel durch Inkrafttreten bestimmter ästhetischer
Regeln ein weiteres Mal einer Regulierung unterliegt. Diese poten-
zierte sprachliche Organisation, die die Rhetorik mit verschiedenen
Termini belegt, besteht z.B. in der beschränkten Auswahl aus dem
Lexikon, der unbedingten Einhaltung reduzierter syntaktischer Re-
geln, der beschränkten Auswahl aus dem phonetischen Inventar17 etc.
Auch wenn man mit den Bezeichnungen 'Restriktion' und 'Lizenz'
die Beschreibungsbegriffe der Rhetorik zu präzisieren glaubt, ist die
Abgrenzung der damit gemeinten Phänomene schwierig. Beide sind
als Abweichungserscheinungen Korrelate ästhetischer Konzeptionen.
Die Lizenz wirkt sprachinnovativ - als Steigerung der modellierenden

" Bachtin spricht in seiner Studie "Slovo v romane" (In: M. Bachtin, Voprosy lüerauiry
i estetiki. Issledovanija raznych let. Moskva 1975. S. 72-233. Dt.: "Das Wort im Roman .
Übers. R. Grübel u. S. Reese. In: M.B., Die Ästhetik des Wortes. Hrsg. R Grübel.
Frankfurt/M. 1979. S. 154-300) von dem raznoreiie, der vorfindlichen 'Vielsprachigkeit'
eines Systems, das offiziell eine Vereinheitlichung der Sprache und eine Stilhierarchie
herausgebildet hat, die durch das raznoreiie immer wieder beunruhigt wird. - Im 17.
Jahrhundert gibt es in Rußland gegenüber der importierten lateinischen Rhetorik, die
den Rang einer offiziellen Kommunikationsregulatonn erhält, eine moralisch, religiös
und politisch motivierte Opposition, die eine Gegenrhetorik und eine zur offiziellen
Literatur konträre dichterische Praxis vertritt, die die nicht akzeptierten Sprachschich-
ten aktiviert. Vgl. Kap. II in diesem Band.
16
Ich knüpfe hier an Überlegungen G.N. Leechs, "Linguistics and the Figures of Rhe-
toric". In: Essays on Style and Language. Hrsg. RG. Fowler. London 1966. S. 135-156,
an, die auch in die Systematisierungsversuche bei Plett eingegangen sind.
17
Das sind die von Jakobson vielerorts untersuchten Fälle der 'Grammatik der Poe-
sie', der 'Poesie der Grammatik'. Vgl. R. Jakobson, "Poesie der Grammatik und Gram-
matik der Poesie" [1961]. In: ders., Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971. Hrsg. E.
Holenstein, T. Scheiben. Frankfurt/M. 1979. S. 233-263.

10
Potenz der Sprache; das gilt vor allem für die semantischen Regeln,
die sie aufhebt oder substituiert (Metaphorismus, Tropik überhaupt)
- , während die Restriktion eine Sprache reflektierende, Sprache prä-
sentierende Funktion übernimmt. Die Lizenzen sind weitgehend para-
digmatische, die Restriktionen syntagmatische Verfahren 18 - spezifi-
sche Anwendungen selektiver und kombinatorischer Prozeduren.
Die Rhetorik als Grammatik des sekundärsprachlichen Kodes for-
muliert also Regeln, die primärsprachliche zum Gegenstand haben;
der Sekundärkode ist demnach umfassender als der Primärkode, auf
den er aufbaut. Oder genauer: Restriktionen und Lizenzen bezeichnen
Verfahren, die primäre sprachliche Verfahren zum Gegenstand ha-
ben, und zwar so, daß die Restriktionen im Sinne von Operationen der
detradio, adiectio und transmutatio
auf der lautlichen Ebene (z.B. Alliteration) als metaphonetische
Verfahren,
auf der syntaktischen Ebene (z.B. Parallelismus) als metasyntakti-
sche Verfahren,
auf der morphologischen Ebene (z.B. tradudio) als metamorpho-
logische Verfahren
fungieren, während die Lizenzen im Sinne von Operationen der
immutatio auf der semantischen Ebene (z.B. Metapher) als meta-
semantische Verfahren eingesetzt werden.
Die Zeichen des Primärkodes werden in einen Kode höherer Ord-
nung überführt, in dem, so könnte man sagen, ihre Zeichenhaftigkeit
zum Objekt wird. Und eben diesen Vorgang beschreibt die Rhetorik.
Sie setzt praktisch an einem Punkt an, wo in einem sehr elementaren
Sinn an die Stelle einer kommunikativ-arbiträren Funktion eine
zweckdeterminierte kommunikative (das schließt die selbstzweckliche
ästhetische ein) tritt. Bekanntlich gibt es postrhetorische theoretische
Ansätze zur Bestimmung gerade der ästhetischen (bzw. poetischen)
Funktion von Sprache, die dazu beitragen können, die hier durch die
Rhetorik angeregten Überlegungen weiterzuführen, zumal dieselbe
Grundopposition Ausgangspunkt des entsprechenden Konzepts ist.19
Jan Mukafovsky 20 geht von der Selbstgerichtetheit des sprachlichen
Zeichens aus, in der sich die ästhetische Funktion der Sprache reali-
siere, im Gegensatz zum kommunikativ-medialen Gebrauch des Zei-
chens, in dem sich die praktische Funktion realisiere. Jakobsons Defi-

18
Vgl. Leech, aaO., S. 145ff.
19
Vgl. dazu Kap. XI in diesem Band.
J. Mukafovsky, "Die poetische Benennung und die ästhetische Funktion der Spra-
che" [1938]. In: ders., Kapitel aus der Poetik. Übers. W. Schamschula. Frankfurt/M.
1967. S. 44-54.

11
nition der poetischen Funktion als "set toward the message as such"21
hebt diese von den übrigen Funktionen der Sprache, die er in seinem
Kommunikationsmodell unterscheidet, auf eine Weise ab, daß die
nämliche Opposition zum Tragen kommt. Macht man sich das Kon-
zept des 'Semiozentrismus' Mukafovstys und der mettöge-Orientiert-
heit Jakobsons zunutze, so läßt sich zur Unterstützung der auf die
Rhetorik bezogenen Interpretation anfügen, daß Sprache in ihrer
ästhetischen (poetic) Funktion sich Sprache zum Gegenstand nimmt.
Dieser Aspekt ermöglicht eine zusätzliche Deutung durch die Herstel-
lung einer Analogie zur metalingual fundion - die in Jakobsons Funk-
tionsbild eine Sonderstellung ober- und außerhalb der genannten Op-
position innehat -, insofern die poetische wie die metasprachliche
Funktion die Primärzeichen in ein Zeichensystem höherer Ordnung
überführt, in welchem diese zu Objekten werden. Sie werden zu Ob-
jekten von Verfahren, die durch die sekundären Regeln definiert wer-
den. Damit erscheinen die Primärregeln als Implikate der Sekundär-
regeln. Das bedeutet: Die als Lizenzen und Restriktionen qualifizier-
ten Verfahren, die in den einzelnen tropischen und figuralen Regeln
repräsentiert sind, fungieren als Beschreibung von Operationen, die
die konventionalisierten Relationen zwischen Zeichen und Referenz
des primärsprachlichen Systems bearbeiten. Dies führt zu sekundären
semantischen Daten (die auch referenzfrei sein können), d.h. zu den
Ergebnissen eines Vorgangs, den Jakobson mit "a total re-evalua-
tion"22 umschrieben hat, was einer Definition der spezifischen Lei-
stung der poetic fundion der Sprache gleichkommt.

Die Relation zwischen den beiden Regelsystemen, dem implizie-


renden und dem implizierten, die als solche von der Rhetorik nicht
thematisiert wird, kann über die genannte Bestimmung hinaus durch
die Einführung des Aspekts der 'Dialogizität' (der mit einer zentralen
Kategorie in Bachtins Konzept der Metalinguistik23 verknüpft ist) be-
leuchtet werden. Danach könnte man das sekundärsprachliche System
bzw. das einzelne sekundäre Zeichen als mit dem primärsprachlichen
in einem dialogischen Kontakt stehend begreifen: Das sekundär-

il
R. Jakobson, "Linguistics and Poetics". In: Style in Language. Hrsg. Th.A. Sebeok.
Cambridge/Mass. 1961). S. 350-377. (Dt.: "Linguistik und Poetik". Übers. T. Scheiben.
In: Jakobson, Poetik, aaO., S. 83-121).
22
Ebd., S. 377.
23
Bachtin hat seine metalinguistische, dialogische Wortkonzeption allerdings nicht in
Hinblick auf die Trope entwickelt; Rhetorik und Dialogizität werden im übrigen
deutlich voneinander abgegrenzt.

12
sprachliche Zeichen erscheint als Replik auf das primäre, das seiner-
seits durch dieses revoziert wird und in ihm vorhanden bleibt. Daran
ließe sich anschließen, daß die als Abweichungen definierten Verfah-
ren Formen produzieren, die als Ergebnis eines Dialogs mit der Pri-
märform interpretierbar sind. Die Dialogizität des Sekundärzeichens,
speziell der Trope, ist Quelle seiner semantischen Ambiguität, seiner
poetischen Semantik. Die Trope wendet sich gegen das habitualisierte
vorfindliche Wort (das 'andere', 'fremde' Wort) 24 und schließt es
gleichzeitig ein. In dieser 'Doppeltgerichtetheit' des tropischen Wortes
und sämtlicher Formen, die durch die Grade und Arten der Tropizität
erzeugt werden können, liegt die Mögüchkeit zur Konstitution eines
'doppeltgerichteten' Textes (Jakobsons double-sensed message)25, der
innerhalb eines bestimmten Systems den Status des Poetischen erhal-
ten kann.
Die Dialogizität (und letztlich auch die Poetizität) eines Textes
liegt begründet in der ursprünglichen Binäropposition zwischen pro-
prium und improprium. Nimmt man aber den Gedanken der ideolo-
gisch motivierten außerrhetorischen Sprachkonzeption eines ent-
sprechenden kulturellen Kontextes noch einmal auf, so bedeutet das,
daß die Rhetorik von vornherein zwar eine dichotomisch-dialogische
Sprachvorstellung impliziert, daß sie diese aber, entsprechend der
Rolle, die sie innerhalb des Kontextes spielt, zusätzlich reguliert und
- als regulierte - offizialisiert. Die genannte Opposition wird daher
mit ihrer 'regulierten', besser: 'gebremsten' Dialogizität zu einem Kor-
relat der systemstabilisierenden Tendenzen, die die Rhetorik in ihrer
offiziellen Rolle realisiert.
Es ist klar, daß die Rhetorik in dieser Funktion die Möglichkeiten
des auf der Dialogizität beruhenden im/voprie-Sprechens, die immer
auch systemsprengend wirken können, in ihrem Beschreibungssystem
nicht berücksichtigt. Vielmehr legt sie, wie gesagt, die dialogische
Potenz der Trope fest. (Auf diese Weise kommt es zur Etablierung
eines Kodes zulässiger Uneigentlichkeit, der zunächst für einen
bestimmten Kontext gelten, dann aber zusammen mit dem gesamten
rhetorischen Apparat in andere Kontexte überführt werden kann.)
Noch einmal sei darauf hingewiesen, daß die Rhetorik als Ord-
nungsfaktor wirkt. Denn die Ausdifferenzierung von Funktionen und
die Formulierung von Dichotomien sind zugleich Versuche zu einer
Vereinheitlichung der Sprache, zur Vereinheitlichung des gesamten
Kommunikationssystems und der darin möglichen Kommunikations-
formen. Diese Vereinheitlichung ist als Prozeß vorstellbar, in dessen

M
Vgl. die Begriffe des iuioe slovo, der iuiaja ref (fremdes Wort, fremde Rede) in
Bachtins Dostoevskij-Interpretation.
25
Jakobson, "Linguistics and Poetics", aaO., S. 371.

13
Verlauf bestimmte die Sprache regulierende Normen entwickelt und
Instanzen gebildet werden, die diese artikulieren. Die Rhetorik tritt
als regulative Kraft auf, die im Streben einer Kultur nach Einung ihrer
verbalen Medien als normformulierende Instanz sich etabliert, die die
zentrifugalen Kräfte, die sich einer Vereinheitlichung und Kanonisie-
rung entziehen, zusammenzwingt. Denn die Vielzahl nicht kanonisier-
ter Sprachen bedeutet immer auch eine noch ungefügte Vielzahl ko-
existierender Kulturen und damit die prinzipielle Gefährdung einer
sich konsolidierenden Kultur. Die Einstellung auf die e i n e Kul-
t u r dagegen meint die Einstellung auf die e i n e Sprache26 und
damit auf das einheitliche, in sich hierarchisch und funktional geord-
nete Kommunikationssystem. Die Sprachkonzeption, die der Rhetorik
zugrunde hegt, impliziert die klare Vorstellung einer homogenisierten
Sprache mit deutlichen Abgrenzungsmerkmalen gegenüber der nicht
vereinheitlichten oder besser gegenüber dem amorphen Bereich
sprachlicher Heterogenität. Überall dort, wo die Rhetorik in einen zu-
nächst rhetorikfreien, d.h. nicht normierten Kommunikationsraum
eingebracht wird, übernimmt sie diese regulative Funktion.

VI
Ich habe weiter oben den deskriptiven und normativen Status der
Rhetorik als ihren Grammatik-Status bezeichnet und von daher auch
die Metatextfunktion von Rhetorik abgeleitet. Dasselbe gilt nun auch
für eine andere, ebenfalls antike Disziplin, die sich wie die Rhetorik
mit Sprache, mit Kommunikation beschäftigt. Ich meine die Poetik.
Rhetorik und Poetik repräsentieren zusammen als eine Art allgemei-
ner kommunikativer Grammatik die kommunikative Kompetenz eines
Kollektivs. Rhetorik und Poetik zusammen definieren alle Verfahren
geltender oder Geltung gewinnender kommunikativer Formen.
Die Geschichte von Rhetorik und Poetik, deren auch inhaltliche,
nicht nur funktionale Berührungspunkte bereits in der Poetik und Rhe-
torik des Aristoteles deutlich hervortreten, die einzelnen Phasen der
Rhetorisierung der Poetik und der Poetisierung der Rhetorik - bis
zum Zusammenfall der Disziplinen - belegen diese Kooperation,
ebenso wie die Geschichte der oratorischen und poetischen Formen,
die diese beschreiben, formale und funktionale Berührungen aufwei-
sen.

* Im Sinne des edinyj jazyk (einheitliche Sprache) und der edinaja kul'tura (einheitli-
che Kultur) im Kulturkonzept von Bachtin, das dieser in "Slovo v romane" entwickelt
hat. AaO.

14
Der Kontakt, der sich zwischen den einzelnen Formen entwickelt,
zwischen der Triade der ursprünglichen rhetorischen Genera und den
im eigentlichen Sinn poetischen Genres, deren triadische Struktu-
rierung in Epik, Drammatik und Lyrik bekanntlich ein spätes gat-
tungstheoretisches Ergebnis ist, der Kontakt aber auch zwischen den
genannten und solchen Formen wie Predigt, Brief, Geschichtsschrei-
bung (Literatur im primären Verständnis) ist gerade in den Über-
gängen ungemein vielgestaltig und von unterschiedlicher Dimension.
Die evidenteste Form der Berührung ist zweifellos die im Bereich der
elocutio, der Stillehre. Es kommt zur Partizipation der Poetik an Kon-
zepten wie decorum, acumen und genus elocutionis und deren Axiolo-
gie sowie zu einer engen Verbindung mit der Affektenlehre. (Die
Nähe der Prunkrede, des epideiktischen Genus, zu den poetischen
Arten ist besonders klar). Kontakte im Sinne von Analogien lassen
sich im Bereich der inventio, insbesondere in der Topik, feststellen
(Affektentopik, Bildlichkeitstopik etc.) sowie in der dispositio die Ana-
logie zwischen den Redeteilen und der consecutio partium in Epos und
Drama.
In der sakralen Rede wiederholt sich die triadische Einteilung der
weltlichen, auch lassen sich Berührungspunkte zu den poetischen
Genres im genannten Sinn ermitteln. Der Brief (als öffentlicher Brief,
Staatsbrief, panegyrischer Brief) mit seinen Unterformen erscheint als
schriftliches Pendant zu den in der Rede aktualisierten Formen, die
Geschichtsschreibung partizipiert wie alle schriftlichen und Redegat-
tungen am Komplex der durch imitatio, fidio, probabilitas abge-
steckten ästhetisch-kognitiven Problematik. Alle genannten poeti-
schen, oratorischen und 'literarischen' Formen rekurrieren auf die
konventionalisierte dichotomische Sprachkonzeption (eigentlich/
uneigentlich; rede/bene; plane/ornate; 'triviaP/erhaben). Entschei-
dend für die Bestimmung der einzelnen Formen in ihren Übergängen
und Überlappungen (Lehrgedicht, lyrische Prosa, historischer Roman,
fiktive Biographie, romanhafte Geschichtsschreibung) mag zwar die
Dominanz der Funktion sein, die entweder autotelisch oder hetero-
telisch ist. Aber gerade die Funktionsbestimmungen, d.h. die Aus-
sonderung und Zuordnung von Wirkkomponenten oder officio, die für
bestimmte Rhetorik- und Poetiktraditionen konstitutiv sind, beruhen
auf den ästhetischen und moralischen Entscheidungen einer Gemein-
schaft, die ihre kommunikativen Bedürfnisse artikuliert; diese wertet
auch die Rolle von Autotelie und Heterotelie, Selbstzwecklichkeit und
Orientierung auf andere (nützliche) Zwecke.
In Horaz' für die europäische Poetologie fundamentaler Ars
poetica (in welcher die Fusion von Rhetorik und Poetik vollzogen ist)
greifen die Begriffspaare prodesse - delectare, monendo - deledando
und dulci - utile die officio der Rhetorik auf. Dabei entspricht das
heterotelische officium des probare/docere dem prodesse/monendo,

15
das autotelische des delectare (auch conciliare) dem delectare bei
Horaz - während das movere ohne Korrelat bleibt. Dadurch entsteht
ein funktionaler Binarismus, den Horaz in dem vielzitierten Diktum
"aut prodesse, aut delectare" konzis faßt. Allerdings wird dieser in der
Formulierung "aut simul et iucunda et idonea dicere"27 in eine Dop-
pelfunktion überführt, und in den Zeilen "omne tulit punctum, qui
miscuit utile dulci/lectorem delectanto pariterque monendo"28 wird
vollends klar, daß die höchste zu erreichende Qualität in der gelunge-
nen Kombination der beiden officio liegt.
Die Geschichte der beiden Disziplinen, Rhetorik und Poetik, läßt
erkennen, daß ihr Status als normative Instanz bis ins 18Jahrhundert
unangetastet blieb, daß aber die von ihr formulierten Normen mit den
(jeweils) kulturkontextuell bedingten ästhetischen, moralischen, sozia-
len u.a. Wertvorstellungen interagierten und entsprechenden Wand-
lungen unterworfen waren. Begriffe wie probabilitas, verisimilitudo,
decorum, aptum, claritas, brevitas einerseits oder aenigma, acumen,
argutia, mirabile, obscuritas,fidio,dissimilitudo andererseits - um nur
einige zu nennen - implizieren solche kontextgebundenen normativen
Konzepte. Normativ ist auch die Einstellung zur Norm selbst, wie sie
sich in zwei konträren - alternierend oder konkurrierend auftreten-
den - Rhetorik/Poetik-Typen äußert, deren erster die unbedingte
Einhaltung der Regel und deren zweiter deren Veränderung, Ablö-
sung oder Verletzung empfiehlt. Ein solcher typologischer Dualismus
läßt sich bereits in der Antike am Antagonismus zwischen Attizismus
und Asianismus beobachten. Ernst Ren6 Hocke hat in seiner Gegen-
überstellung von Klassik und Manierismus daran angeknüpft und mit
entsprechenden Konzeptionen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert
belegt.29
Zum regelbestätigenden Typ gehört (im hier interessierenden
Zeitraum) die Rhetorik des ausgehenden 17. und des 18. Jahrhun-
derts. Auf der Grundlage eines fixen Inventars von Regeln hält sie für
Anlässe, die eine Rede/einen Text verlangen, die adäquaten Stile, die
probaten Tropen (z.B. Metaphernschätze) und angemessenen Argu-
mentenrepertoires bereit. In ihrer Gesamtausrichtung läßt sie sich -
entsprechend einem ihrer Leitkonzepte - als decomm-Rhetorik/
Poetik charakterisieren. Ihr Gegentyp ist eher innovativ, d.h. es
kommt zur Formulierung neuer Regeln, die als Verstöße gegen die
bestehenden verstanden werden können. (Oder anders: die Verstöße
werden zu Regeln erhoben). Dieser Typ kann eine antizipatorische
(oder avantgardistische) Aufgabe übernehmen, indem er sich andeu-

11
Horaz, "De arte poetica", 333 f. In: Sämtliche Werke. München 1967. S. 250.
28
AaO., 343 f.
29
G.R. Hocke, Der Manierismus in der Literatur. Hamburg 1959.

16
tende Wandlungen in der rhetorisch/poetischen Praxis in einer poin-
tiert formulierten Programmatik (mit zum Teil neuer Begrifflichkeit)
deutlich macht. Die barock-manieristische, concettistische Rhetorik/
Poetik ist bestes Beispiel für diesen Typ. In ihrem Gesamthabitus ist
sie als acw/ne/j-orientiert zu bezeichnen - wobei acumen als Schlüs-
selbegriff für eine gegen iudicium und decorum gerichtete 'Ingeniosi-
tät' und für die Regel des Regellosen steht.30
Ich habe oben vorgeschlagen, die Rhetorik (und die Poetik) als
Disziphnen vom Rhetorischen (und Poetischen) als Redeleistungen zu
unterscheiden, und komme nun im Anschluß an die Unterscheidung
von autotelischer und heterotelischer Funktion zu diesem Punkt zu-
rück. Diese Unterscheidung schließt an Bestimmungen an, die das
autotelisch-hedonistische Ziel ausschließlich den poetischen Genres,
das heterotelisch-persuasive den oratorischen zuweisen und damit
(wenn auch diffus) außerhalb der Disziplinen von Rhetorik und Poetik
so etwas wie eine Qualität des Rhetorischen einerseits und des Poe-
tischen andererseits voraussetzen. Das Rhetorische erscheint in dieser
binären Konstellation als das schlechthin Regelgebundene, Nichtspon-
tane und Nichtkreative, das Poetische folglich als das schlechthin Re-
gelfreie, Spontane und Schöpferische, d.h. als etwas, das weder steuer-
bar noch einem Kommunikationsanlaß und -bedürfnis unterworfen ist.
Man kann verfolgen, wie sich aus dieser Gegenüberstellung der
beiden Rede/Text-Qualitäten eine folgenreiche Opposition zwischen
dem Konzept der Regelabhängigkeit und dem der Regelfreiheit er-
gibt, die eine vornehmlich wertende Rolle in den ästhetischen Kontro-
versen des 18. Jahrhunderts übernimmt. Dem Beharren auf der Regel,
das die Affirmierung der bestehenden kommunikativen Ordnung be-
kundet, werden Regelfreiheit unterstützende Vorstellungen wie Origi-
nalität, Einbildungskraft, Inspiration und Genialität entgegengehalten,
die letztere für nicht mehr verbindlich erachten. Das heißt, daß für
die Ästhetik der regelenthobenen Originalität Rhetorik und Poetik als
Disziplinen ihren positiven Status als normative Instanz eingebüßt
haben, oder anders, daß Disziplin und Redeleistung Antipoden wer-
den. Die Rhetorik wird auf das Rhetorische oder den 'Rhetorismus'
reduziert, auf einen schematischen Gebrauch sprachlicher Strategien,
die einzig zum Zweck der (negativ bewerteten) Persuasion gelten.
Persuasion wird erzielt - so die Rhetorismuskritik - durch sprach-
lich-argumentative Manipulation, Demagogie und Lüge. Diese Um-
wertung tangiert massiv die Autorität der in Form des Lehrbuches
kodifizierten Rhetorik.

Vgl. Kap. IV in diesem Band.

17
VII
Doch weder ihre normative noch ihre deskriptive Funktion sind
damit verdrängt. Die Normativität, die bis dahin an die Disziplin
gebunden war, geht zusammen mit der metatextlichen Funktion an
andere Instanzen über: die Individualpoetik eines Autors, die Poetik
einer Gruppe oder Bewegung, die Ästhetik. Sie artikuliert sich in
Traktaten, Manifesten und ähnlichen Texten.
Die deskriptive Funktion der Rhetorik/Poetik erhält sich in Diszi-
plinen wie Stilgeschichte, Gattungsgeschichte, Geschichte der Formen,
allerdings ohne die analytischen Möglichkeiten des rhetorischen In-
ventars noch die konzeptuellen aufzugreifen. Diese werden erst in sol-
chen Disziplinen wieder aktualisiert, die von der grundsätzlichen Be-
schreibbarkeit und Regelhaftigkeit funktionaler Rede mithilfe eines
wissenschaftlichen Instrumentariums ausgehen, wie Stiltheorie, struk-
turelle (linguistische) Poetik und sogenannte neue (d.h. strukturale
und semiotische) Rhetorik.
Diese Entwicklung zu einer vollen Rehabilitierung der Rhetorik
setzt im 20. Jahrhundert im Rahmen einer stark sprachorientierten
literaturwissenschaftlichen Richtung ein, im russischen Formalismus.
Ohne die Rhetorik in ihrer immensen Vorleistungsfunktion für die
Beschreibung stilistischer Verfahren zu profilieren, reformuliert der
Formalismus das entscheidende Theorem der rhetorischen Sprachauf-
fassung, die Dichotomie. Bei den Formalisten taucht sie in der Oppo-
sition praktische Sprache vs. poetische Sprache auf und wird zum Aus-
gangspunkt einer Theorie der Poetizität, die sich allein aus Abwei-
chungsverfahren gegenüber der Normalsprache erklärt.
Sie spitzt sich zu in der Frühphase des Strukturalismus in der The-
se von der Autoreferentialität des sprachlichen Zeichens in seiner
poetischen Funktion. Auch die linguistische Poetik bedient sich des
rhetorischen Analyseinstrumentariums, insbesondere aus dem Teilbe-
reich der elocutio. Ein Element hatte sich schon früh aus der Rhetorik
gelöst und war zum Objekt fremder Disziplinen geworden: die zentra-
le Trope der Rhetorik, die Metapher. Mit der Metapher beschäftigt
sich die romantische Ästhetik, beschäftigen sich Sprachphilosophie
und Sprachästhetik und im 20. Jahrhundert semiotische Stilistik und
Sprachsemantik.
Einen bedeutenden Beitrag zur Aufwertung und Erkenntnis der
rhetorischen Beschreibungssprache und des rhetorischen analytischen
Vermögens hat Roman Jakobson bereits in den 20er Jahren in seiner
Analyse des Werks von Velimir Chlebnikov geleistet.31 Jakobsons rhe-

R. Jakobson, "Novejs"aia russkaja poezija. Nabrosok pervyj. Viktor Chlebnikov".


Praha 1921. (Wiederabgedruckt mit dt. Übersetzung: "Die neueste russische Poesie.
Erster Entwurf. Viktor Chlebnikov." Übers. R Fieguth). In: Texte der russischen For-

18
torische Analyse deckt an Texten, die an keiner kodifizierten Rhetorik
orientiert sind, die grundsätzliche Regelhaftigkeit und folglich Be-
schreibbar keit der poetischen Sprache auf. Auch die späteren Unter-
suchungen Jakobsons, die die Gesetzmäßigkeit der Poetizität an hete-
rogenem Material (der slavischen Volkspoesie, an Vertretern der
europäischen Romantik, an Hölderlin, Hopkins, den Futuristen,
Brecht u.a.) aufweisen, gehen letztlich von einer rhetorischen Einstel-
lung aus. Im Formalismus wie im Strukturalismus wird klar, daß Texte
auch nach der Verwerfung der Rhetorik mit Verfahren aufgebaut
werden, die mithilfe der Rhetorik definiert werden können. D.h. auch
der scheinbar regelenthobene unrhetorische Text funktioniert rheto-
risch.

VIII
Die Neuentdeckung der Rhetorik, die in den 60er Jahren zu einer
Rhetorik-Mode geführt hat, ist nicht unproblematisch. Ihr Objekt war
und ist dasselbe, das die moderne Forschung beschäftigt, nämlich
Textproduktion und Kommunikation. Rhetorik übernimmt damit eine
Vorleistungs- und Vorbildrolle, zumal sie eine umfassendere Konzep-
tion in bezug auf ihren Gegenstand anbieten kann, als es moderne,
immer nur Teilaspekte behandelnde Disziplinen zu tun vermögen. In-
dem sich diese in dem genannten Bereich engagieren, decken sie ge-
wissermaßen die Konstanz bestimmter Fragestellungen auf und reihen
sich in eine Fragetradition ein, die von der Rhetorik begründet wurde.
Doch an diesem Punkt verwischen sich die Grenzen zwischen der
neuen Metasprache moderner Disziplinen und der rhetorischen Meta-
sprache, die zunächst als Objekt zu fungieren hätte; d.h. die Beschrei-
bungssprache eines fremden, eines historischen Systems dringt in das
aktuelle ein.
Dabei wird der gesamte von der Rhetorik entwickelte terminologi-
sche und kategoriale Apparat als gleichsam verbindlich akzeptiert. In
einem weiteren Schritt werden Versuche unternommen, die rhetori-
sche Begrifflichkeit durch Verfahren der Reduktion und der Präzisie-
rung in den Status einer modernen Disziplin zu überführen. Bei diesen
Versuchen kann die Übersetzung der Sprache der Rhetorik in die der
Linguistik und Semiotik als der ambitionierteste gelten. Ich denke an
die "Rh6torique g6n6rale" der Gruppe /i 32 , an Arbeiten von Umberto
Eco33 und Roland Barthes34.

mausten. II. Hrsg. W.-D. Stempel. München 1972. S. 18-135. Vgl. zu diesem Komplex
Kap. XI in diesem Band.
32
J. Dubois, F. Edeline, J.M. Klinkenberg u.a., Rhelorique ginerale. Paris 1970. (Dt.:
Allgemeine Rhetorik. Übers, u. Hrsg. A. Schütz. München 1974).

19
Alle diese Operationen der Adaptation, die gewinnbringend und
legitim sind, haben den Mangel, daß sie den Stellenwert der Rhetorik
gerade in ihrer metatextlichen Funktion im ursprünglichen Kontext
nicht reflektieren, d.h. sie als quasi neutrale Vor-Wissenschaft isolie-
ren. Der französische Kritiker der neuen Rhetorik, Pierre Kuentz, hat
in seiner Stellungnahme zum Versuch der "Rh6torique g6n6rale"35
argumentiert, daß das Problem der Rhetorik nicht aus einer ahistori-
schen Perspektive angegangen werden könne. Die Geschichte der
Wissenschaften und die Epistemologie gehören in seinem Verständnis
zusammen. Kuentz weist auch nachdrücklich auf die ideologische
Konditioniertheit der Rhetorik hin, auf ihre Abhängigkeit von konkre-
ten Kulturen mit genau bestimmbarer ideologischer Struktur.36 Damit
werden die modernen Annexionsversuche zwar kritisch beleuchtet,
aber aus strukturaler Stilistik, analytisch orientierter Literatur- und
Texttheorie, aus der linguistischen Semantik ist die Rhetorik vorerst
nicht zu verdrängen.37

3
Vgl. das Kapitel "Die persuasive Botschaft: Die Rhetorik". In: U. Eco, Einführung in
die Semiotik. München 1972.
"L'ancienne rh^torique", aaO.
35
P. Kuentz, aaO., S. 108-115.
36
Ebd., S. HS.
-" Die Rhetorik-Renaissance dokumentiert Josef Kopperschmidt mit einer zweibändi-
gen Sammlung von Beiträgen zur Rhetorikforschung der letzten 30 Jahre, Rhetorik I
(Rhetorik als Texttheorie), Rhetorik II (Wirkungsgeschichte der Rhetorik), Darmstadt
1990-1991.
Die Problematisierung der Rhetorik:
Kanon und Gegenkanon
in der russischen Kultur des 17. Jahrhunderts

D u a l i s t i s c h e r M e c h a n i s m u s und D o p p e l k u l t u r

Eine der konstanten Oppositionen, die die russische Kultur in


ihrem Verlauf von der Christianisierung bis zu den Reformen Peters
des Großen organisieren, ist die zwischen 'neu' und 'alt'. Diese Oppo-
sition ist so produktiv und fundamental, daß ihr andere Oppositionen
vom Typ Christentum/Heidentum, richtiger Glaube/falscher Glaube,
soziale Oberschicht/soziale Unterschicht und schließlich Rußland/
Europa untergeordnet sind. Ein komplizierter Prozeß, in dem beide
Glieder der Opposition alt/neu unterschiedlich bewertet werden und
verschiedenen Phänomenen der Kultur auf gegensätzliche Weise zu-
geordnet werden, bestimmt den kulturellen Dynamismus1.
Die neue (christliche) Kultur profiliert sich durch ihre Opposition
zur alten, die alte (heidnische) Kultur wurde als Antikultur Voraus-
setzung der neuen. Die neue Kultur als Negation der alten bewahrte
deren Elemente, indem sie diese mit umgekehrten Vorzeichen über-
nahm. Christianisierung bedeutete nicht nur Abgrenzung vom Hei-
dentum, sondern auch vom westlichen Christentum. Es entsteht die
Opposition östliches Christentum (als Orthodoxie)/Katholizismus und
Heidentum (als Heterodoxie und Unglaube). Dabei vollzieht sich eine
Identifizierung von Heidentum und Katholizismus: Der negative Wert
'alt', der dem Heidentum galt, wird auf den Katholizismus übertragen.
Katholizismus wird als alter, daher falscher Glaube verstanden.
Im 17. Jahrhundert kommt es zu einer umgekehrten Bewertung
von alt und neu bzw. einer umgekehrten Zuweisung dieser Prädikate
an analoge Phänomene, wobei zwei oppositive Teilsysteme diese
Wertzuweisungen vornehmen. Das russische 17. Jahrhundert ist von
einem scharfen innerkulturellen Dualismus geprägt: innerhalb der rus-
sischen Orthodoxie tritt eine Spaltung in eine reformierte Orthodoxie
(Neugläubige) und eine konservierende Orthodoxie (Altgläubige) ein,
die auf allen Ebenen kultureller Praxis antagonistische Strukturen her-
vorbringt. Aus der Sicht der Altgläubigen ist die alte Zeit (starina) mit

1
Ju. Lotman/B. Uspenskij, "Rol' dual'nych modelej v dinamike russkoj kul'tury (do
konca XVIII veka)". In: Trudy po russkoj i slavjanskojfilologii.Bd. 28 (Ucenye zapiski
Tartuskogo universiteta, vyp. 414). Tartu 1977. S. 3-36. (Dt.: "Die Rolle dualistischer
Modelle in der Dynamik der russischen Kultur (bis zum Ende des 18. Jahrhunderts)".
Übers. A. Fiala, K Hielscher. Poetica. 9/1. 1977. S. 1^0).

21
der althergebrachten göttlichen Ordnung identisch, Fortschritt kann
nur die Rückkehr zu verlorenen Wahrheiten bedeuten, das Neue, die
Reform also, ist negativ (heidnisch): die historische Diachronie 'Altes,
Heidnisches' - 'Neues, Christliches' wird in eine rein wertende Dia-
chronie 'Altes, Christliches' - 'Neues, Heidnisches' uminterpretiert.
Aus dieser Sicht wird die Reformbewegung als Ergebnis eines Kon-
takts mit fremder (westlicher) Kultur, d. h. mit häretischer Kultur be-
griffen. (Das westliche Europa konnotiert Heidentum und Häresie-
Lateinertum, latinstvo.) Die Opposition alt/neu wird in die Opposition
Rußland/Europa transformiert. Europa erscheint als das 'von alters
her' neue Land, Rußland als das immer alte Land (neu konnotiert
'verkehrt' und 'links', wobei links für den teuflischen Raum steht).
Vom Standpunkt der Reformer war die Haltung der Altgläubigen von
Unwissenheit geprägt. Auf die Wertopposition alt/neu wird die Oppo-
sition Unwissenheit/Aufklärung übertragen, die von seiten der Alt-
gläubigen mit der Gegenüberstellung von Weisheit (als Beherrschung
einer langen, durch die Kirchenväter verbürgten Glaubenstradition)
und Torheit (als Verleugnung oder Vergessen dieser Tradition) be-
antwortet wird (dazu später).
Das 18. Jahrhundert, in dem viele derjenigen Ideen für Rußland
Profil gewinnen, die im 19. Jahrhundert die Konstitution divergieren-
der Ideologien unterstützen, expandierte den Reformgedanken (gegen
die Institution der Kirche) in die Vorstellung eines totalen Neube-
ginns, eines Umbruchs. Die Hypertrophierung des Neuen, dessen
Hauptrepräsentant Peter I. ist, schließt die Vorstellung des neuen
Volkes, des neuen Rußland ein, das als absolute Antithese zum vor-
petrinischen Rußland im Prozeß einer konsequenten Europäisierung
der gesamten Kultur verstanden wird. Die neue offizielle Staatskultur
stattet sich nicht nur mit neuen kulturellen Insignien aus (Kleidung,
Haartracht, Umgangsformen etc.), sondern unterzieht sich einer
Öffentlichkeit beanspruchenden und alle Institutionen erfassenden
Umbenennungsprozedur: von der Umbenennung des Zarentitels in
Imperator bis zur Umbenennung Rußlands (Rus') in Rossija. (Die
Einschätzung des Reformimperators und seiner Europäisierungs-
kampagne als Geburt des neuen oder als Untergang des alten und
damit des wirklichen Rußlands tritt als eine Art kultureller Selbstver-
ständigungstopos in den Kontroversen des 19. Jahrhunderts auf und
spielt auch in der Ideenbildung der Parteikultur einerseits und der
Dissidentenkultur andererseits eine bestimmende Rolle.)
Die innerkulturelle Selbsteinschätzung der offiziellen Reformkul-
tur des 18. Jahrhunderts kann naturgemäß den kulturellen Mechanis-
mus reflektieren, der sie steuert. Aus kulturtypologischer Sicht hinge-
gen wird deutlich, daß nicht so sehr westeuropäische als vielmehr rus-

22
sische Modelle einer früheren Phase im 18. Jahrhundert kulturprodu-
zent werden. Jurij Lotman und Boris Uspenskij argumentieren folgen-
dermaßen:
Es ist das Wesen der Kultur, daß die Vergangenheit in ihr, im Gegensatz zum
natürlichen Zeitablauf, nicht ins Vergangene fortgeht, d.h. nicht verschwindet.
Fixiert im Gedächtnis der Kultur, gewinnt sie [...] Dauer. Das Gedächtnis der Kul-
tur ist aber nicht nur als Fundus von Texten konstruiert, sondern auch als ein
bestimmter Erzeugungsmechanismus. Die durch ihr Gedächtnis mit der Vergan-
genheit verbundene Kultur erzeugt nicht nur ihre Zukunft, sondern auch ihre Ver-
gangenheit und stellt in diesem Sinne einen Mechanismus dar, der der natürlichen
Zeit entgegenwirkt. [...] Die Spezifik der russischen Kultur fand insbesondere
darin ihren Ausdruck, daß die Bindung an die Vergangenheit objektiv immer dann
am stärksten zu spüren war, wenn subjektiv eine Einstellung dominierte, die mit
der Vergangenheit brach.

Mit anderen Worten: Das dualistische Modell alt/neu kann in seiner


funktionalen und formalen Dimension auch für das 18. Jahrhundert
einschließlich der konträren, die Vorzeichen umkehrenden Bewertung
von seiten der beiden Teilsysteme der Kultur bestimmt werden.
Die russischen Äquivalente für die Begriffe Aufklärung, Aufklärer,
prosveSienie, prosvetitel', sind keine Neologismen des 18. Jahrhunderts,
sondern dem vorpetrinischen Rußland mit der Bedeutung Taufe, Täu-
fer bekannt. Dies macht erklärlich, warum die Reform Peters des
Großen als zweite Taufe gedeutet, er selbst als Täufer und Bringer
des neuen Heils apostrophiert wird. Wie die erste Aufklärung, die
erste Taufe einen neuen Glauben gebracht hat, so tut es die zweite.
Der neue Glaube, der Aufklärungsglaube, wird von den Reformgeg-
nern als Wiedererstarken des Heidentums, nach dem Muster: das
Westliche ist heidnisch, diffamiert. Folglich kann Peter der Große als
der Antichrist, als falscher Täufer erscheinen. Der sich in der dualisti-
schen Binnenstruktur konstant haltende Doppelglaube prägt sich in z.
T. abstrusen Formen aus, zu denen insbesondere das Phänomen des
'leibeigenen Harems'3 gezählt werden kann. Die leibeigenen Harems,
zweifellos im russischen Kontext Erscheinungen des 18. Jahrhunderts
ohne Präzedenz, deren Besitzer als 'Aufklärer' und Kämpfer gegen
die Unbildung, vor allem als Vertreter der westlichen Kultur, galten,
konnten als europäische Kulturformen erlebt werden, insofern das un-
christliche heidnische Europa mit einer Form des Islam identifiziert
wurde. Natürlich sind das extreme Beispiele, die vereinzelt in weniger
gebildeten, aber immerhin adligen Kreisen zu finden sind. Doch lassen
sich andere, weniger krasse anführen, die deutlich machen, daß im
innerkulturellen Bereich eigene Bewertungssysteme gelten, die

2
Ebd., S. 39 f.
3
Ebd., S. 31 ff.

23
Europa bestimmte Prädikate zuweisen, die sich nicht an seinen fakti-
schen Strukturen orientieren. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder-
holt sich das dualistische Modell in der Konfrontation der sogenann-
ten Archaisierer und der Neuerer und hernach in der der Slavophilen
und der Westler. Die von beiden Gruppen vertretenen ideologischen
Positionen lassen sich unschwer in der Dissidentenkultur und in eini-
gen Bereichen der Parteikultur der ehemaligen Sowjetunion ausma-
chen. Nicht von ungefähr beharren die Vertreter der sowjetischen
Kulturtypologie auf dem dualistischen Modell bei der Beschreibung
der russischen Kultur vom 11. bis 18. Jahrhundert. Daß sie weder das
19. noch das 20. Jahrhundert thematisieren, in denen dieses Modell
insistiert, läßt sich nur aus Zensurgründen erklären.
Der dualistische Mechanismus hat nicht nur diachronen, sondern
auch synchronen Charakter, sofern er innerhalb des kulturellen
Systems in verschiedenen Phasen seiner Entwicklung die Spaltung in
zwei oppositive Teilsysteme, d.h. die Herausbildung einer schismati-
schen Struktur bewirkt, die Lotman und Uspenskij mit dem Begriff
"Doppelkultur" (dvojnaja kul'tura) bezeichnet haben. Die Doppelkul-
tur ist, wie das russische Beispiel zeigt, als ständiger Antagonismus
zweier Kulturmodelle innerhalb derselben Nationalkultur zu begrei-
fen. Der Antagonismus ist produktiv, er bildet auf verschiedenen
Ebenen kulturelle Strukturen heraus, die immer nur in bezug auf eine
Gegenstruktur interpretierbar sind. Der Antagonismus hat einen funk-
tionalen und einen formalen Aspekt: Jedes Kulturmodell entwickelt
für sich ein Konzept des Gegenmodells und konstituiert seine Identität
in Abhängigkeit von diesem. Wenn ein Gegenmodell aufgrund be-
stimmter machtpolitischer Verhältnisse marginalisiert wird, tritt ein
neues an seine Stelle, das einige seiner formalen Strukturen über-
nimmt. Im 17. Jahrhundert wird das Schisma zu demjenigen Faktor,
der die antagonistische, kulturell produktive Funktion innerhalb des
Systems übernimmt.
Der Begriff der Doppelkultur ist sowohl hinsichtlich seiner kon-
zeptuellen wie seiner strukturellen Implikation problematisch. Als
konzeptuelle Größe ist er Bestandteil des kulturellen Selbstverständ-
nisses, das sich in einer Reihe von primären Metatexten4 artikuliert.
Auf dieser (primären) metatextuellen Ebene bilden sich Vorstellun-
gen von Kanon und Gegenkanon heraus. Er ist aber auch Bestandteil
kulturtypologischer Modelle und damit modellierender und modellier-
ter Begriff zugleich. Die sekundären Metatexte des 20. Jahrhunderts
sind Beschreibungen der primären, eine konzeptuelle Metaebene über
einer konzeptuellen Objektebene. Als strukturelle Größe bedeutet

4
Unter Metatext ist der Typ von Selbstbeschreibungstexten verstanden, der in bezug
auf eine Kultur modellierende Funktion übernimmt. Lotman benutzt den Begriff in
diesem Sinne.

Z4
Doppelkultur ein Ensemble dualistisch-binaristischer Kodes sozialen
Verhaltens, textueller (besonders verbaler und ikonischer) Praxis und
verschiedener Zeichentypen: Hier sind die Strukturen, die von Zensur
und Gegenzensur bestimmt sind, faßbar als offizielle/ inoffizielle,
offen-dialogische/geschlossen-monologische, hierarchische/antihie-
rarchische. Für das 17. Jahrhundert ist das Schisma der kulturelle Sig-
nifikant der Doppelkultur, der die Kodes des höfischen und kirchli-
chen Zeremonials, der Zensurausübung, der zentripetalen Staatsein-
heitskultur mit den Kodes der zentrifugalen, dehierarchisierenden
Gegenkultur konfrontiert, in der sich Formen der Karnevalskultur mit
Formen eines asketischen Rigorismus berühren.

II

Kulturmodell u n d Z e i ch e n ve r s t ä n d n i s

Bei der Beschreibung doppelkultureller Strukturen muß berück-


sichtigt werden, daß die Grundopposition zwischen Kultur und Nicht-
kultur, die im Selbstverständnis einer Kultur die Rolle der Abgren-
zung gegenüber fremden, 'außerhalb' liegenden Kulturen spielt, in das
System selbst eingreift und von den beiden Kontrahenten konträr aus-
gelegt wird.
So zum Beispiel beziehen die offizielle Reformkultur des 17. Jahr-
hunderts unter dem Zaren Aleksej Michajlovic und dem Patriarchen
Nikon und die Vertreter des alten Glaubens (die staroobrjadcy) in Ge-
stalt ihres Führers, des Protopopen Awakum, konträre Positionen in
bezug auf folgende Fragen:
- Welches Verhältnis baut die gegebene Kultur zum Bereich der
Extrakultur als zu demjenigen Bereich auf, von dem sie sich abgrenzt
(betrachtet sie ihn als Unkultur oder als Antikultur)?
- Kommt es in der gegebenen Kultur zur Herausbildung von Selbstbe-
schreibungsmodellen, die in Metatexten wie Grammatik, Rhetorik
oder generell in Regelbüchern fixiert sind, oder richtet sie sich an der
Autorität der überlieferten Texte aus?
- Welchen Zeichenbegriff entwickelt die Kultur (Arbitrarität, Nicht-
arbitrarität)?
- Welchen Textbegriff entwickelt die Kultur (funktionaler Text oder
'textueller Text'5)?

3
Vgl. die Unterscheidung von textuell und funktional bei Ju. Lotman/A. Piatigorskij,
Tekst i funkcija". In: Letnjaja ikola po vtoritnym modelirujuliim sistemam. III. Tezisy.
Tartu 1968. S. 74-88. (Dt.: "Text und Funktion". Übers. H. Rusch. In: Ju. Lotman,
Aufsätze zur Theorie und Methodologie der Literatur und Kultur. Hrsg. K Eimermacher.
Kronberg 1974. S. 320-337).

25
Das Teilsystem in der konkreten Repräsentanz der von Awakum
und den Altgläubigen vertretenen Kultur basiert auf dem Text als dem
Paradigma für Texte, d. h. orientiert sich an der Texttradition, die als
heilig gilt. Die Textbedeutung ist festgelegt (die Bibel hat e i n e Be-
deutung, eine Revision der heiligen Bücher ist ausgeschlossen, ja un-
denkbar). Entsprechend ist die Vorstellung von der Arbitrarität der
Zeichen unzulässig, denn der Ausdruck ist nicht auswechselbar: Er ist
die einzige und wahre Bezeichnung, d. h. er ist Benennung. Fremd-
sprachen sind aus demselben Grund verpönt.
Das von der offiziellen Kultur vertretene Modell basiert auf der
Regel, d. h. auf der Überzeugung, daß die Textproduktion und For-
men des sozialen Verhaltens erlernbar und steuerbar sind. Selbstbe-
schreibungstexte (Metatexte) wie Grammatik, Rhetorik, schriftlich
fixierte Zeremonialanweisungen gewinnen Bedeutung. Grammatik
und Rhetorik werden Lernstoff. Die heiligen Texte sind revidierbar,
sie können aufgrund neuer Erkenntnisse verändert werden. Der Aus-
druck gilt als arbiträr, folglich als auswechselbar. Fremdsprachen sind
zugelassen, ja erwünscht. An die Stelle der Gesamtheit der überliefer-
ten Texte tritt ein Regelsystem.6
Das Awakum-Modell, das die Kultur als gottgegeben und als un-
wandelbar ansieht (jede Neuerung, wie im konkreten Fall die kirch-
lichen Reformen, bedeutet die Katastrophe, den Beginn des Welt-
untergangs, das Kommen des Antichrist), begreift ihr Verhältnis zur
Extrakultur als Konfrontation mit einer Antikultur. Die Antikultur
wird dabei als ein Zeichensystem verstanden, das der eigenen Kultur
isomorph ist, jedoch mit umgekehrten Vorzeichen funktioniert. Es
gelten also die Oppositionen richtig/falsch, wahr/unwahr, Rußland/
Europa, Christentum/Heidentum, wahrer Glaube/falscher Glaube
(bzw. alter/neuer).
Das offizielle Modell begreift die Extrakultur als Unkultur und da-
mit als einen Bereich, der keinen Zeichencharakter besitzt, also nicht
strukturiert, sondern chaotisch ist. Es gelten die Oppositionen Geord-
netheit/Nichtgeordnetheit, Sinn/Unsinn.
Das Modell der Kultur als Gesamtheit von Texten und das Modell
der Kultur als Regelsystem scheinen einen Kulturtyp zu artikulieren,
in dem Erneuerung und Identitätsbewahrung innerhalb des Systems
manifest werden. Im Zusammenprall der beiden rivalisierenden Mo-
delle werden für die Gesamtkultur entscheidende Funktionen heraus-
gebildet, und zwar in der Unterstützung des staatlichen und kirchli-
chen Zentralismus einerseits und dessen bedingungsloser Ablehnung
andererseits. Das Reformmodell wird zur massiven Systembedrohung.
Das religiöse Schisma, das aus der Beurteilung der Revision der

Zum Unterschied von Textkultur und Regelkultur vgl. Lotman/Uspenskij, aaO.

26
kirchenslavischen Übersetzung der Hl. Schrift und eines Ensembles
dogmatischer Texte sowie in der Änderung bestimmter Teile des
kirchlichen Ritus begann, wird zum Schisma der Gesamtkultur in allen
ihren Manifestationen.7 Der Spaltungsprozeß wird durch den immer
offensichtlicher werdenden Anschluß der offiziellen Kultur an westli-
che Bildungs- und Wissenstraditionen - die Öffnung gegenüber west-
lichen Kunstformen (Theater, weltliche Dichtung), die Zulassung von
Ausländern als Lehrer und die Adaption europäischer Lebensformen
- vorangetrieben.
In allen Bereichen kultureller Praxis (die alltagsweltlichen ein-
geschlossen) manifestiert sich das schismatische Geschehen in einer
sprunghaft ansteigenden 'semiotischen Tätigkeit', an der beide Seiten
partizipieren. Handlungen, Verhaltensformen, Kleidungsstücke, Ele-
mente der Gestik und der Sprache erhalten einen zu ihrem 'normalen'
hinzutretenden identifikatorischen oder polemischen Zeichenwert, je
nachdem, ob und auf welche Weise sie zum eigenen oder gegne-
rischen System gehören und die eigenen Positionen bestätigen oder
ihnen zuwiderlaufen. In erster Linie spiegelt sich diese semiotische
Eskalation im Glaubensbereich ab, dessen Spaltung auf die konträre
Beantwortung der Frage nach dem Status des Zeichens (arbiträr/
nichtarbiträr) zurückgeht. Die in der Forschung aufgeführten Kon-
fliktfälle können als Belege für diesen elementaren Zeichenstreit
zitiert werden. Dabei geht es zum einen um Änderungen im Text des
Glaubensbekenntnisses. Die alte Formulierung "ro/dena, a ne
sotvorenna" (gezeugt, a b e r nicht geschaffen) wird im Text der Re-
former zu "rozdena, ne sotvorenna" (gezeugt, nicht geschaffen), die
Formulierung "ego ze car'stviju n e s t ' konca" (und seines Reiches
i s t kein Ende) wird in "ego ze car'stviju ne b u d e t konca" (und
seines Reiches w i r d kein Ende s e i n ) revidiert.8 Die alte Schrei-
bung des Namens Jesus "Isus" wird durch "Iisus" abgelöst, in der alten
Formel "wahrhaftiger Herr" soll "wahrhaftig" wegfallen. Zum anderen
geht es um Änderungen im Bereich der Symbole und symbolischen
Handlungen. Das alte achtendige Kreuz soll durch das vierendige, die
alte Sitte der Bekreuzigung mit zwei Fingern soll durch die Bekreuzi-

Das Hauptargument der Reformseite, die Revision werde nach a l t e n griechischen


Quellen vorgenommen, wird allerdings von der Gegenseite als unrichtig zurückge-
wiesen. In der Tat werden nicht alte, 'echte' griechische Quellen, sondern spätere
Texte zum Vorbild genommen, die ihrerseits Produkte von Revisionen sind, die z.T. in
Kontakt mit lateinischen Traditionen stehen. Daher der Vorwurf der Häresie
(Lateinertum als Häresie) gegen die griechische Kirche des 17. Jahrhunderts, die ihre
Orthodoxie verloren habe und unter türkischer Herrschaft stehe. Moskau als drittes
Rom hat das wahre Erbe angetreten.
8
A.N. Robinson, iizneopisanija Awakuma i Epifanija. Issledovanie i teksry (Die
Lebensbeschreibungen von Awakum und Epifanij. Untersuchungen und Materialien).
Moskva 1963. Kommentar, S. 210.

27
gung mit drei Fingern, das zweimalige Ausrufen des Alleluja durch ein
dreimaliges ersetzt werden. Dazu kommen zahlreiche Umgestal-
tungen bestimmter ritueller Handlungen, Kürzungen und Zusätze in
den altüberlieferten Gebets- und Hymnentexten.9
Daß diese Änderungen, die, so scheint es, kaum fundamentale
theologische Probleme betreffen, überhaupt zum Schisma und zu der
daraus resultierenden Verfolgung der Altgläubigen, die ihre völlige
Ausmerzung zum Ziel hatte, und zu einer das gesamte Volk auf die
eine oder andere Weise ergreifenden Zäsur führen konnten, läßt sich
nur aus der Einstellung zum Zeichen erklären. Auf die Eingriffe der
Reformen reagiert Awakum mit starker Zurückweisung sowohl in
seiner Autobiographie (iitie) als auch in einer Vielzahl von Send-
schreiben, wobei er immer wieder die Autorität der Überlieferung der
Kirchenväter beschwört und die orthodoxe Authentizität der neuen
griechischen Quellen in Frage stellt, auf die sich die Reformer be-
rufen. Besonders ausführlich setzt er sich im Anfangsteil seines iitie
unter Rückgriff auf Pseudo-Dionysios' Traktat Über die göttlichen
Namen mit der Streichung des Attributs "wahrhaftig" auseinander. Er
bringt in Erinnerung, daß von alters her im Glaubensbekenntnis der
Heilige Geist als "wahrhaftiger Herr" ([...] istinnago gospoda) bezeich-
net werde, die Streichung des "wahrhaftig" also der Lehre von den
göttlichen Namen, wie sie Dionysios formuliert hat, widerspreche, in
der "Wesensnamen" wie "der Seiende" (ich bin der ich bin), "wahr-
haftig", "Licht", "Leben" von den "Ruhmesnamen" wie "Schöpfer", "All-
erhalter", "Dreieiniger", "Gott" u.a. unterschieden werden und den
ersteren die größere Bedeutung zugewiesen werde.10 Die Tilgung des
Ausdrucks "wahrhaftig" sei daher schlimmer als die Tilgung des Aus-
drucks "Herr", denn sie bedeute, die Wahrhaftigkeit des Heiligen
Geistes zu leugnen, und das bedeute Häresie. Der Name s e i das
göttliche Wesen.11 Awakum faßt hier "wahrhaftig" wie einen Eigen-
namen auf, den er mit seinem Denotat identifiziert. Diese asemio-
tische Interpretation des Namens12 führt zu der Annahme, daß die

y
Zur Geschichte des Schismas vgl. S. Zen'kovskij, Russkoe staroobrjadiest\<o. Duchov-
nye dviienija semnadcatogo veka (Die Altgläubigen in Rußland. Religiöse Bewegungen
des 17. Jahrhunderts). München 1970; B. Uspenskij, "Raskol i kul'turnyj konflikt XVII
veka" (Das Schisma und der kulturelle Konflikt des 17. Jahrhunderts). In: Sbornik
statej k 70-letiju prof. Ju.M. Lotmana. Tartu 1992. S. 90-129; P. Pascal, Awakum etles
debuts du raskol. Paris 3.Aufl. 1969.
10
"[...] i jazykom vozglagolju Dionisija Areopagita o bozestvennych imenech, cto est'
bogu prisnosu&fnye imena istinnye, eze est' blizostnye, i fto vinovnye, sirec' pochval-
nye. Sija sut' suscie: syj, svet, istinna, zivot; tol'ko cetyre svojstvennych, a vinovnych
mnogo; sija sut': gospod', vsederzitel', nepostizim, nepnstupen, trisijanen, triipostasen,
car' slavy, nepostojanen, ogn', duch, bog, i procaja po tomu razumevaj." Zitiert nach
Robinson, iizneopisanija, aaO., S. 139.
11
Ebd.
12
Zur Semiotik des Eigennamens vgl. Ju. Lotman/B. Uspenskij, "Mif, imja, kul'tura".

28
Veränderung des Namens die Benennung eines anderen Wesens im-
pliziere. Daher müssen die Altgläubigen auf dem Ausdruck "wahr-
haftig" insistieren. Allerdings konnten sie dabei nicht wissen - was die
Philologen später nachweisen konnten - , daß in dem russischen Aus-
druck für "wahrhaftig" die Spur einer ursprünglich ungenauen Wieder-
gabe von gr. kyrios vorliegt, und zwar durch kirchenslavisch "Herr"
einerseits und "wahrhaftig" andererseits.13 Der Verweis der Reformer
auf die griechische Quelle, nach der korrigiert wurde, wird von den
Altgläubigen nicht akzeptiert, da sie diese Art von logischer Ver-
besserung nicht für legitim halten. Der Ausdruck ist eine Art Selbst-
darstellung des Göttlichen; der Name ist eine Emanation Gottes, hat
also Anteil an ihm. (Diese Auffassung zeigt Parallelen mit bestimmten
Positionen, die in der Diskussion um die Ikone im 8. Jahrhundert for-
muliert worden sind.)
Nicht weniger rigoros verhält sich Awakum in bezug auf die Ände-
rungen im Bereich der Symbole und symbolischen Handlungen, be-
sonders im Bereich des Ritus. In vielen Sendschreiben an die Altgläu-
bigen (die er als nach Sibirien Verbannter an die Verfolgten richtet)
begründet Awakum immer wieder unter Berufung auf die Kirchen-
väter den geheiligten Brauch des Zweifingerkreuzes. Hiermit entsteht
so etwas wie eine sekundäre Semantisierung der Zeichen: In der Kon-
frontation des Zwei- mit dem Dreifingerkreuz wird das Gegenzeichen
nicht nur zum falschen Zeichen, sondern auch zum Zeichen der Zer-
störung von echten Zeichen erklärt. Das ikonisch interpretierte Zei-
chen "zwei", das für die Doppelnatur Christi steht, indiziert zugleich
die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft und referiert auf
die anderen von dieser bevorzugten Zeichen (das zweifache statt des
dreifachen Alleluja etc.). Die ikonische Motivierung des Zeichens, die
an prominenten Stellen durch eine Argumentation legitimiert wird,
wird in diesem Zeichenstreit letztendlich zurückgedrängt. Was statt
dessen in den Vordergrund tritt, ist die reine Differenz der Zeichen.
In einer Quelle, die implizit den Verlust der argumentativen Legitima-
tion beklagt, heißt es: Wegen zweier Finger, wegen eines "i" in Iisus,
nehme man das Martyrium auf sich.
Die das Schisma prägende wechselseitige Zeichenzerstörung wird
auf doppelte Weise interpretiert: die Reformer sehen darin eine Ver-
nichtung von Zeichen der Unwissenheit, die Altgläubigen dagegen die
Zerstörung von Zeichen der Lüge und des Teufels. Das von der Spal-

In: Trudypo znakovym sistcmam. VI. Tartu 1973. S. 282-303. (Dt.: "Mythos - Name -
Kultur". Übers. H. Siegel. In: Semiotica Sovietica. II. Sowjetische Arbeiten der Moskauer
und Tanuer Schule zu sekundären modellbildenden Zeichensystemen (1962-1973). Hrsg.
K Eimermacher. Aachen 1986. S. 881-907).
13
Siehe dazu Robinson, iizneopisanija, aaO., Kommentar, S. 210.

29
tung heimgesuchte Gesamtsystem entwickelt auf jeder Seite terroristi-
sche Methoden, die der Ausspähung kleinster Abweichungen gelten.
Dies wird verstärkt durch die Kanonisierung der Reformbeschlüsse,
die ihrerseits mit eigenen Zeichenhandlungen einhergeht. Dazu gehö-
ren pompös zelebrierte Gottesdienste im Rahmen der Reformkonzile
- besonders 1666/67 - unter Vorsitz des Patriarchen Nikon, der die
russische Patriarchenmütze absetzt, um die griechische Mitra aufzu-
setzen; die feierliche Exkommunikation der Altgläubigen im Beisein
der Patriarchen der orthodoxen Kirchen von Konstantinopel, Jerusa-
lem, Alexandria, Antiochia (die Aufhebung der Exkommunikation
kann nur durch die Kommunizierung mit einer nach Reformritus ge-
weihten Hostie geschehen) und die theatralische Exkommunizierung
Awakums in Moskau: mit einem dreimaligen Anathema wird er aus
der Kathedrale getrieben. Awakum bedient sich desselben verbalen
Zeichens, um seinerseits die anwesenden Patriarchen zu exkommuni-
zieren. Die offizielle Kanonbildung vollzieht sich mit Hilfe der
Moskauer Druckerei. Das hat zur Folge, daß eine Vielzahl von Edi-
tionen der Reformtexte - in erster Linie die revidierte Heilige Schrift,
sodann die Gesetzestafel, die Ritus- und Gebetspraxis und die Fasten-
praxis regelt - in Umlauf gesetzt werden. Die Texte der Altgläubigen
dagegen bleiben handschriftlich und zirkulieren über geheime Kom-
munikationskanäle als Sendschreiben. Mit solchen Sendschreiben 're-
giert' der exkommunizierte Erzpriester Awakum aus dem Erdgefäng-
nis - in dem er bis zu seiner öffentlichen Verbrennung im Jahre 1682
etwa zwölf Jahre schreibend verbringt - den religiösen Alltag der Alt-
gläubigengemeinden, die sich an den Rändern des Reiches, in Sibi-
rien, am Nordmeer und in der Steppe, ein weit verzweigtes Netz bil-
dend, angesiedelt haben.
Die in den Sendschreiben formulierten Anweisungen (eine Art
Altgläubigen-Kasuistik, die Fälle der Konftigierung mit den Reform-
priestern, Reformkirchen, Reformsakramenten lösen) erhalten für die
Altgläubigen dogmatische Funktion, werden als Kanon akzeptiert. Die
Altgläubigen geben sich mit Hilfe dieser Sendschreiben, den ersten
Altgläubigen-Metatexten, ein eigenes Gesetz, das sie im Extremfall
zur Selbstspendung der Sakramente berechtigt (vgl. die Gruppe der
Popenlosen [bezpopovcy]). Das zentrale Argument, das sich an der
oben charakterisierten Zeicheninterpretation orientiert, gilt der Aus-
legung des Ritus. Der falsche Ritus als falscher Signifikant verfälscht
nicht nur den Ort, die Kirche und den Zelebrierenden, sondern auch
das Sakrament selbst.
Gleichzeitig bilden sich spektakuläre Formen der Zensur heraus.
Der Kanon als ein geordnetes Ensemble von Dogmen, Verordnungen,

30
die Alltags- und Kirchenriten regulieren, wird durch die Zensur signi-
fikant. Die Identitatsfindung der Reformanhänger vollzieht sich über
die Zensur, diese konsolidiert die Gemeinschaft der Nichtverfolgten
gegen die Abtrünnigen und schafft ein starkes Gefälle zwischen funk-
tionsfähigem Staats- und Kirchengefuge mit zentralistisch orientierten
Institutionen und den religiösen Dissidenten, die zugleich staatliche
und kulturelle Dissidenten sind. Die offizielle Zensur ist repressiv und
offensiv. Sie arbeitet mit allen Mitteln der Dezimierung des Gegners
unter Einsatz des Polizei- und Militärapparates. Köpfen, Erhängen,
Verbrennen, Verstümmeln durch Zungeabschneiden und Handab-
schlagen gehören zu den üblichen Prozeduren. Die 'Gegenzensur'
Awakums führt zu einem religiösen Extremismus, der den Märtyrer-
tod und die Selbstvernichtung einschließt. In den Quellen ist von
Selbstverbrennungen von Einzelpersonen, von Hausgemeinschaften
und von ganzen Gemeinden die Rede.14 Die Selbstverbrennung kann
als Gegenhandlung interpretiert werden, mit der die offizielle Ver-
brennung von Seiten der religiösen Feinde umgepolt und letztlich für
ungültig erklärt werden soll.
Der Gegenkanon gewinnt in dem Maße eine die Altgläubigenkul-
tur konsolidierende Funktion, in dem die mit der Reformkirche har-
monisierende Hofkultur europäische Formen adaptiert. Der Einbruch
fremdkultureller Elemente führt zu einer Entekklesiastisierung der
Reformen einerseits und zur Herausbildung von bestimmten Verar-
beitungsmechanismen der Fremdelemcnte andererseits, die ebenfalls
einem strikten Kanon unterworfen sind. Die Kanonbildung ist an einer
Ordnungsvorstellung orientiert, die im Selbstbeschreibungssystem der
offiziellen Kultur im Begriff des öin (Rang) ihren Ausdruck findet. Cin
bedeutet eine zugleich vertikale, hierarchische und horizontale, syn-
taktische Struktur, die die Beziehung des Einzelnen zum System fest-
legt. Durch den Rang auf der vertikalen und den Ort auf der horizon-
talen Achse werden Wert und Funktion des Einzelnen im System defi-
niert. Die öin -Ordnung hat einen koalisierenden Anspruch und um-
faßt als eine Art allgemeiner kultureller Grammatik alle Lebensbe-
reiche. Dazu gehört die Plazierung der Möbel und Gerätschaften im
Raum ebenso wie die Stellung des Patriarchen im Staatsganzen. Das
von der ein -Ordnung nicht Erfaßte gewinnt keine Zeichenqualität und
bleibt unsemantisch. Die dem Zaren Aleksej Michajloviö zugeschrie-
bene Schrift über die Falkenjagdordnung15, die ein Gestik, körperliche
Bewegungen und verbale Formen der Menschen bei Hofe umfassen-

14
Vgl. Pascal, aaO.
15
Kniga, glagolaemaja Urjadnik, novoe uloienie i ustroenie lina sokol'nil'ja puti (Das
'Gesetzbuch' genannte Buch, neue Konstitution und Einrichtung des Falkneramts).
Abgedruckt in Sobranie pisem caria Alekseja Michajloviia s priloieniem Uloienija
sokot'nilja puti. Hrsg. P. Bartenev. Moskva 1856.

31
des Zercmonial darstellt, kann als grammatischer Metatext in diesem
Sinne verstanden werden. Die paradigmatische Funktion der in dieser
Verhaltensgrammatik vorgestellten Ordnung wird durch die folgende
Interpretation Aleksej's deutlich:
[...] chotja mala vesc', a budet po cinu cestna, merna, strojna. blagocinna ...;
[...] urjadstvo ze ustavljaet i ob"javljaet krasotu i udivlenie...16

([...] wenn auch die Sache klein ist, so gewinnt sie doch durch den (in Ehre, Maß,
Gestalt und Anstand [...]; Die Ordnung selbst aber ist voll Schönheit und weckt
Bewunderung.)

Die öin-'Wclt ist in sich geschlossen. Alle neuen, besonders fremd-


kulturellen Elemente müssen c7/i-Wert erhalten, um assimiliert wer-
den zu können. Das betrifft die westüchen Bildungs- und Kunstformen
(Theater, weltliche Dichtung) sowie Formen des Luxus.
Gegen die hierarchische Syntax der c7n-Welt steht die dehierarchi-
sierende Askesekultur der Altgläubigen mit ihrer Bildungs- und Kul-
turverachtung und ihrem radikalisierten Jenseitsglauben. Die Gegen-
kultur wird jedoch nicht nur von den Altgläubigen vertreten, sondern
findet einen womöglich, was die Äußerungsformen angeht, extreme-
ren Ausdruck in der Narren-in-Christo-Bewegung (jurodstvo). Die
Narren in Christo, seit dem Mittelalter in Rußland bekannt, setzten
eine griechisch-christliche Tradition fort, die der saloi, die ihrerseits in
der Kyniker-Tradition stehen. Die jurodivye treten als Einzelgänger
auf, gewinnen aber im 17. Jahrhundert (wo sie in vermehrter Zahl an-
zutreffen sind) durch ihren Anschluß an die Altgläubigen den sozialen
Status einer Gruppe. Die Narren in Christo sind Aussteiger, ihr Welt-
verzicht wird als 'Gang aus der Kultur' beschrieben. Sie bedienen sich
dabei einer stark auf Öffentlichkeit angewiesenen zeichenhaften Thea-
tralik: das Ablegen der weltlichen Kleider (oft sind sie hohen Stan-
des), das Anlegen eines Flickenhemdes bzw. völlige Nacktheit und
Barfüßigkeit, demonstrativ-provokative Verachtung der 'guten Sitten',
Mißachtung geheiligter oder in der Hierarchie verankerter Orte und
Bräuche (die Kirche wird als Kloake benutzt), Auftritt auf öffentlichen
Plätzen (Initialhandlung ist das Bespucken und Bewerfen der Menge
mit Schmutz), verschiedene Prozeduren der Selbsterniedrigung. Die
Narren in Christo geben sich als geistesschwach aus, d. h. sie ver-
zichten auf Bildung, Lebensklugheit, weltliche Schönheit und sind so
radikal, daß sie sich auch die Sakramente und das 'Wohlbefinden', das
das Befolgen der guten Sitten verursacht, versagen. Die theatralischen

10
Zitiert nach Robinson, Bor'ba idej v russkoj literature XVII veka (Die ideologischen
Auseinandersetzungen in der russischen Literatur des 17. Jahrhunderts). Moskva 1974.
S. 100. Zur Zeremonjalordnung vgl. das Kapitel "Ceremonial'naja estetika i pridvor-
naja literatura" (Die Ästhetik des Zeremonials und die Literatur bei Hofe). S. 94-193.

32
Zeichen, die sie entwickeln und die unübersehbar gegen den höfischen
Zeremonialpomp, die Feierlichkeit etc. gerichtet sind, bilden einen
gemeinsamen Kode, mit dem sie sich, obwohl Einzelagierende, aus-
weisen. Narren in Christo, in der Vor-Reformkirche häufig heilig ge-
sprochen, werden noch zu Beginn der Reformen bei Hofe gehalten.
Der Narr in Christo als Zarenbegleiter war in die öin -Ordnung als ihr
kritischer Spiegel eingebaut und zu NichtUnterwürfigkeit, zu Schmäh-
und Protesthandlungen gegenüber dem Zaren legitimiert. Durch ihren
Anschluß an die Gegenkirche fallen die Narren dem Pogrom anheim.
Ihre Theatralik wird durch verbale Äußerungen unterstützt, die alle
Anzeichen der Verweigerung einer normalen Kommunikation tragen:
entweder totales Schweigen oder unverständliches Reden (dunkle
Sprüche, Rätselsprache mit prophetischem Einschlag) oder als extre-
me Form eines Verzichts auf artikulierte sinnvolle Rede: Glossolalie.
Der gegenkulturelle Raum, den sie mit ihren Zeichenhandlungen ab-
stecken, läßt sich dem Umkreis der Karnevalskultur zurechnen. Der
Bachtinsche Begriff der Karnevalskultur ist für den russischen Bereich
etwas zu modifizieren: Es geht hier nicht um ein temporäres Umstül-
pen der offiziellen Ordnung in eine inoffizielle Lachwelt, in der das
Lachen (neben der Familiarisierung, der Profanisierung, der Mes-
alliance etc.) zur Erneuerung der offiziellen Formen führt, sondern
um eine ständig präsente Gegenwelt, die immer wieder penetrant zur
etablierten Ordnung Stellung bezieht. Die spektakulären Strategien
des Weltverzichts bewirken eine Brüskierung der extrovertierten Dies-
seitskultur. Es ist bezeichnend, daß Awakum auf dem Höhepunkt sei-
ner Auseinandersetzung mit der Reformkirche auf die theatralischen
und verbalen Kodes der Narren in Christo zurückgreift und sich selbst
ausdrücklich einen Narren nennt.17
Die Narren-in-Christo-Spektakel lassen sich aufgrund ihres En-
sembles festgelegter Situationen und Handlungen als Gegenritual zur
höfischen und kirchlichen Theatralik begreifen, als Umkehrung der
auf Schönheit, Harmonie und Feierlichkeit orientierten Etikette. Die
Narren arbeiten dabei mit dem Paradox, daß ihre 'schamlosen' Hand-
lungen (zum Beispiel öffentliches Urinieren) den einen als lasterhaft,
den anderen als Befreiung vom 'Leiblichen' gilt (die Tat wird als Lei-
besverachtung, ja als Bekundung von Leiblosigkeit interpretiert).
Auch die Nacktheit hat diesen ambivalenten Appell: der nicht beklei-
dete Körper fällt aus der (vergänglichen) Zeichenordnung heraus, er
ist als Körper überwunden. Nacktheit bedeutet in der Zeichenordnung
des ewigen Lebens: "belye rizy netlennyja zizni" (die weißen Gewänder
des ewigen Lebens)18. Der Narr in Christo gilt denn auch, und wird so

1
Zum Phänomen der Narren in Christo vgl. D.S. Lichacev/A.M. Pancenko,..'5/»ecto-
voj mir' Drevnej Rusi. Leningrad 1976. (Dt.: Die Lachwelt des alten Rußland. Übers. B.
Uhlenbruch. Hrsg. R Lachmann. München 1991).

33
auf Ikonen dargestellt, als engelhaft fleischlos. Nacktheit ist Symbol
der Seele, zugleich aber Zeichen der Besessenheit, der Sünde (der
Teufel ist nackt). Der Narr in Christo spielt diese Ambivalenz voll aus,
demonstriert sie als Paradoxie und provoziert die Menge zum Mitspie-
len: sie muß ihn schlagen wegen seiner Schamlosigkeit, ihn auslachen,
d. h. demütigen, und sie muß im Mitleid mit ihm seine Jenseitigkeit
erkennen. Der Gegenkanon des Narrentums in Christo artikuliert sich
in einer Vielzahl von Lebensbeschreibungen. Die Narrenvita etabliert
ein Beschreibungs- und Interpretationsschema und arbeitet den kultu-
rellen Gegensinn des Narrentheaters heraus und fungiert als Orientie-
rungshilfe, ja als Paradigma für neu in den Narrenstand Eintretende.

III
R h e t o r i k und Rhetorikverneinung

Die Umstrukturierung der offiziellen Kultur aus einer Text- in eine


Regelkultur, die eben jenen Prozeß einleitet, der als Grammatisierung
der kulturellen Praxis bezeichnet werden kann, findet ihren besonde-
ren Ausdruck im Bereich der Sprachregulierung, d. h. deren Ausrich-
tung an Regeltexten (Rhetorik und Grammatik). Dazu folgende, die
Funktion der Rhetorik betreffende, Bemerkungen:
Die Selbstbeschreibung, die eine Kultur in der Herstellung oder
Übernahme solcher Metatexte, wie sie die rhetorischen sind, leistet,
macht hinsichtlich der faktischen Strukturierung einer konkreten Kul-
tur einen normativen Anspruch geltend. Der rhetorische Text bewirkt
den Aufbau verbindlicher Kommunikationsformen und -Situationen
mit genau bestimmten Redezielen, d. h. er übernimmt eine die Spra-
che funktionalisierende Aufgabe. Wird er in einen zunächst rhetorik-
freien, kulturellen Kontext überführt, so kann er zur Instanz werden,
die eine Hierarchisierung der Kommunikationsformen durchführt und
widerstrebende Formen zusammenbindet. Der Import rhetorischer
Lehre (durch Vermittlung polnisch-jesuitischer Bildungsstätten) in das
Rußland des 17. Jahrhunderts 19 signalisiert, indem er die vorfind-
lichen Kommunikationsformen infragestellt, eine neue Stufe im kultu-
rellen Mechanismus. Die Reaktion auf den Rhetorik-Import (wie auf
den zuvor erfolgten der Grammatik) entspricht derjenigen auf die
kirchlichen Reformen. Während einerseits der Rhetorik-Import dem

18
Zitiert nach Lichafev/Pancenko, ebd., S. 118; dt. S. 108.
1
Vgl. R. Lachmann, "Rhetorik und Kulturmodell". In: Slavistische Studien zum VIII.
Internationalen Slavistenkongreß in Zagreb 1978. Hrsg. J. Holthusen et al. Köln-Wien
1978. S. 279-298.

34
Bedürfnis der dominierenden Gruppe des Kultursystems entgegen-
kommt, das Kommunikationsgefüge zu zentralisieren und zu homoge-
nisieren, was zur Offizialisierung der Rhetorik und zum Aufbau einer
an ihr orientierten Textpraxis führt, tritt das Gegensystem der Umor-
ganisation der Kommunikationsformen, vor allem aber der Tendenz
zur Hierarchisierung und Unifizierung entgegen. Es entsteht eine
Antirhetorik, die zum Kontrahenten der Regelformulierung wird. Es
versteht sich von selbst, daß Awakum und die Altgläubigen den
Oktroi der Rhetorik und damit zugleich den der lateinischen Bildung
zurückweisen. In der offiziellen Kultur wird die Rhetorik als Metatext,
in seiner Funktion als Lehrbuch und Sekundärgrammatik, akzeptiert;
eine rhetorische Regeltradition zunächst in lateinischer, später in kir-
chenslavisch-russischer Sprache wird im Rahmen entsprechender Bil-
dungsstätten, die nach dem Vorbild der polnischen jesuitischen Kolle-
gien konstruiert sind, aufgebaut. Die einsetzende Textpraxis wird in
Korrespondenz mit dem rhetorischen Regelapparat entwickelt. Damit
werden die Konzepte zur Sprach- und Gedankenmodellierung, die die
Rhetorik anbietet, verarbeitet. Dies bewirkt, daß bestimmte Vor-
stellungs- und Denkmuster, wie sie die //ive/if/o-Lehre in der Nennung
argumentativer Strategien und Fragehinsichten formuliert, die die
Perspektivierung des je gegebenen Redegegenstandes festlegen, über-
nommen werden. Daraus folgt auch, daß die Konvention der Suchfor-
meln für Gedanken und Argumente zu einer Vereinheitlichung der
Denk- und Vorstellungshorizonte von Textproduzenten und -rezipien-
ten führt (ein eingeweihtes Publikum entsteht), was insbesondere für
die neu entstehende Panegyrik gilt. In der Einrichtung eines stili-
stischen Kodes, der ästhetische Normvorstellungen impliziert, gibt die
Rhetorik genaue Regeln für die Einhaltung einer bestimmten Zuord-
nung von res und verba an. Das die beliebige Reproduzierbarkeit be-
stimmter Verfahren garantierende Regelinventar der elocutio (Tro-
pen, Figuren) trägt entscheidend zur Ausformung einer vereinheit-
lichten Textpraxis bei.
Es ist keine Frage, daß Vereinheitlichung, Hierarchiebildung,
Kanonisierung der sprachlichen Medien und Textverfahren im Inter-
esse einer Kultur liegen, die solche Tendenzen offenbart. Sie bedient
sich der Rhetorik als eines Instruments der Stabilisierung in diesem
Bereich. Die Rhetorik erhält dabei die Rolle einer Zeremonial-
'Grammatik', die neben andere Zeremonial-'Grammatiken' des sozia-
len Verhaltens tritt. Einer der führenden sowjetischen Forscher auf
dem Gebiet der russischen Kultur des 17. Jahrhunderts, A.N. Robin-
son, stellt fest, daß "das Zeremoniell zu einer wichtigen organisie-
renden Form der Entwicklung der Hofkultur wurde. Es bedurfte be-
stimmter konstanter Ideen, ritueller Handlungen, festgelegter For-

35
mein des sprachlichen Ausdrucks, es verfügte über eine Ästhetik eige-
ner Art."20 Diese Beobachtung weiterführend, ließe sich vielleicht von
der Entstehung zeremonialer Textformen sprechen, ja einer Zeremo-
nial-Bildlichkeit.21
Dies nun ist der entscheidende Punkt, der das kulturelle egen-
modell innerhalb dieses selben Kontextes provoziert und letztlich auch
zu dessen Profilierung beiträgt. Das kulturelle Gegenmodell themati-
siert und problematisiert den sozialen Wert der Regelinventare, ins-
besondere der Rhetorik, und damit ihre kulturelle Relevanz für den
importierenden Raum. Die soziale, genauer moralische und religiöse
Bewertung der Rhetorik führt zu einer Tdeologisierung'22 der Sprach-
frage und markiert die zentrale Stelle innerhalb der dynamischen Aus-
einandersetzung eines kulturellen Systems mit einem fremdsystemli-
chen Beschreibungsapparat, der normative Ansprüche geltend macht.
In Awakums Ablehnung der neuen, durch den Kontakt mit der
westlichen Kulturtradition erworbenen Rhetorik, die sich in seinen
Schriften artikuliert, ist generell, über die aktuelle Rhetorik hinaus,
jegliche Sekundärgrammatik gemeint, die Textproduktion regulieren
will, d. h. also auch die für die Textproduktion in kirchenslavischer
Sprache verantwortliche byzantinische Rhetorik. Awakum verneint
die Legitimität der Rhetorik und derjenigen Schreibweisen, die sich an
ihr orientieren.
Die Tdeologisierung' des Sprachproblems bzw. des Problems der
Beschreibung und Regulierung von Sprache ist bei Awakum von einer
dualistischen Weltsicht dominiert, die sich in einem Großteil seiner
Texte in der Bildung von Ausdruckspaaren wie gut/böse, Gott/Teufel,
Christus/Antichrist, alter Glaube/neuer Glaube niederschlägt. Diese
Binäroppositionen gelten nicht nur für den Bereich des Moralisch-
Religiösen, sondern werden auf alle Sphären und Formen des kom-
munikativen Verkehrs übertragen und werden für das, was man global
das Kulturmodell Awakums nennen könnte, von zentraler Bedeu-
tung.23 Die Opposition staraja vera/novaja vera (alter Glaube/neuer

* Bor'ba idej, aaO., S. 107. Robinsons für die zu behandelnde Problematik wichtiges
Buch stellt den Versuch dar, den zeremoniellen und rituellen Charakter spezifischer,
am Hofe Aleksei Michajlovi£s entwickelter (bzw. adaptierter) Formen der Gestik, der
Bewegung, der Kleidung, der Rede bei offiziellen Anlässen herauszuarbeiten. Es ge-
lingt hier, die Semantik der Formelsprache aufzudecken und diese in ihrer Gebunden-
heit an ein semiotisch-ideologisches System plausibel zu machen.
21
iJ
Eine solche Rolle ließe sich aus der Topologie des Herrscherlobs entwickeln, deren
Tradition von Polockij über Prokopovic bis mindestens Lomonosov und mit funk-
tionalen Veränderungen bis Derzavin verfolgt weiden kann.
7.1
'Ideologisierung' ist hier in Anlehnung an den von V.N. VoloSinov in Marksizm i
filosofija jazyka. Moskva 1929. (Dt.: Marxismus und Sprachphilosophie. Übers. R.
Horlemann. Hrsg. S.M. Weber. Frankfurt/M. 1975) vertretenen Ideologiebegriff
verstanden.
23
Robinson verfolgt in iizneopisanija, aaO., S. 25, 36, 51, in den Oppositionen

36
Glaube) subsumiert, so scheint es, eine Reihe weiterer Oppositionen,
die sowohl den reUgiösen wie den sozialen Bereich modellieren. Der
in Awakums Kulturmodell formulierte Dualismus läßt sich als Inter-
pretation des innerkulturellen Dualismus des russischen 17. Jahrhun-
derts auffassen, der in der Problematisierung des gesamten Kommuni-
kationssystems signifikant wird.
Indem Staat und offizielle Kirche durch die Unterstützung eines
neuen Kulturmodells zu Sachwaltern der neuen Regelsysteme, insbe-
sondere der Rhetorik, und der damit gegebenen Veränderung des vor-
findlichcn textproduzierenden Mechanismus werden, setzen sie eine
Umorientierung der kulturellen Totalität in Gang und evozieren Ge-
genkonzepte, die ihrerseits auf die Etablierung einer Totalität gerich-
tet sind. Dieser kardinale innersystemliche Dualismus läßt sich grob
auf folgende Oppositionsbildung reduzieren:
Auf der einen Seite steht das Gesamt der ideologisch(-semio-
tisch)en Handlungen24, die Staatlichkeit, offizielle Kirchlichkeit be-
gründen (die Unterstützung einer offiziellen Sprache mit Hilfe einer
sanktionierten Rhetorik); auf der anderen Seite steht das Gesamt der
ideologisch(-semiotisch)en Handlungen, die antistaatliche und gegen
die offizielle Kirche gerichtete Strukturen aufbauen (die Ablehnung
einer durch staatlich-kirchliche Rhetorik garantierten Sprachregelung,
Aufbau antisprachlicher und antirhetorischer Formen in diesem Sin-
ne, deren Implikat die Entwicklung sprachlicher Formen eigener Prä-
gung ist).
Awakums Texte bieten eine Reihe von Formulierungen an, die die
Kritik am offiziellen Sprachgebrauch, der sich an fremdbestimmten
Mustern orientiert, sowie Empfehlungen für die richtige Sprachver-
wendung zum Inhalt haben. Es kann, entsprechend der moralisch und
religiös motivierten Tdeologisierung' der Sprachfrage bei Awakum,
die Sprache nur als ein eindeutiges Medium der Wahrheit fungieren,
und es kann folglich nur eine richtige Sprache geben, die unwandelbar
ist. Damit wird die Sprache der Nikonianer (die in der Awakumschen
Opposition den Status von Heiden erlangen) zur bösen Sprache, zur

Reiche/Arme, Dickwänste/Asketen, 'ihr' (Zar, Patriarch, Bojare^/Vir' (raskol'niki


als Repräsentanten des Volks) die soziale Dimension und interpretiert sie als Formu-
lierung der Zweiklassenstruktur der russischen Feudalgesellschaft des 17. Jahrhun-
derts. - Zum Problem der dualistischen Weltvorstellung vgl. auch die Arbeit von Lot-
man/Uspenskij, "Die Rolle dualistischer Modelle", aaO. Hier werden der Hauptoppo-
sition starina/novizna (alt/neu) Oppositionen vom Typ Rossija/zapad (Ruß-
land/Westen), chrislijanstvo/jazyiestvo (Christentum/Heidentum), pravil'naja
vera/loinaja vera (richtiger Glaube/falscher Glaube) zugeordnet und diese - ohne
direkten Bezug auf das Weltmodell Awakums - als ein Merkmal russischer Konzep-
tionen von Welt bestimmt, die einen gewisserweise dualistischen Kulturmechanismus
begründen.
** D.h. Handlungen, die bestimmte Wertpositionen zum Ausdruck bringen, vgl. Voloüi-
nov, Marksizm, aaO.

37
Sprache von Lüge und Heuchelei, die Sprache der wahren Christen
hingegen, der raskol'niki also, ist und war immer die gute Sprache, die
Sprache der Aufrichtigkeit und Wahrheit. In der Gegenüberstellung
von "mnogorecie krasnych slov" (Geschwätzigkeit der schönen Worte)
und "celosti uma i zitija vo uciteli smotri, posleduet li slovesem ego
zitie"25 (sieh auf die Einheit von Geist und Leben im Lehrer, ob er sei-
nem Leben mit dem Wort folgt) erscheinen die schönen Worte als die
leeren, trügerischen, denen keine Tat folgt.
Awakum verwirft die Beherrschung der schönen Worte und damit
diejenige Bildung, die für das krasnoreöie (Wohlredenheit) ver-
antwortlich ist, und schließlich das gesamte System, das von einer
solchen Bildung bestimmt ist, und er verwirft den Gebrauch von
Fremdsprachen. Sein Gegenkonzept gewinnt damit zwei Schwerpunk-
te: 1. Verzicht auf durch fremde Regelbücher diktierten Sprach-
schmuck, 2. Beschränkung auf die Muttersprache. Beide Forderungen
implizieren die Negierung einer neuen Bildung, aber auch eine ge-
wisse Distanzierung gegenüber den Angeboten der altrussischen Bil-
dung. Awakum muß sich selbst als jemand apostrophieren, der außer-
halb dieser Bildung, ja jeglicher Bildung steht, als jemand, der 'dumm'
ist:
Nesmyslen gorazdo, neuka celovek (Ich bin nicht sehr vernünftig, ein törichter
Mensch); Glup ved' ja gorazdo (Ich bin doch sehr dumm); Az ze neknizen syn
(Bin ich doch ein der Bücher unkundiger Sohn); Ja ved' ne bogoslov (Ich bin doch
kein Theologe); Kakoj ja filosof, gresnyj celovek, prostoj muzik (Was bin ich schon
für ein Philosoph, - ein sündiger Mensch, ein einfacher Bauer). 26

Diese Selbstbezichtigung als dumm und ungebildet spielt in Awakums


Auseinandersetzung mit den Reformen die Rolle eines Arguments. Er
unterstellt den Nikonianern auf dem Konzil von 1666-67, sie hätten
zur Legitimierung ihrer Reform die Kirchenväter und altrussischen
Heiligen für 'dumm' erklären müssen:
[...] blevat' stali na otcev svoich, govorja: "Glupcy-de byle i nesmyslili naSi russkie
svjatye, ne uconye - de ljudi byli - , cemu im verit'? Oni-de gramote ne umeli."2

([...] sie fingen an, auf ihre Väter zu speien, und sagten: 'Dummköpfe nämlich
waren sie und haben nichts verstanden, unsere Heiligen, ungebildete Leute näm-
lich waren sie, wozu sollen wir ihnen glauben? Kannten sie doch nicht einmal die
Schrift'.)

Die "gluposf" (Dummheit) wird umgewertet, sie repräsentiert die alte


Glaubenswahrheit, die echte Klugheit der Kirchenväter, den "razum

Zitiert nach Robinson, lizneopisanie, aaO., S. 35.


Zitiert nach Robinson, ebd., S. 42.
Zitiert nach Robinson, ebd.

38
christov" (Weisheit Christi). In der Gegenüberstellung von "ucenye"
(Gelehrte) und "glupcy" (Dummköpfe) bzw. "gramotnye" (Gebildete/
Schriftkundige) und "negramotnye" (Ungebildete/Schrift-Ünkundige)
bekennt sich Awakum zur zweiten Gruppe und reiht sich in die Tradi-
tion der Apostel und Urchristen ein, die von ihren Verfolgern eben-
falls für dumm und ungebildet gehalten wurden, und versteht sich als
Repräsentant der einen richtigen Glaubensüberlieferung. Dieses in
der Wendung: "nevezda slovom, no ne razumom"28 (töricht im Wort,
aber nicht in der Weisheit) pointiert formulierte Konzept wird in der
Verneinung der Bildung bestätigt: "Ne ucen dialektiki, i ritoriki, i filo-
sofii, a razum christov v sebe imam"29 (Ich bin ungeschult in Dialektik,
Rhetorik und Philosophie, aber die Weisheit Christi trage ich doch in
mir). Die religiöse Motivierung seiner Ablehnung des durch die Nen-
nung dieser drei Disziplinen abgesteckten Bereichs wird auch in Awa-
kums Antwortschreiben an F.M. Rtiäöev30 deutlich:
Ne naricajtcsja uciteli nikto ze na zemli, edin' bo est' ucitcl' vai Christos [...] I cscc:
Christos ibo ne ucil dialektiki, a ni krasnoreciju, potomu cto ritor i filosof ne
mozet byti Christianin.31
(Nennt aber niemanden auf Erden euren Lehrer, denn euer einziger Lehrer ist
Christus [...] Und weiter, denn Christus lehrte weder Dialektik noch Wohlreden-
heit, weil ein Rhetor oder Philosoph kein Christ sein kann.)

Dieselbe Haltung vertritt Awakum in seinem 2itie:


Ne iJcete ritoriki i filosofii, ni krasnorefija, no zdravym istinnym glagolom posle-
duju&e, poiivite. Poneze ritor i filosof ne mozet byt' christijanin (...) Da i vsi svjatii
nas naucajut, jako ritorstvo i filosofstvo - vneänjaja bljad', svojstvenna ognju ne-
gasimomu - [...] Az esm' ni ritor, ni filosof didaskalstva i logofetstva ne iskusen,
prostec celovek i zelo ispolnen nevedenija. 2

(Begehrt nicht Rhetorik und Philosophie noch Wohlredenheit, sondern folgt dem
gesunden, wahren Wort und lebt danach. Denn ein Rhetor und ein Philosoph
kann kein Christ sein [...] Lehren uns doch alle Heiligen, daß die Wortkünstelei
und die Philosophiererei eine sich zur Schau tragende Hure sind, die ins ewige
Feuer gehört - [...] Ich aber bin weder Rhetor noch Philosoph, nicht kundig der
Schulmeistere! und der Schriftauslegerei, sondern ein einfältiger Mensch und von
Unwissenheit erfüllt.)

28
Zitiert nach Robinson, ebd.
" Zitiert nach Robinson, ebd.
30
"Pisanejce"Awakuma Fedoru Michajlovitu Rtiiievu. Abgedruckt bei N.S. Demkov,
"Iz istorii rannej staroobrjadceskoj literatury". TODRL. 28. 1974. S. 385-392.
31
Ebd., S. 388.
32
Zitiert nach A.M. Pancenko, Russkaja stichotvomaja kul'tura XVII veka (Die russi-
sche Verskultur im 17. Jahrhundert). Leningrad 1973. S. 193. - Vgl. auch weitere bei
Pancenko, ebd., S. 176 angeführte Zitate aus Awakums Kniga besed (Das Buch der
Gespräche): Pjataja beseda (Das fünfte Gespräch) über die "vnesnjaja mudrost'"
(äußerliche Weisheit).

39
In dem Obraiöenie Avvakuma k "ötuiöim" i "sfySaiöim" i egopochvala
"russkomu prirodnomu jazyku"^ (Sendschreiben Awakums an die "Le-
senden" und "Hörenden" und sein Lob "der russischen Mutterspra-
che") genannten Textstück, das in engem Zusammenhang mit seiner
Autobiographie zu sehen ist, erklärt Awakum, daß der Verzicht auf
den Wortschmuck ebenso wie die Beschränkung auf die Mutterspra-
che für seine eigene Textpraxis Geltung haben sollen:
Po blagosloveniju otca moego starca Epifanija pisano moeju rukoju gresnoju, pro-
topopa Avvakuma, i aäce cto recenno prosto i vy, gospoda radi, ctuscn i slysascii,
ne pozazrite prostorcciju nasemu, poneze ljublju svoj russkoj prirodnoj jazyk,
virsami filosofskimi ne obyk reii krasit", poneze ne sloves krasnych bog sluiaet, no
del naäich cho&et. I Pavel piset: "Alce jazyki celovefeskimi glagolju i angel'skimi,
ljubvi ze ne imam - nifto ze esm".
Vot, fto mnogo razsuzdat': ne latinskim jazykom, ni greceskim, ni evrejskim, nize
inym koim iäcet on nas govory gospod', no ljubvi s procimi dobrodetel'mi choscet,
togo radi ja i ne bregu o krasnorecii i ne unicizaju svoego jazyka russkago. Nu,
prostite ze menja, gresnago, a vas vsech, rabov Christovych, bog prostit i blago-
slovit. Amin'.

(Gemäß dem Segensspruch meines Vaters, des Starzen Epifanij, geschrieben von
meiner, des Protopopen Awakum, sündiger Hand, - und wenn etwas einfach ge-
sagt ist, so sollt ihr, die Lesenden und Hörenden, um Gottes willen unsere Volks-
sprache nicht verachten, ich nämlich liebe meine russische Muttersprache, und mit
philosophischen Versen meine Reden zu zieren bin ich nicht gewöhnt, denn nicht
schöne Worte will Gott hören, sondern unsere Taten will er. Und Paulus schreibt:
"Wenn ich auch in menschlichen Zungen spreche und in Engelszungen, aber der
Liebe nicht habe - so bin ich nichts".
Nun, wozu viel reden: weder in lateinischer noch in griechischer, weder in hebräi-
scher noch in sonst irgendeiner Zunge will Gott von uns Reden hören, sondern
Liebe und die übrigen Tugenden will er, deshalb kümmere ich mich nicht um die
Wohlredenheit und würdige meine russische Zunge nicht herab. Nun, so verzeiht
mir sündigem Menschen, und euch allen, den Sklaven Christi, wird Gott verzeihen
und euch segnen. Amen.)

In Awakums Begriff des "prostorecie" (Volkssprache) sind zwei For-


derungen enthalten. Das "prostorecie" konnotiert die einzige, echte,
wahre Sprache, den "russkij prirodnyj jazyk" (russische natürliche
Sprache) und zugleich die ungeschmückte, rhetorikfreie Sprache. Der
Gegenbegriff des "krasnorecie" (Wohlredenheit) figuriert als Äquiva-
lent für fremde Sprache (in erster Linie für das Lateinische, Griechi-
sche, Hebräische, aber vermutlich auch für das Polnische) einerseits
und für die geschmückte, rhetorikorientierte Sprache, deren Basis das
Kirchenslavische ist, andererseits.34

Pustozerskij sbornik. Avtografy soiinenij Avvakuma i Epifanija (Die Sammlung von


Pustozersk. Autographen der werke Awakums und Epiianijs;. Red. N.S. Demkova,
N F . Droblenkova, A I . Sazonova. Leningrad 1975. S. 112.
34
In seiner Kniga tolkovanij (Buch der Deutungen) schreibt Awakum an Aleksej
Michajlovic: T y ved', Michajlovic, rusak, a ne grek, govori svoim prirodnym jazykom,
ne umcizaj ego i v cerkvi, i v domu, i v poslovicach." (Du, Michajlovic, bist doch ein
Russe und kein Grieche, so sprich doch in deiner Muttersprache, verachte sie nicht in

40
A.M. Pancenko hat in seiner Darstellung der russischen Verskultur
des 17. Jahrhunderts eine weitere wesentliche, den Unterschied zwi-
schen der offiziellen Literatur und der Textpraxis der Altgläubigen be-
schreibende Opposition herausgearbeitet.35 Diese ist in der unter-
schiedlichen Konzeption der literarischen Arbeit begründet. Während
Polockij und die Syllabiker im Anschluß an westliche Konzepte die In-
dividualität der literarischen, poetischen Leistung behaupten und (im
Rahmen der Rechtfertigungslehre) als Tat werten, die der Legitima-
tion des Christen dienen kann, verneinen Awakum und die Altgläubi-
gen die Individuahtat des Werks, das nicht an die Stelle des Glaubens
als einziger möglicher Rechtfertigung treten kann. Awakum begrün-
det seinen Entschluß zur Niederschrift seiner Texte mit dem Krisen-
moment, in dem Kirche und Glauben sich befinden, und will ihnen
eine rein dienende, untergeordnete Funktion zubilligen. Auch diese ist
eine Bestätigung der bereits genannten Oppositionen, die in der auf
der Sprachebene angesiedelten ihren signifikantesten Ausdruck fin-
den. Sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

nauka (Wissenschaft) razum [christov] (Verstand/Weisheit Christi)

dialektika (Dialektik)
ritorika (Rhetorik)
filosofija (Philosophie)
bogoslovie (Theologie)

krasnoreiie (Wohlredenheit) prostoreiie (vjakan'e) (Volkssprache, Stammeln)

slovo (Wort) delo, iitie (Tat, Leben)


mnogorelie krasnych slov (Ge-
schwätzigkeit der schönen Worte)

ritor (Rhetor) christianin (Christ)

kniinye (der Bücher Kundige) nekniinye ljudi (der Bücher Unkundige)


utenye (Gelehrte) neutenye, neuki (Ungelehrte, Laien)
gramotnye (Gebildete, Schrift- negramotnye (Ungebildete, der Schrift Un-
kundige) kundige)
greieskij, latinskij russkij prirodnyj jazyk (russische natürliche
(Griechisch, Latein) Sprache, im Sinne von Muttersprache)
evrejskij, \pol'skij]
(Hebräisch, [Polnisch])

der Kirche und nicht zu Hause noch in Redewendungen.) Zit. nach Pustozerskij sbor-
nik, aaO., Kommentar, S. 248.
35 Vgl. Russkaja stichotwrnaja kul'tura, aaO., S. 169 ff., 191 ff.

41
Diese Oppositionen bilden die scharfe und radikale Kontrastierung
des evolutionierenden reformbewußten Teils eines Kultursystems mit
demjenigen Teil desselben Systems ab, der konservierend funktioniert
und die Aufgabe übernommen hat, das sich verändernde System in
dessen Veränderungsprozeß selbst zu stören. Welche Rolle spielt da-
bei die Tdeologisierung' der Sprachfrage? Und wie läßt sich der Dua-
lismus der beiden Kulturmodelle im Zusammenhang damit beschrei-
ben?
Die Entwicklung einer die Sprache betreffenden Ideologie ist der
Versuch, der Sprache im kulturellen Kontext feste Bedeutungen zuzu-
weisen und darüberhinaus eine Totalität von Bedeutungen zu schaf-
fen, die durch die Sprache garantiert werden und das Fortbestehen
der Kultur, ihre Geschlossenheit und Konsistenz ermöglichen. Die
Tdeologisierung' ist letztlich dadurch bestimmt36, daß globale Vor-
stellungen einer Gruppe über ihre Existenz in der Welt sich artiku-
lieren und in Texten zum Ausdruck gelangen. Aus den formulierten
Sprachideologemen läßt sich auf den Typ des kulturellen Systems
schließen, dessen normative Regeln sie widerspiegeln. Die Sprache als
dominante Signifikantenstruktur wird mit einem festen Bestand von
Bedeutungen korreliert, die sämtliche Bereiche des Systems umfassen.
Die Tdeologisierung' erscheint somit als eine zeichengebende, Bedeu-
tung zuweisende Tätigkeit, die alle Praxisbereiche umfassen will, als
Versuch des Kollektivs, eine semiotische Ganzheit zu schaffen. Diese
semiotische Ganzheit reflektiert ihrerseits den Status des kulturellen
Systems.
Die Welt Awakums ist ein durch Gott und die heiligen Texte end-
gültig definierter Raum, dessen Grenzen weder verschoben noch
überschritten werden können. Grenzverschiebungen und Überschrei-
tungen, wie sie die offizielle Welt durch ihre Indienstnahme der Bil-
dung zuläßt, führen in Awakums Vorstellung zur Errichtung einer
dem Teufel sich überantwortenden Gegenwelt. Sowohl Awakum als
auch die Vertreter der sich als Staat und Kirche manifestierenden offi-
ziellen Kultur räumen der Bewertung der Sprache und den verschie-
denen Modi ihrer Verwendung einen zentralen Platz ein. Die konträ-
ren Konzeptionen, die zu diesem Punkt entwickelt werden, führen
einerseits zum Aufbau einer rhetorischen Tradition und zur Unter-
ordnung der Dichtpraxis unter den Regelmechanismus der etablierten
Rhetorik, andererseits zur Herausbildung eines rigorosen Antirhe-

J0
Das ideologische Moment eines Textes hat dann, so verstanden, denselben Status
wie die "mifologicnost1 teksta" (das Mythologische des Textes), vgl. D.S. Segal, "O
nekotorych problemach semioticeskogo izucenija mifologii" (Über einige Probleme der
semiotischen Mythologieforschung). In: Simpozium po strukturnomu izuieniju znako-
vych sistem. Moskva 1962. S. 93.

42
torismus. Dieser führt nicht nur zur Ablehnung der offiziellen Rhe-
torik und ihres Regelinventars, sondern auch zur Verneinung der so-
zialen Wertigkeit sowohl der Normen, die diesen zugrunde liegen, als
auch der Kommunikationssituationen, für die sie gelten. Mit der Be-
hauptung eines antirhetorischen Gegenpols führt die Awakumsche
Position auch im Bereich von Sprachverwendung zu einer Abspaltung.
Im Schisma der Schreibweisen wiederholt sich das religiöse oder an-
ders: das religiöse Schisma findet in dem der Schreibweisen seinen
nachhaltigsten Ausdruck. Die Grundopposition zwischen 'Kultur' und
'Nichtkultur', die im Selbstverständnis der Kultur die Rolle der Ab-
grenzung gegenüber fremden, 'außerhalb' hegenden Kulturen spielt,
wird im System selbst als Spaltung ausgetragen.
Das rhetorisch-antirhetorische Schisma läßt sich wie folgt skizzie-
ren: Der (erste russische) Hofdichter und Präzeptor der Zarenkinder
Simeon Polockij, der als Repräsentant polnisch-jesuitischer Schulbil-
dung auftritt, führt mit der 'Ästhetisierung' eines heiligen Textes, des
Psalters, eine neue Schreibweise ein. Polockij schreibt den Psalter am-
plifizierend um, indem er ihn in die Form des syllabischen Verses
überführt - und damit das erste russische Verssystem, das das polni-
sche wiederholt, etabliert - und mit Endreimen ausstattet. Die ekla-
tante Veränderung der Ausdrucksebene motiviert er vor allem mit
einem bis dahin ungehörten poetischen Argument, das der Hervorhe-
bung der "sladost'" (Süße)37 als eigener Ausdrucksqualität gilt. Mit der
Öffnung des rein Erbaulichen auf ein Ästhetisches hin beginnt der
Verweltlichungsprozeß der russischen Dichtung, der am Anfang der
neuen russischen Literatur steht. Polockij, selbst Verfasser eines
rhetorischen Traktats und Lehrer der Rhetorik und Poetik, akzeptiert
den rhetorischen Rigorismus und die von der Rhetorik vorgeschrie-
bene Dichotomie von poetischer und Alltagssprache. Sein Idiom ist
ein von der Umgangssprache weit entferntes, z.T. künstliches Kon-
strukt, das auf dem Kirchenslavischen (bislang ausschließlich Sprache
religiöser Texte) basiert. Damit unterstützt er die Hierarchisierung
der Stile und Sprachebenen, die Notwendigkeit, diese funktional für
eine bestimmte Gattung einzusetzen, und bestätigt die Notwendigkeit
eines festgefügten Kommunikationssystems, das keine Grenzüber-
schreitung zuläßt. Der Aufbau eines restriktiven und selektiven Sy-
stems setzt sowohl auf dem Gebiet des Stilistischen als auch auf dem
der Gattungen ein, denen die Stile korrespondieren. Als Schüler ba-
rocker Poetik ist Polockij nicht nur Erfinder von Spielgedichten (car-
mina figurata etc.), sondern auch Metaphernfinder und Concettist, der
sich die Regeln der acumen-Rhetorik des polnischen Barockdichters

J
' Vgl. das Vorwort zum "Psaltyr' rifmotvornaja". In: S. Polockij, Izbrannye soiinenija.
Hrsg. I. Eremin. Moskva-Leningrad 1953. S. 213.

43
und Theoretikers Sarbiewski (Sarbievius)38 zu eigen macht. Sein Con-
cettismus begründet innerhalb der russischen Dichtung ein neues
similitudo-Sehen (die Welt als Zeichenarsenal: alles kann mit allem
verglichen werden), das bekannte Phänomene mit solchen verknüpft,
die den Kulturerfahrungen seines Publikums fremd sind. Er entwickelt
eine kunstvolle Emblematik (deren Thematik weitgehend religiös
bleibt), die alle Züge des Esoterischen erhält, und erzieht sich einen
erlesenen Zuhörerkreis. Seine Emblematik, seine Panegyrik, die der
Zarenfamilie und den Ereignissen bei Hofe gilt (alles wird verbali-
siert), werden zusammen mit anderen aus dem Westen importierten
Kunstformen, vor allem dem Theater, in ein System ästhetischer Zei-
chenhandlungen überführt.
Die Dichtung Polockijs bildet in Korrespondenz mit dem verein-
heitlichten Kommunikationssystem mit seinen eindeutigen Bewer-
tungen der Sprachebenen und Stile den ersten literarischen Kanon
weltlicher Prägung in Rußland und initiiert die barocke Tradition.
Der Polockijschen Schreibweise diametral entgegengesetzt ist die-
jenige Awakums, die sich in seinem Hauptwerk, dem Zilie, durchsetzt.
Dieses (eine Art 'Selbstverständigungstext' der Altgläubigenbewe-
gung) ist Vita, Beichte, Belehrung, Bekenntnis, Leidensgeschichte,
Reisebericht und Schilderung intimer mystischer Erlebnisse und als
Prosatext der künstlerischen fremden Versdichtung der Hofliteratur,
deren ästhetische Textfunktion verneinend, entgegenstellt. Die Auto-
biographie Awakums übernimmt in dem genannten Prozeß eine 'sub-
kulturelle' Funktion in diesem Sinn.39 Selbst wenn die Konstitution
dieses Textes nicht alle Postulate Awakums einzulösen scheint, so läßt
sich die Kongruenz seiner 'ideologischen' Äußerungen mit der kon-
kreten Textpraxis bestätigen. Seine Bildungsverweigerung, seine Ab-
lehnung des krasnoreöie und Rücknahme der eigenen Leistung als in-
dividueller literarischer Tätigkeit haben als dezidierter Standpunkt
einen eigenen Stellenwert. Weder die Tatsache, daß Awakum über
einen gewiß nicht unbeträchtlichen Bildungsstand verfügte, den er sich
womöglich aus denselben Büchern aneignete wie sein Hauptgegner
Nikon, noch die Anfang des 18. Jahrhunderts einsetzende Bildungsak-
tivität bei den Altgläubigen, die die Aufarbeitung der rhetorischen
Tradition miteinschloß40, sprechen gegen die Aufrichtigkeit des Bil-

M
Vgl. B. Uhlenbruch, Simeon Polockijs poetische Verfahren. Versuch einer strukturale
Beschreibung. Bochum 1979; und Kap. VI in diesem Band.
3
Robinson, iizneopisanije, aaO., S. 36, sieht in Awakums Zilie (Vita) eine Gefähr-
dung für Staat und Kirche.
Zur 'Bildung' der Altgläubigen vgl. Robinson, Bor'ba idej, aaO., S. 324; I.A. Kirillov,
Pravda staroj vcry (Die Wahrheit des alten Glaubens). Moskva 1916. S. 262, verwahrt
sich gegen den Vorwurf der Bildungslosigkeit der Altgläubigen mit Rekurs auf die
Ende des 17. Jahrhunderts einsetzenden Bildungstendenzen, zu denen auch die Auf-
arbeitung der Rhetorik gehört. Vgl. auch V.P. Vomperskij, Stilistiteskoe utenie MV.

44
dungsskeptizismus, den Awakum und andere Altgläubige in einem
konkreten Krisenmoment des kulturellen Prozesses artikulierten. Die
Duldung bestimmter konventioneller Formen in seinem eigenen Werk
und in dem seines Schülers Avraamij41 ist im Zusammenhang mit
seiner 'ideologischen' Position und im Hinblick auf die konkrete
Funktion dieser Werke im 17. Jahrhundert differenziert zu beurteilen.
Es ist keine Frage, daß das Zilie Awakums in einer literarischen
Tradition steht, auch wenn es im zeitgenössischen Kontext weder als
Uterarisches Werk intendiert noch auch als solches rezipiert wird. (Die
literarische Rezeption der Autobiographie setzt bekanntlich erst spä-
ter ein.42) Das bedeutet nun aber nicht, daß das Zitie im Kontakt mit
Texten der Zeit, auch mit solchen, die unter dem Eindruck barocker
ästhetischer Ideale die Funktion des Literarischen realisieren, sich
nicht doch als 'Gegentext' Uterarisch konstituieren kann.
Das Auftreten konventionsbestimmter stilistischer und sprachli-
cher Formen des Zilie, die als solche den Forderungen des prostoreöie
(Volkssprache) zu widersprechen scheinen, lassen sich nur im Zusam-
menspiel mit den antikonventionellen Formen im sprachlichen und
stilistischen Bereich bestimmen, die wesentlichen Anteil am Textauf-
bau haben. Letztere orientieren sich weder an den Stil- und Sprach-
mustern, wie sie die überlieferten kanonisierten Texte anbieten, noch
am Regelinventar der neuen Rhetorik. (Vom Standpunkt einer gene-
rellen deskriptiven Rhetorik sind allerdings auch solche Formen quali-
fizierbar.)
Die sprachliche und stilistische Analyse des Textes, die V.V. Vino-
gradov43 erbracht hat, belegt einen Dualismus von Formen44, die so-

Lomonosova i teorija trech stilej (Die Stillehre M.V. Lomonosovs und die Theorie der
drei Stilarten). Moskva 1970. S. 91 f.
41
Panfenko, Russkaja stichotvornaja kul'tura, aaO., S. 95 ff, sieht zwar in den ästheti-
schen Überzeugungen der Altgläubigen (insbesondere Awakums und Avraamijs) und
denen der Syllabiker unvereinbare Größen, hält aber eine Ablehnung des "stichotvor-
stvo" (Versemachen) von Seiten Awakums für nicht wahrscheinlich. Awakum verur-
teile nicht die "virüi" (alte Form der russ. und ukrain. Versdichtung, syllabisch), zumal
sein Schüler Avraamij solche verfaßt habe, sondern lediglich die "vnesmjaja mudrost'"
(äußerliche Weisheit), zu der die Rhetorik gehöre. Zur Einschätzung dieses Punktes
ließe sich anführen, daß der Zusammenhang zwischen Rhetorik als Regclinventar und
Versdichtung nicht ignoriert werden kann. Im übrigen beweisen die Spezifika der
Altgläubigendichtung, die Pancenko aufdeckt (die Mischung verschiedener metrischer
Systeme: Syllabik, Tonik, raeinik), daß die offizielle virfr-Dichtung damit keineswegs
bestätigt wird. Vielmehr sind dies Formen der Kreolisierung, die als vom etablierten
Schema abweichend zu werten sind.
42
Zur Rezeption des titie vgl. Robinson, Bor'ba idej, aaO., S. 373 f. Die zeitgenössi-
sche Rezeption war demnach negativ, das Werk wurde als Pseudopredigt aufgenom-
men, jedenfalls eher religiös-sozial als ästhetisch rezipiert.
43
"O zadacach stilistiki. Nabljudenija nad stilem Zitija Avvakuma" (Über die Aufgaben
der Stilistik. Beobachtungen zum Stil der Vita des Awakum). In: Russkaja ref. Sbornik
statej. I. Hrsg. L. Scerba. Petrograd 1923. S. 195-293.
Vinogradov deckt die Schicht des Kirchenslavischen sowie die des prostorelie auf

45
wohl in den Bereich des Kirchenslavischen wie in den der lebendigen
Umgangssprache verweisen und jeweils entsprechende stilistische
Verfahren motivieren. Es gibt demnach traditionszugehörige Elemen-
te und solche, die der herrschenden Unifizierungstendenz entgegen-
stehen, 'sperrige' Formen also, die auf der Gattungs- und Stilebene
des Werkes Signalwert erhalten.
Der Dualismus der Formen negiert die Gültigkeit einer rhetori-
schen Autorität, die als kommunikationsregulierende Kraft nicht nur
eine spezifische Sprachkonzeption oktroyiert, nämlich die der Dicho-
tomie von Alltags- und Dichtungssprache, sondern auch einen sprach-
lichen Kanon aufstellt und die kanonisierten Sprachen funktionalisiert,
d.h. bestimmten Redezielen zuordnet. Eine scharfe Abgrenzung von
aUen nichtkanonisierten, in der Sprach- und Stilhierarchie nicht ent-
haltenen Sprachen ist die Folge. Gleichzeitig ist die Möglichkeit einer
Vielsprachigkeit im Sinne des raznoreöie unterdrückt. Die Einheits-
sprache, der edinyj jazyk, wird die Sprache der offiziellen poetischen
Genres.45 Damit beginnt der Aufbau eines restriktiven und selektiven
Systems sowohl auf dem Gebiet des Stilistischen wie auf dem der Gat-
tungen, denen die Stile korrespondieren.
Simeon Polockij, Hofdichter und Gründer einer der ersten literari-
schen Schulen Rußlands, läßt sich als Repräsentant dieses funktionie-
renden und produktiven Systems bezeichnen.46 Awakum, der sein
Werk programmatisch als "vjakan'e" (Stammeln) bestimmt, um seine
Verachtung des krasnoreöie und des literarischen Tuns als solchen
nachdrücklich zu bekunden, vertritt den Gegenpol. Beide Autoren gel-
ten als dvujazyöny (zweisprachig), insofern beide das Kirchenslavische
und eine Form der Volkssprache zur Verfügung haben. Aber gerade
in der Handhabung sprachlicher Formen, in der Art ihrer Semantisie-
rung im konkreten Text wird der wesentliche Unterschied zwischen
den beiden Autoren deutlich.47

und arbeitet die stilistischen Entsprechungen in der Metaphorik und im Bereich der
übrigen semantischen Verfahren heraus (konventionelle und kreativ-abweichende
semantische Konstruktionen).
Nach M. Bachtin, "Slovo v romane". In: M.B., Voprosy literatury i estetiki. Moskva
1975. S. 72-233. (Dt.: "Das Wort im Roman". Übers. R. Grübel, S. Reese. In: MB., Die
Ästhetik des Wortes. Hrsg. R. Grübel. Frankfurt/M. 1979. S. 154-300), taucht das
raznoreiie in den nicht kanonisierten Prosaformen verstärkt auf, der edinyj jazyk
dagegen ist die Sprache der konventionsbestimmten Poesie.
Pancenko, Russkaja stichotvornaja kul'tura, aaO., S. 116. - Polockij ist Verfasser
eines poetisch-rhetorischen Traktats, der in der Sarbiewski-Tradition steht, seine Ab-
hängigkeit von barocken Verfahren im Bereich der Stilistik läßt sich am Einsatz der
acumen- Technik in seiner Dichtung nachweisen. Siehe hierzu Kap. IV und VI in die-
sem Band.
47
Zur "dvujazycnost" (Zweisprachigkeit) von Polockij und Awakum vgl. Robinson,
Bor'ba idej, aaO., S. 350. Robinson sieht in dem Sprachenstreit zwischen Skarga und
ViSenskij eine aufschlußreiche Parallele zu dem zwischen Polockij und Awakum,
wobei er eine Reihe von Konstanten feststellt, ebd., S. 319-353.

46
Polockij akzeptiert die Dichotomievorstellung bezüglich der Spra-
che, die Hierarchisierung der Stile und Sprachebenen, die Notwendig-
keit, sie funktional, d.h. für ein definiertes Kommunikationsziel, eine
bestimmte Gattung zu verwenden. Awakum überschreitet die akzep-
tierten Grenzen im sprachlichen Raum durch ein Verfahren, das man
als Kreolisierung, Vermischung von Elementen verschiedener Her-
kunft bezeichnen könnte. Ein Verfahren übrigens, das nicht nur für
die sprachliche Ebene gilt, sondern auch auf der Stil- und Gattungs-
ebene bestätigt wird. Mit Hilfe dieses Verfahrens erreicht Awakum
eine besondere Qualität des dvujazyöie, das als zwei konkurrierende
Sprachen und zwei von ihnen bedingt konkurrierende Stile in ein und
demselben Text auftritt. Die stilistischen und sprachUchen Besonder-
heiten des Kirchenslavischen und des prostoreöie werden einander
durch dieses Verfahren nicht nur konfrontiert, sondern treten auch in
Kontakt zueinander.
Der auf der sprachlich-stilistischen Ebene ermittelte Dualismus
läßt sich auf weiteren textkonstitutiven Ebenen verfolgen, etwa auf der
narrativen und der thematischen Ebene. Robinson spricht von der
"dvuplannovaja struktura" (zweischichtigen Struktur) des Werkes, von
den "dva oblika glavnogo geroja" (zwei Gestalten des Haupthelden),
der einmal als "prorok" (Prophet), einmal als "greSnyj celovek" (sündi-
ger Mensch) auftritt, woraus sich auch für die Erzählperspektive ein
Dusdismus ergibt.48 In der Verfolgung der Entwicklung der russischen
Hagiographie in die Autobiographie und der spezifischen Verände-
rungen dieser für das altrussische Gattungssystem so konstanten Form
entdeckt Robinson in Awakums Zitie Elemente der "propoved™ (Pre-
digt) und solche der "ispoved" (Beichte), deren Gegenüberstellung er
als Innovation und als eine besondere Weise der Einkleidung der
autobiographischen Gattungsstruktur wertet. Das Mit- und Gegenein-
ander von "prorok" und "greänyj celovek", von "propoved"' und "ispo-
ved'", von "cerkovnoslayjanskaja redevaja stichija" (kirchenslavische
Sprachschicht) und "stichija zivogo jazyka"49 (Schicht der lebendigen
Rede) läßt das Zitie in jeder Hinsicht als eine ambivalente Struktur
erscheinen, in der die 'bekannten' durch die Berührung mit neuen 'un-
gewohnten' Formen infragegestellt und reflektiert werden. Diese auf
allen Ebenen registrierbare Doppeltgerichtetheit der textkonstitutiven
Elemente erlaubt den Schluß, daß Awakum die 'dialogischen' Mög-

40
Ebd., S. 376 ff.
Zur Gattungsfrage s. Robinson, ebd., S. 364 ff.; und D.S. Lichacev, "Sistema litera-
turnych zanrov Drevnej Rusi" (Das System der literarischen Gattungen im Alten Ruß-
land). In: Slavjanskie literatury. Hrsg. A.N. Robinson. Moskva 1963. S. 47-70.

47
Uchkeiten der Sprache und des Textes voll nutzt. In klarem Gegensatz
zur zeremonialen monologischen Verwendung von Sprache in der rhe-
torisch regulierten und restringierten Dichtung entwickelt Awakum
neue semantische Konstruktionen, Stilkombinationen, ambivalente,
'doppeltgerichtete' Metaphern. Die Dialogizität, die er aufbaut, ent-
faltet sich nicht nur innerhalb des Textes im Wechselspiel von For-
men, die in unterschiedliche sprachliche und textuelle Milieus ver-
weisen, sondern auch in der Beziehung, in die der Text mit anderen
Texten desselben kulturellen Bereichs - synchron und diachron -
tritt. Der Text als Ganzheit repUziert auf andere Texte, wobei seine
Bezogenheit auf andere, 'fremde' Texte dadurch hervorgehoben wird,
daß Awakum durch das Einbringen heterogener Gattungs- und Stil-
formen unterschiedliche Traditionen evoziert. Das Zitie erscheint als
Replik auf die altrussische 'klassische' Heiligenvita und die kulturellen
Erfahrungen, die sie repräsentiert. Darüberhinaus läßt es sich aber
auch in Relation zur zeitgenössischen weltlichen Prosa (die in den gel-
tenden Kanon nicht aufgenommen ist) wahrnehmen und schließlich
als Gegentext zur offiziellen Hofdichtung lesen.
Indem Awakum die offizialisierte Einheitssprache sowie die Gel-
tung der Stilhierarchie ignoriert und durch die Vermischung der Spra-
chen und Stile den festgelegten sprachlichen Raum eingrenzt, entwirft
er komplizierte Gegenformen, die sich an keinem Regelinventar zu
orientieren scheinen. Der esoterischen Emblematik mit ihren neuen
Verfahren der comparatio und similitudo entspricht bei Awakum eine
zum Teil volkstümliche, zum Teil änigmatische Parabolik, die auf die
Metapher verzichtet. In der Zusammenführung der beiden Sprachen
(die in der Hierarchie auf verschiedene Stufen gehören) innerhalb
eines Textes schafft er eine innere Dialogisierung gegen den Monolo-
gismus der Hofliteratur. Awakum, ein literarischer Narr in Christo,
schafft mit dieser sowohl das decorum der Vita als das der höfischen
Versdichtung brüskierenden Autobiographie eine Art Karnevalstext.
Zusammen mit den Sendschreiben bildet dieser den literarischen Ge-
genkanon, an dem sich die Schreibpraxis der Altgläubigen bis ins 19.
Jahrhundert orientiert.
Diese Gegenformen sind kompliziert, da sie auf bestehende repli-
zieren, indem sie sie verneinen. Denn die Replik, so verstanden, dient
hier einmal der Brüskierung von Gattungs- und Stilerwartungen, aber
ist auch eine negierende Geste, die als Bedrohung, zumindest als In-
fragestellung der offiziellen Welt funktioniert.
Es ist nicht von ungefähr, wenn man in diesem Zusammenhang an
eine von Bachtin entwickelte Kategorie erinnert, die solche gegenkul-
turellen Gesten beschreibt: Ich meine die Kategorie der 'Karnevals-
kultur'.50 Bachtin begreift 'Karnevalskultur' als eine herrschenden

48
Systemen zuwiderlaufende Kultur, die sich in Formen des Verhaltens,
aber auch in spezifischen Kommunikationsformen, zum Beispiel in
Texten, aktualisiert. Bachtin hat vor allem im Bereich der Literatur
solche Formen untersucht und Kriterien aufgestellt, die es erlauben,
auch im Falle der Autobiographie Awakums von 'Karnevalsliteratur'
in diesem bedingten Sinne zu sprechen. Bezeichnend dafür sind die
dialogischen Strukturen, die der an der Rhetorik ausgerichteten
monologischen Sprach- und Textauffassung widersprechen. Texte, die
gegen die Legitimität beanspruchenden Regelinventare, gegen das gel-
tende Sprachverständnis gerichtet sind, bedienen sich der dialogischen
Potenz der Sprache, um ambivalente Bedeutungsstrukturen aufzu-
bauen. Awakums Text, ein 'Karnevalstext' in diesem Verständnis, sig-
nalisiert die Gesamtausrichtung seines KulturmodeUs.51
Mit anderen Worten: Innerhalb des doppelkulturellen Systems der
russischen Kultur des 17. Jahrhunderts finden Kanonisierungsprozesse
auf verschiedenen Ebenen statt, alle bilden das Kulturmodell des je-
weiligen Teilsystems mit den ihm immanenten Aspekten des Zeichen-
und Textbegriffs ab. Die Kanonisierung innerhalb der offiziellen Kul-
tur vollzieht sich in zwei Etappen, deren erste in der Zeremonialisie-
rung (Ritualisierung) der kulturellen Praxis liegt und deren zweite die
Kodifizierung (Grammatisierung) der Riten darstellt (Kodifizierung
im engeren Sinne: Gesetze, Dogmen; im weiteren Sinne: Metatexte
vom Typ Grammatik, Rhetorik). Die Kanonisierung innerhalb der in-
offiziellen Kultur ist als Erstellung eines Gegenkanons zu fassen (das
Beharren auf den alten Texten bedeutet das Ausgrenzen der neuen),
der sich in Metatexten besonderer Art artikuliert (Sendschreiben).
Die Verbindlichkeit des Vorbildes dominiert die der Regel.
Der offizielle Kanon, der sowohl als abgrenzender als auch als in-
tegrativer Mechanismus funktioniert, gewinnt durch die Zensur so-
ziale Relevanz. Die Zensur schUeßt konstant einen bestimmten Teil
von Texten (Handlungen) aus, und zwar solche, die in ausdrücklicher
negativer Korrespondenz mit bestimmten Texten (Handlungen) des
offiziellen Systems stehen. Das Pendant des Gegensystems fällt unter
die Zensur: die Zensur reduziert sich (sehr vereinfacht gesprochen)

-*0 Vor allem in M. Bachtins Buch Tvoriestvo Rable i narodnaja kul'tura srednevekov'ja i
Renessansa. Moskva 1965. (Dt.: Rabelais und seine Welt. Übers. G. Leupold. Hrsg. R
Lachmann. Frankfurt/M. 1987).
51
Das Buch von Lichacev/Pancenko, 'Smechovoj mir', aaO., das an die Kategorie der
Karnevals- und Lachkultur Bachtins anknüpft und diese durch das Konzept des
"antimir" (Antiweit/Gegenwelt) sowohl interpretiert und weiterentwickelt als auch
durch eine Fülle neuen Materials belegt, eröffnet die Möglichkeit, diese Dimension
der Rolle des Awakumschen Kulturmodells im 17. Jahrhundert weiterzuverfolgen, vgl.
bes. die Kapitel "Jurodstvo protopopa Avvakuma" (Der Humor des Protopopen
Awakum) [Lichacev], S. 75-90 (dt. S. 66-81), und "Jurodstvo kak obäcestvennyj
protest" (Christusnarrentum als gesellschaftlicher Protest) [Pancenko], S. 139-183 (dt.
S. 129-170).

49
auf die Ausmerzung der Gegenzeichen, die zum Index der Gegen-
gruppe werden, und schließt die Begründungszusammenhänge, in
denen das jeweilige Zeichen steht, aus. Kanon und Gegenkanon als
korrespondierende Größen organisieren die Gesamtkultur des 17.
Jahrhunderts in Rußland, wobei das dualistische Modell als alt-
christlich/neu-heidnisch, Rußland/Europa, Askese/VerweltUchung
von der einen Seite bzw. als Unwissenheit/Bildung, Rückständigkeit/
Fortschritt etc. von der anderen ausgelegt wird.
Da die inoffizielle Kultur über keinen Machtapparat verfügt, sind
ihre Zensur- und Gegenzensurmaßnahmen rein moralischer Natur.
Dieses Gegensystem ist gezwungenermaßen isolationistisch. Seine
Tendenz zur Schließung ist aber gleichzeitig zentrifugal. Die Alt-
gläubigenkultur besitzt im Gegensatz zum offiziellen System keine
Hierarchie und keinen Zug zur Unifizierung und Monologisierung des
Kommunikationssystems. Sie ist kohärent, aber zersplittert (Sekten-
bildung, Berührung mit anderen ausgegrenzten Gruppen, zum Bei-
spiel Narren in Christo), sie läßt Varianten ihres Modells zu. - Kein
Zweifel, die kulturellen Inhalte haben sich inzwischen gründlich verän-
dert, aber es bleibt die Frage offen, ob dies auch für die Struktur der
inner-kulturellen Konfrontation gilt. Vielleicht ist hier ein kulturelles
Paradigma formuliert, das auch die Doppelkultur der ehemaligen
Sowjetunion (offizielle/Dissidenten-Kultur) noch zu erfassen vermag.
Vorbarocke Rhetorik in Rußland:
Das 'Makarij-Handbuch'

Rhetorik als fremdes Regelsystem

Die Rhetorik als Lehrbuch oder Traktat gewinnt bei der Organisa-
tion oder Reorganisation einer Kultur einen metatextuellen Status und
kann damit den Selbstbeschreibungsprozeß der Kultur mitbestimmen.
Dabei übernimmt die Rhetorik eine Doppelfunktion, indem sie zum
einen Trägerin sozialer und ästhetischer Wertvorstellungen wird, die
die Struktur zur Bestimmung des edinyj jazyk (der einheitUchen Ein-
sprache) und zu dessen Differenzierung in Stile und Subsprachen ent-
wickelt, zum andern ist sie selbst die Instanz, die diese VorsteUungen
artikuliert.
Doch haben wir es im Falle der Rhetorik mit einem Metatext zu
tun, der nicht notwendig derjenigen Kultur entstammt, an deren Be-
schreibung er beteiligt ist. Vielmehr kann er mit dieser Aufgabe aus
einem anderen kulturellen Kontext übernommen werden. Allerdings
markiert die Bereitschaft einer Kultur, die Einführung eines fremd-
kulturellen Beschreibungssystems zu fördern, einen bestimmten Punkt
in der Entwicklung und im Eigenverständnis dieser Kultur. Dabei ist
zu beobachten, daß zusammen mit der fremdkulturellen Rhetorik
auch die ihr immanente Sprachkonzeption übernommen wird.
Wie verhält sich nun, so könnte man fragen, eine Kultur, die sich
einer aus einem fremdkulturellen Bereich stammenden Rhetorik an-
schließt, und welche Veränderungen ergeben sich für den Bereich der
vorgegebenen Kommunikationsformen. Hierbei ist an die konkrete
sprachUche kommunikative Situation in Rußland und in der Ukraine
des 17. Jahrhunderts gedacht, in der sich ein solcher Import fremd-
kulturell bestimmter rhetorischer Lehre vollzieht. Geht man von der
oben skizzierten Rolle der Rhetorik aus, so signalisiert das Auftreten
rhetorischer Lehre im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts in der
Ukraine und in Nordgroßrußland ein neues Stadium des kulturellen
Mechanismus, so wie dies zuvor das Auftreten der Grammatik als
normatives Beschreibungssystem getan hatte. Die Rhetorik, die im
Unterschied zur Grammatik von vornherein kommunikationsorien-
tiert ist, stellt das Gesamt vorfindlicher Kommunikationsformen in
Frage.
Dabei kommt es zu unterschiedlichen Reaktionen auf den Import
rhetorischer Lehre, die in starker Vereinfachung auf drei Fälle redu-
ziert werden können.

51
1. Der Rhetorik-Import entspricht dem Bedürfnis der dominie-
renden Gruppe des Kultursystems, das Kommunikationssystem zu
zentralisieren und zu homogenisieren. Die Rhetorik wird offiziaUsiert,
zur universalen Regulatorin der Kommunikationsformen- und funk-
tionen erhoben; der Aufbau einer korrespondierenden Textpraxis be-
ginnt.
2. Der sich aus dem Rhetorik-Import ergebenden Umorganisie-
rung und/oder Erstorganisierung der Kommunikation, vor allem aber
der Tendenz zur Unifizierung und Offizialisierung widersetzt sich
vehement eine innerkulturelle Opposition und baut die Formen des
raznoreöie ebenso wie die des raznokul'ture zu einem Gegensystem
aus. Die offizialisierte Rhetorik wird zum Kontrahenten einer gegen
die Regelformulierung gerichteten Anti-Rhetorik.
3. Der Rhetorik-Import hat nicht den Aufbau eines korrespondie-
renden Kommunikationssystems zur Folge, d.h. er führt nicht zu regi-
strierbaren Konsequenzen in der Textpraxis. Die rhetorische Lehre
bleibt isoliert.
Die Formulierung dieser drei Fälle ergibt sich aus der Beob-
achtung der Reaktion auf den Import rhetorischer Lehre im ukraini-
schen, südrussischen und mittelgroßrussischen Raum zur Zeit der
Herrschaft Aleksej MichajloviCs, die einerseits dezidiert zustimmend,
andererseits dezidiert ablehnend ist, sowie aus derjenigen im nord-
großrussischen Raum um Vologda im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahr-
hunderts, wie sie an der Rezeption der sogenannten Makarij-Rhetorik
ablesbar ist. Die beobachtbare Korrespondenz zwischen rhetorischer
Lehre und Textpraxis, deren Repräsentant Simeon Polockij ist, und
die strikte Negierung der Rhetorik-Autorität durch Awakum und die
Altgläubigen und die sich aus dieser Ablehnung ergebende Textpraxis
sind Belege für diese extremen innersystemlichen Reaktionen. Bei der
Unterscheidung der genannten drei Fälle sind auch die unterschied-
lichen Modi des Rhetorik-Imports sowie die divergierenden Vermitt-
lungsformen rhetorischer Lehre im Blick zu behalten. Im ukrainisch-
russischen Raum treten drei Typen von die europäische Rhetorik-
Tradition repräsentierenden Texten auf:
a) das lateinisch abgefaßte Handbuch mit sparsamen Textbeispie-
len in lingua polona oder lingua sclavonica;
b) das ebenfalls lateinisch abgefaßte Handbuch mit extensivem
Exempel-Material in lingua polona und lingua sclavonica und einer
Vielzahl an Zitaten von antik-lateinischen, neulateinischen und polni-
schen Autoren, die eine normative Skala von Text- und Stilparadig-
men einzurichten erlauben;
c) das kirchenslavisch-russisch geschriebene Handbuch.
Die Typen a) und b) stehen für die Fülle von Handbüchern der
Rhetorik, die nach dem Muster in Polen geltender rhetorischer Tradi-
tion in ukrainischen, speziell Kiever Bildungsstätten des 17. und der

52
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden sind und auf denen die
russische Tradition des 18. Jahrhunderts aufbauen kann1; der Typ c)
steht für eine durch wenige Texte vertretene nordgroßrussische Tradi-
tion, die von den ukrainischen Bildungsstätten unabhängig, nichts-
destoweniger aber polnischer rhetorisch-stilistischer Lehre verpflichtet
ist.
Diese drei Typen sind vermutlich aufgrund ihrer unterschiedlichen
Vermittlungsstrategien rhetorischer Lehre von unterschiedlicher Be-
deutung für die Formulierung eines edinyj jazyk und die Produktion
von Texten. Diese Vermutung beruht auf der Annahme, daß ein
Metatext in einer vom aufnehmenden System unterschiedenen Spra-
che auf dieses anders einwirken muß als ein Metatext, der sich der
Sprache desselben Systems bedient, selbst wenn die Regeln, die er
artikuliert, einem fremden Kontext entstammen. Damit kommt Typ c)
eine SondersteUung zu.
Zur Funktion der lateinisch geschriebenen Lehrbücher ist folgen-
des zu sagen: Man kann zweifellos nicht ohne weiteres davon aus-
gehen, daß die Rhetorik in ihrer lateinischen schriftlichen Form auf
die Stabilisierung und Konsolidierung einer einheitlichen 'Literatur-
sprache' innerhalb des ostslavischen, speziell des russischen und ukrai-
nischen Kontextes einen direkten Einfluß auszuüben vermag. Denn
wenn auch mit dem Auftauchen der lateinischen Rhetorik ein erster
Ansatz für eine Lehre bzw. Theorie gegeben ist, die in Korrelation mit
Texten sich entwickelt, die bestimmte kommunikative Funktionen rea-
lisieren, so sind dies zunächst lateinische Texte. Die Produktion latei-
nischer Texte wird unterstützt durch das erem/?/a-Material der Lehr-
bücher. Erst später regt die Rhetorik auch zur Herstellung von Tex-
ten in slavischer Sprache an, wobei diese Texte die Funktionen über-
nehmen, die in den lateinischen Texten vorgeführt worden sind. Die
Zunahme polnischer und kirchenslavisch-ukrainischer Beispiele in den
Appendices der Handbücher ist ein Indiz für die allmähliche Ablö-
sung der sprachlichen Medien im Bereich der von der Rhetorik 'kon-
trollierten' Textproduktion.
Die Begriffe Adaptation und Applikation neutralisieren den tat-
sächlichen Prozeß des Rhetorik-Imports, der nicht ohne Gewaltsam-
keiten abgeht. Die vorübergehende Unterwerfung unter bestimmte
Regeln der Rhetorik und deren Abstoßung als in mancher Hinsicht
nicht erträglich für das eigene sprachliche System mögen die Sprünge

1
Zur Rhetorik- und Poetiktradition vgl. R. Luzny, Pisarze kregu Akademii kijowsko-
mohylanskiej a literatura polska (Schriftsteller aus dem Umkreis der Kiev-Mogilja-
Akademie und die polnische Literatur). Krakow 1966. Zur entsprechenden Tradition
im 18. Jahrhundert vgl. P. Lewin, Wyktady poetyki w uczelniach rosvjskich XVIII w.
(1722-1774) a tradycje polskie (Poetikvorlesungen in den russischen Lehrstätten des
XVIII. Jhdts. [1722-1774] und die polnische Tradition). Wroctaw-Warszawa-Kraköw-
Gdarisk 1972.

53
und Brüche im Vorgang der 'Adaptation' belegen.2 Adaptation bedeu-
tet Veränderung im Bereich der Textproduktion und der Kommunika-
tionsformen.
Andererseits darf man nicht übersehen, daß der slavischsprachige
Raum für einen Rhetorik-Import nicht gänzlich unvorbereitet ist, hat
er sich doch bereits zu Beginn seiner Textproduktion der byzantini-
schen Rhetorik angeschlossen.3 Die byzantinische Rhetorik führt nicht
zu einer Tradition von Lehrbüchern, also nicht zum Ausbau eines
Selbstbeschreibungssystems, sondern wirkt implizit; die altrussische
Kultur ist an Texten4 orientiert, die als Paradigma wirken, nicht an
Regeln, die ihre Generierung abbilden. Der Import der abendländi-
schen Rhetorik-Tradition über polnische Vermittlung impliziert die an
den BUdungsstätten institutionalisierte Lehre und damit eine neue
Einstellung zur Regel. Mit der Ausrichtung an einem RegeUnventar
verändert sich im 17. Jahrhundert das gesamte Kommunikationsgefü-
ge - im Kontext einer zum Zentralismus tendierenden Staatskultur.
Das gewissermaßen implizite Vorhandensein einer Rhetorik (die
als kulturelle Instanz in Vergessenheit geraten ist), das Vorhandensein
einer Tradition bestimmter Kommunikationsformen (Gattungen) ma-
chen es möglich, daß die neue Regel-Rhetorik und das mit ihr korre-
lierte System von Texten an manche vorfindliche Form anknüpfen
können, z.B. an die Predigt, die bereits eine lange Tradition heraus-
gebildet hat (d.h. es gibt bereits die Kommunikationsform Predigt und
die damit verbundene Redefunktion). Andere Kommunikations-
formen und -funktionen dagegen sind Innovationen. Diese sind es, die
das bestehende System instabilisieren und zu einer Neuordnung füh-
ren. Innovierende Formen sind Gratulations- und Festreden, eine be-
stimmte Art ästhetisch dominierter Texte, die man als Gedichte be-
zeichnen könnte, und das Drama.5 Gewiß, es müßte noch untersucht

- Das Problem der Applizierbarkeit und Assimilierbarkeit des rhetorischen Regelge-


bäudes wird erst im 18. Jahrhundert thematisiert. In der Textproduktion des l/T und
18. Jahrhunderts läßt sich verfolgen, daß bestimmte von der Rhetorik empfohlene
Verfahren zunächst 'slavisch' umgesetzt, dann wieder verworfen werden. Im Bereich
der Metrik kann man nachweisen, wie ein fremdes Paradigma übernommen, dann als
der eigenen Sprache nicht gemäß abgewiesen wird; dies gilt auch für den Bereich
bestimmter syntaktischer Verfahren (Figuren) und für denjenigen der semantischen
Verfahren (Tropen), etwa die Übernahme bestimmter Modi der Metaphernbildung
und deren spätere Ablösung durch 'slavische' Varianten.
3
Vgl. Die Rhetorik des Choiroboskos, deren übersetzte Version im Izbomik (Aus-
wahlband) des Syjatoslav von 1073 enthalten ist. I. Besharov hat in ihrer Arbeit, The
Imagery of the Igor-Tale. Leiden 1956, versucht nachzuweisen, daß der Verfasser des
Igor-Liedes dieses rhetorische byzantinische Regelbuch kannte und für seine Textpro-
duktion fruchtbar machen konnte. - Es ist hier nicht an die rhetorische Tradition
gedacht, die mit der Tradition des Raimundus Lullus verbunden ist.
4
Vgl. den Versuch einer solchen Typologie bei Ju. Lotman/B. Uspenskij, "O semioti-
ceskom mechanizme kul'tury" ("Zum semiotischen Mechanismus der Kultur"). Trudy
po znakovym sistemam. V. Tartu 1971. S. 144-166.

54
werden, wie Formen, deren Auftreten mit dem Einzug der Rhetorik
gekoppelt sind, an andere vorfindliche Formen anknüpfen konnten,
die nicht in der offiziellen altrussischen Gattungskonvention abge-
bildet sind (Lieddichtung).
Was jedoch als wichtigstes Ergebnis des Eintritts der lateinischen
Rhetorik mit ihrer kulturellen Tradition in diesen Kontext bezeichnet
werden kann, ist der Umstand, daß die der Rhetorik immanente Stil-
lehre, d.h. die Lehre von den Stilen der Sprachverwendung, und die
damit verbundenen Normen eine Funktionahsierung des vorfindUchen
slavischen Sprachmaterials und eine Qualifizierung dieses Materials
bewirken, die nicht mehr ausschließlich den ererbten VorsteUungen
von der Sprache6, d.h. den ererbten Ideologemen verpflichtet sind.
Dies allerdings ist ein schwer zu modeUierender Prozeß.
Das Konzept der eigenen Sprache und diejenige Stufe, auf der die
Entwicklung der Sprachenfrage angelangt ist, werden durch die Rhe-
torik auf die Probe gesteUt und damit auch das kultureUe Eigenver-
ständnis. Es tritt ein neues Moment auf: das der 'Bewertung' der Rhe-
torik als eines fremdsprachUchen Regelgebäudes, das für einen ande-
ren kulturellen Kontext, ein anderes sprachliches System entworfen
wurde und nun im 'eigenen' Kontext Ansprüche geltend macht. Die
'Bewertung' der Rhetorik und die Beunruhigung des Selbstverständ-
nisses7 der Kultur läßt die Rhetorik Mitte des 17. Jahrhunderts in
Rußland zum Fall einer moralischen und religiösen Auseinander-
setzung werden, in der sich eine neue Phase der Ideologisierung von
Sprache und Kultur artikuliert und Strategien der Bedeutungszuwei-
sung an sprachliche Verfahren, Textarten und Kommunikationsziele
sich herausbilden. Eine weitere Problematik der Adaptation ergibt
sich an dem Punkt, wo das importierte System nicht einen Freiraum
füllt, sondern auf eine bestehende 'Ordnung' kommunikativer Ziele
und sprachlicher Medien trifft, d.h. auf einen anders strukturierten
Bereich der Kommunikation und Textproduktion.

^ A.N. Robinson (Bor'ba idej v russkoj literature XVII veka [Die ideologischen
Auseinandersetzungen in der russischen Literatur des 17. Jahrhunderts]. Moskva 1974.
S. 312) bezeichnet als neue Formen das ikol'noe süchotvorstvo (Schulgedichte), die
dramaturgija (Dramatik), das oratorskoe iskusstvo (Redekunst).
Vgl. zu diesem Aspekt die Darstellung von Entwicklung und Motivation die Sprache
betreffender 'Ideologeme' bei R. Picchio, "Questione della lingua e slavia cirillo-
metodiana". In: Studi sulla questione della lingua presso gli slavi. Roma 1972. S. 7-112.
Ein in Lotmans kulturtypologischen Arbeiten aufscheinender Begriff (avtomodel'),
der die Selbstbewertung, Selbsteinschätzung (samooeenka) einer Kultur und die
Vorstellung bezeichnet, die sie von sich in Abgrenzung von anderen Kulturen bzw.
dem Bereich der 'Kxtrakultur' entwickelt.

55
II
Stillehre und dvujazyöie

Das gilt für den elaborierten Bereich der Rhetorik, die Stillehre,
die im 17. Jahrhundert im ostslavischen Bereich auf das jahrhunderte-
alte etablierte System des dvujazyöie (Diglossie) trifft, das auf einer
Konvention beruht, die in keiner Rhetorik reflektiert wird (auch nicht
in der 'immanenten' byzantinischen Rhetorik). Allerdings findet diese
Konfrontation von rhetorischer Dreistillehre und der Zweigliedrigkeit
des dvujazyöie zu einem Zeitpunkt statt, in dem sich Ansätze zu einer
Beschreibung dieses Befundes in der Grammatik8 zeigen und das dop-
peltgerichtete System selbst im Umbruch begriffen ist. Die Konfronta-
tion hat viele Aspekte.
Aus dem Umstand, daß die Dreistillehre mit einem Gattungsge-
bäude, d.h. einer Hierarchie von Textarten, verbunden auftritt, erge-
ben sich Konsequenzen für das bestehende Gefüge altrussischer Gat-
tungen, die ihrerseits an das dvujazyöie gekoppelt sind. Die Dreistil-
lehre ist antik, sie hat eine kulturelle Tradition. Das russische kul-
turelle System des 17. Jahrhunderts öffnet sich dieser Tradition und
damit fremdsystemlichen Konzeptionen der Sprachverwendung, der
Gattung, der Kommunikation. Die mit der Differenzierung der drei
Stile gegebenen wertenden Kriterien lösen die tradierten endgültig ab
- ein Prozeß, der nicht ohne Widerstände innerhalb des Systems ab-
läuft. Die neuen assimilierten Kriterien führen im Laufe des 17. und
18. Jahrhunderts zu einer weiteren, anders motivierten Ideologisie-
rung der Sprachenfrage. Beide Systeme, das dyadische und das triadi-
sche, haben bezüglich der kommunikativen Praxis, mit der sie korre-
liert sind, sowohl einen funktionalen als auch einen wertenden Aspekt.
Die Dyade ist funktional auf bestimmte Redesituationen ausgerichtet,
sie impliziert eine Wertung der beiden 'Sprachen', d.h. eine Hierarchi-
sierung, und ist an einige ererbte Ideologeme wie dignitas, 'Alter',
'Sakralität' etc. gebunden.9
Die Triade bildet die Funktionen eines zunächst 'fremden' Kom-
munikationssystems sowie dessen Hierarchievorstellungen ab und
appliziert diese auf das importierende System, und sie bringt einen zu-
sätzlichen Aspekt hinein, den ästhetischen, der zwar auch funktional
ist, aber Redeziele aussondert, die ihrerseits wieder zu den anderen

8
Die Thematisierung der 'Zweisprachigkeit' bedeutet auch ihre Problematisierung, be-
deutet eine Bewertung dieses Befundes. Vgl. die Versuche einiger Grammatiken, das
dvujazyiie zu beschreiben, z.B. die Grammatik des Meletij Smotrickij, Grammatiki sla-
venskija pravilnoe sintagma (Die richtige Ordnung der slavischen Grammatik). Ev'e
1619.
Picchio, aaO., hat sich vor allem mit den 'Ideologemen' der dignitas und dem damit
korrelierenden Konzept der 'Norm' beschäftigt.

56
Kommunikationssituationen, die von der Lehre formuliert werden, in
Opposition stehen. Die durch das dvujazyöie bedingte Dichotomie -
die in den Grammatiken des 16. und 17. Jahrhunderts zwar themati-
siert und gewissermaßen implizit behandelt, aber in keiner entspre-
chenden Stillehre formuUert wird - steht einem dreistufigen Stilge-
bäude gegenüber, das seinerseits durch einen dichotomischen Zug ge-
kennzeichnet ist.
Das dvujazyöie, Folge der wechselseitigen Integration von Altkir-
chenslavisch und Altrussisch, bedeutet einerseits die Einschmelzung
einer auf Texten gründenden religiösen Kultur, den Anschluß an ein
System von Texten, das einen bestimmten Bereich von kommunikati-
ven Funktionen abdeckt, sie bedeutet die Anknüpfung an eine Tradi-
tion sprachhierarchischer Vorstellungen, an eine Überlieferung der
Bewertung von Sprachen (der eigenen und fremder Sprachen, zu de-
nen Kontakt- und Konkurrenzbeziehungen bestehen) und zum andern
die Konfrontation zweier kommunikativer Systeme.10 Das Neben-,
Mit- und Gegeneinander von Altkirchenslavisch und Altrussisch wird
reguliert durch eine zentrale Opposition: Schriftlichkeit vs. Mündlich-
keit. Eine Kultur geschriebener und eine Kultur gesprochener Texte
geraten in ein Interdependenzverhältnis, das die Dichotomie aber
nicht ablöst, eher verstärkt, auch dort, wo die beiden Idiome in den
sogenannten Verschmelzungsprozessen einander sich nähern. Ein
außersprachliches Regulativ sondert die Idiome, weist ihnen ihre
sozialen Ränge zu.
Die dyadische, genauer: die dichotomische Anlage des kommuni-
kativen Systems selbst ist integrativer Bestandteil der russischen Kul-
tur zu dem Zeitpunkt, da die Stiltriade importiert wird.

Es geht hier natürlich in keiner Weise um den Versuch, eine These zur Entstehung
der russischen Schriftsprache zu formulieren. In einem grundlegenden Aufsatz von Ju.
Lotman und B. Uspenskij, "Die Rolle dualistischer Modelle in der Dynamik der russi-
schen Kultur (bis zum Ende des 18. Jahrhunderts)". Poetica 9/1. 1977. S. 1-40, ist für
diesen Sachverhalt der Begriff der 'Zweistufigkeit' eingeführt worden (S. 34). Es ist
dabei die Rede von "einer Sprache, die gekennzeichnet ist durch ein hohes Prestige,
und einer Sprache, die dieses Kennzeichen entbehrt", um das Verhältnis von Altkir-
chenslavisch (als Schriftsprache) und Altrussisch (als gesprochene Sprache) zu bestim-
men. Diese Zweistufigkeit in der sprachlichen Situation wird als Charakteristikum der
Gesamtkultur bezeichnet. - Vgl. auch den neueren Beitrag von Uspenskij zur Di-
glossie-Frage: "Diglossija i dvujazycie v istorii russkogo literaturnogo jazyka". Inter-
national Journal ofLinguistics and Poetics. 27.1983. S. 81-126.

57
III
T r i c h o t o m i s c h e s und dichotomisches
Stilmodell

Es ist nicht ohne Belang für die Beschreibung dieses Vorgangs, auf
die Motivierung des trichotomischen Einteilungsprinzips der 'neuen'
Stillehre hinzuweisen: Die Dreigliedrigkeit als Einteilungsprinzip der
antiken Stillehre ist an unterschiedhche Kriterien11 gebunden, wobei
geographische (Stil wurzelt in einer spezifischen Landschaft), soziale
(Stil und die Zugehörigkeit der handelnden oder beschriebenen Per-
son des Textes zu einer bestimmten Schicht), ästhetische (Bewertung
des Stils nach außersprachlichen Maßstäben wie Kürze, Klarheit,
Schwulst, Blumigkeit) sowie funktionale (StU und Kommunikationsziel
der entsprechenden Gattung) Kriterien bei der triadischen Differen-
zierung und der Einrichtung einer hierarchischen Ordnung von wech-
selnder Bedeutung sind. Die ursprüngliche Verknüpfung des geogra-
phischen mit dem ästhetischen Gesichtspunkt, die vom Standpunkt
eines 'idealen' Stils, nämlich des attischen, der als kurz und klar
qualifiziert wird, die wertende Heraushebung zweier weiterer geo-
graphisch lokalisierbarer Stile begünstigt: des asianischen blumig-
schwülstigen Stils und des Stils von Rhodos, der die Mitte hält zwi-
schen attisch und asianisch, wird in der Folge aufgegeben. Damit ent-
wickelt sich die Opposivität zweier Stilideale. Diese wird nunmehr in
verschiedenen Kontexten hinsichtlich ihrer beiden Elemente positiv/
negativ oder negativ/positiv bewertet. Die Beobachtung der positiven
Bewertung des attischen Stils in sogenannten klassischen Zeiten und
der entsprechenden negativen des asianischen und umgekehrt der po-
sitiven des asianischen in sogenannten nichtklassischen Zeiten und der
entsprechenden negativen des attischen Stils hat zu dem Versuch ge-
führt, eine ahistorische Typologie12 zweier oppositiver Stile, die sich
periodisch ablösen, zu erstellen. Der attische Stil erhält damit den
Status des klassischen, während der asianische zum unklassischen, ma-
nieristischen Stil schlechthin wird, der auf den verschiedenen Etappen
einer in regelmäßigem Turnus ablaufenden Entwicklung sich immer
neu artikuliert.

11
Zur Darstellung der Dreistillehre vgl. E.R Curtius, "Die Lehre von den drei Stilen
in Altertum und Mittelalter". Romanische Forschungen. 64. 1952. S. 57 f., M.R.
Mayenowa, Poetyka teoretyczna (Theoretische Poetik). Wrodaw-Warszawa-Kraköw-
Gdaiisk 1974. S. 318 ff., besonders aber J. Dyck, Ticht-Kunst. Deutsche Barockpoetik
und rhetorische Tradition. Berlin-Zürich 1966. Kap. III: "Rhetorische Stillehre" und L.
Fischer, Gebundene Rede. Dichtung und Rhetorik in der literarischen Theorie des Ba
in Deutschland. Tübingen 1968. Kap. IV: "Die Stillehre und ihre Verbindung mit der
Gattungstheorie".
12
Vgl. den Versuch G.R. Hockes in seinem Buch Manierismus in der Literatur.
Hamburg 1959.

58
Der totalisierende Anspruch der Stillehre als eines Metatextes mit
Selbstbeschreibungsfunktion äußert sich in der Übernahme eines
strikt außersprachlichen Einteilungsschemas, das auf einer Dreiteilung
der Objekte der Welt in hohe, mittlere und niedrige beruht, denen der
jeweils adäquate sprachliche Ausdruck zugeordnet wird; er äußert sich
auch in der folgenreichen (für die gesamte mittelalterliche Rhetorik-
und Poetik-Tradition) rota Vergilii™. Die rota Vergilii stellt den Ver-
such dar, den sozialen und kulturellen Kontext in allen seinen Mani-
festationen zu einer semiotischen Einheit zu organisieren, und zwar
mit dem Entwurf einer kohärenten Reihe von Bedeutungszuweisun-
gen, die Stilarten, Gattungen und soziale Stände umfaßt und die in
den einzelnen Gattungen und Stilarten erzeugten Gegenständlichkei-
ten (Baumsorten, Örtlichkeiten, Gerätschaften, Tiere) in das Schema
einbezieht. Ein weiteres Spezifikum dieser Einteilung ist die Koppe-
lung der einzelnen StUarten an bestimmte stiUstische Verfahren, die in
hierarchischer Folge ästhetische Effekte realisieren (schwache, mitt-
lere, starke Schmuckstufe, entsprechende Verfremdungsstufen).
Die hierarchische Ordnung der Stiltriade wird häufig auch durch
eine Qualifizierung der Ausdrucksfähigkeit der Sprache für unter-
schiedliche Redeziele motiviert. Es ist dies eine Qualifizierung, die
sich an ästhetischen Normen orientiert. Grande, sublime, amplum ge-
nus dicendi, - summissimum, tenue genus dicendi, - medioere, modera-
tum, medium genus dicendi sind Bezeichnungen, die diese Ordnungs-
vorstellung abbilden und bezüglich der konkreten stilistischen Ver-
fahren klare Anweisungen implizieren.

IV

K o n v e n t i o n a 1 i t ä t und N i c h t u n iv e r s a 1 i t ä t
rhetorischer Lehre

Die Dreistillehre beruht auf einer Konvention, die einer konkreten


Kommunikationssituation entstammt und durch eine bestimmte kul-
turelle Konstellation zu einem zentralen Bestandteil europäischer
'Sprachlehre' avanciert. Mit antiker Autorität ausgestattet, wird die
Dreistülehre von jedem volkssprachlichen System, das eine Homoge-
nisierung und gleichzeitige Funktionahsierung seiner 'Sprachen' her-
beiführen will, übernommen und z.T. assimiliert.
Macht man sich noch einmal klar, daß die rhetorisch-stilistische
Lehre Produkt einer deskriptiv-präskriptiven Tätigkeit ist, die einem
bestimmten kulturellen Kontext gilt, dessen kommunikative Normvor-

Vgl. Curtius, aaO.; Dyck, aaO.; Fischer, aaO.

59
Stellungen sie sowohl artikuliert als auch hervorbringt, und begreift
man sie als ein modellierendes System, das bezügUch eines Teilbe-
reichs des kulturellen Kontextes als Selbstbeschreibung dieses Be-
reichs funktioniert, so ist der Tatbestand des Imports solcher Lehre
durch einen fremden, anders strukturierten kultureUen Kontext mit
anderen Bedingungen und Voraussetzungen verbaler Interaktion und
anderen Konventionen ihrer Modellierung als Signal für die Verän-
derung des importierenden Systems zu verstehen.
Die Motive für den Import (der als Prozeß Gegenstand kulturtypo-
logischcr Kategoriebildung werden sollte) liegen zum einen im Auftre-
ten neuer kommunikativer Bedürfnisse in Abhängigkeit von sozialen
Veränderungen, die eine Öffnung der eigenen Kultur ebenso unter-
stützen wie die Bereitschaft, fremdsystemliche Kommunikation wahr-
zunehmen. Zum andern sind sie im Selbstverständnis eines Kultur-
systems selbst zu suchen, das bezüglich eines fremden eine Wertvor-
stellung entwickeln kann, die soziale Gültigkeit erlangt und dazu führt,
daß die fremde, im Vergleich zur eigenen höher 'bewertete' Kultur -
bzw. bestimmte ihrer Teilbereiche - assimiliert werden muß, um den
Bestand der eigenen Kultur zu sichern. Werden solche Wertvorstel-
lungen von einer kleinen Gruppe einer Kultur mit dominierender
Funktion entwickelt, so kann die Assimilation durchaus den Charakter
eines Oktroi annehmen, zumindest aber Prozesse in Gang setzen, die
eine InStabilisierung und Umschichtung des gesamten Kommunika-
tionsbereichs bewirken, die zu Kontroversen innerhalb des Systems
über dessen Fortbestand und Weiterentwicklung führen können.
In keinem Fall kann man wohl davon ausgehen, daß rhetorisch-
stilistische Lehre Universalität beanspruchen und für jedes kom-
munikative System verschiedener Kontexte Gültigkeit haben kann.
Genausowenig läßt sich von einem objektiven Vorhandensein be-
stimmter Stile, Sprachkonzeptionen, kommunikativer Formen spre-
chen, vielmehr ist eine Aussage über deren universale und objektive
Existenz, die gleichzeitig eine Aussage über die Allgemeinverbindlich-
keit der entsprechenden Sekundärgrammatik ist, selbst BestandteU
einer kulturkontextabhängigen Ideologie und muß als solche reflek-
tiert werden.
Die Veränderungen innerhalb des russischen kulturellen Kontex-
tes, wie sie sich in der Einführung einer fremdsystemlichen Sekun-
därgrammatik zu Beginn des 17. Jahrhunderts manifestieren, lassen
sich kaum damit begründen, daß die russischen Rhetoriker nunmehr
die objektive Existenz der drei Stile in der Literatursprache erkannt
hätten, wie das der sowjetische Stilhistoriker Vomperskij14 tut, wenn

14
V.P. Vomperskij, Stilistiieskoe uienie M. V. Lomonosova i leorija trech stilej (Die
Stillehre M.V. Lomonosovs und die Theorie von den drei Stilen). Moskva 1970. S. 29.

60
er die Leistung der Dreistillehre für das russische 17. Jahrhundert
qualifiziert und dabei besonders auf die älteste erhaltene, in der Rhe-
torik des Makarij formulierte eingeht. Ebensowenig kann man Vino-
gradovs diesbezügliche These akzeptieren:
Glava "O tajnych rodach glagolanija" v Ritorike 1620 g. svidetel'stvuet, cto v
russkom literaturnom jazyke vtoroj poloviny XVI - nacala XVII v. uze
oboznacalis' obscie kontury trech stilej, trech "rodovglagolanija".

(Das Kapitel "Über die Geheimen Redearten" in der Rhetorik von 1620 zeugt
davon, daß sich in der russischen Literatursprache der 2. Hälfte des 16.
Jahrhunderts/Anfang des 17. Jahrhunderts bereits die allgemeinen Konturen des
Dreistilsystems, der 'drei Redearten' abzeichneten.)

Vinogradovs Argument berücksichtigt nicht, daß mit der Rhetorik-


Stillehre eine fremde sekundärgrammatische Konvention mit be-
trächtlichen normativen, d.h. organisierenden und strukturierenden
Konsequenzen in den russischen kulturellen Kontext überführt wird.

V
D i e M ak a r ij - R h e t o r i k a l s
'isoliertes' Dokument

Das Makarij, dem Bischof von Vologda, zugeschriebene Lehr-


buch16 läßt sich aufgrund der Textlage als vereinzelt stehendes Doku-
ment werten. Es handelt sich um eine kirchenslavisch-russisch ge-
schriebene Rhetorik, die auf eine andere Tradition als die durch eine
Vielzahl lateinischer Textbücher belegten des ukrainisch-russischen
Kulturbereichs zu verweisen scheint. Dieses im nordgroßrussischen
Raum, bei Vologda, Ende des zweiten Jahrzehnts des 17. Jahrhun-
derts 'erscheinende' Handbuch läßt sich nicht in den polnisch-ukrai-
nisch-russischen Kulturkontext einordnen, sondern entstammt einem
direkten Kontakt zwischen nordgroßrussischen Bildungszentren, zu
denen Vologda, Rostov VeUkij u.a. zu zählen sind, und Westeuropa,
und zwar ohne nachweisbare Vermittlung polnischer oder ukraini-
scher Bildungsstätten. Die Untersuchung von Heinrich Steinkühler17

° V. V. Vinogradov, Osnovnye problemy izulenija obrazovanija i razvitija drevnerussko-


go literaturnogo jazyka (Die zentralen Probleme bei der Untersuchung der Bildung und
Entwicklung der altrussischen Literatursprache). Moskva 1958. S. 120.
Ich beziehe mich im folgenden auf die von mir herausgegebene Version mit dem
Titel Die Makarij-Rhetorik ("Knigi sut' ritoriki dvoipo tonku v voprosech spisany...").
(Rhetorica Slavica. Bd. I). Köln, Wien 1980.
17
Steinkühler argumentiert in "Die Theorie der Rede in Rußland zu Beginn des 17.
Jahrhunderts. Die Makarij-Rhetorik im europäischen Kontext." In: Slavische Barock-
literatur II. Hrsg. R. Lachmann. München 1983. S. 153-178, gegen die Darstellung bei
D.S. Babkin, "Russkaja ritorika nacala XVII v" (Russische Rhetorik zu Beginn des

61
führt plausible Gründe dafür an, daß das Handbuch des Makarij ent-
gegen allen bislang geltenden Annahmen, wonach dieses als Überset-
zung einer polnischen Vorlage, die ihrerseits auf eine lateinische
Quelle zurückgehe, zu gelten habe, eine völlig andere Entstehungsge-
schichte hat. Aufgrund des spezifischen Aufbaus sowie bestimmter
Akzentsetzungen, denen das Lehrbuch folgt, kann Steinkühler die
'Ritorika' in einer Tradition situieren, die auf die Elementorum
retorices libri duo des PhUipp Melanchthon zurückzuführen ist. Dabei
werden in Sonderheit vier Punkte aufgerufen, die diesen Zusammen-
hang erhellen: 1. Die Verflechtung von Rhetorik und Dialektik, die
ihrerseits auf eine eigene Tradition verweist; 2. die ZweigUedrigkeit
der Rhetorik (eine signifikante Abweichung vom sonst üblichen Typ
der fünfgliedrigen Rhetorik), 3. die Erweiterung der Liste der drei
genera dicendi um ein viertes genus, das genus didadicum und 4. eine
theologische Ausrichtung, die zumindest im Exemplamaterial einer
der Handschriftenversionen erkennbar ist und eine Beziehung zur
protestantischen herzusteUen erlaubt. Über die Verortung der Maka-
rij-Rhetorik in der Melanchthon-Tradition hinaus gelingt es Steinküh-
ler, einen Text auszumachen, der als direkte Vorlage für die Überset-
zung gedient hat. Es handelt sich um die Elementa Retorices des Lucas
Lossius. Die Rhetorik des Lossius ist zwischen 1550 und 1620 minde-
stens zwanzigmal nachgedruckt worden. Steinkühler weist eine Wort-
für-Wort-Über-setzung nach, die sowohl "die Anordnung von Sche-
mata und Tabellen'' wie auch "die der IUustration dienenden Beispiele"
miteinbezieht.18
Die Makarij-Rhetorik vertritt den Typ c) der oben genannten Ver-
mittlungsformen rhetorischer Lehre. Allein aufgrund ihrer sprach-
lichen Verfaßtheit vermag sie auf das importierende System nach-
haltig einzuwirken. Das Kirchenslavisch-Russische, in dem der rheto-

XVII. Jhdts.). In: Trudy otdela drevnerusskoj literatury. VII. Moskva-Leningrad 1951. S
346-353, bei V.P. Vomperskij, Stilistiieskoe uienie M.V. Lomonosova i teorija trech stilje
(Die Stilistiklehre von M.V. Lomonosov und die Dreistillehre). Moskva 1970. u.a.
Auch einer weiteren Fehleinschätzung kann Steinkühlers Untersuchung entgegen-
treten. Die Arbeiten von Babkin, Vomperskij, Nikolaev u.a. stellen die Behauptung
auf, daß die Makarij-Rhetorik eine Tradition herausgebildet habe, in der gegen Ende
des Jahrhunderts die Rhetorik von Usaiev stehe. Bei letzterem handelt es sich, so
Steinkühler, um das dritte Kapitel des Werks Kniga izbranaja vkratee o devjattch
muzach i o sedmich svobodnych chudoiestvach des Nikolaj Spafarij, das seinerseits wie-
derum eine andere Tradition indiziert. - TV. Bulanina unterstützt in "K voprosu o
statirovke pervoj russkoj 'ritoriki" (Zur Frage der Datierung der ersten russischen
'Rhetorik'.) In: Publicistika i istoriieskie socinenija periodafeudalizma. Hrsg. E.K
Romodanovskaja. Novosibirsk 1988. S. 36-57, die Untersuchungsergebnisse Stein-
kühlers, stellt jedoch das Entstehungsdatum erneut infrage. Sie plädiert überzeugend
für die These, daß die Rhetorik des Pseudo-Makarij in der 2. Hälfte des 16. Jahrhun-
derts in den west-russischen (unter polnischem Kultureinfluß stehenden) Ländern
übersetzt wurde und von dort nach Großrußland gelangte.
18
Ebd., S. 175f.
rische Text abgefaßt ist, ist bereits als Sprache der Grammatik, das
heißt als Sprache mit Metafunktion in diesem kulturellen Kontext ha-
bitualisiert. Ein Regelinventar, das in einer in dieser Funktion akzep-
tierten Sprache abgefaßt ist, kann auf Textpraktiken, zu entwickelnde
aber auch vorfindliche, direkteren Einfluß ausüben als das lateinisch-
sprachige Handbuch, das quasi erst über die Vermittlung von Textbei-
spielen in lingua sclavonica auf eine mögliche Textproduktion in nicht-
lateinischer Sprache hinweist. Das 'übersetzte' Handbuch versucht die
Integration des terminologischen Apparates der Rhetorik und bietet
eine Beschreibungssprache an, deren präskriptive Indikationen unmit-
telbar realisiert werden können.
Das Handbuch erscheint als isoliert, die darin vermittelte Lehre
als Import eines Kulturguts zur Aufwertung der eigenen Kultur, als
Lehre mit Selbstzweck. Es ist denkbar, daß der Mangel an überliefer-
ten rhetorikorientierten Texten aus einer allgemeinen Disposition
gegenüber Texten dieser Art rührt. Etwa in dem Sinne, daß das Re-
gelsystem eine größere Wertschätzung genießt als die Textpraxis und
daß demgemäß die produzierten Texte nicht aufbewahrt werden, der
rhetorische Text dagegen durchaus. Eine solche Disposition ließe sich
aus der neuen Funktion, die eine sich umorganisierende Kultur Texten
zuschreibt, herleiten. Das russische 17. Jahrhundert etabliert eine
neue Haltung zu Texten: denn gegenüber der altrussischen Text-
Kultur erscheint die des 17. Jahrhunderts als Regel-Kultur, als Kultur,
die die textgenerierende Regel über den Text stellt19. Sobald weitere
Einblicke in die tatsächlichen Kommunikationsverhältnisse im Bereich
um Vologda bzw. in denjenigen Bereichen, in denen die Makarij-
Rhetorik übersetzt, abgeschrieben, gelehrt wurde, vorliegen werden,
können die hier angestellten Vermutungen korrigiert werden. Dabei
kann eine Forschungsperspektive als Desiderat gelten, die entspre-
chend der anfangs formulierten Frage nach der Rolle der importierten
Rhetorik folgende vier Punkte zum Gegenstand nimmt:
1. Die Modellierung der vor-rhetorischen Kommunikationsfor-
men in dem für die Makarij-Rhetorik relevanten Raum.
2. Das Aufzeigen einer tatsächlichen Veränderung des vorfindU-
chen Kommunikationssystems (Text- und Redepraxis), die auf die
konkrete Wirkung der Makarij-Rhetorik bzw. deren Nachfolge zu-
rückgeführt werden kann.
3. Der Aufweis neuer kommunikativer Formen.
4. Die Registrierung derjenigen Fälle, in denen vorfindliche Funk-
tionen auf neue Formen übertragen werden.

1
Hierzu Lotmans Typologie, die auf einem binaristischen Modell basiert, O semiotiie-
skom mechanizme, aaO. und ders./A. Pjatigorskü, Tekst i funkeija. Letnjaja skola pro
vtoricnym modelirujuScim sistemam. III. Tezisy. Tartu 1968.

63
Zunächst aber kann die vorliegende Rhetorik als isoliertes kultu-
relles Faktum unter mehreren im Kontext der generellen Problematik
stehenden Aspekten betrachtet werden, wobei auch Fragen der Ter-
minologie und der Einordnung des Handbuchs behandelt werden kön-
nen. Das terminologische Angebot der Makarij-Rhetorik ist Ergebnis
einer angestrengten Übersetzungsarbeit, die sich mit den rhetorischen
Termini, einer sehr stabilen lateinischen Terminologie, auseinander-
setzen muß. Aufgrund dieser Stabilität ist es auch möglich, eine Reihe
von kirchenslavisch-russischen Ausdrücken, die Makarij als äquivalen-
te Bezeichnungen einführt (die sich aber in der Folge in der russi-
schen rhetorischen Terminologie des 17. und 18. Jahrhunderts z.T.
nicht haben durchsetzen können und die damit sozusagen in die Un-
verständlichkeit zurückgefallen sind), in diesem Kontext zu entschlüs-
seln.
Dabei wird von Interesse sein herauszuarbeiten, welches Rhetorik-
Verständnis hier vermittelt wird, wie die neue Dreistillehre und die
dichotomische rhetorikimmanente Sprachkonzeption sich hier nieder-
schlagen. Es gilt, die beschreibend-vorschreibende Leistung dieser
Rhetorik zu überprüfen, die Perspektiven zu nennen, die sich aus dem
Regelinventar, den stilistischen und argumentativen Anweisungen für
eine Umstrukturierung des vorfindUchen Milieus, ergeben, sowie den
Bereich der Redegattungen zu ermitteln, den sie absteckt - und das
heißt, der Kommunikationssituationen, die sie zuläßt - gleich nun, ob
dem eine Textpraxis zugeordnet werden kann oder nicht.

VI

R he t o ri k - K o n z e p t des M ak a r ij - H a n d b u c h s

Die Rhetorik des Makarij hält sich bei der Formulierung ihrer
Aufgabenbestimmung und ihres Selbstverständnisses an die Topologie
von Frage und Antwort, wie sie der Handbuch-Tradition entspricht:
"Cto est' ritorika [...] ritorika est' jaze [ ...]" (Was ist die Rhetorik [...]
Die Rhetorik ist, [...]) (lv) oder "Cto est' suäöestvo nauki ritoriki.
Takovo est' [...]" (Was ist das Wesen der Kunst der Rhetorik. Dieses
ist [...]) (2V)20.
Die erste Definition der Rhetorik lautet:
ritorika est' jaze naucaet puti pravago zitija poleznago dobroslovija. Siju ze nauku
sladkoglasiem" ili krasnosloviem" naricaet". Poneze krasovito i udobno glagolati i
pisati naucaet. (lv)

20
Die den Zitaten in Klammern beigefügten Übersetzungen sind annähernde Hilfs-
übersetzungen d. V., deren Begrifflichkeit zumeist durch den nachfolgenden Text er-
läutert wira

64
(Die Rhetorik soll Wege desrichtigenLebens [und] der nützlichen Wohlredenheit
lehren. Diese Kunst nennt man Süßrede oder Schönreden. Denn sie lehrt, schön
und angenehm zuredenund zu schreiben.)

und des Rhetors (Rhetorikers):


ritor" sirW' ucitel'. Blagoslovija naucen" est'. Ta ze nauka ot Dimostena greceska-
goritora,siric' chitrorecivago I ot Markusa Taliusa, i Kikerona latin'skago chitro-
slovija nacalnika (2)

(Der Rhetor ist also der Lehrer. Er ist der Wohlredenheit kundig. Diese Kunst
geht vom griechischen Rhetor Demosthenes aus, demredegewandten.Und von
Marcus Tullius Cicero, dem lateinischen Urheber der Redegewandtheit.)

Derritor"wird als rööitoönik'121, als "celoväk zölo v naucö r6cenija chitr"


[...]" (ein Mensch, der in der Kunst der Rede gewandt ist) (2) bezeich-
net. In den Bezeichnungen nauka, nauöaet", nauöen", uöiteV einerseits
und chitroslovie, blagoslovie, sladkoglasie, dobroslovie, krasnoslovie an-
dererseits läßt sich der Doppelaspekt erkennen, der von jeher mit dem
Rhetorikverständnis verknüpft war: der der Lehre (und Wissenschaft)
von der schönen Rede und der der Kunst der Beherrschung der schö-
nen Rede. Dieser Doppelaspekt drückt sich im Aufbau der rhetori-
schen Lehrbücher, auch dem des Makarij, aus: es nennt die Regeln
(die neben ihrem normativen präskriptiven Moment auch das einer
Verfahrensbeschreibung haben), und es führt Paradigmen vor. Regel
und Paradigma sind primär Initiatoren für die Textproduktion, aber
auch deren Repräsentanten.
Gewiß ist eine genaue begriffliche Abgrenzung der beiden Aspekte
aufgrund des nicht gänzlich zu klärenden Sprachgebrauchs schwer
möglich. Sowohl nauka als chitroslovie, in dem der Begriff chitrost'22
steckt, sind semantisch an techne (bzw. ars) orientiert. Derritor"ist ein
uöiteV, aber auch selber nauöen" und "z61o v nauce recenija chitr"", d.h.
ein reöitoönik". Nauka und chitrost' treffen sich in der Konnotation
Kunstfertigkeit, Kompetenz. Als Regelinventar verstanden bzw. als se-
kundäre Grammatik, die Anweisungen formuliert und Verfahren be-
schreibt, ist nauka Voraussetzung für das chitroslovie.

** Zur Geschichte von 'ritor' - 'recitocnik' im Kontext der Rezeption der Rhetorik
und der Lehre von den drei genera dicendi weist TV. Bulanina auf südslavische
Quellen, die ihrerseits Übersetzungen byzantinischer Texte sind, hin. "Pervoe v
slavjanskich literaturach opredelenie lskusstva ritora i trech rodov krasnorecija" (Die
erste Definition der Kunst des Rhetors und der drei Gattungen der Redekunst in den
slavischen Literaturen). Starobülgarska literatura. 20. 1987. S. 95-111. Dieser Beitrag
macht deutlich, daß 'unter1 der durch Anschluß an die westliche Tradition sich heraus-
bildenden kulturellen Schicht die ältere südslavisch-byzantinische zu ermitteln ist.
22
Vgl. die Definition dieses Terminus bei H.G Lunt, Concise Dictionary ofOldRus-
sian. München 1970. Die russisch(-kirchenslavische) rhetorisch-stilistische Termino-
logie des 17. und 18. Jahrhunderts wird weder bei Lunt noch in anderen Lexika berück-
sichtigt. Auch die lexikographischen Unternehmungen in Moskau und Leningrad
haben mit geringen Ausnahmen darauf verzichtet, rhetorische Texte zu exzerpieren.

65
Die Anweisungen der Makarij-Rhetorik haben zweierlei Status.
Zum einen heißt es:
razsuzati o dolgoj besede ili recenii i kakov" byl" ein" i urjadstvo fastej i statej v
besede i kakovo est' ukrasenie slovesnoe

(bei einem langen Gespräch oder einer Rede abzuwägen, wie Rang und Anord-
nung der Teile und Abschnitte im Gespräch sein sollen und wie der Wortschmuck)

und zum andern:


a potom" zdilati ctob ukraSenie slovesnoe podlinnye stat'i imelo. I ctob velikie
deJa kratkimi slovesy i malymi nemnogo vygovarivaja no toclju ftob pribavljala, i
pridavala svetlosti i sijanija slovesnago. (2v)

(und dann dafür zu sorgen, daß der Wortschmuck die richtigen Abschnitte [be-
trifft]. Damit große Dinge mit kurzen und wenigen nicht [zu] viel redenden Wor-
ten [gesagt werden], sondern nur Licht und Glanz der Worte hinzugefügt wird.).
(Vgl. in lateinischer Terminologie lumen verborum)

Die Wendung razsutati o besöde impliziert einen Metastandpunkt, der


Ausdruck zdölali hingegen den einer pragmatischen wirkungsbezoge-
nen Einstellung. Gewiß darf man razsuiati (das in der Folge auch in
der Bedeutung 'argumentieren' auftaucht) als Metabegriff nicht über-
interpretieren, doch gilt es, auch mit Hinweis auf diese Formulierung,
den Doppelaspekt der naukaritorikihervorzuheben. Zum einen ist sie
ein Traktat über die besöda oder das reöenie (oratio), über den öin"
und das urjadstvo öastej (dispositio) sowie über das ukraSenie slovesnoe
(elocutio, hier genauer: ornatus); zum andern ist sie ein Lehrbuch, das
Anleitungen dazu gibt, wie das ukraSenie slovesnoe, die svötlosti, und
sijanija slovesnye angemessen (podlinnye stat'i) einzusetzen sind.
In der Bczeichung oder Qualifizierung der Rede sind zwei Aspekte
zu unterscheiden: das dobroslovie, das als pravoe und poleznoe und das
sladkoglasie oder krasnoslovie, das als krasovito und udobno bezeich-
net wird.Bildet man, diese Attribute einbeziehend, die Oppositionen
dobroslovie (Gutreden) vs. krasnoslovie (Schönreden)
pravoe (richtig) vs. krasoviloe (schön)
poleznoe (nützlich) vs. udobno(e) (angenehm),

so lassen sich hier unschwer Gegenüberstellungen von Kategorien er-


kennen, die in der rhetorischen Tradition zur Formulierung unter-
schiedlicher sprachlicher, kommunikativer und ästhetischer Ideale
geführt haben. Wenn sie auch in dem vorliegenden Text unproblema-
tisiert nebeneinander stehen, so kann man sie dennoch - eingedenk
der genannten in der rhetorischen Überlieferung belegten Konfronta-
tion der entsprechenden Konzepte - bei der Interpretation in diese
Perspektive rücken.

66
Die Rhetorik in Makarijs Version scheint Aufgaben der Primär-
grammatik mit denen einer Sekundärgrammatik zu verbinden, wenn
dobroslovie (pravoe) und krasnoslovie (krasovito) im Sinne einer
Opposition zwischen rede dicendi und bene dicendi verstanden werden
kann. Konfrontiert man die Begriffe poleznoe und udobnoe, so ist man
versucht, ein utile und ein dulce wiederzuerkennen, oder weiter gefaßt,
Funktionsbestimmungen von Textarten herauszulesen: solcher, die
nützlich sind, praktische Funktionen der Kommunikation erfüUen, und
solcher, die angenehm sind, ästhetische Funktionen der Kommunika-
tion erfüllen, deren Relevanz hier allerdings zunächst verborgen
bleibt.
Die Makarij-Rhetorik schreibt sich in eine antike Tradition ein.
Die Autorität dieser Tradition ist ein nicht unwesentlicher Bestandteil
des Lehrbuchs, der für dessen mögliche Rolle im kulturellen Kontext
mitverantwortlich ist. Makarij versucht, ein lateinisches von einem
griechischen Rhetorik-Verständnis zu unterscheiden, er verknüpft die-
ses mit den bekannten Vertretern der klassischen Rhetorik, wobei so-
wohl Demosthenes wie Cicero als Vertreter rhetorischer Praxis, nicht
als Verfasser rhetorischer Lehre, begriffen sind. Zweifellos gehört die
Nennung dieser Namen, die in der gesamten rhetorischen Überliefe-
rung eine kolossale paradigmatische Potenz bewiesen haben, ebenso
wie der Versuch, der Bezeichnung 'Rhetorik' etymologisierend beizu-
kommen, in die Topologie rhetorischer Selbstbestimmung und ist
sicher kein Zeichen für die besondere Belesenheit des Übersetzers,
wie Vomperskij behauptet23. (Die merkwürdigen Fehler, die er macht
und die sicher nicht der Vorlage angelastet werden können, lassen
eher auf das Gegenteil schließen.) Doch scheint mir dies ein unwichti-
ges Detail gegenüber der grundsätzlichen Leistung der Adaptation
und Überführung eines rhetorischen Metatextes. Daß der Anspruch
rhetorischer Lehre ein totalisierender ist, und zwar in dem Sinne, daß
alle (möglichen) Reden, d.h. Kommunikationssituationen erfaßt wer-
den sollen, wird auch aus einigen Formulierungen des Makarij deut-
lich:
Die Rhetorik lehrt "glagolati i pisati" (reden und schreiben); die
Fähigkeit desritor"besteht darin,
ctob" emu o takovych" veicach govoriti moseno. kotorye v delach, i na gradekich"
sudach", po obycaju i po zakonu gospodarstva togo gd£ rodilsja byvajut" prigodnye
i pochvalnye. (2)

(daß er über solche Dinge reden kann, die in [amtlichen] Angelegenheiten und auf
den städtischen Gerichten, entsprechend dem Brauch und dem Gesetz des Staa-
tes, in dem er geboren wurde, passend und löblich sind).

Stilistiieskoe uienie, aaO., S. 23.

67
Seine Aufgabe ist, "ctob" ümel" razsuzati i ko vsjakomu delu podoba-
juScie slova prilogati" (urteilen zu können und jeder Sache die passen-
den Worte beizumessen) (2-2v). Gerichtsreden und beratende Reden
(vielleicht politische) sind hier gemeint, wie sie der Konvention, "po
obyfcaju", entsprechen und wie sie an einem bestimmten Ort, "gdS ro-
dilsja", üblich sind, d.h. soziale Gültigkeit und Rang besitzen.
Makarij formuliert hier Kommunikationssituationen, die dem rus-
sischen Kontext nicht fremd sind24, die aber keiner artikulierten Lehre
korrespondieren. Der Bereich der Fest- und Prunkrede wird hier noch
nicht erwähnt, er dürfte in der Tat derjenige sein, der als Redepraxis
und als Redelehre bezüglich des gesamten Kommunikationsgefüges
innovatorische Funktion übernehmen kann. In der zitierten SteUe ist
noch hinzuweisen auf die Wendungen razsuzati und "vsjakomu ddlu
podobajüscic slova prilogati" (jeder Sache die passenden Worte beizu-
messen). Es läßt sich in razsuzati der Aspekt des Argumentierens her-
vorheben, der durch die in der Makarij-Rhetorik breit angelegte
mvevift'o-Lehre in der Folge entfaltet wird; in der zweiten Wendung
steckt das Moment der Entsprechung von argumentum (bzw. res), dölo
oder veSö' und verba, d.h. das eines Bezugs, der offenbar durch eine
quasi-ästhetische Norm der Entsprechung reguliert ist. Diese Korre-
spondenz-Norm ist bekanntlich zentraler Bestandteil des decorum-
bzw. apfM/Ji-Anspruchs, der insbesondere in der vor- und nach-
barocken Rhetorik eine Rolle spielt. Die podobajuSöie sind die apta
verba, die die decorum-Regel realisieren. Ein Echo der nämlichen
Norm ist in der bereits zitierten Anweisung enthalten, wonach der
Wortschmuck in der Rede seinen angemessenen Platz zu erhalten
habe.

VII
Aufbau der Makarij-Rhetorik

Die Rhetorik-Version des Makarij umfaßt zwei Teile 25 : O


izobrötenii döl" und O ukraienii slova, d.h. sie umfaßt eine inventio-
Lehre, die sich speziell mit der Findung der Argumente, döl", befaßt,
und eine omatus-Lehre, wobei ukraSenie als Äquivalent für elocutio in-
terpretierbar ist. Trotz der Beschränkung auf diese beiden sind dem
Schreiber die fünf Teile der konventionellen Rhetorik durchaus be-
kannt. Er benennt sie wie folgt:

Es ist davon auszugehen, daß es redefunktionale Strategien im 17. Jahrhundert gibt,


die für Kommunikationssituationen mit der sozialen Relevanz einer Gerichtsverhand-
lung entwickelt worden sind.
25
Steinkühler, aaO., S.163-167.

68
1. izobretenie dela
2. cinovnoe razlicie ili rozrjad" dila
3. soedinenie slov" prigodnymi slovy
4. pamjat"
5. glasomernoe i vJzlivoe slovo (2v-3).

Jeder Teil erhält eine kurze Definition, die es erlaubt, den primären
lateinischen Terminus zu erschließen, von dem die polnische Quelle
Makarijs ausgegangen ist.
Das obrötenie döl" ist die inventio, speziell inventio argumentorum,
sie wird mit Cicero und seiner Paraphrase der inventio als Findung
wahrer oder wahrscheinlicher Gedanken vorgestellt:
O tom" Kikeron" filosof" pisal", cto obretenie est", sirW vydumanie, ili vymysl"
pravednych" veäcej, ili k pravda podobnych". Kotorye veäSi vsjakoe d<51o jasnejäee i
k" pravdi podobnejJee pokazujut" (3)

(Der Philosoph Cicero schrieb darüber, daß die Findung [inventio] sozusagen das
Ausdenken wahrer oder wahrscheinlicher Dinge [res] sei. Diese Dinge zeigen jede
Sache [materia] am klarsten und der Wahrheit am angemessensten.).

VeSö' (res) hat den Status eines "Gedankens" 26, der der Konkretisie-
rung einer bereits vorgegebenen materia (tema), hier als dölo bezeich-
net, dient. Dölo muß mit argumentum übersetzt werden. Die veSöi stel-
len das Thema so klar wie möglich und so wahrscheinlich wie möglich
dar. Die Forderung der perspicuitas und der verisimilitudo paßt zu der
bereits genannten des decorum.
Das "cinovnoe razlicie Ui rozrjad" dela" ist eine Umschreibung des
Begriffs dispositio, die noch weiter ausgeführt wird:
razdelenie est' obrätennych" veicej na cinovnyja i urjadnyja stati razs£cenie (3)

(die [dispositio] ist eine Unterteilung der gefundenen [res] in rang- und ordnungs-
gemäße Abschnitte).

Dolo und veiö' werden hier offenbar synonym gebraucht und bedeuten
beide den gefundenen "Gedanken" bzw. das gefundene Argument, auf
dessen ordentliche Aufeinanderfolge und klare Anordnung und Ver-
teilung die rhetorische Anleitung hinweist.
Der dritte Teil der Aufzählung hätte die Bezeichnung ukraSenie er-
warten lassen, wie sie als Überschrift des zweiten Buches der Makarij-
Rhetorik auftaucht. Stattdessen erscheint hier unter dem zweiten Ab-
schnitt das soedinenie slov", das definiert wird als "prigodnych" i udob-
nych slov" i stichov" iU pritcej ko obreteniju d£la prilozenie i prirovna-
nie" (3). Dem gefundenen Argument (Gedanken) sollen geziemende

M
Im Folgenden wird H. Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik. 2 Bde. Mün-
chen 2. Aufl. 1973, mit entsprechender Paragraphenangabe im fortlaufenden Text
zitiert.

69
Wörter, Verse, Ausdrücke angepaßt oder angeglichen werden. Hier
ist offensichtlich die elocutio gemeint, die ganz im Sinne der Korre-
spondenz-Beziehung und Angemessenheitsrelation zwischen res (argu-
menta) und verba formuliert wird.
Es folgen memoria und pronuntiatio, wobei letztere auch actio, d.h.
die Gestik, zu implizieren scheint.

Pamjat' nemnogo ot nauki pomo&i priemlet" i vzemlet", no tociju prigodnago d£la


ko glasomernomu vygovoru vsjakich de!", takoz i k dejstvu telesnomu cinovnomu
nadobe ucitisja posledovaniem" za naukami i obycaimi premudrych" ritorov" (3v);
Glasomcmoe est' slovo, glasa, i tela mernoe i vgzlivoe ustroenie ot castej i ot do-
stoin'stva slov" i d£l" proizchodjascee. (3r-3v)

(Das Gedächtnis nimmt und übernimmt vom Wissen, aber nur [ein solches] Argu-
ment, das zu einem klangvollen Aussprechen aller Argumente taugt. So ist es zu
einer körperlichen geziemenden Ausführung vonnöten zu lernen, indem man dem
Wissen und den Bräuchen der weisen Redner folgt. Klangvoll (wohltönend) ist die
Rede, die von den Redeteilen und der Würde der Worte und Argumente ausge-
hende und höfliche Einstellung von Stimme und Körper.)

Hiermit wird eine Korrespondenz zwischen Körper, Stimme und der


Würde der Wörter und Argumente beschrieben, die dem durchgängi-
gen Konzept des Maßes, der Angemessenheit entspricht. Dieses im
Grunde vor- und außerrhetorische ästhetische Konzept gewinnt in der
rhetorischen Regel eine normative Dimension, deren Bedeutung für
den kulturellen Kontext, für den sie neu formuliert wird, im Vergleich
mit bis dahin geltenden (impliziten) Normen noch zu bestimmen
wäre.
Inwieweit die Empfehlung bestimmter actio- und pronuntiatio-Ver-
fahren vorhandene, mit der Predigtkonvention verbundene, gestische
und artikulatorische Praktiken verändert oder bestätigt und systemati-
siert, ist schwer zu entscheiden. Daß dieser wie die übrigen von der
Rhetorik verwalteten Bereiche wesentlicher Bestandteil bestimmter
Kommunikationsformen ist, scheint unbestreitbar. Um hierzu weiteres
sagen zu können, bedarf es allerdings noch einiger Vorarbeiten.

VIII

D i e in ventio -hehr e

Der j/ivenf/o-Teil, als erstes Buch der Makarij-Rhetorik, führt eine


argumentatio-Lehre mit fragmentarischer Topik bzw. mit nach unter-
schiedUchen Kriterien zusammengestellten /ocZ-Listen vor. Die argu-
menta-Lehre ist, wie noch zu zeigen sein wird, mit einer ausführlichen

70
status-hehre verknüpft. Da im Zuge der Anweisungen für das izobröte-
nie döl" auch Regeln der Sequenz der Argumente, also der Rede-
syntax, formuliert werden, sind hier im inventio-Teil auch Aspekte
berührt, die in der Rhetorik gewöhnlich im eigenen dispositio-T eil
behandelt werden. Hier wie auch im zweiten Teil, dem e/ocuf/o-Buch,
stellt sich die Frage, welcher Text-(Rede)art die Anweisungen gelten.
Ästhetisch dominierte Textarten sind hier offensichtUch zunächst nicht
mitgedacht. Dennoch impliziert die Makarij-Rhetorik eine Sprachkon-
zeption, die auch für ästhetische Texte Konsequenzen hätte.
Gleich zu Beginn des Buches wird ein bedeutsamer Unterschied
zwischen Dialektik und Rhetorik27 eingeführt (nicht etwa, wie man
hätte erwarten können, zwischen Grammatik und Rhetorik):
Cim est' razlifna dialektika ot ritoriki. Tem". Poneze dialektika prostye dela
pokazuet". SirtSc' golye. Ritorika ze k tem" delani" pridaet" i pribavlivaet" sily
slovesnye kaby cto rizu cestnu ili ngkuju odezju. (2v)

(Darin unterscheidet sich die Dialektik von der Rhetorik. Während die Dialektik
die Dinge als einfache, sozusagen nackte zeigt, gibt die Rhetorik denselben Dingen
sprachliche Kräfte bei, gleichsam einen würdigen [ehrenvollen] Schleier oder ein
Gewand.)

Die Dialektik hat es ausschließlich mit den argumenta bzw. res zu tun,
die Rhetorik sowohl mit den res wie mit den verba, die sie den erste-
ren anfügt. Die Dialektik stellt die argumenta 'einfach' und 'nackt' vor,
die Rhetorik 'kleidet' sie ein und 'schmückt' sie. Offenbar ist die Dia-
lektik eine Wissenschaft bzw. Fertigkeit, die für andere Kommunika-
tionsziele vorbereitet, als es die Rhetorik tut. Das wird deutlich aus
der folgenden Aufzählung der rody reöej, genera elocutionis, die der
Dialektik einerseits und der Rhetorik andererseits zugeordnet werden.
Es werden nämlich unterschieden:
1. rod" naucajuscij
2. rod" sudebnyj
3. rod" razsuzajuscij
4. rod" poka/ujuscij. (4)

Während der nauöajuSöij rod29, der Dialektik zugewiesen wird, ge-


hören die drei übrigen in den Bereich der Rhetorik und lassen sich
unschwer mit den bekannten lateinischen Redearten-Bezeichnungen
identifizieren als genus iudiciale, genus deliberativum, genus demon-
strativum. Der konec (4v), das Redeziel der drei rhetorischen genera,
ist determiniert durch die drei Wirkkomponenten des probare, movere
und delectare, die die Rhetorik als officio oratoris angibt.

Vgl. Steinkühler, aaO., S. 158-163.


Steinkühler, aaO., S. 167-174.

71
Nun taucht in der Rhetorik neben dem probare auch das officium
des docere auf (beide werden dem genus sublime, summissime zuge-
schrieben), das offenbar in der Einteilung der genera des Makarij
durch den nauöajuiöij rod abgedeckt wird. Das docere erscheint häufig
in einem Kontext, der es als Gegenpart zu delectare verstehen läßt und
damit zwei Grundfunktionen von Rede(Text)arten konfrontiert, die
der praktischen, utile, und die der autotelischen, dulce. Diese Funk-
tionsdichotomie ist auch in Makarijs Schema gegeben, insbesondere
dadurch, daß der nauöajuiöij rod von den übrigen rody getrennt und
einer eigenen Disziplin zugeordnet wird, die allerdings im Rahmen
der von ihm vertretenen Redelehre verbleibt. Der dichotomische
Aspekt gilt, selbst wenn die drei rhetorischen genera, die Makarij
nennt, auch praktische Funktionen abdecken und unklar ist, ob von
einer rein autotelischen Funktion im Zusammenhang dieses Gattungs-
gebäudes überhaupt die Rede sein kann. Die Opposition 'nackt' vs.
'angekleidet' behält unter diesem Gesichtspunkt ihre Relevanz.
Wenn die gemachte Aussage diese grundsätzliche Gegebenheit
meint, so muß sie bei detaillierter Untersuchung des Textes um eini-
ges präzisiert werden. Die Redeziele, koncy, des nauöajuiöij und des
sudebnyj rod, die als Umschreibung kommunikativer Funktionen zu
begreifen sind, scheinen durchaus vereinbar. Manche Rhetoriken ma-
chen im Bereich der Findungslehre einen Unterschied zwischen inven-
tio dialedica, die als universalis, und inventio oratoria (=rhetorica), die
als particularis qualifiziert wird, wobei die erste mit argumenta proba-
bilia, den sog. pithana arbeitet29. Hiermit ist ein Hinweis auf die Dia-
lektik in diesem Verständnis gegeben, die sie auf das Populäre, das
Übliche, Eindeutige, das Akzeptierte festlegt. Dies deutet auf eine
Zweiteilung innerhalb des rangniedrigsten genus hin, das ohnehin in
die Nähe des populäre, vulgare tendiert. Doch selbst da, wo dieses
genus auf den Schmuck verzichtet, muß es virtutes beachten, nämlich
die der Klarheit und Einfachheit, und zwar in Übereinstimmung mit
den res, die ebenfalls einfach und klar30 sind. Bei Makarij heißt es:
jasno, razumno (klar, verständig). Der Aspekt des prodesse scheint
hier am deutlichsten und eindeutigsten formuliert zu sein. Und von
daher bietet sich an, in der Liste der genera elocutionis des Makarij
eine Funktionsopposition anzusetzen. Es ist die Opposition prodesse
(docere) vs. delectare, von der bereits die Rede war.
Diese Opposition zwischen praktischer und autotelischer Funktion
läßt sich also trotz der Dreizahl von rody, die Makarij definiert und die

a
ZB. Gerhard Johannes Vossius, Commentatorium Rhetoricum, sive Oratorium Insti-
tutionum Libri sex. Lugduni Batavorum. 1630, Cap. II: De inventione. S. 7 f.
" R Bary (La rhitorique francoise..., nouvelle idition. Paris 1659, zit. nach Lausberg)
nennt die Gegenstände dieses genus "maticres populaires".

72
ausnahmslos (auch) praktische Funktionen erfüllen, aufrechterhalten.
Man muß zwar zugeben, daß es keinesfalls leicht ist, die zentrale und
konstante Dichotomie zwischen AUtagssprache und poetischer Spra-
che als 'Konzept' in Makarijs Text auszumachen. Doch ist es immer-
hin möglich, sie in der Gegenüberstellung von 'nackt' und 'angeklei-
det' als implizit gegeben zu betrachten. Diese Gegenüberstellung, die
die von 'schmucklos' und 'geschmückt' umschließt, läßt sich zweifeUos
auf die Opposition plane vs. ornate reduzieren, die die dichotomische
Sprachkonzeption der Rhetorik abbildet. Das 'nackte' docere-genus
des Makarij repräsentiert dabei das merkmallose Glied der Opposi-
tion, das eine Annäherung an die consuetudo anzeigt, durchaus aber
mit einer klar formulierten Redefunktion verbunden bleibt.
Der nauöajuSöij rod ist in diesem Ensemble von genera und officio
womöglich die Vorformulierung einer Funktionssprache, nämlich der
Wissenschaftssprache, die sich durch perspicuitas und den Verzicht auf
den omatus auszeichnet, um deren genaue Beschreibung und Abgren-
zung von anderen Funktionssprachen sich erst die funktionale Stilistik
kümmern wird. Die übrigen Redearten der Rhetorik des Makarij er-
halten durch die Bezeichnungen sily slovesnye, riza und odelda^ (in
der rhetorischen Metasprache übliche Metaphern für den omatus)
spezifische Anweisungen für den gezielten Einsatz und die gezielte
Verwendung sprachlicher Verfahren. D.h. die nichtalltagssprachliche
Verwendung wird reguliert durch ein Inventar von syntaktischen und
semantischen Anweisungen, wie sie das e/ocuf/o-Buch vermittelt.
Der Triade der rhetorischen 'geschmückten' rody reöenij wird eine
stilistische Triade zugeordnet, deren Bezeichnungen die Hierarchie
von hoch, mittel und niedrig bewahrt haben: Das Kapitel O trojnych
rodech" glagolanija (genera dicendi), das am Ende des elocutio-Teih
placiert ist, zählt auf:
1. rod" vysokij
2. rod" mirnyj
3. rod" smirennyj. (44v)

In seinem Kommentar zu dieser Staffelung von Ausdrucksformen


bringt Makarij wiederum einen dichotomischen Zug herein, wenn er
vom niedrigsten Stil, smirennyj rod", sagt: "ne vostaet" nad obycaem"
povsednevnago glagolanija" (erhebt sich nicht über die Gewohnheit
des alltäglichen Sprechens), während 'geschmückt' im reinen und
eigentUchen Sinn nur der vysokij rod" ist. Die Gegenüberstellung von
gewöhnlicher AUtagssprache (merkmallos) und erhabener Sprache
(merkmalhaltig) enthält im Kern die genannte aristotelische Opposi-
tion sowie alle Oppositionen, die auf diese aufbauen, wie z.B. auch die

"Sprachliche Kräfte", "Gewand", "Kleid".

73
des Formalismus zwischen praktiöeskij (praktischer) und poetiöeskij
jazyk (poetischer Sprache). Dennoch kann man wohl nicht ohne weite-
res behaupten, daß es sich bei der Empfehlung zur Produktion eines
solchen 'geschmückten' Stils um 'poetische Sprache' handelt. Trotz
dieser Einschränkung ist die Einführung einer so motivierten dichoto-
mischen Konzeption als solche bedeutungsvoll. Dieselbe Opposition,
die bei der Sortierung der Redearten zur Aussonderung des nauöa-
juiöij rod" als eines golyj geführt hat, liegt innerhalb des Systems dreier
Stile vor, d.h. die Opposition plane vs. ornate.
Vomperskij, der zu Recht zwischen den Begriffen der funktionalen
StiUstik und den rhetorischen ge/iera-Begriffen einen Zusammenhang
sieht, spricht im konkreten Fall der Makarij-Rhetorik von der Formu-
lierung vorhandener "funkcional'nye raznovidnosti literaturnoi reöi"
(funktionale Verschiedenartigkeiten der [Literatur-]Rede)32\ Mir
scheint, daß diese Behauptung dahingehend modifiziert werden könn-
te, daß man sagt, die Makarij-Rhetorik modelliert raznovidnosti der
Sprache, aber nach einem der Rhetorik immanenten Muster. Die Un-
terscheidung der genera elocutionis und genera dicendi, die ihnen zuge-
ordnet sind, schafft eine Funktionahsierung der Sprache, und dies be-
deutet eine Konsolidierung und Bewußtmachung von Redeformen, ein
Sich-voneinander-Abgrenzen verschiedener sprachlicher Habitus, die
Herausbildung spezifischer Verfahren, die eigene Traditionen begrün-
den. Und es bedeutet die Etablierung eines Kommunikationssystems.
In Wiederaufnahme der bereits formulierten Problematik heißt
das: selbst wenn die Rhetorik (und die darin entfaltete Dreistillehre)
zunächst auf keinerlei adäquate Gegebenheit der russischen Literatur-
sprache zu Beginn des 17. Jahrhunderts Bezug nehmen kann und
selbst wenn sie das vorfindliche kommunikative System nicht abbildet,
sondern lediglich als 'reine' Lehre mit lateinischer bzw. polnischer
Kulturautorität wirkt, vermag sie wohl doch in der Folge eine organi-
sierende, strukturierende Funktion zu übernehmen und zum Aufbau
und Ausbau sprachlicher Verhältnisse zu führen, die dem Zustand
entsprechen, den sie beschreibt. Die Nachwirkung der Dreistillehre,
ihre Expansion in rhetorischen Metatexten des 17. und 18. Jahrhun-
derts mögen das, zumindest innerhalb dieses Teilbereichs, belegen.
Die Abgrenzung des dialektischen rod" von den übrigen rhetori-
schen rody ist zwar bezüglich der ihr inhärierenden dichotomischen
Konzeption interessant, bringt aber in der Ausführung (inventio, topi-
ca) keine Differenz zwischen genus 'didadicum' und genus iudiciale
ein. Als Gegenstand seines nauöajuSöij rod" bezeichnet Makarij die vo-
prosy prostye und die (voprosy) sovokuplennye (5). In der rhetorischen
Tradition erscheinen als Redegegenstand die quaestiones controversiae

Stilistiieskoe uienie, aaO., S. 24.

74
(§ 53f.), bei deren Gliederung drei Komplikationsgrade unterschieden
werden: quaestio simplex, quaestio coniunda, quaestio comparativa (§
66 f.). Zur Konstitution der voprosy (vopros prostoj = quaestio simplex;
vopros sovokuplennyj = quaestio coniunda) werden "mösta ili stat'i"
empfohlen, Such- bzw. Frageformeln, die /ocus-Charakter haben. Es
sind sechs Formeln, deren lateinische Äquivalente nicht im einzelnen
ermittelt werden können. (1. ötob byl" /utrum/, 2. kotorye byli öasti ili
obrazcy (welches die Teile oder Bilder [sind]), 3. kotorye dela /quid/ 4.
kotorye soverSenstva /consequentia/, 5. kotorye soedinenija /adiunda/;
6. kotorye soprotivljajuiöiesja /repugnantia/.) Es wird über diese For-
meln reflektiert (5v) und ihr Sinn darin gesehen, daß sie zu einer
schnellen Findung von Argumenten, deren vernünftiger Selektion -
entsprechend dem jeweiligen Anlaß - sowie zu deren geschickter An-
ordnung verhelfen.
In der Aufzählung der Redeteile und deren Aufeinanderfolge
stimmt Makarijs Text bzw. der seiner lateinischen Vorlage mit der
rhetorischen Tradition überein. Hier wie in den noch zu nennenden
Fällen ist der Versuch einer sprachlichen Integration des rhetorischen
Terminus interessant, wobei es zu Neuschöpfungen kommt. Makarij
bedient sich in vielen Fällen bestehender Ausdrücke, die er seman-
tisch umpolt. Erst die Konfrontation mit dem lateinischen Terminus
vermag gelegentlich die habitualisierte rhetorische Semantik bloßzu-
legen. Makarij nennt die folgenden Redeteile (8v):
predislovie - exordium, prooemium
skazanie - narratio
predlozenie - propositio, partitio
ukreplcme - confirmatio
rozvjazanie - confutatio, reprehensio, argumentatio
soversenie - peroratio, epilogus, recapitulatio

Die drei proömialen Suchformeln (§266) des iudicem benevolem,


attentum und docilem parare setzt Makarij in drei Einzelteile des pred-
islovie um (9):
- Ijubov" i blagovolenie (benivolentia)
- istinnoe obraSccnie razuma ili mysli k slovu (attentio)
- udobnost' k nauce (docilitas)

Für jeden Teil führt er weitere Suchformeln auf, die, wenn auch oft
verkürzt und in etlichen Fällen verstümmelt bzw. mit in der klassi-
schen rhetorischen Tradition anders verorteten Elementen verknüpft,
in folgenden Anweisungen wiederzuerkennen sind:
Ot cego priimaetsja ili javljaetsja benivolentia quattuor ex locis com-
ljubov". Ot lic", ili felovek" festnych" paratun ab nostra, ab adversario-
i ucenych", i razumnych i ot vetfej. rum, ab iudicum persona, a causa.
(Cic. inv. 1,16,22)

75
Kotorym" dJlom" slusatelej ochocich" iudicem attentum parare (§269,
ko slusaniju sotvorjaet". tem" delom 1 jusberg weist auch auf rerum
egda vozvescaet" im" cto glagolati magnitudo hin.)
nam" o velikich i bogatich" delach.
Kakovym ze paki opjat' iudicem docilem parare (§272;
sotvorjaet* s kotorych" wobei enge Beziehung zwischen
slysatelej v naucenie. attentum und docilem besteht.
Tim" d£lom", egda estestvo Das Hauptverfahren liegt in der
vse dJIo korotko sjysatelem" Kürze der Aufzählung der zu be-
objavljaet". (9-9v)33 handelnden Gegenstände.)

Eine zentrale Aufgabe des predislovie sieht Makarij in der allgemeinen


Aufmerksamkeitserzeugung:
Pristoit" takoze k pridisloviju, oliajanic, ili neistinnaja nadezda, podivlenie
obeäcanie k" bogu, i t£m" podobnye obrazcy. (9v)

(Zu einer Einleitung gehören auch Bilder wie Verzweiflung, falsche Hoffnung,
Verwunderung, Versprechen an Gott und ähnliches.).

Er schUeßt sich der Empfehlung eines kratko, jasno i razumno (kurz,


klar und verständig) an, die bei der allgemeinen Charakteristik des
Grundtenors der gesamten Rhetorik berücksichtigt werden muß.
Die Darlegung des skazanie fällt, verglichen mit den komplexen
«arraf/o-Empfehlungen, simpel aus: "skazanie est' objasnenie ili javle-
nie dela" (10). Sie läßt sich aber auf zwei ebenfalls knappe Definitio-
nen bei Quintilian und Cicero zurückführen: Quint. 4,2,31: narratio est
rei fadae aut ut factae utilis ad persuadendum expositio [...] Cic.
1,19,27: narratio est rerum gestarum aut ut gestarum expositio. Dela be-
deutet hier, so muß man annehmen, nicht argumentum oder res wie
andernorts, sondern res facta.
Das predloienie hat eine die Rede als ganze ordnende und eintei-
lende Funktion, die zum zentralen Teil der Rede überleitet.
Der zentrale Teil ist die argumentatio (probatio) bzw. confirmatio.
Der zuletzt genannte lateinische Terminus entspricht am meisten dem
des ukröplenie, den Makarij verwendet. Das ukröplenie wird (10-10v)
als "neudobnaja cast' dgla recnikovago" bezeichnet, wobei neudobnyj
mit 'schwierig' übersetzt werden kann34. Dieser Teil ist in der Rheto-
rik mit der Argumentenlehre und der Einteilung der Beweise (proba-
tiones, argumenta) verknüpft. Die Argumentenlehre, die Einführung
der Beweisklassen (§ 357) in signa, argumenta, exempla wird nicht ex-

33
(Woraus Liebe empfangen wird oder in Erscheinung tritt. Bei Personen, ehren-
haften, gelehrten und verständigen Menschen und bei Dingen.
Wodurch bewirkt man, daß die Zuhörer gerne zuhören? Dadurch, daß man ihnen
verkündet, daß wir über bedeutende und reiche [großartige] Dinge zu sprechen haben.
Und umgekehrt, wie erreicht man, daß die Zuhörer einer Belehrung lauschen? Da-
durch, daß man die ganze Natur der Sache dem Hörer kurz darlegt.)
34
Lunt, Concise Dictionary, aaO.

76
plizit entwickelt. Lediglich werden die den probationes inartificiales
nahestehenden signa vorgestellt (znamena), die nicht eigentlich Sache
der Redekunst sind. So heißt es denn von den znamöna:
Zname'na sut' dcjstva ili znamena nekotorago dela sudnago, sijrcc' soversenstva
dejstv". kotorye sudjatsja prostym" domyslom" bez nauki. (llr)

(Es sind Taten oder Zeichen einer gerichtlichen Angelegenheit, sozusagen Schlüs-
se aus Taten, die mit einfachem Verstand ohne Wissen beurteilt werden können.)

(Sie beruhen nämlich auf 'Erfahrung', wie es in entsprechendem Kon-


text lateinischer Handbücher heißt.)
Bezüglich der argumentatio ist von zwei mösta (loci) die Rede
(lOv), deren Untergruppierung in vozbuienie und istinnoe razmySlenie
döla an das innerhalb der argumenta-FXn\.e'dung figurierende genus
artificiale probationum (§ 355) erinnert, das pathetische Beweise (Er-
regung von Leidenschaften im Hörer, vozbuienie) und sachliche Be-
weise (logische Folgerichtigkeit der Darlegung, istinnoe razmyllenie
döla) subsumiert.
Dem znam^na-Abschnitt wird eine Reihe von loci angefügt, deren
Charakter und Funktion als Suchformel für bestimmte argumenta
ebenso unklar bleibt wie ihre Zugehörigkeit zu der Rubrik der ele-
menta narrationis (§ 328), in der sie die klassische Rhetorik aufführt.
(11, llv: vrömja, mösto, orudija, sila, kröpost', obrazec", prigotovlenie.
Kako to v tom stichu opisano. Klo, öto, gdö, kakimi pomoSömi, ili
posobiem", dlja öego, kakim delom", i koli; vgl. Quint. 4,2,55:personam,
causam, locum, tempus, instrumentum, occasionum; Cic. inv. 1,21, p.
207,1: quis, quid, cur, ubi, quando, quemadmodum, quibus adminiculis,
persona, factum, causa, locus, tempus, modus, facultas.) Einige Korre-
spondenzen zwischen den russisch-kirchen-slavischen und den lateini-
schen Termini lassen sich allerdings herauslesen. Die knappe Vorstel-
lung der übrigen Redeteile schließt sich ebenfalls an die klassische
Handbuchtradition an. Das rastolkovanie bzw. rozvjazanie (llv) ent-
spricht der confutatio oder reprehensio, während das dokonöanie bzw.
soverSenie ili zamknenie (12, 12v) der peroratio entspricht, die sowohl
als recapitulatio als auch als affedus auftreten kann, was in der Formu-
lierung der Makarij-Rhetorik "povtorenie predlozenie dela i silnejSich
razsuzenij ili vozbuzenija" anklingt.
Die argumenta-Lehre, ukröplenie, wird in starker Verbindung mit
der status-Lehre behandelt, die zweimal in diesem Zusammenhang
aufgegriffen wird (7, 12v, passim). Die klassische Rhetorik unter-
scheidet sieben Arten von Feststellungen innerhalb der argumentatio
bzw. ratiocinatio (§ 367), die mit einiger Mühe aus Makarijs Termini
wiedergewonnen werden können. (13: 1. priroienie; l.zakon"; 3. oby-

77
öaj; 4. pravednoe ili podobajuSöee; 5. dobro; 6. osuienie; 1. mir skaza-
nija sudnago; vgl. Quint. 50,10,12: "pro certis autem habemus: / l /
quae legibus cauta sunt [...] / 2 / in qua communi opinione consensus
est: deos esse, praestandum pietatem parentibus [...] / 3 / quae legibus
cauta sunt [...] / 4 / sed moribus constant / 5 / si quid inter utramque
partem convenit [...] / 6 / si quid probatum est. /!/ cuicumque adver-
sarius non contradicit." Es sind womöglich Ent-sprechungen zwischen
1-1, 5-2, 2-3, 3-4, 4-5, 6-6, 7-7 anzusetzen.) Die status-Lehre scheint
mir, wenn auch nicht konsequent, da vorgestellt zu sein, wo \on posta-
novlenie bzw. postanovlenie döla, constitutio, stasis (§ 79-138) die Rede
ist und Anzeichen für eine Einteilung der Status gegeben sind.
Die status-hehre ist wie die der argumenta auf die jeweilige Rede-
situation ausgerichtet und bietet eine Systematik möglicher Zustände
dieser Situation an, an der Sender (Redner), Empfänger (Richter,
Publikum) und Gegenstände (Standpunkte in Streitfragen) partizipie-
ren. Es ist auffällig, mit welcher Umständlichkeit und Bemühtheit um
die Einbringung der detaillierten Anweisungen der Text der Makarij-
Rhetorik hier verfährt. Die Lehre der argumenta und der Status bildet
einen umfangreichen Abschnitt kommunikativer Prozesse ab und be-
stätigt ihre soziale Gültigkeit. Gerade mit der Einführung dieser
Systematik ist die Möglichkeit für eine Homogenisierung und Zentra-
lisierung von Kommunikationsformen eröffnet.
Die Entschlüsselung des ersten postanovlenie-Abschnitts (7, 7v) ist
etwas schwierig. Die Begriffe silogizm, kafaleon", ipokimenon", die in
einen Definitionsrahmen gestellt werden, scheinen den Bereich des
ersten in der status-Lehre unterschiedenen Status abzudecken, nämlich
den der coniectura (§ 99). Silogizm bedeutet hier offenbar die ratioci-
natio als ganze; das soverSennnoe ili istinnoe razsuienie döla impliziert
zweifellos eine Konnotation, die der Begriff in der Rhetorik hat, vgl.
colledivus Status. Der rhetorische Terminus Status wird gelegentlich
auch umschrieben mit "caput, id est kefalaion genikotaton" (Quint.
3,6,2) (§ 79). Ipotisis" ist die quaestio finita (hypothesis); ipokimenon"
bedeutet vieUeicht Feststellung, Behauptung (hypokeimai - festgestellt
sein). Knnomenon" (auch verschrieben krimenon"), von dem es weiter
heißt: "sijrßc' suditel'nyj ili iskuSenic pravdy", ist offenbar Um-
schreibung dessen, was Lausberg im Auge hat, wenn er sagt: "Die sich
dem Richter ergebende, dem Status und dem Inhalt der jeweiligen
causa entsprechende Frage heißt iudicatio, krinomenon"" (§92). Man
kann wohl davon ausgehen, daß mit den genannten Begriffen der
Status coniecturae abgesteckt ist, ohne daß terminologisch ein Äquiva-
lent aufscheint. Hinweise auf andere Status und Vnler-status (geht
man von der klassischen Vierteilung in Status coniecturae, finitionis,
qualitatis, translationis aus) lassen sich im Abschnitt O postanovle-

78
nijach"pravych" (14) ermitteln. Hier allerdings werden sechs status-
Artcn unterschieden, so daß man den Eindruck gewinnt, daß die auf-
geführten status eher einer status-Einteilung folgen, in der zunächst
ein genus rationale von einem genus legale gesondert wird und aus
jedem genus Unter-status entwickelt werden. (§ 136, vgl. Isid. orig. 2,5,
2-9: "Status autem causarum sunt duo: rationalis et legalis; de rationali
oriuntur coniectura, finis, qualitas, translatio; item ex legali statu
oriuntur, id est scriptum et voluntas, leges contrariae, ambiguitas, col-
lectio sive ratiocinatio et definitio legaUs." Desgl. Fortun.)
Legt man eine solche Einteilung zugrunde und versucht, aus den
definitorischen Signalen des Makarij-Textes den Terminus der ent-
sprechenden Rhetorik-Tradition zu ermitteln, so lassen sich für die
russisch-kirchenslavischen Ausdrücke folgende Äquivalente anneh-
men:
oznamenovanie ili opisanie - Status finitionis
soprotivnye sudy - leges contrariae
pismo skazanie - scriptum et voluntas
neistinstva - ambiguitas
razsuienie - collectio sive ratiocinatio
prenesenie - translatio

Oznamenovanie (14v) wird folgendermaßen definiert:


kolisja o vytolkovanii ili vylozcnii slova branjat", ili egda potrebno est' ob'javiti,
ctob" byla veäc' takja.

(Wenn sie sich über die Auslegung eines Wortes streiten, oder wenn es notwendig
wird zu beweisen, daß eine solche Sache [tatsächlich] stattgefunden hat.)

Lausberg umschreibt diesen Status als "richtige und gesetzentsprechen-


de Bezeichnung eines Tatbestandes" (§104). Makarij verbindet ihn mit
einer Reihe von Suchformeln, die er mest" dialektiöeskych" (loci 'dia-
ledici') nennt: "Ot rodu, ot razlicnosti, ot deT ili vin", ot soverSen'stva,
ot casti, ot velicestva, ili ot svidetelstv"" (14v). (Die lateinischen Äqui-
valente sind nur ungefähr anzugeben als: genus, differentia bzw. dissi-
milia, causa, consequentia, pars, audoritas.)
Der status der soprotivnyja sudy meint eine Art Gesetzeswider-
spruch, der mit folgenden Termini belegt wird: legum contrarium Sta-
tus (vgl. Vict. 3,12, p. 38, 3,22), legis contrariae status (vgl. Isid. orig.
2,5,9), leges contrariae (vgl. Quint. 7,7,1) oder auch antinomia (Quint.
7,7,1). Makarij führt aus:
egda delajutsja soprotivlenie mezu sebja, soprotivnyja sudy ili razsuzenia, i reci.
kotorye naricajutsja antonomijas" (15v)

(wenn ein innerer Widerspruch entsteht, widersprüchliche Urteile oder Beurtei-


lungen, und Reden, die Antinomien genannt werden)

79
Der letzte Ausdruck meint antinomia, das griechische Äquivalent für
die lex contraria, wie auch aus Quintilians synonymem Gebrauch her-
vorgeht.
Der komplizierte status, den Makarij mit pismo i skazanie bzw.
"postanovlenie s pisma izjaäcnago razsuzenija ot slova" (16v) um-
schreibt, liegt in folgendem vor:
egda edin"reinik"samymi slovy kotorye napisany sut', a drugoj razsuzeniem" i
skazaniem" jasnym". togo ize pisal" ukripfjaetsja ikogdaviditsja to, cto volja i
smysl" pisujulcago otstupaetsja ot pisma. to byvaet" i slucaetsja ot pisma, dlja
nejasnago nerazumnago i temnago pisma ili neistin'stva. Grekove naricajut"
postanovlenieritonkedianias.sijrei' recennoe s pomyslcniem. (16v)
(Wenn ein Redner mit denselben Worten, die geschrieben sind, und ein anderer
mit Urteil und klarer Erzählung [narratio] das, was er geschrieben hat, bestärkt,
und es sich zeigt, daß die Absicht und der Sinn des Schreibenden von der Schrift
abweicht, dann kommt das von der unklaren, unverständigen und dunklen Schrift
oder von Unwahrheit. Die Griechen nennen diesen [status]rilonkediania,sozusa-
gen mit bestimmter Absicht Gesagtes.)

Diese Paraphrase verweist auf den Begriff des Status scriptum et volun-
tas (§ 214), der auch folgende Bezeichnungen trägt: scriptum et senten-
tia (vgl. Her. 1,11,19) und reton kai dianoia (vgl. Herrn, stat. 2,14; Vict.
3,11, p. 383,5). Der griechische Terminus ist unschwer in Makarijs
riton-kediania wiederzuerkennen. Der genannte status liegt vor, wenn
im scriptum eine obscuritas enthalten ist. Es tritt sodann ein Konflikt
zwischen scriptum und voluntas ein. Voluntas ist im Sinne von Bedeu-
tungsintention zu begreifen. Der Tatbestand des Konflikts wird bei
Makarij lediglich umschrieben, während volja eine deutliche Entspre-
chung in voluntas erhält, und die Wendung "nejasnago, nerazumnago i
temnago pisma Ui neistin'stva" den Befund der obscuritas trifft.
Neistin'stva ist aber gleichzeitig auch Bezeichnung für einen eige-
nen status, der allerdings auf ähnliche Weise durch obscuritas-Momen-
te begründet ist und dessen lateinischer Terminus ambiguitas (gr.
amphibolia) lautet. Die ambiguitas als status besteht (§ 222) in einem
sprachUchen Fehler des scriptum (z.B. in lexikalischer Homonymie, in
ungeschicktem, mißverständlichem ordo). Die Entscheidung der ambi-
guitas leistet der 'natürliche' Sprachgebrauch, die voluntas, oder das
'natürliche' Rechtsempfinden, die aequitas. In Makarijs Paraphrase
läßt sich einiges davon wiedererkennen:
Byvajut inye ot grammatiki, ili ot vygovoru i ot obrazcov" (17v)
(Es gibt solche [ambiguitates] der Grammatik, der Aussprache und von den
Bildern her.)
Egda slucai kotorye ne imejut" istinnago suda izakona, sestvujut" do podobnych"
del",[...]

80
(Wenn es in manchen Fällen kein richtiges Urteil gibt, kommt man zu derartigen
Argumenten [...]) (18).

Der Ausdruck silogizm", der bereits in der Umschreibung des status


coniecturae aufgetaucht war (7), erscheint auch als Terminus für einen
eigenen status (18v), wobei allerdings in der Hauptsache eine ordo-
Anweisung formuliert wird. Es gilt nämUch, auf folgendes zu achten:
ltob" v silogizmu ili v podlinnom" rozeitanii dela bylo dobroe posledujuäce delo, i
ego dokoncanie. sijriSc', ctob" stat'i rovnye byli, i s soboju edinenye, i ftob" inoe
dölo ot drugago, podlinno posledovalo.

(damit im Syllogismus oder in der wahrhaften Darlegung des Arguments dieses


folgerichtig sei und auch sein Ende. Das heißt, damit die Abschnitte gleichartig
sind und miteinander in Einklang, und damit ein Argument wahrhaft aus dem an-
deren folgt.)

Diese umständliche Bestimmung schließt auch den Argumentations-


verlauf, also die ratiocinatio als Folge von Argumenten, mit ein. Die
dem status des Syllogismus in der rhetorischen Tradition eigene Kon-
notation eines colledivus Status im Sinne einer gelockerten Form des
status fmitionis als analogische Einbeziehung eines Falles unter ein
Gesetz (§ 221) ist in Makarijs Formulierung nicht enthalten. Der
Aspekt als solcher klingt aber in der zweiten Variante des oben er-
wähnten neistin 'stvo-status an (18).
Das postanovlenie perenesenija meint den status translationis (§
131), eine durch die "Antwort des Angeklagten hervorgerufene Infra-
gesteUung der Rechtmäßigkeit der actio", die unklar in der Wendung
"egda ne otveäcevaetsja k delu, no vlagaetsja glagolanie nökoe kak" to
est' [...]" (wenn es [zwar] dem Argument nicht entspricht, aber ein be-
stimmtes Sprechen hineingelegt wird [...]) (18v) anklingt.
Damit schUeßt Makarijs status-Lehre, die hier in bezug auf das ge-
nus iudiciale (das sein genus 'didadicum' umfaßt) ausführlich vorge-
stellt wird, für die beiden anderen genera elocutionis jedoch gleiche
Gültigkeit besitzt
Die hier formuUerte status-Lehre umfaßt drei Konfliktarten (§ 138:
Anwendung, Interpretation, Stärke der lex), d.h. den status adhibiendi,
zu dem die Status coniecturae und translationis gehören; den status
interpretanda zu dem die status fmitionis, scripti et voluntatis, syllogismi,
ambiguitatb gehören, und den status aestimandi, zu dem die Status
qualitatis und legum contrariorum gehören. Nur der status qualitatis
scheint in Makarijs Lehre keinen Niederschlag gefunden zu haben.
Der Versuch einer Entschlüsselung einer Reihe von Termini und
Wendungen periphrastischen Charakters im inventio-Teil der Makarij-
Rhetorik mithilfe eines komparatistischen Verfahrens kann insofern

81
als sinnvoll betrachtet werden, als die auf diese Weise ermittelten
Äquivalente der klassischen Rhetorik-Tradition eine Einordnung und
Verortung des Makarij-Textes ermöglichen.
Freilich ist das genannte Vorgehen noch kein Beitrag zu der Frage,
ob die Status- und argumenta-Lehre sowie die gesamte Beschreibung
der Komponenten des sudebnyj ili suditel'nyj rod und der Strategien
seiner Herstellung die Systematisierung und Konsolidierung eines
Rede-genus betreffen, das im Kommunikationssystem des 17. Jahr-
hunderts (im Räume Vologda) tatsächlich soziale Relevanz zu ge-
winnen beginnt, oder ob hier ein genus durch seine Beschreibung und
aufgrund der sozialen Geltung eines Regelbuchs aus einem anderen
kulturellen Kontext (mit hoher Bewertungsquote) lediglich paradig-
matisch vorgeführt wird.
Diese Frage betrifft selbstverständlich nicht minder die beiden üb-
rigen genera, das genus deliberativum und das genus demonstrativum,
die Makarij in der Folge präsentiert. Welcher vorfindUchen oder sich
artikulierenden Kommunikationsform entspricht das unter "o rodu
sovetujuäcem" iü razsuiajuScem"" (20) vorgestellte genus, das folgen-
dermaßen in seinem officium beschrieben wird:
i/c sestvujut" v sovefvanii, i v nesovetovann. v nakazanii, ili v vospominanii, i v"
prosenu ili v molcnu, vo utesenn i v profich k lern" podobnych" dcleih", gd£ ni est'
koncem" poznanie, no soverüenie poznanija dSjstvo kakoe.

(Dazu kommt man beim Zuraten oder Abraten, Bestrafen, Ermahnen, Auffordern
oder Bitten, Beschwichtigen und bei anderen diesen ähnlichen Formen, wo nicht
die Erkenntnis das Ziel ist, sondern der Abschluß der Erkenntnis die Handlung
[bewirkt].)

Übersetzt man sovöt"vanie und nesovötovanie in lateinisch suasio und


dissuasio zurück (obwohl sovötovanie eher zu consultatio passen wür-
de), so lassen sich in dieser Definition durchaus die beiden Aspekte
dieses genus, die in der Empfehlung einer in Zukunft zu vollziehenden
Handlung und im Abraten von einer solchen bestehen, wiederer-
kennen (vgl. Her. 1,2,2: "deliberativum genus est in consultatione quod
habet in se suasionem et dissuasionem" [§ 61,1]). Suasio und dissuasio
sind motiviert durch die Basiskriterien des utile/inutile. Die Hand-
lungsempfehlung, sovetovanie, ist eigentliches Ziel, konöc, dieses
genus. Nicht die Erkenntnis der Wahrheit (wie im genus iudiciale),
sondern die Handlungsausführung als Ergebnis einer richtigen Er-
kenntnis ist Zweck der Rede. Das Abraten, das Nichtzustandekom-
men einer Handlung aufgrund des nesovötovanie, funktioniert analog
mit umgekehrten Vorzeichen.
Das Abraten/Zuraten folgt einem Katalog von gleichbleibenden
Kriterien, die Lausberg (§ 196) "deUberative Qualitäten" nennt und die
bei Makarij als mösta (vgl. loci) ukröplenija aufgeführt werden. Das

82
ukröplenie (argumentatio), das die Sprachhandlung des Abratens/ Zu-
ratens einleitet, die der zu aktualisierenden Handlung/Nichthandlung
vorausgeht, ist auf diese Qualitäten und auf aus diesen entwickelbare
Qualitätsnuancen angewiesen. Makarij ordnet dem sovötovanie zu:
öest', koryst', udobstvo, ili Izja (Ehre, Nutzen, Annehmlichkeit,
Erlaubnis/Möglichkeit); dem nesovötovanie umgekehrt entsprechend:
neöest', nekoryst', neudobstvo, ili nelzja (Unehre, Verlust, Unan-
nehmUchkeit, Verbot/Unmöglichkeit) (20v). Die klassische Rhetorik
bietet, wenn auch nicht systematisch, folgende Termini an, die appro-
ximativ als Äquivalente eingesetzt werden können:
cest'/necest' - honestum/inhonestum
koryst'/nekoryst' - utile/inutile
udobstvo/neudobstvo - iucundum/iniucundum
Izja/nelzja - possibile/impossibile
(vgl. § 233, 235; Quint. 3,8,25).

Dieses genus verfügt nicht über eine ratiocinatio als argumentative


Methode wie das genus iudiciale, sondern operiert mit den exempla,
also mit inductio. Auch Makarij hebt diese Besonderheit des sovetuju-
Söij rod hervor: "velikuju imöjut" silu i krepost' v tom" rodu obrazcy
[...]" (große Kraft haben in diesem [ge/iws] die Bilder) (21v). Auch der
sovötujuiöij ili razsuiajuSöij rod orientiert sich nicht an einer konkret
vorhandenen Redeart, wie z.B. derjenigen der Predigt (obgleich ge-
wisse Analoga nicht zu übersehen sind), sondern schreibt letztlich eine
fremde Kommunikationsform vor, ohne auf etwaige vorhandene For-
men verbaler Interaktion mit vergleichbaren Strukturen hinzuweisen.
Nicht wesentlich anders steht es mit der Möglichkeit einer Inbezie-
hungsetzung des letzten von Makarij beschriebenen genus, despokazu-
juSöij rod (genus demonstrativum) mit existierenden Redeformen. Mit
der VorsteUung dieses rod, der, wie oben ausgeführt, stärker als die
übrigen die Wirkkomponente des delectare realisiert, ist der bereits
angeschnittene Fragenkomplex berührt, inwieweit hier u.U. eine
Text(Rede)art mitgemeint sei, die ästhetische Funktion hat bzw.
ästhetische Relevanz innerhalb des Ensembles von verbalen Formen
beanspruchen kann.
Der Abschnitt "o rody vyvodnago, ili istinnago pokazanija" (über
die Arten der schUeßenden oder wahren Darstellung) enthält folgende
das genus betreffende Definition: "ize soderzit pochvalenie, i pochu-
lenie" (dieses enthält Lob und Tadel) (21v) - diese Bestimmung ent-
spricht den Aspekten der laudatio und der vituperatio der klassi-schen
Rhetorik (vgl. Her. 1,2,2: "demonstrativum est quod tribuitur in ali-
cuius certae personae laudem et vituperationem"). Als Gegenstände
gelten zu feiernde Personen (aus Gegenwart, Geschichte und

83
Mythos), eine zu feiernde Gemeinschaft (Vaterland, Stadt), eine zu
feiernde Tätigkeit (Beruf, Studium), eine zu feiernde Sache (§ 62,3)
und zu feiernde Örtlichkeiten.
Bei Makarij sind es zunächst nur die lica, und zwar hochgestellte,
denen das lobende Sprechen gilt: cesar' (Zar) sowie dijstvo i uöenie
cesar'skoe (Handlung und Belehrung des Zaren). Aber auch Gegen-
stände, veSöi, führt er als zu lobende auf: darunter versteht er be-
stimmte Werte wie kröpost', pokoj (Stärke, Ruhe), dann die Philoso-
phie und die Wissenschaft, vraöeskaja nauka, eigentlich Medizin (aus
dem Kontext ergibt sich, daß hier die Naturwissenschaft gemeint ist).
Als eigener Gegenstand wird das Lob der sladost' slovesnaja (Süße
der Worte) genannt. Obgleich dieser Punkt nicht weiter aufgegriffen,
geschweige denn ausgebaut wird, klingt in dieser Formulierung das
autoteUsche officium des delectare an. Damit ergibt sich die Möglich-
keit, den rod pokazujuSöij als ein genus mit ästhetischer Funktion zu
fassen, in dem der Bereich der oratorischen genera verlassen und der-
jenige der poetischen genera betreten wird. Auch Lausberg sieht (§
239) im Zusammenhang mit dem genus demonstrativum, als dem ein-
zigen der genera elocutionis, die Möglichkeit, daß Rede als Rede zum
Genußgegenstand und als verbales Exponat um ihrer selbst willen
konsumiert wird oder - um mit Makarij zu sprechen - der sladost'
slovesnaja wegen.
Es ist allerdings nicht legitim, diesen Aspekt aufgrund der spär-
lichen Formulierungen bei Makarij stärker zu profilieren. (Doch wäre
es sinnvoll zu verfolgen, ob an diesen Aspekt in der auf Makarijs Text
aufbauenden Tradition angeknüpft wird.)
Im genus demonstrativum wird ein deutUcher Unterschied zwischen
zwei Haupttypen der laus gemacht, nämlich zwischen pochvalenie lic"
und pochvalenie döjstv" (ähnlich wie in einigen Systematiken der Rhe-
torik persona und negotium als Gegenstand der laudatio geschieden
werden). Beide pochvalenie-Arten werden in der narratio, dem skaza-
nie, entwickelt, das zwischen predislovie und dokonöanie zum Zentral-
teil dieses genus wird. Das ukreplenie ist ausgespart, was im übrigen
genereU für das genus demonstrativum gilt, in dem es keine argumenta-
tio im Sinne des Syllogismus (ratiocinatio) gibt, da die suadere-FunV-
tion von der narratio übernommen wird. Makarij bestimmt die narratio
folgendermaßen:
Skazanie est' nekotoroc beskoncenoe vospominanie, v slov£ dcl" zivota vsego togo
celoveka, ego ze pochvaljaem". v kotorom" glagoljusü posleduem" za cinovnom
postanovlcnicm" vcsci a nacalneisie cestnye dela podobaet" sinn i razmnozivati i k
poslidovaniju i k udivlemju ob'javljaet" ljudem. (22r)

(Die Erzählung [narratio] ist eine unabgeschlossene Erinnerung der Dinge des
ganzen Lebens des Menschen, den wir loben; wobei wir beim Sprechen den ange-

84
messenen Status der Angelegenheit beachten. Und die wichtigsten Dinge gilt es
auszuweiten und zu vermehren, sowohl wegen der Nachfolge [imitatio], als auch
um die Leute in Verwunderung zu versetzen.)

Es folgt eine Reihe von mösta für das pochvalenie lic", die sich nicht
gänzlich mit den loci a persona identifizieren läßt (vgl. die Systematik
bei Quint. 5,10,23 oder Prise, praeex 7). Es sind im einzelnen folgende
mösta (22v):
pol muzeskij i zen'skij - sexus
rodstvo ili koleno rodstva - genus, natio
razum - animi natura
koryst' - [Nutzen]
upitanie, v nauce sestvovanie - educatio et diseiplina
vesci zdclannye - gestis (res gestae)
konce zivota - a qualitate mortis
slava do [sie!] smerti - post mortem

Die mösta, Fundörter, die das Lob der Person motivieren helfen, zei-
gen nicht von ungefähr eine "enge Beziehung zur prosographischen
und biographischen Literatur. Das verbindende Glied ist das epideikti-
sche Personenlob" (§ 376). Es ist keine Frage, daß sich Analogien zu
den loci der Vita (Heiligen- oder Fürstenvita) feststellen lassen. Die-
ser Eindruck verstärkt sich durch die Erwähnung der Momente des
poslödovanie, der imitatio, und des udivlenie, der admiratio, die beim
Hörer (Leser) durch das Lob der hervorragenden Person wachgerufen
werden sollen. Dennoch thematisiert Makarij die Parallele in keiner
Weise, und es bleibt wiederum offen, ob die Beschreibung despokazu-
juSöij rod auf eine zentrale im altrussischen Gattungsgefüge fest ver-
ankerte Gattung hinweist und damit ein narratives Genus evoziert, das
neben erbaulich-pädagogischen (praktischen) deutlich auch ästheti-
sche Funktionen zu übernehmen in der Lage ist. Das Lob der zdölan-
nye veSöi, res gestae, ist eng mit dem Personenlob verknüpft, seine Aus-
sonderung folgt offenbar der Zweiteilung eines bestimmten narratio-
Typs in narratio über die negotia (res gestae) und narratio über die per-
sonae. Makarij bedient sich einer im genus deliberativum entwickelten
Qualifizierungskette des iusto, utili, possibile, decenti oder utili, iusto,
legitimo, honesto (§ 375); die döla i döjstva sind bestimmt von öesti,
korysti, udobstva, neudöbstva, muiestva, nemuiestva als argumentativer
Abstützung (er führt hier sogar das ukröplenie wieder ein) der in der
narratio gelobten Handlung; ihre Charakterisierung schließt mit den
bereits an anderer Stelle aufgeführten elementa narrationis, d.h. den
Septem loci: kto, öto, gdö, kotoroju pomolöiju i posobleniem", proöto ili
dla öego, kaJäm obyöaem", kogda (23v) (quis, quid, ubi, quomodo etc.).
Der mve/tf/o-Teil endet mit einem kurzen Kapitel über die loci
communes: O möstach" obiöich" (23v), die als besondere Erscheinung

85
der amplificatio gelten. Auch Makarij gibt als Zweck der mösta obSöie
an:
To itob imi dilo predlozenoe i ob'javlennoe i skusennoe i razmnozeno bylo. (23v)

(Damit durch sie die Sache vorgestellt und kundgetan und [einerseits] erkurzt
und [andererseits] erweitert werde.)

Razmnoieno bedeutet hier 'amplifiziert', wie aus dem Begriff razmno-


ienie in einem späteren Abschnitt erschlossen werden kann. Dort ist
das Phänomen der amplificatio (25) im Sinne der Steigerung, Sinn-
und AffektfälUgkeit gemeint.
Im folgenden wird nicht ganz deutlich, wie der locus communis
konzipiert ist. In Formulierungen wie
egda v dile prilagaetsja do kotorago ni est' mösta obscago perenositi nedokoncan-
nago dela skoncannoe. Cto est' neskoncannoe ili tesis". Est' vopros" vsevselennyj,
kotoryj ne est' opisannyj nikakimi okruzajuscimi dely (24)

(wenn es in einem Argument, für das es keinen Gemeinplatz gibt, notwendig wird,
ein Abgeschlossenes auf ein Unabgeschlossenes zu übertragen. Und dieses ist das
Unabgeschlossene oder die These. Das ist eine allgemeine Frage, die durch
keinerlei sie umgebene Argumente beschrieben werden kann.)

klingt an, daß die loci communes im Sinne einer generalisierend-


infiniten Anwendung der in der quaestio finita entwickelten loci auf
die quaestio infinita, thesis (tesis", vopros vsevselennyj) zu verstehen
sind (§ 407). Makarij stellt dem Fall der quaestio infinita den der
quaestiofinitagegenüber, hier benutzt er den Ausdruck chitretesis".
Etwas abrupt vermittelt die 'Ritorika' einen kurzen Einblick in die
Affektenlehre, der in der rhetorischen Tradition eine folgenreiche
ästhetische Konzeption inhäriert35. Diese kommt allerdings in O voz-
buienie (Über die Erregung) nicht zum Tragen:
Vozbuzenie est' pokazanie okruzenych del". vozbu/ajuci miloserdie ili gngv". (24v)
(Das Erregen ist das Aufzeigen von Umständen, die Mitleid oder Zorn erwecken.)

Hier geht es vermutlich um die tragischen, von Aristoteles als eleos


und phobos bezeichneten pathe, denen für die peroratio in der klassi-
schen Rhetorik das Affektpaar indignatio/conquestio für das genus
iudiciale und spes/metus für das genus deliberativum entspricht.
Allerdings ließe sich miloserdie auch mit conquestio bzw. miseratio
oder oratio auditorum misericordiam captans (Cic. inv. 1,55,106) in Zu-
sammenhang sehen; gnev" hat eine Entsprechung in indignatio. Das
heißt, der Bezug zu den affectus der Tragödie ist nicht ausschließlich.

Die Affektenlehre entwickelt ähnlich wie die Stillehre eine eigene Tradition (vgl
Prokopovics und Lomonosovs rhetorische Lehre). Affektenlenre und bestimmte
Aspekte einer Wirkungsästhetik gehören in einen Zusammenhang.

86
Es folgt die Aufzählung von Redegegenständen, die bestimmte affekti-
sche Wirkungen beim Hörer auslösen sollen: Ehrenvolles und Nützli-
ches rufen Liebe, Unehrenhaftes Haß und Abscheu, Unglück und Ar-
mut wiederum Mitleid hervor.
Auch die Affektstufen von ithii (ethe) und pathi (pathe) werden un-
terschieden. In diesem Zusammenhang hebt Makarij eine spezifische
affektische Figur hervor, die chipotiposes" (25) (gr. hypotyposis), deren
lateinisches Äquivalent evidentia ist. Es ist dies das Verfahren einer
"lebhaft detaillierten Schilderung eines Gesamtgegenstandes durch
Aufzählung sinnfälliger Einzelheiten" (§ 810). Man kann also davon
ausgehen, daß Makarij Verfahren der stilistischen Umsetzung von
Affektintentionen vertraut sind. Ans Ende seines mve/ift'o-Teils setzt
Makarij einen Abschnitt über das razmnoienie, umnoienie oder razsta-
vlenie. Es bietet sich an, diese Begriffe mit amplificatio zu übersetzen,
auch wenn die hier gegebenen Bestimmungen nicht ganz den Begriffs-
inhalt von amplificatio abdecken. Razmnoienie bestimmt die Anord-
nung und Aufeinanderfolge der Redeteile als deren Erweiterung und
Steigerung durch Verfahren, die die lateinische Rhetorik als incremen-
tum, congeries, comparatio oder amplifizierende ratiocinatio (§ 400 ff.)
anführt. Die Kenntnis der Ordnung, öin", und der Verfahren des raz-
mnoienie, die diese herstellen, ist sowohl für die Herstellung als auch
für die Wahrnehmung von Texten von Nutzen. Daher heißt es:
K cemu korystno est' derzati takov" ein" vo glagolanii. K" lucsemu razumeniju i
ljubimomu, slov" i recej ucennych üelovek". i ko obrctaniju ftob" my sami i na
kotorom" miste prjamo i izrjadno glagolali

(Warum ist es von Vorteil, eine solche Ordnung im Sprechen einzuhalten? Zum
besseren und angenehmen Verstehen der Worte und Reden kundiger Menschen
und für die Findung, damit wir selber, an welchem Ort wir auch sind, gerade-
heraus und geziemend sprechen.) (26)

Die Unterscheidung von razumenie (Verstehen) auf der Rezeptions-


und obrötanie (Findung, inventio) auf der Produktionsseite läßt sich
allgemein als Hinweis auf die Funktion und Konzeption des rheto-
rischen Lehrbuchs interpretieren.36 Regeln der Herstellung von Re-
den in entsprechender Kommunikationssituation, na moste, müssen in-
ternalisiert, ihre Anwendung im Anhören konkreter Reden wieder-
erkannt bzw. im eigenen Sprechen reproduzierend aktualisiert wer-
den. Die Beschreibung der Redearten impliziert die Erlernbarkeit ih-
rer HersteUung.

30
Zum Ordnungsprinzip und zum Prinzip der Erlernbarkeit von Regeln im russischen
17. Jahrhundert vel. die Darstellung bei Robinson, aaO., S. 99 ff. (Die Struktur der
offiziellen Kultur des 17. Jahrhunderts ist vom ein bestimmt.)

87
IX

D i e elocutio -Lehr e

Das ästhetisch-normative Engagement der Makarij-Rhetorik ist wohl


nirgends so explizit wie in der Definition der Rolle des omatus zu Be-
ginn des e/ocMft'o-Buches.
Ukrasenie slova est" kotoroe jasno i javno i sladkoju reciju ili glagolaniem dela i
ve&i objavljaet (27v)

(Redeschmuck ist, was die Dinge klar und deutlich und durch süße Rede oder
Sprache darlegt.)

Der Begriff ukraüenie bedeutet hier allgemein elocutio und betrifft


grammatische und rhetorische virtutes:
ctob latin'skim" istinnym" jazykom", i ctob jasno i ne zakryto i ukrasennoju refiju
ili glagolaniem", i udobno govorilosja. (27v)

(damit mit richtiger lateinischer Sprache, klar und nicht [verborgen] und mit ge-
schmückter Rede oder Sprache und angenehm gesprochen wird.)

Makarij vermag die grammatische virtus nicht anders auszudrücken


denn durch die latinitas (§ 463). Er umschreibt sie mit istinnym"
latin'skim" jazykom", das bedeutet "die wahrhaft lateinische Sprache"
oder "die einzig wahre und richtige Sprache", die eben die lateinische
ist. Die Autorität des Lateinischen prägt die Vorstellung der gramma-
tischen 'Tugend'; diese ist gelöst vom Lateinischen gar nicht denkbar.
Die latinitas (die klassische latinitas des Cicero) als sprachlicher Habi-
tus, als zentraler Begriff des Selbstverständnisses lateinischer Kultur
auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung wird hier im Kontext
einer kirchenslavisch-russischen Rhetorik als virtus gefordert. Die Em-
pfehlung dieser grammatischen virtus ist keine Aufforderung, Texte in
lateinischer Sprache zu verfassen, vielmehr die Ermahnung, sich an
der exemplarischen grammatischen Richtigkeit der lateinischen
Sprache zu orientieren, am Latein als der 'Sprache schlechthin'.
Der grammatischen virtus schließen sich die drei rhetorischen in
dem zitierten Passus wie selbstverständlich an: jasno i ne zakryto (vgl.
im ersten Passus: Jasno i javno), das ist die virtus der perspicuitas (§
528); ukraiennoju reöiju ili glagolaniem" (vgl. oben sladkoju reöiju), das
ist die virtus des omatus (§ 538) und udobno govorilosja, das ist die
virtus des aptum (§ 1055; vgl. Fortun. 3,8: "ut verba sint Latina, aperta,
ornata, apta." [§ 460]). Makarij hält sich an die durch diese Qualitäten
festgelegten Ideale; der omatus, den er im folgenden vorstellt, umfaßt
zwar alle von der Rhetorik angebotenen Änderungskategorien bezüg-
lich der consuetudo, also adiectio, detractio, transmutatio und

88
immutatio, doch sind die Möglichkeiten der immutatio vergleichsweise
zurückhaltend repräsentiert, d.h. wir haben es nicht mit der Bevorzu-
gung bestimmter semantischer Verfahren zu tun, etwa mit einer Beto-
nung der Metaphorik. Und es ist nicht von ungefähr, daß die gramma-
tische Tugend so nachdrücklich hervorgehoben wird. Auf dem Gram-
matischen, na grammatiöeskoj reöi (27v), d.h. dem rede dicendi, das die
Voraussetzung für den edinyj jazyk darstellt, kann das bene dicendi
aufbauen, können die einzelnen Schmuckstufen entwickelt werden.
Denn der Schmuck, der in Abweichungsverfahren verschiedener Art
besteht und verschiedene Grade der Tropizität37 zuläßt, ist durchaus
dazu angetan, die jeweils erklommene Stufe des edinyj jazyk wieder zu
verlassen. Die immutatio, die Tropizität, vor allem im Bereich der Me-
taphernschöpfung, vermag zu einer neuen Instabilisierung der Sprache
beizutragen. In Makarijs Maß- und decorum-Buch ist davon keine Re-
de, seine Rhetorik enthält dementsprechend auch keine acumen-
Lehre38.
Die Möglichkeiten des omatus (Makarij wählt hier den Begriff
vyobraienie statt ukraSenie) bestehen im tropos und im Schema. Mit
der Bestimmung des Tropischen übernimmt Makarij auch eine Be-
stimmung der Improprietät:
Tropos" siric' slova prem£nenie. To est' egda glas ili slovo ot istinnago svojstven-
nago estestva i opisanija pcrcmcnjactsja ili obrascact" k podobnoj vcsöi ili ko
bliznej (28)

(Der Tropus ist sozusagen die Ersetzung des Wortes. D.h. wenn ein Wort sich von
seiner tatsächlichen Natur und Bedeutung weg verändert oder sich einer ähnlichen
oder nahen Sache zuwendet.)

Mit den Begriffen k podobnoj und ko bliinej wird die Unterscheidung


im Bereich der Tropen, die durch die Kategorien der Similarität und
Kontiguität begründet ist, mitvollzogen39. Allerdings ergeben sich für
die weitere Systematik, die Makarij anbietet, daraus keine Konsequen-
zen. Die UneigentUchkeitsbestimmung selbst bezieht sich offensicht-
lich eher auf die Ebene der Signifikate ("ot istinnago svojstvennago
estestva /veäci/ [...] k podobnoj veä£i ili ko bliznej") als auf die der

-" Zum Problem der unterschiedlichen Abweichungsstufen und dem Begriff Tropizi-
tät' vgl. Kap. I in diesem Bd.
38
Die acumen-Lchn erscheint als Spezifikum barocker Rhetoriken. Vgl. dazu Kapitel
V und VIII in diesem Bd.
Zur Systematik von Tropen und Figuren und zu ihrer deskriptiven Leistung hinsicht-
lich bestimmter syntaktischer und semantischer Verfahren vgl. G.N. Leech, "Lingui-
stics and the Figures of Rhetoric". In: Essays on Style and Language. Hrsg. R Fowler.
London 1966. S. 135-156; T. Todorov, Luterature et signification. Paris 1967. Bes. Ap-
pendice: Trqpes et figures; ders., "Synecdoques". Communications. 16. 1970. S. 26-35; J.
Dubois, F. Edeline, J.M. Klinkenberg et af., Rhitorique generale. Paris 1970; H F . Plett,
Textwissenschaft und Textanalyse. Heidelberg 1975.

89
Signifikanten, obgleich der Begriff opisanija als Benennung verstanden
werden kann und damit wieder auf die Signifikantenebene verweist.
Doch scheint die Vorstellung einer Uneigentlichkeit zu überwiegen,
die durch die Herstellung von Beziehungen auf der Ebene der Be-
zeichneten geschaffen wird.
Entsprechend der Tendenz, die die latinitas und die Grammatikali-
tät zu zentralen Punkten der elocutio macht, nimmt die Aufzählung
von Verfahren des Verstoßes gegen die latinitas auf Wort- und Satz-
ebene einen beträchtlichen Raum ein. Der Grad des Verstoßes gegen
die latinitas, d.h. die Frage, ob die Verstöße, die durch die figuralen
Anweisungen beschrieben sind, als Vitium im Sinne eines barbarismus
gewertet oder als metaplasmus geduldet werden können, die dem
omatus (oder dem metrum) dienen, wird nicht thematisiert, auch ge-
schieht keine Zuordnung der aufgeführten Metaplasmen zu den vier
Änderungskategorien. Makarij weicht hier von seiner allgemeinen
Enthaltsamkeit bezüglich des Belegs der Verfahren durch Beispiele ab
und iUustriert die vidy slova (barbarismus et metaplasmus in verbis
singulis, § 463-4%) durch slavische V/ort-exempla. Diese machen die
Hilflosigkeit der Adaptation sehr deutlich. Z.B. illustriert Makarij den
vid" slova der epentesis" folgendermaßen:
vid" epentesis" est' vlaganie. egda mez pervym" i poslednim" slova slogom" pri-
daetsja i vlagaet" ili litera sijrcc' pisma jakoz est', estestvennyi vmesto estestvennyj.
(32v)

(Epenthesis ist ein Einschub: wenn zwischen der ersten und letzten Silbe des Wor-
tes ein Buchstabe hinzugefügt, eingeschoben wird wie estestvennyi anstelle von
estestvennyj.)

Diese Beispiele verweisen ein weiteres Mal auf die Betonung der
grammatischen Ordnung; in keinem Fall wird hier in der Abweichung
ein Verfahren erkannt, das zusätzliche (ästhetische) Funktionen reali-
siert hätte. Die vidy slova bewegen sich im Rahmen des rede dicendi.
(Die vierzehn metaplastischen vidy slova [32v-33v], die Makarij
aufzählt, lassen sich fast vollständig im klassischen Katalog der Rhe-
torik auffinden und in folgende Systematik überführen: protesis"
[prothesis]; epentesis" [epenthesis]; dieresis" [diaresis]; proparalepsis
[paralempsis = paragogej; ekstasis" [ectasis] gehören zu den Metaplas-
men per adiectionem [§ 481-86]; sistole [systole]; episanalepse [epi-
synaloephe = synizesisj; atherasis [aphaeresisj; sinalepse [synaloephej;
sinkope [syncope]; apokope [apocopej zu den Metaplasmen per detrac-
tionem [§ 487-93]; metatesis" [metathesis] zu denen per transmutatio-
nem [§ 494] und antitesis" [antithesis] zu denen per immutationem. Le-
diglich eklipsis" [eclipsis] fällt aus der Systematik heraus, weil diese
Bezeichung einen Soloecismus meint.)

90
Die exempla und die Definitionen, die Lausberg zur Klärung der
einzelnen Termini einbringt, machen deutlich, daß diese bestimmte
Verfahren der Veränderung an syntaktisch relevanten Flexionsformen
bezeichnen. Makarij dagegen scheint zunächst Änderungsprozeduren
zu meinen, die auf den 'natürlichen' Unterschieden zwischen Kirchen-
slavisch und Russisch beruhen, d.h. auf dem dvujazyöie. Aus seiner
Gegenüberstellung der beiden Formen geht nicht klar hervor, was als
Abweichung zu gelten hat und ob die Abweichung metaplastischen
Charakter besitzt. Man könnte schließen, daß diejenige Form, die
durch die Veränderungsprozedur entsteht, rhetorische Präferenz ge-
genüber der 'primären' beanspruchen kann. Das wäre in dem ge-
nannten FaU die kirchenslavische Form. Damit hätte Makarij womög-
Uch auch wertende Akzente hinsichtlich des dvujazyöie gesetzt, indem
er die rhetorische von der habituellen (consuetudo-)Form abhebt.
Zweifellos ist nicht zu übersehen, daß die Vorstellung einer sol-
chen Vielfalt von den Wortkörper verändernden Verfahren Möglich-
keiten des Umgangs mit der Sprache bewußtmacht, die (auf einer spä-
teren Stufe) für bestimmte Redeziele genutzt werden können.
Dasselbe gilt auch für die Verstöße gegen die latinitas im Bereich
der verba coniunda (§ 4%-527), die die Rhetorik entweder als Vitium
im Sinne des Soloecismus bewertet oder als Schema einstuft. Makarij
gibt diese Änderungsverfahren als vidy slaganija slov" (Arten der
Wortzusammenstellung) (33v) wieder, sie betreffen weniger den
Wortkörper als die Stellung der Wörter im Satz und ihre 'grammati-
sche Qualität' (Veränderung des casus, des numerus etc.).
Bis auf wenige Ausnahmen gelingt es nicht, die von Makarij in die-
sem Bereich genannten Termini in eine Systematik zu überführen, die
der traditioneUen Rhetorik entspricht, z.B. enallage (enallage, § 509),
die die Änderung der Grammatik schlechthin anzeigt; silepsis (syl-
lepsis per numeros, § 518); padeii oder antiptosis (Änderung der casus,
§ 520); zeugma, Makarij versucht hierfür ein slavisches Äquivalent
sprjaienie (Beugung) einzuführen (zeugma, § 527). Neben der Nen-
nung der Abweichungsverfahren hinsichtlich der latinitas in verbis
singulis und verbis coniundis stellt Makarij die für den omatus cha-
rakteristischen Gruppen der Tropen und Figuren vor. Hierbei ist auf-
fällig, daß der Tropenkatalog (rnetaphora, metalepsis", sinekdoche,
metonimija, antonomasija, onomatopeia, katechresis", perephrasis", 28)
nur die lakonische Beschreibung der Verfahren umfaßt.
Die Tropen als Verfahren der immutatio, die die höchstmögliche
Abweichungspotenz gegenüber der consuetudo darstellen, spielen in
Makarijs Buch eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Auch dies
stimmt zum Gesamttenor dieser rhetorischen Lehre, die die Etablie-
rung und nicht schon die Instabilisierung der Sprache zum Ziele hat.

91
Die Tropenliste enthält die Hauptverfahren der immutatio, wobei
metalepsis als Erscheinung des omatus audacior zur Metonymie und
katechresis" (katachrese) zur Metapher gehört, es fehlen Hyperbel,
emphasis, ironia, litotes. Onomatopoeia (onomatopoeia, § 548) gehört
in den Bereich der fidio (§ 547-551) im Sinne der NeubUdung von
Wörtern und meint ihre 'Urschöpfung', ihre Erfindung (vgl. Quint.
8,6,31 onomatopoeia [...], id est fictio nominis) schlechthin. Makarij
versucht diesen Begriff zu integrieren, indem er den Ausdruck imöno-
tvorenie einführt und mit novoe vymySlenie imenija erklärt. Das fol-
gende Beispiel zeigt allerdings, daß er damit neue Lehnwörter meint:
"jakoze bombarda vmfisto pis'c'alja" (bombarda anstelle des alten
russischen Wortes für Kanone) (30v). Die Metapherndefinition, sonst
Prachtstück innerhalb der Tropik, begnügt sich mit der Feststellung
egda glagol" i slovo ot prirozennago estestva i ot svojstvennago oznamenovanija k
nepodlinnomu, [...] perenositsja"
(wenn ein Wort von seiner angeborenen Natur und seiner eigenen Bedeutung auf
eine uneigentliche übertragen wird) und

latin'skim" jazykom* metaphora naricaetsja trantlanco, sirec' prenesenie slova


rar)
(in der lateinischen Sprache wird eine Metapher translatio, also Übertragung eines
Wortes genannt).
Die vier Übertragungsweisen, die die traditionelle Rhetorik einzeln
vorsteUt, fehlen ebenso wie einschlägige Beispiele metaphorischer Bil-
dungen. Makarijs exempla sind eher Beleg für Euphemismen und Sy-
nonyme denn für Metaphern: "derzu, imeju, vizu glagoletsja za slovo
razumeju" (ich halte, habe, sehe wird statt des Wortes "ich meine" ge-
sagt) oder "lajati glagoljetsja ot zavisti kogo obvinjati" (schelten wird
gesagt für "aus Neid jemanden beschuldigen") (28v). Auch die Darle-
gung der übrigen Tropen ist knapp und bietet keinerlei Grundlage für
die Entwicklung bestimmter semantischer Verfahren.
Im Bereich des omatus stehen daher die Figuren im Vordergrund,
d.h. Verfahren, die die Syntax der consuetudo zum Gegenstand haben
und deren Regelmäßigkeit zur Schau stellen. Makarij ordnet die vidy
ritoriöeskie (Figuren) in drei Rubriken, deren erste (34-35) den figurae
elocutionis (§ 604-754) entspricht. Povtorenie (geminatio); kopuljacyo/
soedinenie/sojuz" (copulatio); vytjagnenie/vyloienie (polyptoton); poli-
sindeton" (polysyndeton); gipallage (hypallage);paronomasie (annomi-
natio); antaklasis (vgl. antanaklasis und anklasis, refiexio als distindio
in Dialogform) sind Figuren per adiectionem (§ 607-687); asindeton"
(asyndeton); eklipsis" (ellipsis) solche per detractionem (§ 688-711) und
gomeoptoton (homoeoptoton); gomeotelevton (homoeoteleuton) solche
per ordinem (§ 712-754). Die aposiopesis" (aposiopese reticentia) ge-

92
hört breits zu denfiguraesententiae (§ 755-910).
Die figurae sententiae zählt Makarij in der zweiten und dritten
Rubrik auf (35v-37). Hierbei werden Verfahren, die Lausberg als Fi-
guren der "PubUkumszugewandtheit", der "Sachzugewandtheit" be-
zeichnet und in semantische, affektische und dialektische unter-
gliedert, mit Verfahren der amplificatio (§ 400-409) vermischt. Das
Gemeinsame besteht wohl darin, daß hier Prozeduren vorgesteUt wer-
den, die nicht mehr so sehr die Manipulation am Wort selbst oder an
der Anordung der Wörter im Satz betreffen, als vielmehr wieder auf
die Redesituation als solche zurückverweisen. Es sind Figuren, die be-
stimmte Einstellungen des Redners zum Publikum (zum Richter) be-
schreiben, bestimmte Weisen der hörerbezogenen Präsentation seines
Themas (Arguments), die durch eine Reihe sprachlicher Gesten reali-
siert werden können. Sprachliche Gesten dieser Art betreffen nicht
die Rede selbst, ihre dispositio und verbale Einkleidung, sondern die
Herstellung, Aufrechterhaltung und Manipulation des Kontaktes zwi-
schen Redner und Publikum, d.h. Verfahren, die nicht den Kontext,
die message, den Kode, sondern eher den Kanal, den Kontakt zwi-
schen Sender und Empfänger herstellen.
Makarijs Katalog läßt sich in folgende Systematik überführen:
voproienie (interrogatio), predoöijavlenie (subieclio), smölost'/ derzno-
venie/paristi (licentia=parrhesia), otvraiöenie (apostrophe) gehören zu
den Figuren der PubUkumszugewandtheit (§ 758-779); opisanie/ozna-
menovanie/orismos (finitio=horismus), antitesis"/ soprotivlenie (anti-
theton),premönenie/antimetavoli/metathesis (antimetathesis/antimeta-
bole = commutatio), ispravlenie (correctio), paradiastole (paradiastole,
Form der distindio) sind semantische Figuren der Sachzugewandtheit
(§ 808-851);proizvolenie/paramolognan" (paromologie=concessio) ist
eine dialektische Figur der Sachzuge-wandtheit (§ 852-857); gnomi
(gnome=sententia), epiphonema (epiphonema) sind Figuren per adiec-
tionem; otstavlenie/paralipsos" (praeteritio=paraleipsis) und aposiope-
sis" (aposiopesis-reticentia) sind Figuren per distractionem, und allego-
rija (allegoria), enigma (aenigma), ironija (ironia) Figuren per immuta-
tionem der Sachzugewandtheit (§ 858-910). In den Bereich der figurae
elocutionis gehört sobranie/sinafrismos' (synathroismos=congeries) (§
667,671).
Makarij führt in diesem Zusammenhang auch Verfahren der am-
plificatio an, die allerdings wie die obengenannten Figuren eine be-
stimmte Einstellung des Redners zu Gegenstand und Publikum impli-
zieren. Auksesis/ibervoli (auxesis = incrementum), tapinosis/miosis
(tapeinosis, umgekehrte amplificatio, meiosis=minutio), sinonimija/
sobranie/preloienie (congeries als Häufung synonymer Ausdrücke) und
das Phänomen des ukraSenie (omatus) sind zweifellos amplifikatori-

93
sehe Verfahren (§ 400-409).
Zum omatus in verbis coniunetis gehört neben den Figuren auch
die compositio (§ 911-1054), die Regein der Satzstruktur und der
Wortfolge formuhert, die auf das rede dicendi angewiesen sind, aber
dem bene dicendi dienen soUen. Makarij beruft sich in diesem Teil sei-
ner Rhetorik auf eine Lehre o slaganiju (43v) (compositio), die er
Cicero zuschreibt, und er empfiehlt die drei Stücke dieser Lehre zu
befolgen, nämlich: öin" i urjadstvo (ordo, 950), d.h. die Anordnung der
Wörter im Satz, dann "£tob" povesti (...) byli syjazany" (damit die Er-
zählungen verbunden sind), d.h. die Kohärenz der Glieder, die iunc-
tura oder coniunetio (§ 954-976), die Aufeinanderfolge der Perioden
bzw. deren Elemente, kolon (colon) und toöka (comma). Das dritte
Stück dieser Lehre betrifft die richtige Wahl des omatus, damit die
"r6c' Sirokaja i dostatocnejäa i lucäi budet"" (eine breite Rede wird so-
wohl ausreichend als auch am besten sein) (44-44v), ein knapper Hin-
weis auf die aptum -Regel, die diesen Rhetorik-Typ zentral bestimmt.
Zur Beachtung des aptum gehört die Einhaltung der Erfordernisse
der drei Stile (genera dicendi, § 1078-1082) O trojnych rodech"
glagolanija (44v), von denen bereits die Rede war.

X
Die Rolle der Makarij-Rhetorik
Makarij hat an keiner Stelle über mögliche Effekte der tropischen,
figuralen oder amplifikatorischen Verfahren Auskunft gegeben. Daß
die genannten Empfehlungen für die jeweils angemessenen Modi der
Redeorganisation in der persuasiv-praktischen Funktion der Rhetorik
gründen, unterliegt keinem Zweifel. Doch ist andererseits nicht aus-
zuschließen, daß auch die ästhetischen Möglichkeiten dieser erlern-
baren Manipulation der Sprache ins Bewußtsein treten und es somit
zur Profilierung der ästhetischen Funktion kommen kann. Allerdings,
das ist bereits oben klar geworden, das Handbuch des Makarij hat aus
der impliziten Opposition von praktisch und ästhetisch keine umsetz-
baren Konsequenzen für eine 'poetische' Textpraxis gezogen. Die von
der Gerichtsrede bzw. einer durch Argumentation bestimmten Rede
dominierte Kommunikationssituation erscheint als Bezugspunkt dieser
Rhetorik.
Das Fehlen paradigmatischen Materials in lingua sclavonica oder
rossica, das diesen rhetorischen Text auszeichnet, legt die Vermutung
nahe, daß trotz möglicher Analogien zu bestehenden Redeformen wie
Predigt und Vita sowie zu bestimmten Weisen gerichtsmäßiger Be-

94
weisführung diese Analogien nicht evident gemacht werden, sondern
daß die genera elocutionis, rody reöej, als ein Ensemble kommuni-
kativer Novitäten vorgestellt werden. Das bedeutet nicht, daß vor-
findUche etablierte Redephänomene bei der Integration bzw. Assimi-
lation des neuen Redekorpus nicht auch eine Rolle gespielt hätten.
Vielmehr kann man wohl davon ausgehen, daß die rhetorischen Inno-
vationen zumindest partiell an vorhandene Kommunikationsformen
oder -funktionen anknüpfen. Es ist Aufgabe späterer Forschung, dies
im Detail zu untersuchen. Für den aktuellen Zusammenhang läßt sich
zunächst lediglich die Integration des rhetorischen Textes als eines
Metatextes konstatieren, der eine eigene Tradition zu begründen ver-
mag, d.h. die Metafunktion der Rhetorik als Lehrbuch und als Sekun-
därgrammatik wird allem Anschein nach akzeptiert. Hierbei ist, wie
gesagt, die Vorleistung der Grammatik als Metatext von großer Be-
deutung.
Es ist nun zu fragen, wie die neuen Konzepte, die die inventio ent-
hält bzw. anbietet, verarbeitet werden können. Diese Frage ergibt sich
aus dem allgemeinen Problem des Imports von Denk- und Vorstel-
lungsmodi, die in der Argumenten- und Status-Lehre, im Inventar der
loci, in den exempla, in der Liste der Affekten-Lehre sich artikulieren
und die einem fremdkulturellen Kontext entstammen. Hervorzuheben
gilt, daß in der Makarij-Rhetorik mit wenigen Ausnahmen auch der
exemp/a-Stoff nicht in Gegebenheiten und Daten des eigenen Bereichs
'übersetzt' oder 'umgeschaltet' wird.
Die Anweisungen des inve/tf/o-Teils gehen, wie gezeigt werden
konnte, über den Bereich der reinen Verlaufsform, Komposition und
Gruppierung der Einzelteile der genera hinaus. Es werden argumenta-
tive Strategien genannt, Fragehinsichten vorformuliert, die die Per-
spektivierung der gegebenen Redegegenstände festlegen. Die Konven-
tion der Suchformeln (für Gedanken) und loci führt notwendig zu
einer Vereinheitlichung des Denk- und Vorstellungshorizontes des
Textproduzenten und -rezipienten. Sie konzentriert die Selektion der
möglichen Redegegenstände und deren Umsetzung in argumenta und
status.
Argument, Status und loci bilden ein Inventar kultureller Erfah-
rungen ab und korrespondieren einem bestimmten Zustand soziokul-
tureller Systeme. Der Import der Signifikanten (der rhetorischen Re-
geln als solcher) impliziert notwendig den der Signifikate, die ihrer-
seits Korrelate solchen kultureller Erfahrungen sind. Über die Rolle
der elocutio läßt sich hinsichtlich möglicher korrespondierender For-
men dasselbe sagen wie über die Korrespondenz zwischen dem Kanon
einzelner Kommunikationsformen und deren praktischen Realisierun-
gen. Die elocutio, die syntaktische und semantische Anweisungen for-

95
muliert, zielt auf eine Pragmatisierung der sprachlichen Verfahren,
auf ihre Zuordnung zu bestimmten Redezielen.
Auch bei der Beurteilung der in Makarijs ukraSenie-Buch vorge-
führten Strategien ist die vorfindliche syntaktisch-semantische Tradi-
tion zu berücksichtigen, die in Texten, nicht in Regelbüchern reflek-
tiert ist. Und es ist zu fragen nach der Vorstellung und Einführung
gänzlich neuer Verfahren und danach, wie die Beschreibung solcher
Verfahren auf die konkrete Textpraxis wirken kann.
Die Vereinheitlichung des Kommunikationssystems, die Tendenz
zur Artikulierung eines edinyj jazyk sind notwendig auf eine Homo-
genisierung, eine Legalisierung semantischer und syntaktischer Ver-
fahren, tropischer und figuraler Techniken, angewiesen, die die Hier-
archisierung sekundärsprachlicher Prozeduren impliziert.
Es ist keine Frage, daß die HerausbUdung solcher Hierarchien so-
wie die EtabUerung eines bestimmten stilistischen (sekundärsprach-
lichen) Kodes an außersprachlichen ästhetischen Normvorstellungen
orientiert sind, wie sie für einen bestimmten kulturellen Kontext Gel-
tung erlangt haben bzw. Geltung erlangen können. Die Rhetorik for-
muliert sie notwendig mit, wenn sie Präferenzen für bestimmte Ver-
fahren suggeriert, wenn sie die Einhaltung einer bestimmten Relation
zwischen res und verba empfiehlt. Für die Makarij-Rhetorik ist dies-
bezüglich bereits hervorgehoben worden, daß sie sich offenbar an
einem vorbarocken Ideal des decorum und aptum ausrichtet, das die
Beziehung zwischen significans und thema reguliert. Das podobajidöee
(aptum, decorum) in diesem Sinne bildet eine dezidierte Vorstellung
von der Ordnung der res und deren Zuordnung zu den verba ab. Ein
Katalog von Tropen und Figuren garantiert, daß diese Zuordung im-
mer wieder bestätigt werden kann. Das Regelinventar der elocutio,
das die beliebige Produzierbarkeit von Verfahren ermöglicht, trägt
entscheidend zur Etablierung einer einheitlichen Sprache innerhalb
eines einheitlichen Kommunikationssystems bei.

XI
Versuch einer Einstufung
der M a k a r i j - R h e t o r i k

Wie läßt sich die Leistung dieser frühen kirchenslavisch-russisch


geschriebenen Rhetorik - unter Berücksichtigung der durch den
Mangel an genaueren Daten motivierten Einschränkungen - für die
Entwicklung einer einheitlichen Sprache bestimmen, die für ver-
schiedene Kommunikationsziele verfügbar ist?
Im Rahmen der Konzeption, die einen Antagonismus zwischen

%
dem edinyj jazyk und dem raznoreöie annimmt, kann man für die Rhe-
torik anführen, daß sie im dynamischen Prozeß der Findung sprachli-
cher Normen und der Erkenntnis und Qualifizierung sprachlicher For-
men in ihrer Differenziertheit einerseits und Interrelation andererseits
die zentrale RoUe zu übernehmen vermag. Die der Rhetorik inhärie-
rende Normativität ist dabei von ebenso großer Bedeutung wie ihre
Fähigkeit, sprachliche Strategien zu beschreiben. Die Integration der
rhetorischen Sekundärgrammatik in den kulturellen Kontext signali-
siert die Bereitschaft, deren modellierend-organisierende Wirkung auf
ein noch offenes Kommunikationssystem zu akzeptieren, das weder
eine klare verbindliche Differenzierung von Kommunikationsformen
vorgenommen hat noch auf eine bestimmte Hierarchisierung festge-
legt ist. Die rhetorische FunktionaUsierung der Sprache: Differenzie-
rung in StUe (Funktionssprachen und Kommunikationsziele) führt zur
SchUeßung und Konsolidierung des kommunikativen Raums. Die vor-
findUchen raznovidnosti jazyka werden aufeinander bezogen und in ein
System überführt, das im kulturellen Gefüge einen normativen An-
spruch durchsetzt.
Daß es in erster Linie um die Vereinheitlichung, die Sammlung
der raznovidnosti, die Zuweisung bestimmter Qualitäten an sprach-
liche Formen geht, wird aus dem Gesamttenor des Makarij-Textes
deutlich. Das Konzept der Grammatikalität, grammatiöeskaja reo', der
Ordnung, öin", des proprie und einer paradigmatischen latinitas legt
die Vermutung nahe, daß hier primär eine consuetudo-Norm erreicht
werden soll. Es ist nämlich das rede dicendi, das den edinyj jazyk stabi-
lisiert. Die rhetorischen Änderungskategorien, insbesondere die im-
mutatio, spielen eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Denn der
Verstoß, die Abweichung sind Verfahren der InStabilisierung einer zur
Normalisierung strebenden Sprache, sie bedeuten deren Infragestel-
lung und Dynamisierung, die praktisch erst auf einer Stufe einsetzen
können, die einen normalisierten Zustand der Sprache aufweist. Die
Makarij-Rhetorik setzt also einen normalisierend-stabilisierenden Ak-
zent.
Von daher erklärt sich auch die Unentschlossenheit dieses Lehr-
buchs, in der Frage der sprachlichen Dichotomie und der Bestimmung
der 'poetischen' Sprache eine Position zu beziehen, wenn auch, wie
nachgewiesen werden konnte, die dichotomische Konzeption als sol-
che impliziert ist. Aber aus der impliziten Opposition zwischen prakti-
scher und ästhetischer Funktion von Sprache werden für eine isolierte
autonome 'poetische' Textpraxis keinerlei Konsequenzen gezogen.
Und dennoch: die Opposition ist formuliert in der Gegenüberstellung
von nackt - angekleidet, schmucklos-geschmückt. Die geschmückten
rody reöenij (genera elocutionis) werden dem nackten nauöajuSöij rod,

Bayerische
«he \
Staatsbibliothek
llothek ,|
MünchenIM J) "'
Vorform einer Funktionssprache, konfrontiert, und innerhalb der Gat-
tungstriade wird der pokazujuSöij rod mit dem autotelischen officium
des delectare hervorgehoben: die Rede um ihrer selbst wiUen, die sla-
dost' slovesnaja (die Wortsüße) als Selbstzweck. Der Kreis der rein
oratorischen, rein persuasiven, 'praktisch' verwendbaren Redegattun-
gen wird verlassen, der pokazujuSöij rod ist die Vorformuherung eines
poetischen genus. Die Dichotomie findet ihr Echo auch im Bereich
der rody glagolanija (genera dicendi): innerhalb der hierarchisch ange-
legten Triade tritt die oberste Stufe, der geschmückte Stil im eigent-
lichen Sinn, in Gegensatz zu den übrigen Stilstufen. Die Funktionah-
sierung der Sprache und die Qualifizierung der raznovidnosti werden
durch diese dichotomische Struktur unterstützt.
Die Resultate rhetorischer Modellierung der Sprache zeigen weite-
re Phasen der Entwicklung des russischen kommunikativen Systems,
das auf der Basis einer reguUerten Sprache, die den Status der Litera-
tursprache gewinnt, ersteht und im Wechselverhältnis mit einem
sprachlichen Bereich ('Trivialsprache', 'Volkssprache') zu begreifen
ist, der aus der rhetorischen Regulierung ausgenommen ist. Die be-
stimmtes Sprachmaterial seiegierende, restriktive Rolle der Rhetorik
läßt sich im weiteren Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts in der latei-
nischen Rhetoriktradition über Prokopovic, Krajskij und Kvetnickij bis
zu Lomonosovs russischer Rhetorik und Dreistillehre verfolgen40.
Letztere rekapitulieren zentrale Punkte der sprachlichen Situation des
18. Jahrhunderts, die einer neuen Modellierung bedarf.
Die erneute Festigung und Begründung der Stiltriade, die Zuord-
nung der Stilhierarchie zu einer Gattungshierarchie, die einem ba-
rock-klassizistischen Kanon entspricht, die neue Qualifizierung des
vorfindUchen Sprachmaterials, die Nobilitierung des Kirchenslavischen
für die oberste Stil- und Schmuckstufe und die Aussparung einer vor-
handenen Sprachebene als 'vulgär' zeigen deutlich die Strategien des
'rhetorischen' Denkens Lomonosovs. Die Stilkontroverse des 18. Jahr-
hunderts und deren Nachfolge im 19. Jahrhundert beweisen die Ten-
denz einer nicht nur deskriptiv, sondern vorwiegend normativ-prä-
skriptiv eingesetzten Rhetorik zu einer Adynamisierung des sprach-
lichen Prozesses. Wird die Phase der Konsolidierung und Normalisie-
rung prolongiert, so setzt ein Gegenprozeß ein, der die geltende oder
usurpierte Normativität problematisiert und abbaut. Diese smena

4U
Die Rhetoriken von Prokopovic von 1706, Kvetnickij 1732 und Krajskij von 1733
sind zwar als direkte Vorstufen von Lomonosovs Rhetorik (in ihren beiden Versionen)
zu begreifen, doch hat Lomonosov darüberhinaus durch die Auseinandersetzung mit
der ihm zeitgenössischen Dichtungstheoric (vor allem mit der deutschen und franzö-
sischen) neue Kategorien eingebracht. In der Dreistillehre ist er dagegen eher konser-
vativ, das Schema selbst stammt zweifellos aus der Tradition, die Vomperskij aufgewie-
sen hat.


sistem (Ablösung der Systeme) im formalistischen Sinne zeichnet sich
klar in der bekannten Stildiskussion zwischen Lomonosov und Suma-
rokov ab. Sie dokumentiert die Zerrüttung der Stiltriade und der Hie-
rarchievorstellung und zeigt die Schwächung des regulierten edinyj
jazyk, ein Erstarken des raznoreöie an.
Entscheidend für die Phase des Rhetorik-Imports ist die Integra-
tion des rhetorischen Textes als Metatext - denn dies bedeutet eine
Veränderung der kulturellen Tradition, des kultureUen Selbstverständ-
nisses. Mitte des 17. Jahrhunderts wird die Krise eines durch die neue
Instanz empfindlich gestörten Selbstverständnisses manifest in der
groß angelegten Auseinandersetzung um den Status der Rhetorik, als
deren Repräsentanten Simeon Polockij und der Protopope Awakum
stehen41. Die Einschätzung der Rhetorik, die deutlich ideologische
Züge annimmt, steht jeweils für eine spezifische Kulturvorstellung und
eine spezifische Haltung gegenüber der 'herrschenden' Kultur. Die
Rhetorik 'gewinnt' in diesem Disput - auch die Altgläubigen haben
sich Ende des Jahrhunderts der rhetorischen Tradition (wenn auch
mit anderen Zielen als die offiziellen Kulturvertreter) angeschlossen.
Es kann behauptet werden, daß seit dem 17. Jahrhundert der Aufbau
einer kontinuierlichen Korrespondenzbeziehung zwischen Rhetorik
und Textpraxis und speziell zwischen rhetorischer Stillehre und der
Habitualisierung bestimmter Schreibweisen beginnt.
Rhetorik und Stillehre werden wie keine andere Instanz mit meta-
textlicher Funktion zu Trägern sprachästhetischer Vorstellungen, sie
verfestigen sich als Kräfte, die den Sprachgebrauch innerhalb der
Grenzen steuern, die das geltende Kommunikationsfeld abstecken.
Die Steuerung führt zur Kanonisierung funktional bestimmter sprach-
Ucher Habitus, die integrierender Bestandteil des von der dominieren-
den Gruppe der Kultur vertretenen Kommunikationssystems werden.
Die rhetorische Konzeption in ihrer Interrelation mit der Tex-
und Redepraxis einerseits und ästhetischen Normvorstellungen ande-
rerseits evolutioniert, sofern sie ihren dynamischen Charakter be-
wahrt. Dies gilt für die rhetorische Entwicklung über die elaborierten
Stufen der lateinischsprachigen Tradition mit Betonung eines barock-
manieristischen Prinzips (Ausbau einer acumen-Lehre im Sinne Sar-
biewskis und Tesauros) oder eines eher klassisch orientierten, öin-
betonenden Prinzips, wie es Prokopovic artikuliert, bis zu Lomonosov,
dessen russische Rhetorik, die die ukrainisch-russische lateinsprachige
Tradition resümiert und sich in die zeitgenössische (europäische) rhe-
torische Diskussion einschreibt, eine ostroumie-Theorie*2 ebenso an-
bietet wie Ansätze der Einbildungslehre des 18. Jahrhunderts.

Vgl. Kap. VIII in diesem Bd.


Vgl. Kap. IV in diesem Bd.

99
Es ist aber des weiteren klar, daß die wachsende Bedeutung der
präskriptiven Funktion der Rhetorik, wie sie in der Rigorosität der
Lomonosovschen StUlehre manifest wird, überwiegend normative Zü-
ge anzunehmen beginnt und damit ihre dynamisierende Möglichkeit
aufgibt. Es kommt zu einer Stagnation der Lehre ebenso wie der
Schreibweisen, die sich an ihr ausrichten. Ein erreichter sprachlicher
Zustand wird immer wieder nur bestätigt, er wird bewahrend verwal-
tet, nicht kreativ garantiert.
Das Aufbrechen der Restriktionen, die Beunruhigung des Norma-
lisierten als evolutionsimmanente Folgen eines solchen stagnierenden
Zustands steUen nunmehr auch die Kompetenz der Rhetorik als sol-
che in Frage. Die Rhetorik-Kritik vom Ende des 18. Jahrhunderts bis
hin zu BeUnskij fußt zum einen auf dem Originalitäts- und Kreativi-
tätskonzept, zum andern im Rahmen der Realismuskonzeption auf
einer neuen Bewertung sprachUcher Verfahren überhaupt und deren
Rolle für bestimmte kommunikative Ziele. Im Vorwurf des 'Rhetoris-
mus', der Schematismus, Unoriginalität, das Unschöpferisch-Unlitera-
rische, die Lüge konnotiert, ist der totalisierende Anspruch der Rhe-
torik als einer verfälschenden usurpatorischen Kraft zurückgewiesen.
Damit ist die Autorität einer kodifizierten Rhetorik im Gewände des
Lehrbuchs allemal verwirkt, sie tritt zurück in den rein schulischen
Rahmen, den sie im 17. Jahrhundert verlassen hatte, indem sie die
Programme der Bildungsstätten in Kiev und Moskau expandierte. Da-
mit ist auch die systemstabilisierende Rolle der Rhetorik überwunden.
Der kulturelle Kontext entwickelt in einem quasi rhetorikfreien Raum
neue Beschreibungssysteme, die seinem Selbstverständnis entspre-
chen: Stilistik, Sprachästhetik, Literaturtheorie, linguistische Seman-
tik43, die Einzelaufgaben der Rhetorik übernehmen.
Welche Instanzen und Disziplinen auch immer im konkreten kul-
turellen Kontext zur ModelUerung des Kommunikationssystems auf-
gerufen sind, sie werden einen Doppelstatus haben, wie er der Rhe-
torik immer eigen war, als Sekundärgrammatik und als Lehre. Die
neuen Disziplinen wiederholen den rhetorischen Weg zur Stabilisie-
rung des edinyj jazyk44.

Damit sind sowohl die Anfänge dieser Disziplinen im 19. Jahrhundert wie deren
Nachfolger im 20. Jahrhundert gemeint: funktionale Stilistik, Formalismus, Pragma-
semantik des Bachtin-Volosinov-Krcises.
Bachtin und Voloäinov wiederum stellen diese Rolle der wissenschaftlichen (akade-
mischen) Disziplinen mit der Forderung nach einer 'Metalinguistik' in Frage.

100
Polnische Barockrhetorik:
Die problematische Ähnlichkeit und Maciej Sarbiewskis Traktat
De acuta et arg/uto (1619/1623) im Kontext concettistischer Theorien

Nam ut Aristoteles docet,


admiratio nascitur ex igno-
ratione causarum.
(De acuto et arguto*)

In der Interpretation des aristotelischen xenikön koinzidieren die


concettistischen Ideen zur poetischen Sprache und zum 'akuten' Argu-
mentieren. Die Dichotomie von 'trivial' und 'erhaben', die für die anti-
ke Sprachästhetik konstitutiv war, erhält nicht nur für den Raum der
Sprache, sondern auch den des Wissens Geltung. Die 'fremde' Spra-
che und die 'unbekannten' Gründe werden zur QueUe für das poeti-
sche acumen und für die auf dem acumen aufbauende Argumentation.
Der über das xenikön reaktualisierte Schönheitsbegriff erfährt eine
ambivalente Zuspitzung in der discors concordia und Concors discor-
dia2. In der metaphorisierenden Argumentation und der argumentie-
renden Metaphorik werden ästhetische und kognitive Verfahren zu-
sammengeführt, die in der Problematisierung der Ähnlichkeitsbezie-

1
Maciej Kazimierz Sarbiewskis Traktat De acuto et arguto sive Seneca et Martialis wird
zitiert nach der Ausgabe M.K. Sarbiewski, Wyktady poetyki (Praecepta poetica). Hrsg.
und Übers. St. Skimina. Wrocfaw-Krakow 1958. S. 1-41 (Kommentar S. 486-492); hier
S. 7. Neben dem acumen- Traktat umfassen die Praecepta noch folgende Texte: Cha-
racteresfyrici(S. 43-317), De virtutibus et vitiis carminis elegiaci (S. 319-377) und De fi-
guris sententiarum (S. 379-485). In seiner umfangreichen Poetik (O poezji doskonatej
czyli Wergiliusz i Homer /Deperfectapoesi, sive Vergilius et Homerus. Hrsg. St. Skimina.
Übers. M. Plezia. Wrocfaw 1954) bezieht sich Sarbiewski auf seinen acumen-Traktat.
Neben der polnischen Form des Namens Sarbiewski ist auch die lateinische Schreibung
Sarbievius gebräuchlich.
" Zur grundlegenden Bedeutung der rhetorischen Begriffe des xenikön und acumen für
die acumen-Lehre des 17. Jahrhunderts vgl. K-P. Lange, Theoretiker des literarischen
Manierismus. Tesauros und Pellegrinis Lehre von der "acutezza" oder von der Macht der
Sprache. München 1968. Zur Adaptation des Begriffs Concors discordia bzw. discors
concordia durch die seicentische Ästhetik vgl. G.R. Hocke, Manierismus in der Lite-
ratur. Hamburg 1959. S. 229, 262; speziell bei Sarbiewski vgl. B. Otwinowska, "Concors
discordia' Sarbiewskiego w teorii konceptyzmu" ('Concors discordia' Sarbiewskis in der
Theorie des Konzeptismus). Pamietnik Lueracki. 59. 1968.3. S. 81-110. - Zum Gesamt-
komplex des europäischen Concettismus, als dessen früher Theoretiker auch Sarbie-
wski behandelt wird, vgl. die großangelegte Monographie von Mercedes Blanco, Les
Rhitoriques de la Pointe. Baltasar Graciän et le Conceptisme en Europe. Genf 1992, bes.
S. 171-179. Erwähnung rindet Sarbiewski auch unter dem Stichwort acutezza im Histori-
schen Wörterbuch der Rhetorik (A. Battistini, "Acutezza". Ebd. Bd. 1. Hrsg. G. Ueding.
Tübingen 1992. Sp. 88-100).

101
hung zwischen res und verba ein neues Konzept der Ähnlichkeit for-
mulieren. Die Analogie wird als Paralogie entworfen.
Das Insistieren der concettistischen Traktate3 auf dem Thema der
Ähnlichkeit (weit über das Maß hinaus, das in der poetisch-rhetori-
schen Tradition der similitudo und der comparatio zukommt) sugge-
riert eine Krise der bestehenden Ähnlichkeitsvorstellungen. In den
Traktaten wird das ästhetische und inteUektuelle Faszinosum heraus-
gestellt, das in einer aus Unähnlichkeit entwickelten Ähnlichkeit oder
in einer aus Ähnlichkeit entwickelten Unähnlichkeit plötzlich entsteht.
Die Ähnlichkeit/Unähnlichkeit wird als Spiel, Illusion, Theater,
Traum, Vision und Phantasma in einer neuen, 'ingeniösen' Ordnung
der Dinge und der sprachUchen Zeichen erlebt, deren konzeptueUes
Pendant das acumen ist. Die Problematisierung der Ähnlichkeit zeigt
jenen epistemologischen Bruch an, den Michel Foucault aufgrund der
Neulektüre philosophischer Texte mit dem Beginn des Barock an-
setzt.4 Das acumen wird zum Raum der fiktiven 'allegorischen' Simi-
larität, der Erschaffung der Ähnlichkeit, ihrer Erfindung und nicht
ihrer Bestätigung. Der Verkehrung der 'magischen' und der topologi-
schen in die empirische Ähnlichkeit wird im Barock durch Fingierung
von Ähnlichkeit begegnet.

Unter der Sprache der Zeichen und unter dem Spiel ihrer Unterscheidungen
lauscht er [der Dichter des Barock] der 'anderen Sprache', derjenigen, ohne Wör-
ter und Rede, der Ähnlichkeit. Der Dichter läßt die Ähnlichkeit bis zu den
Zeichen kommen, die sie aussprechen [...].

Foucault bestimmt die Umbruchszeit des 17. Jahrhunderts als die "der
Sinnestäuschungen, die Zeit, in der die Metaphern, die Vergleiche
und die Allegorien den poetischen Raum der Sprache definieren"6.
Die barocke Dichtung reagiert auf die Krise der Ähnlichkeit als einer
Form der Erkenntnis und der Darstellung, indem sie sie simuliert. Die
Ähnlichkeit (als magische und abergläubische Anschauung) muß sich
dem "Beweis des Vergleichens"7 - nach objektiven Kriterien - stel-

Neben Sarbiewskis Traktat, der 1619 am Jesuitenkolleg in Polock konzipiert, 1623


von Sarbiewski in Rom vor Jesuiten vorgetragen und 1627 niedergeschrieben wurde,
vgl. die Traktate von Baltasar Graciän, Agudeza y arte de ingenio [1648]. Buenos Aires
2. Aufl. 1944; Emanuele Tesauro, // Cannochiale Aristotelico ossia idea dell' arguta e
ingegnosa elocuzione ... [1655]. Hrsg. A. Bück. Bad Homburg-Berlin-Zürich 1968 (nach
der Ausgabe von 1670); sowie Matteo Pellegrini (Peregrini), Delle acuiezze, che
altrimenu spiriti, vivezze, e concetti, volgarmente si appellano. Genua 1639 (hier zitie
nach Langes Exzerpten in Theoretiker des literarischen Manierismus, aaO., S. 114-141).
4
Die Ordnung der Dinge. Frankfurt/M. 1971.
5
Ebd., S. 82.
6
Ebd., 83 f.
7
Ebd., S. 88.

102
len. Der empirische Beweis, dem es um Identität und Unterschied
geht, damit die "Anordnung der Welt"8 bloßgelegt werden kann, tritt
an die SteUe der Ähnlichkeitsordnung, der Ordnung der Korrespon-
denz und der Analogie, und die "vollzählige Aufzählung"9 löst die Be-
schwörung der Korrespondenzen ab. So wie die Ähnlichkeitskrise in
der barock-concettistischen Poetologie in der Hypertrophie und Ver-
kehrung von Ähnlichkeit erscheint, wird die empirisch überprüfbare
Aufzählung der Dinge, die den Verlust der Magie durch die Klassifi-
zierung ausgleicht, in der WiUkür des 'Katalogs' in Frage gestellt. Die
rationalistisch nicht zähmbare Kontiguität, in der dieser die Dinge
vorsteUt, ist gegen die Klassenbildung gerichtet: die empirische Ord-
nung wird als 'Labyrinth der Welt' interpretiert. Hierin Uegt die poeto-
logischc Reaktion auf den epistemologischcn Bruch, der mit dem Ra-
tionalismus einsetzt, und von dem Foucault sagt, daß er "die ganze
episteme der abendländischen Kultur in ihren fundamentalen Disposi-
tionen modifiziert"10.
In der poetologischcn Theorie und poetischen Praxis des acumen,
die das Finden und Erfinden von Ähnlichkeiten, Korrespondenzen
und Analogien als zentrales Verfahren propagieren, wird diese Krise
intellektuell und ästhetisch transformiert. Der Verlust der Ähnlichkeit
wird in ihrer Fiktion aufgehoben. Die Phantasia löst die Mimesis ab.
Der Zerfall der auf Ähnlichkeiten begründeten Welt wird auf der
Weltbühne der Similaritäten vorgespielt. Im Ähnlichkeitsspiel werden
die Identitäten und Unterschiede zur Disposition gestellt. Doch dies
kommt nicht ohne Magie aus: Das Spiel deckt 'Ur-Ähnlichkeiten' auf,
besonders im lusus verborum.
Gustav Rene Hocke weist in seinem Manierismusbuch auf den Zu-
sammenhang zwischen der aristotelischen Metaphern- und Analogie-
lehre, insbesondere dem Satz von der Ähnlichkeit zwischen weit von-
einander entfernten Dingen, und Baltasar Graciäns correspondencia
oder Tesauros aecoppiare hin.11 Hocke kann plausibel machen, daß
die gesamte co«ceWo-Lehre auf einer Aristoteles-Lektüre beruht, de-
ren Spezifik darin besteht, eben jene Züge auszublenden, die den
'klassischen Aristoteles' ausmachen. Die Concettisten nehmen das pre-
pon (die Lehre von der Angemessenheit) ebensowenig auf wie diejeni-
gen Argumente in der Poetik und Rhetorik, die nahelegen, die Analo-
gien als Evidenzphänomene zu begreifen und die Legitimation des ter-
tium comparationis, das sie kontrolliert, in der Erfahrung der kulturel-

8
Ebd., S. 87.
9
Ebd., S. 88.
10
Ebd., S. 87.
11
Hocke,aaO.,S.78.

103
len Gemeinschaft zu sehen. Zumindest suggerieren die von Aristoteles
angeführten Beispiele, daß jede Metapher, jeder Vergleich, jede Ana-
logie auf ein konventioneUes Vergleichsmoment zurückgeführt werden
kann, und daß die entsprechenden Verfahren eine Ähnlichkeit zu er-
kennen, besser wiederzuerkennen, erlauben, die immer schon vorhan-
den war. Die Operation, die sie aufdeckt, kann beim Leser/Hörer
dann auf Erfolg rechnen, wenn das Staunen, das sie, um der Lange-
weile zu begegnen, auslösen muß, in ästhetische und kognitive Zustim-
mung umschlägt.
Die barocke Ähnlichkeit aber ist fingiert, das tertium comparationis
verflüchtigt sich, die Erzeugung der Analogien ist ein Schaffensakt,
der, Maß und Angemessenheit verletzend, Verblüffung und Schock
hervorrufen kann, angesichts der unähnlichen Ähnlichkeit. Mit ande-
ren Worten, Aristoteles' Poetik- und Rhetorikanweisungen für Meta-
pher, Vergleich, Analogie, Wortspiel, Witz und Hyperbel, für Verfah-
ren, die Bewunderung und Verwunderung durch das Fremde, Unge-
wohnte des Ausdrucks hervorrufen und das taedium vertreiben, wer-
den concettistisch interpretiert. Die Orientierung an Aristoteles ist bei
Emanuele Tesauro ebenso evident wie bei Graciän und Matteo Pelle-
grini; Sarbiewski stützt seine admiratio-These expressis verbis auf
Aristoteles.
Im acumen -Traktat des 17. Jahrhunderts, als einer Spezialform der
Rhetorik und Poetik, wird der Status der Regel problematisch. Die
Definition der concettistischen Gedanken- und Sprachformen schließt
die Anweisung für ihre Bildung ein: Regeln für das Regelwidrige, das
Regelüberschreitende werden formuliert. Die Idee des von Regeln
nicht einholbaren furor poeticus12 (des Dichters als creator) und der
präzeptorische Anspruch der Rhetorik werden im acumen -Traktat in
der Ambivalenz von Begriffen wie Ingenium (ingegno) oder conceptus
(concetto)13 aufgehoben. Das Ingenium erfindet unbekannte Ähnlich-
keiten, doch es funktioniert nach Regeln. Die Findungsoperationen
sind beschreibbar, also erlern- und wiederholbar. Die concetti erschei-
nen einerseits als Originalschöpfungen, andererseits als von Paradig-

u
Ebd., S. 79.
13
Der terminologische Raum der acuttie/i-Lehre umfaßt folgende konstitutive Termi-
ni: acumen (acutum, acutezza, agudeza), argutia (argutum, argutezza, arguzia), ing
nium (ingegno, ingenio), conceptus (concetto, concepto). Die hervorbringende Instanz
ist das mgenium im Sinne von Scharfsinn, Erfindungsgeist, Witz und natürlicher Bega-
bung, die neben den intellectus (intelletto), der dem Wahren zugeordnet ist, als eine
dem Schönen zugewandte Instanz tritt. Conceptus gilt als Hervorbringendes (Vorstel-
lungskraft), aber überwiegend als Hervorgebrachtes (concetto, concetti) und ist dann
mit acumen synonym. Acumen als Witz, Pointe, scharfsinnige Aussage - in der Rheto-
rik-Poetik besonders als vinus des Epigramms empfohlen - wird zur dominierenden
Strategie im Bereich der inventio und elocutio. Für letzteren Bereich benutzen einige
Theoretiker den Terminus argutum, das Gedankliche/Argumentative vom Sprachli-
chen unterscheidend. Sonst wird argutum mit acutum synonym gebraucht.

104
men bestimmt.
Entscheidend ist, daß der durch die Adaptation der platonischen
Mania-Lehre14 uminterpretierte Aristoteles - zumindest in den die
Metapher, das xenikön, die glossa, die Syllogismen und Hyperbeln
betreffenden Teilen seiner Rhetorik und Poetik15 (also solcher, die für
den Rhetor nicht zulässige poetische Lizenzen formuüeren) - Lehr-
autorität für die co/icetfo-Traktatisten gewinnt. Das gilt besonders für
Tesauro, dessen Cannocchiale Aristotelico von einem neo-asianisch,
antiklassisch umgedeuteten Aristotelismus geprägt ist.
Auf der manischen Suche nach Ähnlichkeiten zerstört die concet-
tistische Findungslehre die Ordnung der vorgefundenen Analogien.
Die neuen, erfundenen Analogien scheinen auf keinen Konsens mehr
angewiesen zu sein. Dennoch sind die starke Tendenz zur Klassifi-
kation von akuten und arguten Formen, akuten Argumenten und den
verschiedenen Typen arguter Sprachspielformen, die Aufstellung von
Suchindizes und Inventaren, das Aufgebot von Kombinatoriken und
der Entwurf ausgeklügelter Systematiken von Modi metaphorischen
Ausdrucks auf das Einverständnis des Zeichenkollektivs angewiesen.
Das gilt auch für den Status der Regel in ihrer die bloße Reglementie-
rung überschreitenden Funktion. Denn selbst da, wo sie angibt, wie
durch Verfahren der Steigerung und Überhöhung ingeniöse Sprach-
manipulationen betrieben werden können, die die Regel außer Kraft
zu setzen scheinen, bleibt diese als Regel erlernbar und vermittelbar.
Aus Klaus-Peter Langes Darstellung der concettistischen Sprach-
ästhetik geht hervor, daß die acumen-Lehre die antike Dichotomie
zwischen gewöhnlichem, trivialem und erhabenem Sprechen nicht nur
aktuaUsiert, sondern radikalisiert und generalisiert. "Das Bewußtsein
von zwei Arten des Sprechens in der antiken Rhetorik"16, das Lange
von Aristoteles über Cicero, QuintUian, Tacitus, Pseudo-Longin bis ins
17. Jahrhundert verfolgt, wird konstitutiv für die Theorie Graciäns,
Tesauros und Pellegrinis. Die Differenz zur antiken Lehre besteht
darin, daß die Opposition von saphestäte/saphes; kyria/xenikön;
tapeine/semne1'', deren beide Werte Weisen des Sprechens qualifizie-

M
Hocke, aaO., S. 16 f., 79.
15
Vgl. insbesondere die Zitate aus der aristotelischen Rhetorik in Tesauros Can-
nocchiale, aaO.
16
Lange, aaO., S. 47.
17
Aristoteles, Poetik. Kap. 22; 1458a 18-23. In der Oppositionsbildung folge ich Lange
(aaO., S. 48). Entscheidend ist die Bestimmung des xenikön: "Unter fremd verstehe ich
ein selten gebrauchtes Wort (glotta), eine Metapher (metaphorä), ein Wort, dessen
Laute gedehnt sind (epiktasin), und alle Ausdrücke, die vom Normalen abweichen
(pän to parä td kyrion)", (ebd.; Übers. Lange). Auch in der Rhetorik verwendet
Aristoteles den Ausdruck "fremd" in bezug auf die Metapher (III, 2, 1404b-1505a; III,
10,1410b-1411a).

105
ren, die in einem graduellen Verhältnis zueinander stehen, zum einen
disjunktiv ausgelegt und zum anderen hinsichtlich des Pols des "Erha-
benen" hypostasiert wird.18
Die selektive und intentionale Lektüre des Aristoteles durch die
Concettisten läßt die Metaphernlehre des dritten Buches der Rheto-
rik19 zum zentralen Stück aristotelischer Sprachlehre avancieren. Das
xenikön als Schlüsselbegriff gibt der concettistischen Konzeption eine
antike Legitimation, macht Aristoteles zum Antizipator der acumen-
Lehre. Damit wird die Anlage der Rhetorik als deskriptiv-präskrip-
tiver Apparat neu überdacht: Es kommt zu einer Theoriebildung, wie
sie in dieser Konsequenz und Abgeschlossenheit seit der Kanonisie-
rung der antiken Lehre nicht mehr stattgefunden hat und deren Fol-
gen für die ästhetische Diskussion bis hin zur Romantik deutUch blei-
ben werden. Die Reaktualisierung der Dichotomie in der formalisti-
schen Opposition von praktischer und poetischer Sprache - Grund-
lage für die Herausarbeitung einer Poetizitätsvorstellung, die auf das
Konzept der Verfremdung reduziert werden kann - und die in den
frühen Arbeiten Viktor Sklovskijs20 vorgenommene Verortung dieses
Begriffs in einer Tradition, die die Romantik ebenso umfaßt wie
Aristoteles' xenikön, zeigen die Elaborierung eines die abendländische
Sprachästhetik bestimmenden Denkmodells.
Mit der prononcierten Zunahme eines theoretischen Interesses an
rhetorischen Kategorien kommt es zu einer - auf die Herstellung des
acumen zielenden - Anweisung und Beschreibung sprachlicher und
argumentativer Verfahren. Das acumen erscheint als Über-Trope und

18
Lange bietet eine plausible Interpretation dieses Begriffs: "Wenn 'hypsos' also
normalerweise mit 'Erhabenheit' übersetzt wird, so darf man dabei auf keinen Fall den
ursprünglichen Sinn dieses Ausdrucks vergessen, nämlich 'sich über eine Fläche
e r h e b e n d ' [...]. 'Erhabenheit' ist damit ein Hervortreten von Wörtern aus der
Fläche der sie umgebenden Worte, d.h. ein Auffallen, ein Bewußtwerden einzelner
Wörter im Gegensatz zu anderen Wörtern derselben Rede, die nicht besonders
auffallen, bewußt werden." (Lange, aaO , S. 67; Hervorhebung im Original). Lange
geht davon aus, daß Aristoteles' tapeinön und semnön aus eben dieser semantischen
Opposition von Fläche und Erhebung erklärbar sei (ebd., S. 48 ff.).
Zur Bevorzugung des dritten Buches der aristotelischen Rhetorik durch die Seicen-
tisten vgl. Hocke, aaO., S. 78.
Sklovskij zitiert die xenikön-StcUt aus der aristotelischen Poetik in seinem frühen
Aufsatz "Voskreäenie slova". Sanktpeterburg 1914. S. 14. Neu abgedruckt in: Texte der
russischen Formalisten. II. Hrsg. W.-D. Stempel. München 1972. S. 2-17. (Dt.: "Die
Auferstehung des Wortes". Übers. I. Paulmann, R. Fieguth. Ebd.) Er entwickelt ein
Konzept des abweichenden" Sprechens, das auf dem Hintergrund der Opposition von
"trivial" und "erhaben", "gewöhnlich" und "ungewöhnlich" auch rhetorisches Profil
gewinnt und durch die Verknüpfung eines kognitiven mit einem ästhetischen Aspekt in
der Bestimmung des durch sprachliche Verfahren hervorgerufenen Effekts Positionen
des Seicento reformuliert. Die Verankerung seines Verfremdungskonzepts im Kontext
romantischer Poetologie leistet Sklovskij in Povesti o proze (Erzählungen über Prosa).
Moskva 1966 (Bd. I, S. 12; Bd. II, S. 298 und 305). - H. Lausberg hat den aristoteli-
schen Terminus xenikön, den er dem taedium entgegengesetzt sieht, mit "Verfrem-
dung* übersetzt (Elemente der literarischen Rhetorik. München 2.Aufl. 1963. S. 41 ff.).

106
als Über-Argument. Der acumen -Lehrer, an die rhetorischen Katego-
rien anknüpfend, empfiehlt das acumen nicht nur als Gestaltungs-
prinzip für die elocutio, sondern als spezifische Verwendungsweise des
gesamten rhetorischen Apparats. Das acumen wird zur Möglichkeit
der permanenten Innovation rhetorischen Ausdrucks. Es benennt
regelwidrige Phänomene, Verfahren einer permissiv gehandhabten
Lizenz, die nach Regeln funktionieren, und es benennt sie im Hinblick
auf zwei Redeziele (officio): admiratio und deledatio. Damit werden
die klassischen rhetorischen Funktionen der uneigentlichen Rede
(docere, delectare, movere) neu interpretiert. Die Steigerung der Ab-
weichungsfaktoren, die Potenzierung aller rhetorischen Intentionen
gelten diesem neuen kognitiv-ästhetischen Doppeleffekt. Das concep-
tuar (Graciän) wird zur dominierenden Sprachhandlung. In demselben
Maße, wie der Rezipient durch admiratio und deledatio als ein Faktor
einbezogen wird, der die Normabweichungen konkretisiert, wird auch
die Rolle des Produzenten durch Apostrophierung seiner schöpferi-
schen Kompetenz, ingenium, definiert. "Agudeza y arte de ingenio"
heißt der Traktat Graciäns - das acumen ist eine Hervorbringung des
ingenium.
Die acume/i-Lehre wird im Verlauf des 17. Jahrhunderts entweder
zu einer Rhetorik in der Rhetorik, d.h. zu einer Spezialrhetorik, oder
zu einer die tradierte Rhetorik sprengenden Totalrhetorik. Ihr Rück-
griff auf Beispiele aus der antiken Dichtungstradition, die Berufung
auf die auclores und ihre Gleichstellung mit den (noch nicht kanoni-
sierten) recentiores (Göngora, Marino) belegen diesen Anspruch. Die
vorausgegangene poetische und oratorische Literatur wird unter dem
Aspekt des acumen neu gelesen.
Bei Sarbiewski ist eine starke Orientierung an Ciceros oratori-
schen Schriften festzustellen (auch viele exempla stammen aus Ciceros
oratorischer Praxis). Allerdings wird Cicero nicht in dem Maße
'deformiert' wie Aristoteles im Aristotelischen Femrohr Tesauros.
Dennoch zeigen die Isolierung bestimmter Verfahrensbeschreibungen
in Ciceros Partitiones oder De Oratore, etwa die Aufzählung der drei
Satzmodelle: sententiae acutae, sententiae argutae, sententiae graves, die
Sarbiewski zu seiner Unterscheidung in acumen und argutum dienen,
sowie seine Übernahme der ciceronianischen Bestimmungen des Ver-
gleichs eine Aktualisierung Ciceros für das poetologisch-ästhetische
Problem des acumen zu Beginn der 20er Jahre des 17. Jahrhunderts.
Als Beispielautoren zitiert Sarbiewski Cicero, Seneca (d. Ä. und d. J.),
Martial, nachklassische Autoren und die jesuitischen Neulateiner des
17. Jahrhunderts: Bidermanus, Remondus, Bauhusius, Gallutius, doch
keinen einzigen zeitgenössische in der Muttersprache schreibenden
polnischen Barockautor - wie etwa Daniel Naborowski. Vielmehr

107
steUt Sarbiewski einen neuen Kanon von audores auf, an dessen Spitze
Jan Kochanowski steht, ein Autor, den er über die antiken und über
die 'klassischen' Autoren der Romania stellt, über Dante, Petrarca,
Ronsard und über den berühmtesten Autor des Concettismus, Mari-
no. Kochanowski aber ist mit Sicherheit kein 'Asianer'. Sarbiewskis
Konzept gilt nicht der aktuellen Dichtung seiner Zeit, sondern ist als
Beitrag zur Lösung eines generellen sprachästhetischen Problems zu
werten, das in jesuitischen Rhetorikerkreisen diskutiert wird. Unab-
hängig davon entwickelt sich in Polen eine poetische und oratorische
Praxis, deren zentrales Prinzip das acumen ist.21
Graciän, Pellegrini und Tesauro schreiben ihre Traktate aus der
Erfahrung der Manieristen, Cultisten, Concettisten, die die poetische
Praxis des 17. Jahrhunderst verändert haben. Bei Graciän bt Martial,
den er den "primog6nito de la agudeza" (39) nennt, Vorbildautor
neben den zeitgenössischen Göngora und Marino. Die Postfaktum-
Theorien Tesauros und Pellegrinis berufen sich neben antiken Bei-
spielen extensiv auf solche des italienischen Concettismus.
Die Kreuzung von disparaten, auseinanderstrebenden semanti-
schen Sequenzen, die Durchkreuzung semantischer Hierarchien, das
sind die veränderten Sehweisen, die die antiken Texte neu erschließen,
die zeitgenössischen in ihren zentralen Strategien erfassen und die
Prinzipien der rhetorischen Lehre reformulieren. Alles erscheint mit
allem vergleichbar. Der Vergleich solcher Elemente, die entsprechend
dem bestehenden Ordnungs- und Hierarchieverhältnis einander aus-
schließende oder gegensätzliche Beziehungen unterhalten, führen zu
schnell sich verfeinernden Verfahren der Disproportion, Unähnlich-
keit, Disharmonie, Inkompatibilität. Diese Verfahren treten neben die
ererbten der Ähnlichkeit, mit denen sie unterschiedliche Verbindun-
gen eingehen. In der Bewertung und Deutung der neu ins Blickfeld
gerückten Verfahren varüeren die Traktate, in denen das Konzept im
17. Jahrhundert elaboriert wird.
Für Sarbiewski ist das acumen ein Phänomen aller Diskurstypen
bis hin zur Alltagsrede:
Nam quod ad acumen attinet et argutiam, quae anima quaedam est et forma epi-
grammatis quaque epigramma differt a ceteris omnibus proprie et essentialiter,
hoc sane sicut et argutia commune est orationi et cuilibet alten operi rhetorico, ut
clarius perspicies in tractatu De acuto et arguto, qui orationibus, contionibus, de-
clamationibus, dialogis, interloquiis tragoediarum, comoediarum, dramatum, ele-
gus et lyricis, satirae praeterea et epigrammati nee non epistolis, apologis, Menip-
peis et ipsi demum familiari sermoni communis erit. (De perfecta poesi, 20, 22-29)

21
Zur Frage, ob möglicherweise doch eine Beziehung zwischen Sarbiewskis Theorie
und der polnischen Barocklyrik herzustellen sei, vgl. Kap. V in diesem Band.

108
Die Ausweitung des acumen- und a/gwf/a-Bereichs in den sermofami-
liaris stellt eine abweichende Auslegung der Dichotomie triviale/
erhabene Rede dar, deren Werte von Sarbiewski nicht auf fix einander
gegenüberstehende Sprachen appliziert, sondern als Möglichkeiten
begriffen werden, Sprache in verschiedenen Diskursformen 'trivial'
oder 'erhaben' zu verwenden. Das acumen erscheint als ästhetisch-
kognitive MögUchkeit von Sprache, die Durchbrechung des Trivialen
im sermo familiaris ebenso wie die Störung der Normen in den habi-
tualisierten, trivial gewordenen Uterarischen und oratorischen Genres
zu erreichen; d.h. als eine Form des Denkens und Sprechens, die, auf
admiratio und deledatio ausgerichtet, das taedium und fastidium in je-
dem Genre abbaut. Das acumen verbürgt eine neue Sicht der res und
verba, eine noch nicht vernommene persuasive Botschaft. Das akute
Sehen, das die italienischen Concettisten perspicacia, Transparenz,
nennen, schafft in der Beseitigung des Überdrusses und der TriviaUtät
eine kognitive und ästhetische Erfahrung der Durch- und Einsicht in
den Zusammenhang der sprachlichen und argumentativen Zeichen.
Es geht um das Aufdecken der verborgenen Wahrheit, der unbekann-
ten Gründe (Graciän, Sarbiewski) in einem Akt des Verstandes ("acto
del entendimicnto", Graciän, 17). Aber hier zeigt sich in den Thesen
der acumen -Theoretiker jener Konflikt zwischen 'objektiver' und 'sub-
jektiver' Ästhetik, der der Ähnlichkeitskrise vorausgeht. Die Korres-
pondenzen und Ähnlichkeiten zwischen den Objekten beruhen auf be-
stimmten ihrer Eigenschaften, die der akute Verstand erkennt und
folglich zu benennen vermag. Die Hervorbringung von Korresponden-
zen und Ähnlichkeiten aber ist allein Sache einer kreativen Einbil-
dungskraft, die in der Kunst des ingenium ("arte de ingenio") sich
manifestiert. Der poeta als creator schafft die künstUche (nie dagewe-
sene) Verbindung zwischen den Gegenständen ("artificiosa conexiön
de los objetos", Graciän, 17; "legamento artificioso", Pellegrini, 33).
Hierin steckt, so scheint mir, die Opposition von vorgefundener und
erfundener Korrespondenz, von aufgedeckter und fingierter Ähnlich-
keit. Wladyslaw Tatarkiewicz22 hat auf die Konkurrenz der Begriffe
Symmetrie und eusynopton in der aristoteUschen Ästhetik hingewie-
sen, wobei in letzterem der Schwerpunkt von den Eigenschaften der
sichtbaren Dinge auf die Eigenschaften des Sehens verlagert wird.
Aber während in der aristotelischen Ästhetik die Symmetrie neben
dem eusynopton, das objektive Schöne neben dem subjektiven Schö-
nen bestehen bleibt23, hat die Akzentverschiebung für die seicentisti-
sche Ästhetik Konsequenzen. Das akute Sehen, die "agudeza de per-

22
Historia estetyki (Geschichte der Ästhetik). I (Estetyka starozytna). Wrocraw 1962. S.
183. Tatarkiewicz bezieht sich auf Rhet., III, 1409a-1409b.
23
Ebd.

109
spicacia" (Graciän, 18), das "Transparenzvermögen des 'ingegno'"24,
kann die objektive Symmetrie ebensowenig bestätigen, wie es sich der
Ordnung der Dinge der neuen Objektivität des Rationalismus unter-
ordnen kann. Die subjektive acumen-Ästhetik zeigt sich in der Ambi-
valenz von Begriffen wie "finden" und "erfinden", "entdecken" und "er-
schaffen".
Für die Concettisten gibt es zwei Bereiche, in denen das acumen
wirkt und in denen die rhetorischen Verfahren der inventio und der
elocutio gesteigert und uminterpretiert werden: Argumentation und
Sprachgestaltung. Sarbiewski unterscheidet das acumen, das für den
Raum der akuten Gedanken gilt, vom argutum, dem sprachUchen acu-
men. Sein zweiteiliger Traktat führt das Raffinement der ratiocinatio
und des sprachlichen Ludismus vor. In beiden wird Ähnlichkeit the-
matisiert und das In-Vergleich-Setzen zweier Elemente (zweier Ter-
mini, zweier Sätze, zweier sprachlicher Einheiten) als zentrale Stra-
tegie herausgestellt.

II

Sarbiewski strebt in seiner strikt argumentierenden Abhandlung,


die als Diskussionsbeitrag zur acumen-Problematik konzipiert ist, die
gültige Formulierung einer Theorie an. In der kritischen Darstellung
einzelner wie Lehrmeinungen behandelter opiniones resümiert er die
führenden Standpunkte der ersten beiden Dekaden des 17. Jahrhun-
derts: rezeptionsästhetische, logische, verfahrensmäßige und ästheti-
sche. 25 Sarbiewski geht es um eine umfassende Bestimmung der
essentia des acumen. Mit dieser scholastischen Forderung weist er
jeden reduktionistischen Versuch der acumen -Bestimmung (aeeiden-
tia) zurück.
Die rezeptionsästhetische Definition des acumen von Dionysios
Petavius - "praeter communem usum exspeetationemque" (2,25) -
umfaßt zwei Faktoren: die Abweichung als Normverletzung und die
Brüskierung des Erwartungshorizontes. Die acumina als Verfahren
sind sowohl unerwartet, inopinata, als auch dem Gegenstand adäquat:
"mirifice ad rem attinent" (3,1). Die "wunderbare" Verbindung von res
und acumen wird als ingeniöse Leistung gewertet, die eine unerwarte-
te Übereinstimmung von Signifikant und Signifikat, eine semantische
Harmonie erfindet, die im Rezipienten "tiefere Spuren" hinterläßt.

M
Lange, aaO, S. 90.
Sarbiewski versteht seine Theorie als Beitrag zu einer aktuellen Diskussion, die er
mit französischen und deutschen Ordensbrüdern führt. Namentlich erwähnt werden
Dionysios Petavius (Lehrer am Jesuiten-Kolleg in Paris) und Matthaeus Rader
(gelehrter Jesuit, Lehrer der Rhetorik, Verfasser eines Martial-Kommentars).

110
Das kognitive und das ästhetische Moment, die in diesem Effekt zu-
sammenwirken, überhöhen die rhetorischen Funktionen des docere
und delectare. Zunächst weist Sarbiewski die rein rezeptorische Di-
mension zurück, indem er den Begriff des inopinatum, der die Rela-
tion des akut Ausgesagten, dictum, zum Leser/Sprecher beschreibt,
der Vorstellung eines allein im dictum begründeten acumen unter-
ordnet, das ausschließlich das Produkt des Sprechers ist: "Absolute
enim acutum est partus dicentis" (3,16). Das im dictum vorgegebene
acumen aber hat - und damit modifiziert Sarbiewski das über die
Adaquatheitsbeziehung zwischen res und acumen Gesagte wesentUch
- einen doppelten Status: "rationem ex una parte dissentanei, et ex
altera parte rationem consentanei" (3,29); und anders formuliert:
"quod illud dictum ad rem ipsam ex una parte videatur non pertinere,
ex altera autem videatur valde pertinere" (3,31). Die Beziehung zwi-
schen res und acumen beruht auf einer Ambivalenz, die Eindeutigkeit
und hingenommene bzw. erwartbare Adäquatheit dieser Relation wird
gestört, und die aus dieser Störung resultierenden Effekte der admira-
bilitas und iucunditas (Petavius) verbinden das consentaneum mit dem
dissentaneum. Und dieses meint die Brüskierung der Normerwartung.
In der Auseinandersetzung mit Raders opinio, die das acumen auf
e i n Verfahren reduziert: "argutam aliquam et raram metaphoram
aut allegoriam vel hyperbolen, vel similitudinem aut comparationem
maiorum, minorum et parium" (4,5), definiert Sarbiewski das acumen
antirhetorisch: Das acumen erscheint gerade als Aufhebung bestimm-
ter Verfahren, die innerhalb einer rhetorisch-poetischen Konvention
Geltung besitzen. Er spricht ausdrücklich von der "destructio alle-
goriae vel metaphorae", die darin bestehen kann, daß ein "verbum a
translatione et sensu metaphorico ad propriam et simplicem signifi-
cationem reducitur" (4,20). Im Rahmen der linguistischen Poetik hat
Roman Jakobson auf Verfahren der Rückführung, semantischen Ent-
flechtung hingewiesen, zum Beispiel auf die realisierte, die wörtlich zu
lesende Metapher 26 . Das 'antirhetorische' Argument Sarbiewskis
zeigt, daß die Dichotomie proprium /improprium nicht mehr nur die
Opposition Alltagssprache/poetische Sprache, sondern eine sekun-
däre Opposition im Bereich der poetischen Sprache meint. Das impro-
prium wird als Hintergrund und als Habitualisierungsstufe innerhalb
einer poetischen Konvention verstanden, in der die Rückführung zum
primären proprium ein weiteres kompliziertes improprium schafft. So
erscheint das acumen als Destruktion des tropischen Ausdrucks, als

M
"Novejsaja russkaja poezija. Nabrosok pervyj. Viktor Chlebnikov" [1921]. In: Texte
der russischen Formalisten. II. Hrsg. W.-D. Stempel. München 1972. S. 18-135; hier S.
44 ff. und bes. S. 48. (Dt.: "Die neueste russische Poesie. Erster Entwurf. Viktor
Chlebnikov". Übers. R Fieguth. Ebd.)

111
Abweichung vom poetischen Usus des Metaphorisierens27. Die erfin-
dungsreiche Demontage metaphorischer Formen konnte im Kontext
des Concettismus als Gegenpol zur Metaphernhypertrophie, Meta-
phernüberbietung und Findung der absoluten Schockmetapher wir-
ken: Normbrechung durch Reduktion und Verkehrung der semanti-
schen Operation einerseits und Normbrechung durch deren Radikali-
sierung und Potenzierung andererseits.
Aus dem Bereich des acumen schließt Sarbiewski ferner sententia
und gnomon und das sophisma als fallax argumentatio aus. Das acu-
men als gefäUige Präsentation einer aUgemein bekannten und akzep-
tierten Wahrheit, als das Sarbiewki hier sententia und gnomon im Un-
terschied zu anderen concettistischen Positionen versteht, läßt dem
ingenium keinen Raum. Dezidierter noch ist seine Abgrenzung von
einer acumen -Definition, die vom sophisma, der fallax argumentatio,
ausgeht. Das sophistische Kunststück verleitet den Leser/Hörer auf
liebliche Weise, suaviter, zu einem falschen Schluß. Die Diskrepanz
zwischen rhetorischer und logischer Wahrheit erzeugt in diesem Fall
das acumen, nicht der Zusammenfall von kognitivem und ästheti-
schem Moment wie im gnomon.
Hier scheint ein Wahrheitspurismus vorzuliegen, der im Rahmen
der Konkurrenz zwischen Logik, Dialektik und Rhetorik28 für letztere
keine Geltung hatte und insbesondere im 17. Jahrhundert durch die
Bevorzugung stark verkürzter enthymematischer Formen wie Sorites,
Encheirema und Änigma aus der rhetorischen Poesie entfernt worden
war. Sarbiewski unterscheidet offenbar zwischen einer fallax argumen-
tatio, die im Rahmen der Logik und Dialektik einen Wahrheitsverstoß
anzeigt (und zu tadeln ist), und einer akut-poetischen Argumentation,
die durchaus Elemente des 'Täuschens' enthält. Die Täuschung in die-
sem FaU liegt aber nicht in einer abweichenden Wahrheits-, sondern
in einer abweichenden oder ingeniösen Ähnlichkeitsauslegung. Und
diese geschieht in der Metapher. Genau dies führt Sarbiewski in sei-
ner acume n-Deünition vor, die er als aus seiner Sicht plausibelste
opinio hinter die diskutierten stellt. Sie berührt sich in etlichen Punk-
ten mit Positionen von Graciän, Pellegrini und besonders Tesauro.

Sarbiewski führt zwei Beispiele an, wovon das zweite die wörtliche (proprie) Lesart
des rhetorischen Begriffs movere zum Inhalt hat (movere als "bewegen", "erschüttern"
wird als "vom Platz bewegen", "vertreiben" verstanden) und das erste einen etwas
komplizierteren Fall thematisiert: Vieris lentibus", das besiegte Linsengericht oder der
Sieg, den der in der Komödie als Freßsack dargestellte Herkules über die Linsen
davonträgt, gilt hier als decorum-Bruch. Vincere gilt nur für Gegenstände, die auf der
höchsten und mittleren Stilstufe behandelt werden. Vincere als "aufessen" ist eine
Profanation der Metapher, daher ihre Zerstörung.
28
Zur Beziehung von Logik, Dialektik und Rhetorik vgl. G. Morpurgo-Tagliabue,
"Aristotelismo e Barocco". In: Retorica e Barocco. Atti del III Congresso Intemazionale
di Studi Umanistici. Hrsg. E. Castelli. Roma 1955. S. 119-195; R Barthes, "L'Ancienne
rhetorique. Aide-memoire". Communications. 16. 1970. S. 172-223; hier S. 201 ff.

112
Im Kontext des italienischen Concettismus hat Sarbiewskis Trak-
tat, dessen Grundideen 1623 (zur Zeit des Ruhmesgipfels von Marino)
in Rom vor jesuitischen Ordensbrüdern vorgetragen wurden, der je-
doch nicht publiziert wurde, keine Spuren bei den nachfolgenden
Jesuiten-Traktatisten hinterlassen. (Von den Biographien Sarbiewskis,
Pellegrinis und Tesauros29 her wäre allerdings ein Zusammenhang
durchaus denkbar). Dafür aber hat Sarbiewskis acumen-Lehre, insbe-
sondere jener noch zu diskutierende Satz, eine über Jahrzehnte wirk-
same Autorität in den rhetorischen und poetischen Handbüchern
ukrainischer und großrussischer Bildungsstätten gewonnen. Die Re-
zeption Sarbiewskis wurde entscheidend für die barocke Ausrichtung
der dort mit dem 17. Jahrhundert einsetzenden kontinuierlichen Rhe-
torik- und Poetiktradition. Traktate, die das acumen in den Mittel-
punkt stellten, berufen sich im übrigen auch auf Tesauro und Graciän,
so daß die in Italien nicht geglückte Berührung der Lehre des polni-
schen Jesuiten mit den Theorien seiner berühmten Ordensbrüder im
nachhinein auf ukrainisch-russischem Boden zustande kam. Das Sar-
biewskische Theorem wirkte vermittelt bis in die Mitte des 18. Jahr-
hunderts, wo es, überlagert von der Rezeption zeitgenössischer deut-
scher Theorien von der Scharfsinnigkeit, in Lomonosovs Rhetoriken
noch einmal, jetzt in russischer Sprache und für eine poetische Praxis
in der Muttersprache bestimmt, formuliert wurde.30
Sarbiewskis Definition lautet: "Acutum est oratio continens affini-
tatem dissentanei et consentanei, seu dicti Concors discordia vel dis-
cors concordia" (5,20; im Original hervorgehoben). Dieser lapidare
Satz wird mit Hilfe von drei Dreiecken, die einander wechselseitig illu-
strieren, erklärt:
tr
unio j) 9° poitst

moltna acufi ^ Delicios, Cofsorjususque etc.

Unde potcsi avidu» captac leo paicera praedic?


Sed tarnen ose tum dicitur: ergo polest.

1
Vgl. die Kurzbiographien zu Pellegrini und Tesauro bei Lange, aaO., bzw. die zu
Sarbiewski bei J. Krzyzanowski, Historia literatury polskiej (Geschichte der polnischen
Literatur). Warszawa 1974. S. 303-305.
30
Vgl. dazu Kap. VI in diesem Band.

113
Die Vorstellung eines "acumen mathematicum et materialc", das
Sarbiewski als "duarum linearum concursus et coniunctio et in unum
punctum coalescentium affinitas" (5,26) definiert, erlaubt ihm, das
acumen rhetoricum in analoger Weise zu bestimmen. Das Dreiecks-
diagramm, an dem er sein mathematisches acumen demonstriert,
spielt für ihn die Rolle einer acumen-Theorie. Diese gezeichnete
Theorie muß allerdings in einer bestimmten Reihenfolge gelesen wer-
den. Ausgangspunkt ist die materia des acumen, aus dieser materia
wird ein Satz entwickelt, der mit ihr 'consentiert', sodann ein zweiter
Satz, der mit ihr 'dissentiert'. Beide Sätze kommen in der Spitze, in
einer unio, zusammen. Die materia ist das Vorgegebene, das Thema,
der consentierende und dissentierende Satz sind als 'eigentlicher' und
'uneigentlicher' Ausdruck interpretierbar, sie folgen einander wie
Sätze einer Argumentation, doch ist die unio keine logische conclusio,
sondern eine Schein-conclusio, die auf einer metaphorischen Opera-
tion beruht. Die metaphorische Prozedur erhält den Anschein einer
logischen. In der unio findet die Übertragung statt, die durch die bei-
den 'Ausdrücke' vorbereitet ist. Die materia, die basis, wird als dasje-
nige bezeichnet, über das der Autor 'akut' schreiben will. Es sind vier
einzelne Schritte, die das acumen hervorbringen: Es ist eine materia
auszusondern aus der Menge der möglichen Materien. Danach setzt
die Findung zweier Sätze ein, die der in der Materie vorgegebenen
Aussage entweder entsprechen oder ihr zuwiderlaufen: "est inventa in
hac materia ratio dissentanei" (6,20) und "est inventa ratio consentanei
in eadem materia" (7,5). Die Zusammenführung der beiden in bezug
auf ihre Deutung der ursprünglichen Aussage konträren Sätze ergibt
schließlich das acumen: "est ipsa unio, seu concordia dissentanei et
consentanei, in quo ipsa ratio acuminis sita est" (7,11).
Die Anweisung zur Erzeugung des acumen, die gleichzeitig als Er-
klärung der oxymoralen Definition gilt, ist ein Konzentrat rhetorischer
Anweisungen zu inventio, dispositio und elocutio. Der Weg, der zum
acumen führt, gleicht der Konstruktion einer kleinen Rede, die es mit
der Aufschlüsselung und Klärung nicht übereinstimmender Aussagen
zu tun hat, wobei die Klärung und letztliche Aufschlüsselung den
Höhepunkt der Rede bilden. Das von Sarbiewski gewählte Beispiel
eines Martial-Epigramms31, an dem er seine Definition orientiert, ist
eine Art verknappter Argumentation, deren Schluß "ergo potest" (7,
14) das acumen darstellt. Das Kriterium für die Wirkung des acumen
ist in diesem Fall die probabilitas, allerdings eine rhetorische, denn die

Es handelt sich um folgendes Epigramm des Martial (1,14): "Delicias, Caesar, lusus-
que iocosque leonum / vidimus - hoc etiam praestat harena tibi - / cum prensus
blando totiens a dente rediret / et per aperta vagus curreret ora lepus. / Vnde potest
avidus captae leo parcere praedae? / sed tarnen esse tuus dicitun ergo potest. (Zit.
nach M. Val. Martialis, Epigrammata. Hrsg. W. M. Lindsay. Oxford 1929).

114
Argumentation bewegt sich auf der Ebene des Uneigentlichen. Es
liegt eine Metapher vor, wenn die Eigenschaft des Löwen, seine Beute
zu schonen, nicht mit "weil er satt ist" begründet wird, sondern anthro-
pomorphisierend durch die Wirkung der Tugend seines Herrn. Nicht
weniger uneigentUch ist die emphatisch nahegelegte Interpretation des
Löwen-Verhaltens: "der Cäsar ist so milde, daß sogar die Raubtiere,
die zu ihm gehören, milde sind"; sie stellt eine Hyperbel in der Funk-
tion einer obligaten Herrscherhuldigung dar. Aber die Hyperbel wird
nicht explizit, sie wird von der Schein-Argumentation überspielt. Das
Diagramm, das Sarbiewski zur Klärung seiner mißverstandenen Sätze
über das consentaneum und dissentaneum anbietet, läßt sich als Be-
schreibung des Metaphorisierungsvorgangs interpretieren, auch wenn
hier das reine Verfahren durch das Epigrammexempel in den Hinter-
grund tritt. Die Beobachtung eines Unwahrscheinlichen wird als
Materie, res, beschrieben, sie wird in Frage gestellt, sie wird erklärt, es
wird der Schluß gezogen, der sie rechtfertigt und wahrscheinlich
macht. Ein Unwahrscheinliches, Verwunderliches, Rätselhaftes, das
auf der logischen Ebene keiner Veränderung unterliegt, wird auf der
rhetorischen Ebene wahrscheinlich, das rhetorisch Wahrscheinliche
macht auf dem Hintergrund des logisch Unwahrscheinlichen die Wir-
kung des acumen aus. Das Verwunderliche weicht einer Bewunderung
für die rhetorische Rechtfertigung. Und diese geschieht mit Hilfe der
Metapher. Die admiratio entsteht aus dem Unerwarteten, ex inopina-
to. Sarbiewski verknüpft diese für den Concettismus grundlegende
Idee mit Aristoteles: "Nam ut Aristoteles docet, admiratio nascitur ex
ignoratione causarum" (7,20), womit er wahrscheinlich eine Stelle der
Rhetorik paraphrasiert, die auch für die italienische Konzeption der
ammirazione, bzw. der maraviglia von größter Bedeutung ist: ange-
nehm ist das Wunderbare ("hedü de tö thaumastön"32). Sarbiewski
verknüpft seine acumen -Definition mit den beiden rezeptionsästheti-
schen Kategorien der Bewunderung/ Verwunderung und des Vergnü-
gens, die das Wunderbare hervorruft: "coniunetio admirationis cum
delectatione nascitur adaequate ex coniunetione dissentanei et consen-
tanei" (7,30). Verwunderung schafft das Unstimmige und Unbekannte,
Vergnügen das Stimmige und Bekannte. Das Martial-Exempel führt
es noch einmal vor Augen: Der hungrige Löwe frißt (bekannt) / Der
Löwe des Kaisers frißt nicht (unbekannt). Die Reihenfolge der Ele-
mente bekannt/unbekannt ist gleichgültig, entscheidend ist ihr Zu-
sammentreffen und nicht ihre Sequenzialität. In der Abfolge zweier
Sätze, die als Strukturmoment dieses acumen -Typs gelten kann, liegt
die Simulierung eines Schlusses. Die unio, die das acumen ausmacht,
ist die Concors discordia oder discors concordia^, d.h. der Zusammen-

Aristoteles, Rhet. III, 2,1404.

115
stoß von inopinatum und opinatum, von dissentaneum und consenta-
neum. Sarbiewski präzisiert diese Bestimmung, indem er das Uner-
wartete als Objekt der Verwunderung nicht nur als konkrete, tatsäch-
Uche Hervorbringung begreift (das würde ja implizieren, daß das acu-
men eines Epigramms nur einmal wirken kann, da beim ersten Lesen/
Hören das Unbekannte zum Bekannten wird), sondern als eine grund-
sätzliche Struktur, die man unzählige Male genießen kann. Das acu-
men wirkt nicht formal und aktueU ("formaliter et actualiter"), sondern
virtuell und fundamental ("virtualiter et fundamentaliter"; 9,18). Es
wird deutlich, daß Sarbiewski an die Stelle des aktuell erreichten
Effekts des Unerwarteten das Verfahren setzt. Es geht also nicht so
sehr um die Findung von Sätzen über ungewöhnliche Sachverhalte als
vielmehr um die Findung von Verfahren, die das Unstimmige mit dem
Stimmigen zu verknüpfen erlauben; das inopinatum selbst gehört zum
Verfahren und braucht nicht inhaltlich bestimmt zu sein. Auch mit
dieser Modifizierung eines wesentlichen Faktors der acumevi-Erzeu-
gung beweist Sarbiewski sein Bestreben, eine möglichst generelle
Definition aufzubauen.
Wenn Sarbiewski auch speziell auf Similarität abzielende Tropen
für die Herstellung des acumen ablehnt (metaphora, comparatio), so
geht es ihm bei der Findung der akuten Argumente, wie sie das Zen-
tralbeispiel vorführt, ausschließlich um die Thematisierung von Ähn-
lichkeit. Die discors concordia wird vermittels der Metapher her-
vorgebracht, durch Übertragung auf der Grundlage eines tertium com-
parationis. Die immutatio des eigentlichen durch den uneigentlichen
Ausdruck wird nicht in einem einzigen semantischen Akt, sondern dis-
kursiv - auf die akute unio hin - entwickelt. Daß Ähnlichkeit thema-
tisiert wird, erhellt insbesondere aus der Anweisung zur Findung von
acumina, die den Vergleich der Fundorte empfiehlt. Nicht die loci
selbst, sondern die comparatio locorum gibt die Suchformel zur Auf-
findung akuter Argumente. Die rhetorische Topik wird selbst zum Ge-
genstand des acumen, indem die Fundorte miteinander verglichen und
aus diesem Vergleich ein consentaneum und ein dissentaneum gewon-
nen werden34. Die von der Rhetorik definierten loci argumentorum

•" Otwinowska, aaO., S. 92 weist unter Berufung auf T. Sinko, Poetyka Sarbiewskogo
(Die Poetik Sarbiewskis). (= Rozprawy AU. Wydziat Filologiczny. 58/3). Warszawa
1918, darauf hin, daß das Oxymoron Concors discordia (vgl. Horaz, Epist. I, 12, 19:
"concordia discors"; Ovid, Met. I, 433: "discors concordia"; Manilius, Astronomicon I,
142: "discordia Concors") von Sarbiewski in den Bereich der Ästhetik eingebracht
wurde, wobei neben der Harmonie die Disharmonie als gleichwertiges Element her-
vorgehoben wird. Damit erfahre die klassische Harmonievorstellung eine Komplizie-
rung.
34
Die acame/i-Findung bedient sich der loci als eines Instruments, dessen Grenzen sie
ständig überspringt - der locus ist kein Regulativ, das die inventio in bestimmte
Bahnen lenkt, sondern er wird gerade zu dem Moment, an dem sich die acumen-
Findung als ingeniöse Leistung beweist. Sarbiewski führt das am Beispiel des locus der
definitio vor: Gallus est animal bipes, implume. Ex hoc potes argute dicere: 'Ecce

116
werden concettistisch interpretierte loci acuminorum. Die Überbie-
tung der Rhetorik, die zum Ausgangspunkt sekundärer, komplexer
Verfahren wird, läßt sich auch in Graciäns Formulierung fassen: "la
agudeza tiene por materia, y por fundamento, muchas de las figuras
retöricas" (300). Der acumen -Traktat ist Weiterführung, Verkehrung,
vor allem aber Interpretation und Umstellung bestimmter Werte der
Rhetorik.
So ist denn die Sarbiewskische acumen -Bestimmung mit ihrer oxy-
moralen Formel der stimmigen Unstimmigkeit eine über das rein rhe-
torische Ziel hinausschießende Interpretation sowohl des Arguments
als auch der Metapher. Für den problematischen Aspekt der fallax ar-
gumentatio gut, wie bereits angedeutet, daß die Spitze des Sarbiewski-
schen acumen aus einer Täuschungs-Metapher entsteht. Mit dieser
Feststellung ist ein Anschlußpunkt zu Tesauro gegeben, dessen drei-
stufige acumeyi-Systematik35 nach den einfachen Metaphern, metafore
simplici, und den metaphorischen Sätzen, propositioni metaforiche, als
höchsten Grad die metaphorischen Argumente, argomenti metaforici,
umfaßt. Diese drei Stufen sich komplizierenden Metaphorisierens, die
drei Stufen der Fähigkeit des Intellekts entsprechen, zeigen eine
Steigerung zu jener Form der argutezza an, die im eigentlichen Sinn
diesen Namen verdient: "Anzi questa sola merta il nome di 'Argutia',
che nasce dall' 'Argomento'" (487). Diese Beziehung, die Tesauro
zwischen Argument und argutia bzw. argutezza herstellt, wird von
Lange vertieft, der durch etymologische Interpretation der Wurzel
ARG einen Bildbereich aufdeckt, der für "das nicht-alltägliche Spre-
chen"36 steht, also den Pol des 'Erhabenen' nachdrücklich ins Blickfeld
rückt. Auch in Graciäns Formulierung über die argumentos concep-
tuosos wird der Zusammenhang von argut und Argument nahegelegt:
"Todos estos argumentos se fundan en la hermosa correlaciön que
hacen los dos tdrminos para argüir del uno al otro" (245).
Trotz unterschiedlicher Terminologie, oder genauer trotz unter-
schiedlicher Verteilung derselben Termini in einem Feld, das die Be-

habemus hominem Platonicum" (11,30). - Unter Berufung auf Ciceros Panitiones


oratoriae weist Sarbiewski darauf hin, daß es einen modus der acumen-Findung gebe,
der mit allen loci in bezug auf die res verbunden sei, der Vergleichsmodus, locus
comparatorum. In einer detaillierten Systematik, die er mit einer Tabelle unterstützt,
stellt er einen "Tnplex Modus Investigandorum Acuminum Ex Triplici Locorum
Comparatione" (14,13) vor. Diese enthält folgende Vergleichsanweisung: "Comparatur
vel res cum locis, vel duo loci eiusdem ordinis, vel duo loci diversi ordinis" (14,15).
35
Vgl. Lange, aaO., S. 100 ff.
36
Ebd., S. 103. Lange bringt ARG mit argentum, mit griech. ärgvros (Silber), argös
(weiß), ärgemon (das Weiße im Auge), arges (weißschimmernd) und enarges (deutlich)
in Zusammenhang und destilliert die "Vorstellung des Hervorleuchtenden, durch
Helligkeit Hervorstechenden" (ebd.) heraus.

117
reiche von inventio und elocutio abdeckt, gibt es zwischen den concet-
tistischen Traktaten deutliche Affinitäten. Für Tesauro umfaßt das
metaphorische Argument eben jenes täuschende Moment, das Sar-
biewski in seiner acMme/i-Definition vorführt, ohne es terminologisch
zuzulassen. Die eigentlichen metaphorischen Argumente, die wahren
concetti, sind die "Argomenti Urbanamente Fallaci" (489). Das Mo-
ment des Täuschens wird unter Berufung auf Aristoteles' "enth^mema
asteion"37 den 'tatsächlich' auf Täuschung beruhenden Sophismen
("Sofistiche Fallacie", 492), den dialektischen Trugschlüssen also,
gegenübergestellt (womit die 'urbane' Täuschung, die den Scherz und
das Vergnügen will, und die sophistische Täuschung, die die Wahrheit
versteUt, getrennt werden) und in der Metapher begründet: "PEntime-
ma Urbano, essere una Cavillatione Ingegnosa, in Materia civile: fon-
data sopra una Metafora. Et questa e quelle Perfetta Argutezza"
(495). Sowohl die Intention der Sarbiewskischen Abgrenzung von der
argumentatio fallax als auch die Strukturformel seines acumen (belegt
durch viele Beispiele, deren sich Tesauro hätte bedienen können) sind
unter diesen Satz subsumierbar. So wie die argomenti fallaci aus der
ästhetischen Logik der Metapher folgen, erweist sich das akute Argu-
ment Sarbiewskis als metaphorisch, die akute Metapher als Argument.
Bei Graciän scheinen die Empfehlungen für die akuten Argumente
noch weiter in den Bereich des Irregulären (des logisch Irregulären)
hineinzureichen. Zu den akuten Vernunftschlüssen ("ponderaeiön
juiciosa sutil") zählt er die Krisis, das Paradoxon, die Übertreibung,
zur ratiocinatio ("raciocinaeiön") Geheimnisse, Zweifel (23). Die Be-
stimmung der Schlußfolgerung als Pointe eines Epigramms ("conclu-
siön coneeptuosa", 242) kommt allerdings wieder Sarbiewski nahe:
Zwischen zwei einander gegenüberstehenden Wirkungen oder Eigen-
schaften ein und desselben Gegenstandes entsteht das concettistische
Argument: "entre dos opuestos efectos o circunstancias de un mismo
sujeto, se forma el argumento coneeptuoso" (249). Auch die meisten
anderen Verfahren der Graciänschen agudeza sind solche der argu-
mentierenden Übertragung im Sinne Sarbiewskis und Tesauros.
Sarbiewski reserviert den Terminus argutum für den sprachlichen
Bereich und grenzt ihn ausdrücklich aus dem argumentativen aus. Un-
ter Berufung auf Ciceros De optimo genere oratorum unterscheidet er
Sätze, die den Intellekt betreffen, Sätze, die dem ästhetischen Empfin-
den gelten, und solche, die die Emotion anrühren: akute, argute und
gewichtige Sätze38 (eine Einteilung, die die Trias Tesauros antizi-
piert). Während das acumen durch beliebige Wörter ("quibus-cumque

* ' Vgl. Rhet. III 10, 4, 1410b. - Das asteion, urbanum als Witz, Ironie, aber auch als
Eigenschaft des eleganten Stils, vgl. Lausberg, Handbuch der literarischen Rhetorik.
Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft. München 1960. S. 303, 186.
38
Vgl. Kommentar von Skimina zu Sarbiewski, Wyktady poetiky, aaO., S. 490.

118
verbis"; 15,20) zustande kommt, besteht das argutum gerade in der
Nichtbeliebigkeit der Wortwahl:

quodsi illa verba non quomodocumque exprimant concordiam illam, sed in se


habeant quandam festivitatem et leporem, seu quoddam iucundum auribus
lenocinium, vel ex delectu verborum, vel ex figuris, vel ex ipso sono et allapsu
quodam syllabarum dulci ipsaque cogitata et exquisita oeconomia dictionum,
argutia dici potest. (15,14)

Neben die eigentlichen, die reinen acumina, nuda acumina, treten die
acumina mit der signifikanten Funktion des Ornaments, die nunmehr
argutiae genannt werden. Diese haben trotz ihrer gefälligen Form
einen klaren Bezug zu einem akuten Signifikat. Nun gibt es für Sar-
biewski noch eine weitere Stufe der Entfernung vom Signifikat und
der Konzentration auf die Signifikantenebene, die er als "acumina
vacua et inania" bezeichnet. Es sind die acumina der bloßen, ent-
blößten sprachlichen Mittel, acumina der Hülle und Oberfläche. Ihre
Struktur ist nicht durch die Verbindung konträrer Sätze bestimmt,
"ncxus contrariorum", sondern durch den reinen Bezug sprachlicher
Formen zu- und untereinander. Ihre 'Akutheit' besteht im lusus ver-
borum: "nonnulla acumina sunt, quae in solo verborum lusu veram
quoque rationem convenientiae et disconvenientiae acuminis habeant"
(16,4). Da convenientia und disconvenientia als Begriffe auftreten, die
die Stelle von consentaneum und dissentaneum einnehmen, entsteht
ein weiteres antinomisches Paar, in dessen Spannungsfeld das acumen
(argutia) als reines sprachliches Verfahren entsteht, d.h. als Verfahren,
das auf die Sprache verweist. Ludere wird damit zum Schlüsselwort für
poetisch-semantische Prozeduren, die zweckfrei und selbstwertig sind.
Der lusus verborum entsteht durch eine Reihe von Verfahren des
adiectio- (oder detractio-)Typs, die die Rhetorik unter denfiguraever-
borum aufführt. Es sind annominatio, traductio, paronomasia, com-
plexio, conduplicatio, disiunctici3®, denen Sarbiewski einen Katalog von
dreizehn zu empfehlenden /«.««-Verfahren anfügt. Eine Interpreta-
tion der einzelnen Modi (modus etymologicus, arithmeticus, geographi-
cus, prosodiacus, sophisticus, nomenclator, poeticus, grammaticus, al-
phabeticus, anagrammaticus, tropicus, rhetoricus, oratorius, 16-19) läßt
sich aufgrund der Exempla aus antiker und neulateinischer epigram-
matischer Dichtung in Angriff nehmen, die im übrigen zumeist mehr
/(«(«-Elemente enthalten, als Sarbiewski zur Kenntnis nimmt.

•" In Lausbergs Systematik erscheinen diese Figuren unter der Wiederholung von Satz-
teilen gelockerter Gleichheit. Er faßt dabei die Figuren gelockerter Gleichheit, soweit
eine Ahnlichkeitsbeziehung der Wortkörper erhalten bleibt, also unter Ausschluß der
Synonymie, unter dem Terminus traductio zusammen, dabei bezeichnet er traductio als
Wortspiel, Wortpointe und als ein Phänomen des acutum.

119
Die Aussonderung verschiedener Modi des lusus verborum ist ein
Versuch Sarbiewskis, syntagmatische Korrespondenzen zu analysie-
ren, und zwar vorwiegend solche, die eine semantische Ambiguität,
dubia significatio, der Sprache aufdecken. Die Zusatz-Änderung, die
einen Ausdruck auf spezifische Weise und hinsichtlich eines seiner
Elemente einmal oder mehrmals innerhalb eines Kontextes wieder-
holt, scheint den primären semantischen Bezug dieses Ausdrucks zu
seinem Signifikat zu reflektieren oder genauer: zu problematisieren.
Das Spiel, von dem Sarbiewski spricht, entsteht durch die Modifika-
tion dieses Primärbezugs. (Damit kann Sarbiewski zeigen, daß die syn-
tagmatischen Prozeduren, als poetisch orientierte, auf der semanti-
schen Instabilität der Sprache beruhen.) Insbesondere der modus
sophisticus beschreibt dieses Verfahren:

quando ponuntur nomina easdem syllabas et litteras habentia, dubiam tarnen


significationem habent, et ut logici appellant, aequivoca sunt; atque ex eorum
dubio sensu poeta aliquid infert aut orator, quod occasionem lectori praebeat
nomen illud ab una significatione ad aliam transferendi. (17,22)^

Die unter modus etymologicus, sophisticus und nomenclator angeführ-


ten Beispiele fallen unter den rhetorischen Terminus der traductio,
während diejenigen unter modus prosodiacus, poeticus, alphabeticus
und anagrammaticus genannten unter annominatio zu subsumieren
sind.41 Bei den a/t/to/m/urto-Beispielen wird deutlich, daß der semanti-
sche lusus darin besteht, durch eine geringfügige Änderung am Signifi-
kanten ein neues Signifikat zu erzeugen, das mit dem Signifikat des
ursprünglichen Signifikanten eine Beziehung eingeht. Die Ähnlichkeit
der Signifikanten (eine deutlich wahrnehmbare Wortkörper-Ähnlich-
keit) schafft eine Korrespondenz zwischen den Signifikaten, die als
eine Beziehung zwischen Signifikat 1 und Signifikat 2 konkretisiert
werden kann, wie sie auch bei Metaphorisierungsvorgängen entsteht.
In dem unter modus prosodiacus genannten Beispiel läßt sich in der
Konfrontation von amenti - amanti42 die abgeschwächte Form einer

Den modus nomenclator beschreibt Sarbiewski als ein Verfahren des Ersatzes eines
Eigennamens durch einen anderen Namen, der in Ähnlichkeits- oder Unähnlich-
keitsrelation zu dem ersteren steht, ohne auf die Korrespondenzen seines Beispiels
einzugehen.
41
Auch die modi, die man unter annominatio bündeln kann, enthalten Beschrei-
bungen, die mit den angeführten Beispielen nicht kongruieren.
2
Beispiel aus Bauhusius, Epigr. I: "Sic credo: furor est amenti par et amanti, / Sed
furor est illi longus, huic brevis est". Sarbiewski (17,15) sieht den Zweizeiler unter dem
Gesichtspunkt der Silbenquantität, die zudem thematisiert wird und die Korrespon-
denz 'Kürze der Silbe' - 'kürze der Leidenschaft' aufdeckt. Darüber hinaus wird der
Topos der Liebesdichtung 'Liebe-Wahnsinn' durch das Spiel mit der Silbenquantität
parodiert.

120
Metapher erkennen: Der Ersatz geschieht nicht durch einen neuen
Wortkörper, sondern durch ein Element innerhalb des gegebenen.
Dasselbe Verfahren liegt in der Konfrontation von abiit - obiit43 in
dem unter modus alphabeticus genannten Beispiel vor, allerdings han-
delt es sich hier um die Bloßlegung des Verfahrens und damit um eine
zusätzUche Erschwerung; der Rezipient muß selbst die Änderung im
ersten Signifikanten vornehmen. Die Änderung in minimalstem Aus-
maß erwirkt ein neues Signifikat und weist auf das bedeutungs-
differenzierende Element zweier bereits vorhandener Wörter hin, die
in der tatsächlichen oder nur vorgestellten Aneinanderreihung wie
'Fast-Lautwiederholungen' erscheinen. Allein der Austausch eines
einzigen Phonems bringt ihre semantischen Verhältnisse in Unord-
nung. Durch die Selektion und Kombination zweier nahezu identi-
scher Elemente wird die Verläßlichkeit ihrer semantischen Stabilität
in Frage gestellt. Der Vorgang läßt sich mit dem der Metaphorisie-
rung erklären: Es entsteht interaction44 nicht nur auf der Ebene der
signifiis, sondern auch der der signifiants, eine Interferenz zwischen
den Wortkörpern und ihren Bezeichneten. Die formale Substitution
betrifft die Laute: e durch a, a durch o. Das tertium comparationis
stellt dasjenige dar, was am Wortkörper stabil bleibt. Die Instabili-
sierungsfaktoren e und a verhalten sich wie der proprie gebrauchte
Ausdruck "Auge" (für Auge) zum improprie gebrauchten Ausdruck
"Stern" (für Auge) zueinander; a ist gewissermaßen Metapher für e.
Das unter modus anagrammaticus genannte Beispiel der Silbenum-
stellung, ein Verfahren, das multa significata45 bewirkt, zeigt, daß es
um die Darstellung und Beschreibung der Similarität der Wortkörper
geht, aus der sich auf der Ebene der Bedeutungen ebenfalls eine ge-
wisse Similarisierung ergibt, selbst wenn es sich um konträre, antithe-
tische Bedeutungen handelt. Ihr Kontrast wird durch die Kombination
lautlich modifizierter similarer Elemente sowohl herausgestellt und
emphatisiert als auch ausgeglichen. Das gilt auch für das unter modus
poeticus genannte Beispiel: fide - vide46. Durch Klangsimilaritat ergibt
sich sekundär eine Bedeutungssimilarität (dasselbe müßte für Asso-

Beispiel (Quelle unbekannt): "Baetica gens abiit, quid ploras, Leia?' dicam. / 'A
quod in o non est littera versa, fleo" (19,14; Hervorhebung im Original). Für Sarbiew-
ski ist das ein Spiel mit Buchstaben, daher alphabeticus.
44
Im Sinne von I.A. Richards, The Philosophy of Rhetoric. New York 1936 und T.
Todorovs Begriff der symbolisation ("Synecdoques . Communications. 16. 1970. S. 26-

5
Dieser modus (ohne Beispiel) stellt eine Steigerung der Verfahren dar, die Sar-
biewski für unzulässig hält. Er verurteilt den modus anagrammaticus mit den Kriterien
der acumen-Skeptiker, wie sie Ende des 17. Jahrhunderts formuliert werden.
46
Beispiel aus Bauhusius, Epigr. I: "Fide, sed cui, vide!" (18,16). Sarbiewski weist auf
den lusus verborum, den "dulcis allapsus similiumque litterarum" (18,14) hin.

121
nanzen, Alliterationen und Reim gelten). Die annominatio in Sar-
biewskis Beispielen erscheint als Zurschaustellung von Ambiguität
und Similarität der Sprache in poetischer Funktion.
Die unter dem Terminus traductio zusammenzufassenden Bei-
spiele zeigen eine weitere Stufe dieser Operation. Der modus nomen-
clator47 birgt FäUe von Wortkörperidentität vom Typ "bellum bellum".
Hier wird der Signifikant als Signifikant in Frage gestellt, er garantiert
nicht eine einzige und gleichbleibende Bedeutung. Die Homonymie ist
eine Falle. Durch zweimalige Setzung des Ausdrucks bellum wird eine
Lautidentität und eine Bedeutungsantithese mit dem Ziel des lusus
konfrontiert, "bellum bellum" ist paradox, ebenso wie "bona Bona"
(was allerdings lediglich der historische Kontext suggeriert). Und das
ist der Höhepunkt der Ambiguität: das homonyme Oxymoron. Die
Wiederholung des Wortkörpers demonstriert die Nichtidentität des
Identischen und macht aufmerksam auf die Konventionalität der
Zuordnung von Laut und Bedeutung. Damit wird die automatisierte
Assoziation von Laut und Bedeutung thematisiert und deren Dissozia-
tion vorbereitet.
Wird die Äquivozität eines Ausdrucks nicht durch seine zwei-
malige Setzung manifest wie im Beispiel des modus sophisticus46, so
entsteht eine obscuritas, die der Rezipient deuten muß, indem er das
Element, in diesem Fall soli, wiederholt und durch Dissoziation die
Äquivozität erkennt.
Die Identität der Wortkörper schafft in allen genannten Fällen
eine Relation zwischen den Signifikaten, eine Art 'semantische Zunei-
gung', wie sie besonders im Extrem des homonymen Oxymoron zuta-
ge tritt. Der mit modus riietoricus49 gemeinte lusus epithetorum über-
trägt das oxymorale Element auf die Beziehung Nomen/Epitheton.
Die von der Rhetorik definierten epitheta omantia sind der Norm-
hintergrund für diese Abweichung. Die 'zusammengewachsenen Ein-
heiten' von Nomen und Epitheton werden gesprengt, das Epitheton

4
Beispiel Sarbiewskis nach Bauhusius, Epigr. II: "Ut Parcae parcunt, ut luci lumine
lucent, / Ut bellum bellum, sie bona Bona fuit" (18,11). Auch hier mehr Korrespon-
denzen, als die Definition nomenclator umfaßt. "Parcae parcunt" und "luci lumine
lucent" sind figurae etymologicae mit oxymoralem Aspekt Uucus, Hain, von lux, abe
Hain gilt als lichtlos), bona Bona" ist eine definitio, die die Etymologie zu Hilfe nimmt
und diese ironisch einsetzt.
48
Beispiele aus Bauhusius, Epigr. I: "Ferebat hoc in ore semper symbolum: / Soli deo
honor et gloria" (17,27). Und Epigr. II: "Quas violas Musas, violas nos, quasque
videmus / Dente tuo rosas, credimus esse rosas" (17,29).
49
Beispiel Sarbiewskis: "Sirenas, hilarem navigantium poenam, / Blandasque mortes
gaudiumque crudele" (19,30). - Die übrigen, nicht eigens behandelten modi beschrei-
ben die Erzeugung von zusätzlicher Bedeutung durch nichtsprachliche Elemente bzw.
durch Thematisierung formaler Elemente (Alphabet, Flexion, Silbenquantität). Der
modus tropicus zählt eine Reihe von atf/mio-Verfahren auf, überwiegend Verfahren
der Wiederholung von Satzteilen gelockerter Gleichheit. Der modus oratoricus bringt
Beispiele für diefiguraetymologica.

122
erhält eine neue semantische Funktion, womit die rein dekorative
Funktion brüskiert wird. Auf der Ebene der Signifikate entsteht eine
oxymoral motivierte Interferenz.
Das, was Sarbiewski an Verfahren des lusus verborum hervorhebt
und durch Exempla belegt, weist auf ein Verhalten poetisch verwende-
ter Sprache hin, das auf der Ambiguität beruht. Der acumen-Typ, den
er vorstellt und der durch syntagmatische Figuren realisierbar ist,
beschreibt die Erzeugung dieser Ambiguität. Sarbiewski selbst ge-
braucht hierfür den Terminus dubia significatio.
Die dubia significatio ist eine Möglichkeit der Sprache, die derart
pointiert werden kann, daß sie als Deformation der Normsprache in
Erscheinung tritt und als Abweichung registriert wird. Die dubia
significatio kann in poetisch verwendeter Sprache gehäuft und gestei-
gert werden und die Funktion des Organisationsfaktors in bezug auf
die Sprachbehandlung übernehmen. Die in der acumen-Lehre formu-
lierte Anweisung gibt darüber Auskunft, daß die dubia significatio
nach Regeln erzeugt werden kann. Der Hinweis auf das ingenium, das
über den Regeln steht und die reine Kreativität repräsentiert, ist ein
Versuch, die 'abstrakte' poetische Kompetenz zu personalisieren, die
in der Regel beschrieben wird. Jeder ingeniös-kreative sprachliche
Akt impliziert die Regel, die ihn beschreibt. Das wird aus der acumen-
Konzeption klar, auch wenn sie mit einer Opposition zwischen regel-
freier inventio acuminum und Vorschrift operiert.
Die Aktualisierung der dubia significatio bedeutet die Verneinung
des alltagssprachlichen Bedeutungsautomatismus, der die Ambiguität
unterdrückt. Wenn Sarbiewski Verfahren benennt, die eine spezifische
(dubiose) Semantizität hervorbringen sollen, so läßt sich das als ein
Bewußtmachen von Strukturen interpretieren, die die AUtagssprache,
da sie ihrer praktisch-informativen Funktion hinderlich sind, vermei-
det. Dennoch sind sie im standardsprachlichen Inventar enthalten, d.h.
sie sind eine Möglichkeit der Sprache, insofern diese über korrespon-
dierende Formen verfügt. Werden die Korrespondenzen außerhalb
jeder praktischen Verwendbarkeit eingesetzt, so bedeutet dies die
Bloßlegung einer sprachlichen Regelmäßigkeit, und diese bloßgelegte
Regelmäßigkeit wird als Abweichung gewertet.
Die Bewertung der Abweichung hängt für den Rezipienten vom
erreichten inopinatum ab, mit anderen Worten, der Grad der Abwei-
chung und der Grad der Unerwartetheit sind Glieder einer Korrela-
tion, sie entsprechen einander aber nur dann, wenn ein gemeinsamer
Kode vorliegt. Und zwar hinsichtlich der Zulässtgkeit und Nichtzu-
lässigkeit von Verstößen sowohl gegen die Norm der Standardsprache
als auch gegen die der poetischen Sprache. Die inventio acuminum
strebt ja über die Verletzung der standardsprachlichen hinaus eine

123
Verletzung der poetischen Norm an. Die Überbietung der Abwei-
chung, wie sie der poetischen Praxis eigen ist, durch die acumina und
schUeßUch die Überbietung habitualisierter acumina durch neue inge-
niöse acumina sind ein typischer Zug der europäischen manieristi-
schen Dichtung, der eine Akzelerierung in der Normenbildung und
der Herausbildung von Automatismen impliziert.
Die syntagmatisch erzeugte Korrespondenz ist nun aber nicht nur,
wie G. Leech ausführt50, die Realisierung der potentiellen Regelhaf-
tigkeit der Sprache, sondern auch die Realisierung ihrer potentiellen
semantischen Labilität. Die Korrespondenzen sind unterschiedlich
motiviert und können nach dem Verhältnis der in den jeweils korre-
spondierenden Einheiten vertretenen identischen und nichtidentischen
Elemente formal beschrieben werden. Die identischen Elemente bil-
den dabei einen für die Reihung konstitutiven Stabilisierungsfaktor,
die nichtidentischen Elemente sind instabile Faktoren. Zwischen Sta-
biUtät und Instabilität besteht aufgrund der Affiziertheit des semanti-
schen Bezuges (bellum bellum, amanti - amenti, soli, vide - fide) ein
Spannungsverhältnis.
Der lusus verborum führt dann zur admiratio und deledatio, wenn
die Abweichung ausgeglichen werden kann. Der Ausgleich geschieht
an dem Punkt, den Sarbiewski die "unio dissentanei et consentanei"
nennt. Als Vereinigung eines eigentlichen (primären) und eines un-
eigentlichen (sekundären) Ausdrucks stellt die unio die Konfrontation
von Abweichung und Normbestätigung dar. Die Abweichung (die
bloßgelegte semantische Labilität, die Äquivozität) wird durch den
Rückbezug auf die Norm in ihrer Motiviertheit erkennbar und kann
damit aufgehoben werden. Das Erkennen der Motiviertheit läßt sich
als ästhetische und kognitive Handlung begreifen, die in der unio
ihren Höhepunkt findet. Der Weg dorthin muß über ein contra exspec-
tationem und contra naturam führen, als ein Weg der Wahrnehmungs-
schärfung, den der Rezipient mitgehen muß. Die unio ist nicht nur
Produkt des Schreibenden/Sprechenden. Sarbiewski macht das deut-
lich: "ex [...] dubio sensu poeta aliquid infert aut orator, quod occa-
sionem lectori praebeat nomen illud ab una significatione ad aliam
transferendi" (17,23). Der Doppelsinn gilt auch für den Rezipienten,
der auf der Normstufe stehend in den Prozeß der Bedeutungsum-
orientierung einbezogen wird. Es ist dieser von Sarbiewski benannte
Aspekt, der auch in der Bestimmung der poetischen Funktion eine
Rolle spielt, die Jakobson vorschlägt, wenn er die Ambiguität oder
Doppelsinnigkeit der Sprache für deren poetische Verwendung gene-
raUsiert51.

-*0 "Linguistics and the Figures of Speech". In: Essays on Style and Language. Hrsg. R.
Fowler. London 1966. S. 135-156.
5
* R Jakobson, "Linguistics and Poetics". In: Style in Language. Hrsg. Th.A. Sebeok.

124
Die Fälle, die Sarbiewski aufführt, sind solche der Störung der
mechanischen Assoziation von Laut und Bedeutung, Fälle der Hypo-
stase der Regel. Hier läßt sich eine Antizipation linguistisch-poeti-
schen Denkens feststellen, wie es in Jakobsons Arbeiten vor Äugen
tritt. Die Sarbiewskischen modi sind syntagmatische adiectio-Verfah-
ren vom Typ der Jakobsonschen Rekurrenzen, sie scheinen Jakobsons
etymologische Metapher, Anspielung, Kontamination, Wortspiel
ebenso vorzuformulieren wie Verfahren der Doppelkodierung (der
Kreuzung zweier Kodes, eines manifesten mit einem latenten)52.
Bei Sarbiewski erscheint der lusus verborum als Aufdeckung der
der Sprache innewohnenden dubia significatio, und als höchste Form
der Zurschaustellung ihrer Ambiguität das 'homophone Oxymoron'.
Die dubia significatio tritt auf als Deformation der Normsprache, als
semantischer Synkretismus, der in der Verneinung des alltagssprachli-
chen Bedeutungsautomatismus (consuetudo), der die Ambiguität un
terdrückt, in den Raum des 'erhabenen', also akuten Sprechens vor-
dringt. Der dubius sensus bezweifelt den einfachen Sinn des 'trivialen'.
Es gilt aber - gerade im Vergleich des Sarbiewskischen Traktats mit
denen Graciäns und Tesauros - auf das Zusammenspiel von acumen-
Anweisung und Maßempfehlung gerade im Bereich des lusus verbo-
rum hinzuweisen. Zwar fällt Sarbiewski mit der Berufung auf das iudi-
cium als Maßkriterium nicht in die Regel-Rhetorik zurück, denn das
schöpferische ingenium ist Quelle und Ursprung der acumina, aber er
läßt das generativ-kreative Prinzip, das die Abweichung und Norm-
überschreitung gerade im lusus erzeugt, durch das iudicium normali-
sieren. Die fecunditas ingenii und die maturitas iudicii pendeln sich
aus. Mit dem Maßhalteappell, besonders im Bezug auf den modus
anagrammaticus, schließt sich Sarbiewski dem Urteil der Concettis-
mus-Kritiker des 17. Jahrhunderts an, das dem Übermaß und der
'Entartung' im sprachlichen Ludismus gilt, einem Urteil also, das in
vielen Traktaten des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts (etwa bei
Pellegrini oder bei Prokopovic53) wiederholt wird und als fester
BestandteU in die antimanieristische Geschmacksästhetik eingeht.

Cambridge/Mass. 1960. S. 350-377; hier S. 371. (Dt.: "Linguistik und Poetik". In: RJ.,
Poetik Ausgewählte Aufsätze 1921-1971. Hrsg. E. Holenstein, T. Scheiben. Frank-
furt/M. 1979. S. 83-121).
52
"Subliminal Verbal Patterning in Poetry". In: Studies in General and Oriental Lin-
guistics. Hrsg. R. Jakobson, S. Kawamoto. Tokyo 1970. S. 302-308. (Dt.: "Unbewußte
sprachliche Gestaltung in der Dichtung". In: Jakobson, Poetik, aaO., S. 311-327).
53
Vgl. Prokopovic« acumen-Kritik in De arte rlietorica. Libri X. Kijoviae 1706. Hrsg. R
Lachmann. Köln - Wien 1982. S. 29,43,420-425.

125
III

Konzeptbildungen und konkrete Anweisungen zur Herstellung von


(als ähnliche Unähnlichkeiten auslegbaren) Doppelstrukturen im Be-
reich von inventio und elocutio sind die zentralen Leistungen auch der
anderen acumen -Traktate der 30er und 50er Jahre.
In Graciäns Typologie der ocume/i-Formen treten die bereits be-
kannten Oppositionen von kognitivem und ästhetischem Effekt, Har-
monie und Disharmonie, Proportion und Disproportion, Ähnlichkeit
und Unähnlichkeit wieder auf. Im Rahmen der hier interessierenden
Problematik - vor dem Hintergrund des Sarbiewskischen unio-Ge-
dankens - faUen die agudeza-Definitionen auf, die entweder auf dem
ersten oder dem zweiten Glied der Opposition beharren und keine
Vermittlungsklausel enthalten: "lo que es para los ojos la hermosura, y
para los ofdos la consonancia, eso es para el entendimiento el concep-
to" (13); "Es [el concepto] un acto del entendimiento, que exprime la
correspondencia que se halla entre los objetos" (17). Die vorfindliche
(objektive) Korrespondenz wird im (subjektiven) Verstandesakt aus-
gedrückt. Doch dieser Konsonanz- und Harmoniegedanke erhält ein
auf Dissonanz zielendes Gegenstück:

Esta correspondencia es gencrica a todos los coneeptos, y abraza todo el artificio


del ingenio, que aunque este sea tal vez por contraposieiön y disonancia, aquello
mismo es artiiiciosa conexiön de los objetos. (17)

Die Korrespondenz erscheint nicht mehr als gegeben, sondern als


Eigenschaft der concetti, als Leistung der Kunst des schöpferischen
ingenium. Dieses schafft die künstliche Verbindung zwischen den Ge-
genständen, und diese Verbindung kann als Übereinstimmung oder
Nichtübereinstimmung interpretiert werden. Sarbiewskis Unterschei-
dung von consentaneum und dissentaneum findet hier ein Echo aber
der um'o-Gedanke, den der Korrespondenz-Begriff suggeriert, wird
nicht entwickelt.
Stattdessen führt Graciän eine zweiteilige Klassifikation des
acumen durch, indem er die "agudeza de correspondencia y conformi-
dad entre los extremos objetivos del concepto" (19) von der "agudeza
de con-trariedad, o discordancia entre los mismos extremos del con-
cepto" (20) unterscheidet. D.h., das Verhältnis der Gegenstände zu-
einander kann beliebig als Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit gesehen
und in einem je anderen acumen -Typ formuliert werden. Die Grundfi-
gur bei beiden flcumevi-Operationen ist die einer zweigipfligen Rela-
tion zwischen zwei Extremen. Die konträre Darstellung dieser Rela-
tion schafft entweder Schönheit oder Künstlichkeit. Die Schönheit

126
geht mit dem Harmonie-Gedanken und seinen Derivaten zusammen
("correspondencia recöndita", 25; "extremada correspondencia", 26;
"las agradables proporciones conceptuosas, beUeza del discurso, her-
mosura del ingenio", 31). Die Künstlichkeit geht mit dem Disharmo-
nie-Gedanken zusammen ("argudeza de improporciön y disonancia",
31; "ingeniosa disonancia", 36). Die Dissonanz läßt Steigerungen zu:
"La mäs agradable y artificiosa es, cuando dicen entre si contrariedad
los extremos de la desproporciön" (38). So steht neben dem harmo-
nisch ausgelegten Korrespondenztyp der der Disharmonie. Auch sol-
che Bestimmungen, die das oxymorale Konzept der discors concordia
im Sinne Sarbiewskis nahelegen, z. B.: "Concordar los extremos en el
desempeno que en la ponderaciön se discordaron" (53), lassen keine
Konkurrenz von concordar und discordar zu, vielmehr wird hier die
Spannung der Diskordanz durch Konkordanz wieder gelöst. Dennoch
ergibt sich an einem Punkt, an dem die für Graciäns Einteilung ent-
scheidende Idee der Umkehrung (alle Verfahren der Proportionie-
rung und Ahnlichkeitsfindung können in entgegengesetzter Richtung
arbeiten) entwickelt wird, eine deutliche Affinität zu Sarbiewskis For-
mel. Graciän formuUert zu Beginn des Kapitels "De los conceptos por
disparidad" wie folgt:

Todo gran ingenio es ambidextro, discurre a dos virtudes; y donde la ingeniosa


comparaciön no tuvo lugar, da por lo contrario, y levanta la disparidad concep-
tuosa. Asi como en la agudeza de proporciön, en no hallando la correspondencia
entre los dos extremos, busca la improporciön y contrariedad que esto tiene el dis-
currir por careo. Förmase la disparidad al contrario de la comparaciön, porque
tiene por fundamento la diversidad, o contrariedad entre los dos extremos dispa-
rados, si aquella la conformidad entre ellos. (106)

Die Konkurrenz von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, die die unio zum
Ausdruck und auf die Spitze treibt, wird hier in das ingenium verla-
gert. Das ingenium selbst, das Porportion und Disproportion erfindet,
weist eine doppelte Programmierung auf. Die Extreme liegen nicht in
den Objekten, ebenso wenig wie ihre Ähnlichkeits- oder Unähnlich-
keitsbe Ziehungen.
Die Formel "El mixto de paridad y disparidad" (110) gilt auch für
die Erfindungen im Bereich der thematisierten Sprache. Graciän un-
terscheidet hier wie Sarbiewski acumen des Arguments und acumen
des Wortes ("agudeza de concepto, que consiste mäs en la sutileza del
pensar" und "agudeza verbal, que consiste mäs en la palabra", 19). Die
Typen der verbalen agudeza koinzidieren weitgehend mit den von Sar-
biewski aufgeführten. Die "agudeza nominal" (209), das Spiel mit dem
Namen, wird zur Grundlage der übrigen ludistischen Formen: "Esta
especie de concepto suele ser fecundo origen de las otras, porque, si
bien se advierte, todas se socorren de las voces y de su significaciön"

127
(209). Das Spiel mit der Analyse der Konstituenten eines Namens, sei-
ne Resemantisierung in der Entdeckung seiner 'Urbedeutung' und der
Konsequenzen für den Namensträger ("artificiosa correspondencia";
"hermosa correlaciön", 210) sind dabei ebenso effektbezogen wie die
Aufdeckung der Unstimmigkeiten zwischen Namen und Namenssub-
jekt ("la primorosa improporciön y repugnancia entre el nombre y los
efectos o contingencias del sujeto denominado", 213). Die Paronoma-
sie als agudeza wird auch als Wortspiel, "jugar del vocablo" (215) be-
zeichnet. Die Verschiebung in der Signifikation wird genau beschrie-
ben ("transmutaciön del vocablo"). Durch die Auswechslung von Laut
oder Silbe entsteht eine neue Bedeutung und eine neue Beziehung
zwischen Ausdruck und Signifikat ("correspondencia y proporciön
entre las dicciones y sus significados", 217). Die ludistischen Beziehun-
gen zwischen Signifikanten und Signifikaten werden an Umstellungen,
Silbenaddition und -substraktion, an Palindromen und vergleichbaren
Formen vorgeführt. Auch die ingeniösen Doppeldeutigkeiten, ingenio-
sos equlvocos, die Sarbiewski dubia significatio nennt, werden durch
Signifikationsspiele zu hervorragenden agudeza-Beispielen:

La primorosa equivocaciön es como una palabra de dos cortes, y un significar a


dos luces. Consiste su artificio en usar de alguna palabra que tenga dos significa-
ciones. (221)

Wie bei Sarbiewski - obgleich Graciän in der Differenzierung der


Einzelverfahren und in deren Dokumentation durch exzellente Bei-
spiele des spanischen Concettismus weit über ihn hinausgeht - wird
durch die Grundfigur der Relationierung zweier Elemente der Spra-
che 'verborgene' Ähnüchkeit/Unähnlichkeit reflektiert.
In Tesauros Traktat geht es um die Herausarbeitung der argutezza
als einer spezifischen Art von Zeichengebung: "Quelle Figure propria-
mente si chiamano 'Argute', lequai consistono nella Significatione
Ingegnosa" (121). Die ingeniöse Zeichengebung schafft im Ekel des
Alltags, "nausea delle cose cotidiane" (122), in einem nur auf Nütz-
lichkeit abgestellten Sprechen die Aufhebung der Langeweile, noia.
Gegen das Stumpfe, Abgenutzte des Alltäglichen werden Formen des
Fremden, Neuen, Unbekannten (nuovo, pellegrino, strano, forestiero,
123) gesetzt. Das sind die Leistungen der aristotelischen xenikön-
Anweisung, d.h. die der Verfremdung. Die Motorik von Automatisie-
rung und Entautomatisierung der Wahrnehmung wird hier ebenso
klar definiert wie der Doppeleffekt des acumen, der im ästhetischen
und intellektuellen Vergnügen, diletto, besteht. Die ingeniöse Signifi-
kantenpraxis realisiert in der Hervorbringung von simboli oder con-
cetti das totalisierendc Redeprinzip der argutezza.

128
Das wie bei Graciän und Sarbiewski binär verstandene Zeichen-
konzept, das vocabulo significante und cosa significata einander gegen-
übersteUt, wird in Tesauros Formuüerung doppelt ausgelegt. Der Sig-
nifikant repräsentiert das Signifikat; diese klare Signifikationsbezie-
hung kann jedoch auf zweierlei Weise realisiert werden: durch den
eigentlichen Ausdruck ("vocabulo nudo e proprio") oder vermittels
jener neuen Weise der Bezeichnung ("significatione ingegnosa"). Nur
diese macht aus der puren Repräsentation ein Vergnügen, d.h. die
acumen -Findung ist an das akute sprachliche Zeichen, das argutum im
Sinne Sarbiewskis, gebunden.
Der semantische Vorgang der Repräsentation läßt sich ästhetisch
und intellektuell gestalten und verändern. Diese Erkenntnis etabliert
für Tesauro nicht nur im Bereich des gewöhnlichen und des unge-
wöhnlichen Sprechens, sondern auch im Bereich der abweichenden,
also rhetorischen Rede eine weitergehende Unterscheidung. Die
acumen -Lehre wiederholt die Leistung der antiken Rhetorik, indem
sie die bereits kodifizierte Uneigentlichkeit in einen neuen Kode der
Uneigentlichkeit überführt, die rhetorischen Automatismen ablösend.
Es entsteht eine die vorgängige Dichotomie zwischen eigentlicher und
rhetorischer Sprache steigernde Dichotomie zwischen maßvoller und
unmäßiger Uneigentlichkeit. Die ingeniöse Signifikation bedient sich
zweier Ausdrucksmittel, die sie hypertrophiert, der parole pellegrine
(der ungewohnten Wörter, im Sinne der aristotelischen glossa, Ar-
chaismus, Fremdwörter, Neologismen) und der ingeniösen Meta-
phern. Die "maravigliosa forza dell' Intelletto" weist den ingeniösen
Sprecher aus, der Wort und Ding dissoziiert, die Repräsentation
durch die Erfindung neuer Signifikanten verfremdet.
Tesauro beschreibt die Erzeugungsmechanismen für die parole
pellegrine - immer unter Rekurs auf aristotelische Anweisungen.
Höhepunkt der Figure Ingegnose ist die Metafora. In der Metapher
konzentriert sich für das Sprachdenken Tesauros die intellektuelle und
ästhetische Kompetenz des Menschen: In der Fähigkeit der Meta-
phernfindung wird die immutatio als höchste, nicht einholbare Rede-
leistung profiliert. Hier liegt ein zentraler Unterschied zu Sarbiewskis
Konzeption. Die Hauptaufgabe der Metapher ist die Herstellung der
Ähnlichkeit:

[...] sc l'ingegno consiste [...] nel ligare insieme le remote e separate notioni degli
propositi obietti: questo apunto i l'officio della 'Metafora', e non di alcun'altra
figura: percioche trahendo la mente, e non men che la parola, da un Genere
all'altro; esprime un Concetto per mezzo di un'altro molto diverso: trovando in
cose dissimiglianti la simiglianza. (266)

129
Tesauros Interpretation der discors concordia gipfelt in der Formel:
Ähnlichkeit im Unähnlichen. Damit werden die gängigen Vorstellun-
gen von Hierarchien und Klassen und deren sprachliche Repräsentan-
ten durchkreuzt. Es entstehen künstliche 'Harmonien', die die verord-
neten und vorgegebenen stören, Harmonien, die intellektuell und
ästhetisch bestürzen, die keine Gültigkeit beanspruchen, durch immer
andere gelöscht werden können. Die 'akuten' Ähnlichkeitsordnungen
sind ephemer, sie werden in diletto und maraviglia aufgezehrt. Die
Metapher oktroyiert eine Ähnlichkeit, die gegen Alltagsverstehen und
AUtagswahrnehmung gerichtet ist. Lange interpretiert acuto treffend
als gegen einen Widerstand gerichtet.54 Denn die erfundene und fin-
gierte Ähnlichkeit ist nicht nur ludistisch, sondern auch aggressiv. Sie
steUt die Repräsentation in Frage, indem sie die Signifikant-Signifikat-
Zuordnung suspendiert. Es geht nicht darum, daß ein sprachliches
Zeichen einen Gegenstand oder eine Vorstellung bezeichnet, sondern
daß eine Ähnlichkeit bezeichnet wird. Und eben dies erscheint als der
zentrale Punkt bei Sarbiewski, Graciän und Tesauro, daß eine Bezie-
hung neuer Art benannt wird, eine ingeniöse Assoziation, ingegnoso
aecoppiamento, oder eine Verknüpfung disparater Vorstellungsreihen.
Sarbiewski interpretiert diese Verknüpfung als "unio consentanei et
dissentanei". Die Herstellung einer Einheit zwischen einer bekannten,
akzeptierten Vorstellung und einer dieser zuwiderlaufenden, mit ihr
unvereinbaren, unbekannten Vorstellung. Die Ambivalenz der unio ist
hier der interessante Punkt. Die Störung des Vorgangs der Repräsen-
tation bzw. des Signifikationsprozesses erfolgt durch zwei Strategien:
durch Sprachthematisierung und durch Vorstellungsthematisierung.
Bei beiden handelt es sich um Verfahren der Beziehung zwischen zu-
mindest zwei Elementen. Die significatio dubia ist eine Doppelsignifi-
kation.
Pellegrini geht in seinem Traktat Delle Acuiezze wie Sarbiewski
von einer Normvorstellung aus, der Zügelung der acutezza durch das
iudicium ("buon giudizio"). Die Hauptstrategie, mit der er sich aus-
einandersetzt, ist die des Inbeziehungsetzens von mindestens zwei Ele-
menten. Es entstehen Assoziationen, Äquivalenzen, plötzliche Ver-
wandtschaften zwischen den Einheiten. Die stark auf Wirkungen zie-
lende acumen -Ästhetik, die stets die Horizonte ihrer Rezipienten re-
flektiert, geht hier zusammen mit einer acumen -Pädagogik (dilettare,
insegnare). D.h. die akute Ästhetik, die auf Verblüffung aus ist, um-
schließt bereits ein kognitives Element. So ist der Nachvollzug erfun-
den-gefundener Ähnlichkeiten zwischen Bedeutungen oder Lauten,
zwischen Gegenständen, Vorstellungen und sprachlichen Ausdrücken
nur über eine kognitive Stufe, die in eine ästhetische mündet, möglich.

Lange, aaO., S. 103.

130
Pellegrini versucht den 'Sitz' der acutezza zu bestimmen:

In vn Detto non & altro, che parole, obbietti significati, e loro vicendeuole collega-
mento: I.c parole, si come, anche gli obbietti, o cose; appartamente considerate,
sono pura materia: Dunque L'Acutezza si regge necessariamente dal legamento.
(32 f.)

Mit anderen Worten, Signifikanten, die sprachlichen Zeichen, und Sig-


nifikate, die Gegenstände, sind getrennt betrachtet nur Materie. Das
ingenium schafft ihre Verbindung, gestaltet die Materie. Erst in der
Verbindung kann die acutezza entstehen. Die kunstUche Verbindung
(legamento artificioso), die das ingenium herstellt, schafft neu und
verändert die Beziehungen zwischen Signifikant und Signifikat, aber
auch zwischen den Signifikanten und Signifikaten jeweils unterein-
ander (parole/parole, cose/parole, cose/cose; 33). Die acutezza er-
scheint als eine sekundäre Signifikantenstruktur, die die Verbindung
artikuliert, d.h. aus der natürlichen oder zufälligen Verbindung eine
kunstUche macht.
Auch bei Pellegrini ist jene Verbindung die akute, die die Gegen-
sätzlichkeit zweier Elemente hervorbringt:

Acutezza leggiadra i vn Detto, che per vn'artificiosa dispositione di parole per tal
guisa collocate; che una faccia notabilmente contraposto all'altra; riesce plausi-
bilmente dilettoso. (30)

Die Leistungen des ingegno müssen wahrnehmbar sein, um maraviglia


und diletto erzeugen zu können. Die Veränderung, die artifizielle
Schaffung von neuen Bezügen, die die Wahrnehmungsautomatismen
spürbar abbaut, ist auf den Applaus als Bestätigung dieser Verschie-
bungen angewiesen. Die Eskalation des Artifiziellen ist notwendig,
aber auch deren Begrenzung. Letztlich führt die Operation des In-
beziehungsetzens bei Pellegrini zu einer neuen, nicht gekannten Har-
monie: "vna molta vicendeuole aeconeezza tra le parti nel Detto arti-
ficiosamente legate" (33). In einer Unterscheidung von intelletto, der
Vorstellungen verbindet, um die Wahrheit zu erkennen, und ingegno,
der neue Verbindungen schafft, wird die kreative Kompetenz über die
'rationale' gestellt. Die aeconeezza ist die vom ingegno künstlich
erzeugte Schönheit. Es geht nicht um die Findung, sondern um das
Machen des Schönen: "In somma l'artificio hä luogo solamente, o
principalmente, non giä nel trouar cose belle; ma nel farle" (42).
Die Position Pellegrinis, der stärker als die übrigen Traktatisten
den Prozeß der Herstellung von Relationen in den Mittelpunkt seiner
Darstellung rückt, ist durch die Thematisierung des legamento oder
collegamento bestimmt. Nicht die Profilierung von Disproportion und

131
Unähnlichkeit, sondern eine aus der Verbindung konträrer Elemente
gewonnene harmonische Schönheit ist das Ziel seiner acuiezze.
Sarbiewski läßt nicht zu, daß die unio harmonisierend verstanden
wird. Der Wohlklang steht neben dem Mißklang, das con und das dis
gehören nebeneinander. Das Oxymoron darf nicht ausgeglichen wer-
den, ebensowenig wie Vergnügen und Verwunderung als rezeptori-
sche Gegenleistungen ineinander aufgelöst werden sollen. Die Mei-
sterschaft in der Formbeherrschung, die auf der Kenntnis der Regeln
und ihres souveränen Einsatzes beruht, und die Kühnheit der Über-
bietung und Brechung der Formen, das sind die beiden konträren
ästhetischen Handlungen, die Sarbiewski aufeinander bezieht. Nicht
also eine aus dem taedium der Harmonie gewonnene Disharmonie,
die durch die Erfindung immer neuer Mißklänge eskalieren muß, um
die immer wieder neu sich aufbauende taedium-Grenze zu übersprin-
gen, noch auch die über viele Stufen komplexer und ausgesuchter Dis-
harmonie zustande kommende Harmonie, die sozusagen die Erfah-
rung der Disharmonie in sich aufgenommen hat (Graciäns "armoniosa
correlaciön"), sondern eben jenes 'Gleichgewicht' von Alt und Neu,
von Konsens-Ähnlichkeit und Dissens-Ähnlichkeit ist konstitutiv für
Sarbiewskis Theorie. Mit anderen Worten, Sarbiewski setzt auf der
Stufe der Verfahren und der ästhetischen Handlungen selbst die Kate-
gorie der Ähnlichkeit an. In der unio wird eine Ähnlichkeitsbeziehung
zwischen Ähnlichkeitsoperationen hergestellt - eine Äquivalenz zwi-
schen vorbarocker und barocker Ästhetik. Die Ähnlichkeitsoperation,
die sich auf einen Ähnlichkeitskode berufen kann, und die Ähnlich-
keitsoperation, die einen bekannten Kode entweder brüskiert oder
einen unbekannten 'findet', beziehen sich aufeinander. Die unio er-
scheint so als eine Beziehung, die zwei ästhetische Konventionen
gegenüberstellt, die aufeinander folgen. Aber die Aufeinanderfolge
wird nicht als militante Ablösung oder als Bruch interpretiert, sondern
als Befriedigung zweier ästhetischer Bedürfnisse, der deledatio und
der admiratio. Die magische Ähnlichkeitsformel 'Einheit in der Viel-
heit' der klassischen Ästhetik, die T. Sinko als Grundlage der acumen-
Definition Sarbiewskis vermutet55, erhält gänzlich andere Akzente:

•" Otwinowska, aaO., versucht, über die erste Interpretation der acw/nen-Definition,
die Sinko, aaO., S. 12, gegeben hat, hinauszugehen. Sinko deutet Sarbiewskis Formel
als Umsetzung der aristotelischen Schonheitsdefiniton unitas in varietate, d.h. das
acumen als Exponenten der Schönheit. Otwinowska versucht, sowohl den der unitas in
varietate zugrunde liegenden Harmoniegedanken als auch den rein rezeptorischen
Aspekt der admiratio zu überwinden, indem sie die Concors discordia mit der
Opposition universell/individuell oder allgemein/besonders in Zusammenhang bringt,
und zwar in Anschluß an E. Sarnowska, I'coria poezji M.K Sarbiewskiego" (Theorie
der Poesie M.K Sarbiewskis). In: Studio z teorii i hislorii poezji. Hrsg. M. Gtowinski.
Wroctaw 1967. S. 137-142. Dort wird die Genese dieser Opposition entwickelt und
diese als poetisches Prinzip generalisiert.

132
Unio bedeutet bei Sarbiewski gerade eine konträre varietas, - aber
nicht eine der Gegenstände, sondern eine der Verfahren. Es geht Sar-
biewski um eine ratio varii, um eine pluralitas in unitate, womit wieder-
um nicht die in die ästhetische Wahrnehmung geordnete Welt der Ge-
genstände, sondern Verfahren ihrer Perspektivierung gemeint sind.
Pluralitas, ratio varii, das sind die neuen, abweichenden Aspekte, die in
die unitas, die Eintönigkeit wohlvertrauter Betrachtung eindringen.
Die varietas wird so ebenfalls ein Bedürfnis des Ästhetischen, das der
dilatatio, der distradio und der effusio bedarf. Nur das ingenium, als
subjektive kreative Instanz, vermag es zu leisten, die vorgefundene
unitas durch pluralitas und varietas wieder attraktiv zu machen.
Die unio erscheint als Prozeß, als dynamischer Vorgang der Wahr-
nehmung und des Erkennens, der sich aus dem Zusammenstoß von
bekannt und unbekannt, von Normbestätigung und Normabweichung,
von Übereinstimmung mit der Wahrscheinlichkeitserwartung und de-
ren Brüskierung ergibt. Die unio zeigt die beiden Vorgänge, die ihrer-
seits einander konträr gegenüberstehen, in ihrem Zusammenspiel an.
D.h., die Ähnlichkeit wird zwischen den beiden Vorgängen hergestellt,
nicht zwischen den Gegenständen, die dem consentaneum et dissenta-
neum zugrunde liegen. Die unio selbst ist der Punkt, der die Ambiva-
lenz anzeigt. Die Ambivalenz der unio ist die Kreuzung zweier konträ-
rer Weisen ästhetischen und kognitiven 'Erlebens'.
Die Bestätigung der probabilitas und ihre Aufhebung erscheinen
bei Sarbiewski als zwei Vorgänge, die wie zwei konträre Argumente in
einer ratiocinatio entwickelt und zum Syllogismus geführt werden. Der
affirmative Vorgang des Wiedererkennens, der Bestätigung der Nor-
men, auf die sich die Gemeinschaft geeinigt hat, die Bestätigung des
gemeinsamen Fundus an ästhetischen und kognitiven Werten und das
plötzliche Entziehen dieses Bodens, das plötzliche Außerkraftsetzen
der Verbindlichkeit von probabilitas und deconim führt Sarbiewski am
Beispiel eines argumentierenden Epigramms vor, das analog dem
gleichschenkligen Dreieck zu lesen ist. Die Epigramm-Pointe ist die
Spitze des Dreiecks, in das die Schenkel, consentaneum und dissenta-
neum, münden. Diese Illustration steht für das ästhetische (kognitive)
Prinzip, das Sarbiewski vertritt. Zur Harmonie- tritt die Disharmonie-
Ästhetik, die erstere nicht aus-, sondern überblendet.
Es geht um die Auslegung des Oxymorons discors concordia, das
für alle Traktatisten gilt. Die harmonische Korrelation, die aus der
Disharmonie folgt, die erschütternde Ähnlichkeit, die aus dem Unähn-
lichen herausbricht, das Zusammenzwingen des Disproportionalen
und Inkompatiblen - bei Graciän, Tesauro, Pellegrini - umschreiben
denselben Vorgang. Der 'Effekt' besteht in der Lösung der Spannung.
Die unio Sarbiewskis ist aber nicht Harmonie, sondern aequivocatio.

133
Unio bezeichnet die Konkurrenz zweier Modi der Wahrnehmung:
Ähnlichkeiten wiederentdecken, entsprechend einem Ähnlichkeits-
kode (Wahrscheinlichkeitsähnlichkeit), der den Objekten Eigenschaf-
ten zuerkennt, die verglichen werden können, und: Ähnlichkeiten er-
zeugen, die vorgegebenen Unähnlichkeiten assimilierend (mit dem
Normenhintergrund spielend). Die ästhetische und kognitive Diffe-
renz zur Wahrscheinlichkeitsähnlichkeit (die objektiv ist) ergibt sich
aus der Präsentation einer Gegenordnung von (primär) konträren in-
kompatiblen Gegenständen (Vorstellungen usw.).
Logismus und Paralogismus konstituieren die unio, die nicht har-
monisiert. Sie zeigt den Bruch zwischen objektivem (topischem) Ähn-
lichkeitsdenken und subjektiv-kreativem Ähnlichkeitsdenken, zwi-
schen reproduzierter und fingierter Ähnlichkeit. Mit seiner acumen-
Definition scheint Sarbiewski diese Krise selbst zu fassen, indem er
nicht das eine Denken durch das andere ersetzt, sondern eine Konkur-
renz-Figur schafft.
Das Oxymoron discors concordia / Concors discordia wird in Sa
biewskis unio als Ambivalenzfigur ästhetischen Denkens interpretier-
bar.

134
Acumen-Tndition und Stilistik des Oxymorons
bei Daniel Naborowski (Exkurs)

Krötkosi zywota

Godzina za godzina. niepojecie chodzi


Byt przodek, bytes" ty sam, potomek sie. rodzi.
Krötka rozprawa: jutro - cos dzis jest, nie bedziesz;
A /es byt, nieboszczyka imienie nabedziesz;
Dzwiek, cien, dym, wiatr, brysk, gtos, punkt - zywot ludzki srynie.
Sforicc wiccej nie wschodzi to, ktöre raz minie,
Korem niehamowanym lotny czas uchodzi,
Z ktörego spadt niejeden, co na staro& godzi.
Wtenczas, kiedy ty myslisz. juzes" byt, nieboze;
Micdzy ismicrciQ, rodzeniem byt nasz ledwie moze
N'azwan byc czwarta. czcscig mgnienia; wielom byta
Kolebka grobem, wielom matka ich mogüa.

Kürze des Lebens

Das Leben verrinnt, ungreifbar schier, wohl Stund um Stunde,


Der Ahn verstarb, du stirbst, dein Sohn betritt die Runde.
Die Mär ist schnell erzählt: was heut du bist, wirst morgen
Du nicht sein, man nennt dich, weil du warst, verstorben.
Wie Rauch und Schall, Hauch, Blitz und Wind dein Leben ist verweht,
Die Sonne steht nie mehr so auf, als wie sie jetzt vergeht.
Die flücht'ge Zeit verrollt - ein rasches Rad, das nicht mehr hält,
Und wer auf Alter zählt, von diesem Rad vorzeitig fällt.
Schon hast du, mein Armer, dich verlebt, eh' du's gedacht,
Einen Viertelaugenblick lebend-sterbend verbracht.
Gar manchen schon die Wiege ward zum Sarg,
Gar manche der Mutterleib als Grabhügel barg. [Übers. R.L]

In dem oben zitierten Vergänglichkeitsgedicht "Krötkosc zywota" von


Daniel Naborowski (1573-1640) fallen Formen ins Auge, die als anti-
thetische, genauer aber - wegen der semantischen Simultaneität, in
der sie auftreten - als oxymorale Fügungen bezeichnet werden kön-
nen. Es sind die Formen: "[mie.dzy] smicrcia., rodzeniem" ([zwischen]
Tod [und] Geburt); "kolebka grobem" (die Wiege zum Sarg); "matka
[...] mogüa" (Mutterleib [...] Grabhügel).
Ohne sogleich zu entscheiden, ob hier die Inszenierung eines Oxy-
morons in Form einer Antithese oder eine Antithese in oxymoraler
Verknappung vorliegt, möchte ich Form und Semantik dieser Doppe-
lungsstrukturen kurz kommentieren.
Das Oxymoron, "die sinnreich pointierte Verbindung sich gegen-
seitig ausschließender Begriffe"1, gilt in Maciej Kazimierz Sarbiewskis

E.R Hocke, Manierismus in der Literatur. Hamburg 1959. S. 68.

135
Traktat De acuto et arguto von 16272 als Quintessenz des acumen und
als Höhepunkt 'akuter' Argumentation und Bildlichkeit. Selbst die be-
griffliche Umschreibung des acumen ist in eine oxymorale Formel ge-
kleidet: discors concordia oder Concors discordia. Diese liegt auch
Sarbiewskis Definition consentaneum dissentanei oder dissentaneum
consentanei, die dieselbe Struktur aufweist, zugrunde. Der stark aus-
geprägte "Anti-Naturalismus"3 des Oxymorons läßt dieses als eine die
Normalrhetorik überschießende Figur eines Paralogismus erscheinen.
Die Bildlichkeit, wie sie auch die kühnen und ingeniösen Metaphern
des manieristischen Barock noch in Aussicht stellen, auch da, wo sie
Unvereinbares paaren, wird im Oxymoron problematisch, weil sie
einen Bruch, ein Kippen, eine Extrem-Ambivalenz austragen muß, die
eine Bildvorstellung verhindert.
Anders als in der ingeniösen Metapher, die entlegene, auch primär
unverwandte und unähnliche Ebenen miteinander verschränkt, um
ihnen eine künstliche Ähnlichkeit zu verleihen, bewegt sich das Oxy-
moron in demselben Phänomenbereich (Temperatur, Geschmack
u.a.), deren Extrempunkte es zusammenzwingt und in einem Punkt zu
konträrem Kontakt treibt. Dieser pointierte Kontakt hat zweifellos
etwas Gewaltsames, das auch durch die topische Konventionalisierung
kaum abgenutzt wird. Die Figur, die eine Doppelungs-, eigentlich eine
Doppelgängerfigur ist, hat ineins etwas Aggressives als Pointe und et-
was Verbindliches als Ort der Berührung zweier Extreme.
Das Oxymoron ist Teil eines lusus verborum, der ein Gedanken-
spiel antreibt, in dem ein 'Drittes' gedacht werden muß - und zwar
nicht als ein neu und störend hinzutretendes, sondern als ein versöh-
nendes Element, das die Ambivalenzbewegung auspendeln läßt und
den Stachel der Pointe dennoch nicht abbricht.
Als Doppelung hat das Oxymoron auch die Dimension des Orna-
ments: Ein Glied verlangt das andere, die Paarigkeit und Symmetrie
ist obligatorisch. Gewiß ist es eher ein semantisches Ornament, kein
lautliches (in manchen Fällen allerdings ein syntaktisches). Das Se-
mantisch-Ornamentale tritt in der Figur der Verkuppelung dem Kon-
trären entgegen. Das in einen Punkt Gesteigerte ist nicht nur ambiva-
lent, sondern äquivok - doppeldeutig/doppelgängerisch. Ein Glied ist
Vexierbild des anderen, eines das 'falsche' Spiegelbild des andern.
Heiß-Kalt: Beide Glieder reflektieren einander, sie dementieren oder
potenzieren einander. Die im Oxymoron verschränkten Extreme oder
Antonyme können nicht voneinander lassen, andernfalls wäre die
Doppel-Kontra-Figur zerstört. Sie spiegeln einander nicht nur, son-

Zur Konzeption des Traktats vgl. Kap. IV in diesem Band.


3
Hocke, aaO, S. 93.

136
dem sie partizipieren auch aneinander. Sie sind Metaphern füreinan-
der, die über eine unähnliche Ähnlichkeit sich herstellen - sie gehö-
ren zur selben semantischen Äquivalenzklasse, oft auch zur selben
grammatischen Äquivalenzklasse - , und sie sind Metonymien: in
nächste Berührung gebrachte Komponenten einer Struktur. Zwischen
beiden entsteht ein 'gleitender' Sinn, eine semantische Schaukelbewe-
gung, die zwischen dem positiven und dem negativen Konzept (Wert
oder Kategorie) stattfindet. Das Oxymoron wird so zu einem poeti-
schen Manichäismus.
Als Figur mit stark kognitiv/spekulativen Zügen gehört das Oxy-
moron auch in die hermetische Tradition. Gott erscheint in dieser
Tradition als das Oxymoron der coincidentia oppositorum. Hier frei-
lich kommt die Ambivalenzbewegung zur Ruhe, die Extreme sind auf-
gehoben. In dieser Funktion hat es etwas Mystisches, rational nicht
Auflösbares, in der Erfahrung nicht Einlösbares und Überprüfbares.
- Das Oxymoron gehört zur Kategorie der Paralogismen, d.h. es ent-
hält oder verbirgt eine Argumentstruktur, wie sie den Logogriph, das
Sophisma und den Trugschluß auszeichnet; logisch gesehen ist es ein
Paradoxon.
Das barocke Konzept des Menschen, das den Körper-Seele-
Dualismus scharf hervortreibt, läßt auch diesen selbst als Oxymoron
erscheinen (vgl. Pascals Verständnis des Menschen als "Zwitter-
wesen"4 des Universums), zerrissen zwischen pneuma und hyle, eine
heillose Differenz erleidend, die auf jene zwischen Leben und Tod
verweist, die Naborowskis Thema ist. In der genannten Wiege-Grab-
Formel geht es implizit um diesen Dualismus: In der Wiege liegt der
Mensch als Seele im Körper, im Grab als Körper ohne Seele.
Semantische Kollisionen werden konzeptualisiert und zugleich
poetisiert, indem sie in oxymorale Fügungen überführt werden. Die
anfangs zitierte discors concordia/Concors discordia ist nicht von
ungefähr die leitende Ambivalenzfigur des ästhetischen Denkens des
17. Jahrhunderts - es ist jene Form, die Sarbiewski in seinem Traktat
auch dubia significatio nennt, eine Doppelzeichensetzung gewisser-
maßen. Sie umschließt auseinanderstrebende Signifikanten, konträre
Signifikate, deren Zusammenstoß in einem Punkt das poetische Ereig-
nis des Gedichts ist, oder zeigt das Umschlagen des einen in den an-
dern Signifikanten an.
Der griechische Terminus für diese semantische Figur ist freilich
in der Form des Kompositums oxy-moron sprachlich extremer als die
aus zwei gesonderten Lexemen bestehende Formel der discors concor-
dia, die allerdings bereits eine Interpretation und, wenn man will, eine

4
Vgl. Hocke, aaO., S. 262, 265, der die Pascalsche paradoxale Konzeption des
Menschen aus den Pensees entwickelt.

137
Definition Uefert, oder als Sarbiewskis consentaneum dissentanei, das
ebenfalls andere Konstruktionen concettistischer Poetik zu beschrei-
ben versucht. Hierbei geht es um den Mißklang des Zusammenklin-
genden, das Zusammenklingen des Mißklingenden, das Übereinstim-
men des Nichtübereinstimmenden, die Nichtübereinstimmung des
Übereinstimmenden. Diese definitorischen Formeln decken etwas auf
im concettistischen poetischen Denken, das zugespitzt im Oxymoron
vorUegt: auf die Spitze getriebene metonymische Metapher und meta-
phorische Metonymie.
Das semantische Feld, das oxys abdeckt, hat mehrere Ebenen,
deren Interpretation für die Bestimmung und die Funktionsumgren-
zung des Verfahrens herangezogen werden können: spitzig, schnei-
dend, stechend/jäh, steil/brennend/scharf, herb, sauer, bitter, blen-
dend, hell, laut, hoch, durchdringend, schnell, geschwind, plötzlich,
heftig, hitzig, leidenschaftlich, feurig, tatkräftig, tollkühn, scharfsinnig.
Der Ausdruck moros deckt zwar nur ein kleines Feld ab, läßt aber
auch hier Nuancierungen zu: töricht, einfällig, dumm, unschmackhaft,
fade, gottlos. Unter das Hypersemem 'Geschmack' ließen sich die
meisten Oppositionen subsumieren: scharf, herb, sauer, bitter gegen
unschmackhaft, fade; oder genauer: geschmacksintensiv - geschmack-
los. Scharfsinnig steht in Opposition zu dumm, einfältig und töricht.
Und beide Felder passen unter das Hypersemem 'Eindruck', also: ein-
drucksvoll (sozusagen auf allen Gebieten) - eindruckslos; oder gene-
ralisiert: markiert - unmarkiert (was auch das Glied 'gottlos' mit ein-
beziehen würde). Das Verfahren, um das es geht, strebt die Ver-
schränkung von markiert und unmarkiert, von pointiertem Geschmack
und Fadheit, von Scharfsinn und Einfalt an, und es will damit ein Phä-
nomen synthetisieren, das an beiden oppositiven Bereichen teilhat,
und das gleichsam zwischen die Pole gespannt als Phänomen letztlich
unentscheidbar und undefinierbar bleibt.
Die 'eisige Hitze' der Liebestopologie und die 'Leben-Tod'-
Opposition, um die es noch gehen wird, sind gleichsam Auslegungen
des oxys /moros, die das unmarkierte Glied in eine Gegenmarkierung
umdeuten. Liest man Oxymoron als poetologischen Metabegriff, so
könnte man die Verschränkung zweier ästhetischer Prinzipien darin
erkennen, nämlich desjenigen einer concettistischen Konvention, die
Grenzen überschreitet, die Pointe, die Verblüffung, das Ungewöhn-
Uche anstrebt, und jenes anderen, das Gleichmaß und das Erwartbare
anbietet. Vielleicht aber kann man auch die Opposition zwischen 'poe-
tisch' und 'trivial', von 'gestalteter (geschmückter)' Rede und 'fader',
durch nichts hervorgehobener Rede darin entdecken. Daß sich eine
ähnliche, konträre Ästhetiken verknüpfende Intention in Sarbiewskis
Traktat artikuliert, habe ich an anderer Stelle gezeigt5. Und so stimmt

138
ein weiteres Mal, daß das Oxymoron zum exzellenten Verfahren des
Concettismus avanciert ist und sozusagen die Poetik der ganzen
Richtung repräsentiert, die Poesie der dubia significatio.
Die Nähe zur ingeniösen Metapher ist ein Problem, das noch ge-
klärt werden müßte, ebenso wie das der Abgrenzung von der Anti-
these. Heimich F. Plett macht dazu einige Vorschläge6. Eine Eintei-
lung in syntaktische, semantische und pragmatische Figuren, die der
Qualität der zugrundeliegenden Zeichenoperation folgt, läßt plausibel
erscheinen, daß das Oxymoron zusammen mit der Antithese und der
Litotes zur Untergruppe der konträren Figuren der semantischen Ab-
teilung zu rechnen sind, während Klimax, Hyperbel, Metapher zur
komparativen Untergruppe derselben Abteilung und schUeßlich Met-
onymie und Synekdoche zur substitutiven Untergruppe zu rechnen
sind7. Dabei wird eingeräumt , daß jede Figur an syntaktischen, se-
mantischen und pragmatischen Operationen des Zeichens beteiligt ist.
Dieses vom Quintilianischen und von dem daran anschließenden der
Lütticher Gruppe abweichende Schema hat für den gegebenen Zu-
sammenhang bestimmte Vorteile. Metapher und Oxymoron gehören
in die Klasse der Metasememe8, wobei die normalgrammatische Be-
deutungseinheit ein Semem genannt wird und die poetizitätshaltige
Abweichung folglich als Metasemem bezeichnet werden kann. Refe-
renzsemantik, die die Beziehung zu den Gegenständen der Welt
(denotata), und relationale Semantik, die die Beziehung der Zeichen
zueinander auf der Ebene der Poetizität darstellen, gelten im Falle des
Oxymorons, wie mir scheint, auf gleiche Weise, obwohl Plett hier9 die
Referenzsemantik aussparen will. Für die Interpretation jedoch
scheint mir die Referenzsemantik, da sie auch Ideologeme des kultu-
rellen Kontextes einschließt, unabdingbar.
Figuren der semantischen Deviation lassen sich - diesmal mit
Hilfe der Quintilianischen Änderungskategorien - einteilen, wobei
die 'Subtraktion' die für unseren Zusammenhang einschlägige Kate-
gorie ist. Sie meint nämlich den besonderen Fall einer Quasitilgung,
"wo die Seme von Ausdrücken sich gegenseitig ausschließen"10. Plett
führt folgende Beispiele an: "a living death"; "felix culpa"; "ein großer
Zwerg"; "ein beredtes Schweigen", die er "attributive Koordination
semantischer Antonyme" nennt. Ein weiteres glänzendes Beispiel ist

5
Vgl. Kap. X in diesem Band.
6
H.F. Plett, Textwissenschaft und Textanalyse. Heidelberg 1975.
7
Ebd., S. 141.
8
Ebd., S. 238.
9
Ebd., S. 251.
10
Ebd., S. 253.

139
Sidneys "O absent presence!" (Astrophil and Stella, 106, 1). Das frap-
pante Beispiel einer Oxymorareihung zitiert Plett aus Romeo and
Juliet (Li. 182-187):

Why, then, O brawling love! O loving hate!


O any thing! of nothing first create.
O heavy lightness! serious vanity!
Mis-shapen chaos of well-seeming forms!
Feather of lead, bright smoke, cold Tire, sick health!
Still-waking sleep, that is not what it is!

Plett schlägt (im Sinne der Oberbegriff-Findung) vor, den gemeinsa-


men semantischen Nenner, auf den aUe Oxymora rückführbar sind, als
'Hypersemem' zu bezeichnen, das einen größeren Allgemeinheitsgrad
als die antonymen Sememe besitzt, die das Oxymoron in jedem einzel-
nen Fall bilden11. Bei "heavy hghtness" wäre dies "weight". Wichtig für
den ästhetischen Reiz ist dabei, daß der Oberbegriff, das Hyperse-
mem, in der Regel verschwiegen wird, und daß der Leser oder Hörer
der oxymoralen Fügung die semantische Klasse, der die konträren
Elemente zugehören, dazudenken oder mithören, d. h. mitverstehen
muß im Sinne von russisch "podrazumevat"'. Das semantische Feld,
das auf diese Weise in seine Extreme zerlegt wird und seine Grenzen
aufzeigt, wird gerade an seinen Grenzpunkten wieder zusammenge-
schlossen. Es ist, als werde eine Bewegung erzeugt, die zugleich zen-
trifugal und zentripetal ist. Diese Spannung, diese Doppelbewegung,
macht einen Teil des ästhetischen Appells aus, der den Leser/Hörer
affiziert. Legt man diese Doppelbewegung ontologisch aus, so könnte
sie lauten: 'etwas ist mit sich identisch und zugleich sein Gegenteil',
oder logisch: 'etwas vereinigt zwei sich ausschließende Definitionen'.
(Etwas ist heiß und kalt, tot und lebendig.) Die Logik führt diese
Form als Paradoxon auf. Das Paradoxon ist ebenfalls ein Kürzel, im
Sinne einer argumentativen Kurzform, oder ein Enthymema, das um
die Glieder, die sukzessiv den abrupten Schluß motivieren, verknappt
ist. Auch hier muß also etwas 'mitverstanden' werden, das in einem
gedanklichen Referenzbereich liegt, den der Mitdenker zu assoziieren
bzw. herzustellen hat. Zum Beispiel: Der Mensch lebt und ist ster-
blich, oder: Es gibt Lebende und Tote; die Menschen können als Le-
bende und Tote bezeichnet werden. Dies wird in einem Punkt verdich-
tet, dem Totlebendigen, Lebendigtoten etc. Die Antithese würde den-
selben Sachverhalt anders entfalten, etwa als: Während die einen le-
ben, sterben die andern u.a. Auch die Antithese führt besonders durch
ihre syntaktische Konzisheit, in der Figur des Chiasmus oder Paralle-
lismus, Extreme des Seins, des Denkens vor, aber sie entfaltet sie und

Ebd., S. 254.

140
suggeriert zugleich einen semantischen und zugleich logischen Hinter-
grund, der letztlich unangetastet bleibt. Von daher gehört die Antithe-
se nicht zu den semantischen oder logischen Verstößen bzw. Lizenzen.
Vielmehr spielt die Antithese mit semantischen (ontologischen und lo-
gischen) Befunden, ohne eine Grenzüberschreitung zu begehen.
Durch ihre syntaktische Organisation gerät sie in den Bereich dessen,
was G.N. Leech12 gegenüber der Lizenz als Restriktionen bezeichnet
hat. Im gegebenen Fall bedeutet das die Wahl eines syntaktischen
Musters, das ausschließlich restriktiv eingesetzt wird und, indem es
eine syntaktische Regelhaftigkeit repräsentiert, als metasyntaktisch
bezeichnet werden kann. Die Antithese ist somit ein Beispiel für
Jakobsons Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie.
Nun wäre der Bezug zur Metapher zu klären: Betrachtet man die
Metapher unter den Aspekten der Substitution, des Sprungs und der
Similarität (Kategorien, die verschiedene Aspekte ihrer Konstitution
betreffen), so läßt sich durchaus eine Beziehung zum Oxymoron vor-
nehmen. Doch bleibt Wesentliches ausgespart, wenn man nicht noch
einen weiteren Aspekt berücksichtigt, den der Zweigliedrigkeit. In der
Verkettung weit auseinanderliegender Bereiche, die die Metapher
vollzieht, wenn sie über einen Sprung Vergleichendes und Vergliche-
nes verknüpft - wobei die beiden Elemente über eine 'vorhandene',
gefundene oder eine erfundene (ingeniöse) Ähnlichkeit in Relation
gebracht werden und, so konstituiert, einen erwartbaren, vom Text-
kontext suggerierten eigentlichen Ausdruck ersetzen - , lassen sich
gewisse Parallelen zum Oxymoron erkennen. Doch zusätzlich gilt es,
die Zweigliedrigkeit hervorzuheben, die in der Metapher auf doppelte
Weise vertreten ist, zum einen als Relation zwischen Vergleichendem
und Verglichenem bzw. Substituierendem und Substituiertem, wie im
Fall der Metapher in absentia, der sog. absoluten Metapher (Feuerball
für Sonne, Sterne für Augen); zum andern als Relation zwischen den
beiden einzeln aufgeführten Elementen, wie im Fall der Metapher in
praesentia (der Feuerball der Sonne, die Augensterne). Similarität,
Substitution und Sprung lassen sich nur über die Zweigliedrigkeit
bestimmen, gleich ob das Verglichene, zu Substituierende in Erschei-
nung tritt oder nicht. Im Oxymoron sind die beiden Glieder, das wur-
de mehrmals gesagt, offenbar über die Verbindung entlegener Teile
eines semantischen Feldes, über Extreme, Unvereinbarkeiten zusam-
mengestellt, aber sie stammen aus demselben semantischen Feld, aus
derselben Äquivalenzklasse, sind demselben Hypersemem zugehörig.
Unvereinbarkeit und Extrem gelten mithin wie bei der Metapher,
nicht aber der Sprung aus einer semantischen Ebene auf eine qualita-

*^ G.N. Leech, "Linguistics and the Figures of Rhetoric". In: Essays on Style and
Language. Hrsg. R Fowler. London 1966. S. 135-156.

141
tiv andere. Similarität entsteht sozusagen mit umgekehrten Vorzei-
chen. Die Antonyme stellen einen Fall von Dis-Similarität, von Zer-
spalten des Ähnlichen in sein Unähnliches dar, wobei die Zugehörig-
keit zur selben Klasse ein Ähnlichkeitsband dennoch bestehen läßt.
Sie sind also unähnliche Ähnliche oder ähnUche Unähnliche. Unähn-
liche, die ein abwesendes Hypersemem in seinen Grenzwerten substi-
tuieren (conditio humana: tot/lebendig). Ihre gegenseitige Substitu-
tion oder Substituierbarkeit, entweder/oder, wird gerade durch ihr
Zusammentreffen, die Unmöglichkeit des Verdrängens des jeweils an-
deren Extrems verhindert. Ihre Zweigliedrigkeit in praesentia ist kon-
stitutiv.
Während die metaphorische Inkompatibilität durch das Eintreten
aus einer semantischen Kette in eine andere erzeugt wird, und der
Zusammenstoß verschiedener semantischer Ketten den ästhetischen
und kognitiven Stimulus auslöst, ist es im Oxymoron das Ausreizen ein
und derselben semantischen Kette, ihrer Quintessenz und ihrer End-
punkte. Das Oxymoron in dieser 'nackten' Gestalt aber kann sich
metaphorischer Einkleidung bedienen, wie im folgenden noch gezeigt
wird.
Eine Dissimilarität, die eine frappante Similarität umschließt, das
wäre die Formel, die das Oxymoron bei Naborowski ausmacht. Hier-
bei geht es nicht nur um die Äquivalenzkiassensimilarität, die Zuge-
hörigkeit zu einem Hypersemem, sondern es geht hier um eine erfun-
dene, gefundene Ähnlichkeit, die die beiden im Oxymoron ver-
schränkten Elemente zueinander in ein metaphorisch zu nennendes
Verhältnis setzt. Hierbei spielt aUerdings die syntaktische Präsentation
eme bestimmende Rolle, sie läßt nämlich zu, den gesamten Komplex
auch als oxymorale Metapher zu lesen: "wielom matka ich mogila"
(vielen war die Mutter der Grabhügel), wobei 'Mutter' als Synekdoche
(totum pro parte) für Mutterleib steht und damit bereits Substitution
für den eigentlichen Ausdruck ist. Die Form stellt eine trope mixte dar,
doch geht es hier um die Herausarbeitung der oxymoralen Funktion.
Diese erhält eine zusätzliche Bestätigung durch ihre Eingebettetheit in
eine topische Tradition, wie sie bei Shakespeare prominent wird:

The earth that's nature's mother is her tomb;


What is her burying grave that is her womb.
(Romeo and Juliet, H.iii, 9-10)

Das Zitat enthält die beiden extremen Antonyme "tomb/womb", die


durch eine paronomastische Struktur - geringfügige Änderung am
Wortkörper bei starker semantischer Verschiebung - , die den anto-
nymen Reim so brisant macht, zusätzlich verknüpft sind. Hierfür,
nämUch für die lautliche Äquivalenz bei oxymoraler Ausrichtung, hat

142
G.L. Anderson13 den Begriff "phonologische Ironie" eingeführt, der
für das referenzsemantische Analogon stehen kann.14
Mit leichter Verschiebung der Akzente ist das formelhafte Anto-
nympaar "tomb/womb" bei Naborowski wiederzufinden. Naborowski
hat die mehrgUedrige Pointe durch ein Konzept motiviert, das er im
Gedicht entwickelt: Das Leben ist kurz, verfliegt im Nu, hat keine
Beständigkeit, ist ein Punkt, in dem Leben Tod wird. Mit diesem
'Kurzschluß' Leben=Tod ist das inopinatum des concettistischen Ge-
dichts erreicht. Das Konzept wird Zeile für Zeile durchgespielt und
die 'akute' Formel als Gipfel des Gedichts in den Schluß komponiert.
Dies wiederum entspricht der epigrammatischen Zuspitzung dieses
Gedichtstyps. Alle Zeilen stürzen diesem Ende entgegen, jede Zeile
antizipiert es.
Merkwürdigerweise hat der acumen -Theoretiker Sarbiewski sei-
nen Landsmann und Zeitgenossen Naborowski an keiner Stelle seines
Traktats als Beispielautor für acume/i-orientierte Gedichte heran-
gezogen. Vielmehr belegt er das acumen ausschließlich mit lateinisch
schreibenden Autoren. (Was die volkssprachliche polnische Dichtung
angeht, so scheint er sich weniger für die Barock- als für die Re-
naissanceperiode zu interessieren, deren Hauptrepräsentanten, Jan
Kochanowski, er mehrmals zitiert.) Trotz diesem offensichtlichen
Ausschluß Naborowskis als Verfasser polnischer Barockgedichte kann
man davon ausgehen, daß Sarbiewski dessen Werk ebenso bekannt
war, wie umgekehrt seine lateinische Dichtung und Poetik Naborowski
zur Kenntnis gelangt sein mußten.15
Naborowskis "Krötkoäc zywota" hätte als glänzendes Paradigma
für die beiden Komponenten des Sarbiewskischen acumen dienen
können, die ästhetische und die kognitive. Das Gedicht entwickelt
Schritt für Schritt eine Argumentation (ratiocinatio), die in dem Syllo-
gismus: 'Weil du lebst, stirbst du - dein Leben ist so kurz, daß es im
Extrem mit dem Tode zusammenfällt' endet. Doch handelt es sich bei
Naborowski nicht nur um einen über metaphorische Winkelzüge her-
gestellten Trugschluß, wie dies sonst häufig im Barock vorkommt und
als poetische Leistung gepriesen wird (vgl. Emanuele Tesauros con-
cettistischen Traktat, in dem die argomenti fallaci16 hervorgehoben

1J
G.L Anderson, "Phonemic Symbolism and Phonological Style". In: Current Trends in
Stylistics. Hrsg. B.B. Kachru, HF. Stahlke. Edmonton-Champaign 1972. S. 163-181;
hier S. 164.
14
Vgl. hierzu Plett, aaO., S. 177.
15
Vgl. J. Dürr-Durski, "Szkic informaeviny" (Einführende Bemerkungen). In: D.
Naborowski, Poezje. Hrsg. J. Dürr-Durski. warszawa 1961. S. 14.
16
In Tesauros prominentem, auch im slavischen BereichrezipiertemTraktat // Can-
nocchiale Aristotelico ossia idea dell' arguta et ingegnosa elocuzione (1655) sind die
"argomenti urbanamente fallaci" die wahren concetti Vgl Kap. IV in diesem Band.

143
werden), sondern um eine klar gebaute conclusio, die sich aus der
Ambivalenzstruktur Leben/Tod ergibt.
Die in dieser Argumentation aufeinander bezogenen Elemente
'Wiege' und 'Sarg' (bzw. Grab), aber auch 'Mutter(-leib)' und 'Grab-
hügel' fungieren als Metaphern für - gerade begonnenes - Leben
und - unmittelbar antretenden - Tod, aber auch als Metonymien, d.
h. Kontiguitätsfiguren, die durch die Berührungsrelation zwischen In-
halt und Gefäß motiviert sind. Die Metaphorik ergibt sich aus unter-
schiedlich akzentuierten Similaritätsbezügen: zum einen zwischen dem
Signifikat 'Leben' oder 'Bewegung' und dem Signifikanten 'Wiege'
oder 'Mutter(-leib)' und analog zwischen dem Signifikat 'Tod' oder
'StUlstand' und dem Signifikanten 'Sarg' oder 'Grabhügel'; zum ande-
ren zwischen den genannten Signifikanten selbst, die durch die Se-
mantik des Gefäßhaften und UmhüUenden oder Bergenden verbun-
den sind. Diese gilt für Lebende und Tote gleichermaßen: zum Schlaf
in der Wiege, zur letzten Ruhe im Sarg gebettet werden, im Mutter-
leib oder unter dem Grabhügel ('ruhe sanft') geborgen sein. Zu diesen
Metaphorik begründenden Ähnlichkeiten tritt noch eine weitere, die
die Form der bergenden Gefäße - 'Sarg', 'Grab' und 'Wiege' - und
der gewölbten Orte des Geborgenseins - 'Mutterleib' und 'Grabhü-
gel' - betrifft. Wiege und Sarg/Grab konnotieren Schlaf und Ruhe.
Schlaf und Ruhe sind (euphemistische) Metaphern für Tod, 'ewige
Ruhe'. Mutterleib/ Grabhügel bedeuten auch das Noch-nicht-/Nicht-
mchr-in-Erscheinung-treten-Können, die verborgene Noch-nicht- und
die Nicht-mehr-Präsenz, den Blicken noch oder für immer entrückt.
(Im Deutschen könnte die Überführung der Zweigliedrigkeit in eine
oxymorale Genitivmetapher den Zusammenhang noch deutlicher
machen: Wiegensarg oder Sargwiege und Mutterschoßgrab oder Gra-
besmutterschoß.)
Shakespeares Antonyme setzen etwas andere Akzente: Erde als
Mutter der Natur (Metapher) ist Grab; oder verkürzt: Mutter ist Grab
oder Mutter Natur ist Grab, genauer: Mutter Erde ist Grab. Und qua-
si umgekehrt: Das Grab der Mutter Erde ist ihr Mutterleib - Erde
(Natur) gebiert und begräbt. Und doch ist es letztlich derselbe Ge-
danke, dasselbe Konzept, das Naborowski bearbeitet. Dieses unge-
heuerUche In- und Nebeneinander von Leben und Tod erscheint bei
Shakespeare als 'naturalisiert', generalisiert, bei Naborowski dagegen
als anthropomorphisiert. "Mother - tomb/grave - womb" sind diesel-
ben das Konzept aufspannenden Terme wie bei Naborowski. Die
Paronomasie "tomb/womb", die Shakespeare hier ingeniös einsetzt, ist
im Polnischen nicht reproduzierbar. Naborowski schafft andere Glei-
chungen, etwa die zwischen "kolebka" und "matka", und den Chiasmus

144
zwischen "kolebka" und "mogüa" (wobei die Elemente umgekehrte
Vorzeichen tragen). Auffälüg ist dennoch die NichtSymmetrie der Tei-
le "wielom byla/ Kolebka grobem, wielom matka ich mogila". Das
zweifache "wielom" ist übers Enjambement, nicht durch Parallelismus
verbunden. Die Instrumentalfügung wird im zweiten Glied, trotz simi-
lärem Inhalt, oder genauer, obwohl es Wiederholung ist, nicht aufge-
nommen, sondern abgelöst durch einen Nominalsatz.
Naborowskis Gedicht strahlt eine starke Melancholie aus, setzt
keine Versöhnungszeichen, spricht nicht vom ewigen Leben, stellt
nichts in Aussicht (keine Erlösung). Mit der den Schlußzeilen voraus-
gehenden Topik von "Dzwie.k, cien, dym, wiatr, Hysk, gtos, punkt"
(Klang, Schatten, Rauch, Wind, Aufleuchten, Stimme, Augenblick)
zitiert Naborowski die barocke Vergänglichkeitsdichtung - die mittel-
alterliche Vorläufer hat - (vgl. Weckherlin, Gongora, Gundulid,
Bunic, -Dordic u.a.) und schreibt sich in deren Schema ein. Die Pointe
trägt ihn gleichwohl aus dem reinen Schema wieder heraus.
Aber noch einmal zurück zu "matka" als Synekdoche für den
schwangeren Leib: "wielom matka ich mogila". Die Mutter ist nicht
nur Lebensspenderin, sondern sie gibt auch zugleich den Tod. Das ge-
mahnt an das mittelalterliche Bild des schwangeren Todes, Allegorie
der Vergänglichkeit, ein Bild, das in seiner grotesken Gestalt im Kar-
neval der Renaissance und dessen Tradition eine zentrale Rolle spielt
und das Bachtin in seiner Kulturtheorie zum Oxymoron par excellence
avancieren läßt.17
Naborowskis Formulierung ist als Neuinszenierung dieses grotes-
ken Oxymorons oder dieser oxymoralen Groteske zu lesen. Allerdings
setzt er einen dem Bachtinschen entgegengesetzten Akzent. In der
Bachtinschen Interpretation hat die Allegorie gerade in ihrer gro-
tesken Ambivalenz etwas Versöhnliches, auf den ewigen Kreislauf ver-
weisend, in dem der Individualtod nichts zählt, sondern das immer
neue Leben der Gattung, die Unsterblichkeit der Gattung im Diesseits
bestätigt wird. Das heißt, bei Bachtin liegt geradezu die Umkehrung
der Naborowskischen Version vor: Wenn bei Naborowski die Mutter
den Tod gebiert, gebiert der Tod bei Bachtin das Leben. Naborowski
läßt trotz der Vorstellung des Rades und des Wechsels ("Kolem
niehamowanym"), der Ablösung des Vorfahren durch den Nachfahren
("Byl przodek [...] potomek sie, rodzi") nicht das Gattungsleben,
sondern durch die mahnende Geste der Du-Adresse das sterbliche In-
dividuum, die individuelle Sterblichkeit zum Zentrum des Arguments
werden, das damit kein karnevaleskes und kein versöhnliches mehr ist.

1
M. Bachtin, Tvoriestvo Fransua Rable i narodnaja kul'tura srednevekov'ja i
renessansa. Moskva 1965. (Dt.: Rabelais und seine Welt. Ubers. G. Leupold. Hrsg. R
Lachmann. Frankfurt/M. 1987.)

145
Das Oxymoron treibt die Gegensätze auf die Spitze, auf einen
doppeldeutigen, ambivalenten Punkt hin, der die contrarietas zugleich
aufzuheben und auszuhalten scheint. Das Oxymoron ist auf Zweiwer-
tigkeit hin angelegt. Entscheidend ist dabei die 'explosionsartige'
Berührung - eine syntaktische in praesentia, eine semantische in
absentia -, die mit einem Schlag den 'Leben-Tod' des Menschen ins
Bewußtsein ruft. Naborowski hat aus dieser Figur für die Entfaltung
seines VergängUchkeitsthemas den größtmöglichen Effekt gewonnen.
Daß das Oxymoron in der Liebestopik eine parallele Geschichte
hat, die in der Antike beginnt - mit Sapphos glykopikros, das für das
Leid-Glück der Liebe steht - , können unzählige Beispiele belegen.
Diese oxymorale Topik ist dann stärker in das semantische Feld von
heiß/kalt (Feuer/Eis) verschoben worden und hat sich dort in viele
Kombinationen verästelt. In der polnischen Liebeslyrik des Barock hat
besonders Jan Andrzej Morsztyn das Eros-Oxymoron benutzt. In sei-
nem nekrophil-ironischen Sonett "Do trupa" (An eine Leiche) bildet
"w piekielnej Srzezodze" (im Frostbrand der Hölle) einen der stüis-
tischen Höhepunkte. Auch in der russischen barockisierenden Liebes-
lyrik des 18. Jahrhunderts gibt es Beispiele, die den Anschluß an diese
Tradition belegen, so etwa Vasilij Trediakovskijs Gedicht "Proäenie
ljubvi" (Liebesflehen), in dem Zeilen wie "Sej ogn' sladko pyäit" (dieses
Feuer glüht süß) und "sladko ujazvleny ljubovnoju streloju" (süß ver-
letzt vom Liebespfeil) die Verknüpfung zweier oxymoraler Topoi vor-
führen. In einen anderen Kontext gerät das Oxymoron in Lomonosovs
religiöser Natur-Spekulation in "Vecernee razmyälenie o Bo2iem
velicestve pri slucae velikogo severnogo sijanija" (Abendgedanken
über die Größe Gottes angesichts des großen Nordlichts). Die vierte
Strophe besteht aus einer Reihung oxymoraler Pointen:

No gde i, natura, tvoj zakon?


S polnocnych st ran vstaet zarja!
Ne solnce 1' stavit tarn svoj tron?
Ne 1'distyl' mescut ogn' morja?
Se chladnyj plamen' nas pokryl!
Se v noc' na zemlju den' vstupil!18

Doch wo, Natur, ist dein Gesetz?


Aus nördlichen Gefilden steigt ein Morgenrot!
Will dort die Sonne ihren Thron besteigen?
Peitscht Feuer dort das Eismeer hoch?
Kalt hat die Flamme uns erfaßt,
Und in der Nacht tritt auf die f-.rd der Tag.

18
M.N. Lomonosov, Polnoe sobranie soiinenij (Vollständige Werkausgabe). VIII.
Hrsg. AN SSSR Moskva-Leningrad 1959. S. 121.

146
Hier rückt das Oxymoron als Unmöglichkeitsformel in die Nähe zum
Adynaton. Lomonosov strebt im Einsatz von Figuren, die das stran-
noe, örez"estestvennoe, neobyknovennoe*9 (Seltsame, Übernatürliche,
Ungewöhnliche) benennen sollen, die Beschreibung des Wunder-ba-
ren an. In allen Fällen geht es um die Einkreisung extremer Zustände
und Erfahrungen, die, so scheint es, im Stilistikum des Oxymorons
ihren adäquaten (beunruhigenden) Ausdruck finden.

Vgl. M.N. Lomonosovs Kratkoe rukovodstvo k krasnoreiiju (Kurze Anleitung zur


Wohlredenheit) von 1748. In: M.N. Lomonosov, Polnoe sobranie soiinenij. VII. Hrsg.
AN SSSR Moskva-Leningrad 1952. Cast' I, Glava VII, Par. 129, S. 204 f.

147
Barockrhetorik in Rußland und ihre Kritiker:
Simeon Polockij, Lomonosov und Sumarokov

Spuren der acumen -Lehre, des Kernstücks barocker Poetik, lassen


sich sowohl in der Dichtpraxis als auch in der Poetologie des 17. und
18. Jahrhunderts in Rußland verfolgen. Die Rekonstruktion des We-
ges, den der Begriff des acumen von den rhetorisch-poetischen Hand-
büchern der ukrainischen und großrussischen Lehranstalten bis hin in
die Rhetorik Lomonosovs von 1748 genommen hat, belegt dessen sich
wandelnde, unterschiedliche Akzente setzende Rezeption. Aus rekon-
struktiver Perspektive erscheint Simeon Polockijs änigmatische Dich-
tung, die am Anfang der neueren russischen Literatur steht, einerseits
und Lomonosovs metaphernhäufende, hyperbelfreudige Bildlichkeit
andererseits als Extrempunkt einer Entwicklung, in der das acumen
als poetisches Verfahren eine konstitutive Rolle spielte. Darüber
hinaus lassen sich in beiden Fassungen der Lomonosovschen Rheto-
rik1 poetologische Begriffe ausmachen, die als Entsprechungen des
acumen interpretiert werden können. Es sind in erster Linie die Be-
griffe ostroumie, vitievatye reöi und vymysel, die einen solchen Zusam
menhang herzustellen erlauben.
Daß die aus Polen übernommene, von Sarbiewski mitgeprägte
acume/i-Lehre nicht allein die Dichtpraxis, sondern auch die Rheto-
rik/Poetik zu verändern vermochte, deutet auf eine neue Phase poeto-
logischer Reflexion hin. Lehrbuchanweisung und poetisches Verfahren
treten in ein Verhältnis gegenseitiger Begründung. "Die erste lite-
rarische Strömung der russischen Literatur"'', deren barocken Charak-
ter die neueste Untersuchung von Lidija Sazonova3 noch einmal nach-
drücklich darlegt, adoptiert mit der acume/j-Lehre die Legitimation
für abweichende sprachliche Konstruktionen und ungewöhnliche Ge-
dankenfiguren. Das Entsprechungsverhältnis zwischen Konzept und
Praxis, das poetologische Begründung und poetischen Einsatz der für
das acumen charakteristischen Verfahren der Steigerung und der
Kombinatorik vermittelt, läßt sich insbesondere bei Lomonosov nach-
weisen.
In dem "O izobretenii" (De inventione) betitelten Kapitel seines

Ich beziehe mich hier lediglich auf die zweite Rhetorik; zu ihrer Textgenese vgl. H.
Keipert, "Zur Quellenfrage von Lomonosovs zweiter Rhetorik". In: Festschrift für Mar-
garete Woltnerzum 70. Gebunstag. Heidelberg 1967. S. 134-143.
* D.S. Lichacev, Poetika drevnerusskoj literatury (Poetik der altrussischen Literatur).
Leningrad 1967. S. 18.
J
Poezija russkogo barokko (Die Dichtung des russischen Barock). Moskau 1991.

148
"Kratkoe rukovodstvo k krasnoreöiju" (Kurze Anleitung zur Wohl-
redenheit)4 von 1748 formuUert Lomonosov folgende Anweisungen:
Socmitel' slova tem obil'nejs'imi izobretenijami onoe obogatit' mozet, fem
bystrejsuju imect silu sovobrazenija, kotoraja est' duievnoe darovanie s odnoju
vesciju, v ume predstavlennoju, kupno voobrazat' drugie, kak-nibud' s neju
soprjazennye [...]. Sie vse dejstvuem siloju sovobrazenija, kotoraja, buduci
soedinena s rassuzdeniem, nazyvaetsja ostroumie.
(Der Dichter kann seine Rede desto üppiger mit Erfindungen ausstatten, je ra-
scher seine Einbildungskraft ist, die in der seelischen Gabe besteht, mit einem im
Geist vorgestellten Ding gleichzeitig andere [Dinge] vorzustellen, die irgendwie
mit diesem zusammenhängen [...]. Dies alles wird durch die Einbildungskraft be-
wirkt, die, da sie mit dem Urteilsvermögen verbunden ist, Scharfsinn genannt
wird.)

Und weiter:
Vitievatye refi (kotorye mogut eSce nazvat'sja zamyslovatymi slovami ili ostrymi
mysljami) sut' predlozenija, v kotorych podlezas'cee i skazuemoe soprjagajutsja
nckotorym strannym, neobyknovennym ili i £rez"estestvennym obrazom, i tem
sostavljajut nefto vaznoe ili prijatnoe [...].
(Pointierte Reden, die auch spitzfindige Worte oder scharfe Gedanken genannt
werden können, sind Sätze, in denen Subjekt und Prädikat auf seltsame, unge-
wöhnliche oder übernatürliche Weise verknüpft werden und dadurch etwas Erha-
benes oder Angenehmes hervorbringen.)

Diese Paragraphen geben an, wie Ausdrücke, die weit auseinander-


liegende Vorstellungsbereiche assoziieren, kombiniert werden kön-
nen, damit der Effekt des Seltsamen, Ungewöhnlichen und Überna-
türlichen erzeugt werden kann. Der Dichter muß, um diese Zusam-
menschau des Entlegenen leisten zu können, über eine bestimmte
Kompetenz verfügen: das ostroumie (Scharfsinn). Dieses erlaubt, Ana-
logien bUtzartig zu erfassen (oder herzustellen), Disparates auf ver-
blüffende Weise zu verknüpfen und die Dinge einer Metamorphose
(prevraSöenie) zu unterziehen. In Lomonosovs Poetik repräsentiert das
ostroumie die dichterische Einbildungskraft (sila sovobraienija), die in
der Verbindung des Inkompatiblen die Korrespondenzen aufzu-
decken, die Ähnlichkeit im Unähnlichen und die Unähnlichkeit im
Ähnlichen zu erkennen vermag. Alle Verfahren, die das strannoe,
neobyknovennoe und örez"estestvennoe herstellen und damit sowohl
ein vaznoe (Erhabenes) als auch ein prijatnoe (Angenehmes) im Sinne
der Funktionen des movere und des delectare bewirken sollen, weisen

4
In: M.V. Lomonosov, Polnoe sobranie soiinenij. VII. Hrsg. AN SSSR. Moskva-
Leningrad 1952. S. 89-378.
5
Ebd., Gast' I, Glava II, Par. 23, S. 109.
6
Ebd., Gast' I, Glava VII, Par. 129, S. 204 f.

149
auf ein Stilprinzip hin, das die Uneigentlichkeit der Aussage und einen
hohen Verfremdungsgrad anstrebt.
Die Hervorbringungen dieses kreativen, die semantische Ordnung
der Dinge auf poetische Weise ignorierenden Scharfsinns werden vitie-
vatye reöi (pointierte Reden) oder vymysly (Einfälle), andernorts auch
zamysly (Spitzfindigkeiten) oder ostrye mysli (scharfe Gedanken)
genannt. Der 'Einfall' wird wie folgt spezifiziert:
Vymyslom nazyvaetsja ideja, protivnaja nature ili obyknovenijam celoveceskim.
(Einfall wird eine Idee genannt, die der Natur oder den menschlichen Gewohnhei-
ten widerspricht.)

Den Herstellungs- bzw. Entstehungsmodi der vitievatye reöi gelten


Bestimmungen wie:
[Sie entstehen] "Ot podobija [...] kogda ono k samoj upotrebljaemoj veSfl prisovo-
kupljaetsja Icratko, bez sojuzov upodoblenija"8
(Aus dem Vergleich [...] wenn dieser sich zu der gebrauchten [thematisierten]
Sache kurz [unmittelbar] hinzugesellt, ohne vergleichende Konjunktionen)

Protivnye i neschodstvennye veäcl rozdajut vitievatye reüi.


(Entgegengesetzte und unähnliche Sachen erzeugen pointierte Reden.)

Die vymysly werden in verschiedene Verknüpfungsmodi unterteilt, die


mit den von der Rhetorik benannten, nämlich comparatio, oppositio,
alienatio, allusio, korrespondieren. Ein weiterer Modus, der alle ande-
ren dominiert, ist der des prevraSöenie (Verwandlung)10.
Auf das ostroumie bei Lomonosov hat Morozov in seinem zweiten
dem Problem des Barock in der russischen Literatur gewidmeten Auf-
satz11 hingewiesen, wo er auch einen Zusammenhang mit der acumen-
Lehre zu begründen sucht. Er stellt das ostroumie als einen Haupt-
punkt in Lomonosovs rhetorischem Denken heraus, das er als "schnel-
len Flug der Einbildungskraft, Erregtheit des Geistes, der sich be-
müht, die Vielfalt der Erscheinungen zu umgreifen und zu erfassen,
als Fähigkeit, 'entfernte' Ideen, sinnliche Erscheinungen und abstrakte
Begriffe zu verbinden, als weitwirkende Kraft der schöpferischen
Phantasie" bestimmt12. Aus dieser Fähigkeit des ostroumie, Unverein-
bares zu verbinden, wird insbesondere die Metapher hergeleitet. Mo-

7
Ebd., Gast' I, Glava VIII, Par. 148, S. 220.
8
Ebd., Cast' I, Gl. VII, Par. 143, S. 216
9
Ebd., Par. 144, S. 217
10
Ebd., S. 216 f, 230.
"Lomonosov i barokko" (Lomonosov und das Barock). Russkaja literatura. 2. 1965.
S. 70-96.
12
Ebd., S. 75.

150
rozov, dessen Interpretationen auf Kenntnisse des italienischen und
spanischen Concettismus weisen, zieht eine italienische und eine spa-
nische acutezza-Autorität heran, um den barocken Umkreis zu bestim-
men, in dem er Lomonosov sieht. Bezeichnenderweise gibt er Ema-
nuele Tesauros acutezza und Baltasar Graciäns agudeza mit ostroumie
und concetto mit vymysel wieder, will dann also umgekehrt Lomono-
sovs Begriffe im Kontext concettistischer Begrifflichkeit verstanden
wissen.13
Dieser Interpretationsmodus Lomonosovscher Termini kann wohl
auch als Zeichen dafür gedeutet werden, daß eine Abhängigkeit des
cMfroM/me-Begriffs von Gottscheds "Scharfsinnigkeit" nicht ange-
nommen wird, was für die Gesamteinschätzung Lomonosovs nicht
ohne Belang ist.14 Ostroumie, vitievatye reöi, vymysly werden demnach

13
Ebd., S. 76. Die Übersetzung entspricht derjenigen in den Auszügen aus Tesauro
und Graciän in: Istorija estetiki. Pamjatniki mirovoj estetiieskoj mysli (Geschichte der
Ästhetik. Denkmäler des ästhetischen Denkens der Welt). II. Moskva 1964. S. 628. -
Vgl. auch I. GoleniJcev-Kutuzov, "Barokko, klassicizm, romantizm. Literaturnye teorii
Italii XVII-XVIII vekov" (Barock, Klassizismus, Romantik. Literaturtheorien Italiens
im 17. und 18. Jahrhundert). Voprosy literatury. 7. 1964. S. 104-126. GoleniSccv-Kutuzov
bezeichnet Tesauros Cannocchiale aristotelico als "traktat ob ostroumii" (Traktat über
den Scharfsinn). Auch hier wird acutezza als ostroumie, zamysel als concetto aufgeführt
und als Verbinden oder Zusammenbringen entlegener Dinge begriffen. In seiner Ant-
wort auf die Frage "Byla li tak nazyvaemaja 'literatura barokko' v slavjanskich stra-
nach?" (Gab es eine sogenannte 'Barockliteratur' in den slavischen Ländern?) des IV.
Internationalen Slavistenkongresses, in: Sbornik otvetov na voprosy po literaturovede-
niju. Moskva 1958. S. 76, übersetzt Golcnisccv-kutu/.ov agudeza, die er mit englisch wit
in Zusammenhang sieht, mit ostroumie, sodann mit interpretierenden Wendungen wie
nachodiivost' (Findigkeit), subtil'nost ("Subtilität", - letzteres ist wohl an Graciäns
sutileza orientiert). Graciäns primorosa concordancia gibt er wieder als iskusnoe soot-
vetstvie (kunstvolle Entsprechung). Die "garmoniceskaja korrelacija krajnich protivopo-
loznostej poznavaemych predmetov, vyrazennaja aktom razuma" (harmonische Korre-
lation äußerster Gegensätzlichkeit der erkennbaren Gegenstände, die durch einen Akt
des Verstandes ausgedrückt wird) ist seine begriffliche Paraphrase für den Concettis-
mus. Bei Graciän, Agudeza y arte de ingenio. Ausgabe Buenos Aires 1942, S. 19 hieß es:
"Es [el concepto] un acto del entendimiento, que expnme la correspondencia que se
halla entre los objetos." - Übrigens hat bereits G. Voskresenskij, Lomonosov i Moskov-
sko-slavjano-latinskaja akademija (Lomonosov und die Moskauer slavisch-lateinische
Akademie). Moskva 1891. S. 25 acutus mit ostroumnyj (scharfsinnig) übersetzt.
14
Vgl. Gottscheds Ausführliche Redekunst. 1736. S. 54: "Die Scharfsinnigkeit ist eine
Fertigkeit viel an einem Dinge wahrzunehmen, und sich also in der Geschwindigkeit
einen deutlichen Begriff von jeder vorkommentden Sache zu machen". Diese
Definition scheint doch wenig auf Lomonosovs ostroumie-Vorstellung zu passen, in der
die Verknüpfung, die Zusammenschau verschiedener Dinge gefordert wird. - Eher
ließe sich ein Satz aus Christian Wolffs Psychologia Empirica. 1732. Par. 92. S. 54
anführen, der Lomonosovs sila sovobraienija (Einbildungskraft) betreffen könnte:
"Facultas producendi perceptionesrerumsensibilium absentium Facultas imaginandi.
seu Imaginatio appellatur". Doch geht es bei Lomonosov nicht um die Vorstellung
allein, sondern um das soedinenie (Verknüpfung) des Vorzustellenden. - In seinem
Kommentar zu Lomonosovs Rhetorik hat Ml Suchomlinov diese beiden Zitate als
Parallelen zu Lomonosovs ostroumie herangezogen. Graßhoff hat die Gottsched-
Abhängigkeit Lomonosovs zu einer These gemacht ("Lomonosov und Gottsched".
Zeitschrift für Slawistik. VI/4. 1961. S. 495-507), die A.A. Morozov in seinem
Barockaufsatz "Lomonosov i barokko" (Russkaja literatura. 1965.2. S. 88) ablehnt. -
Gewiß verhält sich ostroumie zu Scharfsinnigkeit bzw. Scharfsinn lexikalisch genauer als
zu acumen. Doch gaben weder das Deutsche noch das Latein das Muster für diese
Bildung; ostroumie ist älter. Ob und als was es in der altrussischen poctologischcn
als Kernbegriffe barocker Dichtungslehre verstanden und mit dem
Akt des Metaphorisierens in Zusammenhang gesehen.

II
Bevor ich auf ein Beispiel aus Lomonosovs Panegyrik zurück-
komme, das diesem ostroumie-Programm folgt, gilt es, die Rezeption
der acumen-Lehre in der rhetorisch-poetischen Lehre der Kiever und
der Moskauer Akademie zu verfolgen, denn das in der ostroumie-
Lehre Lomonosovs erstmals russisch formulierte acumen -Konzept
war für das rhetorisch geschulte Publikum des ersten Drittels des 18.
Jahrhunderts keine Novität. In den lateinischen Handbüchern der
Moskauer Akademie der Jahre 1732 und 1733/34, die von Lomonsovs
Lehrern Fedor Kvetnickij15 und Porfirij Krajskij16 stammen, nehmen

Terminologie figurierte, ist nicht untersucht. Belegt ist es nach Sreznevskij bei Ilarion,
Slovo o zakone i blagodati (Rede über Gesetz und Gnade). Gebildet vermutlich nach
er. oxys. Wann ostroumie die Bedeutung von acumen im Sinne der seicentistischen
Literaturtheorie angenommen hat, ist vorerst nicht zu ermitteln. Der Slovar' russkogo
jazyka (Wörterbuch der russischen Sprache). Hrsg. AN SSSR Moskva 1981-1984, gibt
als zweite veraltete Bedeutung von ostroumie an: izobretatel'nost (Erfindungsgeist),
tonkost' (Feinheit), ostrota uma (Verstandesschärfe). Diese Angaben passen zum
acumen. Der Begnff ostroumnyj (scharfsinnig) wird bei Karamzin in seinem poetischen
Manifest "Nachodit' v samych obyknovennych ves'cach piiticeskuju storonu" (An den
allergewöhnlichsten Dingen eine poetische Seite finden) in einem spezifischen
Zusammenhang erwähnt: "Istinnyj poet nachodit v samych obyknovennych veäcach
piiticeskuju storonu: ego delo na vse zivye kraski, ko vsemu privjazyvat' ostroumnuju
mysP, neznoe cuvstvo ili obyknovennuju mysl', obyknovennoe cuvstvo ukrasat'
vyrazeniem, pokazyvat' ottenki, kotorye ukryvajutsja ot glaz drugich ljudej, nachodit'
neprimetnye analogu. schodstva, igrat' idejami i, [..J". (Der wahre Dichter findet an
den allergewöhnlichsten Dingen eine poetische Seite: Es ist seine Sache, allem
lebendige Farben [beizugeben], mit allem einen scharfsinnigen Gedanken oder ein
zartes Gefühl zu verbinden, oder einen gewöhnlichen Gedanken, ein gewöhnliches
Gefühl mit einem Ausdruck zu schmücken, Schattierungen aufzuzeigen, die vor den
Augen der anderen Leute verborgen bleiben, unbemerkte Analogien, Ähnlichkeiten zu
finden, mit Ideen zu spielen.) N.M. Karamzin, lzbrannye soiinentja v dwch tomach. II.
Hrsg. G. Makogonenko. Moskva-Leningrad 1964. S. 143-145; hier: S. 144. Die
ostroumnaja mysV (scharfsinniger Gedanke) ist nicht der rationale Gegenpol zu neinoe
tuvstvo (zartes Gefühl), sondern fügt sich in den Bedeutungskreis, den dieses Rezept
für die Stilisierung des Gewöhnlichen, die Verfremdung des Alltäglichen mit seiner
Empfehlung der Analogiefindung, Aufdeckung von Ähnlichkeiten und Nuancen und
der Ideenspiele absteckt. - In seinem Aufsatz "O stichotvorstve" (Über die
Dichtkunst). In: Poleznoe uveselenie. 1762. Juni. S. 237, charakterisiert S. Domasnev
Lomonosovs Oden mit dem Begriff ostrota (Schärfe). Es ist zu vermuten, daß erst mit
zunehmender Rationalisierung der poetologischen Terminologie ostroumie die von
Sumarokov mitpronicanie (Durchdringung) umschriebene Bedeutung angenommen
hat. Vgl. auch FN 81.
15
Fedor Kvetnickij, Clavispoetica [17321. Hrsg. und eingeleitet von B. Uhlenbruch.
(Rhetorica Slavica Bd. III). Köln-Wien 1985. In seiner fundamentalen einleitenden
Untersuchung stellt Uhlenbruch die Systematik der Kiever Lehre und deren Rolle für
die Entwicklung rhetorischen Denkens in der Ukraine und Rußland dar.
16
Porfirij Krajskij, Anis rhetoricae praecepta [1733/34]. Hs. Rumjancev-Museum, Nr.
279. Heute Leninbibliothek, Moskau.

152
die Anweisungen zur Schaffung und Findung der acumina einen be-
deutenden Raum ein. Bei Kvetnickij heißt es im Kapitel "De qualitate
et divisione acuminis":
Acumen vel argutia est ratio, seu dictum ingeniosum ex combinatione aliquarum
rerum contra expectationem prolatum. Vel aliter Acumen est fictio quaedam
ingeniosa continens in se rationem aliquam conceptuosam.

Und weiter:
Acumen est triplex: contra naturam, praeter naturam et juxta naturam.

Die oben zitierten Wendungen aus Lomonosovs Rhetorik erscheinen


als russisches Echo auf dieses Handbuch-Latein. Auch das Kapitel
"De fontibus, ex quibus erunt acumina"20 läßt Lomonosov in manchen
Punkten als aufmerksamen Schüler Kvetnickijs erkennen. In Krajskijs
Lehrbuch wird das acumen mit folgender knapper Bestimmung einge-
führt:
21
acumen Oratorium sensus aliquis insignis, gravis et inspiratus.

Es liegt nahe, gravis mit Lomonosovs vainoe in Zusammenhang zu


bringen, auch wenn bei letzterem das ästhetische officium überwiegt.
Lomonosovs Bestimmung des Unerwarteten, des neöajannoe22 er-
scheint als Umsetzung der Handbuchbegriffe inspiratus oder contra ex-
pectationem. In dem Kapitel "de ornatu elocutionis per acumen Orato-
rium" unterstreicht Krajskij die Schmuckfunktion des acumen. Hiermit
und mit Begriffen wie discordia Concors fügt sich Krajskijs acumen-
Konzept ganz in den Rahmen seicentistischer Vorstellungen und einer
von Sarbiewski eingeführten Terminologie.
Quod sol coelo, coronae gemma, id sunt acumina orationi quibus destituta oratio
omni etiam valore suo caret. Acumen ab aliis dicitur argutia, conceptus, et est
sensus quidam gravis et inexpectatus [siel] ex discordia quadam concordi elicitus.

17
Die Quellen schwanken in der Schreibung zwischen exspeetatio und expeetatio.
18
Kvetnickij, aaO., Solutio II, S. 88 (S. 177 in der Uhlenbruch-Ausgabe). Das Dichten
selbst wird von Kvetnickij als eine acumen-Findung definiert: "Fingere autem Poetice
est invenire aliquid exeogitatum, hoc est: acutam consentanei inter dissentanea appre-
hensionem", Solutio I, p.sv. S. 12.
19
p.88v.(S. 178)
20
p. 89 v. (S. 180)
21
Krajskij, aaO., Cap. I, Art. I, Par. 2, S. 42.
22
Lomonosov, aaO., Glava 7, Par. 131, S. 206.
23
Ebd., Cap. III, S. 163. Zu Quod sol coelo etc.. vgl. Graciän, aaO., S. 13. Es handelt
sich hierbei offenbar um eine Formel der ncumcn-Preisung: "Entendimiento sin
agudeza ni coneeptos, es sol sin luz, sin rayos [...]".

153
Beide Werke, die Clavis poetica und die Anis rhetoricae praecepta, fol-
gen dem Lehrbuchtyp der Kiever Akademie (deren Schüler die Ver-
fasser waren, bevor sie als Präzeptoren an die Moskauer Akademie
berufen wurden), der in wesentlichen Punkten jesuitische Konzepte
aufnimmt, allerdings solche, die einer gemäßigt barocken Position
folgen.
Prominenter als die Lehrbücher der beiden Lehrer Lomonosovs
sind aUerdings die Ars rhetorica und Ars poetica von Feofan Proko-
povic. In letzterer figuriert die acumen-Lehre in der dem Epigramm
und dort insbesondere der clausula gewidmeten Abschnitt. Als eine
der virtutes des Epigramms, das als "breve poema" bezeichnet wird, er-
scheint auch das acumen. Zwei Epigrammtypen werden unterschie-
den, eine einfache und eine zusammengesetzte: aliud sit simplex, aliud
compositum. Von der einfachen heißt es:
"[...] I laec [simplicia] enim epigrammata nihil aliud nisi rem nude exponunt" , von
der zusammengesetzten dagegen: "cum ingeniosa expositionis deductione. [...]
quod ex indicata re aliquid argute et acute eruit.*2^

Und weiter:
Virtutes epigrammatis sunt potissimum tres: brevitas, suavitas et argutia [...] Per
exiguitatem corporis innuit brevitatem, per mella suavitatem, per aculeum
argutiam, sive acumen denotat.

Diese Sätze lehnen sich stark an die Handbücher der Jesuiten-Tradi-


tion an, wie die des Jacobus Masenius27, Alexander Donatus28, Jaco-
bus Pontanus29. Die Epigrammaufteilung erinnert an Formulierungen
bei Masenius:
Vel etiam est simplex, quod nude tantum rem [...] exponit, [...] vel compositum,
quod cum argutia aliqua, nervoque concludit.

Zu den virtutes epigrammatis heißt es bei Donatus:


Quoniam autem duo praesertim commendantur in Epigrammate brevitas et argu-
tia 31

24
Ebd.
25
Ebd.
26
Ebd., Lib. III, Cap. V, S. 323.
27
J. Masenius, Ars nova argutiarum. Köln 1660.
28
A. Donatus, Ars poetica sh'e intuitionum artis poeticae libri tres. Köln 1633.
™ J. Pontanus, Poeticarum institutionum libri tres. Ingolstadt 1594. - Zu den Abhängig-
keiten Prokopoviis von dep genannten Jesuiten-Theoretikern vgl. auch V.l. Rezanov,
Iz istorii russkoj dramy. Skol'nye dejstva XVII-XVIII w. i teatr iezuitov (Aus der
Geschichte des russischen Dramas. Die Schuldramen des 17. und 18. Jahrhunderts und
das Jesuitentheater). Ctenija v imp. obSt. ist. i drev. Ross. 1910/2.
30
Masenius, aaO., Pars I, Cap. I, S. 2.

154
Dieselben virtutes tauchen in erweitertem Kontext bei Pontanus auf:
Epigramma non solum propter elocutionis concinnitudinem, venustatem, dulcem
in modum cadentes numeros, brevitatem, varias denique blanditias, delectationes,
verum etiam propter acumen et ingenium admirari consuevimus. 32 Duae primariae
virtutes Epigrammatis, argutia et brevitas.33

Masenius widmet der brevitas und der argutia des Epigramms je einen
Paragraphen.34 Prokopovics argutia, die als epigrammatis vigor et ani-
ma gilt-" - auch das eine Formel, der man bei Masenius und Ponta-
nus begegnet36 - , wird folgendermaßen definiert:
Est igilur argutia sive acumen cum ex rebus propositis aliquid eruitur auditori
inexspectatum, vel etiam exspectationi contrarium.37

Diese Definition, die Sarbiewski in seinem Traktat De acuto et argu-


ro38 bereits abgelehnt hatte, da sie ja nur die Bestimmung der Wir-
kung des acumen, nicht aber die seines Wesens sei, steht ebenfalls in
Zusammenhang mit den genannten Theoretikern. Man vergleiche die
Formulierungen bei Masenius, Pontanus und Donatus:
Generalissima argutiarum descriptio est: praeter, aut contra exspectationem allata,
vel conclusio, vel sententia.
Generatur autem acumen istuc cum aliis modis, tum hoc frequenter, si conclusio
aut non exspectata aut exspectationi plane contraria sequitur. Oritus autem acu-
men [...] ab inexspectata [...] sententia. 41

In der folgenden Bestimmung aus Prokopovics Poetik, die die Abhän-


gigkeit von den zitierten Traktatisten nachdrücklich belegt, wird die
GleichsteUung von acumen und inexspectatum vorausgesetzt:

31
Donatus, aaO., Üb. III, Cap. XXX, S. 312.
32
Pontanus, aaO., Üb. III, Cap. II, S. 176.
33
Ebd., Lib. III, Cap. XI, S. 201.
34
Masenius, aaO., Pars I, Cap. I, S. 3 f.
35
Prokopovic, aaO., Lib. III, Cap. VI, S. 325.
36
Masenius, aaO., Pars I, Cap. I, S. 4: "Argutia, quae est altera epigrammatis
proprietas, et veluti anima, et caput reliquorum"; Pontanus, aaO., Lib. III, Cap. XI, S.
201: "Argutia [...] iure optimo anima, vita, et tanquam Spiritus eius, nervi, succus,
sanguis".
37
Prokopovic, aaO., Lib. III, Cap. VI, S. 325.
38
Maciej Kazimierz Sarbiewski, "De acuto et arguto sive Seneca et Martialis". In:
Wyktady poetyki (Praecepta poetica). Hrsg. und Übers. St. Skimina. (Biblioteka
pisarzow polskich). Wrocfaw-Kraköw 1958.
39
Masenius, aaO., Pars I, Cap. II, S. 10.
40
Pontanus, aaO., Üb. III, Cap. XI, S. 201.
41
Donatus, aaO., Lib. III, Cap. XXX, S. 312.

155
Unde autem ejusmodus inexspectata eruantur, certa regula non est, sed cujusque
felix ingenium fons est eorum; quare et alio nomine conceptus dicitur antonoma-
sticc propter excellentiam ejusmodi cogitationis seu conceptionis intellectus.

Zwei Dinge sind hier wichtig, einmal, daß das ingenium als Quelle des
acumen mit conceptus gleichbedeutend ist, was an den engen Zusam-
menhang von ingegno, acutezza und concetto erinnert, und zum ande-
ren, daß von einer strengen Regelaufstellung abgerückt wird. Den-
noch empfiehlt Prokopovic im folgenden einige Möglichkeiten der
acumen-Findung, die auf die genannten vier Verknüpfungsweisen
(oppositio, alienatio, comparatio, allusio) zurückgeführt werden kön-
nen.43 Die Position, die Prokopovic in seiner Ars poetica bezüglich des
concetto vertritt, ist maßvoll und wirkt bestimmten Entwicklungen
innerhalb der ukrainischen Lehre nachdrücklich entgegen.
Das acumen, das sich als ein wesentlicher Bestandteil der Dich-
tungstheorie der Kiever Akademie präsentiert, müßte bezüglich seiner
Abhängigkeit von der polnischen, deutschen und italienischen jesuiti-
schen Tradition in einzelnen Punkten überprüft werden. Insbesondere
die Wirkung des Sarbiewski-Traktats De acuto et arguto auf die Kiever
Schule bedarf dabei eingehender Untersuchung.
Auf Einflüsse der genannten Art deuten einige Lehrbücher der
Akademie aus den 90er Jahren des 17. Jahrhunderts.44 Die mit dem
Proaemium ad candidatos Appollineos beginnende Poetik, die aus die-
sem Zeitabschnitt stammt, bemüht sich um eine Darlegung verschie-
dener Epigramm- und acumevi-Definitionen, deren Formulierung

^ Prokopovic, aaO., Üb. III, Cap. VI, S. 326.


43
Die von Prokopovic angeführten Quellen Allegoria seu metaphora elegans, compara
tio, lusus in verbis (ebd., Lib. III, Cap. VI, S. 326) und ambiguitas verborum, contraria
allusio (S. 327) lassen sich weitgehend den Formulierungen der fontes bei Masenius
unterordnen. So könnte man Prokopovics contraria zu Masenius, Fons I (Pars I, Cap.
III, S. 22), "Repugnantium sive oppositorum, cum suis repugnantibus, sive oppositis
conjunctio" stellen; Prokopovics comparatio zu Masenius, Fons III (Cap. V, S. 98),
"Comparatorum, vel per se, velrationeproprietatis, effectus, aut conclusionis deductae
exspectationem fallentium"; Prokopovics allusio, lusus in verbis, ambiguitas verborum
zu Masenius, Fons IV (Cap. VI, S. 120), "Lusus verborum, et adrerumsententiarum-
que usum allusio".
44
Proaemium ad candidatos Appollineos Kijovienses. Überschrift der ersten Seite, H
ohne Titelblatt. Handschriftenbezeichnung nach N.I. Petrov, Opisanie rukopisnych so-
branij nachodjaiiichsja v gorode Kieve (Verzeichnis der in der Stadt Kiev befindlichen
Handschriftensammlungen). I-III. Moskva 1891-1904. Proaemium bei Petrov, Opisanie,
III, Nr. 654 (479). Petrov hält die Hs. für Arbor Tulliana, einen im Kiever Kolleg
1685/86 gelehrten Rhetorik-Kurs.
Fons Castallinus ad hauriendum sitienti eruditiae iuventuti [...]. Hs. nach Petrov, Op
sanie, I, Nr. 239. Ein Handbuch um 1700. Camoena in Pamasso Kijovo-Mohileano ad
suavissimum caelestis musae Mariae modulamen [...]. Hs. nach Petrov, Opisanie, III, N
657, 658. Ein Handbuch von 1689/90. - Über die polnische Abhängigkeit, besonders
was das Beispielmaterial aus polnischen auctores angeht, vgl. R t.uzny, "Pisarze kre_gu
Akademii kijowsko-mohylariskiej a literatura polska" (Autoren aus dem Umkreis der
Kiever Mogyla-Akademie und die polnische Literatur). Krakow 1966. S. 41 f. Die drei
genannten Hss. befinden sich heute in der wissenschaftlichen Zentralbibliothek, Kiev.

156
nicht immer geUngt. Das Epigramm stellt sich erneut als brevis poesis
acuta fine gaudens45 dar und seine virtutes sind wieder brevitas, acu-
men et venustas.46 Die Autoren zweier acumen -Thesen werden
namentlich angeführt: Tesauro, der als meritissimum de literaria re
publica Emanuelem Thesaurum47 bezeichnet wird und mit einem
Quasi-Zitat auftritt: "(acumen) est dictum aliquod mexpectatum ex
combinatione duarum vel plurium rerum diversarum, secundum eun-
dem"48, und Sarbiewski, dessen Concors discordia-, discors concordia-
Formel als difficilis49 apostrophiert wird.
Sarbiewski hat auch dem Fons Castallinus betitelten Handbuch
Stoff geliefert: "Alii [dicunt, acumen] est negatio consentanei vel affir-
matio dissentanei, alii: concordia discors, discordia Concors."50 Der
Gedanke ist zwar verwischt, aber die Begriffe figurieren. Auch hier
kommt dem praeter expedationem51 das Hauptgewicht zu; Mase-nius
wird als Autor dieser These angeführt: "Acumen est conclusio vel sen-
tentia praeter vel contra expectationem."52 Die fontes acuminum
(oppositio etc.) werden ebenfalls unter Berufung auf Masenius em-
pfohlen.53 Dieselben Definitionen der nämlichen Autoren (hier wird
nur Pontanus54 genannt) findet man in strafferer Formulierung in
Camoena. Die argutia agiert als wichtigste virtus neben brevitas und
venustas55, sie verschafft dem Epigramm nervum, vim, acrimoniam, ge-
nium suum, sie ist die anima epigrammatis56, und sie ist gleichbedeu-
tend mit acumen und conceptus?7 Die definitio acuminis selbst zeigt
starke Spuren des Sarbiewski-Traktats:

45
Proaemium, Sancitum III.
46
Proaemium, Sancitum IV.
Proaemium, Sancitum V.
48
Ebd.
49
Ebd.
50
Fons Castallinus, Quaestio III.
51
Ebd.
52
Ebd.
53
Ebd.
54
Camoena, aaO., S. 150 v., "De Epigrammate": "Epigramma [...] a Pontano et aliis
poetis dcfinitur: Epigramma est quoddam breve poema cum simplici cuiuspiam rei vel
personae, vel facti indicatione: aut ex propositis aliquid deducens."
55
Ebd.
56
Ebd., "Unde non immerito argutia dicitur esse anima epigrammatis."
57
Ebd., "Porro haec argutia alio nomine dicitur acumen: quod (...) nostro modo dicitur
conceptus. Verum quia haec argutia, sive acumen, aut conceptus magnam habet
gratiam".

157
Acumen definitione est affinitas, seu coniunctio dissentanei et consentanei, vel
aliter: Acumen est dicti vel facti alicuius Concors discordia et discors concordia.

Die sich anschUeßende Zeichnung, die der VerdeutUchung des acu-


men dienen soll, scheint ebenfalls von Sarbiewskis allerdings umfas-
senderem und komplizierterem Diagramm inspiriert. Die Bestim-
mung der fontes59 etc. mögen hier wieder auf Masenius' Version zu-
rückgehen.
Diese drei QueUen aus den 90er Jahren des 17. Jahrhunderts zei-
gen folgendes: zum einen, wie stark Prokopovic in der Kiever Tradi-
tion verankert ist - auch wenn er sich bezüglich seines Stilideals von
ihr abzusetzen sucht - , zum anderen, daß die Rezeption rhetorischer
Lehrsätze, vor allem aus Masenius und Pontanus, bereits vor ihm ein-
setzte, und drittens, daß eine deutUche Abhängigkeit insbesondere von
Sarbiewski besteht.60

III
Sarbiewskis Traktat hat nicht nur die Lehrbuchtradition nachhaltig
beeinflußt, sondern auch, wie das Beispiel Simeon Polockijs belegen
kann, die Dichtpraxis inspiriert. Dabei spielt die von Sarbiewski ge-
troffene Unterscheidung in ein gedankliches und ein dekoratives
Wortspiel-acumen eine konstitutive Rolle. Erstmals bei Polockij -
dessen Dichtung als Auftakt zu der ersten in sich geschlossenen Stil-
richtung der russischen Literatur gilt - begegnet das p o e t i s c h e
Pendant zum Handbuch-Konzept des acumen.61
Im folgenden soll ein für Polockijs künstlerisches Verfahren re-
präsentatives Gedicht auf dem Hintergrund der acumen-Lehre be-
trachtet werden:

Chameleontu vrazda estestvom vsadisja


k zivotnym, ich ze zalo jada ispolnisja.
Vidja ubo on zmija, na drevo vschozdaet
i iz ust nit' na nego nekuju puscaet.
V eja ze konce kaplja, fto biser, sijaet,

58
Camoena, aaO, Sectio I: "De definitione acuminis", S. 152 v.
59
Ebd., "Allusio, a comparatis, ab oppositis seu contrariis, ab alienatis".
° ° Zur Interpretation der Sarbiewskischen acume/i-Theorie vgl. Kap. IV in diesem
Band.
61
LP. Eremin, der die barocke Gestalt der Dichtungen Polockij glänzend charakteri-
siert, hat m.E nicht den Versuch unternommen, die Eigentümlichkeit dieser Poetik
mit Hilfe der zeitgenössischen Dichtungstheorie zu interpretieren. ("Poeticeskij Stil'
Polockogo" [Der poetische Stil Polockijs]. In: TODRL. VI. 1948. S. 125-153. Und ders.,
Literatura drevnej Rusi [Die Literatur des alten Rußland]. Moskva-Leningrad 1966. S.
211-233).

158
juze on nogoju na zmija upravljact.
Ta povnegda zmievej glave prikosnetsja,
abie jadonosnyj umerscvlen prostretsja.
Podobno dejstvo imat' molitva svjataja,
na zmija vetcha iz ust nasich puscennaja;
V nej ie imja Tisus", jak biser, sijaet,
demona lukavago v sile umcrscvljaet.
Trepescut scgo besi, otsjudu gonzajut,
crez to zaklinaemi gde libo byvajut.

(Dem Chamäleon ist von Natur Feindschaft eingepflanzt


gegen Tiere, deren Stachel mit Gift gefüllt ist.
Wenn es eine Schlange sieht, klettert es auf einen Baum
und läßt aus seinem Mund einen Faden auf sie herunter,
An dessen Ende ein Tropfen wie eine Perle glänzt,
diesen lenkt es mit dem Fuß auf die Schlange.
Sobald dieser den Schlangenkopf berührt,
streckt er sogleich die Gifttragende todbringend hin.
Eine ähnliche Wirkung hat das heilige Gebet,
das auf die alte Schlange aus unserem Mund herabgelassen wird;
In ihm nämlich glänzt der Name "Jesus" wie eine Perle,
und ist todbringend für die Kraft des listigen Dämons.
Davor zittern die Dämonen, sie fliehen von dannen,
davon gebannt, wo immer sie sind.)

Das Gedicht "Chameleontu" kann als Beispiel für ein Konstruktions-


prinzip gelten, das sowohl den Zyklus "Vertograd mnogocvetnyj" als
auch die Sammlung "Rifmologion" nachhaltig prägt. Es handelt sich
dabei um die gedoppelte Struktur eines Gedichts, in dessen erstem
Teil ein 'Fabel-Bild' entworfen wird, dem im zweiten Teil eine Art
Auslegung folgt. Die Aufgabe des ersten Teils ist Verschlüsselung, die
des zweiten Auflösung. Die künstlich hergestellte obscuritas, in deren
semantischem Dunkel sich das Änigma entfaltet, wird aufgehellt. Da
jedes Element aus Teil I sich als Träger einer uneigentlichen Bedeu-
tung erweist, erzeugt die schrittweise Aufhellung den Effekt der 'Ver-
wunderung'.
Bernd Uhlenbruch63 hat, an eine Arbeit von A. Hippisley64 an-
knüpfend, nachgewiesen, daß Simeon Polockij am Beginn einer russi-
schen emblematischen Dichtung steht, und anhand der Analyse eines
dem Kamel-Emblem gewidmeten Gedichts aus "Vertograd mnogo-

62
Zitiert nach Eremin ("Poeticeskij stil'", aaO., S. 131) nach der Hs. der Biblioteka
Akademii Nauk SSSR
"Emblematik und Ideologie. Zu einem emblematischen Text Simeon Polockijs". In:
Slavische Barockliteratur II. Hrsg. R Lachmann. München 1983. S. 115-127. Vgl. auch
Uhlenbruchs dem Werk Polockijs gewidmete Monographie Simeon Polockijs poetische
Verfahren - "Rifmologion" und "Vertograd mnogocvetnyj" - Versuch einer strukturalen
Beschreibung. Bochum 1979.
6
"The Emblem in the Writings of Simeon Polockij". In: 77»e Slavonic and East
European Journal. 15. 1971. S. 167-183.

159
cvetnyj" belegen können, daß Polockij die Emblemtechnik auf eine
spezifische Weise anwendet. Im vorUegenden Zusammenhang geht es
darum, den 'akuten', 'ingeniösen' Umgang mit der Emblematik aufzu-
zeigen. Das Gedicht "Chameleontu" setzt eine 'scharfsinnige' Argu-
mentation in poetische Sprache. Der didaktisch motivierte Gedanke:
der Mensch soll beten, wird in einer Zeilenfolge entfaltet, die formal
der Gleichung a = x nahekommt. Dabei ist a durch Teil 2, die Unbe-
kannte x durch Teil 1 dargestellt. Die Gleichung geht auf, insofern
auch jedes einzelne Element x eines ihrer Glieder ist und eine Ent-
sprechung in a hat.
"MoUtva" (Gebet) = "nif" (Faden); "iz ust naSich" (aus unserem
Mund) = "iz ust [Chameleonta]" (aus dem Mund des [Chameleons]);
"zmij vetchij" ("alte Schlange" - biblisch) = "zmij" ("Schlange" - natür-
lich); "imja Tisus'" (der Name 'Jesus') = "kaplja" (Tropfen); "demon
lukavyj" ("der Ustige Dämon" - Periphrase für "zmij vetchij") = "zmij"
(Schlange). Rhetorisch gesehen haben wir es zunächst mit einer Ver-
gleichsreihung zu tun, in der der erste Teil des Gedichts die Rolle des
Vergleichenden, der zweite die des Verglichenen spielt. Der uneigent-
liche, d.h. tropische Gedanke wird an dem mit "Podobno" (Vers 9)
einsetzenden Abschnitt durch den eigentlichen Gedanken abgelöst.
Das Chamäleon erscheint als Vergleichendes für das Verglichene
Mensch, der Faden für Gebet, der Tropfen für den Namen Jesu etc.
Vergleichendes und Verglichenes entstammen entlegenen Bereichen.
Mensch und Chamäleon treffen sich im tertium comparationis: der
tödlichen Wirkung ihrer Produkte. Das Chamäleon tötet die Schlange
durch den Tropfen, der Mensch die biblische Schlange durch das Ge-
bet. Unterstützt wird das tertium durch die Wiederholung von "jak /
Cto biser sijaet" (wie eine Perle glänzt) und das Homonym "zmij".
Das Gedicht besteht letztlich darin, daß ein eigentlicher Gedanke
(Wirkung des Gebets auf den Teufel) mit einem tropischen in Ver-
gleich gesetzt bzw. durch diesen zunächst ersetzt wird. Fehlte der
zweite Teil, so hätte man es mit einer Allegorie zu tun (inoskazanie).
Doch würde die Rätsel- und obscuritas-Wirkung dem didaktischen
Ziel womöglich nicht mehr gerecht, es sei denn, eine so bestückte
Allegorie hätte bereits Tradition. Des Rätsels Lösung erfolgt durch
die mit podobno einsetzende 'Umschaltung', womit jedes Element
eine neue, unerwartete Bedeutung erhält.
Die Künstlichkeit des tertium comparationis zielt auf Verwunde-
rung, meraviglia, sie erzeugt das xenikön. Der Grad der Verfremdung
allerdings ließe sich nur durch eine genaue Bestimmung des litera-
rischen Bewußtseins der Rezipienten abschätzen. Daß aber ein sol-
cher Effekt, zu welchem Zwecke auch immer, angestrebt wird, beweist
der ordo artificialis des Gedichts, der in der konsequenten Anwendung

160
einer Gedankenfigur besteht. Die Vergleichsreihung entpuppt sich als
similitudo, als Figur der semantischen Weitung: eigentlicher Gedanke
plus tropischer Gedanke (hier in umgekehrter Reihenfolge). Die ein-
zelnen Bestandteile des tropischen Gedankens könnte man - über
den Vergleich hinausgehend - bezüglich ihrer Veränderungskatego-
rie als Metaphern bezeichnen. Die Änderungkategorie der adiectio gilt
mithin für das Gesamt und die der immutatio, wenn man den Teil I
absolut setzt. Und dies ist zur Charakterisierung der Verfremdung
notwendig. Im Ersatz erweist sich die Leistung der Trope. Die Meta-
phern (Chamäleon für Mensch, Faden für Gebet etc.) sind dunkel, das
metaphorisierende verbum macht das metaphorisierte verbum opak.
Erst in Teü II ergibt sich die Richtung der Metapher, wird diese trans-
parent. Oder anders: nichts im Ersatzwort deutet auf die Lösung hin,
denn es liegt keinerlei Konvention vor, die die Festlegung des Verhält-
nisses von Trope und verbum proprium in diesem Fall verständlich
machte. Wir haben es vielmehr, zumindest was die russische Entwick-
lung angeht, mit einer originellen Metaphernbildung zu tun. Die Ent-
fernung der Metapher von ihrem Objekt ist so groß, daß man nach-
gerade von einer absoluten Metapher sprechen könnte, böte nicht der
zweite TeU die erhellende Sinngebung an.
Weniger kompliziert ist der tropische Charakter des Ersatzes von
biblischer Schlange durch natürliche Schlange, der sich als klarer denn
die obige Metapher erweist; doch ist es ebenfalls eine Frage der Kon-
vention, ob nicht solches Homonym-Spiel zunächst auch verdunkelnde
Wirkung hat. Schließlich ist bereits die biblische 'Schlange' ein Ersatz
für 'Teufel', und dieser weitere Ersatz führt ebenfalls vom Objekt fort.
Alles in allem zielt die Tendenz solch uneigentlichen Sprechens und
einer solchen Ersatztechnik darauf, den Leser dadurch zu verblüffen,
daß mit einem poetischen Streich Dinge aus entlegenen Bereichen
miteinander verquickt werden.
Polockij hat dieses Verfahren häufig angewandt. Jedes Ding
kann mit jedem anderen Ding in Beziehung treten, jedes kann mit je-
dem verglichen werden. Das Ding steht nicht mehr für das Ding, es
funktioniert nur als Trope. Das bedeutet auch, daß die Dinge in ihrer
Eigenschaft als Ersatzobjekte auswechselbar sind. Es liegt kein Prin-
zip vor, das die Beziehung zwischen Vergleichendem und Vergliche-
nem, zwischen Ersetzendem und Ersetztem regulierte.65
Polockij hat sich an den fontes zur Findung der acumina orien-

03
Eremin hat eine Reihe von Beispielen zusammengetragen, die das belegen können.
Er zieht den Schluß, Polockij habe ein eigenartiges Verhältnis zu den Dingen, da sie
für ihn keine Eigenexistenz besitzen, sondern lediglich Zeichen, Hieroglyphen seien.
Dieser aufschlußreiche Aspekt wird hier noch stark als Auswirkung eines eigentüm-
lichen Weltverhältnisses von Polockij gesehen, während der Zusammenhang der be-
sonderen Technik mit dem Prinzip des acumen nicht verfolgt wird. (Eremin, Poetice-
skij stil' Polockogo", aaO., S. 136, S. 130 ff.)

161
tiert: durch die comparatio hat er das Ähnliche im Unähnlichen auf-
gedeckt. Es ist vor allem der Typ des kognitiven acumen, wie Sarbiew-
ski es vom dekorativen oder Wortspiel-acMme/i unterscheidet, das die
Bewegung dieses Gedichts bestimmt. Darin geht es um die gedank-
liche Vereinigung des Unvereinbaren, das gedankliche Zusammen-
ziehen entlegener Bereiche, und um Korrespondenzen, die ein Akt
des Verstandes schafft. Während der erste Teil von Chameleontu se-
mantisch und strukturell dem Änigma66 gleichkommt, stellen die bei-
den TeUe des Gedichts zusammengenommen - aufgrund der Technik
des scharfsinnigen Argumentierens - eine Sonderform emblemati-
scher Dichtung dar. Polockij hat nicht nur das kognitive, sondern auch
das von Sarbiewski als zweite Form zugelassene ludistische acumen
angewandt. Das belegen seine carmina curiosa; echica; cancrina und
figurata. Diese Spielgedichte betreffen weniger das Einzelwort als
vielmehr das Arrangement der Wörter, aus dem sich verschiedenarti-
ge Sinnspielfiguren entwickeln lassen.

IV
Die radikale Ablehnung des auf Ingeniosität, Artifizialität und
dem inexspectatum beruhenden Stilgestus Polockijs von seiten Awa-
kums und der Altgläubigen hat allerdings eine andere Dimension als
die einer Verschiebung der ästhetischen Maßstäbe innerhalb einer
Lehrbuchtradition67.
Die Mahnung Prokopovics, die concetti-Jagd einzustellen, wie sie
die scriptores recentiores (die italienischen Concettisten) betreiben68,
enthält erste deutliche Anzeichen für eine sich wandelnde, vom Ba-
rock abrückende Stilauffassung. Auch in Lomonosovs Rhetorik wird
Kritik am italienischen Concettismus geübt und zu moderatem Ge-

66
Das Wesen des acumen als Änigma verdeutlichen folgende Sätze Graciäns über das
rätselhafte acumen. De la agudeza enigmatica (aaO., S. 263): "Förmase el enigma de
las contrariedades del sujeto, que ocasionan la dificultad, y artificiosamente lo
oscurecen [...]" (aaO., S. 264). "No es necesario que la oposicion de los extremos del
enigma sea siempre contrariedad; bastarä una diversidad extravagante" (ebd.). Die
Wendung diversidad extravagante paßt vorzüglich auf das Verhältnis Chamäleon-
Mensch. - Die Änigmatik gehört in die Reihe der concettistischen Zielsetzungen:
Dunkelheit, meraviglia, lo stupore, le novitä, vgl. Tesauro, aaO., S. 154. - Auch die
Kiever Camoena vom Ende des Jahrhunderts gibt eine prägnante Änigma-Formel: "De
aenigmate: Aenigma est obscura oratio, rem certam significans, ambagibus regens, vel
occultam similitudinem variarum rerum praelata" (aaO., S. 130 v.), die besonders in
ihrem letzten Teil über die verborgene Ähnlichkeit der Dinge Polockijs Verfahren zu
erklären scheint.
67
Vgl. Kap. II in diesem Band.
De arte poetica in F.P., Soiinenija. Hrsg. G.A. Stratanovskij. Moskva-Leningrad
1961. S. 322-325.

162
brauch des ostroumie angehalten.69 Andererseits jedoch ist es gerade
Lomonosovs Dichtpraxis, deren barocker Stilgestus Sumarokovs pole-
mische Reaktion provoziert. Diese zielt auf eine klassizistische Zäh-
mung des ostro-umie und letztlich auf dessen Ablösung als legitimier-
bares poetologisches Prinzip.
Sumarokovs Barockkritik ist nicht nur wegen des Stilwandels,
den sie anzeigt, sondern auch deshalb interessant, weil sie belegt, daß
die Tradition der poetischen und rhetorischen Handbücher, zu der
auch Lomonosovs diesbezügliche Schriften zu zählen sind, von einer
neuen Instanz abgelöst wird, der der Literaturkritik. Der Beginn ihrer
Tradition in Rußland ist von Formen wie Traktat oder poetischer
Metatext (z.B. Parodie) bestimmt. Ihr Argumentationsstil ist, wenn
auch an rhetorischer und poetischer Terminologie orientiert, nicht
mehr rhetorisch, vielmehr auf die Entwicklung einer ästhetischen
Axiologie gerichtet, deren Wertvorstellungen expliziert und begründet
werden sollen. Sumarokovs polemische Wendung gegen Lomonosov
dokumentiert, daß die von der Kiever und hernach der Moskauer
Akademie bestimmte Lehre durch die Rezeption zentraler Positionen
der französischen Geschmacksästhetik aus dem Ende des 17. und dem
Anfang des 18. Jahrhunderts verdrängt bzw. allmählich außer Kraft
gesetzt wird.
Die Tendenz zu dezidiert ästhetischer Wertung tritt in Sumaro-
kovs Demontage einer der bekanntesten panegyrischen Oden Lomo-
nosovs, der "Oda na den' vosäestvija Elizavety Petrovny na prestol",
deutlich zutage. Seine kritischen Attacken auf diesen stilistisch irri-
tierenden Text, die in einer Spottode und in einer kleinen Abhandlung
prägnant auf den Begriff gebracht werden, gelten dem ostroumie-Duk-
tus ebenso wie dem pathetisch-oratorischen Tonfall. Das Pathetisch-
Oratorische ergibt sich aus der hohen Stillage, die Lomonosov für die-
se Dichtungsart entsprechend der von ihm adaptierten und präzisier-
ten DreistiUehre70 folgerichtig gewählt hat.
Diese Lehre, mit deren Einführung (und Anwendung auf die in

° Bei Lomonosov heißt es aaO., Par. 130, S. 205f: "Pravda i to, öto v samye drevneiSie
vremena za ostrymi mysljami avtory, kak vidno, ne tak gonjalis', kak v posledovavsie
potom i v nynesnie veki [...]. No sie pokazyvaem ne s takim namereniem, ctoby
ucasciesja mery ne znali i posledovali by italianskim avtoram, kotorye, siljas' pisat'
vsegda vitievato i ne propustit' ni edinoj stroki bez ostroj mysli, neredko zavirajutsja."
(Es stimmt auch, daß die Autoren in den ältesten Zeiten scharfen Gedanken [also con-
cetti] offensichtlich nicht so nachjagten, wie in der nachfolgenden und in der heutigen
Zeit [...]. Aber wir zeigen dies nicht mit der Absicht, daß die Schüler kein Maß mehr
kennen und den heutigen italienischen Autoren folgen sollen, die im ständigen Bemü-
hen, geistreich zu schreiben und keine Zeile ohne scharfen Gedanken [concetto] zu
lassen, sich nicht selten in Lügen verstricken.)
70
Lomonosov hat diese formuliert in Predislovie o pol'ze knig cerkovnych v rossijskom
jazyke (Vorwort über den Nutzen der Kirchenbücher für die russische Sprache). In:
M.V. Lomonosov, Polnoe sobranie soiinenij. VII. Hrsg. AN SSSR Moskva-Leningrad
1952. S. 585-592.

163
Rußland bestehende literatursprachliche Situation) Lomonosov den
Versuch einer Ordnung und Normierung unternommen hat, impliziert
die Beachtung eines triadisch gegliederten Entsprechungssystems von
Sprachschicht, Stilqualität und Gattung. Dabei setzt sich die oberste
Stilstufe der Hierarchie von den darunterliegenden merklich ab und
gewinnt gegenüber den aus dem System ausgegrenzten Sprachschich-
ten (dem prostoreöie, der Vulgärsprache) den Status des Poetischen.
Die normativ ausgelegte Dreistillehre sieht die Erzeugung einer poeti-
schen Qualität vor, die am konsequentesten durch den ranghöchsten
Stil erreicht werden kann. Ausschlaggebend für diese Qualität ist das
Entsprechungsverhältnis, das zwischen einem Ensemble von die lautli-
che, syntaktische und semantische Ebene bestimmenden Verfahren
und einem lexikalischen Inventar hergestellt wird, das in Lomonosovs
'Sprachordnung' zur ranghöchsten Schicht gehört. Eine solche Ent-
sprechung funktioniert nur in Übereinstimmung mit einer im Gat-
tungskanon hoch angesetzten Gattung, die ihrerseits die Wahl eines
hohen Gegenstandes voraussetzt.
Ein kurzer Blick auf die ersten beiden Strophen der "Oda na den'
vosäestvija Elizavety Petrovny na prestol"71 (Ode auf den Tag der
Thronbesteigung Elizaveta Petrovnas) mag belegen, daß Lomonosov
hier die zentralen Forderungen seiner Dreistillehre eingelöst hat:
Oda na den' vosiestvija Ode auf den Tag der Thronbesteigung
Elizavety Petrovny na prestol Elizaveta Petrovnas
Carej i carstv zemnych otrada, Der Zaren und irdischen Zarenreiche Freude,
Vozljublennaja tisina, Geliebte Ruhe/Stille,
Blazenstvo sei, gradov ograda, Segen der Dörfer, der Städte Umfriedung,
Kol' ty pole/na i krasna! Wie bist du nützlich und wie schön!
5 Vokrug tebja cvety pestrejut Um dich herum die Blumen bunt erblühen,
I klasy na poljach zeltejut; Und Ähren auf den Feldern reifen gelb heran;
Sokrovis? polny korabli Die Schiffe voll der Schätze
Derzajut v more za toboju; Streben dir nach aufs Meer,
Ty syplei' sccdroju rukoju Mildtätig streut deine Hand
10 Svoe bogatstvo po zemli. Reichtum übers Land.
Velikoe svetilo mini, Das große Gestirn des Friedens/ der Welt,
Blistaja s vccnoj vysoty Das herabstrahlt aus ewiger Höhe
Na biser, zlato i porfiru, Auf Perle, Gold und Purpur,
Na vse zemnye krasoty, Auf alle Schönheiten der Erde,
15 Vo vse strany svoj vzor vozvodit, Schickt seinen Blick in alle Richtungen,
No krase v svete ne nachodit Doch findet es in dieser Welt nichts Schöneres
Elizavety i tebja. Als Elizaveta und dich.
Ty kromc toj vsego prevyse; Höher als du steht niemand denn sie,
Dusa ee zefira tise. Ruhiger als der Zephir ist ihre Seele,
20 I zrak prekrasnce raja. Und ihr Antlitz prachtvoller als das Paradies.

Das Sprachmaterial dieser Strophen läßt sich nachgerade ausnahmslos

71
In: Polnoe sobranie soiinenij. VIII. Moskva-Leningrad 1959. S. 196-207.

164
der höchsten StUebene zuordnen. Es umfaßt im Sinne der Stiltriade
Kirchenslavismen, die nicht veraltet sind, und verständliche, jedoch
nicht sehr frequente Russismen. Der hohe StU wird aber auch durch
ojfroMm/e-Verfahren, z.B. durch eine pointierte Metaphorik oder
einen bestimmten Modus der Kombinatorik der Elemente auf der se-
mantischen Ebene, signalisiert. Der Motor des ostroumie, die sila
sovobraienija, erzeugt den Effekt des Seltsamen durch unerwartete
Analogien und die Verknüpfung disparater semantischer Felder. Die
Herstellung von Korrespondenzen auf allen textkonstitutiven Ebenen,
Kombinatorik und Metaphernbildung begründen die 'Poetizität' dieses
panegyrischen Textes, deren Legitimität und Sinn auf einen ästheti-
schen Konsensus angewiesen sind. Ist dieser nicht mehr gegeben, fällt
das Arrangement von Korrespondenzen und Rekurrenzen auseinan-
der. Die semantischen Lizenzen im Bereich der Metaphorik, die Lo-
monosov sich zugesteht, die Restriktionen, die durch Wiederholungs-
verfahren und strenge Wortwahl gegeben sind, verlieren im Augen-
blick einer ästhetischen Krise ihre Plausibilität. Es ist Sumarokov, der
nicht nur diese Krise artikuliert, sondern in einer Reihe programmati-
scher Äußerungen eine Gegennorm aufstellt, die explizit gegen die
Lomonosovsche Odenpoetik gerichtet ist. Seine "Oda vzdornaja I" ist
nicht nur parodistische Replik auf Lomonosovs Thronbesteigungs-
panegyrikum, sondern ein Metatext, in dem es um die Bloßlegung
einer problematisch gewordenen poetischen Technik geht.72
Oda vzdornaja I (1759) Unsinns-Ode I
Prevyse zvezd, luny i solnca Höher als Sonne, Mond und Sterne
V vostorge vozletaju nyn', Heb' ich mich nun begeistert empor,
Iz gornych oblastej vziraju Und blicke aus bergigen Regionen
Na polunocnyj okean. Auf den Mitternachtsozean.
5 S volnami volny tarn vojujut, Wellen dort gen Wellen wogen,
Tarn vichri s vichrjami derutsja Strudel dort mit Strudeln streiten
I penu ple&ut v oblaka; Und peitschen Gischt hoch ins Gewölk;
L'dy vecnye stremjatsja v tuci Ew'gcs Eis strebt zu Gewitterwolken
I ich ugrjumost' razdirajut Und reißt ihre Düsternis entzwei
10 V bezmernoj jarosti svoej. In seiner maßlos grellen Wut.
Korabl' sumjaScimi gorami Das Schiff auf tosenden Bergen
Pod"emletsja na nebesa; Steigt in die Himmel auf;
Tarn gromy v gromy udarjajut Dort schlagen Donner auf Donner
I ne celujut tiäiny; Und versagen der Stille den Kuß;
15 Usta gorjascich tamo molnij Dorten lodern der Blitze Münder,
Ne upivajutsja rosoju Sie laben sich nicht am Morgentau
I opaljajut ves' lazur'; Und versengen vielmehr das Azurblau.
Borej zamerzlymi rukami Mit kaltestarren Händen zieht Boreas
Iz bezdny kitov lzvlekact Die Wale aus den Untiefen empor
20 I zlobno imi v tverd' razit. Und schmettert wütend sie ans Firmament.

72
Strophe 1 und 2, aus: A.P. Sumarokov, Izbrannyeproizvedenija. Hrsg. P.N. Berkov.
Leningrad 1957 (Biblioteka poeta. Bol'saja serija). S. 287-289.

165
Sumarokov reagiert empfindlich auf die okkurrenten Formen, die
Lomonosovs Ode bestimmen. Diese Reaktion manifestiert sich durch
eine gesteigerte Darstellung dieser Strategien. D.h. Sumarokov ver-
sucht, durch eine Outrierung der Abweichungen, durch eine zusätz-
liche Organisation der einzelnen Textebenen sowie die Entwicklung
übertriebener Restriktionen und übertriebener Lizenzen die Lomo-
nosovsche Poetik zu kompromittieren. Seine Strategien beziehen sich
auf die Lomonosovschen wie sekundäre auf primäre, in dieser Sekun-
darität (und nur durch diesen Bezug wird die Parodie prägnant) ent-
stehen Verstöße gegen Kombinations- und Selektionsregeln, die den
von Lomonosov vertretenen poetischen Kode der Lächerlichkeit preis-
geben. Sumarokov steigert und outriert insbesondere hinsichtUch der
Rekurrenzen auf der lautlichen und syntaktischen Ebene sowie der die
semantische Ebene organisierenden Kombinatorik.
Er schafft Lautwiederholungen von hoher Frequenz: "V vostorge
vozletaju [...] /S volnami volny tarn vojujut,/Tam vichri s vichrjami
derutsja/I penu pleäcut" und "Tarn gromy v gromy udarjajut" (Vers 1,
5, 6, 7 und 13), Wiederholungen syntaktischer Muster (syntaktische
Parallelismen): "S volnami volny tarn vojujut,/Tam vichri s vichrjami
derutsja", "Tarn gromy v gromy udarjajut" (Vers 5, 6, 13) u.a., wobei
die Wiederholung des Lexems (volna-volna, vichr'-vichr', grom-grom /
Welle, Strudel, Donner) den Zweck einer plumpen Monotonie ver-
folgt. Die Äquivalenz, die Homogenität, wird als langweilige Gleich-
tönigkeit entlarvt. Die dreigliedrige syndetische enumeratio: "zvezd,
luny i solnca" (Vers 1) ist nachgerade eine ironische Zitierung von
"biser, zlato i porfiru" (Lomonosov, Vers 13).
Im semantischen Bereich der Kombinatorik treibt es Sumarokov
noch ärger. Er steigert das strannoe, neobyknovennoe und örez"estest
vennoe (Seltsame, Ungewöhnliche, Über-Natürliche) zur Sinnlosigkeit
und kehrt die die semantische Operation der Analogiefindung moti-
vierende Opposition oben/unten ins Absurde: "Prevyäe zvezd, luny i
solnca/V vostorge vozletaju nyn',/Iz gornych oblastej vziraju/Na polu-
nocnyj okean." (Vers 1-4). Das Bild des Odendichters (parodistische
Behandlung des Topos vom 'entzückten' Oden-Ich), der aus kosmi-
scher Perspektive herabblickt, repliziert auf Lomonosovs Bild der
Sonne (die immerhin ihren Platz oben 'natürlicherweise' behaupten
kann). Die Vermischung-Verkehrung von oben/unten wird noch deut-
licher im Bild des sich zu den Himmeln erhebenden Schiffes und des
Windes Boreas (der quasi gegen den milden Zephir von Lomonosov
auftritt), der Wale aus den Untiefen des Meeres zieht und sie gegen
das Firmament schmettert. Das 'Wilde' der Natur antwortet auf Lo-
monosovs Ruhe-und-Frieden-Idylle. In "I ne celujut tiäiny" (Vers 14)
wird diese Umkehrung in der Negativkonstruktion, die Lomonosovs

166
"tiSina" (Ruhe/Stüle) zitiert, überdeutUch.
Die absurde Qualität der Sumarokov-Bilder soll die 'logische' Un-
motiviertheit, die Beliebigkeit der Lomonosovschen Analogien auf-
decken. Durch die parodistische Steigerung der Okkurrenzen, wie sie
Sumarokov auf den genannten Textebenen durchführt, wird das
Wechselverhältnis der einzelnen Faktoren gestört, das konstruktive
Prinzip der Ode selbst verliert seine Teleologie, und die Korrespon-
denzen erscheinen als purer Nonsense. Damit ist das Panegyricum als
solches in Frage gestellt. Das oratorskoe dejstvie (oratorische Wir-
kung), die Rhetorisierung der Lyrik, die Jurij Tynjanov als Dominante
des von Lomonosov vertretenen Odentyps in der russischen Tradition
dieser Gattung bestimmt73, erscheint als poetischer Irrtum, ebenso
wie die vitievatye reöi ihre Pointe einbüßen.
In einigen stilkritischen Bemerkungen, die sich auf Lomonosovs
Ode beziehen, macht Sumarokov im Detail klar, welches Stilkonzept
und welche ästhetische Norm für ihn verbindlich sind. In seinem
Kommentar zu Lomonosovs stilistisch pointierter Verszeile "Blazen-
stvo sei, gradov ograda" (Vers 3) führt er aus:
Gradov ograda skazat' ne mozno. Mozno molvit' selenija ograda, a ne ograda
grada; grad ottogo i imja svoe imeet, Ito on ograzden. 74

(Gradov ograda [der Städte Umfriedung] kann man nicht sagen. Wohl kann man
sagen selenija ograda [der Siedlung Umfriedung], aber nicht ograda grada [Um-
friedung der Stadt]; die:!Stadt [grad] hat ihren Namen davon, daß sie um-friedet
[ograiden] ist.) 75

Sumarokov übersieht oder will übersehen, daß es sich hier um eine


figura etymologica handelt, die eine Lautwiederholung motiviert. Für
ihn ist der etymologische Zusammenhang geradezu die Verhinderung
für eine solche Zusammenstellung der Lexeme.
Von ähnlicher Struktur ist sein metaphernskeptisches Argument:
Cto korabli derzajut v morc za tisinoju i {to tisina im predsesrvuet, eto [sie!] mne
ves'ma sumnitel'no, mozno li tak skazat'; tisina ostaetsja na beregach. a more ni-
kogda ne sprasivact. vojna li ili mir v gosudarstve, i volnuet togda, kogda chocet. 6

(Daß die Schiffe sich der Stille nach aufs Meer wagen und daß die Stille ihnen
vorangeht, das ist mir höchst zweifelhaft, ob man so sagen kann; die Stille bleibt

73
J. Tynjanov, "Oda kak oratorskij zanr" (1927). In: Texte der russischen Formalisten. II.
Hrsg. W.-D. Stempel. München 1972. S. 272-337. (Dt.: "Die Ode als oratorisches
Genre". Übers. R Fieguth. Ebd.). - Zur Charakterisierung des Stilgebarens Lomono-
sovs vgl. die Monographie von I. Serman, Poetiieskij stil' Lomonosova (Der poetische
Stil Lomonosovs). Moskva-Leningrad 1966.
74
Zit. nach Tynjanov, aaO., S. 310.
75
Ebd., S. 311.
76
Zit. ebd., S. 310.

167
am Ufer, und das Meer fragt nie, ob Krieg, ob Frieden im Staate herrscht, und
wogt, wann es will.) "

Sumarokov steUt sich uneinsichtig, als habe er die Metapher "tiäina"


(Ruhe/Stille) nicht verstanden; die impertinence sömantique7* wird da-
mit als töricht denunziert.
Auch das Verfahren der enumeratio erscheint Sumarokov 'ver-
dächtig':
Na biser, zlato i porfiru. S biserom i zlatom porfira ves'ma maloe soglasie imeet.
Prilicestvovalo by skazat' na biser, serebro i zlato. ili na koronu, skipetr i porfiru,
onyja by imenovanija soglasnee mezdu sebja byli.
(Auf Perlen, Gold und Purpur. Mit Perlen und Gold hat Purpur nur eine ganz ge-
ringe Übereinstimmung. Es wäre angemessen zu sagen, auf Perlen, Silber und
Gold oder auf Krone, Zepter und Purpur, diese Bezeichnungen hätten größere
Übereinstimmung untereinander.)80

Mit dem Vorschlag anderer äquivalenter Reihen führt Sumarokov die


Elemente in ihre angestammten Klassen (im Sinne einer kulturellen
Konvention) zurück, verkennt damit ihre synekdochische Funktion im
Kontext der Ode (die Elemente stehen für die Reichtümer dieser
Welt).
Sumarokov holt noch grundsätzlicher in einem Text aus, in wel-
chem er gegen das Lomonosovsche Konzept des ostroumie angeht, das
letztlich für die gesamte 'verderbte' Poetik verantwortlich ist. In
"O raznosti mezdu pylkim i ostrym razumom" (Über den Unterschied
zwischen dem feurigen und dem scharfen Verstand) entwertet er
Lomonosovs ostroumie-Konzept, indem er diesem nur den Status
eines pylkij (feurigen) oder bystryj razum (schnellen Verstandes) zu-
billigt, der sich von einem echten ostryj razum (scharfen Verstand)
unterscheide. Einzig der ostryj razum nämlich könne wahrhaft pronica-
tel'nyj (durchdringend) sein. Die Schnelligkeit aber bringe nur Unsinn
hervor:
Ostryj razum sostoit v pronicanii, a pylkij razum v edinoj skorosti. Ostroumie ni
malo s beglymi mysljami ne syjazano. [....] Est' ljudi ostroumnye, kotorye medlenny
v povorotach razuma, i est' ljudi maloumnye, kotorye ne imeja pronicanije, edinoju
beglostiju blistajut '

(Der scharfe Verstand zeichnet sich durch Durchdringung aus, der feurige Ver-
stand hingegen allein durch Schnelligkeit. Ostroumie hat nicht im mindesten etwas

77
Ebd., S. 311.
*" J. Cohen, La structure du langagepoetique. Paris 1966
79
Zit. ebd., S. 312.
80
Ebd., S. 313.
81
In: Trudoljubivajapiela. 1759. April. S. 235-237. Vgl. auch FN 14.

168
mit flinken Gedanken zu tun. [...] Es gibt scharfsinnige Leute, die langsam sind in
den Bewegungen ihres Verstandes, und es gibt schwachsinnige Leute, die ohne die
Dinge zu durchdringen, allein mit Flinkheit brillieren.)

Das ostroumie in diesem Sinne ist eine rein rationalistische Instanz


geworden, eine Scharfsinnigkeit, weitab von barocker Kombinatorik.
So kann das Lomonosovsche ostroumie als poetische Kompetenz der
Imagination, Findung und Erfindung von Korrespondenzen nurmehr
als Fieberwahn negativ apostrophiert werden: "Pylkij razum [...] nabre-
dit i bredom svoim sebe i nesmyslennym citateljam poruganie sdelaet."
(Der feurige Verstand [...] fiebert und wird in seinem Fieberwahn sich
selbst und den einfältigen Lesern zum Spott.)
Sumarokov ist nicht nur nicht bereit, die von Lomonosov produ-
zierte Poetizität als ästhetisch zu rezipieren, sondern er empfindet sie
besonders da, wo sie semantische Verschiebungen, sprachliche Ambi-
guität wagt, als Verletzung eines Kodes, die rückgängig gemacht wer-
den muß. Die Zerstörung der habitualisierten semantischen Bezüge,
die Dissoziation von Laut und Bedeutung, muß aufgehoben werden.
Für Sumarokov ist das Wort, auch das poetisch verwendete, immer
nur auf einen denotativen Kode beziehbar; Verfahren, die konnota-
tive, sekundäre Valenzen schaffen, müssen eliminiert werden. Das
Wort ist, wie Grigorij Gukovskij treffend sagt, für Sumarokov ein
"naucnyj termin, imejuscij to£nyj, i vpolne konkretnyj smysl, ono pri-
krepleno k odnomu strogo opredelennomu ponjatiju"82 (ein wissen-
schaftlicher Terminus, der einen genauen und durchaus konkreten
Sinn hat, es [das Wort] ist fest an einen streng definierten Begriff
geknüpft).
Mit impliziten und expliziten Verweisen auf den denotativen Kode,
auf Logik und Grammatikalität, auf common sense und Erwartbarkeit
konkreten Sinns macht sich eine wertende Haltung bemerkbar, die es
verbietet, daß Verstöße gegen bestimmte spezifizierbare Regeln als
poetisch rezipiert werden können.
Die Verfahren, die Sumarokov nunmehr als poetische empfiehlt,
sind reguliert von vkus, estestvennost', prostota (Geschmack, Natür-
lichkeit, Einfachheit/Schlichtheit) und dem Vermeiden jeglichen
'Rhetorismus'. Das vitijstvo (Beredsamkeit) oder, wie Tynjanov es
nennt, das oratorskoe dejstvie wird von Sumarokov noch 1776 in sei-
nem "Otvet na odu Vasil'ju Ivanovi£u Majkovu"83 (Antwort auf die

1
G Gukovskij, Russkaja poezija XVIII veka (Russische Poesie des 18. Jahrhunderts).
Leningrad 1927. S. 26. - Zur Charakterisierung des Stils und der Verstechnik Suma-
rokovs, insbesondere in seinen Satiren, vgl. die Monographie von H. Schroeder, Russi-
sche Verssatire im 18. Jahrhundert. Köln-Graz 1962, Kap.: "Die Satiren Alexander
Sumarokovs", S. 143-164.
83
Sumarokov, Izbrannyeproizvedenija, aaO., S. 311 f. Dazu gehören Aussagen wie:
"Mnogorecie svojstvenno celoveceskomu skuduomiju." ["Vielrederei ist menschlichem
Schwachsinn eigen."] (Pis'mo ob ostroumnom slove / Schrift über das scharfsinnige

169
Ode auf VasiUj Ivanovic Majkov) als Gefahr der Dichtkunst (ja der
Natur) gesehen: "Vitijstvo lisnec - prirode zlejSij vrag; [...] vitijstvuj
ostorozno!" (Die überflüssige Beredsamkeit ist der Natur ärgster
Feind; [...] Sei vorsichtig beim pointierten Reden!) Die positiven
Gegenbegriffe sind prostota, jasnost', öistota, krasota (Einfachheit/
Schlichtheit, Klarheit, Reinheit, Schönheit):
Kol' net vo c'ich stichach pnlicnoj prostoty,
Ni jasnosti, ni distoty,
Tak te stichi liäenny krasoty
I polny pustoty.
(Wenn in jemandes Versen keine ziemliche Einfachheit ist,
Noch Klarheit und Reinheit,
So entbehren jene Verse der Schönheit
Und sind voller Leere.)

Die so motivierten neuen, von Sumarokov vertretenen poetischen


Strategien wirken auf dem Hintergrund der von Lomonosov etabUer-
ten poetischen Norm als Abweichung. Die Distanz der poetischen
Sprache zur aktuell gesprochenen Sprache und zu einer common sense
und Natürlichkeit 'garantierenden' consuetudo wird dadurch ebenso
vermindert, wie die Tabus in der Wortwahl (Verbot der Mischung der
Stile) überwunden werden. Der mittlere Stil als prostoj slog (einfacher
Stil) erweist sich als produktiv. Damit ist einer bestimmten Manier
von lautlichen, syntaktischen und semantischen Verfahren die Basis
entzogen. Das Auftauchen des legkoe stichotvorstvo (po6sie fugitive)
und mittlerer Gattungen, aber auch die Neuakzentuierung der hohen
Gattungen, wie sie etwa in der Stilmischung der Derzavinschen Ode
vollzogen wird, liegen in der Konsequenz dieser Entwicklung.
Zusammen mit der Abwertung des Lomonosovschen Odenstils
wertet Sumarokov auch die Verfahren der Hyperbolik und der Kom-
binatorik, der Lautwiederholung und der semantischen Inkongruenzen
ab. Damit hat das ostroumie als poetologisches Prinzip aus der Per-
spektive klassizistischer Poetik seine ästhetische Legitimation ver-
loren.85

Won); "Propadi takoe velikolepie, v kotorom net jasnosti." ["Untergehen soll die Groß-
artigkeit, in der keine Klarheit ist."] (Knesmyslennym stichotvorcam /An die unverstän-
digen Versdichter)]. Zit. nach Tynjanov, aaO., S. 308, 310; Übers, ebd., S. 309, 311.
84
Sumarokov, aaO, S. 311.
85
Reinhard Lauer hat in Gedichtform zwischen Schema und Verfall (München 1975. S.
93-98) die in eine Parodie gekleidete Kritik Sumarokovs an Trediakovskijs Sonett-Typ
analysiert; hierbei geht es weniger um die Zensur eines Stilprinzips oder eines ästheti-
schen Konzepts als vielmehr um die Polemik gegen einen Gattungstypus, den der
Dichter-Rivale vertritt, doch deckt die Analyse der parodistischen Strategien Stilzüge
auf, die der Anti-Poetik der Spottoden entsprechen.

170
In der folgenden Gegenüberstellung der zentralen poetologischcn
Begriffe der beiden StU-Kontrahenten zeigt die erste Rubrik die über-
holte ästhetische Einstellung an, die zweite dagegen diejenige des
ablösenden Systems:
Lomonosov Sumarokov
ostroumie pronicatel'nyj um
(Scharfsinn) (durchdringender Geist)
sila sovobraienija razum
(Einbildungskraft) (Verstand)
prevraiienie neprinuidennost'
(Verwandlung) (Ungezwungenheit)
strannoe priliinoe
(das Seltsame) (das Geziemende)
neobyknovennoe soglasnoe
(das Ungewöhnliche) (das Stimmige)
irez "estestvennoe estestvennost'
(das Über-Natürliche) (Natürlichkeit)
vitievatye reii vkus
(pointierte Reden) (Geschmack)
slozennye idei jasnost'
(komplizierte/zusam- (Klarheit)
mengesetzte Ideen)
velikolepie krasota
(Großartigkeit) (Schönheit)
gromkost' neinost'
(das Lauttönende) (das Zarte)
toriestvennost' prostota
(Feierlichkeit) (Einfachheit)
mnogoglagolanie°" kratkost', iistota
(Vielrednerei/Geschwätzigkeit) (Kürze, Reinheit)

Aber selbst wenn, wie die obige Formulierung andeutet, das von den
Formalisten vorgeschlagene Modell der Ablösung der Systeme die
Dichotomie der Polemik zwischen Barocktendenz und Klassizismus
zu beschreiben hilft, ist damit weder die typologische Wiederkehr des
stilistisch-ästhetischen Antagonismus 87 in der Umbruchszeit von

86 (Von Sumarokov auf Lomonosov angewandter pejorativer Begriff)


87 Igor' Smirnov hat in Chudoiestvennyj smysl i evoljucija poetiieskich sistem (Moskva
1977) diesen Antagonismus mit der Binäropposition "primäre und sekundäre Stile" ge-
faßt, womit er entsprechende Ansätze von D.S. Lichacev und D.I. Tschizewskij auf-
gegriffen und in eine umfassende und stringente Konzeption weitergeführt hat. Vgl.
hierzu die kritische Auseinandersetzung von Aage Hansen-Löve, "Semantik der Evolu-
tion und Evolution der Semantik. Ein Forschungsbericht zu LP. Smirnovs Modell einer

171
Romantik und Realismus zu erfassen noch das Fortbestehen zentraler
Konzepte dieser Opposition im ablösenden System. Dies gilt nicht nur
für die klar konturierten, sondern auch die komplexeren Konzepte
ostroumie und vitievatye reöiS8, die entweder in den Stildebatten der
folgenden oder im poetologischen Vokabular einer viel späteren Stil-
epoche auftauchen.

diachronen Semiotik". Wiener Slawistischer Almanach 6. 1980. S. 131-190. Die Proble-


matik wird noch einmal aufgegriffen bei PA. Jensen, "Zum Problem der primären und
sekundären Stile", Periodisierung und Evolution. Hrsg. W. Koschmal (Wiener Slawisti-
scher Almanach. 32). Wien 1993. S. 9-20.
88
Die intrikate Etymologie von vitievatyj (vitijsti'O, vW) verweist auf einen poetologi-
schen Bedeutungskomplex (Wortwinden, -flechten), den Svetla Mathauserova in Drev-
nerusskie teorii iskusstt'a slova. Praha 1976. (Teorija 'Pletenija sloves", S. 85-90) behan-
delt hat. Damit ist eine poetologische Tradition aufgerufen, die vor der von mir behan-
delten rhetorisch dominierten einsetzt. Daß diese von der rhetorischen nicht abgelöst
wird und in post-rhetorischem Kontext erneut prominent wird, belegt die an die For-
schungen Mathauseroväs u.a. anknüpfende breitangelegte Arbeit von Erika Greber
(Textile Texte. 'Wortflechten', Kombinatorik und poetologische Reflexion. Habili-
tationsschrift Konstanz Januar 1994), in der das Begriffsspektrum und die poetische
Praxis bis zum russischen Symbolismus und Futurismus verfolgt und ein Zusammen-
hang mit ostroumie/acumen hergestellt wird.

172
Lomonosovs i/iven/io-Lehre und die Argumenten-Topik
(Exkurs)

Die Bedeutung der rhetorischen //jve/ift'o-Lehre für eine Pragmatik


poetischer Texte ist von der modernen Literaturwissenschaft wenig
beachtet worden. Während die elocutio-Lehre als praktikable Syste-
matik stüistischer Verfahren für die Textbeschreibung herangezogen
wird und einige Aspekte der dispositio-Lehre für die Narratologie
berücksichtigt werden, sind die Möglichkeiten, die die inventio mit
ihren Vorformulierungen rederelevanter Kategorien bietet, noch we-
nig genutzt. Im folgenden soll versucht werden, am Beispiel des Ka-
pitels izobretenie (inventio) der zweiten Fassung der Lomonosovschen
Rhetorik von 17481, ohne deren Situierung in der Rhetorik-Tradition
darzustellen, den textpragmatischen Ansatz der Findungslehre heraus-
zuarbeiten.
Lomonosov versteht seine Rhetorik als eine Wissenschaft, deren
Gegenstand eine Kunst, nämlich das krasnoreöie (Wohlredenheit)2, ist.
Er unterscheidet ausdrücklich zwei Bedeutungsnuancen des Aus-
drucks ritor (Rhetor), die des krasnoreöivyj öelovek (Schönredner) und
die des pisatel' pravilritoriöeskich(Schreiber rhetorischer Regeln); der
zweiten, die - wie er bemerkt - von den "neueren Autoren" bevor-
zugt werde, schUeßt er sich an. Die Rhetorik als uöenie o krasnoreöii
voobSöe (Lehre von der Wohlredenheit im allgemeinen) erhält gegen-
über der ars bene dicendi denselben Status wie die Grammatik gegen-
über der ars rede dicendi, und zwar sowohl in ihrer Eigenschaft als
nauka (Wissenschaft) wie in ihrer Eigenschaft als mkovodstvo (Hand-
buch, Anleitung). Lomonosov behauptet die Abhängigkeit der ritorika
von der grammatika, wenn er letztere als unbedingte Voraussetzung
jeden Sprechens bezeichnet: "Tupa oratorija, kosnojazycna poezija [...]
bez grammatiki"3 (Stumpf ist die Rede, stammelnd die Poesie [...]
ohne die Grammatik). Die Bestimmung der Rhetorik als einer auf die
primäre Grammatik aufbauenden Sekundärgrammatik, wie sie die
moderne Rhetorik-Forschung vornimmt, ist in dieser Zuordnung von
ritorika und grammatika bei Lomonosov enthalten. Lomonosovs Rhe-
torik umfaßt zwei Aspekte: Sie ist präskriptiv als ein Korpus von An-

1
M.V. Lomonosov, Kratkoe rukovodstvo k krasnoreiiju (Kurze Anleitung zur
Wohlredenheit). In: M.V.L., Polnoe sobranie soiinenij. VII. Hrsg. AN SSSR Moskva-
Leningrad 1952. S. 89-378.
* Ebd., S. 99, Par. 1: "Ritorika est' ucenie o krasnorecü vooblce. Imia seia nauki [...]"
(Die Rhetorik ist die Lehre von der Wohlredenheit im allgemeinen. Der Name dieser
Wissenschaft [...]).
3
Rossijskaja grammatika (Russische Grammatik). Ebd., S. 392-578; hier S. 392.

173
Weisungen, wie 'schöne Reden' hergestellt werden sollen, und sie ist
deskriptiv als Wissenschaft; man kann sie demnach als eine Textpro-
duktionstheorie - oder zumindest als eine Vorstufe dazu - bezeich-
nen, die sich in der Regelangabe konstituiert. Die Entstehung der
poetischen Texte sieht Lomonosov von zwei sehr unterschiedlichen
Instanzen bestimmt. Das wird besonders deutlich im inventio-Teil, in
dem die wiederholte Gegenüberstellung der Begriffe sila sovobraie-
nija (Einbildungskraft), ostroumie (Scharfsinn), prirodnye darovanija
(natürliche Begabungen) und pravilo (Regel) auf die Opposition Krea-
tivität vs. Regelhaftigkeit, Willkür vs. Plan zurückgeführt werden kann.
Diese für das 18. Jahrhundert zentrale ästhetische Opposition
übernimmt in Lomonosovs theoretischem Ansatz eine andere Funk-
tion. Aus seinen Ausführungen geht hervor, daß er die Erzeugnisse
scheinbarer poetischer Willkür als Ergebnisse regelhafter Prozesse,
den Plan als ein System von Regeln verstehen will, das das Funktio-
nieren der kreativen Willkür erklärt und beschreibt. Willkür und Plan
erweisen sich damit als Korrelation: Die Kenntnis der Regelhaftigkeit,
die die Erlernbarkeit der Regeln impliziert, vermag die Kreativität zu
unterstützen, indem sie ihre Gesetze aufdeckt. Von daher könnte man
die sila sovobraienija als eine regelfreie kreative Kompetenz fassen,
deren Regulativ und zugleich Erklärung das pravilo ist.
Indem Lomonosov in der inventio Regeln formuliert, macht er die
'Findung' von Gegenständen für einen Text (idei, voobraienija -
Ideen, Vorstellungen) sowohl verstehbar als erlernbar. Bevor er zu
den Einzelanweisungen kommt, steckt er den Gegenstandsbereich des
krasnoreöie ab: "Materija ritoriceskaia est' vse, o Cem govorit' mozno,
to est' vse izvestnye veSdi v svete"^ (Rhetorische Materie ist alles,
worüber man reden kann, d.h. alle bekannten Dinge auf der Welt).
Das bedeutet, die Welt bzw. dasjenige, was innerhalb eines kulturellen
Kontextes über sie bekannt ist, bildet ein Inventar möglicher Gegen-
stände, aus dem diese für eine konkrete Rede (Text) jeweils gewählt
werden können. Die inventio gibt an, wie Ideen zu finden sind, die das
aus dem Inventar möglicher Materien zum Thema Gewählte realisie-
ren, und wie diese Ideen in einer sinnvollen Folge anzuordnen sind.
Nun betrifft die inventio im allgemeinen, wenn man die rhetorische
Einteilung in inventio, dispositio, elocutio für den Ausdruck einer tria-
dischen Textkonzeption nimmt, nur eine Textebene - nämlich die
thematische. Da diese Konzeption den Gedanken einer Aufeinander-
folge der anzuwendenden Strategien bei der Erstellung von Texten
miteinschließt, ist die Wahl des Themas, bzw. derjenigen Elemente,
die es konstituieren, als primäre Leistung und sind die Verfahren der
Anordnung und Verbalisierung als sekundär zu betrachten.

Kratkoe rukovodstvo, aaO., S. 96; Par. 7.

174
Die rhetorische Triade läßt sich, sieht man von der Aufeinander-
folge ab, unschwer in strukturalistischen Textkonzeptionen wiederer-
kennen, in denen eine semantische, eine syntaktische und eine verbale
Ebene unterschieden werden. Eine Zuordnung der beiden Modelle
ergibt folgende Entsprechung:
inventio = semantische Ebene (Ebene der thematischen Ver-
fahren)
dispositio = syntaktische Ebene (Ebene der sequenzbildenden
Verfahren)
elocutio = verbale Ebene (Ebene der stilistischen Verfahren).
Während das strukturalistische Modell vom produzierten Text ausgeht
und als A n a l y s e m o d e l l bezeichnet werden kann, erweist sich
das rhetorische Modell, das drei Systeme von Regeln für die Herstel-
lung je einer Ebene angibt, als P r o d u k t i o n s m o d e l l .
Gerade in der inventio wird der pragmatische Charakter der Rhe-
torik deutUch, die als Beschreibung des Entscheidungs- und Auswahl-
prozesses erscheint und damit als Vorformulierung von Konzeptionen
gelten kann, die "die Erzeugung eines Kunstwerks in einer Serie von
aufeinanderfolgenden Entscheidungen"5 erkennt. Die Sammlung der
Ideen, die ein Thema im Text konstituieren, soll mit Hilfe der Topik
erfolgen: "Vse idei izobreteny byvajut iz obScich mest ritoriceskich"6
(Alle Ideen pflegen aus den rhetorischen Gemeinplätzen gefunden zu
werden). Gegeben ist die Grundanweisung: 'finde Ideen für eine aus-
gewählte Materie'. Die Ideen gehören jeweils bestimmten Paradig-
men, Klassen äquivalenter Ideen, an. Aufgrund einer selektiven An-
weisung wird eine Idee oder werden Ideen aus einem oder mehreren
Paradigmen ausgewählt. Den Topoi könnte man dabei die Funktion
selektiver Anweisungen zuschreiben, die die Auswahl beschränken
und regulieren, indem sie eine Anzahl von Fragehinsichten alternativ
oder mehrere Fragehinsichten sukzessiv bereithalten. Mit den Topoi
gibt Lomonosov auch eine Reihe von Anweisungen vor, die man als
Kombinationsregeln bezeichnen könnte.
Im Verlauf des izobretenie-Teils macht er einen etwas inkonsisten-
ten Gebrauch von den Begriffen ideja, tema, materija, sloiennye idei,

3
J. Levy, "Generative Poetik" [1966]. In: Literaturwissenschaft und Linguistik. Ergeb-
nisse und Perspektiven. H/2. Hrsg. J. Ihwe. Frankfurt/M. 1971. S. 554-567; hier S. 557.
6
Lomonosov, Kratkoe rukovodstvo, aaO., S. 102, Par. 5 . - Jurii Murasov hat in Jenseits
der Mimesis. Russische Literaturtheorie im 18. und 19. Jahrhunden von V.M. Lomonosov
zu V.G. Belmskii. München 1993. die wvenao-Lehre einer eingehenden Analyse unter-
zogen (S. 20-31). Dabei geht es ihm um die "Konjunktion von rhetorischem und logi-
schem Diskurs (S.20) sowie die Lomonosovsche Theorierezeption, insbesondere hin-
sichtlich der von Christian Wolff repräsentierten Logiktradition, und ein intertextuel-
les Verfahren, das er "das 'Umstülpen' der logischen Begriffslehre in einen rhetori-
schen Mechanismus der Textgenerierung" (S. 27) nennt.

175
prostye idei, predloienija, periody (Idee, Thema, Materie, zusammen-
gesetzte Ideen, einfache Ideen, Sätze, Perioden), dennoch ergibt sich
ein klarer Gang seiner Anweisungen. Es wird deutlich, daß Lomono-
sov Sätze und aus Sätzen zusammengesetzte größere Einheiten als
sinnvolle Ketten von Elementen versteht, und daß er die scheinbare
Disparatheit von Gedanken und VorsteUungen, die in einem Text sich
aneinander reihen, als Resultat einer beschreibbaren Sequenz einzel-
ner Schritte begreift. Als kleinste konstitutive Einheit einer Vorstel-
lungskette erscheint die Idee, die prostaja ideja; sloiennye idei sind
bereits größere Einheiten, z.B. Sätze. Die sloiennaja ideja besteht aus
zwei oder mehreren kleinsten Einheiten, deren syntaktische Kohärenz
semantisch geregelt ist, und zwar durch die Projektion der kombinier-
ten GUeder auf die referentielle Ebene. Diese wird durch den com-
mon sense bzw. die Wahrscheinlichkeitserwartung repräsentiert. Die
sloiennaja ideja ist also das Thema, das durch eine Kette von prostye
idei im Text realisiert wird. Die prostaja ideja wird auch termin (Ter-
minus) genannt. Der Satz "neusypnyj trud prepjatstva preodolevaet"7
(Unermüdliches Mühen überwindet die Hindernisse) besteht aus vier
terminy; der Satz als Einheit ist eine tema. Aus einzelnen terminy einer
tema können durch Anwendung assoziativer Verfahren viele weitere
prostye idei hervorgebracht werden.
Hier rekurriert Lomonosov auf seinen Begriff der sila sovobraie-
nija (Einbildungskraft), die die zentrale Findungskompetenz ist und
aus welcher quasi unbegrenzt idei erzeugt werden ("rasplodit'sja")8.
Doch in demselben Zusammenhang weist Lomonosov auf die Regeln
hin, die das sovobraienie stützen (und regulieren) sollen. Diese Regeln
erscheinen als Beschreibungen der Mechanismen der Einbildungs-
kraft. Indem assoziative Verfahren bei der Kombination der Einheiten
postuliert werden, wobei die Prinzipien der Similarität und Kontiguität
zugrundeliegen, gewinnt die Verkettung der Glieder einen gesetz-
mäßigen Charakter.
Auch den Gedanken, daß aus einer Idee viele weitere entstehen
können, entwickelt Lomonosov systematisch.9 Primäre Ideen, pervye
idei, entstehen direkt aus den terminy einer tema, sekundäre Ideen,
vtoriönye idei, wiederum aus den primären, und tertiäre Ideen, tretiönye
idei, aus den sekundären, wobei immer dieselben Regeln der 'Trans-
formation' angegeben werden und der ganze Prozeß als der eines 'Ge-
nerierens' ("rozdajutsja"10) bezeichnet wird. Durch Anwendung der
loci, also der Fragehinsichten oder Aspekte, können zu jedem Glied

' Ebd., S. 110, Par. 25.


8
Ebd., S. 109, Par. 24.
9
Ebd.,S. 110 ff., Par. 26 ff.
10
Ebd., S. 110, Par. 26.

176
einer Kette (z.B. "neusypnyj trud prepjatstva preodolevaet") zunächst
primäre, dann sekundäre und hernach tertiäre Ideen entwickelt wer-
den. Damit erscheint die Kette selbst als ein Paradigma oder eine
Tiefenstruktur, die durch Transformationen in viele Realisierungen
überführt werden kann, wobei die Transformation durch die loci fest-
gelegt ist.
Lomonosovs Anweisungen im Sinne von Generierungs- und Trans-
formationsregeln zu interpretieren, liegt nahe, wenn er im folgenden
vorschlägt, aUe die Kette (tema) konstituierenden Elemente (terminy)
gesondert aufzuführen und die Hinzufügung einer primären und wei-
terer Ideen an jedes Element systematisch darzustellen. Durch dieses
Vorgehen wird die tema, die Kette, segmentiert, jedes Segment durch
die Anwendung der Kategorie des locus klassifiziert bzw. durch die
Anwendung einer Reihe von loci immer anders klassifiziert. Hieraus
könnte man schließen, daß die assoziierte 'neue' Idee, die aus einem
termin generiert wird, die Transformation eines Segments der tema ist.
Bedingung ist dabei die Einhaltung der Regel, die der locus impliziert.
Der Satz, d.h. die tema, bleibt als Mustereinheit nicht erhalten, es
geht also nicht in erster Linie um die Transformation der tema, son-
dern um die der sie konstituierenden terminy. Terminologisch stellt
sich das so dar, daß ideja die durch den locus gefundene Realisierung
eines Aspekts des termin (als der kleinsten Einheit der tema) ist. Da-
mit ist der termin das Paradigma, das durch loci transformiert wird,
die ideja ist das Syntagma. Zwei Generierungsprinzipien sind dem-
nach auszumachen:
1. Generierung durch Anwendung der Regeln des locus;
2. Generierung durch Augmentierung: Jede gefundene Idee wird
wieder zu einer Ausgangsmaterie, zu einem Paradigma, erneut den
Fragehinsichten des locus unterworfen und damit zum neuen
Ideenspender.
Beide Modi implizieren zwei Restriktionen:
1. die der Adäquatheit (die Zuordnung einer Frageklasse zu einem
Themensegment muß angemessen sein, d.h. das decorum [priliö-
noe soprjaienie] muß gewahrt werden);
2. die des Effekts (die gefundenen Ideen müssen die größtmögliche
ästhetische und persuasive bzw. kognitive Wirkung ausüben; die
Effekt-Restriktion betrifft demnach nicht nur die e/ocuf/o-Ebene,
sondern auch die //ive/ino-Ebene).11
Beide Restriktionen lassen sich als von ästhetischen Normen motiviert

Vgl. das Prinzip des oratorskoe dejstvie (oratorische Wirkung), das Jurij Tynjanov als
Konstruktionsprinzip der Oden Lomonosovs bezeichnet hat. Ju. Tynjanov, "Oda kak
oratorskij zanr" [1929]. In: Texte der russischen Formalisten. II. Hrsg. W.-D. Stempel.
München 1972. S. 272-337. (Dt.: "Die Ode als oratorisches Genre". Übers. R Fieguth.
Ebd.)

177
bezeichnen, beide regulieren die Selektionsverfahren.
Lomonosov äußert sich auch zur Frage der Verknüpfung der Ideen
und gibt Regeln an, die den Status von Kombinationsregeln innerhalb
seiner Argumentation erhalten. Bereits bei dem Begriff der sloiennaja
ideja, die aus zwei oder mehreren Einheiten zusammengefügt ist, hat-
te Lomonosov die Verbindung der Glieder als auf Sinn, Vernünftig-
keit basierend qualifiziert: "soveräennyj razum sostavljajuSCich"*2
(voUendete Vernunft herstellend).
Auf die Kategorie des Sinnes rekurriert er auch in dem der Ver-
kettung der Einzelelemente gewidmeten Kapitel "O soprjazenii pro-
stych idej" (Über die Verknüpfung einfacher Ideen). Hier geht es ihm
offenbar darum, Regeln zu definieren, wie kleinste Einheiten, prostye
idei, zu komplexeren Einheiten, sloiennye idei, kombiniert werden
können. Zwischen den Einheiten, die durch razum (Vernunft) verbun-
den sind, müsse ein vzaimnoe sootvetstvovanie13 (wechselseitige Ent-
sprechung) bestehen bzw. hergestellt werden, d.h. sie müssen einen
plausiblen Kontext bilden. Er empfiehlt den Gebrauch von Konjunk-
tionen, um diesen Zusammenhang deutlich zu machen. Die Kettenbil-
dungen, die er zuläßt, zeigen Übereinstimmungen mit Verlaufsformen
von endoxa (öffentlichen Meinungen); hierbei ist die Kohärenz durch
bestimmte Sinnerwartungen garantiert.
Das Prinzip des razum wird realisiert durch Assoziationsverfahren
der Similarität, Kontiguität und Kausalität. Die beiden ersten Verfah-
ren gelten insbesondere für die Findung der Ideen, das zuletzt ge-
nannte für den Bereich der Findung der Argumente. Daß hier auch
sequenzbildende Gesetze einer anderen Disziplin, nämlich der Logik,
eine Rolle spielen, macht sich Lomonosov durchaus klar. Die Ver-
knüpfungstechnik der Logik ist für ihn nicht nur Grundlage der Argu-
mente, die rhetorische Analogien zu den Schlüssen der Logik sind,
sondern dient auch der Erklärung einer Satzstruktur. ('Satz' werde in
den Termini der Logik rassuidenie, Urteil, genannt, rhetorisch heiße
er predloienie, d.h. propositio.) Er beschreibt die propositio, indem er
von einem Mustersatz ausgeht, dessen Struktur er als 'logisch', d.h.
grammatisch richtig bezeichnet. Er empfiehlt, alle von diesem Muster
abweichenden Sätze, um sie zu verstehen, auf diese 'logische' Struktur
zurückzuführen. Dann formuliert er das Gesetz: Die Verknüpfung der
Ideen erfolgt nach dem genannten Muster14, die Ideen übernehmen

1
Lomonosov, Kratkoe rukovodstvo, aaO, S. 116, Par. 33.
13
Ebd.
Das Muster podlezaiiee-svjazka-skazuemoe (Subjekt-Kopula-Prädikat), das in einem
Satz wie "nadezda est' obodrenie" (die Hoffnung ist Ermutigung) deutlich realisiert ist,
muß für einen Satz wie "ogon' gorit" (das Feuer brennt) erst sichtbar gemacht werden,
indem dieser Satz transformiert wird zu "ogon' est' gorjascij" (das Feuer ist brennend).
Obwohl, wie Lomonosov einräumt, solche Sätze im Russischen unüblich seien, würden
hier die Glieder des Musters klar dargestellt, "izobrazeny". (Kratkoe rukovodstvo, aa( >.

178
Funktionen im Satz, indem sie je eine der angegebenen Stellen be-
setzen. Der bereits zuvor angeführte Mustersatz "neusypnyj trud pre-
pjatstva preodolevaet", der als tema bezeichnet worden war, erscheint
in Lomonosovs Argumentation immer deutlicher als 'Tiefenstruktur'.
Die Findungsoperationen, die er empfiehlt, erscheinen als 'Transfor-
mationen'. Der transformierte Satz umfaßt die im Mustersatz
enthaltenen Termini, die nunmehr als Ideen im Sinne von Syntagmen
fungieren, und diejenigen neuen Syntagmen, die durch die genannten
assoziativen Verfahren zu den einzelnen terminy gefunden wurden.
Dazu treten weitere Angaben: Die Transformation kann aus dem
Mustersatz durch Anwendung satztypologischer Kriterien15 vier Sätze
entwickeln. Für den vorliegenden Fall lauten sie:
[...] vsjak, obodrennyj nadezdoju, den' i noc' neusypno truditsja; ne vziraet na
veselie guljascich; zelanie bogatstva pridaet emu Gerkulesovu silu; volnenie i
nepostojanstvo morja v otcajanie ego ne privodit.

([...] ein jeder, der durch die Hoffnung ermutigt ist, müht sich unermüdlich Tag
und Nacht; er schaut nicht auf das Vergnügen der Müßiggängen der Wunsch nach
Reichtum verleiht ihm Herkuleskraft; das Wogen und die Unbeständigkeit des
Meeres führen ihn nicht in Verzweiflung.)

Bei der Darlegung der Satztypen geht Lomonosov auf Kategorien der
Länge und der Anzahl der Perioden ein, argumentiert hier als Gram-
matiker, dem es um das rede dicendi geht.
Wenn er bei den Verknüpfungsweisen die Konjunktionen hervor-
hebt, so warnt er davor, sich auf diese zu verlassen; wenn die idei nicht
vmestny (am Platze, d.h. angemessen) sind, helfen auch formale Ver-
knüpfungen nichts. Dann folgt noch einmal nachdrücklich der Verweis
auf den razum, das zdravoe rassuidenie (gesunde Urteilskraft). Razum
und zdravoe rassuidenie bilden in seinem Denken erst dann eine Op-
position zu sila sovobraienija, wenn diese die Regulative der Topik
und die Assoziationstechniken der Similarität und Kontiguität ver-
lassen will. Das ist im FaU der Findung der vitievatye reöi17 (acumina)
gegeben, die das ostroumie (Scharfsinn) erzeugt. Das ostroumie greift
nicht auf habituaUsierte Ähnlichkeits- und Berührungsmuster zurück.
Denn diese bringen in der Hauptsache erwartbare, die Konvention be-
stätigende Resultate hervor.

S. 117, Par. 34).


15
Lomonosov nennt Satztypen, die er in die Klassen 'positiv besonders', 'negativ
allgemein', 'negativ besonders , 'positiv allgemein' einteilt (ebd., S. 118 f., Par. 35-37).
16
Ebd., S. 118, Par. 37.
17
Ebd., S. 204, Par. 129.

179
Die Beispielsätze, die Lomonosov zur Illustration der Ideenfin-
dung und Ideenverknüpfung anbietet, lassen sich auf diesen Typ affir-
mativer Sentenzen festlegen, es sind common sense-Sälze von allge-
meiner Verbindlichkeit. Die vitievatye reöi dagegen sollen gegen die
Erwartbarkeit und Wahrscheinlichkeit verstoßen, doch verlangt
Lomonosov auch hier, daß die von ihm aufgesteUten Regeln des so-
prjaienie (Verknüpfung) beachtet werden, d.h. die acumina müssen
letztlich einen durch razum motivierten Kontext bilden (das ostroumie
bleibt mit dem rassuidenie [iudicium] gepaart).18
Faßt man die hier versuchte textpragmatische Lesart19 der Lomo-
nosovschen inventio zusammen, so ergeben sich zwei generative As-
pekte: 1. Lomonosov bestimmt mit Hilfe einer Reduktions- und
Segmentierungsmethode die kleinsten funktionalen Einheiten der um-
fassenderen Einheit des Satzes bzw. der sloiennaja ideja. Diese
kleinste Einheit nennt er ideja, sie steht für 'thematische Einheiten',
deren abstrakte Repräsentanz der termin ist. Die terminy können
durch rekursive Anwendung einer begrenzten Anzahl von Regeln ak-
tualisiert und zu einem textkonstitutiven Element gemacht werden.
Durch rekursive Anwendung nicht nur der Selektions-, sondern auch
der Kombinationsregeln kann potentiell eine unbegrenzte Anzahl von
Thema-Sätzen und von Texten, die aus Themen-Ketten bestehen, pro-
duziert werden. 2. Ausgangspunkt scheint ein abstraktes Modell, tema,
zu sein. Der Prozeß der Umsetzung des Modells in Texte bzw. Text-
einheiten wird durch die Angabe bestimmter Transformationsver-
fahren beschrieben. Die Umsetzung aus der thematischen Tiefen-
struktur in das Oberflächenthema geschieht durch Anwendung invari-
anter Klassifizierungsverfahren (loci) und invarianter Verfahren der
Assoziation. Das Oberflächenthema kann wieder zur thematischen
Tiefenstruktur werden. Als zentrale restriktive Anweisungen, die von
ästhetischen Normen determiniert sind, gelten Adäquatheit und
Effekt. Bei jeder Transformation sind Alternativen möglich, die Wahl
unterliegt der restriktiven Anweisung. Alternativen, die ausge-
schlossen werden, können sukzessiv realisiert werden (mehrmalige
Wahl von zu einem Paradigma gehörenden Alternativen), daraus er-
gibt sich ein für Lomonosovs Odenpraxis spezifisches kombinatori-
sches Gesetz: thematische Syntagmen oder Thema-Sätze kohärieren
durch Äquivalenz (Similarität).

Vgl. zu diesem Komplex Kap. IV und Kap. VI in diesem Band.


Vgl. die generativistische Interpretation des Ansatzes von V. Propp und S. Ejzen-
ätejn bei A. Zolkovskij/Ju. Sceglov, "Strukturnaja poetika - porazdajuscaja poetika"
(Strukturale Poetik - generative Poetik). In: Voprosy literatury. 1. 1967. S. 74-89.- Im
übrigen sei hier nochmals auf die andere Akzente setzende Untersuchung von J. Mura-
sov verwiesen, deren Fokus die Verknüpfung von epistemologischer und poetologi-
scher Problematik ist.

180
Kulturelle Funktionen nachbarocker Rhetorik
im Petrinischen Rußland:
Feofan Prokopovics De Arte Rhetorica Libri X'von 1706

L a t e i n b i l d u n g und die Rolle


der L e h r s t ä t t e n

Die Rhetorik als Disziplin ist in Rußland in einem Problemzusam-


menhang zu sehen, der wesentlich von der grundsätzlichen Kontro-
verse um die Durchsetzung eines Kulturmodells bestimmt war. Diese
Kontroverse wurde in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts präg-
nant artikuliert und behielt bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts Gel-
tung. Sie läßt sich an einer Reihe kulturell produktiver Oppositionsbil-
dungen ablesen. Dazu gehört in erster Linie die Opposition zwischen
zwei extrem divergierenden kulturellen Einstellungen: nämlich Bil-
dungswillen und Bildungsverneinung. Innerhalb des auf Bildung aus-
gerichteten Kulturmodells läßt sich eine weitere Konfrontation fest-
stellen, und zwar die zwischen einer westlichen, 'fremden', und einer
russischen Bildung, die ihre eigenen byzantinisch/altbulgarischen
Wurzeln behauptet. Der Antagonismus zwischen fremder und eigener
Bildung wurde von den Repräsentanten der jesuitischen, d.h. latei-
nischen Bildung einerseits und der orthodoxen, d.h. der griechisch/
kirchenslavischen andererseits ausgetragen. Dabei bildeten sich in der
Auseinandersetzung antagonistische Strukturen heraus, die auf einer
späteren Stufe kultureller Entwicklung zwischen scholastischer und
humanistisch-aufklärerischer Bildung noch einmal zutage traten. Aus
kulturtypologischer Perspektive ließen sich die Oppositionen (mit
Ausnahme der zuletzt genannten) auf die zentrale Gegenüberstellung
von Regelkultur und Textkultur1 zurückführen.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erreichte diese kulturel-
le Kontroverse in den Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern
einer vom Hofe unterstützten Bildung mit stark westlichen Tendenzen
und den Vertretern eines strikten Bildungsnihilismus, der gegen Staat
und Kirche gewendete institutionsfeindliche Züge annahm, ihr extre-
mes Stadium. Es kam zu einem innerkulturellen Schisma, das eine
weitere Opposition hervortrieb, nämlich die zwischen offizieller und
inoffizieller Kultur: Die eigene Konturen herausbildende Hofkultur

Zu dieser Opposition vgl. Ju. Lotman/B. Uspenskij, "O semioticeskom mechanizme


kul'tury". Trudy po znakovym sistemam.y. Tartu 1971. S. 144-166. (Dt.: "Zum
semiotischen Mechanismus der Kultur". Übers. A. Schramm-Meindl. In: Semiotica
sovietica. II. Hrsg. K Eimermacher. Aachen 1986. S. 853-880).

181
des Zaren Aleksej Michajloviö mit ihrem Hauptvertreter Simeon
Polockij trat der religiös ausgerichteten Gegenkultur des Protopopen
Awakum und der von ihm geführten Altgläubigen vehement entge-
gen.2
Die Entwicklung des o f f i z i e l l e n B i l d u n g s k o n z e p t s
auf dem Hintergrund der genannten Kontroverse läßt sich aufgrund
der Rolle der beiden prominentesten Bildungsstätten des genannten
Zeitraums, der Kiever Geistlichen Akademie3 und der Moskauer Sla-
visch-Griechisch-Lateinischen Akademie4, bestimmen.
Die Beurteilung von Duktus und Programm der ukrainischen und
russischen Lehrstätten in vorpetrinischer Zeil, wie sie in russischen
und sowjetischen historischen Darstellungen formuliert wird, hängt
offenbar davon ab, wie die Kontroverse um das Bildungs- und Kultur-
modell zwischen den dominierenden Kulturideologen des 17. und 18.
Jahrhunderts gewichtet wird. Spuren der Auseinandersetzung zwi-
schen dem Konzept einer orthodoxen, byzantinisch-russischen und
dem einer lateinisch-westlichen (jesuitischen) Bildung sind in Texten
deutlich, die um jeden Preis die eigene nichtwestliche Kultur hervor-
heben, ohne den anderen Pol, die lateinische Bildung, überhaupt zu
thematisieren.5
In einer der neueren Darstellungen des Komplexes, der Arbeit von
Okenfuss6, die sich als Antwort auf diese Einseitigkeit und als Re-
interpretation der russischen Kulturideologie versteht und dabei auf
die Ergebnisse der historischen Forschung des 19. und 20. Jahrhun-
derts rekurrieren kann, wird sehr plausibel nachgewiesen, daß das im

- Siehe Kap. II in diesem Bd.


Zur Geschichte der Kiever Akademie vgl. N.I. Petrov, Kievskaja Akademija vo vtoroj
polovine XVII veka (Die Kiever Akademie in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts).
Kiev 1895; ders., "O slovesnych naukach i literaturnych zanjatijach v Kievskoj Du-
chovnoj Akademii ot nafal ec do preobrazovanija v 1819 godu" (Über die philologi-
schen Wissenschaften und die literarischen Studien in der Kiever Geistlichen Akade-
mie von ihren Anfängen bis zu ihrer Umgestaltung im Jahre 1819). Trudy Kievskoj
Duchovnoj Akademii. 1868. 3. S. 464-525; sowie D. Viänevskij, "Kievskaja Akademija v
pervoj polovine XVIII stoletija" (Die Kiever Akademie in der ersten Hälfte des 18.
Jahrhunderts). Ebd., 1902. 5. S. 96-133 und 1902. 10. S. 208-257. Vgl. auch die Arbeiten
aus neuerer Zeit von Z.I. Chiznjak, Kievo-Mogiljanskaja akademija (Die Kiever-
Mogilianische Akademie). Kiev 1970; und A. Sydorenko, The Kievan Academy in the
Seventeenth Century. Ottawa 1977.
4
Zur Geschichte der Moskauer Akademie vgl. S. Smirnov, Istorija Moskovskoj
Slavjano-Greko-Latinskoj Akademii (Die Geschichte der Moskauer Slavisch-
Griechisch-Lateinischen Akademie). Moskva 1855.
5
E. Medyns'kyj, Brats'ki ikoly Ukrajiny i Bilorusiji v XVI-XVII stolittjach (Die
Bruderschaftsschulen in der Ukraine und Weißrußland im 16. und 17. Jahrhundert).
Kiev 1958.
6
MJ. Okenfuss, The Jesuit Origins of Petrine Education". In: The Eighteenth Century
in Russia. Hrsg. JG. Garrard. Oxford 1973. S. 106-130.

182
17. und 18. Jahrhundert Geltung gewinnende Bildungskonzept, das als
mamfester Ausdruck des offiziellen Kulturmodells gewertet werden
kann, an westlich-lateinischer Bildung orientiert ist.
Die Kiever Schule (zunächst Kollegium, dann Akademie), die zum
Vorbüd wird, das letztendlich die Struktur sämtlicher Bildungsstätten
der Ukraine und Rußlands im 19. Jahrhundert bestimmt, ist im Rah-
men der Gründungen zu sehen, die zwischen 1580 und 1650 im Zuge
der Gegemeformation in Osteuropa stattfanden. Die erfolgreichsten
und berühmtesten Schulen waren die Jesuitenschulen, wie sie sich in
ganz Westeuropa etablierten und ab 1564 in Polen eingerichtet wur-
den. In Weißrußland und der Ukraine wurden - gewissermaßen als
Antwort - konkurrierende Schulen eröffnet, die aber das Jesuiten-
kolleg-Curriculum bereits zur Kenntnis genommen hatten: so die erste
Gründung dieses Typs 1580 in Ostrog, wo Fürst Konstantin eine or-
thodoxe griechisch-lateinische Schule für die artes liberales aufbaute.7
Die orthodoxen Bruderschaftsschulen (bratskie Skoly), die sich de-
zidiert als Gegenmodell zu den jesuitisch polnisch-katholischen Ein-
richtungen verstanden und deren Aktivität in sowjetischen Darstel-
lungen als von westlichen Vorbildern gänzlich unabhängig charakteri-
siert wird, nahmen den Kampf mit den Jesuiten auf, indem sie deren
Lehrprogramme zur Gänze übernahmen. Diese Curriculum-Affinität
steht in älteren Darstellungen8 völlig außer Zweifel, aus denen auch
deutlich hervorgeht, daß das Kiever Bruderschaftskloster, Keimzelle
der späteren Lehrstätte mit jener oft beschriebenen Ausstrahlungs-
kraft, nach dem Modell der Jesuitenschulen funktionierte. Curricu-
lum,9 Administration, Reglement für Schüler und Dozenten folgten
diesem Muster. "Jesuit and Orthodox schools in the Ukraine were
virtually identical"10, resümiert Okenfuss.
Hervorzuheben ist hier besonders - neben der Identität des Curri-
culum mit dem an den Jesuitenschulen in Polen und in Westeuropa

K. Charlampovic, Zapadnorusskie pravoslavnye ikoty XVI-XVII veka (Die west-


russischen orthodoxen Schulen im 16. und 17. Jahrhundert). Kazan' 1898. Zu den La-
teinschulen des 18. Jahrhunderts vgl. die Ergebnisse von A.V. Florovskij, "Latinskie
Skoly v Rossii v epochu Petra I" (Die lateinischen Schulen in Rußland zur Zeit Peters
I.) In: XVIII vek. V. 1962. S. 316-335.
8
Petrov, Kievskaja Akademija, aaO., S. 110 f.; Charlampovic, aaO., S. 356-363, bes. S.
359.
Das Curriculum umfaßte die Disziplinen: 1. Analog oder Fora (Elementare Latein-
kenntnisse, Kirchenslavisch oder Polnisch); 2. Infima (Einführende Grammatikkiasse,
lateinische Etymologie mit Alvarez' Institutio, Katechismus); 3. Grammatica (Fort-
setzung des Alvarez-Lehrbuchs bis zur Syntaxis ornata, Cicero, Ovid, Einführung in die
griechische Grammatik); 4. Syntaxis (Beendigung der Grammatik, Cicero, Catull, Vir-
gil, Aesop, Griechisch: die acht Redeteile); f. Poetica (Caesar, Sali ust, Livius, Curtius,
Virgil, Horaz); 6. Rhetorica (Cicero, die Poetik des Aristoteles). Vgl. Petrov, Kievskaja
Akademija, aaO., S. 6-12, 74-86.
10
Vgl. Okenfuss, aaO., S. 112.

183
geltenden - die Partizipation an ein- und demselben Lehrbuch für das
Latein: Auch an der orthodoxen Kiever Schule wurde der "velikij
Alvar'" (großer Alvar) benutzt, d.h. das Lehrbuch De inslitutione
Grammatica Libri Tres des portugiesischen Jesuiten Emmanuel
Alvarez, das 1572 erstmals publiziert wurde und ab 1591 die führende
LehrbuchroUe übernahm. 11
Gewiß, es wurde an der Kiever Schule, generell an den Bruder-
schaftsschulen, in Absetzung von den Jesuitenschulen, die als Volks-
sprache (bzw. nichtklassische Sprache) Polnisch lehrten, das Kirchen-
slavische nach der kirchenslavischen Grammatik des Meletij Smotryc-
kij, der ersten ihrer Art, die 1619 in Wilna gedruckt wurde, unterrich-
tet, doch bUeb die führende Rolle des Lateinischen davon letztlich un-
berührt: "Latin, however, remained the keynote of the Kievan school
and its principal language of instruction [...]. Latin was the language of
the disputations, the orations and declamations, and of the readings of
the various forms".12
Okenfuss ist in der Betonung der Lateinbildung durchaus zuzu-
stimmen, doch vermag die Beobachtung der funktionalen Auffäche-
rung des Kirchenslavischen unter dem Eindruck des Lateinischen die
Vorstellung dieser Situation etwas zu verändern: Das Kirchenslavische
tritt bei Meletij Smotryckij auch als Sprache grammatischer Beschrei-
bung auf, d.h. als Metasprache; bei Simeon Polockij, der sich als
Schriftsteller auf diese Grammatik bezieht, erscheint das Kirchensla-
vische als Sprache einer Poesie, die trotz der zum Teil religiösen The-
matiken einem neuen Literaturkonzept, dem des Barock, verpflichtet
ist. Das Kirchenslavische, dies zeigen die rhetorischen und poetischen
Regelbücher, tritt gelegentlich auch als Sprache eines oratorischen
oder poetischen Übungsstücks auf. D.h. die funktionale Rolle des
Kirchenslavischen gegenüber dem Lateinischen und auf dem Hinter-
grund des Lateinischen muß hier berücksichtigt werden, gerade auch
bei Autoren, die wie Polockij westliche lateinische Bildung unter-
stützten und das offizielle Bildungs- und Kulturkonzept vertraten. Das
Kirchenslavische richtete sich am Latein als einem funktionalen Para-
digma aus. Ein funktional weitergefächertes Kirchenslavisch war nicht
mehr ausschließlich Sprache der kirchlich-orthodoxen, sondern auch
der weltlich-westlichen Bildung.
Grundsätzlich ließe sich, wie das N. Bezborod'ko 13 vorschlägt, von
einer Zweisprachigkeit an den Bildungsstätten dieser Periode reden.

11
Ebd.
12
Ebd., S. 113, nach V.L. Askofinskij, Kie\> s drevnejsim ego uciliiiem Akademiej
(Kiev mit seiner ältesten Lehranstalt, der Akademie). Kiev 1856. 1. S. 127-152; und
Petrov, Kievskaja Akademija, aaO., S. 77, 84-86.
13
N.I. Bezborod'ko, "Ufenaja latyn' na Ukraine" (Das gelehrte Latein in der Ukraine).
Voprosy jazykoznanija. 6. 1978. S. 85-92.

184
Dabei hatte Bezborod'ko weniger die Zweisprachigkeit von Kirchen-
slavisch und Latein als vielmehr die von slavischer Muttersprache
(Ukrainisch, Russisch) mit ihrem funktionalen Umkreis und Latein als
Wissenschafts- und Unterrichtssprache im Blick.
Die Betonung des funktionalen Übergangs vom Latein zum Kir-
chenslavischen und dann zum Russischen als Beschreibungs- und
Lehrsprache erscheint mir deshalb so wichtig, weil damit einer im 17.
Jahrhundert beginnenden bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zu ver-
folgenden Entwicklung Rechnung getragen werden kann, die solche
funktionalen Übergänge manifestiert: die kirchenslavisch-russische
Rhetorikvariante von Makarij bis Usacev14; die kirchenslavisch-russi-
schen Versionen der lateinischen Rhetorik Prokopovics in der zweiten
Phase der Altgläubigenbewegung15; die Übersetzung der Rhetorik von
Stefan Javorskij aus dem Latein durch Fedor Polikarpov16. Dies alles
sind Texte, die zum Russischen als Wissenschafts- bzw. Beschrei-
bungssprache tendieren. In denselben Kontext gehören Schriften wie
Adodurovs Grammatik des Russischen17, Lomonosovs rhetorische
und stilistische Abhandlungen sowie die Traktate der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts zu Verslehre, Stilistik und Ästhetik, die an diesen
funktionalen Zugewinn des Russischen anknüpfen können.
Trotz dieser Entwicklung steht außer Zweifel, daß das Sprachmu-
ster des Latein, nicht das des Kirchenslavischen, und die durch das
Latein in erster Instanz vermittelte Bildung (wie sie die Kiever Lehr-
stätte anbot) die auslösenden Momente waren, die Peter den Großen
bei seinen bildungspolitischen Überlegungen bewogen, sich für die
klassische Form des europäischen Jesuitenschultyps zu entscheiden.
Die Jesuitenschule, die nicht nur dem Klerus galt, sondern eine Allge-
meinbildung - und zwar eine humanistisch geprägte - vermittelte,
sollte nach seinem Willen bei der Umgestaltung der Moskauer Sla-
visch-Griechisch-Lateinischen Akademie als Vorbildlehrstätte fungie-
ren. Die Moskauer Akademie war in den 80er Jahren des 17. Jahrhun-
derts für die svobodnye mudrosti, die artes liberales, gegründet worden;
ihr Curriculum folgte zunächst dem inzwischen akzeptierten Muster:

" Zu dieser Tradition vgl. die Monographie von V. Vomperskij, Stilistiieskoe ucinie
M.V. Lomonosova i teorija trech stilej (Die Stillehre M.V. Lomonosovs und die Theorie
von den drei Stilen). Moskva 1970. S. 21-37.
15
Zur Altgläubigen-Version der Prokopovic-Rhetorik vgl. ebd., S. 92, Anm. 37.
16
Ritoriieskaja Ruka. Soiinenie Stefano Javorskago. Perevod s latinskago Feodora
Polikarpm'a (Die rhetorische Hand. Ein Werk Stefan Javorskiis. Eine Übersetzung von
Feodor Polikarpov). 1705. Lithographierte Ausgabe in der Reihe: Pamjatniki dre\nej
pis'mennosti. XX. 1878.
Zu Adodurovs Grammatik vgl. die Monographie von B.A. Uspenskij, Pervaja
russkaja grammatika na rodnom jazyke (Die erste russische Grammatik in russischer
Sprache). Moskva 1975.

185
Grammatik, Poetik, Rhetorik, Philosophie (Dialektik, Logik, Natur-
phUosophie, Ethik) und Theologie.18
Der Unterschied dieser Bildungsstätte zur Kiever Akademie läßt
sich wiederum vor dem Hintergrund Lateinkultur/griechisch-orthodo-
xe Kultur begreifen und bedeutet gleicherweise die Bestätigung der
Kontroverse: Nach den theologischen Auseinandersetzungen mit den
Altgläubigen hatte die 'griechische Partei' die Oberhand gewonnen
und das Griechische zur offiziellen Unterrichtssprache erklärt. Die er-
sten Lehrer an der Moskauer Akademie, die Griechen Ioanikios und
Sofronios Leichud19, die allerdings eine westliche Ausbildung genos-
sen und die humaniora in Venedig und Padua kennengelernt hatten,
richteten die einzelnen Kurse des westlichen Curriculum in griechi-
scher Sprache ein. Ab 1685 wurde an der Akademie in griechischer
und kirchenslavischer Sprache gelehrt. Ab 1690 begannen die Lei-
chuds - entgegen ihrem Auftrag - ihre Poetik- und Rhetorikkurse
auch in Latein zu lehren, was 1690 zu ihrer Entlassung führte. Unter
Stefan Javorskijs Patriarchat wurde die Akademie ab 1701 reorgani-
siert: Die neuen Lehrer der Akademie kamen aus der Kiever Bil-
dungsstätte, und die Lateinlehre gewann die Oberhand.20 Die Akade-
mie in ihrer reorganisierten lateinischen Form setzte sich gegen die
von Peter dem Ersten vorübergehend geförderten, von tschechischen
Jesuiten geleiteten Schulen, an denen viele Adelige unterrichtet wur-
den, durch und konkurrierte erfolgreich mit der Lutherischen Spra-
chenschule des deutschen Pastors Glück.21
Damit wurde die Moskauer Akademie zu einem Duplikat der Kie-
ver.22 Die Lehrkontinuität für das Lateinische war durch das Alvarez-
sche Lehrbuch gesichert. Dazu traten die erasmischen colloquia und
andere Grammatikübungen. Übersetzungsübungen wurden zwischen
Latein und Kirchenslavisch, nicht mehr zwischen Latein und Polnisch
durchgeführt.23
Die hiermit kurz umrissene Ausbildungssituation galt bis etwa zur
Mitte des 18. Jahrhunderts nur für Kiev und Moskau. Gewiß hatten
neben Kiev und Moskau auch andere Orte die klassische Lehre anzu-
bieten begonnen, zum Beispiel Cernigov in der Ukraine; Rostov, wo

18
Vgl. hierzu die Darstellung bei Smirnov, aaO.
19
Zum Wirken der Brüder Leichud (russ. Lichudy) vgl. Okenfuss, aaO., S. 114 ff.
20
Ebd., S. 115.
21
Ebd., S. 116.
22
Smirnov, aaO., S. 193-198; ViSnevskij, aaO., S. 17-44. Das Curriculum umfaßte 6
Lateinklassen: 1. fara oder analogia, 2. infima, 3. grammatika, 4. sintaksima, 5. piitika,
6.ritorika,danach folgten Philosophie und Theologie.
23
ViJnevskij, aaO, S. 89-176; Smirnov, aaO., S. 108-115, 136-176.

186
Dimitrij Tuptalo mit Hilfe der Institutio Grammatica eine klassische
Schule leitete, und schließlich Novgorod, dessen Metropolit zwischen
1705 und 1716 einer Schule vorstand, an der die Leichuds noch einmal
die humaniora, wieder in griechischer Sprache, lehrten.24
Die Systematisierung dieser Lehre, ihre konsequente Expansion
geschah jedoch erst mit Prokopovic: "But the systematic spread of this
kind of schooling throughout Russia began with Feofan Prokopovic
and his Ecclesiastical Regulation (1721)."25 Prokopovic, der selbst,
entsprechend dem Kiever Modell, als Lehrer der geistlichen Akade-
mie nacheinander alle Fächer des Curriculum vertreten hatte und mit
bedeutenden Kursen im Bereich der Poetik und Rhetorik hervorgetre-
ten war, die die ukrainische Tradition auf spezifische Weise modifi-
zierten, und der im Bereich der Philosophie bereits schon wieder den
ersten Schritt zur Überwindung der akademischen Lehre dieses Typs
gemacht hatte, forderte in seinem Duchovnyj reglament (Geistiges Re-
glement) von 1720 die Eröffnung von Lateinschulen in allen Diözesen
Rußlands. Diese Forderung blieb nicht unwidersprochen, was ein wei-
teres Mal die Beharrlichkeit des Gegenkonzepts bewies: Die Latein-
schule wurde als häresieverdächtig abgelehnt. Die gegen die latei-
nisch-humanistische Bildung eingestellte, neu erstarkte Gruppe trat
für eine einfache, traditionelle Schule des Kirchenslavischen ein.26
Dennoch war der Einzug des Latein auf breiter Front unaufhaltsam.27
Mitte des 18. Jahrhunderts verfügte Rußland über eine weitverzweigte
Lateinschulenausbildung nach Kiever Vorbild, die Dozenten der Lehr-
anstalten kamen aus der Kiever Akademie oder waren von Dozenten
der Kiever Akademie ausgebildet worden.28
Okenfuss, der die europäische Bildungsentwicklung in seiner Ana-
lyse und Reinterpretation der russischen Kultur im Auge behält, weist
darauf hin, daß diese klassisch-lateinische Edukationsform in West-
Europa Mitte des 18. Jahrhunderts bereits problematisch geworden
war.29 In Frankreich, England, Deutschland wurden neue Erziehungs-

l
* Okenfuss, aaO.
25
Ebd., S. 120.
26
Auch die Auseinandersetzungen zwischen Heiligem Synod und Admiralität über die
Schulkontrolle hatte eine eher hinauszögernde Wirkung hinsichtlich der Realisierung
des Prokopovicschen Bildungsprogramms.
2
In Char'kov, Belgorod, Smolensk, Kazan' und anderen Städten machte die 'Latini-
sierung' Fortschritte.
28
Zu diesen Daten vgl. P. Pekarskij, Nauka i literatura v Rossii pri Petre Velikom (Wis-
senschaft und Literatur in Rußland unter Peter dem Großen). 2 Bde. Sanktpeterburg
1862 (Nachdruck Leipzig 1972); und P. Znamenskij, Duchovnyja ikoly v Rossii do re-
formy 1808 goda (Die geistlichen Schulen in Rußland bis zur Reform 1808). Kazan'
1881.
29
Okenfuss, aaO., S. 125.

187
modeUe entwickelt. Das lateinischsprachige Curriculum wurde zugun-
sten einer volkssprachlichen Ausbildung aufgegeben. Diese Entwick-
lung begann in Rußland nicht vor 1760. "In the pre-Enlightenment
world of Peter the Great the old classical schools still continued the
very definition of education."30
Der expandierende und mit Vehemenz verfochtene Bildungsan-
spruch vermochte es, sich immer wieder gegen die dissentierenden,
auf konträre Konzepte sich berufenden Gruppen durchzusetzen und
eine lateinische Bildungstradition vom 17. bis 18. Jahrhundert in die-
sem Bereich europäischer Kultur zu begründen. In diesem Kontext
konnte es auch zur Stabilisierung poetischer und rhetorischer Lehre
und damit zur Grundlegung einer theoretischen und kritischen Be-
schäftigung mit Text- und Redepraxis kommen, was für die Heraus-
bildung der modernen russischen Literatur von entscheidender Be-
deutung war. Ein reiches Ensemble von Texten, beginnend mit den
zum Teil anonym überlieferten Kursen der Kiever Lehrstätte bis zu
den hervorragenden Lehrbüchern Prokopovics und darüber hinaus,
belegt die Dominanz und den Prozeß der Offizialisierung des am
Latein orientierten Bildungsmodells.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts machte sich wiederum
die Gegentendenz bemerkbar. Lomonosov erreichte es, das Latein als
Lehrbuchsprache durch das Russische zu verdrängen, und zwar so-
wohl in den beiden Versionen seiner Rhetorik als auch in seiner
Grammatik und seiner Stillehre. Diese Wendung gegen das Latein ist
zum einen als Anschluß an die sich im Westen vollziehende Ablösung
des Latein in einigen seiner Funktionen durch die jeweilige Volksspra-
che zu sehen, läßt sich aber andererseits durchaus auch im Kontext
der bereits genannten immer noch virulenten Kontroverse zwischen
'fremd' und 'eigen' situieren, so daß aus dieser Sicht Lomonosovs Pro-
pagierung der Volkssprache, der westeuropäische Wandel im Bil-
dungsverhalten und ein älteres russisches Bestreben zusammentreten.
Von daher lassen sich auch Lomonosovs Lob der russischen Sprache31
und Awakums Hervorhebung des "prostoj narodnyj jazyk" (einfache
Volkssprache) gegen die Bedrängung durch die Fremdsprachen in
einen Zusammenhang stellen. Die Awakumsche Preisung der Mutter-
sprache, "rodnoj jazyk"32, wird damit zum Vorläufer des Lomonosov-

31
Im "Posvjaäcenie" (Widmung) seiner Rossijskaja grammatika (Russische Gramma-
tik) versucht Lomonosov, die Unvergleichlichkeit und den Vorrang des Russischen vor
allen europäischen Sprachen zu begründen.
Vgl. das Obraiienie Avvakuma k 'ituiiim' i 'slyiaiiim' i egopochvala 'russkomu
prirodnomu jazyku' (Sendschreiben Awakums an die 'Lesenden' und 'Vernehmenden'
und sein Lob der 'russischen Muttersprache') genannte Textstück in: Pustozerskij
sbornik. Hrsg. N.S. Demkova, N.F. Doblenkova, LI. Sazanova. Leningrad 1975. S. 112.

188
sehen Sprachlobs, das seinerseits im Rahmen eines entsprechenden
Topos zu sehen ist. Im übrigen wandelten sich die extreme Bildungs-
feindlichkeit Awakums und das von ihm vertretene isolationistische
Kulturmodell bereits innerhalb der ersten Altgläubigengeneration im
Sinne einer Annäherung an das Gegenkonzept. Doch ist die Szenerie
damit noch nicht erschöpfend beschrieben. Denn der Kampf der la-
tynSöiki3* (Lateiner), der Anhänger des Reformkonzepts Polockijs,
wurde vor allem von seinem Schüler Medvedev weitergeführt. Dieser
Kampf richtete sich nicht nur gegen die Altgläubigen, sondern auch
gegen die griechische Partei Leichuds. Trotz des eben genannten
Wandels, dem sich die erste Altgläubigengeneration ausgesetzt sah,
bUeben die ideologischen Gegner aus der zweiten Altgläubigengenera-
tion unversöhnlich in der Abwehr der sich mit Beginn der petrinischen
Reformen intensivierenden Verwestlichung. Die Öffnung der zweiten
Altgläubigengeneration gegenüber der von den offiziellen Institutio-
nen angebotenen Lehre bedeutete nicht ihre Unterwerfung unter das
dominante Bildungsmodell.
Die Opposition ideologischer Führer, die zwischen Polockij und
Awakum erwachsen war, wiederholte sich mutatis mutandis in der
Gegnerschaft zwischen Prokopovic und den Brüdern Denisov34. Doch
die Denisov-Brüder gingen zunächst einen anderen Weg als die radi-
kalen Bildungsverneiner. Sie unterzogen sich einer westlichen Ausbil-
dung und studierten die Fächer, die das akademische Curriculum vor-
schrieb. Die Denisovs ließen sich in Rhetorik - dem von Awakum so
geschmähten 'Teufelswerk' - unterrichten (und zwar möglicherweise
von Prokopovic selbst35).
Die Gegenbildung der Altgläubigenkultur der zweiten Phase
durchlief die Lateinbildung, um sie in der Aneignung zu entschärfen.36
Die in letzter Instanz ablehnende Haltung gegenüber der weltlichen
Wissenschaft, gegenüber dem säkularisierten Geist des Rationalismus,
wie ihn die Denisovs wortgewaltig artikulierten, trug dieselben Merk-
male wie Awakums Wissenschaftsnihilismus. Die weltliche Wissen-
schaft war weiterhin mit dem Makel des Heidnischen behaftet. Diese

Zu Medvedev und den latynSiiki vgl. A.A. Morozov, "Problema Barokko v russkoj
literature" (Das Problem des Barock in der russischen Literatur). Russkaja literatura.
1962. 3. S. 3-38, hier S.27.
34
S.A. Zenkovsky, "The ideological world of the Denisov Brothers". Harvard Slavic
Studies. 1975. 3. S. 49-66.
35
Ebd., S. 53.
Die Denisovs gründeten eine eigene literarische Schule. Andrej Denisov bewies eine
glänzende Predigtbegabung; er orientierte sich allerdings an der alten Moskauer
Predigttradition des 16. Jahrhunderts, den Predigtvorbildern des Balkans und von
Byzanz, verschloß sich aber nicht Elementen der ukrainischen Barockpredigt. Hierzu
ausführlicher Zenkovsky, ebd., S.53 ff.

189
negative Markierung hatte sie bereits im 16. Jahrhundert erhalten, als
Maksim Grek37, nachdem er in Italien Savonarolas Verwerfung der
Renaissance-Kultur zur Kenntnis genommen hatte, die Wissenschaft
für Rußland verteufelte. Savonarola erklärte die Wiederbelebung der
heidnisch-klassischen Kultur als mit der christlichen Tradition unver-
einbar. Eine Wiederbelebung der heidnisch-klassischen Kultur wurde
von Seiten der russischen Altgläubigen in den jesuitischen Schulen ge-
sehen, so daß aus dieser Perspektive das Heidnische einerseits und
das Katholisch-Jesuitische zusammenzufallen schienen38.
Auch Prokopovic polemisierte gegen die Jesuiten. Seine Polemik
allerdings hatte einen anderen Fokus, nämlich die jesuitische Schola-
stik, den dezidierten Antirationaüsmus der Jesuiten, das Unmaß des
sprachhchen Gestus, vor allem in der Predigt. Prokopovic hat die La-
teinbildung gewissermaßen aus ihrem Jesuitismus befreit. Damit trat
die Kontroverse in ein neues Stadium, das von der Opposition Schola-
stik-Frühaufklärung / Barock-Klassizismus bestimmt wurde.

II
Barock oder Aufklärung

Dies war die eigentliche Kontroverse, in der sich Prokopovics Wir-


ken vollzog und die die Bewertung seiner Leistung als barock oder
aber frühaufklärerisch in den Darstellungen seines Werks und seiner
Person prägte. Sowohl in der aktuellen Kontroverse als auch in ihrer
nachfolgenden Beschreibung und Interpretation kommt neben einem
weltanschaulichen auch ein ästhetischer Aspekt zum Tragen, die ein-
ander bedingen. Im übrigen ist die Oppositionsbildung Barock vs.
Klassizismus-Aufklärung keineswegs Teil des Selbstbeschreibungs-
modells des 18. Jahrhunderts. Vielmehr gehört sie der Metasprache
der späteren Kulturbeschreiber an, in die deutlich wertende Züge ein-
gegangen sind (zur Metasprache der Kulturagenten des 18. Jahrhun-
derts dagegen sind Oppositionsbildungen wie rechtgläubig vs. häre-

Zu Maksim Grek vgl. D. Lichacev, Poetika drevnerusskoj literatury (Die Poetik der
altrussischen Literatur). Leningrad 1967; I. Eremin, Literatura drei'nej Rusi (Die altrus-
sische Literatur). Moskva-Leningrad 1966; neuerdings A. Saskov, "Maksim Grek i
idcologiceskaja bor'ba v Rossii vo vtoroj polovine XVII - nacala XVIII veka" (Maksim
Grek und die ideologische Auseinandersetzung in Rußland in der zweiten Hälfte des
17. und Anfang des 18. Jahrhunderts). TODRL. XXXIII. 1979. S. 80-87; und D. Bula-
nin, "Istocniki anticnych reminiscencij v socinenijach Maksima Greka" (Die Quellen
der antiken Reminiszenzen in den Werken Maksim Greks). Ebd., S. 67-79.
38
Über die Tradition der Identifizierung des Heidnischen mit dem Katholischen in be-
stimmten Phasen der russischen Kulturentwicklung vgl. den Beitrag von Ju. Lotman/B.
Uspenskij, "Die Rolle dualistischer Modelle in der Dynamik der russischen Kultur (bis
zum Ende des 18. Jahrhunderts)". Poetica 9/1. 1977. S. 1-40.

190
tisch, Wissenschaft vs. Weisheit, Bildung vs. Einfachheit, Westen vs.
Osten zu rechnen). Die aus der historischen Distanz vorgenommene
Darstellung des 18. Jahrhunderts setzt einen Barock- und einen Auf-
klärungsbegriff des Kulturbeschreibers voraus, der es ermöglichen
soll, das inteUektuelle Verhalten und kulturelle Handeln Prokopovics
zu erfassen. Welche Daten sind im Falle Prokopovics miteinander in
Einklang zu bringen? Seine Herkunft aus der am jesuitischen akade-
mischen Muster ausgerichteten Lehre, die er selber an der Kiever
Akademie vertrat, seine Kenntnis der katholischen Theologie der Zeit
(durch sein Studium in Rom), aber auch reformatorischer Ideen, seine
BUdungs- und Ausbildungsdogmatik, seine Kritik an der jesuitischen
Scholastik, am verlogenen Schwulst ihrer Predigten (besonders der
polnischen), sein Anknüpfen an die zentralen Vertreter vorbarocker
und barocker jesuitischer Lehre der Poetik und Rhetorik, die barocke
Provenienz einiger seiner poetischen und oratorischen Verfahren, sein
kritikfreier Glaube an die neue Macht des Staates, an den Aufbau
einer alles umgreifenden Institution.
Für Cracraft 3 9 ist Prokopovic im Endeffekt ein Aufklärer, ein
Mann, der aus der lateinisch-jesuitischen Bildung ausgebrochen ist,
um die vorfindliche Bildungsform zu verändern, ein Kämpfer gegen
die Scholastik für ein alle erfassendes Bildungsmodell. Das Hauptthe-
ma des aus der Sicht dieser Darstellung zentralen Werks, des Duchov-
nyj reglament (Geistliches Reglement), ist die Erziehung - zweifellos
ein aufklärerisches Hauptthema. Cracraft sieht auch die Spuren euro-
päischer Aufklärer sowohl in Prokopovics philosophisch-theologischen
Texten (Bacon, Descartes, Leibniz) als auch in seinen staatsrechtlich-
staatsphilosophischen Ideen (Grotius, Hobbes, Pufendorf).
"His ws", so Cracraft, "the first authentic voice in Russia of early
Enlightenment", er könne als "outstanding champion of the new lear-
ning", "the chief ideologist of the revolutionary Petrine State" gelten.
Dies und seinen Glauben an die "reformative power of education" 40
haben auch andere Forscher als Indizien für das Aufklärertum, zumin-
dest Frühaufklärertum Prokopovics hervorgehoben: Stupperich, Tetz-
ner, Vinter und die Autoren der diesbezüglichen Beiträge in der
Reihe XVIII vek (Das 18. Jahrhundert) 41 .

J
J. Cracraft, "Feofan Prokopovich". In: The Eighteenth Century in Russia. Hrsg. J.G.
Garrard. Oxford 1973. S. 75-105.
40
Ebd., S. 75.
41
R Stupperich, "Die Prokopovif-Renaissance im Zeitalter Katharinas IL" In: Com-
mentationes linguisticae et philologicae Ernesto Dickenmann lustrum claudenti quintum
decimum. Hrsg. F. Scholz. Heidelberg 1977. S. 441-457. Vgl. auch andere grundlegende
Arbeiten von Stupperich zu Prokopovic, "Feofan Prokopovic und seine akademische
Wirksamkeit". Zeitschrift für slavische Philologie. 17. 1940-1941. S. 70-102; und "Feofan
Prokopovic in der neueren Literatur". In: Festschrift für Margarete Woltnerzum 70. Ge-
burtstag. Hrsg. P. Brang, H. Bräuer. Heidelberg 1967. S. 284-293; J. Tetzner, Theo-

191
Aber es gibt auch eine andere Linie der Interpretation, die die
ästhetische ImpUkation dominant setzt und auf der Grundlage eines
breit gefaßten Barockkonzepts Prokopovic als einen eigene Akzente
setzenden barocken Autor bestimmt. In der damit eröffneten Diskus-
sion um Barock und Klassizismus wird letzterer als sozusagen ästhe-
tischer Ausdruck einer deutUchen Auflärungsideologie interpretiert.
Der weiter gefaßte Barockbegriff kann diese Position überholen. Ich
knüpfe hier vor allem an die Arbeiten von AA. Morozov42 an. Es ist
klar, daß Morozov das Barock gegen ein negatives Urteü, welches in
der sowjetischen Forschung eine zentrale Rolle spielen konnte, zu ret-
ten versucht.
Die Barockdiskussion innerhalb der sowjetischen Literaturge-
schichtsschreibung ist bekannt. Die barocke Tradition von Polockij bis
Derzavin, der barocke Charakter der höfischen Kultur43 in allen ihren
Erscheinungsformen, von Fest und Feuerwerk bis zu Architektur und
verbalen und gestischen Umgangsformen, ist belegt und bedarf keiner
Bestätigung, ebensowenig wie die Tradition bestimmter barocker
Konzepte (z.B. das des acumen, ostroumie, von Polockij bis Lomono-
sov)44 und Verfahren (bes. Metaphorik, Hyperbolik etc.) im Bereich
der verbalen Kunst. Morozov vermag in der Profilierung bestimmter
Elemente als dem Barock zugehöriger und in der positiven Einstel-
lung dazu (wobei er an Forscher wie Eremin und Lichacev45 anknüp-

phan Prokopovic und die russische Frühaufklärung". Zeitschrift für Slavistik. 3. 1958. S.
351-368; E. Vinter, "Feofan Prokopovic i nacalo russkogo prosveäienija" (Feofan Pro-
kopovif und der Beginn der russischen Aufklärung). XVlIIvek. 7. 1966. S. 43-46.
"Problema Barokko v russkoj literature", aaO.
43
Der barocke Charakter der höfischen Kultur des 17. Jahrhunderts erhellt aus dem
Buch von A.N. Robinson, Bor'ba idej v russkoj literature XVII veka (Die ideologischen
Auseinandersetzungen in der russischen Literatur des 17. Jahrhunderts). Mqsk\ra 1974,
in dem es allerdings nicht um die Profilierung der Barockkultur geht. Ältere und
neuere Veröffentlichungen zur Architektur im 18. Jahrhundert stellen deren barocken
Charakter heraus, z.B. Barokko v Rossii (Barock in Rußland). Hrsg. A. Nekrasov.
Moskva 1926; Russkoe iskusstvo barokko (Die russische Barockkunst). Hrsg. T.V.
Alekseeva. Moskva 1977.
44
Siehe Kap. VI in diesem Bd.
Auch die Arbeiten von Golenis"£ev-Kutuzov sind hier zu nennen, vgl. "Barokko,
klassicizm, romantizm" (Barock, Klassizismus, Romantik). Russkaja literatura. 1. 1964.
S. 104-126; und speziell zum Phänomen des acumen (agudezza) vgl. seine Stellung-
nahme in Sbornik otvetov na voprosy po literaturovedeniju (Sammelband mit Antworten
auf Fragen zur Literaturwissenschaft) zum IV. Internationalen Slavistenkongreß in
Moskau. Moskva 1958. S. 76. Von den vielen dem Barockproblem gewidmeten Beiträ-
gen von D. Tschizewskij sei hier nur zitiert "Barokko v russkoj literature" (Das Barock
in der russischen Literatur). Ceskoslovenskä Rusistika. XIII. 1968. 1. S. 10-14. Andere
Arbeiten, die z.T. differenzierte Modelle anbieten, sind in der vorliegenden Untersu-
chung nicht mehr voll berücksichtigt worden, z.B. A.M. Pancenko, "Istorija i vecnost' v
sisteme russkogo barokko" (Geschichte und Ewigkeit im System des russischen Ba-
rock). In: Kulikovskaja bitva ipod"em nacional'nogo samosoznanija. TODRL. XXXIV.
1979. S. 189-99; und ders. "Dva etapa barokko" (Zwei Etappen des Barock). In: Teksto-
logija i poetika russkoj literatury XI-XVII vekov. TODRL. XXXII. 1977. S. 100-106; und
LA. Sofronova, "Poetika Skol'nogo teatra" (Die Poetik des Schuldramas). In: Kuli-

192
fen kann), vor aUem aber in einer differenzierten Einschätzung des sti-
listisch und in seinen ästhetischen Grundvoraussetzungen durchaus
nicht einheitlichen Phänomens Barock46 diejenigen Züge der Werke
ProkopoviCs herauszuarbeiten, die einem bestimmten Platz auf der
Skala barocker Erscheinungen zuzuordnen sind.
Entscheidend für den Morozovschen Ansatz ist, daß er Barock und
'Fortschrittlichkeit' nicht für unvereinbare Gegensätze hält, Barock als
Träger humanistischer frühaufklärerischer Funktionen begreift und
von einer nationalen Variante des Barock in Rußland ausgeht, die sich
nicht in der Adaptation eines fremden Stils erschöpft, sondern die
Steigerung der eigenen stilistischen Voraussetzungen (die byzantini-
sche Tradition in der russischen Literatur) mit Elementen des westli-
chen Barock verbindet. Die Fusion dieser Elemente setzt er bei Poloc-
kij an und verfolgt in seiner Darstellung eine Entwicklung von Polockij
über verschiedene Phasen des barocken Stils bis Rzevskij und Petrov.
Die Koexistenz verschiedener Stile, die aus dem unaufhaltsamen
Einbruch des Klassizismus im 18. Jahrhundert resultiert, wird dabei
durchaus als "istori£eskoe sovmeäcenie stilej" (historische Vermi-
schung der Stile) gesehen47. Entscheidend ist des weiteren, daß Moro-
zov die petrinische Kultur gerade aufgrund der Rhetorisierung ihrer
Ausdrucksformen als barock begreift. Sein Barockkonzept für den
russischen Bereich kalkuliert die Abwesenheit des Manierismus, des
Schwulstes und im thematischen Bereich die der vanitas-ldee mit ein.
So kann Prokopovic, dessen Provenienz aus der ukrainischen barok-
ken Tradition bestätigt wird, als Autor profiliert werden, der nicht so
sehr Überwinder des barocken Stils war (wie Tetzner das sieht48), als
vielmehr das ukrainische (jesuitisch infiltrierte) Barock säkularisierte,
es durch - so kann man hinzufügen - die Aufgabe der rein ornamen-
talen Züge pragmatisierte: So wird Prokopovic als Vertreter eines
frühaufklärerischen Barock interpretierbar.
Der differenzierten Einschätzung Morozovs ist zuzustimmen, doch
wird die Interpretation der Rhetorik, die die Problematik Barock vs.
Aufklärung-Klassizismus noch einmal aufgreifen soll, einen weiteren
Akzent setzen können. Prokopovic ging mit verbaler Militanz gegen
die Scholastik der jesuitischen Lehre, gegen die Stagnation einer sich
stets wiederholenden Unterweisung vor - die für seinen intellektuel-

kovskaja bit\a, aaO, S. 176-188.


46
Vom "äkol'nyj (kievo-mogiljanskij) barokko" (Kiever-mogiljanischer Schulbarock)
Polockijs zum Petersburger Barock Prokopovics sieht Eremin, Literatura drevnej Rusi,
aaO , S. 208, den geraden Entwicklungsweg der russischen Dichtung.
Morozov, aaO., S. 36.
48
Tetzner, aaO., S. 360.

193
len Dynamismus unerträglich sein mußte - , er öffnete sich Fächern,
die traditionell nicht ins Kurssystem gehörten, wie Arithmetik und
Geometrie, und äußerte in diesem Zusammenhang seinen bemerkens-
werten Satz über die progressiv sich verändernde Erkenntnis (auf den
Cracraft mit Recht hinweist 49 ). Gegen das aus seiner Sicht vor allem
durch die Jesuiten vertretene ästhetische Konzept entwickelte er mit
aUer Konsequenz eine Maß- und Regelvorstellung, die für die Heraus-
bUdung des stilistischen Geschmacks des 18. Jahrhunderts in Rußland
nicht folgenlos war.
Daß er seiner Zeit ein Neuerer war, als Geistlicher, als akademi-
scher Lehrer ein homo novus, als Propagator und Promotor der petri-
nischen Reformen ein Mann des Bruchs mit der Tradition, läßt sich
aus der Reaktion der Zeitgenossen rekonstruieren. Der expansive An-
spruch seines Bildungskonzepts radikalisierte und steigerte das ererb-
te zu einer totalen Erziehungsutopie. (Sollte das reformierte Rußland
zu einer "ucenaja druzina"50 [Gelehrtengemeinde] gedeihen?)
Die Rezeptionsgeschichte, die Stupperich rekonstruiert, 51 spricht
von Nachruhm, von einer Prokopovic-Renaissance, von eigentlichem
Gewürdigtwerden erst in einer Phase, der das Prädikat Aufklärung
noch am ehesten zukommen mag. Stupperich, der Prokopovics ersten
Biographen, Cistovic52, zu Rate zieht, versucht diese These vom Nach-
ruhm als eigentlicher Wirkung vor allem im Bereich der Staatsidee
und der Theologie Prokopovics zu zeigen.53

III

Sprachbegriff

ProkopoviCs poetische und rhetorische Theorie, aber auch seine


literarische und oratorische Praxis sind als zentrale Beiträge zur Ent-
wicklung von Konzeptionen der Sprache und der Kommunikation im
18. Jahrhundert, nicht zuletzt jedoch als Versuch zu werten, die kom-
plizierte konkrete Sprachsituation zu entwirren. Eine Sprachsituation,

Cracraft, aaO., S. 82, vgl. Duchovnyj reglament.


50
Zitiert bei Cracraft, ebd., S. 105.
51
Stupperich, aaO., S. 446 ff.
I. Cistoviü, Feofan Prokopovii i ego vremja (Feofan Prokopovic und seine Zeit).
Sanktpeterburg 1868.
Zu Prokopovics theologischen Schriften vgl. die Monographie von H.-J. Härtel,
Byzantinisches Erbe und Orthodoxie bei Feofan Prokopovii. Würzburg 1970. Zur
Rezeption dieser Schriften im Deutschland des 18. Jahrhunderts vgl. die Untersuchung
von D. Donat, "Feofan Prokopovii (1681-1736) im Urteil deutscher Periodika des 18.
Jahrunderts". Kirche im Osten. 20. 1977. S. 90-106.

194
die, um dies zu resümieren, bestimmt war durch die Latein-/Grie-
chischfrage, die Gewichtung des Kirchenslavischen gegenüber den ost-
slavischen Sprachen, die Konkurrenz des Kirchenslavischen als Lite-
ratursprache mit dem Polnischen, die Konkurrenz und Koexistenz ver-
schiedener slavischer Sprachen wie des Polnischen, des Weißrussi-
schen, des Ukrainischen und des Russischen.
Diese Situation einer Vielsprachigkeit vermochte Prokopovic in
seinen eigenen Texten voll zu 'nutzen', während seine Reflexion darü-
ber, wie sie in seinen sprachthematisierenden Schriften zum Ausdruck
kommt, das Ideal einer homogenisierten Hoch- und Literatursprache
anzustreben schien. Seine eigene sprachliche Heterogenität und die
gleichzeitige Anstrengung, ihren Abbau konzeptuell zu begründen,
zeigen deutUch die Widersprüchlichkeit der Sprachenproblematik.
Konkret: Prokopovics Muttersprache wird als ukrainisch angegeben,
das Polnische und das Kirchenslavische galten ihm als Hoch- und Lite-
ratursprachen, Latein war die Sprache seiner Lehre. In Latein ver-
faßte er theoretische Texte wie die Poetica, die Rhetorica, Schriften
zur Theologie, Logik und Philosophie. Parallel dazu baute er eine kir-
chenslavisch-russische Dichtung auf (neben einigen Gedichten in pol-
nischer Sprache): Er schrieb lyrische Texte und eine Tragödie. Auch
seine Reden zu feierlichen Anlässen und seine Predigten sind kirchen-
slavisch-russisch, ebenso wie seine theologisch-katechetischen Unter-
weisungen.54
In seiner Sprachreflexion wurde der Gegensatz alte, klassische
Sprachen vs. moderne Sprachen konstitutiv. Prokopovic machte die
alten Sprachen zu einem Angelpunkt seiner Konzeption der modernen
Literatursprachen.55 Latein und Griechisch wurden zu exempla, an
denen sich das Ukrainische und das Russische auszurichten hatten,
sofern sie literatursprachlichen Ansprüchen gerecht werden wollten.
Auch die ererbte Sprachaxiologie von 'Alter' und 'Würde'56 eines Idi-
oms wurde für seine Konzeption wieder bestimmend; die Paradigma-
Funktion des Griechischen und Lateinischen für die ostslavischen
Sprachen leitete sich letztlich aus ihr her. Die lateinisch formulierten

->4 In der von LP. Eremin herausgegebenen Ausgabe Feofan Prokopovii. Soiinenija
(Werke). Moskva-Leningrad 1961, wird ein Überblick über seine poetische und orato-
rische Praxis sowie seine theoretischen Schriften in verschiedenen Sprachen gegeben.
Zur Rolle des Polnischen in seinen Texten vgl. die Arbeit von R Luzny, Pisarze kregu
Akademii kijowsko-mogylanskiej a literatura polska (Autoren aus dem Umkreis der
Kiever-Mogilianischen Akademie und die polnische Literatur). Krakow 1966. S. 134-
141.
Vgl. hierzu Vomperskij, Stilistiieskoe uienie, aaO., S. 76.
Vgl. hierzu die Darstellung von Entwicklung und Motivation die Sprache betreffen-
der ideologeme' bei R Picchio, "Questione della lingua e slavia cirillo-metodiana". In:
Studi sulla questione della lingua presso gli slax-i. Hrsg. R. Picchio. Roma 1972. S. 7-112.

195
Anweisungen und Theoreme seiner Poetik und Rhetorik, zunächst für
die Einübung einer lateinischen Text- und Redepraxis für die Schüler
der Kiever Akademie bestimmt, galten in der Konsequenz seines
sprachreformerischen Ansatzes dem Ukrainischen und Russischen als
den neuen, zu entwickelnden slavischen Literatursprachen.
Auf die grundsätzliche Problematik des Verhältnisses von lateini-
scher Rhetorik als einer Grammatik in 'fremder' Sprache und einer
Text- und Redeproduktion in Kirchenslavisch-Russisch bzw. in der
ukrainischen und russischen Volkssprache sei in diesem Rahmen kurz
verwiesen. Es ist ja davon auszugehen, daß ein System von syntakti-
schen und semantischen Regeln, die die Rhetorik definiert, auf ein
anderes sprachliches System übertragen wird und in diesem Verfahren
initiiert, die systemfremd sind. Bestimmte syntaktische und semanti-
sche Operationen, z.B. ein spezifischer Typ der Metaphernbildung,
können auf diese Weise eingebracht werden.57 In der tradierten Rhe-
torik verankerte Bildbereiche werden eingeführt, die den mythischen
Vorstellungen und kulturellen Erfahrungen anderer Systeme angehö-
ren. Topologisierte Metaphern und Metonymien u.a. werden vorge-
stellt. Die Prozesse der Aneignung solcher fremdsystemlicher Verfah-
ren verlaufen - das kann die Geschichte bestimmter Bildbereiche zei-
gen - sehr unterschiedlich: von einer stufenweise sich vollziehenden
Adaptation einerseits bis zur völligen Abstoßung andererseits.
Prokopovic hielt die rhetorisch definierten Verfahren für unbe-
dingt und ohne Einschränkung übertragbar. Er betrachtete sie als in-
tersprachliche Universalien. Damit schloß er sich einem Konzept an,
das für die europäischen Sprachtheorien des 17. Jahrhunderts Geltung
erlangt und seinen ausdrücklichen Niederschlag in der Grammaire
genörale et raisonnee von Port Royal 1664 (Claude Lancelot und
Antoine Arnauld) gefunden hatte, wo von natürlich gegebenen Grund-
lagen der Kunst der Rede, von Prinzipien gesprochen wird, die allen
Sprachen gemeinsam seien. Dieses Grammatikkonzept trat in Proko-
poviCs Arbeiten an die Stelle der Grammatiklehre des Lateingram-
matikers Alvarez. Mit der Anknüpfung an die Grammaire gönerale
vollzog Prokopovic einen radikalen Bruch mit der geltenden akade-
mischen Sprachauffassung. Im Rahmen dieses (von Chomsky als ge-
nerativ ausgelegten) Konzepts vermochte Prokopovic seinen poeti-
schen und rhetorischen Schriften einen universalen Status zuzuweisen:
Die Regeln, die sie enthalten, repräsentierten allgemeine Gesetze, die
für alle Sprachen in ihrer funktionalen Verwendung Geltung besitzen.
Von daher stellte sich für Prokopovic theoretisch kein Problem in der

3
Das gilt nicht nur für den Bereich der Tropen und Figuren, sondern auch den der
Metrik. Für Prokopovics in seiner Poetica behandelte Metrik ist charakteristisch, daß
sie nicht nur klassisch-antike griechische und lateinische Versmuster vorführt, sondern
auch den polnischen Syllabismus als Exempel präsentiert.

196
Diskrepanz zwischen rhetorischer Beschreibungssprache und Sprache
der konkreten Texte. Die lateinisch realisierte Regel faßt demnach
exakt nichtlateinische sprachliche Verhältnisse bzw. setzt in diesem
Verständnis voraus, daß sie von den neu sich formierenden Hoch- und
Literatursprachen des Russischen und Ukrainischen konkretisiert wer
den können.
Es ist bemerkenswert, daß in Prokopovics Sprachauffassung neben
der Idee der UniversaUtät der sprachlichen (oder genauer: der rheto-
rischen) Regeln auch der Aspekt sprachlicher Funktionalität Geltung
gewann. Seine Textpraxis beweist eine funktionale Sprachverwendung,
bei der unterschiedliche Kommunikationsziele und -gegenstände
ebenso Berücksichtigung gefunden haben wie die jeweils anders ge-
wichteten Kommunikationssituationen. Darüberhinaus führte das
funktionale Denken in ProkopoviCs Sprachkonzept zu neuen Überle-
gungen über die Rolle des in einer akzeptierten hierarchischen Ord-
nung unter dem Griechischen/Lateinischen rangierenden Kirchensla-
visch. Die Unverzichtbarkeit des Kirchenslavischen als sprachliches
Medium stand für ihn außer Frage. Mit der Einschätzung des Kir-
chenslavischen der Moskauer Redaktion als der dem 'ursprünglichen'
Kirchenslavischen am nächsten stehenden Version knüpfte Prokopo-
vic an ein Purismusideal und eine Normvorstellung an58, wie sie be-
reits auf früheren Entwicklungsstufen der russischen Sprachideologie
artikuliert worden waren. Die zunehmende Entfernung zwischen
diesem als rein und ehrwürdig verstandenen alten Idiom und den auf
der Volkssprache aufbauenden neuen Literatursprachen erschien ihm
als ein negativer Prozeß, dem es gegenzusteuern galt. Daher forderte
er eine Annäherung zwischen dem kirchenslavischen und dem volks-
sprachlichen Idiom. Auf diese Weise wollte er eine Kommunikation
garantieren, die auch die im Kirchenslavischen Ungeübten hätte ein-
beziehen können. Das Ideal von Verständlichkeit und Verständigung,
das einen neuen Aspekt in die Sprachreflexion hereintrug, war aus
einer spezifischen Kommunikationssituation erwachsen.
Mit anderen Worten: Prokopovic plante den Ausbau einer Litera-
tursprache, die einerseits mit der kirchenslavisch-schriftlichen Tradi-
tion und andererseits mit der lebendigen Volkssprache verbunden sein
sollte. Dies bedeutete eine Art Amalgam-Ideal, das dasjenige von Pu-
rismus und dignitas/Norm überspielte. Zu einer Neusicht des Puris-
mus-Ideals wurde er in seiner Auseinandersetzung mit den Jesuiten59
motiviert, in der er entgegen dem jesuitischen Latein-Purismus refor-
matorisch-lutherisch argumentierte. Seiner eigenen Hochschätzung

D8
Vgl. Vomperskij, aaO., S. 75 ff.
59
Vgl. Prokopovics bekannte Auseinandersetzung mit den Jesuiten, die bei Vompers-
kij, aaO., S. 77 ff., ausführlich dargestellt ist.

197
der klassischen Sprachen zuwider entwickelte er ein pragmatisches,
vom Kommunikationsbedürfnis her bestimmtes Anti-Dignitätsdenken.
Die Berührung mit einer in anderem Kontext geführten Sprach-
kontroverse, die in der Struktur Analogien zu der für Prokopovic gel-
tenden aufwies (tradierte Hochsprache vs. Volkssprache) und darüber
hinaus in der Frage des Latein einen tatsächlichen Problempunkt der
eigenen sprachhierarchischen Auffassungen tangierte, zwang ihn zur
Aufgabe bestimmter Ideale und zur Pragmatisierung des Sprachen-
problems im eigenen Bereich. Aus dieser Einsicht versuchte er zusam-
men mit Gavriil Buzinskij das ukrainische und weißrussische Resultat
der Schaffung einer prostaja mova (einfache Rede) der Literaturspra-
che des Südwestens der Rus' des 16. und 17. Jahrhunderts auf groß-
russische Verhältnisse zu übertragen.60 Beide Autoren übersetzten
theologisch-pädagogische Bücher in diese von ihnen geschaffene Spra-
che, die letztlich mehr kirchenslavische Elemente enthielt, als sie
selbst zu erkennen schienen. Ihr Anliegen war es, diejenigen theologi-
schen Lehrbücher abzulösen, die "slavenskim vysokim dialektom, a ne
prostoreCiem napisany" (in kirchenslavischem Hoch-Dialekt und nicht
in der Volkssprache geschrieben sind), und ihr Ziel: "sie napisalos'
prostoreCno, daby samoe skudoumnejäee lico moglo vyrazumet'"61
(daß sie in der Volkssprache geschrieben seien, damit auch die einfäl-
tigste Person sie verstehen könne). Dieser Sprachversuch führte zu
einem Idiom, das P. Ziteckij als "smeäannaja reC" (gemischte Rede)62
apostrophierte und das sich von vornherein als revisionsbedürftige
Übergangslösung erwies.

IV
D i e Ars rhetorica und ihr Kontext

Im nicht präzis zu umreißenden Feld einer bestimmten Abhängig-


keit von vorgegebenen Mustern und deren Überwindung ist Prokopo-
vics Rhetorik-Kurs zu sehen, den er im Rahmen der etablierten Lehre
des beschriebenen Typs an der Kiever Geistlichen Akademie 1706/7
nach Absolvierung seines Poetikkurses, den er im vorausgegangenen
Studienjahr gehalten hatte, las.
Poetica und Rhetorica markieren eindrucksvoll den endgültig voll-
zogenen Bruch mit der Textkultur und den Aufbau einer Regelkultur,

w
Vgl. ebd., S. 77.
61
Zitiert nach ebd., S. 78.
62
P. Ziteckij, K istorii lileratumoj reii v XVIII veke (Zur Geschichte der literarischen
Rede im 18. Jahrhundert). IORJaS. VIII/2. 1903. S. 23.

198
auch wenn die paradigmatische Funktion von kanonischen Texten wei-
terhin eine Schlüsselstellung innehaben wird. Doch das mit der Mitte
des 17. Jahrhunderts neu sich artikulierende Modell mit einer Bil-
dungskonzeption, die die Regel und deren Erlernbarkeit dominant
setzt, wird hier signifikant in der Rhetorik als einer sekundären Gram-
matik, als einer Regelanweisung für die Text- und Redeproduktion,
für verbales Verhalten und als eines Beschreibungssystems. Proko-
povics rhetorische Lehre wächst wie die poetische aus der barocken
Konzeption hervor, aber ihr entgegen und über sie hinaus. Er schreibt
sich ein in eine Tradition, die von den 'klassischen' Vertretern poeti-
scher und rhetorischer Lehre geschaffen worden ist. Darunter sind
viele Jesuiten, auch barocke Jesuiten. Aber es sind, und dies alles be-
stätigt den Morozovschen Interpretationsansatz, Theoretiker, die in-
nerhalb des Barock jene zur Klassizität, zum Maß tendierende Seite
eingenommen haben. Daß ProkopoviC diesen Aspekt elaboriert, ent-
wickelt, amplifiziert und eigentlich in seiner Funktionalität auch neu
begründet für einen neuen sozialen und kommunikativen Kontext,
wird zu zeigen sein.
Wenn für seine Poetica neben dem einflußreichen Traktat über die
Poetik von Julius Caesar Scaliger die Abhandlungen und Lehrbücher
von Jacobus Pontanus, Jacobus Masenius, Alexander Donatus den
Referenzrahmen darstellten63, so für seine Rhetorica die rhetorischen
Werke von Aphthonius Sophista, Famianus Strada, Melchior Iunius,
Nicolaus Caussinus, Gerhard Johannes Vossius, Cyprianus Soarius
und Franciscus de Mendoca. Die antike rhetorische Lehre nimmt als
paradigmatische allerdings einen weit größeren Raum ein, neben
Aristoteles vor allem Cicero, aber auch Quintilian, der Auetor ad
Herennium und Tacitus. Der Bereich der oratorischen und poetischen
Praxis, soweit er als exemplarisch herbeizitiert wird, ist hinsichtlich
der Redegattungen, der poetischen Gattungen und der Geschichts-
schreibung durch antike Autoren abgedeckt. Daneben rücken für das
Oratorische die christlichen byzantinischen Prediger, vor allen Johan-
nes Chrysostomus. Der Negativbereich ist durch die polnische jesuiti-
sche Predigt, speziell die des Tomasz Mlodzianowski repräsentiert.64
Dieses Sich-Einschreiben in eine Lehre und Theorie bedeutet auch
die Übernahme von Theoremen, Regelformulierungen, Beispielmate-
rial aus den Schriften der Vorgänger; der Akzent liegt nicht auf der
Originalität. Es hieße die RoUe des Lehrbuchs verkennen, wollte man
von vornherein Innovation erwarten. Dennoch gibt es gerade in der

Vgl. zu den Quellen seiner Poetica den Kommentar von G.A. Stratanovskii. In:
Feofan Prokopovii. Soiinenija. Hrsg. LP. Eremin. Moskva-Leningrad 1961, S. 491 ff.
Vgl. auch den Kommentar zu Feofan Prokopovii. De Arte Rhetorica Libri X. Kijoviae
1706. Hrsg. R Lachmann. Slavistische Forschungen. Bd. 27/2. Rhetorica Slavica. Bd. 2.
Köln 1982. S. 471.

199
Auslegung tradierter Bestimmungen argumentativer und verbaler
Verfahren die Möglichkeit der Abweichung, des neuen Akzents, auch
der Kritik, die neue Tendenzen in der Lehre begründen können. Im
slavischen Bereich ist es Sarbiewski, der in diesem Sinne als Schöpfer
origineller Theoreme in seinen Traktaten zur Rhetorik und Poetik,
besonders in De acuto et arguto, gewertet werden kann. Sarbiewski
(Jesuit, Lehrer der Poetik und Rhetorik in Rom) wurde dann auch
einer der wichtigen Theoretiker des acumen65, 'Lehrvater' der ukraini-
schen Lehrbuchverfasser und Lehrbuchabschreiber.
Auch Prokopovic ist ein Autor, der aus der reinen Übernahme der
Lehransätze ausbricht. Und von daher wird verständlich, daß er nun
der paradigmatische Autor für die Poetik- und Rhetorikkurse wird,
die nach seinem Weggang in Kiev gelesen wurden, bis weit in das 18.
Jahrhundert hinein, aber auch für die sich an der Moskauer Akademie
durchsetzende Lehre.66 Er wird der Musterautor für die Lehre von
den drei Stilen, wie sie signifikant bei Lomonosov formuliert und auf
die bestehende Situation der Sprache appliziert wird. Lomonosovs
Lehrer, Krajskij und Kvetnickij, kommen bekanntlich von der Kiever
Lehrstätte, also aus der von Prokopovic bestimmten Tradition. Daß
ProkopoviCs Lehre auch einen Bereich affiziert, der sich ihr zunächst
verschließt, ist ein Punkt, der eigener Untersuchung bedarf. Es ist
erwiesen, daß die Altgläubigen nach der Jahrhundertwende rhetori-
sche Lehre nach ProkopoviCs Kurs adaptierten und russische Versi-
onen herstellten.
Doch ist Prokopovics Ars rhetorica - trotz ihrer Originalität in der
Gewichtung und radikalen Auslegung bestimmter Konzepte - auch
ein Spiegel der überlieferten rhetorischen Lehrmeinungen, die zitiert
und reformuliert werden. Dieser konservierend-ehrfürchtige Umgang
mit der Lehrtradition ist legitimiert durch den "Glaube[n] an einen
übernationalen, allgemein gültigen und anwendbaren Kanon literari-
scher Theorie", wie dies Ludwig Fischer für den Typ des Lehrbuchs im
deutschen Bereich formuliert.6"

Zu Sarbiewkis acH/ne/i-Lehre vgl. Kap. IV in diesem Bd.


66
Zur Geschichte und Tradition der poetischen und rhetorischen Sprachlehre in der
Ukraine und Rußland vgl. vor allem folgende Arbeiten: Vomperskij, Stilistiieskoe
uienie, aaO.; G.M. Sivokin', Davni ukrajns'ki poetyky (Alte ukrainische Poetiken).
Char'kov 1960; R. Luzny, "'Poetika' Feofana Prokopovica i teoriia poezii v Kievo-
Mogiljanskoj akademii" (Die Poetik Feofan Prokopovics und die Theorie der Poesie
an der Kiever-Mogilianischen Akademie). In: XVIII vek. VII. 1966. S. 47-53 sowie ders.,
"Pisarze krejju Akademii", aaO; I. K Bilodid, Kyjivo-Mohyljans'ka Akademija v istoriji
schidnoslovjans'kych literaturnych mov (Die Kiever-Mogilianische Akademie in der
Geschichte der ostslavischen Literatursprachen). Kyjiv 1979.
67
L. Fischer, Gebundene Rede. Dichtung und Rhetorik in der literarischen Theorie de
Barock in Deutschland. Tübingen 1968. S. 254.

200
Im folgenden soU nicht die Klärung der Quellenabhängigkeit vieler
Teile der Rhetorik von Prokopovic versucht werden, sondern eine In-
terpretation seines rhetorischen Denkens im Blick auf dessen Bedeu-
tung für die bestehende und neu sich orientierende Kommunikation.
Reflektiert werden soll die spezifische Akzentuierung rhetorischen
Handelns und rhetorischer Wissenschaft, die in seiner Ars rhetorica
vollzogen wird.

Die Systematik d e r Ars rhetorica

Die Systematik der zehn Bücher umfassenden Rhetorik Prokopo-


viCs läßt sich durch Hervorhebung von drei Schwerpunkten kennzeich-
nen: 1. die Funktionsbestimmung der Rhetorik (ihre Einbettung in
eine von der Antike bis ins 17. Jahrhundert reichende Tradition und
Verknüpfung mit einem verbindlichen Kanon); 2. die Behandlung der
Gattungen (a: die drei klassischen genera, b: die oratio sacra als delibe-
rativ-demonstratives genus, c: die 'schriftlichen' genera der historia und
epistola); 3. die Behandlung der Rederealisierung (memoria, pronun-
tiatio und gestus). Diese Systematik läßt sich innerhalb der Tradition,
in der sich Prokopovic selbst situiert und die in gewissem Umfang
auch für die ukrainische rhetorische Lehre gilt, am ehesten mit dem
Aufbau von Caussinus' De eloquentia sacra et humana, libri ATT68 ver-
gleichen. AUerdings unterscheidet sich die Gattungseinteilung bei Pro-
kopovic durch die Berücksichtigung von Historio- und Epistolographie
und, wie noch auszuführen, hinsichtlich der Stellung der oratio sacra.
Darüber hinaus bestehen etliche thematische Übereinstimmungen
mit der caussinischen Rhetorik ebenso wie mit den Artis dicendi
praecepta69 des Melchior Iunius, aus denen ProkopoviC mehrfach
wörtUch zitiert.70

68
Paris 1619. Die hier benutzte achte Auflage erschien 1681 in Köln.
69
Regensburg 1594.
' u Zur Stellung der Prokopovifschen Rhetorik innerhalb der ukrainischen Tradition
und über ihren prägenden Einfluß auf die nachfolgende ukrainische und russische
Entwicklung sei auf die Arbeiten von Luzny, aaO., und Vomperskij, aaO., verwiesen.

201
VI
ProkopoviCs rhetorisches Konzept

Im folgenden möchte ich versuchen, den Platz der Ars rhetorica


von Prokopovic auf dem Hintergrund der oben vorgeschlagenen Ge-
genüberstellung zweier Rhetoriktypen zu bestimmen. Prokopovic
trennt in seiner Definition der Ars rhetorica scharf zwischen Rhetorik
als Wohlredenheit und Rhetorik als Anweisung, wie diese zu erwerben
und einzusetzen sei, und bewegt sich damit im Rahmen einer Tradi-
tion von Aufgaben und Funktionen, die die Rhetorik seit der Antike
wahrgenommen hat.
Es wird in seiner Definition in Liber I: Communia monita deutlich,
daß die der Rhetorik immanente Ambiguität berücksichtigt wird. Es
ist eine Ambiguität, die aus der sozialen Rolle der Rhetorik als techne,
die man erwerben kann, und aus ihrer Rolle als Wissenschaft entsteht,
die diese techne vermittelt und rhetorisch verwaltet.
Rhetorica als ars, die "in vita civili locum occupat"71, ist durch zwei
Momente bestimmt: das der honestas und das der utilitas. Dies sind
die seit der Antike ihr beigemessenen Prädikate, die Pflicht- und Rol-
lenbestimmung ineins sind.
Honestas deckt die moralische Haltung des Redners ab, die mora-
lische Grundhaltung der Rede in der Gesellschaft für die Gesellschaft;
utilitas meint die pragmatische Orientiertheit dieser sprachlichen
Kunst, die in der persuasio ihre Erfüllung findet. Die Reduktion der
Redekunst auf das officium des persuadere, das Übergewicht der utili-
tas über die honestas haben in ProkopoviCs Sicht zu deren Verfall und
negativer Einschätzung durch die Rhetorikkritiker geführt. Die Tat-
sache, daß Prokopovic hier beide Momente gleichberechtigt neben-
einander nennt, zeigt, daß er sie als integren Faktor, der eine bedeu-
tende öffentliche und soziale Rolle spielen kann, verstehen will, um
die Rhetorik als die große ars honesta et utilis in vita civili zu etab-
lieren.
Er eröffnet ihr einen Bereich, der alle öffentlichen Belange um-
faßt, und steckt den neuen sozial relevanten Kommunikationsraum ab:
Gravissima enim negotia in foro atque indicijs, in curia, in senatu, in Regia, in
sacris aedibus, fanisquereligiosissimiscurat et peragit. Indagat et persequitur cri-
mina, disputat de virtutum genere et dignitate: Aperit naturae arcana: arguit fortu-
nae inconstantiam: Regnorum ortus et interius, variasque rerum (humanarum)
vicissitudenes exponit: Heroum Regumque res gestas ponit ob oculos: Viros, qui
in laude versati sund, magnifice exornat: Dej I: O: M: sacra pertractat, laudes
praedicat, Imperia et leges ad populum promulgat: Ne multa: si, quid (quidquid)
in rerum natura est, id omne Oratoris materia esse potest. (7-8)

1
Hier und im weiteren zitiert aus Feofan Prokopovif, De arte rhetorica. Libri X.
Kijoviae 1706. Hrsg. R Lachmann, aaO, hier S. 6.

202
Bei diesem Entwurf eines Kommunikationsraumes handelt es sich al-
lerdings nicht um die Abbildung eines realen russischen Bereichs
kommunikativer Handlungen, was bereits aus dem Faktum der gene-
rellen Unübertragbarkeit eines Inventars von lateinischen Anweisun-
gen und Termini auf russische sprachliche Institutionen folgt. Viel-
mehr ist die Schaffung eines einheitlichen Kommunikationsraumes, in
dem ein und dieselbe ars gut, die unterschiedliche Funktionen gemäß
den kommunikativen Aufgaben wahrnimmt: peragit, disputat, arguit,
exornat, praedicat, promulgat etc., erst ein Ziel des Lehrbuchs. Umge-
staltung und Neuorganisation, Bewußtmachung von Rede in und für
eine neue poUtische Öffentlichkeit erweisen sich als Aspekte, die die
Rhetorik aus dem Rahmen des Schulprogramms einer Bildungsstätte
zu lösen versuchen.
Prokopovic konkretisiert die utilitas und den Anwendungsbereich
der ars oratoria, wenn er ihre soziale Rolle gerade für Rußland sehen
möchte: "et in hac maximc natione, necessaria sit nobis Eloquentia"
(12), die er in Überwindung des 'Naturzustandes' (des Zustandes des
vorpetrinischen Rußland) sieht, was er mit einem langen Cicero-Zitat
aus De inventione I zu stützen versucht. Die Aktualität seines Rheto-
rikkonzepts will er immer eingebettet verstehen in eine klassische an-
tike Lehre, besonders da, wo diese selbst den Aspekt des Öffentlichen
und Politischen und Politisch-Moralischen vertrat. Das öffentliche,
private und religiöse kommunikative Verhalten erscheint nach dem
Willen ProkopoviCs als rhetorisch gesteuert und steuerbar. Die Rede-
kunst kann Rußland im innen- und außenpolitischen Bereich Nutzen
bringen, da sie Regeln für die Abfassung von Staatsbriefen (17) eben-
so angibt wie solche für die Niederschrift von Heiligenviten (19).
Staatsbriefe und die Viten von Heiligen (wie sie nur "Rossia" habe
hervorbringen können) drücken die eigene Kultur aus, bauen ein Be-
wußtsein von der eigenen vergangenen Leistung auf. Es ist bemer-
kenswert, daß Prokopovic in diesem Zusammenhang nicht an die
hochentwickelte Überlieferung altrussischer Heiligen- und Fürstenvi
ten erinnert, die ja ihrerseits stark rhetorisiert ist. Ihm geht es um eine
neue Eloquenz, deren Staats- und kirchenstützende utilitas er als Stu-
dium für die roxolani iuvenes empfehlen möchte.
Die Kraft der persuasio schätzt Prokopovic für die Durchsetzung
des petrinischen Reformwerks höher ein als "Waffen" und "große
Heere". Die Ausbildung in der ars oratoria wird so zur öffentlichen
Sache: Der vir bonus (im Sinne Quintilians), d.h. der Rhetor, der die
Bedürfnisse von Staat und Gesellschaft sieht, setzt sich für die Durch-
setzung vernünftiger Ziele ein.
Es ist nicht von ungefähr, daß die honestas und utilitas in Prokopo-
viCs Denken ganz in den Dienst der Staatsreform gestellt werden. Die

203
Pragmatisierung der gestalteten Rede, ihre Lösung aus dem schuli-
schen Rahmen, die Überschreitung ihrer rein bildungsmäßigen Impli-
kationen sind damit angezeigt. Die vita civilis löst die Bildungsstätte
ab. Und es wird klar, daß Prokopovic hier eine vita civilis vorschwebt,
die Instanzen vorsieht, Redesituationen und Redegegenstände bereit-
hält, wie sie die lateinisch tradierte Rhetorik suggeriert, und die ande-
ren als dem russischen Kommunikationsbereich korrespondieren. Ein
einheitUcher Raum, in dem Rede auf dem öffentlichen Platz (in forö),
in Justizgebäuden, in der Kurie, im Senat, im Regierungssitz, in heili-
gen Gebäuden und in frommen Gebetshäusern wirkt, Verbrechen ver-
handelt, die Geheimnisse der Natur entdeckt, über das Schicksal räso-
niert, Aufstieg und Untergang von Herrschaften als gesta von Helden
und Herrschern beschreibt, ein solcher einheitlicher, rhetorisch ver-
walteter und rhetorisch interpretierter Raum existiert in Rußland
nicht. Prokopovic strebt ihn an: Die Rhetorisierung des öffentlichen
Lebens (die das private massiv tangiert) schafft die Allpräsenz einer
Macht, die mit sprachlichen Mitteln alles bewältigt, alles zu ihrem
Thema macht: "si, quidquid in rerum natura est, id omne Oratoris
materia esse potest!" (8)
Die R h e t o r i s i e r u n g d e s L e b e n s schließt eine Neu-
bewertung der Rhetorik als Lehre und als Beschreibungsinventar
sprachlicher und argumentativer Verfahren, d.h. als Sekundärgram-
matik ein. Die Rhetorik erhält in diesem Verständnis einen anderen
Stellenwert: Sie wird Grammatik eines rhetorischen Verhaltens. Rhe-
torisches Verhalten bedeutet Sinnzuweisung, Aneignung und Model-
lierung von Welt entsprechend einem die gesamte Kommunikations-
gemeinschaft bindenden Kode. Ein Zusammenfließen des öffentlich-
politischen und des öffentlich-religiösen Raums (die stark politisieren-
de, profanierte ars oratoria sacra des Predigers Prokopovic macht das
sehr deutlich) setzt ein.
Die angestrebte Vereinheitlichung des Kommunikationsraums
wird eine Vereinheitlichung in der Sinnzuweisung und Modellierung
der Welt, der sozialen Umwelt, zur Folge haben, aber auch eine selek-
tive Perspektivierung der Gegenstände. Die Gesellschaft, die sich der-
selben Sprache bedient, desselben Zeicheninventars, also die Zeichen-
gemeinschaft (das znakovoj kollektiv, Zeichenkollektiv, im Sinne Pavel
Medvedevs72) wird auf eine Ideologie hin ausgerichtet. Die Rhetorik
übernimmt die Rolle der Ideologiestifterin. Ihr Ziel ist die allgemeine
Einstimmung in das neue Staats- und Gesellschaftsgefüge. Es ist eine
aufklärerische utilitas, und es ist eine aufklärerische honestas, die

11
Formal'nyj metod v literaturovedenii. Reprint Hildesheim-New York 1974. (Dt.: P.
Medvedev, Die formale Methode in der Literaturwissenschaft. Hrsg. u. Übers. H. Glück.
Stuttgart 1976).

204
ProkopoviC anstrebt: die Erweckung des Interesses für ein bien public,
zu dem alle beitragen können, durch Unterstützung des Reformwerks.
Das rhetorische Denken ProkopoviCs steht ohne Zweifel ganz im
Dienste der sich einrichtenden zentralistisch-absolutistischen Staats-
macht. Es vertritt nicht die Interessen einzelner Gruppen, Stände etc.,
sondern das staatlich-offiziöse Interesse.
Die Rhetorik wird als Instrument begriffen, das die Konstruktion
eines nach neuen Hierarchievorstellungen funktionierenden einheit-
lichen Kommunikationssystems mit einheitlicher Sprache, einem kla-
ren Gefüge relevanter Kommunikationssituationen zu stützen versucht
und damit eine zur Einheitlichkeit sich organisierende Kultur. Der
Abbau der sprachlichen Heterogenität, des raznoreöie (Vielsprachig-
keit), zusammen mit der kulturellen (Bojarenkultur, Hofkultur, Kauf-
mannskultur), ist ein Desiderat dieses sich öffnenden Systems, das sich
selbst und sein Verhältnis zur nichtrussischen Kultur neu bestimmt.
Diese Neubestimmung wird dem Gesamt oktroyiert, was in der Folge
zu einer erneuten Schließung des Systems beiträgt.
Der Zusammenhang jedenfalls zwischen dem Einsatz der Rhetorik
als Metatext mit normativer Funktion und der Staats- und Gesell-
schaftsreform Peters I. ist evident, auch wenn keine direkte Kausalität
herstellbar scheint. Die neue Aktualität, die die Rhetorik in ihrer alten
Rollenbestimmung findet, die Weise ihrer Pragmatisierung und Offizi-
alisierung, ja die Restitution der Rhetorik als einer (aus ProkopoviCs
Sicht) moralischen Kraft (Quintilian), nunmehr als aufklärerisch be-
stimmbar, scheinen die Krisen zu überspringen, die die Rhetorik in ih-
rer westlichen Tradition bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hat.
Welche Form, welchen Typ von Rhetorik vermittelt ProkopoviC,
Lehrer der Rhetorik und Rhetor, der mit öffentlichen staatlich-kirch-
lichen Reden, die ihren Predigtcharakter fast ganz unterdrückt haben,
hervorgetreten ist? Er bietet, so scheint es auf den ersten Blick, eine
Variante der Rhetorik an, die er in Opposition zur ukrainisch-jesuiti-
schen barocken Tradition entwickelt.
Der Gesamtduktus seiner zehn Bücher umfassenden Rlietorica läßt
eine 'neohumanistische' Auffassung erkennen, die sich in einer konse-
quent entwickelten decorum- und Dreistillehre artikuliert. Die scharfe
Auseinandersetzung mit Vertretern der polnisch-jesuitischen Rede-
kunst, die Warnung vor Schwulst und Übertreibung, vor schlechtem
Stil und der Verletzung des decorum sowie die schwache Ausbildung
der acumeTi-Lehre, Hauptstück barock-manieristischer Rhetorik, er-
weisen ProkopoviCs Buch als konservativ, maßorientiert, 'klassisch'.
Seine Berufung auf antike Vorbilder wie Cicero und Quintilian stützt
diesen Duktus ab.
Die normative Forderung, die seine Rhetorik in der Doktrin des

205
decorum stellt, situiert sich in einer das Barock oder besser alle Pha-
sen der Regelüberschreitung, in denen letztere zur Regel wurde, über-
springenden Tradition, partizipiert am klassischen Strang rhetorischer
Konzeption bzw. demjenigen, der eine klassische Interpretation der
Rhetorik anbot. ProkopoviCs Gewährsleute stecken den Weg ab, auf
dem sich seine Lehre herausbildete: Rhetoriker und Rhetoren.
Der Glaube an die Erlernbarkeit der Regel und ihre Universalität
sind zentrale Punkte der Rhetorikauffassung, die ProkopoviC mit sei-
nem lateinisch abgefaßten Kurs betont; die darin enthaltene Beschrei-
bung von Verfahren der inventio, dispositio und elocutio soll nicht nur
der Anweisung für die Abfassung von Texten in lateinischer Sprache
dienen, sondern durchaus auch Versuche in der Muttersprache (was
immer ProkopoviC darunter verstehen mochte) in Gang setzen. Die
Diskrepanz zwischen der lateinischen Beschreibungssprache des Re-
gelbuches und dem Ukrainisch bzw. Russisch solcher Texte wird aller-
dings von ProkopoviC an keiner Stelle thematisiert. Das mag bedeu-
ten, daß er in der Tat so etwas wie eine rhetorische Universalität an-
nimmt, analog dem Konzept der sprachlichen Universalien, das ihm
die Grammatik von Port Royal vermittelte.
Die Universalieneinstellung wird insbesondere im Zusammenhang
mit der Entwicklung der Dreistillehre in ProkopoviCs Rhetorik deut-
lich, die auf die nationalsprachliche Situation und deren Problematik
keinerlei Bezug nimmt. Und dennoch: ProkopoviCs eigene Textpraxis
verläßt sich da, wo sie ästhetische und persuasive Ziele hat, auf ein
noch 'ungeordnetes' slavisches Idiom. Wie zuvor Simeon Polockij ver-
festigt ProkopoviC mit der eigenen poetischen Produktion bestimmte
Gattungen und trägt damit zu einer Verschiebung des bestehenden
Gattungsgefüges bei. Aber auch diese Tatsache läßt sich letztlich auf
einen Universalienglauben zurückführen: ProkopoviC übersetzt nicht
konkrete Texte, sondern er 'übersetzt' Gattungsformen und damit ver-
bundene Verfahren. Es ist die 'Übersetzung' von V e r f a h r e n in
den slavischsprachigen Kontext, die den 'poetischen' und 'orato-
rischen' Sprachgebrauch verändert.
Aus kritischer Perspektive erscheint das Universalia-Konzept
ProkopoviCs als das einzige 'rationalistische' Moment seiner Rhetorik.
Die aufklärerische Einstellung, die seinen Schriften zugeschrieben
wird, läßt sich kaum auf deren Behandlung der Funktion von Sprache
und Rede beziehen - denn dies müßte, wenn nicht gar die Infrage-
stellung der Rhetorik, so doch zumindest eine kritische Position ihr
gegenüber zur Folge haben.
Mir scheint daher der Hinweis auf Bacon und Descartes zur Profi-
lierung des rationalistisch-frühaufklärerischen Habitus dieses Rhe-
torikkonzeptes wenig fruchtbar.73 ProkopoviC entwirft eine sprachliche

206
und kommunikative Ordnung, ohne die Institutionen sprachlichen
Handelns zu hinterfragen. Er rechnet nicht ab mit den 'Idolen' (wie
Bacon), entwickelt keinen Skeptizismus gegenüber Sprache und Wort.
Die Wörter stehen für die Dinge, und ihr Für-die-Dinge-Stehen ist ga-
rantiert und liegt v o r der Erfahrung des Sprechenden. Der
Sprechende übernimmt ein Arsenal von durch Autoritäten, exempla,
Tradition verbürgten Kommunikationsformen. Er hat sie lediglich
richtig anzuwenden in einem Ensemble von garantierten, zulässigen
Kommunikationssituationen. Er soll, sprechend, persuasio stiften (po-
litisch, moralisch, religiös Sinnvolles), wobei er sich fraglos den Ri-
goren etablierter Beziehungen zwischen res und verba unterwirft.
Denn nur die (affirmative) Herstellung der erwartbaren und immer
gut geheißenen Beziehung zwischen res und verba verhilft ihm zu sei-
nem officium. Der Redner ist definiert in diesem officium.
ProkopoviC schafft mit dem Bild des Redners auch das Bild einer
rhetorischen Gesellschaft, die an der Konvention des decorum teilhat,
d.h. in diese eingeführt und eingeweiht wird. Eine derart intakte deco-
rum-Lehre zu Beginn des 18. Jahrhunderts läßt keine Grundsatzfragen
im Sinne von Descartes oder Bacon zu. Ihr Ziel ist, indem sie eine
sprachliche, kommunikative und ideologische Homogenität anzustre-
ben versucht, die Systemstabilisierung. Andererseits steht außer Zwei-
fel, daß die damit begonnene Reduktion der vorfindUchen sprach-
lichen und kulturellen Heterogenität eine die bestehende gesellschaft-
liche Ordnung beunruhigende Funktion übernehmen kann. (Die Ein-
schätzung des petrinischen Reformwerks als revolutionärer Tat aus
der Sicht der Dekabristen berechtigt durchaus zu einer analogen Be-
urteilung der Leistung ProkopoviCs im Bereich von Sprache und Kom-
munikation, aber nicht zu deren Qualifizierung als aufklärerisch -
wenn aufklärerisch einen ideologiekritischen Aspekt implizieren soll.)
Weder die starke Praxisbezogenheit der Ars rhetorica ProkopoviCs
noch die weitgetriebene Entsakralisierung der Redegenres, insbeson-
dere der Predigt, vermögen den autoritativen, ja autoritären Charak-
ter rhetorischen Denkens, wie er in der Lehre vom bene dicendi mani-
fest wird, zu problematisieren. Diese wird durch keinerlei rationalisti-
sche Kritik unterlaufen. Die 'neue' russische Gesellschaft soll ihre
Umwelt, ihren byt (Alltag), mithilfe von überkommenen Kategorien
reproduzieren, ohne deren wertende Implikationen zu reflektieren. Ja,
sie soll soziales Leben, sprachliche Interaktion mit diesen Mitteln
allererst etablieren.
Es gilt zu verstehen, wie mit ProkopoviCs Ars rhetorica ein 'rhe-

' J Vgl. die Arbeiten von J. Tetzner, Theophan Prokopovif und die russische Frühauf-
klärung", aaO., und E. Vinter, "Feofan Prokopovif i nacalo russkogo prosveäcenija",
aaO, XVIII vek. 7. 1966. S. 43-46 u.a., die Prokopovif als Frühaufklärer bestimmen und
dabei auf die englischen Empiriker hinweisen.

207
torisches Denken' vermittelt wird, nicht nur ein rhetorisches Hand-
buch über die Verfertigung von Texten und Reden. Die lateinisch ge-
schriebene Rhetorik bleibt klassischer Lehre stärker verpflichtet als
die muttersprachliche; dies zeigt die Beobachtung der deutschen Ent-
wicklung. So ist Masenius' decorum-Lehre im Vergleich zu deren Wei-
terentwicklung in der deutschsprachigen Version von Georg Philipp
Harsdörffer eher konservativ; noch evidenter ist das Beispiel Christian
Weises, dessen lateinische Schriften hinter seinen deutschen zurück-
bleiben.74 Ob dieses Gefälle 'konservativ*/'weiterentwickelt' für die la-
teinische bzw. kirchenslavisch-russische Rhetorikentwicklung in Ruß-
land ebenso gilt, müßte noch in Einzelfällen überprüft werden. Die la-
teinische Rhetorik ProkopoviCs jedenfalls trägt alle Anzeichen einer
konservativen Doktrin, die allerdings, wie bereits ausgeführt, in ihren
Funktionen reaktualisiert wird.
Es wird deutlich, daß Bildung im 18. Jahrhundert in Rußland im-
mer stärker als rhetorische Bildung auftritt, daß rhetorisches Verhal-
ten zu einem zentralen Faktor der kulturellen Interaktion wird. Der
Beginn dieser Entwicklung liegt im 17. Jahrhundert, darauf hat bereits
Robinson in seiner Untersuchung Bor'ba idej75, die das Kommunika-
tionssystem im höfischen Bereich analysiert, hingewiesen. ProkopoviCs
Ansatz einer Rhetorisierung geht über das 17. Jahrhundert weit hin-
aus; jeder "grazdanin" (Bürger) soll sich rhetorisch emanzipieren. Da-
mit funktioniert er erst wirklich im Staatsgefüge. Sowohl die Esoterik
eines kleinen höfischen Kreises als auch die Selbstgenügsamkeit der
Bildungsstätten wird verlassen. Die "kommunikative Kompetenz" ist
zwar nach Ständen geordnet, aber sie betrifft jeden.
Doch noch ein weiterer Aspekt scheint in diesem Zusammenhang
wichtig: Der Import (bzw. die Ausbreitung) der Rhetorik impliziert
die Texterfahrung, die sie verursacht hat und aus der sie sich speist.
Nicht nur das nackte Regelinventar, der Beschreibungsapparat, die
pure Normativität oder die Rhetorik als bloßes Bildungsgut, sondern
auch die rhetorisch produzierten, rhetorisch gesteuerten Texte werden
mittradiert, oder Texte, von deren Organisation die rhetorische Be-
griffsbildung bestimmt wurde. Rezipiert wird nicht nur die Rhetorik,
rezipiert werden auch ihre paradigmatischen Texte, ein kanonbilden-
des Inventar.
Die Rhetorik avanciert zur Lehre vom sozialen Verhalten, das sich
auf eingespielte Muster verlassen soll. Gerade das Zurverfügungstel-
len der Topik, eines Inventars von öffentlichen, auf Konvention beru-

Vgl. L. Fischer, Gebundene Rede. Dichtung und Rhetorik in der literarischen Theorie
des Barock in Deutschland. Tübingen 1968. S. 250.
A.N. Robinson, Bor'ba idej v russkoj literature XVII veka (Ideenstreit in der russischen
Literatur des XVII. Jahrhunderts). Moskva 1974.

208
henden, erprobten 'richtigen' Meinungen (den endoxa), wie sie die Ar-
gumentenlehre der Rhetorik anbietet, macht das deutlich. An diesem
Punkt tritt die bereits genannte Doppelfunktion der Rhetorik exem-
plarisch hervor: als "generative Technik", als "Besitz von Argumenta-
tionsmechanismen", mit deren Hilfe argumentative Strukturen erzeugt
werden können, und als "Schatz von Argumentationstechniken", die
bereits "vom Gemeinwesen erprobt und assimiliert sind", d.h. als
Sammlung "codifizierter Lösungen, durch deren Gebrauch die Persua-
sion mit einer abschließenden Redundanz die Codes wieder bestätigt,
von denen sie ausgeht".76
Diese durch Übereinkunft entstandenen und gleichsam erstarrten
Formen argumentativ-persuasiver Aneignung von Welt können, da sie
in ihrer Konventionalität und Erstarrtheit kulturelle Erfahrung spei-
chern, diese kulturelle Erfahrung in neue Kontexte transferieren. D.h.
die neuen Topoi, die ProkopoviC der petrinischen Gesellschaft anbie-
tet, bringen fremde kulturelle Erfahrung ein und kreuzen sich mit der
überlieferten.
ProkopoviCs /'/jvevtf/o-Lehre in Liber II: De inventione argumento-
rum et de amplificatione, seine Entfaltung der Topik zeigen wiederum
eine nicht mehr barocke Einstellung. Die inventio argumentorum hat
gegenüber der inventio acuminum durchaus das Übergewicht, und die
Stellung der inventio im Rahmen der textkonstitutiven 'Teilgrammati-
ken' der Rhetorik, nämlich inventio, dispositio, elocutio, hebt die iso-
lierende Bevorzugung der elocutio durch die Barocktheorie auf.
Damit wird die inventio als Argumentationsfindungslehre, die die
Nähe von Rhetorik und Dialektik bestimmt, wieder in ihr Recht ge-
setzt, eine Nähe, die mißverstanden und zu einer formalistischen Aus-
legung der inventio geführt hatte. Bei ProkopoviC gilt (wieder) der
praktisch-oratorische Aspekt einer rhetorischen inventio gegenüber
dem formaltheoretischen einer dialektischen inventio: Bewältigung
einer Fragesituation durch Inszenierung von Argumenten, die einem
vereinbarten Repertoire entstammen. G. Morpurgo-Tagliabue nennt
dieses Repertoire "il minimo comune denominatore di una civiltä"
(den kleinsten gemeinsamen Nenner einer Kultur), erstmals als "patri-
monio di esperienze eleniche codificate"77 (Vermächtnis kodifizierter
griechischer Erfahrungen) in der aristotelischen Topik systematisiert.
ProkopoviC erkennt den sozialen Sinn dieses Repertoires von eide und
endoxa mit seinen redegattungsspezifischen Inventaren von Fragehin-
sichten (loci). Das Einbringen dieses Repertoires, gegliedert ent-

10
U. Eco, Einßhrung in die Semiotik. München 1972. S. 184 f.
77
"Aristotelismo e Barocco". In: Retorica e Barocco. Alii del III Congresso Internatio-
nale di Studi Umanistici. Hrsg. E. Castelli. Roma 1955. S. 119-195; hier S. 122. Einen
neuen Horizont für das Verständnis dieses Komplexes entwirft L. Bornscheuer, Topik.
Zur Struktur der gesellschaftlichen Einbildungskraft. Frankfurt 1976.

209
sprechend den genera der Partei-, Gerichts- und Prunkrede und den
jeweils adäquaten Kriterien des Möglichen, des Faktischen und des
Wohlgefälligen sowie den ebenfalls der Redetriade zuzuordnenden
Kategorien von Objekt, Ziel, Mittel, Eigenschaft, Grund etc., bedeutet
zweierlei: einmal die Verfügbarmachung eines aufgefächerten Instru-
mentariums argumentativer Strategien, zum anderen den Versuch, de-
ren Erlernbarkeit, Steuerbarkeit und Applikabilität in den neuen Re-
desituationen einer neuen Zeit durchzusetzen. Die //ivevif/o-Gramma-
tik bewahrt nicht nur persuasive Erfahrungen auf, sondern sie ist auch
deren Repräsentanz. Wie in den übrigen Teilgrammatiken der Pro-
kopoviCschen Rhetorik tritt hier der universale, generative Aspekt zu
dem der je konkreten, rein pragmatisch zu beurteilenden Redeauf-
gabe.
Die Redeaufgabe der Gerichtsrede (wie war es) und der Parteire-
de (was ist möglich) unterscheidet sich von der Prunkrede (was ge-
fällt) so stark, daß ProkopoviC nur für die ersten beiden Findungs-
anweisungen für argumenta, für die letztere Amplifikationsschemata
nennt (79). Das genus exomativum verlangt eher nach Veränderung,
Verschiebung der argumentativen Folie denn nach Etablierung eines
Arguments. Die amplificatio gehört schon wieder in das Gebiet der
elocutio. Hier, im Prunkgenus, ist der streng oratorisch bestimmte Be-
reich in den poetischen geöffnet.
ProkopoviC macht in der status-Lehre, die er an den Beginn der in-
ventio stellt, deutlich (er nennt den status conieduralis, definitionis und
qualitatis), daß alle Rede mit der Frage beginnt, die sich stellt ange-
sichts von etwas Unentschiedenem, Unklarem, Unbestimmtem, etwas,
das zwei Möglichkeiten enthält etc. Und er macht auch deutlich, daß
jede der drei Redegattungen eine unterschiedliche Redeeinstellung
verlangt, die spezifische Sprachhandlungen motiviert. Der Prunkrede
lassen sich folgende Sprachhandlungen zuordnen: laudatio, vituperatio,
gratiamm actio, gratulatio, lamentatio, commendatio, expositio historic
(letztere als narratio verstanden). Der Parteirede: suasio, dissuasio,
mollitio, exhortatio, dehortatio, petitio, precatio, deprecatio, consolatio
prohibitio (83). Der Gerichtsrede: accusatio, defensio, excusatio, conci-
tatio, (conciliatio), expostulatio, quaerimonia (83).
ProkopoviC verweist wiederholt auf die Notwendigkeit der Kennt-
nis der rhetorischen Schriften, die die loci argumentonim auflisten:
Aristoteles' Rhetorik (Buch 2, Kapitel XXII) nennt er neben Ciceros
De oratore und Topica und Quintilians Institutio oratoria (Buch V,
Kapitel XII) (100, 102). Die loci enthalten verbürgte Fragehinsichten
und Fragehinsichten schlechthin.
Der Trennungsstrich zwischen dialektischer und rhetorischer Ar-
gumentation in dem von Tagliabue bereits thematisierten Problemsinn

210
wird von ProkopoviC sehr klar gezogen. Syllogismus und enthymema
sind für ihn keine rhetorischen argumenta, sondern solche der Dialek-
tik (112). Gegen Syllogismus und enthymema, die insbesondere inner-
halb der barocken Argumentenlehre einen zentralen Platz neben
acumen oder als Realisierung von acumen innehatten, führt Prokopo-
viC den Begriff der ratiocinatio als den genuin rhetorischen auf (113).
Obwohl die inventio argumentorum in Liber II seiner Rhetorik be-
handelt wird, greift ProkopoviC diesen Gegenstand bei der Behand-
lung der Redegenres noch einmal auf in Liber VIII: De epidictica seu
exomativi generis oratione. Hier wird, wie es scheint, die Rolle der To-
pik noch klarer erfaßbar, und zwar gerade für das epideiktische Genre
(das im i/ive/tfio-Buch ohne Argumente auskam); die epideiktischen
Topoi sind in der Tat keine, die eine ratiocinatio ermöglichen, aber sie
haben ein persuasives Ziel wie diese.
Wichtig für den Aufbau von differenzierten Kommunikationsfor-
men ist die Aufgliederung der drei Hauptgenera in Unterarten, und
zwar besonders im Bereich der epideiktischen Rede. Die Bursisten er-
reichten in letzterer eine geradezu Unwillen hervorrufende Perfek-
tion, die ProkopoviC zu der Mahnung veranlaßte, sie sollten es unter-
lassen, ihren Unterhalt durch Lob- und Gratulationstexte bei den Rei-
chen der Stadt zu erbetteln. Die Entlassung des epideiktischen Genres
mit all seinen Unterarten aus dem schulischen Rahmen in den öffent-
lich-urbanen Raum ist bedeutsam. Sie unterstützt die Rhetorisierung
der höfisch-städtischen Gesellschaft und treibt die Ritualisierung der
verbalen Umgangsformen weiter, die am Hofe Aleksej MichajloviCs
begonnen hat und in den gebildeten Zirkeln Petersburgs und Moskaus
im 18. Jahrhundert einem Höhepunkt zustrebt. Spezialtraktate über
die Frage "Kak piäutsja komplimenty" (Wie schreibt man Komplimen-
te)78 zeigen die Verselbständigung solcher Unterformen des epideikti-
schen genus. In der laudatio-Topik, die ProkopoviC lehrt, werden Ge-
genstandsbereiche (Personen und Sachen, Völker und Städte, Dinge
der Natur und Dinge der Kunst) aufgezählt, die rhetorisch bearbeitet
werden sollen. Oder anders: Dem gesellschaftlichen Bewußtsein wer-
den durch rhetorischen Zugriff Erfahrungsbereiche erschlossen und
gleichzeitig durch das Anlegen definierter Fragekriterien, die den Ho-
rizont möglicher Aspekte der Betrachtung kategorial restringieren,
wieder verschlossen. Die laudatio-Topik für Personen sieht die Frage
nach natura, fortuna, institutio, actio, circumstantia (400) vor; bei den
zu lobenden Dingen der Natur und der Kunst darf nach Schönheit,
Ungewöhnlichkeit und Nutzen gefragt werden, während die zu loben-
de Stadt Fragen nach Lage, Gebäuden, der Schönheit ihrer Architek-

Vgl. hierzu die Untersuchung von Robinson, Bor'ba idej, aaO

211
tur, der Art ihrer Gesetze, der Verwaltung, dem Status ihrer Bürger
als loci zuläßt, aus denen das Lob persuasiv entwickelt werden kann.
Diese Fragekriterien geben eine Wertfolie für den aktuellen Raum
ab, in dem Geschichte (zu lobende, aber auch zu tadelnde Personen,
Völker etc. der Vergangenheit) und Gegenwart rhetorisch erfaßt wer-
den sollen. ProkopoviC selbst hat mit seinen (stellenweise zumindest)
zu laudationes umfunktionierten Predigten über Peter den Großen,
Rußland und die Stadt Petersburg die Aktualität dieser Persuasivkraft
gezeigt, die nicht mehr argumentiert, sondern ausschließlich wertet.
Es ist die laudatio-Topik, die am stärksten von allen Topiken Bil-
dungsgut transportiert, den Sprechenden als Gebildeten ausweist, den
Angesprochenen in einen Bildungshorizont rückt. Die gebildete Topik
rekurriert auf antike Muster ebenso wie auf Exzerpte aus dem Alten
und Neuen Testament und der gesamten kanonischen Literatur. Diese
Texte sind thesauri für den Aufbau großangelegter Vergleiche, die
zum Schmuck-'Argument' der Gratulationsrede (Hochzeit, Geburt,
Begrüßung, Abschied) gewählt werden. Elemente antiker mischen
sich mit solchen christlicher Mythologie. Alle Texte, die Autorität be-
anspruchen können, stehen zur Verfügung und werden in Reden vom
Typ des genus demonstrativum hineinzitiert. Die Lobtopik, wie sie vor
allem auch in den poetischen Gattungen des 18. Jahrhunderts, beson-
ders in der panegyrischen Ode, für Rußland relevant wird, verläßt den
Bereich der thematischen inventio und realisiert sich in dem der Fin-
dung von Metaphern, Metonymien, Periphrasen, Antonomasien, Ver-
gleichen etc.
Die festliche Anlaßrede (Namenstag, Geburt, Hochzeit, Tod, An-
kunft, Abreise hochgestellter Persönlichkeiten, Danksagung an diese)
wird aus dem engen Kreis der höchsten Persönlichkeiten herausgetra-
gen und erhält eine familiär-gesellschaftliche, privat-öffentliche Funk-
tion. Die Beziehung, die Anlaß und Rede eingehen, führt über die
rhetorische Überhöhung des Anlasses und seine zeremoniale Veran-
kerung, die mit gestischer Topik (Begrüßungs-, Abschieds-, Gratu-
lations-, Danksagungsgestik) und verbaler geschieht, zu einer zuneh-
menden Homogenisierung des Kommunikationsgefüges. Zu wissen,
wann welchem Anlaß eine bestimmte Kommunikationsform zu-
kommt, bedeutet, sich in den formalen Anforderungen der Gesell-
schaft zurechtzufinden und sie damit zu bestätigen.

212
VII

D i e de c oru m -Rhetor ik

In der Charakterisierung der rhetorischen Lehre ProkopoviCs wur-


de versucht, das decorum als deren allgemeinstes und dominantes
Prinzip zu bestimmen: Die decorum-Lehre, die ein großes Bezie-
hungsnetz zwischen den die rhetorische Rede konstituierenden Instan-
zen entwirft, weist in ihren Verzweigungen und modifizierenden Inter-
pretationen in Spätantike, Frühchristentum, Mittelalter, Renaissance
und Barock79 ebensoviele Nuancen auf wie die Stillehre und gründet
wie diese in variierenden, die wertende Zuordnung der in Korrespon-
denz gebrachten Redeelemente bestimmenden Konzepten. Prokopo-
viC reiht sich in diese Tradition ein. Das decorum, das die Grundten-
denz seines rhetorischen Werks ausmacht, enthält fast alle Elemente,
die im Verlauf der Lehre an verschiedenen Stellen artikuliert werden,
und trägt so zum Aufbau eines aUes umfassenden Systems von Korre-
spondenzen bei: Das decorum regelt die Beziehungen zwischen offi-
cium und stilus (genus dicendi); res und verba; officium und res; Publi-
kum und oratio; oratio und Ort; Zeit und Umstand; zwischen omatus
und genus; omatus und res.
Die Beschwörung des decorum als Garanten für Maß, Angemes-
senheit, Vernünftigkeit der Rede prägt dieses rhetorische Denken in
entscheidendem Grad. Jedes der zehn Bücher der Ars rhetorica weist
auf unterschiedliche Weise an zentralen Stellen der Argumentation
und der Regelbildung auf das Leitprinzip des decorum hin, das sowohl
als Kriterium der Effektivität der Rede wie als das ihres Wahrheitsge-
haltes sich erweist. Und mehr noch: Das decorum tritt als ästhetisches,
sprachlich-stilistisches, moralisches und gesellschaftliches Postulat auf,
es scheint nachgerade das Weltmodell ProkopoviCs zu definieren.
Was muß in einem kulturellen Kontext vor sich gehen, damit die
Rigorosität dieses hierarchisch funktionierenden, stark restriktiven
Entsprechungssystems, das Sprecher-Hörer-Gegenstand-Redesitua-
tionen umfaßt, voll zum Tragen kommen kann? ProkopoviCs decorum-
Weltmodell hat einen zunächst nur propositionalen, apodiktischen
Charakter, die rhetorische Welt wird erst entworfen, nicht schon reali-
siert. Aber es ist auch klar, daß die Rhetorik, die ProkopoviC für eine
neue, 'seine', Gesellschaft projektiert, ihre Geltung in den alten
Gesellschaften unzählige Male bestätigen konnte und daß er auf diese
Geltung rekurriert. Er verlängert die Valenz rhetorischer Kommu-

19
Vgl. hierzu die Monographien von J. Dyck, Ticht-Kunst. Deutsche Barockpoetik und
rhetorische Tradition. Bad Homburg 1966, und Fischer, aaO. - Die Interpretation der
Stil- und speziell der decorw/w-Konzeption Prokopovifs versteht sich im Kontext der
von Dyck und Fischer entwickelten Aspekte.

213
nikation in seine Gegenwart, aber nicht mit dem Ziel einer neuen
weiteren Renaissance, sondern dem der Etablierung eines Kommuni-
kationsraums ohne Antezedens. Die utopische Implikation seines
Rhetorikkonzepts konkurriert signifikant mit der topologischen. Seine
Berufung auf die klassische Tradition und sein enthusiastischer
Reformwille markieren die Pole dieser Konzeption: Cicero und Peter
der Große.
Verfolgen wir die Topologie: ProkopoviCs Konzeption impliziert
eine 'rhetorische Bewertung' der Entwicklung der Rhetorik, der ein
dichotomisches Muster zugrundeliegt: Blüte/Verfall, Klassizität/
Dekadenz. Wenn ProkopoviC dieses Muster aufgreift, das für das
Selbstverständnis rhetorischen Denkens und Handelns in verschie-
denen Phasen der Entwicklung des 'europäischen' Kommunikations-
raums grundlegend war, schreibt er sich fraglos in eine Tradition ein,
die für die griechische Redekunst die Werteopposition 'normgebend'
vs. 'normverletzend' etabliert hat. Eine Opposition, in der diejenige
zwischen Attizismus und Asianismus ebenso abgebildet ist wie die zwi-
schen Wahrheitsfindung und Sophismus.
Diese Werteopposition, wie sie Dionysios von Halikarnass tradi-
tionsreif formuliert, läßt sich über den taciteischen Dialogus de orato-
ribus (Rede des Messalla über den Verfall, Rede des Aper über den
Fortschritt der Beredsamkeit), über Cicero bis zu Quintilians neuen
signifikanten Akzentsetzungen verfolgen, die ihrerseits Einzeltraditio-
nen herausgebildet haben.80 Bei Quintilian erscheint diese Opposition
als eine Art "querelle des anciens et des modernes" zum Thema des
Werteverfalls in der Gegenwart und der verlorenen Klassizität der
Vergangenheit bzw. der Erreichung des Wertes - über eine Kette von
Vervollkommnungen - in der Zukunft: Cicero, der die (seine) Ge-
genwart als erreichbaren Höhepunkt bezeichnet hat, wird in Quinti-
lians eigener Wertung zum paradigmatischen Absolutum. Paradigma-
tisch-typologisches Idealdenken einerseits und ein diachronischer Pes-
simismus oder Optimismus andererseits bilden unterschiedliche axio-
logische Prinzipien ab, die in ProkopoviCs Position eine Verbindung
eingehen: konkreter Fortschrittsglaube und ein durch die Ablehnung
der Dekadenz motiviertes Ideal der Klassizität. Das Ideal der Klassi-
zität ist für ihn in der Gegenwart realisierbar, es tritt an gegen die
'schlechte' Gegenwart, die eine corrupta eloquentia pflegt. ProkopoviCs
Rhetorik nimmt als Lehrbuch der klassischen Beredsamkeit eine
ästhetisch und moralisch wertende Position gegenüber den Gepflogen-
heiten einer oratorischen Praxis und deren zugeordneter Theorie ein,
die barock-manieristische Tendenzen bewahrt hat und sich auf alles

80
Zur Problematik des taciteischen Dialogs vgl. K Heldmann, "Dekadenz und literari-
scher Fortschritt bei Quintilian und bei Tacitus". Poetica. 12/1.1980. S. 1-23.

214
andere als klassische Gewährsleute bezieht. Eben dies macht die
Aktualität seiner Doktrin aus.
Und Garant ist, wie gesagt, das decorum: der Mythos der Korre-
spondenzen, die ein Kommunikationsakt nach Maßgabe von Zeit-
punkt, Ort, Anlaß, Gegenstand und Partizipanten vorführen muß.
Doch der Mythos hat, indem er eine funktionale Aufgabe zu erfüllen
hat, eine pragmatische Implikation: Die 'dekorative Korrespondenz'
bestätigt den Normcharakter von Kommunikation in einer Gesell-
schaft, die neue hierarchische Korrespondenzen als Regulativ ihres
Zusammenlebens (tabeV o rangach, Rangtabelle)81 einrichtet und de-
ren Gesamt im Kommunikationssystem reflektiert sieht.
Ich möchte diese Interpretation der decorum-Lehre ProkopoviCs
am Text der Rhetorica belegen: Bereits die Einführung seines Rheto-
rikkonzepts, bei der ProkopoviC zwischen der dodrina dicendi (Cice-
ro) und der bene dicendi scientia (Quintilian) schwankt, um sich für
letztere zu entscheiden, enthält decorwm-Paraphrasen. Die redekonsti-
tuierenden Einzelaufgaben des Rhetors, inventio, elocutio und collo-
catio (dispositio), werden mit dem Akzent der Angemessenheit ver-
sehen. Die richtige collocatio von res und verba ist die Erfüllung des
decorum, das die unabdingbare Voraussetzung für Redeziel und
Redeeffekt, die persuasio, genannt wird. Persuasio und collocatio oder
compositio bedingen einander:
Cum igitur Oratoris finis sit persuadere dicendo, officium utique erit ita compo-
nere orationem, ut ea possit persuadere. [...]: debet invenire ea quae ad rem maxi-
me faciunt; debet inventa apto ordine collocare, debet eadem verbis lectissimis,
optimis sententiis, sententiarum verborumque formis eloqui. (22)

Inventio, dipositio, durch collocare umschrieben, und elocutio werden


hier als eine durch die 'Sache' geregelte Aufeinanderfolge von Verfah-
ren verstanden, die einen pmuosio-gerechten Grad an Entsprechung
gewinnen müssen.
Eine Adaquatheitsbeziehung zwischen Stiltyp und officium ist in
folgender Empfehlung enthalten: "Subtilis in explicando, in docendo
gravis, in delectando argutus, vehemens, et copiosus in commovendo"
(23), wobei die übliche triadische Stiltypenbezeichnung etwas verscho-
ben wird - statt drei vier officio - und die Zuordnung (z.B. in docen-
do gravis) sich von der Schulbuchtradition hier etwas unterscheidet.
Auch das Verhältnis Redner-Publikum ist regelbar, einmal durch eine
oratio iucunda, die allein den Zuhörer in Spannung halten kann (teneri
auditor, 24), die auf vema monstrosa, obstrusae sententiae, affedatae
allegoriae (24) verzichtet, zum anderen dadurch, daß der Rhetor die
Standesunterschiede seiner Zuhörer berücksichtigt. Das deconim zwi-
schen Rhetor und Rezipient wird ausführlich in der Briefkunst behan-

Vgl. hierzu G. Stökl, Russische Geschichte. Stuttgart 1962. S. 368ff.

215
delt (s.u.). Der Redezweck, durch das decorum herbeigeführt, ist dann
erfüllt, wenn der Hörer tatsächlich umgestimmt und zu (vernünftigen)
Handlungen veranlaßt wird oder wenn er mitweint und mitlacht. Eine
Rhetorik also, die ihre Wirkungen zu lenken trachtet und am iudicium
orientiert bleiben will.
Hier ist der Punkt, an dem die genannte Haltung gegenüber be-
stimmten Typen der Beredsamkeit voU zum Ausdruck kommt. Proko-
poviC geht von einer Dichotomie falsa eloquentia vs. vera eloquentia
(26) aus und behandelt - nachgerade erschöpfend - die Fehler der
verderbten, der dekadenten Eloquenz, die er als zentrale Verstöße
gegen die decorum-Regel im Verhältnis von res und verba qualifizieren
kann. Das Kapitel V seines ersten Buches, De corruptae Eloquentiae
vitijs, zählt als Laster das tumidum, cacozelum, frigidum, puerile und
parenthyrsum auf.82 Seine Charakterisierung des "Schwell-, Schwulst-
und Geschwürstils" (tumidum et infiatum dicendi genus) lautet:"[...] ita
istud orationis vitium supervacaneis quibusdam rebus laborat. Fit
autem aut in verbis, aut in sententiis, aut in utroque" (26) und: "verba
vel vetusta et obsoleta, vel nova, vel peregrina propter grandem
sonum" (26) und läßt ein puristisches Stilideal erkennen, welches das
Klangspiel ebenso verurteilt wie den Archaismus oder die Neubildung.
Die geltende Tradition wird beschworen, die nichts Fremdes vertragen
kann, weder zu Neues noch zu Altes, aber auch nichts Dunkles, kein
Übermaß, nichts Ungeordnetes. Nichts, was nur um des Pomps willen
vorgeführt wird: "[Verba] (...) obscura et frequentia et non suo loco
posita, et ad nihil aliud nisi ad pompam quandam congesta" (27). Aber
auch verba translata, metaphorische Bildungen, die Ähnlichkeiten
erzeugen, die über den Bedarf der zu vergleichenden Sache hinausge-
hen, sind verwerfliche Formen. Lexikalische, semantische, syntaktische
Angemessenheit, die nie die Sprache als solche zur Schau stellt, ist
auch die Positivfolie bei der Darstellung des tumor (27), des Sprach-
schwulstes - bei leichten und unwichtigen Dingen - , den ProkopoviC
vor allem bei den Poloni oratores^ geißelt. Er führt eine Reihe von
Beispielen vor, die Verfahren 'anschwellender' sprachlicher Redun-
danz ohne echten Anlaß zeigen.
ProkopoviCs Stilkritik geht weiter, über die Verdammung der caco-

82
Prokopovif folgt hier weitgehend dem negativen Stilkatalog in Nicolaus Caussinus,
De eloqentia sacra et Humana. - Vgl. auch Kommentar zu De arte rhetorica, aaO., (26,
ff.).
83
Zur Kritik am 'korrupten' Stil bei den polnischen, ebenfalls an Caussinus orientier-
ten Rhetorikern vgl. B. Nadolski, "Woköf nauki o stylach w jezuickich retorykach"
(Über die Lehre vom Stil in den jesuitischen Rhetoriken). Pami^tiiik literacki. LIV/3.
1963. S. 81-89. Zur Caussinus-Rezeption in Polen vgl. Z. Rynduch, Nauka o stylach w
retorykachpolskich XVII wieku (Die Lehre von den Stilen in den polnischen Rhetoriken
des 17. Jahrhunderts). Gdänsk 1967.

216
zelia (29) oder des Stylus cacozelus (Nachäfferstil) und des frigidus
Stylus hinaus: "sub magna verborum specie mortua sententia" (29). Das
Mißverhältnis zwischen sprachlicher Form und gedanklichem Inhalt,
die kalte Wortpracht sieht ProkopoviC auch in der argutia ("frigus
argutiae"), womit er deutlich auch von sprachkreativen, sprachinnova-
tiven Verfahren abrückt. Den frigus der argutia sieht er sowohl in der
Antike als auch besonders bei den recentiores. Die recentiores, die Mo-
dernen, das sind die spätbarocken polnischen Rhetoren.84
Das Mißverhältnis zwischen res und verba erscheint in Prokopovics
Liste der Stil-Laster noch gesteigerter in der Form des puerilis Stylus:
"nimia parvarum et levium deliciarum affeetatio" (31). Dieser Stil läßt
eine leichtfertige Behandlung gewichtiger Dinge zu: res gravis, heroica,
divina, sive tristis et traica (tragica) cum suavitate et [...] levitate. Solche
Mißbildungen rhetorischen Geschmacks sind als gravierende Verstös-
se zu werten: "gravissime contra decorum peccant" (31-32). Es geht in
allen Fällen um einen zu 'starken' omatus, um eine Dominanz des
omatus über die res:
commutationes, leves paronomasias, metaforas, et allegorias a rebus molliculis
[...], conduplicationes frequentes, et non necessarias praeterea exclamatiunculas
frigidas, ridiculas obsecrationes, lamentationesque faemineas. (32)

Dieser puerile Stil, der keinem Mann, sondern eher stotternden Mäd-
chen zukomme (die "puellae balbantes" fallen wohl ohnehin aus der
rhetorischen Gemeinschaft heraus), zeigt sich signifikant in der Dimi-
nutivbildung, also einer Sprachbehandlung, die die Sprache nicht mehr
ernst nimmt. Ein puerilitas-Beispiel (aus den Texten von Kaiser Ha-
drian) führt er an:
Animula, vagula, blandula,
hospes, comesque corporis,
quae nunc abibis in loca?
palljdula, rigida, nudula,
nee, ut soles dabis iocos. (32)

ProkopoviC räumt ein, daß Verfahren der genannten Art nicht immer
ein Vitium darstellen und auch bei guten Rhetoren anzutreffen seien,
aber nur unter zwei Bedingungen:
lmo: si res ipsa istud dicendi genus exigat: 2do: si tarnen admodum raro adhibea-
tur, et de industria acore quadam, verbis inquam gravioribus et simplieibus sua-
vitas haec temperetur. (32)

Hiermit ist die Relation zwischen omatus, Stilhöhe und res verdeut-
licht.

Zu den polnischen Beispielen 'korrupter' Rede vgl. Kommentar zu De arte rhetorica,


aaO, (26,1 ff.).

217
Diese Konzession gilt nicht für den Stylus parenthyrsus, der den
Höhepunkt des defekten decorum darstellt. ProkopoviC assoziiert hier-
mit Thyrsos-Stab und Bacchantinnen, meint einen bacchanalischen,
"wahnsinnigen" Stil: "Est quaedam insana et furens oratio" (33), für
den er wieder ein polnisches Beispiel bringt (34). Eine insana oratio
verletzt sein iudicium.
Neben den Formen des Unmaßes, der Redundanz, der pomp-
haften Semantik gibt es solche, die entweder den Regeln sklavisch Ge-
nüge tun oder ein Zuwenig an rhetorischem Geschick verraten. Der
scholasticus Stylus hält sich schülerhaft an das Paradigma (ohne Aus-
nahmen zuzulassen): "plerique tum maxime contra artem peccant,
cum maxime artem observare satagunt" (34), die Regel wird für die
Kunst gesetzt, Kreativität unterdrückt.
Mit der Verwerfung des Stylus poeticus setzt ProkopoviC klare
Grenzen zwischen Rhetorischem und Poetischem, was bestimmte
Tendenzen sowohl in der Entwicklung der Rede (genus demonstrati-
vum) als in derjenigen der poetischen Gattungen (Überlappungen von
rhetorischen und poetischen Verfahren) - die ja bekanntlich bereits
in der Antike einsetzt - problematisiert. Einige als Poetismen zu be-
zeichnende Formeln stellt er heraus: die (verba) proprio der Dichter,
z. B.fari für dicere; natus für filius; tellus für terra; lympha für aqua;
polus für caelum (35) etc., die [verba] tropica, die durch die Kühnheit
der Übertragung oder Veränderung (translationis vel mutationis auda-
cia, 35) erkannt werden, etliche Adjektivkomposita vom Typ aurifiuus
und den omatus sententiarum, z. B. die Periphrase. Demnach also sind
semantische und syntaktische Verfahren sowie eine bestimmte lexika-
lische Selektion für das officium des Rhetors unbrauchbar. An dieser
Stelle führt ProkopoviC Kriterien ein, die es erlauben, den poetischen
Stil als zweckfreien, der sich das Überflüssige und Nichtnotwendige
leisten kann, gegenüber dem rhetorischen, funktional an ein officium
gebundenen hervorzuheben.
Das Poetische ist durch kein decorum verpflichtet, es kann das
Fremde schaffen, das Niegehörte, da es frei ist von allen Vorgaben der
res, des Ortes, des Anlasses der Kommunikationssituation. Das Poeti-
sche läßt sich geradezu als Gegenmodell einer Kommunikation inter-
pretieren, die keiner Kommunikationsform unterworfen ist, sondern
diese immer neu produziert:
Pro generali tarnen regula hac in re illud observa: duplici ratione sive sententias
sive verba poetica ab oratoriis distiguenda esse: lmo quid est supervacaneum et
non necessarium. [...] 2do quidquid videbitur ab omni usu hominum alienum [...].
(35-36)

Neben den Stilen der Redundanz, eines Zuviel an omatus, gibt es auch
Formen defizitären omatus und defekten cultus: den Stylus nidis (sen-

218
sus und verba sind grob, roh, ein Stil für Bauern und Barbaren), den
Stylus siccus et exanguus, der auf Figuren und Tropen verzichtet (38),
den Stylus fluduans et dissolutus (39), der weder Komposition noch ein
klares Redeziel anbietet. Bei der Beschreibung dieses Negativstils be-
ruft sich ProkopoviC auf die Rhetorica ad Herennium (Buch 4); als Bei-
spiel nennt er sämtUche panegyrischen Reden des polnischen Jesuiten
Tomasz Mlodzianowski, der für fast alle Punkte rhetorischer Degene-
ration das Paradigma abgeben muß: "Sed luculentissimum huius rudi-
tatis exemplum est Thomas Mlodzianowski Jesovita" (39), verkündet
Prokopovic gehässig. Hier wird ein Stylus gebrandmarkt, der gewisser-
maßen von keinerlei rhetorischer Kompetenz geregelt ist, dennoch
aber Stil ist - der defekte Stil der Unwissenden.
Daß nun die ruditas gerade der polnischen Rhetorik vorgeworfen
wird, die sich durch Schwulst, Redundanz, ein Zuviel an omatus aus-
zeichne, was ProkopoviC mit negativem Nachdruck vermerkt, soll die
rhetorische Praxis der Polen, die sehr populär ist und zur imitatio an-
reizt, entlarven, und zwar als eine Praxis, die den omatus und cultus
nicht beherrscht. Die rhetorische kommunikative Inkompetenz der
polnischen Jesuitenprediger besteht für ProkopoviC evident in der
maßlosen Verletzung des decorum. Die Verletzungsstrategien, die die-
ses Unvermögen anzeigen, sind für ProkopoviC all jene Verfahren, die
eine barocke Stilrichtung in der ars oratoria sacra indizieren. Prokopo-
viC prangert den gesamten Barockstil als ruditas an, was in seiner Kri-
tik am acumen, der argutia, prägnant formuliert wird. Die acumina
sind frigidae, putidae, ineptae facetiae, nugae (43); er hebt besonders
das Lächerliche solcher Formen hervor. Das gilt besonders für den
Stylus curiosus, dessen Ziel die Erzeugung des Wunderbaren, Unge-
wöhnlichen und Unerwarteten sei: "aliquid mirum, insolitum et prae-
ter exspectationem hominum" (39). Diese kritische Einschätzung des
'kuriosen' Stils tangiert auch ProkopoviCs eigene Definition des
acumen, zu der er sich in seiner Poetica bekennt. Das Kriterium der
Lächerlichkeit gilt auch für die facetiae audaces et potervae, impurae et
obscaenae, und die argutiae frigidae (45). Die kalte Pracht kühner ac«-
mina hat für ihn etwas Unreines und Obszönes, der willkürliche Um-
gang mit der Sprache, der sich um keine Regeln zu kümmern scheint,
hat etwas Schamloses und Lächerliches. ProkopoviC ist ein Purist und
ein Vertreter des Klassizitätsideals. Die Vertreter der schlechten
Gegenwart, die falschen recentiores, sind die polnischen Redner. Pro-
kopoviC klagt die Regeln ein, die sie verletzt haben:

ubi exordiendi ars a tot doctissimis magistris antiquis et recentioribus observata et


tradita? ubi validae confirmationes? ubi motus animorum? ubi perorationes in
Sacris deliberationibus pro necessariae? ubi numerosae orationis structura? ubi
ornatus, splendor, acrimonia, vehementia, gravitas, fluiditas? ubi nervi, ubi

219
pondera sententiarum? ubi partium iunctura? Nulla prorsus varietas, sine qua et
eloquentia nulla. (46)

Jeder hier genannte Begriff hat sein Pendant in der Negativfolie der
falsa et corrupta eloquentia. ProkopoviC argumentiert auch mit der
Tradition und führt als Zeugen gegen Mlodzianowski ein Register von
audores auf, die verschiedene Typen und verschiedene Stadien rheto-
rischen Denkens markieren: Plato, Aristoteles, Cicero, Magister He-
rennü, Quintilian, Hermogenes, Augustinus; und von den Jüngeren:
Melchior Iunius, Erasmus, Soarius, Mendoca, Caussinus, Strada, Pon-
tanus, darunter seien, fügt er provokativ hinzu, ja auch etliche Jesui-
ten. 85 Die Kritik an der Lechica eloquentia zielt auf ein falsches
Oratorik-Verständnis, das davon ausgehe, die eloquentia könne durch
arbitrium geschaffen werden und nicht aus der natura. Dies Verständ-
nis wirft er Stephanus Morenski, dem Canonicus von Posen, vor, der
Mlodzianowski als Princeps oratorum einstuft. Gegen die Willkür, d.h.
die Regelverletzung, den ungehemmten tumor, setzt ProkopoviC die
Natur, im Sinne einer Notwendigkeit, einer vorgegebenen, nicht fin-
gierten Regelhaftigkeit. Die rhetorischen Strategien kann man sich
nicht ausdenken, sie sind so, wie sie "per tot saecula sagacissimi qui-
que et ingeniosissimi viri observarunt" (48). Tradition, audores und
naturgegebene Notwendigkeit werden gegen die verwerfliche Kreativi-
tät des arbitrium gesetzt. Denn dieses verhindert - Prokopovics Enga-
gement ist durchaus verständlich - den Aufbau eines verläßlichen
Kommunikationsraumes, der sich homogen an einem Kode ausrichtet.
Das Fremde und Überraschende, das Ungefügte und Gewagte gehö-
ren nicht dazu. Eine Kanonbildung, wie sie für die sich konsolidieren-
de Gesellschaft notwendig ist, kommt nur über den "edinyj jazyk", die
einheitliche Sprache der Rhetorik zustande.
In Kapitel VII dieses Buches, mit dessen Titel De Causis corruptae
Eloquentiae ProkopoviC den Dialog Quintilians zitiert, aktualisiert er
bewußt die bei Quintilian entwickelte Kontroverse um den rechten
Eloquenz-Begriff. Die Gründe für die 'Verderbtheit' - und diese ist
vornehmlich in einem Kommunikationsraum zu beobachten, dessen
Vorbildwirkung ProkopoviC als Gefahr für das neue 'rhetorische' Ruß-
land erkennt, nämlich in Polen - sind negligentia parentum, praeeepto-
rum inscitia, iuvenum desidia, oblivio moris antiqui (49). Es ist über-
deutlich, daß ProkopoviC auch hier wieder eine pädagogisch-präzep-
torische Haltung einnimmt. Der Hinweis auf die Nachlässigkeit der
Eltern in der rhetorischen Erziehung der Kinder kann für Rußland die
Aufforderung an diese bedeuten, eine solche Instanz neben der Bil-
dungsstätte zu werden. Die gymnasia Polonorum werden geradezu als

Zur Liste der positiven auetores vgl. Kommentar zu De arte rhetorica, aaO., (47,11).

220
corrumpendae eloquentiae officina bezeichnet, da sie auf einer Ignorie-
rung der Regeln basierten. Dazu komme der Verlust des Respekts vor
den audores, Cicero und Chrysostomus, also die Verachtung des anti-
ken klassischen und christlichen 'klassischen' Kanons, auf den sich
ProkopoviC stets bezieht (zu seinen audores et exempla s.u.). Dies
mündet in die konkrete Klage über einen nur lässigen Besuch der
Schule, speziell der schola rhetorica (ein oder zwei Jahre Rhetorik-
Unterricht reichten nicht, meint ProkopoviC), das so erlangte Halbwis-
sen führe zum vorschnellen Gebrauch von verba incognita und obscu-
rissimae argutiae (52). Dieses Kapitel zeigt die pragmatische Dimen-
sion des rhetorischen Purismus ProkopoviCs und ist im Kontext seines
Gesamtkonzepts durchaus plausibel. Das schulische Fundament für
den 'rhetorischen', in die Öffentlichkeit zu entlassenden Staatsbürger
muß neu errichtet werden. ProkopoviC rekonstruiert in diesem
Zusammenhang die quintüianische Argumentation und die darin ent-
haltene Basisopposition: ingenium vs. iudicium. Die Rolle Senecas
übernimmt bei ProkopoviC der vielgeschmähte Mlodzianowski. Proko-
poviC ist nicht bereit, für letzteren, wie dies Quintilian für Seneca tat,
die genannte Opposition positiv auszulegen, etwa indem er das Talent,
das ingenium, auch wenn es keine Mäßigung durch das ästhetische
Urteil, das iudicium erfahren hat, als einen möglichen Wert hervorge-
hoben hätte.
Diese Rekapitulation evaluierendcr Kategorien dokumentiert noch
einmal nachdrücklich die Doppelseitigkeit des ProkopoviCschen Den-
kens: zum einen die nachgerade typologisierende ahistorische, ein
Ideal verabsolutierende Einstellung - was anders ist die Wiederauf-
nahme des quintilianischen corrupf/a-Begriffs? - , zum andern eine
aktualisierende, auf Evolution (im Sinne des Reformwillens) sich ein-
richtende Haltung.
Die Ahistorisierung des decorum und die damit verbundene Wer-
tetopologie lassen allerdings - analog der Beobachtung, die hinsicht-
lich des ProkopoviCschen Sprachbegriffs gemacht wurde - den Ein-
fluß der universalia- Konzeption der Logik von Port Royal erkennen.
Das decorum ist epochen- und sprachenübergreifend: eine idealtypi-
sche Universalie.
Aber: Diepa/aflYg/na-Funktion des decorum bei Cicero, die immer
wieder beschworen wird, läßt die Dimension des Einmalig-Histori-
schen, das in der Zeit stets neu bestätigt werden kann, entstehen.
Oder anders gewendet: Das Paradigmatische ist zu begreifen als die
konkrete Repräsentanz des universale; das quintüianische decorum-
Konzept kann mithin als die universal geltende Formulierung dieses
Werts aus Prokopovics Sicht begriffen werden.
Das wird auch deutlich in der Auseinandersetzung mit dem acu-

221
me/i-Komplex, die sich wie ein roter Faden durch ProkopoviCs rheto-
rische Abhandlung zieht. Auf die schwach ausgebildete acumen-Lehre
in diesem Zusammenhang wurde bereits hingewiesen, das betrifft das
acumen sowohl als Phänomen der inventio - die inventio argumento-
rum dominiert die inventio acuminum - als auch als Phänomen der
elocutio - die dezidiert negative Einschätzung der argutiae, acumina
bei der Aufzählung der Formen des korrupten Stils. Es ist nun auffäl-
lig, daß das acumen, welches im Rahmen der ProkopoviCschen Poetica
durchaus seinen Platz behaupten konnte - und zwar ganz im Sinne
der ukrainischen Tradition, deren acu/wen-theoretisches Vorbild der
berühmte Traktat Sarbiewskis von 1626 "De arguto et acuto" war - an
solchen SteUen seiner Rhetorica auftaucht, die Grenzbereiche der ora-
torischen Genres behandeln. Nämlich dort, wo eine bestimmte Unter-
art der epideiktischen Rede, die Grabrede, als schriftliche Form, d. h.
als Grabinschrift, Epitaph, vorgestellt wird. Denn die Grabinschrift ist
die geronnene, verkürzte Rede, die auch das gebändigte acumen als
Abbreviatur-Form zuläßt. Der oratorisch-persuasive Grundton der In-
schrift wird zur Schaltstelle zwischen oratorischen und poetischen
Genres. Epitaph und inscriptio, das schriftlich gewordene genos
epideiktikon, rückt in nächste Nähe zu poetischen Arten wie dem Epi-
gramm. Auf der Grabtafel trifft sich die verstummte Klage- und Lob-
argumentation mit der poetischen Kunst von brevitas, argutia und clau-
sula. Dies sind die virtutes des Epigramms in ProkopoviCs Poetica. Ist
nun die argutia für epideiktische schriftliche Formen zulässig, so gilt
doch das Prinzip des Maßes. ProkopoviCs Argumentation zu diesem
Punkt macht deutlich, daß er zwischen einem acumen als Inbegriff
einer verderbten inventio und einer unmäßigen und schwülstigen elo-
cutio und dem acumen als einem /ua'/cium-gesteuerten Prinzip unter-
scheidet.
In der zuerst genannten Bedeutung wird acumen zum zentralen
Gegenprinzip seiner eigenen Konzeption, d.h. es gilt die Opposition
acumen vs. decorum. Diese Oppositionsbildung rekapituliert eine an-
dere, nämlich die zwischen recentiores und antiqui. Diese Opposition
läßt sich, so scheint es, durchaus im Sinne der Kontroverse modern/
antik interpretieren; recentior steht in vielen Traktaten für modernus,
und was ProkopoviC gegenüber den polnisch-barocken Stilverderbern
zur Geltung bringen will, ist die imitatio der Alten. Aber antiquus ist
für ProkopoviC nicht Schlüsselwort für die Antike schlechthin, sondern
steht für ein bestimmtes rhetorisches und - wie die Poetica zeigt -
auch poetisches Konzept, das, wie man sehen konnte, moralische und
ästhetische Aspekte vereinigt. Der recentior ist der Vertreter des un-
klassischen Prinzips, der die Regeln weder kennt (für ProkopoviC ist
er der Ungebildete) noch achtet, während der Vertreter des Gegen-

222
pols an die Regelhaftigkeit oratorischer und poetischer Verfahren und
an deren Universalität glaubt.
Das acumen, wo ProkopoviC es empfiehlt, ist durch das decorum
gemäßigt. In seiner ratio inveniendorum acuminum (418-420) heißt es
für die Verfertigung von sepulchrorum inscriptiones, Epitaphien und
Inschriften: "sensus esse oportet acutos, nervosos emphasticos, argu-
tos, quae omnia nomine acuminum compraehenduntur" (419). Als
acumen-Vorbilder gelten ihm acutae orationes von Sallust, Curtius,
Livius, Tacitus, Florus Romanus (427). Seine acu/7ie/i-Definition reka-
pituliert die in seiner Poetica für das Epigramm-acume/i bezogene
Position, die ganz offensichtlich von Sarbiewski inspiriert ist. Es heißt
bei ProkopoviC: "Per acumen intellego quidquid praeter aut contra
expectationem cum veritate vel verisimilitudine dicitur, id est aliqua
sententia admirationem pariens" (420-421). Hier ist acumen zunächst
als Phänomen der inventio gemeint und deutlich vom argumentum un-
terschieden. Veritas und verisimilitudo setzen einen vom Sarbiewski-
schen barocken, also concettistischen Denken wegführenden Akzent:
die Rationalisierung der auf die Wirkung der admiratio ausgerichteten
Einfälle, die Regulierung der inexpedata. Dennoch bleibt ProkopoviC
bei den admirabilia, die aus den inexpedata entstehen. Er stellt genera
admirabilium zusammen, zu denen sich die genera acuminum analog
verhalten. Die admirabilia-inexpedata der erfahrbaren wundervollen
Welt sind die Objekte der acwwe/i-Findung.86
So entsprechen den incognita die ingeniosae causae seu rationes
alicuis facti vel dicti (421), das kognitiv-rationale Moment tritt an die
Stelle des Schockeffekts, den das acumen als meraviglia hervorbringen
soll.87
Zu den incognita treten die insolita, und diese sind Phänomene der
Sprache. Stilistische acumina entstehen aus der paronomasia, den
voces ambiguae, überhaupt aus Tropen und Figuren, die dem allge-
meinen Sprachgebrauch fremd, also insolita, sind. ProkopoviCs Bei-
spiele sind, bis auf das eine aus Caussinus, antik und stehen nicht für
die 'asianischen' Vorbilder der manieristischen acufezza-Kunst. Wenn
ProkopoviC Verfahren wie conjungere repugnantia (424) oder concor-
dia, vel unita disjungere (425) - dies sind die bekannten Umschreibun-
gen der acumen -Technik - empfiehlt, dann hat er zwar so etwas wie
semantische 'Unstimmigkeit' im Auge, sein Interesse aber gilt in der
Hauptsache dem Gelingen einer grammatischen Konstruktion, die
durch 'Korrespondenz' (concinnitas in verbis) bestimmt ist. Das Ge-

80
Vgl. F. Prokopovif, Soiinenija, a.a.O., "De arte poetica". S. 229-333. "O poetifeskom
iskusstve". S. 335-455; hier S. 322-325 mit seiner acj/men-Definition.
87
° Zum Komplex der acumen-Lebrc im Rahmen der ukrainischen und russischen Rhe-
torik- und Poetiktradition in ihrer Abhängigkeit von der Sarbiewskischen Definition
siehe Kap. IV und VI in diesem Band.

223
genstück zum gelungenen, nach diesen Anweisungen gebauten acu-
men, sind die frigidae et obscurae sententiolae (427). Die Ablehnung
der obscuritas, die Kernstück manieristischer concettistischer Technik
ist, belegt noch einmal ProkopoviCs ästhetische Position gegenüber
dem Sprachusus der recentiores. Dieses reduzierte acu/wen-Verständ-
nis läßt es zu - das acumen wird gleichsam durch das decorum einge-
ebnet - , ProkopoviCs Rhetorik als eine gegen die noch nicht zur
Gänze überwundene ac«me«-Lehre gerichtete decorum-Lehre zu
interpretieren.

VIII
D i e decorum - ge p r a g t e S t i l r e d e

Auf einem so vorbereiteten Boden wird die Lehre von den drei Sti-
len entwickelt. Es ist bekannt, daß der Formulierung der Doktrin von
den drei Stilen für den slavischsprachigen Bereich größte Bedeutung
in Zusammenhang mit der Herausbildung der Literatursprache und
deren funktionaler Differenzierung zugeschrieben wird.88 Lomonosov
wird in dieser Hinsicht eine Aufmerksamkeit zuteil, die gelegentlich
die Tatsache der Eingebettetheit dieser Lehre in eine europäisch-anti-
ke Tradition in den Hintergrund treten läßt. Dies hatte neben dem
vielleicht positiven Effekt, die Originalität Lomonosovs in der Appli-
kation der Lehre auf ostslavisches Sprachmaterial zu profilieren, zur
Folge, daß weder die Normativität und Konventionalität dieser Stil-
hierarchie noch deren organisierend-modellierende Funktion als eine
eigenständige Leistung von Metatexten dieser Art reflektiert wurde.
Es kann wohl kein Zweifel daran bestehen, daß Lomonosovs Drei-
stiUehre in einer ostslavischen Stillehretradition zu sehen ist, die sich
im Rahmen der institutionalisierten Rhetorik- und Poetikkurse her-
ausgebildet hat, und daß er über seine aus Kiev kommenden Präzep-
toren an der Moskauer Slavisch-Griechisch-Lateinischen Akademie,
Krajskij89 und Kvetnickij90, die Lehre der Geistlichen Akademie rezi-
piert hat, eine Lehre, die sich polnischem Bildungseinfluß verdankt
und die im europäischen Kontext fest verankert ist. 1 Die Entdeckung

Vgl. hierzu die Monographien von IX. Bilodid, Kyjivo-Mohyljans'ka Akademija


v istoriii schidnoslovjans'kych literaturnych mov. Kyjiv 1979, und V. Vomperskij,
Stilistiieskoe uienie, aaO.
QQ
Porfirij Krajskij, Artis Rhetoricae praecepta [1733/34J. Hs. Rumjancev-Museum, Nr.
279. Heute Leninbibliothek, Moskau.
Fedor Kvetnickij, Clavis poetica [1732]. Hrsg. und mit einer einleitenden Untersu-
chungversehen von B. Uhlenbruch. Rhetorica Slavica Bd. III. Köln-Wien 1985.
1
In den Untersuchungen von R. Luzny, Pisarze kregu Akademii, aaO., und P. Lewin,
Wyktady poetyki w uczelniach rosyjskich XVIII w. (1722-1774) a tradycje polskie

224
der sog. Makarij-Rhetorik ergab, daß die Konzeption der drei genera
elocutionis früher, als man zunächst angenommen hatte, adaptiert
worden war.92
ProkopoviC ist Repräsentant der ukrainischen Stillehretradition
und kann von der Gewichtigkeit seiner stilistischen Doktrin her als
Vorläufer Lomonosovs eingestuft werden. ProkopoviC versucht, ein
System von Sprachverwendungen, Gattungen und Kommunikations-
situationen auf den russischsprachigen Hintergrund zu projizieren. Es
ist der Versuch einer totalen Reglementierung aller Formen verbaler
Interaktion, der Versuch, ein Inventar von Stilen, Gattungen und
Redezielen zu entwerfen, allerdings ohne die tatsächlichen kommuni-
kativen Gegebenheiten des kulturellen Kontextes und dessen kom-
munikative Bedürfnisse zu problematisieren. Der Oktroi, den Proko-
poviC vollzieht, hat Folgen. Es gibt keine bedeutende Gegenkonzep-
tion93, keine 'anti'-rhetorische, radikale Haltung, wie sie Awakum
gegen die offizielle Rhetorik des 17. Jahrhunderts entwickelt hat. Pro-
kopoviC prägt die Sprach- und Stilfrage des 18. Jahrhunderts bis zu
Lomonosov.
Kulturelle Kontexte, in denen sich Stilsysteme wie das der drei
Stile mit ausgeprägter hierarchischer Konzeption etablieren, können
in der Folge das vorfindliche sprachliche System hinsichtlich seiner
Verwendung für qualifizierbare Kommunikationsziele stabilisieren.
Denn die Lehre von den drei Stilen bildet ein differenziertes und strin-
gentes System von Zuweisungen und Entsprechungen ab, die die Re-

(Poetikvorlesungen in den russischen Lehrstätten des XVIII. Jahrhunderts [1722-1774]


und polnische Traditionen). Wroctaw-Warszawa-Gdansk 1972, wird die initiative Rolle
der polnischen Rhetorik- und Poetiktradition deutlich herausgestellt und glänzend
belegt.
Hierzu Vomperskij, aaO., sowie Kap. III in diesem Band.
Allerdings könnten die Analyse und Interpretation der mit der Raimundus Lullus-
Rezeption verbundenen Rhetorik ergeben, daß hier eine konzeptuell anders angelegte
Rhetorik in Konkurrenz zur Prokopovif-Lehre tritt. Andererseits hat gerade Andrej
Denisov, Haupt der Altgläubigen der zweiten Generation, eine Adaptation der Proko-
povif-Lehre vorgelegt, obwohl auch er im Zusammenhang des russischen Lullismus ge-
sehen werden kann. Eine vergleichende Untersuchung seiner Kurzfassung der Ars
Magna des Raimundus Lullus sowie der Andrej (Jan) Belobockij zugeschriebenen rus-
sischen Versionen der lullischen Ars Magna, Arsbrevis und insbesondere der Rhetorica
einerseits und der Denisovschen Prokopovif-Version andererseits werden Aufschlüsse
über diese Zusammenhänge geben und möglicherweise andere Akzentsetzungen ver-
langen. Vgl. die Vorarbeiten von V.P. Zubov, "K istorii russkogo oratorskogo iskusstva
konca XvII-pervoj poloviny XVIII v. (Russkaja liulljanskaja literatura i ee naznafe-
nie)" (Zur Geschichte der russischen Redekunst Ende des XVII.-Anfang des XVIII.
Jahrhunderts. [Die russische lullistische Literatur und ihre Aufgabe]). TODRL. XVI.
1960. S. 288-303; A.Ch. Gorfunkel', "Andrej Belobockij - poet i filosof konca XVII-
nafala XVIII v." (Andrej Belobockij - Poet und Philosoph Ende des XVII.-Anfang
des XVIII. Jahrhunderts). TODRL. XVIII. 1962. S. 188-213, und ders. "Velikaja nauka
Rajmunda Ljullija i ee fitateli" (Die große Wissenschaft des Raimundus Lullus und
ihre Leser). XVIII vek. 5.1962. S. 336-348.

225
lationen zwischen den Kommunikationsinstanzen qualifizieren. Die
hierarchisch gestaffelte Triade der Stile fordert die Isomorphie der
Gattungen und der Redeziele. Das decorum als Relation zwischen
Stil-Gattung-Redeziel ist keine semantische, sondern eine Relation
der konventionalisierten Verhältnismäßigkeit. Zum andern aber bin-
det sie die drei Instanzen aneinander, und es ist nicht auszumachen,
welche die je anderen konditioniert. Es ist eine dreistufige Interde-
pendenz, die über die genannten Instanzen (also die formalen und
funktionalen) hinaus res, Kommunikationspartner, Kommunikations-
situation, Ort, Umstand und Zeitpunkt (also die inhaltlichen und kon-
textueUen Instanzen) umfaßt.
Jeder sprachliche Ausdruck wird auf ein bestimmtes Stilgebäude
bezogen und entsprechend der darin geltenden Ordnung bewertet.
Dasjenige Stilsystem, das innerhalb eines kulturellen Kontextes diese
regulative Rolle erhält, nimmt die übrigen im Kommunikationsraum
real verwendeten Stile einzelner sozialer Gruppen nicht zur Kenntnis.
D.h. unabhängig von der Differenzierung des gesamten Sprachsystems
entsprechend den kommunikativen Bedürfnissen der die Gesellschaft
konstituierenden Gruppen wird ein Stilsystem, das triadische, toleriert,
das ausschließlich für solche Kommunikationsformen gilt, die inner-
halb des Systems höheren Kommunikationszielen zugeordnet sind, al-
so für die Rede-Arten und poetischen Gattungen, die zu den Kommu-
nikationsformen mit niederem Kommunikationsziel (z.B. Unterhal-
tung, Gespräch) eine Opposition bilden.
Das akzeptierte Stilsystem wirkt auf dem Hintergrund einer Oppo-
sition: stilistisch merkmalhaltig vs. stilistisch merkmallos, wobei das
erste Glied der Opposition diejenigen Kommunikationsformen meint,
die höhere kommunikative Ziele realisieren. Es ist also davon auszu-
gehen, daß die triadische Stillehre immer einen Bereich von Stilen un-
erfaßt läßt und daß aufgrund dieser Tatsache eine Opposition inner-
halb des kulturellen Kontextes, der eine Stillehre94 aufbaut, wirksam
wird. Ein in sich gegliedertes triadisches System wird nach den Krite-
rien der Verfremdungsstufe, der ontatus-Stufe und der Affektstufe
einer Gattungs- und Redeziel-Triade zugeordnet (hoch - movere,
mittel - delectare, niedrig - probare, movere) und einem Komplex
nicht definierter Redestile, Kommunikationsformen und -ziele gegen-
übergestellt. In solchen intern hierarchisch funktionierenden Systemen
ist auch der niedrige Stil zu begreifen, d.h. er hat seinen Stellenwert
entsprechend den festgelegten Normen und ist nicht gleichzusetzen

" In diesem Zusammenhang sei noch einmal auf die Monographien von Dyck, aaO.,
und Fischer, aaO., verwiesen. Die unterschiedlich gewichtenden Darstellungen der bei-
den Autoren von decorum- und Stillehre (von der Antike über Mittelalter, Renais-
sance bis zum Barock) entwerfen einen europäischen Kontext, in den der russische
Beitrag eingefügt werden muß.

226
mit dem merkmallosen Glied der Opposition.
Die Opposition bildet die ererbte sprachdichotomische Konzeption
ab, in der eine alltagssprachliche einer nicht alltagssprachlichen (poe-
tischen) Sprachverwendung konfrontiert ist. Das gesamte System der
Sprachverwendung eines kulturellen Kontextes wird als von der Rivali-
tät zweier Weisen des Sprechens dominiert begriffen: des erhabenen,
ungewöhnlichen, fremdartigen, geschmückten, uneigentlichen, kunst-
vollen und des trivialen, klaren, üblichen, normalen, eigentlichen, na-
türlichen Sprechens. Diese Rivalität beschreibt eine latente Zweispra-
chigkeit, die dann eine offene wird, wenn das nichtalltagssprachliche
Sprechen mithilfe einer systemfernen oder -fremden Sprache ge-
schieht (Kirchenslavisch, Latein). Innerhalb der Stiltriade, die die
latente Zweisprachigkeit durch eine nach den Kriterien der Verfrem-
dung, des omatus und der Affekte (pathos-ethos) rigoros gegliederte
Dreiheit kompliziert, gilt für jede Stufe verbindlich das Gesetz der
Adäquatheit und Angemessenheit, d.h. des decorum oder aptum, also
eine ästhetisch zu qualifizierende Kategorie. Solange die Stiltriade ak-
zeptiert wird, wird auch die Forderung des decomm akzeptiert, ob-
wohl diese in den verschiedenen Kontexten, die die Stillehre assimi-
liert haben, unterschiedlich erfüllt wird. Das decorum als solches ist
eine Konstante, Variablen sind die Realisierungen in den einzelnen
Kontexten. Jedes Kommunikationssystem, d.h. diejenige Gruppe, die
das System repräsentiert, entwirft eine Konzeption des decomm, eine
Konzeption der Zuordnung von Gattung und Stil, von Gegenstand und
Stil, von res und verba. Diese Zuordnung ist konventionell, ihre Ver-
letzung zeigt Veränderungen im Stil- bzw. im Kommunikationssystem
an.
Das vom decorum diktierte Entsprechungsschema sieht bei Proko-
poviC in Kapitel III von Liber I: De triplici dicendi genere, seu stylo
sublimi sive gravi, medio seu florido, infimo seu familiari (53) wie folgt
aus:
Das summum genus, das auch als grande, grave, sublime entspre-
chend der Tradition der Lehre bezeichnet wird, zeigt sich als Verhält-
nis zwischen res magna und ampla, magnifica fonna: ampla et magni-
fica in rebus magnis verborum et sententiamm fonna (53). Dabei wird
die lexikalisch-semantische und syntaktische Differenzierung noch
weiter aufgegliedert:
magnae amplificationes, graves sententiae, argumenta fortia, verba gravia so-
nantia, metaphorae et allegoriae non vulgares, et a magnis rebus petitae, multi et
graves affectus [z.B. irae, admirationis, miserationis, doloris etc.], multae figurae
(53-54)

Diese Liste zählt die zentralen Verfahren der lautlichen, syntaktischen


und semantischen Organisierung des Textes auf; die Repertoires wer-

227
den genannt, aus denen - der hierarchischen Ordnung entsprechend
- jeweils gewählt werden kann. Zur forma gehört auch die Darstel-
lung ausgewählter Leidenschaften, diese sind ja kein inhaltliches Ele-
ment, sondern ein wirkungsbezogenes, rein mediales. Das Redeziel,
dem die res magna in forma magnifica entspricht, lautet: "maxime ad
commovendos animos inserviunt." (54)
Dieses Modell wiederholt sich auf jeder Stufe der Triade: Das
medium genus, das auch mediocre, floridum, temperatum, aequabile
heißt, wird als in rebus mediocribus mediocris et aequabilis verbomm e
sententiarum structura bestimmt, wobei neben dem Ausdruck stmdura,
der hier synonym mit forma aus der vorangegangenen Stilstufenbe-
schreibung gebraucht wird, die auch lexikalisch unterstrichene Isomor-
phie von res und verba hervorzuheben wäre. Das mediocre wird reali-
siert aus den Repertoires der inventio (der Satz-, Argumenten- und
Affektenlehre) und der elocutio (speziell der Tropen- und Figuren-
lehre):
sententias non multum subtiles, verba suavia et nitida, translationes frequentes sed
iucundas petitas a rebus amaenis, speciosas argutias, periodos proprias et
rutundas, membra frequenter paria, amaenas digressiones, affectus modicos, et
raros, figurae. [...], tota oratio facilis et perspicua. (54)

Diese oratio wird dem Redeziel der deledatio gewidmet. Die Restrik-
tion des omatus wird hier besonders deutlich: maßvolle Metaphern
und argutiae. Angestrebt wird eine 'klassische' suavitas, die sich im
Rahmen der perspicuitas bewegt und dennoch 'mit leichter Hand' or-
ganisiert ist.
Das infimum genus, das auch tenue, humile, familiäre genannt wird
(jedes der fast synomym gebrauchten Attribute hat in der Geschichte
der Stilqualifizierungen andere neue Konnotationen gewonnen), er-
hält folgende Bestimmung: "verborum sententiarumque in rebus hu-
milibus parvis, familiaribus forma infima, et attenuata" (54). Die Ab-
grenzung dieses genus, für das kein Redeziel angegeben wird (üblich
ist die Zuordnung des docere oder probare), gegenüber der AUtags-
sprache ist schwer, aber es wird klar, daß es sich durch Abweichungs-
merkmale abhebt und überhaupt markierte Rede gegenüber der un-
markierten der AUtagssprache darstellt. Also: "sed tarnen a communi
et vulgari sermone distincta: Habet enim suas elegantias" (54). Diese
bestehen in:
verba cultiora quidem, sed plerumque propria: Translata etiam, sed magis usitata:
Sensus obvios, affectus nullos, autrarissimos,et modicos. (54)

Eine dünne Wand trennt diese extrem schwach organisierte Rede von
der 'gewöhnlichen'. Die Betonung des Gebräuchlichen, Habitualisier-

228
ten, fast zum 'Eigentlichen' Tendierenden läßt kaum semantische
Anomalien zu, es sei denn die habitualisierte Metapher.
Die Restriktivität dieses verzweigten Bezugssystems wird gerade in
der Qualifizierung der Einzelverfahren plausibel. Und hier ist zumin-
dest bemerkenswert, daß ein Inventar von Verfahren aus einer ästheti-
schen Indifferenz - denn als pure Verfahren sind sie gleichwertig und
gleichwahrscheinlich - gelöst und in einem nunmehr ästhetisch domi-
nierten Auswahlprozeß neu geordnet werden: die zum hohen Stil pas-
sende Metaphorik, die mittlere, die leichte etc.
Aber auch der Gebrauch der Stile ist nicht etwa ein willkürlich-zu-
fälliger, ad libitum des Sprechenden. ProkopoviC problematisiert das
decorum, das die Relation genus dicendi-forma reguliert, indem er die
weitere Instanz der res vor Augen führt. Auch die res, wie die fomia,
müssen aufgeschlüsselt, spezifiziert werden: Was sind zum Beispiel die
res summae, die dem hohen Stil zugeordnet sind?
ProkopoviC legt sie fest: caelestes, aetemae, divinae. Aber auch
Humanae [...] sed admiratione dignae, velplenae doloris, miserationis,
indignationis (54). Konkret können dies sein: Heroicae virtutes, severae
leges, facta vel dida sapienter, regnorum interitus, fortunae vicissitudi-
nes, tristes rerum eventus, omnia in suo genere maxima (54-55). Also
Dinge, Begebenheiten, Erlebnisse, die innerhalb eines kulturellen
Kontextes den höchsten Grad an Aufmerksamkeit und Erschütterung
hervorrufen können. Damit ist gleichzeitig auch eine Skala themati-
scher Strukturen angeboten, die bei der Realisierung des genus sum-
mum und der fonna magnifica parat sind.
Derselbe Mechanismus gilt für die res mediae des genus medium.
Diese sind laetae, vel non adeo tristes (55) und jedenfalls denen unter-
zuordnen, von denen oben die Rede war. Hier werden nun weniger
Strukturen als vielmehr Textarten (oder Redearten) aufgeführt, die
weitgehend das Redegenus des demonstrativum abdecken: salutationes
hospitum, benevolentiae significationes, gratulationes honorum, vidoria-
rum, descriptiones tryumphorum, aliarumque rerum amaenarum (55).
Im Grunde Sprachhandlungen (Gratulationen, Preis, Begrüßung), die
ihrerseits wieder auf bestimmte Topologien verwiesen sind.
Die res parvae des genus infinum haben durchaus wieder einen ge-
genständlichen Kern: de re rustica, de re familiari, allerdings ohne To-
pologie. Die res parvae sind Gegenstand, wenn wir scherzen (iocamur)
und - merkwürdig genug - wenn wir lehren (docemus, significamus)
(55); vielleicht so interpretierbar: Gegenstand der Lehre kann alles
sein, auch das Geringfügige, Alltägliche. Damit nicht genug. Prokopo-
viC hebt hervor, daß nicht der pure Gedanke der Hierarchie der Stile,
Gegenstände und Formen den Sprechenden leiten dürfe, sondern daß
es immer um die Einhaltung der Entsprechung gehe. Das decorum

229
rangiert v o r der Hierarchie: Alle Stile verdienen das gleiche Lob,
wenn sie nur, "wie es sich gehört" angewandt werden. Der hohe Stil,
wenn nicht im Sinne des decorum eingesetzt, sei niedriger einzu-
schätzen als der adäquat gehandhabte niedrige.
Diesen funktionalen Gedanken verfolgt ProkopoviC konsequent.
Entscheidend für die falsche Anwendung der Stildifferenzierung ist of-
fenbar die Nichtkenntnis der den einzelnen Stilen immanenten Re-
geln. Jeder Stil verfügt nachgerade über eine Autonomie, über einen
Kode, den der Benutzer erlernen muß. Dieser umfaßt Lexik, syntak-
tische und semantische Verfahren, den Einsatz bestimmter omatus-
Verfahren, Verfahren der Affekterzeugung (durch Affektdarstellung).
Wer als Redender sich nicht auskennt, produziert Stillosigkeiten, Stil-
fehler, er wirkt entweder vulgär und grob oder bombastisch und leer.
Man sieht, die Verletzung der Regeln ist ein Verstoß gegen das
decorum, der ä s t h e t i s c h bewertet wird.
In ProkopoviCs Poetica, auf die er übrigens in anderem Zusam-
menhang als Lehrbuch verweist, taucht das Problem der Stile, nun-
mehr ausschUeßlich auf die sogenannten poetischen Gattungen bezo-
gen, ebenfalls auf. Die einzelnen Gattungen (die Gattungstriade: Epik,
Dramatik, Lyrik ist hier - wie überhaupt in den Poetiken der Zeit -
nicht konsolidiert) werden den genannten Stilen zugewiesen und
durch zusätzliche ästhetische (expressive) Qualitäten charakterisiert:
Sicut enim in heroico et tragico poemate gravitas, in bucolico simplicitas, in
elegiaco teneritudo et mollities affectuum, in satyrico acrimonia, in commoedia
joci, in epigrammate acumen, ita in lyrico virtus est praecipua suavitas. (Poetica,
321-322)

Diese Zuordnung wird ergänzt durch Stilbestimmungen wie Stylus


medius seu fioridus (Poetica, 319) oder locutio non sublimis, familiari
sermoni similis (Poetica, 318) u.a.
Man erkennt die Dreiteilung der Stile wieder. Begriffe wie gravitas,
simplicitas, acrimonia, teneritudo, mollities, suavitas beschreiben den
Gesamttenor der jeweiligen Dichtungsart. Es sind eigentlich wirkungs-
ästhetische Begriffe; sie korrespondieren den Stilbeschreibungen, die
über die Stufenbestimmung von hoch - mittel - niedrig hinaus stim-
mungsevozierende Faktoren hervorheben: familiaris, fioridus etc.
LetztUch sind es schwer zu fassende Metaphern für die ästhetische
Grundhaltung einer Dichtungsart, die ProkopoviC hier in ein Bezie-
hungsnetz stellt.
Die rechte aeconwi-Realisierung sieht ProkopoviC aber auch von
der Disposition des Redenden her, seiner natura, und auch hier unter-
scheidet er eine triadische Hierarchie von Begabungen: optimum,
mediocre, infimum. Der rhetorisch Hochbegabte hat animi motus,

230
summum iudicium, fecundidatem et ubertatem (61), dazu kommen
capax et tenax memoria und die Fähigkeit, Stimme und Gesichtsaus-
druck - ebenfalls in Entsprechung zu Stil, Gegenstand, Gattung -
einzusetzen.
ProkopoviC wäre kein Lehrer der Rhetorik, verlangte er nicht trotz
natura die exercitatio. Und diese empfiehlt er anhand der Progymnas-
mata des Aphthonius Sophista und anhand seiner eigenen Poetica.
Hiermit stellt er sich bewußt neben einem bereits standardisierten
Rhetoriklehrer als Prazeptor vor. In einem elf Punkte umfassenden
Phasenmodell entwickelt er dann exemplarisch den Auswahl- und
Produktionsprozeß bei der Herstellung einer optimalen, decorum-
regulierten Rede:
lmo: An sit oratio latina, non ne barbara verba, aut impropria (locutis) aut frasis
Poetica, aut solccissm irrepserint? 2do: Clara (ne) sint omnia et perspicua? 3tio:
Est ne sensus aliquis? an nihil diclo tuo intelligatur? 4to: verborum delectum
iudica, sint ne talia, qualia res postulat: sonantia, gravia, suavia etc: 5to: sint ne
servata iuxta praeceptum modum, et usum numerosae orationis ratio. 6to: Vide ne
forte (impegeris) in aliquod ex supra dictis Vitium 7mo: (troporum) et figurarum
iudicium ineatur. 8vo: Prudenter perpende an decorum servatum sit. 9no: quae
erunt supervacanea tollenda sunt, et contra quae desiderabuntur, vel animi vel
aurium iudicio illa adjicienda. lOmo: singularum orationis partium propriae
virtutes an sint? et an non sint vitia, ut exordij, narrationis. 1 lmo hagenda est
ratio varietatis. (66-67)

Der Gesamtkomplex der Redeherstellung ist aber erst abgeschlossen,


wenn ein weiteres Moment Berücksichtigung findet, die imitatio (67-
68)95. Die Fähigkeit zur richtigen imitatio, die die eigene gemäßigte
Kreativität nicht verstellen darf, bedeutet einmal die Wahl des jeweils
richtigen Vorbilds (summus et praestantissimus) für je eine Gattung,
Stil etc., zum andern das Sicheinschreiben in eine bereits bestätigte
Reihe von audores. Der audor muß einer sein, der Großes durch sei-
ne Rede bewirkt hat, der Ruhm und Wertschätzung genießt.
Die imitatio ist einmal Akt der Bestätigung einer bestimmten Tra-
dition, zum andern der Aufbau eines Bildungsideals, das für den ak-
tuellen kulturellen Kontext Geltung gewinnen soll oder für die Kom-
munikationsgemeinschaft bereits erlangt hat. Der Vorbildautor wird
so zum Index für einen bestimmten ästhetischen und kommunikativen
Kode. ProkopoviC hat eine klare Vorstellung von dem, was für eine
Kommunikationsgemeinschaft relevant ist, was an Wissenserfahrung
gespeichert ist, worüber und womit kommuniziert wird: nicht nur die

" Die imitatio spielt auch in Prokopovics Poetica eine konstitutive Rolle, vgl. De arte
poetica, aaO, Lib. I, cap. IX. Zur Abhängigkeit dieses Konzepts von Scaligers Poetices
libri Septem yjd. A.A. Smirnov, "K probleme russkogo predklassicizma i gumanisticeskoj
teorii poezii F. Prokopovifa i Ju.C. Skaliger" (Zum Problem des russischen Vorklas-
sizismus in der humanistischen Theorie der Poesie von F. Prokopovif und Ju. Scali-
fer). In: Problemy teorii istorii literatury. Sbornik statej, posvjaJiennyj pamjali Prof. A.N.
okolova. Hrsg. V.l. Kulesov. Moskva 1971. S. 67-73.

231
Rhetorik, auch die Geschichte, die Dichtung, die Dogmen der Philo-
sophen, die heiligen Gesetze, das kirchliche und weltliche Recht. Ein
Wissensfundus also, in dem diese Kodes abgebildet sind, die für den
neuen Kommunikationsraum als erfahrenes und gespeichertes Wissen
verfügbar gemacht werden und über das sich der neue Kontext konso-
Udieren kann. (Alles Elemente übrigens, die entweder ein Weltmodell
darstellen oder konkrete Entwürfe für das Funktionieren der Gesell-
schaft enthalten.)
Die Legitimierung der Stillehre, der decomm-Lehre und ihrer im-
pliziten und expliziten Restriktivität wird in der Rhetorik erbracht
durch die Berufung auf die audores. Audores werden als Begründer
der Tradition, der man sich anschließen will, oder als deren hervorra-
gende Repräsentanten vorgestellt. Die gesamte europäische Rhetorik-
Tradition führt ihre Garanten namentlich mit; sie werden wie die sti-
listischen Verfahren und die 'Bibelbereiche' und wie die Topik der Ar-
gumentenlehre in je neue kulturelle Kontexte - wiederum als quasi
universale - eingebracht. Es ist klar, daß die Vorliebe für ein be-
stimmtes Ensemble von audores, die Empfehlung einer gezielten imi-
tatio ihrer Stilmuster für eine ästhetische Tendenz kanonbildend sind
und Aufschluß geben über die Bewertung der Position, die der Rheto-
rik-Lehrer im eigenen kulturellen Kontext einnimmt.
ProkopoviC sucht seine audoritates aus zwei kulturellen Bereichen:
dem christlichen byzantinischen Griechenland und der griechischen
und römischen Antike der klassischen Periode. Der erste Bereich ist
als für die beginnende russische Kultur konstitutiv und bereits in das
kulturelle Eigenverständnis eingegangen, der zweite Bereich kommt in
seiner Funktion als kulturelle Norm hinzu.
Es geht ProkopoviC offenbar um eine Parallelisierung der audores.
Neben Demosthenes und Cicero treten die Kirchenväter und Prediger
des christlichen Byzanz, Basilius, Johannes Chrysostomus. Die audo-
res werden mit je einem Beispiel für einen der Stile präsentiert: Auch
die exempla übernehmen neben ihrer legitimatorischen eine normative
Funktion.
ProkopoviCs Bemühung, die heidnisch-antiken exempla und audo-
res mit einem christlichen Analogon zu versehen, geschieht nicht ohne
taktischen Hintersinn: Das christliche Analogon wird zum Gegenargu-
ment gegen eine Rhetorikkritik, die deren heidnische Provenienz be-
klagt.96 Die Berufung auf Chrysostomus war überdies besonders ge-
eignet, die ProkopoviCsche Position zu stärken. Der Name Chrysosto-
mus, dessen Predigten in der berühmten altrussischen Sammlung

* Zu den Wertungen der heidnischen Antike einerseits und der christlichen anderer-
seits und zum Problem der Christianisierung der heidnischen antiken Kultur vgl. E.R
Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern 2-Aufl. 1954. S. 82 ff.

232
Zlatostmj früh rezipiert worden waren, stand für eine rhetorische und
darüber hinaus eine russische kulturelle Tradition, in die sich Proko-
poviC nun einfügte.
Demosthenes und Cicero galten als Repräsentanten einer eloquen-
tia humana etpolitica. Die laudatio, die ProkopoviC auf Cicero verfaßt,
ist topologiscn; sie basiert auf Quintilians Cicero-Urteil aus Buch X
der Institutio oratoria (in quo eloquentia totas vires suas experiretur)
und gipfelt - unter Berufung auf Melchior Iunius - in einem Diktum,
in dem die decorum-Dogmatik noch einmal klassisch zum Ausdruck
kommt:
[Cicero] omnium invenit acutissime, inventa disposuit prudentissime, disposita
elocutus est ornatissime, copiosissime, gravissime. Summa apud eum in docendo
atque confirmando subtilitas, vehementia in movendo, in delectando suavitas. (69)
Und: de rebus magnis graviter sumisse de parvis, de mediocribus temperate. (70)

Interessant ist auch der Hinweis auf Ciceros Modi oratorischer Praxis:
dixit, scripsit, egit (69-70), rhetorische Handlungen allesamt, die für die
Öffentlichkeit bestimmt sind. Um diesen Aspekt geht es ProkopoviC.
Er versucht ihn auch bei seinem christlichen byzantinischen Gewährs-
mann Chrysostomus, audoritas de eloquentia sacra, hervorzuheben, in-
dem er diesen, was die Strategien der Rede angeht, nachdrücklich mit
Cicero vergleicht (auch seine fama sei der Ciceros vergleichbar) und
die ö f f e n t l i c h e Wirkung seiner sennones unterstreicht.
Die Parallelisierung von Cicero und Chrysostomus ist ein die Pro-
kopoviCsche Rhetorik in toto bestimmendes Argument, das zum einen
der Versuch ist, eine dichotomische (heidnisch vs. christlich) Kultur-
betrachtung abzulösen, zum andern das geltende christlich-humanisti-
sche Kulturverständnis abbildet. Allerdings fügt ProkopoviC diesen
elementaren rhetorischen Leitfiguren eine Reihe weiterer Namen hin-
zu, die z.T. der Kommentierung bedürfen.97 Er stellt eine Liste von
Gattungen und Kommunikationssituationen auf und nennt deren je-
weils hervorragendste Vertreter mit zum Teil einschränkenden Stilbe-
wertungen (71-74).
Daß die elocutio als Zentralteil der Rhetorik über die sprachlichen
Strategien, den Aufbau des verbalen Gestus etc. die Beharrlichkeit des
decorum-Konzepts bis in die letzten Details der Figuren und Tropen
hinein demonstriert, läßt diesen Abschnitt rhetorischer Lehre nur-
mehr normativ-pragmatisch, nicht mehr deskriptiv-(abstrakt) verste-
hen. Der Vorschlag eines Verfahrens ist ein wertender Akt, die Aus-
wahl eines Verfahrens die Entscheidung für eine bestimmte ästheti-
sche Wirkung. Primär ist der Entschluß für ein 'dekoratives' kommu-
nikatives Handeln, über den weiteren Schritt, die Wahl der korrespon-

Vgl. hierzu den Kommentar zu De arte rhetorica, aaO., (47,11; 71, 20-74).

233
dierenden Formen gibt die wertende Rhetorik ProkopoviCs Auskunft.
ProkopoviC kann stets plausibel machen, warum er diese Akzentset-
zungen vornimmt, es geht ihm um Verständlichkeit der Rede, darum,
das einfache Publikum zu erfassen, es geht ihm um die Gewinnung
der ÖffentUchkeit. Diese durchgängige Berücksichtigung des Hörer-
standpunktes nimmt neben den schon behandelten interferierenden
Instanzen eine weitere auf, die des Adressaten. Eine so intendierte
Redesituation verlangt klare Verhältnisse, nämlich: singulorum ver-
borum ratio; eorundem constructio; proprietas linguae seu usus patriu
dictionis; reda pronuntiatio (205).
Das latine dicere meint damit die optimale sprachliche Qualität
schlechthin (wobei das latine dicere des Cicero mit Aristoteles' elleni-
zein gleichgesetzt wird). Der Gebrauch des Lateinischen als Sprach-
form aber ist wieder geregelt durch eine Restriktion: Es dürfen nur
solche lateinischen Wörter benutzt werden, die durch audoritates
abgesichert sind, keine Neubildungen also; diese Art von konservati-
vem 'Latinismus', Purismus in einem aus der Sicht des Sprechers
fremden Idiom, führt zu Formulierungen, die ebenfalls von der deco-
mm-Tendenz bestimmt sind:
Sed maxime spectanda est proprietas latinae locutionis: hoc est quae verba et cum
quibus coniungi possunt, et coniuncta quid signiflcent (206).

Die proprietas meint hier weniger den Gegenpol zur tropisch-figuralen


Rede als vielmehr den Bereich, der einer Sprache eigen ist, der ihre
Eigentümlichkeit ausmacht. Hier fügt ProkopoviC auch eine Bemer-
kung über Charakteristika von Nationalsprachen ein, die deutlich
macht, daß er sich dessen bewußt ist, daß es sprachimmanente Ideale
gibt, die nicht generalisierbar sind (was in einer Sprache vis und
elegantia habe, brauche dies in einer anderen nicht aufzuweisen). Des-
halb - er spricht hier als polyglotter Schreiber - gebe es Probleme
der Übersetzung. An dieser Stelle verläßt ProkopoviC ein wenig den
port-royalistischen Standpunkt. Doch die - bei einem Neulateiner
sicherlich verständliche - Bemühung um die Reinerhaltung der latei-
nischen proprietas wendet sich vor allem gegen das Phänomen der
Sprachmischung, gegen das makkaronische Latein, speziell in Gestalt
des Polnisch-Lateinischen. Hier bezieht er sich auf ein willkommenes
Diktum des polnischen Jesuiten Gregorius Cnapius, der den Brauch
der sogenannten mixobarbari kritisiert, die die latinitas des Cicero und
das Polnische des Kochanowski unzulässig miteinander mischten
(209).
Das Purismus-Ideal, das ProkopoviC durchgängig vertritt, unter-
stützt das clare und plane dicere und führt zum Zusammenfall des bene
und des plane (clare) dicere; damit ist die Opposition, die jene zwi-

234
sehen Alltagsrede und oratorisch/poetischer Rede abbildet, suspen-
diert. Sie wird ersetzt durch die Opposition clare-plane vs. obscumm,
und das obscumm bedeutet Unsinn oder soviel wie gar nichts reden.
All dies markiert noch einmal den ProkopoviCschen Standpunkt hin-
sichtlich der StUkonvention des 17. Jahrhunderts, auf deren Negativitat
er sich stets bezieht: Makkaronismen, das bene dicere, in seiner manie-
ristischen Ausprägung durchaus ein obscumm, bilden den Hinter-
grund für eine oratio mit den Aufgaben: "Sed ut aperta, plana dUucida,
et ad captum auditorum sit (aecomodata)" (212), gemäß der ciceronia-
nischen Anweisung (aus De oratore, III, 49): "verbis utemur usitatis,
ambigua vitabimus, medioeres ducemus ambitus, non discerpemus
sententias, non turbabimus ordinem" (213).
Ein Aufruf zur Ordnung, zum Gewohnt-Erprobten, zum Mittel-
maß des Verständlichen, der stets den Hörerstandpunkt meint, d.h.
den des einfachen Publikums, das in die verbalen und konzeptuellen
Kodes preziöser Rede nicht eingeweiht ist. Die Aufgabe der Opposi-
tion von rede vs. bene und plane vs. ornate weist dem omatus nicht
mehr die Rolle der sekundären Strukturierung von Rede und Text,
sondern nur noch die einer virtus neben der der latinitas und per-
spicuitas zu. Der omatus wird als Ordnungsfaktor eingesetzt, der am
iudicium orientiert ist; das iudicium aber läßt sich als Synonym von
decomm verstehen: "ut sint [verba singula] venusta, nitida, sonantia,
gravia, suavia" - wie es die Stile verlangen, aber: "clara in signifi-
cando, non dubia, non ambigua, non obscura" (225). Das Klarheits-
pathos richtet sich implizit wieder gegen die acu/?ie/i-'Exzesse', die
ProkopoviC offenbar immer noch für eine Provokation hält. (Aus der
Perspektive von Lomonosovs ostroumie und der Idee des soprjaienie
dalekovatych idej98 hatte er gar nicht so unrecht.)
Die Auswahl der Verfahren, die er empfiehlt, berücksichtigt Ho-
mogenität schaffende Strategien, schließt aber solche, die reine Klang-
korrespondenzen (ohne Sinnkorrelat!) aufbauen, aus. Eine Wortfolge
wie: ut alma, aurea antiqua [...] (227) ist für ProkopoviC ebenso un-
erträglich wie ein Zusammentreffen von Konsonanten, z.B. in: Rex
Xerxes, ponto pontem. Dies sind Formen, die als palindromische Laut-
wiederholung und figura etymologica hervorragende Träger des von
ihm verworfenen Konzepts von Sprachgebrauch sind. Die Wortwie-
derholung unterliegt demselben Verdikt, ist aber zulässig, wenn eine
bestimmte figura sie vorschreibt (repetitio, conduplicatio, traductio)
oder wenn es sich um epigrammatische Gedichte handelt: "Si proeul a
proculo Proculi campana fuisset / nunc proeul a Proculo Proculus ipse
foret" (227). D.h. das ordo-Ideal kann dann transzendiert werden,

VB
Vgl. Lomonosovs Kratkoe rukovodstvo k krasnoreiiju (Kurze Anleitung zur Rede-
kunst) von 1748. In: Soiinenija M.V. Lomonosova. Hrsg. MI. Suchomlinov. III. Sankt-
peterburg 1895. S. 97,190, 205.

235
wenn Anweisungen einer höheren Ordnung sozusagen (Gattungstradi-
tion, eine etablierte Regel) dies verlangen. Die Empfehlungen für die
Erreichung der virtutes sind ebenfalls stark auf das rede dicere gerich-
tet bzw. auf Grammatikalität, Wortfolge im Satz, Syntax (z.B. Stellung
des ablativus absolutus im Satz) und sämtlich am lateinischen Satz
ausgerichtet. Primär geht es um die elegantia periodi. Es ist keine Fra-
ge, daß die Transformation der z.T. diffizilen grammatischen Hinwei-
se in eine für die Volkssprache praktikable Regel nicht ohne weiteres
geleistet werden konnte.
Es ist auch nicht von ungefähr, daß die Ordnung des Satzes im
Vordergrund steht. Der klar gebaute Satz bildet die klare Argumenta-
tion für ein klares Redeziel ab; solche Sätze bauen nicht mehr hinter-
fragbare Kommunikationssituationen auf. Der empfohlene omatus
kann daher nie die Rolle eines semantischen surplus oder gar einer
unerwartbaren Sinnproduktion haben, er spielt die Rolle des Ord-
nungsverstärkers. Und dieses Prinzip, das wieder als wertendes sich
erweist, sondiert aus dem Inventar der Figuren solche, die einem Satz-
konzept der genannten Art als propriae et singulares entsprechen:
Isocolon, Antithese, Zeugma, commutatio, correlatio. Alles Bezeich-
nungen für metaplastische Formen der syntagmatischen Ebene, die
Gleichgliedrigkeit, Nichtgleichgliedrigkeit, Gegeneinanderstellung,
Umstellbarkeit etc. der Satzelemente meinen, ohne deren vorgängige
Bedeutungsfixierung zu stören.
In diesem Zusammenhang bemerkenswert als eine weitere Detail-
lierung und Amplifizierung des decorw/?i-Prinzips ist die Relation
omatus-officium, die ProkopoviC in Defigurisquae officio docendi in-
serviunt (242) etabliert. ProkopoviC stellt diesen Versuch, eine Bezie-
hung zwischen omatus und officium herzustellen, als seine eigene Lei-
stung dar:99
Multipliciter a diversis figurae dividuntur, sed mihi eas placet in tria genera di-
videre secundum triplex Oratoris officium, quod est, ut suo loco dictum fuit.
Movere, docere et delectare. (243)

Figura wird in diesem Kontext noch einmal grundsätzlich bestimmt:


Figuras Graeci Schemmata appellant, id est imagines, eo quod veluti colores
tabulam, et tabulae parietem, ita illae exornant orationem. (242-243)

Diefigurawird als imago100, als color und tabula begriffen. Sie hat kei-

Die Behauptung Prokopovics, die Herstellung eines decorum-Bezugß zwischen oma-


tus und officium sei seine eigene Leistung, muß eingeschränkt werden. Entsprechungs-
verhältnisse zwischen Stil, Gattung, officium und Redesituation gibt es z.B. bei Mel-
chior Iunius. Anis dicendi praecepta. Regensburg 1594, und in Caussinus' Eloquentia.
Allerdings dürfte die Rigorosität, mit der die decomm-Systematik auch hier durchge-
setzt wird, ein Charakteristikum der Prokopovifschen Lehre sein. Auch für die mehr-
stufige Figureneinteilung (s.u.) gibt es bei den genannten Rhetorikern Präzedenzen.

236
ne Zweckbestimmung in sich selbst, sondern ist auf tabula, paries, ora-
tio ausgerichtet.
Dieser Vergleich macht deutlich, daß figura (und dieser Ausdruck
steht für Tropen und Figuren) nun doch auch die Gültigkeit einer er-
erbten rhetorischen Opposition für das ProkopoviCsche Denken offen-
legt, die in der so dezidiert auf plane und clare festgelegten Rede fast
verloren schien, die Opposition von ornatus-Rede und consuetudo:
"Figura igitur est quidquid cultius et ornatius, quam communis et
obvia consuetudo est, dicitur" (243). Die darin enthaltene Opposition
cultius/omatius vs. communis/obvia rückt sogar ein wenig von dem
reinen Verständlichkeitsideal ab. Aber die Grade dieser möglichen
Verschiebung von communis und obvia oratio sind regulierbar, die
Restriktionen werden nach Maßgabe des officium formuliert. Das offi-
cium des docere verlangt folgerichtig einen omatus, der plausibel ist.
Erfüllt er diese Bedingung nicht, so stellt er eine deformitas dar. Die
Opposition omatus vs. deformitas interpretiert diese Funktion der
figura:
Hoc enim modo earum usum melius cognosci posse existimo, quae scilicet et quo
loco adhibendae sint: Nam hoc non intellecto, non omatus sed deformitas sermo-
nis erit, si figurate loquaris. (243)

Das officium des docere läßt ein von den anderen officio unterschiede-
nes Inventar von Figuren zu.
Wenn ProkopoviC im folgenden sogar von genus figuramm redet,
bringt er auch hier die hierarchische Klassifikation ein: Zum genus
dicendi, genus elocutionis und zum officium tritt das figürliche genus.
Es kann daraus geschlossen werden, daß ProkopoviC Stufen der Figür-
lichkeit (der Tropizität) annimmt, d.h. unterschiedliche Entfernungs-
grade von der consuetudo. Für das officium des delectare ist eine sol-
che Steigerung gegenüber dem docere anzunehmen:
Ad hoc genus figurarum accedentes veluti quendam horum amaenissimum variis
flosculis renidentem ingredimur Haec enim Schemata mirum in modum aures et
animos oblectant gratiam et benevolentiam omnium orator (omnia oratori) conci-
liant res, quas exornant, pulchras et venustas ostendunt, ac proinde in omni laeta
et leni teneraque materia, in omni affectu placido, ut gaudii, amoris, miserationis,
praecipuae autem in genere dicendi exornativo usum habent. (260)

ProkopoviC zählt eine Reihe von adäquaten figuralen Verfahren auf


(265), darunter die homoiosis (similitudo), der er drei Aufgaben zu-
schreibt: confirmare, illustrare, exomare (Beweis, Exempel, Schmuck),

lw
Hier wie an vielen anderen Stellen wird deutlich, wie stark Prokopovif die Kon-
zeptionen europäischer Rhetoriker und Poetiker (hier Scaligers, der insbesondere für
die Poetica der Musterautor war) eingearbeitet hat, ohne daß dies durch Zitierung
deutlich würde. Er reiht sich hiermit in eine bestehende rhetorisch-poetische Überlie-
ferungskette ein.

237
und eine dreifache Weise der artificiosa tradatio: "per contrarium, col-
lationem et brevitatem" (266).
Die knappe Zusammenstellung von Gegensätzlichem ist hier of-
fenbar bei einem Redeziel tragbar, dem es nicht um die pure Ver-
ständlichkeit und Klarheit geht. Die Formel fällt im Kontext der Pro-
kopoviCschen restriktiven und rigorosen Anweisungen geradezu auf
und läßt die flüchtige Assoziation mit dem acumen aufkommen. Doch
tritt ProkopoviC mit der Einführung der metaphora ganz hinter die von
ihm gesetzten Grenzen zurück. Die Metapher wird reduziert auf die
Elementarformel: "cum verbum e loco proprio, transfertur in impro-
prium propter simiUtudinem, exempla ubique patent" (267), und er-
scheint somit als eine sehr unproblematische, nachgerade obligate
Form, die allen genera eignet, die einzig durch similitudo motiviert ist,
wobei das Vergleichsmoment noch nicht einmal durch contraria kom-
pliziert wird wie in den zuvor genannten Verfahren.
Dem officium des movere: "ad motum animorum" (270) wird ein
umfangreiches Inventar von Figuren und Tropen zugewiesen. Jedes
Verfahrensinventar ist also exklusiv für ein officium und erhält damit
einen funktionalen Wert.
Die Relation omatus-officium, die in dieser Ausführlichkeit unge-
wöhnlich ist, wird durch die üblichere omatus-genus dicendi überla-
gert: "De usu figurarum spectato triplici dicendi genere" (279), wobei
dieselbe aufsteigende Linie von 'einfach', 'fast natürlich', 'noch an der
AUtagssprache orientiert' bis zu einer deutlichen Differenzierung zu
dieser beobachtet werden kann. Es bleibt aber offenbar bei der höhe-
ren Determination durch das officium. Interessant in diesem Zusam-
menhang ist die Einführung einer dreistufigen Ordnung, die Figuren
erster, zweiter und dritter Ordnung vorsieht (280). Falls es sich hier
tatsächlich um ein Einteilungskriterium handelt, das den jeweiligen
Abweichungsgrad zur consuetudo meint, so wäre diese Figurenhierar-
chie durchaus als Vorformulierung von Tropizität zu sehen.
Die decomm-Regel erhält einen weiteren sehr wichtigen, für den
Aufbau der Kommunikationssituation konstitutiven Aspekt, der über
den der bereits behandelten Relationen hinausgeht. In De apte dicendi
ratione heißt es zur vierten virtus der eloquentia: "hoc est ut sit talis
oratio, quae et dicenti et audientibus et loco et tempori et aliis Omni-
bus circumstantiis conveniat" (280). Die Angemessenheit der oratio
(bzw. der verba) betrifft hier nicht mehr die res, die officio, die genera
allein, sondern Sprecher, Hörer, Ort, Zeit, Umstände. Obwohl in der
rhetorischen Tradition aptum und decomm synonym gebraucht wer-
den (gr. prepon), scheint hier das aptum die letztgenannten Instanzen
abzudecken, das decorum aber im engeren Sinn für die res-verba-
Relation reserviert zu sein.

238
Doch es wird letztlich klar, das das decomm immer eine res-verba-
Relation in bezug auf andere Instanzen meint. ProkopoviC formuüert
das unmißverständlich, wenn er das decomm (der Poeten und Rhe-
toren) in rebus und in verbis unterscheidet und deren Konditionen
nennt: "In rebus curandum est [...], quae maxime hoc loco vel tempore
dicere necesse est" (281). Nicht die Rede also schafft hier Ort, Zeit,
Anlaß, sondern Ort, Zeit, Anlaß schaffen die Rede; das Kommunika-
tionsbedürfnis ist primär. Das decomm in verbis ist abhängig von der
sprechenden Person, von der hörenden Person, von der Sache, über
die geredet wird. Quis dicit ad quem de quo (281) ist die Formel, die
die richtigen verba garantiert. Es versteht sich von selbst, daß die In-
stanz des quis detailliert werden muß: aetas, vitae, conditio, fortunae,
dignitas bedingen den orator, der, als iuvenis modeste, verecunde,
copiose, ornate und als senex graviter, cum autoritate minore cultu, et
brevius redet. Ist der Redner ein miles, so ist seine Rede tumida,
iracunda et inflata, ist er ein vir doctus, so ist sie sedatior et disertior
(281-282). Dieselben Differenzierungen gelten für den Hörer. Die vi-
tale und soziale Determiniertheit des Senders kann also eine oratio
ebenso konditionieren wie die Aufnahme des Empfängers. Eine Inter-
ferenz von Sender- und Empfängercode ist hier impliziert, da der ora-
tor sich nicht immer an ein Publikum derselben Voraussetzungen wen-
den kann (ProkopoviC macht an anderer Stelle deutlich, daß der orator
seine Rede am Status des Hörers ausrichtet). Diese Interferenz wird
überlagert von Art, Wichtigkeit und Zweck des Redegegenstandes
(dignitas etfinis, 283).
Die res kann tristis, laeta, indigna, honesta sein, parva oder magna.
Die fines sind: deliberare, iudicare, demonstrare (283). Und noch ein-
mal, Anlaß der Rede sind weder res noch verba, sondern das Kommu-
nikationsbedürfnis (eigentlich die circumstantia), welches das officium
bestimmt. Das officium aber bestimmt sowohl res wie verba.

IX

Decorum und A f f e k t e n 1 e h r e

In seinem Liber V: De traetandis animi affectibus wird deutlich, wie


weit eine rhetorische Lehre als Kommunikationslehre gelten kann. Es
wird auch deutlich, daß die Affektenlehre konstitutiver Bestandteil
eines Konzeptes ist, das, wie ProkopoviCs Ansatz, nicht nur den Pro-
duktionsaspekt, sondern auch den der Wirkungen bei Kommunika-
tionsakten bedenkt, die durch kalkulierbare oratorische und poetische
Strategien erzeugt werden können. Die Berücksichtigung des Hörer-

239
Leserstandpunkts macht klar, warum zu einer Lehre thematischer und
stilistischer Verfahren eine Lehre der Emotionserzeugung treten muß.
Daß die Affektenlehre wie die übrigen Teile der ProkopoviCschen
Rhetorik am omnipräsenten Angemessenheitsprinzip partizipiert, ist
zu vermuten. Gerade die Affekterzeugung bedarf des decorum als
Regulator.
Das triadisch organisierte Gebäude von genera dicendi, genera
elocutionis und officio, deren Wechselbeziehungen ebenfalls in triadi-
scher Hierarchie geordnet sind, wird nicht nur in eine angemessene
Relation zu einer bestimmten omatus-Stufe, sondern auch zu einer be-
stimmten Affektklasse gebracht, wobei ProkopoviC keine Unterschei-
dung der Affektstärke (ethos, pathos) trifft. Die emotionale Disposi-
tion des Hörers (eigentlich eine psychosomatische Veranlagung) wird
durch Verfahren des Redners stimuliert, so daß dieser eine Reihe un-
terschiedlicher Affekte an sich erfährt, die ihrerseits einer moralischen
Wertung unterliegen.
Die Persuasivkraft der Rede leistet über ihre drei zentralen funk-
tionalen Aufgaben des movere, delectare und docere/probare be-
stimmte appellative Dienste. Es geht, wie ProkopoviC sagt, darum:
auditomm animos afficere (287); und zwar durch die augenfällige
descriptio und die erregende amplificatio. In diesen beiden Verfahren,
die thematisch und stilistisch determiniert sind, erwartet er alle mögli-
chen Affektwirkungen: "totum hoc movendorum affectuum artificium
vertitur" (287). Es besteht eine offensichtliche Korrespondenz zwi-
schen Affektdarstellung und Affektreaktion. Der dargestellte Affekt
führt zu einer emotionalen, vielleicht auch intellektuellen Identifika-
tion.
ProkopoviCs Liste der Affekte, die in zwei Klassen aufgeführt wer-
den, orientiert sich an der lateinischen (Cicero) Adaptation der grie-
chischen Pathosrubrizierung bzw. derjenigen Tradition, die darauf
aufbaut, zitiert aber auch direkt aus dem Pathoskapitel der aristoteli-
schen Rhetorik.101
Die erste von ProkopoviC aufgeführte Klasse (amor, desiderium,
[cupiditas], cura, sollicitudo, spes, confidentia, aemulatio, laetitia,
schließlich loci sive facetiae) läßt sich mit Ausnahme des letzten Ele-
ments der sanfteren Affektstufe des ethos - mit dem officium des de-
lectare - zurechnen, das letzte Element, die ioci, gehören zum risus
als ebenfalls herabgeminderter Affektstufe - mit demselben officium
-, während die zweite Klasse (odium, ira, dignitas, dolor, commisera-

lul
Eine plausible Darstellung der antiken Affektlehre, bes. der lateinischen Adap-
tationen der griechischen Konzepte sowie der mit den Affekten verbundenen Wer-
tungsproblematik gibt R. Rieks in den Anfangskapiteln seiner Arbeit Affekte und
Strukturen. Pathos als ein Form- und Wirkprinzip von Vergils "Aeneis". München 1989

240
tio, consolatio, terror, metus, desperatio, inivia, pudor, verecundia) der
heftigeren Stufe des pathos - mit dem officium des movere - zuge-
hört. ProkopoviC verzichtet wie gesagt auf diese konventioneUe Affekt-
stufenbenennung.
Die exempla für diesen Bereich wählt ProkopoviC nicht nur aus
dem Fundus der berühmten Reden (von Ciceros orationes bis zu
Chrysostomus' semiones), sondern auch aus dem der poetischen Gat-
tungen (Affektdarstellungen aus Senecas Tragödien, Vergils Epos,
Ovids Metamorphosen). Diese zitierten Affektdarstellungen, Selbstge-
spräche einer von Leidenschaft erfüllten Person, bedienen sich rhe-
torischer Mittel im Sinne des Persuasiv-Appellativen, sie sind Beispie-
le für die Rhetorisierung poetischer Formen.
Die Darstellung eines Affekts, der die Erzeugung desselben beim
Hörer/Leser/Zuschauer auslösen soll, muß sich an einem bestimmten
Stil und der entsprechenden omatus-Stufe orientieren. Z.B. der Affekt
der confidentia und spes bedarf zu seiner Realisierung in der Rede der
figurae loquaces, der clamosae interrogatines, der permissiones, der
ironiae, der obsecrationes, der repetitiones (301), der Affekt des dolor
dagegen derfiguraedolentes, der similitudines a rebus tristibus dudae,
der exclamationes non clamosae etc.
Die als loci seu facetiae bezeichneten Affekte in Kapitel 7 seines
Affektbuchs führen noch einmal in den mit den acumina verbundenen
Problemkreis. Bei den loci geht es ja nicht so sehr um die Herstellung
einer Korrespondenz zwischen einem in der Rede erzeugten, d.h. (mi-
metisch) dargestellten Affekt und der Wirkung beim Hörer, sondern
um bestimmte verbale Verfahren, die den Affekt des Lachens bewir-
ken. Nicht also die Mimesis komischer Handlungen ist hier, so scheint
es, gemeint, sondern die Darstellung der Wirkkraft rein verbaler Ver-
fahren, die Komik der Sprache, der Sprachwitz, der zum Lachen be-
wegt: "iocando ad risum movere" (308). - Der risus rangiert in der
Hierarchie der Affekte nach pathos und ethos.
Die Nähe der iocare- Verfahren zu denen des acumen läßt Proko-
poviC eine moralisch-ästhetische Restriktion einbringen, indem er von
einem "duplex iocandi genus" ausgeht: 1. "honestum seu urbanum et
liberale", 2. "illiberale, indecens, scurrile" (309).
In der Opposition von scurrilitas und urbanitas (vgl. das aristoteli-
sche Stilideal des asteion, Quintilians urbanitas, die neben dem ridicu-
lum zur schwächeren Affektstufe gehört) ist die von acumen und deco-
mm zu erkennen. Das honest-urban-liberale Komische erlaubt die
amphiboloia, die paronomasia, ethimologia, emphasis, die komische
Metapher, die similitudo, ja sogar sonst vom decomm verbannte 'Feh-
ler' wie Soloecismen und Barbarismen sind wegen ihres rein komi-
schen Effekts erlaubt (312).

241
Es ist die martialische Epigramm-Komik, die für ProkopoviC den
Maßstab setzt: "Ex quo elegantissimo exemplo nota etiam enim cau-
sam ridiculam, et inexpectatam maxime delectare, si artificiose offera-
tur, hoc est si breviter [...]" (312). Die urbanitas zähmt das acumen,
ProkopoviC nennt dies acuta urbanitas (314). Die akute Urbanität ist
Merkmal der martialischen Epigramme, der satirischen Dialoge des
Lukian, der Komödien des Terenz und Plautus. Die skurrile Komik
der recentiores bleibt unerwähnt, denn: "nequid nimium". Die Redesi-
tuation ist zu beachten, der Augenblick, die Stimmung, die Verfassung
des Zuhörers, d.h. der Affekt des risus darf nie der einer Verblüffung,
eines Schocks sein. Die Angabe zum Stil und omatus dieses Affekts
zeigt einen interessanten Aspekt: Der niedrige Stil des risus ist mit
einem omatus gekoppelt, der im stilus infimus eigentlich keinen Platz
hat und deshalb nur ironisch eingesetzt werden kann: "Stylus autem in
iocando infimus esse debet, nee figurae nisi per ironiam adhibeantur"
(318). Die ridicula hyperbola oder ridicula amplificatio sind Resultate
einer solchen gebrochenen Haltung zur Ordnung des Stils.
Der Gedanke des ironischen Einsatzes des Redeschmucks erwägt
ja die Möglichkeit, daß die triadischen Zuordnungsverhältnisse gestört
werden. In der Ironie erscheint der Stilbruch, der einen 'stilistischen
Affekt' hervorrufen soll, legitimiert, also aufgehoben. Man kann auch
folgenden Aspekt hinzufügen: Das im Stilbruch nicht funktional ver-
wendete Verfahren wird 'entblößt', in einem formalistischen Sinn.
Hier hätte ProkopoviC eine Theorie der Parodie entwickeln können.
Aber er verfolgt diesen Ansatz nicht, denn er lehnt ein Übermaß des
Autotelischen ab und kehrt immer wieder zum Heterotelisch-Prakti-
schen zurück (der risus als Auflockerung in einer Rede oder Predigt).
Dieses Ziel beherrscht auch seine Zuordnung von Affektenliste und
Stilkatalog. Er greift hier wie bei der Argumententopik auf ein Reper-
toire zurück, das ein bestimmtes kulturelles Selbstverständnis, be-
stimmte kulturelle Erfahrungen und Ideologeme eines anderen Kon-
textes abbildet. Die griechische Affektentopik, die Konkurrenz ver-
schiedener Pathostheorien (der peripatetischen, stoischen, epikurei-
schen),102 ihre Verbindung zur Tugendtopik, ihre Begründung in psy-
chosomatischen Theorien und ihr funktionaler Einsatz für die Psycha-
gogie, das sind Elemente, die der Tradition implizit sind, in die sich
ProkopoviC einschreibt. (Übrigens reflektiert ProkopoviC weder in der
rhetorischen Affektenlehre noch im Zusammenhang mit dem Drama,
das er in seiner Poetik behandelt, das Ziel der tragischen Psychagogie:
die Reinigung von den Affekten, ton pathematon katharsis, als eine all-
gemeine Lust, oikeia hedone, die der aus der Erregung der Affekte
von Furcht und Schrecken, eleos kai phobos, befreite Hörer erfährt.)

"«Ebd.

242
Die ciceronianische Adaptation der Pathoslehre und die quintüia-
nische Umsetzung in Einzelanweisungen, das sind die unproblemati-
schen Punkte, auf die ProkopoviC rekurriert. Und es sind just die
Punkte, die wieder den u/i/versa/e-Aspekt enthalten: Die Grammatik
der Affekte ist übertragbar, allgemein menschlich, nicht auf eine
Kultur bezogen. Ihre rechte Anwendung kann einen regulierend-orga-
nisierenden Eingriff in ein noch ungeordnetes, nicht voU zum Bewußt-
sein gekommenes Ensemble von Emotionen und Leidenschaften be-
deuten. Die Steuerbarkeit der Gefühle durch die (mündliche und
schriftliche) Rede, die die Rhetorik suggeriert und durch ein kalku-
lierbares Angebot von Stilen und omatus-Stufen verbürgt, wird zum
Bestandteil des ProkopoviCschen Kommunikationskonzepts. Doch ist
hier, um diesen Gedanken nicht zu überspielen, ebenso wie bei der
Einbringung der Dreistillehre, der Bestimmung der einzelnen Stil-
stufen und der Integration der Argumentenlehre immer wieder die
Doppelwertigkeit des rhetorischen Ansatzes zu reflektieren: 1. das
deskriptiv-grammatische Moment mit seiner normativen Implikation,
2. der Kontakt mit fremder kodifizierter kultureller Erfahrung. Proko-
poviC stellt diesen Kontakt zwischen dem Rußland des 18. Jahrhun-
derts und einer 'fremden' Welt, einer auctoritas-Welt her.

Ornatus in d e r Predigt

Im einzigen der Predigt gewidmeten Liber IX: Singularis de sacra


eloquentia fragt ProkopoviC: "An verborum delectus ornatusque figu-
rarum alii oratorii flores in sacra oratione adhiberi debent" (431). Das
ganze Buch dient dem Beweis, daß omatus der Predigt eigne, und dem
Versuch, den Predigt-omafi« in seinen Elementen zu bestimmen und
seine spezifische Funktion zu umreißen.103 Der Predigtornatus ist
legitimiert durch die Heilige Schrift, die Sendbriefe, die Schriften der
Kirchenväter: "Magna tarnen hie adhibenda est ornatus, moderatio et
affeetatio sumopere fugienda" (435). Die Bejahung dieser Frage ist
mit dem Verweis auf die ioci- und/acec/ae-Technik in den Predigten
des Chrysostomus und des Gregor von Nazianz gekoppelt und abge-
sichert durch die Warnung vor spaßhaftem Verdrehen der Worte der
HeiUgen Schrift (wie es der unfähige Mlodzianowski tue). Der Scherz
muß als didaktischer, nicht-selbstzwecklicher erkennbar bleiben. Die
Restriktionen, die ProkopoviC formuliert, zeugen immer wieder von

1UJ
Zum Problem des ornatus in der Predigt vgl. die Untersuchung von J. Dyck, "Orna-
tus und Decorum im protestantischen Predigtstil des 17. Jahrhunderts". Zeitschrift für
deutsches Altertum und deutsche Literatur. 1965. 94. S. 225-236.

243
der stüistisch-moralischen Angst vor einem Umkippen der ioci (oder,
wie an anderer Stelle, der acumina) in Übermut und Indezenz. Das
Verlassen der Grenzen des decomm sei etwa auch zu bedenken, wenn
ein Prediger wortgewaltig gegen Sünder und Häretiker aushole, vor
einem Unmaß in der Verurteilung müsse man sich hüten (437).
ProkopoviC will - ungleich Savonarola oder Abraham a Santa
Clara - die Predigt als ein Redegenre vorstellen, das sich von den
weltlichen nicht unterscheidet und über dieselben argumentatio-
Regeln verfügt; die oratio sacra erhält den Status einer deliberativen
Rede, und deliberativ ist für ProkopoviC deutlich politisch: "Argumen-
torum genera eadem et totidem sunt in sacris, quot et quae in politicis
orationibus" (440). Klarer konnte ProkopoviC die Politisierung, besser:
das politische Konzept seiner Predigt nicht formulieren. Nicht politi-
siert allerdings, das muß einschränkend gesagt werden, erscheint in-
nerhalb der oratio sacra das genus demonstrativum, das speziell für die
Kirchenfeste, die zehn Feste des Herrn, eine stabile Topik vorsieht.
Dasselbe gilt für die Feste der Gottesmutter und der Heiligen. Hier
macht ProkopoviC deutlich, daß an die Stelle des Arguments das
'Thema' tritt. Thema meint einen Text im Sinne eines Mottos, das am
Anfang der Predigt steht und damit zum Predigtgegenstand wird.
Texte aus der Heiligen Schrift ("in sacris concionibus verba aliqua ex
sacris literis deprompta", 452) spielen zumeist diese Thema-Motto-
Rolle.
Der Politpredigt aber, der oratio politica, die er auch nicht mehr
concio nennt, gilt seine eigene oratorische Tätigkeit,104 die die Funk-
tion der Predigt, wie sie bei den Ukrainern gelehrt und exerziert wur-
de, etwa bei Galjatovskij, ebenso verändert wie deren Stiltradition -
wenn man Dimitrij von Rostov105 hier als glänzendstes Beispiel be-
denkt. Gilt seine gesamte Redelehre der Kontroverse mit den polni-
schen Jesuiten-Rhetoren, insbesondere den Predigern wie etwa KAo-

104
N.D. Kofetkova stellt in ihrem Beitrag "Oratorskaja proza Feofana Prokopovifa
i puti formirovanija literatury klassicizma* (Die oratorische Prosa des Feofan Prokopo-
vif und Wege der Formierung der Literatur des Klassizismus). XVIII vek. 9. Leningrad
1974. S. 50-»0, den Aspekt der Säkularisierung der Predigt durch Prokopovif deutlich
heraus, bes. S. 57. - Das Gattungskonzept Prokopovics in bezug auf die Predigt unter-
scheidet sich signifikant von der des Caussinus, der die oratio sacra von der epidictica
und civilis abhebt, sie der hohen Stillage (maiestas) zuweist und neben dem officium
des docere auch die officio des movere und delectare fordert. Die wichtigste Predigtart
ist für ihn die emblematische, eine Profanierung der Predigt ist in diesem Konzept
ausgeschlossen. - Vgl. F.G. Sieveke, "Eloquentia sacra. Zur Predigttheorie des Nico-
laus Caussinus S.J.". In: Rhetorik. Beiträge zu ihrer Geschichte in Deutschland vom 16
20. Jahrhundert. Hrsg. IL Schanze. Frankfurt/M. 1974. S. 43-68. - Zu Prokopovics Pre-
digtpraxis, speziell in polnischer Sprache, vgl. Luzny, aaO, S. 135 ff.
105
Zu Dimitrij von Rostov vgl. die Arbeit von M. Bemdt, Die Predigt Dimitrij Tup-
talos. Studien zur ukrainischen und russischen Barockpredigt. Slavica Helvetica. 6. Bern
Frankfurt/M. 1975, die ausführlich über die Geschichte der Predigt und über die Pre-
digt-Lehren der Zeit berichtet.

244
dzianowski106, so wird in dieser neuen Funktionsbestimmung auch die
Auseinandersetzung mit der Predigtpraxis von Javorskij und Buzin-
skij107 deutlich, von denen zumindest der erste in einer stark barock
geprägten Konvention zu sehen ist.108
Verstehen wir das Politische bei ProkopoviC als eine durch die
affirmative Haltung gegenüber den petrinischen Reformideen beding-
te staatsorientierte und damit auch herrscherorientierte Einstellung,
so dürfte es auch als Funktion von Rede und Text so neu nicht sein.
Es tritt als Funktion in diesem Sinne neben die des Panegyrischen, die
in der neueren russischen Literatur mindestens ab Polockij festzustel-
len ist. Läßt man sich auf die Beobachtung einer funktionalen Kon-
gruenz von panegyrisch und politisch ein oder, konkreter auf die
Rede- und Textformen bezogen, auf eine solche zwischen panegyri-
scher Ode und politischer Predigt, dann kann man ProkopoviC in sei-
ner oratorischen Praxis in einer von Polockij bis Lomonosov und Der-
2avin reichenden Tradition sehen, und, bedenkt man den Beginn
seiner kulturellen Tätigkeit, der durch sein Epinikion-Poem markiert
ist109, auch in seiner poetischen Praxis.

106
Neben Mlodzianowski sind Jacek Mijakowski, Jacek Liveriusz, Aleksander Loren-
cowicz, Franciszek Rychlowski u.a. zu nennen. Dazu Berndt, ebd., S. 8 ff.
107
Einige der genannten Prediger sind gleichzeitig Autoren von homiletischen Trak-
taten bzw. Rhetoriken mit oratio sacra Teil. z.B. Ioannikij Galjatovskij mit seinen
ukrainischen Musterpredigten Kljut razumenija (Schlüssel des Verstehens) mit ange-
schlossener Predigtlehre "Nauka albo sposob zlozenija kazanja" (Lehre oder Anleitung
zum Verfassen von Predigten). Kiev 1659 (weitere Auflagen folgten) oder Stefan
Javorskij, dessen Ritoriieskaja ruka (ursprünglich 1690/91 gelesener Kurs, der 1705
von Fedor Polikarpov ins Russische übersetzt wurde) ebenfalls Predigtanweisungen
enthält. Die sowohl über die ukrainische Rhetorik-Homiletik-Tradition vermittelte als
auch direkte Abhängigkeit Prokopovics von Nicolaus Caussinus, De eloquentia sacra et
humana. Libri XVI. Köln 1681 bezüglich der Anweisungen zum Predigtaufbau ist evi-
dent. Weiteres zur ukrainischen Predigtlehre vor Prokopovif bei Berndt, aaO., S. 3-19.
- Hingewiesen sei auf die Ausgabe loanikij Haljatovs kyj ijoho 'Kljui' Razuminija'
(Ioamkij Haljatovs'kyj (Galjatovskij) und sein Schlüssel des Verstehens). Vydannja
Ukrajinskoho Katolif'koho Universytetu Im. Sv. Klymenta papy. Praci Hreko-Katolic-
koj Bohoslovs'koj Akademiji. XXXVII-XXXIX. Hrsg. K Bida. Rom 1975.
108
N. Petrov weist in seiner Homiletikgeschichte "Iz istorii gomiletiki v staroj Kievskoj
Akademii" (Aus der Geschichte der Homiletik in der alten Kiever Akademie). Trudy
Kievskoj Duchovnoj Akademii. 1866/1. S. 86-124, auf die Anleitungen zur oratio sacra
in der Kiever Rhetonklehre hin, die er in Zusammenhang mit der westeuropäischen
rhetorisch-homiletischen Lehre des 17. Jahrhunderts sieht (bes. Franciscus de Men-
doca und Nicolaus Caussinus). Die stilistische und konzeptuelle Diskrepanz zwischen
stark geschmückter, effektvoll-verspielter und ernst-solider Predigt wird in der For-
schung durch die Konfrontation Javorskijs (einschließlich der polnischen Vorbilder)
und Prokopovifs dargestellt. Vgl. Ju.F. Samarin, Stefan Javorskij und Feofan Prokopo-
vii. In: Ju.S., Soiinemja. V. Moskva 1880; zu Javorskij speziell s. A.A. Morozov, "Meta-
fora i allegorija u Stefana Javorskogo" (Metapher und Allegorie bei Stephan Javor-
skij). Poetika i stilistika russkoj literatury. Pamjati akademika V.V. Vinogradova. Lenin-
grad 1971. S. 35-44.
109
Das anläßlich des Sieges Peters I. über die Schweden verfaßte Siegeslied "Epi-
nikion, siest pesn' pobednaja o tojzde preslavnoj pobede" (Panegirikos, ili Slovo
r :hval'noe o"preslavnoj nad vojskami svejskimi pobede... Kiev 1709) ist abgedruckt in:
Prokopovif! Soiinenija, aaO., S. 209-214; - Prokopovifs Predigten sind zu seinen

245
ProkopoviCs Predigttheorie110 - Einzelanweisungen für die Ver-
fertigung von propovedi gibt es übrigens auch im Duchovnyj reglament
- verläßt sich auf das decorum als konzeptuelles und ästhetisches
Prinzip, das einem klassischen (antibarocken) Denkstil entspricht und
im konkreten gesellschaftlichen Kontext des 18. Jahrhunderts als ein
aufklärerisches interpretiert werden kann. Aber hier mögen die
bereits oben gemachten Einschränkungen gelten. Das Aufklärerische
bestätigt sich dort, wo es pädagogisch eingesetzt ist (Argumente für
eine neue vernünftige Gesellschaft) und wird dort problematisch, wo
es im Verbund mit dem Panegyrischen in der Veränderung der beste-
henden die Etablierung einer neuen rigiden, totalen Ordnung in
einem kritikfreien Raum anstrebt.

XI
Regeln der ' s c h r i f t l i c h e n Rede'

In Liber VI: De ratione scribendae Historiae et de Epistolis (342) be


schäftigt sich ProkopoviC ausschließlich mit schriftlichen Formen, mit
'Literatur', einem Bereich, den er zunächst mit dem Epitaph kurz
streift. Während mit dem Epitaph als schriftlich verkürzter Rede der
Umkreis der poetischen Genres (Epigramm), besonders auch durch
Empfehlung bestimmter Verfahren (des gebremsten acumen), berührt
wird, erscheint die epistola als Form, in der die Regeln der oratori-
schen Rede, insbesondere der epideiktischen, gelten, während die
historia in ein Feld führt, das mit den genannten officio nicht mehr er-
faßbar ist.
Genauer, in der epistola111, auch litera genannt (365), wiederholt
sich sowohl die Triade der Redegenres - der Brief zerfällt in die Un-
tergattungen des deliberativen, judizialen und demonstrativen - als
auch die Triade der zuzuordnenden Stile, vor allem aber die Anwei-
sung des decomm, die das Verhältnis von Schreiber, Adressat und

Lebzeiten z.T. als Broschüren erschienen. S.F. Nakoval'nin nahm die gedruckten Texte
und einige der in Handschriften überlieferten Predigten in seine Ausgabe Feofana Pro-
kopoviia...slova i reii pouiiiel'nyja, pochval'nyja i pozdravitel'nyja. 3 Bde. Sanktpeter-
burg 1760-1765, auf. In der Ausgabe von Eremin wurden 9 Predigten, nach Drucken
des 18. Jahrhunderts, ediert.
110
Es sei darauf hingewiesen, daß die ukrainische Ausgabe der Rhetorik Prokopo-
vifs, Feofan Prokopovif, Filosofs'ky tvory v tr'och tomach. Pereklad s latins'koj. I: Pr
ritoriine mistectvo. (Und: Rizni sentenciji) (Philosophische Werke in drei Bünden.
Übersetzung aus dem Lateinischen. I: Über die rhetorische Kunst). Hrsg. V.l. Sinka-
ruk. Kyjiv 1979, das Liber IX ausgelassen hat.
Prokopovif beruft sich an keiner Stelle auf die pis'movniki, die Briefsteller, die im
17. und 18. Jahrhundert eine große Rolle spielten.

246
Gegenstand strikt auslegt.
Der 'Rede'-Charakter des Briefes als einer rhetorisch-persuasiven
Leistung bleibt deutlich erhalten. ProkopoviC definiert seine schrift-
liche Rede-Art so: "Epistola est sermo absentis ad absentem literis
vocis vocem gerentibus" (364). Das Brief-decomm bildet die Standes-
unterschiede ab, ein famulus sei vom princeps als möglichem Adressa-
ten wohl zu unterscheiden. Während man für den ersteren kein ex-
ordium brauche (magis negledo dicendi genere), sei dieses für den
Hochgestellten notwendig. Die captanda benevolentia und die cultior
oratio beweisen den Respekt vor dem Adressaten, so wie die Nach-
lässigkeit gegenüber dem famulus einen despectus widerspiegeln darf
(366).
Die soziale, Rangunterschiede und Abhängigkeitsverhältnisse ak-
zentuierende Funktion des decomm wird beim Brief dominant:
Decorum vero sie ubi alias maxime in Epistolis servandum est, et diligentissime hie
lila celebris, apte dicendi regula custodienda. quis sit iste qui scribit? Cui scribat,
de quo scribat. (366)

Durch die SchriftUchkeit wird die in der Mündlichkeit geforderte An-


passungsregel noch gesteigert: "regula pro decoro, considera quomodo
ad eam personam praesentem loqueris, ad quam scribis absentem":
wobei gilt: "magis honorificam debere esse epistolam, quam sit oris
locutio" (366). Die Formelhaftigkeit der Briefrezepte ist daher weiter-
getrieben als in den eigentlichen Redeformen. ProkopoviC legt eine
Liste von formulae für die epistola suasoria/dissuasoria; epistola
hortatoria/dehortatoria als Untergenera des genus deliberativum im
Bereich der epistola bzw. solche für die epistola consolatoria, petitoria
und mandatoria innerhalb desselben genus vor (367 f), aber auch Vor-
schriften für die epistola aecusatoria, excusatoria, defensoria im Rah-
men des genus iudiciale und für das genus demonstrativum des Briefes
die epistola nuntiatoria, facaeta etc. Die Ritualisierung des Briefschrei-
bens ist nicht nur Folge der Verfügbarkeit ('Erlernbarkeit') der richti-
gen Formel, sondern auch der richtigen Einschätzung der 'schriftli-
chen Redesituation', der Einhaltung der Kongruenz von Stilstufe,
Affektstufe, Schmuckstufe, 'Gegenstands'-Stufe, sozialer Stufe von
Sender und Empfänger. Es ist nicht von ungefähr, daß ProkopoviC
sich nicht so sehr für den Privatbrief, als vielmehr für den öffentlichen
interessiert, den Brief der höchsten Instanzen über höchste Belange:
"[Epistolae] regnum ad reges alios, de faedere et pactis, bello [...]"
(378). Folgendes Zitat möge die Funktion des angemessenen Briefe-
schreibens, die auf der Kenntnis einer Skala von Rängen im Bereich
der Stüe, Personen und Gegenstände beruht, belegen:

omnem differentiam cuitus et magnitudinis pendere maxime ex re, de qua et

247
persona, ad quam scribitur. Nam si ad parem familiärem, aut minorem etiam de
parvi momenti re scribis, Infimus et vulgarissimus Stylus esto: si ad digniorem
paulo spiendidiore ornatu indue epistola, si maximis de rebus scribis. (378)

Mit seinen Anweisungen zur Technik der Geschichtsschreibung erwei-


tert ProkopoviC den Rahmen der oratorischen und poetischen (Rede-
und Schrift-)Arten. Die Prinzipien der historischen gegenüber der
persuasiven und rein fiktionalen Darstellung sind brevitas, claritas und
probabilitas. Dies sind nun aber durchaus auch virtutes, die bestimm-
ten Stilen zugeschrieben werden. Das Verfassen von historischen wie
von fiktionalen Texten partizipiert am Konzept der Sprachdichotomie:
Auch das Historische muß sich an einem S t i l orientieren, und zwar
an einem gehobenen, von der AUtagssprache unbedingt unterschieden,
aber einem, der nicht poetisch ist. Die Abgrenzung vom Poetischen,
speziell vom epideiktischen Genus, ist hier deutlicher als die vom Ora-
torischen. Die drei Teile der historia: exordium, narratio und epilogus
(ProkopoviC verweist auf das na/raf/o-Kapitel in seinem der dispositio
gewidmeten Liber III) lassen sich mit der consecutio partium im Epos
vergleichen. Doch der Hauptteil der Dreiheit, die narratio, und das ist
der springende Punkt, muß einen ordo naturalis bewahren, im Unter-
schied zum ordo artificialis, zur collocatio poetamm (361).
Hier bei der Behandlung der historia fließen Grundsätze, die Pro-
kopoviC in der Poetica formuliert hat, mit denen der Rhetorica zusam-
men, wird der Zusammenhalt der beiden Lehrbücher deutlicher. Auch
die Berührungszonen der Genres im Bereich der inventio, dispositio
und elocutio treten zutage; sie konvergieren im Konzept des decomm.
Die Rhetorik greift Positionen auf, die in der Poetik dezidierter und
klarer zum Ausdruck gebracht wurden: Im Verhältnis der Geschichts-
schreibung, der oratorischen und poetischen Genres sieht ProkopoviC
eine Eskalierung der fictio, des omatus, des affectus. Es ist die Steige-
rung von einem Minimum zu einem Maximum an Fiktion, wobei fic-
tio, mit imitatio gleichgesetzt (Poetica, 287), in folgendem konzep-
tuellen Umkreis zu sehen ist: Imitatio war zunächst sowohl in der Poe-
tik als in der Rhetorik als Begriff eingeführt, der die Nachahmung der
etablierten Poeten und Rhetoren meint, imitatio als ein Sicheinschrei-
ben in eine Texttradition, basierend auf der Erkenntnis der paradig-
matischen Funktion von Texten. Neben dem Handhaben der Regeln,
der exercitatio, gehört die imitatio zum Rüstzeug des Schreibers und
Redners, der je nach Redezweck bzw. officium das entsprechende
Paradigma zu wählen hat. Poetik und Rhetorik vermitteln Inventare
paradigmatischer audores für jeden Redefall. Die imitatio als fictio
meint nun aber die Art und Weise und den Grad der Nachahmung
nicht von Texten, sondern von vorgegebenen res und gesta und schließt
damit an einen Aspekt der Mimesis-Lehre an.

248
In der descriptio, besonders aber in der narratio, die sowohl in der
Geschichtsschreibung wie in der rhetorischen Argumentation und der
epischen Poesie von zentraler Bedeutung ist, steht die so verstandene
fictio Tür Debatte. Daß sie immer, auch im Poetischen, von der proba-
bilitas gebändigt bleibt, ist eine unverzichtbare Position der Prokopo-
viCschen Ästhetik (ihres 'Realismus'). Die geschichtsschreibende imi-
tatio der Dinge und Handlungen folgt dem ordo naturalis, der Chrono-
logie, die poetische dispositio kann sich den ordo artificialis mit Um-
stellung der TeUe erlauben (Poetica, 286); auch die rhetorische dispo-
sitio kann im /ia/rar/o-Teil der argumentatio, aus Gründen des Effekts,
der Persuasivität, eine künstliche Reihenfolge entwerfen. Die Steige-
rung von regelhafter Gebundenheit bis zu regelhafter Ungebunden-
heit wird am deutlichsten im Bereich des omatus. Die Poetica führt
hierzu aus:
Stylus et ornatus poeticae narrationis longe diversam eam facit ab historia;
maxima enim libertas concessa est poetis omne genus omamenti perquirere, modo
non sit affectatum, et decoro non officiat. At narratio historica et oratoria compta
quidem, sed non calamistra esse debet; et oratoria tarnen ornatior, historica vero
minus culta, ita ut historicus nimis in verborum delectu debeat esse circumspectus
et parcus, audacior et abundantior orator, poeta liberrimus et liberalissimus.
(Poetica, 286 f.)

Die Abgrenzung von Rhetor und historicus in der Rhetorik wird wie
folgt formuliert:
argumenta [...] suadentia [...] ut ipsa narratione commoveat auditorem. [...] in
oratoria alias leges esse, quas non habet historica (151); Nihil exponatur interrupte
perturbate, confuse, ambigue. (151)

Die Prädikate 'zierlich', 'glatt, aber nicht gekünstelt', 'verschnörkelt',


'sehr frei, aber nicht affektiert oder gegen die Angemessenheitsregel
verstoßend' und jene Prädikatenreihe, die in aufsteigender Linie von
'sparsam', 'mit Vorbedacht' über 'kühner', 'wortreicher' (d.h. nicht
durch brevitas gebunden) bis 'sehr frei', 'äußerst frei' reicht, stecken
den Rahmen ab, innerhalb dessen Geschichtsschreiber, Redner, Poet
ihre Plätze einnehmen können.
Aus interpretierender Sicht erscheint ProkopoviCs Ars rhetorica als
ein bedeutender Versuch, im beginnenden 18. Jahrhundert die Regeln
einer oeco/um-Ordnung zu formulieren, die für den gesamten schrift-
Uch und mündlich zu bewältigenden sozialen Raum Geltung erlangen
soU; als Versuch, eine Lehre von der Angemessenheit durchzusetzen,
die nicht nur die Herstellungsweisen der einzelnen Text- und Redear-
ten erfassen, sondern auch die Beziehungen zwischen Hörern/Lesern
und Rednern/Schreibern ordnen und deren Verständigung mit Hilfe
erlernbarer Methoden einüben will. Die Aufgabenverteilung, die Pro-

249
kopoviC - in Poetik und Rhetorik - gegenüber Redner, Dichter und
Geschichtsschreiber vornimmt, enthüllt deren Verankerung in einem
System festgelegter Entsprechungen, die das Oratorische, das Poeti-
sche und das Historiographische als nicht vermischbare Funktionen zu
bedingen scheinen. Poeta, orator, historicus sind RoUen, die die von
ProkopoviC entworfene neue Kommunikationsgemeinschaft verteilt.
Das Durchspielen dieser Rollen läßt keine Grenzüberschreitungen zu.
ProkopoviCs Text entwickelt in der Aufgliederung von möglichen
Rede- und Schreibanlässen, in der Zuordung von StUen, Gegenstands-
komplexen und eines Inventars von Fragehinsichten oder Darstel-
lungsperspektiven ein neues Wissen von den Mitteln verbaler und
schriftlicher Kommunikation und deren Wirkungen.

250
"Pokin\ Kupido, Strely"
LJebestopik und -Stilistik: Von Trediakovskij bis Karamzin

So wie die Assimilation der acumen-Lehre als formales Prinzip die


russische Dichtung an ihrem Neubeginn bezüglich ihrer Poetologie
und der Ausdrucksebene verschiedener ihrer Unterarten (z.B. Emble-
matik, Panegyrik) nachhaltig prägte, setzte die Adaptation der Liebes-
topik einen neuen Schwerpunkt auf deren Inhaltsebene, der jedoch
seinerseits auch in der StUistik und im Dichtungskonzept einschnei-
dende Veränderungen bewirkte. Die Eigendynamik der russischen Li-
teratur hatte zur Folge, daß eine dem Thema Liebe gewidmete Dich-
tung - verglichen mit der westeuropäischen Entwicklung - sich erst
sehr spät herauszubilden begann. Als in der westlichen Dichtung die
Kritik am Stil- und Motivapparat der konventionellen petrarkistischen
Liebesdichtung im Antipetrarkismus ihrerseits zur Literatur wurde,
der Petrarkismus selbst seine verschiedenen rhetorischen Phasen
durchlaufen hatte, die Anakreontik aufgeblüht und die Galanterie zu
einer Geste und Wort umfassenden Kultur gereift war, gab es in Ruß-
land weder das Thema der Liebe noch deren Rhetorik. Weder gab es
die den Minnedienst ermöglichenden sozialen und ideellen Strukturen
noch die stilistischen Voraussetzungen für die Entfaltung einer Min-
nedichtung mit ihrer doppelten Gewichtung als höfisch-weltliche
einerseits und spirituelle andererseits. Erst im 18. Jahrhundert begeg-
net man einer Dichtung, die über stilistisch verfeinerte Ausdrucksfor-
men verfügt und im Besitz einer Topik ist, die die Kenntnis der Ana-
kreontik ebenso spiegelt wie die des Petrarkismus.
Bruchstückhaft taucht allerdings schon in den Adaptationen der
Ritterromane des 17. Jahrhunderts und dann in den Abenteuerroma-
nen der petrinischen Zeit ein Vokabular auf, das der Tradition der
abendländischen Liebesdichtung entstammt. Bezeichnenderweise ist
es die unterhaltende Literatur, die für das galante Abenteuer ein ge-
wisses literarisches Interesse entwickelt. In der ernsten Erbauungs-
narrativik dagegen wird das Liebesthema entsprechend der älteren
Tradition aufgrund des insistierenden Askese-Ideals und einer ausge-
prägten Misogynie einer totalen Abwertung unterzogen.1
Was nun die Kontakte mit der abendländischen Liebesdichtung
angeht, so nehmen diese durch den Anschluß an die polnische, neula-
teinische und volkssprachliche Liebesdichtung zu, die in Form von

1
Diese negative Einschätzung hat unter anderem auch dazu geführt, daß sich die
Liebe nicht einmal im geistlichen Gewände zeigen konnte, d.h. es gibt kein Pendant
zur westlichen mystisch ausgerichteten Jesusminne.

251
exempla in den Handbüchern der Kiever Akademie vermittelt wird.
Auch die zunächst anderen Zielen gewidmete literarische Tätigkeit
der russischschreibenden deutschsprachigen Versdichter der petrini-
schen Zeit, Ernst Glück, Johannes Werner Paus und Willim Mons2,
hat für das Eindringen der neuen 'erotischen' Sprache eine gewisse,
wenn auch nicht grundsätzliche Bedeutung.
Selbst nach allmählich vollzogenem Anschluß an das westliche
Dichtungssystem stellen die Defizite in der Stilistik für die adäquate
Präsentation der neuen Thematik ein Hindernis dar. Um dies zu über-
winden, ergibt sich die Notwendigkeit, die Hierarchie der drei Stile
anzutasten, den mittleren Stil hervorzuheben und ihm volle literari-
sche Gültigkeit zu verschaffen. Dem mittleren Stil, der dem deklama-
torischen Pathos des Hochstils ferner, der Umgangssprache näher
steht, wird die Eigenschaft des 'Zärtlichen' zuerkannt. Das alles kann
freilich nicht ohne theoretische Rechtfertigung vor der Autorität der
StUlehre geschehen. Die neuen Prosaformen und die kleinen Gat-
tungen, die das Rokoko anbietet, bedürfen des zärtlichen Stils. Die
aufgewertete mittlere Stilebene ist eher als der hohe Stil dazu angetan,
die Topoi der petrarkistischen und anakreontischen Konvention zu
assimilieren.
Ich beschränke mich im folgenden darauf, die schrittweise Adapta-
tion des Formelfundus in der russischen Literatur des 17. und 18.
Jahrhunderts aufzuweisen und der Wechselbeziehung zwischen Topik
und Stilistik nachzugehen. Dabei lassen sich sowohl Veränderungen in
der Bewertung des Liebesthemas als auch Wandlungen im Dichtungs-
konzept selbst feststellen, die die Krise der konventionsgebundenen
Formel anzeigen und in den Versuch münden, diese mit der vermeint-
lichen 'Unmittelbarkeit' des Ausdrucks zu überwinden.

II

Das Liebesvokabular der Ritterromane3 und einiger Erzählungen


des 17. Jahrhunderts4 sowie der Kleinromane der petrinischen Epo-

Besonders Mons hat zusammen mit Egor Stoletov (beide im Dienste von Ekaterina
I) den Versuch unternommen, eine weltlich-erotische Dichtung in russischer Sprache
zu schreiben.
3
Povest' o Petre Zlatych Kljuiej [= Petr], (Erzählung von Peter mit den goldenen
Schlüsseln), zit. nach der Ausgabe Rycarskij roman na Rusi (Der Ritterroman in Ruß-
land). Hrsg. und Komm. V.D. Kuz'mina. Moskva 1964.
4
Povest' o Tverskom Otroie monastvre I = Monastyr7], (Erzählung vom Jünglingskioster
in Tver"), Povest' o Karpe Sutulove [ = Karp], (Erzählung vom Karp Sutulov), Povest' o
Sawe Grudcyne [ = Sawa], (Die Geschiente vom Sawa Grudcyn), zit. nach der Aus-
gabe Russkaja povest' XVII veka (Die russische Erzählung des 17. Jahrhunderts). Hrsg.
und Komm. M.O. Sknpil', LP. Eremin. Leningrad 1954.

252
che5 hat fragmentarischen Charakter. Dennoch enthält es einige der
wesentUchen Bestandteile der Liebestopik, die sich dann in den kano-
nisierten Gattungen des 18. Jahrhunderts voll entfalten wird. In den
genannten Erzählgattungen liegt das Hauptgewicht auf dem galanten
Abenteuer, das narrativ entwickelt wird. Die Einführung in eine sol-
che erzählerische Darbietung des amourösen Abenteuers läßt sich
exemplarisch an den knappen Worten des Kavaliers Aleksandr zeigen:
"A naCalsja u menja [...] ammur tako"6 (Und Amour begann bei mir
auf folgende Weise).
In den Bereich des genannten topischen Vokabulars gehören die
Bilder für das Sichverlieben, das durch den Anblick der Geliebten
oder umgekehrt durch deren Blicke ausgelöst wird und wie ein 'Ent-
flammtwerden' oder Tn-Feuer-Geraten' wirkt, aber auch als eine
'Verletzung' bezeichnet wird, die die 'Pfeile' der Geliebten verur-
sachen. Die 'Pfeile' der Geliebten sind ihre Blicke oder ihre Schön-
heit, mit denen sie in das Herz des Liebhabers 'schießt', um es zu 'ver-
wunden'. Hierher gehören auch die Bilder, die die Wirkung der Liebe
darstellen: der 'Entflammte', der vom 'Liebespfeil' oder 'Blick' Ver-
letzte ist ein 'Gefangener' der Macht der Liebe. Er fühlt sich als 'Skla-
ve' und schwört 'Gehorsam'. Bleibt seine Liebe unerhört, so beginnt
sein Leiden; in der Liebesklage wird er die Liebe als Pein und Qual,
als Ohnmacht des Leibes und der Seele, als Krankheit und als Tod be-
zeichnen. Die hier angeführten Formeln lassen sich, und damit wären
einige der Haupttopoi dieser Konvention7 wiedererkannt, aus den fol-
genden Beispielen herauslesen:
[Velikij knjaz'l vozgoresja bo serdcem i smjatesja mysliju [bei ihrem Anblick)
(Monastyr', 120)
A kralevna [...] Ijuboviju po nem raspalilas' (Petr, 284)
a prekrasnaja kralevna Magilena na nego zrela, i serdce eja Ijuboviju po nem
raspalilos' [sie!] (ebd., 280 f.)
I serdce ego najpafe raspalilos' serdefnoju Ijuboviju (ebd., 303)
On ze na nju zrja ofima svoima i na krasotu lica ee vel'mi prilezno, i razzigaja
[sja?] k nej plotiju svoeju (Karp, 149)

5
Povest' o iljachctskom syne [= Sylt], (Erzählung vom adligen Sohn). Po\>est' o rossij-
skom kavalere Aleksandre [ = Aleksandr], (Erzählung vom russischen Kavalier Alexan-
der), zit. nach der Ausgabe Russkie povesti pervoj treti XVIII veka (Russische Erzählun-
gen des ersten Drittels des 18. Jahrhunderts). Hrsg. und Komm. G.N. Moiseeva.
Moskva-Leningrad 1965.
6
Aleksandr, 242.
Eine Darstellung der Liebesmotivik, ihrer Spiegelung in der Emblematik und ihrer
philosophischen und weltanschaulichen Bedingungen sowie eine Zeichnung ihrer Tra-
dition von der Antike bis zum Petrarkismus des 17. Jahrhunderts gibt E. Jacobsen, Die
Metamorphosen der Liebe und Friedrich Spees 'Trutznachtigal'. Kopenhagen 1954. Vgl.
auch die Untersuchung von H. Pyritz, Paul Flemings Liebeslyrik. Zur Geschichte des
Petrarkismus. Göttingen 1963, wo petrarkistische Topik, Motivik und Stilistika benannt
werden.

253
On ze vel'mi razzigaja plot' svoju na nee (ebd., 151)
vide ee nagoe telo i krasotu, toliko vozzesja, jako plamen' dySa [...]. I toliko
vozzesja ogn' pochoti, jako dostize serdca ego, i tako päd i umre. (Syn, 312)
Kolikija ogni vo utrobe moej gorjat, i koliko dnej serdce moe v suscem znoe
mufitsja (Aleksandr, 237)
Krasota tvoja streloju streljaet vo utrobu. (ebd., 244)°
Krasota tvoja bezmema strely ispuscact.
A ostrcjsimi svoimi vzory serdce iznurjajet. (ebd., 222)
Ljutye strely krasota vaSa v serdce moe vonzila (Petr, 294)
vel'mi ty menja v pecal' wela i divno serdce moe izranila (ebd., 298)
I tako Aleksandr s' Eleonoroju tri goda, jakoby v nevoli Ijuboviju byl objazan
(Aleksandr, 225 f.)
I ne mogu ja inogo, tol'ko vefnyj rab milosti tvoej (Petr, 298)
A fto ja nyne poddal serdce svoe poslusestvu tvoemu, fto vernoj sluga, ne mogu
nifto ufinit' bez izvolenija tvoego, ftob tebja ne dolozit'sja, potomu fto ty vladeeS'
serdcem moim (ebd., 299)

(Denn sein [des Großfürsten] Herz war entflammt und sein Geist verwirrte sich
(Monastyr', 120)
Die Königin [...] entbrannte in Liebe zu ihm (Petr, 284)
Die wunderschöne Königin Magilena schaute ihn an, und ihr Herz entbrannte in
Liebe zu ihm (ebd., 280 f.)
Und sein Herz entflammte noch mehr in herzlicher Liebe (ebd., 303)
Und er schaute sie und ihre Schönheit mit seinen Augen voller Begehren an; und
in seinem Fleisch entbrannte er für sie (Karp, 149)
Er aber entfachte das Feuer in seinem Fleisch gar sehr für sie (ebd., 151)
als er ihren nackten Körper und ihre Schönheit sah, entzündete er sich so sehr,
daß er wie eine Flamme loderte [...]. Und das Feuer der Lüsternheit entzündete
sich so sehr, daß es sein Herz ergriff, und so fiel er um und starb (Syn, 312)
Wieviele Feuer brennen in meinem Leib und wieviele Tage quält sich mein Herz
in wahrer Gluthitze (Aleksandr, 237)
Deine Schönheit schießt einen Pfeil in meinen Leib (ebd., 244)
Deine grenzenlose Schönheit sendet Pfeile aus,/ Und mit ihren schärfsten Blicken
zehrt sie mein Herz aus. (ebd., 222)
Grausame Pfeile hat Eure Schönheit in mein Herz gebohrt (Petr, 294)
Du hast mich sehr in Traurigkeit gestürzt und mein Herz wunderlich verletzt
(ebd., 298)
Und so war Aleksandr an Eleonora drei Jahre lang gleichsam in Unfreiheit durch
Liebe gebunden (Aleksandr, 225 f.)
Und ich kann nichts anderes, als nur der ewige Sklave deiner Liebe sein (Petr, 298)
Und daß ich nun mein Herz ganz in deinen Dienst gestellt habe, daß ich, dein
treuer Diener, nichts tun kann ohne deine Erlaubnis, ohne Meldung zu machen,
weil du über mein Herz herrschest (ebd., 299))

Der folgende Topos: Liebe gleich Krankheit, Ohnmacht und Tod wird
nicht nur als galante Hyperbel verwendet, sondern stellenweise auch

Das Phänomen der Liebe taucht flüchtig in der Alexandreis auf (um nur eine der
möglichen früheren Spuren zu nennen). Alexander und Roxana sind ein erstes, aller-
dings eheliches Paar. Auf ein Fragment der fraglichen Topik sei hingewiesen: "da
otkole zen'skoju Ijuboviju ustrelen Syst' vo serdce" (denn als die Liebe zu einer Frau
mein Herz durchbohrte). Zit. nach der Ausgabe Aleksandrija. Hrsg. D.S. Lichafev.
Moskva-Leningrad 1965 (Literatumye pamjatniki). S. 39.

254
episch nutzbar gemacht, es findet also eine narrative Realisierung der
Hyperbel statt:
i ot velikoj zalosti upala na svoju postelju, i ot pamjati otosla, aki mertva. [...] I
kralevna ot tjaskoj svoej pefali ne skoro vostala, i Potancyjana vel'mi togo
ustrasilas', zrja na kralevnu, i mnila, fto ona umre. (Petr, 287)

(und aus tiefem Leid fiel sie auf ihr Bett, und verlor die Besinnung, wie eine Tote.
[...] Und von ihrer schweren Trauer erhob sich die Königin nicht so bald wieder,
und Potancyjana ängstigte sich sehr darüber, als sie die Königin so sah, und
dachte, daß sie sterben werde.)

Im Falle der Eleonora wird mit dem Liebesschmerz Ernst gemacht,


sie stirbt 'tatsächlich' (Aleksandr, 233 ff.)
Dagegen nimmt die Liebe-Krankheit-Tod-Verbindung an anderer
Stelle durch die Assoziation Krankheit-Medikament-Rezept-Arzt eine
entgegengesetzte Richtung und mündet in ein galantes Wortspiel:
Togo radi pokorno proJu: budi vraf' bolezni moej, ibo nikoim dokturom ot'jata
byt' ne mozet. AJfe ze s pomoSfiju ne uskons, strasusja, da ne budeli mne ubica.
(Aleksandr, 217)9

(Deshalb bitte ich demütig: sei der Arzt meiner Krankheit, denn sie kann durch
keinen Doktor geheilt werden. Wenn du dich mit der Hilfe aber nicht beeilst, so
fürchte ich, daß du zu meinem Mörder wirst.)

Aleksandr und Eleonora verständigen sich mithilfe dieser Formel:


Divljusja vam, gosudarynja moja, fto medikamentov nikakich ne upotrcbljaes
[sie!], a vnutrennija bolezni tak iskusno isceljaete, [...] fto ne nadejus' nigde takoj
dochtur est', kotory dragimi medikamenty vozmog takuju neiscelimuju bolezn' tak
skoro iscelit', jakoze ty so mnoju vo edin moment fasa ufinila. [...] - Ne divis',
Aleksandre, [...]. Obcscajusja ti napisat' reeept, frez kotoroj konefno mozes ot
bolezni svoboditsja (Aleksandr, 223)

(Ich wundere mich über Euch, meine Herrin, daß du [sie!] keine Medikamente
benutzt, die inneren Krankheiten aber heilt Ihr so kunstvoll [...], daß ich bezweifle,
ob es irgendwo solch einen Doktor gibt, der mit teuren Medikamenten eine so
unheilbare Krankheit so schnell heilen könnte, wie du es an mir in einem einzigen
Augenblick getan hast. - Wundere dich nicht, Aleksandr, [...]. Ich verspreche, dir
ein Rezept zu verschreiben, durch welches du dich endgültig von der Krankheit
befreien kannst.)

Aus dieser kleinen Auswahl von Beispielen, die man um etliche ver-
mehren könnte10, geht hervor, daß bestimmte Formeln der Liebes-

Hierzu vgl. V.N. Peretc, "Oferki po istorii poetifeskogo stilja v Rossii [glavy 5-7]"
(Aufsätze zur Geschichte des poetischen Stils in Rußland, Kap. 5-7). Zumal minister-
stva narodnogo prosveiienija. 1906. Ijun'. S. 382-408, der die Arzt-Metapher verfolgt.
Er zitiert mit kritischem Vorbehalt nach V.V. Sipovskii, Russkie povesti XVII-XVIII w.
(Russische Erzählungen des 17. und 18. Jahrhunderts). Sanktpeterburg 1905.
Vgl. Peretc, aaO., S. 405, dem es in seiner Untersuchung zum Stil der russischen
Romane aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts um die Liebessprache geht. Peretc hat
in der Tat einige Formeln notiert, wobei er aber nicht in Elemente systematisiert,

255
dichtung assimiliert sind: göret', vozgoret'sja, raspalit'sja, raziigat'sja,
vozieö'sja, ogn', plamen'; strela, streljat', ranit', jazvit', nevolja, vla-
det', umirat' (brennen, entbrennen, erglühen, entfachen, entflammen,
Feuer, Flamme; Pfeil, schießen, verwunden, verletzen, Unfreiheit, be-
herrschen, sterben) u.a. gehören zu dem Grundbestand an Topoi, die
die Darstellung der Liebe auch in der nachfolgenden russischen Dich-
tung bestimmen werden.
Die Geschichte von Sawa Grudcyn (Savva, 82-102) zeigt anderer-
seits nachdrücklich, wie negativ das Phänomen der Liebe aufgrund des
religiös motivierten Askese-Ideals gesehen wurde. Es scheint, als stelle
die Liebestopik eine Bedrohung dar, der man einzig durch ihre Um-
kehrung Herr werden kann. Die Rolle des Eros11 hat der Teufel, der
Sawa versucht, übernommen. Sein Tun bringt der Seele Verderben,
aus dem sie erst das Einwirken einer "bogoljubnaja, blagonravnaja
zena" (gottUebenden, sittsamen Ehefrau; 98-99) - einer amor divinus-
Gestalt12 gleichsam - wieder befreit, die den an die Liebesleiden-
schaft verlorenen Sawa auf den rechten Weg (zur Beichte) zurück-
führt. Liebesverfallenheit und Pakt mit dem Teufel gehören hier zu-
sammen; das reUgiöse Seelenverlust-Motiv wird als erotisches deutbar.
Der "supostat diavol" (der Widersacher Diabolus; Savva, 84) sät
das Liebesunheil und erkauft sich das Seelenheil des Verführten: "No
Cto mi dasi, az uCinju tja s neju po preznemu v ljubvi eja." (Doch was
gibst du mir, wenn ich dich mit ihr wie früher in ihrer Liebe verbinde;
88). Und Sawa, der Verirrte, ist zum Teufelsdienst bereit: "I egda by
kto ot Celovek ili sam diavol sootvoril mi sie, eze by paki sovokupitisja
mne s zenoju onoju, az by posluzil diavolu" (Und wenn jemand von
den Menschen oder der Teufel selbst mir dieses tun könnte, auf daß
ich mich mit jener Frau wieder vereinigen könnte, so würde ich gar
dem Teufel dienen; 87). Das Weib als Instrument des Teufels verführt
ihn: "Junosa ze ulovlen byst' lestiju zenskoju" (Der Jüngling aber wird
gefangen von der weiblichen List; 89), denn die Natur des Weibes ist
dazu angetan: "Vesf bo zenskoe estestvo ulovljati umy mladych k
ljubodejaniju" (Pflegt doch die weibliche Natur die Gemüter der jun-
gen Männer zur Buhlerei zu verführen; 84). In den Wendungen: "ulo-
vlen byst'" (wird gefangen) und "ulovljati umy" (die Gemüter ein-
fangen/verführen) ist das Motiv des Seelenfangs13 erkennbar, worin

sondern die 'Manier' festhält, deren Vermittlung durch die polnische Adaption des
westlichen galanten Romans für ihn feststeht. Er spricht bedeutsamerweise von einer
"fertigen Schablone", von einer im "Bewußtsein des Romanautors verwurzelten Form",
deren sich dieser wie eines allgemeinen Gutes bediene - ein Ansatzpunkt, der von der
russischen Forschung nicht weiter verfolgt wurde.
Zu 'Eros-Anteros' vgl. Jacobsen, aaO, S. 47 f.
Zum Dualismus 'irdischer Cupido - himmlischer Cupido', 'amor carnalis - amor
divinus' vgl. Jacobsen, aaO., S. 96 f.

256
sich reUgiose und erotische Bedeutung treffen. Das Weib bedient sich
nicht der Pfeile der Augen oder der Schönheit, sondern des Gifts:
lukavaja zena, [...] abie zelnoju jarostiju na junosu raspalisja i, jako ljutaja zmija
vosstenav, ot"ide ot loza ego, pomysljasc, kako by volsebnymi zelii opoiti ego (85)

(die listige Ehefrau, [...] wenn sie etwa in bitterem Zorn über den Jüngling erglüht
und sich wie eine wilde Schlange senkrecht aufrichtet, verläßt sie sein Lager und
sinnt darüber nach, wie sie ihn mit zauberischen Giftkräutern tränken könnte.)

Hieraus ergibt sich