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Intersubjektivität, gemeinschaftliches Bewusstsein und der Tod des Milchmannes.

Francisco Gaspar (UFSCar-Brasilien)

I: Thema des vorliegenden Beitrags:


- Systematische Funktion der Intersubjektivitätslehre bei der Erklärung vom Wissen und
Bewusstsein ab die zweite Darstellung der WL, die Nova methodo, wurde bereits
vielseitig und mehrmals diskutiert. Weniger betont wurden bisher aber die kognitiven und
normativen Aspekte der Fichteschen Intersubjektivitätslehre, insbesondere aus ihrem
Konzept des gemeinschaftlichen Bewusstseins (GA I, 3, p. 352).
- Ziel dieses Beitrags ist diesen Aspekten kurz nachzugehen und ihre möglich
kritische Anwendung auf amerikanische durch strukturelle Ungerechtigkeiten
gekennzeichnete Länder anzuzeigen.

II: Systematische Funktion der Intersubjektivitätslehre:


- Systematische Bedeutung der Intersubjektivität beruht darauf, dass sie die Bedingung
der notwendigen Beschränkung für die Entstehung der individuellen Vernunft als
praktischen Selbstbewusstseins ermöglicht. Sie erklärt somit den Übergang vom
Bestimmbaren des reinen Willens zum individuellen (bestimmten) Selbstbewusstsein.
- Wenn der Anlass für die Beschränkung des reinen Willens zwar von außen
kommen muss, soll sie aber eine Beschränkung durch Freiheit sein: Sie muss von
demjenigen selber vollzogen werden, der beschränkt wird. Es ist eine Bestimmung zur
Selbstbestimmung. Hierin findet die Theorie der Aufforderung ihren Ort: Ein anderes
Vernunftwesen soll dem ersten zur freien Tätigkeit auffordern, das heißt, ihm einen
Zweckbegriff so kommunizieren, dass der Aufgeforderte/Angesprochene sich selbst frei
beschränken soll, um die Freiheit bzw. die Wirkungssphäre des Auffordernden
anzuerkennen. Und umgekehrt: der Auffordernde erkennt die Freiheit des Aufgeforderten
auch an, indem er ihn eben auffordert und somit seine Wirkungssphäre beschränkt. In
diesem Sinn ist die Aufforderung freilich eine von außen kommende Beschränkung, die
aber frei vollgezogen werden muss.
- Die Wirkungssphäre eines jeden bezeichnet gerade seine Individualität; diese
letzte entspringt also erst aus der ursprünglichen Beschränkung, deren Grund eben in der
wechselseitigen Kommunikation zwischen Vernunftwesen liegt. Aus diesem
kommunikativen Prozess von Aufforderung und Anerkennung ergebt sich somit das
praktische Selbstbewusstsein.

Zitate:
1) GA I/5 199:
„das Ich [kann] nur als Individuum sich setzen. Das Bewusstseyn der
Individualität wäre sonach eine Bedingung der Ichheit“.

2)) GA I/3 353:


„es ist kein Selbstbewusstseyn ohne Bewusstseyn der Individualität“.

3)) GA IV/3 468:


„Der bestimmte Act hiebey ist Aufforderung zur freien Tätigkeit, diese
kommt her und wird so beurtheilt von einem andern vernünftigen Wesen
meinesgleichen. Das Selbstbewusstsein hebt also an vom meinem herausgreifen

1
aus einer Maße vernünftiger Wesen überhaupt. (...) Die erste Vorstellung die ich
haben kann ist die Aufforderung meiner als Individuum zu einem freien Wollen“.

III: Unmittelbare Folge davon, dass es praktisches Selbstbewusstsein und Wissen


überhaupt nur aufgrund einer wechselseitigen Anerkennung von Freiheiten gibt, ist nicht
nur, dass Menschen nur untern Menschen da sind (GA I/3 347), sondern auch und vor
allem der Sachverhalt, dass Vernünftigkeit nur in einer Gemeinschaft zu finden ist,
welche an die dem Anerkennungsprozess zugehörende Normativität gebunden ist1.
- „Gemeinschaftliches Bewusstsein“ ist der Begriff, der kognitive und
normative Aspekte des in der wechselseitigen Anerkennung gestalteten Wissens
zum Ausdruck bringt.
– Also: Jedes individuelle Bewusstsein ist zugleich ein gemeinschaftliches
Bewusstsein und jedes Selbstbewusstsein schließt synthetisch an sich selbst das
Bewusstsein anderer Individuen und ihrer Freiheit ein. – Ein durchgängig
individuelles Bewusstsein ist undenkbar.

Zitate:
4) GA I/3 352:
„I.) Ich kann einem bestimmten Vernunftwesen nur insofern anmuthen,
mich für ein vernünftiges Wesen anzuerkennen, inwiefern ich selbst es als ein
solches behandle.
1.) Das Bedingte in dem aufgestellten Satze ist
a.) (...) daß es mich, nach meinem und seinem Bewußtsein, synthetisch in
Eins vereinigt, (nach einem uns gemeinschaftlichen Bewußtsein), dafür
anerkenne...“.

5) GA I/3 354:
„Der Begriff der Individualität ist aufgezeigter Maßen ein Wechselbegriff
(...). Er ist in jedem Vernunftwesen nur insofern möglich, inwiefern er als durch
ein anderes vollendet, gesezt wird. Er ist demnach nie mein; sondern meinem
eigenen Geständniß, und dem Geständniß des andern nach, mein und sein; sein
und mein; ein gemeinschaftlicher Begriff, in welchem zwei Bewußtsein vereinigt
werden in Eins“.

IV: Entwicklung dieses Begriffs von „gemeinschaftlichem Bewusstsein“: Er wird im


Werk Fichtes eine zunehmende Wichtigkeit gewinnen – von der Rechtslehre über die WL
Nova methodo und Die Bestimmung des Menschen bis zur Darstellung der WL aus den
Jahren 1801-2. Von nun an wird er die „Geisterwelt“ genannt und bezeichnet eine Art
„Schlussstein“ des Systems.

1
Hier ist eine Stelle von Klotz (2002, 166-7) zu erwähnen, die m.E. auf diesen Sachverhalt hinweist: „Der
allgemeine Vernunftsinn, den Fichte hierbei in Anspruch nimmt, zielt nämlich nicht auf die Allgemeinheit
eines Prinzips ab, auf das die praktischen Identitäten von Personen sich reduzieren ließen. Er bezieht sich
vielmehr auf die Gesamtheit der je eigenständig orientierten Personen als einen Zusammenhang der
wechselseitigen Anerkennung und kommunikativen Beeinflussung im Sinne der „Aufforderung“. Die
Gebundenheit einer praktischen Identität an diesen Zusammenhang schließt freilich ein, daß die einer
Person wesentliche Orientierung derart sein soll, daß die Eigenständigkeit anderer Personen in ihr bedacht
und respektiert ist. Hieraus ergeben sich auch Regeln, die insofern für alle Personen binden sind. Doch sind
Regeln, deren Sinn gerade die Respektierung der Eigenständigkeit praktischer Identitäten ist, und nicht
solche, aus denen diese sich verstehen lassen“.

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- Wie der wichtige Brief Fichtes an Schelling von Mai-August 1801
bezeugt:
„Es fehlt der WL durchaus nicht in den Principien, wohl aber fehlt es ihr
an Vollendung; die höchste Synthesis nemlich ist noch nicht gemacht, die
Synthesis der Geisterwelt“ (GA III/5 45).

- Indem das „gemeinschaftliche Bewusstsein“ bzw. die „Geisterwelt“ den


kognitiven (Ursprung von Bewusstsein und Selbstbewusstsein) sowohl als auch den
normativen Aspekt (Anerkennung und Respektierung jedes individuellen Bewusstseins)
an sich enthält, soll es bzw. sie sich als der Locus darstellt, innerhalb dessen jedes Wissen
stattfindet und sich bewegen kann.
- Es geht hier um eine substanzielle Auffassung der Vernunft: Der WL
zufolge kann die Vernunft nicht auf einem einzigen Individuum zentriert sein, jedes
Individuum ist vielmehr nur „ein Concentrations- Individualitätspunkt“ (ein individueller
Standpunkt) innerhalb eines von allen Individuen geteilten Wissens (GA II/6 245).

- In der WL 1801-2 liest man eine Stelle, die Selbstbewusstsein, wechselseitige


Anerkennung und gemeinschaftliches Bewusstsein (Geisterwelt) in Verbindung bringt
und dadurch eben diese substanzielle Auffassung der Vernunft zur Sprache kommen
lässt:
Zitat:
6) (GA II/6 306):
„Kein freies Wesen kommt zum Bewußtsein seiner selbst, ohne zugleich
zum Bewußtsein andrer Wesen seines gleichen zu kommen. Keiner daher kann
sich ansehen, als das ganze Wissende, sondern nur als einen einzelnen Standpunkt
im Reich des Wissens. Die Intelligenz ist in sich selbst, und in ihrer innersten
Wurzel, als existent, nicht Eine, sondern ein Mannigfaltiges; ein Reich und
System von Vernunftwesen“.

V: Theoretische und praktische Folgen aus dieser substanziellen Auffassung der


Vernunft, deren Formulierungen am deutlichen in den Vorlesungen über Die Grundzüge
des gegenwärtigen Zeitalters (1804 gehalten) ausgedrückt werden:
a) – Erste theoretische Folge: Das Individuum kann nie allein und isoliert
denken, denn ein Selbstbewusstsein verwirklicht sich nur in Gemeinschaft mit
anderen. Geht die WL vom Ich aus, dann kann das Ich mit dem Begriff vom
Individuum einfach nicht verwechselt werden.
Zitat:
7) GA I/8 210:
„es ist der größte Irrthum, und der wahre Grund aller übrigen Irrthümer,
welche mit diesem Zeitalter ihr Spiel treiben, wenn ein Individuum sich einbildet,
daß es für sich selber daseyn und leben, und denken und wirken könne, und wenn
einer glaubt, er selbst, diese bestimmte Person, sey das Denkende zu seinem
Denken, da er doch nur ein einzelnes gedachtes ist aus dem Einen allgemein, und
nothwendigen Denken“.

b) – Zweite theoretische Folge: Damit geht auch das traditionelle Konzept


zugrunde, dass die Vernunft als ein dem Individuum zugeschriebenes, ihm
deshalb zufälliges Vermögen zu betrachten ist, als ob es ohne sie existieren
könnte. Dagegen ist die Vernunft, der WL gemäß, etwas Lebendiges,

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Substanzielles, also etwas, was erst im Zusammenhang der Individuen geschehen
kann, die dank ihrer wechselseitigen Anerkennung zu ihrem praktischen
Selbstbewusstsein gekommen sind.
Zitat:
8) GA I/8 210:
„Keinesweges also, wie man die Einheit der Vernunft auch wohl
gewöhnlich aussagt und zugesteht, daß die Vernunft sey die Eine allenthalben sich
selbst gleiche, und mit sich selber übereinstimmende Kraft und Eigenschaft
vernünftiger Wesen, welche Wesen sodann doch für sich selbst bestehen sollen,
und zu deren Daseyn jene Eigenschaft der Vernunft, als ein fremdes Ingrediens,
ohne welches sie allenfalls auch hätten bestehen können, nur hinzukommt;
sondern also, daß die Vernunft sey das einzig mögliche auf sich selber beruhende,
und sich selber tragende Daseyn und Leben“.

c) – Praktische Folge (die wurde schon angedeutet): Aus dem Sachverhalt,


dass sich das Wissen nur aufgrund des „objektiven Zusammenhangs“
verwirklicht, der aus der wechselseitigen Anerkennung und Respektierung
zwischen Individuen herkommt und daher die Normativität eines
gemeinschaftlichen Bewusstseins bzw. einer Geisterwelt ausdrückt, ist zu folgern,
dass eine Art „Deformation” im Bildungsprozess des praktischen
Selbstbewusstseins und seiner Identität geschehen muss, wenn sich das
Individuum von jeder Beziehung zum Ganzen und zur Gemeinschaft losreißt.
Nach Fichte geschieht dies in der aufgeklärten Neuzeit, insofern sie die
Individualität als den einzigen Wertmaßstab proklamiert und dadurch das Wissen
und das Leben auf die individuelle Selbsterhaltung reduziert: Der Andere wird nur
für einen Gegenstand und nicht für ein freies Subjekt gehalten. Daraus entsteht
ein egoistisches Leben, das Wissen beschränkt sich auf die Klugheit und man lebt
unter dem Zeichen der Langweile (GA I/8 251) und Leere (GA I/8 254); mit einem
Worte: Das praktische Selbstbewusstsein kommt nicht zustande.

VI. Mit diesem letzten Hinweis kommen wir endlich zum Thema unserer Tagung: Fichte
in Amerika. Angesichts dieser substanziellen Auffassung der Vernunft, die ihren
kognitiven und normativen Aspekt beinhaltet, wäre es zu fragen, ob diese Fichtesche
Theorie uns nicht erlaubt, Gesellschaften kritisch zu denken, die durch strukturelle aus
Sklaverei und Patriarchat stammende Ungleichheit und Ungerechtigkeit gekennzeichnet
werden, so wie viele amerikanische Länder und, in meinem Fall, Brasilien es sind. Damit
könnte man vielleicht die Gewalttätigkeit solcher Gesellschaften als ein Symptom davon
verstehen, dass es unter uns kein substanzielles, sondern nur ein formales
gemeinschaftliches Bewusstsein gibt, und dass die „Kommunikation“ unterbrochen ist:
Gewalttätigkeit wäre das Zeichen davon, dass Anerkennungsprozess und daraufhin
kommunikatives Verhältnis („Leitung der Freiheit durch Freiheit“ (GA IV/1 295)
deformiert funktionieren. In solchen Gesellschaften ohne substanzielles
gemeinschaftliches Bewusstsein erlebt man innerhalb des bürgerlichen Zustandes selbst
einen „Krieg Aller gegen Alle“: Das Andere ist nur Gegenstand, Mittel, und zwar
Gegenstand einer negativen Erwartung, dass er nämlich die Eigenständigkeit unserer
Individualität und sogar unsere Selbsterhaltung nicht respektieren wird – er ist ein Feind.
Diese feindliche Stimmung ist das, was Carlos Drummond de Andrade in seinem Gedicht
„Morte do Leiteiro“ <Tod des Milchmannes> (1945 erschien) zum Ausdruck bringt.
Das Gedicht (auf Englisch, übersetzt von Richard Zenith):

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Death of the Milkman

The country’s short on milk,


it needs to be delivered early.
The country’s full of thirsty people,
it needs to be delivered early.
There’s a saying in this country
that the only good thief is a dead one.

And so before the break of day


the young man who’s the milkman
makes haste with his milk can
to take good milk to bad people.
His milk can, his bottles,
and robber shoes announce
to sleeping men and women
that someone woke up early
and came from the outskirts
to bring the coldest und whitest
milk from the best cow
so everyone will be fortified
for the hard struggle of city life.

(…)

My milkman so nimble,
graceful, and light-footed
doesn’t walk, he glides.
But he always causes some
slight noise: a wrong step,
a flowerpot in the way,
a dog barking on principle,
or a contentious cat.
And someone always wakes up,
grumbles, and goes back to sleep.
But this someone woke up panicked
(thieves infest the neighborhood)
and wasn’t going to waste time.
The gun in the drawer
Jump into his hand.

A thief? This gun’s for him.


The shots in the night
liquidated my milkman.
If he was happy, if he was good,
if engaged, if a virgin,
I don’t know.
It’s too late to know.

But the one who shot him

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lost all his sleep and ran outside.
My God, I killed an innocent man.
A bullet for killing burglars
can also rob the life
of our brother. Whoever
wants to can call a doctor
the police aren’t laying a finger
on this son of my father.
No harm has come to the property.
The general night continues,
morning is slow to arrive,
but the milkman
lying there in the open air
has lost his former hurry.

Something thick is trickling


from the shattered bottle
on the now quiet pavement.
Milk, or blood… I don’t know.
Among the hazy shapes
barely liberated from night,
two colours grope for each other
and softly touch
and lovingly embrace,
creating a third shade
that we call dawn.